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-The Project Gutenberg eBook of Aus grauen Mauern und grünen Weiten, by
-Gustav Rieß
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Aus grauen Mauern und grünen Weiten
- Schauen und Sinnen auf Heimatwegen
-
-Author: Gustav Rieß
-
-Release Date: November 19, 2021 [eBook #66770]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS GRAUEN MAUERN UND GRÜNEN
-WEITEN ***
-
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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- Aus grauen Mauern
- und grünen Weiten
-
- Schauen und Sinnen
- auf Heimatwegen
-
- Von
-
- Gustav Rieß
-
- »Nehmt die Wünschelrute deutschen Findergeistes
- in die Hand, durchwandert mit ihr die
- deutschen Städte, die deutschen Fluren, die deutschen
- Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet
- Quellen finden und erschließen, aus denen Tiefsinn
- und Schlichtheit, Schönheit, Großartigkeit und
- Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit
- in Überfülle hervorsprudeln, als segenspendende
- Ströme für unser Volk und für die Welt.«
-
- Paul Graf v. Hoensbroech.
-
- 5. Band der Heimatbücherei
-
- des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
-
- Dresden 1924
-
-
-
-
-Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.
-
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-
-
-Meiner Frau und Wandergenossin durch Heimat und Leben
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
-1. Alt-Freibergs Romantik 5--19
-
-2. Von festen Mauern und festen Herzen 20--59
-
-3. Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus 60--103
-
-4. Was der Petriturmknopf erzählt 104--125
-
-5. Spruchweisheit in alter und neuer Zeit 126--170
-
-6. Im Freiberger Dom 171--213
-
-7. Vor der Goldenen Pforte 214--229
-
-8. Haldenwanderung 230--243
-
-9. Das Tännichttal im Tharandter Wald 244--272
-
-10. Der Königstein 273--322
-
-11. Eine Fahrt ins Weihnachtsland 323--361
-
-12. O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit 362--370
-
-
-
-
-Alt-Freibergs Romantik.
-
-
-Nicht lange vor dem Kriege hatte ich mit meinem Freunde Heinz eine
-köstliche Wanderfahrt ins Blaue mit dem Rade unternommen. Die alten
-lieben Städtchen am Main, wie Wertheim und Miltenberg, übten ihren
-mittelalterlichen Zauber, die Landschaft und der Frankenwein ließ
-unsere Herzen höher schlagen. Wie auf leichten Schwingen flogen
-wir durchs liebliche Taubertal. Eines Tages war das alte herrliche
-Rothenburg o. T. unser lockendes Ziel. Wir hatten das schöne
-Weickersheim mit seinem mächtigen Hohenlohe-Schloß und vergessenem,
-verwunschenem, verträumtem Park besucht und kamen gegen Sonnenuntergang
-über die Höhen an den Rand des Taubertales. Wir traten aus dem Walde:
-da lag plötzlich vor uns wie ein Märchen in rotglühendem Abendschein
-aus duftigem Talgrunde aufsteigend die alte herrliche Stadt mit ihren
-Mauern und Türmen, mit ihren Giebeln und Dächern und malerischen Toren
-in wundervollem Umriß vor dem leuchtenden Abendhimmel. Wir konnten nur
-stumm und atemlos schauen und schauen und haben den unvergeßlichen
-Eindruck nie wieder aus dem Herzen verloren. -- Einige Jahre nach dem
-Kriege kam ich mit der Bahn von Würzburg nach dem alten herrlichen
-Rothenburg, um meiner Frau dieses Kleinod der Erinnerung zu zeigen.
-Wehe -- ein nüchterner Bahnhof, eine langweilige Landstraße zur
-Stadt -- -- nichts von Romantik bis wir in der Stadt waren und der
-mittelalterliche Zauber unsere empfänglichen, zunächst so enttäuschten
-und ernüchterten Herzen wieder umsponnen hatte. --
-
-Freiberg ist kein Rothenburg, und Tausend mögen durch seine Gassen
-wandern ohne je eine Spur von Romantik oder mittelalterlichem Zauber
-zu finden. Tausend mögen kopfschüttelnd wieder davongehen mit
-enttäuschtem, ernüchtertem Herzen, weil der karge, spröde, ernste Geist
-und Charakter der Stadt kein Lächeln für sie fand, das ihre Seele
-aufschloß und warm machte, wie jenes heitere, köstliche Stadtjuwel im
-Süden so leicht es vermag.
-
-Und doch kann Romantik in Freiberg lebendig noch werden, wenn auch die
-grausame Gegenwart unendlich viel davon geraubt hat. Die rechte Stunde,
-den rechten Ort, die rechte Art zu schauen und zu lauschen, muß man
-haben, muß man suchen und finden, dann wird der Zauber lebendig und die
-verschütteten Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte
-Glocken tönen, die Augen und Herzen werden sehend, das Verlorene ist
-wieder da und lebt und füllt mit seinem wundersamen Leben und Weben
-die Stätten, welche zuvor leer, öde, karg und nüchtern schienen.
-Öffne dein Herz der Heimat, dann nimmt sie dich an ihr Herz und raunt
-dir wundersame Kunde zu und stille Geheimnisse, die dich reich und
-froh und stille machen. Heimat ist nicht Sache der verstandesmäßigen
-Vorstellung, sondern der seelischen Empfindung. Die Heimat hat nur der,
-welcher Heimatgefühl hat. Die Heimat liegt nicht draußen irgendwo,
-wo der nüchterne Verstand und kritische Geist seine harten, kalten
-Grenzsteine setzt, nein, wer sie sucht, der muß im eigenen Herzen
-suchen, muß die Arme ausbreiten, wie das Kind der Mutter entgegen, er
-muß glauben und lieben.
-
-Willst du an das Herz und das innere Wesen der alten getreuen Bergstadt
-herankommen, willst du willig den spröden Reiz ihrer Herbheit
-kennenlernen und dir erobern, dann darfst du nicht mit der Bahn zu ihr
-kommen und durch das geräuschvolle Gewühl des nüchternen Bahnhofs und
-die Langweile der freudlosen Bahnhofstraße in die Altstadt wandern.
-
-Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales oberhalb Halsbach
-im Osten der Stadt. Tief im Grunde windet sich die Mulde zwischen
-den grünen Abhängen. Hie und da tritt der nackte Fels schroff
-zutage. Häuser und kleine Gehöfte sind da und dort wie ein Spielzeug
-hingestellt. Birken leuchten mit ihren weißen Stämmen und winken mit
-ihrem grünen, zarten Schleier. Und droben, gegenüber auf den Höhen,
-die aus dem Talgrunde aufsteigen, türmt sich nicht ein malerisches
-Stadtbild mit Zinnen, Mauern und Toren, es türmen sich riesenhafte
-Halden mit ihren Werkbauten, Stätten der Arbeit vieler Jahrhunderte,
-die der Landschaft ihren Stempel aufgedrückt hat. Die Romantik der
-Arbeit, die Romantik, welche in die Tiefe der Erde, ins Dunkel
-hinabsteigt, die Schrecken der Finsternis mit kühnem Wagemut und
-raschem Erfindergeist besiegt, blinkende Schätze zutage fördert und
-aus dem Gestein der Tiefe Berge zum Himmel türmt von gigantischer
-Wucht und Denkmalsgröße, diese heroische Romantik der Arbeit schuf das
-Landschaftsbild.
-
-Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales am linken Ufer
-gegenüber Muldenhütten. Wie ein schwarzer riesenhafter Kessel liegt
-es vor dir im Grunde. Schwarz blinkend fließt die Mulde und trägt
-weiße Schaumflocken, wie eine langsam gleitende gefleckte Schlange
-der Unterwelt scheint sie in der Tiefe unheimlich zu schleichen. Und
-es türmen sich bergaufwärts vom Grunde schwarze Schlackenmauern,
-Dächer über Dächer, Häuser über Häuser, Giebel über Giebel, die Essen
-rauchen und recken sich wie schlanke Türme dazwischen, und es ist
-als zitterte und dröhnte eine ungeheure Spannung, eine unbändige
-Lebenskraft und unzähmbare Arbeitswucht im Körper eines gefesselten
-Riesen. Sein heißer Atem stößt empor und flockt in weißlichen Wolken in
-den blauen Himmel hinein. Kahle mächtige Halden schieben sich hervor
-mit steil abstürzenden Seiten in ihrer schwarzen Nacktheit wie aus der
-Unterwelt und Nacht emporgehobene Felsenklippen mit trotziger Stirn
-in die flimmernde Welt des Lichtes starrend. Und darüber die Talhänge
-in goldgelber Farbe des herbstlichen rauhen langen Grases leuchten
-wie ein ungeheurer goldener Reif über dem Haupte des arbeitenden
-Giganten. Romantik der Arbeit schuf dieses Landschaftsbild als Ausdruck
-heroischer Schönheit und Kraft der Industrie. -- Wandere mit mir durch
-das Muldental, wo steil die Halden der Bergwerke ins Tal abstürzen.
-Der Ludwigschacht mit seinen riesenhaften Sturzmassen schwarzer Blöcke
-schiebt sich wie ein gewaltiger Felsriegel dunkel und drohend ins
-Landschaftsbild. Aus finsterem Stollenmundloch strömt das Wasser des
-Kunstgrabens hervor und eilt hellgrün schimmernd neben unserem Pfad.
-Hie und da ein Häuslein am Wege oder dort auf grüner Halde unter
-leuchtenden Birken zierlich ein freundliches Idyll. Die Mulde strömt
-in raschem Flusse bald dicht an unserem Wege, bald in weitem Bogen
-im breiteren Talgrunde. Bald lieblich und freundlich, bald ernst und
-schwermütig oder gar finster ist diese Landschaft des Muldentales,
-geworden und gestaltet durch die Arbeit der Jahrhunderte, durch das
-Ringen starker Fäuste von tausend Geschlechtern im Bergmannskleid.
-Die Romantik der Arbeit mit Schlägel und Eisen geht im Bergkittel und
-mit dem Bergleder neben dir auf dem Weg durchs Muldental und raunt dir
-ins Ohr und fragt dich stolz: Wo gibt es Täler, deren Eigenart und
-Schönheit, deren landschaftlicher Charakter erst durch die industrielle
-Arbeit zu solcher Größe und Bedeutung im Wandel der Zeiten emporgehoben
-ist? --
-
-Und dann komm und steige mit mir den steilen Weg der alten Dresdner
-Straße am linken Muldenhang, den Hammerberg, aufwärts, vorbei an der
-riesigen Halde des Abrahamschachtes, deren schwarze Steinmassen an der
-Straße zu mächtigen Mauern gepackt sind und weiter hinauf in steiler
-Böschung sich türmen. Wir gehen zu der etwa 100 ~m~ vom Wege rechts
-liegenden Grube Elisabeth, zur »Alten Liese«, wie sie der Freiberger
-Volksmund nennt. Ihre Grubengebäude über der mächtigen grau und weiß
-und gelblich schimmernden Haldenböschung sind echte Charakterbauten des
-Bergbaus mit ihren hohen, durch Fensterluken geteilten grauen Dächern
-und niedrigen hellen Mauern. Als wären sie aus der Halde gewachsen und
-geworden wie ein Naturgebilde, nicht wie gebaut oder hingestellt, sind
-sie echt, wahr und bodenständig.
-
-Da liegt die alte Bergstadt vor uns in malerischer Umrißlinie mit ihren
-Türmen, Dächern und Giebeln, mit ihrer sturmerprobten, verwitterten
-Stadtmauer und dem starken Donatsturm und dem buschigen Grün der
-Wallpromenade im Vordergrunde. Die ruhende Masse des Domes, die beiden
-Türme von Nikolai und als stolzragende Krönung die Türme von St. Petri
-und Rathaus gliedern das Stadtbild in klarem, klingendem Rhythmus.
-Lachende Felder und Fluren weitumher, dort die grünen Wogen des Waldes,
-der bis in die Stadt seine harzduftigen Grüße schickt, und in der
-Ferne die Linien der Berge und Höhen, die in dem leuchtenden Himmel
-mit wundersamer Zartheit ferner und ferner, weicher und weicher sich
-zeichnen. Zu unseren Füßen blühende Gärten, in denen Kinder lachen und
-spielen, und dort drüben ein andrer großer Garten, wo stille Schläfer
-ruhen von ihrer Arbeit, der ehrwürdige Donatsfriedhof.
-
-Vergangenheit und zukunftsfrohe Gegenwart, Geschichte, Sage und
-tausend Erinnerungen, das Leben, welches heute in den alten Gassen und
-Häusern wirkt und drängt, die Gestalten, Herzen und Gedanken, welche
-diese Giebel und Mauern, Türme und Straßenbilder einst schufen, darin
-lebten, liebten und schließlich dort drüben ihre Ruhe fanden, alles
-vereinigt sich zu einem geheimnisvollen Zauber, der verklärend über
-dem Alltag des Lebens liegt und über Nüchternheit und kalte Prosa und
-graue Sorge erhebt. Und mögen wir nichts wissen, was dort in jenen
-winkligen Gassen und alten Häusern an Leid und Lust geschah, wir fühlen
-es, daß sie viel erlebt haben und erzählen können, daß ihre heimlichen
-Worte die Romantik uns erwecken könnten, die mit ihrem Lächeln das
-Herz gewinnt und warm macht. Der Bergbau ist zur Rüste gegangen, aber
-immer noch klingt seine Poesie über die Firste der alten Häuser, wenn
-das Bergglöckchen noch läutet wie einst zur Schicht. Sie schreitet
-durch die alten Gassen mit den schlichten Häusern und lugt um die
-Ecken winkliger Straßen, die mit ihm jung waren, wo an Portalen hie
-und da die Gestalt des Bergmanns oder das Bergmannszeichen in Stein
-gehauen, Schlägel und Eisen, dich grüßt oder irgendein frommer Spruch
-oder Gruß, wie ihn unsre Zeit nicht mehr kennt. Poesie wandert hinaus
-zu den alten Schächten und Halden, die wie Hünenmale uralter Zeit die
-Höhen rings um die Stadt krönen. Sie steigt hinab in die tiefen dunklen
-Schächte, die jetzt so still und einsam sind. Wo einst des Fäustels
-muntrer Schlag erklang, »und sie gruben das Silber und das Gold bei der
-Nacht,« und wo das funkelnde Erz aus schwarzer Tiefe zur strahlenden
-Sonne gleißend emporstieg, wo man die Grubenwässer murmeln und fließen
-hört, und die Gänge und Stollen in schweigender Finsternis sich tief
-unter der Stadt und weit darüber hinaus wie ein ungeheures Netz
-meilenweit erstrecken, da lugt sie aus Spalten und Klüften, da huscht
-sie um die Ecken und Winkel, da hörst du sie flüstern vom Berggeist,
-von Gnomen und Kobolden, von den märchenhaften Schätzen der Berge, von
-den »Walen«, den zauberkundigen Venetianern, die ihren Ort wußten, von
-all den Wundern der Tiefe, die noch kein Menschenauge geschaut und
-der Erlösung harren, von den Geheimnissen der Wünschelrute. Da werden
-die Schatten lebendig, Vergangenheit wird Gegenwart, zeitlos und ohne
-Stunde ist das Dasein. Du weißt nicht, ist es droben Tag oder Nacht,
-Sommer oder Winter -- eine Poesie ganz eigener Art hat dich in ihr
-Reich geführt, hält dich in ihrer Macht. --
-
-Dort der alte Donatsfriedhof, ist er nicht auch Poesie? Seit 400 Jahren
-fast schlafen im Ringe seiner altersgrauen Mauern Freiberger
-Geschlechter. Sie zogen aus dem weiten Ringe der starken Mauern der
-Stadt, aus ihren schönen steinernen Häusern in den engeren Mauerring
-des alten Friedhofes, in die schmalen hölzernen Wohnungen aus sechs
-Brettern. Über ihren alten Grüften rauschen hohe Bäume. Um ihre schönen
-Denkmäler rankt sich der Efeu und Heckenrosen, duftet der Flieder und
-jubeln die Singvögel das Lied des Lebens und der unvergänglichen Liebe.
--- Pestzeiten waren es, als Herzog Heinrich der Fromme 1531 diesen
-Friedhof anzulegen befahl. Das Sterbeglöcklein stand nimmer still. Mit
-immer neuer Furchtbarkeit erhob die Seuche ihr schreckliches Haupt
-und erstickte mit ihrem giftigen Hauche das Leben, schonte weder jung
-noch alt, nicht arm noch reich, nicht Mann noch Weib. Die Friedhöfe
-an den Kirchen reichten nicht aus und aus den Grüften schien der Tod
-allnächtlich aufzustehen und mit gespenstischer Faust an die Türen
-von Hoch und Niedrig zu pochen, oder aus zahnlosem Knochenmunde seine
-Opfer grinsend anzuhauchen. Da befahl der Herzog, daß »wegen der
-Dünste, so sich in den gefährlichen und geschwinden Sterbensläuften aus
-den Todtengräbern ziehen und erheben, und manchen Menschen tödtlich
-vergiften mögen, daß ein gemeines Begräbniß außerhalb der Stadt zu
-halten sei«. Wo die Kapelle des heiligen Donatus stand, dicht vor
-dem Tor der Stadt, am Wege nach der Grube Himmelfahrt, zog man den
-ovalen Mauerring um die neue Stadt der Toten. Sinnvolle Beziehungen
-für gläubige Herzen mag man daraus erkennen: draußen der Weg der
-Bergknappen zur Arbeitsschicht in das Dunkel der Grube Himmelfahrt,
-drinnen der Gang zur letzten Schicht in das Dunkel einer Grube, deren
-Rätsel noch kein Wissen erleuchtet hat, die der Glaube in den Sprüchen
-auf Steinen und Kreuzen als »Himmelfahrt« deutet. Wie ist es doch auch
-so sinnig und tief empfunden, den ernsten Baum, der so feierlich und
-schön an den Gräbern steht, »Lebensbaum« zu nennen, und so in einem
-Namen sinnbildlich eine ganze Lebens-, Welt- und Religionsauffassung
-zusammenzufassen, nämlich, daß es keinen Tod gibt, sondern nur Wechsel
-und Übergang, Himmelfahrt.
-
-Auf dem ergreifenden Gefallenen-Gedächtnismal des Friedhofs stehen die
-Worte: »Euer Tod soll Leben werden, deutscher Zukunft edle Saat.« Saat
-ist Leben und Sterben, Saat ist Tun und Denken, Saat ist Anfang, Ernte
-ist Vollendung. --
-
-Eine tiefe, sinnige Poesie lebt so in den grünen Räumen des
-alten Friedhofes, der Ruhestätte des alten Freibergs, heute der
-stimmungsvolle Vorhof der neueren weiten Gräberfelder. -- --
-
-Wo sollen wir noch die Poesie und Romantik in Freiberg suchen? Ach,
-du brauchst sie nicht zu suchen, denn draußen, über das Friedhofstor
-hinweg, siehst du den gewaltigen Donatsturm ragen und in den Friedhof
-hineinschauen. Als Wahrzeichen der Stadt reckt sich seine wuchtige
-Gestalt empor wie ein Bild echten Bürgertrotzes und kernhafter Treue.
-Die Dohlen, die in den zahlreichen Mauerlöchern unzugänglich nisten,
-gehören zum Turm, wie seine Gestalt ins Bild der Stadt. Da scharen sich
-die schwarzen Gesellen zusammen zu einer Wolke, zu einem flatternden
-Geschwader; schreiend beraten sie, wohin der Flug sie tragen soll. Zum
-Spittelwald? Hin und her schwebt die Wolke, bald dicht zusammengeballt,
-bald weit auseinandergezogen droben in der blauen Luft und entschwindet
-schließlich in der Ferne am Saume des Waldes. Der Donatsturm, die
-Stadtmauern mit ihren alten Verteidigungswerken und Türmen, mit den
-Gräben, in denen jetzt die Bäume rauschen, wissen zu erzählen von
-alter Zeit, und ihre Steine reden von Kampf und Blut und Not und dem
-Heldentum schlichter Bürgertreue. Da klirrt es von Waffen, da kracht
-es aus den groben Stücken und Kartaunen, da rühmt es von kühner Tat,
-da raunt es aber auch von Verrat, da ist die Romantik der Geschichte
-lebendig, deren Zeuge diese Mauern und Steine waren. --
-
-Und mitten im Herzen der Stadt, wo der Puls des Lebens am kräftigsten,
-am raschesten pocht, lacht oft die Poesie aus blanken jungen Augen, die
-Poesie der Jugend und fröhlicher Burschenzeit trotz trüber schwerer
-Gegenwart. Der Marktbrunnen rauscht und plätschert neben dir. Aus
-breitem vierteiligem Granitbecken steigt die wuchtige Mittelsäule
-auf, die vier kleinere Becken mit wasserspeienden Löwenköpfen trägt.
-Die Bronzegestalt Ottos des Reichen, des Gründers der Stadt steht mit
-wallendem Mantel in Panzer und Helm als Säulenheiliger oben auf dem
-romanischen Schaft und hält die Gründungsurkunde in der Rechten, den
-Griff des langen Schwertes in der Linken. Vier Bronzelöwen halten
-am Sockel der Säule Wacht und speien im Bogen Wasser in die unteren
-Granitschalen. Das unvermischte nasse Wasser, wie hier von allen Seiten
-es den Wettiner wie einen Wassergott umsprüht, umrieselt, umplätschert,
-und die von Löwen bewachte Säuleneinsamkeit dort oben mag nicht sein
-besonderer fürstlicher Geschmack gewesen sein. Das empfinden die Herren
-Studenten, denen anderer Stoff lieber ist als Wasser, mit unfehlbarem
-Feingefühl und wie der Hanfried auf dem Markte zu Jena spürt auch der
-reiche Otto flotten Burschengeist und kecken Übermut.
-
-Nacht ist es. Der Vollmond leuchtet mit märchenhaftem Schein über die
-alten Giebel. Wie Silber blinken die Dächer und Erker der ehrwürdigen
-Häuser und blinzeln mit verschlafenen Augen in die Träume der Nacht.
-Der Rathausturm ragt hoch in den schimmernden Glanz. Wie das große rote
-Auge eines Zyklopen schaut seine Uhr auf den stillen Markt, als wollte
-es spähen und wachen für die Sicherheit der Stadt, ob nicht in den
-breiten schwarzen Schatten der Häuser oder in den engen Finsternissen
-der Straßenmündungen sich Geheimnisse verbergen. Da regt es sich
-gespensterhaft. Da klingt es wie heimliches Gemurmel. Ein Klappen, ein
-Schleifen, ein Trappeln und Huschen. Im Gänsemarsch zieht es herbei
-und bewegt sich im großen Kreise um den Brunnen, wie eine geisterhafte
-Prozession. Ein Ruck, die Prozession erstarrt, ein leises Kommando und
-ein kräftiger Salamander steigt auf dem granitenen Brunnenrand oder
-auf dem schwarzen Stein, da Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber,
-einst enthauptet wurde, eine Ansprache an den ehernen Brunnenfürsten
-dort oben, der wahrhaftig sein hartes Gesicht zum Lächeln verzieht,
-ein Prosit auf sein wässeriges Wohl in braunem Bier, das seine steifen
-Lippen nicht erreicht, ein brausender Burschensang, der von den
-Häuserwänden widerhallt, ein »Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt«
-und der Spuk ist spurlos verschwunden, als die Polizei erscheint. --
-Ruhig grinsend spucken die Löwen ihr Wasser im plätschernden Bogen, ein
-Philister schimpft zum Fenster heraus und Otto der Reiche guckt in den
-Mond. --
-
-O Mondnachtmärchen und Mitternachtszauber am Obermarkt!
-
-O Romantik jugendfrischer Studentenzeit, wie steigst du auf und
-lächelst dem Frohsinn ungebrochener Jugendlust und übermütiger
-Studentenstreiche. Auch der Löwenritt zwischen sprudelnden Strahlen und
-tiefem Wasserbecken zu mitternächtiger Stunde, unmittelbar angesichts
-der Polizeiwache, hat gar manchem üppigen Füchslein zu unfreiwilligem
-Bad oder Strafmandat, dem bronzenen Säulenheiligen dort oben aber
-öfter zu einer »feuchtfröhlichen« Huldigung in seinem steifen Dasein
-verholfen. Ja einstmals hielt dieser hochgestellte Erzheilige am Morgen
-eine große Klingel in der Hand, welche am verborgenen Drahte gezogen,
-frisch in den Morgen schellte, als wäre er der Ortsdiener und wollte
-seinen getreuen Freibergern ausschellen, daß der alte Burschengeist
-noch lebt. --
-
-Was wallen die bunten Studentenfahnen aus den Fenstern, wo ein
-flotter Bursche wohnt, und flattern fröhlich im zausenden Winde, wenn
-irgendein Verbindungsfest oder ein Ehrentag der ehrwürdigen ~alma
-mater~ im Reigen der Zeit uns grüßt! Sie werfen buntjubelnde Freude ins
-Straßenbild. Der behäbige Bürger lächelt zu ihnen empor und freut sich,
-wenn die schlanken Burschen durch die farbenfrohe Poesie ihrer Jugend
-den grauen Alltag vergolden. Es lächeln aber auch lieblich verschämt
-oder auch keck und bewußt, je nach Temperament, die jungen Damen, wenn
-abends um 6 Uhr auf dem Bummel an der östlichen Marktseite die bunten
-Farben sich zeigen und mancher Gruß und mancher Wink aus schönen Augen
-spricht von Suchen und Finden, von Maienzeit und seligem Hoffen --
-»denn du weißt, du weißt es ja!«
-
-Wenn der neue Rektor der Bergakademie durch seine Studenten mit einem
-Fackelzug begrüßt und der Scheidende zum Abschied geehrt wurde, was war
-das für ein Leben in der alten Bergstadt! Der Ausschuß der Studierenden
-in seiner eigenartigen kleidsamen bergmännischen Tracht voran, die
-bunten Farben und Mützen, Pekeschen und Jacken in reichem lebendigen
-Wechsel, der kräftige Sang froher Burschenlieder, die lodernden Fackeln
-mit ihrer roten Glut in den alten Gassen, die jugendfrohe, frische
-Begeisterung in lachenden, leuchtenden Augen, und herzudrängend
-in froher Teilnahme alt und jung, die liebe Mädchenwelt und die
-begeisterten Schüler, als wäre es ein Fest der ganzen Stadt, nicht bloß
-der ~alma mater~: die Poesie des ganzen Studentenlebens schien sich in
-einem lachenden Bilde zusammenzuschließen. -- Die harte Not der Zeit
-hat dieses herrliche Bild in den letzten Jahren nicht wieder lebendig
-werden lassen, hat die lodernden Fackeln ausgelöscht, hat aber nicht
-den feurigen Mut löschen können, der in den jungen begeisterten Herzen
-lebt, der auch das deutsche Leid überwinden wird.
-
-»Frei ist der Bursch« klingt und singt es durch die Straßen nicht
-minder als durch die Herzen in Alt-Freiberg, der einzigen sächsischen
-Stadt, die noch den Zauber der Romantik studentischen Lebens bei allem
-tiefgründigen Ernst der Arbeit trotz aller Lebensnot uns spüren läßt.
-Wie klingen die alten Bergmannslieder, wie jauchzt das »Glückauf«
-in begeistertem Zuruf in froher studentischer Runde und machen die
-Romantik der bergmännischen Vergangenheit der Stadt und der eigenen
-bergmännischen Zukunft den jungen Sängern voll Begeisterung lebendig:
-»Glück auf! ihr Bergleut’, jung und alt!« Und wenn der Bursche
-hinauszieht ins Philisterland, wie begleitet ihn noch die Poesie
-bis in die rauchige Prosa der Bahnhofshalle, wenn das Abschiedslied
-in mächtigem Chore klingt und die farbigen Mützen dem Scheidenden
-winken: »Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus in die
-Welt. Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus!« -- Die
-Fahrgäste schauen und winken mit aus dem Zuge, der aus der Halle
-schnaubend davonkeucht. Die Poesie Alt-Freiberger Romantik und frischen
-Burschengeistes hat sie berührt und klingt in ihren Herzen noch, wenn
-längst die Petritürme am Horizont versunken sind.
-
-Ja die Romantik der Stadt! Wandere durch den Dom, tritt vor die goldene
-Pforte oder vor die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz aus der
-Todesschlacht von Sievershausen, stelle dich unter die Torstensonlinde
-und laß dir von ihren Blättern zuraunen, wie der podagrageplagte
-Feldherr über das »Hexennest« Freiberg fluchte, oder steige hinab in
-das Verließ des Kunz von Kaufungen, oder denke an Friederikus Rex,
-wie er durch Freibergs Straßen ritt, oder an nächtliche Bergparaden
-beim wuchtigen, ehernen Klange der russischen Hörner bei Fackelschein
-und rhythmischer Bewegung der brennenden Froschlampen, denke an die
-feierlichen Leichenbegängnisse in düsterer Pracht, wenn ein Fürst im
-Dome beigesetzt wurde. Die Bilder drängen sich, Gestalten und Männer
-treten vor dein Auge und Herz und füllen dich mit Heimatstolz, denn nun
-erst hat die Stadt eine Seele bekommen, eine Seele, die mit dir wandert
-und spricht; du hast die Seele der Heimat gefunden.
-
-Ja die Romantik in Freibergs Mauern, das ist die Geschichte der Stadt,
-die in ihr lebendig wird und in Erinnerungen redet. Ihrem ernsten
-Gewande braucht man nicht den Flitterkram phantasievoller Erfindung
-anzuhängen, um zu fesseln, zu packen und zum Sinnen und Denken und
-innerlichen Schauen anzuregen, daß es uns nicht wieder losläßt.
-Vieles ist vergessen, zerstört, hinabgesunken in das dunkle Reich des
-Schweigens, aber schaut die alten Häuser und Mauern, die alten schönen
-Portale, den herrlichen Dom mit seiner goldenen Pforte, den Kanzeln und
-der Wettiner Gruft, die anderen Kirchen, die altertümliche »Thümerei«
-mit ihren Museumsschätzen, das Rathaus mit dem, was diese Bauten in
-sich bergen, blättert in den alten Chroniken, Urkunden oder Akten, dann
-steigt es herauf und wird wieder lebendig, dann blüht ein verklärendes
-Lächeln auf, das Lächeln, das wie ein geheimnisvoller Zauber die alte
-getreue Bergstadt verschönt und die Herzen an sie fesselt. Verschüttete
-Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte Glocken tönen,
-versunkene, verwunschene Schätze steigen empor, die Augen und Herzen
-werden sehend, das Verlorene ist wieder da und lebt und füllt mit
-seinem wundersamen Leben und Weben die Stätten, welche zuvor leer,
-öde, karg, ernst und kalt und nüchtern schienen: Du hast die Seele der
-Heimat gefunden.
-
-
-
-
-Von festen Mauern und festen Herzen.
-
-
-Drei trotzige Türme mit Zinnen und flachen Kegeldächern, und ein
-zinnengekröntes Mauertor, in dem ein Herzschild mit wehrhaftem Löwen
-den Zugang sperrt, das ist das Wappen des alten Vriberch, »~Sigillum
-Burgensium in Vriberch~«, »das Siegel der Bürger in Vriberch«. An
-einer der ältesten erhaltenen Freiberger Urkunden von 1227 hängt es
-bedeutungsvoll, und man darf annehmen, daß seit der Stadtgründung, etwa
-50 Jahre zuvor, dieses Wappen geführt wurde und den Stolz und trutzigen
-Sinn der Stadt auf dem freien Berge, der deutschen Bergmannsstadt in
-slavischer Wildnis, zum Ausdruck brachte. Dieses Siegel sagte Freund
-und Feind, daß die junge Stadt eine ummauerte, wohlbefestigte sei,
-an deren Toren der Freiberger Löwe Wache hält und seine Klauen zum
-mächtigen Schlage dem Freunde zum Schutz, dem Feinde zum Trutz erhebt.
-Ein »redendes« Wappen, dessen Rede im Lauf der Geschichte zu Taten
-wurde.
-
-Durch alle Jahrhunderte hat die Stadt dies Wappen mit den silbernen
-Türmen geführt, festgegründet auf silberdurchwachsenem freiem
-Felsengrunde.
-
-Märchen gingen durch alle Lande von dem wunderbaren Reichtum der Stadt,
-wo die Ziegel auf den Dächern von Silber wären, und Bürger und Bergmann
-von Gold und Silber speisten. Wie ein Märchen aus Tausendundeiner
-Nacht klingt es z. B., was uns der Chronist über das große Turnier
-berichtet, welches im Jahre 1263 der Markgraf Heinrich der Erlauchte
-von dem Freiberger Silber in Nordhausen ausrichtete: »Da er in der
-Mitte der Bahn einen gantzen silbernen Baum aufrichten lassen von halb
-gülden und halb silbern Blettern, auch einem jeden, welcher im rennen
-seinen Speer gebrochen, und auf dem Rosse sitzen blieben, ein silbern
-Blat, welcher aber den andern gar herabgestochen, ein gülden Blat
-verehret; dabey denn eine solche kostbare Zubereitung in allen Sachen
-gewesen, und gegenwärtige Fürsten, Graffen, Herren, Ritter und Adels
-Personen 8 Tage nacheinander dermassen stadlich tractiret worden, daß
-es, wie die alten ~historici~ berichten, einem Keyser schwer würde
-gefallen seyn, solches nachzuthun.« Von diesem Markgraf sagte man, daß
-er durch seinen »fürtrefflichen Reichthum gantz Böhmen mit baaren Gelde
-hette bezahlen, auch sonst andere Länder an sich und seine Nachkommen
-bringen können«. Auch die Chronik der Stadt Schneeberg, welche 1470
-gegründet war, berichtet aus dem Jahre 1477: »Auch war in St. Georgen
-die große Silber-Stuffe wie ein Tisch verstrosset, darauff Herzog
-Albrecht Tafel gehalten und daraus hernachmals 400 Zentner Silber
-geschmelzet worden.«
-
-Solche reiche Silberausbeute mußte wohl märchenhaft erscheinen und die
-Phantasie des Volkes mächtig anregen.
-
-Hat man doch sogar in neuerer Zeit noch erstaunliche Funde gediegenen
-Silbers gemacht, wie z. B. im Jahre 1847 auf der Grube Himmelfahrt
-17 Zentner auf einem Gangkreuz, im Jahre 1857 auf der Grube Himmelfürst
-sogar 91 Zentner plattenförmig auf einem Punkte beisammen. Da war es
-kein Wunder, daß in der Zeit, als das Silber fast zu Tage lag und das
-Erz mühelos gebrochen wurde, Markgraf Otto, der Gründer der Stadt,
-der »Reiche« genannt wurde, daß er dieses Schatzkästlein mit festen
-Mauern und Türmen umgab, und daß er die Wehrhaftigkeit durch Siegel
-und Wappen besonders betonte. Reste dieser ersten Mauer darf man wohl
-heute noch in den unteren Teilen der erhaltenen alten Stadtmauer am
-Donatsring vermuten. Ein stolzes Bild hat durch die Jahrhunderte die
-mauerumgürtete, turmgekrönte, zinnenumwehrte Stadt geboten, namentlich
-nachdem im Laufe des Mittelalters alle Erfahrungen und Künste der
-Befestigung und des Wehrbaues an ihre Wehrhaftmachung gesetzt waren.
-Sie war mit doppelten Mauern, 44 Türmen, fünf starken Torbauten, mit
-Gräben und breiten Teichen gesichert.
-
-Der Chronist Möller schreibt im Jahre 1653:
-
-»Die Ringmawern sind dick und stark, umb und umb zwiefächtig mit
-einem Zwinger. Die eine ist sehr hoch, und mit vielen Außwerken und
-Thürmen befestiget. Die andere, welche sonst die Zwinger Mawer genennet
-wird, ist etwas niedriger, und hat auch etliche besondere Thürmlein
-und Außwerke. Für den Ringmawern gehet umb die Stadt ein tieffer
-gefütterter Graben, welcher zum theil voll Wasser, zum theil leer ist.
-Man hat für diesen zur Lust etliche Stücke Wild drinnen gehalten und
-vermehret, wie auch noch bei Mannes gedenken etliche weisse Hirsche,
-sampt anderen Stücken, von der hohen Obrigkeit deßwegen dahin gesendet,
-und der Stadt verehret worden.
-
-In den Ringmawern seynd fünff Haupt Thore, welche alle mit
-festen Thürmen, Brustwehren, Rondelen, hangenden Zugbrücken, und
-drey unterschiedlichen grossen Pforten, theils auch mit starken
-Schutzgattern, und anderen zur Defension und wider feindlichen Anlauff
-gehörenden Stücken wol verwahret seynd.«
-
-Möller erwähnt hier nicht die Befestigung durch die Teiche, obschon
-sie bereits auf dem Stadtplan von 1554 vorhanden sind. Vom Peterstor
-bis dicht zum Meißner Tor, zehn an der Zahl, waren sie mit ihren
-senkrechten gemauerten Ufern oder Böschungen ein starkes Hindernis noch
-vor der Stadtmauer. Auch heute noch bietet sich, namentlich im Winter,
-dem Blicke, z. B. über den Schlüsselteich, auf die hohen Mauern und
-Türme ein trotziges stolzes Bild der alten Wehrhaftigkeit.
-
-Von den fünf starken Torbauten ist nichts erhalten geblieben als der
-gewaltige Donatsturm im Osten der Stadt. Immer noch steht er, als
-kraftvolles Wahrzeichen der Stadt, wie ein treuer Wächter und ragt
-weit über Dächer und Giebel in die blaue Luft. Wie zu unzerstörbaren
-Felsenmauern gefügt türmen sich seine braunen und schwarzen
-Gneisquadern zu mächtigem Rundbau empor. 5 ~m~ stark sind seine Wände,
-so daß er auch für die schwersten Geschütze der älteren Zeit als
-unzerstörbar gelten mußte. Sein Umfang ist 44 ~m~, sein Durchmesser
-14 ~m~ und seine Höhe 29 ~m~. So ragt er gen Himmel, über die Stadt und
-die Jahrhunderte, wie ein trotziger Fels, an dem die Wogen der Zeit und
-die Stürme des Schicksals sich brechen und zerstieben.
-
-Die Rüstlöcher der fleißigen Werkleute sind in regelmäßigen Abständen
-sein einziger Schmuck. Schießscharten mit Rundöffnung für die Rohre der
-kleinen Feldschlangen, Geschütze, Doppelhaken und Falkonetlein und mit
-Schlitzen für die Beobachtung und den Abzug der Pulvergase durchbrechen
-im oberen Teil des Turmes 18 ~m~ über der Erde in drei Reihen
-übereinander von je neun Stück das Mauerwerk und sind von innen durch
-gewölbte, tunnelartige, ringförmige Umgänge im Mauerkerne zugänglich.
-Oben öffnen sich im Ringe dicht unter dem spitzen Kegeldach die neun
-Schießluken oder Scharten für die groben Stücke. Von hier brüllten sie
-dem Feinde ihre rauhen Grüße zu. Die letzten Kanonen sollen erst 1796
-herabgestürzt und von Hammerschmieden als altes Eisen gekauft worden
-sein.
-
-Im vorigen Jahrhundert erst wurde das eigentliche Tor mit dem
-weitvorspringenden Rondell abgebrochen, und weit klaffte die große
-Lücke zwischen dem mächtigen Turm und dem Reste der Stadtmauer. Erst
-im Jahre 1922 wurde von mir ein Wohnhaus für die Stadt dort errichtet.
-Durch weitgespannten Torbogen ist es mit dem Turm verbunden und zu
-einer malerischen, geschlossenen Gruppe zusammengefaßt, welche das
-Straßenbild abschließt. Am Tor ließ ich in Sandstein die Sprüche
-meißeln: »Gemeinwohl geht über dein Wohl« und »Eintracht bricht Not,
-Zwietracht bringt Tod«. Dafür ist der Turm selbst Zeuge und Mahnung
-durch seine Entstehung und seine Geschichte.
-
-Bergmannstreue soll ja diesen starken Schutz und Wächter der Stadt
-geschaffen haben, indem jeder Bergmann für das Gemeinwohl sich von
-seinem Schichtlohn einen Betrag kürzen ließ, und indem er selbst mit
-Hand anlegte. So wuchs das Bollwerk empor, seiner Bestimmung entgegen
-und hat in den Stürmen der Jahrhunderte unerschüttert und unzerstörbar,
-wuchtig und stolz seinen Platz in der Mauer, im Stadtbilde und vor dem
-Feinde ausgefüllt, denn Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!
-
-Er sah trotzig hernieder mit seiner Felsenstirn auf Sorben und
-Hussiten, auf Wallensteins Söldner und schwedische Heerscharen, auf
-die Füsiliere des Friderikus Rex, auf Napoleons Truppen und die Sieger
-von 70. Wie brandete um seine Mauern die sturmbewegte Geschichte der
-Stadt und der ganzen Heimat! Er hörte einst die dunkle bittere Kunde
-von Sievershausen, da Herzog Moritz, die Hoffnung des evangelischen
-Deutschlands, fiel, von Lützen, da Gustav Adolf starb, die Siegeskunde
-von Leuthen und Leipzig, die Schmach von Jena, von Moskaus Brand
-und von dem Fall von Paris, von Sedan, von Lüttich, Tannenberg und
-Skagerrak. Das deutsche Leid sank lastend auf ihn nieder, und schwarze
-Wolken deckten blühende Fluren.
-
-An ihm rumpelte die gelbe Postkutsche mit hellem Hornruf vorbei, und
-lustige Wagen mit Maien und lachenden Mädchen, und auch der dunkle
-Wagen mit seinen schwarzen Rossen zum nahen Donatsfriedhof und seinem
-grünen Frieden. So viele Bergmannsgeschlechter, die längst vergessen
-dort der Ewigkeit entgegenschlummern, hat er gekannt, wie sie als
-Kinder zu seinen Füßen spielten.
-
-Johann Tetzel verkaufte zu seinen Füßen seine Ablaßzettel an die
-Bergknappen und schleppte viel Geld mit fort, denn er predigte, daß
-alle Schächte verfallen würden, wenn man nicht reichliche Spenden in
-seinen Ablaßkasten werfen würde. Bruder Martinus, der Bergmannssohn
-aus Wittenberg sah vielleicht mit seinen tiefen Augen dieses trotzige
-Bollwerk der Stadt, den Psalm und sein Lied von der festen Burg im
-Herzen. Er trug Seelen und Herzen mit sich fort und riß die Geister zu
-höherem Fluge mit sich empor.
-
-Des Alten Fritzen blaues Königsauge maß den alten Turmrecken mit
-prüfendem Feldherrnblick, nachdem er schon sechs Jahre im Heldenkampfe
-siegreich einer Welt von Feinden Trotz geboten und neuen Lorbeer um
-seine kriegs- und siegesmüde Stirn geflochten.
-
-Humboldt, der die Welt umwanderte und neu als Kosmos in seinen Werken
-erstehen ließ, Goethe, der eine Welt in seinem Herzen trug, und neue
-Geisteswelten schuf und deutschen Geistes stolze Stirn zu den Sternen
-hob, sie schauten empor zum alten Turm, der wie etwas Zeitloses am Wege
-steht und mit stummer Sprache raunt von ewigen Dingen.
-
-Theodor Körner im Bergkittel sang zu ihm seine Burschen- und
-Bergmannslieder empor und trug seine begeisterte Seele von hier wie
-einen lodernden Opferbrand ins Morgenrot der Freiheit.
-
-An ihm schritt der Handwerksbursche vorbei, die Wahrzeichen der Stadt
-sich noch einmal bedenkend, hinaus, wo ihm das Leben und die Zukunft
-lachte.
-
-Der Bergmann zog vorüber mit Glückauf zur Schicht in schwarzer Tiefe,
-zum Schacht anfahrend, dessen Glöckchen traulich herüberklang.
-
-Die Wogen und Wellen der Zeit und der Menschen strömten dahin. Das
-Tor und die Mauern fielen zum Teil. Der alte, graue, riesige Wächter
-aber blieb und sah sinnend, wie zu seinen Füßen buntes Bürgerleben
-hinausquoll über Wälle und Gräben, wie die frische neue Jugend
-hinausdrängte in Gärten und Grün, in Wälder und Berge, zu Sport und
-Spiel, in Sonnenglück und stählende Winterlust, wenn sie Gott oder
-ihrer eignen Seele tiefste Sehnsucht fühlten im Wehen der Halme, im
-Rauschen der Bäume, im weißen Glanz der Winterpracht, in den Wundern
-der Weite, als sie die Heimat fanden und immer wieder suchten in
-Sehnsucht und in der Heimat die Seele und die Kraft, welche sie gesund
-und reich macht.
-
-Goldene Volkslieder klingen empor zu ihm wie aus dem Zauberbrunnen
-der Märchenzeit, die süßen Wunderweisen von Schubert und
-Silcher. Sehnsuchtsklänge von Herrmann Löns und erzgebirgischer
-Heimatsang von Anton Günther ranken sich mit Lautenklang um die
-mondscheinumflimmerten Mauern des Turmes und der alten Stadt.
-
-Der alte graue Landsknecht aber, mit seinen mächtigen breiten
-Schultern, der alte getreue Ekkehard und Hüter der Stadt schaut
-hernieder und lächelt über das bunte Getriebe, über das Lieben und
-Leiden, das Eilen und Weilen, das Hasten und Rasten, das Jagen und
-Plagen der Ameisen zu seinen Füßen.
-
-Wie um seine Stirn die Dohlen schreien und flattern, abstreichen und
-heranschweben, so eilen und ändern sich Geschichte, Geschlechter und
-Geschicke; Seelen und Gedanken flattern und schweben. Warum? Wohin?
-
-Der Donatsfriedhof, der Gottesacker mit seinen rätselhaften Schollen,
-die Jahrhundert für Jahrhundert immer aufs neue umgestürzt werden,
-ist so nah, in dem von Ewigkeit so viel gesprochen wird, und die
-Vergänglichkeit so grausam uns ins Antlitz starrt, in dem die Blumen
-der Hoffnung und die Dornen der Verzweiflung dicht nebeneinander
-wachsen, welken und immer wieder sprießen, in dem die Fragen und die
-Rätsel keimen, und die bangende Seele Antwort und Lösung pflücken will
-und sucht, bis ihr hier draußen die Antwort wird, wenn einst hinter dem
-dunklen Tor sich ihr die letzten Rätsel lösen.
-
-Wohin rinnt der Strom des Lebens, der unaufhaltsam durch die
-Jahrhunderte fließt, an dessen Ufer der alte Turm wie ein Felsen
-unerschüttert steht? Über ihn spannt sich des Himmels unendliches
-dunkles Gewölbe mit seinen Myriaden flimmernder Welten. Ein Stern
-schießt seine leuchtende Bahn in weitem Bogen und ist verschwunden.
-Warum? Wohin?
-
-Weltall und Ewigkeit -- unfaßbare Gedanken nicht auszudenkender Gewalt!
-Menschenseele! nicht faßbares Wunder von unerklärlicher Größe! Leben
-und Vergänglichkeit, Menschenseele und Ewigkeit, die Rätselfragen alles
-Seins, schweben empor über die mondscheinumflimmerten Dächer. Nie
-gestillte, nie erfüllte dürstende Sehnsuchtsgedanken wandern in den
-dunklen Abgrund des Weltalls, in die schweigenden dunkelblauen Fluren
-der Unendlichkeit.
-
- Selig sind, die da Heimweh haben,
- Denn sie sollen nach Hause kommen.
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die anderen Tore schienen wohl auch für die Ewigkeit gebaut zu sein.
-Doch was durch Jahrhunderte feindlichen Stürmen Trotz geboten und der
-Stadt und ihren Bürgern als Schutz und Hort gedient hatte, das mußte
-unter der Spitzhacke dieser Bürger fallen.
-
-So sank ein prächtiger, wehrhafter Torbau nach dem andern, ein
-malerisches Bild alter Stadtherrlichkeit nach dem andern dahin. Wenn
-man die alten Darstellungen der Tore betrachtet, so könnte man glauben,
-jene Zeit der Spitzhacke, des Meißels und Brecheisens sei blind und
-gefühllos gewesen gegen die reizvolle Schönheit und gegen den Zauber
-der Geschichte, welcher die alten Türme und Mauern mit ihren Ranken
-umsponnen hielt. 1846 fiel z. B. das Erbische Tor, das einen Ludwig
-Richter zu einer entzückenden Kupferradierung begeistert hatte. Wie ein
-Blick auf das Juwel mittelalterlicher Stadtschönheit, auf Rothenburg
-ob d. Tauber, wirkt dieser Ausschnitt aus Alt-Freibergs verlorener
-alter Herrlichkeit. Aus tiefem Wallgraben rauschen die Baumwipfel
-empor, aber höher steigen die trotzigen Türme und Mauern, über welche
-Giebel und Dächer schauen, und zwischen ihnen der Torturm des Erbischen
-Tors, feingegliedert, auf vierkantigem Unterbau achteckig aufragend.
-Acht große ovale Schießluken für die schweren Geschütze und darüber,
-getrennt durch ein glattes Gesimsband, acht schmale horizontale
-Schießschlitze sind der wirksame und zweckvolle Schmuck des wuchtigen
-Bauwerkes. So friedlich und gar nicht kriegerisch mehr schaut das Tor
-darein.
-
-Die vier letzten, alten, eisernen Kanonen, welche einst grimmig von
-hier oben hinabdrohten, wurden 1802 verkauft und der Erlös wurde
-zur Stärkung der Laternenkasse verwendet, die zur Einrichtung einer
-öffentlichen Beleuchtung gegründet war. -- Liegt nicht darin die ganze
-Behaglichkeit des Spießbürgers, den Krieg und Kriegsgeschrei nicht
-stört, weil er meint, ihm sei der Friede sicher und der Krieg dahinten
-weit in der Türkei so fern, so fern, und doch stand Mars schon drohend
-am Himmel und die apokalyptischen Reiter hatten ihre Rosse gezäumt zum
-Ritte durch Deutschlands blühende Fluren und auch Freibergs Gassen in
-der napoleonischen Zeit. Hier, auf unserem Bilde von Ludwig Richter,
-sind diese schweren Tage vorübergebraust und das friedlich behagliche
-Leben macht sich wieder breit und vergißt so gern die dunklen Tage.
-Zum Turme staffeln sich auf, wie mächtige Stufen, die Mauern des
-»Rondells«, des Vorhofes oder Vortores. Stolze Pappeln stehen wie
-ragende Wächter daneben und breite Baumkronen lehnen sich an das alte
-Mauerwerk. Im Vordergrunde aber bewegen sich die lieben Gestalten,
-mit welchen Ludwig Richters sonniges Kinderherz in stets wechselnder
-Fülle seine Werke zu beleben wußte. Der vornehme Bürger mit hohem Hut,
-der seine zwei Damen im Reifrock auf dem Walle spazieren führt, zwei
-Bergleute in ihrer altertümlichen, charakteristischen Tracht, die
-Bauersfrau, welche ihren schweren Korb zu Markte trägt, das dralle
-Mädchen mit einem wackeren Handwerksmeister, Hunde und Zicklein und
-fernes Gewimmel. --
-
-So friedlich und freundlich diese Bilder ausschauen, so bittere Not,
-Wunden und Tod haben doch diese Mauern gesehen, wenn der Feind vor
-ihnen lag, die Häuser der Vorstädte brannten und die Pest und der
-Hunger durch die Gassen schlich und mit knöchernem Finger an die
-Pforten pochte. Das waren die Notzeiten und Heldenzeiten der Stadt,
-wenn Kriegsstürme diese starken Mauern und Türme umtobten und manch
-wackeres Stücklein von trotzigem Bürgermut und unverzagter Treue aus
-harter Faust und festem Herzen sprang. Not lehrt beten und Not macht
-Helden! Eintracht bricht Not! Das Peterstor war es vor allem, dem
-immer wieder die Wut der Feinde, die furchtbarsten Angriffe galten.
-Seine stärkste Probe mußte dieses Bollwerk mit seinem gedrungenen
-vierkantigen Turme und mächtigem Rondell im dreißigjährigen Kriege
-aushalten. Doch was nützen Mauern und Türme, wenn nicht heldenmütige
-Treue die Wache hält. Es ist ein Ruhmesblatt von höherem Werte als ein
-Blatt von jenem silbernen Baum einst im Turnierhofe zu Nordhausen,
-welches sich hier tapferer Soldatengeist und Bürgermut für alle Zeiten
-errang.
-
-Furchtbares hatte die Stadt bereits erlitten. Plünderungen und
-Kontributionen von Freund und Feind, Einquartierungen, Seuchen und
-Brandschatzungen.
-
-Besonders schwer war das Jahr 1632. Bald waren churfürstliche Truppen,
-bald Wallensteins Regimenter, bald die berüchtigten Horden des
-Holck, bald kaiserliche »Krabaten«, bald Böhmen oder andere Völker
-in der Stadt oder vor ihren Mauern. Dann kam der kaiserliche General
-Feldmarschall Graf von Gallas auf Wallensteins Befehl Ende September
-mit großer Übermacht und bombardierte die unglückliche Stadt. Granaten
-bis zu 90 Pfund hämmerten auf das Peterstor mit furchtbaren Schlägen
-und auf die Straßen, und Brandgeschosse »viel Fewerballen« fielen auf
-der Petersgasse und Fischergasse auf die Dächer der Häuser immer und
-immer wieder und bedrohten mit Feuersbrunst die Stadt. Den tapferen
-Verteidigern, welche schon 300 feindliche Soldaten erschossen, ging
-die Munition aus und an Lebensmitteln war Mangel, der Feind legte die
-Sturmleitern an und hat »dannenhero hoher Beträwungen verlauten lassen,
-alles ohne unterscheid nieder zu hawen, und die Stadt gäntzlicher
-zu verderben, wo sie nicht ohne ferneren verzug auffgegeben würde,
-ist der Schrecken in der Stadt bey den Einwohnern und Eingefleheten
-desto grösser worden, und ist dieses eine recht ängstliche Nacht, und
-die Stadt in grosser Gefahr gewesen.« Die Stadt mußte sich ergeben
-und den übermütigen Feind in ihre Mauern lassen. Die kurfürstliche
-Garnison mußte die Waffen ablegen und erhielt freien Abzug. Von den
-Bürgern wurden aber 50000 Reichstaler verlangt als Ablösung für die
-Plünderung innerhalb 3 Tagen aufzubringen. Auf inständiges Bitten
-wurde durch Vermittlung des Feldmarschall-Leutnants Holck diese
-Summe auf 30000 Taler ermäßigt. Da aber die Bürgerschaft schon zuvor
-für die Garnison an Verpfleggeldern innerhalb 6 Wochen 45143 Taler,
-5 Groschen, 3 Pfennige hatte aufbringen müssen, so war sie »dermassen
-erschöpffet und verarmet, daß aller Vorrath hinweg, und bey vielen
-mehr nicht als das liebe Leben übrig. Drumb gab es wegen Einbringung
-dieser hohen Rantzion große ~difficulteten~, und mußte alles, was noch
-etwan an güldenen Ketten, silbernen Bechern, Gürteln, Messerscheiden,
-und dergleichen Geschmeide bey einem oder dem andern vorhanden,
-herausgegeben werden.«
-
-So wurde zwar die Stadt vor der Plünderung noch bewahrt, aber tief
-und bitter war noch trotzdem der Leidenskelch, den die unglückliche
-Bürgerschaft leeren mußte. Die Bürger mußten ihre Waffen und
-Harnische abliefern und wehrlos gemacht, wurden sie durch übermütige
-Einquartierung geschunden, gepeinigt und ausgesogen und »also
-ausgezehret, daß der Vorrath an ~victualien~ und ~fourage~ aller gantz
-dahin, und nicht ein bißlein Brods mehr bey den Becken, oder ein
-trunck Biers, viel weniger etwas von Saltze, Gewürtze, und anderer
-Nothdurfft zu bekommen, deßwegen auch etliche Personen auff den offnen
-Gassen niedergefallen, verschmachtet und Hungers gestorben.« »Dessen
-aber allen ungeachtet wurden bey manchen Bürger 10, 12, 15, 20 auch
-wohl mehr Soldaten einquartiret, welche ihre volle verpflegung haben
-wollten.« »Die arme Bürgerschafft wurde also geängstet, daß ihrer viel
-mit Weib und Kindern aus den Häusern entwichen, und alles im Stiche
-liessen, (wie man denn nach abzug des Feindes fünffhundert Häuser in
-der Ringmauer befunden, welche gantz leer und wüste gelegen).« Über
-dieses alles war kein Mensch in seinem eigenen Hause sicher, denn die
-Soldaten »grossen Muthwillen und Frevel verübeten, zumal des Nachts,
-da mit Gewalt in die Häuser, Gewölbe und Keller gebrochen, und alles
-auffgeschlagen, durchsuchet und weggestolen war. Darzu fiel wegen
-mangelung nothdürfftiger ~victualien~ viel und mancherley Krankheiten,
-und endlichen eine geschwinde ~infection~ und Pest ein, welche
-inkurtzen etliche tausend Menschen in und vor der Stadt hinrisse,
-und fast den dritten Theil der Bürger mit wegraffete. Die meisten
-wurden heimlichen begraben, öffentlichen hat man dreytausend Personen
-gezehlet, die mit gewöhnlichen Ceremonien zur Erden bestattet worden.«
-
-Wenn man bedenkt, daß diese Häufung von Elend und Jammer sich auf zwei
-Monate, Oktober und November, zusammendrängte, daß die Stadt klein
-und wahrscheinlich nicht mehr als 10000 Einwohner zählte, so gewinnt
-diese Zahl an unheimlicher Bedeutung, denn heute beträgt die Zahl der
-jährlichen Todesfälle 500 bei rund 35000 Einwohnern!
-
-Wie ein Würgeengel ging die Pest durch die Häuser und klopfte fast
-an jede Türe. Die Särge reichten nicht aus und viele wurden heimlich
-verscharrt, weil die Not dazu zwang. Die lateinische Schule war zehn
-Wochen lang geschlossen, und als sie wieder eröffnet wurde, fand sich
-noch nicht die Hälfte der Schüler wieder ein. Die größere Hälfte dieser
-blühenden Jugend war verloren, verdorben, verstorben.
-
-Doch nicht genug »der außgestandenen so grossen Noth, Angst, Elendes
-und Jammers, so sich diese zeit über bey der guten Stadt Freybergk
-befunden!« Die Schlacht bei Lützen war geschlagen, der Schwede rückte
-heran und trieb die kaiserliche Armee vor sich her. Da ließ »der
-Commendant anfahen, und die schöne grosse Vorstadt mit allen Forwercken
-fürm Meißnischen Thore, wie auch die eine Seite fürm Petersthore, sambt
-der Viehgassen anzünden, und in die Asche legen. Was nicht brennen
-wollte, ward niedergerissen, oder sonst durchlöchert und verwüstet,
-und geschach diesen und hernachfolgende Tage mit abbrennen und
-niederwerfung derer so alten wolgebawten und weitläufftigen Vorstädte,
-und schönen Forwercken, Scheunen, Mühlen und anderen sowol gemeinen als
-Privat-Gebäuden solcher Schade, der nicht genugsam zu schätzen.« Sogar
-die Friedhöfe entgingen der Vernichtung nicht, indem »auch die schönen
-Bogen und Mawren eingerissen, und alles schändlichen verwüstet« wurde.
-Doch alle diese furchtbaren Leiden hatten den Mut und die Treue der
-Bürger und des Rates nicht gebrochen. Die Hammerschläge des Schicksals
-hatten ihre Herzen fest geschmiedet. Es leuchtet ein Wort aus jenen
-dunklen Tagen wie ein silberner Turm herüber in unsre dunkle Zeit,
-dessen strahlende Zinne echter Mannesmut und echte, in Schicksalsglut
-gehärtete Treue ist. Der Schwede, mit dem der Kurfürst verbunden war,
-rückte heran, der Feind in der Stadt richtete sich auf eine Belagerung
-ein und wollte ihm trotzen.
-
-Da rief der kaiserliche Kommandant Mohr vom Walde die Bürgermeister
-der Stadt und etliche Ratsmitglieder zu sich, ob sie zu ihm halten und
-die Stadt mit ihm verteidigen wollten: Er habe Befehl, sich, solange
-er könnte, zu halten, hernach aber auf das Schloß sich zurückzuziehen
-und die Stadt an 20 Orten in Brand zu stecken. Die tapfere Antwort
-war, »daß sie wider ihren gnädigsten Landsfürsten, und ihm geleistete
-Pflicht, derer sie noch nicht loßgezehlet weren, nicht thun könnten
-noch wollten, hetten deßwegen einmütig beschlossen, wo sie mit
-dergleichen Anmutungen nicht könnten verschonet werden, lieber die
-Stadt und alles das ihrige zu verlassen, da sie auch gleich betteln
-gehen solten, als wider Pflicht und Gewissen, auch wider die löblichen
-~exempla~ ihrer in Trewe hochberühmten Vorfahren zu handeln. Bäten den
-Herrn Commendanten, ihrer und der armen Bürgerschaft hierinnen gnädig
-zu verschonen. Wo es aber nicht seyn könte, ihnen zu vergönstigen,
-daß sie mit Weib und Kindern dürfften abziehen, und sich nach Dresden
-begeben.« Es klingt der Trotz des Lutherliedes aus diesen Worten. Es
-waren nicht leere Worte schlauer Berechnung, denn dazu war man zu
-tief durch Blut, Brand und Greuel des Krieges gewatet. Man kannte den
-Gegner nur zu gut und hatte am eigenen Leibe verspürt, was die Wut
-und Zuchtlosigkeit des Feindes bedeutete. Nicht leere Worte, sondern
-opferbereite, tatenmutige Entschlossenheit war das Wort:
-
- Nehmen sie den Leib
- Gut, Ehr, Kind und Weib,
- Laß fahren dahin
- Sie habens kein Gewinn
- Das Reich muß uns doch bleiben.
-
-Doch es kam nicht zum Äußersten: der Kommandant bekam plötzlich Befehl
-vom kaiserlichen Hauptquartier in Böhmen, die Stadt zu räumen. Das war
-die Rettung vor dem angedrohten furchtbaren Schicksal. Nachdem noch die
-wilde Soldateska Tag und Nacht geplündert und gebrandschatzt hatte und
-man von der Stadt noch 900 Taler Kontribution erpreßt hatte, rückte
-der Feind über das winterliche Gebirge nach Böhmen ab, die Wagen mit
-gestohlenem Gute der Stadt und der Bürger gefüllt. Hinter ihm jagte
-aber die Angst vor dem Schweden. Auf rauhen Wegen im tiefen Schnee, auf
-steiler vereister Straße blieb manch Wagen mit reicher Beute stecken
-und manches kostbare Stück aus Silber, Zinn oder Kupfer, welches beim
-Rückzug hinderlich war, wurde auf die Straße geworfen. Manch Bäuerlein
-oben im Gebirge mag da ein kostbares Stück heimlich auf einsamem Hofe
-geborgen haben.
-
-Die Stadt war frei nach einer furchtbaren Leidenszeit von zwei Monaten.
-Tore, Mauern und Türme waren hart mitgenommen, aber die silbernen Türme
-des Mutes und der Treue waren ungebrochen.
-
-Immer wieder und wieder tobten die Stürme und Wetter des unseligen
-Krieges um diese Türme und Zinnen der Stadt. Es war die Zeit, wo jeder
-Soldat an sich schon Feind des Bürgers war, ob nun lutherisch oder
-papistisch, ob kaiserlich oder sächsisch oder schwedisch. Der Feind von
-heute konnte morgen der Freund sein, mit dem man Schulter an Schulter
-kämpfte, der gemeinsame Feind der Soldaten war aber der Bürger und
-Bauer, den zu schinden ein Teil der Soldatenfreude und des Lohnes war.
-
-Die schweren Einquartierungen einer durch die langen Kriegszüge ganz
-verwilderten rohen Soldateska, welche meist sich selbst versorgen
-mußte, drückten als harte Last gleichviel ob Freund oder Feind. Jetzt
-war der Schwede der Befreier von der Belagerung durch das kaiserliche
-Heer. Zehn Jahre später war es der kaiserliche Graf Pikkolomini,
-der als Befreier vom schwedischen Joch freudig begrüßt wurde. Und
-zwischendurch wurden bald kaiserliche, bald schwedische Truppen
-abgewiesen und erhielten keinen Einlaß in die feste alte Stadt, sondern
-eine tapfre Antwort voll männlicher Energie.
-
-Dem kaiserlichen Oberst Ulefeld, der 1633 mit starken Truppen vor der
-Stadt erschien und drohend Einlaß begehrte, antwortete man, daß man
-ihm, »so er die Stadt attakieren wolte, mit nichts als Kraut und Loth
-begegnen wolle, wo er nicht Churfürstl. Befehl brächte, die Stadt zu
-öffnen«.
-
-Auch dem kaiserlichen Oberst Abraham Schönnickel, der aus Chemnitz
-stammte, ist 1634 nur eine »schlechte Antwort und nichts als Kraut und
-Loth gewilliget worden«. Der Bürgermeister Jonas Schönlebe verhandelte
-mit ihm vor dem Tor und sagte auf seine Verheißungen des Schutzes
-und seine Drohungen mit Plünderung und Brand, »daß man nechst Gott,
-sonst keiner Beschützung von nöthen hette« und warf ihm vor, daß er
-ein Landeskind sein wollte »und fürgebe, er were dem Lande und der
-Stadt zum besten ankommen, und verderbete doch alles in grund, und
-man jetzo für Augen sehe, wie der alte schöne Hospital für der Stadt
-liechter Lohe brennete«. Das war dem Schönnickel zu viel! Nach vielen
-Wortwechseln ist er im Zorn davongerannt mit wilden Drohungen und hat
-die ganze Vorstadt und Scheunen vor dem Peterstor in Brand gesetzt,
-so daß »letzlichen das an der Stadt gelegene große Glockengießhaus
-ergrieffen, davon eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden,
-daß die Funken in und über die Stadt hauffenweise geflohen, auch schon
-allbereit ein Hauß in der Ringmauer am Thore zu brennen angefangen«.
-Dieses Gießhaus war die Werkstatt des berühmten Gießergeschlechts der
-Hilliger vor dem Peterstor, aus welcher die herrlichen Grabplatten aus
-Messing und die Bronzedenkmäler in der Begräbniskapelle der sächsischen
-Fürsten am Dom, ferner die schönsten Glocken in Sachsen, heute noch
-ein Stolz der Gemeinden, und weiter über seine Grenzen hinaus und
-nicht zuletzt künstlerisch mit besonderem Reichtum und Geschmack
-verzierten Bronzegeschütze in großer Zahl hervorgegangen waren. Das
-Stammhaus der Hilliger stand in der Petersstraße, nicht weit vom
-Tore. Ihr Familienwappen, ein Bär mit einem Zirkel oder Taster in den
-Vorderpranken, ziert noch heute das alte Portal. Welcher Grimm und
-Zorn mag Hilliger durchtobt haben, als wenige 100 Schritte von seinem
-Hause die Stätte seiner Arbeit und Erfolge, seines Ruhmes und seiner
-Existenz in Flammen aufging und der Funkenregen vom Westwinde über die
-Stadt getragen wurde, als in Asche sank, woran sein Herz und seine
-Kunst hing, und er ohnmächtig zuschauen mußte, ohne den Mordbrennern
-heimzahlen zu können. -- Schönnickel zog ab, ohne sein eigentliches
-Ziel zu erreichen.
-
-Viele Stürme und Wetter brausten so im Laufe der Jahre noch über die
-starken Tore, Mauern und Türme, wie über die trotzigen Häupter der
-Bürger dahin. Kein Sturm aber war stärker, kein Wetter war furchtbarer
-als das der Belagerung der Stadt durch den schwedischen Feldherrn
-Torstensson. Vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, rund
-50 Tage, dauerte diese furchtbare Zeit, in der die Bürgerschaft mit den
-Bergleuten und der kleinen Garnison einen Heldenmut gegen gewaltige
-Übermacht und Ausdauer in größter Not bewiesen hat, so daß diese Tat
-sich würdig neben die größten Heldentaten der Geschichte stellt,
-ein leuchtendes Beispiel in dem Jammer und Elend jener Tage, ein
-leuchtendes Beispiel und Fackel auch im Dunkel unserer Zeit!
-
-Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne steht der Spruch: »~Salus
-urbis est concordia civium!~« Das Heil der Stadt ist die Eintracht
-der Bürger. Dies Wort stand nicht nur auf dem Stadtplan eingeprägt,
-sondern stand auch im Herzen und im Hirn jedes Bürgers und Bewohners
-festgeprägt, eingehämmert durch die jahrzehntelange gemeinsame Not.
-
-Erst 1639, also 4 Jahre zuvor hatten sie zwei Belagerungen durch den
-schwedischen General Banner ertragen und siegreich überstanden. Vom
-2. März bis 20. März und dann zum zweiten Male vom 10. April bis
-17. April hatte Banner versucht, die Stadt zu stürmen und manche
-mannhafte Tat und mannhaftes Wort ist uns aus diesen schweren Tagen
-überliefert.
-
-Mit gewaltiger Übermacht war Banner vor die Stadt gerückt und stand
-plötzlich vor den Toren, denn ein dicker, finsterer Nebel war
-eingefallen und hatte sich über die Stadt und das Land gewälzt, so daß
-man sich nicht hatte in der Nähe erkennen können. »Solches hat bey drey
-Stunden gewehret, daß jedermann dafür gehalten, es sey dieser Nebel
-von Finnen oder Lappländern gemacht.« Banner nahm im Freibergsdorfer
-Rittergut Quartier und begann alsbald mit der Beschießung, Schanzen
-und Laufgräben zu bauen und in der Vorstadt zu sengen und zu brennen.
-Mit seinem schweren Geschütz hat er angefangen »auff das Peters und
-Erbische Thor zu spielen, und an beyden Orten über hundert Schösse
-anbracht, dadurch die Brustwehren durchlöchert«. Er drohte, falls
-die Stadt nicht übergeben würde, »wollte er keines Menschen schonen,
-sondern allen die Hälse brechen!« Der Kommandant von Haubitz gab die
-unerschrockene Antwort, »daß er den vertrawten Platz, vermöge seiner
-Pflicht und geleisteten Eids ~mainteniren~ müste, solches auch biß auff
-den letzten Blutstropffen trewlich thun wolte.« Es erinnert dieses Wort
-an das berühmte Telegramm des unverzagten Verteidigers von Tsingtau,
-des Gouverneurs von Meyer-Waldeck, in den ersten großen Tagen des
-Weltkrieges: »Einstehe für Pflichterfüllung bis zum Äußersten«. Durch
-Ausfälle und tapfere Gegenwehr wurde dem Feinde viel Schaden zugefügt.
-Am 9. März sollte das Peterstor erstürmt werden und alle feindliche
-Macht richtete sich gegen das Bollwerk. Nach starker Beschießung
-stand der Feind mit Sturmzeug und Leitern bereit und versuchte von
-dem vor dem Tore stehenden Zollhaus aus das Rondell, den schützenden,
-runden Mauerbau vor dem eigentlichen Torturm, zu ersteigen. Sie sind
-aber tapfer empfangen und mit Verlust zurückgetrieben und es ist auch
-»durch außgeworffenes Geströde, Pech und Fewerkugeln, das Zollhauß in
-brand gerathen, daß ein groß Fewer auffgangen, und sich der Feind mit
-schimpff ~reterieren~ müssen. Die Schösse, so beyderseits geschehen,
-sind unzehlich gewesen«. Während hier am Peterstor so der wilde Kampf
-tobte, machte der Hauptmann Thörmer am Meißner Tor einen Ausfall,
-fand keinen Widerstand »indem alles zum Hauptwerke fürs Petersthor
-gelauffen, und auff eingebildete Eroberung der Stadt gewartet, hat er
-nicht allein des Feindes angefangene Baterien niedergerissen, sondern
-auch so lange sichere Verweilung gehabet, daß er viel Hew und Stroh,
-so wegen der Pferde und Viehes fast beynötig gewesen, in die Stadt
-einbringen können.« Dieses Stücklein zeigt, welch kecker Mut die
-Verteidigung beseelte.
-
-Trotz dieses Mißerfolges schickte der Feind wieder einen Unterhändler,
-dieses Mal einen ehemaligen Kriegskameraden des Kommandanten, der jetzt
-im anderen Lager focht und nun die frühere Kameradschaft geltend machen
-wollte. »Hat sich dabey beklaget, daß ihnen die weile gar lang für der
-Stadt were.« »Dem der ~Commendant~ zur Antwort gegeben, die weile zu
-vertreiben, wolte er ihm ein baar Spiel Charten liefern, inmassen er
-auch dieselben hinauswerffen lassen.« Ein grimmiger Humor klingt aus
-dieser Art der Verhandlung. Wort und Tat, Geist und Schwert werden von
-_einem_ entschlossenen und geschlossenen Willen geführt!
-
-Einer späteren Aufforderung, das arme Volk, Weib und Kinder aus der
-Stadt zu schaffen, damit nicht unschuldig Blut vergossen würde, ferner
-die Stadt in Güte auffzugeben, sonst sollten die Bergwerke eingefüllt
-und alles verwüstet und verdorben werden, setzte Haubitz die Antwort
-entgegen: »Er wüste von keinem armen Volcke, und hette man in der
-Stadt genung zu leben, deßwegen er nicht einen Hund naußgeben wolte;
-die gantze Stadt were unschuldig, und hette wider die Kron Schweden
-nichts verbühret, wolte der General sich nicht mit unschuldigen Blute
-beflecken, so solte er für sich selbst der Stadt und der unschuldigen
-Einwohner schonen. Mit dem Bergwercke müste er geschehen lassen, was
-der General nicht unterlassen könte.«
-
-Nach diesen Abweisungen verdoppelte der Feind seine Anstrengungen, den
-Trotz der Stadt zu brechen. Durch eine trommelfeuerartige Beschießung
-wurde eine Bresche in die Mauer gelegt in der Nähe des sogenannten
-Pestturmes, wo der Pestprediger, der ~pestilentialis~, während der
-Seuche seinen vom Verkehr gesperrten Wohnsitz nehmen mußte, um
-seinen Kranken mit Gefahr seines Lebens, aber ohne Gefahr für die
-Allgemeinheit dienen zu können. Der Turm und die Mauer stehen heute
-noch im städtischen Bauhofe an der Mönchsstraße. Der Turm ist jetzt
-bis übers Dach mit Epheu umsponnen, ein rechter alter, sturmfester
-Geselle mit grünem Wettermantel, und draußen auf der Feldseite zieht
-sich am Fuße der starken Mauern der alte Stadtgraben entlang, und über
-lauschige Promenadenwege rauschen hohe stolze Bäume. Wenn diese alten
-grauen Quadern und Blöcke des Turmes und der Mauern erzählten könnten,
-welch ein Heldenlied würde erstehen, wachsen und klingen von wuchtiger
-Größe, von Tapferkeit im Kampfe, von todesmutigem Ausharren in Not
-und Tod, von seelischer Größe und Opfermut im Ringen und Ausharren
-gegen die furchtbare Seuche, welche als Geißel des Krieges die Seelen
-und Körper des armen, mißhandelten, aus tausend Wunden blutenden,
-hinsiechenden Volkes schlug! Doch die Steine schweigen. Ist es
-vergessen und verklungen, daß Mannesmut und Opfergeist, daß zähe Treue
-und Gottvertrauen den Sieg auch gegen Übermacht über Pest und Tod und
-widriges Schicksal erzwingen können? -- --
-
-Als der Sturm des Feindes gegen diese Bresche einsetzte, haben die
-Verteidiger anfangs ein wenig zugesehen, »biß eine gute anzahl, und
-wie man vermercket bey vierhundert im Graben, theils auch im Zwinger
-und auff den Leitern gewesen, da dann die Trajoner und Bürger, so
-im Zwinger hinter den Abschnitten im Fewer gelegen, eine grimmige
-Salve unter sie gegeben, daß sie mit hauffen herunter gepurtzelt,
-und bevoraus der Oberste Magnus Jahnsohn, welcher diese Völcker
-angeführet, und sich hoch vermessen, er wollte und müste diesen
-Tag in der Stadt seyn, nachdem er auff der Leiter kaum zur Bresche
-hinein gegucket, geschwinde einen Schoß durch den Kopff bekommen und
-abgestürtzet worden, welches, als es die andern, so hernach getrungen,
-und den Sturm auch antreten wollen, ersehen, wie es noch außwendig
-der Stadt so scharff hergangen und leicht erachten können, daß sie
-inwendig der Mawren ein viel ärgeres zu erwarten hätten, haben sie
-weiter nicht fortgewolt, ob sie schon von Officirern mit blossen Degen
-hefftig angetrieben, auch etliche erstochen worden, sondern haben ihre
-Mußqueten und ander Gewehre in Zwinger und Stadtgraben geworffen,
-und sich ~reteriret~, denen die in der Stadt eilends nachgesetzet,
-mit kurtzen Wehren, Schlachtschwerdten, Morgenstern und dergleichen
-ihrer noch viel niedergemacht, und gute Beuten davon bekommen. Was
-und wieviel vom Feinde diesen Tag umbkommen, hat man nicht eigentlich
-wissen können, denn sie unterschiedene Personen der Beschädigten und
-Toden weggeschleppet, auch unter andern einen Obersten Leutenant, laut
-der Gefangenen Aussage, auff dem Rücken mit fortbracht. In Zwinger
-und Graben sind etwan hundert Mann liegen blieben, darunter sich
-ernenter Oberster Jahnsohn, ein Hauptmann, und etliche andere Officirer
-mehr befunden, dabey zweene gequetzschte, die also fest und gefroren
-gewesen, daß man ihnen auch mit Beilen die Köpffe nicht hat abhawen
-können. Fünffe sind lebendig in die Stadt bracht, der Oberste, der so
-gern in der Stadt seyn wolte, und der Hauptman beygesetzt, die andern
-begraben worden. In der Stadt ist kein einiger Mensch umbs Leben
-kommen, aber für dem Sturm über der Arbeit sind drey Bergmänner in
-Schaden gerathen, darunter der eine verstorben.«
-
-Der Oberst Jahnsohn »soll zwar ein statlicher Soldat, doch ein
-sehr grimmiger und blutgieriger Mensch (wie auch das Gesichte fast
-außgewiesen) und laut der Gefangenen Bericht des Banners Schwester
-Sohn gewesen seyn, deßwegen er von selben sehr lieb gehalten und hoch
-betawert worden«. Wie vom Kampf um Trojas Mauern und wie von der Trauer
-des Achill um seinen gefallenen Freund Patroklos’ klingt es aus dieser
-Schilderung des Zeitgenossen, der selbst diese schweren und großen Tage
-in den Mauern Freibergs mit durchlebt hat.
-
-Nach diesem Sturme war die Stoßkraft des Feindes erlahmt. Nach drei
-Tagen kam der Stadt Hilfe von kaiserlichen und kurfürstlich sächsischen
-Truppen. Banner zog sich zurück in der Richtung auf Chemnitz.
-
-Er soll geklagt haben, daß er soviel Verlust gehabt und daß ihm das
-Glück in allen zuwider gewesen wäre, »sonderlich, daß er für diesem
-Rattenneste etliche hohe liebe Officirer und über tausend Mann hatte
-einbüssen müssen«.
-
-Banner dachte aber an Rache! Drei Wochen später stand er wieder mit
-mächtigem Heere vor der Stadt. 20000 Mann und etliche 70 große und
-kleine Stücke sollten die Stadt in seine Hand bringen und er dachte
-mit Durst die trotzigen Bürger zu zwingen. Die Quell- und Röhrwässer,
-deren Lage ihm Verräter gewiesen hatte, schnitt er ab und den Münzbach,
-welcher die Stadt durchfließt, ließ er abstechen und in einen Schacht
-leiten, so daß dadurch auch die Gruben überschwemmt, der Bergbau
-zerstört und gefährdet und der heimliche unterirdische Verkehr der
-eingeschlossenen Stadt mit der Außenwelt auf Gängen und Stollen
-tief unter Tage behindert war. Gleichzeitig ließ er mit glühenden
-Brandkugeln die Stadt beschießen. So glaubte er endlich den harten Mut
-der Freiberger erschüttern zu können. Mit der Drohung, »daß keines
-Menschen solte geschonet werden, so man sich ferner ~opponiren~ würde«,
-schickte er seinen Generaladjutanten: »Er wüßte, daß nicht viel zu
-leben und gantz kein Wasser in der Stadt sei« Die tapfere Antwort des
-Kommandanten dagegen lautete, daß er seiner Pflicht genug tun und sich
-wehren müste. »Es weren, Gottlob, bey der Stadt noch nirgends solche
-~extrema~, daß man nichts solte zu leben haben. Was an Wasser abgienge,
-were an Wein und Biere vorhanden, und dürffte ihm der General hier
-keine andere Willfährigkeit als Kraut und Loth einbilden.« Nachdem er
-noch einige Tage vergeblich vor der Stadt gelagert und manchen Schuß
-in ihre Mauern gesandt, sah er wohl ein, daß nicht so leichten Kaufes
-das »Rattennest« auszuheben sei. Nach einer Belagerungszeit von etwa
-7 Tagen brach er auf und zog nach Böhmen. Die Stadt war frei! Vor den
-Feinden draußen hatten die starken Mauern und Türme und der trotzige
-Mut geschützt, doch wehe, wer schützt die Stadt vor den Freunden?
-Starke Einquartierungen, Kontributionen, Steuern, Lieferungen drückten
-die Bürger. Das ganze Land war unsicher. Feindliche Reiter schwärmten
-überall umher und Marodebrüder folgten wie die Aasgeier den Spuren
-der Truppen, sei es Freund oder Feind. Die Bestellung der Felder
-konnte nur mangelhaft erfolgen und ȟber die grossen herumbstreifenden
-vielfältigen Kriegsmäuse, hat es auch eine gewaltige Menge kleiner
-Feldmäuse in Gärten, Äckern und Wiesen gegeben, welche nicht allein das
-Getreide in Scheunen, sondern auch die Wintersaat im Felde durchfahren
-und platzweise gefressen«. Wo noch etwas geblieben war, wurde es
-gestohlen, obschon der Bürger kaum mehr das Brot zahlen konnte.
-
-Drei Jahre gingen so in Not und Sorgen, Kriegsgefahr und drückenden
-Ängsten und Leiden dahin, eine Zeit, geeignet auch den härtesten Sinn,
-die stärksten Herzen zu beugen und mürbe zu machen. Da zog sich ein
-neues Wetter unheildrohend, finster um die Stadt zusammen. Das war das
-Wetter, aus welchem die schwersten Blitze zuckten und das so recht
-eigentlich die Feuerprobe für die Türme, Mauern und Bollwerke der
-Stadt, wie für die silbernen Türme unentwegter Treue der Bürgerschaft
-werden sollte. Die Schweden rückten mit neuer furchtbarer Macht heran.
-Tilli war bei Breitenfeld am 23. Oktober 1642 geschlagen und seine
-fliehenden Truppen eilten raubend und sengend vor den Schweden her, an
-Freiberg vorbei nach Böhmen. Leipzig war am 26. November gefallen und
-in der Gewalt des schwedischen Feindes, dem nichts mehr widerstehen
-konnte, der »das gantze Land in grosse zerrüttung und verderbnüs
-versetzet«. Wehe dir, kleines Freiberg, du Städtchen, dessen Mauerring
-nur 2700 ~m~ lang und in einem halben Stündchen leicht umschritten
-ist, dessen Längsachse nur 1000 ~m~, dessen Querachse nur 700 ~m~
-mißt, dessen Bürgerschaft durch Not und Teuerung, durch Pest und
-Brandschatzung seit Jahren geschlagen und gepeinigt und mehr und mehr
-vermindert und verarmt war, du willst mit deinen Mauern und Türmen
-und deinen wenigen Männern dem Feinde trotzen, dem furchtbaren,
-erbarmungslosen Torstensson, dem noch keine feste Stadt widerstanden,
-der sieggewöhnt soeben erst in offener Feldschlacht auf dem blutigen
-Plane von Breitenfeld 46 Stücke Geschütz eroberte!? Du Städtchen mit
-deiner Besatzung von nur 290 Soldaten des Kurfürsten, wie willst du
-der ganzen, von Sieg zu Sieg stürmenden schwedischen Armee trotzen,
-8 Brigaden Infanterie, 104 großen und kleinen Stücken Geschütze,
-5 Feuermörsern, 700--800 Reitern und noch 3 Reiterregimentern? Wie von
-einer furchtbaren Lawine wirst du doch hinweggefegt werden, wie von
-einer Sturmflut, die über dich zusammenschlägt, dich zerschmettert und
-nur Trümmer hinterläßt! -- --
-
-Und dennoch hat sie es gewagt! Sie sprachen trotzig ihr »Dennoch!« und
-glaubten an das Wort: »Eine feste Burg ist unser Gott!« Täglich wurden
-in jeder Kirche drei bis vier Betstunden abgehalten und als der Feind
-Bresche geschossen hatte, hat der Vesper-Prediger Glaser jeden Tag
-zweimal »und zwar offters mitten unter der Gefahr, und zunächst bey
-den geschossenen ~brechen~, in mit anhörung der Feinde, die Betstunden
-gehalten und verrichtet«. Das Gebet war ihr Harnisch, das Gebet war
-ihre Mauer, die sie bauten, wo die Stadtmauer in Trümmer ging, im Gebet
-überwanden sie die Schrecken und Verzagtheit, als strömten immer wieder
-neue Kräfte ihnen zu und verzehnfachten die Zahl, die Kraft und den Mut
-der Verteidiger. Die starken Kräfte der Seelen, die in unergründlichen
-Tiefen des Glaubens wurzelten und daraus emporwuchsen, waren die
-silbernen Türme der Stadt, welche keine feindliche Übermacht erstürmen
-oder in Trümmer legen konnte. Wenn unser deutsches Volk im tiefsten
-Innern seiner Seele sich solche silbernen Türme erst wieder baut,
-dann hat noch heute die deutsche Not ihr Ende, denn stärker als das
-Schicksal ist doch der Mut, der’s unerschüttert trägt. --
-
-Die Führer in diesem Heldenkampf waren der tapfere Kommandant von
-Schweinitz und der Bürgermeister Jonas Schönlebe. Als v. Schweinitz
-zur Übergabe aufgefordert und gefragt wurde, ob er sich wehren wolle
-angesichts der Übermacht, antwortete er, »der Feldmarschall solle
-nicht fragen, er würde einen Soldaten an ihm finden.« Er hat dieses
-Wort eingelöst und dem furchtbaren Ansturme des Feindes getrotzt.
-Als schwedische Hauptstellung, die stark mit Geschützen besetzt war,
-war die Johanniskirche und das alte Johannishospital mit seinem
-Garten ausgebaut. Wo die alten Hospitaliten beteten oder ihre Ruhe
-genießen wollten, brüllten die Kanonen, wieherten und stampften die
-Pferde, heulten die glühenden Brandkugeln ihrer Vaterstadt entgegen
-und donnerten an die Mauer des starken Petersturmes. Der Friedhof
-um das alte Spittelkirchlein herum war von Schanzen und Laufgräben
-durchwühlt. Den Toten war ihre Ruhe geraubt, um von dort Tod und
-Verderben zu säen. Heute noch rauscht dort der grüne Wipfel der
-mächtigen, ehrwürdigen Spittellinde, der Torstenssonlinde, unter der
-Torstensson sein Zelt hatte, von wo er, durch die Gicht oft an den
-Stuhl gefesselt, die Angriffe und wilden Sturmläufe auf das Peterstor
-leitete, ein lebendiger Zeuge schwerster und großer Tage, ein Natur-
-und Geschichtsdenkmal von besonderer heiliger Bedeutung.
-
-50 Tage dauerte die Belagerung und Bestürmung, vom 27. Dezember 1642
-bis zum 17. Februar 1643, während harter Winterkälte. Immer wieder
-richtete sich der Sturm mit ungeheurer Wucht gegen das Peterstor.
-Das Rondell, das starke, im Halbkreis vor den eigentlichen Torturm
-vorgeschobene Mauerwerk, wurde von den Schweden erobert und bildete nur
-noch einen Trümmerhaufen. Der Turm selbst war fast ganz zerschossen.
-Von Stockwerk zu Stockwerk wurden die Geschütze tiefer gestellt,
-weil Mauern und Gewölbe zusammenbrachen unter dem Gehämmer der aus
-nächster Nähe feuernden Geschütze. Die vordere Hälfte des Turmes wurde
-schließlich ganz in Trümmer gelegt, so daß nur noch die Rückwand als
-zerschossene Ruine in die Lüfte ragte.
-
-Neben dem Turm wurde die Mauer zerschmettert, so daß eine Bresche von
-20 Ellen Breite offenen Eingang in die Stadt verhieß. Offenen Eingang
--- wenn nicht der Wall tapferer Männerherzen als eiserne Wehr die
-Bresche geschlossen hätte, so daß kein Feind eindringen konnte!
-
- »Als zerbrochen war der Stein,
- Stellten Bürger sich zu Mauern.
- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Und aus allen offenen Lücken
- Tritt hervor manch Angesicht,
- Brust an Brust zusammenrücken,
- Und die Mauer selber ficht.«
-
-In jenen Tagen war mancher Bürger vier, fünf oder mehr Tage und Nächte
-auf seinem Posten mit der Waffe in der Hand, das Gesicht zum Feind.
-
-Mit Laufgräben und Mörsern, mit Handgranaten und Minen und Gegenminen
-wurde gekämpft. Wie ein Bericht aus dem Schützengrabenkriege im
-Weltkrieg klingt es zuweilen in der Chronik, wenn man liest, wie die
-Bergleute den Feind beim Bau seiner Laufgräben und Minen belauschten
-und ihre Gänge dagegen trieben, Wasser hineinschlugen oder mit
-Feuer und Pulver entgegenarbeiteten. Der Feind suchte den Mut der
-Verteidiger, der tapferen Bürger, vor allem dadurch zu lähmen und zu
-brechen, sie von den Mauern wegzulocken und die Verteidigungskraft zu
-zersplittern, daß er ihre Straßen und Häuser immer wieder in Brand zu
-schießen unternahm. Wenn ihre Häuser brennen und von ihren Dächern
-die Brunst zum Himmel lodert, so war seine Rechnung, sucht jeder das
-Seine zu retten. Die gierige Flamme im Rücken der Verteidiger sei der
-Bundesgenosse. Feuerballen und Granaten wurden in die Stadt geworfen.
-Pechkränze und brennende Lunten zusammengebunden, mit Schwefel
-untermischt und dergleichen Mittel der Brandstiftung fielen auf Straßen
-und Dächer tagaus tagein, fielen und entzündeten manche Feuersbrunst,
-fielen auch und verlöschten. Was aber nicht fiel und verlöschte war
-der Mut der Verteidiger. Da versuchte es der Feind mit Drohung und
-mit Verheißung: Wenn die Stadt sich nicht ergeben wolle, ließ er dem
-Woledlen, Vest- und Mannhaften Herrn Obrister Leutenant und Commandeur
-und durch ihn der ganzen Bürgerschaft sagen, so habe sie »sich dieses
-gäntzlich zu versehen, daß nicht allein die Stadt und Bürgerschaft mit
-Fewer und Schwerd zu grund gerichtet, sondern auch Weib und Kind nicht
-verschonet, und also verfahren werden, daß andere ~obstinate~ Örter
-ein Exempel daran haben sollen«. Der Kommandant würde selbsten, »weil
-er einig und allein ursache an dem unschuldigen Blut, so vergossen
-werden möchte, und keine gütliche Offerten annehmen will, nicht als ein
-~cavallier tractiret~ werden.«
-
-Welche schwere Versuchung für ein schwaches, ängstliches Herz, für
-friedliche, stille Gemüter, die nur in Ruhe ihrer Arbeit, ihrem stillen
-Berufe leben und verdienen wollten, jetzt nachzugeben, schwach zu
-werden, die Tore zu öffnen und den so freundlichen Feind, der so viel
-versprach, einzulassen! Dem aussichtslosen Kampfe, dem doch keine
-Märtyrerkrone winkte, diesem Schrecken ohne Ende, ein glimpfliches
-Ende zu bereiten, ein glimpfliches, nicht ein schimpfliches, denn der
-»Ehre« war schon genug getan, mehr als in andren deutschen Städten
-mit stärkeren Mauern und Türmen! -- Doch nein, in Freiberg schlugen
-Heldenherzen unter dem Bürgerrock wie unter der bunten Jacke des
-Soldaten. Die Stadt hielt stand, weil kein Verräter sich fand. Die
-Stadt hielt stand, weil in der Bresche Männer als lebendiger Wall
-todesmutig den Angriffen wehrten, die Stadt hielt stand, denn ihr
-Spruch lautete »~urbis salus est civium concordia~«, das Heil, die
-Rettung der Stadt ist die Eintracht der Bürger! ~concordia~ bedeutete
-hier mehr als nur Eintracht, es war das Zusammengeschmiedetsein der
-Herzen, zusammengeschmiedet durch Not und Tod zur Einheit für Leben und
-Sterben. Nur solche ~concordia~ konnte die Rettung sein.
-
-Die Antwort auf die Drohung und Verheißung des Feindes war, daß man dem
-Kurfürsten die Treue halten müsse, und im übrigen »dahin es lassen muß,
-was Gottes Allmacht schicken wolle«.
-
-Ähnliche tapfere Worte klingen noch mehr herüber. Auch auf die
-furchtbarsten Drohungen »es würde keines Menschen, auch des Kindes
-im Mutterleibe nicht verschonet«, merkt man kein Schwanken in der
-mannhaften Sprache, keine Übergabe: »Der Feind solle erfahren, daß so
-viele redliche ehrliche Leute in der Stadt finden würde, die ihr Eyd
-und Pflicht in acht haben, und biß auff den letzten Blutstropffen
-ritterlich fechten, ja auch lieber sterben als zugeben würden, daß
-diese freye Bergstadt und die ihrigen unter das schwedische Joch
-gelangen solten«.
-
-Torstensson war es jedoch Ernst mit seinen Drohungen. Er unternahm
-den Generalsturm auf die unglückliche Stadt, indem er zunächst durch
-eine furchtbare Beschießung sie sturmreif zu machen suchte. Zwei Tage
-lang hat er sie bombardiert und 2500 Stück Schüsse in ihre Mauern
-geschleudert. Dann kam der eigentliche Sturm »mit unaussprechlicher
-furi und Geschrey« zugleich auf das Peterstor, Erbische Tor und Meißner
-Tor. Der Hauptangriff galt dem Peterstor, »da zugleich mit und unter
-den stürmen die Feuerwerker, theils aus Mörseln, große schreckliche
-Hauffen Steine, Ballen und Granaten in die Stadt geworffen, theils aus
-groben Stücken auf die ~breche~ gespielet, und sonsten Creutzweiß und
-also hefftig durch die Häuser ~flanquiret~, daß alles erbebet, und ein
-solcher lerm in der Stadt worden, als wenn Himmel und Erden ineinander
-gingen«.
-
-Während dieses furchtbaren Sturmes lag alles Volk, das nicht Waffen
-führte, in den Kirchen betend auf den Knien und alle Glocken läuteten
-und trugen mit ihrem Dröhnen den Notschrei der Stadt zum Himmel empor,
-um schließlich mit dem Sange des ~Te Deum laudamus~ den Dank der
-Erretteten emporzujubeln.
-
-Auch dieser furchtbare Angriff wurde zurückgeschlagen, so daß die
-Feinde unter großem Verlust sich zurückziehen mußten »in großer
-~confusion~«, wobei »aus Stücken mit Hagel und Kardetzschen, wie auch
-aus Doppelhacken, gezogenen Röhren und Musqueten, noch großen schaden
-unter ihnen gethan, ohne was durch ihr eigenes hefftiges schiessen
-wider die ~brechen~ und Thürme geschehen, dadurch sie selbst von zurück
-schlagenden Stückkugeln nicht wenig verletzet, theils auch mit Steinen
-verfallen, und übel beschädigt worden«. Bei diesem Kampfe hat jeder,
-der kämpfen konnte, die Waffe geführt. Der Kommandant Georg Hermann
-von Schweinitz an der Spitze, nicht nur in Worten tapfer, hat »sich
-tapffer und rühmlich sehen lassen, indem er nicht allein in allen gute
-anstellung gemacht, und stets bey der höchsten Gefahr sich funden,
-sondern auch selbst aus einem Schießloch am Thurme, zeit wehrenden
-Sturms, Fewer gegeben, und Granaten außgeworffen, daß er dadurch vom
-Pulver im Gesichte verletzet, und ihm der eine Schenkel ~blaissiret~
-worden«. Seinem Beispiele der persönlichen Tapferkeit folgten die
-Offiziere, Soldaten, Ratsherrn und Beamten, Bürgerschaft und Bergleute.
-»Ist auch jedermann darby unerschrocken, mutig und frewdig gewesen,
-also daß etliche Mußquetirer, ungeschewet aller Gefahr, und des so
-grimmigen Schiessens, auff die ~brechen~ gesprungen, mit Morgenstern
-und Schlachtschwerdten ~agiret~ und Fewer auff den Feind im Graben
-gegeben. Die eine Seite des Zwingers, da die ~breche~ am niedrigsten
-und gefährlichsten gewesen, haben die Bürger, welche unter die
-~Defension~ Fahne gehören, innen gehabt, und männlichen beschützt,
-dabey sich der Stadt Leutenant Peter Schmol befunden, und tapffere
-Gegenwehre gethan.«
-
-An diesen wackeren Peter Schmohl erinnert uns heute noch der letzte
-Rest des Stadtmauerturmes am Peterstor, der uns an jener Stadtseite
-erhalten geblieben ist aus der Heldenzeit der Stadt. Es ist der
-letzte Stumpf des alten Rotgießerturmes, den Schmohl verteidigte.
-Wenig beachtet und kaum verstanden steht er im grünen Rasen und über
-ihm rauschen die hohen Bäume. Was könnte er wohl erzählen aus jenen
-Tagen des Sturmes, als die weiße und die blaue schwedische Brigade
-heranrückte mit fliegenden Fahnen und vollem Spiel, mit Leitern und
-Sturmgerät, und des kleinen Häufleins todesmutige Tapferkeit dennoch
-den Sieg errang! Diese wenigen Steine, dieser schlichte Mauerrest
-verkörpert Geschichte, die mit der stolzesten Heldensage aller Zeiten
-sich messen kann. Noch ein anderes schlichtes Zeichen, das sich im
-Altertumsmuseum befindet, erinnert an den tapferen Peter Schmohl. Es
-ist der Ehering, den er einst seiner Gattin Catharina am 3. Februar
-1635 in der Nikolaikirche an den Finger gesteckt. Sie mag in den Tagen
-der Belagerung und des Krieges besonders schwer getragen und gelitten
-haben, da sie ihren Helden kannte, der sich nicht schonte, den sie
-stets an dem gefährlichsten Posten wußte. Sie mag durch Seelenstärke
-ihm eine starke Stütze gewesen sein. Eine treue Gattin und Mutter
-war sie, und ihre Ehe war ein glückliche und kinderreiche, denn es
-entstammten ihr 7 Söhne und 7 Töchter. -- Beim Bau der 3. Bürgerschule
-auf dem Gelände der alten Nonnen- oder Jakobikirche stieß man im Jahre
-1902 auf die Schmohlsche Gruft und fand außer den Resten eines braunen
-Sammetkleides den Trauring. Der künstlerisch schöne goldene Reif, wohl
-eine Arbeit Samuel Klemms, zeigt äußerlich ein zierlich gestaltetes
-Sternenmuster, innerlich die Inschrift: »~Peter Schmol~ den 3. Febru.
-1635« auf schwarzer Emaille. Nicht ohne Rührung schaut man diesen
-Ring, der für das Leben des alten Freiberger Helden von so großer
-Bedeutung war, und damit vielleicht auch für das Schicksal der Stadt in
-schweren Tagen wichtige innere Werte umschloß. Seine Sterne haben nicht
-getrogen. -- Auch das Wappen Peter Schmohls erzählt von seiner Art und
-entsprach seinem Leben und seinen Taten. Es zeigte einen bewehrten Arm
-mit einem Säbel in der Faust, die Helmzierde trägt drei Straußenfedern.
-Er war ja der tapfere Arm seiner Vaterstadt, ein Kriegsmann, der
-schon in der Schlacht bei Lützen und bei Nördlingen unter den Schweden
-gekämpft hatte, ehe er heimkam und der Heimat diente. Am alten
-Zinnpokal der Freiberger Defensionerschaft im Museum mit der Jahreszahl
-1639, der auf dem Deckel einen alten Defensioner in Eisenrüstung trägt,
-ist dieses Wappen im Lorbeerkranz an bevorzugter Stelle angebracht mit
-der Inschrift:
-
- ~PETTER SCHMAL. LEUTENAMPT.~
-
-Er war der erste Vorsteher der Gesellschaft und hat vermutlich den
-Pokal mit anderen Mitgliedern unmittelbar nach seiner Ernennung zum
-Defensionerleutenant gestiftet. Die schöne Form des Pokals mit dem
-Schmuck der angehängten Münzen und den Gravierungen zeugt ebenso
-wie der künstlerisch feine Ring dafür, daß Schmohl nicht ein roher,
-ungebildeter Kriegsmann war, sondern daß lebhaftes Schönheitsempfinden
-in ihm lebendig war.
-
-Drei Dinge erinnern so an Peter Schmohl, drei Dinge, die viel sagen
-und zu deuten vermögen: Der Turm, der Ring, der Pokal, der mannhaft
-erfüllte Beruf, die glückliche Ehe und die Geselligkeit mit wackeren
-Männern, welche wie Sinnbilder die Summe seines Lebens, die Sinnesart
-und die Taten dieses echt deutschen Mannes und Kämpfers für die Heimat
-erklären, eines Mannes, dessen Freiberg dankbar gedenkt. Er stand
-auf schwerstem Posten bei der Belagerung und mit wenigausgebildeten
-Leuten, die sonst nur gewöhnt waren, ihren friedlichen Beschäftigungen
-nachzugehen, denen er erst seinen Heldengeist einhauchen mußte durch
-Wort und Beispiel und rücksichtsloses Einsetzen seiner Person. Seinem
-Namen begegnen wir in den Berichten auf Schritt und Tritt und können
-ihn noch zwischen den Zeilen vielfach lesen: Peter Schmohl einer der
-besten Söhne Alt-Freibergs in schwerster Zeit!
-
-50 Tage dauerte die Belagerung, 50 Tage, von denen jeder mit neuer
-Not und Gefahr, mit neuen Leiden, Sorgen und Ängsten blutigrot am
-Morgenhimmel emporstieg und blutig in der Nacht versank. Der Mut
-der Verteidiger blieb unerschüttert. In immer neuen Ausfällen und
-tapferster Gegenwehr taten sie dem Feinde Abbruch, wenn auch der
-Entsatz und die Hilfe, welche der Kurfürst versprochen hatte, und das
-kaiserliche Heer, welches sie von Böhmen erwarteten, länger und länger
-auf sich warten ließen.
-
-Die Not in der Stadt stieg immer höher, und sehnsuchtsvoll schaute
-man von den Türmen in die Ferne nach Frauenstein, wo die Straße zu
-den Höhen des Gebirges sich emporzieht, ob nicht die Kaiserlichen
-nahten. Jede ungewöhnliche Bewegung bei den schwedischen Belagerern
-wurde als hoffnungsreiches Zeichen nahender Hilfe gedeutet und brachte
-doch immer wieder Enttäuschung. Am 23. Januar hatte ein wackerer
-Bergmann, der sich bis zum Feldmarschall _Octavio Piccolomini_ nach
-Böhmen durchgeschlagen und heimkehrend von den Schweden vor der Stadt
-aufgefangen, ihnen aber wieder entwischt und in die Stadt zurückgelangt
-war, Briefe des Feldmarschalls gebracht, daß er in wenig Tagen die
-Stadt entsetzen werde und daß sie bis dahin, »wie bishero zu ihrem
-unsterblichen Ruhm geschehen, dem Feinde noch mehrere gute Resistenz
-erweisen, und zu keinem ~accord~ sich einlassen« solle. Dieses
-Schreiben ist »der Stadt sehr tröstlichen gewesen«, aber 25 Tage lang
-wurde jeder Tag eine neue Enttäuschung, denn das kaiserliche Heer
-kam nicht. Immer wieder sandte man Botschaft an den Kurfürsten nach
-Dresden und nach Böhmen an Piccolomini. Aus allerlei Zeichen des
-Himmels suchte man Trost und Hoffnung zu gewinnen. Bald war es ein
-schwarzes Kreuz, das am Himmel stand und sich zum Feinde hin bewegte,
-bald war es brausender Sturm mit Donner gleich einem Erdbeben, ein
-Ungewitter, das mit Feuer und Wasser den Feinden schadete, die Stadt
-aber verschonte, bald waren es feurige Kugeln am nächtlichen Himmel,
-welche rotfeurige Strahlen von sich gaben, bald hat es beim Feinde Blut
-und Feuer geregnet, ohne daß die Stadt etwas davon verspürte, bald sind
-Kinder und Bürger der Stadt in wunderbarer Weise vor Schüssen, die ihre
-Umgebung zerschmetterten, unverletzt bewahrt geblieben, bald sind Minen
-und Schüsse, welche der Stadt galten, den Feinden selbst verderblich
-geworden. Alle diese tröstlich ausgelegten und empfundenen Zeichen
-änderten aber nichts daran, daß täglich die Lage der Stadt schlimmer
-wurde und der Grimm der Feinde, die Gewalt der Angriffe mit allen
-Mitteln, namentlich mit Minen, Handgranaten und Feuer von Tag zu Tag
-furchtbarer wurden. Am 9. Februar geriet das Peterstor in die Gewalt
-der Schweden, und ihre Schüsse fegten von dort in die Petersgasse
-und ihre Häuser, auf die Mauern und Türme, welche von dort im Rücken
-oder Flanke beschossen werden konnten. Doch grimmig wehrte sich der
-Freiberger Löwe: War auch das Tor gebrochen, die Straße, den Weg gab
-er nicht frei. Eine starke Batterie wurde in der Petersstraße gebaut,
-welche das jetzt feindliche Tor unter wirksames Feuer nahm, so daß der
-Feind sich in die unteren Torgewölbe zurückziehen mußte. Alle Häuser
-der Petersstraße wurden durchbrochen, so daß sie wie ein Wehrgang
-untereinander verbunden und mit Musketieren stark besetzt zu feuer- und
-verderbenspeienden Mauern werden konnten, falls der Feind hätte weiter
-vordringen wollen. Der Schwede erkannte wohl, daß dieser Weg in die
-Stadt, den nicht mehr Mauern, sondern eine eiserne Wehr von Männern
-verriegelte, ein Todesweg für ihn sein würde und wagte sich nicht
-weiter vor zwischen die grimmigen Tatzen des Löwen.
-
-Der letzte wilde Verzweiflungskampf der Stadt schien heranzunahen.
-Doch auch bei den Feinden machte sich Unruhe bemerkbar, da sie wohl
-Kunde hatten vom Heranrücken des kaiserlichen Heeres. Am 10. Februar
-langten Boten in der Stadt an, daß in längstens acht Tagen die
-kaiserliche Armee Freiberg befreien werde und ihre Ankunft durch ein
-oder zwei brennende Häuser in Lichtenberg und durch Kanonenschüsse
-von der Höhe melden würde. Diese Frist war noch eine harte Probe für
-die Verteidiger, denn der Feind setzte alles daran, die Stadt noch zu
-gewinnen. Tag und Nacht dauerte das Schießen und das Granatenwerfen.
-Granaten von 1 Zentner Gewicht fielen in die Straßen und auf den
-Obermarkt, töteten Bürger und richteten manchen schweren Schaden an.
-Mit Minen wurde ein unterirdischer Kampf geführt: »Abends sind des
-Feinds Minirer und die Bergleute in der Stadt unter der Erden so nahe
-zusammen kommen, daß die Bergleute den Feind hören reden.« Auch durch
-Verhandlungen und Versprechungen suchte nochmals der Schwede die
-Stadt zu gewinnen. Alles vergeblich, alle Versuche prallten an der
-todesmutigen, stahlharten Treue wirkungslos ab.
-
-Man glaubte mit allen Fasern des Herzens an die baldige Erlösung, und
-als in der Nacht vom 15. zum 16. Februar die verabredeten Zeichen
-die Nähe des kaiserlichen Heeres kündeten, konnten weder Drohungen
-noch glatte Worte, noch alle Wut des Ansturmes den tapferen Mut mehr
-erschüttern.
-
-Das Morgenrot des 17. Februars 1643 brachte die Befreiung aus der
-furchtbaren Not. Der Feind rückte ab, die Stadt war frei. Staunend
-sahen die kaiserlichen Offiziere, an ihrer Spitze Oktavius
-Piccolomini, was die Stadt geleistet, und man hat sich verwundert, »wie
-man gegen einen dermaßen mächtigen und grimmigen Feind solchen Ort also
-lange halten können; deßwegen auch die Standhafftigkeit, Fleiß und
-tapffere Gegenwehr der redlichen Guarnison und trewen Bürgerschafft
-hoch gerühmet«.
-
-Der Feind aber hat die »Stadt Freybergk verwüntschet und verfluchet,
-und das schöne Volk beklaget, so dafür sitzen blieben«. Man hätte
-Nachricht, »daß über dreytausend Mann für der Stadt sich verlohren:
-Man hette ingemein die Stadt nur die Hexenstadt genennet, und dafür
-gehalten, es gienge mit zaubern zu, daß man bey so überaus grossem
-Ernste eine Landstadt nicht gewinnen könte«. »Der General Torstensohn
-were darüber so erzürnet gewesen und hette ihm gäntzlich fürgesetzet,
-außzutawren, und die Stadt sambt aller Zubehör ohne Schonung einiges
-Menschen in grund zu schleiffen«.
-
-4500 Schüsse aus großen Kanonen, etliche hundert Würfe aus Mörsern,
-14 Minen hat er angebracht und hat dennoch, trotzdem er »schon den
-Stadtgraben, Zwinger, und das eine Thor, sambt den beygelegenen Thurm
-in seiner Macht gehabet, und die Ringmawer auff etliche zwantzig Ellen
-also niedergefüllet, daß er ebenes Fusses in die Stadt lauffen können,
-sich doch derselben nicht vollends bemächtigen mögen«. Wohl nie zuvor
-war das ~Te Deum laudamus~ so »mit hertzlicher Freude und Andacht«
-gesungen und im jubelnden Dankgottesdienst das Jauchzen der Erlösten
-zum Himmel gestiegen, und auch nach den Predigten so froh »mit allerley
-~instrumenten~ lieblich ~musiciret~« worden, um den Dank emporzutragen,
-als bei dem Dankfeste am 26. Februar 1643. Der Feind hatte gar übel
-draußen gehaust. Die Hospitalkirche war verwüstet und entweiht,
-Gestühl, Kanzel, Emporen, Bilder usw. verbrannt und zerstört. Häuser
-waren abgebrochen, verbrannt und vernichtet, Balken ausgeschnitten,
-Tür und Tore ausgerissen, die Obstbäume nah und fern abgehauen. In
-den Bergwerken waren »die Fahrten verderbet, der Vorrath an Ertzen
-verschüttet, die Wercke, Glethe, Herd und anders in Hütten weggenommen,
-die Räder und Wellen zerhawen, die Öfen eingerissen, die Künste und
-Zeuge verbrennet und solcher schade geschehen, der nicht genugsam kan
-geschätzet noch beschrieben werden.«
-
-Die festen Mauern, die festen Tore und Türen haben nicht dem Ansturm
-des Feindes standgehalten, die festen Herzen blieben unerschüttert, sie
-blieben stärker als das Schicksal! -- -- -- --
-
-Im Albert-Museum zu Freiberg liegt im Kleinodienschranke eine
-schimmernde, kunstvoll aus massivem, goldenem Bande geflochtene Kette.
-Kaiser Ferdinand III. hat sie als Lohn und Dank für die tapfere
-Verteidigung nach der Belagerung dem wackeren Bürgermeister Jonas
-Schönlebe verliehen und ihm zugleich den Adel angeboten. Für die Stadt
-hatte Schönlebe seine ganze Kraft und Leben, seine ganze Persönlichkeit
-eingesetzt und mit ihm seine Freiberger bis zum letzten Mann. Wenn er
-diesen goldenen Schmuck sich über die Schulter legte, so trug in ihm
-die ganze Stadt gleichsam dieses Kleinod als Ehrung für ihren Mut, ihre
-Treue und Tapferkeit, ein unschätzbares Sinnbild und redendes Zeichen
-von der Treue wie Gold. Mit leuchtenden Worten singt es und sagt es
-seit Jahrhunderten und in die kommenden Tage hinein von der Ehre der
-Stadt, der alten, freien, getreuen Bergstadt, von der Stadt mit den
-silbernen Türmen, den Türmen der Treue, von festen Mauern und festen
-Herzen.
-
-
-
-
-Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus.
-
-
-Aus dem Stadtplan von Freiberg kann man auch die Entwicklungsgeschichte
-der alten Stadt lesen, die in großen unverwischbaren Zügen ihr
-aufgeprägt ist. Der Stadtplan ist gebaute Geschichte. Da ist
-die erste dörfliche Siedlung des alten Christiansdorf in den
-unregelmäßig und scheinbar willkürlich sich zusammenschließenden
-Gassen der Sächsstadt erkennbar, da zeigt sich die Unterstadt mit
-dem Untermarkt und Dom als weitere Stufe der Entwicklung zur Stadt
-und endlich schließt das Gründungswerk Ottos des Reichen und seiner
-Nachfolger die Stadtbildung ab. Die westliche Hälfte der Stadt mit dem
-Rechtecksschema des Straßennetzes, das sich an die von Norden nach
-Süden durchlaufende Hauptachse des Straßenzuges der Erbischen Straße
-und Burgstraße anschließt, verrät deutlich und klar die ordnende Hand
-des Städtebauers, der nach bestimmtem Plane Straßen und Plätze anlegt
-und die Bauflächen absteckt und schließlich das Ganze mit starker,
-wehrhafter Mauer umgibt. Im Herzen der ganzen Anlage, dort wo der
-Hauptverkehr vom Peterstor und Erbischen Tor und von den anderen
-Himmelsrichtungen her zusammenströmt, liegt der große, rechteckige
-Obermarkt mit dem Rathause. Dort erhebt sich in unmittelbarer Nähe
-am höchsten Punkte der Stadt mit dem höchsten Turme der Stadt die
-Peterskirche als Hauptpfarrkirche der neuen Gründung und bereichert
-durch ihre wirkungsvolle Baugruppe das Stadtbild. Der Obermarkt
-selbst ist ein Meisterwerk geschlossener Raumbildung und wirkt mit
-seinen harmonisch gebildeten Häuserwänden und hohen, altertümlichen
-Dächern wie ein gewaltiger Saal unter freiem Himmel. Die Türen, welche
-in diesen stolzen Saal hineinführen, die Straßenöffnungen, sind
-so geschickt angelegt, daß nirgends die Geschlossenheit der Wände
-unangenehm unterbrochen wird. Es sind keine Prachtgebäude mit üppigem
-Beiwerk, mit sprudelndem Reichtum der Formen und Ornamentik, von
-denen eins das andere wohl überbieten möchte, nein es sind einfache
-schlichte Glieder einer großen Familie, die zusammengehören und
-zusammenhalten, die ihr bescheidenes Gewand mit Würde tragen. Es sind
-anständige, ehrenfeste Bürger, die dort um den Markt sich sammelten
-und nun Schulter an Schulter stehen. Nur hie und da ein reicheres
-Portal, ein Giebel, ein Erkerchen, ein Bildwerk, eine schöne Haustür
-unterbricht die Schlichtheit und Ruhe der Fassaden ohne viel Gesimse,
-Fensterumrahmungen und Ausladungen.
-
-Und alle diese wackeren, wortkargen Bürger schauen hinüber zum
-Rathause, dem Hause, in dem sie seit alters Rat geben, Rat nehmen, Rat
-suchen und Rat finden, wo das Herz der Stadt liegt, das durch seine
-Arbeit den Lebensorganismus der Stadt im Gange hält, das den Lebenssaft
-des Blutes durch alle Adern, Nerven und Muskeln des Körpers treibt und
-ihn lebendig und regsam erhält.
-
-Das Rathaus paßt so recht in seiner behäbigen Ruhe und Schlichtheit
-zu den Bürgerbauten des Obermarktes. Breit gelagert mit ragendem Turm
-und zierlichem Erker aus alter Zeit, mit Giebeln und Dachaufbauten
-aus neuer Zeit, ist es ein Ausdruck geschlossener Kraft und stolzen
-Bürgertums, anspruchslos aber in ruhiger Sicherheit seinen Platz
-behauptend. Seine Geschichte zu erzählen, hieße die Geschichte der
-alten Bergstadt selber erzählen, denn auf dem Obermarkt und in den
-Räumen des Rathauses pochte am lebendigsten das Wollen und Wirken, das
-Leben und Weben aller geistigen und wirtschaftlichen Kräfte der Stadt,
-und so wurde es zum Ort und Ausdruck allen Geschehens, zum Sinnbild des
-Geistes und der Geschichte der Stadt.
-
-Viele Jahrhunderte hat es den Stürmen schon Trotz geboten, hat es im
-Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not, bei Seuchen,
-Pestzeiten und Stadtbränden, aber auch bei rauschenden Festen der
-Bergknappschaft, der Bürgerschaft, dem Rate, den Zünften, und ja, auch
-Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes Dach geboten. Von
-Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit und Aufopferung, von Blut
-und Tod, von jauchzendem Leben und Kerkernacht flüstern und raunen die
-mächtigen Quadern der Wände und alten Gewölbe, singt und stöhnt der
-Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel saust und die Fledermäuse im
-krachenden Gebälk über der Stundenglocke aufscheucht. Und tief drunten
-in den unterirdischen Gewölben werden um Mitternacht unheimliche
-Schatten lebendig, Schatten, vor denen dein Herz vor Grauen bebt wegen
-der furchtbaren Taten, die sie getan, Schatten, vor denen dein Herz
-vor Erbarmen zittert, wegen der furchtbaren Strafen, die sie erlitten,
-erlitten wohl manchmal ohne Schuld.
-
-Dieses unterirdische Rathaus mit seinen wuchtigen Tonnengewölben stammt
-aus den ältesten Zeiten der Stadt und hat in seiner urtümlichen Gestalt
-alle Stadtbrände und Zerstörungen, Umbauten und Neubauten unversehrt
-überstanden.
-
-Die etwa 1170 neugegründete Stadt war rasch emporgeblüht. Aus allen
-Stämmen Deutschlands war die Bevölkerung gemischt. Abenteurer und
-Glücksjäger, die rasch reich werden wollten und Gott und Teufel nicht
-fürchteten, verwegene Gesellen aller Art mögen nicht selten gewesen
-sein. Eine eiserne Rechtspflege und rasche schwere Sühne jedes
-Verbrechens konnte da nur Rechtssicherheit schaffen und erhalten. Der
-Obermarkt war das »~forum~«, die Dingstätte, wo unter freiem Himmel
-Recht gesprochen, wo auch die Strafen an Leib und Leben vollzogen
-wurden. Am Obermarkt wurde dann in der Mitte der Ostseite das
-»Dinghaus«, vermutlich nur eine offene Halle, eine »Gerichtslaube«,
-errichtet, zunächst nur, um eine geschützte Stätte für Recht und
-Gericht, verbunden mit Gefängnis, zu haben, dann in weiterer
-Entwicklung für Beratung und Verwaltung gemeinsamer Angelegenheiten.
-Dieses uralte Dinghaus ist nach meinen Untersuchungen in seinen
-Grundmauern oder besser Kellergeschoß noch wohl erkennbar und erhalten.
-Es ist z. T. umschlossen von den Grundmauern und Kellerräumen der
-späteren Erweiterungsbauten des Mittelalters und mag etwa 11 ~m~ Tiefe
-bei 9 ~m~ Frontlänge am Markte gehabt haben. Vielleicht ist auch das
-Erdgeschoß wenigstens z. T. in den Wänden noch erhalten in dem Raume,
-der jetzt die Feuerwehrgeräte birgt und in früheren Jahrhunderten die
-alte Wage, »die Ratswage für Kaufmannsgüter«, enthielt. Es ist ein
-hallenartiger, rundgewölbter, nach dem Obermarkt offener Raum, der
-sehr wohl als offene Halle zum Gerichthalten vor allem in frühester
-Zeit gedient haben mochte, von wo aus der Verurteilte unmittelbar
-hinaus zum Markte, zur Richtstätte, zum Tode geführt werden konnte.
-Der schwarze Stein, der die Stätte der Enthauptung Kunzens von
-Kauffungen bezeichnet, liegt grade gegenüber. Kunz mag nicht der erste
-gewesen sein, der an jener Stelle gerichtet wurde. Offene Hallen, die
-»Gerichtslauben« am Markte, sind noch in manchen mittelalterlichen
-Städten in Verbindung mit dem Rathause erhalten.
-
-Unter dieser Halle, ursprünglich nur durch einen Schacht mit Leiter
-zugänglich, liegt der im Volksmunde mit »Marterkeller« bezeichnete
-Raum, das wuchtige schwere Kellergewölbe des Dinghauses der ältesten
-Zeit, Gerichtslaube, Marterkeller und Gefangenenzelle in engster
-furchtbarer Verbindung. Nur sehr wenig Freiberger sind in diesem
-schwerzugänglichen Raum gewesen, dessen Dasein nur noch wie eine dunkle
-Kunde in der Öffentlichkeit hie und da bekannt oder halb vergessen
-ist. Es ist ein Raum von etwa 4 ~m~ Breite und 8 ~m~ Länge mit einer
-tiefen seitlichen Nische von 1,50 ~m~ Tiefe und 2,70 ~m~ Breite. Er ist
-von schwerem Tonnengewölbe aus Bruchsteinen überdeckt und seine Wände
-sind z. T. in Felsen gehauen. Kein Lichtstrahl fällt hier herab, kein
-Schrei eines zermarterten und gefolterten armen Sünders oder auch nur
-Verdächtigten drang aus dieser schwarzen grauenvollen Tiefe durch die
-Felsenmauern und Gewölbe zur barmherzigen Oberwelt.
-
-Eine winzige Zelle, z. T. aus dem Felsen gehauen, öffnet wie
-ein schwarzes Grabgewölbe seine schmale, enge, niedrige Tür zum
-Marterkeller. Nur zwei Schritt lang in der Länge und Breite ist dieses
-furchtbare Verließ, so daß der, der hier sitzen mußte in Finsternis
-und Dunkel, in Zwang und Eisen, gefesselt in Ketten, mit Gewichten
-belastet, nicht einmal auf dem feuchten, harten Felsboden sich
-ausstrecken konnte. Bei jeder Bewegung in dieser schwarzen Nacht der
-Verzweiflung konnte er sich am harten Stein den Schädel einrennen. Der
-Unglückliche, welcher hier der hochnotpeinlichen Frage entgegenbebte,
-mochte glauben, in einen wahren Höllenabgrund gestürzt zu sein, aus
-dem ihn wahre Teufel zu weiteren Höllenqualen führen sollten. Wie
-Furchtbares mögen diese Wände und Gewölbe gehört und gesehen haben an
-Qualen, Blut und Not an Leib und Seele, an Roheit, Grausamkeit und
-unmenschlicher Verworfenheit, wovon ein Kind unserer Zeit sich schwer
-einen Begriff zu machen vermag. Die jetzt im Freiberger Altertumsmuseum
-befindlichen Marterwerkzeuge, die ehemals an diese Mauern geschmiedeten
-Halseisen und Ketten, die Daumenschrauben, der »gespickte Hase«, das
-Streckbett und wie diese Henkerswerkzeuge alle heißen mögen, die Haken
-in der Decke, an denen die Opfer der Tortur zur Peinigung in die
-Höhe gezogen wurden, sie legen Zeugnis ab von den blutigen Schrecken
-und Entsetzen der »scharfen Frage«, die hier in verschiedenen Graden
-gestellt wurde.
-
-Der Chronist Möller berichtet einmal von den furchtbaren Strafen, die
-hier vollzogen wurden. Ein Tagelöhner, Simon Kastner, hatte einen
-Bürger und Kramer, Andreas Köhler, mit seinem Weibe, dem Sohne und der
-Tochter in seinem Hause auf der Futtergasse mit der Holzaxt erschlagen
-und das Haus, nachdem er es beraubt, in Brand gesteckt. Er wurde aber
-ergriffen und man hat »weil er nicht allein diese, sondern mehr andere
-grewliche Thaten bey der ~tortur~ bekennet, ihm seinen verdienten Lohn,
-nach ergangenen Urtheil und Recht, wiederfahren lassen, also daß er
-erstlich sechsmal mit glüenden Zangen zerfleischet, als einmal für dem
-Rathhause, zweymal für der Erschlagenen Hause, zweymal auff dem Markte,
-und einmal auff der Petersgasse, für dem Kramladen in Michael Pragers
-Hause, daraus er den Sohn selbst abgeholet und heimkommen heissen,
-ehe er ihn erschlagen. Hernach ist er auff dem Rabensteine, damit es
-jederman sehen könne, von unten auff gerädert (da er denn, als er schon
-sieben und zwantzig starke Stösse mit dem Rade auff die Schenkel, Arme
-und Leib außgestanden, noch den Kopff auffgerichtet, und zu trincken
-begehret) letzlichen auff ein hohes Rad geflochten, die Mordaxt über
-ihn auffgestecket, und zu dessen Gedächtnis eine Schrifft auff ein
-Täfflein an die Seule, darauff das Rad gestanden, angeheftet worden.«
-Für die mittelalterliche Justiz ist bezeichnend, daß die Rechtsprechung
-und Strafe in vollster Öffentlichkeit geschah und bei den Strafen vor
-allem durch Abschreckung »zum Abschew und Exempel« gewirkt werden
-sollte. Der Verbrecher wird durch die ganze Stadt geschleppt und dann
-erst auf dem Rabenstein, »damit es jedermann sehen könne« langsam zu
-Tode gemartert. Wir gehen jetzt mildere, vielleicht allzumilde Wege
-in den Strafurteilen und der Strafdurchführung. Die Strafe soll zur
-Besserung dienen. In jenen Zeiten mag durch solch blutiges, widerliches
-Schauspiel zum Abscheu und Exempel wohl mehr die Roheit des gemeinen
-Pöbels gesteigert als eine Steigerung der sittlichen Kräfte erreicht
-worden sein.
-
-Wieviele, auch unschuldige Menschen und adlige Seelen mögen hier im
-Marterkeller unter blutigen Folterqualen zu furchtbaren, unmöglichen
-Geständnissen gepreßt worden und zu einem qualvollen Verbrechertode
-geschleppt worden sein! -- Gespenstisch zucken die Schatten im Raum,
-den unsere Leuchte nur schwach erhellt. Hören wir nicht ächzen
-und stöhnen hinter uns oder dort vor uns? Kam nicht ein schwerer,
-todesbanger Seufzer, ein grauses Röcheln aus jenem dunklen Winkel?
-Ist dort nicht Blut, Menschenblut an jenen Steinen der Wand? -- Es
-schnürt uns die Kehle zu, als griffe jemand mit kalter, klammernder
-Faust uns an die Gurgel, ein Schauer geht über den Rücken, als hauchte
-uns der kalte, keuchende, gespenstische Atem Gefolterter an. Es ist
-uns, als senkte sich das schwere Gewölbe mit seiner Last von Blut und
-Schuld über uns hernieder, als rückten die Wände in ihrer schreckhaften
-Finsternis näher und näher zusammen, um uns zu erdrücken, als kämen wir
-nimmermehr aus dieser grauenhaften Nacht zum barmherzigen Lichte empor
--- -- -- -- hinaus! hinaus! Wir wenden unsere Schritte zum schmalen
-Ausgang zur steilen Treppe, die in die Tiefe führt, die uns wieder zum
-Lichte führen soll.
-
-Draußen aber atmen wir tief und voll die köstliche Luft der goldenen
-Freiheit. -- --
-
-Wenn für die älteste Zeit und bei der raschen Rechtspflege, die nicht
-viel Umstände machte, der Marterkeller mit der einen Einzelzelle
-genügte, so brachte das Anwachsen der Bevölkerung, die erweiterte
-Gerichtshoheit der Stadt und auch vielleicht der Stadtbrand von 1375
-den Zwang und die Gelegenheit, Erweiterungswünschen und Neubauabsichten
-nachzugehen. Ein regelrechtes unterirdisches Gefängnis wurde im neuen
-Rathausbau angelegt mit drei nebeneinanderliegenden Zellen, die z.
-T. in den Felsen gehauen sind und Mauern von 1½ ~m~ Stärke haben. Im
-Erdgeschoß des Rathausturmes wird uns eine Falltür geöffnet und wir
-steigen durch die viereckige Schachtöffnung auf einer Leiter in die
-schwarze Tiefe hinab. Dumpfe Luft, wie aus einem Grabgewölbe, schlägt
-uns entgegen. Am Ende eines 7 ~m~ langen, mit schwerem Tonnengewölbe
-überdeckten, 2 ~m~ breiten Ganges befindet sich eine kleine,
-schmale Türöffnung in der Seitenwand, welche wir nur tief gebückt
-durchschreiten können, um zu den engen Vorplätzen der Einzelzellen
-zu gelangen. Drei Vorplätze und drei Zellen reihen sich aneinander,
-derart, daß jede Zelle besonders verschließbar ist und einen besonders
-verschließbaren, engen Vorraum hat. Wie eine enge Spalte im Felsen
-wirken die drei Vorräumchen, zu denen sich die winzigen Öffnungen
-der dunklen Zellengräber wie schwarze Stollen unheimlich öffnen. Die
-Türöffnungen oder besser Türschlitze in den meterdicken Mauern sind
-nur 50 ~cm~ breit und so niedrig, daß nur ein Kind ohne tiefes Bücken
-hindurchzuschlüpfen vermag. Kein Lichtstrahl fällt in diese Räume,
-keine Lüftung ist vorhanden. Durch die Spalten im Felsen sickert das
-Grundwasser und feuchtet den Boden und die Wände.
-
-In der letzten dieser unheimlichen Zellen hat Kunz von Kaufungen, der
-Prinzenräuber, seinem Spruche entgegengeharrt. Sechs Türen mußten
-geschlossen werden ehe man bis zu diesem Gefangenen vordringen konnte.
-Hier in diesem finsteren, unterirdischen Felsengrabe und dort oben an
-der Stelle des schwarzen Steines auf dem Markte fand ein Schicksal
-seinen Abschluß, das für ein Drama wirkungsvollen Stoff bieten könnte.
-
-Wer war dieser Kunz von Kaufungen? Ein Michael Kohlhaas, der um
-sein Recht bis zur Selbstvernichtung kämpft, oder ein gewöhnlicher
-Raubritter, Verbrecher und gemeiner Verräter? Nein, nicht mit einem
-Namen, Wort oder Etikett ist ein Charakter, ein Menschenschicksal
-erschöpft und beurteilt. Verstehen ist mehr als richten! Kunz war
-ein ganzer Mann, ein tapferer Ritter, der sich in vielen Schlachten
-bewährt und den Herren, für welche er das Schwert gezogen, treue
-Dienste geleistet hatte. Im sächsischen Bruderkriege, der fünf Jahre
-dauerte, hatte er für den Kurfürsten Friedrich den Sanftmütigen
-tapfer gekämpft, denselben Kurfürsten, gegen den er sich später
-erhob und der sein Schicksal wurde. Seine Bildung scheint eine für
-einen Edelmann des 15. Jahrhunderts nicht gewöhnliche gewesen zu
-sein; er war nicht nur des Lesens und Schreibens kundig, sondern die
-unter seinem Namen ausgegangenen Schriften zeugen auch von einer
-gewissen Kraft und Gewandtheit des Ausdrucks. So wurde er Hauptmann
-und Voigt auf dem Schlosse zu Altenburg und der Kurfürst sagte von
-ihm _nach_ dem Prinzenraube: »Kunz sei ihm nie, kein Tag und keine
-Stunde, unsicher gewesen und habe von ihm und den Seinen viel Gutes
-empfangen, alles auf guten Glauben und Vertrauen, die er zu ihm vor
-Andern gehabt habe.« Sollte dieses Urteil unverdient gewesen sein?
-Später finden wir Kunz im Dienste der alten Reichsstadt Nürnberg im
-Kampfe gegen den Markgrafen Albrecht Achilles. Er war der Hauptmann
-der Armbrustschützen und hat mit großer Tapferkeit und Treue für die
-Stadt gefochten und auch sein Blut vergossen. Die Nürnberger Chronik
-sagt von einem Ausfall: »... auch ward Kuntz von Kauffungen auf den
-Tag mit einem Pfeil durch den leib geschossen, doch ward er geheilt
-und gesunt (der war der stat diener, ein Edelmann).« In einem anderen
-Schlachtbericht heißt es: »Ein ander Hauf ward gemacht, der waren bei
-50 gereisigen und des was ein Hauptmann der edel und menlich Conrat
-von Kauffungen; be ihm waren die erbern (Patrizier) Gabriel Tezel,
-Wilhelm Loffelholz und mere erbern auß der edeln stat Nürnberg.« Wenn
-man bedenkt, wie selten in diesen Kriegsberichten die Anführer genannt
-und die Taten Einzelner hervorgehoben werden und daß in seiner Schar
-die stolzen Patrizier sich befanden, so kann man auf die hohe Achtung
-schließen, welche Kunz sich erworben hatte. Das zeigt auch der
-Bericht von der Schlacht am Pillenreuter See, durch welche der Krieg
-gegen Albrecht siegreich für Nürnberg entschieden wurde: »Also ließ
-der edel Herr von Blawen aufdrumeten und legt’ ein sein sper und rait
-frischlich gegen den feinten. indem ward sich auch mengen der edel und
-fest Conrat von Kauffungen mit seinen gesellen unter die feint. Indem
-sich die mennlichen der spitzen von Nürnberg so hart hielten und so
-keck und menlich gegen den feinten ritten gar in still und mit keinem
-geschrei, da hub sich zu fliehen der Fürst« (Markgraf Albrecht). Ja,
-auch im Liede wurde Kunz von Kauffungens Anteil an diesem stolzen Siege
-gefeiert und der Rat zu Nürnberg erneuerte den Soldvertrag mit ihm
-auf weitere drei Jahre unter Erhöhung seines Soldes und es heißt von
-ihm: »er hielt sich gar redlich also, daz in meniglich liep hat.« Und
-dieser tapfere, redliche Kriegsmann, den man in Nürnberg im Jahre 1452
-»meniglich liep hat«, soll im Jahre 1455 nur ein Räuber sein? Nein,
-nimmermehr! Ein Mann war er, der herrisch für das, was er für sein
-Recht hielt, eintrat bis zum äußersten, und im trotzigen Vertrauen auf
-seine Kraft, wenn ihm sein Recht nicht wurde, sein Recht sich selber
-holte. Die mittelalterliche Auffassung vom Rechte und der Freiheit
-eines Ritters, der nur dem gehorcht, dem er gerade seine Dienste
-geweiht, und der auf eigne Hand Fehde führen darf, stieß hart zusammen
-mit der stärker und stärker sich ausprägenden Macht des Landesfürsten
-und dem Untertanenverhältnis und mit neueren Rechtsauffassungen und
-Auslegungen, die ihm zuwider waren. Es ist das Drama des ausgehenden
-Rittertums. Der Grund zu den Zwistigkeiten zwischen dem Kurfürsten
-und Kunz war der Streit um das leidige Mein und Dein! Kunz fühlte
-sich ungerecht behandelt; ein Gut, das ihm zustand, sei ihm trotz
-treuer Dienste vorenthalten worden. Der Kurfürst beschuldigte ihn
-verschiedener Raubrittertaten, feindseliger Gesinnung und des
-Verrates mit Böhmen, das ihm feindlich gesinnt war. Eine Einigung kam
-nicht zustande. Einen anscheinend stark vom Kurfürsten beeinflußten
-Schiedsspruch eines Schiedsgerichtes erkannte er nicht an, und so griff
-er denn trotzig zur Selbsthilfe. Vielleicht auch standen wirklich
-weitergehende politische Absichten im Hintergrunde und dadurch, daß
-er sich mit dem Raub der Prinzen vom Schlosse zu Altenburg Geiseln
-und sichere Unterpfänder schaffte, diente er nicht nur seiner Rache,
-indem er das Herz des Vaters traf, und seine Forderungen durchsetzen zu
-können glaubte, sondern er hatte vielleicht einen Mächtigeren im Auge,
-Georg Podiebrad von Böhmen! Dieser konnte die Geiseln wohl brauchen, um
-seine ehrgeizigen Pläne auf sächsische Gebiete besser durchzusetzen,
-und Kunz war verdächtig oft in Böhmen gewesen, wo er das Schloß
-Eisenberg bei Brüx besaß.
-
-So geschah in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 der Prinzenraub vom
-Schlosse zu Altenburg, die Tat, welche weithin größtes Aufsehen
-erregte. Kunz wurde bald ergriffen und samt einem Teil der Steigleiter
-als handgreiflichem Merkmal der Tat -- ~corpus delicti~ -- nach
-Freiberg gebracht, um dort sein Urteil zu empfangen. Warum nach
-Freiberg? Freiberg war damals die größte Stadt Sachsens, die freie
-stolze Stadt auf dem Berge! Das Freiberger Stadtrecht, dieses berühmte,
-alte deutsche Rechtsbuch, hatte hier seine Stätte und Anwendung. Der
-Rat zu Freiberg, die zwölf Geschworenen, hatte die Gerichtsbarkeit und
-führte ein strenges und gerechtes Gericht. Er hatte vom Landesherrn das
-alte Privilegium vom Jahre 1294 als Lohn für die vielfach bewiesene
-Treue erhalten: wenn sich jemand gegen den Landesherrn vergehen
-sollte, so solle die Entscheidung dieses Falles den Geschworenen zu
-Freiberg überlassen werden. »Vorwirket sich eymand gen uns das wollen
-wir rugen unde teidingen nach irme rate.« Der Kurfürst mag auch durch
-kluge Rücksichten auf die öffentliche Meinung bestimmt worden sein,
-über Kauffungens Tat durch einen Gerichtshof, der aus unabhängigen
-Bürgern bestand und als völlig unparteilich gelten mußte, anstatt von
-einem seiner eigenen Beamten oder durch einen von ihm eingesetzten
-Sondergerichtshof entscheiden zu lassen.
-
-Der Spruch lautete nach mündlicher Verhandlung, wie nicht anders zu
-erwarten war, auf den Tod durch das Schwert. Am 14. Juli 1455 wurde
-Kaufungen auf dem Markte hingerichtet. Vielleicht hat das uralte
-Freiberger Richtschwert im Albert-Museum sein Blut getrunken. Das
-Urteil mußte so fallen, wie geschehen, denn er war auf handhafter
-Tat ergriffen, der Tat überführt und auch wohl geständig. Durch
-weitverzweigte Verschwörung hatte er den Landfrieden gebrochen, er
-war als »vridebrecher« »mit unrechter Gewalt und gewappneter Hand
-und geruckter Wehre« in das Haus eingebrochen, und darauf stand das
-Schwert! So wurde z. B. auch im Jahre 1493 zu Freiberg ein Herr v.
-Carlowitz, welcher mit gespannter Armbrust durch die Stadt geritten war
-und den Bürgermeister mit Erschießen bedroht hatte, gefangengesetzt und
-enthauptet. Vielleicht hat Carlowitz auch in jener unterirdischen Zelle
-seinen Spruch erwartet und hat droben auf dem Markt an gleicher Stelle
-mit seinem Blute den Sand genetzt, wie Kaufungen 38 Jahre zuvor. Das
-Freiberger Stadtrecht sagt: »Ist ir vire, sechse oder cehene derselben
-vridebrecher oder wi vil ir ist da gewest an handhafter tat, man slet
-in abe die Helse mit rechte.« Sie waren dem Freiberger Stadtrecht
-verfallen! Das Schwert in jener Zeit war rasch und das Hälseabschlagen
-eine glatte Sache, denn ein toter Hund kann nicht mehr beißen. Recht
-und Vorteil mag öfter Hand in Hand gegangen sein und manchmal mag der
-Richter auch unbewußt Partei zwischen Gerechtigkeit und Staatsklugheit
-gewesen sein.
-
-Wir blicken in das feuchte, enge Verließ, das viele Jahrhunderte als
-Gefängnis gedient hat. Wenn diese Mauern erzählen könnten, welche
-grauenhafte Reihe schauerlicher Taten, Reden, Gedanken, Flüche und
-Seufzer, welcher Jammer, Elend, Schuld und Sünde, aber auch unschuldige
-Leiden und Qualen, zertretene Hoffnungen, zerschmettertes Glück würde
-uns da offenbar werden, so daß wir nimmermehr froh werden könnten unter
-der Last der Geschichten und Gesichte aus der dunkelsten Nacht des
-Lebens.
-
-Dort sitzt der gefürchtete Kunz von Kaufungen, ein starker Mann mit
-schwarzem Vollbarte und Haupthaare auf dem rohen Steinsitz seiner
-Zelle, und hofft auf die Stunde der Freiheit, die doch nicht schlagen
-sollte. Er grübelt und knirscht in verzweifelter Wut. Mächtige Freunde
-hat er, die nicht dulden werden, daß einer ihres Standes dem Schwerte
-verfallen soll, weil er sich selbst sein Recht gesucht. Den jungen
-Prinzen ist kein Leid geschehen, das etwa mit Leib und Leben zu büßen
-wäre. Das Fehderecht in seiner gerechten Sache gegen den Kurfürsten
-ist gutes ritterliches Recht. Was gilt ihm das Freiberger Stadtrecht!
-Die Tat geschah nicht im Banne des Freiberger Stadtrechtes! Kann
-der Kurfürst als Kläger sich Recht und Richter selber wählen? Wird
-der Kurfürst, welcher der Sanftmütige genannt wird, das Schwert
-gebrauchen, obschon er einst sein treuer Diener war, will er die
-Tat sühnen oder will er einen Feind vernichten? -- -- Er grübelt und
-grübelt und dazu diese rabenschwarze Finsternis, diese Totenstille,
-in welcher er lebendig begraben sich glaubt. Ist es Nacht, ist es
-Tag, ist es Zeit oder ist es schon schaurige Ewigkeit? Er stöhnt in
-verzweifeltem Grimm und schlägt die Faust sich blutig an den eichenen
-Bohlen der schmalen Tür, doch nur die unbarmherzigen Ketten klirren. Er
-brüllt wie ein verwundeter Bär, doch niemand hört ihn, niemand kommt,
-ihn in die Freiheit zu führen. Vier Tage und Nächte vergehen so in
-Nacht und Grauen, und als man ihn zum Lichte führt mit der Last seiner
-Ketten, da führt man ihn zum Tode, da blitzt über seinem Nacken das
-Schwert, sein Haupt rollt in den Sand. Die Tat hat ihre Strafe, die
-Schuld ihre Sühne gefunden. Gerechtigkeit und Staatsklugheit reichen
-sich die Hand und die Bänkelsänger ziehen durch die Märkte des Landes
-und singen das Lied von Kaufungens Glück und Not und Ende, und später,
-im Kasperletheater, erregt das Spiel vom Prinzenraub das Grauen und
-Entzücken der Kinder. Ein altes Lied singt von ihm:
-
- »Was blast dich, Kunz für unlust an,
- daß du ins Schloß neinsteigest
- und stiehlst die zarten Herren raus,
- als der Kurfürst eben war net zu Haus,
- die zarten Förstenzweige?
- So geht’s, wer wider die öberkeit
- sich unbesonnen empöret.
- Wer es nicht meint, der schau an Kunzen
- sin Kop tut zu Freiberg noch herußen schmunzen
- und jedermann davon lernt.«
-
-Ein schwarzer Stein mit verwischtem Kreuz liegt an der Stelle, wo sein
-Haupt fiel, und ist seit Jahrhunderten eines der Wahrzeichen der
-alten Bergstadt, die jeder wandernde Handwerksbursche und Zunftgenosse
-als Ausweis seiner Ortskenntnis kennen und nennen mußte. Heute noch
-speit auf den Stein jeder Schulbube, der vorübergeht: Er meint nach
-alter Sage, es ginge ihm besonders in der Schule gut, wenn er zuvor
-als braver Knabe dem Andenken des bösen schwarzen Raubritters und
-Prinzenräubers seine Nichtachtung bezeigt hätte. 123 Jahre später, im
-Jahre 1578, wurde das Rathaus von Andreas Lorentz »des Rats Steinmetz«,
-mit einem Erker geziert. Aus dem Giebel schaut weit herausgereckt das
-Haupt eines Geharnischten mit Eisenhaube mit trotzigen Mienen hernieder
-auf den schwarzen Stein. Es soll Kunz von Kaufungen sein, der nach
-seiner Richtstätte schaut und keine Ruhe findet, bis ihm Gerechtigkeit
-nach seinem Sinne geworden.
-
-Noch ein anderes Erinnerungsstück hält das Gedächtnis an Kunz
-von Kaufungen den wechselnden Geschlechtern lebendig. Es ist die
-Steigeleiter, welche er zur Tat benutzt hatte und welche seit jenen
-Tagen im Rathause zu Freiberg aufbewahrt wird. Der untere kürzere Teil
-befindet sich im Schlosse zu Altenburg. Die Beschaffenheit der Leiter
-zeigt, daß es sich nicht um eine rasche Tat handelte, sondern mit
-welcher kalten Überlegung und Sorgfalt lange vorher die Tat vorbereitet
-und geplant war. In diesem Sinne mag sie in den Augen der Richter
-besonders belastend und für das Urteil mit entscheidend gewesen sein.
-Sie ist aus doppelt genähten, starken Ledergurten mit Holzsprossen
-hergestellt und hat eine Länge von 7,50 ~m~ mit 30 Sprossen. Jede
-Sprosse ist mit hölzerner Mutter sorgfältig von außen an den seitlichen
-Gurten befestigt und gesichert. Mit jeder achten Sprosse sind fest zwei
-Stützhölzer von etwa 20 ~cm~ Länge verbunden, durch welche die an der
-Mauer hängende Leiter eine ziemliche Steifigkeit erhielt, so daß sie,
-sich fest gegen die Wand stützend, genügend Abstand halten und auch ein
-Hin- und Herschwanken und Pendeln vermeiden konnte. Drei Paare solcher
-festen Sprossenstützen sind vorhanden.
-
-Das obere Ende der Leiter ist durch ein Dreieck von Rundeisen an einem
-eisernen Bügel oder Überwurf befestigt, der ähnlich einer festen
-Klammer über die Fenstersohlbank des zu ersteigenden Fensters geworfen
-wurde und sich dort fest einbiß. Dieser Klammerbügel ist jedoch lang
-genug, daß das obere Leiterende entsprechend den Sprossenstützen im
-Abstand von der Mauer gehalten wurde, um ein bequemes Steigen mit Hand
-und Fuß zu ermöglichen. Es ist eine Arbeit raffinierter Überlegung und
-Erfahrung, an welcher lange gearbeitet ist, um nur nicht etwa an einem
-technischen Mangel den kühnen Plan scheitern zu lassen. -- --
-
-An den gotischen Spitzbögen der oberen Ratsdiele befinden sich noch
-zwei andere Zeichen mittelalterlicher Rechtspflege. Es sind zwei große,
-schwärzliche Steine von halbkugeliger Form mit einem scharfkantigen
-Eisenringe. Auf dem Stein ist das Bild zweier zänkischer Weiber zu
-erkennen, die sich gegenseitig die Haare raufen. Sie stehen in steifer
-Haltung mit erhobenem Arm nebeneinander in ihrer Renaissancetracht, --
-roter, langer Rock, weißem Mieder und schwarzer Jacke mit Puffärmeln
--- und rollen mit den Augen. Im Bautzener Stadtmuseum befindet sich
-ein ähnlicher Stein in Form einer runden Pilgerflasche und daher
-»Büttelflasche« oder auch »Graue Suppe« genannt. Sie trägt die
-Umschrift: »Mägde und Weiber, die sich schlagen, müssen diese Flasche
-tragen.« Dieser Widmungsspruch erklärt auch unsere Steine dort oben.
-Mit ihnen, den Prangersteinen, am Halse wurden vom Stockmeister
-oder Büttel zänkische Weiber auf dem Markte an den Pranger gestellt.
-Der eiserne Ring von 29 ~cm~ Durchmesser konnte bequem über den
-Kopf gestreift werden. Der Stein ist aus Granit zurechtgehauen und
-glatt bearbeitet. Auf der Rückseite ist eine Höhlung für den Busen
-der Delinquentin herausgearbeitet. Das Gewicht beträgt 25 Pfund. In
-der rückwärtigen Höhlung des einen Steines ist, von grünen Zweigen
-eingerahmt, folgende Inschrift angebracht: Renoviret im Jahre Christi
-1769 auf Anordnung Tit. Herrn Stadtr. Gottlob Hieron. Waegers durch
-Joh. Gottlob Blöden. Stockmeister.
-
-Dieser Stein war also schon vor mehr als 150 Jahren durch fleißigen
-Gebrauch so abgenutzt im Laufe von vielleicht 200 Jahren, daß er im
-Anstrich und Malerei neu aufgefrischt werden mußte. Der Stockmeister
-hat sich mit großer Liebe und Sorgfalt, wie die saubere Inschrift
-beweist, dieser Aufgabe unterzogen und sich selbst dabei mit verewigt.
-Er glaubte wohl sicher, daß dieses drastische Erziehungsmittel
-holder Weiblichkeit zur Friedfertigkeit, das zugleich eine derbe
-Volksbelustigung von Rechtswegen war, noch lange sich seiner
-Beliebtheit erfreuen würde. Abgesehen von der demütigenden Wirkung
-und moralischen Pein, bedeutete diese Strafe auch körperlich eine
-Qual, denn der Druck des scharfkantigen Ringes im Nacken und auf den
-Schultern, dazu das schwere niederziehende Gewicht des Spottsteines,
-mehrere Stunden hindurch die Roheit und Gehässigkeit und niederen
-Leidenschaften des Pöbels dazu, mochten fast unerträglich gewesen sein.
-Es mochte ein eigenartiges für unser heutiges Empfinden abstoßendes
-Volksschauspiel abgegeben haben, wenn solche unholde Unglückliche
-entweder allein oder paarweise sich gegenüberstehend, mit ihrem
-schweren Halsschmuck geziert, mit Schimpf und Schmutz, faulen Eiern
-und anderen übelriechenden Dingen beworfen wurden, und wenn sie dann
-ihre losen, scharfen, schimpffertigen Zungen mit mittelalterlicher
-Deutlichkeit und Schlagkraft gegeneinander und gegen ihre Angreifer
-rücksichtslos gebrauchten, ein Wettkampf der Bosheit und giftiger
-Leidenschaften, der wohl schwerlich zur Hebung und Läuterung des
-sittlichen Empfindens beitragen konnte. Der derbe Volkswitz wird dabei
-manche kräftige Blüte getrieben haben, die unserem heutigen Empfinden
-vielleicht etwas zu urwüchsig erscheinen würde. Der erzieherische
-Wert der Strafe für die Gestraften und das Volk mag nur gering
-gewesen sein. Zweifellos sind diese echten alten Prangersteine im
-Freiberger Rathause wichtige und interessante Zeugen alter Rechtspflege
-und Strafauffassung. Was könnten diese Zeugen wohl berichten von
-menschlicher Schuld, Tücke und innerer und äußerer Qual! -- --
-
-Das Obergeschoß des Rathauses war einst eine einzige große Halle,
-an deren Westende das Archiv und die alte Gerichtsstube, jetzt
-Stadtverordnetensaal, am Ostende die frühere Kommissionsstube, jetzt
-Ratssitzungszimmer sich befanden. Alle anderen Räume und Flure,
-vierzehn an der Zahl, welche jetzt die alte Halle einnehmen, sind erst
-später durch Einziehen von Wänden und Decken eingerichtet worden. Diese
-einstige große Ratshalle hatte eine Breite von 16½ ~m~ und war von
-der Marktseite und Burgstraßenseite her durch stattliche Fenster gut
-beleuchtet. Die hohe, buntbemalte, hölzerne Balkendecke wurde durch
-sechs gotische Spitzbögen auf fünf kräftigen, kurzen Pfeilern von
-Grillenburger Sandstein getragen, so daß die mächtige Halle in zwei
-gleich breite Schiffe getrennt wurde. Das Schiff an der Marktseite
-zwischen Kommissionsstube und Gerichtsstube hatte 28½ ~m~ Länge,
-während das nördliche Schiff an der Burgstraße die ganze Ausdehnung des
-Rathauses mit 50 ~m~ Länge einnahm. Dieser gewaltige Saal, in dessen
-Mitte die Spitzbögen mit ihren starken Pfeilern wie im wuchtigen Gange
-einherschritten und den aufstrebenden elastischen Schwung ihrer Linien
-zur Decke emportrugen, mit seinen bunten Farben, Gemälden und dem
-Schmucke von Waffen, Schilden, Panzern, Sturmhauben, Harnischen, Fahnen
-u. dgl. muß eine starke Raumwirkung gehabt haben, die anderen berühmten
-Rathaussälen wohl gleich kam, oder sie vielleicht gar übertraf.
-
-Hier vereinte sich das ganze festliche Leben der reichen Silberstadt
-und brachte glanzvolle Tage und Nächte, deren malerische Wirkung und
-derbe Fröhlichkeit wir uns nur schwer vorzustellen vermögen.
-
-Hier hielt 1512 Herzog Heinrich seine Hochzeit und den Hochzeitstanz
-ab. Welche Pracht der Gewänder, kostbarer Stoffe und herrlicher
-Schmuckstücke mag da entfaltet worden sein. Hier gab der Rat den
-Fürsten, die in Freiberg residierten oder zu Gaste waren, üppige
-Prunkmähler, hier feierten die stolzen Patrizierfamilien ihre
-Feste, weswegen der Saal auch das »Tanzhaus« hieß, hier fanden die
-Bergknappschaftsfeste statt, welche alle Männer vom Leder, den
-Oberberghauptmann mit Berggeschworenen und Knappen, den reichen
-Silberherren und den armen Bergjungen zu gemeinsamer Feier bei reichem
-Mahle, gutem Trunke und schließlich fröhlichem Tanze vereinten.
-Hier fanden auch Theateraufführungen fahrender Künstler und die
-Festspiele des Gymnasiums statt. Längst sind die Feste verklungen, die
-Fröhlichkeit verrauscht, die Blumen verwelkt und Nelkenkränze verdorrt.
-Andere Zeiten kamen, nüchtern, sachlich, kalt und sorgenschwer,
-in denen die Fröhlichkeit andere Stätten suchte, der Sinn der
-Zusammengehörigkeit auch in der Freude wie bei der Arbeit zersplitterte
-und sich nach hie und da verkroch. Die Handwerker kamen, nahmen die
-Waffen und allen Zierrat von den Wänden und bauten in den herrlichen
-Saal Zimmer auf Zimmer ein, mauerten drei Bogenöffnungen zu, so daß aus
-dem fröhlichen Tanzhaus, aus dem ernsten Rüsthaus mit seinen Waffen zu
-Schutz und Trutz, ein nüchternes Geschäftshaus oder Verwaltungsgebäude
-wurde. Nur die Feder und das Wort sind die Waffen, die hier noch
-geführt werden. An die Stelle von Tanz und lauter Fröhlichkeit ist
-stille Emsigkeit, treue Arbeit und unermüdliche Pflichterfüllung im
-Dienste der Allgemeinheit getreten.
-
-Nur die Ratsdiele ist vom alten fröhlichen Saale noch übrig geblieben.
-Durch zwei Fenster wird sie beleuchtet mit tiefen Nischen der starken
-Mauern, in denen Banksitze Platz gefunden haben. Eine schwere,
-spätgotische Sandsteinbrüstung grenzt die Öffnung der von unten
-aufsteigenden Treppe ab. Stumm schauen die Gestalten der sächsischen
-Fürsten in Lebensgröße von den Wänden hernieder.
-
-Mit Panzer oder seidenen Prachtgewändern bekleidet, mit Hermelinmantel,
-mit Schwert oder Feldherrnstab in der Rechten, sind diese stolzen
-Herren und Herrscher charakteristische Vertreter ihrer Zeit mit
-allen ihren Vorzügen und Schwächen. Mag einzelnen Bildern die letzte
-Meisterschaft fehlen, so sind sie doch ein künstlerisch und historisch
-wertvoller Besitz und Schmuck des Rathauses, welchen die Jahrhunderte
-seit Herzog Heinrich d. Frommen (1505 bis 1544) zusammengetragen und
-sorgfältig bewahrt, gehegt und gepflegt haben. Vierzehn Fürstenbilder
-hängen auf der Rathausdiele, sechs im Stadtverordnetensaale. Es ist
-ein gutes Stück sächsischer und deutscher Geschichte, die an uns
-vorüberzieht, wenn wir der Zeiten und Geschicke jener Männer und
-Frauen gedenken. Dort Johann Georg I. und seine Gattin, die Kurfürstin
-Sibylla Magdalena, haben die furchtbare Prüfung des dreißigjährigen
-Krieges über ihr Land dahinbrausen sehen. In ganzer Figur am Tische
-stehend trägt er ein grünseidenes Prachtgewand. Dunkel ist sein Haar
-und Spitzbart. Drei Jahre vor Ausbruch des großen Krieges hat ihn
-und auch seine Gattin, eine blonde anmutige Frau mit schönem weißem
-Spitzenkragen, gleichfalls mit einem grünen, prachtvoll geschmückten
-Seidengewand angetan, sein Hofmaler Johann Gerhardt, in voller
-jugendlicher Kraft und Schönheit dargestellt.
-
-Dort das Bild des Kurfürsten Johann Georg III., des Türkensiegers mit
-rötlichblondem, lockigem Haar und Schnurrbart, der an der Befreiung
-Wiens durch die Schlacht am Kahlenberge am 12. September 1683 so
-ruhmreichen Anteil hatte. Zur großen Siegesbeute jener Schlacht
-gehörten bekanntlich große Mengen Kaffee. Der Genuß des Kaffees, die
-Entwicklung des »Wiener Kaffees« datiert aus jener Zeit, und auch die
-besonderen engen Beziehungen des Sachsen zum Kaffee mögen in jenem
-Siege ihres Kurfürsten ihren Ursprung gehabt haben. Er ist in Rüstung
-mit malerisch zusammengefaßtem Hermelinmantel dargestellt und weist mit
-dem Feldherrnstab auf den Feind. Eine Kanone mit dunklem, drohendem
-Rohr spricht von seinen Schlachten.
-
-Dort ist August der Starke in dunkler Rüstung mit blauem Samtmantel
-und dem Bande des Weißen Adlerordens. Welche Fülle von Bildern,
-Vorstellungen und Geschichten tritt uns vor das geistige Auge, wenn wir
-seinen Namen hören und ihn im Bilde in seiner etwas theatralischen
-Haltung betrachten. Mag er ein großer Egoist gewesen sein, ein
-Genießer von besonderem Ausmaß, so ist doch seine Prachtliebe, sein
-Sammlungseifer, seine Kunstfreude, seine Baulust für die Entwicklung
-und Befruchtung der Kunst in Sachsen und insbesondere Dresden
-von unschätzbarer Bedeutung gewesen. Durch ihn wurde Dresden zum
-Elbflorenz. --
-
-Dort fällt uns ein Bild ganz anderer Art durch seine Farbenpracht in
-die Augen, das Bild des Königs Anton, der 1827--1836 regierte, ein
-König der Biedermeierzeit. Er ist ein kleiner Mann mit gemütlichem
-aber doch ernsthaftem Gesicht, dem man glaubt, daß er kein Feind des
-Schnupftabaks und eines guten Rotspohns, aber mit Maßen und gehöriger
-Würde und Herablassung ist. Er trägt einen scharlachroten Frack mit
-schwefelgelber Weste und breitem, grünem Ordensband und dazu hübsche,
-enge, mattblaue Hosen und hält in der Hand einen großen zweispitzigen
-Federhut mit mächtiger Feder. Er sieht aus wie der König im Bilderbuch,
-und, hätte er den schönen Federhut auf, würde er einem der schönsten
-Papageien mit großem Schopfe im Zoo gleichen. -- Ist es erst wirklich
-hundert Jahre her, daß sich ein König so verewigen ließ? oder ist es
-nicht doch etwa ein König aus Biedermeiers buntem Bilderbuch? Das
-fröhliche gemütliche Bild lacht als lustiger Farbenfleck in die ernste
-Ratsdiele so leuchtend herunter, wo so viel Sorgen und schwere Gedanken
-hin- und hergetragen werden, daß mancher mit Lächeln zu ihm aufsieht,
-ihm zunickt und denkt: Du bunter Vogel, wie kamst du hierher aus dem
-lustigen Märchenbuch. »Es war einmal ein König, der hatte einen ...?« --
-
-Die wertvollsten Gemälde der Fürstengalerie hängen im
-Stadtverordnetensaale. Es sind die Bilder Herzog Heinrichs des
-Frommen, des Kurfürsten Moritz, des Kurfürsten August und seiner
-Gemahlin Anna.
-
-Herzog Heinrich der Fromme, der Freund und Gönner Freiberger Art und
-Bürgertums, der Gründer Marienbergs, zeigt sich in seiner waffenfrohen,
-ja waffenklirrenden Art. Es ist eine feste Mannesgestalt, der Herzog
-Heinz, der da vor uns steht, mit braunem Vollbart und Haupthaar. Er
-ist schwer gepanzert mit Kettenringkragen, Brust- und Beinharnisch.
-Die Panzerschuh und Panzerschilde an den Knien sind vergoldet. Im
-rechten Arm liegt ihm ein gewaltiges, bloßes, zweihändiges Schwert,
-mit großem, goldenem Griff hoch an der Brust, das fast so groß wie der
-Herzog selbst ist. Die linke Hand hält er am Griff eines zweiten, an
-der linken Seite hängenden Schwertes, und an der rechten Seite trägt
-er noch einen Dolch. Waffen und Kanonen waren seine Leidenschaft, und
-im Zeughaus des Schlosses Freudenstein unter seinen schönen blanken
-Bronzekanonen mit ihren Bildwerken und anzüglichen Sprüchen sein
-liebster Aufenthalt. Einen kräftigen Trunk unter seinen ehrenfesten
-Bürgern in der Ratstrinkstube, oder auch ein fröhliches Schützenfest
-mit eigenhändigem Armbrustschießen nach der Scheibe, eine weidgerechte
-Jagd in den Wäldern des Gebirges verschmähte er jedoch nicht. Sein
-Mohr und sein großer englischer Windhund durften jedoch nicht fern
-sein. Dafür hatte jedoch sein Kanzler Freydiger desto mehr Mühe, ihn
-zum Schreiben zu bringen, und wenn es nur eine einfache Unterschrift
-war. Lieber ein zweihändiger Riesenflamberg in beiden Händen, als einen
-Gänsekiel zwischen den Fingern einer Hand! -- Heinrich hatte jedoch
-mehr noch als kriegerischen Mut, er hatte Bekennermut und seelische
-Kraft. Trotz des grimmigen Drohens und Schnaubens seines mächtigen
-Bruders Georg schaffte er Luthers Lehre freie Bahn in Freiberg
-und ließ sich auch durch Versuchungen nicht in seiner Treue und
-Festigkeit erschüttern. Als Herzog Georg mit Zorn und Gewaltdrohungen
-nichts bei ihm erreichte, versuchte er’s mit schlauer Überredung und
-Bestechung: Er schickte Gesandte an Heinrich, um ihm sein Herzogtum
-als Erbe anzubieten, falls er wieder zur alten päpstlichen Lehre
-sich wenden wollte. Der Chronist sagt: »Die Gesandten wiesen auf
-die Fürtrefflichkeit des Landes und großen vorhandenen Vorrates an
-Silberkuchen, baren Gelde, Golde, Kleinodien und vielen köstlichen
-Zierrathe hin ohne ihn bewegen zu können.« Heinrichs Antwort lautete:
-
-»Es gemahne ihm ihr fürbringen nichts anders, als da der Satan dem
-Herrn Christo alle Reichthume und Herrlichkeiten der Welt zeigete und
-zu ihm sagete, dieses alles will ich dir geben, so du niederfällest und
-mich anbetest, welches er nimmermehr thun, noch seinen Herrn Christum
-um des Zeitlichen willen verraten würde, wenn er auch gleich mit seiner
-Gemahlin an einem Stäblein betteln aus dem Lande gehen sollte!«
-
-Er liebte sein Freiberg, in dem er seit 1506 fast 35 Jahre Hof gehalten
-und ließ in sein Testament als letzten Willen schreiben, »er hette die
-Freyberger in aller Trew und Gehorsam gegen Gott und ihm befunden,
-drumb wolte er auch bey denselben ruhen und schlaffen«. Unter ihm und
-seiner milden aber starken Hand hat Freiberg wohl seine glücklichste
-Zeit erlebt.
-
-Unruhige Jahre kamen unter der Herrschaft seines Sohnes, des Kurfürsten
-Moritz, dem Sachsen viel zu enge war, der mit hochfliegenden Plänen
-sich trug, und dem Religion mehr ein Mittel der Politik und hohen
-Ehrgeizes war. Vielleicht wären seine Pläne zum Wohle des Reiches
-gewesen, wäre er nicht zu früh, erst 32 Jahre alt, dahingerafft.
-Welchen Lauf hätte wohl ohne den heimtückischen Schuß die
-Weltgeschichte genommen? Vielleicht wäre Deutschland der dreißigjährige
-Krieg erspart geblieben.
-
-Dort aus dem Bilde neben seinem Vater schaut uns im Schmucke seines
-rötlichen Vollbartes sein edler, ernster, länglicher Kopf mit klugem,
-festem Blicke an. Man fühlt, daß hier ein Besonderer steht und den
-Feldherrnstab in der Hand trägt. Er ist mit einem Panzer von dunkler
-Farbe und gelber Feldbinde darüber gerüstet. Ist es derselbe schwarze
-Panzer, den er in der Schlacht von Sievershausen trug, als ihn am
-9. Juli 1553 der meuchlerische Schuß von hinten traf, der Panzer, der
-nun schon Jahrhunderte im Dome zu Freiberg sich befindet? Die bei
-Sievershausen erbeuteten Fahnen dort im Dom, von denen fast nur die
-Schäfte noch mit wenig Resten, Fetzen und Fasern übrig sind, wissen
-zu erzählen von jener Schlachtennot und frühem Schlachtentod, durch
-den Deutschland seiner besten Hoffnung mit beraubt wurde. Der uralte
-deutsche Mythos vom blinden Hödur, der den lichten Baldur durch
-heimtückischen Schuß tötet, wird immer wieder neu und wahr bis in die
-neueste Zeit. Dieser Mythos ist der Mythos von Deutschlands Schicksal
-und Leid. --
-
-Die Bilder des Kurfürsten August und seiner Gattin Anna stammen von
-Lukas Cranach d. Jüngeren. Sie sind in schwarzer, spanischer Tracht
-mit vollendeter Kunst gemalt. August trägt ein reiches, mit Gold
-gesticktes Wams mit schwarzem, goldgesticktem Mantelkragen darüber
-und enganliegende hohe, schwarze Strümpfe. Die Hand hält er links am
-Degengriff. Nichts Kriegerisches liegt in dieser Erscheinung, sondern
-mehr von einem eleganten Hofmann. Sein rötlichblonder Vollbart ist kurz
-geschnitten und gepflegt. Auf seinem Haupte trägt er eine eigenartige
-Kopfbedeckung, die etwa einer weichen, hohen Bergmannskappe gleicht.
-
-Seine Gattin ist auch in Schwarz gekleidet. Das ganze untere Drittel
-des Kleides, die Puffärmel und der Latz, sind reich in Gold gestickt.
-Ihr helles, rötlichblondes Haar legt sich glatt gescheitelt über Haupt
-und Schläfen und ein kleines Barettchen mit Feder deckt rechts den
-Scheitel. Mit rührend schlichter, steifer Haltung steht sie da, hat die
-Hände zusammengelegt und schaut mit blassem, kindlichem Blick auf den
-Beschauer, wie eine Konfirmandin, die auf ihren Pfarrer lauscht.
-
-Der Hintergrund beider Bilder, die als Gegenstücke gemalt sind, ist
-ein großer hellgehaltener Fensterbogen, durch welchen der helle Himmel
-hineinschaut, vor dem die schwarzen Gestalten stehen.
-
-Das also ist »Vater August« und »Mutter Anna«, der kluge Volkswirt und
-Haushalter seines Volkes und die treue Landesmutter neben ihm! Wie so
-ganz anders stellt man sich dieses Fürstenpaar vor, als hier auf diesen
-Cranachbildern! Nicht modisch elegant mit sattem, zufriedenem, geistig
-unbedeutendem Antlitz wie er es zeigt, nicht geistig so unentwickelt
-und schüchtern und leer, wie sie sich stellt, nein, als tatkräftige,
-geistig bedeutende Persönlichkeiten, denen der geistige Adel und
-das tüchtige Wollen und Können von der Stirne und aus den Augen
-leuchtet. Nein, da sind die Bronzedenkmäler von Carlo de Cesare in der
-Begräbniskapelle des Domes doch schöner, überzeugender und vielleicht
-auch trotz aller Steigerung doch noch wahrer als hier, wo mehr der
-körperliche als der geistige Mensch gegeben ist. --
-
-Neben dem Stadtverordnetensaale, dessen alte Holzdecke von zwei
-gewaltigen gotischen Unterzugbalken mit reicher Profilierung getragen
-wird, liegt das alte gewölbte Urkundenarchiv. Durch einen gotischen
-Türbogen mit tiefen Kehlen und Rundstäben, durch eine wuchtige
-eiserne Plattentür mit schönen durchbrochenen Beschlägen und alter
-kunstvoller, mehrfacher Verriegelung, die nur durch Drehung des
-prachtvollen messingnen Löwenkopfes in der Mitte gelöst werden kann,
-ein Meisterwerk der Schmiedekunst, und dann durch eine zweite, mit
-Eisenplatten beschlagene Tür mit mächtigem, altem Kunstschloß treten
-wir in diesen altertümlichen Raum, in dem wie in einer weltentrückten
-Klause das Leben draußen schweigt und die Jahrhunderte zu uns zu
-reden und lebendig zu werden scheinen. Eine andere Luft und anderer
-Duft ist in diesem Raum wie in den übrigen Räumen des Rathauses. Ein
-schönes Kreuzgewölbe spannt sich über uns. Der Boden ist mit roten
-Ziegelplatten belegt, die dem Raume eine warme Farbstimmung geben.
-
-Wir sind in der alten Silberkammer des Rathauses, dem feuer- und
-diebessicheren Ort, wo die Kostbarkeiten und die Geldvorräte der Stadt
-in schweren eisernen Truhen mit kunstreichen Schlössern und Riegeln
-einst aufbewahrt wurden. Im dreißigjährigen Kriege 1632 brachte
-man hier die städtischen Urkunden und kostbaren Stadtbücher unter.
-Das große Fachwerk dort mit seinen vielen bunten Kästchen, das uns
-anschaut wie die Wand einer altertümlichen Apotheke, wurde 1635 von
-dem Tischler Georg Köhler hergestellt und nahm in seinen sogenannten
-»Kammerkästchen« wohlgeordnet alle Urkunden, Verträge, Briefe usw. auf
-bis auf den heutigen Tag, welche für die Stadt von besonderem Werte
-und Wichtigkeit sind. Jedes Kästchen kann an einem hübschen, hängenden
-Handgriff herausgezogen werden und ist mit fröhlichem Blattornament
-in bunten Farben bemalt. Den Sockel dieser Kammerkästchenwand bilden
-vorspringende Truhen, die für die Aufbewahrung von Bücherschätzen
-ebenso wie als Sitze dienen können.
-
-In der Mitte des ehrwürdigen Raumes steht ein uralter Tisch in der
-Form des Tisches der Lutherstube auf der Wartburg und wohl aus
-derselben Zeit stammend. Der Wurm hat eifrig schon sein Werk an ihm
-getan. Verborgene Schubkästen sind unter seiner Platte. Ein Archivar
-soll einst mit besonderer Begeisterung gerade an diesem Tische in den
-alten Stadtbüchern geforscht haben. Ein feiner Duft stieg nämlich von
-dem Tisch in seine Nase, denn hier im geheimen Schubfach hatte er
-seinen besten Tabak heimlich geborgen, der ihn begeisterte wie einen
-schwärmenden Jüngling das Veilchen, das im Verborgenen blüht. Freudig
-schnuppernd graste er so auf den Feldern des Mittelalters und der
-Stadtgeschichte.
-
-Das Regal der zweiten Wand ist dicht mit Bänden aus allen
-Jahrhunderten besetzt. Da sind vor allem die mächtigen Stadtbücher und
-Ratsprotokolle in Schweinsleder gebunden, Bände von einer Größe und
-einem Gewicht, daß sie nur schwer zu heben sind. Andere alte Bände
-sind in Pergamentblätter mit gotischer Schrift gebunden, die aus alten
-Klosterbüchern stammen. Kostbare Bände liegen auf dem alten Tisch. Wir
-schlagen einen uralten Band auf mit schwerem Deckel aus Holz mit Spuren
-eines roten abgeschabten Überzuges und mitgenommenen Messingbeschlägen
-und fünf sehr starken, großen Messingnägeln auf beiden Deckeln. Es
-ist das alte berühmte rote Freiberger Stadtrecht vom Jahre 1294, ein
-kostbares, unersetzliches Werk, in prachtvoller gotischer Schrift auf
-starkem Pergament geschrieben, mit vielen schönen Initialen. Das erste
-herrliche Initial in Blau, Grün und Gold gehalten, über die ganze
-Seite reichend, klingt noch in der Ornamentik an romanische Formen an
-und umschließt in dem Buchstaben »~G~« das Wort »Got«. Die Einleitung
-dieses ehrwürdigen, durch Jahrhunderte und weit über Sachsens Grenzen
-anerkannten Gesetzbuches lautet:
-
- »Got der Himel und erde geschuf,
- der helfe uns volbrengen diz buch,
- des helfe uns got amen. Ich hebe an
- in gotis namen. Unde schribe
- vribersch recht. wer mir helfe
- der si gotis knecht.
- Diz ist von deme erbe«
-
-womit dann bezeichnenderweise der erste Abschnitt beginnt.
-
-Daneben liegt die berühmte Handschrift des Freiberger Bergrechts von
-1324, ein Band von ähnlicher Art und Schrift. Markgraf Heinrich hatte
-im Jahre 1255 den Bergschöppenstuhl errichtet mit der Befugnis, in
-allen Bergsachen Recht zu sprechen. Bis 1856, also 600 Jahre bestand
-dieser Berggerichtshof. Er hat das Bergrecht entwickelt, welches hier
-auf diesen schönen Pergamentblättern seine erste Niederschrift fand
-und für ganz Sachsen maßgebend war. Bereits im dreizehnten Jahrhundert
-fand es im Ordensland Preußen, in Schlesien und Mähren, ferner in
-Siebenbürgen und Serbien Eingang und übte einen bedeutenden Einfluß
-auf die gesamte deutsche Berggesetzgebung aus. Im Jahre 1332 betrieben
-schon sächsische Freiberger Bergleute in Serbien fünf Gold- und
-Silbergruben und wendeten ihr heimisches Bergrecht an. --
-
-Ein anderer schmaler, langer aber starker Band in Schweinsleder
-gebunden und in mittelalterlicher Handschrift und Sprache geschrieben
-erregt besonders unsere Aufmerksamkeit. »~Catalogus Truffatorum~ oder
-Schwarze Register« steht auf seinem Rücken. Wir blättern darin und
-fühlen uns versetzt in das alte Dinghaus am Markte vor die Schranken
-des Gerichtes, um die sich Volk drängt. Der Angeklagte fehlt, aber
-ein Ankläger schildert mit zorniger Stimme die Verbrechen des
-Entwichenen und fordert seine Strafe, Verbannung bei Todesstrafe od.
-dgl. Es ist das Verzellbuch oder Verzählbuch, das wir aufgeschlagen
-haben, die schwarze Liste, in welcher seit der zweiten Hälfte des
-14. Jahrhunderts bis 1518 über 2100 Übeltäter verzeichnet sind. Der
-Verzählung, einer Art Verbannung und Ächtung, fiel anheim, wer wegen
-eines Verbrechens flüchtig geworden war und auf Anklage nicht vor
-den Schranken des Gerichtes erschien, um sein Urteil zu empfangen.
-Wurde ein so Verzellter später ergriffen, so wurde ohne weitere
-Verteidigung und Gerichtsverfahren das Urteil an ihm vollstreckt. Von
-wieviel menschlichen Leidenschaften, Schuld und Sühne aus früheren
-Jahrhunderten weiß dieser Schweinslederband zu berichten, und zu
-erzählen von der straffen Strenge der Rechtspflege und der Sitten
-und den harten Strafen alter Zeit. »Uff den Hals« verzählen, d.
-h. Todesstrafe wird nicht selten verhängt, und mancher mag seinen
-flüchtigen Feind, der sich nicht verteidigen konnte oder wollte, auf
-diese Weise vernichtet haben. Da lesen wir z. B.: »Reinfried Große
-hat lassin vortzeln Frantzen Hekeler uff sinen Hals darumb das er ym
-gedreuwet hat er wolle im schaden am lybe und am gute.« Also auf eine
-Drohung wurde Todesstrafe gesetzt!
-
-»Die Burger lassen vertzeln uff synen hals Hans Ysenhut darumb daz er
-in dem frauwenhuße gewest ist und dorinne geunfugit hat.« Unfug im
-Frauenhause oder im Weinhause mit leichten Frauenzimmern fällt öfter
-der Verzählung anheim. -- Als Kuntze Braun »eyner frauwe by nacht in
-yr huß gelaufen und sie obil behandelt« hatte, wurde er »uff sinen
-hals« verzählt und sie »lysen ym darumb seinen kopp abehawen«. -- Einem
-anderen Übeltäter, der einen Beutel, worin das Erz gewaschen wurde,
-»abegesnyden« hatte, hat man »laßin die oren absnyden« und verbannte
-ihn »uff seynen hals« auf ewige Zeiten aus Stadt und Land. Ja sogar
-darauf, daß fremdes Bier ausgeschenkt wurde, stand Verbannung: Meister
-Nikols des Zimmermanns swester wurde bei Todesstrafe auf Jahr und
-Tag verbannt »darumb das sy Kemnitzer bier geschenkt hat wider der
-Burgergebot uff iren hals«.
-
-Anfangs wendete man die Verzählung nur bei schweren Verbrechen an,
-später, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, wurden aber sogar geringe
-Vergehen und Übertretungen damit gestraft. Es konnte jedoch zuweilen
-die Strafe losgekauft werden. Thomas Strellers »Wyb« wurde verzählt,
-weil sie gesagt hatte: »Nein -- die Burger allhie eßen nicht die
-großen heringe sondern wenn dy von Zeydaw (Sayda) die großen guten
-heringe eßen so müssen sie hie den dregk essen.« Zwei Burschen wurden
-verzählt, weil sie »uff der Paucke geslagin habin«, ein anderer, weil
-er Spottverse gedichtet und gesungen hat, Kaspar Kirchberger »darumb
-das er an dem Tore gehüt hat und hat geslaven«. -- Herzog Heinrich der
-Fromme verbot 1525 die Verzählungen, weil offenbar viel Mißbrauch damit
-getrieben wurde und z. T. auch mündliches Verfahren üblich geworden war.
-
-Wir schließen das ehrwürdige Buch, in dem sich uns wie in einem Spiegel
-Alt-Freiberger Leben zeigte, ein Leben so tüchtig und ehrenfest in
-festen Sitten und Gesetzen gehalten, daß wir nicht ohne Beschämung
-darauf zurückschauen müssen.
-
-Dort weiter lockt uns das alte mächtige Bürgerbuch, in ihm zu blättern.
-Das älteste Bürgerbuch, welches 1404 begonnen ist und über längst
-dahingesunkene Geschlechter Auskunft gibt, trägt auf seiner ersten
-freien Seite spätere Einträge zum Lobe Freibergs z. T. in lateinischer
-Sprache, etwa aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Aussprüche
-Herzog Georgs:
-
- »Leipzig die beste, Freybergk die größte,
- Chemnitz die feste, Annabergk die liebste,«
-
- ferner »~Lipsia ter in anno, Friberga vero quater fructum
- refundit.~« Leipzig schüttet dreimal im Jahre, Freiberg aber
- viermal Frucht! --
-
-Dieser Stolz auf die Stadt war wohl begründet, denn 1474 belief sich
-die Zahl der Hausgrundstücke auf 579 in Freiberg, in Leipzig 519,
-in Dresden 427. Bereits 1400 hatte Freiberg eine Wasserleitung und
-dafür einen Röhrmeister angestellt. Eine unterirdische Beschleusung
-hatte ihre Anfänge den Bergleuten zu verdanken. 1484 war bereits
-eine Bauordnung erlassen, welche steinerne Häuser, harte Dachung und
-massive Brandgiebel vorschrieb. 1490 hatten die Tuchmacher schon eine
-Kranken- und Sterbekasse. Freibergs Handel und Privilegien reichten
-über das ganze Erzgebirge. Manche der alten Bürgergeschlechter hatten
-Besitzungen und Reichtümer wie kleine Könige und blühten durch
-Jahrhunderte. Das Bürgerbuch war so ein Buch des Stolzes für sie.
-Die Namen der Prager und Alnpeck, der Schönlebe und Schönberg, der
-Lingke, Monhaupt und Molsdorf usw. waren weit berühmt im Lande. -- Wir
-schauen auch in die bunten Kammerkästchen und nehmen von den kostbaren,
-ehrwürdigen Urkunden einige zur Hand mit ihren mächtigen Siegeln in
-Holzkapseln. Die älteste ist ein kleines Schreiben auf Pergament,
-etwa 50 Jahre nach der Gründung Freibergs geschrieben, eine Bulle des
-Papst Honorius III. vom Jahre 1224, in welcher er versichert, daß
-er das zu Freiberg neu gestiftete Hospital St. Johannis in seinen
-Schutz genommen habe. Ein bleiernes Siegel hängt daran in vorzüglicher
-Prägung mit den Köpfen zweier Heiligen und einem Kreuz dazwischen.
-Ehrfürchtig betrachten wir dies 700 Jahre alte Schreiben, welches das
-heute noch blühende Hospital in seinem Geburtsjahr grüßt und bestätigt.
-Honorius III., der Stifter des Dominikaner- und Franziskanerordens, der
-den glänzenden Hohenstaufen Friedrich II. zum Kaiser krönte, sandte es
-aus der Weltstadt Rom in das rauhe, unwirtliche Gebirge hoch im Norden,
-wo eine junge Siedlung als neuer Kulturmittelpunkt in Urwäldern unter
-heidnischen Sorben sich ausbreitete und aufblühte. Welch ein Gegensatz
-echt deutscher Art und Schicksals wird uns bei dieser Urkunde lebendig:
-Dort der deutsche Kaiser im sonnigen Sizilien, im schimmernden Palermo
-seinen halb sarazenischen Hof haltend, der in sich alle Pracht des
-Morgenlandes und des Abendlandes vereinigte, dem deutschen Lande und
-deutscher Not fremd geworden und seine ganz große, staatsmännische
-Begabung auf Kunst und Wissenschaft und die wirtschaftliche
-Entwicklung, auf Handel, Rechtspflege und Heer in Italien und Sizilien
-verwendend, seine deutsche Heimat vergessend und der Gesetzlosigkeit
-und Raublust innerer und äußerer Feinde überlassend, hier dagegen
-gleichzeitig im Norden ein hartes, eisernes, einfaches Geschlecht
-von deutschen Bürgern, Bergleuten, Bauern in dunkler Waldwildnis und
-rauhem Gebirge in unermüdlicher Arbeit die Heimat sich erobernd,
-dem heimatlichen Boden Schätze abringend und aus eigener Kraft und
-tiefster Seelenstärke eine Kulturblüte hervortreibend, die durch die
-Jahrtausende leuchtet. Die goldene Pforte und die Kreuzigungsgruppe
-des Domes, Werke erhabenster Kunst und deutschester Art, Gesetzbücher
-und soziale Einrichtungen des Erzbergbau- und Hüttenwesens mit ihrer
-glänzenden Entwicklung sind heute noch redende Zeugen dieser alten
-schwer errungenen Kultur.
-
-Eine andere Urkunde fällt uns besonders durch ihre zwei köstlichen,
-großen Wachssiegel in Holzkapseln auf, wahre Meisterwerke der
-Kleinkunst. Sie haben 11 ~cm~ Durchmesser und stellen in feiner
-gotischer Zeichnung einen Ritter auf anreitendem, gepanzertem
-Turnierroß dar mit Fahne im Arm und einzelnen wunderbar zart
-durchgeführten Wappen in der freien Fläche. Es ist die Urkunde, in
-welcher Bischof Johannes zu Meißen am 25. August des Jahres 1480 die
-Kirche unsrer lieben Frau zu Freiberg zu einer Stiftskirche erhob
-und das Domkapitel daselbst einrichtete. Vor unserem Auge steigt die
-Zeit der ausgehenden Spätgotik auf, als im deutschen Boden tausend
-neue Keime sich regten und Altes fallen und sterben sollte, als ein
-Suchen und Fragen durch die Lande ging und neue Welten aus dem Dunkel
-emporstiegen. Wir sehen Freiberg in Flammen stehen, den alten Dom
-stürzen und wieder aufsteigen aus den Trümmern mit schlanken Schäften
-und kunstvollen Netzgewölben, während eine neue Kunst mit belebendem
-Hauche neue frische Blüten sprießen läßt. -- Dort der Ablaßbrief
-mit seinen bunten Heiligenbildern aus jener Zeit erinnert uns an
-Johann Tetzel, der auch in Freiberg seinen einträglichen Handel
-trieb. Freilich erkannte der gerade ehrliche Sinn gar bald, wie hohl
-und unwürdig dies Treiben war. Luthers Hammerschläge am Tor der
-Schloßkirche von Wittenberg hatten auch in Freiberg kräftigen Widerhall
-gefunden. Als Tetzel kurz nach dem weltgeschichtlichen 31. Oktober
-1517 nach Freiberg mit seinem Ablaßhandel kam, »hat es ihm so wol als
-zuvor nicht glücken wollen, also gar, daß mehr allein wenig Personen
-seiner geachtet, sondern auch die Bergleute ihn zu beschimpffen sich
-unterstanden und verlauten lassen, das gesamlete Ablaßgeld ihm gar
-abzunehmen, deßwegen er bald fortgewandert ...«
-
-Aus den Kammerkästchen im alten ehrwürdigen Archiv, aus den Urkunden
-und pergamentenen Handschriften, aus den mächtigen Foliobänden längst
-vergangener Tage steigt so altes deutsches Leben, großes Geschehen, das
-Gedenken großer Taten und Männer auf. Luther und Melanchthon, Johann
-Sebastian Bach und Bismarck wandeln an uns vorüber, werden lebendig,
-wenn wir ihre Handschriften sehen und in der Hand halten. Wir sind
-nicht mehr im Urkundenarchiv zwischen engen Mauern abgeschlossen
-vom Leben, von dem kaum ein Laut hereindringt, nein, wir stehen wie
-auf einer hohen Warte und schauen hinein in das flutende Leben, wie
-es durch die Jahrhunderte strömt und seine Wellen aufwirft, und in
-seinem Vorwärtsdrängen die Geschlechter durcheinanderwirbelt und
-treibt, aneinanderreibt, emporträgt und niederreißt, aus dem Ursprung
-ferner Vergangenheit her aus dem Zeitenwandel Geschichte schaffend;
-das Schauen wird uns Erlebnis, Erlebnis der Heimat, Erlebnis ihrer
-ringenden, kämpfenden Seele; das Leben der Heimat rauscht uns, und die
-Liebe zur Heimat ist die aus dem inneren Erlebnis emporwachsende Frucht.
-
-Aus dem Urkundenarchiv, wo vergangene Zeiten eindringlich zu uns
-sprechen, gehen wir hinüber zum Ratssitzungszimmer, wo mit den
-Forderungen, Leiden und Nöten der Gegenwart gerungen wird und ernste
-Männer raten und taten, sich mühen und sorgen um das Wohl der Stadt.
-Wir schreiten durch eine altertümliche doppelflüglige Eisentür, die
-aus geschmiedeten Platten zusammengenietet und mit durchbrochenen
-Auflagen und Bändern reich verziert ist, ähnlich der schönen Eisentür
-am Archiv. Ein mächtiges Kunstschloß dient zur besonderen Zierde und
-Sicherung. Eine zweite Tür aus starkem Holze in eingelegter Arbeit
-mit reicher Profilierung liegt hinter der Eisentür und wird umrahmt
-von einem reichen Renaissanceportal im Ratszimmer. Der Raum ist
-7,50 × 9 ~m~ groß und ist mit einem flach gespannten Netzgewölbe
-mit aufgeputzten Rippen überspannt, in das die Stichkappen über den
-Fenstern tief hineinschneiden. Die Stimmung des Raumes, ein sattes
-Grün der Wände mit leuchtendem Goldgelb der Wölbung, mit dem großen
-länglichrunden Ratstisch und den hochlehnigen, geschnitzten Stühlen
-ist ungemein behaglich. Dazu trägt nicht zum mindesten bei die den
-ganzen Raum beherrschende kostbare Vertäfelung der Ostseite mit ihren
-Gesimsen, Pilastern, Füllungen aus edlen Hölzern in eingelegter Arbeit
-und reichen Profilierungen. Beim näheren Zuschauen finden wir, daß
-diese hoch bis an den Gewölbekämpfer hinaufgehende Vertäfelung ein
-wunderbares Schranksystem ist, das in tiefen Wandnischen mit vielen
-Fächern eingebaut ist. Die Türen dieser Wandschränke haben zierliche
-durchbrochene Beschläge, welche von demselben geschickten Schlosser
-stammen, der die Türen zum Archiv und zum Ratszimmer schuf, dem
-Ratsschlosser Paul Winkler, der 1630 acht Gulden für seine Arbeit
-erhielt. Die Kunst der Schlosser und Schmiede stand in Freiberg in
-hoher Blüte, und gar manches prächtige Werk zeugt heute noch von ihrer
-geschickten Hand. Da sind vor allem die köstlichen geschmiedeten Tore
-und Einfriedigungen am grünen Friedhof am Dom aus der Hand Gabriel
-Mehners (1653--1705) mit ihrer reichen, materialgerechten Ornamentik,
-Spiralen, üppigen Blumen und Rankenzügen, zu nennen, ferner die
-schönen Gitter in der Begräbniskapelle und in der Annenkapelle am Dom,
-geschmiedete Grabkreuze, Vorhangträger, Schlosserzeichen, Türbänder,
-Fenstergitter usw. im Altertumsmuseum. Der Rat der Stadt wußte den
-Wert solcher kunstvollen Handwerksarbeit wohl zu schätzen nicht nur
-dadurch, daß er die tüchtigsten Meister zur Arbeit heranzog, sondern
-auch dadurch, daß er schön gearbeitete Meisterstücke ankaufte und
-gelegentlich verwendete. Durch diese Art praktischer Kunstpflege wurde
-das Handwerk gestärkt, der Wetteifer geweckt und die Leistungsfähigkeit
-erhöht, so daß der Ruf der Freiberger Arbeit sich weit verbreitete.
-
-Der Wandschmuck des Ratszimmers ist sonst schlichter Art. Zwei mächtige
-Geweihe, Zwölfender aus den Rehefelder Waldrevieren stammend, mit blank
-gefegten, weißen Enden bringen einen Hauch von Harzduft, frischer
-Bergluft und der grünen Freiheit der Berge in den gestrengen Raum
-städtischer Verwaltung und Sorgen. Ein Ölbild des früh verstorbenen
-trefflichen Malers Mißbach an der anderen Wand führt in die heimische
-Landschaft, in ein grünes Wiesental, über dem blauduftiger Waldhang
-sich erhebt. Im Wiesengrün leuchten blaue Blumen als hätte der blaue
-Frühlingshimmel seine Pracht mit vollen Händen darin ausgestreut, und
-ein Busch glänzt mitten im Grün im funkelnden Sonnenglanz als sollten
-Wiese und Wald, Himmel und Sonne nur seiner Schönheit dienen.
-
-Gar manchmal, wenn in schwerer Beratung die Geister sich erhitzen, oder
-im Redefluß die Stunden zähe sich dehnen, mag ein Auge in diesen grünen
-Frühling sich flüchten, sich erfrischen und den Geist zurücklenken von
-trocknem Aktenstaub und grauer Theorie, zum grünenden frischen Leben
-freier Entschlüsse.
-
-Noch ein anderes Bild erregt unsere Aufmerksamkeit, der alte
-Kupferstich von F. B. Werner »Freyberg in Meißen«, etwa aus der Zeit
-um 1710, aus welchem man so recht die stolze Wehrhaftigkeit der alten
-Stadt erkennen kann. Mit peinlicher Genauigkeit und Schärfe und großem
-malerischen Reize sind die Türme und Mauern, die Wälle, Gräben und
-Teiche der Befestigung dargestellt und über sie hinausragend das
-bunte Gewirr der Dächer und Häuser und hoch in die Lüfte steigend die
-Türme der Kirchen und des Rathauses. Ja, wenn einst ein Stadtkind
-von außen sich dieser seiner Heimatstadt näherte, oder von einer der
-hochgetürmten Halden hinabsah auf dieses stolze wehrhafte Stadtbild, so
-mochte ihm mit Recht sein Herz höher schlagen, denn kaum eine andere in
-weiten Gauen mochte ihm gleichen an Schönheit, Eigenart und trotziger,
-auf sich selbst gestellter und bewährter Kraft. Die Stadt ist die
-Krone der Landschaft und damit der künstlerisch vollendete Ausdruck,
-die echte Ausprägung ihrer Geschichte und ihrer inneren Bedeutung und
-Kraft. --
-
-Hier im Ratszimmer, wo die Geschicke der Stadt seit Jahrhunderten
-sich flechten und lösen und die Gedanken und Sorgen um ihr Wohl und
-Wehe seit Jahrhunderten sich kreuzten, aufwuchsen und wieder zur Ruhe
-gingen, hier spricht eine Stimmung voller Eigenart zu dir, wenn du es
-hören und fühlen willst, als wäre dort das Herzpochen eines lebendigen
-Wesens, das groß und heilig ist, viel erfuhr und viel erfühlte, viel
-erlitt, doch nie erlahmte, als wären wir in einer der Herzkammern der
-Heimat, durchpulst von warmem, lebendigen Blute und Geiste, voll des
-Großen und Schönen, voll von Erinnerungen und Geschichte, voll von
-Drang, Arbeit, Hoffnung, Zukunft. --
-
-Noch einen Raum müssen wir betreten, ehe wir das alte Rathaus
-verlassen, den Raum, in dem Einzelgeschicke sich flechten, in dem
-Gedanken sich kreuzen und binden, in dem Herzen pochen ganz anders,
-als wie sonst im Leben, Herzen voll von Entschlüssen, Plänen, Drang,
-Hoffnung, Zukunft -- es ist das Eheschließungszimmer, die alte
-Lorenzkapelle im Rathausturme.
-
-Der Turm, die beherrschende Zierde des Rathauses und Marktes, ist von
-dem Bürgermeister Nikol Weller von Molsdorf auf seine eigenen Kosten
-erbaut worden, »der Stadt Freyberg zu Ehren, weil ihn Gott der Herr
-durch das Bergwerck und geführte Handlungen reichlichen gesegnet«.
-Schon von außen sieht man, daß das Geschoß der Lorenzkapelle seine
-besondere Bedeutung hat, denn an den Außenkanten des Turmes sind zwei
-Nischen ausgespart mit schlichtem, kleinen Baldachin, in welchen einst
-die Gestalten der Mutter Gottes und des heiligen Lorenz, als der
-Schutzheiligen des Rathauses, sich befanden.
-
-Von der großen Ratsdiele her betreten wir durch einen halbdunklen
-Vorraum die alte gotische Lorenzkapelle. Es ist ein neckischer Zufall,
-daß gerade der heilige Lorenz der Schutzheilige des jetzigen Raumes für
-die bürgerlichen Eheschließungen mit den beiden feierlichen Stühlen vor
-dem grünen Tisch ist, denn dieser Märtyrer wurde auf dem Rost gebraten.
-Hoffentlich bleiben derartige Märtyrergefühle allen erspart, die zum
-Lebensbunde sich auf die entscheidenden Stühle niederlassen.
-
-Zwei andere Schmuckstücke aus der Zeit der Erbauung passen sich in
-sinnig symbolischer Weise dem jetzigen späten Zweck der alten Kapelle
-an, die in Stein gehauenen Wappen ihrer Erbauer, der Bürgermeister
-Weller von Molsdorf und Jobst Krohe. Das Molsdorfsche Wappenzeichen
-stellt zwei Schwanenhälse dar, die in den Schnäbeln einen goldenen
-Ring halten, das Symbol der Treue, welche zwei Seelen bindet, das
-Krohesche Wappen, eine Krähe, welche sich die Brust aufreißt, das
-Symbol der Aufopferung, welche das eigene Herzblut hingibt.
-
-Diese redenden Wappen alter Freiberger Geschlechter, die heute noch
-so ganz besonders zur Zweckbestimmung des Raumes sprechen, sind
-über dem herrlichen Eingangsportale zur Kapelle angebracht. Dieses
-reiche gotische Portal ist das prächtigste Stück gotischer Kunst,
--- wenn man die unvergleichliche Tulpenkanzel im Dome ausnimmt, --
-welches in Freiberg erhalten ist. Reiches Stabwerk von Rundstäben,
-tiefen Hohlkehlen und scharfen gratartigen Profilen mit kräftiger
-Schattenwirkung schließt sich in schräger Laibung von 1 ~m~ Tiefe in
-kühnem Schwung zum edlen Spitzbogen zusammen. Die schlanken Rundstäbe
-haben schöne senkrecht oder schraubenförmig geriefte Sockel. Der
-äußerste Stab rechts und links blüht zu einer schlanken Säule auf
-mit schönem, spätgotischem Blattkapitell, das auf einem glatten
-Kämpferblock je eine schlanke Fiale trägt mit zierlichen Kantenblättern
-und Kreuzblume als Abschluß. Zwischen den Fialen ist ein schwungvoller
-Kielbogen, wie ihn die spätere Gotik liebte, eingespannt, aus dem reich
-und stark modellierte Blätter hervorwachsen und der schließlich zu
-einer stolzen Kreuzblume mit doppeltem Blätterkranz bis fast an das
-Gewölbe oben aufschießt. Überrascht stehen wir vor diesem Meisterwerke
-der Steinmetzkunst, das etwa um 1440 von Freiberger Handwerkern
-geschaffen, ein Beweis für den großzügigen, künstlerischen Sinn der
-Erbauer und das Können jener Zeit ist. Ein schönes, hochgeschwungenes
-Sterngewölbe mit edel profilierten Rippen überdeckt den etwa 12 ~qm~
-großen, quadratischen Raum. 3 große, farbig verglaste Fenster mit
-tiefen Nischen in den starken Turmwänden, die als Rosenlauben zart
-bemalt sind, spenden eine Fülle von Licht und geben dem Raume eine
-festlich feierliche Wirkung.
-
-Zierliche symbolische Malerei an den Türen der eingebauten Schränke
-ist wie eine liebliche Begleitmelodie zu dem Rhythmus und der
-klangvollen Harmonie des ganzen Raumes. Die alte Lorenzkapelle, das
-Eheschließungszimmer, ist als ganzer Raum und in ihren Teilen wie ein
-Symbol ihrer Bestimmung, ein Symbol des tiefen Sinnes und Zweckes des
-Ehebundes, daß Treue und Hingebung, Klarheit und Harmonie erst die
-rechte Vollendung geben, daß das Einzelne dem Ganzen dienen muß, um
-seine Bestimmung zu erfüllen, und daß das Ganze erst durch die Harmonie
-der einzelnen Teile lebt und gewinnt. -- -- -- --
-
-Sollen wir noch weiter durch das Rathaus wandern und uns erzählen
-von Räumen und neuen Dingen, die noch keine Geschichte haben? Gar
-manches wäre noch der Beachtung wert. Da hängt in der großen Diele
-ein mächtiger Kronleuchter aus Holz von der bunten Balkendecke
-herab, der in eigenartiger Zusammenfügung und Gestaltung schlichter
-erzgebirgischer Volkskunst dem Raume einen volkstümlichen Heimatklang
-verleiht. Da steht in der kleinen Stadthausdiele auf der Treppensäule
-frei im Raume die Gestalt eines Bergmanns mit dem Wappen der Stadt und
-einem großen Hammer über der Schulter, der Sohn der alten Bergstadt,
-der über ihr Wohl und Wehe, über Recht und Ehre Wacht hält. Da hängt an
-der Wand das eiserne Kreuz, welches 1915 opferbereite Hände nagelten.
-
- »Dies Denkmal eisenharter Zeit,
- gehüllt in schlichtes Eisenkleid
- künde der Heimat Dankbarkeit«
-
-ist sein Widmungsspruch.
-
-Welche Gedanken und Erinnerungen werden da lebendig. Dinge, die keine
-Geschichte haben? Ach, wir haben Geschichte erlebt, daß uns das Herz
-stolz und groß und doch wieder weh und wund wie von sieben Schwertern
-wird. --
-
-Ein großes Schlachtenbild von 1870 hängt dort an der Wand, wo stolz der
-Kommandeur mit seinen Offizieren hoch zu Roß auf der Höhe hält; die
-besiegten und gefangenen Franzosen ziehen ab, und Sieg klingt es wie
-mit jubelnden Fanfaren aus dem Bilde. Wir haben Geschichte erlebt!
-
-Einst hing dieses Bild im Kasino der Offiziere des Freiberger
-Jägerbataillons Nr. 12, das ruhmbedeckt aus dem Weltkriege heimkehrte.
-Das Offizierkasino ist nicht mehr. Das Rathaus nahm das Bild als Zeugen
-ruhmreicher Tage des der Stadt so eng verbundenen Bataillons in treue
-Verwahrung. Unser Herz ist stolz und wund!
-
-Unten im Rathausflur ist die große Ehrentafel mit den Namen derer,
-die treu im Dienste der Stadt gestanden, ihr Leben dem Vaterland
-geopfert haben. Lang sind die Reihen, zahlreich die Namen, welche
-uns die Treue bis in den Tod für Vaterland und Heimat predigen. Eine
-trauernde Mutter mit ihrem Säugling im Arm als Sinnbild der verlassenen
-Familie, ein bärtiger Krieger mit Stahlhelm in der Hand, das Sinnbild
-des treuen Kameraden, stehen links und rechts von den Namen der
-dreiteiligen Tafel. Unser Herz ist wund, wenn wir ihrer gedenken, und
-an das deutsche Leid, die dunkle Zeit seit jenen Tagen, doch wenn wir
-zurückschauen in unsere Geschichte, die Geschichte der Heimat, deren
-stummer Prediger auch das alte Freiberger Rathaus ist, dann spüren wir
-die Gewißheit, daß aus dem Heimatboden und der Heimatliebe neue Kraft
-emporwachsen wird.
-
-Die Freiheit und das Glück der Heimaterde kann nur aus dem Heimatgeist
-geboren werden. O Heimat, Heimat, wann wirst du erwachen, wann wird
-dein Tag kommen und neuer Heimatstolz deinem Morgen lachen?
-
-Wir stehen wieder auf dem Obermarkt und um uns hastet, lärmt und eilt
-das tägliche Leben. Da hebt das Häuerglöckchen vom Petriturm, der hoch
-in den Markt hereinschaut, zu rufen und zu klingen an, so wie seit
-Jahrhunderten seine helle Stimme mahnend über die Straßen, die Dächer
-und Giebel ging. Mitten im lärmenden Leben drängender Gegenwart faßt
-uns der Zauber der Vergangenheit, der Zauber der alten Stadt, welcher
-Geschichte und Kunst, Bergmannsleben und Bürgerkraft einen besonderen,
-eigenartigen Charakter gegeben hat.
-
-Glück auf! Glück auf! Du alte getreue Bergstadt! Hüte deine
-Vergangenheit, dann blüht dir der Segen der Zukunft!
-
-
-
-
-Was der Petriturmknopf erzählt.
-
-
-Eines Tages schaute aus der obersten Turmluke hoch über den Glocken des
-hohen Petersturmes ein Mann heraus. Das war ein seltener Besuch dort
-oben in luftiger Höhe, und erregt flatterten und kreischten die Dohlen
-um den funkelnden goldenen Turmknopf und die knarrende Wetterfahne.
-Was wollte dieser Eindringling dort oben im Reiche der Dohlen, der
-Schwalben und Fledermäuse, hoch über den Glocken, wohin nicht Treppe
-noch Leiter führt, sondern nur gefährliche Kletterkünste über den
-Bronzeleib der Glocken, durch Streben, Stiele, Sparren und Gebälk?
-
-Im Sturme hatte die Spitze des Turmes geschwankt, und die Wetterfahne
-mit dem eisernen Gestänge hatte sich geneigt. Heute fand der
-Zimmerpolier Dietrich, daß das Holzwerk des »Kaiserstils«, welcher
-die eiserne Spille der Wetterfahne und des Turmknopfes trägt,
-morsch geworden und ihr Absturz möglich war. Da galt es denn, die
-Turmspitze über den Glocken zu erneuern, denn auch Streben und Sparren
-hatten gelitten. In schwindelnder Höhe schoben sich nun Balken und
-Streben, Stiele und Zangen heraus und fügten sich zu kühner, luftiger
-Konstruktion, anzuschauen von unten wie ein zierliches, feines
-Gespinst, das die Konturen der schlanken Spitze umhüllte und in dem die
-Männer wie kleine Spinnen kaum sichtbar umherstiegen.
-
-O wie weit und wie frei ist von dort oben der Blick! Auf dem Turmknopf
-hab ich gestanden und über die Wetterfahne weggeschaut in blaue,
-unendliche Fernen, in schimmernde Sehnsuchtsweiten, wo Erde und Himmel
-eins sind, und habe jäh hinabgeblickt in die Tiefe unten, in die
-Straßen und Höfe der Stadt, wie in dunkle Gräben und Schächte, so eng
-und so klein, in denen geschäftiges Ameisenleben wimmelt, so fern und
-so fremd uns und so sonderbar und zwecklos uns scheinend, als wären wir
-in einer anderen Welt, als schauten wir von einem Stern, als ein von
-Erdendruck und Zwang befreiter Geist.
-
-O ihr Ameisen dort unten im Schatten, was rennt und eilt ihr hin und
-her, der eine hier sein Ziel, der andere dort seinen Weg suchend,
-ruhelos hier im Gewühl sich drängend und stoßend, rennend dort den
-Nachbar überholend, mit den Augen gebannt auf die niedrige Enge, die
-dumpfen Gassen und selten einer den Blick in die Höhe, zum Lichte,
-das über jeder Dunkelheit und Enge wartet. O, ihr Ameisen dort unten
-im Schatten, jede ein Menschenschicksal, jede mit dem Verlangen nach
-Glück und jede mit der Saat der Schmerzen und des Leides in der
-Seele, jede mit hundert Banden an die Erde gefesselt, und jede doch
-mit heimlicher, oft unbewußter stummer Sehnsucht, über dies Dunkel
-sich zu erheben: Des Himmels blaue Kuppel steht über euch! Er ist das
-hohe Dach der engen Gassen, er ist das hohe Dach auch für das engste
-Leben! Hebt nur die Augen empor aus dem Zwang der dumpfen Höfe eures
-Schicksals, und eure stumme Sehnsucht wird Flügel gewinnen, die euch
-emportragen. Greift nur zu und packt mit den Armen eurer Seele und
-drückt an die Brust, was euch, ja jedem von euch, die Heimat und der
-Himmel der Heimat bietet und geben kann an tiefem Erleben von Schönheit
-und innerem Glücksbewußtsein: Alles ist dein, was dein Herz sich zu
-eigen macht, dann fühlst du es: Der Wald rauscht nur für dich allein,
-die Wiese lacht nur dir mit ihrem leuchtenden Grün und bunten Blumen,
-dir schmettert der Vogel sein Lied, dir raunt der Bach mit seinem
-Plaudermund seine trauliche Melodie, für dich segeln am Himmel die
-Schiffe der Sehnsucht mit schimmernden Segeln, die ziehenden Wolken,
-für dich wandern die funkelnden Sterne durch die schwarzen Abgründe des
-Weltalls von Ewigkeiten zu Ewigkeiten, für dich baut sich Berg und Tal
-und blauende Ferne, das goldene Ährenfeld und die purpurne duftende
-Kleebreite, die Pracht des Winters mit seinen stillen, reinen Wundern
-und kristallenem Zauber an Halmen und Zweigen, dein, dein ist die
-Heimat, dein alle ihre Herrlichkeit, und dich macht sie reich, deine
-Augen helle, dein Herz froh und stolz und deine Seele rein und edel.
-Laßt nur durch enge Gassen und dumpfe Mauern die Seele nicht enge und
-dumpf, nicht dunkel und klein werden. Vergeßt nicht im Ameisengewimmel
-und Tagesgewühl von den köstlichen Einsamkeiten der Heimat zu schmecken
-und ihre heilige reinigende Kraft in euch zu trinken. Auch über dunklen
-Gassen steht der blaue Himmel und er ist dein, wenn du mit deiner Seele
-dich zu ihm erhebst. --
-
-Es saust der Wind in starken Stößen, als wollte er den einsamen Träumer
-von seinem Stern, von seinem luftigen Standpunkt, dem höchsten Punkte
-der alten Bergstadt, herunterwehen, und Schwalben schießen sirrend und
-schwirrend vorüber, wie stahlblaue und silberne Pfeile. Wollen sie
-necken und spotten, daß der Träumer doch keine Flügel hat?
-
-Aber unsere Blicke trinken die Ferne. Dort die blauen Linien der
-Bergzüge duftiger und duftiger in fernen Himmeln versinkend,
-ertrinkend, dort die dunkleren Wogen des Tharandter Waldes. Dort,
-wie ein ungeheures, buntes Tuch über die steigenden und fallenden
-Wellen des Landes gezogen, wie lebend, mit leisem Atem sich hebend und
-senkend, die Felder und Wiesen, die Äcker und Fluren in allen Tönen
-von Grün zum Braun, von Blau, Violett und Gelb, Wälder und Bäume,
-darin Hügel und Halden, Häuser und Höfe und Dörfer wie wunderfeines
-Spielzeug eingestreut, Teichspiegel blitzend wie Silberfunken,
-schimmernde Straßen wie leuchtende Bänder mit dem dunklen Perlensaum
-der Bäume, Wolkenschatten fliegen, bald leuchtend und lächelnd, bald
-ernst und trübe, bald hell in Freude, bald dunkel in Schwermut. Über
-alles gespannt so hoch und licht und weit des Himmels blauseidenes
-Zelt in dem die silbernen Wolken wie selige Gestalten einherziehen.
-Die blaue Erdenferne, die blaue Himmelsferne hat mich verzaubert.
-Ich stehe auf dem goldnen Knopf, auf meinem Stern im Mittelpunkt der
-Welt, außerhalb der armen Erde hoch im Licht, und um mich dreht sich
-Himmelsferne wie eine leuchtende Glocke von schimmerndem Opal und der
-schwebende Reigen träumender Wolken hebt über alles Irdische empor, und
-die blaue Erdenferne grüßt im ungeheuren Rund von aller Erdenschwere
-befreit in einer leuchtenden Schönheit, die sich in Sehnsucht wandelt
-und die Flügel der Seele spannt zur Unendlichkeit. Ich schaue nur
-empor in die blaue Gottesferne und grüße die Wolken, die stillen
-Gefährten der Höhengedanken, die schwebenden Wandrer des Lichtes. Ihr
-Wolken dort oben, wie nahe bin ich euch, als schwebte ich mit leise
-tragender Schwinge in eurer schimmernden Schar, wie seid ihr das Bild
-menschlicher Sehnsucht, menschlicher Träume! Aufsteigend, schwebend,
-dahinziehend in ziellose Ferne, zur Sonne sich erhebend und selig
-zerfließend im Licht, neu sich schließend zu leuchtenden Gestalten,
-zwischen Himmel und Erde wandernd. In Farben sich wandelnd, zu Purpur
-und Gold, zu Silber und Schwarz, zu blauem Sammet und rosenfarbener
-und blaßblauer Seide, vom Lichte strahlend durchwirkt, von Goldfäden
-zart durchsponnen. Ruhelos und ewig wechselnd, bald dunkel und schwer
-wie ein lauerndes Schicksal, bald silbern und glänzend wie strahlende
-Erfüllung, bald zart und schimmernd wie träumende Erwartung, bald
-jagend und eilend wie trotziges Begehren, bald stille rastend wie
-wunschloses Glück, bald sich ballend und türmend zu goldenen Gipfeln
-mit sehnsuchtsblauen Tälern, bald wandernd wie zarter Schaum ziehender
-Wogen, die aus dem tiefen Blau der Unendlichkeit quellen und wallen,
-wie weichen Nebels Spitzengeriesel fließend und fallend, immer neu
-und nimmer Ruhe, immer wechselnd und nimmer bleibend, zwischen Himmel
-und Erde wandernd, steigend und sinkend, werdend und vergehend, --
-menschlicher Seelen, menschlicher Sehnsucht Gleichnis und Abbild seid
-ihr dort oben, ihr Wolken des Himmels, ihr Wolken der Erde, euch fühle
-ich mich nahe, ihr schwebenden Wandrer des Lichts.
-
- »Kein Herz kann sie verstehen,
- Dem nicht auf langer Fahrt
- Ein Wissen von allen Wehen
- Und Freuden des Wanderns ward.
-
- Ich liebe die Weißen, Losen
- Wie Sonne, Meer und Wind,
- Weil sie der Heimatlosen
- Schwestern und Engel sind.«
-
- Hermann Hesse.
-
-Aus der Stadt dort unten dringt kaum ein Laut herauf zu meinem Stern.
-Nur ein fernes Summen und Sausen eint sich mit der großen Harmonie der
-Schöpfungsmelodie, welche aus den tausend Stimmen des Lebens und der
-Natur emporrauscht und mich umflutet. -- -- -- --
-
-Wie lustig sind die Dächer in der alten Stadt in der Tiefe zu unseren
-Füßen, welche der grüne Ring der Promenaden auf dem Gelände der alten
-Gräben und Wälle umgibt. Rot und braun, schwarz verräuchert und violett
-getönt, bei aller Buntheit eine fröhliche Harmonie in Ziegelfarben
-auf steilen Dächern. Hie und da ein Treppenturm dazwischen mit
-geschwungener Haube oder Kegeldach, oder dort ein kecker Giebel. Dort
-wieder stehen wie schweigende Hirten inmitten wimmelnder Herde die
-großen Gestalten der ragenden Türme von St. Nikolai, der Donatsturm,
-der Rathausturm und in breiter Masse gelagert des ehrwürdigen Doms
-mächtiger Bau und dort die klotzigen Mauern, breiten Dächer und der
-Rundturm des Schlosses Freudenstein mit spitzem Kegeldach. Blau
-kräuselt sich der Rauch empor und zerfließt in der klaren flimmernden
-Luft. Weiße Taubenschwärme flattern über die Dächer dahin. Ein
-aufgeschlagenes Buch ist uns die Stadt, in dem die Züge der Straßen
-hier so gerade und rechtwinklig sich schneidend, dort in unregelmäßiger
-Krümmung scheinbar regellos sich windend die Zeilen sind, aus denen
-wir Geschichte lesen. Das eine ist die Stadt, welche Otto der Reiche
-baute, dessen Denkmal wie ein Tafelaufsatz mitten auf blanker
-Tischplatte dort unten auf dem rechteckigen Obermarkt steht, das andere
-ist die Sächsstadt, die Stätte des alten Christiansdorf, der alten
-Siedlung, aus welcher die freie Bergstadt emporwuchs. Was der grüne
-Promenadenring umschließt, das ist die alte, freie, getreue Bergstadt,
-von deren Glück und Leid, Geist und Leben, Kraft und Treue in alter
-Zeit uns Andreas Möllers Chronik von 1653 so stolze, ruhmreiche Dinge
-zu berichten weiß.
-
-Über den Dächern, Giebeln und Türmen, über den alten Wällen, Gräben
-und Mauern liegt der Zauber der Geschichte und der Sage, liegt der
-träumerische, anheimelnde Reiz der alten Stadt, welche Jahrhunderte
-kennt, welche Geist und Schicksal hat, welche sicher auf heimatlichem
-Grunde ruht, wie eine steinerne Riesenblume aus Jahrhunderten
-herangeblüht und in weitere Jahrhunderte hineinwachsend aus
-Felsengrunde dem Lichte entgegen.
-
-Es ist mir, wie ich auf die alte Stadt herniederschaue, als blickte
-ich tief hinein in ihre Seele und hinab auf ihre Geschicke und sähe
-Geschlechter kommen und gehen, schaffen und leiden für ihre alte
-Heimatstadt, die Stadt, die heute noch der Ausdruck ihrer Seele ist und
-bleiben soll. -- -- --
-
-Die Turmspitze ist nun erneuert und verspricht wieder 100 Jahre
-und mehr unter dem Schutze der neuen kupfernen Dachhaut Sturm und
-Wetter zu trotzen. Der goldene Turmknopf funkelt hell und blitzend im
-Sonnenschein. Er scheint ein schweigsamer Geselle zu sein und nicht
-ohne weiteres zur Zwiesprache aufgelegt, wenn die Schwalben um ihn her
-schwirren oder die Dohlen ihn umschreien. Er will auch nicht mit jedem
-sprechen, den nur die Neugier juckt. Seine Höhengedanken sind schwer
-zugänglich für den, der nicht in die Tiefe dringen will, oder nicht
-Welt, Leben und Seele aus der Höhe beschauen will.
-
-Die Wetterfahne ist schon lebendiger und gesprächiger. Wenn der Wind
-sie dreht, dann klingt wohl das Sprüchlein, das auf ihr angebracht ist
-und mit dem Hugo Meeser bei seiner kühnen Turmknopfbesteigung ohne
-Gerüst zur Fahnenreparatur sich einst verewigte:
-
- »Mußt durch die Zeit du sehr auch leiden
- Mit Gott hab ich dich jung gemacht.
- Drum drehe dich der Stadt zur Freude
- Sei stets auf guten Wind bedacht.«
-
- _Hugo Meeser_,
- Mechaniker, Freiberg.
-
-Gesprächiger sind auch die Glocken tiefer unten, deren hallender Mund
-über die Stadt täglich eherne Klänge dröhnen läßt. Die Läuteglocke von
-1570 ruft zum Kirchgang mit dem Spruch:
-
- »Mein Klang ruft dich zum Kirchgang, merks Wort,
- Gott dank, sing Lobgesang.«
-
-Das Bergglöcklein aber ruft zur Arbeit mit vertrautem Klingen:
-
- »Auf auf zur Grube ruf ich euch,
- Ich, die ich oben steh,
- So oft ihr in die Tiefe fahrt,
- So denket in die Höh!«
-
-»In die Höhe denken« tut uns allen heute mehr denn je not, und dem,
-was die Glocken uns sagen und erzählen können, sollte man wohl gerne
-lauschen, denn Leben und Dasein des einzelnen Menschen, wie von Stadt
-und Volk, sind von ihnen durchklungen und sind begleitet von ihren
-ehernen schwingenden Schritten hin und her.
-
-Der Turmknopf dagegen, so hoch erhaben über den Glocken, besitzt den
-Stolz und die Verschlossenheit der Einsamen und ist ein schweigsamer
-Geselle. Er schaut sich still die närrische Welt von oben an, und
-selten, selten öffnet er den schweigsamen Mund. Doch als ich bei ihm
-oben war, hat er doch manches mir ins Ohr geraunt. Manches, was ich da
-erlauschte hoch über dem Brausen der geschäftigen und ach so kleinen
-Welt da unten, und was er so lange schweigend bei sich bewahrte,
-gibt einen Höhenblick über Zeit und Menschen, als stünden wir bei ihm
-auf der Spitze oben an der Wetterfahne und sähen den Geist der alten
-Stadt an seinem Schicksal weben, als sähen wir die Geschlechter kommen
-und gehen, schaffen und leiden. Wie manche Menschen scheint zwar der
-brave Knopf zu sein: »Außen blank und blendend, innen nichts, hohl und
-leer!« Doch nein, »er hat es in sich!« Wenn er auch nur vielleicht alle
-hundert Jahre einmal spricht, und man ihm dazu erst recht energisch auf
-seinen runden Leib rücken muß, um ihn zum Reden zu bringen, so ist doch
-das, was er dann sagt, um so bemerkenswerter, denn Stimmen und Geister
-von Männern und Geschlechtern früherer Jahrhunderte werden lebendig und
-steigen empor aus enger Haft und reden von dem, was Ihnen einst wichtig
-war. -- -- --
-
-Eine alte gute Sitte ist es, in Grundsteine, Schlußsteine, Turmknöpfe
-bemerkenswerter Gebäude, Urkunden einzulegen und mit ihnen Zeugnisse
-über die Zeitverhältnisse, Proben von Geldmünzen und was etwa besonders
-bemerkenswert erscheint. Diese Dinge müssen gut verwahrt sein, denn bei
-dem Wechsel von Frost und Hitze und der Möglichkeit von Zutritt von
-Feuchtigkeit z. B. als Schweißwasser würden die Urkunden sonst bald
-zerstört sein. Man verwahrt sie darum in besonderen metallnen Kapseln,
-die verlötet oder verfalzt und dann dem Turmknopf einverleibt werden.
-Im Jahre 1580, als die ersten Urkunden in unseren Turmknopf eingelegt
-wurden, beachtete man dies nicht. Die Urkunden sind daher fast ganz
-zerstört und nur dadurch z. T. erhalten, daß sie im Jahre 1803 in die
-Kapsel mit aufgenommen wurden.
-
-Der Turmknopf des hohen Petersturmes ist eine Hohlkugel aus Kupferblech
-von 70 ~cm~ Durchmesser, d. h. von einer Größe, daß zwei Knaben von
-10 Jahren darin zusammengekauert Platz fanden, als bei der Erneuerung
-sein goldenes Kleid neuen Glanz erhalten sollte und er auf die
-profane Erde dazu herniederstieg. Zwei kupferne Kapseln zylindrischer
-Gestalt von etwa 35 ~cm~ Länge waren sein Inhalt, welche Urkunden auf
-Pergament, Drucksachen und in besonderen kleinen Behältern Geldmünzen
-enthielten. Die Urkunden stammen aus den Jahren 1822, 1803, 1731
-und 1580. Der Inhalt der Urkunden ist einander ziemlich ähnlich. Er
-behandelt zunächst die Gründe der Ausbesserungsarbeiten, dann die
-Zusammensetzung des Rates und schließlich die Preise von Lebensmitteln
-und einige Zeitereignisse, die besonders bemerkenswert erschienen.
-Die älteste Urkunde von 1580 auf Pergament ist stark beschädigt und
-nur schwer noch leserlich. Diese Urkunde beginnt: »Anno Domini.
-Tausendfünfhundertundachtzig, als man die Spize auf den runten Thurm zu
-St. Peter renoviret, den Knopff neu vergoldet, und gewahr wurde, daß
-die Spize uf den andern und höchsten Thurm auch wandelbar ward, hat man
-die aus Noth anderthalben Ellen oben herab abschneiden müssen, denn
-die Spille so hoch uf der einen Seiten gar verfaulet war, so lang hat
-man Nikol Schmiden einen Bergschmid, uf der Peterstraßen, so allerhand
-künstlich Schmiedewerk machen können, wiederumb einen eisernen Schuch
-und Stange machen lassen.« Der wackere Bergschmied bewährte seinen
-Ruf. Er schmiedete einen Engel mit einer Armbrust und brachte ihn über
-dem Knopfe an. Leider fing dieses Schmiedewerk zu viel Wind, so daß
-es 1589 herabgenommen und durch die Fahne mit dem Stadtwappen ersetzt
-wurde. Es war die Zeit des Kurfürsten August, des »Vater« August und
-der »Mutter« Anna, aber doch wird in der Urkunde über die Zeit geklagt:
-»zu dieser Zeit waren diese Lande, sowohl die Bischoffthümer harte
-betränget, mit dem Wildpret von Hirschen und wilden Schweinen, deren
-in großer Anzahl in diesen Landen gehegt waren. Man mußte auch von
-jeden Fasse Freybergischen Biere 22 gr. Tranksteuer und 27½ gr. Ungeld
-geben, dadurch die Leute gar verarmeten und große Wehklagen unter dem
-Volke war, denn man muste von jedes Kandel Wein über die Tranksteuer
-2 Pf. Ungeld, und von einer Kandel Bier 1 Pf. geben. War hierzu große
-Theurung, man muste um Pfingsten einen Scheffel umb 5 alte Schock
-bezahlen usw.«
-
-Dieser Stoßseufzer aus schweren Herzen, der dem verschwiegenen Innern
-des höchstgestellten Knopfes der Stadt anvertraut wurde, zeigt, daß die
-Landes»kinder« doch wohl nicht mit ihrem Landes-»Vater« und -»Mutter«
-ganz einverstanden waren, sondern auch die Faust in der Tasche oder
-im stillen Turmknopf ballten. Es wirft diese Klage auch ein helles
-Licht auf die Jagdleidenschaft des Kurfürsten, dem das Wohl des Wildes
-bei weitem höher stand als das Wohl des Bauern. Die Jagdstrecken der
-alten weidwerksfrohen Wettiner waren ja so ungeheuerlich groß, daß
-man ebenso staunen muß über den Wildreichtum des Landes wie über die
-Zeit und das Geld, welche die Fürsten dieser Leidenschaft opferten. Wo
-gar einem hohen Gaste eine Jagd geboten wurde, scheute man nicht vor
-verschwenderischem Aufwand zurück, um durch glanzvolles Schauspiel zu
-blenden. August I. hielt in Lichtenburg eine Jagd mit dem Könige von
-Preußen im Jahre 1730 ab: Alle Jäger erhielten dazu neue Uniformen und
-silberne Hifthörner, auch sogar die Treiber grüne Westen und Schärpen
-aus »Silberlahn«. Für die höchsten Herrschaften war ein hölzernes
-Jagdschloß mit vergoldeten Simsen und Fensterrahmen erbaut. Man erlegte
-an diesem Tage an 600 Hirsche und Rehe und über 400 Keiler, Bachen und
-Frischlinge. Es fällt uns hierbei die ungeheure Zahl des Schwarzwildes
-auf, das aus sächsischen Forsten jetzt wohl fast ganz verschwunden ist.
-Welchen Schaden mögen diese Wühler den Feldern der Bauern zugefügt
-haben!
-
-Der Jagdgast in Lichtenburg war der strenge, sparsame Vater Friedrichs
-des Großen, Friedrich Wilhelm I. Es war das für Vater und Sohn so
-furchtbar tragische Jahr, in welchem Friedrich in Küstrin gefangen saß
-und sein Freund Katte zum Tode geführt wurde, der Riß zwischen Vater
-und Sohn am tiefsten und schmerzlichsten war, ja unheilbar schien. In
-dieser düsteren Tragik die silbernen Hifthörner von Lichtenburg und
-der leichtsinnige Tand und die wilde Genußsucht Augusts des Starken,
-ein seltsamer Gegensatz, so scharf wie der Unterschied zwischen der
-Auffassung von Königsberuf und Herrscherpflicht bei diesen beiden
-Männern. --
-
-Aus dieser Jagdleidenschaft, welche alle alten Wettiner mehr oder
-weniger beherrschte, und der rücksichtslosen Pflege des Wildes, läßt
-sich ermessen, wie »harte betränget« namentlich der Bauer und gemeine
-Mann gewesen sein mußte. Und dazu das Bier und der Wein so hoch
-besteuert, daß man nicht mal seine stille Wut ertränken konnte! Da war
-die heimliche Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf der letzte
-Ausdruck nicht sehr untertäniger Gefühle sogar zur Zeit und im Lande
-des »Vater« August und der »Mutter« Anna, und nach heutigen Begriffen
-nicht ganz unberechtigt!
-
-Als bemerkenswertes Ereignis wird in unserer Urkunde weiter noch
-folgendes erzählt: »Im Junio diss Jahr, stach Hanss Harrer, Churfürstl.
-Kammermeister zu Dresden im Schlosse, ihme mit des Churfürsten Taffel
-Messer, selbst die Gurgel dreymahl entzwey, ward vermutet, er hätte
-helffen das Ungeld aufbringen, hat aber den Pfeffer Handel in diese
-Lande bracht, und viel Rotte von Augspurg, der ihn darauf geführt,
-aufgestanden und Pankrott gemacht, hat er Ihme in die 70 bis 80 tausend
-Gulden mitgenommen.«
-
-Bei der Aufzählung der Ratsmitglieder fällt auf, daß eine Reihe von
-ihnen nicht aus Freiberg stammte. Da ist der Bürgermeister Kilian
-Steck, von St. Gallen, der Kamerer Ludewig Budewitz von Erfurt, Hanß
-Pocksch von Pauzen, Jakob Heindel von Lengefeld, Adam Bellmann, der
-gelehrte Stadtschreiber, welcher die Urkunden verfaßt hat, stammt von
-Sayda. Er setzt seinem Namen den Sinnspruch bei: ~Virtuti fortuna
-comes~, auf deutsch »Das Glück begleitet die Tüchtigkeit« oder »Jeder
-ist seines Glückes Schmied«. Er war also anscheinend von seiner
-Tüchtigkeit und seinen Erfolgen sehr überzeugt. Seinem Ratskollegen
-Christoph Rudolf von Leisnig gibt er auch ein paar lateinische Worte
-mit: »Dieser war so arm, ~ut hostiatim quereret eleemosinar~«, d.
-h., daß er um Almosenopfer bat. Soll diese Bemerkung für Christoph
-Rudolf eine Auszeichnung sein oder einen Makel bedeuten? -- Im Bergamt
-regierte »Herr Wolff von Schönberg, uf Reinsberg« als Berghauptmann.
-Oberbergmeister war Martin Planer. Martin Planer war ein berühmter
-Mann, ein hervorragender Techniker, der durch seine Tüchtigkeit dem
-Bergbau großen Nutzen bis auf den heutigen Tag gebracht hat. Er hat
-die großen Teiche im Hospitalwalde, den Hüttenteich, Erzengler und
-Rotbächer Teich angelegt, in welchen er das Wasser für bergbauliche
-Zwecke als Kraft aufstaute. Die Planersche (Kannegießer) Wasserleitung,
-die aus dem Hospitalwalde kommt, führt heute noch seinen Namen. Er
-führte im Bergbau die Wasserhaltung durch Kunstgezeuge ein, während
-bis zu seiner Zeit das Wasser durch Göpel und Haspel, Pferde und
-Knechte mit Kübeln bewältigt wurde. 38 Zeuge hat er so eingerichtet,
-und er rechnet in einer Aufstellung aus, daß er dadurch jährlich
-102400 fl. 8 gr., das sind rund 650000 Mark an Betriebskosten erspart
-hat. In Posern bei Weißensee und in Artern hat er Salzwerke angelegt.
-Der berühmte Brunnen auf der Augustusburg, 170 ~m~ tief in den
-Felsen getrieben, ist von ihm erbaut. Auch am Ausbau des Schlosses
-Freudenstein in Freiberg, das als prächtiger Renaissanceneubau unter
-Hans Irmischs Leitung der Fertigstellung entgegenging, mag er nicht
-unbeteiligt gewesen sein.
-
-Noch andere bekannte Namen aus der Freiberger Geschichte werden
-in unserer Urkunde genannt. Michael Schönleben der Ältere,
-Oberhüttenverwalter, und Michael Schönleben der Jüngere, Hüttenreuther.
-Sie sind die Vorfahren des Bürgermeisters Jonas Schönlebe, der Freiberg
-gegen die Schweden verteidigte und die Bergmannskanzel im Dom stiftete,
-und dessen Wappen heute noch an ihrem ehemaligen Hause, Obermarkt,
-Ecke Erbische Straße von dem alten Geschlecht redet, das dort für
-Freiberg lebte und arbeitete. -- Schließlich erwähnt die alte Urkunde
-das, was in dieser Zeit gesteigerten religiösen Lebens und religiöser
-Kämpfe alle Gemüter besonders bewegte, die Einigung auf die sogenannte
-Konkordienformel: »Diese Zeit war die reine heilsame Lehre, wie der Hr.
-D. Martin Luther seel. durch den heil Geist ans Tage Licht bracht, sehr
-gefälschet, dadurch Churfürst Augustus, der Gottes Wort lieb hatte,
-geursacht, uf Wege zu denken, damit die Verführer ausgerottet, und
-das Göttl. Wort lauter und klar, rein erhalten würde, ließ die alte
-Augspurgische Confession ufs neue drucken und ward ein Buch gemacht,
-welches man die Concordiam nennete, welches viel Chur- und Fürsten im
-Reiche unterschrieben, und alle Vornehme Theologen im Lande. Gott helf,
-daß es wohl gerathe, und das Göttliche Wortt bis an der Welt Ende bey
-uns bleibe.« -- -- --
-
-Doch wir wollen uns nun der Erneuerung von 1731 und ihrer Urkunde
-zuwenden. 150 Jahre stand die Peterskirche stolz und sicher. Die
-Stürme des Dreißigjährigen Krieges und die zweimalige Belagerung und
-Beschießung Freibergs hatte sie ohne Schaden überstanden, da traf sie
-ein furchtbares Geschick. Unsere Urkunde berichtet: »Anno Christi.
-Ein Tausend Sieben Hundert und Acht- und Zwanzig den 1. May an einem
-Sonnabend, ist allhier in der Stadt Freyberg auf der Petersgasse
-in Johann Jakob Schossens, eines Böttgers Hause (No. 6) vermutlich
-durch Fahrlässigkeit eine Feuersbrunst entstanden, welche jähling
-um sich gegriffen, und überhand genommen, daß nebst 16 in die Asche
-gelegten Bürgerhäusern auch die Kirche zu St. Petri mit dem höhesten
-Turm und den runden sogenannten Hahnsturme in den Brand geraten und
-gänzlich verdorben, darbey aber der Glockenthurm noch unverletzet
-stehen blieben.« Wie an anderer Stelle berichtet wird, löschte man
-zwar von außen her ein paar mal von den Türmen, aber leider war in
-der Kirche aller Rat und Hilfe vergebens. Der damalige Superintendent
-D. Wilisch, welcher vor dem Altar auf den Knien betend lag, mußte
-samt den übrigen Anwesenden der Gefahr wegen, sich zurückziehen, und
-diese so schöne Kirche ward »mit allen ihren inwendigen Gemählden und
-Denkmählern ein Morgenopfer der wüthenden Flammen«. »Um Mittag brach
-das helle Feuer bey dem hohen Thurme heraus und nach etlichen Stunden
-zerschmolz die Saigerschelle; der Knopf aber samt seiner Spindel fiel
-in die Frühpredigerwohnnung durch das Dach, jedoch ohne zu schaden.«
-Außer den stark zerstörten Umfassungsmauern und dem Glockenturm
-blieb nicht viel von der Kirche übrig. Sie mußte fast völlig neu
-aufgebaut werden. Unsere Urkunde sagt dazu: »E. E. Rath hat sobald
-zu Wiederaufbauung der abgebranden Peterskirche sorgfältige Anstalt
-gemachet, daß die äuserlichen Mauern um in den Schiffe, in der Höhe
-mehreren Plaz zu gewinnen, annoch in besagten 1728ten Jahre erhöhet,
-das Sparrwerk darauf gesezet, Ao. 1729, im Chore das alte Gewölbe,
-welches nach der zwar anfangs gemachten Hoffnung, nicht zu erhalten
-gewesen, abgetragen, und ein neues geschlossen, ferner ao. 1730 im
-Schiffe das alte Gewölbe gleichfals abgetragen, Vier neue steinerne
-Pfeiler von Grund aus, aufgeführet, und ein neues Gewölbe verferttiget,
-auch die Fenster allenthalben adaptiret, in diesen 1731 Jahr aber,
-die Kirche inwendig abgepuzet worden. Hiernechst hat man bey dem
-eingeäscherten großen Peters Thurme zu Erhaltung des Mauerwerks anno
-1728 nur einen Schauer aufgesezet, anno 1730 das Mauerwerk am Gesimsse
-ausgebessert, mit großen neuen Ankern befestiget, und die hölzerne
-Haube glücklich gehoben, solche auch ao. 1731 vollends ausgebauet, und
-mit Kupffer gedecket, worauf heute den 6. July ao. 1731. Der große
-Knopff aufgestecket, und diese Nachricht vor die liebe Posteritaet mit
-eingeleget worden.«
-
-In dem Berichte unserer Urkunde folgen nun die Namen von Kaiser,
-König und Prinzen, von den Ratsmitgliedern, Stadtgeistlichen und den
-Beamten des Bergamtes mit ihren alten schönen Titeln. Dann wird über
-das kirchliche Leben berichtet und daran erinnert, daß im Jahre zuvor
-(1730) das zweihundertjährige Jubiläum der Augsburgischen Konfession
-gefeiert sei: Hierüber ist von diesem Jahre anzumerken gewesen: »In
-Ecclesiasticis, daß man Gott sey gepreiset alhier zu Freyberg mit der
-Protestantischen Kirche das Wort Gottes, rein und lauter prediget,
-die beyden heil. Sacramente nach ihrer Einsetzung administriret, und
-von andern Gottes Dienst, oder Religion nichts weiß, vielmehr bey der
-unveränderten Augspurgischen Confession in völliger Gewissens-Freyheit
-geblieben, auch in abgewichenen 1730 Jahre, das andere Evangelische
-Jubileum hochfeyerlich begangen habe.«
-
-Kurz wird über die Bergwerke u. a. berichtet: »Das Bergwerk ist unter
-Göttl. Seegen aniezo in guten Flor und Aufnehmen.
-
-In was vor Werth die Kuxe stehen, solches besagen die beygefügten
-Ausbeuth-Zeddul.« Zum Schluß der Urkunde wird über den Holzmangel
-bei den Bergwerken geklagt: »indem der Preiß desselben bey dem
-gemeinen Einkauf gegen eine Zeit von 10 bis 12 Jahren noch einmal
-so hoch gestiegen, daß man deswegen auf Künfftigen Zeiten sich
-allerhand Besorgniß machet. Jedoch auch hierbey Göttlicher Providenz
-vertrauet.« --
-
-72 Jahre bis zum Jahre 1803 blieb der Turmknopf unberührt. Da meldete
-der Türmer auf dem hohen Petersturme, Johann Gottfried Drese, »daß ihm
-bey Zerstörung eines Dolennestes in der obersten Kuppel dieses Turmes
-faules Holz in die Hände gefallen sey«. Die nähere Untersuchung ergab
-zwar keine Einsturzgefahr, jedoch mußten größere Erneuerungsarbeiten
-vorgenommen werden. Als die Kapseln für die alten Urkunden geöffnet
-wurden, ergab sich, daß Feuchtigkeit eingedrungen war, obschon sie
-fest verlötet schienen, und den Inhalt beschädigt hatte. »Auch eine
-steckende Dunst verbreitete sich, wovon die Schriften und selbst die
-beygelegten Münz Sorten einen sehr heftigen Gestank angenommen hatten;
-da hingegen die im Knopfe ohne besondere Verwahrung aufgefundenen
-Druckschriften fast ganz verfault befunden wurden.« Auch hier wird
-über Teuerung geklagt. Es wird »bey den immer höher steigenden Preisen
-aller Lebensmittel, ein zunehmender Verfall der bürgerlichen Nahrung
-bemerket, so, daß für die Zukunft, wenn nicht dem städtischen Gewerbe
-durch kräftige Maasregeln aufgeholfen wird, sehr traurige Zeiten zu
-befürchten sind«.
-
-Freiberg hatte 1802 eine Einwohnerzahl von 8299 Personen.
-
-Nach kurzer Zeit, nach nur 17 Jahren, bereits im Jahre 1820, mußte die
-Spitze des hohen Petriturmes aufs neue einer Ausbesserung unterzogen
-werden. Es stellte sich heraus, daß das Gebälk stark verfault war
-und Einsturz drohte. Es wurde daher »die Thurmspitze über dem
-Durchsichtigen mit langen hölzernen Schienen belegt, mit eisernen
-Ketten und starken Seilen zusammengeschnürt, und nun mit größter
-Behutsamkeit, aber auch mit unaussprechlicher Gefahr die Fahne, der
-Knopf und die eiserne Spindel abgenommen«. »Der Thurm wurde dazu vom
-Durchsichtigen aus, äußerlich fünfmal übereinander, in 26 Ellen Höhe
-berüstet.« In dieser Urkunde werden auch einige historische Notizen
-gegeben. War doch die Zeit der Fremdherrschaft und der Befreiungskriege
-noch frisch im Gedächtnis. Nachdem die Jahre 1803--1809 kurz behandelt
-sind, heißt es weiter: »Nur wenig Jahre genoß Sachsen Ruhe; denn
-im Jahre 1813 wurde dieses Land aufs neue von Franzosen, Russen,
-Preußen und Österreichern mit Krieg überzogen und unaussprechlich hart
-mitgenommen. Freybergs Einwohner insbesondere hatten, was schon bey
-den im vorhergegangenen Jahre 1812, und in den Jahren 1806, 1807,
-1808 und 1809 stattgefundenen Durchmärschen zahlreicher Heerschaaren
-ausländischer Kriegvölker in fast unerträglicher Masse auch der Fall
-gewesen, durch kostspielige Verpflegung dieser Soldaten nicht nur,
-sondern auch durch andere, ihnen von den Heerführern und ausländischen
-Behörden, welche nach der Völkerschlacht bey Leipzig im Oktober 1813,
-und nachdem Sachsens ehrwürdiger König in fremde Gewalt gerathen
-war, unter dem Namen General-Gouvernement dieses Land beherrschten,
-aufgebürdete Leistungen unendlich viel zu dulden und die ganze hiesige
-Commun kam noch überdies in Gefolg dieser anhaltenden, bis in Jahr
-1815 fortgedauerten Kriegsunruhen in eine Schuldenlast von nahe an
-200000 Thlr. Der 18. September 1813 war insbesondere für Freyberg ein
-schrecklicher Tag, indem in den frühesten Morgenstunden dieses Tags
-der österreichische General Scheiter mit Freyjägern und Dragonern
-hiesige Stadt, in welcher französische und westphälische Truppen sich
-eingeschlossen hatten, überfiel, wobey im Rathause ein Wachtmeister
-erschossen ward.«
-
-Die Einwohnerzahl Freibergs betrug 8320 Personen, also fast genau
-derselbe Stand wie 1803.
-
-Berghauptmann war zu jener Zeit Siegmund August Wolfgang Freiherr von
-Herder, der letzte große ungekrönte König des Bergbaues, der Sohn des
-Dichters Herder, der seinen Vornamen Wolfgang von seinem Paten Goethe
-erhalten hatte. Goethe war mehrmals bei ihm in Freiberg zu Gaste und
-holte sich hier Anregungen für seine mineralogischen Studien.
-
-Den Kapseln waren auch alte Ausbeutebogen beigefügt, aus welchen die
-Namen längst verschwundener Schächte mit seltsamem altertümlichem
-Klange uns grüßen, ferner ein Stadt-, Land- und Bergkalender vom Jahre
-1822 und andere Schriften.
-
-Ein gewisser Humor liegt in der Form, in welcher der Bauschreiber
-des Jahres 1803 seinen Namen dem Gedächtnis zu überliefern suchte.
-Auf einem Pergamentblatt von Besuchskartengröße schreibt er in
-schöner Druckschrift: »Bauschreiber E. E. Raths war im Jahr 1803 Hr.
-Johann Christian Friedrich Herrmann 51 Jahre alt, mittlerer Statur,
-belebten Temperaments.« Dies Blättchen hat er offenbar heimlich mit
-eingeschmuggelt und so seine Verewigung im Turmknopf erreicht.
-
-Besonders interessant sind die Beigaben von Münzen. Im Jahre 1803
-wurden die aufgefundenen Münzen der Beigaben von 1580 und 1731 und neue
-Münzen in einer sehr schönen, aus Serpentin gedrehten Dose gesammelt,
-zusammen 26 Münzen. Sie haben zum Teil noch Stempelglanz.
-
-Die ältesten Silbermünzen sind vom Jahre 1559 und 1580. Sie zeigen in
-sehr schöner Prägung, mit der sich unsere jetzigen Münzen bei weitem
-nicht messen können, auf der Vorderseite das Bild des Kurfürsten
-August mit dem Kurhut auf dem bärtigen Haupte und dem Kurschwert über
-der hermelingeschmückten Schulter, auf der Rückseite das einfache
-sächsische Wappen mit den Kurschwertern. Unter den Münzen von 1731
-ist besonders bemerkenswert ein Speziesthaler von 46 ~mm~ Durchmesser
-mit dem Bilde des Königs Friedrich August mit lang herabwallendem
-Lockenhaar mit einem Lorbeerkranz. Die Rückseite zeigt das sächsische
-und das polnische Wappen unter der Königskrone. Die Münzen des
-Jahres 1822 sind in einer stark verzinnten Blechdose verwahrt. Es
-sind 13 Stück und sie zeigen fast alle noch Stempelglanz. Auf der
-Vorderseite das Bild König Friedrich Augusts, auf der Rückseite das
-sächsische Wappen. Drei dieser Münzen sind für Freiberg besonders
-bemerkenswert. 1. Ein Ausbeutethaler mit der Umschrift auf der
-Rückseite »Der Segen des Bergbaus«. 2. Ein Speziesthaler von 46 ~mm~
-Durchmesser. Auf der Vorderseite das Bild des Königs in starkem Relief,
-matt gehalten auf poliertem Grund, auf der Rückseite das Bild der
-Grube Bescheert Glück mit der umgebenden Landschaft und der Umschrift:
-»Beschert Glück Fdgr. Ohnweit Freiberg« und der Unterschrift: »Kam
-in Ausbeuth im Quartal Crucis 1786 ¹/₅ Mark Fein Silber.« 3. Eine
-Denkmünze von 67 ~mm~ Durchmesser vom Jahre 1818 mit dem Bilde des
-Königs Friedrich August matt auf blankem Grund in starkem Relief mit
-der Umschrift: »Friedrich August König von Sachsen seit 50 Jahren
-Vater seines Volks und Beschützer des Bergbaus«. Unter dem Kopf des
-Königs im ovalen Ring einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt,
-das Datum »Am 15. Sept. 1818«. Am erhabenen Rande darunter stehen die
-Worte: »Gott seegne Sachsen«. Die Rückseite zeigt das Bild der Grube
-Himmelsfürst, matt gehalten auf blankem Grund, das mit seinen Fichten
-und Häusern sehr reizvoll wirkt. Die Umschrift lautet: »Himmelsfürst
-Fundgrube hinter Erbisdorf gab seit 50 Jahren 1100458 Thlr. 16 Gr. --
-Ausbeute.« Unter dem Relief ist Schlägel und Eisen angebracht und auf
-dem erhabenen Rande darunter die Worte: »Gott erhalte den Bergbau.«
-
-Hundert Jahre sind vorübergezogen, seitdem diese Münzen dort oben im
-Turmknopf ihren Platz gefunden. Auch unsere Zeit hat in ähnlicher
-Art der Nachwelt kurzen Bericht überliefert und mit den Urkunden von
-1822 und 1803 im Turmknopf geborgen, während die stark beschädigten
-Urkunden von 1580 und 1731 im Urkundenarchiv des Stadtrates aufbewahrt
-werden. Jedoch nicht blankes, hartes Geld nahm dieses Mal die Kapsel
-auf, sondern als echten Ausdruck unserer Notzeit unser Notgeld von
-Papier, unsere Nahrungsmittelkarten und Bezugsscheine.
-
-Die neue Urkunde schließt mit den Worten: »Mögen, wenn einst diese
-Kapsel wieder geöffnet und diese Urkunde gelesen wird, glücklichere
-Zeiten in unserem Vaterlande sein. Möge in einem neuen stolzen Reiche
-ein kräftiges, tüchtiges, junges, selbstbewußtes deutsches Geschlecht
-in Frieden den Segen und die Früchte seiner Arbeit genießen zu eigenem
-Glück und des deutschen Namens Ehre!
-
- Das walte Gott!«
-
-Nun ist der Mund des einsilbigen Knopfes da oben wieder geschlossen,
-und ob die Sonne ihn mit heißem Strahl durchglüht, ob der Mondenschein
-mit silbernem Glanz ihn umhüllt, ob knisternd oder krachend elektrische
-Ströme und Funken ihn umzucken, oder ob geschwätzige Regentropfen auf
-seiner blanken Schädelwölbung trommeln, er wird schweigend in die
-Ferne schauen, einsam der Einsamkeiten tiefste schauend unter seinem
-Fuß, denn er ist älter als alles Leben um ihn, er sah und hörte mehr
-als irgend ein Auge und Ohr der vergänglichen Wesen dort unten, er muß
-allein sein, ein Einsamer bleiben, um von Höhengedanken beseelt seines
-Daseins Hochziel zu erfüllen. --
-
-Oh, hätten wir recht viele solche Knöpfe, hoch geartet, alles
-überschauend, viel Inhalt, aber wenig redend!
-
-
-
-
-Spruchweisheit in alter und neuer Zeit.
-
-
-Unser Volk, das Volk der Denker und Dichter, hat immer seiner Seele
-tiefstes Fühlen in feste Formen gebannt. Nicht nur in Heldenlied und
-Sage, sondern auch im wuchtigen Hünengrabe, im stolzen steinernen
-Male, um das die Vergangenheit märchenhaft rauscht und raunt, im
-rheinischen Dome mit der anmutigen Zier der Zwerggalerien und
-Säulchen, im gotischen Münster mit himmelstürmenden Türmen und zur
-Andacht geheimnisvoll zwingenden Hallen, schaut uns die Seele unserer
-Vorfahren, die ja auch unsere Seele ist, aus tiefen, mächtigen Augen an.
-
-Manche Sitte, manches Wort aus uralter, nebelgrauer Zeit klingt
-noch heute in unser Kulturleben hinein, und in Volksbrauch, Festen,
-Aberglauben, Namen und Zeichen sehen wir die Spuren des Geistes
-germanischer Urahnen und mittelalterlicher Gedankenwelt.
-
-Das gefundene Hufeisen, welches das Schulkind als glückbringend
-heimträgt, verbindet es wie mit einer eisernen Brücke über den
-Strom der Zeit und vieler Jahrhunderte hinweg mit dem blonden
-Germanenkinde im deutschen Urwalde, das im Sausen des Sturmes in den
-Wipfeln der Eichen den Götterkönig von Walhall, Wodan, auf seinem
-schwarzen Rosse daherbrausen sah. -- Das uralte heilige germanische
-Zeichen des Hakenkreuzes und das Symbol des Sonnenrades kehrt in den
-Kunstäußerungen der ganzen deutschen Vergangenheit bis auf die neueste
-Zeit immer wieder.
-
-Wie der alte Germane mit Runen und heiligem glückbringenden Zeichen das
-Gebälk oder die Tür seines Hauses schmückte und jedes Gerät, jede Waffe
-vor allem, mit seiner Hausmarke versah, wie er in seinen Schnitzereien
-in wundersamen Rankenzügen und Verschlingungen geheimnisvolle Dinge
-rätselhafter Symbolik erzählte, so ist auch in den Steinbauten des
-Mittelalters das Steinmetzzeichen Rune und Hausmarke zugleich,
-so spricht aus den alten Fachwerkbauten mit ihren eigenartigen
-Balkenstellungen und Holzverteilungen eine tiefe Symbolik, die allerlei
-menschliche und übersinnliche Beziehungen auszudrücken vermochte.
-
-Die bunten Schnitzereien der Holzhäuser in unseren mittelalterlichen
-Städten sind nicht nur lustiger, sinnloser Zierrat. Nein, sie sollen
-auch etwas sagen und erzählen und dadurch dem Hause einen besonderen
-Charakter und geistiges Antlitz geben. Das geistige Leben und das, was
-die Erbauer besonders erfüllte und beschäftigte, wird darin offenbar
-und lebendig.
-
-Sinnvolle Beziehungen zwischen dem Hause und seinen Bewohnern, zwischen
-Gerät und dem Besitzer fanden ihren Ausdruck und drängten sich zusammen
-in einem Bildwerk oder einer Tafel oder einem Hausspruch oder einem
-Schmuckstück eigenwilliger Art.
-
-Persönliche Erlebnisse und Anschauungen und die großen Zeitereignisse
-spiegeln sich oft darin wieder, und es ist darum die Sammlung und
-Erforschung solcher Haussprüche und Gerätesprüche, wie sie z. B. die
-Vereine für Volkskunde betreiben, ein wichtiger Beitrag zum Lebens-,
-Kultur- und Geistesbilde unseres Volkes.
-
-Während in früheren Zeiten der Städte wohl jedes Haus seinen besonderen
-Namen trug, ist dies auch in kleinen Städten heute fast nur noch bei
-den Wirtshäusern, Gasthöfen und Apotheken erhalten geblieben.
-
-Wie anheimelnd klingen Namen von Bürgerhäusern wie z. B. »Das Haus zur
-weißen Tür«, der Löwe, der grüne Sittich, das goldene Schiffchen, zum
-Läubchen, der Lindwurm, usw. Ein Haus in Würzburg hieß »Zum großen
-Schmied Wieland«. Das Haus hatte einst wohl einem Schmied gehört, der
-sein Haus nach dem alten deutschen Patron der Grobschmiede nannte.
-Der Lindwurm und der Schmied Wieland führen uns so aus lebendiger
-Gegenwart zur deutschen Sagenwelt, zu den frischen Quellen der Jugend
-unseres Volkstums zurück, das Haus »Silberschmied zum gekrönten Hecht«
-an den Märchenborn sonniger Kinderträume. Manche solcher kleinen
-Namenskleinodien sind noch hier und da zu finden und zu erlauschen.
-
-Die Erhaltung solcher Namen und charakteristischer Hauszeichen,
-wo man sie nur finden mag, ihr Schutz vor Entstellungen oder ihre
-künstlerische Ausgestaltung in wirksamster Weise sollte eine besondere
-Sorge ihrer Besitzer und aller Heimatfreunde sein.
-
-Eine Sammlung aller Hauszeichen, Hausmarken, Spruchbilder,
-Innungszeichen u. dgl. würde uns manche ungeahnten Schätze deutscher
-Kunstübung und deutschen Wesens vor Augen führen und zeigen, woran wir
-lernen können, wie in früheren Jahrhunderten Reklame mit Kunst und
-kerniger Volksweisheit, tiefes Empfinden mit praktischem Wollen und
-Können Hand in Hand gingen.
-
-Schauen wir uns nur um in den alten Städten und forschen wir in dem
-Erbe, welches unsere Väter in den Straßen und Plätzen, in Kirchen und
-Häusern, in Akten und Archiven hinterlassen haben, reicher und reicher
-werden die Quellen fließen. Für uns selbst und für unsere Zeit und
-Zukunft werden wir gewinnen! Paul Graf von Hoensbroech sagt in seiner
-Schrift »Wenn die Toten erwachen«:
-
-»Nehmet die Wünschelrute deutschen Findergeistes in die Hand,
-durchwandert mit ihr die deutschen Städte, die deutschen Fluren, die
-deutschen Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet Quellen finden
-und erschließen, aus denen Tiefsinn und Schlichtheit, Schönheit,
-Großartigkeit und Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit
-in Überfülle hervorsprudeln als segenspendende Ströme für unser Volk
-und für die Welt.« --
-
-Der alten Berghauptstadt Freiberg hat in älterer Zeit nicht nur der
-Silberbergbau, der seine kulturfördernde Kraft für das ganze Land
-segensreich erwies, sondern auch die sich herausbildende Eigenart des
-echt deutschen Volkslebens und blühender bergmännischer Sitten und
-Gebräuche ein besonderes Gepräge gegeben.
-
-Der Bergbau ist freilich zur Rüste gegangen, und die alten
-charaktervollen Bergmannsgestalten sind verschwunden. 1913 wurde die
-letzte Schicht verfahren. Aber in tausend Erinnerungen lebt sein Wesen
-und der Ausdruck seiner besonderen Art in Freibergs Mauern noch weiter.
-Versetzen wir uns einmal in die noch nicht gar lange entschwundene Zeit
-zurück, um manches Gewordene und Erhaltene zu verstehen, nehmen wir die
-Wünschelrute deutschen Findergeistes, mit welcher gerade der Bergmann
-so häufig nach verborgenem Erze forschte, zur Hand, und wir werden
-wertvolle Aufschlüsse finden.
-
-Der Bergmann, welcher in der stummen, geheimnisvollen Tiefe seiner
-dunklen Schächte sein Berufsleben abgeschlossen verbringt, erhält eine
-ganz besondere Ausprägung des Charakters. Sein geistiges und seelisches
-Leben wird dort unten wunderbar berührt und angeregt. Bei den
-gefahrdrohenden Mächten der Tiefe, die nur spärlich sein Grubenlicht
-erhellt, streckt sich und sehnt sich sein Inneres zum Licht: In der
-Weltentrücktheit baut er sich in seinem Inneren eine neue Welt auf,
-in der auch bunte Kristalle der Phantasie und Silberadern geistiger,
-höherer Werte schimmern.
-
-Fromm und gottesfürchtig, arbeitsam, zufrieden und genügsam, dabei auch
-oft voll kecken Übermutes und Freude an Scherz und Neckerei, steckt
-er voller Spruchweisheit. Er drückt gern sein Empfinden in Reimen und
-Verszeilen aus. Die Bergsänger mit ihren »Bergreyhen« erinnern an die
-Barden, die einst das Heldenlied pflegten, oder an die Bänkelsänger,
-welche von Ort zu Ort zogen. Die Bergmusikanten mit ihren Liedern und
-eigenartigen Instrumenten waren überall im ganzen Lande gern gesehene
-frohe Gäste. So ist es denn nicht wunderbar, daß gerade in Freiberg
-eine Fülle von Reimen und Zeilen alter Spruchweisheit erhalten und
-durch die Überlieferung bewahrt geblieben ist, daß auch heute noch in
-Freiberg so mancher ehrwürdige Hausspruch und bergmännischer Zierrat
-uns grüßt, und daß diese echt deutsche, uralte Sitte, durch Sinnbild
-und Sinnspruch zum Denken und sinniger Betrachtung anzuregen, oder
-durch Sprichwort oder Neckwort zu mahnen, zu reizen oder zu spotten,
-auch in weiteren Kreisen heimisch wurde und sich auf allerlei Geräte
-und Stellen ausdehnte, an denen sonst ein Spruch nicht gesucht wird.
-
-Ein besonders reimfreudiges, verslustiges Völkchen scheinen auch die
-Ziegelstreichergesellen gewesen zu sein, die oft mit großem Geschick
-ihre Einfälle den Dachziegeln anvertrauten. Von der Rechnung des
-Wirtes im schwarzen Walfisch zu Askalon, die für den seßhaften Gast
-in Keilschrift auf sechs Ziegelsteinen eingegraben stand, war ihnen
-sicher nichts bekannt, denn viele Jahre später erst sang Scheffel sein
-feuchtfröhliches Lied. Auch die beschriebenen Tontafeln von Babylon und
-Ninive waren ihnen fremd, denn sie harrten noch tief unter Schutt und
-Lehm der Ausgrabung, Auferstehung und Deutung. Aus sich selbst heraus
-fanden die Ziegelstreicher den naheliegenden Zeitvertreib, sich ihre
-einförmige Arbeit durch eingeritzte Inschriften auf den Dachziegeln zu
-verkürzen. In den bildsamen, lufttrockenen, weichen Dachziegel ist mit
-einem spitzen Werkzeug oder eisernem Griffel die Schrift und Verzierung
-ziemlich tief eingegraben. Dann sind die Ziegel kräftig gebrannt und
-beliebig auf diesem oder jenem steilen Dache, manchmal sogar mehrere
-zugleich, mit den anderen weniger ausgezeichneten Ziegelgenossen
-verlegt worden. Der älteste dieser Ziegel trägt die Inschrift »Anno
-1692. J. W.«, der jüngste stammt aus dem Jahre 1839.
-
-Es mag für die Ziegelstreicher ein lustiger, lockender Gedanke und
-vielleicht manchmal nicht ohne gewisse Anzüglichkeit gewesen sein, daß
-ihre Einfälle und Inschriften hoch über der Straße den Augen der Menge
-entzogen waren, aber doch ein heimliches Dasein und Leben hatten, und
-zwar nur vielleicht einmal einem Essenkehrer oder Ziegeldecker, den
-Wolken und Vögeln sichtbar wurden, aber doch einem späteren Geschlechte
-von ihnen künden konnten, wenn vielleicht längst ihr Leib in Staub
-zerfallen war. Denn nur durch Zufall beim Umdecken alter Dächer kommen
-auch heute noch ab und zu solche Ziegel zum Vorschein. Auf manchen
-alten Dächern in Freiberg mögen noch hie und da solche bemerkenswerte
-Ziegel ruhen, aber die meisten mögen verwittert, zerbrochen, mit
-Kalk verschmiert, verrußt, unleserlich und unkenntlich geworden oder
-verlorengegangen sein. Einzelne dieser seltsamen Ziegel sind in
-Privatbesitz gelangt. Eine größere Anzahl befindet sich im Museum des
-Freiberger Altertumsvereins, dem König-Albert-Museum. Die Schrift
-ist klar und leserlich in schönem Schwunge und Verteilung meist in
-lateinischen Druckbuchstaben scharf in den Ziegel geritzt und am Rande
-des Ziegels durch Zierlinien in Bogenzügen schmückend eingerahmt und
-abgegrenzt. Bei manchen dieser Ziegel fühlt man es, mit welcher Freude
-und Stolz der Schriftkünstler sein kleines bescheidenes Meisterwerk so
-schön wie nur möglich gestaltete und seine Geschicklichkeit zeigte.
-
-Was schrieben nun jene einfachen Menschen auf die Dachziegel? -- Das,
-wovon ihr Herz gerade voll war!
-
-Da standen z. B. ein paar Gesellen im Ziegelschuppen, hatten
-Frühstückspause, neckten sich, und sprachen von ihren Mädchen oder
-Frauen: der brummige Alte dort hatte wohl öfter über sein Hauskreuz
-geklagt. Ihm schreibt der Schriftkundige das steinerne Stammbuchblatt,
-das er selbst dann rasch in den Brennofen schafft:
-
- Ein altes Weib, ein Tudelsack,
- das sumpt und brummt den gantzen Tag.
- 1822.
-
-Wenn nur nicht seine Alte etwas davon erfährt! Jener Schwarze dort mit
-den funkelnden Augen hat viel Glück bei den Mädchen. Sie laufen ihm
-nach, er küßt sie und lacht und sagt zu seinen Gesellen:
-
- »Alle Mätchen auf der Erden
- wollen gern geweibet werden.«
-
-Er denkt natürlich von ihm selbst geweibet und meint wohl: »Da habe ich
-noch lange Zeit und große Auswahl für die »Heurath«, sonst gehts mir
-wie unserem Alten dort mit seinem Stammbuchblatt.« Flugs schreibt man
-dem Schwarzen sein Verschen von den »Mätchen« auf den Dachziegel und
-setzt den Tag, »den 9. Juni 1822« darunter.
-
-Ob er sein Glück gefunden hat?
-
-Es klingt nicht gar so glücksgewiß von einem Ziegel von 1834:
-
- »Es ist kalt, es ist kalt,
- Und ist doch kein Winter.
- Liebt mich mein Schatzgen nicht
- Hol sie der Schinder.
- den 28. Juni 1834.«
-
-Ein anderer Ziegel, mit dem Datum »d. 9. Juli 1835« und einem Monogramm
-gezeichnet, sagt schmachtend:
-
- »Wenn ein hübsch Weibchen
- kommt zu mir
- Da mein ich es recht gut
- mit ihr.«
-
-Vielleicht ist der Schwarze doch noch sitzengeblieben und vertraut
-seine Sehnsucht, Anschluß zu finden, dem nicht gar so redseligen Ziegel
-an. Der steinerne Liebesruf oder Liebesbrief hoch auf dem Dache wird
-kaum ein weibliches Herz erweichen.
-
-Ein anderer Ziegelstreicher, namens Oehlschlegel, hat eine höhere
-Auffassung von seiner Zukünftigen und vertraut seine Wünsche im Jahre
-1832 in folgenden Zeilen dem Ziegel an.
-
- »O Liebe willst du mich erfreun,
- so laß mein Weib einst also sein,
- recht schön damit sie mir gefällt,
- klug, daß sie mich beständig hält,
- und endlich wünsch ich sie auch reich
- Doch ist sie nicht getreu zugleich
- so sey sie englisch von Gesicht
- und klug und reich, ich mag sie
- nicht.«
- _Oehlschlegel_
- 1832.
-
-Er mag sein Ideal gefunden haben.
-
-Wir wollen ihm wenigstens die Inschrift des Ziegels gönnen, aus welcher
-das ersehnte und erfüllte Glück strahlt:
-
- »Dich besten Engel, schönes Weib,
- Dich lieben ist mein Zeitvertreib.
- den 16 July 1836.«
-
-Das Verhältnis zu dem anderen Geschlecht behandeln die Inschriften
-öfter, denn offen wird eingestanden:
-
- »Auf den Walltersdorffer
- Ritterguth sind die
- Mädgen den Bürschgen gut
- den 8 Sept. 1810.«
-
-Das steht auf einem Firstziegel und scheint in Waltersdorf gute
-Tradition zu sein, denn 1838 heißt es:
-
- »Der Ziegeldecker dreht sich
- wie ein Rädchen,
- Er liebet auch die hübschen Mädchen.
- Waltersd. Zieg.
- den 22 Mai
- 1838«
-
-Es wird auch der Weg zur Gunst der Schönen gewiesen:
-
- »Wer bey Jungfern will gut stehn,
- muß wissen mit ihn umzugehn.
- Freybergische Hochedle
- Rats Ziegelscheune
- d. 22 Juni
- 1810.«
-
-Sie mögen es wohl öfter ausprobiert haben in lustigen Stunden:
-
- »Alte Thaler und junge Weiber
- sind die besten Zeitvertreiber.«
- ~F. C. Z.~ 1835.
-
-Oder aus dem Jahre 1813 kurz und bündig:
-
- Vivat es lebe Wein und Liebe
- 1813
- ~F. H. R. Z.~
-
-Doch die leichte Ware dieser Gattung scheint doch nicht so ganz nach
-ihrem Geschmack zu sein:
-
- »Jungfern, die des Nachts auslaufen
- sind um leichtes Geld zu kaufen.«
-
-und mit Spott singt er dann, wenn die Folgen sich herausstellen, das
-Verschen:
-
- »Ey Mutter, kocht Ludeln, thut Gundeman nan,
- mein Freyer wird kommen, wird Stiefeln anham,
- ach wenn er nur käm, und das er mich nähm
- und das der Spektakel von Leuten wegkäm.«
- E. z. F.
-
-Ja, es tauchen in dieser Beziehung Verse auf so derber Art, daß man
-nicht bedauern kann, daß sie oben auf dem Dache so wenige, seltene
-Leser fanden. Vielleicht ist mancher dieser Ziegel mit heimlicher
-Anspielung auf einen Bewohner oder Bewohnerin auf diesem oder jenem
-Dache verlegt worden.
-
-Andere Verse reden von dem, was gut schmeckt:
-
- »Fische, Vögel und Forellen
- essen gern die Ziegelmachergesellen.
- Waltersdorffer Ziegelscheine
- den 28 May 1805.«
-
-Von den Vögeln wird der Martinsvogel am wenigsten verachtet:
-
- »Im Sommer mögen sich die Gänse baden,
- Um desto schöner schmeckt uns dann ihr Braten.
- den 7 July 1810 J. J. W.«
-
-Dieser J. J. W. ist ein Arbeiter, namens Wolf, der in der »hochedlen
-Ratsziegelscheune« tätig war und in manchem Verslein sich verewigt, so
-manchen raschen Einfall nicht zu Papier, sondern zu Ziegel, Brand und
-Dach gebracht hat:
-
- »Man gebe auf die Trescher acht,
- damit das Stroh wird rein gemacht.
- den 11 Sept. 1819
- J. J. W.«
-
-oder:
-
- »Nun kömmt die kalte Winterszeit, man sorge
- für ein warmes Kleid.
- Freybergische Hochedl. Raths Ziegelscheine, den 15
- Okt. 1812. J. J. Wolf. Ein sehr kalter Wind.«
-
-oder:
-
- »Wenn Schnee und kalte Winde blasen,
- verfolgt der Reuter und sein Hund die Haasen.
- Freybergische Ziegelscheine. 1811.«
-
-Eine Hasenjagd im Schneetreiben zu Pferde scheint nach heutigem
-weidmännischem Brauch etwas eigenartig zu sein. Oder wurde der arme
-Meister Lampe vor hundert Jahren gehetzt, wie man heute noch hie und
-da, namentlich in England, den Fuchs hetzt?
-
-In einem inneren Zusammenhang stehen drei Ziegel, die von der Liebe und
-Freude des schlichten Ziegelstreichers an der Natur erzählen:
-
- »Der Landmann streut mit allem Fleiß
- den Saamen in die Erde aus.
- d. 2 May 1839.«
-
-In jenem Jahre muß die Saat recht spät in den Boden gekommen sein! Aber
-14 Tage später macht er einen schönen Waldspaziergang und denkt dann
-beim eintönigen Ziegelstreichen seiner grünen Freude:
-
- »Geh ich in den grünen Wald,
- sing die Vöglein jung und alt.
- Waltersdorffer Ziegelscheune
- den 15 Mai 1839.«
-
-Fünf Wochen später freut er sich des wogenden Ährenfeldes:
-
- »Begrüßt das schöne Saatenfeld,
- wo schlank der Halm die Aehre hält.
- W. Z.
- den 21 Juni 1839.«
-
-W. Z. bedeutet »Waltersdorffer Ziegelscheune«.
-
-Ziegelinschriften politischer Art oder mit Anspielungen auf
-Zeitereignisse kommen kaum vor. Der Gesichtskreis der Leute war eng,
-und was außer diesem engen Kreise lag, berührte ihr Herz wenig. Nur
-in einer Inschrift eines Ziegels aus der Burgstraße klingt es wie ein
-Nachhall der napoleonischen Zeit:
-
- »Trompet und Trommelschall ruft oft zum
- Krieg und Tod. Nie freue uns der Krieg,
- um Frieden bitte Gott!
- Freybergische Hochedl. Raths-Ziegelscheune
- Wolf. 1817«
-
-Seit den fröhlichen Verslein von 1810, 1812 und 1813 waren die
-Befreiungskriege an unserem wackeren Wolf vorübergebraust, und da
-findet sein Griffel ernstere Worte. Doch eine bittere, ernste Inschrift
-dürfen wir unserem Ratsziegeldichter Wolf noch zuschreiben, welche auch
-in der heutigen Zeit von vielen Dächern als Klageschrei in unsre Ohren
-schallen könnte. Der Ziegel stammt bezeichnender- und sinniger Weise
-von einem alten, abgetragenen Grufthause des Donatsfriedhofes, als ob
-dort die letzte Ruhestätte für Glaube, Liebe, Treu und Recht zu finden
-wäre. Die Inschrift lautet:
-
- »Glaube, Liebe, Treu und Recht haben sich alle vier
- schlafen gelegt und wenn sie werden wieder
- auferstehn, wirds besser in der Welt aussehn.
- ~F. H. R. Z.~ d. 21 Juni 1811.«
-
-Die Buchstaben bedeuten: =F=reybergische =H=ochedle
-=R=aths-=Z=iegelscheune.
-
-Wir schauen in unsere Zeit und fühlen die Bitterkeit, den Schmerz und
-doch wieder Glaube und Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wie Wolf es
-in seiner Inschrift ausgesprochen. Notzeit ist heute, da uns dieser
-Ziegel vor Augen liegt. Notzeit war, als er geschrieben wurde. Eine
-eigenartige Fügung will es, daß ein Ziegel mit ähnlicher Inschrift aus
-ähnlicher Notzeit in diesen Tagen in Mecklenburg zufällig beim Umdecken
-der Kirche in Lübz gefunden wurde:
-
- »Globen, Leiw, Tru und Recht
- Hebben sick all 4 slopenlegt.
- Un wenn sei weder uperstahn,
- Ward beter in dei Welt hergahn! Lübz 1628.«
-
-Die Zeit des dreißigjährigen Krieges, in der diese Zeilen in den Ziegel
-gebrannt wurden, hat mit der Zeit von 1811 und mit der Gegenwart, an
-die der Spruch nun seine Weisheit richtet, vieles gemeinsam. Sorge
-jeder, daß Glaube, Liebe, Treu und Recht auferstehen mögen!
-
-Ganz andrer Art als die Ziegelstreichersprüche, welche nicht für
-die breite, sondern nur für die »höchste« Öffentlichkeit bestimmt
-waren, sind freilich die Sprüche, welche uns von den Portalen grüßen.
-Verdanken die Sprüche auf den Dächern wohl meist nur einer scherzhaften
-oder verliebten Laune oder einem Zeitvertreib ihr Dasein, so sind die
-Sprüche an den Portalen Haussprüche, welche uns tief in die Seele
-derer schauen lassen, die sie einst anbringen ließen, Sprüche, die
-jedem Vorübergehenden etwas sagen sollten.
-
-Die ältesten stammen aus einer Zeit, da das Innere der Menschen
-und Völker aufgewühlt war durch die Fragen der Religion, durch
-Glaubenskämpfe und Gewissensnot, da eine neue Weltanschauung sich Bahn
-brach.
-
-In der Petersstraße, dicht am ehemaligen Peterstor, steht ein
-schlichtes Bürgerhaus mit gotischem, reichem Portal, einfachen
-Fensterwänden aus Sandstein mit Stabwerk. Im Erdgeschoß befinden
-sich reichgewölbte Räume mit Sterngewölben von besonderer Pracht und
-Wucht. Der Bürgermeister Nikolaus Monhaupt erhielt 1469 vom Papste
-die Erlaubnis zum Bau einer Hauskapelle. Hier baute er sich diese
-Kapelle in seinem Hause und überspannte sie mit diesen kunstvollen
-Gewölbebildungen, deren Rippen zu reichgegliederten Mustern sich
-zusammenschließen. 60 Jahre später, im Jahre 1529, wurde hier, der
-Überlieferung nach von Martin Luther persönlich, zum ersten Male das
-heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht, an welchem auch die
-Herzogin Katharina, Herzog Heinrich des Frommen Frau Käthe, heimlich
-teilgenommen haben mag. Die Schauseite des Hauses ziert eine alte
-Schrifttafel aus Sandstein, welche auf diesen Vorgang hinweist. Die
-Inschrift besteht aus lauter anscheinend zusammenhanglosen einzelnen
-Buchstaben. Es sind die Anfangsbuchstaben der Einsetzungsworte des
-heiligen Abendmahles. Die Überschrift bilden die Buchstaben: ~V · D · M
-· I · Æ ·~, d. h. ~verbum domini manet in aeternum~, oder zu deutsch:
-Gottes Wort bleibet ewig. In der untersten Zeile findet sich die
-Jahreszahl 1529, aus welchem Jahre auch offenbar die Tafel stammt.
-
-Dieser Reformationsspruch, ein Kampfruf und Wort des mutigen
-Bekenntnisses, findet sich und war auch noch an anderen Freiberger
-Häusern angebracht, sei es auch nur in Anfangsbuchstaben, sei es in der
-deutschen Form, wie am Hause Pfarrgasse 18: »Gottes Wort Bleibet Ewik.«
-mit der Jahreszahl 1528. Sechs Jahre also nach Luthers Übersetzung des
-neuen Testamentes wurde einer seiner Kernsprüche an einem schlichten
-kleinen Bürgerhause zu Freiberg in Stein gehauen.
-
-Luthers Lehre war damals verboten, ihre Anhänger wurden verfolgt.
-Die Häuser mit diesem Spruch waren die Stätten, an denen sich die
-Bekenner der neuen Lehre trotz Not und Verfolgung zusammenfanden, um
-in der Gemeinschaft Kraft und neue Erkenntnis zu suchen. Ein tapferer
-Mut gehörte dazu und ein festes Herz, sein Haus unter dieses Zeichen
-zu stellen. Bald freilich schwand unter Herzog Heinrichs milder Hand
-die Gefahr, und er selbst ließ u. a. an besonders eigenartiger Stelle
-diesen Spruch anbringen: ~Verbum domini manet in aeternum~ findet sich
-nämlich mit der Jahreszahl 1538 und dem Sächsischen und Freiberger
-Wappen sogar auf einer Bronzekanone, die der Gießer Hilger in Freiberg
-für den Herzog goß. Die Kanone sollte als Glaubenskünderin so ihre
-Stimme nach seiner Meinung besonders wirksam und überzeugend zur
-Geltung bringen. Das ganze Denken war damals von diesen Fragen bewegt
-und suchte überall Ausdruck zu finden.
-
-Auf zahlreichen Glocken des Erzgebirges aus der Gießhütte der Hilliger
-ist dieses Wort in Erz geprägt und ruft sein Bekenntnis mit eherner
-Stimme in die Enge der Herzen und Häuser und in die Weite der Welt.
-Auch in der Johanniskirche zu Leipzig trug die größte Glocke, welche
-Wolf Hilliger 1553 goß, die Bekennerinschrift: ~Verbum domini manet in
-aeternum.~
-
-Auch auf einem der »Kleinodien« der Freiberger Bergknappenschaft, auf
-dem silbernen Sinnbilde des Bergbaues »Schlägel und Eisen«, findet
-sich dieser Reformationswahlspruch in lateinischer Sprache mit der
-Jahreszahl 1534. Es ist dies ein Beweis, wie gerade auch die Bergleute
-sich mit Feuereifer der neuen Lehre annahmen und in den Mittelpunkt
-ihres Daseins stellten. Wird doch auch überliefert, daß die Bergleute
-1517 den Ablaßmönch Tetzel vertrieben, verprügelt und um seine Gelder
-erleichtert hätten.
-
-Auf einem Spruchband dieses Kleinodes von 1534 findet sich noch der
-Spruch: »Die Heier, die sind hochgenant, sie ritzen uf manche feste
-band mit ihren klugen Sinnen, darmid sie es gebinen.«
-
-Tiefer religiöser Sinn spricht noch aus vielen anderen dieser alten
-Sprüche: Donatsgasse Nr. 23 schmückt das Haus eine Tafel mit dem Bilde
-eines Bergmannes, der einen Barren Erz trägt, und mit dem Spruche:
-
- Ich · Weis · das · Mein · Erlöser · lebt · 1 · 5 · 6 · 1 ·
-
-Das Gedächtnis der Reformation wird gefeiert im Jahre 1617 durch einen
-lateinischen Spruch, der an der alten Löwenapotheke angebracht ist:
-
- ~Sunt iubilo D. Mart. Luth.
- magna huius pars est extructa
- habitaculi in anno quo vox in
- caetu est iubila laeta canens.~
-
-D. h.: »Ein großer Teil dieser Häuser ist an dem Jubelfeste ~Dr.~
-Martin Luthers errichtet worden, in dem Jahre, in welchem die Gemeinde
-frohe Jubellieder anstimmte.«
-
-Zur Zeit dieser Jubellieder ahnte man nicht, daß das deutsche Land
-vor dem unermeßlichen Elend des dreißigjährigen Krieges stand, so
-wenig wie man 1913 bei der hundertjährigen Jubelfeier der Schlacht bei
-Leipzig ahnte, daß der Weltkrieg mit all seinem Elend und furchtbarem
-Ausgang vor der Türe stand.
-
-Luthers Geist und kernige Art spricht auch aus dem kurzen Hausspruch
-von Burgstraße Nr. 10, der auf das stärkste Fundament für inneren und
-äußeren Aufbau weist:
-
- »Ich bau auf Gott« 1736.
-
-Inniger Glaube, Gottvertrauen und Frömmigkeit klingt aus der Inschrift
-eines Hauses der Erbischen Straße:
-
- »1669. Der Hüter israel kann durch der Engelscharen
- Diß Hauses Thür und Pfost für immer uns bewahren,
- Hilf, daß ein jeder Christ, o Jesu, Lebensthür,
- Der diese Schwell betrit Dich tieff in Hertze führ.«
-
-Ein Haussegen ähnlicher Art ist der Spruch des Hauses Erbische Straße 9:
-
- »Die Engel des Herrn behüten, bewahren dieses Haus,
- Alle, so bei Tag und Nacht hier gehen ein und aus.«
-
-Dieser Gedanke, das Haus unter den Schutz der Engel Gottes zu stellen,
-findet auch in symbolischer Form seinen Ausdruck. Das schöne Portal
-am Obermarkt, welches mit seinen reichen Formen dem Meister des
-Georgentores in Dresden, Schickentanz zugeschrieben wird, eines der
-frühesten Werke der Renaissance in Sachsen, schmücken im innersten
-Türbogen drei Engelsköpfe. Nach dem mittelsten Kopf züngeln zwei
-delphinartige Ungeheuer. In künstlerischer Form sagt hier der Erbauer,
-daß die Engel Hüter vor den züngelnden Mächten des Bösen und des
-Unheils an »des Hauses Tür und Pfost« sein sollen.
-
-Gottvertrauen und Lebensmut spricht auch aus einer Haustafel aus
-neuerer Zeit mit folgenden Worten:
-
- »Im Jahre 1846 d. 23 Juli Nachts ¼ auf 12 Uhr
- Wurde dieses Haus durch den Blitz ein Raub.
- Der Jahre 1846--47 wurde es neu erbaut.
- Wird Gottes heiliger Schild uns decken,
- Wird auf uns ruhen Seine Hand,
- Dann kann der Donner uns nicht schrecken
- Und nicht des Blitzes schneller Brand:
- Denn Treu wird Tag und Nacht
- Dann unser Haus bewacht.
-
- Johann Gottfriedt Kunadt.«
-
-Dasselbe treuherzige Gottvertrauen, wie aus diesen Versen klingt
-auch aus einem alten Wirtshausschild, das der ehrwürdige Gasthof zum
-Goldenen Löwen zugleich als Sinnbild und Haussegen an seiner Schauseite
-zeigt:
-
- »Diß gast Hof Stehet in Gottes Handt
- Zum Gülden Löwen wird es genant.«
-
-An einem anderen Hause Alt-Freibergs ist sogar der seltene Fall zu
-verzeichnen, daß sich der Bauherr und der Baumeister verewigt haben.
-Es ist dies das kleine freundliche Stadttheater, welches 1790 aus
-einem alten, stattlichen Bürgerhause, gegenüber der Nikolaikirche,
-und benachbarten Gebäuden zum Theater umgebaut wurde und allmählich
-sich zu seiner jetzigen Gestalt entwickelt hat. 1880 fand der letzte
-größere Umbau statt, bei dem noch schöne Schmuckteile gefunden wurden.
--- Dieses Bürgerhaus erbaute sich einst der ehrwürdige Magister
-Caspar Neander, Prediger an St. Nikolai, der dort im Anfange des
-17. Jahrhunderts seines Amtes waltete. Er schmückte sein Haus mit
-einem reichen Renaissanceportal mit ornamentierten Tragsteinen für die
-profilierten Balken, mit reich gemalten Holzdecken, die er mit schönen
-Profilen und vergoldeten Holzknöpfen besonders verzieren ließ. -- Es
-ist bemerkenswert, daß dieser wackere Prediger auch die Schätze dieser
-Welt durchaus nicht verschmähte, sondern glücklich mit Bergwerkswerten
-spekulierte und gute Kuxe hatte, so daß er sich davon dieses stattliche
-Haus bauen konnte, wie er in seiner Inschrift mit dankbarem Gemüt
-mitteilt:
-
- »Dis Haus Und all mein Fähr und Haab
- Der Reiche Gott Aus milder Gab
- Mir Bscheret hat durch Ausbeuth guth
- Der halts auch stets in seiner Huth.
- ~M. C. N. C.~ 1623.«
-
-1623, als der große Krieg schon fünf Jahre im Lande war, blühte also
-der Bergbau noch ruhig fort, brachte Geld und Gut, »Fähr und Haab«
-und ließ dieses stattliche Haus erstehen. -- Vielleicht hat aber der
-würdige Amtsprediger Neander doch zuviel nach unwürdigem Irdischen
-getrachtet, denn wie überliefert wird, ist er schon 1626 seines Amtes
-entsetzt worden. Bei der Belagerung Freibergs durch die Schweden unter
-Torstensson 1643 war er aber wieder Garnisonfeldprediger und stand
-seinen Mann in schwerer Zeit.
-
-Sein Baumeister, der »Mewrer« Michael Kästner ist nicht bei der
-Errichtung des Hauses mit der Welt so zufrieden wie Neander, denn ihm
-hat man beim Bau und nachher offenbar das Leben schwer gemacht, die
-Besserwisser und Alleskönner, die Pflastertreter und Bierbankweisen
-müssen ihn recht gekränkt haben, denn er läßt in den Sandstein hauen
-und ruft uns über 300 Jahre zu und in das bunte Marktgewühl hinein:
-
- »Man sagt wer baun Thut an die Gassen
- Muß manchem Eine Feder lassen
- Wenn ich es dann also wil han
- Lieber was geht es dich doch an.
- Michael Kästner Mewrer m 1623.«
-
-Michael Kästner war offenbar ein Mann mit selbstsicherem Wesen, der
-sich nicht das Reden und den Spott übler Zeitgenossen viel anfechten
-ließ.
-
-Hier über diesen Platz am Stadttheater, den Buttermarkt, raunt noch
-ein anderer Spruch, freilich nicht in Stein gehauen, aber im Volksmund
-lebendig: »Himmel, Hölle, Teufelskapelle.« Es liegt dort nämlich dem
-Theater gegenüber die Nikolaikirche, und zwischen beiden am Platz die
-alte Gastwirtschaft »Zur Hölle!« »Es hatten drei Gesellen ein fein
-Kollegium.« Ein Reim oder Verslein ist auch heute noch in Freiberg sehr
-bald gefunden und lebendig wie in früheren Jahrhunderten.
-
-Die ehrwürdige Freiberger Schützengilde, welche die tüchtigen Bürger
-zu kriegerischem, unabhängigem Geiste erzog, der sich nachmals in
-der Schwedenbelagerung unter Torstensson so glänzend bewährte, hatte
-sehr reimfrohe Mitglieder, denn ihre sogenannte Königstafel ist eine
-ganze Sammlung von volkstümlicher Spruchweisheit. Sie ist ein flaches
-bemaltes Schränkchen für Kleinodien und Urkunden der Schützengilde
-und enthält die Namen sämtlicher Schützenkönige vom Anfange des
-16. Jahrhunderts an nebst vielen Sprüchen und Reimen. Ein Spruch aus
-dem Jahre 1626, d. h. also als der Dreißigjährige Krieg schon acht
-Jahre tobte und Wallenstein, Tilly und Mansfeld mit ihren Heerscharen
-durch die deutschen Lande zogen und Verwüstung und Verderben mit sich
-trugen, hat folgenden Wortlaut:
-
- »Wer ein Sohn hat, der gerne spihlt,
- Eine Tochter die ihm heimlich stihlt,
- Ein Knecht so schwatzet aus dem Haus’,
- Ein Katz so nimmer fengt ein Mauß,
- Ein Henn, die ihm kein Eyer legt,
- Ein Schwein das nimmer Junge tregt,
- Ein Weib so gantz geneigt zum Wein
- Und stettig Herr im Hauß will sein,
- Ein Dienstmaagd so geht mit ein Kindt,
- Der man hat ein böß Haußgesind.«
-
-Das Gegenstück zu diesem bedauernswerten »man« wird in folgenden Reimen
-ebenda geschildert:
-
- »Welcher hat ein Muht als ein Held,
- Ein beuttel gut nimmer ohn geldt,
- Einen hundt der deß nachts wol hutt,
- Ein frommes Weib die allezeit gutt,
- Ein kleineß Hauß und fröhlichen Mutt,
- Rein gewissen und messig Gut,
- Ein schönes Weib und wenig borg,
- Kann allzeit lebenn ohne sorg,
- Ein gesunden Leib der allzeit steht,
- Der man hatt ein gutt Hausgereht.«
-
-Der wackere Dichter dieser echt volkstümlichen Reime ist völlig im
-Rechte, wenn er weiter singt und sagt:
-
- »Eine Kunst die man verborgen held
- Und nicht gebraucht zu nutz der Weld
- Die gildt so viel, allß wer sie nit,
- Drum wer was kan; dien andern mit.«
-
-Er diente mit seiner Verskunst den anderen und ergötzte damit nicht nur
-seine Zeitgenossen, sondern auch die wackeren Schützenbrüder späterer
-Jahrhunderte.
-
-Die Freude am Sinnspruch steckt den alten Freibergern, die ja alle mehr
-oder weniger mit dem Bergbau verbunden und bergmännischen Geistes voll
-waren, im Blute. Der Bergmann schmückt seine Geräte, insbesondere seine
-Barte, die aus der Streitaxt entwickelte eigenartige Ehrenwaffe, mit
-Bildern seiner Tätigkeit und Sprüchen von allerlei Prägung. Nur einige
-Proben mögen dafür zeugen:
-
- »Gib Zubus, arbeit, wart dein Zeit
- Es folgt Ausbeuth, die dich erfreut.«
-
- (Abbildung vor Ort arbeitender Bergleute.)
-
- »Ich geh’ und fahre meine Schicht,
- Ohn’ Arbeit ist nichts ausgericht.«
-
- (Abbildung einfahrender Bergleute.)
-
- »Halt Jesum, laß ihn nicht herauß,
- Hilf ziehen, so schont Gott dein Hauß,«
-
-(Abbildung stellt Jesus in der Grube dar, die Hand auf die Fahrt
-legend. Ein Bergknappe will ihn zurückhalten. Ferner sind haspelnde
-Bergleute und ein Haus mit brennenden Kerzen dargestellt.)
-
- »Rechnung recht halt, Treu’s Ampt verwalt.«
-
-(Abbildung von Bergbeamten und Bergleuten an der Tafel.)
-
- »Bergwerk will haben Verstand
- und eine getreue Hand.«
-
-steht im Eingangsflur des Revierhauses.
-
-Auch die Kleinodien der Freiberger Bergknappschaft sind mit
-bergmännischen Darstellungen und Sprüchen geschmückt.
-
-Der prächtige, kunstvoll gearbeitete Weinhumpen aus dem Jahre 1679
-trägt reichen bergmännischen Bildschmuck und die Inschrift:
-
- »Such, schärffe, fahre ein,
- Zerstuffe fest Gestein
- So nimmstu Ausbeuth ein.«
-
-Nicht nur bei der täglichen Arbeit und bei fröhlichem Fest sind so die
-Denksprüche ein gedankenreicher Schmuck des Daseins. Auch in die Kirche
-begleitete den alten Freiberger die aus Beruf und innerem Erleben
-geschöpfte Spruchweisheit.
-
-So hängen z. B. im Dom, den die Bergmannskanzel und noch andere
-Darstellungen bergmännischer Art schmücken, zwei messingene
-Kronleuchter aus dem 16. Jahrhundert mit der Inschrift:
-
- »Wer will Bergwerk bauen, der muß Gott vertrauen«
-
-und
-
- »An Gottes Segen ist Alles gelegen.«
-
-In der Petrikirche war auch, wie der alte Chronist Möller überliefert,
-in einem Fenster eine Bergmannsfigur dargestellt mit dem Spruche:
-
- »Bawst tu Viel Ertz, gib Gott die ehr
- Brauchs recht, bis fromm, so beschert Gott mehr.«
-
-In einem anderen Fenster daselbst findet sich heute noch das alte
-Innungswappen der Leineweberinnung, das Weberschiffchen mit Spulen von
-zwei schwarzen Löwen gehalten und mit der Inschrift:
-
- »Das allertheuerste Pfandt in der Erden
- Muste in Reine Leinwandt gewickelt werden.«
-
-Hoch oben aber auf dem Turme der Petrikirche hängt das alte
-Bergglöckchen, das früher viermal am Tage zur Schicht rief und heute
-noch mittags um 12 Uhr und abends um 7 Uhr je eine Viertelstunde
-geläutet wird. Wenn seine traute Stimme über die hohen Giebel und
-steilen Dächer der alten Häuser und Gassen dahinklingt, dann wird eine
-ganz besondere Stimmung lebendig und für die alten Kinder der Stadt ist
-es die redende und mahnende, lockende und rufende Stimme der Heimat
-und Jugend, die da laut wird und anders noch ins Herz ruft als andere
-Glocken auf fremden Türmen:
-
- »Auf, auf! Zur Grube ruf ich euch,
- Ich, die ich oben steh,
- So oft ihr in die Tiefe fahrt,
- So denket in die Höh!«
-
-ist der sinnige Spruch, den sie mit ihrem ehernen Klang über die
-Häuser der Menschen bis zu dem Kranz der Gruben und Schächte draußen
-hinausruft.
-
-Die Läuteglocke von 1570 neben ihr im niedrigeren »faulen« Turme
-hängend, ruft nicht zur Arbeit wie sie, sondern zum Kirchgang mit dem
-Spruch:
-
- »Mein Klang dich ruft zum Kirchengang,
- merks Wort, Gott dank, sing Lobgesang.«
-
-Wie schön ist hier bei beiden Glocken in kurzem deutschen Wort ihre
-Bestimmung gesagt. Es ist nicht nötig, immer zur lateinischen Sprache
-zu greifen. Deutscher Geist und deutsche Kraft kann und muß auch für
-solche Zwecke in deutsche Kernsprüche gebannt werden. Freilich werden
-auf die Glockensprüche wohl meist die gelehrten Herrn Geistlichen
-Einfluß genommen haben und neben lateinischem Bibelspruch gern einen
-lateinischen Vers geformt haben, der ihnen dann vielleicht monumentaler
-klang als das ungefüge Deutsch. Kirchliches Herkommen, Handwerksbrauch
-und Bequemlichkeit stellte oft das gelenke Latein über das ungelenke
-Deutsch der alten Zeit.
-
-Die Glocken auf den Petritürmen entstammen der Werkstätte des berühmten
-Gießergeschlechtes der »Hilger« zu Freiberg, welches während des
-15. bis 17. Jahrhunderts in Freiberg blühte, und nicht nur für ganz
-Sachsen, sondern weiter hinaus im Reiche bedeutsame Werke schuf. Kaum
-ein größeres Dorf oder Stadt ist im Erzgebirge, wo nicht im Turm eine
-Hilgerglocke hängt und ihre Stimme tönen läßt. Lauschen wir einmal den
-Klängen ihres ehernen Mundes und den Worten, die sie zu uns sprechen:
-
-Auf der Jakobikirche zu Freiberg ruft uns die größte der Glocken,
-welche 1684 Gabriel Hilliger goß und mit schönem Fries und dem
-Hilligerschen Wappen schmückte, in lateinischen Reimen und Worten zu,
-was ihre Lebensaufgabe ist:
-
- ~»Laudo deum _verum_, plebem voco, congrego _clerum_, mortales
- _ploro_ defunctos festa _decoro_.«~
-
- Ich lobe den wahren Gott, ich rufe das Volk, ich sammle die
- Geistlichkeit, die Toten beweine ich, festliche Tage schmücke
- ich.
-
-Dieser lateinische Reimspruch aus dem Jahre 1684 ist ein alter
-Glockenspruch, den wir auch auf der großen Glocke der Kreuzkirche
-in Dresden von 1503 namens ~Scholastica~ finden. Sie hatte einen
-Durchmesser von 1,82 ~m~ und war von Heinrich Kannengießer gegossen.
-Diese Glocke in Dresden von 1503 versprach aber noch etwas mehr als
-die von 1684 in Freiberg: »~pestem fugo~« stand noch im Glockenspruch:
-»Ich verjage die Pest!« -- Es steckt im Kern darin der uralte
-mittelalterliche Glaube, daß vor dem Glockenklang die Schlangen fliehn.
-1684 hatte man in Freiberg entweder diesen Glauben nicht mehr, oder man
-kannte die Furchtbarkeit der Pest nicht mehr, die im Mittelalter und
-im Kriege als Würgengel die Städte und Dörfer durchschritt, während
-unaufhörlich wimmernde Glockenklänge die Toten beklagten und die
-furchtbare Seuche durch ihren heiligen Klang wie eine böse Teufelsmacht
-verjagen wollten und jammernd zum erbarmungslosen Himmel ihre Hilfe-
-und Gebetsrufe sandten. 1503 ist dieses »~pestem fugo~« noch ein
-Glockenklang aus tiefstem Grunde der Zeit und des Volkes.
-
-Die kleine Glocke in Hilbersdorf von Zacharias Hilliger gegossen und
-mit seinem Wappen geschmückt ist auch solch ein Denkmal aus schwerer
-Zeit, das mit eherner Zunge sein Schicksal kündet aus den Jahren des
-Dreißigjährigen Krieges, als Freiberg und seine Umgebung bald von den
-Kaiserlichen, bald von den Schweden, bald von Freund, bald von Feind
-mißhandelt, geschunden und gemartert wurde. Die Umschrift der Glocke
-lautet:
-
- »Feuer durch Krieg nam Weck mein Hall Anno 1639
- Gott gab mir wieder nawen Schall Anno 1641. ~Z. H.~«
-
-Gar manche Glocken in Sachsen sind durch Krieg und Brand zerstört und
-umgegossen worden und erzählen in kurzem Wort so ihr Schicksal. Die
-Glocke der Liebfrauenkirche (Gottesackerkirche) in Zschopau wurde 1748
-durch Brand vernichtet und meldet nun, was ihr geschah und was ihre
-Aufgabe ist, mit folgenden Worten:
-
- Für dem Brande dient ich Leichen,
- Itzo da die andern schweigen
- Ruf ich euch zu Gottes Wort
- Laßt es seyn der Seelen Hort.
- Anno 1751 goß mich Johann Christoph Hose.
-
-Von den Glocken aus dem Reformationsjahrhundert, welche der Gießhütte
-unsers Hilger entstammen, seien besonders zwei große Glocken der
-Thomaskirche in Leipzig genannt. Wie oft mag ihr voller Klang das Ohr
-des großen Thomaskantors Johann Sebastian Bach berührt und ihre tönende
-Seele seinen Geist über die Niederungen des Lebens zu seinen ewigen,
-gewaltigen Harmonien emporgetragen haben. Die Schlagglocke, 1,55 ~m~
-breit, wurde 1539 auf Kosten des Rats von »Martin Hillger, Kannen- und
-Glockengießer von Freyberg«, an Stelle einer zerbrochenen alten für
-123 Schock 17 Gr. 3 Pf. gegossen. Zur Beschaffung der Glockenspeise
-kaufte man eine alte Glocke von »eynem pfaffen«. Sie trägt außer der
-Jahreszahl den Spruch aus dem 127. Psalm:
-
- ~»Nisi dominus custodierit civitatem frustra vigilat qui
- custodet eam.«~
-
-»Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, wachen ihre Wächter umsonst«.
-Der gleiche Spruch findet sich auf der Stundenglocke des Freiberger
-Domes von 1540, die Martin Hillger nahezu gleichzeitig mit er
-Leipziger Thomasglocke gegossen hat.
-
-Die andere Thomasglocke von 1,72 ~m~ Durchmesser hat 1574 Wolff
-Hilliger gegossen und mit seinem Wappen geschmückt. Die Rüstung für die
-Glocke machte Hieronymus Freiberger und 21 Männer mußten die Glocke
-zu ihrem luftigen Stuhle emporziehen, damit sie ihre Stimme erheben
-konnte, wie ihre Inschrift sagt:
-
- ~In laudem aeterni dei, cui soli sempiterna gloria.~
-
- »Zum Lobe des ewigen Gottes, dem allein ewiger Ruhm gebührt.«
-
-203 fl. erhielt Wolff Hilliger für sein Werk.
-
-Auch auf dem Turme der Stadtkirche zu Pirna, der so malerisch im
-Stadtbilde steht, hängt eine Glocke von Wolff Hilliger aus dem Jahre
-1561 mit lateinischem Spruche:
-
- »~Ordine bis senas lux quaelibet exit in horas
- hora sed in curas crescere quaeque solet.~
- Wolf Hilger czu Freibergk gos mich.«
-
- »Der Regel nach schwindet das Tageslicht binnen 12 Stunden.
- In Sorgen pflegt aber jede Stunde zu wachsen!«
-
-Es ist kein sonderlich froher Spruch, der hier auf der Stundenglocke
-von Pirna seine Sorgenweisheit kundgibt: Jeder Schlag dieser
-Sorgenglocke Ende einer Sorgenstunde? Anfang einer Sorgenstunde? --
-Nein, die Sorgenglocke will vor unnützen Sorgen warnen, weil auch die
-Sorgenstunden vergehen und auch die Sonne eines Sorgentages sich nach
-12 Stunden neigen muß, so lang seine Stunden auch scheinen.
-
-Nicht weit von Pirna, im Schlosse von Groß-Sedlitz ist eine Glocke von
-Michael Weinhold in Dresden erhalten mit der Inschrift: »~Scias, qui
-audis me admetiri partes vitae.~« Wisse, der du hörst, daß ich die
-Teile des Lebens zumesse. Ein ähnlicher Gedanke ist es wie in Pirna,
-zum Ernste mahnend, auf die Vergänglichkeit weisend, wie so manche
-alte Sprüche an Sonnenuhren, z. B. »~Una ex hisce morieris~«. In einer
-von diesen (Stunden) wirst du sterben, oder noch kürzer in zwei Worten
-gesagt: »~Una ultima~«. Eine ist die Letzte.
-
-Das Jahrhundert der Sorgen war in Deutschland vor allem das des
-unheilvollen Dreißigjährigen Krieges. Im Jahre 1617, ein Jahr vor
-Beginn des Krieges, wurde in Hennersdorf eine Glocke von Andreas Herold
-auf den Turm gezogen, welche den Spruch verkündete:
-
- »Ich melde Beten an, Sturm, Feuer, Leuchen, Pracht
- Andreas Herold mich hat gemacht. 1617.«
-
-Ist es nicht wie ein Sturmsignal, wie eine düstere Prophezeiung der
-kommenden Not und Drangsale? Wenige Jahre nach Beginn des Krieges,
-1621, klingt ergreifend der Glockenton von Röhrsdorf bei Pirna über die
-Dächer ins Land hinaus als Gebetsruf zum Himmel sich schwingend:
-
- ~Da pacem domine in diebus nostris~
- Jo. Hilliger ~F. anno MDCXXI.~
-
- »Herr gib Frieden in unseren Tagen!«
-
-Die Glocke von Lauter aus jenen schweren Zeiten, von Gabriel und
-Zacharias Hilliger gegossen, weist aus dem Elend der Zeit auf die
-künftige Herrlichkeit, im sinnigen Wortspiele den Namen des Ortes in
-den Spruch aufnehmend:
-
- »_Lauter_ Freud und Herrlichkeit
- Ist den Frommen dort bereit.«
-
-Das Jenseits als Ort der Zuflucht aus der Not des täglichen Lebens.
-
-Das Glockengießen mag bald in jener Leidenszeit aufgehört haben und
-die Stückgießerei mehr Anklang gefunden haben, ganz wie in unseren
-schweren Weltkriegstagen. Mit Tausenden von Dörfern und Kirchen, die
-in Asche sanken, schmolzen Glocken dahin, um nie wieder zum klingenden
-Leben zu erwachen. Viele mögen auch zu Geschützen geworden sein!
-Und wo noch Glocken in Dörfern auf den Türmen hingen, da schwiegen
-sie, um nicht den Feind, der wie Wolfsrudel durch das Land strich,
-herbeizurufen, und wenn eine Glockenstimme klang, dann kündete sie
-Sturm, Mord, Brand, Elend und Tod. Neue Glocken aus dieser Zeit sind
-kaum vorhanden. Sie hätten ja nur eine Stimme für Klagerufe, eine
-Stimme mit Tränen haben können. In Lichtenberg bei Freiberg hängt auf
-dem Turme eine Glocke von Gabriel Hilliger aus dem Jahre 1648, dem
-Endjahre des großen Krieges, als seine stürmischen Wogen sich schon
-sänftigten. Sie trägt Hilligers Wappen und die Umschrift: »~Si deus pro
-nobis quis contra. anno 1648.~« Ist Gott für uns, wer wider uns! Man
-spürt aus diesem Wort, wie neue Hoffnung und neues Leben mit starkem
-Gottvertrauen sich regt, und doch ein gewisser kriegerischer Unterton
-noch mitklingt, voller Luthertrotz. Die Kriegszeit stand noch zu frisch
-vor Augen und Erinnerung und schwingt noch mit im Glockenklang.
-
-Fünf Jahre später, 1653, wird in Niederpretzschendorf eine Glocke
-desselben Gabriel Hilliger aufgehängt. Die weiß nichts mehr von den
-Kriegsnöten zu berichten.
-
- Libe Gott sag ich Lob, Preis und Dank
- Mein Klang dich rufft zum Kirchengang.
- Gabriel Hilliger zu Freibergk goß mich.
- 1653.
-
-Wie das Läuten zum Sommertag einer behaglichen, friedlichen, ländlichen
-Gemeinde scheint dieser Spruch dahinzuwallen über satte, saubere Höfe,
-über wogende Felder, über rauschenden Wald. Dieser Spruch wäre zehn
-oder zwanzig Jahre früher wohl kaum auf einer neuen Glocke denkbar
-gewesen.
-
-Das Leben nach dem großen Kriege mag freilich oft noch übergesprudelt
-sein, und die leere Kirche mag manchem Pfarrherrn Gewissensnöte
-gebracht haben, wenn die räudigen Schäflein seitab getrabt waren.
-Ist es zu verwundern, wenn der Pfarrer von Markersbach sich 1660 bei
-Gabriel Hilliger eine Glocke bestellt mit dem lateinischen Hexameter:
-»~Campana vult populum sonans ad sacra venire~«. Die klingende Glocke
-will, daß das Volk zur Kirche komme. Es ist freilich nicht überliefert,
-ob die Markersbacher diesem Notruf ihres Pfarrers und ihrer Glocke
-besser gefolgt sind als zuvor. Auch heute noch klingt ihre mahnende und
-rufende Stimme über Dach und Dorf.
-
-Noch zwei Glocken aus dem Jahrhundert des großen Krieges sollen uns
-ihre Weisheit künden: Die große Glocke von Kreischa aus dem Jahre 1672,
-von Herold gegossen, ruft uns ein musikalisch Gleichnis und Mahnung
-zu, aus welcher auch ein gewisser Stolz des Gießers auf sein Werk
-mitklingt: »Gleichwie die Glocken fein zusammenstimmen, also soll auch
-unser Leben mit Gottes Wort übereinstimmen und ein feine Harmoniam
-mit demselben machen.« Nichts von Krieg und Sorgen und Nöten, alles
-Stimmung und Harmonie, als ob man in ein freundliches altes Pfarrhaus
-schaut, wo Friede wohnt und gespendet wird und alle bitteren Gegensätze
-sich aufzulösen scheinen, wo ein milder, musikliebender Pfarrer in
-stiller Studierstube sich dieses zarte Mahnwort für seine neue Glocke
-erdenkt -- und doch sieht das Leben so ganz anders aus; nicht die
-Harmonien, sondern die Dissonanzen sind darin so oft bestimmend und
-wirksam und machen die Menschen so oft elend! --
-
-Die andere Glocke in Gersdorf bei Döbeln von 1696 kennt das
-Leben besser. Im Westen verheerten schon wieder französische
-Mordbrennerbanden das Land und im Süden bebten die Völker vor der neuen
-Türkengefahr. Ihr Spruch lautet:
-
- 1696 Goß mich Johann Jakob Hoffmann von Halle.
- »Zum Gottesdienst ich rufe zur Freud und auch zum Leid.
- Ach Gott behüt für Feind und Feuers Noth Allzeit.«
-
-Das ist schon wieder der Notschrei, wie er so oft durch unser deutsches
-Land erklang und von den Türmen ins Land hinausrief, und der wie ein
-bitteres Wehe durch unser deutsches Schicksal klagt!
-
-Der Notschrei klingt auch aus der Stimme der kleinen Glocke von
-Oberwiesa aus dem folgenden Jahrhundert:
-
- »O Got las dir befohlen sein die Glocke und auch die Kirche
- dein.
-
- ~Soli Deo gloria anno 1708~«
-
-Der nordische Krieg mit dem kühnen Schwedenkönig Karl XII. hatte
-seine blutigen Schatten bis ins Sachsenland geworfen. Vielleicht war
-die Glocke der schwererrungene Ersatz für eine im Dreißigjährigen
-Kriege verlorene. Ein volles Jahr lang, bis kurz ehe sie gegossen
-wurde, hatte ein großes Schwedenheer im unglücklichen Sachsenlande
-gelegen und nicht weniger als 23 Millionen Taler, ungerechnet die
-Naturallieferungen herausgepreßt, sodaß unter diesem Drucke und unter
-der ungeheuren Steuerlast, welche die teuere Hofhaltung August des
-Starken und seine Leidenschaften erforderten, die Bauern kaum den
-notdürftigsten Lebensunterhalt hatten. Die Zeiten des großen Krieges
-schienen wiedergekehrt zu sein. Da wurde jedes Glockenläuten schon von
-selbst ein Angstruf um Schutz für die Glocke und Kirche und damit für
-die ganze Gemeinde, und wurde ihr Spruch so recht ein Ausdruck seiner
-Zeit und ihrer Not und ganz besonderen Seelenstimmung.
-
-Wenige Jahre später, im Jahre 1712, ließ in Crandorf eine Glocke von
-Michael Weinhold zum ersten Male ihren ehernen Klang über die Dächer
-dahinschallen mit lateinischen Worten: »~ignes festa. deum, stata
-tempora, funera, plebem, nuncio, honoro, cano, denoto, ploro, voco.~«
-»Feuer, Feste, Gott, bestimmte Zeiten, Begräbnisse, das Volk, melde
-ich, ehre ich, lobsinge ich, bezeichne ich, beklage ich, rufe ich.« Man
-hört es aus diesem Spruche schon, daß die Zeiten ruhiger geworden sind,
-daß ein lateinsicherer Pfarrer sich heiß um diesen etwas holperigen
-lateinischen Vers bemüht hat und gewiß sehr stolz auf ihn war. Wie
-viele aber seiner Schäflein verstanden haben, was er in gut Deutsch
-hätte sagen können, das mag ihn nicht sonderlich berührt haben. Er
-kannte wohl seine Leute! Der feierliche Klang der fremden Worte macht
-ja unverstanden oft tieferen Eindruck von geheimnisvoller Kraft auf
-schlichte Gemüter als einfaches Deutsch. Man denke an Zauberformeln
-u. dgl., deren Wunderkräfte meist nur in ihrer Unverstandenheit und
-dem daraus entstehenden blinden Glauben an ihre Gewalt beruhen.
-Immerhin ist es bei diesem Glockenspruche bezeichnend, daß ~ignes~,
-die Feuersbrunst, und ihre Meldung als erste Aufgabe der Glocke an
-der Spitze steht. Es mag doch nicht so ganz selten der Feuerruf nötig
-gewesen sein.
-
-Wem klingen dabei nicht Schillers wundervolle Verse durch Herz und
-Ohr, in denen er die Feuersbrunst schildert und die Glocke als ihre
-Künderin: »Hört ihrs wimmern hoch vom Turm? Das ist Sturm!« Wer denkt
-nicht an den Spruch dieser unsterblichsten, ja ewigen Glocke: »~Vivos
-voco. Mortuos plango. Fulgura frango~«? »Die Lebendigen rufe ich, die
-Toten beklage ich, die Blitze breche ich«?
-
-Dieser weltbekannte Glockenspruch Schillers findet sich fast wörtlich
-auf einer Glocke in Reinhardtsgrimma aus dem 15. Jahrhundert: »~vivos
-voco, fulgura frango, defunctos plango~«. Ob der Dichter diesen Spruch
-gekannt und von dieser Glocke die Worte entnommen hat, welche er seinem
-unsterblichen Gedichte vorangestellt? --
-
-Daß die Metallmassen der Glocken einen Einfluß auf elektrische
-Spannungen, d. h. die Blitzgefahr, haben und ihr Unheil abzuwenden
-vermögen, ist eine Beobachtung und Erkenntnis, welche man im
-15. Jahrhundert nicht vermutet. Erst in Schillers Tagen ist ja durch
-Benjamin Franklin durch die Erfindung des Blitzableiters diese
-Wirkung des Metalls technisch ausgenutzt worden, und unsere Zeit
-erst faßt wieder alle Metallmassen an Dach und Haus zum gesammelten,
-geschlossenen Blitzschutz zusammen, ein Gedanke, der im Kerne schon im
-Glockenspruche von Reinhardtsgrimma aus dem 15. Jahrhundert liegt.
-
-Doch kehren wir nun zur Gießhütte der Hilliger in Freiberg zurück.
-Nicht bloß zahlreiche vielgerühmte Glocken mit trefflichem Klang und
-Spruch und von schöner Form gingen daraus hervor, sondern auch die
-köstlichen messingenen und bronzenen Grabplatten in der kurfürstlichen
-Grabkapelle am Dome zu Freiberg, diesem herrlichen Mausoleum
-sächsischer Kunst und Geschichte, und so manche Platte hie und da im
-weiten deutschen Reich, die Stolz und Zierde ihrer Stätte ist. Aus
-ihrer Hütte stammen auch zahlreiche figurengeschmückte, künstlerisch
-durchgebildete Kanonen in reichen Renaissanceformen. Auch bei diesen
-Geschützrohren zeigt sich die Lust am Sinnbild und Sinnspruch, am
-derben Witz und kräftigen, treffenden Reimspiel. Wie während des
-Krieges die 42 ~cm~-Mörser den Namen »Dicke Bertha« führten, so trug in
-jenen Zeiten jedes Geschütz seinen Namen, der durch den künstlerischen
-Schmuck und Denkspruch erklärt wird.
-
-Aus der großen Reihe dieser Werke des Freiberger Gießergeschlechtes
-seien nur einige ihrer Sprüche wegen hervorgehoben. Diese Sprüche sind
-ausnahmslos deutsch und manchmal in recht grober, ungefüger Sprache
-verfaßt, wie sie vielleicht zum rauhen Handwerk und den groben Stücken
-am besten stimmte.
-
-Der »Rautenkranz« vom Jahre 1557 war verziert mit Wappen und einem
-Rautengewinde, das sich spiralförmig um das Rohr legte. Sein Sinnspruch
-lautete:
-
- »Ich bin genant der Rawtenkrantz,
- mein Feind ich bin ein bitter Tranc.«
-
-Der »Wilde Mann« trug als Schmuck zwei kniende, sich packende wilde
-Männer mit den sich kreuzenden Kurschwertern und den Spruch:
-
- »Halt fest, wilder Man
- Was dw hast, las nicht gan.«
-
-Die »Sachsenländerin« mit dem Spruche:
-
- »Ich heis die Sachsenlenderin.
- Wenn du meinst ich sei weit von dan,
- so bin ich bei dir dinne«
-
-Das »Krokodil« von 1574 verschoß Kugeln von 42 Pfund Eisen und brüllte
-ins Feld seinen Spruch:
-
- »Churfürst Augustus lies uns nennen
- Die Crocodyl. Man wird uns kennen
- In gantz Europa. Wo wir krachen
- Muß man uns Thür und Thor aufmachen.«
-
-Namen von Tieren waren besonders beliebt.
-
-Das »Rhinozeros« trägt den schönen sinnigen Spruch:
-
- »Renocerus thv mich nennen,
- thvren vnd mavren ich thv trennen.«
-
-Der »Wolf« oder »Isegrimm« mit einem Schaf im Rachen dargestellt, ruft
-drohend den Spruch:
-
- »Her Eisegrei bin ich genant
- ich werf nider Maver und Wandt.«
-
-Die »Sirene« vom Jahre 1635 trägt den in den ersten beiden Zeilen ganz
-neuzeitlich klingenden Spruch:
-
- »Dem Vaterland zv Schvtz
- Dessen Feinden zvm Trvtz
- Seind wir Sirenen Nvtz.«
-
-Eine metallene Feldschlange von 1538, die auf dem Donatsturm stand,
-wurde, wie die Beschreibung sagt, geschmückt »mit einem ›~Cupido~‹, der
-mit seinem Pfeil auf einen vor sich auf dem Bauch liegenden geflügelten
-Knaben nach dem Hintern zielet«, ferner mit einer »nackenden
-Weibes-Person, spielt auf einer Violine ›ich bi de fitlerines‹«. Die
-Melodie, welche diese fitlerine vom Donatsturme hören ließ, mag oft
-nicht angenehm geklungen haben.
-
-Der »Drache« vom Jahre 1637 droht mit folgendem Spruch:
-
- »Ich bin auch als der Trachn
- Spei Feier und Hagel aus mein Rachn
- All mein Feinde toth zu machn.«
-
-Und der »Drache« von 1573:
-
- »Der Drach ists Teufels Bursgesel,
- Bringt manchen blutig fur die Hell.«
-
-Der »Bär« von 1607 warnt seine Feinde:
-
- »Christian der Ander hat befohln
- Uns Behrn zu gissen das wir soln
- Sein Feind verfolgen mit Gewalt.
- Hut dich. Mit Sachsen Fride halt.«
-
-Der »Staar« vom Jahre 1572 läßt seine Stimme wie folgt vernehmen:
-
- »Ich heis der Sprenclige Schwarze Staar
- Mit dem Ich Red: Der Wirts Gewahr«
-
-und der »Kauz« vom Jahre 1572 ruft mit derbem Humor:
-
- »Ich bin genant der kleine Kauz
- Hau manchem sehr hart vor die Schnauz.«
-
-Solche kräftige Sprache gehört wirklich zum groben Geschütz! Ein
-artiger Zufall ist es, daß 1914 eine im Gebrauch befindliche
-französische Bronzekanone aus dem 17. Jahrhundert erbeutet und
-im Lichthofe des Berliner Zeughauses ausgestellt war, in welche
-nachträglich die Züge eingearbeitet sind. Sie ist mit schöner
-Renaissanceform und Zierrat geschmückt und führt den Namen:
-»~L’Hirondelle~«, »Die Schwalbe«! Ihr Spruch lautet:
-
- »~Ultima ratio regis.~«
-
-Es zeigt sich im Gegensatz zu den vorigen Kanonen darin der Unterschied
-des deutschen und französischen Geistes: Der Deutsche bringt Spruch,
-Namen und Sinnbild und den Zweck des Geschützes in einen inneren
-geistigen Zusammenhang und zu kräftigem Ausdruck, er sucht in jedem
-Ding den tiefen inneren Sinn. Der welsche Geist ist mit dem schönen
-Namen und der Form zufrieden, der sinnige Zusammenhang ist ihm
-gleichgültig. Daß »Die Schwalbe« des alten französischen Königs der
-Bote für die Grüße der uns feindlichen Republik war und als ~ultima
-ratio regis~ von den Feldgrauen des deutschen Kaisers eingefangen
-wurde, das war ein besonders sinniges Spiel des Schicksals.
-
-Diesen echt deutschen Zusammenhang zwischen Namen, Spruch, Bild und
-innerer Bedeutung kann man auch an den deutschen Wappensprüchen
-kennenlernen. Auch hier hatten die alten Freiberger Bürgergeschlechter
-ihre eigenartige Prägung gefunden.
-
-So zeigt das Wappen des alten Bürgermeisters Lorenz Fleischer, † 1584,
-einen Mann mit Fleischerbeil und mit gewissem Bürgerstolz den Spruch:
-
- »Es sind nicht alle Fleischhacker,
- Die das Fleischbeil tragen so wacker.
- Es steckt offt was darhinter mehr
- Jedoch haben Handwerge auch ihr Ehr.«
-
-Seine Gattin war eine Tochter des alten Geschlechtes der Alnpeck, das
-einen Adlerkopf auf schwarzem Grund im Wappen führte mit dem Spruch:
-
- »Hoho, du werther Geyers-halß
- Frisch dran und thu ja fressen allß
- Was falsch und übermutigk ist,
- Bestreidt meine Feind zu aller Frist.«
-
-Das Wappen des wackeren Bürgers Lorentz Beyer führt einen Turm im roten
-Feld und den Spruch:
-
- »Wer Gott dem Herrn vertrauet fest,
- Thut besser, alß der sich verleßt
- Auf Thurm, oder ander gewaldt
- So oftmals betreugt mannigfalt.«
-
- Darunter: »~Nomen domini turris fortissima.~«
- »Der Name des Herrn ist der stärkste Turm.«
-
-Klingt dieser Wappenspruch nicht wie Luthers machtvolles »Eine feste
-Burg ist unser Gott!«, das im Felde und daheim so oft seine alte,
-eherne und Erz in Blut und Herzen strömende Kraft bewiesen hat?!
-
-Wie die wahren überwindenden Kräfte nicht in äußeren, materiellen
-Dingen liegen, sondern im tiefsten Urgrund der Seele wurzeln und von
-dort wirken und wachsen und Werte schaffen, das sagen uns noch andere
-Sprüche.
-
-An der alten Ochsenbastion in Görlitz, welche unmittelbar an der Neiße
-liegt, als ein wuchtiger, malerischer Rest der alten Befestigung, steht
-ein lateinisches Wort aus dem Jahre 1530: »~Civitatem melius tutatur
-amor civium quae alta propugnacula~«. »Eine Stadt schützt besser die
-Liebe der Bürger als hohe Bollwerke.«
-
-Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne wird das Stadtbild
-unter einen ähnlichen Gedanken gestellt: »~Urbis salus est civium
-concordia~«. »Das Heil der Stadt ist die Eintracht der Bürger«. Es wird
-damit hingewiesen auf die ruhmvolle Verteidigung gegen die Schweden,
-wo sich die Wahrheit dieses Satzes so herrlich erwies. Und doch wieder
-klingt mit ernstem Glockenton dazwischen die Warnung vor zu stolzem
-Selbstvertrauen: An der Stundenglocke im Dachreiter des Domes zu
-Freiberg steht im Erz der Spruch von 1540: »~Nisi dominus custodierit
-civitatem, frustra vigilat qui custodierit eam.~« »Wenn der Herr nicht
-die Stadt behütet, so wachen ihre Wächter umsonst.« Vaterlandsliebe
-und Gottvertrauen werden in diesen Sprüchen als starke Wehr und Waffen
-gepriesen. Sie sagen uns das, was Fichte in schwerer Zeit seiner
-deutschen Nation zugerufen und was auch heute noch gilt: »Nicht die
-Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des
-Gemüts ist es, welche Siege erkämpft.« Wir sind zwar waffenlos, aber
-nicht wehrlos, nicht ehrlos, nicht sieglos, wenn diese Gemütskräfte
-unser Volk zusammenschließen zur Einheit und Tat.
-
-Auch unseren Tagen, unserem Volksleben, unserer Kunst täte es not, nach
-dem Beispiel unserer Väter in kraftvollem Wort, Sinnbild oder Spruch an
-Haus und Gerät die Erinnerung an Männer und Taten und große Ereignisse
-zu pflegen und den Geist und das Herz zu stählen, wie es einst die
-Männer des Reformationszeitalters taten, denen die Buchstaben ~V. D. M.
-I. AE.~ am Tore des Hauses ein Bekenntnis und ein Schwur, ein Halt und
-eine Tat war und bedeutete. In kernigem, gehaltreichem Sinnspruch oder
-tiefdeutigem Segenswunsch, mitten im flutenden, wirbelnden Strom des
-Lebens und der Arbeit, je nach Ort und Art und Zweck in künstlerischer
-Form soll diese alte schöne deutsche Sitte mehr und mehr lebendig
-werden und wirken.
-
-Das alte ehrwürdige Rathaus, das so viel Freud und Leid gesehen, so
-viel Sturm und Drang erlebt hat, in dem so viel starke, tapfere, treue
-Herzen geschlagen haben, trägt mancherlei Sprüche, die auf seine
-Bestimmung hinweisen und den, der eines Amtes dort zu walten hat,
-mahnen und lehren und die besten Kräfte des Gemütes wecken wollen. Von
-dem neuen Eingang an der Burgstraße klingt jedem Vorübergehenden, jedem
-Eintretenden das Wort entgegen:
-
- »Du bist ein Nichts im Ganzen,
- wenn du ihm nicht dienst!«
-
-Ein Führer im Wirtschaftsleben hat dieses Wort für falsch erklärt, weil
-der Zeitgeist jetzt umgekehrt sage: »Das Ganze ist mir ein Nichts, Wenn
-es mir nicht dient!« Ehe dieser Geist nicht überwunden ist und der
-echte Spruch nicht wahre Geltung gewinnt, kann nichts Ganzes sich bei
-uns gestalten. Hat der Mann Recht? --
-
-Diese ernste Mahnung, die unsrer Zeit so besonders not tut, tönt auch
-vom neuen Torbogen am alten Donatsturm ins Straßenleben hinein mit den
-Worten:
-
- »Gemeinwohl geht über dein Wohl!«
-
-und mit dem anderen Spruche:
-
- »Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!«
-
-Im Rathause selbst ist im Ratszimmer eine alte quadratische Tafel von
-30 ~cm~ Seitenlänge mit vergoldetem Barockrahmen und Stadtwappen
-geziert erhalten, welche aus der alten Gerichtsstube stammt und in
-schöner Reliefschrift in lateinischen Großbuchstaben sich mahnend an
-die Ratsherrn, die ja zugleich Richter waren, wendet:
-
- ~Quiquis senator officii causa curiam ingrederis, ante hoc
- ostium privatos affectus omnes abiicito: Iram, vim, odium,
- amicitiam, adulationem, reipublicae personam et curam
- subiicito. Nam ut aliis aequus aut iniquus fueris, itaquoque
- iudicium dei expectabis et sustinebis.~
-
-Der Chronist Andreas Möller nennt diese Tafel bereits in seinem
-~Theatrum Freibergense~ von 1653 und übersetzt die auch im Rathaus zu
-Regensburg befindliche Inschrift:
-
- »Ein jeder, der als ein Raths Herr Amptwegen auffs Rath Hauß
- gehet, lege für dieser Thür ab alte ~Privat Affecten~, als da
- sind der Zorn, Gewalt, Haß, Freundschafft, Schmeuchlerey ~etc.~
- und unterwerffe seine Person und Sorge dem Gemeinen besten.
- Denn wie er gegen andere der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit
- sich befleissigen wird, also hat er auch das Gericht Gottes zu
- gewarten und außzustehen.«
-
-Dieselbe Mahnung zur Gerechtigkeit finden wir auch auf einer anderen
-Tafel, welche über dem Eingang zum Ratszimmer hängt und mit goldener
-Schrift auf schwarzem Grunde die schönen Renaissanceformen ihrer
-Ursprungszeit 1582 zeigt:
-
- Gleich und Recht theil mit menniglich
- Und nicht nach Gunst das Urtheil bieg.
- Den Armen hör, sein notturft betracht
- So wirst du von Gott und der Welt geacht.
- Denn wo du helst unrecht Gericht
- Wirds dir Gott widerumb schenken nicht.
- 1582 Peter Zorn.
-
-Die älteste Inschrift im Rathause jedoch ist der Spruch über der
-gotischen Spitzbogentür, welche in den jetzigen Stadtverordnetensaal,
-die frühere Rats- und Gerichtsstube, führt. In diesem Raum wurde dem
-mächtigen Kunz von Kaufungen das Todesurteil im Juli 1445 gesprochen.
-Die Inschrift mag aus dem Jahre 1416 stammen, als die Ratssitzungen in
-diesem neuentstandenen Raume aufgenommen wurden, und lautet:
-
-»Auch sol eyn ytzlicher zcüchtigen seynn wort, der hyrinne zcu schicken
-hat.« Es fehlt der erste Teil des Spruches, den Möller überliefert mit
-dem bekannten Satze:
-
- Halb ist eynes manes Rede
- Darumb soll man hören beede.
-
-Das sind goldene Worte für alle Stätten und Stellen, wo man zu rechten,
-zu raten und zu taten hat: Sein Wort züchtigen, d. h. in Zucht zu
-halten, ist eine passende Mahnung auch für die jetzige Bestimmung des
-Saales, für die Stadtverordnetensitzungen.
-
-An Sprüchen und Schildereien hatten die alten Freiberger viel Freude,
-und manches Sprüchlein auch im Rathause ist längst dahingeschwunden.
-So stand mit feinem Humor über einem Schreiberstüblein, in dem auch
-»etliche besondere Acta ordentlichen verwahret« wurden, der Satz:
-»~Nunquam recte regetur Respublica nisi ordine regatur.~« Niemals wird
-ein Staat richtig regiert werden, wenn er nicht durch Ordnung regiert
-wird. Wie mögen die in der Kopistenstube regierenden Schreiberlein da
-Ordnung in ihrem Aktenstaate gehalten haben! --
-
-Der obere Rathaussaal war im Mittelalter zugleich die Rüstkammer, in
-der die Armbrüste, lederne Schilde und andere Waffen hingen.
-
-Es waren dies die Waffen gegen äußere Feinde, welche stets zur Hand und
-gebrauchsfertig sein mußten.
-
-Im unteren Rathausflur hingen die Waffen gegen einen anderen grimmigen
-Feind, der öfter die Stadt zerstörte und vielen einzelnen Bürgern
-schweren Schaden zufügte, das Feuer. Zu Hunderten hingen Feuereimer aus
-Leder an der schweren Balkendecke, viele mit Zeichen und Malereien oder
-Verschen geschmückt. Aus dem Spittel wird uns solch Feuereimerverslein
-überliefert:
-
- »Im Fall der Noth, da Gott vor sei,
- muß jeder haben ihrer zwei
- oder einen rechten großen.«
-
-Daß auch in neuerer Zeit die Freude an Spruch und Reim nicht ganz
-erstorben ist und hie und da auch heute noch am Haus oder Tür ihren
-Ausdruck findet, ist nur zu begrüßen. Wer mag sich nicht freuen über
-die sinnigen, fein empfundenen Verse, die über einer Gartenpforte
-stehen, die man als Inschrift über jede Kleingartenanlage setzen könnte:
-
- »Mein Garten dünkt mich kindisch klein,
- Schau ich nur von ohngefähr hinein;
- Doch fang ich an, ihn umzugraben,
- Mein’ ich ein Königreich zu haben.«
-
-Von der Türe zum stillen Reiche derer, die müde geworden von der
-Arbeit des Lebens, Feierabend machen durften, vom Haupteingange des
-Johannishospitals grüßt das Wort der Jünger von Emmaus:
-
- »Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden.«
-
-und von der Tür des Siechenhauses, vom Bartholomäushospital tröstet den
-matten Erdenpilger, der hier seine letzte Zuflucht und Pflege sucht,
-der Spruch:
-
- »Ich will euch tragen bis ins Alter, bis daß ihr grau werdet.«
-
-Das Gedächtnis des Weltkrieges aus einer Zeit, da die deutsche Kraft
-innen und außen, die deutschen Waffen noch unüberwindlich schienen,
-bewahrt der Neubau der alten Kreuzmühle.
-
-Nicht lange vor dem Kriege ging der alte malerische, von wildem Wein
-dicht umsponnene Bau mit dem mächtigen Mansardendach in Flammen auf und
-wurde 1914 bis 1915 in verwandter Form dem neuen Wohnzwecke angepaßt,
-nach meinen Plänen wieder aufgebaut. Eine Schrifttafel über der Haustür
-und ein wuchtiges Schwert mit Lorbeer und den Jahreszahlen 1914--1915
-als Sinnbild neben der Haustür geben der Stimmung der Zeit Ausdruck
-und sind damit ein Hauszeichen und Zeitdenkmal von besonderem Werte
-und Eigenart geworden, das sicher unseren Enkeln und Urenkeln viel zu
-sagen hat und besonders ehrwürdig sein wird. Der Hausspruch, in schönen
-deutschen Buchstaben in Marmor gehauen, lautet:
-
- »Das alte Haus in Flammen stand
- Kurz vor dem großen Weltenbrand,
- Da deutsche Art und deutsches Schwert
- In Not und Tod sich neu bewährt.
- Das neue ward im Krieg geschaffen,
- Gott segne Dach und Volk und Waffen!«
-
-Sinnend schauen wir zur grünumrankten Tafel hinauf und auf das
-lorbeergeschmückte Schwert und denken daran, wie es war, wie es wurde
-und was noch werden mag. Auch unser alter Reichsbau ging in Flammen
-auf. Das neue Dach, das neue Haus ward im Krieg geschaffen und wird
-von Stürmen umtobt, von Feinden bedroht: »Gott segne Dach und Volk und
-Waffen!« Ja, auch die Waffen! -- --
-
-Worin soll die Spruchweisheit unsrer Tage bestehen? Nicht in lockerem
-Scherz und leichten Reimen! Ausdruck der Zeit ist not. Heute liegt
-uns vor allem die Not des Vaterlandes, die Not der Heimat, das
-deutsche Leid am Herzen, das auch unser eigen Leid und Not ist. Wir
-spüren den inneren Zwang, in unserer eigenen Seele und in der Seele
-unseres Volkes und aller einzelnen Volksgenossen neue lautere Ströme
-der Kraft zu gewinnen, um rein und stark, fest und unüberwindlich
-zu werden im schweren Druck, in aller Kampfesnot des täglichen
-Lebens, in aller Sorge und Friedlosigkeit innen und außen. »Not brach
-Eisen, Eisen breche Not« steht auf dem Gefallenengedächtnismal des
-Jäger-Bataillons 12 und Infanterie-Regiments 182 in Freiberg. Eisen,
-nicht Gold braucht unser Volk, um seine Not zu überwinden. Gold macht
-schwach, Eisen macht stark, macht stark die Seele und den Willen, Gold
-bringt Not, Eisen bricht Not! Gold macht gemein, Eisen macht rein!
-
-Der alte deutsche Trotz, wie er durch unsere alten und neuen
-Heldenlieder klingt, der auf sich selber steht auch gegen die ganze
-feindliche Welt, und doch ein Kind ist, wo ihm Treue und Gerechtigkeit
-begegnen, muß vor allem sich wiederfinden und wiederklingen. Solche
-Spruchweisheit sollte keimen und wachsen wie Samenkörner, die der
-Wind ausstreut, daß das öde, verwüstete Land wieder grün wird, die
-zertretenen Fluren der deutschen Seele wieder hoffnungsvoll aufblühen.
-
-Manches köstliche Wort ist in der Dichtkunst früherer Zeiten und
-unserer Tage aus der Tiefe der Heimatliebe wie schimmerndes Edelmetall
-zum Lichte gebracht worden. Diese Schätze müssen dem täglichen Leben
-nahegebracht werden und hineinstrahlen in den Alltag, der heute so
-dunkel und schwer geworden ist, damit sie wirken können zur neuen
-inneren Erhebung als Ausdruck deutschen Wollens und Sollens, Wissens
-und Müssens.
-
-Jedes stolze, trotzige deutsche Manneswort aus tiefer heißer Seele, das
-wie Schwertschlag durch die Seele geht, wie mit eiserner Pflugschar
-tiefe Gründe aufreißt und den Geist seiner Zeit offenbart, mag es auch
-vor Jahrhunderten einem starken deutschen Herzen entsprungen sein, ist
-geeignet zur Wiedergeburt im deutschen Sinne zu wirken und uns zu Kraft
-und deutschem Stolz zu wecken und zu erziehen und heute wie in späteren
-Tagen Zeuge und Mahner zu sein zu deutscher Art und deutschem Geist
-und Wesen und deutscher Tat. Wie unsere Väter ihr Wesen und ihr Wollen
-in Haussprüchen und Denkversen zeigten, so gilt es für uns in und nach
-dem Kampfe für die Heimat Heimatkultur und planmäßige Erziehung zum
-Deutschtum zu treiben mit allen Mitteln und Formen, um unseres Volkes
-beste Art zu stärken und zu stählen, sein tiefstes Wesen in Treue zu
-klären, zu erklären und in Schönheit zu verklären.
-
-Wo deutsch die Steine reden und deutsche Art uns künden, muß deutsches
-Wesen und deutscher Geist wie Felsen fest im Heimatgrunde stehen und
-stark allen Stürmen und Wettern trotzen! Aus heiliger Saat steigt die
-kommende, die stahlblanke Zeit:
-
- Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen!
-
-
-
-
-Im Freiberger Dom.
-
-
-Bist du schon einmal im Freiberger Dom gewesen und hat deine Seele
-Zwiesprache gehalten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein
-gebannt sind? Hat einmal dein Herz es erlauscht, und ist es dir tief
-in dein Inneres gedrungen, daß hier nicht ein totes, steinernes
-Gefüge seine Blöcke zu Säulen und Wänden türmt und seine Gewölbe
-in kunstvollen Rippen und Kappen schließt, sondern daß das Ganze
-ein beseeltes Wesen ist, welches gewachsen ist, sich entwickelt zu
-einem höheren Dasein und lebt? In welchem Gedanken wirken und weben,
-schwingen und klingen, die aus dem tiefsten Innern des Volkes geboren,
-sich emporgerungen haben als Ausdruck der Sehnsucht und des Sinnens,
-wägender Weisheit, wähnenden Wollens und Waltens, ahnenden Schauens
-der Volksseele selbst? Komm mit mir und lausche, was die alten Wände
-raunen: Heimat, Heimat wird dich segnen und reich machen, erheben über
-die Zerrissenheit, Leere und Armut dieser Zeit, wird dich lohnen mit
-dem heiligen Gefühl des Heimatstolzes, daß was aus echt deutscher Seele
-geboren ist, unsterblich, unzerstörbar, ewig ist, weil es Keime immer
-neuen Werdens trägt, Keime der Auferstehung und des Emporringens aus
-der Tiefe zum Licht, zu heiliger Frucht, die wieder Samen streut auf
-Hoffnung und auf Erfüllung verheißende Zukunft!
-
-Wir wollen heute nicht vor der goldenen Pforte, diesem Wunderwerke der
-Kunst aus der ersten Blütezeit der Stadt verweilen, sondern uns still
-an die Stufen des Altars setzen und schauen und hören, was an Stimmen
-und Stimmungen in uns und um uns laut und leise klingend wird, was aus
-fernen Tagen und Taten lebendig wird und Gestalt gewinnt. --
-
-Leise singt die Orgel, sanft mit weichen Stimmen als streichele dir
-liebe Kinderhand die Sorgenstirne und nähme dir alles, was dich
-niederzieht, von der Seele und trüge dich weg von allem, was da
-draußen so grau und zwieträchtig dein Herz bedrängte. Dann braust sie
-gewaltiger empor mit mächtigem Klange jubelnd und jauchzend. Der ganze
-Raum wird ein himmelstürmender Jubel von eherner Wucht und unendlicher
-Reinheit und Schönheit, in dem deine Seele ergriffen und emporgerissen
-wird über Zeit und Ort als hätte sie Flügel, im Sturme zu eilen, zu
-schweben über Welten und Zeiten in strahlender Klarheit sieghaften
-Lichtes, Klarblick zu gewinnen über Weltweiten und Wesen der Dinge.
-Die schlanken Säulen scheinen zu beben als wollten sie sich lösen und
-emporwachsen und aufblühen zu höherer Schönheit. Die Kappen der reichen
-Gewölbe mit ihren Rippen, die wie die Maschen eines kunstvollen Netzes
-sich verschlingen, erzittern, als wollten sie zum Leben erwachen wie
-ein singender, klingender Vogel, der seine Fittiche spannt der Sonne
-entgegen.
-
-Und auf den Wogen der Töne, die dahin quellen und schwellen, in
-wallender Flut sich drängen, überstürzen, eilen, sich suchen und
-fliehen und dann voll und breit dahinströmen, da kommen herbei die
-Gestalten, welche im Laufe der Jahrhunderte ihre Not und ihr Leid, ihre
-Freude und Hoffnung, ihre Sorgen und Pläne, ihre Schmerzen und ihr
-Lieben an diesen heiligen Ort getragen. Unendlich unübersehbar ist die
-Schar. Ihrer aller Seele Sehnen suchte einst an dieser Stätte Frieden
-und Erfüllung und hat ihr eine unsichtbare Weihe gegeben, die Weihe,
-welche nur das höchste Denken und tiefste Fühlen inniger Gemeinschaft
-vor tiefsten Rätselfragen suchender Seelen zahlloser Geschlechter geben
-kann.
-
- * * * * *
-
-Was kommt dort für eine Büßerschar? Mit nackten Füßen paarweise mit
-zerrissenen Gewändern, die den nackten Körper nur wenig verhüllen,
-einen offenen roten spanischen Mantel mit Kreuzen an Hüten und
-Kleidern vorn und hinten tragend? Geißler sind es, auf der Wallfahrt
-zur schönen Marie von Freiberg, jenem wundertätigen, lebensgroßen
-Marienbilde von Wachs, um hier ihrer Sünden und ihrer Schmerzen
-ledig zu werden. Schaurig klingen ihre Bußgesänge, die sie singen,
-um die Pest zu bannen, und klatschend fallen auf den nackten Körper
-die Geißelhiebe, unter denen aus blutigen Striemen die roten Tropfen
-spritzen. Doch wende ab den Blick vom traurigen Zuge. Dort schreiten
-gar würdige Gestalten einher. Die Männer der Freiberger Treue, an ihrer
-Spitze der Bürgermeister Nikolaus Weller von Molsdorf und neben ihm
-Nikolaus Monhaupt und die Ratsherren, welche anno 1446 im sächsischen
-Bruderkrieg einst auf offenem Markte im Sterbehemd lieber ihr Haupt
-dem Richtschwerte boten als den Schwur der Treue ihrem Herrn brachen:
-»Wir sind dessen entschlossen, daß wir lieber, wenn es je anders nicht
-sein könnte, den Tod erwählen und sterben, denn unsere Treu und Seelen
-also hintan setzen wollen.« »Ehe ich soll meinen gnädigen Fürsten
-und Herrn, deme ich gehuldet und geschworen, verraten, lieber soll
-und will ich mir jetzund alsbald meinen alten grauen Kopf abhauen
-lassen«, so klangen fest ihre Worte dem grimmigen Feinde ins trotzige
-Gesicht und überwanden ihn durch die adlige Kraft unbeugsamer Treue.
-»Nicht Kopf weg, Alter, nicht Kopf weg, wir bedürfen solcher ehrlichen
-Leute ferner, die ihr Eid und Pflicht also beherzigen«, war die
-Antwort des feindlichen, ritterlich denkenden Fürsten und dazu die
-Versicherung, nichts gegen Eid und Gewissen zu verlangen. So wahrten
-sie durch todesmutige Treue ihre Ehre und die Wohlfahrt der Stadt.
-Weller von Molsdorf, ihr Führer und Sprecher, war der Erbauer des
-Rathausturmes, den er der Stadt zum Geschenk machte, und sein Wappen,
-zwei Schwanenhälse, die einen Ring im Schnabel tragen, ziert in Stein
-gehauen noch heute die wundervolle gotische Lorenzkapelle im Turme mit
-ihrem schönen, reichen Portale. Wer hatte wohl mehr Recht als er in
-seinem Wappen das Symbol der Treue, den Ring, zu führen und das Wappen
-an heiliger Stelle anzubringen?
-
-Nikolaus Monhaupt dort neben ihm war ein treuer und eifriger Sohn
-der Kirche. In seinem Hause auf der Petersstraße ließ er sich eine
-Kapelle bauen und vom Papste besonders begnaden. Herrliche gotische
-Sterngewölbe auf Rundpfeilern überdecken den Raum, in welchem er seine
-Gottesdienste hielt, diesen Raum, der später der kleinen Schar der
-Anhänger des Wittenberger Bruder Martinus als Zuflucht und Ort der
-Gemeinschaft in schwerer Zeit diente. Hier ward von ihnen das heilige
-Abendmahl in beiderlei Gestalt nach Luthers Lehre zum ersten Male
-begangen und die Herzogin Katharina, die Gemahlin Herzog Heinrichs des
-Frommen, die treue Bekennerin, mag heimlich zu dieser Feier in der
-Gemeinschaft ihrer Glaubensfreunde geschlüpft sein und neue Kraft und
-Erhebung gesucht haben. Noch heute erinnert die steinerne Tafel am
-Hause an diesen Tag. Schon vor dem Bau dieser Kapelle hatte Monhaupt
-seine Frömmigkeit bewiesen durch die Stiftung einer steinernen, farbig
-bemalten Figur der Gottesmutter mit dem Kinde, die heute noch in der
-Annenkapelle am Dom mit ihrer milden Schönheit herniederschaut. Ein
-Englein trägt die mit seinem Wappen geschmückte Konsole, auf der so
-ruhevoll die Gestalt der Maria steht. Vierzig Tage Ablaß waren dem
-verheißen, der vor ihr ein Vaterunser und einige ~Ave Maria~ gebetet.
-Wieviele Tausende mögen vor ihr gekniet haben! In welche trüben
-Fluten von Leid und Not, von Sorge und Sünde, von Schmerzen, Tränen,
-Wünschen und Hoffnungen mögen ihre milden Augen geschaut haben. Wie
-Wallfahrtslieder klingt es uns, wie Weinen und Schluchzen zerbrochener
-Seelen, dann wie Jubeln und Jauchzen erfüllten Sehnens, befreiter
-Herzen.
-
-Vorüber ihr Gestalten, die ihr dort drängt, ihr Fürsten und Reichen,
-ihr Stolzen und Frohen! Das Leid heiligt eine Stätte mehr als die
-Freude. Der Strom der Leidgeprüften ist breiter, ist tiefer als der Zug
-der Freude. Ein Weinen ging durch diese Kirche als Nikolaus Hausmann,
-der in ruhiger Würde dort schreitet und zur Tulpenkanzel hinüberschaut,
-während der Predigt vom Schlage getroffen auf dieser seiner Kanzel
-niedersank. Dieser Schlag traf auch das Herz der jungen Luthergemeinde
-mit schmerzlicher Gewalt. Die Gemeinde war durch den Eigenwillen und
-Übereifer des früheren Pfarrers Schenk in Angst, Not und Zwietracht
-versetzt worden, so daß das reine evangelische Feuer, welches hell
-aufgelodert war, zu erlöschen drohte. Da sandte Luther selbst seinen
-lieben Freund, den Superintendenten Nikolaus Hausmann, um Abhilfe
-zu schaffen und selbst das Amt zu übernehmen, und nun? wo waren alle
-Hoffnungen?
-
-Luther schloß sich in sein Zimmer ein bei der Todesnachricht und weinte
-bitterlich um ihn: »~Quod nos docemus, ille vivit~« hatte er rühmend
-einst von ihm gesagt: »Was wir lehren, lebt er.« Ist dieses Lutherwort
-nicht die herrlichste Grabpredigt, die einem treuen Seelsorger
-nachgerufen werden kann? Seit Hausmanns raschem Tode, am 1. September
-1538 ist die Kanzel, auf der er hinsank, nicht wieder zur Predigt
-betreten worden. Die »Teufelskanzel« wurde sie vom Volke genannt.
-
-Dort steht sie in ihrer bizarren Schönheit mit der sprühenden
-Lebendigkeit und sprudelnden Phantasie ihrer Formen und dem krausen
-Spiele aller Linien. Als wäre ein gewaltiger Blumenkelch emporgeblüht
-aus weißem, steinernen, felsigen Grunde. Aus der Wurzelrosette schießt
-der mittlere, palmenartige Schaft empor, der die seltsame Wunderblume
-auf einem Blätterkelche und Kranze von Weintrauben trägt. Lange
-Blütenstengel wachsen aus dem Blätterkranze am Grunde empor und sind
-mit Seilen zweimal an den Pflanzenschaft gebunden. Ihre Spitzen tragen
-große Knospen, deren Kelchblätter sich untereinander verschlingen.
-Schau, wie zwischen den Blütenstengeln auf Nebenblättern rings um den
-Schaft vier Englein sich tummeln und die Flüglein heben, als wollten
-sie sich haschen, im frohen Spiel rundherum springend im Kreise
-mit kindlichem Jubel. Der Blumenkelch oben ist von freibewegten,
-distelblattartigen Ranken umsponnen, wie von blühendem Steinfiligran
-in reichstem, zierlichen Linienspiel. Hier hat der Meister den starren
-Stein bezwungen mit seinem Meißel, die Ranken frei vom Untergrunde
-gelöst, als wären sie biegsames Edelmetall, das unter dem Hammer sich
-schmiegt und windet, wie der Goldschmied es will, und zu höchster
-Feinheit und Zierlichkeit in wundersamen Formen und Linien sich
-bildet. Die vier Kirchenväter schauen ernst aus dem Geranke hervor,
-Bischof Augustinus, Papst Gregorius, Erzbischof Ambrosius und der als
-Kardinal dargestellte Hieronymus. Es sind die Helden des Glaubens,
-der Verkündigung des Wortes und des Bekenntnisses aus den Sturm-
-und Kampfzeiten der jungen christlichen Kirche. Edle charaktervolle
-Männerköpfe sind es, voll individuellen Lebens und persönlichen
-Ausdrucks. Sind es hier die Bildnisse edler Männer Alt-Freibergs aus
-jener Zeit? Fast will es uns scheinen! Geist und Wille und persönliche
-Bedeutung lebt in ihren Zügen und jeder einzelne ist ein selbständiges
-Werk ausgereifter frei schaffender Bildhauerkunst, fern von den
-Gebundenheiten und Starrheiten der späten gotischen Kunst, voller
-Eigenart und selbständigen Schöpferdranges einer aus deutschem Urgrunde
-heraufblühenden neuen Kunst.
-
-Wer war der Meister? Zwei rätselhafte Buchstaben ~H. W.~ an seinem
-Werke verbergen seinen Namen. Es sprechen für ihn seine Werke in
-ihrer herben Kunst und gehaltvollen Schönheit. Dort sitzt der große
-namenlose Meister ~H. W.~ selbst in Stein gehauen, im schlichten
-Arbeitskittel bescheiden am Fuße der Kanzel neben der untersten
-Treppenstufe. Andächtig lauscht er empor zu den Worten der Schrift von
-der Kanzel. Ganz deutsch ist sein ehrliches Gesicht mit dem kurzen
-Vollbart, sprechend die Bewegung des Mundes, der Hände und des ganzen
-Körpers, so daß man es spürt, wie ihn so ganz das Wort mit Andacht
-erfüllt und in ihm lebendig ist. Neben ihm spielen die Engel zu seiner
-Rechten, sie sind das frohe, jauchzende Leben und zu seiner Linken
-schreiten grimmige Löwen mit offenem Rachen um den Fuß der Kanzel.
-Sind sie die Versuchung, dunkle Leidenschaften oder die Sünde, »der
-Teufel«, der umhergeht wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er
-verschlinge? Stellt der Meister gar sich selbst nur als ein Sinnbild
-der andächtig lauschenden Gemeinde dar, welche unter der Kanzel alles,
-was aus der Andacht reißt und vom Gotteswort abzieht, draußen lassen
-und Gott allein dienend vergessen soll? -- Die alten deutschen Künstler
-haben in ihren Werken die Sprache tiefer Symbolik ohne abgebrauchte
-symbolistische Zeichen besonders geliebt und ihre Zeit verstand die
-innigen Zusammenhänge dieser geheimnisvollen Sprache mit dem Leben und
-Wollen ihrer Tage. Das ganze Rechtsleben und kirchliche Leben war ja
-von Symbolen und sinnbildlichen Handlungen erfüllt, die jedem geläufig
-waren. Was uns zunächst vielleicht als ein willkürliches Spiel bizarrer
-Phantasie ohne inneren Zusammenhang erscheint, als Künstlerlaune oder
-Einfall ohne tiefere Bedeutung, das gewinnt in diesem Lichte vielleicht
-wunderbare Geschlossenheit und ist Ausdruck tiefster Gedanken, welche
-in jener Zeit lebten und von jedem verstanden wurden. -- Das Hündchen
-des Meisters sitzt auf der als Baumstamm gebildeten Säule, um welche
-die Kanzeltreppe sich windet. Es war sicher der Liebling des Meisters,
-sein ständiger Begleiter und sollte auch hier bei ihm sein, und ist in
-köstlicher Naturwahrheit dargestellt. Bei der Arbeit ist es vielleicht
-einmal auf die Spille gesprungen. Der Meister hielt dies Bild fest und
-nun sitzt das Hündchen als das Sinnbild der Treue, als Wächter erhöht
-und schaut keck in die Welt. Nichts entgeht seiner Wachsamkeit und er
-wird eifrig melden jeden, der naht. Will er nicht auch der Gemeinde
-etwas sagen? »Seid wachsam, denn dunkle Gewalten und Leidenschaften
-bedrohen ständig den Aufstieg zur Höhe?« Dieser Aufstieg ist hier durch
-die Kanzeltreppe dargestellt, deren Stufen auf starken Baumstämmen und
-Ästen ruhn. Ächzend unter der Last trägt sie eine Jünglingsgestalt
-auf ihrem Rücken, die rittlings auf einem Baumstumpf hockt. Er trägt
-schwer unter dem Joch der selbst auferlegten Last. Ist er ein Sinnbild
-der Menschenseele, die oft unter selbstgeschaffener Last oder schwerem
-Schicksal seufzt, während dies Schicksal doch nur einen Weg, Stufen zur
-Höhe bedeutet? Man glaubt das Stöhnen aus des Jünglings tiefster Brust
-zu hören, so schmerzlich verzogen ist sein Mund. Die ganze Gestalt ist
-so naturwahr und lebendig in Ausdruck und Bewegung geschaffen, ist so
-aus dem Leben unmittelbar gegriffen und dem Leben mit starker Kraft und
-Sicherheit nachgebildet, daß man nicht glaubt, ein Werk der sterbenden
-Spätgotik vor sich zu haben, sondern es fühlt, daß hier eine neue Kunst
-geboren ist, die Kunst einer deutschen Ur- oder Vorrenaissance aus
-deutschem Grunde, deutschem Fühlen voll eigenwüchsiger Selbständigkeit
-ohne südländisch italienische Muster. Ganz deutsch ist ja das ganze
-Werk, Wesen und innerer Gehalt der Kanzel mit ihrem Beiwerk, in dem
-der Künstler soviel erzählt und von seinem Denken und Fühlen, von der
-Traumwelt seiner Seele hineinlegt. Nur eines Deutschen, eines großen
-Künstlers suchende schöpferische Seele kann soviel geben und über die
-formale Schönheit hinaus die tiefe innige Welt seiner Seelengedanken
-in seinem Werke offenbaren, den eigentlichen geistigen Inhalt über
-Stoff und Form hinauszuheben. Nur ein Deutscher kann das Leben dieser
-Seele im Werke recht verstehen und würdigen. Die deutsche Phantasie hat
-diesen »hohen steinernen Predigtstuhl« daher auch mit ihren Sagenranken
-umsponnen, wie dort die steinernen Ranken den Blumenkelch der Kanzel.
-Die Sage raunt, der sinnende Meister dort habe seinen jungen Gesellen
-erstochen, weil dieser einen besseren Entwurf zur Kanzel gefertigt und
-das Wunderwerk ausgeführt habe, dessen er nicht fähig gewesen wäre.
-So sei der Geselle als Träger des Werkes dargestellt, während der
-Meister klagend daneben sitzt und dem Werke des Nebenbuhlers den Rücken
-kehrt. --
-
-Auf dem schwebenden Kanzeldeckel über dem Predigtstuhl sind die Zeichen
-der vier Evangelisten angebracht und über ihnen erhebt sich aus einem
-Blattkelch die rührende Gestalt der gekrönten Maria mit dem Jesuskinde.
-Das Kind hat eine Weintraube in der Rechten und eine saftige Beere in
-der Linken. Es scheint vor Freude darüber zu zappeln, so daß Maria,
-die sorgliche Mutter, mit der Hand fest das Füßchen faßt, damit das
-Knäblein in seiner jauchzenden Daseins- und Lebensfreude nicht vom Arme
-hüpfe. Das Ganze eine rein menschliche, liebliche Szene vom holden
-Mutterglück, die auf jedes Gemüt wirken muß, und doch auch hier tiefe
-symbolische Bedeutung, die das Werk über das rein Menschliche weit
-emporhebt: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben« und »Dieser
-Kelch, den ihr trinket, ist mein Blut, für euch vergossen«. Auf
-diese Worte deutet die Traube und die Beere in der Kinderhand hin.
-Das fröhliche Kind hält in seinen spielenden Händen sein schweres,
-gewaltiges Schicksal, seine heilige Aufgabe, das Schicksal der Welt und
-jeder einzelnen Seele. Über der Kanzel erhebt und schwebt das liebliche
-Werk als Symbol dafür, daß über jeder Predigt als Kern und Leitgedanke
-das Evangelium und das Wort von der Erlösungstat stehen soll. »Gehet
-hin in alle Welt und predigt das Evangelium« steht in lateinischer
-Sprache auf der Unterseite des Kanzeldeckels über dem Haupte des
-Predigers schwebend und mahnend.
-
-Wie bei der goldenen Pforte ein tiefer Reichtum von symbolischen
-Gedanken die Fülle der Gestalten miteinander verbindet und der geistige
-und künstlerische Gehalt sich in wunderbarem Rhythmus zu ebenbürtiger
-Hoheit erhebt, zu einem Lobgesang auf die Jungfrau Maria, so ist
-die Tulpenkanzel eine steinerne Predigt, deren tiefer Inhalt in
-Verbindung mit der vollendeten Kunst die Herzen ergreifen und erheben
-muß. Sie steht mitten im Gotteshause, das als Predigtkirche, als
-freiräumige Halle mit steinernen Emporen errichtet ist, und verkörpert
-in sich lange vor der Reformation rein evangelische Gedanken, ein
-Predigtstuhl des Evangeliums inmitten der lauschenden Gemeinde, wie es
-seinesgleichen wohl kaum in deutschen oder fremden Landen gibt oder
-geschaffen ward.
-
-Sinnend lassen wir die Kanzel auf uns wirken, suchen zu enträtseln
-und zu begreifen, und im Rauschen der Rhythmen der Orgel ist es
-uns, als bekäme sie selbst Zunge zu reden und zu hohen und weiten
-Gedanken zu erheben. Sie sah Fürsten und Gewaltige in ihrer Pracht und
-Herrlichkeit vorüberziehen, sie sah ihre sterbliche Hülle, ein Nichts,
-vorübertragen, Staub zu Staube werden. Die Hoffnung und der Stolz der
-evangelischen Christenheit, Kurfürst Moritz, der Löwe der evangelischen
-Sache, in der Blüte seiner Jahre von meuchlerischer Kugel hingerafft,
-wurde hier vorbei getragen, und düstere Pracht ehrte den toten Helden,
-mehr noch ehrten ihn die Tränen seines Volkes.
-
-Es drängt die Fülle der Gesichte und Gestalten einer vergangenen Zeit
-und Welt, ohne deren Sein, Wesen und Wirken wir selbst ein Nichts
-wohl wären. Keine Gegenwart ohne Vergangenheit, und doch denkt die
-Gegenwart so wenig der Vergangenheit, aus der sie selber stammt, zu
-der sie selber wird. Welche Vergangenheit war wohl furchtbarer für
-die Stadt, wie für Land und Reich, als die Jahre des Dreißigjährigen
-Krieges, als blutiger Tod, Hunger und Pest ihre grausigen Geißeln
-über unser unglückliches Vaterland schwangen. Wie kniet in zitternder
-Angst und Sorge um das armselige Leben und tägliche Brot hier das Volk
-auf den steinernen Platten des Fußbodens, unter denen schon viele
-Geschlechter schlummern, sucht Trost und Stärke im heißen Notschrei
-der Seele. Wie oft tobte Plünderung, Brand und Mord durch die Gassen,
-und Rat und Bürgermeister waren machtlos. Für Freund und Feind war
-die Stadt nur ein Ziel der Beutegier. Jonas Schönlebe, dessen Wappen
-heute noch sein Stammhaus an der Ecke des Obermarktes und der Erbischen
-Straße ziert, war in den schwersten Tagen Bürgermeister der Stadt.
-Schweres Schicksal hat er für seine Stadt auf sich genommen und
-erduldet: Am 29. November 1632 wurden er, der Superintendent Gensreff
-und der Ratskämmerer Lindener als Geiseln über das winterliche, fast
-weglose Gebirge durch Eis und Schnee nach Böhmen geschleppt und kehrten
-erst am 31. Dezember nach schwerer Drangsal glücklich wieder heim.
-In jenen furchtbaren Tagen der Not mag er, vielleicht angeregt durch
-seinen geistlichen Leidensgefährten Gensreff, gelobt haben, wenn er
-glücklich errettet würde, an Stelle des alten unscheinbaren hölzernen
-Predigtstuhles eine neue Kanzel zu stiften, eine Kanzel für Luthers
-reine Lehre, nachdem er unter der grausamen Faust der papistischen
-Soldateska des Kaisers geseufzt und in Luthers Lehre seinen Trost und
-seine Hoffnung gefunden.
-
-Entsetzliche Jahre der Not und Angst folgten. Unsägliches hat die
-Stadt und ihre Umgebung gelitten unter den Besetzungen, Belagerungen,
-Durchzügen, Kontributionen und Peinigungen von Freund und Feind. Der
-friedliche Bürger wurde heute von Schweden, morgen von Kaiserlichen
-oder den Soldaten des eigenen Landesherrn mißhandelt und ausgepreßt.
-Handel und Wandel war durch die Unsicherheit unmöglich gemacht. Wer
-sich vor die Tore der Stadt wagte, lief Gefahr, ausgeraubt oder
-gar ermordet zu werden. Wurden doch bei einem Begräbnis auf dem
-Donatsfriedhof dicht vor dem Tor das ganze Trauergefolge ausgeplündert.
-Die Zufuhren blieben aus, und weder Getreide noch andere Nahrungsmittel
-kamen zu Markte.
-
-Häuser und Scheunen vor der Mauer wurden geplündert und verbrannt, und
-was nicht brennen wollte, ward niedergerissen oder sonst durchlöchert
-und verwüstet. Auch innerhalb der Mauer war die Unsicherheit groß
-und der ruhige Bürger gar oft der wilden Willkür, Habsucht und Wut
-fremden Volkes preisgegeben. Ständig waren Mauern und Türme von den
-Bürgern besetzt, und jeder rüstige Mann mußte Waffendienst bei Tage
-oder Nacht für seine Stadt leisten. Bald waren die »Blauröcke« Herren
-in der Stadt, bald bedrohte Oberst Ulefeld, bald Generalfeldmarschall
-Holk, bald »Krabatenoberst« Beygott, bald Oberst Taube, bald General
-Arnim die Stadt mit Plünderung und Brandschatzung. Im September 1634
-bedrohten die Schweden unter Banner die Stadt mit Mord und Brand, im
-Oktober die Kaiserlichen unter Oberstleutnant Schütze und Schönickel
-und verbrannten alle Vorstädte, Freibergsdorf und Johannishospital
-und das vor dem Peterstor liegende große Glockengießhaus, »davon
-eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, daß die Funken
-in und über die Stadt haufenweiße geflohen und die Stadt in höchste
-Feuersgefahr geraten«. Viele Jahre kein Tag ohne Angst, Mord und
-Brand! Seuchen und Pest wüteten in der Stadt. Im Jahre 1633 z. B. sind
-1632 Personen öffentlich bestattet worden außer denen, die heimlich
-begraben wurden. Diese furchtbare Zahl wird recht deutlich, wenn
-man vergleicht, daß heute bei etwa der doppelten Bevölkerungsziffer
-jährlich rund 500 Todesfälle zu verzeichnen sind. Die Zahl der
-Todesfälle in jener Zeit beträgt also das Sechsfache bis Achtfache der
-normalen Sterblichkeit.
-
-Welche Bergeslasten von Sorge, Not und Angst für sich, die Seinen
-und vor allem für die ihm anvertraute Stadt mögen auf dem Herzen des
-tapferen Bürgermeisters Schönlebe gelegen haben! Und doch, das Werk
-seiner Kanzel fördert und treibt er »aus besonderer Andacht und zu
-Beförderung des Gottesdienstes und Zierde der Kirchen« trotz aller Nöte
-und Unruhen, so daß es im Jahre 1638 im Dome am mittelsten Pfeiler
-aufgestellt werden konnte. Hans Fritzsche, »der lange Bildenhauer«,
-scheint der Meister dieser Kanzel gewesen zu sein. Wie mag in der
-Werkstatt des Künstlers in seltener, ruhiger Stunde der tapfere
-Bürgermeister dem Werden des Werkes zugeschaut, Anregungen, Vorschläge
-und Wünsche gebracht haben, während draußen schon die Sorgen lauerten
-und mit knöchernem Finger an die Türe pochten. Ein Friedensdenkmal aus
-Freibergs schwerster, furchtbarster Zeit, aus grimmiger Kriegsnot, wo
-das Sterbeglöcklein nicht stille stand und täglich der rote Hahn seine
-feurigen Flügel schlug, wo blutiger Mord durch die Gassen schlich oder
-des Todes eiserne Würfel vor den Mauern rollten, ein Denkmal innigen
-Glaubens aus einer Zeit, wo Leidenschaften und Laster regierten, alles
-Heilige nur ein Spott war, und das wilde Leben der Begierden die kurze
-Spanne der zugemessenen Zeit genießen wollte in Saus und Braus, wo
-zwischen Blut und Pest das üppige Leben leidenschaftlichen Genusses
-in um so wilderen Strudeln schäumte. Ein stilles Denkmal der Kunst
-aus einer Zeit, wo alle Musen schwiegen und in glücklichere Lande
-entflohen schienen, wo Zerstörung und Vernichtung alles Schönen, der
-Untergang aller Kunst und edleren Kultur unter den eisernen Schritten
-des unersättlichen Krieges gewiß schien, wo tausend Kirchen und Altäre,
-Schlösser und stolze Häuser mit ihren Kunstschätzen in Staub und Asche
-sanken, geplündert und vernichtet wurden, und alle Keime und Blüten
-der Kunst und höheren Schaffens und Denkens zertreten und zermalmt
-schienen, ein heiliges Werk, emporgeblüht wie eine stille, edle Blume
-aus blutgetränktem Boden, eine Blume, an derem Werden und Wachsen sich
-in jener wilden Zeit vielleicht alle edlen und feinen Geister, alle
-sehnsüchtigen Herzen der Stadt erfreuten und aufrichteten wie an einem
-Symbol, daß einmal doch noch Friede und bessere Tage kommen müssen, ein
-Werk, das vielleicht heimlich an verborgener Stätte, von der kein Feind
-oder Verräter wußte, Gestalt gewann, und gerade dadurch den Treuen und
-Starken, den Trägern einer besseren Zukunft, um so teurer und heiliger,
-um so bedeutungsvoller und erhebender war.
-
-Betrachten wir uns das Werk jener wilden blutigen Zeit, so fühlen wir
-es heute noch, wie hier die Stürme schwiegen und die Innigkeit des
-Glaubens, der Sehnsucht nach einem höheren Frieden seinen Ausdruck
-suchte. Vielleicht könnte im Leidenswege des Heilandes, der in den
-Feldern der Brüstung der Kanzeltreppe dargestellt ist, etwa ein
-Gleichnis, ein heiliger Widerklang der eigenen Leidenszeit, des
-schweren Kreuzes, das die treue Gemeinde selbst zu tragen hatte,
-angedeutet sein und gefunden werden. An der Kanzelbrüstung selbst
-ist der Gekreuzigte in Alabaster angebracht. Links und rechts davor
-knien anbetend die Freifiguren des Stifters Jonas Schönlebe und seiner
-Gattin Anna geb. Horn aus edlem Marmor gefertigt. Sie wollten selbst
-an heiliger Stätte mit betend emporgehobenen Händen verewigt sein.
-Sie, die so viel gesorgt, geschaffen und gelitten, wollen ihre Demut
-bezeugen, daß mit eigener Kraft nichts getan ist und nur der Glaube
-in schwerer Zeit aufrecht erhalten kann und die Kraft zum Durchhalten
-bei aller Not gibt. Wie oft mag so dieses Ehepaar gekniet haben in der
-Angst und unter der Verantwortungslast für die ihnen anvertrauten Leben
-und Güter der alten Stadt während der furchtbaren Tage der Belagerungen
-und blutigen Kämpfe, unter feindlicher Faust und giftigen Seuchen.
-
-Den Kanzeldeckel ziert der aus dem Grabe auferstehende Erlöser. Ein
-Bergmann mit Fahrkappe, Kniebügeln und Barte ist einer der Wächter am
-Grabe. Dieser oberste Abschluß des Kanzelbaues war dem Stifter und
-Künstler wohl ein Sinnbild der Hoffnung und heiligen Glaubens auch
-daran, daß es aus der Grabluft, dem Blut und Tod der furchtbaren Zeit
-doch eine Auferstehung und Erlösung geben müsse.
-
-Die Kanzeltreppe wird getragen von einem kauernden Bergknappen mit
-starkem Nacken und muskulösen Armen. Er ist ein Sinnbild der breiten
-Masse des Volkes der Arbeit, auf dessen Hingabe zur Sache, auf dessen
-fester Treue das Wort ruhen und sich stützen soll, in dem es fest
-wurzeln muß, wenn es Frucht bringen soll.
-
-Den Rumpf der Kanzel selbst trägt auch ein Bergmann, ein Steiger,
-auf seinem Haupte und stützt sie mit seinen Händen in geschlossener
-ruhiger Haltung. Sein Kopf mit langem, lockigem Barte ist fein
-geschnitten, geadelt durch geistige Arbeit und mit gedankenreicher
-Stirn. Ist es der Künstler selbst, der sich hier dargestellt hat? --
-ein Künstlerkopf könnte es wohl sein -- oder ist diese Gestalt das
-Sinnbild der geistigen Macht, des geistigen Erlebens, des Forschens und
-Denkens, des geistigen Ringens, aus welchem die Verkündigung des Wortes
-hervorwachsen muß, soll sie nicht verflachen, inhaltlos, leer und kalt
-werden? Das Bergmannskleid mag sagen, daß du wie ein Bergmann in die
-Tiefe schürfen und in die Höhe denken mußt, in unablässiger Arbeit, in
-Arbeitssüßigkeit und Arbeitsqual, du und jeder, der edle Erze fördern
-und die Tiefe des göttlichen Wortes ausschöpfen, erleben und dem Herzen
-nahebringen will. --
-
-Welch eine lange Reihe von geistesgewaltigen Predigern und Seelsorgern
-hat auf dieser Kanzel gestanden und ist durch die reizvolle,
-künstlerisch geschnitzte Renaissancetür geschritten, welche die
-Kanzeltreppe abschließt. Der Schwung und die Anmut des Linienspiels
-dieser Tür ist wie eine künstlich verschlungene liebliche Melodie,
-welche vor der Predigt in hellen Akkorden sich aufwärts schwingt.
-
-Die Bilder der alten Pfarrherrn und Superintendenten hängen oben auf
-der Orgelempore im Vorsaal zum Orgelraum am großen Wendelstein und
-schauen aus ihren dunklen Rahmen so ehrwürdig und ernst hernieder.
-
-Sie, die Redner der Bergmannskanzel, ruhen zum Teil draußen auf dem
-»grünen« Friedhof, dessen Baumwipfel durch die Fenster des Domes
-schauen und mit Zweigspitzen wie mit zarten Fingern an die runden
-bleigefaßten Scheiben pochen. Sind die Wurzeln der Bäume tief im Grunde
-durch ihre Herzen gegangen und steigen nun ihre Herzensgedanken sehnend
-empor zum Licht und begehren Einlaß in das Heiligtum, welchem sie ihr
-Leben geweiht? -- Andere schlummern hier unter den Fliesen im Dom, im
-Bereiche ihrer alten Kanzel, der Auferstehung entgegen als Ausklang
-und Ziel ihrer Predigt und ihres Lebens, wo die Kanzel selbst mit
-steinernem Munde predigt: Aus dunklem Grunde aufwärts auf Leidenswegen
-durch Not und bitteren Tod zur Auferstehung, zu einem schöneren Licht.
-
-Ihre Worte sind verklungen, ihre Gedanken sind verschwunden, die einst
-geistesmächtig den Raum füllten und die Gemeinde stille machten. Die
-Gedanken und die Stimme eines anderen sind aber geblieben. Wir hören
-die Stimme in zarten weihevollen Tönen, in flutender Harmonie und im
-Brausen der mächtigen Akkorde, es ist die Orgel, die Stimme Gottfried
-Silbermanns, die Jahrhunderte nun schon zu den Herzen spricht, sie
-erbaut und ergreift und auch heute uns in geheimnisvolle Zauber
-spinnt, uns Vergangenheit und Gegenwart lebendig macht, verbindet
-und verschmilzt zu einer wunderbaren Einheit. Dort im alten Hause
-am Schloßplatz, das die Tafel mit seinem Namen trägt, hat er vor
-200 Jahren seine Meisterwerke geschaffen. 54 Orgeln gingen aus seiner
-Werkstatt hervor, eine immer die andere übertreffend, so daß auch
-neidische Gegner ihre Bewunderung nicht verhehlen konnten. Er selbst
-stellte die höchsten Anforderungen an sich und sein Werk und war ein
-so eigensinniger Künstler, daß er im künstlerischen Jähzorn gleich
-ganze Instrumente zertrümmerte, wenn sie ihm nicht Genüge leisteten
-und seinen Erwartungen nicht entsprachen. Sein größtes und letztes
-Werk, mit 2896 klingenden Stimmen, ist die Orgel in der katholischen
-Hofkirche in Dresden, die er in besonderem Auftrage August III. schuf.
-»So wie diese Orgel gebaut ist, wird keine mehr gebaut«, sagte voller
-Begeisterung der Dresdner Orgelkönig Johann Schneider von ihr.
-
-Unsere Freiberger Domorgel gibt ihr nichts nach mit ihren
-2674 klingenden Stimmen, welche allen Jubel und alles Leid des
-Menschenherzens singen und tönen können. Im Vertrage erklärt er,
-es solle »das Hauptmanual einen gravitätischen Klang bekommen, das
-Oberwerk scharf und etwas spitzig, die Brust recht delikat und lieblich
-intoniert werden, in Summa das ganze Werk soll also beschaffen sein,
-daß es, wenngleich die ganze Gemeinde beisammen ist, dennoch seinen
-rechten Effekt zeugen kann und kapabel ist durchzudringen.« Zwei Jahre
-arbeitete er mit seinen zehn Gesellen daran, so daß das Werk 1714
-vollendet ist. Mit dem bescheidenen Preis von 1500 Talern ist der
-schlichte, redliche »Orgelmacher«, wie er sich nannte, zufrieden. Ihm
-war der größte Lohn, daß sein Werk der Gemeinde und der Kunst dient,
-wie noch keine Orgel zuvor. Ein Kantor aus Leipzig und ein Hoforganist
-aus Altenburg übernehmen die Prüfung der neuen Orgel und kommen
-zu dem Schlusse, daß zu solchem Werke nur von Herzen Glückwünsche
-auszusprechen seien.
-
-Ist auch der Klang das Wichtigste, gleichsam die Seele und das Leben
-der Orgel, so ist doch auch ihre äußere Form für den Kirchenraum von
-größter Bedeutung. Bewundernswert ist es, wie der Meister Silbermann
-die Orgel in den Raum hineinpaßt, so daß sie eine künstlerische
-Steigerung der Raumwirkung von großer Schönheit bedeutet. Wie sind die
-Scharen der mattschimmernden Zinnpfeifen zu gewaltigem Eindruck und
-mächtig schwungvollem Abschluß des Kirchenschiffes zusammengefaßt, von
-reich bewegter Schnitzerei umschlossen und seitwärts von musizierenden
-Engelsgestalten begleitet. Die Wirkung des Kirchenraumes erfährt hier
-eine Steigerung, in welcher Musik, Architektur und Plastik zu einem
-rauschenden Psalm zusammenklingen, ein Psalm, der erhebt und erbaut
-und aus dem Zusammenwirken der Künste einen heiligschönen Gottesdienst
-macht. Was für ein herrliches Bild mag die stolze Halle des Domes
-gegeben haben, als die Orgel zum ersten Male vor der versammelten
-festlichen Gemeinde erbrauste und wie in Engelchören alle ihre
-Stimmen und Register jubelten und sangen und wiederum im dröhnenden
-Fortissimo die Pfeiler und Wände zu erbeben schienen. Niemals vorher
-war ein Orgelwerk von gleicher Tonfülle, Macht und Harmonie geschaffen
-worden. Dort saßen alle die stolzen Bürger und Ratsherren, der
-Oberberghauptmann mit seinen Beamten in ihren bunten Uniformen und
-kleidsamen Trachten der Barockzeit. Das Haupt deckte die gewaltige
-Lockenperrücke, welche den Köpfen jener Zeit eine so besondere Würde
-und Bedeutung verleiht. Dazu die Reihen der Bergleute in ihren dunklen
-Bergkitteln mit blitzenden Barten über die Schulter, die den ernsten
-Hintergrund für das buntfarbige Bild abgeben. Noch lebte überall an
-Wänden und Pfeilern die Fülle der künstlerischen Bildwerke, mit denen
-Jahrhunderte das Innere des Domes geschmückt hatten, durch welche ein
-natürliches Kunstempfinden und tiefes religiöses Gefühl den Dom zu
-einer Weihestätte vieler Geschlechter, zu einem Heiligtum und Denkmal
-Alt-Freiberger Kunst und Pietät gemacht hatte. Einer späteren Zeit
-blieb es vorbehalten, viele dieser Kunstdenkmäler in Museen zu schaffen
-und dort einzusargen, oder zu zerstören und den Dom in engherzig
-beschränkter, nüchterner Auffassung zu stilreiner Gotik zu »reinigen«.
-Da stand noch über dem Altar das gewaltige romanische Kunstwerk aus
-Freibergs Frühzeit, die in Eichenholz geschnitzte Kreuzigungsgruppe,
-der Heiland am Kreuz mit Maria und Johannes zur Seite. Der Heiland
-breitet sterbend die Arme aus mit ergreifendem Ausdruck der Milde und
-Hingabe an die Menschheit: »Es ist vollbracht.« Maria ist wie eine
-edle römische Matrone gestaltet, mit antikem Faltenwurf des Gewandes,
-aber mit echt deutschem Gesicht, in dem Schmerz und Hoheit wunderbaren
-innigen Ausdruck finden. Es ist eine Frau unseres Blutes und Stammes,
-der dort sieben Schwerter des Schmerzes das Herz durchbohren. Sie preßt
-die Hand in bitterem Weh mit tiefbeseelter Bewegung an das zuckende
-Herz. Johannes steht wie ein römischer Senator, der mit der Linken die
-reichen Falten seines Gewandes rafft, die Rechte aber wie beschwörend
-oder gelobend erhebt. Das verklärende Licht der Antike scheint noch aus
-diesen Werken zu leuchten in unbesieglicher Schönheit, jedoch inniger
-christlicher Beseelung. Das ganze Werk gehört zum Höchsten, was die
-deutsche romanische Kunst des Mittelalters geschaffen hat.
-
-An den Pfeilern der Emporen leuchten die zwölf Apostel in Gold und
-bunter Farbenpracht, und an den freien Pfeilern des Schiffes sind die
-Gestalten der fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen angebracht. Sie
-sind in der reichen Tracht der Zeit um 1500 wie deutsche Edelfrauen
-dargestellt, deutsche Mädchengestalten im deutschen Dom, um die Lehren
-und tiefen Gedanken des Evangeliums der Gemeinde nahezubringen.
-Köstlich ist der frohe Gesichtsausdruck der klugen, mit Kronen
-geschmückten und der verdrossene, träge der törichten Jungfrauen
-getroffen.
-
-Weiter glänzen überall an Pfeilern, Wänden und Gewölben die bunten
-Wappen der alten edlen Freiberger Geschlechter, reich geschnitzte
-Epitaphien in Gold und Weiß und bunten Farben, und die kapellenartigen
-Nischen zwischen den Pfeilern unter den Emporen sind durch
-Holzeinbauten mit üppigen Schnitzereien von Rankenzügen und Blattwerk
-in schwungvollen Windungen und Verschlingungen abgeschlossen.
-
-Fürwahr, die Gemeinde, über welche die Wohllautströme der neuen großen
-Orgel des großen Meisters Silbermann sich ergossen, der herrliche
-Raum des Domes, in welchem echt deutsche Kunst von Jahrhunderten sich
-zusammendrängte wie in einem geschliffenen Kristall, alles schloß sich
-zusammen in ehrfürchtigem Erschauern mit der gewaltigen ~musica sacra~
-zu einer Einheit, in der nichts Fremdes, Unharmonisches war, zu einem
-Gesamtkunstwerk, wie es nur in besonders leuchtenden Stunden sich für
-sehnende und schauende Seelen gestalten kann. -- Nicht einer kann es
-gestalten, nicht Geschlechter könnens schaffen, nicht der Künstler
-allein kann es aus den Tiefen seiner Seele emporheben, nein, du selbst
-mußt mit der Schöpfer des Gesamtkunstwerkes sein; denn die Kunst ist
-nur da, wo sie erlebt, erfühlt und mit dem Herzen ergriffen wird.
-Ohne dieses Erleben und Ergriffenwerden, ohne dich ist keine Kunst
-für dich vorhanden, und mag sie noch so herrlich leuchten und anderen
-Offenbarung und tiefes Glückserlebnis bedeuten. --
-
-Die spätgotische Halle des Domes mit ihren Kunstwerken ist eine
-Schöpfung des Bürgertumes der alten getreuen Bergstadt. Sie diente
-der Gemeinde und ihrem Leben als heiliger Raum, in dem ihre
-innere Gemeinschaft und ganze Innigkeit zum Ausdruck kam und ihre
-Anschauungen und Gefühle Form und Gestalt gewannen. Dort hinter dem
-Altar aber, wo eiserne Gitter den langen Chor mit der Vierung vom
-Kirchenschiff abschließen, dient der Raum nicht den Lebenden, sondern
-den Toten. Nicht das freischaffende Bürgertum, sondern fürstlicher
-Wille, Reichtum, Prachtliebe und Kunstfreude und nicht zuletzt der
-Stolz auf die Ahnen und edles altes Geschlecht hat dort einen Raum
-geschaffen, wie es nur wenige seinesgleichen gibt in weiten Landen, die
-Fürstengruft der evangelischen Wettiner.
-
-Wie eine rauschende, strahlende Melodie steigen von den Wänden in
-leuchtendem, edlem, farbigem Marmor die Säulen und Pilasterstellungen
-zu tabernakelartigen Aufbauten empor, mit Kapitälen und Gesimsen,
-mit Nischen und reichgegliedertem Gebälk in zwei Geschossen
-übereinander, mit reichem Schmuck von Ornamenten, von Maskenwerk,
-Frucht- und Laubgewinden, farbigen Wappen und anderen Verzierungen in
-Marmor, Alabaster, Gold und Bronze in kunstvollen, feinempfundenen
-Renaissanceformen. In der unteren Reihe der Nischen die knieenden
-Bronzegestalten der Fürsten und Fürstinnen zwischen korinthischen
-Säulenpaaren, zwischen den Pilasterstellungen der oberen Ordnung acht
-Propheten und oben auf den Gesimsen eine lustige Schar musizierender
-Engel, 34 an der Zahl, mit allen möglichen echten Instrumenten, die
-heute noch benutzt werden könnten, wie z. B. Mandoline, Geige, Harfe
-mit echten Saiten, Flöte, Posaune, Cymbal, Triangel usw., und über
-den ganzen Raum eine Decke gespannt, in der im blauen Himmel mit
-hängenden Wolken das Nahen des Jüngsten Gerichts durch die Posaunen
-der Engel, durch den Erzengel Michael mit Schwert und Wage und den
-Weltheiland mit der Erlöserfahne, umgeben von wimmelnder Engelschar
-in malerisch-plastischer Buntheit dargestellt ist, -- ein Drängen von
-Gestalten, Formen und Farben, daß das Auge nur schauen und schauen kann
-und von der Fülle der Eindrücke überwältigt wird.
-
-Zu den Füßen im marmorbelegten Fußboden liegen die großen Grabplatten
-aus Messing mit den Bildnissen der Fürstlichkeiten, welche hier ihre
-letzte Ruhe fanden. Die Bildnisse sind nach der Art des Kupferstiches
-mit Meißeln in das Metall eingegraben. 28 solche kostbare Platten
-mit wundervoller Zeichnung und Ornamentik, zumeist aus der Werkstatt
-der Hilliger stammend und von sächsischen Hofkünstlern entworfen,
-bilden so ein gewaltiges, ehernes Bilderbuch, wie es seinesgleichen
-kaum sonst zu schauen ist. Da ist die herrliche Grabplatte Herzog
-Heinrichs des Frommen, welche diesen mannhaften, waffenfrohen Fürsten
-in ähnlicher Darstellung wie auf dem Bilde im Rathause zeigt, im Panzer
-mit Arm- und Beinschienen, mit langem zweihändigen Schwert in den
-Händen, mit Schwert an der Linken und Dolch an der Rechten. Ein reich
-ornamentierter Rahmen mit Wappen auf üppigen Akanthusranken, in denen
-Genien herumklettern, umschließt das plastisch wirkende charaktervolle
-Bild des Fürsten. Er war es ja, der die kurfürstliche Begräbniskapelle
-gestiftet hat und 1537 testamentarisch bestimmte:
-
-»Und wann wir dann nach dem wyllen des Herrn verstorben und
-entschloffenn sein, und uns der Allmechtige Gott aus diesem
-Jammerthal gefordert hatt, So wollenn wir das unnser Corper in unnser
-Stiefftkirchenn zu Freybergs soll bestattiget und begrabenn werdenn,
-und kain erhohet grab, Sondern ain schlechter (schlichter) Leichstein
-mit einem messingenn Pleche, darauf ein biltnuß mit umbschrieft unnsers
-titels gemacht werden soll.«
-
-Da sind die Bilder fürstlicher Damen in kostbarer Kleidung mit reichem
-Spitzenschmuck angetan. So fein und zart ist die Zeichnung der
-Spitzen durchgeführt, daß kunstgeübte Hände nach diesen herrlichen
-Mustern diese zarten Wunderwerke neu schaffen könnten. Da sind die
-Bilder fürstlicher Kinder, welche, früh verstorben, nur durch diese
-künstlerischen Darstellungen der ewigen Vergessenheit entrissen sind.
-Eine solche Platte zeugt besonders von tiefem, echtem, unter Tränen
-lächelndem Humor: Das kleine frühverstorbene Söhnlein des Kurfürsten
-Johann Georgs I. in steifem Röckchen und mit dicken Pausbäckchen trägt
-eine Blume in der Hand und hört recht mißvergnügt, verdrießlich und
-mißtrauisch auf die überredenden Worte eines köstlichen Engelbuben,
-der ihn mit listiger Miene mit einem Apfel in das Paradies locken
-will. »Paradies, Paradies, wie ist deine Frucht so süß«, dieser
-Sehnsuchtsvers aus einem Kirchenliede ist dem kleinen Kerl oder
-vielmehr Prinzlein anscheinend nicht recht geheuer. Er wäre offenbar
-lieber bei der lieben Mutter geblieben und hätte mit den Geschwistern
-getollt, als daß er mit fremden Engeln Äpfel äße! -- Ein echtes,
-tiefes, kindliches Künstlerherz kann nur so Leben und Tod, Leid und
-Hoffnung verbinden und versöhnen durch die überwindende künstlerische
-Empfindung und Kraft der Seele. Wie der wehmütige Klang eines alten
-Volksliedes, in dem von Jugend, von Liebe, von Rosen, Lilien und Tod
-gesungen wird, rührt dieses Bild auf der Grabplatte an das Herz. Wir
-denken an jene Grabplatte an der Nikolaikirche von Dippoldiswalde
-vom Jahre 1628, auf der ein Mägdelein dargestellt ist, das einen
-Blumenstrauß an sich drückt. Sie trägt den wehmütigen Vers:
-
- »Begrabn Ligt ein Roselein hie,
- Welchs abgebrochen etwas früh
- Durch Todes Hand, der nicht ansiht
- Obs Reiff sey oder hab verblüht.«
-
-Der Tod in blühender Jugend, brechende Knospen, der Reif in der
-Frühlingsnacht wirken besonders tief auf das menschliche Gemüt und
-haben in der Dichtung ergreifenden Ausdruck gefunden:
-
- »Es ist ein Schnitter, heißt der Tod,
- Hat Gwalt vom großen Gott.
- Heut wetzt er das Messer, es schneidt schon viel besser,
- Bald wird er drein schneiden, wir müssens nur leiden:
- Hüt dich, schöns Blümelein!«
-
-In der Begräbniskapelle jedoch, wo alles von des Todes Gewalt predigt,
-von dem grausamen Schnitter, der kein Blümlein, Narzissen nicht
-noch Kaiserkronen verschont, ist dennoch bei allem Ernst und aller
-Feierlichkeit nichts Düsteres, Schweres, was das Herz niederdrücken
-oder traurig stimmen könnte. Nicht Trauer, nicht Grab und Verwesung
-und Hoffnungslosigkeit sind die Raumgedanken, sondern Überwindung und
-Erlösung, ja ein gewisses Rauschen festlicher Pracht, und darüber
-hinaus ein Aufsteigen zu himmlischer Klarheit nach einem Leben voll
-Kampf und Arbeit.
-
-Doch immer wieder gehen unsere Blicke zu den knieenden Bronzegestalten
-dort in den Nischen, die Carlo de Cesare’s Meisterhand schuf, zu der
-prachtvollen Mannesgestalt Herzog Heinrichs des Frommen mit breitem
-Vollbart, der die Linke auf die gepanzerte Brust legt und die Rechte
-beteuernd erhebt, als wollte er sein tapferes, glaubensmutiges Wort
-wiederholen, daß er lieber am Stabe bettelnd sein Land verlassen,
-als das Evangelium verleugnen wolle, dort Kurfürst August mit dem
-Zweihänder über die rechte Schulter gelegt, und ihnen gegenüber die
-edlen Frauen, die Herzogin Katharina und die Kurfürstin Anna in
-fürstlichem Gewande, anbetend knieend mit andächtig edlem, mütterlichem
-Gesichtsausdruck. Neben diesen vier Gestalten vermag die Gestalt
-Christians I. von Cesare und Johann Georg I. von dem Venetianer Pietro
-Boselli nicht in gleichem Maße zu fesseln.
-
-Carlo de Cesare war ein Schüler des Giovanni da Bologna (1524--1608)
-und stammte aus Florenz. Um den rechten Künstler für die
-Bronzegestalten seines Werkes zu gewinnen, reiste Nosseni zu Pferde
-nach Italien und durch Vermittlung Giovanni’s holte er sich als
-Mitarbeiter den begabten Cesare vom glänzenden Hofe der Mediceer
-nach dem rauhen Freiberg. Im Oktober 1590 kam Cesare mit einigen
-Gehilfen hier an und hat 2 Jahre 8 Monate hier gewirkt, »Epitaphia
-von metallischen und andere Bilder von Sculpturn possirt, formirt und
-gegossen«. Von seiner Hand stammen an Gußwerken außer den Gestalten
-der fünf Fürstlichkeiten, die Figuren Johannes des Täufers und des
-Apostels Petrus, sowie das Kruzifix auf dem Altar, die Bildnisse der
-Gerechtigkeit und Liebe, der Hoffnung und des Glaubens am Chorschlusse
-und acht als Schildhalter verwendete Engel, ferner eine Reihe von in
-Stuck gebildeten Figuren.
-
-Während des Baues der Kapelle mag Freiberg an eine der großen
-italienischen Kunststätten der Renaissance erinnert haben. Da wurde
-kostbarer Marmor in mächtigen Blöcken herbeigefahren, und in den
-Werkstätten der Steinmetzen arbeiteten kunstfertige Hände. Hieronymus
-Eckhart, Michael und Jonas Grünberger, Peter Beseler, Tobias Lindner,
-die Meister aus Freiberg, beschäftigten eine Fülle von Gesellen aus
-allen deutschen Gauen. Aus Straßburg, Metz, Heidelberg, Bamberg,
-Budweis, Dresden, Leipzig, aus Westfalen und anderen Gegenden des
-Reiches kamen sie herbei, um bei dem für Deutschland unerhörten Werke
-Lohn und Arbeit zu finden und vielleicht auch von der Kunst der
-Italiener zu lernen. Italienische Sprache und Laute klangen auf den
-Straßen der Stadt und die stolzen Südländer gingen keck einher und ihre
-Dolche saßen locker in den Scheiden. Ohne Eifersucht und Reibereien
-ging es unter den italienischen und deutschen Bildhauern nicht ab, denn
-Künstlerstolz und Künstlerblut ist rasch und heiß. Am 27. Dezember
-1590 z. B. schrieb der Stadtschreiber in das Protokoll der Ratssitzung:
-»Die Steinmetzen, die welschen, richten allerhand Unlust an, haben
-ihre Dölche und Wehren.« Auch manche Freiberger Mädchen, denen schon
-damals ein schwarzhaariger, fremder Geselle oft besser gefiel, als ein
-ehrlicher deutscher Bursche, mögen an manchem Griff nach dem Dolche
-nicht schuldlos gewesen sein.
-
-Fürsten, Edelleute, Bildhauer, Maler, Baumeister, Kunstgießer,
-Goldschmiede, vornehme Kunstfreunde, Reisende aller Art aus Deutschland
-und Italien kamen herbei, um diese neue glänzende Kunststätte zu
-sehen und ließen sich vom Baumeister Nosseni selbst oder vom Meister
-Hieronymus Eckhart, dem Steinmetzen und Pfleger der Fürstengruft
-führen, um dann den Ruhm des neuen großen Werkes weiterzutragen, denn
-wo gab es sonst in deutschen Landen ein ähnliches Zusammenwirken der
-Künste und Künstler zu großem, fürstlichem Werk und künstlerischer Tat
-wie hier?
-
-Nosseni war auf sein Werk sehr stolz und eifersüchtig auf seine Rechte
-bedacht. Gleichwohl aber war er nicht zu stolz, bei fröhlichen Taufen
-und Hochzeiten in der Bürgerschaft mitzufeiern, Pate zu stehen und
-Trauzeuge zu sein. Als Bürgermeister Löser am 19. September 1594
-Hochzeit hielt, waren Johann Maria Nosseni und der Baumeister Hans
-Irmisch unter den fröhlichen Gästen. Hans Irmisch war vielbeschäftigter
-kurfürstlicher Baumeister und hatte den Bau des Schlosses Freudenstein
-geleitet, auf dem Königstein, in Frauenstein, Torgau, Dresden und an
-anderen Orten größere Bauten ausgeführt und nun am Chor des Freiberger
-Doms die Vorbereitungen und Arbeiten zur Umwandlung zur kurfürstlichen
-Begräbniskapelle geführt. Die Buchstaben ~H(ans) I(rmisch)
-B(aumeister)~ und der Spruch: »Wer Gott vertraut, hat wohlgebaut« an
-der nördlichen, äußeren Chorseite sind die bescheidenen Zeichen, durch
-welche er an sich und seine Tätigkeit beim Umbau erinnert.
-
-Wie sehr unterscheidet sich diese echt deutsche schlichte Sachlichkeit,
-die die Person hinter das Werk zurückstellt, von der Ruhmredigkeit
-des eitlen Italieners Nosseni, der hinter dem Altar der Kapelle auf
-weißem Marmor in lateinischer Sprache sich und sein Werk mit folgenden
-anmaßenden Worten preist:
-
- Fremder, steh und lies! Was ich sage, ist nur wenig. Dies
- köstliche Begräbnis, das du siehst, ist in fünf Jahren mit
- wunderbarer Kunst, vieler Arbeit und wirklich sehr großem
- Aufwand errichtet worden. Bei seinem Bau war ich nicht nur
- zugegen, sondern ich habe ihn auch immer geleitet, ich,
- Johannes Maria Nosseni aus Lugano, ein Italiener. Doch nicht
- nur die Form allein dieses prächtigen Werkes ist von mir, als
- Architekten, geschaffen, sondern ich habe selbst das Material
- in diesem Lande in eigener Person ausgeforscht, gefunden und
- künstlerisch nutzbar gemacht. Dies habe ich geglaubt mitteilen
- zu müssen, damit du Leser nicht unwissend bleibst, zum
- ehrenvollen Gedächtnis nicht so sehr von mir als dieses Landes,
- in welchem jederlei Art von Marmor gebrochen wird, dann vor
- allem der tapferen Fürsten Sachsens, welche über dieses reiche
- Land glücklich und ruhmvoll herrschen. Ich habe gesprochen,
- gehe weiter, lebe wohl und verkünde den Ruhm des Künstlers,
- wenn du überhaupt Kunstgefühl genug hast, um dieses herrliche
- Kunstwerk zu würdigen.
-
- 1603.
-
-Mit keinem Worte erwähnt in dieser geschmacklosen Prahlerei Nosseni
-seine Mitarbeiter, einen Carlo de Cesare oder gar die wackeren
-deutschen Meister, welche so hohen Anteil am Gelingen des Werkes
-hatten. Im Gegenteil rühmt er sich gar fremder Verdienste, denn die
-Marmorbrüche, welche er benutzte, waren meist schon vorher gefunden
-und bei seinen Untersuchungen waren ihm sachkundige Meister zur Hand.
-Gleichwohl ist die künstlerische Verwendung der edlen Materialien,
-womit ihn Kurfürst August beauftragte, seine besondere Stärke. Der
-Kurfürst drängte ihn immer wieder, kostbares Gestein ausfindig zu
-machen, teils aus Prachtliebe, teils der wirtschaftlichen Bedeutung
-wegen, und daraus Kunstgegenstände zu schaffen. Alabaster aus
-Weißensee, rotweißen Dolomit von Schwarzenberg, Serpentin aus Zöblitz,
-bunten Marmor von Lengefeld, Rauenstein, Kalkgrüna, Wildenfels und
-Crottendorf, Kristalle, Amethysten, Topase, Achat, Jaspis und andere
-Halbedelsteine verarbeitete er. Ja, er erhielt sogar das Privilegium,
-einige dieser wertvollen Brüche für sich abzubauen, zu brechen und
-zu verkaufen und errichtete vor dem Wilsdruffer Tore zu Dresden eine
-Marmorschneidemühle an der Weißeritz, die auch für das Schleifen und
-Polieren von Halbedelsteinen eingerichtet war.
-
-Heute noch können wir im Dresdner historischen Museum einige dieser
-kostbaren Marmormosaikwerke bewundern und uns an dem Glanz und der
-Fülle der Farben und Äderungen des heimatlichen Marmors erfreuen.
-Steinerne Tische »von Bildwerk und andern Ornamenten«, zwölf Stühle
-»mit mancherlei Steinwerk aufs höchste« geziert und andere kostbaren
-Werke sind vorhanden. Handbecken, Kannen, Leuchter, Schüsseln, Teller,
-Schalen, Löffel, Messerhefte, Büsten römischer Kaiser, Marmorfußböden
-für fürstliche Gemächer gingen aus seiner Hand hervor. Nicht immer ist
-der Kurfürst mit ihm zufrieden, sondern er erteilt ihm gelegentlich
-einen kräftigen Wischer: »Wir spüren aber daraus, das du nicht fast
-große lust zur arbeit hast und dein Besoldung lieber mit müßig gehen
-verdienen wollest.« --
-
-Alle diese mehr kunstgewerbliche Verwendung des sächsischen Marmors war
-mehr vorbereitende und begleitende Arbeit zu dem Hauptwerke Nossenis,
-der Begräbniskapelle, wo in unübertrefflicher künstlerischer Weise das
-edle Material verwendet und in seiner Farbenpracht im matten Glanz der
-Polituren sich gegenseitig steigernd zu vollendeter Wirkung gebracht
-ist.
-
-Durch dieses großartige Werk und Nossenis kunstgewerbliche Leistungen
-wurde der sächsische Marmor weithin berühmt und Proben dieser Kunst
-gingen auch ins Ausland und kündeten den Ruhm des sächsischen edlen
-Gesteins und der Kunstfertigkeit sächsischer Marmorbildhauer und
-Dreher. -- -- Wenn wir heute diese Werke schauen, so fragen wir uns,
-warum diese Edelindustrie untergegangen ist? Sind die Brüche erschöpft?
-Sind die Stätten verlorengegangen, wo »so herrliche, schöne Steine
-gefunden werden«, wie Nosseni 1580 dem Kurfürsten August mitteilt;
-sind sie vergessen, verschüttet? -- Nur die Serpentinsteinindustrie
-von Zöblitz hat ihre bescheidene Blüte und erweckt größere Hoffnungen,
-nachdem der Geist modernen Kunstempfindens mehr und mehr die
-Erzeugnisse formt und adelt. Aber wo sind die anderen Stätten und
-Fundorte edlen Materials? Wie Kurfürst August sein Land durchforschen
-ließ, um fremdes Material zu vermeiden und im eigenen Heimatboden
-diese Schätze an kostbarem Gestein sich zu erschließen, so sollte man
-auch heutzutage »die Rute deutschen Findergeistes« zur Hand nehmen
-und forschen, bis man findet, was vergessen oder unentdeckt und
-unerschlossen im heimatlichen Boden ruht und zum Aufbau und neuer Blüte
-der Heimat beitragen und helfen mag. --
-
-Doch wenden wir uns nun zu dem Werke, dem nach dem Plane und der
-Absicht des Kurfürsten August in erster Linie der Umbau des Domchores
-gelten sollte, dem Grabdenkmale des Bruders des Kurfürsten, dem
-Moritz-Monumente in der Vierung des Chores. Wie das gewaltige Modell
-einer Gralsburg aus Marmorgestein türmt es sich auf, auf deren
-höchster Zinne die Marmorgestalt des Kurfürsten in Panzer mit dem
-geschulterten Schwerte barhäuptig anbetend vor dem Gekreuzigten kniet.
-Helm, Streithammer und Pistole und das farbige Kurwappen sind vor
-dem Kreuzesstamme niedergelegt. Panzer und Waffen sind den Stücken
-nachgebildet, die der Kurfürst in der Schlacht bei Sievershausen
-trug. In feiner, sinniger Weise sagt so dieses Grabdenkmal, daß der
-Fürst seine Waffen und sein Leben seinem Glauben geweiht, und sich
-und sein Land im Leben und im Tode unter das Kreuz gestellt haben
-wollte. Dreigeschossig erhebt sich diese Marmorburg auf drei schwarzen
-Marmorstufen, auf denen zwölf weibliche Figuren aus Alabaster sitzen,
-die Musen der Geschichte, Künste und Wissenschaften. Bunte rote,
-gekuppelte Marmorsäulchen tragen das reiche rotbraune, vielverkröpfte
-Marmorgebälk des unteren Geschosses und auf ihm die Gruppen der vor dem
-oberen Geschosse Wache haltenden Krieger mit den farbigen Wappen der
-Länder des Kurfürsten. Das oberste Geschoß ist ein sarkophagartiger
-Aufbau, der von zehn in Messing gegossenen Greifen getragen wird.
-Engelsfiguren mit Sanduhr, Helm, Wappen und ähnlichen Sinnbildern
-sitzen am Rande der Deckplatte, auf welcher der Kurfürst kniet.
-
-Reicher Schmuck an Reliefplatten aus Alabaster, symbolische
-Darstellungen aus Krieg und Frieden, Kunst und Wissenschaft, Handel und
-Gewerbe und andere köstliche Ornamente und Figuren beleben die Flächen
-des gewaltigen Unterbaues in künstlerischer Vollendung und reden im
-Sinnbilde von dem, was der Kurfürst geleistet und gewollt hat.
-
-Auf 20 Inschrifttafeln aus schwarzem Marmor am Denkmal sind sein
-Leben und seine Taten im Frieden und Kriege in goldenen Buchstaben in
-lateinischer Sprache rühmend geschildert. Diese Inschriften sollte
-ursprünglich Melanchthon verfassen, der aber darüber hinstarb. Nach
-anderen Versuchen übernahm es schließlich der Kanzler ~Dr.~ Ulrich
-Mordeisen, die Aufgabe mit anderen gelehrten Männern zu lösen. Auf
-seinem Gute Kleinwaltersdorf bei Freiberg, das er sich erworben und
-umgebaut hatte und dessen Eingangstür heute noch sein Wappen mit der
-Jahreszahl 1560 schmückt, versammelte er vier Leuchten der Wissenschaft
-zu diesem Zwecke. Fünf der gelehrtesten Männer ihrer Zeit spitzten
-dort ihre Federn und schärften ihre Gedanken, um das Lebenswerk eines
-Zweiunddreißigjährigen in würdiger Form zu feiern -- und wahrlich
-das Leben des Kurfürsten Moritz war kurz, aber voll von sprühender
-Tatkraft, von Taten, Gedanken und großen Plänen: Vielleicht war das,
-was an Hoffnungen mit seinem Tode ins Grab sank, viel größer und
-bedeutungsvoller als das, was er getan und erreicht hatte. -- Ulrich
-Mordeisen, der drei Kurfürsten treu gedient, starb am 5. Juni 1572 und
-liegt unter dem Altar in der Kirche von Kleinwaltersdorf begraben.
-Das Altarwerk dort ist zugleich das Epitaphium für den Kanzler und
-zeigt ihn mit seiner Familie vor dem Gekreuzigten knieend dargestellt.
-In lateinischen Worten dort wird seine Treue und sein kluger Rat
-gerühmt. Auch hier bei dem Moritz-Monument hat sich sein kluger Rat
-bewährt, denn er war offenbar der Vertrauensmann des Kurfürsten, der
-mancherlei Aufträge zu erledigen und Verhandlungen wohl zu führen
-wußte. Das Moritzdenkmal ist das erste monumentale Freigrab Sachsens,
-das in Renaissanceformen ausgeführt ist. Es könnte auch in irgendeiner
-italienischen Stadt, einer Kirche von Florenz z. B. stehen, so
-italienisch ist seine Art. Nicht deutsche Hände haben dem deutschen
-Fürsten das Kunstwerk geschaffen.
-
-Gabriel und Benedikt v. Thola aus Brescia »die welschen maler«
-am Hofe zu Dresden -- es war Mode, italienische Künstler sich zu
-halten --, hatten die Entwürfe gemacht, nach denen erst ein Modell des
-Denkmals hergestellt wurde. »Vater« August war nun aber ein sparsamer
-Landesvater, der den Daumen auf seinen Beutel hielt und oft lieber
-seine lieben Landeskinder huldvollst für seine Passionen zahlen ließ,
-statt in die eigene Tasche zu greifen. So befahl er hier einfach dem
-Rate zu Freiberg, seine Domsakristei aufzugeben und ihm zur Verfügung
-zu stellen und die Allerheiligenkapelle am Chore, wo Freiberger
-Bürger der ersten Geschlechter begraben lagen, und heilige Ehrfurcht
-ihnen ewige Ruhe gelobt hatte, rücksichtslos zu räumen, die Grabmäler
-herauszubrechen und unter peinlichster Schonung der Gruft seines
-Bruders Moritz für seine Zwecke umzubauen, zu erweitern, den Domaltar
-in das Schiff hineinzurücken und Weiteres zu verändern. Er zwang sie
-sogar gnädigst noch die Fundamente zum Denkmal auf Stadtkosten zu
-errichten und die Abschlußgitter herzustellen. So ehrte er pietätvoll
-das Andenken seines tapferen Bruders aus der Tasche der Stadt Freiberg
-in landesväterlicher Huld. Wo die Gebeine der alten Freiberger blieben,
-kümmerte ihn wenig. Diese huldreiche, väterliche Sparsamkeit und
-Fürsorge bewies er auch weiter bei der Ausführung des Denkmals. Zwei
-Dresdner Bildhauer, Melchior Barthel und Christoph Walther forderten
-für die Ausführung des gewaltigen Marmorwerkes 6000 Taler. Bei dieser
-Summe versanken alle schönen Grundsätze von der Kunst, Arbeit,
-Verdienst im eigenen Lande, von landesväterlicher Fürsorge zur Hebung
-von Gewerbe, Handwerk und Steuerkraft, denn das ging schmerzhaft an den
-eigenen Beutel! August übertrug die Arbeit an Hans Wessel in Lübeck
-und dieser verdingte sie weiter für 2800 Taler an Meister Antonius
-von Zerun zu Antwerpen. Dieser ist später erst durch Klagedrohung zu
-der Restsumme von 613 Talern gekommen, welche weder der Kurfürst noch
-Hans Wessel bezahlen wollte! Aus belgischem Marmor von Dinant ist das
-Moritzdenkmal gefertigt. Dinant ist die Stadt, um welche zu Beginn des
-Weltkrieges das Blut der Freiberger Jäger besonders geflossen ist bei
-der Eroberung und durch Verrat und Hinterhalt im Straßenkampf. Diese
-belgische Stadt hat einen blutigen Namen für Freiberg voller Tränen und
-wehen Stolzes.
-
-Von Antwerpen wurde das Marmorwerk in einzelnen Teilen zu Schiff über
-Hamburg elbaufwärts nach Torgau, wo der Kurfürst Hof hielt, und von
-dort nach Dresden und mit Wagen nach Freiberg geschafft und von Zerun
-und seinen Gesellen aufgestellt. So kam es, daß deutsches Geld, aber
-nicht deutsche Kunst und deutsche Hände dieses italienische Werk
-mitten im Herzen Deutschlands für den deutschen Fürsten geschaffen
-haben. Fremd ist es auch unserem Empfinden und fern von der innigen
-Gemütstiefe z. B. der Tulpenkanzel.
-
-Der Kurfürst war sehr stolz auf das Werk und besorgt um den kostbaren
-Marmor und Alabaster, daß er zur rechten Wirkung käme und nicht durch
-Farbe übermalt würde. Er schreibt: »das man an den bildern nur die
-augenn und meuler mit ihren natürlichen farben anstreichen und sonst
-gar nichts mit farben daran schmieren solle außerhalb was vorguldet
-werden mus«, weil sonst »das gantze werck vorstellt und verunadelt
-würde«.
-
-In diesen wenigen Worten kennzeichnet sich ein grundsätzlicher
-Unterschied fremdländischer gegenüber der deutschen mittelalterlichen
-Kunstauffassung, wie sie sich bis in die Renaissancezeit hinein
-erhalten hatte, die in der kräftigen Farbengebung und in der Steigerung
-des Materiales und der Formen durch Malerei große, feierliche und
-charaktervolle Wirkungen erzielt hatte.
-
-Tilman Riemenschneider (1460--1531), der berühmte süddeutsche Meister,
-hat z. B. seine köstlichen Marmorwerke im Dome zu Würzburg farbig
-bemalt, ohne daß »das gantze Werck vorstellt und verunadelt« worden
-wäre, sondern nur an lebendiger künstlerischer Wirkung erhöht und
-gesteigert worden ist. Wir denken ferner an die goldene Pforte unseres
-Domes mit ihrer wunderbaren, uns kaum mehr faßbaren und erreichbaren
-Farbenpracht. Unsere ganze mittelalterliche, so echt deutsche, tiefe
-Kunst lebt und ist stark durch die Farbe. Das wundersame Leben in
-den köstlichen Altarwerken auch in den kleinsten Dorfkirchen ist
-auf die Farbe abgestellt. Diese Werke sind aus dem Seelenleben und
-tiefstem Empfinden und oft unbewußtem, künstlerischem Wollen unseres
-Volkes geboren und auf diesem Grunde hat sich echt deutsche Kunst zu
-eigenartiger, schöner Blüte entfaltet.
-
-Die Farbe in der Baukunst und plastischen Kunst unserem Volke
-wiederzugewinnen und damit wieder zu den Quellen und Urgründen
-deutscher, starker, stolzer, nackensteifer Eigenart und Kunstauffassung
-zurückzukehren nach jahrhundertelanger undeutsch und falsch
-empfindender Fremdtümelei »mit dem Hute in der Hand«, wäre auch eine
-Arbeit an unserem Volk und unserer Heimat auf dem steinigen Wege zur
-Selbstbesinnung, Selbstbehauptung, zur Höhe. --
-
-Im nördlichen Teile des Querschiffes, das durch ein köstliches Gitter
-reicher, alter Freiberger Schmiedearbeit abgetrennt ist, steht auf
-einer Konsole die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz, welche er in
-der Schlacht bei Sievershausen 1553 getragen hat. Seinen Sieg in jener
-Schlacht hat er mit dem Tode bezahlt. Die breite Öffnung links unten
-am Brustharnisch zeigt den Weg, den die tückische Bleikugel gesucht
-hatte. Schwarze Straußenfedern nicken vom Helm herab und die gepanzerte
-Rechte hält den Rennspieß des Kurfürsten. Sein Schwert und der Dolch
-mit dreischneidiger Klinge sind vortreffliche Arbeiten mit zum Teil
-kunstvoll in Eisen geschnittenen Gefäßen mit silbernen Auflagen.
-
-Acht Reiter- und vierzehn Fußfahnen, die in der Schlacht bei
-Sievershausen erbeutet sind, an denen kaum ein Rest von altem
-Fahnentuch mehr ist, sind als eindrucksvolle Ruhmeszeichen und Zeugen
-jener Schlacht an den Seitenwänden angebracht.
-
-Diese schlichte, schwarze Rüstung und diese erbeuteten Fahnen sind
-nicht laut und ruhmredig wie dort die Marmorburg, auf der der Kurfürst
-kniet, aber sie reden eindringlicher und wirken tiefer, denn sie
-erzählen als echte, treue Zeugen von großen Dingen, von Sieg und Tod,
-von Mannesmut und Opfer. Sie sind Leben und Geschichte, während jenes
-Denkmal von Kleinlichkeit erzählt, klein ist, weil es prahlt, arm an
-innerem Gehalt, trotzdem es viel redet und rühmt, fremd uns bleibt,
-weil unser Herz nicht dabei warm wird, wenn wir auch seine Kunst
-bewundern.
-
-Zu Füßen dieser Rüstung stehen die Zinnsärge der Fürsten und Fürstinnen
-der evangelischen Wettiner, die älteren Särge in einfacher Truhenform,
-mit ebenem, glatten Deckel, die jüngeren mit hochgewölbtem Deckel,
-reich profiliert und zum Teil vergoldet. Auf den Särgen der Frauen ein
-Kruzifix, auf den Särgen der Männer ein Schwert. Wir blicken über diese
-Reihe von Särgen dahin und lesen die Täfelchen mit ihren Namen. Welche
-Fülle einst von Glanz und Macht, von Stolz und Kraft im Leben, über
-Tausende gebietend und heute nur noch ein Name, ein Nichts, im Dunkel
-der Vergangenheit versunken. Wie wenig sagen uns ihre Namen und hohen
-Titel, wenn nicht ihre Taten für Volk und Land für sie zeugen. Nur das,
-was sie zum Segen ihres Landes geschaffen, geleistet und gewollt, hielt
-ihren Namen lebendig. Durch Opfer haben sie sich das Leben gewonnen.
-
-Diese Särge standen bis vor kurzem in der unterirdischen Gruft, wo
-ihr Zerfall durch die Zinnpest und andere Zerstörungen im feuchten,
-dunklen Raum immer stärkere Fortschritte machte. So wurden sie denn
-hier zu würdiger, vor Zerstörung, Feuchtigkeit und Moder gesicherter
-Aufstellung gebracht. Sarg auf Sarg wurde die enge, steile Grufttreppe
-mühevoll mit Flaschenzügen heraufgezogen und, wenn die Mittagsglocke
-oder Feierabend schlug, blieb auch wohl ruhig der Sarg in den Seilen
-hängen, bis wieder die Arbeit begann: Einst ein mächtiger Fürst, jetzt
-nur ein schweres Laststück, von dem rasch und gleichgültig die Hand des
-Arbeiters sinkt, wenn die Mittagsglocke schlägt oder gar mehrtägige
-Arbeitsunterbrechung ihn fortruft. Für die Vergänglichkeit irdischer
-Größe, äußeren Glanzes und Ruhmes ist dieses Hängen des verlassenen
-Fürstensarges im Flaschenzug ein bitteres, mahnendes Zeichen und
-Gleichnis:
-
- Erde gleißt auf Erden
- In Gold und in Pracht;
- Erde wird Erde
- Bevor es gedacht;
- Erde türmt auf Erden
- Schloß, Burg, Stein;
- Erde spricht zur Erde:
- Alles wird mein.
-
- (Fontane.)
-
-In tiefen Gedanken schreiten wir dem Ausgange der kurfürstlichen
-Begräbniskapelle zu. Wo die Großen, die Fürsten und Gewaltigen dieser
-Erde ruhen, prägt sich der Eindruck des Allbezwingers Tod besonders
-tief in die Seele:
-
- »Siehst du nicht, wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
- Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis!«
-
-So singt der blinde Sänger Homer seine Jahrtausende alte Klage!
-
-Am Ausgange, in der ehemaligen Allerheiligenkapelle mit ihrem schönen,
-wappengeschmückten, sternartigen Rippengewölbe, fesselt uns noch das
-Grabdenkmal zweier edler, fürstlicher Frauen, der Kurfürstin Anna
-Sophie, der Gemahlin Johann Georgs III. und ihrer Schwester, der
-Kurfürstin Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, die hier im Tode vereint
-ihren letzten Schlummer tun. Hundert Jahre ungefähr hat dieses Denkmal
-mit den Särgen der edlen Frauen im Schlosse Lichtenburg nördlich von
-Torgau bei Prettin gestanden.
-
-Lichtenburg hatte die Kurfürstin Anna, Mutter Anna, als Schloß
-sich ausbauen lassen. Nosseni hatte die Ausstattung mit Alabaster-
-und Serpentinarbeiten übernommen und durch »etliche erfahrene
-und wohlgeübte welsche Gesellen« ausführen lassen. Auch bei
-Deckenmalereien und Friesen mit Wappen und Sprüchen hat Nosseni dort
-seine Kunst walten lassen. Doch war das Schloß später ein stiller
-Witwensitz geworden. Kurfürstin Hedwig, die Gemahlin Christian II.,
-hatte 28 Jahre, von 1613--1642, dort gewohnt und viel Wohltätigkeit
-geübt. Als sie hier in Freiberg beigesetzt wurde, folgten 22 Prediger
-und vier Superintendenten aus freiem Antriebe dankbar ihrem Sarge, weil
-sie namentlich für Kirchen und Schulen reiche Stiftungen hinterlassen
-hatte.
-
-Anna Sophie und Wilhelmine Ernestine wirkten in ihrem Geiste in ihren
-Landen und auf dem stillen Schloß bis an ihren Tod. Ihr Grabdenkmal
-erzählt in stiller Symbolik von ihren edlen Frauenherzen, wie einst
-in Lichtenburg, so seit 1811 hier im Freiberger Dom. Als 1811 das
-Zuchthaus von Torgau nach Lichtenburg verlegt wurde, ließ König
-Friedrich August das Grabmal mit den Särgen an die Stätte, wo die Ahnen
-ruhen, bringen und hier neu erstehen.
-
-In den Jahren 1703--1704 hatte im Auftrage des Königs August I. der
-Bildhauer Balthasar Permoser (1650--1732) dieses Denkmal geschaffen.
-Das Denkmal stellt ein schlichtes ernstes Grufthaus in strengen
-Barockformen aus schwarzem, weißgeflecktem Marmor dar, das in seinem
-dunklen Raum die schwarzen Marmorsärge der Fürstinnen birgt. Rechts
-und links von der dunklen Pforte, die in den Raum der Ruhe und des
-Todes führt, stehen zwei wundervolle weibliche Gestalten aus weißem,
-graugemasertem herrlichem Marmor von des Künstlers Meisterhand als
-der innige Ausdruck der mütterlichen Liebe und fürstlicher Güte und
-Wohltätigkeit. Die eine Frauengestalt, welche ein sich zärtlich
-anschmiegendes Kind auf dem Arm trägt, ein anderes liebevoll an der
-Hand führt, trägt die Züge von Anna Sophia, die andere mit dem reichen
-Füllhorn, aus dem sie spenden will, das Antlitz der wohltätigen
-Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, welche kinderlos war.
-
-Über der dunklen Tür ist als Bekrönung und Sinnbild der ernsten
-Bestimmung des Raumes ein Sarkophag mit Urne angebracht, an den sich
-die Gestalten des Glaubens und der Buße lehnen. Hoch hält der Glaube
-das Kreuz über den Sarg als Zeichen, daß der Glaube den Tod überwindet.
-Im Giebeldreieck des Grufthauses dient das in einer Kartusche
-vereinigte Doppelwappen der beiden Fürstinnen unter einer Krone
-als bedeutsamer Schmuck und Sinnbild der innigen Verbundenheit der
-Schwestern im Leben und im Tode. Der Totenkopf unter den Wappen weist
-auf die äußerliche leibliche Trennung im Tode, der Engelskopf darüber
-aber auf die Erlösung und das Wiedersehen in himmlischer Klarheit.
-Kindergestalten umgeben die Wappen, welche Himmel und Hölle, Tod und
-Gericht versinnbildlichen.
-
-Schlicht und edel, von tiefem Ernst und strenger Wucht und Auffassung
-ist dieses Denkmal der beiden im Tode vereinten edlen Schwestern, so
-ganz anders als drüben Nossenis reiches buntes Werk oder dort das
-Denkmal des Kurfürsten Moritz. Es spricht nicht von Ruhm und Glanz,
-nicht von Macht und hohem Rang, nicht von Prachtlust und Reichtum, es
-spricht als echtes Grabdenkmal von der Vergänglichkeit und von dem,
-was über die Vergänglichkeit siegt und den wahren, echten Ruhm des
-Menschen ausmacht, von den inneren Werten, von der wahren, höheren
-Menschlichkeit edler Herzen und Geister. Durch diese zeitlose Sprache,
-welche uns berührt wie ein schöner echter Klang, der auch Jahrhunderte
-durchtönt, wird dieses Denkmal unserem heutigen Denken und Fühlen
-besonders nahe gerückt, als wäre es ein Werk unserer Zeit und nicht
-schon über 200 Jahre alt.
-
-Wir sind am Ausgange, und hart klirrt die eiserne Tür ins Schloß,
-welche dieses Mausoleum sächsischer Kunst und Geschichte hinter uns
-wieder verschließt. Welche ungeheure Fülle hoher und schwungvoller
-Gedanken und tiefer reicher Empfindungen, von starkem Wollen und
-Können, von edler reifer Künstlerschaft, von Schuld und Schicksal, von
-buntem, vielgestaltigem Leben der Vergangenheit, von Wagen und Wirken
-und auch von bitterem Leid und dunklem Tod hält dieser hohe lichte Raum
-umschlossen. Ein Denkmalsraum ist es von eindringlichster Kraft und
-Wirkung, doch wer kennt ihn wirklich in Sachsen oder gar im Reiche? Wer
-hat diesen Raum, den alten Dom, die goldene Pforte wirklich erlebt? --
-
-Wenn man die Räume im Geiste werden und wachsen sieht und in die
-Jahrhunderte blickt, welche ihnen den Wert und die Weihe gaben, wenn
-wir mit inneren Augen schauen, wie die Väter ihre Werke hier wollten
-und mit sinniger Seele schufen, wenn ihres Geistes Wehen und Wirken
-unser Herz berührt, daß seine Saiten miterklingen in verwandter
-Harmonie, wenn ihr künstlerisches Wesen und Wollen uns gefangen
-nimmt, wie etwas, das uns wesensgleich im höchsten Sinne ist, dann
-erst erleben wir recht solchen Denkmalsraum, den Kunst und Geschichte
-geweiht haben. Die Heimat und ihre Kunst, so vielen unbekannt und
-fremd, von so vielen vergessen, verachtet, wird dir ein Erlebnis
-sein, reiner und reicher als viele gepriesene Wunder der Fremde und
-Ferne! -- -- --
-
-Geh einmal in den Freiberger Dom und lasse deine Seele Zwiesprache
-halten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein und Erz
-gebannt sind, mit den Gedanken und Träumen, mit dem Wollen und Wirken,
-dem Schaffen und Leiden der alten Geschlechter, die einst Erhebung hier
-gesucht, dann wirst du Antwort erhalten, die in deinem Herzen klingen
-wird, dann wird wie leiser Orgelton in deiner Seele das Erlebnis der
-Heimat sein. Und wenn du hinausschreitest nach stiller Weihestunde auf
-den grünen Friedhof und über dir dröhnen die alten Bronzeglocken der
-Hilliger, die große Susanna summt ihre wundertiefen weichen Akkorde,
-und das Silberglöckchen singt ihre helle Melodie dazu, -- weit über
-die Dächer und Giebel schwingen und dringen, wogen und wandern sie in
-die blaue Ferne wie die Stimmen der Heimat und rufen wie die Sehnsucht
-stilleuchtender Stunden ganzer Geschlechter -- dann rauscht es dir im
-Blute, denn du fühlst die Seele der Heimat, und du bist eins mit ihr.
-
-
-
-
-Vor der Goldenen Pforte.
-
-
-Die Westfassade des Domes türmt sich in wuchtiger Einfachheit empor wie
-ein breitschultriger steinerner Riese, der den Himmel stürmen will.
-Doch dort, wo die Vollendung den Bau in der Höhe krönen soll, bricht er
-plötzlich unvermittelt ab, als wäre dem Riesen das Haupt abgeschlagen,
-und starr und tot ragen die eckigen Schultern über die Dächer. Schaust
-du zu diesen Baumassen empor und lässest deine Blicke über dieses
-Gefüge von starken Blöcken aus dem Gneisgefels des heimischen Bodens
-schweifen, das ohne jeden Schmuck in schlichter Größe und zwingender
-Gewalt kantig vor dir aufsteigt, so mußt du vor der Baugesinnung und
-dem monumentalen Bauwillen seiner Erbauer staunen.
-
-Nach ihrem Willen sollte der Westbau als riesenhafter monumentaler
-Abschluß den ganzen Dombau krönen und als selbständiger, gewaltiger
-Bauteil neben dem Hallenbau den Ruhm, den Stolz und die Macht des
-jungen Domkapitels zur höheren Ehre der heiligen Jungfrau verkündigen.
-Die Breite des Schiffes genügte nicht für diesen stolzen Gedanken.
-Weit springt über die Schiffsmauern der Westbau nach Süden vor und
-setzt seinen Fuß tief in den grünen Friedhof hinein, äußerlich
-scheinbar ein breiter Riesenbau für sich, aber doch innerlich innig
-mit dem Schiffsbau verbunden und verwachsen. -- Wir wissen es nicht,
-wie der Meister des Baues sich den oberen Abschluß dachte, aber
-wir können aus der ganzen Anlage des Westbaus schließen, daß er als
-gewaltiger Schlußakkord in geschlossener Wucht in die Höhe strahlen
-sollte, so daß vor ihm in seiner monumentalen Größe und Ruhe im Verein
-mit den mächtigen Flächen des Domdaches alle anderen Bauten sich
-beugten. -- Neue Zeiten stiegen herauf, ehe die Westfront vollendet
-war. Die Stürme der Reformation umbrausten die langsam wachsenden
-Mauern, bis schließlich der letzte Maurer herabstieg und Notdächer
-dem unvollendeten Werke einen Abschluß gaben, Abschluß, aber nicht
-Vollendung! -- Wann wird die Vollendung kommen? -- --
-
-Jahrhunderte gingen hin. Da griff ein Meister unserer Zeit zum Griffel,
-ein Meister, der Massen zu türmen verstand, der in der Wucht der
-Gedanken und Massen, in der kraftvollen Einfachheit die Schönheit
-suchte und aus der monumentalen Baugesinnung der alten Zeit heraus die
-Vollendung im Geiste neuer Zeit suchte, Bruno Schmitz.
-
-Doch als das, was er im Geiste überragender Künstlerschaft geschaut
-und gebaut, zu Stein gewordener Geistestat emporwachsen sollte, da
-brachen die Stürme des Weltkrieges hervor. Wie vor 400 Jahren -- o
-rätselhafter Doppelfall des Schicksals! -- mußten die Künste schweigen,
-und der Meister legte sich selbst zum letzten Schlaf. -- Wann wird die
-Vollendung kommen?
-
-Sinnend stehen wir in der grünen Stille des Domfriedhofes, schauen
-die alten mächtigen, grauen Mauern und türmen in der Phantasie die
-Baumassen empor nach den Plänen des Meisters zur Vollendung in ruhiger
-monumentaler Wucht. Eine Amsel flötet im grünen Wipfel ihr Lied. Um
-uns schweigen die alten stillen Gräber, aber ihre schlichten, schönen
-Denkmäler reden eindringlich von einer verlorenen Kultur. Eine neue
-Zeit ist heraufgestiegen, wird eine neue Kultur heraufsteigen? Sind
-es Frühlingsstürme, welche uns umbrausen, oder sind es Herbststürme,
-die noch das Letzte rauben vor der Ruhe des Todes und winterlicher
-Unfruchtbarkeit? Tausend Hoffnungen sind geknickt, tausend Pläne sind
-zerflattert in diesen Stürmen! Werden diese Stürme auch Knospen wecken,
-daß sie aufbrechen und einmal Frucht tragen für eine neue Kultur echt
-deutscher Art? -- Die Amsel singt ihr fröhliches Lied so jauchzend
-in die Frühlingssonne hinein und schwingt sich auf den First des
-Kreuzganges. Frühling und Wachstum, Knospen und Vogelsang über Gräbern!
-Die Hoffnung bleibt lebendig, und das Leben ist stärker als der Tod!
-Sei stille, das Leben wird neue Knospen ansetzen und Blüten und Frucht
-bringen, und es wird gesegnet sein aus den tiefen Quellen, welche die
-Jahrhunderte durchströmen und unversieglich sind, den Quellen deutscher
-Tiefe und inniger seelischer Kraft, die manchmal freilich verschüttet
-scheinen, aber in der Tiefe weiterströmen und dann plötzlich
-hervorbrechen mit neuer Frische, Kraft und Reinheit.
-
-Wir schreiten zur Goldenen Pforte herüber und hören vor ihrer
-göttlichen Ruhe das Rauschen dieser Quellen deutscher Tiefe und
-inniger, seelischer Kraft. Mit schlichtem Worte preist sie der Chronist
-von 1653:
-
-»Die Pforten dieser Kirchen seynd auch wohl außgearbeitet, sonderlich
-ist an der einen, welche seitwärts gegen Morgen nicht weit von Altar
-lieget, großer Fleiß und Kunst bewiesen worden, welche auch daher, und
-weil sie gantz übergüldet gewesen, die güldene Pforte genennet wird.«
-
-Vor der Goldenen Pforte mußt du allein sein, oder ganz stille mit
-einer engverbundenen, hochgestimmten Seele. »Auf leisen Sohlen wandeln
-die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt Wilhelm
-Raabe. Sei stille drum, wenn du hier nahe trittst. Aus dem Dome muß
-dazu die Orgel klingen in feierlichen Akkorden, oder droben müssen
-die Glocken ihr ehernes Lied summen, weit über die Dächer empor zu
-den Wolken, und dein Herz muß offen sein, offen für Klänge aus einer
-reinen, hohen, heiligen Welt, für Klänge aus der Höhe. Ganz stille dann
-und schauen und schauen. Dann wird es in dir anfangen zu schwingen und
-zu klingen, und auf leisen Sohlen kommt die Schönheit und das Glück,
-und du hörst ferne Stimmen, die mit dir reden, und Gedanken gehen wie
-strahlende Wolken über den weiter und weiter sich spannenden Himmel
-deiner Seele.
-
-Der Dichter des Nibelungenliedes, der Dichter des Gudrunliedes, der
-größten Lieder deutschen Heldenmutes und deutscher Treue, sind uns
-unbekannt geblieben, aber in ihrem Heldensang zittert und bebt und
-lebt unser Blut, unser Geist, unser Herz und Seele. Sie schufen ihr
-Werk fast zu gleicher Zeit als unsere Goldene Pforte aus gleicher
-Seelentiefe, Herzensreinheit und Geistesfülle erstand. Vor 700 Jahren
-hat ein tiefer deutscher Künstlergeist dieses Wunderwerk geschaffen.
-Niemand kennt seinen Namen, aber sein Genius ist heute noch lebendig
-und schlägt dich in seinen Bann und nimmt dich im Fluge empor zu den
-neun Himmeln der Verheißung und Erfüllung, die er in tiefer Symbolik
-hier gestaltete. Sein Werk ist heute noch frisch und jung, als habe
-der Künstler eben erst den Meißel weggelegt, so klar, daß es jedem
-Kinde etwas sagt, so rätselhaft, daß seine restlose Deutung tiefster
-seelischer Zusammenhänge und Erklärung vielfach verschlungener Symbolik
-und kunstwissenschaftlicher Rätsel noch keinem Denker gelang. Wenn man
-einem tiefen Eindruck nachsinnt, bleibt immer etwas Unergründliches,
-Unerklärliches, was unter der Schwelle des Erkennens ruhend den
-tiefen göttlichen Urgrund ahnen läßt. Soll man sagen, warum etwas
-von Beethoven z. B. ergreift, so muß man zuletzt verstummen. Vor der
-Goldenen Pforte kann man das letzte nicht sagen, man muß stille sein
-und in der Seele die Unergründlichkeit spüren.
-
-So jung ist das Werk, als wolle der Meister den weggelegten Meißel
-wieder aufnehmen, um die letzten unvollendeten Teile, die er vor
-700 Jahren verließ, fertigzustellen, dort den Flügel des Engels im
-Tympanon, dort die Konsolen in den gewaltigen Rundbögen. Das Fehlen
-dieser letzten Meißelhiebe gibt den sinnenden Gedanken neue Rätsel auf
-und webt einen feinen Schimmer der Romantik und spürenden Phantasie um
-Künstlerhände, die zu frühe müde wurden, um Künstlerschicksal, das sich
-zu früh erfüllte, um Künstlernamen, der im Dunkel versank, während er
-unter den hellsten Sternen der deutschen Kunst leuchten müßte. Doch was
-soll uns der Name, wenn das lebendige Werk laut seinen Meister durch
-die Jahrhunderte preist?
-
-Durch Feuersnöte und Einsturzgefahren, durch Kriegsstürme und
-Belagerungen, durch Abbrüche und Umbauten, durch Glaubenskämpfe,
-Fanatismus und Bildersturm, durch Empörung, Aufruhr, Bubenspott und
-wilden Übermut, durch Regen, Frost, Blitz und Wetter, durch Roheiten
-und Zerstörungslust, durch Aberglauben, Gleichgültigkeit und tausend
-andere Gefahren von sieben Jahrhunderten steht die Goldene Pforte in
-wunderbarer Erhaltung bis auf unsere Zeit.
-
-Das Gotteshaus, zu dem sie gehört, hat öfter seine Gestalt gewandelt,
-sie ist in ihrer Herrlichkeit geblieben und zeugt in ihrer strahlenden
-Schönheit von dem Geist und der Kunst der alten Zeit, uns so nahe
-verwandt und verbunden und doch so fern, so still erhaben in seiner
-stillen Hoheit und Geschlossenheit über der lärmvollen Zerrissenheit
-unsrer Tage.
-
-Es ist, als ob ihre Schönheit, wie einst die Klänge des Arion wilde
-Tiere besänftigten, so alle Zerstörungslust und wilden Übermut
-gebändigt habe, daß sie stille wurden und vor ihr in scheue Bewunderung
-und heilige Ehrfurcht sich wandelten. Die Macht der Schönheit hat sich
-selbst behütet und bewahrt.
-
-Und doch ist es nicht nur die Schönheit, die hier zu uns spricht, es
-ist das tiefste Fühlen und Denken eines ganzen Zeitalters hier in
-Stein gebannt und wie ein gewaltiges Glaubenslied, wie der Schrei der
-verlangenden Seele eines ganzen Volkes nach dem, was göttlich ist und
-über die Nichtigkeit zur Ewigkeit erhebt, klingt es empor.
-
-Du fühlst es, denn du bist Blut von ihrem Blut, und das wird dir
-unaussprechlich klar, daß die Kunst arm ist, wenn sie nur diesseitig
-ist. Du spürst in dir das Erkennen, daß die Kunst die Sprache der
-Seele zu der Gottheit ist, daß in ihr das Göttliche in uns seinen
-sehnsuchtsvollen Ausdruck sucht. --
-
-Das Volk jener fernen Tage konnte nicht lesen, aber es konnte deuten
-und die Sprache der Symbole, sinnbildlicher Bewegungen, Stellungen und
-Gestalten verstehen, wie es unsrer Zeit ganz verlorengegangen ist. So
-war ihm ein reiches Bildwerk symbolischer Art wie ein Buch, das mit
-ihm redete in stummer, lebendiger Sprache und sich einprägte wie eine
-gewaltige Predigt oder wie wuchtige Glaubenssätze. Es erkannte in ihm
-das, was es im Innersten erfüllte und wonach ihre Herzen verlangten. Es
-war ihm ein Ausdruck des eigenen besten Seins, Fühlens, Verlangens und
-Glaubens. Es war ihm eine gewaltige Predigt, welche ihre Seelen von der
-Geburt des Weltheilands, den die Könige anbeten, bis zu den Donnern
-des Jüngsten Gerichts, da die Gräber springen, von den Verheißungen des
-alten Testaments zu der Erfüllung des neuen Bundes trug.
-
-Solch ein Werk wie die Goldene Pforte konnte nur geboren werden
-aus einer Zeit höchster religiöser Empfindung und gesteigerten
-kirchlichen Lebens, als die Macht der Kirche und ihrer Lehren und
-Auslegungen besondere Gewalt über die Seelen und Gedanken hatte. Es
-war die Zeit der Kreuzzüge, in welchen so viel religiöse Inbrunst
-verloderte und deutsche Kraft verblutete für weltenferne Träume und
-wirklichkeitsentrückte Gedanken. Es war die Zeit der Gründung des
-Franziskaner- und Dominikanerordens, die mehr als andere im Volke ihre
-Wurzeln schlugen und ausbreiteten, dadurch, daß sie in den breiten
-Massen wirkten und nicht sich abschlossen wie die anderen Orden, die
-bald auch in Freiberg ihre Klöster gründeten und bauten.
-
-Die geistigen Strömungen wirkten sich in kirchlichen Gedanken aus.
-Da blühte dieser Gedanke in der jungen Bergmannsgemeinde auf, ihren
-Reichtum und ihren kirchlichen Sinn zu zeigen. Statt der schlichten,
-alten romanischen Pforte aus der ersten Bauzeit in der Gründungszeit
-der Stadt, deren Reste noch auf uns gekommen sind, sollte ein großes,
-stolzes Marienportal das Gotteshaus schmücken, schöner und reicher als
-irgendein anderes in deutschen Landen! Nach einem tüchtigen Meister
-hielt man Umschau. Man mag im Kloster Altzella bei den feingebildeten,
-kunstverständigen Benediktinermönchen, ferner in Wechselburg und auch
-in anderen Städten herumgehorcht haben. Die Ordensbeziehungen der
-Klosterleute und die Handelsbeziehungen der Bürger reichten ja weit und
-machten nicht vor den Landesgrenzen halt. Die bunt aus allen Stämmen
-gemischte, zum Teil auch weitgewanderte, geistig regsame Bevölkerung
-hatte manchen klugen und gebildeten Kopf, und der den Verkehr
-anziehende Segen des Bergbaues und die uralten Handelswege mögen auch
-manchen Welt-, Menschen- und Kunstkenner herbeigeführt und sein Wort
-und Ratschlag zur Geltung gebracht haben.
-
-Den rechten Meister zum Werke zu finden, das war jedoch ein Glücksgriff
-besonderer Art, und wie ein Meteor taucht der Künstler aus dem Dunkel
-auf, helleuchtend mit seiner Schöpfung, und verschwindet wieder im
-Dunkel. Wir können nur vermuten und ahnen, auf welchem Wege er gefunden
-wurde und aus welchen Einflüssen heraus der Meister dieses herrliche
-Werk schuf. Keine Urkunde und keine Chronik meldet seinen Namen, aber
-aus dem Werke seiner Hand können wir fühlen, wie seine Künstlerschaft
-zu dieser Vollendung reifte und Anregungen aus Jugend, Heimat und
-Fremde verarbeitete und mit schöpferischer Kraft gestaltete. Er
-stammte vielleicht aus Magdeburg, wo in der alten Bischofsstadt ein
-neuer Dom entstehen sollte. Dort in der Dombauhütte war er wohl als
-junger Künstler tätig, der sich schon ausgezeichnet hatte, weit durch
-Deutschland gewandert war und vielleicht in Regensburg, wahrscheinlich
-aber auch in Halberstadt gearbeitet hatte und dort den Dom und die
-Liebfrauenkirche genau kannte, ihre Formen, Bildwerke und Malereien
-mit ihrem Gedankenreichtum in sich aufgenommen, gezeichnet und
-verarbeitet hatte, dessen Künstlerschaft an diesen Werken gewachsen
-war. Sein Meister in der Dombauwerkstatt von Magdeburg war aber auch
-in Frankreich gewesen. Ihn hatte der Erzbischof Kardinal Albrecht II.
-dorthin geschickt, um Anregungen für den neuen Bau zu schöpfen, aus
-den gewaltigen Kathedralen von Paris, Chartres und Laon, die der
-Kardinal in seiner Jugend gesehen hatte.
-
-Dieser Meister hatte den Kopf und das Herz voll sprudelnder neuer
-Gedanken und Bilder mitgebracht und ein Skizzenbuch voll Zeichnungen
-von Portalen und Figuren und allerlei Einzelheiten, Notizen und
-Motiven, um, befruchtet durch fremdes, neuartiges, künstlerisches
-Schaffen und Gestalten sein eigenes Können und seine künstlerische
-Phantasie zur höchsten Blüte zu entwickeln. In diesem Skizzenbuche
-seines Meisters mag nun mit feuriger Seele unser Künstler studiert
-haben, um das, was an alter deutscher Kunst ihm herrlich schien,
-nach Form und Inhalt mit diesen neuen Gedanken zu verbinden und zur
-Vollendung zu führen.
-
-Die junge Kunst der aufblühenden Gotik, wie sie in Frankreich
-emporwuchs, mit ihren neuen Konstruktionsgedanken lag ihm fern.
-Er fühlte mehr als Bildhauer und wendete seine Neigung dem
-bildnerischen Schmucke zu. Er zeichnete eifrig und entwickelte sich
-seine Gedanken und ließ sich von seinem Meister erzählen, wie an
-den französischen großen Kathedralen die Portale geschmückt waren:
-Ein Marienportal mit der Darstellung der Erhebung Marias zum Himmel
-und Krönung, ein Christusportal mit dem Heiland in der Glorie, mit
-den Evangelistensymbolen und der Königsreihe seiner Vorfahren, und
-schließlich ein Portal mit der Darstellung des Jüngsten Gerichtes. Wie
-mag der Künstler mit der Fülle der neuen Gesichte und Vorstellungen und
-Anregungen und Formen gerungen haben, mit denen die junge Gotik seine
-Feuerseele bedrängte. Das Neue, das ihm entgegenblühte, zu verstehen
-und aufzunehmen, und neue Gedanken mit der klaren, einfachen, alten,
-lieben Sprache der Heimat auszudrücken, das wurde das Ziel seines
-Ringens. Im benachbarten Halberstadt zeichnete und studierte er viel an
-den neuen Werken der kirchlichen Baukunst und Bildnerei. Auch manches
-Werk der Antike in edler Einfalt und stiller Größe mochte ihm bekannt
-geworden und von ihm in seiner Schönheit im heißen Glück empfunden
-und gezeichnet worden sein und ihn emporgehoben haben zu reifer,
-abgeklärter Kunst.
-
-Es erging vielleicht durch Vermittlung seines Meisters in Magdeburg
-an ihn der Ruf von Freiberg, ein Prachtportal zu bilden zur Ehre der
-Jungfrau Maria und zum Schmucke der jungen, stolzen Silberstadt, deren
-Ruhm weithin durch das alte Sachsenland erklang. --
-
-In welcher bewundernswerten Weise er diese Aufgabe anpackte und löste
-und eines der größten Meisterwerke deutscher romanischer Kunst schuf,
-wie er unter meisterhafter Beherrschung aller romanischen Schmuckmittel
-und künstlerischen Möglichkeiten und Formenreichtums alle Tiefen
-inniger Glaubensgewißheit und kirchlicher Lehre durchmaß und in seinem
-Werke ihnen Sprache und Leben gab, wie er mit der Glut seiner deutschen
-Seele die Klänge ferner, fremder Kunst in die göttliche Harmonie und
-Reinheit seiner heimischen Kunst voll ursprünglicher, selbständiger
-künstlerischer Eigenart einordnete, das ist Zeugnis für den Himmelsflug
-seines Geistes, die Tiefe seiner Seele und seine schöpferische Kraft.
-Und sehen wir vom geistigen Inhalt des gewaltigen Werkes ab, so ist
-schon die rein bildnerische, künstlerische Schönheit des Ganzen und
-aller einzelnen Teile so vollendet und ergreifend, daß es weit über
-alle Werke jener Zeit emporragt.
-
-Die Goldene Pforte ist noch ganz romanisch, ein stufenförmig
-gestaffeltes Portal mit Säulen in den Winkeln der Stufen von
-reinromanischer Kapitälbildung. In der Ornamentik der mächtigen
-Rundbögen finden wir die kräftigen Zickzacklinien, wie sie besonders
-gern und häufig irische Mönche verwendeten, welche als Missionare
-Deutschland und Frankreich durchzogen und ihre einheimischen Formen zur
-Geltung brachten. Diese »Schottenmönche« hatten z. B. in Regensburg
-zwei Kirchen nach ihrer Art gebaut und geschmückt, und es ist wohl
-möglich, daß auch bei der Goldenen Pforte mit ihren Zickzackornamenten,
-die sich bis in die Schäfte der Ecksäulen zart fortsetzen, solche
-irische Einflüsse, sei es über Regensburg, sei es über andere Studien
-und Skizzen des Meisters wirksam gewesen sind. Alle Gebundenheit und
-Steifheit der Ornamentik und namentlich des Figürlichen, in der die
-mittelalterliche Kunst noch gefesselt lag und die mittelalterliche
-Figuren neuzeitlichem Empfinden oft so schwer verständlich macht, ist
-aufgehoben. Die Gestalten leben und sprechen und sind erfüllt von
-innerer geistiger Spannung je nach ihrer Bedeutung und Bestimmung. Sie
-sind mit einer plastischen Sicherheit und Kenntnis des menschlichen
-Körpers und seiner Bewegung hingestellt, als wären sie vom
-Frühlingshauche der jungen Renaissance, die doch erst 300 Jahre später
-nach Freiberg kam, berührt und erweckt, von formaler Schönheit erfüllt
-und über ihre Zeit hinausgehoben worden.
-
-So ist die Goldene Pforte zu dem strahlenden Juwel geworden, das durch
-die Jahrhunderte leuchtet und auch heute noch jeden Beschauer zur
-Andacht zwingt, daß er empfindet: Hier stehst du an heiliger Stätte,
-an einer Stätte der Offenbarung deutscher Seele, deutscher Kunst und
-deutscher Gedankentiefe. Die Kunst erhebt sich hier in der Tat zu einer
-so ergreifenden Großartigkeit, sagt Richard Freiherr von Mansberg, ihr
-geistvoller Erklärer, dem wir hier folgen wollen, daß in dem ganzen
-Gebiete der Erzeugnisse dichtender und bildender Kunst außer dem
-gigantischen Werk eines Dante wohl keines zu nennen ist, welches an
-tiefer Durchdringung des geistigen schwer zu bewältigenden Stoffes bei
-gleicher Formvollendung dem unsrigen ebenbürtig zur Seite gestellt
-werden könnte. »Noch einmal,« sagt er, »verschmelzen hier antiker
-Schönheitssinn und deutsche Empfindung, getragen von einem Naturgefühl,
-das bis ins kleinste der Gesichtszüge, der Hände und Füße, voll Adel
-und Lebenswahrheit ist«.
-
-Neun Bogen schließen sich so zusammen zu einem gewaltigen Halbrund,
-das als Symbol des Weltalls gilt mit den neun Himmeln, in welchen die
-beim Jüngsten Gericht aus ihren Gräbern auferstehenden Märtyrer, die
-Apostel und die Scharen der Erzengel, Cherubinen und Seraphinen Gott in
-seiner Dreieinigkeit in den Scheiteln der Bögen thronend schauen und
-in feierlicher Würde verehren. Die Figuren sind wie die Juwelen eines
-Diadems in köstlicher Vollendung dem reichen Rahmenwerk eingefügt.
-
-Dieses gewaltige Diadem umspannt das Bogenfeld (Tympanon) als Herz der
-ganzen Komposition. Die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben ist hier
-thronend dargestellt, wie die drei Weisen aus dem Morgenlande, als
-Vertreter der Völker der Erde, ihre Gaben bringen und huldigen. Sie ist
-der Mittelpunkt des Weltalls, als die reine Jungfrau, die Gottesmutter,
-die Himmelskönigin, die Mutter der Gnaden in nahezu vollkommener Weise
-dargestellt. Hoheit und Demut und eine überirdische Verklärung spricht
-sich in den ernsten und doch weichen Zügen aus, die immer stärker
-fesseln, je länger man sie aus der Nähe betrachtet.
-
-»Die Gottesmutter, die Himmelsfrouwe und der Engel Kuniginne«, wie der
-alte Dichter sagt, ist selten wieder in gleicher Tiefe, Innigkeit und
-Vollendung dargestellt worden.
-
-Über ihrem Haupt runden sich die Himmelsbögen, in denen Engel,
-Apostel und Auferstehende die Erfüllung und Vollendung des göttlichen
-Erlösungswerkes symbolisieren. Zu ihren Füßen aber stehen Gestalten des
-alten Bundes, als Verkünder, Vorläufer und Ahnen des Heilandskindes,
-das sie in den Armen hält. Zugleich aber sind diese Gestalten als
-Sinnbilder zu deuten, die Maria feiern als eine Jungfrau, Gottesmutter,
-Himmelskönigin und Mutter der Gnaden. Zwischen den herrlichen Säulen
-mit ihren köstlichen Kapitälen, welche die Himmelsbögen tragen, stehen
-so auf kleineren Zwergsäulen sich gegenüber die Gestalten des Propheten
-Daniel und des Aron, der Königin von Saba und der Bathseba, des Königs
-Salomo und des Königs David, Johannes des Täufers und des Propheten
-Nahum.
-
-Doch noch tiefer und weiter greift die Symbolik: Die neue Pforte
-zum Gotteshause sollte für die Freiberger Bergmannsgemeinde eine
-Bergmannspforte sein! Nicht ohne Absicht steht darum Aron auf der
-ersten steinernen Säule des Gewändes. Im Orient haben Namen ihre
-besondere Bedeutung. Der Name steht für das, was der Mensch selbst ist.
-Aron, das arabische Harun, von dem Märchenkalifen Harun als Raschid
-bekannt, bedeutet »Bergmann«! Aron, der Bergmann, steht als erster an
-der stolzen Pforte der Pfarrkirche der jungen Berggemeinde und weist so
-auf die Bergstadt hin.
-
-Über der zweiten Säule ist die Stadt Freiberg, das alte »Vriberch«
-selbst dargestellt durch einen weiblichen Kopf mit Mauerkrone. Das
-Symbol der Mauerkrone kennzeichnete ja bereits in der Antike die
-Stadtgöttinnen.
-
-Den ersten der neun Bogen tragen Löwen als Wächter des Heiligtumes, den
-dritten trägt die Stadt Freiberg als der Ort, der das Heiligtum baut,
-erhält und trägt, den fünften Bogen trägt links ein Bergmann in der
-alten Fahrhaube und rechts ein Mönch mit Fischen, der Bergmannsstand,
-der die Gemeinde bildet, und der Mönch, der die Gemeinde sammelt und
-pflegt nach dem Wort des Herrn: »Ich will euch zu Menschenfischern
-machen«.
-
-Über 80 figürliche Darstellungen schmücken die Pforte in unerhörtem
-Reichtum aber ohne Überladung in köstlichem Rhythmus der künstlerischen
-Formen und der tiefen Gedanken. Die stets wechselnde Fülle der
-Ornamentik und aller Schmuckbildungen an Kapitälen, Gesimsen, Säulen
-und Bögen, in welchen Menschen- und Tiergestalten in echt deutscher
-Phantasie mit verflochten sind, ist staunenswert.
-
-Hier zum ersten Male werden in Deutschland sitzende Figuren in den
-Nischen der Bögen verwendet, das einzige Mal im romanischen Stil, was
-später der gotische Stil häufiger zeigt.
-
-Hier zum ersten Male in Deutschland wird eine Krönung Mariä dargestellt
-im untersten Bogen über dem Tympanon, die zwei bis drei Jahrhunderte
-später ein so beliebtes Motiv der Plastik und namentlich der Malerei
-wurde.
-
-Hier zum ersten Male wird in der deutschen Kunstsymbolik das Jesuskind
-mit dem Apfel als Sinnbild der Welt dargestellt.
-
-Eine Fülle von neuen Gedanken sind hier zum ersten Male ausgedrückt,
-die für Jahrhunderte die Kunst befruchteten und anregten. Hier ist
-die Kunst nicht nur ein Können voll Schönheit und nur der äußeren
-Form, welche die Augen beglückt, nein, sie ist eine Stein gewordene
-Weltanschauung von unendlicher, echt deutscher Seelentiefe, innerem
-Gehalt und unwiderstehlicher Gemütskraft. Sie ergreift das Innerste,
-weil hier eine gottbegnadete Künstlerseele ihr künstlerisches und
-seelisches Bekenntnis ausströmte und in wundervoller tiefer Einheit
-formte zu einem Werke voll leuchtender Klarheit, Schönheit und heiliger
-Innigkeit, einem Werke, in welchem das edelste Wollen und Fühlen seines
-ganzen Volkes und seines Zeitalters erhabenen Ausdruck fand.
-
-Um die Wirkung seines gewaltigen Werkes auf das höchste zu steigern,
-hatte der Künstler dann das Ganze vergoldet und in reine leuchtende
-Farben, in strahlendes Rot, tiefes Blau und sattes Grün gehüllt. Das
-Gold und die Farben sind im Laufe der Jahrhunderte geschwunden, doch
-noch heute lassen sich Farbenspuren hie und da an versteckter Stelle
-finden und aus älteren Berichten kann die Farbengebung der einzelnen
-Teile mit einiger Sicherheit festgestellt werden. Die unverbildete
-Farbenfreude des Mittelalters, welche sich ja auch in der Tracht
-ausspricht, liebte es, architektonisch ausgezeichnete Bauteile, wie
-Portale, Erker, Giebel u. dgl. als besondere Schmuckstücke farbig zu
-bemalen und auch breite Wandflächen innen und außen mit Gemälden zu
-schmücken. Kaum ein mittelalterliches Bauwerk höheren Ranges wird auf
-die kräftige, belebende Wirkung reiner leuchtender Farben verzichtet
-haben. Das Erbe dieser Farbenfreude hat ja nur unsere Volkskunst in
-schlichtester Weise festgehalten, vermehrt und zu mancher neuen Blüte
-gefördert. Diese Farbenfreude, welche durch die mißverstandene Antike
-und Klassizismus verlorengegangen zu sein scheint, ist ein inneres
-Bedürfnis unseres Volkes und müßte wieder ihren Platz sich erobern im
-Leben des Volkes und im Straßenbilde.
-
-Die alten Beispiele und die alte Volkskunst könnte da anregend und
-befruchtend wirken im Sinne einer farbigen, malerischen Bereicherung
-unserer so nüchternen, modernen, Grau in Grau gehaltenen und Grau in
-Grau die Seelen stimmenden Straßen und Plätze.
-
-Wie ein Märchen voll Schönheit, Glanz und Farbe muß dagegen die
-»Goldene Pforte« einst gewirkt haben, und so manchen schlichten, rauhen
-Besucher aus harter, unwirtlicher Wald- oder Bergeinsamkeit überwältigt
-haben, als stünde er vor der Pforte des Himmels, wo alle Schönheit und
-aller Glanz vereinigt ist, so daß er geblendet die Augen schließen muß,
-nein, tief in die Seele die Herrlichkeit hineintrinken möchte und an
-dem Trunk genesen muß von dem, was schwer und trüb und dunkel seine
-Seele bedrückt und bedrängt, daß er alles vergißt, was dahinten ist und
-seine Sehnsucht nach dem ewigen Lichte strebt, und die Arme hebt dem
-leuchtenden Glanze entgegen. -- -- -- --
-
-Doch wir müssen scheiden. Die Glocken droben sind längst verklungen,
-aber im Herzen klingen lauter und lauter die Glocken, welche das Lied
-von deutscher Seele und deutscher Kunst, von deutscher Kraft und
-Schönheit singen, welche nach 700 Jahren noch jung ist und jung bleiben
-wird, solange noch eine deutsche Seele dem Lichte entgegenringt und
-goldene Pforten sich baut, leuchtend im Grau der Tage, hoch über dem
-Schmutz der Straße, hoch über den dunklen Tiefen des eigenen Herzens,
-die ihre goldenen Bögen öffnen der Erfüllung und Vollendung entgegen.
-
-
-
-
-Haldenwanderung.
-
-
-Ja freilich ist es über die Maßen herrlich, unterzutauchen in die
-Tiefen des grünen Meeres der Wälder, wo die Wipfel wie Wogen rauschen
-und wallen, und dort in kraftspendender Einsamkeit aus der Unruhe und
-den Irrungen und Wirrungen zurechtzufinden.
-
- »Da mag vergehn, verwehen
- Das trübe Erdenleid,
- Da sollst du auferstehen
- In junger Herrlichkeit!«
-
-Einsamkeitsgänge sind oft Genesungsgänge, Gänge der Erhebung, des
-Aufrichtens und Abschüttelns von allerlei Last und Leid. Meister
-Eckhart (1260--1327) sagt: »Ein auferhobenes Gemüt sollst du haben,
-nicht ein niederhangendes, ein brennendes Gemüt -- in dem doch eine
-ungetrübte schweigende Stille herrscht.« Stunden der Stille sind
-Stunden der Kraft, wenn du der Stille die Tiefen deiner Seele öffnest,
-damit sie stille wird.
-
- »Da draußen, stets betrogen, saust die geschäft’ge Welt!«
-
-Doch da drinnen kann auch das Herz betrogen werden und leer bleiben
-trotz der Stille, wenn es nicht den Stimmen der Stille recht lauscht
-und aufnimmt, was sie sagen und geben wollen.
-
-Wer diesen Stimmen recht zu lauschen vermag, der findet Reichtümer
-und Schätze, wo den andern alles arm und öde ist, dem blüht Leben und
-Freude, wo dem andern alles tot und leer ist, der gewinnt Kraft und
-neuen Schwung, wo der andere müde und stumpf wird. »Auf leisen Sohlen
-wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt
-Wilhelm Raabe.
-
- In der Stille wachsen große Gedanken,
- Aus der Stille reifen wahrhafte Taten,
- Aus der Stille blüht die Stärke der Seelen!
-
-Sagt doch schon der Prophet Jesajas: »Wenn ihr stille bliebet, so würde
-euch geholfen«.
-
-Was vermag aber am meisten die Seelen zu erheben und still zu machen?
-Großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, die Ewigkeit und die
-Vergänglichkeit!
-
-Aus der Stille heraus erst vermagst du oft die Heimat zu verstehen und
-ihre Wunder zu erkennen, ihre Werte zu finden und dir zu gewinnen,
-die sie dem Lärm verborgen und verschlossen hält, in der Stille erst
-vermagst du für dich in der Heimat das große Gotteswerk und das große
-Menschenwerk, die Ewigkeit und die Vergänglichkeit mit deiner Seele zu
-suchen und zu erkennen. In der Stille erst vermagst du dich selber zu
-finden und dein Bestes zu verstehen.
-
- »Und meine Seele spannte
- weit ihre Flügel aus,
- flog durch die _stillen_ Lande,
- als flöge sie nach Haus.« -- -- --
-
-Wir wollen einmal wandern, dort, wo es stille ist, dort, wo großes
-Menschenwerk, wo die Vergänglichkeit in stummer Größe uns anschauen und
-uns erzählen von vieler Geschlechter Mühe und Arbeit und von ringenden
-Kräften ferner Tage. Eine Wanderung über die alten Bergwerkshalden in
-der Umgebung der alten Bergstadt vermag uns gar stille und nachdenklich
-zu machen. Gar oft ist die Romantik der alten Burgen und Schlösser und
-ihrer trotzigen Ruinen besungen worden. Sagen und Geschichten umranken
-die Trümmer mit stimmungsvollem Zauber und beflügeln die Phantasie
-sogar auch manches nüchternen Spötters zu höherem, reinerem Flug.
-
-Wir sind stolz auf diese Herrlichkeiten der Heimat, die uns vom Glanz,
-von urwüchsiger Kraft und kriegerischem Tatenmut unsrer Vergangenheit
-erzählen, und empfinden sie froh und tief. Doch hier unsere Halden und
-schlichten Bergwerkshäuser sind von gleichem Werte und gleicher oder
-tieferer Wirkung auf die sinnende Seele, wenn sie nur in ihr stilles,
-schicksaldurchfurchtes Antlitz schaut. Wir wollen sie suchen und
-lieben, wir wollen stolz auf sie sein und von ihrem stimmungsvollen
-Zauber in der Stille uns umfangen lassen und von ihnen reden und sagen,
-nicht wie von etwas, das der Menge und dem Geschrei gefallen muß oder
-etwas geben könnte, sondern wie von etwas, das den feinen Seelen, den
-stillen Herzen unendlichen Stimmungszauber gibt. Auch die alten Halden
-erzählen, wie jene stolzen Burgen, von untergegangener Herrlichkeit,
-und der silberne, mit bunten Blumen durchwirkte Mantel der Romantik
-liegt über ihnen. Es ist nicht die Romantik klirrender Waffen von Blut
-und Streit, sondern die Romantik klirrenden Werkzeugs, ringender Arbeit
-und sauren Schweißes von tausend Geschlechtern, welche in unermüdlicher
-Treue mit den Geistern der Tiefe den täglichen Kampf der Arbeit und
-Pflicht durchkämpften und in den dunklen Schächten die blutenden
-Silberadern der Felsen durchforschten. Es ist die Romantik, welche
-nicht Wunden schlug, sondern aus den Felsen die edlen Erze schlug und
-sie zum Zauberstabe machte, daß aus dem Lande ein Garten wurde, in
-welchem die Kultur und edelste Kunst erblühte.
-
-Diese Arbeit von Jahrhunderten hat die Landschaft gestaltet und ihr so
-charaktervolle Formen gegeben, daß die Landschaft selbst dadurch ein
-Riesendenkmal des untergegangenen Bergbaues geworden ist. Die Kräfte,
-welche sie zu ihrer Eigenart herausgestaltet haben und in ihr wirksam
-waren, werden deutlich sichtbar, und jede Halde, jeder Hügel, jede
-Binge erzählt uns von dem Ringen, den Siegen und dem Segen zäher Arbeit
-zahlloser namenloser Geschlechter. Die Halden sind die Riesendenkmäler
-der Namenlosen der Arbeit! So trägt die Landschaft die tiefe geistige
-Schönheit eines durchgearbeiteten Charaktergesichts, und dies ist
-schöner und packt mehr die Seele und forschende Gedanken, als die leere
-Schönheit der äußeren Form, in der kein geistiges oder seelisches
-Erleben, kein Schicksal und kein Kampf sich ausprägt und uns mitleiden
-und mitfühlen läßt. Wie gewaltige Hünenmale des alten Bergbaues türmen
-sich rings die Halden mit ihren mächtigen Steinmassen. Blaue und
-violette Schatten auf dem schwarzen, braunen, gelben und roten Gestein
-und wieder der rote Glast der Sonne verleihen ihnen ein eigenartiges
-Leben und wundersame Stimmung. Bald im Sturze in natürlicher Böschung
-übereinandergerollt und durcheinander gekollert, bald wieder mit
-steiler Steinpackung wie in Felsenmauern gefügt, schwarz vom Wetter und
-finster-gewaltig in den mächtigen starren Linien des Umrisses gegen den
-blauen Himmel mit den schwebenden weißen Wolken stehend, liegen die
-Steinmassen nackt und ohne Grün da, gekrönt von den hellschimmernden,
-zusammengedrängten Häusern der Grube mit ihren grauen Dächern, die
-in feiner Massenabstufung dem Bilde den harmonischen Abschluß geben.
-Finster-dämonisch wirkt das Bild zu manchen Zeiten und Stimmungen. Ja,
-im Grauen des Gewitters, wenn Sturm und Wetter auf ihren blauschwarzen
-Wolkenrossen durch die bebenden Lüfte sausen, dann steigert sich die
-Wirkung ins Heroische. Die Wucht und Schönheit der einfachen Linie, der
-kantigen Form und Masse hält uns in ihrem Bann.
-
-Ja, wie mächtige Festungsmauern, steil und unersteiglich, finster
-und wuchtig wirken manche dieser Riesenmale, welche der Bergbau sich
-gesetzt. Wie Titanenwerke ragen sie auf und beherrschen die Landschaft.
-Bedeckt doch z. B. die Halde des Davidsschachtes bei 27 ~m~ Höhe
-eine Fläche von fast 40000 ~qm~, und ihre Steinmassen betragen etwa
-1 Million ~cbm~.
-
-In der Nähe aber wird das Einzelne lebendig. Farben leuchten auf in
-allen Schattierungen, von Schwarz und Grau und Weiß, vom Braun bis
-zum leuchtenden Gelb und Rot und Zinnober, Grün, Rosa und Violett,
-und suchst du mit dem scharfen Blicke des Sammlers und wendest oder
-zerschlägst du gar die Steine hier und dort, so blitzt bald hier ein
-Kristall, Quarz oder Feldspat, bald schimmert dort eine Ader von
-Bleiglanz oder Schwefelkies oder es fesselt dich das feine Geäder
-baumartiger Zeichnung auf einer bunten Fläche. Und richtest du dich
-auf, so schweift dein Blick über die malerische Umrißlinie der Stadt
-im grünen Grunde unter dir mit ihren Türmen und Mauern, mit ihren sich
-drängenden steilen, roten, grauen und schwarzen Dächern. Dicht vor
-dir der mächtige Donatsturm mit seinem spitzen Kegeldach, um welches
-die Dohlen flattern und schreien. Die altersgraue Stadtmauer schaut
-durch grüne Wipfel. Dort die beiden stumpfen Türme von St. Nikolai,
-die mit ihrer schlichten Wucht so recht in die alte Bergstadt passen,
-dort der hohe schlanke Petriturm, der über alle Dächer, Giebel und
-Türme weit hinausschaut ins grüne Land, der Rathausturm dicht dabei
-mit seiner barock geschwungenen Haube und endlich das mächtige Dach
-des altehrwürdigen Domes, das wie eine Henne weit seine Flügel breitet
-über die Schar der anvertrauten Küchlein, und dazwischen hinein das
-lustige Gewimmel von Giebeln und Dächern und Schornsteinen wie die
-Heerschar, welche sich um die hohen stolzen Führer freudig drängt und
-zu ihnen vertrauend aufschaut. Blauer Rauch wirbelt aus den Essen
-empor und ein Glockenklingen grüßt uns von den Türmen wie Stimmen
-aus den Seelentiefen der Stadt. Und wendest du dich um und schaust
-du weit ins Land hinaus, da sind die blauen Wogen des Waldes in der
-Ferne und vor dir in der Nähe und in der Weite im gewaltigen Ringe
-umher, die Halden, die schweigenden Beherrscher der weiten, stillen
-Landschaft. Bald träumen sie einsam im Felde wie ein gewaltiges Grab
-der Vergessenheit, der Vergänglichkeit entgegen, bald wandern sie in
-langen Zügen wie sagenhafte urweltliche Ungeheuer mit ihren Rücken und
-Kuppen durch das Zwielicht in geheimnisvolle Dämmerung hinein, bald
-türmen sie sich zu riesenhaften Kegeln empor, als sollten Pyramiden auf
-eines Pharao Geheiß zum Himmel emporgeschichtet werden, bald strecken
-sie sich lang und flach mit kurzem Steilhang wie vom Winde geformte,
-vom Sturm zerrissene Dünen, bald bäumen sie sich kurz, steil und
-trotzig empor wie eine vom Riesenpflug emporgeworfene Scholle. Bald
-weißschimmernd wie märkischer Sand, bald rot leuchtend, als bluteten
-alte, schmerzhafte Wunden, bald grünumwuchert, bald laubüberdacht,
-bald tot und nackt und kahl, stets wechselnd und doch immer dieselben
-schweigsamen und doch so vielsagenden Gestalten, sind diese Halden
-gewaltige und klingende Akkorde in der Landschaft Freibergs, welche
-die jahrhundertelange Arbeit des Bergbaues schufen und fügten zu einer
-heroischen Symphonie der Arbeit.
-
-Die Bauten, welche die Halden hie und da krönen, klingen in dieser
-Symphonie mit und stimmen zur Ruhe und Macht der stillen Massen,
-als könnte es gar nicht anders sein. Wie träumend in weltenweiter
-Vergessenheit schaut uns so manche alte Kaue, so manches alte
-Grubengebäude an wie aus Märchenaugen aus der Zeit »Es war einmal«! Des
-Fäustels munterer Schlag ist längst verklungen, die fleißigen Häuer,
-die frischen Bergjungen, der bedächtige Hutmann sind davongezogen, und
-es ist still, ganz still geworden, wo einst des Bergmannes herzhaftes
-Glückauf erklang. --
-
-Kein Haus, kein Dach in der Nähe, kein menschlicher Laut! Verlassen,
-vergessen steht die alte Kaue auf der Halde, ohne Fenster, ein Dach
-auf vier verwitterten Wänden, von denen der Putz herunterrieselt.
-Die Bruchsteine schauen braun und grau hervor, und die gelblichen
-Fugen sind ausgewittert vom Sturm und Regen, von Frost und Hitze,
-die hier auf einsamer Halde um das einsame Haus ihr Wesen treiben.
-Gestrüpp, langes, graues raschelndes Gras und Binsenbüschel haben
-sich angesiedelt. Nacktes Geröll und Sand in bunten Farben, gelb,
-grau, braun und rot und weißlich tritt überall in unfruchtbaren, toten
-Flächen zutage. Eidechsen huschen umher, ein bunter Schmetterling
-gaukelt müde und träge vorüber, hängt sich dort an die langgestielte
-Blüte der Skapiose, als wäre er verzaubert, der Schrei einer ziehenden
-Krähe, ein Rascheln in den spröden, langen Halmen und darüber des
-Himmels unendliche blaue Glocke, in der es summt wie geheimnisvolle
-Stimme, wie die Stimme der Einsamkeit.
-
- »Auf den Halden schläft der Wind.
- Leise Schmetterlinge fliegen.
- Wege weiß ich, still verschwiegen,
- Nur die kleine Grille singt.
- Duft von Heu schwimmt überm Grunde,
- Und wo froh die Sichel klingt,
- Geht des Tages müde Stunde.«
-
-So breitet sich schwermütiger Zauber über viele der alten Halden, der
-dich gefangennimmt, wenn du dich stille zur rechten Stunde ihnen nahst.
-
- * * * * *
-
-Doch in manche der alten Berggebäude ist neues Leben eingezogen,
-arbeitet und kämpft mit vorwärts gerichtetem Blick und greift auf
-jahrhundertealtem Arbeitsgrunde kühn in die Zukunft und in die Welt,
-das Alte mit neuem Geiste erfüllend. Auf der riesigen Halde des
-David-Richtschachtes wachsen mächtige Bauten empor, in welchen zur
-Flachsbereitung zahlreiche fleißige Hände sich regen. Wie eine stolze
-Burg der Industrie auf riesenhaftem Sockel reckt sie sich auf. Auf dem
-Abraham- und auf dem Turmhofschachte regen Maschinen die stählernen
-Gelenke. Und dort auf der Reichen Zeche, die hoch und beherrschend die
-Landschaft krönt, regt sich in den alten Gebäuden das frische Leben
-der Wissenschaft, wächst und schafft sich neue Bauten und Stätten der
-Arbeit. Die Bergakademie hat hier für Arbeit und Forschung, Lehre und
-Übung fest ihren Fuß auf alten bergmännischen Boden gesetzt, aus dessen
-Berührung ihr immer neue Kräfte zuwachsen. Das modernste Wissen von
-der Braunkohle und der Maschine, der Glaube an die Zukunft und das
-Hoffen haben ihre Fundamente gelegt auf den festen Grund bergmännischer
-Vergangenheit, Treue und Tüchtigkeit.
-
-Und auf dem Dreibrüderschacht und auf dem Konstantinschacht sind aus
-den alten Grubengebäuden Kraftwerke geworden. Unten in der Tiefe
-des Schachtes im mächtigen, gewölbten, unterirdischen Felsensaal von
-20 ~m~ Länge und 12,5 ~m~ Breite sausen die Turbinen 230 ~m~ unter
-Tage, getrieben von den auf diese Tiefe verfällten Aufschlagwässern,
-welche früher dem Bergbau dienten. Wie eherne Sehnen und Nerven ziehen
-sich die Drähte vom Schachte als Kraftmittelpunkt durch das Land und
-spenden Kraft und Leben tausend surrenden Rädern und Maschinen, tausend
-fleißigen Händen, Licht in tausend Dunkelheiten.
-
-Braust hier auf diesen Halden das Leben modernster Arbeit und schmückt
-sie mit neuem Reiz und einer Wirkung von besonders eigenartiger Kraft,
-so liegt über anderen Stätten des Bergbaues, wo neues Leben eingezogen
-ist, ein inniger poetischer Hauch wie aus Märchenzeiten.
-
-Durch den Hochwald, den duftenden, grünen Freiwald wanderst du dahin.
-Ein eigener Gedanke ist es, daß hier tief unter den Wurzeln der ragende
-Fichten einst das Silber wuchs, daß hier, wo jetzt der Wald seine
-grünen Geheimnisse rauscht, vor fernen Tagen der Knappe sein Glück
-suchte, in dunklen Schächten und Gängen das Silber grub, Halden türmte
-und seine Mauern und Giebel schichtete und richtete.
-
-Die Meisen flattern zirpend von Zweig zu Zweig. Von ferne klingt
-die Holzaxt durch die grüne Einsamkeit und harzduftige Stille. Da
-leuchtet es hell durch die schlanken, goldbraunen Stämme, eine weiße
-Wand, braune Holzverschläge, grüne Fensterladen und ein graues
-Schindeldach, »das Schindelhaus« auf grüner Lichtung wie in einen
-Saal mit weichem, grünem Teppich gestellt, einst für bergmännische
-Zwecke erbaut. Wir tauchen weiter in die grünen Tiefen des Waldes
-und folgen dem schmalen Pfad, der uns hineinlockt, das Flüstern und
-Rauschen der Wipfel zu hören und ihren köstlichen Duft zu trinken.
-Da tritt heimlich aus tiefer Einsamkeit ein graues Dach hervor. Auf
-einer Halde, das taube Gestein ganz überwuchert von Grün, liegt dort
-ein altes Scheidehaus, jetzt das Heim anspruchsloser Waldarbeiter,
-»das Silberschnurer Scheidehaus«. Mächtige Fichten im grünen Kreise
-schauen hernieder wie hütende Wächter. Die Könige dieser grünen Riesen
-sind zwei Hängefichten, deren Äste mit langen hängenden Zweigen
-wuchten, als wären sie von den Feen der Waldeinsamkeit und deutscher
-Waldherrlichkeit mit Prachtgehängen geschmückt.
-
-Wie zwei Türme wachsen sie empor in den blauen Himmel, zwei Türme, die
-die grüne Gotik des Waldes mit zartestem Astfiligran geziert, zwei
-Türme, die leben und duften, die eine Seele und eine Stimme haben zu
-singen und zu sagen. Leise, leise wiegen und rauschen ihre Zweige, als
-webten darin die Klänge von deutscher Sehnsucht und deutschem Leid,
-von alter Heldenzeit und jungem Trotz. Vorn im Gärtchen leuchtet es
-von Blumen im bunten Flor. Da stehen steif gravitätisch die hohen
-Malven mit ihren zarten Farben, die Kresse mit feurigen Blüten schlingt
-sich am niedrigen Gitter, Rittersporn und Eisenhut, Rosen und Nelken
-duften. Die Bienen des nahen Bienenstandes summen durch den Wohlgeruch
-und die Farbenpracht und sammeln ihre süßen Schätze ein. Kinderlachen
-klingt um das Haus, Windeln und bunte Lappen flattern am Seile. Im
-wärmenden Sonnenstrahl sitzt Großmutter am Klöppelstock. Auf Stufen
-führt gewunden ein schmaler Pfad hinauf auf die Halde, deren altes
-verlassenes Scheidehaus nun frisches, junges Leben birgt, Leben,
-Zukunft, Behagen und Zufriedenheit, eine Heimat tief im grünen Walde,
-eine Heimat aus Waldmärchenland auf uraltem, bergmännischem Grunde. --
-
-Doch auch die letzte Heimat hat ein Großer des Bergbaues einst in einer
-Halde gesucht und dort seine Ruhe gefunden. Dicht bei Freiberg auf der
-Höhe liegt die Halde der alten Grube zu den heiligen drei Königen.
-Inmitten eines kleinen Haines von im Winde rauschenden Laubbäumen, grün
-umwuchert und laubüberdacht ist diese Halde ein Grab und ein Grabmal,
-wie es sinniger und stimmungsvoller kein Bergmannsherz finden kann.
-Hier auf freier Höhe angesichts der alten Bergstadt, die unten gleich
-einer malerischen dunklen Silhouette auf goldenem Grunde erscheint,
-inmitten der Freiberger Gruben, Halden und Hüttenwerke verfuhr der
-Oberberghauptmann Freiherr von Herder, ein Sohn des Dichters und
-Patenkind von Goethe und Matthias Claudius nach seinem eigenen letzten
-Wunsche seine letzte Schicht.
-
- »Und sink ich einst in jenes dunkle Reich der Nacht,
- aus dem auf seine Berge keiner wiederkehrt,
- erhebt dann hoch, ihr treuen Knappen, mir das Grab;
- nur aufgehäufte Erd und graue Stein,
- ein Zeichen eurer Liebe, Knappen! --
- Sitzt dann ermüdet an dem grünen Hügel einst der Wandrer
- und gedenkt der Tag entflohener Zeit:
- ›Hier‹, sagt er ›ruht der Knappen treuster Freund! --
- ihr Erster einst -- ihr Erster auch in Wort und That,
- galt es der Berge und der Knappen Ruhm und Wohl.‹
- Erhebet hoch, ihr Knappen, mir mein Grab,
- und denkt des treuen Freundes liebend nach,
- wenn längst das enge Haus ihn deckt.«
-
-Das sind seine Worte!
-
-Ein kalter Wintertag war zur Rüste gegangen, Ende Januar 1838,
-tief lag die Stadt und draußen das Feld verschneit, da wurde er
-auf den Schultern seiner treuen Knappen den letzten Weg zu seiner
-Lieblingsstätte, die nun seine Grabstätte werden sollte, nachts
-bei Fackelschein emporgetragen. Durch den tiefen unwegsamen Schnee
-hatte man tags zuvor erst den Weg ausgeschaufelt und gebahnt und
-dann durch Hin- und Herreiten von Reitern der Garnison feststampfen
-lassen. Nun dröhnte das feierliche Trauergeläute von allen Türmen
-der Stadt herüber. Die letzte Bergparade zur letzten Schicht des
-toten ungekrönten Königs der Bergwerke entwickelte sich in düsterer
-Trauerpracht. Die schwere Seide der altehrwürdigen Knappschaftsfahnen
-knisterte, und schwer wallte der schwarze Trauerflor hernieder.
-Blank und rot blitzten im Lichte der Fackeln die Barten und das
-Gezähe der Knappen auf, so kriegerisch als zöge die dunkle Schar
-auf geheimnisvolle Heerfahrt. Ihre brennenden Froschlampen trugen
-sie in der Hand und leuchteten so ihrem Herrn zur letzten Fahrt
-zum dunklen Schacht des Grabes, aus dem noch kein »Glückauf« den
-Bergmann wiedergrüßte. Die altertümlichen russischen Hörner dröhnten
-mit mächtigem Klange ihre wuchtigen ernsten Weisen und steigerten
-die Wirkung zu einem gewaltigen, erschütternden Erlebnis. Wie die
-Beisetzung eines alten germanischen Heerkönigs im gewaltigen Hünengrabe
-auf windumbrauster beherrschender Höhe mutet dieses nächtliche Bild an.
-
-Diese Stimmung klingt heraus aus zeitgenössischen Berichten und
-Gedichten:
-
- »Beim Fackelschein sie trugen
- den Sarg durchs Tor bei Nacht,
- Ein Hüttenmann hält zur Linken,
- ein Bergmann zur Rechten Wacht.«
-
-Ja, wie Kaiser Karl im Untersberg und Barbarossa im Kyffhäuser schläft
-er nur und wird einst wiederkehren:
-
- »Doch schwieg rings auf den Bergen
- das Grubenglöckelein
- und fuhr kein Knapp am Morgen
- zur Tagesschicht mehr ein,
- dann wirst du aus dem Schlaf dich
- wie Barbarossa ringen
- und deinem Freiberg wieder
- die alten Tage bringen!«
-
-Sinnend stehen wir und schauen auf die große Bronzetafel, welche
-den Namen und das Wappen des letzten großen Berghauptmanns alter,
-versunkener Bergherrlichkeit trägt, schauen auf die in Stein gehauene
-Grabschrift: »Hier ruht der Knappen treuster Freund« neben der rechts
-und links ein Bergmann und Hüttenmann das Berg- und Hüttenwappen hält.
-75 Jahre nachdem Herder hier seine letzte Schicht verfuhr, verfuhr der
-Freiberger Bergbau selbst seine letzte Schicht, das Grubenglöcklein
-schwieg rings auf den Bergen, und wie eine Sage klingt nur noch das
-Wort von der Berge und der Knappen Ruhm. Über uns rauschen die Wipfel
-der hohen Bäume, rauschen und flüstern von alter Zeit. In Barbarossas
-Tagen, als Ströme teuren deutschen Blutes im heiligen Lande und im
-falschen schönen Welschland so nutzlos für die Heimat vergossen wurden,
-blühte der junge Bergbau auf als eine der schönsten Blüten deutscher
-Kultur und Tatkraft von größerem Werte für Volk und Heimat, als alle
-Kreuzzüge und Römerzüge, und nun, nach siebenhundertjährigem Glück und
-Glanz, wo der Bergbau zur Rüste gegangen, soll der stille Schläfer
-dort in der Halde der Barbarossa sein, welcher die alte Herrlichkeit
-wiederbringt! -- O ihr Träume, ihr Gedanken und geheimnisvollen Triebe,
-ihr silbernen starken Flügel der deutschen Seele! Ihr habt unser Volk
-über vieles hinweggetragen, was andere vielleicht zerbrochen hätte. Ihr
-habt unser Volk in Begeisterung stark gemacht und schwach und elend
-in manchem leeren Wahn. Ihr habt unserem Volke, unsrer Heimat manches
-Schicksal bereitet, dem andre vielleicht entgangen wären. Ihr habt
-hier, wo die Halden jetzt ragen, in dunklen Schächten Schätze geschürft
-und das Land reich gemacht an Kunst und Kultur und edlen Gütern aller
-Art, ihr habt aus der eigenen Seele Schätze gespendet an alle Welt und
-Haß und Dornen sind eure Ernte. Auch Träume können Tat und Schicksal
-werden. Träume blühen in der Stille. Die Stille ist ein Spiegel, in
-dem Welt, Zeit und Ewigkeit sich dir spiegeln, wenn du nur zu schauen
-verstehst.
-
-In der Stille wachsen große Gedanken, aus der Stille reifen wahrhafte
-Taten, aus der Stille steigt die Stärke der Seelen.
-
-Wir wollen der Stille lauschen und in ihren klaren Spiegel schauen. Die
-stillen Halden um Freiberg mögen dir da vieles sagen und geben, da mag
-großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, Ewigkeit und Vergänglichkeit
-zur fruchtbaren Stille führen.
-
-Hünenmäler der Arbeit vergangener Tage, tot und doch lebendig, stumm
-und doch mit gewaltiger Sprache künden sie weit über das Land, daß
-Arbeit Schicksal, daß Träume Schicksal sind, daß aus Arbeit und Träumen
-die deutsche Seele sich ihre Zukunft formt, wenn sie nur erst starke,
-silberne Flügel zur Höhe emporhebt.
-
-Vergiß nicht, Seele, daß du Flügel hast!
-
-
-
-
-Das Tännichttal im Tharandter Wald.
-
-
-Lange hatte mein treues Rad gerastet! Was bindet oft die Pflicht so
-fest und umschnürt die Seele und das Wollen mit bitteren Fesseln und
-nimmt sie in enge Haft, daß sie sich kaum mehr hervorwagen, Fesseln
-abzuschütteln, frei zu sein, vogelfrei in ziellosem Fluge der Sehnsucht
-hinaus! -- Heute lacht so frisch der Sonnenstrahl des taufrischen
-Sommermorgens und lockt hinaus und es treibt und drängt ein inneres
-Müssen, daß ich nicht widerstehen kann. Hinaus aus den alten Mauern
-und drückender Enge, hineinfliegen auf flüchtigem Rade in die blaue
-Sonnenwelt, als wäre ich ein Vogel mit jungen Schwingen, der sein Lied
-jubelnd zur strahlenden Höhe trägt.
-
-Die wuchtige Stadtmauer Alt-Freibergs mit ihren Türmen und der Graben
-mit seinen grünen Bäumen, das alte, mächtige Bollwerk des Donatsturmes
-gleiten an mir vorüber. Leb wohl, du alter, fester Kumpan, mit deinem
-spitzen Kegeldach, heute treibts in die Ferne mich mächtig hinaus. Und
-ihr Dohlen dort oben in euren schwarzblauen Röcken so vornehm angetan,
-die ihr dort flattert und schwebt und mit hellem Rufe freudig im
-Schwarme in den blauen Äther euch schwingt, heute neide ich euch nicht,
-heute bin ich mein eigen, heute bin ich mein selbst, ein freier, wilder
-Vogel! Meine Seele ist ein Vogel, der über allen Tiefen schwebt, dessen
-Flügel in alle Weiten strebt, der tief das Glück und die Sehnsucht
-eines freien Sonnentages spürt. --
-
-Die Straße ins Muldental hinab fliegt das Rad, daß ein Jauchzen aus
-der Brust wie ein lachender, springender Brunnen emporsteigt. Halli
-und Hallo! Die Sommerwelt ist mein, die rechts und links an mir
-vorüberstürmt, die grünen Hänge, die saftigen Wiesen und dort der
-rauschende Fluß im tiefen Grunde, mit seinen weißen Schaumflocken auf
-dunklem, sprudelndem Wasser. Die Heimat ist mein, denn meine Seele ist
-ihr offen, sie ist mein, denn sie gibt sich mir, weil ihrem Zauber
-und ihrer Wesensinnigkeit sich meine Seele gibt. Jenseits geht es
-steil bergauf. Steinig und heiß ist der Pfad, das Geröll rutscht unter
-dem Fuß, und die glimmerblinkenden Gneisplatten flimmern wie Silber.
-Auf dieser jähen Straße zogen schon die wilden Haufen der Schweden
-und Kaiserlichen einher, die Grenadiere des Alten Fritz und das Heer
-Napoleons. Kanonen und Packwagen sind unter Fluchen der Soldaten und
-Keuchen und Schnauben der Rosse mit vielfachem Vorspann, mit Seilen und
-Hebeln den steilen Hang mit seinen glatten Felsplatten hinaufgezogen.
-Manch wilde Verwünschung und grimmiges Wort, manch sauren Schweiß hat
-dieser Weg gekostet. -- Wie stille ist es heute hier! Es knistert
-leise das Rad. Geröll löst sich unter dem Fuß. Rötlich blüht schon das
-Heidekraut in dichten Polstern am Wege.
-
-Auf der Höhe schöpft die Brust tief Atem und dann wandern die Augen
-hinab ins tiefe grüne Tal, wo die Mulde schäumt, und dort nach den
-Höhen, wo die Halden und Bergwerke, Alt-Freibergs Wahrzeichen und
-Hünenmale des Bergbaues, sich türmen, und weit in die blaue Ferne,
-wo die duftigen Linien der Berge in unendlicher Zartheit sich am
-Horizonte dehnen. Doch nun wieder vorwärts, dem Walde entgegen, in
-dessen grünem Meere ich untertauchen will. Über breiten Höhenrücken
-geht die Fahrt. Die Felder reifen der Ernte entgegen. Wie lange noch,
-dann klingt die Sense und die Pracht sinkt vor dem Schnitter dahin. --
-Hast du Frucht gebracht? -- --
-
-Die Vogelbeerbäume schmücken sich schon mit roten Beeren. Wie lange
-noch, und die Drosseln ziehen, die Beeren fallen und liegen wie
-Blutstropfen am Straßenrande. -- Blutstropfen! -- Wieviel Blut mag
-auf dieser Heeresstraße sächsischen Schicksals geflossen, am Wegrande
-versickert, vom Regen verwaschen sein? Tropfen am Wege, verronnen,
-vergessen, vom Baume des Lebens blutrot geschüttelt, zertreten,
-verloren im Staube -- Menschenschicksal, wie dunkel ist dein Lauf, aus
-Dunkel kommend, im Dunkel vergehend, rote Beeren nur hie und da im
-Staube deiner Straße! -- --
-
-Drüben am Höhenrande des Horizontes steigen die Häuser von Konradsdorf
-bergaufwärts, und der Kirchturm ragt spitz über die gelagerten
-niedrigen Dächer, weithin als Landmarke die Gegend beherrschend. Wie
-friedlich und still das Bild, der Blick über die fruchtbaren Breiten,
-und doch, wieviel Stürme sind darüber hingebraust. Alte Kunde erzählt
-von Konradsdorf aus dem Jahre 1632: »Den 16. April eben dieses Jahrs,
-morgens um 5 Uhr, da Kaiserliche Völker eingefallen, ist Nikol Kirbach
-von zwei Kroaten niedergesäbelt worden. Um eben diese Zeit haben auch
-die Kaiserlichen Kroaten die Kirche allhier erbrochen, was darein
-geflüchtet ermordet, den silbern Kelch und 100 Fl. mitgenommen, wobey
-Pfarr und Schulmeister beynahe das Leben eingebüßt, davon man die
-Spuren in der Kirchthüre noch findet.«
-
-Die Kirche zu Hilbersdorf dort drüben, dessen Flur an unsere Straße
-grenzt, wurde 1639 von den Schweden unter Banner eingeäschert und Mord
-und Blut war in seiner stillen Dorfstraße.
-
-Menschenschicksal, Völkerschicksal, wie geht ihre Straße über lichte
-Höhe und dunkle Täler, durch Sonne und tiefe Schatten! Rote Beeren am
-Straßenrand, deuten sie Freude, deuten sie Leid? --
-
-Herbstmahnung, Schicksalsmahnung, Sommerwende leuchten uns die roten
-Beeren am Wege, am Baume im Laube, das hie und da leise vergilbt, im
-Staube, der ihr brennendes Leben mit Asche bestreut. Wie lange noch,
-dann klirrt der Frost, dann schnaubt der Schnee in mächtigen Wehen und
-Wirbeln gleich wilden weißen Rossen über die starren Felder und kahlen
-Höhen und hinter ihnen der eisige Ost mit scharfen Peitschenschlägen. --
-
-Wohl dem, der eine Heimat hat! --
-
-Doch heute weht ein süßer Duft wie Honig herüber. Ein blühendes
-Kleefeld strömt des Sommers ganze Lieblichkeit in Duft und Farbe in die
-blaue Luft. Ich steige vom Rade und lausche dem Liede des glühenden,
-blühenden Klees. Millionen von Bienen und anderen Insekten singen und
-summen in dem purpurnen Blütenmeer ihr Lebenslied und taumeln von Kelch
-zu Kelch. Als klänge ein seliger Harfenton dem Sommer und der Sonne
-entgegen, voll gesättigt vom süßen Drange des Lebens und Blühens.
-Schwer und wonnig steigt der Duft des Feldes empor, und ich trinke ihn
-mit tiefen Zügen, als wäre es ein alter, köstlicher Wein. Ein purpurner
-Teppich aus Duft und Licht, Farbe und Leben gewoben, auf dem nur die
-Sonnenstrahlen mit leichten, schwebenden Füßen dahingleiten dürfen. Ein
-Teppich, wie ein dunkler purpurner Orgelton, den der Sommerwind leise
-dahinträgt, daß die Herzen stille werden. Als ob das heilige Herz der
-Mutter Erde unter ihnen schlägt, so geht geheimnisvolles Leben durch
-die Millionen Blütenköpfe, ein Beben, ein Atmen auf und nieder -- o du
-Heimatflur! --
-
-Und dort das Ährenfeld neigt schon die Halme. Der Wind geht drüber hin
-in flüsternden Wellen. Die Lerchen steigen empor in die flimmernde Luft
-und taumeln selig der Sonne entgegen als gäbe es keine Erdenschwere und
-hätte ihre singende Seele dort oben den Weg zur Heimat gefunden. --
-
-Dort drüben grüßt in breiten Wogen das grüne Meer des Tharandter
-Waldes. Mein Rad fliegt wie ein Vogel hinab ins Bobritzschtal. Sanfter
-sind die Hänge hier als im Muldentale. Malerische Höfe und Häuschen
-klimmen auf und ab, drängen sich am Bach und drücken sich in die
-Talwinkel. Naundorf ist es, dessen Kirchturm auf der Höhe wie ein Hirte
-über seine Herde wacht. Die Straße führt talaufwärts am Bach entlang.
-Die Wellen hüpfen mit Murmeln und Plaudern über die runden Steine, und
-flinke Forellen schießen blitzschnell daher. Einst war dieser köstliche
-Fisch so häufig hier, wie ein altes Naundorfer Kind erzählt, daß für
-wenige Groschen eine ganze Schüssel voll im Fuhrmannsgasthof an der
-Straße geliefert wurde. Heute mag wohl kaum ein Fuhrmann mehr Forellen
-dort essen wie in der alten, stillen, einfältigen Zeit, als es noch
-zufriedene Menschen gab.
-
-Ein Seitenweg führt von der Dorfstraße am Hange aufwärts zur Kirche,
-die seit Jahrhunderten inmitten des Gottesackers von hier über die
-Dächer und Höfe der Gemeinde herniederschaut. Eine Mauer umschließt
-den Friedhof, und hohe Bäume überschatten den Eingang. Vogellied
-aus den dichten grünen, lichtdurchfunkelten Zweigen, Choralgesang
-und Orgelklang aus der Kirche vereinen sich zu einer stimmungsvollen
-Sonntagsharmonie, als ginge leise mit uns über die stillen, grünen
-Gräber mit schwebendem Schritte der Frieden suchender, findender,
-erlöster Seelen und segnete uns. Ein Gottesdienst in Einsamkeit still
-neben der Kirche kann feierlicher, kann tiefer und gehaltvoller wirken
-als in der Gemeinschaft einer gefüllten, aber doch »leeren« Kirche. Die
-einsam grüne Stätte mit ihrem Lobgesang aus der Höhe und aus der Nähe
-war uns ein Gotteswinkel stiller, tiefer Andachts- und Feiergedanken
-von weltfreier Entrücktheit. -- -- --
-
-An der Friedhofsmauer stehen ein paar alte verwitterte Grabsteine in
-barocken Formen mit verwischten, fast unleserlichen Schriftzügen,
-grünlich angeflogen und von grauen Flechten hie und da betupft. Die
-Urenkel derer, die sie nennen, sind längst zu Staub geworden. Wie
-stumme Prediger der Vergänglichkeit lehnen die alten Steine dort an
-der Mauer und fragen dich: Wer bist denn du?! -- Der Staub zu deinen
-Füßen, auf dem du stehst, atmete einst, liebte einst, lachte einst wie
-du! Wer bist denn du?! -- Sinnend betrachten wir den schlichten, etwas
-nüchternen Kirchenbau aus dem Jahre 1783 mit seinem holzbeschlagenen
-Turmaufbau, gekrönt von spitzer achteckiger Haube. Wievielen werden die
-Glocken dort oben noch zum letzten Gange läuten? --
-
-An der Südseite der Kirche ist ein alter Grabstein eingemauert, der
-ein Denkmal ganz eigener Art ist, und ein schönes Zeugnis dafür, daß
-die Gedanken des Heimatschutzes und der Denkmalpflege nicht etwa
-etwas künstlich Gezüchtetes, Literarisches, sentimental ins Volk
-Hineingetragenes sind, sondern aus dem Verlangen und der Seele unseres
-Volkes mit ursprünglicher Gewalt hervorgegangen sind und seinem
-tiefsten Empfinden entsprechen.
-
-Der Stein ist über 200 Jahre älter als die jetzige Kirche und wurde
-beim Neubau der Kirche 1783 in die Mauer an geschützter Stelle
-eingelassen, um ihn vor Vernichtung zu bewahren. Dem wackeren Fuhrmann
-Melchior Heber, der im Jahre 1580 starb, ist er gewidmet. Seine
-Ururenkel haben den Stein erneuert, ein späterer Enkel hat ihn in die
-Wand der neuen Kirche gesetzt, und heute liegen die Urenkel jenes
-Nachfahren in Gräbern unter jenem Stein des alten Melchior Heber, und
-ein junges Geschlecht des alten Namens und Blutes wirkt im Heimatdorfe
-seiner bäuerlichen Ahnen heute noch, festgewurzelt im heimischen Boden
-seit Jahrhunderten.
-
-Der Stein stellt in seinem oberen Teil den alten Melchior dar in der
-Tracht seiner Zeit betend vor dem Bilde des Gekreuzigten knieend. Als
-unterer Abschluß der Platte ist der starke Fuhrmannsfrachtwagen im
-Relief abgebildet, mit hochgespanntem, rundem Plane überdeckt und sechs
-starken Pferden als Bespannung. Die Inschrift lautet:
-
- »Im Leben hatte ich an fahren mein Vergnügen
- Und fuhr an diesen bald und bald an jenen Ort,
- Im Tode spannt ich aus und ließ alles fahren liegen
- Und fuhr andern Seelen nach in sichren Himmelsport.
-
-Anno 1580. Den 11. Tagk Aprillis um 6 Uhr Nachmitt, den Montag ~Quasi
-modo geniti~ ist der Ehrsame Melchior Heber in Gott selig entschlafen.
-D. G. G. Seines Alters 60 Jahr.« Auf dem Stein finden sich noch
-folgende Nachrichten eingemeißelt: »Diesen Stein hat Georg Heber
-seinem Groß-Groß-Väter zum Andenken renoviren lassen den 10. Juli
-1743.« Und weiter: »Dies Denkmahl lüß bei dem neuen Kirchenbau seinem
-Ur-Ur-Großvater zu Ehren abermals erneuern Karl Gottlob Heber 1783.«
-Treuer Familiensinn hat so ein Denkmal von kulturgeschichtlichem Werte
-bewahrt in seiner treuherzigen Schlichtheit und biederen Berufsfreude,
-wie es wohl einzigartig ist, namentlich wenn man bedenkt, daß heute
-noch nach rd. 350 Jahren die bäuerlichen Enkel seine Denkmalpfleger auf
-dem kleinen Dorffriedhofe sind.
-
-Wir nehmen Abschied und lenken wieder der Dorfstraße zu. Die
-zahlreichen Gänse, Enten und Hühner auf der Straße sind dem Rade
-nicht gewogen. Mit Flattern, Fauchen und Geschrei entrüsten
-sie sich oder suchen durch ängstliches Hin- und Herlaufen dem
-allzuraschen, gefürchteten Feinde zu entkommen. Heil uns, daß wir
-ohne unfreiwillige Tötung eines »Rassehuhnes« -- überfahrene Hühner
-sind immer »Rassehühner« -- am Ausgange des Dorfes anlangen. Dort
-macht die Bobritzsch eine starke Krümmung, fast im rechten Winkel. Ein
-stattlicher Hof liegt im Winkel und mächtige, alte Bäume beschatten
-den Platz. Dort mündet der Colmnitzbach, und eine Brücke führt über
-die Bobritzsch, von der aus du in das Strudeln der klaren Wasser
-hinabschauen kannst, die goldbraunen und grünen Steine siehst, an denen
-die Forellen stehen oder blitzschnell vorbeihuschen, wo du die ganze
-Lieblichkeit dieses stillen Winkels mit seinem Wasserrauschen und
-Vogelsang unter grünem Blätterdach empfinden kannst. Wie Sonntag, durch
-den leise der Glockenton der Andacht klingt, liegt es immer hier unter
-sonnenstrahlendurchflochtener Laubkuppel. --
-
-Auf schmalem Wege über dem breiten Wiesengrunde des Colmnitzbaches geht
-es aufwärts. Wie ein leuchtend grüner Teppich ist der Grund zwischen
-die Hänge eingespannt. Doch bald verwahren uns hohe, dichte Hecken den
-Blick auf diese grüne Herrlichkeit. Zwei Höfe am Hange liegen vor uns,
-die Gippenhäuser. Das Gebell des wackeren Spitz an der Hütte und sein
-wildes Umherrasen an rasselnder Kette zeigt, unter wie guter Hut die
-stillen, einsamen Häuser stehen. Eine bleiche Dame sitzt dort drüben
-am Wiesenrande, ein Kind spielt in der Nähe und trägt ihr duftende
-Blumen herzu. Sommerfrischler! Ja, hier könnt ihr gesunden und wie
-Joseph Viktor von Scheffel, der leider Halbvergessene und doch so echt
-deutsche Mann, in seinen Bergpsalmen singen und sagen:
-
- »Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden,
- Hier magst du gesunden,
- Hier magst du die ehrlich empfangenen Wunden
- Ausheilen in friedsamer Stille.«
-
-Zwischen duftendem, rauschendem Wald und saftgrüner, blumiger Wiese,
-in der die Margareten mit weißen Sternen leuchten, fern vom Staub der
-Straßen der Welt, den Blick auf sanft geschwungene edle Höhenlinien,
-abgeschlossen doch nicht eingeschlossen, so recht ein Ort friedsamer
-Stille! --
-
-Friedsame Stille? -- Ich denke eines kalten stürmischen Herbstes im
-Jahre 1697. Der Schnee hatte schon kalt und naß über die Stoppeln
-gefegt. Es war ein Wetter, wo man näher an den Ofen rückt, in dem die
-Scheite knacken und knistern. Ein Wetter, bei dem im Felde nicht viel
-zu tun ist, und Großmutter vielleicht die Bibel vom Bortbrett nimmt,
-die große Hornbrille aufsetzt und langsam liest die Geschichte vom
-barmherzigen Samariter: Wie der Mensch unter die Mörder fiel, und sie
-schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Und da der
-Priester ihn sah, ging er vorüber, desgleichen auch ein Levit, sah ihn
-und ging vorüber. Da der Samariter ihn sah, »jammerte ihn sein, ging
-zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Öl und Wein und hob ihn
-auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein.«
-
-Sie las just diesen Vers, da kam der Sohn herein, schüttelte den nassen
-Schnee ab, stampfte mit den schmutzigen Schuhen und rief: »Draußen
-auf dem Acker oben am Walde steht ein fremder, mit Stroh belegter
-Leiterschlitten und drinnen liegt verlassen ein armer, todkranker
-Mann! Er kann kaum mehr sprechen. Ich habe es gleich dem Gutsherrn
-und dem Pfarrer gemeldet. Sie werden schon sorgen, mich gehts nichts
-weiter an. Gib mir meine warme Suppe, es ist ein Wetter, um keinen Hund
-hinauszujagen.« -- »Ach der arme Mann! Nur gut, daß du so gescheit
-warst, das gleich zu melden, sonst hätten wir am Ende noch allerlei
-Umstände bei dem schlimmen Wetter. Man weiß doch nie, was das für Leute
-sind! Es ist schon besser, das macht der Pfarrer!« --
-
-Der Gutsherr und Pfarrer waren nicht sehr erbaut gewesen von der
-Nachricht. Und dazu das schlechte Wetter! Was tun? -- Sie riefen
-den Ortsdiener und schickten ihn zum Kranken auf dem Acker oben am
-Walde, um zu eruieren und zu konstatieren, wer er sei, wie er dorthin
-komme, wer ihn dorthin gebracht, und ob sie vielleicht gar nicht etwa
-zuständig seien, in dieser Sache etwas zu befinden. -- Der Kranke
-konnte nicht mehr sprechen, so die Nachricht des Ortsdieners! Das war
-ein schwieriger Fall! Verlegen saßen das geistliche und weltliche Haupt
-des Dorfes und kratzten sich bei dieser Nachricht hinter den Ohren:
-»Vielleicht würde dieser fremde, ganz unbekannte, nicht ortsansässige
-Mensch gar auf der Gemeindeflur sterben wollen! Das wäre ein höchst
-unangenehmes Vorhaben und gegen die Gemeinde wenig rücksichtvoll, denn
-sie hätte davon Kosten und Scherereien! Ihn ins Dorf holen? Nein! Wer
-soll ihn aufnehmen?« Sie grübelten über diesen Fall, bis die frühe
-Finsternis kam, und hatten dann einen bauernschlauen Einfall. Sie
-schickten zwei Wächter zum verlassenen Sterbenden hinauf, »daß ihm kein
-Unheil zustieße«, die ihre eigentliche Aufgabe aber verständnisinnig
-wohl erfaßt hatten und bei Sturm und Regen den Schlitten mit dem
-Todkranken von der Gemeindeflur fort in den Tharandter Wald, auf
-kurfürstl. Grund und Boden, brachten. Um Mitternacht starb der arme
-Mensch 12 Ellen von der Grenze entfernt auf kurfürstlichem Gebiete.
-Am nächsten Tage, den 22. September, wurde Bericht an das Amt in
-Grillenburg erstattet, daß auf kurfürstlichem Gebiete ein Mensch
-verstorben sei, und um Bescheid gebeten. Dieser fiel zunächst dahin
-aus, daß ihnen bedeutet wurde, »wie ihnen aus christlicher Liebe wohl
-zugestanden hätte, den todtkranken Mann, welcher ihrem Anführen nach
-wenig oder gar nichts am Leibe habe, in eine warme Stube zu bringen
-und sein zu pflegen, nicht aber ihn in der Kälte liegen zu lassen und
-auf seinen Tod zu warten. Die Leiche sei einstweilen zu bewahren.«
-Bei den weiteren Nachforschungen des Amtes wollte zunächst niemand
-davon wissen, wie der Kranke auf das Feld gekommen. Durch Peter Henker
-zu Fördergersdorf stellte sich indes heraus, wie ihm Jakob Kirsten
-zu Herzogswalde berichtet, daß am 19. September die Colmnitzer einen
-halbtoten Mann auf einem Schlitten vor ihre Kirche gebracht und
-daselbst stehengelassen haben; die Herzogswalder hätten ihn darauf
-wieder nach Colmnitz gebracht. Der Colmnitzer Richter gestand nun zu,
-daß die Niederbobritzscher den Mann mittelst Fuhre zu ihm, dem Richter
-gebracht; da er aber abwesend gewesen, so habe, ohne sein Geheiß,
-Andreas Bormann daselbst ihn nach Herzogswalde weggeführt.
-
-Es war ein armer Schuster aus Naumburg, der kurz vorher in Tharandt in
-Arbeit gestanden hatte. -- Regierung zu Dresden und Amt zu Grillenburg
-ordneten nun unter Ermahnungen zu mehr christlicher Liebe an, daß der
-Körper des Verstorbenen auf Colmnitzer Flur gebracht, ein Sarg von den
-Colmnitzern angefertigt werde und die Beerdigung in Colmnitz erfolgen
-solle. So hatte endlich ein armer, müder Erdenpilger, dem in drei
-Dörfern keine Stätte zum Sterben in friedsamer Stille gegönnt wurde,
-seine letzte Ruhe gefunden. -- --
-
-Wie heißt es doch im Gleichnis? »und gingen davon und ließen ihn
-halbtot liegen. Und da der Priester ihn sah, ging er vorüber,
-desgleichen auch ein Levit, sah ihn und ging vorüber!« Jawohl, die
-harten Herzen aus dem Gleichnis waren hier in der Wirklichkeit alle da,
-wo aber war der barmherzige Samariter? Drei Dörfer am Tharandter Walde
-und kein barmherziger Samariter darin! -- Über 200 Jahre ist diese
-Geschichte her. Ob es heute mehr Barmherzigkeit an der Straße gibt?
-Ach, unserem Volke ist Liebe so bitter not! -- »Friedsame Stille!« Wo
-findet man sie, wenn man nicht Raum dafür im eigenen Herzen hat? Wir
-schauen noch einmal zurück in das weite, weiche, von Sommer gesegnete
-Land, wo soviel Unfriede und Unbarmherzigkeit wohnt, und tauchen dann
-ein in den herrlichen Wald, dies grüne Kleinod zwischen Freiberg und
-Dresden, den Tharandter Wald. Wie viele Stunden tiefster Freude danke
-ich dir, du deutscher Wald und deinen stillen Wundern, wenn draußen das
-Leben trübe und schwer und drinnen das Herz trübe und schwer ward.
-
- »Wer einmal diesen Jungbrunn’ fand,
- Der schöpft aus keinem andern!
- Denn das ist deutschen Waldes Kraft,
- Daß er kein Siechtum leidet,
- Und alles, was gebrestenhaft,
- Aus Leib und Seele scheidet.
- Daß ich wieder singen und jauchzen kann,
- Daß alle Lieder geraten,
- Verdank ich nur dem Streifen im Tann,
- Den stillen Hochwaldpfaden.«
-
- (Scheffel, Aventiure.)
-
-Solch ein stiller Hochwaldpfad, über den die knorrigen Wurzeln laufen,
-führt mich in die harzduftige grüne Tiefe, und ein Singen und Jauchzen
-geht mir durch die Seele, doch es schweigen meine Lippen, und leise
-ist mein Gang. Es ist mir, als ob meine Seele in dem Vogel wäre dort
-oben auf der höchsten Spitze jener stolzen Fichte. Sein Lied steigt
-jubelnd empor, da leuchtet der Himmel noch blauer, der grüne Tann wird
-hundertmal grüner als sonst, die Luft wird luftiger, klarer, der Duft
-des Waldes wird stärker, herbsüßer und, was von Schleiern und Düsternis
-in mir war, sinkt hernieder, als wären alle Rätsel und Fragen in Licht
-und Klarheit gelöst und überwunden. Es schweigen meine Lippen und leise
-ist mein Gang. Nur ab und zu knistern die Nadeln oder ein Ästlein unter
-den Reifen des Rades, welches ich führe.
-
-»Willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an,« das
-gilt auch vom Walde, dessen Seele man nur findet, wenn leise unsere
-Seele sich an seine schmiegt. Dann öffnen sich uns seine grüngoldnen
-Augen und schauen uns an voll unergründlicher Tiefe, dann spricht
-sein Mund im geheimnisvollen Raunen, und wir hören im stundenlangen
-leisen Wipfelrauschen, wie des Waldes Seele mit uns spricht und
-ihre Wunder uns offenbart. Und wenn der Sturm in den Zweigen und
-Ästen wühlt und sein urgewaltiges brausendes Lied durch die bebenden
-Wipfel wie Meereswogen sich stürzt und schäumt, dann fühlen wir unser
-tiefstes Inneres mit gepackt, geschüttelt, erschüttert, und alles
-Kleine schwindet, alles Welke wird abgerissen, alles Dürre wird
-geknickt. Willst du des Waldes Wunder lernen, dann darfst du nur
-lauschen, schauen und vergessen, was draußen ist, mußt du deiner selbst
-vergessen. Was er dir zeigt und sagt, was er dann deiner Seele gibt,
-das wird dich reich und froh machen. Der Wald ist dein geworden, weil
-er dir seine tiefsten Geheimnisse gab und du seiner wundersamen Kräfte
-kund wurdest. --
-
-Eine im Sonnenschein flimmernde Blöße öffnet sich. Ein kräftiger,
-warmer Harzduft steigt empor und füllt die Brust, als sollten die
-Lungen besonders in Waldeskraft gebadet werden, und in tiefen Zügen
-atmen wir den starken Duft wie einen köstlichen Trank. Die Grillen
-zirpen ihr heißes Sonnenlied, und über den Halmen und Spitzen der
-Schonung zittert die Luft, als wäre sie durch das schwirrende, wie in
-Wellen flirrende unendliche Grillenlied zum Schwingen gebracht. --
-Ein Blick in die Weite auf blauferne Höhenlinien, dann ein dunkler,
-grüner, kurzer Waldpfad, und plötzlich gibt es mir einen Riß durch
-die Seele. Wie eine ungeheure rote, offene Wunde in der Felsenflanke
-des Berghanges liegt es vor mir, von rauher, rücksichtsloser Hand
-geschlagen, dort eine Schutthalde von kleingeschlagenem Porphyrgestein,
-daß aus dem Abhange herausgeschlagen und gesprengt ist. Hier hatte ein
-Steinbrecher mit gierigen Zähnen gearbeitet. Und weiter strecken sich
-Schienen eines Bahnneubaues, der sich mitten durch eine Felsengruppe
-voll malerischer Wucht eine klaffende Lücke gebrochen hat.
-
-Bitterkeit steigt dir auf, daß Schönheit und Friede nicht mehr heilig
-sind, sondern wehrlos -- das Zarte und Edle, das Tiefe und Heilige ist
-ja immer wehrlos -- der Rücksichtslosigkeit und ehernen Notwendigkeit
-unterliegen müssen! Schillers Nänie klingt schmerzvoll durch die Seele:
-
- »Auch das Schöne muß sterben.
- Siehe, da weinen die Götter,
- Es weinen die Göttinnen alle,
- Daß das Schöne vergeht,
- Daß das Vollkommene stirbt.«
-
-Der Blick senkt sich rechts durch die Stämme und über schwankende
-Wipfel und wiegende Fichtenspitzen hinab in einen Talgrund wie in
-einen Trostgrund, der noch als ein stilles Märchenland des Friedens
-und der Schönheit grün heraufleuchtet. Es ist das Tännichttal.
-Wir blicken mit frohem, innerem Glücksgefühl hinab, denn durch
-die Arbeit des Heimatschutzes wird es uns in seiner unberührten
-taufrischen Lieblichkeit erhalten bleiben und noch viele stille
-Wanderer entzücken. Die tiefmelodischen Stimmen der wilden Tauben,
-des Pirols Flötenrufe und der Finken schmetternder Schlag, und alle
-die anderen tausend Stimmen des Waldes werden nicht verstummen vor
-lärmender Industriearbeit, Kreischen von Maschinen und Knirschen und
-Rasseln der Steinbrecher. Die malerischen Felsklippen, die wie Türme
-und Mauern aus den grünen Wipfeln und Wogen des Waldes emporsteigen,
-sollen noch länger ihre trotzigen Stirnen dem Wind und der Sonne stolz
-entgegenheben.
-
-Dort unten blitzen die Wellen des Colmnitzbaches aus dem Smaragdgrün
-des Wiesenbodens herauf. Er kommt weit von draußen her, aus der
-waldarmen Gegend, um hier zwischen Wald und Felsen seines Daseins
-schönste Strecke zu durchlaufen. Wie die anderen Bäche der Freiberger
-Gegend hat er sich schon draußen ein tiefes Bett gegraben und
-windet sich in vielen Krümmungen durch die hügelige Landschaft.
-Die begleitenden Höhenkuppen des Gneismassivs von breitgelagerter
-rundlicher Art, welche mit ihren langen, schöngeschwungenen Linien
-ungeheuren Wogen gleichen, haben an der Quelle 500 Meter, an der
-Mündung in die Bobritzsch rund 400 Meter Höhe. Draußen im freien
-Lande haben sich im Colmnitzbachtale in der langgestreckten, dem
-Wasserlaufe folgenden Siedlungsweise des Kolonistendorfes die
-Dörfer Pretzschendorf, Ober- und Niedercolmnitz angesiedelt. Ihre
-Wiesen und Felder mit ihren besonderen Reizen von Saat, Ernte und
-Wiesenduft geben der ganzen weiten Gegend draußen einen ausgesprochen
-landwirtschaftlichen Charakter, aber auch mit ihrer ausgesprochenen
-Kahlheit, welche außer den Bäumen an den Straßen, am murmelnden Bach
-und in den Gärten des Dorfes kaum einen Baum duldet, der nur der
-Schönheit, nicht aber besonders dem Nutzen dient. Nur hie und da
-krönt irgendeine ferne Kuppe ein einzelner Baum mit mächtigem Wipfel
-und verstärkt das Gefühl der Weite und Freiheit, der Ruhe und Größe
-der Landschaft. Fünf Sechstel seines Laufes hat so der Colmnitzbach
-kahles Gelände durchströmt, bis er hier im waldigen, engen, malerischen
-Tännichttal sich heimfindet zu Bergeshang mit dunklen Fichten, zu
-Wiesengründen mit leuchtendem Grün. Der schluchtartige Charakter
-dieses Tales mit seinen steilen, bewaldeten Abhängen im Gegensatz zu
-den sanfteren Hügelwogen des freien Landes, ist überraschend und gibt
-malerische Bilder, gleichviel, ob man von oben hineinschaut in die
-saftigen Gründe einer stillen smaragdenen Märchenwelt, oder ob man
-von unten zu den Höhen hinaufschaut, die mit ihren Wänden einzelne
-Kessel abschließen und bei einer neuen Krümmung neue Bilder friedsamer
-Stille öffnen. Der Talboden hat nur fünfzig bis sechzig Meter Breite.
-Die anschließenden steilen Hänge steigen rund 100 Meter auf, zum
-Teil mit hohen Felswänden, Zacken und ragenden roten Porphyrklippen,
-die wie zinnengekrönte Burgmauern aufsteigen. Dieser schluchtartige
-Charakter des Tales im Gegensatze zur breiten Landschaft draußen, ist
-das Ergebnis urgewaltiger Kräfte aus der Werdezeit unserer Erde und
-des Wirkens von Jahrmillionen der Arbeit des Wassers und des Wetters,
-und ist insofern ein Naturdenkmal von besonderer Bedeutung für die
-Freiberger Gegend.
-
-Das flachgeschichtete, im Laufe der Jahrmillionen rundlich
-abgeschliffene Urgebirge des Gneises der Freiberger Landschaft ist hier
-mit ungeheurer vulkanischer Gewalt vom Porphyr durchbrochen. Durch
-die Gneisüberlagerungen und das harte Porphyrmassiv hat sich der Bach
-hindurchgenagt und die schmale Talenge hineingefressen. Dort drüben,
-mitten in dieser malerischen Talenge, an ihrem schönsten Punkte, ragen
-die zackigen Spitzen und Kämme der gewaltigen roten Porphyrklippen
-in den blauen Himmel vom grünen Waldhange empor, die Diebskammer.
-Diese Felsgruppe ist die Krönung der Schönheit des ganzen Tales, das
-urgewaltige, zu Stein erstarrte Denkmal gigantischer, aus der Tiefe
-emporglutender Naturkräfte. Wir stellen das Rad in das Dickicht und
-klettern näher heran durch Fichtengezweig und Ginstergestrüpp, die
-trotzigen Zacken zu betrachten. Da sehen wir und erleben es fast an
-der eigenartigen Faltung und Schichtung des Gesteins, wie einst in
-ungeheuren Wehen und Ringen lebendiger Kräfte die Massen emporstiegen,
-sich zusammenpreßten und neigten, sich kristallisierten und zu
-besonderer Lagerung und Schichtung versteinten.
-
-Das Tännichttal streicht von Osten nach Westen. Die Strahlen der
-Morgensonne und das rote Licht des untergehenden Tagesgestirnes läßt
-die roten Klippen in feuriger Glut aufleuchten, als wären sie von
-innerem Feuer durchglüht und wollten zu neuem vulkanischem Leben
-erwachen. Ein Naturdenkmal ist dieses Tal mit seiner Felsengruppe,
-das im geologischen Anschauungsunterricht für jedermann von der Natur
-selbst unübertrefflich dargeboten ist und zu uns redet vom Werden
-unserer Erde, Heimat und Landschaft mit deutlicherer Zunge als Bücher,
-die das Volk nicht liest, als Gelehrte, die das Volk nicht hört,
-als Weisheit, die in den Hörsälen oder bei den Spezialisten bleibt.
-Es tut einen Dienst an der deutschen Seele, wer für diese Werte der
-deutschen Natur und Heimat kämpft, ein Kampf für die deutsche Seele und
-ihre Rechte an der Heimat, ein Kampf für die Seele der Heimat gegen
-kalte, harte Seelenlosigkeit der Ausbeutung. Unser Volk hat ein Recht
-darauf, daß diese Naturdenkmäler, die Eigenart und besondere Schönheit
-der Heimat geschützt und ihm und der Nachwelt ungeschmälert erhalten
-bleiben und nicht der Ausbeutung einiger Nurgeldmänner überlassen
-werden. Das was der Allgemeinheit und der Heimat dienen kann und im
-höchsten Sinne zur geistigen und seelischen Förderung dient, darf
-niemals käuflich sein, darf niemals nur dem Interesse eines Einzelnen
-um materiellen Gewinnes willen ausgeliefert werden, sondern muß
-unbedingt als Besitz der Allgemeinheit, als ein Denkmal gehütet und
-gepflegt werden.
-
-Solches unverletzliches, der Allgemeinheit, dem Volke gehöriges
-_Naturdenkmal_ wird auch diese Felsengruppe mit dem ganzen Tale sein
-und bleiben, bei dessen Anblick und sinnender Betrachtung Tausenden das
-Herz aufgehen muß für die Schönheit der Heimat, und das Verständnis und
-die Freude wachsen soll an ihrer Seele, an ihrem Leben, Sein und Werden.
-
-Freibergs Umgebung ist nicht reich an solchen Punkten, wo Wissenschaft
-und beseelte Schönheit sich in gleicher Weise vereinen, um den Ort
-reizvoll zu machen, und wo als Drittes noch die Sage hinzukommt,
-um mit den krausen Ranken der Phantasie und der Erinnerung den Ort
-geheimnisvoll zu schmücken.
-
-Der Lips-Tullian-Felsen dort drüben im Tale ist in unmittelbarer Nähe,
-der Felsen, wo der große verruchte Räuber einst hauste. Auch die
-Diebskammer hier mag ihm und seinen dunklen Zwecken gedient haben. Die
-echte Räuberromantik spinnt ihre bunten Fäden um die zackigen Zinnen
-dieser aus grünen Fichten ragenden Räuberburg, die bald wie Blut,
-bald wie Gold in der Sonne leuchten, bald wie von Rauch geschwärzt
-und Krähen umflogen im Schatten liegen. Lips Tullian, den jeder
-im Freiberger Bezirk kennt, denn im mittelalterlichen, grausigen
-unterirdischen Gefängnisse des Freiberger Rathauses, wo auch Kunz
-von Kaufungen, der Prinzenräuber, schmachtete, mußte er 1715 sein
-Todesurteil erwarten. Seine in den Felsen gehauene Zelle, Ketten und
-Handschellen werden heute noch gezeigt.
-
-Lips Tullian war weit und breit gefürchtet, und wenn auch die Sage
-manches angedichtet hat, so mag seine »Schreibfeder«, die schwere
-Brechstange, manche blutige Seite in seinem Lebensbuch geschrieben
-haben.
-
-Es war zur Fastnacht 1710, da klopfte es um die Mitternachtsstunde beim
-Branntweinbrenner Jakob Hähnel in Tuttendorf an die Türe. Eine fremde
-Männerstimme bat um etwas Branntwein, um einer unwohl gewordenen Frau
-beispringen zu können. Der gutmütige, vertrauensselige Mann öffnete die
-Tür. Aber sofort fielen über ihn und sein Weib drei Raubgesellen her,
-banden und knebelten sie und mißhandelten sie so hart, daß die Frau ein
-Auge einbüßte. Außer anderen Dingen, die ihnen gefielen, raubten sie
-42 Taler bar Geld, die der Mann im Keller verwahrt hatte. --
-
-Lips Tullian war zu Besuch gewesen. -- --
-
-Die unter Georg dem Bärtigen im Jahre 1532 gegründete Schützengilde
-in Glashütte besaß, ähnlich wie die Freiberger Schützengilde heute
-noch, ehemals einen reichen Kleinodienschatz, den sie in einer großen
-schöngeschnitzten Truhe mit kunstreich gearbeitetem Schlosse in der
-Sakristei der Stadtkirche aufbewahrte. Das Hauptstück bildete ein
-silberner, auf einem Aste ruhender Adler mit Rubinenaugen, der Stolz
-der Gilde und Königsschmuck. Eines Tages im Jahre 1710 fand man die
-Sakristei und die Truhe erbrochen. Das Kleinod war gestohlen. --
-
-Lips Tullian war zu Besuch gewesen. -- --
-
-Ein Anschlag auf den Freiberger Silberwagen, der mit den Schätzen
-der Münze zwischen Freiberg und Dresden verkehrte, sollte wohl
-ein Hauptschlag seines tatenreichen Lebens sein. Im Dickicht des
-Tharandter Waldes, vielleicht nicht weit von seinem Schlupfwinkel
-hier im Tännicht, wollte er mit seinen Raubgesellen in der Nacht dem
-Wagen auflauern. Er hatte eine Schmiede erbrochen und als geeignetes
-Werkzeug sich große Hämmer und Bohreisen gestohlen und beim Hinterhalte
-vergraben. Vorspringen, den Widerstand niederschlagen, den Wagen
-erbrechen und mit dem geraubten Gelde auf den vier schönen Pferden
-des Wagens auf und davon, vielleicht ins nahe Böhmerland, das war der
-verwegene Plan der Spießgesellen. Doch einer war unter ihnen, dem sie
-nicht trauten, den sie fernhalten wollten und der dann aus Rache durch
-einen noch erhaltenen Brief ohne Unterschrift den Anschlag verriet.
-Auf der Münze hatte er den Brief eingeworfen mit folgendem Wortlaut:
-»Lüeber Herr mintzmester ich gebe nachricht das man erfahren hat das
-sich reber gesamlet haben in dem walt bey der Hutte bey der nacht den
-sielber wagen wolten angreiffen so er mit dem gelte hin wartz füere die
-angebung ist von einen Knecht der zuvor bei den silber wagen gewest
-ist welcher sich in Freiberg auffhelt die reber halten sich auch in
-Freiberg auff sie können in den wertzheusern nachforschen lassen waß
-vor fremde sich da aufhalten diese Nachricht ist gewißlich war sie
-mugen wol den wagen ohne koeinfoie bey der nacht nicht lassen durch
-den walt gen sonst moechten sie alles köbbut machen ich wolte mir wol
-selber melten ich kan es nicht recht er weilen ich habe es hinder
-wartlich gehoirt und moechte mich auch gefar trohen,
-
- den 5 Nofemmer 1704.«
-
-Der Verräter hatte vielleicht selbst den ersten Gedanken dazu gegeben
-und den Plan geschmiedet, denn er war, wie er schreibt, als Knecht
-»zuvor bei den silber wagen gewest« und kannte daher jede Gewohnheit
-und Gelegenheit am besten.
-
-Man handelte nach dem Ratschlag des Briefes. Durch Stollenarbeiter,
-welche dem Wagen weit entgegengeschickt wurden, durch den Förster und
-schließlich durch einige Mann Kavallerie wurde der Weg des kostbaren
-Silberwagens so stark gesichert, daß der verwegene Lips Tullian seinen
-Plan aufgeben mußte.
-
-Doch auch eines Lips Tullian Verwegenheit und Raubsucht fand ihr
-Ende und wohlverdiente Strafe. Er, der starke Räuberhauptmann und
-Führer tollkühner wilder Verbrecher, wurde von einem Schneidergesellen
-überwunden. Zu Freiberg wars, am 19. September 1710, als Lips Tullian
-im Jägerkleide das Erbische Tor durchschritt. Der Torschreiber,
-Stadtkorporal Wilde, hielt den fremden, finsteren Gesellen an und
-fragte ihn nach seinem Passe. Lips ging frech vorbei und trat in
-das große Eckhaus mit den Worten: »Warum die Frage? Alle Wochen
-bringe ich Wildbret in die Stadt. Ich bin der Förster des Herrn von
-Hartenstein und brauche keinen Paß!« Der Torschreiber eilte ihm in
-den dunklen Hausflur nach, doch der Räuber packte ihn und stieß ihm
-den Hirschfänger in die Brust, ehe jener noch viel Lärm schlagen
-konnte. Doch ein Weber hatte die Untat gesehen und schrie Mord, ein
-Schneidergeselle sprang den riesenstarken Mann von hinten an und riß
-ihn zu Boden. Nach kurzem, wildem Kampfe war er gebunden und gefangen.
-»Freibergs armselige Spießbürger haben Lips Tullian überwältigt!«
-brüllte er wie ein Tier in ohnmächtiger, schäumender Wut. Mehr als ein
-Jahr saß er dann gefangen in der unterirdischen Zelle des Rathauses,
-aus der es kein Entrinnen gab, den stärksten Graden der Folter trotzte
-er hier, bis er am 14. November 1711 nach Dresden geschafft und im
-Gefängnisse »die Mohrenkammer« angeschmiedet wurde. Drei Fluchtversuche
-mißlangen ihm, ehe sein Mut gebrochen war und er seine Schandtaten alle
-eingestand. Zwei Tage und eine Nacht dauerten diese Geständnisse voller
-Blut und Grauen. Am 8. März 1715 wurde Lips Tullian dann mit seinen
-inzwischen auch ergriffenen Spießgesellen Sawberg, Eckold, Schöneck,
-Lehmann und Hentzschel in Dresden enthauptet. Ihre Körper wurden aufs
-Rad geflochten. --
-
-Die Räuberromantik im grünen Walde, die wilden Raubfahrten durch
-Nacht und Gebirge, der Schrecken der Dörfer hatten ihr grausiges
-Ende gefunden, aber noch immer sind die Stätten seines unheimlichen
-Wirkens von einem unbestimmten Grauen umwittert, ein Grauen, daß ein
-furchtbares, unheimliches Geschehen ahnt und der geschäftigen Phantasie
-so weiten Spielraum gibt.
-
-Was das Wandern im _Thüringer_ Land so unvergleichlich genußreich und
-poetisch macht, ist, daß überall die Gestalten der Sage und Geschichte,
-von Poesie und Märchen mit uns wandern und das, was wir schauen,
-beleben und verklären. _Sachsen_ ist nicht reich an solchen Stätten,
-aus denen uns Sage oder Märchen mit verträumten Augen anschaut und die
-Romantik uns grüßt. Sorgfältig müssen wir die wenigen Stätten solcher
-Romantik schonen, und wäre es auch nur Räuberromantik, und müssen wir
-pflegen, was durch die Phantasie und die Erinnerung des Volkes oder
-durch irgendeine halbverschollene Sage sein besonderes Gepräge, seine
-besondere Weihe erhielt. Jedes alte Sühne- oder Mordkreuz, um welches
-irgendeine dunkle Kunde wie ein Ton aus einem alten, verlorenen,
-vergessenen Liede klingt, hat so die Denkmalsweihe erhalten. Das
-Gedenken des Volkes schafft erst die rechten Denkmäler. Hier, dem
-lieblichen Tännichttal, das durch seine landschaftliche Schönheit
-und seine geologische Eigenart schon seine Weihe als Naturdenkmal in
-sich trägt, hat das Volk im gesunden, tiefen Empfinden noch diese
-besondere geistige Denkmalsweihe der Phantasie gegeben, den Schimmer
-der Räuberromantik. -- Eine andere Romantik, die Jugendromantik, vermag
-auch das dürftigste Stückchen Erde zu verklären. Von einem ehrwürdigen
-Freunde des Heimatschutzes, der hier vor siebzig Jahren jung war, liegt
-ein Brief vor, aus dem diese Romantik herausklingt über das Tal wie
-das Rauschen von Bach und Bäumen, und die leisen wehmütigen Töne des
-Liedes: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir
-immerdar.« Er schreibt:
-
-»An dieses liebliche Stückchen Erde, im besonderen an die über der
-›Diebskammer‹ sich aufbauenden Felsenpartien knüpfen sich für mich
-die angenehmsten Erinnerungen aus meiner Jugend. Als Naundorfer
-Pfarrerssohn habe ich dort von meiner Tertianerzeit an bis in meine
-ersten akademischen Semester (1855--1861), in welch letzterem Jahre
-nach des Vaters Tode unsere Familie den Ort verlassen mußte, in den
-Ferienzeiten zahlreiche glückliche Stunden verlebt. Mit Hilfe eines
-mir befreundeten, jungen, für Romantik empfänglichen Lehrers hatte
-ich hier in etwa halber Höhe des Felsens ein Plätzchen für längeren
-Aufenthalt hergerichtet, einen Felsblock als Tisch, einen anderen
-moosbedeckten als Sessel, und in diese durch keine Straße gestörte
-Weltabgeschiedenheit flüchtete ich mich so oft wie möglich mit meinen
-Freunden aus dem altklassischen Altertume, Homer, Sophokles, Horaz
-usw. oder mit unseren deutschen Dichterheroen. Hier beschäftigte ich
-mich mit ersten poetischen (richtiger wohl›gereimten‹) Versuchen,
-übersetzte ich in das Deutsche einen Teil von Ovids Metamorphosen,
-und ich hatte immer die Empfindung, daß mir hier alles leichter von
-statten ging. Auch verträumte ich manche Stunde unter dem Rauschen
-der Tannen, dem Gesange der damals noch zahlreichen Vogelwelt,
-unter dem Murmeln des zwischen saftig grünen Wiesen durch den Grund
-fließenden, kristallhellen, von Forellen und Krebsen dicht bevölkerten
-Colmnitzbaches. Der Felsen senkte sich winkelförmig in die Erde und
-schien in eine Höhle zu führen, die von Steinen verschüttet war, in
-deren Geheimnis ich aber nie eingedrungen bin. Ob der berüchtigte, 1715
-in Dresden hingerichtete Lips Tullian auch hier sein Wesen getrieben
-hat, weiß ich nicht, wäre aber bei der versteckten Lage der Diebskammer
-nicht unmöglich. Es wurde zu meiner Zeit von diesem Tale nur mit einer
-gewissen Scheu von den Dorfbewohnern gesprochen. Ich habe seinerzeit
-bei den Freiberger Gymnasialspaziergängen, die gewöhnlich über
-Niederbobritzsch nach Naundorf führten, nie versäumt, meine Freunde
-an diesen meinen Lieblingsort zu führen, ihn auch später ab und zu
-aufgesucht.«
-
-O Klang der Jugendromantik und echter deutscher Träumerei aus dieser
-lieblichen Taleinsamkeit heraus, der wie von fernen süßen Glocken noch
-durch das Greisenalter tönt! Es klingt wie ein Vers von Mörike:
-
- »Dämonischer Stille unergründlicher Ruh’
- lauschte mein innerer Sinn.
- Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen
- Zaubergürtel, o Einsamkeit, fühlt ich
- und dachte nur dich!«
-
-Und dieser Felsen, dieser Ort, die so noch klingen und Tausenden noch
-klingen mögen, sollten dem Steinknacker ausgeliefert werden!? Damit
-einige geschickte Geschäftemacher gute »Geschäfte tätigen«, sollten die
-Felsen zu Straßenschotter verarbeitet werden und allmählich Meißel,
-Bohrer und Brechstange sich hineinfressen in die Talwände, bis alles
-weggefressen ist, was an Schönheit und höheren Werten Tausenden zur
-Freude, Erquickung und inneren Bereicherung diente.
-
-Wir freuen uns mit dankbarem Herzen, daß diese drohende Gefahr gebannt
-ist und schauen mit besonderer Liebe der stillen Stätte des Friedens in
-die tiefen Augen und versenken uns ganz in die »Stille unergründlicher
-Ruh« der Einsamkeit, des Alleinseins, Geborgenseins vor dem Tosen und
-Staub der Welt da draußen.
-
- »Selig wer im stillen Lauschen
- Einsam hier die Waldrast hält,
- Wer beim flüsternd stillen Rauschen
- Das Getös vergißt der Welt.«
-
- (Scheffel.)
-
-Langsam steigen wir nun die Straße in den grünen Talgrund hinab. Hier
-ist es zu schön, um auf flüchtigem Rade vorbeizufliegen, hier möchte
-man weilen und träumen und warten, ob nicht irgendein liebliches Wunder
-geschehen möchte, daß drüben aus dem Waldesdunkel die Elfen auf die
-leuchtende Wiese schweben oder daß die Elfenkönigin auf schlankem
-weißen Reh aus dem Dickicht kommt, an dir vorüberstreift und aus
-wundersamen Märchenaugen dir tief in die Seele schaut, daß du es nimmer
-vergessen kannst.
-
-Dort steht der Fels wie ein Wächter am Wege, dicht am Bach, wo die
-Brücke in die Wiese führt. Will er hüten, daß kein Unberufener, kein
-Feind hier eindringe? Ist er der Riegel, der die Welt und den Lärm
-abschließt vom stillen Lande der Poesie?
-
- Den Wipfel hoch die Tanne hebt,
- Im Winde schwankt die Birke,
- Und Gottes goldne Sonne schwebt
- Still über dem Bezirke.
- Ein harziges Gedüfte
- Durchwogt die warmen Lüfte.
-
- (Scheffel.)
-
-Wie ein silberner Steg für überirdische Füße schimmert der Bach im Grün
-und windet sich durch die saftige Aue, als wollte er diese Stätte nicht
-verlassen, sondern immer noch einmal umkehren und bleiben. Einzelne
-Baumgruppen von herrlicher Gestalt stehen hier und da mitten in der
-Wiese und flüstern ihm zu, und im weichen blauen Dufte dämmern die
-fernen Abhänge des Tales.
-
-Dann fliegt unser Blick noch einmal hinauf zu den Felsschroffen, die
-dort oben rot in der Sonne leuchten, aus dem Waldesdunkel schimmernd
-emporsteigen. Wir schreiten dann weiter am Wiesenrand im smaragdenen
-Grund. Weiß glänzen die Stämme der Birken, jung und frisch, am Wege.
-Die Felsen dort oben entwickeln sich beim Rückschauen zu einer langen,
-gewaltigen Mauer, die mit schroffen Seiten, scharfen Spitzen und
-Kanten, nackt und kahl, nur mit dem bunten Gewande der Farbe bekleidet,
-aus dem Walde aufragt. Der Reichtum der Farben, die je nach Beleuchtung
-wechseln, je nachdem die Schatten der Wolken den Wald, die Wiese oder
-die ernsten Felsenstirnen streifen, gibt dem Bilde einen besonderen
-überraschenden Reiz. Wie ein tiefes, tiefes weiches, buntgesticktes
-Kissen ist die Wiese mit ihrem Duft und ihren Blumen, in das man sich
-hineinschmiegen möchte. Es plaudert der Bach unermüdlich an unserer
-Seite mit melodischer Stimme. Birken und Erlen streuen ihren Schatten
-mit den zarten Sonnenringeln auf Weg und Wiese und flüstern im weichen
-Sommerwinde leise von den alten Geschichten, die hier geschehen, denn
-dort drüben ragt aus dem Walde der Lips-Tullian-Felsen, der noch viel
-mehr davon weiß und erzählen könnte, daß -- --! Der ist aber ein
-rauher, schweigsamer Geselle, der seine Geheimnisse wohl hütet und
-das junge Volk der Pflanzen und Bäume raunen und flüstern läßt. In
-seine Felsenstirne zogen die Jahrhunderte und Jahrtausende ihre tiefen
-Runen. Was ist ihm da noch kurzlebiges Werden und Wachsen, Menschenleid
-und Menschentat, was sind da die Geschlechter der Menschen, die hier
-vorüberschritten, was ist da Jugend und Alter? Gras, das zu seinen
-Füßen wächst, Bäume die an ihm wurzeln und abgehauen werden, wieder
-kommen und wieder vergehen in unendlicher Folge! Er schweigt und
-läßt die Sagen und Geschichten, welche aus Dickicht und Höhlen und
-Löchern hervorkriechen, welche mit geraubtem Golde funkeln und rotes
-Blut am Wege zeigen, wie Spukgestalten ihres Weges ziehen, schweben
-und zerflattern in Wind und Nebel und dem Rauschen des Waldes, daß
-niemand sie fassen mag, sondern die Angst scheu umschaut und nur ein
-unnennbares, unbestimmbares Grausen unheimlich um den Felsen mit dem
-Namen des Verruchten schleicht.
-
-Wir wandern weiter und nähern uns dem oberen Ausgange des Tales. Der
-Weg steigt wieder an und löst sich vom Talgrund. Unter schönen, alten
-Fichten, aus dunklem Schatten hervor, blicken wir weit über die grünen
-Gründe, die im Sonnenlichte flimmern, hinaus in die duftige Ferne,
-wo blauende Höhenzüge sich zart vom Himmel abzeichnen. Der Bach ist
-ein silberner Spiegel im Vordergrunde, in dem sich Wolken und Bäume
-spiegeln.
-
- »Ich steh im Waldesschatten,
- Wie an des Lebens Rand,
- Die Länder wie dämmernde Matten,
- Der Strom wie ein silbern Band.«
-
-Ein langer Blick dann zurück in das stille Tal Eden, das wir nun
-verlassen, und es geht uns durch die Seele ein Klang der Sehnsucht:
-
- »Du bist Orplid, mein Land,
- Das ferne leuchtet!«
-
-Bald treten wir aus dem Walde auf kahle Höhe mit weitem Fernblick.
-Die Sonne brütet heiß, und die Grillen zirpen am Feldrain, wo die
-Grasnelken nicken. Dann fliegt das Rad hinab durch steilen, krummen
-Hohlweg, zwischen Wiese und Feld in das Dorf Colmnitz, dessen Höfe
-sich rechts und links von Bach und Straße, unter Eschen und Birken,
-oft in malerischer Lage und Gruppe siedeln. Doch wir sind noch wie
-im Traume. Wir achten nicht viel, nicht so wie sonst, auf jedes Haus
-und jede Gruppe von Bäumen und Bauten, auf jede Eigenheit der Bauart
-oder neckischer Laune, auf Vogel und Blume und die blitzenden Wellen
-im Bach. Wir sind im geschäftigen Leben draußen, aber unsere Seele
-weilt noch dort drüben im stillen Tale, wo die Welt schweigt; sie
-wandert noch auf dem silbernen Steg in den smaragdenen Elfenwiesen, an
-derem Rand die dunklen Fichten Märchen träumen, und wo um die Felsen
-geheimnisvoll die Sage raunt.
-
-Colmnitz liegt hinter uns. Von der Höhe schauen wir noch einmal lange
-über den weiten Acker, über das Dorf hinweg, das sich mit seinen
-Häusern fast versteckt und tief in das Tal duckt. Dort drüben liegt der
-Wald in langgestreckten, feierlichen Wogen im blauen Dufte, dort drüben
-das Tal, dort drüben -- dort drüben --
-
- * * * * *
-
- »Und meine Seele spannte
- Weit ihre Flügel aus!«
-
-
-
-
-Der Königstein.
-
-
-Eugen Bracht, der große Meister der Farbe und Stimmung, hat ein kleines
-Gemälde vom Königstein geschaffen, in welchem mit poetischer Gewalt
-die Wucht dieses Felsblockes dargestellt ist. Wie ein ungeheurer Altar
-eines überweltlichen Riesengeschlechtes steigt er aus dunkelblauen
-Tales- und Waldestiefen in einen wolkenlastenden Gewitterhimmel empor.
-Gleich dem Rauch unermeßlicher Opfer ballen sich die Wetterwolken
-und ziehen in dunklen Geschwadern am Himmel über ihm. Will Asathor
-ausfahren, um Blitze über die Erde zu säen und seinen Donnerhammer
-gegen den Felsaltar zu schleudern? Ist es ein Riesendenkmal, in welchem
-sich ungeheures Geschehen, eines ganzen Volkes Schicksal, sein Jubel
-und sein Jammer, in wuchtiger Form ausprägt?
-
-Es ist heroische Stimmung, welche uns der Maler in seiner Leidenschaft
-der Farbe und Stimmung hier im Bilde erleben läßt, Stimmung, wie er
-sie selbst einmal in besonderer Stunde empfunden und mit tiefer Seele
-aufgenommen hat.
-
-Schildern und Emporheben, das Suchen nach der äußeren und das nach
-der inneren Wahrheit verschmilzt sich in ihm, wird ihm zum Bild, zum
-einheitlichen Ausdruck künstlerischen Erlebens.
-
-Ja, der Königstein will belauscht, will erlebt sein. In Gewittertagen
-und im wonnigen Mai, wenn die Buchen leuchten in seligem Grün, im
-weißen Prachtgewande des Winters, der silbernes Geschmeide um die
-Herrscherstirne legt, und im goldenen Königsmantel des Herbstes, dessen
-schimmernde Schleppe in die Fluten der unaufhaltsam strömenden Elbe
-taucht, im Abendrot, wenn in feurigen Gluten Himmel und Erde, Nähe und
-Ferne brennen und langsam verglühen, im Nebelgewoge, das die Täler und
-Gründe mit weicher, geisterhafter Flut erfüllt, auf dem die Kuppen
-und Gipfel schwimmen wie blaue, mit blassen Opalen geschmückte Inseln
-auf märchenhaftem unwirklichem, milchweißem Meere, in dunkler weicher
-Nacht, wenn droben die unzähligen Sterne ihren schimmernden, ewigen
-Reigen durch die Unendlichkeit wandern und im Gebüsch die Leuchtkäfer
-als grüne Funken leise ihren kurzen nächtlichen Lebens-, Liebes- und
-Sternenreigen ziehen und schweben, während im Walde der Ruf der Eulen
-geisterhaft tönt, wie die Klage und der Sehnsuchtsruf armer, verlorener
-Seelen nach Erlösung, nach Erhebung aus bitterer Not und Leid. --
-
-Um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes. Es ist als ob er eine
-Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und genossen
-hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie sucht, sich zu
-offenbaren weiß. --
-
-Wir wollen diese Seele suchen gehen. Vielleicht wird sie sich finden
-lassen. -- -- --
-
-Durch grünen Buchenwald steigen wir an der Flanke des Berges auf dem
-alten, mit Sandsteinblöcken gepflasterten Kanonenweg zur Festung
-empor. Weite Ausblicke ins Elbtal und auf die gegenüberliegenden
-Abhänge des rechten Ufers und drüben auf die dunklen Schroffen des
-Liliensteines, des stolzen Bruders des Königsteins, wechseln mit
-dichtem Wald und grünen Wänden von Buchen, Fichten und Gebüsch von
-Farnkraut, Heidelbeeren und Brombeergerank. Wuchtige Felsblöcke
-recken sich links am Wege hoch aus dem Dickicht, deren einer in einer
-Inschrift den Erbauer dieser Straße rühmt. Vom steilen Fahrweg windet
-sich dann ein steilerer Fußweg links zur Höhe. Da tauchen graue Mauern
-zwischen den Stämmen des Waldes über uns auf. Es sind die Mauern der
-»Flesche«, welche als niedrigeres mächtiges Außenwerk wie ein Sporn
-weit hervorspringt und das Tor, die Zugangsstraße und die Flanke der
-Festung schützt.
-
-Vor uns leuchtet auf der Höhe des Weges beim Austritt aus dem Walde,
-wie ein Saal mit weichem, grünem Teppich die ebene Lichtung einer
-köstlichen Wiese, der Louisenwiese, zur Linken von steiler Mauer
-umfaßt. Darüber türmen sich wandsteile Felsen und schroffe Quaderwände
-zu unersteiglicher Höhe mit Vorsprüngen und Zinnen bewehrt und mit
-keckem Turm auf weitausladender Bastion, die Georgenbastion. Und
-droben, auf diesem gewaltigen Sockel thront die stolze Georgenburg,
-vier Geschosse hoch in die Lüfte ragend, welche die ältesten Teile der
-Burganlage umfaßt. Auf breiterer Straße stehen wir dann unmittelbar am
-Fuße der senkrechten Felsenmauern, aus denen das Quaderwerk der von
-Menschenhand geschichteten Sandsteinblöcke aufwächst. Weit springt
-im Rechteck ein gewaltiger Vorbau auf seinem Felsenunterbau hervor,
-das Horn, von dem die Seiten und die Zugangsstraßen wie von einem
-riesenhaften Turm vom Geschützfeuer bestrichen werden können. Ein
-rundes Türmchen mit Kuppeldach, Laterne und spitzem Helme klemmt sich
-malerisch in den Winkel des Vorsprunges. Es ist der kleine Seigerturm
-mit seiner Stundenglocke von Hans Hilliger in Freiberg aus dem Jahre
-1603, welche das kursächsische Wappen und Widmungsinschrift trägt.
-Von dort oben schaute einst im Jahre 1698 der Zar Peter der Große
-in das wonnige, blühende Land mit seinen Feldern und Dörfern und
-reichen Kultur und dachte an sein fernes, wildes Rußland. Er nahm
-den Meißel zur Hand und ritzte seinen Namenszug in die innere Wand
-des Seigertürmchens zum Gedächtnis dieser Stunde, da er als Gast und
-Freund deutscher Art und Kultur hier geweilt. Der junge Goethe ritzte
-in begeisterter Stunde so seinen Namen in den Stein des Straßburger
-Münsterturmes, ehe er sein Werk begann, eine neue Welt des Geistes zu
-schaffen und zu beherrschen, seinem Volke und der Welt zu schenken. Des
-jungen Goethe Namen an der Stätte höchster geistiger und künstlerischer
-Kraft. Peters Name am Turm der Festung, wo Kraft und Herrschaft sich in
-wuchtiger Erscheinung zusammenballen, geritzt, ehe er sein Werk begann,
-seinem Rußland neue Welten der Bildung und Kraft zu erschließen, um so
-äußere Macht und Herrschaft in wuchtiger Form zusammenzuballen. -- --
-
-216 Jahre vergingen. Hindenburg hatte Tannenberg geschlagen. Da zogen
-die gefangenen Offiziere der russischen kaiserlichen Eliteregimenter
-hier ein und mußten Wohnung nehmen, unfreiwillig, vier Jahre lang und
-schauten sehnsüchtig in das wonnige, weite Land und dachten an Freiheit
-und das ferne Mütterchen Rußland und standen oft sinnend vor dem
-Namenszuge ihres großen Zaren.
-
-Der große erste Zar, ein Freund der deutschen Kultur, führte sein Land
-aufwärts zur Höhe, der kleine, schwache, letzte Zar ein Feind der
-deutschen Art, führte sein Land in den Abgrund. Er wollte zermalmen und
-wurde zermalmt.
-
-Die Straße am Fuße der Felsenmauer führt uns über eine Zugbrücke, die
-rote Brücke, durch ein offenes Vortor zum eigentlichen Festungstor.
-Gut ist die Straße durch Erdwälle geschützt, und einige stolze Pappeln
-stehen am Rande wie gewaltige Wächter oder eine königliche Leibgarde.
-Durch ein klirrendes, starkes, eisernes Gittertor treten wir auf
-einen kleinen Vorhof, von dem unsere Blicke aufwärts fliegen zu den
-mächtigen Felsen und Wänden, die uns fast im Halbkreis, wie in einem
-Kessel, umschließen. Felsen, aus denen wieder himmelansteigende Gebäude
-emporwachsen, die Georgenburg, Streichwehrgebäude und Kommandantenhaus
-mit funkelnden Fenstern. Vor uns liegt ein anderes Tor in wuchtigen
-Renaissanceformen, mit einem Gorgonenhaupt als Schlußstein, gekrönt
-von einer Wappenkartusche mit Königskrone und Waffentrophäen. Der
-Festungskommandant und Architekt des Königs August II., des Starken,
-Johann von Bodt (1670--1745) hat den Entwurf dazu gezeichnet, der noch
-erhalten ist mit dem Handzeichen des Königs und auf dem Architrav die
-nicht ausgeführte Inschrift trägt:
-
- »Konistein bin ich genant
- Ein Konig bracht mich in Stand.«
-
-Wir durchschreiten den gewölbten Torweg und stehen im zweiten,
-feuchten, finsteren, engen Hofe, unmittelbar am Fuße der ungeheuren
-Mauern. Bedrückend wirken diese aufgetürmten Massen über diesem engen,
-verließartigen Kessel, auf dessen Grund kaum ein Sonnenstrahl gelangt.
-Eine steile Bohlenrampe steigt aus ihm aufwärts zu dem hochliegenden
-Tore einer schwarz gähnenden Tunnelmündung, in der ein starkes
-Fallgatter aus eisenbewehrten, spitzigen Pfählen drohend herniederhängt.
-
-Über diesem Tor mit Dreiecksgiebel und Rüstungstrophäen über den
-Eckpilastern ist das Reliefbild Augusts des Starken angebracht, dessen
-königliche Baulust auch hier auf dem Königstein sich betätigte.
-
-In dem finsteren Tunnel, der »Appareille«, geht es steil aufwärts.
-Feuchte, kalte Kellerluft weht uns an, als müßten wir in ein
-unheimliches Felsverließ hinein. Unsere Schritte hallen wieder von den
-gewachsenen Felsenwänden, aus denen dieser Aufgang herausgehauen ist,
-hallen wieder von dem schweren Gewölbe, das schwarz über uns lastet.
-Als hier die gefangenen Russen 1914 aus lichtem, warmem Tage diesen
-unheimlichen schwarzen Gang aufwärts geführt wurden, da wurde auch
-mancher tapfere Mann bleich, denn sie glaubten, sie müßten für immer
-vom Sonnenlichte scheiden.
-
-An einem Knickpunkt des Aufganges ist eine mächtige Winde angebracht,
-durch welche die Wagen die schiefe Ebene aufwärts gewunden oder
-vorsichtig herabgelassen werden. Mag heute auch meistens der
-elektrische Aufzug an der Außenwand der Festung diesem Zwecke dienen,
-so ist doch diese altertümliche, gewaltige Wagenwinde noch keineswegs
-ganz außer Dienst gestellt. Unter der Decke des Aufgangs gewahren wir
-hier Schießscharten, von welchen der Aufgang mit Feuer bestrichen
-werden kann, so daß dieser Aufgang geradezu zu einer Blut- und
-Todesgasse für den Angreifer werden müßte, der hier zu stürmen wagte.
-
-Da leuchtet uns endlich wieder das Tageslicht, und zwischen den
-Felsmauern ansteigend führt uns der gehauene Gang unter freiem Himmel
-das letzte Stück aufwärts. Wir sehen grüne Baumkronen hoch über uns im
-Winde sich bewegen, hören den jubelnden Sang der Vögel und über die
-Mauer hängt ein Fliederbaum seine duftenden Dolden in die kalte, enge
-Felsengasse, wie einen Gruß aus Sonnenwärme und Licht. Tief atmen
-wir auf und unsere Brust hebt sich dem goldenen Tage entgegen. Die
-Hochfläche des Steines, des königlichen Felsens betritt nun unser Fuß,
-und es ist uns, als wären wir in einer anderen Welt und Zeit, fern vom
-Alltage, über dem Tagesgetriebe und näher der Vergangenheit.
-
-Im Herzen der Festung befinden wir uns, auf dem Königsplatz, um den
-sich die Hauptgebäude gruppieren, Kommandantur und Brunnenhaus,
-Magdalenenburg, Kirche, neues Zeughaus und Kommandantenhaus. Kunstreich
-gezierte bronzene Kanonenrohre mit Kurwappen und Medaillons, die Monate
-darstellend, aus dem Jahre 1686 und andere ähnlich geschmückte aus dem
-18. Jahrhundert liegen im Kreise unter den hohen rauschenden Bäumen des
-Platzes.
-
-Unser Weg führt uns dann rings auf dem Wall an den Zinnen und
-Brüstungsmauern der Festung entlang, um unsere Wimper erst mal satt
-trinken zu lassen von dem goldenen Überfluß der Welt, die sich zu
-unseren Füßen breitet, und Erinnerungen steigen auf an Stunden, die
-vorüber sind, an Zeiten, Männer und Schicksale ferner Vergangenheit.
-Die Steine fangen an zu leben, zu flüstern, und ihr heimliches
-Raunen eint sich mit den großen Linien und Rhythmen der Landschaft
-ebenso wie mit ihrer wonnigen Lieblichkeit zu unsern Füßen zu einer
-einzigartigen Symphonie, der auch dunkle Untertöne und Mißtöne nicht
-fehlen. Es mag im Sachsenlande wohl kaum eine Stätte geben, wo die
-umfassende Herrlichkeit der Landschaft sich mit Sage und Geschichte zu
-so eindringlicher Wirkung verbindet. Es mag kaum eine Stätte geben,
-wo neben rauschenden Festen, königlichem Prunk und übersprudelnder
-Genußfreude soviel Elend, Verzweiflung, Wut und Schmerzen ihren Weg
-zum Himmel suchten, wie hier auf dem Königstein, ein Stein des Fluches
-einst für viele und doch ein königlicher Stein.
-
-Wir stehen an der Friedrichsburg, ursprünglich Christiansburg genannt,
-welche 1589--1591 Kurfürst Christian I. durch seinen Architekten
-Paul Puchner aus Nürnberg und Hans Irmisch aus Freiberg auf einem
-Felsenvorsprung der Nordseite hoch über der Elbe errichten ließ.
-Christian I. war es ja, der den Felsen eigentlich erst zu einer
-Festung ausbauen ließ. Er ließ 1589 rings den Felsenrand mit starker
-Brustwehrmauer versehen und schuf den neuen, sicheren Aufgang, durch
-den wir auch heute den Felsen betreten haben, unter Benutzung einer
-natürlichen Kluft, die er überbaute und befestigte, so, daß »die seite
-des ganzen Berges sampt des Weges und Porten mit 10 oder 12 Soldaten
-verwarrt werden« konnte. Er legte auch eine ständige Besatzung auf
-die Festung, und baute für sie eine Kaserne, die heute noch erhalten
-ist, und in ihrer charakteristischen Anlage wohl eines der ältesten
-Beispiele derartiger militärischer Bauten ist.
-
-Die Christiansburg auf ihrer sturmfreien, unersteiglichen Höhe an einem
-der schönsten Punkte des Sachsenlandes galt aber nicht der Befestigung,
-sondern ist ein Lustschlößchen mit wunderbarer Aussicht elbaufwärts
-und elbabwärts und auf die malerischen Felsen der sächsischen Schweiz
-im Basteigebiet und drüben auf den stolzen Lilienstein. Tief unten
-im Grunde zieht der Strom majestätisch in großer Windung dahin und
-trägt die Kähne und die Flöße aus dem Böhmerland vorbei und aus dem
-Walde zu den Füßen steigt der Duft der Buchen empor, klingt das
-Lied der Singvögel und das Kichern des Spechtes. Ein uneinnehmbarer
-Festungsklotz, ein unzerbrechlicher Felsenriegel für das Elbtal und
-doch ein Ort für jauchzende Lebenslust und jubelnder Daseinsfreude in
-seiner landschaftlichen Schönheit. Da ist es kein Wunder, daß Sachsens
-Fürsten immer wieder hierher geeilt sind zur Freude und auch in der
-Stunde der Gefahr, und daß sie auch ihre Gäste hierherführten. 1652
-weilte hier der große Kurfürst, 1698 Peter der Große, 1728 Friedrich
-Wilhelm I. von Preußen, der Soldatenkönig mit seinem Sohn, dem großen
-Friedrich, der später hier wieder ein freilich unwillkommener Gast
-war, 1813 Napoleon I., der Franzosenkaiser kurz vor seinem Sturz. Hier
-in der Friedrichsburg, hoch über der Landschaft königlich thronend,
-fanden die frohen Feste und Gastereien statt. Es ist ein äußerlich
-schlichter, achteckiger Pavillonbau von 11,4 ~m~ Durchmesser von zwei
-Geschossen mit gebrochenem Mansardendach. Ursprünglich führte nur ein
-rundes Treppentürmchen zum oberen Spiegelsaal mit seinen Deckengemälden
-und den zehn großen Aussichtsfenstern, durch welche sich nach jeder
-Richtung ein neues, reizvolles Landschaftsbild bietet.
-
-August der Starke ließ jedoch an Stelle des Türmchens 1721 eine
-zweiarmige Freitreppe mit reicher Balusterbrüstung und Vasenschmuck
-anlegen. Seine Absicht, auch noch durch Flügelbauten und Bogengänge
-dieses architektonische Schmuckstück noch weiter auszubilden, die in
-noch erhaltenen Zeichnungen festgelegt ist, ist nicht zur Durchführung
-gekommen.
-
-Im unteren Saale der Friedrichsburg feierte am 12. August 1675 der
-Kurfürst Johann Georg II. ein Hoffest. Sein Page Karl Heinrich von
-Grunau hatte dabei dem guten Meißner Wein, der im großen Fasse der
-Magdalenenburg ja unerschöpflich schien, zu ergiebig zugesprochen im
-Hochgefühl der Stunde auf dem königlichen Stein. Die Umtrunkhumpen
-jener trunkfesten Zeit hatten auch noch etwas anderes Format als unsere
-Gläschen heutzutage. Bunte Gläser von 2--3 Liter Inhalt sind heute noch
-in der Friedrichsburg zu sehen. Im Rausche stieg Grunau aus dem Fenster
-auf einen schmalen, etwa 60 ~cm~ breiten Felsenvorsprung herunter und
-legte sich mit der Sicherheit eines Nachtwandlers am Rande des Abgrunds
-nieder auf dem harten Stein und schlief, in der Meinung daheim im Bette
-zu sein, fest und sorglos ein. Nur der geringsten Wendung bedurfte
-es, und er stürzte in die Tiefe hinunter. Glücklicherweise wurde er
-zeitig entdeckt. Als man dem Kurfürsten das halsbrechende Ruheplätzchen
-zeigte, ließ er den Schlummernden erst anbinden und dann mit Trompeten
-und Pauken wecken. Grunau mag in seinem Leben dieses gefährliche Lager,
-das man heute noch »das Pagenbett« nennt und zeigt, nicht vergessen
-haben, obschon er 106 Jahre alt wurde und erst beinahe 70 Jahre später,
-am 9. Dezember 1744 starb. Er war kein unreifer Jüngling mehr, obschon
-er Page war, als er dieses steinerne Bett am Abgrund sich suchte,
-sondern ein Mann von 37 Jahren. Als Greis von 102 Jahren machte er noch
-in Bischofswerda 1740 August dem Starken auf seiner Reise nach Polen
-seine Aufwartung.
-
-Im Jahre 1756 stand hier ein anderer sächsischer Fürst, August III.,
-mit seinen beiden Söhnen, den Prinzen Xaver und Karl, und mit seinem
-mächtigen, unheilvollen Minister Brühl an der Friedrichsburg und
-schaute schweren Herzens in ohnmächtigem Zorn hinüber nach dem
-Lilienstein, nach der Ebenheit, aus welcher sich der Felskoloß dort
-drüben erhebt, und sah den Untergang seines Heeres. Das sächsische
-Heer, 18000 Mann stark, hatte nicht vom Lager in Pirna her rechtzeitig
-die Verbindung mit den Österreichern unter Brown aufgenommen, der bei
-Schandau stand und mit 9000 Mann auf die Sachsen vom 11.--14. Oktober
-wartete. Diese waren, nachdem sie das letzte Brot gegessen hatten, erst
-in der Nacht auf den 13. Oktober auf einer Schiffbrücke über die Elbe
-gegangen und standen nun dort am Fuße des Liliensteins bei strömendem
-Regen in einem ungangbaren Gelände, und konnten nicht vorwärts und
-rückwärts. Von allen Seiten rückten die Preußen heran, wie in einem
-Kesseltreiben. Ein Durchbrechen ihrer Reihen war nicht möglich. Am
-14. Oktober erteilte August, der von dort oben mit eigenen Augen
-voller Grimm zusehen mußte, wie Friedrich die Schlinge zusammenzog,
-seinem Halbbruder Rutowski die Vollmacht zum Abschluß der Kapitulation
-mit Friedrich. Die ganze sächsische Armee wurde kriegsgefangen,
-die Mannschaften durch einen erzwungenen Fahneneid dem preußischen
-Heere einverleibt, den Offizieren die Wahl zwischen Gefangenschaft
-oder Übertritt in den preußischen Dienst gelassen. Doch die Ehre
-wurde gewahrt: 568 Offiziere gingen lieber in Kriegsgefangenschaft,
-nur 53 Offiziere in preußischen Dienst. Die Mannschaften entflohen
-später zum großen Teil und flüchteten sich nach Polen und Österreich.
-Der König selbst verließ am 20. Oktober 1756 früh 5 Uhr mit seinem
-Gefolge den Königstein in 33 Wagen, um nach Polen zu eilen und traf am
-27. Oktober in Warschau ein.
-
-Der siegreiche Feind im Land, der König und sein allmächtiger Minister
-auf eiliger Flucht, das Volk und Land in seinem Elend und Not
-verlassend, um sich in bequeme Sicherheit zu bringen. -- -- Wie stimmte
-das zu seinen stolzen Worten in der Schicksalsstunde seiner Armee, als
-er vor ihrer Kapitulation vom sicheren Königstein ihr zurief: »Der
-König zieht es vor zu sterben, mit seinen Offizieren zu sterben, als
-solch eine Schmach zu überleben!« Worte, denen keine Taten folgten! Er
-war kein Held. Die von Brühl geflissentlich genährte Bequemlichkeit
-war sogar stärker als das einfache Pflichtgefühl. Das erste Jahr des
-siebenjährigen Krieges hatte hier unter den Felsen des unüberwindlichen
-Königsteins unter den Augen eines energielosen, mißleiteten Königs eine
-für Sachsen verhängnisvolle Wendung genommen. -- Heute noch werden
-hie und da Kanonenkugeln aus jenen schicksalsschweren Tagen auf der
-Ebenheit aus dem Ackerboden gepflügt.
-
-Auch Napoleon suchte vergebens 1813 auf der Ebenheit sich einen
-Stützpunkt am Fuße des Liliensteines zu schaffen durch Errichtung eines
-befestigten Lagers, als Mittelpunkt einer starken Verteidigungslinie
-gegen die Österreicher von Stolpen über den Lilienstein bis an die
-böhmische Grenze bei Peterswalde. Reste der Schanzen sind noch
-vorhanden. Doch Napoleons Stern war erblichen. Auf Leipzigs Fluren sank
-er in den Staub. -- -- --
-
-Als 1914 nach dem großen Kesseltreiben Hindenburgs bei Tannenberg
-die russischen Offiziere auf dem Königstein unfreiwilliges Quartier
-fanden, wurde ihnen der obere Saal der Friedrichsburg zunächst für ihre
-Gottesdienste zur Verfügung gestellt. --
-
-Wunderbarer Wandel der Geschicke! Der Raum ausgelassenster Weltfreude
-eines August des Starken und seiner Nachfolger wird Stätte des
-mystischen, fremdartigen, russischen Gottesdienstes. Der Pope mit
-schwarzem Bart und langen schwarzen Locken aus dem Innern Rußlands
-steht im bunten, reichgestickten, langwallenden Ornat vor dem Altar
-mit der großen Bilderwand, die einer der gefangenen Offiziere gemalt
-hat. Daneben der Männerchor, aus allerlei Stämmen Rußlands, der
-die Orgel ersetzt, mit seinen tiefen, weichen, dunklen Stimmen
-und den eigenartig schwermütigen, einförmigen Gesängen, welche die
-Molltonarten und Tonfolgen in halben Tönen so bevorzugen. Von oben
-schauen verwundert die Köpfe der Zwölf- und Sechzehnender mit ihren
-gewaltigen Geweihen hernieder auf dieses seltsame Tun und Treiben, das
-zu dem deutschen Königsfelsen hoch über deutschem Wald und Strom, zu
-diesem Raum, in dem noch das Lachen derber Weidmannslust, das Jauchzen
-lebensfroher Trinkgesellen aus zwei Jahrhunderten zu hängen scheint, so
-gar nicht recht passen und stimmen will. --
-
-Einer der gefangenen Generäle, General von Dehn, aus deutschem Blut
-und baltischem Geschlecht, sah oft gedankenvoll von hier nach dem
-Basteifelsen hinüber. Ein Jahr zuvor hatte er die Bastei mit seiner
-Gattin auf einer Deutschlandreise besucht. Hatte dort drüben gestanden,
-zum Königstein mit ihr hinübergeschaut und ihr diesen berühmten Felsen
-gewiesen. Damals hatte er nicht gedacht, daß er sobald diesen Felsen
-wiederschauen und unfreiwillig so eingehend kennenlernen würde, daß
-er, der Mann aus der Umgebung des Zaren, sobald wieder eine Reise aus
-dem fernen Rußland, jedoch ohne Gattin, aber mit Kameraden, in die
-Sächsische Schweiz machen würde!
-
-Er schüttelt tiefsinnig sein bartloses Haupt und wandert mit gesenktem
-Blick über den Wall mit raschem, kurzem Schritt. Gefangensein,
-tatenlos, ist schweres Soldatenlos! Wunderbarer Wandel der Geschicke! --
-
-Diesen Wandel der Geschicke, und daß das Glück eine feile Dirne ist,
-haben manche erfahren müssen, die hier auf dem Königstein geweilt
-haben. Fürstengunst war manchmal ein Strick, der aus dem Dunkel,
-aus der Tiefe aufwärts zog -- -- aber manchmal viel höher, als es
-einem gesunden, ehrlichen Hals lieb sein konnte: Gleich neben
-der Friedrichsburg stand ein Baum, der einen Ast weit über die
-Brüstungsmauer gerade hinausreckte über den tiefen Abgrund. Am 7. Juli
-1610 trug er eine absonderliche Frucht. Es war der bisherige Kommandant
-der Festung selbst, von Beon, der nach Kriegsrecht über die Festung
-hinausgehangen wurde, weil er angeblich Holz, Bretter, Schanzzeug usw.
-veruntreut hatte. Seinem Halse mag die Schlinge der Fürstengunst bald
-zu eng geworden sein. Ein Kreuz in der alten Brüstungsmauer zeigt
-die Stelle, wo er auf Wunsch seines Fürsten so aussichtsreich sein
-Leben aus Luftmangel schloß angesichts der großen, stillen, weiten
-Elblandschaft. --
-
-Noch ein andrer mag in mitternächtlicher Stunde zur Johannisnacht, wenn
-geheimnisvolle Kräfte sich regen und, was stumm und tot ist, Sprache
-und Leben gewinnt, über den Wandel der Geschicke sich wundern. Es ist
-der riesige Bacchus mit seinem Satyrgefolge, der in das Erdgeschoß
-der Friedrichsburg wie in ein enges Gefängnis verbannt ist. Wie gern
-würde er wohl in geisterhaft schöner Vollmondnacht hinüberwandern
-nach der Magdalenenburg, in die ungeheuren Felsengewölbe hinabsteigen
-und sehen, ob nicht vom großen Faß ein Zug zu schlürfen wäre, von dem
-Fasse, dessen Schutzgott, Schmuck und am engsten verbundener Freund er
-einst war, einen langen Zug und Schlurf zu tun, der für 100 Jahre der
-Trockenheit und des Staubes vorhält. Der Kelch in seiner hocherhobenen
-Hand ist trocken und leer und die Gewinde von Weintrauben geben keinen
-perlenden Saft. Wenn er aufspringen würde, so würde er die Decke
-durchstoßen, und das Haus auf seinen Schultern davon tragen. Ja, die
-Zeiten sind nüchtern und trocken geworden, der Sang ist verschollen,
-der Wein ist verraucht, das große Faß ist zerschlagen, all der bunte
-Zauber ist verstoben und zu Asche geworden.
-
-Was mögen das für feuchtfröhliche Kellerfeste gewesen sein dort drüben
-in der Magdalenenburg. Im Grundstein war 1620 ein mit edlem Wein
-gefülltes Glas versenkt worden und nun lebte der fröhliche Geist des
-Weines in den mächtigen Gewölben. 1624 wurde ein Faß mit 2222 Eimer
-Inhalt aufgestellt und diente 50 Jahre etwa seinem Zweck. Dann folgte
-1680 ein Faß mit 3319 Eimer Inhalt. 16 Wochen dauerte seine Füllung mit
-Meißner Wein! Doch August dem Starken genügte das nicht. Von seinem
-berühmten Architekten Pöppelmann ließ er Zeichnungen machen und dann
-ein Faß bauen, das seinesgleichen nicht hatte. Die Schauseite war reich
-geschmückt mit Holzschnitzerei. Oben das reiche sächsisch-polnische
-Wappen mit der Königskrone darüber, Weingehänge und rechts und links
-zwei am Rande emporkletternde Satyrn und auf dem unteren Rande sitzend
-unser prächtig modellierter Bacchus. Auf acht gewaltigen Lagerböcken
-ruhte der Riesenleib des Fasses. In halber Höhe umschloß ihn wie
-ein ungeheurer Gurt die die Böcke zu einem festen Lager verbindende
-Riesenzarge, auf der zum Schmucke die Reihen der mächtigen Humpen
-und allerlei Schaustücke standen. Da stand ein großer, hölzerner
-Becher, den Kurfürst August gedreht, dort ein silbernes Fäßchen mit 14
-immer kleineren, eingesetzten silbernen Bechern, dort ein silberner
-Ziehbrunnen mit Säulen und Dach von Silber, dort eine silberne und
-vergoldete, 18 Zoll lange und an der Mündung 2¾ Zoll weite, auf einer
-Ebenholzlafette ruhende Kanone, dort ein silberner, vergoldeter, 6 Zoll
-hoher und an der Mündung 3 Zoll weiter Mörser (beide als Becher zu
-gebrauchen), dort ein venetianisches Glas, das 6 Maß hält und einen
-Deckel von 3 Maß Weite hat, dort noch andere Trinkgefäße von besonderen
-Maßen und Formen und für urweltlichen Durst. 30 eiserne Reifen
-umspannten den Riesenleib des Fasses, von denen jeder 7 Zentner wog.
-10 ~m~ Länge und 7 ~m~ Durchmesser hatte das Ungeheuer und 3709 Eimer
-schluckte sein unersättlicher Bauch, das sind 2500 ~hl~, 376 ~hl~ mehr
-als das große Heidelberger Faß. Sein Rücken trug einen geräumigen Boden
-von zierlicher, vasengeschmückter Brüstung umgeben, auf dem große Tafel
-und Tanz stattfinden und dem Gotte des Weines in bacchantischer Lust
-geopfert werden konnte.
-
-Wie das Weinfaß und die Trinkgefäße von besonderen Maßen waren,
-so war auch der Durst und die Trinkfähigkeit in jenen früheren
-Jahrhunderten von manchmal erstaunlichem Ausmaß. Der Meistertrunk
-von Rothenburg o. d. T., den der Alt-Bürgermeister Georg Nusch am
-30. Oktober 1631 tat, um seine alte, gute Stadt vor der Verwüstung
-durch Tillys Scharen zu retten, ist bekannt. Noch heute erscheint ja
-seine Gestalt, wenn mittags die Uhr zwölf schlägt, oben am Fenster der
-ehemaligen Reichstrinkstube am Markt in Rothenburg mit dem Schweden,
-setzt den gewaltigen Humpen an und leert ihn (über 3 Liter Inhalt) im
-langen Zuge zum Erstaunen seines Feindes. Ein andrer solcher Kämpe
-mit dem Humpen war Veit von Bassenheim, der ein silbernes Becken,
-das 8 Weinflaschen faßte, dreimal hintereinander leerte und sich so
-von dem Ordensmeister Winrich von Kniprode die Schloßhauptmannschaft
-der Marienburg erkneipte. Ein großer Held im Wettrinken war auch der
-kurbrandenburgische Oberkämmerer Kurt von Burgsdorf, der bei jeder
-Mahlzeit 18 Maß Wein vertilgte, und sich im Trinkkampf manches Schloß
-und Dorf gewann, anders als der Herr von Rodenstein, der alle seine
-Dörfer zu Heidelberg im Hirschen vertrank. Von den Mengen, die in jenen
-trunkfesten Zeiten täglich getrunken wurden, gibt eine Hoftrinkordnung
-Kunde, die 1648 an dem für besonders mäßig geltenden Hofe des Herzogs
-Ernst des Frommen zu Sachsen-Gotha erlassen wurde. Danach wurden »die
-gräflichen und adligen Frauenzimmer« auf vier Maß Bier am Tage und drei
-Maß des Abends gesetzt.
-
-Hier, im Keller der Magdalenenburg, wo wohl seltener »gräfliche und
-adlige Frauenzimmer« als vielmehr Kriegsmänner, alte »Kriegsgurgeln«
-mit ausgepichten Kehlen die Runde bildeten, mag manches scharfe
-Trinkturnier ausgefochten sein, da ja der edle Stoff unerschöpflich
-war. »Ich hab ein Igel im Bauch, der muß geschwummen haben«, hat
-mancher da gedacht.
-
-Wild mag es auch manchmal hergegangen sein, wenn der starke König dort
-seiner Kraftnatur die Zügel schießen ließ, und sein Kommandant, der
-Generalleutnant Freiherr von Kyau, mit seinen lustigen Einfällen und
-derben Späßen die Runde der übermütigen Zecher erheiterte, daß das
-Gewölbe vom Lachen der rauhen Kehlen erdröhnte. -- --
-
- »Iz rinnit nich ein tropho mêr,
- Der wîn ist vortgehupfit ...
- Ou wê mîn grôzaz vaz stât lêr,
- Sie hâ’nt mirz ûz gesupfit!«
-
-Das Faß wurde 1819 zerschlagen. Das Lachen in der Magdalenenburg
-ist längst verstummt, schwarz und finster liegen die mächtigen
-Kellergewölbe wie ein Grab vergangener Größe. Nur der Bacchus sitzt mit
-den Satyrn trocken und verstaubt im engen Raum der Friedrichsburg. Wenn
-er reden könnte, was würde er erzählen, wovon kein Buch mehr weiß! Geh
-hin in der Johannisnacht, wenn der Vollmond scheint. Fülle ihm seinen
-Becher mit edlem Wein und trinke ihm dann zu, erzähle ihm vom deutschen
-Rhein und deutschem Wein, von deutschem Glück und deutschem Leid, von
-deutscher Not und deutscher Rache, vielleicht erwacht er vom Duft der
-Reben und redet dann, was er erfuhr in tollen Nächten, was er erlauscht
-in mehr als 100 Jahren, was keiner mehr sonst weiß, vielleicht von
-deutscher Seele und deutscher Tat, vielleicht ein Wort, das stark macht
-und Begeisterung schafft, wie edler Wein -- -- vielleicht!? --
-
-Ja, sonderbare Geister gehen auf dem Königstein um! Da sitzt der
-Goldkoch Baron von Klettenberg über seine Tinkturen gebeugt. Er wollte
-dem König, der soviel Gold brauchte und für seine kostspieligen
-Neigungen durch seine Hände rollen ließ, eine Universaltinktur zum
-Goldmachen liefern, die überdies durch gewisse Handgriffe einer
-unendlichen Vervielfältigung fähig sei. Das gefiel August dem Starken,
-aber als seine Vorschüsse verbraucht waren, ohne das ersehnte Gold
-zu schaffen, setzte ihn August aus dem fröhlichen, üppigen Dresden
-auf den ernsten, knappen Königstein, um hier die Goldtinktur zu
-finden. Mehrere Fluchtversuche des Abenteurers mißlangen. Mit einem
-Federmesser, das er heimlich in den Schuhen trug, arbeitete er sich in
-der siebenten Woche seiner Gefangenschaft in der Walpurgisnacht 1719
-durch den Fußboden seines Zimmers in der Georgenburg hindurch und ließ
-sich dann in tollkühnem Wagemut an einem aus seinem zerschnittenen
-Mantel gefertigten Seil glücklich über den turmhohen Felsen hinab.
-Glücklich erreichte er die Nähe des Pfaffensteins, da verriet ihn seine
-Eitelkeit. Im Busche von Gorisch begegneten ihm die Bauern Blumentritt
-und Roschig, denen er verdächtig vorkam, so daß sie ihn ergriffen und
-ein scharfes Verhör mit ihm anstellten. Er sei der Hauslehrer eines
-Pfarrers der Gegend, behauptete er keck. Fast hätten sie ihn wieder
-laufen lassen, doch halt, da sahen die schlauen Bauern seine schönen
-rotseidenen Strümpfe mit silbernen Zwickeln, wie kein solch armer
-Schlucker von Hauslehrer besitzen konnte. Blumentritt und Roschig
-nahmen ihn in die Mitte, und er mußte den unfreiwilligen, bitteren Weg
-zur Festung zurück antreten.
-
-Er wurde nun in ein festeres Zimmer im Erdgeschoß der Georgenburg
-gebracht, brach aber am 10. Januar 1720 auch aus diesem aus und wäre
-fast entkommen, als er plötzlich abrutschte und 20 ~m~ herab in einen
-mit Schnee gefüllten Graben immerhin noch glücklich stürzte. Er wurde
-von der durch das Geräusch aufmerksam gewordenen Wache entdeckt und
-zurückgebracht. Er hatte ja allerlei auf dem Kerbholz und wurde auch
-wegen eines Duells vom Magistrat seiner Vaterstadt Frankfurt a. M.
-verfolgt. Seine Auslieferung oder Hinrichtung wurde von dort beantragt.
-Es wurde ihm nach so hartnäckig wiederholten Fluchtversuchen der Prozeß
-gemacht und das Todesurteil gesprochen. Als Kyau ihm diese Nachricht
-brachte, hielt er es für einen Scherz. Aber Kyaus, des sonst so
-übermütigen, humorvollen Spötters Ernst war nur zu echt. Klettenberg,
-der so oft sich aus den heikelsten Lagen seines Abenteurerlebens
-herausgewunden hatte, gab die Hoffnung nicht auf und fragte noch auf
-dem Wege zum Richtplatz am 1. März 1721 den Henker mit bedenklicher
-Miene, ob er denn nun wirklich den letzten Gang tun müsse. Seine
-Eitelkeit, oder war es Stolz und Todesverachtung, verließ ihn auch
-nicht in der letzten Stunde: Er ließ sich in einem reich mit Silber
-gestickten Scharlachrocke enthaupten und bat sich als letzte Gnade aus,
-ihm, da er nicht mehr könne, im Sarge die große Allongeperrücke wieder
-aufzusetzen, die er beim Köpfen natürlich ablegen mußte. Seelengröße
-und Lächerlichkeit stehen hier nahe beieinander.
-
-Sinnend stehen wir vor dem kleinen Steinkreuz, das auf seinem
-Richtplatz errichtet wurde und jetzt auf einem der Wälle in der
-Nähe der Königsnase noch erhalten ist, und denken dieses kühnen,
-abenteuerlichen und merkwürdigen Mannes, der so recht ein Kind seiner
-Zeit war, emporgetragen aus dem Dunkel in ein glänzendes Leben, bald
-oben, bald unten in der Sonne der Fürstengunst, im Kerker, schließlich
-Schaffot und dann im Sarg im silbergestickten Scharlachrock und mit
-Allongeperrücke, im Tode noch den Grandseigneur spielend, obschon der
-Kopf vom Rumpf getrennt war.
-
-Dem anderen Goldmacher des Königsteins ging es besser, Johann Friedrich
-Böttcher, der Porzellanerfinder, der durch seine Erfindung mehr als
-Gold dem Sachsenlande erschloß, nämlich eine Quelle der Arbeit, der
-Kunst und durch die Jahrhunderte strömenden Segens. Auch auf dem
-Wege über die geheimen Künste kam er im Jahre 1704 ganz zufällig auf
-die Erfindung eines braunroten Porzellans, welches alle bisherigen
-Leistungen dieser Art an Dauer und Schönheit weit übertraf. Man
-erkannte die Wichtigkeit seiner Erfindung, überhäufte ihn mit Ehren
-und Schätzen, aber war auch ängstlich besorgt, daß er eines Tages so
-plötzlich, wie er aufgetaucht war, auch verschwinden könnte. Er mußte
-sein Laboratorium von Dresden auf die Albrechtsburg in Meißen verlegen,
-wo er zwar Tafel und Equipage, aber zugleich einen Leutnant zum
-beständigen Gesellschafter erhielt.
-
-Aber diese Herrlichkeit war von nur kurzer Dauer. Als 1706 die Schweden
-unter Karl XII. in Sachsen einfielen, wurde er wie ein kostbares
-Wertstück mit drei seiner eingeweihtesten Gehilfen auf den Königstein
-geschafft, weil man ihn in Meißen nicht sicher glaubte, auch wohl ihm
-nicht traute, und ihn und seine Kunst den Schweden nicht gönnte. Es war
-dies der wirksame Patentschutz jener Zeit, daß man den Erfinder einfach
-einsperrte. Böttcher kam, für einen unbekannten Arrestanten geltend,
-mit seinen drei Arbeitern am 26. August 1706 auf der Georgenburg an,
-wurde zwar aufs beste behandelt, zugleich aber auch auf das schärfste
-bewacht. Sein Zimmer war sogar mit einem starken Vorlegschlosse
-versehen. Es lag im Obergeschoß der Georgenburg, deren Zimmer sich nach
-offenen, loggiaartigen Bogengängen zum Hofe hinaus öffneten. Hier blies
-der scharfe Wind quer durch das Zimmer, durch Fenster zur Tür, und der
-Schnee lag im Bogengang vor seiner Schwelle. Er klagte über sein rauhes
-Quartier und wärmte sich auch wohl an seinem kleinen Brennofen in den
-Gewölben des Erdgeschosses, wo die ältesten Teile der Burg des alten
-Kaiserschlosses mit gotischen Türgewänden und Bögen heute noch erhalten
-sind. Er war noch jung, erst 20 Jahr, und ließ sich die Heiterkeit
-nicht lange stören, vertrieb sich die Zeit, so gut es ging, schrieb
-Gedichte, unter andern ein Lehrgedicht auf die Eitelkeit der Dinge und
-schmiedete heimlich Fluchtpläne, die aber nicht zur Ausführung kamen.
-Nach 1 Jahr und 9 Wochen wurde er wieder nach Dresden geschafft, wo er
-dann seine Erfindung weiter vervollkommnete. Über sein Laboratorium
-schrieb er dort den Vers:
-
- »Gott unser Schöpfer
- hat gemacht aus einem Goldmacher einen Töpfer.«
-
-Als »Töpfer« war er jedenfalls besser als wie als Dichter!
-
-Auch in Dresden hatte er zwar alle Bequemlichkeiten und Ehren, nur
-keine Freiheit. Überall, wohin er sich begab, begleitete ihn ein
-wachthabender Offizier. Der König schätzte ihn ungemein, wohnte öfters
-seinen Versuchen bei, machte ihm mehrere Geschenke, schoß mit ihm nach
-der Scheibe, nahm ihn mit auf die Jagd und erwies ihm andere Ehren.
-
-Böttcher verstand sich aber aufs Geldeinteilen schlecht. Er war
-umlagert von Leuten, die seine offene Hand mißbrauchten und an ihm
-zogen. Seine Familie kostete beträchtliche Summen und von schlechten
-Menschen wurde er hintergangen und betrogen. Er selbst liebte unmäßig
-starke Getränke, hielt in Meißen, wohin 1710 die Fabrik wieder auf die
-Albrechtsburg verlegt war, beständig offene Tafel für viele Personen,
-schaffte sich 20 und mehr Hunde an, kaufte die seltensten und teuersten
-Gewächse usw. Nachdem er durch unmäßigen Gebrauch von Branntwein und
-Tabak usw. seinen Körper geschädigt, seine Lebenskraft vergeudet
-hatte, starb er nach kurzer Krankheit in Dresden am 13. März 1719 erst
-33 Jahre alt und hinterließ dem Lande sein großes Werk mit seiner
-reichen Zukunft, für seine Person aber nur Schulden. -- --
-
-Noch mehr Geister abenteuerlicher Gestalten wandeln in heimlichen oder
-unheimlichen Stunden auf dem Wallgang des Königsteins umher. Da ist der
-Livländer Patkul, welcher in den Kämpfen und Verhandlungen zwischen
-Schweden, Rußland und Sachsen eine hervorragende Rolle spielte, und,
-sei es durch Schuld sei es durch Schicksal, schließlich von den Herren
-aller drei Länder, von Karl XII., Peter dem Großen und August dem
-Starken als Verräter angesehen wurde und eines furchtbaren Todes starb.
-Er wurde von Karl XII. gefangen nach Polen geschleppt und endlich am
-30. September 1707 auf eine scheußliche Art gerädert, denn der Henker
-gab ihm 15 Stöße mit dem Rade, ohne ihn zu töten, so daß Patkul endlich
-mit zerschmettertem Körper nach dem Block sich wand, und um »Kopf ab«
-mit gebrochener Stimme bat. Mit vier Hieben wurde dann dieser Wunsch
-erfüllt. -- In der Zeit der Sonnenkönige, überfeinerter Genußsucht und
-Kultur ein Bild grausamster Folter aus dem finstersten Mittelalter!
-1706--1707 hatte Patkul auf dem Königstein gesessen. --
-
-Da ist auch der Schatten des Kanzlers Christians I., Doct. Nicol.
-Crell, der, beinahe allmächtig unter diesem seinem Gönner, sich
-viele Feinde unter Adel und Geistlichkeit gemacht hatte und nach des
-Kurfürsten frühem Tode am 25. September 1591 gestürzt wurde. Zehn
-Jahre dauerte sein Prozeß, und war er auf dem Königstein gefangen.
-Er bewohnte den heute noch nach ihm benannten Crellturm, der an die
-Georgenburg anschließt. Das Todesurteil wurde an ihm in Dresden auf dem
-Jüdenhofe vollzogen. Crell mußte zum Schaffot von zwei Henkersknechten
-getragen werden, weil er seiner geschwollenen Beine wegen nicht zu
-gehen vermochte. Die Witwe des Kurfürsten, dessen vertrauter Diener
-und Staatsmann er so lange gewesen war, sicher eine feingebildete
-Dame, schaute aus einem Fenster des Stallgebäudes diesem furchtbaren
-und traurigen Schauspiele zu. Er hatte vielleicht oft an ihrem Tische
-gespeist, ihr den Hof gemacht und in geistsprühender Unterhaltung
-die Zeit verkürzt. Das Haupt, das dort blutig vom Blocke fiel, hatte
-vielleicht ihre Hand geküßt, für sie und ihren Gatten gedacht, gesorgt
-und gearbeitet. -- Und nun? --
-
-Welche Seelenvorgänge mögen sich im Gemüte dieser Frau gekreuzt haben?
-Lüsternes Grausen? Innere Anteilnahme und Erbarmen? Blutdürstige
-Schaulust und Herzenskälte? Etwa befriedigte Rachsucht, wohl
-aufgespart aus früheren Zeiten? O Rätsel des Menschenherzens, wer
-mag deine verborgenen, geheimnisvollen Tiefen und Klippen ausdeuten
-und ermessen? Wer mag sein eignes Herz verstehen und wissen, welche
-Abgründe dort vielleicht schlummern, die nicht geahnt werden, bis man
-vielleicht in einer dunklen Stunde erschauernd sie erkennt. -- --
-
-Ja, so wandern dunkle Schatten mit schleppenden Schritten in langen
-Reihen über den Königstein von Männern in Ketten, die in namenloser
-Qual ihre Strafen, ihre Leiden oft jahrzehntelang trugen. Der
-Geheimsekretär Friedr. Wilh. Menzel z. B., der durch den Verrat
-geheimer Depeschen an Friedrich d. Großen die Mitschuld am Ausbruch des
-Siebenjährigen Krieges trug, lebte mit einer eisernen Stange an den
-Füßen als Gefangener 33 Jahre hier. Er durfte sich nicht barbieren und
-sein Bart wuchs ihm bis über die Brust herab. 1796 erlöste ihn der Tod
-im 70. Jahre.
-
-Königstein, ein Altar, von dem nicht so sehr Gebete als Flüche und
-Schreie der Verzweiflung, Rache und Hoffnungslosigkeit, der Angst
-und Wut zu den dunklen ziehenden Wolken und in das Sausen des Windes
-tönten. So mancher, der unbequem wurde, verschwand auf dem Königstein
-und schanzte mit Schaufel und Hacke an Mauern und Wällen in Frohnarbeit
-neben dem Verbrecher, den sein Urteil ereilt hatte, eine bloße Nummer
-nur wie er. -- Friedemann Bach, dem genialen Sohne Johann Sebastians,
-zerbrach hier in kurzen Stunden der Verzweiflung Leben und Zukunft.
-
-Königstein, ein Stein des Fluches für Unzählige, ein Fels der Zuflucht
-aber auch in Stunden der Not.
-
-Seine bombensicheren Kasematten nahmen öfter die gefährdeten Schätze
-Dresdens aus den Archiven, Sammlungen und dem Grünen Gewölbe auf. Ein
-Fels der Zuflucht auch für die Landesfürsten, wenn Gefahr drohte.
-
-Als am 3. Mai 1849 das Schloß in Dresden von Freischaren und Bürgerwehr
-angegriffen wurde, floh der König Friedrich August II. mit Familie
-und den Ministern nachts auf den Königstein und wartete dort ab, daß
-die zur Hilfe gerufenen preußischen Truppen ihm seine Hauptstadt
-wiedereroberten. Der Führer des Aufstandes, der russische Flüchtling
-Bakunin wurde gefangen und fand sein Schicksal auf dem Königstein. --
-
-Doch hinweg ihr Gestalten mit euren schmerzgezeichneten Gesichtern,
-denen auch der hellste Tag dunkel ist, deren Blicke so trostlos in
-die Weite wandern auf den hellen Straßen der Freiheit, die sie nimmer
-betreten werden, nach den Bergzügen in blauer Ferne, die sich nimmer
-vor ihnen auftun wird. Hinweg, ihr schwarzen Schatten alter Tage, ihr
-Schatten von Schicksal und Schuld, von Willkür und Weh, von Trübsal und
-Tod, ihr sollt uns den leuchtenden Tag nicht trüben und die helle Sonne
-nicht dunkel machen, das wonnige Lachen des Landes zu unseren Füßen
-nicht verscheuchen.
-
-Wir stehen auf der Rosenkasematte und schauen hinüber auf die lachenden
-Fluren von Thürmsdorf und die blanken Häuser, die zierlich und fein
-über die grünen Hänge gestreut sind. Wie ein goldener leuchtender
-Schild, der Schild des Frühlingsgottes Baldur, liegt ein blühendes
-Rapsfeld darüber. Es ist, als strömte von ihm alles Licht und alle
-Wärme aus, und immer wieder tauchen unsere Blicke in dieses reine
-königliche Gelb, dem alle Farben des Sommers und der Landschaft dienen.
-Wir schauen hernieder auf die wogenden, rauschenden Wipfel des Waldes
-unter uns, auf den breiten silbernen Strom, auf dem ein Floß im langen
-Zuge stromabwärts gleitet. Wie Ameisen klein bewegen sich die wenigen
-Menschlein darauf hin und her. Das Bellen eines Hündchens klingt
-herauf. Wie klein ist doch aus der Höhe betrachtet der Menschen Tun
-und Treiben, und wie wichtig nimmt doch jeder sich selbst dabei! Sie
-glauben etwas zu schaffen, und doch trägt der Strom das Floß dahin,
-welches sie sich fügten. Ein wenig Lenken, ein wenig Steuern ist alles,
-was sie vermögen, von oben betrachtet ein Nichts!
-
-Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben
-betrachtet und sieht, wie ein Strom uns alle dahinträgt. -- -- -- --
-
-Über uns breitet eine mächtige Eiche ihr Laubdach. Hier huschten im
-Herbste die Häher durch die dichten Zweige und die Blaufedern der
-Flügel schimmerten durch das Grün, wenn sie ihre Nahrung suchten.
-Doch nicht nur Häher fanden Wohlgefallen an den Eicheln, sondern
-auch Festungsbewohner. Eigenhändig gesammelt, geröstet und gemahlen
-schuf diese Frucht des »Kaffeebaumes« auf der Rosenkasematte manchem
-deutschen Offizier einen strenge duftenden »deutschen Mokka« während
-der trüben Ersatzzeiten des Krieges!
-
-Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben
-betrachtet und erkennt, daß alle Werte nur bedingt sind und daß
-den meisten Dingen erst der Glaube ihren Geschmack und ihren Wert
-verleiht. -- -- -- --
-
-Wir wandern an der Brüstungsmauer weiter und können nicht genug schauen
-in der Nähe und in der Ferne, um uns und unter uns. Senkrecht fallen
-die Felsenwände des Sandsteins ab, zerklüftet und zerspalten, an der
-Oberfläche hie und da von zahllosen Rillen durchkämmt, als hätte ein
-Steinmetz mit ungeheurem Scharriereisen die Blöcke bearbeitet und Wind
-und Wetter hätten sein Werk benagt. Wilde Tauben nisten hie und da in
-den Löchern und ihr melodisches Rufen und Locken läßt sich hören.
-
-Im Osten der Festung springt ein riesiger Felsenturm fast rechteckig
-aus dem Block des Königsteins heraus, die Königsnase. Willst du
-einen Freund ins Herz sächsischer Heimatschönheit schauen lassen,
-daß er des Eindrucks nicht wieder vergessen mag, dann lasse ihn hier
-von diesem Söller in die lachende Gotteswelt schauen. Tief unten zu
-Füßen im Tale die roten und grauen Dächer des Städtchens hier am
-blinkenden Elbstrome hingestreckt, dort in das Tal des Bielabaches,
-der dort mündet, hineinwandernd und dort drüben die Abhänge des
-Pladerberges hinaufkletternd. Mitten darin die Kirche mit ihrem Turm,
-mit Kuppeldach und Spitze, wie ein preußischer Helm dem vierkantigen
-Gesellen aufgestülpt. Wenn an einem goldenen Sommerabend von diesem
-Turm unsere lieben Volkslieder geblasen werden, und du lauschst von
-oben, wie die Klänge durch das Tal ziehen, den Strom entlang tönen
-und Wald und Berg und grüne Hänge mit Wohllaut füllen als würde ihre
-Seele und süßheimliches Träumen im Liede offenbar, dann magst du tief
-empfinden, was deutsche Heimat ist und wie sie so zart und innig dir
-an das Herz rührt, daß es antworten muß: »Ja, du bist mein, ich bin
-dein Kind, und mein Bestes öffnet sich dir, wenn ich meine Seele ganz
-in dich und deine Art und Herrlichkeit versenken darf.« Deine Augen
-wandern in die blauende Ferne. Die Sehnsucht, das Fernweh und das
-Heimatfühlen stehen Hand in Hand in deiner Seele und schauen hinaus in
-die Wunder der Heimat und ahnen in beseligender Weihe, daß die Heimat
-dich segnet, dir eine ihrer Höhestunden schenkt, um dich über dich
-selbst emporzutragen. Dort stehen all die Felsaltäre, der Pfaffenstein,
-der Gohrisch, der Papststein, der Hennersdorfer Stein, die leuchtenden
-Felswände der Schrammsteine, der Falkenstein, wie ein gewaltiges
-Gigantendenkmal von heroischer Wucht und Größe, und links der stolze
-Lilienstein auf dem buntdurchwirkten Gottesteppich von weiten Feldern,
-Wiesen und Waldessäumen. Es sind stille Altäre, still und groß, und
-stehen darum so feierlich, so erhaben, so heilig über der flachen Ebene
-mit ihrem Geräusche der Arbeit, die vom Schweiße dampft, über den
-verworrenen Lauten des Tages, über dem Staub der Straßen, auf denen die
-Alltäglichkeit hastet und keucht.
-
-Und weiter hinaus der hohe Schneeberg mit seinem langgestreckten Rücken
-in blauem Dunst, die Zschirnsteine, der Winterberg und dazwischen die
-Spitzen und Kuppen der Berge Böhmens, in feinem Dufte verschwimmend,
-deutsche Berge im deutschen Land, gegrüßt von deutschem Herzen: Mag
-auch die Landesgrenze einen Strich ziehen, auch sie Altäre der Treue zu
-deutscher Art und deutscher Seele, still und groß und feierlich.
-
-Ganz in silberner Ferne ragt dort die stolze Spitze des Kleis bei
-Haida wie eine steile Pyramide, als reckte sich aus böhmischem Gau der
-Schwurfinger deutscher Erde aufwärts zum Himmel mit dem Treueschwure,
-der Blut an Blut, Art an Art, Stamm an Stamm, Ehre an Ehre bindet. --
-
-Was soll ich sie nennen, alle die Berge und Spitzen nah und fern,
-über die die Wolken fliegen und die Farben wandern, die hier lebendig
-werden, als höben sie ihre Häupter höher, wenn die Sonne sie trifft,
-dort in blaue Schatten und Erstarrung zurücksinken und ihre Formen zu
-verlieren scheinen, immer neu und immer wechselnd, unendlich reich im
-lebendigen Spiel und doch voll himmlischer Ruhe, ein ungeheures Rund,
-in dem das Kleine verschwindet. -- Fernweh und Heimatfühlen sind die
-Kräfte, welche dir in solchen Weihestunden die Heimat zu eigen geben
-und deiner Seele Flügel geben über das Kleine zur großen Ruhe. -- --
-
-Wir müssen unsere Blicke losreißen, wennschon sie immer wieder in
-die Ferne fliegen und immer wieder Sehnsuchtsblaues finden und
-erschauen mögen. Der Felsen, an dessen Rand wir gehen, hat hier
-besonders zerrissene und zerklüftete Formen mit vortretenden Ecken
-und senkrechten Kanten und pfeilerartigen Vorsprüngen angenommen. Wie
-die Zähne einer Säge springen zickzackförmig die scharfen Ecken der
-Wehrmauer hervor, hie und da von einem spitzen Rundturm gekrönt. Ein
-wildmalerisches Bild bietet diese vielfach gespaltene, trotzige, z. T.
-überhängende, unersteiglich scheinende Felswand, zu der die schlanken
-Fichten im Grunde emporrauschen. Und doch hat schon vor der Zeit
-modernen Klettersportes ein wagemutiger Schornsteinfegermeister aus der
-Stadt dort unten, namens Abratzky, heimlich die Ersteigung versucht.
-Er wußte mit Wänden und Gesimsen, mit Kanten und Kaminen Bescheid
-und arbeitete sich mit Knieen und Ellbogen, mit festem Griff und
-griffigen Zehen in einer Spalte und über Vorsprünge empor. Aber auf dem
-letzten Felsabsatz unterhalb der Wehrmauer verließen ihn die Kräfte,
-er wurde von Posten bemerkt und mußte auf sein Rufen heraufgezogen
-werden. Abratzkyfelsen heißt seitdem nach diesem einzigen beinahe
-geglückten Versuche der Ersteigung der Felsvorsprung. Die nie erstürmte
-unbezwungene jungfräuliche Festung durfte ihren Jungfernkranz, der hoch
-oben an steiler Mauer in Stein gehauen an der Südseite sich findet, in
-Ehren weiter tragen. Die Amsel, welche im Sommer 1917 jeden Abend vom
-Dachfirste der Georgenburg das Lied »Wir winden dir den Jungfernkranz«
-in das leuchtende Abendrot mit süßen Tönen flötete, hat Recht mit
-diesem Sang auf das Magdtum der Festung behalten.
-
-Die Flucht über die steilen Wände herab aus den harten, allzu fest
-ihn haltenden Armen der jungfräulichen Feste hat freilich mancher
-versucht und sie ist auch manchem geglückt. Die »Franzosenspalte«
-erinnert heute noch mit ihrem Namen an die tollkühne Flucht gefangener
-Franzosen im Jahre 1870. Auch die gefangenen Russen des Weltkrieges
-haben diesen verwegenen Abstieg wiederholt versucht. Entflohen sind
-manche. Wiedergekehrt sind alle nach kurzen Stunden der Freiheit auf
-den verhaßten Stein! Da hatten einmal zwei Offiziere sich ein Seil zu
-gemeinsamer Flucht zu verschaffen gewußt und zu glücklich abgepaßter
-Zeit glitten sie an ihm auf schwankendem, gefährlichem Pfad an rauhen
-Vorsprüngen und scharfen Kanten vorbei, von den Kameraden durch
-Postenkette gegen Überraschung gesichert, in die schreckende und doch
-so lockende Tiefe der heiß begehrten Freiheit entgegen. Doch, o weh,
-das Seil war zu kurz! Über der Tiefe schwebte der erste noch weit vom
-Boden. Sollte er das haltende Seil fahren lassen und den Absprung
-wagen? Sollte er in die Gefangenschaft zurückkehren? Konnten seine
-nachlassenden Kräfte den gefährlichen Wiederaufstieg am pendelnden
-Seil, an schneidenden, überhängenden Felsgesimsen vorbei noch leisten?
--- Furchtbarer Augenblick innerer Spannung einer Entscheidung auf Tod
-und Leben! -- Er sprang ab und erreichte glücklich den Boden. Sein
-Kamerad folgte. Doch wehe, als er sich vom Sturze erheben wollte,
-versagte ihm der Fuß den Dienst und auch die Schulter schmerzte und
-war verletzt. -- Was tun? Es galt, nicht lange zu zögern! Fort, nur
-fort, diesen verhaßten Mauern entrinnen, fort ins Dickicht oder eine
-der Höhlen im Gestein, bis die Nacht die heimlichen Wege deckt! Der
-Verletzte schleppt sich mühsam weiter, gestützt vom Kameraden, die
-Freiheit winkt ja!
-
-Doch da lagen am Abhang zwei Soldaten der Besatzung im Waldesgrün,
-naschten Beeren und guckten in den blauen Himmel. Tiefer
-Sonntagsfriede! Vogelsang und Wipfelrauschen die einzigen Laute nah und
-fern. -- Horch, sind das nicht Menschenstimmen? Nicht Schritte? Nicht
-heimlich raunende russische Laute? Sie springen hinter dem Felsblock
-auf, der sie deckte, und stehen vor den entsetzten Flüchtlingen wie aus
-dem Boden gewachsen! Ade, du goldene Freiheit, die eben noch winkte!
-Nutzlos jeder Widerstand! Zu niederschmetternd war der Sturz aus der
-Hoffnung in die Verzweiflung! Zurück ins alte Elend! --
-
-Andere Kletterer gab es auf der Festung, denen die Blicke der
-Gefangenen oft sehnsüchtig folgten, so voller Sehnsucht, wie den
-Vögeln, die mit leichten Flügeln in das Himmelsblau sich schwangen.
-Könnten sie von ihnen lernen, wie man diesen steilen Mauern entrinnt,
-könnten sie ihnen die hurtigen, verwegenen Künste absehen!
-
-Diese tolldreisten Kletterer waren die Eichhörnchen, die unten im Walde
-von Wipfel zu Wipfel sprangen, an den Felsen senkrecht emporliefen,
-denen keine Wand zu steil, kein Band zu schmal, keine Kante zu scharf
-war, denen ohne Seil und Leiter die glatten Wände offene Straßen
-waren, auf denen sie dahineilten. Unten der Wald, oben der Park und
-die Obstgärten und dazwischen die Felsenwände, das war ihr fröhliches
-Reich der Vertikalen, in welchem die blitzschnelle Bewegung von unten
-nach oben oder kopfüber von oben nach unten zugleich lustiges Spiel
-und Lebensaufgabe, zugleich Inhalt und Zweck des Daseins bildet.
-Namentlich, wenn die Birnen auf der Festung reiften, dann waren die
-flinken Gesellen im roten oder dunklen Pelz bei der Hand, um ungeladen,
-ohne sich lange bitten zu lassen, bei der Ernte recht fleißig zu
-helfen. Feinschmecker, wie solche in der Baumkrone hochgeborenen Herren
-sind, und, gründlich erzogen, gingen sie stets auf den Kern jeder
-Sache, d. h. sie zerbissen die Frucht, nagten und naschten die Kerne
-und griffen zur nächsten Birne, verschwanden aber blitzschnell kopfüber
-die Wände herab, wenn Gefahr drohte, in die rauschenden Fichtenwipfel
-hinein wie eine zuckende, aufblitzende und erlöschende, rote Flamme.
-Das Spiel und das kecke Treiben dieser reizenden Affen des deutschen
-Waldes gab mancherlei Unterhaltung, Beobachtungen und Ablenkung.
-
-Dem Stabsarzt vom Lazarett gaben sie sogar öfter einen leckeren Braten,
-den er nicht genug zu rühmen wußte. Doch möge unser rascher, roter
-Waldkobold noch lange als Wildpret unentdeckt bleiben, damit nicht noch
-mehr unser deutscher Wald veröde und seiner geheimnisvollen Reize und
-seines märchentiefen Waldwebens und Waldlebens beraubt werde. --
-
-Drüben an der Ecke am Lazarett, wo der Umgang sich wieder nach Osten
-wendet, machen wir noch einmal Halt und schauen von einem erkerartigen
-Austritt hinunter in das grüne Bielatal und in den Hüttengrund und
-drüben auf den Quirl mit seinem waldumrauschten Felsenhaupt, den
-Nachbarfelsklotz des Königsteins, der auch einmal als Zwillingsfestung
-zur Flankendeckung des Königsteins ausgebaut werden sollte, aber seinen
-Waldfrieden dort oben behalten durfte.
-
-Wir hören das Rauschen der Biela, die dort unten im Grunde über ein
-Wehr stürzt, bis zu uns herauf. Die Häuser und Höfe des Dorfes Hütten
-liegen am Bach und leuchten hell im Grün des engen Waldtales. Einst
-stand hier im Grunde eine Gießhütte, die dem Orte den Namen gegeben,
-aber bereits im 17. Jahrhundert eingegangen ist.
-
-Wir wandern jetzt auf breitem, mit starken Steinplatten gedecktem Wege,
-auf den mächtigen Gewölben der Kasematten, die z. T. in den Felsen
-gehauen, z. T. aus gewaltigen Felsquadern aufgeschichtet sind. Dort
-ist der Bärenzwinger, ein enger Felsenkessel, durch welchen einst
-der älteste Aufgang zum Königstein geführt hat, dessen vermauertes
-Tor an der Quadermauer heute noch von außen sichtbar ist. Dort sind
-die anderen tiefen, finsteren, z. T. schluchtartigen feuchten Höfe
-der Kasematten, in denen die Sonne nicht gerne weilt und der nackte,
-finstere Fels erbarmungslos aus nächster Nähe in vergitterte Fenster
-starrt. Viel lieber wandern die Augen hinaus ins grüne Land, nach der
-kecken Felskanzel des Spankhornes, welches dort drüben aus dem Walde
-ragt, nach den Felsen der Nikolsdorfer Wände, nach der »Hirschstange«,
-dem Wege mit dem schönen, sinnigen, deutschen Namen voller Waldpoesie
-und Nadelduft, der in halber Höhe des Berges wie ein schimmerndes
-Band aus dem dunklen Waldesgrün leuchtet. Was für lachende Wanderwege
-sind dort drüben, von denen der laute Schwarm nichts weiß, auf denen
-man still und froh sein darf und nur sich selbst und die Heimat im
-Zauber unberührter Herrlichkeit hat. Dort liegt im Walde versteckt der
-Schüsselgrund, dort ist der Teufelsgrund mit seinen wilden Felsen, dort
-ist so mancher stille Platz, wo im grünen Frieden die Romantik träumt,
-wo du das Wild belauschen kannst, wo der Schwarzspecht mit seiner
-roten Haube wie der Vogel des Märchens geheimnisvoll durch die Wipfel
-streicht und mit klagendem Rufe lockt, ihm zu folgen, weiter und
-weiter in die grünen Tiefen des Waldes. --
-
-Dort liegt am Walde eine Wiese, in deren grünem Teppich die Margariten
-wie tausend silberne Sterne gestickt sind. Ein klares Wässerlein
-rieselt durch die Halme, und das Wollgras hebt auf zartem Stengel
-seine Flöckchen wie schimmernde Seide zum Lichte empor. Ist es der
-Tanzplatz der Elfen, wenn draußen der laute Tag zur Ruhe ging, kein
-fremdes Ohr neugierig lauscht und nur der Wind und Mondenschein mit
-leisen, leichten Füßen über die weichen Gräser wandert? -- Dort ist
-mitten im Fichtendickicht ein Platz, eine Blöße mit langem Waldgras von
-dunklen Nadelwänden hoch umgeben, auf deren zackigen Spitzen der blaue
-Himmel ruht. Hundert Pilze stehen dort in bunten Farben, leuchtendrot
-mit weißen Punkten, violett und gelb und braun und weiß. Keines
-Menschen Fuß kam noch hierher und hat an diese Pracht gerührt. Oben auf
-höchster Tannenspitze jubelt die Singdrossel ihr köstliches Lied in das
-Abendrot. -- Ja, dort, dort drüben kann jeder Waldgang die Seele frei
-machen vom Staub des Alltags und zur Freude erheben. -- -- --
-
-War es ausgesuchte Grausamkeit und Hohn, wenn so die ganze Herrlichkeit
-deutscher Wald- und Berglandschaft den Gefangenen des Königsteins
-täglich vor Augen stand, die ihnen unerreichbar war und doch den Drang
-nach der Freiheit schmerzhaft steigern mußte zu unerträglicher Pein
-und seelischer Marter? -- Nein, es war Erbarmen, Wohltat und Tröstung,
-ihnen den Blick auf das lachende Bild zu gönnen, auf den weiten Himmel,
-die rauschenden Wälder und grünenden Hänge, Trost, der den Geist erhebt
-aus den engen Mauern und dunkler Felsengruft zum Fluge in freie Höhen,
-zum Schwunge über das traurige Heute, zur Hoffnung auf Freiheit und
-Erlösung! Der Körper in Haft, die Seele aber in Freiheit und täglich
-neu die Flügel reckend über das weite Land hinein in eine bessere
-Zukunft!
-
-Gar mancher Gefangene dort im alten Zeughaus mag doch seine Seele an
-diesen Fragen wund gestoßen haben. Mit charaktervoller Schlichtheit,
-mit steilem Dach und Giebel, fast gotisch im Aufbau wirkend, obwohl
-es 1594 erbaut ist, schaut dieser Bau helle leuchtend weit in das
-Land hinaus. Im Erdgeschoß ist eine zweischiffige Halle von schweren
-Kreuzgewölben überdeckt, die auf drei mächtigen, toskanischen Säulen
-von gedrungener Wucht aufruhen. Nachdem die Friedrichsburg für die
-Gottesdienste der gefangenen Russen nicht mehr zur Verfügung stand, war
-dieser kryptaartige Raum die würdige und monumental wirkende Stätte
-ihrer kirchlichen Feiern und Andacht. Unvergeßlich wird jedem, der
-es erlebt hat, die russische Osterfeier zu mitternächtiger Stunde in
-jenem Raume sein. Draußen dunkle Nacht und die große, heilige Stille
-der Ostererwartung. Nur die Wälder hört man ferne rauschen und die
-Wasser der Biela im Grunde. Droben am unendlichen, schwarzblauen,
-samtenen Firmament flimmern die Sternenheere und wandern ihre Bahnen.
-Da tönt aus dem Tore der Kapelle der orgelähnliche Sang tiefer, voller
-Männerstimmen in feierlichen Rhythmen, anschwellend und abklingend,
-dazwischen die volle Einzelstimme des Popen in dunklen fremdartigen
-Lauten. Im hellen Schimmer von vielen hundert Lichtern leuchtet der
-Raum. Jeder der Teilnehmer trägt eine brennende Kerze in der Hand. Hier
-in Gruppen zusammengedrängt stehend, dort knieend, dort an Wand und
-Pfeiler sich lehnend, feiern sie das Fest in der Weise der Heimat und
-ihre Gedanken eilen zu den fernen Stätten, an denen ihr Herz hängt, zu
-fernen Stunden, die nicht mehr sind, zu kommenden Tagen der Hoffnung
-auf Freiheit, der Sehnsucht nach Heimat und Frieden. Phantastische
-Schatten huschen über die Gewölbe und Wände, hier leuchten Farben
-auf, dort ein blinkender Orden oder schimmerndes Rangabzeichen.
-Eine seltsame, mystische Wirkung geht von der Feier aus, deren mehr
-geahnte, als bewußte Gefühlswelt so ganz abweicht von dem, was unseres
-Geistes ist, aber doch an eigenes tiefstes Empfinden zu rühren vermag.
-Ehrwürdig und heilig ist ja alles, was Menschenseelen erschauern macht,
-wenn sie sich von irdischem Staube erheben empor zum Lichte, zu dem,
-was man göttlich und ewig nennt, in welcher Sprache und Bekenntnis es
-auch sein mag, wenn nur die Sehnsucht der Seele echt und wahr ist.
-
-Ehrwürdig ist es auch, wenn mit dem Gruße »Christ ist erstanden«,
-und der Antwort »er ist wahrhaftig auferstanden« die Teilnehmer am
-Gottesdienste nach alter russischer Sitte sich dreimal küssen auf
-Wangen und Stirn und in diesem Augenblick jeder Unterschied von Rang
-und Stand, von Alter, Bildung und Besitz verschwindet. Der alte Oberst
-küßte den jungen Leutnant und der hohe General, welcher als Gouverneur
-von Turkestan über ein Reich, größer als Deutschland, gebot, küßte
-seinen Burschen, den armen Bauernjungen aus dem Innern Rußlands.
-Der Gesunde küßte den Kranken, denn in dieser heiligen Stunde beim
-österlichen Bruderkuß hat, wie frommer Glaube lehrt, Ansteckung keine
-Macht, mag sonst auch Krankheit oder Tod der Lohn solchen Kusses sein.
-
-Ehrwürdig und seltsam, unserem Empfinden widerstrebend, vielleicht
-aus der mystischen Stimmung der Stunde jedesmal neu herausgeborener
-Glaube, vielleicht aus der Zeit des Urchristentumes durch Jahrtausende
-bewahrte Sitte, vielleicht aus uraltem, russischem Heidentum
-stammender Brauch und darum in christlichem Gewande so fest von der
-Volksseele bewahrt, wer will es sagen? -- Zu den seltsamsten Stunden
-des Königsteines mag dieses russische Ostern zählen, als um Mitternacht
-unter deutschem Sternenhimmel gefangene Söhne aus allen Landschaften
-Rußlands von Sibirien bis zur Krim und zur Weichsel den dreifachen
-Osterkuß tauschten, als wäre man tief im Innern des ungeheuren, uns so
-fremden Reiches. -- --
-
-Wieviele mögen von ihnen die Heimat erreicht haben, nachdem der Friede
-geschlossen war? Eine dunkle Kunde meldet, sie seien alle erschossen
-worden, nachdem sie die russische Grenze überschritten hatten. Den
-Bolschewisten seien diese Offiziere der besten, vornehmsten Truppen
-des Zaren zu verdächtig oder zu gefährlich erschienen. Nur wer der
-Heimat entsagt hatte und im Auslande Zuflucht fand, soll vor diesem
-furchtbaren Schicksal, vor diesem schnöden Dank des »Mütterchens«
-Rußland bewahrt geblieben sein.
-
-Wie friedlich schlummern dagegen die wenigen während der Gefangenschaft
-trotz sorgsamster Pflege und ärztlicher Behandlung verstorbenen Russen
-auf dem dort unten auf lachender Flur am Waldrand liegenden Friedhofe
-der Festung, sanft gebettet im Schoße der barmherzigen deutschen Erde.
-Deutsche ärztliche Kunst und Pflege, die nicht Feind und Freund kennt,
-sondern nur den leidenden Kranken, treue Teilnahme der Kameraden haben
-nicht zu retten vermocht.
-
-Da lag z. B. ein junger, lungenkranker, russischer Offizier im
-Lazarett, das außerhalb des eigentlichen Gefangenenlagers stand. Bei
-gutem Wetter war sein Lager draußen im Garten unter blühenden Rosen
-und duftenden Blumen inmitten leuchtender Sommerpracht. Er empfing
-täglich den freien unbewachten Besuch seiner gesunden Kameraden, die
-zu diesem Zwecke frei die abgeschlossenen, durch Drahtzäune gesicherten
-Grenzen des Lagers verlassen durften. Jeder erfüllbare Wunsch wurde
-erfüllt. Er wurde jedoch ein Opfer der unheimlichen Krankheit. Ein
-langes, würdiges Trauergefolge geleitete ihn zum Grabe in fremder Erde.
-Voran schritt der Kreuzträger und der Männerchor, der in feierlichen,
-klagenden Rhythmen Sterbelieder in kurzen abgerissenen Strophen bald
-leise, bald mit anschwellender Stimme sang. Kränze wurden getragen. Es
-folgte der Sarg mit dem Bahrtuch, der Pope im prunkenden Ornat, wie
-ein Bild aus einem byzantinischen Mosaik herausgenommen, das große
-Trauergefolge der Kameraden, die deutschen Lageroffiziere mit dem
-Kommandanten an der Spitze und die deutschen Mannschaften. Langsam
-schwebte der Sarg im Fahrgestell des elektrischen Aufzuges außen an
-der Festungsmauer hernieder und wurde unter den schwermütigen, ernsten
-Gesängen zum kleinen Garnisonfriedhof durch das Waldesgrün und wogende
-Saatfeld zur letzten Ruhe geleitet. Von oben schauten über den Rand der
-Mauerbrüstung die zurückbleibenden russischen Offiziere ernst hernieder
-auf den letzten Gang ihres so fern der Heimat verstorbenen Kameraden
-und lauschten den abgerissen emporklingenden Rhythmen der Totenklage
-ihres Volkes. --
-
-Der Friedhof der Festung ist ein Platz von besonders eindrucksvoller
-Wirkung und ergreifender Stimmung. Sein Rechteck von nur 33 × 74 ~m~
-Größe ist von einer wuchtigen Quadermauer umschlossen, an welcher der
-Efeu emporklettert und Wiesenblumen blühen. Der Wald ist bis nahe
-an die Mauer getreten, als wolle er diese Stätte des Friedens noch
-besonders hüten und abschließen vom Lärm der Welt, von der Unruhe des
-Tages da draußen, die so fern, so tief unter uns liegt. Zwei mächtige
-Eichen stehen wie treue Wächter neben der Friedhofspforte und hoch
-über den Gräbern wölbt sich das Laubdach stolzer Bäume, breiten sich
-auch die Zweige von immergrünen Fichten und Kiefern. Alte, hohe
-Lebensbäume stehen wie dunkle Trauergestalten zwischen den stillen,
-grünen Hügeln. Hier finden wir die Gräber französischer Gefangener aus
-dem Jahre 1870/71. Ein Marmorkreuz ist ihnen gewidmet und neuerdings
-ein Gedenkstein, den ihnen französische Gefangene des Weltkrieges hier
-setzten. Hier finden wir einige Kreuze russischer Form auf Gräbern
-russischer Gefangener, hier auch Gräber deutscher Soldaten, die ihr
-Leben der Heimat nach Schmerzen, Leiden und Wunden hier opfern mußten.
-
-Im dichten Efeu unter Lebensbäumen liegen hier auch die Gräber alter
-Festungskommandanten, die nach langer militärischer Laufbahn hier
-Frieden fanden. Eine mächtige Steinplatte mit Inschrift deckt das Grab
-des Kommandanten von Nostitz. Wir entziffern die Inschrift, aus welcher
-uns der Geist und die Gefühlsstimmung einer längst versunkenen Zeit
-aus Urgroßvätertagen entgegentritt und uns mit feuchten Augen wehmütig
-anschaut:
-
- »Als ich am Tag der Geburt die Welt anweinte, da nickten
- Vater und Mutter und Freund lächelnd dem Weinenden zu.
- Nun ich ihn ausgekämpft, den Ihr noch kämpfet, den Weltkampf
- Lächl’ ich am Ziel, und Ihr weinet dem Lächelnden nach!«
-
- Diese Worte bestimmte sich zur Grabschrift der hier ruhende
- Königl. Sächs. Generalleutnant und Commandant der Festung
- Königstein, Ritter des Militär St. Heinrichsordens
-
- Karl Friedrich Ernst von Nostitz,
- geb. den 18. Juni 1767, gest. d. 17. April 1838.
- Sein Andenken segnen, die ihn erkannten!
-
-Es ist zwar nicht eine soldatische Inschrift etwa für einen alten
-Haudegen, aber eine Inschrift, die zu denken gibt, die in der stillen
-Bescheidung und rückschauenden Lebenswertung des Greisenalters
-kennzeichnend für den Verstorbenen und seine Zeit und darum wertvoll
-ist. -- Wie leer und kalt lassen oft die tausendfach gedankenlos
-wiederholten Worte auf modernen Friedhöfen an prunkenden Steinen, denen
-die Seele fehlt. Hier aus der schlichten, wuchtigen, moosigen Platte
-spricht eine Seele.
-
-»Sein Andenken segnen, die ihn _er_kannten!« Wie fein und wie maßvoll
-wird hier dem Toten Ehre gezollt. Wir wissen nicht, ob der Kreis derer,
-die ihn erkannten, groß oder klein, hoch oder niedrig war, ob ihn
-nicht auch viele verkannten, wir hören nur, daß er Menschen zum Segen
-war. Ist dies nicht mehr als mancher tönende Nachruf, manche rühmende
-Gedächtnisrede, so viele übertriebene Lobsprüche und vergoldete Lügen
-auf Grabsteinen? --
-
-Der kleine Friedhof der Festung birgt tiefe Lehren in sich. --
-
-In seiner schweigenden Abgeschiedenheit weit vom Alltag, hoch über
-Staub und Unrast des Lebens da draußen ist er eine stille Stätte für
-die letzte Ruhe, von so ergreifender Stimmung wie wenige im Lande.
-Mögen sorgende Hände und sinnige Herzen mit innigem Verständnis für
-seine Worte stets diesen weihevollen Totengarten hüten und seiner
-warten. --
-
-Doch kehren wir in die Festung zurück. Den Park mit seinen mächtigen
-Baumriesen, den alten Buchen, Eichen und Ahornbäumen wollen wir
-durchwandern. Hier wird kein Stamm gefällt, weil er gerade schlagreif
-ist. Wie ein heiliger Hain, ungestört, in weihevoller Stille, ragen die
-Bäume mit stolzen Stämmen und schirmenden Kronen. Efeu und Immergrün
-ranken am Boden und tausend Blumen blühen im Gras, die kein Gärtner
-pflanzte und doch schöner sind an ihrem Platze und in ihrer Entfaltung,
-als Gärtnerkunst es zu schaffen vermag.
-
-Es rauschen die grünen Wipfel. Wir hören den hellen, schmetternden
-Schlag der Finken und in tiefen, melodischen Tönen das zärtliche
-Gurren der wilden Tauben. Von unten, aus dem Walde, tönt bald näher,
-bald ferner der Ruf des Kuckucks. Ein Specht trommelt unermüdlich
-hoch oben an dem dürren Ast der alten, vom Wetter zerzausten Eiche
-dort. Ein Eichhörnchen huscht flink an jenem glatten Buchenstamm
-entlang, hält inne und schaut uns verschmitzt aus seinen dunklen
-blitzenden Augen an. Wir ruhen an der Böschung des Walles im Gras
-und duftenden Thymianpolstern. Bienen summen um die Skapiosen und
-Grasnelken, die sich auf schlanken Stengeln wiegen. Wir träumen und
-sinnen in die grüne Stille hinein, während bunte, kleine Falter uns
-umgaukeln, als wären wir selbst ein Kind der Natur geworden, das
-unbekümmert im Arm und am Herzen der Mutter ruht und ihren warmen Atem
-und ihr Herzpochen fühlt. Wieviele mögen unter diesem Blätterdach
-schon gewandelt sein und zu den fliegenden Wolken emporgeschaut haben
-und mitten im tiefen Frieden der Natur und aller ihrer Herrlichkeit
-diesem Felsen, diesem Hain, dieser Herrlichkeit geflucht, um Erlösung
-von dieser Stätte geseufzt haben, die uns so lieblich scheint mit
-allem Sonnenglück geschmückt und die Hunderten schon eine Stätte der
-Freude und übermütigen Lebensgenusses war. Die harten Gegensätze,
-welche hier immer wieder aufeinanderprallen, fesseln mit besonderer
-Gewalt die Gedanken und geben einen eigenartig anziehenden Reiz allem
-Geschehen und allem Schauen. -- Unter diesen Zweigen schritten 1870/71
-gefangene Franzosen hin und her und träumten von ihrer ~gloire~ und
-berauschten sich am Rachegedanken, an der ~revanche~. Da griff einer
-von ihnen zum Messer und schnitt in die glatte Rinde jener alten Buche
-dort unter sein Namenszeichen die Worte: »~un chasseur français,
-qui reviendra vainqueur~.« »Ein französischer Jäger, der als Sieger
-wiederkehren wird.« -- Er ist nicht wiedergekommen! -- 44 Jahre später
-lasen aber seine gefangenen Landsleute mit ihren russischen Freunden
-und Bundesbrüdern jene Worte in der grauen, rissig gewordenen Rinde,
-die jetzt ihnen wie ein Hohn auf ihr eigenes, unfreiwilliges Kommen
-wirkten. Der Gegensatz zwischen Gewolltem und Gewordenem war bitter und
-schmerzlich für sie.
-
-Doch auf unser Herz auch fällt dieser Gegensatz mit schmerzlicher
-Wucht: Versailles 1871 und Versailles 1918/19! Wann wird der Ausgleich
-kommen im Pendelschlag der Weltgeschichte? Wann wird Lüge als Lüge,
-Schandtat als Schandtat erkannt sein und gelten? Wann wird Friede sein,
-und Recht und Freiheit wieder unter Völkern und Menschen wohnen und
-daheim sein? Der sonnige Sommertag will uns dunkel werden, wenn wir
-mit diesen Fragen an Heimat und Vaterland denken und an Tod, Tränen,
-Wunden, Schmerzen und Niederbruch, an Wollen und Werden! Doch nein,
-nicht trübe und mutlos! Aus innerer Erneuerung müssen Kraftströme
-fließen. Wollen muß dann das Werden zwingen, wenn es echt und stark,
-einig und zielbewußt ist!
-
-Dort steht zwischen den alten Stämmen des Parkes die Baracke, in
-welcher die Helden der Emden nach Überwindung von Not und Tod, von
-Wüstenglut und meuchlerischem Verrat, nach Heldentum in Taten und
-Dulden zuerst auf heimatlichem, deutschem Boden eine Ruhestätte fanden.
-
-Der deutsche Geist, die deutsche Kraft, der Mut, der stärker ist als
-das Schicksal, lebt noch und schafft an der neuen, der kommenden, der
-stahlblanken Zeit! Wenn eine Welt uns niederrang, wir schaffen uns aus
-neuem Geiste eine neue Welt. Wer für die Heimat und ihre wahren inneren
-Werte sich einsetzt, der schafft und wirkt mit am Bau dieser neuen
-Welt. -- --
-
-Hier oben, auf der Fläche der Festung, wollte ein königlicher
-Baumeister, Friedrich August II., der Starke, sich selbst eine neue
-Welt anderer Art schaffen. Johann von Bodt, Festungskommandant und
-Architekt mußte immer wieder neue Pläne für ihn zeichnen. Der König,
-den die Baulust gepackt hatte, änderte und verwarf und suchte mit immer
-neuen Gedanken und Wünschen eine Bauanlage als großartiges Schloß von
-114 ~m~ Frontlänge mit weit vorgezogenen Flügelbauten und Ehrenhöfen
-und Terrassen an einer groß durchgeführten Längsachse von der
-Appareille bis zur Königsnase in symmetrischer Durchbildung angelegt,
-wahrhaft königlich aufzubauen. Acht Kasernen, vier Magazine, Bäckerei
-und Brauhaus sollten wie eine starke Wächterschar vor und neben der
-stolzen Schloßanlage stehen, die als Zeughaus und für die »Logementer«
-des Kommandanten bestimmt war.
-
-Alle bestehenden Gebäude sollten dieser großen Planung weichen und
-fallen, die Georgenburg, das Kommandantenhaus, die Magdalenenburg
-und wie die alten Bauten heißen, welche uns heute noch erfreuen.
-Nur das alte Zeughaus auf dem Wall, welches außerhalb der
-großen Symmetrielinien lag, sollte erhalten bleiben. Dem großen
-Symmetriegedanken wurde alles untergeordnet. Sogar im Park waren die
-geschwungenen Wege und die kleineren Rundplätze rechts und links von
-der großen Hauptachse des Mittelweges trotz scheinbarer Regellosigkeit
-doch nahezu symmetrisch geplant.
-
-Aus diesen Planungen spricht die großartige Baugesinnung, welche am
-Zwinger in Dresden ihre größte Entfaltung fand. Ähnliches mag hier dem
-königlichen Bauherrn vorgeschwebt haben. Über zehn Jahre beschäftigte
-er sich mit diesen Plänen, die gleichzeitig mit dem Bau des Zwingers
-und der Anlage von Groß-Sedlitz in seinem phantasievollen Geiste
-emporwuchsen und Gestalt gewannen.
-
-Sollen wir bedauern, daß sie nicht durchgeführt wurden? Vielleicht!
-Vielleicht hätte diese Verbindung von fürstlicher Schloßanlage mit dem
-militärischen Werk eine Gesamtanlage von besonders reizvoller Eigenart
-ergeben. Vielleicht hätte hier wie bei keinem anderen seiner Bauten das
-Schloß im Gesamtbilde der Landschaft und großen Natur mitgewirkt als
-großartiger Abschluß und Krönung eines einzigartigen Landschaftsbildes.
-Hoch über der Elbe sollte die stolze Schloßfront sich auf dem
-gewaltigen Felsensockel des Königsteins aufbauen, so daß man weit über
-Strom und Land, über Berge und Täler schauen könnte und seine Fenster
-leuchteten bis weit ins Böhmerland. Wie das herrliche Klosterschloß
-Banz bei Lichtenfels hoch über dem Main, das weit ins Frankenland
-scheint und schaut, oder gleich der Akropolis in Athen, die weit übers
-Meer schaut, so mag in der Phantasie das Schloß gestanden haben und
-dem König in seinen Architekturträumen immer wieder aufgeleuchtet
-sein, so oft er von Dresden elbaufwärts kommend zur Felsenstirn des
-königlichen Steins emporschaute, zur Felsenstirne, der noch die Krone
-eines königlichen Bauwerks fehlte. Er hat dem Stein diese Krone nicht
-aufsetzen können. Baumwipfel rauschen und legen sich als grüner Kranz
-statt der geplanten ragenden, steinernen Krone um die Felsenstirn. --
-Die alten Bauten sind erhalten geblieben. Die königlichen Bauphantasien
-sind vorüber und schlummern in Mappen und Archiven, um nur hie und
-da bei einem seltenen Beschauer Architekturträume vom Königstein zu
-wecken und das nachempfinden zu lassen, was der König genial und groß
-innerlich schaute und schuf, was ihm ein Kunstwerk und ein Glück war,
-ohne daß je sein Wollen zum Werden, zur Tat wurde.
-
- * * * * *
-
-Wir wandern durch den Park zurück. Die Kirche mit ihrem schlanken
-viereckigen Glockenturm, der wie ein italienischer Kampanile neben
-dem Gotteshause steht, grüßt uns durch das Laub der Bäume. Ihr
-schlichter, einschiffiger Bau ist in Abmessung und Ausstattung von
-großer Bescheidenheit und Zurückhaltung, so sachlich und nüchtern auch
-im Innern, wie es für eine Soldatengemeinde sich geziemt. Kurfürst
-Johann Georg II. ließ die Kirche 1675/76 erbauen. Nur der Altar ist mit
-größerer Kunst und Zierde bedacht. Zwei Säulen aus buntem italienischen
-Marmor schmücken ihn, die Papst Klemens dem Kurfürsten geschenkt hat,
-und ein schönes Altarbild, welches die Bergpredigt darstellt und als
-Landschaft den Königstein zeigt. -- An der Stelle dieses Gotteshauses
-mag schon in früher Zeit, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts,
-eine Kirche gestanden haben, deren erhaltene Teile, der gewölbte Chor
-mit dem Triumphbogen und den altertümlich romanischen Kämpfersteinen
-allen Zeiten, Stürmen und Umbauten standhielten und sie überdauerten.
-Herzog Georg der Bärtige errichtete 1515 hier eine Kapelle dem
-heiligen Georg, seinem Schutzpatron, und gedachte aus dem Königstein
-eine Art Mönchsburg zu machen. Er stiftete 1516 »aus christlicher
-Andacht und mit groser Müe, auch, wie es in der Urkunde heißt: ›unser
-hertzlieben Gemal Fraw Barbara und unser erben nachkommen heil und
-seligkeit zu erwerben‹, ein Cölestiner Kloster des Lobes der Wunder
-Marie uff dem Königesteyn«, und besetzte es mit 12 Mönchen aus dem
-Kloster Oybin bei Zittau. Trotz der nunmehr geistlichen Bestimmung
-des Königsteins, wurde seine militärische Bedeutung jedoch nicht
-verkannt und ganz aufgegeben. Die Mönche, welche zugleich Burgmänner
-und Burgwarte waren, durften keinen neuen Weg nach dem Felsen anlegen
-und mußten, sowie ein Krieg ausbrach, die Schlüssel zur Festung einem
-fürstlichen Hauptmann ausliefern. Das Vertrauen zur Kriegstüchtigkeit
-der Mönche scheint also nicht sehr groß gewesen zu sein. Der Bischof
-von Meißen, Johann von Salhausen, sah diese Neugründung sehr skeptisch
-an und meinte, »es werde das Kloster dort von den böhmischen Winden
-und der starken Luft der böhmischen Ketzer bald umgeworfen werden und
-zergehen«. Aber ein stärkerer Sturm als die böhmische Hussitenluft ging
-durch Deutschland, die Reformation, dem das Kloster nicht standhielt.
-Der Prior selbst ging, unter dem Vorwand einer Reise, gerade nach
-Wittenberg zu Luther, und »heurathete« schon im Jahre 1525. Die übrigen
-Mönche liefen, aller Vorstellungen des Herzogs ungeachtet, auch auf
-und davon, bis auf zwei, welche der Herzog wieder auf den Oybin
-zurückschickte, wo man sie aber nicht annahm, trotz des Handschreibens,
-das der Herzog ihnen mitgab. Daß diese Mönche so rasch das Kloster
-auf dem Königstein wieder aufgaben, beweist, daß sie dort sich nicht
-besonders wohlgefühlt haben konnten. Kein Wunder, denn Schmalhans
-war dort oben Küchenmeister und der Durst war der Kellermeister, denn
-es lag noch kein großes Faß im Keller, kein tiefer, kühler Brunnen
-war vorhanden, sondern in Zisternen wurde das wenig lockende Wasser
-gefangen. Wildbret und Fisch war seltene Kost. Der Herzog hatte nicht
-genügend für Einkünfte gesorgt und milde Gaben aus der Hand treuer
-Kinder der Kirche wurden immer weniger, magerer und dürftiger. Das Volk
-fühlte, daß etwas Neues, Großes im Werden war, und das Alte sterben
-müsse, daß die Gnadengaben, welche für fromme Stiftungen und Gaben
-vom Kloster und den Heiligen verheißen wurden, in der neuen Zeit, die
-der kühne Wittenberger Mönch heraufführen sollte, vielleicht doch
-ihren Zweck verfehlen und verlieren könnten. -- Das Kloster mußte
-geschlossen werden und ingrimmig enttäuscht berichtete Georg diesen
-höchst ärgerlichen Mißerfolg dem General des Cölestinerordens nach
-Italien. Aus seinem Briefe ersieht man, wie unangenehm und peinlich
-dem Fürsten die Sache war, und daß er sich nicht wenig fürchtete, in
-Rom wohl gar für ein gegen die Klerisei lauer Mann gehalten zu werden.
-Man sieht, wie die Fäden Roms wie ein festes, starkes Netz Deutschland
-umspannten mit ungeheurer Macht, so daß sogar solch unbedeutendes
-Ereignis, wie der mißglückte Klosterversuch auf dem Königstein einem
-mächtigen deutschen Fürsten Veranlassung bieten mußte, in Rom um gutes
-Wetter zu bitten. Georg war bekanntlich ein fanatischer Gegner Luthers
-und hat seine Lehre und Anhänger hart und streng verfolgt, bis an sein
-Lebensende.
-
-Vielleicht stand die auf dem Königstein erlebte Enttäuschung in
-innerem, seelischem, ursächlichem Zusammenhange mit der Strenge und
-rücksichtslosen Härte und dem bitteren Haß, mit denen er sein ganzes
-Volk, ja seinen Bruder und Schwäger in seine eigene Glaubensrichtung
-wider Willen zwingen wollte. Erst unter seinem Bruder und Nachfolger
-Herzog Heinrich dem Frommen konnte sich die neue Lehre freier entfalten.
-
-Herzog Heinrich machte auch den Stein erst wieder zu einer Festung, die
-dann von seinen Nachfolgern mehr und mehr ausgebaut wurde. --
-
-Wir gehen zum Brunnenhause hinüber mit dem tiefen Brunnen, den Kurfürst
-August durch Konrad König 152,5 ~m~ tief mit einem Durchmesser von
-4 ~m~ Länge in den Sandstein sprengen und meißeln ließ. 1553 wurde er
-begonnen und erst nach 40 Jahren fand man reines Quellwasser. 40 Jahre
-harter Felsenarbeit und einer bewundernswerten Zähigkeit, Tatkraft
-und Hoffnungsfreudigkeit, 40 Jahre durch die Wüste, wie einst die
-Kinder Israels, ehe sie zu den kühlen Wasserbächen des gelobten Landes
-kamen! -- Ist dieser Brunnen nicht wie ein Symbol? Ist der Fels auch
-noch so hart und werden tausend Meißel stumpf und werden tausend Arme
-müde, es gibt ein _Dennoch_ und ein Hindurch, das tief im Felsengrunde
-das erquickende, wohlschmeckende, kühle Naß nach zäher Arbeit findet
-und aufschließt. Dieses Dennoch und dieses Hindurch wird auch das
-deutsche Volk neue Quellen finden und erschließen lassen, wenn es harte
-Felsarbeit leisten will und der Stunde geduldig entgegenarbeitet, da
-die frischen Wasserquellen entgegenspringen und sprudeln.
-
-Zwei Tonnen gehen abwechselnd auf und nieder und ergießen ihren Inhalt
-in einen Behälter, dessen Zuflußrinnen unmittelbar vom Brunnenrand
-abführen. Heute ist Kraft und Antrieb für die Wasserförderung
-elektrisch. Früher diente diesem Zweck im Nebenraum ein ungeheures
-Tretrad, welches durch Menschenkraft in mühevoller Sklavenfron
-unseliger Gefangener bewegt, die Seile auf mächtiger Trommel auf- und
-abwickelte.
-
-Der Brunnenmeister zeigt gern die kleinen Scherze, welche auch
-anderwärts geübt werden. Er gießt Wasser in mehreren Absätzen in die
-schwarze, gähnende Tiefe. Atemlos lauscht man gespannt, bis von unten
-nach fast ½ Minute in gleichen Abständen die Aufschläge klatschend
-herauftönen. Da merkt man, was für ein ungeheurer Zeitraum eine halbe
-Minute sein kann! Er läßt Lichter hinab am langen Seil, bis wir im
-Bodenlosen den blanken Wasserspiegel aufblitzen sehen. Er zeigt,
-wie er durch geschickte Stellung von Spiegeln den Sonnenstrahl an
-der Türe draußen einfängt und ihn hinabschickt in den schwarzen,
-feuchten Schacht, daß er dem Wasser in der dunklen Tiefe Botschaft
-vom Himmelslichte bringt. Er erzählt, wie der Brunnen zur Reinigung
-manchmal befahren wird, und daß der Wasserstand 15 ~m~ normal ist
-und auch in heißen Jahren sich in dieser Höhe hält. Er berichtet
-auch, daß der Brunnen sein untrügliches Barometer sei, daß ihm die
-kommende Witterung sicher vermelde durch einen Nebelschleier über dem
-Wasserspiegel bei kommendem guten Wetter, durch blanken Spiegel, wenn
-draußen das Wetter sich trübt. Er zeigt, wie meisterhaft die alten
-Brunnenbauer gearbeitet haben, wie glatt die inneren Wände geschrotet
-sind und in genau lotrechter Führung der Schacht abgeteuft ist, eine
-bewundernswerte Bergmannsarbeit. Hier ist die Lebensquelle, die
-Herzader der Festung, für welche Vater August, der große Volkswirt
-auf dem sächsischen Throne, sorgte, wichtiger als das große Faß, für
-welches August der Starke, der große Egoist auf dem sächsischen Throne
-sorgte. -- --
-
-Wir treten aus dem kühlen, dunklen Brunnenhaus wieder hinaus in den
-lichten, prangenden Sommertag. Es wölben sich über uns die hohen,
-grünen Wipfel des Königsplatzes, und es flüstern ihre Blätter im Winde.
-
-Unsere Gedanken umfassen noch einmal, was wir erlebt, was wir geschaut,
-was wir empfunden haben. Wo gibt es im Sachsenlande eine Stätte,
-die soviel zu sagen, soviel zu geben und zu schauen hat, wie dieser
-königliche Stein?
-
-Ja, um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes! Es ist, als ob
-er eine Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und
-genossen hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie
-sucht, sich zu offenbaren weiß!
-
-Sei mir gegrüßt du ~lapis regis~!
-
-
-
-
-Eine Fahrt ins Weihnachtsland.
-
-
-Vor dem Hauch des milden Westwindes war der Weihnachtsschnee zwar
-leider fast zerronnen, aber doch lag es noch wie Weihnachtsstimmung
-und Nadelduft in der Luft. Der Rucksack war wohlgepackt. Auch er gab
-weihnachtlichen Duft nach Stollen und anderen guten Dingen. Eine
-Weihnachtsfahrt sollte es werden in das Land der Kinderträume und
-lustiger Spielzeugherrlichkeit, wo Nußknacker und Räuchermännlein,
-Lichterengel und Bergmänner das große Wort führen, wo die Krippen
-in seliger Einfalt sich aufbauen und die Weihnachtspyramiden ihr
-buntgeschnitztes Leben zeigen. Im Morgendämmer lag der Garten mit
-seinen wenigen leuchtenden Schneeflecken. Die schöne grüne Tür mit dem
-kunstreichen Schloß fiel hinter mir und meinem wanderfrohen Weibe zu,
-da kam zur verabredeten Minute der Freund, der Maler mit seiner blonden
-Frau und grüßte mit frohem Glückauf. Am Bahnhof stieß zu uns der
-Ingenieur mit seiner Braut, der an der Bagdadbahn einst baute, und nun,
-nach Krieg und Wunden, mit uns das Weihnachtsmärchen suchen wollte. --
-Nun ging es hinaus in die nebelverhangene Welt mit fauchendem Züglein.
-Nur an den Nordabhängen der Böschungen lag dort noch der Schnee und die
-dunklen Halden des alten Bergbaus waren noch weiß betupft. Die Fläche
-des Berthelsdorfer Hüttenteiches war mit Eis bedeckt und blinkte
-wie matter Stahl in den ersten schrägen Strahlen der mit dem Gewölk
-ringenden Sonne.
-
-Die Hänge des Muldentales mit ihren dunklen Wäldern und braunen Feldern
-und den schön geschwungenen Höhenlinien glitten an uns vorüber. Von
-Mulda führte uns dann das Nebenbähnchen mit Schnaufen und Pusten
-und gelegentlichem, wichtigtuendem Bimbim, Bimbim durch das enge,
-malerische Chemnitzbachtal empor nach Sayda.
-
-Schön bewaldete Höhen treten rechts und links an die Bahn heran. Rechts
-öffnet sich bald ein Wiesengrund, in dem ein Bächlein herniedereilt,
-während neben ihm die Straße gemächlich zum Haltepunkt abwärts steigt.
-Wolfsgrund ist der romantische Name, der zu der Lieblichkeit nicht mehr
-zu passen scheint.
-
-Einst war es anders: Am Eingang und Ausgang des Tales standen am
-Wege Hütten zum Aufbewahren von Waffen, besonders Keulen, die beim
-Durchgehen des dunkelen Waldes jeder mitgenommen, um sich gegen die
-Wölfe zu verteidigen, welche hier in den Dickichten der Talschlucht
-gehauset. Längst sind diese Tage vorüber und statt Urwaldschrecken
-grüßt uns die sonnige Lieblichkeit von Wiesen und Wald in freundlichem
-Wechsel.
-
-Ein reizvolles Wiesental ist es, in dem die Bahn sich hinschlängelt.
-In seinem leuchtenden Grün mag im Sommer das Auge sich satt trinken
-können und sich der tausend Blumen freuen in ihren starken Farben und
-würzigem Duft und Kräfte gewinnen, um freudig ins Grau des Alltags
-zu schauen. Heute war die Fläche zart rehbraun getönt und mit dem
-schimmernden Silbergrau des Reifes angehaucht. Der Maulwurf war munter
-gewesen und hatte kräftige, schwarze Tupfen durch die zahlreichen
-frisch aufgeworfenen Haufen in die zarte Farbenstimmung gesetzt. Der
-Chemnitzbach schlängelt sich mit hurtigem Laufe in vielen Windungen
-durch das Tal.
-
-Man sollte es dem harmlosen Bächlein dort nicht zutrauen, daß es
-auch recht bösartig sein kann und durch Überschwemmungen schon
-manchen schlimmen Schaden angerichtet hat. Das Kirchenbuch von
-Dorfchemnitz weiß davon zu erzählen: »Am 17. Mai 1622 sind 7 Personen
-begraben worden, welche in der großen erschrecklichen Wasserfluth
-ertrunken. Denn das Wasser und große Schloßen 3 Häußer ganz und gar
-weggerißen, daß nicht ein Stecken mehr stehengeblieben. Auch sonsten
-erschrecklichen Schaden gethan, indem es die Gärten gäntzlichen
-verschwemmet und alle Zäune hinweggenommen. Denn das Wasser über die
-ganze Gemeinde, so breit sie gewesen (70--80 Schritt!) etliche Ellen
-hoch gegangen, an der Schulbehausung zum Stubenfenster hineingegangen,
-Stub und Haus voll Schloßen geführt, welche zum Theil sehr groß
-gewesen. Gott wolle vor solchen Wasserfluthen hinfür und auch anderm
-Unglück aus Gnaden behüten!«
-
-Das breite Wiesental liegt so freundlich in seinem silbergrauen
-Atlasgewande, als trüge es immer nur ein Feierkleid und lernte nie des
-Lebens Not und Kampf kennen.
-
-Auf den Hängen liegen einzelne Höfe. Fest geschlossen wie Burgen
-schauen sie wie Herren ins Tal, nicht gar trotzig, aber breit und
-behäbig voll Selbstbewußtsein und einer gewissen Unnahbarkeit. Dort das
-Rittergut von Dorfchemnitz mit seinen festen Mauern liegt auf der Höhe
-hinter dem Filigran der entlaubten Wipfel, mit der Kirche zusammen eine
-Baugruppe von besonderem malerischen Reiz.
-
-Der Rauch unseres Zügleins weht in langer, silberweißer, wallender
-Fahne durch das Tal. Duftiges Blau, zartes Sepia, dunkles Grün, Weiß,
-und Silbergrau sind die Töne, welche das liebliche Landschaftsbild
-beherrschen und alles in unendlich weicher Harmonie vereinen. Die
-Fenster im Wagen sind beschlagen. So stehe ich draußen mit dem Maler
-und male im Geiste die zartesten Aquarelle mit ihm, wo die Farben nur
-wie ein Duft auf dem leuchtenden Weiß stehen und so unendlich wohltun
-in ihrer keuschen Reinheit, Zurückhaltung und Vornehmheit. Jeder
-Ausschnitt wird uns so zum Bilde reiner Winterherrlichkeit, daß unser
-Herz froh wird und unsre Lungen immer tiefer die klare, kalte Luft der
-Höhen atmen. In Sayda wandern wir dann durchs Städtchen.
-
-»Das vollständige Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen« von
-August Schumann aus dem Jahre 1823 sagt von ihm:
-
-»Die Lage von Sayda ist, da es auch an Bäumen fehlt, unfreundlich und
-rauh, und hat zwei große Unbequemlichkeiten, nämlich einen langen
-Winter und sehr viel Schnee und im Sommer oft solchen Wassermangel,
-daß Wachen an die Brunnen gestellt werden, um nicht zu viel Wasser in
-eine Haushaltung kommen zu lassen; auch gibt es im Frühling und Herbst
-immer viel Nebel. Dagegen wird das Korn doch in der Regel reif, und nur
-selten begräbt der Schnee den Hafer.«
-
-Ein schlichtes Landstädtchen ist es mit einfachen, nüchternen Häusern
-in gerader Straßenzeile. Diese Straße war einst ein tiefer Hohlweg,
-welcher die beiden Haupttore, das Freiberger nördlich und das böhmische
-südlich, verband, so daß man in einem Tore stehend, durch das andere
-hindurchsehen konnte. Im Jahre 1554 füllte man den 6 Ellen tiefen
-Hohlweg aus und pflasterte ihn, ein Fortschritt, der für jene Zeit eine
-besondere Kulturleistung war. Von der uralten Grenzburg Seydowe ist
-nichts mehr erhalten.
-
-Dort, wo die Kirche mit ihrem kräftigem Turme sich erhebt und hohe
-Linden ihren jetzt so kahlen Wipfel breiten, scheint der letzte Rest
-alter, malerischer und behaglicher Kleinstadtschönheit zu sein und im
-Sommer mag es gar traulich und schön zu weilen sein unter dem dichten
-Blätterdach und duftendem Grün.
-
-Harte Schicksale waren es, welche der Stadt ihre heutige Gestalt gaben.
-Feuersbrünste, Kriegsdrangsale und Seuchen gingen durch die Straßen und
-Häuser und zäher Bürgersinn baute immer wieder auf, was des Schicksals
-erbarmungslose Faust zerschlagen. So ist das heutige Stadtbild zugleich
-eine Folge und ein Denkmal schwerer Vergangenheit. 1465, 1599, 1634,
-1702, 1842 sind die Jahre der zerstörenden Feuersbrünste, welche große
-Teile der Stadt in Asche legten. Das obengenannte Staats-, Post- und
-Zeitungslexikon sagt treuherzig: »Nach all diesen Unglücksfällen ist es
-kein Wunder, daß der Ort jetzt zu den ärmeren des Landes gehört, und
-_ohne einigen Paschhandel_ nach Böhmen würde er es noch mehr seyn!«
-Im Jahre 1842 verloren durch den Brand 289 Familien mit 1100 Köpfen
-ihr friedliches Obdach. Auch die Kirche hatte damals stark gelitten,
-doch blieb das Netzgewölbe mit seinen acht schlanken Pfeilern und
-die schönen Epitaphien der Familie von Schoenberg in ihren reichen
-Renaissanceformen erhalten. Besonders das Grabmal des 1605 verstorbenen
-Caspar von Schoenberg mit seinem reichen Figurenschmuck und üppiger,
-kunstvoller Ornamentik in edlem Material, aus der Schule des Nosseni
-stammend, nach einem Entwurfe vielleicht von seiner Hand, ist der
-Hauptkunstbesitz der Kirche und der Stadt geblieben und mag sich
-getrost mit den schönsten Werken dieser Art im Lande messen.
-
-Der Turm, der sich so gut ins Stadtbild fügt und weithin ins Land über
-Wälder und Berge leuchtet, mußte nach dem Brande von Grund auf neu
-errichtet werden. Unter den Pfarrern, welche hier ihres Amtes walteten,
-war gar mancher wackere Mann, den Zeit und Schicksal besonders
-eigenartig formte. Victorinus Rothe, 1564 in Leisnig geboren und in
-Freiberg erzogen, verlor seinen Vater durch Gift, welches ihm seine
-Gegner, die Calvinisten reichten. Nach seinem Studium in Wittenberg
-war er erst Schulmeister an verschiedenen Orten und dann zehn Jahre
-Mittagsprediger am Dom zu Freiberg, wo er infolge seiner hellen und
-durchdringenden Stimme großen Zulauf hatte. 22 Jahre war er dann in
-Sayda tätig und mag dort viel mit Sorgen zu kämpfen gehabt haben,
-denn um seinen Tisch reihte sich eine Kinderschar, für die wohl bald
-das Brot zu schmal, die Räume zu eng, der Betten zu wenig gewesen
-sein mochten. Bei Gelegenheit der Kirchenvisitation 1617 legt er das
-Bekenntnis ab, »er habe keinen gänzlichen Commentarium über die Bibel,
-aus mangel und weil ihm viel auff die kinder gienge, deren ihm Gott 22
-bescheret und noch 16 am leben«.
-
-Eine andere Charaktergestalt ist Johann Reinhard Jakobeer, der Sohn
-des Apothekers Theophilus Jakobeer in Pirna, der seine Vaterstadt im
-Jahre 1639 durch kühne Tat vor der Einäscherung durch den schwedischen
-General Banner bewahrte. Unser Johann Reinhard war der echte Sohn
-seines Vaters und ein Kind des Dreißigjährigen Krieges. Er erfuhr
-alle Schrecken dieser furchtbaren Zeit. Mit seinen Mitschülern wurde
-er zweimal durch schwedische Soldaten aus der Fürstenschule zu Pforta
-verjagt und verlor alle seine Bücher. Von 1638 an hat er in Wittenberg
-in Not und Armut drei Studienjahre durchgehungert, wurde dann Lehrer
-der Söhne eines erst kaiserlichen, dann schwedischen hohen Offiziers,
-mit denen er durch Böhmen und Sachsen zog und dabei alle Beschwerden
-eines Wanderlebens und Kriegslebens in jener zuchtlosen, wilden Zeit
-voller Abenteuer, Gefahren, Straßenraub und Gewalttaten ertrug. Dann
-wurde er Feldprediger und mag im bunten rauhen Soldatenleben manche
-wilde Tat verhütet, manchem verlorenen Sohn die Todeswunde verbunden,
-die Todesstunde erhellt haben. Als endlich Friede eingekehrt war,
-wurde er 1653 Pfarrer in Sayda, wo er zehn Jahre seines Amtes waltete,
-um dann in seine Vaterstadt Pirna als Diakonus heimzukehren. Sein
-Nachfolger Christoph Knorr ist auch eine Charaktergestalt jener
-furchtbaren 30 Jahre. Als 72jähriger Greis trat er 1663 das Pfarramt
-in Sayda an und hat ihm noch drei Jahre gedient. Er war 1591 in Plauen
-geboren, kam nach vollendeten Studien in Wittenberg im Jahre 1616
-nach Brüx als Rektor an die evangelische Schule, wurde Pfarrer in
-Wielenz in Böhmen und geriet so mitten in die ausbrechenden Stürme des
-furchtbaren Krieges. 1624 wurde er vertrieben und lebte sechs Jahre
-ohne Amt in Sayda, bis er 1630 Pfarrer in Neuhausen wurde. 33 Jahre
-waltete er hier seines Amtes als Vater und Schützer der vertriebenen
-und verfolgten Glaubensgenossen, welche aus dem nahen Böhmen Zuflucht
-und Hilfe suchten. Ihre Kinder hat er im Walde auf Baumstöcken als
-Tauftisch oft unter Lebensgefahr getauft. Mitten im dichten Walde ist
-damals nach dem Kirchenbuche von Neuhausen Kaspar Kadens uffn Seuffen
-Söhnlein Kaspar »in schwedischen Einfall in Böhmen Jung worden, und
-uf der deutschen seyden vorn Gohrn übern Wasser bey einem großen
-faulen stock geteufft«. Im Purschensteiner Walde liegt bei Dittersbach
-ein großer tischähnlicher Stein, welcher im Volksmunde der Taufstein
-heißt. Er trägt die Jahreszahl 1635 und mag als Altar und Taufstein im
-sicheren Schutze des Waldes bei heimlichen Gottesdiensten der vor den
-Feinden geflüchteten Gemeinde oder böhmischen Exulanten gedient haben.
-In der Char- und Osterwoche 1638 hat von Neuhausen, wie oft vorher und
-nachher, »menniglich sich wieder in walt salvieren müssen«.
-
-Aus dem benachbarten Dörnthal wird berichtet, daß im Jahre 1639
-»solcher Hunger gewesen, daß die Leute meistens Kleie, Leinkuchen,
-Gesäme und gekochtes Gras müssen essen, und sein viel Hunger
-gestorben«. Die zahlreichen Leichen wurden zumeist »ohne Sarg, Klang
-und Sang« heimlich begraben. Ja in den Pestjahren, welche immer wieder
-die Orte heimsuchten, blieben die Leichen oft tagelang unbeerdigt, weil
-sich keine Totengräber fanden.
-
-Im Kirchenbuche von Neuhausen hat der wackere Pfarrer Knorr von diesen
-Notzeiten einiges berichtet, von Mord und Plünderung, Schändung,
-Brandschatzung und anderen Untaten, vor denen sie öfter in die Wälder
-fliehen mußten. 1634 schreibt er: »unterm 22 Marty ist eine Partey
-Churfl. Krieges Volk in Böhmen auf die Plünderung gezogen; im raußziehn
-haben sie sich allhier eingelegt, und futtern wollen, es hat ihn aber
-der feind uf der ferschen nachgezogen, sie unversehens, weil sie keine
-Wache gehalten, überfallen, der Churfl. ihrer Drey niedergehauen undt
-angezundet: Hans Steffens Hauß sambt der Scheune, Hans Müllers, des
-Schneiders Hauß, Nikol Fleischers Hauß uf der Brücken, darinnen seine
-Schwieger die alte Kochin verbrand, der Paul Schullerin Hauß mit der
-Scheunen, und darbey ihr Neben-Hauß darinnen ein Kneblein von 4 Jahren
-verbrand, das Lehngericht, welches damals Kaspar Drechsels Erben
-gewesen, zu grund abgebrand und Hans Fritzschens darneben und sind also
-dismahl ihrer 5 Thodt blieben.«
-
-Allein zwölf vertriebenen Pfarrern außer vielen anderen Flüchtlingen
-wurden aus den Kirchenvermögen Beihilfen gegeben, obschon Neuhausen
-selbst vierzehnmal in jener Zeit geplündert wurde; und obschon das
-Pfarrhaus 1638 verbrannt und zerstört war und wieder aufgebaut
-werden mußte, »weil in den vielfeltigen feindseligen Ausfellen alles
-darinnen zerschmettert und zu nichte worden«. Die Vertriebenen haben
-größtenteils nichts mehr als einen Exulantenstab in ihren Händen
-gehabt, oder, wenn es hoch gekommen, auf einem Schiebebock ihre
-kleinen, öfters noch an der Mutterbrust liegenden Kinder hinübergeführt.
-
-Trotz des furchtbaren Ernstes der Zeit hatte aber Knorr noch mit der
-Zuchtlosigkeit und Verwilderung der Sitten in seiner Gemeinde zu
-kämpfen.
-
-Er beschuldigt 1644 sogar den herrschaftlichen Schösser in
-Purschenstein, daß er Verwirrung stifte und die Unsittlichkeit fördere,
-»er habe Nacht- und Lobetänze biß zu Tage ausgeheget, deßwegen das
-gesindte, Knechte und Magde zugelauffen und allerlei Uppigkeit, wie
-leicht zuermessen, getrieben. Es war kein Herr seines gesindtes
-mächtig.« Sogar der Schulmeister mußte wegen Vernachlässigung des Amtes
-und Unsittlichkeit abgesetzt werden.
-
-In seinem späteren Amte in Sayda fand er nicht die Ruhe, welche er wohl
-gesucht hatte. Ja, sein Leichenstein sagt »Den Abend seines Lebens
-trübte er sich durch die Annahme des Pfarramtes zu Sayda«, und bitter
-klingt der Spruch, den er sich selbst als Grabspruch gesetzt:
-
- »Ade du falsche Welt, die du mich hast geplagt,
- Auch Tag und Nacht an mir nach Würmer-Art genagt.
- Mich decket dieser Stein,
- Biß Gott wird Richter seyn.«
-
-Er, der in schwerster Zeit, 33 Jahre lang, der geistige und seelische
-Halt in dem gefährdeten Grenzbezirk gewesen und alle Nöte und Ängste
-des Krieges treu mit seiner Gemeinde geteilt, hätte einen besseren Dank
-als diesen bitteren Ausklang und Nachklang seines Lebens verdient.
-
-Einer seiner Nachfolger in Sayda, Friedrich Ziegler, Pfarrer
-1692--1720, hatte sich als Wahlspruch das Wort gesetzt: »~ride et
-vicisti~«, »Lache und du hast gesiegt!« Dieser lachende, vielleicht
-auch ironisch lachende Philosoph -- Optimist oder Skeptiker? --
-mag leichter das Leben überwunden haben, aber freilich ist diese
-Philosophie nicht durch solche furchtbaren Proben versucht worden,
-wie Knorr sie bestehen mußte, bei denen man das Lachen wohl verlernen
-mag! Ziegler hat eine Schrift verfaßt, »Die Seelen-Vergnügung im
-Grünen«. Es lächelt uns aus dem Titel das frohe Behagen eines
-freundlichen Pfarrherrn entgegen, dem das Lachen leicht ist. Knorr mag
-bei seinen heimlichen, gefährlichen Waldgottesdiensten nicht an eine
-»Seelenvergnügung im Grünen« gedacht haben, weil er zu viel Blut und
-rote Flammen gesehen, zu viel Seelennot im Grünen gefunden.
-
-Gedankenvoll schreiten wir die lange Straße zurück, verlassen das
-Städtchen und wandern dann hinaus in die sonnige Winterwelt. Da liegt
-vor dem Städtchen das alte Johannes-Spittel hinter alten Bäumen. Bunt
-leuchtet das Wappen der Herren von Schönberg mit Inschrift über der
-Tür, durch welches das ganze schlichte Haus eine besondere Zierde und
-Charakter erhält. Bernhard von Schönberg hat das Hospital gestiftet,
-als er 1476 auf der Heimfahrt von Jerusalem auf der Insel Rhodos
-auf dem Sterbelager lag und seiner fernen grünen Heimatberge und
-harzduftenden Wälder gedachte. --
-
-Grüß Gott du altes Weiblein dort am Fenster in deinem warmen Stüblein,
-du neidest uns nicht unseren Gang in den Winter hinaus. Der warme Ofen
-ist dir Erfüllung deiner Wünsche. Uns sollen noch Wind und Wald und
-Schnee Lieder der Sehnsucht und der Wünsche Gewalt und Erfüllung finden
-lassen.
-
-Und ihr Schläfer hinter der schlichten Mauer unter den weißen Hügeln
-dort drüben, eure Herzen gingen zur Ruhe, aber was ihr gedacht und
-gelebt, es lebt und wirkt in ungeahnten Kräften. Vielleicht ist es
-im Wind lebendig, der dort vom Walde herüberweht, den ihr vielleicht
-gepflanzt habt, vielleicht klingt es aus dem Jauchzen der Kinder, die
-dort mit Schneeballen werfen, Kinder eures Blutes, vielleicht liegt
-es keimend im Acker, an dessen Rand wir dahinschreiten und dessen
-Frucht vielleicht dem Fleiß der nimmermüden Hände vieler Geschlechter,
-eurer Geschlechter, die dort ruhen, zu danken ist, vielleicht sind die
-Gedanken und Stimmungen, die uns hier überkommen, Spuren unsichtbaren
-Lebens, das hier daheim ist, Spuren eures Lebens, das ihr ganz an
-eure Heimat gewendet habt, und das uns nun eure Heimat lebendig und
-beseelt macht. Mit uns wandern alter ferner Zeiten stille Gestalten,
-nicht als dunkle Schatten, nein als Leben von unserem Blut, die das
-Leben gelitten und durchkämpft und bestanden haben und mit uns gehen
-als Freunde, um vom Schicksal zu reden, vom Schicksal der Seelen, vom
-Schicksal der Heimat, von Vergangenheit und Zukunft.
-
-Sinnend schreiten wir in den Weihnachtswald, in dem die Schneeflecke
-aus dem dunklen Grün leuchten. Rechts schimmert die vereiste Fahrstraße
-durch die Stämme und der breite Streifen eines Kahlschlages. Was geht
-es sich so weich in dem harzduftigen Walde, als schritten wir in den
-Sonntag hinein, wo es so kirchenstill ist, als hätte eine heilige
-Feierstunde begonnen, in der alles fernen, fernen leisen Klängen
-lauscht wie geheimnisvollem Läuten sehnsuchtsweiter Glocken, dem Harfen
-des Windes in den Wipfeln oder dem Rieseln und Sickern des schmelzenden
-Schnees im Waldboden.
-
-Ein dünner blauer Rauch steigt aus der Schneise empor und füllt die
-Luft mit starkem Harzgeruch. Wie Weihrauch und stilles Opfer zu
-geheimnisvoller Weihe zerfließt er über den Wipfeln. Der Wald duftet
-stärker als zuvor.
-
-Wir treten auf eine weite Lichtung hinaus. Wie ein schimmernder Saal
-mit silbernem Teppich liegt sie da rings vom schweigenden Walde wie von
-dunklen Wänden umschlossen. Dicht am Walde liegt »das kleine Vorwerk«
-mit weißem Schneepelz auf dem Dache. Alles ist still und fügt sich
-einfach und schlicht in die große heilige Ruhe. Ein mächtiger Baum in
-der Nähe, herrlich nach allen Seiten gleichmäßig entwickelt, steht da
-wie der stille Wächter der Einsamkeit. Die leere schneefeuchte Bank
-an seinem Stamm unter den schimmernden Zweigen ist heute ein starkes
-Sinnbild der Verlassenheit oder Vergessenheit. Wie mag im Sommer unter
-seinem grünen Dach das Leben eine Stätte haben. Dort rastet der einsame
-Wanderer, dort ruht der Schnitter und genießt sein einfaches Mahl. Dort
-lacht und spielt fröhliche Jugend und die wandernde Horde lustiger
-Vögel, dort klingt ein altes Lied von Liebe und Leid zur Laute. Dort
-sitzt im sinkenden Tagesschein das Liebespaar und lauscht dem Flöten
-der Singdrossel hoch oben im Gezweig: Ein Baum, um den alle Poesie von
-Wald und Wiese und stillen Wegen wirkt und webt. --
-
-Der Wald nimmt uns wieder auf und nach kurzer Wanderung zwischen
-seinen schneebehangenen Zweigen öffnet sich eine neue Lichtung, der
-Mörtelgrund. Wie ein breites silbernes Band liegt er zwischen den
-dunklen Fichten, quer den Wald durchschneidend und einen weiten Blick
-aufwärts und abwärts gewährend. Oberhalb zieht sich die Staatsstraße
-mit einem Brückenbogen den Bach überspringend. Nach unten schweift der
-Blick in die Ferne. An der Straße hier liegt aber ein stiller Teich,
-auf dessen Damm gewaltige Fichten wie stolze Türme sich erheben. Weit
-breiten sich die untersten Zweige fast dicht über den Boden hin.
-Ebenmäßig bauen sich die Prachtgestalten auf und ein Flüstern geht
-durch ihre dichten Nadeln, als raunten sie Geheimnisse aus alter
-kühner Heldenzeit, als wüßten sie Kunde von seltsamen Abenteuern und
-Märchen des Waldes oder von der schönen verwunschenen Fee im kühlen
-Wasser dort unter dem grünlichen Eis, verwunschen und verzaubert im
-gläsernen Sarge. An den Nadelspitzen hängen Tausende funkelnder Tropfen
-wie Perlen, als hätte ein Weihnachtswunder den köstlichen Schmuck
-gezaubert. Da regen sich sachte die Zweige und wie schimmernde Tränen
-fallen die Tropfen nieder mit leisem, feinem Klingen.
-
-Die Wasserfei lauscht, denn es klang an der gläsernen Decke, als pochte
-schon der Frühling an, um den Zauberbann zu lösen, der sie verschlossen
-hält. -- Ach lausche nur, der Frühling ist noch weit und ferne die
-Zeit, dich auf der duftigen Wiese im Mondschein im Tanze zu wiegen und
-Blumenkränze in deine fliegenden Locken zu flechten. -- --
-
-Durch Wald geht es weiter, und dann treten wir auf freie Höhe hinaus.
-Entzückt schweifen die Blicke über die reinen edlen Linien der Berge,
-welche sich in langen Zügen in den Himmel schwingen, zarter und zarter,
-bis sie in weiter Ferne verblauen. Dicht vor uns ist der Schwartenberg
-mit breitem Rücken. Rehbraun und weiß ist das Gewand gescheckt, das
-er über seine breiten Schultern gelegt hat, und in unendlich feinem
-Tone mischt sich ein zartes Veil und Blau hinein. Ja, du trägst nicht
-Sorge um moderne Farbenstellung deines Kleides, und was die kleine
-Welt dort unten zu deinem Gesicht und deinem Wesen und Kleid sagt. Ob
-Sonnenstrahlen um dein Haupt klingen und singen, ob der Sturm dir seine
-wilden Weisen schnaubt und heult, du lächelst im fröhlichen Gewand
-dem Frühling, du schaust im rechten Feierkleide dem Winter ernst und
-versonnen ins grimme Gesicht. -- Wie still und weit wird doch das
-Herz, wenn es fern vom lauten Troß und Trieb der Niederung so in die
-schweigende Bergwelt des Winters schaut. Wie fühlt man so tief, daß
-echte Werte nicht im Lärm, sondern nur in der großen Stille sein und
-werden können. Schweigen ist Kraft. Schweigen ist Tiefe. In dieser
-heiligen Stille fällt alles Äußere ab und der Kern, Wesenheit und Wert
-der Dinge wird offenbar. Wohl dir, wenn du ohne Lüge bestehst, der
-Stille ins tiefe Auge sehen kannst, wenn die Stille dir noch etwas sein
-und geben kann.
-
- »Das Ewige ist stille,
- laut die Vergänglichkeit;
- schweigend geht Gottes Wille
- über den Erdenstreit.«
-
- (Wilhelm Raabe.)
-
- * * * * *
-
-Der Weg senkt sich allmählich. Aus dem Talgrunde steigen Türme und
-Mauern in malerischer Gruppe auf: Schloß Purschenstein und zu seinen
-Füßen die Dächer und Giebel von Neuhausen. Der Weg ist stark vereist
-und nicht ohne manches Ausgleiten und heiteren Fall führt er uns ins
-Dorf hinab.
-
-Wie stolz liegt die malerische Baugruppe der alten Burg nun jetzt über
-uns, mit ihren spitzen Türmen über die Bäume des Parkes am Berghang
-hinwegschauend.
-
-Als Grenzburg hat sie durch viele Jahrhunderte Feinden Trutz
-geboten und war zugleich auch eine Zufluchtsstätte in der Zeit der
-Glaubenskämpfe für zahlreiche aus ihrer böhmischen Heimat vertriebene
-lutherische Exulanten. Mehr als ein halbes Jahrtausend sitzt hier
-das Geschlecht der Herren von Schoenberg bis auf den heutigen Tag.
-Freilich ist die Zeit jener Herrschaftsgewalt vorüber, als zu Beginn
-des Dreißigjährigen Krieges die Purschensteiner Schönberge neben
-den weitausgedehnten Waldungen 5 feste Schlösser, 4 Rittergüter,
-2 Städte, 1 Marktflecken und 39 Dörfer ihr eigen nannten und über
-einen Besitz von rund 500 Quadratkilometer -- ein kleines Fürstentum
--- als Herren geboten. Der Ruhm dieses Geschlechtes, der zugleich
-seine Blüte bedingt, ist die Arbeit, der weitschauende Blick, welcher
-in der wirtschaftlichen Entwicklung und zielbewußter Siedelung und
-Aufbautätigkeit die Wohlfahrt seiner weiten Gebiete förderte.
-
-Die Aufnahme der böhmischen Exulanten war nicht nur eine Tat
-lutherischen Geistes und menschlichen Mitgefühls, sondern auch
-klügster wirtschaftspolitischer Überlegung. In zahlreichen
-Dörfern und industriellen Unternehmungen erblühte neues Leben und
-neue wirtschaftliche Kraft für die Ansiedler ebenso wie für den
-weitschauenden Grundherren. Deutscheinsiedel, Deutschneudorf,
-Niederseiffenbach, Heidelberg, Oberseiffenbach, Deutschkatharinenberg,
-Brüderwiese, Eisenzeche, Lässigherd, Oberlochmühle, Frauenbach,
-Deutschgeorgenthal, Neuwernsdorf, Oberneuschönberg,
-Niederneuschönberg, Kleinneuschönberg u. a. sind Orte, die solcher
-bewußten Siedlungstätigkeit ihre Entstehung verdanken.
-
-Damals schaute das Schloß nach einem Bilde von 1735 noch bei
-weitem stattlicher ins Land. Fünf hohe schlanke Türme mit offener,
-durchsichtiger Laterne und geschwungenen Haubendächern, ähnlich wie der
-Freiberger Rathausturm, ragten in die blauen Lüfte und bezeichneten
-die von starken Mauern umgürtete und durch tiefen Wallgraben und
-steilen Absturz geschützte Hauptburg, die wie eine stolze Krone auf
-der Bergeshöhe leuchtete. Wie mag so mancher Flüchtling, der vom
-Feinde gehetzt aus den dunkelen Tiefen der Dickichte der Grenzwälder
-emportauchte, diese leuchtenden Türme auf dem Berge mit Jubel gegrüßt
-haben. Wie mag so mancher Feind begehrlich nach diesen festen
-Mauern und hellen Fenstern geblickt haben. Feindlichen Angriffen,
-Plünderungen und Zerstörungen ist dieser stolze Sitz jedoch nicht
-entgangen. 1643 z. B. war das Schloß von Schweden besetzt. Da rückte
-der Rittmeister Sporr von der kaiserlichen Armeeabteilung des Grafen
-Brey mit 200 Reitern aus Böhmen heran, um die Schweden aufzuheben und
-das Schloß in Brand zu stecken. Schon hatten die Kaiserlichen viel
-Leitern und Stroh herbeigetragen, um letzteres zu ersteigen. »Es haben
-sich aber die darinnen gelegenen 46 Mann Schwedischer Reuther mit
-Schüßen und Steinwerffen so ritterlich gehalten, daß die Keyßerlichen
-200 Mann unverrichteter Sache wieder abziehen müssen.« Sporr rächte
-sich dadurch, daß er die außerhalb der Mauern liegenden Stallgebäude in
-Brand steckte. Die Schweden hielten aber das Schloß noch acht Wochen
-besetzt und brandschatzten ihrerseits die Umgegend nach Herzenslust.
-
-Auch 1646 haben hier noch einmal die Schweden gehaust. 2000 Mann
-plünderten die Kirchgemeinde Neuhausen, trieben von hier und aus
-Dittersbach und Seiffen sämtliches Vieh hinweg, raubten das Schloß
-aus und zündeten den oberen Teil desselben an. »Die Schweden kommen«
-war der Schreckensruf, der noch nach langen Friedensjahren den
-Bauer mit Entsetzen füllte. Es hatte sich zu tief eingeprägt, was
-die Pfarrchronik sagt: »weil wier damals, wie noch alle stund und
-augenblick in großer kriegesnot und gefahr geschwebet«, und »weil
-die Kriegesnot und gefahr noch so groß ja größer ist, als sie iemals
-gewesen, sintemal uns der Feind mit rauben, plündern und anderen
-grausamen thaten, ie länger ie mehr kömmt, ... große Tyranney verubet,
-... ausgeplündert« usw.
-
- * * * * *
-
-Doch hinweg mit den Bildern aus blutiger, schwerer Zeit. Wir wollen
-heute hier nicht rasten, so lockend auch der alte malerische Bau auf
-der Höhe und dort das behäbige Gasthaus an der Straße winken. Wir
-wollen ja hinüber ins Weihnachtsland, das jenseits des Berges liegt.
-Auf steilem Wege geht es weiter und an der Flanke des Schwartenberges,
-»an der Schwarte« empor. Hei, das war ein lustiges Klettern, Steigen
-und Rutschen auf dem blanken Eis des schmalen Weges, wo oft nur der
-feste Wanderstab vor jähem Sturz und Abgleiten bewahrte und manchesmal
-nur ein rascher Griff in das Gestrüpp oder nach einem Baumstamm
-eine unfreiwillige rasche Talfahrt ohne Schlitten auf den eigenen
-gewachsenen Rodelkufen verhütete.
-
-Diese Bergflanken oberhalb Neuhausens senden in schneereichen Wintern
-auch ihre Lawinen zu Tal, die manchmal nicht ungefährlich sind. Wer
-den erzgebirgischen Winter kennt und erlebt hat, wie in tagelangem
-Schneetreiben oft die Schneemassen sich türmen und Schneewehen zu
-Bergen sich emporbäumen, wie in den Wäldern viele Hunderte stolzer
-Wipfel unter der kalten, drückenden Faust des Schnees niederbrechen,
-wer einmal in solchem Schneesturm gewandert ist oder vielmehr
-sich durchgekämpft hat, der wird die unheimliche Gewalt solcher
-Naturereignisse ermessen.
-
-Im Winter 1835 löste sich vom hohen Gassenberge eine Schneelawine und
-zerstörte gänzlich das Haus des Korbmachers Hengst, der sich mit den
-Seinen jedoch noch rechtzeitig retten konnte. 1862 verschüttete eine
-Schneelawine das Heinrichsche Haus in der Treibe derartig, daß seine
-Bewohner erst nach langem Schaufeln durch ein Dachfenster des obersten
-Bodens mit Lebensgefahr in Sicherheit gebracht werden konnten.
-
-Heute liegt jedoch der Schnee hier oben nicht so dicht in geschlossenen
-Flächen. Locker, weich und leuchtend wirkt er in den einzelnen
-Flecken und Bändern wie ein schimmernder Schmuck, den der Berg zur
-Weihnachtszeit sich angelegt.
-
-Wir erreichen einige einsame Höfe und gehen dann über eine Schneefläche
-wie auf weichem, kostbarem Teppich auf ebenerem Höhenweg dahin. Wie
-liegt die Welt so fern und klein unter uns. In weiter Ferne der
-Kirchturm von Sayda. Davor der Wald, den wir durchschritten. Im Tale
-einige Dächer und Häuser wie vergessen und verloren. Die Dinge der
-Niederung sind klein geworden, das Große, Erhabene zieht den Blick an.
-Die Augen schweifen in die Runde und können sich nicht satt trinken an
-all der keuschen Herrlichkeit der Berglinien und dem Dufte der Farben
-vom leuchtenden Weiß zum tiefen Blau und Grün, vom zartesten Braun bis
-zum satten Veil dort in den tiefen Gründen der Täler und Wälder.
-
-Höhenluft! -- Wie atmen wir darin auf, wie atmen wir so tief und frei
-und unsre Seele atmet mit, denn um uns und in uns ist das große, stille
-Leuchten, das man erlebt, wenn man Höhenwege wandert hoch über dem
-Alltag. Staubige Pfade liegen fern in der Tiefe, in reiner Höhenluft
-wird das Blut und die Seele frei, frei für Höhengedanken frei von
-dunklen Tiefen.
-
-Oben über uns reckt sich eine Felsengruppe in die Luft, als wäre
-sie der Stuhl eines Gewaltigen, der von hier aus sein weites Reich
-überschaut, dem die Wälder Teppiche und die Berge und Täler Stufen
-seiner Herrlichkeit sind.
-
-Unter einer alten, knorrigen Buche am Wege stehen wir. Sie ist vom
-Sturm zerzaust, und die Äste recken sich trotzig, wie feste Arme mit
-starken Muskeln und Gelenken dem Wetter entgegen, als wollten sie mit
-dem ungestümen Gesellen raufen. Der Schnee liegt in weißen Wuchten
-im struppigen Gezweig, und es fällt ab und zu ein nasser Klumpen
-hernieder. Wir aber stehen und schauen in das große stille Leuchten
-hinaus.
-
- »Kein irdscher Laut mehr reichte durch die Lüfte,
- Mir wars, als stände ich mit Gott alleine,
- So einsam, weit und helle wars da oben.«
-
-Um die Felsblöcke dort oben saust der Wind. Frau Sage sitzt dort und
-raunt ihm ihre Geheimnisse zu. Zauberkundige Venetianer, »die Walen«,
-sollen dort Gold gefunden und aus unterirdischen Höhlen geborgen haben.
-Als 1874 moderne Goldgräber hier ihren Schacht in die Tiefe trieben,
-da floh das Gold und wurde taubes Gestein und arm an Beutel mußte die
-Habgier heimkehren. Frau Sage sitzt wieder dort und schaut mit tiefen
-Augen ins Land und dir in die Seele, wenn du ein Sonntagskind bist, d.
-h. wenn du Höhengedanken in dir trägst. Sie erzählt dir von den Wundern
-der Heimat, die ewig sind und ewig jung.
-
-Durch tiefen Schnee ging es dann weiter und schließlich abwärts ins
-Seiffener Tal, zuletzt auf steilem Fußwege hinunter. Tiefe Schneewehen
-boten hier willkommenen Halt auf dem vereisten steilen Pfad gegen
-den Absturz. Watend und springend, rutschend und fest den Wanderstab
-einsetzend gelangten wir glücklich zu den ersten Häusern am Hange,
-wo der Weg ebener und sicherer wurde und uns bald an winzigen
-Erzgebirgshäuseln vorbei auf die Talstraße führte.
-
-Nur wenige Schritte noch und unser Ziel ist erreicht, das Erbgericht,
-das bunte Haus. Helle leuchten uns seine blanken Mauern und Fenster
-entgegen. Ein Querhaus und zwei Flügel umschließen einen offenen Hof,
-als breiteten sich uns offene Arme entgegen: »Seid willkommen, hie ist
-gut sein, hier magst du rasten und weilen und mag es dir wohl werden.«
-Dort über den Fenstern grüßt gar vertraut Alt-Freibergs Bergparade
-vom langen, gemalten, bunten Holzschild. Ja wahrlich, es ist recht,
-hier der alten Berghauptstadt des Landes und ihrer Bergherrlichkeit
-zu gedenken in so sinniger und sinnfälliger Weise, denn von ihr ging
-die Kultur des Landes aus, ward die Wildnis des Miriquidi gerodet und
-besiedelt, wurden die Erzgruben des Gebirges erschlossen. Der Name
-Erzgebirge wurde erst im sechzehnten Jahrhundert üblich, als an vielen
-Stellen Erz entdeckt und die Bergstädte mit den Namen der heiligen
-Familie wie Joachimsthal, Annaberg, Marienberg, Jöhstadt usw. gegründet
-wurden.
-
-Vorher hieß es nach den Worten eines alten Dichters:
-
- »Sehr wild und felsicht wars in diesen Waldesöden,
- Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind.
- Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten,
- Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«
-
-Auch Seiffen dankt ja seinen Namen und Entstehung dem Bergbau, dem
-Zinnbergbau. Ausseiffen bedeutet auswaschen der Erzkörner aus Sand
-und Geröll. Längst ist er zwar zur Rüste gegangen, aber überall hat
-er seine unverwischbaren Spuren hinterlassen. Man sieht es, daß der
-Bergbau nicht unbedeutend gewesen sein kann und dies bestätigen alte
-Berichte: 1686 wurden rund 200 Zentner »Zien« ~à~ 22--23 Thaler
-gewonnen. 1730 waren in Seiffen vier, im benachbarten Heidelberg zehn
-Zechen im Betrieb. Die Ausbeute betrug 508 Zentner Zinn ~à~ 22 Thaler.
-Doch allmählich ließ die Ergiebigkeit der Gruben nach, der Bergbau kam
-in Verfall. Schon im 16. Jahrhundert gab es Holzdrechsler, welche mehr
-dem Holzreichtum der Wälder als dem Erzreichtum der Tiefe trauten.
-Der Bergmann ist ja auch immer ein Basteler gewesen. So ist es kein
-Wunder, daß oft aus dem Zeitvertreib ein Beruf wurde, und daß, als
-der Bergbau seinen Mann nicht mehr nährte, statt Schlägel und Eisen
-das Schnitzmesser den Lebensunterhalt verdienen mußte. Seiffen wurde
-allmählich der Mittelpunkt und Hauptort der Spielwarenindustrie. Es
-wurde aus einem alten Bergmannsdorf der Typus des erzgebirgischen
-Schnitzer- und Industriedorfes, wo eigenartige Gegensätze sich berühren.
-
-Hier das »Bunte Haus« ist so recht das Heim und der Ausdruck dieser
-erzgebirgischen Volkskunst und Volksindustrie geworden, einer
-Weihnachtskunst, bei der man fröhlich und ein Kind wird wie zu
-Weihnachten, in der man sich heimisch und wohlfühlt, als erzählte
-Großmutter ein Märchen aus der Zeit »Es war einmal«. Vom hübsch
-geschmiedeten Arm an der Hausecke grüßt uns der Spruch:
-
- »Erst die Erde, dann die Sterne,
- Erst die Heimat, dann die Ferne.«
-
-Jawohl, viele suchen die Heimat und können doch nie heimfinden,
-viele haben die Heimat und halten sie nicht. Heimat ist kein leerer
-Ortsbegriff, Heimat ist eine Herzenssache. Wer kein Herz hat, wie will
-der die Heimat finden oder halten?
-
-Möge die Kunst der Heimat der Heimat eine Seele geben, welche jene
-Vielen wieder zu rechten Heimatfreunden, Heimatkindern mit Herzen voll
-heimwehen Heimatstolzes macht. --
-
-Hier im Bunten Hause ist der wohlgelungene Versuch gemacht, durch die
-Heimatkunst des Ortes ein echt erzgebirgisches Heimathaus zu machen,
-in welchem man das Herz der Heimat pochen fühlt und hört. Was der
-Hausspruch sagt und wünscht, das mag wohl sicher in Erfüllung gehen:
-
- »Die Vorzeit grüßt Euch, daß Ihr wißt,
- wie schön sie einst gewesen ist.
- Gott gebe, daß die Nachwelt spat
- an uns dieselbe Freude hat.«
-
-Doch nein, nicht nur für die Nachwelt, nein, für das bunte, freudige
-Leben des Tages und seiner Gäste ist das Haus geschaffen.
-
-Ein frohes Behagen umfängt uns, treten wir unter sein Dach. Der
-Hauptschmuck des geräumigen Hausflures ist die Gestalt eines Freiberger
-Bergmannes, der auf einer Konsole kniet bei der Arbeit vor Ort mit
-Schlägel und Eisen. Der Bergmann, der Erzsucher und Erzfinder, ist --
-oder leider vielmehr war -- ja die Charaktergestalt des Erzgebirges.
-Bergleute sind Wappenhalter bei erzgebirgischen Städtewappen, Bergleute
-sind die Träger erzgebirgischer Kanzeln, Bergleute sind in den alten
-Bergstädten Schmuckfiguren an Bürgerhaus und Portalen, in Kirchen und
-an Geräten. Der bergmännische Gruß »Glückauf« klingt dir oft noch
-treuherzig entgegen. Bergleute sind das Spielzeug großer und kleiner
-erzgebirgischer Kinder. So mag auch hier, wie nirgends, der Bergmann an
-seinem Platze sein.
-
-Wir treten in die Gaststube ein und fühlen uns wie zu Hause in warmer
-Behaglichkeit. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt und rings von
-den Simsen klingt es uns wie Kinderlachen und Weihnachtsjubel aus
-frohen Kinderherzen entgegen. Da ist sie aufmarschiert die ganze
-bunte, lustige Gesellschaft, ohne die Weihnachten im Erzgebirge nicht
-denkbar ist: die Bergleute und Weihnachtsengel mit ihren Lichtern,
-die Nußknacker im buntesten Wechsel, die Räuchermännlein in allerlei
-abenteuerlichen Gestalten. Pferdchen, Kühe und Schafe und der getreue
-Spitz dürfen nicht fehlen. Über den bunt mit Blumen bemalten Türen, wie
-wir sie von den alten Bauernschränken kennen, ist hier der Frachtwagen
-auf die Wand gemalt mit seinen vier starken Pferden, wie er einst auf
-den Straßen des Gebirges verkehrte, um Salz nach Böhmen oder das gute
-Freiberger Bier ins Gebirge zu schaffen. Dort ist der Postschlitten in
-voller Fahrt dargestellt. Kein Plakat, wie sonst in Gaststuben, stört
-mit aufdringlicher Reklame die Harmonie des Raumes.
-
-Einfach gerahmte Bilder aus der erzgebirgischen Heimat von Künstlerhand
-schmücken die Wände, deren oberen Abschluß ein starkes farbiges
-Friesband -- Ähren mit bunten Feldblumen -- bildet. Durch die Fenster
-strömt das volle Licht herein, denn sie sind frei von unnützen
-Gardinen und Stoffgehängen. Dafür schmückt ein starker, farbiger Fries
-von Blumen die tiefen Fensterlaibungen und vor den Scheiben hängen
-gute Glasbilder in farbiger Bleiverglasung mit Darstellungen eines
-drolligen Musikantenvolkes voll köstlichen Humors. Eine wohltuende,
-satte, tiefe harmonische Farbigkeit erfüllt den Raum wie ein voller,
-echter Klang, der von allen Sinnen aufgenommen wird und warm zum Herzen
-dringt. Die kräftigen, gut geformten Holzstühle und Tische laden ein
-zu behaglicher Rast und helfen das Gefühl des Daheimseins steigern,
-weil sie sich ganz in die Raumstimmung fügen. Die Teller, von denen
-du speisest, die Tassen, aus denen du trinkst, sind bunt bemaltes
-Bauerngeschirr, wie wir es aus der Verkaufsstelle des Heimatschutzes
-in Dresden kennen und lieben. Welche Freude ist es, hier im täglichen
-Gebrauch einer Gastwirtschaft dieses reizvolle Geschirr in passender
-Umgebung zu sehen und die Lust an seiner echt volkstümlichen Art zu
-empfinden. Durch dieses Hineinstellen der Ergebnisse liebevoller
-heimatlicher, künstlerischer Arbeit, Forschung und Begeisterung mitten
-in den Gebrauch des praktischen Lebens ist eine Tat getan, durch welche
-die hohen Gedanken des Heimatschutzes und volkstümlicher Kunstpflege,
-Kunstschaffens und Kunstfreude mächtig gefördert werden, um so mehr,
-als es an einem Orte geschieht, in dem die Erziehung zum guten
-Geschmack sich unmittelbar in der täglichen Arbeit auszuwirken vermag.
-
-Mit wie einfachen Mitteln auch schwierigere Fragen gelöst werden
-können, das zeigt die elektrische Beleuchtung. Sie hätte leicht die
-Raumstimmung stören können, wenn die Birnen mit den Glasschalen im
-Raume pendelten oder irgendeine Dutzendware als Beleuchtungskörper
-diente. Wie half sich der Künstler? Er bemalte den Glasschirm der
-Pendellampe in kräftiger Stilisierung mit bunten Bauernblumen. Auf
-den Glasschirm legte er einen bemalten Holzreifen, wie man sie in
-Seiffen dreht, und ließ von ihm bunte Bänder herabhängen. Auf dem
-Holzreifen aber ist allerlei Seiffener Spielzeug lebendig. Da sitzen
-allerlei Vögelchen und schauen mit drolliger Kopfbewegung keck
-herunter. Da jagt der Hirsch durch den Wald, verfolgt vom Jäger mit
-seinem Hund. Kein Beleuchtungskörper ist wie der andere und doch
-alle einheitlich und ein Schmuck des Raumes von echt volkstümlicher
-Seiffener Heimatart. Der Hauptschmuck ist ein großer Kronleuchter, nach
-Art von Kristallkronleuchtern gestaltet, jedoch aus weißen Holzperlen
-zusammengesetzt mit sparsamer Vergoldung, ein mühsames, eigenartiges
-Stück Seiffens Kunsthandarbeit.
-
-In einem Glasschranke sind allerlei Musterstücke der Seiffener Kunst
-ausgestellt, um die Kauflust anzuregen und damit dem Orte zu dienen.
-Der Schrank wirkt freilich in seiner Form des oberen Abschlusses mit
-den geschwungenen Linien und krausen Schnitzerei und Spitzchen hier
-etwas fremdartig, als habe er sich hierher verlaufen und verirrt aus
-einer anderen Welt. Das hat der Künstler wohl empfunden und hat ihm,
-ohne helfen zu können, ein paar Bauernblumen auf die Stirn und unten
-an den Schubkasten gemalt. So wirkt er in der echten einheitlichen
-Raumstimmung gekünstelt und falsch, wie der Salontiroler in der
-Dorfschenke. Auch das Klavier dort an der Wand wird dadurch, daß auf
-die schwarze Politur ein paar kecke Bauernblumen gemalt werden, nicht
-»echt«, wird nicht aus einem Salonwesen zu einem erzgebirgischen
-Bauernkind. -- Gerade auf diesem Gebiete liegen noch viele ungelöste
-Aufgaben, würdig der Mühe tüchtiger Künstlerhände. Die Gewohnheit läßt
-oft Mängel auf diesem Gebiete übersehen, die in einer neuen, fein
-abgestimmten, echten Umgebung plötzlich auffallen und das Verlangen
-nach Neubildung und neuem Leben und Schaffen hervorrufen. In neuem
-Lichte sieht man alte Formen und klarer sieht man, was not tut; den
-falschen Ton einer Saite hört man schärfer, wenn alle anderen Saiten
-und Instrumente gut gestimmt sind, wie hier. Doch diese kleinen
-Unstimmigkeiten sollen uns die herzliche Freude und das Behagen an dem
-stimmungsvollen, echt erzgebirgischen Raum nicht stören. Der Alltag
-liegt weit hinter uns und fröhliche Weihnachtsgeister lachen durch
-den Raum. Nicht in Lärm und jagendem Witz und Scherz, nein, in jener
-tiefen, freudigen Stimmung sind wir beieinander, in der einer den
-anderen versteht, und freudig aus seinem Innern gibt, weil er fühlt,
-nur so kann eine gute Stunde ihren Wert als wahrhaft frohe Stunde
-bringen. -- Wir betrachten dann den Nebenraum, der im Gegensatz oder
-auch Ergänzung zu der echt volkstümlichen Seiffener Stimmung der
-Gaststube mehr auf hohe Kunst erzgebirgischer Art und Landschaft und
-als »Herrenstube« gestimmt ist. Er wird beherrscht von den Gemälden
-mehrerer Künstler, welche hier das hohe Lied der Schönheit heimatlicher
-Landschaft singen. E. Buchwald, Zinnwald, Alfred Hofmann, Stollberg,
-Alfred Kunze, Chemnitz, Prof. Seifert, Seiffen, der Neubeleber und
-Anreger der Seiffener Kunst und Gerhard Dreßler, der Künstler, dem die
-stimmungsvolle Einrichtung des Hauses hier zu danken ist, sie alle
-reden dort mit stummer eindringlicher Sprache von der Heimat, wie sie
-ihnen dort durch die Seele gegangen ist, und ihre Bilder beseelen
-den Raum. Ein Gasthauszimmer, ein Kneipenraum, und doch geweiht und
-frohmachend durch die Kunst.
-
-Man muß dem mutigen Unternehmer danken, diese Lösung der Frage »Kunst
-und Kunsterziehung« für das Volk, so fest angepackt und durchgeführt zu
-haben hier oben im erzgebirgischen Dorfe, während in den Großstädten
-auch in den besten Gaststätten oft nur Plakate oder minderwertige
-Kunst oder Kitsch zu finden ist. Wenn nur in jeder besseren Gaststätte
-im Lande nur ein oder zwei Originalkunstwerke hingen, angeschafft
-für das Geld, das anderweitig für die Augen- und Ohrenmarter der
-Gäste hinausgeworfen wird und besser erspart bliebe so wäre unserer
-notleidenden Kunst geholfen und durch die Erziehung und Freude,
-welche jedes echte Kunstwerk schafft, würde reicher Segen geschaffen.
-Könnten nicht die vornehmeren Gaststätten zugleich stimmungsvolle
-Ausstellungsräume sein für Kunstwerke, die sich hier dem Käufer in
-jeder Beleuchtung zur ruhigen Betrachtung darbieten können und für
-sich und den Künstler unaufdringlich werben können in Räumen, die der
-heimischen Wohnung ähnlich sind. Alle Teile, der Wirt, der Gast, die
-Kunst und der Künstler hätten ihren Vorteil dabei.
-
-Solche Betrachtungen und Lehren regt die Herrenstube hier im Seiffener
-Erbgericht an, während die Sonne durch die bunten Scheiben blinkt
-und leuchtende Farbenflecken auf die blankgescheuerten Tische wirft.
-In den Fenstern sind buntfarbige Wappen und Tierbilder wie Elster,
-Eichhörnchen, Fuchs, Hase angebracht und oben im Laubwerk und
-Nadelgezweig des breiten Wandfrieses tummelt sich fröhlich allerlei
-Getier des deutschen Waldes, frisch und keck ohne ängstliche Schablone
-hingemalt, wie es der Phantasie des Künstlers entsprang. So regt es
-auch wieder die Phantasie an und macht die Gedanken fröhlich.
-
-Eine besondere Zierde des Raumes sind neben dem Holzleuchter an der
-Decke mit einem Bergmann in der Mitte noch die geschnitzten dreiarmigen
-Holzleuchter auf den Tischen, welche in ihrer leuchtenden Farbigkeit
-und mit ihren fröhlichen Motiven das Auge anziehen. Als Mittelstück
-zwischen den drei Armen sprengt dort z. B. ein Reiter im leuchtend
-roten Rock mit einem Jagdhorn auf einem Apfelschimmel über ein
-Fichtenbäumchen hinweg, dort ist es ein stolzer, springender Hirsch,
-dort wieder der Kopf des Hubertushirsches mit dem Kreuz zwischen den
-mächtigen Stangen. Das ist Volkskunst, welche erzählt, welche Seele und
-Gedanken hinausführt aus dem grauen Alltag in Wald und Heide und das
-Herz fröhlich macht.
-
-So geht es dir im ganzen Hause! Schaust du in die Gastzimmer, so
-findest du keine Hotelschablone. Nein, Bett und Leuchter, Tür, Stuhl
-und Spiegel sind dem Geiste des Ganzen angepaßt. Kleine Originalgemälde
-schmücken die Wand, die du, wenn sie dir besonders gefallen, sogar für
-mäßigen Preis erwerben kannst. Manch launiger Vers grüßt dich. An der
-Kammer der Magd steht warnend der Vers:
-
- »Die Wirtin thut aufwecken
- die faule, faule Magd,
- sie thut sich erst recht strecken
- und schlaft dann bis es tagt.«
-
-Auf dem Treppenplatz im Dachgeschoß füllt die Ecke gewichtig ein
-bunter, alter Bauernschrank aus dem Jahre 1704 und eine eigenartige,
-buntgemalte Wiege steht daneben, welche auf dem Kasten den bedeutsamen
-Spruch trägt:
-
- Salomo der Weise spricht
- Weib erfülle deine Pflicht. -- --
-
-In einem Zimmer des Obergeschosses ist eine erzgebirgische Bauernstube
-eingerichtet mit allerlei echtem Geräte bis ins kleinste liebevoll
-und mit großem Verständnis ausgestattet. Dieser für die Volkskunde
-belangreiche Raum ist so recht ein Zeugnis für den Sammeleifer und die
-liebevolle Art, mit der die großen und die vielen kleinen, doch oft
-so wichtigen Dinge des täglichen Lebens und untergehender Sitten und
-Gebräuche erfaßt und bewahrt werden. Er ist zugleich auch ein Zeugnis
-für den Geist der durch das bunte Haus geht, der alles aus Liebe zur
-Sache mit großen Opfern geschaffen und nicht der Reklame und des
-bloßen Gewinnes wegen, obschon auch hier die alte Wahrheit sich wieder
-erweist, daß das Echte und Schöne und Gute seinen Lohn sich selbst
-bereitet.
-
-Das Haus dient dem Orte und der erzgebirgischen Volkskunst und
-Industrie in unaufdringlicher, vornehmer Weise, dadurch, daß es durch
-die lebendige Anschauung Freude daran zwanglos bei jedem Gaste erweckt
-und die Lust am Besitze solcher lustigen Dinge.
-
-Dieser Absicht dient auch die Spielwarenausstellung im Erdgeschoß des
-Seitenflügels, wo man an der Fülle alter und neuer Stücke der Seiffener
-Industrie und Kunstfertigkeit seine Freude hat und nach Herzenslust
-wählen darf, was man sich oder anderen zur Freude erwerben mag. --
-
-Doch draußen lacht die Sonne! Es hält uns nicht mehr im Zimmer.
-Wir steigen zur Kirche aufwärts, welche als achteckiger Zentralbau
-mit hohem Zeltdach und stolz daraus hervorschießendem Glockenturm
-charaktervoll in die Landschaft der Höhenlinien und Hänge sich
-hineinpaßt, wie aus dem Boden gewachsen und doch eigenartiges Leben
-für sich behauptend. Über dem Haupteingange befindet sich eine Platte
-mit der Inschrift: »Zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen geweihet
-1779. Ps. 24. 7 -- Pred. 4. 17.« Links unten ist die Höhenmarke
-640,462 ~m~ eingelassen. Im Innern ist man überrascht über die
-geschlossene feierliche einheitliche Wirkung des zentralen Raumes, in
-dem zwei Emporen übereinander äußerste Raumausnutzung bei günstiger
-Anlage der Plätze zeigen. Im Sinne des großen Meisters der Frauenkirche
-in Dresden, Georg Bähr, ist hier ein echt evangelischer Predigtraum für
-viele Hörer in packendem Zusammenschluß geschaffen.
-
-Auf dem Friedhof draußen stehen wir dann am Grabe des Pfarrers Härtel,
-der ein rechter Pfarrer für seine Gemeinde war, ein treuer Berater für
-die Seelen seiner Gemeinde, Helfer und Anreger auch in allen Dingen,
-die zur Blüte seiner Gemeinde in wirtschaftlicher, heimatkundlicher und
-kunstgewerblicher Hinsicht beitragen konnten, ein Freund der Heimat,
-festgewurzelt im Boden seiner geliebten Gemeinde.
-
-Draußen im Walde hatte er sein Lieblingsplätzchen, wo er von moosig
-bewachsener Felsbank ins Tal schaute. Dieser Stein aus heimischem Grund
-sollte sein Grabstein werden, hatte er einst gewünscht.
-
-Als ein rascher Tod ihn seiner Gemeinde nach beinahe dreißigjähriger
-treuer Arbeit entriß, da dachte man seiner Worte. Er konnte nicht mehr
-zum Stein im Walde draußen gehen. So kam der Stein aus dem Walde zu
-ihm und deckt nun als mächtige, rauhe Platte sein Grab und schützt
-es wie der Deckstein das Grab eines germanischen Edelings. Eine
-schlichte Inschrift nennt seinen Namen. Ein grüner Kranz aus ernsten
-Fichtenzweigen ist sein Schmuck.
-
-Eine weihevolle, ernste Stimmung liegt über dem Grabe. »Der ist in
-tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie du!« --
-
-Wir schreiten weiter unter der Traueresche hindurch, welche wie ein
-mächtiger Torbogen die Straße überwölbt, und als ein eigenartiges
-Naturdenkmal von besonderem Reiz zu hegen ist.
-
-Die Binge ist unser Ziel. Zwei Kessel sind es, aus denen einst das Erz
-gebrochen wurde. Eine Halde und steiler Felsgrat liegt zwischen ihnen
-und trennt sie. In die kleinere kann man hineingehen. Sie wirkt wie ein
-ungeheurer Steinbruch mit steilen Wänden, auf deren Vorsprüngen und
-Kanten heute der leuchtende Schnee liegt und die Farben des Gesteines
-besonders hervorhebt. Oben von der Höhe zwischen den Bingen haben wir
-einen weiten Blick ins Land und auf den Ort zu unseren Füßen. Wie auf
-einer gewaltigen Kanzel stehen wir hoch über der Geschäftigkeit des
-Tages, die verworren zu uns heraufklingt. Dann steigen wir zur großen
-Binge herab auf vereistem Wege, der glatt und nicht ungefährlich uns
-dicht am Rande dieses ungeheuren, wildromantischen Kraters entlang
-führt. Ein Wasser stürzt jenseits rauschend in die Tiefe und Eiszapfen
-hängen von dem Gestein wie schimmernder Spitzenbehang. Aus dem Grunde
-ragen Bäume auf und drüben am Rande stehen echt erzgebirgische,
-niedrige Bergmannshäuser. Längst ist der Bergbau hier erloschen, aber
-sein unverwischbares Gepräge hat er dem Orte gegeben. -- Doch jetzt
-wollen wir noch Seiffen bei der Arbeit und bei der Kunst -- Kunst der
-kleinen Leute suchen!
-
-Unser Weg und unsere Wißbegierde führt uns in die Fachschule, die ein
-Jungbrunnen für die Seiffener Industrie zu werden bestimmt ist. Eine
-reiche Sammlung von Seiffener Spielzeug von ältester Zeit her zeigt
-wie die Entwicklung von einstiger Höhe zur Tiefe abwärts und in der
-neueren Zeit wieder zur Höhe aufwärts ging. Neben den alten guten
-Sachen fesseln uns vor allen die Dinge der Gegenwart und Zukunft, die
-Dinge der Hoffnung, neuzeitliche Arbeiten, die in echt erzgebirgischer
-Art die fröhliche Farbenbuntheit mit immer wieder neuen Formgedanken
-in materialgerechter Bildung und Herstellung verbinden. Über vielen
-Arbeiten liegt ein frischer Humor, der uns unwillkürlich lächeln läßt,
-wie bei jener Familie bunter Vögel, die mit ihren drehbaren Köpfchen
-sich um ihren gravitätischen Vogelkönig mit dem großen Schnabel und
-goldenem Krönchen scharen und mit aufgehobenen Schwänzchen bald keck,
-bald dummdreist, bald fröhlich in die Welt gucken. Kindeseinfalt,
-Märchensinn und Schelmerei sind mit scharfer, künstlerischer
-Naturbeobachtung verbunden, um in einfachster Form und Technik
-echte Vogelcharaktere zu geben und echtes kinderseliges Spielzeug
-zu schaffen. Und doch ist es so schwer, wie man uns sagt, diesen
-köstlichen Dingen Eingang ins Volk zu schaffen! Zur Anfertigung z. B.
-dieser Vögel hatte sich nur eine Fabrik seinerzeit bereit gefunden,
-welche inzwischen den Betrieb eingestellt hat. Diese Dinge werden also
-aus dem Handel völlig verschwinden, wenn nicht ein anderer Betrieb
-sie wieder aufnimmt und für den Vertrieb sorgt. Wir sehen in der
-Ausstellung z. B. auch das köstliche Gespann eines Ochsen und Pferdes
-vor einem Wagen mit Holzstämmen von einer verblüffenden Naturwahrheit
-und Echtheit in der Bewegung bei aller packenden Einfachheit der
-Form und Technik, daß man seine helle Freude daran hat. Auch dieses
-prächtige Werk echt deutschen Kindersinnes wird in deutschen
-Spielzeughandlungen wenig gekannt, geführt und gekauft. England und
-Amerika sind die Abnehmer. Und doch sind gerade diese Dinge, welche
-die künstlerische Leitung der Fachschule schafft und mustergültig
-durcharbeitet, die Hoffnungen für einen neuen Aufschwung in
-künstlerischem und wirtschaftlichem Sinne für die Seiffener Industrie.
-Sie sind die gesunden Keime einer kräftigen, zukunftssicheren
-Entwicklung und einer reichen kommenden Ernte.
-
-Wenn die erstarrten und veralteten, z. T. unnatürlichen und unschönen
-oder gekünstelten Formen, welche noch vielfach den Spielzeugmarkt und
-die Musterläger beherrschen, diesen schönen Dingen weichen würden und
-den reichen Anregungen der Fachschule mehr nachgegangen würde, so wäre
-eine neue Blüte erzgebirgischer Kunstindustrie zu erhoffen. Das Schöne
-muß Massenartikel werden.
-
-Da hängen z. B. in der Ausstellung eine Reihe von reizvollen,
-bunten Leuchtern aus Holz in einfacheren und reicheren Formen und
-Ausgestaltungen nach Motiven der alten erzgebirgischen, sogenannten
-Bergspinnen, gefertigt und belebt mit allerlei lustigen Figuren.
-Wer kennt diese köstlichen Dinge? Sprudelndes Leben, volkstümliche
-Kraft und bunte Farbenfreude spricht aus jedem Stück. Wie geschaffen
-sind sie, um im Kinderzimmer, im Herrenzimmer, auf der Diele oder in
-traulichen Gaststuben einen frohen Klang erzgebirgischer Heimatkunst,
-Heimatlust und Freude zu tragen. Sie haben sprühende, lebendige
-Ursprünglichkeit und farbenreiche Musik in allen Gliedern, wie ein
-Volkslied, das durch alle Stimmungen reißt, innig empfunden und frisch
-aus dem Herzen gesungen.
-
-Sie sind wahre Volkskunst eigener echter Prägung und Art, durch
-welche das Erzgebirge seinen Ruf in ungeahnte Fernen zu tragen
-vermag. Denn nicht die Schablone, nicht die Allerweltsartikel,
-nicht die Überalldinge, nicht die Billigkeit begründen den Ruf und
-Erfolg, sondern die Eigenkunst, die Eigenkraft, der Eigenwert,
-die volkstümliche Eigenart, welche lebendig aus dem tiefsten
-Empfinden der Volksseele herausgewachsen ist. Wenn sich mit dieser
-volkstümlichen Eigenkunst der echte Unternehmergeist im Betrieb und
-Vertrieb verbündet, so wird er auch die wirtschaftlichen Erfolge für
-die erzgebirgische Heimatkunst herbeizuführen wissen. Trotz vieler
-köstlicher Dinge, die aus der Fachschule noch zu berichten wären,
-z. B. die Christmetten mit der Kirche in Seiffen in wunderbarer
-Lebendigkeit figurenreich hingestellt, müssen wir scheiden. Wir
-gehen noch durch mancherlei Häuser und Fabriken, um einerseits die
-Heimarbeit, andrerseits die Reifendreherei und die bis ins äußerste
-getriebene Arbeitsteilung der Seiffener Industrie kennenzulernen, wo
-mancherlei bemerkenswerte Beobachtungen, Bilder und Gespräche uns
-lohnten. Geht nur mit offenen Augen und Herzen in die Arbeitsstätten
-und ihr werdet stets reicher daraus wiederkehren. -- Durch bis ins
-kleinste durchgeführte Arbeitsteilung werden in der Heimarbeit oft
-mit großer Geschwindigkeit große Mengen des einfachen Spielzeuges
-hergestellt. Da sitzt die ganze Familie oder mehrere Familien in einer
-Stube beieinander, und das kleine Werk eilt von Hand zu Hand der
-Vollendung entgegen. Die Männer an der Drehbank, den Reifen drehend,
-von welchem wie schimmernde lustige Bänder die feinen Drehspäne
-fliegen. Wie die Scheiben vom Kuchen, so werden vom Reifen die Profile
-der Spielgestalten abgespalten, geschnitzt, zusammengesetzt, geleimt,
-gemalt. Frauen und Kinder sind emsig tätig, singen auch wohl ein
-Heimatlied von Anton Günther, während der Krinitz im Bauer dazu pfeift.
-
-Aus der Heimarbeit mit ihrer Traulichkeit, die die Familienglieder oder
-Nachbarschaft zu gemeinsamer Tätigkeit zusammenschließt, entwickelt
-sich durch die Arbeitsteilung die Fabrikarbeit, wo die Hand die
-Maschine bedient oder in einförmiger, immer wieder geübter Bewegung zur
-Maschine wird. An langen Tischen sitzen sie und schaffen und reichen
-sich die Arbeitsteile zu; nur der Arbeitsvorgang verbindet sie noch
-äußerlich. Das innere Verhältnis zur Arbeit, das innere Band, welches
-die Familie daheim um die gemeinsame Schöpfung eines Spielzeuges
-zusammenschloß, ist verlorengegangen, das was den Heimatfreund so
-fesselte, ist nicht mehr. Freilich mag diese Industrie mehr Leute und
-besser nähren, wir wollen sie nicht drum schelten, aber die Seele ist
-doch verloren gegangen und die Innigkeit des schlichten Empfindens, die
-Poesie der Schöpferfreude ist in den Fabriksälen nicht zu finden! --
-
-Von sausenden Rädern und Transmissionen aus Sälen, durch deren mächtige
-Fenster hart, kalt und helle der nüchterne Tag hineinschien, traten wir
-in ein schlichtes Haus und stiegen auf hölzerner Treppe mit knarrenden
-Stufen aufwärts zu einem alten Mütterchen von mehr als 70 Jahren,
-Auguste Müller, welche als letzte wohl noch die urtümliche Herstellung
-einzelner Originalstücke nach eigener Erfindung in mühevoller
-Handarbeit von rohem Holze bis zum letzten Pinselstrich in köstlicher
-Naivität übt und in ihren Figuren ihre Phantasie mit munterem Blick
-durch die ganze Gotteswelt spazieren läßt.
-
-Mit gebeugtem Rücken, sitzt sie im engen Stübchen, das Küche,
-Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsraum, Himmel, Erde und Weltall
-zugleich ist, wo die Katze schnurrend umherstreicht. In malerischer
-oder vielmehr schnitzerischer Unordnung liegen auf dem Tisch
-Arbeitsgeräte, gekochte Kartoffeln, Nähzeug, Kaffeetopf und allerlei
-Dinge verschiedenster Bestimmung. Eifrig holt sie einen Kasten
-herbei mit einzelnen fertigen Arbeiten und erzählt von ihren Plänen.
-Für einen feinen Herrn hat sie die Figuren der Söhne geschnitzt in
-Matrosenanzügen, und ein feines Fräulein mit Täschchen und Federhut. Im
-Walde lebt der »Nusser« (Häher) sagt sie, und diesen packt der Habicht.
-Da verliert er seine kleinen blauen Federn. Diese sammelt sie sich und
-schmückt damit den Federhut des feinen Fräuleins. Für Kleid und Tasche
-sucht sie in der Modenzeitung ihre Muster in Schnitt und Farbe. Für das
-Dienstmädchen wählt sie ein flottes Dirndlkleid. Frisch ist der Typus
-der feinen Dame und des drallen Dienstmädchens getroffen. Dort hat
-sie eine ganze Tiroler Sängergesellschaft humorvoll zusammengestellt.
-Jetzt wolle sie einen Tempel bauen mit einer Krone oben, um den die
-Engel schweben. So geht ihre Phantasie und ihr Plaudern mit einer
-erstaunlichen Lebendigkeit. Was sie sich zusammensinniert mit ihrer
-kindlichen Phantasie, das führt sie mit großer Sicherheit durch, wofür
-viele eigenartige und reizvolle Stücke in der Sammlung der Fachschule
-und im Bunten Haus Zeugnis ablegen. Unter manches dieser Stücke klebt
-sie einen Zettel, auf dem irgendeine Schnurre oder scherzhafter
-Einfall notiert ist, der ihr vielleicht gerade Anlaß zu dieser Arbeit
-und ihrem Humor gegeben hat. So läßt sie ihre kleinen Personen reden
-und macht sie sich selbst lebendig. Sie lebt mit ihnen, sie sind
-kindlicher Ausdruck ihrer Stimmung. Auch ihr Name darf nicht fehlen.
-Ein stark abgeschliffenes Schnitzmesser ist ihr Handwerkszeug bei der
-Schnitzarbeit.
-
-Das ist echte Volkskunst in ihrer ganzen naiven Kindlichkeit, die noch
-in diesem alten Mütterchen lebt und webt, sie ausfüllt und geistig
-lebendig, zufrieden und rüstig erhält, trotz aller Kärglichkeit und
-Sorge, welche der mühsame Erwerb bereitet; Volkskunst, wo in jedem
-einzelnen Stück die ganze Liebe und Freude des Herstellers an der
-Arbeit steckt und es wertvoll macht als Originalwerk, das aus der Seele
-des Volkes geboren ist. Volkskunst freilich auch, die nicht für den
-Massenexport und als Lebensberuf geeignet ist. --
-
-Wir scheiden von der Alten mit dem Wunsche, daß sie noch lange ihr
-Schnitzmesser führen möge als letzte Schnitzerin echt volkstümlicher
-Seiffener Kleinkunst. Ihre kleinen Arbeiten werden wohl bald in
-Sammlungen solcher Dinge gesucht sein.
-
-Bei dieser Wanderung durch die Seiffener Arbeitsstätten haben wir
-immer stärker und stärker empfunden, daß nur die Pflege der Eigenart
-uns stark machen kann. Nur in ihr schlummert die urwüchsige Kraft,
-welche sich durchzusetzen und zu behaupten vermag. Nur durch kraftvolle
-Eigenart und schlichte, einfache, volkstümliche, kindhafte Gestaltung
-muß diese Volkskunst wirken, sich abheben, herausheben von dem
-Gleichgültigen, aus der stumpfen Masse, aus tödlicher Schablone. Wie
-unsere Berge ihren Charakter tragen, der auch in den echten Kindern der
-Berge sich ausprägt, so muß die Kunst des Gebirges zu immer größerer
-Echtheit und Eigenart, zum Charakter sich durchringen und emporsteigen,
-mehr und mehr echt erzgebirgische Weihnachts- und Kinderkunst werden.
-Der innere Gehalt und äußere Wert können und werden dadurch wachsen und
-eine neue Blüte der alten erzgebirgischen Volkskunst gewinnen.
-
-Hebt euch, ihr Künstlerhände, zum Werke und zur Tat, wache auf, du
-deutsche Phantasie mit Kindesaugen und Kinderherzen und schaffe neues
-Kinderglück, greife ins Land der Träume und trag’ die Erfüllung ins
-Land der Wirklichkeit, raffe dich auf, Unternehmergeist, zu frischem
-Wagen auf neuen Wegen und zu neuer Unternehmung für alte und neue
-Weihnachtskunst und Kinderkunst.
-
- * * * * *
-
-Unsere Abschiedsstunde von Seiffen hat geschlagen. Wir setzen den
-Stab heimwärts aus dem Lande der Kinderträume, Weihnachtsseligkeit
-und Spielzeugherrlichkeit, in dem uns wohl war wie am Heiligen
-Abend. Das Tageslicht ist erloschen, die bunten Farben der Welt sind
-in schweigende, schwarze Täler, in traumhafte Tiefen versunken.
-Auf einsamer, stiller Höhe schreiten unsere Füße. Unsere Gedanken
-wandern über die Täler, über die Höhen, durch Dunkel und durch Hell
-zur Unendlichkeit. Tief dunkelblau hatte sich der Himmel über die
-schlummernde Erde gespannt. Millionen silberne Funken blitzten aus
-den unendlichen Tiefen des Weltalls, mit rätselhaften, tiefsinnigen
-Fragen unser Herz bedrängend. Als die Menschheit noch ein Kind war,
-fragte sie danach, und wenn der letzte Enkel seine Stirn zu Sternen
-erhebt, wird diese Frage an sein Herz und sein Hirn pochen, die Frage
-nach dem Ich und Du, dem Warum, Woher und Wohin. »Wer trägt der Himmel
-unzählbare Sterne?« Je tiefer wir in die dunklen Zweige und Gründe
-des schimmernden Weltenweihnachtsbaumes dort oben schauten, desto
-feierlicher, desto ehrfürchtiger wurde uns zumute, desto kleiner wurden
-wir, Kinder, denen ein unerklärliches Leuchten und Sehnen die Seele
-hebt, alles Fragen stille macht und den Mund schweigen läßt. Durch
-die schwarzen Wälder rauscht es wie ferner Orgelton, durch dunkle
-Gründe ging das Schweigen auf leisen Sohlen, und die weite Welt mit
-ihren Bergen und Tälern lag stumm unter dem dunklen, sterngestickten
-Mantel der Nacht, stumm unter den leuchtenden Rätseln der Ewigkeit.
-Weihnachten ist es. Wir sind Kinder, die heimlich einen Blick auf noch
-versagte Seligkeit werfen wollen, denen nicht das Wissen, sondern
-das Ahnen Weisheit ist, deren Herz voller Erwartung ist. Was wird,
-du Seele, die Antwort auf dein Fragen, die Lösung aller Rätsel sein?
-Steh’ unter Sternen auf dunkler Höhe und hebe dein Herz empor zu den
-leuchtenden stillen Wanderern der Unendlichkeit, und dein Herz wird
-stille werden, weihnachtsfroh und weihnachtsstill. Das Fragen nach dem
-Ich und Du, dem Warum, dem Woher und Wohin wird in den Sternenströmen
-der Ewigkeit seine Ruhe, sein Ziel und Erfüllung finden. Das Fragen und
-Ahnen wird zum Schauen werden, zum Schauen und Lauschen auf das heilige
-Rauschen der Sternenwogen der Unendlichkeit, unter deren leuchtendem
-Schaum von Weltkörpern die dunkle Erde wie ein Staubkorn dahinwirbelt,
-ein Staubkorn und doch ein Gottesgedanke von unergründlicher Tiefe,
-Weisheit und Schicksalsgewalt, ein Gottesgedanke, von dem ein
-Sternenfunken in jeder Menschenseele, in jedem Menschenschicksal liegt.
-
- »Denn die Ewigkeit ist nur
- Hin und her ein tönendes Weben;
- Vorwärts, rückwärts wird die Spur
- Deiner Schritte klingend erbeben,
- Deiner Schritte durch das All,
- Bis, wie eine singende Schlange,
- Einst dein Leben den vollen Schall
- Findet im Zusammenhange.«
-
- (Gottfried Keller.)
-
-
-
-
-O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit!
-
-
-Schon tagelang waren die weißen Flocken gefallen und hatten die
-weiten Felder und die alten, mächtigen Halden in ihr weiches Gewand
-gehüllt. Im Spittelwalde draußen neigten sich die Wipfel der schlanken
-Fichten, und die Zweige hingen tief zum Boden hernieder, beschwert
-von den Wuchten und Lasten des Schnees. Nur die starken und stolzen,
-welche so gern allein stehen, ragten wie silberne Türme mit wunderbar
-ziseliertem, gotischem Filigran spitzengleich übersponnen. Sie
-streckten sich und reckten sich hoch über die Jugend, welche sich unter
-der Schneelast duckte und beugte. In abenteuerlichen Gestalten, wie
-Schneemännlein oder Eisbären, wie Zuckerhüte oder weißbärtige Gnomen
-in weißen Kappen, bald dicht gedrängt in großer Schar oder in kleinen
-Trupps oder einzeln verstreut, standen die jungen Bäumchen und harrten
-der seligen Weihnachtszeit entgegen. Im Sonnenschein funkelten und
-flimmerten die Millionen Kristalle, als gäbe es nur Glanz und Reinheit
-auf der Welt, als wäre aller Staub und alles Graue und Trübe vergangen,
-als wäre diese Erde eine silberne, schimmernde Märchenwelt. Ja, auch
-der Schatten in diesem Glanz war noch ein blaues Licht, das weich und
-geheimnisvoll leuchtete und glitzerte, als wäre es nicht von dieser
-Welt, sondern aus unendlicher, ewiger Ferne seliger Sternenträume.
-
-So stille ist es, so heilig still. Nur ein paar Meisen zirpen mit
-leisem Laut und klettern kopfüber, kopfunter an den Spitzen der
-zarten Nadelzweige. Was mögen sie sich zurufen und plaudern in ihrer
-immergrünen, duftenden Heimat, die gar viel herrlicher ist als alle
-Pracht und Wohnung der anspruchsvollen Menschen!
-
-Da hebt ein Läuten an von ferner Glocke und schwingt sich durch den
-Glanz und Sonnenschein über die beschneiten Wipfel und weißen Felder,
-durch die blauen Schatten mit so vertrautem Klingen. Das Bergglöckchen
-vom Petriturme ruft. Jahrhundertelang rief es hinaus zu den Halden
-und Schächten, hinein in die Bergmannshäuser, kündete den Wechsel der
-Schicht, mahnte zur Arbeit und rief zum Feierabend.
-
-Feierabend hat der Bergbau gemacht, aber das traute Klingen des
-Bergglöckchens ist geblieben und ruft uns heute hinein in die Stadt,
-in die alte Bergstadt voller Weihnachtsstimmung, Weihnachtsschimmer
-und Weihnachtstraumseligkeit. Was machen die alten Häuser ein so
-freundliches Gesicht. Die hohen steilen Ziegeldächer sind weiß
-verschneit. Auf allen Simsen und Kanten von Mauern, Fenstern und
-Ecken, auf allen Ästen der Bäume liegt der schimmernde Schnee. Wie zu
-silbernen Stickmustern verflochten ist das zierliche Gitterwerk der
-Zweige, als wollten sie in einem schimmernden Netz die Weihnachtsfreude
-der verzauberten Stadt fangen und halten. Lustig klingen die Schellen
-der Schlitten, welche von den Dörfern hereinkommen, um für den
-Heiligabend noch Gaben heimzubringen. Weißbereift sind die Mähnen und
-die langen Zottelhaare an Brust und Flanken der schnaubenden Gäule.
-Das war ein lustiges Fahren draußen auf der glatten Bahn, wo man weit
-über die verschneiten Felder schaut oder durch den Wald gleitet mit
-lustigem Klingklang, wo so viele duftende, grüne Nadelbäume still und
-feierlich ihrem Weihnachten entgegenharren.
-
-Nadelduft und grüne Weihnachtsherrlichkeit üben auch ihren Zauber hier
-in der Stadt. Auf dem alten Obermarkt stehen in Reihen und Gruppen die
-Weihnachtsbäume, die Fichten und Tannen. Ihre waldfrische Pracht, der
-kräftige Harzgeruch machen den Markt zu einer großen Weihnachtsstube,
-in der sich fröhlich große und kleine Kinder tummeln. Otto der Reiche
-auf seinem hohen Sockel hat einen Schneepelz auf die Schultern und über
-die Arme gelegt und über den Ritterhelm hat er gar eine weiße Pelzmütze
-gezogen. Er möchte wohl gar heute der Knecht Rupprecht sein in seiner
-alten, getreuen Bergstadt! Seine vier Löwen blinzeln recht gemütlich
-mit gravitätischem Humor unter ihrer weißen Schneekappe hervor und
-drängen sich mit eingeklemmten Schwänzen wie vier weiße, brave Pudel
-um die Säule ihres Herrn. Die Tatze, welche das Wappen hält, hat einen
-dicken, weißen Schneehandschuh und wird so freundlich hochgehoben, als
-wollten sie »Pfötchen« geben. Heute dürfen sie auch freundlich grinsen,
-denn es ist ja Weihnachten und die übermütigen Herrn Studenten sind
-fort, in die Ferien, und können heut’ nicht durch kecken, respektlosen
-»Löwenritt« um Mitternacht auf ihrem stolzen Rücken ihre königliche
-Ruhe stören.
-
-Ringsum am Rande des Marktspiegels stehen die fröhlichen
-Weihnachtsbuden mit all den süßen Herrlichkeiten an Zuckerwerk,
-Marzipan, Schokolade, Makronen, Pfeffernüssen und Honigkuchen, welche
-Weihnachten erst zum rechten Fest der Kinder machen. Da leuchtet all
-der bunte Flimmer in Farben, Silber und Gold, in Kugeln und Fäden,
-in Ketten und Sternen und strahlendem Flitter, der den Baum zum
-Märchenbaum seliger Kindheitsträume machen soll. Da ist all das liebe
-Spielzeug ausgebreitet, wie es droben im Gebirge gefertigt wird, vor
-dem die Kinder sich drängen und die Kinderherzen rascher schlagen
-im Wünschen und Wählen, vor dem die Kinderaugen heller leuchten. Da
-stehen die steifen gravitätischen Bergmänner, groß und klein in langen
-Reihen, die Räuchermännlein mit ihrem offenen Munde schauen so putzig
-in den Abend hinein, und die ganze Tierwelt, Soldaten und Hampelmänner
-warten darauf, unter dem Weihnachtsbaume vom Kinderjubel gepackt und
-mitgerissen zu werden.
-
-Wenn dann die Dämmerung herniedersinkt, dann leuchtet es und strahlt
-es blitzend auf in den Buden, und jede wird für die Kinderherzen
-ein Märchenschloß, ein Feensaal, in dem alle Herrlichkeit und
-Wunschseligkeit schimmert und flimmert. Da schießen die blitzenden
-Strahlen der Wunderkerzen auf, zucken im blendenden Glanze weißer Glut,
-als wäre aus den unendlichen Tiefen der blauen Wundernacht Stern um
-Stern uns näher und näher gerückt. --
-
-Da horch! Es erhebt sich ein wunderbar gewaltiges Dröhnen über unserem
-Haupte, mächtiger und mächtiger schwillt es an:
-
- »Ein Rufen und Locken
- in all dem Schwingen,
- Summen und Klingen
- dem Leiseverhallen
- dem Wiedereinfallen,
- dem Sinken und Steigen,
- dem Schweben und Neigen
- faßt meine Seele, trägt sie empor.«
-
-Die Glocken haben ihren ehernen Mund aufgetan und läuten nun das Fest
-aller Feste, die heilige Weihnacht, ein. Das sind die Glocken der
-Hilliger, der berühmten Freiberger Gießerfamilie, aus deren Gießhütte
-vorm Peterstore so herrliche Werke der Bronzeplastik, an Kanonen und
-Glocken hervorgingen. Seit Jahrhunderten hängen die Glocken auf den
-Türmen und singen ihr urewiges Lied mit mächtigen dröhnenden Akkorden
-über die alte Stadt hinweg, in die alten Gassen hinein und empor in den
-weiten Himmelsraum. Wievielen Herzen haben sie schon geklungen. Wieviel
-Leid und Trauer, wieviel Not, Glück und Sehnsucht, wieviel Fernweh,
-wieviel Heimweh haben sie auf ihren singenden Schwingen getragen!
-
- »Es kommt auf weichen Wogen
- mein Heimwehtag im Festgeläut
- der Glocken hergezogen.«
-
-Wie oft haben sie umsonst gerufen, und wie oft trugen sie mit ihrer
-singenden Seele empor den Aufschrei der Seele, der Gemeinde aus dem
-dunklen Grunde tiefster Gefühle.
-
-Es ist etwas Besonderes, Ehrwürdiges, ans Herz Greifendes, wenn
-die Glocken von den Türmen dröhnen, die seit Jahrhunderten mit den
-Wolken und den Blitzen, mit den Stürmen und den Wettern Zwiesprache
-halten, deren Stimmen wir heute lauschen, wie die Urahnen ihnen die
-Herzen öffneten und ihnen ihre Herzensgedanken vertrauten, um sie
-hinauszurufen in Jubel und Freude, in Angst und Not, in Dank und Gebet.
-Dieselben Stimmen, die mit uns sprechen und für uns rufen, wie vor
-längst verschollener Zeit zu längst vergangenen Geschlechtern!
-
-Wieviel Hände sind längst zu Staub zerfallen, die dort schon vor
-Jahrhunderten die Glockenstränge zogen, um des ehernen Mundes Singen
-und Rufen ins Leben tönen zu lassen!
-
-Wieviel unruhige Herzen sind stille geworden, denen ihr Klang etwas
-Besonderes zu sagen hatte!
-
-Ja, eine geheimnisvolle, unergründliche, tiefe Seele lebt in der alten
-Glocke, die mit dir reden will, sich offenbaren und dich emportragen
-will, aus der Enge der Gassen, aus dem Dunkel der Stuben und Häuser,
-vor allem aus der Enge und Beklommenheit deines Herzens und dem Dunkel
-deiner Seele, emportragen zum Licht und einer Fülle aller inneren
-Akkorde.
-
- »Hebt meine Seele ins Abendrot
- aus Erdendämmerung, aus Erdennot.«
-
-Ist es nicht etwas Wunderbares um eine Glocke? Eine Glocke kennt nur
-einen Ton, ob der Sturm sie schüttelt oder der zarte Finger eines
-Kindes sie rührt, ob sie die glückliche Braut zum Altare geleitet oder
-die trauernde Witwe auf dem Gange zum Grabe, ob sie die Gemeinde zum
-Gottesdienst ladet oder das Sturmsignal bei Feuersbrünsten gibt: Nur
-einen Ton gibt die Glocke, aber Untertöne schwingen mit, und dein Herz
-klingt wider von ihren Tönen, und du weißt, was dieses Tönen sagen will
-und wie tausend Zungen daraus sprechen in Freud und Leid, in Sturm und
-Stille, im Leben und Sterben. Wenn die Glocken dröhnen, dann lausche,
-ob dein Herz mitschwingt, ob dein Herz auf den rechten Ton gestimmt
-ist. -- -- -- --
-
-Heute ist es ein ganz besonderes Klingen, das durch die gewaltigen
-Stimmen der Glocken schüttert und bebt. Die hohen Dächer und Giebel
-scheinen zu lauschen. Leise, leise fallen die Flocken wie zartes
-silbernes Spitzengeriesel! Der Wind scheint zu schweigen und stille,
-ganz stille zu ruhn, wie so von den Türmen die erhabenen Stimmen sich
-hinausschwingen und weit über die Mauern der Stadt, über Halden und
-schweigende Felder und die tiefverschneiten ruhenden Wälder rufen und
-künden mit unendlichem Wohlklang: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede
-auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«, jene Kunde, deren selige
-Verheißung noch von keinem anderen Worte übertroffen worden ist.
-
-Zur Christvesper rufen ja heute die Glocken. Durch die enge Kirchgasse
-mit den malerisch gestaffelten Dächern der alten kleinen Häuser, hinter
-denen die wuchtigen Massen des altersgrauen Domes um so gewaltiger in
-das Nachtdunkel emporwachsen, eilen vermummte Gestalten dem Eingange
-zu. Wie mächtige Wogen ehernen Klanges dröhnen die Stimmen der Glocken
-vom Turme dir entgegen, füllen die Gasse, überfluten die engen Wände
-der Häuser und strömen hinaus in die stille, heilige Wundernacht.
-
-Aus dem Eingange zum Dom tönt weich und süß der Klang der Orgel,
-schimmert der Glanz ferner Weihnachtslichter vom Altar her aus
-dunkelgrünem Nadelgezweig. Heute hat es so manchen in das Gotteshaus
-gezogen, der sonst ein gar seltener Gast hier ist. Heute will er hier
-das wilde Hasten und Treiben da draußen ganz vergessen, will zur
-Kindheit sich zurücktasten und in das Herz aufnehmen einen Klang von
-dem »Friede auf Erden«. Dicht sind alle Reihen und Plätze besetzt. Wie
-ein stilles freudiges Warten liegt es über der Gemeinde. Heute sind
-mehr denn je die Herzen aufgetan, und wie die Alten in weicher Stimmung
-in das selige Kinderland der Erinnerung zurückschauen, so pochen
-die Herzen der Jungen, der Kinder zumal, kommenden seligen Stunden
-entgegen. Freudig und voll jauchzen die Akkorde der alten herrlichen
-Silbermannorgel, jubelt der Gesang der Gemeinde dazu: »Welt ging
-verloren, Christ ward geboren, freue dich, freue dich o Christenheit!«
-Ein Kinderchor auf der Empore über dem Altar gegenüber der Orgel
-singt die alte süße herrliche Weise »Es ist ein Ros’ entsprungen« mit
-der Innigkeit, wie nur Kinder vor der Christbescheerung aus ihrem
-erwartungsvollen, wunderseligen Kinderherzen ausströmen können. Dann
-ist es, als ob der Engel der Verkündigung herniederstiege: »Vom Himmel
-hoch, da komm ich her« singt eine wunderholde Frauenstimme aus der Höhe
-und füllt mit ihren reinen, weichen, süßen Tönen die Halle des Domes
-und dringt in die Herzen der lauschenden Gemeinde. Die hohen stolzen
-Gewölbe öffnen sich, die Mauern sinken nieder, über uns wölbt sich
-der dunkelblaue Nachthimmel, an dem der Stern von Bethlehem strahlt.
-Wir sind die Hirten und schauen empor in diese Nacht der Wunder und
-Geheimnisse, aus der so unbegreiflich selige Verheißungen in lichten
-goldenen Klängen herniederströmen. Ganz leise singen die Stimmen der
-Orgel dazu, als tönten aus himmlischer Ferne die Harfen der Engel und
-als spielte der Nachtwind durch die flüsternden Halme des Feldes bei
-Bethlehem und durch die Kronen träumender Palmen. -- Heimwehklänge nach
-einer unbekannten Heimat, nach einer versunkenen Stadt der Seele, deren
-Glockengeläute und Orgelsang der Sehnsucht geheimnisvoll aus fernen
-Tiefen deiner Seele ruft. Ergriffen lauschen wir den wunderbaren,
-uralten, heiligschönen und doch so kindlich reinen einfachen Worten
-der Weihnachtsgeschichte. Was die Gemeinde in dieser Stunde so am
-Herzen packt und über sich hinaushebt, hinausträgt über alle Unruhe
-draußen im Leben und drinnen im Herzen, das klingt dann empor in dem
-wundersamen »Stille Nacht, heilige Nacht!« Was in den vielen hundert
-Herzen hier lebendig geworden ist in dieser Stunde, erwachte und
-sich rührte an Lust und Leid, an Glaube und Liebe, an tiefer Andacht
-und Friedeverlangen, an Herzensnot und tiefer Seelensehnsucht, das
-drängt sich zusammen im Gesange dieses Liedes. Das tiefe Gefühl des
-Augenblicks, welches die Gemeinde wie mit einem goldenen Reif zu
-inniger Andachtseinheit und Gemeinschaft zusammenschmiedet, gibt dem
-Gesange eine wunderbare heilige Fülle und Ausdruckstiefe, als ob
-tausend goldene Halme emporsprießen, zur vollen Garbe sich einen, deren
-schwere Ähren sich tief neigen in Demut vor dem Unbegreiflichen und
-doch so tief Ergreifenden!
-
- »O daß mein Sinn ein Abgrund wär
- und meine Seel’ ein weites Meer,
- dies Wunder zu erfassen!«
-
-Ja, versunken ist alles, was draußen so unruhig ist, und die stille
-heilige Nacht hat ihren Einzug gehalten. Friede auf Erden und den
-Menschen ein Wohlgefallen. Es ist Weihnachten geworden! Wie die hohen
-Weihnachtsbäume neben dem Altare mit ihren Kerzen schimmern und
-flimmern, so leuchten nun in den Häusern die Bäume auf. Draußen fallen
-die Flocken weich und still vom dunklen Himmel hernieder, Flocke auf
-Flocke, eine weiche zarte Decke, die hüllt und deckt mit weißem Flaum,
-was dunkel und häßlich ist. So hüllen die Weihnachtsgedanken auch
-manches Dunkle in den Herzen ein. Es ist Weihnachten geworden auch in
-den Herzen. Es hallen die Glocken ihr Halleluja über die Dächer und in
-die Straßen:
-
- »Süßer die Glocken nie klingen
- als zu der Weihnachtszeit,
- ist’s als ob Engelein singen
- wieder von Frieden und Freud!«
-
-»Fröhliche Weihnachten« rufen sich die Kirchgänger zu, auf deren
-Gesichtern noch ein Leuchten liegt vom Lichte aus Bethlehem, das in
-ihre Seele seine Strahlen geworfen. Und drinnen jubelt noch die Orgel
-mit jauchzenden Stimmen:
-
- O du fröhliche, o du selige,
- gnadenbringende Weihnachtszeit!
-
-
-
-
-Literatur.
-
-
- ~Andr. Molleri Pegavii.~
-
- ~Theatrum Freibergense Chronicum 1652.~
-
- Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins.
-
- Neue sächsische Kirchengalerie. Ephorie Freiberg.
-
- Daz hohe liet von der maget von Richard Freiherr von Mansberg.
-
- Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen
- von August Schumann 1823.
-
- Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen bearbeitet von
- Steche-Gurlitt.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Außer
- bei offensichtlichen Setzfehlern wurde die unterschiedliche
- Schreibweise von Personennamen beibehalten. Lange Reihen von
- Gedankenstrichen wurden verkürzt. Das Inhaltsverzeichnis wurde nach
- vorn verschoben.
-
- Korrekturen:
-
- S. 152: 1,72 → 1,72 m
- Thomasglocke von {1,72 ~m~} Durchmesser
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS GRAUEN MAUERN UND GRÜNEN
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