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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Aus grauen Mauern und grünen Weiten - Schauen und Sinnen auf Heimatwegen - -Author: Gustav Rieß - -Release Date: November 19, 2021 [eBook #66770] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS GRAUEN MAUERN UND GRÜNEN -WEITEN *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Aus grauen Mauern - und grünen Weiten - - Schauen und Sinnen - auf Heimatwegen - - Von - - Gustav Rieß - - »Nehmt die Wünschelrute deutschen Findergeistes - in die Hand, durchwandert mit ihr die - deutschen Städte, die deutschen Fluren, die deutschen - Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet - Quellen finden und erschließen, aus denen Tiefsinn - und Schlichtheit, Schönheit, Großartigkeit und - Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit - in Überfülle hervorsprudeln, als segenspendende - Ströme für unser Volk und für die Welt.« - - Paul Graf v. Hoensbroech. - - 5. Band der Heimatbücherei - - des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz - - Dresden 1924 - - - - -Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig. - - - - -Meiner Frau und Wandergenossin durch Heimat und Leben - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - -1. Alt-Freibergs Romantik 5--19 - -2. Von festen Mauern und festen Herzen 20--59 - -3. Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus 60--103 - -4. Was der Petriturmknopf erzählt 104--125 - -5. Spruchweisheit in alter und neuer Zeit 126--170 - -6. Im Freiberger Dom 171--213 - -7. Vor der Goldenen Pforte 214--229 - -8. Haldenwanderung 230--243 - -9. Das Tännichttal im Tharandter Wald 244--272 - -10. Der Königstein 273--322 - -11. Eine Fahrt ins Weihnachtsland 323--361 - -12. O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit 362--370 - - - - -Alt-Freibergs Romantik. - - -Nicht lange vor dem Kriege hatte ich mit meinem Freunde Heinz eine -köstliche Wanderfahrt ins Blaue mit dem Rade unternommen. Die alten -lieben Städtchen am Main, wie Wertheim und Miltenberg, übten ihren -mittelalterlichen Zauber, die Landschaft und der Frankenwein ließ -unsere Herzen höher schlagen. Wie auf leichten Schwingen flogen -wir durchs liebliche Taubertal. Eines Tages war das alte herrliche -Rothenburg o. T. unser lockendes Ziel. Wir hatten das schöne -Weickersheim mit seinem mächtigen Hohenlohe-Schloß und vergessenem, -verwunschenem, verträumtem Park besucht und kamen gegen Sonnenuntergang -über die Höhen an den Rand des Taubertales. Wir traten aus dem Walde: -da lag plötzlich vor uns wie ein Märchen in rotglühendem Abendschein -aus duftigem Talgrunde aufsteigend die alte herrliche Stadt mit ihren -Mauern und Türmen, mit ihren Giebeln und Dächern und malerischen Toren -in wundervollem Umriß vor dem leuchtenden Abendhimmel. Wir konnten nur -stumm und atemlos schauen und schauen und haben den unvergeßlichen -Eindruck nie wieder aus dem Herzen verloren. -- Einige Jahre nach dem -Kriege kam ich mit der Bahn von Würzburg nach dem alten herrlichen -Rothenburg, um meiner Frau dieses Kleinod der Erinnerung zu zeigen. -Wehe -- ein nüchterner Bahnhof, eine langweilige Landstraße zur -Stadt -- -- nichts von Romantik bis wir in der Stadt waren und der -mittelalterliche Zauber unsere empfänglichen, zunächst so enttäuschten -und ernüchterten Herzen wieder umsponnen hatte. -- - -Freiberg ist kein Rothenburg, und Tausend mögen durch seine Gassen -wandern ohne je eine Spur von Romantik oder mittelalterlichem Zauber -zu finden. Tausend mögen kopfschüttelnd wieder davongehen mit -enttäuschtem, ernüchtertem Herzen, weil der karge, spröde, ernste Geist -und Charakter der Stadt kein Lächeln für sie fand, das ihre Seele -aufschloß und warm machte, wie jenes heitere, köstliche Stadtjuwel im -Süden so leicht es vermag. - -Und doch kann Romantik in Freiberg lebendig noch werden, wenn auch die -grausame Gegenwart unendlich viel davon geraubt hat. Die rechte Stunde, -den rechten Ort, die rechte Art zu schauen und zu lauschen, muß man -haben, muß man suchen und finden, dann wird der Zauber lebendig und die -verschütteten Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte -Glocken tönen, die Augen und Herzen werden sehend, das Verlorene ist -wieder da und lebt und füllt mit seinem wundersamen Leben und Weben -die Stätten, welche zuvor leer, öde, karg und nüchtern schienen. -Öffne dein Herz der Heimat, dann nimmt sie dich an ihr Herz und raunt -dir wundersame Kunde zu und stille Geheimnisse, die dich reich und -froh und stille machen. Heimat ist nicht Sache der verstandesmäßigen -Vorstellung, sondern der seelischen Empfindung. Die Heimat hat nur der, -welcher Heimatgefühl hat. Die Heimat liegt nicht draußen irgendwo, -wo der nüchterne Verstand und kritische Geist seine harten, kalten -Grenzsteine setzt, nein, wer sie sucht, der muß im eigenen Herzen -suchen, muß die Arme ausbreiten, wie das Kind der Mutter entgegen, er -muß glauben und lieben. - -Willst du an das Herz und das innere Wesen der alten getreuen Bergstadt -herankommen, willst du willig den spröden Reiz ihrer Herbheit -kennenlernen und dir erobern, dann darfst du nicht mit der Bahn zu ihr -kommen und durch das geräuschvolle Gewühl des nüchternen Bahnhofs und -die Langweile der freudlosen Bahnhofstraße in die Altstadt wandern. - -Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales oberhalb Halsbach -im Osten der Stadt. Tief im Grunde windet sich die Mulde zwischen -den grünen Abhängen. Hie und da tritt der nackte Fels schroff -zutage. Häuser und kleine Gehöfte sind da und dort wie ein Spielzeug -hingestellt. Birken leuchten mit ihren weißen Stämmen und winken mit -ihrem grünen, zarten Schleier. Und droben, gegenüber auf den Höhen, -die aus dem Talgrunde aufsteigen, türmt sich nicht ein malerisches -Stadtbild mit Zinnen, Mauern und Toren, es türmen sich riesenhafte -Halden mit ihren Werkbauten, Stätten der Arbeit vieler Jahrhunderte, -die der Landschaft ihren Stempel aufgedrückt hat. Die Romantik der -Arbeit, die Romantik, welche in die Tiefe der Erde, ins Dunkel -hinabsteigt, die Schrecken der Finsternis mit kühnem Wagemut und -raschem Erfindergeist besiegt, blinkende Schätze zutage fördert und -aus dem Gestein der Tiefe Berge zum Himmel türmt von gigantischer -Wucht und Denkmalsgröße, diese heroische Romantik der Arbeit schuf das -Landschaftsbild. - -Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales am linken Ufer -gegenüber Muldenhütten. Wie ein schwarzer riesenhafter Kessel liegt -es vor dir im Grunde. Schwarz blinkend fließt die Mulde und trägt -weiße Schaumflocken, wie eine langsam gleitende gefleckte Schlange -der Unterwelt scheint sie in der Tiefe unheimlich zu schleichen. Und -es türmen sich bergaufwärts vom Grunde schwarze Schlackenmauern, -Dächer über Dächer, Häuser über Häuser, Giebel über Giebel, die Essen -rauchen und recken sich wie schlanke Türme dazwischen, und es ist -als zitterte und dröhnte eine ungeheure Spannung, eine unbändige -Lebenskraft und unzähmbare Arbeitswucht im Körper eines gefesselten -Riesen. Sein heißer Atem stößt empor und flockt in weißlichen Wolken in -den blauen Himmel hinein. Kahle mächtige Halden schieben sich hervor -mit steil abstürzenden Seiten in ihrer schwarzen Nacktheit wie aus der -Unterwelt und Nacht emporgehobene Felsenklippen mit trotziger Stirn -in die flimmernde Welt des Lichtes starrend. Und darüber die Talhänge -in goldgelber Farbe des herbstlichen rauhen langen Grases leuchten -wie ein ungeheurer goldener Reif über dem Haupte des arbeitenden -Giganten. Romantik der Arbeit schuf dieses Landschaftsbild als Ausdruck -heroischer Schönheit und Kraft der Industrie. -- Wandere mit mir durch -das Muldental, wo steil die Halden der Bergwerke ins Tal abstürzen. -Der Ludwigschacht mit seinen riesenhaften Sturzmassen schwarzer Blöcke -schiebt sich wie ein gewaltiger Felsriegel dunkel und drohend ins -Landschaftsbild. Aus finsterem Stollenmundloch strömt das Wasser des -Kunstgrabens hervor und eilt hellgrün schimmernd neben unserem Pfad. -Hie und da ein Häuslein am Wege oder dort auf grüner Halde unter -leuchtenden Birken zierlich ein freundliches Idyll. Die Mulde strömt -in raschem Flusse bald dicht an unserem Wege, bald in weitem Bogen -im breiteren Talgrunde. Bald lieblich und freundlich, bald ernst und -schwermütig oder gar finster ist diese Landschaft des Muldentales, -geworden und gestaltet durch die Arbeit der Jahrhunderte, durch das -Ringen starker Fäuste von tausend Geschlechtern im Bergmannskleid. -Die Romantik der Arbeit mit Schlägel und Eisen geht im Bergkittel und -mit dem Bergleder neben dir auf dem Weg durchs Muldental und raunt dir -ins Ohr und fragt dich stolz: Wo gibt es Täler, deren Eigenart und -Schönheit, deren landschaftlicher Charakter erst durch die industrielle -Arbeit zu solcher Größe und Bedeutung im Wandel der Zeiten emporgehoben -ist? -- - -Und dann komm und steige mit mir den steilen Weg der alten Dresdner -Straße am linken Muldenhang, den Hammerberg, aufwärts, vorbei an der -riesigen Halde des Abrahamschachtes, deren schwarze Steinmassen an der -Straße zu mächtigen Mauern gepackt sind und weiter hinauf in steiler -Böschung sich türmen. Wir gehen zu der etwa 100 ~m~ vom Wege rechts -liegenden Grube Elisabeth, zur »Alten Liese«, wie sie der Freiberger -Volksmund nennt. Ihre Grubengebäude über der mächtigen grau und weiß -und gelblich schimmernden Haldenböschung sind echte Charakterbauten des -Bergbaus mit ihren hohen, durch Fensterluken geteilten grauen Dächern -und niedrigen hellen Mauern. Als wären sie aus der Halde gewachsen und -geworden wie ein Naturgebilde, nicht wie gebaut oder hingestellt, sind -sie echt, wahr und bodenständig. - -Da liegt die alte Bergstadt vor uns in malerischer Umrißlinie mit ihren -Türmen, Dächern und Giebeln, mit ihrer sturmerprobten, verwitterten -Stadtmauer und dem starken Donatsturm und dem buschigen Grün der -Wallpromenade im Vordergrunde. Die ruhende Masse des Domes, die beiden -Türme von Nikolai und als stolzragende Krönung die Türme von St. Petri -und Rathaus gliedern das Stadtbild in klarem, klingendem Rhythmus. -Lachende Felder und Fluren weitumher, dort die grünen Wogen des Waldes, -der bis in die Stadt seine harzduftigen Grüße schickt, und in der -Ferne die Linien der Berge und Höhen, die in dem leuchtenden Himmel -mit wundersamer Zartheit ferner und ferner, weicher und weicher sich -zeichnen. Zu unseren Füßen blühende Gärten, in denen Kinder lachen und -spielen, und dort drüben ein andrer großer Garten, wo stille Schläfer -ruhen von ihrer Arbeit, der ehrwürdige Donatsfriedhof. - -Vergangenheit und zukunftsfrohe Gegenwart, Geschichte, Sage und -tausend Erinnerungen, das Leben, welches heute in den alten Gassen und -Häusern wirkt und drängt, die Gestalten, Herzen und Gedanken, welche -diese Giebel und Mauern, Türme und Straßenbilder einst schufen, darin -lebten, liebten und schließlich dort drüben ihre Ruhe fanden, alles -vereinigt sich zu einem geheimnisvollen Zauber, der verklärend über -dem Alltag des Lebens liegt und über Nüchternheit und kalte Prosa und -graue Sorge erhebt. Und mögen wir nichts wissen, was dort in jenen -winkligen Gassen und alten Häusern an Leid und Lust geschah, wir fühlen -es, daß sie viel erlebt haben und erzählen können, daß ihre heimlichen -Worte die Romantik uns erwecken könnten, die mit ihrem Lächeln das -Herz gewinnt und warm macht. Der Bergbau ist zur Rüste gegangen, aber -immer noch klingt seine Poesie über die Firste der alten Häuser, wenn -das Bergglöckchen noch läutet wie einst zur Schicht. Sie schreitet -durch die alten Gassen mit den schlichten Häusern und lugt um die -Ecken winkliger Straßen, die mit ihm jung waren, wo an Portalen hie -und da die Gestalt des Bergmanns oder das Bergmannszeichen in Stein -gehauen, Schlägel und Eisen, dich grüßt oder irgendein frommer Spruch -oder Gruß, wie ihn unsre Zeit nicht mehr kennt. Poesie wandert hinaus -zu den alten Schächten und Halden, die wie Hünenmale uralter Zeit die -Höhen rings um die Stadt krönen. Sie steigt hinab in die tiefen dunklen -Schächte, die jetzt so still und einsam sind. Wo einst des Fäustels -muntrer Schlag erklang, »und sie gruben das Silber und das Gold bei der -Nacht,« und wo das funkelnde Erz aus schwarzer Tiefe zur strahlenden -Sonne gleißend emporstieg, wo man die Grubenwässer murmeln und fließen -hört, und die Gänge und Stollen in schweigender Finsternis sich tief -unter der Stadt und weit darüber hinaus wie ein ungeheures Netz -meilenweit erstrecken, da lugt sie aus Spalten und Klüften, da huscht -sie um die Ecken und Winkel, da hörst du sie flüstern vom Berggeist, -von Gnomen und Kobolden, von den märchenhaften Schätzen der Berge, von -den »Walen«, den zauberkundigen Venetianern, die ihren Ort wußten, von -all den Wundern der Tiefe, die noch kein Menschenauge geschaut und -der Erlösung harren, von den Geheimnissen der Wünschelrute. Da werden -die Schatten lebendig, Vergangenheit wird Gegenwart, zeitlos und ohne -Stunde ist das Dasein. Du weißt nicht, ist es droben Tag oder Nacht, -Sommer oder Winter -- eine Poesie ganz eigener Art hat dich in ihr -Reich geführt, hält dich in ihrer Macht. -- - -Dort der alte Donatsfriedhof, ist er nicht auch Poesie? Seit 400 Jahren -fast schlafen im Ringe seiner altersgrauen Mauern Freiberger -Geschlechter. Sie zogen aus dem weiten Ringe der starken Mauern der -Stadt, aus ihren schönen steinernen Häusern in den engeren Mauerring -des alten Friedhofes, in die schmalen hölzernen Wohnungen aus sechs -Brettern. Über ihren alten Grüften rauschen hohe Bäume. Um ihre schönen -Denkmäler rankt sich der Efeu und Heckenrosen, duftet der Flieder und -jubeln die Singvögel das Lied des Lebens und der unvergänglichen Liebe. --- Pestzeiten waren es, als Herzog Heinrich der Fromme 1531 diesen -Friedhof anzulegen befahl. Das Sterbeglöcklein stand nimmer still. Mit -immer neuer Furchtbarkeit erhob die Seuche ihr schreckliches Haupt -und erstickte mit ihrem giftigen Hauche das Leben, schonte weder jung -noch alt, nicht arm noch reich, nicht Mann noch Weib. Die Friedhöfe -an den Kirchen reichten nicht aus und aus den Grüften schien der Tod -allnächtlich aufzustehen und mit gespenstischer Faust an die Türen -von Hoch und Niedrig zu pochen, oder aus zahnlosem Knochenmunde seine -Opfer grinsend anzuhauchen. Da befahl der Herzog, daß »wegen der -Dünste, so sich in den gefährlichen und geschwinden Sterbensläuften aus -den Todtengräbern ziehen und erheben, und manchen Menschen tödtlich -vergiften mögen, daß ein gemeines Begräbniß außerhalb der Stadt zu -halten sei«. Wo die Kapelle des heiligen Donatus stand, dicht vor -dem Tor der Stadt, am Wege nach der Grube Himmelfahrt, zog man den -ovalen Mauerring um die neue Stadt der Toten. Sinnvolle Beziehungen -für gläubige Herzen mag man daraus erkennen: draußen der Weg der -Bergknappen zur Arbeitsschicht in das Dunkel der Grube Himmelfahrt, -drinnen der Gang zur letzten Schicht in das Dunkel einer Grube, deren -Rätsel noch kein Wissen erleuchtet hat, die der Glaube in den Sprüchen -auf Steinen und Kreuzen als »Himmelfahrt« deutet. Wie ist es doch auch -so sinnig und tief empfunden, den ernsten Baum, der so feierlich und -schön an den Gräbern steht, »Lebensbaum« zu nennen, und so in einem -Namen sinnbildlich eine ganze Lebens-, Welt- und Religionsauffassung -zusammenzufassen, nämlich, daß es keinen Tod gibt, sondern nur Wechsel -und Übergang, Himmelfahrt. - -Auf dem ergreifenden Gefallenen-Gedächtnismal des Friedhofs stehen die -Worte: »Euer Tod soll Leben werden, deutscher Zukunft edle Saat.« Saat -ist Leben und Sterben, Saat ist Tun und Denken, Saat ist Anfang, Ernte -ist Vollendung. -- - -Eine tiefe, sinnige Poesie lebt so in den grünen Räumen des -alten Friedhofes, der Ruhestätte des alten Freibergs, heute der -stimmungsvolle Vorhof der neueren weiten Gräberfelder. -- -- - -Wo sollen wir noch die Poesie und Romantik in Freiberg suchen? Ach, -du brauchst sie nicht zu suchen, denn draußen, über das Friedhofstor -hinweg, siehst du den gewaltigen Donatsturm ragen und in den Friedhof -hineinschauen. Als Wahrzeichen der Stadt reckt sich seine wuchtige -Gestalt empor wie ein Bild echten Bürgertrotzes und kernhafter Treue. -Die Dohlen, die in den zahlreichen Mauerlöchern unzugänglich nisten, -gehören zum Turm, wie seine Gestalt ins Bild der Stadt. Da scharen sich -die schwarzen Gesellen zusammen zu einer Wolke, zu einem flatternden -Geschwader; schreiend beraten sie, wohin der Flug sie tragen soll. Zum -Spittelwald? Hin und her schwebt die Wolke, bald dicht zusammengeballt, -bald weit auseinandergezogen droben in der blauen Luft und entschwindet -schließlich in der Ferne am Saume des Waldes. Der Donatsturm, die -Stadtmauern mit ihren alten Verteidigungswerken und Türmen, mit den -Gräben, in denen jetzt die Bäume rauschen, wissen zu erzählen von -alter Zeit, und ihre Steine reden von Kampf und Blut und Not und dem -Heldentum schlichter Bürgertreue. Da klirrt es von Waffen, da kracht -es aus den groben Stücken und Kartaunen, da rühmt es von kühner Tat, -da raunt es aber auch von Verrat, da ist die Romantik der Geschichte -lebendig, deren Zeuge diese Mauern und Steine waren. -- - -Und mitten im Herzen der Stadt, wo der Puls des Lebens am kräftigsten, -am raschesten pocht, lacht oft die Poesie aus blanken jungen Augen, die -Poesie der Jugend und fröhlicher Burschenzeit trotz trüber schwerer -Gegenwart. Der Marktbrunnen rauscht und plätschert neben dir. Aus -breitem vierteiligem Granitbecken steigt die wuchtige Mittelsäule -auf, die vier kleinere Becken mit wasserspeienden Löwenköpfen trägt. -Die Bronzegestalt Ottos des Reichen, des Gründers der Stadt steht mit -wallendem Mantel in Panzer und Helm als Säulenheiliger oben auf dem -romanischen Schaft und hält die Gründungsurkunde in der Rechten, den -Griff des langen Schwertes in der Linken. Vier Bronzelöwen halten -am Sockel der Säule Wacht und speien im Bogen Wasser in die unteren -Granitschalen. Das unvermischte nasse Wasser, wie hier von allen Seiten -es den Wettiner wie einen Wassergott umsprüht, umrieselt, umplätschert, -und die von Löwen bewachte Säuleneinsamkeit dort oben mag nicht sein -besonderer fürstlicher Geschmack gewesen sein. Das empfinden die Herren -Studenten, denen anderer Stoff lieber ist als Wasser, mit unfehlbarem -Feingefühl und wie der Hanfried auf dem Markte zu Jena spürt auch der -reiche Otto flotten Burschengeist und kecken Übermut. - -Nacht ist es. Der Vollmond leuchtet mit märchenhaftem Schein über die -alten Giebel. Wie Silber blinken die Dächer und Erker der ehrwürdigen -Häuser und blinzeln mit verschlafenen Augen in die Träume der Nacht. -Der Rathausturm ragt hoch in den schimmernden Glanz. Wie das große rote -Auge eines Zyklopen schaut seine Uhr auf den stillen Markt, als wollte -es spähen und wachen für die Sicherheit der Stadt, ob nicht in den -breiten schwarzen Schatten der Häuser oder in den engen Finsternissen -der Straßenmündungen sich Geheimnisse verbergen. Da regt es sich -gespensterhaft. Da klingt es wie heimliches Gemurmel. Ein Klappen, ein -Schleifen, ein Trappeln und Huschen. Im Gänsemarsch zieht es herbei -und bewegt sich im großen Kreise um den Brunnen, wie eine geisterhafte -Prozession. Ein Ruck, die Prozession erstarrt, ein leises Kommando und -ein kräftiger Salamander steigt auf dem granitenen Brunnenrand oder -auf dem schwarzen Stein, da Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber, -einst enthauptet wurde, eine Ansprache an den ehernen Brunnenfürsten -dort oben, der wahrhaftig sein hartes Gesicht zum Lächeln verzieht, -ein Prosit auf sein wässeriges Wohl in braunem Bier, das seine steifen -Lippen nicht erreicht, ein brausender Burschensang, der von den -Häuserwänden widerhallt, ein »Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt« -und der Spuk ist spurlos verschwunden, als die Polizei erscheint. -- -Ruhig grinsend spucken die Löwen ihr Wasser im plätschernden Bogen, ein -Philister schimpft zum Fenster heraus und Otto der Reiche guckt in den -Mond. -- - -O Mondnachtmärchen und Mitternachtszauber am Obermarkt! - -O Romantik jugendfrischer Studentenzeit, wie steigst du auf und -lächelst dem Frohsinn ungebrochener Jugendlust und übermütiger -Studentenstreiche. Auch der Löwenritt zwischen sprudelnden Strahlen und -tiefem Wasserbecken zu mitternächtiger Stunde, unmittelbar angesichts -der Polizeiwache, hat gar manchem üppigen Füchslein zu unfreiwilligem -Bad oder Strafmandat, dem bronzenen Säulenheiligen dort oben aber -öfter zu einer »feuchtfröhlichen« Huldigung in seinem steifen Dasein -verholfen. Ja einstmals hielt dieser hochgestellte Erzheilige am Morgen -eine große Klingel in der Hand, welche am verborgenen Drahte gezogen, -frisch in den Morgen schellte, als wäre er der Ortsdiener und wollte -seinen getreuen Freibergern ausschellen, daß der alte Burschengeist -noch lebt. -- - -Was wallen die bunten Studentenfahnen aus den Fenstern, wo ein -flotter Bursche wohnt, und flattern fröhlich im zausenden Winde, wenn -irgendein Verbindungsfest oder ein Ehrentag der ehrwürdigen ~alma -mater~ im Reigen der Zeit uns grüßt! Sie werfen buntjubelnde Freude ins -Straßenbild. Der behäbige Bürger lächelt zu ihnen empor und freut sich, -wenn die schlanken Burschen durch die farbenfrohe Poesie ihrer Jugend -den grauen Alltag vergolden. Es lächeln aber auch lieblich verschämt -oder auch keck und bewußt, je nach Temperament, die jungen Damen, wenn -abends um 6 Uhr auf dem Bummel an der östlichen Marktseite die bunten -Farben sich zeigen und mancher Gruß und mancher Wink aus schönen Augen -spricht von Suchen und Finden, von Maienzeit und seligem Hoffen -- -»denn du weißt, du weißt es ja!« - -Wenn der neue Rektor der Bergakademie durch seine Studenten mit einem -Fackelzug begrüßt und der Scheidende zum Abschied geehrt wurde, was war -das für ein Leben in der alten Bergstadt! Der Ausschuß der Studierenden -in seiner eigenartigen kleidsamen bergmännischen Tracht voran, die -bunten Farben und Mützen, Pekeschen und Jacken in reichem lebendigen -Wechsel, der kräftige Sang froher Burschenlieder, die lodernden Fackeln -mit ihrer roten Glut in den alten Gassen, die jugendfrohe, frische -Begeisterung in lachenden, leuchtenden Augen, und herzudrängend -in froher Teilnahme alt und jung, die liebe Mädchenwelt und die -begeisterten Schüler, als wäre es ein Fest der ganzen Stadt, nicht bloß -der ~alma mater~: die Poesie des ganzen Studentenlebens schien sich in -einem lachenden Bilde zusammenzuschließen. -- Die harte Not der Zeit -hat dieses herrliche Bild in den letzten Jahren nicht wieder lebendig -werden lassen, hat die lodernden Fackeln ausgelöscht, hat aber nicht -den feurigen Mut löschen können, der in den jungen begeisterten Herzen -lebt, der auch das deutsche Leid überwinden wird. - -»Frei ist der Bursch« klingt und singt es durch die Straßen nicht -minder als durch die Herzen in Alt-Freiberg, der einzigen sächsischen -Stadt, die noch den Zauber der Romantik studentischen Lebens bei allem -tiefgründigen Ernst der Arbeit trotz aller Lebensnot uns spüren läßt. -Wie klingen die alten Bergmannslieder, wie jauchzt das »Glückauf« -in begeistertem Zuruf in froher studentischer Runde und machen die -Romantik der bergmännischen Vergangenheit der Stadt und der eigenen -bergmännischen Zukunft den jungen Sängern voll Begeisterung lebendig: -»Glück auf! ihr Bergleut’, jung und alt!« Und wenn der Bursche -hinauszieht ins Philisterland, wie begleitet ihn noch die Poesie -bis in die rauchige Prosa der Bahnhofshalle, wenn das Abschiedslied -in mächtigem Chore klingt und die farbigen Mützen dem Scheidenden -winken: »Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus in die -Welt. Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus!« -- Die -Fahrgäste schauen und winken mit aus dem Zuge, der aus der Halle -schnaubend davonkeucht. Die Poesie Alt-Freiberger Romantik und frischen -Burschengeistes hat sie berührt und klingt in ihren Herzen noch, wenn -längst die Petritürme am Horizont versunken sind. - -Ja die Romantik der Stadt! Wandere durch den Dom, tritt vor die goldene -Pforte oder vor die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz aus der -Todesschlacht von Sievershausen, stelle dich unter die Torstensonlinde -und laß dir von ihren Blättern zuraunen, wie der podagrageplagte -Feldherr über das »Hexennest« Freiberg fluchte, oder steige hinab in -das Verließ des Kunz von Kaufungen, oder denke an Friederikus Rex, -wie er durch Freibergs Straßen ritt, oder an nächtliche Bergparaden -beim wuchtigen, ehernen Klange der russischen Hörner bei Fackelschein -und rhythmischer Bewegung der brennenden Froschlampen, denke an die -feierlichen Leichenbegängnisse in düsterer Pracht, wenn ein Fürst im -Dome beigesetzt wurde. Die Bilder drängen sich, Gestalten und Männer -treten vor dein Auge und Herz und füllen dich mit Heimatstolz, denn nun -erst hat die Stadt eine Seele bekommen, eine Seele, die mit dir wandert -und spricht; du hast die Seele der Heimat gefunden. - -Ja die Romantik in Freibergs Mauern, das ist die Geschichte der Stadt, -die in ihr lebendig wird und in Erinnerungen redet. Ihrem ernsten -Gewande braucht man nicht den Flitterkram phantasievoller Erfindung -anzuhängen, um zu fesseln, zu packen und zum Sinnen und Denken und -innerlichen Schauen anzuregen, daß es uns nicht wieder losläßt. -Vieles ist vergessen, zerstört, hinabgesunken in das dunkle Reich des -Schweigens, aber schaut die alten Häuser und Mauern, die alten schönen -Portale, den herrlichen Dom mit seiner goldenen Pforte, den Kanzeln und -der Wettiner Gruft, die anderen Kirchen, die altertümliche »Thümerei« -mit ihren Museumsschätzen, das Rathaus mit dem, was diese Bauten in -sich bergen, blättert in den alten Chroniken, Urkunden oder Akten, dann -steigt es herauf und wird wieder lebendig, dann blüht ein verklärendes -Lächeln auf, das Lächeln, das wie ein geheimnisvoller Zauber die alte -getreue Bergstadt verschönt und die Herzen an sie fesselt. Verschüttete -Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte Glocken tönen, -versunkene, verwunschene Schätze steigen empor, die Augen und Herzen -werden sehend, das Verlorene ist wieder da und lebt und füllt mit -seinem wundersamen Leben und Weben die Stätten, welche zuvor leer, -öde, karg, ernst und kalt und nüchtern schienen: Du hast die Seele der -Heimat gefunden. - - - - -Von festen Mauern und festen Herzen. - - -Drei trotzige Türme mit Zinnen und flachen Kegeldächern, und ein -zinnengekröntes Mauertor, in dem ein Herzschild mit wehrhaftem Löwen -den Zugang sperrt, das ist das Wappen des alten Vriberch, »~Sigillum -Burgensium in Vriberch~«, »das Siegel der Bürger in Vriberch«. An -einer der ältesten erhaltenen Freiberger Urkunden von 1227 hängt es -bedeutungsvoll, und man darf annehmen, daß seit der Stadtgründung, etwa -50 Jahre zuvor, dieses Wappen geführt wurde und den Stolz und trutzigen -Sinn der Stadt auf dem freien Berge, der deutschen Bergmannsstadt in -slavischer Wildnis, zum Ausdruck brachte. Dieses Siegel sagte Freund -und Feind, daß die junge Stadt eine ummauerte, wohlbefestigte sei, -an deren Toren der Freiberger Löwe Wache hält und seine Klauen zum -mächtigen Schlage dem Freunde zum Schutz, dem Feinde zum Trutz erhebt. -Ein »redendes« Wappen, dessen Rede im Lauf der Geschichte zu Taten -wurde. - -Durch alle Jahrhunderte hat die Stadt dies Wappen mit den silbernen -Türmen geführt, festgegründet auf silberdurchwachsenem freiem -Felsengrunde. - -Märchen gingen durch alle Lande von dem wunderbaren Reichtum der Stadt, -wo die Ziegel auf den Dächern von Silber wären, und Bürger und Bergmann -von Gold und Silber speisten. Wie ein Märchen aus Tausendundeiner -Nacht klingt es z. B., was uns der Chronist über das große Turnier -berichtet, welches im Jahre 1263 der Markgraf Heinrich der Erlauchte -von dem Freiberger Silber in Nordhausen ausrichtete: »Da er in der -Mitte der Bahn einen gantzen silbernen Baum aufrichten lassen von halb -gülden und halb silbern Blettern, auch einem jeden, welcher im rennen -seinen Speer gebrochen, und auf dem Rosse sitzen blieben, ein silbern -Blat, welcher aber den andern gar herabgestochen, ein gülden Blat -verehret; dabey denn eine solche kostbare Zubereitung in allen Sachen -gewesen, und gegenwärtige Fürsten, Graffen, Herren, Ritter und Adels -Personen 8 Tage nacheinander dermassen stadlich tractiret worden, daß -es, wie die alten ~historici~ berichten, einem Keyser schwer würde -gefallen seyn, solches nachzuthun.« Von diesem Markgraf sagte man, daß -er durch seinen »fürtrefflichen Reichthum gantz Böhmen mit baaren Gelde -hette bezahlen, auch sonst andere Länder an sich und seine Nachkommen -bringen können«. Auch die Chronik der Stadt Schneeberg, welche 1470 -gegründet war, berichtet aus dem Jahre 1477: »Auch war in St. Georgen -die große Silber-Stuffe wie ein Tisch verstrosset, darauff Herzog -Albrecht Tafel gehalten und daraus hernachmals 400 Zentner Silber -geschmelzet worden.« - -Solche reiche Silberausbeute mußte wohl märchenhaft erscheinen und die -Phantasie des Volkes mächtig anregen. - -Hat man doch sogar in neuerer Zeit noch erstaunliche Funde gediegenen -Silbers gemacht, wie z. B. im Jahre 1847 auf der Grube Himmelfahrt -17 Zentner auf einem Gangkreuz, im Jahre 1857 auf der Grube Himmelfürst -sogar 91 Zentner plattenförmig auf einem Punkte beisammen. Da war es -kein Wunder, daß in der Zeit, als das Silber fast zu Tage lag und das -Erz mühelos gebrochen wurde, Markgraf Otto, der Gründer der Stadt, -der »Reiche« genannt wurde, daß er dieses Schatzkästlein mit festen -Mauern und Türmen umgab, und daß er die Wehrhaftigkeit durch Siegel -und Wappen besonders betonte. Reste dieser ersten Mauer darf man wohl -heute noch in den unteren Teilen der erhaltenen alten Stadtmauer am -Donatsring vermuten. Ein stolzes Bild hat durch die Jahrhunderte die -mauerumgürtete, turmgekrönte, zinnenumwehrte Stadt geboten, namentlich -nachdem im Laufe des Mittelalters alle Erfahrungen und Künste der -Befestigung und des Wehrbaues an ihre Wehrhaftmachung gesetzt waren. -Sie war mit doppelten Mauern, 44 Türmen, fünf starken Torbauten, mit -Gräben und breiten Teichen gesichert. - -Der Chronist Möller schreibt im Jahre 1653: - -»Die Ringmawern sind dick und stark, umb und umb zwiefächtig mit -einem Zwinger. Die eine ist sehr hoch, und mit vielen Außwerken und -Thürmen befestiget. Die andere, welche sonst die Zwinger Mawer genennet -wird, ist etwas niedriger, und hat auch etliche besondere Thürmlein -und Außwerke. Für den Ringmawern gehet umb die Stadt ein tieffer -gefütterter Graben, welcher zum theil voll Wasser, zum theil leer ist. -Man hat für diesen zur Lust etliche Stücke Wild drinnen gehalten und -vermehret, wie auch noch bei Mannes gedenken etliche weisse Hirsche, -sampt anderen Stücken, von der hohen Obrigkeit deßwegen dahin gesendet, -und der Stadt verehret worden. - -In den Ringmawern seynd fünff Haupt Thore, welche alle mit -festen Thürmen, Brustwehren, Rondelen, hangenden Zugbrücken, und -drey unterschiedlichen grossen Pforten, theils auch mit starken -Schutzgattern, und anderen zur Defension und wider feindlichen Anlauff -gehörenden Stücken wol verwahret seynd.« - -Möller erwähnt hier nicht die Befestigung durch die Teiche, obschon -sie bereits auf dem Stadtplan von 1554 vorhanden sind. Vom Peterstor -bis dicht zum Meißner Tor, zehn an der Zahl, waren sie mit ihren -senkrechten gemauerten Ufern oder Böschungen ein starkes Hindernis noch -vor der Stadtmauer. Auch heute noch bietet sich, namentlich im Winter, -dem Blicke, z. B. über den Schlüsselteich, auf die hohen Mauern und -Türme ein trotziges stolzes Bild der alten Wehrhaftigkeit. - -Von den fünf starken Torbauten ist nichts erhalten geblieben als der -gewaltige Donatsturm im Osten der Stadt. Immer noch steht er, als -kraftvolles Wahrzeichen der Stadt, wie ein treuer Wächter und ragt -weit über Dächer und Giebel in die blaue Luft. Wie zu unzerstörbaren -Felsenmauern gefügt türmen sich seine braunen und schwarzen -Gneisquadern zu mächtigem Rundbau empor. 5 ~m~ stark sind seine Wände, -so daß er auch für die schwersten Geschütze der älteren Zeit als -unzerstörbar gelten mußte. Sein Umfang ist 44 ~m~, sein Durchmesser -14 ~m~ und seine Höhe 29 ~m~. So ragt er gen Himmel, über die Stadt und -die Jahrhunderte, wie ein trotziger Fels, an dem die Wogen der Zeit und -die Stürme des Schicksals sich brechen und zerstieben. - -Die Rüstlöcher der fleißigen Werkleute sind in regelmäßigen Abständen -sein einziger Schmuck. Schießscharten mit Rundöffnung für die Rohre der -kleinen Feldschlangen, Geschütze, Doppelhaken und Falkonetlein und mit -Schlitzen für die Beobachtung und den Abzug der Pulvergase durchbrechen -im oberen Teil des Turmes 18 ~m~ über der Erde in drei Reihen -übereinander von je neun Stück das Mauerwerk und sind von innen durch -gewölbte, tunnelartige, ringförmige Umgänge im Mauerkerne zugänglich. -Oben öffnen sich im Ringe dicht unter dem spitzen Kegeldach die neun -Schießluken oder Scharten für die groben Stücke. Von hier brüllten sie -dem Feinde ihre rauhen Grüße zu. Die letzten Kanonen sollen erst 1796 -herabgestürzt und von Hammerschmieden als altes Eisen gekauft worden -sein. - -Im vorigen Jahrhundert erst wurde das eigentliche Tor mit dem -weitvorspringenden Rondell abgebrochen, und weit klaffte die große -Lücke zwischen dem mächtigen Turm und dem Reste der Stadtmauer. Erst -im Jahre 1922 wurde von mir ein Wohnhaus für die Stadt dort errichtet. -Durch weitgespannten Torbogen ist es mit dem Turm verbunden und zu -einer malerischen, geschlossenen Gruppe zusammengefaßt, welche das -Straßenbild abschließt. Am Tor ließ ich in Sandstein die Sprüche -meißeln: »Gemeinwohl geht über dein Wohl« und »Eintracht bricht Not, -Zwietracht bringt Tod«. Dafür ist der Turm selbst Zeuge und Mahnung -durch seine Entstehung und seine Geschichte. - -Bergmannstreue soll ja diesen starken Schutz und Wächter der Stadt -geschaffen haben, indem jeder Bergmann für das Gemeinwohl sich von -seinem Schichtlohn einen Betrag kürzen ließ, und indem er selbst mit -Hand anlegte. So wuchs das Bollwerk empor, seiner Bestimmung entgegen -und hat in den Stürmen der Jahrhunderte unerschüttert und unzerstörbar, -wuchtig und stolz seinen Platz in der Mauer, im Stadtbilde und vor dem -Feinde ausgefüllt, denn Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod! - -Er sah trotzig hernieder mit seiner Felsenstirn auf Sorben und -Hussiten, auf Wallensteins Söldner und schwedische Heerscharen, auf -die Füsiliere des Friderikus Rex, auf Napoleons Truppen und die Sieger -von 70. Wie brandete um seine Mauern die sturmbewegte Geschichte der -Stadt und der ganzen Heimat! Er hörte einst die dunkle bittere Kunde -von Sievershausen, da Herzog Moritz, die Hoffnung des evangelischen -Deutschlands, fiel, von Lützen, da Gustav Adolf starb, die Siegeskunde -von Leuthen und Leipzig, die Schmach von Jena, von Moskaus Brand -und von dem Fall von Paris, von Sedan, von Lüttich, Tannenberg und -Skagerrak. Das deutsche Leid sank lastend auf ihn nieder, und schwarze -Wolken deckten blühende Fluren. - -An ihm rumpelte die gelbe Postkutsche mit hellem Hornruf vorbei, und -lustige Wagen mit Maien und lachenden Mädchen, und auch der dunkle -Wagen mit seinen schwarzen Rossen zum nahen Donatsfriedhof und seinem -grünen Frieden. So viele Bergmannsgeschlechter, die längst vergessen -dort der Ewigkeit entgegenschlummern, hat er gekannt, wie sie als -Kinder zu seinen Füßen spielten. - -Johann Tetzel verkaufte zu seinen Füßen seine Ablaßzettel an die -Bergknappen und schleppte viel Geld mit fort, denn er predigte, daß -alle Schächte verfallen würden, wenn man nicht reichliche Spenden in -seinen Ablaßkasten werfen würde. Bruder Martinus, der Bergmannssohn -aus Wittenberg sah vielleicht mit seinen tiefen Augen dieses trotzige -Bollwerk der Stadt, den Psalm und sein Lied von der festen Burg im -Herzen. Er trug Seelen und Herzen mit sich fort und riß die Geister zu -höherem Fluge mit sich empor. - -Des Alten Fritzen blaues Königsauge maß den alten Turmrecken mit -prüfendem Feldherrnblick, nachdem er schon sechs Jahre im Heldenkampfe -siegreich einer Welt von Feinden Trotz geboten und neuen Lorbeer um -seine kriegs- und siegesmüde Stirn geflochten. - -Humboldt, der die Welt umwanderte und neu als Kosmos in seinen Werken -erstehen ließ, Goethe, der eine Welt in seinem Herzen trug, und neue -Geisteswelten schuf und deutschen Geistes stolze Stirn zu den Sternen -hob, sie schauten empor zum alten Turm, der wie etwas Zeitloses am Wege -steht und mit stummer Sprache raunt von ewigen Dingen. - -Theodor Körner im Bergkittel sang zu ihm seine Burschen- und -Bergmannslieder empor und trug seine begeisterte Seele von hier wie -einen lodernden Opferbrand ins Morgenrot der Freiheit. - -An ihm schritt der Handwerksbursche vorbei, die Wahrzeichen der Stadt -sich noch einmal bedenkend, hinaus, wo ihm das Leben und die Zukunft -lachte. - -Der Bergmann zog vorüber mit Glückauf zur Schicht in schwarzer Tiefe, -zum Schacht anfahrend, dessen Glöckchen traulich herüberklang. - -Die Wogen und Wellen der Zeit und der Menschen strömten dahin. Das -Tor und die Mauern fielen zum Teil. Der alte, graue, riesige Wächter -aber blieb und sah sinnend, wie zu seinen Füßen buntes Bürgerleben -hinausquoll über Wälle und Gräben, wie die frische neue Jugend -hinausdrängte in Gärten und Grün, in Wälder und Berge, zu Sport und -Spiel, in Sonnenglück und stählende Winterlust, wenn sie Gott oder -ihrer eignen Seele tiefste Sehnsucht fühlten im Wehen der Halme, im -Rauschen der Bäume, im weißen Glanz der Winterpracht, in den Wundern -der Weite, als sie die Heimat fanden und immer wieder suchten in -Sehnsucht und in der Heimat die Seele und die Kraft, welche sie gesund -und reich macht. - -Goldene Volkslieder klingen empor zu ihm wie aus dem Zauberbrunnen -der Märchenzeit, die süßen Wunderweisen von Schubert und -Silcher. Sehnsuchtsklänge von Herrmann Löns und erzgebirgischer -Heimatsang von Anton Günther ranken sich mit Lautenklang um die -mondscheinumflimmerten Mauern des Turmes und der alten Stadt. - -Der alte graue Landsknecht aber, mit seinen mächtigen breiten -Schultern, der alte getreue Ekkehard und Hüter der Stadt schaut -hernieder und lächelt über das bunte Getriebe, über das Lieben und -Leiden, das Eilen und Weilen, das Hasten und Rasten, das Jagen und -Plagen der Ameisen zu seinen Füßen. - -Wie um seine Stirn die Dohlen schreien und flattern, abstreichen und -heranschweben, so eilen und ändern sich Geschichte, Geschlechter und -Geschicke; Seelen und Gedanken flattern und schweben. Warum? Wohin? - -Der Donatsfriedhof, der Gottesacker mit seinen rätselhaften Schollen, -die Jahrhundert für Jahrhundert immer aufs neue umgestürzt werden, -ist so nah, in dem von Ewigkeit so viel gesprochen wird, und die -Vergänglichkeit so grausam uns ins Antlitz starrt, in dem die Blumen -der Hoffnung und die Dornen der Verzweiflung dicht nebeneinander -wachsen, welken und immer wieder sprießen, in dem die Fragen und die -Rätsel keimen, und die bangende Seele Antwort und Lösung pflücken will -und sucht, bis ihr hier draußen die Antwort wird, wenn einst hinter dem -dunklen Tor sich ihr die letzten Rätsel lösen. - -Wohin rinnt der Strom des Lebens, der unaufhaltsam durch die -Jahrhunderte fließt, an dessen Ufer der alte Turm wie ein Felsen -unerschüttert steht? Über ihn spannt sich des Himmels unendliches -dunkles Gewölbe mit seinen Myriaden flimmernder Welten. Ein Stern -schießt seine leuchtende Bahn in weitem Bogen und ist verschwunden. -Warum? Wohin? - -Weltall und Ewigkeit -- unfaßbare Gedanken nicht auszudenkender Gewalt! -Menschenseele! nicht faßbares Wunder von unerklärlicher Größe! Leben -und Vergänglichkeit, Menschenseele und Ewigkeit, die Rätselfragen alles -Seins, schweben empor über die mondscheinumflimmerten Dächer. Nie -gestillte, nie erfüllte dürstende Sehnsuchtsgedanken wandern in den -dunklen Abgrund des Weltalls, in die schweigenden dunkelblauen Fluren -der Unendlichkeit. - - Selig sind, die da Heimweh haben, - Denn sie sollen nach Hause kommen. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Die anderen Tore schienen wohl auch für die Ewigkeit gebaut zu sein. -Doch was durch Jahrhunderte feindlichen Stürmen Trotz geboten und der -Stadt und ihren Bürgern als Schutz und Hort gedient hatte, das mußte -unter der Spitzhacke dieser Bürger fallen. - -So sank ein prächtiger, wehrhafter Torbau nach dem andern, ein -malerisches Bild alter Stadtherrlichkeit nach dem andern dahin. Wenn -man die alten Darstellungen der Tore betrachtet, so könnte man glauben, -jene Zeit der Spitzhacke, des Meißels und Brecheisens sei blind und -gefühllos gewesen gegen die reizvolle Schönheit und gegen den Zauber -der Geschichte, welcher die alten Türme und Mauern mit ihren Ranken -umsponnen hielt. 1846 fiel z. B. das Erbische Tor, das einen Ludwig -Richter zu einer entzückenden Kupferradierung begeistert hatte. Wie ein -Blick auf das Juwel mittelalterlicher Stadtschönheit, auf Rothenburg -ob d. Tauber, wirkt dieser Ausschnitt aus Alt-Freibergs verlorener -alter Herrlichkeit. Aus tiefem Wallgraben rauschen die Baumwipfel -empor, aber höher steigen die trotzigen Türme und Mauern, über welche -Giebel und Dächer schauen, und zwischen ihnen der Torturm des Erbischen -Tors, feingegliedert, auf vierkantigem Unterbau achteckig aufragend. -Acht große ovale Schießluken für die schweren Geschütze und darüber, -getrennt durch ein glattes Gesimsband, acht schmale horizontale -Schießschlitze sind der wirksame und zweckvolle Schmuck des wuchtigen -Bauwerkes. So friedlich und gar nicht kriegerisch mehr schaut das Tor -darein. - -Die vier letzten, alten, eisernen Kanonen, welche einst grimmig von -hier oben hinabdrohten, wurden 1802 verkauft und der Erlös wurde -zur Stärkung der Laternenkasse verwendet, die zur Einrichtung einer -öffentlichen Beleuchtung gegründet war. -- Liegt nicht darin die ganze -Behaglichkeit des Spießbürgers, den Krieg und Kriegsgeschrei nicht -stört, weil er meint, ihm sei der Friede sicher und der Krieg dahinten -weit in der Türkei so fern, so fern, und doch stand Mars schon drohend -am Himmel und die apokalyptischen Reiter hatten ihre Rosse gezäumt zum -Ritte durch Deutschlands blühende Fluren und auch Freibergs Gassen in -der napoleonischen Zeit. Hier, auf unserem Bilde von Ludwig Richter, -sind diese schweren Tage vorübergebraust und das friedlich behagliche -Leben macht sich wieder breit und vergißt so gern die dunklen Tage. -Zum Turme staffeln sich auf, wie mächtige Stufen, die Mauern des -»Rondells«, des Vorhofes oder Vortores. Stolze Pappeln stehen wie -ragende Wächter daneben und breite Baumkronen lehnen sich an das alte -Mauerwerk. Im Vordergrunde aber bewegen sich die lieben Gestalten, -mit welchen Ludwig Richters sonniges Kinderherz in stets wechselnder -Fülle seine Werke zu beleben wußte. Der vornehme Bürger mit hohem Hut, -der seine zwei Damen im Reifrock auf dem Walle spazieren führt, zwei -Bergleute in ihrer altertümlichen, charakteristischen Tracht, die -Bauersfrau, welche ihren schweren Korb zu Markte trägt, das dralle -Mädchen mit einem wackeren Handwerksmeister, Hunde und Zicklein und -fernes Gewimmel. -- - -So friedlich und freundlich diese Bilder ausschauen, so bittere Not, -Wunden und Tod haben doch diese Mauern gesehen, wenn der Feind vor -ihnen lag, die Häuser der Vorstädte brannten und die Pest und der -Hunger durch die Gassen schlich und mit knöchernem Finger an die -Pforten pochte. Das waren die Notzeiten und Heldenzeiten der Stadt, -wenn Kriegsstürme diese starken Mauern und Türme umtobten und manch -wackeres Stücklein von trotzigem Bürgermut und unverzagter Treue aus -harter Faust und festem Herzen sprang. Not lehrt beten und Not macht -Helden! Eintracht bricht Not! Das Peterstor war es vor allem, dem -immer wieder die Wut der Feinde, die furchtbarsten Angriffe galten. -Seine stärkste Probe mußte dieses Bollwerk mit seinem gedrungenen -vierkantigen Turme und mächtigem Rondell im dreißigjährigen Kriege -aushalten. Doch was nützen Mauern und Türme, wenn nicht heldenmütige -Treue die Wache hält. Es ist ein Ruhmesblatt von höherem Werte als ein -Blatt von jenem silbernen Baum einst im Turnierhofe zu Nordhausen, -welches sich hier tapferer Soldatengeist und Bürgermut für alle Zeiten -errang. - -Furchtbares hatte die Stadt bereits erlitten. Plünderungen und -Kontributionen von Freund und Feind, Einquartierungen, Seuchen und -Brandschatzungen. - -Besonders schwer war das Jahr 1632. Bald waren churfürstliche Truppen, -bald Wallensteins Regimenter, bald die berüchtigten Horden des -Holck, bald kaiserliche »Krabaten«, bald Böhmen oder andere Völker -in der Stadt oder vor ihren Mauern. Dann kam der kaiserliche General -Feldmarschall Graf von Gallas auf Wallensteins Befehl Ende September -mit großer Übermacht und bombardierte die unglückliche Stadt. Granaten -bis zu 90 Pfund hämmerten auf das Peterstor mit furchtbaren Schlägen -und auf die Straßen, und Brandgeschosse »viel Fewerballen« fielen auf -der Petersgasse und Fischergasse auf die Dächer der Häuser immer und -immer wieder und bedrohten mit Feuersbrunst die Stadt. Den tapferen -Verteidigern, welche schon 300 feindliche Soldaten erschossen, ging -die Munition aus und an Lebensmitteln war Mangel, der Feind legte die -Sturmleitern an und hat »dannenhero hoher Beträwungen verlauten lassen, -alles ohne unterscheid nieder zu hawen, und die Stadt gäntzlicher -zu verderben, wo sie nicht ohne ferneren verzug auffgegeben würde, -ist der Schrecken in der Stadt bey den Einwohnern und Eingefleheten -desto grösser worden, und ist dieses eine recht ängstliche Nacht, und -die Stadt in grosser Gefahr gewesen.« Die Stadt mußte sich ergeben -und den übermütigen Feind in ihre Mauern lassen. Die kurfürstliche -Garnison mußte die Waffen ablegen und erhielt freien Abzug. Von den -Bürgern wurden aber 50000 Reichstaler verlangt als Ablösung für die -Plünderung innerhalb 3 Tagen aufzubringen. Auf inständiges Bitten -wurde durch Vermittlung des Feldmarschall-Leutnants Holck diese -Summe auf 30000 Taler ermäßigt. Da aber die Bürgerschaft schon zuvor -für die Garnison an Verpfleggeldern innerhalb 6 Wochen 45143 Taler, -5 Groschen, 3 Pfennige hatte aufbringen müssen, so war sie »dermassen -erschöpffet und verarmet, daß aller Vorrath hinweg, und bey vielen -mehr nicht als das liebe Leben übrig. Drumb gab es wegen Einbringung -dieser hohen Rantzion große ~difficulteten~, und mußte alles, was noch -etwan an güldenen Ketten, silbernen Bechern, Gürteln, Messerscheiden, -und dergleichen Geschmeide bey einem oder dem andern vorhanden, -herausgegeben werden.« - -So wurde zwar die Stadt vor der Plünderung noch bewahrt, aber tief -und bitter war noch trotzdem der Leidenskelch, den die unglückliche -Bürgerschaft leeren mußte. Die Bürger mußten ihre Waffen und -Harnische abliefern und wehrlos gemacht, wurden sie durch übermütige -Einquartierung geschunden, gepeinigt und ausgesogen und »also -ausgezehret, daß der Vorrath an ~victualien~ und ~fourage~ aller gantz -dahin, und nicht ein bißlein Brods mehr bey den Becken, oder ein -trunck Biers, viel weniger etwas von Saltze, Gewürtze, und anderer -Nothdurfft zu bekommen, deßwegen auch etliche Personen auff den offnen -Gassen niedergefallen, verschmachtet und Hungers gestorben.« »Dessen -aber allen ungeachtet wurden bey manchen Bürger 10, 12, 15, 20 auch -wohl mehr Soldaten einquartiret, welche ihre volle verpflegung haben -wollten.« »Die arme Bürgerschafft wurde also geängstet, daß ihrer viel -mit Weib und Kindern aus den Häusern entwichen, und alles im Stiche -liessen, (wie man denn nach abzug des Feindes fünffhundert Häuser in -der Ringmauer befunden, welche gantz leer und wüste gelegen).« Über -dieses alles war kein Mensch in seinem eigenen Hause sicher, denn die -Soldaten »grossen Muthwillen und Frevel verübeten, zumal des Nachts, -da mit Gewalt in die Häuser, Gewölbe und Keller gebrochen, und alles -auffgeschlagen, durchsuchet und weggestolen war. Darzu fiel wegen -mangelung nothdürfftiger ~victualien~ viel und mancherley Krankheiten, -und endlichen eine geschwinde ~infection~ und Pest ein, welche -inkurtzen etliche tausend Menschen in und vor der Stadt hinrisse, -und fast den dritten Theil der Bürger mit wegraffete. Die meisten -wurden heimlichen begraben, öffentlichen hat man dreytausend Personen -gezehlet, die mit gewöhnlichen Ceremonien zur Erden bestattet worden.« - -Wenn man bedenkt, daß diese Häufung von Elend und Jammer sich auf zwei -Monate, Oktober und November, zusammendrängte, daß die Stadt klein -und wahrscheinlich nicht mehr als 10000 Einwohner zählte, so gewinnt -diese Zahl an unheimlicher Bedeutung, denn heute beträgt die Zahl der -jährlichen Todesfälle 500 bei rund 35000 Einwohnern! - -Wie ein Würgeengel ging die Pest durch die Häuser und klopfte fast -an jede Türe. Die Särge reichten nicht aus und viele wurden heimlich -verscharrt, weil die Not dazu zwang. Die lateinische Schule war zehn -Wochen lang geschlossen, und als sie wieder eröffnet wurde, fand sich -noch nicht die Hälfte der Schüler wieder ein. Die größere Hälfte dieser -blühenden Jugend war verloren, verdorben, verstorben. - -Doch nicht genug »der außgestandenen so grossen Noth, Angst, Elendes -und Jammers, so sich diese zeit über bey der guten Stadt Freybergk -befunden!« Die Schlacht bei Lützen war geschlagen, der Schwede rückte -heran und trieb die kaiserliche Armee vor sich her. Da ließ »der -Commendant anfahen, und die schöne grosse Vorstadt mit allen Forwercken -fürm Meißnischen Thore, wie auch die eine Seite fürm Petersthore, sambt -der Viehgassen anzünden, und in die Asche legen. Was nicht brennen -wollte, ward niedergerissen, oder sonst durchlöchert und verwüstet, -und geschach diesen und hernachfolgende Tage mit abbrennen und -niederwerfung derer so alten wolgebawten und weitläufftigen Vorstädte, -und schönen Forwercken, Scheunen, Mühlen und anderen sowol gemeinen als -Privat-Gebäuden solcher Schade, der nicht genugsam zu schätzen.« Sogar -die Friedhöfe entgingen der Vernichtung nicht, indem »auch die schönen -Bogen und Mawren eingerissen, und alles schändlichen verwüstet« wurde. -Doch alle diese furchtbaren Leiden hatten den Mut und die Treue der -Bürger und des Rates nicht gebrochen. Die Hammerschläge des Schicksals -hatten ihre Herzen fest geschmiedet. Es leuchtet ein Wort aus jenen -dunklen Tagen wie ein silberner Turm herüber in unsre dunkle Zeit, -dessen strahlende Zinne echter Mannesmut und echte, in Schicksalsglut -gehärtete Treue ist. Der Schwede, mit dem der Kurfürst verbunden war, -rückte heran, der Feind in der Stadt richtete sich auf eine Belagerung -ein und wollte ihm trotzen. - -Da rief der kaiserliche Kommandant Mohr vom Walde die Bürgermeister -der Stadt und etliche Ratsmitglieder zu sich, ob sie zu ihm halten und -die Stadt mit ihm verteidigen wollten: Er habe Befehl, sich, solange -er könnte, zu halten, hernach aber auf das Schloß sich zurückzuziehen -und die Stadt an 20 Orten in Brand zu stecken. Die tapfere Antwort -war, »daß sie wider ihren gnädigsten Landsfürsten, und ihm geleistete -Pflicht, derer sie noch nicht loßgezehlet weren, nicht thun könnten -noch wollten, hetten deßwegen einmütig beschlossen, wo sie mit -dergleichen Anmutungen nicht könnten verschonet werden, lieber die -Stadt und alles das ihrige zu verlassen, da sie auch gleich betteln -gehen solten, als wider Pflicht und Gewissen, auch wider die löblichen -~exempla~ ihrer in Trewe hochberühmten Vorfahren zu handeln. Bäten den -Herrn Commendanten, ihrer und der armen Bürgerschaft hierinnen gnädig -zu verschonen. Wo es aber nicht seyn könte, ihnen zu vergönstigen, -daß sie mit Weib und Kindern dürfften abziehen, und sich nach Dresden -begeben.« Es klingt der Trotz des Lutherliedes aus diesen Worten. Es -waren nicht leere Worte schlauer Berechnung, denn dazu war man zu -tief durch Blut, Brand und Greuel des Krieges gewatet. Man kannte den -Gegner nur zu gut und hatte am eigenen Leibe verspürt, was die Wut -und Zuchtlosigkeit des Feindes bedeutete. Nicht leere Worte, sondern -opferbereite, tatenmutige Entschlossenheit war das Wort: - - Nehmen sie den Leib - Gut, Ehr, Kind und Weib, - Laß fahren dahin - Sie habens kein Gewinn - Das Reich muß uns doch bleiben. - -Doch es kam nicht zum Äußersten: der Kommandant bekam plötzlich Befehl -vom kaiserlichen Hauptquartier in Böhmen, die Stadt zu räumen. Das war -die Rettung vor dem angedrohten furchtbaren Schicksal. Nachdem noch die -wilde Soldateska Tag und Nacht geplündert und gebrandschatzt hatte und -man von der Stadt noch 900 Taler Kontribution erpreßt hatte, rückte -der Feind über das winterliche Gebirge nach Böhmen ab, die Wagen mit -gestohlenem Gute der Stadt und der Bürger gefüllt. Hinter ihm jagte -aber die Angst vor dem Schweden. Auf rauhen Wegen im tiefen Schnee, auf -steiler vereister Straße blieb manch Wagen mit reicher Beute stecken -und manches kostbare Stück aus Silber, Zinn oder Kupfer, welches beim -Rückzug hinderlich war, wurde auf die Straße geworfen. Manch Bäuerlein -oben im Gebirge mag da ein kostbares Stück heimlich auf einsamem Hofe -geborgen haben. - -Die Stadt war frei nach einer furchtbaren Leidenszeit von zwei Monaten. -Tore, Mauern und Türme waren hart mitgenommen, aber die silbernen Türme -des Mutes und der Treue waren ungebrochen. - -Immer wieder und wieder tobten die Stürme und Wetter des unseligen -Krieges um diese Türme und Zinnen der Stadt. Es war die Zeit, wo jeder -Soldat an sich schon Feind des Bürgers war, ob nun lutherisch oder -papistisch, ob kaiserlich oder sächsisch oder schwedisch. Der Feind von -heute konnte morgen der Freund sein, mit dem man Schulter an Schulter -kämpfte, der gemeinsame Feind der Soldaten war aber der Bürger und -Bauer, den zu schinden ein Teil der Soldatenfreude und des Lohnes war. - -Die schweren Einquartierungen einer durch die langen Kriegszüge ganz -verwilderten rohen Soldateska, welche meist sich selbst versorgen -mußte, drückten als harte Last gleichviel ob Freund oder Feind. Jetzt -war der Schwede der Befreier von der Belagerung durch das kaiserliche -Heer. Zehn Jahre später war es der kaiserliche Graf Pikkolomini, -der als Befreier vom schwedischen Joch freudig begrüßt wurde. Und -zwischendurch wurden bald kaiserliche, bald schwedische Truppen -abgewiesen und erhielten keinen Einlaß in die feste alte Stadt, sondern -eine tapfre Antwort voll männlicher Energie. - -Dem kaiserlichen Oberst Ulefeld, der 1633 mit starken Truppen vor der -Stadt erschien und drohend Einlaß begehrte, antwortete man, daß man -ihm, »so er die Stadt attakieren wolte, mit nichts als Kraut und Loth -begegnen wolle, wo er nicht Churfürstl. Befehl brächte, die Stadt zu -öffnen«. - -Auch dem kaiserlichen Oberst Abraham Schönnickel, der aus Chemnitz -stammte, ist 1634 nur eine »schlechte Antwort und nichts als Kraut und -Loth gewilliget worden«. Der Bürgermeister Jonas Schönlebe verhandelte -mit ihm vor dem Tor und sagte auf seine Verheißungen des Schutzes -und seine Drohungen mit Plünderung und Brand, »daß man nechst Gott, -sonst keiner Beschützung von nöthen hette« und warf ihm vor, daß er -ein Landeskind sein wollte »und fürgebe, er were dem Lande und der -Stadt zum besten ankommen, und verderbete doch alles in grund, und -man jetzo für Augen sehe, wie der alte schöne Hospital für der Stadt -liechter Lohe brennete«. Das war dem Schönnickel zu viel! Nach vielen -Wortwechseln ist er im Zorn davongerannt mit wilden Drohungen und hat -die ganze Vorstadt und Scheunen vor dem Peterstor in Brand gesetzt, -so daß »letzlichen das an der Stadt gelegene große Glockengießhaus -ergrieffen, davon eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, -daß die Funken in und über die Stadt hauffenweise geflohen, auch schon -allbereit ein Hauß in der Ringmauer am Thore zu brennen angefangen«. -Dieses Gießhaus war die Werkstatt des berühmten Gießergeschlechts der -Hilliger vor dem Peterstor, aus welcher die herrlichen Grabplatten aus -Messing und die Bronzedenkmäler in der Begräbniskapelle der sächsischen -Fürsten am Dom, ferner die schönsten Glocken in Sachsen, heute noch -ein Stolz der Gemeinden, und weiter über seine Grenzen hinaus und -nicht zuletzt künstlerisch mit besonderem Reichtum und Geschmack -verzierten Bronzegeschütze in großer Zahl hervorgegangen waren. Das -Stammhaus der Hilliger stand in der Petersstraße, nicht weit vom -Tore. Ihr Familienwappen, ein Bär mit einem Zirkel oder Taster in den -Vorderpranken, ziert noch heute das alte Portal. Welcher Grimm und -Zorn mag Hilliger durchtobt haben, als wenige 100 Schritte von seinem -Hause die Stätte seiner Arbeit und Erfolge, seines Ruhmes und seiner -Existenz in Flammen aufging und der Funkenregen vom Westwinde über die -Stadt getragen wurde, als in Asche sank, woran sein Herz und seine -Kunst hing, und er ohnmächtig zuschauen mußte, ohne den Mordbrennern -heimzahlen zu können. -- Schönnickel zog ab, ohne sein eigentliches -Ziel zu erreichen. - -Viele Stürme und Wetter brausten so im Laufe der Jahre noch über die -starken Tore, Mauern und Türme, wie über die trotzigen Häupter der -Bürger dahin. Kein Sturm aber war stärker, kein Wetter war furchtbarer -als das der Belagerung der Stadt durch den schwedischen Feldherrn -Torstensson. Vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, rund -50 Tage, dauerte diese furchtbare Zeit, in der die Bürgerschaft mit den -Bergleuten und der kleinen Garnison einen Heldenmut gegen gewaltige -Übermacht und Ausdauer in größter Not bewiesen hat, so daß diese Tat -sich würdig neben die größten Heldentaten der Geschichte stellt, -ein leuchtendes Beispiel in dem Jammer und Elend jener Tage, ein -leuchtendes Beispiel und Fackel auch im Dunkel unserer Zeit! - -Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne steht der Spruch: »~Salus -urbis est concordia civium!~« Das Heil der Stadt ist die Eintracht -der Bürger. Dies Wort stand nicht nur auf dem Stadtplan eingeprägt, -sondern stand auch im Herzen und im Hirn jedes Bürgers und Bewohners -festgeprägt, eingehämmert durch die jahrzehntelange gemeinsame Not. - -Erst 1639, also 4 Jahre zuvor hatten sie zwei Belagerungen durch den -schwedischen General Banner ertragen und siegreich überstanden. Vom -2. März bis 20. März und dann zum zweiten Male vom 10. April bis -17. April hatte Banner versucht, die Stadt zu stürmen und manche -mannhafte Tat und mannhaftes Wort ist uns aus diesen schweren Tagen -überliefert. - -Mit gewaltiger Übermacht war Banner vor die Stadt gerückt und stand -plötzlich vor den Toren, denn ein dicker, finsterer Nebel war -eingefallen und hatte sich über die Stadt und das Land gewälzt, so daß -man sich nicht hatte in der Nähe erkennen können. »Solches hat bey drey -Stunden gewehret, daß jedermann dafür gehalten, es sey dieser Nebel -von Finnen oder Lappländern gemacht.« Banner nahm im Freibergsdorfer -Rittergut Quartier und begann alsbald mit der Beschießung, Schanzen -und Laufgräben zu bauen und in der Vorstadt zu sengen und zu brennen. -Mit seinem schweren Geschütz hat er angefangen »auff das Peters und -Erbische Thor zu spielen, und an beyden Orten über hundert Schösse -anbracht, dadurch die Brustwehren durchlöchert«. Er drohte, falls -die Stadt nicht übergeben würde, »wollte er keines Menschen schonen, -sondern allen die Hälse brechen!« Der Kommandant von Haubitz gab die -unerschrockene Antwort, »daß er den vertrawten Platz, vermöge seiner -Pflicht und geleisteten Eids ~mainteniren~ müste, solches auch biß auff -den letzten Blutstropffen trewlich thun wolte.« Es erinnert dieses Wort -an das berühmte Telegramm des unverzagten Verteidigers von Tsingtau, -des Gouverneurs von Meyer-Waldeck, in den ersten großen Tagen des -Weltkrieges: »Einstehe für Pflichterfüllung bis zum Äußersten«. Durch -Ausfälle und tapfere Gegenwehr wurde dem Feinde viel Schaden zugefügt. -Am 9. März sollte das Peterstor erstürmt werden und alle feindliche -Macht richtete sich gegen das Bollwerk. Nach starker Beschießung -stand der Feind mit Sturmzeug und Leitern bereit und versuchte von -dem vor dem Tore stehenden Zollhaus aus das Rondell, den schützenden, -runden Mauerbau vor dem eigentlichen Torturm, zu ersteigen. Sie sind -aber tapfer empfangen und mit Verlust zurückgetrieben und es ist auch -»durch außgeworffenes Geströde, Pech und Fewerkugeln, das Zollhauß in -brand gerathen, daß ein groß Fewer auffgangen, und sich der Feind mit -schimpff ~reterieren~ müssen. Die Schösse, so beyderseits geschehen, -sind unzehlich gewesen«. Während hier am Peterstor so der wilde Kampf -tobte, machte der Hauptmann Thörmer am Meißner Tor einen Ausfall, -fand keinen Widerstand »indem alles zum Hauptwerke fürs Petersthor -gelauffen, und auff eingebildete Eroberung der Stadt gewartet, hat er -nicht allein des Feindes angefangene Baterien niedergerissen, sondern -auch so lange sichere Verweilung gehabet, daß er viel Hew und Stroh, -so wegen der Pferde und Viehes fast beynötig gewesen, in die Stadt -einbringen können.« Dieses Stücklein zeigt, welch kecker Mut die -Verteidigung beseelte. - -Trotz dieses Mißerfolges schickte der Feind wieder einen Unterhändler, -dieses Mal einen ehemaligen Kriegskameraden des Kommandanten, der jetzt -im anderen Lager focht und nun die frühere Kameradschaft geltend machen -wollte. »Hat sich dabey beklaget, daß ihnen die weile gar lang für der -Stadt were.« »Dem der ~Commendant~ zur Antwort gegeben, die weile zu -vertreiben, wolte er ihm ein baar Spiel Charten liefern, inmassen er -auch dieselben hinauswerffen lassen.« Ein grimmiger Humor klingt aus -dieser Art der Verhandlung. Wort und Tat, Geist und Schwert werden von -_einem_ entschlossenen und geschlossenen Willen geführt! - -Einer späteren Aufforderung, das arme Volk, Weib und Kinder aus der -Stadt zu schaffen, damit nicht unschuldig Blut vergossen würde, ferner -die Stadt in Güte auffzugeben, sonst sollten die Bergwerke eingefüllt -und alles verwüstet und verdorben werden, setzte Haubitz die Antwort -entgegen: »Er wüste von keinem armen Volcke, und hette man in der -Stadt genung zu leben, deßwegen er nicht einen Hund naußgeben wolte; -die gantze Stadt were unschuldig, und hette wider die Kron Schweden -nichts verbühret, wolte der General sich nicht mit unschuldigen Blute -beflecken, so solte er für sich selbst der Stadt und der unschuldigen -Einwohner schonen. Mit dem Bergwercke müste er geschehen lassen, was -der General nicht unterlassen könte.« - -Nach diesen Abweisungen verdoppelte der Feind seine Anstrengungen, den -Trotz der Stadt zu brechen. Durch eine trommelfeuerartige Beschießung -wurde eine Bresche in die Mauer gelegt in der Nähe des sogenannten -Pestturmes, wo der Pestprediger, der ~pestilentialis~, während der -Seuche seinen vom Verkehr gesperrten Wohnsitz nehmen mußte, um -seinen Kranken mit Gefahr seines Lebens, aber ohne Gefahr für die -Allgemeinheit dienen zu können. Der Turm und die Mauer stehen heute -noch im städtischen Bauhofe an der Mönchsstraße. Der Turm ist jetzt -bis übers Dach mit Epheu umsponnen, ein rechter alter, sturmfester -Geselle mit grünem Wettermantel, und draußen auf der Feldseite zieht -sich am Fuße der starken Mauern der alte Stadtgraben entlang, und über -lauschige Promenadenwege rauschen hohe stolze Bäume. Wenn diese alten -grauen Quadern und Blöcke des Turmes und der Mauern erzählten könnten, -welch ein Heldenlied würde erstehen, wachsen und klingen von wuchtiger -Größe, von Tapferkeit im Kampfe, von todesmutigem Ausharren in Not -und Tod, von seelischer Größe und Opfermut im Ringen und Ausharren -gegen die furchtbare Seuche, welche als Geißel des Krieges die Seelen -und Körper des armen, mißhandelten, aus tausend Wunden blutenden, -hinsiechenden Volkes schlug! Doch die Steine schweigen. Ist es -vergessen und verklungen, daß Mannesmut und Opfergeist, daß zähe Treue -und Gottvertrauen den Sieg auch gegen Übermacht über Pest und Tod und -widriges Schicksal erzwingen können? -- -- - -Als der Sturm des Feindes gegen diese Bresche einsetzte, haben die -Verteidiger anfangs ein wenig zugesehen, »biß eine gute anzahl, und -wie man vermercket bey vierhundert im Graben, theils auch im Zwinger -und auff den Leitern gewesen, da dann die Trajoner und Bürger, so -im Zwinger hinter den Abschnitten im Fewer gelegen, eine grimmige -Salve unter sie gegeben, daß sie mit hauffen herunter gepurtzelt, -und bevoraus der Oberste Magnus Jahnsohn, welcher diese Völcker -angeführet, und sich hoch vermessen, er wollte und müste diesen -Tag in der Stadt seyn, nachdem er auff der Leiter kaum zur Bresche -hinein gegucket, geschwinde einen Schoß durch den Kopff bekommen und -abgestürtzet worden, welches, als es die andern, so hernach getrungen, -und den Sturm auch antreten wollen, ersehen, wie es noch außwendig -der Stadt so scharff hergangen und leicht erachten können, daß sie -inwendig der Mawren ein viel ärgeres zu erwarten hätten, haben sie -weiter nicht fortgewolt, ob sie schon von Officirern mit blossen Degen -hefftig angetrieben, auch etliche erstochen worden, sondern haben ihre -Mußqueten und ander Gewehre in Zwinger und Stadtgraben geworffen, -und sich ~reteriret~, denen die in der Stadt eilends nachgesetzet, -mit kurtzen Wehren, Schlachtschwerdten, Morgenstern und dergleichen -ihrer noch viel niedergemacht, und gute Beuten davon bekommen. Was -und wieviel vom Feinde diesen Tag umbkommen, hat man nicht eigentlich -wissen können, denn sie unterschiedene Personen der Beschädigten und -Toden weggeschleppet, auch unter andern einen Obersten Leutenant, laut -der Gefangenen Aussage, auff dem Rücken mit fortbracht. In Zwinger -und Graben sind etwan hundert Mann liegen blieben, darunter sich -ernenter Oberster Jahnsohn, ein Hauptmann, und etliche andere Officirer -mehr befunden, dabey zweene gequetzschte, die also fest und gefroren -gewesen, daß man ihnen auch mit Beilen die Köpffe nicht hat abhawen -können. Fünffe sind lebendig in die Stadt bracht, der Oberste, der so -gern in der Stadt seyn wolte, und der Hauptman beygesetzt, die andern -begraben worden. In der Stadt ist kein einiger Mensch umbs Leben -kommen, aber für dem Sturm über der Arbeit sind drey Bergmänner in -Schaden gerathen, darunter der eine verstorben.« - -Der Oberst Jahnsohn »soll zwar ein statlicher Soldat, doch ein -sehr grimmiger und blutgieriger Mensch (wie auch das Gesichte fast -außgewiesen) und laut der Gefangenen Bericht des Banners Schwester -Sohn gewesen seyn, deßwegen er von selben sehr lieb gehalten und hoch -betawert worden«. Wie vom Kampf um Trojas Mauern und wie von der Trauer -des Achill um seinen gefallenen Freund Patroklos’ klingt es aus dieser -Schilderung des Zeitgenossen, der selbst diese schweren und großen Tage -in den Mauern Freibergs mit durchlebt hat. - -Nach diesem Sturme war die Stoßkraft des Feindes erlahmt. Nach drei -Tagen kam der Stadt Hilfe von kaiserlichen und kurfürstlich sächsischen -Truppen. Banner zog sich zurück in der Richtung auf Chemnitz. - -Er soll geklagt haben, daß er soviel Verlust gehabt und daß ihm das -Glück in allen zuwider gewesen wäre, »sonderlich, daß er für diesem -Rattenneste etliche hohe liebe Officirer und über tausend Mann hatte -einbüssen müssen«. - -Banner dachte aber an Rache! Drei Wochen später stand er wieder mit -mächtigem Heere vor der Stadt. 20000 Mann und etliche 70 große und -kleine Stücke sollten die Stadt in seine Hand bringen und er dachte -mit Durst die trotzigen Bürger zu zwingen. Die Quell- und Röhrwässer, -deren Lage ihm Verräter gewiesen hatte, schnitt er ab und den Münzbach, -welcher die Stadt durchfließt, ließ er abstechen und in einen Schacht -leiten, so daß dadurch auch die Gruben überschwemmt, der Bergbau -zerstört und gefährdet und der heimliche unterirdische Verkehr der -eingeschlossenen Stadt mit der Außenwelt auf Gängen und Stollen -tief unter Tage behindert war. Gleichzeitig ließ er mit glühenden -Brandkugeln die Stadt beschießen. So glaubte er endlich den harten Mut -der Freiberger erschüttern zu können. Mit der Drohung, »daß keines -Menschen solte geschonet werden, so man sich ferner ~opponiren~ würde«, -schickte er seinen Generaladjutanten: »Er wüßte, daß nicht viel zu -leben und gantz kein Wasser in der Stadt sei« Die tapfere Antwort des -Kommandanten dagegen lautete, daß er seiner Pflicht genug tun und sich -wehren müste. »Es weren, Gottlob, bey der Stadt noch nirgends solche -~extrema~, daß man nichts solte zu leben haben. Was an Wasser abgienge, -were an Wein und Biere vorhanden, und dürffte ihm der General hier -keine andere Willfährigkeit als Kraut und Loth einbilden.« Nachdem er -noch einige Tage vergeblich vor der Stadt gelagert und manchen Schuß -in ihre Mauern gesandt, sah er wohl ein, daß nicht so leichten Kaufes -das »Rattennest« auszuheben sei. Nach einer Belagerungszeit von etwa -7 Tagen brach er auf und zog nach Böhmen. Die Stadt war frei! Vor den -Feinden draußen hatten die starken Mauern und Türme und der trotzige -Mut geschützt, doch wehe, wer schützt die Stadt vor den Freunden? -Starke Einquartierungen, Kontributionen, Steuern, Lieferungen drückten -die Bürger. Das ganze Land war unsicher. Feindliche Reiter schwärmten -überall umher und Marodebrüder folgten wie die Aasgeier den Spuren -der Truppen, sei es Freund oder Feind. Die Bestellung der Felder -konnte nur mangelhaft erfolgen und »über die grossen herumbstreifenden -vielfältigen Kriegsmäuse, hat es auch eine gewaltige Menge kleiner -Feldmäuse in Gärten, Äckern und Wiesen gegeben, welche nicht allein das -Getreide in Scheunen, sondern auch die Wintersaat im Felde durchfahren -und platzweise gefressen«. Wo noch etwas geblieben war, wurde es -gestohlen, obschon der Bürger kaum mehr das Brot zahlen konnte. - -Drei Jahre gingen so in Not und Sorgen, Kriegsgefahr und drückenden -Ängsten und Leiden dahin, eine Zeit, geeignet auch den härtesten Sinn, -die stärksten Herzen zu beugen und mürbe zu machen. Da zog sich ein -neues Wetter unheildrohend, finster um die Stadt zusammen. Das war das -Wetter, aus welchem die schwersten Blitze zuckten und das so recht -eigentlich die Feuerprobe für die Türme, Mauern und Bollwerke der -Stadt, wie für die silbernen Türme unentwegter Treue der Bürgerschaft -werden sollte. Die Schweden rückten mit neuer furchtbarer Macht heran. -Tilli war bei Breitenfeld am 23. Oktober 1642 geschlagen und seine -fliehenden Truppen eilten raubend und sengend vor den Schweden her, an -Freiberg vorbei nach Böhmen. Leipzig war am 26. November gefallen und -in der Gewalt des schwedischen Feindes, dem nichts mehr widerstehen -konnte, der »das gantze Land in grosse zerrüttung und verderbnüs -versetzet«. Wehe dir, kleines Freiberg, du Städtchen, dessen Mauerring -nur 2700 ~m~ lang und in einem halben Stündchen leicht umschritten -ist, dessen Längsachse nur 1000 ~m~, dessen Querachse nur 700 ~m~ -mißt, dessen Bürgerschaft durch Not und Teuerung, durch Pest und -Brandschatzung seit Jahren geschlagen und gepeinigt und mehr und mehr -vermindert und verarmt war, du willst mit deinen Mauern und Türmen -und deinen wenigen Männern dem Feinde trotzen, dem furchtbaren, -erbarmungslosen Torstensson, dem noch keine feste Stadt widerstanden, -der sieggewöhnt soeben erst in offener Feldschlacht auf dem blutigen -Plane von Breitenfeld 46 Stücke Geschütz eroberte!? Du Städtchen mit -deiner Besatzung von nur 290 Soldaten des Kurfürsten, wie willst du -der ganzen, von Sieg zu Sieg stürmenden schwedischen Armee trotzen, -8 Brigaden Infanterie, 104 großen und kleinen Stücken Geschütze, -5 Feuermörsern, 700--800 Reitern und noch 3 Reiterregimentern? Wie von -einer furchtbaren Lawine wirst du doch hinweggefegt werden, wie von -einer Sturmflut, die über dich zusammenschlägt, dich zerschmettert und -nur Trümmer hinterläßt! -- -- - -Und dennoch hat sie es gewagt! Sie sprachen trotzig ihr »Dennoch!« und -glaubten an das Wort: »Eine feste Burg ist unser Gott!« Täglich wurden -in jeder Kirche drei bis vier Betstunden abgehalten und als der Feind -Bresche geschossen hatte, hat der Vesper-Prediger Glaser jeden Tag -zweimal »und zwar offters mitten unter der Gefahr, und zunächst bey -den geschossenen ~brechen~, in mit anhörung der Feinde, die Betstunden -gehalten und verrichtet«. Das Gebet war ihr Harnisch, das Gebet war -ihre Mauer, die sie bauten, wo die Stadtmauer in Trümmer ging, im Gebet -überwanden sie die Schrecken und Verzagtheit, als strömten immer wieder -neue Kräfte ihnen zu und verzehnfachten die Zahl, die Kraft und den Mut -der Verteidiger. Die starken Kräfte der Seelen, die in unergründlichen -Tiefen des Glaubens wurzelten und daraus emporwuchsen, waren die -silbernen Türme der Stadt, welche keine feindliche Übermacht erstürmen -oder in Trümmer legen konnte. Wenn unser deutsches Volk im tiefsten -Innern seiner Seele sich solche silbernen Türme erst wieder baut, -dann hat noch heute die deutsche Not ihr Ende, denn stärker als das -Schicksal ist doch der Mut, der’s unerschüttert trägt. -- - -Die Führer in diesem Heldenkampf waren der tapfere Kommandant von -Schweinitz und der Bürgermeister Jonas Schönlebe. Als v. Schweinitz -zur Übergabe aufgefordert und gefragt wurde, ob er sich wehren wolle -angesichts der Übermacht, antwortete er, »der Feldmarschall solle -nicht fragen, er würde einen Soldaten an ihm finden.« Er hat dieses -Wort eingelöst und dem furchtbaren Ansturme des Feindes getrotzt. -Als schwedische Hauptstellung, die stark mit Geschützen besetzt war, -war die Johanniskirche und das alte Johannishospital mit seinem -Garten ausgebaut. Wo die alten Hospitaliten beteten oder ihre Ruhe -genießen wollten, brüllten die Kanonen, wieherten und stampften die -Pferde, heulten die glühenden Brandkugeln ihrer Vaterstadt entgegen -und donnerten an die Mauer des starken Petersturmes. Der Friedhof -um das alte Spittelkirchlein herum war von Schanzen und Laufgräben -durchwühlt. Den Toten war ihre Ruhe geraubt, um von dort Tod und -Verderben zu säen. Heute noch rauscht dort der grüne Wipfel der -mächtigen, ehrwürdigen Spittellinde, der Torstenssonlinde, unter der -Torstensson sein Zelt hatte, von wo er, durch die Gicht oft an den -Stuhl gefesselt, die Angriffe und wilden Sturmläufe auf das Peterstor -leitete, ein lebendiger Zeuge schwerster und großer Tage, ein Natur- -und Geschichtsdenkmal von besonderer heiliger Bedeutung. - -50 Tage dauerte die Belagerung und Bestürmung, vom 27. Dezember 1642 -bis zum 17. Februar 1643, während harter Winterkälte. Immer wieder -richtete sich der Sturm mit ungeheurer Wucht gegen das Peterstor. -Das Rondell, das starke, im Halbkreis vor den eigentlichen Torturm -vorgeschobene Mauerwerk, wurde von den Schweden erobert und bildete nur -noch einen Trümmerhaufen. Der Turm selbst war fast ganz zerschossen. -Von Stockwerk zu Stockwerk wurden die Geschütze tiefer gestellt, -weil Mauern und Gewölbe zusammenbrachen unter dem Gehämmer der aus -nächster Nähe feuernden Geschütze. Die vordere Hälfte des Turmes wurde -schließlich ganz in Trümmer gelegt, so daß nur noch die Rückwand als -zerschossene Ruine in die Lüfte ragte. - -Neben dem Turm wurde die Mauer zerschmettert, so daß eine Bresche von -20 Ellen Breite offenen Eingang in die Stadt verhieß. Offenen Eingang --- wenn nicht der Wall tapferer Männerherzen als eiserne Wehr die -Bresche geschlossen hätte, so daß kein Feind eindringen konnte! - - »Als zerbrochen war der Stein, - Stellten Bürger sich zu Mauern. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Und aus allen offenen Lücken - Tritt hervor manch Angesicht, - Brust an Brust zusammenrücken, - Und die Mauer selber ficht.« - -In jenen Tagen war mancher Bürger vier, fünf oder mehr Tage und Nächte -auf seinem Posten mit der Waffe in der Hand, das Gesicht zum Feind. - -Mit Laufgräben und Mörsern, mit Handgranaten und Minen und Gegenminen -wurde gekämpft. Wie ein Bericht aus dem Schützengrabenkriege im -Weltkrieg klingt es zuweilen in der Chronik, wenn man liest, wie die -Bergleute den Feind beim Bau seiner Laufgräben und Minen belauschten -und ihre Gänge dagegen trieben, Wasser hineinschlugen oder mit -Feuer und Pulver entgegenarbeiteten. Der Feind suchte den Mut der -Verteidiger, der tapferen Bürger, vor allem dadurch zu lähmen und zu -brechen, sie von den Mauern wegzulocken und die Verteidigungskraft zu -zersplittern, daß er ihre Straßen und Häuser immer wieder in Brand zu -schießen unternahm. Wenn ihre Häuser brennen und von ihren Dächern -die Brunst zum Himmel lodert, so war seine Rechnung, sucht jeder das -Seine zu retten. Die gierige Flamme im Rücken der Verteidiger sei der -Bundesgenosse. Feuerballen und Granaten wurden in die Stadt geworfen. -Pechkränze und brennende Lunten zusammengebunden, mit Schwefel -untermischt und dergleichen Mittel der Brandstiftung fielen auf Straßen -und Dächer tagaus tagein, fielen und entzündeten manche Feuersbrunst, -fielen auch und verlöschten. Was aber nicht fiel und verlöschte war -der Mut der Verteidiger. Da versuchte es der Feind mit Drohung und -mit Verheißung: Wenn die Stadt sich nicht ergeben wolle, ließ er dem -Woledlen, Vest- und Mannhaften Herrn Obrister Leutenant und Commandeur -und durch ihn der ganzen Bürgerschaft sagen, so habe sie »sich dieses -gäntzlich zu versehen, daß nicht allein die Stadt und Bürgerschaft mit -Fewer und Schwerd zu grund gerichtet, sondern auch Weib und Kind nicht -verschonet, und also verfahren werden, daß andere ~obstinate~ Örter -ein Exempel daran haben sollen«. Der Kommandant würde selbsten, »weil -er einig und allein ursache an dem unschuldigen Blut, so vergossen -werden möchte, und keine gütliche Offerten annehmen will, nicht als ein -~cavallier tractiret~ werden.« - -Welche schwere Versuchung für ein schwaches, ängstliches Herz, für -friedliche, stille Gemüter, die nur in Ruhe ihrer Arbeit, ihrem stillen -Berufe leben und verdienen wollten, jetzt nachzugeben, schwach zu -werden, die Tore zu öffnen und den so freundlichen Feind, der so viel -versprach, einzulassen! Dem aussichtslosen Kampfe, dem doch keine -Märtyrerkrone winkte, diesem Schrecken ohne Ende, ein glimpfliches -Ende zu bereiten, ein glimpfliches, nicht ein schimpfliches, denn der -»Ehre« war schon genug getan, mehr als in andren deutschen Städten -mit stärkeren Mauern und Türmen! -- Doch nein, in Freiberg schlugen -Heldenherzen unter dem Bürgerrock wie unter der bunten Jacke des -Soldaten. Die Stadt hielt stand, weil kein Verräter sich fand. Die -Stadt hielt stand, weil in der Bresche Männer als lebendiger Wall -todesmutig den Angriffen wehrten, die Stadt hielt stand, denn ihr -Spruch lautete »~urbis salus est civium concordia~«, das Heil, die -Rettung der Stadt ist die Eintracht der Bürger! ~concordia~ bedeutete -hier mehr als nur Eintracht, es war das Zusammengeschmiedetsein der -Herzen, zusammengeschmiedet durch Not und Tod zur Einheit für Leben und -Sterben. Nur solche ~concordia~ konnte die Rettung sein. - -Die Antwort auf die Drohung und Verheißung des Feindes war, daß man dem -Kurfürsten die Treue halten müsse, und im übrigen »dahin es lassen muß, -was Gottes Allmacht schicken wolle«. - -Ähnliche tapfere Worte klingen noch mehr herüber. Auch auf die -furchtbarsten Drohungen »es würde keines Menschen, auch des Kindes -im Mutterleibe nicht verschonet«, merkt man kein Schwanken in der -mannhaften Sprache, keine Übergabe: »Der Feind solle erfahren, daß so -viele redliche ehrliche Leute in der Stadt finden würde, die ihr Eyd -und Pflicht in acht haben, und biß auff den letzten Blutstropffen -ritterlich fechten, ja auch lieber sterben als zugeben würden, daß -diese freye Bergstadt und die ihrigen unter das schwedische Joch -gelangen solten«. - -Torstensson war es jedoch Ernst mit seinen Drohungen. Er unternahm -den Generalsturm auf die unglückliche Stadt, indem er zunächst durch -eine furchtbare Beschießung sie sturmreif zu machen suchte. Zwei Tage -lang hat er sie bombardiert und 2500 Stück Schüsse in ihre Mauern -geschleudert. Dann kam der eigentliche Sturm »mit unaussprechlicher -furi und Geschrey« zugleich auf das Peterstor, Erbische Tor und Meißner -Tor. Der Hauptangriff galt dem Peterstor, »da zugleich mit und unter -den stürmen die Feuerwerker, theils aus Mörseln, große schreckliche -Hauffen Steine, Ballen und Granaten in die Stadt geworffen, theils aus -groben Stücken auf die ~breche~ gespielet, und sonsten Creutzweiß und -also hefftig durch die Häuser ~flanquiret~, daß alles erbebet, und ein -solcher lerm in der Stadt worden, als wenn Himmel und Erden ineinander -gingen«. - -Während dieses furchtbaren Sturmes lag alles Volk, das nicht Waffen -führte, in den Kirchen betend auf den Knien und alle Glocken läuteten -und trugen mit ihrem Dröhnen den Notschrei der Stadt zum Himmel empor, -um schließlich mit dem Sange des ~Te Deum laudamus~ den Dank der -Erretteten emporzujubeln. - -Auch dieser furchtbare Angriff wurde zurückgeschlagen, so daß die -Feinde unter großem Verlust sich zurückziehen mußten »in großer -~confusion~«, wobei »aus Stücken mit Hagel und Kardetzschen, wie auch -aus Doppelhacken, gezogenen Röhren und Musqueten, noch großen schaden -unter ihnen gethan, ohne was durch ihr eigenes hefftiges schiessen -wider die ~brechen~ und Thürme geschehen, dadurch sie selbst von zurück -schlagenden Stückkugeln nicht wenig verletzet, theils auch mit Steinen -verfallen, und übel beschädigt worden«. Bei diesem Kampfe hat jeder, -der kämpfen konnte, die Waffe geführt. Der Kommandant Georg Hermann -von Schweinitz an der Spitze, nicht nur in Worten tapfer, hat »sich -tapffer und rühmlich sehen lassen, indem er nicht allein in allen gute -anstellung gemacht, und stets bey der höchsten Gefahr sich funden, -sondern auch selbst aus einem Schießloch am Thurme, zeit wehrenden -Sturms, Fewer gegeben, und Granaten außgeworffen, daß er dadurch vom -Pulver im Gesichte verletzet, und ihm der eine Schenkel ~blaissiret~ -worden«. Seinem Beispiele der persönlichen Tapferkeit folgten die -Offiziere, Soldaten, Ratsherrn und Beamten, Bürgerschaft und Bergleute. -»Ist auch jedermann darby unerschrocken, mutig und frewdig gewesen, -also daß etliche Mußquetirer, ungeschewet aller Gefahr, und des so -grimmigen Schiessens, auff die ~brechen~ gesprungen, mit Morgenstern -und Schlachtschwerdten ~agiret~ und Fewer auff den Feind im Graben -gegeben. Die eine Seite des Zwingers, da die ~breche~ am niedrigsten -und gefährlichsten gewesen, haben die Bürger, welche unter die -~Defension~ Fahne gehören, innen gehabt, und männlichen beschützt, -dabey sich der Stadt Leutenant Peter Schmol befunden, und tapffere -Gegenwehre gethan.« - -An diesen wackeren Peter Schmohl erinnert uns heute noch der letzte -Rest des Stadtmauerturmes am Peterstor, der uns an jener Stadtseite -erhalten geblieben ist aus der Heldenzeit der Stadt. Es ist der -letzte Stumpf des alten Rotgießerturmes, den Schmohl verteidigte. -Wenig beachtet und kaum verstanden steht er im grünen Rasen und über -ihm rauschen die hohen Bäume. Was könnte er wohl erzählen aus jenen -Tagen des Sturmes, als die weiße und die blaue schwedische Brigade -heranrückte mit fliegenden Fahnen und vollem Spiel, mit Leitern und -Sturmgerät, und des kleinen Häufleins todesmutige Tapferkeit dennoch -den Sieg errang! Diese wenigen Steine, dieser schlichte Mauerrest -verkörpert Geschichte, die mit der stolzesten Heldensage aller Zeiten -sich messen kann. Noch ein anderes schlichtes Zeichen, das sich im -Altertumsmuseum befindet, erinnert an den tapferen Peter Schmohl. Es -ist der Ehering, den er einst seiner Gattin Catharina am 3. Februar -1635 in der Nikolaikirche an den Finger gesteckt. Sie mag in den Tagen -der Belagerung und des Krieges besonders schwer getragen und gelitten -haben, da sie ihren Helden kannte, der sich nicht schonte, den sie -stets an dem gefährlichsten Posten wußte. Sie mag durch Seelenstärke -ihm eine starke Stütze gewesen sein. Eine treue Gattin und Mutter -war sie, und ihre Ehe war ein glückliche und kinderreiche, denn es -entstammten ihr 7 Söhne und 7 Töchter. -- Beim Bau der 3. Bürgerschule -auf dem Gelände der alten Nonnen- oder Jakobikirche stieß man im Jahre -1902 auf die Schmohlsche Gruft und fand außer den Resten eines braunen -Sammetkleides den Trauring. Der künstlerisch schöne goldene Reif, wohl -eine Arbeit Samuel Klemms, zeigt äußerlich ein zierlich gestaltetes -Sternenmuster, innerlich die Inschrift: »~Peter Schmol~ den 3. Febru. -1635« auf schwarzer Emaille. Nicht ohne Rührung schaut man diesen -Ring, der für das Leben des alten Freiberger Helden von so großer -Bedeutung war, und damit vielleicht auch für das Schicksal der Stadt in -schweren Tagen wichtige innere Werte umschloß. Seine Sterne haben nicht -getrogen. -- Auch das Wappen Peter Schmohls erzählt von seiner Art und -entsprach seinem Leben und seinen Taten. Es zeigte einen bewehrten Arm -mit einem Säbel in der Faust, die Helmzierde trägt drei Straußenfedern. -Er war ja der tapfere Arm seiner Vaterstadt, ein Kriegsmann, der -schon in der Schlacht bei Lützen und bei Nördlingen unter den Schweden -gekämpft hatte, ehe er heimkam und der Heimat diente. Am alten -Zinnpokal der Freiberger Defensionerschaft im Museum mit der Jahreszahl -1639, der auf dem Deckel einen alten Defensioner in Eisenrüstung trägt, -ist dieses Wappen im Lorbeerkranz an bevorzugter Stelle angebracht mit -der Inschrift: - - ~PETTER SCHMAL. LEUTENAMPT.~ - -Er war der erste Vorsteher der Gesellschaft und hat vermutlich den -Pokal mit anderen Mitgliedern unmittelbar nach seiner Ernennung zum -Defensionerleutenant gestiftet. Die schöne Form des Pokals mit dem -Schmuck der angehängten Münzen und den Gravierungen zeugt ebenso -wie der künstlerisch feine Ring dafür, daß Schmohl nicht ein roher, -ungebildeter Kriegsmann war, sondern daß lebhaftes Schönheitsempfinden -in ihm lebendig war. - -Drei Dinge erinnern so an Peter Schmohl, drei Dinge, die viel sagen -und zu deuten vermögen: Der Turm, der Ring, der Pokal, der mannhaft -erfüllte Beruf, die glückliche Ehe und die Geselligkeit mit wackeren -Männern, welche wie Sinnbilder die Summe seines Lebens, die Sinnesart -und die Taten dieses echt deutschen Mannes und Kämpfers für die Heimat -erklären, eines Mannes, dessen Freiberg dankbar gedenkt. Er stand -auf schwerstem Posten bei der Belagerung und mit wenigausgebildeten -Leuten, die sonst nur gewöhnt waren, ihren friedlichen Beschäftigungen -nachzugehen, denen er erst seinen Heldengeist einhauchen mußte durch -Wort und Beispiel und rücksichtsloses Einsetzen seiner Person. Seinem -Namen begegnen wir in den Berichten auf Schritt und Tritt und können -ihn noch zwischen den Zeilen vielfach lesen: Peter Schmohl einer der -besten Söhne Alt-Freibergs in schwerster Zeit! - -50 Tage dauerte die Belagerung, 50 Tage, von denen jeder mit neuer -Not und Gefahr, mit neuen Leiden, Sorgen und Ängsten blutigrot am -Morgenhimmel emporstieg und blutig in der Nacht versank. Der Mut -der Verteidiger blieb unerschüttert. In immer neuen Ausfällen und -tapferster Gegenwehr taten sie dem Feinde Abbruch, wenn auch der -Entsatz und die Hilfe, welche der Kurfürst versprochen hatte, und das -kaiserliche Heer, welches sie von Böhmen erwarteten, länger und länger -auf sich warten ließen. - -Die Not in der Stadt stieg immer höher, und sehnsuchtsvoll schaute -man von den Türmen in die Ferne nach Frauenstein, wo die Straße zu -den Höhen des Gebirges sich emporzieht, ob nicht die Kaiserlichen -nahten. Jede ungewöhnliche Bewegung bei den schwedischen Belagerern -wurde als hoffnungsreiches Zeichen nahender Hilfe gedeutet und brachte -doch immer wieder Enttäuschung. Am 23. Januar hatte ein wackerer -Bergmann, der sich bis zum Feldmarschall _Octavio Piccolomini_ nach -Böhmen durchgeschlagen und heimkehrend von den Schweden vor der Stadt -aufgefangen, ihnen aber wieder entwischt und in die Stadt zurückgelangt -war, Briefe des Feldmarschalls gebracht, daß er in wenig Tagen die -Stadt entsetzen werde und daß sie bis dahin, »wie bishero zu ihrem -unsterblichen Ruhm geschehen, dem Feinde noch mehrere gute Resistenz -erweisen, und zu keinem ~accord~ sich einlassen« solle. Dieses -Schreiben ist »der Stadt sehr tröstlichen gewesen«, aber 25 Tage lang -wurde jeder Tag eine neue Enttäuschung, denn das kaiserliche Heer -kam nicht. Immer wieder sandte man Botschaft an den Kurfürsten nach -Dresden und nach Böhmen an Piccolomini. Aus allerlei Zeichen des -Himmels suchte man Trost und Hoffnung zu gewinnen. Bald war es ein -schwarzes Kreuz, das am Himmel stand und sich zum Feinde hin bewegte, -bald war es brausender Sturm mit Donner gleich einem Erdbeben, ein -Ungewitter, das mit Feuer und Wasser den Feinden schadete, die Stadt -aber verschonte, bald waren es feurige Kugeln am nächtlichen Himmel, -welche rotfeurige Strahlen von sich gaben, bald hat es beim Feinde Blut -und Feuer geregnet, ohne daß die Stadt etwas davon verspürte, bald sind -Kinder und Bürger der Stadt in wunderbarer Weise vor Schüssen, die ihre -Umgebung zerschmetterten, unverletzt bewahrt geblieben, bald sind Minen -und Schüsse, welche der Stadt galten, den Feinden selbst verderblich -geworden. Alle diese tröstlich ausgelegten und empfundenen Zeichen -änderten aber nichts daran, daß täglich die Lage der Stadt schlimmer -wurde und der Grimm der Feinde, die Gewalt der Angriffe mit allen -Mitteln, namentlich mit Minen, Handgranaten und Feuer von Tag zu Tag -furchtbarer wurden. Am 9. Februar geriet das Peterstor in die Gewalt -der Schweden, und ihre Schüsse fegten von dort in die Petersgasse -und ihre Häuser, auf die Mauern und Türme, welche von dort im Rücken -oder Flanke beschossen werden konnten. Doch grimmig wehrte sich der -Freiberger Löwe: War auch das Tor gebrochen, die Straße, den Weg gab -er nicht frei. Eine starke Batterie wurde in der Petersstraße gebaut, -welche das jetzt feindliche Tor unter wirksames Feuer nahm, so daß der -Feind sich in die unteren Torgewölbe zurückziehen mußte. Alle Häuser -der Petersstraße wurden durchbrochen, so daß sie wie ein Wehrgang -untereinander verbunden und mit Musketieren stark besetzt zu feuer- und -verderbenspeienden Mauern werden konnten, falls der Feind hätte weiter -vordringen wollen. Der Schwede erkannte wohl, daß dieser Weg in die -Stadt, den nicht mehr Mauern, sondern eine eiserne Wehr von Männern -verriegelte, ein Todesweg für ihn sein würde und wagte sich nicht -weiter vor zwischen die grimmigen Tatzen des Löwen. - -Der letzte wilde Verzweiflungskampf der Stadt schien heranzunahen. -Doch auch bei den Feinden machte sich Unruhe bemerkbar, da sie wohl -Kunde hatten vom Heranrücken des kaiserlichen Heeres. Am 10. Februar -langten Boten in der Stadt an, daß in längstens acht Tagen die -kaiserliche Armee Freiberg befreien werde und ihre Ankunft durch ein -oder zwei brennende Häuser in Lichtenberg und durch Kanonenschüsse -von der Höhe melden würde. Diese Frist war noch eine harte Probe für -die Verteidiger, denn der Feind setzte alles daran, die Stadt noch zu -gewinnen. Tag und Nacht dauerte das Schießen und das Granatenwerfen. -Granaten von 1 Zentner Gewicht fielen in die Straßen und auf den -Obermarkt, töteten Bürger und richteten manchen schweren Schaden an. -Mit Minen wurde ein unterirdischer Kampf geführt: »Abends sind des -Feinds Minirer und die Bergleute in der Stadt unter der Erden so nahe -zusammen kommen, daß die Bergleute den Feind hören reden.« Auch durch -Verhandlungen und Versprechungen suchte nochmals der Schwede die -Stadt zu gewinnen. Alles vergeblich, alle Versuche prallten an der -todesmutigen, stahlharten Treue wirkungslos ab. - -Man glaubte mit allen Fasern des Herzens an die baldige Erlösung, und -als in der Nacht vom 15. zum 16. Februar die verabredeten Zeichen -die Nähe des kaiserlichen Heeres kündeten, konnten weder Drohungen -noch glatte Worte, noch alle Wut des Ansturmes den tapferen Mut mehr -erschüttern. - -Das Morgenrot des 17. Februars 1643 brachte die Befreiung aus der -furchtbaren Not. Der Feind rückte ab, die Stadt war frei. Staunend -sahen die kaiserlichen Offiziere, an ihrer Spitze Oktavius -Piccolomini, was die Stadt geleistet, und man hat sich verwundert, »wie -man gegen einen dermaßen mächtigen und grimmigen Feind solchen Ort also -lange halten können; deßwegen auch die Standhafftigkeit, Fleiß und -tapffere Gegenwehr der redlichen Guarnison und trewen Bürgerschafft -hoch gerühmet«. - -Der Feind aber hat die »Stadt Freybergk verwüntschet und verfluchet, -und das schöne Volk beklaget, so dafür sitzen blieben«. Man hätte -Nachricht, »daß über dreytausend Mann für der Stadt sich verlohren: -Man hette ingemein die Stadt nur die Hexenstadt genennet, und dafür -gehalten, es gienge mit zaubern zu, daß man bey so überaus grossem -Ernste eine Landstadt nicht gewinnen könte«. »Der General Torstensohn -were darüber so erzürnet gewesen und hette ihm gäntzlich fürgesetzet, -außzutawren, und die Stadt sambt aller Zubehör ohne Schonung einiges -Menschen in grund zu schleiffen«. - -4500 Schüsse aus großen Kanonen, etliche hundert Würfe aus Mörsern, -14 Minen hat er angebracht und hat dennoch, trotzdem er »schon den -Stadtgraben, Zwinger, und das eine Thor, sambt den beygelegenen Thurm -in seiner Macht gehabet, und die Ringmawer auff etliche zwantzig Ellen -also niedergefüllet, daß er ebenes Fusses in die Stadt lauffen können, -sich doch derselben nicht vollends bemächtigen mögen«. Wohl nie zuvor -war das ~Te Deum laudamus~ so »mit hertzlicher Freude und Andacht« -gesungen und im jubelnden Dankgottesdienst das Jauchzen der Erlösten -zum Himmel gestiegen, und auch nach den Predigten so froh »mit allerley -~instrumenten~ lieblich ~musiciret~« worden, um den Dank emporzutragen, -als bei dem Dankfeste am 26. Februar 1643. Der Feind hatte gar übel -draußen gehaust. Die Hospitalkirche war verwüstet und entweiht, -Gestühl, Kanzel, Emporen, Bilder usw. verbrannt und zerstört. Häuser -waren abgebrochen, verbrannt und vernichtet, Balken ausgeschnitten, -Tür und Tore ausgerissen, die Obstbäume nah und fern abgehauen. In -den Bergwerken waren »die Fahrten verderbet, der Vorrath an Ertzen -verschüttet, die Wercke, Glethe, Herd und anders in Hütten weggenommen, -die Räder und Wellen zerhawen, die Öfen eingerissen, die Künste und -Zeuge verbrennet und solcher schade geschehen, der nicht genugsam kan -geschätzet noch beschrieben werden.« - -Die festen Mauern, die festen Tore und Türen haben nicht dem Ansturm -des Feindes standgehalten, die festen Herzen blieben unerschüttert, sie -blieben stärker als das Schicksal! -- -- -- -- - -Im Albert-Museum zu Freiberg liegt im Kleinodienschranke eine -schimmernde, kunstvoll aus massivem, goldenem Bande geflochtene Kette. -Kaiser Ferdinand III. hat sie als Lohn und Dank für die tapfere -Verteidigung nach der Belagerung dem wackeren Bürgermeister Jonas -Schönlebe verliehen und ihm zugleich den Adel angeboten. Für die Stadt -hatte Schönlebe seine ganze Kraft und Leben, seine ganze Persönlichkeit -eingesetzt und mit ihm seine Freiberger bis zum letzten Mann. Wenn er -diesen goldenen Schmuck sich über die Schulter legte, so trug in ihm -die ganze Stadt gleichsam dieses Kleinod als Ehrung für ihren Mut, ihre -Treue und Tapferkeit, ein unschätzbares Sinnbild und redendes Zeichen -von der Treue wie Gold. Mit leuchtenden Worten singt es und sagt es -seit Jahrhunderten und in die kommenden Tage hinein von der Ehre der -Stadt, der alten, freien, getreuen Bergstadt, von der Stadt mit den -silbernen Türmen, den Türmen der Treue, von festen Mauern und festen -Herzen. - - - - -Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus. - - -Aus dem Stadtplan von Freiberg kann man auch die Entwicklungsgeschichte -der alten Stadt lesen, die in großen unverwischbaren Zügen ihr -aufgeprägt ist. Der Stadtplan ist gebaute Geschichte. Da ist -die erste dörfliche Siedlung des alten Christiansdorf in den -unregelmäßig und scheinbar willkürlich sich zusammenschließenden -Gassen der Sächsstadt erkennbar, da zeigt sich die Unterstadt mit -dem Untermarkt und Dom als weitere Stufe der Entwicklung zur Stadt -und endlich schließt das Gründungswerk Ottos des Reichen und seiner -Nachfolger die Stadtbildung ab. Die westliche Hälfte der Stadt mit dem -Rechtecksschema des Straßennetzes, das sich an die von Norden nach -Süden durchlaufende Hauptachse des Straßenzuges der Erbischen Straße -und Burgstraße anschließt, verrät deutlich und klar die ordnende Hand -des Städtebauers, der nach bestimmtem Plane Straßen und Plätze anlegt -und die Bauflächen absteckt und schließlich das Ganze mit starker, -wehrhafter Mauer umgibt. Im Herzen der ganzen Anlage, dort wo der -Hauptverkehr vom Peterstor und Erbischen Tor und von den anderen -Himmelsrichtungen her zusammenströmt, liegt der große, rechteckige -Obermarkt mit dem Rathause. Dort erhebt sich in unmittelbarer Nähe -am höchsten Punkte der Stadt mit dem höchsten Turme der Stadt die -Peterskirche als Hauptpfarrkirche der neuen Gründung und bereichert -durch ihre wirkungsvolle Baugruppe das Stadtbild. Der Obermarkt -selbst ist ein Meisterwerk geschlossener Raumbildung und wirkt mit -seinen harmonisch gebildeten Häuserwänden und hohen, altertümlichen -Dächern wie ein gewaltiger Saal unter freiem Himmel. Die Türen, welche -in diesen stolzen Saal hineinführen, die Straßenöffnungen, sind -so geschickt angelegt, daß nirgends die Geschlossenheit der Wände -unangenehm unterbrochen wird. Es sind keine Prachtgebäude mit üppigem -Beiwerk, mit sprudelndem Reichtum der Formen und Ornamentik, von -denen eins das andere wohl überbieten möchte, nein es sind einfache -schlichte Glieder einer großen Familie, die zusammengehören und -zusammenhalten, die ihr bescheidenes Gewand mit Würde tragen. Es sind -anständige, ehrenfeste Bürger, die dort um den Markt sich sammelten -und nun Schulter an Schulter stehen. Nur hie und da ein reicheres -Portal, ein Giebel, ein Erkerchen, ein Bildwerk, eine schöne Haustür -unterbricht die Schlichtheit und Ruhe der Fassaden ohne viel Gesimse, -Fensterumrahmungen und Ausladungen. - -Und alle diese wackeren, wortkargen Bürger schauen hinüber zum -Rathause, dem Hause, in dem sie seit alters Rat geben, Rat nehmen, Rat -suchen und Rat finden, wo das Herz der Stadt liegt, das durch seine -Arbeit den Lebensorganismus der Stadt im Gange hält, das den Lebenssaft -des Blutes durch alle Adern, Nerven und Muskeln des Körpers treibt und -ihn lebendig und regsam erhält. - -Das Rathaus paßt so recht in seiner behäbigen Ruhe und Schlichtheit -zu den Bürgerbauten des Obermarktes. Breit gelagert mit ragendem Turm -und zierlichem Erker aus alter Zeit, mit Giebeln und Dachaufbauten -aus neuer Zeit, ist es ein Ausdruck geschlossener Kraft und stolzen -Bürgertums, anspruchslos aber in ruhiger Sicherheit seinen Platz -behauptend. Seine Geschichte zu erzählen, hieße die Geschichte der -alten Bergstadt selber erzählen, denn auf dem Obermarkt und in den -Räumen des Rathauses pochte am lebendigsten das Wollen und Wirken, das -Leben und Weben aller geistigen und wirtschaftlichen Kräfte der Stadt, -und so wurde es zum Ort und Ausdruck allen Geschehens, zum Sinnbild des -Geistes und der Geschichte der Stadt. - -Viele Jahrhunderte hat es den Stürmen schon Trotz geboten, hat es im -Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not, bei Seuchen, -Pestzeiten und Stadtbränden, aber auch bei rauschenden Festen der -Bergknappschaft, der Bürgerschaft, dem Rate, den Zünften, und ja, auch -Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes Dach geboten. Von -Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit und Aufopferung, von Blut -und Tod, von jauchzendem Leben und Kerkernacht flüstern und raunen die -mächtigen Quadern der Wände und alten Gewölbe, singt und stöhnt der -Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel saust und die Fledermäuse im -krachenden Gebälk über der Stundenglocke aufscheucht. Und tief drunten -in den unterirdischen Gewölben werden um Mitternacht unheimliche -Schatten lebendig, Schatten, vor denen dein Herz vor Grauen bebt wegen -der furchtbaren Taten, die sie getan, Schatten, vor denen dein Herz -vor Erbarmen zittert, wegen der furchtbaren Strafen, die sie erlitten, -erlitten wohl manchmal ohne Schuld. - -Dieses unterirdische Rathaus mit seinen wuchtigen Tonnengewölben stammt -aus den ältesten Zeiten der Stadt und hat in seiner urtümlichen Gestalt -alle Stadtbrände und Zerstörungen, Umbauten und Neubauten unversehrt -überstanden. - -Die etwa 1170 neugegründete Stadt war rasch emporgeblüht. Aus allen -Stämmen Deutschlands war die Bevölkerung gemischt. Abenteurer und -Glücksjäger, die rasch reich werden wollten und Gott und Teufel nicht -fürchteten, verwegene Gesellen aller Art mögen nicht selten gewesen -sein. Eine eiserne Rechtspflege und rasche schwere Sühne jedes -Verbrechens konnte da nur Rechtssicherheit schaffen und erhalten. Der -Obermarkt war das »~forum~«, die Dingstätte, wo unter freiem Himmel -Recht gesprochen, wo auch die Strafen an Leib und Leben vollzogen -wurden. Am Obermarkt wurde dann in der Mitte der Ostseite das -»Dinghaus«, vermutlich nur eine offene Halle, eine »Gerichtslaube«, -errichtet, zunächst nur, um eine geschützte Stätte für Recht und -Gericht, verbunden mit Gefängnis, zu haben, dann in weiterer -Entwicklung für Beratung und Verwaltung gemeinsamer Angelegenheiten. -Dieses uralte Dinghaus ist nach meinen Untersuchungen in seinen -Grundmauern oder besser Kellergeschoß noch wohl erkennbar und erhalten. -Es ist z. T. umschlossen von den Grundmauern und Kellerräumen der -späteren Erweiterungsbauten des Mittelalters und mag etwa 11 ~m~ Tiefe -bei 9 ~m~ Frontlänge am Markte gehabt haben. Vielleicht ist auch das -Erdgeschoß wenigstens z. T. in den Wänden noch erhalten in dem Raume, -der jetzt die Feuerwehrgeräte birgt und in früheren Jahrhunderten die -alte Wage, »die Ratswage für Kaufmannsgüter«, enthielt. Es ist ein -hallenartiger, rundgewölbter, nach dem Obermarkt offener Raum, der -sehr wohl als offene Halle zum Gerichthalten vor allem in frühester -Zeit gedient haben mochte, von wo aus der Verurteilte unmittelbar -hinaus zum Markte, zur Richtstätte, zum Tode geführt werden konnte. -Der schwarze Stein, der die Stätte der Enthauptung Kunzens von -Kauffungen bezeichnet, liegt grade gegenüber. Kunz mag nicht der erste -gewesen sein, der an jener Stelle gerichtet wurde. Offene Hallen, die -»Gerichtslauben« am Markte, sind noch in manchen mittelalterlichen -Städten in Verbindung mit dem Rathause erhalten. - -Unter dieser Halle, ursprünglich nur durch einen Schacht mit Leiter -zugänglich, liegt der im Volksmunde mit »Marterkeller« bezeichnete -Raum, das wuchtige schwere Kellergewölbe des Dinghauses der ältesten -Zeit, Gerichtslaube, Marterkeller und Gefangenenzelle in engster -furchtbarer Verbindung. Nur sehr wenig Freiberger sind in diesem -schwerzugänglichen Raum gewesen, dessen Dasein nur noch wie eine dunkle -Kunde in der Öffentlichkeit hie und da bekannt oder halb vergessen -ist. Es ist ein Raum von etwa 4 ~m~ Breite und 8 ~m~ Länge mit einer -tiefen seitlichen Nische von 1,50 ~m~ Tiefe und 2,70 ~m~ Breite. Er ist -von schwerem Tonnengewölbe aus Bruchsteinen überdeckt und seine Wände -sind z. T. in Felsen gehauen. Kein Lichtstrahl fällt hier herab, kein -Schrei eines zermarterten und gefolterten armen Sünders oder auch nur -Verdächtigten drang aus dieser schwarzen grauenvollen Tiefe durch die -Felsenmauern und Gewölbe zur barmherzigen Oberwelt. - -Eine winzige Zelle, z. T. aus dem Felsen gehauen, öffnet wie -ein schwarzes Grabgewölbe seine schmale, enge, niedrige Tür zum -Marterkeller. Nur zwei Schritt lang in der Länge und Breite ist dieses -furchtbare Verließ, so daß der, der hier sitzen mußte in Finsternis -und Dunkel, in Zwang und Eisen, gefesselt in Ketten, mit Gewichten -belastet, nicht einmal auf dem feuchten, harten Felsboden sich -ausstrecken konnte. Bei jeder Bewegung in dieser schwarzen Nacht der -Verzweiflung konnte er sich am harten Stein den Schädel einrennen. Der -Unglückliche, welcher hier der hochnotpeinlichen Frage entgegenbebte, -mochte glauben, in einen wahren Höllenabgrund gestürzt zu sein, aus -dem ihn wahre Teufel zu weiteren Höllenqualen führen sollten. Wie -Furchtbares mögen diese Wände und Gewölbe gehört und gesehen haben an -Qualen, Blut und Not an Leib und Seele, an Roheit, Grausamkeit und -unmenschlicher Verworfenheit, wovon ein Kind unserer Zeit sich schwer -einen Begriff zu machen vermag. Die jetzt im Freiberger Altertumsmuseum -befindlichen Marterwerkzeuge, die ehemals an diese Mauern geschmiedeten -Halseisen und Ketten, die Daumenschrauben, der »gespickte Hase«, das -Streckbett und wie diese Henkerswerkzeuge alle heißen mögen, die Haken -in der Decke, an denen die Opfer der Tortur zur Peinigung in die -Höhe gezogen wurden, sie legen Zeugnis ab von den blutigen Schrecken -und Entsetzen der »scharfen Frage«, die hier in verschiedenen Graden -gestellt wurde. - -Der Chronist Möller berichtet einmal von den furchtbaren Strafen, die -hier vollzogen wurden. Ein Tagelöhner, Simon Kastner, hatte einen -Bürger und Kramer, Andreas Köhler, mit seinem Weibe, dem Sohne und der -Tochter in seinem Hause auf der Futtergasse mit der Holzaxt erschlagen -und das Haus, nachdem er es beraubt, in Brand gesteckt. Er wurde aber -ergriffen und man hat »weil er nicht allein diese, sondern mehr andere -grewliche Thaten bey der ~tortur~ bekennet, ihm seinen verdienten Lohn, -nach ergangenen Urtheil und Recht, wiederfahren lassen, also daß er -erstlich sechsmal mit glüenden Zangen zerfleischet, als einmal für dem -Rathhause, zweymal für der Erschlagenen Hause, zweymal auff dem Markte, -und einmal auff der Petersgasse, für dem Kramladen in Michael Pragers -Hause, daraus er den Sohn selbst abgeholet und heimkommen heissen, -ehe er ihn erschlagen. Hernach ist er auff dem Rabensteine, damit es -jederman sehen könne, von unten auff gerädert (da er denn, als er schon -sieben und zwantzig starke Stösse mit dem Rade auff die Schenkel, Arme -und Leib außgestanden, noch den Kopff auffgerichtet, und zu trincken -begehret) letzlichen auff ein hohes Rad geflochten, die Mordaxt über -ihn auffgestecket, und zu dessen Gedächtnis eine Schrifft auff ein -Täfflein an die Seule, darauff das Rad gestanden, angeheftet worden.« -Für die mittelalterliche Justiz ist bezeichnend, daß die Rechtsprechung -und Strafe in vollster Öffentlichkeit geschah und bei den Strafen vor -allem durch Abschreckung »zum Abschew und Exempel« gewirkt werden -sollte. Der Verbrecher wird durch die ganze Stadt geschleppt und dann -erst auf dem Rabenstein, »damit es jedermann sehen könne« langsam zu -Tode gemartert. Wir gehen jetzt mildere, vielleicht allzumilde Wege -in den Strafurteilen und der Strafdurchführung. Die Strafe soll zur -Besserung dienen. In jenen Zeiten mag durch solch blutiges, widerliches -Schauspiel zum Abscheu und Exempel wohl mehr die Roheit des gemeinen -Pöbels gesteigert als eine Steigerung der sittlichen Kräfte erreicht -worden sein. - -Wieviele, auch unschuldige Menschen und adlige Seelen mögen hier im -Marterkeller unter blutigen Folterqualen zu furchtbaren, unmöglichen -Geständnissen gepreßt worden und zu einem qualvollen Verbrechertode -geschleppt worden sein! -- Gespenstisch zucken die Schatten im Raum, -den unsere Leuchte nur schwach erhellt. Hören wir nicht ächzen -und stöhnen hinter uns oder dort vor uns? Kam nicht ein schwerer, -todesbanger Seufzer, ein grauses Röcheln aus jenem dunklen Winkel? -Ist dort nicht Blut, Menschenblut an jenen Steinen der Wand? -- Es -schnürt uns die Kehle zu, als griffe jemand mit kalter, klammernder -Faust uns an die Gurgel, ein Schauer geht über den Rücken, als hauchte -uns der kalte, keuchende, gespenstische Atem Gefolterter an. Es ist -uns, als senkte sich das schwere Gewölbe mit seiner Last von Blut und -Schuld über uns hernieder, als rückten die Wände in ihrer schreckhaften -Finsternis näher und näher zusammen, um uns zu erdrücken, als kämen wir -nimmermehr aus dieser grauenhaften Nacht zum barmherzigen Lichte empor --- -- -- -- hinaus! hinaus! Wir wenden unsere Schritte zum schmalen -Ausgang zur steilen Treppe, die in die Tiefe führt, die uns wieder zum -Lichte führen soll. - -Draußen aber atmen wir tief und voll die köstliche Luft der goldenen -Freiheit. -- -- - -Wenn für die älteste Zeit und bei der raschen Rechtspflege, die nicht -viel Umstände machte, der Marterkeller mit der einen Einzelzelle -genügte, so brachte das Anwachsen der Bevölkerung, die erweiterte -Gerichtshoheit der Stadt und auch vielleicht der Stadtbrand von 1375 -den Zwang und die Gelegenheit, Erweiterungswünschen und Neubauabsichten -nachzugehen. Ein regelrechtes unterirdisches Gefängnis wurde im neuen -Rathausbau angelegt mit drei nebeneinanderliegenden Zellen, die z. -T. in den Felsen gehauen sind und Mauern von 1½ ~m~ Stärke haben. Im -Erdgeschoß des Rathausturmes wird uns eine Falltür geöffnet und wir -steigen durch die viereckige Schachtöffnung auf einer Leiter in die -schwarze Tiefe hinab. Dumpfe Luft, wie aus einem Grabgewölbe, schlägt -uns entgegen. Am Ende eines 7 ~m~ langen, mit schwerem Tonnengewölbe -überdeckten, 2 ~m~ breiten Ganges befindet sich eine kleine, -schmale Türöffnung in der Seitenwand, welche wir nur tief gebückt -durchschreiten können, um zu den engen Vorplätzen der Einzelzellen -zu gelangen. Drei Vorplätze und drei Zellen reihen sich aneinander, -derart, daß jede Zelle besonders verschließbar ist und einen besonders -verschließbaren, engen Vorraum hat. Wie eine enge Spalte im Felsen -wirken die drei Vorräumchen, zu denen sich die winzigen Öffnungen -der dunklen Zellengräber wie schwarze Stollen unheimlich öffnen. Die -Türöffnungen oder besser Türschlitze in den meterdicken Mauern sind -nur 50 ~cm~ breit und so niedrig, daß nur ein Kind ohne tiefes Bücken -hindurchzuschlüpfen vermag. Kein Lichtstrahl fällt in diese Räume, -keine Lüftung ist vorhanden. Durch die Spalten im Felsen sickert das -Grundwasser und feuchtet den Boden und die Wände. - -In der letzten dieser unheimlichen Zellen hat Kunz von Kaufungen, der -Prinzenräuber, seinem Spruche entgegengeharrt. Sechs Türen mußten -geschlossen werden ehe man bis zu diesem Gefangenen vordringen konnte. -Hier in diesem finsteren, unterirdischen Felsengrabe und dort oben an -der Stelle des schwarzen Steines auf dem Markte fand ein Schicksal -seinen Abschluß, das für ein Drama wirkungsvollen Stoff bieten könnte. - -Wer war dieser Kunz von Kaufungen? Ein Michael Kohlhaas, der um -sein Recht bis zur Selbstvernichtung kämpft, oder ein gewöhnlicher -Raubritter, Verbrecher und gemeiner Verräter? Nein, nicht mit einem -Namen, Wort oder Etikett ist ein Charakter, ein Menschenschicksal -erschöpft und beurteilt. Verstehen ist mehr als richten! Kunz war -ein ganzer Mann, ein tapferer Ritter, der sich in vielen Schlachten -bewährt und den Herren, für welche er das Schwert gezogen, treue -Dienste geleistet hatte. Im sächsischen Bruderkriege, der fünf Jahre -dauerte, hatte er für den Kurfürsten Friedrich den Sanftmütigen -tapfer gekämpft, denselben Kurfürsten, gegen den er sich später -erhob und der sein Schicksal wurde. Seine Bildung scheint eine für -einen Edelmann des 15. Jahrhunderts nicht gewöhnliche gewesen zu -sein; er war nicht nur des Lesens und Schreibens kundig, sondern die -unter seinem Namen ausgegangenen Schriften zeugen auch von einer -gewissen Kraft und Gewandtheit des Ausdrucks. So wurde er Hauptmann -und Voigt auf dem Schlosse zu Altenburg und der Kurfürst sagte von -ihm _nach_ dem Prinzenraube: »Kunz sei ihm nie, kein Tag und keine -Stunde, unsicher gewesen und habe von ihm und den Seinen viel Gutes -empfangen, alles auf guten Glauben und Vertrauen, die er zu ihm vor -Andern gehabt habe.« Sollte dieses Urteil unverdient gewesen sein? -Später finden wir Kunz im Dienste der alten Reichsstadt Nürnberg im -Kampfe gegen den Markgrafen Albrecht Achilles. Er war der Hauptmann -der Armbrustschützen und hat mit großer Tapferkeit und Treue für die -Stadt gefochten und auch sein Blut vergossen. Die Nürnberger Chronik -sagt von einem Ausfall: »... auch ward Kuntz von Kauffungen auf den -Tag mit einem Pfeil durch den leib geschossen, doch ward er geheilt -und gesunt (der war der stat diener, ein Edelmann).« In einem anderen -Schlachtbericht heißt es: »Ein ander Hauf ward gemacht, der waren bei -50 gereisigen und des was ein Hauptmann der edel und menlich Conrat -von Kauffungen; be ihm waren die erbern (Patrizier) Gabriel Tezel, -Wilhelm Loffelholz und mere erbern auß der edeln stat Nürnberg.« Wenn -man bedenkt, wie selten in diesen Kriegsberichten die Anführer genannt -und die Taten Einzelner hervorgehoben werden und daß in seiner Schar -die stolzen Patrizier sich befanden, so kann man auf die hohe Achtung -schließen, welche Kunz sich erworben hatte. Das zeigt auch der -Bericht von der Schlacht am Pillenreuter See, durch welche der Krieg -gegen Albrecht siegreich für Nürnberg entschieden wurde: »Also ließ -der edel Herr von Blawen aufdrumeten und legt’ ein sein sper und rait -frischlich gegen den feinten. indem ward sich auch mengen der edel und -fest Conrat von Kauffungen mit seinen gesellen unter die feint. Indem -sich die mennlichen der spitzen von Nürnberg so hart hielten und so -keck und menlich gegen den feinten ritten gar in still und mit keinem -geschrei, da hub sich zu fliehen der Fürst« (Markgraf Albrecht). Ja, -auch im Liede wurde Kunz von Kauffungens Anteil an diesem stolzen Siege -gefeiert und der Rat zu Nürnberg erneuerte den Soldvertrag mit ihm -auf weitere drei Jahre unter Erhöhung seines Soldes und es heißt von -ihm: »er hielt sich gar redlich also, daz in meniglich liep hat.« Und -dieser tapfere, redliche Kriegsmann, den man in Nürnberg im Jahre 1452 -»meniglich liep hat«, soll im Jahre 1455 nur ein Räuber sein? Nein, -nimmermehr! Ein Mann war er, der herrisch für das, was er für sein -Recht hielt, eintrat bis zum äußersten, und im trotzigen Vertrauen auf -seine Kraft, wenn ihm sein Recht nicht wurde, sein Recht sich selber -holte. Die mittelalterliche Auffassung vom Rechte und der Freiheit -eines Ritters, der nur dem gehorcht, dem er gerade seine Dienste -geweiht, und der auf eigne Hand Fehde führen darf, stieß hart zusammen -mit der stärker und stärker sich ausprägenden Macht des Landesfürsten -und dem Untertanenverhältnis und mit neueren Rechtsauffassungen und -Auslegungen, die ihm zuwider waren. Es ist das Drama des ausgehenden -Rittertums. Der Grund zu den Zwistigkeiten zwischen dem Kurfürsten -und Kunz war der Streit um das leidige Mein und Dein! Kunz fühlte -sich ungerecht behandelt; ein Gut, das ihm zustand, sei ihm trotz -treuer Dienste vorenthalten worden. Der Kurfürst beschuldigte ihn -verschiedener Raubrittertaten, feindseliger Gesinnung und des -Verrates mit Böhmen, das ihm feindlich gesinnt war. Eine Einigung kam -nicht zustande. Einen anscheinend stark vom Kurfürsten beeinflußten -Schiedsspruch eines Schiedsgerichtes erkannte er nicht an, und so griff -er denn trotzig zur Selbsthilfe. Vielleicht auch standen wirklich -weitergehende politische Absichten im Hintergrunde und dadurch, daß -er sich mit dem Raub der Prinzen vom Schlosse zu Altenburg Geiseln -und sichere Unterpfänder schaffte, diente er nicht nur seiner Rache, -indem er das Herz des Vaters traf, und seine Forderungen durchsetzen zu -können glaubte, sondern er hatte vielleicht einen Mächtigeren im Auge, -Georg Podiebrad von Böhmen! Dieser konnte die Geiseln wohl brauchen, um -seine ehrgeizigen Pläne auf sächsische Gebiete besser durchzusetzen, -und Kunz war verdächtig oft in Böhmen gewesen, wo er das Schloß -Eisenberg bei Brüx besaß. - -So geschah in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 der Prinzenraub vom -Schlosse zu Altenburg, die Tat, welche weithin größtes Aufsehen -erregte. Kunz wurde bald ergriffen und samt einem Teil der Steigleiter -als handgreiflichem Merkmal der Tat -- ~corpus delicti~ -- nach -Freiberg gebracht, um dort sein Urteil zu empfangen. Warum nach -Freiberg? Freiberg war damals die größte Stadt Sachsens, die freie -stolze Stadt auf dem Berge! Das Freiberger Stadtrecht, dieses berühmte, -alte deutsche Rechtsbuch, hatte hier seine Stätte und Anwendung. Der -Rat zu Freiberg, die zwölf Geschworenen, hatte die Gerichtsbarkeit und -führte ein strenges und gerechtes Gericht. Er hatte vom Landesherrn das -alte Privilegium vom Jahre 1294 als Lohn für die vielfach bewiesene -Treue erhalten: wenn sich jemand gegen den Landesherrn vergehen -sollte, so solle die Entscheidung dieses Falles den Geschworenen zu -Freiberg überlassen werden. »Vorwirket sich eymand gen uns das wollen -wir rugen unde teidingen nach irme rate.« Der Kurfürst mag auch durch -kluge Rücksichten auf die öffentliche Meinung bestimmt worden sein, -über Kauffungens Tat durch einen Gerichtshof, der aus unabhängigen -Bürgern bestand und als völlig unparteilich gelten mußte, anstatt von -einem seiner eigenen Beamten oder durch einen von ihm eingesetzten -Sondergerichtshof entscheiden zu lassen. - -Der Spruch lautete nach mündlicher Verhandlung, wie nicht anders zu -erwarten war, auf den Tod durch das Schwert. Am 14. Juli 1455 wurde -Kaufungen auf dem Markte hingerichtet. Vielleicht hat das uralte -Freiberger Richtschwert im Albert-Museum sein Blut getrunken. Das -Urteil mußte so fallen, wie geschehen, denn er war auf handhafter -Tat ergriffen, der Tat überführt und auch wohl geständig. Durch -weitverzweigte Verschwörung hatte er den Landfrieden gebrochen, er -war als »vridebrecher« »mit unrechter Gewalt und gewappneter Hand -und geruckter Wehre« in das Haus eingebrochen, und darauf stand das -Schwert! So wurde z. B. auch im Jahre 1493 zu Freiberg ein Herr v. -Carlowitz, welcher mit gespannter Armbrust durch die Stadt geritten war -und den Bürgermeister mit Erschießen bedroht hatte, gefangengesetzt und -enthauptet. Vielleicht hat Carlowitz auch in jener unterirdischen Zelle -seinen Spruch erwartet und hat droben auf dem Markt an gleicher Stelle -mit seinem Blute den Sand genetzt, wie Kaufungen 38 Jahre zuvor. Das -Freiberger Stadtrecht sagt: »Ist ir vire, sechse oder cehene derselben -vridebrecher oder wi vil ir ist da gewest an handhafter tat, man slet -in abe die Helse mit rechte.« Sie waren dem Freiberger Stadtrecht -verfallen! Das Schwert in jener Zeit war rasch und das Hälseabschlagen -eine glatte Sache, denn ein toter Hund kann nicht mehr beißen. Recht -und Vorteil mag öfter Hand in Hand gegangen sein und manchmal mag der -Richter auch unbewußt Partei zwischen Gerechtigkeit und Staatsklugheit -gewesen sein. - -Wir blicken in das feuchte, enge Verließ, das viele Jahrhunderte als -Gefängnis gedient hat. Wenn diese Mauern erzählen könnten, welche -grauenhafte Reihe schauerlicher Taten, Reden, Gedanken, Flüche und -Seufzer, welcher Jammer, Elend, Schuld und Sünde, aber auch unschuldige -Leiden und Qualen, zertretene Hoffnungen, zerschmettertes Glück würde -uns da offenbar werden, so daß wir nimmermehr froh werden könnten unter -der Last der Geschichten und Gesichte aus der dunkelsten Nacht des -Lebens. - -Dort sitzt der gefürchtete Kunz von Kaufungen, ein starker Mann mit -schwarzem Vollbarte und Haupthaare auf dem rohen Steinsitz seiner -Zelle, und hofft auf die Stunde der Freiheit, die doch nicht schlagen -sollte. Er grübelt und knirscht in verzweifelter Wut. Mächtige Freunde -hat er, die nicht dulden werden, daß einer ihres Standes dem Schwerte -verfallen soll, weil er sich selbst sein Recht gesucht. Den jungen -Prinzen ist kein Leid geschehen, das etwa mit Leib und Leben zu büßen -wäre. Das Fehderecht in seiner gerechten Sache gegen den Kurfürsten -ist gutes ritterliches Recht. Was gilt ihm das Freiberger Stadtrecht! -Die Tat geschah nicht im Banne des Freiberger Stadtrechtes! Kann -der Kurfürst als Kläger sich Recht und Richter selber wählen? Wird -der Kurfürst, welcher der Sanftmütige genannt wird, das Schwert -gebrauchen, obschon er einst sein treuer Diener war, will er die -Tat sühnen oder will er einen Feind vernichten? -- -- Er grübelt und -grübelt und dazu diese rabenschwarze Finsternis, diese Totenstille, -in welcher er lebendig begraben sich glaubt. Ist es Nacht, ist es -Tag, ist es Zeit oder ist es schon schaurige Ewigkeit? Er stöhnt in -verzweifeltem Grimm und schlägt die Faust sich blutig an den eichenen -Bohlen der schmalen Tür, doch nur die unbarmherzigen Ketten klirren. Er -brüllt wie ein verwundeter Bär, doch niemand hört ihn, niemand kommt, -ihn in die Freiheit zu führen. Vier Tage und Nächte vergehen so in -Nacht und Grauen, und als man ihn zum Lichte führt mit der Last seiner -Ketten, da führt man ihn zum Tode, da blitzt über seinem Nacken das -Schwert, sein Haupt rollt in den Sand. Die Tat hat ihre Strafe, die -Schuld ihre Sühne gefunden. Gerechtigkeit und Staatsklugheit reichen -sich die Hand und die Bänkelsänger ziehen durch die Märkte des Landes -und singen das Lied von Kaufungens Glück und Not und Ende, und später, -im Kasperletheater, erregt das Spiel vom Prinzenraub das Grauen und -Entzücken der Kinder. Ein altes Lied singt von ihm: - - »Was blast dich, Kunz für unlust an, - daß du ins Schloß neinsteigest - und stiehlst die zarten Herren raus, - als der Kurfürst eben war net zu Haus, - die zarten Förstenzweige? - So geht’s, wer wider die öberkeit - sich unbesonnen empöret. - Wer es nicht meint, der schau an Kunzen - sin Kop tut zu Freiberg noch herußen schmunzen - und jedermann davon lernt.« - -Ein schwarzer Stein mit verwischtem Kreuz liegt an der Stelle, wo sein -Haupt fiel, und ist seit Jahrhunderten eines der Wahrzeichen der -alten Bergstadt, die jeder wandernde Handwerksbursche und Zunftgenosse -als Ausweis seiner Ortskenntnis kennen und nennen mußte. Heute noch -speit auf den Stein jeder Schulbube, der vorübergeht: Er meint nach -alter Sage, es ginge ihm besonders in der Schule gut, wenn er zuvor -als braver Knabe dem Andenken des bösen schwarzen Raubritters und -Prinzenräubers seine Nichtachtung bezeigt hätte. 123 Jahre später, im -Jahre 1578, wurde das Rathaus von Andreas Lorentz »des Rats Steinmetz«, -mit einem Erker geziert. Aus dem Giebel schaut weit herausgereckt das -Haupt eines Geharnischten mit Eisenhaube mit trotzigen Mienen hernieder -auf den schwarzen Stein. Es soll Kunz von Kaufungen sein, der nach -seiner Richtstätte schaut und keine Ruhe findet, bis ihm Gerechtigkeit -nach seinem Sinne geworden. - -Noch ein anderes Erinnerungsstück hält das Gedächtnis an Kunz -von Kaufungen den wechselnden Geschlechtern lebendig. Es ist die -Steigeleiter, welche er zur Tat benutzt hatte und welche seit jenen -Tagen im Rathause zu Freiberg aufbewahrt wird. Der untere kürzere Teil -befindet sich im Schlosse zu Altenburg. Die Beschaffenheit der Leiter -zeigt, daß es sich nicht um eine rasche Tat handelte, sondern mit -welcher kalten Überlegung und Sorgfalt lange vorher die Tat vorbereitet -und geplant war. In diesem Sinne mag sie in den Augen der Richter -besonders belastend und für das Urteil mit entscheidend gewesen sein. -Sie ist aus doppelt genähten, starken Ledergurten mit Holzsprossen -hergestellt und hat eine Länge von 7,50 ~m~ mit 30 Sprossen. Jede -Sprosse ist mit hölzerner Mutter sorgfältig von außen an den seitlichen -Gurten befestigt und gesichert. Mit jeder achten Sprosse sind fest zwei -Stützhölzer von etwa 20 ~cm~ Länge verbunden, durch welche die an der -Mauer hängende Leiter eine ziemliche Steifigkeit erhielt, so daß sie, -sich fest gegen die Wand stützend, genügend Abstand halten und auch ein -Hin- und Herschwanken und Pendeln vermeiden konnte. Drei Paare solcher -festen Sprossenstützen sind vorhanden. - -Das obere Ende der Leiter ist durch ein Dreieck von Rundeisen an einem -eisernen Bügel oder Überwurf befestigt, der ähnlich einer festen -Klammer über die Fenstersohlbank des zu ersteigenden Fensters geworfen -wurde und sich dort fest einbiß. Dieser Klammerbügel ist jedoch lang -genug, daß das obere Leiterende entsprechend den Sprossenstützen im -Abstand von der Mauer gehalten wurde, um ein bequemes Steigen mit Hand -und Fuß zu ermöglichen. Es ist eine Arbeit raffinierter Überlegung und -Erfahrung, an welcher lange gearbeitet ist, um nur nicht etwa an einem -technischen Mangel den kühnen Plan scheitern zu lassen. -- -- - -An den gotischen Spitzbögen der oberen Ratsdiele befinden sich noch -zwei andere Zeichen mittelalterlicher Rechtspflege. Es sind zwei große, -schwärzliche Steine von halbkugeliger Form mit einem scharfkantigen -Eisenringe. Auf dem Stein ist das Bild zweier zänkischer Weiber zu -erkennen, die sich gegenseitig die Haare raufen. Sie stehen in steifer -Haltung mit erhobenem Arm nebeneinander in ihrer Renaissancetracht, -- -roter, langer Rock, weißem Mieder und schwarzer Jacke mit Puffärmeln --- und rollen mit den Augen. Im Bautzener Stadtmuseum befindet sich -ein ähnlicher Stein in Form einer runden Pilgerflasche und daher -»Büttelflasche« oder auch »Graue Suppe« genannt. Sie trägt die -Umschrift: »Mägde und Weiber, die sich schlagen, müssen diese Flasche -tragen.« Dieser Widmungsspruch erklärt auch unsere Steine dort oben. -Mit ihnen, den Prangersteinen, am Halse wurden vom Stockmeister -oder Büttel zänkische Weiber auf dem Markte an den Pranger gestellt. -Der eiserne Ring von 29 ~cm~ Durchmesser konnte bequem über den -Kopf gestreift werden. Der Stein ist aus Granit zurechtgehauen und -glatt bearbeitet. Auf der Rückseite ist eine Höhlung für den Busen -der Delinquentin herausgearbeitet. Das Gewicht beträgt 25 Pfund. In -der rückwärtigen Höhlung des einen Steines ist, von grünen Zweigen -eingerahmt, folgende Inschrift angebracht: Renoviret im Jahre Christi -1769 auf Anordnung Tit. Herrn Stadtr. Gottlob Hieron. Waegers durch -Joh. Gottlob Blöden. Stockmeister. - -Dieser Stein war also schon vor mehr als 150 Jahren durch fleißigen -Gebrauch so abgenutzt im Laufe von vielleicht 200 Jahren, daß er im -Anstrich und Malerei neu aufgefrischt werden mußte. Der Stockmeister -hat sich mit großer Liebe und Sorgfalt, wie die saubere Inschrift -beweist, dieser Aufgabe unterzogen und sich selbst dabei mit verewigt. -Er glaubte wohl sicher, daß dieses drastische Erziehungsmittel -holder Weiblichkeit zur Friedfertigkeit, das zugleich eine derbe -Volksbelustigung von Rechtswegen war, noch lange sich seiner -Beliebtheit erfreuen würde. Abgesehen von der demütigenden Wirkung -und moralischen Pein, bedeutete diese Strafe auch körperlich eine -Qual, denn der Druck des scharfkantigen Ringes im Nacken und auf den -Schultern, dazu das schwere niederziehende Gewicht des Spottsteines, -mehrere Stunden hindurch die Roheit und Gehässigkeit und niederen -Leidenschaften des Pöbels dazu, mochten fast unerträglich gewesen sein. -Es mochte ein eigenartiges für unser heutiges Empfinden abstoßendes -Volksschauspiel abgegeben haben, wenn solche unholde Unglückliche -entweder allein oder paarweise sich gegenüberstehend, mit ihrem -schweren Halsschmuck geziert, mit Schimpf und Schmutz, faulen Eiern -und anderen übelriechenden Dingen beworfen wurden, und wenn sie dann -ihre losen, scharfen, schimpffertigen Zungen mit mittelalterlicher -Deutlichkeit und Schlagkraft gegeneinander und gegen ihre Angreifer -rücksichtslos gebrauchten, ein Wettkampf der Bosheit und giftiger -Leidenschaften, der wohl schwerlich zur Hebung und Läuterung des -sittlichen Empfindens beitragen konnte. Der derbe Volkswitz wird dabei -manche kräftige Blüte getrieben haben, die unserem heutigen Empfinden -vielleicht etwas zu urwüchsig erscheinen würde. Der erzieherische -Wert der Strafe für die Gestraften und das Volk mag nur gering -gewesen sein. Zweifellos sind diese echten alten Prangersteine im -Freiberger Rathause wichtige und interessante Zeugen alter Rechtspflege -und Strafauffassung. Was könnten diese Zeugen wohl berichten von -menschlicher Schuld, Tücke und innerer und äußerer Qual! -- -- - -Das Obergeschoß des Rathauses war einst eine einzige große Halle, -an deren Westende das Archiv und die alte Gerichtsstube, jetzt -Stadtverordnetensaal, am Ostende die frühere Kommissionsstube, jetzt -Ratssitzungszimmer sich befanden. Alle anderen Räume und Flure, -vierzehn an der Zahl, welche jetzt die alte Halle einnehmen, sind erst -später durch Einziehen von Wänden und Decken eingerichtet worden. Diese -einstige große Ratshalle hatte eine Breite von 16½ ~m~ und war von -der Marktseite und Burgstraßenseite her durch stattliche Fenster gut -beleuchtet. Die hohe, buntbemalte, hölzerne Balkendecke wurde durch -sechs gotische Spitzbögen auf fünf kräftigen, kurzen Pfeilern von -Grillenburger Sandstein getragen, so daß die mächtige Halle in zwei -gleich breite Schiffe getrennt wurde. Das Schiff an der Marktseite -zwischen Kommissionsstube und Gerichtsstube hatte 28½ ~m~ Länge, -während das nördliche Schiff an der Burgstraße die ganze Ausdehnung des -Rathauses mit 50 ~m~ Länge einnahm. Dieser gewaltige Saal, in dessen -Mitte die Spitzbögen mit ihren starken Pfeilern wie im wuchtigen Gange -einherschritten und den aufstrebenden elastischen Schwung ihrer Linien -zur Decke emportrugen, mit seinen bunten Farben, Gemälden und dem -Schmucke von Waffen, Schilden, Panzern, Sturmhauben, Harnischen, Fahnen -u. dgl. muß eine starke Raumwirkung gehabt haben, die anderen berühmten -Rathaussälen wohl gleich kam, oder sie vielleicht gar übertraf. - -Hier vereinte sich das ganze festliche Leben der reichen Silberstadt -und brachte glanzvolle Tage und Nächte, deren malerische Wirkung und -derbe Fröhlichkeit wir uns nur schwer vorzustellen vermögen. - -Hier hielt 1512 Herzog Heinrich seine Hochzeit und den Hochzeitstanz -ab. Welche Pracht der Gewänder, kostbarer Stoffe und herrlicher -Schmuckstücke mag da entfaltet worden sein. Hier gab der Rat den -Fürsten, die in Freiberg residierten oder zu Gaste waren, üppige -Prunkmähler, hier feierten die stolzen Patrizierfamilien ihre -Feste, weswegen der Saal auch das »Tanzhaus« hieß, hier fanden die -Bergknappschaftsfeste statt, welche alle Männer vom Leder, den -Oberberghauptmann mit Berggeschworenen und Knappen, den reichen -Silberherren und den armen Bergjungen zu gemeinsamer Feier bei reichem -Mahle, gutem Trunke und schließlich fröhlichem Tanze vereinten. -Hier fanden auch Theateraufführungen fahrender Künstler und die -Festspiele des Gymnasiums statt. Längst sind die Feste verklungen, die -Fröhlichkeit verrauscht, die Blumen verwelkt und Nelkenkränze verdorrt. -Andere Zeiten kamen, nüchtern, sachlich, kalt und sorgenschwer, -in denen die Fröhlichkeit andere Stätten suchte, der Sinn der -Zusammengehörigkeit auch in der Freude wie bei der Arbeit zersplitterte -und sich nach hie und da verkroch. Die Handwerker kamen, nahmen die -Waffen und allen Zierrat von den Wänden und bauten in den herrlichen -Saal Zimmer auf Zimmer ein, mauerten drei Bogenöffnungen zu, so daß aus -dem fröhlichen Tanzhaus, aus dem ernsten Rüsthaus mit seinen Waffen zu -Schutz und Trutz, ein nüchternes Geschäftshaus oder Verwaltungsgebäude -wurde. Nur die Feder und das Wort sind die Waffen, die hier noch -geführt werden. An die Stelle von Tanz und lauter Fröhlichkeit ist -stille Emsigkeit, treue Arbeit und unermüdliche Pflichterfüllung im -Dienste der Allgemeinheit getreten. - -Nur die Ratsdiele ist vom alten fröhlichen Saale noch übrig geblieben. -Durch zwei Fenster wird sie beleuchtet mit tiefen Nischen der starken -Mauern, in denen Banksitze Platz gefunden haben. Eine schwere, -spätgotische Sandsteinbrüstung grenzt die Öffnung der von unten -aufsteigenden Treppe ab. Stumm schauen die Gestalten der sächsischen -Fürsten in Lebensgröße von den Wänden hernieder. - -Mit Panzer oder seidenen Prachtgewändern bekleidet, mit Hermelinmantel, -mit Schwert oder Feldherrnstab in der Rechten, sind diese stolzen -Herren und Herrscher charakteristische Vertreter ihrer Zeit mit -allen ihren Vorzügen und Schwächen. Mag einzelnen Bildern die letzte -Meisterschaft fehlen, so sind sie doch ein künstlerisch und historisch -wertvoller Besitz und Schmuck des Rathauses, welchen die Jahrhunderte -seit Herzog Heinrich d. Frommen (1505 bis 1544) zusammengetragen und -sorgfältig bewahrt, gehegt und gepflegt haben. Vierzehn Fürstenbilder -hängen auf der Rathausdiele, sechs im Stadtverordnetensaale. Es ist -ein gutes Stück sächsischer und deutscher Geschichte, die an uns -vorüberzieht, wenn wir der Zeiten und Geschicke jener Männer und -Frauen gedenken. Dort Johann Georg I. und seine Gattin, die Kurfürstin -Sibylla Magdalena, haben die furchtbare Prüfung des dreißigjährigen -Krieges über ihr Land dahinbrausen sehen. In ganzer Figur am Tische -stehend trägt er ein grünseidenes Prachtgewand. Dunkel ist sein Haar -und Spitzbart. Drei Jahre vor Ausbruch des großen Krieges hat ihn -und auch seine Gattin, eine blonde anmutige Frau mit schönem weißem -Spitzenkragen, gleichfalls mit einem grünen, prachtvoll geschmückten -Seidengewand angetan, sein Hofmaler Johann Gerhardt, in voller -jugendlicher Kraft und Schönheit dargestellt. - -Dort das Bild des Kurfürsten Johann Georg III., des Türkensiegers mit -rötlichblondem, lockigem Haar und Schnurrbart, der an der Befreiung -Wiens durch die Schlacht am Kahlenberge am 12. September 1683 so -ruhmreichen Anteil hatte. Zur großen Siegesbeute jener Schlacht -gehörten bekanntlich große Mengen Kaffee. Der Genuß des Kaffees, die -Entwicklung des »Wiener Kaffees« datiert aus jener Zeit, und auch die -besonderen engen Beziehungen des Sachsen zum Kaffee mögen in jenem -Siege ihres Kurfürsten ihren Ursprung gehabt haben. Er ist in Rüstung -mit malerisch zusammengefaßtem Hermelinmantel dargestellt und weist mit -dem Feldherrnstab auf den Feind. Eine Kanone mit dunklem, drohendem -Rohr spricht von seinen Schlachten. - -Dort ist August der Starke in dunkler Rüstung mit blauem Samtmantel -und dem Bande des Weißen Adlerordens. Welche Fülle von Bildern, -Vorstellungen und Geschichten tritt uns vor das geistige Auge, wenn wir -seinen Namen hören und ihn im Bilde in seiner etwas theatralischen -Haltung betrachten. Mag er ein großer Egoist gewesen sein, ein -Genießer von besonderem Ausmaß, so ist doch seine Prachtliebe, sein -Sammlungseifer, seine Kunstfreude, seine Baulust für die Entwicklung -und Befruchtung der Kunst in Sachsen und insbesondere Dresden -von unschätzbarer Bedeutung gewesen. Durch ihn wurde Dresden zum -Elbflorenz. -- - -Dort fällt uns ein Bild ganz anderer Art durch seine Farbenpracht in -die Augen, das Bild des Königs Anton, der 1827--1836 regierte, ein -König der Biedermeierzeit. Er ist ein kleiner Mann mit gemütlichem -aber doch ernsthaftem Gesicht, dem man glaubt, daß er kein Feind des -Schnupftabaks und eines guten Rotspohns, aber mit Maßen und gehöriger -Würde und Herablassung ist. Er trägt einen scharlachroten Frack mit -schwefelgelber Weste und breitem, grünem Ordensband und dazu hübsche, -enge, mattblaue Hosen und hält in der Hand einen großen zweispitzigen -Federhut mit mächtiger Feder. Er sieht aus wie der König im Bilderbuch, -und, hätte er den schönen Federhut auf, würde er einem der schönsten -Papageien mit großem Schopfe im Zoo gleichen. -- Ist es erst wirklich -hundert Jahre her, daß sich ein König so verewigen ließ? oder ist es -nicht doch etwa ein König aus Biedermeiers buntem Bilderbuch? Das -fröhliche gemütliche Bild lacht als lustiger Farbenfleck in die ernste -Ratsdiele so leuchtend herunter, wo so viel Sorgen und schwere Gedanken -hin- und hergetragen werden, daß mancher mit Lächeln zu ihm aufsieht, -ihm zunickt und denkt: Du bunter Vogel, wie kamst du hierher aus dem -lustigen Märchenbuch. »Es war einmal ein König, der hatte einen ...?« -- - -Die wertvollsten Gemälde der Fürstengalerie hängen im -Stadtverordnetensaale. Es sind die Bilder Herzog Heinrichs des -Frommen, des Kurfürsten Moritz, des Kurfürsten August und seiner -Gemahlin Anna. - -Herzog Heinrich der Fromme, der Freund und Gönner Freiberger Art und -Bürgertums, der Gründer Marienbergs, zeigt sich in seiner waffenfrohen, -ja waffenklirrenden Art. Es ist eine feste Mannesgestalt, der Herzog -Heinz, der da vor uns steht, mit braunem Vollbart und Haupthaar. Er -ist schwer gepanzert mit Kettenringkragen, Brust- und Beinharnisch. -Die Panzerschuh und Panzerschilde an den Knien sind vergoldet. Im -rechten Arm liegt ihm ein gewaltiges, bloßes, zweihändiges Schwert, -mit großem, goldenem Griff hoch an der Brust, das fast so groß wie der -Herzog selbst ist. Die linke Hand hält er am Griff eines zweiten, an -der linken Seite hängenden Schwertes, und an der rechten Seite trägt -er noch einen Dolch. Waffen und Kanonen waren seine Leidenschaft, und -im Zeughaus des Schlosses Freudenstein unter seinen schönen blanken -Bronzekanonen mit ihren Bildwerken und anzüglichen Sprüchen sein -liebster Aufenthalt. Einen kräftigen Trunk unter seinen ehrenfesten -Bürgern in der Ratstrinkstube, oder auch ein fröhliches Schützenfest -mit eigenhändigem Armbrustschießen nach der Scheibe, eine weidgerechte -Jagd in den Wäldern des Gebirges verschmähte er jedoch nicht. Sein -Mohr und sein großer englischer Windhund durften jedoch nicht fern -sein. Dafür hatte jedoch sein Kanzler Freydiger desto mehr Mühe, ihn -zum Schreiben zu bringen, und wenn es nur eine einfache Unterschrift -war. Lieber ein zweihändiger Riesenflamberg in beiden Händen, als einen -Gänsekiel zwischen den Fingern einer Hand! -- Heinrich hatte jedoch -mehr noch als kriegerischen Mut, er hatte Bekennermut und seelische -Kraft. Trotz des grimmigen Drohens und Schnaubens seines mächtigen -Bruders Georg schaffte er Luthers Lehre freie Bahn in Freiberg -und ließ sich auch durch Versuchungen nicht in seiner Treue und -Festigkeit erschüttern. Als Herzog Georg mit Zorn und Gewaltdrohungen -nichts bei ihm erreichte, versuchte er’s mit schlauer Überredung und -Bestechung: Er schickte Gesandte an Heinrich, um ihm sein Herzogtum -als Erbe anzubieten, falls er wieder zur alten päpstlichen Lehre -sich wenden wollte. Der Chronist sagt: »Die Gesandten wiesen auf -die Fürtrefflichkeit des Landes und großen vorhandenen Vorrates an -Silberkuchen, baren Gelde, Golde, Kleinodien und vielen köstlichen -Zierrathe hin ohne ihn bewegen zu können.« Heinrichs Antwort lautete: - -»Es gemahne ihm ihr fürbringen nichts anders, als da der Satan dem -Herrn Christo alle Reichthume und Herrlichkeiten der Welt zeigete und -zu ihm sagete, dieses alles will ich dir geben, so du niederfällest und -mich anbetest, welches er nimmermehr thun, noch seinen Herrn Christum -um des Zeitlichen willen verraten würde, wenn er auch gleich mit seiner -Gemahlin an einem Stäblein betteln aus dem Lande gehen sollte!« - -Er liebte sein Freiberg, in dem er seit 1506 fast 35 Jahre Hof gehalten -und ließ in sein Testament als letzten Willen schreiben, »er hette die -Freyberger in aller Trew und Gehorsam gegen Gott und ihm befunden, -drumb wolte er auch bey denselben ruhen und schlaffen«. Unter ihm und -seiner milden aber starken Hand hat Freiberg wohl seine glücklichste -Zeit erlebt. - -Unruhige Jahre kamen unter der Herrschaft seines Sohnes, des Kurfürsten -Moritz, dem Sachsen viel zu enge war, der mit hochfliegenden Plänen -sich trug, und dem Religion mehr ein Mittel der Politik und hohen -Ehrgeizes war. Vielleicht wären seine Pläne zum Wohle des Reiches -gewesen, wäre er nicht zu früh, erst 32 Jahre alt, dahingerafft. -Welchen Lauf hätte wohl ohne den heimtückischen Schuß die -Weltgeschichte genommen? Vielleicht wäre Deutschland der dreißigjährige -Krieg erspart geblieben. - -Dort aus dem Bilde neben seinem Vater schaut uns im Schmucke seines -rötlichen Vollbartes sein edler, ernster, länglicher Kopf mit klugem, -festem Blicke an. Man fühlt, daß hier ein Besonderer steht und den -Feldherrnstab in der Hand trägt. Er ist mit einem Panzer von dunkler -Farbe und gelber Feldbinde darüber gerüstet. Ist es derselbe schwarze -Panzer, den er in der Schlacht von Sievershausen trug, als ihn am -9. Juli 1553 der meuchlerische Schuß von hinten traf, der Panzer, der -nun schon Jahrhunderte im Dome zu Freiberg sich befindet? Die bei -Sievershausen erbeuteten Fahnen dort im Dom, von denen fast nur die -Schäfte noch mit wenig Resten, Fetzen und Fasern übrig sind, wissen -zu erzählen von jener Schlachtennot und frühem Schlachtentod, durch -den Deutschland seiner besten Hoffnung mit beraubt wurde. Der uralte -deutsche Mythos vom blinden Hödur, der den lichten Baldur durch -heimtückischen Schuß tötet, wird immer wieder neu und wahr bis in die -neueste Zeit. Dieser Mythos ist der Mythos von Deutschlands Schicksal -und Leid. -- - -Die Bilder des Kurfürsten August und seiner Gattin Anna stammen von -Lukas Cranach d. Jüngeren. Sie sind in schwarzer, spanischer Tracht -mit vollendeter Kunst gemalt. August trägt ein reiches, mit Gold -gesticktes Wams mit schwarzem, goldgesticktem Mantelkragen darüber -und enganliegende hohe, schwarze Strümpfe. Die Hand hält er links am -Degengriff. Nichts Kriegerisches liegt in dieser Erscheinung, sondern -mehr von einem eleganten Hofmann. Sein rötlichblonder Vollbart ist kurz -geschnitten und gepflegt. Auf seinem Haupte trägt er eine eigenartige -Kopfbedeckung, die etwa einer weichen, hohen Bergmannskappe gleicht. - -Seine Gattin ist auch in Schwarz gekleidet. Das ganze untere Drittel -des Kleides, die Puffärmel und der Latz, sind reich in Gold gestickt. -Ihr helles, rötlichblondes Haar legt sich glatt gescheitelt über Haupt -und Schläfen und ein kleines Barettchen mit Feder deckt rechts den -Scheitel. Mit rührend schlichter, steifer Haltung steht sie da, hat die -Hände zusammengelegt und schaut mit blassem, kindlichem Blick auf den -Beschauer, wie eine Konfirmandin, die auf ihren Pfarrer lauscht. - -Der Hintergrund beider Bilder, die als Gegenstücke gemalt sind, ist -ein großer hellgehaltener Fensterbogen, durch welchen der helle Himmel -hineinschaut, vor dem die schwarzen Gestalten stehen. - -Das also ist »Vater August« und »Mutter Anna«, der kluge Volkswirt und -Haushalter seines Volkes und die treue Landesmutter neben ihm! Wie so -ganz anders stellt man sich dieses Fürstenpaar vor, als hier auf diesen -Cranachbildern! Nicht modisch elegant mit sattem, zufriedenem, geistig -unbedeutendem Antlitz wie er es zeigt, nicht geistig so unentwickelt -und schüchtern und leer, wie sie sich stellt, nein, als tatkräftige, -geistig bedeutende Persönlichkeiten, denen der geistige Adel und -das tüchtige Wollen und Können von der Stirne und aus den Augen -leuchtet. Nein, da sind die Bronzedenkmäler von Carlo de Cesare in der -Begräbniskapelle des Domes doch schöner, überzeugender und vielleicht -auch trotz aller Steigerung doch noch wahrer als hier, wo mehr der -körperliche als der geistige Mensch gegeben ist. -- - -Neben dem Stadtverordnetensaale, dessen alte Holzdecke von zwei -gewaltigen gotischen Unterzugbalken mit reicher Profilierung getragen -wird, liegt das alte gewölbte Urkundenarchiv. Durch einen gotischen -Türbogen mit tiefen Kehlen und Rundstäben, durch eine wuchtige -eiserne Plattentür mit schönen durchbrochenen Beschlägen und alter -kunstvoller, mehrfacher Verriegelung, die nur durch Drehung des -prachtvollen messingnen Löwenkopfes in der Mitte gelöst werden kann, -ein Meisterwerk der Schmiedekunst, und dann durch eine zweite, mit -Eisenplatten beschlagene Tür mit mächtigem, altem Kunstschloß treten -wir in diesen altertümlichen Raum, in dem wie in einer weltentrückten -Klause das Leben draußen schweigt und die Jahrhunderte zu uns zu -reden und lebendig zu werden scheinen. Eine andere Luft und anderer -Duft ist in diesem Raum wie in den übrigen Räumen des Rathauses. Ein -schönes Kreuzgewölbe spannt sich über uns. Der Boden ist mit roten -Ziegelplatten belegt, die dem Raume eine warme Farbstimmung geben. - -Wir sind in der alten Silberkammer des Rathauses, dem feuer- und -diebessicheren Ort, wo die Kostbarkeiten und die Geldvorräte der Stadt -in schweren eisernen Truhen mit kunstreichen Schlössern und Riegeln -einst aufbewahrt wurden. Im dreißigjährigen Kriege 1632 brachte -man hier die städtischen Urkunden und kostbaren Stadtbücher unter. -Das große Fachwerk dort mit seinen vielen bunten Kästchen, das uns -anschaut wie die Wand einer altertümlichen Apotheke, wurde 1635 von -dem Tischler Georg Köhler hergestellt und nahm in seinen sogenannten -»Kammerkästchen« wohlgeordnet alle Urkunden, Verträge, Briefe usw. auf -bis auf den heutigen Tag, welche für die Stadt von besonderem Werte -und Wichtigkeit sind. Jedes Kästchen kann an einem hübschen, hängenden -Handgriff herausgezogen werden und ist mit fröhlichem Blattornament -in bunten Farben bemalt. Den Sockel dieser Kammerkästchenwand bilden -vorspringende Truhen, die für die Aufbewahrung von Bücherschätzen -ebenso wie als Sitze dienen können. - -In der Mitte des ehrwürdigen Raumes steht ein uralter Tisch in der -Form des Tisches der Lutherstube auf der Wartburg und wohl aus -derselben Zeit stammend. Der Wurm hat eifrig schon sein Werk an ihm -getan. Verborgene Schubkästen sind unter seiner Platte. Ein Archivar -soll einst mit besonderer Begeisterung gerade an diesem Tische in den -alten Stadtbüchern geforscht haben. Ein feiner Duft stieg nämlich von -dem Tisch in seine Nase, denn hier im geheimen Schubfach hatte er -seinen besten Tabak heimlich geborgen, der ihn begeisterte wie einen -schwärmenden Jüngling das Veilchen, das im Verborgenen blüht. Freudig -schnuppernd graste er so auf den Feldern des Mittelalters und der -Stadtgeschichte. - -Das Regal der zweiten Wand ist dicht mit Bänden aus allen -Jahrhunderten besetzt. Da sind vor allem die mächtigen Stadtbücher und -Ratsprotokolle in Schweinsleder gebunden, Bände von einer Größe und -einem Gewicht, daß sie nur schwer zu heben sind. Andere alte Bände -sind in Pergamentblätter mit gotischer Schrift gebunden, die aus alten -Klosterbüchern stammen. Kostbare Bände liegen auf dem alten Tisch. Wir -schlagen einen uralten Band auf mit schwerem Deckel aus Holz mit Spuren -eines roten abgeschabten Überzuges und mitgenommenen Messingbeschlägen -und fünf sehr starken, großen Messingnägeln auf beiden Deckeln. Es -ist das alte berühmte rote Freiberger Stadtrecht vom Jahre 1294, ein -kostbares, unersetzliches Werk, in prachtvoller gotischer Schrift auf -starkem Pergament geschrieben, mit vielen schönen Initialen. Das erste -herrliche Initial in Blau, Grün und Gold gehalten, über die ganze -Seite reichend, klingt noch in der Ornamentik an romanische Formen an -und umschließt in dem Buchstaben »~G~« das Wort »Got«. Die Einleitung -dieses ehrwürdigen, durch Jahrhunderte und weit über Sachsens Grenzen -anerkannten Gesetzbuches lautet: - - »Got der Himel und erde geschuf, - der helfe uns volbrengen diz buch, - des helfe uns got amen. Ich hebe an - in gotis namen. Unde schribe - vribersch recht. wer mir helfe - der si gotis knecht. - Diz ist von deme erbe« - -womit dann bezeichnenderweise der erste Abschnitt beginnt. - -Daneben liegt die berühmte Handschrift des Freiberger Bergrechts von -1324, ein Band von ähnlicher Art und Schrift. Markgraf Heinrich hatte -im Jahre 1255 den Bergschöppenstuhl errichtet mit der Befugnis, in -allen Bergsachen Recht zu sprechen. Bis 1856, also 600 Jahre bestand -dieser Berggerichtshof. Er hat das Bergrecht entwickelt, welches hier -auf diesen schönen Pergamentblättern seine erste Niederschrift fand -und für ganz Sachsen maßgebend war. Bereits im dreizehnten Jahrhundert -fand es im Ordensland Preußen, in Schlesien und Mähren, ferner in -Siebenbürgen und Serbien Eingang und übte einen bedeutenden Einfluß -auf die gesamte deutsche Berggesetzgebung aus. Im Jahre 1332 betrieben -schon sächsische Freiberger Bergleute in Serbien fünf Gold- und -Silbergruben und wendeten ihr heimisches Bergrecht an. -- - -Ein anderer schmaler, langer aber starker Band in Schweinsleder -gebunden und in mittelalterlicher Handschrift und Sprache geschrieben -erregt besonders unsere Aufmerksamkeit. »~Catalogus Truffatorum~ oder -Schwarze Register« steht auf seinem Rücken. Wir blättern darin und -fühlen uns versetzt in das alte Dinghaus am Markte vor die Schranken -des Gerichtes, um die sich Volk drängt. Der Angeklagte fehlt, aber -ein Ankläger schildert mit zorniger Stimme die Verbrechen des -Entwichenen und fordert seine Strafe, Verbannung bei Todesstrafe od. -dgl. Es ist das Verzellbuch oder Verzählbuch, das wir aufgeschlagen -haben, die schwarze Liste, in welcher seit der zweiten Hälfte des -14. Jahrhunderts bis 1518 über 2100 Übeltäter verzeichnet sind. Der -Verzählung, einer Art Verbannung und Ächtung, fiel anheim, wer wegen -eines Verbrechens flüchtig geworden war und auf Anklage nicht vor -den Schranken des Gerichtes erschien, um sein Urteil zu empfangen. -Wurde ein so Verzellter später ergriffen, so wurde ohne weitere -Verteidigung und Gerichtsverfahren das Urteil an ihm vollstreckt. Von -wieviel menschlichen Leidenschaften, Schuld und Sühne aus früheren -Jahrhunderten weiß dieser Schweinslederband zu berichten, und zu -erzählen von der straffen Strenge der Rechtspflege und der Sitten -und den harten Strafen alter Zeit. »Uff den Hals« verzählen, d. -h. Todesstrafe wird nicht selten verhängt, und mancher mag seinen -flüchtigen Feind, der sich nicht verteidigen konnte oder wollte, auf -diese Weise vernichtet haben. Da lesen wir z. B.: »Reinfried Große -hat lassin vortzeln Frantzen Hekeler uff sinen Hals darumb das er ym -gedreuwet hat er wolle im schaden am lybe und am gute.« Also auf eine -Drohung wurde Todesstrafe gesetzt! - -»Die Burger lassen vertzeln uff synen hals Hans Ysenhut darumb daz er -in dem frauwenhuße gewest ist und dorinne geunfugit hat.« Unfug im -Frauenhause oder im Weinhause mit leichten Frauenzimmern fällt öfter -der Verzählung anheim. -- Als Kuntze Braun »eyner frauwe by nacht in -yr huß gelaufen und sie obil behandelt« hatte, wurde er »uff sinen -hals« verzählt und sie »lysen ym darumb seinen kopp abehawen«. -- Einem -anderen Übeltäter, der einen Beutel, worin das Erz gewaschen wurde, -»abegesnyden« hatte, hat man »laßin die oren absnyden« und verbannte -ihn »uff seynen hals« auf ewige Zeiten aus Stadt und Land. Ja sogar -darauf, daß fremdes Bier ausgeschenkt wurde, stand Verbannung: Meister -Nikols des Zimmermanns swester wurde bei Todesstrafe auf Jahr und -Tag verbannt »darumb das sy Kemnitzer bier geschenkt hat wider der -Burgergebot uff iren hals«. - -Anfangs wendete man die Verzählung nur bei schweren Verbrechen an, -später, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, wurden aber sogar geringe -Vergehen und Übertretungen damit gestraft. Es konnte jedoch zuweilen -die Strafe losgekauft werden. Thomas Strellers »Wyb« wurde verzählt, -weil sie gesagt hatte: »Nein -- die Burger allhie eßen nicht die -großen heringe sondern wenn dy von Zeydaw (Sayda) die großen guten -heringe eßen so müssen sie hie den dregk essen.« Zwei Burschen wurden -verzählt, weil sie »uff der Paucke geslagin habin«, ein anderer, weil -er Spottverse gedichtet und gesungen hat, Kaspar Kirchberger »darumb -das er an dem Tore gehüt hat und hat geslaven«. -- Herzog Heinrich der -Fromme verbot 1525 die Verzählungen, weil offenbar viel Mißbrauch damit -getrieben wurde und z. T. auch mündliches Verfahren üblich geworden war. - -Wir schließen das ehrwürdige Buch, in dem sich uns wie in einem Spiegel -Alt-Freiberger Leben zeigte, ein Leben so tüchtig und ehrenfest in -festen Sitten und Gesetzen gehalten, daß wir nicht ohne Beschämung -darauf zurückschauen müssen. - -Dort weiter lockt uns das alte mächtige Bürgerbuch, in ihm zu blättern. -Das älteste Bürgerbuch, welches 1404 begonnen ist und über längst -dahingesunkene Geschlechter Auskunft gibt, trägt auf seiner ersten -freien Seite spätere Einträge zum Lobe Freibergs z. T. in lateinischer -Sprache, etwa aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Aussprüche -Herzog Georgs: - - »Leipzig die beste, Freybergk die größte, - Chemnitz die feste, Annabergk die liebste,« - - ferner »~Lipsia ter in anno, Friberga vero quater fructum - refundit.~« Leipzig schüttet dreimal im Jahre, Freiberg aber - viermal Frucht! -- - -Dieser Stolz auf die Stadt war wohl begründet, denn 1474 belief sich -die Zahl der Hausgrundstücke auf 579 in Freiberg, in Leipzig 519, -in Dresden 427. Bereits 1400 hatte Freiberg eine Wasserleitung und -dafür einen Röhrmeister angestellt. Eine unterirdische Beschleusung -hatte ihre Anfänge den Bergleuten zu verdanken. 1484 war bereits -eine Bauordnung erlassen, welche steinerne Häuser, harte Dachung und -massive Brandgiebel vorschrieb. 1490 hatten die Tuchmacher schon eine -Kranken- und Sterbekasse. Freibergs Handel und Privilegien reichten -über das ganze Erzgebirge. Manche der alten Bürgergeschlechter hatten -Besitzungen und Reichtümer wie kleine Könige und blühten durch -Jahrhunderte. Das Bürgerbuch war so ein Buch des Stolzes für sie. -Die Namen der Prager und Alnpeck, der Schönlebe und Schönberg, der -Lingke, Monhaupt und Molsdorf usw. waren weit berühmt im Lande. -- Wir -schauen auch in die bunten Kammerkästchen und nehmen von den kostbaren, -ehrwürdigen Urkunden einige zur Hand mit ihren mächtigen Siegeln in -Holzkapseln. Die älteste ist ein kleines Schreiben auf Pergament, -etwa 50 Jahre nach der Gründung Freibergs geschrieben, eine Bulle des -Papst Honorius III. vom Jahre 1224, in welcher er versichert, daß -er das zu Freiberg neu gestiftete Hospital St. Johannis in seinen -Schutz genommen habe. Ein bleiernes Siegel hängt daran in vorzüglicher -Prägung mit den Köpfen zweier Heiligen und einem Kreuz dazwischen. -Ehrfürchtig betrachten wir dies 700 Jahre alte Schreiben, welches das -heute noch blühende Hospital in seinem Geburtsjahr grüßt und bestätigt. -Honorius III., der Stifter des Dominikaner- und Franziskanerordens, der -den glänzenden Hohenstaufen Friedrich II. zum Kaiser krönte, sandte es -aus der Weltstadt Rom in das rauhe, unwirtliche Gebirge hoch im Norden, -wo eine junge Siedlung als neuer Kulturmittelpunkt in Urwäldern unter -heidnischen Sorben sich ausbreitete und aufblühte. Welch ein Gegensatz -echt deutscher Art und Schicksals wird uns bei dieser Urkunde lebendig: -Dort der deutsche Kaiser im sonnigen Sizilien, im schimmernden Palermo -seinen halb sarazenischen Hof haltend, der in sich alle Pracht des -Morgenlandes und des Abendlandes vereinigte, dem deutschen Lande und -deutscher Not fremd geworden und seine ganz große, staatsmännische -Begabung auf Kunst und Wissenschaft und die wirtschaftliche -Entwicklung, auf Handel, Rechtspflege und Heer in Italien und Sizilien -verwendend, seine deutsche Heimat vergessend und der Gesetzlosigkeit -und Raublust innerer und äußerer Feinde überlassend, hier dagegen -gleichzeitig im Norden ein hartes, eisernes, einfaches Geschlecht -von deutschen Bürgern, Bergleuten, Bauern in dunkler Waldwildnis und -rauhem Gebirge in unermüdlicher Arbeit die Heimat sich erobernd, -dem heimatlichen Boden Schätze abringend und aus eigener Kraft und -tiefster Seelenstärke eine Kulturblüte hervortreibend, die durch die -Jahrtausende leuchtet. Die goldene Pforte und die Kreuzigungsgruppe -des Domes, Werke erhabenster Kunst und deutschester Art, Gesetzbücher -und soziale Einrichtungen des Erzbergbau- und Hüttenwesens mit ihrer -glänzenden Entwicklung sind heute noch redende Zeugen dieser alten -schwer errungenen Kultur. - -Eine andere Urkunde fällt uns besonders durch ihre zwei köstlichen, -großen Wachssiegel in Holzkapseln auf, wahre Meisterwerke der -Kleinkunst. Sie haben 11 ~cm~ Durchmesser und stellen in feiner -gotischer Zeichnung einen Ritter auf anreitendem, gepanzertem -Turnierroß dar mit Fahne im Arm und einzelnen wunderbar zart -durchgeführten Wappen in der freien Fläche. Es ist die Urkunde, in -welcher Bischof Johannes zu Meißen am 25. August des Jahres 1480 die -Kirche unsrer lieben Frau zu Freiberg zu einer Stiftskirche erhob -und das Domkapitel daselbst einrichtete. Vor unserem Auge steigt die -Zeit der ausgehenden Spätgotik auf, als im deutschen Boden tausend -neue Keime sich regten und Altes fallen und sterben sollte, als ein -Suchen und Fragen durch die Lande ging und neue Welten aus dem Dunkel -emporstiegen. Wir sehen Freiberg in Flammen stehen, den alten Dom -stürzen und wieder aufsteigen aus den Trümmern mit schlanken Schäften -und kunstvollen Netzgewölben, während eine neue Kunst mit belebendem -Hauche neue frische Blüten sprießen läßt. -- Dort der Ablaßbrief -mit seinen bunten Heiligenbildern aus jener Zeit erinnert uns an -Johann Tetzel, der auch in Freiberg seinen einträglichen Handel -trieb. Freilich erkannte der gerade ehrliche Sinn gar bald, wie hohl -und unwürdig dies Treiben war. Luthers Hammerschläge am Tor der -Schloßkirche von Wittenberg hatten auch in Freiberg kräftigen Widerhall -gefunden. Als Tetzel kurz nach dem weltgeschichtlichen 31. Oktober -1517 nach Freiberg mit seinem Ablaßhandel kam, »hat es ihm so wol als -zuvor nicht glücken wollen, also gar, daß mehr allein wenig Personen -seiner geachtet, sondern auch die Bergleute ihn zu beschimpffen sich -unterstanden und verlauten lassen, das gesamlete Ablaßgeld ihm gar -abzunehmen, deßwegen er bald fortgewandert ...« - -Aus den Kammerkästchen im alten ehrwürdigen Archiv, aus den Urkunden -und pergamentenen Handschriften, aus den mächtigen Foliobänden längst -vergangener Tage steigt so altes deutsches Leben, großes Geschehen, das -Gedenken großer Taten und Männer auf. Luther und Melanchthon, Johann -Sebastian Bach und Bismarck wandeln an uns vorüber, werden lebendig, -wenn wir ihre Handschriften sehen und in der Hand halten. Wir sind -nicht mehr im Urkundenarchiv zwischen engen Mauern abgeschlossen -vom Leben, von dem kaum ein Laut hereindringt, nein, wir stehen wie -auf einer hohen Warte und schauen hinein in das flutende Leben, wie -es durch die Jahrhunderte strömt und seine Wellen aufwirft, und in -seinem Vorwärtsdrängen die Geschlechter durcheinanderwirbelt und -treibt, aneinanderreibt, emporträgt und niederreißt, aus dem Ursprung -ferner Vergangenheit her aus dem Zeitenwandel Geschichte schaffend; -das Schauen wird uns Erlebnis, Erlebnis der Heimat, Erlebnis ihrer -ringenden, kämpfenden Seele; das Leben der Heimat rauscht uns, und die -Liebe zur Heimat ist die aus dem inneren Erlebnis emporwachsende Frucht. - -Aus dem Urkundenarchiv, wo vergangene Zeiten eindringlich zu uns -sprechen, gehen wir hinüber zum Ratssitzungszimmer, wo mit den -Forderungen, Leiden und Nöten der Gegenwart gerungen wird und ernste -Männer raten und taten, sich mühen und sorgen um das Wohl der Stadt. -Wir schreiten durch eine altertümliche doppelflüglige Eisentür, die -aus geschmiedeten Platten zusammengenietet und mit durchbrochenen -Auflagen und Bändern reich verziert ist, ähnlich der schönen Eisentür -am Archiv. Ein mächtiges Kunstschloß dient zur besonderen Zierde und -Sicherung. Eine zweite Tür aus starkem Holze in eingelegter Arbeit -mit reicher Profilierung liegt hinter der Eisentür und wird umrahmt -von einem reichen Renaissanceportal im Ratszimmer. Der Raum ist -7,50 × 9 ~m~ groß und ist mit einem flach gespannten Netzgewölbe -mit aufgeputzten Rippen überspannt, in das die Stichkappen über den -Fenstern tief hineinschneiden. Die Stimmung des Raumes, ein sattes -Grün der Wände mit leuchtendem Goldgelb der Wölbung, mit dem großen -länglichrunden Ratstisch und den hochlehnigen, geschnitzten Stühlen -ist ungemein behaglich. Dazu trägt nicht zum mindesten bei die den -ganzen Raum beherrschende kostbare Vertäfelung der Ostseite mit ihren -Gesimsen, Pilastern, Füllungen aus edlen Hölzern in eingelegter Arbeit -und reichen Profilierungen. Beim näheren Zuschauen finden wir, daß -diese hoch bis an den Gewölbekämpfer hinaufgehende Vertäfelung ein -wunderbares Schranksystem ist, das in tiefen Wandnischen mit vielen -Fächern eingebaut ist. Die Türen dieser Wandschränke haben zierliche -durchbrochene Beschläge, welche von demselben geschickten Schlosser -stammen, der die Türen zum Archiv und zum Ratszimmer schuf, dem -Ratsschlosser Paul Winkler, der 1630 acht Gulden für seine Arbeit -erhielt. Die Kunst der Schlosser und Schmiede stand in Freiberg in -hoher Blüte, und gar manches prächtige Werk zeugt heute noch von ihrer -geschickten Hand. Da sind vor allem die köstlichen geschmiedeten Tore -und Einfriedigungen am grünen Friedhof am Dom aus der Hand Gabriel -Mehners (1653--1705) mit ihrer reichen, materialgerechten Ornamentik, -Spiralen, üppigen Blumen und Rankenzügen, zu nennen, ferner die -schönen Gitter in der Begräbniskapelle und in der Annenkapelle am Dom, -geschmiedete Grabkreuze, Vorhangträger, Schlosserzeichen, Türbänder, -Fenstergitter usw. im Altertumsmuseum. Der Rat der Stadt wußte den -Wert solcher kunstvollen Handwerksarbeit wohl zu schätzen nicht nur -dadurch, daß er die tüchtigsten Meister zur Arbeit heranzog, sondern -auch dadurch, daß er schön gearbeitete Meisterstücke ankaufte und -gelegentlich verwendete. Durch diese Art praktischer Kunstpflege wurde -das Handwerk gestärkt, der Wetteifer geweckt und die Leistungsfähigkeit -erhöht, so daß der Ruf der Freiberger Arbeit sich weit verbreitete. - -Der Wandschmuck des Ratszimmers ist sonst schlichter Art. Zwei mächtige -Geweihe, Zwölfender aus den Rehefelder Waldrevieren stammend, mit blank -gefegten, weißen Enden bringen einen Hauch von Harzduft, frischer -Bergluft und der grünen Freiheit der Berge in den gestrengen Raum -städtischer Verwaltung und Sorgen. Ein Ölbild des früh verstorbenen -trefflichen Malers Mißbach an der anderen Wand führt in die heimische -Landschaft, in ein grünes Wiesental, über dem blauduftiger Waldhang -sich erhebt. Im Wiesengrün leuchten blaue Blumen als hätte der blaue -Frühlingshimmel seine Pracht mit vollen Händen darin ausgestreut, und -ein Busch glänzt mitten im Grün im funkelnden Sonnenglanz als sollten -Wiese und Wald, Himmel und Sonne nur seiner Schönheit dienen. - -Gar manchmal, wenn in schwerer Beratung die Geister sich erhitzen, oder -im Redefluß die Stunden zähe sich dehnen, mag ein Auge in diesen grünen -Frühling sich flüchten, sich erfrischen und den Geist zurücklenken von -trocknem Aktenstaub und grauer Theorie, zum grünenden frischen Leben -freier Entschlüsse. - -Noch ein anderes Bild erregt unsere Aufmerksamkeit, der alte -Kupferstich von F. B. Werner »Freyberg in Meißen«, etwa aus der Zeit -um 1710, aus welchem man so recht die stolze Wehrhaftigkeit der alten -Stadt erkennen kann. Mit peinlicher Genauigkeit und Schärfe und großem -malerischen Reize sind die Türme und Mauern, die Wälle, Gräben und -Teiche der Befestigung dargestellt und über sie hinausragend das -bunte Gewirr der Dächer und Häuser und hoch in die Lüfte steigend die -Türme der Kirchen und des Rathauses. Ja, wenn einst ein Stadtkind -von außen sich dieser seiner Heimatstadt näherte, oder von einer der -hochgetürmten Halden hinabsah auf dieses stolze wehrhafte Stadtbild, so -mochte ihm mit Recht sein Herz höher schlagen, denn kaum eine andere in -weiten Gauen mochte ihm gleichen an Schönheit, Eigenart und trotziger, -auf sich selbst gestellter und bewährter Kraft. Die Stadt ist die -Krone der Landschaft und damit der künstlerisch vollendete Ausdruck, -die echte Ausprägung ihrer Geschichte und ihrer inneren Bedeutung und -Kraft. -- - -Hier im Ratszimmer, wo die Geschicke der Stadt seit Jahrhunderten -sich flechten und lösen und die Gedanken und Sorgen um ihr Wohl und -Wehe seit Jahrhunderten sich kreuzten, aufwuchsen und wieder zur Ruhe -gingen, hier spricht eine Stimmung voller Eigenart zu dir, wenn du es -hören und fühlen willst, als wäre dort das Herzpochen eines lebendigen -Wesens, das groß und heilig ist, viel erfuhr und viel erfühlte, viel -erlitt, doch nie erlahmte, als wären wir in einer der Herzkammern der -Heimat, durchpulst von warmem, lebendigen Blute und Geiste, voll des -Großen und Schönen, voll von Erinnerungen und Geschichte, voll von -Drang, Arbeit, Hoffnung, Zukunft. -- - -Noch einen Raum müssen wir betreten, ehe wir das alte Rathaus -verlassen, den Raum, in dem Einzelgeschicke sich flechten, in dem -Gedanken sich kreuzen und binden, in dem Herzen pochen ganz anders, -als wie sonst im Leben, Herzen voll von Entschlüssen, Plänen, Drang, -Hoffnung, Zukunft -- es ist das Eheschließungszimmer, die alte -Lorenzkapelle im Rathausturme. - -Der Turm, die beherrschende Zierde des Rathauses und Marktes, ist von -dem Bürgermeister Nikol Weller von Molsdorf auf seine eigenen Kosten -erbaut worden, »der Stadt Freyberg zu Ehren, weil ihn Gott der Herr -durch das Bergwerck und geführte Handlungen reichlichen gesegnet«. -Schon von außen sieht man, daß das Geschoß der Lorenzkapelle seine -besondere Bedeutung hat, denn an den Außenkanten des Turmes sind zwei -Nischen ausgespart mit schlichtem, kleinen Baldachin, in welchen einst -die Gestalten der Mutter Gottes und des heiligen Lorenz, als der -Schutzheiligen des Rathauses, sich befanden. - -Von der großen Ratsdiele her betreten wir durch einen halbdunklen -Vorraum die alte gotische Lorenzkapelle. Es ist ein neckischer Zufall, -daß gerade der heilige Lorenz der Schutzheilige des jetzigen Raumes für -die bürgerlichen Eheschließungen mit den beiden feierlichen Stühlen vor -dem grünen Tisch ist, denn dieser Märtyrer wurde auf dem Rost gebraten. -Hoffentlich bleiben derartige Märtyrergefühle allen erspart, die zum -Lebensbunde sich auf die entscheidenden Stühle niederlassen. - -Zwei andere Schmuckstücke aus der Zeit der Erbauung passen sich in -sinnig symbolischer Weise dem jetzigen späten Zweck der alten Kapelle -an, die in Stein gehauenen Wappen ihrer Erbauer, der Bürgermeister -Weller von Molsdorf und Jobst Krohe. Das Molsdorfsche Wappenzeichen -stellt zwei Schwanenhälse dar, die in den Schnäbeln einen goldenen -Ring halten, das Symbol der Treue, welche zwei Seelen bindet, das -Krohesche Wappen, eine Krähe, welche sich die Brust aufreißt, das -Symbol der Aufopferung, welche das eigene Herzblut hingibt. - -Diese redenden Wappen alter Freiberger Geschlechter, die heute noch -so ganz besonders zur Zweckbestimmung des Raumes sprechen, sind -über dem herrlichen Eingangsportale zur Kapelle angebracht. Dieses -reiche gotische Portal ist das prächtigste Stück gotischer Kunst, --- wenn man die unvergleichliche Tulpenkanzel im Dome ausnimmt, -- -welches in Freiberg erhalten ist. Reiches Stabwerk von Rundstäben, -tiefen Hohlkehlen und scharfen gratartigen Profilen mit kräftiger -Schattenwirkung schließt sich in schräger Laibung von 1 ~m~ Tiefe in -kühnem Schwung zum edlen Spitzbogen zusammen. Die schlanken Rundstäbe -haben schöne senkrecht oder schraubenförmig geriefte Sockel. Der -äußerste Stab rechts und links blüht zu einer schlanken Säule auf -mit schönem, spätgotischem Blattkapitell, das auf einem glatten -Kämpferblock je eine schlanke Fiale trägt mit zierlichen Kantenblättern -und Kreuzblume als Abschluß. Zwischen den Fialen ist ein schwungvoller -Kielbogen, wie ihn die spätere Gotik liebte, eingespannt, aus dem reich -und stark modellierte Blätter hervorwachsen und der schließlich zu -einer stolzen Kreuzblume mit doppeltem Blätterkranz bis fast an das -Gewölbe oben aufschießt. Überrascht stehen wir vor diesem Meisterwerke -der Steinmetzkunst, das etwa um 1440 von Freiberger Handwerkern -geschaffen, ein Beweis für den großzügigen, künstlerischen Sinn der -Erbauer und das Können jener Zeit ist. Ein schönes, hochgeschwungenes -Sterngewölbe mit edel profilierten Rippen überdeckt den etwa 12 ~qm~ -großen, quadratischen Raum. 3 große, farbig verglaste Fenster mit -tiefen Nischen in den starken Turmwänden, die als Rosenlauben zart -bemalt sind, spenden eine Fülle von Licht und geben dem Raume eine -festlich feierliche Wirkung. - -Zierliche symbolische Malerei an den Türen der eingebauten Schränke -ist wie eine liebliche Begleitmelodie zu dem Rhythmus und der -klangvollen Harmonie des ganzen Raumes. Die alte Lorenzkapelle, das -Eheschließungszimmer, ist als ganzer Raum und in ihren Teilen wie ein -Symbol ihrer Bestimmung, ein Symbol des tiefen Sinnes und Zweckes des -Ehebundes, daß Treue und Hingebung, Klarheit und Harmonie erst die -rechte Vollendung geben, daß das Einzelne dem Ganzen dienen muß, um -seine Bestimmung zu erfüllen, und daß das Ganze erst durch die Harmonie -der einzelnen Teile lebt und gewinnt. -- -- -- -- - -Sollen wir noch weiter durch das Rathaus wandern und uns erzählen -von Räumen und neuen Dingen, die noch keine Geschichte haben? Gar -manches wäre noch der Beachtung wert. Da hängt in der großen Diele -ein mächtiger Kronleuchter aus Holz von der bunten Balkendecke -herab, der in eigenartiger Zusammenfügung und Gestaltung schlichter -erzgebirgischer Volkskunst dem Raume einen volkstümlichen Heimatklang -verleiht. Da steht in der kleinen Stadthausdiele auf der Treppensäule -frei im Raume die Gestalt eines Bergmanns mit dem Wappen der Stadt und -einem großen Hammer über der Schulter, der Sohn der alten Bergstadt, -der über ihr Wohl und Wehe, über Recht und Ehre Wacht hält. Da hängt an -der Wand das eiserne Kreuz, welches 1915 opferbereite Hände nagelten. - - »Dies Denkmal eisenharter Zeit, - gehüllt in schlichtes Eisenkleid - künde der Heimat Dankbarkeit« - -ist sein Widmungsspruch. - -Welche Gedanken und Erinnerungen werden da lebendig. Dinge, die keine -Geschichte haben? Ach, wir haben Geschichte erlebt, daß uns das Herz -stolz und groß und doch wieder weh und wund wie von sieben Schwertern -wird. -- - -Ein großes Schlachtenbild von 1870 hängt dort an der Wand, wo stolz der -Kommandeur mit seinen Offizieren hoch zu Roß auf der Höhe hält; die -besiegten und gefangenen Franzosen ziehen ab, und Sieg klingt es wie -mit jubelnden Fanfaren aus dem Bilde. Wir haben Geschichte erlebt! - -Einst hing dieses Bild im Kasino der Offiziere des Freiberger -Jägerbataillons Nr. 12, das ruhmbedeckt aus dem Weltkriege heimkehrte. -Das Offizierkasino ist nicht mehr. Das Rathaus nahm das Bild als Zeugen -ruhmreicher Tage des der Stadt so eng verbundenen Bataillons in treue -Verwahrung. Unser Herz ist stolz und wund! - -Unten im Rathausflur ist die große Ehrentafel mit den Namen derer, -die treu im Dienste der Stadt gestanden, ihr Leben dem Vaterland -geopfert haben. Lang sind die Reihen, zahlreich die Namen, welche -uns die Treue bis in den Tod für Vaterland und Heimat predigen. Eine -trauernde Mutter mit ihrem Säugling im Arm als Sinnbild der verlassenen -Familie, ein bärtiger Krieger mit Stahlhelm in der Hand, das Sinnbild -des treuen Kameraden, stehen links und rechts von den Namen der -dreiteiligen Tafel. Unser Herz ist wund, wenn wir ihrer gedenken, und -an das deutsche Leid, die dunkle Zeit seit jenen Tagen, doch wenn wir -zurückschauen in unsere Geschichte, die Geschichte der Heimat, deren -stummer Prediger auch das alte Freiberger Rathaus ist, dann spüren wir -die Gewißheit, daß aus dem Heimatboden und der Heimatliebe neue Kraft -emporwachsen wird. - -Die Freiheit und das Glück der Heimaterde kann nur aus dem Heimatgeist -geboren werden. O Heimat, Heimat, wann wirst du erwachen, wann wird -dein Tag kommen und neuer Heimatstolz deinem Morgen lachen? - -Wir stehen wieder auf dem Obermarkt und um uns hastet, lärmt und eilt -das tägliche Leben. Da hebt das Häuerglöckchen vom Petriturm, der hoch -in den Markt hereinschaut, zu rufen und zu klingen an, so wie seit -Jahrhunderten seine helle Stimme mahnend über die Straßen, die Dächer -und Giebel ging. Mitten im lärmenden Leben drängender Gegenwart faßt -uns der Zauber der Vergangenheit, der Zauber der alten Stadt, welcher -Geschichte und Kunst, Bergmannsleben und Bürgerkraft einen besonderen, -eigenartigen Charakter gegeben hat. - -Glück auf! Glück auf! Du alte getreue Bergstadt! Hüte deine -Vergangenheit, dann blüht dir der Segen der Zukunft! - - - - -Was der Petriturmknopf erzählt. - - -Eines Tages schaute aus der obersten Turmluke hoch über den Glocken des -hohen Petersturmes ein Mann heraus. Das war ein seltener Besuch dort -oben in luftiger Höhe, und erregt flatterten und kreischten die Dohlen -um den funkelnden goldenen Turmknopf und die knarrende Wetterfahne. -Was wollte dieser Eindringling dort oben im Reiche der Dohlen, der -Schwalben und Fledermäuse, hoch über den Glocken, wohin nicht Treppe -noch Leiter führt, sondern nur gefährliche Kletterkünste über den -Bronzeleib der Glocken, durch Streben, Stiele, Sparren und Gebälk? - -Im Sturme hatte die Spitze des Turmes geschwankt, und die Wetterfahne -mit dem eisernen Gestänge hatte sich geneigt. Heute fand der -Zimmerpolier Dietrich, daß das Holzwerk des »Kaiserstils«, welcher -die eiserne Spille der Wetterfahne und des Turmknopfes trägt, -morsch geworden und ihr Absturz möglich war. Da galt es denn, die -Turmspitze über den Glocken zu erneuern, denn auch Streben und Sparren -hatten gelitten. In schwindelnder Höhe schoben sich nun Balken und -Streben, Stiele und Zangen heraus und fügten sich zu kühner, luftiger -Konstruktion, anzuschauen von unten wie ein zierliches, feines -Gespinst, das die Konturen der schlanken Spitze umhüllte und in dem die -Männer wie kleine Spinnen kaum sichtbar umherstiegen. - -O wie weit und wie frei ist von dort oben der Blick! Auf dem Turmknopf -hab ich gestanden und über die Wetterfahne weggeschaut in blaue, -unendliche Fernen, in schimmernde Sehnsuchtsweiten, wo Erde und Himmel -eins sind, und habe jäh hinabgeblickt in die Tiefe unten, in die -Straßen und Höfe der Stadt, wie in dunkle Gräben und Schächte, so eng -und so klein, in denen geschäftiges Ameisenleben wimmelt, so fern und -so fremd uns und so sonderbar und zwecklos uns scheinend, als wären wir -in einer anderen Welt, als schauten wir von einem Stern, als ein von -Erdendruck und Zwang befreiter Geist. - -O ihr Ameisen dort unten im Schatten, was rennt und eilt ihr hin und -her, der eine hier sein Ziel, der andere dort seinen Weg suchend, -ruhelos hier im Gewühl sich drängend und stoßend, rennend dort den -Nachbar überholend, mit den Augen gebannt auf die niedrige Enge, die -dumpfen Gassen und selten einer den Blick in die Höhe, zum Lichte, -das über jeder Dunkelheit und Enge wartet. O, ihr Ameisen dort unten -im Schatten, jede ein Menschenschicksal, jede mit dem Verlangen nach -Glück und jede mit der Saat der Schmerzen und des Leides in der -Seele, jede mit hundert Banden an die Erde gefesselt, und jede doch -mit heimlicher, oft unbewußter stummer Sehnsucht, über dies Dunkel -sich zu erheben: Des Himmels blaue Kuppel steht über euch! Er ist das -hohe Dach der engen Gassen, er ist das hohe Dach auch für das engste -Leben! Hebt nur die Augen empor aus dem Zwang der dumpfen Höfe eures -Schicksals, und eure stumme Sehnsucht wird Flügel gewinnen, die euch -emportragen. Greift nur zu und packt mit den Armen eurer Seele und -drückt an die Brust, was euch, ja jedem von euch, die Heimat und der -Himmel der Heimat bietet und geben kann an tiefem Erleben von Schönheit -und innerem Glücksbewußtsein: Alles ist dein, was dein Herz sich zu -eigen macht, dann fühlst du es: Der Wald rauscht nur für dich allein, -die Wiese lacht nur dir mit ihrem leuchtenden Grün und bunten Blumen, -dir schmettert der Vogel sein Lied, dir raunt der Bach mit seinem -Plaudermund seine trauliche Melodie, für dich segeln am Himmel die -Schiffe der Sehnsucht mit schimmernden Segeln, die ziehenden Wolken, -für dich wandern die funkelnden Sterne durch die schwarzen Abgründe des -Weltalls von Ewigkeiten zu Ewigkeiten, für dich baut sich Berg und Tal -und blauende Ferne, das goldene Ährenfeld und die purpurne duftende -Kleebreite, die Pracht des Winters mit seinen stillen, reinen Wundern -und kristallenem Zauber an Halmen und Zweigen, dein, dein ist die -Heimat, dein alle ihre Herrlichkeit, und dich macht sie reich, deine -Augen helle, dein Herz froh und stolz und deine Seele rein und edel. -Laßt nur durch enge Gassen und dumpfe Mauern die Seele nicht enge und -dumpf, nicht dunkel und klein werden. Vergeßt nicht im Ameisengewimmel -und Tagesgewühl von den köstlichen Einsamkeiten der Heimat zu schmecken -und ihre heilige reinigende Kraft in euch zu trinken. Auch über dunklen -Gassen steht der blaue Himmel und er ist dein, wenn du mit deiner Seele -dich zu ihm erhebst. -- - -Es saust der Wind in starken Stößen, als wollte er den einsamen Träumer -von seinem Stern, von seinem luftigen Standpunkt, dem höchsten Punkte -der alten Bergstadt, herunterwehen, und Schwalben schießen sirrend und -schwirrend vorüber, wie stahlblaue und silberne Pfeile. Wollen sie -necken und spotten, daß der Träumer doch keine Flügel hat? - -Aber unsere Blicke trinken die Ferne. Dort die blauen Linien der -Bergzüge duftiger und duftiger in fernen Himmeln versinkend, -ertrinkend, dort die dunkleren Wogen des Tharandter Waldes. Dort, -wie ein ungeheures, buntes Tuch über die steigenden und fallenden -Wellen des Landes gezogen, wie lebend, mit leisem Atem sich hebend und -senkend, die Felder und Wiesen, die Äcker und Fluren in allen Tönen -von Grün zum Braun, von Blau, Violett und Gelb, Wälder und Bäume, -darin Hügel und Halden, Häuser und Höfe und Dörfer wie wunderfeines -Spielzeug eingestreut, Teichspiegel blitzend wie Silberfunken, -schimmernde Straßen wie leuchtende Bänder mit dem dunklen Perlensaum -der Bäume, Wolkenschatten fliegen, bald leuchtend und lächelnd, bald -ernst und trübe, bald hell in Freude, bald dunkel in Schwermut. Über -alles gespannt so hoch und licht und weit des Himmels blauseidenes -Zelt in dem die silbernen Wolken wie selige Gestalten einherziehen. -Die blaue Erdenferne, die blaue Himmelsferne hat mich verzaubert. -Ich stehe auf dem goldnen Knopf, auf meinem Stern im Mittelpunkt der -Welt, außerhalb der armen Erde hoch im Licht, und um mich dreht sich -Himmelsferne wie eine leuchtende Glocke von schimmerndem Opal und der -schwebende Reigen träumender Wolken hebt über alles Irdische empor, und -die blaue Erdenferne grüßt im ungeheuren Rund von aller Erdenschwere -befreit in einer leuchtenden Schönheit, die sich in Sehnsucht wandelt -und die Flügel der Seele spannt zur Unendlichkeit. Ich schaue nur -empor in die blaue Gottesferne und grüße die Wolken, die stillen -Gefährten der Höhengedanken, die schwebenden Wandrer des Lichtes. Ihr -Wolken dort oben, wie nahe bin ich euch, als schwebte ich mit leise -tragender Schwinge in eurer schimmernden Schar, wie seid ihr das Bild -menschlicher Sehnsucht, menschlicher Träume! Aufsteigend, schwebend, -dahinziehend in ziellose Ferne, zur Sonne sich erhebend und selig -zerfließend im Licht, neu sich schließend zu leuchtenden Gestalten, -zwischen Himmel und Erde wandernd. In Farben sich wandelnd, zu Purpur -und Gold, zu Silber und Schwarz, zu blauem Sammet und rosenfarbener -und blaßblauer Seide, vom Lichte strahlend durchwirkt, von Goldfäden -zart durchsponnen. Ruhelos und ewig wechselnd, bald dunkel und schwer -wie ein lauerndes Schicksal, bald silbern und glänzend wie strahlende -Erfüllung, bald zart und schimmernd wie träumende Erwartung, bald -jagend und eilend wie trotziges Begehren, bald stille rastend wie -wunschloses Glück, bald sich ballend und türmend zu goldenen Gipfeln -mit sehnsuchtsblauen Tälern, bald wandernd wie zarter Schaum ziehender -Wogen, die aus dem tiefen Blau der Unendlichkeit quellen und wallen, -wie weichen Nebels Spitzengeriesel fließend und fallend, immer neu -und nimmer Ruhe, immer wechselnd und nimmer bleibend, zwischen Himmel -und Erde wandernd, steigend und sinkend, werdend und vergehend, -- -menschlicher Seelen, menschlicher Sehnsucht Gleichnis und Abbild seid -ihr dort oben, ihr Wolken des Himmels, ihr Wolken der Erde, euch fühle -ich mich nahe, ihr schwebenden Wandrer des Lichts. - - »Kein Herz kann sie verstehen, - Dem nicht auf langer Fahrt - Ein Wissen von allen Wehen - Und Freuden des Wanderns ward. - - Ich liebe die Weißen, Losen - Wie Sonne, Meer und Wind, - Weil sie der Heimatlosen - Schwestern und Engel sind.« - - Hermann Hesse. - -Aus der Stadt dort unten dringt kaum ein Laut herauf zu meinem Stern. -Nur ein fernes Summen und Sausen eint sich mit der großen Harmonie der -Schöpfungsmelodie, welche aus den tausend Stimmen des Lebens und der -Natur emporrauscht und mich umflutet. -- -- -- -- - -Wie lustig sind die Dächer in der alten Stadt in der Tiefe zu unseren -Füßen, welche der grüne Ring der Promenaden auf dem Gelände der alten -Gräben und Wälle umgibt. Rot und braun, schwarz verräuchert und violett -getönt, bei aller Buntheit eine fröhliche Harmonie in Ziegelfarben -auf steilen Dächern. Hie und da ein Treppenturm dazwischen mit -geschwungener Haube oder Kegeldach, oder dort ein kecker Giebel. Dort -wieder stehen wie schweigende Hirten inmitten wimmelnder Herde die -großen Gestalten der ragenden Türme von St. Nikolai, der Donatsturm, -der Rathausturm und in breiter Masse gelagert des ehrwürdigen Doms -mächtiger Bau und dort die klotzigen Mauern, breiten Dächer und der -Rundturm des Schlosses Freudenstein mit spitzem Kegeldach. Blau -kräuselt sich der Rauch empor und zerfließt in der klaren flimmernden -Luft. Weiße Taubenschwärme flattern über die Dächer dahin. Ein -aufgeschlagenes Buch ist uns die Stadt, in dem die Züge der Straßen -hier so gerade und rechtwinklig sich schneidend, dort in unregelmäßiger -Krümmung scheinbar regellos sich windend die Zeilen sind, aus denen -wir Geschichte lesen. Das eine ist die Stadt, welche Otto der Reiche -baute, dessen Denkmal wie ein Tafelaufsatz mitten auf blanker -Tischplatte dort unten auf dem rechteckigen Obermarkt steht, das andere -ist die Sächsstadt, die Stätte des alten Christiansdorf, der alten -Siedlung, aus welcher die freie Bergstadt emporwuchs. Was der grüne -Promenadenring umschließt, das ist die alte, freie, getreue Bergstadt, -von deren Glück und Leid, Geist und Leben, Kraft und Treue in alter -Zeit uns Andreas Möllers Chronik von 1653 so stolze, ruhmreiche Dinge -zu berichten weiß. - -Über den Dächern, Giebeln und Türmen, über den alten Wällen, Gräben -und Mauern liegt der Zauber der Geschichte und der Sage, liegt der -träumerische, anheimelnde Reiz der alten Stadt, welche Jahrhunderte -kennt, welche Geist und Schicksal hat, welche sicher auf heimatlichem -Grunde ruht, wie eine steinerne Riesenblume aus Jahrhunderten -herangeblüht und in weitere Jahrhunderte hineinwachsend aus -Felsengrunde dem Lichte entgegen. - -Es ist mir, wie ich auf die alte Stadt herniederschaue, als blickte -ich tief hinein in ihre Seele und hinab auf ihre Geschicke und sähe -Geschlechter kommen und gehen, schaffen und leiden für ihre alte -Heimatstadt, die Stadt, die heute noch der Ausdruck ihrer Seele ist und -bleiben soll. -- -- -- - -Die Turmspitze ist nun erneuert und verspricht wieder 100 Jahre -und mehr unter dem Schutze der neuen kupfernen Dachhaut Sturm und -Wetter zu trotzen. Der goldene Turmknopf funkelt hell und blitzend im -Sonnenschein. Er scheint ein schweigsamer Geselle zu sein und nicht -ohne weiteres zur Zwiesprache aufgelegt, wenn die Schwalben um ihn her -schwirren oder die Dohlen ihn umschreien. Er will auch nicht mit jedem -sprechen, den nur die Neugier juckt. Seine Höhengedanken sind schwer -zugänglich für den, der nicht in die Tiefe dringen will, oder nicht -Welt, Leben und Seele aus der Höhe beschauen will. - -Die Wetterfahne ist schon lebendiger und gesprächiger. Wenn der Wind -sie dreht, dann klingt wohl das Sprüchlein, das auf ihr angebracht ist -und mit dem Hugo Meeser bei seiner kühnen Turmknopfbesteigung ohne -Gerüst zur Fahnenreparatur sich einst verewigte: - - »Mußt durch die Zeit du sehr auch leiden - Mit Gott hab ich dich jung gemacht. - Drum drehe dich der Stadt zur Freude - Sei stets auf guten Wind bedacht.« - - _Hugo Meeser_, - Mechaniker, Freiberg. - -Gesprächiger sind auch die Glocken tiefer unten, deren hallender Mund -über die Stadt täglich eherne Klänge dröhnen läßt. Die Läuteglocke von -1570 ruft zum Kirchgang mit dem Spruch: - - »Mein Klang ruft dich zum Kirchgang, merks Wort, - Gott dank, sing Lobgesang.« - -Das Bergglöcklein aber ruft zur Arbeit mit vertrautem Klingen: - - »Auf auf zur Grube ruf ich euch, - Ich, die ich oben steh, - So oft ihr in die Tiefe fahrt, - So denket in die Höh!« - -»In die Höhe denken« tut uns allen heute mehr denn je not, und dem, -was die Glocken uns sagen und erzählen können, sollte man wohl gerne -lauschen, denn Leben und Dasein des einzelnen Menschen, wie von Stadt -und Volk, sind von ihnen durchklungen und sind begleitet von ihren -ehernen schwingenden Schritten hin und her. - -Der Turmknopf dagegen, so hoch erhaben über den Glocken, besitzt den -Stolz und die Verschlossenheit der Einsamen und ist ein schweigsamer -Geselle. Er schaut sich still die närrische Welt von oben an, und -selten, selten öffnet er den schweigsamen Mund. Doch als ich bei ihm -oben war, hat er doch manches mir ins Ohr geraunt. Manches, was ich da -erlauschte hoch über dem Brausen der geschäftigen und ach so kleinen -Welt da unten, und was er so lange schweigend bei sich bewahrte, -gibt einen Höhenblick über Zeit und Menschen, als stünden wir bei ihm -auf der Spitze oben an der Wetterfahne und sähen den Geist der alten -Stadt an seinem Schicksal weben, als sähen wir die Geschlechter kommen -und gehen, schaffen und leiden. Wie manche Menschen scheint zwar der -brave Knopf zu sein: »Außen blank und blendend, innen nichts, hohl und -leer!« Doch nein, »er hat es in sich!« Wenn er auch nur vielleicht alle -hundert Jahre einmal spricht, und man ihm dazu erst recht energisch auf -seinen runden Leib rücken muß, um ihn zum Reden zu bringen, so ist doch -das, was er dann sagt, um so bemerkenswerter, denn Stimmen und Geister -von Männern und Geschlechtern früherer Jahrhunderte werden lebendig und -steigen empor aus enger Haft und reden von dem, was Ihnen einst wichtig -war. -- -- -- - -Eine alte gute Sitte ist es, in Grundsteine, Schlußsteine, Turmknöpfe -bemerkenswerter Gebäude, Urkunden einzulegen und mit ihnen Zeugnisse -über die Zeitverhältnisse, Proben von Geldmünzen und was etwa besonders -bemerkenswert erscheint. Diese Dinge müssen gut verwahrt sein, denn bei -dem Wechsel von Frost und Hitze und der Möglichkeit von Zutritt von -Feuchtigkeit z. B. als Schweißwasser würden die Urkunden sonst bald -zerstört sein. Man verwahrt sie darum in besonderen metallnen Kapseln, -die verlötet oder verfalzt und dann dem Turmknopf einverleibt werden. -Im Jahre 1580, als die ersten Urkunden in unseren Turmknopf eingelegt -wurden, beachtete man dies nicht. Die Urkunden sind daher fast ganz -zerstört und nur dadurch z. T. erhalten, daß sie im Jahre 1803 in die -Kapsel mit aufgenommen wurden. - -Der Turmknopf des hohen Petersturmes ist eine Hohlkugel aus Kupferblech -von 70 ~cm~ Durchmesser, d. h. von einer Größe, daß zwei Knaben von -10 Jahren darin zusammengekauert Platz fanden, als bei der Erneuerung -sein goldenes Kleid neuen Glanz erhalten sollte und er auf die -profane Erde dazu herniederstieg. Zwei kupferne Kapseln zylindrischer -Gestalt von etwa 35 ~cm~ Länge waren sein Inhalt, welche Urkunden auf -Pergament, Drucksachen und in besonderen kleinen Behältern Geldmünzen -enthielten. Die Urkunden stammen aus den Jahren 1822, 1803, 1731 -und 1580. Der Inhalt der Urkunden ist einander ziemlich ähnlich. Er -behandelt zunächst die Gründe der Ausbesserungsarbeiten, dann die -Zusammensetzung des Rates und schließlich die Preise von Lebensmitteln -und einige Zeitereignisse, die besonders bemerkenswert erschienen. -Die älteste Urkunde von 1580 auf Pergament ist stark beschädigt und -nur schwer noch leserlich. Diese Urkunde beginnt: »Anno Domini. -Tausendfünfhundertundachtzig, als man die Spize auf den runten Thurm zu -St. Peter renoviret, den Knopff neu vergoldet, und gewahr wurde, daß -die Spize uf den andern und höchsten Thurm auch wandelbar ward, hat man -die aus Noth anderthalben Ellen oben herab abschneiden müssen, denn -die Spille so hoch uf der einen Seiten gar verfaulet war, so lang hat -man Nikol Schmiden einen Bergschmid, uf der Peterstraßen, so allerhand -künstlich Schmiedewerk machen können, wiederumb einen eisernen Schuch -und Stange machen lassen.« Der wackere Bergschmied bewährte seinen -Ruf. Er schmiedete einen Engel mit einer Armbrust und brachte ihn über -dem Knopfe an. Leider fing dieses Schmiedewerk zu viel Wind, so daß -es 1589 herabgenommen und durch die Fahne mit dem Stadtwappen ersetzt -wurde. Es war die Zeit des Kurfürsten August, des »Vater« August und -der »Mutter« Anna, aber doch wird in der Urkunde über die Zeit geklagt: -»zu dieser Zeit waren diese Lande, sowohl die Bischoffthümer harte -betränget, mit dem Wildpret von Hirschen und wilden Schweinen, deren -in großer Anzahl in diesen Landen gehegt waren. Man mußte auch von -jeden Fasse Freybergischen Biere 22 gr. Tranksteuer und 27½ gr. Ungeld -geben, dadurch die Leute gar verarmeten und große Wehklagen unter dem -Volke war, denn man muste von jedes Kandel Wein über die Tranksteuer -2 Pf. Ungeld, und von einer Kandel Bier 1 Pf. geben. War hierzu große -Theurung, man muste um Pfingsten einen Scheffel umb 5 alte Schock -bezahlen usw.« - -Dieser Stoßseufzer aus schweren Herzen, der dem verschwiegenen Innern -des höchstgestellten Knopfes der Stadt anvertraut wurde, zeigt, daß die -Landes»kinder« doch wohl nicht mit ihrem Landes-»Vater« und -»Mutter« -ganz einverstanden waren, sondern auch die Faust in der Tasche oder -im stillen Turmknopf ballten. Es wirft diese Klage auch ein helles -Licht auf die Jagdleidenschaft des Kurfürsten, dem das Wohl des Wildes -bei weitem höher stand als das Wohl des Bauern. Die Jagdstrecken der -alten weidwerksfrohen Wettiner waren ja so ungeheuerlich groß, daß -man ebenso staunen muß über den Wildreichtum des Landes wie über die -Zeit und das Geld, welche die Fürsten dieser Leidenschaft opferten. Wo -gar einem hohen Gaste eine Jagd geboten wurde, scheute man nicht vor -verschwenderischem Aufwand zurück, um durch glanzvolles Schauspiel zu -blenden. August I. hielt in Lichtenburg eine Jagd mit dem Könige von -Preußen im Jahre 1730 ab: Alle Jäger erhielten dazu neue Uniformen und -silberne Hifthörner, auch sogar die Treiber grüne Westen und Schärpen -aus »Silberlahn«. Für die höchsten Herrschaften war ein hölzernes -Jagdschloß mit vergoldeten Simsen und Fensterrahmen erbaut. Man erlegte -an diesem Tage an 600 Hirsche und Rehe und über 400 Keiler, Bachen und -Frischlinge. Es fällt uns hierbei die ungeheure Zahl des Schwarzwildes -auf, das aus sächsischen Forsten jetzt wohl fast ganz verschwunden ist. -Welchen Schaden mögen diese Wühler den Feldern der Bauern zugefügt -haben! - -Der Jagdgast in Lichtenburg war der strenge, sparsame Vater Friedrichs -des Großen, Friedrich Wilhelm I. Es war das für Vater und Sohn so -furchtbar tragische Jahr, in welchem Friedrich in Küstrin gefangen saß -und sein Freund Katte zum Tode geführt wurde, der Riß zwischen Vater -und Sohn am tiefsten und schmerzlichsten war, ja unheilbar schien. In -dieser düsteren Tragik die silbernen Hifthörner von Lichtenburg und -der leichtsinnige Tand und die wilde Genußsucht Augusts des Starken, -ein seltsamer Gegensatz, so scharf wie der Unterschied zwischen der -Auffassung von Königsberuf und Herrscherpflicht bei diesen beiden -Männern. -- - -Aus dieser Jagdleidenschaft, welche alle alten Wettiner mehr oder -weniger beherrschte, und der rücksichtslosen Pflege des Wildes, läßt -sich ermessen, wie »harte betränget« namentlich der Bauer und gemeine -Mann gewesen sein mußte. Und dazu das Bier und der Wein so hoch -besteuert, daß man nicht mal seine stille Wut ertränken konnte! Da war -die heimliche Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf der letzte -Ausdruck nicht sehr untertäniger Gefühle sogar zur Zeit und im Lande -des »Vater« August und der »Mutter« Anna, und nach heutigen Begriffen -nicht ganz unberechtigt! - -Als bemerkenswertes Ereignis wird in unserer Urkunde weiter noch -folgendes erzählt: »Im Junio diss Jahr, stach Hanss Harrer, Churfürstl. -Kammermeister zu Dresden im Schlosse, ihme mit des Churfürsten Taffel -Messer, selbst die Gurgel dreymahl entzwey, ward vermutet, er hätte -helffen das Ungeld aufbringen, hat aber den Pfeffer Handel in diese -Lande bracht, und viel Rotte von Augspurg, der ihn darauf geführt, -aufgestanden und Pankrott gemacht, hat er Ihme in die 70 bis 80 tausend -Gulden mitgenommen.« - -Bei der Aufzählung der Ratsmitglieder fällt auf, daß eine Reihe von -ihnen nicht aus Freiberg stammte. Da ist der Bürgermeister Kilian -Steck, von St. Gallen, der Kamerer Ludewig Budewitz von Erfurt, Hanß -Pocksch von Pauzen, Jakob Heindel von Lengefeld, Adam Bellmann, der -gelehrte Stadtschreiber, welcher die Urkunden verfaßt hat, stammt von -Sayda. Er setzt seinem Namen den Sinnspruch bei: ~Virtuti fortuna -comes~, auf deutsch »Das Glück begleitet die Tüchtigkeit« oder »Jeder -ist seines Glückes Schmied«. Er war also anscheinend von seiner -Tüchtigkeit und seinen Erfolgen sehr überzeugt. Seinem Ratskollegen -Christoph Rudolf von Leisnig gibt er auch ein paar lateinische Worte -mit: »Dieser war so arm, ~ut hostiatim quereret eleemosinar~«, d. -h., daß er um Almosenopfer bat. Soll diese Bemerkung für Christoph -Rudolf eine Auszeichnung sein oder einen Makel bedeuten? -- Im Bergamt -regierte »Herr Wolff von Schönberg, uf Reinsberg« als Berghauptmann. -Oberbergmeister war Martin Planer. Martin Planer war ein berühmter -Mann, ein hervorragender Techniker, der durch seine Tüchtigkeit dem -Bergbau großen Nutzen bis auf den heutigen Tag gebracht hat. Er hat -die großen Teiche im Hospitalwalde, den Hüttenteich, Erzengler und -Rotbächer Teich angelegt, in welchen er das Wasser für bergbauliche -Zwecke als Kraft aufstaute. Die Planersche (Kannegießer) Wasserleitung, -die aus dem Hospitalwalde kommt, führt heute noch seinen Namen. Er -führte im Bergbau die Wasserhaltung durch Kunstgezeuge ein, während -bis zu seiner Zeit das Wasser durch Göpel und Haspel, Pferde und -Knechte mit Kübeln bewältigt wurde. 38 Zeuge hat er so eingerichtet, -und er rechnet in einer Aufstellung aus, daß er dadurch jährlich -102400 fl. 8 gr., das sind rund 650000 Mark an Betriebskosten erspart -hat. In Posern bei Weißensee und in Artern hat er Salzwerke angelegt. -Der berühmte Brunnen auf der Augustusburg, 170 ~m~ tief in den -Felsen getrieben, ist von ihm erbaut. Auch am Ausbau des Schlosses -Freudenstein in Freiberg, das als prächtiger Renaissanceneubau unter -Hans Irmischs Leitung der Fertigstellung entgegenging, mag er nicht -unbeteiligt gewesen sein. - -Noch andere bekannte Namen aus der Freiberger Geschichte werden -in unserer Urkunde genannt. Michael Schönleben der Ältere, -Oberhüttenverwalter, und Michael Schönleben der Jüngere, Hüttenreuther. -Sie sind die Vorfahren des Bürgermeisters Jonas Schönlebe, der Freiberg -gegen die Schweden verteidigte und die Bergmannskanzel im Dom stiftete, -und dessen Wappen heute noch an ihrem ehemaligen Hause, Obermarkt, -Ecke Erbische Straße von dem alten Geschlecht redet, das dort für -Freiberg lebte und arbeitete. -- Schließlich erwähnt die alte Urkunde -das, was in dieser Zeit gesteigerten religiösen Lebens und religiöser -Kämpfe alle Gemüter besonders bewegte, die Einigung auf die sogenannte -Konkordienformel: »Diese Zeit war die reine heilsame Lehre, wie der Hr. -D. Martin Luther seel. durch den heil Geist ans Tage Licht bracht, sehr -gefälschet, dadurch Churfürst Augustus, der Gottes Wort lieb hatte, -geursacht, uf Wege zu denken, damit die Verführer ausgerottet, und -das Göttl. Wort lauter und klar, rein erhalten würde, ließ die alte -Augspurgische Confession ufs neue drucken und ward ein Buch gemacht, -welches man die Concordiam nennete, welches viel Chur- und Fürsten im -Reiche unterschrieben, und alle Vornehme Theologen im Lande. Gott helf, -daß es wohl gerathe, und das Göttliche Wortt bis an der Welt Ende bey -uns bleibe.« -- -- -- - -Doch wir wollen uns nun der Erneuerung von 1731 und ihrer Urkunde -zuwenden. 150 Jahre stand die Peterskirche stolz und sicher. Die -Stürme des Dreißigjährigen Krieges und die zweimalige Belagerung und -Beschießung Freibergs hatte sie ohne Schaden überstanden, da traf sie -ein furchtbares Geschick. Unsere Urkunde berichtet: »Anno Christi. -Ein Tausend Sieben Hundert und Acht- und Zwanzig den 1. May an einem -Sonnabend, ist allhier in der Stadt Freyberg auf der Petersgasse -in Johann Jakob Schossens, eines Böttgers Hause (No. 6) vermutlich -durch Fahrlässigkeit eine Feuersbrunst entstanden, welche jähling -um sich gegriffen, und überhand genommen, daß nebst 16 in die Asche -gelegten Bürgerhäusern auch die Kirche zu St. Petri mit dem höhesten -Turm und den runden sogenannten Hahnsturme in den Brand geraten und -gänzlich verdorben, darbey aber der Glockenthurm noch unverletzet -stehen blieben.« Wie an anderer Stelle berichtet wird, löschte man -zwar von außen her ein paar mal von den Türmen, aber leider war in -der Kirche aller Rat und Hilfe vergebens. Der damalige Superintendent -D. Wilisch, welcher vor dem Altar auf den Knien betend lag, mußte -samt den übrigen Anwesenden der Gefahr wegen, sich zurückziehen, und -diese so schöne Kirche ward »mit allen ihren inwendigen Gemählden und -Denkmählern ein Morgenopfer der wüthenden Flammen«. »Um Mittag brach -das helle Feuer bey dem hohen Thurme heraus und nach etlichen Stunden -zerschmolz die Saigerschelle; der Knopf aber samt seiner Spindel fiel -in die Frühpredigerwohnnung durch das Dach, jedoch ohne zu schaden.« -Außer den stark zerstörten Umfassungsmauern und dem Glockenturm -blieb nicht viel von der Kirche übrig. Sie mußte fast völlig neu -aufgebaut werden. Unsere Urkunde sagt dazu: »E. E. Rath hat sobald -zu Wiederaufbauung der abgebranden Peterskirche sorgfältige Anstalt -gemachet, daß die äuserlichen Mauern um in den Schiffe, in der Höhe -mehreren Plaz zu gewinnen, annoch in besagten 1728ten Jahre erhöhet, -das Sparrwerk darauf gesezet, Ao. 1729, im Chore das alte Gewölbe, -welches nach der zwar anfangs gemachten Hoffnung, nicht zu erhalten -gewesen, abgetragen, und ein neues geschlossen, ferner ao. 1730 im -Schiffe das alte Gewölbe gleichfals abgetragen, Vier neue steinerne -Pfeiler von Grund aus, aufgeführet, und ein neues Gewölbe verferttiget, -auch die Fenster allenthalben adaptiret, in diesen 1731 Jahr aber, -die Kirche inwendig abgepuzet worden. Hiernechst hat man bey dem -eingeäscherten großen Peters Thurme zu Erhaltung des Mauerwerks anno -1728 nur einen Schauer aufgesezet, anno 1730 das Mauerwerk am Gesimsse -ausgebessert, mit großen neuen Ankern befestiget, und die hölzerne -Haube glücklich gehoben, solche auch ao. 1731 vollends ausgebauet, und -mit Kupffer gedecket, worauf heute den 6. July ao. 1731. Der große -Knopff aufgestecket, und diese Nachricht vor die liebe Posteritaet mit -eingeleget worden.« - -In dem Berichte unserer Urkunde folgen nun die Namen von Kaiser, -König und Prinzen, von den Ratsmitgliedern, Stadtgeistlichen und den -Beamten des Bergamtes mit ihren alten schönen Titeln. Dann wird über -das kirchliche Leben berichtet und daran erinnert, daß im Jahre zuvor -(1730) das zweihundertjährige Jubiläum der Augsburgischen Konfession -gefeiert sei: Hierüber ist von diesem Jahre anzumerken gewesen: »In -Ecclesiasticis, daß man Gott sey gepreiset alhier zu Freyberg mit der -Protestantischen Kirche das Wort Gottes, rein und lauter prediget, -die beyden heil. Sacramente nach ihrer Einsetzung administriret, und -von andern Gottes Dienst, oder Religion nichts weiß, vielmehr bey der -unveränderten Augspurgischen Confession in völliger Gewissens-Freyheit -geblieben, auch in abgewichenen 1730 Jahre, das andere Evangelische -Jubileum hochfeyerlich begangen habe.« - -Kurz wird über die Bergwerke u. a. berichtet: »Das Bergwerk ist unter -Göttl. Seegen aniezo in guten Flor und Aufnehmen. - -In was vor Werth die Kuxe stehen, solches besagen die beygefügten -Ausbeuth-Zeddul.« Zum Schluß der Urkunde wird über den Holzmangel -bei den Bergwerken geklagt: »indem der Preiß desselben bey dem -gemeinen Einkauf gegen eine Zeit von 10 bis 12 Jahren noch einmal -so hoch gestiegen, daß man deswegen auf Künfftigen Zeiten sich -allerhand Besorgniß machet. Jedoch auch hierbey Göttlicher Providenz -vertrauet.« -- - -72 Jahre bis zum Jahre 1803 blieb der Turmknopf unberührt. Da meldete -der Türmer auf dem hohen Petersturme, Johann Gottfried Drese, »daß ihm -bey Zerstörung eines Dolennestes in der obersten Kuppel dieses Turmes -faules Holz in die Hände gefallen sey«. Die nähere Untersuchung ergab -zwar keine Einsturzgefahr, jedoch mußten größere Erneuerungsarbeiten -vorgenommen werden. Als die Kapseln für die alten Urkunden geöffnet -wurden, ergab sich, daß Feuchtigkeit eingedrungen war, obschon sie -fest verlötet schienen, und den Inhalt beschädigt hatte. »Auch eine -steckende Dunst verbreitete sich, wovon die Schriften und selbst die -beygelegten Münz Sorten einen sehr heftigen Gestank angenommen hatten; -da hingegen die im Knopfe ohne besondere Verwahrung aufgefundenen -Druckschriften fast ganz verfault befunden wurden.« Auch hier wird -über Teuerung geklagt. Es wird »bey den immer höher steigenden Preisen -aller Lebensmittel, ein zunehmender Verfall der bürgerlichen Nahrung -bemerket, so, daß für die Zukunft, wenn nicht dem städtischen Gewerbe -durch kräftige Maasregeln aufgeholfen wird, sehr traurige Zeiten zu -befürchten sind«. - -Freiberg hatte 1802 eine Einwohnerzahl von 8299 Personen. - -Nach kurzer Zeit, nach nur 17 Jahren, bereits im Jahre 1820, mußte die -Spitze des hohen Petriturmes aufs neue einer Ausbesserung unterzogen -werden. Es stellte sich heraus, daß das Gebälk stark verfault war -und Einsturz drohte. Es wurde daher »die Thurmspitze über dem -Durchsichtigen mit langen hölzernen Schienen belegt, mit eisernen -Ketten und starken Seilen zusammengeschnürt, und nun mit größter -Behutsamkeit, aber auch mit unaussprechlicher Gefahr die Fahne, der -Knopf und die eiserne Spindel abgenommen«. »Der Thurm wurde dazu vom -Durchsichtigen aus, äußerlich fünfmal übereinander, in 26 Ellen Höhe -berüstet.« In dieser Urkunde werden auch einige historische Notizen -gegeben. War doch die Zeit der Fremdherrschaft und der Befreiungskriege -noch frisch im Gedächtnis. Nachdem die Jahre 1803--1809 kurz behandelt -sind, heißt es weiter: »Nur wenig Jahre genoß Sachsen Ruhe; denn -im Jahre 1813 wurde dieses Land aufs neue von Franzosen, Russen, -Preußen und Österreichern mit Krieg überzogen und unaussprechlich hart -mitgenommen. Freybergs Einwohner insbesondere hatten, was schon bey -den im vorhergegangenen Jahre 1812, und in den Jahren 1806, 1807, -1808 und 1809 stattgefundenen Durchmärschen zahlreicher Heerschaaren -ausländischer Kriegvölker in fast unerträglicher Masse auch der Fall -gewesen, durch kostspielige Verpflegung dieser Soldaten nicht nur, -sondern auch durch andere, ihnen von den Heerführern und ausländischen -Behörden, welche nach der Völkerschlacht bey Leipzig im Oktober 1813, -und nachdem Sachsens ehrwürdiger König in fremde Gewalt gerathen -war, unter dem Namen General-Gouvernement dieses Land beherrschten, -aufgebürdete Leistungen unendlich viel zu dulden und die ganze hiesige -Commun kam noch überdies in Gefolg dieser anhaltenden, bis in Jahr -1815 fortgedauerten Kriegsunruhen in eine Schuldenlast von nahe an -200000 Thlr. Der 18. September 1813 war insbesondere für Freyberg ein -schrecklicher Tag, indem in den frühesten Morgenstunden dieses Tags -der österreichische General Scheiter mit Freyjägern und Dragonern -hiesige Stadt, in welcher französische und westphälische Truppen sich -eingeschlossen hatten, überfiel, wobey im Rathause ein Wachtmeister -erschossen ward.« - -Die Einwohnerzahl Freibergs betrug 8320 Personen, also fast genau -derselbe Stand wie 1803. - -Berghauptmann war zu jener Zeit Siegmund August Wolfgang Freiherr von -Herder, der letzte große ungekrönte König des Bergbaues, der Sohn des -Dichters Herder, der seinen Vornamen Wolfgang von seinem Paten Goethe -erhalten hatte. Goethe war mehrmals bei ihm in Freiberg zu Gaste und -holte sich hier Anregungen für seine mineralogischen Studien. - -Den Kapseln waren auch alte Ausbeutebogen beigefügt, aus welchen die -Namen längst verschwundener Schächte mit seltsamem altertümlichem -Klange uns grüßen, ferner ein Stadt-, Land- und Bergkalender vom Jahre -1822 und andere Schriften. - -Ein gewisser Humor liegt in der Form, in welcher der Bauschreiber -des Jahres 1803 seinen Namen dem Gedächtnis zu überliefern suchte. -Auf einem Pergamentblatt von Besuchskartengröße schreibt er in -schöner Druckschrift: »Bauschreiber E. E. Raths war im Jahr 1803 Hr. -Johann Christian Friedrich Herrmann 51 Jahre alt, mittlerer Statur, -belebten Temperaments.« Dies Blättchen hat er offenbar heimlich mit -eingeschmuggelt und so seine Verewigung im Turmknopf erreicht. - -Besonders interessant sind die Beigaben von Münzen. Im Jahre 1803 -wurden die aufgefundenen Münzen der Beigaben von 1580 und 1731 und neue -Münzen in einer sehr schönen, aus Serpentin gedrehten Dose gesammelt, -zusammen 26 Münzen. Sie haben zum Teil noch Stempelglanz. - -Die ältesten Silbermünzen sind vom Jahre 1559 und 1580. Sie zeigen in -sehr schöner Prägung, mit der sich unsere jetzigen Münzen bei weitem -nicht messen können, auf der Vorderseite das Bild des Kurfürsten -August mit dem Kurhut auf dem bärtigen Haupte und dem Kurschwert über -der hermelingeschmückten Schulter, auf der Rückseite das einfache -sächsische Wappen mit den Kurschwertern. Unter den Münzen von 1731 -ist besonders bemerkenswert ein Speziesthaler von 46 ~mm~ Durchmesser -mit dem Bilde des Königs Friedrich August mit lang herabwallendem -Lockenhaar mit einem Lorbeerkranz. Die Rückseite zeigt das sächsische -und das polnische Wappen unter der Königskrone. Die Münzen des -Jahres 1822 sind in einer stark verzinnten Blechdose verwahrt. Es -sind 13 Stück und sie zeigen fast alle noch Stempelglanz. Auf der -Vorderseite das Bild König Friedrich Augusts, auf der Rückseite das -sächsische Wappen. Drei dieser Münzen sind für Freiberg besonders -bemerkenswert. 1. Ein Ausbeutethaler mit der Umschrift auf der -Rückseite »Der Segen des Bergbaus«. 2. Ein Speziesthaler von 46 ~mm~ -Durchmesser. Auf der Vorderseite das Bild des Königs in starkem Relief, -matt gehalten auf poliertem Grund, auf der Rückseite das Bild der -Grube Bescheert Glück mit der umgebenden Landschaft und der Umschrift: -»Beschert Glück Fdgr. Ohnweit Freiberg« und der Unterschrift: »Kam -in Ausbeuth im Quartal Crucis 1786 ¹/₅ Mark Fein Silber.« 3. Eine -Denkmünze von 67 ~mm~ Durchmesser vom Jahre 1818 mit dem Bilde des -Königs Friedrich August matt auf blankem Grund in starkem Relief mit -der Umschrift: »Friedrich August König von Sachsen seit 50 Jahren -Vater seines Volks und Beschützer des Bergbaus«. Unter dem Kopf des -Königs im ovalen Ring einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt, -das Datum »Am 15. Sept. 1818«. Am erhabenen Rande darunter stehen die -Worte: »Gott seegne Sachsen«. Die Rückseite zeigt das Bild der Grube -Himmelsfürst, matt gehalten auf blankem Grund, das mit seinen Fichten -und Häusern sehr reizvoll wirkt. Die Umschrift lautet: »Himmelsfürst -Fundgrube hinter Erbisdorf gab seit 50 Jahren 1100458 Thlr. 16 Gr. -- -Ausbeute.« Unter dem Relief ist Schlägel und Eisen angebracht und auf -dem erhabenen Rande darunter die Worte: »Gott erhalte den Bergbau.« - -Hundert Jahre sind vorübergezogen, seitdem diese Münzen dort oben im -Turmknopf ihren Platz gefunden. Auch unsere Zeit hat in ähnlicher -Art der Nachwelt kurzen Bericht überliefert und mit den Urkunden von -1822 und 1803 im Turmknopf geborgen, während die stark beschädigten -Urkunden von 1580 und 1731 im Urkundenarchiv des Stadtrates aufbewahrt -werden. Jedoch nicht blankes, hartes Geld nahm dieses Mal die Kapsel -auf, sondern als echten Ausdruck unserer Notzeit unser Notgeld von -Papier, unsere Nahrungsmittelkarten und Bezugsscheine. - -Die neue Urkunde schließt mit den Worten: »Mögen, wenn einst diese -Kapsel wieder geöffnet und diese Urkunde gelesen wird, glücklichere -Zeiten in unserem Vaterlande sein. Möge in einem neuen stolzen Reiche -ein kräftiges, tüchtiges, junges, selbstbewußtes deutsches Geschlecht -in Frieden den Segen und die Früchte seiner Arbeit genießen zu eigenem -Glück und des deutschen Namens Ehre! - - Das walte Gott!« - -Nun ist der Mund des einsilbigen Knopfes da oben wieder geschlossen, -und ob die Sonne ihn mit heißem Strahl durchglüht, ob der Mondenschein -mit silbernem Glanz ihn umhüllt, ob knisternd oder krachend elektrische -Ströme und Funken ihn umzucken, oder ob geschwätzige Regentropfen auf -seiner blanken Schädelwölbung trommeln, er wird schweigend in die -Ferne schauen, einsam der Einsamkeiten tiefste schauend unter seinem -Fuß, denn er ist älter als alles Leben um ihn, er sah und hörte mehr -als irgend ein Auge und Ohr der vergänglichen Wesen dort unten, er muß -allein sein, ein Einsamer bleiben, um von Höhengedanken beseelt seines -Daseins Hochziel zu erfüllen. -- - -Oh, hätten wir recht viele solche Knöpfe, hoch geartet, alles -überschauend, viel Inhalt, aber wenig redend! - - - - -Spruchweisheit in alter und neuer Zeit. - - -Unser Volk, das Volk der Denker und Dichter, hat immer seiner Seele -tiefstes Fühlen in feste Formen gebannt. Nicht nur in Heldenlied und -Sage, sondern auch im wuchtigen Hünengrabe, im stolzen steinernen -Male, um das die Vergangenheit märchenhaft rauscht und raunt, im -rheinischen Dome mit der anmutigen Zier der Zwerggalerien und -Säulchen, im gotischen Münster mit himmelstürmenden Türmen und zur -Andacht geheimnisvoll zwingenden Hallen, schaut uns die Seele unserer -Vorfahren, die ja auch unsere Seele ist, aus tiefen, mächtigen Augen an. - -Manche Sitte, manches Wort aus uralter, nebelgrauer Zeit klingt -noch heute in unser Kulturleben hinein, und in Volksbrauch, Festen, -Aberglauben, Namen und Zeichen sehen wir die Spuren des Geistes -germanischer Urahnen und mittelalterlicher Gedankenwelt. - -Das gefundene Hufeisen, welches das Schulkind als glückbringend -heimträgt, verbindet es wie mit einer eisernen Brücke über den -Strom der Zeit und vieler Jahrhunderte hinweg mit dem blonden -Germanenkinde im deutschen Urwalde, das im Sausen des Sturmes in den -Wipfeln der Eichen den Götterkönig von Walhall, Wodan, auf seinem -schwarzen Rosse daherbrausen sah. -- Das uralte heilige germanische -Zeichen des Hakenkreuzes und das Symbol des Sonnenrades kehrt in den -Kunstäußerungen der ganzen deutschen Vergangenheit bis auf die neueste -Zeit immer wieder. - -Wie der alte Germane mit Runen und heiligem glückbringenden Zeichen das -Gebälk oder die Tür seines Hauses schmückte und jedes Gerät, jede Waffe -vor allem, mit seiner Hausmarke versah, wie er in seinen Schnitzereien -in wundersamen Rankenzügen und Verschlingungen geheimnisvolle Dinge -rätselhafter Symbolik erzählte, so ist auch in den Steinbauten des -Mittelalters das Steinmetzzeichen Rune und Hausmarke zugleich, -so spricht aus den alten Fachwerkbauten mit ihren eigenartigen -Balkenstellungen und Holzverteilungen eine tiefe Symbolik, die allerlei -menschliche und übersinnliche Beziehungen auszudrücken vermochte. - -Die bunten Schnitzereien der Holzhäuser in unseren mittelalterlichen -Städten sind nicht nur lustiger, sinnloser Zierrat. Nein, sie sollen -auch etwas sagen und erzählen und dadurch dem Hause einen besonderen -Charakter und geistiges Antlitz geben. Das geistige Leben und das, was -die Erbauer besonders erfüllte und beschäftigte, wird darin offenbar -und lebendig. - -Sinnvolle Beziehungen zwischen dem Hause und seinen Bewohnern, zwischen -Gerät und dem Besitzer fanden ihren Ausdruck und drängten sich zusammen -in einem Bildwerk oder einer Tafel oder einem Hausspruch oder einem -Schmuckstück eigenwilliger Art. - -Persönliche Erlebnisse und Anschauungen und die großen Zeitereignisse -spiegeln sich oft darin wieder, und es ist darum die Sammlung und -Erforschung solcher Haussprüche und Gerätesprüche, wie sie z. B. die -Vereine für Volkskunde betreiben, ein wichtiger Beitrag zum Lebens-, -Kultur- und Geistesbilde unseres Volkes. - -Während in früheren Zeiten der Städte wohl jedes Haus seinen besonderen -Namen trug, ist dies auch in kleinen Städten heute fast nur noch bei -den Wirtshäusern, Gasthöfen und Apotheken erhalten geblieben. - -Wie anheimelnd klingen Namen von Bürgerhäusern wie z. B. »Das Haus zur -weißen Tür«, der Löwe, der grüne Sittich, das goldene Schiffchen, zum -Läubchen, der Lindwurm, usw. Ein Haus in Würzburg hieß »Zum großen -Schmied Wieland«. Das Haus hatte einst wohl einem Schmied gehört, der -sein Haus nach dem alten deutschen Patron der Grobschmiede nannte. -Der Lindwurm und der Schmied Wieland führen uns so aus lebendiger -Gegenwart zur deutschen Sagenwelt, zu den frischen Quellen der Jugend -unseres Volkstums zurück, das Haus »Silberschmied zum gekrönten Hecht« -an den Märchenborn sonniger Kinderträume. Manche solcher kleinen -Namenskleinodien sind noch hier und da zu finden und zu erlauschen. - -Die Erhaltung solcher Namen und charakteristischer Hauszeichen, -wo man sie nur finden mag, ihr Schutz vor Entstellungen oder ihre -künstlerische Ausgestaltung in wirksamster Weise sollte eine besondere -Sorge ihrer Besitzer und aller Heimatfreunde sein. - -Eine Sammlung aller Hauszeichen, Hausmarken, Spruchbilder, -Innungszeichen u. dgl. würde uns manche ungeahnten Schätze deutscher -Kunstübung und deutschen Wesens vor Augen führen und zeigen, woran wir -lernen können, wie in früheren Jahrhunderten Reklame mit Kunst und -kerniger Volksweisheit, tiefes Empfinden mit praktischem Wollen und -Können Hand in Hand gingen. - -Schauen wir uns nur um in den alten Städten und forschen wir in dem -Erbe, welches unsere Väter in den Straßen und Plätzen, in Kirchen und -Häusern, in Akten und Archiven hinterlassen haben, reicher und reicher -werden die Quellen fließen. Für uns selbst und für unsere Zeit und -Zukunft werden wir gewinnen! Paul Graf von Hoensbroech sagt in seiner -Schrift »Wenn die Toten erwachen«: - -»Nehmet die Wünschelrute deutschen Findergeistes in die Hand, -durchwandert mit ihr die deutschen Städte, die deutschen Fluren, die -deutschen Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet Quellen finden -und erschließen, aus denen Tiefsinn und Schlichtheit, Schönheit, -Großartigkeit und Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit -in Überfülle hervorsprudeln als segenspendende Ströme für unser Volk -und für die Welt.« -- - -Der alten Berghauptstadt Freiberg hat in älterer Zeit nicht nur der -Silberbergbau, der seine kulturfördernde Kraft für das ganze Land -segensreich erwies, sondern auch die sich herausbildende Eigenart des -echt deutschen Volkslebens und blühender bergmännischer Sitten und -Gebräuche ein besonderes Gepräge gegeben. - -Der Bergbau ist freilich zur Rüste gegangen, und die alten -charaktervollen Bergmannsgestalten sind verschwunden. 1913 wurde die -letzte Schicht verfahren. Aber in tausend Erinnerungen lebt sein Wesen -und der Ausdruck seiner besonderen Art in Freibergs Mauern noch weiter. -Versetzen wir uns einmal in die noch nicht gar lange entschwundene Zeit -zurück, um manches Gewordene und Erhaltene zu verstehen, nehmen wir die -Wünschelrute deutschen Findergeistes, mit welcher gerade der Bergmann -so häufig nach verborgenem Erze forschte, zur Hand, und wir werden -wertvolle Aufschlüsse finden. - -Der Bergmann, welcher in der stummen, geheimnisvollen Tiefe seiner -dunklen Schächte sein Berufsleben abgeschlossen verbringt, erhält eine -ganz besondere Ausprägung des Charakters. Sein geistiges und seelisches -Leben wird dort unten wunderbar berührt und angeregt. Bei den -gefahrdrohenden Mächten der Tiefe, die nur spärlich sein Grubenlicht -erhellt, streckt sich und sehnt sich sein Inneres zum Licht: In der -Weltentrücktheit baut er sich in seinem Inneren eine neue Welt auf, -in der auch bunte Kristalle der Phantasie und Silberadern geistiger, -höherer Werte schimmern. - -Fromm und gottesfürchtig, arbeitsam, zufrieden und genügsam, dabei auch -oft voll kecken Übermutes und Freude an Scherz und Neckerei, steckt -er voller Spruchweisheit. Er drückt gern sein Empfinden in Reimen und -Verszeilen aus. Die Bergsänger mit ihren »Bergreyhen« erinnern an die -Barden, die einst das Heldenlied pflegten, oder an die Bänkelsänger, -welche von Ort zu Ort zogen. Die Bergmusikanten mit ihren Liedern und -eigenartigen Instrumenten waren überall im ganzen Lande gern gesehene -frohe Gäste. So ist es denn nicht wunderbar, daß gerade in Freiberg -eine Fülle von Reimen und Zeilen alter Spruchweisheit erhalten und -durch die Überlieferung bewahrt geblieben ist, daß auch heute noch in -Freiberg so mancher ehrwürdige Hausspruch und bergmännischer Zierrat -uns grüßt, und daß diese echt deutsche, uralte Sitte, durch Sinnbild -und Sinnspruch zum Denken und sinniger Betrachtung anzuregen, oder -durch Sprichwort oder Neckwort zu mahnen, zu reizen oder zu spotten, -auch in weiteren Kreisen heimisch wurde und sich auf allerlei Geräte -und Stellen ausdehnte, an denen sonst ein Spruch nicht gesucht wird. - -Ein besonders reimfreudiges, verslustiges Völkchen scheinen auch die -Ziegelstreichergesellen gewesen zu sein, die oft mit großem Geschick -ihre Einfälle den Dachziegeln anvertrauten. Von der Rechnung des -Wirtes im schwarzen Walfisch zu Askalon, die für den seßhaften Gast -in Keilschrift auf sechs Ziegelsteinen eingegraben stand, war ihnen -sicher nichts bekannt, denn viele Jahre später erst sang Scheffel sein -feuchtfröhliches Lied. Auch die beschriebenen Tontafeln von Babylon und -Ninive waren ihnen fremd, denn sie harrten noch tief unter Schutt und -Lehm der Ausgrabung, Auferstehung und Deutung. Aus sich selbst heraus -fanden die Ziegelstreicher den naheliegenden Zeitvertreib, sich ihre -einförmige Arbeit durch eingeritzte Inschriften auf den Dachziegeln zu -verkürzen. In den bildsamen, lufttrockenen, weichen Dachziegel ist mit -einem spitzen Werkzeug oder eisernem Griffel die Schrift und Verzierung -ziemlich tief eingegraben. Dann sind die Ziegel kräftig gebrannt und -beliebig auf diesem oder jenem steilen Dache, manchmal sogar mehrere -zugleich, mit den anderen weniger ausgezeichneten Ziegelgenossen -verlegt worden. Der älteste dieser Ziegel trägt die Inschrift »Anno -1692. J. W.«, der jüngste stammt aus dem Jahre 1839. - -Es mag für die Ziegelstreicher ein lustiger, lockender Gedanke und -vielleicht manchmal nicht ohne gewisse Anzüglichkeit gewesen sein, daß -ihre Einfälle und Inschriften hoch über der Straße den Augen der Menge -entzogen waren, aber doch ein heimliches Dasein und Leben hatten, und -zwar nur vielleicht einmal einem Essenkehrer oder Ziegeldecker, den -Wolken und Vögeln sichtbar wurden, aber doch einem späteren Geschlechte -von ihnen künden konnten, wenn vielleicht längst ihr Leib in Staub -zerfallen war. Denn nur durch Zufall beim Umdecken alter Dächer kommen -auch heute noch ab und zu solche Ziegel zum Vorschein. Auf manchen -alten Dächern in Freiberg mögen noch hie und da solche bemerkenswerte -Ziegel ruhen, aber die meisten mögen verwittert, zerbrochen, mit -Kalk verschmiert, verrußt, unleserlich und unkenntlich geworden oder -verlorengegangen sein. Einzelne dieser seltsamen Ziegel sind in -Privatbesitz gelangt. Eine größere Anzahl befindet sich im Museum des -Freiberger Altertumsvereins, dem König-Albert-Museum. Die Schrift -ist klar und leserlich in schönem Schwunge und Verteilung meist in -lateinischen Druckbuchstaben scharf in den Ziegel geritzt und am Rande -des Ziegels durch Zierlinien in Bogenzügen schmückend eingerahmt und -abgegrenzt. Bei manchen dieser Ziegel fühlt man es, mit welcher Freude -und Stolz der Schriftkünstler sein kleines bescheidenes Meisterwerk so -schön wie nur möglich gestaltete und seine Geschicklichkeit zeigte. - -Was schrieben nun jene einfachen Menschen auf die Dachziegel? -- Das, -wovon ihr Herz gerade voll war! - -Da standen z. B. ein paar Gesellen im Ziegelschuppen, hatten -Frühstückspause, neckten sich, und sprachen von ihren Mädchen oder -Frauen: der brummige Alte dort hatte wohl öfter über sein Hauskreuz -geklagt. Ihm schreibt der Schriftkundige das steinerne Stammbuchblatt, -das er selbst dann rasch in den Brennofen schafft: - - Ein altes Weib, ein Tudelsack, - das sumpt und brummt den gantzen Tag. - 1822. - -Wenn nur nicht seine Alte etwas davon erfährt! Jener Schwarze dort mit -den funkelnden Augen hat viel Glück bei den Mädchen. Sie laufen ihm -nach, er küßt sie und lacht und sagt zu seinen Gesellen: - - »Alle Mätchen auf der Erden - wollen gern geweibet werden.« - -Er denkt natürlich von ihm selbst geweibet und meint wohl: »Da habe ich -noch lange Zeit und große Auswahl für die »Heurath«, sonst gehts mir -wie unserem Alten dort mit seinem Stammbuchblatt.« Flugs schreibt man -dem Schwarzen sein Verschen von den »Mätchen« auf den Dachziegel und -setzt den Tag, »den 9. Juni 1822« darunter. - -Ob er sein Glück gefunden hat? - -Es klingt nicht gar so glücksgewiß von einem Ziegel von 1834: - - »Es ist kalt, es ist kalt, - Und ist doch kein Winter. - Liebt mich mein Schatzgen nicht - Hol sie der Schinder. - den 28. Juni 1834.« - -Ein anderer Ziegel, mit dem Datum »d. 9. Juli 1835« und einem Monogramm -gezeichnet, sagt schmachtend: - - »Wenn ein hübsch Weibchen - kommt zu mir - Da mein ich es recht gut - mit ihr.« - -Vielleicht ist der Schwarze doch noch sitzengeblieben und vertraut -seine Sehnsucht, Anschluß zu finden, dem nicht gar so redseligen Ziegel -an. Der steinerne Liebesruf oder Liebesbrief hoch auf dem Dache wird -kaum ein weibliches Herz erweichen. - -Ein anderer Ziegelstreicher, namens Oehlschlegel, hat eine höhere -Auffassung von seiner Zukünftigen und vertraut seine Wünsche im Jahre -1832 in folgenden Zeilen dem Ziegel an. - - »O Liebe willst du mich erfreun, - so laß mein Weib einst also sein, - recht schön damit sie mir gefällt, - klug, daß sie mich beständig hält, - und endlich wünsch ich sie auch reich - Doch ist sie nicht getreu zugleich - so sey sie englisch von Gesicht - und klug und reich, ich mag sie - nicht.« - _Oehlschlegel_ - 1832. - -Er mag sein Ideal gefunden haben. - -Wir wollen ihm wenigstens die Inschrift des Ziegels gönnen, aus welcher -das ersehnte und erfüllte Glück strahlt: - - »Dich besten Engel, schönes Weib, - Dich lieben ist mein Zeitvertreib. - den 16 July 1836.« - -Das Verhältnis zu dem anderen Geschlecht behandeln die Inschriften -öfter, denn offen wird eingestanden: - - »Auf den Walltersdorffer - Ritterguth sind die - Mädgen den Bürschgen gut - den 8 Sept. 1810.« - -Das steht auf einem Firstziegel und scheint in Waltersdorf gute -Tradition zu sein, denn 1838 heißt es: - - »Der Ziegeldecker dreht sich - wie ein Rädchen, - Er liebet auch die hübschen Mädchen. - Waltersd. Zieg. - den 22 Mai - 1838« - -Es wird auch der Weg zur Gunst der Schönen gewiesen: - - »Wer bey Jungfern will gut stehn, - muß wissen mit ihn umzugehn. - Freybergische Hochedle - Rats Ziegelscheune - d. 22 Juni - 1810.« - -Sie mögen es wohl öfter ausprobiert haben in lustigen Stunden: - - »Alte Thaler und junge Weiber - sind die besten Zeitvertreiber.« - ~F. C. Z.~ 1835. - -Oder aus dem Jahre 1813 kurz und bündig: - - Vivat es lebe Wein und Liebe - 1813 - ~F. H. R. Z.~ - -Doch die leichte Ware dieser Gattung scheint doch nicht so ganz nach -ihrem Geschmack zu sein: - - »Jungfern, die des Nachts auslaufen - sind um leichtes Geld zu kaufen.« - -und mit Spott singt er dann, wenn die Folgen sich herausstellen, das -Verschen: - - »Ey Mutter, kocht Ludeln, thut Gundeman nan, - mein Freyer wird kommen, wird Stiefeln anham, - ach wenn er nur käm, und das er mich nähm - und das der Spektakel von Leuten wegkäm.« - E. z. F. - -Ja, es tauchen in dieser Beziehung Verse auf so derber Art, daß man -nicht bedauern kann, daß sie oben auf dem Dache so wenige, seltene -Leser fanden. Vielleicht ist mancher dieser Ziegel mit heimlicher -Anspielung auf einen Bewohner oder Bewohnerin auf diesem oder jenem -Dache verlegt worden. - -Andere Verse reden von dem, was gut schmeckt: - - »Fische, Vögel und Forellen - essen gern die Ziegelmachergesellen. - Waltersdorffer Ziegelscheine - den 28 May 1805.« - -Von den Vögeln wird der Martinsvogel am wenigsten verachtet: - - »Im Sommer mögen sich die Gänse baden, - Um desto schöner schmeckt uns dann ihr Braten. - den 7 July 1810 J. J. W.« - -Dieser J. J. W. ist ein Arbeiter, namens Wolf, der in der »hochedlen -Ratsziegelscheune« tätig war und in manchem Verslein sich verewigt, so -manchen raschen Einfall nicht zu Papier, sondern zu Ziegel, Brand und -Dach gebracht hat: - - »Man gebe auf die Trescher acht, - damit das Stroh wird rein gemacht. - den 11 Sept. 1819 - J. J. W.« - -oder: - - »Nun kömmt die kalte Winterszeit, man sorge - für ein warmes Kleid. - Freybergische Hochedl. Raths Ziegelscheine, den 15 - Okt. 1812. J. J. Wolf. Ein sehr kalter Wind.« - -oder: - - »Wenn Schnee und kalte Winde blasen, - verfolgt der Reuter und sein Hund die Haasen. - Freybergische Ziegelscheine. 1811.« - -Eine Hasenjagd im Schneetreiben zu Pferde scheint nach heutigem -weidmännischem Brauch etwas eigenartig zu sein. Oder wurde der arme -Meister Lampe vor hundert Jahren gehetzt, wie man heute noch hie und -da, namentlich in England, den Fuchs hetzt? - -In einem inneren Zusammenhang stehen drei Ziegel, die von der Liebe und -Freude des schlichten Ziegelstreichers an der Natur erzählen: - - »Der Landmann streut mit allem Fleiß - den Saamen in die Erde aus. - d. 2 May 1839.« - -In jenem Jahre muß die Saat recht spät in den Boden gekommen sein! Aber -14 Tage später macht er einen schönen Waldspaziergang und denkt dann -beim eintönigen Ziegelstreichen seiner grünen Freude: - - »Geh ich in den grünen Wald, - sing die Vöglein jung und alt. - Waltersdorffer Ziegelscheune - den 15 Mai 1839.« - -Fünf Wochen später freut er sich des wogenden Ährenfeldes: - - »Begrüßt das schöne Saatenfeld, - wo schlank der Halm die Aehre hält. - W. Z. - den 21 Juni 1839.« - -W. Z. bedeutet »Waltersdorffer Ziegelscheune«. - -Ziegelinschriften politischer Art oder mit Anspielungen auf -Zeitereignisse kommen kaum vor. Der Gesichtskreis der Leute war eng, -und was außer diesem engen Kreise lag, berührte ihr Herz wenig. Nur -in einer Inschrift eines Ziegels aus der Burgstraße klingt es wie ein -Nachhall der napoleonischen Zeit: - - »Trompet und Trommelschall ruft oft zum - Krieg und Tod. Nie freue uns der Krieg, - um Frieden bitte Gott! - Freybergische Hochedl. Raths-Ziegelscheune - Wolf. 1817« - -Seit den fröhlichen Verslein von 1810, 1812 und 1813 waren die -Befreiungskriege an unserem wackeren Wolf vorübergebraust, und da -findet sein Griffel ernstere Worte. Doch eine bittere, ernste Inschrift -dürfen wir unserem Ratsziegeldichter Wolf noch zuschreiben, welche auch -in der heutigen Zeit von vielen Dächern als Klageschrei in unsre Ohren -schallen könnte. Der Ziegel stammt bezeichnender- und sinniger Weise -von einem alten, abgetragenen Grufthause des Donatsfriedhofes, als ob -dort die letzte Ruhestätte für Glaube, Liebe, Treu und Recht zu finden -wäre. Die Inschrift lautet: - - »Glaube, Liebe, Treu und Recht haben sich alle vier - schlafen gelegt und wenn sie werden wieder - auferstehn, wirds besser in der Welt aussehn. - ~F. H. R. Z.~ d. 21 Juni 1811.« - -Die Buchstaben bedeuten: =F=reybergische =H=ochedle -=R=aths-=Z=iegelscheune. - -Wir schauen in unsere Zeit und fühlen die Bitterkeit, den Schmerz und -doch wieder Glaube und Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wie Wolf es -in seiner Inschrift ausgesprochen. Notzeit ist heute, da uns dieser -Ziegel vor Augen liegt. Notzeit war, als er geschrieben wurde. Eine -eigenartige Fügung will es, daß ein Ziegel mit ähnlicher Inschrift aus -ähnlicher Notzeit in diesen Tagen in Mecklenburg zufällig beim Umdecken -der Kirche in Lübz gefunden wurde: - - »Globen, Leiw, Tru und Recht - Hebben sick all 4 slopenlegt. - Un wenn sei weder uperstahn, - Ward beter in dei Welt hergahn! Lübz 1628.« - -Die Zeit des dreißigjährigen Krieges, in der diese Zeilen in den Ziegel -gebrannt wurden, hat mit der Zeit von 1811 und mit der Gegenwart, an -die der Spruch nun seine Weisheit richtet, vieles gemeinsam. Sorge -jeder, daß Glaube, Liebe, Treu und Recht auferstehen mögen! - -Ganz andrer Art als die Ziegelstreichersprüche, welche nicht für -die breite, sondern nur für die »höchste« Öffentlichkeit bestimmt -waren, sind freilich die Sprüche, welche uns von den Portalen grüßen. -Verdanken die Sprüche auf den Dächern wohl meist nur einer scherzhaften -oder verliebten Laune oder einem Zeitvertreib ihr Dasein, so sind die -Sprüche an den Portalen Haussprüche, welche uns tief in die Seele -derer schauen lassen, die sie einst anbringen ließen, Sprüche, die -jedem Vorübergehenden etwas sagen sollten. - -Die ältesten stammen aus einer Zeit, da das Innere der Menschen -und Völker aufgewühlt war durch die Fragen der Religion, durch -Glaubenskämpfe und Gewissensnot, da eine neue Weltanschauung sich Bahn -brach. - -In der Petersstraße, dicht am ehemaligen Peterstor, steht ein -schlichtes Bürgerhaus mit gotischem, reichem Portal, einfachen -Fensterwänden aus Sandstein mit Stabwerk. Im Erdgeschoß befinden -sich reichgewölbte Räume mit Sterngewölben von besonderer Pracht und -Wucht. Der Bürgermeister Nikolaus Monhaupt erhielt 1469 vom Papste -die Erlaubnis zum Bau einer Hauskapelle. Hier baute er sich diese -Kapelle in seinem Hause und überspannte sie mit diesen kunstvollen -Gewölbebildungen, deren Rippen zu reichgegliederten Mustern sich -zusammenschließen. 60 Jahre später, im Jahre 1529, wurde hier, der -Überlieferung nach von Martin Luther persönlich, zum ersten Male das -heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht, an welchem auch die -Herzogin Katharina, Herzog Heinrich des Frommen Frau Käthe, heimlich -teilgenommen haben mag. Die Schauseite des Hauses ziert eine alte -Schrifttafel aus Sandstein, welche auf diesen Vorgang hinweist. Die -Inschrift besteht aus lauter anscheinend zusammenhanglosen einzelnen -Buchstaben. Es sind die Anfangsbuchstaben der Einsetzungsworte des -heiligen Abendmahles. Die Überschrift bilden die Buchstaben: ~V · D · M -· I · Æ ·~, d. h. ~verbum domini manet in aeternum~, oder zu deutsch: -Gottes Wort bleibet ewig. In der untersten Zeile findet sich die -Jahreszahl 1529, aus welchem Jahre auch offenbar die Tafel stammt. - -Dieser Reformationsspruch, ein Kampfruf und Wort des mutigen -Bekenntnisses, findet sich und war auch noch an anderen Freiberger -Häusern angebracht, sei es auch nur in Anfangsbuchstaben, sei es in der -deutschen Form, wie am Hause Pfarrgasse 18: »Gottes Wort Bleibet Ewik.« -mit der Jahreszahl 1528. Sechs Jahre also nach Luthers Übersetzung des -neuen Testamentes wurde einer seiner Kernsprüche an einem schlichten -kleinen Bürgerhause zu Freiberg in Stein gehauen. - -Luthers Lehre war damals verboten, ihre Anhänger wurden verfolgt. -Die Häuser mit diesem Spruch waren die Stätten, an denen sich die -Bekenner der neuen Lehre trotz Not und Verfolgung zusammenfanden, um -in der Gemeinschaft Kraft und neue Erkenntnis zu suchen. Ein tapferer -Mut gehörte dazu und ein festes Herz, sein Haus unter dieses Zeichen -zu stellen. Bald freilich schwand unter Herzog Heinrichs milder Hand -die Gefahr, und er selbst ließ u. a. an besonders eigenartiger Stelle -diesen Spruch anbringen: ~Verbum domini manet in aeternum~ findet sich -nämlich mit der Jahreszahl 1538 und dem Sächsischen und Freiberger -Wappen sogar auf einer Bronzekanone, die der Gießer Hilger in Freiberg -für den Herzog goß. Die Kanone sollte als Glaubenskünderin so ihre -Stimme nach seiner Meinung besonders wirksam und überzeugend zur -Geltung bringen. Das ganze Denken war damals von diesen Fragen bewegt -und suchte überall Ausdruck zu finden. - -Auf zahlreichen Glocken des Erzgebirges aus der Gießhütte der Hilliger -ist dieses Wort in Erz geprägt und ruft sein Bekenntnis mit eherner -Stimme in die Enge der Herzen und Häuser und in die Weite der Welt. -Auch in der Johanniskirche zu Leipzig trug die größte Glocke, welche -Wolf Hilliger 1553 goß, die Bekennerinschrift: ~Verbum domini manet in -aeternum.~ - -Auch auf einem der »Kleinodien« der Freiberger Bergknappenschaft, auf -dem silbernen Sinnbilde des Bergbaues »Schlägel und Eisen«, findet -sich dieser Reformationswahlspruch in lateinischer Sprache mit der -Jahreszahl 1534. Es ist dies ein Beweis, wie gerade auch die Bergleute -sich mit Feuereifer der neuen Lehre annahmen und in den Mittelpunkt -ihres Daseins stellten. Wird doch auch überliefert, daß die Bergleute -1517 den Ablaßmönch Tetzel vertrieben, verprügelt und um seine Gelder -erleichtert hätten. - -Auf einem Spruchband dieses Kleinodes von 1534 findet sich noch der -Spruch: »Die Heier, die sind hochgenant, sie ritzen uf manche feste -band mit ihren klugen Sinnen, darmid sie es gebinen.« - -Tiefer religiöser Sinn spricht noch aus vielen anderen dieser alten -Sprüche: Donatsgasse Nr. 23 schmückt das Haus eine Tafel mit dem Bilde -eines Bergmannes, der einen Barren Erz trägt, und mit dem Spruche: - - Ich · Weis · das · Mein · Erlöser · lebt · 1 · 5 · 6 · 1 · - -Das Gedächtnis der Reformation wird gefeiert im Jahre 1617 durch einen -lateinischen Spruch, der an der alten Löwenapotheke angebracht ist: - - ~Sunt iubilo D. Mart. Luth. - magna huius pars est extructa - habitaculi in anno quo vox in - caetu est iubila laeta canens.~ - -D. h.: »Ein großer Teil dieser Häuser ist an dem Jubelfeste ~Dr.~ -Martin Luthers errichtet worden, in dem Jahre, in welchem die Gemeinde -frohe Jubellieder anstimmte.« - -Zur Zeit dieser Jubellieder ahnte man nicht, daß das deutsche Land -vor dem unermeßlichen Elend des dreißigjährigen Krieges stand, so -wenig wie man 1913 bei der hundertjährigen Jubelfeier der Schlacht bei -Leipzig ahnte, daß der Weltkrieg mit all seinem Elend und furchtbarem -Ausgang vor der Türe stand. - -Luthers Geist und kernige Art spricht auch aus dem kurzen Hausspruch -von Burgstraße Nr. 10, der auf das stärkste Fundament für inneren und -äußeren Aufbau weist: - - »Ich bau auf Gott« 1736. - -Inniger Glaube, Gottvertrauen und Frömmigkeit klingt aus der Inschrift -eines Hauses der Erbischen Straße: - - »1669. Der Hüter israel kann durch der Engelscharen - Diß Hauses Thür und Pfost für immer uns bewahren, - Hilf, daß ein jeder Christ, o Jesu, Lebensthür, - Der diese Schwell betrit Dich tieff in Hertze führ.« - -Ein Haussegen ähnlicher Art ist der Spruch des Hauses Erbische Straße 9: - - »Die Engel des Herrn behüten, bewahren dieses Haus, - Alle, so bei Tag und Nacht hier gehen ein und aus.« - -Dieser Gedanke, das Haus unter den Schutz der Engel Gottes zu stellen, -findet auch in symbolischer Form seinen Ausdruck. Das schöne Portal -am Obermarkt, welches mit seinen reichen Formen dem Meister des -Georgentores in Dresden, Schickentanz zugeschrieben wird, eines der -frühesten Werke der Renaissance in Sachsen, schmücken im innersten -Türbogen drei Engelsköpfe. Nach dem mittelsten Kopf züngeln zwei -delphinartige Ungeheuer. In künstlerischer Form sagt hier der Erbauer, -daß die Engel Hüter vor den züngelnden Mächten des Bösen und des -Unheils an »des Hauses Tür und Pfost« sein sollen. - -Gottvertrauen und Lebensmut spricht auch aus einer Haustafel aus -neuerer Zeit mit folgenden Worten: - - »Im Jahre 1846 d. 23 Juli Nachts ¼ auf 12 Uhr - Wurde dieses Haus durch den Blitz ein Raub. - Der Jahre 1846--47 wurde es neu erbaut. - Wird Gottes heiliger Schild uns decken, - Wird auf uns ruhen Seine Hand, - Dann kann der Donner uns nicht schrecken - Und nicht des Blitzes schneller Brand: - Denn Treu wird Tag und Nacht - Dann unser Haus bewacht. - - Johann Gottfriedt Kunadt.« - -Dasselbe treuherzige Gottvertrauen, wie aus diesen Versen klingt -auch aus einem alten Wirtshausschild, das der ehrwürdige Gasthof zum -Goldenen Löwen zugleich als Sinnbild und Haussegen an seiner Schauseite -zeigt: - - »Diß gast Hof Stehet in Gottes Handt - Zum Gülden Löwen wird es genant.« - -An einem anderen Hause Alt-Freibergs ist sogar der seltene Fall zu -verzeichnen, daß sich der Bauherr und der Baumeister verewigt haben. -Es ist dies das kleine freundliche Stadttheater, welches 1790 aus -einem alten, stattlichen Bürgerhause, gegenüber der Nikolaikirche, -und benachbarten Gebäuden zum Theater umgebaut wurde und allmählich -sich zu seiner jetzigen Gestalt entwickelt hat. 1880 fand der letzte -größere Umbau statt, bei dem noch schöne Schmuckteile gefunden wurden. --- Dieses Bürgerhaus erbaute sich einst der ehrwürdige Magister -Caspar Neander, Prediger an St. Nikolai, der dort im Anfange des -17. Jahrhunderts seines Amtes waltete. Er schmückte sein Haus mit -einem reichen Renaissanceportal mit ornamentierten Tragsteinen für die -profilierten Balken, mit reich gemalten Holzdecken, die er mit schönen -Profilen und vergoldeten Holzknöpfen besonders verzieren ließ. -- Es -ist bemerkenswert, daß dieser wackere Prediger auch die Schätze dieser -Welt durchaus nicht verschmähte, sondern glücklich mit Bergwerkswerten -spekulierte und gute Kuxe hatte, so daß er sich davon dieses stattliche -Haus bauen konnte, wie er in seiner Inschrift mit dankbarem Gemüt -mitteilt: - - »Dis Haus Und all mein Fähr und Haab - Der Reiche Gott Aus milder Gab - Mir Bscheret hat durch Ausbeuth guth - Der halts auch stets in seiner Huth. - ~M. C. N. C.~ 1623.« - -1623, als der große Krieg schon fünf Jahre im Lande war, blühte also -der Bergbau noch ruhig fort, brachte Geld und Gut, »Fähr und Haab« -und ließ dieses stattliche Haus erstehen. -- Vielleicht hat aber der -würdige Amtsprediger Neander doch zuviel nach unwürdigem Irdischen -getrachtet, denn wie überliefert wird, ist er schon 1626 seines Amtes -entsetzt worden. Bei der Belagerung Freibergs durch die Schweden unter -Torstensson 1643 war er aber wieder Garnisonfeldprediger und stand -seinen Mann in schwerer Zeit. - -Sein Baumeister, der »Mewrer« Michael Kästner ist nicht bei der -Errichtung des Hauses mit der Welt so zufrieden wie Neander, denn ihm -hat man beim Bau und nachher offenbar das Leben schwer gemacht, die -Besserwisser und Alleskönner, die Pflastertreter und Bierbankweisen -müssen ihn recht gekränkt haben, denn er läßt in den Sandstein hauen -und ruft uns über 300 Jahre zu und in das bunte Marktgewühl hinein: - - »Man sagt wer baun Thut an die Gassen - Muß manchem Eine Feder lassen - Wenn ich es dann also wil han - Lieber was geht es dich doch an. - Michael Kästner Mewrer m 1623.« - -Michael Kästner war offenbar ein Mann mit selbstsicherem Wesen, der -sich nicht das Reden und den Spott übler Zeitgenossen viel anfechten -ließ. - -Hier über diesen Platz am Stadttheater, den Buttermarkt, raunt noch -ein anderer Spruch, freilich nicht in Stein gehauen, aber im Volksmund -lebendig: »Himmel, Hölle, Teufelskapelle.« Es liegt dort nämlich dem -Theater gegenüber die Nikolaikirche, und zwischen beiden am Platz die -alte Gastwirtschaft »Zur Hölle!« »Es hatten drei Gesellen ein fein -Kollegium.« Ein Reim oder Verslein ist auch heute noch in Freiberg sehr -bald gefunden und lebendig wie in früheren Jahrhunderten. - -Die ehrwürdige Freiberger Schützengilde, welche die tüchtigen Bürger -zu kriegerischem, unabhängigem Geiste erzog, der sich nachmals in -der Schwedenbelagerung unter Torstensson so glänzend bewährte, hatte -sehr reimfrohe Mitglieder, denn ihre sogenannte Königstafel ist eine -ganze Sammlung von volkstümlicher Spruchweisheit. Sie ist ein flaches -bemaltes Schränkchen für Kleinodien und Urkunden der Schützengilde -und enthält die Namen sämtlicher Schützenkönige vom Anfange des -16. Jahrhunderts an nebst vielen Sprüchen und Reimen. Ein Spruch aus -dem Jahre 1626, d. h. also als der Dreißigjährige Krieg schon acht -Jahre tobte und Wallenstein, Tilly und Mansfeld mit ihren Heerscharen -durch die deutschen Lande zogen und Verwüstung und Verderben mit sich -trugen, hat folgenden Wortlaut: - - »Wer ein Sohn hat, der gerne spihlt, - Eine Tochter die ihm heimlich stihlt, - Ein Knecht so schwatzet aus dem Haus’, - Ein Katz so nimmer fengt ein Mauß, - Ein Henn, die ihm kein Eyer legt, - Ein Schwein das nimmer Junge tregt, - Ein Weib so gantz geneigt zum Wein - Und stettig Herr im Hauß will sein, - Ein Dienstmaagd so geht mit ein Kindt, - Der man hat ein böß Haußgesind.« - -Das Gegenstück zu diesem bedauernswerten »man« wird in folgenden Reimen -ebenda geschildert: - - »Welcher hat ein Muht als ein Held, - Ein beuttel gut nimmer ohn geldt, - Einen hundt der deß nachts wol hutt, - Ein frommes Weib die allezeit gutt, - Ein kleineß Hauß und fröhlichen Mutt, - Rein gewissen und messig Gut, - Ein schönes Weib und wenig borg, - Kann allzeit lebenn ohne sorg, - Ein gesunden Leib der allzeit steht, - Der man hatt ein gutt Hausgereht.« - -Der wackere Dichter dieser echt volkstümlichen Reime ist völlig im -Rechte, wenn er weiter singt und sagt: - - »Eine Kunst die man verborgen held - Und nicht gebraucht zu nutz der Weld - Die gildt so viel, allß wer sie nit, - Drum wer was kan; dien andern mit.« - -Er diente mit seiner Verskunst den anderen und ergötzte damit nicht nur -seine Zeitgenossen, sondern auch die wackeren Schützenbrüder späterer -Jahrhunderte. - -Die Freude am Sinnspruch steckt den alten Freibergern, die ja alle mehr -oder weniger mit dem Bergbau verbunden und bergmännischen Geistes voll -waren, im Blute. Der Bergmann schmückt seine Geräte, insbesondere seine -Barte, die aus der Streitaxt entwickelte eigenartige Ehrenwaffe, mit -Bildern seiner Tätigkeit und Sprüchen von allerlei Prägung. Nur einige -Proben mögen dafür zeugen: - - »Gib Zubus, arbeit, wart dein Zeit - Es folgt Ausbeuth, die dich erfreut.« - - (Abbildung vor Ort arbeitender Bergleute.) - - »Ich geh’ und fahre meine Schicht, - Ohn’ Arbeit ist nichts ausgericht.« - - (Abbildung einfahrender Bergleute.) - - »Halt Jesum, laß ihn nicht herauß, - Hilf ziehen, so schont Gott dein Hauß,« - -(Abbildung stellt Jesus in der Grube dar, die Hand auf die Fahrt -legend. Ein Bergknappe will ihn zurückhalten. Ferner sind haspelnde -Bergleute und ein Haus mit brennenden Kerzen dargestellt.) - - »Rechnung recht halt, Treu’s Ampt verwalt.« - -(Abbildung von Bergbeamten und Bergleuten an der Tafel.) - - »Bergwerk will haben Verstand - und eine getreue Hand.« - -steht im Eingangsflur des Revierhauses. - -Auch die Kleinodien der Freiberger Bergknappschaft sind mit -bergmännischen Darstellungen und Sprüchen geschmückt. - -Der prächtige, kunstvoll gearbeitete Weinhumpen aus dem Jahre 1679 -trägt reichen bergmännischen Bildschmuck und die Inschrift: - - »Such, schärffe, fahre ein, - Zerstuffe fest Gestein - So nimmstu Ausbeuth ein.« - -Nicht nur bei der täglichen Arbeit und bei fröhlichem Fest sind so die -Denksprüche ein gedankenreicher Schmuck des Daseins. Auch in die Kirche -begleitete den alten Freiberger die aus Beruf und innerem Erleben -geschöpfte Spruchweisheit. - -So hängen z. B. im Dom, den die Bergmannskanzel und noch andere -Darstellungen bergmännischer Art schmücken, zwei messingene -Kronleuchter aus dem 16. Jahrhundert mit der Inschrift: - - »Wer will Bergwerk bauen, der muß Gott vertrauen« - -und - - »An Gottes Segen ist Alles gelegen.« - -In der Petrikirche war auch, wie der alte Chronist Möller überliefert, -in einem Fenster eine Bergmannsfigur dargestellt mit dem Spruche: - - »Bawst tu Viel Ertz, gib Gott die ehr - Brauchs recht, bis fromm, so beschert Gott mehr.« - -In einem anderen Fenster daselbst findet sich heute noch das alte -Innungswappen der Leineweberinnung, das Weberschiffchen mit Spulen von -zwei schwarzen Löwen gehalten und mit der Inschrift: - - »Das allertheuerste Pfandt in der Erden - Muste in Reine Leinwandt gewickelt werden.« - -Hoch oben aber auf dem Turme der Petrikirche hängt das alte -Bergglöckchen, das früher viermal am Tage zur Schicht rief und heute -noch mittags um 12 Uhr und abends um 7 Uhr je eine Viertelstunde -geläutet wird. Wenn seine traute Stimme über die hohen Giebel und -steilen Dächer der alten Häuser und Gassen dahinklingt, dann wird eine -ganz besondere Stimmung lebendig und für die alten Kinder der Stadt ist -es die redende und mahnende, lockende und rufende Stimme der Heimat -und Jugend, die da laut wird und anders noch ins Herz ruft als andere -Glocken auf fremden Türmen: - - »Auf, auf! Zur Grube ruf ich euch, - Ich, die ich oben steh, - So oft ihr in die Tiefe fahrt, - So denket in die Höh!« - -ist der sinnige Spruch, den sie mit ihrem ehernen Klang über die -Häuser der Menschen bis zu dem Kranz der Gruben und Schächte draußen -hinausruft. - -Die Läuteglocke von 1570 neben ihr im niedrigeren »faulen« Turme -hängend, ruft nicht zur Arbeit wie sie, sondern zum Kirchgang mit dem -Spruch: - - »Mein Klang dich ruft zum Kirchengang, - merks Wort, Gott dank, sing Lobgesang.« - -Wie schön ist hier bei beiden Glocken in kurzem deutschen Wort ihre -Bestimmung gesagt. Es ist nicht nötig, immer zur lateinischen Sprache -zu greifen. Deutscher Geist und deutsche Kraft kann und muß auch für -solche Zwecke in deutsche Kernsprüche gebannt werden. Freilich werden -auf die Glockensprüche wohl meist die gelehrten Herrn Geistlichen -Einfluß genommen haben und neben lateinischem Bibelspruch gern einen -lateinischen Vers geformt haben, der ihnen dann vielleicht monumentaler -klang als das ungefüge Deutsch. Kirchliches Herkommen, Handwerksbrauch -und Bequemlichkeit stellte oft das gelenke Latein über das ungelenke -Deutsch der alten Zeit. - -Die Glocken auf den Petritürmen entstammen der Werkstätte des berühmten -Gießergeschlechtes der »Hilger« zu Freiberg, welches während des -15. bis 17. Jahrhunderts in Freiberg blühte, und nicht nur für ganz -Sachsen, sondern weiter hinaus im Reiche bedeutsame Werke schuf. Kaum -ein größeres Dorf oder Stadt ist im Erzgebirge, wo nicht im Turm eine -Hilgerglocke hängt und ihre Stimme tönen läßt. Lauschen wir einmal den -Klängen ihres ehernen Mundes und den Worten, die sie zu uns sprechen: - -Auf der Jakobikirche zu Freiberg ruft uns die größte der Glocken, -welche 1684 Gabriel Hilliger goß und mit schönem Fries und dem -Hilligerschen Wappen schmückte, in lateinischen Reimen und Worten zu, -was ihre Lebensaufgabe ist: - - ~»Laudo deum _verum_, plebem voco, congrego _clerum_, mortales - _ploro_ defunctos festa _decoro_.«~ - - Ich lobe den wahren Gott, ich rufe das Volk, ich sammle die - Geistlichkeit, die Toten beweine ich, festliche Tage schmücke - ich. - -Dieser lateinische Reimspruch aus dem Jahre 1684 ist ein alter -Glockenspruch, den wir auch auf der großen Glocke der Kreuzkirche -in Dresden von 1503 namens ~Scholastica~ finden. Sie hatte einen -Durchmesser von 1,82 ~m~ und war von Heinrich Kannengießer gegossen. -Diese Glocke in Dresden von 1503 versprach aber noch etwas mehr als -die von 1684 in Freiberg: »~pestem fugo~« stand noch im Glockenspruch: -»Ich verjage die Pest!« -- Es steckt im Kern darin der uralte -mittelalterliche Glaube, daß vor dem Glockenklang die Schlangen fliehn. -1684 hatte man in Freiberg entweder diesen Glauben nicht mehr, oder man -kannte die Furchtbarkeit der Pest nicht mehr, die im Mittelalter und -im Kriege als Würgengel die Städte und Dörfer durchschritt, während -unaufhörlich wimmernde Glockenklänge die Toten beklagten und die -furchtbare Seuche durch ihren heiligen Klang wie eine böse Teufelsmacht -verjagen wollten und jammernd zum erbarmungslosen Himmel ihre Hilfe- -und Gebetsrufe sandten. 1503 ist dieses »~pestem fugo~« noch ein -Glockenklang aus tiefstem Grunde der Zeit und des Volkes. - -Die kleine Glocke in Hilbersdorf von Zacharias Hilliger gegossen und -mit seinem Wappen geschmückt ist auch solch ein Denkmal aus schwerer -Zeit, das mit eherner Zunge sein Schicksal kündet aus den Jahren des -Dreißigjährigen Krieges, als Freiberg und seine Umgebung bald von den -Kaiserlichen, bald von den Schweden, bald von Freund, bald von Feind -mißhandelt, geschunden und gemartert wurde. Die Umschrift der Glocke -lautet: - - »Feuer durch Krieg nam Weck mein Hall Anno 1639 - Gott gab mir wieder nawen Schall Anno 1641. ~Z. H.~« - -Gar manche Glocken in Sachsen sind durch Krieg und Brand zerstört und -umgegossen worden und erzählen in kurzem Wort so ihr Schicksal. Die -Glocke der Liebfrauenkirche (Gottesackerkirche) in Zschopau wurde 1748 -durch Brand vernichtet und meldet nun, was ihr geschah und was ihre -Aufgabe ist, mit folgenden Worten: - - Für dem Brande dient ich Leichen, - Itzo da die andern schweigen - Ruf ich euch zu Gottes Wort - Laßt es seyn der Seelen Hort. - Anno 1751 goß mich Johann Christoph Hose. - -Von den Glocken aus dem Reformationsjahrhundert, welche der Gießhütte -unsers Hilger entstammen, seien besonders zwei große Glocken der -Thomaskirche in Leipzig genannt. Wie oft mag ihr voller Klang das Ohr -des großen Thomaskantors Johann Sebastian Bach berührt und ihre tönende -Seele seinen Geist über die Niederungen des Lebens zu seinen ewigen, -gewaltigen Harmonien emporgetragen haben. Die Schlagglocke, 1,55 ~m~ -breit, wurde 1539 auf Kosten des Rats von »Martin Hillger, Kannen- und -Glockengießer von Freyberg«, an Stelle einer zerbrochenen alten für -123 Schock 17 Gr. 3 Pf. gegossen. Zur Beschaffung der Glockenspeise -kaufte man eine alte Glocke von »eynem pfaffen«. Sie trägt außer der -Jahreszahl den Spruch aus dem 127. Psalm: - - ~»Nisi dominus custodierit civitatem frustra vigilat qui - custodet eam.«~ - -»Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, wachen ihre Wächter umsonst«. -Der gleiche Spruch findet sich auf der Stundenglocke des Freiberger -Domes von 1540, die Martin Hillger nahezu gleichzeitig mit er -Leipziger Thomasglocke gegossen hat. - -Die andere Thomasglocke von 1,72 ~m~ Durchmesser hat 1574 Wolff -Hilliger gegossen und mit seinem Wappen geschmückt. Die Rüstung für die -Glocke machte Hieronymus Freiberger und 21 Männer mußten die Glocke -zu ihrem luftigen Stuhle emporziehen, damit sie ihre Stimme erheben -konnte, wie ihre Inschrift sagt: - - ~In laudem aeterni dei, cui soli sempiterna gloria.~ - - »Zum Lobe des ewigen Gottes, dem allein ewiger Ruhm gebührt.« - -203 fl. erhielt Wolff Hilliger für sein Werk. - -Auch auf dem Turme der Stadtkirche zu Pirna, der so malerisch im -Stadtbilde steht, hängt eine Glocke von Wolff Hilliger aus dem Jahre -1561 mit lateinischem Spruche: - - »~Ordine bis senas lux quaelibet exit in horas - hora sed in curas crescere quaeque solet.~ - Wolf Hilger czu Freibergk gos mich.« - - »Der Regel nach schwindet das Tageslicht binnen 12 Stunden. - In Sorgen pflegt aber jede Stunde zu wachsen!« - -Es ist kein sonderlich froher Spruch, der hier auf der Stundenglocke -von Pirna seine Sorgenweisheit kundgibt: Jeder Schlag dieser -Sorgenglocke Ende einer Sorgenstunde? Anfang einer Sorgenstunde? -- -Nein, die Sorgenglocke will vor unnützen Sorgen warnen, weil auch die -Sorgenstunden vergehen und auch die Sonne eines Sorgentages sich nach -12 Stunden neigen muß, so lang seine Stunden auch scheinen. - -Nicht weit von Pirna, im Schlosse von Groß-Sedlitz ist eine Glocke von -Michael Weinhold in Dresden erhalten mit der Inschrift: »~Scias, qui -audis me admetiri partes vitae.~« Wisse, der du hörst, daß ich die -Teile des Lebens zumesse. Ein ähnlicher Gedanke ist es wie in Pirna, -zum Ernste mahnend, auf die Vergänglichkeit weisend, wie so manche -alte Sprüche an Sonnenuhren, z. B. »~Una ex hisce morieris~«. In einer -von diesen (Stunden) wirst du sterben, oder noch kürzer in zwei Worten -gesagt: »~Una ultima~«. Eine ist die Letzte. - -Das Jahrhundert der Sorgen war in Deutschland vor allem das des -unheilvollen Dreißigjährigen Krieges. Im Jahre 1617, ein Jahr vor -Beginn des Krieges, wurde in Hennersdorf eine Glocke von Andreas Herold -auf den Turm gezogen, welche den Spruch verkündete: - - »Ich melde Beten an, Sturm, Feuer, Leuchen, Pracht - Andreas Herold mich hat gemacht. 1617.« - -Ist es nicht wie ein Sturmsignal, wie eine düstere Prophezeiung der -kommenden Not und Drangsale? Wenige Jahre nach Beginn des Krieges, -1621, klingt ergreifend der Glockenton von Röhrsdorf bei Pirna über die -Dächer ins Land hinaus als Gebetsruf zum Himmel sich schwingend: - - ~Da pacem domine in diebus nostris~ - Jo. Hilliger ~F. anno MDCXXI.~ - - »Herr gib Frieden in unseren Tagen!« - -Die Glocke von Lauter aus jenen schweren Zeiten, von Gabriel und -Zacharias Hilliger gegossen, weist aus dem Elend der Zeit auf die -künftige Herrlichkeit, im sinnigen Wortspiele den Namen des Ortes in -den Spruch aufnehmend: - - »_Lauter_ Freud und Herrlichkeit - Ist den Frommen dort bereit.« - -Das Jenseits als Ort der Zuflucht aus der Not des täglichen Lebens. - -Das Glockengießen mag bald in jener Leidenszeit aufgehört haben und -die Stückgießerei mehr Anklang gefunden haben, ganz wie in unseren -schweren Weltkriegstagen. Mit Tausenden von Dörfern und Kirchen, die -in Asche sanken, schmolzen Glocken dahin, um nie wieder zum klingenden -Leben zu erwachen. Viele mögen auch zu Geschützen geworden sein! -Und wo noch Glocken in Dörfern auf den Türmen hingen, da schwiegen -sie, um nicht den Feind, der wie Wolfsrudel durch das Land strich, -herbeizurufen, und wenn eine Glockenstimme klang, dann kündete sie -Sturm, Mord, Brand, Elend und Tod. Neue Glocken aus dieser Zeit sind -kaum vorhanden. Sie hätten ja nur eine Stimme für Klagerufe, eine -Stimme mit Tränen haben können. In Lichtenberg bei Freiberg hängt auf -dem Turme eine Glocke von Gabriel Hilliger aus dem Jahre 1648, dem -Endjahre des großen Krieges, als seine stürmischen Wogen sich schon -sänftigten. Sie trägt Hilligers Wappen und die Umschrift: »~Si deus pro -nobis quis contra. anno 1648.~« Ist Gott für uns, wer wider uns! Man -spürt aus diesem Wort, wie neue Hoffnung und neues Leben mit starkem -Gottvertrauen sich regt, und doch ein gewisser kriegerischer Unterton -noch mitklingt, voller Luthertrotz. Die Kriegszeit stand noch zu frisch -vor Augen und Erinnerung und schwingt noch mit im Glockenklang. - -Fünf Jahre später, 1653, wird in Niederpretzschendorf eine Glocke -desselben Gabriel Hilliger aufgehängt. Die weiß nichts mehr von den -Kriegsnöten zu berichten. - - Libe Gott sag ich Lob, Preis und Dank - Mein Klang dich rufft zum Kirchengang. - Gabriel Hilliger zu Freibergk goß mich. - 1653. - -Wie das Läuten zum Sommertag einer behaglichen, friedlichen, ländlichen -Gemeinde scheint dieser Spruch dahinzuwallen über satte, saubere Höfe, -über wogende Felder, über rauschenden Wald. Dieser Spruch wäre zehn -oder zwanzig Jahre früher wohl kaum auf einer neuen Glocke denkbar -gewesen. - -Das Leben nach dem großen Kriege mag freilich oft noch übergesprudelt -sein, und die leere Kirche mag manchem Pfarrherrn Gewissensnöte -gebracht haben, wenn die räudigen Schäflein seitab getrabt waren. -Ist es zu verwundern, wenn der Pfarrer von Markersbach sich 1660 bei -Gabriel Hilliger eine Glocke bestellt mit dem lateinischen Hexameter: -»~Campana vult populum sonans ad sacra venire~«. Die klingende Glocke -will, daß das Volk zur Kirche komme. Es ist freilich nicht überliefert, -ob die Markersbacher diesem Notruf ihres Pfarrers und ihrer Glocke -besser gefolgt sind als zuvor. Auch heute noch klingt ihre mahnende und -rufende Stimme über Dach und Dorf. - -Noch zwei Glocken aus dem Jahrhundert des großen Krieges sollen uns -ihre Weisheit künden: Die große Glocke von Kreischa aus dem Jahre 1672, -von Herold gegossen, ruft uns ein musikalisch Gleichnis und Mahnung -zu, aus welcher auch ein gewisser Stolz des Gießers auf sein Werk -mitklingt: »Gleichwie die Glocken fein zusammenstimmen, also soll auch -unser Leben mit Gottes Wort übereinstimmen und ein feine Harmoniam -mit demselben machen.« Nichts von Krieg und Sorgen und Nöten, alles -Stimmung und Harmonie, als ob man in ein freundliches altes Pfarrhaus -schaut, wo Friede wohnt und gespendet wird und alle bitteren Gegensätze -sich aufzulösen scheinen, wo ein milder, musikliebender Pfarrer in -stiller Studierstube sich dieses zarte Mahnwort für seine neue Glocke -erdenkt -- und doch sieht das Leben so ganz anders aus; nicht die -Harmonien, sondern die Dissonanzen sind darin so oft bestimmend und -wirksam und machen die Menschen so oft elend! -- - -Die andere Glocke in Gersdorf bei Döbeln von 1696 kennt das -Leben besser. Im Westen verheerten schon wieder französische -Mordbrennerbanden das Land und im Süden bebten die Völker vor der neuen -Türkengefahr. Ihr Spruch lautet: - - 1696 Goß mich Johann Jakob Hoffmann von Halle. - »Zum Gottesdienst ich rufe zur Freud und auch zum Leid. - Ach Gott behüt für Feind und Feuers Noth Allzeit.« - -Das ist schon wieder der Notschrei, wie er so oft durch unser deutsches -Land erklang und von den Türmen ins Land hinausrief, und der wie ein -bitteres Wehe durch unser deutsches Schicksal klagt! - -Der Notschrei klingt auch aus der Stimme der kleinen Glocke von -Oberwiesa aus dem folgenden Jahrhundert: - - »O Got las dir befohlen sein die Glocke und auch die Kirche - dein. - - ~Soli Deo gloria anno 1708~« - -Der nordische Krieg mit dem kühnen Schwedenkönig Karl XII. hatte -seine blutigen Schatten bis ins Sachsenland geworfen. Vielleicht war -die Glocke der schwererrungene Ersatz für eine im Dreißigjährigen -Kriege verlorene. Ein volles Jahr lang, bis kurz ehe sie gegossen -wurde, hatte ein großes Schwedenheer im unglücklichen Sachsenlande -gelegen und nicht weniger als 23 Millionen Taler, ungerechnet die -Naturallieferungen herausgepreßt, sodaß unter diesem Drucke und unter -der ungeheuren Steuerlast, welche die teuere Hofhaltung August des -Starken und seine Leidenschaften erforderten, die Bauern kaum den -notdürftigsten Lebensunterhalt hatten. Die Zeiten des großen Krieges -schienen wiedergekehrt zu sein. Da wurde jedes Glockenläuten schon von -selbst ein Angstruf um Schutz für die Glocke und Kirche und damit für -die ganze Gemeinde, und wurde ihr Spruch so recht ein Ausdruck seiner -Zeit und ihrer Not und ganz besonderen Seelenstimmung. - -Wenige Jahre später, im Jahre 1712, ließ in Crandorf eine Glocke von -Michael Weinhold zum ersten Male ihren ehernen Klang über die Dächer -dahinschallen mit lateinischen Worten: »~ignes festa. deum, stata -tempora, funera, plebem, nuncio, honoro, cano, denoto, ploro, voco.~« -»Feuer, Feste, Gott, bestimmte Zeiten, Begräbnisse, das Volk, melde -ich, ehre ich, lobsinge ich, bezeichne ich, beklage ich, rufe ich.« Man -hört es aus diesem Spruche schon, daß die Zeiten ruhiger geworden sind, -daß ein lateinsicherer Pfarrer sich heiß um diesen etwas holperigen -lateinischen Vers bemüht hat und gewiß sehr stolz auf ihn war. Wie -viele aber seiner Schäflein verstanden haben, was er in gut Deutsch -hätte sagen können, das mag ihn nicht sonderlich berührt haben. Er -kannte wohl seine Leute! Der feierliche Klang der fremden Worte macht -ja unverstanden oft tieferen Eindruck von geheimnisvoller Kraft auf -schlichte Gemüter als einfaches Deutsch. Man denke an Zauberformeln -u. dgl., deren Wunderkräfte meist nur in ihrer Unverstandenheit und -dem daraus entstehenden blinden Glauben an ihre Gewalt beruhen. -Immerhin ist es bei diesem Glockenspruche bezeichnend, daß ~ignes~, -die Feuersbrunst, und ihre Meldung als erste Aufgabe der Glocke an -der Spitze steht. Es mag doch nicht so ganz selten der Feuerruf nötig -gewesen sein. - -Wem klingen dabei nicht Schillers wundervolle Verse durch Herz und -Ohr, in denen er die Feuersbrunst schildert und die Glocke als ihre -Künderin: »Hört ihrs wimmern hoch vom Turm? Das ist Sturm!« Wer denkt -nicht an den Spruch dieser unsterblichsten, ja ewigen Glocke: »~Vivos -voco. Mortuos plango. Fulgura frango~«? »Die Lebendigen rufe ich, die -Toten beklage ich, die Blitze breche ich«? - -Dieser weltbekannte Glockenspruch Schillers findet sich fast wörtlich -auf einer Glocke in Reinhardtsgrimma aus dem 15. Jahrhundert: »~vivos -voco, fulgura frango, defunctos plango~«. Ob der Dichter diesen Spruch -gekannt und von dieser Glocke die Worte entnommen hat, welche er seinem -unsterblichen Gedichte vorangestellt? -- - -Daß die Metallmassen der Glocken einen Einfluß auf elektrische -Spannungen, d. h. die Blitzgefahr, haben und ihr Unheil abzuwenden -vermögen, ist eine Beobachtung und Erkenntnis, welche man im -15. Jahrhundert nicht vermutet. Erst in Schillers Tagen ist ja durch -Benjamin Franklin durch die Erfindung des Blitzableiters diese -Wirkung des Metalls technisch ausgenutzt worden, und unsere Zeit -erst faßt wieder alle Metallmassen an Dach und Haus zum gesammelten, -geschlossenen Blitzschutz zusammen, ein Gedanke, der im Kerne schon im -Glockenspruche von Reinhardtsgrimma aus dem 15. Jahrhundert liegt. - -Doch kehren wir nun zur Gießhütte der Hilliger in Freiberg zurück. -Nicht bloß zahlreiche vielgerühmte Glocken mit trefflichem Klang und -Spruch und von schöner Form gingen daraus hervor, sondern auch die -köstlichen messingenen und bronzenen Grabplatten in der kurfürstlichen -Grabkapelle am Dome zu Freiberg, diesem herrlichen Mausoleum -sächsischer Kunst und Geschichte, und so manche Platte hie und da im -weiten deutschen Reich, die Stolz und Zierde ihrer Stätte ist. Aus -ihrer Hütte stammen auch zahlreiche figurengeschmückte, künstlerisch -durchgebildete Kanonen in reichen Renaissanceformen. Auch bei diesen -Geschützrohren zeigt sich die Lust am Sinnbild und Sinnspruch, am -derben Witz und kräftigen, treffenden Reimspiel. Wie während des -Krieges die 42 ~cm~-Mörser den Namen »Dicke Bertha« führten, so trug in -jenen Zeiten jedes Geschütz seinen Namen, der durch den künstlerischen -Schmuck und Denkspruch erklärt wird. - -Aus der großen Reihe dieser Werke des Freiberger Gießergeschlechtes -seien nur einige ihrer Sprüche wegen hervorgehoben. Diese Sprüche sind -ausnahmslos deutsch und manchmal in recht grober, ungefüger Sprache -verfaßt, wie sie vielleicht zum rauhen Handwerk und den groben Stücken -am besten stimmte. - -Der »Rautenkranz« vom Jahre 1557 war verziert mit Wappen und einem -Rautengewinde, das sich spiralförmig um das Rohr legte. Sein Sinnspruch -lautete: - - »Ich bin genant der Rawtenkrantz, - mein Feind ich bin ein bitter Tranc.« - -Der »Wilde Mann« trug als Schmuck zwei kniende, sich packende wilde -Männer mit den sich kreuzenden Kurschwertern und den Spruch: - - »Halt fest, wilder Man - Was dw hast, las nicht gan.« - -Die »Sachsenländerin« mit dem Spruche: - - »Ich heis die Sachsenlenderin. - Wenn du meinst ich sei weit von dan, - so bin ich bei dir dinne« - -Das »Krokodil« von 1574 verschoß Kugeln von 42 Pfund Eisen und brüllte -ins Feld seinen Spruch: - - »Churfürst Augustus lies uns nennen - Die Crocodyl. Man wird uns kennen - In gantz Europa. Wo wir krachen - Muß man uns Thür und Thor aufmachen.« - -Namen von Tieren waren besonders beliebt. - -Das »Rhinozeros« trägt den schönen sinnigen Spruch: - - »Renocerus thv mich nennen, - thvren vnd mavren ich thv trennen.« - -Der »Wolf« oder »Isegrimm« mit einem Schaf im Rachen dargestellt, ruft -drohend den Spruch: - - »Her Eisegrei bin ich genant - ich werf nider Maver und Wandt.« - -Die »Sirene« vom Jahre 1635 trägt den in den ersten beiden Zeilen ganz -neuzeitlich klingenden Spruch: - - »Dem Vaterland zv Schvtz - Dessen Feinden zvm Trvtz - Seind wir Sirenen Nvtz.« - -Eine metallene Feldschlange von 1538, die auf dem Donatsturm stand, -wurde, wie die Beschreibung sagt, geschmückt »mit einem ›~Cupido~‹, der -mit seinem Pfeil auf einen vor sich auf dem Bauch liegenden geflügelten -Knaben nach dem Hintern zielet«, ferner mit einer »nackenden -Weibes-Person, spielt auf einer Violine ›ich bi de fitlerines‹«. Die -Melodie, welche diese fitlerine vom Donatsturme hören ließ, mag oft -nicht angenehm geklungen haben. - -Der »Drache« vom Jahre 1637 droht mit folgendem Spruch: - - »Ich bin auch als der Trachn - Spei Feier und Hagel aus mein Rachn - All mein Feinde toth zu machn.« - -Und der »Drache« von 1573: - - »Der Drach ists Teufels Bursgesel, - Bringt manchen blutig fur die Hell.« - -Der »Bär« von 1607 warnt seine Feinde: - - »Christian der Ander hat befohln - Uns Behrn zu gissen das wir soln - Sein Feind verfolgen mit Gewalt. - Hut dich. Mit Sachsen Fride halt.« - -Der »Staar« vom Jahre 1572 läßt seine Stimme wie folgt vernehmen: - - »Ich heis der Sprenclige Schwarze Staar - Mit dem Ich Red: Der Wirts Gewahr« - -und der »Kauz« vom Jahre 1572 ruft mit derbem Humor: - - »Ich bin genant der kleine Kauz - Hau manchem sehr hart vor die Schnauz.« - -Solche kräftige Sprache gehört wirklich zum groben Geschütz! Ein -artiger Zufall ist es, daß 1914 eine im Gebrauch befindliche -französische Bronzekanone aus dem 17. Jahrhundert erbeutet und -im Lichthofe des Berliner Zeughauses ausgestellt war, in welche -nachträglich die Züge eingearbeitet sind. Sie ist mit schöner -Renaissanceform und Zierrat geschmückt und führt den Namen: -»~L’Hirondelle~«, »Die Schwalbe«! Ihr Spruch lautet: - - »~Ultima ratio regis.~« - -Es zeigt sich im Gegensatz zu den vorigen Kanonen darin der Unterschied -des deutschen und französischen Geistes: Der Deutsche bringt Spruch, -Namen und Sinnbild und den Zweck des Geschützes in einen inneren -geistigen Zusammenhang und zu kräftigem Ausdruck, er sucht in jedem -Ding den tiefen inneren Sinn. Der welsche Geist ist mit dem schönen -Namen und der Form zufrieden, der sinnige Zusammenhang ist ihm -gleichgültig. Daß »Die Schwalbe« des alten französischen Königs der -Bote für die Grüße der uns feindlichen Republik war und als ~ultima -ratio regis~ von den Feldgrauen des deutschen Kaisers eingefangen -wurde, das war ein besonders sinniges Spiel des Schicksals. - -Diesen echt deutschen Zusammenhang zwischen Namen, Spruch, Bild und -innerer Bedeutung kann man auch an den deutschen Wappensprüchen -kennenlernen. Auch hier hatten die alten Freiberger Bürgergeschlechter -ihre eigenartige Prägung gefunden. - -So zeigt das Wappen des alten Bürgermeisters Lorenz Fleischer, † 1584, -einen Mann mit Fleischerbeil und mit gewissem Bürgerstolz den Spruch: - - »Es sind nicht alle Fleischhacker, - Die das Fleischbeil tragen so wacker. - Es steckt offt was darhinter mehr - Jedoch haben Handwerge auch ihr Ehr.« - -Seine Gattin war eine Tochter des alten Geschlechtes der Alnpeck, das -einen Adlerkopf auf schwarzem Grund im Wappen führte mit dem Spruch: - - »Hoho, du werther Geyers-halß - Frisch dran und thu ja fressen allß - Was falsch und übermutigk ist, - Bestreidt meine Feind zu aller Frist.« - -Das Wappen des wackeren Bürgers Lorentz Beyer führt einen Turm im roten -Feld und den Spruch: - - »Wer Gott dem Herrn vertrauet fest, - Thut besser, alß der sich verleßt - Auf Thurm, oder ander gewaldt - So oftmals betreugt mannigfalt.« - - Darunter: »~Nomen domini turris fortissima.~« - »Der Name des Herrn ist der stärkste Turm.« - -Klingt dieser Wappenspruch nicht wie Luthers machtvolles »Eine feste -Burg ist unser Gott!«, das im Felde und daheim so oft seine alte, -eherne und Erz in Blut und Herzen strömende Kraft bewiesen hat?! - -Wie die wahren überwindenden Kräfte nicht in äußeren, materiellen -Dingen liegen, sondern im tiefsten Urgrund der Seele wurzeln und von -dort wirken und wachsen und Werte schaffen, das sagen uns noch andere -Sprüche. - -An der alten Ochsenbastion in Görlitz, welche unmittelbar an der Neiße -liegt, als ein wuchtiger, malerischer Rest der alten Befestigung, steht -ein lateinisches Wort aus dem Jahre 1530: »~Civitatem melius tutatur -amor civium quae alta propugnacula~«. »Eine Stadt schützt besser die -Liebe der Bürger als hohe Bollwerke.« - -Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne wird das Stadtbild -unter einen ähnlichen Gedanken gestellt: »~Urbis salus est civium -concordia~«. »Das Heil der Stadt ist die Eintracht der Bürger«. Es wird -damit hingewiesen auf die ruhmvolle Verteidigung gegen die Schweden, -wo sich die Wahrheit dieses Satzes so herrlich erwies. Und doch wieder -klingt mit ernstem Glockenton dazwischen die Warnung vor zu stolzem -Selbstvertrauen: An der Stundenglocke im Dachreiter des Domes zu -Freiberg steht im Erz der Spruch von 1540: »~Nisi dominus custodierit -civitatem, frustra vigilat qui custodierit eam.~« »Wenn der Herr nicht -die Stadt behütet, so wachen ihre Wächter umsonst.« Vaterlandsliebe -und Gottvertrauen werden in diesen Sprüchen als starke Wehr und Waffen -gepriesen. Sie sagen uns das, was Fichte in schwerer Zeit seiner -deutschen Nation zugerufen und was auch heute noch gilt: »Nicht die -Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des -Gemüts ist es, welche Siege erkämpft.« Wir sind zwar waffenlos, aber -nicht wehrlos, nicht ehrlos, nicht sieglos, wenn diese Gemütskräfte -unser Volk zusammenschließen zur Einheit und Tat. - -Auch unseren Tagen, unserem Volksleben, unserer Kunst täte es not, nach -dem Beispiel unserer Väter in kraftvollem Wort, Sinnbild oder Spruch an -Haus und Gerät die Erinnerung an Männer und Taten und große Ereignisse -zu pflegen und den Geist und das Herz zu stählen, wie es einst die -Männer des Reformationszeitalters taten, denen die Buchstaben ~V. D. M. -I. AE.~ am Tore des Hauses ein Bekenntnis und ein Schwur, ein Halt und -eine Tat war und bedeutete. In kernigem, gehaltreichem Sinnspruch oder -tiefdeutigem Segenswunsch, mitten im flutenden, wirbelnden Strom des -Lebens und der Arbeit, je nach Ort und Art und Zweck in künstlerischer -Form soll diese alte schöne deutsche Sitte mehr und mehr lebendig -werden und wirken. - -Das alte ehrwürdige Rathaus, das so viel Freud und Leid gesehen, so -viel Sturm und Drang erlebt hat, in dem so viel starke, tapfere, treue -Herzen geschlagen haben, trägt mancherlei Sprüche, die auf seine -Bestimmung hinweisen und den, der eines Amtes dort zu walten hat, -mahnen und lehren und die besten Kräfte des Gemütes wecken wollen. Von -dem neuen Eingang an der Burgstraße klingt jedem Vorübergehenden, jedem -Eintretenden das Wort entgegen: - - »Du bist ein Nichts im Ganzen, - wenn du ihm nicht dienst!« - -Ein Führer im Wirtschaftsleben hat dieses Wort für falsch erklärt, weil -der Zeitgeist jetzt umgekehrt sage: »Das Ganze ist mir ein Nichts, Wenn -es mir nicht dient!« Ehe dieser Geist nicht überwunden ist und der -echte Spruch nicht wahre Geltung gewinnt, kann nichts Ganzes sich bei -uns gestalten. Hat der Mann Recht? -- - -Diese ernste Mahnung, die unsrer Zeit so besonders not tut, tönt auch -vom neuen Torbogen am alten Donatsturm ins Straßenleben hinein mit den -Worten: - - »Gemeinwohl geht über dein Wohl!« - -und mit dem anderen Spruche: - - »Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!« - -Im Rathause selbst ist im Ratszimmer eine alte quadratische Tafel von -30 ~cm~ Seitenlänge mit vergoldetem Barockrahmen und Stadtwappen -geziert erhalten, welche aus der alten Gerichtsstube stammt und in -schöner Reliefschrift in lateinischen Großbuchstaben sich mahnend an -die Ratsherrn, die ja zugleich Richter waren, wendet: - - ~Quiquis senator officii causa curiam ingrederis, ante hoc - ostium privatos affectus omnes abiicito: Iram, vim, odium, - amicitiam, adulationem, reipublicae personam et curam - subiicito. Nam ut aliis aequus aut iniquus fueris, itaquoque - iudicium dei expectabis et sustinebis.~ - -Der Chronist Andreas Möller nennt diese Tafel bereits in seinem -~Theatrum Freibergense~ von 1653 und übersetzt die auch im Rathaus zu -Regensburg befindliche Inschrift: - - »Ein jeder, der als ein Raths Herr Amptwegen auffs Rath Hauß - gehet, lege für dieser Thür ab alte ~Privat Affecten~, als da - sind der Zorn, Gewalt, Haß, Freundschafft, Schmeuchlerey ~etc.~ - und unterwerffe seine Person und Sorge dem Gemeinen besten. - Denn wie er gegen andere der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit - sich befleissigen wird, also hat er auch das Gericht Gottes zu - gewarten und außzustehen.« - -Dieselbe Mahnung zur Gerechtigkeit finden wir auch auf einer anderen -Tafel, welche über dem Eingang zum Ratszimmer hängt und mit goldener -Schrift auf schwarzem Grunde die schönen Renaissanceformen ihrer -Ursprungszeit 1582 zeigt: - - Gleich und Recht theil mit menniglich - Und nicht nach Gunst das Urtheil bieg. - Den Armen hör, sein notturft betracht - So wirst du von Gott und der Welt geacht. - Denn wo du helst unrecht Gericht - Wirds dir Gott widerumb schenken nicht. - 1582 Peter Zorn. - -Die älteste Inschrift im Rathause jedoch ist der Spruch über der -gotischen Spitzbogentür, welche in den jetzigen Stadtverordnetensaal, -die frühere Rats- und Gerichtsstube, führt. In diesem Raum wurde dem -mächtigen Kunz von Kaufungen das Todesurteil im Juli 1445 gesprochen. -Die Inschrift mag aus dem Jahre 1416 stammen, als die Ratssitzungen in -diesem neuentstandenen Raume aufgenommen wurden, und lautet: - -»Auch sol eyn ytzlicher zcüchtigen seynn wort, der hyrinne zcu schicken -hat.« Es fehlt der erste Teil des Spruches, den Möller überliefert mit -dem bekannten Satze: - - Halb ist eynes manes Rede - Darumb soll man hören beede. - -Das sind goldene Worte für alle Stätten und Stellen, wo man zu rechten, -zu raten und zu taten hat: Sein Wort züchtigen, d. h. in Zucht zu -halten, ist eine passende Mahnung auch für die jetzige Bestimmung des -Saales, für die Stadtverordnetensitzungen. - -An Sprüchen und Schildereien hatten die alten Freiberger viel Freude, -und manches Sprüchlein auch im Rathause ist längst dahingeschwunden. -So stand mit feinem Humor über einem Schreiberstüblein, in dem auch -»etliche besondere Acta ordentlichen verwahret« wurden, der Satz: -»~Nunquam recte regetur Respublica nisi ordine regatur.~« Niemals wird -ein Staat richtig regiert werden, wenn er nicht durch Ordnung regiert -wird. Wie mögen die in der Kopistenstube regierenden Schreiberlein da -Ordnung in ihrem Aktenstaate gehalten haben! -- - -Der obere Rathaussaal war im Mittelalter zugleich die Rüstkammer, in -der die Armbrüste, lederne Schilde und andere Waffen hingen. - -Es waren dies die Waffen gegen äußere Feinde, welche stets zur Hand und -gebrauchsfertig sein mußten. - -Im unteren Rathausflur hingen die Waffen gegen einen anderen grimmigen -Feind, der öfter die Stadt zerstörte und vielen einzelnen Bürgern -schweren Schaden zufügte, das Feuer. Zu Hunderten hingen Feuereimer aus -Leder an der schweren Balkendecke, viele mit Zeichen und Malereien oder -Verschen geschmückt. Aus dem Spittel wird uns solch Feuereimerverslein -überliefert: - - »Im Fall der Noth, da Gott vor sei, - muß jeder haben ihrer zwei - oder einen rechten großen.« - -Daß auch in neuerer Zeit die Freude an Spruch und Reim nicht ganz -erstorben ist und hie und da auch heute noch am Haus oder Tür ihren -Ausdruck findet, ist nur zu begrüßen. Wer mag sich nicht freuen über -die sinnigen, fein empfundenen Verse, die über einer Gartenpforte -stehen, die man als Inschrift über jede Kleingartenanlage setzen könnte: - - »Mein Garten dünkt mich kindisch klein, - Schau ich nur von ohngefähr hinein; - Doch fang ich an, ihn umzugraben, - Mein’ ich ein Königreich zu haben.« - -Von der Türe zum stillen Reiche derer, die müde geworden von der -Arbeit des Lebens, Feierabend machen durften, vom Haupteingange des -Johannishospitals grüßt das Wort der Jünger von Emmaus: - - »Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden.« - -und von der Tür des Siechenhauses, vom Bartholomäushospital tröstet den -matten Erdenpilger, der hier seine letzte Zuflucht und Pflege sucht, -der Spruch: - - »Ich will euch tragen bis ins Alter, bis daß ihr grau werdet.« - -Das Gedächtnis des Weltkrieges aus einer Zeit, da die deutsche Kraft -innen und außen, die deutschen Waffen noch unüberwindlich schienen, -bewahrt der Neubau der alten Kreuzmühle. - -Nicht lange vor dem Kriege ging der alte malerische, von wildem Wein -dicht umsponnene Bau mit dem mächtigen Mansardendach in Flammen auf und -wurde 1914 bis 1915 in verwandter Form dem neuen Wohnzwecke angepaßt, -nach meinen Plänen wieder aufgebaut. Eine Schrifttafel über der Haustür -und ein wuchtiges Schwert mit Lorbeer und den Jahreszahlen 1914--1915 -als Sinnbild neben der Haustür geben der Stimmung der Zeit Ausdruck -und sind damit ein Hauszeichen und Zeitdenkmal von besonderem Werte -und Eigenart geworden, das sicher unseren Enkeln und Urenkeln viel zu -sagen hat und besonders ehrwürdig sein wird. Der Hausspruch, in schönen -deutschen Buchstaben in Marmor gehauen, lautet: - - »Das alte Haus in Flammen stand - Kurz vor dem großen Weltenbrand, - Da deutsche Art und deutsches Schwert - In Not und Tod sich neu bewährt. - Das neue ward im Krieg geschaffen, - Gott segne Dach und Volk und Waffen!« - -Sinnend schauen wir zur grünumrankten Tafel hinauf und auf das -lorbeergeschmückte Schwert und denken daran, wie es war, wie es wurde -und was noch werden mag. Auch unser alter Reichsbau ging in Flammen -auf. Das neue Dach, das neue Haus ward im Krieg geschaffen und wird -von Stürmen umtobt, von Feinden bedroht: »Gott segne Dach und Volk und -Waffen!« Ja, auch die Waffen! -- -- - -Worin soll die Spruchweisheit unsrer Tage bestehen? Nicht in lockerem -Scherz und leichten Reimen! Ausdruck der Zeit ist not. Heute liegt -uns vor allem die Not des Vaterlandes, die Not der Heimat, das -deutsche Leid am Herzen, das auch unser eigen Leid und Not ist. Wir -spüren den inneren Zwang, in unserer eigenen Seele und in der Seele -unseres Volkes und aller einzelnen Volksgenossen neue lautere Ströme -der Kraft zu gewinnen, um rein und stark, fest und unüberwindlich -zu werden im schweren Druck, in aller Kampfesnot des täglichen -Lebens, in aller Sorge und Friedlosigkeit innen und außen. »Not brach -Eisen, Eisen breche Not« steht auf dem Gefallenengedächtnismal des -Jäger-Bataillons 12 und Infanterie-Regiments 182 in Freiberg. Eisen, -nicht Gold braucht unser Volk, um seine Not zu überwinden. Gold macht -schwach, Eisen macht stark, macht stark die Seele und den Willen, Gold -bringt Not, Eisen bricht Not! Gold macht gemein, Eisen macht rein! - -Der alte deutsche Trotz, wie er durch unsere alten und neuen -Heldenlieder klingt, der auf sich selber steht auch gegen die ganze -feindliche Welt, und doch ein Kind ist, wo ihm Treue und Gerechtigkeit -begegnen, muß vor allem sich wiederfinden und wiederklingen. Solche -Spruchweisheit sollte keimen und wachsen wie Samenkörner, die der -Wind ausstreut, daß das öde, verwüstete Land wieder grün wird, die -zertretenen Fluren der deutschen Seele wieder hoffnungsvoll aufblühen. - -Manches köstliche Wort ist in der Dichtkunst früherer Zeiten und -unserer Tage aus der Tiefe der Heimatliebe wie schimmerndes Edelmetall -zum Lichte gebracht worden. Diese Schätze müssen dem täglichen Leben -nahegebracht werden und hineinstrahlen in den Alltag, der heute so -dunkel und schwer geworden ist, damit sie wirken können zur neuen -inneren Erhebung als Ausdruck deutschen Wollens und Sollens, Wissens -und Müssens. - -Jedes stolze, trotzige deutsche Manneswort aus tiefer heißer Seele, das -wie Schwertschlag durch die Seele geht, wie mit eiserner Pflugschar -tiefe Gründe aufreißt und den Geist seiner Zeit offenbart, mag es auch -vor Jahrhunderten einem starken deutschen Herzen entsprungen sein, ist -geeignet zur Wiedergeburt im deutschen Sinne zu wirken und uns zu Kraft -und deutschem Stolz zu wecken und zu erziehen und heute wie in späteren -Tagen Zeuge und Mahner zu sein zu deutscher Art und deutschem Geist -und Wesen und deutscher Tat. Wie unsere Väter ihr Wesen und ihr Wollen -in Haussprüchen und Denkversen zeigten, so gilt es für uns in und nach -dem Kampfe für die Heimat Heimatkultur und planmäßige Erziehung zum -Deutschtum zu treiben mit allen Mitteln und Formen, um unseres Volkes -beste Art zu stärken und zu stählen, sein tiefstes Wesen in Treue zu -klären, zu erklären und in Schönheit zu verklären. - -Wo deutsch die Steine reden und deutsche Art uns künden, muß deutsches -Wesen und deutscher Geist wie Felsen fest im Heimatgrunde stehen und -stark allen Stürmen und Wettern trotzen! Aus heiliger Saat steigt die -kommende, die stahlblanke Zeit: - - Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen! - - - - -Im Freiberger Dom. - - -Bist du schon einmal im Freiberger Dom gewesen und hat deine Seele -Zwiesprache gehalten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein -gebannt sind? Hat einmal dein Herz es erlauscht, und ist es dir tief -in dein Inneres gedrungen, daß hier nicht ein totes, steinernes -Gefüge seine Blöcke zu Säulen und Wänden türmt und seine Gewölbe -in kunstvollen Rippen und Kappen schließt, sondern daß das Ganze -ein beseeltes Wesen ist, welches gewachsen ist, sich entwickelt zu -einem höheren Dasein und lebt? In welchem Gedanken wirken und weben, -schwingen und klingen, die aus dem tiefsten Innern des Volkes geboren, -sich emporgerungen haben als Ausdruck der Sehnsucht und des Sinnens, -wägender Weisheit, wähnenden Wollens und Waltens, ahnenden Schauens -der Volksseele selbst? Komm mit mir und lausche, was die alten Wände -raunen: Heimat, Heimat wird dich segnen und reich machen, erheben über -die Zerrissenheit, Leere und Armut dieser Zeit, wird dich lohnen mit -dem heiligen Gefühl des Heimatstolzes, daß was aus echt deutscher Seele -geboren ist, unsterblich, unzerstörbar, ewig ist, weil es Keime immer -neuen Werdens trägt, Keime der Auferstehung und des Emporringens aus -der Tiefe zum Licht, zu heiliger Frucht, die wieder Samen streut auf -Hoffnung und auf Erfüllung verheißende Zukunft! - -Wir wollen heute nicht vor der goldenen Pforte, diesem Wunderwerke der -Kunst aus der ersten Blütezeit der Stadt verweilen, sondern uns still -an die Stufen des Altars setzen und schauen und hören, was an Stimmen -und Stimmungen in uns und um uns laut und leise klingend wird, was aus -fernen Tagen und Taten lebendig wird und Gestalt gewinnt. -- - -Leise singt die Orgel, sanft mit weichen Stimmen als streichele dir -liebe Kinderhand die Sorgenstirne und nähme dir alles, was dich -niederzieht, von der Seele und trüge dich weg von allem, was da -draußen so grau und zwieträchtig dein Herz bedrängte. Dann braust sie -gewaltiger empor mit mächtigem Klange jubelnd und jauchzend. Der ganze -Raum wird ein himmelstürmender Jubel von eherner Wucht und unendlicher -Reinheit und Schönheit, in dem deine Seele ergriffen und emporgerissen -wird über Zeit und Ort als hätte sie Flügel, im Sturme zu eilen, zu -schweben über Welten und Zeiten in strahlender Klarheit sieghaften -Lichtes, Klarblick zu gewinnen über Weltweiten und Wesen der Dinge. -Die schlanken Säulen scheinen zu beben als wollten sie sich lösen und -emporwachsen und aufblühen zu höherer Schönheit. Die Kappen der reichen -Gewölbe mit ihren Rippen, die wie die Maschen eines kunstvollen Netzes -sich verschlingen, erzittern, als wollten sie zum Leben erwachen wie -ein singender, klingender Vogel, der seine Fittiche spannt der Sonne -entgegen. - -Und auf den Wogen der Töne, die dahin quellen und schwellen, in -wallender Flut sich drängen, überstürzen, eilen, sich suchen und -fliehen und dann voll und breit dahinströmen, da kommen herbei die -Gestalten, welche im Laufe der Jahrhunderte ihre Not und ihr Leid, ihre -Freude und Hoffnung, ihre Sorgen und Pläne, ihre Schmerzen und ihr -Lieben an diesen heiligen Ort getragen. Unendlich unübersehbar ist die -Schar. Ihrer aller Seele Sehnen suchte einst an dieser Stätte Frieden -und Erfüllung und hat ihr eine unsichtbare Weihe gegeben, die Weihe, -welche nur das höchste Denken und tiefste Fühlen inniger Gemeinschaft -vor tiefsten Rätselfragen suchender Seelen zahlloser Geschlechter geben -kann. - - * * * * * - -Was kommt dort für eine Büßerschar? Mit nackten Füßen paarweise mit -zerrissenen Gewändern, die den nackten Körper nur wenig verhüllen, -einen offenen roten spanischen Mantel mit Kreuzen an Hüten und -Kleidern vorn und hinten tragend? Geißler sind es, auf der Wallfahrt -zur schönen Marie von Freiberg, jenem wundertätigen, lebensgroßen -Marienbilde von Wachs, um hier ihrer Sünden und ihrer Schmerzen -ledig zu werden. Schaurig klingen ihre Bußgesänge, die sie singen, -um die Pest zu bannen, und klatschend fallen auf den nackten Körper -die Geißelhiebe, unter denen aus blutigen Striemen die roten Tropfen -spritzen. Doch wende ab den Blick vom traurigen Zuge. Dort schreiten -gar würdige Gestalten einher. Die Männer der Freiberger Treue, an ihrer -Spitze der Bürgermeister Nikolaus Weller von Molsdorf und neben ihm -Nikolaus Monhaupt und die Ratsherren, welche anno 1446 im sächsischen -Bruderkrieg einst auf offenem Markte im Sterbehemd lieber ihr Haupt -dem Richtschwerte boten als den Schwur der Treue ihrem Herrn brachen: -»Wir sind dessen entschlossen, daß wir lieber, wenn es je anders nicht -sein könnte, den Tod erwählen und sterben, denn unsere Treu und Seelen -also hintan setzen wollen.« »Ehe ich soll meinen gnädigen Fürsten -und Herrn, deme ich gehuldet und geschworen, verraten, lieber soll -und will ich mir jetzund alsbald meinen alten grauen Kopf abhauen -lassen«, so klangen fest ihre Worte dem grimmigen Feinde ins trotzige -Gesicht und überwanden ihn durch die adlige Kraft unbeugsamer Treue. -»Nicht Kopf weg, Alter, nicht Kopf weg, wir bedürfen solcher ehrlichen -Leute ferner, die ihr Eid und Pflicht also beherzigen«, war die -Antwort des feindlichen, ritterlich denkenden Fürsten und dazu die -Versicherung, nichts gegen Eid und Gewissen zu verlangen. So wahrten -sie durch todesmutige Treue ihre Ehre und die Wohlfahrt der Stadt. -Weller von Molsdorf, ihr Führer und Sprecher, war der Erbauer des -Rathausturmes, den er der Stadt zum Geschenk machte, und sein Wappen, -zwei Schwanenhälse, die einen Ring im Schnabel tragen, ziert in Stein -gehauen noch heute die wundervolle gotische Lorenzkapelle im Turme mit -ihrem schönen, reichen Portale. Wer hatte wohl mehr Recht als er in -seinem Wappen das Symbol der Treue, den Ring, zu führen und das Wappen -an heiliger Stelle anzubringen? - -Nikolaus Monhaupt dort neben ihm war ein treuer und eifriger Sohn -der Kirche. In seinem Hause auf der Petersstraße ließ er sich eine -Kapelle bauen und vom Papste besonders begnaden. Herrliche gotische -Sterngewölbe auf Rundpfeilern überdecken den Raum, in welchem er seine -Gottesdienste hielt, diesen Raum, der später der kleinen Schar der -Anhänger des Wittenberger Bruder Martinus als Zuflucht und Ort der -Gemeinschaft in schwerer Zeit diente. Hier ward von ihnen das heilige -Abendmahl in beiderlei Gestalt nach Luthers Lehre zum ersten Male -begangen und die Herzogin Katharina, die Gemahlin Herzog Heinrichs des -Frommen, die treue Bekennerin, mag heimlich zu dieser Feier in der -Gemeinschaft ihrer Glaubensfreunde geschlüpft sein und neue Kraft und -Erhebung gesucht haben. Noch heute erinnert die steinerne Tafel am -Hause an diesen Tag. Schon vor dem Bau dieser Kapelle hatte Monhaupt -seine Frömmigkeit bewiesen durch die Stiftung einer steinernen, farbig -bemalten Figur der Gottesmutter mit dem Kinde, die heute noch in der -Annenkapelle am Dom mit ihrer milden Schönheit herniederschaut. Ein -Englein trägt die mit seinem Wappen geschmückte Konsole, auf der so -ruhevoll die Gestalt der Maria steht. Vierzig Tage Ablaß waren dem -verheißen, der vor ihr ein Vaterunser und einige ~Ave Maria~ gebetet. -Wieviele Tausende mögen vor ihr gekniet haben! In welche trüben -Fluten von Leid und Not, von Sorge und Sünde, von Schmerzen, Tränen, -Wünschen und Hoffnungen mögen ihre milden Augen geschaut haben. Wie -Wallfahrtslieder klingt es uns, wie Weinen und Schluchzen zerbrochener -Seelen, dann wie Jubeln und Jauchzen erfüllten Sehnens, befreiter -Herzen. - -Vorüber ihr Gestalten, die ihr dort drängt, ihr Fürsten und Reichen, -ihr Stolzen und Frohen! Das Leid heiligt eine Stätte mehr als die -Freude. Der Strom der Leidgeprüften ist breiter, ist tiefer als der Zug -der Freude. Ein Weinen ging durch diese Kirche als Nikolaus Hausmann, -der in ruhiger Würde dort schreitet und zur Tulpenkanzel hinüberschaut, -während der Predigt vom Schlage getroffen auf dieser seiner Kanzel -niedersank. Dieser Schlag traf auch das Herz der jungen Luthergemeinde -mit schmerzlicher Gewalt. Die Gemeinde war durch den Eigenwillen und -Übereifer des früheren Pfarrers Schenk in Angst, Not und Zwietracht -versetzt worden, so daß das reine evangelische Feuer, welches hell -aufgelodert war, zu erlöschen drohte. Da sandte Luther selbst seinen -lieben Freund, den Superintendenten Nikolaus Hausmann, um Abhilfe -zu schaffen und selbst das Amt zu übernehmen, und nun? wo waren alle -Hoffnungen? - -Luther schloß sich in sein Zimmer ein bei der Todesnachricht und weinte -bitterlich um ihn: »~Quod nos docemus, ille vivit~« hatte er rühmend -einst von ihm gesagt: »Was wir lehren, lebt er.« Ist dieses Lutherwort -nicht die herrlichste Grabpredigt, die einem treuen Seelsorger -nachgerufen werden kann? Seit Hausmanns raschem Tode, am 1. September -1538 ist die Kanzel, auf der er hinsank, nicht wieder zur Predigt -betreten worden. Die »Teufelskanzel« wurde sie vom Volke genannt. - -Dort steht sie in ihrer bizarren Schönheit mit der sprühenden -Lebendigkeit und sprudelnden Phantasie ihrer Formen und dem krausen -Spiele aller Linien. Als wäre ein gewaltiger Blumenkelch emporgeblüht -aus weißem, steinernen, felsigen Grunde. Aus der Wurzelrosette schießt -der mittlere, palmenartige Schaft empor, der die seltsame Wunderblume -auf einem Blätterkelche und Kranze von Weintrauben trägt. Lange -Blütenstengel wachsen aus dem Blätterkranze am Grunde empor und sind -mit Seilen zweimal an den Pflanzenschaft gebunden. Ihre Spitzen tragen -große Knospen, deren Kelchblätter sich untereinander verschlingen. -Schau, wie zwischen den Blütenstengeln auf Nebenblättern rings um den -Schaft vier Englein sich tummeln und die Flüglein heben, als wollten -sie sich haschen, im frohen Spiel rundherum springend im Kreise -mit kindlichem Jubel. Der Blumenkelch oben ist von freibewegten, -distelblattartigen Ranken umsponnen, wie von blühendem Steinfiligran -in reichstem, zierlichen Linienspiel. Hier hat der Meister den starren -Stein bezwungen mit seinem Meißel, die Ranken frei vom Untergrunde -gelöst, als wären sie biegsames Edelmetall, das unter dem Hammer sich -schmiegt und windet, wie der Goldschmied es will, und zu höchster -Feinheit und Zierlichkeit in wundersamen Formen und Linien sich -bildet. Die vier Kirchenväter schauen ernst aus dem Geranke hervor, -Bischof Augustinus, Papst Gregorius, Erzbischof Ambrosius und der als -Kardinal dargestellte Hieronymus. Es sind die Helden des Glaubens, -der Verkündigung des Wortes und des Bekenntnisses aus den Sturm- -und Kampfzeiten der jungen christlichen Kirche. Edle charaktervolle -Männerköpfe sind es, voll individuellen Lebens und persönlichen -Ausdrucks. Sind es hier die Bildnisse edler Männer Alt-Freibergs aus -jener Zeit? Fast will es uns scheinen! Geist und Wille und persönliche -Bedeutung lebt in ihren Zügen und jeder einzelne ist ein selbständiges -Werk ausgereifter frei schaffender Bildhauerkunst, fern von den -Gebundenheiten und Starrheiten der späten gotischen Kunst, voller -Eigenart und selbständigen Schöpferdranges einer aus deutschem Urgrunde -heraufblühenden neuen Kunst. - -Wer war der Meister? Zwei rätselhafte Buchstaben ~H. W.~ an seinem -Werke verbergen seinen Namen. Es sprechen für ihn seine Werke in -ihrer herben Kunst und gehaltvollen Schönheit. Dort sitzt der große -namenlose Meister ~H. W.~ selbst in Stein gehauen, im schlichten -Arbeitskittel bescheiden am Fuße der Kanzel neben der untersten -Treppenstufe. Andächtig lauscht er empor zu den Worten der Schrift von -der Kanzel. Ganz deutsch ist sein ehrliches Gesicht mit dem kurzen -Vollbart, sprechend die Bewegung des Mundes, der Hände und des ganzen -Körpers, so daß man es spürt, wie ihn so ganz das Wort mit Andacht -erfüllt und in ihm lebendig ist. Neben ihm spielen die Engel zu seiner -Rechten, sie sind das frohe, jauchzende Leben und zu seiner Linken -schreiten grimmige Löwen mit offenem Rachen um den Fuß der Kanzel. -Sind sie die Versuchung, dunkle Leidenschaften oder die Sünde, »der -Teufel«, der umhergeht wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er -verschlinge? Stellt der Meister gar sich selbst nur als ein Sinnbild -der andächtig lauschenden Gemeinde dar, welche unter der Kanzel alles, -was aus der Andacht reißt und vom Gotteswort abzieht, draußen lassen -und Gott allein dienend vergessen soll? -- Die alten deutschen Künstler -haben in ihren Werken die Sprache tiefer Symbolik ohne abgebrauchte -symbolistische Zeichen besonders geliebt und ihre Zeit verstand die -innigen Zusammenhänge dieser geheimnisvollen Sprache mit dem Leben und -Wollen ihrer Tage. Das ganze Rechtsleben und kirchliche Leben war ja -von Symbolen und sinnbildlichen Handlungen erfüllt, die jedem geläufig -waren. Was uns zunächst vielleicht als ein willkürliches Spiel bizarrer -Phantasie ohne inneren Zusammenhang erscheint, als Künstlerlaune oder -Einfall ohne tiefere Bedeutung, das gewinnt in diesem Lichte vielleicht -wunderbare Geschlossenheit und ist Ausdruck tiefster Gedanken, welche -in jener Zeit lebten und von jedem verstanden wurden. -- Das Hündchen -des Meisters sitzt auf der als Baumstamm gebildeten Säule, um welche -die Kanzeltreppe sich windet. Es war sicher der Liebling des Meisters, -sein ständiger Begleiter und sollte auch hier bei ihm sein, und ist in -köstlicher Naturwahrheit dargestellt. Bei der Arbeit ist es vielleicht -einmal auf die Spille gesprungen. Der Meister hielt dies Bild fest und -nun sitzt das Hündchen als das Sinnbild der Treue, als Wächter erhöht -und schaut keck in die Welt. Nichts entgeht seiner Wachsamkeit und er -wird eifrig melden jeden, der naht. Will er nicht auch der Gemeinde -etwas sagen? »Seid wachsam, denn dunkle Gewalten und Leidenschaften -bedrohen ständig den Aufstieg zur Höhe?« Dieser Aufstieg ist hier durch -die Kanzeltreppe dargestellt, deren Stufen auf starken Baumstämmen und -Ästen ruhn. Ächzend unter der Last trägt sie eine Jünglingsgestalt -auf ihrem Rücken, die rittlings auf einem Baumstumpf hockt. Er trägt -schwer unter dem Joch der selbst auferlegten Last. Ist er ein Sinnbild -der Menschenseele, die oft unter selbstgeschaffener Last oder schwerem -Schicksal seufzt, während dies Schicksal doch nur einen Weg, Stufen zur -Höhe bedeutet? Man glaubt das Stöhnen aus des Jünglings tiefster Brust -zu hören, so schmerzlich verzogen ist sein Mund. Die ganze Gestalt ist -so naturwahr und lebendig in Ausdruck und Bewegung geschaffen, ist so -aus dem Leben unmittelbar gegriffen und dem Leben mit starker Kraft und -Sicherheit nachgebildet, daß man nicht glaubt, ein Werk der sterbenden -Spätgotik vor sich zu haben, sondern es fühlt, daß hier eine neue Kunst -geboren ist, die Kunst einer deutschen Ur- oder Vorrenaissance aus -deutschem Grunde, deutschem Fühlen voll eigenwüchsiger Selbständigkeit -ohne südländisch italienische Muster. Ganz deutsch ist ja das ganze -Werk, Wesen und innerer Gehalt der Kanzel mit ihrem Beiwerk, in dem -der Künstler soviel erzählt und von seinem Denken und Fühlen, von der -Traumwelt seiner Seele hineinlegt. Nur eines Deutschen, eines großen -Künstlers suchende schöpferische Seele kann soviel geben und über die -formale Schönheit hinaus die tiefe innige Welt seiner Seelengedanken -in seinem Werke offenbaren, den eigentlichen geistigen Inhalt über -Stoff und Form hinauszuheben. Nur ein Deutscher kann das Leben dieser -Seele im Werke recht verstehen und würdigen. Die deutsche Phantasie hat -diesen »hohen steinernen Predigtstuhl« daher auch mit ihren Sagenranken -umsponnen, wie dort die steinernen Ranken den Blumenkelch der Kanzel. -Die Sage raunt, der sinnende Meister dort habe seinen jungen Gesellen -erstochen, weil dieser einen besseren Entwurf zur Kanzel gefertigt und -das Wunderwerk ausgeführt habe, dessen er nicht fähig gewesen wäre. -So sei der Geselle als Träger des Werkes dargestellt, während der -Meister klagend daneben sitzt und dem Werke des Nebenbuhlers den Rücken -kehrt. -- - -Auf dem schwebenden Kanzeldeckel über dem Predigtstuhl sind die Zeichen -der vier Evangelisten angebracht und über ihnen erhebt sich aus einem -Blattkelch die rührende Gestalt der gekrönten Maria mit dem Jesuskinde. -Das Kind hat eine Weintraube in der Rechten und eine saftige Beere in -der Linken. Es scheint vor Freude darüber zu zappeln, so daß Maria, -die sorgliche Mutter, mit der Hand fest das Füßchen faßt, damit das -Knäblein in seiner jauchzenden Daseins- und Lebensfreude nicht vom Arme -hüpfe. Das Ganze eine rein menschliche, liebliche Szene vom holden -Mutterglück, die auf jedes Gemüt wirken muß, und doch auch hier tiefe -symbolische Bedeutung, die das Werk über das rein Menschliche weit -emporhebt: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben« und »Dieser -Kelch, den ihr trinket, ist mein Blut, für euch vergossen«. Auf -diese Worte deutet die Traube und die Beere in der Kinderhand hin. -Das fröhliche Kind hält in seinen spielenden Händen sein schweres, -gewaltiges Schicksal, seine heilige Aufgabe, das Schicksal der Welt und -jeder einzelnen Seele. Über der Kanzel erhebt und schwebt das liebliche -Werk als Symbol dafür, daß über jeder Predigt als Kern und Leitgedanke -das Evangelium und das Wort von der Erlösungstat stehen soll. »Gehet -hin in alle Welt und predigt das Evangelium« steht in lateinischer -Sprache auf der Unterseite des Kanzeldeckels über dem Haupte des -Predigers schwebend und mahnend. - -Wie bei der goldenen Pforte ein tiefer Reichtum von symbolischen -Gedanken die Fülle der Gestalten miteinander verbindet und der geistige -und künstlerische Gehalt sich in wunderbarem Rhythmus zu ebenbürtiger -Hoheit erhebt, zu einem Lobgesang auf die Jungfrau Maria, so ist -die Tulpenkanzel eine steinerne Predigt, deren tiefer Inhalt in -Verbindung mit der vollendeten Kunst die Herzen ergreifen und erheben -muß. Sie steht mitten im Gotteshause, das als Predigtkirche, als -freiräumige Halle mit steinernen Emporen errichtet ist, und verkörpert -in sich lange vor der Reformation rein evangelische Gedanken, ein -Predigtstuhl des Evangeliums inmitten der lauschenden Gemeinde, wie es -seinesgleichen wohl kaum in deutschen oder fremden Landen gibt oder -geschaffen ward. - -Sinnend lassen wir die Kanzel auf uns wirken, suchen zu enträtseln -und zu begreifen, und im Rauschen der Rhythmen der Orgel ist es -uns, als bekäme sie selbst Zunge zu reden und zu hohen und weiten -Gedanken zu erheben. Sie sah Fürsten und Gewaltige in ihrer Pracht und -Herrlichkeit vorüberziehen, sie sah ihre sterbliche Hülle, ein Nichts, -vorübertragen, Staub zu Staube werden. Die Hoffnung und der Stolz der -evangelischen Christenheit, Kurfürst Moritz, der Löwe der evangelischen -Sache, in der Blüte seiner Jahre von meuchlerischer Kugel hingerafft, -wurde hier vorbei getragen, und düstere Pracht ehrte den toten Helden, -mehr noch ehrten ihn die Tränen seines Volkes. - -Es drängt die Fülle der Gesichte und Gestalten einer vergangenen Zeit -und Welt, ohne deren Sein, Wesen und Wirken wir selbst ein Nichts -wohl wären. Keine Gegenwart ohne Vergangenheit, und doch denkt die -Gegenwart so wenig der Vergangenheit, aus der sie selber stammt, zu -der sie selber wird. Welche Vergangenheit war wohl furchtbarer für -die Stadt, wie für Land und Reich, als die Jahre des Dreißigjährigen -Krieges, als blutiger Tod, Hunger und Pest ihre grausigen Geißeln -über unser unglückliches Vaterland schwangen. Wie kniet in zitternder -Angst und Sorge um das armselige Leben und tägliche Brot hier das Volk -auf den steinernen Platten des Fußbodens, unter denen schon viele -Geschlechter schlummern, sucht Trost und Stärke im heißen Notschrei -der Seele. Wie oft tobte Plünderung, Brand und Mord durch die Gassen, -und Rat und Bürgermeister waren machtlos. Für Freund und Feind war -die Stadt nur ein Ziel der Beutegier. Jonas Schönlebe, dessen Wappen -heute noch sein Stammhaus an der Ecke des Obermarktes und der Erbischen -Straße ziert, war in den schwersten Tagen Bürgermeister der Stadt. -Schweres Schicksal hat er für seine Stadt auf sich genommen und -erduldet: Am 29. November 1632 wurden er, der Superintendent Gensreff -und der Ratskämmerer Lindener als Geiseln über das winterliche, fast -weglose Gebirge durch Eis und Schnee nach Böhmen geschleppt und kehrten -erst am 31. Dezember nach schwerer Drangsal glücklich wieder heim. -In jenen furchtbaren Tagen der Not mag er, vielleicht angeregt durch -seinen geistlichen Leidensgefährten Gensreff, gelobt haben, wenn er -glücklich errettet würde, an Stelle des alten unscheinbaren hölzernen -Predigtstuhles eine neue Kanzel zu stiften, eine Kanzel für Luthers -reine Lehre, nachdem er unter der grausamen Faust der papistischen -Soldateska des Kaisers geseufzt und in Luthers Lehre seinen Trost und -seine Hoffnung gefunden. - -Entsetzliche Jahre der Not und Angst folgten. Unsägliches hat die -Stadt und ihre Umgebung gelitten unter den Besetzungen, Belagerungen, -Durchzügen, Kontributionen und Peinigungen von Freund und Feind. Der -friedliche Bürger wurde heute von Schweden, morgen von Kaiserlichen -oder den Soldaten des eigenen Landesherrn mißhandelt und ausgepreßt. -Handel und Wandel war durch die Unsicherheit unmöglich gemacht. Wer -sich vor die Tore der Stadt wagte, lief Gefahr, ausgeraubt oder -gar ermordet zu werden. Wurden doch bei einem Begräbnis auf dem -Donatsfriedhof dicht vor dem Tor das ganze Trauergefolge ausgeplündert. -Die Zufuhren blieben aus, und weder Getreide noch andere Nahrungsmittel -kamen zu Markte. - -Häuser und Scheunen vor der Mauer wurden geplündert und verbrannt, und -was nicht brennen wollte, ward niedergerissen oder sonst durchlöchert -und verwüstet. Auch innerhalb der Mauer war die Unsicherheit groß -und der ruhige Bürger gar oft der wilden Willkür, Habsucht und Wut -fremden Volkes preisgegeben. Ständig waren Mauern und Türme von den -Bürgern besetzt, und jeder rüstige Mann mußte Waffendienst bei Tage -oder Nacht für seine Stadt leisten. Bald waren die »Blauröcke« Herren -in der Stadt, bald bedrohte Oberst Ulefeld, bald Generalfeldmarschall -Holk, bald »Krabatenoberst« Beygott, bald Oberst Taube, bald General -Arnim die Stadt mit Plünderung und Brandschatzung. Im September 1634 -bedrohten die Schweden unter Banner die Stadt mit Mord und Brand, im -Oktober die Kaiserlichen unter Oberstleutnant Schütze und Schönickel -und verbrannten alle Vorstädte, Freibergsdorf und Johannishospital -und das vor dem Peterstor liegende große Glockengießhaus, »davon -eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, daß die Funken -in und über die Stadt haufenweiße geflohen und die Stadt in höchste -Feuersgefahr geraten«. Viele Jahre kein Tag ohne Angst, Mord und -Brand! Seuchen und Pest wüteten in der Stadt. Im Jahre 1633 z. B. sind -1632 Personen öffentlich bestattet worden außer denen, die heimlich -begraben wurden. Diese furchtbare Zahl wird recht deutlich, wenn -man vergleicht, daß heute bei etwa der doppelten Bevölkerungsziffer -jährlich rund 500 Todesfälle zu verzeichnen sind. Die Zahl der -Todesfälle in jener Zeit beträgt also das Sechsfache bis Achtfache der -normalen Sterblichkeit. - -Welche Bergeslasten von Sorge, Not und Angst für sich, die Seinen -und vor allem für die ihm anvertraute Stadt mögen auf dem Herzen des -tapferen Bürgermeisters Schönlebe gelegen haben! Und doch, das Werk -seiner Kanzel fördert und treibt er »aus besonderer Andacht und zu -Beförderung des Gottesdienstes und Zierde der Kirchen« trotz aller Nöte -und Unruhen, so daß es im Jahre 1638 im Dome am mittelsten Pfeiler -aufgestellt werden konnte. Hans Fritzsche, »der lange Bildenhauer«, -scheint der Meister dieser Kanzel gewesen zu sein. Wie mag in der -Werkstatt des Künstlers in seltener, ruhiger Stunde der tapfere -Bürgermeister dem Werden des Werkes zugeschaut, Anregungen, Vorschläge -und Wünsche gebracht haben, während draußen schon die Sorgen lauerten -und mit knöchernem Finger an die Türe pochten. Ein Friedensdenkmal aus -Freibergs schwerster, furchtbarster Zeit, aus grimmiger Kriegsnot, wo -das Sterbeglöcklein nicht stille stand und täglich der rote Hahn seine -feurigen Flügel schlug, wo blutiger Mord durch die Gassen schlich oder -des Todes eiserne Würfel vor den Mauern rollten, ein Denkmal innigen -Glaubens aus einer Zeit, wo Leidenschaften und Laster regierten, alles -Heilige nur ein Spott war, und das wilde Leben der Begierden die kurze -Spanne der zugemessenen Zeit genießen wollte in Saus und Braus, wo -zwischen Blut und Pest das üppige Leben leidenschaftlichen Genusses -in um so wilderen Strudeln schäumte. Ein stilles Denkmal der Kunst -aus einer Zeit, wo alle Musen schwiegen und in glücklichere Lande -entflohen schienen, wo Zerstörung und Vernichtung alles Schönen, der -Untergang aller Kunst und edleren Kultur unter den eisernen Schritten -des unersättlichen Krieges gewiß schien, wo tausend Kirchen und Altäre, -Schlösser und stolze Häuser mit ihren Kunstschätzen in Staub und Asche -sanken, geplündert und vernichtet wurden, und alle Keime und Blüten -der Kunst und höheren Schaffens und Denkens zertreten und zermalmt -schienen, ein heiliges Werk, emporgeblüht wie eine stille, edle Blume -aus blutgetränktem Boden, eine Blume, an derem Werden und Wachsen sich -in jener wilden Zeit vielleicht alle edlen und feinen Geister, alle -sehnsüchtigen Herzen der Stadt erfreuten und aufrichteten wie an einem -Symbol, daß einmal doch noch Friede und bessere Tage kommen müssen, ein -Werk, das vielleicht heimlich an verborgener Stätte, von der kein Feind -oder Verräter wußte, Gestalt gewann, und gerade dadurch den Treuen und -Starken, den Trägern einer besseren Zukunft, um so teurer und heiliger, -um so bedeutungsvoller und erhebender war. - -Betrachten wir uns das Werk jener wilden blutigen Zeit, so fühlen wir -es heute noch, wie hier die Stürme schwiegen und die Innigkeit des -Glaubens, der Sehnsucht nach einem höheren Frieden seinen Ausdruck -suchte. Vielleicht könnte im Leidenswege des Heilandes, der in den -Feldern der Brüstung der Kanzeltreppe dargestellt ist, etwa ein -Gleichnis, ein heiliger Widerklang der eigenen Leidenszeit, des -schweren Kreuzes, das die treue Gemeinde selbst zu tragen hatte, -angedeutet sein und gefunden werden. An der Kanzelbrüstung selbst -ist der Gekreuzigte in Alabaster angebracht. Links und rechts davor -knien anbetend die Freifiguren des Stifters Jonas Schönlebe und seiner -Gattin Anna geb. Horn aus edlem Marmor gefertigt. Sie wollten selbst -an heiliger Stätte mit betend emporgehobenen Händen verewigt sein. -Sie, die so viel gesorgt, geschaffen und gelitten, wollen ihre Demut -bezeugen, daß mit eigener Kraft nichts getan ist und nur der Glaube -in schwerer Zeit aufrecht erhalten kann und die Kraft zum Durchhalten -bei aller Not gibt. Wie oft mag so dieses Ehepaar gekniet haben in der -Angst und unter der Verantwortungslast für die ihnen anvertrauten Leben -und Güter der alten Stadt während der furchtbaren Tage der Belagerungen -und blutigen Kämpfe, unter feindlicher Faust und giftigen Seuchen. - -Den Kanzeldeckel ziert der aus dem Grabe auferstehende Erlöser. Ein -Bergmann mit Fahrkappe, Kniebügeln und Barte ist einer der Wächter am -Grabe. Dieser oberste Abschluß des Kanzelbaues war dem Stifter und -Künstler wohl ein Sinnbild der Hoffnung und heiligen Glaubens auch -daran, daß es aus der Grabluft, dem Blut und Tod der furchtbaren Zeit -doch eine Auferstehung und Erlösung geben müsse. - -Die Kanzeltreppe wird getragen von einem kauernden Bergknappen mit -starkem Nacken und muskulösen Armen. Er ist ein Sinnbild der breiten -Masse des Volkes der Arbeit, auf dessen Hingabe zur Sache, auf dessen -fester Treue das Wort ruhen und sich stützen soll, in dem es fest -wurzeln muß, wenn es Frucht bringen soll. - -Den Rumpf der Kanzel selbst trägt auch ein Bergmann, ein Steiger, -auf seinem Haupte und stützt sie mit seinen Händen in geschlossener -ruhiger Haltung. Sein Kopf mit langem, lockigem Barte ist fein -geschnitten, geadelt durch geistige Arbeit und mit gedankenreicher -Stirn. Ist es der Künstler selbst, der sich hier dargestellt hat? -- -ein Künstlerkopf könnte es wohl sein -- oder ist diese Gestalt das -Sinnbild der geistigen Macht, des geistigen Erlebens, des Forschens und -Denkens, des geistigen Ringens, aus welchem die Verkündigung des Wortes -hervorwachsen muß, soll sie nicht verflachen, inhaltlos, leer und kalt -werden? Das Bergmannskleid mag sagen, daß du wie ein Bergmann in die -Tiefe schürfen und in die Höhe denken mußt, in unablässiger Arbeit, in -Arbeitssüßigkeit und Arbeitsqual, du und jeder, der edle Erze fördern -und die Tiefe des göttlichen Wortes ausschöpfen, erleben und dem Herzen -nahebringen will. -- - -Welch eine lange Reihe von geistesgewaltigen Predigern und Seelsorgern -hat auf dieser Kanzel gestanden und ist durch die reizvolle, -künstlerisch geschnitzte Renaissancetür geschritten, welche die -Kanzeltreppe abschließt. Der Schwung und die Anmut des Linienspiels -dieser Tür ist wie eine künstlich verschlungene liebliche Melodie, -welche vor der Predigt in hellen Akkorden sich aufwärts schwingt. - -Die Bilder der alten Pfarrherrn und Superintendenten hängen oben auf -der Orgelempore im Vorsaal zum Orgelraum am großen Wendelstein und -schauen aus ihren dunklen Rahmen so ehrwürdig und ernst hernieder. - -Sie, die Redner der Bergmannskanzel, ruhen zum Teil draußen auf dem -»grünen« Friedhof, dessen Baumwipfel durch die Fenster des Domes -schauen und mit Zweigspitzen wie mit zarten Fingern an die runden -bleigefaßten Scheiben pochen. Sind die Wurzeln der Bäume tief im Grunde -durch ihre Herzen gegangen und steigen nun ihre Herzensgedanken sehnend -empor zum Licht und begehren Einlaß in das Heiligtum, welchem sie ihr -Leben geweiht? -- Andere schlummern hier unter den Fliesen im Dom, im -Bereiche ihrer alten Kanzel, der Auferstehung entgegen als Ausklang -und Ziel ihrer Predigt und ihres Lebens, wo die Kanzel selbst mit -steinernem Munde predigt: Aus dunklem Grunde aufwärts auf Leidenswegen -durch Not und bitteren Tod zur Auferstehung, zu einem schöneren Licht. - -Ihre Worte sind verklungen, ihre Gedanken sind verschwunden, die einst -geistesmächtig den Raum füllten und die Gemeinde stille machten. Die -Gedanken und die Stimme eines anderen sind aber geblieben. Wir hören -die Stimme in zarten weihevollen Tönen, in flutender Harmonie und im -Brausen der mächtigen Akkorde, es ist die Orgel, die Stimme Gottfried -Silbermanns, die Jahrhunderte nun schon zu den Herzen spricht, sie -erbaut und ergreift und auch heute uns in geheimnisvolle Zauber -spinnt, uns Vergangenheit und Gegenwart lebendig macht, verbindet -und verschmilzt zu einer wunderbaren Einheit. Dort im alten Hause -am Schloßplatz, das die Tafel mit seinem Namen trägt, hat er vor -200 Jahren seine Meisterwerke geschaffen. 54 Orgeln gingen aus seiner -Werkstatt hervor, eine immer die andere übertreffend, so daß auch -neidische Gegner ihre Bewunderung nicht verhehlen konnten. Er selbst -stellte die höchsten Anforderungen an sich und sein Werk und war ein -so eigensinniger Künstler, daß er im künstlerischen Jähzorn gleich -ganze Instrumente zertrümmerte, wenn sie ihm nicht Genüge leisteten -und seinen Erwartungen nicht entsprachen. Sein größtes und letztes -Werk, mit 2896 klingenden Stimmen, ist die Orgel in der katholischen -Hofkirche in Dresden, die er in besonderem Auftrage August III. schuf. -»So wie diese Orgel gebaut ist, wird keine mehr gebaut«, sagte voller -Begeisterung der Dresdner Orgelkönig Johann Schneider von ihr. - -Unsere Freiberger Domorgel gibt ihr nichts nach mit ihren -2674 klingenden Stimmen, welche allen Jubel und alles Leid des -Menschenherzens singen und tönen können. Im Vertrage erklärt er, -es solle »das Hauptmanual einen gravitätischen Klang bekommen, das -Oberwerk scharf und etwas spitzig, die Brust recht delikat und lieblich -intoniert werden, in Summa das ganze Werk soll also beschaffen sein, -daß es, wenngleich die ganze Gemeinde beisammen ist, dennoch seinen -rechten Effekt zeugen kann und kapabel ist durchzudringen.« Zwei Jahre -arbeitete er mit seinen zehn Gesellen daran, so daß das Werk 1714 -vollendet ist. Mit dem bescheidenen Preis von 1500 Talern ist der -schlichte, redliche »Orgelmacher«, wie er sich nannte, zufrieden. Ihm -war der größte Lohn, daß sein Werk der Gemeinde und der Kunst dient, -wie noch keine Orgel zuvor. Ein Kantor aus Leipzig und ein Hoforganist -aus Altenburg übernehmen die Prüfung der neuen Orgel und kommen -zu dem Schlusse, daß zu solchem Werke nur von Herzen Glückwünsche -auszusprechen seien. - -Ist auch der Klang das Wichtigste, gleichsam die Seele und das Leben -der Orgel, so ist doch auch ihre äußere Form für den Kirchenraum von -größter Bedeutung. Bewundernswert ist es, wie der Meister Silbermann -die Orgel in den Raum hineinpaßt, so daß sie eine künstlerische -Steigerung der Raumwirkung von großer Schönheit bedeutet. Wie sind die -Scharen der mattschimmernden Zinnpfeifen zu gewaltigem Eindruck und -mächtig schwungvollem Abschluß des Kirchenschiffes zusammengefaßt, von -reich bewegter Schnitzerei umschlossen und seitwärts von musizierenden -Engelsgestalten begleitet. Die Wirkung des Kirchenraumes erfährt hier -eine Steigerung, in welcher Musik, Architektur und Plastik zu einem -rauschenden Psalm zusammenklingen, ein Psalm, der erhebt und erbaut -und aus dem Zusammenwirken der Künste einen heiligschönen Gottesdienst -macht. Was für ein herrliches Bild mag die stolze Halle des Domes -gegeben haben, als die Orgel zum ersten Male vor der versammelten -festlichen Gemeinde erbrauste und wie in Engelchören alle ihre -Stimmen und Register jubelten und sangen und wiederum im dröhnenden -Fortissimo die Pfeiler und Wände zu erbeben schienen. Niemals vorher -war ein Orgelwerk von gleicher Tonfülle, Macht und Harmonie geschaffen -worden. Dort saßen alle die stolzen Bürger und Ratsherren, der -Oberberghauptmann mit seinen Beamten in ihren bunten Uniformen und -kleidsamen Trachten der Barockzeit. Das Haupt deckte die gewaltige -Lockenperrücke, welche den Köpfen jener Zeit eine so besondere Würde -und Bedeutung verleiht. Dazu die Reihen der Bergleute in ihren dunklen -Bergkitteln mit blitzenden Barten über die Schulter, die den ernsten -Hintergrund für das buntfarbige Bild abgeben. Noch lebte überall an -Wänden und Pfeilern die Fülle der künstlerischen Bildwerke, mit denen -Jahrhunderte das Innere des Domes geschmückt hatten, durch welche ein -natürliches Kunstempfinden und tiefes religiöses Gefühl den Dom zu -einer Weihestätte vieler Geschlechter, zu einem Heiligtum und Denkmal -Alt-Freiberger Kunst und Pietät gemacht hatte. Einer späteren Zeit -blieb es vorbehalten, viele dieser Kunstdenkmäler in Museen zu schaffen -und dort einzusargen, oder zu zerstören und den Dom in engherzig -beschränkter, nüchterner Auffassung zu stilreiner Gotik zu »reinigen«. -Da stand noch über dem Altar das gewaltige romanische Kunstwerk aus -Freibergs Frühzeit, die in Eichenholz geschnitzte Kreuzigungsgruppe, -der Heiland am Kreuz mit Maria und Johannes zur Seite. Der Heiland -breitet sterbend die Arme aus mit ergreifendem Ausdruck der Milde und -Hingabe an die Menschheit: »Es ist vollbracht.« Maria ist wie eine -edle römische Matrone gestaltet, mit antikem Faltenwurf des Gewandes, -aber mit echt deutschem Gesicht, in dem Schmerz und Hoheit wunderbaren -innigen Ausdruck finden. Es ist eine Frau unseres Blutes und Stammes, -der dort sieben Schwerter des Schmerzes das Herz durchbohren. Sie preßt -die Hand in bitterem Weh mit tiefbeseelter Bewegung an das zuckende -Herz. Johannes steht wie ein römischer Senator, der mit der Linken die -reichen Falten seines Gewandes rafft, die Rechte aber wie beschwörend -oder gelobend erhebt. Das verklärende Licht der Antike scheint noch aus -diesen Werken zu leuchten in unbesieglicher Schönheit, jedoch inniger -christlicher Beseelung. Das ganze Werk gehört zum Höchsten, was die -deutsche romanische Kunst des Mittelalters geschaffen hat. - -An den Pfeilern der Emporen leuchten die zwölf Apostel in Gold und -bunter Farbenpracht, und an den freien Pfeilern des Schiffes sind die -Gestalten der fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen angebracht. Sie -sind in der reichen Tracht der Zeit um 1500 wie deutsche Edelfrauen -dargestellt, deutsche Mädchengestalten im deutschen Dom, um die Lehren -und tiefen Gedanken des Evangeliums der Gemeinde nahezubringen. -Köstlich ist der frohe Gesichtsausdruck der klugen, mit Kronen -geschmückten und der verdrossene, träge der törichten Jungfrauen -getroffen. - -Weiter glänzen überall an Pfeilern, Wänden und Gewölben die bunten -Wappen der alten edlen Freiberger Geschlechter, reich geschnitzte -Epitaphien in Gold und Weiß und bunten Farben, und die kapellenartigen -Nischen zwischen den Pfeilern unter den Emporen sind durch -Holzeinbauten mit üppigen Schnitzereien von Rankenzügen und Blattwerk -in schwungvollen Windungen und Verschlingungen abgeschlossen. - -Fürwahr, die Gemeinde, über welche die Wohllautströme der neuen großen -Orgel des großen Meisters Silbermann sich ergossen, der herrliche -Raum des Domes, in welchem echt deutsche Kunst von Jahrhunderten sich -zusammendrängte wie in einem geschliffenen Kristall, alles schloß sich -zusammen in ehrfürchtigem Erschauern mit der gewaltigen ~musica sacra~ -zu einer Einheit, in der nichts Fremdes, Unharmonisches war, zu einem -Gesamtkunstwerk, wie es nur in besonders leuchtenden Stunden sich für -sehnende und schauende Seelen gestalten kann. -- Nicht einer kann es -gestalten, nicht Geschlechter könnens schaffen, nicht der Künstler -allein kann es aus den Tiefen seiner Seele emporheben, nein, du selbst -mußt mit der Schöpfer des Gesamtkunstwerkes sein; denn die Kunst ist -nur da, wo sie erlebt, erfühlt und mit dem Herzen ergriffen wird. -Ohne dieses Erleben und Ergriffenwerden, ohne dich ist keine Kunst -für dich vorhanden, und mag sie noch so herrlich leuchten und anderen -Offenbarung und tiefes Glückserlebnis bedeuten. -- - -Die spätgotische Halle des Domes mit ihren Kunstwerken ist eine -Schöpfung des Bürgertumes der alten getreuen Bergstadt. Sie diente -der Gemeinde und ihrem Leben als heiliger Raum, in dem ihre -innere Gemeinschaft und ganze Innigkeit zum Ausdruck kam und ihre -Anschauungen und Gefühle Form und Gestalt gewannen. Dort hinter dem -Altar aber, wo eiserne Gitter den langen Chor mit der Vierung vom -Kirchenschiff abschließen, dient der Raum nicht den Lebenden, sondern -den Toten. Nicht das freischaffende Bürgertum, sondern fürstlicher -Wille, Reichtum, Prachtliebe und Kunstfreude und nicht zuletzt der -Stolz auf die Ahnen und edles altes Geschlecht hat dort einen Raum -geschaffen, wie es nur wenige seinesgleichen gibt in weiten Landen, die -Fürstengruft der evangelischen Wettiner. - -Wie eine rauschende, strahlende Melodie steigen von den Wänden in -leuchtendem, edlem, farbigem Marmor die Säulen und Pilasterstellungen -zu tabernakelartigen Aufbauten empor, mit Kapitälen und Gesimsen, -mit Nischen und reichgegliedertem Gebälk in zwei Geschossen -übereinander, mit reichem Schmuck von Ornamenten, von Maskenwerk, -Frucht- und Laubgewinden, farbigen Wappen und anderen Verzierungen in -Marmor, Alabaster, Gold und Bronze in kunstvollen, feinempfundenen -Renaissanceformen. In der unteren Reihe der Nischen die knieenden -Bronzegestalten der Fürsten und Fürstinnen zwischen korinthischen -Säulenpaaren, zwischen den Pilasterstellungen der oberen Ordnung acht -Propheten und oben auf den Gesimsen eine lustige Schar musizierender -Engel, 34 an der Zahl, mit allen möglichen echten Instrumenten, die -heute noch benutzt werden könnten, wie z. B. Mandoline, Geige, Harfe -mit echten Saiten, Flöte, Posaune, Cymbal, Triangel usw., und über -den ganzen Raum eine Decke gespannt, in der im blauen Himmel mit -hängenden Wolken das Nahen des Jüngsten Gerichts durch die Posaunen -der Engel, durch den Erzengel Michael mit Schwert und Wage und den -Weltheiland mit der Erlöserfahne, umgeben von wimmelnder Engelschar -in malerisch-plastischer Buntheit dargestellt ist, -- ein Drängen von -Gestalten, Formen und Farben, daß das Auge nur schauen und schauen kann -und von der Fülle der Eindrücke überwältigt wird. - -Zu den Füßen im marmorbelegten Fußboden liegen die großen Grabplatten -aus Messing mit den Bildnissen der Fürstlichkeiten, welche hier ihre -letzte Ruhe fanden. Die Bildnisse sind nach der Art des Kupferstiches -mit Meißeln in das Metall eingegraben. 28 solche kostbare Platten -mit wundervoller Zeichnung und Ornamentik, zumeist aus der Werkstatt -der Hilliger stammend und von sächsischen Hofkünstlern entworfen, -bilden so ein gewaltiges, ehernes Bilderbuch, wie es seinesgleichen -kaum sonst zu schauen ist. Da ist die herrliche Grabplatte Herzog -Heinrichs des Frommen, welche diesen mannhaften, waffenfrohen Fürsten -in ähnlicher Darstellung wie auf dem Bilde im Rathause zeigt, im Panzer -mit Arm- und Beinschienen, mit langem zweihändigen Schwert in den -Händen, mit Schwert an der Linken und Dolch an der Rechten. Ein reich -ornamentierter Rahmen mit Wappen auf üppigen Akanthusranken, in denen -Genien herumklettern, umschließt das plastisch wirkende charaktervolle -Bild des Fürsten. Er war es ja, der die kurfürstliche Begräbniskapelle -gestiftet hat und 1537 testamentarisch bestimmte: - -»Und wann wir dann nach dem wyllen des Herrn verstorben und -entschloffenn sein, und uns der Allmechtige Gott aus diesem -Jammerthal gefordert hatt, So wollenn wir das unnser Corper in unnser -Stiefftkirchenn zu Freybergs soll bestattiget und begrabenn werdenn, -und kain erhohet grab, Sondern ain schlechter (schlichter) Leichstein -mit einem messingenn Pleche, darauf ein biltnuß mit umbschrieft unnsers -titels gemacht werden soll.« - -Da sind die Bilder fürstlicher Damen in kostbarer Kleidung mit reichem -Spitzenschmuck angetan. So fein und zart ist die Zeichnung der -Spitzen durchgeführt, daß kunstgeübte Hände nach diesen herrlichen -Mustern diese zarten Wunderwerke neu schaffen könnten. Da sind die -Bilder fürstlicher Kinder, welche, früh verstorben, nur durch diese -künstlerischen Darstellungen der ewigen Vergessenheit entrissen sind. -Eine solche Platte zeugt besonders von tiefem, echtem, unter Tränen -lächelndem Humor: Das kleine frühverstorbene Söhnlein des Kurfürsten -Johann Georgs I. in steifem Röckchen und mit dicken Pausbäckchen trägt -eine Blume in der Hand und hört recht mißvergnügt, verdrießlich und -mißtrauisch auf die überredenden Worte eines köstlichen Engelbuben, -der ihn mit listiger Miene mit einem Apfel in das Paradies locken -will. »Paradies, Paradies, wie ist deine Frucht so süß«, dieser -Sehnsuchtsvers aus einem Kirchenliede ist dem kleinen Kerl oder -vielmehr Prinzlein anscheinend nicht recht geheuer. Er wäre offenbar -lieber bei der lieben Mutter geblieben und hätte mit den Geschwistern -getollt, als daß er mit fremden Engeln Äpfel äße! -- Ein echtes, -tiefes, kindliches Künstlerherz kann nur so Leben und Tod, Leid und -Hoffnung verbinden und versöhnen durch die überwindende künstlerische -Empfindung und Kraft der Seele. Wie der wehmütige Klang eines alten -Volksliedes, in dem von Jugend, von Liebe, von Rosen, Lilien und Tod -gesungen wird, rührt dieses Bild auf der Grabplatte an das Herz. Wir -denken an jene Grabplatte an der Nikolaikirche von Dippoldiswalde -vom Jahre 1628, auf der ein Mägdelein dargestellt ist, das einen -Blumenstrauß an sich drückt. Sie trägt den wehmütigen Vers: - - »Begrabn Ligt ein Roselein hie, - Welchs abgebrochen etwas früh - Durch Todes Hand, der nicht ansiht - Obs Reiff sey oder hab verblüht.« - -Der Tod in blühender Jugend, brechende Knospen, der Reif in der -Frühlingsnacht wirken besonders tief auf das menschliche Gemüt und -haben in der Dichtung ergreifenden Ausdruck gefunden: - - »Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, - Hat Gwalt vom großen Gott. - Heut wetzt er das Messer, es schneidt schon viel besser, - Bald wird er drein schneiden, wir müssens nur leiden: - Hüt dich, schöns Blümelein!« - -In der Begräbniskapelle jedoch, wo alles von des Todes Gewalt predigt, -von dem grausamen Schnitter, der kein Blümlein, Narzissen nicht -noch Kaiserkronen verschont, ist dennoch bei allem Ernst und aller -Feierlichkeit nichts Düsteres, Schweres, was das Herz niederdrücken -oder traurig stimmen könnte. Nicht Trauer, nicht Grab und Verwesung -und Hoffnungslosigkeit sind die Raumgedanken, sondern Überwindung und -Erlösung, ja ein gewisses Rauschen festlicher Pracht, und darüber -hinaus ein Aufsteigen zu himmlischer Klarheit nach einem Leben voll -Kampf und Arbeit. - -Doch immer wieder gehen unsere Blicke zu den knieenden Bronzegestalten -dort in den Nischen, die Carlo de Cesare’s Meisterhand schuf, zu der -prachtvollen Mannesgestalt Herzog Heinrichs des Frommen mit breitem -Vollbart, der die Linke auf die gepanzerte Brust legt und die Rechte -beteuernd erhebt, als wollte er sein tapferes, glaubensmutiges Wort -wiederholen, daß er lieber am Stabe bettelnd sein Land verlassen, -als das Evangelium verleugnen wolle, dort Kurfürst August mit dem -Zweihänder über die rechte Schulter gelegt, und ihnen gegenüber die -edlen Frauen, die Herzogin Katharina und die Kurfürstin Anna in -fürstlichem Gewande, anbetend knieend mit andächtig edlem, mütterlichem -Gesichtsausdruck. Neben diesen vier Gestalten vermag die Gestalt -Christians I. von Cesare und Johann Georg I. von dem Venetianer Pietro -Boselli nicht in gleichem Maße zu fesseln. - -Carlo de Cesare war ein Schüler des Giovanni da Bologna (1524--1608) -und stammte aus Florenz. Um den rechten Künstler für die -Bronzegestalten seines Werkes zu gewinnen, reiste Nosseni zu Pferde -nach Italien und durch Vermittlung Giovanni’s holte er sich als -Mitarbeiter den begabten Cesare vom glänzenden Hofe der Mediceer -nach dem rauhen Freiberg. Im Oktober 1590 kam Cesare mit einigen -Gehilfen hier an und hat 2 Jahre 8 Monate hier gewirkt, »Epitaphia -von metallischen und andere Bilder von Sculpturn possirt, formirt und -gegossen«. Von seiner Hand stammen an Gußwerken außer den Gestalten -der fünf Fürstlichkeiten, die Figuren Johannes des Täufers und des -Apostels Petrus, sowie das Kruzifix auf dem Altar, die Bildnisse der -Gerechtigkeit und Liebe, der Hoffnung und des Glaubens am Chorschlusse -und acht als Schildhalter verwendete Engel, ferner eine Reihe von in -Stuck gebildeten Figuren. - -Während des Baues der Kapelle mag Freiberg an eine der großen -italienischen Kunststätten der Renaissance erinnert haben. Da wurde -kostbarer Marmor in mächtigen Blöcken herbeigefahren, und in den -Werkstätten der Steinmetzen arbeiteten kunstfertige Hände. Hieronymus -Eckhart, Michael und Jonas Grünberger, Peter Beseler, Tobias Lindner, -die Meister aus Freiberg, beschäftigten eine Fülle von Gesellen aus -allen deutschen Gauen. Aus Straßburg, Metz, Heidelberg, Bamberg, -Budweis, Dresden, Leipzig, aus Westfalen und anderen Gegenden des -Reiches kamen sie herbei, um bei dem für Deutschland unerhörten Werke -Lohn und Arbeit zu finden und vielleicht auch von der Kunst der -Italiener zu lernen. Italienische Sprache und Laute klangen auf den -Straßen der Stadt und die stolzen Südländer gingen keck einher und ihre -Dolche saßen locker in den Scheiden. Ohne Eifersucht und Reibereien -ging es unter den italienischen und deutschen Bildhauern nicht ab, denn -Künstlerstolz und Künstlerblut ist rasch und heiß. Am 27. Dezember -1590 z. B. schrieb der Stadtschreiber in das Protokoll der Ratssitzung: -»Die Steinmetzen, die welschen, richten allerhand Unlust an, haben -ihre Dölche und Wehren.« Auch manche Freiberger Mädchen, denen schon -damals ein schwarzhaariger, fremder Geselle oft besser gefiel, als ein -ehrlicher deutscher Bursche, mögen an manchem Griff nach dem Dolche -nicht schuldlos gewesen sein. - -Fürsten, Edelleute, Bildhauer, Maler, Baumeister, Kunstgießer, -Goldschmiede, vornehme Kunstfreunde, Reisende aller Art aus Deutschland -und Italien kamen herbei, um diese neue glänzende Kunststätte zu -sehen und ließen sich vom Baumeister Nosseni selbst oder vom Meister -Hieronymus Eckhart, dem Steinmetzen und Pfleger der Fürstengruft -führen, um dann den Ruhm des neuen großen Werkes weiterzutragen, denn -wo gab es sonst in deutschen Landen ein ähnliches Zusammenwirken der -Künste und Künstler zu großem, fürstlichem Werk und künstlerischer Tat -wie hier? - -Nosseni war auf sein Werk sehr stolz und eifersüchtig auf seine Rechte -bedacht. Gleichwohl aber war er nicht zu stolz, bei fröhlichen Taufen -und Hochzeiten in der Bürgerschaft mitzufeiern, Pate zu stehen und -Trauzeuge zu sein. Als Bürgermeister Löser am 19. September 1594 -Hochzeit hielt, waren Johann Maria Nosseni und der Baumeister Hans -Irmisch unter den fröhlichen Gästen. Hans Irmisch war vielbeschäftigter -kurfürstlicher Baumeister und hatte den Bau des Schlosses Freudenstein -geleitet, auf dem Königstein, in Frauenstein, Torgau, Dresden und an -anderen Orten größere Bauten ausgeführt und nun am Chor des Freiberger -Doms die Vorbereitungen und Arbeiten zur Umwandlung zur kurfürstlichen -Begräbniskapelle geführt. Die Buchstaben ~H(ans) I(rmisch) -B(aumeister)~ und der Spruch: »Wer Gott vertraut, hat wohlgebaut« an -der nördlichen, äußeren Chorseite sind die bescheidenen Zeichen, durch -welche er an sich und seine Tätigkeit beim Umbau erinnert. - -Wie sehr unterscheidet sich diese echt deutsche schlichte Sachlichkeit, -die die Person hinter das Werk zurückstellt, von der Ruhmredigkeit -des eitlen Italieners Nosseni, der hinter dem Altar der Kapelle auf -weißem Marmor in lateinischer Sprache sich und sein Werk mit folgenden -anmaßenden Worten preist: - - Fremder, steh und lies! Was ich sage, ist nur wenig. Dies - köstliche Begräbnis, das du siehst, ist in fünf Jahren mit - wunderbarer Kunst, vieler Arbeit und wirklich sehr großem - Aufwand errichtet worden. Bei seinem Bau war ich nicht nur - zugegen, sondern ich habe ihn auch immer geleitet, ich, - Johannes Maria Nosseni aus Lugano, ein Italiener. Doch nicht - nur die Form allein dieses prächtigen Werkes ist von mir, als - Architekten, geschaffen, sondern ich habe selbst das Material - in diesem Lande in eigener Person ausgeforscht, gefunden und - künstlerisch nutzbar gemacht. Dies habe ich geglaubt mitteilen - zu müssen, damit du Leser nicht unwissend bleibst, zum - ehrenvollen Gedächtnis nicht so sehr von mir als dieses Landes, - in welchem jederlei Art von Marmor gebrochen wird, dann vor - allem der tapferen Fürsten Sachsens, welche über dieses reiche - Land glücklich und ruhmvoll herrschen. Ich habe gesprochen, - gehe weiter, lebe wohl und verkünde den Ruhm des Künstlers, - wenn du überhaupt Kunstgefühl genug hast, um dieses herrliche - Kunstwerk zu würdigen. - - 1603. - -Mit keinem Worte erwähnt in dieser geschmacklosen Prahlerei Nosseni -seine Mitarbeiter, einen Carlo de Cesare oder gar die wackeren -deutschen Meister, welche so hohen Anteil am Gelingen des Werkes -hatten. Im Gegenteil rühmt er sich gar fremder Verdienste, denn die -Marmorbrüche, welche er benutzte, waren meist schon vorher gefunden -und bei seinen Untersuchungen waren ihm sachkundige Meister zur Hand. -Gleichwohl ist die künstlerische Verwendung der edlen Materialien, -womit ihn Kurfürst August beauftragte, seine besondere Stärke. Der -Kurfürst drängte ihn immer wieder, kostbares Gestein ausfindig zu -machen, teils aus Prachtliebe, teils der wirtschaftlichen Bedeutung -wegen, und daraus Kunstgegenstände zu schaffen. Alabaster aus -Weißensee, rotweißen Dolomit von Schwarzenberg, Serpentin aus Zöblitz, -bunten Marmor von Lengefeld, Rauenstein, Kalkgrüna, Wildenfels und -Crottendorf, Kristalle, Amethysten, Topase, Achat, Jaspis und andere -Halbedelsteine verarbeitete er. Ja, er erhielt sogar das Privilegium, -einige dieser wertvollen Brüche für sich abzubauen, zu brechen und -zu verkaufen und errichtete vor dem Wilsdruffer Tore zu Dresden eine -Marmorschneidemühle an der Weißeritz, die auch für das Schleifen und -Polieren von Halbedelsteinen eingerichtet war. - -Heute noch können wir im Dresdner historischen Museum einige dieser -kostbaren Marmormosaikwerke bewundern und uns an dem Glanz und der -Fülle der Farben und Äderungen des heimatlichen Marmors erfreuen. -Steinerne Tische »von Bildwerk und andern Ornamenten«, zwölf Stühle -»mit mancherlei Steinwerk aufs höchste« geziert und andere kostbaren -Werke sind vorhanden. Handbecken, Kannen, Leuchter, Schüsseln, Teller, -Schalen, Löffel, Messerhefte, Büsten römischer Kaiser, Marmorfußböden -für fürstliche Gemächer gingen aus seiner Hand hervor. Nicht immer ist -der Kurfürst mit ihm zufrieden, sondern er erteilt ihm gelegentlich -einen kräftigen Wischer: »Wir spüren aber daraus, das du nicht fast -große lust zur arbeit hast und dein Besoldung lieber mit müßig gehen -verdienen wollest.« -- - -Alle diese mehr kunstgewerbliche Verwendung des sächsischen Marmors war -mehr vorbereitende und begleitende Arbeit zu dem Hauptwerke Nossenis, -der Begräbniskapelle, wo in unübertrefflicher künstlerischer Weise das -edle Material verwendet und in seiner Farbenpracht im matten Glanz der -Polituren sich gegenseitig steigernd zu vollendeter Wirkung gebracht -ist. - -Durch dieses großartige Werk und Nossenis kunstgewerbliche Leistungen -wurde der sächsische Marmor weithin berühmt und Proben dieser Kunst -gingen auch ins Ausland und kündeten den Ruhm des sächsischen edlen -Gesteins und der Kunstfertigkeit sächsischer Marmorbildhauer und -Dreher. -- -- Wenn wir heute diese Werke schauen, so fragen wir uns, -warum diese Edelindustrie untergegangen ist? Sind die Brüche erschöpft? -Sind die Stätten verlorengegangen, wo »so herrliche, schöne Steine -gefunden werden«, wie Nosseni 1580 dem Kurfürsten August mitteilt; -sind sie vergessen, verschüttet? -- Nur die Serpentinsteinindustrie -von Zöblitz hat ihre bescheidene Blüte und erweckt größere Hoffnungen, -nachdem der Geist modernen Kunstempfindens mehr und mehr die -Erzeugnisse formt und adelt. Aber wo sind die anderen Stätten und -Fundorte edlen Materials? Wie Kurfürst August sein Land durchforschen -ließ, um fremdes Material zu vermeiden und im eigenen Heimatboden -diese Schätze an kostbarem Gestein sich zu erschließen, so sollte man -auch heutzutage »die Rute deutschen Findergeistes« zur Hand nehmen -und forschen, bis man findet, was vergessen oder unentdeckt und -unerschlossen im heimatlichen Boden ruht und zum Aufbau und neuer Blüte -der Heimat beitragen und helfen mag. -- - -Doch wenden wir uns nun zu dem Werke, dem nach dem Plane und der -Absicht des Kurfürsten August in erster Linie der Umbau des Domchores -gelten sollte, dem Grabdenkmale des Bruders des Kurfürsten, dem -Moritz-Monumente in der Vierung des Chores. Wie das gewaltige Modell -einer Gralsburg aus Marmorgestein türmt es sich auf, auf deren -höchster Zinne die Marmorgestalt des Kurfürsten in Panzer mit dem -geschulterten Schwerte barhäuptig anbetend vor dem Gekreuzigten kniet. -Helm, Streithammer und Pistole und das farbige Kurwappen sind vor -dem Kreuzesstamme niedergelegt. Panzer und Waffen sind den Stücken -nachgebildet, die der Kurfürst in der Schlacht bei Sievershausen -trug. In feiner, sinniger Weise sagt so dieses Grabdenkmal, daß der -Fürst seine Waffen und sein Leben seinem Glauben geweiht, und sich -und sein Land im Leben und im Tode unter das Kreuz gestellt haben -wollte. Dreigeschossig erhebt sich diese Marmorburg auf drei schwarzen -Marmorstufen, auf denen zwölf weibliche Figuren aus Alabaster sitzen, -die Musen der Geschichte, Künste und Wissenschaften. Bunte rote, -gekuppelte Marmorsäulchen tragen das reiche rotbraune, vielverkröpfte -Marmorgebälk des unteren Geschosses und auf ihm die Gruppen der vor dem -oberen Geschosse Wache haltenden Krieger mit den farbigen Wappen der -Länder des Kurfürsten. Das oberste Geschoß ist ein sarkophagartiger -Aufbau, der von zehn in Messing gegossenen Greifen getragen wird. -Engelsfiguren mit Sanduhr, Helm, Wappen und ähnlichen Sinnbildern -sitzen am Rande der Deckplatte, auf welcher der Kurfürst kniet. - -Reicher Schmuck an Reliefplatten aus Alabaster, symbolische -Darstellungen aus Krieg und Frieden, Kunst und Wissenschaft, Handel und -Gewerbe und andere köstliche Ornamente und Figuren beleben die Flächen -des gewaltigen Unterbaues in künstlerischer Vollendung und reden im -Sinnbilde von dem, was der Kurfürst geleistet und gewollt hat. - -Auf 20 Inschrifttafeln aus schwarzem Marmor am Denkmal sind sein -Leben und seine Taten im Frieden und Kriege in goldenen Buchstaben in -lateinischer Sprache rühmend geschildert. Diese Inschriften sollte -ursprünglich Melanchthon verfassen, der aber darüber hinstarb. Nach -anderen Versuchen übernahm es schließlich der Kanzler ~Dr.~ Ulrich -Mordeisen, die Aufgabe mit anderen gelehrten Männern zu lösen. Auf -seinem Gute Kleinwaltersdorf bei Freiberg, das er sich erworben und -umgebaut hatte und dessen Eingangstür heute noch sein Wappen mit der -Jahreszahl 1560 schmückt, versammelte er vier Leuchten der Wissenschaft -zu diesem Zwecke. Fünf der gelehrtesten Männer ihrer Zeit spitzten -dort ihre Federn und schärften ihre Gedanken, um das Lebenswerk eines -Zweiunddreißigjährigen in würdiger Form zu feiern -- und wahrlich -das Leben des Kurfürsten Moritz war kurz, aber voll von sprühender -Tatkraft, von Taten, Gedanken und großen Plänen: Vielleicht war das, -was an Hoffnungen mit seinem Tode ins Grab sank, viel größer und -bedeutungsvoller als das, was er getan und erreicht hatte. -- Ulrich -Mordeisen, der drei Kurfürsten treu gedient, starb am 5. Juni 1572 und -liegt unter dem Altar in der Kirche von Kleinwaltersdorf begraben. -Das Altarwerk dort ist zugleich das Epitaphium für den Kanzler und -zeigt ihn mit seiner Familie vor dem Gekreuzigten knieend dargestellt. -In lateinischen Worten dort wird seine Treue und sein kluger Rat -gerühmt. Auch hier bei dem Moritz-Monument hat sich sein kluger Rat -bewährt, denn er war offenbar der Vertrauensmann des Kurfürsten, der -mancherlei Aufträge zu erledigen und Verhandlungen wohl zu führen -wußte. Das Moritzdenkmal ist das erste monumentale Freigrab Sachsens, -das in Renaissanceformen ausgeführt ist. Es könnte auch in irgendeiner -italienischen Stadt, einer Kirche von Florenz z. B. stehen, so -italienisch ist seine Art. Nicht deutsche Hände haben dem deutschen -Fürsten das Kunstwerk geschaffen. - -Gabriel und Benedikt v. Thola aus Brescia »die welschen maler« -am Hofe zu Dresden -- es war Mode, italienische Künstler sich zu -halten --, hatten die Entwürfe gemacht, nach denen erst ein Modell des -Denkmals hergestellt wurde. »Vater« August war nun aber ein sparsamer -Landesvater, der den Daumen auf seinen Beutel hielt und oft lieber -seine lieben Landeskinder huldvollst für seine Passionen zahlen ließ, -statt in die eigene Tasche zu greifen. So befahl er hier einfach dem -Rate zu Freiberg, seine Domsakristei aufzugeben und ihm zur Verfügung -zu stellen und die Allerheiligenkapelle am Chore, wo Freiberger -Bürger der ersten Geschlechter begraben lagen, und heilige Ehrfurcht -ihnen ewige Ruhe gelobt hatte, rücksichtslos zu räumen, die Grabmäler -herauszubrechen und unter peinlichster Schonung der Gruft seines -Bruders Moritz für seine Zwecke umzubauen, zu erweitern, den Domaltar -in das Schiff hineinzurücken und Weiteres zu verändern. Er zwang sie -sogar gnädigst noch die Fundamente zum Denkmal auf Stadtkosten zu -errichten und die Abschlußgitter herzustellen. So ehrte er pietätvoll -das Andenken seines tapferen Bruders aus der Tasche der Stadt Freiberg -in landesväterlicher Huld. Wo die Gebeine der alten Freiberger blieben, -kümmerte ihn wenig. Diese huldreiche, väterliche Sparsamkeit und -Fürsorge bewies er auch weiter bei der Ausführung des Denkmals. Zwei -Dresdner Bildhauer, Melchior Barthel und Christoph Walther forderten -für die Ausführung des gewaltigen Marmorwerkes 6000 Taler. Bei dieser -Summe versanken alle schönen Grundsätze von der Kunst, Arbeit, -Verdienst im eigenen Lande, von landesväterlicher Fürsorge zur Hebung -von Gewerbe, Handwerk und Steuerkraft, denn das ging schmerzhaft an den -eigenen Beutel! August übertrug die Arbeit an Hans Wessel in Lübeck -und dieser verdingte sie weiter für 2800 Taler an Meister Antonius -von Zerun zu Antwerpen. Dieser ist später erst durch Klagedrohung zu -der Restsumme von 613 Talern gekommen, welche weder der Kurfürst noch -Hans Wessel bezahlen wollte! Aus belgischem Marmor von Dinant ist das -Moritzdenkmal gefertigt. Dinant ist die Stadt, um welche zu Beginn des -Weltkrieges das Blut der Freiberger Jäger besonders geflossen ist bei -der Eroberung und durch Verrat und Hinterhalt im Straßenkampf. Diese -belgische Stadt hat einen blutigen Namen für Freiberg voller Tränen und -wehen Stolzes. - -Von Antwerpen wurde das Marmorwerk in einzelnen Teilen zu Schiff über -Hamburg elbaufwärts nach Torgau, wo der Kurfürst Hof hielt, und von -dort nach Dresden und mit Wagen nach Freiberg geschafft und von Zerun -und seinen Gesellen aufgestellt. So kam es, daß deutsches Geld, aber -nicht deutsche Kunst und deutsche Hände dieses italienische Werk -mitten im Herzen Deutschlands für den deutschen Fürsten geschaffen -haben. Fremd ist es auch unserem Empfinden und fern von der innigen -Gemütstiefe z. B. der Tulpenkanzel. - -Der Kurfürst war sehr stolz auf das Werk und besorgt um den kostbaren -Marmor und Alabaster, daß er zur rechten Wirkung käme und nicht durch -Farbe übermalt würde. Er schreibt: »das man an den bildern nur die -augenn und meuler mit ihren natürlichen farben anstreichen und sonst -gar nichts mit farben daran schmieren solle außerhalb was vorguldet -werden mus«, weil sonst »das gantze werck vorstellt und verunadelt -würde«. - -In diesen wenigen Worten kennzeichnet sich ein grundsätzlicher -Unterschied fremdländischer gegenüber der deutschen mittelalterlichen -Kunstauffassung, wie sie sich bis in die Renaissancezeit hinein -erhalten hatte, die in der kräftigen Farbengebung und in der Steigerung -des Materiales und der Formen durch Malerei große, feierliche und -charaktervolle Wirkungen erzielt hatte. - -Tilman Riemenschneider (1460--1531), der berühmte süddeutsche Meister, -hat z. B. seine köstlichen Marmorwerke im Dome zu Würzburg farbig -bemalt, ohne daß »das gantze Werck vorstellt und verunadelt« worden -wäre, sondern nur an lebendiger künstlerischer Wirkung erhöht und -gesteigert worden ist. Wir denken ferner an die goldene Pforte unseres -Domes mit ihrer wunderbaren, uns kaum mehr faßbaren und erreichbaren -Farbenpracht. Unsere ganze mittelalterliche, so echt deutsche, tiefe -Kunst lebt und ist stark durch die Farbe. Das wundersame Leben in -den köstlichen Altarwerken auch in den kleinsten Dorfkirchen ist -auf die Farbe abgestellt. Diese Werke sind aus dem Seelenleben und -tiefstem Empfinden und oft unbewußtem, künstlerischem Wollen unseres -Volkes geboren und auf diesem Grunde hat sich echt deutsche Kunst zu -eigenartiger, schöner Blüte entfaltet. - -Die Farbe in der Baukunst und plastischen Kunst unserem Volke -wiederzugewinnen und damit wieder zu den Quellen und Urgründen -deutscher, starker, stolzer, nackensteifer Eigenart und Kunstauffassung -zurückzukehren nach jahrhundertelanger undeutsch und falsch -empfindender Fremdtümelei »mit dem Hute in der Hand«, wäre auch eine -Arbeit an unserem Volk und unserer Heimat auf dem steinigen Wege zur -Selbstbesinnung, Selbstbehauptung, zur Höhe. -- - -Im nördlichen Teile des Querschiffes, das durch ein köstliches Gitter -reicher, alter Freiberger Schmiedearbeit abgetrennt ist, steht auf -einer Konsole die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz, welche er in -der Schlacht bei Sievershausen 1553 getragen hat. Seinen Sieg in jener -Schlacht hat er mit dem Tode bezahlt. Die breite Öffnung links unten -am Brustharnisch zeigt den Weg, den die tückische Bleikugel gesucht -hatte. Schwarze Straußenfedern nicken vom Helm herab und die gepanzerte -Rechte hält den Rennspieß des Kurfürsten. Sein Schwert und der Dolch -mit dreischneidiger Klinge sind vortreffliche Arbeiten mit zum Teil -kunstvoll in Eisen geschnittenen Gefäßen mit silbernen Auflagen. - -Acht Reiter- und vierzehn Fußfahnen, die in der Schlacht bei -Sievershausen erbeutet sind, an denen kaum ein Rest von altem -Fahnentuch mehr ist, sind als eindrucksvolle Ruhmeszeichen und Zeugen -jener Schlacht an den Seitenwänden angebracht. - -Diese schlichte, schwarze Rüstung und diese erbeuteten Fahnen sind -nicht laut und ruhmredig wie dort die Marmorburg, auf der der Kurfürst -kniet, aber sie reden eindringlicher und wirken tiefer, denn sie -erzählen als echte, treue Zeugen von großen Dingen, von Sieg und Tod, -von Mannesmut und Opfer. Sie sind Leben und Geschichte, während jenes -Denkmal von Kleinlichkeit erzählt, klein ist, weil es prahlt, arm an -innerem Gehalt, trotzdem es viel redet und rühmt, fremd uns bleibt, -weil unser Herz nicht dabei warm wird, wenn wir auch seine Kunst -bewundern. - -Zu Füßen dieser Rüstung stehen die Zinnsärge der Fürsten und Fürstinnen -der evangelischen Wettiner, die älteren Särge in einfacher Truhenform, -mit ebenem, glatten Deckel, die jüngeren mit hochgewölbtem Deckel, -reich profiliert und zum Teil vergoldet. Auf den Särgen der Frauen ein -Kruzifix, auf den Särgen der Männer ein Schwert. Wir blicken über diese -Reihe von Särgen dahin und lesen die Täfelchen mit ihren Namen. Welche -Fülle einst von Glanz und Macht, von Stolz und Kraft im Leben, über -Tausende gebietend und heute nur noch ein Name, ein Nichts, im Dunkel -der Vergangenheit versunken. Wie wenig sagen uns ihre Namen und hohen -Titel, wenn nicht ihre Taten für Volk und Land für sie zeugen. Nur das, -was sie zum Segen ihres Landes geschaffen, geleistet und gewollt, hielt -ihren Namen lebendig. Durch Opfer haben sie sich das Leben gewonnen. - -Diese Särge standen bis vor kurzem in der unterirdischen Gruft, wo -ihr Zerfall durch die Zinnpest und andere Zerstörungen im feuchten, -dunklen Raum immer stärkere Fortschritte machte. So wurden sie denn -hier zu würdiger, vor Zerstörung, Feuchtigkeit und Moder gesicherter -Aufstellung gebracht. Sarg auf Sarg wurde die enge, steile Grufttreppe -mühevoll mit Flaschenzügen heraufgezogen und, wenn die Mittagsglocke -oder Feierabend schlug, blieb auch wohl ruhig der Sarg in den Seilen -hängen, bis wieder die Arbeit begann: Einst ein mächtiger Fürst, jetzt -nur ein schweres Laststück, von dem rasch und gleichgültig die Hand des -Arbeiters sinkt, wenn die Mittagsglocke schlägt oder gar mehrtägige -Arbeitsunterbrechung ihn fortruft. Für die Vergänglichkeit irdischer -Größe, äußeren Glanzes und Ruhmes ist dieses Hängen des verlassenen -Fürstensarges im Flaschenzug ein bitteres, mahnendes Zeichen und -Gleichnis: - - Erde gleißt auf Erden - In Gold und in Pracht; - Erde wird Erde - Bevor es gedacht; - Erde türmt auf Erden - Schloß, Burg, Stein; - Erde spricht zur Erde: - Alles wird mein. - - (Fontane.) - -In tiefen Gedanken schreiten wir dem Ausgange der kurfürstlichen -Begräbniskapelle zu. Wo die Großen, die Fürsten und Gewaltigen dieser -Erde ruhen, prägt sich der Eindruck des Allbezwingers Tod besonders -tief in die Seele: - - »Siehst du nicht, wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus? - Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis!« - -So singt der blinde Sänger Homer seine Jahrtausende alte Klage! - -Am Ausgange, in der ehemaligen Allerheiligenkapelle mit ihrem schönen, -wappengeschmückten, sternartigen Rippengewölbe, fesselt uns noch das -Grabdenkmal zweier edler, fürstlicher Frauen, der Kurfürstin Anna -Sophie, der Gemahlin Johann Georgs III. und ihrer Schwester, der -Kurfürstin Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, die hier im Tode vereint -ihren letzten Schlummer tun. Hundert Jahre ungefähr hat dieses Denkmal -mit den Särgen der edlen Frauen im Schlosse Lichtenburg nördlich von -Torgau bei Prettin gestanden. - -Lichtenburg hatte die Kurfürstin Anna, Mutter Anna, als Schloß -sich ausbauen lassen. Nosseni hatte die Ausstattung mit Alabaster- -und Serpentinarbeiten übernommen und durch »etliche erfahrene -und wohlgeübte welsche Gesellen« ausführen lassen. Auch bei -Deckenmalereien und Friesen mit Wappen und Sprüchen hat Nosseni dort -seine Kunst walten lassen. Doch war das Schloß später ein stiller -Witwensitz geworden. Kurfürstin Hedwig, die Gemahlin Christian II., -hatte 28 Jahre, von 1613--1642, dort gewohnt und viel Wohltätigkeit -geübt. Als sie hier in Freiberg beigesetzt wurde, folgten 22 Prediger -und vier Superintendenten aus freiem Antriebe dankbar ihrem Sarge, weil -sie namentlich für Kirchen und Schulen reiche Stiftungen hinterlassen -hatte. - -Anna Sophie und Wilhelmine Ernestine wirkten in ihrem Geiste in ihren -Landen und auf dem stillen Schloß bis an ihren Tod. Ihr Grabdenkmal -erzählt in stiller Symbolik von ihren edlen Frauenherzen, wie einst -in Lichtenburg, so seit 1811 hier im Freiberger Dom. Als 1811 das -Zuchthaus von Torgau nach Lichtenburg verlegt wurde, ließ König -Friedrich August das Grabmal mit den Särgen an die Stätte, wo die Ahnen -ruhen, bringen und hier neu erstehen. - -In den Jahren 1703--1704 hatte im Auftrage des Königs August I. der -Bildhauer Balthasar Permoser (1650--1732) dieses Denkmal geschaffen. -Das Denkmal stellt ein schlichtes ernstes Grufthaus in strengen -Barockformen aus schwarzem, weißgeflecktem Marmor dar, das in seinem -dunklen Raum die schwarzen Marmorsärge der Fürstinnen birgt. Rechts -und links von der dunklen Pforte, die in den Raum der Ruhe und des -Todes führt, stehen zwei wundervolle weibliche Gestalten aus weißem, -graugemasertem herrlichem Marmor von des Künstlers Meisterhand als -der innige Ausdruck der mütterlichen Liebe und fürstlicher Güte und -Wohltätigkeit. Die eine Frauengestalt, welche ein sich zärtlich -anschmiegendes Kind auf dem Arm trägt, ein anderes liebevoll an der -Hand führt, trägt die Züge von Anna Sophia, die andere mit dem reichen -Füllhorn, aus dem sie spenden will, das Antlitz der wohltätigen -Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, welche kinderlos war. - -Über der dunklen Tür ist als Bekrönung und Sinnbild der ernsten -Bestimmung des Raumes ein Sarkophag mit Urne angebracht, an den sich -die Gestalten des Glaubens und der Buße lehnen. Hoch hält der Glaube -das Kreuz über den Sarg als Zeichen, daß der Glaube den Tod überwindet. -Im Giebeldreieck des Grufthauses dient das in einer Kartusche -vereinigte Doppelwappen der beiden Fürstinnen unter einer Krone -als bedeutsamer Schmuck und Sinnbild der innigen Verbundenheit der -Schwestern im Leben und im Tode. Der Totenkopf unter den Wappen weist -auf die äußerliche leibliche Trennung im Tode, der Engelskopf darüber -aber auf die Erlösung und das Wiedersehen in himmlischer Klarheit. -Kindergestalten umgeben die Wappen, welche Himmel und Hölle, Tod und -Gericht versinnbildlichen. - -Schlicht und edel, von tiefem Ernst und strenger Wucht und Auffassung -ist dieses Denkmal der beiden im Tode vereinten edlen Schwestern, so -ganz anders als drüben Nossenis reiches buntes Werk oder dort das -Denkmal des Kurfürsten Moritz. Es spricht nicht von Ruhm und Glanz, -nicht von Macht und hohem Rang, nicht von Prachtlust und Reichtum, es -spricht als echtes Grabdenkmal von der Vergänglichkeit und von dem, -was über die Vergänglichkeit siegt und den wahren, echten Ruhm des -Menschen ausmacht, von den inneren Werten, von der wahren, höheren -Menschlichkeit edler Herzen und Geister. Durch diese zeitlose Sprache, -welche uns berührt wie ein schöner echter Klang, der auch Jahrhunderte -durchtönt, wird dieses Denkmal unserem heutigen Denken und Fühlen -besonders nahe gerückt, als wäre es ein Werk unserer Zeit und nicht -schon über 200 Jahre alt. - -Wir sind am Ausgange, und hart klirrt die eiserne Tür ins Schloß, -welche dieses Mausoleum sächsischer Kunst und Geschichte hinter uns -wieder verschließt. Welche ungeheure Fülle hoher und schwungvoller -Gedanken und tiefer reicher Empfindungen, von starkem Wollen und -Können, von edler reifer Künstlerschaft, von Schuld und Schicksal, von -buntem, vielgestaltigem Leben der Vergangenheit, von Wagen und Wirken -und auch von bitterem Leid und dunklem Tod hält dieser hohe lichte Raum -umschlossen. Ein Denkmalsraum ist es von eindringlichster Kraft und -Wirkung, doch wer kennt ihn wirklich in Sachsen oder gar im Reiche? Wer -hat diesen Raum, den alten Dom, die goldene Pforte wirklich erlebt? -- - -Wenn man die Räume im Geiste werden und wachsen sieht und in die -Jahrhunderte blickt, welche ihnen den Wert und die Weihe gaben, wenn -wir mit inneren Augen schauen, wie die Väter ihre Werke hier wollten -und mit sinniger Seele schufen, wenn ihres Geistes Wehen und Wirken -unser Herz berührt, daß seine Saiten miterklingen in verwandter -Harmonie, wenn ihr künstlerisches Wesen und Wollen uns gefangen -nimmt, wie etwas, das uns wesensgleich im höchsten Sinne ist, dann -erst erleben wir recht solchen Denkmalsraum, den Kunst und Geschichte -geweiht haben. Die Heimat und ihre Kunst, so vielen unbekannt und -fremd, von so vielen vergessen, verachtet, wird dir ein Erlebnis -sein, reiner und reicher als viele gepriesene Wunder der Fremde und -Ferne! -- -- -- - -Geh einmal in den Freiberger Dom und lasse deine Seele Zwiesprache -halten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein und Erz -gebannt sind, mit den Gedanken und Träumen, mit dem Wollen und Wirken, -dem Schaffen und Leiden der alten Geschlechter, die einst Erhebung hier -gesucht, dann wirst du Antwort erhalten, die in deinem Herzen klingen -wird, dann wird wie leiser Orgelton in deiner Seele das Erlebnis der -Heimat sein. Und wenn du hinausschreitest nach stiller Weihestunde auf -den grünen Friedhof und über dir dröhnen die alten Bronzeglocken der -Hilliger, die große Susanna summt ihre wundertiefen weichen Akkorde, -und das Silberglöckchen singt ihre helle Melodie dazu, -- weit über -die Dächer und Giebel schwingen und dringen, wogen und wandern sie in -die blaue Ferne wie die Stimmen der Heimat und rufen wie die Sehnsucht -stilleuchtender Stunden ganzer Geschlechter -- dann rauscht es dir im -Blute, denn du fühlst die Seele der Heimat, und du bist eins mit ihr. - - - - -Vor der Goldenen Pforte. - - -Die Westfassade des Domes türmt sich in wuchtiger Einfachheit empor wie -ein breitschultriger steinerner Riese, der den Himmel stürmen will. -Doch dort, wo die Vollendung den Bau in der Höhe krönen soll, bricht er -plötzlich unvermittelt ab, als wäre dem Riesen das Haupt abgeschlagen, -und starr und tot ragen die eckigen Schultern über die Dächer. Schaust -du zu diesen Baumassen empor und lässest deine Blicke über dieses -Gefüge von starken Blöcken aus dem Gneisgefels des heimischen Bodens -schweifen, das ohne jeden Schmuck in schlichter Größe und zwingender -Gewalt kantig vor dir aufsteigt, so mußt du vor der Baugesinnung und -dem monumentalen Bauwillen seiner Erbauer staunen. - -Nach ihrem Willen sollte der Westbau als riesenhafter monumentaler -Abschluß den ganzen Dombau krönen und als selbständiger, gewaltiger -Bauteil neben dem Hallenbau den Ruhm, den Stolz und die Macht des -jungen Domkapitels zur höheren Ehre der heiligen Jungfrau verkündigen. -Die Breite des Schiffes genügte nicht für diesen stolzen Gedanken. -Weit springt über die Schiffsmauern der Westbau nach Süden vor und -setzt seinen Fuß tief in den grünen Friedhof hinein, äußerlich -scheinbar ein breiter Riesenbau für sich, aber doch innerlich innig -mit dem Schiffsbau verbunden und verwachsen. -- Wir wissen es nicht, -wie der Meister des Baues sich den oberen Abschluß dachte, aber -wir können aus der ganzen Anlage des Westbaus schließen, daß er als -gewaltiger Schlußakkord in geschlossener Wucht in die Höhe strahlen -sollte, so daß vor ihm in seiner monumentalen Größe und Ruhe im Verein -mit den mächtigen Flächen des Domdaches alle anderen Bauten sich -beugten. -- Neue Zeiten stiegen herauf, ehe die Westfront vollendet -war. Die Stürme der Reformation umbrausten die langsam wachsenden -Mauern, bis schließlich der letzte Maurer herabstieg und Notdächer -dem unvollendeten Werke einen Abschluß gaben, Abschluß, aber nicht -Vollendung! -- Wann wird die Vollendung kommen? -- -- - -Jahrhunderte gingen hin. Da griff ein Meister unserer Zeit zum Griffel, -ein Meister, der Massen zu türmen verstand, der in der Wucht der -Gedanken und Massen, in der kraftvollen Einfachheit die Schönheit -suchte und aus der monumentalen Baugesinnung der alten Zeit heraus die -Vollendung im Geiste neuer Zeit suchte, Bruno Schmitz. - -Doch als das, was er im Geiste überragender Künstlerschaft geschaut -und gebaut, zu Stein gewordener Geistestat emporwachsen sollte, da -brachen die Stürme des Weltkrieges hervor. Wie vor 400 Jahren -- o -rätselhafter Doppelfall des Schicksals! -- mußten die Künste schweigen, -und der Meister legte sich selbst zum letzten Schlaf. -- Wann wird die -Vollendung kommen? - -Sinnend stehen wir in der grünen Stille des Domfriedhofes, schauen -die alten mächtigen, grauen Mauern und türmen in der Phantasie die -Baumassen empor nach den Plänen des Meisters zur Vollendung in ruhiger -monumentaler Wucht. Eine Amsel flötet im grünen Wipfel ihr Lied. Um -uns schweigen die alten stillen Gräber, aber ihre schlichten, schönen -Denkmäler reden eindringlich von einer verlorenen Kultur. Eine neue -Zeit ist heraufgestiegen, wird eine neue Kultur heraufsteigen? Sind -es Frühlingsstürme, welche uns umbrausen, oder sind es Herbststürme, -die noch das Letzte rauben vor der Ruhe des Todes und winterlicher -Unfruchtbarkeit? Tausend Hoffnungen sind geknickt, tausend Pläne sind -zerflattert in diesen Stürmen! Werden diese Stürme auch Knospen wecken, -daß sie aufbrechen und einmal Frucht tragen für eine neue Kultur echt -deutscher Art? -- Die Amsel singt ihr fröhliches Lied so jauchzend -in die Frühlingssonne hinein und schwingt sich auf den First des -Kreuzganges. Frühling und Wachstum, Knospen und Vogelsang über Gräbern! -Die Hoffnung bleibt lebendig, und das Leben ist stärker als der Tod! -Sei stille, das Leben wird neue Knospen ansetzen und Blüten und Frucht -bringen, und es wird gesegnet sein aus den tiefen Quellen, welche die -Jahrhunderte durchströmen und unversieglich sind, den Quellen deutscher -Tiefe und inniger seelischer Kraft, die manchmal freilich verschüttet -scheinen, aber in der Tiefe weiterströmen und dann plötzlich -hervorbrechen mit neuer Frische, Kraft und Reinheit. - -Wir schreiten zur Goldenen Pforte herüber und hören vor ihrer -göttlichen Ruhe das Rauschen dieser Quellen deutscher Tiefe und -inniger, seelischer Kraft. Mit schlichtem Worte preist sie der Chronist -von 1653: - -»Die Pforten dieser Kirchen seynd auch wohl außgearbeitet, sonderlich -ist an der einen, welche seitwärts gegen Morgen nicht weit von Altar -lieget, großer Fleiß und Kunst bewiesen worden, welche auch daher, und -weil sie gantz übergüldet gewesen, die güldene Pforte genennet wird.« - -Vor der Goldenen Pforte mußt du allein sein, oder ganz stille mit -einer engverbundenen, hochgestimmten Seele. »Auf leisen Sohlen wandeln -die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt Wilhelm -Raabe. Sei stille drum, wenn du hier nahe trittst. Aus dem Dome muß -dazu die Orgel klingen in feierlichen Akkorden, oder droben müssen -die Glocken ihr ehernes Lied summen, weit über die Dächer empor zu -den Wolken, und dein Herz muß offen sein, offen für Klänge aus einer -reinen, hohen, heiligen Welt, für Klänge aus der Höhe. Ganz stille dann -und schauen und schauen. Dann wird es in dir anfangen zu schwingen und -zu klingen, und auf leisen Sohlen kommt die Schönheit und das Glück, -und du hörst ferne Stimmen, die mit dir reden, und Gedanken gehen wie -strahlende Wolken über den weiter und weiter sich spannenden Himmel -deiner Seele. - -Der Dichter des Nibelungenliedes, der Dichter des Gudrunliedes, der -größten Lieder deutschen Heldenmutes und deutscher Treue, sind uns -unbekannt geblieben, aber in ihrem Heldensang zittert und bebt und -lebt unser Blut, unser Geist, unser Herz und Seele. Sie schufen ihr -Werk fast zu gleicher Zeit als unsere Goldene Pforte aus gleicher -Seelentiefe, Herzensreinheit und Geistesfülle erstand. Vor 700 Jahren -hat ein tiefer deutscher Künstlergeist dieses Wunderwerk geschaffen. -Niemand kennt seinen Namen, aber sein Genius ist heute noch lebendig -und schlägt dich in seinen Bann und nimmt dich im Fluge empor zu den -neun Himmeln der Verheißung und Erfüllung, die er in tiefer Symbolik -hier gestaltete. Sein Werk ist heute noch frisch und jung, als habe -der Künstler eben erst den Meißel weggelegt, so klar, daß es jedem -Kinde etwas sagt, so rätselhaft, daß seine restlose Deutung tiefster -seelischer Zusammenhänge und Erklärung vielfach verschlungener Symbolik -und kunstwissenschaftlicher Rätsel noch keinem Denker gelang. Wenn man -einem tiefen Eindruck nachsinnt, bleibt immer etwas Unergründliches, -Unerklärliches, was unter der Schwelle des Erkennens ruhend den -tiefen göttlichen Urgrund ahnen läßt. Soll man sagen, warum etwas -von Beethoven z. B. ergreift, so muß man zuletzt verstummen. Vor der -Goldenen Pforte kann man das letzte nicht sagen, man muß stille sein -und in der Seele die Unergründlichkeit spüren. - -So jung ist das Werk, als wolle der Meister den weggelegten Meißel -wieder aufnehmen, um die letzten unvollendeten Teile, die er vor -700 Jahren verließ, fertigzustellen, dort den Flügel des Engels im -Tympanon, dort die Konsolen in den gewaltigen Rundbögen. Das Fehlen -dieser letzten Meißelhiebe gibt den sinnenden Gedanken neue Rätsel auf -und webt einen feinen Schimmer der Romantik und spürenden Phantasie um -Künstlerhände, die zu frühe müde wurden, um Künstlerschicksal, das sich -zu früh erfüllte, um Künstlernamen, der im Dunkel versank, während er -unter den hellsten Sternen der deutschen Kunst leuchten müßte. Doch was -soll uns der Name, wenn das lebendige Werk laut seinen Meister durch -die Jahrhunderte preist? - -Durch Feuersnöte und Einsturzgefahren, durch Kriegsstürme und -Belagerungen, durch Abbrüche und Umbauten, durch Glaubenskämpfe, -Fanatismus und Bildersturm, durch Empörung, Aufruhr, Bubenspott und -wilden Übermut, durch Regen, Frost, Blitz und Wetter, durch Roheiten -und Zerstörungslust, durch Aberglauben, Gleichgültigkeit und tausend -andere Gefahren von sieben Jahrhunderten steht die Goldene Pforte in -wunderbarer Erhaltung bis auf unsere Zeit. - -Das Gotteshaus, zu dem sie gehört, hat öfter seine Gestalt gewandelt, -sie ist in ihrer Herrlichkeit geblieben und zeugt in ihrer strahlenden -Schönheit von dem Geist und der Kunst der alten Zeit, uns so nahe -verwandt und verbunden und doch so fern, so still erhaben in seiner -stillen Hoheit und Geschlossenheit über der lärmvollen Zerrissenheit -unsrer Tage. - -Es ist, als ob ihre Schönheit, wie einst die Klänge des Arion wilde -Tiere besänftigten, so alle Zerstörungslust und wilden Übermut -gebändigt habe, daß sie stille wurden und vor ihr in scheue Bewunderung -und heilige Ehrfurcht sich wandelten. Die Macht der Schönheit hat sich -selbst behütet und bewahrt. - -Und doch ist es nicht nur die Schönheit, die hier zu uns spricht, es -ist das tiefste Fühlen und Denken eines ganzen Zeitalters hier in -Stein gebannt und wie ein gewaltiges Glaubenslied, wie der Schrei der -verlangenden Seele eines ganzen Volkes nach dem, was göttlich ist und -über die Nichtigkeit zur Ewigkeit erhebt, klingt es empor. - -Du fühlst es, denn du bist Blut von ihrem Blut, und das wird dir -unaussprechlich klar, daß die Kunst arm ist, wenn sie nur diesseitig -ist. Du spürst in dir das Erkennen, daß die Kunst die Sprache der -Seele zu der Gottheit ist, daß in ihr das Göttliche in uns seinen -sehnsuchtsvollen Ausdruck sucht. -- - -Das Volk jener fernen Tage konnte nicht lesen, aber es konnte deuten -und die Sprache der Symbole, sinnbildlicher Bewegungen, Stellungen und -Gestalten verstehen, wie es unsrer Zeit ganz verlorengegangen ist. So -war ihm ein reiches Bildwerk symbolischer Art wie ein Buch, das mit -ihm redete in stummer, lebendiger Sprache und sich einprägte wie eine -gewaltige Predigt oder wie wuchtige Glaubenssätze. Es erkannte in ihm -das, was es im Innersten erfüllte und wonach ihre Herzen verlangten. Es -war ihm ein Ausdruck des eigenen besten Seins, Fühlens, Verlangens und -Glaubens. Es war ihm eine gewaltige Predigt, welche ihre Seelen von der -Geburt des Weltheilands, den die Könige anbeten, bis zu den Donnern -des Jüngsten Gerichts, da die Gräber springen, von den Verheißungen des -alten Testaments zu der Erfüllung des neuen Bundes trug. - -Solch ein Werk wie die Goldene Pforte konnte nur geboren werden -aus einer Zeit höchster religiöser Empfindung und gesteigerten -kirchlichen Lebens, als die Macht der Kirche und ihrer Lehren und -Auslegungen besondere Gewalt über die Seelen und Gedanken hatte. Es -war die Zeit der Kreuzzüge, in welchen so viel religiöse Inbrunst -verloderte und deutsche Kraft verblutete für weltenferne Träume und -wirklichkeitsentrückte Gedanken. Es war die Zeit der Gründung des -Franziskaner- und Dominikanerordens, die mehr als andere im Volke ihre -Wurzeln schlugen und ausbreiteten, dadurch, daß sie in den breiten -Massen wirkten und nicht sich abschlossen wie die anderen Orden, die -bald auch in Freiberg ihre Klöster gründeten und bauten. - -Die geistigen Strömungen wirkten sich in kirchlichen Gedanken aus. -Da blühte dieser Gedanke in der jungen Bergmannsgemeinde auf, ihren -Reichtum und ihren kirchlichen Sinn zu zeigen. Statt der schlichten, -alten romanischen Pforte aus der ersten Bauzeit in der Gründungszeit -der Stadt, deren Reste noch auf uns gekommen sind, sollte ein großes, -stolzes Marienportal das Gotteshaus schmücken, schöner und reicher als -irgendein anderes in deutschen Landen! Nach einem tüchtigen Meister -hielt man Umschau. Man mag im Kloster Altzella bei den feingebildeten, -kunstverständigen Benediktinermönchen, ferner in Wechselburg und auch -in anderen Städten herumgehorcht haben. Die Ordensbeziehungen der -Klosterleute und die Handelsbeziehungen der Bürger reichten ja weit und -machten nicht vor den Landesgrenzen halt. Die bunt aus allen Stämmen -gemischte, zum Teil auch weitgewanderte, geistig regsame Bevölkerung -hatte manchen klugen und gebildeten Kopf, und der den Verkehr -anziehende Segen des Bergbaues und die uralten Handelswege mögen auch -manchen Welt-, Menschen- und Kunstkenner herbeigeführt und sein Wort -und Ratschlag zur Geltung gebracht haben. - -Den rechten Meister zum Werke zu finden, das war jedoch ein Glücksgriff -besonderer Art, und wie ein Meteor taucht der Künstler aus dem Dunkel -auf, helleuchtend mit seiner Schöpfung, und verschwindet wieder im -Dunkel. Wir können nur vermuten und ahnen, auf welchem Wege er gefunden -wurde und aus welchen Einflüssen heraus der Meister dieses herrliche -Werk schuf. Keine Urkunde und keine Chronik meldet seinen Namen, aber -aus dem Werke seiner Hand können wir fühlen, wie seine Künstlerschaft -zu dieser Vollendung reifte und Anregungen aus Jugend, Heimat und -Fremde verarbeitete und mit schöpferischer Kraft gestaltete. Er -stammte vielleicht aus Magdeburg, wo in der alten Bischofsstadt ein -neuer Dom entstehen sollte. Dort in der Dombauhütte war er wohl als -junger Künstler tätig, der sich schon ausgezeichnet hatte, weit durch -Deutschland gewandert war und vielleicht in Regensburg, wahrscheinlich -aber auch in Halberstadt gearbeitet hatte und dort den Dom und die -Liebfrauenkirche genau kannte, ihre Formen, Bildwerke und Malereien -mit ihrem Gedankenreichtum in sich aufgenommen, gezeichnet und -verarbeitet hatte, dessen Künstlerschaft an diesen Werken gewachsen -war. Sein Meister in der Dombauwerkstatt von Magdeburg war aber auch -in Frankreich gewesen. Ihn hatte der Erzbischof Kardinal Albrecht II. -dorthin geschickt, um Anregungen für den neuen Bau zu schöpfen, aus -den gewaltigen Kathedralen von Paris, Chartres und Laon, die der -Kardinal in seiner Jugend gesehen hatte. - -Dieser Meister hatte den Kopf und das Herz voll sprudelnder neuer -Gedanken und Bilder mitgebracht und ein Skizzenbuch voll Zeichnungen -von Portalen und Figuren und allerlei Einzelheiten, Notizen und -Motiven, um, befruchtet durch fremdes, neuartiges, künstlerisches -Schaffen und Gestalten sein eigenes Können und seine künstlerische -Phantasie zur höchsten Blüte zu entwickeln. In diesem Skizzenbuche -seines Meisters mag nun mit feuriger Seele unser Künstler studiert -haben, um das, was an alter deutscher Kunst ihm herrlich schien, -nach Form und Inhalt mit diesen neuen Gedanken zu verbinden und zur -Vollendung zu führen. - -Die junge Kunst der aufblühenden Gotik, wie sie in Frankreich -emporwuchs, mit ihren neuen Konstruktionsgedanken lag ihm fern. -Er fühlte mehr als Bildhauer und wendete seine Neigung dem -bildnerischen Schmucke zu. Er zeichnete eifrig und entwickelte sich -seine Gedanken und ließ sich von seinem Meister erzählen, wie an -den französischen großen Kathedralen die Portale geschmückt waren: -Ein Marienportal mit der Darstellung der Erhebung Marias zum Himmel -und Krönung, ein Christusportal mit dem Heiland in der Glorie, mit -den Evangelistensymbolen und der Königsreihe seiner Vorfahren, und -schließlich ein Portal mit der Darstellung des Jüngsten Gerichtes. Wie -mag der Künstler mit der Fülle der neuen Gesichte und Vorstellungen und -Anregungen und Formen gerungen haben, mit denen die junge Gotik seine -Feuerseele bedrängte. Das Neue, das ihm entgegenblühte, zu verstehen -und aufzunehmen, und neue Gedanken mit der klaren, einfachen, alten, -lieben Sprache der Heimat auszudrücken, das wurde das Ziel seines -Ringens. Im benachbarten Halberstadt zeichnete und studierte er viel an -den neuen Werken der kirchlichen Baukunst und Bildnerei. Auch manches -Werk der Antike in edler Einfalt und stiller Größe mochte ihm bekannt -geworden und von ihm in seiner Schönheit im heißen Glück empfunden -und gezeichnet worden sein und ihn emporgehoben haben zu reifer, -abgeklärter Kunst. - -Es erging vielleicht durch Vermittlung seines Meisters in Magdeburg -an ihn der Ruf von Freiberg, ein Prachtportal zu bilden zur Ehre der -Jungfrau Maria und zum Schmucke der jungen, stolzen Silberstadt, deren -Ruhm weithin durch das alte Sachsenland erklang. -- - -In welcher bewundernswerten Weise er diese Aufgabe anpackte und löste -und eines der größten Meisterwerke deutscher romanischer Kunst schuf, -wie er unter meisterhafter Beherrschung aller romanischen Schmuckmittel -und künstlerischen Möglichkeiten und Formenreichtums alle Tiefen -inniger Glaubensgewißheit und kirchlicher Lehre durchmaß und in seinem -Werke ihnen Sprache und Leben gab, wie er mit der Glut seiner deutschen -Seele die Klänge ferner, fremder Kunst in die göttliche Harmonie und -Reinheit seiner heimischen Kunst voll ursprünglicher, selbständiger -künstlerischer Eigenart einordnete, das ist Zeugnis für den Himmelsflug -seines Geistes, die Tiefe seiner Seele und seine schöpferische Kraft. -Und sehen wir vom geistigen Inhalt des gewaltigen Werkes ab, so ist -schon die rein bildnerische, künstlerische Schönheit des Ganzen und -aller einzelnen Teile so vollendet und ergreifend, daß es weit über -alle Werke jener Zeit emporragt. - -Die Goldene Pforte ist noch ganz romanisch, ein stufenförmig -gestaffeltes Portal mit Säulen in den Winkeln der Stufen von -reinromanischer Kapitälbildung. In der Ornamentik der mächtigen -Rundbögen finden wir die kräftigen Zickzacklinien, wie sie besonders -gern und häufig irische Mönche verwendeten, welche als Missionare -Deutschland und Frankreich durchzogen und ihre einheimischen Formen zur -Geltung brachten. Diese »Schottenmönche« hatten z. B. in Regensburg -zwei Kirchen nach ihrer Art gebaut und geschmückt, und es ist wohl -möglich, daß auch bei der Goldenen Pforte mit ihren Zickzackornamenten, -die sich bis in die Schäfte der Ecksäulen zart fortsetzen, solche -irische Einflüsse, sei es über Regensburg, sei es über andere Studien -und Skizzen des Meisters wirksam gewesen sind. Alle Gebundenheit und -Steifheit der Ornamentik und namentlich des Figürlichen, in der die -mittelalterliche Kunst noch gefesselt lag und die mittelalterliche -Figuren neuzeitlichem Empfinden oft so schwer verständlich macht, ist -aufgehoben. Die Gestalten leben und sprechen und sind erfüllt von -innerer geistiger Spannung je nach ihrer Bedeutung und Bestimmung. Sie -sind mit einer plastischen Sicherheit und Kenntnis des menschlichen -Körpers und seiner Bewegung hingestellt, als wären sie vom -Frühlingshauche der jungen Renaissance, die doch erst 300 Jahre später -nach Freiberg kam, berührt und erweckt, von formaler Schönheit erfüllt -und über ihre Zeit hinausgehoben worden. - -So ist die Goldene Pforte zu dem strahlenden Juwel geworden, das durch -die Jahrhunderte leuchtet und auch heute noch jeden Beschauer zur -Andacht zwingt, daß er empfindet: Hier stehst du an heiliger Stätte, -an einer Stätte der Offenbarung deutscher Seele, deutscher Kunst und -deutscher Gedankentiefe. Die Kunst erhebt sich hier in der Tat zu einer -so ergreifenden Großartigkeit, sagt Richard Freiherr von Mansberg, ihr -geistvoller Erklärer, dem wir hier folgen wollen, daß in dem ganzen -Gebiete der Erzeugnisse dichtender und bildender Kunst außer dem -gigantischen Werk eines Dante wohl keines zu nennen ist, welches an -tiefer Durchdringung des geistigen schwer zu bewältigenden Stoffes bei -gleicher Formvollendung dem unsrigen ebenbürtig zur Seite gestellt -werden könnte. »Noch einmal,« sagt er, »verschmelzen hier antiker -Schönheitssinn und deutsche Empfindung, getragen von einem Naturgefühl, -das bis ins kleinste der Gesichtszüge, der Hände und Füße, voll Adel -und Lebenswahrheit ist«. - -Neun Bogen schließen sich so zusammen zu einem gewaltigen Halbrund, -das als Symbol des Weltalls gilt mit den neun Himmeln, in welchen die -beim Jüngsten Gericht aus ihren Gräbern auferstehenden Märtyrer, die -Apostel und die Scharen der Erzengel, Cherubinen und Seraphinen Gott in -seiner Dreieinigkeit in den Scheiteln der Bögen thronend schauen und -in feierlicher Würde verehren. Die Figuren sind wie die Juwelen eines -Diadems in köstlicher Vollendung dem reichen Rahmenwerk eingefügt. - -Dieses gewaltige Diadem umspannt das Bogenfeld (Tympanon) als Herz der -ganzen Komposition. Die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben ist hier -thronend dargestellt, wie die drei Weisen aus dem Morgenlande, als -Vertreter der Völker der Erde, ihre Gaben bringen und huldigen. Sie ist -der Mittelpunkt des Weltalls, als die reine Jungfrau, die Gottesmutter, -die Himmelskönigin, die Mutter der Gnaden in nahezu vollkommener Weise -dargestellt. Hoheit und Demut und eine überirdische Verklärung spricht -sich in den ernsten und doch weichen Zügen aus, die immer stärker -fesseln, je länger man sie aus der Nähe betrachtet. - -»Die Gottesmutter, die Himmelsfrouwe und der Engel Kuniginne«, wie der -alte Dichter sagt, ist selten wieder in gleicher Tiefe, Innigkeit und -Vollendung dargestellt worden. - -Über ihrem Haupt runden sich die Himmelsbögen, in denen Engel, -Apostel und Auferstehende die Erfüllung und Vollendung des göttlichen -Erlösungswerkes symbolisieren. Zu ihren Füßen aber stehen Gestalten des -alten Bundes, als Verkünder, Vorläufer und Ahnen des Heilandskindes, -das sie in den Armen hält. Zugleich aber sind diese Gestalten als -Sinnbilder zu deuten, die Maria feiern als eine Jungfrau, Gottesmutter, -Himmelskönigin und Mutter der Gnaden. Zwischen den herrlichen Säulen -mit ihren köstlichen Kapitälen, welche die Himmelsbögen tragen, stehen -so auf kleineren Zwergsäulen sich gegenüber die Gestalten des Propheten -Daniel und des Aron, der Königin von Saba und der Bathseba, des Königs -Salomo und des Königs David, Johannes des Täufers und des Propheten -Nahum. - -Doch noch tiefer und weiter greift die Symbolik: Die neue Pforte -zum Gotteshause sollte für die Freiberger Bergmannsgemeinde eine -Bergmannspforte sein! Nicht ohne Absicht steht darum Aron auf der -ersten steinernen Säule des Gewändes. Im Orient haben Namen ihre -besondere Bedeutung. Der Name steht für das, was der Mensch selbst ist. -Aron, das arabische Harun, von dem Märchenkalifen Harun als Raschid -bekannt, bedeutet »Bergmann«! Aron, der Bergmann, steht als erster an -der stolzen Pforte der Pfarrkirche der jungen Berggemeinde und weist so -auf die Bergstadt hin. - -Über der zweiten Säule ist die Stadt Freiberg, das alte »Vriberch« -selbst dargestellt durch einen weiblichen Kopf mit Mauerkrone. Das -Symbol der Mauerkrone kennzeichnete ja bereits in der Antike die -Stadtgöttinnen. - -Den ersten der neun Bogen tragen Löwen als Wächter des Heiligtumes, den -dritten trägt die Stadt Freiberg als der Ort, der das Heiligtum baut, -erhält und trägt, den fünften Bogen trägt links ein Bergmann in der -alten Fahrhaube und rechts ein Mönch mit Fischen, der Bergmannsstand, -der die Gemeinde bildet, und der Mönch, der die Gemeinde sammelt und -pflegt nach dem Wort des Herrn: »Ich will euch zu Menschenfischern -machen«. - -Über 80 figürliche Darstellungen schmücken die Pforte in unerhörtem -Reichtum aber ohne Überladung in köstlichem Rhythmus der künstlerischen -Formen und der tiefen Gedanken. Die stets wechselnde Fülle der -Ornamentik und aller Schmuckbildungen an Kapitälen, Gesimsen, Säulen -und Bögen, in welchen Menschen- und Tiergestalten in echt deutscher -Phantasie mit verflochten sind, ist staunenswert. - -Hier zum ersten Male werden in Deutschland sitzende Figuren in den -Nischen der Bögen verwendet, das einzige Mal im romanischen Stil, was -später der gotische Stil häufiger zeigt. - -Hier zum ersten Male in Deutschland wird eine Krönung Mariä dargestellt -im untersten Bogen über dem Tympanon, die zwei bis drei Jahrhunderte -später ein so beliebtes Motiv der Plastik und namentlich der Malerei -wurde. - -Hier zum ersten Male wird in der deutschen Kunstsymbolik das Jesuskind -mit dem Apfel als Sinnbild der Welt dargestellt. - -Eine Fülle von neuen Gedanken sind hier zum ersten Male ausgedrückt, -die für Jahrhunderte die Kunst befruchteten und anregten. Hier ist -die Kunst nicht nur ein Können voll Schönheit und nur der äußeren -Form, welche die Augen beglückt, nein, sie ist eine Stein gewordene -Weltanschauung von unendlicher, echt deutscher Seelentiefe, innerem -Gehalt und unwiderstehlicher Gemütskraft. Sie ergreift das Innerste, -weil hier eine gottbegnadete Künstlerseele ihr künstlerisches und -seelisches Bekenntnis ausströmte und in wundervoller tiefer Einheit -formte zu einem Werke voll leuchtender Klarheit, Schönheit und heiliger -Innigkeit, einem Werke, in welchem das edelste Wollen und Fühlen seines -ganzen Volkes und seines Zeitalters erhabenen Ausdruck fand. - -Um die Wirkung seines gewaltigen Werkes auf das höchste zu steigern, -hatte der Künstler dann das Ganze vergoldet und in reine leuchtende -Farben, in strahlendes Rot, tiefes Blau und sattes Grün gehüllt. Das -Gold und die Farben sind im Laufe der Jahrhunderte geschwunden, doch -noch heute lassen sich Farbenspuren hie und da an versteckter Stelle -finden und aus älteren Berichten kann die Farbengebung der einzelnen -Teile mit einiger Sicherheit festgestellt werden. Die unverbildete -Farbenfreude des Mittelalters, welche sich ja auch in der Tracht -ausspricht, liebte es, architektonisch ausgezeichnete Bauteile, wie -Portale, Erker, Giebel u. dgl. als besondere Schmuckstücke farbig zu -bemalen und auch breite Wandflächen innen und außen mit Gemälden zu -schmücken. Kaum ein mittelalterliches Bauwerk höheren Ranges wird auf -die kräftige, belebende Wirkung reiner leuchtender Farben verzichtet -haben. Das Erbe dieser Farbenfreude hat ja nur unsere Volkskunst in -schlichtester Weise festgehalten, vermehrt und zu mancher neuen Blüte -gefördert. Diese Farbenfreude, welche durch die mißverstandene Antike -und Klassizismus verlorengegangen zu sein scheint, ist ein inneres -Bedürfnis unseres Volkes und müßte wieder ihren Platz sich erobern im -Leben des Volkes und im Straßenbilde. - -Die alten Beispiele und die alte Volkskunst könnte da anregend und -befruchtend wirken im Sinne einer farbigen, malerischen Bereicherung -unserer so nüchternen, modernen, Grau in Grau gehaltenen und Grau in -Grau die Seelen stimmenden Straßen und Plätze. - -Wie ein Märchen voll Schönheit, Glanz und Farbe muß dagegen die -»Goldene Pforte« einst gewirkt haben, und so manchen schlichten, rauhen -Besucher aus harter, unwirtlicher Wald- oder Bergeinsamkeit überwältigt -haben, als stünde er vor der Pforte des Himmels, wo alle Schönheit und -aller Glanz vereinigt ist, so daß er geblendet die Augen schließen muß, -nein, tief in die Seele die Herrlichkeit hineintrinken möchte und an -dem Trunk genesen muß von dem, was schwer und trüb und dunkel seine -Seele bedrückt und bedrängt, daß er alles vergißt, was dahinten ist und -seine Sehnsucht nach dem ewigen Lichte strebt, und die Arme hebt dem -leuchtenden Glanze entgegen. -- -- -- -- - -Doch wir müssen scheiden. Die Glocken droben sind längst verklungen, -aber im Herzen klingen lauter und lauter die Glocken, welche das Lied -von deutscher Seele und deutscher Kunst, von deutscher Kraft und -Schönheit singen, welche nach 700 Jahren noch jung ist und jung bleiben -wird, solange noch eine deutsche Seele dem Lichte entgegenringt und -goldene Pforten sich baut, leuchtend im Grau der Tage, hoch über dem -Schmutz der Straße, hoch über den dunklen Tiefen des eigenen Herzens, -die ihre goldenen Bögen öffnen der Erfüllung und Vollendung entgegen. - - - - -Haldenwanderung. - - -Ja freilich ist es über die Maßen herrlich, unterzutauchen in die -Tiefen des grünen Meeres der Wälder, wo die Wipfel wie Wogen rauschen -und wallen, und dort in kraftspendender Einsamkeit aus der Unruhe und -den Irrungen und Wirrungen zurechtzufinden. - - »Da mag vergehn, verwehen - Das trübe Erdenleid, - Da sollst du auferstehen - In junger Herrlichkeit!« - -Einsamkeitsgänge sind oft Genesungsgänge, Gänge der Erhebung, des -Aufrichtens und Abschüttelns von allerlei Last und Leid. Meister -Eckhart (1260--1327) sagt: »Ein auferhobenes Gemüt sollst du haben, -nicht ein niederhangendes, ein brennendes Gemüt -- in dem doch eine -ungetrübte schweigende Stille herrscht.« Stunden der Stille sind -Stunden der Kraft, wenn du der Stille die Tiefen deiner Seele öffnest, -damit sie stille wird. - - »Da draußen, stets betrogen, saust die geschäft’ge Welt!« - -Doch da drinnen kann auch das Herz betrogen werden und leer bleiben -trotz der Stille, wenn es nicht den Stimmen der Stille recht lauscht -und aufnimmt, was sie sagen und geben wollen. - -Wer diesen Stimmen recht zu lauschen vermag, der findet Reichtümer -und Schätze, wo den andern alles arm und öde ist, dem blüht Leben und -Freude, wo dem andern alles tot und leer ist, der gewinnt Kraft und -neuen Schwung, wo der andere müde und stumpf wird. »Auf leisen Sohlen -wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt -Wilhelm Raabe. - - In der Stille wachsen große Gedanken, - Aus der Stille reifen wahrhafte Taten, - Aus der Stille blüht die Stärke der Seelen! - -Sagt doch schon der Prophet Jesajas: »Wenn ihr stille bliebet, so würde -euch geholfen«. - -Was vermag aber am meisten die Seelen zu erheben und still zu machen? -Großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, die Ewigkeit und die -Vergänglichkeit! - -Aus der Stille heraus erst vermagst du oft die Heimat zu verstehen und -ihre Wunder zu erkennen, ihre Werte zu finden und dir zu gewinnen, -die sie dem Lärm verborgen und verschlossen hält, in der Stille erst -vermagst du für dich in der Heimat das große Gotteswerk und das große -Menschenwerk, die Ewigkeit und die Vergänglichkeit mit deiner Seele zu -suchen und zu erkennen. In der Stille erst vermagst du dich selber zu -finden und dein Bestes zu verstehen. - - »Und meine Seele spannte - weit ihre Flügel aus, - flog durch die _stillen_ Lande, - als flöge sie nach Haus.« -- -- -- - -Wir wollen einmal wandern, dort, wo es stille ist, dort, wo großes -Menschenwerk, wo die Vergänglichkeit in stummer Größe uns anschauen und -uns erzählen von vieler Geschlechter Mühe und Arbeit und von ringenden -Kräften ferner Tage. Eine Wanderung über die alten Bergwerkshalden in -der Umgebung der alten Bergstadt vermag uns gar stille und nachdenklich -zu machen. Gar oft ist die Romantik der alten Burgen und Schlösser und -ihrer trotzigen Ruinen besungen worden. Sagen und Geschichten umranken -die Trümmer mit stimmungsvollem Zauber und beflügeln die Phantasie -sogar auch manches nüchternen Spötters zu höherem, reinerem Flug. - -Wir sind stolz auf diese Herrlichkeiten der Heimat, die uns vom Glanz, -von urwüchsiger Kraft und kriegerischem Tatenmut unsrer Vergangenheit -erzählen, und empfinden sie froh und tief. Doch hier unsere Halden und -schlichten Bergwerkshäuser sind von gleichem Werte und gleicher oder -tieferer Wirkung auf die sinnende Seele, wenn sie nur in ihr stilles, -schicksaldurchfurchtes Antlitz schaut. Wir wollen sie suchen und -lieben, wir wollen stolz auf sie sein und von ihrem stimmungsvollen -Zauber in der Stille uns umfangen lassen und von ihnen reden und sagen, -nicht wie von etwas, das der Menge und dem Geschrei gefallen muß oder -etwas geben könnte, sondern wie von etwas, das den feinen Seelen, den -stillen Herzen unendlichen Stimmungszauber gibt. Auch die alten Halden -erzählen, wie jene stolzen Burgen, von untergegangener Herrlichkeit, -und der silberne, mit bunten Blumen durchwirkte Mantel der Romantik -liegt über ihnen. Es ist nicht die Romantik klirrender Waffen von Blut -und Streit, sondern die Romantik klirrenden Werkzeugs, ringender Arbeit -und sauren Schweißes von tausend Geschlechtern, welche in unermüdlicher -Treue mit den Geistern der Tiefe den täglichen Kampf der Arbeit und -Pflicht durchkämpften und in den dunklen Schächten die blutenden -Silberadern der Felsen durchforschten. Es ist die Romantik, welche -nicht Wunden schlug, sondern aus den Felsen die edlen Erze schlug und -sie zum Zauberstabe machte, daß aus dem Lande ein Garten wurde, in -welchem die Kultur und edelste Kunst erblühte. - -Diese Arbeit von Jahrhunderten hat die Landschaft gestaltet und ihr so -charaktervolle Formen gegeben, daß die Landschaft selbst dadurch ein -Riesendenkmal des untergegangenen Bergbaues geworden ist. Die Kräfte, -welche sie zu ihrer Eigenart herausgestaltet haben und in ihr wirksam -waren, werden deutlich sichtbar, und jede Halde, jeder Hügel, jede -Binge erzählt uns von dem Ringen, den Siegen und dem Segen zäher Arbeit -zahlloser namenloser Geschlechter. Die Halden sind die Riesendenkmäler -der Namenlosen der Arbeit! So trägt die Landschaft die tiefe geistige -Schönheit eines durchgearbeiteten Charaktergesichts, und dies ist -schöner und packt mehr die Seele und forschende Gedanken, als die leere -Schönheit der äußeren Form, in der kein geistiges oder seelisches -Erleben, kein Schicksal und kein Kampf sich ausprägt und uns mitleiden -und mitfühlen läßt. Wie gewaltige Hünenmale des alten Bergbaues türmen -sich rings die Halden mit ihren mächtigen Steinmassen. Blaue und -violette Schatten auf dem schwarzen, braunen, gelben und roten Gestein -und wieder der rote Glast der Sonne verleihen ihnen ein eigenartiges -Leben und wundersame Stimmung. Bald im Sturze in natürlicher Böschung -übereinandergerollt und durcheinander gekollert, bald wieder mit -steiler Steinpackung wie in Felsenmauern gefügt, schwarz vom Wetter und -finster-gewaltig in den mächtigen starren Linien des Umrisses gegen den -blauen Himmel mit den schwebenden weißen Wolken stehend, liegen die -Steinmassen nackt und ohne Grün da, gekrönt von den hellschimmernden, -zusammengedrängten Häusern der Grube mit ihren grauen Dächern, die -in feiner Massenabstufung dem Bilde den harmonischen Abschluß geben. -Finster-dämonisch wirkt das Bild zu manchen Zeiten und Stimmungen. Ja, -im Grauen des Gewitters, wenn Sturm und Wetter auf ihren blauschwarzen -Wolkenrossen durch die bebenden Lüfte sausen, dann steigert sich die -Wirkung ins Heroische. Die Wucht und Schönheit der einfachen Linie, der -kantigen Form und Masse hält uns in ihrem Bann. - -Ja, wie mächtige Festungsmauern, steil und unersteiglich, finster -und wuchtig wirken manche dieser Riesenmale, welche der Bergbau sich -gesetzt. Wie Titanenwerke ragen sie auf und beherrschen die Landschaft. -Bedeckt doch z. B. die Halde des Davidsschachtes bei 27 ~m~ Höhe -eine Fläche von fast 40000 ~qm~, und ihre Steinmassen betragen etwa -1 Million ~cbm~. - -In der Nähe aber wird das Einzelne lebendig. Farben leuchten auf in -allen Schattierungen, von Schwarz und Grau und Weiß, vom Braun bis -zum leuchtenden Gelb und Rot und Zinnober, Grün, Rosa und Violett, -und suchst du mit dem scharfen Blicke des Sammlers und wendest oder -zerschlägst du gar die Steine hier und dort, so blitzt bald hier ein -Kristall, Quarz oder Feldspat, bald schimmert dort eine Ader von -Bleiglanz oder Schwefelkies oder es fesselt dich das feine Geäder -baumartiger Zeichnung auf einer bunten Fläche. Und richtest du dich -auf, so schweift dein Blick über die malerische Umrißlinie der Stadt -im grünen Grunde unter dir mit ihren Türmen und Mauern, mit ihren sich -drängenden steilen, roten, grauen und schwarzen Dächern. Dicht vor -dir der mächtige Donatsturm mit seinem spitzen Kegeldach, um welches -die Dohlen flattern und schreien. Die altersgraue Stadtmauer schaut -durch grüne Wipfel. Dort die beiden stumpfen Türme von St. Nikolai, -die mit ihrer schlichten Wucht so recht in die alte Bergstadt passen, -dort der hohe schlanke Petriturm, der über alle Dächer, Giebel und -Türme weit hinausschaut ins grüne Land, der Rathausturm dicht dabei -mit seiner barock geschwungenen Haube und endlich das mächtige Dach -des altehrwürdigen Domes, das wie eine Henne weit seine Flügel breitet -über die Schar der anvertrauten Küchlein, und dazwischen hinein das -lustige Gewimmel von Giebeln und Dächern und Schornsteinen wie die -Heerschar, welche sich um die hohen stolzen Führer freudig drängt und -zu ihnen vertrauend aufschaut. Blauer Rauch wirbelt aus den Essen -empor und ein Glockenklingen grüßt uns von den Türmen wie Stimmen -aus den Seelentiefen der Stadt. Und wendest du dich um und schaust -du weit ins Land hinaus, da sind die blauen Wogen des Waldes in der -Ferne und vor dir in der Nähe und in der Weite im gewaltigen Ringe -umher, die Halden, die schweigenden Beherrscher der weiten, stillen -Landschaft. Bald träumen sie einsam im Felde wie ein gewaltiges Grab -der Vergessenheit, der Vergänglichkeit entgegen, bald wandern sie in -langen Zügen wie sagenhafte urweltliche Ungeheuer mit ihren Rücken und -Kuppen durch das Zwielicht in geheimnisvolle Dämmerung hinein, bald -türmen sie sich zu riesenhaften Kegeln empor, als sollten Pyramiden auf -eines Pharao Geheiß zum Himmel emporgeschichtet werden, bald strecken -sie sich lang und flach mit kurzem Steilhang wie vom Winde geformte, -vom Sturm zerrissene Dünen, bald bäumen sie sich kurz, steil und -trotzig empor wie eine vom Riesenpflug emporgeworfene Scholle. Bald -weißschimmernd wie märkischer Sand, bald rot leuchtend, als bluteten -alte, schmerzhafte Wunden, bald grünumwuchert, bald laubüberdacht, -bald tot und nackt und kahl, stets wechselnd und doch immer dieselben -schweigsamen und doch so vielsagenden Gestalten, sind diese Halden -gewaltige und klingende Akkorde in der Landschaft Freibergs, welche -die jahrhundertelange Arbeit des Bergbaues schufen und fügten zu einer -heroischen Symphonie der Arbeit. - -Die Bauten, welche die Halden hie und da krönen, klingen in dieser -Symphonie mit und stimmen zur Ruhe und Macht der stillen Massen, -als könnte es gar nicht anders sein. Wie träumend in weltenweiter -Vergessenheit schaut uns so manche alte Kaue, so manches alte -Grubengebäude an wie aus Märchenaugen aus der Zeit »Es war einmal«! Des -Fäustels munterer Schlag ist längst verklungen, die fleißigen Häuer, -die frischen Bergjungen, der bedächtige Hutmann sind davongezogen, und -es ist still, ganz still geworden, wo einst des Bergmannes herzhaftes -Glückauf erklang. -- - -Kein Haus, kein Dach in der Nähe, kein menschlicher Laut! Verlassen, -vergessen steht die alte Kaue auf der Halde, ohne Fenster, ein Dach -auf vier verwitterten Wänden, von denen der Putz herunterrieselt. -Die Bruchsteine schauen braun und grau hervor, und die gelblichen -Fugen sind ausgewittert vom Sturm und Regen, von Frost und Hitze, -die hier auf einsamer Halde um das einsame Haus ihr Wesen treiben. -Gestrüpp, langes, graues raschelndes Gras und Binsenbüschel haben -sich angesiedelt. Nacktes Geröll und Sand in bunten Farben, gelb, -grau, braun und rot und weißlich tritt überall in unfruchtbaren, toten -Flächen zutage. Eidechsen huschen umher, ein bunter Schmetterling -gaukelt müde und träge vorüber, hängt sich dort an die langgestielte -Blüte der Skapiose, als wäre er verzaubert, der Schrei einer ziehenden -Krähe, ein Rascheln in den spröden, langen Halmen und darüber des -Himmels unendliche blaue Glocke, in der es summt wie geheimnisvolle -Stimme, wie die Stimme der Einsamkeit. - - »Auf den Halden schläft der Wind. - Leise Schmetterlinge fliegen. - Wege weiß ich, still verschwiegen, - Nur die kleine Grille singt. - Duft von Heu schwimmt überm Grunde, - Und wo froh die Sichel klingt, - Geht des Tages müde Stunde.« - -So breitet sich schwermütiger Zauber über viele der alten Halden, der -dich gefangennimmt, wenn du dich stille zur rechten Stunde ihnen nahst. - - * * * * * - -Doch in manche der alten Berggebäude ist neues Leben eingezogen, -arbeitet und kämpft mit vorwärts gerichtetem Blick und greift auf -jahrhundertealtem Arbeitsgrunde kühn in die Zukunft und in die Welt, -das Alte mit neuem Geiste erfüllend. Auf der riesigen Halde des -David-Richtschachtes wachsen mächtige Bauten empor, in welchen zur -Flachsbereitung zahlreiche fleißige Hände sich regen. Wie eine stolze -Burg der Industrie auf riesenhaftem Sockel reckt sie sich auf. Auf dem -Abraham- und auf dem Turmhofschachte regen Maschinen die stählernen -Gelenke. Und dort auf der Reichen Zeche, die hoch und beherrschend die -Landschaft krönt, regt sich in den alten Gebäuden das frische Leben -der Wissenschaft, wächst und schafft sich neue Bauten und Stätten der -Arbeit. Die Bergakademie hat hier für Arbeit und Forschung, Lehre und -Übung fest ihren Fuß auf alten bergmännischen Boden gesetzt, aus dessen -Berührung ihr immer neue Kräfte zuwachsen. Das modernste Wissen von -der Braunkohle und der Maschine, der Glaube an die Zukunft und das -Hoffen haben ihre Fundamente gelegt auf den festen Grund bergmännischer -Vergangenheit, Treue und Tüchtigkeit. - -Und auf dem Dreibrüderschacht und auf dem Konstantinschacht sind aus -den alten Grubengebäuden Kraftwerke geworden. Unten in der Tiefe -des Schachtes im mächtigen, gewölbten, unterirdischen Felsensaal von -20 ~m~ Länge und 12,5 ~m~ Breite sausen die Turbinen 230 ~m~ unter -Tage, getrieben von den auf diese Tiefe verfällten Aufschlagwässern, -welche früher dem Bergbau dienten. Wie eherne Sehnen und Nerven ziehen -sich die Drähte vom Schachte als Kraftmittelpunkt durch das Land und -spenden Kraft und Leben tausend surrenden Rädern und Maschinen, tausend -fleißigen Händen, Licht in tausend Dunkelheiten. - -Braust hier auf diesen Halden das Leben modernster Arbeit und schmückt -sie mit neuem Reiz und einer Wirkung von besonders eigenartiger Kraft, -so liegt über anderen Stätten des Bergbaues, wo neues Leben eingezogen -ist, ein inniger poetischer Hauch wie aus Märchenzeiten. - -Durch den Hochwald, den duftenden, grünen Freiwald wanderst du dahin. -Ein eigener Gedanke ist es, daß hier tief unter den Wurzeln der ragende -Fichten einst das Silber wuchs, daß hier, wo jetzt der Wald seine -grünen Geheimnisse rauscht, vor fernen Tagen der Knappe sein Glück -suchte, in dunklen Schächten und Gängen das Silber grub, Halden türmte -und seine Mauern und Giebel schichtete und richtete. - -Die Meisen flattern zirpend von Zweig zu Zweig. Von ferne klingt -die Holzaxt durch die grüne Einsamkeit und harzduftige Stille. Da -leuchtet es hell durch die schlanken, goldbraunen Stämme, eine weiße -Wand, braune Holzverschläge, grüne Fensterladen und ein graues -Schindeldach, »das Schindelhaus« auf grüner Lichtung wie in einen -Saal mit weichem, grünem Teppich gestellt, einst für bergmännische -Zwecke erbaut. Wir tauchen weiter in die grünen Tiefen des Waldes -und folgen dem schmalen Pfad, der uns hineinlockt, das Flüstern und -Rauschen der Wipfel zu hören und ihren köstlichen Duft zu trinken. -Da tritt heimlich aus tiefer Einsamkeit ein graues Dach hervor. Auf -einer Halde, das taube Gestein ganz überwuchert von Grün, liegt dort -ein altes Scheidehaus, jetzt das Heim anspruchsloser Waldarbeiter, -»das Silberschnurer Scheidehaus«. Mächtige Fichten im grünen Kreise -schauen hernieder wie hütende Wächter. Die Könige dieser grünen Riesen -sind zwei Hängefichten, deren Äste mit langen hängenden Zweigen -wuchten, als wären sie von den Feen der Waldeinsamkeit und deutscher -Waldherrlichkeit mit Prachtgehängen geschmückt. - -Wie zwei Türme wachsen sie empor in den blauen Himmel, zwei Türme, die -die grüne Gotik des Waldes mit zartestem Astfiligran geziert, zwei -Türme, die leben und duften, die eine Seele und eine Stimme haben zu -singen und zu sagen. Leise, leise wiegen und rauschen ihre Zweige, als -webten darin die Klänge von deutscher Sehnsucht und deutschem Leid, -von alter Heldenzeit und jungem Trotz. Vorn im Gärtchen leuchtet es -von Blumen im bunten Flor. Da stehen steif gravitätisch die hohen -Malven mit ihren zarten Farben, die Kresse mit feurigen Blüten schlingt -sich am niedrigen Gitter, Rittersporn und Eisenhut, Rosen und Nelken -duften. Die Bienen des nahen Bienenstandes summen durch den Wohlgeruch -und die Farbenpracht und sammeln ihre süßen Schätze ein. Kinderlachen -klingt um das Haus, Windeln und bunte Lappen flattern am Seile. Im -wärmenden Sonnenstrahl sitzt Großmutter am Klöppelstock. Auf Stufen -führt gewunden ein schmaler Pfad hinauf auf die Halde, deren altes -verlassenes Scheidehaus nun frisches, junges Leben birgt, Leben, -Zukunft, Behagen und Zufriedenheit, eine Heimat tief im grünen Walde, -eine Heimat aus Waldmärchenland auf uraltem, bergmännischem Grunde. -- - -Doch auch die letzte Heimat hat ein Großer des Bergbaues einst in einer -Halde gesucht und dort seine Ruhe gefunden. Dicht bei Freiberg auf der -Höhe liegt die Halde der alten Grube zu den heiligen drei Königen. -Inmitten eines kleinen Haines von im Winde rauschenden Laubbäumen, grün -umwuchert und laubüberdacht ist diese Halde ein Grab und ein Grabmal, -wie es sinniger und stimmungsvoller kein Bergmannsherz finden kann. -Hier auf freier Höhe angesichts der alten Bergstadt, die unten gleich -einer malerischen dunklen Silhouette auf goldenem Grunde erscheint, -inmitten der Freiberger Gruben, Halden und Hüttenwerke verfuhr der -Oberberghauptmann Freiherr von Herder, ein Sohn des Dichters und -Patenkind von Goethe und Matthias Claudius nach seinem eigenen letzten -Wunsche seine letzte Schicht. - - »Und sink ich einst in jenes dunkle Reich der Nacht, - aus dem auf seine Berge keiner wiederkehrt, - erhebt dann hoch, ihr treuen Knappen, mir das Grab; - nur aufgehäufte Erd und graue Stein, - ein Zeichen eurer Liebe, Knappen! -- - Sitzt dann ermüdet an dem grünen Hügel einst der Wandrer - und gedenkt der Tag entflohener Zeit: - ›Hier‹, sagt er ›ruht der Knappen treuster Freund! -- - ihr Erster einst -- ihr Erster auch in Wort und That, - galt es der Berge und der Knappen Ruhm und Wohl.‹ - Erhebet hoch, ihr Knappen, mir mein Grab, - und denkt des treuen Freundes liebend nach, - wenn längst das enge Haus ihn deckt.« - -Das sind seine Worte! - -Ein kalter Wintertag war zur Rüste gegangen, Ende Januar 1838, -tief lag die Stadt und draußen das Feld verschneit, da wurde er -auf den Schultern seiner treuen Knappen den letzten Weg zu seiner -Lieblingsstätte, die nun seine Grabstätte werden sollte, nachts -bei Fackelschein emporgetragen. Durch den tiefen unwegsamen Schnee -hatte man tags zuvor erst den Weg ausgeschaufelt und gebahnt und -dann durch Hin- und Herreiten von Reitern der Garnison feststampfen -lassen. Nun dröhnte das feierliche Trauergeläute von allen Türmen -der Stadt herüber. Die letzte Bergparade zur letzten Schicht des -toten ungekrönten Königs der Bergwerke entwickelte sich in düsterer -Trauerpracht. Die schwere Seide der altehrwürdigen Knappschaftsfahnen -knisterte, und schwer wallte der schwarze Trauerflor hernieder. -Blank und rot blitzten im Lichte der Fackeln die Barten und das -Gezähe der Knappen auf, so kriegerisch als zöge die dunkle Schar -auf geheimnisvolle Heerfahrt. Ihre brennenden Froschlampen trugen -sie in der Hand und leuchteten so ihrem Herrn zur letzten Fahrt -zum dunklen Schacht des Grabes, aus dem noch kein »Glückauf« den -Bergmann wiedergrüßte. Die altertümlichen russischen Hörner dröhnten -mit mächtigem Klange ihre wuchtigen ernsten Weisen und steigerten -die Wirkung zu einem gewaltigen, erschütternden Erlebnis. Wie die -Beisetzung eines alten germanischen Heerkönigs im gewaltigen Hünengrabe -auf windumbrauster beherrschender Höhe mutet dieses nächtliche Bild an. - -Diese Stimmung klingt heraus aus zeitgenössischen Berichten und -Gedichten: - - »Beim Fackelschein sie trugen - den Sarg durchs Tor bei Nacht, - Ein Hüttenmann hält zur Linken, - ein Bergmann zur Rechten Wacht.« - -Ja, wie Kaiser Karl im Untersberg und Barbarossa im Kyffhäuser schläft -er nur und wird einst wiederkehren: - - »Doch schwieg rings auf den Bergen - das Grubenglöckelein - und fuhr kein Knapp am Morgen - zur Tagesschicht mehr ein, - dann wirst du aus dem Schlaf dich - wie Barbarossa ringen - und deinem Freiberg wieder - die alten Tage bringen!« - -Sinnend stehen wir und schauen auf die große Bronzetafel, welche -den Namen und das Wappen des letzten großen Berghauptmanns alter, -versunkener Bergherrlichkeit trägt, schauen auf die in Stein gehauene -Grabschrift: »Hier ruht der Knappen treuster Freund« neben der rechts -und links ein Bergmann und Hüttenmann das Berg- und Hüttenwappen hält. -75 Jahre nachdem Herder hier seine letzte Schicht verfuhr, verfuhr der -Freiberger Bergbau selbst seine letzte Schicht, das Grubenglöcklein -schwieg rings auf den Bergen, und wie eine Sage klingt nur noch das -Wort von der Berge und der Knappen Ruhm. Über uns rauschen die Wipfel -der hohen Bäume, rauschen und flüstern von alter Zeit. In Barbarossas -Tagen, als Ströme teuren deutschen Blutes im heiligen Lande und im -falschen schönen Welschland so nutzlos für die Heimat vergossen wurden, -blühte der junge Bergbau auf als eine der schönsten Blüten deutscher -Kultur und Tatkraft von größerem Werte für Volk und Heimat, als alle -Kreuzzüge und Römerzüge, und nun, nach siebenhundertjährigem Glück und -Glanz, wo der Bergbau zur Rüste gegangen, soll der stille Schläfer -dort in der Halde der Barbarossa sein, welcher die alte Herrlichkeit -wiederbringt! -- O ihr Träume, ihr Gedanken und geheimnisvollen Triebe, -ihr silbernen starken Flügel der deutschen Seele! Ihr habt unser Volk -über vieles hinweggetragen, was andere vielleicht zerbrochen hätte. Ihr -habt unser Volk in Begeisterung stark gemacht und schwach und elend -in manchem leeren Wahn. Ihr habt unserem Volke, unsrer Heimat manches -Schicksal bereitet, dem andre vielleicht entgangen wären. Ihr habt -hier, wo die Halden jetzt ragen, in dunklen Schächten Schätze geschürft -und das Land reich gemacht an Kunst und Kultur und edlen Gütern aller -Art, ihr habt aus der eigenen Seele Schätze gespendet an alle Welt und -Haß und Dornen sind eure Ernte. Auch Träume können Tat und Schicksal -werden. Träume blühen in der Stille. Die Stille ist ein Spiegel, in -dem Welt, Zeit und Ewigkeit sich dir spiegeln, wenn du nur zu schauen -verstehst. - -In der Stille wachsen große Gedanken, aus der Stille reifen wahrhafte -Taten, aus der Stille steigt die Stärke der Seelen. - -Wir wollen der Stille lauschen und in ihren klaren Spiegel schauen. Die -stillen Halden um Freiberg mögen dir da vieles sagen und geben, da mag -großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, Ewigkeit und Vergänglichkeit -zur fruchtbaren Stille führen. - -Hünenmäler der Arbeit vergangener Tage, tot und doch lebendig, stumm -und doch mit gewaltiger Sprache künden sie weit über das Land, daß -Arbeit Schicksal, daß Träume Schicksal sind, daß aus Arbeit und Träumen -die deutsche Seele sich ihre Zukunft formt, wenn sie nur erst starke, -silberne Flügel zur Höhe emporhebt. - -Vergiß nicht, Seele, daß du Flügel hast! - - - - -Das Tännichttal im Tharandter Wald. - - -Lange hatte mein treues Rad gerastet! Was bindet oft die Pflicht so -fest und umschnürt die Seele und das Wollen mit bitteren Fesseln und -nimmt sie in enge Haft, daß sie sich kaum mehr hervorwagen, Fesseln -abzuschütteln, frei zu sein, vogelfrei in ziellosem Fluge der Sehnsucht -hinaus! -- Heute lacht so frisch der Sonnenstrahl des taufrischen -Sommermorgens und lockt hinaus und es treibt und drängt ein inneres -Müssen, daß ich nicht widerstehen kann. Hinaus aus den alten Mauern -und drückender Enge, hineinfliegen auf flüchtigem Rade in die blaue -Sonnenwelt, als wäre ich ein Vogel mit jungen Schwingen, der sein Lied -jubelnd zur strahlenden Höhe trägt. - -Die wuchtige Stadtmauer Alt-Freibergs mit ihren Türmen und der Graben -mit seinen grünen Bäumen, das alte, mächtige Bollwerk des Donatsturmes -gleiten an mir vorüber. Leb wohl, du alter, fester Kumpan, mit deinem -spitzen Kegeldach, heute treibts in die Ferne mich mächtig hinaus. Und -ihr Dohlen dort oben in euren schwarzblauen Röcken so vornehm angetan, -die ihr dort flattert und schwebt und mit hellem Rufe freudig im -Schwarme in den blauen Äther euch schwingt, heute neide ich euch nicht, -heute bin ich mein eigen, heute bin ich mein selbst, ein freier, wilder -Vogel! Meine Seele ist ein Vogel, der über allen Tiefen schwebt, dessen -Flügel in alle Weiten strebt, der tief das Glück und die Sehnsucht -eines freien Sonnentages spürt. -- - -Die Straße ins Muldental hinab fliegt das Rad, daß ein Jauchzen aus -der Brust wie ein lachender, springender Brunnen emporsteigt. Halli -und Hallo! Die Sommerwelt ist mein, die rechts und links an mir -vorüberstürmt, die grünen Hänge, die saftigen Wiesen und dort der -rauschende Fluß im tiefen Grunde, mit seinen weißen Schaumflocken auf -dunklem, sprudelndem Wasser. Die Heimat ist mein, denn meine Seele ist -ihr offen, sie ist mein, denn sie gibt sich mir, weil ihrem Zauber -und ihrer Wesensinnigkeit sich meine Seele gibt. Jenseits geht es -steil bergauf. Steinig und heiß ist der Pfad, das Geröll rutscht unter -dem Fuß, und die glimmerblinkenden Gneisplatten flimmern wie Silber. -Auf dieser jähen Straße zogen schon die wilden Haufen der Schweden -und Kaiserlichen einher, die Grenadiere des Alten Fritz und das Heer -Napoleons. Kanonen und Packwagen sind unter Fluchen der Soldaten und -Keuchen und Schnauben der Rosse mit vielfachem Vorspann, mit Seilen und -Hebeln den steilen Hang mit seinen glatten Felsplatten hinaufgezogen. -Manch wilde Verwünschung und grimmiges Wort, manch sauren Schweiß hat -dieser Weg gekostet. -- Wie stille ist es heute hier! Es knistert -leise das Rad. Geröll löst sich unter dem Fuß. Rötlich blüht schon das -Heidekraut in dichten Polstern am Wege. - -Auf der Höhe schöpft die Brust tief Atem und dann wandern die Augen -hinab ins tiefe grüne Tal, wo die Mulde schäumt, und dort nach den -Höhen, wo die Halden und Bergwerke, Alt-Freibergs Wahrzeichen und -Hünenmale des Bergbaues, sich türmen, und weit in die blaue Ferne, -wo die duftigen Linien der Berge in unendlicher Zartheit sich am -Horizonte dehnen. Doch nun wieder vorwärts, dem Walde entgegen, in -dessen grünem Meere ich untertauchen will. Über breiten Höhenrücken -geht die Fahrt. Die Felder reifen der Ernte entgegen. Wie lange noch, -dann klingt die Sense und die Pracht sinkt vor dem Schnitter dahin. -- -Hast du Frucht gebracht? -- -- - -Die Vogelbeerbäume schmücken sich schon mit roten Beeren. Wie lange -noch, und die Drosseln ziehen, die Beeren fallen und liegen wie -Blutstropfen am Straßenrande. -- Blutstropfen! -- Wieviel Blut mag -auf dieser Heeresstraße sächsischen Schicksals geflossen, am Wegrande -versickert, vom Regen verwaschen sein? Tropfen am Wege, verronnen, -vergessen, vom Baume des Lebens blutrot geschüttelt, zertreten, -verloren im Staube -- Menschenschicksal, wie dunkel ist dein Lauf, aus -Dunkel kommend, im Dunkel vergehend, rote Beeren nur hie und da im -Staube deiner Straße! -- -- - -Drüben am Höhenrande des Horizontes steigen die Häuser von Konradsdorf -bergaufwärts, und der Kirchturm ragt spitz über die gelagerten -niedrigen Dächer, weithin als Landmarke die Gegend beherrschend. Wie -friedlich und still das Bild, der Blick über die fruchtbaren Breiten, -und doch, wieviel Stürme sind darüber hingebraust. Alte Kunde erzählt -von Konradsdorf aus dem Jahre 1632: »Den 16. April eben dieses Jahrs, -morgens um 5 Uhr, da Kaiserliche Völker eingefallen, ist Nikol Kirbach -von zwei Kroaten niedergesäbelt worden. Um eben diese Zeit haben auch -die Kaiserlichen Kroaten die Kirche allhier erbrochen, was darein -geflüchtet ermordet, den silbern Kelch und 100 Fl. mitgenommen, wobey -Pfarr und Schulmeister beynahe das Leben eingebüßt, davon man die -Spuren in der Kirchthüre noch findet.« - -Die Kirche zu Hilbersdorf dort drüben, dessen Flur an unsere Straße -grenzt, wurde 1639 von den Schweden unter Banner eingeäschert und Mord -und Blut war in seiner stillen Dorfstraße. - -Menschenschicksal, Völkerschicksal, wie geht ihre Straße über lichte -Höhe und dunkle Täler, durch Sonne und tiefe Schatten! Rote Beeren am -Straßenrand, deuten sie Freude, deuten sie Leid? -- - -Herbstmahnung, Schicksalsmahnung, Sommerwende leuchten uns die roten -Beeren am Wege, am Baume im Laube, das hie und da leise vergilbt, im -Staube, der ihr brennendes Leben mit Asche bestreut. Wie lange noch, -dann klirrt der Frost, dann schnaubt der Schnee in mächtigen Wehen und -Wirbeln gleich wilden weißen Rossen über die starren Felder und kahlen -Höhen und hinter ihnen der eisige Ost mit scharfen Peitschenschlägen. -- - -Wohl dem, der eine Heimat hat! -- - -Doch heute weht ein süßer Duft wie Honig herüber. Ein blühendes -Kleefeld strömt des Sommers ganze Lieblichkeit in Duft und Farbe in die -blaue Luft. Ich steige vom Rade und lausche dem Liede des glühenden, -blühenden Klees. Millionen von Bienen und anderen Insekten singen und -summen in dem purpurnen Blütenmeer ihr Lebenslied und taumeln von Kelch -zu Kelch. Als klänge ein seliger Harfenton dem Sommer und der Sonne -entgegen, voll gesättigt vom süßen Drange des Lebens und Blühens. -Schwer und wonnig steigt der Duft des Feldes empor, und ich trinke ihn -mit tiefen Zügen, als wäre es ein alter, köstlicher Wein. Ein purpurner -Teppich aus Duft und Licht, Farbe und Leben gewoben, auf dem nur die -Sonnenstrahlen mit leichten, schwebenden Füßen dahingleiten dürfen. Ein -Teppich, wie ein dunkler purpurner Orgelton, den der Sommerwind leise -dahinträgt, daß die Herzen stille werden. Als ob das heilige Herz der -Mutter Erde unter ihnen schlägt, so geht geheimnisvolles Leben durch -die Millionen Blütenköpfe, ein Beben, ein Atmen auf und nieder -- o du -Heimatflur! -- - -Und dort das Ährenfeld neigt schon die Halme. Der Wind geht drüber hin -in flüsternden Wellen. Die Lerchen steigen empor in die flimmernde Luft -und taumeln selig der Sonne entgegen als gäbe es keine Erdenschwere und -hätte ihre singende Seele dort oben den Weg zur Heimat gefunden. -- - -Dort drüben grüßt in breiten Wogen das grüne Meer des Tharandter -Waldes. Mein Rad fliegt wie ein Vogel hinab ins Bobritzschtal. Sanfter -sind die Hänge hier als im Muldentale. Malerische Höfe und Häuschen -klimmen auf und ab, drängen sich am Bach und drücken sich in die -Talwinkel. Naundorf ist es, dessen Kirchturm auf der Höhe wie ein Hirte -über seine Herde wacht. Die Straße führt talaufwärts am Bach entlang. -Die Wellen hüpfen mit Murmeln und Plaudern über die runden Steine, und -flinke Forellen schießen blitzschnell daher. Einst war dieser köstliche -Fisch so häufig hier, wie ein altes Naundorfer Kind erzählt, daß für -wenige Groschen eine ganze Schüssel voll im Fuhrmannsgasthof an der -Straße geliefert wurde. Heute mag wohl kaum ein Fuhrmann mehr Forellen -dort essen wie in der alten, stillen, einfältigen Zeit, als es noch -zufriedene Menschen gab. - -Ein Seitenweg führt von der Dorfstraße am Hange aufwärts zur Kirche, -die seit Jahrhunderten inmitten des Gottesackers von hier über die -Dächer und Höfe der Gemeinde herniederschaut. Eine Mauer umschließt -den Friedhof, und hohe Bäume überschatten den Eingang. Vogellied -aus den dichten grünen, lichtdurchfunkelten Zweigen, Choralgesang -und Orgelklang aus der Kirche vereinen sich zu einer stimmungsvollen -Sonntagsharmonie, als ginge leise mit uns über die stillen, grünen -Gräber mit schwebendem Schritte der Frieden suchender, findender, -erlöster Seelen und segnete uns. Ein Gottesdienst in Einsamkeit still -neben der Kirche kann feierlicher, kann tiefer und gehaltvoller wirken -als in der Gemeinschaft einer gefüllten, aber doch »leeren« Kirche. Die -einsam grüne Stätte mit ihrem Lobgesang aus der Höhe und aus der Nähe -war uns ein Gotteswinkel stiller, tiefer Andachts- und Feiergedanken -von weltfreier Entrücktheit. -- -- -- - -An der Friedhofsmauer stehen ein paar alte verwitterte Grabsteine in -barocken Formen mit verwischten, fast unleserlichen Schriftzügen, -grünlich angeflogen und von grauen Flechten hie und da betupft. Die -Urenkel derer, die sie nennen, sind längst zu Staub geworden. Wie -stumme Prediger der Vergänglichkeit lehnen die alten Steine dort an -der Mauer und fragen dich: Wer bist denn du?! -- Der Staub zu deinen -Füßen, auf dem du stehst, atmete einst, liebte einst, lachte einst wie -du! Wer bist denn du?! -- Sinnend betrachten wir den schlichten, etwas -nüchternen Kirchenbau aus dem Jahre 1783 mit seinem holzbeschlagenen -Turmaufbau, gekrönt von spitzer achteckiger Haube. Wievielen werden die -Glocken dort oben noch zum letzten Gange läuten? -- - -An der Südseite der Kirche ist ein alter Grabstein eingemauert, der -ein Denkmal ganz eigener Art ist, und ein schönes Zeugnis dafür, daß -die Gedanken des Heimatschutzes und der Denkmalpflege nicht etwa -etwas künstlich Gezüchtetes, Literarisches, sentimental ins Volk -Hineingetragenes sind, sondern aus dem Verlangen und der Seele unseres -Volkes mit ursprünglicher Gewalt hervorgegangen sind und seinem -tiefsten Empfinden entsprechen. - -Der Stein ist über 200 Jahre älter als die jetzige Kirche und wurde -beim Neubau der Kirche 1783 in die Mauer an geschützter Stelle -eingelassen, um ihn vor Vernichtung zu bewahren. Dem wackeren Fuhrmann -Melchior Heber, der im Jahre 1580 starb, ist er gewidmet. Seine -Ururenkel haben den Stein erneuert, ein späterer Enkel hat ihn in die -Wand der neuen Kirche gesetzt, und heute liegen die Urenkel jenes -Nachfahren in Gräbern unter jenem Stein des alten Melchior Heber, und -ein junges Geschlecht des alten Namens und Blutes wirkt im Heimatdorfe -seiner bäuerlichen Ahnen heute noch, festgewurzelt im heimischen Boden -seit Jahrhunderten. - -Der Stein stellt in seinem oberen Teil den alten Melchior dar in der -Tracht seiner Zeit betend vor dem Bilde des Gekreuzigten knieend. Als -unterer Abschluß der Platte ist der starke Fuhrmannsfrachtwagen im -Relief abgebildet, mit hochgespanntem, rundem Plane überdeckt und sechs -starken Pferden als Bespannung. Die Inschrift lautet: - - »Im Leben hatte ich an fahren mein Vergnügen - Und fuhr an diesen bald und bald an jenen Ort, - Im Tode spannt ich aus und ließ alles fahren liegen - Und fuhr andern Seelen nach in sichren Himmelsport. - -Anno 1580. Den 11. Tagk Aprillis um 6 Uhr Nachmitt, den Montag ~Quasi -modo geniti~ ist der Ehrsame Melchior Heber in Gott selig entschlafen. -D. G. G. Seines Alters 60 Jahr.« Auf dem Stein finden sich noch -folgende Nachrichten eingemeißelt: »Diesen Stein hat Georg Heber -seinem Groß-Groß-Väter zum Andenken renoviren lassen den 10. Juli -1743.« Und weiter: »Dies Denkmahl lüß bei dem neuen Kirchenbau seinem -Ur-Ur-Großvater zu Ehren abermals erneuern Karl Gottlob Heber 1783.« -Treuer Familiensinn hat so ein Denkmal von kulturgeschichtlichem Werte -bewahrt in seiner treuherzigen Schlichtheit und biederen Berufsfreude, -wie es wohl einzigartig ist, namentlich wenn man bedenkt, daß heute -noch nach rd. 350 Jahren die bäuerlichen Enkel seine Denkmalpfleger auf -dem kleinen Dorffriedhofe sind. - -Wir nehmen Abschied und lenken wieder der Dorfstraße zu. Die -zahlreichen Gänse, Enten und Hühner auf der Straße sind dem Rade -nicht gewogen. Mit Flattern, Fauchen und Geschrei entrüsten -sie sich oder suchen durch ängstliches Hin- und Herlaufen dem -allzuraschen, gefürchteten Feinde zu entkommen. Heil uns, daß wir -ohne unfreiwillige Tötung eines »Rassehuhnes« -- überfahrene Hühner -sind immer »Rassehühner« -- am Ausgange des Dorfes anlangen. Dort -macht die Bobritzsch eine starke Krümmung, fast im rechten Winkel. Ein -stattlicher Hof liegt im Winkel und mächtige, alte Bäume beschatten -den Platz. Dort mündet der Colmnitzbach, und eine Brücke führt über -die Bobritzsch, von der aus du in das Strudeln der klaren Wasser -hinabschauen kannst, die goldbraunen und grünen Steine siehst, an denen -die Forellen stehen oder blitzschnell vorbeihuschen, wo du die ganze -Lieblichkeit dieses stillen Winkels mit seinem Wasserrauschen und -Vogelsang unter grünem Blätterdach empfinden kannst. Wie Sonntag, durch -den leise der Glockenton der Andacht klingt, liegt es immer hier unter -sonnenstrahlendurchflochtener Laubkuppel. -- - -Auf schmalem Wege über dem breiten Wiesengrunde des Colmnitzbaches geht -es aufwärts. Wie ein leuchtend grüner Teppich ist der Grund zwischen -die Hänge eingespannt. Doch bald verwahren uns hohe, dichte Hecken den -Blick auf diese grüne Herrlichkeit. Zwei Höfe am Hange liegen vor uns, -die Gippenhäuser. Das Gebell des wackeren Spitz an der Hütte und sein -wildes Umherrasen an rasselnder Kette zeigt, unter wie guter Hut die -stillen, einsamen Häuser stehen. Eine bleiche Dame sitzt dort drüben -am Wiesenrande, ein Kind spielt in der Nähe und trägt ihr duftende -Blumen herzu. Sommerfrischler! Ja, hier könnt ihr gesunden und wie -Joseph Viktor von Scheffel, der leider Halbvergessene und doch so echt -deutsche Mann, in seinen Bergpsalmen singen und sagen: - - »Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden, - Hier magst du gesunden, - Hier magst du die ehrlich empfangenen Wunden - Ausheilen in friedsamer Stille.« - -Zwischen duftendem, rauschendem Wald und saftgrüner, blumiger Wiese, -in der die Margareten mit weißen Sternen leuchten, fern vom Staub der -Straßen der Welt, den Blick auf sanft geschwungene edle Höhenlinien, -abgeschlossen doch nicht eingeschlossen, so recht ein Ort friedsamer -Stille! -- - -Friedsame Stille? -- Ich denke eines kalten stürmischen Herbstes im -Jahre 1697. Der Schnee hatte schon kalt und naß über die Stoppeln -gefegt. Es war ein Wetter, wo man näher an den Ofen rückt, in dem die -Scheite knacken und knistern. Ein Wetter, bei dem im Felde nicht viel -zu tun ist, und Großmutter vielleicht die Bibel vom Bortbrett nimmt, -die große Hornbrille aufsetzt und langsam liest die Geschichte vom -barmherzigen Samariter: Wie der Mensch unter die Mörder fiel, und sie -schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Und da der -Priester ihn sah, ging er vorüber, desgleichen auch ein Levit, sah ihn -und ging vorüber. Da der Samariter ihn sah, »jammerte ihn sein, ging -zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Öl und Wein und hob ihn -auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein.« - -Sie las just diesen Vers, da kam der Sohn herein, schüttelte den nassen -Schnee ab, stampfte mit den schmutzigen Schuhen und rief: »Draußen -auf dem Acker oben am Walde steht ein fremder, mit Stroh belegter -Leiterschlitten und drinnen liegt verlassen ein armer, todkranker -Mann! Er kann kaum mehr sprechen. Ich habe es gleich dem Gutsherrn -und dem Pfarrer gemeldet. Sie werden schon sorgen, mich gehts nichts -weiter an. Gib mir meine warme Suppe, es ist ein Wetter, um keinen Hund -hinauszujagen.« -- »Ach der arme Mann! Nur gut, daß du so gescheit -warst, das gleich zu melden, sonst hätten wir am Ende noch allerlei -Umstände bei dem schlimmen Wetter. Man weiß doch nie, was das für Leute -sind! Es ist schon besser, das macht der Pfarrer!« -- - -Der Gutsherr und Pfarrer waren nicht sehr erbaut gewesen von der -Nachricht. Und dazu das schlechte Wetter! Was tun? -- Sie riefen -den Ortsdiener und schickten ihn zum Kranken auf dem Acker oben am -Walde, um zu eruieren und zu konstatieren, wer er sei, wie er dorthin -komme, wer ihn dorthin gebracht, und ob sie vielleicht gar nicht etwa -zuständig seien, in dieser Sache etwas zu befinden. -- Der Kranke -konnte nicht mehr sprechen, so die Nachricht des Ortsdieners! Das war -ein schwieriger Fall! Verlegen saßen das geistliche und weltliche Haupt -des Dorfes und kratzten sich bei dieser Nachricht hinter den Ohren: -»Vielleicht würde dieser fremde, ganz unbekannte, nicht ortsansässige -Mensch gar auf der Gemeindeflur sterben wollen! Das wäre ein höchst -unangenehmes Vorhaben und gegen die Gemeinde wenig rücksichtvoll, denn -sie hätte davon Kosten und Scherereien! Ihn ins Dorf holen? Nein! Wer -soll ihn aufnehmen?« Sie grübelten über diesen Fall, bis die frühe -Finsternis kam, und hatten dann einen bauernschlauen Einfall. Sie -schickten zwei Wächter zum verlassenen Sterbenden hinauf, »daß ihm kein -Unheil zustieße«, die ihre eigentliche Aufgabe aber verständnisinnig -wohl erfaßt hatten und bei Sturm und Regen den Schlitten mit dem -Todkranken von der Gemeindeflur fort in den Tharandter Wald, auf -kurfürstl. Grund und Boden, brachten. Um Mitternacht starb der arme -Mensch 12 Ellen von der Grenze entfernt auf kurfürstlichem Gebiete. -Am nächsten Tage, den 22. September, wurde Bericht an das Amt in -Grillenburg erstattet, daß auf kurfürstlichem Gebiete ein Mensch -verstorben sei, und um Bescheid gebeten. Dieser fiel zunächst dahin -aus, daß ihnen bedeutet wurde, »wie ihnen aus christlicher Liebe wohl -zugestanden hätte, den todtkranken Mann, welcher ihrem Anführen nach -wenig oder gar nichts am Leibe habe, in eine warme Stube zu bringen -und sein zu pflegen, nicht aber ihn in der Kälte liegen zu lassen und -auf seinen Tod zu warten. Die Leiche sei einstweilen zu bewahren.« -Bei den weiteren Nachforschungen des Amtes wollte zunächst niemand -davon wissen, wie der Kranke auf das Feld gekommen. Durch Peter Henker -zu Fördergersdorf stellte sich indes heraus, wie ihm Jakob Kirsten -zu Herzogswalde berichtet, daß am 19. September die Colmnitzer einen -halbtoten Mann auf einem Schlitten vor ihre Kirche gebracht und -daselbst stehengelassen haben; die Herzogswalder hätten ihn darauf -wieder nach Colmnitz gebracht. Der Colmnitzer Richter gestand nun zu, -daß die Niederbobritzscher den Mann mittelst Fuhre zu ihm, dem Richter -gebracht; da er aber abwesend gewesen, so habe, ohne sein Geheiß, -Andreas Bormann daselbst ihn nach Herzogswalde weggeführt. - -Es war ein armer Schuster aus Naumburg, der kurz vorher in Tharandt in -Arbeit gestanden hatte. -- Regierung zu Dresden und Amt zu Grillenburg -ordneten nun unter Ermahnungen zu mehr christlicher Liebe an, daß der -Körper des Verstorbenen auf Colmnitzer Flur gebracht, ein Sarg von den -Colmnitzern angefertigt werde und die Beerdigung in Colmnitz erfolgen -solle. So hatte endlich ein armer, müder Erdenpilger, dem in drei -Dörfern keine Stätte zum Sterben in friedsamer Stille gegönnt wurde, -seine letzte Ruhe gefunden. -- -- - -Wie heißt es doch im Gleichnis? »und gingen davon und ließen ihn -halbtot liegen. Und da der Priester ihn sah, ging er vorüber, -desgleichen auch ein Levit, sah ihn und ging vorüber!« Jawohl, die -harten Herzen aus dem Gleichnis waren hier in der Wirklichkeit alle da, -wo aber war der barmherzige Samariter? Drei Dörfer am Tharandter Walde -und kein barmherziger Samariter darin! -- Über 200 Jahre ist diese -Geschichte her. Ob es heute mehr Barmherzigkeit an der Straße gibt? -Ach, unserem Volke ist Liebe so bitter not! -- »Friedsame Stille!« Wo -findet man sie, wenn man nicht Raum dafür im eigenen Herzen hat? Wir -schauen noch einmal zurück in das weite, weiche, von Sommer gesegnete -Land, wo soviel Unfriede und Unbarmherzigkeit wohnt, und tauchen dann -ein in den herrlichen Wald, dies grüne Kleinod zwischen Freiberg und -Dresden, den Tharandter Wald. Wie viele Stunden tiefster Freude danke -ich dir, du deutscher Wald und deinen stillen Wundern, wenn draußen das -Leben trübe und schwer und drinnen das Herz trübe und schwer ward. - - »Wer einmal diesen Jungbrunn’ fand, - Der schöpft aus keinem andern! - Denn das ist deutschen Waldes Kraft, - Daß er kein Siechtum leidet, - Und alles, was gebrestenhaft, - Aus Leib und Seele scheidet. - Daß ich wieder singen und jauchzen kann, - Daß alle Lieder geraten, - Verdank ich nur dem Streifen im Tann, - Den stillen Hochwaldpfaden.« - - (Scheffel, Aventiure.) - -Solch ein stiller Hochwaldpfad, über den die knorrigen Wurzeln laufen, -führt mich in die harzduftige grüne Tiefe, und ein Singen und Jauchzen -geht mir durch die Seele, doch es schweigen meine Lippen, und leise -ist mein Gang. Es ist mir, als ob meine Seele in dem Vogel wäre dort -oben auf der höchsten Spitze jener stolzen Fichte. Sein Lied steigt -jubelnd empor, da leuchtet der Himmel noch blauer, der grüne Tann wird -hundertmal grüner als sonst, die Luft wird luftiger, klarer, der Duft -des Waldes wird stärker, herbsüßer und, was von Schleiern und Düsternis -in mir war, sinkt hernieder, als wären alle Rätsel und Fragen in Licht -und Klarheit gelöst und überwunden. Es schweigen meine Lippen und leise -ist mein Gang. Nur ab und zu knistern die Nadeln oder ein Ästlein unter -den Reifen des Rades, welches ich führe. - -»Willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an,« das -gilt auch vom Walde, dessen Seele man nur findet, wenn leise unsere -Seele sich an seine schmiegt. Dann öffnen sich uns seine grüngoldnen -Augen und schauen uns an voll unergründlicher Tiefe, dann spricht -sein Mund im geheimnisvollen Raunen, und wir hören im stundenlangen -leisen Wipfelrauschen, wie des Waldes Seele mit uns spricht und -ihre Wunder uns offenbart. Und wenn der Sturm in den Zweigen und -Ästen wühlt und sein urgewaltiges brausendes Lied durch die bebenden -Wipfel wie Meereswogen sich stürzt und schäumt, dann fühlen wir unser -tiefstes Inneres mit gepackt, geschüttelt, erschüttert, und alles -Kleine schwindet, alles Welke wird abgerissen, alles Dürre wird -geknickt. Willst du des Waldes Wunder lernen, dann darfst du nur -lauschen, schauen und vergessen, was draußen ist, mußt du deiner selbst -vergessen. Was er dir zeigt und sagt, was er dann deiner Seele gibt, -das wird dich reich und froh machen. Der Wald ist dein geworden, weil -er dir seine tiefsten Geheimnisse gab und du seiner wundersamen Kräfte -kund wurdest. -- - -Eine im Sonnenschein flimmernde Blöße öffnet sich. Ein kräftiger, -warmer Harzduft steigt empor und füllt die Brust, als sollten die -Lungen besonders in Waldeskraft gebadet werden, und in tiefen Zügen -atmen wir den starken Duft wie einen köstlichen Trank. Die Grillen -zirpen ihr heißes Sonnenlied, und über den Halmen und Spitzen der -Schonung zittert die Luft, als wäre sie durch das schwirrende, wie in -Wellen flirrende unendliche Grillenlied zum Schwingen gebracht. -- -Ein Blick in die Weite auf blauferne Höhenlinien, dann ein dunkler, -grüner, kurzer Waldpfad, und plötzlich gibt es mir einen Riß durch -die Seele. Wie eine ungeheure rote, offene Wunde in der Felsenflanke -des Berghanges liegt es vor mir, von rauher, rücksichtsloser Hand -geschlagen, dort eine Schutthalde von kleingeschlagenem Porphyrgestein, -daß aus dem Abhange herausgeschlagen und gesprengt ist. Hier hatte ein -Steinbrecher mit gierigen Zähnen gearbeitet. Und weiter strecken sich -Schienen eines Bahnneubaues, der sich mitten durch eine Felsengruppe -voll malerischer Wucht eine klaffende Lücke gebrochen hat. - -Bitterkeit steigt dir auf, daß Schönheit und Friede nicht mehr heilig -sind, sondern wehrlos -- das Zarte und Edle, das Tiefe und Heilige ist -ja immer wehrlos -- der Rücksichtslosigkeit und ehernen Notwendigkeit -unterliegen müssen! Schillers Nänie klingt schmerzvoll durch die Seele: - - »Auch das Schöne muß sterben. - Siehe, da weinen die Götter, - Es weinen die Göttinnen alle, - Daß das Schöne vergeht, - Daß das Vollkommene stirbt.« - -Der Blick senkt sich rechts durch die Stämme und über schwankende -Wipfel und wiegende Fichtenspitzen hinab in einen Talgrund wie in -einen Trostgrund, der noch als ein stilles Märchenland des Friedens -und der Schönheit grün heraufleuchtet. Es ist das Tännichttal. -Wir blicken mit frohem, innerem Glücksgefühl hinab, denn durch -die Arbeit des Heimatschutzes wird es uns in seiner unberührten -taufrischen Lieblichkeit erhalten bleiben und noch viele stille -Wanderer entzücken. Die tiefmelodischen Stimmen der wilden Tauben, -des Pirols Flötenrufe und der Finken schmetternder Schlag, und alle -die anderen tausend Stimmen des Waldes werden nicht verstummen vor -lärmender Industriearbeit, Kreischen von Maschinen und Knirschen und -Rasseln der Steinbrecher. Die malerischen Felsklippen, die wie Türme -und Mauern aus den grünen Wipfeln und Wogen des Waldes emporsteigen, -sollen noch länger ihre trotzigen Stirnen dem Wind und der Sonne stolz -entgegenheben. - -Dort unten blitzen die Wellen des Colmnitzbaches aus dem Smaragdgrün -des Wiesenbodens herauf. Er kommt weit von draußen her, aus der -waldarmen Gegend, um hier zwischen Wald und Felsen seines Daseins -schönste Strecke zu durchlaufen. Wie die anderen Bäche der Freiberger -Gegend hat er sich schon draußen ein tiefes Bett gegraben und -windet sich in vielen Krümmungen durch die hügelige Landschaft. -Die begleitenden Höhenkuppen des Gneismassivs von breitgelagerter -rundlicher Art, welche mit ihren langen, schöngeschwungenen Linien -ungeheuren Wogen gleichen, haben an der Quelle 500 Meter, an der -Mündung in die Bobritzsch rund 400 Meter Höhe. Draußen im freien -Lande haben sich im Colmnitzbachtale in der langgestreckten, dem -Wasserlaufe folgenden Siedlungsweise des Kolonistendorfes die -Dörfer Pretzschendorf, Ober- und Niedercolmnitz angesiedelt. Ihre -Wiesen und Felder mit ihren besonderen Reizen von Saat, Ernte und -Wiesenduft geben der ganzen weiten Gegend draußen einen ausgesprochen -landwirtschaftlichen Charakter, aber auch mit ihrer ausgesprochenen -Kahlheit, welche außer den Bäumen an den Straßen, am murmelnden Bach -und in den Gärten des Dorfes kaum einen Baum duldet, der nur der -Schönheit, nicht aber besonders dem Nutzen dient. Nur hie und da -krönt irgendeine ferne Kuppe ein einzelner Baum mit mächtigem Wipfel -und verstärkt das Gefühl der Weite und Freiheit, der Ruhe und Größe -der Landschaft. Fünf Sechstel seines Laufes hat so der Colmnitzbach -kahles Gelände durchströmt, bis er hier im waldigen, engen, malerischen -Tännichttal sich heimfindet zu Bergeshang mit dunklen Fichten, zu -Wiesengründen mit leuchtendem Grün. Der schluchtartige Charakter -dieses Tales mit seinen steilen, bewaldeten Abhängen im Gegensatz zu -den sanfteren Hügelwogen des freien Landes, ist überraschend und gibt -malerische Bilder, gleichviel, ob man von oben hineinschaut in die -saftigen Gründe einer stillen smaragdenen Märchenwelt, oder ob man -von unten zu den Höhen hinaufschaut, die mit ihren Wänden einzelne -Kessel abschließen und bei einer neuen Krümmung neue Bilder friedsamer -Stille öffnen. Der Talboden hat nur fünfzig bis sechzig Meter Breite. -Die anschließenden steilen Hänge steigen rund 100 Meter auf, zum -Teil mit hohen Felswänden, Zacken und ragenden roten Porphyrklippen, -die wie zinnengekrönte Burgmauern aufsteigen. Dieser schluchtartige -Charakter des Tales im Gegensatze zur breiten Landschaft draußen, ist -das Ergebnis urgewaltiger Kräfte aus der Werdezeit unserer Erde und -des Wirkens von Jahrmillionen der Arbeit des Wassers und des Wetters, -und ist insofern ein Naturdenkmal von besonderer Bedeutung für die -Freiberger Gegend. - -Das flachgeschichtete, im Laufe der Jahrmillionen rundlich -abgeschliffene Urgebirge des Gneises der Freiberger Landschaft ist hier -mit ungeheurer vulkanischer Gewalt vom Porphyr durchbrochen. Durch -die Gneisüberlagerungen und das harte Porphyrmassiv hat sich der Bach -hindurchgenagt und die schmale Talenge hineingefressen. Dort drüben, -mitten in dieser malerischen Talenge, an ihrem schönsten Punkte, ragen -die zackigen Spitzen und Kämme der gewaltigen roten Porphyrklippen -in den blauen Himmel vom grünen Waldhange empor, die Diebskammer. -Diese Felsgruppe ist die Krönung der Schönheit des ganzen Tales, das -urgewaltige, zu Stein erstarrte Denkmal gigantischer, aus der Tiefe -emporglutender Naturkräfte. Wir stellen das Rad in das Dickicht und -klettern näher heran durch Fichtengezweig und Ginstergestrüpp, die -trotzigen Zacken zu betrachten. Da sehen wir und erleben es fast an -der eigenartigen Faltung und Schichtung des Gesteins, wie einst in -ungeheuren Wehen und Ringen lebendiger Kräfte die Massen emporstiegen, -sich zusammenpreßten und neigten, sich kristallisierten und zu -besonderer Lagerung und Schichtung versteinten. - -Das Tännichttal streicht von Osten nach Westen. Die Strahlen der -Morgensonne und das rote Licht des untergehenden Tagesgestirnes läßt -die roten Klippen in feuriger Glut aufleuchten, als wären sie von -innerem Feuer durchglüht und wollten zu neuem vulkanischem Leben -erwachen. Ein Naturdenkmal ist dieses Tal mit seiner Felsengruppe, -das im geologischen Anschauungsunterricht für jedermann von der Natur -selbst unübertrefflich dargeboten ist und zu uns redet vom Werden -unserer Erde, Heimat und Landschaft mit deutlicherer Zunge als Bücher, -die das Volk nicht liest, als Gelehrte, die das Volk nicht hört, -als Weisheit, die in den Hörsälen oder bei den Spezialisten bleibt. -Es tut einen Dienst an der deutschen Seele, wer für diese Werte der -deutschen Natur und Heimat kämpft, ein Kampf für die deutsche Seele und -ihre Rechte an der Heimat, ein Kampf für die Seele der Heimat gegen -kalte, harte Seelenlosigkeit der Ausbeutung. Unser Volk hat ein Recht -darauf, daß diese Naturdenkmäler, die Eigenart und besondere Schönheit -der Heimat geschützt und ihm und der Nachwelt ungeschmälert erhalten -bleiben und nicht der Ausbeutung einiger Nurgeldmänner überlassen -werden. Das was der Allgemeinheit und der Heimat dienen kann und im -höchsten Sinne zur geistigen und seelischen Förderung dient, darf -niemals käuflich sein, darf niemals nur dem Interesse eines Einzelnen -um materiellen Gewinnes willen ausgeliefert werden, sondern muß -unbedingt als Besitz der Allgemeinheit, als ein Denkmal gehütet und -gepflegt werden. - -Solches unverletzliches, der Allgemeinheit, dem Volke gehöriges -_Naturdenkmal_ wird auch diese Felsengruppe mit dem ganzen Tale sein -und bleiben, bei dessen Anblick und sinnender Betrachtung Tausenden das -Herz aufgehen muß für die Schönheit der Heimat, und das Verständnis und -die Freude wachsen soll an ihrer Seele, an ihrem Leben, Sein und Werden. - -Freibergs Umgebung ist nicht reich an solchen Punkten, wo Wissenschaft -und beseelte Schönheit sich in gleicher Weise vereinen, um den Ort -reizvoll zu machen, und wo als Drittes noch die Sage hinzukommt, -um mit den krausen Ranken der Phantasie und der Erinnerung den Ort -geheimnisvoll zu schmücken. - -Der Lips-Tullian-Felsen dort drüben im Tale ist in unmittelbarer Nähe, -der Felsen, wo der große verruchte Räuber einst hauste. Auch die -Diebskammer hier mag ihm und seinen dunklen Zwecken gedient haben. Die -echte Räuberromantik spinnt ihre bunten Fäden um die zackigen Zinnen -dieser aus grünen Fichten ragenden Räuberburg, die bald wie Blut, -bald wie Gold in der Sonne leuchten, bald wie von Rauch geschwärzt -und Krähen umflogen im Schatten liegen. Lips Tullian, den jeder -im Freiberger Bezirk kennt, denn im mittelalterlichen, grausigen -unterirdischen Gefängnisse des Freiberger Rathauses, wo auch Kunz -von Kaufungen, der Prinzenräuber, schmachtete, mußte er 1715 sein -Todesurteil erwarten. Seine in den Felsen gehauene Zelle, Ketten und -Handschellen werden heute noch gezeigt. - -Lips Tullian war weit und breit gefürchtet, und wenn auch die Sage -manches angedichtet hat, so mag seine »Schreibfeder«, die schwere -Brechstange, manche blutige Seite in seinem Lebensbuch geschrieben -haben. - -Es war zur Fastnacht 1710, da klopfte es um die Mitternachtsstunde beim -Branntweinbrenner Jakob Hähnel in Tuttendorf an die Türe. Eine fremde -Männerstimme bat um etwas Branntwein, um einer unwohl gewordenen Frau -beispringen zu können. Der gutmütige, vertrauensselige Mann öffnete die -Tür. Aber sofort fielen über ihn und sein Weib drei Raubgesellen her, -banden und knebelten sie und mißhandelten sie so hart, daß die Frau ein -Auge einbüßte. Außer anderen Dingen, die ihnen gefielen, raubten sie -42 Taler bar Geld, die der Mann im Keller verwahrt hatte. -- - -Lips Tullian war zu Besuch gewesen. -- -- - -Die unter Georg dem Bärtigen im Jahre 1532 gegründete Schützengilde -in Glashütte besaß, ähnlich wie die Freiberger Schützengilde heute -noch, ehemals einen reichen Kleinodienschatz, den sie in einer großen -schöngeschnitzten Truhe mit kunstreich gearbeitetem Schlosse in der -Sakristei der Stadtkirche aufbewahrte. Das Hauptstück bildete ein -silberner, auf einem Aste ruhender Adler mit Rubinenaugen, der Stolz -der Gilde und Königsschmuck. Eines Tages im Jahre 1710 fand man die -Sakristei und die Truhe erbrochen. Das Kleinod war gestohlen. -- - -Lips Tullian war zu Besuch gewesen. -- -- - -Ein Anschlag auf den Freiberger Silberwagen, der mit den Schätzen -der Münze zwischen Freiberg und Dresden verkehrte, sollte wohl -ein Hauptschlag seines tatenreichen Lebens sein. Im Dickicht des -Tharandter Waldes, vielleicht nicht weit von seinem Schlupfwinkel -hier im Tännicht, wollte er mit seinen Raubgesellen in der Nacht dem -Wagen auflauern. Er hatte eine Schmiede erbrochen und als geeignetes -Werkzeug sich große Hämmer und Bohreisen gestohlen und beim Hinterhalte -vergraben. Vorspringen, den Widerstand niederschlagen, den Wagen -erbrechen und mit dem geraubten Gelde auf den vier schönen Pferden -des Wagens auf und davon, vielleicht ins nahe Böhmerland, das war der -verwegene Plan der Spießgesellen. Doch einer war unter ihnen, dem sie -nicht trauten, den sie fernhalten wollten und der dann aus Rache durch -einen noch erhaltenen Brief ohne Unterschrift den Anschlag verriet. -Auf der Münze hatte er den Brief eingeworfen mit folgendem Wortlaut: -»Lüeber Herr mintzmester ich gebe nachricht das man erfahren hat das -sich reber gesamlet haben in dem walt bey der Hutte bey der nacht den -sielber wagen wolten angreiffen so er mit dem gelte hin wartz füere die -angebung ist von einen Knecht der zuvor bei den silber wagen gewest -ist welcher sich in Freiberg auffhelt die reber halten sich auch in -Freiberg auff sie können in den wertzheusern nachforschen lassen waß -vor fremde sich da aufhalten diese Nachricht ist gewißlich war sie -mugen wol den wagen ohne koeinfoie bey der nacht nicht lassen durch -den walt gen sonst moechten sie alles köbbut machen ich wolte mir wol -selber melten ich kan es nicht recht er weilen ich habe es hinder -wartlich gehoirt und moechte mich auch gefar trohen, - - den 5 Nofemmer 1704.« - -Der Verräter hatte vielleicht selbst den ersten Gedanken dazu gegeben -und den Plan geschmiedet, denn er war, wie er schreibt, als Knecht -»zuvor bei den silber wagen gewest« und kannte daher jede Gewohnheit -und Gelegenheit am besten. - -Man handelte nach dem Ratschlag des Briefes. Durch Stollenarbeiter, -welche dem Wagen weit entgegengeschickt wurden, durch den Förster und -schließlich durch einige Mann Kavallerie wurde der Weg des kostbaren -Silberwagens so stark gesichert, daß der verwegene Lips Tullian seinen -Plan aufgeben mußte. - -Doch auch eines Lips Tullian Verwegenheit und Raubsucht fand ihr -Ende und wohlverdiente Strafe. Er, der starke Räuberhauptmann und -Führer tollkühner wilder Verbrecher, wurde von einem Schneidergesellen -überwunden. Zu Freiberg wars, am 19. September 1710, als Lips Tullian -im Jägerkleide das Erbische Tor durchschritt. Der Torschreiber, -Stadtkorporal Wilde, hielt den fremden, finsteren Gesellen an und -fragte ihn nach seinem Passe. Lips ging frech vorbei und trat in -das große Eckhaus mit den Worten: »Warum die Frage? Alle Wochen -bringe ich Wildbret in die Stadt. Ich bin der Förster des Herrn von -Hartenstein und brauche keinen Paß!« Der Torschreiber eilte ihm in -den dunklen Hausflur nach, doch der Räuber packte ihn und stieß ihm -den Hirschfänger in die Brust, ehe jener noch viel Lärm schlagen -konnte. Doch ein Weber hatte die Untat gesehen und schrie Mord, ein -Schneidergeselle sprang den riesenstarken Mann von hinten an und riß -ihn zu Boden. Nach kurzem, wildem Kampfe war er gebunden und gefangen. -»Freibergs armselige Spießbürger haben Lips Tullian überwältigt!« -brüllte er wie ein Tier in ohnmächtiger, schäumender Wut. Mehr als ein -Jahr saß er dann gefangen in der unterirdischen Zelle des Rathauses, -aus der es kein Entrinnen gab, den stärksten Graden der Folter trotzte -er hier, bis er am 14. November 1711 nach Dresden geschafft und im -Gefängnisse »die Mohrenkammer« angeschmiedet wurde. Drei Fluchtversuche -mißlangen ihm, ehe sein Mut gebrochen war und er seine Schandtaten alle -eingestand. Zwei Tage und eine Nacht dauerten diese Geständnisse voller -Blut und Grauen. Am 8. März 1715 wurde Lips Tullian dann mit seinen -inzwischen auch ergriffenen Spießgesellen Sawberg, Eckold, Schöneck, -Lehmann und Hentzschel in Dresden enthauptet. Ihre Körper wurden aufs -Rad geflochten. -- - -Die Räuberromantik im grünen Walde, die wilden Raubfahrten durch -Nacht und Gebirge, der Schrecken der Dörfer hatten ihr grausiges -Ende gefunden, aber noch immer sind die Stätten seines unheimlichen -Wirkens von einem unbestimmten Grauen umwittert, ein Grauen, daß ein -furchtbares, unheimliches Geschehen ahnt und der geschäftigen Phantasie -so weiten Spielraum gibt. - -Was das Wandern im _Thüringer_ Land so unvergleichlich genußreich und -poetisch macht, ist, daß überall die Gestalten der Sage und Geschichte, -von Poesie und Märchen mit uns wandern und das, was wir schauen, -beleben und verklären. _Sachsen_ ist nicht reich an solchen Stätten, -aus denen uns Sage oder Märchen mit verträumten Augen anschaut und die -Romantik uns grüßt. Sorgfältig müssen wir die wenigen Stätten solcher -Romantik schonen, und wäre es auch nur Räuberromantik, und müssen wir -pflegen, was durch die Phantasie und die Erinnerung des Volkes oder -durch irgendeine halbverschollene Sage sein besonderes Gepräge, seine -besondere Weihe erhielt. Jedes alte Sühne- oder Mordkreuz, um welches -irgendeine dunkle Kunde wie ein Ton aus einem alten, verlorenen, -vergessenen Liede klingt, hat so die Denkmalsweihe erhalten. Das -Gedenken des Volkes schafft erst die rechten Denkmäler. Hier, dem -lieblichen Tännichttal, das durch seine landschaftliche Schönheit -und seine geologische Eigenart schon seine Weihe als Naturdenkmal in -sich trägt, hat das Volk im gesunden, tiefen Empfinden noch diese -besondere geistige Denkmalsweihe der Phantasie gegeben, den Schimmer -der Räuberromantik. -- Eine andere Romantik, die Jugendromantik, vermag -auch das dürftigste Stückchen Erde zu verklären. Von einem ehrwürdigen -Freunde des Heimatschutzes, der hier vor siebzig Jahren jung war, liegt -ein Brief vor, aus dem diese Romantik herausklingt über das Tal wie -das Rauschen von Bach und Bäumen, und die leisen wehmütigen Töne des -Liedes: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir -immerdar.« Er schreibt: - -»An dieses liebliche Stückchen Erde, im besonderen an die über der -›Diebskammer‹ sich aufbauenden Felsenpartien knüpfen sich für mich -die angenehmsten Erinnerungen aus meiner Jugend. Als Naundorfer -Pfarrerssohn habe ich dort von meiner Tertianerzeit an bis in meine -ersten akademischen Semester (1855--1861), in welch letzterem Jahre -nach des Vaters Tode unsere Familie den Ort verlassen mußte, in den -Ferienzeiten zahlreiche glückliche Stunden verlebt. Mit Hilfe eines -mir befreundeten, jungen, für Romantik empfänglichen Lehrers hatte -ich hier in etwa halber Höhe des Felsens ein Plätzchen für längeren -Aufenthalt hergerichtet, einen Felsblock als Tisch, einen anderen -moosbedeckten als Sessel, und in diese durch keine Straße gestörte -Weltabgeschiedenheit flüchtete ich mich so oft wie möglich mit meinen -Freunden aus dem altklassischen Altertume, Homer, Sophokles, Horaz -usw. oder mit unseren deutschen Dichterheroen. Hier beschäftigte ich -mich mit ersten poetischen (richtiger wohl›gereimten‹) Versuchen, -übersetzte ich in das Deutsche einen Teil von Ovids Metamorphosen, -und ich hatte immer die Empfindung, daß mir hier alles leichter von -statten ging. Auch verträumte ich manche Stunde unter dem Rauschen -der Tannen, dem Gesange der damals noch zahlreichen Vogelwelt, -unter dem Murmeln des zwischen saftig grünen Wiesen durch den Grund -fließenden, kristallhellen, von Forellen und Krebsen dicht bevölkerten -Colmnitzbaches. Der Felsen senkte sich winkelförmig in die Erde und -schien in eine Höhle zu führen, die von Steinen verschüttet war, in -deren Geheimnis ich aber nie eingedrungen bin. Ob der berüchtigte, 1715 -in Dresden hingerichtete Lips Tullian auch hier sein Wesen getrieben -hat, weiß ich nicht, wäre aber bei der versteckten Lage der Diebskammer -nicht unmöglich. Es wurde zu meiner Zeit von diesem Tale nur mit einer -gewissen Scheu von den Dorfbewohnern gesprochen. Ich habe seinerzeit -bei den Freiberger Gymnasialspaziergängen, die gewöhnlich über -Niederbobritzsch nach Naundorf führten, nie versäumt, meine Freunde -an diesen meinen Lieblingsort zu führen, ihn auch später ab und zu -aufgesucht.« - -O Klang der Jugendromantik und echter deutscher Träumerei aus dieser -lieblichen Taleinsamkeit heraus, der wie von fernen süßen Glocken noch -durch das Greisenalter tönt! Es klingt wie ein Vers von Mörike: - - »Dämonischer Stille unergründlicher Ruh’ - lauschte mein innerer Sinn. - Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen - Zaubergürtel, o Einsamkeit, fühlt ich - und dachte nur dich!« - -Und dieser Felsen, dieser Ort, die so noch klingen und Tausenden noch -klingen mögen, sollten dem Steinknacker ausgeliefert werden!? Damit -einige geschickte Geschäftemacher gute »Geschäfte tätigen«, sollten die -Felsen zu Straßenschotter verarbeitet werden und allmählich Meißel, -Bohrer und Brechstange sich hineinfressen in die Talwände, bis alles -weggefressen ist, was an Schönheit und höheren Werten Tausenden zur -Freude, Erquickung und inneren Bereicherung diente. - -Wir freuen uns mit dankbarem Herzen, daß diese drohende Gefahr gebannt -ist und schauen mit besonderer Liebe der stillen Stätte des Friedens in -die tiefen Augen und versenken uns ganz in die »Stille unergründlicher -Ruh« der Einsamkeit, des Alleinseins, Geborgenseins vor dem Tosen und -Staub der Welt da draußen. - - »Selig wer im stillen Lauschen - Einsam hier die Waldrast hält, - Wer beim flüsternd stillen Rauschen - Das Getös vergißt der Welt.« - - (Scheffel.) - -Langsam steigen wir nun die Straße in den grünen Talgrund hinab. Hier -ist es zu schön, um auf flüchtigem Rade vorbeizufliegen, hier möchte -man weilen und träumen und warten, ob nicht irgendein liebliches Wunder -geschehen möchte, daß drüben aus dem Waldesdunkel die Elfen auf die -leuchtende Wiese schweben oder daß die Elfenkönigin auf schlankem -weißen Reh aus dem Dickicht kommt, an dir vorüberstreift und aus -wundersamen Märchenaugen dir tief in die Seele schaut, daß du es nimmer -vergessen kannst. - -Dort steht der Fels wie ein Wächter am Wege, dicht am Bach, wo die -Brücke in die Wiese führt. Will er hüten, daß kein Unberufener, kein -Feind hier eindringe? Ist er der Riegel, der die Welt und den Lärm -abschließt vom stillen Lande der Poesie? - - Den Wipfel hoch die Tanne hebt, - Im Winde schwankt die Birke, - Und Gottes goldne Sonne schwebt - Still über dem Bezirke. - Ein harziges Gedüfte - Durchwogt die warmen Lüfte. - - (Scheffel.) - -Wie ein silberner Steg für überirdische Füße schimmert der Bach im Grün -und windet sich durch die saftige Aue, als wollte er diese Stätte nicht -verlassen, sondern immer noch einmal umkehren und bleiben. Einzelne -Baumgruppen von herrlicher Gestalt stehen hier und da mitten in der -Wiese und flüstern ihm zu, und im weichen blauen Dufte dämmern die -fernen Abhänge des Tales. - -Dann fliegt unser Blick noch einmal hinauf zu den Felsschroffen, die -dort oben rot in der Sonne leuchten, aus dem Waldesdunkel schimmernd -emporsteigen. Wir schreiten dann weiter am Wiesenrand im smaragdenen -Grund. Weiß glänzen die Stämme der Birken, jung und frisch, am Wege. -Die Felsen dort oben entwickeln sich beim Rückschauen zu einer langen, -gewaltigen Mauer, die mit schroffen Seiten, scharfen Spitzen und -Kanten, nackt und kahl, nur mit dem bunten Gewande der Farbe bekleidet, -aus dem Walde aufragt. Der Reichtum der Farben, die je nach Beleuchtung -wechseln, je nachdem die Schatten der Wolken den Wald, die Wiese oder -die ernsten Felsenstirnen streifen, gibt dem Bilde einen besonderen -überraschenden Reiz. Wie ein tiefes, tiefes weiches, buntgesticktes -Kissen ist die Wiese mit ihrem Duft und ihren Blumen, in das man sich -hineinschmiegen möchte. Es plaudert der Bach unermüdlich an unserer -Seite mit melodischer Stimme. Birken und Erlen streuen ihren Schatten -mit den zarten Sonnenringeln auf Weg und Wiese und flüstern im weichen -Sommerwinde leise von den alten Geschichten, die hier geschehen, denn -dort drüben ragt aus dem Walde der Lips-Tullian-Felsen, der noch viel -mehr davon weiß und erzählen könnte, daß -- --! Der ist aber ein -rauher, schweigsamer Geselle, der seine Geheimnisse wohl hütet und -das junge Volk der Pflanzen und Bäume raunen und flüstern läßt. In -seine Felsenstirne zogen die Jahrhunderte und Jahrtausende ihre tiefen -Runen. Was ist ihm da noch kurzlebiges Werden und Wachsen, Menschenleid -und Menschentat, was sind da die Geschlechter der Menschen, die hier -vorüberschritten, was ist da Jugend und Alter? Gras, das zu seinen -Füßen wächst, Bäume die an ihm wurzeln und abgehauen werden, wieder -kommen und wieder vergehen in unendlicher Folge! Er schweigt und -läßt die Sagen und Geschichten, welche aus Dickicht und Höhlen und -Löchern hervorkriechen, welche mit geraubtem Golde funkeln und rotes -Blut am Wege zeigen, wie Spukgestalten ihres Weges ziehen, schweben -und zerflattern in Wind und Nebel und dem Rauschen des Waldes, daß -niemand sie fassen mag, sondern die Angst scheu umschaut und nur ein -unnennbares, unbestimmbares Grausen unheimlich um den Felsen mit dem -Namen des Verruchten schleicht. - -Wir wandern weiter und nähern uns dem oberen Ausgange des Tales. Der -Weg steigt wieder an und löst sich vom Talgrund. Unter schönen, alten -Fichten, aus dunklem Schatten hervor, blicken wir weit über die grünen -Gründe, die im Sonnenlichte flimmern, hinaus in die duftige Ferne, -wo blauende Höhenzüge sich zart vom Himmel abzeichnen. Der Bach ist -ein silberner Spiegel im Vordergrunde, in dem sich Wolken und Bäume -spiegeln. - - »Ich steh im Waldesschatten, - Wie an des Lebens Rand, - Die Länder wie dämmernde Matten, - Der Strom wie ein silbern Band.« - -Ein langer Blick dann zurück in das stille Tal Eden, das wir nun -verlassen, und es geht uns durch die Seele ein Klang der Sehnsucht: - - »Du bist Orplid, mein Land, - Das ferne leuchtet!« - -Bald treten wir aus dem Walde auf kahle Höhe mit weitem Fernblick. -Die Sonne brütet heiß, und die Grillen zirpen am Feldrain, wo die -Grasnelken nicken. Dann fliegt das Rad hinab durch steilen, krummen -Hohlweg, zwischen Wiese und Feld in das Dorf Colmnitz, dessen Höfe -sich rechts und links von Bach und Straße, unter Eschen und Birken, -oft in malerischer Lage und Gruppe siedeln. Doch wir sind noch wie -im Traume. Wir achten nicht viel, nicht so wie sonst, auf jedes Haus -und jede Gruppe von Bäumen und Bauten, auf jede Eigenheit der Bauart -oder neckischer Laune, auf Vogel und Blume und die blitzenden Wellen -im Bach. Wir sind im geschäftigen Leben draußen, aber unsere Seele -weilt noch dort drüben im stillen Tale, wo die Welt schweigt; sie -wandert noch auf dem silbernen Steg in den smaragdenen Elfenwiesen, an -derem Rand die dunklen Fichten Märchen träumen, und wo um die Felsen -geheimnisvoll die Sage raunt. - -Colmnitz liegt hinter uns. Von der Höhe schauen wir noch einmal lange -über den weiten Acker, über das Dorf hinweg, das sich mit seinen -Häusern fast versteckt und tief in das Tal duckt. Dort drüben liegt der -Wald in langgestreckten, feierlichen Wogen im blauen Dufte, dort drüben -das Tal, dort drüben -- dort drüben -- - - * * * * * - - »Und meine Seele spannte - Weit ihre Flügel aus!« - - - - -Der Königstein. - - -Eugen Bracht, der große Meister der Farbe und Stimmung, hat ein kleines -Gemälde vom Königstein geschaffen, in welchem mit poetischer Gewalt -die Wucht dieses Felsblockes dargestellt ist. Wie ein ungeheurer Altar -eines überweltlichen Riesengeschlechtes steigt er aus dunkelblauen -Tales- und Waldestiefen in einen wolkenlastenden Gewitterhimmel empor. -Gleich dem Rauch unermeßlicher Opfer ballen sich die Wetterwolken -und ziehen in dunklen Geschwadern am Himmel über ihm. Will Asathor -ausfahren, um Blitze über die Erde zu säen und seinen Donnerhammer -gegen den Felsaltar zu schleudern? Ist es ein Riesendenkmal, in welchem -sich ungeheures Geschehen, eines ganzen Volkes Schicksal, sein Jubel -und sein Jammer, in wuchtiger Form ausprägt? - -Es ist heroische Stimmung, welche uns der Maler in seiner Leidenschaft -der Farbe und Stimmung hier im Bilde erleben läßt, Stimmung, wie er -sie selbst einmal in besonderer Stunde empfunden und mit tiefer Seele -aufgenommen hat. - -Schildern und Emporheben, das Suchen nach der äußeren und das nach -der inneren Wahrheit verschmilzt sich in ihm, wird ihm zum Bild, zum -einheitlichen Ausdruck künstlerischen Erlebens. - -Ja, der Königstein will belauscht, will erlebt sein. In Gewittertagen -und im wonnigen Mai, wenn die Buchen leuchten in seligem Grün, im -weißen Prachtgewande des Winters, der silbernes Geschmeide um die -Herrscherstirne legt, und im goldenen Königsmantel des Herbstes, dessen -schimmernde Schleppe in die Fluten der unaufhaltsam strömenden Elbe -taucht, im Abendrot, wenn in feurigen Gluten Himmel und Erde, Nähe und -Ferne brennen und langsam verglühen, im Nebelgewoge, das die Täler und -Gründe mit weicher, geisterhafter Flut erfüllt, auf dem die Kuppen -und Gipfel schwimmen wie blaue, mit blassen Opalen geschmückte Inseln -auf märchenhaftem unwirklichem, milchweißem Meere, in dunkler weicher -Nacht, wenn droben die unzähligen Sterne ihren schimmernden, ewigen -Reigen durch die Unendlichkeit wandern und im Gebüsch die Leuchtkäfer -als grüne Funken leise ihren kurzen nächtlichen Lebens-, Liebes- und -Sternenreigen ziehen und schweben, während im Walde der Ruf der Eulen -geisterhaft tönt, wie die Klage und der Sehnsuchtsruf armer, verlorener -Seelen nach Erlösung, nach Erhebung aus bitterer Not und Leid. -- - -Um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes. Es ist als ob er eine -Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und genossen -hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie sucht, sich zu -offenbaren weiß. -- - -Wir wollen diese Seele suchen gehen. Vielleicht wird sie sich finden -lassen. -- -- -- - -Durch grünen Buchenwald steigen wir an der Flanke des Berges auf dem -alten, mit Sandsteinblöcken gepflasterten Kanonenweg zur Festung -empor. Weite Ausblicke ins Elbtal und auf die gegenüberliegenden -Abhänge des rechten Ufers und drüben auf die dunklen Schroffen des -Liliensteines, des stolzen Bruders des Königsteins, wechseln mit -dichtem Wald und grünen Wänden von Buchen, Fichten und Gebüsch von -Farnkraut, Heidelbeeren und Brombeergerank. Wuchtige Felsblöcke -recken sich links am Wege hoch aus dem Dickicht, deren einer in einer -Inschrift den Erbauer dieser Straße rühmt. Vom steilen Fahrweg windet -sich dann ein steilerer Fußweg links zur Höhe. Da tauchen graue Mauern -zwischen den Stämmen des Waldes über uns auf. Es sind die Mauern der -»Flesche«, welche als niedrigeres mächtiges Außenwerk wie ein Sporn -weit hervorspringt und das Tor, die Zugangsstraße und die Flanke der -Festung schützt. - -Vor uns leuchtet auf der Höhe des Weges beim Austritt aus dem Walde, -wie ein Saal mit weichem, grünem Teppich die ebene Lichtung einer -köstlichen Wiese, der Louisenwiese, zur Linken von steiler Mauer -umfaßt. Darüber türmen sich wandsteile Felsen und schroffe Quaderwände -zu unersteiglicher Höhe mit Vorsprüngen und Zinnen bewehrt und mit -keckem Turm auf weitausladender Bastion, die Georgenbastion. Und -droben, auf diesem gewaltigen Sockel thront die stolze Georgenburg, -vier Geschosse hoch in die Lüfte ragend, welche die ältesten Teile der -Burganlage umfaßt. Auf breiterer Straße stehen wir dann unmittelbar am -Fuße der senkrechten Felsenmauern, aus denen das Quaderwerk der von -Menschenhand geschichteten Sandsteinblöcke aufwächst. Weit springt -im Rechteck ein gewaltiger Vorbau auf seinem Felsenunterbau hervor, -das Horn, von dem die Seiten und die Zugangsstraßen wie von einem -riesenhaften Turm vom Geschützfeuer bestrichen werden können. Ein -rundes Türmchen mit Kuppeldach, Laterne und spitzem Helme klemmt sich -malerisch in den Winkel des Vorsprunges. Es ist der kleine Seigerturm -mit seiner Stundenglocke von Hans Hilliger in Freiberg aus dem Jahre -1603, welche das kursächsische Wappen und Widmungsinschrift trägt. -Von dort oben schaute einst im Jahre 1698 der Zar Peter der Große -in das wonnige, blühende Land mit seinen Feldern und Dörfern und -reichen Kultur und dachte an sein fernes, wildes Rußland. Er nahm -den Meißel zur Hand und ritzte seinen Namenszug in die innere Wand -des Seigertürmchens zum Gedächtnis dieser Stunde, da er als Gast und -Freund deutscher Art und Kultur hier geweilt. Der junge Goethe ritzte -in begeisterter Stunde so seinen Namen in den Stein des Straßburger -Münsterturmes, ehe er sein Werk begann, eine neue Welt des Geistes zu -schaffen und zu beherrschen, seinem Volke und der Welt zu schenken. Des -jungen Goethe Namen an der Stätte höchster geistiger und künstlerischer -Kraft. Peters Name am Turm der Festung, wo Kraft und Herrschaft sich in -wuchtiger Erscheinung zusammenballen, geritzt, ehe er sein Werk begann, -seinem Rußland neue Welten der Bildung und Kraft zu erschließen, um so -äußere Macht und Herrschaft in wuchtiger Form zusammenzuballen. -- -- - -216 Jahre vergingen. Hindenburg hatte Tannenberg geschlagen. Da zogen -die gefangenen Offiziere der russischen kaiserlichen Eliteregimenter -hier ein und mußten Wohnung nehmen, unfreiwillig, vier Jahre lang und -schauten sehnsüchtig in das wonnige, weite Land und dachten an Freiheit -und das ferne Mütterchen Rußland und standen oft sinnend vor dem -Namenszuge ihres großen Zaren. - -Der große erste Zar, ein Freund der deutschen Kultur, führte sein Land -aufwärts zur Höhe, der kleine, schwache, letzte Zar ein Feind der -deutschen Art, führte sein Land in den Abgrund. Er wollte zermalmen und -wurde zermalmt. - -Die Straße am Fuße der Felsenmauer führt uns über eine Zugbrücke, die -rote Brücke, durch ein offenes Vortor zum eigentlichen Festungstor. -Gut ist die Straße durch Erdwälle geschützt, und einige stolze Pappeln -stehen am Rande wie gewaltige Wächter oder eine königliche Leibgarde. -Durch ein klirrendes, starkes, eisernes Gittertor treten wir auf -einen kleinen Vorhof, von dem unsere Blicke aufwärts fliegen zu den -mächtigen Felsen und Wänden, die uns fast im Halbkreis, wie in einem -Kessel, umschließen. Felsen, aus denen wieder himmelansteigende Gebäude -emporwachsen, die Georgenburg, Streichwehrgebäude und Kommandantenhaus -mit funkelnden Fenstern. Vor uns liegt ein anderes Tor in wuchtigen -Renaissanceformen, mit einem Gorgonenhaupt als Schlußstein, gekrönt -von einer Wappenkartusche mit Königskrone und Waffentrophäen. Der -Festungskommandant und Architekt des Königs August II., des Starken, -Johann von Bodt (1670--1745) hat den Entwurf dazu gezeichnet, der noch -erhalten ist mit dem Handzeichen des Königs und auf dem Architrav die -nicht ausgeführte Inschrift trägt: - - »Konistein bin ich genant - Ein Konig bracht mich in Stand.« - -Wir durchschreiten den gewölbten Torweg und stehen im zweiten, -feuchten, finsteren, engen Hofe, unmittelbar am Fuße der ungeheuren -Mauern. Bedrückend wirken diese aufgetürmten Massen über diesem engen, -verließartigen Kessel, auf dessen Grund kaum ein Sonnenstrahl gelangt. -Eine steile Bohlenrampe steigt aus ihm aufwärts zu dem hochliegenden -Tore einer schwarz gähnenden Tunnelmündung, in der ein starkes -Fallgatter aus eisenbewehrten, spitzigen Pfählen drohend herniederhängt. - -Über diesem Tor mit Dreiecksgiebel und Rüstungstrophäen über den -Eckpilastern ist das Reliefbild Augusts des Starken angebracht, dessen -königliche Baulust auch hier auf dem Königstein sich betätigte. - -In dem finsteren Tunnel, der »Appareille«, geht es steil aufwärts. -Feuchte, kalte Kellerluft weht uns an, als müßten wir in ein -unheimliches Felsverließ hinein. Unsere Schritte hallen wieder von den -gewachsenen Felsenwänden, aus denen dieser Aufgang herausgehauen ist, -hallen wieder von dem schweren Gewölbe, das schwarz über uns lastet. -Als hier die gefangenen Russen 1914 aus lichtem, warmem Tage diesen -unheimlichen schwarzen Gang aufwärts geführt wurden, da wurde auch -mancher tapfere Mann bleich, denn sie glaubten, sie müßten für immer -vom Sonnenlichte scheiden. - -An einem Knickpunkt des Aufganges ist eine mächtige Winde angebracht, -durch welche die Wagen die schiefe Ebene aufwärts gewunden oder -vorsichtig herabgelassen werden. Mag heute auch meistens der -elektrische Aufzug an der Außenwand der Festung diesem Zwecke dienen, -so ist doch diese altertümliche, gewaltige Wagenwinde noch keineswegs -ganz außer Dienst gestellt. Unter der Decke des Aufgangs gewahren wir -hier Schießscharten, von welchen der Aufgang mit Feuer bestrichen -werden kann, so daß dieser Aufgang geradezu zu einer Blut- und -Todesgasse für den Angreifer werden müßte, der hier zu stürmen wagte. - -Da leuchtet uns endlich wieder das Tageslicht, und zwischen den -Felsmauern ansteigend führt uns der gehauene Gang unter freiem Himmel -das letzte Stück aufwärts. Wir sehen grüne Baumkronen hoch über uns im -Winde sich bewegen, hören den jubelnden Sang der Vögel und über die -Mauer hängt ein Fliederbaum seine duftenden Dolden in die kalte, enge -Felsengasse, wie einen Gruß aus Sonnenwärme und Licht. Tief atmen -wir auf und unsere Brust hebt sich dem goldenen Tage entgegen. Die -Hochfläche des Steines, des königlichen Felsens betritt nun unser Fuß, -und es ist uns, als wären wir in einer anderen Welt und Zeit, fern vom -Alltage, über dem Tagesgetriebe und näher der Vergangenheit. - -Im Herzen der Festung befinden wir uns, auf dem Königsplatz, um den -sich die Hauptgebäude gruppieren, Kommandantur und Brunnenhaus, -Magdalenenburg, Kirche, neues Zeughaus und Kommandantenhaus. Kunstreich -gezierte bronzene Kanonenrohre mit Kurwappen und Medaillons, die Monate -darstellend, aus dem Jahre 1686 und andere ähnlich geschmückte aus dem -18. Jahrhundert liegen im Kreise unter den hohen rauschenden Bäumen des -Platzes. - -Unser Weg führt uns dann rings auf dem Wall an den Zinnen und -Brüstungsmauern der Festung entlang, um unsere Wimper erst mal satt -trinken zu lassen von dem goldenen Überfluß der Welt, die sich zu -unseren Füßen breitet, und Erinnerungen steigen auf an Stunden, die -vorüber sind, an Zeiten, Männer und Schicksale ferner Vergangenheit. -Die Steine fangen an zu leben, zu flüstern, und ihr heimliches -Raunen eint sich mit den großen Linien und Rhythmen der Landschaft -ebenso wie mit ihrer wonnigen Lieblichkeit zu unsern Füßen zu einer -einzigartigen Symphonie, der auch dunkle Untertöne und Mißtöne nicht -fehlen. Es mag im Sachsenlande wohl kaum eine Stätte geben, wo die -umfassende Herrlichkeit der Landschaft sich mit Sage und Geschichte zu -so eindringlicher Wirkung verbindet. Es mag kaum eine Stätte geben, -wo neben rauschenden Festen, königlichem Prunk und übersprudelnder -Genußfreude soviel Elend, Verzweiflung, Wut und Schmerzen ihren Weg -zum Himmel suchten, wie hier auf dem Königstein, ein Stein des Fluches -einst für viele und doch ein königlicher Stein. - -Wir stehen an der Friedrichsburg, ursprünglich Christiansburg genannt, -welche 1589--1591 Kurfürst Christian I. durch seinen Architekten -Paul Puchner aus Nürnberg und Hans Irmisch aus Freiberg auf einem -Felsenvorsprung der Nordseite hoch über der Elbe errichten ließ. -Christian I. war es ja, der den Felsen eigentlich erst zu einer -Festung ausbauen ließ. Er ließ 1589 rings den Felsenrand mit starker -Brustwehrmauer versehen und schuf den neuen, sicheren Aufgang, durch -den wir auch heute den Felsen betreten haben, unter Benutzung einer -natürlichen Kluft, die er überbaute und befestigte, so, daß »die seite -des ganzen Berges sampt des Weges und Porten mit 10 oder 12 Soldaten -verwarrt werden« konnte. Er legte auch eine ständige Besatzung auf -die Festung, und baute für sie eine Kaserne, die heute noch erhalten -ist, und in ihrer charakteristischen Anlage wohl eines der ältesten -Beispiele derartiger militärischer Bauten ist. - -Die Christiansburg auf ihrer sturmfreien, unersteiglichen Höhe an einem -der schönsten Punkte des Sachsenlandes galt aber nicht der Befestigung, -sondern ist ein Lustschlößchen mit wunderbarer Aussicht elbaufwärts -und elbabwärts und auf die malerischen Felsen der sächsischen Schweiz -im Basteigebiet und drüben auf den stolzen Lilienstein. Tief unten -im Grunde zieht der Strom majestätisch in großer Windung dahin und -trägt die Kähne und die Flöße aus dem Böhmerland vorbei und aus dem -Walde zu den Füßen steigt der Duft der Buchen empor, klingt das -Lied der Singvögel und das Kichern des Spechtes. Ein uneinnehmbarer -Festungsklotz, ein unzerbrechlicher Felsenriegel für das Elbtal und -doch ein Ort für jauchzende Lebenslust und jubelnder Daseinsfreude in -seiner landschaftlichen Schönheit. Da ist es kein Wunder, daß Sachsens -Fürsten immer wieder hierher geeilt sind zur Freude und auch in der -Stunde der Gefahr, und daß sie auch ihre Gäste hierherführten. 1652 -weilte hier der große Kurfürst, 1698 Peter der Große, 1728 Friedrich -Wilhelm I. von Preußen, der Soldatenkönig mit seinem Sohn, dem großen -Friedrich, der später hier wieder ein freilich unwillkommener Gast -war, 1813 Napoleon I., der Franzosenkaiser kurz vor seinem Sturz. Hier -in der Friedrichsburg, hoch über der Landschaft königlich thronend, -fanden die frohen Feste und Gastereien statt. Es ist ein äußerlich -schlichter, achteckiger Pavillonbau von 11,4 ~m~ Durchmesser von zwei -Geschossen mit gebrochenem Mansardendach. Ursprünglich führte nur ein -rundes Treppentürmchen zum oberen Spiegelsaal mit seinen Deckengemälden -und den zehn großen Aussichtsfenstern, durch welche sich nach jeder -Richtung ein neues, reizvolles Landschaftsbild bietet. - -August der Starke ließ jedoch an Stelle des Türmchens 1721 eine -zweiarmige Freitreppe mit reicher Balusterbrüstung und Vasenschmuck -anlegen. Seine Absicht, auch noch durch Flügelbauten und Bogengänge -dieses architektonische Schmuckstück noch weiter auszubilden, die in -noch erhaltenen Zeichnungen festgelegt ist, ist nicht zur Durchführung -gekommen. - -Im unteren Saale der Friedrichsburg feierte am 12. August 1675 der -Kurfürst Johann Georg II. ein Hoffest. Sein Page Karl Heinrich von -Grunau hatte dabei dem guten Meißner Wein, der im großen Fasse der -Magdalenenburg ja unerschöpflich schien, zu ergiebig zugesprochen im -Hochgefühl der Stunde auf dem königlichen Stein. Die Umtrunkhumpen -jener trunkfesten Zeit hatten auch noch etwas anderes Format als unsere -Gläschen heutzutage. Bunte Gläser von 2--3 Liter Inhalt sind heute noch -in der Friedrichsburg zu sehen. Im Rausche stieg Grunau aus dem Fenster -auf einen schmalen, etwa 60 ~cm~ breiten Felsenvorsprung herunter und -legte sich mit der Sicherheit eines Nachtwandlers am Rande des Abgrunds -nieder auf dem harten Stein und schlief, in der Meinung daheim im Bette -zu sein, fest und sorglos ein. Nur der geringsten Wendung bedurfte -es, und er stürzte in die Tiefe hinunter. Glücklicherweise wurde er -zeitig entdeckt. Als man dem Kurfürsten das halsbrechende Ruheplätzchen -zeigte, ließ er den Schlummernden erst anbinden und dann mit Trompeten -und Pauken wecken. Grunau mag in seinem Leben dieses gefährliche Lager, -das man heute noch »das Pagenbett« nennt und zeigt, nicht vergessen -haben, obschon er 106 Jahre alt wurde und erst beinahe 70 Jahre später, -am 9. Dezember 1744 starb. Er war kein unreifer Jüngling mehr, obschon -er Page war, als er dieses steinerne Bett am Abgrund sich suchte, -sondern ein Mann von 37 Jahren. Als Greis von 102 Jahren machte er noch -in Bischofswerda 1740 August dem Starken auf seiner Reise nach Polen -seine Aufwartung. - -Im Jahre 1756 stand hier ein anderer sächsischer Fürst, August III., -mit seinen beiden Söhnen, den Prinzen Xaver und Karl, und mit seinem -mächtigen, unheilvollen Minister Brühl an der Friedrichsburg und -schaute schweren Herzens in ohnmächtigem Zorn hinüber nach dem -Lilienstein, nach der Ebenheit, aus welcher sich der Felskoloß dort -drüben erhebt, und sah den Untergang seines Heeres. Das sächsische -Heer, 18000 Mann stark, hatte nicht vom Lager in Pirna her rechtzeitig -die Verbindung mit den Österreichern unter Brown aufgenommen, der bei -Schandau stand und mit 9000 Mann auf die Sachsen vom 11.--14. Oktober -wartete. Diese waren, nachdem sie das letzte Brot gegessen hatten, erst -in der Nacht auf den 13. Oktober auf einer Schiffbrücke über die Elbe -gegangen und standen nun dort am Fuße des Liliensteins bei strömendem -Regen in einem ungangbaren Gelände, und konnten nicht vorwärts und -rückwärts. Von allen Seiten rückten die Preußen heran, wie in einem -Kesseltreiben. Ein Durchbrechen ihrer Reihen war nicht möglich. Am -14. Oktober erteilte August, der von dort oben mit eigenen Augen -voller Grimm zusehen mußte, wie Friedrich die Schlinge zusammenzog, -seinem Halbbruder Rutowski die Vollmacht zum Abschluß der Kapitulation -mit Friedrich. Die ganze sächsische Armee wurde kriegsgefangen, -die Mannschaften durch einen erzwungenen Fahneneid dem preußischen -Heere einverleibt, den Offizieren die Wahl zwischen Gefangenschaft -oder Übertritt in den preußischen Dienst gelassen. Doch die Ehre -wurde gewahrt: 568 Offiziere gingen lieber in Kriegsgefangenschaft, -nur 53 Offiziere in preußischen Dienst. Die Mannschaften entflohen -später zum großen Teil und flüchteten sich nach Polen und Österreich. -Der König selbst verließ am 20. Oktober 1756 früh 5 Uhr mit seinem -Gefolge den Königstein in 33 Wagen, um nach Polen zu eilen und traf am -27. Oktober in Warschau ein. - -Der siegreiche Feind im Land, der König und sein allmächtiger Minister -auf eiliger Flucht, das Volk und Land in seinem Elend und Not -verlassend, um sich in bequeme Sicherheit zu bringen. -- -- Wie stimmte -das zu seinen stolzen Worten in der Schicksalsstunde seiner Armee, als -er vor ihrer Kapitulation vom sicheren Königstein ihr zurief: »Der -König zieht es vor zu sterben, mit seinen Offizieren zu sterben, als -solch eine Schmach zu überleben!« Worte, denen keine Taten folgten! Er -war kein Held. Die von Brühl geflissentlich genährte Bequemlichkeit -war sogar stärker als das einfache Pflichtgefühl. Das erste Jahr des -siebenjährigen Krieges hatte hier unter den Felsen des unüberwindlichen -Königsteins unter den Augen eines energielosen, mißleiteten Königs eine -für Sachsen verhängnisvolle Wendung genommen. -- Heute noch werden -hie und da Kanonenkugeln aus jenen schicksalsschweren Tagen auf der -Ebenheit aus dem Ackerboden gepflügt. - -Auch Napoleon suchte vergebens 1813 auf der Ebenheit sich einen -Stützpunkt am Fuße des Liliensteines zu schaffen durch Errichtung eines -befestigten Lagers, als Mittelpunkt einer starken Verteidigungslinie -gegen die Österreicher von Stolpen über den Lilienstein bis an die -böhmische Grenze bei Peterswalde. Reste der Schanzen sind noch -vorhanden. Doch Napoleons Stern war erblichen. Auf Leipzigs Fluren sank -er in den Staub. -- -- -- - -Als 1914 nach dem großen Kesseltreiben Hindenburgs bei Tannenberg -die russischen Offiziere auf dem Königstein unfreiwilliges Quartier -fanden, wurde ihnen der obere Saal der Friedrichsburg zunächst für ihre -Gottesdienste zur Verfügung gestellt. -- - -Wunderbarer Wandel der Geschicke! Der Raum ausgelassenster Weltfreude -eines August des Starken und seiner Nachfolger wird Stätte des -mystischen, fremdartigen, russischen Gottesdienstes. Der Pope mit -schwarzem Bart und langen schwarzen Locken aus dem Innern Rußlands -steht im bunten, reichgestickten, langwallenden Ornat vor dem Altar -mit der großen Bilderwand, die einer der gefangenen Offiziere gemalt -hat. Daneben der Männerchor, aus allerlei Stämmen Rußlands, der -die Orgel ersetzt, mit seinen tiefen, weichen, dunklen Stimmen -und den eigenartig schwermütigen, einförmigen Gesängen, welche die -Molltonarten und Tonfolgen in halben Tönen so bevorzugen. Von oben -schauen verwundert die Köpfe der Zwölf- und Sechzehnender mit ihren -gewaltigen Geweihen hernieder auf dieses seltsame Tun und Treiben, das -zu dem deutschen Königsfelsen hoch über deutschem Wald und Strom, zu -diesem Raum, in dem noch das Lachen derber Weidmannslust, das Jauchzen -lebensfroher Trinkgesellen aus zwei Jahrhunderten zu hängen scheint, so -gar nicht recht passen und stimmen will. -- - -Einer der gefangenen Generäle, General von Dehn, aus deutschem Blut -und baltischem Geschlecht, sah oft gedankenvoll von hier nach dem -Basteifelsen hinüber. Ein Jahr zuvor hatte er die Bastei mit seiner -Gattin auf einer Deutschlandreise besucht. Hatte dort drüben gestanden, -zum Königstein mit ihr hinübergeschaut und ihr diesen berühmten Felsen -gewiesen. Damals hatte er nicht gedacht, daß er sobald diesen Felsen -wiederschauen und unfreiwillig so eingehend kennenlernen würde, daß -er, der Mann aus der Umgebung des Zaren, sobald wieder eine Reise aus -dem fernen Rußland, jedoch ohne Gattin, aber mit Kameraden, in die -Sächsische Schweiz machen würde! - -Er schüttelt tiefsinnig sein bartloses Haupt und wandert mit gesenktem -Blick über den Wall mit raschem, kurzem Schritt. Gefangensein, -tatenlos, ist schweres Soldatenlos! Wunderbarer Wandel der Geschicke! -- - -Diesen Wandel der Geschicke, und daß das Glück eine feile Dirne ist, -haben manche erfahren müssen, die hier auf dem Königstein geweilt -haben. Fürstengunst war manchmal ein Strick, der aus dem Dunkel, -aus der Tiefe aufwärts zog -- -- aber manchmal viel höher, als es -einem gesunden, ehrlichen Hals lieb sein konnte: Gleich neben -der Friedrichsburg stand ein Baum, der einen Ast weit über die -Brüstungsmauer gerade hinausreckte über den tiefen Abgrund. Am 7. Juli -1610 trug er eine absonderliche Frucht. Es war der bisherige Kommandant -der Festung selbst, von Beon, der nach Kriegsrecht über die Festung -hinausgehangen wurde, weil er angeblich Holz, Bretter, Schanzzeug usw. -veruntreut hatte. Seinem Halse mag die Schlinge der Fürstengunst bald -zu eng geworden sein. Ein Kreuz in der alten Brüstungsmauer zeigt -die Stelle, wo er auf Wunsch seines Fürsten so aussichtsreich sein -Leben aus Luftmangel schloß angesichts der großen, stillen, weiten -Elblandschaft. -- - -Noch ein andrer mag in mitternächtlicher Stunde zur Johannisnacht, wenn -geheimnisvolle Kräfte sich regen und, was stumm und tot ist, Sprache -und Leben gewinnt, über den Wandel der Geschicke sich wundern. Es ist -der riesige Bacchus mit seinem Satyrgefolge, der in das Erdgeschoß -der Friedrichsburg wie in ein enges Gefängnis verbannt ist. Wie gern -würde er wohl in geisterhaft schöner Vollmondnacht hinüberwandern -nach der Magdalenenburg, in die ungeheuren Felsengewölbe hinabsteigen -und sehen, ob nicht vom großen Faß ein Zug zu schlürfen wäre, von dem -Fasse, dessen Schutzgott, Schmuck und am engsten verbundener Freund er -einst war, einen langen Zug und Schlurf zu tun, der für 100 Jahre der -Trockenheit und des Staubes vorhält. Der Kelch in seiner hocherhobenen -Hand ist trocken und leer und die Gewinde von Weintrauben geben keinen -perlenden Saft. Wenn er aufspringen würde, so würde er die Decke -durchstoßen, und das Haus auf seinen Schultern davon tragen. Ja, die -Zeiten sind nüchtern und trocken geworden, der Sang ist verschollen, -der Wein ist verraucht, das große Faß ist zerschlagen, all der bunte -Zauber ist verstoben und zu Asche geworden. - -Was mögen das für feuchtfröhliche Kellerfeste gewesen sein dort drüben -in der Magdalenenburg. Im Grundstein war 1620 ein mit edlem Wein -gefülltes Glas versenkt worden und nun lebte der fröhliche Geist des -Weines in den mächtigen Gewölben. 1624 wurde ein Faß mit 2222 Eimer -Inhalt aufgestellt und diente 50 Jahre etwa seinem Zweck. Dann folgte -1680 ein Faß mit 3319 Eimer Inhalt. 16 Wochen dauerte seine Füllung mit -Meißner Wein! Doch August dem Starken genügte das nicht. Von seinem -berühmten Architekten Pöppelmann ließ er Zeichnungen machen und dann -ein Faß bauen, das seinesgleichen nicht hatte. Die Schauseite war reich -geschmückt mit Holzschnitzerei. Oben das reiche sächsisch-polnische -Wappen mit der Königskrone darüber, Weingehänge und rechts und links -zwei am Rande emporkletternde Satyrn und auf dem unteren Rande sitzend -unser prächtig modellierter Bacchus. Auf acht gewaltigen Lagerböcken -ruhte der Riesenleib des Fasses. In halber Höhe umschloß ihn wie -ein ungeheurer Gurt die die Böcke zu einem festen Lager verbindende -Riesenzarge, auf der zum Schmucke die Reihen der mächtigen Humpen -und allerlei Schaustücke standen. Da stand ein großer, hölzerner -Becher, den Kurfürst August gedreht, dort ein silbernes Fäßchen mit 14 -immer kleineren, eingesetzten silbernen Bechern, dort ein silberner -Ziehbrunnen mit Säulen und Dach von Silber, dort eine silberne und -vergoldete, 18 Zoll lange und an der Mündung 2¾ Zoll weite, auf einer -Ebenholzlafette ruhende Kanone, dort ein silberner, vergoldeter, 6 Zoll -hoher und an der Mündung 3 Zoll weiter Mörser (beide als Becher zu -gebrauchen), dort ein venetianisches Glas, das 6 Maß hält und einen -Deckel von 3 Maß Weite hat, dort noch andere Trinkgefäße von besonderen -Maßen und Formen und für urweltlichen Durst. 30 eiserne Reifen -umspannten den Riesenleib des Fasses, von denen jeder 7 Zentner wog. -10 ~m~ Länge und 7 ~m~ Durchmesser hatte das Ungeheuer und 3709 Eimer -schluckte sein unersättlicher Bauch, das sind 2500 ~hl~, 376 ~hl~ mehr -als das große Heidelberger Faß. Sein Rücken trug einen geräumigen Boden -von zierlicher, vasengeschmückter Brüstung umgeben, auf dem große Tafel -und Tanz stattfinden und dem Gotte des Weines in bacchantischer Lust -geopfert werden konnte. - -Wie das Weinfaß und die Trinkgefäße von besonderen Maßen waren, -so war auch der Durst und die Trinkfähigkeit in jenen früheren -Jahrhunderten von manchmal erstaunlichem Ausmaß. Der Meistertrunk -von Rothenburg o. d. T., den der Alt-Bürgermeister Georg Nusch am -30. Oktober 1631 tat, um seine alte, gute Stadt vor der Verwüstung -durch Tillys Scharen zu retten, ist bekannt. Noch heute erscheint ja -seine Gestalt, wenn mittags die Uhr zwölf schlägt, oben am Fenster der -ehemaligen Reichstrinkstube am Markt in Rothenburg mit dem Schweden, -setzt den gewaltigen Humpen an und leert ihn (über 3 Liter Inhalt) im -langen Zuge zum Erstaunen seines Feindes. Ein andrer solcher Kämpe -mit dem Humpen war Veit von Bassenheim, der ein silbernes Becken, -das 8 Weinflaschen faßte, dreimal hintereinander leerte und sich so -von dem Ordensmeister Winrich von Kniprode die Schloßhauptmannschaft -der Marienburg erkneipte. Ein großer Held im Wettrinken war auch der -kurbrandenburgische Oberkämmerer Kurt von Burgsdorf, der bei jeder -Mahlzeit 18 Maß Wein vertilgte, und sich im Trinkkampf manches Schloß -und Dorf gewann, anders als der Herr von Rodenstein, der alle seine -Dörfer zu Heidelberg im Hirschen vertrank. Von den Mengen, die in jenen -trunkfesten Zeiten täglich getrunken wurden, gibt eine Hoftrinkordnung -Kunde, die 1648 an dem für besonders mäßig geltenden Hofe des Herzogs -Ernst des Frommen zu Sachsen-Gotha erlassen wurde. Danach wurden »die -gräflichen und adligen Frauenzimmer« auf vier Maß Bier am Tage und drei -Maß des Abends gesetzt. - -Hier, im Keller der Magdalenenburg, wo wohl seltener »gräfliche und -adlige Frauenzimmer« als vielmehr Kriegsmänner, alte »Kriegsgurgeln« -mit ausgepichten Kehlen die Runde bildeten, mag manches scharfe -Trinkturnier ausgefochten sein, da ja der edle Stoff unerschöpflich -war. »Ich hab ein Igel im Bauch, der muß geschwummen haben«, hat -mancher da gedacht. - -Wild mag es auch manchmal hergegangen sein, wenn der starke König dort -seiner Kraftnatur die Zügel schießen ließ, und sein Kommandant, der -Generalleutnant Freiherr von Kyau, mit seinen lustigen Einfällen und -derben Späßen die Runde der übermütigen Zecher erheiterte, daß das -Gewölbe vom Lachen der rauhen Kehlen erdröhnte. -- -- - - »Iz rinnit nich ein tropho mêr, - Der wîn ist vortgehupfit ... - Ou wê mîn grôzaz vaz stât lêr, - Sie hâ’nt mirz ûz gesupfit!« - -Das Faß wurde 1819 zerschlagen. Das Lachen in der Magdalenenburg -ist längst verstummt, schwarz und finster liegen die mächtigen -Kellergewölbe wie ein Grab vergangener Größe. Nur der Bacchus sitzt mit -den Satyrn trocken und verstaubt im engen Raum der Friedrichsburg. Wenn -er reden könnte, was würde er erzählen, wovon kein Buch mehr weiß! Geh -hin in der Johannisnacht, wenn der Vollmond scheint. Fülle ihm seinen -Becher mit edlem Wein und trinke ihm dann zu, erzähle ihm vom deutschen -Rhein und deutschem Wein, von deutschem Glück und deutschem Leid, von -deutscher Not und deutscher Rache, vielleicht erwacht er vom Duft der -Reben und redet dann, was er erfuhr in tollen Nächten, was er erlauscht -in mehr als 100 Jahren, was keiner mehr sonst weiß, vielleicht von -deutscher Seele und deutscher Tat, vielleicht ein Wort, das stark macht -und Begeisterung schafft, wie edler Wein -- -- vielleicht!? -- - -Ja, sonderbare Geister gehen auf dem Königstein um! Da sitzt der -Goldkoch Baron von Klettenberg über seine Tinkturen gebeugt. Er wollte -dem König, der soviel Gold brauchte und für seine kostspieligen -Neigungen durch seine Hände rollen ließ, eine Universaltinktur zum -Goldmachen liefern, die überdies durch gewisse Handgriffe einer -unendlichen Vervielfältigung fähig sei. Das gefiel August dem Starken, -aber als seine Vorschüsse verbraucht waren, ohne das ersehnte Gold -zu schaffen, setzte ihn August aus dem fröhlichen, üppigen Dresden -auf den ernsten, knappen Königstein, um hier die Goldtinktur zu -finden. Mehrere Fluchtversuche des Abenteurers mißlangen. Mit einem -Federmesser, das er heimlich in den Schuhen trug, arbeitete er sich in -der siebenten Woche seiner Gefangenschaft in der Walpurgisnacht 1719 -durch den Fußboden seines Zimmers in der Georgenburg hindurch und ließ -sich dann in tollkühnem Wagemut an einem aus seinem zerschnittenen -Mantel gefertigten Seil glücklich über den turmhohen Felsen hinab. -Glücklich erreichte er die Nähe des Pfaffensteins, da verriet ihn seine -Eitelkeit. Im Busche von Gorisch begegneten ihm die Bauern Blumentritt -und Roschig, denen er verdächtig vorkam, so daß sie ihn ergriffen und -ein scharfes Verhör mit ihm anstellten. Er sei der Hauslehrer eines -Pfarrers der Gegend, behauptete er keck. Fast hätten sie ihn wieder -laufen lassen, doch halt, da sahen die schlauen Bauern seine schönen -rotseidenen Strümpfe mit silbernen Zwickeln, wie kein solch armer -Schlucker von Hauslehrer besitzen konnte. Blumentritt und Roschig -nahmen ihn in die Mitte, und er mußte den unfreiwilligen, bitteren Weg -zur Festung zurück antreten. - -Er wurde nun in ein festeres Zimmer im Erdgeschoß der Georgenburg -gebracht, brach aber am 10. Januar 1720 auch aus diesem aus und wäre -fast entkommen, als er plötzlich abrutschte und 20 ~m~ herab in einen -mit Schnee gefüllten Graben immerhin noch glücklich stürzte. Er wurde -von der durch das Geräusch aufmerksam gewordenen Wache entdeckt und -zurückgebracht. Er hatte ja allerlei auf dem Kerbholz und wurde auch -wegen eines Duells vom Magistrat seiner Vaterstadt Frankfurt a. M. -verfolgt. Seine Auslieferung oder Hinrichtung wurde von dort beantragt. -Es wurde ihm nach so hartnäckig wiederholten Fluchtversuchen der Prozeß -gemacht und das Todesurteil gesprochen. Als Kyau ihm diese Nachricht -brachte, hielt er es für einen Scherz. Aber Kyaus, des sonst so -übermütigen, humorvollen Spötters Ernst war nur zu echt. Klettenberg, -der so oft sich aus den heikelsten Lagen seines Abenteurerlebens -herausgewunden hatte, gab die Hoffnung nicht auf und fragte noch auf -dem Wege zum Richtplatz am 1. März 1721 den Henker mit bedenklicher -Miene, ob er denn nun wirklich den letzten Gang tun müsse. Seine -Eitelkeit, oder war es Stolz und Todesverachtung, verließ ihn auch -nicht in der letzten Stunde: Er ließ sich in einem reich mit Silber -gestickten Scharlachrocke enthaupten und bat sich als letzte Gnade aus, -ihm, da er nicht mehr könne, im Sarge die große Allongeperrücke wieder -aufzusetzen, die er beim Köpfen natürlich ablegen mußte. Seelengröße -und Lächerlichkeit stehen hier nahe beieinander. - -Sinnend stehen wir vor dem kleinen Steinkreuz, das auf seinem -Richtplatz errichtet wurde und jetzt auf einem der Wälle in der -Nähe der Königsnase noch erhalten ist, und denken dieses kühnen, -abenteuerlichen und merkwürdigen Mannes, der so recht ein Kind seiner -Zeit war, emporgetragen aus dem Dunkel in ein glänzendes Leben, bald -oben, bald unten in der Sonne der Fürstengunst, im Kerker, schließlich -Schaffot und dann im Sarg im silbergestickten Scharlachrock und mit -Allongeperrücke, im Tode noch den Grandseigneur spielend, obschon der -Kopf vom Rumpf getrennt war. - -Dem anderen Goldmacher des Königsteins ging es besser, Johann Friedrich -Böttcher, der Porzellanerfinder, der durch seine Erfindung mehr als -Gold dem Sachsenlande erschloß, nämlich eine Quelle der Arbeit, der -Kunst und durch die Jahrhunderte strömenden Segens. Auch auf dem -Wege über die geheimen Künste kam er im Jahre 1704 ganz zufällig auf -die Erfindung eines braunroten Porzellans, welches alle bisherigen -Leistungen dieser Art an Dauer und Schönheit weit übertraf. Man -erkannte die Wichtigkeit seiner Erfindung, überhäufte ihn mit Ehren -und Schätzen, aber war auch ängstlich besorgt, daß er eines Tages so -plötzlich, wie er aufgetaucht war, auch verschwinden könnte. Er mußte -sein Laboratorium von Dresden auf die Albrechtsburg in Meißen verlegen, -wo er zwar Tafel und Equipage, aber zugleich einen Leutnant zum -beständigen Gesellschafter erhielt. - -Aber diese Herrlichkeit war von nur kurzer Dauer. Als 1706 die Schweden -unter Karl XII. in Sachsen einfielen, wurde er wie ein kostbares -Wertstück mit drei seiner eingeweihtesten Gehilfen auf den Königstein -geschafft, weil man ihn in Meißen nicht sicher glaubte, auch wohl ihm -nicht traute, und ihn und seine Kunst den Schweden nicht gönnte. Es war -dies der wirksame Patentschutz jener Zeit, daß man den Erfinder einfach -einsperrte. Böttcher kam, für einen unbekannten Arrestanten geltend, -mit seinen drei Arbeitern am 26. August 1706 auf der Georgenburg an, -wurde zwar aufs beste behandelt, zugleich aber auch auf das schärfste -bewacht. Sein Zimmer war sogar mit einem starken Vorlegschlosse -versehen. Es lag im Obergeschoß der Georgenburg, deren Zimmer sich nach -offenen, loggiaartigen Bogengängen zum Hofe hinaus öffneten. Hier blies -der scharfe Wind quer durch das Zimmer, durch Fenster zur Tür, und der -Schnee lag im Bogengang vor seiner Schwelle. Er klagte über sein rauhes -Quartier und wärmte sich auch wohl an seinem kleinen Brennofen in den -Gewölben des Erdgeschosses, wo die ältesten Teile der Burg des alten -Kaiserschlosses mit gotischen Türgewänden und Bögen heute noch erhalten -sind. Er war noch jung, erst 20 Jahr, und ließ sich die Heiterkeit -nicht lange stören, vertrieb sich die Zeit, so gut es ging, schrieb -Gedichte, unter andern ein Lehrgedicht auf die Eitelkeit der Dinge und -schmiedete heimlich Fluchtpläne, die aber nicht zur Ausführung kamen. -Nach 1 Jahr und 9 Wochen wurde er wieder nach Dresden geschafft, wo er -dann seine Erfindung weiter vervollkommnete. Über sein Laboratorium -schrieb er dort den Vers: - - »Gott unser Schöpfer - hat gemacht aus einem Goldmacher einen Töpfer.« - -Als »Töpfer« war er jedenfalls besser als wie als Dichter! - -Auch in Dresden hatte er zwar alle Bequemlichkeiten und Ehren, nur -keine Freiheit. Überall, wohin er sich begab, begleitete ihn ein -wachthabender Offizier. Der König schätzte ihn ungemein, wohnte öfters -seinen Versuchen bei, machte ihm mehrere Geschenke, schoß mit ihm nach -der Scheibe, nahm ihn mit auf die Jagd und erwies ihm andere Ehren. - -Böttcher verstand sich aber aufs Geldeinteilen schlecht. Er war -umlagert von Leuten, die seine offene Hand mißbrauchten und an ihm -zogen. Seine Familie kostete beträchtliche Summen und von schlechten -Menschen wurde er hintergangen und betrogen. Er selbst liebte unmäßig -starke Getränke, hielt in Meißen, wohin 1710 die Fabrik wieder auf die -Albrechtsburg verlegt war, beständig offene Tafel für viele Personen, -schaffte sich 20 und mehr Hunde an, kaufte die seltensten und teuersten -Gewächse usw. Nachdem er durch unmäßigen Gebrauch von Branntwein und -Tabak usw. seinen Körper geschädigt, seine Lebenskraft vergeudet -hatte, starb er nach kurzer Krankheit in Dresden am 13. März 1719 erst -33 Jahre alt und hinterließ dem Lande sein großes Werk mit seiner -reichen Zukunft, für seine Person aber nur Schulden. -- -- - -Noch mehr Geister abenteuerlicher Gestalten wandeln in heimlichen oder -unheimlichen Stunden auf dem Wallgang des Königsteins umher. Da ist der -Livländer Patkul, welcher in den Kämpfen und Verhandlungen zwischen -Schweden, Rußland und Sachsen eine hervorragende Rolle spielte, und, -sei es durch Schuld sei es durch Schicksal, schließlich von den Herren -aller drei Länder, von Karl XII., Peter dem Großen und August dem -Starken als Verräter angesehen wurde und eines furchtbaren Todes starb. -Er wurde von Karl XII. gefangen nach Polen geschleppt und endlich am -30. September 1707 auf eine scheußliche Art gerädert, denn der Henker -gab ihm 15 Stöße mit dem Rade, ohne ihn zu töten, so daß Patkul endlich -mit zerschmettertem Körper nach dem Block sich wand, und um »Kopf ab« -mit gebrochener Stimme bat. Mit vier Hieben wurde dann dieser Wunsch -erfüllt. -- In der Zeit der Sonnenkönige, überfeinerter Genußsucht und -Kultur ein Bild grausamster Folter aus dem finstersten Mittelalter! -1706--1707 hatte Patkul auf dem Königstein gesessen. -- - -Da ist auch der Schatten des Kanzlers Christians I., Doct. Nicol. -Crell, der, beinahe allmächtig unter diesem seinem Gönner, sich -viele Feinde unter Adel und Geistlichkeit gemacht hatte und nach des -Kurfürsten frühem Tode am 25. September 1591 gestürzt wurde. Zehn -Jahre dauerte sein Prozeß, und war er auf dem Königstein gefangen. -Er bewohnte den heute noch nach ihm benannten Crellturm, der an die -Georgenburg anschließt. Das Todesurteil wurde an ihm in Dresden auf dem -Jüdenhofe vollzogen. Crell mußte zum Schaffot von zwei Henkersknechten -getragen werden, weil er seiner geschwollenen Beine wegen nicht zu -gehen vermochte. Die Witwe des Kurfürsten, dessen vertrauter Diener -und Staatsmann er so lange gewesen war, sicher eine feingebildete -Dame, schaute aus einem Fenster des Stallgebäudes diesem furchtbaren -und traurigen Schauspiele zu. Er hatte vielleicht oft an ihrem Tische -gespeist, ihr den Hof gemacht und in geistsprühender Unterhaltung -die Zeit verkürzt. Das Haupt, das dort blutig vom Blocke fiel, hatte -vielleicht ihre Hand geküßt, für sie und ihren Gatten gedacht, gesorgt -und gearbeitet. -- Und nun? -- - -Welche Seelenvorgänge mögen sich im Gemüte dieser Frau gekreuzt haben? -Lüsternes Grausen? Innere Anteilnahme und Erbarmen? Blutdürstige -Schaulust und Herzenskälte? Etwa befriedigte Rachsucht, wohl -aufgespart aus früheren Zeiten? O Rätsel des Menschenherzens, wer -mag deine verborgenen, geheimnisvollen Tiefen und Klippen ausdeuten -und ermessen? Wer mag sein eignes Herz verstehen und wissen, welche -Abgründe dort vielleicht schlummern, die nicht geahnt werden, bis man -vielleicht in einer dunklen Stunde erschauernd sie erkennt. -- -- - -Ja, so wandern dunkle Schatten mit schleppenden Schritten in langen -Reihen über den Königstein von Männern in Ketten, die in namenloser -Qual ihre Strafen, ihre Leiden oft jahrzehntelang trugen. Der -Geheimsekretär Friedr. Wilh. Menzel z. B., der durch den Verrat -geheimer Depeschen an Friedrich d. Großen die Mitschuld am Ausbruch des -Siebenjährigen Krieges trug, lebte mit einer eisernen Stange an den -Füßen als Gefangener 33 Jahre hier. Er durfte sich nicht barbieren und -sein Bart wuchs ihm bis über die Brust herab. 1796 erlöste ihn der Tod -im 70. Jahre. - -Königstein, ein Altar, von dem nicht so sehr Gebete als Flüche und -Schreie der Verzweiflung, Rache und Hoffnungslosigkeit, der Angst -und Wut zu den dunklen ziehenden Wolken und in das Sausen des Windes -tönten. So mancher, der unbequem wurde, verschwand auf dem Königstein -und schanzte mit Schaufel und Hacke an Mauern und Wällen in Frohnarbeit -neben dem Verbrecher, den sein Urteil ereilt hatte, eine bloße Nummer -nur wie er. -- Friedemann Bach, dem genialen Sohne Johann Sebastians, -zerbrach hier in kurzen Stunden der Verzweiflung Leben und Zukunft. - -Königstein, ein Stein des Fluches für Unzählige, ein Fels der Zuflucht -aber auch in Stunden der Not. - -Seine bombensicheren Kasematten nahmen öfter die gefährdeten Schätze -Dresdens aus den Archiven, Sammlungen und dem Grünen Gewölbe auf. Ein -Fels der Zuflucht auch für die Landesfürsten, wenn Gefahr drohte. - -Als am 3. Mai 1849 das Schloß in Dresden von Freischaren und Bürgerwehr -angegriffen wurde, floh der König Friedrich August II. mit Familie -und den Ministern nachts auf den Königstein und wartete dort ab, daß -die zur Hilfe gerufenen preußischen Truppen ihm seine Hauptstadt -wiedereroberten. Der Führer des Aufstandes, der russische Flüchtling -Bakunin wurde gefangen und fand sein Schicksal auf dem Königstein. -- - -Doch hinweg ihr Gestalten mit euren schmerzgezeichneten Gesichtern, -denen auch der hellste Tag dunkel ist, deren Blicke so trostlos in -die Weite wandern auf den hellen Straßen der Freiheit, die sie nimmer -betreten werden, nach den Bergzügen in blauer Ferne, die sich nimmer -vor ihnen auftun wird. Hinweg, ihr schwarzen Schatten alter Tage, ihr -Schatten von Schicksal und Schuld, von Willkür und Weh, von Trübsal und -Tod, ihr sollt uns den leuchtenden Tag nicht trüben und die helle Sonne -nicht dunkel machen, das wonnige Lachen des Landes zu unseren Füßen -nicht verscheuchen. - -Wir stehen auf der Rosenkasematte und schauen hinüber auf die lachenden -Fluren von Thürmsdorf und die blanken Häuser, die zierlich und fein -über die grünen Hänge gestreut sind. Wie ein goldener leuchtender -Schild, der Schild des Frühlingsgottes Baldur, liegt ein blühendes -Rapsfeld darüber. Es ist, als strömte von ihm alles Licht und alle -Wärme aus, und immer wieder tauchen unsere Blicke in dieses reine -königliche Gelb, dem alle Farben des Sommers und der Landschaft dienen. -Wir schauen hernieder auf die wogenden, rauschenden Wipfel des Waldes -unter uns, auf den breiten silbernen Strom, auf dem ein Floß im langen -Zuge stromabwärts gleitet. Wie Ameisen klein bewegen sich die wenigen -Menschlein darauf hin und her. Das Bellen eines Hündchens klingt -herauf. Wie klein ist doch aus der Höhe betrachtet der Menschen Tun -und Treiben, und wie wichtig nimmt doch jeder sich selbst dabei! Sie -glauben etwas zu schaffen, und doch trägt der Strom das Floß dahin, -welches sie sich fügten. Ein wenig Lenken, ein wenig Steuern ist alles, -was sie vermögen, von oben betrachtet ein Nichts! - -Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben -betrachtet und sieht, wie ein Strom uns alle dahinträgt. -- -- -- -- - -Über uns breitet eine mächtige Eiche ihr Laubdach. Hier huschten im -Herbste die Häher durch die dichten Zweige und die Blaufedern der -Flügel schimmerten durch das Grün, wenn sie ihre Nahrung suchten. -Doch nicht nur Häher fanden Wohlgefallen an den Eicheln, sondern -auch Festungsbewohner. Eigenhändig gesammelt, geröstet und gemahlen -schuf diese Frucht des »Kaffeebaumes« auf der Rosenkasematte manchem -deutschen Offizier einen strenge duftenden »deutschen Mokka« während -der trüben Ersatzzeiten des Krieges! - -Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben -betrachtet und erkennt, daß alle Werte nur bedingt sind und daß -den meisten Dingen erst der Glaube ihren Geschmack und ihren Wert -verleiht. -- -- -- -- - -Wir wandern an der Brüstungsmauer weiter und können nicht genug schauen -in der Nähe und in der Ferne, um uns und unter uns. Senkrecht fallen -die Felsenwände des Sandsteins ab, zerklüftet und zerspalten, an der -Oberfläche hie und da von zahllosen Rillen durchkämmt, als hätte ein -Steinmetz mit ungeheurem Scharriereisen die Blöcke bearbeitet und Wind -und Wetter hätten sein Werk benagt. Wilde Tauben nisten hie und da in -den Löchern und ihr melodisches Rufen und Locken läßt sich hören. - -Im Osten der Festung springt ein riesiger Felsenturm fast rechteckig -aus dem Block des Königsteins heraus, die Königsnase. Willst du -einen Freund ins Herz sächsischer Heimatschönheit schauen lassen, -daß er des Eindrucks nicht wieder vergessen mag, dann lasse ihn hier -von diesem Söller in die lachende Gotteswelt schauen. Tief unten zu -Füßen im Tale die roten und grauen Dächer des Städtchens hier am -blinkenden Elbstrome hingestreckt, dort in das Tal des Bielabaches, -der dort mündet, hineinwandernd und dort drüben die Abhänge des -Pladerberges hinaufkletternd. Mitten darin die Kirche mit ihrem Turm, -mit Kuppeldach und Spitze, wie ein preußischer Helm dem vierkantigen -Gesellen aufgestülpt. Wenn an einem goldenen Sommerabend von diesem -Turm unsere lieben Volkslieder geblasen werden, und du lauschst von -oben, wie die Klänge durch das Tal ziehen, den Strom entlang tönen -und Wald und Berg und grüne Hänge mit Wohllaut füllen als würde ihre -Seele und süßheimliches Träumen im Liede offenbar, dann magst du tief -empfinden, was deutsche Heimat ist und wie sie so zart und innig dir -an das Herz rührt, daß es antworten muß: »Ja, du bist mein, ich bin -dein Kind, und mein Bestes öffnet sich dir, wenn ich meine Seele ganz -in dich und deine Art und Herrlichkeit versenken darf.« Deine Augen -wandern in die blauende Ferne. Die Sehnsucht, das Fernweh und das -Heimatfühlen stehen Hand in Hand in deiner Seele und schauen hinaus in -die Wunder der Heimat und ahnen in beseligender Weihe, daß die Heimat -dich segnet, dir eine ihrer Höhestunden schenkt, um dich über dich -selbst emporzutragen. Dort stehen all die Felsaltäre, der Pfaffenstein, -der Gohrisch, der Papststein, der Hennersdorfer Stein, die leuchtenden -Felswände der Schrammsteine, der Falkenstein, wie ein gewaltiges -Gigantendenkmal von heroischer Wucht und Größe, und links der stolze -Lilienstein auf dem buntdurchwirkten Gottesteppich von weiten Feldern, -Wiesen und Waldessäumen. Es sind stille Altäre, still und groß, und -stehen darum so feierlich, so erhaben, so heilig über der flachen Ebene -mit ihrem Geräusche der Arbeit, die vom Schweiße dampft, über den -verworrenen Lauten des Tages, über dem Staub der Straßen, auf denen die -Alltäglichkeit hastet und keucht. - -Und weiter hinaus der hohe Schneeberg mit seinem langgestreckten Rücken -in blauem Dunst, die Zschirnsteine, der Winterberg und dazwischen die -Spitzen und Kuppen der Berge Böhmens, in feinem Dufte verschwimmend, -deutsche Berge im deutschen Land, gegrüßt von deutschem Herzen: Mag -auch die Landesgrenze einen Strich ziehen, auch sie Altäre der Treue zu -deutscher Art und deutscher Seele, still und groß und feierlich. - -Ganz in silberner Ferne ragt dort die stolze Spitze des Kleis bei -Haida wie eine steile Pyramide, als reckte sich aus böhmischem Gau der -Schwurfinger deutscher Erde aufwärts zum Himmel mit dem Treueschwure, -der Blut an Blut, Art an Art, Stamm an Stamm, Ehre an Ehre bindet. -- - -Was soll ich sie nennen, alle die Berge und Spitzen nah und fern, -über die die Wolken fliegen und die Farben wandern, die hier lebendig -werden, als höben sie ihre Häupter höher, wenn die Sonne sie trifft, -dort in blaue Schatten und Erstarrung zurücksinken und ihre Formen zu -verlieren scheinen, immer neu und immer wechselnd, unendlich reich im -lebendigen Spiel und doch voll himmlischer Ruhe, ein ungeheures Rund, -in dem das Kleine verschwindet. -- Fernweh und Heimatfühlen sind die -Kräfte, welche dir in solchen Weihestunden die Heimat zu eigen geben -und deiner Seele Flügel geben über das Kleine zur großen Ruhe. -- -- - -Wir müssen unsere Blicke losreißen, wennschon sie immer wieder in -die Ferne fliegen und immer wieder Sehnsuchtsblaues finden und -erschauen mögen. Der Felsen, an dessen Rand wir gehen, hat hier -besonders zerrissene und zerklüftete Formen mit vortretenden Ecken -und senkrechten Kanten und pfeilerartigen Vorsprüngen angenommen. Wie -die Zähne einer Säge springen zickzackförmig die scharfen Ecken der -Wehrmauer hervor, hie und da von einem spitzen Rundturm gekrönt. Ein -wildmalerisches Bild bietet diese vielfach gespaltene, trotzige, z. T. -überhängende, unersteiglich scheinende Felswand, zu der die schlanken -Fichten im Grunde emporrauschen. Und doch hat schon vor der Zeit -modernen Klettersportes ein wagemutiger Schornsteinfegermeister aus der -Stadt dort unten, namens Abratzky, heimlich die Ersteigung versucht. -Er wußte mit Wänden und Gesimsen, mit Kanten und Kaminen Bescheid -und arbeitete sich mit Knieen und Ellbogen, mit festem Griff und -griffigen Zehen in einer Spalte und über Vorsprünge empor. Aber auf dem -letzten Felsabsatz unterhalb der Wehrmauer verließen ihn die Kräfte, -er wurde von Posten bemerkt und mußte auf sein Rufen heraufgezogen -werden. Abratzkyfelsen heißt seitdem nach diesem einzigen beinahe -geglückten Versuche der Ersteigung der Felsvorsprung. Die nie erstürmte -unbezwungene jungfräuliche Festung durfte ihren Jungfernkranz, der hoch -oben an steiler Mauer in Stein gehauen an der Südseite sich findet, in -Ehren weiter tragen. Die Amsel, welche im Sommer 1917 jeden Abend vom -Dachfirste der Georgenburg das Lied »Wir winden dir den Jungfernkranz« -in das leuchtende Abendrot mit süßen Tönen flötete, hat Recht mit -diesem Sang auf das Magdtum der Festung behalten. - -Die Flucht über die steilen Wände herab aus den harten, allzu fest -ihn haltenden Armen der jungfräulichen Feste hat freilich mancher -versucht und sie ist auch manchem geglückt. Die »Franzosenspalte« -erinnert heute noch mit ihrem Namen an die tollkühne Flucht gefangener -Franzosen im Jahre 1870. Auch die gefangenen Russen des Weltkrieges -haben diesen verwegenen Abstieg wiederholt versucht. Entflohen sind -manche. Wiedergekehrt sind alle nach kurzen Stunden der Freiheit auf -den verhaßten Stein! Da hatten einmal zwei Offiziere sich ein Seil zu -gemeinsamer Flucht zu verschaffen gewußt und zu glücklich abgepaßter -Zeit glitten sie an ihm auf schwankendem, gefährlichem Pfad an rauhen -Vorsprüngen und scharfen Kanten vorbei, von den Kameraden durch -Postenkette gegen Überraschung gesichert, in die schreckende und doch -so lockende Tiefe der heiß begehrten Freiheit entgegen. Doch, o weh, -das Seil war zu kurz! Über der Tiefe schwebte der erste noch weit vom -Boden. Sollte er das haltende Seil fahren lassen und den Absprung -wagen? Sollte er in die Gefangenschaft zurückkehren? Konnten seine -nachlassenden Kräfte den gefährlichen Wiederaufstieg am pendelnden -Seil, an schneidenden, überhängenden Felsgesimsen vorbei noch leisten? --- Furchtbarer Augenblick innerer Spannung einer Entscheidung auf Tod -und Leben! -- Er sprang ab und erreichte glücklich den Boden. Sein -Kamerad folgte. Doch wehe, als er sich vom Sturze erheben wollte, -versagte ihm der Fuß den Dienst und auch die Schulter schmerzte und -war verletzt. -- Was tun? Es galt, nicht lange zu zögern! Fort, nur -fort, diesen verhaßten Mauern entrinnen, fort ins Dickicht oder eine -der Höhlen im Gestein, bis die Nacht die heimlichen Wege deckt! Der -Verletzte schleppt sich mühsam weiter, gestützt vom Kameraden, die -Freiheit winkt ja! - -Doch da lagen am Abhang zwei Soldaten der Besatzung im Waldesgrün, -naschten Beeren und guckten in den blauen Himmel. Tiefer -Sonntagsfriede! Vogelsang und Wipfelrauschen die einzigen Laute nah und -fern. -- Horch, sind das nicht Menschenstimmen? Nicht Schritte? Nicht -heimlich raunende russische Laute? Sie springen hinter dem Felsblock -auf, der sie deckte, und stehen vor den entsetzten Flüchtlingen wie aus -dem Boden gewachsen! Ade, du goldene Freiheit, die eben noch winkte! -Nutzlos jeder Widerstand! Zu niederschmetternd war der Sturz aus der -Hoffnung in die Verzweiflung! Zurück ins alte Elend! -- - -Andere Kletterer gab es auf der Festung, denen die Blicke der -Gefangenen oft sehnsüchtig folgten, so voller Sehnsucht, wie den -Vögeln, die mit leichten Flügeln in das Himmelsblau sich schwangen. -Könnten sie von ihnen lernen, wie man diesen steilen Mauern entrinnt, -könnten sie ihnen die hurtigen, verwegenen Künste absehen! - -Diese tolldreisten Kletterer waren die Eichhörnchen, die unten im Walde -von Wipfel zu Wipfel sprangen, an den Felsen senkrecht emporliefen, -denen keine Wand zu steil, kein Band zu schmal, keine Kante zu scharf -war, denen ohne Seil und Leiter die glatten Wände offene Straßen -waren, auf denen sie dahineilten. Unten der Wald, oben der Park und -die Obstgärten und dazwischen die Felsenwände, das war ihr fröhliches -Reich der Vertikalen, in welchem die blitzschnelle Bewegung von unten -nach oben oder kopfüber von oben nach unten zugleich lustiges Spiel -und Lebensaufgabe, zugleich Inhalt und Zweck des Daseins bildet. -Namentlich, wenn die Birnen auf der Festung reiften, dann waren die -flinken Gesellen im roten oder dunklen Pelz bei der Hand, um ungeladen, -ohne sich lange bitten zu lassen, bei der Ernte recht fleißig zu -helfen. Feinschmecker, wie solche in der Baumkrone hochgeborenen Herren -sind, und, gründlich erzogen, gingen sie stets auf den Kern jeder -Sache, d. h. sie zerbissen die Frucht, nagten und naschten die Kerne -und griffen zur nächsten Birne, verschwanden aber blitzschnell kopfüber -die Wände herab, wenn Gefahr drohte, in die rauschenden Fichtenwipfel -hinein wie eine zuckende, aufblitzende und erlöschende, rote Flamme. -Das Spiel und das kecke Treiben dieser reizenden Affen des deutschen -Waldes gab mancherlei Unterhaltung, Beobachtungen und Ablenkung. - -Dem Stabsarzt vom Lazarett gaben sie sogar öfter einen leckeren Braten, -den er nicht genug zu rühmen wußte. Doch möge unser rascher, roter -Waldkobold noch lange als Wildpret unentdeckt bleiben, damit nicht noch -mehr unser deutscher Wald veröde und seiner geheimnisvollen Reize und -seines märchentiefen Waldwebens und Waldlebens beraubt werde. -- - -Drüben an der Ecke am Lazarett, wo der Umgang sich wieder nach Osten -wendet, machen wir noch einmal Halt und schauen von einem erkerartigen -Austritt hinunter in das grüne Bielatal und in den Hüttengrund und -drüben auf den Quirl mit seinem waldumrauschten Felsenhaupt, den -Nachbarfelsklotz des Königsteins, der auch einmal als Zwillingsfestung -zur Flankendeckung des Königsteins ausgebaut werden sollte, aber seinen -Waldfrieden dort oben behalten durfte. - -Wir hören das Rauschen der Biela, die dort unten im Grunde über ein -Wehr stürzt, bis zu uns herauf. Die Häuser und Höfe des Dorfes Hütten -liegen am Bach und leuchten hell im Grün des engen Waldtales. Einst -stand hier im Grunde eine Gießhütte, die dem Orte den Namen gegeben, -aber bereits im 17. Jahrhundert eingegangen ist. - -Wir wandern jetzt auf breitem, mit starken Steinplatten gedecktem Wege, -auf den mächtigen Gewölben der Kasematten, die z. T. in den Felsen -gehauen, z. T. aus gewaltigen Felsquadern aufgeschichtet sind. Dort -ist der Bärenzwinger, ein enger Felsenkessel, durch welchen einst -der älteste Aufgang zum Königstein geführt hat, dessen vermauertes -Tor an der Quadermauer heute noch von außen sichtbar ist. Dort sind -die anderen tiefen, finsteren, z. T. schluchtartigen feuchten Höfe -der Kasematten, in denen die Sonne nicht gerne weilt und der nackte, -finstere Fels erbarmungslos aus nächster Nähe in vergitterte Fenster -starrt. Viel lieber wandern die Augen hinaus ins grüne Land, nach der -kecken Felskanzel des Spankhornes, welches dort drüben aus dem Walde -ragt, nach den Felsen der Nikolsdorfer Wände, nach der »Hirschstange«, -dem Wege mit dem schönen, sinnigen, deutschen Namen voller Waldpoesie -und Nadelduft, der in halber Höhe des Berges wie ein schimmerndes -Band aus dem dunklen Waldesgrün leuchtet. Was für lachende Wanderwege -sind dort drüben, von denen der laute Schwarm nichts weiß, auf denen -man still und froh sein darf und nur sich selbst und die Heimat im -Zauber unberührter Herrlichkeit hat. Dort liegt im Walde versteckt der -Schüsselgrund, dort ist der Teufelsgrund mit seinen wilden Felsen, dort -ist so mancher stille Platz, wo im grünen Frieden die Romantik träumt, -wo du das Wild belauschen kannst, wo der Schwarzspecht mit seiner -roten Haube wie der Vogel des Märchens geheimnisvoll durch die Wipfel -streicht und mit klagendem Rufe lockt, ihm zu folgen, weiter und -weiter in die grünen Tiefen des Waldes. -- - -Dort liegt am Walde eine Wiese, in deren grünem Teppich die Margariten -wie tausend silberne Sterne gestickt sind. Ein klares Wässerlein -rieselt durch die Halme, und das Wollgras hebt auf zartem Stengel -seine Flöckchen wie schimmernde Seide zum Lichte empor. Ist es der -Tanzplatz der Elfen, wenn draußen der laute Tag zur Ruhe ging, kein -fremdes Ohr neugierig lauscht und nur der Wind und Mondenschein mit -leisen, leichten Füßen über die weichen Gräser wandert? -- Dort ist -mitten im Fichtendickicht ein Platz, eine Blöße mit langem Waldgras von -dunklen Nadelwänden hoch umgeben, auf deren zackigen Spitzen der blaue -Himmel ruht. Hundert Pilze stehen dort in bunten Farben, leuchtendrot -mit weißen Punkten, violett und gelb und braun und weiß. Keines -Menschen Fuß kam noch hierher und hat an diese Pracht gerührt. Oben auf -höchster Tannenspitze jubelt die Singdrossel ihr köstliches Lied in das -Abendrot. -- Ja, dort, dort drüben kann jeder Waldgang die Seele frei -machen vom Staub des Alltags und zur Freude erheben. -- -- -- - -War es ausgesuchte Grausamkeit und Hohn, wenn so die ganze Herrlichkeit -deutscher Wald- und Berglandschaft den Gefangenen des Königsteins -täglich vor Augen stand, die ihnen unerreichbar war und doch den Drang -nach der Freiheit schmerzhaft steigern mußte zu unerträglicher Pein -und seelischer Marter? -- Nein, es war Erbarmen, Wohltat und Tröstung, -ihnen den Blick auf das lachende Bild zu gönnen, auf den weiten Himmel, -die rauschenden Wälder und grünenden Hänge, Trost, der den Geist erhebt -aus den engen Mauern und dunkler Felsengruft zum Fluge in freie Höhen, -zum Schwunge über das traurige Heute, zur Hoffnung auf Freiheit und -Erlösung! Der Körper in Haft, die Seele aber in Freiheit und täglich -neu die Flügel reckend über das weite Land hinein in eine bessere -Zukunft! - -Gar mancher Gefangene dort im alten Zeughaus mag doch seine Seele an -diesen Fragen wund gestoßen haben. Mit charaktervoller Schlichtheit, -mit steilem Dach und Giebel, fast gotisch im Aufbau wirkend, obwohl -es 1594 erbaut ist, schaut dieser Bau helle leuchtend weit in das -Land hinaus. Im Erdgeschoß ist eine zweischiffige Halle von schweren -Kreuzgewölben überdeckt, die auf drei mächtigen, toskanischen Säulen -von gedrungener Wucht aufruhen. Nachdem die Friedrichsburg für die -Gottesdienste der gefangenen Russen nicht mehr zur Verfügung stand, war -dieser kryptaartige Raum die würdige und monumental wirkende Stätte -ihrer kirchlichen Feiern und Andacht. Unvergeßlich wird jedem, der -es erlebt hat, die russische Osterfeier zu mitternächtiger Stunde in -jenem Raume sein. Draußen dunkle Nacht und die große, heilige Stille -der Ostererwartung. Nur die Wälder hört man ferne rauschen und die -Wasser der Biela im Grunde. Droben am unendlichen, schwarzblauen, -samtenen Firmament flimmern die Sternenheere und wandern ihre Bahnen. -Da tönt aus dem Tore der Kapelle der orgelähnliche Sang tiefer, voller -Männerstimmen in feierlichen Rhythmen, anschwellend und abklingend, -dazwischen die volle Einzelstimme des Popen in dunklen fremdartigen -Lauten. Im hellen Schimmer von vielen hundert Lichtern leuchtet der -Raum. Jeder der Teilnehmer trägt eine brennende Kerze in der Hand. Hier -in Gruppen zusammengedrängt stehend, dort knieend, dort an Wand und -Pfeiler sich lehnend, feiern sie das Fest in der Weise der Heimat und -ihre Gedanken eilen zu den fernen Stätten, an denen ihr Herz hängt, zu -fernen Stunden, die nicht mehr sind, zu kommenden Tagen der Hoffnung -auf Freiheit, der Sehnsucht nach Heimat und Frieden. Phantastische -Schatten huschen über die Gewölbe und Wände, hier leuchten Farben -auf, dort ein blinkender Orden oder schimmerndes Rangabzeichen. -Eine seltsame, mystische Wirkung geht von der Feier aus, deren mehr -geahnte, als bewußte Gefühlswelt so ganz abweicht von dem, was unseres -Geistes ist, aber doch an eigenes tiefstes Empfinden zu rühren vermag. -Ehrwürdig und heilig ist ja alles, was Menschenseelen erschauern macht, -wenn sie sich von irdischem Staube erheben empor zum Lichte, zu dem, -was man göttlich und ewig nennt, in welcher Sprache und Bekenntnis es -auch sein mag, wenn nur die Sehnsucht der Seele echt und wahr ist. - -Ehrwürdig ist es auch, wenn mit dem Gruße »Christ ist erstanden«, -und der Antwort »er ist wahrhaftig auferstanden« die Teilnehmer am -Gottesdienste nach alter russischer Sitte sich dreimal küssen auf -Wangen und Stirn und in diesem Augenblick jeder Unterschied von Rang -und Stand, von Alter, Bildung und Besitz verschwindet. Der alte Oberst -küßte den jungen Leutnant und der hohe General, welcher als Gouverneur -von Turkestan über ein Reich, größer als Deutschland, gebot, küßte -seinen Burschen, den armen Bauernjungen aus dem Innern Rußlands. -Der Gesunde küßte den Kranken, denn in dieser heiligen Stunde beim -österlichen Bruderkuß hat, wie frommer Glaube lehrt, Ansteckung keine -Macht, mag sonst auch Krankheit oder Tod der Lohn solchen Kusses sein. - -Ehrwürdig und seltsam, unserem Empfinden widerstrebend, vielleicht -aus der mystischen Stimmung der Stunde jedesmal neu herausgeborener -Glaube, vielleicht aus der Zeit des Urchristentumes durch Jahrtausende -bewahrte Sitte, vielleicht aus uraltem, russischem Heidentum -stammender Brauch und darum in christlichem Gewande so fest von der -Volksseele bewahrt, wer will es sagen? -- Zu den seltsamsten Stunden -des Königsteines mag dieses russische Ostern zählen, als um Mitternacht -unter deutschem Sternenhimmel gefangene Söhne aus allen Landschaften -Rußlands von Sibirien bis zur Krim und zur Weichsel den dreifachen -Osterkuß tauschten, als wäre man tief im Innern des ungeheuren, uns so -fremden Reiches. -- -- - -Wieviele mögen von ihnen die Heimat erreicht haben, nachdem der Friede -geschlossen war? Eine dunkle Kunde meldet, sie seien alle erschossen -worden, nachdem sie die russische Grenze überschritten hatten. Den -Bolschewisten seien diese Offiziere der besten, vornehmsten Truppen -des Zaren zu verdächtig oder zu gefährlich erschienen. Nur wer der -Heimat entsagt hatte und im Auslande Zuflucht fand, soll vor diesem -furchtbaren Schicksal, vor diesem schnöden Dank des »Mütterchens« -Rußland bewahrt geblieben sein. - -Wie friedlich schlummern dagegen die wenigen während der Gefangenschaft -trotz sorgsamster Pflege und ärztlicher Behandlung verstorbenen Russen -auf dem dort unten auf lachender Flur am Waldrand liegenden Friedhofe -der Festung, sanft gebettet im Schoße der barmherzigen deutschen Erde. -Deutsche ärztliche Kunst und Pflege, die nicht Feind und Freund kennt, -sondern nur den leidenden Kranken, treue Teilnahme der Kameraden haben -nicht zu retten vermocht. - -Da lag z. B. ein junger, lungenkranker, russischer Offizier im -Lazarett, das außerhalb des eigentlichen Gefangenenlagers stand. Bei -gutem Wetter war sein Lager draußen im Garten unter blühenden Rosen -und duftenden Blumen inmitten leuchtender Sommerpracht. Er empfing -täglich den freien unbewachten Besuch seiner gesunden Kameraden, die -zu diesem Zwecke frei die abgeschlossenen, durch Drahtzäune gesicherten -Grenzen des Lagers verlassen durften. Jeder erfüllbare Wunsch wurde -erfüllt. Er wurde jedoch ein Opfer der unheimlichen Krankheit. Ein -langes, würdiges Trauergefolge geleitete ihn zum Grabe in fremder Erde. -Voran schritt der Kreuzträger und der Männerchor, der in feierlichen, -klagenden Rhythmen Sterbelieder in kurzen abgerissenen Strophen bald -leise, bald mit anschwellender Stimme sang. Kränze wurden getragen. Es -folgte der Sarg mit dem Bahrtuch, der Pope im prunkenden Ornat, wie -ein Bild aus einem byzantinischen Mosaik herausgenommen, das große -Trauergefolge der Kameraden, die deutschen Lageroffiziere mit dem -Kommandanten an der Spitze und die deutschen Mannschaften. Langsam -schwebte der Sarg im Fahrgestell des elektrischen Aufzuges außen an -der Festungsmauer hernieder und wurde unter den schwermütigen, ernsten -Gesängen zum kleinen Garnisonfriedhof durch das Waldesgrün und wogende -Saatfeld zur letzten Ruhe geleitet. Von oben schauten über den Rand der -Mauerbrüstung die zurückbleibenden russischen Offiziere ernst hernieder -auf den letzten Gang ihres so fern der Heimat verstorbenen Kameraden -und lauschten den abgerissen emporklingenden Rhythmen der Totenklage -ihres Volkes. -- - -Der Friedhof der Festung ist ein Platz von besonders eindrucksvoller -Wirkung und ergreifender Stimmung. Sein Rechteck von nur 33 × 74 ~m~ -Größe ist von einer wuchtigen Quadermauer umschlossen, an welcher der -Efeu emporklettert und Wiesenblumen blühen. Der Wald ist bis nahe -an die Mauer getreten, als wolle er diese Stätte des Friedens noch -besonders hüten und abschließen vom Lärm der Welt, von der Unruhe des -Tages da draußen, die so fern, so tief unter uns liegt. Zwei mächtige -Eichen stehen wie treue Wächter neben der Friedhofspforte und hoch -über den Gräbern wölbt sich das Laubdach stolzer Bäume, breiten sich -auch die Zweige von immergrünen Fichten und Kiefern. Alte, hohe -Lebensbäume stehen wie dunkle Trauergestalten zwischen den stillen, -grünen Hügeln. Hier finden wir die Gräber französischer Gefangener aus -dem Jahre 1870/71. Ein Marmorkreuz ist ihnen gewidmet und neuerdings -ein Gedenkstein, den ihnen französische Gefangene des Weltkrieges hier -setzten. Hier finden wir einige Kreuze russischer Form auf Gräbern -russischer Gefangener, hier auch Gräber deutscher Soldaten, die ihr -Leben der Heimat nach Schmerzen, Leiden und Wunden hier opfern mußten. - -Im dichten Efeu unter Lebensbäumen liegen hier auch die Gräber alter -Festungskommandanten, die nach langer militärischer Laufbahn hier -Frieden fanden. Eine mächtige Steinplatte mit Inschrift deckt das Grab -des Kommandanten von Nostitz. Wir entziffern die Inschrift, aus welcher -uns der Geist und die Gefühlsstimmung einer längst versunkenen Zeit -aus Urgroßvätertagen entgegentritt und uns mit feuchten Augen wehmütig -anschaut: - - »Als ich am Tag der Geburt die Welt anweinte, da nickten - Vater und Mutter und Freund lächelnd dem Weinenden zu. - Nun ich ihn ausgekämpft, den Ihr noch kämpfet, den Weltkampf - Lächl’ ich am Ziel, und Ihr weinet dem Lächelnden nach!« - - Diese Worte bestimmte sich zur Grabschrift der hier ruhende - Königl. Sächs. Generalleutnant und Commandant der Festung - Königstein, Ritter des Militär St. Heinrichsordens - - Karl Friedrich Ernst von Nostitz, - geb. den 18. Juni 1767, gest. d. 17. April 1838. - Sein Andenken segnen, die ihn erkannten! - -Es ist zwar nicht eine soldatische Inschrift etwa für einen alten -Haudegen, aber eine Inschrift, die zu denken gibt, die in der stillen -Bescheidung und rückschauenden Lebenswertung des Greisenalters -kennzeichnend für den Verstorbenen und seine Zeit und darum wertvoll -ist. -- Wie leer und kalt lassen oft die tausendfach gedankenlos -wiederholten Worte auf modernen Friedhöfen an prunkenden Steinen, denen -die Seele fehlt. Hier aus der schlichten, wuchtigen, moosigen Platte -spricht eine Seele. - -»Sein Andenken segnen, die ihn _er_kannten!« Wie fein und wie maßvoll -wird hier dem Toten Ehre gezollt. Wir wissen nicht, ob der Kreis derer, -die ihn erkannten, groß oder klein, hoch oder niedrig war, ob ihn -nicht auch viele verkannten, wir hören nur, daß er Menschen zum Segen -war. Ist dies nicht mehr als mancher tönende Nachruf, manche rühmende -Gedächtnisrede, so viele übertriebene Lobsprüche und vergoldete Lügen -auf Grabsteinen? -- - -Der kleine Friedhof der Festung birgt tiefe Lehren in sich. -- - -In seiner schweigenden Abgeschiedenheit weit vom Alltag, hoch über -Staub und Unrast des Lebens da draußen ist er eine stille Stätte für -die letzte Ruhe, von so ergreifender Stimmung wie wenige im Lande. -Mögen sorgende Hände und sinnige Herzen mit innigem Verständnis für -seine Worte stets diesen weihevollen Totengarten hüten und seiner -warten. -- - -Doch kehren wir in die Festung zurück. Den Park mit seinen mächtigen -Baumriesen, den alten Buchen, Eichen und Ahornbäumen wollen wir -durchwandern. Hier wird kein Stamm gefällt, weil er gerade schlagreif -ist. Wie ein heiliger Hain, ungestört, in weihevoller Stille, ragen die -Bäume mit stolzen Stämmen und schirmenden Kronen. Efeu und Immergrün -ranken am Boden und tausend Blumen blühen im Gras, die kein Gärtner -pflanzte und doch schöner sind an ihrem Platze und in ihrer Entfaltung, -als Gärtnerkunst es zu schaffen vermag. - -Es rauschen die grünen Wipfel. Wir hören den hellen, schmetternden -Schlag der Finken und in tiefen, melodischen Tönen das zärtliche -Gurren der wilden Tauben. Von unten, aus dem Walde, tönt bald näher, -bald ferner der Ruf des Kuckucks. Ein Specht trommelt unermüdlich -hoch oben an dem dürren Ast der alten, vom Wetter zerzausten Eiche -dort. Ein Eichhörnchen huscht flink an jenem glatten Buchenstamm -entlang, hält inne und schaut uns verschmitzt aus seinen dunklen -blitzenden Augen an. Wir ruhen an der Böschung des Walles im Gras -und duftenden Thymianpolstern. Bienen summen um die Skapiosen und -Grasnelken, die sich auf schlanken Stengeln wiegen. Wir träumen und -sinnen in die grüne Stille hinein, während bunte, kleine Falter uns -umgaukeln, als wären wir selbst ein Kind der Natur geworden, das -unbekümmert im Arm und am Herzen der Mutter ruht und ihren warmen Atem -und ihr Herzpochen fühlt. Wieviele mögen unter diesem Blätterdach -schon gewandelt sein und zu den fliegenden Wolken emporgeschaut haben -und mitten im tiefen Frieden der Natur und aller ihrer Herrlichkeit -diesem Felsen, diesem Hain, dieser Herrlichkeit geflucht, um Erlösung -von dieser Stätte geseufzt haben, die uns so lieblich scheint mit -allem Sonnenglück geschmückt und die Hunderten schon eine Stätte der -Freude und übermütigen Lebensgenusses war. Die harten Gegensätze, -welche hier immer wieder aufeinanderprallen, fesseln mit besonderer -Gewalt die Gedanken und geben einen eigenartig anziehenden Reiz allem -Geschehen und allem Schauen. -- Unter diesen Zweigen schritten 1870/71 -gefangene Franzosen hin und her und träumten von ihrer ~gloire~ und -berauschten sich am Rachegedanken, an der ~revanche~. Da griff einer -von ihnen zum Messer und schnitt in die glatte Rinde jener alten Buche -dort unter sein Namenszeichen die Worte: »~un chasseur français, -qui reviendra vainqueur~.« »Ein französischer Jäger, der als Sieger -wiederkehren wird.« -- Er ist nicht wiedergekommen! -- 44 Jahre später -lasen aber seine gefangenen Landsleute mit ihren russischen Freunden -und Bundesbrüdern jene Worte in der grauen, rissig gewordenen Rinde, -die jetzt ihnen wie ein Hohn auf ihr eigenes, unfreiwilliges Kommen -wirkten. Der Gegensatz zwischen Gewolltem und Gewordenem war bitter und -schmerzlich für sie. - -Doch auf unser Herz auch fällt dieser Gegensatz mit schmerzlicher -Wucht: Versailles 1871 und Versailles 1918/19! Wann wird der Ausgleich -kommen im Pendelschlag der Weltgeschichte? Wann wird Lüge als Lüge, -Schandtat als Schandtat erkannt sein und gelten? Wann wird Friede sein, -und Recht und Freiheit wieder unter Völkern und Menschen wohnen und -daheim sein? Der sonnige Sommertag will uns dunkel werden, wenn wir -mit diesen Fragen an Heimat und Vaterland denken und an Tod, Tränen, -Wunden, Schmerzen und Niederbruch, an Wollen und Werden! Doch nein, -nicht trübe und mutlos! Aus innerer Erneuerung müssen Kraftströme -fließen. Wollen muß dann das Werden zwingen, wenn es echt und stark, -einig und zielbewußt ist! - -Dort steht zwischen den alten Stämmen des Parkes die Baracke, in -welcher die Helden der Emden nach Überwindung von Not und Tod, von -Wüstenglut und meuchlerischem Verrat, nach Heldentum in Taten und -Dulden zuerst auf heimatlichem, deutschem Boden eine Ruhestätte fanden. - -Der deutsche Geist, die deutsche Kraft, der Mut, der stärker ist als -das Schicksal, lebt noch und schafft an der neuen, der kommenden, der -stahlblanken Zeit! Wenn eine Welt uns niederrang, wir schaffen uns aus -neuem Geiste eine neue Welt. Wer für die Heimat und ihre wahren inneren -Werte sich einsetzt, der schafft und wirkt mit am Bau dieser neuen -Welt. -- -- - -Hier oben, auf der Fläche der Festung, wollte ein königlicher -Baumeister, Friedrich August II., der Starke, sich selbst eine neue -Welt anderer Art schaffen. Johann von Bodt, Festungskommandant und -Architekt mußte immer wieder neue Pläne für ihn zeichnen. Der König, -den die Baulust gepackt hatte, änderte und verwarf und suchte mit immer -neuen Gedanken und Wünschen eine Bauanlage als großartiges Schloß von -114 ~m~ Frontlänge mit weit vorgezogenen Flügelbauten und Ehrenhöfen -und Terrassen an einer groß durchgeführten Längsachse von der -Appareille bis zur Königsnase in symmetrischer Durchbildung angelegt, -wahrhaft königlich aufzubauen. Acht Kasernen, vier Magazine, Bäckerei -und Brauhaus sollten wie eine starke Wächterschar vor und neben der -stolzen Schloßanlage stehen, die als Zeughaus und für die »Logementer« -des Kommandanten bestimmt war. - -Alle bestehenden Gebäude sollten dieser großen Planung weichen und -fallen, die Georgenburg, das Kommandantenhaus, die Magdalenenburg -und wie die alten Bauten heißen, welche uns heute noch erfreuen. -Nur das alte Zeughaus auf dem Wall, welches außerhalb der -großen Symmetrielinien lag, sollte erhalten bleiben. Dem großen -Symmetriegedanken wurde alles untergeordnet. Sogar im Park waren die -geschwungenen Wege und die kleineren Rundplätze rechts und links von -der großen Hauptachse des Mittelweges trotz scheinbarer Regellosigkeit -doch nahezu symmetrisch geplant. - -Aus diesen Planungen spricht die großartige Baugesinnung, welche am -Zwinger in Dresden ihre größte Entfaltung fand. Ähnliches mag hier dem -königlichen Bauherrn vorgeschwebt haben. Über zehn Jahre beschäftigte -er sich mit diesen Plänen, die gleichzeitig mit dem Bau des Zwingers -und der Anlage von Groß-Sedlitz in seinem phantasievollen Geiste -emporwuchsen und Gestalt gewannen. - -Sollen wir bedauern, daß sie nicht durchgeführt wurden? Vielleicht! -Vielleicht hätte diese Verbindung von fürstlicher Schloßanlage mit dem -militärischen Werk eine Gesamtanlage von besonders reizvoller Eigenart -ergeben. Vielleicht hätte hier wie bei keinem anderen seiner Bauten das -Schloß im Gesamtbilde der Landschaft und großen Natur mitgewirkt als -großartiger Abschluß und Krönung eines einzigartigen Landschaftsbildes. -Hoch über der Elbe sollte die stolze Schloßfront sich auf dem -gewaltigen Felsensockel des Königsteins aufbauen, so daß man weit über -Strom und Land, über Berge und Täler schauen könnte und seine Fenster -leuchteten bis weit ins Böhmerland. Wie das herrliche Klosterschloß -Banz bei Lichtenfels hoch über dem Main, das weit ins Frankenland -scheint und schaut, oder gleich der Akropolis in Athen, die weit übers -Meer schaut, so mag in der Phantasie das Schloß gestanden haben und -dem König in seinen Architekturträumen immer wieder aufgeleuchtet -sein, so oft er von Dresden elbaufwärts kommend zur Felsenstirn des -königlichen Steins emporschaute, zur Felsenstirne, der noch die Krone -eines königlichen Bauwerks fehlte. Er hat dem Stein diese Krone nicht -aufsetzen können. Baumwipfel rauschen und legen sich als grüner Kranz -statt der geplanten ragenden, steinernen Krone um die Felsenstirn. -- -Die alten Bauten sind erhalten geblieben. Die königlichen Bauphantasien -sind vorüber und schlummern in Mappen und Archiven, um nur hie und -da bei einem seltenen Beschauer Architekturträume vom Königstein zu -wecken und das nachempfinden zu lassen, was der König genial und groß -innerlich schaute und schuf, was ihm ein Kunstwerk und ein Glück war, -ohne daß je sein Wollen zum Werden, zur Tat wurde. - - * * * * * - -Wir wandern durch den Park zurück. Die Kirche mit ihrem schlanken -viereckigen Glockenturm, der wie ein italienischer Kampanile neben -dem Gotteshause steht, grüßt uns durch das Laub der Bäume. Ihr -schlichter, einschiffiger Bau ist in Abmessung und Ausstattung von -großer Bescheidenheit und Zurückhaltung, so sachlich und nüchtern auch -im Innern, wie es für eine Soldatengemeinde sich geziemt. Kurfürst -Johann Georg II. ließ die Kirche 1675/76 erbauen. Nur der Altar ist mit -größerer Kunst und Zierde bedacht. Zwei Säulen aus buntem italienischen -Marmor schmücken ihn, die Papst Klemens dem Kurfürsten geschenkt hat, -und ein schönes Altarbild, welches die Bergpredigt darstellt und als -Landschaft den Königstein zeigt. -- An der Stelle dieses Gotteshauses -mag schon in früher Zeit, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, -eine Kirche gestanden haben, deren erhaltene Teile, der gewölbte Chor -mit dem Triumphbogen und den altertümlich romanischen Kämpfersteinen -allen Zeiten, Stürmen und Umbauten standhielten und sie überdauerten. -Herzog Georg der Bärtige errichtete 1515 hier eine Kapelle dem -heiligen Georg, seinem Schutzpatron, und gedachte aus dem Königstein -eine Art Mönchsburg zu machen. Er stiftete 1516 »aus christlicher -Andacht und mit groser Müe, auch, wie es in der Urkunde heißt: ›unser -hertzlieben Gemal Fraw Barbara und unser erben nachkommen heil und -seligkeit zu erwerben‹, ein Cölestiner Kloster des Lobes der Wunder -Marie uff dem Königesteyn«, und besetzte es mit 12 Mönchen aus dem -Kloster Oybin bei Zittau. Trotz der nunmehr geistlichen Bestimmung -des Königsteins, wurde seine militärische Bedeutung jedoch nicht -verkannt und ganz aufgegeben. Die Mönche, welche zugleich Burgmänner -und Burgwarte waren, durften keinen neuen Weg nach dem Felsen anlegen -und mußten, sowie ein Krieg ausbrach, die Schlüssel zur Festung einem -fürstlichen Hauptmann ausliefern. Das Vertrauen zur Kriegstüchtigkeit -der Mönche scheint also nicht sehr groß gewesen zu sein. Der Bischof -von Meißen, Johann von Salhausen, sah diese Neugründung sehr skeptisch -an und meinte, »es werde das Kloster dort von den böhmischen Winden -und der starken Luft der böhmischen Ketzer bald umgeworfen werden und -zergehen«. Aber ein stärkerer Sturm als die böhmische Hussitenluft ging -durch Deutschland, die Reformation, dem das Kloster nicht standhielt. -Der Prior selbst ging, unter dem Vorwand einer Reise, gerade nach -Wittenberg zu Luther, und »heurathete« schon im Jahre 1525. Die übrigen -Mönche liefen, aller Vorstellungen des Herzogs ungeachtet, auch auf -und davon, bis auf zwei, welche der Herzog wieder auf den Oybin -zurückschickte, wo man sie aber nicht annahm, trotz des Handschreibens, -das der Herzog ihnen mitgab. Daß diese Mönche so rasch das Kloster -auf dem Königstein wieder aufgaben, beweist, daß sie dort sich nicht -besonders wohlgefühlt haben konnten. Kein Wunder, denn Schmalhans -war dort oben Küchenmeister und der Durst war der Kellermeister, denn -es lag noch kein großes Faß im Keller, kein tiefer, kühler Brunnen -war vorhanden, sondern in Zisternen wurde das wenig lockende Wasser -gefangen. Wildbret und Fisch war seltene Kost. Der Herzog hatte nicht -genügend für Einkünfte gesorgt und milde Gaben aus der Hand treuer -Kinder der Kirche wurden immer weniger, magerer und dürftiger. Das Volk -fühlte, daß etwas Neues, Großes im Werden war, und das Alte sterben -müsse, daß die Gnadengaben, welche für fromme Stiftungen und Gaben -vom Kloster und den Heiligen verheißen wurden, in der neuen Zeit, die -der kühne Wittenberger Mönch heraufführen sollte, vielleicht doch -ihren Zweck verfehlen und verlieren könnten. -- Das Kloster mußte -geschlossen werden und ingrimmig enttäuscht berichtete Georg diesen -höchst ärgerlichen Mißerfolg dem General des Cölestinerordens nach -Italien. Aus seinem Briefe ersieht man, wie unangenehm und peinlich -dem Fürsten die Sache war, und daß er sich nicht wenig fürchtete, in -Rom wohl gar für ein gegen die Klerisei lauer Mann gehalten zu werden. -Man sieht, wie die Fäden Roms wie ein festes, starkes Netz Deutschland -umspannten mit ungeheurer Macht, so daß sogar solch unbedeutendes -Ereignis, wie der mißglückte Klosterversuch auf dem Königstein einem -mächtigen deutschen Fürsten Veranlassung bieten mußte, in Rom um gutes -Wetter zu bitten. Georg war bekanntlich ein fanatischer Gegner Luthers -und hat seine Lehre und Anhänger hart und streng verfolgt, bis an sein -Lebensende. - -Vielleicht stand die auf dem Königstein erlebte Enttäuschung in -innerem, seelischem, ursächlichem Zusammenhange mit der Strenge und -rücksichtslosen Härte und dem bitteren Haß, mit denen er sein ganzes -Volk, ja seinen Bruder und Schwäger in seine eigene Glaubensrichtung -wider Willen zwingen wollte. Erst unter seinem Bruder und Nachfolger -Herzog Heinrich dem Frommen konnte sich die neue Lehre freier entfalten. - -Herzog Heinrich machte auch den Stein erst wieder zu einer Festung, die -dann von seinen Nachfolgern mehr und mehr ausgebaut wurde. -- - -Wir gehen zum Brunnenhause hinüber mit dem tiefen Brunnen, den Kurfürst -August durch Konrad König 152,5 ~m~ tief mit einem Durchmesser von -4 ~m~ Länge in den Sandstein sprengen und meißeln ließ. 1553 wurde er -begonnen und erst nach 40 Jahren fand man reines Quellwasser. 40 Jahre -harter Felsenarbeit und einer bewundernswerten Zähigkeit, Tatkraft -und Hoffnungsfreudigkeit, 40 Jahre durch die Wüste, wie einst die -Kinder Israels, ehe sie zu den kühlen Wasserbächen des gelobten Landes -kamen! -- Ist dieser Brunnen nicht wie ein Symbol? Ist der Fels auch -noch so hart und werden tausend Meißel stumpf und werden tausend Arme -müde, es gibt ein _Dennoch_ und ein Hindurch, das tief im Felsengrunde -das erquickende, wohlschmeckende, kühle Naß nach zäher Arbeit findet -und aufschließt. Dieses Dennoch und dieses Hindurch wird auch das -deutsche Volk neue Quellen finden und erschließen lassen, wenn es harte -Felsarbeit leisten will und der Stunde geduldig entgegenarbeitet, da -die frischen Wasserquellen entgegenspringen und sprudeln. - -Zwei Tonnen gehen abwechselnd auf und nieder und ergießen ihren Inhalt -in einen Behälter, dessen Zuflußrinnen unmittelbar vom Brunnenrand -abführen. Heute ist Kraft und Antrieb für die Wasserförderung -elektrisch. Früher diente diesem Zweck im Nebenraum ein ungeheures -Tretrad, welches durch Menschenkraft in mühevoller Sklavenfron -unseliger Gefangener bewegt, die Seile auf mächtiger Trommel auf- und -abwickelte. - -Der Brunnenmeister zeigt gern die kleinen Scherze, welche auch -anderwärts geübt werden. Er gießt Wasser in mehreren Absätzen in die -schwarze, gähnende Tiefe. Atemlos lauscht man gespannt, bis von unten -nach fast ½ Minute in gleichen Abständen die Aufschläge klatschend -herauftönen. Da merkt man, was für ein ungeheurer Zeitraum eine halbe -Minute sein kann! Er läßt Lichter hinab am langen Seil, bis wir im -Bodenlosen den blanken Wasserspiegel aufblitzen sehen. Er zeigt, -wie er durch geschickte Stellung von Spiegeln den Sonnenstrahl an -der Türe draußen einfängt und ihn hinabschickt in den schwarzen, -feuchten Schacht, daß er dem Wasser in der dunklen Tiefe Botschaft -vom Himmelslichte bringt. Er erzählt, wie der Brunnen zur Reinigung -manchmal befahren wird, und daß der Wasserstand 15 ~m~ normal ist -und auch in heißen Jahren sich in dieser Höhe hält. Er berichtet -auch, daß der Brunnen sein untrügliches Barometer sei, daß ihm die -kommende Witterung sicher vermelde durch einen Nebelschleier über dem -Wasserspiegel bei kommendem guten Wetter, durch blanken Spiegel, wenn -draußen das Wetter sich trübt. Er zeigt, wie meisterhaft die alten -Brunnenbauer gearbeitet haben, wie glatt die inneren Wände geschrotet -sind und in genau lotrechter Führung der Schacht abgeteuft ist, eine -bewundernswerte Bergmannsarbeit. Hier ist die Lebensquelle, die -Herzader der Festung, für welche Vater August, der große Volkswirt -auf dem sächsischen Throne, sorgte, wichtiger als das große Faß, für -welches August der Starke, der große Egoist auf dem sächsischen Throne -sorgte. -- -- - -Wir treten aus dem kühlen, dunklen Brunnenhaus wieder hinaus in den -lichten, prangenden Sommertag. Es wölben sich über uns die hohen, -grünen Wipfel des Königsplatzes, und es flüstern ihre Blätter im Winde. - -Unsere Gedanken umfassen noch einmal, was wir erlebt, was wir geschaut, -was wir empfunden haben. Wo gibt es im Sachsenlande eine Stätte, -die soviel zu sagen, soviel zu geben und zu schauen hat, wie dieser -königliche Stein? - -Ja, um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes! Es ist, als ob -er eine Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und -genossen hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie -sucht, sich zu offenbaren weiß! - -Sei mir gegrüßt du ~lapis regis~! - - - - -Eine Fahrt ins Weihnachtsland. - - -Vor dem Hauch des milden Westwindes war der Weihnachtsschnee zwar -leider fast zerronnen, aber doch lag es noch wie Weihnachtsstimmung -und Nadelduft in der Luft. Der Rucksack war wohlgepackt. Auch er gab -weihnachtlichen Duft nach Stollen und anderen guten Dingen. Eine -Weihnachtsfahrt sollte es werden in das Land der Kinderträume und -lustiger Spielzeugherrlichkeit, wo Nußknacker und Räuchermännlein, -Lichterengel und Bergmänner das große Wort führen, wo die Krippen -in seliger Einfalt sich aufbauen und die Weihnachtspyramiden ihr -buntgeschnitztes Leben zeigen. Im Morgendämmer lag der Garten mit -seinen wenigen leuchtenden Schneeflecken. Die schöne grüne Tür mit dem -kunstreichen Schloß fiel hinter mir und meinem wanderfrohen Weibe zu, -da kam zur verabredeten Minute der Freund, der Maler mit seiner blonden -Frau und grüßte mit frohem Glückauf. Am Bahnhof stieß zu uns der -Ingenieur mit seiner Braut, der an der Bagdadbahn einst baute, und nun, -nach Krieg und Wunden, mit uns das Weihnachtsmärchen suchen wollte. -- -Nun ging es hinaus in die nebelverhangene Welt mit fauchendem Züglein. -Nur an den Nordabhängen der Böschungen lag dort noch der Schnee und die -dunklen Halden des alten Bergbaus waren noch weiß betupft. Die Fläche -des Berthelsdorfer Hüttenteiches war mit Eis bedeckt und blinkte -wie matter Stahl in den ersten schrägen Strahlen der mit dem Gewölk -ringenden Sonne. - -Die Hänge des Muldentales mit ihren dunklen Wäldern und braunen Feldern -und den schön geschwungenen Höhenlinien glitten an uns vorüber. Von -Mulda führte uns dann das Nebenbähnchen mit Schnaufen und Pusten -und gelegentlichem, wichtigtuendem Bimbim, Bimbim durch das enge, -malerische Chemnitzbachtal empor nach Sayda. - -Schön bewaldete Höhen treten rechts und links an die Bahn heran. Rechts -öffnet sich bald ein Wiesengrund, in dem ein Bächlein herniedereilt, -während neben ihm die Straße gemächlich zum Haltepunkt abwärts steigt. -Wolfsgrund ist der romantische Name, der zu der Lieblichkeit nicht mehr -zu passen scheint. - -Einst war es anders: Am Eingang und Ausgang des Tales standen am -Wege Hütten zum Aufbewahren von Waffen, besonders Keulen, die beim -Durchgehen des dunkelen Waldes jeder mitgenommen, um sich gegen die -Wölfe zu verteidigen, welche hier in den Dickichten der Talschlucht -gehauset. Längst sind diese Tage vorüber und statt Urwaldschrecken -grüßt uns die sonnige Lieblichkeit von Wiesen und Wald in freundlichem -Wechsel. - -Ein reizvolles Wiesental ist es, in dem die Bahn sich hinschlängelt. -In seinem leuchtenden Grün mag im Sommer das Auge sich satt trinken -können und sich der tausend Blumen freuen in ihren starken Farben und -würzigem Duft und Kräfte gewinnen, um freudig ins Grau des Alltags -zu schauen. Heute war die Fläche zart rehbraun getönt und mit dem -schimmernden Silbergrau des Reifes angehaucht. Der Maulwurf war munter -gewesen und hatte kräftige, schwarze Tupfen durch die zahlreichen -frisch aufgeworfenen Haufen in die zarte Farbenstimmung gesetzt. Der -Chemnitzbach schlängelt sich mit hurtigem Laufe in vielen Windungen -durch das Tal. - -Man sollte es dem harmlosen Bächlein dort nicht zutrauen, daß es -auch recht bösartig sein kann und durch Überschwemmungen schon -manchen schlimmen Schaden angerichtet hat. Das Kirchenbuch von -Dorfchemnitz weiß davon zu erzählen: »Am 17. Mai 1622 sind 7 Personen -begraben worden, welche in der großen erschrecklichen Wasserfluth -ertrunken. Denn das Wasser und große Schloßen 3 Häußer ganz und gar -weggerißen, daß nicht ein Stecken mehr stehengeblieben. Auch sonsten -erschrecklichen Schaden gethan, indem es die Gärten gäntzlichen -verschwemmet und alle Zäune hinweggenommen. Denn das Wasser über die -ganze Gemeinde, so breit sie gewesen (70--80 Schritt!) etliche Ellen -hoch gegangen, an der Schulbehausung zum Stubenfenster hineingegangen, -Stub und Haus voll Schloßen geführt, welche zum Theil sehr groß -gewesen. Gott wolle vor solchen Wasserfluthen hinfür und auch anderm -Unglück aus Gnaden behüten!« - -Das breite Wiesental liegt so freundlich in seinem silbergrauen -Atlasgewande, als trüge es immer nur ein Feierkleid und lernte nie des -Lebens Not und Kampf kennen. - -Auf den Hängen liegen einzelne Höfe. Fest geschlossen wie Burgen -schauen sie wie Herren ins Tal, nicht gar trotzig, aber breit und -behäbig voll Selbstbewußtsein und einer gewissen Unnahbarkeit. Dort das -Rittergut von Dorfchemnitz mit seinen festen Mauern liegt auf der Höhe -hinter dem Filigran der entlaubten Wipfel, mit der Kirche zusammen eine -Baugruppe von besonderem malerischen Reiz. - -Der Rauch unseres Zügleins weht in langer, silberweißer, wallender -Fahne durch das Tal. Duftiges Blau, zartes Sepia, dunkles Grün, Weiß, -und Silbergrau sind die Töne, welche das liebliche Landschaftsbild -beherrschen und alles in unendlich weicher Harmonie vereinen. Die -Fenster im Wagen sind beschlagen. So stehe ich draußen mit dem Maler -und male im Geiste die zartesten Aquarelle mit ihm, wo die Farben nur -wie ein Duft auf dem leuchtenden Weiß stehen und so unendlich wohltun -in ihrer keuschen Reinheit, Zurückhaltung und Vornehmheit. Jeder -Ausschnitt wird uns so zum Bilde reiner Winterherrlichkeit, daß unser -Herz froh wird und unsre Lungen immer tiefer die klare, kalte Luft der -Höhen atmen. In Sayda wandern wir dann durchs Städtchen. - -»Das vollständige Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen« von -August Schumann aus dem Jahre 1823 sagt von ihm: - -»Die Lage von Sayda ist, da es auch an Bäumen fehlt, unfreundlich und -rauh, und hat zwei große Unbequemlichkeiten, nämlich einen langen -Winter und sehr viel Schnee und im Sommer oft solchen Wassermangel, -daß Wachen an die Brunnen gestellt werden, um nicht zu viel Wasser in -eine Haushaltung kommen zu lassen; auch gibt es im Frühling und Herbst -immer viel Nebel. Dagegen wird das Korn doch in der Regel reif, und nur -selten begräbt der Schnee den Hafer.« - -Ein schlichtes Landstädtchen ist es mit einfachen, nüchternen Häusern -in gerader Straßenzeile. Diese Straße war einst ein tiefer Hohlweg, -welcher die beiden Haupttore, das Freiberger nördlich und das böhmische -südlich, verband, so daß man in einem Tore stehend, durch das andere -hindurchsehen konnte. Im Jahre 1554 füllte man den 6 Ellen tiefen -Hohlweg aus und pflasterte ihn, ein Fortschritt, der für jene Zeit eine -besondere Kulturleistung war. Von der uralten Grenzburg Seydowe ist -nichts mehr erhalten. - -Dort, wo die Kirche mit ihrem kräftigem Turme sich erhebt und hohe -Linden ihren jetzt so kahlen Wipfel breiten, scheint der letzte Rest -alter, malerischer und behaglicher Kleinstadtschönheit zu sein und im -Sommer mag es gar traulich und schön zu weilen sein unter dem dichten -Blätterdach und duftendem Grün. - -Harte Schicksale waren es, welche der Stadt ihre heutige Gestalt gaben. -Feuersbrünste, Kriegsdrangsale und Seuchen gingen durch die Straßen und -Häuser und zäher Bürgersinn baute immer wieder auf, was des Schicksals -erbarmungslose Faust zerschlagen. So ist das heutige Stadtbild zugleich -eine Folge und ein Denkmal schwerer Vergangenheit. 1465, 1599, 1634, -1702, 1842 sind die Jahre der zerstörenden Feuersbrünste, welche große -Teile der Stadt in Asche legten. Das obengenannte Staats-, Post- und -Zeitungslexikon sagt treuherzig: »Nach all diesen Unglücksfällen ist es -kein Wunder, daß der Ort jetzt zu den ärmeren des Landes gehört, und -_ohne einigen Paschhandel_ nach Böhmen würde er es noch mehr seyn!« -Im Jahre 1842 verloren durch den Brand 289 Familien mit 1100 Köpfen -ihr friedliches Obdach. Auch die Kirche hatte damals stark gelitten, -doch blieb das Netzgewölbe mit seinen acht schlanken Pfeilern und -die schönen Epitaphien der Familie von Schoenberg in ihren reichen -Renaissanceformen erhalten. Besonders das Grabmal des 1605 verstorbenen -Caspar von Schoenberg mit seinem reichen Figurenschmuck und üppiger, -kunstvoller Ornamentik in edlem Material, aus der Schule des Nosseni -stammend, nach einem Entwurfe vielleicht von seiner Hand, ist der -Hauptkunstbesitz der Kirche und der Stadt geblieben und mag sich -getrost mit den schönsten Werken dieser Art im Lande messen. - -Der Turm, der sich so gut ins Stadtbild fügt und weithin ins Land über -Wälder und Berge leuchtet, mußte nach dem Brande von Grund auf neu -errichtet werden. Unter den Pfarrern, welche hier ihres Amtes walteten, -war gar mancher wackere Mann, den Zeit und Schicksal besonders -eigenartig formte. Victorinus Rothe, 1564 in Leisnig geboren und in -Freiberg erzogen, verlor seinen Vater durch Gift, welches ihm seine -Gegner, die Calvinisten reichten. Nach seinem Studium in Wittenberg -war er erst Schulmeister an verschiedenen Orten und dann zehn Jahre -Mittagsprediger am Dom zu Freiberg, wo er infolge seiner hellen und -durchdringenden Stimme großen Zulauf hatte. 22 Jahre war er dann in -Sayda tätig und mag dort viel mit Sorgen zu kämpfen gehabt haben, -denn um seinen Tisch reihte sich eine Kinderschar, für die wohl bald -das Brot zu schmal, die Räume zu eng, der Betten zu wenig gewesen -sein mochten. Bei Gelegenheit der Kirchenvisitation 1617 legt er das -Bekenntnis ab, »er habe keinen gänzlichen Commentarium über die Bibel, -aus mangel und weil ihm viel auff die kinder gienge, deren ihm Gott 22 -bescheret und noch 16 am leben«. - -Eine andere Charaktergestalt ist Johann Reinhard Jakobeer, der Sohn -des Apothekers Theophilus Jakobeer in Pirna, der seine Vaterstadt im -Jahre 1639 durch kühne Tat vor der Einäscherung durch den schwedischen -General Banner bewahrte. Unser Johann Reinhard war der echte Sohn -seines Vaters und ein Kind des Dreißigjährigen Krieges. Er erfuhr -alle Schrecken dieser furchtbaren Zeit. Mit seinen Mitschülern wurde -er zweimal durch schwedische Soldaten aus der Fürstenschule zu Pforta -verjagt und verlor alle seine Bücher. Von 1638 an hat er in Wittenberg -in Not und Armut drei Studienjahre durchgehungert, wurde dann Lehrer -der Söhne eines erst kaiserlichen, dann schwedischen hohen Offiziers, -mit denen er durch Böhmen und Sachsen zog und dabei alle Beschwerden -eines Wanderlebens und Kriegslebens in jener zuchtlosen, wilden Zeit -voller Abenteuer, Gefahren, Straßenraub und Gewalttaten ertrug. Dann -wurde er Feldprediger und mag im bunten rauhen Soldatenleben manche -wilde Tat verhütet, manchem verlorenen Sohn die Todeswunde verbunden, -die Todesstunde erhellt haben. Als endlich Friede eingekehrt war, -wurde er 1653 Pfarrer in Sayda, wo er zehn Jahre seines Amtes waltete, -um dann in seine Vaterstadt Pirna als Diakonus heimzukehren. Sein -Nachfolger Christoph Knorr ist auch eine Charaktergestalt jener -furchtbaren 30 Jahre. Als 72jähriger Greis trat er 1663 das Pfarramt -in Sayda an und hat ihm noch drei Jahre gedient. Er war 1591 in Plauen -geboren, kam nach vollendeten Studien in Wittenberg im Jahre 1616 -nach Brüx als Rektor an die evangelische Schule, wurde Pfarrer in -Wielenz in Böhmen und geriet so mitten in die ausbrechenden Stürme des -furchtbaren Krieges. 1624 wurde er vertrieben und lebte sechs Jahre -ohne Amt in Sayda, bis er 1630 Pfarrer in Neuhausen wurde. 33 Jahre -waltete er hier seines Amtes als Vater und Schützer der vertriebenen -und verfolgten Glaubensgenossen, welche aus dem nahen Böhmen Zuflucht -und Hilfe suchten. Ihre Kinder hat er im Walde auf Baumstöcken als -Tauftisch oft unter Lebensgefahr getauft. Mitten im dichten Walde ist -damals nach dem Kirchenbuche von Neuhausen Kaspar Kadens uffn Seuffen -Söhnlein Kaspar »in schwedischen Einfall in Böhmen Jung worden, und -uf der deutschen seyden vorn Gohrn übern Wasser bey einem großen -faulen stock geteufft«. Im Purschensteiner Walde liegt bei Dittersbach -ein großer tischähnlicher Stein, welcher im Volksmunde der Taufstein -heißt. Er trägt die Jahreszahl 1635 und mag als Altar und Taufstein im -sicheren Schutze des Waldes bei heimlichen Gottesdiensten der vor den -Feinden geflüchteten Gemeinde oder böhmischen Exulanten gedient haben. -In der Char- und Osterwoche 1638 hat von Neuhausen, wie oft vorher und -nachher, »menniglich sich wieder in walt salvieren müssen«. - -Aus dem benachbarten Dörnthal wird berichtet, daß im Jahre 1639 -»solcher Hunger gewesen, daß die Leute meistens Kleie, Leinkuchen, -Gesäme und gekochtes Gras müssen essen, und sein viel Hunger -gestorben«. Die zahlreichen Leichen wurden zumeist »ohne Sarg, Klang -und Sang« heimlich begraben. Ja in den Pestjahren, welche immer wieder -die Orte heimsuchten, blieben die Leichen oft tagelang unbeerdigt, weil -sich keine Totengräber fanden. - -Im Kirchenbuche von Neuhausen hat der wackere Pfarrer Knorr von diesen -Notzeiten einiges berichtet, von Mord und Plünderung, Schändung, -Brandschatzung und anderen Untaten, vor denen sie öfter in die Wälder -fliehen mußten. 1634 schreibt er: »unterm 22 Marty ist eine Partey -Churfl. Krieges Volk in Böhmen auf die Plünderung gezogen; im raußziehn -haben sie sich allhier eingelegt, und futtern wollen, es hat ihn aber -der feind uf der ferschen nachgezogen, sie unversehens, weil sie keine -Wache gehalten, überfallen, der Churfl. ihrer Drey niedergehauen undt -angezundet: Hans Steffens Hauß sambt der Scheune, Hans Müllers, des -Schneiders Hauß, Nikol Fleischers Hauß uf der Brücken, darinnen seine -Schwieger die alte Kochin verbrand, der Paul Schullerin Hauß mit der -Scheunen, und darbey ihr Neben-Hauß darinnen ein Kneblein von 4 Jahren -verbrand, das Lehngericht, welches damals Kaspar Drechsels Erben -gewesen, zu grund abgebrand und Hans Fritzschens darneben und sind also -dismahl ihrer 5 Thodt blieben.« - -Allein zwölf vertriebenen Pfarrern außer vielen anderen Flüchtlingen -wurden aus den Kirchenvermögen Beihilfen gegeben, obschon Neuhausen -selbst vierzehnmal in jener Zeit geplündert wurde; und obschon das -Pfarrhaus 1638 verbrannt und zerstört war und wieder aufgebaut -werden mußte, »weil in den vielfeltigen feindseligen Ausfellen alles -darinnen zerschmettert und zu nichte worden«. Die Vertriebenen haben -größtenteils nichts mehr als einen Exulantenstab in ihren Händen -gehabt, oder, wenn es hoch gekommen, auf einem Schiebebock ihre -kleinen, öfters noch an der Mutterbrust liegenden Kinder hinübergeführt. - -Trotz des furchtbaren Ernstes der Zeit hatte aber Knorr noch mit der -Zuchtlosigkeit und Verwilderung der Sitten in seiner Gemeinde zu -kämpfen. - -Er beschuldigt 1644 sogar den herrschaftlichen Schösser in -Purschenstein, daß er Verwirrung stifte und die Unsittlichkeit fördere, -»er habe Nacht- und Lobetänze biß zu Tage ausgeheget, deßwegen das -gesindte, Knechte und Magde zugelauffen und allerlei Uppigkeit, wie -leicht zuermessen, getrieben. Es war kein Herr seines gesindtes -mächtig.« Sogar der Schulmeister mußte wegen Vernachlässigung des Amtes -und Unsittlichkeit abgesetzt werden. - -In seinem späteren Amte in Sayda fand er nicht die Ruhe, welche er wohl -gesucht hatte. Ja, sein Leichenstein sagt »Den Abend seines Lebens -trübte er sich durch die Annahme des Pfarramtes zu Sayda«, und bitter -klingt der Spruch, den er sich selbst als Grabspruch gesetzt: - - »Ade du falsche Welt, die du mich hast geplagt, - Auch Tag und Nacht an mir nach Würmer-Art genagt. - Mich decket dieser Stein, - Biß Gott wird Richter seyn.« - -Er, der in schwerster Zeit, 33 Jahre lang, der geistige und seelische -Halt in dem gefährdeten Grenzbezirk gewesen und alle Nöte und Ängste -des Krieges treu mit seiner Gemeinde geteilt, hätte einen besseren Dank -als diesen bitteren Ausklang und Nachklang seines Lebens verdient. - -Einer seiner Nachfolger in Sayda, Friedrich Ziegler, Pfarrer -1692--1720, hatte sich als Wahlspruch das Wort gesetzt: »~ride et -vicisti~«, »Lache und du hast gesiegt!« Dieser lachende, vielleicht -auch ironisch lachende Philosoph -- Optimist oder Skeptiker? -- -mag leichter das Leben überwunden haben, aber freilich ist diese -Philosophie nicht durch solche furchtbaren Proben versucht worden, -wie Knorr sie bestehen mußte, bei denen man das Lachen wohl verlernen -mag! Ziegler hat eine Schrift verfaßt, »Die Seelen-Vergnügung im -Grünen«. Es lächelt uns aus dem Titel das frohe Behagen eines -freundlichen Pfarrherrn entgegen, dem das Lachen leicht ist. Knorr mag -bei seinen heimlichen, gefährlichen Waldgottesdiensten nicht an eine -»Seelenvergnügung im Grünen« gedacht haben, weil er zu viel Blut und -rote Flammen gesehen, zu viel Seelennot im Grünen gefunden. - -Gedankenvoll schreiten wir die lange Straße zurück, verlassen das -Städtchen und wandern dann hinaus in die sonnige Winterwelt. Da liegt -vor dem Städtchen das alte Johannes-Spittel hinter alten Bäumen. Bunt -leuchtet das Wappen der Herren von Schönberg mit Inschrift über der -Tür, durch welches das ganze schlichte Haus eine besondere Zierde und -Charakter erhält. Bernhard von Schönberg hat das Hospital gestiftet, -als er 1476 auf der Heimfahrt von Jerusalem auf der Insel Rhodos -auf dem Sterbelager lag und seiner fernen grünen Heimatberge und -harzduftenden Wälder gedachte. -- - -Grüß Gott du altes Weiblein dort am Fenster in deinem warmen Stüblein, -du neidest uns nicht unseren Gang in den Winter hinaus. Der warme Ofen -ist dir Erfüllung deiner Wünsche. Uns sollen noch Wind und Wald und -Schnee Lieder der Sehnsucht und der Wünsche Gewalt und Erfüllung finden -lassen. - -Und ihr Schläfer hinter der schlichten Mauer unter den weißen Hügeln -dort drüben, eure Herzen gingen zur Ruhe, aber was ihr gedacht und -gelebt, es lebt und wirkt in ungeahnten Kräften. Vielleicht ist es -im Wind lebendig, der dort vom Walde herüberweht, den ihr vielleicht -gepflanzt habt, vielleicht klingt es aus dem Jauchzen der Kinder, die -dort mit Schneeballen werfen, Kinder eures Blutes, vielleicht liegt -es keimend im Acker, an dessen Rand wir dahinschreiten und dessen -Frucht vielleicht dem Fleiß der nimmermüden Hände vieler Geschlechter, -eurer Geschlechter, die dort ruhen, zu danken ist, vielleicht sind die -Gedanken und Stimmungen, die uns hier überkommen, Spuren unsichtbaren -Lebens, das hier daheim ist, Spuren eures Lebens, das ihr ganz an -eure Heimat gewendet habt, und das uns nun eure Heimat lebendig und -beseelt macht. Mit uns wandern alter ferner Zeiten stille Gestalten, -nicht als dunkle Schatten, nein als Leben von unserem Blut, die das -Leben gelitten und durchkämpft und bestanden haben und mit uns gehen -als Freunde, um vom Schicksal zu reden, vom Schicksal der Seelen, vom -Schicksal der Heimat, von Vergangenheit und Zukunft. - -Sinnend schreiten wir in den Weihnachtswald, in dem die Schneeflecke -aus dem dunklen Grün leuchten. Rechts schimmert die vereiste Fahrstraße -durch die Stämme und der breite Streifen eines Kahlschlages. Was geht -es sich so weich in dem harzduftigen Walde, als schritten wir in den -Sonntag hinein, wo es so kirchenstill ist, als hätte eine heilige -Feierstunde begonnen, in der alles fernen, fernen leisen Klängen -lauscht wie geheimnisvollem Läuten sehnsuchtsweiter Glocken, dem Harfen -des Windes in den Wipfeln oder dem Rieseln und Sickern des schmelzenden -Schnees im Waldboden. - -Ein dünner blauer Rauch steigt aus der Schneise empor und füllt die -Luft mit starkem Harzgeruch. Wie Weihrauch und stilles Opfer zu -geheimnisvoller Weihe zerfließt er über den Wipfeln. Der Wald duftet -stärker als zuvor. - -Wir treten auf eine weite Lichtung hinaus. Wie ein schimmernder Saal -mit silbernem Teppich liegt sie da rings vom schweigenden Walde wie von -dunklen Wänden umschlossen. Dicht am Walde liegt »das kleine Vorwerk« -mit weißem Schneepelz auf dem Dache. Alles ist still und fügt sich -einfach und schlicht in die große heilige Ruhe. Ein mächtiger Baum in -der Nähe, herrlich nach allen Seiten gleichmäßig entwickelt, steht da -wie der stille Wächter der Einsamkeit. Die leere schneefeuchte Bank -an seinem Stamm unter den schimmernden Zweigen ist heute ein starkes -Sinnbild der Verlassenheit oder Vergessenheit. Wie mag im Sommer unter -seinem grünen Dach das Leben eine Stätte haben. Dort rastet der einsame -Wanderer, dort ruht der Schnitter und genießt sein einfaches Mahl. Dort -lacht und spielt fröhliche Jugend und die wandernde Horde lustiger -Vögel, dort klingt ein altes Lied von Liebe und Leid zur Laute. Dort -sitzt im sinkenden Tagesschein das Liebespaar und lauscht dem Flöten -der Singdrossel hoch oben im Gezweig: Ein Baum, um den alle Poesie von -Wald und Wiese und stillen Wegen wirkt und webt. -- - -Der Wald nimmt uns wieder auf und nach kurzer Wanderung zwischen -seinen schneebehangenen Zweigen öffnet sich eine neue Lichtung, der -Mörtelgrund. Wie ein breites silbernes Band liegt er zwischen den -dunklen Fichten, quer den Wald durchschneidend und einen weiten Blick -aufwärts und abwärts gewährend. Oberhalb zieht sich die Staatsstraße -mit einem Brückenbogen den Bach überspringend. Nach unten schweift der -Blick in die Ferne. An der Straße hier liegt aber ein stiller Teich, -auf dessen Damm gewaltige Fichten wie stolze Türme sich erheben. Weit -breiten sich die untersten Zweige fast dicht über den Boden hin. -Ebenmäßig bauen sich die Prachtgestalten auf und ein Flüstern geht -durch ihre dichten Nadeln, als raunten sie Geheimnisse aus alter -kühner Heldenzeit, als wüßten sie Kunde von seltsamen Abenteuern und -Märchen des Waldes oder von der schönen verwunschenen Fee im kühlen -Wasser dort unter dem grünlichen Eis, verwunschen und verzaubert im -gläsernen Sarge. An den Nadelspitzen hängen Tausende funkelnder Tropfen -wie Perlen, als hätte ein Weihnachtswunder den köstlichen Schmuck -gezaubert. Da regen sich sachte die Zweige und wie schimmernde Tränen -fallen die Tropfen nieder mit leisem, feinem Klingen. - -Die Wasserfei lauscht, denn es klang an der gläsernen Decke, als pochte -schon der Frühling an, um den Zauberbann zu lösen, der sie verschlossen -hält. -- Ach lausche nur, der Frühling ist noch weit und ferne die -Zeit, dich auf der duftigen Wiese im Mondschein im Tanze zu wiegen und -Blumenkränze in deine fliegenden Locken zu flechten. -- -- - -Durch Wald geht es weiter, und dann treten wir auf freie Höhe hinaus. -Entzückt schweifen die Blicke über die reinen edlen Linien der Berge, -welche sich in langen Zügen in den Himmel schwingen, zarter und zarter, -bis sie in weiter Ferne verblauen. Dicht vor uns ist der Schwartenberg -mit breitem Rücken. Rehbraun und weiß ist das Gewand gescheckt, das -er über seine breiten Schultern gelegt hat, und in unendlich feinem -Tone mischt sich ein zartes Veil und Blau hinein. Ja, du trägst nicht -Sorge um moderne Farbenstellung deines Kleides, und was die kleine -Welt dort unten zu deinem Gesicht und deinem Wesen und Kleid sagt. Ob -Sonnenstrahlen um dein Haupt klingen und singen, ob der Sturm dir seine -wilden Weisen schnaubt und heult, du lächelst im fröhlichen Gewand -dem Frühling, du schaust im rechten Feierkleide dem Winter ernst und -versonnen ins grimme Gesicht. -- Wie still und weit wird doch das -Herz, wenn es fern vom lauten Troß und Trieb der Niederung so in die -schweigende Bergwelt des Winters schaut. Wie fühlt man so tief, daß -echte Werte nicht im Lärm, sondern nur in der großen Stille sein und -werden können. Schweigen ist Kraft. Schweigen ist Tiefe. In dieser -heiligen Stille fällt alles Äußere ab und der Kern, Wesenheit und Wert -der Dinge wird offenbar. Wohl dir, wenn du ohne Lüge bestehst, der -Stille ins tiefe Auge sehen kannst, wenn die Stille dir noch etwas sein -und geben kann. - - »Das Ewige ist stille, - laut die Vergänglichkeit; - schweigend geht Gottes Wille - über den Erdenstreit.« - - (Wilhelm Raabe.) - - * * * * * - -Der Weg senkt sich allmählich. Aus dem Talgrunde steigen Türme und -Mauern in malerischer Gruppe auf: Schloß Purschenstein und zu seinen -Füßen die Dächer und Giebel von Neuhausen. Der Weg ist stark vereist -und nicht ohne manches Ausgleiten und heiteren Fall führt er uns ins -Dorf hinab. - -Wie stolz liegt die malerische Baugruppe der alten Burg nun jetzt über -uns, mit ihren spitzen Türmen über die Bäume des Parkes am Berghang -hinwegschauend. - -Als Grenzburg hat sie durch viele Jahrhunderte Feinden Trutz -geboten und war zugleich auch eine Zufluchtsstätte in der Zeit der -Glaubenskämpfe für zahlreiche aus ihrer böhmischen Heimat vertriebene -lutherische Exulanten. Mehr als ein halbes Jahrtausend sitzt hier -das Geschlecht der Herren von Schoenberg bis auf den heutigen Tag. -Freilich ist die Zeit jener Herrschaftsgewalt vorüber, als zu Beginn -des Dreißigjährigen Krieges die Purschensteiner Schönberge neben -den weitausgedehnten Waldungen 5 feste Schlösser, 4 Rittergüter, -2 Städte, 1 Marktflecken und 39 Dörfer ihr eigen nannten und über -einen Besitz von rund 500 Quadratkilometer -- ein kleines Fürstentum --- als Herren geboten. Der Ruhm dieses Geschlechtes, der zugleich -seine Blüte bedingt, ist die Arbeit, der weitschauende Blick, welcher -in der wirtschaftlichen Entwicklung und zielbewußter Siedelung und -Aufbautätigkeit die Wohlfahrt seiner weiten Gebiete förderte. - -Die Aufnahme der böhmischen Exulanten war nicht nur eine Tat -lutherischen Geistes und menschlichen Mitgefühls, sondern auch -klügster wirtschaftspolitischer Überlegung. In zahlreichen -Dörfern und industriellen Unternehmungen erblühte neues Leben und -neue wirtschaftliche Kraft für die Ansiedler ebenso wie für den -weitschauenden Grundherren. Deutscheinsiedel, Deutschneudorf, -Niederseiffenbach, Heidelberg, Oberseiffenbach, Deutschkatharinenberg, -Brüderwiese, Eisenzeche, Lässigherd, Oberlochmühle, Frauenbach, -Deutschgeorgenthal, Neuwernsdorf, Oberneuschönberg, -Niederneuschönberg, Kleinneuschönberg u. a. sind Orte, die solcher -bewußten Siedlungstätigkeit ihre Entstehung verdanken. - -Damals schaute das Schloß nach einem Bilde von 1735 noch bei -weitem stattlicher ins Land. Fünf hohe schlanke Türme mit offener, -durchsichtiger Laterne und geschwungenen Haubendächern, ähnlich wie der -Freiberger Rathausturm, ragten in die blauen Lüfte und bezeichneten -die von starken Mauern umgürtete und durch tiefen Wallgraben und -steilen Absturz geschützte Hauptburg, die wie eine stolze Krone auf -der Bergeshöhe leuchtete. Wie mag so mancher Flüchtling, der vom -Feinde gehetzt aus den dunkelen Tiefen der Dickichte der Grenzwälder -emportauchte, diese leuchtenden Türme auf dem Berge mit Jubel gegrüßt -haben. Wie mag so mancher Feind begehrlich nach diesen festen -Mauern und hellen Fenstern geblickt haben. Feindlichen Angriffen, -Plünderungen und Zerstörungen ist dieser stolze Sitz jedoch nicht -entgangen. 1643 z. B. war das Schloß von Schweden besetzt. Da rückte -der Rittmeister Sporr von der kaiserlichen Armeeabteilung des Grafen -Brey mit 200 Reitern aus Böhmen heran, um die Schweden aufzuheben und -das Schloß in Brand zu stecken. Schon hatten die Kaiserlichen viel -Leitern und Stroh herbeigetragen, um letzteres zu ersteigen. »Es haben -sich aber die darinnen gelegenen 46 Mann Schwedischer Reuther mit -Schüßen und Steinwerffen so ritterlich gehalten, daß die Keyßerlichen -200 Mann unverrichteter Sache wieder abziehen müssen.« Sporr rächte -sich dadurch, daß er die außerhalb der Mauern liegenden Stallgebäude in -Brand steckte. Die Schweden hielten aber das Schloß noch acht Wochen -besetzt und brandschatzten ihrerseits die Umgegend nach Herzenslust. - -Auch 1646 haben hier noch einmal die Schweden gehaust. 2000 Mann -plünderten die Kirchgemeinde Neuhausen, trieben von hier und aus -Dittersbach und Seiffen sämtliches Vieh hinweg, raubten das Schloß -aus und zündeten den oberen Teil desselben an. »Die Schweden kommen« -war der Schreckensruf, der noch nach langen Friedensjahren den -Bauer mit Entsetzen füllte. Es hatte sich zu tief eingeprägt, was -die Pfarrchronik sagt: »weil wier damals, wie noch alle stund und -augenblick in großer kriegesnot und gefahr geschwebet«, und »weil -die Kriegesnot und gefahr noch so groß ja größer ist, als sie iemals -gewesen, sintemal uns der Feind mit rauben, plündern und anderen -grausamen thaten, ie länger ie mehr kömmt, ... große Tyranney verubet, -... ausgeplündert« usw. - - * * * * * - -Doch hinweg mit den Bildern aus blutiger, schwerer Zeit. Wir wollen -heute hier nicht rasten, so lockend auch der alte malerische Bau auf -der Höhe und dort das behäbige Gasthaus an der Straße winken. Wir -wollen ja hinüber ins Weihnachtsland, das jenseits des Berges liegt. -Auf steilem Wege geht es weiter und an der Flanke des Schwartenberges, -»an der Schwarte« empor. Hei, das war ein lustiges Klettern, Steigen -und Rutschen auf dem blanken Eis des schmalen Weges, wo oft nur der -feste Wanderstab vor jähem Sturz und Abgleiten bewahrte und manchesmal -nur ein rascher Griff in das Gestrüpp oder nach einem Baumstamm -eine unfreiwillige rasche Talfahrt ohne Schlitten auf den eigenen -gewachsenen Rodelkufen verhütete. - -Diese Bergflanken oberhalb Neuhausens senden in schneereichen Wintern -auch ihre Lawinen zu Tal, die manchmal nicht ungefährlich sind. Wer -den erzgebirgischen Winter kennt und erlebt hat, wie in tagelangem -Schneetreiben oft die Schneemassen sich türmen und Schneewehen zu -Bergen sich emporbäumen, wie in den Wäldern viele Hunderte stolzer -Wipfel unter der kalten, drückenden Faust des Schnees niederbrechen, -wer einmal in solchem Schneesturm gewandert ist oder vielmehr -sich durchgekämpft hat, der wird die unheimliche Gewalt solcher -Naturereignisse ermessen. - -Im Winter 1835 löste sich vom hohen Gassenberge eine Schneelawine und -zerstörte gänzlich das Haus des Korbmachers Hengst, der sich mit den -Seinen jedoch noch rechtzeitig retten konnte. 1862 verschüttete eine -Schneelawine das Heinrichsche Haus in der Treibe derartig, daß seine -Bewohner erst nach langem Schaufeln durch ein Dachfenster des obersten -Bodens mit Lebensgefahr in Sicherheit gebracht werden konnten. - -Heute liegt jedoch der Schnee hier oben nicht so dicht in geschlossenen -Flächen. Locker, weich und leuchtend wirkt er in den einzelnen -Flecken und Bändern wie ein schimmernder Schmuck, den der Berg zur -Weihnachtszeit sich angelegt. - -Wir erreichen einige einsame Höfe und gehen dann über eine Schneefläche -wie auf weichem, kostbarem Teppich auf ebenerem Höhenweg dahin. Wie -liegt die Welt so fern und klein unter uns. In weiter Ferne der -Kirchturm von Sayda. Davor der Wald, den wir durchschritten. Im Tale -einige Dächer und Häuser wie vergessen und verloren. Die Dinge der -Niederung sind klein geworden, das Große, Erhabene zieht den Blick an. -Die Augen schweifen in die Runde und können sich nicht satt trinken an -all der keuschen Herrlichkeit der Berglinien und dem Dufte der Farben -vom leuchtenden Weiß zum tiefen Blau und Grün, vom zartesten Braun bis -zum satten Veil dort in den tiefen Gründen der Täler und Wälder. - -Höhenluft! -- Wie atmen wir darin auf, wie atmen wir so tief und frei -und unsre Seele atmet mit, denn um uns und in uns ist das große, stille -Leuchten, das man erlebt, wenn man Höhenwege wandert hoch über dem -Alltag. Staubige Pfade liegen fern in der Tiefe, in reiner Höhenluft -wird das Blut und die Seele frei, frei für Höhengedanken frei von -dunklen Tiefen. - -Oben über uns reckt sich eine Felsengruppe in die Luft, als wäre -sie der Stuhl eines Gewaltigen, der von hier aus sein weites Reich -überschaut, dem die Wälder Teppiche und die Berge und Täler Stufen -seiner Herrlichkeit sind. - -Unter einer alten, knorrigen Buche am Wege stehen wir. Sie ist vom -Sturm zerzaust, und die Äste recken sich trotzig, wie feste Arme mit -starken Muskeln und Gelenken dem Wetter entgegen, als wollten sie mit -dem ungestümen Gesellen raufen. Der Schnee liegt in weißen Wuchten -im struppigen Gezweig, und es fällt ab und zu ein nasser Klumpen -hernieder. Wir aber stehen und schauen in das große stille Leuchten -hinaus. - - »Kein irdscher Laut mehr reichte durch die Lüfte, - Mir wars, als stände ich mit Gott alleine, - So einsam, weit und helle wars da oben.« - -Um die Felsblöcke dort oben saust der Wind. Frau Sage sitzt dort und -raunt ihm ihre Geheimnisse zu. Zauberkundige Venetianer, »die Walen«, -sollen dort Gold gefunden und aus unterirdischen Höhlen geborgen haben. -Als 1874 moderne Goldgräber hier ihren Schacht in die Tiefe trieben, -da floh das Gold und wurde taubes Gestein und arm an Beutel mußte die -Habgier heimkehren. Frau Sage sitzt wieder dort und schaut mit tiefen -Augen ins Land und dir in die Seele, wenn du ein Sonntagskind bist, d. -h. wenn du Höhengedanken in dir trägst. Sie erzählt dir von den Wundern -der Heimat, die ewig sind und ewig jung. - -Durch tiefen Schnee ging es dann weiter und schließlich abwärts ins -Seiffener Tal, zuletzt auf steilem Fußwege hinunter. Tiefe Schneewehen -boten hier willkommenen Halt auf dem vereisten steilen Pfad gegen -den Absturz. Watend und springend, rutschend und fest den Wanderstab -einsetzend gelangten wir glücklich zu den ersten Häusern am Hange, -wo der Weg ebener und sicherer wurde und uns bald an winzigen -Erzgebirgshäuseln vorbei auf die Talstraße führte. - -Nur wenige Schritte noch und unser Ziel ist erreicht, das Erbgericht, -das bunte Haus. Helle leuchten uns seine blanken Mauern und Fenster -entgegen. Ein Querhaus und zwei Flügel umschließen einen offenen Hof, -als breiteten sich uns offene Arme entgegen: »Seid willkommen, hie ist -gut sein, hier magst du rasten und weilen und mag es dir wohl werden.« -Dort über den Fenstern grüßt gar vertraut Alt-Freibergs Bergparade -vom langen, gemalten, bunten Holzschild. Ja wahrlich, es ist recht, -hier der alten Berghauptstadt des Landes und ihrer Bergherrlichkeit -zu gedenken in so sinniger und sinnfälliger Weise, denn von ihr ging -die Kultur des Landes aus, ward die Wildnis des Miriquidi gerodet und -besiedelt, wurden die Erzgruben des Gebirges erschlossen. Der Name -Erzgebirge wurde erst im sechzehnten Jahrhundert üblich, als an vielen -Stellen Erz entdeckt und die Bergstädte mit den Namen der heiligen -Familie wie Joachimsthal, Annaberg, Marienberg, Jöhstadt usw. gegründet -wurden. - -Vorher hieß es nach den Worten eines alten Dichters: - - »Sehr wild und felsicht wars in diesen Waldesöden, - Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind. - Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten, - Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.« - -Auch Seiffen dankt ja seinen Namen und Entstehung dem Bergbau, dem -Zinnbergbau. Ausseiffen bedeutet auswaschen der Erzkörner aus Sand -und Geröll. Längst ist er zwar zur Rüste gegangen, aber überall hat -er seine unverwischbaren Spuren hinterlassen. Man sieht es, daß der -Bergbau nicht unbedeutend gewesen sein kann und dies bestätigen alte -Berichte: 1686 wurden rund 200 Zentner »Zien« ~à~ 22--23 Thaler -gewonnen. 1730 waren in Seiffen vier, im benachbarten Heidelberg zehn -Zechen im Betrieb. Die Ausbeute betrug 508 Zentner Zinn ~à~ 22 Thaler. -Doch allmählich ließ die Ergiebigkeit der Gruben nach, der Bergbau kam -in Verfall. Schon im 16. Jahrhundert gab es Holzdrechsler, welche mehr -dem Holzreichtum der Wälder als dem Erzreichtum der Tiefe trauten. -Der Bergmann ist ja auch immer ein Basteler gewesen. So ist es kein -Wunder, daß oft aus dem Zeitvertreib ein Beruf wurde, und daß, als -der Bergbau seinen Mann nicht mehr nährte, statt Schlägel und Eisen -das Schnitzmesser den Lebensunterhalt verdienen mußte. Seiffen wurde -allmählich der Mittelpunkt und Hauptort der Spielwarenindustrie. Es -wurde aus einem alten Bergmannsdorf der Typus des erzgebirgischen -Schnitzer- und Industriedorfes, wo eigenartige Gegensätze sich berühren. - -Hier das »Bunte Haus« ist so recht das Heim und der Ausdruck dieser -erzgebirgischen Volkskunst und Volksindustrie geworden, einer -Weihnachtskunst, bei der man fröhlich und ein Kind wird wie zu -Weihnachten, in der man sich heimisch und wohlfühlt, als erzählte -Großmutter ein Märchen aus der Zeit »Es war einmal«. Vom hübsch -geschmiedeten Arm an der Hausecke grüßt uns der Spruch: - - »Erst die Erde, dann die Sterne, - Erst die Heimat, dann die Ferne.« - -Jawohl, viele suchen die Heimat und können doch nie heimfinden, -viele haben die Heimat und halten sie nicht. Heimat ist kein leerer -Ortsbegriff, Heimat ist eine Herzenssache. Wer kein Herz hat, wie will -der die Heimat finden oder halten? - -Möge die Kunst der Heimat der Heimat eine Seele geben, welche jene -Vielen wieder zu rechten Heimatfreunden, Heimatkindern mit Herzen voll -heimwehen Heimatstolzes macht. -- - -Hier im Bunten Hause ist der wohlgelungene Versuch gemacht, durch die -Heimatkunst des Ortes ein echt erzgebirgisches Heimathaus zu machen, -in welchem man das Herz der Heimat pochen fühlt und hört. Was der -Hausspruch sagt und wünscht, das mag wohl sicher in Erfüllung gehen: - - »Die Vorzeit grüßt Euch, daß Ihr wißt, - wie schön sie einst gewesen ist. - Gott gebe, daß die Nachwelt spat - an uns dieselbe Freude hat.« - -Doch nein, nicht nur für die Nachwelt, nein, für das bunte, freudige -Leben des Tages und seiner Gäste ist das Haus geschaffen. - -Ein frohes Behagen umfängt uns, treten wir unter sein Dach. Der -Hauptschmuck des geräumigen Hausflures ist die Gestalt eines Freiberger -Bergmannes, der auf einer Konsole kniet bei der Arbeit vor Ort mit -Schlägel und Eisen. Der Bergmann, der Erzsucher und Erzfinder, ist -- -oder leider vielmehr war -- ja die Charaktergestalt des Erzgebirges. -Bergleute sind Wappenhalter bei erzgebirgischen Städtewappen, Bergleute -sind die Träger erzgebirgischer Kanzeln, Bergleute sind in den alten -Bergstädten Schmuckfiguren an Bürgerhaus und Portalen, in Kirchen und -an Geräten. Der bergmännische Gruß »Glückauf« klingt dir oft noch -treuherzig entgegen. Bergleute sind das Spielzeug großer und kleiner -erzgebirgischer Kinder. So mag auch hier, wie nirgends, der Bergmann an -seinem Platze sein. - -Wir treten in die Gaststube ein und fühlen uns wie zu Hause in warmer -Behaglichkeit. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt und rings von -den Simsen klingt es uns wie Kinderlachen und Weihnachtsjubel aus -frohen Kinderherzen entgegen. Da ist sie aufmarschiert die ganze -bunte, lustige Gesellschaft, ohne die Weihnachten im Erzgebirge nicht -denkbar ist: die Bergleute und Weihnachtsengel mit ihren Lichtern, -die Nußknacker im buntesten Wechsel, die Räuchermännlein in allerlei -abenteuerlichen Gestalten. Pferdchen, Kühe und Schafe und der getreue -Spitz dürfen nicht fehlen. Über den bunt mit Blumen bemalten Türen, wie -wir sie von den alten Bauernschränken kennen, ist hier der Frachtwagen -auf die Wand gemalt mit seinen vier starken Pferden, wie er einst auf -den Straßen des Gebirges verkehrte, um Salz nach Böhmen oder das gute -Freiberger Bier ins Gebirge zu schaffen. Dort ist der Postschlitten in -voller Fahrt dargestellt. Kein Plakat, wie sonst in Gaststuben, stört -mit aufdringlicher Reklame die Harmonie des Raumes. - -Einfach gerahmte Bilder aus der erzgebirgischen Heimat von Künstlerhand -schmücken die Wände, deren oberen Abschluß ein starkes farbiges -Friesband -- Ähren mit bunten Feldblumen -- bildet. Durch die Fenster -strömt das volle Licht herein, denn sie sind frei von unnützen -Gardinen und Stoffgehängen. Dafür schmückt ein starker, farbiger Fries -von Blumen die tiefen Fensterlaibungen und vor den Scheiben hängen -gute Glasbilder in farbiger Bleiverglasung mit Darstellungen eines -drolligen Musikantenvolkes voll köstlichen Humors. Eine wohltuende, -satte, tiefe harmonische Farbigkeit erfüllt den Raum wie ein voller, -echter Klang, der von allen Sinnen aufgenommen wird und warm zum Herzen -dringt. Die kräftigen, gut geformten Holzstühle und Tische laden ein -zu behaglicher Rast und helfen das Gefühl des Daheimseins steigern, -weil sie sich ganz in die Raumstimmung fügen. Die Teller, von denen -du speisest, die Tassen, aus denen du trinkst, sind bunt bemaltes -Bauerngeschirr, wie wir es aus der Verkaufsstelle des Heimatschutzes -in Dresden kennen und lieben. Welche Freude ist es, hier im täglichen -Gebrauch einer Gastwirtschaft dieses reizvolle Geschirr in passender -Umgebung zu sehen und die Lust an seiner echt volkstümlichen Art zu -empfinden. Durch dieses Hineinstellen der Ergebnisse liebevoller -heimatlicher, künstlerischer Arbeit, Forschung und Begeisterung mitten -in den Gebrauch des praktischen Lebens ist eine Tat getan, durch welche -die hohen Gedanken des Heimatschutzes und volkstümlicher Kunstpflege, -Kunstschaffens und Kunstfreude mächtig gefördert werden, um so mehr, -als es an einem Orte geschieht, in dem die Erziehung zum guten -Geschmack sich unmittelbar in der täglichen Arbeit auszuwirken vermag. - -Mit wie einfachen Mitteln auch schwierigere Fragen gelöst werden -können, das zeigt die elektrische Beleuchtung. Sie hätte leicht die -Raumstimmung stören können, wenn die Birnen mit den Glasschalen im -Raume pendelten oder irgendeine Dutzendware als Beleuchtungskörper -diente. Wie half sich der Künstler? Er bemalte den Glasschirm der -Pendellampe in kräftiger Stilisierung mit bunten Bauernblumen. Auf -den Glasschirm legte er einen bemalten Holzreifen, wie man sie in -Seiffen dreht, und ließ von ihm bunte Bänder herabhängen. Auf dem -Holzreifen aber ist allerlei Seiffener Spielzeug lebendig. Da sitzen -allerlei Vögelchen und schauen mit drolliger Kopfbewegung keck -herunter. Da jagt der Hirsch durch den Wald, verfolgt vom Jäger mit -seinem Hund. Kein Beleuchtungskörper ist wie der andere und doch -alle einheitlich und ein Schmuck des Raumes von echt volkstümlicher -Seiffener Heimatart. Der Hauptschmuck ist ein großer Kronleuchter, nach -Art von Kristallkronleuchtern gestaltet, jedoch aus weißen Holzperlen -zusammengesetzt mit sparsamer Vergoldung, ein mühsames, eigenartiges -Stück Seiffens Kunsthandarbeit. - -In einem Glasschranke sind allerlei Musterstücke der Seiffener Kunst -ausgestellt, um die Kauflust anzuregen und damit dem Orte zu dienen. -Der Schrank wirkt freilich in seiner Form des oberen Abschlusses mit -den geschwungenen Linien und krausen Schnitzerei und Spitzchen hier -etwas fremdartig, als habe er sich hierher verlaufen und verirrt aus -einer anderen Welt. Das hat der Künstler wohl empfunden und hat ihm, -ohne helfen zu können, ein paar Bauernblumen auf die Stirn und unten -an den Schubkasten gemalt. So wirkt er in der echten einheitlichen -Raumstimmung gekünstelt und falsch, wie der Salontiroler in der -Dorfschenke. Auch das Klavier dort an der Wand wird dadurch, daß auf -die schwarze Politur ein paar kecke Bauernblumen gemalt werden, nicht -»echt«, wird nicht aus einem Salonwesen zu einem erzgebirgischen -Bauernkind. -- Gerade auf diesem Gebiete liegen noch viele ungelöste -Aufgaben, würdig der Mühe tüchtiger Künstlerhände. Die Gewohnheit läßt -oft Mängel auf diesem Gebiete übersehen, die in einer neuen, fein -abgestimmten, echten Umgebung plötzlich auffallen und das Verlangen -nach Neubildung und neuem Leben und Schaffen hervorrufen. In neuem -Lichte sieht man alte Formen und klarer sieht man, was not tut; den -falschen Ton einer Saite hört man schärfer, wenn alle anderen Saiten -und Instrumente gut gestimmt sind, wie hier. Doch diese kleinen -Unstimmigkeiten sollen uns die herzliche Freude und das Behagen an dem -stimmungsvollen, echt erzgebirgischen Raum nicht stören. Der Alltag -liegt weit hinter uns und fröhliche Weihnachtsgeister lachen durch -den Raum. Nicht in Lärm und jagendem Witz und Scherz, nein, in jener -tiefen, freudigen Stimmung sind wir beieinander, in der einer den -anderen versteht, und freudig aus seinem Innern gibt, weil er fühlt, -nur so kann eine gute Stunde ihren Wert als wahrhaft frohe Stunde -bringen. -- Wir betrachten dann den Nebenraum, der im Gegensatz oder -auch Ergänzung zu der echt volkstümlichen Seiffener Stimmung der -Gaststube mehr auf hohe Kunst erzgebirgischer Art und Landschaft und -als »Herrenstube« gestimmt ist. Er wird beherrscht von den Gemälden -mehrerer Künstler, welche hier das hohe Lied der Schönheit heimatlicher -Landschaft singen. E. Buchwald, Zinnwald, Alfred Hofmann, Stollberg, -Alfred Kunze, Chemnitz, Prof. Seifert, Seiffen, der Neubeleber und -Anreger der Seiffener Kunst und Gerhard Dreßler, der Künstler, dem die -stimmungsvolle Einrichtung des Hauses hier zu danken ist, sie alle -reden dort mit stummer eindringlicher Sprache von der Heimat, wie sie -ihnen dort durch die Seele gegangen ist, und ihre Bilder beseelen -den Raum. Ein Gasthauszimmer, ein Kneipenraum, und doch geweiht und -frohmachend durch die Kunst. - -Man muß dem mutigen Unternehmer danken, diese Lösung der Frage »Kunst -und Kunsterziehung« für das Volk, so fest angepackt und durchgeführt zu -haben hier oben im erzgebirgischen Dorfe, während in den Großstädten -auch in den besten Gaststätten oft nur Plakate oder minderwertige -Kunst oder Kitsch zu finden ist. Wenn nur in jeder besseren Gaststätte -im Lande nur ein oder zwei Originalkunstwerke hingen, angeschafft -für das Geld, das anderweitig für die Augen- und Ohrenmarter der -Gäste hinausgeworfen wird und besser erspart bliebe so wäre unserer -notleidenden Kunst geholfen und durch die Erziehung und Freude, -welche jedes echte Kunstwerk schafft, würde reicher Segen geschaffen. -Könnten nicht die vornehmeren Gaststätten zugleich stimmungsvolle -Ausstellungsräume sein für Kunstwerke, die sich hier dem Käufer in -jeder Beleuchtung zur ruhigen Betrachtung darbieten können und für -sich und den Künstler unaufdringlich werben können in Räumen, die der -heimischen Wohnung ähnlich sind. Alle Teile, der Wirt, der Gast, die -Kunst und der Künstler hätten ihren Vorteil dabei. - -Solche Betrachtungen und Lehren regt die Herrenstube hier im Seiffener -Erbgericht an, während die Sonne durch die bunten Scheiben blinkt -und leuchtende Farbenflecken auf die blankgescheuerten Tische wirft. -In den Fenstern sind buntfarbige Wappen und Tierbilder wie Elster, -Eichhörnchen, Fuchs, Hase angebracht und oben im Laubwerk und -Nadelgezweig des breiten Wandfrieses tummelt sich fröhlich allerlei -Getier des deutschen Waldes, frisch und keck ohne ängstliche Schablone -hingemalt, wie es der Phantasie des Künstlers entsprang. So regt es -auch wieder die Phantasie an und macht die Gedanken fröhlich. - -Eine besondere Zierde des Raumes sind neben dem Holzleuchter an der -Decke mit einem Bergmann in der Mitte noch die geschnitzten dreiarmigen -Holzleuchter auf den Tischen, welche in ihrer leuchtenden Farbigkeit -und mit ihren fröhlichen Motiven das Auge anziehen. Als Mittelstück -zwischen den drei Armen sprengt dort z. B. ein Reiter im leuchtend -roten Rock mit einem Jagdhorn auf einem Apfelschimmel über ein -Fichtenbäumchen hinweg, dort ist es ein stolzer, springender Hirsch, -dort wieder der Kopf des Hubertushirsches mit dem Kreuz zwischen den -mächtigen Stangen. Das ist Volkskunst, welche erzählt, welche Seele und -Gedanken hinausführt aus dem grauen Alltag in Wald und Heide und das -Herz fröhlich macht. - -So geht es dir im ganzen Hause! Schaust du in die Gastzimmer, so -findest du keine Hotelschablone. Nein, Bett und Leuchter, Tür, Stuhl -und Spiegel sind dem Geiste des Ganzen angepaßt. Kleine Originalgemälde -schmücken die Wand, die du, wenn sie dir besonders gefallen, sogar für -mäßigen Preis erwerben kannst. Manch launiger Vers grüßt dich. An der -Kammer der Magd steht warnend der Vers: - - »Die Wirtin thut aufwecken - die faule, faule Magd, - sie thut sich erst recht strecken - und schlaft dann bis es tagt.« - -Auf dem Treppenplatz im Dachgeschoß füllt die Ecke gewichtig ein -bunter, alter Bauernschrank aus dem Jahre 1704 und eine eigenartige, -buntgemalte Wiege steht daneben, welche auf dem Kasten den bedeutsamen -Spruch trägt: - - Salomo der Weise spricht - Weib erfülle deine Pflicht. -- -- - -In einem Zimmer des Obergeschosses ist eine erzgebirgische Bauernstube -eingerichtet mit allerlei echtem Geräte bis ins kleinste liebevoll -und mit großem Verständnis ausgestattet. Dieser für die Volkskunde -belangreiche Raum ist so recht ein Zeugnis für den Sammeleifer und die -liebevolle Art, mit der die großen und die vielen kleinen, doch oft -so wichtigen Dinge des täglichen Lebens und untergehender Sitten und -Gebräuche erfaßt und bewahrt werden. Er ist zugleich auch ein Zeugnis -für den Geist der durch das bunte Haus geht, der alles aus Liebe zur -Sache mit großen Opfern geschaffen und nicht der Reklame und des -bloßen Gewinnes wegen, obschon auch hier die alte Wahrheit sich wieder -erweist, daß das Echte und Schöne und Gute seinen Lohn sich selbst -bereitet. - -Das Haus dient dem Orte und der erzgebirgischen Volkskunst und -Industrie in unaufdringlicher, vornehmer Weise, dadurch, daß es durch -die lebendige Anschauung Freude daran zwanglos bei jedem Gaste erweckt -und die Lust am Besitze solcher lustigen Dinge. - -Dieser Absicht dient auch die Spielwarenausstellung im Erdgeschoß des -Seitenflügels, wo man an der Fülle alter und neuer Stücke der Seiffener -Industrie und Kunstfertigkeit seine Freude hat und nach Herzenslust -wählen darf, was man sich oder anderen zur Freude erwerben mag. -- - -Doch draußen lacht die Sonne! Es hält uns nicht mehr im Zimmer. -Wir steigen zur Kirche aufwärts, welche als achteckiger Zentralbau -mit hohem Zeltdach und stolz daraus hervorschießendem Glockenturm -charaktervoll in die Landschaft der Höhenlinien und Hänge sich -hineinpaßt, wie aus dem Boden gewachsen und doch eigenartiges Leben -für sich behauptend. Über dem Haupteingange befindet sich eine Platte -mit der Inschrift: »Zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen geweihet -1779. Ps. 24. 7 -- Pred. 4. 17.« Links unten ist die Höhenmarke -640,462 ~m~ eingelassen. Im Innern ist man überrascht über die -geschlossene feierliche einheitliche Wirkung des zentralen Raumes, in -dem zwei Emporen übereinander äußerste Raumausnutzung bei günstiger -Anlage der Plätze zeigen. Im Sinne des großen Meisters der Frauenkirche -in Dresden, Georg Bähr, ist hier ein echt evangelischer Predigtraum für -viele Hörer in packendem Zusammenschluß geschaffen. - -Auf dem Friedhof draußen stehen wir dann am Grabe des Pfarrers Härtel, -der ein rechter Pfarrer für seine Gemeinde war, ein treuer Berater für -die Seelen seiner Gemeinde, Helfer und Anreger auch in allen Dingen, -die zur Blüte seiner Gemeinde in wirtschaftlicher, heimatkundlicher und -kunstgewerblicher Hinsicht beitragen konnten, ein Freund der Heimat, -festgewurzelt im Boden seiner geliebten Gemeinde. - -Draußen im Walde hatte er sein Lieblingsplätzchen, wo er von moosig -bewachsener Felsbank ins Tal schaute. Dieser Stein aus heimischem Grund -sollte sein Grabstein werden, hatte er einst gewünscht. - -Als ein rascher Tod ihn seiner Gemeinde nach beinahe dreißigjähriger -treuer Arbeit entriß, da dachte man seiner Worte. Er konnte nicht mehr -zum Stein im Walde draußen gehen. So kam der Stein aus dem Walde zu -ihm und deckt nun als mächtige, rauhe Platte sein Grab und schützt -es wie der Deckstein das Grab eines germanischen Edelings. Eine -schlichte Inschrift nennt seinen Namen. Ein grüner Kranz aus ernsten -Fichtenzweigen ist sein Schmuck. - -Eine weihevolle, ernste Stimmung liegt über dem Grabe. »Der ist in -tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie du!« -- - -Wir schreiten weiter unter der Traueresche hindurch, welche wie ein -mächtiger Torbogen die Straße überwölbt, und als ein eigenartiges -Naturdenkmal von besonderem Reiz zu hegen ist. - -Die Binge ist unser Ziel. Zwei Kessel sind es, aus denen einst das Erz -gebrochen wurde. Eine Halde und steiler Felsgrat liegt zwischen ihnen -und trennt sie. In die kleinere kann man hineingehen. Sie wirkt wie ein -ungeheurer Steinbruch mit steilen Wänden, auf deren Vorsprüngen und -Kanten heute der leuchtende Schnee liegt und die Farben des Gesteines -besonders hervorhebt. Oben von der Höhe zwischen den Bingen haben wir -einen weiten Blick ins Land und auf den Ort zu unseren Füßen. Wie auf -einer gewaltigen Kanzel stehen wir hoch über der Geschäftigkeit des -Tages, die verworren zu uns heraufklingt. Dann steigen wir zur großen -Binge herab auf vereistem Wege, der glatt und nicht ungefährlich uns -dicht am Rande dieses ungeheuren, wildromantischen Kraters entlang -führt. Ein Wasser stürzt jenseits rauschend in die Tiefe und Eiszapfen -hängen von dem Gestein wie schimmernder Spitzenbehang. Aus dem Grunde -ragen Bäume auf und drüben am Rande stehen echt erzgebirgische, -niedrige Bergmannshäuser. Längst ist der Bergbau hier erloschen, aber -sein unverwischbares Gepräge hat er dem Orte gegeben. -- Doch jetzt -wollen wir noch Seiffen bei der Arbeit und bei der Kunst -- Kunst der -kleinen Leute suchen! - -Unser Weg und unsere Wißbegierde führt uns in die Fachschule, die ein -Jungbrunnen für die Seiffener Industrie zu werden bestimmt ist. Eine -reiche Sammlung von Seiffener Spielzeug von ältester Zeit her zeigt -wie die Entwicklung von einstiger Höhe zur Tiefe abwärts und in der -neueren Zeit wieder zur Höhe aufwärts ging. Neben den alten guten -Sachen fesseln uns vor allen die Dinge der Gegenwart und Zukunft, die -Dinge der Hoffnung, neuzeitliche Arbeiten, die in echt erzgebirgischer -Art die fröhliche Farbenbuntheit mit immer wieder neuen Formgedanken -in materialgerechter Bildung und Herstellung verbinden. Über vielen -Arbeiten liegt ein frischer Humor, der uns unwillkürlich lächeln läßt, -wie bei jener Familie bunter Vögel, die mit ihren drehbaren Köpfchen -sich um ihren gravitätischen Vogelkönig mit dem großen Schnabel und -goldenem Krönchen scharen und mit aufgehobenen Schwänzchen bald keck, -bald dummdreist, bald fröhlich in die Welt gucken. Kindeseinfalt, -Märchensinn und Schelmerei sind mit scharfer, künstlerischer -Naturbeobachtung verbunden, um in einfachster Form und Technik -echte Vogelcharaktere zu geben und echtes kinderseliges Spielzeug -zu schaffen. Und doch ist es so schwer, wie man uns sagt, diesen -köstlichen Dingen Eingang ins Volk zu schaffen! Zur Anfertigung z. B. -dieser Vögel hatte sich nur eine Fabrik seinerzeit bereit gefunden, -welche inzwischen den Betrieb eingestellt hat. Diese Dinge werden also -aus dem Handel völlig verschwinden, wenn nicht ein anderer Betrieb -sie wieder aufnimmt und für den Vertrieb sorgt. Wir sehen in der -Ausstellung z. B. auch das köstliche Gespann eines Ochsen und Pferdes -vor einem Wagen mit Holzstämmen von einer verblüffenden Naturwahrheit -und Echtheit in der Bewegung bei aller packenden Einfachheit der -Form und Technik, daß man seine helle Freude daran hat. Auch dieses -prächtige Werk echt deutschen Kindersinnes wird in deutschen -Spielzeughandlungen wenig gekannt, geführt und gekauft. England und -Amerika sind die Abnehmer. Und doch sind gerade diese Dinge, welche -die künstlerische Leitung der Fachschule schafft und mustergültig -durcharbeitet, die Hoffnungen für einen neuen Aufschwung in -künstlerischem und wirtschaftlichem Sinne für die Seiffener Industrie. -Sie sind die gesunden Keime einer kräftigen, zukunftssicheren -Entwicklung und einer reichen kommenden Ernte. - -Wenn die erstarrten und veralteten, z. T. unnatürlichen und unschönen -oder gekünstelten Formen, welche noch vielfach den Spielzeugmarkt und -die Musterläger beherrschen, diesen schönen Dingen weichen würden und -den reichen Anregungen der Fachschule mehr nachgegangen würde, so wäre -eine neue Blüte erzgebirgischer Kunstindustrie zu erhoffen. Das Schöne -muß Massenartikel werden. - -Da hängen z. B. in der Ausstellung eine Reihe von reizvollen, -bunten Leuchtern aus Holz in einfacheren und reicheren Formen und -Ausgestaltungen nach Motiven der alten erzgebirgischen, sogenannten -Bergspinnen, gefertigt und belebt mit allerlei lustigen Figuren. -Wer kennt diese köstlichen Dinge? Sprudelndes Leben, volkstümliche -Kraft und bunte Farbenfreude spricht aus jedem Stück. Wie geschaffen -sind sie, um im Kinderzimmer, im Herrenzimmer, auf der Diele oder in -traulichen Gaststuben einen frohen Klang erzgebirgischer Heimatkunst, -Heimatlust und Freude zu tragen. Sie haben sprühende, lebendige -Ursprünglichkeit und farbenreiche Musik in allen Gliedern, wie ein -Volkslied, das durch alle Stimmungen reißt, innig empfunden und frisch -aus dem Herzen gesungen. - -Sie sind wahre Volkskunst eigener echter Prägung und Art, durch -welche das Erzgebirge seinen Ruf in ungeahnte Fernen zu tragen -vermag. Denn nicht die Schablone, nicht die Allerweltsartikel, -nicht die Überalldinge, nicht die Billigkeit begründen den Ruf und -Erfolg, sondern die Eigenkunst, die Eigenkraft, der Eigenwert, -die volkstümliche Eigenart, welche lebendig aus dem tiefsten -Empfinden der Volksseele herausgewachsen ist. Wenn sich mit dieser -volkstümlichen Eigenkunst der echte Unternehmergeist im Betrieb und -Vertrieb verbündet, so wird er auch die wirtschaftlichen Erfolge für -die erzgebirgische Heimatkunst herbeizuführen wissen. Trotz vieler -köstlicher Dinge, die aus der Fachschule noch zu berichten wären, -z. B. die Christmetten mit der Kirche in Seiffen in wunderbarer -Lebendigkeit figurenreich hingestellt, müssen wir scheiden. Wir -gehen noch durch mancherlei Häuser und Fabriken, um einerseits die -Heimarbeit, andrerseits die Reifendreherei und die bis ins äußerste -getriebene Arbeitsteilung der Seiffener Industrie kennenzulernen, wo -mancherlei bemerkenswerte Beobachtungen, Bilder und Gespräche uns -lohnten. Geht nur mit offenen Augen und Herzen in die Arbeitsstätten -und ihr werdet stets reicher daraus wiederkehren. -- Durch bis ins -kleinste durchgeführte Arbeitsteilung werden in der Heimarbeit oft -mit großer Geschwindigkeit große Mengen des einfachen Spielzeuges -hergestellt. Da sitzt die ganze Familie oder mehrere Familien in einer -Stube beieinander, und das kleine Werk eilt von Hand zu Hand der -Vollendung entgegen. Die Männer an der Drehbank, den Reifen drehend, -von welchem wie schimmernde lustige Bänder die feinen Drehspäne -fliegen. Wie die Scheiben vom Kuchen, so werden vom Reifen die Profile -der Spielgestalten abgespalten, geschnitzt, zusammengesetzt, geleimt, -gemalt. Frauen und Kinder sind emsig tätig, singen auch wohl ein -Heimatlied von Anton Günther, während der Krinitz im Bauer dazu pfeift. - -Aus der Heimarbeit mit ihrer Traulichkeit, die die Familienglieder oder -Nachbarschaft zu gemeinsamer Tätigkeit zusammenschließt, entwickelt -sich durch die Arbeitsteilung die Fabrikarbeit, wo die Hand die -Maschine bedient oder in einförmiger, immer wieder geübter Bewegung zur -Maschine wird. An langen Tischen sitzen sie und schaffen und reichen -sich die Arbeitsteile zu; nur der Arbeitsvorgang verbindet sie noch -äußerlich. Das innere Verhältnis zur Arbeit, das innere Band, welches -die Familie daheim um die gemeinsame Schöpfung eines Spielzeuges -zusammenschloß, ist verlorengegangen, das was den Heimatfreund so -fesselte, ist nicht mehr. Freilich mag diese Industrie mehr Leute und -besser nähren, wir wollen sie nicht drum schelten, aber die Seele ist -doch verloren gegangen und die Innigkeit des schlichten Empfindens, die -Poesie der Schöpferfreude ist in den Fabriksälen nicht zu finden! -- - -Von sausenden Rädern und Transmissionen aus Sälen, durch deren mächtige -Fenster hart, kalt und helle der nüchterne Tag hineinschien, traten wir -in ein schlichtes Haus und stiegen auf hölzerner Treppe mit knarrenden -Stufen aufwärts zu einem alten Mütterchen von mehr als 70 Jahren, -Auguste Müller, welche als letzte wohl noch die urtümliche Herstellung -einzelner Originalstücke nach eigener Erfindung in mühevoller -Handarbeit von rohem Holze bis zum letzten Pinselstrich in köstlicher -Naivität übt und in ihren Figuren ihre Phantasie mit munterem Blick -durch die ganze Gotteswelt spazieren läßt. - -Mit gebeugtem Rücken, sitzt sie im engen Stübchen, das Küche, -Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsraum, Himmel, Erde und Weltall -zugleich ist, wo die Katze schnurrend umherstreicht. In malerischer -oder vielmehr schnitzerischer Unordnung liegen auf dem Tisch -Arbeitsgeräte, gekochte Kartoffeln, Nähzeug, Kaffeetopf und allerlei -Dinge verschiedenster Bestimmung. Eifrig holt sie einen Kasten -herbei mit einzelnen fertigen Arbeiten und erzählt von ihren Plänen. -Für einen feinen Herrn hat sie die Figuren der Söhne geschnitzt in -Matrosenanzügen, und ein feines Fräulein mit Täschchen und Federhut. Im -Walde lebt der »Nusser« (Häher) sagt sie, und diesen packt der Habicht. -Da verliert er seine kleinen blauen Federn. Diese sammelt sie sich und -schmückt damit den Federhut des feinen Fräuleins. Für Kleid und Tasche -sucht sie in der Modenzeitung ihre Muster in Schnitt und Farbe. Für das -Dienstmädchen wählt sie ein flottes Dirndlkleid. Frisch ist der Typus -der feinen Dame und des drallen Dienstmädchens getroffen. Dort hat -sie eine ganze Tiroler Sängergesellschaft humorvoll zusammengestellt. -Jetzt wolle sie einen Tempel bauen mit einer Krone oben, um den die -Engel schweben. So geht ihre Phantasie und ihr Plaudern mit einer -erstaunlichen Lebendigkeit. Was sie sich zusammensinniert mit ihrer -kindlichen Phantasie, das führt sie mit großer Sicherheit durch, wofür -viele eigenartige und reizvolle Stücke in der Sammlung der Fachschule -und im Bunten Haus Zeugnis ablegen. Unter manches dieser Stücke klebt -sie einen Zettel, auf dem irgendeine Schnurre oder scherzhafter -Einfall notiert ist, der ihr vielleicht gerade Anlaß zu dieser Arbeit -und ihrem Humor gegeben hat. So läßt sie ihre kleinen Personen reden -und macht sie sich selbst lebendig. Sie lebt mit ihnen, sie sind -kindlicher Ausdruck ihrer Stimmung. Auch ihr Name darf nicht fehlen. -Ein stark abgeschliffenes Schnitzmesser ist ihr Handwerkszeug bei der -Schnitzarbeit. - -Das ist echte Volkskunst in ihrer ganzen naiven Kindlichkeit, die noch -in diesem alten Mütterchen lebt und webt, sie ausfüllt und geistig -lebendig, zufrieden und rüstig erhält, trotz aller Kärglichkeit und -Sorge, welche der mühsame Erwerb bereitet; Volkskunst, wo in jedem -einzelnen Stück die ganze Liebe und Freude des Herstellers an der -Arbeit steckt und es wertvoll macht als Originalwerk, das aus der Seele -des Volkes geboren ist. Volkskunst freilich auch, die nicht für den -Massenexport und als Lebensberuf geeignet ist. -- - -Wir scheiden von der Alten mit dem Wunsche, daß sie noch lange ihr -Schnitzmesser führen möge als letzte Schnitzerin echt volkstümlicher -Seiffener Kleinkunst. Ihre kleinen Arbeiten werden wohl bald in -Sammlungen solcher Dinge gesucht sein. - -Bei dieser Wanderung durch die Seiffener Arbeitsstätten haben wir -immer stärker und stärker empfunden, daß nur die Pflege der Eigenart -uns stark machen kann. Nur in ihr schlummert die urwüchsige Kraft, -welche sich durchzusetzen und zu behaupten vermag. Nur durch kraftvolle -Eigenart und schlichte, einfache, volkstümliche, kindhafte Gestaltung -muß diese Volkskunst wirken, sich abheben, herausheben von dem -Gleichgültigen, aus der stumpfen Masse, aus tödlicher Schablone. Wie -unsere Berge ihren Charakter tragen, der auch in den echten Kindern der -Berge sich ausprägt, so muß die Kunst des Gebirges zu immer größerer -Echtheit und Eigenart, zum Charakter sich durchringen und emporsteigen, -mehr und mehr echt erzgebirgische Weihnachts- und Kinderkunst werden. -Der innere Gehalt und äußere Wert können und werden dadurch wachsen und -eine neue Blüte der alten erzgebirgischen Volkskunst gewinnen. - -Hebt euch, ihr Künstlerhände, zum Werke und zur Tat, wache auf, du -deutsche Phantasie mit Kindesaugen und Kinderherzen und schaffe neues -Kinderglück, greife ins Land der Träume und trag’ die Erfüllung ins -Land der Wirklichkeit, raffe dich auf, Unternehmergeist, zu frischem -Wagen auf neuen Wegen und zu neuer Unternehmung für alte und neue -Weihnachtskunst und Kinderkunst. - - * * * * * - -Unsere Abschiedsstunde von Seiffen hat geschlagen. Wir setzen den -Stab heimwärts aus dem Lande der Kinderträume, Weihnachtsseligkeit -und Spielzeugherrlichkeit, in dem uns wohl war wie am Heiligen -Abend. Das Tageslicht ist erloschen, die bunten Farben der Welt sind -in schweigende, schwarze Täler, in traumhafte Tiefen versunken. -Auf einsamer, stiller Höhe schreiten unsere Füße. Unsere Gedanken -wandern über die Täler, über die Höhen, durch Dunkel und durch Hell -zur Unendlichkeit. Tief dunkelblau hatte sich der Himmel über die -schlummernde Erde gespannt. Millionen silberne Funken blitzten aus -den unendlichen Tiefen des Weltalls, mit rätselhaften, tiefsinnigen -Fragen unser Herz bedrängend. Als die Menschheit noch ein Kind war, -fragte sie danach, und wenn der letzte Enkel seine Stirn zu Sternen -erhebt, wird diese Frage an sein Herz und sein Hirn pochen, die Frage -nach dem Ich und Du, dem Warum, Woher und Wohin. »Wer trägt der Himmel -unzählbare Sterne?« Je tiefer wir in die dunklen Zweige und Gründe -des schimmernden Weltenweihnachtsbaumes dort oben schauten, desto -feierlicher, desto ehrfürchtiger wurde uns zumute, desto kleiner wurden -wir, Kinder, denen ein unerklärliches Leuchten und Sehnen die Seele -hebt, alles Fragen stille macht und den Mund schweigen läßt. Durch -die schwarzen Wälder rauscht es wie ferner Orgelton, durch dunkle -Gründe ging das Schweigen auf leisen Sohlen, und die weite Welt mit -ihren Bergen und Tälern lag stumm unter dem dunklen, sterngestickten -Mantel der Nacht, stumm unter den leuchtenden Rätseln der Ewigkeit. -Weihnachten ist es. Wir sind Kinder, die heimlich einen Blick auf noch -versagte Seligkeit werfen wollen, denen nicht das Wissen, sondern -das Ahnen Weisheit ist, deren Herz voller Erwartung ist. Was wird, -du Seele, die Antwort auf dein Fragen, die Lösung aller Rätsel sein? -Steh’ unter Sternen auf dunkler Höhe und hebe dein Herz empor zu den -leuchtenden stillen Wanderern der Unendlichkeit, und dein Herz wird -stille werden, weihnachtsfroh und weihnachtsstill. Das Fragen nach dem -Ich und Du, dem Warum, dem Woher und Wohin wird in den Sternenströmen -der Ewigkeit seine Ruhe, sein Ziel und Erfüllung finden. Das Fragen und -Ahnen wird zum Schauen werden, zum Schauen und Lauschen auf das heilige -Rauschen der Sternenwogen der Unendlichkeit, unter deren leuchtendem -Schaum von Weltkörpern die dunkle Erde wie ein Staubkorn dahinwirbelt, -ein Staubkorn und doch ein Gottesgedanke von unergründlicher Tiefe, -Weisheit und Schicksalsgewalt, ein Gottesgedanke, von dem ein -Sternenfunken in jeder Menschenseele, in jedem Menschenschicksal liegt. - - »Denn die Ewigkeit ist nur - Hin und her ein tönendes Weben; - Vorwärts, rückwärts wird die Spur - Deiner Schritte klingend erbeben, - Deiner Schritte durch das All, - Bis, wie eine singende Schlange, - Einst dein Leben den vollen Schall - Findet im Zusammenhange.« - - (Gottfried Keller.) - - - - -O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit! - - -Schon tagelang waren die weißen Flocken gefallen und hatten die -weiten Felder und die alten, mächtigen Halden in ihr weiches Gewand -gehüllt. Im Spittelwalde draußen neigten sich die Wipfel der schlanken -Fichten, und die Zweige hingen tief zum Boden hernieder, beschwert -von den Wuchten und Lasten des Schnees. Nur die starken und stolzen, -welche so gern allein stehen, ragten wie silberne Türme mit wunderbar -ziseliertem, gotischem Filigran spitzengleich übersponnen. Sie -streckten sich und reckten sich hoch über die Jugend, welche sich unter -der Schneelast duckte und beugte. In abenteuerlichen Gestalten, wie -Schneemännlein oder Eisbären, wie Zuckerhüte oder weißbärtige Gnomen -in weißen Kappen, bald dicht gedrängt in großer Schar oder in kleinen -Trupps oder einzeln verstreut, standen die jungen Bäumchen und harrten -der seligen Weihnachtszeit entgegen. Im Sonnenschein funkelten und -flimmerten die Millionen Kristalle, als gäbe es nur Glanz und Reinheit -auf der Welt, als wäre aller Staub und alles Graue und Trübe vergangen, -als wäre diese Erde eine silberne, schimmernde Märchenwelt. Ja, auch -der Schatten in diesem Glanz war noch ein blaues Licht, das weich und -geheimnisvoll leuchtete und glitzerte, als wäre es nicht von dieser -Welt, sondern aus unendlicher, ewiger Ferne seliger Sternenträume. - -So stille ist es, so heilig still. Nur ein paar Meisen zirpen mit -leisem Laut und klettern kopfüber, kopfunter an den Spitzen der -zarten Nadelzweige. Was mögen sie sich zurufen und plaudern in ihrer -immergrünen, duftenden Heimat, die gar viel herrlicher ist als alle -Pracht und Wohnung der anspruchsvollen Menschen! - -Da hebt ein Läuten an von ferner Glocke und schwingt sich durch den -Glanz und Sonnenschein über die beschneiten Wipfel und weißen Felder, -durch die blauen Schatten mit so vertrautem Klingen. Das Bergglöckchen -vom Petriturme ruft. Jahrhundertelang rief es hinaus zu den Halden -und Schächten, hinein in die Bergmannshäuser, kündete den Wechsel der -Schicht, mahnte zur Arbeit und rief zum Feierabend. - -Feierabend hat der Bergbau gemacht, aber das traute Klingen des -Bergglöckchens ist geblieben und ruft uns heute hinein in die Stadt, -in die alte Bergstadt voller Weihnachtsstimmung, Weihnachtsschimmer -und Weihnachtstraumseligkeit. Was machen die alten Häuser ein so -freundliches Gesicht. Die hohen steilen Ziegeldächer sind weiß -verschneit. Auf allen Simsen und Kanten von Mauern, Fenstern und -Ecken, auf allen Ästen der Bäume liegt der schimmernde Schnee. Wie zu -silbernen Stickmustern verflochten ist das zierliche Gitterwerk der -Zweige, als wollten sie in einem schimmernden Netz die Weihnachtsfreude -der verzauberten Stadt fangen und halten. Lustig klingen die Schellen -der Schlitten, welche von den Dörfern hereinkommen, um für den -Heiligabend noch Gaben heimzubringen. Weißbereift sind die Mähnen und -die langen Zottelhaare an Brust und Flanken der schnaubenden Gäule. -Das war ein lustiges Fahren draußen auf der glatten Bahn, wo man weit -über die verschneiten Felder schaut oder durch den Wald gleitet mit -lustigem Klingklang, wo so viele duftende, grüne Nadelbäume still und -feierlich ihrem Weihnachten entgegenharren. - -Nadelduft und grüne Weihnachtsherrlichkeit üben auch ihren Zauber hier -in der Stadt. Auf dem alten Obermarkt stehen in Reihen und Gruppen die -Weihnachtsbäume, die Fichten und Tannen. Ihre waldfrische Pracht, der -kräftige Harzgeruch machen den Markt zu einer großen Weihnachtsstube, -in der sich fröhlich große und kleine Kinder tummeln. Otto der Reiche -auf seinem hohen Sockel hat einen Schneepelz auf die Schultern und über -die Arme gelegt und über den Ritterhelm hat er gar eine weiße Pelzmütze -gezogen. Er möchte wohl gar heute der Knecht Rupprecht sein in seiner -alten, getreuen Bergstadt! Seine vier Löwen blinzeln recht gemütlich -mit gravitätischem Humor unter ihrer weißen Schneekappe hervor und -drängen sich mit eingeklemmten Schwänzen wie vier weiße, brave Pudel -um die Säule ihres Herrn. Die Tatze, welche das Wappen hält, hat einen -dicken, weißen Schneehandschuh und wird so freundlich hochgehoben, als -wollten sie »Pfötchen« geben. Heute dürfen sie auch freundlich grinsen, -denn es ist ja Weihnachten und die übermütigen Herrn Studenten sind -fort, in die Ferien, und können heut’ nicht durch kecken, respektlosen -»Löwenritt« um Mitternacht auf ihrem stolzen Rücken ihre königliche -Ruhe stören. - -Ringsum am Rande des Marktspiegels stehen die fröhlichen -Weihnachtsbuden mit all den süßen Herrlichkeiten an Zuckerwerk, -Marzipan, Schokolade, Makronen, Pfeffernüssen und Honigkuchen, welche -Weihnachten erst zum rechten Fest der Kinder machen. Da leuchtet all -der bunte Flimmer in Farben, Silber und Gold, in Kugeln und Fäden, -in Ketten und Sternen und strahlendem Flitter, der den Baum zum -Märchenbaum seliger Kindheitsträume machen soll. Da ist all das liebe -Spielzeug ausgebreitet, wie es droben im Gebirge gefertigt wird, vor -dem die Kinder sich drängen und die Kinderherzen rascher schlagen -im Wünschen und Wählen, vor dem die Kinderaugen heller leuchten. Da -stehen die steifen gravitätischen Bergmänner, groß und klein in langen -Reihen, die Räuchermännlein mit ihrem offenen Munde schauen so putzig -in den Abend hinein, und die ganze Tierwelt, Soldaten und Hampelmänner -warten darauf, unter dem Weihnachtsbaume vom Kinderjubel gepackt und -mitgerissen zu werden. - -Wenn dann die Dämmerung herniedersinkt, dann leuchtet es und strahlt -es blitzend auf in den Buden, und jede wird für die Kinderherzen -ein Märchenschloß, ein Feensaal, in dem alle Herrlichkeit und -Wunschseligkeit schimmert und flimmert. Da schießen die blitzenden -Strahlen der Wunderkerzen auf, zucken im blendenden Glanze weißer Glut, -als wäre aus den unendlichen Tiefen der blauen Wundernacht Stern um -Stern uns näher und näher gerückt. -- - -Da horch! Es erhebt sich ein wunderbar gewaltiges Dröhnen über unserem -Haupte, mächtiger und mächtiger schwillt es an: - - »Ein Rufen und Locken - in all dem Schwingen, - Summen und Klingen - dem Leiseverhallen - dem Wiedereinfallen, - dem Sinken und Steigen, - dem Schweben und Neigen - faßt meine Seele, trägt sie empor.« - -Die Glocken haben ihren ehernen Mund aufgetan und läuten nun das Fest -aller Feste, die heilige Weihnacht, ein. Das sind die Glocken der -Hilliger, der berühmten Freiberger Gießerfamilie, aus deren Gießhütte -vorm Peterstore so herrliche Werke der Bronzeplastik, an Kanonen und -Glocken hervorgingen. Seit Jahrhunderten hängen die Glocken auf den -Türmen und singen ihr urewiges Lied mit mächtigen dröhnenden Akkorden -über die alte Stadt hinweg, in die alten Gassen hinein und empor in den -weiten Himmelsraum. Wievielen Herzen haben sie schon geklungen. Wieviel -Leid und Trauer, wieviel Not, Glück und Sehnsucht, wieviel Fernweh, -wieviel Heimweh haben sie auf ihren singenden Schwingen getragen! - - »Es kommt auf weichen Wogen - mein Heimwehtag im Festgeläut - der Glocken hergezogen.« - -Wie oft haben sie umsonst gerufen, und wie oft trugen sie mit ihrer -singenden Seele empor den Aufschrei der Seele, der Gemeinde aus dem -dunklen Grunde tiefster Gefühle. - -Es ist etwas Besonderes, Ehrwürdiges, ans Herz Greifendes, wenn -die Glocken von den Türmen dröhnen, die seit Jahrhunderten mit den -Wolken und den Blitzen, mit den Stürmen und den Wettern Zwiesprache -halten, deren Stimmen wir heute lauschen, wie die Urahnen ihnen die -Herzen öffneten und ihnen ihre Herzensgedanken vertrauten, um sie -hinauszurufen in Jubel und Freude, in Angst und Not, in Dank und Gebet. -Dieselben Stimmen, die mit uns sprechen und für uns rufen, wie vor -längst verschollener Zeit zu längst vergangenen Geschlechtern! - -Wieviel Hände sind längst zu Staub zerfallen, die dort schon vor -Jahrhunderten die Glockenstränge zogen, um des ehernen Mundes Singen -und Rufen ins Leben tönen zu lassen! - -Wieviel unruhige Herzen sind stille geworden, denen ihr Klang etwas -Besonderes zu sagen hatte! - -Ja, eine geheimnisvolle, unergründliche, tiefe Seele lebt in der alten -Glocke, die mit dir reden will, sich offenbaren und dich emportragen -will, aus der Enge der Gassen, aus dem Dunkel der Stuben und Häuser, -vor allem aus der Enge und Beklommenheit deines Herzens und dem Dunkel -deiner Seele, emportragen zum Licht und einer Fülle aller inneren -Akkorde. - - »Hebt meine Seele ins Abendrot - aus Erdendämmerung, aus Erdennot.« - -Ist es nicht etwas Wunderbares um eine Glocke? Eine Glocke kennt nur -einen Ton, ob der Sturm sie schüttelt oder der zarte Finger eines -Kindes sie rührt, ob sie die glückliche Braut zum Altare geleitet oder -die trauernde Witwe auf dem Gange zum Grabe, ob sie die Gemeinde zum -Gottesdienst ladet oder das Sturmsignal bei Feuersbrünsten gibt: Nur -einen Ton gibt die Glocke, aber Untertöne schwingen mit, und dein Herz -klingt wider von ihren Tönen, und du weißt, was dieses Tönen sagen will -und wie tausend Zungen daraus sprechen in Freud und Leid, in Sturm und -Stille, im Leben und Sterben. Wenn die Glocken dröhnen, dann lausche, -ob dein Herz mitschwingt, ob dein Herz auf den rechten Ton gestimmt -ist. -- -- -- -- - -Heute ist es ein ganz besonderes Klingen, das durch die gewaltigen -Stimmen der Glocken schüttert und bebt. Die hohen Dächer und Giebel -scheinen zu lauschen. Leise, leise fallen die Flocken wie zartes -silbernes Spitzengeriesel! Der Wind scheint zu schweigen und stille, -ganz stille zu ruhn, wie so von den Türmen die erhabenen Stimmen sich -hinausschwingen und weit über die Mauern der Stadt, über Halden und -schweigende Felder und die tiefverschneiten ruhenden Wälder rufen und -künden mit unendlichem Wohlklang: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede -auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«, jene Kunde, deren selige -Verheißung noch von keinem anderen Worte übertroffen worden ist. - -Zur Christvesper rufen ja heute die Glocken. Durch die enge Kirchgasse -mit den malerisch gestaffelten Dächern der alten kleinen Häuser, hinter -denen die wuchtigen Massen des altersgrauen Domes um so gewaltiger in -das Nachtdunkel emporwachsen, eilen vermummte Gestalten dem Eingange -zu. Wie mächtige Wogen ehernen Klanges dröhnen die Stimmen der Glocken -vom Turme dir entgegen, füllen die Gasse, überfluten die engen Wände -der Häuser und strömen hinaus in die stille, heilige Wundernacht. - -Aus dem Eingange zum Dom tönt weich und süß der Klang der Orgel, -schimmert der Glanz ferner Weihnachtslichter vom Altar her aus -dunkelgrünem Nadelgezweig. Heute hat es so manchen in das Gotteshaus -gezogen, der sonst ein gar seltener Gast hier ist. Heute will er hier -das wilde Hasten und Treiben da draußen ganz vergessen, will zur -Kindheit sich zurücktasten und in das Herz aufnehmen einen Klang von -dem »Friede auf Erden«. Dicht sind alle Reihen und Plätze besetzt. Wie -ein stilles freudiges Warten liegt es über der Gemeinde. Heute sind -mehr denn je die Herzen aufgetan, und wie die Alten in weicher Stimmung -in das selige Kinderland der Erinnerung zurückschauen, so pochen -die Herzen der Jungen, der Kinder zumal, kommenden seligen Stunden -entgegen. Freudig und voll jauchzen die Akkorde der alten herrlichen -Silbermannorgel, jubelt der Gesang der Gemeinde dazu: »Welt ging -verloren, Christ ward geboren, freue dich, freue dich o Christenheit!« -Ein Kinderchor auf der Empore über dem Altar gegenüber der Orgel -singt die alte süße herrliche Weise »Es ist ein Ros’ entsprungen« mit -der Innigkeit, wie nur Kinder vor der Christbescheerung aus ihrem -erwartungsvollen, wunderseligen Kinderherzen ausströmen können. Dann -ist es, als ob der Engel der Verkündigung herniederstiege: »Vom Himmel -hoch, da komm ich her« singt eine wunderholde Frauenstimme aus der Höhe -und füllt mit ihren reinen, weichen, süßen Tönen die Halle des Domes -und dringt in die Herzen der lauschenden Gemeinde. Die hohen stolzen -Gewölbe öffnen sich, die Mauern sinken nieder, über uns wölbt sich -der dunkelblaue Nachthimmel, an dem der Stern von Bethlehem strahlt. -Wir sind die Hirten und schauen empor in diese Nacht der Wunder und -Geheimnisse, aus der so unbegreiflich selige Verheißungen in lichten -goldenen Klängen herniederströmen. Ganz leise singen die Stimmen der -Orgel dazu, als tönten aus himmlischer Ferne die Harfen der Engel und -als spielte der Nachtwind durch die flüsternden Halme des Feldes bei -Bethlehem und durch die Kronen träumender Palmen. -- Heimwehklänge nach -einer unbekannten Heimat, nach einer versunkenen Stadt der Seele, deren -Glockengeläute und Orgelsang der Sehnsucht geheimnisvoll aus fernen -Tiefen deiner Seele ruft. Ergriffen lauschen wir den wunderbaren, -uralten, heiligschönen und doch so kindlich reinen einfachen Worten -der Weihnachtsgeschichte. Was die Gemeinde in dieser Stunde so am -Herzen packt und über sich hinaushebt, hinausträgt über alle Unruhe -draußen im Leben und drinnen im Herzen, das klingt dann empor in dem -wundersamen »Stille Nacht, heilige Nacht!« Was in den vielen hundert -Herzen hier lebendig geworden ist in dieser Stunde, erwachte und -sich rührte an Lust und Leid, an Glaube und Liebe, an tiefer Andacht -und Friedeverlangen, an Herzensnot und tiefer Seelensehnsucht, das -drängt sich zusammen im Gesange dieses Liedes. Das tiefe Gefühl des -Augenblicks, welches die Gemeinde wie mit einem goldenen Reif zu -inniger Andachtseinheit und Gemeinschaft zusammenschmiedet, gibt dem -Gesange eine wunderbare heilige Fülle und Ausdruckstiefe, als ob -tausend goldene Halme emporsprießen, zur vollen Garbe sich einen, deren -schwere Ähren sich tief neigen in Demut vor dem Unbegreiflichen und -doch so tief Ergreifenden! - - »O daß mein Sinn ein Abgrund wär - und meine Seel’ ein weites Meer, - dies Wunder zu erfassen!« - -Ja, versunken ist alles, was draußen so unruhig ist, und die stille -heilige Nacht hat ihren Einzug gehalten. Friede auf Erden und den -Menschen ein Wohlgefallen. Es ist Weihnachten geworden! Wie die hohen -Weihnachtsbäume neben dem Altare mit ihren Kerzen schimmern und -flimmern, so leuchten nun in den Häusern die Bäume auf. Draußen fallen -die Flocken weich und still vom dunklen Himmel hernieder, Flocke auf -Flocke, eine weiche zarte Decke, die hüllt und deckt mit weißem Flaum, -was dunkel und häßlich ist. So hüllen die Weihnachtsgedanken auch -manches Dunkle in den Herzen ein. Es ist Weihnachten geworden auch in -den Herzen. Es hallen die Glocken ihr Halleluja über die Dächer und in -die Straßen: - - »Süßer die Glocken nie klingen - als zu der Weihnachtszeit, - ist’s als ob Engelein singen - wieder von Frieden und Freud!« - -»Fröhliche Weihnachten« rufen sich die Kirchgänger zu, auf deren -Gesichtern noch ein Leuchten liegt vom Lichte aus Bethlehem, das in -ihre Seele seine Strahlen geworfen. Und drinnen jubelt noch die Orgel -mit jauchzenden Stimmen: - - O du fröhliche, o du selige, - gnadenbringende Weihnachtszeit! - - - - -Literatur. - - - ~Andr. Molleri Pegavii.~ - - ~Theatrum Freibergense Chronicum 1652.~ - - Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins. - - Neue sächsische Kirchengalerie. Ephorie Freiberg. - - Daz hohe liet von der maget von Richard Freiherr von Mansberg. - - Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen - von August Schumann 1823. - - Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen bearbeitet von - Steche-Gurlitt. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Außer - bei offensichtlichen Setzfehlern wurde die unterschiedliche - Schreibweise von Personennamen beibehalten. Lange Reihen von - Gedankenstrichen wurden verkürzt. Das Inhaltsverzeichnis wurde nach - vorn verschoben. - - Korrekturen: - - S. 152: 1,72 → 1,72 m - Thomasglocke von {1,72 ~m~} Durchmesser - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS GRAUEN MAUERN UND GRÜNEN -WEITEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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