summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/66847-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-22 10:35:19 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-22 10:35:19 -0800
commitf49a55824e868efcc5f291dfd491e6b3002cc4d2 (patch)
tree7d7a31544a9ae3ca6c2a3fc1f0444095925523d4 /old/66847-0.txt
parent51f57f8e7b5bc07bd6c09b1e78d4dac5f303793b (diff)
NormalizeHEADmain
Diffstat (limited to 'old/66847-0.txt')
-rw-r--r--old/66847-0.txt11035
1 files changed, 0 insertions, 11035 deletions
diff --git a/old/66847-0.txt b/old/66847-0.txt
deleted file mode 100644
index 72e4079..0000000
--- a/old/66847-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,11035 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Heiraten, by August Strindberg
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Heiraten
- Zwanzig Ehegeschichten
-
-Author: August Strindberg
-
-Translator: Emil Schering
-
-Release Date: November 29, 2021 [eBook #66847]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net. This ebook was created in honor of
- Distributed Proofreaders' 20th Anniversary. It was produced
- from images generously made available by The Internet Archive.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIRATEN ***
-
- STRINDBERGS WERKE
- DEUTSCHE GESAMTAUSGABE
-
- HEIRATEN
-
-
- AUGUST STRINDBERG
-
-
-
-
- HEIRATEN
-
-
- ZWANZIG EHEGESCHICHTEN
-
- VERDEUTSCHT VON
- EMIL SCHERING
-
-
- 1920
- GEORG MÜLLER VERLAG MÜNCHEN
-
-
- Deutsche Originalausgabe gleichzeitig mit der
- schwedischen Ausgabe unter Mitwirkung von Emil
- Schering als Übersetzer vom Dichter selbst
- veranstaltet. Geschützt durch die Gesetze und
- Verträge. Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen
- gegenüber Manuskript. Copyright 1909 by Georg
- Müller Verlag, München. Gedruckt im Münchner
- Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn, München.
-
- 32. bis 36. Tausend.
-
-
-
-
- Asra
-
-
-Als die Mutter starb, war er dreizehn Jahre alt. Es war ihm, als habe er
-einen Freund verloren, denn während des Jahres, in dem die Mutter krank
-zu Bett lag, hatte er ihre persönliche Bekanntschaft gemacht, was Eltern
-und Kinder so selten tun. Er war nämlich früh entwickelt und hatte einen
-guten Kopf; er las viel mehr als die Schulbücher, denn sein Vater, der
-Professor der Botanik an der Akademie der Wissenschaften war, besass
-eine gute Bibliothek. Doch die Mutter hatte keine Erziehung genossen,
-sondern war in ihrer Ehe die erste Haushälterin des Mannes gewesen und
-die Pflegerin der vielen Kinder. Als sie jetzt mit neununddreissig
-Jahren bettlägerig wurde, nachdem sie ihre Kräfte durch die vielen
-Geburten und die vielen Nachtwachen (sie hatte seit sechzehn Jahren
-keine Nacht mehr durchgeschlafen) erschöpft hatte, und sich mit dem
-Haushalt nicht mehr befassen konnte, machte sie die Bekanntschaft ihres
-zweiten Sohnes; der älteste war Kadett und nur Sonntags zu Hause.
-
-Da sie aufgehört hatte, Hausmutter zu sein und nur noch Patientin war,
-verschwand dieses altmodische Verhältnis der Disziplin, das sich immer
-zwischen Eltern und Kinder stellt. Der dreizehnjährige Sohn sass fast
-immer an ihrem Bett, wenn er nicht in der Schule war und nicht an
-Schulaufgaben arbeitete, und las ihr dann vor. Viel hatte sie zu fragen
-und viel hatte er zu erklären; dadurch fielen zwischen ihnen diese
-Gradzeichen, die Alter und Stellung errichten; sollte einer durchaus der
-Überlegene sein, so war es der Sohn. Aber die Mutter hatte aus ihrem
-vergangenen Leben viel zu lehren, und so waren sie abwechselnd Lehrer
-und Schüler. Sie konnten schliesslich über alles sprechen. Und der Sohn,
-der sich im Anfang der Mannbarkeit befand, erhielt über das Mysterium
-der Fortpflanzung manche Aufklärung, und zwar mit der Feinfühligkeit der
-Mutter und der Schamhaftigkeit des andern Geschlechts. Er war noch
-unschuldig, hatte aber in der Schule viel gehört und gesehen, das ihn
-anwiderte und empörte. Die Mutter erklärte ihm alles, was erklärt werden
-konnte; warnte ihn vor dem gefährlichsten Feind der Jugend und nahm ihm
-ein heiliges Versprechen ab, dass er sich niemals werde verleiten
-lassen, schlechte Frauen zu besuchen, nicht ein Mal aus Neugier, denn
-niemand könne sich in solchen Fällen auf sich verlassen. Und sie verwies
-ihn auf eine mässige Lebensweise und auf den Verkehr mit Gott im Gebet,
-wenn die Versuchung an ihn herantrete.
-
-Der Vater ging ganz auf im selbstsüchtigen Genuss seiner Wissenschaft,
-die für seine Frau ein verschlossenes Buch war. Er hatte, gerade als die
-Mutter im Sterben lag, eine Entdeckung gemacht, die seinen Namen in der
-gelehrten Welt unsterblich machen sollte. Er hatte nämlich auf einem
-Abladeplatz vor den Toren Stockholms eine neue Art Gänsefuss gefunden,
-die geneigte Haare auf dem sonst geradhaarigen Blütenkelch hatte. Er
-pflog gerade Verhandlungen mit der Berliner Akademie der Wissenschaften,
-um die Spielart in die „Flora Germanica“ aufnehmen zu lassen; jeden Tag
-erwartete er den Bescheid, ob die Akademie ihn unsterblich machte, indem
-sie der Pflanze den Namen Chenopodium Wennerstroemianum gab. Am
-Sterbebette seiner Frau war er geistesabwesend, beinahe unfreundlich,
-denn er hatte gerade die bejahende Antwort der Akademie erhalten, und es
-grämte ihn, dass er sich, und noch weniger seine Frau, nicht mit der
-grossen Neuigkeit erfreuen konnte. Denn sie dachte nur an den Himmel und
-an ihre Kinder. Ihr jetzt mit einem krummhaarigen Blütenkelch zu kommen,
-erschien ihm selber lächerlich; aber, verteidigte er sich, es handelte
-sich nicht um einen krummhaarigen oder geradhaarigen Blütenkelch,
-sondern um eine wissenschaftliche Entdeckung; und, was mehr war, um
-seine Zukunft, um die Zukunft seiner Kinder, da ja die Ehre des Vater
-für sie Brot war.
-
-Als seine Frau am Abend starb, weinte er sehr; seit vielen, vielen
-Jahren hatte er nicht geweint. Er fühlte die ganze furchtbare
-Gewissensqual über begangenes, wenn auch noch so kleines Unrecht, denn
-er war ein exemplarischer Ehemann; er empfand Reue und Scham über seine
-Unfreundlichkeit, seine Geistesabwesenheit des gestrigen Tages; und in
-einem Augenblick der Leere gingen ihm die Augen auf, wie kleinlich
-selbstsüchtig seine Wissenschaft sei, die, wie er sich eingebildet, für
-die Menschheit arbeite. Aber diese Regungen dauerten nicht lange: wenn
-man eine Tür öffnet, die eine Feder hat, so schlägt sie gleich wieder
-zu. Am nächsten Morgen, nachdem er die Todesanzeige aufgesetzt, schrieb
-er eine Dankadresse an die Berliner Akademie der Wissenschaften. Darauf
-ging er wieder an seine Arbeit.
-
-Als er zum Mittagessen nach Haus kam, wollte er zu seiner Frau hinein
-gehen, um ihr seine Freude zu erzählen, denn sie war ihm stets die
-treueste Freundin im Leid gewesen, der einzige Mensch, der auf seine
-Erfolge nicht neidisch war. Jetzt fühlte er, wie sehr er diese Freundin
-vermisste, hatte er doch immer auf Zustimmung bei ihr rechnen können;
-hatte sie ihm doch nie widersprochen, denn sie wusste nicht, was sie
-dagegen sagen solle, da er ihr nur die praktischen Ergebnisse seiner
-Forschungen mitteilte. Einen Augenblick dachte er daran, mit dem Sohn
-Bekanntschaft zu schliessen, aber sie kannten einander zu wenig, und der
-Vater befand sich seinem Sohn gegenüber in der Stellung, die ein
-Offizier seinem Soldaten gegenüber einnimmt. Sein Rang verbot ihm eine
-Annäherung, und der Sohn war ihm übrigens auch etwas verdächtig, weil er
-einen schärferen Kopf als der Vater besass, weil er eine ganze Menge
-neuer Bücher gelesen hatte, die der Vater nicht kannte; ja, es konnte
-zuweilen der Fall eintreten, dass der Vater, der Professor, seinem Sohn,
-dem Gymnasiasten, gegenüber wie ein Unwissender dastand. Bei solchen
-Gelegenheiten musste der Vater entweder seine Verachtung über die neuen
-Dummheiten äussern, oder auch ein Machtwort sprechen, indem er den
-Schüler auf seine Schulaufgaben verwies. Da konnte es geschehen, dass
-der Sohn damit antwortete, dass er ein Lehrbuch vorzeigte; dann geriet
-der Professor ausser sich und wünschte die neuen Lehrbücher zur Hölle.
-
-So kam es, dass sich der Vater in seine Herbarien vertiefte, und der
-Sohn seine eigenen Wege ging.
-
-Sie wohnten in der Nordzollstrasse links von der Sternwarte. Ein kleines
-einstöckiges Backsteinhaus, umgeben von einem ausgedehnten Garten; der
-hatte früher ein Mal der Gärtnergesellschaft gehört und war durch
-Erbschaft dem Professor zugefallen. Da er aber die beschreibende Botanik
-studierte, ohne sich um die weit interessantere Pflanzenphysiologie und
-Pflanzenmorphologie zu kümmern, die in seiner Jugend noch in den Windeln
-lagen, war ihm die lebendige Natur beinahe fremd. Er liess daher den
-Garten mit seinen vielen Herrlichkeiten zuwachsen und verfallen;
-verpachtete ihn schliesslich an einen Gärtner unter der Bedingung, dass
-er und seine Kinder gewisse Freiheiten behielten. Der Sohn benutzte den
-Garten als Park, freute sich an dessen Natur, so wie sie war, ohne sich
-die Mühe zu machen, sie wissenschaftlich aufzufassen.
-
-Sein Charakter war wie ein schlecht gearbeitetes Kompensationspendel: zu
-viel von dem weichen Metall der Mutter, zu wenig von dem harten des
-Vaters. Daher Reibungen und ungleichmässiger Gang. Bald äusserst
-gefühlvoll, bald hart und skeptisch. Der Mutter Tod packte ihn sehr. Er
-betrauerte sie so, dass er sie in seiner Erinnerung als Inbegriff alles
-Guten, Schönen und Grossen vergötterte.
-
-Den Sommer, der auf den Tod folgte, brachte er mit Grübeleien
-und Romanlesen zu. Aber die Trauer, und nicht zuletzt die
-Beschäftigungslosigkeit, hatten sein ganzes Nervenleben erschüttert und
-seine Phantasie in Tätigkeit gesetzt. Die Tränen waren ein warmer
-Aprilregen gewesen, der die Obstbäume so früh weckt, dass sie sich zum
-Blühen verlocken lassen, um dann zu erfrieren: ehe die Befruchtung
-vollendet ist, kommt der Maifrost.
-
-Er war fünfzehn Jahre alt, also an dem Zeitpunkt angelangt, an dem der
-Kulturmensch mannbar wird und reif ist, einem neuen Geschlecht Leben zu
-geben, davon aber abgehalten wird, weil ihm die Nahrung für die Jungen
-fehlt. Er war also im Begriff, in das mindestens zehnjährige Martyrium
-einzutreten, das der junge Mann im Kampf gegen die übermächtige Natur
-durchzumachen hat, ehe er daran denken kann, das Gesetz der Natur zu
-erfüllen.
-
- * * * * *
-
-Es ist um die Pfingstzeit an einem warmen Nachmittag. Die Apfelbäume
-prangen in ihren weissen Blüten, welche die Natur mit verschwenderischer
-Freigebigkeit über sie ausgestreut hat. Der Wind schüttelt die Kronen
-und der Blütenstaub wirbelt in der Luft umher; ein Teil kommt zu seiner
-Bestimmung und erweckt Leben, ein Teil fällt auf die Erde und vergeht.
-Was kümmert sich die unendlich reiche Natur um eine Handvoll Blütenstaub
-mehr oder weniger! Und wenn die Blüte befruchtet ist, lässt sie ihre
-zarten Blätter fallen, die bald auf dem Gange verwelken und beim
-nächsten Regen verfaulen, sich auflösen, Erde werden, um einmal wieder
-durch den Saft aufzusteigen und wieder Blüte zu werden und dieses Mal
-vielleicht Frucht. Jetzt aber beginnt der Kampf: die so glücklich
-gewesen sind, an die Sonnenseite zu kommen, die gedeihen; der
-Fruchtknoten schwillt, und wenn kein Frost eintritt, wird er bald
-fruchtbar. Die aber nach Norden geraten sind, die armen Dinger, die im
-Schatten der andern sitzen und nie die Sonne sehen, die welken und
-fallen ab; der Gärtner harkt sie zusammen und fährt sie in der
-Schiebkarre nach dem Schweinestall.
-
-Jetzt steht der Apfelbaum da, die Zweige mit halbreifen Früchten
-beladen, kleinen runden goldgelben Äpfeln mit rosenroten Backen. Ein
-neuer Kampf bricht aus: bleiben alle leben, so brechen die Zweige von
-der Schwere und der Baum stirbt. Darum kommt der Sturm. Da muss man
-starke Stiele haben, um sich fest halten zu können; wehe den Schwachen,
-denn sie sind zum Untergang verdammt.
-
-Dann kommt der Apfelblütenstecher! Der hat auch Leben erhalten und hat
-eine Pflicht gegen sein künftiges Geschlecht! Und die Larven
-durchfressen den Apfel bis zum Stiel, und dann fällt er auf den Weg
-hinunter. Aber die Larve hat Geschmack und wählt die stärksten und
-gesundesten, denn sonst würde es zu viele Starke im Leben geben, und
-dann würde der Kampf gar zu lebhaft werden.
-
-Aber in der Abendstunde, wenn die Dunkelheit kommt, beginnen die dunkeln
-Begierden der Tiere zu erwachen. Die Nachtschwalbe legt sich auf das
-frisch gegrabene warme Gartenbeet und lockt ihren Gatten. Welchen? Das
-mögen die Männchen entscheiden!
-
-Die Hauskatze schleicht satt und warm aus ihrer Ecke am Herd, nachdem
-sie ihre frischgeseihte Abendmilch getrunken, und tritt vorsichtig
-zwischen Narzissen und gelbe Lilien, bange, vom Tau feucht und zottig zu
-werden, ehe der Liebhaber kommt. Sie riecht an dem eben aufgesprungenen
-Lavendel, und dann lockt sie. Vom Zaun des Nachbarn kommt der schwarze
-Kater, breit im Rücken wie ein Marder, und antwortet auf den Lockruf; da
-aber kommt der dreifarbige Kater des Gärtners vom Kuhstall, und nun
-entbrennt der Kampf. Die schwarze, weiche Humuserde wird aufgewirbelt,
-und eben gesähte Radieschen und Spinatpflanzen werden aus ihrem stillen
-Schlaf und ihren Zukunftträumen gerissen. Der Stärkste siegt, und das
-Weibchen wartet neutral ab, bis sie die phrenetischen Umarmungen des
-Siegers empfängt. Der Besiegte flieht, um einen neuen Kampf zu suchen,
-in dem er der Stärkere bleibt.
-
-Und die Natur lächelt, zufrieden, denn sie kennt keine andre
-Treulosigkeit als die gegen ihr Gebot, und sie gibt dem Stärkeren sein
-Recht, denn sie will starke Kinder haben, wenn sie auch das „unendliche“
-Ich des kleinen Individuums dabei tötet. Und keine Prüderie, keine
-Bedenken, keine Furcht vor den Folgen, denn die Natur gibt allen zu
-essen – nur dem Menschen nicht.
-
-Er ging in den Garten, als das Abendessen zu Ende war, während sich der
-Vater ans Fenster der Schlafstube setzte, um eine Pfeife zu rauchen und
-die Abendzeitungen zu lesen. Er ging durch die Wege und fühlte alle
-diese Düfte, welche die Pflanze nur verbreitet, wenn sie in Blüte steht;
-das feinste und stärkste Destillat ätherischer Öle, die in sich die
-ganze Kraft des Individuums verdichten sollen, um sich zum Vertreter der
-Art zu erheben. Er hörte, wie die Mücken über den Linden ihr
-Hochzeitslied sangen, das unserm Ohr wie eine Trauerklage lautet; er
-hörte die spinnenden Locktöne der Nachtschwalbe; das brünstige Schreien
-der Katzen, das klingt als zeuge der Tod und nicht das Leben; das Summen
-des Mistkäfers, das Flattern des Nachtschmetterlings, das Pipsen der
-Fledermäuse.
-
-Er blieb vor einem Narzissenbeet stehen, brach eine Blüte ab und roch
-daran, bis ihm die Schläfen klopften. Noch nie hatte er sich diese Blüte
-genauer angesehen. Aber im letzten Schuljahr hatte er in Ovid gelesen,
-wie der schöne Jüngling in eine Narzisse verwandelt wurde. Einen
-weiteren Sinn hatte er in dieser Mythe nicht gefunden. Ein Jüngling, der
-aus unbeantworteter Liebe diese Brunst gegen sich selbst wenden muss und
-schliesslich von der Flamme verzehrt wird, als er sich in sein eigenes
-Bild verliebt, das er in der Quelle sieht! Wie er jetzt diese weissen
-Kelchblätter betrachtet, diese Becherblätter, wachsgelb wie die Wangen
-eines Kranken, mit diesen feinen roten Streifen, wie man sie bei einem
-Lungenkranken sieht, bei dem das Blut unter dem Druck eines wiederholten
-Hustens in die äussersten feinsten Gefässe der Haut getrieben wird,
-denkt er an einen Schulkameraden, einen jungen Edelmann, der im Sommer
-Seekadett war: der hatte dieses Aussehen.
-
-Als er lange an der Blume gerochen hatte, verschwand der starke
-Nelkengeruch und hinterliess einen ekligen, seifenartigen Gestank, der
-ihm Übelkeit verursachte.
-
-Er wanderte weiter, bis der Weg nach rechts unter eine gewölbte Allee
-einbog, die aus Ulmen ausgehauen war. In dem Halbdunkel sah er ganz
-hinten in der Perspektive die grosse grüne Strickschaukel sich auf und
-ab bewegen. Auf dem hinteren Brett stand ein Mädchen und setzte die
-Schaukel in Gang, indem sie die Knie beugte und den Körper nach vorne
-warf, während sie sich mit hochgehobenen Armen an den Seitenstangen
-hielt. Das war die Tochter des Gärtners, die Ostern konfirmiert worden
-war und eben lange Kleider bekommen hatte. Heute abend aber hatte ihre
-Mutter sie ein halblanges anziehen lassen, das sie zu Hause auftragen
-sollte.
-
-Als sie den jungen Herrn erblickte, wurde sie zuerst verlegen, dass ihre
-Strümpfe zu sehen waren, aber sie blieb doch stehen. Herr Theodor trat
-vor und sah sie an.
-
-– Stellen Sie sich nicht dorthin, Herr Theodor, sagte das Mädchen, indem
-es die Schaukel in vollen Schwung brachte.
-
-– Warum denn nicht, antwortete der Jüngling, der den Zug von ihren
-flatternden Röcken um seine heissen Schläfen wehen fühlte.
-
-– Pfui nein, sagte das Mädchen.
-
-– Lass mich einsteigen, so werde ich dich schaukeln, Auguste, sagte Herr
-Theodor und warf sich schnell in die Schaukel.
-
-So stand er in der Schaukel ihr gegenüber. Und wenn die Schaukel in die
-Höhe ging, schlug ihr Kleid um seine Beine; und wenn die Schaukel in die
-Tiefe ging, stand er über sie gebeugt und sah ihr gerade in die Augen,
-die von Bangigkeit und Behagen leuchteten. Ihre dünne baumwollene Jacke
-schloss sich dicht um die jungen Brüste, die sich unter dem gestreiften
-Kattun scharf abzeichneten; ihr Mund stand halb offen und die weissen
-gesunden Zähne lächelten ihm zu, als wollten sie ihn beissen oder ihn
-küssen.
-
-Immer höher ging die Schaukel, bis sie gegen die höchsten Zweige des
-Ahorns schlug. Da stiess das Mädchen einen Schrei aus und fiel in seine
-Arme; er musste sich auf die Bank setzen. Als er den weichen warmen
-Körper zucken und sich zugleich gegen seinen drücken fühlte, ging es wie
-ein elektrischer Schlag durch sein ganzes Nervensystem; ihm wurde
-schwarz vor den Augen, und er hätte sie losgelassen, wenn er nicht ihre
-linke Brust an seinem rechten Oberarm gefühlt hätte.
-
-Die Schaukel ging langsamer. Sie sprang auf und setzte sich auf die
-andere Bank, ihm gegenüber. Und sie sassen da und sahen auf die Erde
-nieder und wagten einander nicht ins Gesicht zu sehen.
-
-Als die Schaukel anhielt, stieg das Mädchen aus und stellte sich, als
-antworte sie jemand, der sie gerufen. Herr Theodor blieb allein. Das
-Blut lief durch seine Adern. Er fühlte seine Lebenskraft verdoppelt.
-Aber er wusste nicht klar, was geschehen war. Er stellte sich dunkel
-vor, er sei ein Elektrophor, dessen positive Elektrizität sich bei einer
-Entladung mit der negativen vereinigt habe. Und zwar während einer
-geringen, äusserlich keuschen Berührung mit einem jungen Weib. Ähnliches
-hatte er nicht empfunden, wenn er zum Beispiel beim Ringen auf dem
-Turnplatz Kameraden fest umschlungen gehalten. Er hatte also die
-entgegengesetzte Polarität des Weiblichen gespürt, und er fühlte nun,
-was es heisst, Mann zu sein. Und er war Mann. Nicht ein Frühreifer, der
-durch Vergewaltigung der Natur vor der Zeit ausschlug, denn er war ein
-starker, abgehärteter, gesunder Jüngling.
-
-Als er jetzt durch die Wege wanderte, stiegen neue Gedanken in ihm auf.
-Das Leben schien ihm ernster zu werden, das Gefühl der Pflicht trat an
-ihn heran. Aber er war erst fünfzehn Jahre alt. Er war noch nicht
-konfirmiert, konnte erst nach vielen Jahren in die Gesellschaft
-eintreten, also nicht daran denken, sich selber zu ernähren, geschweige
-denn Weib und Kind. Sein ernster Sinn liess ihn nämlich nicht an ein
-lockeres Leben denken, sondern das Weib war ihm etwas fürs Leben, sein
-anderer Pol, seine Ergänzung. Jetzt war er geistig und körperlich reif,
-um in die Welt hinauszutreten und sich Brot zu schaffen. Was hinderte
-ihn daran? Seine Erziehung, die ihn nichts Nützliches gelehrt; seine
-soziale Stellung, die ihm verbot, ein Handwerk zu betreiben. Die Kirche,
-die seinen Eid nicht darauf bekommen, der Priesterschaft treu zu sein;
-der Staat, der seinen Eid nicht darauf erhalten, Bernadotte und Nassau
-treu zu sein; die Schule, die ihn noch nicht soweit dressiert hatte,
-dass er für die Universität reif war; der geheime Ordensbund, den die
-Oberklasse gegen die Unterklasse geschlossen. Ein ganzer Berg von
-Albernheiten lag auf ihm und seiner Jugend. Jetzt da er fühlte, dass er
-ein Mann war, schien ihm die ganze Erziehung eine Anstalt zu sein, in
-der er erst kastriert werden sollte, ehe man ihn in den Harem zu lassen
-wagte, wo eine Mannbarkeit gefährlich sein konnte; einen anderen Sinn
-konnte er in all dem nicht entdecken. So versank er wieder in seinen
-jetzigen Zustand der Unmündigkeit. Er glaubte eine Pflanze
-Bleichsellerie zu sein, die man zusammenbindet und unter einen
-Blumentopf legt, damit sie so weiss und mürbe wie möglich wird, damit
-sie im Sonnenlicht keine grünen Blätter treibt, nicht in Blüten
-ausschlägt, noch, am wenigsten von allem, Samen ansetzt.
-
-Während er diesen Gedanken nachhing, wanderte er auf den Gartenwegen hin
-und her, bis die Uhr der nächsten Kirche zehn schlug. Da wollte er ins
-Haus gehen, um sich schlafen zu legen. Aber die Haustür war schon
-geschlossen. Er musste ans Fenster der Mädchenstube klopfen. Das
-Hausmädchen kam im Unterrock, um zu öffnen, und er konnte über dem Hemd,
-das herabgeglitten war, ihre blossen Schultern sehen. Alle Schwärmerei
-verschwand in einem Nu, er wollte sie festhalten, ihre Brüste drücken,
-sich paaren mit einem Wort, denn jetzt war das Weib nur Weibchen für
-ihn. Aber das Mädchen war schon wieder hineingehuscht und schlug die Tür
-hinter sich zu. Da schämte er sich und ging in seine Kammer hinauf.
-
-Als er glücklich oben war, öffnete er die Fenster, tauchte den Kopf ins
-Waschbecken und steckte seine Lampe an.
-
-Als er im Bett lag, griff er zu Arndts „Geistlichen Morgenstimmen“, die
-er von seiner Mutter geerbt hatte und von denen er abends immer ein
-Stück las, mehr der Sicherheit wegen, denn morgens war die Zeit knapp.
-Das Buch erinnerte ihn an das Versprechen der Keuschheit, das er der
-Mutter gegeben, und er hatte ein böses Gewissen. Eine Fliege, die ans
-Lampenglas kam und mit verbrannten Flügeln um den Nachttisch summte,
-brachte seine Gedanken auf etwas anderes, Unbestimmtes; er legte Arndt
-fort und steckte sich eine Zigarre an. Er hörte, wie sich unter ihm im
-Erdgeschoss der Vater die Stiefel auszog; wie er am Kranz des
-Kachelofens die Pfeife ausklopfte; ein Glas Wasser aus der Karaffe
-eingoss und sich bereit machte, ins Bett zu gehen. Er dachte, wie einsam
-dieser Mann jetzt sein müsse, da seine Frau fort sei. Früher hatte er
-durch die Zwischendecke hören können, wie sie mit halber Stimme
-vertraulich plauderten, von Dingen, über die sie immer einig waren;
-jetzt aber war keine Stimme mehr zu hören, nur die toten Laute, wie ein
-Mensch seine Person bedient und besorgt; Laute, die wie die Figuren in
-einem Rebus zusammengestellt werden müssen, um etwas Lebendiges aus
-ihnen zu machen.
-
-Schliesslich legte er die Zigarre fort, löschte die Lampe und betete
-leise das Vaterunser, kam aber nicht weiter als bis zur fünften Bitte:
-da schlief er ein.
-
-Mitten in der Nacht erwachte er aus einem Traum. Er hatte das Mädchen
-des Gärtners in seinen Armen gehabt. Wo und wann, daran erinnerte er
-sich nicht, denn er war ganz betäubt, und er schlief sofort wieder ein.
-
-Am nächsten Morgen war er schwermütig und hatte Kopfschmerzen. Dachte
-wieder an die Zukunft, die schwer auf ihm lag und sein ganzes Dasein
-bedrückte. Mit Bangen sah er, wie der Sommer verging, denn das Ende der
-Ferien brachte ihn wieder in den Erniedrigungszustand, den die Schule
-ihm bot: jeder seiner Gedanken sollte da von fremden Gedanken getötet
-werden; die Selbständigkeit half nichts, da nur eine bestimmte Anzahl
-Jahre ihn ans Ziel führen konnten. Es war wie eine Reise auf einem
-Güterzug; die Lokomotive musste so und so lange auf der Station stehen,
-und wenn der Dampfdruck aus Mangel an Kraftverbrauch zu stark wurde,
-musste man das Sicherheitsventil öffnen. Das Betriebsamt hatte den
-Fahrplan aufgestellt, und man durfte nicht zu früh nach den Stationen
-kommen. Das war die Hauptsache!
-
-Der Vater sah, dass der Sohn blass und mager wurde, glaubte aber, er
-trauere um die Mutter.
-
- * * * * *
-
-Der Herbst kam. Zuerst mit der Schule. Theodor hatte während des
-Sommers, als er durch die Romane mit erwachsenen Menschen verkehrte und
-ihr Leben und ihre Kämpfe kennen lernte, sich daran gewöhnt, sich als
-Erwachsenen zu betrachten. Jetzt kamen die Lehrer und duzten ihn.
-Kameraden, Jungen, welche die körperliche Freiheit noch nicht achteten,
-erlaubten sich Handgreiflichkeiten, die ihn zu ähnlichen nötigten. Und
-diese Bildungsanstalt, die ihn für die Gesellschaft veredeln sollte, was
-lehrte sie und wie veredelte sie? Die Lehrbücher waren ja samt und
-sonders unter der Kontrolle der Oberklasse geschrieben und liefen alle
-darauf hinaus, die Unterklasse dazu zu bringen, die Oberklasse zu
-verehren. Die Lehrer sprachen oft mit Erregung zu den Schülern, wie
-undankbar sie seien; sie wüssten nicht, welche Vorteile ihre Eltern
-ihnen gewährten, indem sie ihnen diese Bildung schenkten, die so viele
-Arme entbehren müssten. Nein, wahrhaftig, die Jungen waren noch nicht
-verdorben genug, um diese grenzenlose Betrügerei und deren Vorteile zu
-durchschauen.
-
-Gab der Unterricht den Schülern irgend ein Mal eine reine Freude durch
-den Lehrstoff selber? Nein! Darum mussten die Lehrer unaufhörlich an die
-niedrigen Leidenschaften der Schüler appellieren: an die Ambition (das
-war ein besserer Name für den kleinlichen Ehrgeiz, höher geschätzt zu
-werden als die andern), an das Interesse, an die Vorteile.
-
-Welch elende Maskerade diese Schule! Nicht ein einziger von den
-Jünglingen glaubte an den Segen, der darin lag, verhasste Könige
-aufzuzählen, unbrauchbare Sprachen zu lernen, Axiome zu beweisen,
-Selbstverständlichkeit zu definieren, die Staubbeutel der Pflanzen und
-die Gelenke an den Hinterbeinen der Insekten zu zählen, um schliesslich
-nicht mehr zu wissen, als dass sie so und so auf lateinisch heissen.
-Wieviel lange Stunden wurden nicht darauf verwandt, um vergeblich einen
-Winkel in drei gleiche Teile zu teilen, während es „unwissenschaftlich“
-(das heisst praktisch) in einer Minute mit einem Gradmesser gemacht
-wird.
-
-Wie verachtet wurde alles, was nützlich war! Die Schwestern, die
-Ollendorffs französische Grammatik lernten, konnten nach zwei Jahren
-französisch sprechen; die Gymnasiasten konnten nach sechs Jahren noch
-nicht ein Wort sagen. Und mit welchem Mitleid sprachen sie den Namen
-Ollendorff aus! Das war der Inbegriff alles Dummen, das man verbrochen
-hatte, seit die Welt erschaffen worden.
-
-Wenn aber die Schwestern eine Erklärung verlangten und fragten, ob die
-Sprache nicht dazu da sei, die Gedanken des Menschen auszudrücken, so
-antwortete der junge Sophist mit einer Phrase, die er von einem Lehrer
-borgte, der sie wieder als Talleyrands Worte zitiert gesehen: Nein, die
-Sprache ist dazu da, die Gedanken des Menschen zu verbergen. Das konnte
-ein junges Mädchen natürlich nicht begreifen, denn die Männer verstehen
-ihre Infamien zu verbergen, sondern glaubte, der Bruder sei furchtbar
-gelehrt, und disputierte nicht weiter.
-
-Und dann die verfälschende Ästhetik, die ihren Schleier aus geborgtem
-Glanz und falscher Schönheit über alles warf. Man lernte von der
-„Ritterwache des Lichtes“ singen! Welche Ritterwache? Mit Adelsbriefen,
-Studentenzeugnissen; falschen Attesten, wie sie selber einsehen konnten.
-Des Lichtes? Das heisst der Oberklasse, die ihr grösstes Interesse daran
-hatte, die Unterklasse durch Schule und Religion in der Dunkelheit zu
-halten. „Und vorwärts, vorwärts auf der Bahn des Lichts!“
-
-Immer wurde das Ding bei verkehrtem Namen genannt! Kam dann einer aus
-der Unterklasse mit Licht, so war alles vorbereitet, um es zu Dunkelheit
-machen zu können. Du junge, „gesunde“ Kämpferschar! Wie gesund sie
-waren, alle diese Jünglinge, die von Beschäftigungslosigkeit,
-unbefriedigten Trieben, Ehrgeiz entnervt waren, die jeden verachteten,
-der nicht die Mittel hatte, Student zu werden! O die Poeten der
-Oberklasse, wie haben sie so schön gelogen! Waren sie Betrüger oder
-Betrogene?
-
-Wovon sprachen alle diese Jünglinge gewöhnlich? Von ihren Studien?
-Niemals! Höchstens von einem Zeugnis! Sie sprachen von Liederlichkeit.
-Vom Morgen bis zum Abend! Von Verabredungen mit Mädchen; von
-Billardspiel und Punsch; von Geschlechtskrankheiten, über die sie ältere
-Brüder hatten sprechen hören. Sie gingen mittags los und „nahmen die
-Parade ab“, und wer am weitesten gekommen war, konnte den Namen des
-Leutnants nennen und erzählen, wo dessen Mädchen wohnte.
-
-Einmal waren zwei von der „Ritterwache des Lichtes“ ganz naiv mit zwei
-prostituierten Mädchen an einem Sommertag in das vornehme Restaurant
-„Haselhöhe“ im Tiergarten gegangen, um dort in der offenen Veranda zu
-Mittag zu essen. Wegen dieser Naivität wurden sie von der Anstalt
-gejagt. Wegen ihrer Naivität, nicht wegen ihrer Lasterhaftigkeit, denn
-ein Jahr später bestanden sie ihr Examen für die Universität, gewannen
-also ein ganzes Jahr; und als sie ihre Studien in Uppsala beendet
-hatten, wurden sie in eine Hauptstadt von Europa geschickt, um dort in
-der Gesandtschaft die vereinigten Königreiche Schweden und Norwegen zu
-vertreten.
-
-In einer solchen Umgebung verbrachte Herr Theodor seine beste Jugend. Er
-hatte den Betrug durchschaut, konnte aber nicht mit ihm brechen! Wie
-soll ich das machen? fragte er sich oft, erhielt aber keine Antwort. Er
-wurde natürlich mitschuldig und lernte schweigen.
-
-Die Konfirmation wurde für ihn ein Spektakel, wie die Schule es gewesen.
-Ein junger Hilfsprediger, der Pietist war, sollte ihn in vier Monaten
-Luthers Kathechismus lehren, ihn, der Theologie, Exegetik, Dogmatik
-gehabt und das Neue Testament auf Griechisch gelesen hatte! Aber der
-strenge Pietismus, der Wahrheit in Handel und Wandel forderte, musste
-auf ihn Eindruck machen.
-
-Es war ein Novembermorgen, als sie in den Kirchensaal gerufen wurden, um
-eingeschrieben zu werden. Herr Theodor befand sich ganz unerwartet in
-einem ganz andern Kreis, als er täglich in der Schule um sich hatte. Wie
-er in das Versammlungszimmer eintrat, begegnete er den Blicken von wohl
-hundert Augen, die ihn alle wie einen Feind ansahen. Da waren
-Tabaksbinder, Schornsteinfegerjungen, Lehrlinge von allen Handwerken.
-Sie schienen auch Feinde unter einander zu sein, denn sie warfen sich
-gegenseitig Schimpfnamen zu; aber diese Feindschaft zwischen den
-Handwerken war mehr gelegentlich; und wie sie sich auch zankten, sie
-hingen doch zusammen. Eine seltsame erstickende Luft schlug ihm
-entgegen, und in dem Hass, mit dem er sich begrüsst fühlte, lag auch
-eine Verachtung, die Kehrseite eines gewissen Respektes oder Neides. Er
-sah sich vergebens nach einem Kameraden um, einem Gleichgesinnten, einem
-Gleichgekleideten. Es war keiner da. Die Gemeinde war arm, und die
-Reichen sandten ihre Kinder in die Deutsche Kirche, die damals in Mode
-war. Es waren Kinder des Volkes; es war die Unterklasse, mit der er
-jetzt vor den Altar des Herrn als Gleich und Gleich treten sollte. Er
-fragte sich, welcher Abgrund ihn eigentlich von diesen Kindern trenne?
-Waren sie körperlich nicht ebenso begabt wie er? Ja, besser vielleicht,
-denn alle verdienten bereits ihr Brot, und einige konnten sogar ihren
-alten Eltern helfen. Waren sie schlechter ausgerüstet in der
-Intelligenz? Das konnte er nicht behaupten, denn er hörte, wie sie bei
-ihren Stichelreden mit den schärfsten Beobachtungen um sich warfen; sie
-konnten radikale Witze aussprechen, die er gern mit einem Lachen belohnt
-hätte, wäre er dazu nicht zu hochmütig gewesen. Wenn er an all die
-Dummköpfe dachte, die er zu Kameraden in der Schule hatte, konnte er
-keinen bestimmten Strich zwischen sich und ihnen ziehen. Der war aber
-vorhanden! Waren es die schäbigen Kleider, die hässlichen Gesichter, die
-groben Hände? Ja, zum Teil war es wohl das! Besonders fühlte er sich von
-ihrer Hässlichkeit abgestossen! Aber waren sie deshalb schlechter, weil
-sie hässlich waren?
-
-Er hatte ein Florett bei sich, da er nachher in die Fechtstunde wollte.
-Er stellte es in eine Ecke, damit es sich keine unangenehme
-Aufmerksamkeit zuzog. Aber es war schon bemerkt werden. Niemand wusste
-eigentlich, was es für ein Ding sei, aber sie verstanden, dass es eine
-Waffe vorstellte. Einige der Kühnsten machten sich in der Ecke zu
-schaffen, um es zu untersuchen. Sie befingerten die Umwindung des
-Heftes, kratzten mit den Nägeln auf dem Stichblatt, bogen die Klinge,
-befühlten den kleinen Ball aus Handschuhleder. Es war, als schnüffelten
-Hasen an einer Flinte, die sie im Walde gefunden. Sie verstanden nicht,
-wozu es anzuwenden sei, aber sie fühlten, es war etwas Feindliches, das
-einen verborgenen Zweck hatte. Schliesslich trat ein Gürtlerlehrling,
-dessen Bruder zur Leibgarde gehörte, an die Neugierigen heran und
-entschied die Frage sofort: Könnt ihr nicht sehen, dass es ein Säbel
-ist, ihr Kaulbarsche! Und damit warf er einen respektvollen Blick auf
-Herrn Theodor; doch lag in diesem Blick auch ein geheimes
-Einverständnis, das bedeutete: Wir verstehen das! Aber ein Seilerjunge,
-der einmal bei der Artillerie gewesen war, um Trompeter zu werden, hielt
-sich beim Fällen des Urteils für übergangen, konnte den Mund nicht
-halten, sondern erklärte: man könne ihn in den Rücken beissen, wenn das
-nicht ein Degen sei! Die Folge war eine Schlägerei, die den ganzen
-Kirchensaal in einen einzigen grossen Hundehof verwandelte, der von
-Staub rauchte und mit Geheul erfüllt war.
-
-Da wird die Tür geöffnet und der Hilfsprediger steht da. Ein junger,
-blasser, magerer Mann, der Ausschlag im Gesicht und wässerige blaue
-Augen hat. Er schrie die Jungen zuerst an. Die wilden Tiere hörten auf,
-sich zu schlagen. Darauf liess er sich aus über Jesu teueres Blut und
-die Macht, die das Böse über die Herzen hat. Schliesslich brachte er die
-hundert Jungen dazu, sich auf Bänke und Stühle zu setzen. Bis dahin war
-er aber ganz ausser Atem gekommen und das Zimmer war voll von
-aufgewirbeltem Staub. Er warf einen Blick nach dem Fensterventil und
-sagte mit matter Stimme: Öffnet die Klappe! Damit weckte er aber den
-Sturm wieder. Fünfundzwanzig Knaben stürzten hin und stiessen beim
-Fenster auf einen Haufen zusammen, um die Schnur zum Ventil zu fassen.
-
-– Geht und setzt euch! schrie der Geistliche von neuem und lief nach dem
-Stock.
-
-Für einen Augenblick herrschte Ruhe. Der Geistliche dachte sich eine
-praktischere Art aus, um ohne Schlacht die Klappe zu öffnen.
-
-– Du, sagte er und zeigt auf einen eingeschüchterten armen Teufel, geh
-und öffne die Klappe.
-
-Der Kleine trat ans Fenster und suchte die zusammengezogene Schnur zu
-lösen. In atemlosen Schweigen warteten die versammelte Schar das
-Ergebnis ab, als ein grosser Bursche im Seemannsanzug, der eben mit der
-Brigg Carl Johan heimgekehrt war, die Geduld verlor:
-
-– Nun sollt ihr mal sehen, hol mich der Teufel, was ein Junge kann,
-sagte er; im Nu hatte er den Rock abgeworfen, das Fensterbrett geentert,
-sein Messer gezogen und die Schnur durchgeschnitten.
-
-– Kappen Bakstag! konnte er noch sagen, als der Geistliche einen neuen
-Schrei ausstiess, wie ein hysterisches Weib, und damit den Seemann
-buchstäblich hinunterscheuchte. Der beteuerte:
-
-– Das Fall hatte sich so vertüdert, dass nichts anderes zu machen war,
-als kappen.
-
-Der Pastor war ganz ausser sich. Er kam aus einer stillen Provinz und
-hätte nicht geglaubt, dass eine Jugend so tief verdorben sein könnte, so
-in Unsittlichkeit und Sünde versunken, so weit vorgeschritten auf dem
-Weg der Verdammnis. Und er erzählte ihnen lang und breit von Jesu teuerm
-Blut.
-
-Keiner verstand, was er sagte, denn sie hatten keinen Begriff davon,
-dass sie gesunken seien, da sie nie oben gewesen. Die Jungen zeigten
-daher eine gleichgültige Kälte.
-
-Der Geistliche sprach weiter von Jesu teuern Wunden; aber niemand bezog
-es auf sich, denn niemand hatte einen Jesus verwundet. Da versuchte er
-es mit dem Teufel; der war aber so in ihre tägliche Sprache eingegangen,
-dass er auch keinen Eindruck machte. Schliesslich kam er auf das Rechte!
-Er sprach von der auf den Frühling festgesetzten Konfirmation. Er
-erinnerte sie an die Eltern, die ihre Kinder ins Leben hinausführen
-wollten; und als er auf die Brotherren zu sprechen kam, die niemand
-anstellten, der nicht konfirmiert sei, da wurde er unwiderstehlich, und
-alle verstanden die tiefe Bedeutung der Konfirmation. Jetzt war er
-aufrichtig, und da begriffen ihn alle die jungen Gemüter; sogar die
-Wildesten wurden zahm.
-
-Die Einschreibung begann! Wie viele Kirchenscheine waren mangelhaft! Wie
-sollten sie zu Jesus kommen, wenn ihre Eltern nicht getraut waren? Wie
-sollten sie an den Gnadentisch des Sünders gelangen, wenn der Vater
-schon bestraft war? Was für Sünder!
-
-Herr Theodor wurde tief erschüttert von all diesem öffentlichen Schimpf,
-der ausgeteilt wurde. Er wollte ein Auge zudrücken, konnte es aber
-nicht. Als er schliesslich selber mit seinem Kirchenschein vortrat und
-der Prediger las: Sohn Theodor, an dem und dem Tage geboren; Eltern:
-Professor und Ritter ... da fuhr ein schwacher Sonnenschein über das
-Gesicht des Geistlichen, und er nickte ihm freundlich zu, als er fragte:
-Wie geht es dem Herrn Papa? Und dann zog ein Schleier von Wehmut über
-seine weissgelben Züge, als er sah, dass die Mutter gestorben war (was
-er schon wusste): Sie war ein Kind Gottes, sagte er, wie zu sich selber,
-mit überfreundlicher, beklagender, weinerlicher Stimme, mit einem
-gewissen Vorwurf gegen den Herrn Papa, der nur Professor und Ritter war.
-Dann konnte Herr Theodor gehen.
-
-Als er hinauskam, meinte er etwas erlebt zu haben, das er nicht für
-möglich gehalten hätte. Waren diese Jünglinge so tief gesunken, weil sie
-Flüche und grobe Worte benutzten, wie alle seine Kameraden, sein Vater,
-sein Oheim und die ganze Oberklasse sie zuweilen benutzten! Von was für
-einer Sittenverderbnis war hier die Rede? Sie waren wilder als andere
-verwöhnte Kinder, weil sie stärker waren. Dass ihre Kirchenscheine
-Mängel hatten, war nicht die Schuld der Kinder. Sein Vater hatte nicht
-gestohlen, aber man braucht auch nicht zu stehlen, wenn man sechstausend
-Kronen Gehalt hat und tun und lassen kann, was man will. Es wäre ja
-lächerlich oder abnorm gewesen, wenn er gestohlen hätte.
-
-Und Herr Theodor ging wieder in die Schule und da fühlte er, was es
-heisst, eine Erziehung erhalten zu haben: hier wurde niemand wegen eines
-kleinen Schnitzers schikaniert, hier wurden die eigenen Schwächen wie
-die der Eltern ziemlich in Frieden gelassen, hier war man unter
-seinesgleichen und hier verstanden alle einander.
-
-Nach der Schule „nahm man die Parade ab“; schlich in ein Café, um einen
-Likör zu trinken; schliesslich ging man in den Fechtsaal. Und wenn er
-hier vom Leutnant mit Herr angeredet wurde, alle diese Jünglinge mit
-geschmeidigen Gliedern, freiem Benehmen und heiteren Mienen sah, alle
-sicher, dass zu Hause ein gutes Mittagessen auf sie warte, fühlte er,
-dass es zwei Welten gibt, eine obere und eine untere. Dann packte es ihn
-wie ein böses Gewissen, wenn er an den dunkeln Kirchensaal und die
-tristen Menschenkinder dachte; deren sämtliche Wunden und heimliche
-Mängel wurden unbarmherzig mit dem Vergrösserungsglas gemustert, damit
-die Unterklasse der wahren Demut teilhaftig würde, ohne welche die
-Oberklasse ihre liebenswürdigen Schwächen nicht in Frieden geniessen
-konnte. Damit war etwas Unharmonisches in sein Leben gekommen.
-
- * * * * *
-
-Wie auch Herr Theodor zwischen seinem natürlichen Verlangen nach den
-halbbekannten Lockungen des Lebens und seiner neuerworbenen Lust, dem
-ganzen Leben den Rücken zu kehren und seinen Sinn auf den Himmel zu
-richten, hin und her geworfen wurde, das Gelübde, das er der Mutter
-gegeben, brach er nicht. Die häufigen Konfirmationsstunden in der
-Kirche, mit den Kameraden und unter dem Geistlichen, verfehlten nicht,
-auf ihn Eindruck zu machen. Er war oft düster und grübelte, hatte ein
-Gefühl, das Leben sei nicht so, wie es sein müsse. Es war ihm, als sei
-einmal ein unerhörtes Verbrechen begangen werden, das jetzt durch
-massenhafte Betrügereien verhüllt werde; er glaubte eine Fliege zu sein,
-die in das Netz der Spinne geraten war und sich bei jedem Versuch, ein
-Loch zu reissen, immer mehr verwickelte, um schliesslich erstickt zu
-werden.
-
-Eines Abends, denn der Geistliche benutzte alle Effekte, um den harten
-Köpfen der jungen Burschen zu imponieren, hatten sie im Chor der Kirche
-Unterricht gehabt. Es war im Januar. Zwei Gasflammen erleuchteten das
-Chor und zeigten die Marmorfiguren des Altars in verzerrten
-Proportionen. Die ganze grosse Kirche mit ihren beiden einander
-kreuzenden Tonnengewölben lag im Halbdunkel. Im Hintergrund sah man die
-blanken Zinnpfeifen der Orgel, welche die Gasflammen des Chores schwach
-reflektierten; darüber bliesen die Engel zum jüngsten Gericht ihre
-Posaunen, sahen jetzt aber nur wie finstere, drohende, übernatürlich
-grosse Menschenfiguren aus. Die Kreuzgänge endeten in vollständiger
-Dunkelheit.
-
-Der Geistliche hatte das sechste Gebot ausgelegt. Er hatte von Unzucht
-in und ausserhalb der Ehe gesprochen. Wie Unzucht zwischen Ehegatten
-getrieben wird, das konnte er nicht auseinandersetzen, trotzdem er
-selber verheiratet war; aber ausserhalb der Ehe, da wusste er Bescheid.
-Dann kam er zum Kapitel der Selbstbefleckung. Als er das Wort nannte,
-ging es wie ein Rauschen durch die Jünglingsschar, und mit weissen
-Wangen und hohlen Augen starrten sie ihn an, als sähen sie ein Gespenst.
-Solange er von den Strafen der Hölle sprach, waren sie ziemlich ruhig;
-als er aber aus einem Buch Berichte vorlas, wie Jünglinge im Alter von
-fünfundzwanzig Jahren an Rückenmarkschwindsucht gestorben waren, da
-sanken sie auf den Bänken zusammen und fühlten den Boden unter sich
-wanken! Schliesslich erzählte er die Geschichte von einem Jungen, der im
-Alter von zwölf Jahren in ein Irrenhaus kam, um mit vierzehn Jahren zu
-sterben, im Glauben an seinen Erlöser. Da war es ihnen, als sähen sie
-hundert gewaschene Leichen an Stangen aufgestellt. Nur ein Heilmittel
-gegen dieses Übel gebe es: Jesu teure Wunden. Doch wie die gegen zu
-frühe Mannbarkeit anzuwenden seien, das zeigte er nicht. Aber man solle
-weder tanzen noch ins Theater gehen noch Spielstuben besuchen, vor allem
-aber sich des Weibes enthalten: das heisst das Gegenteil tun von dem,
-was man in Wirklichkeit tun müsste. Dass dieses Laster dem sozialen
-Gesetz, der Mann sei erst mit einundzwanzig Jahren mannbar, bis zur
-Vernichtung widerspricht, wurde mit Schweigen übergangen. Ob dieses
-Laster durch frühe Ehen verhindert werden kann, indem man allen ein
-notdürftiges Essen verschafft, statt wenigen Schmäuse, wurde
-dahingestellt. Das Resultat war: man solle sich Jesu in die Arme werfen,
-das heisst in die Kirche gehen und die Sorge um die Welt der Oberklasse
-überlassen.
-
-Nach dieser Zurechtweisung bat der Geistliche die fünf Ersten auf der
-ersten Bank, dazubleiben; er wolle mit ihnen allein sprechen; nach und
-nach werde er es mit allen so machen. Die fünf Ersten sahen aus, als
-seien sie zum Tode verurteilt. Ihre Brust fiel in den Rücken, weil sie
-nicht Atem holen konnten; und wenn man genauer nachgesehen, hätte man
-gefunden, dass sich ihr Haar einige Zentimeter auf den Wurzeln in die
-Höhe gerichtet und feucht über den Schädel einer Leiche lag. Alles Blut
-war aus den Augenbetten gewichen; wie zwei runde Glaskugeln, in
-Handschuhleder eingenäht, sahen die Augen aus, unbeweglich, nicht
-wissend, ob sie zu einem Bekenntnis herauskriechen oder sich mit einer
-kühnen Lüge verbergen sollten.
-
-Das Gebet wurde gesprochen und das Lied von Jesu Wunden gesungen; heute
-abend aber wurde es von Lungenkranken angestimmt und hörte zuweilen ganz
-auf oder wurde von einem trocknen Husten, gleich dem von Durstigen,
-unterbrochen. Dann begannen sie zu gehen. Einer von den fünf versuchte
-hinauszuschleichen, wurde aber vom Geistlichen zurückgerufen.
-
-Es war ein furchtbarer Augenblick. Herr Theodor, der auf der ersten Bank
-sass, gehörte zu den fünf. Ihm war unangenehm zu Mut. Nicht weil er eine
-Sünde in diesem Sinne begangen, sondern weil er es in seinem Innersten
-als eine Kränkung für einen Mann empfand, sich so entkleiden zu müssen.
-Die vier andern setzten sich weit von einander. Der Gürtler, der unter
-ihnen war, versuchte zu scherzen, aber der Witz blieb ihm im Halse
-stecken. Sie sahen vor sich Polizei, Gefängnis, Hospital, und im
-Hintergrund das Irrenhaus. Sie wussten nicht, was ihnen bevorstand, dass
-es aber eine Art Stäupung war, das fühlten sie wohl. Ein Trost, der
-einzige in der Betrübnis war, dass _er_, Herr Theodor, dabei war. Sie
-wussten nicht, warum es ein Trost war, aber sie fühlten es in der Luft,
-dass ihm, dem Sohn eines Professors, nichts Böses geschehen könne.
-
-– Kommen Sie, Wennerström, sagte der Geistliche, der das Gas in der
-Sakristei angesteckt hatte.
-
-Wennerström ging und die Tür wurde geschlossen. Die vier sassen da,
-jeder auf seiner Bank, und versuchten alle möglichen Stellungen, um den
-Körper zur Ruhe zu bringen; aber es ging nicht.
-
-Schliesslich kam Wennerström wieder heraus, verweint, aufgeregt, und
-ging sofort durch den Korridor davon.
-
-Als er auf den Kirchhof, der ganz eingeschneit war, hinauskam, nahm er
-schnell noch ein Mal durch, was drinnen vorgefallen war. Der Geistliche
-hatte gefragt, ob er gesündigt habe. Nein, das habe er nicht. Habe er
-Träume? Ja! Träume sind ebenso sündig, denn sie zeigen, dass unser Herz
-böse ist, und Gott sieht auf das Herz. Er prüft die Nieren und wird uns
-ein Mal für jeden sündhaften Gedanken verurteilen, und die Träume sind
-Gedanken. Gib mir, mein Sohn, dein Herz, sagt Jesus. Geh zu Jesus, bete,
-bete, bete. Was keusch, was rein, was lieblich ist, das ist Jesus! Jesus
-von Anfang bis zum Ende, Jesus mein Alles, mein Leben, meine Seligkeit!
-Kasteiet das Fleisch und seid fest im Gebet, sagt Jesus! Geh in Jesu
-Namen und sündige hinfort nicht mehr!
-
-Er war empört, aber auch vernichtet. Er konnte es nicht ändern, dass er
-vernichtet war, und in der Schule hatte er noch nicht soviel gesunde
-Vernunft gelernt, um sie gegen die jesuitische Sophistik anzuwenden. Den
-Satz, dass die Träume Gedanken sind, musste er allerdings, mit der
-Psychologie, die er gelernt, dahin modifizieren, dass sie Phantasien
-sind; aber Gott sieht nicht auf Worte! Seine Logik sagte ihm, es liege
-etwas Naturwidriges in dieser frühen Brunst. Mit sechzehn Jahren konnte
-er sich nicht verheiraten, da er keine Frau versorgen konnte. Aber den
-nächsten Gedanken, warum er keine Frau versorgen könne, obwohl er
-mannbar war, konnte er nicht zu Ende denken; wenn er es auch wollte, so
-hätte er doch vor dem Gesellschaftsgesetz, das von der Oberklasse
-gemacht war und von Bajonetten beschützt wurde, Halt machen müssen. Also
-war die Natur auf irgend eine Art verletzt worden, da die Mannbarkeit
-früher eintrat als die Fähigkeit, Brot zu schaffen. Das war Entartung!
-Seine Phantasie war entartet, und er wollte sie reinigen durch
-Entsagungen, Gebet, Kampf.
-
-Als er nach Hause kam, sass der Vater mit den Geschwistern bei Tisch.
-Theodor schämte sich vor ihnen, als sei er unrein. Der Vater fragte wie
-gewöhnlich, wann sie konfirmiert würden. Das wusste Theodor nicht. Er
-ass nichts und schätzte Unwohlsein vor; die Wahrheit aber war, dass er
-abends nicht zu essen wagte. Er ging auf seine Kammer und setzte sich
-hin, um eine Schrift von Schartau zu lesen, die er vom Geistlichen
-erhalten hatte. Sie handelte von der Eitelkeit der Vernunft. Hier,
-gerade an dem letzten Punkt, wo er aus dem Unklaren herauszukommen
-glaubte, da erlosch das Licht. Die Vernunft, die ihm zuweilen die
-schwache Hoffnung gab, sich aus den dunkeln Bergen herausfinden zu
-können, auch die war Sünde; mehr Sünde als alles andere, denn sie erhob
-sich gegen Gott, wollte begreifen, was man nicht begreifen sollte! Warum
-man „es“ nicht begreifen sollte, stand nicht da; aber es war wohl darum:
-sobald man „es“ begriffen, war der Betrug entdeckt.
-
-Er empörte sich nicht länger, sondern ergab sich! Ehe er zu Bett ging,
-las er zwei Morgenstimmen aus Arndt, das ganze Sündenbekenntnis, das
-Vaterunser und „Der Herr segne uns“. Er war sehr hungrig, das empfand er
-aber mit einer gewissen Schadenfreude, als leide sein Feind etwas Böses.
-
-So schlief er ein. In der Nacht erwachte er. Er hatte geträumt, er sei
-ausgewesen, habe für zwei Reichstaler zu Abend gegessen und Champagner
-getrunken und schliesslich sei er mit einem Mädchen in ein besonderes
-Zimmer gegangen. So stand der ganze furchtbare Abend wieder vor ihm!
-
-Er sprang aus dem Bett, warf Laken und Unterbett auf den Boden, legte
-sich auf die blosse Rosshaarmatratze und deckte sich nur mit einer
-dünnen Decke zu. Er fror und war hungrig, aber der Teufel musste getötet
-werden. Er betete noch ein Mal das Vaterunser, indem er auf eigene Hand
-einige Zusätze machte. Das Gehirn wird nach und nach umnebelt, die
-strengen Züge in seinem Gesicht lassen nach, der Mund lächelt:
-liebliche, heitere Gestalten, leichtes Gemurmel, ersticktes Lachen,
-Takte aus einem Walzer, funkelnde Gläser und offne, lebenslustige
-Gesichter mit freien Blicken, die seinen begegnen; da öffnet sich eine
-Türgardine: zwischen rotseidenen Vorhängen blickt ein Köpfchen, der Mund
-lächelt und die Augen leben, bloss ist der Hals bis zu den Steigungen
-der Brüste, die Schultern rund wie von einer weichen Hand modelliert;
-die Kleider fallen ab vor seinen Blicken und er hat das Weib in seinen
-Armen.
-
-Als er erwachte, schlug die Uhr drei. Er war wiederum besiegt. Jetzt
-riss er auch noch die Matratze aus dem Bett. Auf die Steine vorm
-Kachelofen fiel er auf die Knie und betete mit eigenen Worten ein
-brennendes Gebet zu Gott um Rettung; denn jetzt fühlte er, dass er mit
-dem Teufel selber im Kampf lag. Er legte sich dann auf den blossen
-Bettboden und empfand mit einem eigenartigen Genuss, wie die Gurte in
-Arme und Schienbeine schnitten.
-
-Am Morgen erwachte er in vollem Fieber.
-
- * * * * *
-
-Sechs Wochen lag er zu Bett. Als er endlich wieder aufstand, war er
-gesunder als er je gewesen. Die Ruhe, die ausgewählte Kost, die Medizin
-hatten seine Kräfte gesteigert, und daher wurde der Kampf nun doppelt so
-stark. Aber er kämpfte.
-
-Im Frühling wurde er konfirmiert. Der erschütternde Auftritt, in dem die
-Oberklasse der Unterklasse auf Christi Leib und Blut den Eid abnimmt,
-dass die letzte sich nie mit dem befasse, was die erste tut, blieb lange
-in ihm haften. Dass des Weinhändlers Högstedts Piccardon à 65 Öre die
-Kanne und des Bäckers Lettströms Maisoblaten à 1 Krone das Pfund vom
-Geistlichen fälschlich für das Fleisch und Blut des vor 1800 Jahren
-hingerichteten Volksaufwieglers Jesus von Nazareth ausgegeben wurden,
-darüber dachte er nicht nach, denn man dachte damals nicht nach, sondern
-man bekam „Stimmungen“.
-
-Ein Jahr später machte er sein Abiturientenexamen. Die Studentenmütze
-war ihm eine grosse Freude; ohne sich dessen bewusst zu werden, fühlte
-er, dass er als Oberklasse einen Freibrief erhalten habe. Etwas bildeten
-sich er und seine Kameraden auch auf ihr Wissen ein, und die Lehrer
-hatten sie darin für „reif“ erklärt. Wenn alle diese hochmütigen
-Jünglinge wenigstens den Unsinn gekonnt hätten, mit dem sie prahlten!
-Hätte man sie auf dem Studentenschmaus gehört, wie sie beteuerten, sie
-könnten nicht fünf Prozent von jedem Lehrbuch, in dem sie das Zeugnis
-erhalten; wie sie versicherten, es sei ein Wunder, dass sie die Prüfung
-bestanden: ein Uneingeweihter hätte es ihnen kaum geglaubt. Auf
-demselben Studentenkommers hörte man einige der jüngeren Lehrer jetzt,
-da der Zunftunterschied aufgehoben und keine Verstellung mehr nötig war,
-offen mit halbberauschten Gebärden darauf schwören, im ganzen Kollegium
-sei kein Lehrer, der im Examen nicht durchfallen würde. Ein Nüchterner
-musste glauben, das Studentenexamen sei eine Schnur, die man nach
-Belieben zwischen Oberklasse und Unterklasse spannen könne; dann kam ihm
-das Wunder wie ein grosser Betrug vor.
-
-Ja, es war ein Lehrer, der bei der Bowle behauptete, man müsste ein
-Idiot sein, um sich einzubilden, ein Gehirn könne gleichzeitig
-auffassen: die dreitausend Jahreszahlen, welche die Geschichte enthält;
-die Namen der fünftausend Städte, die es auf der Erde gibt, die Namen
-von sechshundert Pflanzen und siebenhundert Tieren; die Knochen im
-menschlichen Körper, die Steine in der Erde, alle theologischen
-Lehrkämpfe, eintausend französische Vokabeln, eintausend englische,
-eintausend deutsche, eintausend lateinische, eintausend griechische,
-eine halbe Million Regeln und Ausnahmen; fünfhundert mathematische,
-physikalische, geometrische, chemische Formeln. Er wolle nachweisen, das
-Gehirn müsse, um das zu können, so gross sein wie die Kuppel der
-Sternwarte von Uppsala. Humboldt habe schliesslich nicht mehr das
-Einmaleins gekonnt, und der Professor der Astronomie in Lund habe zwei
-sechsstellige ganze Zahlen nicht dividieren können. Die neuen Studenten
-glaubten sechs Sprachen zu können, und doch könnten sie nicht mehr als
-fünftausend Worte höchstens von den zwanzigtausend, die ihre eigene
-Sprache enthalte. Und er habe ja gesehen, wie sie mogelten. Oh, er kenne
-alle Kniffe! Er habe gesehen, wie sie Jahreszahlen auf die Nägel
-geschrieben, wie sie die Bücher unter dem Tisch gehabt, und wie sich
-zugeflüstert! Aber, schloss er, was soll man machen? Wenn man nicht ein
-Auge zudrückt, bekommt man überhaupt keine Studenten mehr.
-
-Während des Sommers blieb Theodor zu Hause im Garten. Er dachte viel an
-seine Zukunft; was er werden solle. In die grosse Jesuitenkongregation,
-die unter dem Namen der Oberklasse die Gesellschaft gestiftet, deren
-Geheimnisse er nicht durchschauen konnte, hatte er soviel Einblick
-gewonnen, dass er mit dem Leben unzufrieden war und Geistlicher werden
-wollte, um sich vor der Verzweiflung zu retten. Aber die Welt lockte
-ihn. Sie lag so hell und klar vor ihm, und sein starkes gärendes Blut
-rief nach Leben. Er rieb sich auf in seinem Kampf, und die
-Beschäftigungslosigkeit quälte ihn noch mehr.
-
-Theodors zunehmende Düsterkeit und abnehmende Gesundheit begannen den
-Vater zu beunruhigen. Der sah wohl ein, wie es um ihn stand, konnte es
-aber nicht über sich gewinnen, mit dem Sohn in einer so delikaten Sache
-zu sprechen.
-
-An einem Sonntagnachmittag hatte der Professor seinen Bruder, den
-Pionieroffizier, bei sich. Sie sassen im Garten und tranken Kaffee.
-
-– Hast du gesehen, wie verändert Theodor ist? fragte der Professor.
-
-– Ja, seine Zeit ist gekommen, antwortete der Hauptmann; ich glaube, sie
-ist es längst.
-
-– Willst du nicht mit ihm sprechen; ich kann es nicht.
-
-– Wenn ich Junggeselle wäre, würde ich die Rolle des Oheims spielen,
-sagte der Hauptmann; aber ich werde Gustav zu ihm schicken! Der Junge
-muss Mädchen haben, sonst verkommt er. Starke Rasse, diese
-Wennerströmsche. Was?
-
-– Ja, sagte der Vater, ich war mit fünfzehn Jahren soweit; aber ich
-hatte einen Kameraden, der nicht konfirmiert wurde, weil er mit dreizehn
-Jahren einer Konfirmandin ein Kind gemacht hatte.
-
-– Sieh Gustav an: das ist ein Kerl! Der Teufel soll mich holen, wenn er
-nicht so breit über die Lenden ist und solche Schenkel hat wie ein alter
-Hauptmann! Er macht sich!
-
-– Ja, ich weiss wohl, was es kostet, aber das ist immer noch besser, als
-sich anstecken, sagte der Vater. Willst du Gustav bitten, Theodor
-mitzunehmen, um ihn etwas aufzurütteln.
-
-– Ja, das will ich tun, sagte der Hauptmann.
-
-Und damit war die Sache klar.
-
- * * * * *
-
-Eines Abends im Juli, als es am allerwärmsten war und alles im höchsten
-Flor stand; während der Schwangerschaft der Natur, als alles, das im
-Frühling befruchtet war, Frucht werden wollte, sass Herr Theodor auf
-seiner Kammer und wartete. Er hatte an die Wand ein „Komm zu Jesus“
-angeschlagen, das „Lass uns nicht disputieren“ bedeuten sollte, dem
-Bruder Leutnant gegenüber, der dann und wann aus der Kaserne für einen
-Augenblick nach Hause kam. Gustav war ein heiteres Gemüt, das sich immer
-„machte“, wie der Onkel sagte; er dachte nicht daran, an den Lauf der
-Welt Grübeleien zu verschwenden. Für heute abend hatte er Theodor
-versprochen, ihn um sieben Uhr abzuholen; sie wollten dann besprechen,
-wie des Vaters Geburtstag zu feiern sei. Theodors geheimer Plan war, den
-Bruder zu überrumpeln, um ihn auf bessere Gedanken zu bringen. Aber
-Gustavs geheimer Plan war, Theodor zur Vernunft zu bringen.
-
-Punkt sieben hielt eine Droschke (Herr Leutnant kam immer in einer
-Droschke) vorm Hause, und gleich darauf hörte Theodor auf der Treppe
-Sporen klirren und einen Säbel rasseln.
-
-– Guten Tag, alter Maulwurf, grüsste der ältere Bruder.
-
-Es war eine junge kräftige Gestalt. Man sah die prächtigsten Waden unter
-den blanken Schäften seiner Stiefel; und unter dem langen Schoss des
-Überrocks zeichneten sich die Lenden eines Percheronpferdes ab. Das
-goldene Kartuschenbandelier machte die Brust breiter und das Säbelkoppel
-hing an einem Paar Hüften, auf denen man sitzen konnte!
-
-Er warf einen Blick auf „Komm zu Jesus“, grinste, sagte aber nichts
-darüber.
-
-– Komm, Theodor, wir fahren nach Bellevue zum Gärtner und bestellen
-alles für den Geburtstag des Alten. Zieh dich an und komm, alter Baruch.
-
-Theodor wollte Einwendungen machen, aber der Bruder nahm ihn unterm Arm,
-setzte ihm die Mütze verkehrt auf den Kopf, steckte ihm eine Zigarre in
-den Mund und öffnete die Tür. Theodor fühlte sich lächerlich und aus
-seiner Rolle gerissen, ging aber mit.
-
-– Jetzt fährst du nach Bellevue, sagte der Leutnant zum Kutscher, aber
-fahr so, dass deine Vollblut wie Riemen auf den Strassensteinen liegen.
-
-Theodor musste über die Sicherheit des Bruders lachen. Niemals wäre es
-ihm in den Sinn gekommen, einen Kutscher, einen ältern verheirateten
-Mann, du zu nennen.
-
-Auf dem Wege plauderte und schwatzte der Leutnant von allem Möglichen,
-und alle Mädchen, die er traf, sah er an.
-
-Sie kamen an einem heimkehrenden Leichenzug vorbei.
-
-– Hast du gesehen, sagte Gustav, was für ein verflucht hübsches Mädchen
-im letzten Wagen sass.
-
-Nein, Theodor hatte es nicht gesehen und wollte es nicht sehen.
-
-Und dann begegneten sie einem Omnibus, in dem lauter Kellnerinnen
-sassen. Da stand der Leutnant in der Droschke auf und warf ihnen
-Kusshände zu, mitten auf der Strasse. Er war zu verrückt.
-
-Sie richteten ihre Sache in Bellevue aus. Auf dem Heimweg bog der
-Kutscher ohne weitere Ordre nach der Gastwirtschaft „Stallmeisterhof“
-ab.
-
-– Wir wollen etwas essen, sagte Gustav und stiess den Bruder aus der
-Droschke.
-
-Theodor war wie betört. Ein Gelübde der Nüchternheit hatte er nie
-abgelegt und er sah nichts Sündhaftes darin, in ein Wirtshaus zu gehen,
-wenn er es auch nicht von selber tat. Er folgte, allerdings mit dem Atem
-im Halse.
-
-Im Flur wurde der Leutnant von zwei Mädchen empfangen, die im nächsten
-Augenblick an seiner Brust lagen.
-
-– Guten Tag, meine Tauben, begrüsste er sie und küsste beide auf den
-Mund. Hier habt ihr meinen gelehrten Bruder, er ist noch jungfräulich;
-das bin ich aber nicht mehr, was, Jossa?
-
-Die Mädchen sahen schüchtern Theodor an, der nicht wusste, wohin er sich
-wenden solle, so beispiellos frech, beinahe naiv kam ihm die Sprache des
-Bruders vor.
-
-Als sie eine Treppe hinaufgingen, trafen sie ein kleines schwarzes
-Mädchen mit verweinten Augen, das manierlich aussah und einen guten
-Eindruck auf Theodor machte.
-
-Der Leutnant küsste sie nicht, zog aber sein Taschentuch und trocknete
-ihr die Augen. Dann befahl er einen kolossalen Schmaus.
-
-Es war ein heller, heiterer Raum, mit Spiegeln und Klavier, zu
-Bacchanalen eigens eingerichtet. Der Leutnant öffnete den Deckel des
-Klaviers mit dem Säbel, und ehe Theodor sichs versah, sass er auf dem
-Stuhl und hatte die Hände auf der Klaviatur.
-
-– Jetzt spielst du einen Walzer, sagte der Bruder.
-
-Und siehe, Herr Theodor spielte einen Walzer. Und der Leutnant schnallte
-den Säbel ab und tanzte mit seiner Jossa einen furchtbaren Walzer, dass
-die Sporenräder in Stuhlbeine und Tischfüsse hieben. Dann warf er sich
-auf ein Sofa und schrie:
-
-– Kommt her, Sklavinnen, und fächelt mir Kühlung zu.
-
-Theodor ging in Mollakkorde über und war bald in Gounods Faust. Er wagte
-sich nicht umzudrehen.
-
-– Geht und gebt ihm einen Kuss, flüsterte der Bruder.
-
-Das getraute sich aber keins von den Mädchen. Nein, sie hatten beinahe
-Furcht vor ihm und seiner düstern Musik.
-
-Aber die Kühnste trat ans Klavier heran, um etwas zu sagen:
-
-– Ist das nicht Freischütz?
-
-– Nein, antwortete Theodor höflich, das ist Faust!
-
-– Er sieht so ordentlich aus, dein Bruder, sagte die kleine schwarze,
-die Rieke hiess. Der ist anders als du, du alter Schlingel!
-
-– Er will ja auch Geistlicher werden, flüsterte der Leutnant.
-
-Das machte einen tiefen Eindruck auf die Mädchen, und sie küssten den
-Leutnant nur noch heimlich, und nach Theodor sahen sie so verlegen und
-so scheu wie Hühner nach einem Kettenhund.
-
-Das Abendessen wurde aufgetragen. So viel Speisen! Es waren achtzehn
-Schüsseln, dazu die warmen Gerichte.
-
-Gustav goss die Schnäpse ein.
-
-– Prosit, alter Pfaffe, sagte er.
-
-Theodor musste den Branntwein kosten. Der wärmte so gut, und es fiel ein
-dünner warmer Schleier über seine Augen, und die Esslust raste wie ein
-wildes Tier in seinen Eingeweiden. Der frische Lachs mit seinem halb
-angegangenen Geschmack und der Dill mit seinem betäubenden narkotischen;
-die Radieschen kratzten die Kehle und verlangten Bier; die kleinen
-Beefsteaks mit süsser portugiesischer Zwiebel rochen wie ein tanzendes
-Mädchen; der geschmorte Hummer duftete nach dem Meer; die ersten
-Pressgurken mit dem Geschmack des giftigen Grünspans knirschten so schön
-zwischen den Zähnen; und das Küken, das mit Petersilie ausgestopft war,
-erinnerte an den Gärtner. Der Porter rann wie warme Lavaströme durch
-seine Adern; aber auf die Erdbeeren da knallte der Champagner, und das
-Mädchen kam mit dem brausenden Getränk, das wie eine Quelle rann. Auch
-das Mädchen musste sich ein Glas nehmen. Und dann sprachen sie von allem
-Möglichen.
-
-Theodor sass da wie ein Baum, der in neuem Saft steht; das Essen gärte
-so in seinem Körper, dass er sich wie ein Vulkan fühlte. Neue Gedanken,
-neue Gefühle, neue Ansichten, neue Gesichtspunkte flatterten wie
-Schmetterlinge um seine Stirn. Er setzte sich ans Klavier; aber was er
-spielte, wusste er nicht. Die Tangenten waren unter seinen Fingern ein
-Haufen harter Knochenstücke, aus denen sein Geist Leben pressen wollte:
-er ordnete, sammelte sie, um sie dann zu zerbrechen, aufzulösen.
-
-Er wusste nicht, wie lange er spielte, als er aber aufhörte und sich
-umdrehte, kam der Bruder ins Zimmer. Er sah glücklich aus wie ein
-höheres Wesen, und sein Gesicht strahlte von Leben und Kraft. Und dann
-kam Rieke mit einer Bowle, und gleich danach kamen alle Mädchen herauf.
-Und der Leutnant brachte Gesundheiten auf sie aus, auf die eine nach der
-andern. Und Theodor fand, es sei alles so, wie es sein sollte, und er
-wurde schliesslich so kühn, dass er Rieke auf die Schulter küsste. Sie
-entzog sich ihm aber und sah gekränkt aus, und dann schämte sich
-Theodor.
-
-Als die Uhr eins war, mussten sie gehen.
-
-Als Theodor auf seine Kammer in die Einsamkeit kam, war er ganz auf den
-Kopf gestellt. Er riss „Komm zu Jesus“ herunter, nicht weil er an Jesus
-nicht mehr glaubte, sondern weil er es für eine Prahlerei hielt. Er war
-erstaunt, dass seine Religion so lose sass, wie ein Festtagsrock, und er
-fragte sich, ob es nicht unpassend sei, die ganze Woche in
-Sonntagskleidern zu gehen. Er fand in sich einen einfachen
-Alltagsmenschen, den er gut leiden mochte, und er glaubte mehr in
-Frieden mit sich selber zu sein, wenn er sich so einfach, anspruchslos,
-ungeschraubt gab.
-
-Nachts schlief er einen schweren, guten Schlaf ohne Träume.
-
-Als er am nächsten Morgen aufstand, waren seine blassen Wangen etwas
-voller und er fühlte eine frohe Lebenslust. Er ging spazieren, und wie
-er so ging, kam er zur Stadt hinaus. Wenn ich nach der Gastwirtschaft
-ginge, dachte er, und nachsähe, wie es den Mädchen geht.
-
-Er trat in den grossen Saal; dort sassen Rieke und Jossa allein im
-Morgenrock und putzten Stachelbeeren. Und ehe er es sich versah, sass er
-an ihrem Tisch, nahm eine Schere und putzte ebenfalls Stachelbeeren. Und
-sie plauderten über den gestrigen Abend und über den Bruder und freuten
-sich, dass es so lustig hergegangen. Man sprach nicht ein unanständiges
-Wort. Theodor fand, es sei wie in einer Familie, und das konnte nicht
-sündhaft sein.
-
-Später trank er Kaffee und lud die Mädchen dazu ein. Und dann kam die
-Wirtin und las ihnen aus der Zeitung vor: es war ganz, als sei er bei
-sich zu Hause gewesen.
-
-So kam er wieder. An einem Nachmittag ging er eine Treppe hoch zu Rieke.
-Sie sass oben und nähte an einem Hohlsaum. Theodor fragte, ob er sie
-belästige. Nein, keineswegs, im Gegenteil, antwortete sie. Und sie
-sprachen über den Bruder. Er war im Manöver und sollte erst in zwei
-Monaten zurückkommen. Schliesslich tranken sie Punsch und duzten
-einander.
-
-Ein anderes Mal traf Theodor sie im Hagapark. Sie pflückte Blumen. Und
-beide setzten sich ins Gras. Sie hatte ein leichtes Sommerkleid an, das
-war so dünn, dass er sah, wie die Spitzen ihrer Brüste zwei helle
-Erhebungen bildeten, mit einer dunklen Senkung dazwischen. Er fasste sie
-um den Leib und küsste sie. Sie küsste ihn wieder, und es wurde ihm
-schwarz vor den Augen. Da zog er sie an sich, als wolle er sie
-ersticken; sie aber riss sich los und sagte recht ernst, er müsse artig
-sein, sonst könnten sie sich nie wieder treffen.
-
-Zwei Monate trafen sie sich. Theodor war in sie verliebt. Er hielt
-lange, ernste Gespräche über die höchsten Aufgaben des Lebens, über die
-Liebe, über die Religion, über alles, und dazwischen machte er seine
-Angriffe auf ihre Tugend, wurde aber immer mit seinen eigenen Worten
-zurückgeschlagen. Dann schämte er sich furchtbar, dass er von einem
-unschuldigen Mädchen so niedrig denken könne. Seine Leidenschaft ging
-schliesslich in hohe Bewunderung über für dieses arme Mädchen, das sich
-mitten in den Versuchungen rein erhalten konnte. Er hatte sich den
-Geistlichen aus dem Sinn geschlagen, wollte den Doktor machen und – wer
-weiss – sich vielleicht mit Rieke verheiraten. Er las ihr jetzt Poesie
-vor, während sie nähte. Küssen durfte er sie, soviel er wollte, sie an
-sich drücken, zudringlich sein; mehr aber erlaubte sie nicht.
-
-Schliesslich kam der Bruder nach Haus. Sofort gab er ein Festessen im
-„Stallmeisterhof“, und Theodor wurde dazu eingeladen. Aber er musste
-ihnen vorspielen, unaufhörlich spielen. Er war mitten in einem Walzer,
-nach dem niemand tanzte, als er sich umsah: er war allein. Da stand er
-auf und ging in den Flur. Kam in eine lange Reihe von kleinen Zimmern,
-schliesslich in ein Schlafzimmer. Da hatte er einen Anblick, dass er
-sofort hinausstürzte, seinen Hut nahm und in die Nacht verschwand.
-
-Erst gegen Morgen befand er sich wieder zu Hause auf seiner Kammer,
-allein, vernichtet, jedes Glaubens beraubt, ans Leben, an die Liebe und
-ans _Weib_ natürlich, denn es gab für ihn nur ein Weib in der Welt, und
-das war Rieke vom Stallmeisterhof.
-
-Als der fünfzehnte September kam, fuhr er nach Uppsala, um Theologie zu
-studieren.
-
- * * * * *
-
-Die Jahre vergingen. Sein guter Verstand erlosch so allmählich unter all
-den Dummheiten, die er jetzt täglich und stündlich seinem Gehirn
-eintrichtern musste. Wenn aber die Nacht kam und der Widerstand
-aufhörte, brach die Natur los und nahm mit Gewalt, was der
-aufrührerische Mensch ihr streitig machen wollte. Er wurde kränklich.
-Sein Gesicht fiel so ein, dass man alle hervortretenden Knochen des
-Schädels sehen konnte; die Haut wurde gelbweiss wie die einer in
-Spiritus gelegten Leibesfrucht und sah immer feucht aus; und zwischen
-den dünnen Bartsträhnen traten Finnen auf. Das Auge war erloschen; die
-Hände so mager geworden, dass alle Gelenke durch die Haut guckten. Er
-sah aus wie das Bild zu einer Tendenzarbeit über die menschlichen
-Laster, und doch war er rein.
-
-Eines Tages bat ihn der Professor der Moraltheologie, der ein
-verheirateter, aber strenger Mann war, um ein Gespräch unter vier Augen.
-Der Professor fragte so diskret wie möglich, ob er etwas auf dem Herzen
-habe; dann solle er sich erleichtern. Nein, er habe keine Sünde zu
-gestehen, aber er sei unglücklich. Der Professor ermahnte ihn, zu wachen
-und zu beten und stark zu sein.
-
-Vom Bruder hatte er einen langen Brief erhalten, in dem dieser ihn bat,
-jene bewusste Bagatelle nicht so ernst zu nehmen. Es sei dumm, ein
-Mädchen ernst zu nehmen! Bezahlen und gehen, sei seine Philosophie, und
-mit der stehe er sich gut. Spielen, solange man jung sei; der Ernst
-komme immer noch früh genug. Die Ehe sei eine bürgerliche Einrichtung,
-um die Kinder aufzuziehen, weiter nichts. Wenn wir älter geworden,
-sollten wir uns verheiraten ...
-
-Hierauf antwortete Theodor in einem langen, von wahrem christlichen
-Geist durchdrungenen Brief, der unbeantwortet blieb.
-
- * * * * *
-
-Nachdem Theodor im Frühling das erste Examen gemacht hatte, musste er im
-Sommer nach Sköfde fahren, um eine Kaltwasserkur durchzumachen. Im
-Herbst kehrte er nach Uppsala zurück. Aber die neuen Kräfte, die er
-erworben hatte, waren natürlich nur neues Material fürs Feuer.
-
-Es wurde immer schlimmer und schlimmer mit ihm. Sein Haar war jetzt so
-dünn, dass die Haut durchschien. Seine Schritte waren schleppend, und
-wenn Kameraden ihn auf der Strasse sahen, schauderte ihnen wie vor einem
-lasterhaften Menschen. Er begann es selbst zu merken und wurde scheu.
-Ging nur abends aus. Wagte nachts nicht im Bett zu schlafen. Das Eisen,
-das er im Übermass eingenommen, hatte seine Verdauung verdorben. Im
-nächsten Sommer wurde er nach Karlsbad geschickt.
-
-Im folgenden Herbst durchlief ein Gerücht die Universitätsstadt, ein
-garstiges Gerücht, das wie eine dunkle Wolke über den Horizont zog. Es
-war, als habe man vergessen, eine Kloakenklappe zu schliessen, und ein
-furchtbarer Gestank erinnerte plötzlich daran, dass die Stadt, die
-herrliche Schöpfung der Kultur, auf einem Untergrund von Fäulnis ruhte,
-der jeden Augenblick die Röhren sprengen und die ganze Gesellschaft
-vergiften konnte. Man flüsterte, Theodor Wennerström habe in einem
-Wutanfall einen Kameraden in seiner Wohnung überfallen und ihm
-schändliche Anträge gemacht. Dieses Mal hatte das Gerücht die Wahrheit
-geflüstert.
-
-Der Vater kam nach Uppsala und beriet sich mit dem Dekan der
-theologischen Fakultät. Der Professor der Pathologie wurde zugezogen.
-Was war zu machen? Der Arzt schwieg. Schliesslich wurde er gefragt.
-
-– Da ich gefragt werde, muss ich wohl antworten, sagte er; aber, meine
-Herren, Sie wissen doch ebenso gut wie ich, dass es nur ein Mittel gibt.
-
-– Und das ist? fragte der Theologe.
-
-– Müssen Sie wirklich noch fragen, wodurch die Natur geheilt wird,
-antwortete der Arzt.
-
-– Ja, das muss man wirklich, sagte der Theologe, der verheiratet war;
-denn es ist nicht Natur, dass der Mensch unzüchtig sein soll.
-
-Der Vater sagte, er wisse wohl, dass nur der Verkehr mit einer Frau
-helfen könne, aber er wolle seinem Sohn nicht solchen Rat geben, denn er
-könne sich dabei eine Krankheit holen.
-
-– Dann ist er ein Esel, wenn er sich nicht in acht nehmen kann,
-antwortete der Arzt.
-
-Der Dekan ersuchte, ein so aufregendes Gespräch an einem Ort zu führen,
-der besser dazu geeignet sei. Hinzuzufügen habe er nichts.
-
-Und dabei blieb es.
-
-Da Theodor Oberklasse war, wurde die Sache totgeschwiegen. Nach einigen
-Jahren machte er das zweite theologische Examen und wurde nach Spaa
-geschickt. Das Chinin, das er eingenommen, hatte sich in die Knie
-gesetzt, und er musste zwischen zwei Stöcken gehen. In Spaa erschreckte
-er sogar Kranke mit seinem furchtbaren Aussehen.
-
-Aber eine fünfunddreissigjährige unverheiratete Deutsche schien Mitleid
-mit dem Unglücklichen gefasst zu haben. Sie sass bei ihm in einer
-einsamen Laube im Brunnenpark und sprach über die höchsten Fragen des
-Lebens. Sie gehörte zu einer grossen evangelischen Vereinigung, welche
-die Sitten verbessern wollte. Sie hatte Prospekte zu Zeitungen und
-Zeitschriften, welche die Unsittlichkeit zwischen Unverheirateten
-abschaffen, besonders die Prostitution aufheben wollten.
-
-– Sehen Sie mich an, sagte sie, ich bin fünfunddreissig Jahre alt und
-bei voller Gesundheit! Was sprechen die Toren davon, dass die
-Unsittlichkeit ein notwendiges Übel ist. Ich habe gewacht und gebetet,
-und ich habe einen guten Kampf gekämpft des Herrn Jesu Christi wegen.
-
-Der junge Geistliche sah sie an, ihren vollen Busen und ihre hohen
-Hüften, und dann sah er sich selber an und dachte:
-
-– Wie verschieden es doch mit Menschen und Menschen in dieser Welt
-bestellt ist!
-
-Im Herbst waren Prediger Theodor Wennerström und die tugendsame Jungfrau
-Sophia Leidschütz verlobt.
-
-– Gerettet, seufzte der Vater, als er die Nachricht in seinem Haus zu
-Stockholm empfing.
-
-– Wollen sehen, wie es geht, dachte der Bruder in seiner Kaserne. Wenn
-mein lieber Theodor nur nicht einer „jener Asra ist, die sterben, wenn
-sie lieben“.
-
-Theodor Wennerström verheiratete sich. Neun Monate später brachte seine
-Frau einen rachitischen Sohn zur Welt. Dreizehn Monate darauf war
-Theodor Wennerström tot.
-
-Der Arzt, der den Totenschein ausstellte, schüttelte den Kopf, als er
-die üppige hochgewachsene Frau weinend an dem kleinen Sarg stehen sah,
-in dem das Skelett des zwanzigjährigen jungen Mannes ruhte.
-
-– Das Plus war zu gross und das Minus zu klein, dachte er; darum ass das
-Plus das Minus auf.
-
-Aber der Vater, der die Todesnachricht an einem Sonntag empfing, setzte
-sich hin, um eine Predigt zu lesen. Als er die beendet, dachte er:
-
-– Die Welt muss sehr verkehrt sein, wenn die Tugendhaften solch einen
-Lohn erhalten.
-
-Und die tugendsame Witwe, geborene Leidschütz, verheiratete sich noch
-zwei Male und bekam acht Kinder; schrieb Aufsätze über Überbevölkerung
-und Unsittlichkeit. Aber der Schwager sagte, sie sei eine verfluchte
-Frau, die ihren Männern das Leben nehme.
-
-Aber der nicht tugendhafte Leutnant verheiratete sich und bekam sechs
-Kinder, wurde Major und war glücklich bis ans Ende seiner Tage.
-
-
-
-
- Liebe und Brot
-
-
-Der Assistent hatte nicht daran gedacht, nach dem Stand der
-Getreidepreise zu sehen, als er zum Major hinausfuhr, um zu freien; aber
-der Major hatte nachgesehen.
-
-– Ich liebe sie, sagte der Assistent.
-
-– Wieviel verdienst du? fragte der Alte.
-
-– Zwölfhundert Kronen allerdings nur, aber wir lieben einander ...
-
-– Das geht mich nichts an; zwölfhundert ist zu wenig.
-
-– Und dann habe ich noch eine besondere Einnahme, und Luise kennt mein
-Herz ...
-
-– Schwatz keinen Unsinn! Wie gross ist die besondere Einnahme?
-
-– Wir haben uns zum ersten Mal getroffen auf ...
-
-– Wie gross ist die besondere Einnahme?
-
-Und er setzte den Bleistift an.
-
-– Und meine Gefühle ...
-
-– Wie gross ist die besondere Einnahme?
-
-Und er zeichnete Krähenfüsse auf dem Löschpapier.
-
-– Oh, es wird schon werden, wenn man nur ...
-
-– Willst du mir antworten oder willst du nicht? Wie gross ist deine
-besondere Einnahme? Zahlen! Zahlen! Tatsachen!
-
-– Ich habe Übersetzungen für zehn Kronen den Bogen, ich habe Schüler im
-Französischen, ich habe Zusagen für Korrekturlesen ...
-
-– Zusagen sind keine Tatsachen! Zahlen, Junge, Zahlen! So, jetzt
-schreibe ich. Was hast du für eine Übersetzung?
-
-– Was ich für eine Übersetzung habe? Das kann ich nicht so vom Fleck weg
-sagen.
-
-– Das kannst du nicht so vom Fleck weg sagen? Du hast doch eine
-Übersetzung, sagst du: kannst du nicht sagen, was das für eine ist? Was
-ist das für ein Geschwätz?
-
-– Ich habe Guizot, Geschichte der Kultur, fünfundzwanzig Bogen.
-
-– Zu je zehn Kronen, gleich 250 Kronen. Und dann?
-
-– Dann? Das weiss man doch nicht vorher!
-
-– Ei ei, weiss man das nicht vorher? Aber das gerade soll man vorher
-wissen! Du glaubst, Heiraten ist nur Zusammenziehen und Spielen! Nein,
-mein Junge, in neun Monaten kommt ein Kind, und Kinder müssen Essen und
-Kleider haben!
-
-– Es muss doch nicht sofort ein Kind kommen, wenn man einander liebt,
-_wie wir_ uns lieben.
-
-– Wie zum Teufel liebt ihr euch denn?
-
-– _Wie wir_ uns lieben!
-
-Er legte die Hand auf den Aufschlag seiner Weste.
-
-– Kommt kein Kind, wenn man einander liebt wie ihr! Bist du verrückt?
-Doch du sollst ein ordentlicher Mensch sein, und darum darfst du dich
-verloben; aber benutze deine Verlobungszeit, um dir Brot zu schaffen,
-denn es nahen schwere Zeiten: das Getreide steigt!
-
-Der Assistent wurde ganz rot im Gesicht, als er die Schlussworte hörte,
-aber die Freude, sie zu bekommen, war so gross, dass er dem Alten die
-Hand küsste. Und Gott im Himmel, wie glücklich war er! Als sie zum
-ersten Male Arm in Arm die Strasse hinunterzogen, ging ein Leuchten von
-ihnen aus; und es war ihnen, als blieben die Menschen auf dem Trottoir
-stehen und bildeten Reihen, um ihnen auf ihrem Triumphzug das
-Ehrengeleit zu geben; und sie gingen dahin mit stolzen Blicken,
-hocherhobenen Kopfes und federnden Schrittes.
-
-Und abends kam er zu ihr; und sie setzten sich mitten in den Saal und
-lasen Korrektur; sie las die Gegenkorrektur. Und der Alte dachte, das
-ist ein tüchtiger Kerl. Und als sie fertig waren, sagte er: Jetzt haben
-wir drei Kronen verdient! Und dann küssten sie sich. Und am nächsten
-Abend waren sie im Theater und fuhren nach Haus und das kostete zwölf
-Kronen.
-
-Zuweilen, wenn er abends Unterricht geben sollte, liess er – was tut man
-nicht für die Liebe – die Stunde ausfallen und kam zu ihr. Und dann
-gingen sie spazieren.
-
-Aber die Hochzeit rückte näher. Da hatte man etwas anderes zu tun. Sie
-sahen sich Möbel an. Mit dem Wichtigsten mussten sie beginnen. Luise
-wollte nicht dabei sein, wenn er das Bett kaufte, aber dann ging sie
-doch mit. Sie wollten zwei Betten haben, natürlich; die sollten
-nebeneinander stehen, damit sie nicht so viele Kinder kriegten,
-natürlich. Und Nussbaum musste es sein, jedes einzige Stück, echt
-Nussbaum. Und dann wollten sie rotgestreifte Matratzen mit Sprungfedern
-haben und mit Federn gestopfte Langkissen. Und jeder seine eigene Decke,
-aber gleiche natürlich, und Luise wollte ihre blau haben, denn sie war
-blond.
-
-Dann gingen sie ins erste Warenhaus. Vor allem natürlich eine rote Ampel
-für die Schlafstube und eine Venus aus Biskuit. Und dann das
-Tischservice: sechs Dutzend Gläser von jeder Sorte mit geschliffenen
-Ecken; und dann Messer und Gabeln, gerieft und gezeichnet. Und
-schliesslich die Kücheneinrichtung. Da aber musste Mama mitgehen.
-
-Und wieviel er zu tun hatte! Wechsel akzeptieren, zu Banken laufen,
-Handwerker suchen, Wohnung finden, Gardinen anbringen. Und er kriegte
-alles fertig. Seine Arbeit musste er allerdings liegen lassen; aber wenn
-er nur erst verheiratet wäre, dann würde er sie schon wieder aufnehmen!
-
-Sie wollten nur zwei Zimmer haben, für den Anfang, sie wollten ja so
-verständig sein! Da man aber nur zwei Zimmer hatte, so konnte man sie
-wenigstens gut einrichten. Und er mietete zwei Zimmer mit Küche eine
-Treppe hoch in der Regierungsstrasse für sechshundert Kronen. Und als
-Luise bemerkte, sie hätten ebensogut drei Zimmer mit Küche vier Treppen
-hoch für fünfhundert Kronen haben können, wurde er etwas verlegen; aber
-was tut das, wenn man einander nur liebt. Ja, das meinte Luise auch,
-aber man könne sich in drei Zimmern für niedrigere Miete ebenso lieb
-haben als in vier für höhere. Ja, er sei dumm, das wisse er, aber das
-mache nichts aus, wenn man einander nur liebe.
-
-Die Zimmer waren in Ordnung. Und die Schlafstube war wie ein kleiner
-Tempel. Und die beiden Betten standen nebeneinander wie zwei Equipagen.
-Und die Sonne schien auf die blaue Decke und die weissen, weissen Laken
-und auf die kleinen Kopfkissen, die von einer unverheirateten Tante mit
-Namen bestickt waren; es waren grosse blumige Buchstaben, die sich in
-einer einzigen Umarmung umschlangen und sich hier und dort küssten, wenn
-sie einander an den Ecken trafen. Und die junge Frau hatte ihren kleinen
-Alkoven für sich, vor dem ein japanischer Schirm stand. Und im Salon,
-der Esssaal, Arbeitszimmer und Wohnstube zugleich war, stand ihr Klavier
-(das zwölfhundert Kronen gekostet), stand sein Schreibtisch mit zehn
-Fächern („Nussbaum jedes einzige Stück“), standen die Pfeilerspiegel aus
-lauter Glas, Sessel, Büfett, Esstisch. „Es sieht aus, als wohnten
-vornehme Leute in dem Zimmer“; und sie konnten nicht verstehen, was man
-mit einem Esssaal machen sollte, der mit seinen Rohrstühlen immer
-ungemütlich war.
-
-Und an einem Sonnabend war die Hochzeit! Und am Sonntagmorgen! Hei,
-welches Leben! Ist es nicht schön, verheiratet zu sein! Ist nicht die
-Ehe eine herrliche Erfindung! Man darf ja ganz tun, was man will, und
-dann kommen Eltern und Geschwister und gratulieren einem noch obendrein!
-
-Die Schlafstube ist um neun Uhr morgens noch dunkel. Er will nicht die
-Läden öffnen, um das Tageslicht hereinzulassen, sondern steckt noch ein
-Mal die rote Ampel an, und die wirft ihren zauberischen Schein über die
-blaue Decke und die weissen Laken, die etwas zerknittert sind, und die
-Biskuit-Venus steht dort rosenrot und ohne Scham. Und dort liegt das
-Frauchen, so seelisch zerknirscht, aber so ausgeschlafen, als habe sie
-die erste Nacht ihres Lebens geschlafen. Und auf der Strasse rollen
-heute keine Wagen, denn es ist Sonntag, und die Glocken läuten zum
-ersten Male, so jubelnd, so hurtig, als riefen sie die ganze Welt
-zusammen, um den, der Mann und Weib geschaffen, zu loben und zu preisen.
-Und er flüstert der kleinen Frau ins Ohr, sie möge sich abwenden, denn
-er wolle hinausgehen und das Frühstück bestellen. Und sie steckt den
-Kopf in die Kissen. Und er schlüpft in den Schlafrock und geht hinter
-den Schirm, um sich einige Kleider anzuziehen.
-
-Und dann kommt er in den Salon hinaus, und die Sonne hat eine grosse
-strahlende Bahn auf den Boden geworfen; und er weiss nicht, ob es
-Frühling, Sommer, Herbst oder Winter ist; er weiss nur, dass es Sonntag
-ist! Und er fühlt, wie seine Junggesellenzeit als etwas Garstiges und
-Dunkles entweicht, und in seiner Häuslichkeit spürt er einen Hauch vom
-alten Elternhaus und zugleich vom Heim seiner künftigen Kinder.
-
-Hei, wie stark er ist! Die Zukunft empfindet er wie einen Berg, der ihm
-entgegen kommt! Er wird ihn anblasen und der Berg wird einstürzen wie
-Sand vor seinen Füssen; er wird über Schornsteine und Dachfirste
-dahinfliegen mit seinem Frauchen im Arm.
-
-Und er liest seine Kleider zusammen, die er im Zimmer verstreut hat; und
-das weisse Halstuch findet er an einem Bilderrahmen: dort sitzt es wie
-ein weisser Schmetterling.
-
-Und dann geht er in die Küche hinaus. Wie das neue Kupfer glänzt, wie
-die neuverzinnten Kasserollen leuchten! Das gehört ihm und ihr! Und er
-weckt das Mädchen, das im Unterrock aus ihrer Kammer kommt. Und er
-wundert sich, dass er ihre nackte Brust nicht sieht: sie ist
-geschlechtslos für ihn! Denn für ihn gibt es nur noch eine Frau! Er
-fühlt sich keusch wie ein Vater vor seinem Kind. Er gibt ihr den
-Auftrag, ins Restaurant hinunter zu gehen und ein Frühstück zu
-bestellen, sofort, aber brillant soll es sein. Porter und Burgunder! Der
-Wirt weiss schon Bescheid. Grüssen Sie nur von mir.
-
-Und er geht an die Tür zum Schlafzimmer und klopft.
-
-– Darf ich hereinkommen?
-
-Ein leichter Aufschrei:
-
-– Nein, Liebster, warte ein wenig!
-
-Und dann deckt er selber. Als das Frühstück kommt, tischt er es auf
-ihren neuen Tellern auf. Und dann legt er die Servietten kunstgerecht
-zusammen. Und dann wischt er die Weingläser aus. Und dann stellt er das
-Brautbukett in ein Glas vor ihr Kuvert.
-
-Als sie schliesslich in ihrem gestickten Morgenrock aus dem Schlafzimmer
-tritt, und die Sonne sie blendet, bekommt sie einen kleinen
-Ohnmachtsanfall, nur einen kleinen: er muss sie in den Sessel vorm
-Frühstückstisch setzen. Und sie muss einen kleinen Kümmelschnaps aus
-einem Likörgläschen trinken und dann ein Kaviarbrötchen essen.
-
-– Oh, wie nett! Man kann ja machen, was man will, wenn man verheiratet
-ist! Was würde Mama sagen, wenn sie ihre Luise trinken sähe.
-
-Und er tischt ihr auf und bedient sie, ganz als wäre sie noch seine
-Braut. Welches Frühstück nach einer solchen Nacht! Und niemand hat ein
-Recht, „etwas zu sagen“. Und es ist schön und gut, und man amüsiert sich
-mit dem allerschönsten Gewissen, und das ist das Beste von allem. Er hat
-wohl schon solch ein Frühstück genossen, aber welch ein himmelweiter
-Unterschied! Unruhe, Unlust hatte er damals empfunden: er wollte nicht
-mehr daran denken! Und als er nach den Austern ein Glas echten
-schwedischen Porter trinkt, kann er alle Junggesellen nicht genug
-verachten.
-
-– Wie dumm die Menschen sind, die sich nicht verheiraten! Solche
-Egoisten! Man müsste sie besteuern wie Hunde!
-
-Aber seine Frau wagt einzuwenden, so freundlich und bescheiden wie
-möglich:
-
-– Es ist doch wohl schade um die armen Männer, dass sie nicht alle die
-Mittel haben, sich zu verheiraten, denn hätten sie die Mittel, würden
-sich wohl alle verheiraten!
-
-Der Assistent fühlt einen Stich im Herzen und einen Augenblick wird ihm
-bange, als sei er zu übermütig gewesen. Sein ganzes Glück ruhte ja auf
-einer wirtschaftlichen Frage, und wenn, wenn ... Pah! Ein Glas
-Burgunder! Jetzt sollte gearbeitet werden! Sie würden schon sehen!
-
-Und dann kommt ein gebratenes Birkhuhn mit Preiselbeeren und Gurken. Die
-junge Frau wird etwas bestürzt, aber es ist ja so nett.
-
-– Lieber Ludwig, und sie legt ihr zitterndes Händchen auf seinen
-Oberarm, haben wir denn die Mittel dazu?
-
-Sie sagt glücklicherweise „wir“!
-
-– Pah, ein Mal ist kein Mal! Später können wir Kartoffeln und Hering
-essen!
-
-– Isst du Kartoffel und Hering?
-
-– Ich glaube, ja!
-
-– Wenn du gekneipt hast und ein Beefsteak hinterher bekommst!
-
-– Nicht schwatzen! Nein, Gesundheit! Das ist ein ausgezeichnetes
-Birkhuhn! Und dann Artischocken!
-
-– Nein, aber du bist ja ganz verrückt, Ludwig! Artischocken, zu dieser
-Jahreszeit? Was müssen die kosten!
-
-– Kosten? Sind sie nicht gut? Nun, das ist die Hauptsache. Und dann
-Wein! Mehr Wein! Findest du nicht, dass das Leben schön ist! Oh, es ist
-herrlich, herrlich!
-
-Am Nachmittag um sechs Uhr stand eine Kalesche vor der Tür. Die junge
-Frau wäre beinahe böse geworden. Aber wie schön war es, so auf dem
-Rücksitz neben einander halb zu liegen und langsam nach dem Tiergarten
-zu schaukeln.
-
-– Das ist ja ganz wie im selben Bett liegen, flüsterte Ludwig.
-
-Sie schlug ihn mit dem Sonnenschirm auf die Finger.
-
-Bekannte blieben auf dem Trottoir stehen und grüssten. Kameraden winkten
-mit der Hand, als sagten sie:
-
-– Haha, du Schelm, du hast Geld bekommen!
-
-Und wie klein die Menschen dort unten aussehen, wie glatt die Strasse
-war, wie leicht die Fahrt auf Federn und Polstern ging.
-
-So müsste es immer sein!
-
- * * * * *
-
-Es dauerte einen ganzen Monat! Bälle, Besuche, Diners, Soupers, Theater.
-Aber dazwischen waren sie zu Hause. Da war es doch am besten! Wie
-herrlich, nach einem Souper seine Frau ihrem Papa und ihrer Mama
-fortzunehmen, gerade vor der Nase fortzunehmen, sie in einen
-geschlossenen Wagen zu setzen, die Tür zuzuwerfen, den Eltern zuzunicken
-und zu sagen:
-
-– Jetzt fahren wir nach Haus zu uns! Und dort machen wir, was uns
-gefällt.
-
-Und dann zu Hause einen kleinen Nachtschmaus einzunehmen und bis gegen
-Morgen dabei zu sitzen und zu plaudern!
-
-Und zu Hause war Ludwig immer verständig. Wenigstens im Prinzip. Eines
-Tages wollte seine Frau ihn mit gesalzenem Lachs und Milchkartoffeln und
-Hafersuppe auf die Probe stellen. Oh, wie gut das schmeckte! Er habe die
-verwünschte Speisekarte satt.
-
-Am nächsten Freitag, als es wieder gesalzenen Lachs geben sollte, kam
-Ludwig mit zwei Schneehühnern nach Haus! Er blieb in der Tür stehen und
-schrie:
-
-– Kannst du dir denken, Luise, kannst du dir etwas so Unerhörtes denken?
-
-– Nein, was denn?
-
-– Du wirst es nicht glauben, wenn ich dir sage, dass ich ein Paar
-Schneehühner gekauft habe, selbst auf dem Markt gekauft habe, für –
-rate!
-
-Seine Frau sah eher verstimmt als neugierig aus.
-
-– Denk dir, eine Krone das Paar!
-
-– Ich habe Schneehühner schon für achtzig Pfennige das Paar gekauft;
-aber (fügte sie versöhnend hinzu, um ihren Mann nicht ganz aus der
-Fassung zu bringen) es gab viel Schnee in jenem Winter!
-
-– Ja, aber du musst doch jedenfalls zugeben, dass es billig ist.
-
-Was würde sie nicht zugeben, um ihn froh zu sehen!
-
-Abends aber hatten sie Grütze auf dem Tisch, um eine Probe zu machen.
-Nachdem Ludwig jedoch ein Schneehuhn gegessen hatte, bedauerte er sehr,
-dass er nun nicht mehr so viel Grütze zu essen vermöchte, wie er gern
-_gewollt_ hätte, um ihr zu zeigen, dass er wirklich Grütze essen wolle.
-Und Grütze esse er gern, aber Milch sei ihm kaum möglich, nachdem er
-kaltes Fieber gehabt. Er könne Milch nicht hinunterbringen, aber Grütze
-wolle er jeden Abend essen, jeden einzigen Abend, damit sie nur nicht
-böse auf ihn werde.
-
-Seitdem gab es nie mehr Grütze!
-
-Als sechs Wochen vergangen waren, wurde die junge Frau krank. Sie hatte
-Kopfschmerzen und musste brechen. Es könne nur eine leichte Erkältung
-sein. Aber das Erbrechen hörte nicht auf. Hm! Konnte sie etwas Giftiges
-gegessen haben? War nicht das Kupfer neu verzinnt? Der Arzt wurde
-geholt. Er lächelte und sagte, es sei, wie es sein solle.
-
-– Was ist, wie es sein soll? Etwas Tolles? Ach Unsinn! Das ist nicht
-möglich. Wie soll das möglich sein können? Nein, das sind die Tapeten in
-der Schlafstube; sicher ist Arsenik darin. Schicken wir sofort ein Stück
-nach der Apotheke zur Untersuchung!
-
-Arsenikfrei, schrieb der Apotheker.
-
-– Das ist doch merkwürdig! Kein Arsenik in den Tapeten?
-
-Die junge Frau war noch immer krank. Er las in einem medizinischen Buch
-nach, und dann sagte er seiner Frau eine Frage ins Ohr.
-
-– Siehst du, da haben wirs! Nur ein warmes Fussbad!
-
-Vier Wochen später erklärte die Hebamme, alles sei, „wie es sein solle“.
-
-– Wie es sein soll? Ja, natürlich, aber das kommt etwas schnell!
-
-Da es nun einmal so war, oh wie schön das werden würde! Man denke nur,
-ein Kind! Hurrah! Sie sollten Papa und Mama werden! Wie sollte er
-heissen? Denn es musste ein Junge sein. Das war klar!
-
-Jetzt aber nahm sie ihren Mann vor und sprach ernst mit ihm! Er hatte
-weder eine Übersetzung noch eine Korrektur gemacht, seit sie sich
-verheiratet hatten. Und der blosse Gehalt reichte nicht.
-
-– Ja, man hat in Saus und Braus gelebt. Herr Gott, man ist eben nur ein
-Mal jung! Jetzt aber soll es anders werden!
-
-Am nächsten Tag ging der Assistent zu seinem alten Freund, dem Aktuar,
-um dessen Bürgschaft für ein Darlehen zu erbitten.
-
-– Wenn man im Begriff ist, Vater zu werden, siehst du, lieber Freund,
-muss man an die Ausgaben denken.
-
-– Ganz mein Gedanke, lieber Freund, antwortete der Aktuar; darum habe
-ich nicht die Mittel gehabt mich zu verheiraten. Aber du bist so
-glücklich, die Mittel zu haben!
-
-Der Assistent schämte sich, die Bürgschaft zu verlangen. Wie konnte er
-die Stirn haben, diesen Junggesellen zu bitten, ihm für sein Kind zu
-helfen? Diesen Junggesellen, der selber nicht die Mittel hatte, sich
-Kinder zu leisten! Nein, das konnte er nicht.
-
-Als er zum Mittagessen nach Haus kam, erzählte seine Frau, es seien zwei
-Herren dagewesen, um ihn zu sprechen.
-
-– Wie sahen sie aus? Waren sie jung? Trugen sie Gläser? Dann waren es
-bestimmt zwei Leutnants, alte gute Freunde aus dem Badeort Waxholm.
-
-– Nein, es waren keine Leutnants; sie sahen älter aus!
-
-– Dann weiss ich! Das waren alte Freunde von der Universität Uppsala,
-wahrscheinlich der Dozent P. und der Hilfsprediger O. Die wollten einmal
-nachsehen, wie ihr alter Ludwig als Ehemann ausschaut.
-
-– Nein, sie waren nicht aus Uppsala, sie waren aus Stockholm!
-
-Das Mädchen wurde hereingerufen. Sie meinte, die Leute hätten schäbig
-ausgesehen und Stöcke getragen.
-
-– Stöcke! Hm! ich kann nicht verstehen, was das für Leute gewesen sind.
-Nun, das wird man schon früh genug erfahren; sie wollten ja
-wiederkommen. Übrigens habe ich zufällig eine Kanne Gartenerdbeeren
-gefunden zu einem wirklichen Schleuderpreis; ja es ist beinahe
-lächerlich! Kannst du dir denken, Gartenerdbeeren für einsfünfzig die
-Kanne, in dieser Jahreszeit!
-
-– Ludwig, Ludwig, wohin soll das führen?
-
-– Es wird ausgezeichnet gehen. Heute habe ich eine Übersetzung bekommen.
-
-– Aber du hast Schulden, Ludwig!
-
-– Kleinigkeiten! Kleinigkeiten! Warte nur, wenn ich meine grosse Anleihe
-mache.
-
-– Deine Anleihe! Das wird ja eine neue Schuld!
-
-– Ja, aber auf was für Bedingungen! Sprechen wir jetzt aber nicht von
-Geschäften! Sind die Erdbeeren nicht gut? Was? Wird es nicht schmecken,
-darauf ein Glas Sherry zu trinken? Was? Lina, geh zum Kaufmann hinunter
-und hol eine Flasche Sherry, echten Sherry!
-
-Nachdem er auf dem Sofa im Salon ein Mittagsschläfchen gehalten hatte,
-bat seine Frau, ihm ein Wort sagen zu dürfen.
-
-– Aber du musst nicht böse werden!
-
-– Böse? Ich! Gott bewahre! Es ist wohl das Haushaltungsgeld?
-
-– Ja! Der Kaufmann ist nicht bezahlt! Der Schlächter drängt, der
-Mietskutscher läuft einem ins Haus; mit einem Wort, es ist peinlich!
-
-– Weiter nichts? Sie werden morgen jeden Schilling bekommen! Wie
-unverschämt, wegen solcher Kleinigkeiten zu drängen! Sie werden morgen
-jeden Schilling erhalten, aber einen Kunden verlieren. Jetzt wollen wir
-aber nicht mehr von dieser Sache sprechen. Sondern spazieren gehen. Kein
-Wagen! Wir fahren mit der Strassenbahn nach dem Tiergarten und
-erfrischen uns ein wenig.
-
-Und sie fuhren in den Tiergarten. Als sie ins Restaurant gingen und ein
-besonderes Zimmer nahmen, flüsterten die jungen Herren im grossen Saal.
-
-– Man glaubt, wir seien auf Abenteuer aus. Wie lustig! Wie verrückt.
-
-Seiner Frau aber war es nicht angenehm.
-
-Und nachher die Rechnung!
-
-– Wenn wir zu Hause geblieben wären, was hätten wir für das Geld nicht
-alles haben können!
-
- * * * * *
-
-Monate vergehen! Die Zeit nähert sich! Eine Wiege muss angeschafft
-werden und Kinderkleider. Und es muss so vieles angeschafft werden! Herr
-Ludwig ist den ganzen Tag in Geschäften unterwegs. Aber das Getreide ist
-gestiegen. Die harten Zeiten kommen! Keine Übersetzung, keine Korrektur.
-Die Menschen sind Materialisten geworden. Sie lesen keine Bücher mehr,
-sondern kaufen Essen für ihr Geld. In welch prosaischer Zeit man lebt!
-Die Ideale verschwinden aus dem Leben und die Schneehühner werden nicht
-unter zwei Kronen das Paar verkauft. Die Mietskutscher wollen
-Assistenten nicht mehr umsonst nach dem Tiergarten fahren, denn sie
-haben auch Weib und Kind; und sogar der Kaufmann will sich seine Waren
-bezahlen lassen. O, welche Realisten!
-
-Der Tag kommt und die Nacht ist da! Er muss sich anziehen und nach der
-Hebamme laufen! Vom Krankenbett muss er in den Flur hinaus, um Gläubiger
-zu empfangen.
-
-Schliesslich hat er seine Tochter in den Armen! Da weint er, denn er
-fühlt die Verantwortung, eine Verantwortung, die schwerer ist, als seine
-Kraft zu tragen vermag. Und er fasst neue Vorsätze. Aber seine Nerven
-sind ruiniert. Er hat eine Übersetzung erhalten, aber er kann nicht
-dabei bleiben, denn er muss immerzu in Geschäften ausgehen.
-
-Er stürzt zum Schwiegervater, der nach der Stadt gekommen ist, und
-bringt ihm die frohe Neuigkeit.
-
-– Ich bin Vater!
-
-– Gut, sagt der Schwiegervater. Hast du Brot für das Kind?
-
-– Nein, augenblicklich nicht. Du musst helfen, Schwiegervater!
-
-– Ja, für den Augenblick! Aber dann nicht mehr. Ich besitze nicht mehr,
-als sie und die anderen Kinder brauchen!
-
-Und jetzt muss die junge Frau Hühner haben, die er selbst auf dem Markt
-kauft, und Johannisberger für sechs Kronen die Flasche. Echt muss es
-sein!
-
-Und dann muss die Hebamme hundert Kronen haben.
-
-– Warum sollten wir weniger als andere geben? Hat der Hauptmann nicht
-hundert gegeben?
-
-Bald ist die junge Frau wieder auf den Beinen. Sie ist wieder wie ein
-Mädchen geworden, schmal um die Taille wie eine Gerte, etwas blass
-allerdings, aber das kleidet sie.
-
-Der Schwiegervater kommt und spricht mit Ludwig unter vier Augen.
-
-– Nun kommst du vorläufig aber nicht mit mehr Kindern, sagt er; sonst
-bist du ruiniert.
-
-– Welche Sprache von einem Vater! Man ist doch verheiratet! Liebt man
-einander nicht! Soll man keine Kinder haben?
-
-– Doch, aber man muss auch Brot für die Kinder haben! Lieben, das
-möchten wohl alle jungen Menschen, spielen, ins Bett kriechen, sich
-belustigen; aber die Verantwortung!
-
-– Der Schwiegervater ist auch Materialist geworden. O welch eine
-erbärmliche Zeit. Keine ideale mehr!
-
-Das Haus war unterminiert. Die Liebe lebte, denn die war stark, und die
-Herzen des jungen Paares waren weich. Aber der Gerichtsvollzieher war
-nicht weich. Pfändung stand bevor und Konkurs drohte. Dann lieber noch
-Pfändung!
-
-Der Schwiegervater kam mit einem grossen Reisewagen, um seine Tochter
-und seine Enkelin abzuholen. Dem Eidam verbot er, sich zu zeigen, bevor
-er Brot habe und seine Schulden bezahlen könne. Zu seiner Tochter sagte
-er nichts; als er sie aber nach Haus brachte, war es ihm, als bringe er
-eine Verführte zurück. Er hatte sein unschuldiges Kind einem jungen
-Herrn auf ein Jahr ausgeliehen, und nun erhielt er es „entehrt“ zurück.
-Sie wäre wohl gern bei ihrem Mann geblieben, aber sie konnte mit ihrem
-Kinde doch nicht auf der Strasse wohnen!
-
-So musste Herr Ludwig allein zurückbleiben, um zu sehen, wie seine
-Häuslichkeit geplündert wurde. Aber es war ja nicht seine, da er sie
-nicht bezahlt hatte. Huh! Die beiden Herren mit Gläsern nahmen die
-Betten und das Bettzeug; sie nahmen die kupfernen Kasserollen und die
-blechernen Gefässe; Tischservice und Kronen und Leuchter: alles, alles!
-
-Und als er dann allein in den beiden Zimmern stand, o wie leer, wie
-jammervoll! Wenn er nur sie noch gehabt hätte! Was aber sollte sie hier
-in den leeren Zimmern machen! Nein, dann war es noch besser, wie es war.
-Ihr selber ging es ja gut!
-
-Nun begann der bittere Ernst des Lebens! Er fand eine Stelle bei einer
-Morgenzeitung als Korrektor. Um Mitternacht musste er auf der Redaktion
-sein, um drei Uhr konnte er wieder gehen. Auf seinem Amt konnte er
-bleiben, da es nicht zum Konkurs gekommen war, aber mit der Beförderung
-war es vorbei!
-
-Schliesslich wurde ihm erlaubt, ein Mal in der Woche Weib und Kind zu
-besuchen, aber immer unter Bewachung. Und er musste in der Nacht zum
-Sonntag in einer Kammer schlafen, die neben der Schlafstube des
-Schwiegervaters lag. Am Sonntagabend musste er wieder in die Stadt, denn
-die Zeitung erschien auch am Montag.
-
-Wenn er dann Abschied von Weib und Kind nimmt, die ihn bis an die
-Gartentür begleiten dürfen, denen er vom letzten Hügel noch ein Mal
-zuwinkt, dann fühlt er sich so elendiglich, so unglücklich, so
-gedemütigt. Und sie erst!
-
-Er hat ausgerechnet, dass er zwanzig Jahre braucht um seine Schulden zu
-bezahlen! Und dann? Dann kann er doch nicht Weib und Kind versorgen.
-Aber seine Hoffnung? Nichts! Wenn der Schwiegervater stirbt, stehen
-seine Frau und sein Kind auf der Strasse; er wagt also nicht, ihrer
-einzigen Stütze den Tod zu wünschen.
-
-O wie grausam ist das Leben, das den Menschenkindern kein Essen schaffen
-kann, während es doch allen anderen Geschöpfen Nahrung umsonst gibt.
-
-O wie grausam, wie grausam! Dass das Leben nicht allen Menschen
-Erdbeeren und Schneehühner geben kann! Wie grausam, wie grausam!
-
-
-
-
- Musste
-
-
-Punkt halb neun Uhr abends im Winter steht er in der Tür zur Glasveranda
-des Restaurants. Während er mit mathematischer Genauigkeit die
-Kastorhandschuhe auszieht, guckt er über die angelaufenen Gläser erst
-nach rechts, dann nach links, ob Bekannte da sind. Dann hängt er den
-Überrock an seinen Haken, den rechts vom Kamin. Der Kellner Gustav, der
-ein Schüler des Lehrers gewesen ist, hat, ohne eine Ordre abzuwarten,
-die Brotkrumen von _dessen_ Tisch gefegt, die Senfdose umgerührt, das
-Salzfass geharkt und die Serviette umgedreht. Darauf holt er, ohne dass
-es ihm erst gesagt zu werden braucht, eine Flasche Medhamra, macht eine
-halbe Flasche Vereinsbier auf, überreicht dem Lehrer, nur des Scheins
-wegen, die Speisekarte und fragt, mehr der Form wegen als um zu fragen:
-
-– Krebse?
-
-– Weibliche Krebse! sagt der Lehrer.
-
-– Grosse weibliche Krebse, sagt Gustav, geht nach der Küchenklappe und
-ruft: Grosse weibliche Krebse, für den Herrn Lehrer, und viel Dill!
-
-Dann holt er eine Garnitur Butter und Käse, schneidet zwei Scheiben
-Pumpernickel und stellt alles auf den Tisch des Lehrers. Der hat in der
-Veranda eine Razzia nach den Abendzeitungen gehalten, aber nur die
-offizielle „Postzeitung“ gefunden. Zum Ersatz nimmt er das „Tageblatt“,
-mit dem er mittags nicht fertig geworden ist, und setzt sich hin, um es
-zu lesen, nachdem er die Postzeitung aufgeschlagen, umgefaltet und links
-neben sich auf den Brotkorb gelegt hat. Dann streicht er mit dem Messer
-einige geometrische Butterfiguren auf den Pumpernickel, schneidet aus
-dem Schweizerkäse ein Rechteck, giesst den Schnaps zu drei Vierteln ein
-und führt ihn bis zur Höhe des Mundes: dort macht er eine Pause, als
-zögere er vor einer Medizin, wirft den Kopf zurück und sagt huh!
-
-Das hat er nun zwölf Jahre getan und wird es tun bis zu seinem
-Sterbetage.
-
-Als die Krebse, sechs Stück, angelangt sind, untersucht er deren
-Geschlecht, und da nichts einzuwenden ist, geht er an den genussreichen
-Akt. Die Serviette wird mit der einen Ecke hinter den Kragen gesteckt,
-zwei Brotscheiben mit Käse werden neben den Teller bereit gestellt, und
-er giesst sich ein Glas Bier und einen halben Schnaps ein. Darauf nimmt
-er das kleine Krebsmesser und beginnt die Schlacht. Nur er allein kann
-in Schweden Krebse essen, und wenn er einen andern Krebse essen sieht,
-sagt er: Du kannst nicht Krebse essen. Zuerst macht er einen Schnitt um
-den Kopf des Krebses, und nachdem er das Loch für den Mund bekommen hat,
-saugt er.
-
-– Das ist das Feinste, sagt er.
-
-Dann löst er den Thorax vom Untergestell, ritzt Blutadler, wie er es
-nennt, setzt die Zähne an den Rumpf und saugt mit tiefen Zügen; darauf
-schlürft er die kleinen Beine wie Spargel. Dann isst er eine Prise Dill,
-trinkt einen Schluck Bier, beisst in den Pumpernickel. Nachdem er die
-Klauen genau geschält und die feinsten Kalkröhren ausgesogen hat,
-verzehrt er das Fleisch, um dann zum Schwanz überzugehen. Als er drei
-Krebse gegessen hat, nimmt er einen halben Schnaps und liest die
-Ernennungen in der Postzeitung. So hat er es zwölf Jahre gemacht und so
-wird er es immer machen.
-
-Er war zwanzig Jahre alt, als er in diesem Lokal zu essen anfing, jetzt
-ist er zweiunddreissig, und Gustav ist zehn Jahre Kellner hier! Der
-Lehrer ist der Älteste hier, er ist älter als der Wirt, denn der hat den
-Betrieb erst seit acht Jahren! Er hat viele Reihen von Mittagsgästen
-gesehen; einige hielten ein Jahr, zwei Jahre, fünf Jahre aus; dann
-verschwanden sie, gingen nach einem andern Lokal, zogen nach einem
-andern Ort, oder verheirateten sich. Er fühlte sich sehr alt, und doch
-zählte er nur zweiunddreissig Jahre! Dies ist sein Heim, denn in seinem
-möblierten Zimmer schläft er nur.
-
-Die Uhr wird zehn. Da erhebt er sich und geht in den kleinen Saal, wo
-sein Grog auf ihn wartet. Jetzt kommt der Buchhändler. Sie spielen
-Schach oder sprechen über Bücher. Um halb elf kommt die zweite Geige vom
-Dramatischen Theater. Es ist ein alter Pole, der nach 64 nach Schweden
-floh und sich nun sein Leben damit verdienen muss, was ihm früher ein
-Vergnügen gewesen. Der Pole und der Buchhändler haben die fünfzig
-erreicht, aber sie gedeihen mit dem Lehrer, als sei er vom gleichen
-Alter.
-
-Hinter dem Ladentisch sitzt der Wirt. Er ist ein alter Schiffskapitän,
-der sich in die Restauratrice verliebte und beschloss, sein Schicksal
-mit dem ihren zu vereinen. Sie herrscht jetzt in der Küche und hält
-immer die Klappe offen, um ein Auge auf den Alten zu haben, damit er
-sich nicht etwa ein Räuschchen antrinkt, ehe die Gäste gehen. Wenn aber
-das Gas gelöscht und das Bett gemacht ist, kriegt der Alte einen Napf
-mit Grog von Rum als Schlaftrunk.
-
-Um elf Uhr beginnen die jungen Herren zu kommen, die vorsichtig an den
-Ladentisch herantreten und den Wirt flüsternd fragen, ob eine Treppe
-hoch ein „Privatzimmer“ frei sei; und dann hört man das Rauschen von
-Röcken, die durch den Flur schlüpfen, um ungesehen die Treppe
-hinaufzukommen.
-
-– Nun, sagt der Buchhändler, der ein Gesprächsthema gratis bekommen hat,
-wirst du nicht daran denken, dich fortzupflanzen, alter Blom?
-
-– Ich habe nicht die Mittel dazu, sagt der Lehrer. Warum verheiratest du
-dich nicht selber?
-
-– Jetzt nimmt mich keine mehr, sagt der Buchhändler, nachdem mein Kopf
-einem alten Seehundskoffer gleich geworden ist. Übrigens habe ich ja
-meine alte Stafva.
-
-Stafva war eine mystische Person, an die niemand glaubte. Sie war die
-Verkörperung der nicht erfüllten Träume des Buchhändlers.
-
-– Aber Herr Potocki? wandte der Lehrer ein.
-
-– Er ist ja verheiratet gewesen; das ist doch genug, sagt der
-Buchhändler.
-
-Der Pole nickt wie ein Taktmesser und sagt:
-
-– Ja, ich bin glücklich verheiratet gewesen. Huh!
-
-Und damit trinkt er seinen Grog aus.
-
-– Ja, sagt der Lehrer, wenn sie nicht solche Gänse wären, diese Frauen,
-dann könnte man an die Sache denken; aber es sind verdammte Gänse.
-
-Der Pole nickt wieder und lächelt, denn als Pole versteht er das Wort
-„Gänse“ nicht.
-
-– Ich bin sehr glücklich verheiratet gewesen – huh!
-
-– Und dann hat man Kindergeschrei und saure Kleider am Ofen, fuhr der
-Lehrer fort, und dann Mägde und Küchengeruch. Nein, danke! Und dann kann
-man vielleicht nachts nicht schlafen.
-
-– Huh! vollendete der Pole.
-
-– Herr Potocki sagt huh, fiel der Buchhändler ein, mit der gewöhnlichen
-Schadenfreude des Junggesellen, der einen Verheirateten sich
-unvorteilhaft über die Ehe äussern hört.
-
-– Was sagte ich? fragte der Witwer erstaunt.
-
-– Huh, ahmte der Buchhändler ihm nach, und das Gespräch löste sich in
-ein gemeinsames Grinsen und eine Tabakswolke auf.
-
-So wird es zwölf. Das Klavier, das eine Treppe hoch einen gemischten
-Chor männlicher und weiblicher Stimmen begleitet hat, schweigt. Der
-Kellner hört auf, von der Küchenklappe nach der Veranda zu laufen; der
-Wirt trägt in die Kladde die letzten Champagnerflaschen ein, die eine
-Treppe hoch bestellt sind; die drei Freunde erheben sich und gehen,
-jeder heim zu seinem „keuschen Junggesellenbett“, aber der Buchhändler
-heim zu seiner Stafva.
-
- * * * * *
-
-Lehrer Blom hatte im Alter von zwanzig Jahren seine Studien auf der
-Universität Uppsala unterbrochen und war nach der Hauptstadt Stockholm
-gekommen, um als Hilfslehrer sein Brot zu verdienen. Da er ausserdem
-noch Privatstunden gab, kam er ganz gut aus. Er verlangte nicht viel vom
-Leben. Ordnung und Ruhe war alles. In seinem möblierten Zimmer, das er
-von einer alten Mamsell gemietet hatte, fand er mehr, als ein
-Junggeselle zu verlangen pflegt; er fand Pflege und Freundlichkeit; all
-die Zärtlichkeit, welche die Natur bei dieser Frau für ein neues
-Geschlecht aus ihrem Blut bestimmt hatte, fiel ihm gratis zu. Sie
-besserte seine Kleider aus und sorgte für ihn. Er hatte aber früh seine
-Mutter verloren und war daher nicht gewohnt, dergleichen umsonst zu
-bekommen; deshalb nahm er das Geschenk als einen Eingriff in seine
-Freiheit hin, nahm es aber an! Die Kneipe war jedoch sein Heim. Dort
-bezahlte er für alles und blieb nichts schuldig.
-
-In einer Provinzstadt des mittleren Schweden geboren, war er ein
-Fremdling in Stockholm. Besuchte niemand! Verkehrte nicht in Familien
-und traf nur seine Bekannten in der Kneipe, plauderte mit ihnen,
-schenkte ihnen aber nicht sein Vertrauen und hatte auch keins zu
-verschenken. Da er in der Schule nur in der dritten Klasse
-unterrichtete, hatte er ein Gefühl, als sei er im Wachstum
-zurückgeblieben. Er hatte ja einmal die dritte Klasse bis zur siebenten
-durchgemacht und war Student geworden; nun sass er doch wieder in der
-dritten, hatte zwölf Jahre dort gesessen und kam nicht weiter. Er lehrte
-das zweite und dritte Buch des Euclid, das war der Kursus der Klasse.
-Das ganze Leben zeigte sich also für ihn nur als ein Fragment; als ein
-Fragment ohne Anfang oder Ende: das zweite und dritte Buch. In freien
-Stunden las er Altertumskunde und Zeitungen. Altertumskunde ist eine
-moderne Wissenschaft, eine Krankheit der Zeit, kann man sagen. Und sie
-ist gefährlich, denn sie zeigt in den meisten Fällen, dass die
-menschliche Albernheit ziemlich konstant gewesen ist.
-
-In den Zeitungen sah er nur eine Partie Schach; die Politik war für ihn
-ein interessantes Spiel – um den König, nichts weiter, denn er war
-erzogen wie alle andern: es war für ihn ein Glaube, was in der Welt
-geschieht, gehe uns nichts an, dafür sorgten die, denen Gott die Macht
-gegeben habe. Diese Art, die Dinge zu sehen, gab seiner Seele eine
-grosse und stille Ruhe; er beunruhigte niemanden und wurde von nichts
-beunruhigt. Wenn er zuweilen fand, etwas sei besonders töricht, tröstete
-er sich damit, dass es eben nicht zu ändern sei! Die Erziehung hatte ihn
-zum Egoisten machen müssen, und der Katechismus hatte ihn gelehrt: wenn
-jeder seine Pflicht tut, so geht alles gut, was uns auch zustösst. Er
-tat seine Pflicht auch musterhaft in der Schule; kam nie zu spät; war
-niemals krank. Auch in seinem Privatleben war er ohne Tadel; bezahlte
-seine Miete auf den Tag, ass nie auf Kredit und ging zu „Frauen“ ein Mal
-in der Woche (er sagte nie, dass er zu „Mädchen“ gehe). Sein Leben zog
-dahin wie ein Zug auf blanken Schienen, nach dem Sekundenzeiger, durch
-die bestimmten Stationen, und als kluger Mann vermied er jeden
-Zusammenstoss. Die Zukunft, an die dachte er nicht, denn ein wahrer
-Egoist denkt nicht so weit, aus dem einfachen Grund, weil die Zukunft
-sein nicht mehr ist als höchstens zwanzig, dreissig Jahre.
-
-So verging sein Leben!
-
- * * * * *
-
-Es war Mittsommermorgen, strahlend, sonnig, wie er sein soll. Der Lehrer
-lag in seinem Bett und las über die Kriegskunst der Egypter, als Mamsell
-Auguste mit dem Kaffee herein kam. Sie hatte dem Tage zu Ehren
-Safranbrot geschnitten und Fliederblüten auf die Serviette gelegt. Schon
-am Abend vorher hatte sie einige Birkenzweige hinter den Ofen gesteckt,
-reinen Sand mit einigen Schlüsselblumen in den Spucknapf getan und ein
-Glas mit Maiblumen auf den Spiegeltisch gestellt.
-
-– Nun, werden Sie nicht auch heute eine Vergnügungstour unternehmen,
-Herr Blom? fragte die Alte und liess die Augen über die Ausschmückung
-schweifen, die sie für die kleine Kammer angewandt hatte, um ein Wort
-der Anerkennung oder des Dankes zu erhalten.
-
-Aber Herr Blom hat die Ausschmückung gar nicht bemerkt, sondern
-antwortete ganz trocken:
-
-– Nein, das wissen Sie doch, Mamsell Auguste, dass ich nie
-Vergnügungstouren mache, weil ich von der Menge nicht gestossen noch von
-Kindern totgeschrien werden will.
-
-– Aber an solch einem schönen Mittsommertag kann man doch nicht in der
-Stadt bleiben. Wenigstens in den Tiergarten werden Sie doch gehen?
-
-– Das wäre wohl das letzte für mich, besonders heute, wo alle möglichen
-Leute dort sind. Nein, ich habe es hier in der Stadt so gut, und diese
-Faxen mit den Feiertagen werden doch einmal ein Ende nehmen.
-
-– Lieber Herr Blom, wandte die Alte ein, viele Menschen finden, es sind
-noch viel zu wenig Feiertage in dem schweren Arbeitsjahr. Wollen Sie mir
-aber bitte sagen, ob Sie noch etwas wünschen; meine Schwester und ich
-wollen eine Dampferfahrt machen, von der wir nicht vor zehn Uhr abends
-zurückkommen?
-
-– Viel Vergnügen, Mamsell Auguste, ich brauche nichts und sorge schon
-selber für mich! Die Portierfrau kann das Zimmer in Ordnung bringen,
-wenn ich gegen Mittag ausgehe.
-
-Und er blieb allein mit seinem Kaffee. Als er getrunken hatte, steckte
-er sich eine Zigarre an und blieb im Bett liegen mit seiner ägyptischen
-Kriegskunst. Das Fenster, das offen stand, riss an seinem Haken bei
-einem schwachen Südwind. Um acht Uhr läutete die nächste Kirche mit
-allen ihren Glocken, grossen und kleinen, und die anderen Kirchen von
-Stockholm, Katharina, Maria und Jakob, fielen ein; es bimmelte und
-bammelte, dass es einen Heiden zur Verzweiflung bringen konnte. Als das
-Läuten schwieg, begann ein Kanoniersextett auf der Kommandobrücke eines
-Dampfers eine Française aus dem Theaterstück „Die schwache Seite“. Der
-Lehrer wand sich auf dem Laken seines Bettsofas und hätte sich gern die
-Mühe gemacht, aufzustehen und das Fenster zu schliessen, wenn es nicht
-zu warm gewesen wäre. Und dann waren Trommelwirbel zu hören, die aber
-unterbrochen wurden von einem neuen Messingquintett, das auf einem
-anderen Dampfer den Jägerchor aus dem „Freischütz“ spielte. Aber die
-unglückverheissenden Trommelschläge näherten sich. Das waren die
-Scharfschützen, die aufs freie Feld hinauszogen und die Strasse
-passieren mussten. Jetzt hörte er den Scharfschützenmarsch sechs Male,
-dazwischen die Pfiffe, die Glocken, die Messingmusik der Dampfer, bis
-diese Töne schliesslich mit den Schraubenschlägen verklangen.
-
-Er stand um zehn Uhr auf und setzte das Rasierwasser auf seinen
-Spirituskocher. Das gestärkte Hemd lag auf der Kommode so weiss und so
-steif wie ein Brett. Er brauchte eine Viertelstunde, um die Knöpfe in
-die Knopflöcher zu stecken. Dann rasierte er sich eine halbe Stunde.
-Kämmte sich sorgfältig, als führe er eine äusserst wichtige Verrichtung
-aus. Als er die Hosen anzog, hielt er das untere Ende hoch, damit es auf
-dem Boden nicht staubig werde.
-
-Sein Zimmer war einfach, äusserst einfach und ordentlich. Es war
-unpersönlich, abstrakt wie ein Hotelzimmer. Und doch hatte er dort zwölf
-Jahre gewohnt. Bei den meisten Menschen pflegen sich während eines
-solchen Zeitraums eine Menge Kleinigkeiten anzusammeln: Geschenke,
-kleine Überflüssigkeiten, Zierat, Luxusgegenstände. Nicht eine Gravüre
-hing hier an der Wand, die als Beilage einer illustrierten Zeitung eine
-Gefühlssaite angeschlagen; keine Decke, von freundlichen Schwestern
-gehäkelt, lag auf den Stühlen; keine Photographie eines lieben Gesichts
-stand, kein gestickter Federwischer lag auf dem Schreibtisch. Alles war
-zum besten Preis gekauft, um unnötige Ausgaben zu ersparen, welche die
-Unabhängigkeit des Besitzers beeinträchtigt hätten.
-
-Er legte sich ins Fenster, um auf die Strasse und über den
-Artillerieplatz hinweg bis zum Hafen zu sehen. In dem Haus, das schräg
-gegenüber lag, sah er eine Frau im Korsett ihre Toilette machen. Er
-wandte sich fort, wie von etwas Hässlichem, oder von etwas, das seine
-Ruhe stören konnte. Unten im Hafen flaggten alle Segelschiffe und
-Dampfer, und das Wasser glitzerte im Sonnenschein. Zur Kirche hinauf
-wanderten einige alte Frauen mit Gesangbüchern in den Händen. Vor dem
-Hof der Artillerie ging der Posten mit seinem Säbel und sah missvergnügt
-aus, dann und wann nach der Turmuhr blickend, um nachzusehen, wie weit
-es noch zur Ablösung sei. Sonst lagen die Strassen leer, grau, heiss da.
-Er sah wieder zu der Frau hinüber, die sich ankleidete. Sie hatte eine
-Puderquaste genommen und puderte sich die Nasenwinkel vor dem Spiegel
-mit einer Miene, die sie einem Affen ähnlich machte. Er stand vom
-Fenster auf und setzte sich in den Schaukelstuhl.
-
-Er machte sein Programm für den Tag, denn er hatte nun einmal eine
-dunkle Furcht vor der Einsamkeit. Am Alltag hatte er die Schuljugend um
-sich, und obwohl er diese wilden Tiere nicht liebte, die er zähmen, das
-heisst die schwere Kunst der Verstellung lehren sollte, fühlte er doch
-eine gewisse Leere, wenn er nicht bei ihnen war. Jetzt während der
-Sommerferien hatte er eine Ferienschule eingerichtet, aber auch deren
-Besucher hatten kurze Mittsommerferien, und er war nun mehrere Tage
-allein gewesen, die Stunden der Mahlzeiten ausgenommen, in denen er
-immer auf den Buchhändler und die zweite Geige rechnen konnte.
-
-– Um zwei Uhr, dachte er, wenn die Parade vorbei ist und der Volksstrom
-sich aufgelöst hat, gehe ich in meine Kneipe und esse zu Mittag; dann
-nehme ich den Buchhändler mit mir nach Strömsborg; dort ist es heute
-still und leer, und dort trinken wir Kaffee und Punsch, bis es Abend
-wird, dann kehren wir nach Rejners (so hiess seine Kneipe am
-Berzeliuspark) zurück.
-
-Punkt zwei nahm er seinen Hut, bürstete sich sorgfältig und ging.
-
-– Ich möchte wissen, ob es heute gedämpfte Barsche gibt, dachte er. Und
-soll man sich heute Spargel leisten, da es Mittsommer ist!
-
-So spazierte er seinen Weg, längs der hohen Mauer der Staatsbäckerei. Im
-Berzeliuspark sassen Arbeiterfamilien mit Kinderwagen auf denselben
-Bänken, auf denen an Alltagen die Bonnen der Vornehmen zu sitzen
-pflegten. Er sah, wie eine Mutter ihrem Kind die Brust gab. Eine grosse
-volle Brust, in die das Kind mit seinem fleischigen Händchen so tief
-hineingriff, dass das Händchen zur Hälfte verschwand. Der Lehrer wandte
-sich mit Ekel ab. Es störte ihn, diese Fremden in _seinem_ Park zu
-sehen. Das war für ihn Dienerschaft im Salon, wenn die Herrschaft fort
-ist, und er konnte ihnen nicht verzeihen, dass sie hässlich waren.
-
-Er kam an die Glasveranda und wollte die Hand auf die Türklinke legen,
-noch ein Mal an die schönen Barsche denkend, „mit viel Petersilie“, als
-er an der Glasscheibe ein weisses Papier sieht, auf dem etwas
-geschrieben steht. Er braucht es nicht zu lesen, denn er weiss, was es
-enthält: dass die Kneipe über Mittsommer geschlossen ist; aber er hat es
-vergessen! Es war, als sei er mit dem Kopf an einen Laternenpfahl
-gestossen! Er war wütend. Zuerst auf den Wirt, dass er geschlossen
-hatte; dann auf sich selbst, dass er vergessen, dass heute geschlossen
-werden sollte! Er fand es so ungeheuerlich, dass er etwas so Wichtiges
-hatte vergessen können, dass er es nicht glauben wollte, sondern nach
-einem andern suchen musste, der schuld war, dass er es hatte vergessen
-können. Das war natürlich der Wirt. Er war entgleist, zusammengestossen,
-vernichtet. Er setzte sich auf eine Bank und hätte vor Wut beinahe
-geweint.
-
-Pardauz! Da kam ein Ball und traf ihn direkt auf das gestärkte Vorhemd.
-Wie eine gereizte Wespe flog er auf und wollte den Schuldigen
-ausbringen, als ein hässliches Mädchengesichtchen ihm in die Augen
-lachte und hinter ihr ein Arbeiter in Festtagsanzug und Panamahut
-auftauchte, der das Kind lächelnd bei der Hand nahm und fragte, ob es
-weh getan habe; und dann erblickte er eine ganze Menge Dienstboten und
-Soldaten, die lachten. Er sah sich nach einem Schutzmann um, denn er
-fühlte sich in seinen Rechten als Mensch verletzt. Als er den Schutzmann
-aber im vertraulichen Gespräch mit der Mutter des Kindes sah, verlor er
-die Lust, Lärm zu schlagen, sondern ging direkt zum nächsten
-Droschkenhalteplatz, um einen Wagen zu nehmen und zum Buchhändler zu
-fahren, denn jetzt konnte er nicht länger allein sein.
-
-Als er in der Droschke sass, fühlte er sich einigermassen geschützt, und
-nun wischte er mit dem Taschentuch sein Vorhemd ab, das vom Ball staubig
-geworden.
-
-Als er in die Gotenstrasse des Südens kam, verabschiedete er den
-Kutscher, da er sicher war, den Buchhändler zu Hause anzutreffen. Wie er
-aber die Treppen hinaufstieg, wurde er ängstlich! Wenn er nicht zu Hause
-wäre!
-
-Er war nicht zu Hause! Niemand von den Bewohnern des Hauses war daheim.
-Es klang so leer, als er an die Türe klopfte, und er hörte das Echo
-seiner Schritte.
-
-Als er schliesslich einsam auf der Strasse stand, wusste er nicht, wohin
-er sich wenden solle. Potockis Adresse kannte er nicht, und heute, wo
-alle Läden geschlossen waren, ein Adressbuch aufzutreiben, hielt er für
-unmöglich!
-
-Er ging, ohne zu wissen, wohin, die Strasse hinunter, am Hafen entlang,
-über die Brücke. Nicht ein bekanntes Gesicht traf er, und er fühlte sich
-verletzt von dieser Volksmenge, welche die Stadt während der Abwesenheit
-der Herren eingenommen hatte, denn er war, wie wir alle, in den Schulen
-des Staates zum Aristokraten erzogen.
-
-Der Hunger, der sich bei der ersten Aufwallung gelegt hatte, begann
-wieder zu erwachen. Da kam ein neuer furchtbarer Gedanke über ihn, den
-er aus Feigheit nicht auszudenken gewagt: wo soll ich zu Mittag essen?
-Er war mit seinen Essmarken ausgegangen, und seine ganze Kasse bestand
-nur aus einer Krone fünfzig Öre. Die Marken galten ja nur bei Rejners,
-und eine Krone hatte er verfahren.
-
-Er kam wieder in den Berzeliuspark. Dort sassen die Arbeiterfamilien und
-assen aus ihren Esskörben: gekochte Eier, Krebse, Pfannkuchen! Und die
-Polizei sagte nichts! Dort stand sogar ein Schutzmann, der ein
-Butterbrot in der einen und ein Glas Bier in der andern Hand hatte. Was
-ihn am meisten reizte, war, dass diese Menschen, die er verachtete, ihm
-augenblicklich überlegen waren! Aber warum konnte er nicht in eine
-Milchhandlung gehen und seinen Hunger stillen? Warum nicht? Ja! Die
-Antwort darauf liess er von sich gehen wie ein Aufstossen.
-
-Schliesslich ging er an den Hafen hinunter, um nach dem Tiergarten
-hinüberzufahren. Dort musste er Bekannte treffen, von denen er, so
-unangenehm es ihm war, Geld leihen konnte, um zu Mittag zu essen. Dann
-aber auch fein im vornehmsten Restaurant „Haselhöhe“.
-
- * * * * *
-
-Auf dem Dampfer waren so viel Menschen, dass Lehrer Blom neben der
-Maschine stehen musste; die heizte ihm den Rücken und spritzte
-geschmolzenen Talg auf seinen Gehrock, während er einer Köchin auf den
-Zopf gucken und deren ranzige Pomade riechen musste. Aber nicht ein
-bekanntes Gesicht!
-
-Als er in das Tiergarten-Restaurant trat, machte er sich so gerade wie
-möglich und versuchte ein distinguiertes und freies Wesen anzunehmen.
-Der Platz vor dem Gasthaus glich dem Zuschauerraum eines Theaters und
-schien die gleiche Bestimmung zu haben: nämlich ein Ort zu sein, wo man
-sich trifft und sich zeigt. Oben sassen die Offiziere, blau im Gesicht
-von Essen und Trinken; neben ihnen einige Vertreter der fremden Mächte,
-ergraut und mitgenommen von der anstrengenden Arbeit, für betrunkene
-Landsmänner, die sich am Hafen geschlagen, einzutreten oder
-Galaschauspielen, Kindtaufen, Hochzeiten und Begräbnissen beizuwohnen.
-Aber damit war es auch aus mit dem feinen Publikum. Denn mitten auf dem
-Platze entdeckt Herr Blom den Schornsteinfeger seines Viertels, den Wirt
-einer kleinen Winkelkneipe, den Provisor einer Apotheke und andere mehr.
-Um sie herum geht der grüne Jäger mit silbernen Tressen und einem
-vergoldeten Stab und wirft verächtliche Blicke auf die Gesellschaft, als
-frage er, was sie hier zu tun haben. Der Lehrer fühlt sich schrecklich
-geniert von den vielen Blicken, die zu sagen scheinen: seht, dort geht
-er und sucht nach seinem Mittagessen. Aber er muss weiter. Und er kommt
-in die Veranden hinauf, wo man Barsche und Spargel isst, wo man
-Sauternes und Champagner trinkt. Und eins, zwei, drei fühlt er eine
-freundliche Hand auf seiner Schulter und als er sich umwendet, sieht er
-das strahlende Gesicht des Kellners Gustav, der ihm die Hand drückt und
-unverstellt ausruft:
-
-– Nein, sind Sie hier, Herr Blom! Wie gehts?
-
-Und der Kellner Gustav, der so erfreut ist, sich einen Augenblick auf
-gleicher Höhe mit seinem Herrn zu fühlen, hält einen steifen Holzkloben
-in seiner warmen Hand und trifft ein paar Blicke, die aus einem Brief
-Stecknadeln genommen sind. Und diese harte Hand drückte ihm gestern noch
-so warm einen Zehnkronenschein in die seine, und dieser Mann dankte ihm
-für ein halbes Jahr Dienst und Aufmerksamkeit, wie man einem Freund
-dankt. Und der Kellner Gustav geht zurück und setzt sich unter seine
-Kameraden, verlegen und traurig. Aber Herr Blom geht mit Bitterkeit im
-Herzen wieder hinaus, durch die Volksmenge hindurch, als höre er höhnend
-hinter sich flüstern: Er hat kein Mittagessen gekriegt!
-
-Er kommt hinaus auf die Tiergartenebene. Dort steht der Kaspar und
-kriegt Schläge von seiner Frau. Dort steht ein Seemann und zeigt im
-„Glücksstern“ Dienstmädchen, Kanonieren, Gardisten und Gesellen den oder
-die Zukünftige. Alle haben zu Mittag gegessen und sehen froh aus, und er
-glaubt einen Augenblick, er sei schlechter als sie; dann aber erinnert
-er sich, dass sie nicht wissen, wie das egyptische Lager befestigt
-wurde; da fühlt er sich wieder obenauf, und er kann nicht verstehen, wie
-die Menschen so tief sinken können, dass sie an einem solchen Tand
-Vergnügen finden!
-
-Er hatte indessen die Lust verloren, andere Lokale zu untersuchen und
-ging an Tivoli vorbei weiter in den Tiergarten hinein. Dort im grünen
-Gras tanzte die Jugend zu einer Geige; ein Stückchen davon hatte sich
-eine Familie unter einer Eiche niedergelassen; der Familienvater stand
-auf seinen Knien, in Hemdsärmeln, mit blossem Kopf, ein Bierglas in der
-einen und ein Butterbrot mit Mettwurst in der andern Hand; sein feistes,
-fröhliches Gesicht, um den Mund gut rasiert, glänzte von Freude und
-Wohlwollen, als er seine Gäste, die deutlich aus Frau, Schwiegereltern,
-Schwägern, Ladendienern und Dienstmädchen bestanden, aufforderte, zu
-essen und zu trinken und fröhlich zu sein, denn heute sei Mittsommer,
-den ganzen Tag. Und der frohe Mann machte Witze, dass sich die ganze
-Gesellschaft unter den aufrichtigsten Lachsalven im Grase wand. Und als
-der Pfannkuchen aufgetischt und mit den Fingern gegessen wurde und die
-Portweinflasche herumging, hielt der älteste Ladendiener eine Rede, bald
-so herzlich, dass die Frauen die Taschentücher hervorholten und der
-Familienvater den einen Zipfel seines Backenbarts in den Mundwinkel
-steckte; bald so lustig, dass Bravorufe und Gelächter den Redner
-unterbrachen.
-
-Da wurde der Lehrer finster; aber er ging nicht seiner Wege, sondern
-setzte sich hinter einer Kiefer auf einen Stein, um sich „die Tiere“
-anzusehen.
-
-Als die Rede aus war und man Hausvater und Hausmutter hatte leben
-lassen, und zwar mit Hurrarufen und Fanfaren auf einer Handharmonika und
-allen Tellern und Tassen, die frei waren, stand die Gesellschaft auf, um
-das Bewegungsspiel „den Dritten abschlagen“ zu spielen. Und
-Schwiegermutter geht hinter einen Haselbusch, um das Kleinste
-abzuhalten, und Mutter selbst knöpft dem Halbgrossen die Hosen auf.
-
-– Welche Tiere, dachte der Lehrer und wandte sich ab, denn das
-Natürliche war für ihn unschön, da das Schöne das Unnatürliche war; die
-Gemälde „anerkannter“ Meister im Nationalmuseum ausgenommen.
-
-Und nun sah er, wie die jungen Männer die Röcke auszogen und die Mädchen
-ihre Manschetten auf die Hagedornbüsche hingen, und dann stellten sie
-sich auf und nun liefen sie.
-
-Und die Mädchen hoben die Röcke so hoch, dass die Strumpfbänder zu sehen
-waren, rote und blaue Topfbänder, die man im Spezereiladen kauft; und
-wenn der Kavalier seine Dame gefangen hatte, nahm er sie in die Arme und
-drehte sich so mit ihr im Kreis herum, dass sie bis zu den Kniekehlen zu
-sehen war; und dann lachten Alte und Junge, dass es im Walde
-widerhallte.
-
-– Ist das Unschuld oder Korruption? fragte sich der Lehrer.
-
-Aber sicher wusste die Gesellschaft nicht, was das gelehrte Wort
-Korruption bedeutet, und darum waren sie fröhlich.
-
-Als sie des Bewegungsspiels müde wurden, war der Kaffee fertig. Und der
-Lehrer konnte nicht verstehen, wo die Kavaliere es gelernt hatten, so
-artig gegen die Damen zu sein, denn sie krochen auf allen Vieren, um den
-Mädchen Zuckerdose und Brotkorb zu reichen; dabei sahen die
-Schnallenbänder an den mit Schweiss getränkten Westen wie Anfasser aus.
-
-– Das sind die Männchen, die sich vor den Weibchen brüsten, dachte der
-Lehrer. Aber wartet nur!
-
-Dann aber sah er, wie der Vater, die fröhliche Seele, dem Schwiegervater
-und der Schwiegermutter höflich servierte, ja sogar seiner Frau und
-allen Ladendienern und Dienstmädchen; und wenn einer sein Anerbieten mit
-den Worten „Der Herr nehme sich doch selber“ ablehnen wollte, antwortete
-der, dazu komme er auch noch.
-
-Und dann sah er, wie der Schwiegervater dem kleinen Jungen Weidenpfeifen
-abzog; wie die Schwiegermutter gleich einer Magd daran ging, alles
-aufzuwaschen! Da fand der Magister, die Selbstsucht sei ein sonderbares
-Ding, da sie so menschliche Formen annehmen, so verteilt werden konnte,
-dass es aussah, als gäben und nähmen alle gleich viel; denn es war
-Selbstsucht, das war klar!
-
-Und sie spielten Pfänderspiele, und sie lösten jedes einzige Pfand mit
-Küssen ein, regelrechten Küssen auf den Mund, dass es nur so schmatzte;
-und wenn der fröhliche Buchhalter „im Brunnen stand“ und die grosse
-Eiche küssen musste, tat er das auf ganz verrückte Art, umfasste mit den
-Armen den dicken Stamm, ganz wie man ein Mädchen liebkost, wenn niemand
-es sieht; da wurde laut gelacht, denn alle wussten wohl, wie man es tut,
-ob auch niemand es tun will, wenn es gesehen wird.
-
-Der Lehrer, der anfangs das Schauspiel von seinem hohen Standpunkte
-kritisch betrachtet hatte, wurde schliesslich so in ihre Freude
-hineingezogen, dass er beinahe glaubte, zur Gesellschaft zu gehören. Er
-konnte bei den Witzen der Ladendiener sogar den Mund verziehen, und der
-Familienvater hatte in einer Stunde seine Sympathie gewonnen. Und der
-war auch ein Spassmacher ersten Ranges. Er konnte „Katze schinden“,
-„Krebsgang gehen“, auf Baumstämmen „liegen“, Münzen verschlingen, Feuer
-essen und alle möglichen Vogellaute nachahmen. Und als er ein
-Safranbrötchen aus dem Mieder eines jungen Mädchens nahm und es dann im
-rechten Ohr verschwinden liess, da lachte der Lehrer so, dass sein
-leerer Magen hüpfte.
-
-Dann begann der Tanz. Der Lehrer hatte in Rabes Grammatik die Weisheit
-gelesen: „Nemo saltat sobrius, nisi forte insanit“ und hatte immer
-gedacht, Tanz sei ein Ausbruch von Wahnsinn. Er hatte allerdings junge
-Hunde und Kälber tanzen sehen, wenn sie fröhlich waren, aber er glaubte
-nicht, dass Cicero seine Maxime bis auf die Tiere hätte ausdehnen
-können, und zwischen Tier und Mensch hatte der Lehrer einen dicken
-Strich ziehen gelernt. Als er aber nun diese jungen Menschen, die
-nüchtern, aber satt und ohne Durst waren, sich nach den schleppenden,
-aber taktmässigen Klängen der Harmonika herum schwenken sah, war es, als
-sei seine Seele in eine Schaukel gekommen, die von seinen Augen und
-Ohren in Schwung gesetzt wurde, und er konnte sich nicht erwehren, dass
-sein rechter Fuss gegen das Moos leise den Takt trat.
-
-Als drei Stunden vergangen waren, stand er auf. Aber es fiel ihm beinahe
-schwer, fortzugehen; es war, als breche er von einem fröhlichen Gelage
-auf, denn er glaubte mit ihnen zusammen gewesen zu sein; aber er war
-milder geworden und empfand einen Frieden und eine angenehme Müdigkeit,
-als habe er sich vergnügt.
-
-Der Abend war gekommen. Einige lackierte Wagen schleppten Damen, die in
-ihren weissen Theatermänteln wie eingehüllte Leichen auf den Rücksitzen
-lagen, denn es war damals Mode, so auszusehen, als sei man ausgegraben.
-Der Lehrer, dessen Gedanken eine neue Richtung eingeschlagen hatten,
-dachte, diese Damen müssten sich langweilen, und er empfand nicht eine
-Spur von Neid. Aber unterhalb der grossen Landstrasse, draussen auf dem
-Meer kamen jetzt die Dampfer mit Flaggen und Musik von ihren
-Vergnügungsfahrten zurück; man hurrate und spielte und sang auf ihnen,
-dass es noch in den Bergen des Tiergartens zu hören war.
-
-Niemals in seinem Leben hatte sich der Lehrer so allein gefühlt wie in
-diesem Volksgewimmel; er glaubte, die Menschen blickten ihn mit
-Teilnahme an, wie er da allein gleich einem Einsiedler ging, und er
-selber fand, es sei schade um ihn. Er wäre gern auf den ersten Besten
-zugegangen, nur um zu sprechen und seine Stimme wieder zu hören, denn er
-fand in seiner Einsamkeit, er habe einen Fremden neben sich. Und jetzt
-erwachte sein böses Gewissen. Er erinnerte sich an den Kellner Gustav,
-der seine Freude, ihn wiederzusehen, nicht hatte zügeln können. Jetzt
-war er soweit gekommen, dass er wünschte, irgend jemand komme ihm
-entgegen und zeige seine Freude, ihn zu sehen! Aber es kam niemand.
-
-Doch, als er auf der Dampfschaluppe sass, kam ein Hühnerhund, der seinen
-Herrn verloren, und legte den Kopf auf seine Knie. Der Lehrer mochte
-Hunde sonst nicht leiden, aber er jagte ihn jetzt nicht fort; es war ein
-so weiches und warmes Gefühl am Knie, und das verlassene Tier sah ihm in
-die Augen, als bitte es ihn, seinen Herrn ausfindig zu machen.
-
-Als sie aber ans Land stiegen, lief der Hund seiner Wege.
-
-– Er brauchte mich nicht länger, dachte der Lehrer, und dann ging er
-nach Hause und legte sich nieder.
-
- * * * * *
-
-Diese unbedeutenden Ereignisse des Mittsommertages hatten dem Lehrer
-seine Sicherheit genommen. Er sah nämlich ein, dass alle Vorsorge, alle
-Voraussicht, alle kluge Berechnung dem Menschen nicht genug sei. Er
-fühlte eine gewisse Unsicherheit um sich herum. Sogar die Kneipe, sein
-Heim, war so wenig zuverlässig, dass es jeden Augenblick geschlossen
-werden konnte. Eine gewisse Kühle von Gustavs Seite begann auch störend
-auf ihn einzuwirken. Der Kellner war ebenso höflich wie früher,
-aufmerksamer als sonst, aber die Freundschaft war fort, das Vertrauen
-war gebrochen. Das machte den Lehrer bedenklich, und jedes Mal, wenn er
-ein trockenes Stück Fleisch oder zu wenig Kartoffel bekam, dachte er
-immer:
-
-– Haha! Er rächt sich an mir!
-
-Der Sommer war schlimm für den Lehrer: die zweite Geige verreiste und
-der Buchhändler hielt sich meistens auf der „Moseshöhe“ auf, dem
-hochgelegenen Gartenrestaurant seines Viertels.
-
-An einem Herbstabend sassen der Buchhändler und die zweite Geige in der
-Stammkneipe und tranken ihren Grog, als der Lehrer eintrat, unterm Arm
-ein Paket tragend, das er sorgfältig in einem leeren Flaschenkorb
-verbarg, in der Kammer, in die man Gerümpel fortstellte. Der Lehrer war
-mürrisch und ungewöhnlich nervös.
-
-– Nun, alter Junge, begann der Buchhändler wohl zum hundertsten Mal,
-wirst du dich nicht doch noch verheiraten?
-
-– Der Teufel mag sich verheiraten! Man hat doch genug Sorgen! Und warum
-verheiratest du dich nicht? wies ihn der Lehrer ab.
-
-– Oh, ich habe ja meine alte Stafva, antwortete der Buchhändler, der
-eine Menge Antworten auf eine Menge Fragen stereotypiert hatte.
-
-– Ich bin glücklich verheiratet gewesen, sagte der Pole. Aber meine Frau
-ist jetzt tot, huh!
-
-– Ist sie das, ahmte der Lehrer ihm nach; und der Herr ist Witwer, wie
-reimt sich das?
-
-Der Pole verstand die Wendung nicht, nickte aber beifällig. Der Lehrer
-fand, dass die beiden anfingen, ihn zu ermüden. Das Gespräch drehte sich
-immer in derselben Richtung, um dieselben Dinge; und er konnte ihre
-Antworten auswendig.
-
-Als er aufstand, um sich eine Zigarre aus seinem Überrock, der draussen
-im Flur hing, zu holen, eilte der Buchhändler nach der Rumpelkammer und
-holte das Paket des Lehrers. Da es nicht versiegelt war, hatte er es
-bald aufgemacht, und rollte nun ein prächtiges amerikanisches Nachthemd
-auf; das hängte er sorgfältig über den Stuhl des Lehrers.
-
-Huh! sagte der Pole und grinste, als habe er etwas Garstiges gesehen.
-
-Der Wirt, der einen guten Scherz liebte, legte sich auf den Ladentisch
-und lachte laut; der Kellner blieb im Saal stehen, und bald steckte eine
-Köchin den Kopf durch die Klappe.
-
-Als der Lehrer wieder hereinkam und den Scherz sah, wurde er blass vor
-Wut; er hatte sofort den Buchhändler in Verdacht; als er aber Gustav in
-einer Ecke stehen und lachen sah, kam ihm wieder eine fixe Idee: Er
-rächt sich! Und ohne ein Wort zu sagen, riss er das Hemd an sich, warf
-Geld auf den Ladentisch und ging!
-
-Von diesem Tage an liess sich der Lehrer nicht mehr bei Rejners sehen.
-Der Buchhändler wollte wissen, dass er in einem Restaurant seines
-Viertels ass. Das tat er auch! Aber er war tief missvergnügt! Das Essen
-war ja nicht schlecht, aber es war nicht so zubereitet, wie er es
-gewohnt war. Die Kellner waren nicht aufmerksam. Oft dachte er nach
-Rejners zurückzukehren, aber sein Stolz verbot es ihm. So war er aus
-seinem Heim hinausgeworfen; so war eine vieljährige Bekanntschaft in
-fünf Minuten gebrochen worden.
-
-Im Herbst kam ein neuer Schlag. Mamsell Auguste hatte in der Provinz
-eine kleine Erbschaft gemacht und wollte Stockholm am ersten Oktober
-verlassen. Der Lehrer musste ziehen.
-
-Da ihm aber nichts mehr recht gemacht werden konnte, zog er jeden Monat
-um. Das eine Zimmer war nicht schlechter als das andere, aber es war
-nicht dasselbe! Er war so gewohnt, seine alten Strassen zu gehen, dass
-er sich oft vor der Tür seiner früheren Wohnung befand, ehe er seinen
-Irrtum entdeckte. Mit einem Wort, er war ganz verloren.
-
-Schliesslich ging er in ein Pensionat, obwohl er das immer gehasst und
-einen Schrecken davor gehabt hatte. Und da verloren die Bekannten seine
-Spur.
-
-Eines Abends sitzt der Pole in der Stammkneipe, allein, rauchend,
-trinkend, nickend, mit des Orientalen Fähigkeit, in Gedankenlosigkeit zu
-versinken. Da kommt der Buchhändler wie ein Gewitter angestürmt und
-schlägt den halb zerquetschten Hut gegen die Tischscheibe, indem er
-ausruft:
-
-– Himmelkreuzdonnerwetter! Hat man so etwas gehört?
-
-Der Pole erwacht aus seinem Kognak- und Tabaknirwana und rollt die
-Augen.
-
-– Himmelkreuzdonnerwetter! Hat man so etwas gehört? Er hat sich verlobt!
-
-– Wer hat sich verlobt? fragt der Pole, ganz erschrocken von dem
-Hinwerfen des Hutes und dem üppigen Fluchen.
-
-– Lehrer Blom!
-
-Und der Buchhändler verlangt einen Grog, als Ersatz für die Bewirtung,
-die er gegeben. Und der Kellermeister muss vom Ladentisch aufstehen und
-zuhören.
-
-– Hat sie Geld? fragt er gerieben.
-
-– Nein, das glaube ich nicht, sagt der Buchhändler, der jetzt ein Held
-ist und seine Gaben stückweise verkauft.
-
-– Ist sie schön? fragt der Pole. Meine Frau war so schön, huh!
-
-– Nein, sie ist auch nicht schön, sagt der Buchhändler. Aber sie sieht
-nett aus!
-
-– Haben Sie sie denn gesehen? fragt der Wirt. Ist sie alt?
-
-Und er blickt nach der Küchenklappe.
-
-– Nein, sie ist jung!
-
-– Und ihre Eltern? fährt der Wirt fort.
-
-– Der Vater soll Gelbgiesser in Örebro sein!
-
-– Nein, solch ein Schelm! meint der Wirt.
-
-– Ich habs ja immer gesagt, der Mann war geboren zum heiraten, sagt der
-Buchhändler.
-
-– Das sind wir wohl alle, sagt der Wirt; und glauben Sie mir, glauben
-Sie mir, niemand entgeht seinem Schicksal!
-
-Mit dieser Weisheitsregel schliesst er das Gespräch und geht wieder an
-den Ladentisch.
-
-Nachdem man sich damit beruhigt hat, dass es keine Geldheirat ist,
-stellt man Betrachtungen darüber an, „wovon sie leben werden“. Und der
-Buchhändler schätzt den Gehalt des Lehrers ab, und „was er an Stunden
-verdienen kann“.
-
-Nachdem diese Frage entschieden ist, will der Wirt Einzelheiten wissen.
-
-– Wo hat er sie getroffen? Ist sie blond oder dunkel? Liebt sie ihn?
-
-Die letzte Frage liegt durchaus nicht aus dem Wege, und der Buchhändler
-„glaubt es“, denn er hat gesehen, wie sie vor einem Schaufenster an
-seinem Arm hing.
-
-– Ja, aber dass er, der so hölzern war, sich verlieben konnte! Das ist
-doch ganz unglaublich!
-
-– Aber was für ein Ehemann er werden wird!
-
-Der Wirt weiss, dass ers mit dem Essen „verflucht“ genau nimmt, und das
-dürfe man nicht, wenn man sich verheiratet (ein Blick nach der
-Küchenklappe)!
-
-– Und dann will er gern einen Grog abends trinken; aber man kann doch
-nicht jeden Abend einen Grog trinken, wenn man verheiratet ist? Und dann
-mag er Kinder nicht leiden! Das geht nicht gut, flüstert er. Glauben Sie
-mir, das geht nicht gut. Und dann noch eine Sache, meine Herren (hier
-stand er auf, sah sich um und fuhr flüsternd fort), ich glaube, hol mich
-der Teufel, er hat ein kleines Verhältnis gehabt, der alte Heuchler.
-Erinnern Sie sich nicht jenes Abends, meine Herren, mit dem – hihihihi!
-– Nachthemd? Den finden Sie nicht wieder, wo Sie ihn gelassen haben!
-Passen Sie auf, Frau Blom, nehmen Sie sich in acht! Aber ich will nichts
-gesagt haben!
-
-Die Tatsache stand jedenfalls fest, dass der Lehrer verlobt war und dass
-er in zwei Monaten heiraten wollte.
-
-Wie es weiter ging, das gehört nicht zur Geschichte, und schwer ist es
-ausserdem, wirklich zu wissen, was hinter den Klostermauern der
-Häuslichkeit geschieht, wenn das Gelübde des Schweigens gehalten wird.
-
-Sicher ist so viel, dass der Lehrer seitdem nie mehr in einer Kneipe zu
-sehen war.
-
-Der Buchhändler, der ihn eines Abends allein auf der Strasse traf,
-musste eine lange Vorlesung anhören, dass er sich verheiraten solle. Ja,
-der Lehrer war gegen Junggesellen losgezogen und hatte gesagt, sie seien
-Egoisten, die sich nicht fortpflanzen wollten; man müsse eine hohe
-Steuer auf diese Kuckucke legen, denn alle indirekten Steuern träfen am
-meisten den Familienvater; ja, er ging so weit, dass der
-Junggesellenstand durch das Gesetz „als ein Verbrechen gegen die Natur“
-bestraft werden müsse.
-
-Der Buchhändler, der ein gutes Gedächtnis hatte, sprach seine Bedenken
-aus, ob man sein Schicksal mit einer „Gans“ vereinigen solle. Da
-antwortete der Lehrer, _seine_ Frau sei die intelligenteste Dame, die er
-kenne.
-
-Zwei Jahre später hatte der Pole den Lehrer mit seiner Frau im Theater
-gesehen und gefunden, „dass sie glücklich aussahen, huh!“
-
-Drei Jahre später war der Wirt an einem Mittsommertag auf einer
-Vergnügungstour durch den Mälarsee nach Mariefred gefahren. Dort
-draussen auf dem grünen Rasen, vor dem Schloss Gripsholm, schob der
-Lehrer Blom einen Kinderwagen und trug einen Korb mit Speisen, während
-ihm eine ganze Karawane Herren und Damen folgten, die „vom Land zu sein
-schienen“. Der Lehrer sang nach dem Mittagessen Lieder und sprang Bock
-mit den jungen Herren. Er sah zehn Jahre jünger aus und war wie ein
-richtiger Kavalier gegen die Damen.
-
-Der Wirt, der sich der Gesellschaft ganz nahe befand, hatte während des
-Mittagessens einen kleinen Dialog zwischen Herrn Blom und seiner Frau
-angehört. Als die Frau eine Schüssel Krebse aus dem Speisekorb nahm, bat
-sie Albert, nicht verdriesslich zu werden, aber es sei ihr ganz
-unmöglich gewesen, weibliche Krebse zu bekommen, obwohl sie den ganzen
-Markt abgesucht habe. Da fasste der Lehrer sie um die Taille, küsste sie
-und sagte, er esse ebenso gern männliche Krebse und er sei ganz
-zufrieden. Als dann das Kind im Wagen zu schreien anfing, hob der Lehrer
-es auf seine Arme und trug es, bis es still wurde.
-
-– Nun, das sind ja alles Kleinigkeiten, aber wie die Menschen als
-Verheiratete leben können, während sie kaum als Junggesellen zu leben
-haben, das ist ein Rätsel. Aber es sieht aus, als bringen die Kinder
-Essen mit, wenn sie zur Welt kommen, so sieht es aus!
-
-
-
-
- Ersatz
-
-
-Er war zu seiner Zeit ein Genie auf der Universität gewesen, und es war
-kein Zweifel, dass etwas Grosses aus ihm werden würde. Als cand. jur.
-musste er indessen nach Stockholm gehen, um sich eine Stellung zu
-suchen. Die Doktorarbeit wurde aufgeschoben. Er war recht ehrgeizig,
-besass aber kein Vermögen. Darum hatte er beschlossen, sich reich und
-vornehm zu verheiraten. Man sah ihn daher auf der Universität Uppsala
-und später in der Hauptstadt Stockholm nur in den feinsten
-Gesellschaften. In Uppsala trank er als älterer Student immer
-Brüderschaft mit den neu ankommenden Adeligen, die sich von der
-Bekanntschaft des älteren Landsmannes geehrt fühlten. So schloss er
-„essbare“ Freundschaften mit ihnen, und während des Sommers wurde er
-dann immer auf das Schloss der Eltern eingeladen.
-
-Dort war sein Jagdgebiet. Er hatte gesellige Talente, spielte und sang
-und konnte die Damen unterhalten; darum war er gern gesehen. Seine
-Kleidung deutete auf grössere Eleganz, als seine Mittel erlaubten; aber
-er lieh niemals Geld von Adeligen oder Freunden. Er hatte sogar zwei
-wertlose Aktien gekauft, und er vergass nicht zu erzählen, dass er die
-Generalversammlung besuchen müsse.
-
-Zwei Sommer hatte er einem adeligen Fräulein, das etwas Grundbesitz
-besass, den Hof gemacht, und man sprach schon von seinen Aussichten, als
-er plötzlich aus dem vornehmen Horizont verschwand und sich mit einem
-armen Mädchen verlobte, deren Vater Böttcher ohne Grundbesitz war.
-
-Seine Freunde konnten nicht verstehen, wie er sich selber so ins Licht
-treten konnte. Er hatte ja so gut vorgespannt, dass er sofort fahren
-konnte; er hatte ja den Bissen schon auf der Gabel, dass er nur den Mund
-zu öffnen brauchte. Ja, er verstand es selbst nicht, wie seine
-vieljährigen Pläne so schnell von einem kleinen Mädchengesicht gekreuzt
-werden konnten, das er ein einziges Mal auf einem Dampfer gesehen. Er
-war behext, er war besessen.
-
-Er fragte seine Freunde, ob sie sie nicht schön fänden.
-
-Nein, das könnten sie nicht finden, wenn sie aufrichtig sein sollten.
-
-– Aber sie ist intelligent. Seht ihr nur in die Augen! Wie sprechend
-sind die!
-
-Die Freunde konnten nichts sehen und noch weniger hören, denn das
-Mädchen sprach nie.
-
-Aber er war jeden einzigen Abend im Haus des Böttchers; oh das war ein
-intelligenter Mann. Er lag auf den Knien, das war eine Erinnerung an die
-Sommerschlösser, und hielt ihr das Garn; er sang ihr vor, spielte,
-sprach über Theater und Religion; und er las immer eine bejahende
-Antwort in ihren tiefen Augen. Er schrieb Verse an sie und legte ihr
-seinen Lorbeerkranz, seine ehrgeizigen Träume, ja seine Doktorarbeit zu
-Füssen.
-
-Und dann verheiratete er sich.
-
-Der Böttcher trank zuviel auf der Hochzeit und hielt eine unanständige
-Rede auf die Mädchen. Der Schwiegersohn fand aber so viel Natur, so viel
-Liebenswürdigkeit im Auftreten des Alten, dass er ihn noch aufmunterte,
-statt ihn zum Schweigen zu bringen. Er fühlte sich so wohl unter diesen
-einfachen Menschen, da konnte er er selber sein.
-
-– Seht, das ist die Liebe, sagten seine Freunde. Es ist doch etwas
-merkwürdiges mit der Liebe!
-
-Und so waren sie verheiratet. Einen Monat. Zwei Monate. Und er war so
-glücklich. An den Abenden sassen sie zusammen, und er sang wieder von
-der „Rose im Walde“; das war ihr Lieblingslied. Und er sprach über
-Theater und Religion, und sie sass andächtig da und hörte zu. Aber sie
-sagte nichts, sie war immer seiner Meinung und häkelte Decken.
-
-Im dritten Monat nahm er die alte Gewohnheit des Mittagschlafes wieder
-auf. Seine Frau wollte neben ihm sitzen, denn sie konnte nicht allein
-sein. Das genierte ihn, denn er hatte ein grosses Bedürfnis, mit seinen
-Gedanken allein zu sein.
-
-Zuweilen ging sie ihm mittags entgegen; dann war sie so stolz, wenn er
-seine Kameraden verliess und zu ihr hinüberkam. Und dann brachte sie ihn
-im Triumph nach Haus: es war _ihr_ Mann!
-
-Im vierten Monat begann er müde zu werden, ihr Lieblingslied zu singen.
-Das war so verbraucht! Und er nahm ein Buch, und beide sassen still da.
-
-Eines Abends musste er auf eine Sitzung, der ein Schmaus folgte. Es war
-der erste Abend, an dem er nicht zu Hause war. Seine Frau musste sich
-eine Freundin einladen und sollte früh zu Bett gehen, denn er würde erst
-spät nach Haus kommen.
-
-Die Freundin kam; um neun Uhr ging sie wieder. Die junge Frau setzte
-sich in den Salon, um zu warten, denn sie wollte sich bestimmt nicht
-früher niederlegen, bis ihr Mann nach Haus gekommen. Sie hatte keine
-Ruhe zum Schlafen.
-
-So sass sie allein in der Wohnung. Was sollte sie tun? Das Mädchen war
-schlafen gegangen, und im Haus wurde es still. Die Wanduhr tickte und
-tickte. Aber es war erst zehn, als sie müde die Decke, an der sie
-häkelte, fortlegte. Sie ging umher, räumte etwas auf, war nervös.
-
-– So ist es also, verheiratet sein! Man wird aus seiner Umgebung
-gerissen und in drei leere Zimmer gesetzt, bis der Mann halbberauscht
-nach Haus kommt. Aber er liebt mich doch, und er muss ja heute abend in
-Geschäften von Hause fort sein. Ich bin eine Närrin, dass ich das nicht
-verstehe. Aber liebt er mich noch? Hat er sich dieser Tage nicht
-geweigert, mir das Garn zu halten, wie er früher so gern getan – ehe wir
-verheiratet waren. Sah er gestern mittag nicht etwas missvergnügt aus,
-als ich kam und ihn holte! Und wenn er heute abend auch eine
-geschäftliche Sitzung hat, so braucht er doch den Schmaus nicht
-mitzumachen!
-
-Die Uhr war halb elf, als sie mit diesem Examen zu Ende kam. Sie war
-erstaunt, dass ihr diese Gedanken nicht früher gekommen waren. Und sie
-stellte die dunkeln Gedanken noch ein Mal auf, und sie defilierten
-wieder an ihr vorbei. Jetzt aber war Verstärkung angelangt. Er sprach ja
-nie mehr mit ihr. Er sang nie, und das Klavier war geschlossen. Er hatte
-gelogen, als er sagte, er müsse Mittagsschlaf halten, denn er las dabei
-einen französischen Roman.
-
-Er hatte sie belogen!
-
-Die Uhr war erst halb zwölf. Das Schweigen wurde schauerlich. Sie
-öffnete das Fenster und sah auf die Strasse hinaus. Dort unten standen
-zwei Herren und verhandelten mit zwei Frauenzimmern. Ja, so sind die
-Männer! Wenn er das auch täte! Dann ginge sie ins Wasser!
-
-Sie schloss das Fenster und steckte die Krone in der Schlafstube an. Man
-muss sehen, was man macht, hatte er bei einer intimen Gelegenheit
-gesagt. Noch war alles so blank, so fein. Die grüne Bettdecke sah wie
-eine gemähte Wiese aus, und die kleinen weissen Kissen lagen wie junge
-Katzen im Grase. Die Politur ihres Toilettentisches leuchtete: das Glas
-hatte noch nicht diese hässlichen Flecken, die es vom spritzenden Wasser
-bekommt; das Silber auf der Haarbürste, auf der Puderschachtel, der
-Zahnbürste, alles war noch blank. Ihre Pantoffeln dort unter dem Bett
-waren noch so schön und neu, als würden sie niemals niedergetreten
-werden. Alles war frisch, aber doch schon alt. Sie kannte alle seine
-Lieder, alle seine Salonstücke, alle seine Worte, alle seine Gedanken.
-Sie wusste genau, was er sagen würde, wenn er sich mittags zu Tisch
-setzte; alles was er sagen würde, wenn sie abends allein waren.
-
-Sie war des Allen müde. Hatte sie ihn geliebt? Oh ja! Gewiss, das hatte
-sie! Aber war das alles, waren das alle Träume ihrer Jugend? Sollte das
-ganze Leben so werden? Ja! Aber, aber, aber, sie würden doch wohl ein
-Kind bekommen. Ja, aber noch waren keine Anzeichen da! Dann wäre sie
-nicht mehr allein! Dann könnte er so oft fortgehen, wie er wollte, denn
-dann hätte sie ja stets jemand, mit dem sie sprechen, mit dem sie sich
-beschäftigen konnte. Vielleicht war es ein Kind, das fehlte. Vielleicht
-war die Ehe wirklich für etwas anderes geschaffen, als dafür, dass sich
-ein Herr eine Geliebte hält, die das Gesetz ihm schützt. Jawohl! Aber er
-musste sie doch lieben, und das tat er nicht! Und sie weinte!
-
-Als der Mann um ein Uhr nach Haus kam, war er durchaus nicht berauscht.
-Aber er wurde beinahe böse, als er seine Frau noch aufsitzen sah.
-
-– Warum hast du dich nicht schlafen gelegt? war sein erster Gruss.
-
-– Wie kann ich Ruhe finden, wenn ich auf dich warte?
-
-– Das kann ja schön werden! Dann darf ich ja nie wieder fortgehen! ich
-glaube, du hast auch geweint!
-
-– Ja, ich habe geweint, und das muss ich wohl, wenn du – mich – nicht –
-mehr – liebst!
-
-– Liebe ich dich nicht mehr, weil ich in Geschäften fort sein muss?
-
-– Ein Schmaus ist kein Geschäft.
-
-– Sieh da! Nun kann man nicht einmal mehr ausgehen! Die Frauen sind doch
-wirklich gar zu aufdringlich!
-
-– Aufdringlich? Ja, ich habe es gestern Mittag gesehen, als ich dir
-entgegen kam. Aber ich werde dir nie mehr entgegen kommen.
-
-– Aber, Kind, wenn ich mit meinem Chef gehe ...
-
-– Huhuhu!
-
-Sie brach in Tränen aus, und ihr Körper zuckte.
-
-Er musste das Mädchen wecken, um ihr eine Wärmflasche heiss machen zu
-lassen.
-
-Er weinte, er auch! Heisse Tränen! Über sich selbst, seine Härte, seine
-Schlechtigkeit, über die Illusionen, über alles!
-
-Aber es war doch mehr als Illusionen! Er liebte sie ja! Tat er das
-nicht? Und sie sagte ja, sie liebe ihn wieder, als er jetzt beim Sofa
-auf den Knien lag und ihre Augen küsste. Ja, sie liebten einander! Nur
-eine Wolke war vorbeigezogen! Garstige Gedanken, die einem in der
-Einsamkeit kommen. Sie wollte niemals, niemals mehr allein bleiben. Und
-sie schliefen umarmt ein, und sie lächelte wieder.
-
-Am nächsten Tag aber ging sie ihm nicht entgegen. Er tat keine Frage
-beim Mittagstisch. Er sprach viel, aber mehr um zu sprechen; und es
-klang, als spreche er mit sich selber.
-
-Am Abend unterhielt er sie mit langen Schilderungen über das Leben auf
-dem Schlosse Sjöstaholm: was die jungen Damen zum Baron sagten, und wie
-die Pferde des Grafen hiessen. Und am nächsten Tag sprach er von seiner
-Doktorarbeit.
-
-Eines Mittags kam er sehr müde nach Haus. Sie sass im Salon und wartete
-auf ihn. Ihr Garnknäuel war auf den Boden gefallen. Als er an ihr vorbei
-geht, wickelt sich das Garn um seinen Fuss, er reisst ihr damit die
-Decke aus der Hand und schleppt sie mit; wird böse und schleudert das
-Garn mit einem Fusstritt fort.
-
-Sie sagt etwas Scharfes über seine Unhöflichkeit.
-
-Er antwortet: er habe keine Zeit, an ihren Kram zu denken, und sie könne
-übrigens etwas Nützlicheres vornehmen. Er müsse an seine Doktorarbeit
-denken, wenn er sich eine Zukunft schaffen wolle. Darum müssten sie
-darauf bedacht sein, sich einzuschränken.
-
-So weit war es also gekommen!
-
-Am nächsten Tag sass die junge Frau mit verweinten Augen da und strickte
-einen Strumpf für ihren Mann. Er sagte ihr, es sei billiger, gewebte
-Strümpfe zu kaufen. Da brach sie in Tränen aus. Was solle sie tun? Das
-Mädchen besorge ja das Haus, und in der Küche sei für eine zweite Person
-nichts mehr zu tun. Die Zimmer räume sie selber auf. Wolle er, dass sie
-das Mädchen verabschiede?
-
-– Nein, Nein!
-
-– Wie wolle er es denn haben?
-
-– Das könne er nicht sagen, aber es sei bestimmt etwas nicht richtig.
-Der Haushalt sei zu teuer. Das sei alles. Auf die Dauer ginge es nicht
-so weiter, und er komme nie dazu, an seiner Abhandlung zu arbeiten.
-
-Tränen und Küsse und grosse Versöhnung!
-
-Er fing nun aber an, einige Abende in der Woche auszugehen. Geschäfte!
-Ein Mann müsse sich unter den Leuten sehen lassen. Das sei nun ein Mal
-so; sonst werde er vergessen.
-
-O die langen, langen Abende! Jetzt aber ging die Frau zu Bett und
-stellte sich schlafend, als ihr Mann nach Hause kam.
-
- * * * * *
-
-Ein Jahr war vergangen, aber von einem Kind war nichts zu merken. Der
-Mann dachte: das gleicht ja ganz einem kleinen Verhältnis, das ich
-früher ein Mal gehabt habe; nur ist das jetzige langweiliger und
-teuerer. Die Gespräche hörten auf, und nur Geschwätz über
-Angelegenheiten des Haushalts blieb übrig. Sie ist ja dumm, dachte er.
-Auf mich selber lausche ich ja, wenn ich spreche, und die Tiefe in ihren
-Blicken kam ja nur daher, dass sie so grosse Pupillen hat, so
-ungewöhnlich grosse Pupillen.
-
-Er sprach jetzt offen mit ihr von seiner früheren Liebe zu ihr, als von
-etwas, das vergangen sei. Nein, das gab ihm wieder einen Stich ins Herz,
-wie etwas Aufreizendes, Unbarmherziges, etwas das niemals sterben
-konnte.
-
-Dann aber sprach er zuweilen zu sich selber.
-
-– Alles auf Erden ist der Abnutzung unterworfen. Warum soll denn ihr
-Lieblingslied unvergänglich sein. Wenn man es dreihundertfünfundsechzig
-Male gehört hat, ist es verbraucht; daran ist nichts zu ändern. Aber hat
-denn meine Frau recht, wenn sie daraus schliesst, dass es mit der Liebe
-auch zu Ende ist? Nein, und ein leises ja! Wenn es aber nur ein
-Konkubinat ist? Das ist es, da wir kein Kind haben!
-
-Eines Tages entschloss er sich, mit einem verheirateten Kameraden zu
-sprechen; sie waren ja beide Mitglieder des Freimaurerordens der
-Verheirateten.
-
-– Wie lange bist du verheiratet?
-
-– Sechs Jahre!
-
-– Findest du das Verheiratetsein langweilig?
-
-– Anfangs war es ja etwas fade; als aber die Kinder kamen, konnte man
-wieder atmen.
-
-– Nein, was du sagst? Es ist merkwürdig, dass ich keine Kinder bekomme.
-
-– Das ist nicht deine Schuld; ist aber leicht zu ändern. Schick deine
-Frau zum Arzt!
-
-Er sprach vertraulich mit der Frau, und sie ging zum Arzt.
-
-Sechs Wochen später war es so weit.
-
-Jetzt kam ein anderes Leben ins Haus! Oh, wieviel war da zu tun! Auf dem
-Tisch des Salons lagen Kinderkleider umher, die unter das
-Photographiealbum geschmuggelt wurden, wenn jemand in die Tür trat. Und
-sie kamen wieder zum Vorschein, wenn man sah, dass nur er es war, der
-kam. Und dann musste man einen Namen für ihn finden. Denn ein Junge
-musste es werden. Und dann musste man die „Frau“ konsultieren, und
-medizinische Bücher kaufen, und eine Wiege und Bettzeug.
-
-Das Kind kam! Und siehe da, es war ein Junge!
-
-Als er „den kleinen Pavian, der nach Butter roch“ an diesen Brüsten, die
-bisher nur sein Spielzeug gewesen, liegen sah, da lernte er in seiner
-kleinen Frau die Mutter kennen; und als er sah, wie die grossen Pupillen
-das Kind so tief ansehen, als schauten sie in die Zukunft hinein, da
-verstand er, dass doch etwas Tiefes in den Augen lag; ja das war tiefer,
-als sein Theater und seine Religion verstehen konnten. Und jetzt flammte
-all das Alte, das liebe, erste Alte wieder auf, und es kam mit etwas
-Neuem, das er geahnt, aber niemals verstanden hatte.
-
-Wie schön sie war, als sie wieder aufstand. Und wie intelligent in
-allem, was das Kind betraf.
-
-Und er fühlte sich als Mann. Statt von den Pferden des Grafen und den
-Kricketpartien des Barons zu sprechen, sprach er jetzt fast zuviel von
-seinem Sohn.
-
-Und wenn er jetzt eines Abends fort war, sehnte er sich nach Haus; nicht
-weil seine Frau wie ein böses Gewissen dort sass und wartete, sondern
-weil er wusste, dass sie nicht allein war. Und wenn er nach Haus kam, so
-schliefen sie, sowohl sie wie das Kind. Er wäre beinahe eifersüchtig auf
-den Kleinen geworden, denn es hatte doch einen gewissen Reiz, wenn man
-sehnsüchtig erwartet wurde.
-
-Nun durfte er sein Mittagschläfchen halten. Und wenn der Vater fort war,
-wurde das Klavier wieder aufgemacht und das Lieblingslied von der „Rose
-im Walde“ gesungen, denn das war ganz neu für Harald, und es wurde auch
-neu für die arme Laura, die es lange nicht gehört hatte.
-
-Zum Häkeln hatte sie nie mehr Zeit, aber das Haus war auch voll genug
-von Decken. Aber auch zu seiner Abhandlung fand er nicht die Zeit.
-
-– Die soll Harald schreiben, sagte der Vater, denn er wusste jetzt, dass
-sein Leben nicht zu Ende war, _wenn_ es einmal zu Ende ging.
-
-Manchen Abend sassen sie wie früher zusammen und plauderten; jetzt aber
-sprachen sie beide, denn jetzt verstand sie, wovon sie sprachen.
-
-Sie bekannte, sie sei ein einfältiges Ding, das von Theater und Religion
-nichts verstehe; das habe sie ihm aber gesagt, obwohl er es nicht habe
-glauben wollen.
-
-Jetzt aber glaubte er es erst recht nicht.
-
-Und sie sangen das Lieblingslied und Harald schrie mit, und sie tanzten
-nach der Melodie, und sie wiegten das Kind danach, und das Lied wurde
-doch nicht verbraucht!
-
-
-
-
- Reibungen
-
-
-Ihm waren die Augen aufgegangen über die Verkehrtheit der Welt, aber er
-besass nicht die Kraft, das Dunkel zu durchdringen, um zu sehen, worin
-die Ursache zu dieser Verkehrtheit lag; darum verzweifelte er, wurde,
-was man „zerrissen“ nennt. Da verliebte er sich in ein Mädchen, das sich
-mit einem andern verheiratete. Er beklagte sich seinen Freunden und
-Freundinnen gegenüber, aber die lachten nur über ihn. So ging er allein,
-„unverstanden“, seinen Weg ein Stück weiter. Er gehörte zur
-„Gesellschaft“ und nahm an deren Vergnügungen teil, weil die ihn
-zerstreuten; im Grunde aber verachtete er diese Vergnügungen, und das
-verbarg er nicht.
-
-Eines Abends war er auf einem Ball. Er tanzte mit einem jungen Mädchen
-von ungewöhnlicher Schönheit und von lebhaften Zügen. Als der Walzer zu
-Ende war, stellte er sie an eine Wand. Er musste mit ihr sprechen,
-wusste aber nicht, was er sagen sollte. Schliesslich brach das Mädchen
-das Schweigen und sagte mit einem harten Lächeln:
-
-– Sie tanzen wohl sehr gern, Herr Baron?
-
-– Nein, durchaus nicht! antwortete er. Und Sie?
-
-– Ich kenne nichts Alberneres, antwortete sie.
-
-Er hatte seinen Mann, oder richtiger, seine Frau gefunden.
-
-– Warum tanzen Sie denn? fragte er.
-
-– Aus demselben Grunde wie Sie, sagte sie.
-
-– Kennen Sie denn meine Gedanken? fragte er.
-
-– Das ist doch nicht schwer: von Menschen, die dasselbe denken, kennt
-doch immer der eine die Gedanken des andern.
-
-– Hm! Sie sind ein sonderbares Mädchen; glauben Sie an die Liebe?
-
-– Nein!
-
-– Ich auch nicht! Aber man muss sich jedenfalls verheiraten.
-
-– Ja, ich fange an es zu glauben!
-
-– Würden Sie sich mit mir verheiraten?
-
-– Warum nicht? Wir werden uns wenigstens nicht schlagen!
-
-– Pfui! Aber wie können Sie das wissen?
-
-– Weil wir derselben Meinung sind!
-
-– Ja, aber das kann etwas einförmig werden! Wir haben ja über nichts zu
-sprechen, denn der eine kennt ja die Gedanken des andern.
-
-– Ja, aber noch einförmiger wäre es, unverheiratet zu bleiben,
-unverstanden zu sein!
-
-– Das ist wahr! Wollen Sie Bedenkzeit haben?
-
-– Ja, bis zum Kotillon!
-
-– Nicht länger?
-
-– Warum länger?
-
-Er führte sie in den Salon und verliess sie. Darauf trank er einige Glas
-Champagner. Beim Souper beobachtete er sie. Sie liess sich von zwei
-jungen Diplomaten servieren, schien sie aber zu verhöhnen und wie Diener
-zu behandeln.
-
-Als der Kotillon kam, ging er sofort zu ihr und überreichte sein Bukett.
-
-– Angenommen? fragte er.
-
-– Ja, antwortete sie.
-
-Also waren sie verlobt.
-
-Es ist eine rechte Ehe, sagte die Welt. Sie sind wie geschaffen für
-einander. Dieselbe gesellschaftliche Stellung, das gleiche Vermögen und
-dieselben „blasierten“ Ansichten über das Leben. Mit blasiert meinte die
-Welt, dass sie nicht Bälle, Theater, Bazare und andere edle Vergnügungen
-liebten, die dem Leben erst seinen Wert verliehen.
-
-Sie waren wie zwei frisch gewaschene Schiefertafeln, ganz gleich jetzt,
-aber ohne eine Ahnung, ob das Leben denselben Text auf beide schreiben
-werde. Niemals fragten sie einander während der zärtlichen Stunden der
-Verlobung: liebst du mich, denn sie wussten ja, dass sie einander nicht
-liebten, da sie an die Liebe nicht glaubten. Sie sprachen wenig, aber
-sie verstanden einander so gut.
-
-Und so verheirateten sie sich.
-
-Er war immer aufmerksam, immer höflich, und sie waren gute Freunde.
-
-Das Kind wirkte nur insofern auf ihr Verhältnis ein, dass sie nun über
-etwas zu sprechen hatten.
-
-Beim Mann zeigte sich jetzt eine gewisse Lust zu Tätigkeit. Er fühlte
-Verantwortung und, was mehr ist, er war der Untätigkeit müde. Er war
-Rentier, aber er hatte keine Stellung im Dienst des Staates. Er sah sich
-jetzt nach einer Beschäftigung um, welche die Leere in seinem Leben
-ausfüllen konnte. Er hörte den ersten Morgenruf der erwachenden Geister,
-und er fühlte es als eine Pflicht, an der grossen Forschungsarbeit nach
-den Ursachen des menschlichen Elends teilzunehmen. Er studierte,
-verfolgte die Politik und schrieb schliesslich in einer Zeitung ein
-Gutachten über die Schulfrage. Daraufhin wurde er in die Schulkommission
-gewählt. Jetzt aber musste er eingehende Studien treiben, denn die
-Fragen sollten gründlich aufgeklärt werden.
-
-Die Baronin lag auf dem Sofa und las Chateaubriand oder Musset. Sie
-hatte alle Hoffnung auf Besserung der Menschheit aufgegeben, und dieses
-Herumstöbern in allem Staub und Moder, den Jahrhunderte auf die
-menschlichen Einrichtungen gelegt hatten, quälte sie. Doch sah sie, dass
-sie nicht gleichen Schritt mit dem Mann hielt. Sie waren wie zwei Pferde
-auf einem Wettrennen. Sie wurden gewogen, ehe sie starteten, und hatten
-das gleiche Gewicht; sie hatten versprochen, auf der Laufbahn gleichen
-Schritt zu halten; es war so gut berechnet, dass sie den Lauf zur selben
-Zeit vollenden und auf ein Mal aus dem Wettstreit heraus gehen sollten.
-Jetzt aber war der Mann ihr schon eine Pferdelänge voraus. Beeilte sie
-sich nicht, musste sie zurückbleiben.
-
-So geschah es auch! Im nächsten Jahr wurde er Budgetkontrolleur des
-Reichstages. Er blieb zwei Monate auf Reisen fort. Jetzt fühlte die
-Baronin, dass sie ihn liebte; sie fühlte es, weil sie fürchtete, den zu
-verlieren, der sie so für sich eingenommen hatte.
-
-Als er zurückkam, war sie Feuer und Flamme; er aber hatte den Kopf voll
-von dem, was er während der Reise gesehen und gehört. Er sah wohl ein,
-dass der Augenblick der Trennung gekommen sei, aber er wollte sie
-aufschieben, sie verhindern, wenn es möglich war. Er zeigte ihr in
-grossen lebenden Bildern, wie diese kolossale Riesenmaschine, die Staat
-heisst, eingerichtet ist; suchte den Gang der Räder zu erklären, die
-Mannigfaltigkeit der Übertragungen, die Regulatoren und Sperrhaken,
-schlechte Pendel und unsichere Ventile.
-
-Eine Weile folgte sie ihm, dann aber ermüdete sie. Ihre Inferiorität,
-ihre Wertlosigkeit fühlend, warf sie sich auf die Erziehung des Kindes;
-als Muster einer Mutter wollte sie zeigen, dass sie doch einen Wert
-besass. Aber der Mann wusste diesen Wert nicht zu schätzen. Er hatte
-sich mit einem guten Kameraden verheiratet, und nun hatte er eine gute
-Bonne. Wer konnte das ändern? Wer konnte alles voraussehen?
-
-Das Haus war jetzt voller Abgeordneter, und die Herren sprachen über
-Politik beim Essen. Die Frau beschränkte sich darauf, nachzusehen, dass
-tadellos serviert wurde. Der Baron dachte allerdings immer daran, neben
-die Wirtin junge Leute zu setzen, die über Theater und Musik mit ihr
-sprachen; aber die Baronin antwortete immer mit Kindererziehung. Beim
-Nachtisch vergass man nie, auf das Wohl der Wirtin zu trinken, floh dann
-aber Hals über Kopf ins Zimmer des Mannes, um dort zu rauchen und die
-Politik fortzusetzen. Die Baronin ging dann in die Kinderstube und
-fühlte mit Bitterkeit, dass er ihr jetzt so weit voraus war, dass sie
-ihn nie mehr einholen konnte.
-
-Er arbeitete abends viel zu Hause und schrieb bis tief in die Nacht,
-schloss sich aber immer ein. Wenn er dann seine Frau verweint sah,
-fühlte er einen Stich im Herzen, aber sie hatten ja einander nichts zu
-sagen.
-
-Zuweilen aber, wenn die Arbeit ihn ekelte, wenn er fühlte, wie seine
-eigene Persönlichkeit immer ärmer wurde, empfand er eine Leere, eine
-Sehnsucht nach etwas Warmem, Intimem, von dem er ein Mal in seiner
-Jugend geträumt hatte. Aber jedes Gefühl der Art verbot er sich als
-Untreue, und er hatte eine tiefe Vorstellung von der Pflicht gegen seine
-Frau.
-
-Um ihr das Leben etwas erträglicher zu machen, schlug er ihr vor, sie
-möge eine Kusine, von der sie immer gesprochen und die er nie gesehen,
-einladen, bei ihnen den Winter zu verbringen.
-
-Das war lange der Wunsch der Baronin gewesen, als er jetzt aber erfüllt
-werden sollte, wollte sie nicht. Sie wollte es bestimmt nicht. Der Mann
-verlangte Gründe; sie konnte aber keine angeben. Das reizte seine
-Neugier, und schliesslich gestand sie, ihr sei bange vor der Kusine: die
-werde ihr ihren Mann nehmen, er werde sich in sie verlieben.
-
-– Das muss ja ein sonderbares Mädchen sein, das müssen wir sehen.
-
-Die Baronin weinte und warnte, aber der Baron lachte, und die Kusine
-kam.
-
-Es war eines Mittags. Der Baron kam wie gewöhnlich müde nach Haus, hatte
-die Kusine wie seine Neugier nach ihr vergessen. Sie setzten sich zu
-Tisch. Der Baron fragte die Kusine, ob sie Theater liebe. Nein, das tue
-sie nicht. Sie liebe mehr die Wirklichkeit als deren Scheinbild. Sie
-habe zu Hause eine Schule für Lumpen eingerichtet und einen Verein für
-freigelassene Gefangene gegründet. Aha! Der Baron studierte gerade das
-Gefängniswesen. Die Kusine konnte ihm manche Auskunft geben. Und bis das
-Essen zu Ende war, wurde über Gefängniswesen gesprochen. Schliesslich
-hatte die Kusine versprochen, die Frage in einer kleinen Schrift zu
-behandeln, die der Baron durchsehen und ausarbeiten wollte.
-
-Alles was die Baronin vorausgesehen, traf ein. Der Herr Baron schloss
-eine geistige Ehe mit der Kusine, und die Frau war verlassen. Aber die
-Kusine war auch schön, und wenn sie sich am Schreibtisch über den Baron
-beugte, empfand er ein warmes Behagen daran, ihren weichen Arm an seiner
-Schulter zu fühlen und ihren heissen Atem auf seiner Wange zu spüren.
-Und sie sprachen nicht immer vom Gefängniswesen. Sie sprachen auch von
-Liebe. Sie glaubte an die Liebe der Seelen und sie erklärte so deutlich,
-wie sie konnte, eine Ehe ohne die Liebe der Seelen sei Prostitution. Der
-Baron hatte die Entwicklung der neuen Ansichten über die Liebe nicht
-mitgemacht und fand, es sei eine harte Rede, aber doch wohl nicht ganz
-unbegründet.
-
-Aber die Kusine hatte auch andere Eigenschaften, die unschätzbar waren
-für eine richtige geistige Ehe. Sie vertrug Tabak und konnte Zigaretten
-rauchen. Daher konnte sie nach dem Diner mit den Herren ins Rauchzimmer
-gehen, um über Politik mitzusprechen. Dann war sie entzückend.
-
-Von kleinen Gewissensbissen geplagt, konnte der Baron dann aufstehen,
-für einen Augenblick zu seiner Frau in die Kinderstube gehen, sie und
-das Kind küssen und fragen, wie es ihnen gehe. Und die Baronin war
-dankbar, aber sie war nicht glücklich. Der Baron kehrte dann in
-brillanter Laune zur Gesellschaft zurück, als habe er eine Pflicht
-erfüllt. Oft allerdings verstimmte es ihn, dass seine Frau, als _seine_
-Frau, nicht dabei sein konnte; und er fühlte sich von dieser Last
-bedrückt.
-
-Als der Frühling kam, fuhr die Kusine nicht nach Haus, sondern
-begleitete das Ehepaar in einen Badeort. Dort führte sie für die Armen
-kleine Schauspiele auf, und sie und der Baron spielten gegen einander,
-natürlich Liebhaber und Liebhaberin. Das hatte die ganz natürliche
-Folge, dass die Flamme aufloderte. Aber es war nur geistiges Feuer.
-Gemeinsame Interessen, dieselben Ansichten, und vielleicht ähnliche
-Naturen.
-
-Die Baronin hatte Zeit genug gehabt, um über ihre Stellung nachzudenken.
-Eines Tages sagte sie dem Mann, da es zwischen ihnen aus sei, so sei es
-das Beste, sich zu trennen. Das wollte er denn doch nicht, und
-Verzweiflung ergriff ihn. Die Kusine sollte nach Haus reisen und seine
-Frau sollte sehen, dass er ein Mann von Ehre sei.
-
-Die Kusine reiste ab. Aber der Briefwechsel begann. Die Baronin musste
-alle Briefe lesen. Sie wollte es nicht, aber der Baron verlangte es.
-Bald aber gab er nach und las seine Briefe allein.
-
-Schliesslich kam die Kusine zurück! Da brach es los! Der Baron hatte
-entdeckt, dass er nicht mehr ohne sie leben könne! Was war zu tun?
-Trennung? Das wäre der Tod! Fortsetzen? Unmöglich! Die Ehe auflösen, die
-der Baron jetzt nur noch für eine Prostitution hielt, und sich mit
-einander verheiraten? Ja, das war das einzig Ehrliche, wenn es auch
-schmerzhaft war.
-
-Das aber wollte die Kusine nicht! Es sollte nicht heissen, sie habe
-einen Mann von seiner Frau gelockt; und der Skandal, der Skandal!
-
-– Aber es sei unehrlich, wenn er seiner Frau nicht alles sage; es sei
-unehrlich, weiter zu gehen; man wisse nicht, wie weit es gehen könne.
-
-– Was? Was meine er? Wie weit könne es gehen?
-
-– Das könne man nicht wissen!
-
-– Oh, wie schändlich! Was er von ihr denke?
-
-– Dass sie ein Weib sei!
-
-Und er fiel auf die Knie und betete sie an und erklärte, der Teufel möge
-ihr Gefängniswesen und ihre Schulen für Lumpen holen, er wisse nicht, ob
-sie die oder die sei, aber er wisse, dass er sie liebe.
-
-Da verachtete sie ihn und reiste Hals über Kopf nach Paris.
-
-Er reiste ihr augenblicklich nach. Von Hamburg schrieb er einen Brief an
-seine Frau. Erklärte, sie hätten einen Irrtum begangen, und es sei
-unmoralisch, den nicht zu berichtigen. Bat um Scheidung.
-
-Sie liessen sich scheiden.
-
- * * * * *
-
-Ein Jahr später war der Baron mit der Kusine verheiratet. Sie bekamen
-ein Kind. Aber das störte ihr Glück nicht, im Gegenteil. Wieviel neue
-Ideen hier draussen keimten, wieviel starke Winde hier draussen wehten!
-
-Er veranlasste sie, ein Buch über „Junge Verbrecher“ zu schreiben. Das
-wurde von der Kritik heruntergemacht. Da ward sie wütend, und schwur,
-nie wieder zu schreiben. Er nahm sich die Freiheit, sie zu fragen, ob
-sie schreibe, um gelobt zu werden; ob sie ehrgeizig sei. – Sie
-antwortete mit der Frage, weshalb er denn schreibe! – So entstand ein
-kleiner Wortwechsel. – Es sei ja nur erfrischend, einmal eine andere
-Ansicht zu hören als immer die eigene. – Immer die eigene? Was solle das
-heissen? Habe sie nicht _ihre_ Ansichten? – Sie setzte jetzt ihren Stolz
-darin, zu zeigen, dass sie eigene Ansichten besitze, und die mussten
-darum immer von denen des Mannes verschieden sein, damit kein Irrtum
-vorkam. – Da erklärte er, sie könne Ansichten haben, welche sie wolle,
-wenn sie ihn nur liebe. – Liebe? Was sei denn das! Er sei ja ein Tier
-wie alle andern Männer, und er sei falsch gegen sie gewesen. Nicht ihre
-Seele liebe er, sondern ihren Körper. – Nein, beide, sie ganz und gar! –
-O, wie falsch er gewesen! – Nein, nicht falsch, sondern der Raub eines
-Selbstbetrugs sei er gewesen, als er glaubte, nur ihre Seele zu lieben.
-
-Sie hatten sich müde gegangen auf dem Boulevard und mussten sich vor
-einem Café niedersetzen. Sie steckte sich eine Zigarette an. Da trat der
-Kellner heran und sagte recht unhöflich, man dürfe hier nicht rauchen.
-Der Baron verlangte eine Erklärung. Der Kellner antwortete, es sei ein
-besseres Café, das seine Gäste nicht verscheuchen wolle, indem es
-„solche Damen“ hereinlasse.
-
-Sie standen auf, bezahlten und gingen. Der Baron war zornig, der jungen
-Baronin kamen die Tränen. – Da habe man die Macht des Vorurteils!
-Rauchen sei für den Mann eine Dummheit, denn es sei dumm zu rauchen,
-aber für die Frau sei es ein Verbrechen! Wer es könnte, möge dieses
-Vorurteil aufheben! Und wer es wolle! Der Baron wollte nicht, dass seine
-Frau das erste Opfer werde, mit der dürftigen Ehre, mit dem Vorurteil
-gebrochen zu haben. Denn etwas anderes sei es ja nicht. In Russland
-rauchten ja die Damen der Gesellschaft zwischen den Gerichten der
-grossen Diners. Die Sitten änderten sich mit den Breitengraden. Und doch
-seien diese Kleinigkeiten nicht bedeutungslos im Leben, denn das Leben
-bestehe aus Kleinigkeiten. Hätten Männer und Frauen dieselben schlechten
-Gewohnheiten, könnten sie leichter mit einander verkehren, einander
-kennen lernen und eher gleichen Schritt mit einander halten als jetzt!
-Hätten sie dieselbe Erziehung, so würden sie dieselben Interessen haben
-und während des ganzen Lebens nicht aus einander kommen.
-
-Der Baron hielt inne, als habe er etwas Dummes gesagt. Aber sie hörte
-nicht zu, denn ihre Gedanken waren nicht bei der Beschimpfung stehen
-geblieben.
-
-– Sie sei von einem Kellner beschimpft, aus der besseren Gesellschaft
-gewiesen worden. Dahinter liege etwas! Bestimmt! Man habe sie erkannt!
-Sicher, denn sie habe es schon früher bemerkt!
-
-– Was habe sie bemerkt?
-
-– Dass man sie in Restaurants mit Geringschätzung behandle. Die Menschen
-hielten sie nicht für Eheleute, weil sie Arm in Arm gingen und höflich
-gegen einander seien. Lange habe sie das mit sich herumgetragen, nun
-aber vermöchte sie es nicht mehr. Aber das sei nichts gegen das, was sie
-von Hause hören müsse!
-
-– Was habe sie denn von Hause gehört, das sie ihm nicht mitgeteilt?
-
-– Oh, was für Dinge! Was für Briefe! Und die anonymen erst!
-
-– Nun, und er? Man behandle ihn wie einen Verbrecher! Und er habe doch
-kein Verbrechen begangen! Er habe alle gesetzlichen Forderungen
-beobachtet und nicht die Ehe gebrochen. Er habe das Land verlassen, wie
-das Gesetz vorschreibt; das königliche Konsistorium habe sein
-Scheidungsgesuch bewilligt; die Geistlichkeit, die heilige Kirche habe
-ihn auf gestempeltem Papier von seinem ersten Eheversprechen entbunden;
-er habe es also nicht gebrochen! Man könne ja ein ganzes Volk von dem
-Treueid lösen, den es seinem Monarchen gegeben, wenn ein Land erobert
-wird: warum anerkenne die Gesellschaft denn nicht die Entbindung von
-einem Versprechen? Habe die Gesellschaft nicht selber dem Konsistorium
-das Recht gegeben, die Ehe aufzulösen? Wie könne sich denn die
-Gesellschaft als Richter über ihr eigenes Gesetz stellen? Die
-Gesellschaft liege also im Streit mit sich selber! Er werde wie ein
-Verbrecher behandelt! Habe nicht der Sekretär der Gesandtschaft, sein
-alter Freund, als er ihm seine Karte und die seiner Frau gesandt, ihm
-bloss eine Karte zurückgeschickt! Werde er nicht bei allen öffentlichen
-Austeilungen von Karten übergangen!
-
-– Oh, sie habe noch Schlimmeres ertragen müssen. Eine von ihren
-Freundinnen in Paris habe ihr die Tür geschlossen, und mehrere hätten
-sich auf der Strasse abgewandt, als sie ihnen begegnet sei.
-
-Nur der weiss, wo der Schuh drückt, der ihn anhat! Sie hatten jetzt die
-Schuhe an, richtige spanische Stiefel, und sie fühlten sich in Fehde mit
-der Gesellschaft. Die Vornehmen hatten sie desavouiert! Die Vornehmen!
-Diese Gemeinde von Halbkretins, die insgeheim wie Hunde leben, einander
-aber ehren, solange es nicht zum Skandal kommt; das heisst so lange man
-so ehrlich ist, den Vertrag zu kündigen, die Verfallzeit abzuwarten und
-die vom Gesetz gewährte Freiheit wiederzugewinnen. Und diese vornehme
-Gesellschaft sass da in ihrer Lasterhaftigkeit und teilte soziales
-Ansehen aus, nach einer Skala, auf der die Ehrlichkeit tief unter Null
-steht. Die Gesellschaft war also ein Gewebe von Lüge! Dass man das nicht
-längst gesehen! Jetzt aber musste man das schöne Gebäude untersuchen, um
-nachzusehen, wie es mit dessen Fundament bestellt sei.
-
-Sie waren lange nicht so einig gewesen, wie jetzt, als sie nach Haus
-kamen. Die Baronin blieb nun zu Hause bei ihrem Kind, und sie erwartete
-bald ihr zweites. Dieser Kampf war für sie zu schwer, und sie war schon
-müde geworden! Sie hatte alles satt! In einem elegant möblierten und
-warmen Zimmer über freigelassene Gefangene schreiben und ihnen aus
-gehöriger Entfernung eine gut behandschuhte Hand reichen, das billigte
-die Gesellschaft; aber einer Frau, die sich mit einem freigelassenen
-Ehemann verheiratet, die Hand reichen, das wollte die Gesellschaft
-nicht. Warum nicht? Die Antwort lag nicht nahe.
-
-Der Baron stand mitten im Leben. Besuchte die Kammern, war auf
-Versammlungen und überall hörte er wilde Ausbrüche gegen die
-Gesellschaft. Er las Zeitungen und Zeitschriften, verfolgte die
-Literatur, machte Studien. Seiner Frau drohte dasselbe Schicksal wie der
-ersten: zurückzubleiben! Seltsam aber war es! Sie konnte nicht allen
-Einzelheiten seiner Untersuchungen folgen, sie missbilligte vieles in
-den neuen Lehren, aber sie fühlte, dass er recht habe und für eine gute
-Sache wirke. Er wusste immer, dass er zu Hause eine Zustimmung fand, die
-nicht müde wurde; eine Freundin, die ihm wohl wollte. Ihr gemeinsames
-Schicksal trieb sie zusammen wie erschrockene Tauben, wenn das Gewitter
-heraufzieht. Das Weibliche bei ihr, das jetzt so wenig geachtet wird,
-und das doch nur eine Erinnerung an die Mutter ist, an die Naturkraft,
-die das Weib mitbekommen hat, brach nun hervor. Es fiel wie die Wärme
-eines abendlichen Feuers über die Kinder, wie Sonnenschein über den
-Mann, wie Friede über die Häuslichkeit. Er wunderte sich oft, dass er
-diesen Kameraden nicht vermisste, mit dem er früher über alles hatte
-sprechen können; er entdeckte, dass seine Gedanken an Stärke gewannen,
-seit er sie nicht mehr sofort ausplauderte; und er glaubte mehr an dem
-stillen Beifall, dem freundlichen Nicken, der teilnehmenden Hilfe
-gewonnen zu haben. Er fühlte sich stärker als früher, seine Ansichten
-wurden weniger kontrolliert; er war jetzt einsam, aber nicht so einsam
-wie früher, denn damals stiess er oft auf Widersprüche, die nur Zweifel
-erregten.
-
- * * * * *
-
-Es war Weihnachtsabend in Paris. In ihrem kleinen Châlet am Cours la
-Reine war die Aufräumung beendet und ein grosser Tannenbaum war aus dem
-Wald von Saint-Germain geholt. Der Baron und die Baronin wollten nach
-dem Frühstück zusammen ausgehen, um Weihnachtsgeschenke für die Kinder
-einzukaufen. Der Baron war etwas gedankenvoll, denn er hatte eben eine
-kleine Schrift „Ist die Oberklasse die Gesellschaft“ erscheinen lassen.
-Sie sassen am Kaffeetisch in dem schönen Speisesaal, und die Türen bis
-zur Kinderstube standen offen. Sie hörten, wie die Amme mit den Kleinen
-spielte, und die Baronin lächelte vor Glück und Zufriedenheit. Sie war
-so mild geworden, und ihre Freude war ruhig. Da schrie eins von den
-Kindern, und sie stand vom Tisch auf, um nachzusehen, warum es schreie.
-Im selben Augenblick kam der Diener in den Speisesaal und brachte die
-Post. Der Baron öffnete zwei Drucksachen. Die erste war eine „grosse,
-angesehene“ Zeitung. Er schlug sie auf und sah sofort eine Überschrift
-in fetten Buchstaben: „Ein Frevler!“ Und dann las er einige Zeilen: „Die
-Weihnacht ist gekommen! Dieses Fest, das allen reinen Herzen lieb ist.
-Dieses Fest, das von allen christlichen Völkern heilig gehalten wird, an
-dem Friede und Versöhnung über die ganze Menschheit herrschen, an dem
-sogar der Mörder sein Messer in die Tasche steckt und der Dieb das
-heilige Besitzrecht achtet; dieses Fest, das besonders in den nordischen
-Ländern sowohl die historischen Voraussetzungen besitzt wie von uraltem
-Herkommen ist usw. Und da kommt, wie der Gestank aus einer Kloake, ein
-Individuum, das sich nicht gescheut hat, die heiligsten Bande zu
-brechen, und speit seine Bosheit gegen die geachteten Mitglieder der
-Gesellschaft aus; eine Bosheit, die von der kleinlichsten Rache diktiert
-wird ...“ Er legte die Zeitung zusammen und steckte sie in die Tasche
-seines Schlafrocks. Dann riss er die zweite Drucksache auf. Das war eine
-Karikatur über ihn und seine Frau. Er liess die Zeitung den gleichen Weg
-gehen wie die erste, musste sich aber beeilen, denn seine Frau trat ein.
-Er beendete das Frühstück und eilte in sein Zimmer, um sich zum Ausgehen
-anzukleiden. Dann gingen sie.
-
-Die Sonne schien auf die bereiften Platanen der Champs Elysées, und der
-Concordiaplatz öffnete sich wie eine grosse Oase von Sonnenlicht mitten
-in der Steinwüste. Er hatte ihren Arm unter seinem, es war ihm aber, als
-stütze sie ihn. Sie sprach davon, was sie den Kindern kaufen sollten,
-und er antwortete, so gut er konnte. Schliesslich unterbrach er auf ein
-Mal das Gespräch und fragte, ohne eine Veranlassung dazu zu haben:
-
-– Weisst du, was für ein Unterschied zwischen Strafe und Rache ist?
-
-– Nein, darüber habe ich nicht nachgedacht.
-
-– Ich möchte wissen, ob es nicht dieser ist: wenn sich ein anonymer
-Zeitungsschreiber rächt, dann ist es Strafe; wenn aber ein namhafter
-Nichtzeitungsschreiber straft, dann ist es Rache! Tragen wir uns ein
-unter die neuen Propheten!
-
-Sie bat ihn, doch das Weihnachtsfest nicht zu stören, indem er von
-Zeitungen spreche.
-
-– Dieses Fest, wiederholte er für sich, an dem Friede und Versöhnung ...
-
-Sie gingen durch die Arkaden der Rivolistrasse, bogen in die Boulevards
-ab und kauften ein. Im Grand-Hôtel essen sie. Sie war in sonniger Laune
-und suchte ihn zu erheitern. Er aber blieb gedankenvoll. Schliesslich
-warf er die Frage auf:
-
-– Wie kann man ein böses Gewissen haben, wenn man recht gehandelt hat?
-
-Das wusste sie nicht.
-
-– Kommt es daher, dass die Oberklasse uns dazu erzogen hat, ein böses
-Gewissen zu haben, jedes Mal wenn wir uns gegen sie erheben?
-Wahrscheinlich! Warum hat der nicht das Recht, die Ungerechtigkeit
-anzugreifen, der von der Ungerechtigkeit gekränkt worden ist? Weil nur
-der, der gekränkt worden ist, angreifen wird, und die Oberklasse nicht
-angegriffen werden will. Warum habe ich die Oberklasse früher, als ich
-zu ihr gehörte, nicht angegriffen? Weil ich damals natürlich nicht
-wusste, was sie ist! Man muss sich von einem Bild entfernen, um den
-richtigen Gesichtspunkt zu finden!
-
-– Am Weihnachtsabend spricht man nicht von solchen Dingen.
-
-– Es ist wahr, es ist Weihnachten, „dieses Fest ...“
-
-Und sie fuhren nach Haus. Der Tannenbaum wurde angesteckt, und Friede
-und Glück strahlten von ihm aus; aber die dunklen Tannenzweige rochen
-nach Begräbnis und sahen düster aus, düster wie das Gesicht des Barons.
-Dann aber kam die Amme mit den Kleinen. Da klärte er sich auf, denn,
-dachte er, wenn sie herangewachsen sind, dann werden sie in Freude
-ernten, was wir in Tränen gesäet haben; dann werden sie nur ein böses
-Gewissen haben, wenn sie sich gegen die Gesetze der Natur vergehen;
-werden nicht wie wir jetzt von Grillen geritten werden, die mit dem
-Rohrstock eingebläut, mit Pfaffengeschichten eingetrichtert, von der
-Oberklasse zum Nutzen der Oberklasse verfasst sind.
-
-Die Baronin setzte sich an den Flügel, als die Mädchen von der Küche und
-der Diener hereinkamen. Und sie spielte alte wehmütige Tänze, über die
-sich der Nordländer freut, und die Leute tanzten mit den Kindern, sahen
-aber nicht fröhlich aus. Es war wie der schuldige Teil eines
-öffentlichen Gottesdienstes.
-
-Dann erhielten die Kinder und die Leute ihre Weihnachtsgeschenke. Und
-dann mussten die Kinder schlafen gehen.
-
-Die Baronin ging in den Salon und setzte sich in einen Sessel. Der Baron
-setzte sich auf einen Schemel ihr zu Füssen. Darauf liess er seinen Kopf
-auf ihre Knie sinken. O, der war so schwer, so schwer! Und sie
-streichelte ihm die Stirn, sagte aber nichts.
-
-– Was! Er weine?
-
-– Ja, das tue er!
-
-Sie hatte noch nie einen Mann weinen sehen. Das war furchtbar! Die ganze
-kräftige Gestalt schlotterte, aber er schluchzte nicht, und kein Laut
-war von ihm zu hören.
-
-– Warum er weine?
-
-– Er sei so unglücklich!
-
-– Unglücklich mit ihr?
-
-– Nein, nein, nicht mit ihr, aber doch unglücklich!
-
-– Sei man garstig gegen ihn gewesen?
-
-– O, ja!
-
-– Könne er davon sprechen?
-
-– Nein! Er wolle nur bei ihr sitzen! Wie er ein Mal, vor langer Zeit,
-bei seiner Mutter gesessen!
-
-Sie plauderte mit ihm, wie mit einem Kind! Sie küsste seine Augenlider
-und trocknete ihm das Gesicht mit ihrem Taschentuch. Sie fühlte sich so
-stolz, so seltsam stark, und sie weinte nicht. Als er sie so sah, fasste
-er wieder Mut.
-
-– Dass er so schwach sein könne! Es sei doch furchtbar, dass es in der
-Tat so schwer sei, diese fabrizierten Ansichten der Gegner zu ertragen.
-Glaubten denn seine Feinde selber, was sie sagten?
-
-– Schrecklicher Gedanke, aber das täten sie wohl. Man sehe ja Steine in
-Kiefern festwachsen, warum nicht Ansichten in Gehirnen. Aber sie glaube
-doch, dass er recht habe, dass er das Gute wolle?
-
-– Ja, das glaube sie! Aber er dürfe nicht böse werden: vermisse er nicht
-sein Kind, das erste?
-
-– Doch gewiss, aber dem sei ja nicht zu helfen. Wenigstens jetzt noch
-nicht! Aber er und die andern, die für die Zukunft arbeiteten, müssten
-auch dafür eine Hilfe finden! Noch wisse er nicht wie, aber stärkere
-Köpfe als seiner, und viele zusammen, würden wohl einmal diese Frage,
-die jetzt unlösbar erscheine, lösen.
-
-– Ja, das müssten sie!
-
-– Aber ihre Ehe? Sei das noch eine rechte Ehe, da er ihr seinen Kummer
-nicht sagen wolle? Sei das nicht auch Pro ...?
-
-– Nein, das sei eine rechte Ehe, denn sie liebten einander; das hätten
-er und seine erste Frau nicht getan! Sie liebten doch einander? Könne
-sie das leugnen?
-
-– Nein, lieber Geliebter, das könne sie nicht!
-
-– Nun, dann sei es eine rechte Ehe, von Gott, von der Natur!
-
-
-
-
- Unnatürliche Auslese
- oder
- Die Entstehung der Rasse
-
-
-Der Baron hatte mit grossem und edlem Verdruss im „Lebenssklaven“
-gelesen, dass die Kinder der Oberklasse untergehen würden, wenn sie
-nicht die Muttermilch von den Kindern der Unterklasse nähmen. Er hatte
-Darwin gelesen und zu verstehen geglaubt, durch die Auslese seien
-adelige Kinder eine höhere Entwicklungsstufe der Gattung Mensch. Durch
-die Lehre von der Erblichkeit aber hatte er einen Widerwillen gegen den
-Gebrauch von Ammen gefasst: indem Blut der Unterklasse in adelige Adern
-fliesst, könnten ja gewisse Begriffe, Vorstellungen, Intentionen
-eingepflanzt werden. Er hatte also den Grundsatz angenommen, seine Frau
-solle selber säugen; wenn ihre Milch nicht reiche, solle das Kind mit
-der Flasche genährt werden. Die Milch von den Kühen zu nehmen, war wohl
-sein Recht, wenn die Kühe sein eigenes Heu frassen, ohne das sie
-verhungern würden oder gar nicht geboren wären.
-
-Das Kind kam zur Welt. Es war ein Sohn! Der Vater war etwas unruhig
-gewesen, bis die Schwangerschaft festgestellt wurde, denn er selber war
-ein armer Teufel, aber seine Frau war sehr reich, und er konnte nur in
-Genuss ihres Reichtums kommen, wenn die Ehe mit einem gesetzlichen Erben
-gesegnet wurde, nach dem Erbgesetz Kap. 00, § 00. Die Freude war daher
-gross und ungeheuchelt. Der Sohn war ein kleines durchsichtiges
-Vollblutwesen mit blauen Adern auf der Hautfläche. Aber das Blut war
-trotzdem dünn. Die Mutter hatte die Figur eines Engels, war mit
-ausgewählter Nahrung aufgezogen, durch Pelzwerk gegen die ungünstigen
-Einflüsse des Klimas geschützt worden, und von dieser vornehmen Blässe,
-die das Weib von Rasse andeutet.
-
-Sie gab ihrem Kinde selber die Brust. Man brauchte also nicht Bäuerinnen
-zu melken, um die Ehre des Lebens zu geniessen. Das waren alles Fabeln.
-Das Kind sog und schrie vierzehn Tage. Da alle Kinder schreien, hatte
-das nichts zu bedeuten. Aber das Kind magerte ab. Es magerte ganz
-schrecklich ab. Der Arzt wurde gerufen. In geheimer Konsultation mit dem
-Mann erklärte er offen, das Kind werde sterben, wenn die Mutter es
-weiter säuge, denn teils sei sie zu nervös, teils habe sie nichts zu
-geben. Ja, er machte eine quantitative Analyse der Milch und zeigte mit
-Gleichungen, das Kind werde verhungern, wenn man auf diese Weise
-fortfahre.
-
-Was sei zu tun, denn sterben dürfe das Kind nicht? Amme oder Flasche.
-Die Amme kam nicht in Frage, unter keiner Bedingung. Wir wollen es mit
-der Flasche versuchen! Der Arzt verordnete jedoch eine Amme.
-
-Die beste holländische Kuh, welche die goldene Medaille des Kreises
-erhalten hatte, wurde isoliert und mit Heu gefüttert; mit trocknem Heu
-von der Hochwiese. Der Arzt analysierte die Milch, und alles war gut. Es
-war so einfach mit der Flasche! Dass man nicht schon längst daran
-gedacht hatte! Und man brauchte keine Amme, diese Haustyrannin, der man
-schmeicheln, dieses Faultier, das man mästen musste; und obendrein
-konnte sie noch eine ansteckende Krankheit haben!
-
-Aber das Kind magerte trotzdem ab und schrie immer noch. Schrie Nacht
-und Tag! Es hatte ganz deutlich Magenschmerzen. Eine neue Kuh und eine
-neue Analyse. Die Milch wurde mit Karlsbader Wasser (echtem Sprudel)
-verdünnt, aber das Kind schrie doch noch.
-
-– Hier ist weiter nichts zu machen, als eine Amme zu nehmen, erklärte
-der Arzt.
-
-– Nein, das wolle man nicht. Man wolle andern Kindern nicht die Milch
-fortnehmen, das sei unnatürlich, und man sei nicht sicher vor der
-„Erblichkeit“.
-
-Als der Baron von Natur und Unnatur sprechen wollte, konnte der Arzt den
-Baron darüber aufklären, wenn man die Natur wirken lasse, so würden alle
-adeligen Familien aussterben und ihr Grundbesitz an die Krone fallen. So
-weise habe die Natur es eingerichtet, und die Kultur des Menschen sei
-nur ein törichter Kampf gegen die Natur, in dem der Mensch schliesslich
-untergehen müsse. Die Rasse des Herrn Baron sei zum Untergang
-verurteilt; das zeige sich darin, dass seine Frau nicht genügend Nahrung
-für die Frucht ihres Leibes habe; um leben zu können, müsse man also die
-Milch von andern Weibchen rauben oder kaufen. Die Rasse lebe also bis in
-die geringste Einzelheit von Raub.
-
-– Sei das auch Raub, wenn man die Milch kaufe? Sie kaufe!
-
-– Ja, denn das Geld, mit dem man die Muttermilch des Volkes kaufe, sei
-ja das Produkt einer Arbeit. Und wessen Arbeit? Des Volkes! Denn der
-Adel arbeite ja nicht.
-
-– Aber der Doktor sei ja Sozialist!
-
-– Nein, er sei Darwinist. Übrigens könne man ihn seinetwegen ruhig
-Sozialist nennen, das sei ihm ganz einerlei!
-
-– Ja, aber raube man, wenn man kaufe? Das sei doch zu streng!
-
-– Ja, wenn man mit Geld kaufe, das man nicht erarbeitet.
-
-– Mit dem Körper also erarbeitet?
-
-– Ja!
-
-– Dann sei ja der Doktor auch ein Räuber!
-
-– Gewiss! Das könne ihn aber nicht davon abhalten, die Wahrheit zu
-sagen! Ob der Baron sich nicht an den reuigen Räuber erinnere, der so
-wahr gesprochen?
-
-Das Gespräch wurde abgekürzt, und der Baron liess den Professor kommen.
-
-Der nannte den Baron einen Mörder, weil er nicht längst für eine Amme
-gesorgt habe!
-
-Der Baron musste seine Frau überreden. Er musste seine ganze frühere
-Beweisführung aufheben und die einfache Tatsache betonen: die Liebe zu
-seinem Kind (verglichen mit dem Erbgesetz).
-
-Aber wo sollte man eine Amme hernehmen? An die Stadt brauchte man erst
-garnicht zu denken, denn da waren alle Menschen verdorben! Nein, ein
-Mädchen vom Lande musste es sein. Aber die Baronin wollte kein Mädchen
-haben, denn ein Mädchen, das ein Kind habe, sei ja ein unsittliches
-Geschöpf: da könne ja der Sohn eine erbliche Anlage bekommen.
-
-Der Arzt sagte, alle Ammen seien Mädchen, und wenn der junge Baron die
-Anlage, zu Mädchen zu gehen, erben werde, so sei er ein tüchtigen Kerl,
-und solche Anlagen müsse man pflegen. Eine Bauernfrau bekomme man
-bestimmt nicht, denn wer Grund und Boden habe, wolle auch seine Kinder
-selber besitzen.
-
-– Aber wenn man ein Mädchen mit einem Knecht verheirate.
-
-– Dann müsse man neun Monate warten.
-
-– Aber wenn man ein Mädchen verheirate, das schon ein Kind habe?
-
-– Das sei eine Idee!
-
-Der Baron wusste wohl von einem Mädchen, das ein Kind von drei Monaten
-hatte. Er wusste es nur allzu gut, denn seine Verlobungszeit hatte drei
-Jahre gedauert und der Arzt hatte ihm schliesslich „verordnen“ müssen,
-untreu zu sein.
-
-Er ging selber zu ihr und fragte sie. Sie solle einen eigenen Hof
-bekommen, wenn sie sich mit dem Knecht Anders verheirate und Amme im
-Herrnhaus werde. Nun, es war klar, dass sie das lieber wollte, als
-allein die Schande tragen.
-
-Am nächsten Sonntag sollten sie zum ersten, zweiten und dritten Mal
-aufgeboten werden, und Anders sollte auf zwei Monate nach Haus reisen.
-
-Der Baron sah ihr Kind mit einem seltsamen Gefühl von Neid. Es war ein
-grosses, starkes Ding. Schön war es nicht, aber sicher würde es sich
-durch viele Familienglieder fortpflanzen können. Das Kind war zum Leben
-geboren, aber es wurde nicht sein Los.
-
-Anna weinte, als es ins Waisenhaus gebracht wurde, aber das gute Essen
-im Herrnhaus, denn sie ass vom Essen der Herrschaft und bekam Porter und
-Wein, so viel sie wollte, tröstete sie allmählich. Auch durfte sie
-ausfahren in der grossen Kalesche, auf deren Kutschbock ein Bedienter
-sass. Und dann konnte sie „Tausendundeine Nacht“ lesen. Noch nie in
-ihrem Leben war sie so gepflegt worden.
-
-Aber nach zwei Monaten kam Anders zurück. Er war bei seinen Eltern auf
-Besuch gewesen. Hatte gegessen, getrunken und sich ausgeruht. Er nahm
-den Hof in Besitz, verlangte aber nach seiner Anna. Könnte sie nicht
-wenigstens bei ihm vorsprechen? Nein, das wollte die Baronin nicht.
-Keinerlei Geschichten!
-
-Anna begann abzunehmen und der kleine Baron schrie. Der Arzt wurde um
-Rat gefragt.
-
-– Man lasse sie zusammen, sagte er.
-
-– Wenn das aber schädlich ist?
-
-– Im Gegenteil!
-
-Aber Anders sollte erst „analysiert“ werden.
-
-Das wollte Anders nicht. Anders erhielt einige Schafe und dann wurde er
-analysiert.
-
-Der kleine Baron schrie nicht mehr.
-
-Da aber kam die Nachricht vom Waisenhaus, Annas Junge sei an
-Diphtheritis gestorben. Anna bekam Milchversetzung und der kleine Baron
-schrie ganz schrecklich.
-
-Anna musste verabschiedet und zu Anders geschickt werden, und man musste
-eine neue Amme annehmen. Anders freute sich, endlich richtig verheiratet
-zu sein, aber Anna hatte feine Gewohnheiten angenommen. Sie konnte nicht
-mehr brasilianischen Kaffee trinken, sondern musste Java haben. Und ihre
-Gesundheit verbot ihr, sechs Mal in der Woche Fisch zu essen. Sie konnte
-die Erde nicht graben, und darum wurde das Brot knapp.
-
-Nach einem Jahr hätte Anders den Hof aufgeben müssen; doch der Baron war
-ihm gewogen, und er durfte als Kätner bleiben.
-
-Anna tagewerkte auf dem Herrnhof und sah oft den kleinen Baron; er aber
-erkannte sie nicht wieder, und das war gut. Aber er hatte doch an ihrer
-Brust gelegen. Und sie hatte sein Leben gerettet und dafür das ihres
-eigenen Kindes gegeben. Doch sie war fruchtbar und bekam mehrere Söhne,
-die Kätner, Bahnarbeiter wurden; einer wurde Zuchthäusler.
-
-Aber der alte Baron sah mit Unruhe den Tag kommen, an dem der junge
-Baron sich verheiraten und einen Erben zeugen würde. Stark sah er nicht
-aus! Er wäre sehr viel ruhiger gewesen, wenn der andere kleine Baron,
-der im Waisenhaus starb, auf dem Herrnhof gesessen hätte. Und als er den
-„Lebenssklaven“ noch ein Mal las, musste er eingestehen, dass die
-Oberklasse von der Gnade der Unterklasse lebt; und als er Darwin noch
-ein Mal las, konnte er nicht leugnen, dass die Auslese, so wie sie jetzt
-war, alles andere als natürlich sei. Aber das war nun einmal so, und das
-konnte man nicht ändern, der Doktor und die Sozialisten mochten sagen,
-was sie wollten.
-
-
-
-
- Reformversuch
-
-
-Sie hatte mit Ekel gesehen, wie die Mädchen zu Haushälterinnen für ihre
-künftigen Männer erzogen wurden. Darum hatte sie eine Fertigkeit
-gelernt, die sie unter allen Verhältnissen des Lebens ernähren konnte.
-Sie machte Blumen.
-
-Er hatte mit Schmerz gesehen, wie die Mädchen darauf warteten, von ihren
-künftigen Männern versorgt zu werden; er wollte sich mit einer freien,
-selbstständigen Frau verheiraten, die sich selber ernähren konnte; dann
-würde er in ihr eine Seinesgleichen sehen und eine Kameradin fürs Leben
-haben, keine Haushälterin.
-
-Und das Schicksal wollte, dass sie sich trafen. Er war Maler, und sie
-machte, wie gesagt, Blumen, und in Paris hatten sie diese neuen Ideen
-bekommen.
-
-Es war eine stilvolle Ehe. Sie hatten sich in Passy drei Zimmer
-gemietet. Das Atelier lag in der Mitte, sein Zimmer auf der einen Seite,
-ihr Zimmer auf der andern. Ein gemeinsames Bett wollten sie nicht haben;
-das sei eine Schweinerei, die durchaus kein Gegenstück in der Natur
-besitze und nur Übertreibung und Ausschweifung veranlasse. Und sich im
-selben Zimmer entkleiden! Nein, jeder sein eigenes Zimmer; und dann
-einen gemeinsamen neutralen Raum, das Atelier. Keine Dienstboten; denn
-die Küche wollten sie gemeinsam besorgen. Nur eine alte Frau, die
-morgens und abends kam.
-
-Es war gut ausgerechnet, und es war ganz richtig gedacht.
-
-– Wenn ihr aber Kinder bekommt? wandte der Zweifler ein.
-
-– Wir werden keine Kinder bekommen!
-
-Gut! Sie würden keine Kinder bekommen!
-
-Es war entzückend! Er ging morgens auf den Markt und kaufte ein. Darauf
-kochte er den Kaffee. Sie machte die Betten und räumte die Zimmer auf.
-Dann setzten sie sich an die Arbeit.
-
-Wenn sie müde wurden, plauderten sie eine Weile, gaben einander einen
-guten Rat, lachten und waren sehr lustig.
-
-Wenn der Mittag kam, machte er Feuer in der Küche, während sie das
-Gemüse wusch. Er kochte Rindfleisch in der Brühe, während sie zum
-Kaufmann hinunterlief; dann deckte sie, während er das Essen auftischte.
-
-Aber wie Geschwister lebten sie nicht. Sie sagten sich abends gute
-Nacht, und jedes ging in sein Zimmer. Dann aber klopfte es an ihre Tür
-und sie rief: herein! Doch das Bett war eng und es kam nie zu
-Ausschweifungen, sondern jedes erwachte morgens im eigenen Bett. Und
-dann klopfte er an die Wand:
-
-– Guten Morgen, mein Mädchen! Wie steht es heute?
-
-– Danke, gut; und dir?
-
-Es war immer etwas Neues, wenn sie sich morgens trafen, und es wurde nie
-alt.
-
-Abends gingen sie oft zusammen aus und trafen mit Landsleuten zusammen.
-Und sie wurde nicht geniert von Tabaksrauch, und sie genierte auch
-selber nicht.
-
-Das sei das Ideal einer Ehe, meinten die andern, ein so glückliches Paar
-hätten sie noch nicht gesehen.
-
-Aber das Mädchen hatte Eltern, die weit entfernt wohnten. Und die
-schrieben und fragten unaufhörlich, ob Luise noch nicht guter Hoffnung
-sei, denn sie sehnten sich nach einem Enkelkind. Luise solle daran
-denken, dass die Ehe der Kinder und nicht der Eltern wegen da sei. Das
-hielt Luise für eine altmodische Ansicht. Da fragte die Mama, ob man
-denn mit den neuen Ideen die Absicht habe, das Menschengeschlecht
-auszurotten. Daran habe Luise nicht gedacht, und darum kümmere sie sich
-auch nicht. Sie sei glücklich und ihr Mann auch, und jetzt habe die Welt
-endlich eine glückliche Ehe gesehen, und darum sei die Welt neidisch.
-
-Aber angenehm lebten sie. Keiner war der Herr des andern, und zur Kasse
-schossen sie zusammen. Das eine Mal verdiente er mehr, das andere Mal
-sie, aber das wurde unter einander ausgeglichen.
-
-Und wenn sie Geburtstag hatten! Da erwachte sie davon, dass die
-Aufwartefrau hereinkam mit einem Blumenstrauss und einem Briefchen, auf
-das Blumen gemalt waren und in dem zu lesen stand:
-
-– Der Frau Blumenknospe gratuliert ihr Anstreicher und ladet sie zu
-einem feinen kleinen Frühstück ein – und zwar sofort!
-
-Und dann klopfte es an seine Tür und dann – herein! Und sie assen
-Frühstück auf dem Bett, auf seinem Bett; und die Aufwartefrau arbeitete
-dann den ganzen Vormittag. Es war entzückend.
-
-Und nie ward es etwas Altes. Denn es dauerte zwei Jahre. Und alle
-Weissager weissagten falsch.
-
-So müsste die Ehe sein!
-
-Dann aber geschah es, dass die Frau krank wurde. Sie glaubte, es seien
-die Tapeten; er aber vermutete Bakterien. Ja, es waren bestimmt
-Bakterien!
-
-Aber es war auch etwas in Unordnung. Es war nicht so, wie es sein
-sollte. Es war bestimmt eine Erkältung. Und dann wurde sie so stark.
-Sollte es vielleicht ein Gewächs sein, von dem man soviel las? Ja, es
-war bestimmt ein Gewächs. Sie ging zu einem Arzt. Als sie nach Haus kam,
-weinte sie. Es war wirklich ein kleines Gewächs, aber eins, das zu
-seiner Zeit ans Tageslicht kommen werde, um Blume zu werden und Frucht
-anzusetzen.
-
-Der Mann weinte nicht. Er fand Stil darin, und dann ging der Lümmel in
-die Kneipe und prahlte noch damit. Aber die Frau weinte wieder. Wie
-würde jetzt ihre Stellung zu ihm werden? Mit Arbeit könne sie jetzt bald
-nichts mehr verdienen, und dann müsse sie sein Brot essen. Und dann
-müssten sie sich eine Magd halten. Huh, diese Mägde!
-
-Alle Vorsorge, aller Vorbedacht, alle Voraussicht waren an dem
-Unvermeidlichen gescheitert.
-
-Aber die Schwiegermutter schrieb begeisterte Gratulationsbriefe und
-wiederholte immer wieder, die Ehe sei von Gott der Kinder wegen
-gestiftet, das Vergnügen der Eltern sei nur Nebensache.
-
-Hugo beteuerte, sie brauche niemals daran zu denken, dass sie nichts
-verdiene! Trage sie nicht mit ihrer Arbeit für sein Kind genug zum
-Haushalt bei? Sei das nicht auch Geldeswert? Geld sei doch nur Arbeit!
-Also bezahle sie ja auch ihr Teil.
-
-Doch sie konnte es lange nicht verschmerzen, dass sie sein Brot essen
-musste. Als aber das Kind kam, vergass sie alles. Und sie war seine Frau
-und Kameradin wie früher, aber sie war ausserdem die Mutter seines
-Kindes, und er fand, das sei das Beste von allem.
-
-
-
-
- Naturhindernis
-
-
-Ihr Vater hatte sie Buchführung lernen lassen, damit sie dem
-gewöhnlichen Los der Mädchen entgehe: darauf zu warten, bis sie
-geheiratet wird.
-
-Sie war jetzt Buchführerin bei der Gepäckabteilung der Eisenbahnen und
-wurde allgemein als tüchtig anerkannt. Sie wusste die Leute zu
-behandeln, dass es eine Lust war, und sie hatte eine schöne Zukunft vor
-sich.
-
-Da kam der grüne Jäger von der Forstakademie, und sie heirateten sich.
-Aber Kinder wollten sie nicht haben. Es sollte eine geistige Ehe von der
-rechten Art werden, und die Welt sollte sehen, dass die Frau auch ein
-seelisches Wesen und kein Weibchen sei.
-
-Die beiden Gatten trafen sich mittags und nachts, und es war eine
-wirkliche Ehe, die Verbindung zweier Seelen, und allerdings auch die
-zweier Körper, aber davon sprach man natürlich nicht.
-
-Eines Tages kam die Frau nach Hause und erzählte, die Dienstzeit sei
-geändert. Ein neuer Nachtzug nach Malmö sei vom Reichstag beschlossen
-worden, und sie habe künftig zwischen sechs und neun Uhr abends Dienst.
-Das war ein Strich durch die Rechnung. Denn er konnte nicht vor sechs
-Uhr nach Haus kommen. Unmöglich!
-
-Jetzt musste jedes allein zu Mittag essen, und sie trafen sich nur
-nachts. Er fand das etwas wenig. Und dann die langen Abende.
-
-Er kam und holte sie ab. Es war ihm aber nicht angenehm, in der
-Gepäckexpedition auf einem Stuhl zu sitzen und von den Trägern gestossen
-zu werden. Er war immer im Wege. Und wenn er mit ihr, die mit der Feder
-hinterm Ohr dasass, plaudern wollte, konnte sie ihm das Wort
-abschneiden:
-
-– Bitte, sei doch so lange still!
-
-Dann wandten die Leute sich ab, und er konnte an ihren Rücken sehen,
-dass sie grinsten.
-
-Zuweilen wurde er von einem Buchhalter mit diesen Worten angemeldet:
-
-– Ihr Mann wartet auf Sie, Frau X.
-
-„Ihr Mann“, das klang so geringschätzig.
-
-Was ihn aber am meisten reizte, war, dass sie zum Nebenmann am Pult
-einen jungen Laffen hatte, der ihr direkt in die Augen guckte und sich
-oft, um ins Hauptbuch zu sehen, so über ihre Schulter beugte, dass sein
-Kinn fast auf ihrer Brust lag! Und die beiden sprachen von Fakturen und
-Zertifikaten; von Dingen, die alles mögliche bedeuten konnten, denn er
-verstand sie nicht. Und sie kollationierten zusammen und schienen
-vertrauter mit einander zu sein, als Mann und Frau waren. Und das war
-sehr natürlich, denn sie war mehr mit dem fröhlichen Laffen zusammen als
-mit ihrem Mann. Er begann zu denken, es sei doch keine rechte geistige
-Ehe; damit sie das sei, hätte er auch bei der Gepäckabteilung sein
-müssen. Jetzt aber war er bei der Forstakademie.
-
-Eines Tages, oder richtiger eines Nachts, verkündete sie, sie müsse am
-nächsten Sonnabend die Versammlung der Eisenbahner besuchen, die mit
-einem gemeinsamen Schmaus beschlossen würde. Der Mann nahm die
-Mitteilung etwas verlegen auf.
-
-– Du willst dahin gehen? war er naiv genug zu fragen.
-
-– Welche Frage?
-
-– Aber du bist die einzige Frau unter so vielen Männern, und wenn Männer
-getrunken haben, werden sie roh!
-
-– Besuchst du denn nicht Forsttage ohne mich?
-
-– Allerdings, aber nicht als einziger Mann unter Frauen!
-
-– Männer und Frauen seien doch gleich, und sie sei erstaunt, dass er,
-der doch immer die Befreiung des Weibes gepredigt, etwas dagegen habe,
-dass sie die Sitzung besuche!
-
-– Er räume ein, es seien alte Vorurteile, die bei ihm noch festsässen;
-er räume ein, sie habe recht und er habe unrecht, aber er bitte sie,
-nicht hinzugehen: es sei ihm nun einmal unangenehm! Er könne nicht davon
-loskommen!
-
-– Das sei inkonsequent von ihm!
-
-– Ja, es sei inkonsequent von ihm, aber es seien auch zehn Generationen
-nötig, bis sich die Individuen da herausgearbeitet hätten!
-
-– Dann dürfe er auch nicht mehr Versammlungen besuchen.
-
-– Das sei nicht dasselbe, denn dort seien nur Männer! Nicht dass sie
-ohne ihn ausgehe, sei ihm unangenehm, sondern dass sie allein mit so
-vielen Männern ausgehe!
-
-– Allein würde sie nicht sein, denn die Frau des Kassierers werde dabei
-sein als ...
-
-– Als was?
-
-– Als Frau des Kassierers!
-
-– Dann könne er vielleicht mitgehen als „ihr Mann“!
-
-– Warum wolle er sich demütigen, indem er lästig falle!
-
-– Er wolle sich demütigen!
-
-– Er sei eifersüchtig?
-
-– Ja, warum nicht! Ihm sei bange, dass etwas zwischen sie kommen könne.
-
-– Pfui, er sei eifersüchtig, welche Kränkung! Welche Beschimpfung,
-welches Misstrauen! Was denke er von ihr?
-
-– Das Allerbeste! Er wolle es ihr beweisen: sie könne allein gehen!
-
-– Sie dürfe also wirklich allein gehen! Wie gnädig!
-
-Sie ging! Und kam erst gegen Morgen nach Haus, Sie musste ihren Mann
-wecken und ihm erzählen! wie angenehm es gewesen sei! Und wie es ihn
-freute, das zu hören! Sie hätten eine Rede auf sie gehalten, und sie
-hätten Quartett gesungen und getanzt.
-
-– Wie sei sie denn nach Haus gekommen?
-
-– Herr Latte habe sie bis zur Haustür gebracht.
-
-– Wenn nun ein Bekannter seine Frau um drei Uhr morgens am Arm des Herrn
-Laffen getroffen hätte!
-
-– Warum nicht! Sie habe doch keinen schlechten Ruf!
-
-– Nein, aber sie könne einen bekommen!
-
-– Ach, er sei eifersüchtig, und, was schlimmer sei, er sei neidisch! Er
-gönne ihr kein Vergnügen. So sei es, wenn man verheiratet sei! Wenn man
-ausgehe und sich amüsiere, kriege man Schelte, sobald man nach Haus
-komme! Pfui, wie dumm die Ehe sei! Und sei es überhaupt eine Ehe? Sie
-träfen sich nachts, ganz wie andere Verheiratete. Und die Männer seien
-alle gleich. Höflich, bis sie sich verheirateten, aber dann, dann! Ihr
-Mann sei gerade so, wie alle anderen Männer: er glaube sie zu besitzen,
-sie zu beherrschen!
-
-– Er habe geglaubt, ein Mal hätten sie gemeint, einander zu besitzen,
-aber er habe sich geirrt. _Sie_ besitze ihn, wie man einen Hund besitze,
-dessen man immer sicher ist. Sei er etwas anderes als ihr Diener, der
-sie abends abhole? Sei er etwas anderes als „ihr Mann“? Aber wolle sie
-„seine Frau“ sein? Sei das Gleichstellung?
-
-– Sie sei nicht nach Haus gekommen, um sich zu zanken. Sie wolle immer
-seine Frau sein, und er solle immer ihr Männchen sein.
-
-– Der Champagner wirkt! dachte er und drehte sich nach der Wand.
-
-Sie weinte und bat ihn, doch gerecht zu sein und ihr zu – verzeihen.
-
-Er verbarg sich unter der Decke.
-
-Sie fragte noch ein Mal, ob er – ob er nicht wolle, dass sie seine Frau
-sei.
-
-– Doch, gewiss wolle er das! Aber er habe sich heute abend so furchtbar
-gelangweilt, dass er nie mehr einen solchen Abend erleben wolle.
-
-– Aber das sollten sie jetzt vergessen!
-
-Und sie vergassen es und sie war wieder sein Frauchen.
-
-Am nächsten Abend, als der grüne Jäger seine Frau abholen wollte, war
-sie in die Magazine gegangen. Er war allein im Kontor und setzte sich
-auf ihren Stuhl. Da öffnet sich eine Glastür und Herr Laffe steckt den
-Kopf herein:
-
-– Annchen, bist du hier?
-
-Nein, es war ihr Mann!
-
-Er stand auf und ging seiner Wege! Herr Laffe nannte seine Anna Annchen
-und duzte sie! Annchen! Das war zuviel.
-
-Als sie nach Haus kam, gab es einen grossen Auftritt. Sie wies dem
-grünen Jäger nach, seine Lehren von der Befreiung des Weibes seien nicht
-ernst zu nehmen, da er es übel auffasse, wenn seine Frau ihre Kameraden
-duze.
-
-Das Schlimmste war, dass er zugab, seine Lehren seien nicht ernst zu
-nehmen.
-
-– Das sei nicht seine Meinung! Er ändere seine Ansichten! Was?
-
-– Ja, freilich! Die Ansichten änderten sich nach der Wirklichkeit, die
-so veränderlich sei! Habe er aber früher an eine geistige Ehe geglaubt,
-so glaube er jetzt an gar keine Ehe mehr. Das sei ja ein Fortschritt in
-radikaler Richtung! Und was das Geistige betreffe, so sei sie jetzt
-geistig mehr mit Herrn Laffe verheiratet, dessen Gedanken über
-Gepäckwesen sie täglich und stündlich teile, als mit ihm, für dessen
-Forstkultur sie sich ganz und gar nicht interessiere! Sei schliesslich
-ihre Ehe geistig? Sei sie so geistig!
-
-– Nein, jetzt nicht mehr! Ihre Liebe sei tot! Er habe sie getötet, als
-er den grossen Glauben an – die Befreiung des Weibes aufgegeben!
-
-Es wurde immer giftiger, und der grüne Jäger suchte geistige Ehe mit
-Forstmännern und gab das Gepäckwesen, das er nie verstanden hatte, auf.
-
-– Du verstehst mich nicht, wiederholte sie so oft!
-
-– Nein, Gepäckwesen habe ich nicht gelernt, antwortete er.
-
-Eines Nachts, oder richtiger eines Morgens, erzählte er, er müsse mit
-einem Mädchenpensionat botanisieren gehen. Er lehre Botanik in einem
-Mädchenpensionat.
-
-So? Davon habe er ihr ja noch nichts gesagt! Grosse Mädchen?
-
-– Kolossale! Sechzehn bis zwanzig Jahre alt!
-
-– Hm! ... Am Vormittag?
-
-– Nein, am Nachmittag! Und nachher würden sie draussen zu Abend essen.
-
-– Hm! Die Vorsteherin sei doch dabei?
-
-– Nein! Aber sie habe volles Vertrauen zu ihm, da er verheiratet sei! Es
-sei also zuweilen gut, verheiratet zu sein.
-
-Am nächsten Tag war sie krank.
-
-– Er könne doch nicht das Herz haben, sie zu verlassen?
-
-– Der Dienst vor allem! Sei sie sehr krank?
-
-– Oh, furchtbar!
-
-Der Arzt wurde geholt, trotzdem sie es nicht wollte. Er erklärte, es sei
-nicht gefährlich, der Mann könne gehen!
-
-Gegen Morgen kam der grüne Jäger nach Haus! Wie lustig er war! Und wie
-er sich amüsiert habe! Solch einen Tag habe er lange, lange nicht
-erlebt!
-
-Da brach es los: Huhuhuhu! Dieser Kampf sei ihr zu schwer! Und er musste
-einen Eid ablegen, dass er nie eine andere als sie lieben werde!
-Niemals!
-
-Krämpfe und Weinessig!
-
-Er war zu edelmütig, um von Einzelheiten des Schmauses mit den Mädchen
-zu sprechen, aber er konnte es nicht lassen, das alte Gleichnis von
-seinem Hundetum wieder vorzubringen, und er erlaubte sich, sie darauf
-aufmerksam zu machen, dass zur Liebe der Begriff Besitzrecht gehöre –
-auch von Seiten der Frau. Warum weine sie denn? Über dasselbe, über das
-er fluchte, wenn sie mit zwanzig Männern ausgehe! Die Furcht, ihn zu
-verlieren! Aber man verliert nur, was man besitzt! Besitzt!
-
-So wurde das Loch wieder geflickt. Aber die Gepäckabteilung und das
-Mädchenpensionat standen mit ihren Scheren bereit und schnitten wieder
-ab, was man angeheftet hatte. Eine harmonische Ehe war es nicht mehr.
-
-Da wurde die Frau krank!
-
-Sie habe sich bestimmt an einem Gepäckstück im Magazin verhoben. Sie sei
-so eifrig und könne es nicht leiden, wie die Gepäckträger dastehen und
-auf sich warten lassen. Sie müsse immer selber mit anfassen. Es sei
-sicher ein Bruch.
-
-Es sei etwas Hartes zu fühlen, sagte die Hebamme.
-
-Es war so weit! Wie böse sie wurde! Böse auf ihn, denn es sei bestimmt
-nur Bosheit von ihm! Wie werde es ihr jetzt ergehen, mit ihrer Zukunft.
-Sie müssten das Kind in ein Findelhaus geben. So habe es Rousseau getan.
-Sonst sei der ja ein Dummkopf, aber in diesem Punkt habe er recht.
-
-Und so viel Launen! Der Jäger musste augenblicklich seine Botanik im
-Mädchenpensionat aufgeben!
-
-Aber das Schlimmste: sie konnte nicht mehr ins Magazin gehen. Sie musste
-im Kontor sitzen und buchen. Und das Allerschlimmste: sie erhielt einen
-Gehilfen, dessen geheime Aufgabe es war, sie zu vertreten, wenn sie zu
-Haus bleiben musste.
-
-Und die Kollegen waren nicht mehr wie früher. Und die Leute grinsten.
-Sie hätte sich vor Scham verstecken mögen. Lieber sich in ihrer
-Häuslichkeit verkriechen und das Essen kochen als hier wie ein Spektakel
-sitzen. O welche Abgründe von Vorurteilen in den falschen Herzen der
-Männer verborgen liegen.
-
-Für den letzten Monat nahm sie Urlaub. Sie vermochte nicht mehr vier
-Male am Tage den Weg zu machen. Und dann wurde sie hungrig mitten am
-Vormittag und musste Butterbrote holen lassen. Und oft war sie krank und
-musste eine Pause machen. Was für ein Leben! Was für ein klägliches Los
-der Frau zugefallen war!
-
-Und dann kam das Kind!
-
-– Wollen wirs ins Findelhaus schicken? sagte der Jäger.
-
-– Oh, er habe wohl kein Herz?
-
-– Doch, das habe er!
-
-Und das Kind blieb zu Hause!
-
-Dann aber kam ein sehr höflicher Brief vom Betriebsamt und fragte, wie
-es dem Frauchen gehe!
-
-Es gehe ihr gut und sie könne übermorgen wieder Dienst tun.
-
-Sie war schwach und musste einen Wagen nehmen. Aber sie wurde bald
-wieder stark. Doch sie musste einen Laufburschen nach Haus schicken, um
-zu fragen, wie es dem Kinde gehe; erst zwei Male am Tage, dann alle zwei
-Stunden. Und als sie hörte, es habe geschrien, wurde sie ganz wild und
-eilte nach Haus. Aber der Gehilfe stand bereit, um sie zu vertreten. Die
-Vorgesetzten waren sehr höflich und sagten nichts.
-
-Eines Tages entdeckte die Frau, dass die Milch der Amme versiegt war und
-dass die Person das nicht gemeldet habe, aus Furcht, ihre Stelle zu
-verlieren. Sie nahm sofort Urlaub, um eine neue Amme zu suchen! Ach, die
-waren sich alle gleich. Kein Interesse für fremde Kinder, nur rohe
-Egoisten. Man konnte sich nie auf sie verlassen!
-
-– Nein, sagte der Mann, in diesem Fall kann man sich nur auf sich selber
-verlassen!
-
-– Du meinst, ich soll meine Stellung aufgeben?
-
-– Ich meine, du tust, was du willst!
-
-– Und deine Sklavin werden!
-
-– Nein, das meine ich durchaus nicht!
-
-Der Kleine wurde krank, wie alle Kinder werden. Er kriegte Zähne! Urlaub
-auf Urlaub. Das Kind bekam sogenanntes Zahnreissen! Nachts wiegen,
-tagsüber Dienst, schläfrig, müde, unruhig, und dann Urlaub. Der grüne
-Jäger war nett und trug das Kind nachts, sagte aber nie etwas über die
-Stellung seiner Frau.
-
-Doch sie kannte seine Gedanken. Er warte nur darauf, dass sie zu Hause
-blieb; aber er sei falsch und darum schweige er! Wie falsch die Männer
-seien! Sie hasse ihn; lieber würde sie sich töten, als ihre Stelle
-aufgeben und seine Sklavin werden!
-
-Der Jäger hatte jetzt vollständig jede Hoffnung aufgegeben, dass sich
-die Frau von den Naturgesetzen emanzipieren könne; _unter den jetzigen
-Verhältnissen_, war er klug genug, hinzuzufügen.
-
-Als das Kind fünf Monate alt war, wurde die Frau wieder schwanger.
-
-Himmelkreuzdonnerwetter!
-
-– Ja, wenn es ein Mal anfängt, dann ist der Teufel los!
-
-Der Jäger musste seine Stellung im Mädchenpensionat wieder übernehmen,
-um das Einkommen zu erhöhen, und jetzt – jetzt streckte sie das Gewehr!
-
-– Ich bin deine Sklavin, rief sie aus, als sie mit dem Abschied nach
-Haus kam; ich bin deine Sklavin.
-
-Nichtsdestoweniger leitet sie den Haushalt, und er liefert jeden
-einzigen Pfennig unter ihre Schlüssel. Wenn er eine Zigarre haben will,
-kommt er und hält eine lange Rede, ehe er seine Bitte vorzubringen wagt.
-Sie verweigert es ihm nicht, niemals, aber er findet es doch etwas
-lästig, um das Geld bitten zu müssen. Und Sitzungen darf er besuchen,
-aber einen Schmaus nicht, und Botanisieren mit Mädchen gibt es nicht
-mehr!
-
-Er vermisst es auch nicht so sehr, denn er findet, das Beste ist, mit
-den Kindern zu spielen!
-
-Seine Kameraden sagen, er stehe unterm Pantoffel; doch darüber lächelt
-er, indem er sagt, er befinde sich am besten dabei, denn sein Weib sei
-eine sehr verständige und nette Frau.
-
-Sie aber behauptet immer noch, sie sei seine Sklavin, sie sei es doch,
-und das ist ihr einziger Trost in der Betrübnis: das arme Frauchen.
-
-
-
-
- Ein Puppenheim
-
-
-Sie waren sechs Jahre verheiratet, aber sie glichen noch Verlobten. Er
-war Kapitän der Flotte und musste jeden Sommer einige Monate fort; zwei
-Male hatte er eine lange Tour gemacht. Die kleinen Dienstreisen taten so
-gut: war ihr Verhältnis in dem langen Winter etwas muffig geworden, so
-wurde es durch diese Sommertour wieder aufgefrischt.
-
-Im ersten Sommer schrieb er förmliche Liebesbriefe an seine Frau, und er
-konnte auf dem Meer keinen Segler treffen, ohne dass er sofort Post
-signalisieren liess! Und als er vom Stockholmer Inselmeer Landkennung
-hatte, wusste er nicht, wie er sie schnell genug sehen konnte. Aber das
-wusste sie. In Landsort erreichte ihn ein Telegramm, dass sie ihm nach
-Dalarö entgegen kommen werde. Und als Anker geworfen wurde, sah er ein
-kleines, blaues Taschentuch auf der Veranda des Gasthauses: da wusste
-er, dass sie es war. Aber es war an Bord so viel zu tun, dass es Abend
-wurde, ehe er an Land gehen konnte. Als er dann aber mit der Gig kam und
-der vorderste Ruderer den Anprall abwehrte, sah er sie auf der
-Landungsbrücke: sie war noch ebenso jung, noch ebenso hübsch, noch
-ebenso gesund wie vorher; es war ihm, als lebte er seine erste
-Liebeszeit noch ein Mal. Und als sie ins Gasthaus kamen, welch kleines
-Souper hatte sie in den beiden kleinen Zimmern, die sie bestellt, zu
-arrangieren verstanden! Und wieviel sie mit einander zu besprechen
-hatten. Die Reise, die Kinder, die Zukunft! Und der Wein funkelte und
-die Küsse schmatzten. Vom Schiff war der Zapfenstreich zu hören. Um den
-kümmerte er sich aber nicht, denn er wollte nicht vor ein Uhr gehen.
-
-– Was, er wolle gehen?
-
-– Ja, er müsse an Bord sein; wenn er aber zur Tagwache da sei, genüge
-es.
-
-– Wann denn die Tagwache beginne?
-
-– Um fünf Uhr!
-
-– O pfui so früh!
-
-– Wo wolle sie aber heute nacht wohnen?
-
-– Das brauche er nicht zu wissen!
-
-Er erriet es und wollte nun sehen, wo sie wohne. Aber sie stellte sich
-vor die Tür! Er küsste sie, nahm sie wie ein Kind auf den Arm und
-öffnete die Tür.
-
-– Was für ein grosses Bett! Das war ja wie die grosse Barkasse! Wo
-hatten die Leute das her?
-
-Wie sie errötete!
-
-– Aber sie habe ja seinen Brief so verstanden, dass sie beide im
-Gasthaus „wohnen“ würden.
-
-– Gewiss würden sie dort wohnen, wenn er auch zur Tagwache an Bord sein
-müsse: auf dieses verd. Morgengebet komme es doch auch nicht an!
-
-– Wie er so sprechen könne!
-
-– Jetzt wollen wir Kaffee trinken und etwas Feuer machen, denn die Laken
-fühlen sich feucht an! Was für ein verständiger Schalk sie sei, solch
-ein grosses Bett anzuschaffen! Wo sie das her habe?
-
-– Das habe sie nirgendswoher!
-
-– Nein, das könne er sich wohl denken! Er könne sich alles denken!
-
-– Er sei doch so dumm!
-
-– Er sei dumm?
-
-Und er fasste sie um den Leib.
-
-– Nein, er müsse artig sein!
-
-– Artig? Das sei leicht zu sagen!
-
-– Jetzt komme das Mädchen mit dem Holz!
-
-Als die Uhr zwei schlug und es im Osten über Schären und Wasser zu
-brennen anfing, sassen sie am offenen Fenster.
-
-– Es sei ja, als sei sie seine Geliebte und er ihr Liebhaber. Nicht
-wahr? Und jetzt müsse er gehen! Aber er werde um zehn Uhr wiederkommen,
-zum Frühstück, und nachher würden sie segeln.
-
-Er setzte Kaffee auf seinem Reisekocher auf, und dann tranken sie
-Kaffee, während die Sonne aufging und die Möwen schrien. Draussen auf
-dem Wasser lag das Kanonenboot, und er sah den Hauer der Vorwache dann
-und wann aufleuchten. Die Trennung war schwer, aber die Gewissheit, dass
-sie sich schon am nächsten Tag wiedersehen würden, half ihnen darüber
-hinweg. Er küsste sie zum letzten Mal, schnallte den Säbel um und ging.
-
-Als er auf die Brücke hinunterkam und „Boot ahoi“ rief, versteckte sie
-sich hinter der Gardine, ganz als schäme sie sich. Er aber warf ihr
-lauter Kusshände zu, bis die Matrosen mit der Gig anlangten. Und dann
-noch ein letztes: „Schlaf’ gut und träum’ von mir!“ Als er mitten auf
-dem Wasser sich umsah und das Fernglas ans Auge setzte, sah er noch eine
-kleine Gestalt mit schwarzem Haar in der Kammer, und die Sonne schien
-auf ihr Hemd und ihre blossen Schultern, dass sie wie eine Seejungfrau
-aussah!
-
-Da wurde das Wecken geblasen. Die langen Töne des Signalhorns rollten
-zwischen grünen Inseln über das blanke Wasser hinaus und kamen auf
-andern Wegen hinter Fichtenwäldern zurück. Und dann alle Mann auf Deck
-und das Vaterunser und „Jesu, lass mich stets beginnen.“ Der kleine
-Glockenstuhl von Dalarö antwortete mit seinem schwachen Geläut, denn es
-war Sonntag. Und jetzt kamen Kutter in der Morgenbrise, und Flaggen
-wurden geflaggt, Schüsse knallten, helle Sommerkleider erschienen auf
-der Zollbrücke, der Dampfer mit dem roten Wassergang kam, die Fischer
-nahmen ihre Netze auf, und die Sonne schien auf das wellige blaue Wasser
-und auf die grünenden Inseln.
-
-Um zehn Uhr stiess die Gig ab und ging mit sechs Paar Rudern an Land.
-Sie hatten einander wieder. Und als sie in dem grossen Esssaal Frühstück
-assen, flüsterten die andern Gäste unter sich: Ist das seine Frau? Er
-sprach halblaut wie ein Geliebter und sie schlug die Augen nieder und
-lächelte, oder klopfte ihm mit der Serviette auf die Finger.
-
-Das Boot lag an der Brücke, und sie setzte sich ans Steuer; er besorgte
-die Fock. Aber er konnte die Augen nicht abwenden von ihrer hellen,
-sommerlich gekleideten Gestalt mit der hohen festen Brust, der
-entschlossenen Miene und dem starken Blick, der gegen den Wind aufsah,
-während die mit Wildleder behandschuhte Hand die Grossschot hielt. Er
-wollte nur plaudern und stellte sich manchmal dumm an beim wenden: dann
-kriegte er einen Rüffel wie ein Schiffsjunge, und das machte ihm
-höllischen Spass.
-
-– Warum hast du das Kind nicht mitgenommen? fragte er, um sich mit ihr
-zu necken.
-
-– Wo hätte ich es denn schlafen legen sollen?
-
-– In die grosse Barkasse natürlich!
-
-Und dann lächelte sie, und es machte ihm soviel Freude, sie auf diese
-Art lächeln zu sehen.
-
-– Nun, was hat die Wirtin heute morgen gesagt? fuhr er fort.
-
-– Was sollte sie sagen?
-
-– Hat sie heute nacht ruhig schlafen können?
-
-– Warum sollte sie das denn nicht?
-
-– Ich weiss nicht, aber es hätten ja Ratten sein können, die an den
-Dielen knapperten; oder eine alte Bodenluke, die knarrte; man kann nicht
-wissen, was den süssen Schlaf einer alten Mamsell beunruhigt.
-
-– Wenn du nicht still bist, so mache ich die Schot fest und segle dich
-in die See!
-
-Sie landeten an einem kleinen Holm und nahmen aus einem Körbchen ein
-Mittagsmahl. Dann schossen sie mit dem Revolver nach der Scheibe. Darauf
-legten sie Angelruten aus und taten so, als angelten sie, aber es biss
-nicht; und dann segelten sie wieder, auf die freien Meeresflächen
-hinaus, wo die Eidergänse strichen; in einen Sund hinein, wo die Hechte
-im Schilf schlugen, und dann wieder hinaus. Er wurde es nicht müde, sie
-zu sehen, mit ihr zu plaudern, sie zu küssen, wenn er konnte.
-
-So trafen sie sich sechs Sommer, und immer waren sie ebenso jung, immer
-ebenso toll, und sie waren glücklich. Im Winter sassen sie in Stockholm
-in ihren kleinen Kajüten. Und dann takelte er Boote für die jungen auf
-oder belustigte sie mit Abenteuern aus China und den Südseeinseln, und
-seine Frau sass dabei und hörte zu und musste lachen über seine
-drolligen Geschichten. Und es war ein entzückender Raum, der nicht
-seinesgleichen hatte. Da hingen japanische Sonnenschirme und Rüstungen,
-ostindische Miniaturpagoden, australische Bogen und Lanzen;
-Negertrommeln und gedörrte fliegende Fische, Zuckerrohr und
-Opiumpfeifen. Und Papa, der anfing kahl zu werden, fühlte sich
-ausserhalb der Häuslichkeit nicht wohl. Manchmal spielte er Brett mit
-seinem Freund, dem Auditor, und manchmal leistete man sich ein Spielchen
-Boston und einen mässigen Grog. Früher hatte seine Frau mitgespielt,
-nachdem sie aber vier Kinder bekommen, hatte sie keine Zeit mehr; sie
-sass aber gern ein Weilchen dabei und guckte in die Karten, und wenn sie
-an Papas Stuhl kam, fasste er sie um den Leib und fragte sie, ob er sich
-über seine Karten freuen könne.
-
-Die Korvette sollte dieses Mal sechs Monate fortbleiben. Dem Kapitän war
-es unheimlich, denn die Kinder waren erwachsen und für Mama war es etwas
-schwer, den weitläufigen Haushalt zu besorgen. Und der Kapitän war nicht
-mehr so jung und nicht ganz so lebendig mehr wie früher, aber – es
-musste geschehen, und er fuhr ab.
-
-Schon bei Kronborg gab er den ersten Brief auf, der also lautete:
-
- Meine liebe geliebte Toppnant!
-
- Wind schwach SSO. z. O., + 10° C., 6 Glas Freiwache. Ich kann nicht
- schreiben, was ich auf dieser Fahrt, auf der ich Dich nicht sehen
- werde, empfinde. Als wir den Warpanker ausfuhren (6 Uhr 30
- nachmittags bei starkem NO. z. N.), war es mir, als hätte man mir
- einen Pall in den Brustkasten gesetzt, und ich hatte wirklich ein
- Gefühl, als habe man mir die Kette durch beide Ohrklüsen gesteckt.
- Man sagt, Seeleute haben ein Vorgefühl von Unglück. Davon weiss ich
- nichts, aber bis ich Deine ersten Zeilen erhalte, bin ich recht
- unruhig! An Bord ist nichts passiert, aus dem einfachen Grunde, weil
- nichts passieren darf. Wie geht es Euch? Hat Bob seine neuen Stiefel
- bekommen? Passen sie? Ich bin ein schlechter Briefschreiber, wie Du
- weisst, und höre jetzt auf! Mit einem grossen Kuss mitten auf dieses
- Kreuz ×!
-
- Dein alter Pall.
-
- NS. Du musst Dir etwas Gesellschaft suchen (weibliche natürlich!).
- Und vergiss nicht, die Mamsell auf Dalarö zu bitten, dass sie die
- grosse Barkasse verhäutet, bis ich zurückkomme! (Der Wind wird
- stärker; wir werden ihn nachts von Norden haben!)
-
-Vor Portsmouth erhielt der Kapitän von seiner Frau diesen Brief:
-
- Lieber alter Pall!
-
- Hier ist es schaurig ohne Dich, das kannst Du mir glauben! Und
- schwer ist es gewesen, denn Alice hat jetzt ihren Zahn bekommen. Der
- Doktor sagte, es sei ungewöhnlich früh, und es soll bedeuten (ja,
- das darfst Du nicht wissen!). Bobs Stiefel passen ausgezeichnet, und
- er ist sehr stolz auf sie.
-
- Du erwähnst in deinem Brief, ich müsse eine weibliche Bekanntschaft
- suchen. Das habe ich schon getan, oder richtiger, sie hat mich
- gesucht. Sie heisst Ottilie Sandegren und hat das Seminar
- durchgemacht. Sie ist sehr ernst: Du brauchst also nicht zu
- fürchten, Pall, dass man Deine Toppnant auf Abwege führt. Und dann
- ist sie religiös. Ja, ja, wir könnten wirklich etwas strenger in
- unserer Religion sein, und zwar jeder. Sie ist eine ausgezeichnete
- Person. Und nun schliesse ich für dieses Mal, denn Ottilie kommt und
- holt mich. Sie ist eben jetzt gekommen und lässt Dich grüssen!
-
- Deine Gurli.
-
-Der Kapitän war mit diesem Brief nicht zufrieden. Der war zu kurz und
-war nicht so munter wie gewöhnlich. – Seminar, religiös, ernst, und
-Ottilie: zwei Male Ottilie! Und dann Gurli! Warum nicht Gulla wie
-früher! Hm!
-
-Acht Tage später erhielt er vor Bordeaux einen neuen Brief, der von
-einem Buch in Kreuzband begleitet war. „Lieber Wilhelm!“ – Hm, Wilhelm!
-Nicht Pall mehr! – „Das Leben ist ein Kampf“ – Was zum Teufel war das?
-Was haben wir beide mit dem Leben zu tun! – „von Anfang bis zum Ende“.
-„Ruhig wie ein Bach in Kidron“ – Kidron, das ist ja die Bibel! – „ist
-unser Leben verflossen. Wir sind wie Schlafwandler über Abgründe
-gegangen, ohne sie zu sehen!“ – Seminar, Seminar! – „Dann aber kommt das
-Ethische“ – Ethische? Ablativus! Hm, hm! – „und macht sich in seinen
-höheren Potenzen geltend!“ – Potenzen?! – „Wenn ich jetzt aus unserem
-langen Schlaf erwache und mich selber frage: ist unsere Ehe eine rechte
-Ehe gewesen? so muss ich mit Reue und Scham bekennen, sie ist es nicht
-gewesen! Die Liebe ist himmlischen Ursprungs (Matth. XI, 22 ff.).“ – Der
-Kapitän musste aufstehen und sich ein Glas Wasser mit Rum nehmen, ehe er
-fortfuhr. – „Wie irdisch, wie konkret ist sie gewesen! Haben unsere
-Seelen in dieser Harmonie gelebt, von der Plato (Phaidon, Buch VI, Kap.
-II, § 9) spricht? Nein, müssen wir antworten! Was bin ich für Dich
-gewesen? Deine Haushälterin und, wie ich mich schäme, Deine Geliebte!
-Haben unsere Seelen einander verstanden? Nein, müssen wir antworten!“ –
-Zum Teufel mit allen Ottilien und Seminaren! Ist sie meine Haushälterin
-gewesen? Sie ist meine Frau gewesen und die Mutter meiner Kinder! –
-„Lies dieses Buch, das ich Dir sende! Es wird Dir auf alle Fragen
-Antwort geben. Es hat ausgesprochen, was Jahrhunderte lang im Herzen des
-ganzen Frauengeschlechtes verborgen lag! Lies es und sag mir dann, ob
-unsere Ehe eine rechte Ehe gewesen ist. Deine Gurli.“
-
-Das war seine böse Ahnung! Der Kapitän war ganz ausser sich und konnte
-nicht verstehen, was über seine Frau gekommen sei! Das war ja schlimmer
-als Muckertum!
-
-Er riss das Kreuzband auf und las auf dem Umschlag eines gehefteten
-Buchs: Et Dukkehjem af Henrik Ibsen. Ein Puppenheim? Ja! Nun und? Seine
-Häuslichkeit war ein feines Puppenhaus gewesen, und sein Frauchen war
-seine kleine Puppe und er war ihre grosse Puppe gewesen. Sie waren
-dahingetanzt über die harte Strasse des Lebens, und sie waren glücklich
-gewesen! Was fehlte ihnen denn? Was war für ein Unrecht begangen worden?
-Er musste nachlesen, da das ja in diesem Buch stehen sollte.
-
-In drei Stunden hatte ers gelesen! Aber sein Verstand stand still. Was
-hatten er und seine Frau damit zu tun? Hatten sie Wechsel gefälscht?
-Nein! Hatten sie einander nicht geliebt? Doch!
-
-Er schloss sich in der Kajüte ein und las das Buch noch ein Mal; und er
-unterstrich mit blau und rot, und als es Morgen wurde, setzte er sich
-hin und schrieb an seine Frau:
-
- Ein wohlgemeinter kleiner Ablativus über das Stück „Ein Puppenheim“,
- vom alten Pall an Bord der Vanadis im Atlantischen Ozean vor
- Bordeaux (B. 45°, L. 16°) zusammengeschrieben.
-
- § 1. Sie verheiratete sich mit ihm, weil er sie liebte, und da tat
- sie verdammt recht. Denn hätte sie auf den gewartet, den _sie_
- liebte, so hätte der Fall eintreten können, dass _er_ sie nicht
- liebte, und dann hätte sie den Teufel in einer Rüstkausch gehabt.
- Dass nämlich beide ganz verliebt in einander sind, trifft äusserst
- selten ein.
-
- § 2. Sie fälscht einen Wechsel. Das war dumm von ihr; aber sie darf
- nicht sagen, dass es nur des Mannes wegen geschah, denn sie hat ihn
- ja nie geliebt; wenn sie sagte, es sei für beide und für die Kinder
- geschehen, dann würde sie die Wahrheit sprechen! Ist das klar?
-
- § 3. Dass er sie nach dem Ball liebkosen will, beweist nur, dass er
- sie liebt, und das ist kein Fehler bei ihm; nur dass es auf dem
- Theater gezeigt wird, ist ein Fehler. Il y a des choses qui se font,
- mais qui ne se disent point, sagt ein Franzose, glaube ich. Übrigens
- hätte der Dichter, wenn er gerecht gewesen wäre, auch einen
- entgegengesetzten Fall gezeigt: la petite chienne veut, mais le
- grand chien ne veut pas, sagt Ollendorf. (Vergleiche die Barkasse
- von Dalarö.)
-
- § 4. Dass sie, als sie entdeckt, dass der Mann ein Ochse ist, denn
- das ist er, als er ihr verzeihen will, weil ihr Streich nicht
- ruchbar geworden, ihre Kinder verlassen will, „weil sie nicht würdig
- sei, sie zu erziehen“, ist eine nicht sehr scharfsinnige Koketterie.
- Wenn sie eine Kuh war (denn auf dem Seminar lernt man doch nicht,
- dass es erlaubt ist, Wechsel zu fälschen) und er ein Ochse, so
- müssten sie ein gutes Gespann abgeben. Am allerwenigsten dürfte sie
- die Erziehung ihrer Kinder einem Vater überlassen, den sie
- verachtet.
-
- § 5. Nora hat also viel eher Grund, bei den Kindern zu bleiben, wenn
- sie sieht, was für ein Rindvieh der Mann ist.
-
- § 6. Dass der Mann sie früher nicht nach ihrem wirklichen Wert
- geschätzt hat, dafür konnte er nicht, denn ihren wirklichen Wert
- erhielt sie ja erst nach der Balgerei.
-
- § 7. Nora war früher eine Gans; das leugnet sie selbst nicht.
-
- § 8. Alle Garantien, dass sie künftighin ein besseres Gespann bilden
- werden, liegen ja vor: er hat bereut und will sich bessern; sie
- auch! Gut! Hier meine Hand, und nun fangen wir von neuem an! Gleich
- und gleich gesellt sich gern! Wie gehauen so gestochen. Du warst
- eine Kuh und ich habe mich wie ein Ochse benommen! Du, kleine Nora,
- warst schlecht erzogen; ich altes Aas habe es nicht besser gelernt.
- Beklage uns beide! Wirf faule Eier auf unsere Erzieher, aber schlag
- nicht mich allein auf den Schädel. Ich bin, obwohl ein Mann, ebenso
- unschuldig wie du! Vielleicht noch etwas unschuldiger, denn ich habe
- mich aus Liebe verheiratet, du aus Wirtschaft! Lass uns daher
- Freunde sein und zusammen unsere Kinder die kostbare Lehre lehren,
- die das Leben uns gegeben hat!
-
- Ist das klar? All right!
-
- Das hat Kapitän Pall mit seinen steifen Fingern und seinem trägen
- Verstand geschrieben!
-
- So, mein geliebtes Püppchen, jetzt habe ich Dein Buch gelesen und
- meine Meinung gesagt. Was aber geht das Buch uns an? Haben wir
- einander nicht geliebt? Haben wir uns beide nicht erzogen und die
- Ecken abgeschliffen, denn Du erinnerst Dich wohl, da waren anfangs
- Äste und Schelfen! Was sind denn das für Grillen! Zur Hölle mit
- Ottilien und Seminaren!
-
- Das war ein verzwicktes Buch, das Du mir gegeben hast. Es war wie
- ein schlecht bebaktes Fahrwasser, wo man jeden Augenblick auffahren
- kann. Aber ich nahm Besteck und prickte auf der Karte aus, so dass
- ich ruhiges Wasser bekam. Doch ich mache es wahrhaftig nicht noch
- ein Mal. Der Teufel mag diese Nüsse knacken, die inwendig schwarz
- sind, wenn man schliesslich ein Loch gemacht hat. Und nun wünsche
- ich Dir Friede und Glück und Deinen guten Verstand wieder.
-
- Wie geht es meinen Kleinen? Du hast vergessen, von ihnen zu
- schreiben. Das kam wohl daher, dass Du zu sehr an die verwünschten
- Kinder Noras dachtest (die nirgends anders als in dem Stück zu
- finden sind). Weint mein Sohn, spielt meine Linde, singt meine
- Nachtigall, tanzt mein Püppchen? Das muss sie immer tun, dann freut
- sich der alte Pall. Und nun segne Dich Gott und lass keine bösen
- Gedanken zwischen uns kommen. Ich bin so traurig, dass ichs kaum
- sagen kann. Und da soll ich mich hinsetzen und Kritiken über
- Theaterstücke schreiben! Gott behüte Dich und die Kinder, und küss
- sie mitten auf den Mund von deinem alten treuen Pall.
-
-Als der Kapitän den Brief abgeschickt hatte, ging er in die
-Offiziersmesse und trank einen Grog. Der Arzt war dabei.
-
-– Hast du gemerkt, sagte er, wie es nach alten schwarzen Hosen riecht?
-Möchte mich im Kattblock auf den Vortopp hissen und von einem
-dichtgerefften NW. z. N. durchpusten lassen.
-
-Aber der Arzt verstand nichts. –
-
-– Ottilie, Ottilie ... Eine Ration Handspake müsste sie haben! Die Hexe
-in die Schanze schicken und die zweite Backschaft auf sie loslassen, bei
-geschlossenen Luken. Man weiss wohl, was eine alte Jungfer nötig hat!
-
-– Aber was ist dir denn, alter Pall? fragte der Arzt.
-
-– Plato! Plato! Zum Teufel mit Plato. Ja, wenn man sechs Monate auf See
-ist, dann ist es Plato! Dann wird man ethisch! Ethisch? Ich wette einen
-Marlspieker gegen einen Doppelhaken: bekäme Ottilie ihr warmes Essen, so
-würde sie nicht mehr von Plato sprechen!
-
-– Aber was ist denn?
-
-– Nichts. Hörst du! Du bist ja Arzt! Wie ist es eigentlich mit den
-Frauenzimmern? Was? Ist es nicht gefährlich, lange unverheiratet zu
-bleiben? Werden sie nicht etwas ... kikeriki, so auf einen Hals? Was?
-
-Der Arzt sprach seine Ansicht aus und beklagte, dass nicht alle Weibchen
-befruchtet werden können.
-
-– In der Natur lebt das Männchen meist in Polygamie, denn das kann es in
-den meisten Fällen tun, da Essen für die Jungen vorhanden ist (die
-Raubtiere ausgenommen): in der Natur gibt es solche Abnormitäten wie
-unverheiratete Weibchen nicht. Aber in der Kultur, wo es ein Glück ist,
-wenn man Brot genug hat, da ist es gewöhnlich, zumal es mehr Frauen als
-Männer gibt. Man müsste daher freundlich gegen unverheiratete Mädchen
-sein, denn ihr Los ist traurig.
-
-– Freundlich? Das ist leicht gesagt; wenn sie aber selber nicht
-freundlich sind!
-
-Und alles kam aus ihm heraus, sogar, dass er eine Theaterkritik
-geschrieben.
-
-– Ach, man schreibt so viel dummes Zeug, sagte der Arzt und legte den
-Deckel auf die Grogkanne. Schliesslich entscheidet doch die Wissenschaft
-die grossen Fragen! Die Wissenschaft!
-
-Als der Kapitän, nachdem er sechs Monate fort gewesen und einen nicht
-sehr angenehmen Briefwechsel mit seiner Frau geführt (sie hatte seine
-Kritik scharf mitgenommen), schliesslich in Dalarö ans Land stieg, wurde
-er von seiner Frau, allen Kindern, zwei Mägden und Ottilie empfangen.
-Seine Frau war zärtlich, aber nicht herzlich. Sie reichte ihm ihre Stirn
-zum Kuss. Ottilie war lang wie ein Stag und hatte sich das Haar
-abgeschnitten: im Nacken sah sie aus wie ein Schwabber. Das Souper war
-langweilig und es gab nur Tee. Die Barkasse wurde mit Kindern gestaut,
-und der Kapitän bekam eine Bodenkammer. O wie anders war das als früher!
-Der alte Pall sah alt aus, und verdutzt war er auch.
-
-– Das ist ja die reine Hölle, dachte er, verheiratet zu sein und keine
-Frau zu haben!
-
-Am nächsten Morgen wollte er mit seiner Frau segeln. Aber Ottilie
-vertrug die See nicht. Sie hatte eine schlechte Dampferfahrt hinter
-sich. Und übrigens sei es Sonntag. Sonntag? Da haben wirs! Aber sie
-wollten statt dessen spazieren gehen. Sie hätten wohl viel mit einander
-zu besprechen! Ja freilich, sie hatten sich viel zu sagen. Aber Ottilie
-sollte nicht dabei sein!
-
-Sie gingen Arm in Arm aus. Aber sie sprachen nicht viel; und was gesagt
-wurde, waren mehr Worte, um die Gedanken zu verbergen, als durch Worte
-ausgedrückte Gedanken.
-
-Sie kamen an dem kleinen Cholerakirchhof vorbei und schlugen den Weg
-nach dem Schweizer Tal ein. Eine schwache Brise rauschte in den Fichten,
-und durch die dunkeln Zweige leuchtete das blaue Meer.
-
-Sie setzte sich auf einen Stein. Er setzte sich ihr zu Füssen. Jetzt
-geht es los, dachte er. Und es ging los.
-
-– Hast du über unsere Ehe nachgedacht, begann sie.
-
-– Nein, sagte er, als habe er seine Parade schon ausgedacht, ich habe
-sie nur empfunden! Ich glaube nämlich, die Liebe ist Gefühlssache: man
-segelt auf Landkennung und läuft in den Hafen; greift man aber zu
-Kompass und Karte, so stösst man auf Grund.
-
-– Ja, aber unsere Ehe ist nichts anderes gewesen als ein Puppenheim.
-
-– Verzeih, das ist eine Lüge. Du hast nie einen Wechsel gefälscht; du
-hast niemals einem syphilitischen Doktor, von dem du Geld gegen
-Sicherheit in natura leihen wolltest, deine Strümpfe gezeigt; du bist
-niemals so romantisch stupid gewesen, zu erwarten, dein Mann würde sich
-eines Verbrechens wegen anzeigen, das seine Frau aus Dummheit begangen
-und das kein Verbrechen wurde, weil kein Ankläger da war; und du hast
-mich nie belogen! Ich habe dich ebenso ehrlich behandelt, wie Helmer
-seine Frau behandelte, als er sie zur Vertrauten seiner Seele machte,
-sie über die Geschäfte der Bank mitsprechen liess; duldete, dass sie
-sich in die Besetzung einer Stelle einmischte! Wir sind also Mann und
-Weib nach allen Begriffen gewesen, sowohl altmodischen wie neumodischen!
-
-– Ja, aber ich bin deine Haushälterin gewesen!
-
-– Verzeih, das ist eine Lüge! Du hast niemals in der Küche gegessen, du
-hast keinen Lohn erhalten, niemals über Ausgaben Rechnung legen müssen,
-niemals Schelte gekriegt, weil dies und jenes nicht richtig war! Und
-hältst du meine Arbeit: holen und brassen, Tau fieren und „präsentiert“
-schreien, Heringe auszählen und Schnäpse ausmessen, Erbsen wiegen und
-Mehl prüfen – hältst du das für ehrenvoller als: nach Mägden sehen und
-auf den Markt gehen, Kinder ernähren und Kinder erziehen!
-
-– Nein, aber du wirst dafür bezahlt! Du bist dein eigener Herr! Du bist
-ein Mann!
-
-– Mein liebes Kind! Willst du einen Lohn von mir haben? Willst du meine
-wirkliche Haushälterin werden? Dass ich ein Mann bin, das ist ein
-Zufall, denn das soll erst im sechsten Monat entschieden werden! Das ist
-traurig, denn es ist jetzt ein Verbrechen geworden, Mann zu sein; es ist
-aber kein Fehler. Und der Teufel hole den, der die beiden Hälften der
-Menschheit gegen einander erhoben hat! Der hat viel zu verantworten. Bin
-ich der Herr? Herrschen wir nicht beide? Tue ich etwas Wichtiges, ohne
-dich um Rat zu fragen? Was? Aber du, du erziehst deine Kinder nach
-deinem Kopf! Erinnerst du dich nicht, dass ich das Wiegen abschaffen
-wollte, weil es die Kinder zum Schlaf berauscht. Da durftest du
-herrschen! Ein ander Mal habe ich geherrscht, das nächste Mal wieder du!
-Einen Mittelweg gibt es nicht, denn zwischen Wiegen und Nichtwiegen gibt
-es kein Mittelding! Es ist doch ganz gut gegangen bis jetzt! Du hast
-mich für Ottilie verlassen!
-
-– Ottilie! Immer Ottilie! Hast du nicht selber sie zu mir geschickt?
-
-– Nicht gerade sie! Jetzt aber herrscht sie jedenfalls!
-
-– Von allem, was ich liebe, willst du mich trennen!
-
-– Ist Ottilie alles? Es sieht beinahe so aus!
-
-– Aber ich kann sie jetzt nicht fortschicken, da ich sie engagiert habe,
-damit sie Pädagogik und Latein mit den Mädchen treibt!
-
-– Latein! Ablativus! Herr Jesus, sollen die Mädchen auch damit verdorben
-werden?
-
-– Ja, sie sollen ebensoviel wissen, wie ein Mann weiss, wenn sie sich
-einmal verheiraten: dann wird es eine rechte Ehe geben.
-
-– Aber, liebes Kind, alle Ehemänner können doch nicht Latein! Ich kann
-ja nicht mehr als ein einziges Wort Latein, und das ist Ablativus! Und
-wir sind doch glücklich! Übrigens ist man ja dabei, Latein auch für die
-Männer, als überflüssig, abzuschaffen! Könnt ihr aus dem Beispiel nichts
-lernen? Ist es nicht genug, dass das männliche Geschlecht verdorben ist;
-will man nun auch noch das weibliche verderben? Ottilie, Ottilie, warum
-hast du mir das getan?
-
-– Von dieser Sache will ich nicht mehr sprechen. Aber unsere Liebe,
-Wilhelm, ist nicht gewesen, wie sie hätte sein müssen. Sie ist sinnlich
-gewesen!
-
-– Aber, liebes Herz, wie hätten wir denn Kinder bekommen sollen, wenn
-unsere Liebe nicht auch sinnlich gewesen wäre. Aber sie ist nicht nur
-sinnlich gewesen!
-
-– Kann etwas auf ein Mal schwarz und weiss sein? Das möchte ich fragen.
-Antworte darauf!
-
-– Ja, das kann es; dein Sonnenschirm ist aussen schwarz, aber inwendig
-weiss.
-
-– Sophist!
-
-– Hör mal, mein geliebtes Kind, sprich mit deiner eignen Zunge und
-deinem eignen Herzen, und nicht mit Ottiliens Büchern! Nimm deinen
-Verstand gefangen und werde du selbst, meine geliebte, kleine Frau!
-
-– Dein, dein Eigentum, das du mit deiner Arbeit kaufst!
-
-– Ebenso wie ich dein Mann bin, den keine andere Frau ansehen darf, wenn
-sie ihre Augen im Kopf behalten will; und den du geschenkt erhalten
-hast, nein, zum Ersatz dafür, dass er dich bekam! Ist das nicht partie
-égale!
-
-– Aber wir haben unser Leben im Spiel verbracht! Haben wir etwa höhere
-Interessen gehabt, Wilhelm?
-
-– Ja, wir haben die höchsten Interessen gehabt, Gurli; wir haben nicht
-immer gespielt, denn wir haben auch ernste Stunden durchgemacht! Wir
-haben die höchsten Interessen gehabt, die man haben kann; denn wir haben
-dem künftigen Geschlecht Leben gegeben; wir haben tapfer gestrebt und
-gearbeitet, du nicht am wenigsten, für die Kleinen, die gross werden
-sollen. Bist du nicht ihretwegen vier Male dem Tod nahe gewesen? Hast du
-nicht den Schlaf der Nacht verachtet, um sie zu wiegen; die Vergnügungen
-des Tages, um sie zu pflegen? Könnten wir nicht eine Wohnung von sechs
-Zimmern in der Hauptstrasse und einen Diener haben, wenn wir nicht die
-Kinder besässen? Könntest du nicht Seide und Perlen tragen, Gulla? Und
-ich alter Pall brauchte nicht Elsternnester in den Knien zu haben, wenn
-wir die Kinder nicht auf die Welt gesetzt hätten! Sind wir solche
-Puppen? Sind wir denn so selbstsüchtig, wie alte Jungfern behaupten? Die
-oft Männer verschmäht haben, weil sie nicht für sie passten! Warum
-bleiben so viele Mädchen unverheiratet? Sie wissen doch alle damit zu
-prahlen, dass sie Angebote gehabt haben, wollen aber doch gern Märtyrer
-sein! Höhere Interessen! Latein lernen! Sich für einen wohltätigen Zweck
-halbnackt kleiden und die Kinder in nassen Windeln liegen lassen! Ich
-glaube, ich habe höhere Interessen als Ottilie, wenn ich starke und
-frohe Kinder haben will, die einmal im Leben das ausrichten sollen, was
-wir nicht gekonnt haben! Aber mit Latein geht es nicht! Leb’ wohl,
-Gurli! Ich muss auf Wache! Kommst du mit?
-
-Sie blieb sitzen und antwortete nicht. Er ging; mit schweren Schritten,
-so schweren. Und das blaue Meer wurde dunkel, und die Sonne schien nicht
-mehr.
-
-– Pall, Pall, wohin soll dies führen, seufzte er, als er über den
-Zauntritt am Kirchhof stieg; ich wünschte, ich läge dort unter einem
-Holzkreuz, dort zwischen den Baumwurzeln; aber ich hätte sicher keine
-Ruhe, wenn ich dort allein läge! Gurli! Gurli!
-
- * * * * *
-
-– Jetzt gehts ganz verkehrt, Schwiegermutter, sagte der Kapitän eines
-Tages im Herbst, als er die Alte besuchte.
-
-– Was ist denn los, lieber Willy?
-
-– Sie waren gestern bei uns zu Hause. Vorgestern waren sie bei der
-Prinzessin. Und da wurde die kleine Alice elend. Das war natürlich Pech,
-und ich wagte nicht Gurli holen zu lassen, denn dann hätte sie geglaubt,
-es sei beabsichtigt. Oh! Wenn das Vertrauen einmal erschüttert ist, so
-... Ich war in diesen Tagen beim Korpsintendant und fragte, ob man nach
-schwedischem Gesetz das Recht habe, die Freundinnen seiner Frau tot zu
-rauchen. Nein, das habe man nicht. Und hätte man das Recht, so wagte man
-es nicht, denn dann sei es ganz aus. Wenn es nur ein Liebhaber wäre: den
-könnte man beim Kragen nehmen und hinauswerfen. Was soll ich tun?
-
-– Ja ja, das ist ein schwerer Fall, lieber Willy, aber wir werden schon
-auf etwas kommen. Du kannst doch nicht wie ein Unverheirateter leben!
-
-– Nein, das sage ich auch!
-
-– Ich sagte ihr in diesen Tagen derb: wenn sie nicht nett sei, würde ihr
-Mann einfach Mädchen besuchen!
-
-– Und was antwortete sie?
-
-– Sie antwortete: das könne er, denn über seinen Körper verfüge jeder
-selbst.
-
-– Sie also auch? Das ist eine schöne Lehre! Ich kriege graue Haare,
-Schwiegermutter!
-
-– Eine alte gute Art ist, sie eifersüchtig zu machen. Das pflegt die
-Radikalkur zu sein, denn dann kommt die Liebe wieder zum Vorschein, wenn
-sie noch da ist.
-
-– Sie ist noch da!
-
-– Sicher! Denn die Liebe stirbt nicht Knall und Fall; sie kann nur im
-Lauf der Jahre verbraucht werden, _wenn_ sie’s kann. Mach Ottilie den
-Hof, dann werden wir weiter sehen!
-
-– Den Hof machen? Ihr?
-
-– Versuchs! Kannst du nicht etwas, das sie interessiert?
-
-– Doch, gewiss! Sie sind jetzt gerade bei der Statistik angekommen!
-Gefallene Frauen, ansteckende Krankheiten! Wenn man das Gespräch auf die
-Mathematik bringen könnte! Die verstehe ich!
-
-– Siehst du! Beginn mit der Mathematik, geh dazu über, ihr den Schal
-umzulegen und ihr die Überschuhe zuzuknöpfen. Bring sie abends nach
-Haus. Trink mit ihr und küss sie, wenn Gurli es sieht. Ist es nötig, so
-sei zudringlich. Oh, sie wird nicht böse werden, das kannst du mir
-glauben. Und dann viel Mathematik, so viel, dass Gurli still dasitzen
-und schweigend zuhören muss. In acht Tagen komm wieder und erzähle mir
-den Verlauf!
-
-Der Kapitän ging nach Haus, las die letzten Broschüren über die
-Unsittlichkeit und ging dann ans Werk.
-
-Acht Tage später sass er heiter und vergnügt bei seiner Schwiegermutter
-und trank ein gutes Glas Sherry. Er war direkt fröhlich.
-
-– Erzähle, erzähle, sagte die Alte und schob die Brille in die Höhe.
-
-– Es war eine harte Arbeit, die ersten Tage, denn sie misstraute mir.
-Sie glaubte, ich triebe meinen Scherz mit ihr. Dann aber sprach ich
-davon, welch unerhörten Einfluss die Wahrscheinlichkeitsrechnung in
-Amerika auf die Sittlichkeitstatistik gehabt habe. Sie habe ganz einfach
-Epoche gemacht. Das wusste sie nicht und das reizte sie. Ich nahm ein
-Beispiel und zeigte mit Zahlen und Buchstaben, dass man mit einer
-gewissen Wahrscheinlichkeit berechnen könne, wie viele Frauen fallen.
-Das setzte sie in Erstaunen. Jetzt sah ich, dass sie neugierig wurde und
-sich einen Trumpf für die nächste Sitzung verschaffen wollte. Gurli
-freute sich, dass Ottilie und ich Freunde wurden, und sie brachte uns
-direkt zusammen. Sie stiess uns in mein Zimmer und schloss die Tür; und
-dort sassen wir und rechneten den ganzen Nachmittag. Sie war glücklich,
-die Hexe, denn sie fühlte, dass sie etwas durch mich gewann, und in drei
-Stunden waren wir Freunde. Beim Souper fand meine Frau, Ottilie und ich
-seien so alte Bekannte, dass wir uns duzen müssten. Ich holte meinen
-alten guten Sherry hervor, um das grosse Ereignis zu feiern. Und dann
-küsste ich sie mitten auf den Mund, Gott verzeihe mir meine Sünden.
-Gurli sah etwas verdutzt aus, wurde aber nicht böse. Sie war lauter
-Glück. Der Sherry war stark und Ottilie war schwach. Ich half ihr mit
-dem Mantel und brachte sie nach Haus. Drückte ihren Arm unterwegs und
-erklärte ihr die ganze Sternkarte. Ah! Sie war hingerissen! Sie habe
-immer die Sterne geliebt, aber nie lernen können, wie sie heissen. Die
-armen Frauen dürften eben nichts lernen. Sie schwärmte ordentlich und
-wir trennten uns als die allerbesten Freunde, die einander so lange, so
-lange verkannt hatten.
-
-Am nächsten Tag noch mehr Mathematik. Wir sassen dabei bis zum Souper.
-Gurli kam einige Male herein und nickte uns zu. Aber bei Tisch wurde nur
-Mathematik und Sterne gesprochen, und Gurli sass still dabei und musste
-zuhören. Dann brachte ich sie nach Haus. Aber auf dem Rückweg traf ich
-einen befreundeten Kapitän. Wir schlüpften ins Grand Hotel und tranken
-ein Glas Punsch. Erst um ein Uhr kam ich heim.
-
-Gurli sass auf.
-
-– Wo bist du so lange gewesen, Wilhelm? sagte sie.
-
-Da fuhr der Teufel in meine Seele und ich antwortete:
-
-– Wir haben unterwegs so lange geplaudert, dass ich ganz vergass, was
-die Uhr war.
-
-_Die_ Schraube zog an.
-
-– Ich finde es nicht recht passend, nachts mit einer jungen Dame
-herumzulaufen, sagte sie.
-
-Ich stellte mich verlegen und stammelte hervor:
-
-– Wenn man so viel zu besprechen hat, so weiss man nicht immer, was
-passend ist.
-
-– Wovon habt ihr denn gesprochen, sagte Gurli und machte ein Gesicht.
-
-– Ich kann mich wirklich nicht mehr daran erinnern.
-
-Das ist gut marschiert, mein Junge, sagte die Alte. Weiter, weiter.
-
-Am dritten Tag, fuhr der Kapitän fort, kam Gurli mit einer Arbeit herein
-und blieb, bis die Mathematik zu Ende war. Das Souper war nicht ganz so
-fröhlich, aber um so astronomischer. Half der Hexe bei den Überschuhen,
-was einen tiefen Eindruck auf Gurli machte! Als Ottilie ging, bot sie
-ihr nur die Backe zum Kuss. Unterwegs drückte ich ihr den Arm und sprach
-von der Sympathie der Seelen, und von den Sternen als der Heimat der
-Seelen. Trank Punsch im Grand Hotel und kam um zwei Uhr nach Haus. Gurli
-sass noch auf; ich sah es, aber ich ging direkt in mein Zimmer, als
-Junggeselle, der ich war, und Gurli schämte sich, nachzukommen und zu
-fragen.
-
-Am nächsten Tag Astronomie. Gurli erklärte, sie habe grosse Lust, dabei
-zu sein; Ottilie aber sagte, sie seien schon zu tief in den Stoff
-eingedrungen, sie werde Gurli später die Anfangsgründe mitteilen. Gurli
-war gereizt und ging. Viel Sherry zum Souper. Als Ottilie für das Essen
-dankte, fasste ich sie um die Taille und küsste sie. Gurli ward bleich.
-Als ich ihr die Überschuhe zuknöpfte, griff ich mit der Hand zu, hm ...
-
-Geniere dich nicht vor mir, Willy, sagte die Alte, ich bin eine alte
-Frau!
-
-– ... so hier um den Schenkel. Nicht so schlecht übrigens! Hm! Wirklich
-nicht so übel! Als ich aber meinen Überrock anziehen wollte, da, hast du
-nicht gesehen, stand das Mädchen da, um Ottilie nach Haus zu bringen.
-Und Gurli entschuldigte mich: ich hätte mich gestern erkältet, und sie
-fürchte die Nachtluft. Ottilie sah verlegen aus und küsste Gurli nicht,
-als sie ging.
-
-Am nächsten Tag wollte ich Ottilie astronomische Instrumente zeigen, um
-zwölf in der Schule. Sie kam auch, war aber traurig. Sie war eben bei
-Gurli gewesen, die sich unfreundlich gegen sie gezeigt habe. Den Grund
-könne sie nicht verstehen. Als ich zum Mittagessen nach Haus kam, war
-Gurli ganz verändert. Sie war kalt und stumm wie ein Fisch. Sie litt.
-Ich sah es. Jetzt aber musste das Messer hinein.
-
-– Was hast du zu Ottilie gesagt? Sie war so traurig! fing ich an.
-
-– Was ich gesagt habe? Ja, ich habe ihr gesagt, sie sei kokett. Das habe
-ich gesagt.
-
-– Wie konntest du das sagen, sagte ich. Du bist doch nicht eifersüchtig!
-
-– Ich eifersüchtig auf die! brach sie los.
-
-– Ja, das wundert mich, denn eine so intelligente und verständige Person
-kann es doch nicht auf den Mann einer andren abgesehen haben!
-
-– Nein (jetzt kam es!), aber der Mann einer andern kann sich schlecht
-gegen eine andere Frau betragen.
-
-Huhuhu! Jetzt war es fertig. Ich verteidigte Ottilie, bis Gurli sie alte
-Jungfer nannte, und ich fuhr fort, sie zu verteidigen. Und an diesem
-Nachmittag kam Ottilie nicht. Sie schrieb einen kühlen Brief und
-entschuldigte sich, aber sie sehe wohl, sie sei überflüssig. Ich
-protestierte und wollte sie holen. Da aber wurde Gurli wild. Sie sehe
-wohl, ich sei in diese Gurli verliebt, und sie (Gurli) sei mir nichts
-mehr. Sie wisse wohl, dass sie eine Gans sei, dass sie nichts könne, zu
-nichts tauge, und dass, huhuhu, die Mathematik ihr ganz unmöglich sei.
-Ich schickte nach einem Schlitten und wir fuhren aus. In einem Gasthaus
-am Meer tranken wir Glühwein und assen ein prächtiges Souper. Es war,
-als sei wieder Hochzeit, und dann fuhren wir nach Haus.
-
-– Und dann? fragte die Alte und sah über ihre Brille hinweg.
-
-– Und dann? Hm! Gott verzeihe mir meine Sünden! Dann habe ich sie
-verführt. Hol mich der Teufel, ich habe sie auf meinem Junggesellenbett
-verführt. Es war ganz wie auf der Hochzeit. Was sagst du dazu,
-Grossmutter?
-
-– Da hast du recht getan! Und dann?
-
-– Und dann? Seitdem ist es all right, und jetzt sprechen wir davon, wie
-Kinder zu erziehen und Frauen von Aberglauben und Altjüngferlichkeit,
-von Romantik und dem Teufel und seinem Ablativus zu befreien sind; aber
-wir sprechen jetzt unter vier Augen, und da versteht man einander am
-besten! Nicht wahr, Alte?
-
-– Ja, lieber Willy, und jetzt werde ich euch wieder besuchen.
-
-– Tu das, du! Da wirst du sehen, wie die Puppen tanzen und die Lerchen
-und die Spechte singen und zwitschern; da wirst du sehen, wie die Freude
-bis an die Decke reicht, denn dort wartet niemand auf das Wunderbare,
-das nur in den Märchen zu finden ist. Da wirst du ein wirkliches
-Puppenheim sehen!
-
-
-
-
- Vogel Phönix
-
-
-Es war zur Zeit der Walderdbeeren, als er sie in der Pfarre zum ersten
-Male sah. Er hatte schon viele Mädchen gesehen, als er _sie_ aber sah,
-da wusste er: das ist sie! Aber er wagte es nicht, etwas zu sagen, und
-sie lächelte über ihn, denn er war nur Gymnasiast noch.
-
-Aber er kam wieder als Student. Und da fasste er sie um den Leib und
-küsste sie, und er sah Raketen stieben, hörte Glocken läuten und
-Jagdhörner klingen, fühlte die Erde unter seinen Füssen beben.
-
-Sie war ein Weib von vierzehn Jahren. Ihre Brüste standen schwellend
-hoch, als warteten sie auf kleine gierige Mäuler und kleine zugreifende
-Fäuste; ihr Gang war fest, auf elastischen Waden und wiegenden Hüften,
-als könne sie jeden Augenblick ein Kind unter ihrem Herzen tragen. Ihr
-Haar war gelb und zart wie geklärter Honig und stand immer wie
-Sprühregen um ihre Stirn. Das Auge brannte und die Haut war weich wie
-ein Handschuh.
-
-Sie waren verlobt und küssten sich wie Vögel im Garten unter der Linde,
-im Wald, und das Leben lag wie eine sonnige, ungemähte Wiese vor ihnen.
-Aber er musste erst sein Examen machen, das Bergexamen, und das dauerte,
-die Reise ins Ausland mitgerechnet, zehn Jahre! Zehn Jahre!
-
-So fuhr er nach der Universität. Im Sommer kam er wieder nach der
-Pfarre, und sie war noch ebenso schön. Drei Male kam er wieder, aber
-beim vierten Mal war sie blass. Sie hatte kleine rote Streifen in den
-Nasenwinkeln und der Busen war eingesunken. Als der Sommer zum sechsten
-Male kam, nahm sie Eisen. Im siebenten fuhr sie nach einem Badeort. Im
-achten hatte sie Zahnschmerzen und war nervös. Das Haar hatte seinen
-Glanz verloren, die Stimme war scharf, die Nase hatte schwarze
-Pünktchen, der Busen war fort, der Gang war schleppend und die Wangen
-waren hohl. Im Winter bekam sie Nervenfieber und musste sich das Haar
-abschneiden lassen. Als es wieder wuchs, wurde es aschgrau. Er hatte
-sich in eine blonde Vierzehnjährige verliebt, eine Brünette konnte er
-nicht leiden, und er heiratete eine aschgraue Vierundzwanzigjährige, die
-als Braut den Hals nicht bloss tragen wollte.
-
-Aber er liebte sie doch. Seine Liebe war nicht mehr so stürmisch wie
-früher, sondern beständig und ruhig. Und in der kleinen Bergstadt war
-nichts, was ihr Glück störte.
-
-Sie gebar zwei Knaben hinter einander, aber der Mann wollte so gern ein
-Mädchen haben. Und dann kam ein kleines blondes Mädchen.
-
-Das wurde der Augapfel des Vaters. Es wuchs heran und ward der Mutter
-ähnlich. Es wurde sieben Jahre und mit acht war es ganz so, wie die
-Mutter einmal gewesen. Und der Vater beschäftigte sich in seinen freien
-Stunden nur noch mit seiner Tochter.
-
-Die Mutter hatte durch die häusliche Arbeit grobe Hände bekommen. Die
-Nase war wurmstichig und die Schläfen ausgehöhlt. Ihre Gestalt war von
-der Gewohnheit, sich über den Herd zu beugen, etwas geneigt. Und Vater
-und Mutter trafen sich nur bei den Mahlzeiten und nachts. Sie weinten
-nicht, aber es war doch nicht mehr so wie früher.
-
-Aber die Tochter, das war des Vaters Freude. Man hätte beinahe sagen
-können, er sei in sie verliebt. Es war, als sehe er in ihr die wieder
-auferstandene Mutter, und als solle sein erster Anblick, der so schnell
-verschwunden war, wiederkommen. Er war beinahe schüchtern ihr gegenüber
-und ging nie in ihr Zimmer, wenn sie sich anzog. Er vergötterte sie.
-
-Eines Morgens blieb sie im Bett liegen und wollte nicht aufstehen. Mama
-glaubte, sie habe Faulfieber, Papa aber schickte nach dem Arzt. Der
-Mordengel war auf Besuch gekommen; es war Diphtheritis. Entweder der
-Vater oder die Mutter musste mit den andern Kindern fliehen. Der Vater
-wollte nicht. Die Mutter musste mit den andern Kindern aus der Stadt
-ziehen, und der Vater blieb bei der Kranken. Und da lag sie jetzt! Man
-räucherte mit Schwefel, dass die Vergoldung der Bilderrahmen schwarz
-wurde, und die Silbersachen auf dem Toilettentisch auch! Der Vater war
-ausser sich, wenn er durch die leeren Zimmer ging; und wenn er nachts
-allein in dem grossen Bett lag, war es ihm, als sei er Witwer. Er kaufte
-dem Kinde Spielsachen und es lächelte, wenn er am Bettrande Kasper
-spielte, und es fragte nach Mama und den Geschwistern.
-
-Und der Vater musste hingehen und von der Strasse aus der Mutter zum
-Fenster hinauf zunicken und den Kindern Kusshände zuwerfen. Und die
-Mutter telegraphierte mit blauen und roten Papierbogen durch die
-Fensterscheiben.
-
-Aber eines Tages wollte das Mädchen den Kasper nicht mehr sehen, und es
-lächelte nicht mehr. Auch konnte es nicht mehr sprechen. Der Tod kam,
-kam mit seinen langen knochigen Armen und erstickte das Kind. Es war ein
-harter Kampf.
-
-Da kam die Mutter! Und sie hatte Gewissensbisse, dass sie ihr Kind
-verlassen. Und es war grosser Jammer und grosse Not.
-
-Als der Arzt das Kind obduzieren wollte, liess es der Vater nicht zu.
-Sie sollten ihr mit den Messern nichts zuleide tun; denn für ihn sei sie
-nicht tot. Aber es musste geschehen. Und da wollte er den Arzt schlagen
-und ihn beissen.
-
-Als sie aber in die Erde kam, baute er ein Grabmal und ging das ganze
-Jahr hindurch jeden einzigen Tag dorthin. Das zweite Jahr weniger oft.
-Die Arbeit war schwer und die Zeit knapp. Die Jahre begannen sich
-fühlbar zu machen, die Schritte wurden weniger leicht, und die Trauer
-verwuchs. Zuweilen schämte er sich, dass er nicht mehr so viel trauere;
-dann aber vergass er es.
-
-Er bekam noch zwei Töchter; das war aber nicht dasselbe; sie, die von
-hinnen gegangen, konnte nicht ersetzt werden.
-
-Das Leben war hart, die Vergoldung war unmerklich von der jungen Frau
-abgegangen, die einmal wie – wie kein anderes Weib auf der Erde gewesen
-war. Die Vergoldung war abgegangen von der einmal so blanken und
-strahlenden Häuslichkeit. Die Kinder hatten Beulen in die
-Hochzeitsgeschenke der Mutter gemacht, das Bett verdorben, die
-Stuhlbeine angetreten. Die Polsterung kam aus den Sofas heraus, und das
-Klavier war seit Jahren nicht geöffnet werden. Der Gesang war verstummt
-vorm Kindergeschrei, und die Stimmen waren rauh geworden. Die Koseworte
-hatte man mit den Kinderkleidern abgelegt, die Liebkosungen waren
-Massage geworden. Man fing an, alt und müde zu werden. Papa lag nicht
-mehr vor Mama auf den Knien, sondern sass in seinem abgenutzten
-Lehnstuhl und liess sich von Mama die Streichhölzchen holen, wenn er
-seine Pfeife anstecken wollte. Man war alt geworden!
-
-Da starb die Mama, als der Papa fünfzig Jahre alt war. Da aber tauchte
-es wieder auf, all das Alte. Als ihre gebrochene Gestalt, die der
-Todeskampf hässlich gemacht hatte, in die Erde gegraben wurde, stand die
-Erinnerung an die junge Vierzehnjährige wieder auf. Da betrauerte er
-diese, die er vor so langer Zeit verloren hatte, und mit der Sehnsucht
-kam die Reue. Aber er war nie schlecht gegen die alte Mama gewesen; und
-die Vierzehnjährige vom Pfarrhaus, die er nie bekommen, denn er kriegte
-ja nur die bleichsüchtige Vierundzwanzigjährige, die hatte er verehrt,
-vor der hatte er gekniet, der war er treu gewesen. Und wenn er
-aufrichtig war, so war es sie, nach der er sich jetzt sehnte; doch hatte
-der alten Mama gutes Essen und unermüdliche Fürsorge auch einen Anteil
-an der Sehnsucht, aber auf eine andere Art.
-
-Jetzt aber wurde er intimer mit den Kindern. Einige waren aus dem Nest
-geflogen, andere aber noch zu Hause.
-
-Als er ein ganzes Jahr lang seine Freunde damit ermüdet hatte, dass er
-ihnen das Leben seiner verstorbenen Frau erzählte, geschah etwas
-Merkwürdiges. Er sah ein junges Mädchen, eine blonde Achtzehnjährige,
-die seiner Frau, wie sie mit vierzehn Jahren gewesen, glich. Er nahm es
-wie einen Wink des freigebigen Himmels, der ihm also endlich sie, die
-erste, geben wolle. Er verliebte sich in sie, weil sie der ersten glich.
-Und er verheiratete sich wieder. Jetzt hatte er sie endlich bekommen.
-
-Die Kinder aber, besonders die Mädchen, waren der jungen Stiefmutter
-abgeneigt; sie schämten sich, sie anzusehen; sie fanden das Verhältnis
-der Eltern unrein; glaubten, der Vater sei ihrer Mutter untreu geworden.
-Und sie gingen aus dem Hause, in die Welt hinaus!
-
-Er war glücklich! Aber er war noch stolzer darauf, dass ein junges
-Mädchen ihn hatte haben wollen.
-
-– Nur Nachmahd! sagten seine alten Freunde.
-
-Nach einem Jahr bekam die Frau ein Kind. Papa war nicht mehr an
-Kindergeschrei gewöhnt und wollte nachts schlafen. Zog in sein eigenes
-Zimmer; seine Frau aber weinte. Er fand die Frauen etwas aufdringlich.
-Und dann war sie eifersüchtig auf die erste Frau. Er war nämlich, als
-sie verlobt waren, so dumm gewesen, ihr zu sagen, sie gleiche seiner
-ersten Frau. Und dann hatte er sie deren Liebesbriefe lesen lassen. Als
-sie jetzt oft allein war, erinnerte sie sich an alles. So wusste sie,
-dass sie alle Kosenamen von der ersten geerbt, dass sie nur eine
-Stellvertreterin sei. Das reizte sie, und sie machte alle möglichen
-Dummheiten, um ihn für sich persönlich zu gewinnen. Das ermüdete ihn
-aber. Und wenn er in der Einsamkeit Vergleiche anstellte, verlor die
-neue Frau sehr. Sie war nicht so milde wie die andere; sie reizte seine
-Nerven. Dazu kam die Sehnsucht nach den Kindern, die er aus ihrem
-Elternhaus vertrieben. Dazu kamen schlechte Träume, denn er glaubte
-seiner verstorbenen Frau untreu zu sein.
-
-Es war nicht mehr gemütlich zu Hause. Es war dumm, was er getan, und es
-wäre besser nicht geschehen.
-
-Er fing an in den Ratskeller zu gehen. Da aber wurde die Frau böse. Er
-habe sie betrogen. Er sei ein alter Mann, und er solle sich in Acht
-nehmen. Ein so alter Mann dürfe seine junge Frau nicht allein lassen;
-das könne gefährlich werden!
-
-– Alt? Sei er alt? Er werde ihr zeigen, dass er nicht alt sei!
-
-Und sie zogen wieder zusammen. Da aber wurde es sieben Male schlimmer.
-Er wollte ihr nachts nicht wiegen helfen, und das Kind sollte in die
-Kinderstube! Nein, mit dem Kind der _ersten_ Frau habe er es nicht so
-gemacht.
-
-Er musste sich quälen lassen.
-
-Zwei Male hatte er geglaubt, den Vogel Phönix aus der Asche der
-Vierzehnjährigen aufsteigen zu sehen, zuerst in der Tochter, dann in der
-zweiten Frau; aber in seiner Erinnerung lebte nur die erste, die Kleine
-aus dem Pfarrhof, die er zur Zeit der Walderdbeeren sah, die er unter
-der Linde im Walde küsste, die er aber nie bekommen.
-
-Doch jetzt, als seine Sonne im Untergehen war und die Tage kürzer
-wurden, sah er in seinen dunkeln Stunden nur noch das Bild der „alten
-Mama“, die freundlich gegen ihn und seine Kinder gewesen, die nie
-zankte, die hässlich war, die in der Küche stand, die die Hosen der
-Knaben und die Röcke der Mädchen flickte. Und da sein Siegesrausch
-vorüber war und sein Auge klar sah, fragte er sich, ob nicht die „alte
-Mama“ doch der rechte Vogel Phönix gewesen sei, der so schön und so
-ruhig aus der Asche des vierzehnjährigen Goldvogels stieg; der seine
-Eier legte und sich die Daunen für die Jungen aus der Brust rupfte, um
-sie mit seinem Blut zu nähren, bis er starb.
-
-Er fragte lange danach, und als er endlich seinen müden Kopf auf das
-Kissen legte, um nicht mehr aufzustehen, da war er davon überzeugt.
-
-
-
-
- „Romeo und Julia“
-
-
-Der Mann kam eines Abends mit einem Notenheft nach Haus und sagte zu
-seiner Frau:
-
-– Nach dem Essen wollen wir vierhändig spielen.
-
-– Was hast du da für ein neues Stück? fragte die Frau.
-
-– Ich habe „Romeo und Julia“ gekauft. Kennst du das?
-
-– Ja, gewiss kenne ich das, antwortete sie, aber ich weiss nicht, ob ich
-es je habe aufführen sehen.
-
-– Oh, es ist herrlich! Ich denke daran wie an einen Jugendtraum, aber
-ich habe es nicht mehr als einmal gehört, und das war vor zwanzig
-Jahren.
-
-Nach dem Abendessen, nachdem die Kinder zu Bett gebracht waren und es
-still im Hause geworden, zündete der Mann die Lichter auf dem Pianino
-an. Er liest auf dem fein lithographierten Titelblatt: „Romeo und
-Julia.“
-
-– Dies ist Gounods schönste Komposition, sagt er, und ich glaube nicht,
-dass sie allzu schwer ist.
-
-Seine Frau übernimmt wie gewöhnlich die erste Stimme, und so beginnt
-man. D-dur, Vier-Viertel-Takt, Allegro giusto.
-
-– Das ist schön, nicht wahr? sagt der Mann nach dem Schluss der
-Ouvertüre.
-
-– Oh ja, gibt die Frau zu, wenn auch etwas widerstrebend.
-
-– Lass uns nun das Marziale nehmen, sagt der Mann, das ist etwas ganz
-Feines. Ich erinnere mich noch an die prächtigen Chöre des königlichen
-Theaters.
-
-Der Marsch beginnt.
-
-– Nun, ist es nicht prächtig? sagt der Mann triumphierend, als habe er
-„Romeo und Julia“ selber geschrieben.
-
-– Ich finde, es klingt wie Messingmusik, antwortete seine Frau.
-
-Die Ehre und der gute Geschmack des Mannes stehen auf dem Spiel, und er
-sucht nach der Mondscheinarie im vierten Akt. Nach langem Suchen stösst
-er auf eine Arie für Sopran; die muss wohl die rechte sein.
-
-Und er beginnt von neuem:
-
-– Tram-tramtram, tram-tramtram, so klingt es im Bass, der sehr leicht
-ist.
-
-– Weisst du, meint die Frau, als es zu Ende ist, die Musik ist sehr
-mässig.
-
-Der Mann ist ganz niedergeschlagen und gibt zu, dass es wie ein
-Leierkasten klingt.
-
-– Das habe ich schon die ganze Zeit gefunden, bekennt die Frau.
-
-– Ich finde auch, es klingt so altmodisch. Dass Gounod so schnell
-veraltet ist, bemerkt er ganz kleinlaut. Willst du weiter spielen? Lass
-uns die Cavatina und das Terzett durchnehmen; ich erinnere mich
-besonders an die Sängerin, die war göttlich.
-
-Nach diesem Stück sieht der Mann wirklich betrübt aus und legt das Heft
-fort, als wolle er die Tür hinter der Vergangenheit schliessen.
-
-– Wollen wir nicht ein Glas Bier trinken? fragt er.
-
-Sie setzen sich an den Tisch und trinken ein Glas Bier.
-
-– Es ist doch merkwürdig, beginnt der Mann, ich hätte nicht geglaubt,
-dass wir so alt geworden sind, denn wir sind wirklich mit „Romeo und
-Julia“ um die Wette gealtert. Es sind zwanzig Jahre her, seit ich die
-Oper zum ersten Mal hörte. Ich war eben Student geworden, hatte Freunde
-und die Zukunft lächelte mir hell und froh entgegen. Seit kurzer Zeit
-machte ich mit einem keimenden Schnurrbart und der Studentenmütze Staat,
-und besonders der Abend ist mir in Erinnerung, an dem Fritz, Philipp und
-ich in die Oper gingen. Einige Jahre früher hatten wir die Bekanntschaft
-des „Faust“ gemacht, waren also grosse Bewunderer Gounods. Doch „Romeo“
-übertraf noch unsere Erwartungen, und wir wurden von der Musik ganz
-hingerissen. Jetzt sind meine beiden Freunde tot. Fritz, der zu den
-höchsten Stellen hinaufstrebte, starb als Sekretär; Philipp als Kandidat
-der Medizin; und ich, der Minister werden wollte, musste mich
-schliesslich damit begnügen, Regimentsauditor zu sein. Wie die Jahre
-verschwunden sind, ohne dass wir es gemerkt haben! Zwar habe ich
-gesehen, dass die Runzeln um meine Augen deutlicher geworden sind, und
-dass das Haar an den Schläfen ergraut ist, doch dass wir bereits so weit
-auf dem Weg zum Kirchhof gekommen sind, das hätte ich nicht geglaubt.
-
-– Ja, mein Freund, wir sind alt geworden; das kannst du an unseren
-Kindern sehen. Und auch an mir siehst dus, wenn du auch davon schweigst.
-
-– Ach wie kannst du so etwas sagen!
-
-– Das weiss ich sehr wohl, mein Lieber, fuhr die Frau in wehmütigem Ton
-fort; ich weiss wohl, dass ich anfange hässlich zu werden, dass mein
-Haar dünner wird und dass ich bald meine Vorderzähne ziehen lassen muss
-...
-
-– Aber bedenke doch, dass jetzt nichts mehr dauert, – unterbricht sie
-der Mann. Es scheint heutzutage mit dem Altwerden viel geschwinder zu
-gehen als früher. Im Haus meines Vaters wurden noch Haydn und Mozart
-gespielt, obgleich sie tot waren, lange ehe er geboren wurde. Und jetzt
-– jetzt ist Gounod bereits alt! Es ist betrübend, seinem Jugendideal auf
-die Weise wieder zu begegnen! Und wie schauerlich ist es, zu fühlen,
-dass man alt geworden ist!
-
-Er steht auf und setzt sich wieder ans Pianino; er nimmt das Notenheft
-und blättert darin, wie wenn er in einer Schreibtischlade nach
-Jugenderinnerungen, Haarlocken, getrockneten Blumen und Bandenden,
-suche. Seine Augen starren auf die schwarzen Noten, die wie kleine Vögel
-aussehen, die an einem Stahldrahtgitter auf und nieder klettern; er
-versucht, in ihnen auf Frühlingstöne, Liebeslockungen, jubelnde Triller
-aus den rosenroten Tagen der ersten Liebe zu lauschen. Doch alles blickt
-ihm so fremd entgegen, als sei die Erinnerung an die Blütezeit der
-Jugend mit Unkraut überwachsen. Ja, so ist es; die Saiten sind mit Staub
-bedeckt, der Resonanzboden ist eingetrocknet, der Filz abgenützt.
-
-Ein Seufzer hallt durchs Zimmer, schwer wie aus einer hohlen Brust, und
-dann wird es ganz still.
-
-Plötzlich hört man den Mann sagen:
-
-– Aber sonderbar ist es doch, dass der herrliche Prolog in diesem
-Klavierauszug fehlt. Es war, wie ich mich bestimmt erinnere, ein Prolog
-mit Harfenbegleitung und ein Chor, der so lautete.
-
-Er trällert leise die Melodie, die wie ein Bach aus einer Bergeskluft
-hervorsprudelt; der eine Ton gibt den andern, sein Gesicht klärt sich
-auf, der Mund lächelt, die Runzeln glätten sich und die Hände fallen auf
-die Tasten nieder, die kräftig, jugendlich und schmeichelnd die
-herrlichen Töne wiedergeben, und mit starker klangvoller Stimme singt er
-die Basspartie.
-
-Seine Gattin ist aus ihren schwermütigen Gedanken erwacht, sie lauscht
-mit tränendem Auge und fragt verwundert:
-
-– Was ist das?
-
-– Romeo und Julia! Unser Romeo und unsere Julia!
-
-Und er springt vom Stuhl auf und legt das Notenheft vor die erstaunte
-junge Frau.
-
-– Siehst du! Dies war der Romeo unserer Oheime und Tanten, das war –
-lies nur – Bellini! Oh! Wir sind also noch nicht alt!
-
-Die Frau blickt auf das dichte, noch glänzende Haar des dreissigjährigen
-Mannes, auf seine glatte Stirn und seine feurigen Augen. Und sie sagt
-freudestrahlend:
-
-– Ja, du siehst aus wie ein Fünfundzwanzigjähriger!
-
-– Und du? Du siehst aus wie ein junges Mädchen. Dass wir uns von dem
-alten Bellini so haben anführen lassen. Ich dachte gleich, dass etwas
-nicht stimme.
-
-– Nein, lieber Freund, das habe ich zuerst gedacht.
-
-– Wahrscheinlich, weil du jünger bist als ich.
-
-– Nein, du ...
-
-Und Mann und Frau sitzen da und streiten scherzend darüber, wer von
-ihnen älter sei, ganz wie ein Paar Kinder, und sie wundern sich, wie sie
-früher Runzeln und graue Haare haben entdecken können, wo keine da sind.
-
-
-
-
- Herbst
-
-
-Sie waren zehn Jahre verheiratet gewesen! Glücklich? So glücklich, wie
-die Umstände es erlaubten. Sie hatten am gleichen Strang gezogen,
-gleichmässig wie zwei gleichstarke junge Ochsen, von denen jeder an
-einer Seite des Strickes zieht.
-
-Im ersten Jahr wurden natürlich eine Menge Illusionen von der Ehe als
-der absoluten Seligkeit begraben. Im zweiten Jahr kamen die Kinder, und
-die tägliche Arbeit des Lebens liess wenig Zeit zum Grübeln übrig.
-
-Er war sehr häuslich, vielleicht _zu_ sehr, und hatte in der Familie
-seine kleine Welt gefunden, deren Mittelpunkt er war; die Kinder waren
-die Radien. Die Frau suchte auch Mittelpunkt zu sein, aber niemals in
-der Mitte des Kreises, denn dort sass der Mann, und darum fielen die
-Radien bald auf einander bald aus einander, und darum stimmte das Ganze
-nicht.
-
-Im zehnten Jahr wurde der Mann zum Sekretär der Gefängnisinspektion
-ernannt und musste als solcher Reisen machen. Das gab seinen häuslichen
-Gewohnheiten einen argen Stoss; er fühlte eine wirkliche Unlust, wenn er
-daran dachte, dass er für einen ganzen Monat seine Häuslichkeit
-verlassen müsse. Es war ihm nicht ganz klar, ob er seine Frau oder seine
-Kinder am meisten vermissen werde, vielleicht alle beide.
-
-Am Abend vor der Abreise sitzt er in seinem Sofa und sieht zu, wie sie
-seine Reisetasche packt. Sie liegt mit den Knieen auf dem Boden und legt
-seine Wäsche hinein. Sie bürstet den schwarzen Anzug ab, legt ihn
-sorgfältig zusammen, damit er so wenig Platz wie möglich einnimmt.
-Darauf versteht er sich nämlich nicht.
-
-Sie hatte ihre Stellung im Hause niemals als seine Dienerin, kaum als
-seine Frau aufgefasst. Sie war Mutter: Mutter für die Kinder und Mutter
-für ihn. Sie fühlte sich niemals davon gedemütigt, dass sie seine
-Strümpfe stopfte, und verlangte auch keinen Dank. Und sie glaubte nie,
-er stehe dafür in ihrer Schuld; er gab ja ihr und ihren Kindern dafür
-ganze Strümpfe und noch viel mehr; das hätte sie sich sonst ausser dem
-Hause verdienen müssen und dann hätte sie ihre Kinder allein zu Hause
-lassen müssen.
-
-Er sass in der Ecke des Sofas und sah sie an. Jetzt, da sich der
-Abschied näherte, hob er kleine Vorschüsse auf die Sehnsucht ab. Er
-betrachtete ihre Figur. Die Schulterblätter hatten sich etwas
-vorgeschoben, und der Rücken war gekrümmt von der Arbeit über Wiege,
-Plättbrett und Herd. Auch er war gebeugt von der Arbeit über den
-Schreibtisch und seine Augen hatten Gläser zu Hilfe nehmen müssen. Jetzt
-aber dachte er wirklich nicht an sich. Er sah, dass ihre Zöpfe dünner
-als früher waren und dass ein schwacher Schein auf dem Scheitel zu sehen
-war. Hatte sie für ihn ihre Schönheit verloren, für ihn allein? Nein,
-für die kleine Gemeinde, die von ihnen allen gebildet wurde; denn sie
-hatte ja auch für sich selber gearbeitet. Und sein Haar hatte sich auch
-verdünnt im Kampf für sie alle. Er hätte vielleicht mehr Jugend
-besessen, wenn nicht so viel Münder gewesen wären, wenn er allein
-gewesen; aber er wollte nicht einen Augenblick allein gewesen sein.
-
-– Es wird dir gut tun, etwas hinauszukommen, sagte seine Frau; du hast
-zu viel zu Hause gehockt.
-
-– Du freust dich wohl, dass du mich los wirst, sagte er, nicht ohne ein
-wenig Bitterkeit; _ich_ aber werde euch schon vermissen.
-
-– Du bist wie die Hauskatze, du vermissest die warme Ofenecke, aber mich
-wirst du nicht so sehr vermissen; das glaubst du selber nicht.
-
-– Und die Kinder?
-
-– Ja, wenn du fort gehst, aber wenn du zu Hause bist, so schiltst du
-sie; nicht heftig allerdings, aber doch! Oh nein, du liebst sie wohl;
-ich will nicht ungerecht sein.
-
-Beim Abendessen war er sehr milde, und ihm war schlecht zu Mut. Er las
-nicht die Abendzeitungen, sondern suchte nur mit seiner Frau zu
-sprechen. Die war aber so beschäftigt, dass sie sich zum Plaudern keine
-Zeit liess; auch hatten sich ihre Gefühle während der zehnjährigen
-Campagne in Kinderstube und Küche genügend stählen können.
-
-Er war gefühlvoller, als er zeigen wollte, und die Unordnung im Zimmer
-machte ihn unruhig. Er sah Stücke seines täglichen Lebens, seiner
-Existenz auf Stühlen und Kommoden durcheinander liegen; die offene,
-schwarze Reisetasche gähnte ihn an wie ein Sarg, weisse Wäsche umhüllte
-darin schwarze Kleider, die noch die Spuren seiner Kniee und Ellbogen
-trugen; es war ihm, als liege er selber da mit dem weissen, gestärkten
-Vorhemd; gleich werde man zumachen und ihn forttragen.
-
-Am nächsten Morgen, es war im August, stürzte er aus dem Bett, kleidete
-sich atemlos an und war sehr nervös. Er ging in die Kinderstube und
-küsste alle Kinder, die sich den Schlaf aus den Augen rieben. Nachdem er
-seine Frau umarmt hatte, setzte er sich in die Droschke, um nach dem
-Bahnhof zu fahren.
-
-Die Reise, die er in Gesellschaft seiner Vorgesetzten machte, zerstreute
-ihn; es tat ihm wirklich wohl, sich einmal etwas aufzurütteln. Die
-Häuslichkeit lag hinter ihm wie eine dumpfe Schlafstube, und er war
-wirklich aufgeräumt, als er nach Linköping kam.
-
-Den Rest des Tages füllte ein feines Gefängnisessen im grossen Hotel
-aus. Man trank auf das Wohl des Landeshauptmannes, aber nicht auf das
-der Gefangenen, die doch der Zweck der Reise waren.
-
-Dann aber kam der Abend auf dem einsamen Zimmer. Ein Bett, zwei Stühle,
-ein Tisch, eine Waschtoilette und ein Stearinlicht, das seinen dürftigen
-Schein über die nackten Tapeten verbreitete. Ihm war ängstlich zu Mute.
-Alles fehlte: die Pantoffeln, der Schlafrock, das Pfeifengestell, der
-Schreibtisch; alle diese Kleinigkeiten, die er zu Bestandteilen seines
-Lebens gemacht hatte. Und dann die Kinder und seine Frau. Wie ging es
-ihnen? Waren sie gesund? Er wurde unruhig und düster. Als er seine Uhr
-aufziehen wollte, vermisste er den Uhrschlüssel. Der hing zu Hause am
-Uhrhalter, den ihm seine Frau als Braut gestickt hatte. Er legte sich
-nieder und steckte sich eine Zigarre an. Doch er musste noch einmal
-aufstehen und ein Buch aus der Reisetasche holen. Alles war so
-ordentlich eingepackt, dass er fürchtete, es in Unordnung zu bringen.
-Wie er aber nach dem Buch suchte, fand er die Pantoffeln! Sie dachte
-doch an alles! Dann fand er das Buch! Aber er las nicht. Er lag da und
-dachte an die Vergangenheit, an seine Frau, wie sie vor zehn Jahren war.
-Das Bild von früher trat hervor, und das gegenwärtige verschwand in den
-blaubraunen Wolken der Zigarre, die in Wirbeln zu der regenfleckigen
-Decke aufstiegen. Er empfand eine grenzenlose Sehnsucht. Jedes harte
-Wort, das er ihr gesagt, schmerzte ihm im Ohr, und er bereute jede
-bittere Stunde, die er ihr bereitet. Endlich schlief er ein.
-
-Am nächsten Tag Arbeit und neues Essen, mit einem Toast auf den
-Direktor, aber noch keinen für die Gefangenen. Am Abend Einsamkeit,
-Leere, Kälte. Er hatte ein Bedürfnis, mit ihr zu sprechen. Er holte
-Papier und setzte sich an den Tisch. Gleich beim ersten Federzug stockte
-er. Wie sollte er schreiben? „Liebe Mama“ schrieb er immer, wenn er ihr
-in wenigen Zeilen mitteilte, dass er auswärts essen musste. Jetzt aber
-schrieb er nicht an die Mama, sondern an die Verlobte, an die Geliebte.
-Und er schrieb „Meine geliebte Lilly“ wie früher. Anfangs ging es träge,
-denn so viele schöne Worte waren aus der schweren trockenen Sprache des
-täglichen, alltäglichen Lebens verschwunden; bald aber wurde er warm und
-jetzt tauchten sie aus der Erinnerung hervor wie vergessene Melodien,
-Walzertakte, Romanzenfragmente, Fliederblüten und Schwalben,
-Abendstunden bei Sonnenuntergang auf spiegelblankem Meer; alle
-Frühlingserinnerungen des Lebens tanzten daher in Sonnenwolken und
-gruppierten sich um sie. Ganz unten auf die Seite setzte er einen Stern,
-wie Liebende zu tun pflegen, und daneben schrieb er, ganz wie früher:
-„Küsse hier!“
-
-Als er den Brief beendigt hatte und ihn wieder durchlas, brannten ihm
-die Wangen und er ward verlegen. Warum, das wusste er nicht recht. Aber
-ihm war, als habe er seine innersten Gefühle einem mitgeteilt, der kein
-wirkliches Verständnis für sie besass.
-
-Doch sandte er den Brief ab.
-
-Einige Tage vergingen, bis die Antwort kam. Während er darauf wartete,
-empfand er eine kindliche Schüchternheit und Verlegenheit.
-
-Dann aber kam die Antwort! Er hatte den rechten Ton getroffen, und aus
-Küchendunst und Kinderstubenlärm stieg ein Lied auf, klar und
-wohllautend, warm und rein, wie die erste Liebe.
-
-Jetzt begann ein Austausch von Liebesbriefen. Er schrieb jeden Abend,
-sandte auch zuweilen im Lauf des Tages noch eine Karte ab. Seine
-Kollegen erkannten ihn nicht wieder. Er fing nämlich an, so viel Wert
-auf seine Kleidung und sein Aussehen zu legen, dass er in Verdacht kam,
-einen Liebeshandel zu haben. Und er war verliebt, von neuem verliebt. Er
-sandte ihr seine Photographie, ohne Brille, und sie ihm eine Locke von
-ihrem Haar. Sie waren kindlich in ihren Ausdrücken, und er hatte
-farbiges Briefpapier mit Täubchen gekauft. Aber sie waren ja auch
-Menschen mittleren Alters, die noch lange nicht die vierzig erreicht,
-wenn auch die Kämpfe des Lebens sie dazu gebracht, sich alt zu fühlen.
-Er hatte sie auch im letzten Jahr in der Ehe vernachlässigt, nicht so
-sehr aus Kälte wie aus Achtung, da er immer in ihr die Mutter seiner
-Kinder sah.
-
-Die Reise ging ihrem Ende zu. Wenn er ans Wiedersehen dachte, empfand er
-eine gewisse Unruhe. Er hatte mit der Geliebten korrespondiert; würde er
-die in der Mutter und Hausfrau wiederfinden? Er fürchtete, sich bei der
-Heimkehr enttäuscht zu fühlen. Er wollte kein Küchenhandtuch in ihrer
-Hand sehen, auch nicht die Kinder an ihren Röcken, wenn er sie umarmte.
-Sie mussten sich an einem andern Ort treffen, allein. Sollte er sie zum
-Beispiel nach Waxholm ins Stockholmer Inselmeer kommen lassen, in das
-Gasthaus, in dem sie während ihrer Verlobungszeit so manche frohe Stunde
-verbracht? Das wäre eine Idee! Dort könnten sie zwei Tage lang die
-ersten schönen Frühlingstage, die geflohen waren und nicht wiederkamen,
-noch einmal in der Erinnerung durchleben.
-
-Er setzte sich hin und machte seinen Vorschlag in einem langen Brief,
-der von Liebe glühte. Sie beantwortete ihn mit umgehender Post, und zwar
-bejahend, glücklich, dass er auf denselben Gedanken gekommen sei wie
-sie.
-
- * * * * *
-
-Zwei Tage später war er in Waxholm und hatte Zimmer im Gasthaus
-bestellt. Es war ein schöner Septembertag. Er sass allein im grossen
-Saal zu Mittag, trank ein Glas Wein und fühlte sich wieder jung. Es war
-hier so hell und luftig. Draussen lag das blaue Meer und nur die Birken
-an den Ufern hatten ihre Farbe gewechselt. Im Garten standen noch die
-Dahlien in voller Blüte und der Reseda duftete am Rand der Beete. Einige
-Bienen besuchten noch die versiegenden Kelche, kehrten aber enttäuscht
-zu ihren Körben zurück. Im Sund zogen die Segler vorbei vor einer
-schwachen Brise, und beim Wenden flatterten die Segel und schlugen die
-Schoten; und die Möwen flogen erschrocken und schreiend fort von den
-Fischern, die in ihren Booten mit der Rollangel Strömling fischten.
-
-Er trank seinen Kaffee auf der Veranda und begann den Dampfer, der um
-sechs Uhr kommen sollte, zu erwarten.
-
-Unruhig, als gehe er etwas Ungewissem entgegen, schlenderte er auf dem
-Balkon hin und her, spähte auf Fjärd und Sund hinaus, nach der Seite, wo
-Stockholm lag, um den Dampfer zu sichten.
-
-Schliesslich stieg ein Rauch über den Fichtenwald am Horizont auf. Sein
-Herz fing an zu klopfen und er trank einen Likör. Darauf ging er an den
-Strand hinunter.
-
-Jetzt war der Schornstein mitten im Sund zu sehen, und bald sah er die
-Flagge auf der Vorstenge. War sie auf dem Dampfer oder war sie
-verhindert worden? Eins von den Kindern brauchte nur erkrankt zu sein,
-dann war sie zu Hause geblieben, und er musste eine einsame Nacht im
-Hotel verbringen. Die Kinder, die während der letzten Wochen in den
-Hintergrund getreten waren, traten jetzt zwischen ihn und sie. In den
-letzten Briefen hatten sie sehr wenig über die Kinder gesprochen, als
-wollten sie Störenfriede oder Zeugen entfernen.
-
-Er stampfte die Landungsbrücke, die unter seinen Füssen knarrte, bis er
-schliesslich bei einem Poller unbeweglich stehen blieb, starr dem
-Dampfer entgegen blickend, dessen Rumpf sich vergrösserte und dessen
-Kielwasser sich wie ein Fluss von schmelzendem Gold über die blaue,
-schwach gekräuselte Fläche legte.
-
-Jetzt sieht er auf dem obern Deck Leute, die sich bewegen, und im Bug
-Matrosen, die sich mit dem Tauwerk beschäftigen. Und dann bewegt sich
-etwas Weisses neben dem Steuerhäuschen. Er ist allein auf der
-Landungsbrücke und man kann nicht gut einem andern als ihm winken; und
-keine andere kann ihm winken als sie. Er zieht sein Taschentuch und
-beantwortet den Gruss. Aber er bemerkt, dass sein Taschentuch nicht
-weiss ist, denn er gebraucht seit langer Zeit farbige, aus Sparsamkeit.
-
-Der Dampfer pfeift, gibt Signale, die Maschine stoppt; auf die Brücke zu
-gleitet jetzt das Fahrzeug und er erkennt sie wieder. Sie grüssen mit
-den Augen, können aber noch kein Wort wechseln, weil sie zu entfernt von
-einander sind.
-
-Der Dampfer legt an. Er sieht sie, wie sie langsam über den Landungssteg
-gedrängt wird. Sie ist es, und sie ist es nicht. Zehn Jahre liegen
-dazwischen! Die Mode hat sich verändert, der Schnitt der Kleider ist ein
-anderer. Früher war ihr feines dunkelhäutiges Gesicht zur Hälfte von der
-damals gebräuchlichen Haube eingefasst, welche die Stirn offen liess;
-jetzt ist die Stirn von einer bösen Nachahmung des Herrnhutes
-beschattet. Damals zeichnete sich ihre hübsche Gestalt in spielenden
-Linien unter dem so schön drapierten Besuchsmantel ab, der die Rundung
-der Schultern und die Bewegung der Arme schelmisch verbarg und
-hervorhob; jetzt ist die ganze Figur von einem langen Kutscherrock
-entstellt, der die Kleider abzeichnet, aber nicht die Gestalt. Als sie
-den letzten Schritt auf dem Landungssteg tut, sieht er ihren kleinen
-Fuss, in den er sich verliebt hat, als er noch in einem Knöpfstiefel von
-der Form des Fusses sass, während ihr jetziger Schuh zu einem
-chinesischen Spitzpantoffel ausgezogen ist, der dem Fussblatt nicht
-erlaubt, sich in diesen tanzenden Rhythmen zu erheben, die damals sein
-Entzücken waren.
-
-Sie war es, und sie war es nicht! Er umarmte und küsste sie! Sie fragten
-einander nach dem Ergehen, und er fragte nach den Kindern. Dann gingen
-sie den Strand hinauf.
-
-Die Worte fielen langsam, trocken, gezwungen. Wie sonderbar! Sie
-schämten sich beinahe vor einander, und keiner spielte auf den
-Briefwechsel an.
-
-Schliesslich fasste er sich ein Herz und fragte:
-
-– Wollen wir einen Spaziergang machen, ehe die Sonne untergeht?
-
-– Gern, sagte sie und nahm seinen Arm.
-
-Sie gingen die Strasse nach dem Städtchen hinauf. Alle Sommerhäuschen
-waren mit Läden verschlossen, und die Gärten waren geplündert. Hier und
-dort sass noch ein Apfel, der sich hinterm Laub versteckt hatte, in den
-Bäumen, aber die Beete waren jeder einzigen Blume beraubt. Die Veranden,
-die jetzt ihre Zeltmarquisen verloren hatten, sahen aus wie Skelette; wo
-man früher Gesichter sah und frohes Lachen hörte, war es still geworden.
-
-– Es sieht so herbstlich aus, sagte sie.
-
-– Ja, es ist schaurig, die Sommerfrischen in diesem Zustand zu sehen.
-
-Sie wanderten weiter.
-
-– Wir wollen nachsehen, wo wir gewohnt haben, sagte sie.
-
-– Ja, das wird nett sein.
-
-Sie gingen an der Badeanstalt entlang.
-
-Dort lag das kleine Häuschen, eingeklemmt zwischen denen des Gärtners
-und des Lotsenaltermanns, mit seinem roten Lattenzaun, mit seiner
-Veranda, mit seinem Gärtchen.
-
-Die Erinnerungen an die Vergangenheit tauchten auf. Dort in der Kammer
-wurde das Erste geboren. Jubel und Fest! Gesang und Jugend! Dort stand
-der Rosenbusch, den sie pflanzten. Dort lag das Erdbeerenbeet, das sie
-angelegt; nein, es lag nicht mehr da, denn es war zu einem Grasplatz
-zugewachsen. Dort in den Eschen waren noch die Spuren der Schaukel zu
-sehen, die nicht mehr vorhanden war.
-
-– Hab Dank für deine schönen Briefe, sagte sie und drückte seinen Arm.
-
-Er errötete und antwortete nichts.
-
-Dann kehrten sie zum Hotel zurück, während er Einzelheiten von der Reise
-erzählte.
-
-Er hatte im grossen Speisesaal den Tisch decken lassen, an dem sie
-damals zu sitzen pflegten. Ohne ein Tischgebet zu sprechen, setzten sie
-sich.
-
-So sassen sie wieder da unter vier Augen. Er nahm den Brotkorb und bot
-ihr an. Sie lächelte. Es war lange her, dass er so höflich gegen sie
-gewesen. Aber es war etwas Neues und Angenehmes, in einem Gasthaus am
-Meer zu essen, und bald waren sie in einem lebhaften Gespräch begriffen;
-es war ein Duett, in dem der eine in das Damals fiel und der andere eine
-Erinnerung aussprach; sie lebten in den Erinnerungen. Die Blicke
-leuchteten und die kleinen Runzeln der Gesichter glätteten sich. O die
-goldene, rosenrote Zeit, die man nur einmal erlebt, _wenn_ man sie
-erlebt, und die so viele, viele niemals erleben.
-
-Beim Nachtisch flüsterte er der Kellnerin etwas zu; gleich darauf kam
-sie mit einer Flasche Champagner zurück.
-
-– Lieber Axel, was denkst du? sagte sie halb vorwurfsvoll.
-
-– An den Frühling, der vergangen ist, aber wiederkehren wird.
-
-Aber er dachte nicht ausschliesslich daran, denn beim Vorwurf seiner
-Frau tauchte, wie wenn eine Katze durchs Zimmer schleicht, ein dunkles
-Bild von der Kinderstube und der Mehlbreischüssel auf.
-
-Dann aber wurde es wieder klar und der rosenrote Wein rührte wieder an
-die Saiten der Erinnerung, und sie warfen sich wieder in den
-zauberischen Rausch der Vergangenheit.
-
-Er stützte jetzt den Ellbogen auf den Tisch und hielt die Hand vor die
-Augen, als wolle er sich von der Gegenwart nicht stören lassen, dieser
-Gegenwart, die er doch gerade gesucht hatte.
-
-Die Stunden verrannen. Sie standen auf und gingen in den Salon, wo das
-Klavier stand, um Kaffee zu trinken.
-
-– Ich möchte wissen, wie es den Kindern geht, sagte sie, die jetzt erst
-aus dem Rausch erwachte.
-
-– Setz dich und sing, sagte er und schlug das Instrument auf.
-
-– Was soll ich singen? Du weisst doch, dass ich lange nicht gesungen
-habe.
-
-Ja, das wisse er, jetzt aber wolle er ein Lied haben.
-
-Sie setzte sich ans Piano und präludierte. Es war ein kreischendes
-Wirtshausklavier, das wie lose Zähne klang.
-
-– Was soll ich singen? fragte sie und drehte sich auf dem Stuhl um.
-
-– Das weisst du, Lilly, antwortete er, ohne dass er es wagte, ihrem
-Blick zu begegnen.
-
-– Dein Lied! Ja! Wenn ichs noch kann!
-
-Und sie sang: „Wie mag das Land wohl heissen, in dem mein Liebster
-wohnt?“
-
-Aber ach, die Stimme war dünn und scharf, und vor Rührung wurde sie
-unrein. Es war zuweilen wie ein Schrei aus der Tiefe der Seele, die
-fühlt, dass der Mittag vorbei ist und der Abend sich nähert. Die Finger,
-die schwere Arbeit getan, konnten die rechten Töne nicht finden; auch
-war das Instrument ausgespielt; das Tuch auf den Hämmern abgenutzt, und
-das blosse Holz klopfte gegen die Metallsaiten.
-
-Als das Lied zu Ende war, wagte sie sich zuerst nicht umzudrehen, als
-erwarte sie, dass er zu ihr komme und etwas sage. Aber er kam nicht, und
-es war still im Zimmer. Als sie sich schliesslich auf ihrem Stuhl
-umwandte, sass er im Sofa und weinte. Sie wollte aufspringen, seinen
-Kopf in ihre Hände nehmen und ihn küssen wie früher, aber sie blieb
-sitzen, unbeweglich, die Blicke auf den Boden gerichtet.
-
-Er hatte eine nicht angesteckte Zigarre zwischen Daumen und Zeigefinger.
-Als er hörte, dass es still wurde, biss er die Spitze ab und machte mit
-einem Streichholz Feuer.
-
-– Danke, Lilly, sagte er und qualmte. Willst du jetzt Kaffee trinken?
-
-Sie tranken Kaffee und sprachen von der Sommerfrische im allgemeinen,
-und wo sie im nächsten Sommer wohnen würden. Aber das Gespräch begann
-einzutrocknen, und man wiederholte sich.
-
-Schliesslich sagte er in einem langen rückhaltlosen Gähnen:
-
-– Jetzt gehe ich schlafen!
-
-– Das werde ich auch tun, sagte sie und stand auf. Erst aber will ich
-etwas hinausgehen – auf den Balkon.
-
-Er ging in die Schlafstube. Sie blieb einen Augenblick im Esssaal stehen
-und plauderte mit der Wirtin über Sommerzwiebeln, um sich auf Wollwäsche
-zu verirren, bis eine halbe Stunde um war.
-
-Als sie zurückkam, blieb sie an der Tür der Schlafstube stehen und
-lauschte. Drinnen war alles still, und die Stiefel standen draussen. Sie
-klopfte, aber niemand antwortete. Da öffnete sie die Tür und trat ein.
-Er schlief.
-
-Er schlief!
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen sassen sie am Kaffeetisch. Er hatte Kopfweh und sie
-sah unruhig aus.
-
-– Was für ein Kaffee, sagte er und machte ein Gesicht.
-
-– Das ist Brasilianer, sagte sie.
-
-– Was sollen wir heute anfangen, fragte er und sah nach der Uhr.
-
-– Du solltest dir ein Butterbrot nehmen, meinte sie, statt über den
-Kaffee zu schelten.
-
-– Ja, das will ich tun, sagte er, und ein Schnäpschen dazu. Der
-Champagner, brr!
-
-Er liess sich Brötchen mit Branntwein bringen und wurde heiterer.
-
-– Jetzt gehen wir auf den Lotsenberg und sehen uns die Aussicht an.
-
-Sie standen auf und gingen aus. Das Wetter war herrlich und der
-Spaziergang tat ihnen wohl. Als sie aber den Berg hinaufstiegen, ging es
-langsam: ihr fiel das Atmen schwer, und er hatte steife Knie. Parallelen
-mit der Vergangenheit wurden nicht mehr gezogen.
-
-Dann gingen sie in die Hage hinaus.
-
-Die Wiesen waren längst gemäht und dann so abgeweidet, dass keine Blume
-mehr zu sehen war. Sie setzten sich beide auf Steine.
-
-Er sprach von der Gefängnisinspektion und von seinem Amt. Sie von den
-Kindern.
-
-Dann gingen sie ein Stück weiter, ohne zu sprechen. Er zog die Uhr.
-
-– Es sind noch drei Stunden bis zum Mittagessen, sagte er.
-
-Und dann dachte er: ich möchte wissen, was wir morgen tun werden.
-
-Sie kehrten um und gingen zum Hotel zurück. Er begann nach Zeitungen zu
-suchen. Sie lächelte und sass schweigend neben ihm.
-
-Das Essen war recht still. Schliesslich fing sie von den Mägden an.
-
-– Um Gottes willen, verschone uns mit den Mägden, rief er aus.
-
-– Ja, wir sind nicht hergekommen, um uns zu zanken.
-
-– Habe ich mich gezankt?
-
-– Ja, ich doch nicht.
-
-Eine furchtbare Pause entstand. Jetzt hätte er gewünscht, es komme
-jemand dazwischen. Die Kinder! Ja! Dieses tête-à-tête fing an ihm lästig
-zu werden. Dann aber fühlte er einen Stich im Herzen, wenn er an die
-hellen Stunden von gestern dachte.
-
-– Lass uns nach der Eichenhöhe gehen und Walderdbeeren pflücken, sagte
-sie.
-
-– Zu dieser Jahreszeit gibt es keine Walderdbeeren mehr, es ist ja
-Herbst!
-
-– Lass uns doch gehen!
-
-Und sie gingen wieder. Aber kein Gespräch kam auf. Er suchte mit den
-Augen nach einem Gegenstand, nach einem Punkt am Wege, von dem man
-sprechen konnte, aber alles war schon besprochen. Sie kannte alle seine
-Ansichten und missbilligte einen grossen Teil davon. Auch sehnte sie
-sich nach Haus, nach den Kindern, nach der Häuslichkeit. Es sei doch zu
-verrückt, hier wie ein Spektakel herumzulaufen, um sich jeden Augenblick
-einem Streit auszusetzen.
-
-Schliesslich machten sie Halt, denn sie war müde. Er setzte sich und
-fing an mit seinem Stock im Sande zu zeichnen; er wünschte nur, sie rufe
-einen Ausbruch hervor.
-
-– An was denkst du, fragte sie schliesslich.
-
-– Ich, antwortete er, wie von einer Last befreit, ich denke: wir sind
-alt, Mama; wir haben ausgespielt und wir müssen zufrieden sein mit dem,
-was gewesen ist. Denkst du wie ich, so fahren wir mit dem Abenddampfer
-nach Haus.
-
-– Das habe ich die ganze Zeit gedacht, lieber Alter: aber du solltest
-deinen Willen haben.
-
-– Dann komm, wir fahren nach Haus. Es ist kein Sommer mehr, es ist
-Herbst.
-
-– Ja, es ist Herbst!
-
-Mit leichten Schritten gingen sie zurück. Er war etwas verlegen über die
-prosaische Wendung, welche die Sache genommen, und hatte das Bedürfnis,
-der Tatsache eine philosophische Deutung zu geben.
-
-– Siehst du, Mama, sagte er, meine Lie– hm (das Wort war zu stark),
-meine Neigung für dich hat im Lauf der Jahre eine Evolution
-durchgemacht, wie man jetzt sagt. Sie hat sich entwickelt, sich
-erweitert: anfangs umfasste sie nur ein Individuum, später die Familie
-als ein Ganzes. Es handelt sich jetzt nicht mehr um dich persönlich,
-auch nicht um die Kinder, sondern um das Ganze ...
-
-– Also, wie Onkel immer sagte, Kinder sind Blitzableiter!
-
-Er war nach seiner philosophischen Erklärung wieder er selber geworden.
-Es war schön, den Gehrock ablegen zu können; und es war ihm, als ziehe
-er den Schlafrock wieder an.
-
-Als sie ins Gasthaus kamen, begann sie sofort zu packen, und da war sie
-in ihrem Element.
-
-Als sie an Bord des Dampfers kamen, gingen sie sofort hinunter in den
-Speisesaal. Anstandshalber hatte er jedoch zuerst gefragt, ob sie sich
-den Sonnenuntergang ansehen wolle; sie hatte aber abgelehnt.
-
-Als sie zu Abend assen, nahm er sich selber zuerst, und sie fragte die
-Wirtin, was das Hartbrot koste.
-
-Als er sich satt gegessen hatte und das Porterglas an den Mund setzte,
-konnte er einen Gedanken, der ihn schon lange amüsiert hatte, nicht mehr
-unterdrücken.
-
-– Alter Tollkopf! Was! sagte er und lächelte seine Frau an, die gerade
-während eines Bissens zu ihm aufsah.
-
-Sie aber beantwortete das Lächeln seines fettglänzenden Gesichts nicht,
-sondern ihre Augen, die eine Sekunde aufgeblitzt hatten, nahmen einen so
-vernichtenden Ausdruck von Würde an, dass er ganz verlegen wurde.
-
-Jetzt war die Verzauberung gebrochen, die letzte Spur der Geliebten
-verschwunden: er sass da mit der Mutter seiner Kinder, und er fühlte
-sich geduckt.
-
-– Weil ich einen Augenblick albern gewesen, brauchst du mich nicht
-geringzuschätzen, sagte sie ernst. Aber in des Mannes Neigung liegt
-immer ein gut Teil Verachtung; das ist sonderbar.
-
-– Und in des Weibes?
-
-– Noch mehr! Das ist wahr! Aber sie hat auch eher Veranlassung.
-
-– Das ist wohl gleich, wenn auch nicht dasselbe. Wahrscheinlich aber
-haben sie alle beide unrecht. Was man überschätzt hat, weil es so schwer
-zu erlangen war, schätzt man nachher leicht gering.
-
-– Warum überschätzt man es denn?
-
-– Warum ist es so schwer zu erlangen?
-
-Die Dampfpfeife über ihren Köpfen unterbrach das Gespräch.
-
-Sie waren am Ziel.
-
-Als sie wieder in ihrer Wohnung waren und er sie mitten in der
-Kinderschar sah, da fühlte er, dass seine „Neigung“ für sie eine
-Umwandlung durchgemacht habe und dass ihre Neigung für ihn auf alle
-diese kleinen Schreihälse übergegangen und verteilt sei. Vielleicht
-hatte er ihre Neigung nur als Mittel zum Zweck besessen. Seine Rolle war
-ja so vorübergehend, und darum fühlte er sich abgesetzt. Wenn er nicht
-nötig gewesen wäre, um Brot zu schaffen, würde er wahrscheinlich längst
-verstossen sein.
-
-Er ging in sein Arbeitszimmer, schlüpfte in Schlafrock und Pantoffeln,
-steckte sich eine Pfeife an und fühlte sich wieder zu Hause.
-
-Draussen peitschte der Wind den Regen, und es pfiff in der Ofenröhre.
-
-Nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte, kam seine Frau.
-
-– Es ist kein Wetter, um Walderdbeeren zu pflücken, sagte sie.
-
-– Nein, liebe Alte, der Sommer ist zu Ende und der Herbst ist da.
-
-– Ja, es ist Herbst, antwortete sie, aber es ist noch nicht Winter,
-immer ein Trost.
-
-– Ein Trost! Ein schwacher Trost, wenn man nur einmal lebt!
-
-– Zwei Male, wenn man Kinder hat; drei Male, wenn man seine Enkel
-erlebt!
-
-– Dann aber ist es wirklich zu Ende.
-
-– Wenn es nicht ein Leben nach diesem gibt.
-
-– Das ist nicht sicher! Wer weiss es denn? Ich glaube daran, aber mein
-Glaube ist kein Beweis!
-
-– Aber es ist gut, daran zu glauben, lass uns daran glauben; lass uns
-glauben, dass es noch einmal Frühling für uns werden kann! Lass es uns
-glauben!
-
-– Ja, wir wollen es glauben, sagte er und schloss sie in seine Arme.
-
-
-
-
- Fruchtbarkeit
-
-
-Er war Hilfsarbeiter im Handelsamt mit zwölfhundert Kronen Gehalt. Er
-hatte ein junges Mädchen ohne Mitgift geheiratet; aus Liebe, wie er
-selber erklärte; um nicht mehr auf Bällen und Strassen umherlaufen zu
-müssen, wie seine Freunde meinten. Jedenfalls war das Zusammenleben des
-Paares anfangs glücklich.
-
-– Wie billig es ist, als Verheiratete zu leben, rief er eines Tages aus,
-nachdem die Hochzeit überstanden war. Die selbe Summe, die kaum
-verschlug, als man Junggeselle war, reicht jetzt für Mann und Frau. Die
-Ehe ist doch eine ausgezeichnete Erfindung. Man hat alles zwischen
-seinen vier Wänden: Wohnung, Kneipe, Café – alles. Keine Speisekarte
-mehr, kein Trinkgeld, kein neugieriger Portier, wenn man morgens mit
-seiner Frau ausgeht.
-
-Das Leben lächelte ihm, seine Kräfte wuchsen und er arbeitete wie ein
-ganzer Mann. Noch nie hatte er sich so voll überströmender Lebenskraft
-gefühlt; des Morgens sprang er elastisch und bei allerbester Laune aus
-dem Bett; er war verjüngt.
-
-Als zwei Monate verstrichen waren, noch ehe sich die Langeweile
-eingefunden hatte, teilte ihm die Frau gewisse Hoffnungen mit. Neue
-Freude, neue Sorgen, aber so angenehm zu tragen! Es war notwendig,
-sofort die Einkünfte zu vermehren, um den unbekannten Weltbürger würdig
-empfangen zu können. Er ging hin und verschaffte sich eine Übersetzung.
-
-Niedliche Kinderkleidchen lagen auf den Möbeln umher, im Flur stand die
-Wiege und wartete, und das Kindchen kam gesund auf die Welt der Sorgen.
-
-Der Vater war entzückt. Doch konnte er sich einer gewissen Angst nicht
-erwehren, wenn er an die Zukunft dachte. Ausgaben und Einkünfte wollten
-sich nicht die Wage halten. Es war nichts anderes zu machen, als sich in
-der Kleidung etwas einzuschränken. Der Gehrock begann in den Nähten zu
-glänzen, die Hemdbrust wurde unter einer grossen Krawatte verborgen, die
-Hosen bekamen Fransen. Die Diener im Amt verachteten ihn allerdings
-wegen dieser schäbigen Kleidung.
-
-Ausserdem sah er sich gezwungen, seinen Arbeitstag zu verlängern.
-
-– Jetzt muss man aber Schluss machen mit diesen kleinen Dingern, sagte
-er sich. Doch wie soll man das anfangen?
-
-Das wusste er nicht.
-
- * * * * *
-
-Drei Monate später bereitete seine Frau ihn in gewählten Worten darauf
-vor, dass sich seine Vaterfreude bald verdoppeln werde. Sehr freuen tat
-er sich über diese Mitteilung nicht. Aber es kam jetzt darauf an, den
-einmal eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen, wenn sich auch die Ehe als
-eine durchaus nicht billige Sache erwies.
-
-– Es ist wahr, dachte er und sah heiterer aus, der Jüngere erbt die
-Windeln des Älteren! Auf diese Weise kostet er nichts. Übrigens leben
-werden sie schon, sie ebenso gut wie andere.
-
-Er wurde Vater zum zweiten Mal.
-
-– Du gehst ja tüchtig ins Zeug, liess sich ein Kamerad hören, der
-verheiratet war, aber nur ein Kind hatte.
-
-– Was soll man machen?
-
-– Man muss verständig sein!
-
-– Verständig? Hör mal, mein guter Freund, man verheiratet sich doch, um
-... ich meine, nicht nur um ... aber jedenfalls auch um ... Wir sind
-eben verheiratet, und da ist die Sache doch klar.
-
-– Durchaus nicht. Etwas anderes, Freund: wenn du die Mittel erhalten
-willst, ein frisch gestärktes Hemd zu tragen, und dir an Beförderung
-liegt, so ist es durchaus notwendig, dass du Hosen ohne Fransen hast und
-einen Hut, der nicht in Rotbraun übergeht.
-
-Und der Verständige flüsterte ihm verständige Worte ins Ohr.
-
-So war denn der arme Ehemann, der es so gut zu haben glaubte, auf halbe
-Kost gesetzt.
-
-Jetzt begannen die Wirrungen.
-
-Zuerst waren die Nerven überreizt, die Nächte schlaflos, die Arbeit am
-Tage schlecht. Dann kam der Arzt. Drei Kronen für jedes Rezept. Und was
-für ein Rezept! Er müsse sich der Arbeit enthalten. Er habe zu viel
-gearbeitet, sein Gehirn sei überanstrengt. Aber nichts tun, das wäre ja
-der Tod für sie alle! Und arbeiten, das sollte auch der Tod sein!
-
-Und er arbeitete!
-
-Eines Tages, als er auf dem Amt sass, und sich über die endlosen
-Zahlenreihen beugte, bekam er einen Schwindel und sank zu Boden.
-
-Ein Besuch bei einem Arzt, der Spezialist war – achtzehn Kronen. Neue
-Verordnung: Urlaub infolge von Kränklichkeit, eine ordentliche Reittour
-jeden Morgen, zum Frühstück Beefsteak mit einem Glas Portwein.
-
-Reiten und Portwein!
-
-Was aber schlimmer war, eine gewisse Kälte gegen die geliebte Frau stieg
-in ihm auf; woher sie kam, wusste er nicht. Er hatte Furcht, sich ihr zu
-nähern, und zu gleicher Zeit fühlte er ein Verlangen nach ihr; er liebte
-sie, liebte sie noch immer, aber dieses Gefühl war mit einer gewissen
-Bitterkeit gemischt.
-
-– Du magerst ab, sagte ein Kamerad.
-
-– Ja, ich glaube wirklich, ich bin mager geworden, erwiderte der arme
-Ehemann.
-
-– Du spielst ein falsches Spiel, alter Junge!
-
-– Ich begreife nicht!
-
-– Ein verheirateter Mann mit Halbtrauer! Nimm dich in Acht, mein Freund!
-
-– Ich verstehe wahrhaftig nicht ein Wort von dem, was du sagst.
-
-– Gegen den Wind fahren, geht auf die Dauer nicht. Nein, brasse nur
-voll, du, und du wirst sehen, dass alles wieder gut wird. Glaub mir, ich
-kenne das. Die Anspielung verstehst du doch!
-
-Er liess die guten Ratschläge vorläufig liegen, wohl wissend, dass sich
-die Einkünfte nicht im Verhältnis zu den Kindern vermehren, aber
-überzeugt, dass er jetzt die Wurzel zu seiner Krankheit gefunden hatte.
-
- * * * * *
-
-Der Sommer war gekommen. Die Familie war aufs Land gezogen. An einem
-schönen Abend waren die Gatten allein spazieren gegangen, an dem steilen
-Seeufer entlang, das von eben grün gewordenen Erlen beschattet wurde.
-Sie setzten sich ins Gras, still und niedergeschlagen. Er war finster
-und mutlos; düstere Gedanken arbeiteten in seinem schmerzenden Gehirn.
-Das Leben kam ihm wie ein Abgrund vor, der sich öffnete, um sie alle zu
-verschlingen, alle, die er so liebte.
-
-Sie begannen davon zu sprechen, dass er bald seine Stellung verlieren
-werde; sein Chef hatte es nämlich übel aufgenommen, dass er neuen Urlaub
-verlangt. Er beklagte sich über das Betragen der Kameraden, er fühlte
-sich von allen verlassen; besonders aber leide er darunter, dass sie
-seiner müde sei.
-
-Nein, keineswegs, sie liebe ihn noch immer ebenso sehr wie in den
-glücklichen Tagen, als sie sich eben verlobt! Könne er daran zweifeln?
-
-Nein, aber er habe so viel gelitten, dass er nicht Herr seiner Gedanken
-sei.
-
-Und er drückte seine glühende Wange an ihre, legte seinen Arm um ihren
-Leib und bedeckte ihre Augen mit heissen Küssen.
-
-Die Mücken tanzten ihren Hochzeitstanz über der Birke, ohne sich um die
-Tausende von Jungen zu kümmern, die ihre erlaubte Lust zur Welt bringen
-würde; im Schilf laichten die Hechte, sorglos Millionen ihrer Brut
-absetzend; die Schwalben küssten sich am hellen Tage, auf ihrem Flug
-durchaus nicht ängstlich vor den Folgen solcher unregelmässiger
-Liebesverbindungen.
-
-Auf ein Mal sprang er auf und reckte sich, als habe er in einem langen
-Schlaf schwer geträumt, und atmete in tiefen Zügen die warme Luft ein.
-
-– Was ist dir? flüsterte seine Frau, indem sie tief errötete.
-
-– Ich weiss nicht. Das aber weiss ich, dass ich lebe, das ich wieder
-atme!
-
-Und strahlend, mit heiterem Gesicht und glänzenden Augen, streckte er
-seine starken Arme nach ihr aus, hob sie in die Höhe wie ein Kind und
-drückte einen Kuss auf ihre Stirn. Seine Wadenmuskeln schwollen wie bei
-einem antiken Gott, der Rumpf richtete sich elastisch wie ein junger
-Baum, und berauscht von Glück und Lebenskraft, trug er seine liebe Last
-bis zum Fusssteig, wo er sie niedersetzte.
-
-– Du verhebst dich, Geliebter, sagte sie abwehrend, indem sie sich
-vergebens aus seinen Armen loszumachen suchte.
-
-– Ach nein! Ich könnte dich bis ans Ende der Welt tragen, und ich werde
-euch alle tragen, so viele ihr auch seid und (fügte er hinzu) so viele
-ihr auch werdet!
-
-Und voller Freude gingen sie Arm in Arm nach Haus.
-
-– Wenn alles zusammenkommt, Geliebte, muss man zugeben, dass es doch
-sehr leicht ist, über jenen Abgrund zu springen, der Körper und Seele
-trennt.
-
-– Wie du sprichst!
-
-– Hätte ich das nur früher gewusst, so wäre ich weniger unglücklich
-gewesen. O diese Idealisten!
-
-Und sie traten in ihre Häuslichkeit.
-
-Die alte gute Zeit beginnt aufs neue, und die bessere neue scheint von
-Dauer zu sein. Der Mann geht wieder in sein Bureau. Die Gatten erleben
-noch einmal den Liebesfrühling. Einen Doktor braucht man nicht mehr, und
-immer ist man bester Laune.
-
- * * * * *
-
-Nach der dritten Taufe findet der Mann die Sache bedenklich und beginnt
-wieder das falsche Spiel, mit den gleichen Folgen wie früher: Doktor,
-Urlaub, Reiten, Portwein! Man muss ein Ende machen. Und jedes Mal zeigt
-sich ein Fehlbetrag im Budget.
-
-Als aber schliesslich sein ganzes Nervensystem aus den Fugen geriet,
-musste er der Natur ihren Lauf lassen. Und sofort stieg die Ausgabe und
-sank die Einnahme.
-
-Allerdings war er nicht arm, aber reich auch nicht.
-
-– Um die Wahrheit zu sagen, liebe Alte, es wird wieder genau dieselbe
-Geschichte wie früher, sagte er.
-
-– Beinahe, lieber Freund, antwortete die arme Frau, die ausser ihren
-Mutterpflichten alle Arbeiten einer Magd zu besorgen hatte.
-
-Nach dem vierten Kindbett wurde es ihr zu schwer, und man war gezwungen,
-ein Kindermädchen zu halten.
-
-– Jetzt muss es genug sein, gestand der trostlose Gatte. Hier machen wir
-Punkt.
-
-Die Armut grinste sie an. Das Fundament, auf dem das Haus gebaut war,
-begann zu sinken.
-
-Und mit dreissig Jahren, dem reifen Alter, da alle Blumen befruchtet
-werden müssten, sahen die jungen Gatten sich auf ein schändliches
-Zölibat angewiesen. Der Mann wurde mürrisch, sein Gesicht färbte sich
-aschgrau und sein Blick erlosch. Die reiche Schönheit der Frau welkte,
-ihr kräftiger Busen fiel ein; dazu hatte sie alle Leiden einer Mutter
-auszustehen, die ihre Kinder blutarm und schlecht gekleidet sieht.
-
-Eines Tages stand sie am Herd und briet Hering, als eine Frau aus der
-Nachbarschaft kam, um mit ihr zu plaudern.
-
-– Wie geht es ihnen, begann sie.
-
-– Danke, so ziemlich! Und Ihnen?
-
-– Ach, ich bin recht schwächlich! Es ist nichts los mit der Ehe, wenn
-man beständig auf seiner Hut sein muss.
-
-– Glauben Sie, Sie sind die einzige?
-
-– Was?
-
-– Wissen Sie, was er zu mir gesagt hat? Man muss das Zugvieh schonen!
-Und ich leide, das können Sie mir glauben! Schön ist es nicht,
-verheiratet zu sein! Er oder sie muss es fühlen. Das kommt auf eins
-heraus.
-
-– Oder alle beide!
-
-– Man scheint nichts dabei machen zu können.
-
-– Aber die Gelehrten, die sich auf Staatskosten den Bauch mästen?
-
-– Die Gelehrten, ja, die haben an so viel anderes zu denken, und
-übrigens ist es ja unpassend, über solche Dinge zu schreiben: man könnte
-sie nicht laut vorlesen.
-
-– Aber das wäre doch die Hauptsache.
-
-Und dann teilten die beiden Frauen einander ihre bitteren Erfahrungen
-mit.
-
- * * * * *
-
-Im nächsten Sommer muss man in der Stadt bleiben, im Erdgeschoss einer
-Gasse hausen, von dem man die Aussicht auf einen Rinnstein geniesst, der
-so stinkt, dass man nicht die Fenster zu öffnen wagt.
-
-Die Frau arbeitet mit der Nadel im selben Zimmer, in dem die Kinder
-spielen; der Mann, der aus seiner Stellung verabschiedet ist, weil er
-keinen sauberen Anzug mehr besitzt, schreibt ab in einem Zimmer nebenan
-und brummt über den Lärm, den die Kinder machen. Man wirft einander
-harte Worte durch die Tür.
-
-Es ist Pfingsten. Der Mann liegt am Nachmittag auf dem zerlumpten
-Ledersofa und betrachtet durch die Scheibe ein Fenster auf der andern
-Seite der Gasse. Er sieht dort ein Mädchen, das in schlechtem Ruf steht,
-wie sie sich für die Abendpromenade schmückt. Neben ihrem Spiegel liegen
-ein Fliederzweig und zwei Apfelsinen. Ohne sich an neugierige Blicke zu
-kehren, schnürt sie ihr Mieder über ihren festen Busen zu.
-
-– Das ist kein schlechtes Leben, sagt der zu Zölibat Verurteilte sich,
-indem er plötzlich auflodert. Man lebt nur einmal hier auf der Welt, und
-leben muss man, wie es auch gehen mag.
-
-Da kommt seine Frau ins Zimmer und erblickt den Gegenstand seiner
-Beobachtungen. Es flammt in ihrem Auge auf; der letzte Funke einer
-ausgebrannten Liebe glimmt unter der Asche und nimmt die Form einer
-vorübergehenden Eifersucht an.
-
-– Wollen wir nicht die Kinder nehmen und in den Tiergarten gehen? fragt
-sie.
-
-– Um unser Elend auszustellen? Nein, danke!
-
-– Aber hier drinnen ist heiss. Ich werde die Rollgardinen
-herunterlassen.
-
-– Dann öffne lieber ein Fenster!
-
-Er errät die Gedanken seiner Frau und steht auf, um es selber zu tun.
-Dort draussen am Rand des Bürgersteigs sitzen seine vier Kleinen, dicht
-neben Ablaufröhren. Sie haben die Füsse in dem trocknen Rinnstein und
-spielen mit Apfelsinenschalen, die sie aus dem Strassenkehricht
-hervorgesucht haben. Er fühlt einen Stich im Herzen und das Schluchzen
-kommt ihm in den Hals. Aber die Armut hat ihn so abgestumpft, dass er
-untätig stehen bleibt und die Arme kreuzt.
-
-Plötzlich quellen zwei Schlammströme aus den Röhren hervor,
-überschwemmen den Rinnstein und begiessen die Füsse der Kinder, die
-aufschreien, von dem Gestank halb erstickt.
-
-– Zieh die Kinder zum Ausgehen an, aber beeile dich, ruft er, den die
-herzzerreissende Szene ganz verzagt gemacht hat.
-
-Der Vater schob den Korbwagen, in dem das Kleinste lag, während die
-Mutter die andern an der Hand führte.
-
-Sie kamen nach dem Klarakirchhof, ihrem gewöhnlichen Zufluchtsort,
-dessen dunkelstämmige Linden üppig grünten, als sei der Boden von den
-dort beerdigten Leichen gedüngt.
-
-Es läutete zum Abendgottesdienst. Armenhäuslerinnen gingen in Scharen in
-die Kirche, um sich auf die Stühle zu setzen, die ihre reichen
-Eigentümer leer gelassen; die hatten ihre Seele beim Hauptgottesdienst
-erquickt und schaukelten jetzt auf ihren Equipagen im königlichen
-Tiergarten. Die Kinder kletterten auf den flachen Gräbern herum, die mit
-Wappenschilden und Inschriften geschmückt waren.
-
-Die Gatten setzten sich auf eine Bank und stellten den Kinderwagen, in
-dem das Kleinste lag und an der Flasche sog, neben sich. Halb vom Gras
-eines nahen Grabes verborgen, gaben sich zwei Hunde beim Klang der
-heiligen Glocken ihren Frühlingsgefühlen hin.
-
-Ein junges elegantes Ehepaar, das ein kleines in Samt und Seide
-gekleidetes Mädchen an der Hand führte, kam vorbei. Der arme
-Reinschreiber hob die Augen zu dem jungen Stutzer und erkannte einen
-früheren Kameraden aus dem Handelsamt, der ihn aber nicht grüsste. Ein
-Gefühl bitteren Neides packte ihn so heftig, dass er sich mehr von
-diesem „unedlen“ Gefühl gedemütigt fühlte als von seiner beklagenswerten
-Lage. Grollte er dem andern, weil der jetzt eine Stelle bekleidete, nach
-der er selber gestrebt? Sicher nicht. Aber sein Neid konnte ja die
-Kehrseite seines Rechtsgefühls sein, und sein Leiden war um so tiefer,
-weil es von einer ganzen enterbten Klasse geteilt wurde. Er war
-überzeugt, dass die Armenhäuslerinnen, die das Joch der kommunalen
-Wohltätigkeit trugen, seine Frau beneideten; und es war ganz sicher,
-dass viele von diesen Herrschaften, die hier in ihren mit Wappenschilden
-geschmückten Gräbern ruhten, ihn um seine Kinder beneidet hätten, wenn
-sie selber gestorben waren, ohne einen Erben für das Majorat zu
-hinterlassen. Allerdings hat das Leben seine Mängel, aber warum sollen
-die fetten Bissen denen zufallen, die es schon gut haben? Und wie kommt
-es, dass der Gewinn immer bei denen bleibt, welche die grosse Lotterie
-eingerichtet haben? Die Enterbten müssen sich mit der Messe begnügen,
-nämlich der des Abendgottesdienstes; für sie ist die Moral bestimmt und
-die Tugenden, die von den andern verachtet werden, denn die Pforten des
-Himmels springen gegen klingende Bezahlung für sie auf. Aber der gute
-und gerechte Gott, der die Gaben so schlecht verteilt hat? Besser wäre
-es in der Tat, ohne einen schlechten Gott zu leben, der obendrein so
-aufrichtig gewesen war, einzugestehen, „der Wind wehe, wohin er (der
-Wind) will“; damit habe er ja bekannt, dass er sich nicht mit unseren
-Angelegenheiten befasse. Aber ohne Kirche kein Trost unter den jetzigen
-Verhältnissen! Aber warum gerade Trost? Besser, sich so einzurichten,
-dass man keinen Trost nötig hat. Nicht wahr?
-
-In diesen Gedanken wurde er von seiner ältesten Tochter unterbrochen,
-die ein Lindenblatt als Sonnenschirm für ihre Puppe haben wollte. Der
-Vater war kaum auf die Bank gestiegen, um einen Zweig abzubrechen, als
-ein Schutzmann ihm in barschem Ton zurief, man dürfe die Bäume nicht
-anrühren. Neue Demütigung! Gleichzeitig ersuchte ihn der Schutzmann, die
-Kinder nicht auf die Grabsteine steigen zu lassen, denn das sei nach der
-Kirchhofsordnung verboten.
-
-– Das Beste ist wohl, wir gehen nach Haus, rief der Vater vernichtet
-aus. Wie viel Mühe man sich um die Toten macht und wie wenig um die
-Lebenden!
-
-Und sie gingen wieder nach Haus.
-
-Der Mann setzte sich an seine Arbeit. Er hatte das Manuskript einer
-akademischen Abhandlung über die Überbevölkerung abzuschreiben.
-
-Er konnte nicht anders, als sich für den Inhalt zu interessieren, und
-las daher das ganze Heft.
-
-Der junge Autor, der zu der sogenannten ethischen oder Damenschule
-gehörte, predigte gegen das Laster.
-
-– Was für ein Laster? fragte sich der Abschreiber. Durch das wir alle
-zur Welt kommen? Das bei der Trauung geboten wird durch die Worte:
-„Vermehret euch und erfüllet die Erde!“
-
-Und der junge Autor schrieb weiter: Ausser der Ehe sei die Vermehrung
-ein unheilvolles Laster, weil die Kinder, die nicht die nötige Pflege
-erhalten, ein trauriges Schicksal haben. In der Ehe dagegen sei es eine
-Pflicht, seinen Neigungen freien Lauf zu lassen. Dafür spreche unter
-anderm der Umstand, dass das Gesetz sogar das Ei des Weibes schützt, und
-zwar mit Recht.
-
-– Es gibt also, dachte der Abschreiber, eine Vorsehung für eheliche,
-aber keine für uneheliche Kinder. Oh dieser junge Philosoph! Und das
-Gesetz, das das Ei schützt! Mit welchem Recht machen sich denn die
-kleinen mikroskopischen Dinger bei jedem Mondwechsel los? Man müsste
-wirklich die Polizei holen, um über die heiligen Eier zu wachen!
-
-Alle diese Albernheiten musste er mit seiner schönsten Handschrift ins
-Reine schreiben.
-
-Eine solche Menge Moral, aber nicht ein Wort der Aufklärung.
-
-Der moralische oder richtiger der unmoralische Sinn des Gedankengangs
-war: Es gibt einen Gott, der alle in der Ehe geborenen Kinder nährt und
-kleidet; einen Gott im Himmel, wahrscheinlich, aber auf der Erde?
-Allerdings soll er einmal auf die Erde niedergestiegen sein, um sich
-kreuzigen zu lassen, nachdem er sich vergebens bemüht, Ordnung in die
-verworrenen Geschäfte der Menschheit zu bringen: er wurde nicht damit
-fertig.
-
-Zum Schluss schrie sich der Philosoph heiser, der reichliche Vorrat an
-Weizen sei ein unwiderlegbarer Beweis, dass es keine Überbevölkerung
-gebe; dass die Lehre des Malthus falsch sei, und dazu verbrecherisch,
-sowohl vor dem bürgerlichen Gesetz wie vor dem moralischen.
-
-Und der arme Familienvater, der seit Jahren kein Weizenbrötchen gekostet
-hatte, stand auf, um die Kinder anzutreiben, Roggenmehlgrütze und
-bläuliche Milch hinunter zu würgen, mit denen sie den Magen füllten,
-ohne sich satt zu fühlen.
-
-Es war trostlos, nicht weil Wassergrütze das Schlimmste ist, sondern
-weil der alte prächtige Humor verschwunden war; dieser Zauberer, der den
-dunkeln Roggen in goldenen Weizen zu verwandeln weiss; die allmächtige
-Liebe, die ihr Füllhorn ausschüttet, war nicht mehr da. Die Kinder waren
-Lasten geworden, und die geliebte Frau ein versteckter Feind, der
-heimlich verachtete und verachtet wurde.
-
-Und die Quelle zu all diesem Unglück? Der Mangel an Brot! Und doch
-stürzen jetzt die grossen Handelshäuser der neuen Welt unter der Last
-des allzu reichlichen Vorrats von Getreide zusammen! Eine Welt der
-Widersprüche! Die Art und Weise, nach der das Brot verteilt ist, muss
-also mangelhaft sein.
-
-Die Wissenschaft, welche die Stelle der Religion eingenommen hat, vermag
-keine Antwort darauf zu geben; sie stellt nur die Tatsache fest und
-lässt die Kinder vor Hunger sterben und die Eltern vor Durst.
-
-
-
-
- Zwangsehe
-
-
-Sein Vater starb ihm früh, und seitdem war er in den Händen einer
-Mutter, zweier Schwestern und einiger Tanten. Einen Bruder hatte er
-nicht. Sie lebten auf einem Besitztum in der schwedischen Provinz
-Södermanland und hatten keine Nachbarn, mit denen sie verkehren
-„konnten.“ Im Alter von sieben Jahren erhielt er, zusammen mit den
-Schwestern, eine Gouvernante, und gleichzeitig wurde eine Cousine ins
-Haus aufgenommen.
-
-Er schlief im selben Zimmer wie die Schwestern, spielte deren Spiele,
-badete mit ihnen, und niemand dachte daran, dass er von anderem
-Geschlecht sei als die Mädchen. Die älteren Schwestern nahmen ihn auch
-bald in die Hand und wurden seine Schulmeister und Tyrannen.
-
-Er war ein recht kräftiger Junge, aber der Zärtlichkeit so vieler
-überlassen, wurde er allmählich verzärtelt und hilflos.
-
-Einmal machte er einen Versuch, mit den Jungen der Instleute zu spielen.
-Sie gingen in den Wald, kletterten auf die Bäume, plünderten die
-Vogelnester, warfen Steine nach Eichhörnchen. Frithiof war glücklich,
-als sei er aus einem Gefängnis entlassen, und kam nicht zum Mittagessen
-zurück. Die Jungen pflückten Blaubeeren und badeten im See. Es war der
-erste Tag seines Lebens, an dem er lustig gewesen.
-
-Als er gegen Abend zurückkam, war grosse Aufregung im Hause. Die Mutter
-war unruhig und betrübt, zeigte aber ohne Verstellung ihre Freude, ihn
-wieder zu Hause zu haben; doch die unverheiratete Tante Agathe, die
-ältere Schwester der Mutter, die Herrin im Hause war, wütete. Es sei ein
-Verbrechen, wenn man ihn _nicht_ züchtige. Frithiof begriff nicht, worin
-das Verbrechen bestand, aber Tante sagte, Ungehorsam sei ein Verbrechen.
-Frithiof wendete ein, man habe ihm nie verboten, mit den Kindern der
-Instleute zu spielen. Das habe man allerdings nicht, denn das sei
-überhaupt nicht in Frage gekommen. Die Tante blieb bei ihrem Vorsatz und
-vor den Augen der Mutter nahm sie den Jungen auf ihr Zimmer, um ihn
-durchzuhauen. Er war acht Jahre alt und schon ziemlich gross.
-
-Als die Tante sein Hosenbund anfasste, um ihm die Hosen abzuknöpfen,
-überlief ihn ein Fieberschauer; der Atem blieb ihm im Hals stecken und
-das Herz klopfte. Er schrie nicht, aber er starrte entsetzt die alte
-Frau an, die ihn beinahe liebkosend hat, gehorsam zu sein und keinen
-Widerstand zu leisten. Als sie aber seinen Körper entblösste, überfiel
-ihn ein Gefühl von Scham und Wut: er sprang vom Sofa auf und schlug um
-sich. Etwas Unreines, etwas Dunkles, Widriges schien von dieser Frau
-auszugehen, und die Scham seines Geschlechts erhob sich wie gegen einen
-Feind.
-
-Aber die Tante wurde wütend, warf sich über ihn, legte ihn über einen
-Stuhl, riss sein Hemd auf und schlug ihn. Zuerst schrie er aus Wut, denn
-den Schmerz fühlte er nicht, strampelte konvulsivisch mit den Füssen, um
-loszukommen; dann wurde er plötzlich still und schwieg.
-
-Als die Alte aufhörte, blieb er liegen.
-
-– Steh auf, sagte sie mit gebrochener Stimme.
-
-Er stand auf und sah sie an. Sie war blass auf der einen Backe und rot
-auf der andern. Die Augen leuchteten von einem dunkeln Feuer und sie
-zitterte am ganzen Körper. Der Junge sah sie an, als sei sie ein böses
-Tier, und lächelte überlegen, als fühle er sich in der Verachtung, die
-sie ihm einflösste, hoch über ihr. Dann schleuderte er ihr ein einziges
-trotziges verächtliches „Teufelin“ ins Gesicht, einen Ausdruck, den er
-eben von den Kindern der Instleute gelernt hatte. Dann nahm er seine
-Kleider und lief hinaus; hinunter zur Mutter, die weinend im Esssaal
-sass.
-
-Er wollte sich bei ihr beklagen, sie wagte ihn aber nicht zu trösten. Da
-ging er in die Küche hinunter, wo die Mädchen ihm Rosinen zu essen
-gaben.
-
-Von diesem Tag an durfte er nicht mehr im Zimmer der Schwestern
-schlafen, sondern wurde von der Mutter mit in ihre Schlafstube genommen.
-Er fand es dort dumpf und langweilig, und wenn die Mutter in ihrer
-Zärtlichkeit mehrere Male in der Nacht aufstand, um ihn zuzudecken,
-wurde er in seinem Schlaf gestört und antwortete zornig auf ihre Fragen,
-ob es ihm gut gehe.
-
-Er durfte niemals ausgehen, ohne dass ihn jemand anzog, und er hatte so
-viele wollene Halstücher, dass er nicht wusste, welches er nehmen
-sollte. Schlich er sich hinaus, so wurde sofort durchs Fenster gerufen,
-er solle hinaufkommen und etwas überziehen.
-
-Die Spiele der Schwestern fingen an ihn zu quälen. Federballwerfen
-genügte seinen starken Armen nicht mehr: die wollten Steine werfen. Bei
-dem kleinlichen Krocketspiel, das weder Muskelanstrengung noch Verstand
-verlangt, sich herumzuzanken, reizte seine Nerven.
-
-Dann hatte er die Gouvernante auf dem Nacken. Sie sprach ihn französisch
-an, während er schwedisch antwortete. Ein dumpfer Hass gegen das ganze
-Dasein und seine Umgebung begann zu keimen.
-
-Er sah auch bald eine Geringschätzung in der ungenierten Art, die man
-sich in seiner Gegenwart erlaubte, und alle wurden ihm schliesslich
-zuwider. Die Einzige, die auf seine Gefühle etwas Rücksicht nahm, war
-die Mutter; so hatte sie einen grossen Schirm um sein Bett stellen
-lassen.
-
-Seine Zuflucht wurde schliesslich die Küche und die Mädchenstube; dort
-fand er immer Zustimmung. Zuweilen bekam er dort jedoch Dinge zu hören,
-welche die Neugier eines Knaben hätten reizen können, aber für ihn gab
-es keine Geheimnisse. So war er einmal zufällig an die Badestelle der
-Mädchen gekommen. Die Gouvernante hatte geschrieen, aber er verstand
-nicht warum und fing mit den Mädchen, die nackt im Wasser standen oder
-lagen, zu plaudern an. Ihre Nacktheit machte gar keinen Eindruck auf
-ihn.
-
-Er wuchs auf und wurde ein Jüngling. Nun musste man einen Inspektor
-halten, der ihn die Landwirtschaft lehrte, denn er war ja dazu bestimmt,
-einmal das Gut zu übernehmen. Man nahm einen alten Mann, der gläubig
-gesinnt war. Dessen Gesellschaft war nicht gerade dazu angetan, den
-Jüngling zu beleben, aber sie war immer noch besser, als er sie bisher
-gehabt hatte. Er sah die Dinge von neuen Gesichtspunkten und war tätig.
-Aber der Inspektor erhielt täglich und stündlich so viel Instruktionen
-von den Damen, dass er schliesslich deren Sprachrohr wurde.
-
-Mit sechzehn Jahren wurde Frithiof konfirmiert, bekam eine goldene Uhr
-und durfte jetzt reiten; aber mit der Flinte in den Wald zu gehen, was
-sein Traum war, das erlaubte man ihm nicht. Er hatte allerdings keine
-Schläge mehr von seiner Erzfeindin zu fürchten, aber er hatte Angst vor
-den Tränen der Mutter. Er blieb immer das Kind, und die Gewohnheit, das
-Urteil der andern zu respektieren, konnte er nicht los werden.
-
- * * * * *
-
-Frithiof wuchs heran und wurde zwanzig Jahre alt. Eines Tages stand er
-in der Küche und sah zu, wie die Köchin Barsche schuppte. Sie war ein
-junges hübsches Mädchen von feiner Gesichtsfarbe. Er fing an mit ihr zu
-scherzen, steckte ihr schliesslich seine Hand in den Rücken.
-
-– Seien Sie doch artig, Herr Frithiof, sagte das Mädchen.
-
-– Ich bin ja artig, sagte er und wurde zudringlich.
-
-– Wenn die gnädige Frau kommt!
-
-– Nun und?
-
-In diesem Augenblick ging seine Mutter an der offenen Küchentür vorbei,
-bog aber sofort ab und ging hinaus auf den Hof.
-
-Frithiof fand die Situation peinlich und verschwand auf sein Zimmer.
-
-Sie hatten einen neuen Gärtner bekommen. In ihrer Weisheit hatten die
-Damen einen verheirateten genommen, damit er nicht hinter den Mägden
-herlaufe. Das Unglück aber wollte, dass der Gärtner so lange verheiratet
-gewesen war, dass die Frucht seiner Ehe in der lieblichen Gestalt einer
-Tochter hatte reifen können.
-
-Herr Frithiof entdeckte bald die schöne Blume unter den andern Rosen des
-Gartens. Alles, was sich bei ihm an Wohlwollen gegen _die_ Hälfte der
-Menschheit, zu der er nicht gehörte, angesammelt hatte, begann sich
-jetzt diesem jungen Mädchen gegenüber, das verhältnismässig fein
-gewachsen war und etwas Erziehung erhalten hatte, zu äussern.
-
-Er ging oft in den Garten und plauderte lange mit ihr, wenn sie an einem
-Beet arbeitete oder Blumen pflückte. Sie aber verhielt sich ablehnend
-gegen ihn; doch wuchs dadurch seine Neigung nur noch mehr.
-
-Eines Tages ritt er durch den Wald und hatte wieder wie gewöhnlich
-Hallucinationen von ihrer Gestalt, die für ihn die Natur des
-Vollkommenen angenommen. Er war krank vor Sehnsucht, allein in ihrer
-Nähe zu sein, ohne fürchten zu müssen, dass jemand darüber unwillig
-werde. Dieses Glück hatte für seine erhitzte Einbildung so
-ungeheuerliche Proportionen angenommen, dass er ohne sie nicht mehr
-leben wollte.
-
-Das Pferd ging Schritt vor Schritt mit losen Zügeln den Pfad dahin,
-während der Reiter auf seinem Rücken in Gedanken versank. Plötzlich sah
-er etwas Helles zwischen den Bäumen schimmern, und hervor trat das
-Mädchen des Gärtners. Herr Frithiof stieg ab und grüsste. Dann gingen
-sie zusammen weiter und plauderten, während er das Pferd hinter sich
-herzog. Er sprach in dunkeln Worten von seiner Liebe zu ihr; sie aber
-wies jeden Antrag zurück.
-
-– Warum sollen wir von dem Unmöglichen sprechen, sagte sie.
-
-– Was ist unmöglich? rief er aus.
-
-– Für mich als armes Mädchen ist es unmöglich, die Frau eines reichen
-und feinen Herrn zu werden.
-
-Die Bemerkung war richtig, und Herr Frithiof fühlte sich geschlagen.
-Seine Liebe war grenzenlos, aber er sah keine Möglichkeit, seine Hindin
-durch die Koppel zu führen, die Haus und Hof bewachte; die würde sie
-sicher in Stücke reissen.
-
-Nach diesem Gespräch überliess er sich einer stillen Verzweiflung.
-
-Im Herbst zog der Gärtner fort, ohne dass man erfuhr, warum. Herr
-Frithiof war sechs Wochen lang untröstlich, denn er hatte seine erste
-und einzige Liebe verloren: nie würde er wieder lieben.
-
- * * * * *
-
-So verging der Herbst. Um die Weihnachtszeit liess sich der neue
-Kreisarzt in der Nachbarschaft nieder. Er hatte erwachsene Kinder, und
-da die Tanten immer krank waren, fingen sie an mit der Familie zu
-verkehren. Unter den erwachsenen Kindern befand sich auch ein Mädchen.
-Es dauerte nicht lange, bis Herr Frithiof sterblich in sie verliebt war.
-Er schämte sich zuerst, dass er der ersten untreu werde, bekehrte sich
-aber schnell zu der Ansicht, die Liebe müsse etwas Unpersönliches sein,
-da sie ihren Gegenstand wechseln könne; es schien eine Vollmacht zu
-sein, die auf den Inhaber ausgestellt ist.
-
-Sobald diese neue Neigung von seinen Wächterinnen gewittert wurde, bat
-die Mutter ihren Sohn um ein Gespräch unter vier Augen.
-
-– Du bist jetzt in den Jahren, begann sie, in denen sich ein Mann nach
-einer Frau umzusehen pflegt.
-
-– Das ist bereits geschehen, liebe Mama, sagte er.
-
-– Ich fürchte, du hast dich übereilt, sagte sie. Das Mädchen, das du
-gewählt haben willst, besitzt nicht die moralischen Grundsätze, die ein
-gebildeter Mann verlangen muss.
-
-– Was? Amaliens moralische Grundsätze! Wer hat etwas gegen die zu sagen?
-
-– Ich will nichts Böses von ihr sagen, aber ihr Vater ist, wie du
-weisst, ein Freidenker ...
-
-– Es freut mich, dass ich mit einem Mann verwandt werde, der frei denkt,
-ohne auf Interessen Rücksicht zu nehmen.
-
-– Lassen wir ihn; aber, Frithiof, du hast ältere Verpflichtungen.
-
-– Was? Sollte ...
-
-– Ja, du hast mit Luises Herz gespielt ...
-
-– Meinst du die Cousine?
-
-– Ja! Habt ihr euch nicht seit der Kindheit als ein künftiges Paar
-betrachtet? Glaubst du nicht, dass sie ihre Hoffnung und ihre Zukunft
-auf dich gesetzt hat?
-
-– Ihr, ihr habt mit uns gespielt, habt uns zusammen gehetzt, nicht ich!
-antwortete der Sohn.
-
-– Aber denk doch an deine alte Mutter und deine Schwestern, Frithiof.
-Willst du in dieses Haus, das immer unser aller Heim gewesen ist, ein
-wildfremdes Mädchen bringen, das das Recht besitzt, über uns zu
-befehlen.
-
-– Das ist also der Grund! Luise ist zur Herrin auserkoren!
-
-– Niemand ist auserkoren, aber eine Mutter hat immer das Recht, die
-künftige Frau ihres Sohnes auszuwählen, und niemand kann das so gut wie
-sie. Zweifelst du an meinen guten Absichten? Sag, kannst du deine eigene
-Mutter in Verdacht haben, dass sie dir schaden will?
-
-– Nein, das kann ich nicht, aber ich – liebe Luise nicht; ich habe sie
-gern wie eine Schwester, aber ...
-
-– Lieben? Ach die Liebe ist ein so unbeständiges Ding. Auf die kann man
-sich nicht verlassen, die verschwindet wieder, aber Freundschaft,
-Übereinstimmung in Ansichten und Gewohnheiten, gemeinsame Interessen,
-genaue Bekanntschaft mit einander bilden die beste Garantien für das
-eheliche Glück. Luise ist ein tüchtiges Mädchen, häuslich und
-ordentlich, und sie wird dein Heim so glücklich machen, wie du es nur
-wünschen kannst.
-
-Frithiof sah keine andere Aussicht, für dieses Mal noch loszukommen, als
-dadurch, dass er um Bedenkzeit bat.
-
-Inzwischen wurden die Damen auf einmal so gesund, dass sie keinen Arzt
-mehr nötig hatten. Der Doktor machte doch noch einen Besuch, wurde aber
-wie ein Einbrecher empfangen, der Schlösser und Riegel auskundschaften
-wollte. Er war ein scharfsichtiger Mann und sah sofort, wie es bestellt
-war. Frithiof machte einen Gegenbesuch, wurde aber als falscher Angeber
-aufgenommen. Damit war es aus mit dem Verkehr.
-
- * * * * *
-
-Frithiof wurde mündig.
-
-Jetzt begann man Sturm zu laufen. Die Tanten krochen vor ihm und zeigten
-dem neuen Herrn ihre Unentbehrlichkeit, indem sie ihn wie ein
-unverständiges Kind behandelten. Die Schwestern zeigten sich
-mütterlicher als je, und Luise begann Toilette zu machen. Sie schnürte
-sich und brannte sich das Haar. Sie war durchaus kein hässliches
-Mädchen, aber sie hatte einen kalten Blick und eine scharfe Zunge.
-
-Für Frithiof war sie gleichgültig, geschlechtslos; er hatte nie das
-Mädchen in ihr gesehen. Jetzt aber, nachdem die Mutter von ihr
-gesprochen, fühlte er sich verlegen in ihrer Nähe, besonders da sie zu
-kleben anfing. Er traf sie überall, auf der Treppe, im Garten, sogar im
-Stall. Eines Morgens, als er noch zu Bett lag, kam sie auf sein Zimmer,
-um Stecknadeln zu holen; sie trug einen Frisiermantel und spielte die
-Schüchterne.
-
-Sie begann ihm widrig zu werden, aber doch beschäftigte sie seine
-Gedanken.
-
-Inzwischen erneuerte die Mutter ihre Gespräche mit dem Sohn, und Tanten
-und Schwestern spielten unaufhörlich auf die erwartete Hochzeit an.
-
-Das Leben wurde dem jungen Mann unerträglich. Er sah keinen Ausweg aus
-diesem Netz. Luise war wohl etwas anderes für ihn geworden als die
-Schwester und die Kameradin, aber sie war ihm darum nicht lieber
-geworden; doch indem er an die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung
-dachte, war sie für ihn schliesslich zum Weib geworden, zwar zu einem
-unsympathischen, aber doch zu einem Weib. Die Heirat bedeutete immerhin
-eine Veränderung seiner Stellung und vielleicht eine Rettung aus der
-Knechtschaft. Er bekam im ganzen Kirchspiel kein anderes Mädchen zu
-sehen, und sie war vielleicht ebenso gut oder ebenso schlecht wie eine
-andere.
-
-Schliesslich ging er zur Mutter und sagte ihr, unter welchen Bedingungen
-er sich mit Luise verheiraten wolle: eigener Haushalt im Flügelgebäude
-und eigener Tisch; auch solle die Mutter für ihn freien, denn das könne
-er nicht über sich gewinnen.
-
-Der Kompromiss wurde angenommen, und man führte Luise herein, um
-Frithiofs Umarmung und schüchternen Kuss zu empfangen. Sie weinten alle
-beide; warum sie weinten, wussten sie nicht; aber sie schämten sich vor
-einander den ganzen Tag über bis zum Abend.
-
-Dann war alles wie vorher zwischen ihnen, aber die Mütterlichkeit der
-Tanten und Schwestern kannte jetzt keine Grenzen mehr. Sie richteten den
-Flügel ein, stellten die Möbel auf, verteilten die Zimmer, bestimmten
-alles. Frithiof wurde nicht gefragt.
-
-Dann begann man die Hochzeit zu rüsten. Alte Verwandte, die in der
-Provinz begraben waren, wurden aufgesucht und als Trauzeugen geladen.
-
-Die Hochzeit fand statt.
-
-Am Morgen nach der Hochzeit war Herr Frithiof früh auf den Beinen. Er
-verliess die Schlafstube so schnell wie möglich, indem er vorgab, eine
-wichtige Arbeit auf dem Felde verrichten zu müssen. Luise, die noch
-schläfrig war, hatte nichts dagegen einzuwenden; aber gerade als er
-gehen wollte, sagte sie:
-
-– Du vergisst doch nicht, dass um elf Uhr Frühstück ist.
-
-Das sagte sie wie einen Befehl.
-
-Er ging in sein Zimmer, zog Jagdrock und Wasserstiefel an und nahm seine
-Flinte, die er in einem Schrank versteckt hielt. Dann ging er in den
-Wald.
-
-Es war ein schöner Oktobermorgen mit Rauhreif. Er ging sehr schnell, als
-fürchte er, zurückgerufen zu werden, oder als fliehe er vor etwas. Die
-frische Waldluft wirkte wie ein Bad. Er fühlte sich frei, und es war das
-erste Mal, dass er seine Freiheit benutzte, um mit der Flinte
-auszugehen. Aber diese körperliche Freiheit war nur vorübergehend.
-Bisher hatte er wenigstens sein Schlafzimmer für sich gehabt. Über seine
-Gedanken am Tage und seine Träume bei Nacht hatte er geherrscht. Das war
-aus. Besonders quälte ihn der Gedanke, das gemeinsame Schlafzimmer sei
-etwas Garstiges. Jede Scham wurde wie eine Maske abgeworfen, jedes
-Feingefühl abgelegt, jede Illusion von dem „hohen Ursprung“ des Menschen
-zerstört; nur das Tier vor sich zu haben, war zu viel für ihn, da er ja
-von Idealisten erzogen war. Nie hätte er geglaubt, dass die Heuchelei
-des Zusammenlebens so gross sein könne, und dass nur die Furcht vor den
-Folgen der Kern des unsagbar Weiblichen sei. Wenn es aber die Tochter
-des Arztes oder des Gärtners gewesen wäre? Dann wäre die Einsamkeit mit
-ihr eine Seligkeit gewesen, während sie jetzt bedrückte und unschön war;
-dann hätte die rohe Begierde, eine Neugier und ein Bedürfnis zu
-befriedigen, die Form eines Rausches angenommen, der wie der Rausch mehr
-seelisch als körperlich war.
-
-Er streifte durch den Wald, ohne ein Ziel zu haben, ohne zu wissen, was
-er schiessen solle; er empfand nur eine dunkle Lust, die Flinte knallen
-zu hören und ein Tier fallen zu sehen; aber er erblickte nichts. Die
-Vögel waren schon fortgezogen. Nur ein Eichhörnchen hüpfte auf einem
-Kiefernstamm herum und guckte ihn mit seinen Glotzaugen an. Er warf die
-Flinte an die Backe und drückte ab; aber das schnelle Tier war schon auf
-der andern Seite des Stammes, als die Hagelkörner einschlugen. Doch
-machte der Knall einen angenehmen Eindruck auf seine Nerven.
-
-Er verliess den Fusssteig und ging in den Niederwald. Wo er einen Pilz
-aufragen sah, trat er ihn entzwei. Er war in einer rechten
-Zerstörungslaune. Er sehnte sich danach, eine Schlange zu sehen, um sie
-zu zertreten oder einen Schuss auf sie abzugeben.
-
-Dann aber überkam ihn der Gedanke, dass er heim müsse, und dass es sein
-Hochzeitsmorgen sei. Die Vorstellung, welche zudringlichen Blicke er
-auszuhalten haben werde, wirkte so stark auf ihn, als solle er für ein
-Verbrechen entlarvt werden, ein Verbrechen gegen die Sitte und, was mehr
-war, gegen die Natur. Er wäre am liebsten aus der Welt geflohen, aber
-wie sollte er das anfangen?
-
-Schliesslich wurden die Gedanken müde, immer dieselben Kreise zu ziehen,
-und er hatte zuletzt nur noch die eine Empfindung, dass er hungrig sei.
-Er ging daher nach Haus, um Frühstück zu essen.
-
-Als er auf den Hof kam, standen alle Hochzeitsgäste, die übernachtet
-hatten, auf der Treppe des Vorbaus und begrüssten ihn mit scherzhaften
-Hurrarufen. Mit unsicheren Schritten ging er über den Hof und hörte mit
-schlecht verborgenen Gefühlen die scherzhaften Fragen der Gäste nach
-seinem Befinden an. Er riss sich von ihnen los und eilte ins Haus, ohne
-zu bemerken, dass seine Frau in der Gruppe stand und darauf wartete,
-dass er sie begrüsse.
-
-Am Frühstückstisch machte er eine Folter durch, die er glaubte nie
-wieder vergessen zu können: die Stichelreden der Gäste stachen ihn und
-die Liebkosungen seiner Frau brannten ihn. Sein Freudentag war der
-widrigste, den er erlebt hatte.
-
- * * * * *
-
-Als einige Monate vergangen waren, hatte sich die junge Frau als Herrin
-im Hause eingerichtet, unter dem Beistand von Tanten und Schwestern.
-Frithiof blieb immer der Jüngste und Unverständigste. Man fragte ihn um
-Rat, befolgte seine Ratschläge aber nicht; man sorgte immer noch für
-ihn, als sei er noch ein Kind. Dass er mit seiner Frau allein ass,
-erwies sich bald als unmöglich, denn er schwieg eigensinnig; Luise hielt
-es nicht aus, sondern musste einen Blitzableiter haben: eine Schwester
-zog in den Flügel.
-
-Mehrere Male machte Frithiof den Versuch, sich zu emanzipieren, wurde
-aber immer von der Übermacht zurückgeschlagen; ihrer waren zu viele, und
-sie redeten so lange auf ihn ein, bis er in den Wald floh.
-
-Die Abende wurden jetzt ein Schrecken für ihn. Er hasste die
-Schlafstube, ging dahin wie zum Richtplatz. Er wurde scheu und blieb für
-sich allein.
-
-Sie waren ein Jahr verheiratet gewesen, ohne ein Kind zu bekommen, als
-die Mutter ihn eines Tages beiseite nahm, um mit ihm zu sprechen.
-
-– Würdest du nicht erfreut sein, wenn du einen Sohn bekämst, fragte sie.
-
-– Gewiss, antwortete er.
-
-– Du bist nicht nett gegen deine Frau, sagte die Mutter so milde wie
-möglich.
-
-Da brauste er auf.
-
-– Was? Was? Habt ihr etwas auszusetzen? Verlangt man, dass ich
-tagewerken soll? Hm! Luise ist ganz anders, als ihr glaubt! Aber wen
-geht das etwas an? Formuliere die Anklage so, dass ich darauf antworten
-kann.
-
-Nein, dazu hatte die Mutter keine Lust!
-
-Er entdeckte jetzt in seiner Einsamkeit, dass der Inspektor ein junger
-Mann sei, der gern Karten spielte und gern trank. Er suchte dessen
-Gesellschaft und vertrieb sich die Abende auf dessen Zimmer; kam spät in
-die Schlafstube, so spät wie möglich.
-
-Eines Abends lag seine Frau noch wach und wartete auf ihn.
-
-– Wo bist du gewesen? fragte sie scharf und bestimmt.
-
-– Das geht dich nichts an, antwortete er.
-
-– Es ist nicht angenehm, auf die Weise verheiratet zu sein. Wenn wir
-wenigstens ein Kind hätten.
-
-– Das ist nicht meine Schuld!
-
-– Meine auch nicht.
-
-Und nun entspann sich ein Streit darüber, wessen Schuld es sei, und der
-dauerte zwei Jahre.
-
-Da keiner den einfachen Ausweg einschlagen wollte, den sachverständigen
-Arzt zu fragen, kam es zu dem gewöhnlichen Ergebnis: der Mann wurde
-lächerlich und die Frau tragisch. Eine kinderlose Frau sei heilig, denn
-„Gottes“ Fluch ruhe aus unbekannten Gründen auf ihr. Dass „Gott“ sich so
-weit herablassen werde, einen Mann in den Bann zu tun, das konnten sich
-die Frauen nicht vorstellen.
-
-Aber Herr Frithiof fühlte deutlich, dass ein Fluch auf seinem Dasein
-lag, denn es war düster und ungesund. Die Natur hatte zwei Geschlechter
-geschaffen, die einander unter gewissen Verhältnissen als Freunde
-suchen, aber unter andern Verhältnissen als Feinde auftreten. Er hatte
-das andere Geschlecht als Feind getroffen, und zwar als übermächtigen
-Feind.
-
-Eines Tages fragte eine der Schwestern, während sie mit einer Näharbeit
-beschäftigt war, wie zufällig Frithiof, was das Wort Kapaun bedeute.
-
-Er antwortete nicht, sah sie scharf an, fand aber, dass sie nicht
-Bescheid wusste, sondern wahrscheinlich gelauscht hatte und ihre Neugier
-nicht unterdrücken konnte.
-
-Jetzt war sein Leben vergiftet. Er war lächerlich. Und er wurde
-misstrauisch. Alles, was er hörte und sah, brachte er in Zusammenhang
-mit dieser Beschuldigung. Schliesslich geriet er ausser sich und
-verführte ein Dienstmädchen.
-
-Mit dem erwünschten Erfolg! Er wurde Vater!
-
-Jetzt aber war Luise eine Märtyrerin und Frithiof ein Elender. An das
-letzte kehrte er sich nicht, denn seine Ehre war gerettet; es galt
-nämlich für eine Ehre, ohne Gebrechen zu sein, nicht für ein Glück.
-
-Aber durch dieses Ereignis war Luises Eifersucht geweckt, und, seltsam,
-eine Art Liebe zu ihrem Mann begann zu erwachen. Eine Liebe, die ihm
-recht lästig wurde, denn sie äusserte sich in einem unermüdlichen
-Bewachen und einer nervösen Zudringlichkeit; zuweilen mit einem
-mütterlichen Wohlwollen, das keine Grenzen kannte. Sie wollte nachsehen,
-ob die Flinte geladen sei; sie bat ihn auf Knien, sich beim Ausgehen
-warm anzuziehen ... Im Hause war sie pedantisch, räumte und staubte den
-ganzen Tag; liess jeden Sonnabend scheuern, klopfte Teppiche und lüftete
-Kleider. Er hatte keine Ruhe mehr und konnte nie sicher sein, dass man
-ihn nicht aus seinem Zimmer jagte, um es reinzumachen.
-
-Seine Arbeit füllte seine Zeit nicht aus, denn der Hof wurde von den
-Frauen verwaltet. Er begann Landwirtschaft zu studieren und wollte
-Verbesserungen einführen, wurde aber daran gehindert. Als er allein zu
-herrschen versuchte, machte man ihm jede Tätigkeit unmöglich.
-
-Schliesslich wurde er müde. Er hatte längst zu sprechen aufgehört, weil
-er immer sicher war, dass man ihm widersprach. Durch Mangel an
-gleichdenkenden Kameraden und Unglücksgenossen wurde sein Verstand
-allmählich stumpf; sein Nervensystem war ruiniert; er vernachlässigte
-sein Aussehen und begann zu trinken.
-
-Bald war er kaum noch zu Haus. Oft lag er betrunken im Gasthaus oder bei
-Bauern. Er trank mit jedem und ohne aufzuhören. Es war ihm eine
-Linderung, sein Gehirn durch Alkohol in Arbeit zu setzen, und dann
-konnte er sprechen. Es war schwer zu entscheiden, ob er trank, um mit
-jemand sprechen zu können, der nicht widersprach; oder ob er trank, um
-zu trinken.
-
-Um sich Geld zu schaffen, verkaufte er an die Bauern heimlich Vorrechte
-oder Getreide, denn die Kassen wurden von den Frauen verwaltet.
-Schliesslich brach er in seine eigene Kasse ein und stahl.
-
-Man hatte jetzt immer einen kirchlich gesinnten Inspektor, denn der
-letzte war wegen Trunksucht verabschiedet. Als man endlich, mit Hilfe
-des Pastors, so weit gekommen war, dass dem Gastwirt der Verkauf von
-Alkohol verboten wurde, begann Herr Frithiof mit den Knechten zu
-trinken. Skandal folgte auf Skandal.
-
-Herr Frithiof wurde schliesslich ein ausgebildeter Trinker, der die
-Fallsucht bekam, wenn man ihm nicht etwas Starkes zu trinken gab.
-
-Schliesslich musste er in eine Anstalt gebracht werden, um dort als
-unheilbar zu bleiben.
-
-In hellen Zwischenstunden, wenn er sein Leben überschauen konnte,
-empfand er ein tiefes Mitleid mit allen jungen Mädchen, die an
-ungeliebte Männer verheiratet werden; er fühlte es um so tiefer, als er
-den ganzen Fluch, den die Vergewaltigung der Natur zur Folge hat, am
-eigenen Leibe erfahren hatte; und er war doch nur ein Mann.
-
-Er suchte die Ursache zu seinem Unglück in der Familie als
-wirtschaftlicher Einrichtung; die verhindert ja, dass das Kind zur
-rechten Zeit für ein selbständiges Leben als Individuum frei wird.
-
-Seine Frau klagte er niemals an, denn sie war wohl ebenso unglücklich
-wie er, ein Opfer derselben Missverhältnisse, die man mit dem Namen
-Gesetz ehrt.
-
-
-
-
- Die verbrecherische Natur
-
-
-Der Kutter ging vor halbem Wind durch die letzten Schären
-des Stockholmer Inselmeeres, und das Meer öffnete sich in
-Nachmittagsbeleuchtung.
-
-Der Doktor suchte nach Worten, um sein Entzücken darüber auszudrücken,
-denn er war im Innern des Landes geboren und hatte das Meer nur einige
-Male von dem Deck eines Dampfers gesehen.
-
-Nachdem der Leutnant das Steuerruder umgelegt und Kurs auf den
-Leuchtturm von Landsort genommen, befahl er Punsch und Zigarren.
-
-Die Einsamkeit, die Stille, der Mangel an Gegenständen, auf denen das
-Auge haften konnte, stimmte den Sinn mitteilsam, und trotzdem die beiden
-Jugendfreunde bereits drei Stunden von alten und neuen Dingen
-gesprochen, fand sich immer wieder neuer Stoff zu neuen Gesprächen.
-
-– Es muss doch herrlich sein, auf dem Meer leben zu können, sagte der
-Doktor und liess das Auge rings um den Horizont schweifen.
-
-– Ja, in guter Gesellschaft, wenn man sein eigener Herr ist, sagte der
-Leutnant. Aber im Dienst an Bord, das ist etwas anderes! Erstens ist man
-eingeschlossen; das Schiff ist ein Käfig, merk dir das, und der Horizont
-wird eng, wenn du dich an ihn gewöhnt hast; der blaue Rand, hinter dem
-man etwas träumt, wenn man jung ist, wird eine graue Steinmauer. Denke
-dir, du seist in einem Käfig auf dem eingeschlossenen Hof eines
-Gefängnisses. Und noch eins: hast du einen Unfreund an Bord, so merkst
-du, dass du lebst.
-
-– Es ist doch jedenfalls ein gesundes Leben.
-
-– Gesund? Das sieht so aus, aber die Gedanken werden nicht gesund, wenn
-das Gehirn keine Eindrücke von aussen empfängt; und immer auf das blosse
-Nichts sehen, macht auf die Dauer stumpfsinnig. Aber es gibt noch andere
-Schattenseiten im Leben des Seemannes, die durchaus nicht gesund sind.
-
-Das Gesicht des Leutnants wurde finster, und er sah erst nach, ob die
-Leute auch so weit entfernt waren, dass sie nicht lauschen konnten.
-
-– Bedenke doch, es ist das vom andern Geschlecht abgesonderte Leben des
-Mönches und des Gefangenen.
-
-– Ihr lebt schön abgesondert, wenn ihr an Land kommt, fiel der Doktor
-ein.
-
-– Aber ehe man an Land kommt! Einen Monat, zwei Monate auf See! In
-halber Untätigkeit. Die Gedanken suchen ihre eigenen Wege, der Wille
-herrscht auf eigene Faust, kriecht über Rechtsgefühl, springt über
-Begriffe von Moral, Ehre und dergleichen. Man hat schon recht seltsame
-Dinge auf See gesehen.
-
-– Ich habe allerdings gehört, dass die Mannschaft es toll treiben kann,
-sagte der Doktor.
-
-– Es ist schade um die Verheirateten! Dieses Gedicht von der Gattin des
-Seemanns, die trauernd am Fenster sitzt, ist nur ein Gedicht. Aber der
-Mann, der verheiratete Mann, der beschmutzt sich nicht gern, wenn er an
-Land geht; ein Vergnügen hat er nicht für sein Geld! Gewöhnlich ist die
-Frau längst getröstet, wenn der Mann heimkehrt! Aber es gibt andere
-Seiten, Nachtseiten, wie man sie nennt, diese Ausbrüche der sich
-rächenden Natur, die uns unheimlich vorkommen, weil wir sie zuerst nicht
-erklären können; für die der Mensch bestraft wird, trotzdem er nur das
-Opfer ist.
-
-– So, ihr habt das auch an Bord? Man erfährt so wenig davon, trotzdem es
-eine der merkwürdigsten Erscheinungen ist, die es zu allen Zeiten
-gegeben hat.
-
-– Du hältst es also nicht für ein Verbrechen, fragte der Leutnant mit
-einem gewissen Eifer und zog an seiner Zigarre.
-
-– Ein Verbrechen? Was ist ein Verbrechen? Was vor Staatsanwalt und
-Gericht kommt. Von der _Natur_ kann es ein Verbrechen sein, wie in den
-Fällen, in denen das Geschlecht bis lange nach der Geburt unentschieden
-bleibt; das kann man aus den Anzeigen über Namensänderungen sehen, die
-zuweilen in den Zeitungen stehen. Die Natur hat Launen und die Kultur
-hilft dabei, aber die Menschen sollten heute so aufgeklärt sein, dass
-sie Gebrechen nicht bestrafen.
-
-– So, das sagst du? Es freut mich, einmal ein wahres Wort in dem
-allgemeinen Geheul zu hören.
-
-– In Frankreich hat man schon in der Kammer beantragt, den Paragraph,
-der das vermeintliche Verbrechen bestraft, zu streichen.
-
-– Wirklich? Und hier laufen sie wie Aussätzige herum, werden von einer
-ewigen Unruhe verzehrt, dass sie verdächtigt oder entdeckt werden. Ich
-will einen Fall erzählen, den ich mit eigenen Augen gesehen habe. Dann
-magst du urteilen, ob es ein Laster, eine Entartung oder ganz einfach
-eine Erscheinung ist, deren Gründe wir nicht kennen.
-
-– Es ist mir gleichgültig, wie man es nennt; eine Berufskrankheit bei
-Mönchen und Seeleuten; die Erscheinung ist ebenso interessant wie eine
-menschliche Frucht, welche die Natur mit einem Kalbskopf oder drei Armen
-ausgestattet hat.
-
-– Etwas merkwürdiger ist es doch wohl, besonders wenn sie in seelischer
-Form auftritt und alle Symptome zeigt, die bei einer unschuldigen
-Schwärmerei zwischen Mann und Weib vorkommen.
-
-– Bei einer unschuldigen? Hm!
-
-– Ja, du, unschuldig, betonte der Leutnant. Ich weiss, dass ein solches
-Verhältnis unschuldig sein kann.
-
-– Ja, eine Zeit lang! Du darfst nicht, und sie wagt nicht! Das kennen
-wir! Aber erzähle deine Geschichte.
-
-Sie nippten am Punsch und steckten neue Zigarren an.
-
-– Weisst du, was der Chef einer Fregatte ist? begann der Leutnant und
-legte die Ruderpinne ins Hackbrett. Das ist ein Porzellangott. Er ist
-da, aber er zeigt sich nicht. Er hat nicht den höchsten Befehl, denn den
-hat der Sekond, aber er steht über dem höchsten Befehl. Seeleute pflegen
-den Schiffer den „Alten“ zu nennen, ganz wie die Bauern vom Donner
-sprechen und „Gevatter“ sagen. Der Sekond ist der „Alte“ auf einem
-Kriegsschiff; für den Chef hat man keinen Namen. Er sitzt eingeschlossen
-in seiner Kajüte, spricht nur mit dem Sekond; isst allein, bis auf einen
-Tag in der Woche, an dem er die Offiziere an seinen Tisch ladet, und
-einen zweiten Tag, an dem er sich von den Offizieren einladen lässt. Er
-tadelt nie, belohnt nie, kommandiert nie. Was er tut, weiss nur der
-Sekond. Kommt er auf Deck, so geht er nie über den Besan hinaus.
-
-Das Schiff ist die vollkommenste aller Gemeinden, die in der
-Organisation tausend Jahre hinter der Zeit zurückbleibt! Sie würde
-unvollkommen sein, wenn Frauen dabei wären.
-
-Meine erste Fahrt machte ich als Kadett auf der Fregatte Thor.
-
-Das Leben war nicht so, wie es sich der Schüler geträumt, als er voll
-Neid auf die kokette Jacke und das hübsche Seitengewehr der Seekadetten
-sah. Es war etwas ganz anderes; etwas sehr Rohes und sehr Hässliches;
-vor allem sehr Unpoetisches.
-
-Eines Tages hatte ich die Wache und stand am Steuerrad, also auf einem
-sehr verantwortungsvollen Posten; ich sah starr voraus durch Taue und
-Takelung über die Mannschaft auf Deck hinweg; versuchte die Gedanken
-zusammen zu halten, indem ich sie nur auf den Kurs richtete. Aber teils
-unruhig über die wichtige Aufgabe, da ich die ganze Bevölkerung des
-Schiffes in meiner Hand hatte, teils nervös infolge eines unbestimmten
-Gefühls, dass jemand seine Augen auf mich richte, vergass ich mich. Die
-Talje knirschte, das Bugspriet gierte und es begann im Jager lebendig zu
-werden. Da rief der Flaggschiffer, der an meiner Seite stand:
-
-– Festhalten!
-
-Ich fühlte, wie das Rad meinen Händen entrissen wurde, während ich
-zugleich einen Stoss bekam, dass ich aufs Deck flog.
-
-Ich taumelte zur Seite wie ein hingeworfener Handschuh und stand zu
-meiner grossen Bestürzung unmittelbar vor den Zehen keines Geringeren
-als meines Chefs. Ich sah in ein gelbgraues Gesicht, das dem eines
-reichen Grosshändlers glich. Der Mund war scharf geschnitten und von
-zwei schrägen Zügen eingefasst, die ihm einen boshaften Ausdruck gaben,
-der jedoch von einem hellen Backenbart gemildert wurde. Er sah aus, als
-wolle er mich in die See werfen, aber er schwieg. Er schien sich zu
-fragen, ob er sich so weit herablassen könne, dass er mich Würmchen
-ansprach.
-
-Schliesslich erweichten sich die strengen Züge, und er sah mich an, als
-sei ich ein kleines Kind.
-
-– Wie heissest du, Kadett? fragte er.
-
-Ich nannte meinen Namen.
-
-– Und dein Vater ist?
-
-– Tot, antwortete ich. Aber er war Oberstleutnant bei den Pionieren.
-
-– Ich habe deinen Vater gekannt; wir waren Jugendfreunde, und ich
-schätzte ihn sehr. Geh auf deinen Posten zurück und halt die Gedanken
-beisammen.
-
-Ich trat wieder ans Rad und tat mein Äusserstes, um aufmerksam zu sein.
-Aber der Chef ging auf und ab, und ich fühlte, wie er mich ansah.
-
-Als die Wache zu Ende war und ich in die Kadettenmesse hinunter kam,
-wurde ich von den Kameraden umringt und gefragt, was der Chef gesagt
-habe.
-
-Als sie hörten, dass er meinen Vater gekannt habe, sahen die Jüngeren
-mit einer gewissen Achtung zu mir auf; aber die Älteren sahen arglistig
-aus, ich konnte nicht verstehen, warum.
-
-Einige Tage später sassen wir, einige Kameraden und ich, auf Halbdeck
-und splissten Taue. Wir schwatzten über alles Mögliche. Ich aber, der
-ich immer ein sehr nervöses Temperament gehabt habe, so empfindlich wie
-eine Kompassnadel, empfand eine gewisse Unruhe, als ob jemand mich
-fixiere. Ich drehte mich mehrere Male um, um nachzusehen, wessen Augen
-mich so eigensinnig und energisch verfolgen könnten. Schliesslich
-blieben meine Blicke auf einem kleinen runden Fenster haften, das zu der
-äusseren Kajüte des Chefs gehörte, und da sah ich die beiden schrägen
-Falten um seinen Mund, nicht mehr, die Augen hatte er hinter der Gardine
-verborgen. Das beunruhigte mich, ohne dass ich hätte sagen können,
-warum.
-
-Zwei Tage später erhielt ich abends den Befehl, mich in der Kajüte des
-Chefs einzufinden. Es war ein elegant möblierter Raum mit
-Büchergestellen, Gemälden, Photographien und einem Orgelharmonium.
-Drinnen beim Chef sass der Sekond. Er hielt seine Mütze in der Hand und
-sah verlegen aus.
-
-– Herr Korvettenkapitän, begann der Chef mit einem unnatürlich
-geläufigen Ton; dieser junge Mann ist der Sohn meines verstorbenen
-Jugendfreundes, der mir einmal einen unschätzbaren Dienst geleistet hat.
-Ich fühle mich dem edlen Mann verpflichtet und will deshalb seinen
-Jungen etwas in die Hand nehmen. Ich werde seine Erziehung leiten,
-solange er mit mir an Bord ist.
-
-– Willst du mein Schüler werden? wendete er sich zu mir.
-
-Ich war von dieser grossen Gunst, die mir der Freund meines verstorbenen
-Vaters anbot, so verwirrt, dass ich nur einige unverständliche Worte der
-Dankbarkeit stammeln konnte.
-
-Er lud mich zum Sitzen ein, und der Sekond bekam einen Wink, dass die
-Audienz aus sei.
-
-Wir waren allein. Ich weiss nicht, was in seiner Art war, das mich bange
-machte. Es war nicht der Chef, das Götzenbild, sondern es war ein
-anderer. Sein Benehmen war verlegen und seine Sprache gezwungen. Auch
-begegnete er meinen Blicken anfangs nicht.
-
-– Bist du für Mathematik begabt, mein Junge? begann er.
-
-– Nicht besonders, antwortete ich.
-
-– Aber du kannst Gleichungen zweiten Grades lösen?
-
-– Ja, das kann ich ganz gut.
-
-– Dann wollen wir zu den Logarithmen übergehen. Siehst du, ein Seemann
-ohne Logarithmen, das ist ein Fahrzeug ohne Kompass.
-
-Er stand auf und holte die Logarithmentafel. Schob einen Stuhl an den
-Tisch heran und griff zu Papier und Feder.
-
-Nachdem er eine Weile über Charakteristik und Mantisse, die er, wie ich
-später sah, verwechselte, gesprochen hatte, legte er die Feder fort.
-
-– Nun, wie gefällt es dir an Bord?
-
-– Gut, Herr Admiral, antwortete ich.
-
-– Und die Kameraden?
-
-– Von denen spricht man nicht, entschlüpfte es mir, ehe ich hatte
-einsehen können, welche Zurechtweisung die Antwort enthielt.
-
-– Das ist gut geantwortet, mein Junge, sagte er und sah mich an mit
-einer Miene, die ältere Leute jüngeren zeigen, wenn die sich eine
-Freiheit herausnehmen.
-
-– Willst du ein Glas Punsch haben? fragte er; es ist hier etwas feucht.
-
-Nein zu antworten, war nicht möglich, da ich nicht Temperenzler bin.
-Aber im selben Augenblick überfiel mich ein Gefühl der Furcht: Wenn nun
-jemand hereinkommt und den Chef mit dem Kadetten trinken sieht! Die
-Situation war peinlich. Hast du schon empfunden, wie man sich für einen
-andern schämt? Um ihn war mir bange!
-
-Er öffnete eine Klappe und holte Gläser und eine Karaffe hervor, die er
-in seine Kabine trug.
-
-– Tritt näher, sagte er.
-
-Meine Unruhe stieg noch mehr; die ganze Situation war so falsch, und der
-Abgott fiel, fiel unrettbar.
-
-In der Kabine setzte er sich mir gegenüber und sah mich an, wie der
-Riese, ehe er den Däumling fressen wollte.
-
-– Du bist ein guter Junge, sagte er, indem er (jedoch ohne anzustossen)
-sein Glas austrank, und dein Aussehen wird dir in deiner Laufbahn
-weiterhelfen. Weisst du, dass du gut aussiehst?
-
-Ich errötete, das fühlte ich, und wusste nicht, wo er hinaus wollte. Ich
-sah nur in seinem Gesicht einen neuen seltsamen Ausdruck, und seine
-Augen flackerten wie Gasflammen.
-
-– Hast du schon Liebesabenteuer gehabt? fragte er von neuem, und seine
-Augen begannen zu glühen.
-
-Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, denn ich hatte Respekt vor
-dem Freund meines Vaters.
-
-Er stand auf und begann auf und ab zu gehen.
-
-– Du hättest mein Sohn sein sollen, sagte er schliesslich; das hättest
-du!
-
-Er war nicht verheiratet, das wusste ich, und ich verstand, dass das
-ganze Einsamkeitsgefühl des alten Junggesellen in diesem Ausruf lag.
-
-Jetzt wurde zum Essen geblasen, und ich musste gehen.
-
-– Morgen Abend um dieselbe Zeit, sagte er!
-
-Ich machte Honneur und ging.
-
-Meine Abendstunden wurden eine Zeit lang fortgesetzt. Seine Art wurde
-immer intimer. Zuweilen belästigte sie mich unbeschreiblich. Kam ich
-absichtlich zu spät, sah er betrübt aus.
-
-– Du wirst meiner überdrüssig, sagte er. Ich bin alt und langweilig.
-
-Dann wurde ich von Mitleid ergriffen mit dem armen Einsamen, dessen hohe
-Stellung ihm verbot, sich Verkehr zu suchen.
-
-Wir liefen schliesslich Havana an; ich erhielt Erlaubnis, an Land zu
-gehen, musste dem Chef aber versprechen, nicht mit den Kameraden
-schlechte Häuser zu besuchen. Er nahm mir förmlich ein Gelübde ab.
-
-Als ich wieder an Bord kam, fragte er mich, ob ich bei einem Mädchen
-gewesen sei. Ich antwortete nein, der Wahrheit gemäss.
-
-– Das ist recht, mein Junge, sagte er. Nimm dich vor den Weibern in
-Acht! Hörst du!
-
-Und dann segelten wir wieder.
-
-Eines Abends, ich vergesse ihn nie, es war auf der Höhe von Madeira, die
-Luft war heiss wie in einem Gewächshaus, wir trugen nur Hemd und Hosen,
-und die Windstille hatte vier Tage gedauert.
-
-Um acht Uhr betrat ich die Kajüte des Chefs, vollständig bekleidet. Er
-war sehr erregt. Konnte kaum sprechen.
-
-– Das ist eine furchtbare Hitze, seufzte er; zieh den Spenzer aus.
-
-Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, obwohl es im höchsten Grad gegen
-Reglement und gute Sitte verstiess.
-
-Er setzte sich neben mich, halb hinter mich. Ich fühlte seinen heissen
-Atem in meinem Nacken und empfand eine Bangigkeit und Beklommenheit, wie
-ich sie nicht beschreiben kann.
-
-Wir waren mit Trigonometrie beschäftigt und ich beugte mich über das
-Papier. Mein Kopf wurde schwer, und um mich zu wecken, machte ich den
-Rumpf gerade und warf den Kopf zurück. In diesem Augenblick fielen meine
-Blicke auf den Spiegel mir gegenüber. Was ich da sah, flösste mir ein
-solches Entsetzen ein, als habe ich plötzlich gesehen, wie die Natur
-sich umkehrt und ihre Kehrseite zeigt. Als ob die Sonne blau und der
-Himmel gelb und die Bäume rot geworden seien, oder als ob der Mond
-Blitze schiesse. Sein Gesicht lag über meiner Schulter und seine Augen
-suchten unter den Aufschlägen meines Hemdes. Ich schrie, glaube ich, und
-wollte aufspringen, wurde aber von zwei Armen festgehalten und fühlte
-einen Kuss auf meinen Lippen, einen Kuss wie von der scharfen Zunge
-eines Stiers, und es schnaubte über mein Gesicht, als hätte ein Seehund
-mich geleckt.
-
-Als ich aufs Deck hinauskam, musste ich mich an der Verschanzung halten,
-um nicht zu fallen, denn meine Beine zitterten. Es war für mich eine
-Offenbarung des Widrigen, ein Erscheinen des Bösen.
-
-– Und damit war die Bekanntschaft zu Ende! sagte der Doktor kalt und
-trank sein Glas aus.
-
-– Nicht ganz! Weisst du, was er jetzt tat? Er schrieb Briefe an mich.
-Ich las nur einen! Es war ein Liebesbrief. Er liebte mich!
-
-– Wie Sokrates Alcibiades liebte! Glaubst du, du hast eine Entdeckung
-gemacht? Und glaubst du, dass nur Absonderung oder Überkultur diese
-Erscheinung hervorrufen. Sie kommen auch bei wilden Volksstämmen vor, ja
-bei Tieren. Ich meine, man müsse bei solchen Launen der Natur ein Auge
-zudrücken, wenigstens den Unschuldigen nicht bestrafen, wie ich schon
-sagte. Willst du eine Geschichte im selben Genre hören?
-
-– Ja, aber lass uns erst etwas essen; ich sehe, drinnen ist gedeckt.
-
-Er rief einem der Gäste zu, das Ruder zu übernehmen, und sie gingen in
-die Kajüte.
-
-Sie versuchten von etwas anderem zu sprechen, immer aber kamen sie auf
-das erste Thema zurück.
-
-– Erinnerst du dich, fing der Doktor an, wie du als Schüler mit
-Kameraden gleichen Alters befreundet warst? Ihr kamet immer zusammen aus
-der Schule, suchtet einander in freien Stunden auf, teiltet Ansichten
-und Kasse. Ja, du konntest sogar eifersüchtig auf deinen Freund sein,
-wenn er andere dir vorzog. Nicht wahr?
-
-– Ja, aber das war Freundschaft!
-
-– Ja, das war es! Aber so beginnt ja auch die Liebe zwischen den
-verschiedenen Geschlechtern. Es muss weit kommen, ehe einer von Beiden
-sich eine körperliche Berührung in einem Kuss oder einer Liebkosung
-erlaubt oder überhaupt ein Bedürfnis danach empfindet. Bei Mädchen
-dagegen äussert sich diese Freundschaft in Umarmungen und Küssen. Das
-ist ganz unschuldig natürlich, aber die Symptome gleichen sehr dem, was
-man Liebe nennt. Es ist ebenso unschuldig wie das Gefühl, das Eltern
-dazu treibt, ihre Kinder in die Arme zu nehmen und zu küssen. Kannst du
-sagen, was rein und unrein ist, körperlich oder geistig? Das ist schwer,
-denn die Liebe der Eltern zu den Kindern hat ein unwiderstehliches
-Bedürfnis, sich in körperlicher Berührung zu äussern und steht doch über
-jeden Verdacht, sinnlich zu sein. Haust aber eine arme Familie zusammen
-in einem Zimmer, schlafen Vater und Töchter zusammen, während die
-Mädchen heranwachsen, dann _kann_ es geschehen, dass die Gefühle ihre
-Natur ändern. Die äusseren Umstände sind es, die da wirken, wie man auch
-nur bei Hirten und Reitern Fälle von Bestialität trifft. Sag nicht, das
-ist ein neues, unnatürliches Element, sondern das ist dieselbe Natur,
-die aber aus Mangel an Gelegenheit sich andere Auswege sucht, wie sich
-die Gewebe des Körpers einem Fistelgang öffnen, wenn die natürlichen
-Kanäle von einer Krankheit geschlossen werden.
-
-Jetzt sollst du meine Geschichte hören.
-
-Er war klein und unbedeutend und wurde von den Mädchen übersehen, denn
-sie fanden, er sei weder als Liebhaber noch als Beschützer
-vielversprechend. Das flösste ihm Misstrauen zu sich selber und
-Abneigung gegen das andere Geschlecht ein. Als er älter wurde und Dirnen
-besuchte, fiel es ihm auf, was wir andern ganz natürlich fanden, dass
-sie sich bezahlen liessen. Das chokierte ihn. Warum sollte nur der eine
-Teil bezahlt nehmen und nicht der andere, wenn alle beide das Vergnügen
-genossen.
-
-Dann ging er ein Verhältnis mit einer Näherin ein. Sie hatte ihn lieb
-und sie nahm nicht bezahlt. Aber sie wurde von seltsamen Träumen
-beunruhigt, die auch ihn zu beunruhigen anfingen. Das eine Mal träumte
-sie, er lade sie ins Theater ein; das zweite Mal, er schenke ihr
-Handschuhe; das dritte Mal, er bezahle ihre Miete. Mein Freund war nicht
-stark darin, Träume zu deuten, weil er arm war, und dem Mädchen wurden
-ihre Träume nicht erfüllt. Der Freund dachte, ich habe alle Soupers
-bezahlt und sie keins; aber das sagte er nicht. Doch sie ward es müde,
-ein Traumleben zu leben, und schenkte ihre Liebe bald einem Buchhalter,
-der die Mittel hatte, ihre Träume zu erfüllen. Mein Freund wurde sehr
-bitter gegen die Frauen: das seien Materialisten, da sie nicht aus
-reiner Liebe lieben könnten.
-
-Später verliebte er sich wieder. Als er ans Heiraten denken konnte, ging
-er zum Vater; der fragte ihn natürlich, ob er Geld habe.
-
-– So, man muss auch das Heiraten bezahlen, dachte er. Nur bezahlen,
-immer und überall!
-
-Aber er war verliebt, und er entschloss sich zu dem Handel. Er war Turn-
-und Schwimmlehrer. Jetzt fängst du an zu verstehen. Er verheiratete
-sich. Entdeckte nach dem ersten Kind, dass seine Frau Anlage für „höhere
-Aufgaben“ besitze und nicht mehr Kinder haben wolle. Sturm und Gewitter!
-Und dann halbe Ruhe. Oft fand er es hart, für nichts bezahlen zu müssen;
-aber es war nicht mehr zu ändern.
-
-Fünfzehn Jahre dauerte das Zölibat und seine Frau wusste ihre Stellung
-gut zu verteidigen.
-
-– Ich bin die Mutter deines Kindes, und in dieser Eigenschaft bin ich im
-Haus.
-
-Aber sie war nicht die Mutter seines Kindes, denn sie besuchte fromme
-Sitzungen und hatte andere höhere Zwecke, die nicht gerade der
-Aufklärung dienten, aber sie vergass, dass sie seine Gattin war.
-
-Nach fünfzehn Jahren gab es einen Skandal in der Schwimmschule. Mein
-Freund hatte sich dem ausgesetzt, was Darwin einen Generationswechsel
-genannt hätte. Aus der Analyse der fünfzehn Jahre Zölibatleben kannst du
-einen russischen Roman machen; ich vermag es nicht! Das Resultat war
-eine geheime Untersuchung. Er wurde freigesprochen und – zeugte ein
-neues Kind in der Ehe. Damit war der Sache abgeholfen.
-
-Da hast du zwei Faktoren, die zusammen wirkten: Berufskrankheit oder
-günstige Gelegenheit und auf der anderen Seite fehlende Versorgung.
-
-– Noch ein dritter Faktor war vorhanden, fiel der Leutnant ein.
-
-– Welcher denn?
-
-– Dass er schon als junger Mann darben musste.
-
-– Dann kannst du auch einen vierten nehmen!
-
-– Welchen?
-
-– Den hohen Arbeitslohn.
-
-– Nein jetzt gehen wir auf Deck, sagte der Leutnant; das fängt an
-unheimlich zu werden, wenn man sich darin vertieft.
-
-– Ja, das wird es, aber Alles zu seiner Zeit. Weisst du, dass die
-Akademie von Dijon im vorigen Jahr einen Preis von zehntausend Franken
-ausgesetzt hat für den, der befriedigend die Frage beantwortet: Warum
-darf man nicht schreiben, wie man spricht?
-
-– Nun, wer hat den Preis gewonnen?
-
-– Der Beschäler von Växjö. Er fand, die Ursache liege darin: wenn er
-schreiben würde, wie er spreche, dann käme er ins Gefängnis.
-
-– Du bist verrückt!
-
-– Nein, sieh, der Mond ist aufgegangen, rief der Doktor aus, als sie auf
-Deck kamen.
-
-– Bei uns ist der Mond ein Maskulinum, aber in Griechenland ist er ein
-Femininum!
-
-– Die Griechen haben ja nie die Geschlechter auseinander gehalten.
-Weisst du, warum nicht?
-
-– Nein!
-
-– Es lag wohl in ihrer religiösen Überzeugung. Zeus liebte ja Ganymedes!
-Und es war ein grosses und gebildetes Volk, das die religiöse
-Überzeugung achtete!
-
-
-
-
- Corinna
-
-
-Ihr Vater war General, und die Mutter starb ihr früh. Seitdem wurde das
-Haus meist von Herren besucht. Und der Vater erzog sie selber.
-
-Sie ritt mit ihm aus, sah sich die Manöver an, wohnte Schauturnen bei,
-machte Kontrollversammlungen mit.
-
-Da der Vater unter allen, die in seinen Verkehrskreis kamen, den
-höchsten Rang einnahm, bezeigten ihm alle eine Ehrerbietung, wie sie
-Ebenbürtige einander niemals bezeigen. Und da sie die Tochter des
-Generals war, erwies man ihr die gleiche Ehre wie dem Vater. Sie hatte
-den Rang eines Generals und sie fühlte es.
-
-Im Flur sass immer eine Ordonnanz, die sich mit furchtbarem Gerassel
-erhob, wenn sie kam und wenn sie ging. Auf den Bällen wurde sie immer
-von Majoren zum Tanz aufgefordert; einen Hauptmann hielt sie für eine
-niedrige Menschenklasse, und die Leutnants waren für sie unartige
-Jungen.
-
-So gewöhnte sie sich daran, die Menschen nach der Rangliste zu
-beurteilen; Zivilpersonen waren für sie „Fische“, dürftig gekleidete
-Menschen Lumpen, arme Leute Pack.
-
-Aber über dieser Rangskala standen die Damen. Der Vater, der alle Männer
-unter sich hatte und mit Ehrenbezeigungen begrüsst wurde, sobald er sich
-sehen liess, stand doch immer vor einer Dame auf, sie mochte jung oder
-alt sein, küsste bekannten Damen die Hand, bediente jede Schönheit.
-Dadurch bekam sie früh hohe Gedanken von der Überlegenheit des
-weiblichen Geschlechts und gewöhnte sich daran, Männer für niedrigere
-Wesen zu halten.
-
-Wenn sie ausritt, hatte sie immer einen Reitknecht hinter sich. Wenn es
-ihr gefiel, Halt zu machen, um sich die Landschaft anzusehen, machte er
-Halt. Er war ihr Schatten. Aber wie er aussah, ob er jung oder alt war,
-das wusste sie nicht. Wenn man sie gefragt, was für ein Geschlecht er
-habe, hätte sie es nicht sagen können; sie hatte nie daran gedacht, dass
-der Schatten auch ein Geschlecht haben könne; wenn sie in den Sattel
-stieg und dabei mit ihrem kleinen Stiefel auf seine Hand trat, so war
-die für sie ein gleichgültiges Ding; und sie konnte dann ihr Kleid etwas
-anheben, als sei niemand zugegen.
-
-Diese eingeborenen Rangvorstellungen durchdrangen ihr ganzes Leben. Sie
-konnte mit den Töchtern des Majors oder des Hauptmanns nie vertraut
-werden, denn deren Väter standen unter ihrem Vater. Auf einem Ball hatte
-ein Leutnant einmal gewagt, sie aufzufordern. Um seine Vermessenheit zu
-bestrafen, antwortete sie nicht, als er zwischen den Tänzen sich
-unterhalten wollte. Nachher aber erfuhr sie, es sei einer der Prinzen
-gewesen: da war sie untröstlich. Sie, die den Rangunterschied der
-Offiziere wusste, die alle Orden und Titel kannte, sie hatte einen
-Prinzen nicht erkannt. Das war zuviel.
-
-Sie war schön, aber der Stolz gab ihren Zügen eine Starrheit, die jeden
-Anbeter abschreckte. Sich zu verheiraten, daran hatte sie nie gedacht.
-Die jungen Leute waren dazu nicht qualifiziert, und die Alten, die den
-Rang hatten, waren zu alt. Wenn sie sich mit einem Hauptmann verheiratet
-hätte, würde sie ja bei Tisch hinter allen Majorsfrauen gesessen haben,
-sie, die Tochter des Generals. Das wäre ja eine Degradierung gewesen.
-Übrigens wollte sie durchaus kein Anhang oder eine Salonzierde für einen
-Mann sein. Sie war gewohnt zu befehlen, gewohnt, dass man ihr gehorchte;
-sie konnte keinem gehorchen. Das freie männliche Leben unter Männern
-hatte ihr ausserdem einen entschiedenen Widerwillen gegen weibliche
-Beschäftigung eingeflösst.
-
-Spät erwachte ihr geschlechtliches Leben. Da sie zu einer alten Familie
-gehörte, die väterlicherseits durch seelenloses Soldatentum, durch
-Zechen und durch Schlemmen mit ihrer Kraft schlecht hausgehalten,
-mütterlicherseits die Fruchtbarkeit unterdrückt hatte, um das Vermögen
-nicht teilen zu müssen, schien die Natur bei Bestimmung ihres
-Geschlechts in letzter Stunde gezögert zu haben; oder hatte vielleicht
-nicht Kraft genug besessen, um sich für Fortsetzung der Rasse zu
-entschliessen. Ihrer Gestalt fehlte das bestimmte weibliche Gepräge, wie
-eine gesunde Natur es für ihre Zwecke erzeugt, und sie tat auch nichts,
-um den Mängeln durch Kunst abzuhelfen.
-
-Ihre wenigen weiblichen Kameraden fanden sie kalt, gleichgültig gegen
-alles, was das Verhältnis der Geschlechter betraf. Sie selber sprach
-sich geringschätzig darüber aus, hielt es für unsauber, konnte nicht
-begreifen, wie sich ein Weib einem Manne hingeben könne. Die Natur war
-unrein für sie und Tugend bestand für sie in reiner Wäsche, gestärkten
-Röcken und heilen Strümpfen. Arm sein bedeutete für sie schmutzig und
-lasterhaft sein.
-
-Im Sommer wohnte sie mit ihrem Vater auf dem Landgut.
-
-Das Land liebte sie nicht. Draussen in der Natur wurde sie klein; der
-Wald war ihr unheimlich, der See machte sie schauern, das hohe Gras der
-Wiese barg Gefahren. Die Bauern waren eine Art arglistige Tiere, und
-unsauber dazu. Auch hatten sie so viele Kinder, und Burschen wie Mädchen
-waren für sie lasterhaft.
-
-Bei grossen Festen wie Mittsommer und Geburtstag des Generals wurden sie
-jedoch auf den Herrenhof geladen, um wie der Chor in der Oper zu
-fungieren, Hurra zu schreien, und zu tanzen, wie die Figuren auf einem
-Gemälde.
-
- * * * * *
-
-Es war wieder Frühling. Helene war allein auf ihrer Rassestute
-ausgeritten und weit hinaus ins Land gekommen. Sie wurde müde und sass
-ab; band die Stute an eine Birke, die an einer umzäunten Waldweide
-stand. Dann trat sie an den Rand des Grabens, um einige Orchideen zu
-pflücken. Die Luft war warm, und Birken und Rasen dampften. Im Wasser
-des Grabens plumpsten die Frösche.
-
-Plötzlich wieherte die Stute, und Helene sah das schlanke Tier seinen
-Hals über den Zaun strecken und mit aufgerissenen Nüstern die Luft
-einsaugen.
-
-– Alice, rief sie, still mein Mädchen!
-
-Und dann fuhr sie fort, einen Strauss aus diesen schüchternen Blumen
-zusammenzusetzen, die so sorgfältig ihre Geheimnisse hinter den
-hübschsten und nettsten Gardinen verstecken, die gedrucktem Kattun
-gleichen.
-
-Aber die Stute wieherte wieder. Aus den Haselbüschen der Waldweide
-antwortete ein anderes Wiehern, das aber stärker und tiefer war. Der
-sumpfige Boden der Waldweide dröhnte, die Sterne rasselten unter
-gewaltigen Hufschlägen, und heran trabte ein schwarzer Hengst. Der Kopf
-war stark, der Hals gespannt, und die Muskeln lagen in Wulsten unter der
-glänzenden Haut. Die Augen leuchteten, als sie die Stute erblickten.
-Zuerst machte er Halt und streckte den Hals, als ob er gähnte; zog die
-Oberlippe in die Höhe und zeigte die Zähne. Dann galoppierte er über das
-Gras und näherte sich dem Zaun.
-
-Helene raffte ihr Kleid und lief hin, um die Kandare zu fassen, aber die
-Stute hatte sich losgerissen und setzte jetzt über den Zaun. Dann begann
-das Freien.
-
-Helene stand draussen und lockte, aber das wilde Tier hörte nicht mehr.
-Drinnen jagten sich die Pferde und die Situation begann heikel zu
-werden. Der Hengst schnob weissen Schaum, der wie Rauch aus den Nüstern
-kam.
-
-Helene wollte fliehen, denn die Szene flösste ihr Entsetzen ein. Sie
-hatte noch nie gesehen, wie die Naturmacht in lebendigen Körpern rast.
-Bis zum äussersten war sie erregt über diesen unverhüllten Ausbruch.
-
-Sie dachte hinzulaufen und ihre Stute zu holen, aber sie fürchtete den
-wilden Hengst. Sie wollte forteilen und um Hilfe rufen, aber dann hätte
-sie ja Zeugen erhalten. Sie kehrte dem Auftritt den Rücken und beschloss
-zu warten.
-
-Da war Pferdegetrappel auf der Landstrasse zu hören. Ein Wagen rollte
-heran.
-
-Helene konnte nicht fliehen, und sie schämte sich zu bleiben. Aber es
-war zu spät, denn die Kalesche fuhr langsamer und stand unmittelbar vor
-ihr still.
-
-– Aber das ist schön, sagte die eine Dame, die im Wagen sass, und nahm
-ihre goldene Lorgnette, um sich das Naturschauspiel, das jetzt in vollem
-Gang war, anzusehen.
-
-– Aber warum halten wir denn, schrie die andere Dame. Fahren Sie doch
-weiter!
-
-– Ist das nicht schön? antwortete die ältere Dame.
-
-Der Kutscher lächelte in seinen grossen Bart und trieb die Pferde an.
-
-– Du bist so prüde, meine liebe Amalie, sagte die erste Stimme. Für mich
-ist es wie ein Gewitter oder eine Sturzsee ...
-
-Mehr konnte Helene nicht hören. Sie war ganz vernichtet von Ärger,
-Scham, Entsetzen.
-
-Da kam ein Bauernknecht des Weges. Helene eilte ihm entgegen, um ihn
-nicht das Schauspiel sehen zu lassen und zugleich um seine Hilfe zu
-bitten. Aber er war bereits zu weit heran gekommen.
-
-– Ich glaube, das ist der Schwarze des Müllers, sagte er mit ernster
-Miene. Dann ist das Beste, zu warten, bis es vorbei ist, denn mit dem
-ist nicht zu spassen. Wenn Fräulein nach Haus gehen wollen, werde ich
-den Gaul nachbringen.
-
-Froh, aus der Sache herauszukommen, eilte Helene davon.
-
-Als sie nach Haus kam, war sie krank.
-
-Die Stute wollte sie nicht wieder sehen. Die war unrein.
-
- * * * * *
-
-Dieses unbedeutende Ereignis hatte einen grösseren Einfluss auf Helenes
-seelische Entwicklung, als zu erwarten war. Der brutale Ausbruch eines
-Naturtriebes, dessen unverhüllte Darstellung einem Menschen Gefängnis
-einbringt, verfolgte sie, als habe sie einer Hinrichtung beigewohnt. Er
-störte ihre Gedanken am Tage und ihre Träume bei Nacht. Er steigerte
-ihre Furcht vor der Natur, und sie brach mit ihrem früheren
-Amazonenleben. Schloss sich ein und begann zu lesen.
-
-Es war eine Bibliothek auf dem Gut vorhanden. Aber das Unglück wollte,
-dass sie seit dem Tode des Grossvaters nicht vermehrt worden war. Alle
-Bücher waren also ein Menschenalter zu alt, und Helene fand veraltete
-Ideale. Zuerst fiel ihr „Corinna“ von Frau von Staël in die Hände. Der
-Band war so in ein Fach hineingestellt, als sei er zu besonderer
-Benutzung bestimmt, und das war er auch. In Grün und Gold gebunden, mit
-abgegriffenem Schnitt, mit Bemerkungen und Unterstreichungen versehen,
-die von der verstorbenen Mutter herrührten, wurde das Buch für die
-Tochter ein geistiger Verkehr mit der Toten, deren Bekanntschaft das
-erwachsene Mädchen damit erneuerte. Es war eine ganze Seelengeschichte,
-diese Aufzeichnungen mit Bleistift. Das Missvergnügen mit der Prosa des
-Lebens und der Roheit der Natur feuerte die Phantasie an, sich eine
-Traumwelt zu bauen, in der die Seelen ohne Körper lebten. Diese Welt war
-aristokratisch, denn sie verlangte wirtschaftliche Unabhängigkeit, nur
-um der Seele Gedanken schenken zu können. Es war das Evangelium der
-Reichen, diese Gehirnentzündung, die Romantik genannt wird und die
-lächerlich wurde in ihrer Kläglichkeit, als sie zur Unterklasse hinunter
-drang.
-
-Aus Corinna machte Helene nun ein Ideal: die Dichterin, die Eingebungen
-von oben erhielt, die gleich der Nonne des Mittelalters das Gelübde der
-Keuschheit ablegte, um ein reines Leben zu führen, die natürlich von
-einer glänzenden Menge bewundert wurde, erhob sich über die kleinen
-Sterblichen des Alltags. Es war nichts anderes als das Generalideal, nur
-übertragen: Ehrenbezeigen, Gewehrrufe, erster Platz. Dass Frau von Staël
-selber das Corinnaideal überlebte und erst von Bedeutung wurde, als sie
-sich mit der Wirklichkeit befasste, wusste Helene nicht.
-
-Sie gab jede Beschäftigung mit der äusseren Welt auf, zog sich in sich
-selber zurück und grübelte über ihr Ich. Das Erbe, das die Mutter ihr in
-den posthumen Anmerkungen hinterlassen, begann zu keimen. Sie
-identifizierte sich mit Corinna und mit der Mutter und verwendete viel
-Zeit darauf, über ihren Beruf nachzudenken. Dass sie von der Natur für
-das Geschlecht bestimmt sei, dass sie die Pflicht habe, für das Keimen
-und Wachsen des Eies zu sorgen, das die Natur in ihren Körper
-niedergelegt, das wies sie weit von sich. Die Menschheit darüber
-aufzuklären, was Frau von Staëls Corinna vor fünfzig Jahren gedacht
-hatte, das war ihr Beruf; aber sie bildete sich ein, es seien ihre
-eigenen Gedanken, die nach Ausdruck rangen.
-
-Sie begann zu schreiben. Eines Tages versuchte sie es mit Versen. Es
-gelang. Die Zeilen wurden gleich lang und die letzten Worte reimten
-sich. Da ging ihr ein Licht auf: sie war zur Dichterin geboren. Blieben
-nur noch die Gedanken, und die konnte sie aus „Corinna“ nehmen.
-
-So entstanden eine Menge Gedichte.
-
-Nun sollte aber auch die Welt damit beglückt werden, und das konnte nur
-durch den Druck geschehen. Eines Tages sandte sie ein Gedicht mit dem
-Titel „Sappho“ an die Illustrierte Zeitung und zeichnete Corinna. Mit
-klopfendem Herzen trug sie den Brief zur Post, und als sie ihn in den
-Kasten legte, betete sie leise zu „Gott“.
-
-Die vierzehn Tage, die folgten, waren furchtbar. Sie ass nicht, schlief
-kaum und suchte die Einsamkeit.
-
-Am ersten Sonnabend, als die Zeitung kam, zitterte sie wie bei einem
-Fieber; und als sie ihr Poem weder gedruckt sah, noch ein Wort im
-„Briefkasten“ fand, fiel sie zusammen.
-
-Am nächsten Sonnabend, als sie wenigstens eine Antwort bestimmt erwarten
-konnte, nahm sie die Zeitung, ohne sie aufzumachen, mit in den Wald.
-Dort, tief in einem Dickicht, zog sie das Blatt heraus, nachdem sie sich
-nach allen Seiten umgesehen, ob auch niemand auf der Lauer stehe; dann
-schlug sie die Zeitung auf und liess das Auge über die Spalten gleiten.
-Da stand ein einziges Gedicht, das hiess „Bellmanstag“. Dann aber glitt
-das Auge zum Briefkasten hinunter. Beim ersten Blick, den sie auf die
-Zeilen in kleinem Druck warf, fuhr sie zusammen, ihre Finger packten die
-Zeitung, rollten sie zu einem Ball und warfen den ins Gebüsch. Dann
-starrte sie unablässig auf den weissen Fleck, den das Papier im Gebüsch
-bildete. Diese Beschimpfung war die erste, die sie in ihrem Leben
-empfangen hatte. Sie war auch ganz aus dem Sattel geworfen. Dieser
-unbekannte Zeitungsschreiber hatte gewagt, was noch niemand gewagt: er
-hatte ihr eine Unhöflichkeit gesagt. Sie hatte ihre Verschanzungen
-verlassen und sich auf ein Feld begeben, auf dem die Rangliste wenig
-bedeutete, auf dem die Naturmacht siegte, die Talent genannt wird. Vor
-diesem Talent beugte sich selbst die Macht, wenn sie es nicht länger
-leugnen konnte. Aber der Unbekannte hatte sie auch als Weib verletzt. So
-hatte er sich zu schreiben erlaubt:
-
-– Corinna von 1807 hätte Essen gekocht und Kinder gewiegt, wenn sie nach
-1870 gelebt hätte. Aber Sie sind keine Corinna!
-
-Da hörte sie zum ersten Mal _den_ Feind, den Erzfeind, den Mann. Kochen
-und wiegen! Der sollte mal sehen!
-
-Helene ging nach Haus. Sie fühlte sich so vernichtet, dass die Muskeln
-kaum den schlaffen Nerven gehorchten.
-
-Als sie aber ein Stück gegangen war, kehrte sie ganz plötzlich um. Wenn
-einer die Zeitung fände! Dann wäre sie verraten. Sie ging zurück, nahm
-eine Gerte, zog das Blatt aus den Büschen hervor und glättete es. Dann
-hob sie eine Moosscholle auf, versteckte das Blatt darunter und rollte
-einen Stein darauf. Es war eine Hoffnung, die da begraben wurde, aber
-auch ein Beweis. Dass sie schuldig war? Ja, so fühlte sies! Als habe sie
-ein Unrecht getan. Als habe sie sich vor dem andern Geschlecht
-entblösst!
-
-Nach diesem Tage begann sie einen neuen Kampf mit sich selber. Der
-Ehrgeiz und die Furcht vor der Öffentlichkeit kämpften miteinander, ohne
-dass es zu einer Entscheidung kam.
-
- * * * * *
-
-Im Herbst starb der Vater. Da er nachts Karten gespielt hatte, ohne
-Glück zu haben, hinterliess er Schulden. Da er aber General war, so
-machte das nichts aus. Helene brauchte sich nicht in einen Zigarrenladen
-zu stellen, sondern wurde von einer bisher unsichtbaren Tante
-aufgenommen.
-
-Doch trat mit dem Tod des Vaters eine völlige Veränderung in ihrem Leben
-ein. Alle Ehrenbezeigungen hörten von selber auf; die Offiziere des
-Regiments begannen ihr onkelhaft zuzunicken, und die Leutnants wagten
-sie auf den Bällen zum Tanz aufzufordern. Jetzt merkte sie selbst, dass
-ihre Hoheit nicht in ihrem persönlichen Wert gelegen, sondern geliehen
-war. Sie fühlte sich degradiert und empfand eine lebhafte Sympathie für
-alle Subalternen; ja sie fühlte, wie eine Art Hass in ihr wuchs gegen
-alle, welche die Vorrechte des Ranges genossen, den sie früher
-bekleidet. Damit wuchs auch das Bedürfnis, persönliche Anerkennung zu
-erringen, einen Rang zu erreichen, der jeden andern übertraf, wenn er
-auch nicht in der Rangliste stand.
-
-Sie wollte sich auszeichnen, durchdringen, und, warum nicht, herrschen.
-Sie besass ein Talent, das sie auszuüben gewagt, obwohl sie es noch
-nicht über den Durchschnitt erhoben hatte: sie spielte Klavier. Jetzt
-begann sie Harmonie zu studieren und sprach von der G-mollsonate und der
-Fis-dursymphonie, als habe sie sie selber geschrieben. Und damit begann
-sie Tonkünstler zu fördern.
-
-Ein halbes Jahr nach dem Tode des Vaters wurde ihr eine Stellung als
-Hoffräulein angeboten. Sie nahm an. Damit stellten sich wieder
-Trommelwirbel und Gewehrrufe ein, und Helene begann ihre Sympathien für
-Subalterne zu verlieren. Aber der Sinn ist unbeständig wie das Glück,
-und Helene bekam mit neuen Erfahrungen neue Ansichten.
-
-Sie entdeckte nämlich eines Tages, und zwar recht bald, dass sie
-Dienerin war. Die Herzogin und sie sassen im Schlossgarten. Die Herzogin
-häkelte.
-
-– Ich finde, diese Blaustrümpfe sind dumm, sagte die Herzogin.
-
-Helene wurde aschgrau im Gesicht und fixierte ihre Herrin. Darauf
-antwortete sie:
-
-– Das finde ich nicht.
-
-– Ich habe nicht zu wissen verlangt, was Sie finden, antwortete die
-Herzogin und liess ihr Knäuel auf den Weg rollen.
-
-Helene zitterten die Beine, sie sah Zukunft und Stellung in einem Zuge
-an sich vorbei sausen. Dann ging sie, um das Knäuel zu holen. Es krachte
-in der Taille, als sie sich niederbeugte, und sie war flammend rot, als
-sie das Knäuel zurückgab, ohne einen Dank zu erhalten.
-
-– Sind Sie böse? fragte die Herzogin und sah das Opfer mit einer
-impertinenten Miene an.
-
-– Nein, Königliche Hoheit, log Helene.
-
-– Man hat gesagt, Sie seien ein Blaustrumpf, fuhr die Herzogin fort. Ist
-das wahr?
-
-Helene fühlte sich entkleidet und antwortete nichts.
-
-Das Knäuel fiel wieder. Helene stellte sich, als sehe sie nichts, und
-biss sich in die Lippe, um die Tränen des Ärgers zurückzuhalten.
-
-– Bitte, reichen Sie mir mein Knäuel, sagte die Herzogin.
-
-Helene richtete sich auf, sah der Despotin ins Auge und sagte:
-
-– Nein, das will ich nicht.
-
-Und damit ging sie. Der Sand knirschte unter ihren Stiefeln, und die
-Schleppe wirbelte Staubwölkchen auf. Sie lief beinahe die Treppe
-hinunter und verschwand.
-
-Damit war ihre Laufbahn am Hof zu Ende. Aber ein Stachel blieb sitzen.
-Helene musste jetzt fühlen, was es heisst, in Ungnade gefallen zu sein;
-und noch deutlicher wurde ihr, was es heisst, seine Stellung aufzugeben.
-Die Gesellschaft liebt es nicht, dass man seine Stellung wechselt, und
-niemand konnte verstehen, wie sie aus freiem Willen den Sonnenschein des
-Hofes hatte verlassen können. Sie war natürlich „fortgejagt“. Das war
-der Ausdruck: Fortgejagt! Das war die grösste Demütigung, die sie
-erlitten; das war eine Beschimpfung. Sie kam sich wie eine Deklassierte
-vor; sie sah, wie sich Verwandte von ihr zurückzogen, als fürchteten
-sie, die Ungnade werde sie anstecken. Sie sah, wie Freundinnen bei der
-Begegnung kühl wurden und die Begrüssung auf ein Minimum beschränkten.
-
-Andererseits aber wurde sie mit einer rührenden Vertraulichkeit von der
-Mittelklasse aufgenommen, der sie sich von ihrer früheren Höhe näherte.
-Doch verletzte sie deren Freundlichkeit zuerst mehr als die Kälte der
-andern; schliesslich aber fand sie es besser, dort unten die Erste als
-dort oben die Letzte zu sein: Sie ging also zu einer Gruppe von
-Zivilbeamten und Universitätslehrern über, von der sie mit offenen Armen
-empfangen wurde. Bei der abergläubischen Ehrfurcht, welche die
-Mittelklasse vor dem Schloss hat, wurde sie sofort Gegenstand von
-Huldigungen. Sie ward selber General und beeilte sich, eine Truppe zu
-bilden. Eine Reihe junger Gelehrter nahm sofort Sold, und sie begann
-Vorlesungen für Frauen zu veranstalten. Alter akademischer Plunder wurde
-zusammengelesen, abgestaubt und als neue Ware verhökert. In einem
-ausgeräumten Speisesaal wurde über Plato und Aristoteles gelesen vor
-einem Publikum, das natürlich nicht die Schlüssel zu diesem
-Heiligenschrein von Weisheit besass.
-
-Helene fühlte sich der unwissenden Aristokratie überlegen, als sie diese
-Freimaurergeheimnisse eroberte. Diese angebliche Überlegenheit gab ihrem
-Auftreten eine Sicherheit, die imponierte. Die Männer verehrten sie
-wegen ihrer Schönheit und Unnahbarkeit; sie aber empfand nie etwas
-Beunruhigendes in der Gegenwart von Männern. Deren Huldigung nahm sie
-als Tribut hin, den sie der Frau schuldig waren, und eine Achtung vor
-diesen Bedienten, die von ihrem Sitz aufsprangen und sich in Positur
-stellten, wenn sie vorbeikam, konnte sie nicht empfinden.
-
-Aber ihre Stellung als Unverheiratete war auf die Dauer nicht
-befriedigend, und sie sah mit Neid, welche Freiheit die verheirateten
-Frauen genossen. Sie konnten sich frei auf der Strasse bewegen, mit
-jedem Herrn sprechen, abends ausbleiben, solange sie wollten, und immer
-hatten sie den Gatten als Bedienten, der sie abholte. Auch hatte eine
-Frau mehr Rang, mehr Macht. Wie herablassend behandelten doch die
-Matronen alle diese jungen Mädchen. Wenn sie aber ans Heiraten dachte,
-tauchte das Abenteuer mit der Stute wieder auf, und ein Entsetzen
-überkam sie, das sie krank machte.
-
-Als das zweite Arbeitsjahr begann, erschien in Helenes Kreis eine
-Professorenfrau aus Uppsala, die mit ihrer Stellung körperlichen Reiz
-vereinigte. Helenes Stern erbleichte, und alle ihre Anbeter fielen ab,
-um die neue Sonne zu verehren. Da Helene nicht mehr ihren früheren
-gesellschaftlichen Rang besass und der Duft vom Hofe verdunstet war wie
-das Parfüm von einem Taschentuch, wurde sie geschlagen. Der Einzige, der
-ihr treu blieb, war ein Dozent der Ethik, der sich bisher nicht
-vorzudrängen gewagt hatte. Jetzt war seine Zeit gekommen. Seine
-Aufmerksamkeit wurde gut aufgenommen, und seine strenge Ethik flösste
-ihr ein unbegrenztes Vertrauen ein. Da er ihr fleissig den Hof machte,
-fingen die Leute an zu klatschen; daran kehrte sich Helene aber nicht;
-darüber war sie erhaben.
-
-Eines Abends sassen sie in dem ausgeräumten Speisesaal auf ihren
-Rohrstühlen, nachdem der Dozent gegen freie Reise und einen Händedruck
-diesen Vortrag gehalten hatte:
-
- Das ethische Moment in der ehelichen Liebe
- oder
- Die Ehe als Manifestation der absoluten Identität.
-
-– Sie meinen also, fuhr Helene fort, dass die Ehe ein
-Koexistenzverhältnis zwischen zwei identischen Ichs ist?
-
-– Ich meine, wie ich schon die Ehre gehabt habe, in meinem Vortrag
-auszusprechen, dass das Sein nur unter dem Relationsverhältnis zweier
-kongruenter Identitäten in ein Werden von höherer Potenz konfluieren
-kann.
-
-– Was ist ein Werden? fragte Helene und errötete.
-
-– Das ist die Postexistenz zweier Vitalitäten in einem neuen Ich.
-
-– Was? Sie meinen, dass die Kontinuität des Ich, die durch die
-Kohabitation zweier analoger Sein sich notwendig in einem Werden
-inkorporieren wird ...
-
-– Nein, mein Fräulein, ich wollte nur sagen, dass die Ehe, um die
-profane Sprache zu benutzen, nur unter der Kompatibilität der Seelen ein
-neues geistiges Ich durch Reciprocität erzeugen wird, das nicht als
-Sexus differentiiert werden kann. Ich will sagen, dass das neue Wesen,
-das in der Ehe geboren wird, ein Konglomerat von Mann und Frau sein
-wird; ein neues Wesen, in dem beide ihre Persönlichkeit aufgegeben
-haben, eine Einheit in der Vielheit, ein, um einen bekannten Ausdruck zu
-gebrauchen, ein homme-femme. Der Mann wird aufhören Mann zu sein und das
-Weib Weib zu sein.
-
-– Das ist die Verbindung der Seelen! rief Helene aus, froh an den
-schweren Klippen vorbei gekreuzt zu haben.
-
-– Das ist die Harmonie der Seelen, von der Plato spricht. Das ist die
-wahre Ehe, so wie ich sie geträumt habe, die ich aber leider, hm, unter
-dieser Form kaum verwirklicht sehen werde. Hm!
-
-Helene sah nach der Decke hinauf und sagte flüsternd:
-
-– Warum sollten Sie nicht, als ein Elitegeist, diesen Traum verwirklicht
-sehen?
-
-– Weil die, welche meine Seele anzieht, nicht an die, hm, Liebe glaubt.
-
-– Das ist ja noch nicht entschieden.
-
-– Wenn sie es täte, würde sie immer von dem Verdacht gequält werden, das
-Gefühl sei nicht aufrichtig. Übrigens, es gibt keine Frau, die mich
-lieben würde. Keine!
-
-– Doch, sagte Helene und sah ihm in sein Emailauge. (Er hatte nämlich
-ein Emailauge, das sehr gut gemacht war.)
-
-– Sind Sie davon überzeugt?
-
-– Ja, sagte Helene. Denn Sie sind nicht wie andere Männer! Sie
-verstehen, was die Liebe der Seelen ist! Der Seelen!
-
-– Wenn es die Frau gäbe, würde ich doch keine Ehe mit ihr schliessen.
-
-– Warum nicht?
-
-– Im selben Zimmer hausen!
-
-– Das ist nicht notwendig! Frau von Staël wohnte nur in derselben
-Wohnung wie ihr Mann.
-
-– Wirklich?
-
-– Was ist das für ein interessantes Gespräch, in das sich die
-Herrschaften vertiefen? fragte die Professorin, die in diesem Augenblick
-aus dem Salon trat.
-
-– Wir sprachen von Laokoon, antwortete Helene und stand auf, verletzt
-von dem überlegenen Ton, den die Professorin anschlug. Und damit war ihr
-Entschluss gefasst.
-
-Acht Tage später wurde die Verlobung zwischen dem Dozenten und Helene
-verkündigt. Sie wollten im Herbst heiraten und sich in Uppsala
-niederlassen.
-
- * * * * *
-
-Man hatte dem Dozenten der Ethik ein glänzendes Bankett gegeben, um
-seinen Abschied vom Junggesellenleben zu feiern. Es war unerhört
-getrunken werden, und der einzige Künstler der Stadt, der Zeichenlehrer
-an der Domschule, hatte in gewaltigen Kartons das bisherige
-Geschlechtsleben des Opfers historisch geschildert. Das war der
-Glanzpunkt des Festes. Die Ethik war ein Lehrstoff und eine Milchkuh wie
-viele andere, aber für das bürgerliche und private Leben hatte sie keine
-Bedeutung. Der Dozent war kein Heiliger gewesen, sondern hatte wie alle
-andern seine Abenteuer hinter sich; die waren allgemein bekannt, weil er
-keine Veranlassung gehabt, sie geheim zu halten. Mit ungezwungenem
-Lächeln sah er daher zu, wie sie, in Kohle und Farbe dargestellt, sich
-abrollten, von lustigen Versen begleitet. Als jedoch zuletzt seine
-nahende Seligkeit in einfachen aber kräftigen Zügen geschildert wurde,
-fühlte er sich tief verlegen, und wie ein Blitz durchfuhr es sein
-Gehirn: Wenn Helene das sähe!
-
-Nach dem Bankett, auf dem er nach alter ehrlicher Sitte acht Glas
-Branntwein getrunken hatte, war er so berauscht, dass sich seine
-Befürchtungen in vertraulichen Mitteilungen äusserten. Unter den
-Gastgebern war auch ein verheirateter Mann, und an den wendete sich der
-Verbrecher, um Rat und Auskunft einzuholen. Da sie alle beide betrunken
-waren, wählten sie als geheimen Ort der Beratung zwei Stühle, die mitten
-im Saal unter dem Kronleuchter standen. Sie waren denn auch bald von
-einer lauschenden Menge umringt.
-
-– Hör mal! Du bist ein verheirateter Mann, begann der Dozent und schrie
-möglichst laut, um, wie er glaubte, von den Umstehenden nicht gehört zu
-werden. Du musst mir ein Wort sagen, aber nur eins, denn ich bin heute
-abend ausserordentlich empfindlich, besonders in dieser Frage.
-
-– Ich will dir, Bruder, nur ein Wort sagen, nur eins, schrie der Freund
-und legte seinen Arm um den Hals des andern, um zu flüstern; dann fuhr
-er laut schreiend fort: Jede Handlung, hoc est jeder Actus, zerfällt in
-drei Momente, mein Bruder, Progressus, Culmen, Regressus. Über den
-Progressus will ich sprechen, vom Culmen spricht man nicht. Ja, siehst
-du, die Initiative, um sie so zu nennen, die kommt dem Mann zu, die ist
-dein Teil! Du musst also die Initiative ergreifen, du musst
-einschreiten, verstehst du!
-
-– Wenn aber die andere Partei die Initiative nicht billigt?
-
-Der Freund sah den Novizen verdutzt an; stand auf und kehrte ihm mit
-einem verächtlichen Blick den Rücken.
-
-– Narr! sagte er.
-
-– Danke! war alles, was der dankbare Schüler antworten konnte.
-
-Jetzt war ihm die Sache klar.
-
-Am nächsten Tage hatte er Feuer im Leib von all den starken Getränken,
-die er vertilgt; er ging hin und nahm ein warmes Bad, denn er sollte
-sich am dritten Tag verheiraten.
-
- * * * * *
-
-Die Hochzeitsgäste waren gegangen, die Dienstboten hatten im Esssaal
-abgedeckt, sie waren allein.
-
-Helene war verhältnismässig ruhig, er aber war recht nervös. Ihre
-Verlobungszeit war in ernsten Gesprächen hingegangen; nie waren sie wie
-andere Verlobte gewesen, hatten einander nicht umarmt, einander nicht
-geküsst. Jedes Mal, wenn er sich ihr hatte nähern wollen, hatten Helenes
-kalte Blicke ihn entwaffnet. Aber er liebte sie, wie ein Mann eine Frau
-liebt: sowohl körperlich wie seelisch.
-
-Sie gingen auf dem Teppich des Salons auf und ab und suchten nach einem
-Gesprächsstoff. Aber ein eigensinniges Schweigen herrschte. Die Lichter
-der Krone waren niedergebrannt, und das Stearin tropfte in langen
-Tropfen über die Manschetten. Das Zimmer war von dem Geruch der Speisen
-und den Dünsten der Weine erfüllt, und auf dem Spiegeltisch lag das
-Bukett Helenes und sandte betäubende Düfte von Nelke und Heliotrop aus.
-
-Schliesslich blieb er vor ihr stehen, streckte die Arme aus und sagte in
-gekünsteltem Ton, der ungezwungen klingen sollte:
-
-– Und jetzt bist du mein Weib!
-
-– Was willst du damit sagen? war Helenes schroffe Antwort.
-
-Er wurde ganz entwaffnet und liess die Arme sinken. Dann aber ermannte
-er sich und sagte mit verlegenem Lächeln:
-
-– Ich will damit sagen, dass wir Mann und Weib sind.
-
-Helene sah ihn an, als sei er berauscht, und antwortete:
-
-– Erkläre dich!
-
-Das konnte er eben nicht. Alle Hilfsmittel der Philosophie und der Ethik
-versagten; er stand einer kalten und höchst unangenehmen Wirklichkeit
-gegenüber.
-
-Sie ist schamhaft, dachte er; das ist ihr Recht, aber ich muss
-einschreiten und meine Pflicht tun.
-
-– Hast du mich missverstanden? fragte Helene und die Stimme zitterte
-ihr.
-
-– Nein, gewiss nicht, aber, liebes Kind, hm, wir, hm ...
-
-– Was ist das für eine Sprache? „Liebes Kind?“ Für was hältst du mich?
-Und was sind deine Absichten? Albert, Albert! fuhr sie fort, ohne eine
-Antwort abzuwarten, die sie nicht haben wollte. Sei gross, sei edel, und
-lerne im Weibe etwas Höheres sehen als nur ein Weib! Tue das und du
-wirst glücklich und gross werden!
-
-Albert war besiegt! Von Scham vernichtet und zornig auf den falschen
-Freund, der ihm einen schlechten Rat gegeben, fiel er auf seine Kniee
-und stammelte:
-
-– Verzeih, Helene! Du bist edler als ich, reiner, besser, du bist eine
-bessere Natur, und du wirst mich erheben, wenn ich in die Materie
-versinken will!
-
-– Steh auf und sei stark, Albert, sagte Helene mit dem Tonfall einer
-Prophetin; geh in Frieden und zeig der Welt, dass die Liebe etwas
-anderes ist, als die niedrige tierische Begierde. Gute Nacht!
-
-Albert stand auf und sah unschlüssig seiner Frau nach, wie sie in ihr
-Zimmer ging und die Tür hinter sich schloss.
-
-Von den reinsten Gefühlen und edelsten Absichten erfüllt, ging Albert
-ebenfalls in sein Zimmer. Er warf den Frack ab und steckte eine Zigarre
-an. Es war ein Junggesellenzimmer, das er sich eingerichtet hatte. Ein
-Bettsofa, ein Schreibtisch, einige Büchergestelle, eine Waschtoilette.
-
-Als er sich ausgekleidet hatte, rieb er sich mit dem nassen Handtuch
-kalt ab. Dann legte er sich auf sein Sofa und schlug die Abendzeitung
-auf. Während er seine Zigarre rauchte, wollte er lesen. Er las einen
-Artikel über Schutzzoll. Nachdem er durch diese Lektüre seine Gedanken
-in ihren normalen Lauf zurückgeführt hatte, begann er über seine
-Stellung nachzudenken.
-
-War er verheiratet oder war er ein Junggeselle? Er war Junggeselle wie
-vorher, nur mit dem Unterschied, dass er einen weiblichen Pensionär
-hatte, der aber nicht für sich bezahlte. Der Gedanke war unangenehm,
-aber er sagte die Wahrheit. Die Köchin besorgte den Haushalt und das
-Hausmädchen räumte die Zimmer auf. Was sollte Helene denn tun? Sich
-entwickeln! Ach, das ist ja Unsinn, dachte er, und er fand sich
-lächerlich. Aber, dachte er, wenn der Freund recht hätte, wenn es nur
-die gewöhnliche alberne Art der Frauen war? Sie konnte nicht gut zu ihm
-kommen, also musste er wohl zu ihr gehen. Ging er nicht, so würde sie
-ihn morgen vielleicht auslachen, ja, was schlimmer war, sich verletzt
-fühlen. Ja, ja, die Frauen sind unbegreiflich, und der Versuch muss
-gemacht werden.
-
-Er sprang auf, warf den Schlafrock über und ging in den Salon. Mit
-zitternden Knieen lauschte er, ob ein Laut aus Helenes Zimmer zu hören
-sei.
-
-Nichts! Da fasste er sich ein Herz und trat an die Tür. Blaue Blitze
-funkelten ihm vor den Augen, als er klopfte.
-
-Keine Antwort. Er zitterte am ganzen Körper und der Schweiss rann ihm
-über die Stirn.
-
-Darauf klopfte er noch ein Mal, und mit einer Fistelstimme, wie sein
-trockener Mund sie nur hervorbringen konnte, sagte er:
-
-– Ich bin es nur!
-
-Keine Antwort! Da überkam ihn die Scham, und er kehrte wieder in sein
-Zimmer zurück, verdutzt und abgekühlt.
-
-Es war also Ernst!
-
-Er kroch ins Bett und griff wieder zu der Zeitung.
-
-Lange hatte er noch nicht gelesen, als er unten auf der Strasse Schritte
-hörte, die allmählich langsamer wurden und schliesslich verstummten.
-Dann erklangen leise musikalische Laute, und ein Doppelquartett begann:
-
-– Integer vitae scelerisque purus ...
-
-Er fühlte sich gerührt! Das war schön! Purus! Er fühlte sich über die
-Materie erhoben. Im Zeitgeist also lag diese Mahnung, höhere Forderungen
-an die Ehe zu stellen; die Jugend war von dem ethischen Strom, der die
-Epoche durchdrang, ergriffen worden ...
-
-– Nec venenatis ...
-
-Wenn Helene geöffnet hätte!
-
-Er nickte leise den Takt und fühlte sich so gross, so edel, wie Helene
-ihn hatte haben wollen.
-
-– Fusce pharetra!
-
-Sollte er das Fenster öffnen und der studierenden Jugend im Namen seiner
-Gattin danken.
-
-Er stand auf!
-
-Ein vierfaches schallendes Hohngelächter schmetterte gegen die
-Fensterscheiben, gerade als er die Schnur der Rollgardine ziehen wollte.
-
-Ja, wirklich, man lachte!
-
-Ausser sich taumelte er ins Zimmer zurück und stiess gegen den
-Schreibtisch. Er war lächerlich. Ein leiser Hass gegen die Frau, die
-diese demütigende Szene verschuldet, begann in ihm zu keimen, aber seine
-Liebe sprach sie wieder frei. Dann warf er sich über die schelmischen
-Spassvögel, die er vor den Senat bringen wollte. Doch immer kam er auf
-sich selber zurück, und er war wütend, dass er sich hatte nasführen
-lassen.
-
-Bis gegen Morgen ging er im Zimmer auf und ab, dann fiel er auf sein
-Bett und schlief ein, in bitterer Trauer über ein solches Ende seines
-Hochzeitstages, des schönsten Tages seines Lebens, der auch der seligste
-hätte werden sollen.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Tage traf er Helene am Kaffeetisch. Sie war kalt und vornehm
-wie gewöhnlich. Albert wollte sich natürlich von der Serenade nichts
-merken lassen. Helene sprach von grossen Plänen für die Zukunft,
-besonders über die Aufhebung der Prostitution. Albert war
-entgegenkommend und versprach, zu tun, was in seiner Macht stehe. Die
-Menschen müssten keusch werden, denn nur die Tiere seien unkeusch.
-
-Dann ging er in seine Vorlesung. Da er durch die Serenade misstrauisch
-geworden war, glaubte er beim Auditorium allerlei Mienenspiel zu
-bemerken, und die Kollegen schienen ihm auf eine Art zu gratulieren, die
-ihn kränkte.
-
-Ein grosser, fetter, lebensfreudiger Kollege stellte sich ihm im Flur
-der Bibliothek in den Weg, packte ihn beim Kragen und fragte mit
-kolossalem Grinsen:
-
-– Nun?
-
-– Schäme dich! war das einzige, was er antworten konnte, indem er sich
-losriss und auf der Treppe verschwand.
-
-Als er nach Haus kam, war das Heim voll von Freundinnen. Frauenröcke
-schlugen Albert um die Beine, und als er sich in einen Sessel setzte,
-verschwand er hinter Frauenkleidern.
-
-– Sie hatten ja ein Ständchen gestern abend, sagte die Professorin.
-
-Albert erblasste, aber Helene nahm das Wort:
-
-– Das war ja nicht zu viel, aber sie hätten wenigstens nüchtern sein
-können. Diese Trunksucht unter der studierenden Jugend ist doch ganz
-fürchterlich.
-
-– Was haben sie denn gesungen? fuhr die Professorin fort.
-
-– Es waren die gewöhnlichen Lieder: „Mein Leben ein Meer“ und andere,
-sagte Helene.
-
-Albert sah sie erstaunt an, musste sie aber bewundern.
-
-Der Tag verging unter Geschwätz und Erörterungen. Albert empfand ein
-gewisses Gefühl von Müdigkeit. Nach der Arbeit des Tages einige
-Abendstunden mit Frauen plaudern, war ja ganz angenehm; dies war aber zu
-viel. Und dann musste er zu allem ja sagen. Machte er einen Versuch, zu
-widersprechen, wurde er sofort zurechtgewiesen.
-
-Es wurde Abend, und man musste schlafen gehen. Die Gatten sagten sich
-gute Nacht, und jeder ging in sein Zimmer.
-
-Wieder begannen Zweifel und Unruhe ihn anzufechten. Er glaubte einen
-zärtlichen Blick bei Helene bemerkt zu haben, und er war nicht ganz
-sicher, ob sie ihm nicht die Hand gedrückt. Dann steckte er eine Zigarre
-an und nahm die Zeitung. Fing er nur an von der Wirklichkeit zu lesen,
-so schienen ihm die Augen aufzugehen.
-
-– Verrückt, sagte er halblaut, indem er die Zeitung hinwarf.
-
-Er zog den Schlafrock an und ging in den Salon.
-
-Er hörte, dass sich in Helenes Zimmer etwas rührte.
-
-Er klopfte.
-
-– Sind Sie es, Luise? wurde von innen gerufen.
-
-– Nein, ich bins nur, flüsterte er, halb den Atem im Halse.
-
-– Was ist? Was willst du?
-
-– Ich möchte mit dir sprechen, Helene, antwortete er beinahe bewusstlos.
-
-Der Schlüssel im Schloss wurde umgedreht. Albert traute seinen Ohren
-nicht. Die Tür wurde geöffnet.
-
-Helene stand da, noch angekleidet.
-
-– Was willst du? fragte sie. Da aber sah sie, dass er nur den Schlafrock
-anhatte und dass seine Augen seltsam glänzten.
-
-Mit ausgestrecktem Arm schob sie ihn zurück und schlug die Tür zu.
-
-Er hörte einen Körper zu Boden fallen und gleich darauf ein lautes
-Weinen.
-
-Wütend, aber beschämt, kehrte er in sein Zimmer zurück. Es war also
-ernst! Aber das war bestimmt nicht normal!
-
-Er durchwachte die Nacht unter Grübeleien, und am Morgen musste er
-allein Kaffee trinken.
-
-Als er mittags nach Haus kam, empfing Helene ihn mit einer schmerzlichen
-und ergebenen Miene:
-
-– Warum hast du mir das getan? sagte sie.
-
-Er bat um Verzeihung, aber recht kurz. Dann reute seine Kürze ihn und er
-gab klein bei.
-
-So war sein eheliches Leben ein halbes Jahr lang. Zwischen Zweifel, Wut,
-Liebe wurde er hin und her geworfen, blieb aber immer an der Kette.
-
-Sein Gesicht wurde grau, und seine Augen erloschen. Er war oft
-schlechter Laune, und unter einem kalten Äussern siedete stets eine
-dumpfe Wut.
-
-Helene fand ihn verändert und despotisch, weil er zu opponieren anfing
-und oft die Sitzungen verliess, um ausser dem Haus Verkehr zu suchen.
-
-Eines Tages wurde er aufgefordert, sich um eine Professur zu bewerben.
-Da er seine Mitbewerber für überlegen hielt, machte er keinen Versuch,
-aber Helene bestürmte ihn so lange, bis er die Bedingungen erfüllte. Er
-wurde gewählt. Warum, wusste er nicht, aber Helene wusste es.
-
-Um dieselbe Zeit sollte ein Reichstagsabgeordneter gewählt werden. Der
-neue Professor, der nie davon geträumt hatte, an öffentlichen
-Angelegenheiten teilzunehmen, war ganz bestürzt, als er sich als
-Kandidat aufgestellt sah. Noch mehr bestürzt war er, als er gewählt
-wurde. Er dachte abzulehnen, aber Helenes Vorstellungen, wie schön es
-sei, die Kleinstadt gegen die Hauptstadt vertauschen zu können,
-veranlassten ihn, die Wahl anzunehmen.
-
-Sie zogen also nach Stockholm.
-
-Während dieses halben Jahres hatte der neue Professor und
-Reichstagsabgeordnete in der Welt der Junggesellen die neuen Ideen
-kennen gelernt, die von England kamen und die alte Gesellschafts- und
-Moral-Lehre umschaffen wollten. Dabei fühlte er, dass der Augenblick
-kommen werde, in dem er mit seiner „Pensionärin“ brechen müsse. In
-Stockholm, wo neue Geister ihm Mut machten, diese Lehren, die er
-innerlich schon anerkannt, auch zu bekennen, lebte er auf.
-
-Helene dagegen witterte Konjunktur im Gegenstrom und warf sich auf die
-kirchliche Seite. Da aber wurde es Albert zu viel, und er bäumte sich
-auf. Seine Liebe war erkaltet, und er hielt sich „ausser dem Hause“
-schadlos. Seiner Frau glaubte er dadurch nicht untreu zu werden, denn
-sie hatte in einem Verhältnis, das gar nicht existierte, niemals Treue
-verlangt.
-
-Durch den Verkehr mit dem andern Geschlecht erwachte das Gefühl seiner
-Männlichkeit, und bald sah er den Zustand der Erniedrigung, in dem er
-lebte, ein.
-
-Helene merkte, wie er sich von ihr löste. Ihr Zusammenleben wurde
-ungemütlich, und jeden Augenblick war eine Katastrophe zu erwarten.
-
-Es war nicht mehr lange bis zur Eröffnung des Reichstages. Helene sah
-unruhig aus und schien ihren Sinn geändert zu haben. Ihr Tonfall war
-weicher als früher, und ihr schien daran zu liegen, ihm alles recht zu
-machen. Sie sorgte dafür, dass die Dienstmädchen das Haus in Ordnung
-hielten und dass das Essen pünktlich auf den Tisch kam.
-
-Er wurde misstrauisch und wunderte sich, beobachtete sie und hielt sich
-bereit auf das, was kommen sollte.
-
-Eines Morgens beim Kaffee sah Helene verlegener als gewöhnlich aus. Sie
-zupfte an der Serviette und hustete einige Male leise und trocken.
-Schliesslich fasste sie sich ein Herz und rückte mit ihrem Anliegen
-heraus.
-
-– Albert, begann sie, du wirst doch mir und der Sache, der ich diene,
-einen Dienst tun?
-
-– Was ist das für eine Sache? fragte er kurz und trocken, denn jetzt
-hatte er die Oberhand.
-
-– Du wirst doch etwas für das unterdrückte Weib tun? Nicht wahr?
-
-– Wo ist das unterdrückte Weib?
-
-– Was, du hast unsere grosse Sache verlassen? Du lässt uns im Stich?
-
-– Was ist das für eine Sache?
-
-– Die Frauenfrage!
-
-– Die kenne ich nicht.
-
-– Die kennst du nicht? O! Du! Ist nicht die Frau aus dem Volke in einer
-ganz bedrückten Lage?
-
-– Nein, ich kann nicht sehen, dass sie sich in einer schlimmeren Lage
-befindet als der Mann aus dem Volke. Befreie ihn von seinen Ausbeutern,
-und sein Weib wird auch befreit sein.
-
-– Aber die Unglücklichen, die sich verkaufen müssen ... und die elenden
-Männer ...
-
-– Die so elend sind, dass sie bezahlen! Hat sich je ein Mann für ein
-Vergnügen, das beide geniessen, bezahlen lassen?
-
-– Darum handelt es sich nicht! Es handelt sich vielmehr darum, ob das
-Gesetz nicht ungerecht ist, da es die eine aber nicht den andern
-bestraft.
-
-– Das ist keine Ungerechtigkeit. Die eine hat sich zu einer Quelle der
-Ansteckung erniedrigt, deshalb behandelt der Staat sie wie einen tollen
-Hund. Wenn du einen Mann triffst, der sich so tief erniedrigt, gut, dann
-stelle ihn auch unter polizeiliche Aufsicht. Ach, ihr reinen Engel, die
-ihr den Mann als ein unreineres Tier verachtet! Was willst du von mir?
-Was soll ich tun?
-
-Er sah, dass sie ein Schriftstück in der Hand hatte, das sie vom Büfett
-genommen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm er es ihr fort und las.
-
-– Einen Antrag für den Reichstag! Ich soll der Strohmann sein und diesen
-Antrag einbringen! Ist das moralisch? Hältst du das, streng genommen,
-für ehrlich?
-
-Helene erhob sich, brach in Tränen aus und warf sich auf das Sofa.
-
-Er stand auf und näherte sich ihr. Er nahm ihre Hand, um den Puls zu
-untersuchen und nachzusehen, ob ihr Anfall irgendwie gefährlich sei. Sie
-ergriff konvulsivisch seine Hand und drückte sie gegen ihre Brust.
-
-– Geh nicht von mir, schluchzte sie; verlass mich nicht, sondern bleib
-und lass mich an dich glauben.
-
-Zum ersten Mal sah er einen Ausbruch ihrer Gefühle. Dieser feine Körper,
-den er bewundert und geliebt hatte, konnte also Leben bekommen. Es
-rollte also warmes Blut in diesen Adern! Blut, das Tränen destillieren
-konnte. Er streichelte ihre Stirn.
-
-– O, sagte sie, es ist schön, wenn du mich so streichelst. O, Albert, so
-müsste es immer sein!
-
-– Ja, antwortete er, warum ist es nicht so gewesen? Warum nicht?
-
-Helene schlug die Augen nieder und wiederholte nur:
-
-– Warum nicht?
-
-Ihre Hand blieb in seiner, und er fühlte, wie eine schöne Wärme von dem
-sammetweichen Glied ausging; alle seine alten Gefühle für sie flammten
-wieder auf, jetzt aber nicht mehr ohne Hoffnung.
-
-Schliesslich erhob sie sich.
-
-– Verachte mich nicht, sagte sie; hörst du, verachte mich nicht.
-
-Und sie ging in ihr Zimmer.
-
-Was ist das? fragte Albert sich, als er in die Stadt ging. Macht sie
-eine Krisis durch? Beginnt ihr Leben als Frau jetzt erst?
-
-Er blieb den ganzen Tag in der Stadt. Ging abends ins Theater. Man gab
-„Die Welt, in der man sich langweilt“. Wurde er böse, als er die
-platonische Liebe, die Verbindung der Seelen, entlarvt und belächelt
-sah? Nein, er wurde durchaus nicht böse. Es war ihm, als werde ein
-Schleier aus feingewebten Lügen von seinem guten Verstand fort gezogen;
-er lächelte über das liebenswürdige Tier, das seinen Kopf unter den
-Kartonflügeln der Theaterengel hervorsteckte; er lächelte beinahe Tränen
-über seinen langen, langen Selbstbetrug; er lachte über seine Torheit.
-Welche Fäulnis lag doch hinter dieser lügnerischen Moral, dieser
-wahnsinnigen Sucht, sich von der gesunden Natur emanzipieren zu wollen;
-die asketischen Lehren des Idealismus und des Christentums hatten diesen
-Keim dem neunzehnten Jahrhundert eingepflanzt.
-
-Wie er sich schämte! Dass er sich so lange hatte dupieren lassen!
-
-Als er nach Haus kam, sah er noch Licht in Helenes Zimmer. Er ging so
-leise, wie er konnte, an ihrer Tür vorbei. Drinnen wurde gehustet.
-
-Er ging in sein Zimmer und legte sich zu Bett. Las seine Zeitung und
-rauchte seine Zigarre. Er hatte sich gerade in einen Artikel über die
-Wehrpflicht vertieft, als plötzlich die Tür von Helenes Kammer aufgeht
-und Schritte und Geschrei im Salon zu hören sind. Er springt auf, um
-nachzusehen, was es gibt, im Glauben, Feuer sei ausgebrochen.
-
-Im Salon steht Helene, im Nachtkleid. Als sie ihren Mann erblickt,
-schreit sie auf und eilt bis an ihr Zimmer zurück; dort bleibt sie
-stehen, den Kopf vorgestreckt.
-
-– Verzeih, Albert! Du bist es, ich wusste nicht, dass du noch auf warst,
-und glaubte, es seien Diebe! Verzeih!
-
-Und die Tür schliesst sich.
-
-Was bedeutete das? Liebte sie ihn?
-
-Er ging in sein Zimmer und trat vor den Spiegel. Konnte eine Frau ihn
-lieben? Er war ja hässlich! Aber die Seelen lieben einander, und so
-mancher hässliche Mann hatte eine schöne Frau bekommen. Dann aber war
-der Mann fast immer reich und mächtig gewesen!
-
-Sollte Helene ihre falsche Stellung eingesehen haben? Oder hatte sie
-gemerkt, dass er sie verlassen wollte, und hatte sie die Absicht, ihn
-wieder zu erobern?
-
-Am nächsten Morgen, als sie sich beim Kaffeetisch trafen, war Helene
-überaus sanft. Der Professor bemerkte, dass sie einen neuen Morgenrock
-trug, der mit Spitzen besetzt war und ihre Schönheit bedeutend hob.
-
-Als er sich Zucker nehmen wollte, trafen sich ihre Hände zufällig.
-
-– Verzeih, lieber Mann, sagte sie mit einer Miene, die er noch nie
-gesehen hatte und die an ein junges Mädchen erinnerte.
-
-Sie sprachen über gleichgültige Dinge.
-
-Am Vormittag wurde der Reichstag eröffnet.
-
-Helene blieb bei ihrer nachgiebigen Art und wurde von Tag zu Tag
-gefühlvoller.
-
-Die Frist, in der Anträge eingebracht werden mussten, ging zu Ende.
-
-Der Professor kam eines Abends, nachdem er im Klub gewesen, ungewöhnlich
-aufgeräumt nach Haus. Er ging in sein Zimmer und legte sich wie
-gewöhnlich mit seiner Zigarre und seiner Zeitung zu Bett. Nach einer
-Weile hörte er, wie Helenes Tür geöffnet wurde. Dann blieb es einige
-Minuten still. Schliesslich klopfte es an seine Tür.
-
-– Wer ist da? rief er.
-
-– Ich bin es, Albert! Zieh dich an und komm heraus, ich muss mit dir
-sprechen.
-
-Er zog sich an und kam in den Salon. Helene hatte einen Kronleuchter
-angesteckt und sass auf dem Sofa, in ihren Spitzenmorgenrock gekleidet.
-
-– Verzeih mir, sagte sie, aber ich konnte nicht schlafen. Mein Kopf ist
-so sonderbar. Setz dich her und sprich mit mir.
-
-– Du bist nervös, mein Kind, sagte Albert und nahm ihre Hand. Du musst
-ein Glas Wein trinken.
-
-Er ging in den Esssaal und holte eine Karaffe voll Wein und zwei Gläser.
-
-– Auf dein Wohl, Geliebte, sagte er.
-
-Helene trank, und ihre Wangen fingen Feuer.
-
-– Was ist dir? fragte er und legte seinen Arm um ihren Leib. Du fühlst
-dich unharmonisch?
-
-– Ja, ich bin nicht glücklich!
-
-Er hörte wohl, dass die Worte trocken und gesucht kamen, aber seine
-Leidenschaft war geweckt, und ihm war alles recht.
-
-– Weisst du, warum du unglücklich bist? fragte er.
-
-– Nein, das ist mir selber nicht klar. Aber eins weiss ich: dass ich
-dich liebe.
-
-Albert nahm sie in seine Arme, drückte sie an sich und küsste ihr
-Gesicht.
-
-– Bist du mein Weib oder bist du es nicht? flüsterte er.
-
-– Ich bin dein Weib, hauchte Helene, und ihr Körper fiel zusammen, als
-seien alle Nerven zersprungen.
-
-– Ganz und gar? flüsterte er, während er sie mit seinen Küssen
-paralysierte.
-
-– Ganz und gar, ächzte sie, während sich ihr Körper in unbewussten
-Konvulsionen wand, als wolle sie sich im Traum gegen eine Gefahr wehren.
-
- * * * * *
-
-Als Albert am nächsten Morgen erwachte, erwachte er klar, ausgeschlafen,
-bei vollem Bewusstsein. Seine Gedanken waren stark und bestimmt wie nach
-einem guten tiefen Schlaf. Das Ereignis des gestrigen Tages stand ihm
-lebendig vor Augen. Der wahre Sachverhalt trat vor, unbestechlich,
-nüchtern, bestimmt.
-
-Sie hatte sich verkauft!
-
-Gegen drei Uhr hatte er, berauscht, blind, wahnsinnig, wie er war,
-versprochen, ihren Antrag im Reichstag einzubringen.
-
-Und der Preis! Ruhig, kalt, unbeweglich hatte sie ihn empfangen.
-
-Wer war die erste Frau, die erfand, das sie ihre Gunst verkaufen kann?
-Und welche Frau entdeckte, dass der Mann kaufen will? Diese Frau hat die
-Ehe und die Prostitution gestiftet. Und man behauptete, Gott habe die
-Ehe gestiftet!
-
-Er sah seine Erniedrigung und ihre! Sie wollte über ihre Freundinnen
-triumphieren, dass sie die erste Frau sei, die in die Gesetzgebung
-eingegriffen; um diesen Triumph zu erreichen, hatte sie sich verkauft.
-
-Aber er wollte sie entlarven. Er wollte ihr zeigen, wer sie war. Er
-wollte ihr sagen, die Prostitution könne nicht abgeschafft werden,
-solange die Frau ihren Vorteil dabei finde, sich zu verkaufen.
-
-Und mit dem Entschluss kleidete er sich an.
-
-Als er in den Esssaal kam, musste er eine Weile warten. Er dachte sich
-aus, was folgen würde, und ermannte sich, ihr zu begegnen.
-
-Dann kam sie! Ruhig, lächelnd, triumphierend; aber schöner, als er sie
-je gesehen. Ein dunkles Feuer brannte in ihrem Auge, und er, der
-erwartet, sie werde wie eine Neuvermählte die Blicke niederschlagen und
-erröten, war vernichtet. Sie, sie spielte die siegreiche Verführerin und
-er war der schüchterne Verführte.
-
-Die Worte, die er hatte sagen wollen, kamen nicht über seine Lippen; er
-stand auf, besiegt, ging ihr demütig entgegen und küsste ihr die Hand.
-
-Sie konversierte wie gewöhnlich, ohne anzudeuten, dass ein neues Moment
-in ihr Leben eingetreten war.
-
-Als er dann ihr Schriftstück in den Reichstag trug, raste er innerlich,
-aber der Gedanke an die künftige Seligkeit beruhigte ihn wieder.
-
-Als er dann abends ganz kühn an Helenes Tür klopfte, war sie
-verschlossen.
-
-Sie blieb drei Wochen geschlossen. Wie ein Hund kroch er vor ihr,
-gehorchte jedem Wink von ihr, tat alles, was sie wünschte, vergebens.
-
-Da brach seine Empörung los, und er sagte ihr alles. Sie antwortete
-scharf. Als sie aber sah, dass sie zu weit gegangen war, dass er seine
-Kette abfeilte, ergab sie sich ihm.
-
-Und er trug seine Kette. Er biss in sie, er riss an ihr, aber sie hielt.
-
-Bald lernte sie, wie weit sie gehen durfte, und wenn es ihm zuviel zu
-werden schien, gab sie nach.
-
-Er bekam eine fanatische Sehnsucht, sie als Mutter zu sehen. Das wird
-sie vielleicht zum Weib machen, dachte er; das wird die gesunde Natur
-hervorlocken.
-
-Aber sie wurde nicht Mutter.
-
-Hatte der Ehrgeiz, der selbstsüchtige Brand des Individuums, die Quelle
-des Lebens verzehrt? Das konnte er nicht wissen.
-
-Eines Tages teilte sie ihm mit, sie müsse auf einige Tage zu Verwandten
-reisen.
-
-Als Albert abends nach ihrer Abreise heimkehrte und das Haus leer sah,
-überfiel ihn ein grausames Gefühl der Leere, der Sehnsucht. Jetzt wurde
-ihm klar, wie sein ganzes Wesen von Liebe zu ihr durchwebt war. Die
-Zimmer waren öde; es war wie nach einem Begräbnis.
-
-Ihr Platz am Tisch war leer, und er ass beinahe nichts.
-
-Nach dem Abendbrot steckte er die Krone im Salon an. Er setzte sich auf
-ihren gewöhnlichen Platz ins Sofa; er nahm ihre zurückgelassene
-Handarbeit – eine Kinderjacke, für ein unbekanntes Kind in einer
-neugegründeten Kinderkrippe bestimmt. Da sass noch die Nadel. Er stach
-sich damit in den Finger, als wolle er fühlen, wie süss der Schmerz sei.
-
-Darauf steckte er ein Licht an und ging in ihr Schlafzimmer. Er hielt
-die Hand vors Licht, als er eintrat, wie wenn er ein Verbrechen begehe.
-Aber der Raum glich nicht dem Schlafzimmer einer Frau. Ein schmales Bett
-ohne Umhang. Ein Sekretär, ein Büchergestell, ein Nachttisch, ein Sofa.
-Ganz wie in seinem Zimmer. Kein Toilettentisch, nur ein kleiner
-Wandspiegel.
-
-Dort hing ihr Kleid. Er sah, wie die dicke durchwirkte Serge die Formen
-ihres Körpers abgedrückt hatte. Er fuhr mit der Hand über den Stoff und
-legte sein Gesicht an die Halskrause; dann schlang er den Arm um die
-Taille, aber das Kleid fiel wie ein Schemen zusammen.
-
-– Und man sagt, die Seele sei ein Geist, dachte er. Aber dann muss sie
-wenigstens ein körperlicher Geist sein.
-
-Er näherte sich dem Bett, als erwarte er, eine Erscheinung zu sehen. Er
-berührte alles, nahm alles in die Hand.
-
-Schliesslich, als habe er etwas gesucht, etwas, das ihm ein Rätsel lösen
-sollte, begann er an den Handgriffen der Sekretärschubladen zu ziehen;
-sie waren alle verschlossen. Dann zog er wie zufällig die Schublade des
-Nachttisches auf. Stiess sie aber schnell wieder zu. Hatte jedoch schon
-den Titel einer Broschüre lesen und den Zweck einiger ungewöhnlicher
-Gegenstände ahnen können.
-
-Das war es also! „Fakultative Sterilität!“ Was für die Unterklasse, der
-man die Existenzmittel genommen, eine Rettung von der Armut sein sollte,
-war das Werkzeug des Egoismus, der letzten Konsequenz des Idealismus,
-geworden. War die Oberklasse degeneriert, da sie sich nicht mehr
-vermehren wollte, oder war sie moralisch verfault? Wohl beides, da sie
-es für unmoralisch hielt, uneheliche Kinder zu gebären, und für niedrig,
-eheliche zu gebären.
-
-Aber er wollte Kinder haben! Er hatte die Existenzmittel dazu, und er
-hielt es sowohl für eine Pflicht wie für einen berechtigten Genuss, sein
-Wesen in ein neues Dasein übergehen zu lassen. Das war des wahren, des
-gesunden Egoismus natürlicher Weg zum Altruismus. Sie aber ging einen
-anderen Weg und arbeitete Jacken für fremde Kinder. War das schöner? Es
-sollte nach etwas aussehen! Aber es war nur die Furcht vor der Last der
-Mutterschaft, und es war billiger und weniger mühsam, auf dem Sofa eines
-Salons eine Jacke zu arbeiten, als das arbeitsreiche Leben einer
-Kinderstube durchzumachen.
-
-Es war eine Schande geworden, Weib zu sein, Geschlecht zu haben, Mutter
-zu werden.
-
-Darin lag es. Arbeiten für den Himmel, für höhere Interessen, für die
-Menschheit, so hiess es; aber für die Eitelkeit, für die Selbstsucht,
-für die Öffentlichkeit, das war es.
-
-Und er hatte sie noch beklagt, er hatte bedauert, dass er über ihre
-Unfruchtbarkeit unwillig gewesen. Er hatte sich einmal die Verachtung
-„guter und rechtschaffener“ Menschen zugezogen, weil er nicht mit der
-Achtung, die man dem Unglück schuldet, von den unfruchtbaren Frauen
-gesprochen: die seien heilig, weil sie von dem grössten Unglück
-getroffen seien, das ein Weib treffen könne.
-
-Und für was arbeitete diese Frau? Für den Fortschritt? Für die Rettung
-der Menschheit?
-
-Nein, gegen den Fortschritt, gegen Freiheit und Aufklärung. Hatte sie
-nicht kürzlich einen neuen Antrag, die Religionsfreiheit zu beschränken,
-niedergeschrieben? Hatte sie nicht eine Broschüre über die
-Zuchtlosigkeit der Dienstboten verfasst? Arbeitete sie nicht für die
-Verschärfung der Militärgesetze? Unterstützte sie nicht die Agitation,
-welche die Mädchen durch dieselbe elende Erziehung, welche die Knaben
-erhalten, verderben will.
-
-Er hasste ihre Seele, denn er hasste ihre Gedanken! Und doch liebte er
-sie? Was liebte er denn bei ihr?
-
-– Wahrscheinlich, antwortete er sich, indem er es nicht unterlassen
-konnte, auf die Philosophie zu kommen, wahrscheinlich, den Keim zu einem
-neuen Wesen, den sie trägt, den sie aber ersticken will!
-
-Was konnte es sonst sein?
-
-Was aber liebte sie an ihm? Seinen Titel, seine Stellung, seine Macht!
-
-Und mit diesen alten Menschen sollte man an dem Aufbau der neuen
-Gesellschaft arbeiten!
-
-Er wollte ihr all das sagen, wenn sie nach Haus kam; aber er wusste,
-dass er es nicht tun werde. Er wusste, dass er vor ihr kriechen und um
-ihre Gunst betteln werde; dass er ihr Sklave bleiben und immer wieder
-seine Seele verkaufen werde, wie sie ihren Körper verkaufte. Er wusste,
-dass er das tun werde, denn er liebte sie.
-
-
-
-
- Ungetraut und getraut
-
-
-Der Referendar ging an einem schönen Frühlingstage im alten Stockholmer
-Hopfengarten spazieren. Er hörte aus der Rotunde Gesang und Musik
-klingen und sah aus den grossen Fenstern Licht strömen, das seinen
-Schein bis unter die Schatten der eben ausgeschlagenen Linden warf.
-
-Er ging hinein, setzte sich an einen freien Tisch nahe der Estrade und
-verlangte einen Grog.
-
-Zuerst sang ein Komiker ein trauriges Lied von der „Toten Ratte“. Dann
-kam ein junges Mädchen in rosenrotem Kleid und trug das dänische Lied
-vor: „Und nichts ist so lieblich wie eine Mondscheinfahrt“. Sie sah
-verhältnismässig unschuldig aus und richtete das Lied an unsern
-unschuldigen Referendar. Von einer solchen Auszeichnung geschmeichelt,
-leitete der Unterhandlungen ein, die mit einer Flasche Wein begannen und
-mit zwei möblierten Zimmern nebst Küche und den nötigen Bequemlichkeiten
-endeten.
-
-Die Gefühle des jungen Mannes zu analysieren, gehört nicht in den Plan
-dieser Arbeit, ebensowenig wie eine Beschreibung des Meublements und der
-nötigen Bequemlichkeiten zu geben. Genug, sie waren gute Freunde.
-
-Aber von den sozialistischen Tendenzen der Zeit angesteckt und immer
-sein Glück vor Augen haben wollend, beschloss der junge Mann, selber in
-die Wohnung zu ziehen und die Freundin als Haushälterin anzustellen.
-Darauf ging sie gern ein.
-
-Aber der junge Mann hatte Familie, das heisst seine Familie zählte ihn
-zu ihrem Mitglied, und da er nach deren Meinung die allgemeine Moral
-verletzt und einen Schatten auf das Ansehen der Familie geworfen hatte,
-wurde er vor Eltern und Geschwister zitiert, um zurechtgewiesen zu
-werden. Er aber glaubte für solche Zurechtweisungen zu alt zu sein und
-brach Unterhandlungen und Verkehr ab.
-
-Das machte ihm sein eigenes Heim nur noch lieber, und er wurde ein recht
-häuslicher Ehemann, Verzeihung, „unehelicher“ Mann. Sie waren selig,
-denn sie liebten einander, und keine Fessel drückte sie. Sie lebten in
-einer fröhlichen Unruhe, dass sie einander verlieren könnten, und taten
-daher alles, um einander zu behalten. Die Beiden waren eins.
-
-Etwas aber fehlte ihnen in ihrem Leben; das war der Verkehr. Die
-Gesellschaft wollte nichts von ihnen, und der junge Mann wurde von der
-„grossen Welt“ nicht eingeladen.
-
-Es war der Tag vor der Weihnacht, ein trauriger Tag für die, welche
-Familie gehabt haben. Als er morgens beim Kaffee sass, empfing er einen
-Brief. Der war von einer Schwester, die ihn inständig bat, am
-Weihnachtsabend nach Haus zu kommen. Die Saiten seiner alten Gefühle
-waren angeschlagen, und er wurde verstimmt. Sollte er seine Freundin an
-einem solchen Abend allein zu Hause sitzen lassen? Nein! Sollte sein
-Platz im Elternhaus zum ersten Mal am Weihnachtsabend leer bleiben? Hm!
-So standen die Dinge, als er aufs Gericht ging.
-
-In der Frühstückspause trat ein Kamerad an ihn heran und fragte so
-vorsichtig wie möglich:
-
-– Wirst du den Weihnachtsabend bei deiner Familie verleben?
-
-Er flammte auf. Sollte der eingeweiht sein? Oder was meinte er?
-
-Der andere sah, dass er auf ein Hühnerauge getreten hatte, und fuhr
-fort, ohne die Antwort abzuwarten.
-
-– Ja, siehst du, wenn du allein bist, habe ich gedacht, du könntest mit
-mir, hm, mit uns zusammen sein. Du weisst vielleicht, hm, ich habe ein
-kleines Verhältnis, hm, ein nettes, prächtiges Mädchen, siehst du.
-
-Das klang gut, und er sagte, er wolle den Vorschlag gern annehmen, wenn
-sie beide kommen könnten. Natürlich dürften sie das, und damit war die
-Weihnachtsfrage und die Verkehrsfrage gelöst.
-
-Sie trafen sich um sechs Uhr bei dem Freunde, und die beiden „Alten“
-setzten sich hin, um Portwein zu trinken, während die Frauen in die
-Küche gingen.
-
-Dann halfen sie alle vier beim Decken: die beiden Alten knieten auf den
-Boden nieder und machten mit Keilen und Querhölzern den Tisch breiter.
-Die Frauen waren schon die besten Freundinnen geworden, denn sie wurden
-von dem recht sichtbaren Band zusammengehalten, das den grossen Namen
-„Urteil der Welt“ trägt. Sie achteten einander, sie waren feinfühlig
-gegen einander. Sie vermieden diese zweideutige Sprache, an der sich
-Eheleute ergötzen, wenn die Kinder sie nicht hören, als wollten sie
-sagen: jetzt haben wir das Recht dazu.
-
-Bei der Torte brachte der Jurist einen Toast auf die eigene Häuslichkeit
-aus, in die wir vor der Welt und den Menschen fliehen, in der wir unsere
-besten Stunden mit unsern wirklichen Freunden verleben.
-
-Da fing Marie-Luise an zu weinen, und als er sie fragte, warum sie
-betrübt sei, warum sie nicht glücklich sei, schluchzte sie, sie sehe
-wohl, dass er seine Schwestern und seine Mutter vermisse.
-
-Er antwortete, er vermisse sie durchaus nicht, und sie selber würde sie
-sicher weit fort wünschen, wenn sie in ihre Nähe käme.
-
-– Ja, aber warum könnten sie sich nicht verheiraten?
-
-– Seien sie denn nicht verheiratet?
-
-– Ja, aber nicht richtig!
-
-– Vorm Pastor? Er glaube nicht, dass Pastoren etwas anderes seien als
-examinierte Studenten, und ihre Beschwörungsworte seien nur Mythologie.
-
-– Das verstehe sie nicht, aber gut sei es nicht, das wisse sie, und die
-Leute im Hause zeigten mit Fingern nach ihr.
-
-– Mögen sie doch zeigen!
-
-Sophie fiel ein, sie wisse wohl, sie seien nicht fein genug für die
-Verwandten; aber daran kehre sie sich nicht. Jeder bleibe da, wo er
-hingehöre, und solle damit zufrieden sein.
-
-Jedenfalls hatte man einen Verkehr, und man lebte in Eintracht, wie
-Familien selten tun. Das Band, das sie zusammenhielt, war immer
-vorhanden; dafür aber waren sie frei von andern Fesseln. Und die Gatten
-waren immer wie Verliebte, ohne schlechte eheliche Gewohnheiten
-anzunehmen, wie zum Beispiel unhöflich gegen einander zu sein.
-
- * * * * *
-
-Nach einigen Jahren wurde die Verbindung durch einen Sohn gesegnet.
-Damit war die Geliebte zu dem Rang einer Mutter gestiegen, und alles
-andere wurde jetzt vergessen. Das Leiden bei der Geburt und die Fürsorge
-für den Neugeborenen nahmen ihr die alten selbstsüchtigen Züge, immer
-angenehm sein zu wollen und allein die Liebe des Mannes zu beanspruchen.
-
-Als Mutter zeigte sie sich der Freundin gegenüber etwas überlegen, und
-dem Mann gegenüber trat sie mit grösserer Sicherheit auf.
-
-Eines Tages kam dieser nach Haus und verkündigte eine grosse Neuigkeit.
-Er habe seine älteste Schwester auf der Strasse getroffen, und sie wisse
-natürlich genau Bescheid. Sie sei sehr neugierig auf ihren Neffen und
-wolle endlich einen Besuch bei ihnen machen.
-
-Marie-Luise war erstaunt und begann aufzuräumen und abzustauben, und ihr
-Mann musste ihr endlich ein neues Kleid kaufen. Und dann wartete sie
-acht Tage lang. Die Gardinen wurden gewaschen, die Messingtüren an den
-Kachelöfen geputzt, die Möbel wurden gerieben. Die Schwester sollte
-sehen, dass ihr Bruder an eine ordentliche Person geraten sei.
-
-Und dann wurde Kaffee gekocht, um elf Uhr vormittags, zu welcher Zeit
-die Schwester kommen sollte.
-
-Sie kam, gerade wie ein Stock, und reichte der Schwägerin eine Hand, die
-so steif war wie ein Waschbleuel. Sie besichtigte die Einrichtung der
-Schlafstube, lehnte es aber ab, Kaffee zu trinken und sah der Schwägerin
-nicht ins Gesicht. Doch für den Neugeborenen interessierte sie sich
-etwas. Dann ging sie wieder.
-
-Aber Marie-Luise hatte ihrem Mantel Mass genommen, den Stoff ihres
-Kleides abgeschätzt, eine neue Idee von ihrer Haarfrisur bekommen. Auf
-grosse Herzlichkeit hatte sie nicht gerechnet. Für den Anfang war ihr
-der Besuch genug, und das Haus wusste bald, dass die Schwägerin
-dagewesen.
-
-Der Junge wuchs und bald folgte ihm ein Mädchen.
-
-Jetzt zeigte sich Marie-Luise zärtlich besorgt um die Zukunft der
-Kinder, und der Vater wurde täglich zu überzeugen gesucht, nur eine
-Trauung könne die Kinder retten.
-
-Dazu kam die Andeutung der Schwester, eine Versöhnung mit seinen Eltern
-sei möglich, wenn er sich regelrecht verheirate.
-
-Nachdem er zwei Jahre, Tag und Nacht, dagegen gekämpft hatte, beschloss
-er endlich, um die Zukunft seiner Kinder sicher zu stellen, die
-mythologische Zeremonie über sich ergehen zu lassen.
-
-Wen aber sollte er zur Hochzeit einladen? Marie-Luise wollte die Trauung
-in der Kirche haben. Dann aber konnte Sophie nicht dabei sein. Das ging
-bestimmt nicht. Ein Mädchen wie sie! Marie-Luise konnte bereits das Wort
-„Mädchen“ mit einem moralischen Accent aussprechen. Ihr Mann aber
-erinnerte sie, dass Sophie eine gute Freundin gewesen sei und man nicht
-undankbar sein dürfe. Marie-Luise dagegen betonte, man müsse seiner
-Kinder wegen private Sympathien aufgeben; und sie drang mit ihrer
-Ansicht durch.
-
-Die Hochzeit fand statt.
-
-Die Hochzeit war vorüber. Keine Einladung von seinen Eltern. Von Sophie
-ein zorniger Brief, und dann vollständiger Bruch.
-
-So war also Marie-Luise Frau. Aber einsamer als vorher war sie. Über die
-Enttäuschung erbittert, ihres jetzt gebundenen Mannes sicher, begann sie
-sich alle Freiheiten herauszunehmen, die einer Ehefrau zukommen. Was
-früher aus gutem Willen gegeben wurde, nahm sie jetzt als schuldigen
-Tribut hin. Sie verschanzte sich hinter dem Ehrentitel der Mutter seiner
-Kinder und machte von dort ihre Ausfälle.
-
-Einfältig wie alle angeführten Männer, konnte er nie begreifen, was für
-eine Helligkeit darin lag, dass sie die Mutter _seiner_ Kinder war.
-Warum seine Kinder merkwürdiger sein sollten als andere Kinder und als
-er selber, das begriff er nicht.
-
-Doch beruhigt, dass seine Kinder eine gesetzliche Mutter bekommen
-hatten, fing er an, sich wieder in der Welt umzusehen, die er während
-des ersten Liebesrausches etwas vergessen und später nicht aufgesucht
-hatte, weil er Weib und Kind nicht allein lassen wollte.
-
-Diese Freiheiten missfielen seiner Frau, und da sie sich jetzt nicht
-mehr zu genieren brauchte, auch eine aufrichtige Natur war, so sagte
-sie, was sie dachte.
-
-Da er alle Schleichwege der Juristik studiert hatte, war er um die
-Antwort nicht verlegen.
-
-– Findest du es anständig, fragte sie, die Mutter deines Kindes allein
-sitzen zu lassen, um in die Kneipe zu gehen?
-
-– Ich glaube nicht, dass du mich vermisst hast, antwortete er
-vorbereitend.
-
-– Vermisst? Wenn der Mann das Wirtschaftsgeld vertrinkt, so vermisst man
-manches im Hause.
-
-– Erstens trinke ich nicht, denn ich esse nur einen Bissen und trinke
-nur eine Tasse Kaffee; zweitens vertrinke ich nicht das Wirtschaftsgeld,
-denn das hast du eingeschlossen; ich habe nämlich eine andere Art Geld,
-das ich „vertrinke“.
-
-Unglücklicher Weise lieben die Frauen Ironie nicht, und die aus Scherz
-gemachte Schlinge wurde sofort um seinen Hals geworfen.
-
-– Du gestehst also ein, dass du trinkst?
-
-– Nein, ich habe nur deinen Ausdruck scherzhaft benutzt.
-
-– Scherzhaft? So, man scherzt mit seiner Frau! Das hast du früher nicht
-getan!
-
-– Du hast ja die Zeremonie selber gewünscht. Warum ist es jetzt nicht
-mehr so wie früher?
-
-– Weil man verheiratet ist natürlich.
-
-– Teils deshalb, und teils weil der Rausch die Eigenschaft hat, zu
-verdunsten.
-
-– Es war also nur ein Rausch bei dir.
-
-– Nicht nur bei mir; bei dir auch, und bei allen andern auch. Er dauert
-nur mehr oder weniger lang, siehst du!
-
-– Also die Liebe ist nur ein Rausch bei den Männern.
-
-– Nein, auch bei den Frauen!
-
-– Sie ist jedenfalls ein Rausch!
-
-– Ja, ja, ja! Aber man kann darum doch Freundschaft halten.
-
-– Aber dann braucht man sich ja nicht erst zu verheiraten.
-
-– Nein, das meinte ich ja auch.
-
-– Du? Warst du es nicht, der wollte, dass wir uns trauen lassen sollten?
-
-– Ja, weil du es Tag und Nacht wolltest, drei Jahre lang.
-
-– Ja, aber du hast es doch gewollt!
-
-– Ja, weil du es wolltest. Danke mir dafür.
-
-– Soll ich dir dafür danken, dass du die Mutter deiner Kinder mit deinen
-Kindern allein lässt, während du in die Kneipe gehst?
-
-– Nein, nicht dafür, sondern dass ich mich mit dir habe trauen lassen.
-
-– Aber dankbar soll ich jedenfalls sein?
-
-– Ja, das sollst du, wie jeder anständige Mensch, der seinen Willen
-bekommen hat.
-
-– Nun, schön ist es nicht, so verheiratet zu sein! Wie irgend ein
-Mädchen, das von den Verwandten des Mannes nicht geachtet wird.
-
-– Was hast du mit meinen Verwandten zu tun? Ich habe mich nicht mit
-deinen verheiratet.
-
-– Weil sie nicht fein genug waren!
-
-– Aber meine waren zu fein für dich. Wenn sie Schuhmacher gewesen wären,
-so hätte dir nicht so viel an ihnen gelegen.
-
-– Schuhmacher? Taugen die vielleicht nichts? Sind das nicht auch
-Menschen?
-
-– Doch gewiss, aber ich glaube nicht, dass du ihnen nachlaufen würdest.
-
-– Nun, dann ist es gut!
-
-Aber es war nicht gut, und es wurde nicht wieder gut. Ob es nun an der
-Trauung lag oder an etwas anderm, jedenfalls fand Marie-Luise, es sei
-früher besser gewesen; es sei „fideler“ gewesen, wie sie sich
-ausdrückte.
-
-Er glaubte nicht, dass gerade die Trauung schuld sei, denn er hatte auch
-bürgerliche Ehen gesehen, die nicht glücklich waren. Und das Schlimmste
-von allem war: als er eines Tages wieder, wie er insgeheim zu tun
-pflegte, seinen alten Kameraden und Sophie besuchen wollte, erfuhr er,
-dass sie „ein Ende gemacht“ hatten. Und sie waren nicht getraut. Die
-Trauung hatte also nicht die Schuld!
-
-
-
-
- Zweikampf
-
-
-Sie war hässlich und darum wurde sie von den rohen jungen Männern, die
-eine schöne Seele unter einem hässlichen Äussern nicht zu schätzen
-wissen, übersehen. Aber sie war reich, und sie wusste, dass die Männer
-dem Geld der Frauen nachjagen; ob deshalb, weil alles Geld von den
-Männern erworben ist und diese daher das Kapital für ihr Geschlecht
-beanspruchen, oder aus anderen Gründen, das machte sie sich nicht klar.
-Da sie reich war, lernte sie allerhand, und da sie den Männern grosses
-Misstrauen und tiefe Verachtung zeigte, galt sie für eine begabte Dame.
-
-Sie war zwanzig Jahre alt geworden. Die Mutter lebte noch, und sie
-wollte nicht fünf Jahre warten, bis sie über ihr Vermögen verfügen
-konnte. So wurden ihre Freundinnen eines Tages mit ihrer Verlobungskarte
-überrascht.
-
-– Sie verheiratet sich, um einen Mann zu bekommen, sagten die einen.
-
-– Sie verheiratet sich, um einen Bedienten zu haben und die Freiheit zu
-geniessen, sagten die andern.
-
-– Wie dumm von ihr, sich zu verheiraten, sagten die dritten; sie weiss
-nicht, dass sie dann erst unmündig wird.
-
-– Seid nicht bange, sagten wieder andere: sie wird mündig, obwohl sie
-sich verheiratet.
-
-Wie sah er aus? Wer war er? Wo hatte sie ihn gefunden?
-
-Er war ein junger Advokat, von weiblichem Aussehen, mit hohen Hüften,
-von schüchternem Wesen. Er war der einzige Sohn und von einer Mutter und
-einer Tante erzogen. Er hatte immer eine grosse Furcht vor jungen
-Mädchen gehabt und hasste die Leutnants, weil sie männlich auftraten und
-auf Bällen und Gesellschaften immer bevorzugt wurden. So war er.
-
-Sie trafen sich auf einem Ball im Kurhaus. Er war spät gekommen und es
-waren keine Damen mehr für ihn übrig. Die jungen Mädchen antworteten ihr
-fröhliches, triumphierendes nein, wenn er kam, um sie aufzufordern; sie
-winkten ihm mit ihren Tanzkarten ab, als wollten sie eine zudringliche
-Fliege verscheuchen.
-
-Verletzt, gedemütigt ging er hinaus und setzte sich auf die Veranda, um
-zu rauchen. Der Mond stand über den Linden des Parkes, und der Reseda
-duftete auf den Beeten. Durch die Fenster sah er, wie Paar nach Paar im
-Tanzsaal vorbeirauschte, während die wollüstigen Rhythmen des Walzers
-ihn beben liessen: das war das ohnmächtige Verlangen des Krüppels.
-
-– Sitzen Sie hier allein, um zu schwärmen? hörte er eine Stimme ihn
-ansprechen. Und tanzen nicht?
-
-– Warum tanzen Sie denn nicht, mein Fräulein, sagte er und sah auf.
-
-– Weil ich hässlich bin und niemand mich haben will, antwortete sie.
-
-Er betrachtete sie. Sie waren alte Bekannte, aber er hatte sich ihre
-Züge noch nie genauer angesehen. Sie war ausgesucht gekleidet, und ihre
-Augen drückten in diesem Augenblick einen solchen Schmerz aus, den
-Schmerz der Verzweiflung und der fruchtlosen Empörung gegen eine
-ungerechte Natur, dass er eine lebhafte Sympathie für sie empfand.
-
-– Auch mich will niemand haben, sagte er. Aber die Leutnants haben ja
-Recht. In der natürlichen Auslese haben ja die Stärkeren und die
-Schöneren Recht. Sehen Sie nur ihre Schultern und Epauletts ...
-
-– Pfui, wie Sie sprechen!
-
-– Verzeihen Sie! Aber man wird bitter, wenn man einen ungleichen Kampf
-zu kämpfen hat! Wollen Sie vielleicht mit mir tanzen?
-
-– Aus Barmherzigkeit?
-
-– Ja, gegen mich!
-
-Er warf seine Zigarre fort.
-
-– Haben Sie empfunden, was es heisst, vom Schicksal gezeichnet,
-verworfen zu sein? Haben Sie empfunden, was es heisst, immer der Letzte
-zu sein? fing er wieder mit Wärme an.
-
-– Ob ich das empfunden habe? Aber die Letzten bleiben nicht immer die
-Letzten, fügte sie mit Nachdruck hinzu. Andere Eigenschaften als nur
-Schönheit haben im Leben Wert.
-
-– Welche Eigenschaften schätzen Sie denn bei einem Mann am höchsten?
-
-– Güte, antwortete sie bestimmt. Denn diese Eigenschaft ist so selten
-bei einem Mann.
-
-– Güte und Schwäche pflegen ja zusammen zu gehen, und die Frau liebt
-doch die Stärke beim Mann.
-
-– Welche Frauen? Die rohe Kraft hat ihre Zeit gehabt, und da wir in der
-Zivilisation weiter gekommen sind, müssten wir doch so viel Verstand
-besitzen, dass wir die Muskelkraft und die Roheit nicht höher als das
-gute Herz stellen.
-
-– Wir müssten! Ja, und doch! Sehen Sie nur den Tanz an!
-
-– Die wahre Männlichkeit liegt für mich im Adel des Gefühls und in der
-Intelligenz des Herzens.
-
-– Sie würden also einen Mann, den die ganze Welt schwach, feige nennt
-...
-
-– Was kümmere ich mich um die Welt! Und um das, was die Welt sagt!
-
-– Wissen Sie, Sie sind ein ungewöhnliches Mädchen, sagte der Advokat,
-immer mehr interessiert.
-
-– Durchaus nicht ungewöhnlich! Aber Ihr Männer seid so gewohnt, die
-Frauen für eine Art von Spielpuppen zu halten ...
-
-– Welche Männer? Ich, mein Fräulein, habe seit der Kindheit zu der Frau
-aufgesehen als einer höheren Offenbarung der Gattung Mensch, und von dem
-Tage, an dem eine Frau mich liebte und ich sie wieder liebte, würde ich
-ihr Sklave sein.
-
-Adele sah ihn lange und tief an. Dann sagte sie:
-
-– Sie sind ein ungewöhnlicher Mann.
-
-Nachdem die Beiden einander für ungewöhnliche Spezies der schlechten
-Gattung Mensch erklärt und sich über die Eitelkeit des Tanzvergnügens
-ausgelassen hatten, stellten sie Betrachtungen über die Melancholie des
-Mondes an. Dann gingen sie in den Tanzsaal, um an der Française
-teilzunehmen.
-
-Adele tanzte ausgezeichnet, und der Advokat gewann sich ihr Herz
-vollständig, weil er wie ein „unschuldiges Mädchen“ tanze.
-
-Nach der Française setzten sie sich wieder auf die Veranda.
-
-– Was ist die Liebe? fragte Adele und sah den Mond an, als wolle sie
-eine Antwort vom Himmel haben.
-
-– Die Sympathie der Seelen, flüsterte er mit einer Stimme, als komme sie
-vom Wind.
-
-– Aber die Sympathie kann leicht in Antipathie umschlagen, wie es schon
-vorgekommen ist, fuhr Adele fort.
-
-– Dann war es nicht die rechte Sympathie! Es gibt Materialisten, die
-sagen, die Liebe würde nicht vorhanden sein, wenn es nicht zwei
-Geschlechter gebe; und sie wagen zu behaupten, dass die sinnliche Liebe
-länger dauert als die andere. Ist es nicht niedrig, tierisch, in der
-Geliebten nur das Geschlecht zu sehen.
-
-– Sprechen Sie nicht von den Materialisten.
-
-– Doch, ich muss von ihnen sprechen, damit Sie verstehen, wie hoch ich
-meine Liebe zu einer Frau stelle, wenn ich eine lieben würde. Sie
-brauchte nicht schön zu sein; Schönheit vergeht. Ich würde einen guten
-Kameraden in ihr sehen, einen Freund. Ich würde mich nie schüchtern vor
-ihr fühlen wie vor einem Mädchen. Ich würde direkt auf sie losgehen, wie
-ich auf Sie losgehe und sagen: Wollen Sie meine Freundin fürs Leben
-werden? Und das würde ich sagen, ohne die Verlegenheit zu empfinden, die
-ein Freier fühlen muss, wenn er sich der, die er liebt, erklärt, weil
-seine Gedanken nicht rein sind.
-
-Adele sah mit Entzücken auf den jungen Mann, der ihre Hand ergriffen
-hatte.
-
-– Sie sind eine ideale Natur, sagte sie, und Sie haben mir aus dem
-Herzen gesprochen. Sie bitten um meine Freundschaft, wenn ich Sie recht
-verstehe. Sie sollen sie haben, erst aber eine Prüfung. Wollen Sie
-zeigen, dass Sie eine Demütigung erleiden können, für die, welche Sie
-gern haben.
-
-– Ob ich will? Sprechen Sie, und ich gehorche!
-
-Adele nahm ihr Halsband aus getriebenem Gold ab, an dem ein Medaillon
-hing.
-
-– Tragen Sie dies als ein Wahrzeichen unserer Freundschaft.
-
-– Ich werde es tragen, sagte er etwas unsicher; aber man wird vielleicht
-sagen, dass wir verlobt sind.
-
-– Und das fürchten Sie?
-
-– Nein, wenn du es willst! Willst du?
-
-– Ja, Axel! ich will es; denn die Welt erlaubt keine Freundschaft
-zwischen Mann und Weib; die Welt ist so erbärmlich, dass sie nicht an
-ein reines Verhältnis zwischen Personen verschiedenen Geschlechts
-glaubt.
-
-Und er trug seine Kette.
-
-Die Welt, die unter vier Augen sehr materialistisch ist, sagte wie die
-Freundinnen:
-
-– Sie verheiratet sich, um sich zu verheiraten; er, um sie zu besitzen.
-
-Die Welt machte auch hässliche Anspielungen, er nehme sie ums Geld, da
-er selber erklärte, etwas so Niedriges wie Liebe existiere nicht
-zwischen ihnen; Freundschaft zwinge ja niemand, dieselbe Schlafstube zu
-benutzen, wie Verheiratete zu tun pflegen.
-
-Sie verheirateten sich. Die Welt hatte einen Wink bekommen, sie würden
-wie Geschwister leben, und die Welt wartete mit einem boshaften Grinsen
-ab, wie die grosse Reform, welche die Ehe umschaffen sollte, ablaufen
-würde.
-
-Die Neuvermählten reisten ins Ausland.
-
-Als die Neuvermählten zurückkehrten, war die Frau blass und schlechter
-Laune. Sie begann sofort Reitstunden zu nehmen. Die Welt witterte Unrat
-und wartete. Der Mann sah aus, als habe er etwas Hässliches begangen und
-schäme sich. Es wurde schliesslich festgestellt.
-
-– Sie haben im „Geschwisterbett“ geschlafen, sagte die Welt.
-
-– Es wird wohl ein Geschwisterkind sein, sagten die Freundinnen.
-
-– Und ohne Liebe? Aber das ist ja – Ja, was ist es?
-
-– Verbotene Verwandtschaft! sagten die Materialisten.
-
-– Es ist eine geistige Ehe.
-
-– Oder Blutschande, sagte ein Anarchist.
-
-An der Tatsache war nichts zu ändern, aber die Sympathie der Seelen
-begann abzunehmen. Die verhasste Wirklichkeit brach ein, um sich zu
-rächen.
-
-Der Advokat übte seinen Beruf aus, und die Frau liess ihren Beruf von
-einer Amme und einer Magd ausüben. Daher hatte sie keine Beschäftigung.
-Die Beschäftigungslosigkeit gab ihren Gedanken Gelegenheit, sich zu
-entwickeln, und sie begann über ihre Stellung nachzudenken. Sie fand sie
-nicht befriedigend. War es eine Tätigkeit für eine begabte Frau, nichts
-zu tun?
-
-Der Mann wagte ein Mal eine Bemerkung, sie sei doch nicht gezwungen,
-nichts zu tun! Aber er wiederholte sie nie mehr.
-
-– Sie habe keine Tätigkeit.
-
-– Nein, beschäftigungslos sein sei keine Tätigkeit. Warum gebe sie dem
-Kind nicht die Brust.
-
-– Die Brust geben? Sie wolle etwas haben, an dem sie verdiene.
-
-– Sei sie denn geizig? Sie habe ja mehr, als sie verbrauche; warum
-sollte sie denn Geld verdienen?
-
-– Um es ihm gleich zu tun.
-
-– Gleich könnten sie nie werden, denn sie werde immer eine Stellung
-einnehmen, die er nie erreichen könne. Die Natur habe es so
-eingerichtet, das die Frau Mutter werde, der Mann aber nicht.
-
-– Das sei dumm!
-
-– Es hätte ja auch umgekehrt sein können, aber das wäre ebenso schlimm
-gewesen.
-
-– Ja, aber dieses Leben werde unerträglich. Sie könne nicht nur für die
-Familie leben, sie wolle auch für andere leben.
-
-– Sie solle nur erst mit der Familie anfangen; später könne man immer
-noch an die andern denken.
-
-Das Gespräch hätte Ewigkeiten dauern können, aber eine gute Stunde
-dauerte es doch.
-
-Der Advokat war natürlich fast den ganzen Tag fort, und wenn er nach
-Haus kam, hatte er Sprechstunde. Dann wollte Adele verzweifeln. Er
-schloss sich mit andern Frauen ein, und die machten ihm vertrauliche
-Mitteilungen, die er ihr nicht weiter erzählen durfte. Immer standen
-Geheimnisse zwischen ihnen, und sie fühlte, dass er ihr überlegen war.
-
-Ein dumpfer Hass begann bei ihr zu wachsen, ein Hass gegen das
-Ungerechte in diesem Verhältnis; sie suchte nach einem Mittel, um ihn
-hinunter zu ziehen. Hinunter musste er, damit sie beide auf gleiche Höhe
-kamen.
-
-Eines Tages machte sie den Vorschlag, eine Heilanstalt zu gründen. Er
-riet ab, weil er mit seiner Praxis genug zu tun habe. Dann aber dachte
-er, es wäre gut, wenn sie eine Beschäftigung bekomme; dann würde sie
-ruhiger werden.
-
-Sie bekam ihre Anstalt, und er trat mit ihr in die Direktion ein.
-
-Sie sass nun in der Direktion und herrschte. Als sie ein halbes Jahr
-regiert hatte, fühlte sie sich so bewandert in der ärztlichen Kunst,
-dass sie auf eigene Hand Ratschläge gab und Auskünfte erteilte.
-
-– Das sei keine Kunst, meinte sie!
-
-Einmal hatte der Arzt der Anstalt einen Irrtum begangen, und seitdem
-besass sie kein Vertrauen mehr zu ihm. Die Folge war, dass sie eines
-Tages im Gefühl ihrer natürlichen Oberhoheit, als er abwesend war,
-selber ein Rezept schrieb. Das Rezept wurde ausgefertigt, auch vom
-Patienten eingenommen, jedoch mit tödlichem Ausgang.
-
-Man musste sofort nach einer andern Stadt ziehen. Damit aber war das
-Gleichgewicht gestört. Noch mehr wurde es gestört durch einen neuen
-Erben, der zur Welt kam. Auch hatte sich das Gerücht von dem fatalen
-Ereignis verbreitet.
-
-Traurig und unschön war das Verhältnis zwischen den Gatten geworden,
-denn die Liebe war ja nicht vorhanden gewesen. Der gesunde starke
-Naturtrieb, der nicht überlegt, fehlte; so blieb nur ein unangenehmes
-Konkubinat übrig, das auf den unsicheren Berechnungen der
-selbstsüchtigen Freundschaft beruhte.
-
-Was jetzt in ihrem brennenden Kopf vorging, nachdem sie entdeckt hatte,
-welchen Irrtum sie begangen, als sie etwas angeblich Höheres suchte,
-davon sprach sie nicht, aber der Mann musste es fühlen.
-
-Ihre Gesundheit begann schwächer zu werden, sie verlor den Appetit und
-wollte nicht ausgehen. Sie magerte ab und fing an zu husten. Der Mann
-liess sie mehrere Male untersuchen, aber der Arzt konnte die Ursache der
-Krankheit nicht finden. Schliesslich gewöhnte er sich so an das ständige
-Klagen, dass er nicht mehr darauf achtete.
-
-– Es ist unangenehm, eine kranke Frau zu haben, sagte sie.
-
-Er gab es innerlich zu, dass es kein Vergnügen sei; wenn er sie aber
-geliebt hätte, würde er das nie empfunden noch zugegeben haben.
-
-Sie nahm so ab, dass es zu merken war, und er musste schliesslich ihren
-Entschluss, zu dem berühmten Professor zu reisen, gutheissen.
-
-Adele reiste zu dem Professor.
-
-– Wie lange sind Sie krank gewesen? fragte er.
-
-– Ich bin nie recht gesund gewesen, seit ich das Land verlassen habe,
-denn auf dem Lande bin ich aufgewachsen.
-
-– Sie fühlen sich also in der Stadt nicht wohl?
-
-– Wohl? Wer kümmert sich darum, ob ich mich wohl fühle oder nicht,
-antwortete sie und machte ein Märtyrergesicht.
-
-– Glauben Sie, dass die Landluft Ihnen gut bekommen würde? fragte der
-Professor.
-
-– Ich glaube, es ist das einzige, was mich retten könnte, wenn ich
-aufrichtig sein soll.
-
-– Dann ziehen Sie doch aufs Land!
-
-– Aber mein Mann kann doch nicht meinetwegen seinen Beruf aufgeben.
-
-– Er ist ja reich verheiratet, und Advokaten haben wir genug.
-
-– Sie meinen also, Herr Professor, dass wir aufs Land ziehen müssen?
-
-– Ja, wenn Sie glauben, dass es Ihnen nützen wird. Ich sehe keine andere
-Krankheit als sogenannte Nervosität und glaube, die Landluft würde Ihnen
-gut bekommen.
-
-Adele kam niedergeschlagen nach Haus.
-
-– Nun?
-
-– Der Professor habe sie zum Tode verurteilt, wenn sie in der Stadt
-bleibe.
-
-Der Advokat geriet ausser sich. Da er aber nicht verbergen konnte, dass
-er hauptsächlich deshalb ausser sich war, weil er seine Praxis aufgeben
-musste, erhielt sie einen sicheren Beweis, dass er sich nicht im
-geringsten um das Leben seiner Frau kümmere.
-
-– Er glaube nicht, dass ihr Leben auf dem Spiel stehe? Verstehe der
-Professor das nicht besser als er? Wolle er sie sterben lassen?
-
-Das wollte er wirklich nicht, und darum wurde ein Landgut gekauft. Ein
-Inspektor sollte es verwalten.
-
-Da ein Landrat und ein Amtsvorsteher vorhanden waren, hatte der Advokat
-keine Beschäftigung. Die Tage wurden ihm endlos lang, und er führte kein
-angenehmes Dasein. Da seine Einkünfte mit seiner Praxis aufgehört
-hatten, musste er von den Zinsen seiner Frau leben. Das erste halbe Jahr
-las er und spielte Fortuna. Im zweiten Halbjahr hörte er mit dem Lesen
-auf, da er keinen Zweck darin sah. Im dritten fing er an zu sticken.
-
-Aber seine Frau warf sich sofort auf die Landwirtschaft, ging selber mit
-bis zu den Knien gerafften Röcken in den Stall, kam schmutzig ins Haus,
-roch nach der Kuh. Sie fühlte sich wohl und kommandierte die Leute
-herum, das es eine Lust war, denn sie war auf dem Lande aufgewachsen und
-verstand sich darauf.
-
-Als sich ihr Mann über Beschäftigungslosigkeit beklagte, antwortete sie:
-
-– Such dir doch etwas. In einem Hause braucht man nicht
-beschäftigungslos zu sein.
-
-Er wollte mit der Tätigkeit ausser dem Hause kommen, aber er hütete
-sich.
-
-Er ass, schlief, ging spazieren. Kam er in die Scheune oder in den
-Stall, war er immer im Wege und bekam Schelte von seiner Frau.
-
-Als er eines Tages mehr als gewöhnlich geklagt und gleichzeitig die
-Kinder von den Mädchen ohne Aufsicht gelassen waren, sagte seine Frau:
-
-– Sieh nach den Kindern, da hast du etwas zu tun.
-
-Er sah zu ihr auf, ob es ihr Ernst sei.
-
-Ja, warum sollte er nicht nach seinen eigenen Kindern sehen können? Sei
-das so merkwürdig?
-
-Er dachte genau nach und fand wirklich nichts Merkwürdiges dabei.
-
-So ging er täglich mit den Kindern spazieren.
-
-Eines Morgens, als sie ausgehen wollten, waren die Kinder nicht
-angezogen. Der Advokat wurde böse und ging zu seiner Frau, da er sich
-vor den Mägden fürchtete.
-
-– Warum sind die Kinder nicht angezogen? fragte er.
-
-– Weil Marie etwas anderes zu tun hat! Zieh du sie doch an, du hast ja
-nichts zu tun. Es ist doch keine Schande, seine eigenen Kinder
-anzuziehen?
-
-Er überlegte eine Weile, konnte aber nicht sehen, dass es eine Schande
-sei. Er zog sie also an.
-
-Eines Morgens machte es ihm Spass, allein auszugehen und die Flinte
-mitzunehmen, obwohl er niemals schoss.
-
-Als er nach Haus kam, empfing seine Frau ihn.
-
-– Warum bist du heute nicht mit den Kindern spazieren gegangen? sagte
-sie mit scharfer vorwurfsvoller Stimme.
-
-– Weil es mir heute keinen Spass machte!
-
-– Spass machte? Macht es mir Spass, den ganzen Tag in Stall und Scheune
-zu arbeiten? _Etwas_ Nützliches kann man wohl für sich tun, ohne dass es
-einem Spass macht.
-
-– Für sich? Für sein Essen, meinst du vielleicht.
-
-– Für was es auch sei, meine ich. Und ich finde wirklich, ein alter Mann
-wie du sollte sich schämen, auf einem Sofa zu liegen und nichts zu tun.
-
-Er schämte sich wirklich, und jetzt wurde er als Kindermädchen
-angestellt. Pünktlich tat er seine Pflicht. Er fand nichts Unrichtiges
-darin, aber er litt darunter. Es sei etwas verkehrt, meinte er, aber
-seine Frau verstand immer, es nach der rechten Seite zu kehren.
-
-Die Frau sass im Kontor und empfing Inspektor und Grossknecht; sie stand
-im Speicher und wog ab für die Instleute. Alle, die auf den Hof kamen,
-wollten die Frau sprechen, aber niemand den Herrn.
-
-Auf einem Spaziergang kam er eines Tages auf eine Wiese, auf der Vieh
-weidete. Er wollte den Kindern die Kühe zeigen, und führte sie behutsam
-an die weidende Herde heran. Plötzlich guckte ein schwarzer Kopf über
-die Rücken der andern Tiere und sah unter schwachem Brüllen den Besuch
-an.
-
-Der Advokat nahm die Kinder auf den Arm und lief, so schnell er konnte,
-bis an den Zaun zurück. Dort angelangt, warf er die Kinder über den Zaun
-und wollte selber hinüberspringen, blieb aber hängen. Da er einige
-Frauen drüben erblickte, schrie er ihnen, so laut er konnte, entgegen:
-
-– Der Stier, der Stier!
-
-Aber die Frauen lachten und hoben die Kinder auf, die im Graben übel
-zugerichtet waren.
-
-– Sehen Sie den Stier nicht! schrie er.
-
-– Nein, es ist kein Stier, sagte die älteste Frau. Der wurde vor
-vierzehn Tagen geschlachtet.
-
-Er kam beschämt und böse nach Haus. Beklagte sich bei seiner Frau über
-die Leute. Sie lachte nur.
-
-Als die beiden Gatten am Nachmittag allein im Saal sassen, klopfte es an
-die Tür.
-
-– Herein! rief sie.
-
-Eine Frau, die dem Abenteuer mit dem Stier beigewohnt hatte, trat ein
-und hielt in der Hand das Halsband des Advokaten.
-
-– Das gehört sicher der gnädigen Frau, sagte sie zögernd.
-
-Adele sah zuerst das Weib an, dann ihren Mann, der mit aufgerissenen
-Augen seine Kette betrachtete.
-
-– Nein, das gehört dem Herrn! sagte sie und nahm der Frau das Halsband
-ab. Hab Dank! Der Herr gibt dir wohl Finderlohn.
-
-Der sass blass und unbeweglich da.
-
-– Ich habe kein Geld, wende dich an meine Frau, sagte er und nahm das
-Halsband.
-
-Seine Frau holte eine Krone aus ihrer grossen Geldtasche und reichte es
-dem Weibe, das sich entfernte, augenscheinlich, ohne etwas zu begreifen.
-
-– Das hättest du mir doch ersparen können! sagte er schmerzlich.
-
-– Bist du nicht Manns genug, für deine Worte und Handlungen einzutreten?
-Schämst du dich, ein Geschenk von mir zu tragen, während ich deine
-trage? Eine Memme bist du! Und das will ein Mann sein!
-
-Seit diesem Tag war der Friede des Mannes aus. Wohin er kam, kicherten
-Gesichter, und Mägde wie Knechte konnten hinter den Ecken „Der Stier!
-Der Stier!“ rufen, wenn er vorbeiging.
-
- * * * * *
-
-Die Frau wollte nach einer Auktion reisen und acht Tage fortbleiben. Der
-Mann sollte während der Zeit ein Auge auf die Leute haben.
-
-Am ersten Tag kam die Köchin und bat um Geld für Zucker und Kaffee. Er
-gab es ihr. Drei Tage später kam sie wieder und verlangte noch einmal
-Geld für Zucker und Kaffee. Er drückte sein Erstaunen aus, dass das
-erste Geld schon verbraucht sei.
-
-– Ich esse es nicht allein auf, sagte die Köchin. Und die gnädige Frau
-hat nie etwas auszusetzen.
-
-Er gab ihr das Geld. Aber neugierig, ob er wirklich Unrecht habe, schlug
-er das Haushaltungsbuch auf und begann zu addieren.
-
-Er erhielt eine merkwürdige Summe bei den beiden Posten. Als er für
-einen Monat alle Pfunde zusammenzählte, ergaben sie ein Liespfund.
-
-Er setzte seine Forschungen fort und kam überall zu ähnlichen
-Resultaten. Er ging zum Hauptbuch über und fand ausser den hohen Ziffern
-auch dumme Fehler beim Addieren. Augenscheinlich konnte seine Frau weder
-benannte Zahlen noch Dezimalbrüche. Diese unerhörte Betrügerei der
-Dienstboten musste jedenfalls zum Untergang des Hauses führen.
-
-Seine Frau kam nach Haus. Er musste den Auktionsbericht bis zum Ende
-anhören. Darauf räusperte er sich und dachte anzufangen, aber seine Frau
-nahm den Faden selber auf:
-
-– Nun, wie bist du mit den Mägden fertig geworden?
-
-– Ich bin sehr gut mit ihnen fertig geworden, aber sie sind bestimmt
-nicht ehrlich.
-
-– Sie sind nicht ehrlich?
-
-– Nein, zum Beispiel sind die Posten für Zucker und Kaffee zu gross.
-
-– Wie weisst du das?
-
-– Ich habe es im Haushaltungsbuch gesehen.
-
-– Was, du schnüffelst in meinen Büchern.
-
-– Schnüffelst? Nein, es machte mir Spass, nachzuforschen ...
-
-– Was hast du damit zu schaffen?
-
-– Und ich fand, dass du Bücher führst, ohne benannte Zahlen noch Brüche
-zu können.
-
-– Was? Kann ich das nicht?
-
-– Nein, das kannst du nicht! Und darum ist das ganze Haus unterminiert.
-Deine Buchführung ist Humbug, meine Alte, das ist sie!
-
-– Wen geht es etwas an, wie meine Bücher aussehen?
-
-– Das Gesetz bestraft falsche Buchführung; wenn nicht dich, so mich.
-
-– Das Gesetz? Ich pfeife auf das Gesetz!
-
-– Ja, das glaube ich, aber fassen tut es uns doch, das heisst mich. Und
-deshalb will ich künftighin die Bücher selber führen.
-
-– Wir können einen Buchhalter nehmen!
-
-– Nein, das ist nicht nötig! Ich habe ja sonst nichts zu tun.
-
-Und dabei blieb es.
-
- * * * * *
-
-Seit aber der Mann den Platz am Pult einnahm und die Leute zu _ihm_
-kamen, verloren Landwirtschaft und Viehzucht ihr Interesse für die Frau.
-
-Eine heftige Reaktion trat ein, und sie sah bald weder nach Kühen noch
-nach Kälbern, sondern blieb im Hause sitzen. Da hockte sie, und neue
-Gedanken gärten in ihrem Gehirn.
-
-Der Mann dagegen erwachte zu einem neuen Leben. Er warf sich auf die
-Landwirtschaft und rüttelte die Leute auf. Jetzt hatte er die Oberhand.
-Er schaltete und waltete, bestellte und bezahlte.
-
-Eines Tages kam seine Frau aufs Kontor und bat um tausend Kronen für ein
-Klavier.
-
-– Was denkst du? sagte der Mann. Jetzt, wo der Stall umgebaut werden
-soll! Dazu haben wir nicht die Mittel.
-
-– Was soll das heissen, antwortete sie. Haben wir nicht die Mittel?
-Reicht mein Geld nicht.
-
-– Dein Geld?
-
-– Ja, meins, das ich in die Ehe gebracht habe.
-
-– Das ist durch die Ehe Eigentum der Familie geworden.
-
-– Das heisst deins.
-
-– Nein, der Familie. Die Familie ist eine kleine Gemeinde, die einzige,
-die ein gemeinschaftliches Eigentum hat, mit dem Mann als Verwalter, in
-den gewöhnlichen Fällen.
-
-– Warum soll er Verwalter sein und nicht die Frau?
-
-– Weil er mehr Zeit hat, da er keine Kinder gebiert.
-
-– Warum können nicht beide Verwalter sein?
-
-– Aus denselben Gründen, aus denen eine Aktiengesellschaft nur einen
-geschäftsführenden Direktor hat. Würde die Frau auch verwalten, so
-würden es die Kinder ebenfalls wollen, da es auch ihr Eigentum ist.
-
-– Das ist nur Spitzfindigkeit. Ich finde es hart, dass ich noch um
-Erlaubnis bitten soll, ob ich mir für mein eigenes Geld ein Klavier
-kaufen darf.
-
-– Es ist nicht mehr dein Geld.
-
-– Ist es denn deins?
-
-– Nein, auch nicht meins, sondern das der Familie. Du musst auch nicht
-so falsch sein, und mich „um Erlaubnis bitten“; die Klugheit gebietet
-nur, dass du den Verwalter fragst, ob der Stand des Vermögens eine
-grosse Luxusausgabe zulässt.
-
-– Ist ein Klavier denn ein Luxus?
-
-– Ein neues Klavier, wenn man ein altes hat, kann Luxus sein. Nun ist
-der Stand des Vermögens schlecht, daher erlaubt _der_ nicht, dass du
-jetzt ein neues Klavier kaufst, obwohl _ich_ natürlich nichts dagegen
-haben kann noch will.
-
-– Durch eine Ausgabe von tausend Kronen ruiniert man sich nicht.
-
-– Doch man kann den Grund zu seinem Ruin legen, wenn man zur Unzeit für
-tausend Kronen Schulden macht.
-
-– Das heisst, du weigerst dich also, mir ein neues Klavier zu kaufen?
-
-– Nein, das will ich nicht sagen. Der unsichere Stand des Vermögens ...
-
-– Wann, wann wird der Tag kommen, an dem die Frau ihr Vermögen selbst
-verwaltet und nicht mehr wie eine Bettlerin zu ihrem Mann zu kommen
-braucht?
-
-– Wenn sie selber arbeitet. Ein Mann, dein Vater, hat dein Vermögen
-erarbeitet. Männer sind es, die alles Vermögen erarbeitet haben; darum,
-siehst du, ist es gerecht gewesen, dass die Schwester weniger erbt als
-der Bruder, zumal der Bruder mit der Pflicht, eine Frau zu ernähren,
-geboren wird, während die Schwester keinen Mann zu ernähren braucht.
-Verstehst du?
-
-– Das ist also Gerechtigkeit: ungleich teilen! Ist es gerecht, ungleich
-zu teilen? Kannst du das bei deinem guten Kopf wirklich behaupten? Soll
-man nicht immer in gleiche Teile teilen?
-
-– Nein, nicht immer. Man soll verhältnismässig oder nach Verdienst
-teilen. Der Faule, der im Gras liegt und zusieht, wie der Maurer baut,
-soll weniger haben als der Maurer.
-
-– So, du sagst, ich sei faul!
-
-– Hm! Es ist am besten, nichts zu sagen. Als ich aber auf dem Sofa lag
-und las, hieltst du mich für sehr faul, und ich will mich erinnern, dass
-du auch etwas ähnliches gesagt hast und zwar recht deutlich.
-
-– Was soll ich denn tun?
-
-– Geh mit den Kindern spazieren!
-
-– Ich passe nicht für Kinder.
-
-– Aber ich musste passen. Hör mal: eine Frau, die sagt, sie passe nicht
-für Kinder, ist keine Frau. Ein Mann ist sie auch nicht! Was ist sie
-denn?
-
-– Pfui, pfui, dass du so von der Mutter deiner Kinder sprichst!
-
-– Was sagt man von dem Mann, der nicht nach Frauen sieht? Sagt man nicht
-etwas sehr Hässliches von ihm?
-
-– Ich will nichts mehr hören.
-
-Und darum verliess sie das Zimmer und schloss sich ein.
-
-Sie wurde krank. Der Arzt, der allmächtige, der die Körper übernommen,
-nachdem der Pastor die Seelen verloren, erklärte Landluft und Einsamkeit
-für ungesund.
-
-Man musste also wieder in die Stadt ziehen, damit sich die Frau ärztlich
-behandeln lassen konnte.
-
-Die Stadt hatte einen sehr guten Einfluss auf den Gesundheitszustand der
-Frau, und die Rinnsteinluft gab ihren Wangen Farbe.
-
-Der Advokat suchte sich Praxis, und die Gatten hatten Ableiter für ihre
-Naturen, die sich nicht versöhnen konnten.
-
-
-
-
- Seine Magd
- oder
- Debet und Kredit
-
-
-Mr. Blackwood war Werkdirektor in Brooklyn und hatte sich mit Miss
-Danckward verheiratet, die in die Ehe eine Mitgift moderner Anschauungen
-brachte. Um seine geliebte Frau nicht als seine Magd sehen zu müssen,
-hatte Mr. Blackwood sich mit ihr in einem Boardinghouse in Pension
-gegeben.
-
-Die Frau, die nichts zu tun hatte, verbrachte den Tag mit Musik und
-Billardspiel und die halbe Nacht mit Gesprächen über die Frauenfrage und
-Grogtrinken.
-
-Der Mann hatte 5000 Dollar Gehalt; die lieferte er regelmässig an seine
-Frau ab, damit die sie verwalte. Sie hatte 500 Dollar Nadelgeld, über
-die sie selbst verfügte.
-
-Da kam ein Kind. Ein Kindermädchen wurde angestellt, das mit 100 Dollar
-den kostbaren Beruf der Mutter übernahm.
-
-Es kamen noch zwei Kinder.
-
-Und die Kinder wuchsen heran, und die beiden ältesten begannen in die
-Schule zu gehen. Aber die Frau langweilte sich und hatte nichts zu tun.
-
-Eines Tages kam sie angeheitert zum Frühstückstisch.
-
-Der Mann nahm sich die Freiheit, sie daran zu erinnern, das sei
-unpassend.
-
-Sie wurde hysterisch und legte sich zu Bett, und alle Freundinnen des
-Hauses warteten ihr mit Blumen auf.
-
-– Warum trinkst du, fragte der Mann so zärtlich wie er nur konnte. Hast
-du einen Kummer?
-
-– Soll ich keinen Kummer haben, wo mein Leben verfehlt ist?
-
-– Wieso verfehlt? Du hast drei Kinder geboren und könntest deinen Tag
-dazu anwenden, sie zu erziehen.
-
-– Ich eigne mich nicht für Kinder.
-
-– Dann solltest du es lernen, mit Kindern umzugehen. Das ist eine Arbeit
-für die Gesellschaft und eine ehrenvolle Lebensaufgabe, ehrenvoller als
-Leiter einer Werft zu sein.
-
-– Ja, wenn ich frei wäre.
-
-– Du bist freier als ich. Ich stehe unter deiner Administration. Du
-bestimmst von meinen Einkünften die Ausgaben. Du hast 500 Dollar
-Nadelgeld, über die du frei verfügen kannst, aber ich habe kein
-Nadelgeld. Ich muss aus der Kasse, das heisst von dir betteln, wenn ich
-Tabak kaufen will. Bist du also nicht freier als ich?
-
-Sie antwortete nicht, versuchte aber zu denken.
-
-Das Resultat war, dass sie einen eigenen Haushalt haben müssten. Und sie
-richteten einen eigenen Haushalt ein.
-
-– Teure Freundin, schrieb Mrs. Blackwood einige Zeit nachher an ihre
-Freundin, ich leide und bin todmüde. Aber ich will bis ans Ende leiden,
-denn das Leben hat einer unglücklichen Frau, die für nichts zu leben
-hat, nichts mehr zu bieten. Ich will der Welt zeigen, dass ich nicht die
-bin, die von der Gnade ihres Mannes lebt, und darum will ich mich – tot
-arbeiten ...
-
-Sie stand am ersten Tag um neun Uhr auf und brachte das Zimmer ihres
-Mannes in Ordnung. Dann verabschiedete sie die Köchin und ging um elf
-Uhr fort, um einzukaufen.
-
-Als der Mann um ein Uhr nach Haus kam, um Frühstück zu essen, war das
-Essen nicht fertig. Das war die Schuld der Magd.
-
-Die Frau war furchtbar müde und weinte. Der Mann hatte nicht das Herz,
-sich zu beklagen. Und er ass ein verbranntes Kotelett und ging wieder.
-Aber er sagte noch:
-
-– Arbeite dich nicht ab, mein Kind!
-
-Abends war die Frau so müde, dass sie einen Teil der Arbeit lassen und
-um zehn Uhr zu Bett gehen musste.
-
-Am nächsten Tage, als Mr. Blackwood ihr guten Morgen sagte, war er
-erstaunt über die gesunde Farbe, die seine Frau hatte.
-
-– Hast du gut geschlafen? fragte er.
-
-– Wie so?
-
-– Ich finde, du siehst so gesund aus.
-
-– Sehe – ich – gesund – aus?
-
-– Ja! Etwas Beschäftigung scheint dir gut zu tun.
-
-– Etwas? Nennst du das etwas? Ich möchte wissen, was du dann viel
-nennst?
-
-– Nun nun, ich meinte es nicht böse.
-
-– Doch, du meintest, ich arbeite zu wenig. Und doch habe ich wie eine
-Magd dein Zimmer aufgeräumt und wie eine Köchin am Herd gestanden.
-Vielleicht leugnest du auch, dass ich deine Magd bin?
-
-Als der Mann ging, sagte er zum Mädchen:
-
-– Sie müssen um sieben Uhr aufstehen und mein Zimmer aufräumen. Meine
-Frau soll nicht Ihre Arbeit tun!
-
-Am Abend kam Mr. Blackwood fröhlich nach Haus; aber seine Frau war böse.
-
-– Warum darf ich dein Zimmer nicht aufräumen? fragte sie.
-
-– Weil ich nicht will, dass du meine Magd bist.
-
-– Warum willst du das denn nicht?
-
-– Weil es mich quält!
-
-– Aber es quält dich nicht, dass ich dein Essen koche und nach deinen
-Kindern sehe?
-
-Jetzt wurde er nachdenklich.
-
-Während er mit der Trambahn nach Brooklyn fuhr, dachte er hin und her.
-
-Als er abends heim kam, hatte er ein gut Stück gedacht.
-
-– Hör mal, mein Kind, ich habe viel über deine Stellung im Hause
-nachgedacht, und ich will natürlich nicht, dass du meine Magd sein
-sollst. Ich habe daher so gedacht. Ich gebe mich bei dir in Pension und
-bezahle für mich. Dann bist du Herrin im Hause und ich esse bei dir
-gegen Bezahlung.
-
-– Was meinst du? fragte seine Frau etwas unruhig.
-
-– Wie ich sage. Wir nehmen an, du hältst ein Boardinghouse und ich gebe
-mich bei dir in Pension. Wir nehmen es nur an.
-
-– Gut! Was willst du bezahlen?
-
-– Ich will natürlich so viel bezahlen, dass ich auf keinen Fall in
-deiner Schuld stehe. Meine Stellung wird dadurch auch angenehmer, denn
-ich erhalte dann nicht mehr alles aus Gnade.
-
-– Aus Gnade?
-
-– Ja, du setzest mir ein Essen vor, das nicht gargekocht ist, und
-wiederholst unaufhörlich, du seist meine Magd, das heisst, du arbeitest
-dich für mich ab.
-
-– Wohinaus willst du?
-
-– Sind drei Dollar täglich genug für meine Pension? Im Boardinghouse
-bekomme ich sie für zwei.
-
-– Drei Dollar müssen sehr gut reichen.
-
-– Gut! Das sind jährlich rund 1000 Dollar. Sieh, hier hast du sie im
-voraus!
-
-Und er legte eine Rechnung auf den Tisch.
-
-– Hier ist die Berechnung:
-
- Miete 500 Dollar
- Lohn des Kindermädchens 100 „
- Lohn der Köchin 150 „
- Unterhalt der Frau 500 „
- Kleider der Frau 500 „
- Unterhalt des Kindermädchens 300 „
- Unterhalt der Köchin 300 „
- Unterhalt der Kinder 700 „
- Kleider der Kinder 500 „
- Holz, Licht, Hilfe 500 „
- ––––––––––––
- 4050 Dollar
-
-– Teile diese Summe mit zwei, da wir repartieren, so bleiben 2025 Dollar
-übrig. Zieh meine 1000 ab und gib mir 1025 Dollar. Hast du sie bei dir,
-um so besser.
-
-– Repartieren? war das einzige Wort, das die Frau hervorbringen konnte.
-Soll ich dich bezahlen?
-
-– Ja, natürlich, wenn es gleich sein soll. Ich bezahle den halben
-Unterhalt für dich und die Kinder. Oder willst du, dass ich alles
-bezahle? Gut, dann bezahle ich also 4050 Dollar plus 1000 Dollar für
-meine Pension. Aber ich bezahle besonders: Miete, Essen, Licht, Holz,
-Bedienung. Was bekomme ich denn für meine Pension? Das Essen bereitet?
-Das Essen bereitet für 4050 Dollar? Ziehe ich nun wirklich die Hälfte
-ab, das heisst, was ich zu bezahlen schuldig bin, 2025 Dollar, so
-bleiben 2025 für die Bereitung des Essens. Nun aber bezahle ich die
-Köchin besonders für die Bereitung des Essens, wie kann ich da 2025 für
-Bereitung des Essens bezahlen, und noch 1000 Dollar dazu?
-
-– Das verstehe ich nicht!
-
-– Ja, ich auch nicht. Aber das weiss ich, dass ich dir nichts schuldig
-bin, wenn ich dir deinen ganzen Unterhalt, den ganzen Unterhalt deiner
-Kinder, den ganzen Unterhalt deiner Mädchen bezahle; der Mädchen, die
-deine Arbeit tun, die nach deiner Ansicht meiner gleichkommt oder sie
-noch übertrifft. Auch wenn deine Arbeit mehr wert wäre, so hast du auch
-500 Dollar extra, die von den Ausgaben des Hauses ausgenommen sind,
-während ich nichts habe, das davon ausgeschlossen wäre.
-
-– Ich wiederhole noch einmal, dass ich deine Berechnung nicht verstehe.
-
-– Ich verstehe sie auch nicht! Vielleicht lassen wir deshalb diese
-Pension. Das ist vielleicht das beste. Und stellen einfach das Debet und
-Kredit des Hauses auf. Willst du dein Konto kennen lernen, hier hast du
-es:
-
- Mrs. Blackwood für Hilfe im Haus,
- Mrs. Blackwoods Köchin und Kindermädchen geleistet:
- Unterhalt mit Miete 1000 Dollar
- Kleider 500 „
- Vergnügungen 100 „
- An Nadelgeld bar 500 „
- Unterhalt für ihre Kinder 1200 „
- Und Erziehung 600 „
- Für die Mägde, die ihre Arbeit leisten 850 „
- ––––––––––––
- 4750 Dollar
- Bezahlt: Mr. Blackwood, Werftleiter.
-
-– Ah, es ist schändlich, seiner Frau mit Rechnungen zu kommen.
-
-– Mit Gegenrechnungen! Und du brauchst auch die nicht zu bezahlen, denn
-ich bezahle alle Rechnungen.
-
-Die Frau knüllte das Papier zusammen.
-
-– Soll ich auch die Erziehung deiner Kinder bezahlen?
-
-– Nein, das will ich, und das tue ich, und ich bezahle die Erziehung
-deiner Kinder auch! Aber du bezahlst nicht einen Cent für meine. Ist das
-Gleichstellung? Aber ich will den Unterhalt meiner Kinder und meiner
-Mägde abziehen: dann geniessest du noch 2100 Dollar für die Hilfe, die
-du meinen Mägden im Haus leistest. Willst du noch mehr Berechnungen?
-
-Sie wollte keine Berechnungen mehr, niemals mehr!
-
-
-
-
- Der Familienversorger
-
-
-Er erwacht am Morgen aus schweren Träumen von verfallenen Wechseln und
-nicht geliefertem Manuskript. Der Angstschweiss klebt in seinem Haar,
-und seine Wangen zittern, als er sich ankleidet. Aber er hört die Kinder
-im Nebenzimmer zwitschern, und er wäscht seinen heissen Kopf mit kaltem
-Wasser. Er trinkt seinen Kaffee, den er selber kocht, um das arme
-Kindermädchen nicht so früh, nämlich um 8 Uhr, aufzujagen. Dann macht er
-sein Bett, bürstet seine Kleider und setzt sich hin, um zu schreiben.
-
-Das Fieber kommt, das Fieber, das Halluzinationen von Zimmern erzeugen
-soll, die er nie gesehen, von Landschaften, die es nie gegeben, von
-Menschen, die im Adressbuch nicht zu finden sind. Er ist am Schreibtisch
-in einer Todesangst. Die Gedanken sollen klar, prägnant und malend sein,
-die Handschrift leserlich, die Handlung soll vorwärts gehen, das
-Interesse darf nicht nachlassen, die Bilder sollen schlagend sein, die
-Reden und Gegenreden blitzend. Und dann grinsen ihm die Automaten des
-Publikums entgegen, deren Gehirne er aufziehen, die Kritiker mit dem
-Kneifer des Neides, die er überwinden, das bewölkte Gesicht des
-Verlegers, das er aufheitern soll. Er sieht die Männer der Jury um den
-schwarzen Tisch sitzen, auf dem die Bibel liegt; er hört die Türen des
-Gefängnisses sich öffnen, in dem Freidenker das Verbrechen, freie
-Gedanken für Trägen die gedacht zu haben, sühnen sollen; lauscht auf die
-schleichenden Schritte des Hotelwirtes, der mit der Rechnung kommt ...
-
-Währenddessen brennt das Fieber, und die Feder läuft, läuft ihren Weg,
-ohne beim Anblick der Verleger oder Jurymänner zu zögern, und
-hinterlässt rote Streifen wie von geronnenem Blut, die dann liegen
-bleiben und schwarz werden.
-
-Als er nach zwei Stunden aufsteht, hat er gerade noch so viel Kraft,
-dass er bis an sein Bett kommt, auf das er niedersinkt. Dann liegt er
-da, als ob der Tod ihn gepackt hätte. Das ist nicht der erquickende
-Schlaf, sondern Betäubung. Es ist eine lange Ohnmacht, aber eine
-bewusste, die von dem Entsetzen begleitet ist, dass die Kräfte fort
-sind, die Nerven schlaff, das Gehirn leer ist.
-
-Da läutet die Glocke des Hotelpensionates. Voilà le facteur! Die Post
-ist gekommen!
-
-Er fährt auf und schwankt hinaus. Empfängt eine Menge Postsachen. Da ist
-eine Korrektur, die sofort gelesen werden muss; ein Buch von einem
-jungen Schriftsteller, der um ein Urteil bittet; eine Zeitung mit einem
-polemischen Artikel, der zu beantworten ist; ein Brief mit dem Ersuchen,
-an einem Kalender mitzuarbeiten; schliesslich ein warnender Brief vom
-Verleger. Das alles soll jetzt von einem Kraftlosen erledigt werden.
-
-Das Kindermädchen ist inzwischen aufgestanden, hat die Kinder angezogen,
-Kaffee getrunken, den das Hotel ihr gekocht, und Brötchen mit Honig
-gegessen, die das Hotel ihr gestrichen hat. Dann geht sie im Grünen
-spazieren.
-
-Um ein Uhr läutet es zum Déjeuner. Alle Gäste versammeln sich um den
-Esstisch. Auch er setzt sich; allein.
-
-– Wo ist ihre Frau? wird von rechts und links gefragt.
-
-– Das weiss ich nicht, antwortet er.
-
-– Welches Untier! flüstern die Damen, die eben ihren Morgenrock
-angezogen haben.
-
-Dann kommt seine Frau. Die Bedienung wird ihretwegen unterbrochen, und
-die Hungrigen, die pünktlich gekommen sind, müssen auf den zweiten Gang
-warten.
-
-Die Damen fragen seine Frau nach ihrem Befinden: ob sie gut geschlafen
-habe, ob ihre Nerven in Ordnung sind. Niemand aber fragt den Mann nach
-seinem Befinden. Das glauben sie im Voraus zu kennen.
-
-– Er sieht aus wie ein Kadaver, sagt eine Dame.
-
-Und das tut er auch.
-
-– Er ist sicher lasterhaft, sagt eine andere Dame.
-
-Das aber ist er nicht.
-
-Er spricht nicht bei Tisch, denn er hat diesen Damen nichts zu sagen.
-Aber seine Frau spricht an seiner Stelle.
-
-Und er würgt sein Essen hinunter, während seine Ohren die Freude haben,
-alles Erbärmliche rühmen und alles Gute schmähen zu hören.
-
-Als sie vom Tisch aufstehen, bittet er seine Frau um einige Worte.
-
-– Willst du so gut sein, Luise mit meinem Rock zum Schneider zu
-schicken; eine Naht ist aufgegangen, und ich habe keine Zeit, selber zu
-gehen.
-
-Sie antwortet nichts; statt aber Luise zu schicken, nimmt sie selber den
-Rock auf den Arm und geht ins Dorf hinunter, wo der Schneider wohnt.
-
-Im Garten trifft sie einige emanzipierte Damen, die sie fragen, wohin
-sie gehe.
-
-Sie antwortet so ehrlich wie möglich, dass sie für ihren Mann zum
-Schneider gehe.
-
-– Er schickt sie zum Schneider! Und sie lässt sich als wie eine Magd
-behandeln.
-
-– Und jetzt liegt er auf dem Bett und hält Mittagsschlaf. Ein netter
-Mann!
-
-Er hält wirklich Mittagsschlaf, denn er ist blutarm.
-
-Um drei Uhr läutet der Postbote wieder, und jetzt soll er einen Brief
-aus Berlin deutsch, einen aus Paris französisch, einen aus London
-englisch beantworten.
-
-Dann fragt seine Frau, die vom Schneider zurückgekommen ist und einen
-Cognac getrunken hat, ob er mit den Kindern einen Ausflug machen will.
-Nein, er müsse Briefe schreiben.
-
-Als er mit den Briefen fertig ist, steht er auf, um vor dem Essen einen
-Spaziergang zu machen. Er möchte jetzt gern einen haben, mit dem er
-sprechen könnte. Aber er ist allein. Er geht hinunter zu den Kindern.
-
-Das fette Mädchen sitzt auf einem Gartensofa und liest Frau Lefflers
-„Wahre Frauen“, die sie von seiner Frau geliehen hat. Die Kinder
-langweilen sich und wollen weiter gehen, wollen sich bewegen.
-
-– Warum gehen Sie mit den Kindern nicht spazieren, Luise, fragte er.
-
-– Die gnädige Frau hat gesagt, es sei zu warm.
-
-Die Frau hat gesagt!
-
-Er nimmt die Kinder mit und geht nach der Landstrasse; dann aber sieht
-er, dass sie nicht gewaschen sind und zerrissene Stiefel haben. Er kehrt
-um.
-
-– Warum haben die Kinder zerrissene Stiefel? fragt er Luise.
-
-– Die gnädige Frau hat gesagt ...
-
-Die Frau hat gesagt!
-
-Er geht allein spazieren.
-
-Es wird sieben Uhr und das Essen beginnt. Die jungen Damen sind noch
-nicht nach Haus gekommen. Man hat die ersten beiden Gänge serviert, als
-sie kommen; lärmend, lachend und rot im Gesicht.
-
-Seine Frau und ihre Freundin sind besonders aufgeräumt und riechen nach
-Cognac.
-
-– Womit hast du dich unterhalten, Väterchen, fragt sie ihren Mann.
-
-– Ich bin mit den Kindern spazieren gegangen, sagt er.
-
-– Ist denn Luise nicht zu Hause gewesen?
-
-– Doch, aber sie hatte keine Zeit.
-
-– Das ist doch nicht zu viel verlangt von einem Mann, das er sich um
-seine eigenen Kinder bekümmert, sagt die Freundin.
-
-– Nein, sicher nicht, antwortet der Mann. Und darum habe ich Luise
-zurecht gewiesen, dass sie die Kinder schmutzig und zerrissen gehen
-lässt.
-
-– Immer kriegt man Schelte, wenn man nach Haus kommt, sagt die Frau. Nie
-kann man ein Vergnügen haben, ohne dass man getadelt wird.
-
-Und eine kleine zerdrückte Träne stiehlt sich aus dem geröteten Auge.
-
-Der Mann wird von der Freundin und den andern Damen mit wütenden Blicken
-betrachtet.
-
-Man bereitet einen Angriff vor, und die Freundin wetzt ihre Zunge.
-
-– Haben die Herrschaften Luthers Ansicht über das Recht der Frau
-gelesen? beginnt sie.
-
-– Was ist das für ein Recht? fragt seine Frau.
-
-– Sich einen andern Mann zu suchen, wenn ihr Mann ihr nicht passt.
-
-Pause.
-
-– Das ist eine gefährliche Lehre für die Frauen, sagt der Mann. Denn
-daraus folgt, dass auch der Mann ein Recht hat, sich eine andere Frau zu
-suchen, wenn seine Frau ihm nicht passt. Dieser letzte Fall kommt viel
-häufiger vor.
-
-– Das verstehe ich nicht, sagt seine Frau.
-
-– Das braucht weder Luthers noch meine Schuld zu sein, antwortet der
-Mann. Ebenso wenig wie es die Schuld des Mannes zu sein braucht, dass er
-nicht für seine Frau passt. Er kann nämlich für eine andere ganz
-ausgezeichnet passen.
-
-Unter Todesschweigen steht man vom Tisch auf.
-
-Der Mann geht auf sein Zimmer. Seine Frau und ihre Freundin setzen sich
-in den Pavillon.
-
-– Welche Brutalität, sagt die Freundin. Und du, die feinfühlige,
-intelligente Frau, willst die Magd dieses rohen Egoisten sein!
-
-– Er hat mich nie verstanden, seufzt die Frau.
-
-Ihre Selbstzufriedenheit, dass sie diese vernichtenden Worte sagen kann,
-ist zu gross, als dass sie in ihrem Innern die Antwort hörte, die ihr
-Mann ihr so oft gegeben hat:
-
-– Bist du so tief, dass ich, der ich einen guten Kopf habe, dich nicht
-verstehen sollte? Hast du nie daran gedacht, dass es vielleicht deine
-Oberflächlichkeit ist, die macht, dass du mich nicht verstehst!
-
-Auf seinem Zimmer sitzt er, allein. Er leidet, als habe er seine Mutter
-geschlagen. Aber sie hat ihn ja zuerst geschlagen; sie hat ihn Jahre
-lang geschlagen, und er hat bisher noch nie zurückgeschlagen.
-
-Diese rohe, herzlose, cynische Frau, der er seine ganze Seele hat geben
-wollen, mit all ihren Gedanken, mit all ihren feinen Gefühlen, hat seine
-Überlegenheit empfunden und darum ihn erniedrigt, ihn in den Schmutz
-gezogen, ihn bei den Haaren gerissen, ihn geschmäht. War es da ein
-Verbrechen von ihm, dass er ein Mal zurückgeschlagen, als sie ihn
-öffentlich verhöhnt? Ja, er fühlte sich so schuldig, als habe er seinen
-besten Freund ermordet.
-
-Der warme Sommerabend kommt mit seiner Dämmerung, und der Mond geht auf.
-
-Vom Salon ist Gesang zu hören. Er geht in den Garten hinunter und setzt
-sich unter den Walnussbaum. Allein! Und mit den Akkorden des Klaviers
-verschmilzt das Lied:
-
- Oft wenn die Nacht den Schleier
- Über das Erdgewimmel
- Und um die Meere zog,
- Hatten wir unsre Feier,
- Während vom Sternenhimmel
- Helle des Mondes flog.
- Jetzt aber still ich weinen
- Tränen der Sehnsucht muss,
- Denn du wirst nie mehr erscheinen,
- Frühling der Liebe mit deinem Kuss.
-
-Er ging durch den Garten und sah durchs Fenster. Dort sass sie, sein
-Poem, das er sich gedichtet hatte. Und sie sang mit Tränen in der
-Stimme. Die Damen auf den Sofas sahen mit bedeutungsvollen Blicken
-einander an.
-
-Aber hinter den Lorbeerbüschen sassen auf einem Gartensofa zwei Herren,
-die rauchten und flüsterten. Er hörte:
-
-– Das ist nur Cognac.
-
-– Ja, sie soll trinken.
-
-– Und dem Mann schieben sie die Schuld zu.
-
-– Das ist schändlich. Sie lernte schon in Julians Atelier trinken. Du
-weisst, sie wollte Malerin werden, konnte es aber nicht. Und als sie von
-der Ausstellung zurückgewiesen wurde, warf sie sich auf diesen armen
-Kerl und verbarg ihre Niederlage hinter einer Heirat.
-
-– Ja, ich habe es gehört. Und sie hat ihn so lange gequält, bis er nur
-noch ein Schatten ist. Sie begannen mit einem eigenen Haushalt, und
-obwohl sie in Paris zwei Mägde hatte, nannte sie sich seine Magd. Obwohl
-sie allein im Haus zu bestimmen hatte, nannte sie sich seine Sklavin.
-Sie vernachlässigte das Haus, die Mägde plünderten es, und er sah den
-Ruin kommen, ohne etwas bestimmen zu dürfen. Wenn er einen Vorschlag zur
-Rettung machte, widersetzte sie sich; sagte er schwarz, wollte sie weiss
-haben. Dadurch hat sie seinen Willen gebrochen und seine ganze
-Intelligenz erschüttert. Dann gingen sie in ein Pensionat, damit sie
-keinen Haushalt zu führen brauche und sich ihrer Kunst widmen könne.
-Jetzt, da sie weder zu kochen, noch sonst etwas zu tun hat, rührt sie
-keinen Pinsel an, sondern amüsiert sich mit ihrer Freundin. Sie hat ihn
-auch von seiner Arbeit ablenken und durch Trinken erniedrigen wollen;
-das ist ihr aber nicht gelungen: darum hasst sie ihn, denn er ist ihr
-moralisch überlegen.
-
-– Aber als Mann muss er doch ein Tropf sein, antwortet der andere.
-
-– Ja, in dem Punkt freilich, aber das sind wir leider alle in dem Punkt.
-Er ist noch nach zwölf langen Jahren in sie verliebt. Aber das
-schlimmste ist, dass er, der früher so stark war, dessen Worte in Kammer
-und Zeitung gefürchtet wurden, jetzt anfängt schlaff zu werden. Ich
-sprach heute Vormittag mit ihm, und er ist zum mindesten krank.
-
-– Ja, man sagt, seine Frau habe ihn ins Irrenhaus bringen wollen, und
-ihre Freundin habe sie in diesem Bemühen unterstützt.
-
-– Und er sitzt da und arbeitet sich ab, damit sie sich amüsieren kann.
-
-– Weisst du, warum sie ihn am meisten verachtet? Weil er sie nicht so
-versorgen kann, wie sie versorgt werden möchte. Ein Mann, der seine Frau
-nicht versorgen kann, ce n’est pas grande chose, sagte sie kürzlich beim
-Mittagstisch. Und ich habe gute Gründe zu der Annahme, dass sie einmal
-darauf gerechnet hat, er werde sie als Malerin in die Höhe schreiben.
-Unglücklicher Weise verboten ihm seine politischen Ansichten, mit den
-tonangebenden Zeitungen zu tun zu haben; auch verkehrte er nicht in
-Künstlerkreisen, da er andere Interessen hatte.
-
-– Sie wollte ihn also benutzen; als er sich aber nicht benutzen liess,
-wurde er verworfen. Zum Familienversorger scheint er aber noch gut genug
-zu sein.
-
- Jetzt aber still ich weinen
- Tränen der Sehnsucht muss,
-
-klang es aus dem Salon.
-
-– Puff, erklang es hinter dem Walnussbaum. Zweige knackten und der Sand
-knirschte.
-
-Die Herren sprangen auf.
-
-Auf dem Weg lag eine gut gekleidete Leiche, deren Kopf an ein Stuhlbein
-stiess.
-
-Der Gesang verstummte, und die Damen stürzten hinaus.
-
-Die Freundin goss ihr kölnisches Wasser auf den Toten.
-
-– Pfui, eine Leiche, sagte sie, fuhr zurück und hielt sich die Nase zu,
-als sie sah, dass es keine Ohnmacht war.
-
-Der ältere der beiden Männer, der sich zu dem Toten niedergebeugt hatte,
-hob den Kopf und sagte:
-
-– Still, Weiber!
-
-– Welche Brutalität, sagte die Freundin.
-
-Die Frau des Toten fiel in Ohnmacht, wurde aber von den Armen der
-Freundin aufgefangen und von den Damen zärtlich gepflegt.
-
-– Holt den Arzt, schrie der ältere Herr. Lauft!
-
-Niemand rührte sich, sondern alle scharten sich um die ohnmächtige Frau.
-
-– Seiner Frau einen solchen Kummer zu machen! Solch ein Mann, solch ein
-Mann, jammerte die Freundin.
-
-– Nicht einen Gedanken an den Sterbenden, aber alles für die
-Ohnmächtige. Giesst ihr einen Cognac hinunter, dann lebt sie wieder auf!
-
-– Der elende Mann hat sein Los verdient, erklärte die Freundin.
-
-– Nein, er hat allerdings ein besseres Los verdient als lebend in eure
-Hände zu fallen. Schämt euch, Weiber, und Respekt vor dem
-Familienversorger!
-
-Er stand auf und liess die Hand des Toten los.
-
-– Es ist aus! sagte er.
-
-Und es war aus.
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Seite
- Asra 1
- Liebe und Brot 45
- Musste 63
- Ersatz 91
- Reibungen 103
- Unnatürliche Auslese 121
- Reformversuch 129
- Naturhindernis 133
- Ein Puppenheim 143
- Vogel Phönix 169
- „Romeo und Julia“ 177
- Herbst 183
- Fruchtbarkeit 201
- Zwangsehe 215
- Die verbrecherische Natur 233
- Corinna 249
- Ungetraut und getraut 287
- Zweikampf 297
- Seine Magd 317
- Der Familienversorger 325
-
-
- Druck: Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 97]:
- ... Er tat keine Frage beim Mittagstisch. Es sprach viel, ...
- ... Er tat keine Frage beim Mittagstisch. Er sprach viel, ...
-
- [S. 103]:
- ... – Ich kenne nichts Albernes, antwortete sie. ...
- ... – Ich kenne nichts Alberneres, antwortete sie. ...
-
- [S. 120]:
- ... einander; das hätte er und seine erste Frau nicht ...
- ... einander; das hätten er und seine erste Frau nicht ...
-
- [S. 145]:
- ... Er setzte Kaffee auf seinen Reisekocher auf, und ...
- ... Er setzte Kaffee auf seinem Reisekocher auf, und ...
-
- [S. 242]:
- ... fühlte seinen heissen Atem in meinen Nacken und ...
- ... fühlte seinen heissen Atem in meinem Nacken und ...
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIRATEN ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.