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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Aus grauen Mauern und grünen Weiten - Schauen und Sinnen auf Heimatwegen - -Author: Gustav Rieß - -Release Date: November 19, 2021 [eBook #66770] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS GRAUEN MAUERN UND GRÜNEN -WEITEN *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Aus grauen Mauern - und grünen Weiten - - Schauen und Sinnen - auf Heimatwegen - - Von - - Gustav Rieß - - »Nehmt die Wünschelrute deutschen Findergeistes - in die Hand, durchwandert mit ihr die - deutschen Städte, die deutschen Fluren, die deutschen - Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet - Quellen finden und erschließen, aus denen Tiefsinn - und Schlichtheit, Schönheit, Großartigkeit und - Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit - in Überfülle hervorsprudeln, als segenspendende - Ströme für unser Volk und für die Welt.« - - Paul Graf v. Hoensbroech. - - 5. Band der Heimatbücherei - - des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz - - Dresden 1924 - - - - -Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig. - - - - -Meiner Frau und Wandergenossin durch Heimat und Leben - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - -1. Alt-Freibergs Romantik 5--19 - -2. Von festen Mauern und festen Herzen 20--59 - -3. Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus 60--103 - -4. Was der Petriturmknopf erzählt 104--125 - -5. Spruchweisheit in alter und neuer Zeit 126--170 - -6. Im Freiberger Dom 171--213 - -7. Vor der Goldenen Pforte 214--229 - -8. Haldenwanderung 230--243 - -9. Das Tännichttal im Tharandter Wald 244--272 - -10. Der Königstein 273--322 - -11. Eine Fahrt ins Weihnachtsland 323--361 - -12. O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit 362--370 - - - - -Alt-Freibergs Romantik. - - -Nicht lange vor dem Kriege hatte ich mit meinem Freunde Heinz eine -köstliche Wanderfahrt ins Blaue mit dem Rade unternommen. Die alten -lieben Städtchen am Main, wie Wertheim und Miltenberg, übten ihren -mittelalterlichen Zauber, die Landschaft und der Frankenwein ließ -unsere Herzen höher schlagen. Wie auf leichten Schwingen flogen -wir durchs liebliche Taubertal. Eines Tages war das alte herrliche -Rothenburg o. T. unser lockendes Ziel. Wir hatten das schöne -Weickersheim mit seinem mächtigen Hohenlohe-Schloß und vergessenem, -verwunschenem, verträumtem Park besucht und kamen gegen Sonnenuntergang -über die Höhen an den Rand des Taubertales. Wir traten aus dem Walde: -da lag plötzlich vor uns wie ein Märchen in rotglühendem Abendschein -aus duftigem Talgrunde aufsteigend die alte herrliche Stadt mit ihren -Mauern und Türmen, mit ihren Giebeln und Dächern und malerischen Toren -in wundervollem Umriß vor dem leuchtenden Abendhimmel. Wir konnten nur -stumm und atemlos schauen und schauen und haben den unvergeßlichen -Eindruck nie wieder aus dem Herzen verloren. -- Einige Jahre nach dem -Kriege kam ich mit der Bahn von Würzburg nach dem alten herrlichen -Rothenburg, um meiner Frau dieses Kleinod der Erinnerung zu zeigen. -Wehe -- ein nüchterner Bahnhof, eine langweilige Landstraße zur -Stadt -- -- nichts von Romantik bis wir in der Stadt waren und der -mittelalterliche Zauber unsere empfänglichen, zunächst so enttäuschten -und ernüchterten Herzen wieder umsponnen hatte. -- - -Freiberg ist kein Rothenburg, und Tausend mögen durch seine Gassen -wandern ohne je eine Spur von Romantik oder mittelalterlichem Zauber -zu finden. Tausend mögen kopfschüttelnd wieder davongehen mit -enttäuschtem, ernüchtertem Herzen, weil der karge, spröde, ernste Geist -und Charakter der Stadt kein Lächeln für sie fand, das ihre Seele -aufschloß und warm machte, wie jenes heitere, köstliche Stadtjuwel im -Süden so leicht es vermag. - -Und doch kann Romantik in Freiberg lebendig noch werden, wenn auch die -grausame Gegenwart unendlich viel davon geraubt hat. Die rechte Stunde, -den rechten Ort, die rechte Art zu schauen und zu lauschen, muß man -haben, muß man suchen und finden, dann wird der Zauber lebendig und die -verschütteten Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte -Glocken tönen, die Augen und Herzen werden sehend, das Verlorene ist -wieder da und lebt und füllt mit seinem wundersamen Leben und Weben -die Stätten, welche zuvor leer, öde, karg und nüchtern schienen. -Öffne dein Herz der Heimat, dann nimmt sie dich an ihr Herz und raunt -dir wundersame Kunde zu und stille Geheimnisse, die dich reich und -froh und stille machen. Heimat ist nicht Sache der verstandesmäßigen -Vorstellung, sondern der seelischen Empfindung. Die Heimat hat nur der, -welcher Heimatgefühl hat. Die Heimat liegt nicht draußen irgendwo, -wo der nüchterne Verstand und kritische Geist seine harten, kalten -Grenzsteine setzt, nein, wer sie sucht, der muß im eigenen Herzen -suchen, muß die Arme ausbreiten, wie das Kind der Mutter entgegen, er -muß glauben und lieben. - -Willst du an das Herz und das innere Wesen der alten getreuen Bergstadt -herankommen, willst du willig den spröden Reiz ihrer Herbheit -kennenlernen und dir erobern, dann darfst du nicht mit der Bahn zu ihr -kommen und durch das geräuschvolle Gewühl des nüchternen Bahnhofs und -die Langweile der freudlosen Bahnhofstraße in die Altstadt wandern. - -Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales oberhalb Halsbach -im Osten der Stadt. Tief im Grunde windet sich die Mulde zwischen -den grünen Abhängen. Hie und da tritt der nackte Fels schroff -zutage. Häuser und kleine Gehöfte sind da und dort wie ein Spielzeug -hingestellt. Birken leuchten mit ihren weißen Stämmen und winken mit -ihrem grünen, zarten Schleier. Und droben, gegenüber auf den Höhen, -die aus dem Talgrunde aufsteigen, türmt sich nicht ein malerisches -Stadtbild mit Zinnen, Mauern und Toren, es türmen sich riesenhafte -Halden mit ihren Werkbauten, Stätten der Arbeit vieler Jahrhunderte, -die der Landschaft ihren Stempel aufgedrückt hat. Die Romantik der -Arbeit, die Romantik, welche in die Tiefe der Erde, ins Dunkel -hinabsteigt, die Schrecken der Finsternis mit kühnem Wagemut und -raschem Erfindergeist besiegt, blinkende Schätze zutage fördert und -aus dem Gestein der Tiefe Berge zum Himmel türmt von gigantischer -Wucht und Denkmalsgröße, diese heroische Romantik der Arbeit schuf das -Landschaftsbild. - -Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales am linken Ufer -gegenüber Muldenhütten. Wie ein schwarzer riesenhafter Kessel liegt -es vor dir im Grunde. Schwarz blinkend fließt die Mulde und trägt -weiße Schaumflocken, wie eine langsam gleitende gefleckte Schlange -der Unterwelt scheint sie in der Tiefe unheimlich zu schleichen. Und -es türmen sich bergaufwärts vom Grunde schwarze Schlackenmauern, -Dächer über Dächer, Häuser über Häuser, Giebel über Giebel, die Essen -rauchen und recken sich wie schlanke Türme dazwischen, und es ist -als zitterte und dröhnte eine ungeheure Spannung, eine unbändige -Lebenskraft und unzähmbare Arbeitswucht im Körper eines gefesselten -Riesen. Sein heißer Atem stößt empor und flockt in weißlichen Wolken in -den blauen Himmel hinein. Kahle mächtige Halden schieben sich hervor -mit steil abstürzenden Seiten in ihrer schwarzen Nacktheit wie aus der -Unterwelt und Nacht emporgehobene Felsenklippen mit trotziger Stirn -in die flimmernde Welt des Lichtes starrend. Und darüber die Talhänge -in goldgelber Farbe des herbstlichen rauhen langen Grases leuchten -wie ein ungeheurer goldener Reif über dem Haupte des arbeitenden -Giganten. Romantik der Arbeit schuf dieses Landschaftsbild als Ausdruck -heroischer Schönheit und Kraft der Industrie. -- Wandere mit mir durch -das Muldental, wo steil die Halden der Bergwerke ins Tal abstürzen. -Der Ludwigschacht mit seinen riesenhaften Sturzmassen schwarzer Blöcke -schiebt sich wie ein gewaltiger Felsriegel dunkel und drohend ins -Landschaftsbild. Aus finsterem Stollenmundloch strömt das Wasser des -Kunstgrabens hervor und eilt hellgrün schimmernd neben unserem Pfad. -Hie und da ein Häuslein am Wege oder dort auf grüner Halde unter -leuchtenden Birken zierlich ein freundliches Idyll. Die Mulde strömt -in raschem Flusse bald dicht an unserem Wege, bald in weitem Bogen -im breiteren Talgrunde. Bald lieblich und freundlich, bald ernst und -schwermütig oder gar finster ist diese Landschaft des Muldentales, -geworden und gestaltet durch die Arbeit der Jahrhunderte, durch das -Ringen starker Fäuste von tausend Geschlechtern im Bergmannskleid. -Die Romantik der Arbeit mit Schlägel und Eisen geht im Bergkittel und -mit dem Bergleder neben dir auf dem Weg durchs Muldental und raunt dir -ins Ohr und fragt dich stolz: Wo gibt es Täler, deren Eigenart und -Schönheit, deren landschaftlicher Charakter erst durch die industrielle -Arbeit zu solcher Größe und Bedeutung im Wandel der Zeiten emporgehoben -ist? -- - -Und dann komm und steige mit mir den steilen Weg der alten Dresdner -Straße am linken Muldenhang, den Hammerberg, aufwärts, vorbei an der -riesigen Halde des Abrahamschachtes, deren schwarze Steinmassen an der -Straße zu mächtigen Mauern gepackt sind und weiter hinauf in steiler -Böschung sich türmen. Wir gehen zu der etwa 100 ~m~ vom Wege rechts -liegenden Grube Elisabeth, zur »Alten Liese«, wie sie der Freiberger -Volksmund nennt. Ihre Grubengebäude über der mächtigen grau und weiß -und gelblich schimmernden Haldenböschung sind echte Charakterbauten des -Bergbaus mit ihren hohen, durch Fensterluken geteilten grauen Dächern -und niedrigen hellen Mauern. Als wären sie aus der Halde gewachsen und -geworden wie ein Naturgebilde, nicht wie gebaut oder hingestellt, sind -sie echt, wahr und bodenständig. - -Da liegt die alte Bergstadt vor uns in malerischer Umrißlinie mit ihren -Türmen, Dächern und Giebeln, mit ihrer sturmerprobten, verwitterten -Stadtmauer und dem starken Donatsturm und dem buschigen Grün der -Wallpromenade im Vordergrunde. Die ruhende Masse des Domes, die beiden -Türme von Nikolai und als stolzragende Krönung die Türme von St. Petri -und Rathaus gliedern das Stadtbild in klarem, klingendem Rhythmus. -Lachende Felder und Fluren weitumher, dort die grünen Wogen des Waldes, -der bis in die Stadt seine harzduftigen Grüße schickt, und in der -Ferne die Linien der Berge und Höhen, die in dem leuchtenden Himmel -mit wundersamer Zartheit ferner und ferner, weicher und weicher sich -zeichnen. Zu unseren Füßen blühende Gärten, in denen Kinder lachen und -spielen, und dort drüben ein andrer großer Garten, wo stille Schläfer -ruhen von ihrer Arbeit, der ehrwürdige Donatsfriedhof. - -Vergangenheit und zukunftsfrohe Gegenwart, Geschichte, Sage und -tausend Erinnerungen, das Leben, welches heute in den alten Gassen und -Häusern wirkt und drängt, die Gestalten, Herzen und Gedanken, welche -diese Giebel und Mauern, Türme und Straßenbilder einst schufen, darin -lebten, liebten und schließlich dort drüben ihre Ruhe fanden, alles -vereinigt sich zu einem geheimnisvollen Zauber, der verklärend über -dem Alltag des Lebens liegt und über Nüchternheit und kalte Prosa und -graue Sorge erhebt. Und mögen wir nichts wissen, was dort in jenen -winkligen Gassen und alten Häusern an Leid und Lust geschah, wir fühlen -es, daß sie viel erlebt haben und erzählen können, daß ihre heimlichen -Worte die Romantik uns erwecken könnten, die mit ihrem Lächeln das -Herz gewinnt und warm macht. Der Bergbau ist zur Rüste gegangen, aber -immer noch klingt seine Poesie über die Firste der alten Häuser, wenn -das Bergglöckchen noch läutet wie einst zur Schicht. Sie schreitet -durch die alten Gassen mit den schlichten Häusern und lugt um die -Ecken winkliger Straßen, die mit ihm jung waren, wo an Portalen hie -und da die Gestalt des Bergmanns oder das Bergmannszeichen in Stein -gehauen, Schlägel und Eisen, dich grüßt oder irgendein frommer Spruch -oder Gruß, wie ihn unsre Zeit nicht mehr kennt. Poesie wandert hinaus -zu den alten Schächten und Halden, die wie Hünenmale uralter Zeit die -Höhen rings um die Stadt krönen. Sie steigt hinab in die tiefen dunklen -Schächte, die jetzt so still und einsam sind. Wo einst des Fäustels -muntrer Schlag erklang, »und sie gruben das Silber und das Gold bei der -Nacht,« und wo das funkelnde Erz aus schwarzer Tiefe zur strahlenden -Sonne gleißend emporstieg, wo man die Grubenwässer murmeln und fließen -hört, und die Gänge und Stollen in schweigender Finsternis sich tief -unter der Stadt und weit darüber hinaus wie ein ungeheures Netz -meilenweit erstrecken, da lugt sie aus Spalten und Klüften, da huscht -sie um die Ecken und Winkel, da hörst du sie flüstern vom Berggeist, -von Gnomen und Kobolden, von den märchenhaften Schätzen der Berge, von -den »Walen«, den zauberkundigen Venetianern, die ihren Ort wußten, von -all den Wundern der Tiefe, die noch kein Menschenauge geschaut und -der Erlösung harren, von den Geheimnissen der Wünschelrute. Da werden -die Schatten lebendig, Vergangenheit wird Gegenwart, zeitlos und ohne -Stunde ist das Dasein. Du weißt nicht, ist es droben Tag oder Nacht, -Sommer oder Winter -- eine Poesie ganz eigener Art hat dich in ihr -Reich geführt, hält dich in ihrer Macht. -- - -Dort der alte Donatsfriedhof, ist er nicht auch Poesie? Seit 400 Jahren -fast schlafen im Ringe seiner altersgrauen Mauern Freiberger -Geschlechter. Sie zogen aus dem weiten Ringe der starken Mauern der -Stadt, aus ihren schönen steinernen Häusern in den engeren Mauerring -des alten Friedhofes, in die schmalen hölzernen Wohnungen aus sechs -Brettern. Über ihren alten Grüften rauschen hohe Bäume. Um ihre schönen -Denkmäler rankt sich der Efeu und Heckenrosen, duftet der Flieder und -jubeln die Singvögel das Lied des Lebens und der unvergänglichen Liebe. --- Pestzeiten waren es, als Herzog Heinrich der Fromme 1531 diesen -Friedhof anzulegen befahl. Das Sterbeglöcklein stand nimmer still. Mit -immer neuer Furchtbarkeit erhob die Seuche ihr schreckliches Haupt -und erstickte mit ihrem giftigen Hauche das Leben, schonte weder jung -noch alt, nicht arm noch reich, nicht Mann noch Weib. Die Friedhöfe -an den Kirchen reichten nicht aus und aus den Grüften schien der Tod -allnächtlich aufzustehen und mit gespenstischer Faust an die Türen -von Hoch und Niedrig zu pochen, oder aus zahnlosem Knochenmunde seine -Opfer grinsend anzuhauchen. Da befahl der Herzog, daß »wegen der -Dünste, so sich in den gefährlichen und geschwinden Sterbensläuften aus -den Todtengräbern ziehen und erheben, und manchen Menschen tödtlich -vergiften mögen, daß ein gemeines Begräbniß außerhalb der Stadt zu -halten sei«. Wo die Kapelle des heiligen Donatus stand, dicht vor -dem Tor der Stadt, am Wege nach der Grube Himmelfahrt, zog man den -ovalen Mauerring um die neue Stadt der Toten. Sinnvolle Beziehungen -für gläubige Herzen mag man daraus erkennen: draußen der Weg der -Bergknappen zur Arbeitsschicht in das Dunkel der Grube Himmelfahrt, -drinnen der Gang zur letzten Schicht in das Dunkel einer Grube, deren -Rätsel noch kein Wissen erleuchtet hat, die der Glaube in den Sprüchen -auf Steinen und Kreuzen als »Himmelfahrt« deutet. Wie ist es doch auch -so sinnig und tief empfunden, den ernsten Baum, der so feierlich und -schön an den Gräbern steht, »Lebensbaum« zu nennen, und so in einem -Namen sinnbildlich eine ganze Lebens-, Welt- und Religionsauffassung -zusammenzufassen, nämlich, daß es keinen Tod gibt, sondern nur Wechsel -und Übergang, Himmelfahrt. - -Auf dem ergreifenden Gefallenen-Gedächtnismal des Friedhofs stehen die -Worte: »Euer Tod soll Leben werden, deutscher Zukunft edle Saat.« Saat -ist Leben und Sterben, Saat ist Tun und Denken, Saat ist Anfang, Ernte -ist Vollendung. -- - -Eine tiefe, sinnige Poesie lebt so in den grünen Räumen des -alten Friedhofes, der Ruhestätte des alten Freibergs, heute der -stimmungsvolle Vorhof der neueren weiten Gräberfelder. -- -- - -Wo sollen wir noch die Poesie und Romantik in Freiberg suchen? Ach, -du brauchst sie nicht zu suchen, denn draußen, über das Friedhofstor -hinweg, siehst du den gewaltigen Donatsturm ragen und in den Friedhof -hineinschauen. Als Wahrzeichen der Stadt reckt sich seine wuchtige -Gestalt empor wie ein Bild echten Bürgertrotzes und kernhafter Treue. -Die Dohlen, die in den zahlreichen Mauerlöchern unzugänglich nisten, -gehören zum Turm, wie seine Gestalt ins Bild der Stadt. Da scharen sich -die schwarzen Gesellen zusammen zu einer Wolke, zu einem flatternden -Geschwader; schreiend beraten sie, wohin der Flug sie tragen soll. Zum -Spittelwald? Hin und her schwebt die Wolke, bald dicht zusammengeballt, -bald weit auseinandergezogen droben in der blauen Luft und entschwindet -schließlich in der Ferne am Saume des Waldes. Der Donatsturm, die -Stadtmauern mit ihren alten Verteidigungswerken und Türmen, mit den -Gräben, in denen jetzt die Bäume rauschen, wissen zu erzählen von -alter Zeit, und ihre Steine reden von Kampf und Blut und Not und dem -Heldentum schlichter Bürgertreue. Da klirrt es von Waffen, da kracht -es aus den groben Stücken und Kartaunen, da rühmt es von kühner Tat, -da raunt es aber auch von Verrat, da ist die Romantik der Geschichte -lebendig, deren Zeuge diese Mauern und Steine waren. -- - -Und mitten im Herzen der Stadt, wo der Puls des Lebens am kräftigsten, -am raschesten pocht, lacht oft die Poesie aus blanken jungen Augen, die -Poesie der Jugend und fröhlicher Burschenzeit trotz trüber schwerer -Gegenwart. Der Marktbrunnen rauscht und plätschert neben dir. Aus -breitem vierteiligem Granitbecken steigt die wuchtige Mittelsäule -auf, die vier kleinere Becken mit wasserspeienden Löwenköpfen trägt. -Die Bronzegestalt Ottos des Reichen, des Gründers der Stadt steht mit -wallendem Mantel in Panzer und Helm als Säulenheiliger oben auf dem -romanischen Schaft und hält die Gründungsurkunde in der Rechten, den -Griff des langen Schwertes in der Linken. Vier Bronzelöwen halten -am Sockel der Säule Wacht und speien im Bogen Wasser in die unteren -Granitschalen. Das unvermischte nasse Wasser, wie hier von allen Seiten -es den Wettiner wie einen Wassergott umsprüht, umrieselt, umplätschert, -und die von Löwen bewachte Säuleneinsamkeit dort oben mag nicht sein -besonderer fürstlicher Geschmack gewesen sein. Das empfinden die Herren -Studenten, denen anderer Stoff lieber ist als Wasser, mit unfehlbarem -Feingefühl und wie der Hanfried auf dem Markte zu Jena spürt auch der -reiche Otto flotten Burschengeist und kecken Übermut. - -Nacht ist es. Der Vollmond leuchtet mit märchenhaftem Schein über die -alten Giebel. Wie Silber blinken die Dächer und Erker der ehrwürdigen -Häuser und blinzeln mit verschlafenen Augen in die Träume der Nacht. -Der Rathausturm ragt hoch in den schimmernden Glanz. Wie das große rote -Auge eines Zyklopen schaut seine Uhr auf den stillen Markt, als wollte -es spähen und wachen für die Sicherheit der Stadt, ob nicht in den -breiten schwarzen Schatten der Häuser oder in den engen Finsternissen -der Straßenmündungen sich Geheimnisse verbergen. Da regt es sich -gespensterhaft. Da klingt es wie heimliches Gemurmel. Ein Klappen, ein -Schleifen, ein Trappeln und Huschen. Im Gänsemarsch zieht es herbei -und bewegt sich im großen Kreise um den Brunnen, wie eine geisterhafte -Prozession. Ein Ruck, die Prozession erstarrt, ein leises Kommando und -ein kräftiger Salamander steigt auf dem granitenen Brunnenrand oder -auf dem schwarzen Stein, da Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber, -einst enthauptet wurde, eine Ansprache an den ehernen Brunnenfürsten -dort oben, der wahrhaftig sein hartes Gesicht zum Lächeln verzieht, -ein Prosit auf sein wässeriges Wohl in braunem Bier, das seine steifen -Lippen nicht erreicht, ein brausender Burschensang, der von den -Häuserwänden widerhallt, ein »Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt« -und der Spuk ist spurlos verschwunden, als die Polizei erscheint. -- -Ruhig grinsend spucken die Löwen ihr Wasser im plätschernden Bogen, ein -Philister schimpft zum Fenster heraus und Otto der Reiche guckt in den -Mond. -- - -O Mondnachtmärchen und Mitternachtszauber am Obermarkt! - -O Romantik jugendfrischer Studentenzeit, wie steigst du auf und -lächelst dem Frohsinn ungebrochener Jugendlust und übermütiger -Studentenstreiche. Auch der Löwenritt zwischen sprudelnden Strahlen und -tiefem Wasserbecken zu mitternächtiger Stunde, unmittelbar angesichts -der Polizeiwache, hat gar manchem üppigen Füchslein zu unfreiwilligem -Bad oder Strafmandat, dem bronzenen Säulenheiligen dort oben aber -öfter zu einer »feuchtfröhlichen« Huldigung in seinem steifen Dasein -verholfen. Ja einstmals hielt dieser hochgestellte Erzheilige am Morgen -eine große Klingel in der Hand, welche am verborgenen Drahte gezogen, -frisch in den Morgen schellte, als wäre er der Ortsdiener und wollte -seinen getreuen Freibergern ausschellen, daß der alte Burschengeist -noch lebt. -- - -Was wallen die bunten Studentenfahnen aus den Fenstern, wo ein -flotter Bursche wohnt, und flattern fröhlich im zausenden Winde, wenn -irgendein Verbindungsfest oder ein Ehrentag der ehrwürdigen ~alma -mater~ im Reigen der Zeit uns grüßt! Sie werfen buntjubelnde Freude ins -Straßenbild. Der behäbige Bürger lächelt zu ihnen empor und freut sich, -wenn die schlanken Burschen durch die farbenfrohe Poesie ihrer Jugend -den grauen Alltag vergolden. Es lächeln aber auch lieblich verschämt -oder auch keck und bewußt, je nach Temperament, die jungen Damen, wenn -abends um 6 Uhr auf dem Bummel an der östlichen Marktseite die bunten -Farben sich zeigen und mancher Gruß und mancher Wink aus schönen Augen -spricht von Suchen und Finden, von Maienzeit und seligem Hoffen -- -»denn du weißt, du weißt es ja!« - -Wenn der neue Rektor der Bergakademie durch seine Studenten mit einem -Fackelzug begrüßt und der Scheidende zum Abschied geehrt wurde, was war -das für ein Leben in der alten Bergstadt! Der Ausschuß der Studierenden -in seiner eigenartigen kleidsamen bergmännischen Tracht voran, die -bunten Farben und Mützen, Pekeschen und Jacken in reichem lebendigen -Wechsel, der kräftige Sang froher Burschenlieder, die lodernden Fackeln -mit ihrer roten Glut in den alten Gassen, die jugendfrohe, frische -Begeisterung in lachenden, leuchtenden Augen, und herzudrängend -in froher Teilnahme alt und jung, die liebe Mädchenwelt und die -begeisterten Schüler, als wäre es ein Fest der ganzen Stadt, nicht bloß -der ~alma mater~: die Poesie des ganzen Studentenlebens schien sich in -einem lachenden Bilde zusammenzuschließen. -- Die harte Not der Zeit -hat dieses herrliche Bild in den letzten Jahren nicht wieder lebendig -werden lassen, hat die lodernden Fackeln ausgelöscht, hat aber nicht -den feurigen Mut löschen können, der in den jungen begeisterten Herzen -lebt, der auch das deutsche Leid überwinden wird. - -»Frei ist der Bursch« klingt und singt es durch die Straßen nicht -minder als durch die Herzen in Alt-Freiberg, der einzigen sächsischen -Stadt, die noch den Zauber der Romantik studentischen Lebens bei allem -tiefgründigen Ernst der Arbeit trotz aller Lebensnot uns spüren läßt. -Wie klingen die alten Bergmannslieder, wie jauchzt das »Glückauf« -in begeistertem Zuruf in froher studentischer Runde und machen die -Romantik der bergmännischen Vergangenheit der Stadt und der eigenen -bergmännischen Zukunft den jungen Sängern voll Begeisterung lebendig: -»Glück auf! ihr Bergleut’, jung und alt!« Und wenn der Bursche -hinauszieht ins Philisterland, wie begleitet ihn noch die Poesie -bis in die rauchige Prosa der Bahnhofshalle, wenn das Abschiedslied -in mächtigem Chore klingt und die farbigen Mützen dem Scheidenden -winken: »Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus in die -Welt. Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus!« -- Die -Fahrgäste schauen und winken mit aus dem Zuge, der aus der Halle -schnaubend davonkeucht. Die Poesie Alt-Freiberger Romantik und frischen -Burschengeistes hat sie berührt und klingt in ihren Herzen noch, wenn -längst die Petritürme am Horizont versunken sind. - -Ja die Romantik der Stadt! Wandere durch den Dom, tritt vor die goldene -Pforte oder vor die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz aus der -Todesschlacht von Sievershausen, stelle dich unter die Torstensonlinde -und laß dir von ihren Blättern zuraunen, wie der podagrageplagte -Feldherr über das »Hexennest« Freiberg fluchte, oder steige hinab in -das Verließ des Kunz von Kaufungen, oder denke an Friederikus Rex, -wie er durch Freibergs Straßen ritt, oder an nächtliche Bergparaden -beim wuchtigen, ehernen Klange der russischen Hörner bei Fackelschein -und rhythmischer Bewegung der brennenden Froschlampen, denke an die -feierlichen Leichenbegängnisse in düsterer Pracht, wenn ein Fürst im -Dome beigesetzt wurde. Die Bilder drängen sich, Gestalten und Männer -treten vor dein Auge und Herz und füllen dich mit Heimatstolz, denn nun -erst hat die Stadt eine Seele bekommen, eine Seele, die mit dir wandert -und spricht; du hast die Seele der Heimat gefunden. - -Ja die Romantik in Freibergs Mauern, das ist die Geschichte der Stadt, -die in ihr lebendig wird und in Erinnerungen redet. Ihrem ernsten -Gewande braucht man nicht den Flitterkram phantasievoller Erfindung -anzuhängen, um zu fesseln, zu packen und zum Sinnen und Denken und -innerlichen Schauen anzuregen, daß es uns nicht wieder losläßt. -Vieles ist vergessen, zerstört, hinabgesunken in das dunkle Reich des -Schweigens, aber schaut die alten Häuser und Mauern, die alten schönen -Portale, den herrlichen Dom mit seiner goldenen Pforte, den Kanzeln und -der Wettiner Gruft, die anderen Kirchen, die altertümliche »Thümerei« -mit ihren Museumsschätzen, das Rathaus mit dem, was diese Bauten in -sich bergen, blättert in den alten Chroniken, Urkunden oder Akten, dann -steigt es herauf und wird wieder lebendig, dann blüht ein verklärendes -Lächeln auf, das Lächeln, das wie ein geheimnisvoller Zauber die alte -getreue Bergstadt verschönt und die Herzen an sie fesselt. Verschüttete -Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte Glocken tönen, -versunkene, verwunschene Schätze steigen empor, die Augen und Herzen -werden sehend, das Verlorene ist wieder da und lebt und füllt mit -seinem wundersamen Leben und Weben die Stätten, welche zuvor leer, -öde, karg, ernst und kalt und nüchtern schienen: Du hast die Seele der -Heimat gefunden. - - - - -Von festen Mauern und festen Herzen. - - -Drei trotzige Türme mit Zinnen und flachen Kegeldächern, und ein -zinnengekröntes Mauertor, in dem ein Herzschild mit wehrhaftem Löwen -den Zugang sperrt, das ist das Wappen des alten Vriberch, »~Sigillum -Burgensium in Vriberch~«, »das Siegel der Bürger in Vriberch«. An -einer der ältesten erhaltenen Freiberger Urkunden von 1227 hängt es -bedeutungsvoll, und man darf annehmen, daß seit der Stadtgründung, etwa -50 Jahre zuvor, dieses Wappen geführt wurde und den Stolz und trutzigen -Sinn der Stadt auf dem freien Berge, der deutschen Bergmannsstadt in -slavischer Wildnis, zum Ausdruck brachte. Dieses Siegel sagte Freund -und Feind, daß die junge Stadt eine ummauerte, wohlbefestigte sei, -an deren Toren der Freiberger Löwe Wache hält und seine Klauen zum -mächtigen Schlage dem Freunde zum Schutz, dem Feinde zum Trutz erhebt. -Ein »redendes« Wappen, dessen Rede im Lauf der Geschichte zu Taten -wurde. - -Durch alle Jahrhunderte hat die Stadt dies Wappen mit den silbernen -Türmen geführt, festgegründet auf silberdurchwachsenem freiem -Felsengrunde. - -Märchen gingen durch alle Lande von dem wunderbaren Reichtum der Stadt, -wo die Ziegel auf den Dächern von Silber wären, und Bürger und Bergmann -von Gold und Silber speisten. Wie ein Märchen aus Tausendundeiner -Nacht klingt es z. B., was uns der Chronist über das große Turnier -berichtet, welches im Jahre 1263 der Markgraf Heinrich der Erlauchte -von dem Freiberger Silber in Nordhausen ausrichtete: »Da er in der -Mitte der Bahn einen gantzen silbernen Baum aufrichten lassen von halb -gülden und halb silbern Blettern, auch einem jeden, welcher im rennen -seinen Speer gebrochen, und auf dem Rosse sitzen blieben, ein silbern -Blat, welcher aber den andern gar herabgestochen, ein gülden Blat -verehret; dabey denn eine solche kostbare Zubereitung in allen Sachen -gewesen, und gegenwärtige Fürsten, Graffen, Herren, Ritter und Adels -Personen 8 Tage nacheinander dermassen stadlich tractiret worden, daß -es, wie die alten ~historici~ berichten, einem Keyser schwer würde -gefallen seyn, solches nachzuthun.« Von diesem Markgraf sagte man, daß -er durch seinen »fürtrefflichen Reichthum gantz Böhmen mit baaren Gelde -hette bezahlen, auch sonst andere Länder an sich und seine Nachkommen -bringen können«. Auch die Chronik der Stadt Schneeberg, welche 1470 -gegründet war, berichtet aus dem Jahre 1477: »Auch war in St. Georgen -die große Silber-Stuffe wie ein Tisch verstrosset, darauff Herzog -Albrecht Tafel gehalten und daraus hernachmals 400 Zentner Silber -geschmelzet worden.« - -Solche reiche Silberausbeute mußte wohl märchenhaft erscheinen und die -Phantasie des Volkes mächtig anregen. - -Hat man doch sogar in neuerer Zeit noch erstaunliche Funde gediegenen -Silbers gemacht, wie z. B. im Jahre 1847 auf der Grube Himmelfahrt -17 Zentner auf einem Gangkreuz, im Jahre 1857 auf der Grube Himmelfürst -sogar 91 Zentner plattenförmig auf einem Punkte beisammen. Da war es -kein Wunder, daß in der Zeit, als das Silber fast zu Tage lag und das -Erz mühelos gebrochen wurde, Markgraf Otto, der Gründer der Stadt, -der »Reiche« genannt wurde, daß er dieses Schatzkästlein mit festen -Mauern und Türmen umgab, und daß er die Wehrhaftigkeit durch Siegel -und Wappen besonders betonte. Reste dieser ersten Mauer darf man wohl -heute noch in den unteren Teilen der erhaltenen alten Stadtmauer am -Donatsring vermuten. Ein stolzes Bild hat durch die Jahrhunderte die -mauerumgürtete, turmgekrönte, zinnenumwehrte Stadt geboten, namentlich -nachdem im Laufe des Mittelalters alle Erfahrungen und Künste der -Befestigung und des Wehrbaues an ihre Wehrhaftmachung gesetzt waren. -Sie war mit doppelten Mauern, 44 Türmen, fünf starken Torbauten, mit -Gräben und breiten Teichen gesichert. - -Der Chronist Möller schreibt im Jahre 1653: - -»Die Ringmawern sind dick und stark, umb und umb zwiefächtig mit -einem Zwinger. Die eine ist sehr hoch, und mit vielen Außwerken und -Thürmen befestiget. Die andere, welche sonst die Zwinger Mawer genennet -wird, ist etwas niedriger, und hat auch etliche besondere Thürmlein -und Außwerke. Für den Ringmawern gehet umb die Stadt ein tieffer -gefütterter Graben, welcher zum theil voll Wasser, zum theil leer ist. -Man hat für diesen zur Lust etliche Stücke Wild drinnen gehalten und -vermehret, wie auch noch bei Mannes gedenken etliche weisse Hirsche, -sampt anderen Stücken, von der hohen Obrigkeit deßwegen dahin gesendet, -und der Stadt verehret worden. - -In den Ringmawern seynd fünff Haupt Thore, welche alle mit -festen Thürmen, Brustwehren, Rondelen, hangenden Zugbrücken, und -drey unterschiedlichen grossen Pforten, theils auch mit starken -Schutzgattern, und anderen zur Defension und wider feindlichen Anlauff -gehörenden Stücken wol verwahret seynd.« - -Möller erwähnt hier nicht die Befestigung durch die Teiche, obschon -sie bereits auf dem Stadtplan von 1554 vorhanden sind. Vom Peterstor -bis dicht zum Meißner Tor, zehn an der Zahl, waren sie mit ihren -senkrechten gemauerten Ufern oder Böschungen ein starkes Hindernis noch -vor der Stadtmauer. Auch heute noch bietet sich, namentlich im Winter, -dem Blicke, z. B. über den Schlüsselteich, auf die hohen Mauern und -Türme ein trotziges stolzes Bild der alten Wehrhaftigkeit. - -Von den fünf starken Torbauten ist nichts erhalten geblieben als der -gewaltige Donatsturm im Osten der Stadt. Immer noch steht er, als -kraftvolles Wahrzeichen der Stadt, wie ein treuer Wächter und ragt -weit über Dächer und Giebel in die blaue Luft. Wie zu unzerstörbaren -Felsenmauern gefügt türmen sich seine braunen und schwarzen -Gneisquadern zu mächtigem Rundbau empor. 5 ~m~ stark sind seine Wände, -so daß er auch für die schwersten Geschütze der älteren Zeit als -unzerstörbar gelten mußte. Sein Umfang ist 44 ~m~, sein Durchmesser -14 ~m~ und seine Höhe 29 ~m~. So ragt er gen Himmel, über die Stadt und -die Jahrhunderte, wie ein trotziger Fels, an dem die Wogen der Zeit und -die Stürme des Schicksals sich brechen und zerstieben. - -Die Rüstlöcher der fleißigen Werkleute sind in regelmäßigen Abständen -sein einziger Schmuck. Schießscharten mit Rundöffnung für die Rohre der -kleinen Feldschlangen, Geschütze, Doppelhaken und Falkonetlein und mit -Schlitzen für die Beobachtung und den Abzug der Pulvergase durchbrechen -im oberen Teil des Turmes 18 ~m~ über der Erde in drei Reihen -übereinander von je neun Stück das Mauerwerk und sind von innen durch -gewölbte, tunnelartige, ringförmige Umgänge im Mauerkerne zugänglich. -Oben öffnen sich im Ringe dicht unter dem spitzen Kegeldach die neun -Schießluken oder Scharten für die groben Stücke. Von hier brüllten sie -dem Feinde ihre rauhen Grüße zu. Die letzten Kanonen sollen erst 1796 -herabgestürzt und von Hammerschmieden als altes Eisen gekauft worden -sein. - -Im vorigen Jahrhundert erst wurde das eigentliche Tor mit dem -weitvorspringenden Rondell abgebrochen, und weit klaffte die große -Lücke zwischen dem mächtigen Turm und dem Reste der Stadtmauer. Erst -im Jahre 1922 wurde von mir ein Wohnhaus für die Stadt dort errichtet. -Durch weitgespannten Torbogen ist es mit dem Turm verbunden und zu -einer malerischen, geschlossenen Gruppe zusammengefaßt, welche das -Straßenbild abschließt. Am Tor ließ ich in Sandstein die Sprüche -meißeln: »Gemeinwohl geht über dein Wohl« und »Eintracht bricht Not, -Zwietracht bringt Tod«. Dafür ist der Turm selbst Zeuge und Mahnung -durch seine Entstehung und seine Geschichte. - -Bergmannstreue soll ja diesen starken Schutz und Wächter der Stadt -geschaffen haben, indem jeder Bergmann für das Gemeinwohl sich von -seinem Schichtlohn einen Betrag kürzen ließ, und indem er selbst mit -Hand anlegte. So wuchs das Bollwerk empor, seiner Bestimmung entgegen -und hat in den Stürmen der Jahrhunderte unerschüttert und unzerstörbar, -wuchtig und stolz seinen Platz in der Mauer, im Stadtbilde und vor dem -Feinde ausgefüllt, denn Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod! - -Er sah trotzig hernieder mit seiner Felsenstirn auf Sorben und -Hussiten, auf Wallensteins Söldner und schwedische Heerscharen, auf -die Füsiliere des Friderikus Rex, auf Napoleons Truppen und die Sieger -von 70. Wie brandete um seine Mauern die sturmbewegte Geschichte der -Stadt und der ganzen Heimat! Er hörte einst die dunkle bittere Kunde -von Sievershausen, da Herzog Moritz, die Hoffnung des evangelischen -Deutschlands, fiel, von Lützen, da Gustav Adolf starb, die Siegeskunde -von Leuthen und Leipzig, die Schmach von Jena, von Moskaus Brand -und von dem Fall von Paris, von Sedan, von Lüttich, Tannenberg und -Skagerrak. Das deutsche Leid sank lastend auf ihn nieder, und schwarze -Wolken deckten blühende Fluren. - -An ihm rumpelte die gelbe Postkutsche mit hellem Hornruf vorbei, und -lustige Wagen mit Maien und lachenden Mädchen, und auch der dunkle -Wagen mit seinen schwarzen Rossen zum nahen Donatsfriedhof und seinem -grünen Frieden. So viele Bergmannsgeschlechter, die längst vergessen -dort der Ewigkeit entgegenschlummern, hat er gekannt, wie sie als -Kinder zu seinen Füßen spielten. - -Johann Tetzel verkaufte zu seinen Füßen seine Ablaßzettel an die -Bergknappen und schleppte viel Geld mit fort, denn er predigte, daß -alle Schächte verfallen würden, wenn man nicht reichliche Spenden in -seinen Ablaßkasten werfen würde. Bruder Martinus, der Bergmannssohn -aus Wittenberg sah vielleicht mit seinen tiefen Augen dieses trotzige -Bollwerk der Stadt, den Psalm und sein Lied von der festen Burg im -Herzen. Er trug Seelen und Herzen mit sich fort und riß die Geister zu -höherem Fluge mit sich empor. - -Des Alten Fritzen blaues Königsauge maß den alten Turmrecken mit -prüfendem Feldherrnblick, nachdem er schon sechs Jahre im Heldenkampfe -siegreich einer Welt von Feinden Trotz geboten und neuen Lorbeer um -seine kriegs- und siegesmüde Stirn geflochten. - -Humboldt, der die Welt umwanderte und neu als Kosmos in seinen Werken -erstehen ließ, Goethe, der eine Welt in seinem Herzen trug, und neue -Geisteswelten schuf und deutschen Geistes stolze Stirn zu den Sternen -hob, sie schauten empor zum alten Turm, der wie etwas Zeitloses am Wege -steht und mit stummer Sprache raunt von ewigen Dingen. - -Theodor Körner im Bergkittel sang zu ihm seine Burschen- und -Bergmannslieder empor und trug seine begeisterte Seele von hier wie -einen lodernden Opferbrand ins Morgenrot der Freiheit. - -An ihm schritt der Handwerksbursche vorbei, die Wahrzeichen der Stadt -sich noch einmal bedenkend, hinaus, wo ihm das Leben und die Zukunft -lachte. - -Der Bergmann zog vorüber mit Glückauf zur Schicht in schwarzer Tiefe, -zum Schacht anfahrend, dessen Glöckchen traulich herüberklang. - -Die Wogen und Wellen der Zeit und der Menschen strömten dahin. Das -Tor und die Mauern fielen zum Teil. Der alte, graue, riesige Wächter -aber blieb und sah sinnend, wie zu seinen Füßen buntes Bürgerleben -hinausquoll über Wälle und Gräben, wie die frische neue Jugend -hinausdrängte in Gärten und Grün, in Wälder und Berge, zu Sport und -Spiel, in Sonnenglück und stählende Winterlust, wenn sie Gott oder -ihrer eignen Seele tiefste Sehnsucht fühlten im Wehen der Halme, im -Rauschen der Bäume, im weißen Glanz der Winterpracht, in den Wundern -der Weite, als sie die Heimat fanden und immer wieder suchten in -Sehnsucht und in der Heimat die Seele und die Kraft, welche sie gesund -und reich macht. - -Goldene Volkslieder klingen empor zu ihm wie aus dem Zauberbrunnen -der Märchenzeit, die süßen Wunderweisen von Schubert und -Silcher. Sehnsuchtsklänge von Herrmann Löns und erzgebirgischer -Heimatsang von Anton Günther ranken sich mit Lautenklang um die -mondscheinumflimmerten Mauern des Turmes und der alten Stadt. - -Der alte graue Landsknecht aber, mit seinen mächtigen breiten -Schultern, der alte getreue Ekkehard und Hüter der Stadt schaut -hernieder und lächelt über das bunte Getriebe, über das Lieben und -Leiden, das Eilen und Weilen, das Hasten und Rasten, das Jagen und -Plagen der Ameisen zu seinen Füßen. - -Wie um seine Stirn die Dohlen schreien und flattern, abstreichen und -heranschweben, so eilen und ändern sich Geschichte, Geschlechter und -Geschicke; Seelen und Gedanken flattern und schweben. Warum? Wohin? - -Der Donatsfriedhof, der Gottesacker mit seinen rätselhaften Schollen, -die Jahrhundert für Jahrhundert immer aufs neue umgestürzt werden, -ist so nah, in dem von Ewigkeit so viel gesprochen wird, und die -Vergänglichkeit so grausam uns ins Antlitz starrt, in dem die Blumen -der Hoffnung und die Dornen der Verzweiflung dicht nebeneinander -wachsen, welken und immer wieder sprießen, in dem die Fragen und die -Rätsel keimen, und die bangende Seele Antwort und Lösung pflücken will -und sucht, bis ihr hier draußen die Antwort wird, wenn einst hinter dem -dunklen Tor sich ihr die letzten Rätsel lösen. - -Wohin rinnt der Strom des Lebens, der unaufhaltsam durch die -Jahrhunderte fließt, an dessen Ufer der alte Turm wie ein Felsen -unerschüttert steht? Über ihn spannt sich des Himmels unendliches -dunkles Gewölbe mit seinen Myriaden flimmernder Welten. Ein Stern -schießt seine leuchtende Bahn in weitem Bogen und ist verschwunden. -Warum? Wohin? - -Weltall und Ewigkeit -- unfaßbare Gedanken nicht auszudenkender Gewalt! -Menschenseele! nicht faßbares Wunder von unerklärlicher Größe! Leben -und Vergänglichkeit, Menschenseele und Ewigkeit, die Rätselfragen alles -Seins, schweben empor über die mondscheinumflimmerten Dächer. Nie -gestillte, nie erfüllte dürstende Sehnsuchtsgedanken wandern in den -dunklen Abgrund des Weltalls, in die schweigenden dunkelblauen Fluren -der Unendlichkeit. - - Selig sind, die da Heimweh haben, - Denn sie sollen nach Hause kommen. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Die anderen Tore schienen wohl auch für die Ewigkeit gebaut zu sein. -Doch was durch Jahrhunderte feindlichen Stürmen Trotz geboten und der -Stadt und ihren Bürgern als Schutz und Hort gedient hatte, das mußte -unter der Spitzhacke dieser Bürger fallen. - -So sank ein prächtiger, wehrhafter Torbau nach dem andern, ein -malerisches Bild alter Stadtherrlichkeit nach dem andern dahin. Wenn -man die alten Darstellungen der Tore betrachtet, so könnte man glauben, -jene Zeit der Spitzhacke, des Meißels und Brecheisens sei blind und -gefühllos gewesen gegen die reizvolle Schönheit und gegen den Zauber -der Geschichte, welcher die alten Türme und Mauern mit ihren Ranken -umsponnen hielt. 1846 fiel z. B. das Erbische Tor, das einen Ludwig -Richter zu einer entzückenden Kupferradierung begeistert hatte. Wie ein -Blick auf das Juwel mittelalterlicher Stadtschönheit, auf Rothenburg -ob d. Tauber, wirkt dieser Ausschnitt aus Alt-Freibergs verlorener -alter Herrlichkeit. Aus tiefem Wallgraben rauschen die Baumwipfel -empor, aber höher steigen die trotzigen Türme und Mauern, über welche -Giebel und Dächer schauen, und zwischen ihnen der Torturm des Erbischen -Tors, feingegliedert, auf vierkantigem Unterbau achteckig aufragend. -Acht große ovale Schießluken für die schweren Geschütze und darüber, -getrennt durch ein glattes Gesimsband, acht schmale horizontale -Schießschlitze sind der wirksame und zweckvolle Schmuck des wuchtigen -Bauwerkes. So friedlich und gar nicht kriegerisch mehr schaut das Tor -darein. - -Die vier letzten, alten, eisernen Kanonen, welche einst grimmig von -hier oben hinabdrohten, wurden 1802 verkauft und der Erlös wurde -zur Stärkung der Laternenkasse verwendet, die zur Einrichtung einer -öffentlichen Beleuchtung gegründet war. -- Liegt nicht darin die ganze -Behaglichkeit des Spießbürgers, den Krieg und Kriegsgeschrei nicht -stört, weil er meint, ihm sei der Friede sicher und der Krieg dahinten -weit in der Türkei so fern, so fern, und doch stand Mars schon drohend -am Himmel und die apokalyptischen Reiter hatten ihre Rosse gezäumt zum -Ritte durch Deutschlands blühende Fluren und auch Freibergs Gassen in -der napoleonischen Zeit. Hier, auf unserem Bilde von Ludwig Richter, -sind diese schweren Tage vorübergebraust und das friedlich behagliche -Leben macht sich wieder breit und vergißt so gern die dunklen Tage. -Zum Turme staffeln sich auf, wie mächtige Stufen, die Mauern des -»Rondells«, des Vorhofes oder Vortores. Stolze Pappeln stehen wie -ragende Wächter daneben und breite Baumkronen lehnen sich an das alte -Mauerwerk. Im Vordergrunde aber bewegen sich die lieben Gestalten, -mit welchen Ludwig Richters sonniges Kinderherz in stets wechselnder -Fülle seine Werke zu beleben wußte. Der vornehme Bürger mit hohem Hut, -der seine zwei Damen im Reifrock auf dem Walle spazieren führt, zwei -Bergleute in ihrer altertümlichen, charakteristischen Tracht, die -Bauersfrau, welche ihren schweren Korb zu Markte trägt, das dralle -Mädchen mit einem wackeren Handwerksmeister, Hunde und Zicklein und -fernes Gewimmel. -- - -So friedlich und freundlich diese Bilder ausschauen, so bittere Not, -Wunden und Tod haben doch diese Mauern gesehen, wenn der Feind vor -ihnen lag, die Häuser der Vorstädte brannten und die Pest und der -Hunger durch die Gassen schlich und mit knöchernem Finger an die -Pforten pochte. Das waren die Notzeiten und Heldenzeiten der Stadt, -wenn Kriegsstürme diese starken Mauern und Türme umtobten und manch -wackeres Stücklein von trotzigem Bürgermut und unverzagter Treue aus -harter Faust und festem Herzen sprang. Not lehrt beten und Not macht -Helden! Eintracht bricht Not! Das Peterstor war es vor allem, dem -immer wieder die Wut der Feinde, die furchtbarsten Angriffe galten. -Seine stärkste Probe mußte dieses Bollwerk mit seinem gedrungenen -vierkantigen Turme und mächtigem Rondell im dreißigjährigen Kriege -aushalten. Doch was nützen Mauern und Türme, wenn nicht heldenmütige -Treue die Wache hält. Es ist ein Ruhmesblatt von höherem Werte als ein -Blatt von jenem silbernen Baum einst im Turnierhofe zu Nordhausen, -welches sich hier tapferer Soldatengeist und Bürgermut für alle Zeiten -errang. - -Furchtbares hatte die Stadt bereits erlitten. Plünderungen und -Kontributionen von Freund und Feind, Einquartierungen, Seuchen und -Brandschatzungen. - -Besonders schwer war das Jahr 1632. Bald waren churfürstliche Truppen, -bald Wallensteins Regimenter, bald die berüchtigten Horden des -Holck, bald kaiserliche »Krabaten«, bald Böhmen oder andere Völker -in der Stadt oder vor ihren Mauern. Dann kam der kaiserliche General -Feldmarschall Graf von Gallas auf Wallensteins Befehl Ende September -mit großer Übermacht und bombardierte die unglückliche Stadt. Granaten -bis zu 90 Pfund hämmerten auf das Peterstor mit furchtbaren Schlägen -und auf die Straßen, und Brandgeschosse »viel Fewerballen« fielen auf -der Petersgasse und Fischergasse auf die Dächer der Häuser immer und -immer wieder und bedrohten mit Feuersbrunst die Stadt. Den tapferen -Verteidigern, welche schon 300 feindliche Soldaten erschossen, ging -die Munition aus und an Lebensmitteln war Mangel, der Feind legte die -Sturmleitern an und hat »dannenhero hoher Beträwungen verlauten lassen, -alles ohne unterscheid nieder zu hawen, und die Stadt gäntzlicher -zu verderben, wo sie nicht ohne ferneren verzug auffgegeben würde, -ist der Schrecken in der Stadt bey den Einwohnern und Eingefleheten -desto grösser worden, und ist dieses eine recht ängstliche Nacht, und -die Stadt in grosser Gefahr gewesen.« Die Stadt mußte sich ergeben -und den übermütigen Feind in ihre Mauern lassen. Die kurfürstliche -Garnison mußte die Waffen ablegen und erhielt freien Abzug. Von den -Bürgern wurden aber 50000 Reichstaler verlangt als Ablösung für die -Plünderung innerhalb 3 Tagen aufzubringen. Auf inständiges Bitten -wurde durch Vermittlung des Feldmarschall-Leutnants Holck diese -Summe auf 30000 Taler ermäßigt. Da aber die Bürgerschaft schon zuvor -für die Garnison an Verpfleggeldern innerhalb 6 Wochen 45143 Taler, -5 Groschen, 3 Pfennige hatte aufbringen müssen, so war sie »dermassen -erschöpffet und verarmet, daß aller Vorrath hinweg, und bey vielen -mehr nicht als das liebe Leben übrig. Drumb gab es wegen Einbringung -dieser hohen Rantzion große ~difficulteten~, und mußte alles, was noch -etwan an güldenen Ketten, silbernen Bechern, Gürteln, Messerscheiden, -und dergleichen Geschmeide bey einem oder dem andern vorhanden, -herausgegeben werden.« - -So wurde zwar die Stadt vor der Plünderung noch bewahrt, aber tief -und bitter war noch trotzdem der Leidenskelch, den die unglückliche -Bürgerschaft leeren mußte. Die Bürger mußten ihre Waffen und -Harnische abliefern und wehrlos gemacht, wurden sie durch übermütige -Einquartierung geschunden, gepeinigt und ausgesogen und »also -ausgezehret, daß der Vorrath an ~victualien~ und ~fourage~ aller gantz -dahin, und nicht ein bißlein Brods mehr bey den Becken, oder ein -trunck Biers, viel weniger etwas von Saltze, Gewürtze, und anderer -Nothdurfft zu bekommen, deßwegen auch etliche Personen auff den offnen -Gassen niedergefallen, verschmachtet und Hungers gestorben.« »Dessen -aber allen ungeachtet wurden bey manchen Bürger 10, 12, 15, 20 auch -wohl mehr Soldaten einquartiret, welche ihre volle verpflegung haben -wollten.« »Die arme Bürgerschafft wurde also geängstet, daß ihrer viel -mit Weib und Kindern aus den Häusern entwichen, und alles im Stiche -liessen, (wie man denn nach abzug des Feindes fünffhundert Häuser in -der Ringmauer befunden, welche gantz leer und wüste gelegen).« Über -dieses alles war kein Mensch in seinem eigenen Hause sicher, denn die -Soldaten »grossen Muthwillen und Frevel verübeten, zumal des Nachts, -da mit Gewalt in die Häuser, Gewölbe und Keller gebrochen, und alles -auffgeschlagen, durchsuchet und weggestolen war. Darzu fiel wegen -mangelung nothdürfftiger ~victualien~ viel und mancherley Krankheiten, -und endlichen eine geschwinde ~infection~ und Pest ein, welche -inkurtzen etliche tausend Menschen in und vor der Stadt hinrisse, -und fast den dritten Theil der Bürger mit wegraffete. Die meisten -wurden heimlichen begraben, öffentlichen hat man dreytausend Personen -gezehlet, die mit gewöhnlichen Ceremonien zur Erden bestattet worden.« - -Wenn man bedenkt, daß diese Häufung von Elend und Jammer sich auf zwei -Monate, Oktober und November, zusammendrängte, daß die Stadt klein -und wahrscheinlich nicht mehr als 10000 Einwohner zählte, so gewinnt -diese Zahl an unheimlicher Bedeutung, denn heute beträgt die Zahl der -jährlichen Todesfälle 500 bei rund 35000 Einwohnern! - -Wie ein Würgeengel ging die Pest durch die Häuser und klopfte fast -an jede Türe. Die Särge reichten nicht aus und viele wurden heimlich -verscharrt, weil die Not dazu zwang. Die lateinische Schule war zehn -Wochen lang geschlossen, und als sie wieder eröffnet wurde, fand sich -noch nicht die Hälfte der Schüler wieder ein. Die größere Hälfte dieser -blühenden Jugend war verloren, verdorben, verstorben. - -Doch nicht genug »der außgestandenen so grossen Noth, Angst, Elendes -und Jammers, so sich diese zeit über bey der guten Stadt Freybergk -befunden!« Die Schlacht bei Lützen war geschlagen, der Schwede rückte -heran und trieb die kaiserliche Armee vor sich her. Da ließ »der -Commendant anfahen, und die schöne grosse Vorstadt mit allen Forwercken -fürm Meißnischen Thore, wie auch die eine Seite fürm Petersthore, sambt -der Viehgassen anzünden, und in die Asche legen. Was nicht brennen -wollte, ward niedergerissen, oder sonst durchlöchert und verwüstet, -und geschach diesen und hernachfolgende Tage mit abbrennen und -niederwerfung derer so alten wolgebawten und weitläufftigen Vorstädte, -und schönen Forwercken, Scheunen, Mühlen und anderen sowol gemeinen als -Privat-Gebäuden solcher Schade, der nicht genugsam zu schätzen.« Sogar -die Friedhöfe entgingen der Vernichtung nicht, indem »auch die schönen -Bogen und Mawren eingerissen, und alles schändlichen verwüstet« wurde. -Doch alle diese furchtbaren Leiden hatten den Mut und die Treue der -Bürger und des Rates nicht gebrochen. Die Hammerschläge des Schicksals -hatten ihre Herzen fest geschmiedet. Es leuchtet ein Wort aus jenen -dunklen Tagen wie ein silberner Turm herüber in unsre dunkle Zeit, -dessen strahlende Zinne echter Mannesmut und echte, in Schicksalsglut -gehärtete Treue ist. Der Schwede, mit dem der Kurfürst verbunden war, -rückte heran, der Feind in der Stadt richtete sich auf eine Belagerung -ein und wollte ihm trotzen. - -Da rief der kaiserliche Kommandant Mohr vom Walde die Bürgermeister -der Stadt und etliche Ratsmitglieder zu sich, ob sie zu ihm halten und -die Stadt mit ihm verteidigen wollten: Er habe Befehl, sich, solange -er könnte, zu halten, hernach aber auf das Schloß sich zurückzuziehen -und die Stadt an 20 Orten in Brand zu stecken. Die tapfere Antwort -war, »daß sie wider ihren gnädigsten Landsfürsten, und ihm geleistete -Pflicht, derer sie noch nicht loßgezehlet weren, nicht thun könnten -noch wollten, hetten deßwegen einmütig beschlossen, wo sie mit -dergleichen Anmutungen nicht könnten verschonet werden, lieber die -Stadt und alles das ihrige zu verlassen, da sie auch gleich betteln -gehen solten, als wider Pflicht und Gewissen, auch wider die löblichen -~exempla~ ihrer in Trewe hochberühmten Vorfahren zu handeln. Bäten den -Herrn Commendanten, ihrer und der armen Bürgerschaft hierinnen gnädig -zu verschonen. Wo es aber nicht seyn könte, ihnen zu vergönstigen, -daß sie mit Weib und Kindern dürfften abziehen, und sich nach Dresden -begeben.« Es klingt der Trotz des Lutherliedes aus diesen Worten. Es -waren nicht leere Worte schlauer Berechnung, denn dazu war man zu -tief durch Blut, Brand und Greuel des Krieges gewatet. Man kannte den -Gegner nur zu gut und hatte am eigenen Leibe verspürt, was die Wut -und Zuchtlosigkeit des Feindes bedeutete. Nicht leere Worte, sondern -opferbereite, tatenmutige Entschlossenheit war das Wort: - - Nehmen sie den Leib - Gut, Ehr, Kind und Weib, - Laß fahren dahin - Sie habens kein Gewinn - Das Reich muß uns doch bleiben. - -Doch es kam nicht zum Äußersten: der Kommandant bekam plötzlich Befehl -vom kaiserlichen Hauptquartier in Böhmen, die Stadt zu räumen. Das war -die Rettung vor dem angedrohten furchtbaren Schicksal. Nachdem noch die -wilde Soldateska Tag und Nacht geplündert und gebrandschatzt hatte und -man von der Stadt noch 900 Taler Kontribution erpreßt hatte, rückte -der Feind über das winterliche Gebirge nach Böhmen ab, die Wagen mit -gestohlenem Gute der Stadt und der Bürger gefüllt. Hinter ihm jagte -aber die Angst vor dem Schweden. Auf rauhen Wegen im tiefen Schnee, auf -steiler vereister Straße blieb manch Wagen mit reicher Beute stecken -und manches kostbare Stück aus Silber, Zinn oder Kupfer, welches beim -Rückzug hinderlich war, wurde auf die Straße geworfen. Manch Bäuerlein -oben im Gebirge mag da ein kostbares Stück heimlich auf einsamem Hofe -geborgen haben. - -Die Stadt war frei nach einer furchtbaren Leidenszeit von zwei Monaten. -Tore, Mauern und Türme waren hart mitgenommen, aber die silbernen Türme -des Mutes und der Treue waren ungebrochen. - -Immer wieder und wieder tobten die Stürme und Wetter des unseligen -Krieges um diese Türme und Zinnen der Stadt. Es war die Zeit, wo jeder -Soldat an sich schon Feind des Bürgers war, ob nun lutherisch oder -papistisch, ob kaiserlich oder sächsisch oder schwedisch. Der Feind von -heute konnte morgen der Freund sein, mit dem man Schulter an Schulter -kämpfte, der gemeinsame Feind der Soldaten war aber der Bürger und -Bauer, den zu schinden ein Teil der Soldatenfreude und des Lohnes war. - -Die schweren Einquartierungen einer durch die langen Kriegszüge ganz -verwilderten rohen Soldateska, welche meist sich selbst versorgen -mußte, drückten als harte Last gleichviel ob Freund oder Feind. Jetzt -war der Schwede der Befreier von der Belagerung durch das kaiserliche -Heer. Zehn Jahre später war es der kaiserliche Graf Pikkolomini, -der als Befreier vom schwedischen Joch freudig begrüßt wurde. Und -zwischendurch wurden bald kaiserliche, bald schwedische Truppen -abgewiesen und erhielten keinen Einlaß in die feste alte Stadt, sondern -eine tapfre Antwort voll männlicher Energie. - -Dem kaiserlichen Oberst Ulefeld, der 1633 mit starken Truppen vor der -Stadt erschien und drohend Einlaß begehrte, antwortete man, daß man -ihm, »so er die Stadt attakieren wolte, mit nichts als Kraut und Loth -begegnen wolle, wo er nicht Churfürstl. Befehl brächte, die Stadt zu -öffnen«. - -Auch dem kaiserlichen Oberst Abraham Schönnickel, der aus Chemnitz -stammte, ist 1634 nur eine »schlechte Antwort und nichts als Kraut und -Loth gewilliget worden«. Der Bürgermeister Jonas Schönlebe verhandelte -mit ihm vor dem Tor und sagte auf seine Verheißungen des Schutzes -und seine Drohungen mit Plünderung und Brand, »daß man nechst Gott, -sonst keiner Beschützung von nöthen hette« und warf ihm vor, daß er -ein Landeskind sein wollte »und fürgebe, er were dem Lande und der -Stadt zum besten ankommen, und verderbete doch alles in grund, und -man jetzo für Augen sehe, wie der alte schöne Hospital für der Stadt -liechter Lohe brennete«. Das war dem Schönnickel zu viel! Nach vielen -Wortwechseln ist er im Zorn davongerannt mit wilden Drohungen und hat -die ganze Vorstadt und Scheunen vor dem Peterstor in Brand gesetzt, -so daß »letzlichen das an der Stadt gelegene große Glockengießhaus -ergrieffen, davon eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, -daß die Funken in und über die Stadt hauffenweise geflohen, auch schon -allbereit ein Hauß in der Ringmauer am Thore zu brennen angefangen«. -Dieses Gießhaus war die Werkstatt des berühmten Gießergeschlechts der -Hilliger vor dem Peterstor, aus welcher die herrlichen Grabplatten aus -Messing und die Bronzedenkmäler in der Begräbniskapelle der sächsischen -Fürsten am Dom, ferner die schönsten Glocken in Sachsen, heute noch -ein Stolz der Gemeinden, und weiter über seine Grenzen hinaus und -nicht zuletzt künstlerisch mit besonderem Reichtum und Geschmack -verzierten Bronzegeschütze in großer Zahl hervorgegangen waren. Das -Stammhaus der Hilliger stand in der Petersstraße, nicht weit vom -Tore. Ihr Familienwappen, ein Bär mit einem Zirkel oder Taster in den -Vorderpranken, ziert noch heute das alte Portal. Welcher Grimm und -Zorn mag Hilliger durchtobt haben, als wenige 100 Schritte von seinem -Hause die Stätte seiner Arbeit und Erfolge, seines Ruhmes und seiner -Existenz in Flammen aufging und der Funkenregen vom Westwinde über die -Stadt getragen wurde, als in Asche sank, woran sein Herz und seine -Kunst hing, und er ohnmächtig zuschauen mußte, ohne den Mordbrennern -heimzahlen zu können. -- Schönnickel zog ab, ohne sein eigentliches -Ziel zu erreichen. - -Viele Stürme und Wetter brausten so im Laufe der Jahre noch über die -starken Tore, Mauern und Türme, wie über die trotzigen Häupter der -Bürger dahin. Kein Sturm aber war stärker, kein Wetter war furchtbarer -als das der Belagerung der Stadt durch den schwedischen Feldherrn -Torstensson. Vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, rund -50 Tage, dauerte diese furchtbare Zeit, in der die Bürgerschaft mit den -Bergleuten und der kleinen Garnison einen Heldenmut gegen gewaltige -Übermacht und Ausdauer in größter Not bewiesen hat, so daß diese Tat -sich würdig neben die größten Heldentaten der Geschichte stellt, -ein leuchtendes Beispiel in dem Jammer und Elend jener Tage, ein -leuchtendes Beispiel und Fackel auch im Dunkel unserer Zeit! - -Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne steht der Spruch: »~Salus -urbis est concordia civium!~« Das Heil der Stadt ist die Eintracht -der Bürger. Dies Wort stand nicht nur auf dem Stadtplan eingeprägt, -sondern stand auch im Herzen und im Hirn jedes Bürgers und Bewohners -festgeprägt, eingehämmert durch die jahrzehntelange gemeinsame Not. - -Erst 1639, also 4 Jahre zuvor hatten sie zwei Belagerungen durch den -schwedischen General Banner ertragen und siegreich überstanden. Vom -2. März bis 20. März und dann zum zweiten Male vom 10. April bis -17. April hatte Banner versucht, die Stadt zu stürmen und manche -mannhafte Tat und mannhaftes Wort ist uns aus diesen schweren Tagen -überliefert. - -Mit gewaltiger Übermacht war Banner vor die Stadt gerückt und stand -plötzlich vor den Toren, denn ein dicker, finsterer Nebel war -eingefallen und hatte sich über die Stadt und das Land gewälzt, so daß -man sich nicht hatte in der Nähe erkennen können. »Solches hat bey drey -Stunden gewehret, daß jedermann dafür gehalten, es sey dieser Nebel -von Finnen oder Lappländern gemacht.« Banner nahm im Freibergsdorfer -Rittergut Quartier und begann alsbald mit der Beschießung, Schanzen -und Laufgräben zu bauen und in der Vorstadt zu sengen und zu brennen. -Mit seinem schweren Geschütz hat er angefangen »auff das Peters und -Erbische Thor zu spielen, und an beyden Orten über hundert Schösse -anbracht, dadurch die Brustwehren durchlöchert«. Er drohte, falls -die Stadt nicht übergeben würde, »wollte er keines Menschen schonen, -sondern allen die Hälse brechen!« Der Kommandant von Haubitz gab die -unerschrockene Antwort, »daß er den vertrawten Platz, vermöge seiner -Pflicht und geleisteten Eids ~mainteniren~ müste, solches auch biß auff -den letzten Blutstropffen trewlich thun wolte.« Es erinnert dieses Wort -an das berühmte Telegramm des unverzagten Verteidigers von Tsingtau, -des Gouverneurs von Meyer-Waldeck, in den ersten großen Tagen des -Weltkrieges: »Einstehe für Pflichterfüllung bis zum Äußersten«. Durch -Ausfälle und tapfere Gegenwehr wurde dem Feinde viel Schaden zugefügt. -Am 9. März sollte das Peterstor erstürmt werden und alle feindliche -Macht richtete sich gegen das Bollwerk. Nach starker Beschießung -stand der Feind mit Sturmzeug und Leitern bereit und versuchte von -dem vor dem Tore stehenden Zollhaus aus das Rondell, den schützenden, -runden Mauerbau vor dem eigentlichen Torturm, zu ersteigen. Sie sind -aber tapfer empfangen und mit Verlust zurückgetrieben und es ist auch -»durch außgeworffenes Geströde, Pech und Fewerkugeln, das Zollhauß in -brand gerathen, daß ein groß Fewer auffgangen, und sich der Feind mit -schimpff ~reterieren~ müssen. Die Schösse, so beyderseits geschehen, -sind unzehlich gewesen«. Während hier am Peterstor so der wilde Kampf -tobte, machte der Hauptmann Thörmer am Meißner Tor einen Ausfall, -fand keinen Widerstand »indem alles zum Hauptwerke fürs Petersthor -gelauffen, und auff eingebildete Eroberung der Stadt gewartet, hat er -nicht allein des Feindes angefangene Baterien niedergerissen, sondern -auch so lange sichere Verweilung gehabet, daß er viel Hew und Stroh, -so wegen der Pferde und Viehes fast beynötig gewesen, in die Stadt -einbringen können.« Dieses Stücklein zeigt, welch kecker Mut die -Verteidigung beseelte. - -Trotz dieses Mißerfolges schickte der Feind wieder einen Unterhändler, -dieses Mal einen ehemaligen Kriegskameraden des Kommandanten, der jetzt -im anderen Lager focht und nun die frühere Kameradschaft geltend machen -wollte. »Hat sich dabey beklaget, daß ihnen die weile gar lang für der -Stadt were.« »Dem der ~Commendant~ zur Antwort gegeben, die weile zu -vertreiben, wolte er ihm ein baar Spiel Charten liefern, inmassen er -auch dieselben hinauswerffen lassen.« Ein grimmiger Humor klingt aus -dieser Art der Verhandlung. Wort und Tat, Geist und Schwert werden von -_einem_ entschlossenen und geschlossenen Willen geführt! - -Einer späteren Aufforderung, das arme Volk, Weib und Kinder aus der -Stadt zu schaffen, damit nicht unschuldig Blut vergossen würde, ferner -die Stadt in Güte auffzugeben, sonst sollten die Bergwerke eingefüllt -und alles verwüstet und verdorben werden, setzte Haubitz die Antwort -entgegen: »Er wüste von keinem armen Volcke, und hette man in der -Stadt genung zu leben, deßwegen er nicht einen Hund naußgeben wolte; -die gantze Stadt were unschuldig, und hette wider die Kron Schweden -nichts verbühret, wolte der General sich nicht mit unschuldigen Blute -beflecken, so solte er für sich selbst der Stadt und der unschuldigen -Einwohner schonen. Mit dem Bergwercke müste er geschehen lassen, was -der General nicht unterlassen könte.« - -Nach diesen Abweisungen verdoppelte der Feind seine Anstrengungen, den -Trotz der Stadt zu brechen. Durch eine trommelfeuerartige Beschießung -wurde eine Bresche in die Mauer gelegt in der Nähe des sogenannten -Pestturmes, wo der Pestprediger, der ~pestilentialis~, während der -Seuche seinen vom Verkehr gesperrten Wohnsitz nehmen mußte, um -seinen Kranken mit Gefahr seines Lebens, aber ohne Gefahr für die -Allgemeinheit dienen zu können. Der Turm und die Mauer stehen heute -noch im städtischen Bauhofe an der Mönchsstraße. Der Turm ist jetzt -bis übers Dach mit Epheu umsponnen, ein rechter alter, sturmfester -Geselle mit grünem Wettermantel, und draußen auf der Feldseite zieht -sich am Fuße der starken Mauern der alte Stadtgraben entlang, und über -lauschige Promenadenwege rauschen hohe stolze Bäume. Wenn diese alten -grauen Quadern und Blöcke des Turmes und der Mauern erzählten könnten, -welch ein Heldenlied würde erstehen, wachsen und klingen von wuchtiger -Größe, von Tapferkeit im Kampfe, von todesmutigem Ausharren in Not -und Tod, von seelischer Größe und Opfermut im Ringen und Ausharren -gegen die furchtbare Seuche, welche als Geißel des Krieges die Seelen -und Körper des armen, mißhandelten, aus tausend Wunden blutenden, -hinsiechenden Volkes schlug! Doch die Steine schweigen. Ist es -vergessen und verklungen, daß Mannesmut und Opfergeist, daß zähe Treue -und Gottvertrauen den Sieg auch gegen Übermacht über Pest und Tod und -widriges Schicksal erzwingen können? -- -- - -Als der Sturm des Feindes gegen diese Bresche einsetzte, haben die -Verteidiger anfangs ein wenig zugesehen, »biß eine gute anzahl, und -wie man vermercket bey vierhundert im Graben, theils auch im Zwinger -und auff den Leitern gewesen, da dann die Trajoner und Bürger, so -im Zwinger hinter den Abschnitten im Fewer gelegen, eine grimmige -Salve unter sie gegeben, daß sie mit hauffen herunter gepurtzelt, -und bevoraus der Oberste Magnus Jahnsohn, welcher diese Völcker -angeführet, und sich hoch vermessen, er wollte und müste diesen -Tag in der Stadt seyn, nachdem er auff der Leiter kaum zur Bresche -hinein gegucket, geschwinde einen Schoß durch den Kopff bekommen und -abgestürtzet worden, welches, als es die andern, so hernach getrungen, -und den Sturm auch antreten wollen, ersehen, wie es noch außwendig -der Stadt so scharff hergangen und leicht erachten können, daß sie -inwendig der Mawren ein viel ärgeres zu erwarten hätten, haben sie -weiter nicht fortgewolt, ob sie schon von Officirern mit blossen Degen -hefftig angetrieben, auch etliche erstochen worden, sondern haben ihre -Mußqueten und ander Gewehre in Zwinger und Stadtgraben geworffen, -und sich ~reteriret~, denen die in der Stadt eilends nachgesetzet, -mit kurtzen Wehren, Schlachtschwerdten, Morgenstern und dergleichen -ihrer noch viel niedergemacht, und gute Beuten davon bekommen. Was -und wieviel vom Feinde diesen Tag umbkommen, hat man nicht eigentlich -wissen können, denn sie unterschiedene Personen der Beschädigten und -Toden weggeschleppet, auch unter andern einen Obersten Leutenant, laut -der Gefangenen Aussage, auff dem Rücken mit fortbracht. In Zwinger -und Graben sind etwan hundert Mann liegen blieben, darunter sich -ernenter Oberster Jahnsohn, ein Hauptmann, und etliche andere Officirer -mehr befunden, dabey zweene gequetzschte, die also fest und gefroren -gewesen, daß man ihnen auch mit Beilen die Köpffe nicht hat abhawen -können. Fünffe sind lebendig in die Stadt bracht, der Oberste, der so -gern in der Stadt seyn wolte, und der Hauptman beygesetzt, die andern -begraben worden. In der Stadt ist kein einiger Mensch umbs Leben -kommen, aber für dem Sturm über der Arbeit sind drey Bergmänner in -Schaden gerathen, darunter der eine verstorben.« - -Der Oberst Jahnsohn »soll zwar ein statlicher Soldat, doch ein -sehr grimmiger und blutgieriger Mensch (wie auch das Gesichte fast -außgewiesen) und laut der Gefangenen Bericht des Banners Schwester -Sohn gewesen seyn, deßwegen er von selben sehr lieb gehalten und hoch -betawert worden«. Wie vom Kampf um Trojas Mauern und wie von der Trauer -des Achill um seinen gefallenen Freund Patroklos’ klingt es aus dieser -Schilderung des Zeitgenossen, der selbst diese schweren und großen Tage -in den Mauern Freibergs mit durchlebt hat. - -Nach diesem Sturme war die Stoßkraft des Feindes erlahmt. Nach drei -Tagen kam der Stadt Hilfe von kaiserlichen und kurfürstlich sächsischen -Truppen. Banner zog sich zurück in der Richtung auf Chemnitz. - -Er soll geklagt haben, daß er soviel Verlust gehabt und daß ihm das -Glück in allen zuwider gewesen wäre, »sonderlich, daß er für diesem -Rattenneste etliche hohe liebe Officirer und über tausend Mann hatte -einbüssen müssen«. - -Banner dachte aber an Rache! Drei Wochen später stand er wieder mit -mächtigem Heere vor der Stadt. 20000 Mann und etliche 70 große und -kleine Stücke sollten die Stadt in seine Hand bringen und er dachte -mit Durst die trotzigen Bürger zu zwingen. Die Quell- und Röhrwässer, -deren Lage ihm Verräter gewiesen hatte, schnitt er ab und den Münzbach, -welcher die Stadt durchfließt, ließ er abstechen und in einen Schacht -leiten, so daß dadurch auch die Gruben überschwemmt, der Bergbau -zerstört und gefährdet und der heimliche unterirdische Verkehr der -eingeschlossenen Stadt mit der Außenwelt auf Gängen und Stollen -tief unter Tage behindert war. Gleichzeitig ließ er mit glühenden -Brandkugeln die Stadt beschießen. So glaubte er endlich den harten Mut -der Freiberger erschüttern zu können. Mit der Drohung, »daß keines -Menschen solte geschonet werden, so man sich ferner ~opponiren~ würde«, -schickte er seinen Generaladjutanten: »Er wüßte, daß nicht viel zu -leben und gantz kein Wasser in der Stadt sei« Die tapfere Antwort des -Kommandanten dagegen lautete, daß er seiner Pflicht genug tun und sich -wehren müste. »Es weren, Gottlob, bey der Stadt noch nirgends solche -~extrema~, daß man nichts solte zu leben haben. Was an Wasser abgienge, -were an Wein und Biere vorhanden, und dürffte ihm der General hier -keine andere Willfährigkeit als Kraut und Loth einbilden.« Nachdem er -noch einige Tage vergeblich vor der Stadt gelagert und manchen Schuß -in ihre Mauern gesandt, sah er wohl ein, daß nicht so leichten Kaufes -das »Rattennest« auszuheben sei. Nach einer Belagerungszeit von etwa -7 Tagen brach er auf und zog nach Böhmen. Die Stadt war frei! Vor den -Feinden draußen hatten die starken Mauern und Türme und der trotzige -Mut geschützt, doch wehe, wer schützt die Stadt vor den Freunden? -Starke Einquartierungen, Kontributionen, Steuern, Lieferungen drückten -die Bürger. Das ganze Land war unsicher. Feindliche Reiter schwärmten -überall umher und Marodebrüder folgten wie die Aasgeier den Spuren -der Truppen, sei es Freund oder Feind. Die Bestellung der Felder -konnte nur mangelhaft erfolgen und »über die grossen herumbstreifenden -vielfältigen Kriegsmäuse, hat es auch eine gewaltige Menge kleiner -Feldmäuse in Gärten, Äckern und Wiesen gegeben, welche nicht allein das -Getreide in Scheunen, sondern auch die Wintersaat im Felde durchfahren -und platzweise gefressen«. Wo noch etwas geblieben war, wurde es -gestohlen, obschon der Bürger kaum mehr das Brot zahlen konnte. - -Drei Jahre gingen so in Not und Sorgen, Kriegsgefahr und drückenden -Ängsten und Leiden dahin, eine Zeit, geeignet auch den härtesten Sinn, -die stärksten Herzen zu beugen und mürbe zu machen. Da zog sich ein -neues Wetter unheildrohend, finster um die Stadt zusammen. Das war das -Wetter, aus welchem die schwersten Blitze zuckten und das so recht -eigentlich die Feuerprobe für die Türme, Mauern und Bollwerke der -Stadt, wie für die silbernen Türme unentwegter Treue der Bürgerschaft -werden sollte. Die Schweden rückten mit neuer furchtbarer Macht heran. -Tilli war bei Breitenfeld am 23. Oktober 1642 geschlagen und seine -fliehenden Truppen eilten raubend und sengend vor den Schweden her, an -Freiberg vorbei nach Böhmen. Leipzig war am 26. November gefallen und -in der Gewalt des schwedischen Feindes, dem nichts mehr widerstehen -konnte, der »das gantze Land in grosse zerrüttung und verderbnüs -versetzet«. Wehe dir, kleines Freiberg, du Städtchen, dessen Mauerring -nur 2700 ~m~ lang und in einem halben Stündchen leicht umschritten -ist, dessen Längsachse nur 1000 ~m~, dessen Querachse nur 700 ~m~ -mißt, dessen Bürgerschaft durch Not und Teuerung, durch Pest und -Brandschatzung seit Jahren geschlagen und gepeinigt und mehr und mehr -vermindert und verarmt war, du willst mit deinen Mauern und Türmen -und deinen wenigen Männern dem Feinde trotzen, dem furchtbaren, -erbarmungslosen Torstensson, dem noch keine feste Stadt widerstanden, -der sieggewöhnt soeben erst in offener Feldschlacht auf dem blutigen -Plane von Breitenfeld 46 Stücke Geschütz eroberte!? Du Städtchen mit -deiner Besatzung von nur 290 Soldaten des Kurfürsten, wie willst du -der ganzen, von Sieg zu Sieg stürmenden schwedischen Armee trotzen, -8 Brigaden Infanterie, 104 großen und kleinen Stücken Geschütze, -5 Feuermörsern, 700--800 Reitern und noch 3 Reiterregimentern? Wie von -einer furchtbaren Lawine wirst du doch hinweggefegt werden, wie von -einer Sturmflut, die über dich zusammenschlägt, dich zerschmettert und -nur Trümmer hinterläßt! -- -- - -Und dennoch hat sie es gewagt! Sie sprachen trotzig ihr »Dennoch!« und -glaubten an das Wort: »Eine feste Burg ist unser Gott!« Täglich wurden -in jeder Kirche drei bis vier Betstunden abgehalten und als der Feind -Bresche geschossen hatte, hat der Vesper-Prediger Glaser jeden Tag -zweimal »und zwar offters mitten unter der Gefahr, und zunächst bey -den geschossenen ~brechen~, in mit anhörung der Feinde, die Betstunden -gehalten und verrichtet«. Das Gebet war ihr Harnisch, das Gebet war -ihre Mauer, die sie bauten, wo die Stadtmauer in Trümmer ging, im Gebet -überwanden sie die Schrecken und Verzagtheit, als strömten immer wieder -neue Kräfte ihnen zu und verzehnfachten die Zahl, die Kraft und den Mut -der Verteidiger. Die starken Kräfte der Seelen, die in unergründlichen -Tiefen des Glaubens wurzelten und daraus emporwuchsen, waren die -silbernen Türme der Stadt, welche keine feindliche Übermacht erstürmen -oder in Trümmer legen konnte. Wenn unser deutsches Volk im tiefsten -Innern seiner Seele sich solche silbernen Türme erst wieder baut, -dann hat noch heute die deutsche Not ihr Ende, denn stärker als das -Schicksal ist doch der Mut, der’s unerschüttert trägt. -- - -Die Führer in diesem Heldenkampf waren der tapfere Kommandant von -Schweinitz und der Bürgermeister Jonas Schönlebe. Als v. Schweinitz -zur Übergabe aufgefordert und gefragt wurde, ob er sich wehren wolle -angesichts der Übermacht, antwortete er, »der Feldmarschall solle -nicht fragen, er würde einen Soldaten an ihm finden.« Er hat dieses -Wort eingelöst und dem furchtbaren Ansturme des Feindes getrotzt. -Als schwedische Hauptstellung, die stark mit Geschützen besetzt war, -war die Johanniskirche und das alte Johannishospital mit seinem -Garten ausgebaut. Wo die alten Hospitaliten beteten oder ihre Ruhe -genießen wollten, brüllten die Kanonen, wieherten und stampften die -Pferde, heulten die glühenden Brandkugeln ihrer Vaterstadt entgegen -und donnerten an die Mauer des starken Petersturmes. Der Friedhof -um das alte Spittelkirchlein herum war von Schanzen und Laufgräben -durchwühlt. Den Toten war ihre Ruhe geraubt, um von dort Tod und -Verderben zu säen. Heute noch rauscht dort der grüne Wipfel der -mächtigen, ehrwürdigen Spittellinde, der Torstenssonlinde, unter der -Torstensson sein Zelt hatte, von wo er, durch die Gicht oft an den -Stuhl gefesselt, die Angriffe und wilden Sturmläufe auf das Peterstor -leitete, ein lebendiger Zeuge schwerster und großer Tage, ein Natur- -und Geschichtsdenkmal von besonderer heiliger Bedeutung. - -50 Tage dauerte die Belagerung und Bestürmung, vom 27. Dezember 1642 -bis zum 17. Februar 1643, während harter Winterkälte. Immer wieder -richtete sich der Sturm mit ungeheurer Wucht gegen das Peterstor. -Das Rondell, das starke, im Halbkreis vor den eigentlichen Torturm -vorgeschobene Mauerwerk, wurde von den Schweden erobert und bildete nur -noch einen Trümmerhaufen. Der Turm selbst war fast ganz zerschossen. -Von Stockwerk zu Stockwerk wurden die Geschütze tiefer gestellt, -weil Mauern und Gewölbe zusammenbrachen unter dem Gehämmer der aus -nächster Nähe feuernden Geschütze. Die vordere Hälfte des Turmes wurde -schließlich ganz in Trümmer gelegt, so daß nur noch die Rückwand als -zerschossene Ruine in die Lüfte ragte. - -Neben dem Turm wurde die Mauer zerschmettert, so daß eine Bresche von -20 Ellen Breite offenen Eingang in die Stadt verhieß. Offenen Eingang --- wenn nicht der Wall tapferer Männerherzen als eiserne Wehr die -Bresche geschlossen hätte, so daß kein Feind eindringen konnte! - - »Als zerbrochen war der Stein, - Stellten Bürger sich zu Mauern. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Und aus allen offenen Lücken - Tritt hervor manch Angesicht, - Brust an Brust zusammenrücken, - Und die Mauer selber ficht.« - -In jenen Tagen war mancher Bürger vier, fünf oder mehr Tage und Nächte -auf seinem Posten mit der Waffe in der Hand, das Gesicht zum Feind. - -Mit Laufgräben und Mörsern, mit Handgranaten und Minen und Gegenminen -wurde gekämpft. Wie ein Bericht aus dem Schützengrabenkriege im -Weltkrieg klingt es zuweilen in der Chronik, wenn man liest, wie die -Bergleute den Feind beim Bau seiner Laufgräben und Minen belauschten -und ihre Gänge dagegen trieben, Wasser hineinschlugen oder mit -Feuer und Pulver entgegenarbeiteten. Der Feind suchte den Mut der -Verteidiger, der tapferen Bürger, vor allem dadurch zu lähmen und zu -brechen, sie von den Mauern wegzulocken und die Verteidigungskraft zu -zersplittern, daß er ihre Straßen und Häuser immer wieder in Brand zu -schießen unternahm. Wenn ihre Häuser brennen und von ihren Dächern -die Brunst zum Himmel lodert, so war seine Rechnung, sucht jeder das -Seine zu retten. Die gierige Flamme im Rücken der Verteidiger sei der -Bundesgenosse. Feuerballen und Granaten wurden in die Stadt geworfen. -Pechkränze und brennende Lunten zusammengebunden, mit Schwefel -untermischt und dergleichen Mittel der Brandstiftung fielen auf Straßen -und Dächer tagaus tagein, fielen und entzündeten manche Feuersbrunst, -fielen auch und verlöschten. Was aber nicht fiel und verlöschte war -der Mut der Verteidiger. Da versuchte es der Feind mit Drohung und -mit Verheißung: Wenn die Stadt sich nicht ergeben wolle, ließ er dem -Woledlen, Vest- und Mannhaften Herrn Obrister Leutenant und Commandeur -und durch ihn der ganzen Bürgerschaft sagen, so habe sie »sich dieses -gäntzlich zu versehen, daß nicht allein die Stadt und Bürgerschaft mit -Fewer und Schwerd zu grund gerichtet, sondern auch Weib und Kind nicht -verschonet, und also verfahren werden, daß andere ~obstinate~ Örter -ein Exempel daran haben sollen«. Der Kommandant würde selbsten, »weil -er einig und allein ursache an dem unschuldigen Blut, so vergossen -werden möchte, und keine gütliche Offerten annehmen will, nicht als ein -~cavallier tractiret~ werden.« - -Welche schwere Versuchung für ein schwaches, ängstliches Herz, für -friedliche, stille Gemüter, die nur in Ruhe ihrer Arbeit, ihrem stillen -Berufe leben und verdienen wollten, jetzt nachzugeben, schwach zu -werden, die Tore zu öffnen und den so freundlichen Feind, der so viel -versprach, einzulassen! Dem aussichtslosen Kampfe, dem doch keine -Märtyrerkrone winkte, diesem Schrecken ohne Ende, ein glimpfliches -Ende zu bereiten, ein glimpfliches, nicht ein schimpfliches, denn der -»Ehre« war schon genug getan, mehr als in andren deutschen Städten -mit stärkeren Mauern und Türmen! -- Doch nein, in Freiberg schlugen -Heldenherzen unter dem Bürgerrock wie unter der bunten Jacke des -Soldaten. Die Stadt hielt stand, weil kein Verräter sich fand. Die -Stadt hielt stand, weil in der Bresche Männer als lebendiger Wall -todesmutig den Angriffen wehrten, die Stadt hielt stand, denn ihr -Spruch lautete »~urbis salus est civium concordia~«, das Heil, die -Rettung der Stadt ist die Eintracht der Bürger! ~concordia~ bedeutete -hier mehr als nur Eintracht, es war das Zusammengeschmiedetsein der -Herzen, zusammengeschmiedet durch Not und Tod zur Einheit für Leben und -Sterben. Nur solche ~concordia~ konnte die Rettung sein. - -Die Antwort auf die Drohung und Verheißung des Feindes war, daß man dem -Kurfürsten die Treue halten müsse, und im übrigen »dahin es lassen muß, -was Gottes Allmacht schicken wolle«. - -Ähnliche tapfere Worte klingen noch mehr herüber. Auch auf die -furchtbarsten Drohungen »es würde keines Menschen, auch des Kindes -im Mutterleibe nicht verschonet«, merkt man kein Schwanken in der -mannhaften Sprache, keine Übergabe: »Der Feind solle erfahren, daß so -viele redliche ehrliche Leute in der Stadt finden würde, die ihr Eyd -und Pflicht in acht haben, und biß auff den letzten Blutstropffen -ritterlich fechten, ja auch lieber sterben als zugeben würden, daß -diese freye Bergstadt und die ihrigen unter das schwedische Joch -gelangen solten«. - -Torstensson war es jedoch Ernst mit seinen Drohungen. Er unternahm -den Generalsturm auf die unglückliche Stadt, indem er zunächst durch -eine furchtbare Beschießung sie sturmreif zu machen suchte. Zwei Tage -lang hat er sie bombardiert und 2500 Stück Schüsse in ihre Mauern -geschleudert. Dann kam der eigentliche Sturm »mit unaussprechlicher -furi und Geschrey« zugleich auf das Peterstor, Erbische Tor und Meißner -Tor. Der Hauptangriff galt dem Peterstor, »da zugleich mit und unter -den stürmen die Feuerwerker, theils aus Mörseln, große schreckliche -Hauffen Steine, Ballen und Granaten in die Stadt geworffen, theils aus -groben Stücken auf die ~breche~ gespielet, und sonsten Creutzweiß und -also hefftig durch die Häuser ~flanquiret~, daß alles erbebet, und ein -solcher lerm in der Stadt worden, als wenn Himmel und Erden ineinander -gingen«. - -Während dieses furchtbaren Sturmes lag alles Volk, das nicht Waffen -führte, in den Kirchen betend auf den Knien und alle Glocken läuteten -und trugen mit ihrem Dröhnen den Notschrei der Stadt zum Himmel empor, -um schließlich mit dem Sange des ~Te Deum laudamus~ den Dank der -Erretteten emporzujubeln. - -Auch dieser furchtbare Angriff wurde zurückgeschlagen, so daß die -Feinde unter großem Verlust sich zurückziehen mußten »in großer -~confusion~«, wobei »aus Stücken mit Hagel und Kardetzschen, wie auch -aus Doppelhacken, gezogenen Röhren und Musqueten, noch großen schaden -unter ihnen gethan, ohne was durch ihr eigenes hefftiges schiessen -wider die ~brechen~ und Thürme geschehen, dadurch sie selbst von zurück -schlagenden Stückkugeln nicht wenig verletzet, theils auch mit Steinen -verfallen, und übel beschädigt worden«. Bei diesem Kampfe hat jeder, -der kämpfen konnte, die Waffe geführt. Der Kommandant Georg Hermann -von Schweinitz an der Spitze, nicht nur in Worten tapfer, hat »sich -tapffer und rühmlich sehen lassen, indem er nicht allein in allen gute -anstellung gemacht, und stets bey der höchsten Gefahr sich funden, -sondern auch selbst aus einem Schießloch am Thurme, zeit wehrenden -Sturms, Fewer gegeben, und Granaten außgeworffen, daß er dadurch vom -Pulver im Gesichte verletzet, und ihm der eine Schenkel ~blaissiret~ -worden«. Seinem Beispiele der persönlichen Tapferkeit folgten die -Offiziere, Soldaten, Ratsherrn und Beamten, Bürgerschaft und Bergleute. -»Ist auch jedermann darby unerschrocken, mutig und frewdig gewesen, -also daß etliche Mußquetirer, ungeschewet aller Gefahr, und des so -grimmigen Schiessens, auff die ~brechen~ gesprungen, mit Morgenstern -und Schlachtschwerdten ~agiret~ und Fewer auff den Feind im Graben -gegeben. Die eine Seite des Zwingers, da die ~breche~ am niedrigsten -und gefährlichsten gewesen, haben die Bürger, welche unter die -~Defension~ Fahne gehören, innen gehabt, und männlichen beschützt, -dabey sich der Stadt Leutenant Peter Schmol befunden, und tapffere -Gegenwehre gethan.« - -An diesen wackeren Peter Schmohl erinnert uns heute noch der letzte -Rest des Stadtmauerturmes am Peterstor, der uns an jener Stadtseite -erhalten geblieben ist aus der Heldenzeit der Stadt. Es ist der -letzte Stumpf des alten Rotgießerturmes, den Schmohl verteidigte. -Wenig beachtet und kaum verstanden steht er im grünen Rasen und über -ihm rauschen die hohen Bäume. Was könnte er wohl erzählen aus jenen -Tagen des Sturmes, als die weiße und die blaue schwedische Brigade -heranrückte mit fliegenden Fahnen und vollem Spiel, mit Leitern und -Sturmgerät, und des kleinen Häufleins todesmutige Tapferkeit dennoch -den Sieg errang! Diese wenigen Steine, dieser schlichte Mauerrest -verkörpert Geschichte, die mit der stolzesten Heldensage aller Zeiten -sich messen kann. Noch ein anderes schlichtes Zeichen, das sich im -Altertumsmuseum befindet, erinnert an den tapferen Peter Schmohl. Es -ist der Ehering, den er einst seiner Gattin Catharina am 3. Februar -1635 in der Nikolaikirche an den Finger gesteckt. Sie mag in den Tagen -der Belagerung und des Krieges besonders schwer getragen und gelitten -haben, da sie ihren Helden kannte, der sich nicht schonte, den sie -stets an dem gefährlichsten Posten wußte. Sie mag durch Seelenstärke -ihm eine starke Stütze gewesen sein. Eine treue Gattin und Mutter -war sie, und ihre Ehe war ein glückliche und kinderreiche, denn es -entstammten ihr 7 Söhne und 7 Töchter. -- Beim Bau der 3. Bürgerschule -auf dem Gelände der alten Nonnen- oder Jakobikirche stieß man im Jahre -1902 auf die Schmohlsche Gruft und fand außer den Resten eines braunen -Sammetkleides den Trauring. Der künstlerisch schöne goldene Reif, wohl -eine Arbeit Samuel Klemms, zeigt äußerlich ein zierlich gestaltetes -Sternenmuster, innerlich die Inschrift: »~Peter Schmol~ den 3. Febru. -1635« auf schwarzer Emaille. Nicht ohne Rührung schaut man diesen -Ring, der für das Leben des alten Freiberger Helden von so großer -Bedeutung war, und damit vielleicht auch für das Schicksal der Stadt in -schweren Tagen wichtige innere Werte umschloß. Seine Sterne haben nicht -getrogen. -- Auch das Wappen Peter Schmohls erzählt von seiner Art und -entsprach seinem Leben und seinen Taten. Es zeigte einen bewehrten Arm -mit einem Säbel in der Faust, die Helmzierde trägt drei Straußenfedern. -Er war ja der tapfere Arm seiner Vaterstadt, ein Kriegsmann, der -schon in der Schlacht bei Lützen und bei Nördlingen unter den Schweden -gekämpft hatte, ehe er heimkam und der Heimat diente. Am alten -Zinnpokal der Freiberger Defensionerschaft im Museum mit der Jahreszahl -1639, der auf dem Deckel einen alten Defensioner in Eisenrüstung trägt, -ist dieses Wappen im Lorbeerkranz an bevorzugter Stelle angebracht mit -der Inschrift: - - ~PETTER SCHMAL. LEUTENAMPT.~ - -Er war der erste Vorsteher der Gesellschaft und hat vermutlich den -Pokal mit anderen Mitgliedern unmittelbar nach seiner Ernennung zum -Defensionerleutenant gestiftet. Die schöne Form des Pokals mit dem -Schmuck der angehängten Münzen und den Gravierungen zeugt ebenso -wie der künstlerisch feine Ring dafür, daß Schmohl nicht ein roher, -ungebildeter Kriegsmann war, sondern daß lebhaftes Schönheitsempfinden -in ihm lebendig war. - -Drei Dinge erinnern so an Peter Schmohl, drei Dinge, die viel sagen -und zu deuten vermögen: Der Turm, der Ring, der Pokal, der mannhaft -erfüllte Beruf, die glückliche Ehe und die Geselligkeit mit wackeren -Männern, welche wie Sinnbilder die Summe seines Lebens, die Sinnesart -und die Taten dieses echt deutschen Mannes und Kämpfers für die Heimat -erklären, eines Mannes, dessen Freiberg dankbar gedenkt. Er stand -auf schwerstem Posten bei der Belagerung und mit wenigausgebildeten -Leuten, die sonst nur gewöhnt waren, ihren friedlichen Beschäftigungen -nachzugehen, denen er erst seinen Heldengeist einhauchen mußte durch -Wort und Beispiel und rücksichtsloses Einsetzen seiner Person. Seinem -Namen begegnen wir in den Berichten auf Schritt und Tritt und können -ihn noch zwischen den Zeilen vielfach lesen: Peter Schmohl einer der -besten Söhne Alt-Freibergs in schwerster Zeit! - -50 Tage dauerte die Belagerung, 50 Tage, von denen jeder mit neuer -Not und Gefahr, mit neuen Leiden, Sorgen und Ängsten blutigrot am -Morgenhimmel emporstieg und blutig in der Nacht versank. Der Mut -der Verteidiger blieb unerschüttert. In immer neuen Ausfällen und -tapferster Gegenwehr taten sie dem Feinde Abbruch, wenn auch der -Entsatz und die Hilfe, welche der Kurfürst versprochen hatte, und das -kaiserliche Heer, welches sie von Böhmen erwarteten, länger und länger -auf sich warten ließen. - -Die Not in der Stadt stieg immer höher, und sehnsuchtsvoll schaute -man von den Türmen in die Ferne nach Frauenstein, wo die Straße zu -den Höhen des Gebirges sich emporzieht, ob nicht die Kaiserlichen -nahten. Jede ungewöhnliche Bewegung bei den schwedischen Belagerern -wurde als hoffnungsreiches Zeichen nahender Hilfe gedeutet und brachte -doch immer wieder Enttäuschung. Am 23. Januar hatte ein wackerer -Bergmann, der sich bis zum Feldmarschall _Octavio Piccolomini_ nach -Böhmen durchgeschlagen und heimkehrend von den Schweden vor der Stadt -aufgefangen, ihnen aber wieder entwischt und in die Stadt zurückgelangt -war, Briefe des Feldmarschalls gebracht, daß er in wenig Tagen die -Stadt entsetzen werde und daß sie bis dahin, »wie bishero zu ihrem -unsterblichen Ruhm geschehen, dem Feinde noch mehrere gute Resistenz -erweisen, und zu keinem ~accord~ sich einlassen« solle. Dieses -Schreiben ist »der Stadt sehr tröstlichen gewesen«, aber 25 Tage lang -wurde jeder Tag eine neue Enttäuschung, denn das kaiserliche Heer -kam nicht. Immer wieder sandte man Botschaft an den Kurfürsten nach -Dresden und nach Böhmen an Piccolomini. Aus allerlei Zeichen des -Himmels suchte man Trost und Hoffnung zu gewinnen. Bald war es ein -schwarzes Kreuz, das am Himmel stand und sich zum Feinde hin bewegte, -bald war es brausender Sturm mit Donner gleich einem Erdbeben, ein -Ungewitter, das mit Feuer und Wasser den Feinden schadete, die Stadt -aber verschonte, bald waren es feurige Kugeln am nächtlichen Himmel, -welche rotfeurige Strahlen von sich gaben, bald hat es beim Feinde Blut -und Feuer geregnet, ohne daß die Stadt etwas davon verspürte, bald sind -Kinder und Bürger der Stadt in wunderbarer Weise vor Schüssen, die ihre -Umgebung zerschmetterten, unverletzt bewahrt geblieben, bald sind Minen -und Schüsse, welche der Stadt galten, den Feinden selbst verderblich -geworden. Alle diese tröstlich ausgelegten und empfundenen Zeichen -änderten aber nichts daran, daß täglich die Lage der Stadt schlimmer -wurde und der Grimm der Feinde, die Gewalt der Angriffe mit allen -Mitteln, namentlich mit Minen, Handgranaten und Feuer von Tag zu Tag -furchtbarer wurden. Am 9. Februar geriet das Peterstor in die Gewalt -der Schweden, und ihre Schüsse fegten von dort in die Petersgasse -und ihre Häuser, auf die Mauern und Türme, welche von dort im Rücken -oder Flanke beschossen werden konnten. Doch grimmig wehrte sich der -Freiberger Löwe: War auch das Tor gebrochen, die Straße, den Weg gab -er nicht frei. Eine starke Batterie wurde in der Petersstraße gebaut, -welche das jetzt feindliche Tor unter wirksames Feuer nahm, so daß der -Feind sich in die unteren Torgewölbe zurückziehen mußte. Alle Häuser -der Petersstraße wurden durchbrochen, so daß sie wie ein Wehrgang -untereinander verbunden und mit Musketieren stark besetzt zu feuer- und -verderbenspeienden Mauern werden konnten, falls der Feind hätte weiter -vordringen wollen. Der Schwede erkannte wohl, daß dieser Weg in die -Stadt, den nicht mehr Mauern, sondern eine eiserne Wehr von Männern -verriegelte, ein Todesweg für ihn sein würde und wagte sich nicht -weiter vor zwischen die grimmigen Tatzen des Löwen. - -Der letzte wilde Verzweiflungskampf der Stadt schien heranzunahen. -Doch auch bei den Feinden machte sich Unruhe bemerkbar, da sie wohl -Kunde hatten vom Heranrücken des kaiserlichen Heeres. Am 10. Februar -langten Boten in der Stadt an, daß in längstens acht Tagen die -kaiserliche Armee Freiberg befreien werde und ihre Ankunft durch ein -oder zwei brennende Häuser in Lichtenberg und durch Kanonenschüsse -von der Höhe melden würde. Diese Frist war noch eine harte Probe für -die Verteidiger, denn der Feind setzte alles daran, die Stadt noch zu -gewinnen. Tag und Nacht dauerte das Schießen und das Granatenwerfen. -Granaten von 1 Zentner Gewicht fielen in die Straßen und auf den -Obermarkt, töteten Bürger und richteten manchen schweren Schaden an. -Mit Minen wurde ein unterirdischer Kampf geführt: »Abends sind des -Feinds Minirer und die Bergleute in der Stadt unter der Erden so nahe -zusammen kommen, daß die Bergleute den Feind hören reden.« Auch durch -Verhandlungen und Versprechungen suchte nochmals der Schwede die -Stadt zu gewinnen. Alles vergeblich, alle Versuche prallten an der -todesmutigen, stahlharten Treue wirkungslos ab. - -Man glaubte mit allen Fasern des Herzens an die baldige Erlösung, und -als in der Nacht vom 15. zum 16. Februar die verabredeten Zeichen -die Nähe des kaiserlichen Heeres kündeten, konnten weder Drohungen -noch glatte Worte, noch alle Wut des Ansturmes den tapferen Mut mehr -erschüttern. - -Das Morgenrot des 17. Februars 1643 brachte die Befreiung aus der -furchtbaren Not. Der Feind rückte ab, die Stadt war frei. Staunend -sahen die kaiserlichen Offiziere, an ihrer Spitze Oktavius -Piccolomini, was die Stadt geleistet, und man hat sich verwundert, »wie -man gegen einen dermaßen mächtigen und grimmigen Feind solchen Ort also -lange halten können; deßwegen auch die Standhafftigkeit, Fleiß und -tapffere Gegenwehr der redlichen Guarnison und trewen Bürgerschafft -hoch gerühmet«. - -Der Feind aber hat die »Stadt Freybergk verwüntschet und verfluchet, -und das schöne Volk beklaget, so dafür sitzen blieben«. Man hätte -Nachricht, »daß über dreytausend Mann für der Stadt sich verlohren: -Man hette ingemein die Stadt nur die Hexenstadt genennet, und dafür -gehalten, es gienge mit zaubern zu, daß man bey so überaus grossem -Ernste eine Landstadt nicht gewinnen könte«. »Der General Torstensohn -were darüber so erzürnet gewesen und hette ihm gäntzlich fürgesetzet, -außzutawren, und die Stadt sambt aller Zubehör ohne Schonung einiges -Menschen in grund zu schleiffen«. - -4500 Schüsse aus großen Kanonen, etliche hundert Würfe aus Mörsern, -14 Minen hat er angebracht und hat dennoch, trotzdem er »schon den -Stadtgraben, Zwinger, und das eine Thor, sambt den beygelegenen Thurm -in seiner Macht gehabet, und die Ringmawer auff etliche zwantzig Ellen -also niedergefüllet, daß er ebenes Fusses in die Stadt lauffen können, -sich doch derselben nicht vollends bemächtigen mögen«. Wohl nie zuvor -war das ~Te Deum laudamus~ so »mit hertzlicher Freude und Andacht« -gesungen und im jubelnden Dankgottesdienst das Jauchzen der Erlösten -zum Himmel gestiegen, und auch nach den Predigten so froh »mit allerley -~instrumenten~ lieblich ~musiciret~« worden, um den Dank emporzutragen, -als bei dem Dankfeste am 26. Februar 1643. Der Feind hatte gar übel -draußen gehaust. Die Hospitalkirche war verwüstet und entweiht, -Gestühl, Kanzel, Emporen, Bilder usw. verbrannt und zerstört. Häuser -waren abgebrochen, verbrannt und vernichtet, Balken ausgeschnitten, -Tür und Tore ausgerissen, die Obstbäume nah und fern abgehauen. In -den Bergwerken waren »die Fahrten verderbet, der Vorrath an Ertzen -verschüttet, die Wercke, Glethe, Herd und anders in Hütten weggenommen, -die Räder und Wellen zerhawen, die Öfen eingerissen, die Künste und -Zeuge verbrennet und solcher schade geschehen, der nicht genugsam kan -geschätzet noch beschrieben werden.« - -Die festen Mauern, die festen Tore und Türen haben nicht dem Ansturm -des Feindes standgehalten, die festen Herzen blieben unerschüttert, sie -blieben stärker als das Schicksal! -- -- -- -- - -Im Albert-Museum zu Freiberg liegt im Kleinodienschranke eine -schimmernde, kunstvoll aus massivem, goldenem Bande geflochtene Kette. -Kaiser Ferdinand III. hat sie als Lohn und Dank für die tapfere -Verteidigung nach der Belagerung dem wackeren Bürgermeister Jonas -Schönlebe verliehen und ihm zugleich den Adel angeboten. Für die Stadt -hatte Schönlebe seine ganze Kraft und Leben, seine ganze Persönlichkeit -eingesetzt und mit ihm seine Freiberger bis zum letzten Mann. Wenn er -diesen goldenen Schmuck sich über die Schulter legte, so trug in ihm -die ganze Stadt gleichsam dieses Kleinod als Ehrung für ihren Mut, ihre -Treue und Tapferkeit, ein unschätzbares Sinnbild und redendes Zeichen -von der Treue wie Gold. Mit leuchtenden Worten singt es und sagt es -seit Jahrhunderten und in die kommenden Tage hinein von der Ehre der -Stadt, der alten, freien, getreuen Bergstadt, von der Stadt mit den -silbernen Türmen, den Türmen der Treue, von festen Mauern und festen -Herzen. - - - - -Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus. - - -Aus dem Stadtplan von Freiberg kann man auch die Entwicklungsgeschichte -der alten Stadt lesen, die in großen unverwischbaren Zügen ihr -aufgeprägt ist. Der Stadtplan ist gebaute Geschichte. Da ist -die erste dörfliche Siedlung des alten Christiansdorf in den -unregelmäßig und scheinbar willkürlich sich zusammenschließenden -Gassen der Sächsstadt erkennbar, da zeigt sich die Unterstadt mit -dem Untermarkt und Dom als weitere Stufe der Entwicklung zur Stadt -und endlich schließt das Gründungswerk Ottos des Reichen und seiner -Nachfolger die Stadtbildung ab. Die westliche Hälfte der Stadt mit dem -Rechtecksschema des Straßennetzes, das sich an die von Norden nach -Süden durchlaufende Hauptachse des Straßenzuges der Erbischen Straße -und Burgstraße anschließt, verrät deutlich und klar die ordnende Hand -des Städtebauers, der nach bestimmtem Plane Straßen und Plätze anlegt -und die Bauflächen absteckt und schließlich das Ganze mit starker, -wehrhafter Mauer umgibt. Im Herzen der ganzen Anlage, dort wo der -Hauptverkehr vom Peterstor und Erbischen Tor und von den anderen -Himmelsrichtungen her zusammenströmt, liegt der große, rechteckige -Obermarkt mit dem Rathause. Dort erhebt sich in unmittelbarer Nähe -am höchsten Punkte der Stadt mit dem höchsten Turme der Stadt die -Peterskirche als Hauptpfarrkirche der neuen Gründung und bereichert -durch ihre wirkungsvolle Baugruppe das Stadtbild. Der Obermarkt -selbst ist ein Meisterwerk geschlossener Raumbildung und wirkt mit -seinen harmonisch gebildeten Häuserwänden und hohen, altertümlichen -Dächern wie ein gewaltiger Saal unter freiem Himmel. Die Türen, welche -in diesen stolzen Saal hineinführen, die Straßenöffnungen, sind -so geschickt angelegt, daß nirgends die Geschlossenheit der Wände -unangenehm unterbrochen wird. Es sind keine Prachtgebäude mit üppigem -Beiwerk, mit sprudelndem Reichtum der Formen und Ornamentik, von -denen eins das andere wohl überbieten möchte, nein es sind einfache -schlichte Glieder einer großen Familie, die zusammengehören und -zusammenhalten, die ihr bescheidenes Gewand mit Würde tragen. Es sind -anständige, ehrenfeste Bürger, die dort um den Markt sich sammelten -und nun Schulter an Schulter stehen. Nur hie und da ein reicheres -Portal, ein Giebel, ein Erkerchen, ein Bildwerk, eine schöne Haustür -unterbricht die Schlichtheit und Ruhe der Fassaden ohne viel Gesimse, -Fensterumrahmungen und Ausladungen. - -Und alle diese wackeren, wortkargen Bürger schauen hinüber zum -Rathause, dem Hause, in dem sie seit alters Rat geben, Rat nehmen, Rat -suchen und Rat finden, wo das Herz der Stadt liegt, das durch seine -Arbeit den Lebensorganismus der Stadt im Gange hält, das den Lebenssaft -des Blutes durch alle Adern, Nerven und Muskeln des Körpers treibt und -ihn lebendig und regsam erhält. - -Das Rathaus paßt so recht in seiner behäbigen Ruhe und Schlichtheit -zu den Bürgerbauten des Obermarktes. Breit gelagert mit ragendem Turm -und zierlichem Erker aus alter Zeit, mit Giebeln und Dachaufbauten -aus neuer Zeit, ist es ein Ausdruck geschlossener Kraft und stolzen -Bürgertums, anspruchslos aber in ruhiger Sicherheit seinen Platz -behauptend. Seine Geschichte zu erzählen, hieße die Geschichte der -alten Bergstadt selber erzählen, denn auf dem Obermarkt und in den -Räumen des Rathauses pochte am lebendigsten das Wollen und Wirken, das -Leben und Weben aller geistigen und wirtschaftlichen Kräfte der Stadt, -und so wurde es zum Ort und Ausdruck allen Geschehens, zum Sinnbild des -Geistes und der Geschichte der Stadt. - -Viele Jahrhunderte hat es den Stürmen schon Trotz geboten, hat es im -Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not, bei Seuchen, -Pestzeiten und Stadtbränden, aber auch bei rauschenden Festen der -Bergknappschaft, der Bürgerschaft, dem Rate, den Zünften, und ja, auch -Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes Dach geboten. Von -Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit und Aufopferung, von Blut -und Tod, von jauchzendem Leben und Kerkernacht flüstern und raunen die -mächtigen Quadern der Wände und alten Gewölbe, singt und stöhnt der -Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel saust und die Fledermäuse im -krachenden Gebälk über der Stundenglocke aufscheucht. Und tief drunten -in den unterirdischen Gewölben werden um Mitternacht unheimliche -Schatten lebendig, Schatten, vor denen dein Herz vor Grauen bebt wegen -der furchtbaren Taten, die sie getan, Schatten, vor denen dein Herz -vor Erbarmen zittert, wegen der furchtbaren Strafen, die sie erlitten, -erlitten wohl manchmal ohne Schuld. - -Dieses unterirdische Rathaus mit seinen wuchtigen Tonnengewölben stammt -aus den ältesten Zeiten der Stadt und hat in seiner urtümlichen Gestalt -alle Stadtbrände und Zerstörungen, Umbauten und Neubauten unversehrt -überstanden. - -Die etwa 1170 neugegründete Stadt war rasch emporgeblüht. Aus allen -Stämmen Deutschlands war die Bevölkerung gemischt. Abenteurer und -Glücksjäger, die rasch reich werden wollten und Gott und Teufel nicht -fürchteten, verwegene Gesellen aller Art mögen nicht selten gewesen -sein. Eine eiserne Rechtspflege und rasche schwere Sühne jedes -Verbrechens konnte da nur Rechtssicherheit schaffen und erhalten. Der -Obermarkt war das »~forum~«, die Dingstätte, wo unter freiem Himmel -Recht gesprochen, wo auch die Strafen an Leib und Leben vollzogen -wurden. Am Obermarkt wurde dann in der Mitte der Ostseite das -»Dinghaus«, vermutlich nur eine offene Halle, eine »Gerichtslaube«, -errichtet, zunächst nur, um eine geschützte Stätte für Recht und -Gericht, verbunden mit Gefängnis, zu haben, dann in weiterer -Entwicklung für Beratung und Verwaltung gemeinsamer Angelegenheiten. -Dieses uralte Dinghaus ist nach meinen Untersuchungen in seinen -Grundmauern oder besser Kellergeschoß noch wohl erkennbar und erhalten. -Es ist z. T. umschlossen von den Grundmauern und Kellerräumen der -späteren Erweiterungsbauten des Mittelalters und mag etwa 11 ~m~ Tiefe -bei 9 ~m~ Frontlänge am Markte gehabt haben. Vielleicht ist auch das -Erdgeschoß wenigstens z. T. in den Wänden noch erhalten in dem Raume, -der jetzt die Feuerwehrgeräte birgt und in früheren Jahrhunderten die -alte Wage, »die Ratswage für Kaufmannsgüter«, enthielt. Es ist ein -hallenartiger, rundgewölbter, nach dem Obermarkt offener Raum, der -sehr wohl als offene Halle zum Gerichthalten vor allem in frühester -Zeit gedient haben mochte, von wo aus der Verurteilte unmittelbar -hinaus zum Markte, zur Richtstätte, zum Tode geführt werden konnte. -Der schwarze Stein, der die Stätte der Enthauptung Kunzens von -Kauffungen bezeichnet, liegt grade gegenüber. Kunz mag nicht der erste -gewesen sein, der an jener Stelle gerichtet wurde. Offene Hallen, die -»Gerichtslauben« am Markte, sind noch in manchen mittelalterlichen -Städten in Verbindung mit dem Rathause erhalten. - -Unter dieser Halle, ursprünglich nur durch einen Schacht mit Leiter -zugänglich, liegt der im Volksmunde mit »Marterkeller« bezeichnete -Raum, das wuchtige schwere Kellergewölbe des Dinghauses der ältesten -Zeit, Gerichtslaube, Marterkeller und Gefangenenzelle in engster -furchtbarer Verbindung. Nur sehr wenig Freiberger sind in diesem -schwerzugänglichen Raum gewesen, dessen Dasein nur noch wie eine dunkle -Kunde in der Öffentlichkeit hie und da bekannt oder halb vergessen -ist. Es ist ein Raum von etwa 4 ~m~ Breite und 8 ~m~ Länge mit einer -tiefen seitlichen Nische von 1,50 ~m~ Tiefe und 2,70 ~m~ Breite. Er ist -von schwerem Tonnengewölbe aus Bruchsteinen überdeckt und seine Wände -sind z. T. in Felsen gehauen. Kein Lichtstrahl fällt hier herab, kein -Schrei eines zermarterten und gefolterten armen Sünders oder auch nur -Verdächtigten drang aus dieser schwarzen grauenvollen Tiefe durch die -Felsenmauern und Gewölbe zur barmherzigen Oberwelt. - -Eine winzige Zelle, z. T. aus dem Felsen gehauen, öffnet wie -ein schwarzes Grabgewölbe seine schmale, enge, niedrige Tür zum -Marterkeller. Nur zwei Schritt lang in der Länge und Breite ist dieses -furchtbare Verließ, so daß der, der hier sitzen mußte in Finsternis -und Dunkel, in Zwang und Eisen, gefesselt in Ketten, mit Gewichten -belastet, nicht einmal auf dem feuchten, harten Felsboden sich -ausstrecken konnte. Bei jeder Bewegung in dieser schwarzen Nacht der -Verzweiflung konnte er sich am harten Stein den Schädel einrennen. Der -Unglückliche, welcher hier der hochnotpeinlichen Frage entgegenbebte, -mochte glauben, in einen wahren Höllenabgrund gestürzt zu sein, aus -dem ihn wahre Teufel zu weiteren Höllenqualen führen sollten. Wie -Furchtbares mögen diese Wände und Gewölbe gehört und gesehen haben an -Qualen, Blut und Not an Leib und Seele, an Roheit, Grausamkeit und -unmenschlicher Verworfenheit, wovon ein Kind unserer Zeit sich schwer -einen Begriff zu machen vermag. Die jetzt im Freiberger Altertumsmuseum -befindlichen Marterwerkzeuge, die ehemals an diese Mauern geschmiedeten -Halseisen und Ketten, die Daumenschrauben, der »gespickte Hase«, das -Streckbett und wie diese Henkerswerkzeuge alle heißen mögen, die Haken -in der Decke, an denen die Opfer der Tortur zur Peinigung in die -Höhe gezogen wurden, sie legen Zeugnis ab von den blutigen Schrecken -und Entsetzen der »scharfen Frage«, die hier in verschiedenen Graden -gestellt wurde. - -Der Chronist Möller berichtet einmal von den furchtbaren Strafen, die -hier vollzogen wurden. Ein Tagelöhner, Simon Kastner, hatte einen -Bürger und Kramer, Andreas Köhler, mit seinem Weibe, dem Sohne und der -Tochter in seinem Hause auf der Futtergasse mit der Holzaxt erschlagen -und das Haus, nachdem er es beraubt, in Brand gesteckt. Er wurde aber -ergriffen und man hat »weil er nicht allein diese, sondern mehr andere -grewliche Thaten bey der ~tortur~ bekennet, ihm seinen verdienten Lohn, -nach ergangenen Urtheil und Recht, wiederfahren lassen, also daß er -erstlich sechsmal mit glüenden Zangen zerfleischet, als einmal für dem -Rathhause, zweymal für der Erschlagenen Hause, zweymal auff dem Markte, -und einmal auff der Petersgasse, für dem Kramladen in Michael Pragers -Hause, daraus er den Sohn selbst abgeholet und heimkommen heissen, -ehe er ihn erschlagen. Hernach ist er auff dem Rabensteine, damit es -jederman sehen könne, von unten auff gerädert (da er denn, als er schon -sieben und zwantzig starke Stösse mit dem Rade auff die Schenkel, Arme -und Leib außgestanden, noch den Kopff auffgerichtet, und zu trincken -begehret) letzlichen auff ein hohes Rad geflochten, die Mordaxt über -ihn auffgestecket, und zu dessen Gedächtnis eine Schrifft auff ein -Täfflein an die Seule, darauff das Rad gestanden, angeheftet worden.« -Für die mittelalterliche Justiz ist bezeichnend, daß die Rechtsprechung -und Strafe in vollster Öffentlichkeit geschah und bei den Strafen vor -allem durch Abschreckung »zum Abschew und Exempel« gewirkt werden -sollte. Der Verbrecher wird durch die ganze Stadt geschleppt und dann -erst auf dem Rabenstein, »damit es jedermann sehen könne« langsam zu -Tode gemartert. Wir gehen jetzt mildere, vielleicht allzumilde Wege -in den Strafurteilen und der Strafdurchführung. Die Strafe soll zur -Besserung dienen. In jenen Zeiten mag durch solch blutiges, widerliches -Schauspiel zum Abscheu und Exempel wohl mehr die Roheit des gemeinen -Pöbels gesteigert als eine Steigerung der sittlichen Kräfte erreicht -worden sein. - -Wieviele, auch unschuldige Menschen und adlige Seelen mögen hier im -Marterkeller unter blutigen Folterqualen zu furchtbaren, unmöglichen -Geständnissen gepreßt worden und zu einem qualvollen Verbrechertode -geschleppt worden sein! -- Gespenstisch zucken die Schatten im Raum, -den unsere Leuchte nur schwach erhellt. Hören wir nicht ächzen -und stöhnen hinter uns oder dort vor uns? Kam nicht ein schwerer, -todesbanger Seufzer, ein grauses Röcheln aus jenem dunklen Winkel? -Ist dort nicht Blut, Menschenblut an jenen Steinen der Wand? -- Es -schnürt uns die Kehle zu, als griffe jemand mit kalter, klammernder -Faust uns an die Gurgel, ein Schauer geht über den Rücken, als hauchte -uns der kalte, keuchende, gespenstische Atem Gefolterter an. Es ist -uns, als senkte sich das schwere Gewölbe mit seiner Last von Blut und -Schuld über uns hernieder, als rückten die Wände in ihrer schreckhaften -Finsternis näher und näher zusammen, um uns zu erdrücken, als kämen wir -nimmermehr aus dieser grauenhaften Nacht zum barmherzigen Lichte empor --- -- -- -- hinaus! hinaus! Wir wenden unsere Schritte zum schmalen -Ausgang zur steilen Treppe, die in die Tiefe führt, die uns wieder zum -Lichte führen soll. - -Draußen aber atmen wir tief und voll die köstliche Luft der goldenen -Freiheit. -- -- - -Wenn für die älteste Zeit und bei der raschen Rechtspflege, die nicht -viel Umstände machte, der Marterkeller mit der einen Einzelzelle -genügte, so brachte das Anwachsen der Bevölkerung, die erweiterte -Gerichtshoheit der Stadt und auch vielleicht der Stadtbrand von 1375 -den Zwang und die Gelegenheit, Erweiterungswünschen und Neubauabsichten -nachzugehen. Ein regelrechtes unterirdisches Gefängnis wurde im neuen -Rathausbau angelegt mit drei nebeneinanderliegenden Zellen, die z. -T. in den Felsen gehauen sind und Mauern von 1½ ~m~ Stärke haben. Im -Erdgeschoß des Rathausturmes wird uns eine Falltür geöffnet und wir -steigen durch die viereckige Schachtöffnung auf einer Leiter in die -schwarze Tiefe hinab. Dumpfe Luft, wie aus einem Grabgewölbe, schlägt -uns entgegen. Am Ende eines 7 ~m~ langen, mit schwerem Tonnengewölbe -überdeckten, 2 ~m~ breiten Ganges befindet sich eine kleine, -schmale Türöffnung in der Seitenwand, welche wir nur tief gebückt -durchschreiten können, um zu den engen Vorplätzen der Einzelzellen -zu gelangen. Drei Vorplätze und drei Zellen reihen sich aneinander, -derart, daß jede Zelle besonders verschließbar ist und einen besonders -verschließbaren, engen Vorraum hat. Wie eine enge Spalte im Felsen -wirken die drei Vorräumchen, zu denen sich die winzigen Öffnungen -der dunklen Zellengräber wie schwarze Stollen unheimlich öffnen. Die -Türöffnungen oder besser Türschlitze in den meterdicken Mauern sind -nur 50 ~cm~ breit und so niedrig, daß nur ein Kind ohne tiefes Bücken -hindurchzuschlüpfen vermag. Kein Lichtstrahl fällt in diese Räume, -keine Lüftung ist vorhanden. Durch die Spalten im Felsen sickert das -Grundwasser und feuchtet den Boden und die Wände. - -In der letzten dieser unheimlichen Zellen hat Kunz von Kaufungen, der -Prinzenräuber, seinem Spruche entgegengeharrt. Sechs Türen mußten -geschlossen werden ehe man bis zu diesem Gefangenen vordringen konnte. -Hier in diesem finsteren, unterirdischen Felsengrabe und dort oben an -der Stelle des schwarzen Steines auf dem Markte fand ein Schicksal -seinen Abschluß, das für ein Drama wirkungsvollen Stoff bieten könnte. - -Wer war dieser Kunz von Kaufungen? Ein Michael Kohlhaas, der um -sein Recht bis zur Selbstvernichtung kämpft, oder ein gewöhnlicher -Raubritter, Verbrecher und gemeiner Verräter? Nein, nicht mit einem -Namen, Wort oder Etikett ist ein Charakter, ein Menschenschicksal -erschöpft und beurteilt. Verstehen ist mehr als richten! Kunz war -ein ganzer Mann, ein tapferer Ritter, der sich in vielen Schlachten -bewährt und den Herren, für welche er das Schwert gezogen, treue -Dienste geleistet hatte. Im sächsischen Bruderkriege, der fünf Jahre -dauerte, hatte er für den Kurfürsten Friedrich den Sanftmütigen -tapfer gekämpft, denselben Kurfürsten, gegen den er sich später -erhob und der sein Schicksal wurde. Seine Bildung scheint eine für -einen Edelmann des 15. Jahrhunderts nicht gewöhnliche gewesen zu -sein; er war nicht nur des Lesens und Schreibens kundig, sondern die -unter seinem Namen ausgegangenen Schriften zeugen auch von einer -gewissen Kraft und Gewandtheit des Ausdrucks. So wurde er Hauptmann -und Voigt auf dem Schlosse zu Altenburg und der Kurfürst sagte von -ihm _nach_ dem Prinzenraube: »Kunz sei ihm nie, kein Tag und keine -Stunde, unsicher gewesen und habe von ihm und den Seinen viel Gutes -empfangen, alles auf guten Glauben und Vertrauen, die er zu ihm vor -Andern gehabt habe.« Sollte dieses Urteil unverdient gewesen sein? -Später finden wir Kunz im Dienste der alten Reichsstadt Nürnberg im -Kampfe gegen den Markgrafen Albrecht Achilles. Er war der Hauptmann -der Armbrustschützen und hat mit großer Tapferkeit und Treue für die -Stadt gefochten und auch sein Blut vergossen. Die Nürnberger Chronik -sagt von einem Ausfall: »... auch ward Kuntz von Kauffungen auf den -Tag mit einem Pfeil durch den leib geschossen, doch ward er geheilt -und gesunt (der war der stat diener, ein Edelmann).« In einem anderen -Schlachtbericht heißt es: »Ein ander Hauf ward gemacht, der waren bei -50 gereisigen und des was ein Hauptmann der edel und menlich Conrat -von Kauffungen; be ihm waren die erbern (Patrizier) Gabriel Tezel, -Wilhelm Loffelholz und mere erbern auß der edeln stat Nürnberg.« Wenn -man bedenkt, wie selten in diesen Kriegsberichten die Anführer genannt -und die Taten Einzelner hervorgehoben werden und daß in seiner Schar -die stolzen Patrizier sich befanden, so kann man auf die hohe Achtung -schließen, welche Kunz sich erworben hatte. Das zeigt auch der -Bericht von der Schlacht am Pillenreuter See, durch welche der Krieg -gegen Albrecht siegreich für Nürnberg entschieden wurde: »Also ließ -der edel Herr von Blawen aufdrumeten und legt’ ein sein sper und rait -frischlich gegen den feinten. indem ward sich auch mengen der edel und -fest Conrat von Kauffungen mit seinen gesellen unter die feint. Indem -sich die mennlichen der spitzen von Nürnberg so hart hielten und so -keck und menlich gegen den feinten ritten gar in still und mit keinem -geschrei, da hub sich zu fliehen der Fürst« (Markgraf Albrecht). Ja, -auch im Liede wurde Kunz von Kauffungens Anteil an diesem stolzen Siege -gefeiert und der Rat zu Nürnberg erneuerte den Soldvertrag mit ihm -auf weitere drei Jahre unter Erhöhung seines Soldes und es heißt von -ihm: »er hielt sich gar redlich also, daz in meniglich liep hat.« Und -dieser tapfere, redliche Kriegsmann, den man in Nürnberg im Jahre 1452 -»meniglich liep hat«, soll im Jahre 1455 nur ein Räuber sein? Nein, -nimmermehr! Ein Mann war er, der herrisch für das, was er für sein -Recht hielt, eintrat bis zum äußersten, und im trotzigen Vertrauen auf -seine Kraft, wenn ihm sein Recht nicht wurde, sein Recht sich selber -holte. Die mittelalterliche Auffassung vom Rechte und der Freiheit -eines Ritters, der nur dem gehorcht, dem er gerade seine Dienste -geweiht, und der auf eigne Hand Fehde führen darf, stieß hart zusammen -mit der stärker und stärker sich ausprägenden Macht des Landesfürsten -und dem Untertanenverhältnis und mit neueren Rechtsauffassungen und -Auslegungen, die ihm zuwider waren. Es ist das Drama des ausgehenden -Rittertums. Der Grund zu den Zwistigkeiten zwischen dem Kurfürsten -und Kunz war der Streit um das leidige Mein und Dein! Kunz fühlte -sich ungerecht behandelt; ein Gut, das ihm zustand, sei ihm trotz -treuer Dienste vorenthalten worden. Der Kurfürst beschuldigte ihn -verschiedener Raubrittertaten, feindseliger Gesinnung und des -Verrates mit Böhmen, das ihm feindlich gesinnt war. Eine Einigung kam -nicht zustande. Einen anscheinend stark vom Kurfürsten beeinflußten -Schiedsspruch eines Schiedsgerichtes erkannte er nicht an, und so griff -er denn trotzig zur Selbsthilfe. Vielleicht auch standen wirklich -weitergehende politische Absichten im Hintergrunde und dadurch, daß -er sich mit dem Raub der Prinzen vom Schlosse zu Altenburg Geiseln -und sichere Unterpfänder schaffte, diente er nicht nur seiner Rache, -indem er das Herz des Vaters traf, und seine Forderungen durchsetzen zu -können glaubte, sondern er hatte vielleicht einen Mächtigeren im Auge, -Georg Podiebrad von Böhmen! Dieser konnte die Geiseln wohl brauchen, um -seine ehrgeizigen Pläne auf sächsische Gebiete besser durchzusetzen, -und Kunz war verdächtig oft in Böhmen gewesen, wo er das Schloß -Eisenberg bei Brüx besaß. - -So geschah in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 der Prinzenraub vom -Schlosse zu Altenburg, die Tat, welche weithin größtes Aufsehen -erregte. Kunz wurde bald ergriffen und samt einem Teil der Steigleiter -als handgreiflichem Merkmal der Tat -- ~corpus delicti~ -- nach -Freiberg gebracht, um dort sein Urteil zu empfangen. Warum nach -Freiberg? Freiberg war damals die größte Stadt Sachsens, die freie -stolze Stadt auf dem Berge! Das Freiberger Stadtrecht, dieses berühmte, -alte deutsche Rechtsbuch, hatte hier seine Stätte und Anwendung. Der -Rat zu Freiberg, die zwölf Geschworenen, hatte die Gerichtsbarkeit und -führte ein strenges und gerechtes Gericht. Er hatte vom Landesherrn das -alte Privilegium vom Jahre 1294 als Lohn für die vielfach bewiesene -Treue erhalten: wenn sich jemand gegen den Landesherrn vergehen -sollte, so solle die Entscheidung dieses Falles den Geschworenen zu -Freiberg überlassen werden. »Vorwirket sich eymand gen uns das wollen -wir rugen unde teidingen nach irme rate.« Der Kurfürst mag auch durch -kluge Rücksichten auf die öffentliche Meinung bestimmt worden sein, -über Kauffungens Tat durch einen Gerichtshof, der aus unabhängigen -Bürgern bestand und als völlig unparteilich gelten mußte, anstatt von -einem seiner eigenen Beamten oder durch einen von ihm eingesetzten -Sondergerichtshof entscheiden zu lassen. - -Der Spruch lautete nach mündlicher Verhandlung, wie nicht anders zu -erwarten war, auf den Tod durch das Schwert. Am 14. Juli 1455 wurde -Kaufungen auf dem Markte hingerichtet. Vielleicht hat das uralte -Freiberger Richtschwert im Albert-Museum sein Blut getrunken. Das -Urteil mußte so fallen, wie geschehen, denn er war auf handhafter -Tat ergriffen, der Tat überführt und auch wohl geständig. Durch -weitverzweigte Verschwörung hatte er den Landfrieden gebrochen, er -war als »vridebrecher« »mit unrechter Gewalt und gewappneter Hand -und geruckter Wehre« in das Haus eingebrochen, und darauf stand das -Schwert! So wurde z. B. auch im Jahre 1493 zu Freiberg ein Herr v. -Carlowitz, welcher mit gespannter Armbrust durch die Stadt geritten war -und den Bürgermeister mit Erschießen bedroht hatte, gefangengesetzt und -enthauptet. Vielleicht hat Carlowitz auch in jener unterirdischen Zelle -seinen Spruch erwartet und hat droben auf dem Markt an gleicher Stelle -mit seinem Blute den Sand genetzt, wie Kaufungen 38 Jahre zuvor. Das -Freiberger Stadtrecht sagt: »Ist ir vire, sechse oder cehene derselben -vridebrecher oder wi vil ir ist da gewest an handhafter tat, man slet -in abe die Helse mit rechte.« Sie waren dem Freiberger Stadtrecht -verfallen! Das Schwert in jener Zeit war rasch und das Hälseabschlagen -eine glatte Sache, denn ein toter Hund kann nicht mehr beißen. Recht -und Vorteil mag öfter Hand in Hand gegangen sein und manchmal mag der -Richter auch unbewußt Partei zwischen Gerechtigkeit und Staatsklugheit -gewesen sein. - -Wir blicken in das feuchte, enge Verließ, das viele Jahrhunderte als -Gefängnis gedient hat. Wenn diese Mauern erzählen könnten, welche -grauenhafte Reihe schauerlicher Taten, Reden, Gedanken, Flüche und -Seufzer, welcher Jammer, Elend, Schuld und Sünde, aber auch unschuldige -Leiden und Qualen, zertretene Hoffnungen, zerschmettertes Glück würde -uns da offenbar werden, so daß wir nimmermehr froh werden könnten unter -der Last der Geschichten und Gesichte aus der dunkelsten Nacht des -Lebens. - -Dort sitzt der gefürchtete Kunz von Kaufungen, ein starker Mann mit -schwarzem Vollbarte und Haupthaare auf dem rohen Steinsitz seiner -Zelle, und hofft auf die Stunde der Freiheit, die doch nicht schlagen -sollte. Er grübelt und knirscht in verzweifelter Wut. Mächtige Freunde -hat er, die nicht dulden werden, daß einer ihres Standes dem Schwerte -verfallen soll, weil er sich selbst sein Recht gesucht. Den jungen -Prinzen ist kein Leid geschehen, das etwa mit Leib und Leben zu büßen -wäre. Das Fehderecht in seiner gerechten Sache gegen den Kurfürsten -ist gutes ritterliches Recht. Was gilt ihm das Freiberger Stadtrecht! -Die Tat geschah nicht im Banne des Freiberger Stadtrechtes! Kann -der Kurfürst als Kläger sich Recht und Richter selber wählen? Wird -der Kurfürst, welcher der Sanftmütige genannt wird, das Schwert -gebrauchen, obschon er einst sein treuer Diener war, will er die -Tat sühnen oder will er einen Feind vernichten? -- -- Er grübelt und -grübelt und dazu diese rabenschwarze Finsternis, diese Totenstille, -in welcher er lebendig begraben sich glaubt. Ist es Nacht, ist es -Tag, ist es Zeit oder ist es schon schaurige Ewigkeit? Er stöhnt in -verzweifeltem Grimm und schlägt die Faust sich blutig an den eichenen -Bohlen der schmalen Tür, doch nur die unbarmherzigen Ketten klirren. Er -brüllt wie ein verwundeter Bär, doch niemand hört ihn, niemand kommt, -ihn in die Freiheit zu führen. Vier Tage und Nächte vergehen so in -Nacht und Grauen, und als man ihn zum Lichte führt mit der Last seiner -Ketten, da führt man ihn zum Tode, da blitzt über seinem Nacken das -Schwert, sein Haupt rollt in den Sand. Die Tat hat ihre Strafe, die -Schuld ihre Sühne gefunden. Gerechtigkeit und Staatsklugheit reichen -sich die Hand und die Bänkelsänger ziehen durch die Märkte des Landes -und singen das Lied von Kaufungens Glück und Not und Ende, und später, -im Kasperletheater, erregt das Spiel vom Prinzenraub das Grauen und -Entzücken der Kinder. Ein altes Lied singt von ihm: - - »Was blast dich, Kunz für unlust an, - daß du ins Schloß neinsteigest - und stiehlst die zarten Herren raus, - als der Kurfürst eben war net zu Haus, - die zarten Förstenzweige? - So geht’s, wer wider die öberkeit - sich unbesonnen empöret. - Wer es nicht meint, der schau an Kunzen - sin Kop tut zu Freiberg noch herußen schmunzen - und jedermann davon lernt.« - -Ein schwarzer Stein mit verwischtem Kreuz liegt an der Stelle, wo sein -Haupt fiel, und ist seit Jahrhunderten eines der Wahrzeichen der -alten Bergstadt, die jeder wandernde Handwerksbursche und Zunftgenosse -als Ausweis seiner Ortskenntnis kennen und nennen mußte. Heute noch -speit auf den Stein jeder Schulbube, der vorübergeht: Er meint nach -alter Sage, es ginge ihm besonders in der Schule gut, wenn er zuvor -als braver Knabe dem Andenken des bösen schwarzen Raubritters und -Prinzenräubers seine Nichtachtung bezeigt hätte. 123 Jahre später, im -Jahre 1578, wurde das Rathaus von Andreas Lorentz »des Rats Steinmetz«, -mit einem Erker geziert. Aus dem Giebel schaut weit herausgereckt das -Haupt eines Geharnischten mit Eisenhaube mit trotzigen Mienen hernieder -auf den schwarzen Stein. Es soll Kunz von Kaufungen sein, der nach -seiner Richtstätte schaut und keine Ruhe findet, bis ihm Gerechtigkeit -nach seinem Sinne geworden. - -Noch ein anderes Erinnerungsstück hält das Gedächtnis an Kunz -von Kaufungen den wechselnden Geschlechtern lebendig. Es ist die -Steigeleiter, welche er zur Tat benutzt hatte und welche seit jenen -Tagen im Rathause zu Freiberg aufbewahrt wird. Der untere kürzere Teil -befindet sich im Schlosse zu Altenburg. Die Beschaffenheit der Leiter -zeigt, daß es sich nicht um eine rasche Tat handelte, sondern mit -welcher kalten Überlegung und Sorgfalt lange vorher die Tat vorbereitet -und geplant war. In diesem Sinne mag sie in den Augen der Richter -besonders belastend und für das Urteil mit entscheidend gewesen sein. -Sie ist aus doppelt genähten, starken Ledergurten mit Holzsprossen -hergestellt und hat eine Länge von 7,50 ~m~ mit 30 Sprossen. Jede -Sprosse ist mit hölzerner Mutter sorgfältig von außen an den seitlichen -Gurten befestigt und gesichert. Mit jeder achten Sprosse sind fest zwei -Stützhölzer von etwa 20 ~cm~ Länge verbunden, durch welche die an der -Mauer hängende Leiter eine ziemliche Steifigkeit erhielt, so daß sie, -sich fest gegen die Wand stützend, genügend Abstand halten und auch ein -Hin- und Herschwanken und Pendeln vermeiden konnte. Drei Paare solcher -festen Sprossenstützen sind vorhanden. - -Das obere Ende der Leiter ist durch ein Dreieck von Rundeisen an einem -eisernen Bügel oder Überwurf befestigt, der ähnlich einer festen -Klammer über die Fenstersohlbank des zu ersteigenden Fensters geworfen -wurde und sich dort fest einbiß. Dieser Klammerbügel ist jedoch lang -genug, daß das obere Leiterende entsprechend den Sprossenstützen im -Abstand von der Mauer gehalten wurde, um ein bequemes Steigen mit Hand -und Fuß zu ermöglichen. Es ist eine Arbeit raffinierter Überlegung und -Erfahrung, an welcher lange gearbeitet ist, um nur nicht etwa an einem -technischen Mangel den kühnen Plan scheitern zu lassen. -- -- - -An den gotischen Spitzbögen der oberen Ratsdiele befinden sich noch -zwei andere Zeichen mittelalterlicher Rechtspflege. Es sind zwei große, -schwärzliche Steine von halbkugeliger Form mit einem scharfkantigen -Eisenringe. Auf dem Stein ist das Bild zweier zänkischer Weiber zu -erkennen, die sich gegenseitig die Haare raufen. Sie stehen in steifer -Haltung mit erhobenem Arm nebeneinander in ihrer Renaissancetracht, -- -roter, langer Rock, weißem Mieder und schwarzer Jacke mit Puffärmeln --- und rollen mit den Augen. Im Bautzener Stadtmuseum befindet sich -ein ähnlicher Stein in Form einer runden Pilgerflasche und daher -»Büttelflasche« oder auch »Graue Suppe« genannt. Sie trägt die -Umschrift: »Mägde und Weiber, die sich schlagen, müssen diese Flasche -tragen.« Dieser Widmungsspruch erklärt auch unsere Steine dort oben. -Mit ihnen, den Prangersteinen, am Halse wurden vom Stockmeister -oder Büttel zänkische Weiber auf dem Markte an den Pranger gestellt. -Der eiserne Ring von 29 ~cm~ Durchmesser konnte bequem über den -Kopf gestreift werden. Der Stein ist aus Granit zurechtgehauen und -glatt bearbeitet. Auf der Rückseite ist eine Höhlung für den Busen -der Delinquentin herausgearbeitet. Das Gewicht beträgt 25 Pfund. In -der rückwärtigen Höhlung des einen Steines ist, von grünen Zweigen -eingerahmt, folgende Inschrift angebracht: Renoviret im Jahre Christi -1769 auf Anordnung Tit. Herrn Stadtr. Gottlob Hieron. Waegers durch -Joh. Gottlob Blöden. Stockmeister. - -Dieser Stein war also schon vor mehr als 150 Jahren durch fleißigen -Gebrauch so abgenutzt im Laufe von vielleicht 200 Jahren, daß er im -Anstrich und Malerei neu aufgefrischt werden mußte. Der Stockmeister -hat sich mit großer Liebe und Sorgfalt, wie die saubere Inschrift -beweist, dieser Aufgabe unterzogen und sich selbst dabei mit verewigt. -Er glaubte wohl sicher, daß dieses drastische Erziehungsmittel -holder Weiblichkeit zur Friedfertigkeit, das zugleich eine derbe -Volksbelustigung von Rechtswegen war, noch lange sich seiner -Beliebtheit erfreuen würde. Abgesehen von der demütigenden Wirkung -und moralischen Pein, bedeutete diese Strafe auch körperlich eine -Qual, denn der Druck des scharfkantigen Ringes im Nacken und auf den -Schultern, dazu das schwere niederziehende Gewicht des Spottsteines, -mehrere Stunden hindurch die Roheit und Gehässigkeit und niederen -Leidenschaften des Pöbels dazu, mochten fast unerträglich gewesen sein. -Es mochte ein eigenartiges für unser heutiges Empfinden abstoßendes -Volksschauspiel abgegeben haben, wenn solche unholde Unglückliche -entweder allein oder paarweise sich gegenüberstehend, mit ihrem -schweren Halsschmuck geziert, mit Schimpf und Schmutz, faulen Eiern -und anderen übelriechenden Dingen beworfen wurden, und wenn sie dann -ihre losen, scharfen, schimpffertigen Zungen mit mittelalterlicher -Deutlichkeit und Schlagkraft gegeneinander und gegen ihre Angreifer -rücksichtslos gebrauchten, ein Wettkampf der Bosheit und giftiger -Leidenschaften, der wohl schwerlich zur Hebung und Läuterung des -sittlichen Empfindens beitragen konnte. Der derbe Volkswitz wird dabei -manche kräftige Blüte getrieben haben, die unserem heutigen Empfinden -vielleicht etwas zu urwüchsig erscheinen würde. Der erzieherische -Wert der Strafe für die Gestraften und das Volk mag nur gering -gewesen sein. Zweifellos sind diese echten alten Prangersteine im -Freiberger Rathause wichtige und interessante Zeugen alter Rechtspflege -und Strafauffassung. Was könnten diese Zeugen wohl berichten von -menschlicher Schuld, Tücke und innerer und äußerer Qual! -- -- - -Das Obergeschoß des Rathauses war einst eine einzige große Halle, -an deren Westende das Archiv und die alte Gerichtsstube, jetzt -Stadtverordnetensaal, am Ostende die frühere Kommissionsstube, jetzt -Ratssitzungszimmer sich befanden. Alle anderen Räume und Flure, -vierzehn an der Zahl, welche jetzt die alte Halle einnehmen, sind erst -später durch Einziehen von Wänden und Decken eingerichtet worden. Diese -einstige große Ratshalle hatte eine Breite von 16½ ~m~ und war von -der Marktseite und Burgstraßenseite her durch stattliche Fenster gut -beleuchtet. Die hohe, buntbemalte, hölzerne Balkendecke wurde durch -sechs gotische Spitzbögen auf fünf kräftigen, kurzen Pfeilern von -Grillenburger Sandstein getragen, so daß die mächtige Halle in zwei -gleich breite Schiffe getrennt wurde. Das Schiff an der Marktseite -zwischen Kommissionsstube und Gerichtsstube hatte 28½ ~m~ Länge, -während das nördliche Schiff an der Burgstraße die ganze Ausdehnung des -Rathauses mit 50 ~m~ Länge einnahm. Dieser gewaltige Saal, in dessen -Mitte die Spitzbögen mit ihren starken Pfeilern wie im wuchtigen Gange -einherschritten und den aufstrebenden elastischen Schwung ihrer Linien -zur Decke emportrugen, mit seinen bunten Farben, Gemälden und dem -Schmucke von Waffen, Schilden, Panzern, Sturmhauben, Harnischen, Fahnen -u. dgl. muß eine starke Raumwirkung gehabt haben, die anderen berühmten -Rathaussälen wohl gleich kam, oder sie vielleicht gar übertraf. - -Hier vereinte sich das ganze festliche Leben der reichen Silberstadt -und brachte glanzvolle Tage und Nächte, deren malerische Wirkung und -derbe Fröhlichkeit wir uns nur schwer vorzustellen vermögen. - -Hier hielt 1512 Herzog Heinrich seine Hochzeit und den Hochzeitstanz -ab. Welche Pracht der Gewänder, kostbarer Stoffe und herrlicher -Schmuckstücke mag da entfaltet worden sein. Hier gab der Rat den -Fürsten, die in Freiberg residierten oder zu Gaste waren, üppige -Prunkmähler, hier feierten die stolzen Patrizierfamilien ihre -Feste, weswegen der Saal auch das »Tanzhaus« hieß, hier fanden die -Bergknappschaftsfeste statt, welche alle Männer vom Leder, den -Oberberghauptmann mit Berggeschworenen und Knappen, den reichen -Silberherren und den armen Bergjungen zu gemeinsamer Feier bei reichem -Mahle, gutem Trunke und schließlich fröhlichem Tanze vereinten. -Hier fanden auch Theateraufführungen fahrender Künstler und die -Festspiele des Gymnasiums statt. Längst sind die Feste verklungen, die -Fröhlichkeit verrauscht, die Blumen verwelkt und Nelkenkränze verdorrt. -Andere Zeiten kamen, nüchtern, sachlich, kalt und sorgenschwer, -in denen die Fröhlichkeit andere Stätten suchte, der Sinn der -Zusammengehörigkeit auch in der Freude wie bei der Arbeit zersplitterte -und sich nach hie und da verkroch. Die Handwerker kamen, nahmen die -Waffen und allen Zierrat von den Wänden und bauten in den herrlichen -Saal Zimmer auf Zimmer ein, mauerten drei Bogenöffnungen zu, so daß aus -dem fröhlichen Tanzhaus, aus dem ernsten Rüsthaus mit seinen Waffen zu -Schutz und Trutz, ein nüchternes Geschäftshaus oder Verwaltungsgebäude -wurde. Nur die Feder und das Wort sind die Waffen, die hier noch -geführt werden. An die Stelle von Tanz und lauter Fröhlichkeit ist -stille Emsigkeit, treue Arbeit und unermüdliche Pflichterfüllung im -Dienste der Allgemeinheit getreten. - -Nur die Ratsdiele ist vom alten fröhlichen Saale noch übrig geblieben. -Durch zwei Fenster wird sie beleuchtet mit tiefen Nischen der starken -Mauern, in denen Banksitze Platz gefunden haben. Eine schwere, -spätgotische Sandsteinbrüstung grenzt die Öffnung der von unten -aufsteigenden Treppe ab. Stumm schauen die Gestalten der sächsischen -Fürsten in Lebensgröße von den Wänden hernieder. - -Mit Panzer oder seidenen Prachtgewändern bekleidet, mit Hermelinmantel, -mit Schwert oder Feldherrnstab in der Rechten, sind diese stolzen -Herren und Herrscher charakteristische Vertreter ihrer Zeit mit -allen ihren Vorzügen und Schwächen. Mag einzelnen Bildern die letzte -Meisterschaft fehlen, so sind sie doch ein künstlerisch und historisch -wertvoller Besitz und Schmuck des Rathauses, welchen die Jahrhunderte -seit Herzog Heinrich d. Frommen (1505 bis 1544) zusammengetragen und -sorgfältig bewahrt, gehegt und gepflegt haben. Vierzehn Fürstenbilder -hängen auf der Rathausdiele, sechs im Stadtverordnetensaale. Es ist -ein gutes Stück sächsischer und deutscher Geschichte, die an uns -vorüberzieht, wenn wir der Zeiten und Geschicke jener Männer und -Frauen gedenken. Dort Johann Georg I. und seine Gattin, die Kurfürstin -Sibylla Magdalena, haben die furchtbare Prüfung des dreißigjährigen -Krieges über ihr Land dahinbrausen sehen. In ganzer Figur am Tische -stehend trägt er ein grünseidenes Prachtgewand. Dunkel ist sein Haar -und Spitzbart. Drei Jahre vor Ausbruch des großen Krieges hat ihn -und auch seine Gattin, eine blonde anmutige Frau mit schönem weißem -Spitzenkragen, gleichfalls mit einem grünen, prachtvoll geschmückten -Seidengewand angetan, sein Hofmaler Johann Gerhardt, in voller -jugendlicher Kraft und Schönheit dargestellt. - -Dort das Bild des Kurfürsten Johann Georg III., des Türkensiegers mit -rötlichblondem, lockigem Haar und Schnurrbart, der an der Befreiung -Wiens durch die Schlacht am Kahlenberge am 12. September 1683 so -ruhmreichen Anteil hatte. Zur großen Siegesbeute jener Schlacht -gehörten bekanntlich große Mengen Kaffee. Der Genuß des Kaffees, die -Entwicklung des »Wiener Kaffees« datiert aus jener Zeit, und auch die -besonderen engen Beziehungen des Sachsen zum Kaffee mögen in jenem -Siege ihres Kurfürsten ihren Ursprung gehabt haben. Er ist in Rüstung -mit malerisch zusammengefaßtem Hermelinmantel dargestellt und weist mit -dem Feldherrnstab auf den Feind. Eine Kanone mit dunklem, drohendem -Rohr spricht von seinen Schlachten. - -Dort ist August der Starke in dunkler Rüstung mit blauem Samtmantel -und dem Bande des Weißen Adlerordens. Welche Fülle von Bildern, -Vorstellungen und Geschichten tritt uns vor das geistige Auge, wenn wir -seinen Namen hören und ihn im Bilde in seiner etwas theatralischen -Haltung betrachten. Mag er ein großer Egoist gewesen sein, ein -Genießer von besonderem Ausmaß, so ist doch seine Prachtliebe, sein -Sammlungseifer, seine Kunstfreude, seine Baulust für die Entwicklung -und Befruchtung der Kunst in Sachsen und insbesondere Dresden -von unschätzbarer Bedeutung gewesen. Durch ihn wurde Dresden zum -Elbflorenz. -- - -Dort fällt uns ein Bild ganz anderer Art durch seine Farbenpracht in -die Augen, das Bild des Königs Anton, der 1827--1836 regierte, ein -König der Biedermeierzeit. Er ist ein kleiner Mann mit gemütlichem -aber doch ernsthaftem Gesicht, dem man glaubt, daß er kein Feind des -Schnupftabaks und eines guten Rotspohns, aber mit Maßen und gehöriger -Würde und Herablassung ist. Er trägt einen scharlachroten Frack mit -schwefelgelber Weste und breitem, grünem Ordensband und dazu hübsche, -enge, mattblaue Hosen und hält in der Hand einen großen zweispitzigen -Federhut mit mächtiger Feder. Er sieht aus wie der König im Bilderbuch, -und, hätte er den schönen Federhut auf, würde er einem der schönsten -Papageien mit großem Schopfe im Zoo gleichen. -- Ist es erst wirklich -hundert Jahre her, daß sich ein König so verewigen ließ? oder ist es -nicht doch etwa ein König aus Biedermeiers buntem Bilderbuch? Das -fröhliche gemütliche Bild lacht als lustiger Farbenfleck in die ernste -Ratsdiele so leuchtend herunter, wo so viel Sorgen und schwere Gedanken -hin- und hergetragen werden, daß mancher mit Lächeln zu ihm aufsieht, -ihm zunickt und denkt: Du bunter Vogel, wie kamst du hierher aus dem -lustigen Märchenbuch. »Es war einmal ein König, der hatte einen ...?« -- - -Die wertvollsten Gemälde der Fürstengalerie hängen im -Stadtverordnetensaale. Es sind die Bilder Herzog Heinrichs des -Frommen, des Kurfürsten Moritz, des Kurfürsten August und seiner -Gemahlin Anna. - -Herzog Heinrich der Fromme, der Freund und Gönner Freiberger Art und -Bürgertums, der Gründer Marienbergs, zeigt sich in seiner waffenfrohen, -ja waffenklirrenden Art. Es ist eine feste Mannesgestalt, der Herzog -Heinz, der da vor uns steht, mit braunem Vollbart und Haupthaar. Er -ist schwer gepanzert mit Kettenringkragen, Brust- und Beinharnisch. -Die Panzerschuh und Panzerschilde an den Knien sind vergoldet. Im -rechten Arm liegt ihm ein gewaltiges, bloßes, zweihändiges Schwert, -mit großem, goldenem Griff hoch an der Brust, das fast so groß wie der -Herzog selbst ist. Die linke Hand hält er am Griff eines zweiten, an -der linken Seite hängenden Schwertes, und an der rechten Seite trägt -er noch einen Dolch. Waffen und Kanonen waren seine Leidenschaft, und -im Zeughaus des Schlosses Freudenstein unter seinen schönen blanken -Bronzekanonen mit ihren Bildwerken und anzüglichen Sprüchen sein -liebster Aufenthalt. Einen kräftigen Trunk unter seinen ehrenfesten -Bürgern in der Ratstrinkstube, oder auch ein fröhliches Schützenfest -mit eigenhändigem Armbrustschießen nach der Scheibe, eine weidgerechte -Jagd in den Wäldern des Gebirges verschmähte er jedoch nicht. Sein -Mohr und sein großer englischer Windhund durften jedoch nicht fern -sein. Dafür hatte jedoch sein Kanzler Freydiger desto mehr Mühe, ihn -zum Schreiben zu bringen, und wenn es nur eine einfache Unterschrift -war. Lieber ein zweihändiger Riesenflamberg in beiden Händen, als einen -Gänsekiel zwischen den Fingern einer Hand! -- Heinrich hatte jedoch -mehr noch als kriegerischen Mut, er hatte Bekennermut und seelische -Kraft. Trotz des grimmigen Drohens und Schnaubens seines mächtigen -Bruders Georg schaffte er Luthers Lehre freie Bahn in Freiberg -und ließ sich auch durch Versuchungen nicht in seiner Treue und -Festigkeit erschüttern. Als Herzog Georg mit Zorn und Gewaltdrohungen -nichts bei ihm erreichte, versuchte er’s mit schlauer Überredung und -Bestechung: Er schickte Gesandte an Heinrich, um ihm sein Herzogtum -als Erbe anzubieten, falls er wieder zur alten päpstlichen Lehre -sich wenden wollte. Der Chronist sagt: »Die Gesandten wiesen auf -die Fürtrefflichkeit des Landes und großen vorhandenen Vorrates an -Silberkuchen, baren Gelde, Golde, Kleinodien und vielen köstlichen -Zierrathe hin ohne ihn bewegen zu können.« Heinrichs Antwort lautete: - -»Es gemahne ihm ihr fürbringen nichts anders, als da der Satan dem -Herrn Christo alle Reichthume und Herrlichkeiten der Welt zeigete und -zu ihm sagete, dieses alles will ich dir geben, so du niederfällest und -mich anbetest, welches er nimmermehr thun, noch seinen Herrn Christum -um des Zeitlichen willen verraten würde, wenn er auch gleich mit seiner -Gemahlin an einem Stäblein betteln aus dem Lande gehen sollte!« - -Er liebte sein Freiberg, in dem er seit 1506 fast 35 Jahre Hof gehalten -und ließ in sein Testament als letzten Willen schreiben, »er hette die -Freyberger in aller Trew und Gehorsam gegen Gott und ihm befunden, -drumb wolte er auch bey denselben ruhen und schlaffen«. Unter ihm und -seiner milden aber starken Hand hat Freiberg wohl seine glücklichste -Zeit erlebt. - -Unruhige Jahre kamen unter der Herrschaft seines Sohnes, des Kurfürsten -Moritz, dem Sachsen viel zu enge war, der mit hochfliegenden Plänen -sich trug, und dem Religion mehr ein Mittel der Politik und hohen -Ehrgeizes war. Vielleicht wären seine Pläne zum Wohle des Reiches -gewesen, wäre er nicht zu früh, erst 32 Jahre alt, dahingerafft. -Welchen Lauf hätte wohl ohne den heimtückischen Schuß die -Weltgeschichte genommen? Vielleicht wäre Deutschland der dreißigjährige -Krieg erspart geblieben. - -Dort aus dem Bilde neben seinem Vater schaut uns im Schmucke seines -rötlichen Vollbartes sein edler, ernster, länglicher Kopf mit klugem, -festem Blicke an. Man fühlt, daß hier ein Besonderer steht und den -Feldherrnstab in der Hand trägt. Er ist mit einem Panzer von dunkler -Farbe und gelber Feldbinde darüber gerüstet. Ist es derselbe schwarze -Panzer, den er in der Schlacht von Sievershausen trug, als ihn am -9. Juli 1553 der meuchlerische Schuß von hinten traf, der Panzer, der -nun schon Jahrhunderte im Dome zu Freiberg sich befindet? Die bei -Sievershausen erbeuteten Fahnen dort im Dom, von denen fast nur die -Schäfte noch mit wenig Resten, Fetzen und Fasern übrig sind, wissen -zu erzählen von jener Schlachtennot und frühem Schlachtentod, durch -den Deutschland seiner besten Hoffnung mit beraubt wurde. Der uralte -deutsche Mythos vom blinden Hödur, der den lichten Baldur durch -heimtückischen Schuß tötet, wird immer wieder neu und wahr bis in die -neueste Zeit. Dieser Mythos ist der Mythos von Deutschlands Schicksal -und Leid. -- - -Die Bilder des Kurfürsten August und seiner Gattin Anna stammen von -Lukas Cranach d. Jüngeren. Sie sind in schwarzer, spanischer Tracht -mit vollendeter Kunst gemalt. August trägt ein reiches, mit Gold -gesticktes Wams mit schwarzem, goldgesticktem Mantelkragen darüber -und enganliegende hohe, schwarze Strümpfe. Die Hand hält er links am -Degengriff. Nichts Kriegerisches liegt in dieser Erscheinung, sondern -mehr von einem eleganten Hofmann. Sein rötlichblonder Vollbart ist kurz -geschnitten und gepflegt. Auf seinem Haupte trägt er eine eigenartige -Kopfbedeckung, die etwa einer weichen, hohen Bergmannskappe gleicht. - -Seine Gattin ist auch in Schwarz gekleidet. Das ganze untere Drittel -des Kleides, die Puffärmel und der Latz, sind reich in Gold gestickt. -Ihr helles, rötlichblondes Haar legt sich glatt gescheitelt über Haupt -und Schläfen und ein kleines Barettchen mit Feder deckt rechts den -Scheitel. Mit rührend schlichter, steifer Haltung steht sie da, hat die -Hände zusammengelegt und schaut mit blassem, kindlichem Blick auf den -Beschauer, wie eine Konfirmandin, die auf ihren Pfarrer lauscht. - -Der Hintergrund beider Bilder, die als Gegenstücke gemalt sind, ist -ein großer hellgehaltener Fensterbogen, durch welchen der helle Himmel -hineinschaut, vor dem die schwarzen Gestalten stehen. - -Das also ist »Vater August« und »Mutter Anna«, der kluge Volkswirt und -Haushalter seines Volkes und die treue Landesmutter neben ihm! Wie so -ganz anders stellt man sich dieses Fürstenpaar vor, als hier auf diesen -Cranachbildern! Nicht modisch elegant mit sattem, zufriedenem, geistig -unbedeutendem Antlitz wie er es zeigt, nicht geistig so unentwickelt -und schüchtern und leer, wie sie sich stellt, nein, als tatkräftige, -geistig bedeutende Persönlichkeiten, denen der geistige Adel und -das tüchtige Wollen und Können von der Stirne und aus den Augen -leuchtet. Nein, da sind die Bronzedenkmäler von Carlo de Cesare in der -Begräbniskapelle des Domes doch schöner, überzeugender und vielleicht -auch trotz aller Steigerung doch noch wahrer als hier, wo mehr der -körperliche als der geistige Mensch gegeben ist. -- - -Neben dem Stadtverordnetensaale, dessen alte Holzdecke von zwei -gewaltigen gotischen Unterzugbalken mit reicher Profilierung getragen -wird, liegt das alte gewölbte Urkundenarchiv. Durch einen gotischen -Türbogen mit tiefen Kehlen und Rundstäben, durch eine wuchtige -eiserne Plattentür mit schönen durchbrochenen Beschlägen und alter -kunstvoller, mehrfacher Verriegelung, die nur durch Drehung des -prachtvollen messingnen Löwenkopfes in der Mitte gelöst werden kann, -ein Meisterwerk der Schmiedekunst, und dann durch eine zweite, mit -Eisenplatten beschlagene Tür mit mächtigem, altem Kunstschloß treten -wir in diesen altertümlichen Raum, in dem wie in einer weltentrückten -Klause das Leben draußen schweigt und die Jahrhunderte zu uns zu -reden und lebendig zu werden scheinen. Eine andere Luft und anderer -Duft ist in diesem Raum wie in den übrigen Räumen des Rathauses. Ein -schönes Kreuzgewölbe spannt sich über uns. Der Boden ist mit roten -Ziegelplatten belegt, die dem Raume eine warme Farbstimmung geben. - -Wir sind in der alten Silberkammer des Rathauses, dem feuer- und -diebessicheren Ort, wo die Kostbarkeiten und die Geldvorräte der Stadt -in schweren eisernen Truhen mit kunstreichen Schlössern und Riegeln -einst aufbewahrt wurden. Im dreißigjährigen Kriege 1632 brachte -man hier die städtischen Urkunden und kostbaren Stadtbücher unter. -Das große Fachwerk dort mit seinen vielen bunten Kästchen, das uns -anschaut wie die Wand einer altertümlichen Apotheke, wurde 1635 von -dem Tischler Georg Köhler hergestellt und nahm in seinen sogenannten -»Kammerkästchen« wohlgeordnet alle Urkunden, Verträge, Briefe usw. auf -bis auf den heutigen Tag, welche für die Stadt von besonderem Werte -und Wichtigkeit sind. Jedes Kästchen kann an einem hübschen, hängenden -Handgriff herausgezogen werden und ist mit fröhlichem Blattornament -in bunten Farben bemalt. Den Sockel dieser Kammerkästchenwand bilden -vorspringende Truhen, die für die Aufbewahrung von Bücherschätzen -ebenso wie als Sitze dienen können. - -In der Mitte des ehrwürdigen Raumes steht ein uralter Tisch in der -Form des Tisches der Lutherstube auf der Wartburg und wohl aus -derselben Zeit stammend. Der Wurm hat eifrig schon sein Werk an ihm -getan. Verborgene Schubkästen sind unter seiner Platte. Ein Archivar -soll einst mit besonderer Begeisterung gerade an diesem Tische in den -alten Stadtbüchern geforscht haben. Ein feiner Duft stieg nämlich von -dem Tisch in seine Nase, denn hier im geheimen Schubfach hatte er -seinen besten Tabak heimlich geborgen, der ihn begeisterte wie einen -schwärmenden Jüngling das Veilchen, das im Verborgenen blüht. Freudig -schnuppernd graste er so auf den Feldern des Mittelalters und der -Stadtgeschichte. - -Das Regal der zweiten Wand ist dicht mit Bänden aus allen -Jahrhunderten besetzt. Da sind vor allem die mächtigen Stadtbücher und -Ratsprotokolle in Schweinsleder gebunden, Bände von einer Größe und -einem Gewicht, daß sie nur schwer zu heben sind. Andere alte Bände -sind in Pergamentblätter mit gotischer Schrift gebunden, die aus alten -Klosterbüchern stammen. Kostbare Bände liegen auf dem alten Tisch. Wir -schlagen einen uralten Band auf mit schwerem Deckel aus Holz mit Spuren -eines roten abgeschabten Überzuges und mitgenommenen Messingbeschlägen -und fünf sehr starken, großen Messingnägeln auf beiden Deckeln. Es -ist das alte berühmte rote Freiberger Stadtrecht vom Jahre 1294, ein -kostbares, unersetzliches Werk, in prachtvoller gotischer Schrift auf -starkem Pergament geschrieben, mit vielen schönen Initialen. Das erste -herrliche Initial in Blau, Grün und Gold gehalten, über die ganze -Seite reichend, klingt noch in der Ornamentik an romanische Formen an -und umschließt in dem Buchstaben »~G~« das Wort »Got«. Die Einleitung -dieses ehrwürdigen, durch Jahrhunderte und weit über Sachsens Grenzen -anerkannten Gesetzbuches lautet: - - »Got der Himel und erde geschuf, - der helfe uns volbrengen diz buch, - des helfe uns got amen. Ich hebe an - in gotis namen. Unde schribe - vribersch recht. wer mir helfe - der si gotis knecht. - Diz ist von deme erbe« - -womit dann bezeichnenderweise der erste Abschnitt beginnt. - -Daneben liegt die berühmte Handschrift des Freiberger Bergrechts von -1324, ein Band von ähnlicher Art und Schrift. Markgraf Heinrich hatte -im Jahre 1255 den Bergschöppenstuhl errichtet mit der Befugnis, in -allen Bergsachen Recht zu sprechen. Bis 1856, also 600 Jahre bestand -dieser Berggerichtshof. Er hat das Bergrecht entwickelt, welches hier -auf diesen schönen Pergamentblättern seine erste Niederschrift fand -und für ganz Sachsen maßgebend war. Bereits im dreizehnten Jahrhundert -fand es im Ordensland Preußen, in Schlesien und Mähren, ferner in -Siebenbürgen und Serbien Eingang und übte einen bedeutenden Einfluß -auf die gesamte deutsche Berggesetzgebung aus. Im Jahre 1332 betrieben -schon sächsische Freiberger Bergleute in Serbien fünf Gold- und -Silbergruben und wendeten ihr heimisches Bergrecht an. -- - -Ein anderer schmaler, langer aber starker Band in Schweinsleder -gebunden und in mittelalterlicher Handschrift und Sprache geschrieben -erregt besonders unsere Aufmerksamkeit. »~Catalogus Truffatorum~ oder -Schwarze Register« steht auf seinem Rücken. Wir blättern darin und -fühlen uns versetzt in das alte Dinghaus am Markte vor die Schranken -des Gerichtes, um die sich Volk drängt. Der Angeklagte fehlt, aber -ein Ankläger schildert mit zorniger Stimme die Verbrechen des -Entwichenen und fordert seine Strafe, Verbannung bei Todesstrafe od. -dgl. Es ist das Verzellbuch oder Verzählbuch, das wir aufgeschlagen -haben, die schwarze Liste, in welcher seit der zweiten Hälfte des -14. Jahrhunderts bis 1518 über 2100 Übeltäter verzeichnet sind. Der -Verzählung, einer Art Verbannung und Ächtung, fiel anheim, wer wegen -eines Verbrechens flüchtig geworden war und auf Anklage nicht vor -den Schranken des Gerichtes erschien, um sein Urteil zu empfangen. -Wurde ein so Verzellter später ergriffen, so wurde ohne weitere -Verteidigung und Gerichtsverfahren das Urteil an ihm vollstreckt. Von -wieviel menschlichen Leidenschaften, Schuld und Sühne aus früheren -Jahrhunderten weiß dieser Schweinslederband zu berichten, und zu -erzählen von der straffen Strenge der Rechtspflege und der Sitten -und den harten Strafen alter Zeit. »Uff den Hals« verzählen, d. -h. Todesstrafe wird nicht selten verhängt, und mancher mag seinen -flüchtigen Feind, der sich nicht verteidigen konnte oder wollte, auf -diese Weise vernichtet haben. Da lesen wir z. B.: »Reinfried Große -hat lassin vortzeln Frantzen Hekeler uff sinen Hals darumb das er ym -gedreuwet hat er wolle im schaden am lybe und am gute.« Also auf eine -Drohung wurde Todesstrafe gesetzt! - -»Die Burger lassen vertzeln uff synen hals Hans Ysenhut darumb daz er -in dem frauwenhuße gewest ist und dorinne geunfugit hat.« Unfug im -Frauenhause oder im Weinhause mit leichten Frauenzimmern fällt öfter -der Verzählung anheim. -- Als Kuntze Braun »eyner frauwe by nacht in -yr huß gelaufen und sie obil behandelt« hatte, wurde er »uff sinen -hals« verzählt und sie »lysen ym darumb seinen kopp abehawen«. -- Einem -anderen Übeltäter, der einen Beutel, worin das Erz gewaschen wurde, -»abegesnyden« hatte, hat man »laßin die oren absnyden« und verbannte -ihn »uff seynen hals« auf ewige Zeiten aus Stadt und Land. Ja sogar -darauf, daß fremdes Bier ausgeschenkt wurde, stand Verbannung: Meister -Nikols des Zimmermanns swester wurde bei Todesstrafe auf Jahr und -Tag verbannt »darumb das sy Kemnitzer bier geschenkt hat wider der -Burgergebot uff iren hals«. - -Anfangs wendete man die Verzählung nur bei schweren Verbrechen an, -später, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, wurden aber sogar geringe -Vergehen und Übertretungen damit gestraft. Es konnte jedoch zuweilen -die Strafe losgekauft werden. Thomas Strellers »Wyb« wurde verzählt, -weil sie gesagt hatte: »Nein -- die Burger allhie eßen nicht die -großen heringe sondern wenn dy von Zeydaw (Sayda) die großen guten -heringe eßen so müssen sie hie den dregk essen.« Zwei Burschen wurden -verzählt, weil sie »uff der Paucke geslagin habin«, ein anderer, weil -er Spottverse gedichtet und gesungen hat, Kaspar Kirchberger »darumb -das er an dem Tore gehüt hat und hat geslaven«. -- Herzog Heinrich der -Fromme verbot 1525 die Verzählungen, weil offenbar viel Mißbrauch damit -getrieben wurde und z. T. auch mündliches Verfahren üblich geworden war. - -Wir schließen das ehrwürdige Buch, in dem sich uns wie in einem Spiegel -Alt-Freiberger Leben zeigte, ein Leben so tüchtig und ehrenfest in -festen Sitten und Gesetzen gehalten, daß wir nicht ohne Beschämung -darauf zurückschauen müssen. - -Dort weiter lockt uns das alte mächtige Bürgerbuch, in ihm zu blättern. -Das älteste Bürgerbuch, welches 1404 begonnen ist und über längst -dahingesunkene Geschlechter Auskunft gibt, trägt auf seiner ersten -freien Seite spätere Einträge zum Lobe Freibergs z. T. in lateinischer -Sprache, etwa aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Aussprüche -Herzog Georgs: - - »Leipzig die beste, Freybergk die größte, - Chemnitz die feste, Annabergk die liebste,« - - ferner »~Lipsia ter in anno, Friberga vero quater fructum - refundit.~« Leipzig schüttet dreimal im Jahre, Freiberg aber - viermal Frucht! -- - -Dieser Stolz auf die Stadt war wohl begründet, denn 1474 belief sich -die Zahl der Hausgrundstücke auf 579 in Freiberg, in Leipzig 519, -in Dresden 427. Bereits 1400 hatte Freiberg eine Wasserleitung und -dafür einen Röhrmeister angestellt. Eine unterirdische Beschleusung -hatte ihre Anfänge den Bergleuten zu verdanken. 1484 war bereits -eine Bauordnung erlassen, welche steinerne Häuser, harte Dachung und -massive Brandgiebel vorschrieb. 1490 hatten die Tuchmacher schon eine -Kranken- und Sterbekasse. Freibergs Handel und Privilegien reichten -über das ganze Erzgebirge. Manche der alten Bürgergeschlechter hatten -Besitzungen und Reichtümer wie kleine Könige und blühten durch -Jahrhunderte. Das Bürgerbuch war so ein Buch des Stolzes für sie. -Die Namen der Prager und Alnpeck, der Schönlebe und Schönberg, der -Lingke, Monhaupt und Molsdorf usw. waren weit berühmt im Lande. -- Wir -schauen auch in die bunten Kammerkästchen und nehmen von den kostbaren, -ehrwürdigen Urkunden einige zur Hand mit ihren mächtigen Siegeln in -Holzkapseln. Die älteste ist ein kleines Schreiben auf Pergament, -etwa 50 Jahre nach der Gründung Freibergs geschrieben, eine Bulle des -Papst Honorius III. vom Jahre 1224, in welcher er versichert, daß -er das zu Freiberg neu gestiftete Hospital St. Johannis in seinen -Schutz genommen habe. Ein bleiernes Siegel hängt daran in vorzüglicher -Prägung mit den Köpfen zweier Heiligen und einem Kreuz dazwischen. -Ehrfürchtig betrachten wir dies 700 Jahre alte Schreiben, welches das -heute noch blühende Hospital in seinem Geburtsjahr grüßt und bestätigt. -Honorius III., der Stifter des Dominikaner- und Franziskanerordens, der -den glänzenden Hohenstaufen Friedrich II. zum Kaiser krönte, sandte es -aus der Weltstadt Rom in das rauhe, unwirtliche Gebirge hoch im Norden, -wo eine junge Siedlung als neuer Kulturmittelpunkt in Urwäldern unter -heidnischen Sorben sich ausbreitete und aufblühte. Welch ein Gegensatz -echt deutscher Art und Schicksals wird uns bei dieser Urkunde lebendig: -Dort der deutsche Kaiser im sonnigen Sizilien, im schimmernden Palermo -seinen halb sarazenischen Hof haltend, der in sich alle Pracht des -Morgenlandes und des Abendlandes vereinigte, dem deutschen Lande und -deutscher Not fremd geworden und seine ganz große, staatsmännische -Begabung auf Kunst und Wissenschaft und die wirtschaftliche -Entwicklung, auf Handel, Rechtspflege und Heer in Italien und Sizilien -verwendend, seine deutsche Heimat vergessend und der Gesetzlosigkeit -und Raublust innerer und äußerer Feinde überlassend, hier dagegen -gleichzeitig im Norden ein hartes, eisernes, einfaches Geschlecht -von deutschen Bürgern, Bergleuten, Bauern in dunkler Waldwildnis und -rauhem Gebirge in unermüdlicher Arbeit die Heimat sich erobernd, -dem heimatlichen Boden Schätze abringend und aus eigener Kraft und -tiefster Seelenstärke eine Kulturblüte hervortreibend, die durch die -Jahrtausende leuchtet. Die goldene Pforte und die Kreuzigungsgruppe -des Domes, Werke erhabenster Kunst und deutschester Art, Gesetzbücher -und soziale Einrichtungen des Erzbergbau- und Hüttenwesens mit ihrer -glänzenden Entwicklung sind heute noch redende Zeugen dieser alten -schwer errungenen Kultur. - -Eine andere Urkunde fällt uns besonders durch ihre zwei köstlichen, -großen Wachssiegel in Holzkapseln auf, wahre Meisterwerke der -Kleinkunst. Sie haben 11 ~cm~ Durchmesser und stellen in feiner -gotischer Zeichnung einen Ritter auf anreitendem, gepanzertem -Turnierroß dar mit Fahne im Arm und einzelnen wunderbar zart -durchgeführten Wappen in der freien Fläche. Es ist die Urkunde, in -welcher Bischof Johannes zu Meißen am 25. August des Jahres 1480 die -Kirche unsrer lieben Frau zu Freiberg zu einer Stiftskirche erhob -und das Domkapitel daselbst einrichtete. Vor unserem Auge steigt die -Zeit der ausgehenden Spätgotik auf, als im deutschen Boden tausend -neue Keime sich regten und Altes fallen und sterben sollte, als ein -Suchen und Fragen durch die Lande ging und neue Welten aus dem Dunkel -emporstiegen. Wir sehen Freiberg in Flammen stehen, den alten Dom -stürzen und wieder aufsteigen aus den Trümmern mit schlanken Schäften -und kunstvollen Netzgewölben, während eine neue Kunst mit belebendem -Hauche neue frische Blüten sprießen läßt. -- Dort der Ablaßbrief -mit seinen bunten Heiligenbildern aus jener Zeit erinnert uns an -Johann Tetzel, der auch in Freiberg seinen einträglichen Handel -trieb. Freilich erkannte der gerade ehrliche Sinn gar bald, wie hohl -und unwürdig dies Treiben war. Luthers Hammerschläge am Tor der -Schloßkirche von Wittenberg hatten auch in Freiberg kräftigen Widerhall -gefunden. Als Tetzel kurz nach dem weltgeschichtlichen 31. Oktober -1517 nach Freiberg mit seinem Ablaßhandel kam, »hat es ihm so wol als -zuvor nicht glücken wollen, also gar, daß mehr allein wenig Personen -seiner geachtet, sondern auch die Bergleute ihn zu beschimpffen sich -unterstanden und verlauten lassen, das gesamlete Ablaßgeld ihm gar -abzunehmen, deßwegen er bald fortgewandert ...« - -Aus den Kammerkästchen im alten ehrwürdigen Archiv, aus den Urkunden -und pergamentenen Handschriften, aus den mächtigen Foliobänden längst -vergangener Tage steigt so altes deutsches Leben, großes Geschehen, das -Gedenken großer Taten und Männer auf. Luther und Melanchthon, Johann -Sebastian Bach und Bismarck wandeln an uns vorüber, werden lebendig, -wenn wir ihre Handschriften sehen und in der Hand halten. Wir sind -nicht mehr im Urkundenarchiv zwischen engen Mauern abgeschlossen -vom Leben, von dem kaum ein Laut hereindringt, nein, wir stehen wie -auf einer hohen Warte und schauen hinein in das flutende Leben, wie -es durch die Jahrhunderte strömt und seine Wellen aufwirft, und in -seinem Vorwärtsdrängen die Geschlechter durcheinanderwirbelt und -treibt, aneinanderreibt, emporträgt und niederreißt, aus dem Ursprung -ferner Vergangenheit her aus dem Zeitenwandel Geschichte schaffend; -das Schauen wird uns Erlebnis, Erlebnis der Heimat, Erlebnis ihrer -ringenden, kämpfenden Seele; das Leben der Heimat rauscht uns, und die -Liebe zur Heimat ist die aus dem inneren Erlebnis emporwachsende Frucht. - -Aus dem Urkundenarchiv, wo vergangene Zeiten eindringlich zu uns -sprechen, gehen wir hinüber zum Ratssitzungszimmer, wo mit den -Forderungen, Leiden und Nöten der Gegenwart gerungen wird und ernste -Männer raten und taten, sich mühen und sorgen um das Wohl der Stadt. -Wir schreiten durch eine altertümliche doppelflüglige Eisentür, die -aus geschmiedeten Platten zusammengenietet und mit durchbrochenen -Auflagen und Bändern reich verziert ist, ähnlich der schönen Eisentür -am Archiv. Ein mächtiges Kunstschloß dient zur besonderen Zierde und -Sicherung. Eine zweite Tür aus starkem Holze in eingelegter Arbeit -mit reicher Profilierung liegt hinter der Eisentür und wird umrahmt -von einem reichen Renaissanceportal im Ratszimmer. Der Raum ist -7,50 × 9 ~m~ groß und ist mit einem flach gespannten Netzgewölbe -mit aufgeputzten Rippen überspannt, in das die Stichkappen über den -Fenstern tief hineinschneiden. Die Stimmung des Raumes, ein sattes -Grün der Wände mit leuchtendem Goldgelb der Wölbung, mit dem großen -länglichrunden Ratstisch und den hochlehnigen, geschnitzten Stühlen -ist ungemein behaglich. Dazu trägt nicht zum mindesten bei die den -ganzen Raum beherrschende kostbare Vertäfelung der Ostseite mit ihren -Gesimsen, Pilastern, Füllungen aus edlen Hölzern in eingelegter Arbeit -und reichen Profilierungen. Beim näheren Zuschauen finden wir, daß -diese hoch bis an den Gewölbekämpfer hinaufgehende Vertäfelung ein -wunderbares Schranksystem ist, das in tiefen Wandnischen mit vielen -Fächern eingebaut ist. Die Türen dieser Wandschränke haben zierliche -durchbrochene Beschläge, welche von demselben geschickten Schlosser -stammen, der die Türen zum Archiv und zum Ratszimmer schuf, dem -Ratsschlosser Paul Winkler, der 1630 acht Gulden für seine Arbeit -erhielt. Die Kunst der Schlosser und Schmiede stand in Freiberg in -hoher Blüte, und gar manches prächtige Werk zeugt heute noch von ihrer -geschickten Hand. Da sind vor allem die köstlichen geschmiedeten Tore -und Einfriedigungen am grünen Friedhof am Dom aus der Hand Gabriel -Mehners (1653--1705) mit ihrer reichen, materialgerechten Ornamentik, -Spiralen, üppigen Blumen und Rankenzügen, zu nennen, ferner die -schönen Gitter in der Begräbniskapelle und in der Annenkapelle am Dom, -geschmiedete Grabkreuze, Vorhangträger, Schlosserzeichen, Türbänder, -Fenstergitter usw. im Altertumsmuseum. Der Rat der Stadt wußte den -Wert solcher kunstvollen Handwerksarbeit wohl zu schätzen nicht nur -dadurch, daß er die tüchtigsten Meister zur Arbeit heranzog, sondern -auch dadurch, daß er schön gearbeitete Meisterstücke ankaufte und -gelegentlich verwendete. Durch diese Art praktischer Kunstpflege wurde -das Handwerk gestärkt, der Wetteifer geweckt und die Leistungsfähigkeit -erhöht, so daß der Ruf der Freiberger Arbeit sich weit verbreitete. - -Der Wandschmuck des Ratszimmers ist sonst schlichter Art. Zwei mächtige -Geweihe, Zwölfender aus den Rehefelder Waldrevieren stammend, mit blank -gefegten, weißen Enden bringen einen Hauch von Harzduft, frischer -Bergluft und der grünen Freiheit der Berge in den gestrengen Raum -städtischer Verwaltung und Sorgen. Ein Ölbild des früh verstorbenen -trefflichen Malers Mißbach an der anderen Wand führt in die heimische -Landschaft, in ein grünes Wiesental, über dem blauduftiger Waldhang -sich erhebt. Im Wiesengrün leuchten blaue Blumen als hätte der blaue -Frühlingshimmel seine Pracht mit vollen Händen darin ausgestreut, und -ein Busch glänzt mitten im Grün im funkelnden Sonnenglanz als sollten -Wiese und Wald, Himmel und Sonne nur seiner Schönheit dienen. - -Gar manchmal, wenn in schwerer Beratung die Geister sich erhitzen, oder -im Redefluß die Stunden zähe sich dehnen, mag ein Auge in diesen grünen -Frühling sich flüchten, sich erfrischen und den Geist zurücklenken von -trocknem Aktenstaub und grauer Theorie, zum grünenden frischen Leben -freier Entschlüsse. - -Noch ein anderes Bild erregt unsere Aufmerksamkeit, der alte -Kupferstich von F. B. Werner »Freyberg in Meißen«, etwa aus der Zeit -um 1710, aus welchem man so recht die stolze Wehrhaftigkeit der alten -Stadt erkennen kann. Mit peinlicher Genauigkeit und Schärfe und großem -malerischen Reize sind die Türme und Mauern, die Wälle, Gräben und -Teiche der Befestigung dargestellt und über sie hinausragend das -bunte Gewirr der Dächer und Häuser und hoch in die Lüfte steigend die -Türme der Kirchen und des Rathauses. Ja, wenn einst ein Stadtkind -von außen sich dieser seiner Heimatstadt näherte, oder von einer der -hochgetürmten Halden hinabsah auf dieses stolze wehrhafte Stadtbild, so -mochte ihm mit Recht sein Herz höher schlagen, denn kaum eine andere in -weiten Gauen mochte ihm gleichen an Schönheit, Eigenart und trotziger, -auf sich selbst gestellter und bewährter Kraft. Die Stadt ist die -Krone der Landschaft und damit der künstlerisch vollendete Ausdruck, -die echte Ausprägung ihrer Geschichte und ihrer inneren Bedeutung und -Kraft. -- - -Hier im Ratszimmer, wo die Geschicke der Stadt seit Jahrhunderten -sich flechten und lösen und die Gedanken und Sorgen um ihr Wohl und -Wehe seit Jahrhunderten sich kreuzten, aufwuchsen und wieder zur Ruhe -gingen, hier spricht eine Stimmung voller Eigenart zu dir, wenn du es -hören und fühlen willst, als wäre dort das Herzpochen eines lebendigen -Wesens, das groß und heilig ist, viel erfuhr und viel erfühlte, viel -erlitt, doch nie erlahmte, als wären wir in einer der Herzkammern der -Heimat, durchpulst von warmem, lebendigen Blute und Geiste, voll des -Großen und Schönen, voll von Erinnerungen und Geschichte, voll von -Drang, Arbeit, Hoffnung, Zukunft. -- - -Noch einen Raum müssen wir betreten, ehe wir das alte Rathaus -verlassen, den Raum, in dem Einzelgeschicke sich flechten, in dem -Gedanken sich kreuzen und binden, in dem Herzen pochen ganz anders, -als wie sonst im Leben, Herzen voll von Entschlüssen, Plänen, Drang, -Hoffnung, Zukunft -- es ist das Eheschließungszimmer, die alte -Lorenzkapelle im Rathausturme. - -Der Turm, die beherrschende Zierde des Rathauses und Marktes, ist von -dem Bürgermeister Nikol Weller von Molsdorf auf seine eigenen Kosten -erbaut worden, »der Stadt Freyberg zu Ehren, weil ihn Gott der Herr -durch das Bergwerck und geführte Handlungen reichlichen gesegnet«. -Schon von außen sieht man, daß das Geschoß der Lorenzkapelle seine -besondere Bedeutung hat, denn an den Außenkanten des Turmes sind zwei -Nischen ausgespart mit schlichtem, kleinen Baldachin, in welchen einst -die Gestalten der Mutter Gottes und des heiligen Lorenz, als der -Schutzheiligen des Rathauses, sich befanden. - -Von der großen Ratsdiele her betreten wir durch einen halbdunklen -Vorraum die alte gotische Lorenzkapelle. Es ist ein neckischer Zufall, -daß gerade der heilige Lorenz der Schutzheilige des jetzigen Raumes für -die bürgerlichen Eheschließungen mit den beiden feierlichen Stühlen vor -dem grünen Tisch ist, denn dieser Märtyrer wurde auf dem Rost gebraten. -Hoffentlich bleiben derartige Märtyrergefühle allen erspart, die zum -Lebensbunde sich auf die entscheidenden Stühle niederlassen. - -Zwei andere Schmuckstücke aus der Zeit der Erbauung passen sich in -sinnig symbolischer Weise dem jetzigen späten Zweck der alten Kapelle -an, die in Stein gehauenen Wappen ihrer Erbauer, der Bürgermeister -Weller von Molsdorf und Jobst Krohe. Das Molsdorfsche Wappenzeichen -stellt zwei Schwanenhälse dar, die in den Schnäbeln einen goldenen -Ring halten, das Symbol der Treue, welche zwei Seelen bindet, das -Krohesche Wappen, eine Krähe, welche sich die Brust aufreißt, das -Symbol der Aufopferung, welche das eigene Herzblut hingibt. - -Diese redenden Wappen alter Freiberger Geschlechter, die heute noch -so ganz besonders zur Zweckbestimmung des Raumes sprechen, sind -über dem herrlichen Eingangsportale zur Kapelle angebracht. Dieses -reiche gotische Portal ist das prächtigste Stück gotischer Kunst, --- wenn man die unvergleichliche Tulpenkanzel im Dome ausnimmt, -- -welches in Freiberg erhalten ist. Reiches Stabwerk von Rundstäben, -tiefen Hohlkehlen und scharfen gratartigen Profilen mit kräftiger -Schattenwirkung schließt sich in schräger Laibung von 1 ~m~ Tiefe in -kühnem Schwung zum edlen Spitzbogen zusammen. Die schlanken Rundstäbe -haben schöne senkrecht oder schraubenförmig geriefte Sockel. Der -äußerste Stab rechts und links blüht zu einer schlanken Säule auf -mit schönem, spätgotischem Blattkapitell, das auf einem glatten -Kämpferblock je eine schlanke Fiale trägt mit zierlichen Kantenblättern -und Kreuzblume als Abschluß. Zwischen den Fialen ist ein schwungvoller -Kielbogen, wie ihn die spätere Gotik liebte, eingespannt, aus dem reich -und stark modellierte Blätter hervorwachsen und der schließlich zu -einer stolzen Kreuzblume mit doppeltem Blätterkranz bis fast an das -Gewölbe oben aufschießt. Überrascht stehen wir vor diesem Meisterwerke -der Steinmetzkunst, das etwa um 1440 von Freiberger Handwerkern -geschaffen, ein Beweis für den großzügigen, künstlerischen Sinn der -Erbauer und das Können jener Zeit ist. Ein schönes, hochgeschwungenes -Sterngewölbe mit edel profilierten Rippen überdeckt den etwa 12 ~qm~ -großen, quadratischen Raum. 3 große, farbig verglaste Fenster mit -tiefen Nischen in den starken Turmwänden, die als Rosenlauben zart -bemalt sind, spenden eine Fülle von Licht und geben dem Raume eine -festlich feierliche Wirkung. - -Zierliche symbolische Malerei an den Türen der eingebauten Schränke -ist wie eine liebliche Begleitmelodie zu dem Rhythmus und der -klangvollen Harmonie des ganzen Raumes. Die alte Lorenzkapelle, das -Eheschließungszimmer, ist als ganzer Raum und in ihren Teilen wie ein -Symbol ihrer Bestimmung, ein Symbol des tiefen Sinnes und Zweckes des -Ehebundes, daß Treue und Hingebung, Klarheit und Harmonie erst die -rechte Vollendung geben, daß das Einzelne dem Ganzen dienen muß, um -seine Bestimmung zu erfüllen, und daß das Ganze erst durch die Harmonie -der einzelnen Teile lebt und gewinnt. -- -- -- -- - -Sollen wir noch weiter durch das Rathaus wandern und uns erzählen -von Räumen und neuen Dingen, die noch keine Geschichte haben? Gar -manches wäre noch der Beachtung wert. Da hängt in der großen Diele -ein mächtiger Kronleuchter aus Holz von der bunten Balkendecke -herab, der in eigenartiger Zusammenfügung und Gestaltung schlichter -erzgebirgischer Volkskunst dem Raume einen volkstümlichen Heimatklang -verleiht. Da steht in der kleinen Stadthausdiele auf der Treppensäule -frei im Raume die Gestalt eines Bergmanns mit dem Wappen der Stadt und -einem großen Hammer über der Schulter, der Sohn der alten Bergstadt, -der über ihr Wohl und Wehe, über Recht und Ehre Wacht hält. Da hängt an -der Wand das eiserne Kreuz, welches 1915 opferbereite Hände nagelten. - - »Dies Denkmal eisenharter Zeit, - gehüllt in schlichtes Eisenkleid - künde der Heimat Dankbarkeit« - -ist sein Widmungsspruch. - -Welche Gedanken und Erinnerungen werden da lebendig. Dinge, die keine -Geschichte haben? Ach, wir haben Geschichte erlebt, daß uns das Herz -stolz und groß und doch wieder weh und wund wie von sieben Schwertern -wird. -- - -Ein großes Schlachtenbild von 1870 hängt dort an der Wand, wo stolz der -Kommandeur mit seinen Offizieren hoch zu Roß auf der Höhe hält; die -besiegten und gefangenen Franzosen ziehen ab, und Sieg klingt es wie -mit jubelnden Fanfaren aus dem Bilde. Wir haben Geschichte erlebt! - -Einst hing dieses Bild im Kasino der Offiziere des Freiberger -Jägerbataillons Nr. 12, das ruhmbedeckt aus dem Weltkriege heimkehrte. -Das Offizierkasino ist nicht mehr. Das Rathaus nahm das Bild als Zeugen -ruhmreicher Tage des der Stadt so eng verbundenen Bataillons in treue -Verwahrung. Unser Herz ist stolz und wund! - -Unten im Rathausflur ist die große Ehrentafel mit den Namen derer, -die treu im Dienste der Stadt gestanden, ihr Leben dem Vaterland -geopfert haben. Lang sind die Reihen, zahlreich die Namen, welche -uns die Treue bis in den Tod für Vaterland und Heimat predigen. Eine -trauernde Mutter mit ihrem Säugling im Arm als Sinnbild der verlassenen -Familie, ein bärtiger Krieger mit Stahlhelm in der Hand, das Sinnbild -des treuen Kameraden, stehen links und rechts von den Namen der -dreiteiligen Tafel. Unser Herz ist wund, wenn wir ihrer gedenken, und -an das deutsche Leid, die dunkle Zeit seit jenen Tagen, doch wenn wir -zurückschauen in unsere Geschichte, die Geschichte der Heimat, deren -stummer Prediger auch das alte Freiberger Rathaus ist, dann spüren wir -die Gewißheit, daß aus dem Heimatboden und der Heimatliebe neue Kraft -emporwachsen wird. - -Die Freiheit und das Glück der Heimaterde kann nur aus dem Heimatgeist -geboren werden. O Heimat, Heimat, wann wirst du erwachen, wann wird -dein Tag kommen und neuer Heimatstolz deinem Morgen lachen? - -Wir stehen wieder auf dem Obermarkt und um uns hastet, lärmt und eilt -das tägliche Leben. Da hebt das Häuerglöckchen vom Petriturm, der hoch -in den Markt hereinschaut, zu rufen und zu klingen an, so wie seit -Jahrhunderten seine helle Stimme mahnend über die Straßen, die Dächer -und Giebel ging. Mitten im lärmenden Leben drängender Gegenwart faßt -uns der Zauber der Vergangenheit, der Zauber der alten Stadt, welcher -Geschichte und Kunst, Bergmannsleben und Bürgerkraft einen besonderen, -eigenartigen Charakter gegeben hat. - -Glück auf! Glück auf! Du alte getreue Bergstadt! Hüte deine -Vergangenheit, dann blüht dir der Segen der Zukunft! - - - - -Was der Petriturmknopf erzählt. - - -Eines Tages schaute aus der obersten Turmluke hoch über den Glocken des -hohen Petersturmes ein Mann heraus. Das war ein seltener Besuch dort -oben in luftiger Höhe, und erregt flatterten und kreischten die Dohlen -um den funkelnden goldenen Turmknopf und die knarrende Wetterfahne. -Was wollte dieser Eindringling dort oben im Reiche der Dohlen, der -Schwalben und Fledermäuse, hoch über den Glocken, wohin nicht Treppe -noch Leiter führt, sondern nur gefährliche Kletterkünste über den -Bronzeleib der Glocken, durch Streben, Stiele, Sparren und Gebälk? - -Im Sturme hatte die Spitze des Turmes geschwankt, und die Wetterfahne -mit dem eisernen Gestänge hatte sich geneigt. Heute fand der -Zimmerpolier Dietrich, daß das Holzwerk des »Kaiserstils«, welcher -die eiserne Spille der Wetterfahne und des Turmknopfes trägt, -morsch geworden und ihr Absturz möglich war. Da galt es denn, die -Turmspitze über den Glocken zu erneuern, denn auch Streben und Sparren -hatten gelitten. In schwindelnder Höhe schoben sich nun Balken und -Streben, Stiele und Zangen heraus und fügten sich zu kühner, luftiger -Konstruktion, anzuschauen von unten wie ein zierliches, feines -Gespinst, das die Konturen der schlanken Spitze umhüllte und in dem die -Männer wie kleine Spinnen kaum sichtbar umherstiegen. - -O wie weit und wie frei ist von dort oben der Blick! Auf dem Turmknopf -hab ich gestanden und über die Wetterfahne weggeschaut in blaue, -unendliche Fernen, in schimmernde Sehnsuchtsweiten, wo Erde und Himmel -eins sind, und habe jäh hinabgeblickt in die Tiefe unten, in die -Straßen und Höfe der Stadt, wie in dunkle Gräben und Schächte, so eng -und so klein, in denen geschäftiges Ameisenleben wimmelt, so fern und -so fremd uns und so sonderbar und zwecklos uns scheinend, als wären wir -in einer anderen Welt, als schauten wir von einem Stern, als ein von -Erdendruck und Zwang befreiter Geist. - -O ihr Ameisen dort unten im Schatten, was rennt und eilt ihr hin und -her, der eine hier sein Ziel, der andere dort seinen Weg suchend, -ruhelos hier im Gewühl sich drängend und stoßend, rennend dort den -Nachbar überholend, mit den Augen gebannt auf die niedrige Enge, die -dumpfen Gassen und selten einer den Blick in die Höhe, zum Lichte, -das über jeder Dunkelheit und Enge wartet. O, ihr Ameisen dort unten -im Schatten, jede ein Menschenschicksal, jede mit dem Verlangen nach -Glück und jede mit der Saat der Schmerzen und des Leides in der -Seele, jede mit hundert Banden an die Erde gefesselt, und jede doch -mit heimlicher, oft unbewußter stummer Sehnsucht, über dies Dunkel -sich zu erheben: Des Himmels blaue Kuppel steht über euch! Er ist das -hohe Dach der engen Gassen, er ist das hohe Dach auch für das engste -Leben! Hebt nur die Augen empor aus dem Zwang der dumpfen Höfe eures -Schicksals, und eure stumme Sehnsucht wird Flügel gewinnen, die euch -emportragen. Greift nur zu und packt mit den Armen eurer Seele und -drückt an die Brust, was euch, ja jedem von euch, die Heimat und der -Himmel der Heimat bietet und geben kann an tiefem Erleben von Schönheit -und innerem Glücksbewußtsein: Alles ist dein, was dein Herz sich zu -eigen macht, dann fühlst du es: Der Wald rauscht nur für dich allein, -die Wiese lacht nur dir mit ihrem leuchtenden Grün und bunten Blumen, -dir schmettert der Vogel sein Lied, dir raunt der Bach mit seinem -Plaudermund seine trauliche Melodie, für dich segeln am Himmel die -Schiffe der Sehnsucht mit schimmernden Segeln, die ziehenden Wolken, -für dich wandern die funkelnden Sterne durch die schwarzen Abgründe des -Weltalls von Ewigkeiten zu Ewigkeiten, für dich baut sich Berg und Tal -und blauende Ferne, das goldene Ährenfeld und die purpurne duftende -Kleebreite, die Pracht des Winters mit seinen stillen, reinen Wundern -und kristallenem Zauber an Halmen und Zweigen, dein, dein ist die -Heimat, dein alle ihre Herrlichkeit, und dich macht sie reich, deine -Augen helle, dein Herz froh und stolz und deine Seele rein und edel. -Laßt nur durch enge Gassen und dumpfe Mauern die Seele nicht enge und -dumpf, nicht dunkel und klein werden. Vergeßt nicht im Ameisengewimmel -und Tagesgewühl von den köstlichen Einsamkeiten der Heimat zu schmecken -und ihre heilige reinigende Kraft in euch zu trinken. Auch über dunklen -Gassen steht der blaue Himmel und er ist dein, wenn du mit deiner Seele -dich zu ihm erhebst. -- - -Es saust der Wind in starken Stößen, als wollte er den einsamen Träumer -von seinem Stern, von seinem luftigen Standpunkt, dem höchsten Punkte -der alten Bergstadt, herunterwehen, und Schwalben schießen sirrend und -schwirrend vorüber, wie stahlblaue und silberne Pfeile. Wollen sie -necken und spotten, daß der Träumer doch keine Flügel hat? - -Aber unsere Blicke trinken die Ferne. Dort die blauen Linien der -Bergzüge duftiger und duftiger in fernen Himmeln versinkend, -ertrinkend, dort die dunkleren Wogen des Tharandter Waldes. Dort, -wie ein ungeheures, buntes Tuch über die steigenden und fallenden -Wellen des Landes gezogen, wie lebend, mit leisem Atem sich hebend und -senkend, die Felder und Wiesen, die Äcker und Fluren in allen Tönen -von Grün zum Braun, von Blau, Violett und Gelb, Wälder und Bäume, -darin Hügel und Halden, Häuser und Höfe und Dörfer wie wunderfeines -Spielzeug eingestreut, Teichspiegel blitzend wie Silberfunken, -schimmernde Straßen wie leuchtende Bänder mit dem dunklen Perlensaum -der Bäume, Wolkenschatten fliegen, bald leuchtend und lächelnd, bald -ernst und trübe, bald hell in Freude, bald dunkel in Schwermut. Über -alles gespannt so hoch und licht und weit des Himmels blauseidenes -Zelt in dem die silbernen Wolken wie selige Gestalten einherziehen. -Die blaue Erdenferne, die blaue Himmelsferne hat mich verzaubert. -Ich stehe auf dem goldnen Knopf, auf meinem Stern im Mittelpunkt der -Welt, außerhalb der armen Erde hoch im Licht, und um mich dreht sich -Himmelsferne wie eine leuchtende Glocke von schimmerndem Opal und der -schwebende Reigen träumender Wolken hebt über alles Irdische empor, und -die blaue Erdenferne grüßt im ungeheuren Rund von aller Erdenschwere -befreit in einer leuchtenden Schönheit, die sich in Sehnsucht wandelt -und die Flügel der Seele spannt zur Unendlichkeit. Ich schaue nur -empor in die blaue Gottesferne und grüße die Wolken, die stillen -Gefährten der Höhengedanken, die schwebenden Wandrer des Lichtes. Ihr -Wolken dort oben, wie nahe bin ich euch, als schwebte ich mit leise -tragender Schwinge in eurer schimmernden Schar, wie seid ihr das Bild -menschlicher Sehnsucht, menschlicher Träume! Aufsteigend, schwebend, -dahinziehend in ziellose Ferne, zur Sonne sich erhebend und selig -zerfließend im Licht, neu sich schließend zu leuchtenden Gestalten, -zwischen Himmel und Erde wandernd. In Farben sich wandelnd, zu Purpur -und Gold, zu Silber und Schwarz, zu blauem Sammet und rosenfarbener -und blaßblauer Seide, vom Lichte strahlend durchwirkt, von Goldfäden -zart durchsponnen. Ruhelos und ewig wechselnd, bald dunkel und schwer -wie ein lauerndes Schicksal, bald silbern und glänzend wie strahlende -Erfüllung, bald zart und schimmernd wie träumende Erwartung, bald -jagend und eilend wie trotziges Begehren, bald stille rastend wie -wunschloses Glück, bald sich ballend und türmend zu goldenen Gipfeln -mit sehnsuchtsblauen Tälern, bald wandernd wie zarter Schaum ziehender -Wogen, die aus dem tiefen Blau der Unendlichkeit quellen und wallen, -wie weichen Nebels Spitzengeriesel fließend und fallend, immer neu -und nimmer Ruhe, immer wechselnd und nimmer bleibend, zwischen Himmel -und Erde wandernd, steigend und sinkend, werdend und vergehend, -- -menschlicher Seelen, menschlicher Sehnsucht Gleichnis und Abbild seid -ihr dort oben, ihr Wolken des Himmels, ihr Wolken der Erde, euch fühle -ich mich nahe, ihr schwebenden Wandrer des Lichts. - - »Kein Herz kann sie verstehen, - Dem nicht auf langer Fahrt - Ein Wissen von allen Wehen - Und Freuden des Wanderns ward. - - Ich liebe die Weißen, Losen - Wie Sonne, Meer und Wind, - Weil sie der Heimatlosen - Schwestern und Engel sind.« - - Hermann Hesse. - -Aus der Stadt dort unten dringt kaum ein Laut herauf zu meinem Stern. -Nur ein fernes Summen und Sausen eint sich mit der großen Harmonie der -Schöpfungsmelodie, welche aus den tausend Stimmen des Lebens und der -Natur emporrauscht und mich umflutet. -- -- -- -- - -Wie lustig sind die Dächer in der alten Stadt in der Tiefe zu unseren -Füßen, welche der grüne Ring der Promenaden auf dem Gelände der alten -Gräben und Wälle umgibt. Rot und braun, schwarz verräuchert und violett -getönt, bei aller Buntheit eine fröhliche Harmonie in Ziegelfarben -auf steilen Dächern. Hie und da ein Treppenturm dazwischen mit -geschwungener Haube oder Kegeldach, oder dort ein kecker Giebel. Dort -wieder stehen wie schweigende Hirten inmitten wimmelnder Herde die -großen Gestalten der ragenden Türme von St. Nikolai, der Donatsturm, -der Rathausturm und in breiter Masse gelagert des ehrwürdigen Doms -mächtiger Bau und dort die klotzigen Mauern, breiten Dächer und der -Rundturm des Schlosses Freudenstein mit spitzem Kegeldach. Blau -kräuselt sich der Rauch empor und zerfließt in der klaren flimmernden -Luft. Weiße Taubenschwärme flattern über die Dächer dahin. Ein -aufgeschlagenes Buch ist uns die Stadt, in dem die Züge der Straßen -hier so gerade und rechtwinklig sich schneidend, dort in unregelmäßiger -Krümmung scheinbar regellos sich windend die Zeilen sind, aus denen -wir Geschichte lesen. Das eine ist die Stadt, welche Otto der Reiche -baute, dessen Denkmal wie ein Tafelaufsatz mitten auf blanker -Tischplatte dort unten auf dem rechteckigen Obermarkt steht, das andere -ist die Sächsstadt, die Stätte des alten Christiansdorf, der alten -Siedlung, aus welcher die freie Bergstadt emporwuchs. Was der grüne -Promenadenring umschließt, das ist die alte, freie, getreue Bergstadt, -von deren Glück und Leid, Geist und Leben, Kraft und Treue in alter -Zeit uns Andreas Möllers Chronik von 1653 so stolze, ruhmreiche Dinge -zu berichten weiß. - -Über den Dächern, Giebeln und Türmen, über den alten Wällen, Gräben -und Mauern liegt der Zauber der Geschichte und der Sage, liegt der -träumerische, anheimelnde Reiz der alten Stadt, welche Jahrhunderte -kennt, welche Geist und Schicksal hat, welche sicher auf heimatlichem -Grunde ruht, wie eine steinerne Riesenblume aus Jahrhunderten -herangeblüht und in weitere Jahrhunderte hineinwachsend aus -Felsengrunde dem Lichte entgegen. - -Es ist mir, wie ich auf die alte Stadt herniederschaue, als blickte -ich tief hinein in ihre Seele und hinab auf ihre Geschicke und sähe -Geschlechter kommen und gehen, schaffen und leiden für ihre alte -Heimatstadt, die Stadt, die heute noch der Ausdruck ihrer Seele ist und -bleiben soll. -- -- -- - -Die Turmspitze ist nun erneuert und verspricht wieder 100 Jahre -und mehr unter dem Schutze der neuen kupfernen Dachhaut Sturm und -Wetter zu trotzen. Der goldene Turmknopf funkelt hell und blitzend im -Sonnenschein. Er scheint ein schweigsamer Geselle zu sein und nicht -ohne weiteres zur Zwiesprache aufgelegt, wenn die Schwalben um ihn her -schwirren oder die Dohlen ihn umschreien. Er will auch nicht mit jedem -sprechen, den nur die Neugier juckt. Seine Höhengedanken sind schwer -zugänglich für den, der nicht in die Tiefe dringen will, oder nicht -Welt, Leben und Seele aus der Höhe beschauen will. - -Die Wetterfahne ist schon lebendiger und gesprächiger. Wenn der Wind -sie dreht, dann klingt wohl das Sprüchlein, das auf ihr angebracht ist -und mit dem Hugo Meeser bei seiner kühnen Turmknopfbesteigung ohne -Gerüst zur Fahnenreparatur sich einst verewigte: - - »Mußt durch die Zeit du sehr auch leiden - Mit Gott hab ich dich jung gemacht. - Drum drehe dich der Stadt zur Freude - Sei stets auf guten Wind bedacht.« - - _Hugo Meeser_, - Mechaniker, Freiberg. - -Gesprächiger sind auch die Glocken tiefer unten, deren hallender Mund -über die Stadt täglich eherne Klänge dröhnen läßt. Die Läuteglocke von -1570 ruft zum Kirchgang mit dem Spruch: - - »Mein Klang ruft dich zum Kirchgang, merks Wort, - Gott dank, sing Lobgesang.« - -Das Bergglöcklein aber ruft zur Arbeit mit vertrautem Klingen: - - »Auf auf zur Grube ruf ich euch, - Ich, die ich oben steh, - So oft ihr in die Tiefe fahrt, - So denket in die Höh!« - -»In die Höhe denken« tut uns allen heute mehr denn je not, und dem, -was die Glocken uns sagen und erzählen können, sollte man wohl gerne -lauschen, denn Leben und Dasein des einzelnen Menschen, wie von Stadt -und Volk, sind von ihnen durchklungen und sind begleitet von ihren -ehernen schwingenden Schritten hin und her. - -Der Turmknopf dagegen, so hoch erhaben über den Glocken, besitzt den -Stolz und die Verschlossenheit der Einsamen und ist ein schweigsamer -Geselle. Er schaut sich still die närrische Welt von oben an, und -selten, selten öffnet er den schweigsamen Mund. Doch als ich bei ihm -oben war, hat er doch manches mir ins Ohr geraunt. Manches, was ich da -erlauschte hoch über dem Brausen der geschäftigen und ach so kleinen -Welt da unten, und was er so lange schweigend bei sich bewahrte, -gibt einen Höhenblick über Zeit und Menschen, als stünden wir bei ihm -auf der Spitze oben an der Wetterfahne und sähen den Geist der alten -Stadt an seinem Schicksal weben, als sähen wir die Geschlechter kommen -und gehen, schaffen und leiden. Wie manche Menschen scheint zwar der -brave Knopf zu sein: »Außen blank und blendend, innen nichts, hohl und -leer!« Doch nein, »er hat es in sich!« Wenn er auch nur vielleicht alle -hundert Jahre einmal spricht, und man ihm dazu erst recht energisch auf -seinen runden Leib rücken muß, um ihn zum Reden zu bringen, so ist doch -das, was er dann sagt, um so bemerkenswerter, denn Stimmen und Geister -von Männern und Geschlechtern früherer Jahrhunderte werden lebendig und -steigen empor aus enger Haft und reden von dem, was Ihnen einst wichtig -war. -- -- -- - -Eine alte gute Sitte ist es, in Grundsteine, Schlußsteine, Turmknöpfe -bemerkenswerter Gebäude, Urkunden einzulegen und mit ihnen Zeugnisse -über die Zeitverhältnisse, Proben von Geldmünzen und was etwa besonders -bemerkenswert erscheint. Diese Dinge müssen gut verwahrt sein, denn bei -dem Wechsel von Frost und Hitze und der Möglichkeit von Zutritt von -Feuchtigkeit z. B. als Schweißwasser würden die Urkunden sonst bald -zerstört sein. Man verwahrt sie darum in besonderen metallnen Kapseln, -die verlötet oder verfalzt und dann dem Turmknopf einverleibt werden. -Im Jahre 1580, als die ersten Urkunden in unseren Turmknopf eingelegt -wurden, beachtete man dies nicht. Die Urkunden sind daher fast ganz -zerstört und nur dadurch z. T. erhalten, daß sie im Jahre 1803 in die -Kapsel mit aufgenommen wurden. - -Der Turmknopf des hohen Petersturmes ist eine Hohlkugel aus Kupferblech -von 70 ~cm~ Durchmesser, d. h. von einer Größe, daß zwei Knaben von -10 Jahren darin zusammengekauert Platz fanden, als bei der Erneuerung -sein goldenes Kleid neuen Glanz erhalten sollte und er auf die -profane Erde dazu herniederstieg. Zwei kupferne Kapseln zylindrischer -Gestalt von etwa 35 ~cm~ Länge waren sein Inhalt, welche Urkunden auf -Pergament, Drucksachen und in besonderen kleinen Behältern Geldmünzen -enthielten. Die Urkunden stammen aus den Jahren 1822, 1803, 1731 -und 1580. Der Inhalt der Urkunden ist einander ziemlich ähnlich. Er -behandelt zunächst die Gründe der Ausbesserungsarbeiten, dann die -Zusammensetzung des Rates und schließlich die Preise von Lebensmitteln -und einige Zeitereignisse, die besonders bemerkenswert erschienen. -Die älteste Urkunde von 1580 auf Pergament ist stark beschädigt und -nur schwer noch leserlich. Diese Urkunde beginnt: »Anno Domini. -Tausendfünfhundertundachtzig, als man die Spize auf den runten Thurm zu -St. Peter renoviret, den Knopff neu vergoldet, und gewahr wurde, daß -die Spize uf den andern und höchsten Thurm auch wandelbar ward, hat man -die aus Noth anderthalben Ellen oben herab abschneiden müssen, denn -die Spille so hoch uf der einen Seiten gar verfaulet war, so lang hat -man Nikol Schmiden einen Bergschmid, uf der Peterstraßen, so allerhand -künstlich Schmiedewerk machen können, wiederumb einen eisernen Schuch -und Stange machen lassen.« Der wackere Bergschmied bewährte seinen -Ruf. Er schmiedete einen Engel mit einer Armbrust und brachte ihn über -dem Knopfe an. Leider fing dieses Schmiedewerk zu viel Wind, so daß -es 1589 herabgenommen und durch die Fahne mit dem Stadtwappen ersetzt -wurde. Es war die Zeit des Kurfürsten August, des »Vater« August und -der »Mutter« Anna, aber doch wird in der Urkunde über die Zeit geklagt: -»zu dieser Zeit waren diese Lande, sowohl die Bischoffthümer harte -betränget, mit dem Wildpret von Hirschen und wilden Schweinen, deren -in großer Anzahl in diesen Landen gehegt waren. Man mußte auch von -jeden Fasse Freybergischen Biere 22 gr. Tranksteuer und 27½ gr. Ungeld -geben, dadurch die Leute gar verarmeten und große Wehklagen unter dem -Volke war, denn man muste von jedes Kandel Wein über die Tranksteuer -2 Pf. Ungeld, und von einer Kandel Bier 1 Pf. geben. War hierzu große -Theurung, man muste um Pfingsten einen Scheffel umb 5 alte Schock -bezahlen usw.« - -Dieser Stoßseufzer aus schweren Herzen, der dem verschwiegenen Innern -des höchstgestellten Knopfes der Stadt anvertraut wurde, zeigt, daß die -Landes»kinder« doch wohl nicht mit ihrem Landes-»Vater« und -»Mutter« -ganz einverstanden waren, sondern auch die Faust in der Tasche oder -im stillen Turmknopf ballten. Es wirft diese Klage auch ein helles -Licht auf die Jagdleidenschaft des Kurfürsten, dem das Wohl des Wildes -bei weitem höher stand als das Wohl des Bauern. Die Jagdstrecken der -alten weidwerksfrohen Wettiner waren ja so ungeheuerlich groß, daß -man ebenso staunen muß über den Wildreichtum des Landes wie über die -Zeit und das Geld, welche die Fürsten dieser Leidenschaft opferten. Wo -gar einem hohen Gaste eine Jagd geboten wurde, scheute man nicht vor -verschwenderischem Aufwand zurück, um durch glanzvolles Schauspiel zu -blenden. August I. hielt in Lichtenburg eine Jagd mit dem Könige von -Preußen im Jahre 1730 ab: Alle Jäger erhielten dazu neue Uniformen und -silberne Hifthörner, auch sogar die Treiber grüne Westen und Schärpen -aus »Silberlahn«. Für die höchsten Herrschaften war ein hölzernes -Jagdschloß mit vergoldeten Simsen und Fensterrahmen erbaut. Man erlegte -an diesem Tage an 600 Hirsche und Rehe und über 400 Keiler, Bachen und -Frischlinge. Es fällt uns hierbei die ungeheure Zahl des Schwarzwildes -auf, das aus sächsischen Forsten jetzt wohl fast ganz verschwunden ist. -Welchen Schaden mögen diese Wühler den Feldern der Bauern zugefügt -haben! - -Der Jagdgast in Lichtenburg war der strenge, sparsame Vater Friedrichs -des Großen, Friedrich Wilhelm I. Es war das für Vater und Sohn so -furchtbar tragische Jahr, in welchem Friedrich in Küstrin gefangen saß -und sein Freund Katte zum Tode geführt wurde, der Riß zwischen Vater -und Sohn am tiefsten und schmerzlichsten war, ja unheilbar schien. In -dieser düsteren Tragik die silbernen Hifthörner von Lichtenburg und -der leichtsinnige Tand und die wilde Genußsucht Augusts des Starken, -ein seltsamer Gegensatz, so scharf wie der Unterschied zwischen der -Auffassung von Königsberuf und Herrscherpflicht bei diesen beiden -Männern. -- - -Aus dieser Jagdleidenschaft, welche alle alten Wettiner mehr oder -weniger beherrschte, und der rücksichtslosen Pflege des Wildes, läßt -sich ermessen, wie »harte betränget« namentlich der Bauer und gemeine -Mann gewesen sein mußte. Und dazu das Bier und der Wein so hoch -besteuert, daß man nicht mal seine stille Wut ertränken konnte! Da war -die heimliche Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf der letzte -Ausdruck nicht sehr untertäniger Gefühle sogar zur Zeit und im Lande -des »Vater« August und der »Mutter« Anna, und nach heutigen Begriffen -nicht ganz unberechtigt! - -Als bemerkenswertes Ereignis wird in unserer Urkunde weiter noch -folgendes erzählt: »Im Junio diss Jahr, stach Hanss Harrer, Churfürstl. -Kammermeister zu Dresden im Schlosse, ihme mit des Churfürsten Taffel -Messer, selbst die Gurgel dreymahl entzwey, ward vermutet, er hätte -helffen das Ungeld aufbringen, hat aber den Pfeffer Handel in diese -Lande bracht, und viel Rotte von Augspurg, der ihn darauf geführt, -aufgestanden und Pankrott gemacht, hat er Ihme in die 70 bis 80 tausend -Gulden mitgenommen.« - -Bei der Aufzählung der Ratsmitglieder fällt auf, daß eine Reihe von -ihnen nicht aus Freiberg stammte. Da ist der Bürgermeister Kilian -Steck, von St. Gallen, der Kamerer Ludewig Budewitz von Erfurt, Hanß -Pocksch von Pauzen, Jakob Heindel von Lengefeld, Adam Bellmann, der -gelehrte Stadtschreiber, welcher die Urkunden verfaßt hat, stammt von -Sayda. Er setzt seinem Namen den Sinnspruch bei: ~Virtuti fortuna -comes~, auf deutsch »Das Glück begleitet die Tüchtigkeit« oder »Jeder -ist seines Glückes Schmied«. Er war also anscheinend von seiner -Tüchtigkeit und seinen Erfolgen sehr überzeugt. Seinem Ratskollegen -Christoph Rudolf von Leisnig gibt er auch ein paar lateinische Worte -mit: »Dieser war so arm, ~ut hostiatim quereret eleemosinar~«, d. -h., daß er um Almosenopfer bat. Soll diese Bemerkung für Christoph -Rudolf eine Auszeichnung sein oder einen Makel bedeuten? -- Im Bergamt -regierte »Herr Wolff von Schönberg, uf Reinsberg« als Berghauptmann. -Oberbergmeister war Martin Planer. Martin Planer war ein berühmter -Mann, ein hervorragender Techniker, der durch seine Tüchtigkeit dem -Bergbau großen Nutzen bis auf den heutigen Tag gebracht hat. Er hat -die großen Teiche im Hospitalwalde, den Hüttenteich, Erzengler und -Rotbächer Teich angelegt, in welchen er das Wasser für bergbauliche -Zwecke als Kraft aufstaute. Die Planersche (Kannegießer) Wasserleitung, -die aus dem Hospitalwalde kommt, führt heute noch seinen Namen. Er -führte im Bergbau die Wasserhaltung durch Kunstgezeuge ein, während -bis zu seiner Zeit das Wasser durch Göpel und Haspel, Pferde und -Knechte mit Kübeln bewältigt wurde. 38 Zeuge hat er so eingerichtet, -und er rechnet in einer Aufstellung aus, daß er dadurch jährlich -102400 fl. 8 gr., das sind rund 650000 Mark an Betriebskosten erspart -hat. In Posern bei Weißensee und in Artern hat er Salzwerke angelegt. -Der berühmte Brunnen auf der Augustusburg, 170 ~m~ tief in den -Felsen getrieben, ist von ihm erbaut. Auch am Ausbau des Schlosses -Freudenstein in Freiberg, das als prächtiger Renaissanceneubau unter -Hans Irmischs Leitung der Fertigstellung entgegenging, mag er nicht -unbeteiligt gewesen sein. - -Noch andere bekannte Namen aus der Freiberger Geschichte werden -in unserer Urkunde genannt. Michael Schönleben der Ältere, -Oberhüttenverwalter, und Michael Schönleben der Jüngere, Hüttenreuther. -Sie sind die Vorfahren des Bürgermeisters Jonas Schönlebe, der Freiberg -gegen die Schweden verteidigte und die Bergmannskanzel im Dom stiftete, -und dessen Wappen heute noch an ihrem ehemaligen Hause, Obermarkt, -Ecke Erbische Straße von dem alten Geschlecht redet, das dort für -Freiberg lebte und arbeitete. -- Schließlich erwähnt die alte Urkunde -das, was in dieser Zeit gesteigerten religiösen Lebens und religiöser -Kämpfe alle Gemüter besonders bewegte, die Einigung auf die sogenannte -Konkordienformel: »Diese Zeit war die reine heilsame Lehre, wie der Hr. -D. Martin Luther seel. durch den heil Geist ans Tage Licht bracht, sehr -gefälschet, dadurch Churfürst Augustus, der Gottes Wort lieb hatte, -geursacht, uf Wege zu denken, damit die Verführer ausgerottet, und -das Göttl. Wort lauter und klar, rein erhalten würde, ließ die alte -Augspurgische Confession ufs neue drucken und ward ein Buch gemacht, -welches man die Concordiam nennete, welches viel Chur- und Fürsten im -Reiche unterschrieben, und alle Vornehme Theologen im Lande. Gott helf, -daß es wohl gerathe, und das Göttliche Wortt bis an der Welt Ende bey -uns bleibe.« -- -- -- - -Doch wir wollen uns nun der Erneuerung von 1731 und ihrer Urkunde -zuwenden. 150 Jahre stand die Peterskirche stolz und sicher. Die -Stürme des Dreißigjährigen Krieges und die zweimalige Belagerung und -Beschießung Freibergs hatte sie ohne Schaden überstanden, da traf sie -ein furchtbares Geschick. Unsere Urkunde berichtet: »Anno Christi. -Ein Tausend Sieben Hundert und Acht- und Zwanzig den 1. May an einem -Sonnabend, ist allhier in der Stadt Freyberg auf der Petersgasse -in Johann Jakob Schossens, eines Böttgers Hause (No. 6) vermutlich -durch Fahrlässigkeit eine Feuersbrunst entstanden, welche jähling -um sich gegriffen, und überhand genommen, daß nebst 16 in die Asche -gelegten Bürgerhäusern auch die Kirche zu St. Petri mit dem höhesten -Turm und den runden sogenannten Hahnsturme in den Brand geraten und -gänzlich verdorben, darbey aber der Glockenthurm noch unverletzet -stehen blieben.« Wie an anderer Stelle berichtet wird, löschte man -zwar von außen her ein paar mal von den Türmen, aber leider war in -der Kirche aller Rat und Hilfe vergebens. Der damalige Superintendent -D. Wilisch, welcher vor dem Altar auf den Knien betend lag, mußte -samt den übrigen Anwesenden der Gefahr wegen, sich zurückziehen, und -diese so schöne Kirche ward »mit allen ihren inwendigen Gemählden und -Denkmählern ein Morgenopfer der wüthenden Flammen«. »Um Mittag brach -das helle Feuer bey dem hohen Thurme heraus und nach etlichen Stunden -zerschmolz die Saigerschelle; der Knopf aber samt seiner Spindel fiel -in die Frühpredigerwohnnung durch das Dach, jedoch ohne zu schaden.« -Außer den stark zerstörten Umfassungsmauern und dem Glockenturm -blieb nicht viel von der Kirche übrig. Sie mußte fast völlig neu -aufgebaut werden. Unsere Urkunde sagt dazu: »E. E. Rath hat sobald -zu Wiederaufbauung der abgebranden Peterskirche sorgfältige Anstalt -gemachet, daß die äuserlichen Mauern um in den Schiffe, in der Höhe -mehreren Plaz zu gewinnen, annoch in besagten 1728ten Jahre erhöhet, -das Sparrwerk darauf gesezet, Ao. 1729, im Chore das alte Gewölbe, -welches nach der zwar anfangs gemachten Hoffnung, nicht zu erhalten -gewesen, abgetragen, und ein neues geschlossen, ferner ao. 1730 im -Schiffe das alte Gewölbe gleichfals abgetragen, Vier neue steinerne -Pfeiler von Grund aus, aufgeführet, und ein neues Gewölbe verferttiget, -auch die Fenster allenthalben adaptiret, in diesen 1731 Jahr aber, -die Kirche inwendig abgepuzet worden. Hiernechst hat man bey dem -eingeäscherten großen Peters Thurme zu Erhaltung des Mauerwerks anno -1728 nur einen Schauer aufgesezet, anno 1730 das Mauerwerk am Gesimsse -ausgebessert, mit großen neuen Ankern befestiget, und die hölzerne -Haube glücklich gehoben, solche auch ao. 1731 vollends ausgebauet, und -mit Kupffer gedecket, worauf heute den 6. July ao. 1731. Der große -Knopff aufgestecket, und diese Nachricht vor die liebe Posteritaet mit -eingeleget worden.« - -In dem Berichte unserer Urkunde folgen nun die Namen von Kaiser, -König und Prinzen, von den Ratsmitgliedern, Stadtgeistlichen und den -Beamten des Bergamtes mit ihren alten schönen Titeln. Dann wird über -das kirchliche Leben berichtet und daran erinnert, daß im Jahre zuvor -(1730) das zweihundertjährige Jubiläum der Augsburgischen Konfession -gefeiert sei: Hierüber ist von diesem Jahre anzumerken gewesen: »In -Ecclesiasticis, daß man Gott sey gepreiset alhier zu Freyberg mit der -Protestantischen Kirche das Wort Gottes, rein und lauter prediget, -die beyden heil. Sacramente nach ihrer Einsetzung administriret, und -von andern Gottes Dienst, oder Religion nichts weiß, vielmehr bey der -unveränderten Augspurgischen Confession in völliger Gewissens-Freyheit -geblieben, auch in abgewichenen 1730 Jahre, das andere Evangelische -Jubileum hochfeyerlich begangen habe.« - -Kurz wird über die Bergwerke u. a. berichtet: »Das Bergwerk ist unter -Göttl. Seegen aniezo in guten Flor und Aufnehmen. - -In was vor Werth die Kuxe stehen, solches besagen die beygefügten -Ausbeuth-Zeddul.« Zum Schluß der Urkunde wird über den Holzmangel -bei den Bergwerken geklagt: »indem der Preiß desselben bey dem -gemeinen Einkauf gegen eine Zeit von 10 bis 12 Jahren noch einmal -so hoch gestiegen, daß man deswegen auf Künfftigen Zeiten sich -allerhand Besorgniß machet. Jedoch auch hierbey Göttlicher Providenz -vertrauet.« -- - -72 Jahre bis zum Jahre 1803 blieb der Turmknopf unberührt. Da meldete -der Türmer auf dem hohen Petersturme, Johann Gottfried Drese, »daß ihm -bey Zerstörung eines Dolennestes in der obersten Kuppel dieses Turmes -faules Holz in die Hände gefallen sey«. Die nähere Untersuchung ergab -zwar keine Einsturzgefahr, jedoch mußten größere Erneuerungsarbeiten -vorgenommen werden. Als die Kapseln für die alten Urkunden geöffnet -wurden, ergab sich, daß Feuchtigkeit eingedrungen war, obschon sie -fest verlötet schienen, und den Inhalt beschädigt hatte. »Auch eine -steckende Dunst verbreitete sich, wovon die Schriften und selbst die -beygelegten Münz Sorten einen sehr heftigen Gestank angenommen hatten; -da hingegen die im Knopfe ohne besondere Verwahrung aufgefundenen -Druckschriften fast ganz verfault befunden wurden.« Auch hier wird -über Teuerung geklagt. Es wird »bey den immer höher steigenden Preisen -aller Lebensmittel, ein zunehmender Verfall der bürgerlichen Nahrung -bemerket, so, daß für die Zukunft, wenn nicht dem städtischen Gewerbe -durch kräftige Maasregeln aufgeholfen wird, sehr traurige Zeiten zu -befürchten sind«. - -Freiberg hatte 1802 eine Einwohnerzahl von 8299 Personen. - -Nach kurzer Zeit, nach nur 17 Jahren, bereits im Jahre 1820, mußte die -Spitze des hohen Petriturmes aufs neue einer Ausbesserung unterzogen -werden. Es stellte sich heraus, daß das Gebälk stark verfault war -und Einsturz drohte. Es wurde daher »die Thurmspitze über dem -Durchsichtigen mit langen hölzernen Schienen belegt, mit eisernen -Ketten und starken Seilen zusammengeschnürt, und nun mit größter -Behutsamkeit, aber auch mit unaussprechlicher Gefahr die Fahne, der -Knopf und die eiserne Spindel abgenommen«. »Der Thurm wurde dazu vom -Durchsichtigen aus, äußerlich fünfmal übereinander, in 26 Ellen Höhe -berüstet.« In dieser Urkunde werden auch einige historische Notizen -gegeben. War doch die Zeit der Fremdherrschaft und der Befreiungskriege -noch frisch im Gedächtnis. Nachdem die Jahre 1803--1809 kurz behandelt -sind, heißt es weiter: »Nur wenig Jahre genoß Sachsen Ruhe; denn -im Jahre 1813 wurde dieses Land aufs neue von Franzosen, Russen, -Preußen und Österreichern mit Krieg überzogen und unaussprechlich hart -mitgenommen. Freybergs Einwohner insbesondere hatten, was schon bey -den im vorhergegangenen Jahre 1812, und in den Jahren 1806, 1807, -1808 und 1809 stattgefundenen Durchmärschen zahlreicher Heerschaaren -ausländischer Kriegvölker in fast unerträglicher Masse auch der Fall -gewesen, durch kostspielige Verpflegung dieser Soldaten nicht nur, -sondern auch durch andere, ihnen von den Heerführern und ausländischen -Behörden, welche nach der Völkerschlacht bey Leipzig im Oktober 1813, -und nachdem Sachsens ehrwürdiger König in fremde Gewalt gerathen -war, unter dem Namen General-Gouvernement dieses Land beherrschten, -aufgebürdete Leistungen unendlich viel zu dulden und die ganze hiesige -Commun kam noch überdies in Gefolg dieser anhaltenden, bis in Jahr -1815 fortgedauerten Kriegsunruhen in eine Schuldenlast von nahe an -200000 Thlr. Der 18. September 1813 war insbesondere für Freyberg ein -schrecklicher Tag, indem in den frühesten Morgenstunden dieses Tags -der österreichische General Scheiter mit Freyjägern und Dragonern -hiesige Stadt, in welcher französische und westphälische Truppen sich -eingeschlossen hatten, überfiel, wobey im Rathause ein Wachtmeister -erschossen ward.« - -Die Einwohnerzahl Freibergs betrug 8320 Personen, also fast genau -derselbe Stand wie 1803. - -Berghauptmann war zu jener Zeit Siegmund August Wolfgang Freiherr von -Herder, der letzte große ungekrönte König des Bergbaues, der Sohn des -Dichters Herder, der seinen Vornamen Wolfgang von seinem Paten Goethe -erhalten hatte. Goethe war mehrmals bei ihm in Freiberg zu Gaste und -holte sich hier Anregungen für seine mineralogischen Studien. - -Den Kapseln waren auch alte Ausbeutebogen beigefügt, aus welchen die -Namen längst verschwundener Schächte mit seltsamem altertümlichem -Klange uns grüßen, ferner ein Stadt-, Land- und Bergkalender vom Jahre -1822 und andere Schriften. - -Ein gewisser Humor liegt in der Form, in welcher der Bauschreiber -des Jahres 1803 seinen Namen dem Gedächtnis zu überliefern suchte. -Auf einem Pergamentblatt von Besuchskartengröße schreibt er in -schöner Druckschrift: »Bauschreiber E. E. Raths war im Jahr 1803 Hr. -Johann Christian Friedrich Herrmann 51 Jahre alt, mittlerer Statur, -belebten Temperaments.« Dies Blättchen hat er offenbar heimlich mit -eingeschmuggelt und so seine Verewigung im Turmknopf erreicht. - -Besonders interessant sind die Beigaben von Münzen. Im Jahre 1803 -wurden die aufgefundenen Münzen der Beigaben von 1580 und 1731 und neue -Münzen in einer sehr schönen, aus Serpentin gedrehten Dose gesammelt, -zusammen 26 Münzen. Sie haben zum Teil noch Stempelglanz. - -Die ältesten Silbermünzen sind vom Jahre 1559 und 1580. Sie zeigen in -sehr schöner Prägung, mit der sich unsere jetzigen Münzen bei weitem -nicht messen können, auf der Vorderseite das Bild des Kurfürsten -August mit dem Kurhut auf dem bärtigen Haupte und dem Kurschwert über -der hermelingeschmückten Schulter, auf der Rückseite das einfache -sächsische Wappen mit den Kurschwertern. Unter den Münzen von 1731 -ist besonders bemerkenswert ein Speziesthaler von 46 ~mm~ Durchmesser -mit dem Bilde des Königs Friedrich August mit lang herabwallendem -Lockenhaar mit einem Lorbeerkranz. Die Rückseite zeigt das sächsische -und das polnische Wappen unter der Königskrone. Die Münzen des -Jahres 1822 sind in einer stark verzinnten Blechdose verwahrt. Es -sind 13 Stück und sie zeigen fast alle noch Stempelglanz. Auf der -Vorderseite das Bild König Friedrich Augusts, auf der Rückseite das -sächsische Wappen. Drei dieser Münzen sind für Freiberg besonders -bemerkenswert. 1. Ein Ausbeutethaler mit der Umschrift auf der -Rückseite »Der Segen des Bergbaus«. 2. Ein Speziesthaler von 46 ~mm~ -Durchmesser. Auf der Vorderseite das Bild des Königs in starkem Relief, -matt gehalten auf poliertem Grund, auf der Rückseite das Bild der -Grube Bescheert Glück mit der umgebenden Landschaft und der Umschrift: -»Beschert Glück Fdgr. Ohnweit Freiberg« und der Unterschrift: »Kam -in Ausbeuth im Quartal Crucis 1786 ¹/₅ Mark Fein Silber.« 3. Eine -Denkmünze von 67 ~mm~ Durchmesser vom Jahre 1818 mit dem Bilde des -Königs Friedrich August matt auf blankem Grund in starkem Relief mit -der Umschrift: »Friedrich August König von Sachsen seit 50 Jahren -Vater seines Volks und Beschützer des Bergbaus«. Unter dem Kopf des -Königs im ovalen Ring einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt, -das Datum »Am 15. Sept. 1818«. Am erhabenen Rande darunter stehen die -Worte: »Gott seegne Sachsen«. Die Rückseite zeigt das Bild der Grube -Himmelsfürst, matt gehalten auf blankem Grund, das mit seinen Fichten -und Häusern sehr reizvoll wirkt. Die Umschrift lautet: »Himmelsfürst -Fundgrube hinter Erbisdorf gab seit 50 Jahren 1100458 Thlr. 16 Gr. -- -Ausbeute.« Unter dem Relief ist Schlägel und Eisen angebracht und auf -dem erhabenen Rande darunter die Worte: »Gott erhalte den Bergbau.« - -Hundert Jahre sind vorübergezogen, seitdem diese Münzen dort oben im -Turmknopf ihren Platz gefunden. Auch unsere Zeit hat in ähnlicher -Art der Nachwelt kurzen Bericht überliefert und mit den Urkunden von -1822 und 1803 im Turmknopf geborgen, während die stark beschädigten -Urkunden von 1580 und 1731 im Urkundenarchiv des Stadtrates aufbewahrt -werden. Jedoch nicht blankes, hartes Geld nahm dieses Mal die Kapsel -auf, sondern als echten Ausdruck unserer Notzeit unser Notgeld von -Papier, unsere Nahrungsmittelkarten und Bezugsscheine. - -Die neue Urkunde schließt mit den Worten: »Mögen, wenn einst diese -Kapsel wieder geöffnet und diese Urkunde gelesen wird, glücklichere -Zeiten in unserem Vaterlande sein. Möge in einem neuen stolzen Reiche -ein kräftiges, tüchtiges, junges, selbstbewußtes deutsches Geschlecht -in Frieden den Segen und die Früchte seiner Arbeit genießen zu eigenem -Glück und des deutschen Namens Ehre! - - Das walte Gott!« - -Nun ist der Mund des einsilbigen Knopfes da oben wieder geschlossen, -und ob die Sonne ihn mit heißem Strahl durchglüht, ob der Mondenschein -mit silbernem Glanz ihn umhüllt, ob knisternd oder krachend elektrische -Ströme und Funken ihn umzucken, oder ob geschwätzige Regentropfen auf -seiner blanken Schädelwölbung trommeln, er wird schweigend in die -Ferne schauen, einsam der Einsamkeiten tiefste schauend unter seinem -Fuß, denn er ist älter als alles Leben um ihn, er sah und hörte mehr -als irgend ein Auge und Ohr der vergänglichen Wesen dort unten, er muß -allein sein, ein Einsamer bleiben, um von Höhengedanken beseelt seines -Daseins Hochziel zu erfüllen. -- - -Oh, hätten wir recht viele solche Knöpfe, hoch geartet, alles -überschauend, viel Inhalt, aber wenig redend! - - - - -Spruchweisheit in alter und neuer Zeit. - - -Unser Volk, das Volk der Denker und Dichter, hat immer seiner Seele -tiefstes Fühlen in feste Formen gebannt. Nicht nur in Heldenlied und -Sage, sondern auch im wuchtigen Hünengrabe, im stolzen steinernen -Male, um das die Vergangenheit märchenhaft rauscht und raunt, im -rheinischen Dome mit der anmutigen Zier der Zwerggalerien und -Säulchen, im gotischen Münster mit himmelstürmenden Türmen und zur -Andacht geheimnisvoll zwingenden Hallen, schaut uns die Seele unserer -Vorfahren, die ja auch unsere Seele ist, aus tiefen, mächtigen Augen an. - -Manche Sitte, manches Wort aus uralter, nebelgrauer Zeit klingt -noch heute in unser Kulturleben hinein, und in Volksbrauch, Festen, -Aberglauben, Namen und Zeichen sehen wir die Spuren des Geistes -germanischer Urahnen und mittelalterlicher Gedankenwelt. - -Das gefundene Hufeisen, welches das Schulkind als glückbringend -heimträgt, verbindet es wie mit einer eisernen Brücke über den -Strom der Zeit und vieler Jahrhunderte hinweg mit dem blonden -Germanenkinde im deutschen Urwalde, das im Sausen des Sturmes in den -Wipfeln der Eichen den Götterkönig von Walhall, Wodan, auf seinem -schwarzen Rosse daherbrausen sah. -- Das uralte heilige germanische -Zeichen des Hakenkreuzes und das Symbol des Sonnenrades kehrt in den -Kunstäußerungen der ganzen deutschen Vergangenheit bis auf die neueste -Zeit immer wieder. - -Wie der alte Germane mit Runen und heiligem glückbringenden Zeichen das -Gebälk oder die Tür seines Hauses schmückte und jedes Gerät, jede Waffe -vor allem, mit seiner Hausmarke versah, wie er in seinen Schnitzereien -in wundersamen Rankenzügen und Verschlingungen geheimnisvolle Dinge -rätselhafter Symbolik erzählte, so ist auch in den Steinbauten des -Mittelalters das Steinmetzzeichen Rune und Hausmarke zugleich, -so spricht aus den alten Fachwerkbauten mit ihren eigenartigen -Balkenstellungen und Holzverteilungen eine tiefe Symbolik, die allerlei -menschliche und übersinnliche Beziehungen auszudrücken vermochte. - -Die bunten Schnitzereien der Holzhäuser in unseren mittelalterlichen -Städten sind nicht nur lustiger, sinnloser Zierrat. Nein, sie sollen -auch etwas sagen und erzählen und dadurch dem Hause einen besonderen -Charakter und geistiges Antlitz geben. Das geistige Leben und das, was -die Erbauer besonders erfüllte und beschäftigte, wird darin offenbar -und lebendig. - -Sinnvolle Beziehungen zwischen dem Hause und seinen Bewohnern, zwischen -Gerät und dem Besitzer fanden ihren Ausdruck und drängten sich zusammen -in einem Bildwerk oder einer Tafel oder einem Hausspruch oder einem -Schmuckstück eigenwilliger Art. - -Persönliche Erlebnisse und Anschauungen und die großen Zeitereignisse -spiegeln sich oft darin wieder, und es ist darum die Sammlung und -Erforschung solcher Haussprüche und Gerätesprüche, wie sie z. B. die -Vereine für Volkskunde betreiben, ein wichtiger Beitrag zum Lebens-, -Kultur- und Geistesbilde unseres Volkes. - -Während in früheren Zeiten der Städte wohl jedes Haus seinen besonderen -Namen trug, ist dies auch in kleinen Städten heute fast nur noch bei -den Wirtshäusern, Gasthöfen und Apotheken erhalten geblieben. - -Wie anheimelnd klingen Namen von Bürgerhäusern wie z. B. »Das Haus zur -weißen Tür«, der Löwe, der grüne Sittich, das goldene Schiffchen, zum -Läubchen, der Lindwurm, usw. Ein Haus in Würzburg hieß »Zum großen -Schmied Wieland«. Das Haus hatte einst wohl einem Schmied gehört, der -sein Haus nach dem alten deutschen Patron der Grobschmiede nannte. -Der Lindwurm und der Schmied Wieland führen uns so aus lebendiger -Gegenwart zur deutschen Sagenwelt, zu den frischen Quellen der Jugend -unseres Volkstums zurück, das Haus »Silberschmied zum gekrönten Hecht« -an den Märchenborn sonniger Kinderträume. Manche solcher kleinen -Namenskleinodien sind noch hier und da zu finden und zu erlauschen. - -Die Erhaltung solcher Namen und charakteristischer Hauszeichen, -wo man sie nur finden mag, ihr Schutz vor Entstellungen oder ihre -künstlerische Ausgestaltung in wirksamster Weise sollte eine besondere -Sorge ihrer Besitzer und aller Heimatfreunde sein. - -Eine Sammlung aller Hauszeichen, Hausmarken, Spruchbilder, -Innungszeichen u. dgl. würde uns manche ungeahnten Schätze deutscher -Kunstübung und deutschen Wesens vor Augen führen und zeigen, woran wir -lernen können, wie in früheren Jahrhunderten Reklame mit Kunst und -kerniger Volksweisheit, tiefes Empfinden mit praktischem Wollen und -Können Hand in Hand gingen. - -Schauen wir uns nur um in den alten Städten und forschen wir in dem -Erbe, welches unsere Väter in den Straßen und Plätzen, in Kirchen und -Häusern, in Akten und Archiven hinterlassen haben, reicher und reicher -werden die Quellen fließen. Für uns selbst und für unsere Zeit und -Zukunft werden wir gewinnen! Paul Graf von Hoensbroech sagt in seiner -Schrift »Wenn die Toten erwachen«: - -»Nehmet die Wünschelrute deutschen Findergeistes in die Hand, -durchwandert mit ihr die deutschen Städte, die deutschen Fluren, die -deutschen Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet Quellen finden -und erschließen, aus denen Tiefsinn und Schlichtheit, Schönheit, -Großartigkeit und Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit -in Überfülle hervorsprudeln als segenspendende Ströme für unser Volk -und für die Welt.« -- - -Der alten Berghauptstadt Freiberg hat in älterer Zeit nicht nur der -Silberbergbau, der seine kulturfördernde Kraft für das ganze Land -segensreich erwies, sondern auch die sich herausbildende Eigenart des -echt deutschen Volkslebens und blühender bergmännischer Sitten und -Gebräuche ein besonderes Gepräge gegeben. - -Der Bergbau ist freilich zur Rüste gegangen, und die alten -charaktervollen Bergmannsgestalten sind verschwunden. 1913 wurde die -letzte Schicht verfahren. Aber in tausend Erinnerungen lebt sein Wesen -und der Ausdruck seiner besonderen Art in Freibergs Mauern noch weiter. -Versetzen wir uns einmal in die noch nicht gar lange entschwundene Zeit -zurück, um manches Gewordene und Erhaltene zu verstehen, nehmen wir die -Wünschelrute deutschen Findergeistes, mit welcher gerade der Bergmann -so häufig nach verborgenem Erze forschte, zur Hand, und wir werden -wertvolle Aufschlüsse finden. - -Der Bergmann, welcher in der stummen, geheimnisvollen Tiefe seiner -dunklen Schächte sein Berufsleben abgeschlossen verbringt, erhält eine -ganz besondere Ausprägung des Charakters. Sein geistiges und seelisches -Leben wird dort unten wunderbar berührt und angeregt. Bei den -gefahrdrohenden Mächten der Tiefe, die nur spärlich sein Grubenlicht -erhellt, streckt sich und sehnt sich sein Inneres zum Licht: In der -Weltentrücktheit baut er sich in seinem Inneren eine neue Welt auf, -in der auch bunte Kristalle der Phantasie und Silberadern geistiger, -höherer Werte schimmern. - -Fromm und gottesfürchtig, arbeitsam, zufrieden und genügsam, dabei auch -oft voll kecken Übermutes und Freude an Scherz und Neckerei, steckt -er voller Spruchweisheit. Er drückt gern sein Empfinden in Reimen und -Verszeilen aus. Die Bergsänger mit ihren »Bergreyhen« erinnern an die -Barden, die einst das Heldenlied pflegten, oder an die Bänkelsänger, -welche von Ort zu Ort zogen. Die Bergmusikanten mit ihren Liedern und -eigenartigen Instrumenten waren überall im ganzen Lande gern gesehene -frohe Gäste. So ist es denn nicht wunderbar, daß gerade in Freiberg -eine Fülle von Reimen und Zeilen alter Spruchweisheit erhalten und -durch die Überlieferung bewahrt geblieben ist, daß auch heute noch in -Freiberg so mancher ehrwürdige Hausspruch und bergmännischer Zierrat -uns grüßt, und daß diese echt deutsche, uralte Sitte, durch Sinnbild -und Sinnspruch zum Denken und sinniger Betrachtung anzuregen, oder -durch Sprichwort oder Neckwort zu mahnen, zu reizen oder zu spotten, -auch in weiteren Kreisen heimisch wurde und sich auf allerlei Geräte -und Stellen ausdehnte, an denen sonst ein Spruch nicht gesucht wird. - -Ein besonders reimfreudiges, verslustiges Völkchen scheinen auch die -Ziegelstreichergesellen gewesen zu sein, die oft mit großem Geschick -ihre Einfälle den Dachziegeln anvertrauten. Von der Rechnung des -Wirtes im schwarzen Walfisch zu Askalon, die für den seßhaften Gast -in Keilschrift auf sechs Ziegelsteinen eingegraben stand, war ihnen -sicher nichts bekannt, denn viele Jahre später erst sang Scheffel sein -feuchtfröhliches Lied. Auch die beschriebenen Tontafeln von Babylon und -Ninive waren ihnen fremd, denn sie harrten noch tief unter Schutt und -Lehm der Ausgrabung, Auferstehung und Deutung. Aus sich selbst heraus -fanden die Ziegelstreicher den naheliegenden Zeitvertreib, sich ihre -einförmige Arbeit durch eingeritzte Inschriften auf den Dachziegeln zu -verkürzen. In den bildsamen, lufttrockenen, weichen Dachziegel ist mit -einem spitzen Werkzeug oder eisernem Griffel die Schrift und Verzierung -ziemlich tief eingegraben. Dann sind die Ziegel kräftig gebrannt und -beliebig auf diesem oder jenem steilen Dache, manchmal sogar mehrere -zugleich, mit den anderen weniger ausgezeichneten Ziegelgenossen -verlegt worden. Der älteste dieser Ziegel trägt die Inschrift »Anno -1692. J. W.«, der jüngste stammt aus dem Jahre 1839. - -Es mag für die Ziegelstreicher ein lustiger, lockender Gedanke und -vielleicht manchmal nicht ohne gewisse Anzüglichkeit gewesen sein, daß -ihre Einfälle und Inschriften hoch über der Straße den Augen der Menge -entzogen waren, aber doch ein heimliches Dasein und Leben hatten, und -zwar nur vielleicht einmal einem Essenkehrer oder Ziegeldecker, den -Wolken und Vögeln sichtbar wurden, aber doch einem späteren Geschlechte -von ihnen künden konnten, wenn vielleicht längst ihr Leib in Staub -zerfallen war. Denn nur durch Zufall beim Umdecken alter Dächer kommen -auch heute noch ab und zu solche Ziegel zum Vorschein. Auf manchen -alten Dächern in Freiberg mögen noch hie und da solche bemerkenswerte -Ziegel ruhen, aber die meisten mögen verwittert, zerbrochen, mit -Kalk verschmiert, verrußt, unleserlich und unkenntlich geworden oder -verlorengegangen sein. Einzelne dieser seltsamen Ziegel sind in -Privatbesitz gelangt. Eine größere Anzahl befindet sich im Museum des -Freiberger Altertumsvereins, dem König-Albert-Museum. Die Schrift -ist klar und leserlich in schönem Schwunge und Verteilung meist in -lateinischen Druckbuchstaben scharf in den Ziegel geritzt und am Rande -des Ziegels durch Zierlinien in Bogenzügen schmückend eingerahmt und -abgegrenzt. Bei manchen dieser Ziegel fühlt man es, mit welcher Freude -und Stolz der Schriftkünstler sein kleines bescheidenes Meisterwerk so -schön wie nur möglich gestaltete und seine Geschicklichkeit zeigte. - -Was schrieben nun jene einfachen Menschen auf die Dachziegel? -- Das, -wovon ihr Herz gerade voll war! - -Da standen z. B. ein paar Gesellen im Ziegelschuppen, hatten -Frühstückspause, neckten sich, und sprachen von ihren Mädchen oder -Frauen: der brummige Alte dort hatte wohl öfter über sein Hauskreuz -geklagt. Ihm schreibt der Schriftkundige das steinerne Stammbuchblatt, -das er selbst dann rasch in den Brennofen schafft: - - Ein altes Weib, ein Tudelsack, - das sumpt und brummt den gantzen Tag. - 1822. - -Wenn nur nicht seine Alte etwas davon erfährt! Jener Schwarze dort mit -den funkelnden Augen hat viel Glück bei den Mädchen. Sie laufen ihm -nach, er küßt sie und lacht und sagt zu seinen Gesellen: - - »Alle Mätchen auf der Erden - wollen gern geweibet werden.« - -Er denkt natürlich von ihm selbst geweibet und meint wohl: »Da habe ich -noch lange Zeit und große Auswahl für die »Heurath«, sonst gehts mir -wie unserem Alten dort mit seinem Stammbuchblatt.« Flugs schreibt man -dem Schwarzen sein Verschen von den »Mätchen« auf den Dachziegel und -setzt den Tag, »den 9. Juni 1822« darunter. - -Ob er sein Glück gefunden hat? - -Es klingt nicht gar so glücksgewiß von einem Ziegel von 1834: - - »Es ist kalt, es ist kalt, - Und ist doch kein Winter. - Liebt mich mein Schatzgen nicht - Hol sie der Schinder. - den 28. Juni 1834.« - -Ein anderer Ziegel, mit dem Datum »d. 9. Juli 1835« und einem Monogramm -gezeichnet, sagt schmachtend: - - »Wenn ein hübsch Weibchen - kommt zu mir - Da mein ich es recht gut - mit ihr.« - -Vielleicht ist der Schwarze doch noch sitzengeblieben und vertraut -seine Sehnsucht, Anschluß zu finden, dem nicht gar so redseligen Ziegel -an. Der steinerne Liebesruf oder Liebesbrief hoch auf dem Dache wird -kaum ein weibliches Herz erweichen. - -Ein anderer Ziegelstreicher, namens Oehlschlegel, hat eine höhere -Auffassung von seiner Zukünftigen und vertraut seine Wünsche im Jahre -1832 in folgenden Zeilen dem Ziegel an. - - »O Liebe willst du mich erfreun, - so laß mein Weib einst also sein, - recht schön damit sie mir gefällt, - klug, daß sie mich beständig hält, - und endlich wünsch ich sie auch reich - Doch ist sie nicht getreu zugleich - so sey sie englisch von Gesicht - und klug und reich, ich mag sie - nicht.« - _Oehlschlegel_ - 1832. - -Er mag sein Ideal gefunden haben. - -Wir wollen ihm wenigstens die Inschrift des Ziegels gönnen, aus welcher -das ersehnte und erfüllte Glück strahlt: - - »Dich besten Engel, schönes Weib, - Dich lieben ist mein Zeitvertreib. - den 16 July 1836.« - -Das Verhältnis zu dem anderen Geschlecht behandeln die Inschriften -öfter, denn offen wird eingestanden: - - »Auf den Walltersdorffer - Ritterguth sind die - Mädgen den Bürschgen gut - den 8 Sept. 1810.« - -Das steht auf einem Firstziegel und scheint in Waltersdorf gute -Tradition zu sein, denn 1838 heißt es: - - »Der Ziegeldecker dreht sich - wie ein Rädchen, - Er liebet auch die hübschen Mädchen. - Waltersd. Zieg. - den 22 Mai - 1838« - -Es wird auch der Weg zur Gunst der Schönen gewiesen: - - »Wer bey Jungfern will gut stehn, - muß wissen mit ihn umzugehn. - Freybergische Hochedle - Rats Ziegelscheune - d. 22 Juni - 1810.« - -Sie mögen es wohl öfter ausprobiert haben in lustigen Stunden: - - »Alte Thaler und junge Weiber - sind die besten Zeitvertreiber.« - ~F. C. Z.~ 1835. - -Oder aus dem Jahre 1813 kurz und bündig: - - Vivat es lebe Wein und Liebe - 1813 - ~F. H. R. Z.~ - -Doch die leichte Ware dieser Gattung scheint doch nicht so ganz nach -ihrem Geschmack zu sein: - - »Jungfern, die des Nachts auslaufen - sind um leichtes Geld zu kaufen.« - -und mit Spott singt er dann, wenn die Folgen sich herausstellen, das -Verschen: - - »Ey Mutter, kocht Ludeln, thut Gundeman nan, - mein Freyer wird kommen, wird Stiefeln anham, - ach wenn er nur käm, und das er mich nähm - und das der Spektakel von Leuten wegkäm.« - E. z. F. - -Ja, es tauchen in dieser Beziehung Verse auf so derber Art, daß man -nicht bedauern kann, daß sie oben auf dem Dache so wenige, seltene -Leser fanden. Vielleicht ist mancher dieser Ziegel mit heimlicher -Anspielung auf einen Bewohner oder Bewohnerin auf diesem oder jenem -Dache verlegt worden. - -Andere Verse reden von dem, was gut schmeckt: - - »Fische, Vögel und Forellen - essen gern die Ziegelmachergesellen. - Waltersdorffer Ziegelscheine - den 28 May 1805.« - -Von den Vögeln wird der Martinsvogel am wenigsten verachtet: - - »Im Sommer mögen sich die Gänse baden, - Um desto schöner schmeckt uns dann ihr Braten. - den 7 July 1810 J. J. W.« - -Dieser J. J. W. ist ein Arbeiter, namens Wolf, der in der »hochedlen -Ratsziegelscheune« tätig war und in manchem Verslein sich verewigt, so -manchen raschen Einfall nicht zu Papier, sondern zu Ziegel, Brand und -Dach gebracht hat: - - »Man gebe auf die Trescher acht, - damit das Stroh wird rein gemacht. - den 11 Sept. 1819 - J. J. W.« - -oder: - - »Nun kömmt die kalte Winterszeit, man sorge - für ein warmes Kleid. - Freybergische Hochedl. Raths Ziegelscheine, den 15 - Okt. 1812. J. J. Wolf. Ein sehr kalter Wind.« - -oder: - - »Wenn Schnee und kalte Winde blasen, - verfolgt der Reuter und sein Hund die Haasen. - Freybergische Ziegelscheine. 1811.« - -Eine Hasenjagd im Schneetreiben zu Pferde scheint nach heutigem -weidmännischem Brauch etwas eigenartig zu sein. Oder wurde der arme -Meister Lampe vor hundert Jahren gehetzt, wie man heute noch hie und -da, namentlich in England, den Fuchs hetzt? - -In einem inneren Zusammenhang stehen drei Ziegel, die von der Liebe und -Freude des schlichten Ziegelstreichers an der Natur erzählen: - - »Der Landmann streut mit allem Fleiß - den Saamen in die Erde aus. - d. 2 May 1839.« - -In jenem Jahre muß die Saat recht spät in den Boden gekommen sein! Aber -14 Tage später macht er einen schönen Waldspaziergang und denkt dann -beim eintönigen Ziegelstreichen seiner grünen Freude: - - »Geh ich in den grünen Wald, - sing die Vöglein jung und alt. - Waltersdorffer Ziegelscheune - den 15 Mai 1839.« - -Fünf Wochen später freut er sich des wogenden Ährenfeldes: - - »Begrüßt das schöne Saatenfeld, - wo schlank der Halm die Aehre hält. - W. Z. - den 21 Juni 1839.« - -W. Z. bedeutet »Waltersdorffer Ziegelscheune«. - -Ziegelinschriften politischer Art oder mit Anspielungen auf -Zeitereignisse kommen kaum vor. Der Gesichtskreis der Leute war eng, -und was außer diesem engen Kreise lag, berührte ihr Herz wenig. Nur -in einer Inschrift eines Ziegels aus der Burgstraße klingt es wie ein -Nachhall der napoleonischen Zeit: - - »Trompet und Trommelschall ruft oft zum - Krieg und Tod. Nie freue uns der Krieg, - um Frieden bitte Gott! - Freybergische Hochedl. Raths-Ziegelscheune - Wolf. 1817« - -Seit den fröhlichen Verslein von 1810, 1812 und 1813 waren die -Befreiungskriege an unserem wackeren Wolf vorübergebraust, und da -findet sein Griffel ernstere Worte. Doch eine bittere, ernste Inschrift -dürfen wir unserem Ratsziegeldichter Wolf noch zuschreiben, welche auch -in der heutigen Zeit von vielen Dächern als Klageschrei in unsre Ohren -schallen könnte. Der Ziegel stammt bezeichnender- und sinniger Weise -von einem alten, abgetragenen Grufthause des Donatsfriedhofes, als ob -dort die letzte Ruhestätte für Glaube, Liebe, Treu und Recht zu finden -wäre. Die Inschrift lautet: - - »Glaube, Liebe, Treu und Recht haben sich alle vier - schlafen gelegt und wenn sie werden wieder - auferstehn, wirds besser in der Welt aussehn. - ~F. H. R. Z.~ d. 21 Juni 1811.« - -Die Buchstaben bedeuten: =F=reybergische =H=ochedle -=R=aths-=Z=iegelscheune. - -Wir schauen in unsere Zeit und fühlen die Bitterkeit, den Schmerz und -doch wieder Glaube und Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wie Wolf es -in seiner Inschrift ausgesprochen. Notzeit ist heute, da uns dieser -Ziegel vor Augen liegt. Notzeit war, als er geschrieben wurde. Eine -eigenartige Fügung will es, daß ein Ziegel mit ähnlicher Inschrift aus -ähnlicher Notzeit in diesen Tagen in Mecklenburg zufällig beim Umdecken -der Kirche in Lübz gefunden wurde: - - »Globen, Leiw, Tru und Recht - Hebben sick all 4 slopenlegt. - Un wenn sei weder uperstahn, - Ward beter in dei Welt hergahn! Lübz 1628.« - -Die Zeit des dreißigjährigen Krieges, in der diese Zeilen in den Ziegel -gebrannt wurden, hat mit der Zeit von 1811 und mit der Gegenwart, an -die der Spruch nun seine Weisheit richtet, vieles gemeinsam. Sorge -jeder, daß Glaube, Liebe, Treu und Recht auferstehen mögen! - -Ganz andrer Art als die Ziegelstreichersprüche, welche nicht für -die breite, sondern nur für die »höchste« Öffentlichkeit bestimmt -waren, sind freilich die Sprüche, welche uns von den Portalen grüßen. -Verdanken die Sprüche auf den Dächern wohl meist nur einer scherzhaften -oder verliebten Laune oder einem Zeitvertreib ihr Dasein, so sind die -Sprüche an den Portalen Haussprüche, welche uns tief in die Seele -derer schauen lassen, die sie einst anbringen ließen, Sprüche, die -jedem Vorübergehenden etwas sagen sollten. - -Die ältesten stammen aus einer Zeit, da das Innere der Menschen -und Völker aufgewühlt war durch die Fragen der Religion, durch -Glaubenskämpfe und Gewissensnot, da eine neue Weltanschauung sich Bahn -brach. - -In der Petersstraße, dicht am ehemaligen Peterstor, steht ein -schlichtes Bürgerhaus mit gotischem, reichem Portal, einfachen -Fensterwänden aus Sandstein mit Stabwerk. Im Erdgeschoß befinden -sich reichgewölbte Räume mit Sterngewölben von besonderer Pracht und -Wucht. Der Bürgermeister Nikolaus Monhaupt erhielt 1469 vom Papste -die Erlaubnis zum Bau einer Hauskapelle. Hier baute er sich diese -Kapelle in seinem Hause und überspannte sie mit diesen kunstvollen -Gewölbebildungen, deren Rippen zu reichgegliederten Mustern sich -zusammenschließen. 60 Jahre später, im Jahre 1529, wurde hier, der -Überlieferung nach von Martin Luther persönlich, zum ersten Male das -heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht, an welchem auch die -Herzogin Katharina, Herzog Heinrich des Frommen Frau Käthe, heimlich -teilgenommen haben mag. Die Schauseite des Hauses ziert eine alte -Schrifttafel aus Sandstein, welche auf diesen Vorgang hinweist. Die -Inschrift besteht aus lauter anscheinend zusammenhanglosen einzelnen -Buchstaben. Es sind die Anfangsbuchstaben der Einsetzungsworte des -heiligen Abendmahles. Die Überschrift bilden die Buchstaben: ~V · D · M -· I · Æ ·~, d. h. ~verbum domini manet in aeternum~, oder zu deutsch: -Gottes Wort bleibet ewig. In der untersten Zeile findet sich die -Jahreszahl 1529, aus welchem Jahre auch offenbar die Tafel stammt. - -Dieser Reformationsspruch, ein Kampfruf und Wort des mutigen -Bekenntnisses, findet sich und war auch noch an anderen Freiberger -Häusern angebracht, sei es auch nur in Anfangsbuchstaben, sei es in der -deutschen Form, wie am Hause Pfarrgasse 18: »Gottes Wort Bleibet Ewik.« -mit der Jahreszahl 1528. Sechs Jahre also nach Luthers Übersetzung des -neuen Testamentes wurde einer seiner Kernsprüche an einem schlichten -kleinen Bürgerhause zu Freiberg in Stein gehauen. - -Luthers Lehre war damals verboten, ihre Anhänger wurden verfolgt. -Die Häuser mit diesem Spruch waren die Stätten, an denen sich die -Bekenner der neuen Lehre trotz Not und Verfolgung zusammenfanden, um -in der Gemeinschaft Kraft und neue Erkenntnis zu suchen. Ein tapferer -Mut gehörte dazu und ein festes Herz, sein Haus unter dieses Zeichen -zu stellen. Bald freilich schwand unter Herzog Heinrichs milder Hand -die Gefahr, und er selbst ließ u. a. an besonders eigenartiger Stelle -diesen Spruch anbringen: ~Verbum domini manet in aeternum~ findet sich -nämlich mit der Jahreszahl 1538 und dem Sächsischen und Freiberger -Wappen sogar auf einer Bronzekanone, die der Gießer Hilger in Freiberg -für den Herzog goß. Die Kanone sollte als Glaubenskünderin so ihre -Stimme nach seiner Meinung besonders wirksam und überzeugend zur -Geltung bringen. Das ganze Denken war damals von diesen Fragen bewegt -und suchte überall Ausdruck zu finden. - -Auf zahlreichen Glocken des Erzgebirges aus der Gießhütte der Hilliger -ist dieses Wort in Erz geprägt und ruft sein Bekenntnis mit eherner -Stimme in die Enge der Herzen und Häuser und in die Weite der Welt. -Auch in der Johanniskirche zu Leipzig trug die größte Glocke, welche -Wolf Hilliger 1553 goß, die Bekennerinschrift: ~Verbum domini manet in -aeternum.~ - -Auch auf einem der »Kleinodien« der Freiberger Bergknappenschaft, auf -dem silbernen Sinnbilde des Bergbaues »Schlägel und Eisen«, findet -sich dieser Reformationswahlspruch in lateinischer Sprache mit der -Jahreszahl 1534. Es ist dies ein Beweis, wie gerade auch die Bergleute -sich mit Feuereifer der neuen Lehre annahmen und in den Mittelpunkt -ihres Daseins stellten. Wird doch auch überliefert, daß die Bergleute -1517 den Ablaßmönch Tetzel vertrieben, verprügelt und um seine Gelder -erleichtert hätten. - -Auf einem Spruchband dieses Kleinodes von 1534 findet sich noch der -Spruch: »Die Heier, die sind hochgenant, sie ritzen uf manche feste -band mit ihren klugen Sinnen, darmid sie es gebinen.« - -Tiefer religiöser Sinn spricht noch aus vielen anderen dieser alten -Sprüche: Donatsgasse Nr. 23 schmückt das Haus eine Tafel mit dem Bilde -eines Bergmannes, der einen Barren Erz trägt, und mit dem Spruche: - - Ich · Weis · das · Mein · Erlöser · lebt · 1 · 5 · 6 · 1 · - -Das Gedächtnis der Reformation wird gefeiert im Jahre 1617 durch einen -lateinischen Spruch, der an der alten Löwenapotheke angebracht ist: - - ~Sunt iubilo D. Mart. Luth. - magna huius pars est extructa - habitaculi in anno quo vox in - caetu est iubila laeta canens.~ - -D. h.: »Ein großer Teil dieser Häuser ist an dem Jubelfeste ~Dr.~ -Martin Luthers errichtet worden, in dem Jahre, in welchem die Gemeinde -frohe Jubellieder anstimmte.« - -Zur Zeit dieser Jubellieder ahnte man nicht, daß das deutsche Land -vor dem unermeßlichen Elend des dreißigjährigen Krieges stand, so -wenig wie man 1913 bei der hundertjährigen Jubelfeier der Schlacht bei -Leipzig ahnte, daß der Weltkrieg mit all seinem Elend und furchtbarem -Ausgang vor der Türe stand. - -Luthers Geist und kernige Art spricht auch aus dem kurzen Hausspruch -von Burgstraße Nr. 10, der auf das stärkste Fundament für inneren und -äußeren Aufbau weist: - - »Ich bau auf Gott« 1736. - -Inniger Glaube, Gottvertrauen und Frömmigkeit klingt aus der Inschrift -eines Hauses der Erbischen Straße: - - »1669. Der Hüter israel kann durch der Engelscharen - Diß Hauses Thür und Pfost für immer uns bewahren, - Hilf, daß ein jeder Christ, o Jesu, Lebensthür, - Der diese Schwell betrit Dich tieff in Hertze führ.« - -Ein Haussegen ähnlicher Art ist der Spruch des Hauses Erbische Straße 9: - - »Die Engel des Herrn behüten, bewahren dieses Haus, - Alle, so bei Tag und Nacht hier gehen ein und aus.« - -Dieser Gedanke, das Haus unter den Schutz der Engel Gottes zu stellen, -findet auch in symbolischer Form seinen Ausdruck. Das schöne Portal -am Obermarkt, welches mit seinen reichen Formen dem Meister des -Georgentores in Dresden, Schickentanz zugeschrieben wird, eines der -frühesten Werke der Renaissance in Sachsen, schmücken im innersten -Türbogen drei Engelsköpfe. Nach dem mittelsten Kopf züngeln zwei -delphinartige Ungeheuer. In künstlerischer Form sagt hier der Erbauer, -daß die Engel Hüter vor den züngelnden Mächten des Bösen und des -Unheils an »des Hauses Tür und Pfost« sein sollen. - -Gottvertrauen und Lebensmut spricht auch aus einer Haustafel aus -neuerer Zeit mit folgenden Worten: - - »Im Jahre 1846 d. 23 Juli Nachts ¼ auf 12 Uhr - Wurde dieses Haus durch den Blitz ein Raub. - Der Jahre 1846--47 wurde es neu erbaut. - Wird Gottes heiliger Schild uns decken, - Wird auf uns ruhen Seine Hand, - Dann kann der Donner uns nicht schrecken - Und nicht des Blitzes schneller Brand: - Denn Treu wird Tag und Nacht - Dann unser Haus bewacht. - - Johann Gottfriedt Kunadt.« - -Dasselbe treuherzige Gottvertrauen, wie aus diesen Versen klingt -auch aus einem alten Wirtshausschild, das der ehrwürdige Gasthof zum -Goldenen Löwen zugleich als Sinnbild und Haussegen an seiner Schauseite -zeigt: - - »Diß gast Hof Stehet in Gottes Handt - Zum Gülden Löwen wird es genant.« - -An einem anderen Hause Alt-Freibergs ist sogar der seltene Fall zu -verzeichnen, daß sich der Bauherr und der Baumeister verewigt haben. -Es ist dies das kleine freundliche Stadttheater, welches 1790 aus -einem alten, stattlichen Bürgerhause, gegenüber der Nikolaikirche, -und benachbarten Gebäuden zum Theater umgebaut wurde und allmählich -sich zu seiner jetzigen Gestalt entwickelt hat. 1880 fand der letzte -größere Umbau statt, bei dem noch schöne Schmuckteile gefunden wurden. --- Dieses Bürgerhaus erbaute sich einst der ehrwürdige Magister -Caspar Neander, Prediger an St. Nikolai, der dort im Anfange des -17. Jahrhunderts seines Amtes waltete. Er schmückte sein Haus mit -einem reichen Renaissanceportal mit ornamentierten Tragsteinen für die -profilierten Balken, mit reich gemalten Holzdecken, die er mit schönen -Profilen und vergoldeten Holzknöpfen besonders verzieren ließ. -- Es -ist bemerkenswert, daß dieser wackere Prediger auch die Schätze dieser -Welt durchaus nicht verschmähte, sondern glücklich mit Bergwerkswerten -spekulierte und gute Kuxe hatte, so daß er sich davon dieses stattliche -Haus bauen konnte, wie er in seiner Inschrift mit dankbarem Gemüt -mitteilt: - - »Dis Haus Und all mein Fähr und Haab - Der Reiche Gott Aus milder Gab - Mir Bscheret hat durch Ausbeuth guth - Der halts auch stets in seiner Huth. - ~M. C. N. C.~ 1623.« - -1623, als der große Krieg schon fünf Jahre im Lande war, blühte also -der Bergbau noch ruhig fort, brachte Geld und Gut, »Fähr und Haab« -und ließ dieses stattliche Haus erstehen. -- Vielleicht hat aber der -würdige Amtsprediger Neander doch zuviel nach unwürdigem Irdischen -getrachtet, denn wie überliefert wird, ist er schon 1626 seines Amtes -entsetzt worden. Bei der Belagerung Freibergs durch die Schweden unter -Torstensson 1643 war er aber wieder Garnisonfeldprediger und stand -seinen Mann in schwerer Zeit. - -Sein Baumeister, der »Mewrer« Michael Kästner ist nicht bei der -Errichtung des Hauses mit der Welt so zufrieden wie Neander, denn ihm -hat man beim Bau und nachher offenbar das Leben schwer gemacht, die -Besserwisser und Alleskönner, die Pflastertreter und Bierbankweisen -müssen ihn recht gekränkt haben, denn er läßt in den Sandstein hauen -und ruft uns über 300 Jahre zu und in das bunte Marktgewühl hinein: - - »Man sagt wer baun Thut an die Gassen - Muß manchem Eine Feder lassen - Wenn ich es dann also wil han - Lieber was geht es dich doch an. - Michael Kästner Mewrer m 1623.« - -Michael Kästner war offenbar ein Mann mit selbstsicherem Wesen, der -sich nicht das Reden und den Spott übler Zeitgenossen viel anfechten -ließ. - -Hier über diesen Platz am Stadttheater, den Buttermarkt, raunt noch -ein anderer Spruch, freilich nicht in Stein gehauen, aber im Volksmund -lebendig: »Himmel, Hölle, Teufelskapelle.« Es liegt dort nämlich dem -Theater gegenüber die Nikolaikirche, und zwischen beiden am Platz die -alte Gastwirtschaft »Zur Hölle!« »Es hatten drei Gesellen ein fein -Kollegium.« Ein Reim oder Verslein ist auch heute noch in Freiberg sehr -bald gefunden und lebendig wie in früheren Jahrhunderten. - -Die ehrwürdige Freiberger Schützengilde, welche die tüchtigen Bürger -zu kriegerischem, unabhängigem Geiste erzog, der sich nachmals in -der Schwedenbelagerung unter Torstensson so glänzend bewährte, hatte -sehr reimfrohe Mitglieder, denn ihre sogenannte Königstafel ist eine -ganze Sammlung von volkstümlicher Spruchweisheit. Sie ist ein flaches -bemaltes Schränkchen für Kleinodien und Urkunden der Schützengilde -und enthält die Namen sämtlicher Schützenkönige vom Anfange des -16. Jahrhunderts an nebst vielen Sprüchen und Reimen. Ein Spruch aus -dem Jahre 1626, d. h. also als der Dreißigjährige Krieg schon acht -Jahre tobte und Wallenstein, Tilly und Mansfeld mit ihren Heerscharen -durch die deutschen Lande zogen und Verwüstung und Verderben mit sich -trugen, hat folgenden Wortlaut: - - »Wer ein Sohn hat, der gerne spihlt, - Eine Tochter die ihm heimlich stihlt, - Ein Knecht so schwatzet aus dem Haus’, - Ein Katz so nimmer fengt ein Mauß, - Ein Henn, die ihm kein Eyer legt, - Ein Schwein das nimmer Junge tregt, - Ein Weib so gantz geneigt zum Wein - Und stettig Herr im Hauß will sein, - Ein Dienstmaagd so geht mit ein Kindt, - Der man hat ein böß Haußgesind.« - -Das Gegenstück zu diesem bedauernswerten »man« wird in folgenden Reimen -ebenda geschildert: - - »Welcher hat ein Muht als ein Held, - Ein beuttel gut nimmer ohn geldt, - Einen hundt der deß nachts wol hutt, - Ein frommes Weib die allezeit gutt, - Ein kleineß Hauß und fröhlichen Mutt, - Rein gewissen und messig Gut, - Ein schönes Weib und wenig borg, - Kann allzeit lebenn ohne sorg, - Ein gesunden Leib der allzeit steht, - Der man hatt ein gutt Hausgereht.« - -Der wackere Dichter dieser echt volkstümlichen Reime ist völlig im -Rechte, wenn er weiter singt und sagt: - - »Eine Kunst die man verborgen held - Und nicht gebraucht zu nutz der Weld - Die gildt so viel, allß wer sie nit, - Drum wer was kan; dien andern mit.« - -Er diente mit seiner Verskunst den anderen und ergötzte damit nicht nur -seine Zeitgenossen, sondern auch die wackeren Schützenbrüder späterer -Jahrhunderte. - -Die Freude am Sinnspruch steckt den alten Freibergern, die ja alle mehr -oder weniger mit dem Bergbau verbunden und bergmännischen Geistes voll -waren, im Blute. Der Bergmann schmückt seine Geräte, insbesondere seine -Barte, die aus der Streitaxt entwickelte eigenartige Ehrenwaffe, mit -Bildern seiner Tätigkeit und Sprüchen von allerlei Prägung. Nur einige -Proben mögen dafür zeugen: - - »Gib Zubus, arbeit, wart dein Zeit - Es folgt Ausbeuth, die dich erfreut.« - - (Abbildung vor Ort arbeitender Bergleute.) - - »Ich geh’ und fahre meine Schicht, - Ohn’ Arbeit ist nichts ausgericht.« - - (Abbildung einfahrender Bergleute.) - - »Halt Jesum, laß ihn nicht herauß, - Hilf ziehen, so schont Gott dein Hauß,« - -(Abbildung stellt Jesus in der Grube dar, die Hand auf die Fahrt -legend. Ein Bergknappe will ihn zurückhalten. Ferner sind haspelnde -Bergleute und ein Haus mit brennenden Kerzen dargestellt.) - - »Rechnung recht halt, Treu’s Ampt verwalt.« - -(Abbildung von Bergbeamten und Bergleuten an der Tafel.) - - »Bergwerk will haben Verstand - und eine getreue Hand.« - -steht im Eingangsflur des Revierhauses. - -Auch die Kleinodien der Freiberger Bergknappschaft sind mit -bergmännischen Darstellungen und Sprüchen geschmückt. - -Der prächtige, kunstvoll gearbeitete Weinhumpen aus dem Jahre 1679 -trägt reichen bergmännischen Bildschmuck und die Inschrift: - - »Such, schärffe, fahre ein, - Zerstuffe fest Gestein - So nimmstu Ausbeuth ein.« - -Nicht nur bei der täglichen Arbeit und bei fröhlichem Fest sind so die -Denksprüche ein gedankenreicher Schmuck des Daseins. Auch in die Kirche -begleitete den alten Freiberger die aus Beruf und innerem Erleben -geschöpfte Spruchweisheit. - -So hängen z. B. im Dom, den die Bergmannskanzel und noch andere -Darstellungen bergmännischer Art schmücken, zwei messingene -Kronleuchter aus dem 16. Jahrhundert mit der Inschrift: - - »Wer will Bergwerk bauen, der muß Gott vertrauen« - -und - - »An Gottes Segen ist Alles gelegen.« - -In der Petrikirche war auch, wie der alte Chronist Möller überliefert, -in einem Fenster eine Bergmannsfigur dargestellt mit dem Spruche: - - »Bawst tu Viel Ertz, gib Gott die ehr - Brauchs recht, bis fromm, so beschert Gott mehr.« - -In einem anderen Fenster daselbst findet sich heute noch das alte -Innungswappen der Leineweberinnung, das Weberschiffchen mit Spulen von -zwei schwarzen Löwen gehalten und mit der Inschrift: - - »Das allertheuerste Pfandt in der Erden - Muste in Reine Leinwandt gewickelt werden.« - -Hoch oben aber auf dem Turme der Petrikirche hängt das alte -Bergglöckchen, das früher viermal am Tage zur Schicht rief und heute -noch mittags um 12 Uhr und abends um 7 Uhr je eine Viertelstunde -geläutet wird. Wenn seine traute Stimme über die hohen Giebel und -steilen Dächer der alten Häuser und Gassen dahinklingt, dann wird eine -ganz besondere Stimmung lebendig und für die alten Kinder der Stadt ist -es die redende und mahnende, lockende und rufende Stimme der Heimat -und Jugend, die da laut wird und anders noch ins Herz ruft als andere -Glocken auf fremden Türmen: - - »Auf, auf! Zur Grube ruf ich euch, - Ich, die ich oben steh, - So oft ihr in die Tiefe fahrt, - So denket in die Höh!« - -ist der sinnige Spruch, den sie mit ihrem ehernen Klang über die -Häuser der Menschen bis zu dem Kranz der Gruben und Schächte draußen -hinausruft. - -Die Läuteglocke von 1570 neben ihr im niedrigeren »faulen« Turme -hängend, ruft nicht zur Arbeit wie sie, sondern zum Kirchgang mit dem -Spruch: - - »Mein Klang dich ruft zum Kirchengang, - merks Wort, Gott dank, sing Lobgesang.« - -Wie schön ist hier bei beiden Glocken in kurzem deutschen Wort ihre -Bestimmung gesagt. Es ist nicht nötig, immer zur lateinischen Sprache -zu greifen. Deutscher Geist und deutsche Kraft kann und muß auch für -solche Zwecke in deutsche Kernsprüche gebannt werden. Freilich werden -auf die Glockensprüche wohl meist die gelehrten Herrn Geistlichen -Einfluß genommen haben und neben lateinischem Bibelspruch gern einen -lateinischen Vers geformt haben, der ihnen dann vielleicht monumentaler -klang als das ungefüge Deutsch. Kirchliches Herkommen, Handwerksbrauch -und Bequemlichkeit stellte oft das gelenke Latein über das ungelenke -Deutsch der alten Zeit. - -Die Glocken auf den Petritürmen entstammen der Werkstätte des berühmten -Gießergeschlechtes der »Hilger« zu Freiberg, welches während des -15. bis 17. Jahrhunderts in Freiberg blühte, und nicht nur für ganz -Sachsen, sondern weiter hinaus im Reiche bedeutsame Werke schuf. Kaum -ein größeres Dorf oder Stadt ist im Erzgebirge, wo nicht im Turm eine -Hilgerglocke hängt und ihre Stimme tönen läßt. Lauschen wir einmal den -Klängen ihres ehernen Mundes und den Worten, die sie zu uns sprechen: - -Auf der Jakobikirche zu Freiberg ruft uns die größte der Glocken, -welche 1684 Gabriel Hilliger goß und mit schönem Fries und dem -Hilligerschen Wappen schmückte, in lateinischen Reimen und Worten zu, -was ihre Lebensaufgabe ist: - - ~»Laudo deum _verum_, plebem voco, congrego _clerum_, mortales - _ploro_ defunctos festa _decoro_.«~ - - Ich lobe den wahren Gott, ich rufe das Volk, ich sammle die - Geistlichkeit, die Toten beweine ich, festliche Tage schmücke - ich. - -Dieser lateinische Reimspruch aus dem Jahre 1684 ist ein alter -Glockenspruch, den wir auch auf der großen Glocke der Kreuzkirche -in Dresden von 1503 namens ~Scholastica~ finden. Sie hatte einen -Durchmesser von 1,82 ~m~ und war von Heinrich Kannengießer gegossen. -Diese Glocke in Dresden von 1503 versprach aber noch etwas mehr als -die von 1684 in Freiberg: »~pestem fugo~« stand noch im Glockenspruch: -»Ich verjage die Pest!« -- Es steckt im Kern darin der uralte -mittelalterliche Glaube, daß vor dem Glockenklang die Schlangen fliehn. -1684 hatte man in Freiberg entweder diesen Glauben nicht mehr, oder man -kannte die Furchtbarkeit der Pest nicht mehr, die im Mittelalter und -im Kriege als Würgengel die Städte und Dörfer durchschritt, während -unaufhörlich wimmernde Glockenklänge die Toten beklagten und die -furchtbare Seuche durch ihren heiligen Klang wie eine böse Teufelsmacht -verjagen wollten und jammernd zum erbarmungslosen Himmel ihre Hilfe- -und Gebetsrufe sandten. 1503 ist dieses »~pestem fugo~« noch ein -Glockenklang aus tiefstem Grunde der Zeit und des Volkes. - -Die kleine Glocke in Hilbersdorf von Zacharias Hilliger gegossen und -mit seinem Wappen geschmückt ist auch solch ein Denkmal aus schwerer -Zeit, das mit eherner Zunge sein Schicksal kündet aus den Jahren des -Dreißigjährigen Krieges, als Freiberg und seine Umgebung bald von den -Kaiserlichen, bald von den Schweden, bald von Freund, bald von Feind -mißhandelt, geschunden und gemartert wurde. Die Umschrift der Glocke -lautet: - - »Feuer durch Krieg nam Weck mein Hall Anno 1639 - Gott gab mir wieder nawen Schall Anno 1641. ~Z. H.~« - -Gar manche Glocken in Sachsen sind durch Krieg und Brand zerstört und -umgegossen worden und erzählen in kurzem Wort so ihr Schicksal. Die -Glocke der Liebfrauenkirche (Gottesackerkirche) in Zschopau wurde 1748 -durch Brand vernichtet und meldet nun, was ihr geschah und was ihre -Aufgabe ist, mit folgenden Worten: - - Für dem Brande dient ich Leichen, - Itzo da die andern schweigen - Ruf ich euch zu Gottes Wort - Laßt es seyn der Seelen Hort. - Anno 1751 goß mich Johann Christoph Hose. - -Von den Glocken aus dem Reformationsjahrhundert, welche der Gießhütte -unsers Hilger entstammen, seien besonders zwei große Glocken der -Thomaskirche in Leipzig genannt. Wie oft mag ihr voller Klang das Ohr -des großen Thomaskantors Johann Sebastian Bach berührt und ihre tönende -Seele seinen Geist über die Niederungen des Lebens zu seinen ewigen, -gewaltigen Harmonien emporgetragen haben. Die Schlagglocke, 1,55 ~m~ -breit, wurde 1539 auf Kosten des Rats von »Martin Hillger, Kannen- und -Glockengießer von Freyberg«, an Stelle einer zerbrochenen alten für -123 Schock 17 Gr. 3 Pf. gegossen. Zur Beschaffung der Glockenspeise -kaufte man eine alte Glocke von »eynem pfaffen«. Sie trägt außer der -Jahreszahl den Spruch aus dem 127. Psalm: - - ~»Nisi dominus custodierit civitatem frustra vigilat qui - custodet eam.«~ - -»Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, wachen ihre Wächter umsonst«. -Der gleiche Spruch findet sich auf der Stundenglocke des Freiberger -Domes von 1540, die Martin Hillger nahezu gleichzeitig mit er -Leipziger Thomasglocke gegossen hat. - -Die andere Thomasglocke von 1,72 ~m~ Durchmesser hat 1574 Wolff -Hilliger gegossen und mit seinem Wappen geschmückt. Die Rüstung für die -Glocke machte Hieronymus Freiberger und 21 Männer mußten die Glocke -zu ihrem luftigen Stuhle emporziehen, damit sie ihre Stimme erheben -konnte, wie ihre Inschrift sagt: - - ~In laudem aeterni dei, cui soli sempiterna gloria.~ - - »Zum Lobe des ewigen Gottes, dem allein ewiger Ruhm gebührt.« - -203 fl. erhielt Wolff Hilliger für sein Werk. - -Auch auf dem Turme der Stadtkirche zu Pirna, der so malerisch im -Stadtbilde steht, hängt eine Glocke von Wolff Hilliger aus dem Jahre -1561 mit lateinischem Spruche: - - »~Ordine bis senas lux quaelibet exit in horas - hora sed in curas crescere quaeque solet.~ - Wolf Hilger czu Freibergk gos mich.« - - »Der Regel nach schwindet das Tageslicht binnen 12 Stunden. - In Sorgen pflegt aber jede Stunde zu wachsen!« - -Es ist kein sonderlich froher Spruch, der hier auf der Stundenglocke -von Pirna seine Sorgenweisheit kundgibt: Jeder Schlag dieser -Sorgenglocke Ende einer Sorgenstunde? Anfang einer Sorgenstunde? -- -Nein, die Sorgenglocke will vor unnützen Sorgen warnen, weil auch die -Sorgenstunden vergehen und auch die Sonne eines Sorgentages sich nach -12 Stunden neigen muß, so lang seine Stunden auch scheinen. - -Nicht weit von Pirna, im Schlosse von Groß-Sedlitz ist eine Glocke von -Michael Weinhold in Dresden erhalten mit der Inschrift: »~Scias, qui -audis me admetiri partes vitae.~« Wisse, der du hörst, daß ich die -Teile des Lebens zumesse. Ein ähnlicher Gedanke ist es wie in Pirna, -zum Ernste mahnend, auf die Vergänglichkeit weisend, wie so manche -alte Sprüche an Sonnenuhren, z. B. »~Una ex hisce morieris~«. In einer -von diesen (Stunden) wirst du sterben, oder noch kürzer in zwei Worten -gesagt: »~Una ultima~«. Eine ist die Letzte. - -Das Jahrhundert der Sorgen war in Deutschland vor allem das des -unheilvollen Dreißigjährigen Krieges. Im Jahre 1617, ein Jahr vor -Beginn des Krieges, wurde in Hennersdorf eine Glocke von Andreas Herold -auf den Turm gezogen, welche den Spruch verkündete: - - »Ich melde Beten an, Sturm, Feuer, Leuchen, Pracht - Andreas Herold mich hat gemacht. 1617.« - -Ist es nicht wie ein Sturmsignal, wie eine düstere Prophezeiung der -kommenden Not und Drangsale? Wenige Jahre nach Beginn des Krieges, -1621, klingt ergreifend der Glockenton von Röhrsdorf bei Pirna über die -Dächer ins Land hinaus als Gebetsruf zum Himmel sich schwingend: - - ~Da pacem domine in diebus nostris~ - Jo. Hilliger ~F. anno MDCXXI.~ - - »Herr gib Frieden in unseren Tagen!« - -Die Glocke von Lauter aus jenen schweren Zeiten, von Gabriel und -Zacharias Hilliger gegossen, weist aus dem Elend der Zeit auf die -künftige Herrlichkeit, im sinnigen Wortspiele den Namen des Ortes in -den Spruch aufnehmend: - - »_Lauter_ Freud und Herrlichkeit - Ist den Frommen dort bereit.« - -Das Jenseits als Ort der Zuflucht aus der Not des täglichen Lebens. - -Das Glockengießen mag bald in jener Leidenszeit aufgehört haben und -die Stückgießerei mehr Anklang gefunden haben, ganz wie in unseren -schweren Weltkriegstagen. Mit Tausenden von Dörfern und Kirchen, die -in Asche sanken, schmolzen Glocken dahin, um nie wieder zum klingenden -Leben zu erwachen. Viele mögen auch zu Geschützen geworden sein! -Und wo noch Glocken in Dörfern auf den Türmen hingen, da schwiegen -sie, um nicht den Feind, der wie Wolfsrudel durch das Land strich, -herbeizurufen, und wenn eine Glockenstimme klang, dann kündete sie -Sturm, Mord, Brand, Elend und Tod. Neue Glocken aus dieser Zeit sind -kaum vorhanden. Sie hätten ja nur eine Stimme für Klagerufe, eine -Stimme mit Tränen haben können. In Lichtenberg bei Freiberg hängt auf -dem Turme eine Glocke von Gabriel Hilliger aus dem Jahre 1648, dem -Endjahre des großen Krieges, als seine stürmischen Wogen sich schon -sänftigten. Sie trägt Hilligers Wappen und die Umschrift: »~Si deus pro -nobis quis contra. anno 1648.~« Ist Gott für uns, wer wider uns! Man -spürt aus diesem Wort, wie neue Hoffnung und neues Leben mit starkem -Gottvertrauen sich regt, und doch ein gewisser kriegerischer Unterton -noch mitklingt, voller Luthertrotz. Die Kriegszeit stand noch zu frisch -vor Augen und Erinnerung und schwingt noch mit im Glockenklang. - -Fünf Jahre später, 1653, wird in Niederpretzschendorf eine Glocke -desselben Gabriel Hilliger aufgehängt. Die weiß nichts mehr von den -Kriegsnöten zu berichten. - - Libe Gott sag ich Lob, Preis und Dank - Mein Klang dich rufft zum Kirchengang. - Gabriel Hilliger zu Freibergk goß mich. - 1653. - -Wie das Läuten zum Sommertag einer behaglichen, friedlichen, ländlichen -Gemeinde scheint dieser Spruch dahinzuwallen über satte, saubere Höfe, -über wogende Felder, über rauschenden Wald. Dieser Spruch wäre zehn -oder zwanzig Jahre früher wohl kaum auf einer neuen Glocke denkbar -gewesen. - -Das Leben nach dem großen Kriege mag freilich oft noch übergesprudelt -sein, und die leere Kirche mag manchem Pfarrherrn Gewissensnöte -gebracht haben, wenn die räudigen Schäflein seitab getrabt waren. -Ist es zu verwundern, wenn der Pfarrer von Markersbach sich 1660 bei -Gabriel Hilliger eine Glocke bestellt mit dem lateinischen Hexameter: -»~Campana vult populum sonans ad sacra venire~«. Die klingende Glocke -will, daß das Volk zur Kirche komme. Es ist freilich nicht überliefert, -ob die Markersbacher diesem Notruf ihres Pfarrers und ihrer Glocke -besser gefolgt sind als zuvor. Auch heute noch klingt ihre mahnende und -rufende Stimme über Dach und Dorf. - -Noch zwei Glocken aus dem Jahrhundert des großen Krieges sollen uns -ihre Weisheit künden: Die große Glocke von Kreischa aus dem Jahre 1672, -von Herold gegossen, ruft uns ein musikalisch Gleichnis und Mahnung -zu, aus welcher auch ein gewisser Stolz des Gießers auf sein Werk -mitklingt: »Gleichwie die Glocken fein zusammenstimmen, also soll auch -unser Leben mit Gottes Wort übereinstimmen und ein feine Harmoniam -mit demselben machen.« Nichts von Krieg und Sorgen und Nöten, alles -Stimmung und Harmonie, als ob man in ein freundliches altes Pfarrhaus -schaut, wo Friede wohnt und gespendet wird und alle bitteren Gegensätze -sich aufzulösen scheinen, wo ein milder, musikliebender Pfarrer in -stiller Studierstube sich dieses zarte Mahnwort für seine neue Glocke -erdenkt -- und doch sieht das Leben so ganz anders aus; nicht die -Harmonien, sondern die Dissonanzen sind darin so oft bestimmend und -wirksam und machen die Menschen so oft elend! -- - -Die andere Glocke in Gersdorf bei Döbeln von 1696 kennt das -Leben besser. Im Westen verheerten schon wieder französische -Mordbrennerbanden das Land und im Süden bebten die Völker vor der neuen -Türkengefahr. Ihr Spruch lautet: - - 1696 Goß mich Johann Jakob Hoffmann von Halle. - »Zum Gottesdienst ich rufe zur Freud und auch zum Leid. - Ach Gott behüt für Feind und Feuers Noth Allzeit.« - -Das ist schon wieder der Notschrei, wie er so oft durch unser deutsches -Land erklang und von den Türmen ins Land hinausrief, und der wie ein -bitteres Wehe durch unser deutsches Schicksal klagt! - -Der Notschrei klingt auch aus der Stimme der kleinen Glocke von -Oberwiesa aus dem folgenden Jahrhundert: - - »O Got las dir befohlen sein die Glocke und auch die Kirche - dein. - - ~Soli Deo gloria anno 1708~« - -Der nordische Krieg mit dem kühnen Schwedenkönig Karl XII. hatte -seine blutigen Schatten bis ins Sachsenland geworfen. Vielleicht war -die Glocke der schwererrungene Ersatz für eine im Dreißigjährigen -Kriege verlorene. Ein volles Jahr lang, bis kurz ehe sie gegossen -wurde, hatte ein großes Schwedenheer im unglücklichen Sachsenlande -gelegen und nicht weniger als 23 Millionen Taler, ungerechnet die -Naturallieferungen herausgepreßt, sodaß unter diesem Drucke und unter -der ungeheuren Steuerlast, welche die teuere Hofhaltung August des -Starken und seine Leidenschaften erforderten, die Bauern kaum den -notdürftigsten Lebensunterhalt hatten. Die Zeiten des großen Krieges -schienen wiedergekehrt zu sein. Da wurde jedes Glockenläuten schon von -selbst ein Angstruf um Schutz für die Glocke und Kirche und damit für -die ganze Gemeinde, und wurde ihr Spruch so recht ein Ausdruck seiner -Zeit und ihrer Not und ganz besonderen Seelenstimmung. - -Wenige Jahre später, im Jahre 1712, ließ in Crandorf eine Glocke von -Michael Weinhold zum ersten Male ihren ehernen Klang über die Dächer -dahinschallen mit lateinischen Worten: »~ignes festa. deum, stata -tempora, funera, plebem, nuncio, honoro, cano, denoto, ploro, voco.~« -»Feuer, Feste, Gott, bestimmte Zeiten, Begräbnisse, das Volk, melde -ich, ehre ich, lobsinge ich, bezeichne ich, beklage ich, rufe ich.« Man -hört es aus diesem Spruche schon, daß die Zeiten ruhiger geworden sind, -daß ein lateinsicherer Pfarrer sich heiß um diesen etwas holperigen -lateinischen Vers bemüht hat und gewiß sehr stolz auf ihn war. Wie -viele aber seiner Schäflein verstanden haben, was er in gut Deutsch -hätte sagen können, das mag ihn nicht sonderlich berührt haben. Er -kannte wohl seine Leute! Der feierliche Klang der fremden Worte macht -ja unverstanden oft tieferen Eindruck von geheimnisvoller Kraft auf -schlichte Gemüter als einfaches Deutsch. Man denke an Zauberformeln -u. dgl., deren Wunderkräfte meist nur in ihrer Unverstandenheit und -dem daraus entstehenden blinden Glauben an ihre Gewalt beruhen. -Immerhin ist es bei diesem Glockenspruche bezeichnend, daß ~ignes~, -die Feuersbrunst, und ihre Meldung als erste Aufgabe der Glocke an -der Spitze steht. Es mag doch nicht so ganz selten der Feuerruf nötig -gewesen sein. - -Wem klingen dabei nicht Schillers wundervolle Verse durch Herz und -Ohr, in denen er die Feuersbrunst schildert und die Glocke als ihre -Künderin: »Hört ihrs wimmern hoch vom Turm? Das ist Sturm!« Wer denkt -nicht an den Spruch dieser unsterblichsten, ja ewigen Glocke: »~Vivos -voco. Mortuos plango. Fulgura frango~«? »Die Lebendigen rufe ich, die -Toten beklage ich, die Blitze breche ich«? - -Dieser weltbekannte Glockenspruch Schillers findet sich fast wörtlich -auf einer Glocke in Reinhardtsgrimma aus dem 15. Jahrhundert: »~vivos -voco, fulgura frango, defunctos plango~«. Ob der Dichter diesen Spruch -gekannt und von dieser Glocke die Worte entnommen hat, welche er seinem -unsterblichen Gedichte vorangestellt? -- - -Daß die Metallmassen der Glocken einen Einfluß auf elektrische -Spannungen, d. h. die Blitzgefahr, haben und ihr Unheil abzuwenden -vermögen, ist eine Beobachtung und Erkenntnis, welche man im -15. Jahrhundert nicht vermutet. Erst in Schillers Tagen ist ja durch -Benjamin Franklin durch die Erfindung des Blitzableiters diese -Wirkung des Metalls technisch ausgenutzt worden, und unsere Zeit -erst faßt wieder alle Metallmassen an Dach und Haus zum gesammelten, -geschlossenen Blitzschutz zusammen, ein Gedanke, der im Kerne schon im -Glockenspruche von Reinhardtsgrimma aus dem 15. Jahrhundert liegt. - -Doch kehren wir nun zur Gießhütte der Hilliger in Freiberg zurück. -Nicht bloß zahlreiche vielgerühmte Glocken mit trefflichem Klang und -Spruch und von schöner Form gingen daraus hervor, sondern auch die -köstlichen messingenen und bronzenen Grabplatten in der kurfürstlichen -Grabkapelle am Dome zu Freiberg, diesem herrlichen Mausoleum -sächsischer Kunst und Geschichte, und so manche Platte hie und da im -weiten deutschen Reich, die Stolz und Zierde ihrer Stätte ist. Aus -ihrer Hütte stammen auch zahlreiche figurengeschmückte, künstlerisch -durchgebildete Kanonen in reichen Renaissanceformen. Auch bei diesen -Geschützrohren zeigt sich die Lust am Sinnbild und Sinnspruch, am -derben Witz und kräftigen, treffenden Reimspiel. Wie während des -Krieges die 42 ~cm~-Mörser den Namen »Dicke Bertha« führten, so trug in -jenen Zeiten jedes Geschütz seinen Namen, der durch den künstlerischen -Schmuck und Denkspruch erklärt wird. - -Aus der großen Reihe dieser Werke des Freiberger Gießergeschlechtes -seien nur einige ihrer Sprüche wegen hervorgehoben. Diese Sprüche sind -ausnahmslos deutsch und manchmal in recht grober, ungefüger Sprache -verfaßt, wie sie vielleicht zum rauhen Handwerk und den groben Stücken -am besten stimmte. - -Der »Rautenkranz« vom Jahre 1557 war verziert mit Wappen und einem -Rautengewinde, das sich spiralförmig um das Rohr legte. Sein Sinnspruch -lautete: - - »Ich bin genant der Rawtenkrantz, - mein Feind ich bin ein bitter Tranc.« - -Der »Wilde Mann« trug als Schmuck zwei kniende, sich packende wilde -Männer mit den sich kreuzenden Kurschwertern und den Spruch: - - »Halt fest, wilder Man - Was dw hast, las nicht gan.« - -Die »Sachsenländerin« mit dem Spruche: - - »Ich heis die Sachsenlenderin. - Wenn du meinst ich sei weit von dan, - so bin ich bei dir dinne« - -Das »Krokodil« von 1574 verschoß Kugeln von 42 Pfund Eisen und brüllte -ins Feld seinen Spruch: - - »Churfürst Augustus lies uns nennen - Die Crocodyl. Man wird uns kennen - In gantz Europa. Wo wir krachen - Muß man uns Thür und Thor aufmachen.« - -Namen von Tieren waren besonders beliebt. - -Das »Rhinozeros« trägt den schönen sinnigen Spruch: - - »Renocerus thv mich nennen, - thvren vnd mavren ich thv trennen.« - -Der »Wolf« oder »Isegrimm« mit einem Schaf im Rachen dargestellt, ruft -drohend den Spruch: - - »Her Eisegrei bin ich genant - ich werf nider Maver und Wandt.« - -Die »Sirene« vom Jahre 1635 trägt den in den ersten beiden Zeilen ganz -neuzeitlich klingenden Spruch: - - »Dem Vaterland zv Schvtz - Dessen Feinden zvm Trvtz - Seind wir Sirenen Nvtz.« - -Eine metallene Feldschlange von 1538, die auf dem Donatsturm stand, -wurde, wie die Beschreibung sagt, geschmückt »mit einem ›~Cupido~‹, der -mit seinem Pfeil auf einen vor sich auf dem Bauch liegenden geflügelten -Knaben nach dem Hintern zielet«, ferner mit einer »nackenden -Weibes-Person, spielt auf einer Violine ›ich bi de fitlerines‹«. Die -Melodie, welche diese fitlerine vom Donatsturme hören ließ, mag oft -nicht angenehm geklungen haben. - -Der »Drache« vom Jahre 1637 droht mit folgendem Spruch: - - »Ich bin auch als der Trachn - Spei Feier und Hagel aus mein Rachn - All mein Feinde toth zu machn.« - -Und der »Drache« von 1573: - - »Der Drach ists Teufels Bursgesel, - Bringt manchen blutig fur die Hell.« - -Der »Bär« von 1607 warnt seine Feinde: - - »Christian der Ander hat befohln - Uns Behrn zu gissen das wir soln - Sein Feind verfolgen mit Gewalt. - Hut dich. Mit Sachsen Fride halt.« - -Der »Staar« vom Jahre 1572 läßt seine Stimme wie folgt vernehmen: - - »Ich heis der Sprenclige Schwarze Staar - Mit dem Ich Red: Der Wirts Gewahr« - -und der »Kauz« vom Jahre 1572 ruft mit derbem Humor: - - »Ich bin genant der kleine Kauz - Hau manchem sehr hart vor die Schnauz.« - -Solche kräftige Sprache gehört wirklich zum groben Geschütz! Ein -artiger Zufall ist es, daß 1914 eine im Gebrauch befindliche -französische Bronzekanone aus dem 17. Jahrhundert erbeutet und -im Lichthofe des Berliner Zeughauses ausgestellt war, in welche -nachträglich die Züge eingearbeitet sind. Sie ist mit schöner -Renaissanceform und Zierrat geschmückt und führt den Namen: -»~L’Hirondelle~«, »Die Schwalbe«! Ihr Spruch lautet: - - »~Ultima ratio regis.~« - -Es zeigt sich im Gegensatz zu den vorigen Kanonen darin der Unterschied -des deutschen und französischen Geistes: Der Deutsche bringt Spruch, -Namen und Sinnbild und den Zweck des Geschützes in einen inneren -geistigen Zusammenhang und zu kräftigem Ausdruck, er sucht in jedem -Ding den tiefen inneren Sinn. Der welsche Geist ist mit dem schönen -Namen und der Form zufrieden, der sinnige Zusammenhang ist ihm -gleichgültig. Daß »Die Schwalbe« des alten französischen Königs der -Bote für die Grüße der uns feindlichen Republik war und als ~ultima -ratio regis~ von den Feldgrauen des deutschen Kaisers eingefangen -wurde, das war ein besonders sinniges Spiel des Schicksals. - -Diesen echt deutschen Zusammenhang zwischen Namen, Spruch, Bild und -innerer Bedeutung kann man auch an den deutschen Wappensprüchen -kennenlernen. Auch hier hatten die alten Freiberger Bürgergeschlechter -ihre eigenartige Prägung gefunden. - -So zeigt das Wappen des alten Bürgermeisters Lorenz Fleischer, † 1584, -einen Mann mit Fleischerbeil und mit gewissem Bürgerstolz den Spruch: - - »Es sind nicht alle Fleischhacker, - Die das Fleischbeil tragen so wacker. - Es steckt offt was darhinter mehr - Jedoch haben Handwerge auch ihr Ehr.« - -Seine Gattin war eine Tochter des alten Geschlechtes der Alnpeck, das -einen Adlerkopf auf schwarzem Grund im Wappen führte mit dem Spruch: - - »Hoho, du werther Geyers-halß - Frisch dran und thu ja fressen allß - Was falsch und übermutigk ist, - Bestreidt meine Feind zu aller Frist.« - -Das Wappen des wackeren Bürgers Lorentz Beyer führt einen Turm im roten -Feld und den Spruch: - - »Wer Gott dem Herrn vertrauet fest, - Thut besser, alß der sich verleßt - Auf Thurm, oder ander gewaldt - So oftmals betreugt mannigfalt.« - - Darunter: »~Nomen domini turris fortissima.~« - »Der Name des Herrn ist der stärkste Turm.« - -Klingt dieser Wappenspruch nicht wie Luthers machtvolles »Eine feste -Burg ist unser Gott!«, das im Felde und daheim so oft seine alte, -eherne und Erz in Blut und Herzen strömende Kraft bewiesen hat?! - -Wie die wahren überwindenden Kräfte nicht in äußeren, materiellen -Dingen liegen, sondern im tiefsten Urgrund der Seele wurzeln und von -dort wirken und wachsen und Werte schaffen, das sagen uns noch andere -Sprüche. - -An der alten Ochsenbastion in Görlitz, welche unmittelbar an der Neiße -liegt, als ein wuchtiger, malerischer Rest der alten Befestigung, steht -ein lateinisches Wort aus dem Jahre 1530: »~Civitatem melius tutatur -amor civium quae alta propugnacula~«. »Eine Stadt schützt besser die -Liebe der Bürger als hohe Bollwerke.« - -Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne wird das Stadtbild -unter einen ähnlichen Gedanken gestellt: »~Urbis salus est civium -concordia~«. »Das Heil der Stadt ist die Eintracht der Bürger«. Es wird -damit hingewiesen auf die ruhmvolle Verteidigung gegen die Schweden, -wo sich die Wahrheit dieses Satzes so herrlich erwies. Und doch wieder -klingt mit ernstem Glockenton dazwischen die Warnung vor zu stolzem -Selbstvertrauen: An der Stundenglocke im Dachreiter des Domes zu -Freiberg steht im Erz der Spruch von 1540: »~Nisi dominus custodierit -civitatem, frustra vigilat qui custodierit eam.~« »Wenn der Herr nicht -die Stadt behütet, so wachen ihre Wächter umsonst.« Vaterlandsliebe -und Gottvertrauen werden in diesen Sprüchen als starke Wehr und Waffen -gepriesen. Sie sagen uns das, was Fichte in schwerer Zeit seiner -deutschen Nation zugerufen und was auch heute noch gilt: »Nicht die -Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des -Gemüts ist es, welche Siege erkämpft.« Wir sind zwar waffenlos, aber -nicht wehrlos, nicht ehrlos, nicht sieglos, wenn diese Gemütskräfte -unser Volk zusammenschließen zur Einheit und Tat. - -Auch unseren Tagen, unserem Volksleben, unserer Kunst täte es not, nach -dem Beispiel unserer Väter in kraftvollem Wort, Sinnbild oder Spruch an -Haus und Gerät die Erinnerung an Männer und Taten und große Ereignisse -zu pflegen und den Geist und das Herz zu stählen, wie es einst die -Männer des Reformationszeitalters taten, denen die Buchstaben ~V. D. M. -I. AE.~ am Tore des Hauses ein Bekenntnis und ein Schwur, ein Halt und -eine Tat war und bedeutete. In kernigem, gehaltreichem Sinnspruch oder -tiefdeutigem Segenswunsch, mitten im flutenden, wirbelnden Strom des -Lebens und der Arbeit, je nach Ort und Art und Zweck in künstlerischer -Form soll diese alte schöne deutsche Sitte mehr und mehr lebendig -werden und wirken. - -Das alte ehrwürdige Rathaus, das so viel Freud und Leid gesehen, so -viel Sturm und Drang erlebt hat, in dem so viel starke, tapfere, treue -Herzen geschlagen haben, trägt mancherlei Sprüche, die auf seine -Bestimmung hinweisen und den, der eines Amtes dort zu walten hat, -mahnen und lehren und die besten Kräfte des Gemütes wecken wollen. Von -dem neuen Eingang an der Burgstraße klingt jedem Vorübergehenden, jedem -Eintretenden das Wort entgegen: - - »Du bist ein Nichts im Ganzen, - wenn du ihm nicht dienst!« - -Ein Führer im Wirtschaftsleben hat dieses Wort für falsch erklärt, weil -der Zeitgeist jetzt umgekehrt sage: »Das Ganze ist mir ein Nichts, Wenn -es mir nicht dient!« Ehe dieser Geist nicht überwunden ist und der -echte Spruch nicht wahre Geltung gewinnt, kann nichts Ganzes sich bei -uns gestalten. Hat der Mann Recht? -- - -Diese ernste Mahnung, die unsrer Zeit so besonders not tut, tönt auch -vom neuen Torbogen am alten Donatsturm ins Straßenleben hinein mit den -Worten: - - »Gemeinwohl geht über dein Wohl!« - -und mit dem anderen Spruche: - - »Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!« - -Im Rathause selbst ist im Ratszimmer eine alte quadratische Tafel von -30 ~cm~ Seitenlänge mit vergoldetem Barockrahmen und Stadtwappen -geziert erhalten, welche aus der alten Gerichtsstube stammt und in -schöner Reliefschrift in lateinischen Großbuchstaben sich mahnend an -die Ratsherrn, die ja zugleich Richter waren, wendet: - - ~Quiquis senator officii causa curiam ingrederis, ante hoc - ostium privatos affectus omnes abiicito: Iram, vim, odium, - amicitiam, adulationem, reipublicae personam et curam - subiicito. Nam ut aliis aequus aut iniquus fueris, itaquoque - iudicium dei expectabis et sustinebis.~ - -Der Chronist Andreas Möller nennt diese Tafel bereits in seinem -~Theatrum Freibergense~ von 1653 und übersetzt die auch im Rathaus zu -Regensburg befindliche Inschrift: - - »Ein jeder, der als ein Raths Herr Amptwegen auffs Rath Hauß - gehet, lege für dieser Thür ab alte ~Privat Affecten~, als da - sind der Zorn, Gewalt, Haß, Freundschafft, Schmeuchlerey ~etc.~ - und unterwerffe seine Person und Sorge dem Gemeinen besten. - Denn wie er gegen andere der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit - sich befleissigen wird, also hat er auch das Gericht Gottes zu - gewarten und außzustehen.« - -Dieselbe Mahnung zur Gerechtigkeit finden wir auch auf einer anderen -Tafel, welche über dem Eingang zum Ratszimmer hängt und mit goldener -Schrift auf schwarzem Grunde die schönen Renaissanceformen ihrer -Ursprungszeit 1582 zeigt: - - Gleich und Recht theil mit menniglich - Und nicht nach Gunst das Urtheil bieg. - Den Armen hör, sein notturft betracht - So wirst du von Gott und der Welt geacht. - Denn wo du helst unrecht Gericht - Wirds dir Gott widerumb schenken nicht. - 1582 Peter Zorn. - -Die älteste Inschrift im Rathause jedoch ist der Spruch über der -gotischen Spitzbogentür, welche in den jetzigen Stadtverordnetensaal, -die frühere Rats- und Gerichtsstube, führt. In diesem Raum wurde dem -mächtigen Kunz von Kaufungen das Todesurteil im Juli 1445 gesprochen. -Die Inschrift mag aus dem Jahre 1416 stammen, als die Ratssitzungen in -diesem neuentstandenen Raume aufgenommen wurden, und lautet: - -»Auch sol eyn ytzlicher zcüchtigen seynn wort, der hyrinne zcu schicken -hat.« Es fehlt der erste Teil des Spruches, den Möller überliefert mit -dem bekannten Satze: - - Halb ist eynes manes Rede - Darumb soll man hören beede. - -Das sind goldene Worte für alle Stätten und Stellen, wo man zu rechten, -zu raten und zu taten hat: Sein Wort züchtigen, d. h. in Zucht zu -halten, ist eine passende Mahnung auch für die jetzige Bestimmung des -Saales, für die Stadtverordnetensitzungen. - -An Sprüchen und Schildereien hatten die alten Freiberger viel Freude, -und manches Sprüchlein auch im Rathause ist längst dahingeschwunden. -So stand mit feinem Humor über einem Schreiberstüblein, in dem auch -»etliche besondere Acta ordentlichen verwahret« wurden, der Satz: -»~Nunquam recte regetur Respublica nisi ordine regatur.~« Niemals wird -ein Staat richtig regiert werden, wenn er nicht durch Ordnung regiert -wird. Wie mögen die in der Kopistenstube regierenden Schreiberlein da -Ordnung in ihrem Aktenstaate gehalten haben! -- - -Der obere Rathaussaal war im Mittelalter zugleich die Rüstkammer, in -der die Armbrüste, lederne Schilde und andere Waffen hingen. - -Es waren dies die Waffen gegen äußere Feinde, welche stets zur Hand und -gebrauchsfertig sein mußten. - -Im unteren Rathausflur hingen die Waffen gegen einen anderen grimmigen -Feind, der öfter die Stadt zerstörte und vielen einzelnen Bürgern -schweren Schaden zufügte, das Feuer. Zu Hunderten hingen Feuereimer aus -Leder an der schweren Balkendecke, viele mit Zeichen und Malereien oder -Verschen geschmückt. Aus dem Spittel wird uns solch Feuereimerverslein -überliefert: - - »Im Fall der Noth, da Gott vor sei, - muß jeder haben ihrer zwei - oder einen rechten großen.« - -Daß auch in neuerer Zeit die Freude an Spruch und Reim nicht ganz -erstorben ist und hie und da auch heute noch am Haus oder Tür ihren -Ausdruck findet, ist nur zu begrüßen. Wer mag sich nicht freuen über -die sinnigen, fein empfundenen Verse, die über einer Gartenpforte -stehen, die man als Inschrift über jede Kleingartenanlage setzen könnte: - - »Mein Garten dünkt mich kindisch klein, - Schau ich nur von ohngefähr hinein; - Doch fang ich an, ihn umzugraben, - Mein’ ich ein Königreich zu haben.« - -Von der Türe zum stillen Reiche derer, die müde geworden von der -Arbeit des Lebens, Feierabend machen durften, vom Haupteingange des -Johannishospitals grüßt das Wort der Jünger von Emmaus: - - »Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden.« - -und von der Tür des Siechenhauses, vom Bartholomäushospital tröstet den -matten Erdenpilger, der hier seine letzte Zuflucht und Pflege sucht, -der Spruch: - - »Ich will euch tragen bis ins Alter, bis daß ihr grau werdet.« - -Das Gedächtnis des Weltkrieges aus einer Zeit, da die deutsche Kraft -innen und außen, die deutschen Waffen noch unüberwindlich schienen, -bewahrt der Neubau der alten Kreuzmühle. - -Nicht lange vor dem Kriege ging der alte malerische, von wildem Wein -dicht umsponnene Bau mit dem mächtigen Mansardendach in Flammen auf und -wurde 1914 bis 1915 in verwandter Form dem neuen Wohnzwecke angepaßt, -nach meinen Plänen wieder aufgebaut. Eine Schrifttafel über der Haustür -und ein wuchtiges Schwert mit Lorbeer und den Jahreszahlen 1914--1915 -als Sinnbild neben der Haustür geben der Stimmung der Zeit Ausdruck -und sind damit ein Hauszeichen und Zeitdenkmal von besonderem Werte -und Eigenart geworden, das sicher unseren Enkeln und Urenkeln viel zu -sagen hat und besonders ehrwürdig sein wird. Der Hausspruch, in schönen -deutschen Buchstaben in Marmor gehauen, lautet: - - »Das alte Haus in Flammen stand - Kurz vor dem großen Weltenbrand, - Da deutsche Art und deutsches Schwert - In Not und Tod sich neu bewährt. - Das neue ward im Krieg geschaffen, - Gott segne Dach und Volk und Waffen!« - -Sinnend schauen wir zur grünumrankten Tafel hinauf und auf das -lorbeergeschmückte Schwert und denken daran, wie es war, wie es wurde -und was noch werden mag. Auch unser alter Reichsbau ging in Flammen -auf. Das neue Dach, das neue Haus ward im Krieg geschaffen und wird -von Stürmen umtobt, von Feinden bedroht: »Gott segne Dach und Volk und -Waffen!« Ja, auch die Waffen! -- -- - -Worin soll die Spruchweisheit unsrer Tage bestehen? Nicht in lockerem -Scherz und leichten Reimen! Ausdruck der Zeit ist not. Heute liegt -uns vor allem die Not des Vaterlandes, die Not der Heimat, das -deutsche Leid am Herzen, das auch unser eigen Leid und Not ist. Wir -spüren den inneren Zwang, in unserer eigenen Seele und in der Seele -unseres Volkes und aller einzelnen Volksgenossen neue lautere Ströme -der Kraft zu gewinnen, um rein und stark, fest und unüberwindlich -zu werden im schweren Druck, in aller Kampfesnot des täglichen -Lebens, in aller Sorge und Friedlosigkeit innen und außen. »Not brach -Eisen, Eisen breche Not« steht auf dem Gefallenengedächtnismal des -Jäger-Bataillons 12 und Infanterie-Regiments 182 in Freiberg. Eisen, -nicht Gold braucht unser Volk, um seine Not zu überwinden. Gold macht -schwach, Eisen macht stark, macht stark die Seele und den Willen, Gold -bringt Not, Eisen bricht Not! Gold macht gemein, Eisen macht rein! - -Der alte deutsche Trotz, wie er durch unsere alten und neuen -Heldenlieder klingt, der auf sich selber steht auch gegen die ganze -feindliche Welt, und doch ein Kind ist, wo ihm Treue und Gerechtigkeit -begegnen, muß vor allem sich wiederfinden und wiederklingen. Solche -Spruchweisheit sollte keimen und wachsen wie Samenkörner, die der -Wind ausstreut, daß das öde, verwüstete Land wieder grün wird, die -zertretenen Fluren der deutschen Seele wieder hoffnungsvoll aufblühen. - -Manches köstliche Wort ist in der Dichtkunst früherer Zeiten und -unserer Tage aus der Tiefe der Heimatliebe wie schimmerndes Edelmetall -zum Lichte gebracht worden. Diese Schätze müssen dem täglichen Leben -nahegebracht werden und hineinstrahlen in den Alltag, der heute so -dunkel und schwer geworden ist, damit sie wirken können zur neuen -inneren Erhebung als Ausdruck deutschen Wollens und Sollens, Wissens -und Müssens. - -Jedes stolze, trotzige deutsche Manneswort aus tiefer heißer Seele, das -wie Schwertschlag durch die Seele geht, wie mit eiserner Pflugschar -tiefe Gründe aufreißt und den Geist seiner Zeit offenbart, mag es auch -vor Jahrhunderten einem starken deutschen Herzen entsprungen sein, ist -geeignet zur Wiedergeburt im deutschen Sinne zu wirken und uns zu Kraft -und deutschem Stolz zu wecken und zu erziehen und heute wie in späteren -Tagen Zeuge und Mahner zu sein zu deutscher Art und deutschem Geist -und Wesen und deutscher Tat. Wie unsere Väter ihr Wesen und ihr Wollen -in Haussprüchen und Denkversen zeigten, so gilt es für uns in und nach -dem Kampfe für die Heimat Heimatkultur und planmäßige Erziehung zum -Deutschtum zu treiben mit allen Mitteln und Formen, um unseres Volkes -beste Art zu stärken und zu stählen, sein tiefstes Wesen in Treue zu -klären, zu erklären und in Schönheit zu verklären. - -Wo deutsch die Steine reden und deutsche Art uns künden, muß deutsches -Wesen und deutscher Geist wie Felsen fest im Heimatgrunde stehen und -stark allen Stürmen und Wettern trotzen! Aus heiliger Saat steigt die -kommende, die stahlblanke Zeit: - - Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen! - - - - -Im Freiberger Dom. - - -Bist du schon einmal im Freiberger Dom gewesen und hat deine Seele -Zwiesprache gehalten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein -gebannt sind? Hat einmal dein Herz es erlauscht, und ist es dir tief -in dein Inneres gedrungen, daß hier nicht ein totes, steinernes -Gefüge seine Blöcke zu Säulen und Wänden türmt und seine Gewölbe -in kunstvollen Rippen und Kappen schließt, sondern daß das Ganze -ein beseeltes Wesen ist, welches gewachsen ist, sich entwickelt zu -einem höheren Dasein und lebt? In welchem Gedanken wirken und weben, -schwingen und klingen, die aus dem tiefsten Innern des Volkes geboren, -sich emporgerungen haben als Ausdruck der Sehnsucht und des Sinnens, -wägender Weisheit, wähnenden Wollens und Waltens, ahnenden Schauens -der Volksseele selbst? Komm mit mir und lausche, was die alten Wände -raunen: Heimat, Heimat wird dich segnen und reich machen, erheben über -die Zerrissenheit, Leere und Armut dieser Zeit, wird dich lohnen mit -dem heiligen Gefühl des Heimatstolzes, daß was aus echt deutscher Seele -geboren ist, unsterblich, unzerstörbar, ewig ist, weil es Keime immer -neuen Werdens trägt, Keime der Auferstehung und des Emporringens aus -der Tiefe zum Licht, zu heiliger Frucht, die wieder Samen streut auf -Hoffnung und auf Erfüllung verheißende Zukunft! - -Wir wollen heute nicht vor der goldenen Pforte, diesem Wunderwerke der -Kunst aus der ersten Blütezeit der Stadt verweilen, sondern uns still -an die Stufen des Altars setzen und schauen und hören, was an Stimmen -und Stimmungen in uns und um uns laut und leise klingend wird, was aus -fernen Tagen und Taten lebendig wird und Gestalt gewinnt. -- - -Leise singt die Orgel, sanft mit weichen Stimmen als streichele dir -liebe Kinderhand die Sorgenstirne und nähme dir alles, was dich -niederzieht, von der Seele und trüge dich weg von allem, was da -draußen so grau und zwieträchtig dein Herz bedrängte. Dann braust sie -gewaltiger empor mit mächtigem Klange jubelnd und jauchzend. Der ganze -Raum wird ein himmelstürmender Jubel von eherner Wucht und unendlicher -Reinheit und Schönheit, in dem deine Seele ergriffen und emporgerissen -wird über Zeit und Ort als hätte sie Flügel, im Sturme zu eilen, zu -schweben über Welten und Zeiten in strahlender Klarheit sieghaften -Lichtes, Klarblick zu gewinnen über Weltweiten und Wesen der Dinge. -Die schlanken Säulen scheinen zu beben als wollten sie sich lösen und -emporwachsen und aufblühen zu höherer Schönheit. Die Kappen der reichen -Gewölbe mit ihren Rippen, die wie die Maschen eines kunstvollen Netzes -sich verschlingen, erzittern, als wollten sie zum Leben erwachen wie -ein singender, klingender Vogel, der seine Fittiche spannt der Sonne -entgegen. - -Und auf den Wogen der Töne, die dahin quellen und schwellen, in -wallender Flut sich drängen, überstürzen, eilen, sich suchen und -fliehen und dann voll und breit dahinströmen, da kommen herbei die -Gestalten, welche im Laufe der Jahrhunderte ihre Not und ihr Leid, ihre -Freude und Hoffnung, ihre Sorgen und Pläne, ihre Schmerzen und ihr -Lieben an diesen heiligen Ort getragen. Unendlich unübersehbar ist die -Schar. Ihrer aller Seele Sehnen suchte einst an dieser Stätte Frieden -und Erfüllung und hat ihr eine unsichtbare Weihe gegeben, die Weihe, -welche nur das höchste Denken und tiefste Fühlen inniger Gemeinschaft -vor tiefsten Rätselfragen suchender Seelen zahlloser Geschlechter geben -kann. - - * * * * * - -Was kommt dort für eine Büßerschar? Mit nackten Füßen paarweise mit -zerrissenen Gewändern, die den nackten Körper nur wenig verhüllen, -einen offenen roten spanischen Mantel mit Kreuzen an Hüten und -Kleidern vorn und hinten tragend? Geißler sind es, auf der Wallfahrt -zur schönen Marie von Freiberg, jenem wundertätigen, lebensgroßen -Marienbilde von Wachs, um hier ihrer Sünden und ihrer Schmerzen -ledig zu werden. Schaurig klingen ihre Bußgesänge, die sie singen, -um die Pest zu bannen, und klatschend fallen auf den nackten Körper -die Geißelhiebe, unter denen aus blutigen Striemen die roten Tropfen -spritzen. Doch wende ab den Blick vom traurigen Zuge. Dort schreiten -gar würdige Gestalten einher. Die Männer der Freiberger Treue, an ihrer -Spitze der Bürgermeister Nikolaus Weller von Molsdorf und neben ihm -Nikolaus Monhaupt und die Ratsherren, welche anno 1446 im sächsischen -Bruderkrieg einst auf offenem Markte im Sterbehemd lieber ihr Haupt -dem Richtschwerte boten als den Schwur der Treue ihrem Herrn brachen: -»Wir sind dessen entschlossen, daß wir lieber, wenn es je anders nicht -sein könnte, den Tod erwählen und sterben, denn unsere Treu und Seelen -also hintan setzen wollen.« »Ehe ich soll meinen gnädigen Fürsten -und Herrn, deme ich gehuldet und geschworen, verraten, lieber soll -und will ich mir jetzund alsbald meinen alten grauen Kopf abhauen -lassen«, so klangen fest ihre Worte dem grimmigen Feinde ins trotzige -Gesicht und überwanden ihn durch die adlige Kraft unbeugsamer Treue. -»Nicht Kopf weg, Alter, nicht Kopf weg, wir bedürfen solcher ehrlichen -Leute ferner, die ihr Eid und Pflicht also beherzigen«, war die -Antwort des feindlichen, ritterlich denkenden Fürsten und dazu die -Versicherung, nichts gegen Eid und Gewissen zu verlangen. So wahrten -sie durch todesmutige Treue ihre Ehre und die Wohlfahrt der Stadt. -Weller von Molsdorf, ihr Führer und Sprecher, war der Erbauer des -Rathausturmes, den er der Stadt zum Geschenk machte, und sein Wappen, -zwei Schwanenhälse, die einen Ring im Schnabel tragen, ziert in Stein -gehauen noch heute die wundervolle gotische Lorenzkapelle im Turme mit -ihrem schönen, reichen Portale. Wer hatte wohl mehr Recht als er in -seinem Wappen das Symbol der Treue, den Ring, zu führen und das Wappen -an heiliger Stelle anzubringen? - -Nikolaus Monhaupt dort neben ihm war ein treuer und eifriger Sohn -der Kirche. In seinem Hause auf der Petersstraße ließ er sich eine -Kapelle bauen und vom Papste besonders begnaden. Herrliche gotische -Sterngewölbe auf Rundpfeilern überdecken den Raum, in welchem er seine -Gottesdienste hielt, diesen Raum, der später der kleinen Schar der -Anhänger des Wittenberger Bruder Martinus als Zuflucht und Ort der -Gemeinschaft in schwerer Zeit diente. Hier ward von ihnen das heilige -Abendmahl in beiderlei Gestalt nach Luthers Lehre zum ersten Male -begangen und die Herzogin Katharina, die Gemahlin Herzog Heinrichs des -Frommen, die treue Bekennerin, mag heimlich zu dieser Feier in der -Gemeinschaft ihrer Glaubensfreunde geschlüpft sein und neue Kraft und -Erhebung gesucht haben. Noch heute erinnert die steinerne Tafel am -Hause an diesen Tag. Schon vor dem Bau dieser Kapelle hatte Monhaupt -seine Frömmigkeit bewiesen durch die Stiftung einer steinernen, farbig -bemalten Figur der Gottesmutter mit dem Kinde, die heute noch in der -Annenkapelle am Dom mit ihrer milden Schönheit herniederschaut. Ein -Englein trägt die mit seinem Wappen geschmückte Konsole, auf der so -ruhevoll die Gestalt der Maria steht. Vierzig Tage Ablaß waren dem -verheißen, der vor ihr ein Vaterunser und einige ~Ave Maria~ gebetet. -Wieviele Tausende mögen vor ihr gekniet haben! In welche trüben -Fluten von Leid und Not, von Sorge und Sünde, von Schmerzen, Tränen, -Wünschen und Hoffnungen mögen ihre milden Augen geschaut haben. Wie -Wallfahrtslieder klingt es uns, wie Weinen und Schluchzen zerbrochener -Seelen, dann wie Jubeln und Jauchzen erfüllten Sehnens, befreiter -Herzen. - -Vorüber ihr Gestalten, die ihr dort drängt, ihr Fürsten und Reichen, -ihr Stolzen und Frohen! Das Leid heiligt eine Stätte mehr als die -Freude. Der Strom der Leidgeprüften ist breiter, ist tiefer als der Zug -der Freude. Ein Weinen ging durch diese Kirche als Nikolaus Hausmann, -der in ruhiger Würde dort schreitet und zur Tulpenkanzel hinüberschaut, -während der Predigt vom Schlage getroffen auf dieser seiner Kanzel -niedersank. Dieser Schlag traf auch das Herz der jungen Luthergemeinde -mit schmerzlicher Gewalt. Die Gemeinde war durch den Eigenwillen und -Übereifer des früheren Pfarrers Schenk in Angst, Not und Zwietracht -versetzt worden, so daß das reine evangelische Feuer, welches hell -aufgelodert war, zu erlöschen drohte. Da sandte Luther selbst seinen -lieben Freund, den Superintendenten Nikolaus Hausmann, um Abhilfe -zu schaffen und selbst das Amt zu übernehmen, und nun? wo waren alle -Hoffnungen? - -Luther schloß sich in sein Zimmer ein bei der Todesnachricht und weinte -bitterlich um ihn: »~Quod nos docemus, ille vivit~« hatte er rühmend -einst von ihm gesagt: »Was wir lehren, lebt er.« Ist dieses Lutherwort -nicht die herrlichste Grabpredigt, die einem treuen Seelsorger -nachgerufen werden kann? Seit Hausmanns raschem Tode, am 1. September -1538 ist die Kanzel, auf der er hinsank, nicht wieder zur Predigt -betreten worden. Die »Teufelskanzel« wurde sie vom Volke genannt. - -Dort steht sie in ihrer bizarren Schönheit mit der sprühenden -Lebendigkeit und sprudelnden Phantasie ihrer Formen und dem krausen -Spiele aller Linien. Als wäre ein gewaltiger Blumenkelch emporgeblüht -aus weißem, steinernen, felsigen Grunde. Aus der Wurzelrosette schießt -der mittlere, palmenartige Schaft empor, der die seltsame Wunderblume -auf einem Blätterkelche und Kranze von Weintrauben trägt. Lange -Blütenstengel wachsen aus dem Blätterkranze am Grunde empor und sind -mit Seilen zweimal an den Pflanzenschaft gebunden. Ihre Spitzen tragen -große Knospen, deren Kelchblätter sich untereinander verschlingen. -Schau, wie zwischen den Blütenstengeln auf Nebenblättern rings um den -Schaft vier Englein sich tummeln und die Flüglein heben, als wollten -sie sich haschen, im frohen Spiel rundherum springend im Kreise -mit kindlichem Jubel. Der Blumenkelch oben ist von freibewegten, -distelblattartigen Ranken umsponnen, wie von blühendem Steinfiligran -in reichstem, zierlichen Linienspiel. Hier hat der Meister den starren -Stein bezwungen mit seinem Meißel, die Ranken frei vom Untergrunde -gelöst, als wären sie biegsames Edelmetall, das unter dem Hammer sich -schmiegt und windet, wie der Goldschmied es will, und zu höchster -Feinheit und Zierlichkeit in wundersamen Formen und Linien sich -bildet. Die vier Kirchenväter schauen ernst aus dem Geranke hervor, -Bischof Augustinus, Papst Gregorius, Erzbischof Ambrosius und der als -Kardinal dargestellte Hieronymus. Es sind die Helden des Glaubens, -der Verkündigung des Wortes und des Bekenntnisses aus den Sturm- -und Kampfzeiten der jungen christlichen Kirche. Edle charaktervolle -Männerköpfe sind es, voll individuellen Lebens und persönlichen -Ausdrucks. Sind es hier die Bildnisse edler Männer Alt-Freibergs aus -jener Zeit? Fast will es uns scheinen! Geist und Wille und persönliche -Bedeutung lebt in ihren Zügen und jeder einzelne ist ein selbständiges -Werk ausgereifter frei schaffender Bildhauerkunst, fern von den -Gebundenheiten und Starrheiten der späten gotischen Kunst, voller -Eigenart und selbständigen Schöpferdranges einer aus deutschem Urgrunde -heraufblühenden neuen Kunst. - -Wer war der Meister? Zwei rätselhafte Buchstaben ~H. W.~ an seinem -Werke verbergen seinen Namen. Es sprechen für ihn seine Werke in -ihrer herben Kunst und gehaltvollen Schönheit. Dort sitzt der große -namenlose Meister ~H. W.~ selbst in Stein gehauen, im schlichten -Arbeitskittel bescheiden am Fuße der Kanzel neben der untersten -Treppenstufe. Andächtig lauscht er empor zu den Worten der Schrift von -der Kanzel. Ganz deutsch ist sein ehrliches Gesicht mit dem kurzen -Vollbart, sprechend die Bewegung des Mundes, der Hände und des ganzen -Körpers, so daß man es spürt, wie ihn so ganz das Wort mit Andacht -erfüllt und in ihm lebendig ist. Neben ihm spielen die Engel zu seiner -Rechten, sie sind das frohe, jauchzende Leben und zu seiner Linken -schreiten grimmige Löwen mit offenem Rachen um den Fuß der Kanzel. -Sind sie die Versuchung, dunkle Leidenschaften oder die Sünde, »der -Teufel«, der umhergeht wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er -verschlinge? Stellt der Meister gar sich selbst nur als ein Sinnbild -der andächtig lauschenden Gemeinde dar, welche unter der Kanzel alles, -was aus der Andacht reißt und vom Gotteswort abzieht, draußen lassen -und Gott allein dienend vergessen soll? -- Die alten deutschen Künstler -haben in ihren Werken die Sprache tiefer Symbolik ohne abgebrauchte -symbolistische Zeichen besonders geliebt und ihre Zeit verstand die -innigen Zusammenhänge dieser geheimnisvollen Sprache mit dem Leben und -Wollen ihrer Tage. Das ganze Rechtsleben und kirchliche Leben war ja -von Symbolen und sinnbildlichen Handlungen erfüllt, die jedem geläufig -waren. Was uns zunächst vielleicht als ein willkürliches Spiel bizarrer -Phantasie ohne inneren Zusammenhang erscheint, als Künstlerlaune oder -Einfall ohne tiefere Bedeutung, das gewinnt in diesem Lichte vielleicht -wunderbare Geschlossenheit und ist Ausdruck tiefster Gedanken, welche -in jener Zeit lebten und von jedem verstanden wurden. -- Das Hündchen -des Meisters sitzt auf der als Baumstamm gebildeten Säule, um welche -die Kanzeltreppe sich windet. Es war sicher der Liebling des Meisters, -sein ständiger Begleiter und sollte auch hier bei ihm sein, und ist in -köstlicher Naturwahrheit dargestellt. Bei der Arbeit ist es vielleicht -einmal auf die Spille gesprungen. Der Meister hielt dies Bild fest und -nun sitzt das Hündchen als das Sinnbild der Treue, als Wächter erhöht -und schaut keck in die Welt. Nichts entgeht seiner Wachsamkeit und er -wird eifrig melden jeden, der naht. Will er nicht auch der Gemeinde -etwas sagen? »Seid wachsam, denn dunkle Gewalten und Leidenschaften -bedrohen ständig den Aufstieg zur Höhe?« Dieser Aufstieg ist hier durch -die Kanzeltreppe dargestellt, deren Stufen auf starken Baumstämmen und -Ästen ruhn. Ächzend unter der Last trägt sie eine Jünglingsgestalt -auf ihrem Rücken, die rittlings auf einem Baumstumpf hockt. Er trägt -schwer unter dem Joch der selbst auferlegten Last. Ist er ein Sinnbild -der Menschenseele, die oft unter selbstgeschaffener Last oder schwerem -Schicksal seufzt, während dies Schicksal doch nur einen Weg, Stufen zur -Höhe bedeutet? Man glaubt das Stöhnen aus des Jünglings tiefster Brust -zu hören, so schmerzlich verzogen ist sein Mund. Die ganze Gestalt ist -so naturwahr und lebendig in Ausdruck und Bewegung geschaffen, ist so -aus dem Leben unmittelbar gegriffen und dem Leben mit starker Kraft und -Sicherheit nachgebildet, daß man nicht glaubt, ein Werk der sterbenden -Spätgotik vor sich zu haben, sondern es fühlt, daß hier eine neue Kunst -geboren ist, die Kunst einer deutschen Ur- oder Vorrenaissance aus -deutschem Grunde, deutschem Fühlen voll eigenwüchsiger Selbständigkeit -ohne südländisch italienische Muster. Ganz deutsch ist ja das ganze -Werk, Wesen und innerer Gehalt der Kanzel mit ihrem Beiwerk, in dem -der Künstler soviel erzählt und von seinem Denken und Fühlen, von der -Traumwelt seiner Seele hineinlegt. Nur eines Deutschen, eines großen -Künstlers suchende schöpferische Seele kann soviel geben und über die -formale Schönheit hinaus die tiefe innige Welt seiner Seelengedanken -in seinem Werke offenbaren, den eigentlichen geistigen Inhalt über -Stoff und Form hinauszuheben. Nur ein Deutscher kann das Leben dieser -Seele im Werke recht verstehen und würdigen. Die deutsche Phantasie hat -diesen »hohen steinernen Predigtstuhl« daher auch mit ihren Sagenranken -umsponnen, wie dort die steinernen Ranken den Blumenkelch der Kanzel. -Die Sage raunt, der sinnende Meister dort habe seinen jungen Gesellen -erstochen, weil dieser einen besseren Entwurf zur Kanzel gefertigt und -das Wunderwerk ausgeführt habe, dessen er nicht fähig gewesen wäre. -So sei der Geselle als Träger des Werkes dargestellt, während der -Meister klagend daneben sitzt und dem Werke des Nebenbuhlers den Rücken -kehrt. -- - -Auf dem schwebenden Kanzeldeckel über dem Predigtstuhl sind die Zeichen -der vier Evangelisten angebracht und über ihnen erhebt sich aus einem -Blattkelch die rührende Gestalt der gekrönten Maria mit dem Jesuskinde. -Das Kind hat eine Weintraube in der Rechten und eine saftige Beere in -der Linken. Es scheint vor Freude darüber zu zappeln, so daß Maria, -die sorgliche Mutter, mit der Hand fest das Füßchen faßt, damit das -Knäblein in seiner jauchzenden Daseins- und Lebensfreude nicht vom Arme -hüpfe. Das Ganze eine rein menschliche, liebliche Szene vom holden -Mutterglück, die auf jedes Gemüt wirken muß, und doch auch hier tiefe -symbolische Bedeutung, die das Werk über das rein Menschliche weit -emporhebt: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben« und »Dieser -Kelch, den ihr trinket, ist mein Blut, für euch vergossen«. Auf -diese Worte deutet die Traube und die Beere in der Kinderhand hin. -Das fröhliche Kind hält in seinen spielenden Händen sein schweres, -gewaltiges Schicksal, seine heilige Aufgabe, das Schicksal der Welt und -jeder einzelnen Seele. Über der Kanzel erhebt und schwebt das liebliche -Werk als Symbol dafür, daß über jeder Predigt als Kern und Leitgedanke -das Evangelium und das Wort von der Erlösungstat stehen soll. »Gehet -hin in alle Welt und predigt das Evangelium« steht in lateinischer -Sprache auf der Unterseite des Kanzeldeckels über dem Haupte des -Predigers schwebend und mahnend. - -Wie bei der goldenen Pforte ein tiefer Reichtum von symbolischen -Gedanken die Fülle der Gestalten miteinander verbindet und der geistige -und künstlerische Gehalt sich in wunderbarem Rhythmus zu ebenbürtiger -Hoheit erhebt, zu einem Lobgesang auf die Jungfrau Maria, so ist -die Tulpenkanzel eine steinerne Predigt, deren tiefer Inhalt in -Verbindung mit der vollendeten Kunst die Herzen ergreifen und erheben -muß. Sie steht mitten im Gotteshause, das als Predigtkirche, als -freiräumige Halle mit steinernen Emporen errichtet ist, und verkörpert -in sich lange vor der Reformation rein evangelische Gedanken, ein -Predigtstuhl des Evangeliums inmitten der lauschenden Gemeinde, wie es -seinesgleichen wohl kaum in deutschen oder fremden Landen gibt oder -geschaffen ward. - -Sinnend lassen wir die Kanzel auf uns wirken, suchen zu enträtseln -und zu begreifen, und im Rauschen der Rhythmen der Orgel ist es -uns, als bekäme sie selbst Zunge zu reden und zu hohen und weiten -Gedanken zu erheben. Sie sah Fürsten und Gewaltige in ihrer Pracht und -Herrlichkeit vorüberziehen, sie sah ihre sterbliche Hülle, ein Nichts, -vorübertragen, Staub zu Staube werden. Die Hoffnung und der Stolz der -evangelischen Christenheit, Kurfürst Moritz, der Löwe der evangelischen -Sache, in der Blüte seiner Jahre von meuchlerischer Kugel hingerafft, -wurde hier vorbei getragen, und düstere Pracht ehrte den toten Helden, -mehr noch ehrten ihn die Tränen seines Volkes. - -Es drängt die Fülle der Gesichte und Gestalten einer vergangenen Zeit -und Welt, ohne deren Sein, Wesen und Wirken wir selbst ein Nichts -wohl wären. Keine Gegenwart ohne Vergangenheit, und doch denkt die -Gegenwart so wenig der Vergangenheit, aus der sie selber stammt, zu -der sie selber wird. Welche Vergangenheit war wohl furchtbarer für -die Stadt, wie für Land und Reich, als die Jahre des Dreißigjährigen -Krieges, als blutiger Tod, Hunger und Pest ihre grausigen Geißeln -über unser unglückliches Vaterland schwangen. Wie kniet in zitternder -Angst und Sorge um das armselige Leben und tägliche Brot hier das Volk -auf den steinernen Platten des Fußbodens, unter denen schon viele -Geschlechter schlummern, sucht Trost und Stärke im heißen Notschrei -der Seele. Wie oft tobte Plünderung, Brand und Mord durch die Gassen, -und Rat und Bürgermeister waren machtlos. Für Freund und Feind war -die Stadt nur ein Ziel der Beutegier. Jonas Schönlebe, dessen Wappen -heute noch sein Stammhaus an der Ecke des Obermarktes und der Erbischen -Straße ziert, war in den schwersten Tagen Bürgermeister der Stadt. -Schweres Schicksal hat er für seine Stadt auf sich genommen und -erduldet: Am 29. November 1632 wurden er, der Superintendent Gensreff -und der Ratskämmerer Lindener als Geiseln über das winterliche, fast -weglose Gebirge durch Eis und Schnee nach Böhmen geschleppt und kehrten -erst am 31. Dezember nach schwerer Drangsal glücklich wieder heim. -In jenen furchtbaren Tagen der Not mag er, vielleicht angeregt durch -seinen geistlichen Leidensgefährten Gensreff, gelobt haben, wenn er -glücklich errettet würde, an Stelle des alten unscheinbaren hölzernen -Predigtstuhles eine neue Kanzel zu stiften, eine Kanzel für Luthers -reine Lehre, nachdem er unter der grausamen Faust der papistischen -Soldateska des Kaisers geseufzt und in Luthers Lehre seinen Trost und -seine Hoffnung gefunden. - -Entsetzliche Jahre der Not und Angst folgten. Unsägliches hat die -Stadt und ihre Umgebung gelitten unter den Besetzungen, Belagerungen, -Durchzügen, Kontributionen und Peinigungen von Freund und Feind. Der -friedliche Bürger wurde heute von Schweden, morgen von Kaiserlichen -oder den Soldaten des eigenen Landesherrn mißhandelt und ausgepreßt. -Handel und Wandel war durch die Unsicherheit unmöglich gemacht. Wer -sich vor die Tore der Stadt wagte, lief Gefahr, ausgeraubt oder -gar ermordet zu werden. Wurden doch bei einem Begräbnis auf dem -Donatsfriedhof dicht vor dem Tor das ganze Trauergefolge ausgeplündert. -Die Zufuhren blieben aus, und weder Getreide noch andere Nahrungsmittel -kamen zu Markte. - -Häuser und Scheunen vor der Mauer wurden geplündert und verbrannt, und -was nicht brennen wollte, ward niedergerissen oder sonst durchlöchert -und verwüstet. Auch innerhalb der Mauer war die Unsicherheit groß -und der ruhige Bürger gar oft der wilden Willkür, Habsucht und Wut -fremden Volkes preisgegeben. Ständig waren Mauern und Türme von den -Bürgern besetzt, und jeder rüstige Mann mußte Waffendienst bei Tage -oder Nacht für seine Stadt leisten. Bald waren die »Blauröcke« Herren -in der Stadt, bald bedrohte Oberst Ulefeld, bald Generalfeldmarschall -Holk, bald »Krabatenoberst« Beygott, bald Oberst Taube, bald General -Arnim die Stadt mit Plünderung und Brandschatzung. Im September 1634 -bedrohten die Schweden unter Banner die Stadt mit Mord und Brand, im -Oktober die Kaiserlichen unter Oberstleutnant Schütze und Schönickel -und verbrannten alle Vorstädte, Freibergsdorf und Johannishospital -und das vor dem Peterstor liegende große Glockengießhaus, »davon -eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, daß die Funken -in und über die Stadt haufenweiße geflohen und die Stadt in höchste -Feuersgefahr geraten«. Viele Jahre kein Tag ohne Angst, Mord und -Brand! Seuchen und Pest wüteten in der Stadt. Im Jahre 1633 z. B. sind -1632 Personen öffentlich bestattet worden außer denen, die heimlich -begraben wurden. Diese furchtbare Zahl wird recht deutlich, wenn -man vergleicht, daß heute bei etwa der doppelten Bevölkerungsziffer -jährlich rund 500 Todesfälle zu verzeichnen sind. Die Zahl der -Todesfälle in jener Zeit beträgt also das Sechsfache bis Achtfache der -normalen Sterblichkeit. - -Welche Bergeslasten von Sorge, Not und Angst für sich, die Seinen -und vor allem für die ihm anvertraute Stadt mögen auf dem Herzen des -tapferen Bürgermeisters Schönlebe gelegen haben! Und doch, das Werk -seiner Kanzel fördert und treibt er »aus besonderer Andacht und zu -Beförderung des Gottesdienstes und Zierde der Kirchen« trotz aller Nöte -und Unruhen, so daß es im Jahre 1638 im Dome am mittelsten Pfeiler -aufgestellt werden konnte. Hans Fritzsche, »der lange Bildenhauer«, -scheint der Meister dieser Kanzel gewesen zu sein. Wie mag in der -Werkstatt des Künstlers in seltener, ruhiger Stunde der tapfere -Bürgermeister dem Werden des Werkes zugeschaut, Anregungen, Vorschläge -und Wünsche gebracht haben, während draußen schon die Sorgen lauerten -und mit knöchernem Finger an die Türe pochten. Ein Friedensdenkmal aus -Freibergs schwerster, furchtbarster Zeit, aus grimmiger Kriegsnot, wo -das Sterbeglöcklein nicht stille stand und täglich der rote Hahn seine -feurigen Flügel schlug, wo blutiger Mord durch die Gassen schlich oder -des Todes eiserne Würfel vor den Mauern rollten, ein Denkmal innigen -Glaubens aus einer Zeit, wo Leidenschaften und Laster regierten, alles -Heilige nur ein Spott war, und das wilde Leben der Begierden die kurze -Spanne der zugemessenen Zeit genießen wollte in Saus und Braus, wo -zwischen Blut und Pest das üppige Leben leidenschaftlichen Genusses -in um so wilderen Strudeln schäumte. Ein stilles Denkmal der Kunst -aus einer Zeit, wo alle Musen schwiegen und in glücklichere Lande -entflohen schienen, wo Zerstörung und Vernichtung alles Schönen, der -Untergang aller Kunst und edleren Kultur unter den eisernen Schritten -des unersättlichen Krieges gewiß schien, wo tausend Kirchen und Altäre, -Schlösser und stolze Häuser mit ihren Kunstschätzen in Staub und Asche -sanken, geplündert und vernichtet wurden, und alle Keime und Blüten -der Kunst und höheren Schaffens und Denkens zertreten und zermalmt -schienen, ein heiliges Werk, emporgeblüht wie eine stille, edle Blume -aus blutgetränktem Boden, eine Blume, an derem Werden und Wachsen sich -in jener wilden Zeit vielleicht alle edlen und feinen Geister, alle -sehnsüchtigen Herzen der Stadt erfreuten und aufrichteten wie an einem -Symbol, daß einmal doch noch Friede und bessere Tage kommen müssen, ein -Werk, das vielleicht heimlich an verborgener Stätte, von der kein Feind -oder Verräter wußte, Gestalt gewann, und gerade dadurch den Treuen und -Starken, den Trägern einer besseren Zukunft, um so teurer und heiliger, -um so bedeutungsvoller und erhebender war. - -Betrachten wir uns das Werk jener wilden blutigen Zeit, so fühlen wir -es heute noch, wie hier die Stürme schwiegen und die Innigkeit des -Glaubens, der Sehnsucht nach einem höheren Frieden seinen Ausdruck -suchte. Vielleicht könnte im Leidenswege des Heilandes, der in den -Feldern der Brüstung der Kanzeltreppe dargestellt ist, etwa ein -Gleichnis, ein heiliger Widerklang der eigenen Leidenszeit, des -schweren Kreuzes, das die treue Gemeinde selbst zu tragen hatte, -angedeutet sein und gefunden werden. An der Kanzelbrüstung selbst -ist der Gekreuzigte in Alabaster angebracht. Links und rechts davor -knien anbetend die Freifiguren des Stifters Jonas Schönlebe und seiner -Gattin Anna geb. Horn aus edlem Marmor gefertigt. Sie wollten selbst -an heiliger Stätte mit betend emporgehobenen Händen verewigt sein. -Sie, die so viel gesorgt, geschaffen und gelitten, wollen ihre Demut -bezeugen, daß mit eigener Kraft nichts getan ist und nur der Glaube -in schwerer Zeit aufrecht erhalten kann und die Kraft zum Durchhalten -bei aller Not gibt. Wie oft mag so dieses Ehepaar gekniet haben in der -Angst und unter der Verantwortungslast für die ihnen anvertrauten Leben -und Güter der alten Stadt während der furchtbaren Tage der Belagerungen -und blutigen Kämpfe, unter feindlicher Faust und giftigen Seuchen. - -Den Kanzeldeckel ziert der aus dem Grabe auferstehende Erlöser. Ein -Bergmann mit Fahrkappe, Kniebügeln und Barte ist einer der Wächter am -Grabe. Dieser oberste Abschluß des Kanzelbaues war dem Stifter und -Künstler wohl ein Sinnbild der Hoffnung und heiligen Glaubens auch -daran, daß es aus der Grabluft, dem Blut und Tod der furchtbaren Zeit -doch eine Auferstehung und Erlösung geben müsse. - -Die Kanzeltreppe wird getragen von einem kauernden Bergknappen mit -starkem Nacken und muskulösen Armen. Er ist ein Sinnbild der breiten -Masse des Volkes der Arbeit, auf dessen Hingabe zur Sache, auf dessen -fester Treue das Wort ruhen und sich stützen soll, in dem es fest -wurzeln muß, wenn es Frucht bringen soll. - -Den Rumpf der Kanzel selbst trägt auch ein Bergmann, ein Steiger, -auf seinem Haupte und stützt sie mit seinen Händen in geschlossener -ruhiger Haltung. Sein Kopf mit langem, lockigem Barte ist fein -geschnitten, geadelt durch geistige Arbeit und mit gedankenreicher -Stirn. Ist es der Künstler selbst, der sich hier dargestellt hat? -- -ein Künstlerkopf könnte es wohl sein -- oder ist diese Gestalt das -Sinnbild der geistigen Macht, des geistigen Erlebens, des Forschens und -Denkens, des geistigen Ringens, aus welchem die Verkündigung des Wortes -hervorwachsen muß, soll sie nicht verflachen, inhaltlos, leer und kalt -werden? Das Bergmannskleid mag sagen, daß du wie ein Bergmann in die -Tiefe schürfen und in die Höhe denken mußt, in unablässiger Arbeit, in -Arbeitssüßigkeit und Arbeitsqual, du und jeder, der edle Erze fördern -und die Tiefe des göttlichen Wortes ausschöpfen, erleben und dem Herzen -nahebringen will. -- - -Welch eine lange Reihe von geistesgewaltigen Predigern und Seelsorgern -hat auf dieser Kanzel gestanden und ist durch die reizvolle, -künstlerisch geschnitzte Renaissancetür geschritten, welche die -Kanzeltreppe abschließt. Der Schwung und die Anmut des Linienspiels -dieser Tür ist wie eine künstlich verschlungene liebliche Melodie, -welche vor der Predigt in hellen Akkorden sich aufwärts schwingt. - -Die Bilder der alten Pfarrherrn und Superintendenten hängen oben auf -der Orgelempore im Vorsaal zum Orgelraum am großen Wendelstein und -schauen aus ihren dunklen Rahmen so ehrwürdig und ernst hernieder. - -Sie, die Redner der Bergmannskanzel, ruhen zum Teil draußen auf dem -»grünen« Friedhof, dessen Baumwipfel durch die Fenster des Domes -schauen und mit Zweigspitzen wie mit zarten Fingern an die runden -bleigefaßten Scheiben pochen. Sind die Wurzeln der Bäume tief im Grunde -durch ihre Herzen gegangen und steigen nun ihre Herzensgedanken sehnend -empor zum Licht und begehren Einlaß in das Heiligtum, welchem sie ihr -Leben geweiht? -- Andere schlummern hier unter den Fliesen im Dom, im -Bereiche ihrer alten Kanzel, der Auferstehung entgegen als Ausklang -und Ziel ihrer Predigt und ihres Lebens, wo die Kanzel selbst mit -steinernem Munde predigt: Aus dunklem Grunde aufwärts auf Leidenswegen -durch Not und bitteren Tod zur Auferstehung, zu einem schöneren Licht. - -Ihre Worte sind verklungen, ihre Gedanken sind verschwunden, die einst -geistesmächtig den Raum füllten und die Gemeinde stille machten. Die -Gedanken und die Stimme eines anderen sind aber geblieben. Wir hören -die Stimme in zarten weihevollen Tönen, in flutender Harmonie und im -Brausen der mächtigen Akkorde, es ist die Orgel, die Stimme Gottfried -Silbermanns, die Jahrhunderte nun schon zu den Herzen spricht, sie -erbaut und ergreift und auch heute uns in geheimnisvolle Zauber -spinnt, uns Vergangenheit und Gegenwart lebendig macht, verbindet -und verschmilzt zu einer wunderbaren Einheit. Dort im alten Hause -am Schloßplatz, das die Tafel mit seinem Namen trägt, hat er vor -200 Jahren seine Meisterwerke geschaffen. 54 Orgeln gingen aus seiner -Werkstatt hervor, eine immer die andere übertreffend, so daß auch -neidische Gegner ihre Bewunderung nicht verhehlen konnten. Er selbst -stellte die höchsten Anforderungen an sich und sein Werk und war ein -so eigensinniger Künstler, daß er im künstlerischen Jähzorn gleich -ganze Instrumente zertrümmerte, wenn sie ihm nicht Genüge leisteten -und seinen Erwartungen nicht entsprachen. Sein größtes und letztes -Werk, mit 2896 klingenden Stimmen, ist die Orgel in der katholischen -Hofkirche in Dresden, die er in besonderem Auftrage August III. schuf. -»So wie diese Orgel gebaut ist, wird keine mehr gebaut«, sagte voller -Begeisterung der Dresdner Orgelkönig Johann Schneider von ihr. - -Unsere Freiberger Domorgel gibt ihr nichts nach mit ihren -2674 klingenden Stimmen, welche allen Jubel und alles Leid des -Menschenherzens singen und tönen können. Im Vertrage erklärt er, -es solle »das Hauptmanual einen gravitätischen Klang bekommen, das -Oberwerk scharf und etwas spitzig, die Brust recht delikat und lieblich -intoniert werden, in Summa das ganze Werk soll also beschaffen sein, -daß es, wenngleich die ganze Gemeinde beisammen ist, dennoch seinen -rechten Effekt zeugen kann und kapabel ist durchzudringen.« Zwei Jahre -arbeitete er mit seinen zehn Gesellen daran, so daß das Werk 1714 -vollendet ist. Mit dem bescheidenen Preis von 1500 Talern ist der -schlichte, redliche »Orgelmacher«, wie er sich nannte, zufrieden. Ihm -war der größte Lohn, daß sein Werk der Gemeinde und der Kunst dient, -wie noch keine Orgel zuvor. Ein Kantor aus Leipzig und ein Hoforganist -aus Altenburg übernehmen die Prüfung der neuen Orgel und kommen -zu dem Schlusse, daß zu solchem Werke nur von Herzen Glückwünsche -auszusprechen seien. - -Ist auch der Klang das Wichtigste, gleichsam die Seele und das Leben -der Orgel, so ist doch auch ihre äußere Form für den Kirchenraum von -größter Bedeutung. Bewundernswert ist es, wie der Meister Silbermann -die Orgel in den Raum hineinpaßt, so daß sie eine künstlerische -Steigerung der Raumwirkung von großer Schönheit bedeutet. Wie sind die -Scharen der mattschimmernden Zinnpfeifen zu gewaltigem Eindruck und -mächtig schwungvollem Abschluß des Kirchenschiffes zusammengefaßt, von -reich bewegter Schnitzerei umschlossen und seitwärts von musizierenden -Engelsgestalten begleitet. Die Wirkung des Kirchenraumes erfährt hier -eine Steigerung, in welcher Musik, Architektur und Plastik zu einem -rauschenden Psalm zusammenklingen, ein Psalm, der erhebt und erbaut -und aus dem Zusammenwirken der Künste einen heiligschönen Gottesdienst -macht. Was für ein herrliches Bild mag die stolze Halle des Domes -gegeben haben, als die Orgel zum ersten Male vor der versammelten -festlichen Gemeinde erbrauste und wie in Engelchören alle ihre -Stimmen und Register jubelten und sangen und wiederum im dröhnenden -Fortissimo die Pfeiler und Wände zu erbeben schienen. Niemals vorher -war ein Orgelwerk von gleicher Tonfülle, Macht und Harmonie geschaffen -worden. Dort saßen alle die stolzen Bürger und Ratsherren, der -Oberberghauptmann mit seinen Beamten in ihren bunten Uniformen und -kleidsamen Trachten der Barockzeit. Das Haupt deckte die gewaltige -Lockenperrücke, welche den Köpfen jener Zeit eine so besondere Würde -und Bedeutung verleiht. Dazu die Reihen der Bergleute in ihren dunklen -Bergkitteln mit blitzenden Barten über die Schulter, die den ernsten -Hintergrund für das buntfarbige Bild abgeben. Noch lebte überall an -Wänden und Pfeilern die Fülle der künstlerischen Bildwerke, mit denen -Jahrhunderte das Innere des Domes geschmückt hatten, durch welche ein -natürliches Kunstempfinden und tiefes religiöses Gefühl den Dom zu -einer Weihestätte vieler Geschlechter, zu einem Heiligtum und Denkmal -Alt-Freiberger Kunst und Pietät gemacht hatte. Einer späteren Zeit -blieb es vorbehalten, viele dieser Kunstdenkmäler in Museen zu schaffen -und dort einzusargen, oder zu zerstören und den Dom in engherzig -beschränkter, nüchterner Auffassung zu stilreiner Gotik zu »reinigen«. -Da stand noch über dem Altar das gewaltige romanische Kunstwerk aus -Freibergs Frühzeit, die in Eichenholz geschnitzte Kreuzigungsgruppe, -der Heiland am Kreuz mit Maria und Johannes zur Seite. Der Heiland -breitet sterbend die Arme aus mit ergreifendem Ausdruck der Milde und -Hingabe an die Menschheit: »Es ist vollbracht.« Maria ist wie eine -edle römische Matrone gestaltet, mit antikem Faltenwurf des Gewandes, -aber mit echt deutschem Gesicht, in dem Schmerz und Hoheit wunderbaren -innigen Ausdruck finden. Es ist eine Frau unseres Blutes und Stammes, -der dort sieben Schwerter des Schmerzes das Herz durchbohren. Sie preßt -die Hand in bitterem Weh mit tiefbeseelter Bewegung an das zuckende -Herz. Johannes steht wie ein römischer Senator, der mit der Linken die -reichen Falten seines Gewandes rafft, die Rechte aber wie beschwörend -oder gelobend erhebt. Das verklärende Licht der Antike scheint noch aus -diesen Werken zu leuchten in unbesieglicher Schönheit, jedoch inniger -christlicher Beseelung. Das ganze Werk gehört zum Höchsten, was die -deutsche romanische Kunst des Mittelalters geschaffen hat. - -An den Pfeilern der Emporen leuchten die zwölf Apostel in Gold und -bunter Farbenpracht, und an den freien Pfeilern des Schiffes sind die -Gestalten der fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen angebracht. Sie -sind in der reichen Tracht der Zeit um 1500 wie deutsche Edelfrauen -dargestellt, deutsche Mädchengestalten im deutschen Dom, um die Lehren -und tiefen Gedanken des Evangeliums der Gemeinde nahezubringen. -Köstlich ist der frohe Gesichtsausdruck der klugen, mit Kronen -geschmückten und der verdrossene, träge der törichten Jungfrauen -getroffen. - -Weiter glänzen überall an Pfeilern, Wänden und Gewölben die bunten -Wappen der alten edlen Freiberger Geschlechter, reich geschnitzte -Epitaphien in Gold und Weiß und bunten Farben, und die kapellenartigen -Nischen zwischen den Pfeilern unter den Emporen sind durch -Holzeinbauten mit üppigen Schnitzereien von Rankenzügen und Blattwerk -in schwungvollen Windungen und Verschlingungen abgeschlossen. - -Fürwahr, die Gemeinde, über welche die Wohllautströme der neuen großen -Orgel des großen Meisters Silbermann sich ergossen, der herrliche -Raum des Domes, in welchem echt deutsche Kunst von Jahrhunderten sich -zusammendrängte wie in einem geschliffenen Kristall, alles schloß sich -zusammen in ehrfürchtigem Erschauern mit der gewaltigen ~musica sacra~ -zu einer Einheit, in der nichts Fremdes, Unharmonisches war, zu einem -Gesamtkunstwerk, wie es nur in besonders leuchtenden Stunden sich für -sehnende und schauende Seelen gestalten kann. -- Nicht einer kann es -gestalten, nicht Geschlechter könnens schaffen, nicht der Künstler -allein kann es aus den Tiefen seiner Seele emporheben, nein, du selbst -mußt mit der Schöpfer des Gesamtkunstwerkes sein; denn die Kunst ist -nur da, wo sie erlebt, erfühlt und mit dem Herzen ergriffen wird. -Ohne dieses Erleben und Ergriffenwerden, ohne dich ist keine Kunst -für dich vorhanden, und mag sie noch so herrlich leuchten und anderen -Offenbarung und tiefes Glückserlebnis bedeuten. -- - -Die spätgotische Halle des Domes mit ihren Kunstwerken ist eine -Schöpfung des Bürgertumes der alten getreuen Bergstadt. Sie diente -der Gemeinde und ihrem Leben als heiliger Raum, in dem ihre -innere Gemeinschaft und ganze Innigkeit zum Ausdruck kam und ihre -Anschauungen und Gefühle Form und Gestalt gewannen. Dort hinter dem -Altar aber, wo eiserne Gitter den langen Chor mit der Vierung vom -Kirchenschiff abschließen, dient der Raum nicht den Lebenden, sondern -den Toten. Nicht das freischaffende Bürgertum, sondern fürstlicher -Wille, Reichtum, Prachtliebe und Kunstfreude und nicht zuletzt der -Stolz auf die Ahnen und edles altes Geschlecht hat dort einen Raum -geschaffen, wie es nur wenige seinesgleichen gibt in weiten Landen, die -Fürstengruft der evangelischen Wettiner. - -Wie eine rauschende, strahlende Melodie steigen von den Wänden in -leuchtendem, edlem, farbigem Marmor die Säulen und Pilasterstellungen -zu tabernakelartigen Aufbauten empor, mit Kapitälen und Gesimsen, -mit Nischen und reichgegliedertem Gebälk in zwei Geschossen -übereinander, mit reichem Schmuck von Ornamenten, von Maskenwerk, -Frucht- und Laubgewinden, farbigen Wappen und anderen Verzierungen in -Marmor, Alabaster, Gold und Bronze in kunstvollen, feinempfundenen -Renaissanceformen. In der unteren Reihe der Nischen die knieenden -Bronzegestalten der Fürsten und Fürstinnen zwischen korinthischen -Säulenpaaren, zwischen den Pilasterstellungen der oberen Ordnung acht -Propheten und oben auf den Gesimsen eine lustige Schar musizierender -Engel, 34 an der Zahl, mit allen möglichen echten Instrumenten, die -heute noch benutzt werden könnten, wie z. B. Mandoline, Geige, Harfe -mit echten Saiten, Flöte, Posaune, Cymbal, Triangel usw., und über -den ganzen Raum eine Decke gespannt, in der im blauen Himmel mit -hängenden Wolken das Nahen des Jüngsten Gerichts durch die Posaunen -der Engel, durch den Erzengel Michael mit Schwert und Wage und den -Weltheiland mit der Erlöserfahne, umgeben von wimmelnder Engelschar -in malerisch-plastischer Buntheit dargestellt ist, -- ein Drängen von -Gestalten, Formen und Farben, daß das Auge nur schauen und schauen kann -und von der Fülle der Eindrücke überwältigt wird. - -Zu den Füßen im marmorbelegten Fußboden liegen die großen Grabplatten -aus Messing mit den Bildnissen der Fürstlichkeiten, welche hier ihre -letzte Ruhe fanden. Die Bildnisse sind nach der Art des Kupferstiches -mit Meißeln in das Metall eingegraben. 28 solche kostbare Platten -mit wundervoller Zeichnung und Ornamentik, zumeist aus der Werkstatt -der Hilliger stammend und von sächsischen Hofkünstlern entworfen, -bilden so ein gewaltiges, ehernes Bilderbuch, wie es seinesgleichen -kaum sonst zu schauen ist. Da ist die herrliche Grabplatte Herzog -Heinrichs des Frommen, welche diesen mannhaften, waffenfrohen Fürsten -in ähnlicher Darstellung wie auf dem Bilde im Rathause zeigt, im Panzer -mit Arm- und Beinschienen, mit langem zweihändigen Schwert in den -Händen, mit Schwert an der Linken und Dolch an der Rechten. Ein reich -ornamentierter Rahmen mit Wappen auf üppigen Akanthusranken, in denen -Genien herumklettern, umschließt das plastisch wirkende charaktervolle -Bild des Fürsten. Er war es ja, der die kurfürstliche Begräbniskapelle -gestiftet hat und 1537 testamentarisch bestimmte: - -»Und wann wir dann nach dem wyllen des Herrn verstorben und -entschloffenn sein, und uns der Allmechtige Gott aus diesem -Jammerthal gefordert hatt, So wollenn wir das unnser Corper in unnser -Stiefftkirchenn zu Freybergs soll bestattiget und begrabenn werdenn, -und kain erhohet grab, Sondern ain schlechter (schlichter) Leichstein -mit einem messingenn Pleche, darauf ein biltnuß mit umbschrieft unnsers -titels gemacht werden soll.« - -Da sind die Bilder fürstlicher Damen in kostbarer Kleidung mit reichem -Spitzenschmuck angetan. So fein und zart ist die Zeichnung der -Spitzen durchgeführt, daß kunstgeübte Hände nach diesen herrlichen -Mustern diese zarten Wunderwerke neu schaffen könnten. Da sind die -Bilder fürstlicher Kinder, welche, früh verstorben, nur durch diese -künstlerischen Darstellungen der ewigen Vergessenheit entrissen sind. -Eine solche Platte zeugt besonders von tiefem, echtem, unter Tränen -lächelndem Humor: Das kleine frühverstorbene Söhnlein des Kurfürsten -Johann Georgs I. in steifem Röckchen und mit dicken Pausbäckchen trägt -eine Blume in der Hand und hört recht mißvergnügt, verdrießlich und -mißtrauisch auf die überredenden Worte eines köstlichen Engelbuben, -der ihn mit listiger Miene mit einem Apfel in das Paradies locken -will. »Paradies, Paradies, wie ist deine Frucht so süß«, dieser -Sehnsuchtsvers aus einem Kirchenliede ist dem kleinen Kerl oder -vielmehr Prinzlein anscheinend nicht recht geheuer. Er wäre offenbar -lieber bei der lieben Mutter geblieben und hätte mit den Geschwistern -getollt, als daß er mit fremden Engeln Äpfel äße! -- Ein echtes, -tiefes, kindliches Künstlerherz kann nur so Leben und Tod, Leid und -Hoffnung verbinden und versöhnen durch die überwindende künstlerische -Empfindung und Kraft der Seele. Wie der wehmütige Klang eines alten -Volksliedes, in dem von Jugend, von Liebe, von Rosen, Lilien und Tod -gesungen wird, rührt dieses Bild auf der Grabplatte an das Herz. Wir -denken an jene Grabplatte an der Nikolaikirche von Dippoldiswalde -vom Jahre 1628, auf der ein Mägdelein dargestellt ist, das einen -Blumenstrauß an sich drückt. Sie trägt den wehmütigen Vers: - - »Begrabn Ligt ein Roselein hie, - Welchs abgebrochen etwas früh - Durch Todes Hand, der nicht ansiht - Obs Reiff sey oder hab verblüht.« - -Der Tod in blühender Jugend, brechende Knospen, der Reif in der -Frühlingsnacht wirken besonders tief auf das menschliche Gemüt und -haben in der Dichtung ergreifenden Ausdruck gefunden: - - »Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, - Hat Gwalt vom großen Gott. - Heut wetzt er das Messer, es schneidt schon viel besser, - Bald wird er drein schneiden, wir müssens nur leiden: - Hüt dich, schöns Blümelein!« - -In der Begräbniskapelle jedoch, wo alles von des Todes Gewalt predigt, -von dem grausamen Schnitter, der kein Blümlein, Narzissen nicht -noch Kaiserkronen verschont, ist dennoch bei allem Ernst und aller -Feierlichkeit nichts Düsteres, Schweres, was das Herz niederdrücken -oder traurig stimmen könnte. Nicht Trauer, nicht Grab und Verwesung -und Hoffnungslosigkeit sind die Raumgedanken, sondern Überwindung und -Erlösung, ja ein gewisses Rauschen festlicher Pracht, und darüber -hinaus ein Aufsteigen zu himmlischer Klarheit nach einem Leben voll -Kampf und Arbeit. - -Doch immer wieder gehen unsere Blicke zu den knieenden Bronzegestalten -dort in den Nischen, die Carlo de Cesare’s Meisterhand schuf, zu der -prachtvollen Mannesgestalt Herzog Heinrichs des Frommen mit breitem -Vollbart, der die Linke auf die gepanzerte Brust legt und die Rechte -beteuernd erhebt, als wollte er sein tapferes, glaubensmutiges Wort -wiederholen, daß er lieber am Stabe bettelnd sein Land verlassen, -als das Evangelium verleugnen wolle, dort Kurfürst August mit dem -Zweihänder über die rechte Schulter gelegt, und ihnen gegenüber die -edlen Frauen, die Herzogin Katharina und die Kurfürstin Anna in -fürstlichem Gewande, anbetend knieend mit andächtig edlem, mütterlichem -Gesichtsausdruck. Neben diesen vier Gestalten vermag die Gestalt -Christians I. von Cesare und Johann Georg I. von dem Venetianer Pietro -Boselli nicht in gleichem Maße zu fesseln. - -Carlo de Cesare war ein Schüler des Giovanni da Bologna (1524--1608) -und stammte aus Florenz. Um den rechten Künstler für die -Bronzegestalten seines Werkes zu gewinnen, reiste Nosseni zu Pferde -nach Italien und durch Vermittlung Giovanni’s holte er sich als -Mitarbeiter den begabten Cesare vom glänzenden Hofe der Mediceer -nach dem rauhen Freiberg. Im Oktober 1590 kam Cesare mit einigen -Gehilfen hier an und hat 2 Jahre 8 Monate hier gewirkt, »Epitaphia -von metallischen und andere Bilder von Sculpturn possirt, formirt und -gegossen«. Von seiner Hand stammen an Gußwerken außer den Gestalten -der fünf Fürstlichkeiten, die Figuren Johannes des Täufers und des -Apostels Petrus, sowie das Kruzifix auf dem Altar, die Bildnisse der -Gerechtigkeit und Liebe, der Hoffnung und des Glaubens am Chorschlusse -und acht als Schildhalter verwendete Engel, ferner eine Reihe von in -Stuck gebildeten Figuren. - -Während des Baues der Kapelle mag Freiberg an eine der großen -italienischen Kunststätten der Renaissance erinnert haben. Da wurde -kostbarer Marmor in mächtigen Blöcken herbeigefahren, und in den -Werkstätten der Steinmetzen arbeiteten kunstfertige Hände. Hieronymus -Eckhart, Michael und Jonas Grünberger, Peter Beseler, Tobias Lindner, -die Meister aus Freiberg, beschäftigten eine Fülle von Gesellen aus -allen deutschen Gauen. Aus Straßburg, Metz, Heidelberg, Bamberg, -Budweis, Dresden, Leipzig, aus Westfalen und anderen Gegenden des -Reiches kamen sie herbei, um bei dem für Deutschland unerhörten Werke -Lohn und Arbeit zu finden und vielleicht auch von der Kunst der -Italiener zu lernen. Italienische Sprache und Laute klangen auf den -Straßen der Stadt und die stolzen Südländer gingen keck einher und ihre -Dolche saßen locker in den Scheiden. Ohne Eifersucht und Reibereien -ging es unter den italienischen und deutschen Bildhauern nicht ab, denn -Künstlerstolz und Künstlerblut ist rasch und heiß. Am 27. Dezember -1590 z. B. schrieb der Stadtschreiber in das Protokoll der Ratssitzung: -»Die Steinmetzen, die welschen, richten allerhand Unlust an, haben -ihre Dölche und Wehren.« Auch manche Freiberger Mädchen, denen schon -damals ein schwarzhaariger, fremder Geselle oft besser gefiel, als ein -ehrlicher deutscher Bursche, mögen an manchem Griff nach dem Dolche -nicht schuldlos gewesen sein. - -Fürsten, Edelleute, Bildhauer, Maler, Baumeister, Kunstgießer, -Goldschmiede, vornehme Kunstfreunde, Reisende aller Art aus Deutschland -und Italien kamen herbei, um diese neue glänzende Kunststätte zu -sehen und ließen sich vom Baumeister Nosseni selbst oder vom Meister -Hieronymus Eckhart, dem Steinmetzen und Pfleger der Fürstengruft -führen, um dann den Ruhm des neuen großen Werkes weiterzutragen, denn -wo gab es sonst in deutschen Landen ein ähnliches Zusammenwirken der -Künste und Künstler zu großem, fürstlichem Werk und künstlerischer Tat -wie hier? - -Nosseni war auf sein Werk sehr stolz und eifersüchtig auf seine Rechte -bedacht. Gleichwohl aber war er nicht zu stolz, bei fröhlichen Taufen -und Hochzeiten in der Bürgerschaft mitzufeiern, Pate zu stehen und -Trauzeuge zu sein. Als Bürgermeister Löser am 19. September 1594 -Hochzeit hielt, waren Johann Maria Nosseni und der Baumeister Hans -Irmisch unter den fröhlichen Gästen. Hans Irmisch war vielbeschäftigter -kurfürstlicher Baumeister und hatte den Bau des Schlosses Freudenstein -geleitet, auf dem Königstein, in Frauenstein, Torgau, Dresden und an -anderen Orten größere Bauten ausgeführt und nun am Chor des Freiberger -Doms die Vorbereitungen und Arbeiten zur Umwandlung zur kurfürstlichen -Begräbniskapelle geführt. Die Buchstaben ~H(ans) I(rmisch) -B(aumeister)~ und der Spruch: »Wer Gott vertraut, hat wohlgebaut« an -der nördlichen, äußeren Chorseite sind die bescheidenen Zeichen, durch -welche er an sich und seine Tätigkeit beim Umbau erinnert. - -Wie sehr unterscheidet sich diese echt deutsche schlichte Sachlichkeit, -die die Person hinter das Werk zurückstellt, von der Ruhmredigkeit -des eitlen Italieners Nosseni, der hinter dem Altar der Kapelle auf -weißem Marmor in lateinischer Sprache sich und sein Werk mit folgenden -anmaßenden Worten preist: - - Fremder, steh und lies! Was ich sage, ist nur wenig. Dies - köstliche Begräbnis, das du siehst, ist in fünf Jahren mit - wunderbarer Kunst, vieler Arbeit und wirklich sehr großem - Aufwand errichtet worden. Bei seinem Bau war ich nicht nur - zugegen, sondern ich habe ihn auch immer geleitet, ich, - Johannes Maria Nosseni aus Lugano, ein Italiener. Doch nicht - nur die Form allein dieses prächtigen Werkes ist von mir, als - Architekten, geschaffen, sondern ich habe selbst das Material - in diesem Lande in eigener Person ausgeforscht, gefunden und - künstlerisch nutzbar gemacht. Dies habe ich geglaubt mitteilen - zu müssen, damit du Leser nicht unwissend bleibst, zum - ehrenvollen Gedächtnis nicht so sehr von mir als dieses Landes, - in welchem jederlei Art von Marmor gebrochen wird, dann vor - allem der tapferen Fürsten Sachsens, welche über dieses reiche - Land glücklich und ruhmvoll herrschen. Ich habe gesprochen, - gehe weiter, lebe wohl und verkünde den Ruhm des Künstlers, - wenn du überhaupt Kunstgefühl genug hast, um dieses herrliche - Kunstwerk zu würdigen. - - 1603. - -Mit keinem Worte erwähnt in dieser geschmacklosen Prahlerei Nosseni -seine Mitarbeiter, einen Carlo de Cesare oder gar die wackeren -deutschen Meister, welche so hohen Anteil am Gelingen des Werkes -hatten. Im Gegenteil rühmt er sich gar fremder Verdienste, denn die -Marmorbrüche, welche er benutzte, waren meist schon vorher gefunden -und bei seinen Untersuchungen waren ihm sachkundige Meister zur Hand. -Gleichwohl ist die künstlerische Verwendung der edlen Materialien, -womit ihn Kurfürst August beauftragte, seine besondere Stärke. Der -Kurfürst drängte ihn immer wieder, kostbares Gestein ausfindig zu -machen, teils aus Prachtliebe, teils der wirtschaftlichen Bedeutung -wegen, und daraus Kunstgegenstände zu schaffen. Alabaster aus -Weißensee, rotweißen Dolomit von Schwarzenberg, Serpentin aus Zöblitz, -bunten Marmor von Lengefeld, Rauenstein, Kalkgrüna, Wildenfels und -Crottendorf, Kristalle, Amethysten, Topase, Achat, Jaspis und andere -Halbedelsteine verarbeitete er. Ja, er erhielt sogar das Privilegium, -einige dieser wertvollen Brüche für sich abzubauen, zu brechen und -zu verkaufen und errichtete vor dem Wilsdruffer Tore zu Dresden eine -Marmorschneidemühle an der Weißeritz, die auch für das Schleifen und -Polieren von Halbedelsteinen eingerichtet war. - -Heute noch können wir im Dresdner historischen Museum einige dieser -kostbaren Marmormosaikwerke bewundern und uns an dem Glanz und der -Fülle der Farben und Äderungen des heimatlichen Marmors erfreuen. -Steinerne Tische »von Bildwerk und andern Ornamenten«, zwölf Stühle -»mit mancherlei Steinwerk aufs höchste« geziert und andere kostbaren -Werke sind vorhanden. Handbecken, Kannen, Leuchter, Schüsseln, Teller, -Schalen, Löffel, Messerhefte, Büsten römischer Kaiser, Marmorfußböden -für fürstliche Gemächer gingen aus seiner Hand hervor. Nicht immer ist -der Kurfürst mit ihm zufrieden, sondern er erteilt ihm gelegentlich -einen kräftigen Wischer: »Wir spüren aber daraus, das du nicht fast -große lust zur arbeit hast und dein Besoldung lieber mit müßig gehen -verdienen wollest.« -- - -Alle diese mehr kunstgewerbliche Verwendung des sächsischen Marmors war -mehr vorbereitende und begleitende Arbeit zu dem Hauptwerke Nossenis, -der Begräbniskapelle, wo in unübertrefflicher künstlerischer Weise das -edle Material verwendet und in seiner Farbenpracht im matten Glanz der -Polituren sich gegenseitig steigernd zu vollendeter Wirkung gebracht -ist. - -Durch dieses großartige Werk und Nossenis kunstgewerbliche Leistungen -wurde der sächsische Marmor weithin berühmt und Proben dieser Kunst -gingen auch ins Ausland und kündeten den Ruhm des sächsischen edlen -Gesteins und der Kunstfertigkeit sächsischer Marmorbildhauer und -Dreher. -- -- Wenn wir heute diese Werke schauen, so fragen wir uns, -warum diese Edelindustrie untergegangen ist? Sind die Brüche erschöpft? -Sind die Stätten verlorengegangen, wo »so herrliche, schöne Steine -gefunden werden«, wie Nosseni 1580 dem Kurfürsten August mitteilt; -sind sie vergessen, verschüttet? -- Nur die Serpentinsteinindustrie -von Zöblitz hat ihre bescheidene Blüte und erweckt größere Hoffnungen, -nachdem der Geist modernen Kunstempfindens mehr und mehr die -Erzeugnisse formt und adelt. Aber wo sind die anderen Stätten und -Fundorte edlen Materials? Wie Kurfürst August sein Land durchforschen -ließ, um fremdes Material zu vermeiden und im eigenen Heimatboden -diese Schätze an kostbarem Gestein sich zu erschließen, so sollte man -auch heutzutage »die Rute deutschen Findergeistes« zur Hand nehmen -und forschen, bis man findet, was vergessen oder unentdeckt und -unerschlossen im heimatlichen Boden ruht und zum Aufbau und neuer Blüte -der Heimat beitragen und helfen mag. -- - -Doch wenden wir uns nun zu dem Werke, dem nach dem Plane und der -Absicht des Kurfürsten August in erster Linie der Umbau des Domchores -gelten sollte, dem Grabdenkmale des Bruders des Kurfürsten, dem -Moritz-Monumente in der Vierung des Chores. Wie das gewaltige Modell -einer Gralsburg aus Marmorgestein türmt es sich auf, auf deren -höchster Zinne die Marmorgestalt des Kurfürsten in Panzer mit dem -geschulterten Schwerte barhäuptig anbetend vor dem Gekreuzigten kniet. -Helm, Streithammer und Pistole und das farbige Kurwappen sind vor -dem Kreuzesstamme niedergelegt. Panzer und Waffen sind den Stücken -nachgebildet, die der Kurfürst in der Schlacht bei Sievershausen -trug. In feiner, sinniger Weise sagt so dieses Grabdenkmal, daß der -Fürst seine Waffen und sein Leben seinem Glauben geweiht, und sich -und sein Land im Leben und im Tode unter das Kreuz gestellt haben -wollte. Dreigeschossig erhebt sich diese Marmorburg auf drei schwarzen -Marmorstufen, auf denen zwölf weibliche Figuren aus Alabaster sitzen, -die Musen der Geschichte, Künste und Wissenschaften. Bunte rote, -gekuppelte Marmorsäulchen tragen das reiche rotbraune, vielverkröpfte -Marmorgebälk des unteren Geschosses und auf ihm die Gruppen der vor dem -oberen Geschosse Wache haltenden Krieger mit den farbigen Wappen der -Länder des Kurfürsten. Das oberste Geschoß ist ein sarkophagartiger -Aufbau, der von zehn in Messing gegossenen Greifen getragen wird. -Engelsfiguren mit Sanduhr, Helm, Wappen und ähnlichen Sinnbildern -sitzen am Rande der Deckplatte, auf welcher der Kurfürst kniet. - -Reicher Schmuck an Reliefplatten aus Alabaster, symbolische -Darstellungen aus Krieg und Frieden, Kunst und Wissenschaft, Handel und -Gewerbe und andere köstliche Ornamente und Figuren beleben die Flächen -des gewaltigen Unterbaues in künstlerischer Vollendung und reden im -Sinnbilde von dem, was der Kurfürst geleistet und gewollt hat. - -Auf 20 Inschrifttafeln aus schwarzem Marmor am Denkmal sind sein -Leben und seine Taten im Frieden und Kriege in goldenen Buchstaben in -lateinischer Sprache rühmend geschildert. Diese Inschriften sollte -ursprünglich Melanchthon verfassen, der aber darüber hinstarb. Nach -anderen Versuchen übernahm es schließlich der Kanzler ~Dr.~ Ulrich -Mordeisen, die Aufgabe mit anderen gelehrten Männern zu lösen. Auf -seinem Gute Kleinwaltersdorf bei Freiberg, das er sich erworben und -umgebaut hatte und dessen Eingangstür heute noch sein Wappen mit der -Jahreszahl 1560 schmückt, versammelte er vier Leuchten der Wissenschaft -zu diesem Zwecke. Fünf der gelehrtesten Männer ihrer Zeit spitzten -dort ihre Federn und schärften ihre Gedanken, um das Lebenswerk eines -Zweiunddreißigjährigen in würdiger Form zu feiern -- und wahrlich -das Leben des Kurfürsten Moritz war kurz, aber voll von sprühender -Tatkraft, von Taten, Gedanken und großen Plänen: Vielleicht war das, -was an Hoffnungen mit seinem Tode ins Grab sank, viel größer und -bedeutungsvoller als das, was er getan und erreicht hatte. -- Ulrich -Mordeisen, der drei Kurfürsten treu gedient, starb am 5. Juni 1572 und -liegt unter dem Altar in der Kirche von Kleinwaltersdorf begraben. -Das Altarwerk dort ist zugleich das Epitaphium für den Kanzler und -zeigt ihn mit seiner Familie vor dem Gekreuzigten knieend dargestellt. -In lateinischen Worten dort wird seine Treue und sein kluger Rat -gerühmt. Auch hier bei dem Moritz-Monument hat sich sein kluger Rat -bewährt, denn er war offenbar der Vertrauensmann des Kurfürsten, der -mancherlei Aufträge zu erledigen und Verhandlungen wohl zu führen -wußte. Das Moritzdenkmal ist das erste monumentale Freigrab Sachsens, -das in Renaissanceformen ausgeführt ist. Es könnte auch in irgendeiner -italienischen Stadt, einer Kirche von Florenz z. B. stehen, so -italienisch ist seine Art. Nicht deutsche Hände haben dem deutschen -Fürsten das Kunstwerk geschaffen. - -Gabriel und Benedikt v. Thola aus Brescia »die welschen maler« -am Hofe zu Dresden -- es war Mode, italienische Künstler sich zu -halten --, hatten die Entwürfe gemacht, nach denen erst ein Modell des -Denkmals hergestellt wurde. »Vater« August war nun aber ein sparsamer -Landesvater, der den Daumen auf seinen Beutel hielt und oft lieber -seine lieben Landeskinder huldvollst für seine Passionen zahlen ließ, -statt in die eigene Tasche zu greifen. So befahl er hier einfach dem -Rate zu Freiberg, seine Domsakristei aufzugeben und ihm zur Verfügung -zu stellen und die Allerheiligenkapelle am Chore, wo Freiberger -Bürger der ersten Geschlechter begraben lagen, und heilige Ehrfurcht -ihnen ewige Ruhe gelobt hatte, rücksichtslos zu räumen, die Grabmäler -herauszubrechen und unter peinlichster Schonung der Gruft seines -Bruders Moritz für seine Zwecke umzubauen, zu erweitern, den Domaltar -in das Schiff hineinzurücken und Weiteres zu verändern. Er zwang sie -sogar gnädigst noch die Fundamente zum Denkmal auf Stadtkosten zu -errichten und die Abschlußgitter herzustellen. So ehrte er pietätvoll -das Andenken seines tapferen Bruders aus der Tasche der Stadt Freiberg -in landesväterlicher Huld. Wo die Gebeine der alten Freiberger blieben, -kümmerte ihn wenig. Diese huldreiche, väterliche Sparsamkeit und -Fürsorge bewies er auch weiter bei der Ausführung des Denkmals. Zwei -Dresdner Bildhauer, Melchior Barthel und Christoph Walther forderten -für die Ausführung des gewaltigen Marmorwerkes 6000 Taler. Bei dieser -Summe versanken alle schönen Grundsätze von der Kunst, Arbeit, -Verdienst im eigenen Lande, von landesväterlicher Fürsorge zur Hebung -von Gewerbe, Handwerk und Steuerkraft, denn das ging schmerzhaft an den -eigenen Beutel! August übertrug die Arbeit an Hans Wessel in Lübeck -und dieser verdingte sie weiter für 2800 Taler an Meister Antonius -von Zerun zu Antwerpen. Dieser ist später erst durch Klagedrohung zu -der Restsumme von 613 Talern gekommen, welche weder der Kurfürst noch -Hans Wessel bezahlen wollte! Aus belgischem Marmor von Dinant ist das -Moritzdenkmal gefertigt. Dinant ist die Stadt, um welche zu Beginn des -Weltkrieges das Blut der Freiberger Jäger besonders geflossen ist bei -der Eroberung und durch Verrat und Hinterhalt im Straßenkampf. Diese -belgische Stadt hat einen blutigen Namen für Freiberg voller Tränen und -wehen Stolzes. - -Von Antwerpen wurde das Marmorwerk in einzelnen Teilen zu Schiff über -Hamburg elbaufwärts nach Torgau, wo der Kurfürst Hof hielt, und von -dort nach Dresden und mit Wagen nach Freiberg geschafft und von Zerun -und seinen Gesellen aufgestellt. So kam es, daß deutsches Geld, aber -nicht deutsche Kunst und deutsche Hände dieses italienische Werk -mitten im Herzen Deutschlands für den deutschen Fürsten geschaffen -haben. Fremd ist es auch unserem Empfinden und fern von der innigen -Gemütstiefe z. B. der Tulpenkanzel. - -Der Kurfürst war sehr stolz auf das Werk und besorgt um den kostbaren -Marmor und Alabaster, daß er zur rechten Wirkung käme und nicht durch -Farbe übermalt würde. Er schreibt: »das man an den bildern nur die -augenn und meuler mit ihren natürlichen farben anstreichen und sonst -gar nichts mit farben daran schmieren solle außerhalb was vorguldet -werden mus«, weil sonst »das gantze werck vorstellt und verunadelt -würde«. - -In diesen wenigen Worten kennzeichnet sich ein grundsätzlicher -Unterschied fremdländischer gegenüber der deutschen mittelalterlichen -Kunstauffassung, wie sie sich bis in die Renaissancezeit hinein -erhalten hatte, die in der kräftigen Farbengebung und in der Steigerung -des Materiales und der Formen durch Malerei große, feierliche und -charaktervolle Wirkungen erzielt hatte. - -Tilman Riemenschneider (1460--1531), der berühmte süddeutsche Meister, -hat z. B. seine köstlichen Marmorwerke im Dome zu Würzburg farbig -bemalt, ohne daß »das gantze Werck vorstellt und verunadelt« worden -wäre, sondern nur an lebendiger künstlerischer Wirkung erhöht und -gesteigert worden ist. Wir denken ferner an die goldene Pforte unseres -Domes mit ihrer wunderbaren, uns kaum mehr faßbaren und erreichbaren -Farbenpracht. Unsere ganze mittelalterliche, so echt deutsche, tiefe -Kunst lebt und ist stark durch die Farbe. Das wundersame Leben in -den köstlichen Altarwerken auch in den kleinsten Dorfkirchen ist -auf die Farbe abgestellt. Diese Werke sind aus dem Seelenleben und -tiefstem Empfinden und oft unbewußtem, künstlerischem Wollen unseres -Volkes geboren und auf diesem Grunde hat sich echt deutsche Kunst zu -eigenartiger, schöner Blüte entfaltet. - -Die Farbe in der Baukunst und plastischen Kunst unserem Volke -wiederzugewinnen und damit wieder zu den Quellen und Urgründen -deutscher, starker, stolzer, nackensteifer Eigenart und Kunstauffassung -zurückzukehren nach jahrhundertelanger undeutsch und falsch -empfindender Fremdtümelei »mit dem Hute in der Hand«, wäre auch eine -Arbeit an unserem Volk und unserer Heimat auf dem steinigen Wege zur -Selbstbesinnung, Selbstbehauptung, zur Höhe. -- - -Im nördlichen Teile des Querschiffes, das durch ein köstliches Gitter -reicher, alter Freiberger Schmiedearbeit abgetrennt ist, steht auf -einer Konsole die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz, welche er in -der Schlacht bei Sievershausen 1553 getragen hat. Seinen Sieg in jener -Schlacht hat er mit dem Tode bezahlt. Die breite Öffnung links unten -am Brustharnisch zeigt den Weg, den die tückische Bleikugel gesucht -hatte. Schwarze Straußenfedern nicken vom Helm herab und die gepanzerte -Rechte hält den Rennspieß des Kurfürsten. Sein Schwert und der Dolch -mit dreischneidiger Klinge sind vortreffliche Arbeiten mit zum Teil -kunstvoll in Eisen geschnittenen Gefäßen mit silbernen Auflagen. - -Acht Reiter- und vierzehn Fußfahnen, die in der Schlacht bei -Sievershausen erbeutet sind, an denen kaum ein Rest von altem -Fahnentuch mehr ist, sind als eindrucksvolle Ruhmeszeichen und Zeugen -jener Schlacht an den Seitenwänden angebracht. - -Diese schlichte, schwarze Rüstung und diese erbeuteten Fahnen sind -nicht laut und ruhmredig wie dort die Marmorburg, auf der der Kurfürst -kniet, aber sie reden eindringlicher und wirken tiefer, denn sie -erzählen als echte, treue Zeugen von großen Dingen, von Sieg und Tod, -von Mannesmut und Opfer. Sie sind Leben und Geschichte, während jenes -Denkmal von Kleinlichkeit erzählt, klein ist, weil es prahlt, arm an -innerem Gehalt, trotzdem es viel redet und rühmt, fremd uns bleibt, -weil unser Herz nicht dabei warm wird, wenn wir auch seine Kunst -bewundern. - -Zu Füßen dieser Rüstung stehen die Zinnsärge der Fürsten und Fürstinnen -der evangelischen Wettiner, die älteren Särge in einfacher Truhenform, -mit ebenem, glatten Deckel, die jüngeren mit hochgewölbtem Deckel, -reich profiliert und zum Teil vergoldet. Auf den Särgen der Frauen ein -Kruzifix, auf den Särgen der Männer ein Schwert. Wir blicken über diese -Reihe von Särgen dahin und lesen die Täfelchen mit ihren Namen. Welche -Fülle einst von Glanz und Macht, von Stolz und Kraft im Leben, über -Tausende gebietend und heute nur noch ein Name, ein Nichts, im Dunkel -der Vergangenheit versunken. Wie wenig sagen uns ihre Namen und hohen -Titel, wenn nicht ihre Taten für Volk und Land für sie zeugen. Nur das, -was sie zum Segen ihres Landes geschaffen, geleistet und gewollt, hielt -ihren Namen lebendig. Durch Opfer haben sie sich das Leben gewonnen. - -Diese Särge standen bis vor kurzem in der unterirdischen Gruft, wo -ihr Zerfall durch die Zinnpest und andere Zerstörungen im feuchten, -dunklen Raum immer stärkere Fortschritte machte. So wurden sie denn -hier zu würdiger, vor Zerstörung, Feuchtigkeit und Moder gesicherter -Aufstellung gebracht. Sarg auf Sarg wurde die enge, steile Grufttreppe -mühevoll mit Flaschenzügen heraufgezogen und, wenn die Mittagsglocke -oder Feierabend schlug, blieb auch wohl ruhig der Sarg in den Seilen -hängen, bis wieder die Arbeit begann: Einst ein mächtiger Fürst, jetzt -nur ein schweres Laststück, von dem rasch und gleichgültig die Hand des -Arbeiters sinkt, wenn die Mittagsglocke schlägt oder gar mehrtägige -Arbeitsunterbrechung ihn fortruft. Für die Vergänglichkeit irdischer -Größe, äußeren Glanzes und Ruhmes ist dieses Hängen des verlassenen -Fürstensarges im Flaschenzug ein bitteres, mahnendes Zeichen und -Gleichnis: - - Erde gleißt auf Erden - In Gold und in Pracht; - Erde wird Erde - Bevor es gedacht; - Erde türmt auf Erden - Schloß, Burg, Stein; - Erde spricht zur Erde: - Alles wird mein. - - (Fontane.) - -In tiefen Gedanken schreiten wir dem Ausgange der kurfürstlichen -Begräbniskapelle zu. Wo die Großen, die Fürsten und Gewaltigen dieser -Erde ruhen, prägt sich der Eindruck des Allbezwingers Tod besonders -tief in die Seele: - - »Siehst du nicht, wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus? - Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis!« - -So singt der blinde Sänger Homer seine Jahrtausende alte Klage! - -Am Ausgange, in der ehemaligen Allerheiligenkapelle mit ihrem schönen, -wappengeschmückten, sternartigen Rippengewölbe, fesselt uns noch das -Grabdenkmal zweier edler, fürstlicher Frauen, der Kurfürstin Anna -Sophie, der Gemahlin Johann Georgs III. und ihrer Schwester, der -Kurfürstin Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, die hier im Tode vereint -ihren letzten Schlummer tun. Hundert Jahre ungefähr hat dieses Denkmal -mit den Särgen der edlen Frauen im Schlosse Lichtenburg nördlich von -Torgau bei Prettin gestanden. - -Lichtenburg hatte die Kurfürstin Anna, Mutter Anna, als Schloß -sich ausbauen lassen. Nosseni hatte die Ausstattung mit Alabaster- -und Serpentinarbeiten übernommen und durch »etliche erfahrene -und wohlgeübte welsche Gesellen« ausführen lassen. Auch bei -Deckenmalereien und Friesen mit Wappen und Sprüchen hat Nosseni dort -seine Kunst walten lassen. Doch war das Schloß später ein stiller -Witwensitz geworden. Kurfürstin Hedwig, die Gemahlin Christian II., -hatte 28 Jahre, von 1613--1642, dort gewohnt und viel Wohltätigkeit -geübt. Als sie hier in Freiberg beigesetzt wurde, folgten 22 Prediger -und vier Superintendenten aus freiem Antriebe dankbar ihrem Sarge, weil -sie namentlich für Kirchen und Schulen reiche Stiftungen hinterlassen -hatte. - -Anna Sophie und Wilhelmine Ernestine wirkten in ihrem Geiste in ihren -Landen und auf dem stillen Schloß bis an ihren Tod. Ihr Grabdenkmal -erzählt in stiller Symbolik von ihren edlen Frauenherzen, wie einst -in Lichtenburg, so seit 1811 hier im Freiberger Dom. Als 1811 das -Zuchthaus von Torgau nach Lichtenburg verlegt wurde, ließ König -Friedrich August das Grabmal mit den Särgen an die Stätte, wo die Ahnen -ruhen, bringen und hier neu erstehen. - -In den Jahren 1703--1704 hatte im Auftrage des Königs August I. der -Bildhauer Balthasar Permoser (1650--1732) dieses Denkmal geschaffen. -Das Denkmal stellt ein schlichtes ernstes Grufthaus in strengen -Barockformen aus schwarzem, weißgeflecktem Marmor dar, das in seinem -dunklen Raum die schwarzen Marmorsärge der Fürstinnen birgt. Rechts -und links von der dunklen Pforte, die in den Raum der Ruhe und des -Todes führt, stehen zwei wundervolle weibliche Gestalten aus weißem, -graugemasertem herrlichem Marmor von des Künstlers Meisterhand als -der innige Ausdruck der mütterlichen Liebe und fürstlicher Güte und -Wohltätigkeit. Die eine Frauengestalt, welche ein sich zärtlich -anschmiegendes Kind auf dem Arm trägt, ein anderes liebevoll an der -Hand führt, trägt die Züge von Anna Sophia, die andere mit dem reichen -Füllhorn, aus dem sie spenden will, das Antlitz der wohltätigen -Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, welche kinderlos war. - -Über der dunklen Tür ist als Bekrönung und Sinnbild der ernsten -Bestimmung des Raumes ein Sarkophag mit Urne angebracht, an den sich -die Gestalten des Glaubens und der Buße lehnen. Hoch hält der Glaube -das Kreuz über den Sarg als Zeichen, daß der Glaube den Tod überwindet. -Im Giebeldreieck des Grufthauses dient das in einer Kartusche -vereinigte Doppelwappen der beiden Fürstinnen unter einer Krone -als bedeutsamer Schmuck und Sinnbild der innigen Verbundenheit der -Schwestern im Leben und im Tode. Der Totenkopf unter den Wappen weist -auf die äußerliche leibliche Trennung im Tode, der Engelskopf darüber -aber auf die Erlösung und das Wiedersehen in himmlischer Klarheit. -Kindergestalten umgeben die Wappen, welche Himmel und Hölle, Tod und -Gericht versinnbildlichen. - -Schlicht und edel, von tiefem Ernst und strenger Wucht und Auffassung -ist dieses Denkmal der beiden im Tode vereinten edlen Schwestern, so -ganz anders als drüben Nossenis reiches buntes Werk oder dort das -Denkmal des Kurfürsten Moritz. Es spricht nicht von Ruhm und Glanz, -nicht von Macht und hohem Rang, nicht von Prachtlust und Reichtum, es -spricht als echtes Grabdenkmal von der Vergänglichkeit und von dem, -was über die Vergänglichkeit siegt und den wahren, echten Ruhm des -Menschen ausmacht, von den inneren Werten, von der wahren, höheren -Menschlichkeit edler Herzen und Geister. Durch diese zeitlose Sprache, -welche uns berührt wie ein schöner echter Klang, der auch Jahrhunderte -durchtönt, wird dieses Denkmal unserem heutigen Denken und Fühlen -besonders nahe gerückt, als wäre es ein Werk unserer Zeit und nicht -schon über 200 Jahre alt. - -Wir sind am Ausgange, und hart klirrt die eiserne Tür ins Schloß, -welche dieses Mausoleum sächsischer Kunst und Geschichte hinter uns -wieder verschließt. Welche ungeheure Fülle hoher und schwungvoller -Gedanken und tiefer reicher Empfindungen, von starkem Wollen und -Können, von edler reifer Künstlerschaft, von Schuld und Schicksal, von -buntem, vielgestaltigem Leben der Vergangenheit, von Wagen und Wirken -und auch von bitterem Leid und dunklem Tod hält dieser hohe lichte Raum -umschlossen. Ein Denkmalsraum ist es von eindringlichster Kraft und -Wirkung, doch wer kennt ihn wirklich in Sachsen oder gar im Reiche? Wer -hat diesen Raum, den alten Dom, die goldene Pforte wirklich erlebt? -- - -Wenn man die Räume im Geiste werden und wachsen sieht und in die -Jahrhunderte blickt, welche ihnen den Wert und die Weihe gaben, wenn -wir mit inneren Augen schauen, wie die Väter ihre Werke hier wollten -und mit sinniger Seele schufen, wenn ihres Geistes Wehen und Wirken -unser Herz berührt, daß seine Saiten miterklingen in verwandter -Harmonie, wenn ihr künstlerisches Wesen und Wollen uns gefangen -nimmt, wie etwas, das uns wesensgleich im höchsten Sinne ist, dann -erst erleben wir recht solchen Denkmalsraum, den Kunst und Geschichte -geweiht haben. Die Heimat und ihre Kunst, so vielen unbekannt und -fremd, von so vielen vergessen, verachtet, wird dir ein Erlebnis -sein, reiner und reicher als viele gepriesene Wunder der Fremde und -Ferne! -- -- -- - -Geh einmal in den Freiberger Dom und lasse deine Seele Zwiesprache -halten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein und Erz -gebannt sind, mit den Gedanken und Träumen, mit dem Wollen und Wirken, -dem Schaffen und Leiden der alten Geschlechter, die einst Erhebung hier -gesucht, dann wirst du Antwort erhalten, die in deinem Herzen klingen -wird, dann wird wie leiser Orgelton in deiner Seele das Erlebnis der -Heimat sein. Und wenn du hinausschreitest nach stiller Weihestunde auf -den grünen Friedhof und über dir dröhnen die alten Bronzeglocken der -Hilliger, die große Susanna summt ihre wundertiefen weichen Akkorde, -und das Silberglöckchen singt ihre helle Melodie dazu, -- weit über -die Dächer und Giebel schwingen und dringen, wogen und wandern sie in -die blaue Ferne wie die Stimmen der Heimat und rufen wie die Sehnsucht -stilleuchtender Stunden ganzer Geschlechter -- dann rauscht es dir im -Blute, denn du fühlst die Seele der Heimat, und du bist eins mit ihr. - - - - -Vor der Goldenen Pforte. - - -Die Westfassade des Domes türmt sich in wuchtiger Einfachheit empor wie -ein breitschultriger steinerner Riese, der den Himmel stürmen will. -Doch dort, wo die Vollendung den Bau in der Höhe krönen soll, bricht er -plötzlich unvermittelt ab, als wäre dem Riesen das Haupt abgeschlagen, -und starr und tot ragen die eckigen Schultern über die Dächer. Schaust -du zu diesen Baumassen empor und lässest deine Blicke über dieses -Gefüge von starken Blöcken aus dem Gneisgefels des heimischen Bodens -schweifen, das ohne jeden Schmuck in schlichter Größe und zwingender -Gewalt kantig vor dir aufsteigt, so mußt du vor der Baugesinnung und -dem monumentalen Bauwillen seiner Erbauer staunen. - -Nach ihrem Willen sollte der Westbau als riesenhafter monumentaler -Abschluß den ganzen Dombau krönen und als selbständiger, gewaltiger -Bauteil neben dem Hallenbau den Ruhm, den Stolz und die Macht des -jungen Domkapitels zur höheren Ehre der heiligen Jungfrau verkündigen. -Die Breite des Schiffes genügte nicht für diesen stolzen Gedanken. -Weit springt über die Schiffsmauern der Westbau nach Süden vor und -setzt seinen Fuß tief in den grünen Friedhof hinein, äußerlich -scheinbar ein breiter Riesenbau für sich, aber doch innerlich innig -mit dem Schiffsbau verbunden und verwachsen. -- Wir wissen es nicht, -wie der Meister des Baues sich den oberen Abschluß dachte, aber -wir können aus der ganzen Anlage des Westbaus schließen, daß er als -gewaltiger Schlußakkord in geschlossener Wucht in die Höhe strahlen -sollte, so daß vor ihm in seiner monumentalen Größe und Ruhe im Verein -mit den mächtigen Flächen des Domdaches alle anderen Bauten sich -beugten. -- Neue Zeiten stiegen herauf, ehe die Westfront vollendet -war. Die Stürme der Reformation umbrausten die langsam wachsenden -Mauern, bis schließlich der letzte Maurer herabstieg und Notdächer -dem unvollendeten Werke einen Abschluß gaben, Abschluß, aber nicht -Vollendung! -- Wann wird die Vollendung kommen? -- -- - -Jahrhunderte gingen hin. Da griff ein Meister unserer Zeit zum Griffel, -ein Meister, der Massen zu türmen verstand, der in der Wucht der -Gedanken und Massen, in der kraftvollen Einfachheit die Schönheit -suchte und aus der monumentalen Baugesinnung der alten Zeit heraus die -Vollendung im Geiste neuer Zeit suchte, Bruno Schmitz. - -Doch als das, was er im Geiste überragender Künstlerschaft geschaut -und gebaut, zu Stein gewordener Geistestat emporwachsen sollte, da -brachen die Stürme des Weltkrieges hervor. Wie vor 400 Jahren -- o -rätselhafter Doppelfall des Schicksals! -- mußten die Künste schweigen, -und der Meister legte sich selbst zum letzten Schlaf. -- Wann wird die -Vollendung kommen? - -Sinnend stehen wir in der grünen Stille des Domfriedhofes, schauen -die alten mächtigen, grauen Mauern und türmen in der Phantasie die -Baumassen empor nach den Plänen des Meisters zur Vollendung in ruhiger -monumentaler Wucht. Eine Amsel flötet im grünen Wipfel ihr Lied. Um -uns schweigen die alten stillen Gräber, aber ihre schlichten, schönen -Denkmäler reden eindringlich von einer verlorenen Kultur. Eine neue -Zeit ist heraufgestiegen, wird eine neue Kultur heraufsteigen? Sind -es Frühlingsstürme, welche uns umbrausen, oder sind es Herbststürme, -die noch das Letzte rauben vor der Ruhe des Todes und winterlicher -Unfruchtbarkeit? Tausend Hoffnungen sind geknickt, tausend Pläne sind -zerflattert in diesen Stürmen! Werden diese Stürme auch Knospen wecken, -daß sie aufbrechen und einmal Frucht tragen für eine neue Kultur echt -deutscher Art? -- Die Amsel singt ihr fröhliches Lied so jauchzend -in die Frühlingssonne hinein und schwingt sich auf den First des -Kreuzganges. Frühling und Wachstum, Knospen und Vogelsang über Gräbern! -Die Hoffnung bleibt lebendig, und das Leben ist stärker als der Tod! -Sei stille, das Leben wird neue Knospen ansetzen und Blüten und Frucht -bringen, und es wird gesegnet sein aus den tiefen Quellen, welche die -Jahrhunderte durchströmen und unversieglich sind, den Quellen deutscher -Tiefe und inniger seelischer Kraft, die manchmal freilich verschüttet -scheinen, aber in der Tiefe weiterströmen und dann plötzlich -hervorbrechen mit neuer Frische, Kraft und Reinheit. - -Wir schreiten zur Goldenen Pforte herüber und hören vor ihrer -göttlichen Ruhe das Rauschen dieser Quellen deutscher Tiefe und -inniger, seelischer Kraft. Mit schlichtem Worte preist sie der Chronist -von 1653: - -»Die Pforten dieser Kirchen seynd auch wohl außgearbeitet, sonderlich -ist an der einen, welche seitwärts gegen Morgen nicht weit von Altar -lieget, großer Fleiß und Kunst bewiesen worden, welche auch daher, und -weil sie gantz übergüldet gewesen, die güldene Pforte genennet wird.« - -Vor der Goldenen Pforte mußt du allein sein, oder ganz stille mit -einer engverbundenen, hochgestimmten Seele. »Auf leisen Sohlen wandeln -die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt Wilhelm -Raabe. Sei stille drum, wenn du hier nahe trittst. Aus dem Dome muß -dazu die Orgel klingen in feierlichen Akkorden, oder droben müssen -die Glocken ihr ehernes Lied summen, weit über die Dächer empor zu -den Wolken, und dein Herz muß offen sein, offen für Klänge aus einer -reinen, hohen, heiligen Welt, für Klänge aus der Höhe. Ganz stille dann -und schauen und schauen. Dann wird es in dir anfangen zu schwingen und -zu klingen, und auf leisen Sohlen kommt die Schönheit und das Glück, -und du hörst ferne Stimmen, die mit dir reden, und Gedanken gehen wie -strahlende Wolken über den weiter und weiter sich spannenden Himmel -deiner Seele. - -Der Dichter des Nibelungenliedes, der Dichter des Gudrunliedes, der -größten Lieder deutschen Heldenmutes und deutscher Treue, sind uns -unbekannt geblieben, aber in ihrem Heldensang zittert und bebt und -lebt unser Blut, unser Geist, unser Herz und Seele. Sie schufen ihr -Werk fast zu gleicher Zeit als unsere Goldene Pforte aus gleicher -Seelentiefe, Herzensreinheit und Geistesfülle erstand. Vor 700 Jahren -hat ein tiefer deutscher Künstlergeist dieses Wunderwerk geschaffen. -Niemand kennt seinen Namen, aber sein Genius ist heute noch lebendig -und schlägt dich in seinen Bann und nimmt dich im Fluge empor zu den -neun Himmeln der Verheißung und Erfüllung, die er in tiefer Symbolik -hier gestaltete. Sein Werk ist heute noch frisch und jung, als habe -der Künstler eben erst den Meißel weggelegt, so klar, daß es jedem -Kinde etwas sagt, so rätselhaft, daß seine restlose Deutung tiefster -seelischer Zusammenhänge und Erklärung vielfach verschlungener Symbolik -und kunstwissenschaftlicher Rätsel noch keinem Denker gelang. Wenn man -einem tiefen Eindruck nachsinnt, bleibt immer etwas Unergründliches, -Unerklärliches, was unter der Schwelle des Erkennens ruhend den -tiefen göttlichen Urgrund ahnen läßt. Soll man sagen, warum etwas -von Beethoven z. B. ergreift, so muß man zuletzt verstummen. Vor der -Goldenen Pforte kann man das letzte nicht sagen, man muß stille sein -und in der Seele die Unergründlichkeit spüren. - -So jung ist das Werk, als wolle der Meister den weggelegten Meißel -wieder aufnehmen, um die letzten unvollendeten Teile, die er vor -700 Jahren verließ, fertigzustellen, dort den Flügel des Engels im -Tympanon, dort die Konsolen in den gewaltigen Rundbögen. Das Fehlen -dieser letzten Meißelhiebe gibt den sinnenden Gedanken neue Rätsel auf -und webt einen feinen Schimmer der Romantik und spürenden Phantasie um -Künstlerhände, die zu frühe müde wurden, um Künstlerschicksal, das sich -zu früh erfüllte, um Künstlernamen, der im Dunkel versank, während er -unter den hellsten Sternen der deutschen Kunst leuchten müßte. Doch was -soll uns der Name, wenn das lebendige Werk laut seinen Meister durch -die Jahrhunderte preist? - -Durch Feuersnöte und Einsturzgefahren, durch Kriegsstürme und -Belagerungen, durch Abbrüche und Umbauten, durch Glaubenskämpfe, -Fanatismus und Bildersturm, durch Empörung, Aufruhr, Bubenspott und -wilden Übermut, durch Regen, Frost, Blitz und Wetter, durch Roheiten -und Zerstörungslust, durch Aberglauben, Gleichgültigkeit und tausend -andere Gefahren von sieben Jahrhunderten steht die Goldene Pforte in -wunderbarer Erhaltung bis auf unsere Zeit. - -Das Gotteshaus, zu dem sie gehört, hat öfter seine Gestalt gewandelt, -sie ist in ihrer Herrlichkeit geblieben und zeugt in ihrer strahlenden -Schönheit von dem Geist und der Kunst der alten Zeit, uns so nahe -verwandt und verbunden und doch so fern, so still erhaben in seiner -stillen Hoheit und Geschlossenheit über der lärmvollen Zerrissenheit -unsrer Tage. - -Es ist, als ob ihre Schönheit, wie einst die Klänge des Arion wilde -Tiere besänftigten, so alle Zerstörungslust und wilden Übermut -gebändigt habe, daß sie stille wurden und vor ihr in scheue Bewunderung -und heilige Ehrfurcht sich wandelten. Die Macht der Schönheit hat sich -selbst behütet und bewahrt. - -Und doch ist es nicht nur die Schönheit, die hier zu uns spricht, es -ist das tiefste Fühlen und Denken eines ganzen Zeitalters hier in -Stein gebannt und wie ein gewaltiges Glaubenslied, wie der Schrei der -verlangenden Seele eines ganzen Volkes nach dem, was göttlich ist und -über die Nichtigkeit zur Ewigkeit erhebt, klingt es empor. - -Du fühlst es, denn du bist Blut von ihrem Blut, und das wird dir -unaussprechlich klar, daß die Kunst arm ist, wenn sie nur diesseitig -ist. Du spürst in dir das Erkennen, daß die Kunst die Sprache der -Seele zu der Gottheit ist, daß in ihr das Göttliche in uns seinen -sehnsuchtsvollen Ausdruck sucht. -- - -Das Volk jener fernen Tage konnte nicht lesen, aber es konnte deuten -und die Sprache der Symbole, sinnbildlicher Bewegungen, Stellungen und -Gestalten verstehen, wie es unsrer Zeit ganz verlorengegangen ist. So -war ihm ein reiches Bildwerk symbolischer Art wie ein Buch, das mit -ihm redete in stummer, lebendiger Sprache und sich einprägte wie eine -gewaltige Predigt oder wie wuchtige Glaubenssätze. Es erkannte in ihm -das, was es im Innersten erfüllte und wonach ihre Herzen verlangten. Es -war ihm ein Ausdruck des eigenen besten Seins, Fühlens, Verlangens und -Glaubens. Es war ihm eine gewaltige Predigt, welche ihre Seelen von der -Geburt des Weltheilands, den die Könige anbeten, bis zu den Donnern -des Jüngsten Gerichts, da die Gräber springen, von den Verheißungen des -alten Testaments zu der Erfüllung des neuen Bundes trug. - -Solch ein Werk wie die Goldene Pforte konnte nur geboren werden -aus einer Zeit höchster religiöser Empfindung und gesteigerten -kirchlichen Lebens, als die Macht der Kirche und ihrer Lehren und -Auslegungen besondere Gewalt über die Seelen und Gedanken hatte. Es -war die Zeit der Kreuzzüge, in welchen so viel religiöse Inbrunst -verloderte und deutsche Kraft verblutete für weltenferne Träume und -wirklichkeitsentrückte Gedanken. Es war die Zeit der Gründung des -Franziskaner- und Dominikanerordens, die mehr als andere im Volke ihre -Wurzeln schlugen und ausbreiteten, dadurch, daß sie in den breiten -Massen wirkten und nicht sich abschlossen wie die anderen Orden, die -bald auch in Freiberg ihre Klöster gründeten und bauten. - -Die geistigen Strömungen wirkten sich in kirchlichen Gedanken aus. -Da blühte dieser Gedanke in der jungen Bergmannsgemeinde auf, ihren -Reichtum und ihren kirchlichen Sinn zu zeigen. Statt der schlichten, -alten romanischen Pforte aus der ersten Bauzeit in der Gründungszeit -der Stadt, deren Reste noch auf uns gekommen sind, sollte ein großes, -stolzes Marienportal das Gotteshaus schmücken, schöner und reicher als -irgendein anderes in deutschen Landen! Nach einem tüchtigen Meister -hielt man Umschau. Man mag im Kloster Altzella bei den feingebildeten, -kunstverständigen Benediktinermönchen, ferner in Wechselburg und auch -in anderen Städten herumgehorcht haben. Die Ordensbeziehungen der -Klosterleute und die Handelsbeziehungen der Bürger reichten ja weit und -machten nicht vor den Landesgrenzen halt. Die bunt aus allen Stämmen -gemischte, zum Teil auch weitgewanderte, geistig regsame Bevölkerung -hatte manchen klugen und gebildeten Kopf, und der den Verkehr -anziehende Segen des Bergbaues und die uralten Handelswege mögen auch -manchen Welt-, Menschen- und Kunstkenner herbeigeführt und sein Wort -und Ratschlag zur Geltung gebracht haben. - -Den rechten Meister zum Werke zu finden, das war jedoch ein Glücksgriff -besonderer Art, und wie ein Meteor taucht der Künstler aus dem Dunkel -auf, helleuchtend mit seiner Schöpfung, und verschwindet wieder im -Dunkel. Wir können nur vermuten und ahnen, auf welchem Wege er gefunden -wurde und aus welchen Einflüssen heraus der Meister dieses herrliche -Werk schuf. Keine Urkunde und keine Chronik meldet seinen Namen, aber -aus dem Werke seiner Hand können wir fühlen, wie seine Künstlerschaft -zu dieser Vollendung reifte und Anregungen aus Jugend, Heimat und -Fremde verarbeitete und mit schöpferischer Kraft gestaltete. Er -stammte vielleicht aus Magdeburg, wo in der alten Bischofsstadt ein -neuer Dom entstehen sollte. Dort in der Dombauhütte war er wohl als -junger Künstler tätig, der sich schon ausgezeichnet hatte, weit durch -Deutschland gewandert war und vielleicht in Regensburg, wahrscheinlich -aber auch in Halberstadt gearbeitet hatte und dort den Dom und die -Liebfrauenkirche genau kannte, ihre Formen, Bildwerke und Malereien -mit ihrem Gedankenreichtum in sich aufgenommen, gezeichnet und -verarbeitet hatte, dessen Künstlerschaft an diesen Werken gewachsen -war. Sein Meister in der Dombauwerkstatt von Magdeburg war aber auch -in Frankreich gewesen. Ihn hatte der Erzbischof Kardinal Albrecht II. -dorthin geschickt, um Anregungen für den neuen Bau zu schöpfen, aus -den gewaltigen Kathedralen von Paris, Chartres und Laon, die der -Kardinal in seiner Jugend gesehen hatte. - -Dieser Meister hatte den Kopf und das Herz voll sprudelnder neuer -Gedanken und Bilder mitgebracht und ein Skizzenbuch voll Zeichnungen -von Portalen und Figuren und allerlei Einzelheiten, Notizen und -Motiven, um, befruchtet durch fremdes, neuartiges, künstlerisches -Schaffen und Gestalten sein eigenes Können und seine künstlerische -Phantasie zur höchsten Blüte zu entwickeln. In diesem Skizzenbuche -seines Meisters mag nun mit feuriger Seele unser Künstler studiert -haben, um das, was an alter deutscher Kunst ihm herrlich schien, -nach Form und Inhalt mit diesen neuen Gedanken zu verbinden und zur -Vollendung zu führen. - -Die junge Kunst der aufblühenden Gotik, wie sie in Frankreich -emporwuchs, mit ihren neuen Konstruktionsgedanken lag ihm fern. -Er fühlte mehr als Bildhauer und wendete seine Neigung dem -bildnerischen Schmucke zu. Er zeichnete eifrig und entwickelte sich -seine Gedanken und ließ sich von seinem Meister erzählen, wie an -den französischen großen Kathedralen die Portale geschmückt waren: -Ein Marienportal mit der Darstellung der Erhebung Marias zum Himmel -und Krönung, ein Christusportal mit dem Heiland in der Glorie, mit -den Evangelistensymbolen und der Königsreihe seiner Vorfahren, und -schließlich ein Portal mit der Darstellung des Jüngsten Gerichtes. Wie -mag der Künstler mit der Fülle der neuen Gesichte und Vorstellungen und -Anregungen und Formen gerungen haben, mit denen die junge Gotik seine -Feuerseele bedrängte. Das Neue, das ihm entgegenblühte, zu verstehen -und aufzunehmen, und neue Gedanken mit der klaren, einfachen, alten, -lieben Sprache der Heimat auszudrücken, das wurde das Ziel seines -Ringens. Im benachbarten Halberstadt zeichnete und studierte er viel an -den neuen Werken der kirchlichen Baukunst und Bildnerei. Auch manches -Werk der Antike in edler Einfalt und stiller Größe mochte ihm bekannt -geworden und von ihm in seiner Schönheit im heißen Glück empfunden -und gezeichnet worden sein und ihn emporgehoben haben zu reifer, -abgeklärter Kunst. - -Es erging vielleicht durch Vermittlung seines Meisters in Magdeburg -an ihn der Ruf von Freiberg, ein Prachtportal zu bilden zur Ehre der -Jungfrau Maria und zum Schmucke der jungen, stolzen Silberstadt, deren -Ruhm weithin durch das alte Sachsenland erklang. -- - -In welcher bewundernswerten Weise er diese Aufgabe anpackte und löste -und eines der größten Meisterwerke deutscher romanischer Kunst schuf, -wie er unter meisterhafter Beherrschung aller romanischen Schmuckmittel -und künstlerischen Möglichkeiten und Formenreichtums alle Tiefen -inniger Glaubensgewißheit und kirchlicher Lehre durchmaß und in seinem -Werke ihnen Sprache und Leben gab, wie er mit der Glut seiner deutschen -Seele die Klänge ferner, fremder Kunst in die göttliche Harmonie und -Reinheit seiner heimischen Kunst voll ursprünglicher, selbständiger -künstlerischer Eigenart einordnete, das ist Zeugnis für den Himmelsflug -seines Geistes, die Tiefe seiner Seele und seine schöpferische Kraft. -Und sehen wir vom geistigen Inhalt des gewaltigen Werkes ab, so ist -schon die rein bildnerische, künstlerische Schönheit des Ganzen und -aller einzelnen Teile so vollendet und ergreifend, daß es weit über -alle Werke jener Zeit emporragt. - -Die Goldene Pforte ist noch ganz romanisch, ein stufenförmig -gestaffeltes Portal mit Säulen in den Winkeln der Stufen von -reinromanischer Kapitälbildung. In der Ornamentik der mächtigen -Rundbögen finden wir die kräftigen Zickzacklinien, wie sie besonders -gern und häufig irische Mönche verwendeten, welche als Missionare -Deutschland und Frankreich durchzogen und ihre einheimischen Formen zur -Geltung brachten. Diese »Schottenmönche« hatten z. B. in Regensburg -zwei Kirchen nach ihrer Art gebaut und geschmückt, und es ist wohl -möglich, daß auch bei der Goldenen Pforte mit ihren Zickzackornamenten, -die sich bis in die Schäfte der Ecksäulen zart fortsetzen, solche -irische Einflüsse, sei es über Regensburg, sei es über andere Studien -und Skizzen des Meisters wirksam gewesen sind. Alle Gebundenheit und -Steifheit der Ornamentik und namentlich des Figürlichen, in der die -mittelalterliche Kunst noch gefesselt lag und die mittelalterliche -Figuren neuzeitlichem Empfinden oft so schwer verständlich macht, ist -aufgehoben. Die Gestalten leben und sprechen und sind erfüllt von -innerer geistiger Spannung je nach ihrer Bedeutung und Bestimmung. Sie -sind mit einer plastischen Sicherheit und Kenntnis des menschlichen -Körpers und seiner Bewegung hingestellt, als wären sie vom -Frühlingshauche der jungen Renaissance, die doch erst 300 Jahre später -nach Freiberg kam, berührt und erweckt, von formaler Schönheit erfüllt -und über ihre Zeit hinausgehoben worden. - -So ist die Goldene Pforte zu dem strahlenden Juwel geworden, das durch -die Jahrhunderte leuchtet und auch heute noch jeden Beschauer zur -Andacht zwingt, daß er empfindet: Hier stehst du an heiliger Stätte, -an einer Stätte der Offenbarung deutscher Seele, deutscher Kunst und -deutscher Gedankentiefe. Die Kunst erhebt sich hier in der Tat zu einer -so ergreifenden Großartigkeit, sagt Richard Freiherr von Mansberg, ihr -geistvoller Erklärer, dem wir hier folgen wollen, daß in dem ganzen -Gebiete der Erzeugnisse dichtender und bildender Kunst außer dem -gigantischen Werk eines Dante wohl keines zu nennen ist, welches an -tiefer Durchdringung des geistigen schwer zu bewältigenden Stoffes bei -gleicher Formvollendung dem unsrigen ebenbürtig zur Seite gestellt -werden könnte. »Noch einmal,« sagt er, »verschmelzen hier antiker -Schönheitssinn und deutsche Empfindung, getragen von einem Naturgefühl, -das bis ins kleinste der Gesichtszüge, der Hände und Füße, voll Adel -und Lebenswahrheit ist«. - -Neun Bogen schließen sich so zusammen zu einem gewaltigen Halbrund, -das als Symbol des Weltalls gilt mit den neun Himmeln, in welchen die -beim Jüngsten Gericht aus ihren Gräbern auferstehenden Märtyrer, die -Apostel und die Scharen der Erzengel, Cherubinen und Seraphinen Gott in -seiner Dreieinigkeit in den Scheiteln der Bögen thronend schauen und -in feierlicher Würde verehren. Die Figuren sind wie die Juwelen eines -Diadems in köstlicher Vollendung dem reichen Rahmenwerk eingefügt. - -Dieses gewaltige Diadem umspannt das Bogenfeld (Tympanon) als Herz der -ganzen Komposition. Die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben ist hier -thronend dargestellt, wie die drei Weisen aus dem Morgenlande, als -Vertreter der Völker der Erde, ihre Gaben bringen und huldigen. Sie ist -der Mittelpunkt des Weltalls, als die reine Jungfrau, die Gottesmutter, -die Himmelskönigin, die Mutter der Gnaden in nahezu vollkommener Weise -dargestellt. Hoheit und Demut und eine überirdische Verklärung spricht -sich in den ernsten und doch weichen Zügen aus, die immer stärker -fesseln, je länger man sie aus der Nähe betrachtet. - -»Die Gottesmutter, die Himmelsfrouwe und der Engel Kuniginne«, wie der -alte Dichter sagt, ist selten wieder in gleicher Tiefe, Innigkeit und -Vollendung dargestellt worden. - -Über ihrem Haupt runden sich die Himmelsbögen, in denen Engel, -Apostel und Auferstehende die Erfüllung und Vollendung des göttlichen -Erlösungswerkes symbolisieren. Zu ihren Füßen aber stehen Gestalten des -alten Bundes, als Verkünder, Vorläufer und Ahnen des Heilandskindes, -das sie in den Armen hält. Zugleich aber sind diese Gestalten als -Sinnbilder zu deuten, die Maria feiern als eine Jungfrau, Gottesmutter, -Himmelskönigin und Mutter der Gnaden. Zwischen den herrlichen Säulen -mit ihren köstlichen Kapitälen, welche die Himmelsbögen tragen, stehen -so auf kleineren Zwergsäulen sich gegenüber die Gestalten des Propheten -Daniel und des Aron, der Königin von Saba und der Bathseba, des Königs -Salomo und des Königs David, Johannes des Täufers und des Propheten -Nahum. - -Doch noch tiefer und weiter greift die Symbolik: Die neue Pforte -zum Gotteshause sollte für die Freiberger Bergmannsgemeinde eine -Bergmannspforte sein! Nicht ohne Absicht steht darum Aron auf der -ersten steinernen Säule des Gewändes. Im Orient haben Namen ihre -besondere Bedeutung. Der Name steht für das, was der Mensch selbst ist. -Aron, das arabische Harun, von dem Märchenkalifen Harun als Raschid -bekannt, bedeutet »Bergmann«! Aron, der Bergmann, steht als erster an -der stolzen Pforte der Pfarrkirche der jungen Berggemeinde und weist so -auf die Bergstadt hin. - -Über der zweiten Säule ist die Stadt Freiberg, das alte »Vriberch« -selbst dargestellt durch einen weiblichen Kopf mit Mauerkrone. Das -Symbol der Mauerkrone kennzeichnete ja bereits in der Antike die -Stadtgöttinnen. - -Den ersten der neun Bogen tragen Löwen als Wächter des Heiligtumes, den -dritten trägt die Stadt Freiberg als der Ort, der das Heiligtum baut, -erhält und trägt, den fünften Bogen trägt links ein Bergmann in der -alten Fahrhaube und rechts ein Mönch mit Fischen, der Bergmannsstand, -der die Gemeinde bildet, und der Mönch, der die Gemeinde sammelt und -pflegt nach dem Wort des Herrn: »Ich will euch zu Menschenfischern -machen«. - -Über 80 figürliche Darstellungen schmücken die Pforte in unerhörtem -Reichtum aber ohne Überladung in köstlichem Rhythmus der künstlerischen -Formen und der tiefen Gedanken. Die stets wechselnde Fülle der -Ornamentik und aller Schmuckbildungen an Kapitälen, Gesimsen, Säulen -und Bögen, in welchen Menschen- und Tiergestalten in echt deutscher -Phantasie mit verflochten sind, ist staunenswert. - -Hier zum ersten Male werden in Deutschland sitzende Figuren in den -Nischen der Bögen verwendet, das einzige Mal im romanischen Stil, was -später der gotische Stil häufiger zeigt. - -Hier zum ersten Male in Deutschland wird eine Krönung Mariä dargestellt -im untersten Bogen über dem Tympanon, die zwei bis drei Jahrhunderte -später ein so beliebtes Motiv der Plastik und namentlich der Malerei -wurde. - -Hier zum ersten Male wird in der deutschen Kunstsymbolik das Jesuskind -mit dem Apfel als Sinnbild der Welt dargestellt. - -Eine Fülle von neuen Gedanken sind hier zum ersten Male ausgedrückt, -die für Jahrhunderte die Kunst befruchteten und anregten. Hier ist -die Kunst nicht nur ein Können voll Schönheit und nur der äußeren -Form, welche die Augen beglückt, nein, sie ist eine Stein gewordene -Weltanschauung von unendlicher, echt deutscher Seelentiefe, innerem -Gehalt und unwiderstehlicher Gemütskraft. Sie ergreift das Innerste, -weil hier eine gottbegnadete Künstlerseele ihr künstlerisches und -seelisches Bekenntnis ausströmte und in wundervoller tiefer Einheit -formte zu einem Werke voll leuchtender Klarheit, Schönheit und heiliger -Innigkeit, einem Werke, in welchem das edelste Wollen und Fühlen seines -ganzen Volkes und seines Zeitalters erhabenen Ausdruck fand. - -Um die Wirkung seines gewaltigen Werkes auf das höchste zu steigern, -hatte der Künstler dann das Ganze vergoldet und in reine leuchtende -Farben, in strahlendes Rot, tiefes Blau und sattes Grün gehüllt. Das -Gold und die Farben sind im Laufe der Jahrhunderte geschwunden, doch -noch heute lassen sich Farbenspuren hie und da an versteckter Stelle -finden und aus älteren Berichten kann die Farbengebung der einzelnen -Teile mit einiger Sicherheit festgestellt werden. Die unverbildete -Farbenfreude des Mittelalters, welche sich ja auch in der Tracht -ausspricht, liebte es, architektonisch ausgezeichnete Bauteile, wie -Portale, Erker, Giebel u. dgl. als besondere Schmuckstücke farbig zu -bemalen und auch breite Wandflächen innen und außen mit Gemälden zu -schmücken. Kaum ein mittelalterliches Bauwerk höheren Ranges wird auf -die kräftige, belebende Wirkung reiner leuchtender Farben verzichtet -haben. Das Erbe dieser Farbenfreude hat ja nur unsere Volkskunst in -schlichtester Weise festgehalten, vermehrt und zu mancher neuen Blüte -gefördert. Diese Farbenfreude, welche durch die mißverstandene Antike -und Klassizismus verlorengegangen zu sein scheint, ist ein inneres -Bedürfnis unseres Volkes und müßte wieder ihren Platz sich erobern im -Leben des Volkes und im Straßenbilde. - -Die alten Beispiele und die alte Volkskunst könnte da anregend und -befruchtend wirken im Sinne einer farbigen, malerischen Bereicherung -unserer so nüchternen, modernen, Grau in Grau gehaltenen und Grau in -Grau die Seelen stimmenden Straßen und Plätze. - -Wie ein Märchen voll Schönheit, Glanz und Farbe muß dagegen die -»Goldene Pforte« einst gewirkt haben, und so manchen schlichten, rauhen -Besucher aus harter, unwirtlicher Wald- oder Bergeinsamkeit überwältigt -haben, als stünde er vor der Pforte des Himmels, wo alle Schönheit und -aller Glanz vereinigt ist, so daß er geblendet die Augen schließen muß, -nein, tief in die Seele die Herrlichkeit hineintrinken möchte und an -dem Trunk genesen muß von dem, was schwer und trüb und dunkel seine -Seele bedrückt und bedrängt, daß er alles vergißt, was dahinten ist und -seine Sehnsucht nach dem ewigen Lichte strebt, und die Arme hebt dem -leuchtenden Glanze entgegen. -- -- -- -- - -Doch wir müssen scheiden. Die Glocken droben sind längst verklungen, -aber im Herzen klingen lauter und lauter die Glocken, welche das Lied -von deutscher Seele und deutscher Kunst, von deutscher Kraft und -Schönheit singen, welche nach 700 Jahren noch jung ist und jung bleiben -wird, solange noch eine deutsche Seele dem Lichte entgegenringt und -goldene Pforten sich baut, leuchtend im Grau der Tage, hoch über dem -Schmutz der Straße, hoch über den dunklen Tiefen des eigenen Herzens, -die ihre goldenen Bögen öffnen der Erfüllung und Vollendung entgegen. - - - - -Haldenwanderung. - - -Ja freilich ist es über die Maßen herrlich, unterzutauchen in die -Tiefen des grünen Meeres der Wälder, wo die Wipfel wie Wogen rauschen -und wallen, und dort in kraftspendender Einsamkeit aus der Unruhe und -den Irrungen und Wirrungen zurechtzufinden. - - »Da mag vergehn, verwehen - Das trübe Erdenleid, - Da sollst du auferstehen - In junger Herrlichkeit!« - -Einsamkeitsgänge sind oft Genesungsgänge, Gänge der Erhebung, des -Aufrichtens und Abschüttelns von allerlei Last und Leid. Meister -Eckhart (1260--1327) sagt: »Ein auferhobenes Gemüt sollst du haben, -nicht ein niederhangendes, ein brennendes Gemüt -- in dem doch eine -ungetrübte schweigende Stille herrscht.« Stunden der Stille sind -Stunden der Kraft, wenn du der Stille die Tiefen deiner Seele öffnest, -damit sie stille wird. - - »Da draußen, stets betrogen, saust die geschäft’ge Welt!« - -Doch da drinnen kann auch das Herz betrogen werden und leer bleiben -trotz der Stille, wenn es nicht den Stimmen der Stille recht lauscht -und aufnimmt, was sie sagen und geben wollen. - -Wer diesen Stimmen recht zu lauschen vermag, der findet Reichtümer -und Schätze, wo den andern alles arm und öde ist, dem blüht Leben und -Freude, wo dem andern alles tot und leer ist, der gewinnt Kraft und -neuen Schwung, wo der andere müde und stumpf wird. »Auf leisen Sohlen -wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt -Wilhelm Raabe. - - In der Stille wachsen große Gedanken, - Aus der Stille reifen wahrhafte Taten, - Aus der Stille blüht die Stärke der Seelen! - -Sagt doch schon der Prophet Jesajas: »Wenn ihr stille bliebet, so würde -euch geholfen«. - -Was vermag aber am meisten die Seelen zu erheben und still zu machen? -Großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, die Ewigkeit und die -Vergänglichkeit! - -Aus der Stille heraus erst vermagst du oft die Heimat zu verstehen und -ihre Wunder zu erkennen, ihre Werte zu finden und dir zu gewinnen, -die sie dem Lärm verborgen und verschlossen hält, in der Stille erst -vermagst du für dich in der Heimat das große Gotteswerk und das große -Menschenwerk, die Ewigkeit und die Vergänglichkeit mit deiner Seele zu -suchen und zu erkennen. In der Stille erst vermagst du dich selber zu -finden und dein Bestes zu verstehen. - - »Und meine Seele spannte - weit ihre Flügel aus, - flog durch die _stillen_ Lande, - als flöge sie nach Haus.« -- -- -- - -Wir wollen einmal wandern, dort, wo es stille ist, dort, wo großes -Menschenwerk, wo die Vergänglichkeit in stummer Größe uns anschauen und -uns erzählen von vieler Geschlechter Mühe und Arbeit und von ringenden -Kräften ferner Tage. Eine Wanderung über die alten Bergwerkshalden in -der Umgebung der alten Bergstadt vermag uns gar stille und nachdenklich -zu machen. Gar oft ist die Romantik der alten Burgen und Schlösser und -ihrer trotzigen Ruinen besungen worden. Sagen und Geschichten umranken -die Trümmer mit stimmungsvollem Zauber und beflügeln die Phantasie -sogar auch manches nüchternen Spötters zu höherem, reinerem Flug. - -Wir sind stolz auf diese Herrlichkeiten der Heimat, die uns vom Glanz, -von urwüchsiger Kraft und kriegerischem Tatenmut unsrer Vergangenheit -erzählen, und empfinden sie froh und tief. Doch hier unsere Halden und -schlichten Bergwerkshäuser sind von gleichem Werte und gleicher oder -tieferer Wirkung auf die sinnende Seele, wenn sie nur in ihr stilles, -schicksaldurchfurchtes Antlitz schaut. Wir wollen sie suchen und -lieben, wir wollen stolz auf sie sein und von ihrem stimmungsvollen -Zauber in der Stille uns umfangen lassen und von ihnen reden und sagen, -nicht wie von etwas, das der Menge und dem Geschrei gefallen muß oder -etwas geben könnte, sondern wie von etwas, das den feinen Seelen, den -stillen Herzen unendlichen Stimmungszauber gibt. Auch die alten Halden -erzählen, wie jene stolzen Burgen, von untergegangener Herrlichkeit, -und der silberne, mit bunten Blumen durchwirkte Mantel der Romantik -liegt über ihnen. Es ist nicht die Romantik klirrender Waffen von Blut -und Streit, sondern die Romantik klirrenden Werkzeugs, ringender Arbeit -und sauren Schweißes von tausend Geschlechtern, welche in unermüdlicher -Treue mit den Geistern der Tiefe den täglichen Kampf der Arbeit und -Pflicht durchkämpften und in den dunklen Schächten die blutenden -Silberadern der Felsen durchforschten. Es ist die Romantik, welche -nicht Wunden schlug, sondern aus den Felsen die edlen Erze schlug und -sie zum Zauberstabe machte, daß aus dem Lande ein Garten wurde, in -welchem die Kultur und edelste Kunst erblühte. - -Diese Arbeit von Jahrhunderten hat die Landschaft gestaltet und ihr so -charaktervolle Formen gegeben, daß die Landschaft selbst dadurch ein -Riesendenkmal des untergegangenen Bergbaues geworden ist. Die Kräfte, -welche sie zu ihrer Eigenart herausgestaltet haben und in ihr wirksam -waren, werden deutlich sichtbar, und jede Halde, jeder Hügel, jede -Binge erzählt uns von dem Ringen, den Siegen und dem Segen zäher Arbeit -zahlloser namenloser Geschlechter. Die Halden sind die Riesendenkmäler -der Namenlosen der Arbeit! So trägt die Landschaft die tiefe geistige -Schönheit eines durchgearbeiteten Charaktergesichts, und dies ist -schöner und packt mehr die Seele und forschende Gedanken, als die leere -Schönheit der äußeren Form, in der kein geistiges oder seelisches -Erleben, kein Schicksal und kein Kampf sich ausprägt und uns mitleiden -und mitfühlen läßt. Wie gewaltige Hünenmale des alten Bergbaues türmen -sich rings die Halden mit ihren mächtigen Steinmassen. Blaue und -violette Schatten auf dem schwarzen, braunen, gelben und roten Gestein -und wieder der rote Glast der Sonne verleihen ihnen ein eigenartiges -Leben und wundersame Stimmung. Bald im Sturze in natürlicher Böschung -übereinandergerollt und durcheinander gekollert, bald wieder mit -steiler Steinpackung wie in Felsenmauern gefügt, schwarz vom Wetter und -finster-gewaltig in den mächtigen starren Linien des Umrisses gegen den -blauen Himmel mit den schwebenden weißen Wolken stehend, liegen die -Steinmassen nackt und ohne Grün da, gekrönt von den hellschimmernden, -zusammengedrängten Häusern der Grube mit ihren grauen Dächern, die -in feiner Massenabstufung dem Bilde den harmonischen Abschluß geben. -Finster-dämonisch wirkt das Bild zu manchen Zeiten und Stimmungen. Ja, -im Grauen des Gewitters, wenn Sturm und Wetter auf ihren blauschwarzen -Wolkenrossen durch die bebenden Lüfte sausen, dann steigert sich die -Wirkung ins Heroische. Die Wucht und Schönheit der einfachen Linie, der -kantigen Form und Masse hält uns in ihrem Bann. - -Ja, wie mächtige Festungsmauern, steil und unersteiglich, finster -und wuchtig wirken manche dieser Riesenmale, welche der Bergbau sich -gesetzt. Wie Titanenwerke ragen sie auf und beherrschen die Landschaft. -Bedeckt doch z. B. die Halde des Davidsschachtes bei 27 ~m~ Höhe -eine Fläche von fast 40000 ~qm~, und ihre Steinmassen betragen etwa -1 Million ~cbm~. - -In der Nähe aber wird das Einzelne lebendig. Farben leuchten auf in -allen Schattierungen, von Schwarz und Grau und Weiß, vom Braun bis -zum leuchtenden Gelb und Rot und Zinnober, Grün, Rosa und Violett, -und suchst du mit dem scharfen Blicke des Sammlers und wendest oder -zerschlägst du gar die Steine hier und dort, so blitzt bald hier ein -Kristall, Quarz oder Feldspat, bald schimmert dort eine Ader von -Bleiglanz oder Schwefelkies oder es fesselt dich das feine Geäder -baumartiger Zeichnung auf einer bunten Fläche. Und richtest du dich -auf, so schweift dein Blick über die malerische Umrißlinie der Stadt -im grünen Grunde unter dir mit ihren Türmen und Mauern, mit ihren sich -drängenden steilen, roten, grauen und schwarzen Dächern. Dicht vor -dir der mächtige Donatsturm mit seinem spitzen Kegeldach, um welches -die Dohlen flattern und schreien. Die altersgraue Stadtmauer schaut -durch grüne Wipfel. Dort die beiden stumpfen Türme von St. Nikolai, -die mit ihrer schlichten Wucht so recht in die alte Bergstadt passen, -dort der hohe schlanke Petriturm, der über alle Dächer, Giebel und -Türme weit hinausschaut ins grüne Land, der Rathausturm dicht dabei -mit seiner barock geschwungenen Haube und endlich das mächtige Dach -des altehrwürdigen Domes, das wie eine Henne weit seine Flügel breitet -über die Schar der anvertrauten Küchlein, und dazwischen hinein das -lustige Gewimmel von Giebeln und Dächern und Schornsteinen wie die -Heerschar, welche sich um die hohen stolzen Führer freudig drängt und -zu ihnen vertrauend aufschaut. Blauer Rauch wirbelt aus den Essen -empor und ein Glockenklingen grüßt uns von den Türmen wie Stimmen -aus den Seelentiefen der Stadt. Und wendest du dich um und schaust -du weit ins Land hinaus, da sind die blauen Wogen des Waldes in der -Ferne und vor dir in der Nähe und in der Weite im gewaltigen Ringe -umher, die Halden, die schweigenden Beherrscher der weiten, stillen -Landschaft. Bald träumen sie einsam im Felde wie ein gewaltiges Grab -der Vergessenheit, der Vergänglichkeit entgegen, bald wandern sie in -langen Zügen wie sagenhafte urweltliche Ungeheuer mit ihren Rücken und -Kuppen durch das Zwielicht in geheimnisvolle Dämmerung hinein, bald -türmen sie sich zu riesenhaften Kegeln empor, als sollten Pyramiden auf -eines Pharao Geheiß zum Himmel emporgeschichtet werden, bald strecken -sie sich lang und flach mit kurzem Steilhang wie vom Winde geformte, -vom Sturm zerrissene Dünen, bald bäumen sie sich kurz, steil und -trotzig empor wie eine vom Riesenpflug emporgeworfene Scholle. Bald -weißschimmernd wie märkischer Sand, bald rot leuchtend, als bluteten -alte, schmerzhafte Wunden, bald grünumwuchert, bald laubüberdacht, -bald tot und nackt und kahl, stets wechselnd und doch immer dieselben -schweigsamen und doch so vielsagenden Gestalten, sind diese Halden -gewaltige und klingende Akkorde in der Landschaft Freibergs, welche -die jahrhundertelange Arbeit des Bergbaues schufen und fügten zu einer -heroischen Symphonie der Arbeit. - -Die Bauten, welche die Halden hie und da krönen, klingen in dieser -Symphonie mit und stimmen zur Ruhe und Macht der stillen Massen, -als könnte es gar nicht anders sein. Wie träumend in weltenweiter -Vergessenheit schaut uns so manche alte Kaue, so manches alte -Grubengebäude an wie aus Märchenaugen aus der Zeit »Es war einmal«! Des -Fäustels munterer Schlag ist längst verklungen, die fleißigen Häuer, -die frischen Bergjungen, der bedächtige Hutmann sind davongezogen, und -es ist still, ganz still geworden, wo einst des Bergmannes herzhaftes -Glückauf erklang. -- - -Kein Haus, kein Dach in der Nähe, kein menschlicher Laut! Verlassen, -vergessen steht die alte Kaue auf der Halde, ohne Fenster, ein Dach -auf vier verwitterten Wänden, von denen der Putz herunterrieselt. -Die Bruchsteine schauen braun und grau hervor, und die gelblichen -Fugen sind ausgewittert vom Sturm und Regen, von Frost und Hitze, -die hier auf einsamer Halde um das einsame Haus ihr Wesen treiben. -Gestrüpp, langes, graues raschelndes Gras und Binsenbüschel haben -sich angesiedelt. Nacktes Geröll und Sand in bunten Farben, gelb, -grau, braun und rot und weißlich tritt überall in unfruchtbaren, toten -Flächen zutage. Eidechsen huschen umher, ein bunter Schmetterling -gaukelt müde und träge vorüber, hängt sich dort an die langgestielte -Blüte der Skapiose, als wäre er verzaubert, der Schrei einer ziehenden -Krähe, ein Rascheln in den spröden, langen Halmen und darüber des -Himmels unendliche blaue Glocke, in der es summt wie geheimnisvolle -Stimme, wie die Stimme der Einsamkeit. - - »Auf den Halden schläft der Wind. - Leise Schmetterlinge fliegen. - Wege weiß ich, still verschwiegen, - Nur die kleine Grille singt. - Duft von Heu schwimmt überm Grunde, - Und wo froh die Sichel klingt, - Geht des Tages müde Stunde.« - -So breitet sich schwermütiger Zauber über viele der alten Halden, der -dich gefangennimmt, wenn du dich stille zur rechten Stunde ihnen nahst. - - * * * * * - -Doch in manche der alten Berggebäude ist neues Leben eingezogen, -arbeitet und kämpft mit vorwärts gerichtetem Blick und greift auf -jahrhundertealtem Arbeitsgrunde kühn in die Zukunft und in die Welt, -das Alte mit neuem Geiste erfüllend. Auf der riesigen Halde des -David-Richtschachtes wachsen mächtige Bauten empor, in welchen zur -Flachsbereitung zahlreiche fleißige Hände sich regen. Wie eine stolze -Burg der Industrie auf riesenhaftem Sockel reckt sie sich auf. Auf dem -Abraham- und auf dem Turmhofschachte regen Maschinen die stählernen -Gelenke. Und dort auf der Reichen Zeche, die hoch und beherrschend die -Landschaft krönt, regt sich in den alten Gebäuden das frische Leben -der Wissenschaft, wächst und schafft sich neue Bauten und Stätten der -Arbeit. Die Bergakademie hat hier für Arbeit und Forschung, Lehre und -Übung fest ihren Fuß auf alten bergmännischen Boden gesetzt, aus dessen -Berührung ihr immer neue Kräfte zuwachsen. Das modernste Wissen von -der Braunkohle und der Maschine, der Glaube an die Zukunft und das -Hoffen haben ihre Fundamente gelegt auf den festen Grund bergmännischer -Vergangenheit, Treue und Tüchtigkeit. - -Und auf dem Dreibrüderschacht und auf dem Konstantinschacht sind aus -den alten Grubengebäuden Kraftwerke geworden. Unten in der Tiefe -des Schachtes im mächtigen, gewölbten, unterirdischen Felsensaal von -20 ~m~ Länge und 12,5 ~m~ Breite sausen die Turbinen 230 ~m~ unter -Tage, getrieben von den auf diese Tiefe verfällten Aufschlagwässern, -welche früher dem Bergbau dienten. Wie eherne Sehnen und Nerven ziehen -sich die Drähte vom Schachte als Kraftmittelpunkt durch das Land und -spenden Kraft und Leben tausend surrenden Rädern und Maschinen, tausend -fleißigen Händen, Licht in tausend Dunkelheiten. - -Braust hier auf diesen Halden das Leben modernster Arbeit und schmückt -sie mit neuem Reiz und einer Wirkung von besonders eigenartiger Kraft, -so liegt über anderen Stätten des Bergbaues, wo neues Leben eingezogen -ist, ein inniger poetischer Hauch wie aus Märchenzeiten. - -Durch den Hochwald, den duftenden, grünen Freiwald wanderst du dahin. -Ein eigener Gedanke ist es, daß hier tief unter den Wurzeln der ragende -Fichten einst das Silber wuchs, daß hier, wo jetzt der Wald seine -grünen Geheimnisse rauscht, vor fernen Tagen der Knappe sein Glück -suchte, in dunklen Schächten und Gängen das Silber grub, Halden türmte -und seine Mauern und Giebel schichtete und richtete. - -Die Meisen flattern zirpend von Zweig zu Zweig. Von ferne klingt -die Holzaxt durch die grüne Einsamkeit und harzduftige Stille. Da -leuchtet es hell durch die schlanken, goldbraunen Stämme, eine weiße -Wand, braune Holzverschläge, grüne Fensterladen und ein graues -Schindeldach, »das Schindelhaus« auf grüner Lichtung wie in einen -Saal mit weichem, grünem Teppich gestellt, einst für bergmännische -Zwecke erbaut. Wir tauchen weiter in die grünen Tiefen des Waldes -und folgen dem schmalen Pfad, der uns hineinlockt, das Flüstern und -Rauschen der Wipfel zu hören und ihren köstlichen Duft zu trinken. -Da tritt heimlich aus tiefer Einsamkeit ein graues Dach hervor. Auf -einer Halde, das taube Gestein ganz überwuchert von Grün, liegt dort -ein altes Scheidehaus, jetzt das Heim anspruchsloser Waldarbeiter, -»das Silberschnurer Scheidehaus«. Mächtige Fichten im grünen Kreise -schauen hernieder wie hütende Wächter. Die Könige dieser grünen Riesen -sind zwei Hängefichten, deren Äste mit langen hängenden Zweigen -wuchten, als wären sie von den Feen der Waldeinsamkeit und deutscher -Waldherrlichkeit mit Prachtgehängen geschmückt. - -Wie zwei Türme wachsen sie empor in den blauen Himmel, zwei Türme, die -die grüne Gotik des Waldes mit zartestem Astfiligran geziert, zwei -Türme, die leben und duften, die eine Seele und eine Stimme haben zu -singen und zu sagen. Leise, leise wiegen und rauschen ihre Zweige, als -webten darin die Klänge von deutscher Sehnsucht und deutschem Leid, -von alter Heldenzeit und jungem Trotz. Vorn im Gärtchen leuchtet es -von Blumen im bunten Flor. Da stehen steif gravitätisch die hohen -Malven mit ihren zarten Farben, die Kresse mit feurigen Blüten schlingt -sich am niedrigen Gitter, Rittersporn und Eisenhut, Rosen und Nelken -duften. Die Bienen des nahen Bienenstandes summen durch den Wohlgeruch -und die Farbenpracht und sammeln ihre süßen Schätze ein. Kinderlachen -klingt um das Haus, Windeln und bunte Lappen flattern am Seile. Im -wärmenden Sonnenstrahl sitzt Großmutter am Klöppelstock. Auf Stufen -führt gewunden ein schmaler Pfad hinauf auf die Halde, deren altes -verlassenes Scheidehaus nun frisches, junges Leben birgt, Leben, -Zukunft, Behagen und Zufriedenheit, eine Heimat tief im grünen Walde, -eine Heimat aus Waldmärchenland auf uraltem, bergmännischem Grunde. -- - -Doch auch die letzte Heimat hat ein Großer des Bergbaues einst in einer -Halde gesucht und dort seine Ruhe gefunden. Dicht bei Freiberg auf der -Höhe liegt die Halde der alten Grube zu den heiligen drei Königen. -Inmitten eines kleinen Haines von im Winde rauschenden Laubbäumen, grün -umwuchert und laubüberdacht ist diese Halde ein Grab und ein Grabmal, -wie es sinniger und stimmungsvoller kein Bergmannsherz finden kann. -Hier auf freier Höhe angesichts der alten Bergstadt, die unten gleich -einer malerischen dunklen Silhouette auf goldenem Grunde erscheint, -inmitten der Freiberger Gruben, Halden und Hüttenwerke verfuhr der -Oberberghauptmann Freiherr von Herder, ein Sohn des Dichters und -Patenkind von Goethe und Matthias Claudius nach seinem eigenen letzten -Wunsche seine letzte Schicht. - - »Und sink ich einst in jenes dunkle Reich der Nacht, - aus dem auf seine Berge keiner wiederkehrt, - erhebt dann hoch, ihr treuen Knappen, mir das Grab; - nur aufgehäufte Erd und graue Stein, - ein Zeichen eurer Liebe, Knappen! -- - Sitzt dann ermüdet an dem grünen Hügel einst der Wandrer - und gedenkt der Tag entflohener Zeit: - ›Hier‹, sagt er ›ruht der Knappen treuster Freund! -- - ihr Erster einst -- ihr Erster auch in Wort und That, - galt es der Berge und der Knappen Ruhm und Wohl.‹ - Erhebet hoch, ihr Knappen, mir mein Grab, - und denkt des treuen Freundes liebend nach, - wenn längst das enge Haus ihn deckt.« - -Das sind seine Worte! - -Ein kalter Wintertag war zur Rüste gegangen, Ende Januar 1838, -tief lag die Stadt und draußen das Feld verschneit, da wurde er -auf den Schultern seiner treuen Knappen den letzten Weg zu seiner -Lieblingsstätte, die nun seine Grabstätte werden sollte, nachts -bei Fackelschein emporgetragen. Durch den tiefen unwegsamen Schnee -hatte man tags zuvor erst den Weg ausgeschaufelt und gebahnt und -dann durch Hin- und Herreiten von Reitern der Garnison feststampfen -lassen. Nun dröhnte das feierliche Trauergeläute von allen Türmen -der Stadt herüber. Die letzte Bergparade zur letzten Schicht des -toten ungekrönten Königs der Bergwerke entwickelte sich in düsterer -Trauerpracht. Die schwere Seide der altehrwürdigen Knappschaftsfahnen -knisterte, und schwer wallte der schwarze Trauerflor hernieder. -Blank und rot blitzten im Lichte der Fackeln die Barten und das -Gezähe der Knappen auf, so kriegerisch als zöge die dunkle Schar -auf geheimnisvolle Heerfahrt. Ihre brennenden Froschlampen trugen -sie in der Hand und leuchteten so ihrem Herrn zur letzten Fahrt -zum dunklen Schacht des Grabes, aus dem noch kein »Glückauf« den -Bergmann wiedergrüßte. Die altertümlichen russischen Hörner dröhnten -mit mächtigem Klange ihre wuchtigen ernsten Weisen und steigerten -die Wirkung zu einem gewaltigen, erschütternden Erlebnis. Wie die -Beisetzung eines alten germanischen Heerkönigs im gewaltigen Hünengrabe -auf windumbrauster beherrschender Höhe mutet dieses nächtliche Bild an. - -Diese Stimmung klingt heraus aus zeitgenössischen Berichten und -Gedichten: - - »Beim Fackelschein sie trugen - den Sarg durchs Tor bei Nacht, - Ein Hüttenmann hält zur Linken, - ein Bergmann zur Rechten Wacht.« - -Ja, wie Kaiser Karl im Untersberg und Barbarossa im Kyffhäuser schläft -er nur und wird einst wiederkehren: - - »Doch schwieg rings auf den Bergen - das Grubenglöckelein - und fuhr kein Knapp am Morgen - zur Tagesschicht mehr ein, - dann wirst du aus dem Schlaf dich - wie Barbarossa ringen - und deinem Freiberg wieder - die alten Tage bringen!« - -Sinnend stehen wir und schauen auf die große Bronzetafel, welche -den Namen und das Wappen des letzten großen Berghauptmanns alter, -versunkener Bergherrlichkeit trägt, schauen auf die in Stein gehauene -Grabschrift: »Hier ruht der Knappen treuster Freund« neben der rechts -und links ein Bergmann und Hüttenmann das Berg- und Hüttenwappen hält. -75 Jahre nachdem Herder hier seine letzte Schicht verfuhr, verfuhr der -Freiberger Bergbau selbst seine letzte Schicht, das Grubenglöcklein -schwieg rings auf den Bergen, und wie eine Sage klingt nur noch das -Wort von der Berge und der Knappen Ruhm. Über uns rauschen die Wipfel -der hohen Bäume, rauschen und flüstern von alter Zeit. In Barbarossas -Tagen, als Ströme teuren deutschen Blutes im heiligen Lande und im -falschen schönen Welschland so nutzlos für die Heimat vergossen wurden, -blühte der junge Bergbau auf als eine der schönsten Blüten deutscher -Kultur und Tatkraft von größerem Werte für Volk und Heimat, als alle -Kreuzzüge und Römerzüge, und nun, nach siebenhundertjährigem Glück und -Glanz, wo der Bergbau zur Rüste gegangen, soll der stille Schläfer -dort in der Halde der Barbarossa sein, welcher die alte Herrlichkeit -wiederbringt! -- O ihr Träume, ihr Gedanken und geheimnisvollen Triebe, -ihr silbernen starken Flügel der deutschen Seele! Ihr habt unser Volk -über vieles hinweggetragen, was andere vielleicht zerbrochen hätte. Ihr -habt unser Volk in Begeisterung stark gemacht und schwach und elend -in manchem leeren Wahn. Ihr habt unserem Volke, unsrer Heimat manches -Schicksal bereitet, dem andre vielleicht entgangen wären. Ihr habt -hier, wo die Halden jetzt ragen, in dunklen Schächten Schätze geschürft -und das Land reich gemacht an Kunst und Kultur und edlen Gütern aller -Art, ihr habt aus der eigenen Seele Schätze gespendet an alle Welt und -Haß und Dornen sind eure Ernte. Auch Träume können Tat und Schicksal -werden. Träume blühen in der Stille. Die Stille ist ein Spiegel, in -dem Welt, Zeit und Ewigkeit sich dir spiegeln, wenn du nur zu schauen -verstehst. - -In der Stille wachsen große Gedanken, aus der Stille reifen wahrhafte -Taten, aus der Stille steigt die Stärke der Seelen. - -Wir wollen der Stille lauschen und in ihren klaren Spiegel schauen. Die -stillen Halden um Freiberg mögen dir da vieles sagen und geben, da mag -großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, Ewigkeit und Vergänglichkeit -zur fruchtbaren Stille führen. - -Hünenmäler der Arbeit vergangener Tage, tot und doch lebendig, stumm -und doch mit gewaltiger Sprache künden sie weit über das Land, daß -Arbeit Schicksal, daß Träume Schicksal sind, daß aus Arbeit und Träumen -die deutsche Seele sich ihre Zukunft formt, wenn sie nur erst starke, -silberne Flügel zur Höhe emporhebt. - -Vergiß nicht, Seele, daß du Flügel hast! - - - - -Das Tännichttal im Tharandter Wald. - - -Lange hatte mein treues Rad gerastet! Was bindet oft die Pflicht so -fest und umschnürt die Seele und das Wollen mit bitteren Fesseln und -nimmt sie in enge Haft, daß sie sich kaum mehr hervorwagen, Fesseln -abzuschütteln, frei zu sein, vogelfrei in ziellosem Fluge der Sehnsucht -hinaus! -- Heute lacht so frisch der Sonnenstrahl des taufrischen -Sommermorgens und lockt hinaus und es treibt und drängt ein inneres -Müssen, daß ich nicht widerstehen kann. Hinaus aus den alten Mauern -und drückender Enge, hineinfliegen auf flüchtigem Rade in die blaue -Sonnenwelt, als wäre ich ein Vogel mit jungen Schwingen, der sein Lied -jubelnd zur strahlenden Höhe trägt. - -Die wuchtige Stadtmauer Alt-Freibergs mit ihren Türmen und der Graben -mit seinen grünen Bäumen, das alte, mächtige Bollwerk des Donatsturmes -gleiten an mir vorüber. Leb wohl, du alter, fester Kumpan, mit deinem -spitzen Kegeldach, heute treibts in die Ferne mich mächtig hinaus. Und -ihr Dohlen dort oben in euren schwarzblauen Röcken so vornehm angetan, -die ihr dort flattert und schwebt und mit hellem Rufe freudig im -Schwarme in den blauen Äther euch schwingt, heute neide ich euch nicht, -heute bin ich mein eigen, heute bin ich mein selbst, ein freier, wilder -Vogel! Meine Seele ist ein Vogel, der über allen Tiefen schwebt, dessen -Flügel in alle Weiten strebt, der tief das Glück und die Sehnsucht -eines freien Sonnentages spürt. -- - -Die Straße ins Muldental hinab fliegt das Rad, daß ein Jauchzen aus -der Brust wie ein lachender, springender Brunnen emporsteigt. Halli -und Hallo! Die Sommerwelt ist mein, die rechts und links an mir -vorüberstürmt, die grünen Hänge, die saftigen Wiesen und dort der -rauschende Fluß im tiefen Grunde, mit seinen weißen Schaumflocken auf -dunklem, sprudelndem Wasser. Die Heimat ist mein, denn meine Seele ist -ihr offen, sie ist mein, denn sie gibt sich mir, weil ihrem Zauber -und ihrer Wesensinnigkeit sich meine Seele gibt. Jenseits geht es -steil bergauf. Steinig und heiß ist der Pfad, das Geröll rutscht unter -dem Fuß, und die glimmerblinkenden Gneisplatten flimmern wie Silber. -Auf dieser jähen Straße zogen schon die wilden Haufen der Schweden -und Kaiserlichen einher, die Grenadiere des Alten Fritz und das Heer -Napoleons. Kanonen und Packwagen sind unter Fluchen der Soldaten und -Keuchen und Schnauben der Rosse mit vielfachem Vorspann, mit Seilen und -Hebeln den steilen Hang mit seinen glatten Felsplatten hinaufgezogen. -Manch wilde Verwünschung und grimmiges Wort, manch sauren Schweiß hat -dieser Weg gekostet. -- Wie stille ist es heute hier! Es knistert -leise das Rad. Geröll löst sich unter dem Fuß. Rötlich blüht schon das -Heidekraut in dichten Polstern am Wege. - -Auf der Höhe schöpft die Brust tief Atem und dann wandern die Augen -hinab ins tiefe grüne Tal, wo die Mulde schäumt, und dort nach den -Höhen, wo die Halden und Bergwerke, Alt-Freibergs Wahrzeichen und -Hünenmale des Bergbaues, sich türmen, und weit in die blaue Ferne, -wo die duftigen Linien der Berge in unendlicher Zartheit sich am -Horizonte dehnen. Doch nun wieder vorwärts, dem Walde entgegen, in -dessen grünem Meere ich untertauchen will. Über breiten Höhenrücken -geht die Fahrt. Die Felder reifen der Ernte entgegen. Wie lange noch, -dann klingt die Sense und die Pracht sinkt vor dem Schnitter dahin. -- -Hast du Frucht gebracht? -- -- - -Die Vogelbeerbäume schmücken sich schon mit roten Beeren. Wie lange -noch, und die Drosseln ziehen, die Beeren fallen und liegen wie -Blutstropfen am Straßenrande. -- Blutstropfen! -- Wieviel Blut mag -auf dieser Heeresstraße sächsischen Schicksals geflossen, am Wegrande -versickert, vom Regen verwaschen sein? Tropfen am Wege, verronnen, -vergessen, vom Baume des Lebens blutrot geschüttelt, zertreten, -verloren im Staube -- Menschenschicksal, wie dunkel ist dein Lauf, aus -Dunkel kommend, im Dunkel vergehend, rote Beeren nur hie und da im -Staube deiner Straße! -- -- - -Drüben am Höhenrande des Horizontes steigen die Häuser von Konradsdorf -bergaufwärts, und der Kirchturm ragt spitz über die gelagerten -niedrigen Dächer, weithin als Landmarke die Gegend beherrschend. Wie -friedlich und still das Bild, der Blick über die fruchtbaren Breiten, -und doch, wieviel Stürme sind darüber hingebraust. Alte Kunde erzählt -von Konradsdorf aus dem Jahre 1632: »Den 16. April eben dieses Jahrs, -morgens um 5 Uhr, da Kaiserliche Völker eingefallen, ist Nikol Kirbach -von zwei Kroaten niedergesäbelt worden. Um eben diese Zeit haben auch -die Kaiserlichen Kroaten die Kirche allhier erbrochen, was darein -geflüchtet ermordet, den silbern Kelch und 100 Fl. mitgenommen, wobey -Pfarr und Schulmeister beynahe das Leben eingebüßt, davon man die -Spuren in der Kirchthüre noch findet.« - -Die Kirche zu Hilbersdorf dort drüben, dessen Flur an unsere Straße -grenzt, wurde 1639 von den Schweden unter Banner eingeäschert und Mord -und Blut war in seiner stillen Dorfstraße. - -Menschenschicksal, Völkerschicksal, wie geht ihre Straße über lichte -Höhe und dunkle Täler, durch Sonne und tiefe Schatten! Rote Beeren am -Straßenrand, deuten sie Freude, deuten sie Leid? -- - -Herbstmahnung, Schicksalsmahnung, Sommerwende leuchten uns die roten -Beeren am Wege, am Baume im Laube, das hie und da leise vergilbt, im -Staube, der ihr brennendes Leben mit Asche bestreut. Wie lange noch, -dann klirrt der Frost, dann schnaubt der Schnee in mächtigen Wehen und -Wirbeln gleich wilden weißen Rossen über die starren Felder und kahlen -Höhen und hinter ihnen der eisige Ost mit scharfen Peitschenschlägen. -- - -Wohl dem, der eine Heimat hat! -- - -Doch heute weht ein süßer Duft wie Honig herüber. Ein blühendes -Kleefeld strömt des Sommers ganze Lieblichkeit in Duft und Farbe in die -blaue Luft. Ich steige vom Rade und lausche dem Liede des glühenden, -blühenden Klees. Millionen von Bienen und anderen Insekten singen und -summen in dem purpurnen Blütenmeer ihr Lebenslied und taumeln von Kelch -zu Kelch. Als klänge ein seliger Harfenton dem Sommer und der Sonne -entgegen, voll gesättigt vom süßen Drange des Lebens und Blühens. -Schwer und wonnig steigt der Duft des Feldes empor, und ich trinke ihn -mit tiefen Zügen, als wäre es ein alter, köstlicher Wein. Ein purpurner -Teppich aus Duft und Licht, Farbe und Leben gewoben, auf dem nur die -Sonnenstrahlen mit leichten, schwebenden Füßen dahingleiten dürfen. Ein -Teppich, wie ein dunkler purpurner Orgelton, den der Sommerwind leise -dahinträgt, daß die Herzen stille werden. Als ob das heilige Herz der -Mutter Erde unter ihnen schlägt, so geht geheimnisvolles Leben durch -die Millionen Blütenköpfe, ein Beben, ein Atmen auf und nieder -- o du -Heimatflur! -- - -Und dort das Ährenfeld neigt schon die Halme. Der Wind geht drüber hin -in flüsternden Wellen. Die Lerchen steigen empor in die flimmernde Luft -und taumeln selig der Sonne entgegen als gäbe es keine Erdenschwere und -hätte ihre singende Seele dort oben den Weg zur Heimat gefunden. -- - -Dort drüben grüßt in breiten Wogen das grüne Meer des Tharandter -Waldes. Mein Rad fliegt wie ein Vogel hinab ins Bobritzschtal. Sanfter -sind die Hänge hier als im Muldentale. Malerische Höfe und Häuschen -klimmen auf und ab, drängen sich am Bach und drücken sich in die -Talwinkel. Naundorf ist es, dessen Kirchturm auf der Höhe wie ein Hirte -über seine Herde wacht. Die Straße führt talaufwärts am Bach entlang. -Die Wellen hüpfen mit Murmeln und Plaudern über die runden Steine, und -flinke Forellen schießen blitzschnell daher. Einst war dieser köstliche -Fisch so häufig hier, wie ein altes Naundorfer Kind erzählt, daß für -wenige Groschen eine ganze Schüssel voll im Fuhrmannsgasthof an der -Straße geliefert wurde. Heute mag wohl kaum ein Fuhrmann mehr Forellen -dort essen wie in der alten, stillen, einfältigen Zeit, als es noch -zufriedene Menschen gab. - -Ein Seitenweg führt von der Dorfstraße am Hange aufwärts zur Kirche, -die seit Jahrhunderten inmitten des Gottesackers von hier über die -Dächer und Höfe der Gemeinde herniederschaut. Eine Mauer umschließt -den Friedhof, und hohe Bäume überschatten den Eingang. Vogellied -aus den dichten grünen, lichtdurchfunkelten Zweigen, Choralgesang -und Orgelklang aus der Kirche vereinen sich zu einer stimmungsvollen -Sonntagsharmonie, als ginge leise mit uns über die stillen, grünen -Gräber mit schwebendem Schritte der Frieden suchender, findender, -erlöster Seelen und segnete uns. Ein Gottesdienst in Einsamkeit still -neben der Kirche kann feierlicher, kann tiefer und gehaltvoller wirken -als in der Gemeinschaft einer gefüllten, aber doch »leeren« Kirche. Die -einsam grüne Stätte mit ihrem Lobgesang aus der Höhe und aus der Nähe -war uns ein Gotteswinkel stiller, tiefer Andachts- und Feiergedanken -von weltfreier Entrücktheit. -- -- -- - -An der Friedhofsmauer stehen ein paar alte verwitterte Grabsteine in -barocken Formen mit verwischten, fast unleserlichen Schriftzügen, -grünlich angeflogen und von grauen Flechten hie und da betupft. Die -Urenkel derer, die sie nennen, sind längst zu Staub geworden. Wie -stumme Prediger der Vergänglichkeit lehnen die alten Steine dort an -der Mauer und fragen dich: Wer bist denn du?! -- Der Staub zu deinen -Füßen, auf dem du stehst, atmete einst, liebte einst, lachte einst wie -du! Wer bist denn du?! -- Sinnend betrachten wir den schlichten, etwas -nüchternen Kirchenbau aus dem Jahre 1783 mit seinem holzbeschlagenen -Turmaufbau, gekrönt von spitzer achteckiger Haube. Wievielen werden die -Glocken dort oben noch zum letzten Gange läuten? -- - -An der Südseite der Kirche ist ein alter Grabstein eingemauert, der -ein Denkmal ganz eigener Art ist, und ein schönes Zeugnis dafür, daß -die Gedanken des Heimatschutzes und der Denkmalpflege nicht etwa -etwas künstlich Gezüchtetes, Literarisches, sentimental ins Volk -Hineingetragenes sind, sondern aus dem Verlangen und der Seele unseres -Volkes mit ursprünglicher Gewalt hervorgegangen sind und seinem -tiefsten Empfinden entsprechen. - -Der Stein ist über 200 Jahre älter als die jetzige Kirche und wurde -beim Neubau der Kirche 1783 in die Mauer an geschützter Stelle -eingelassen, um ihn vor Vernichtung zu bewahren. Dem wackeren Fuhrmann -Melchior Heber, der im Jahre 1580 starb, ist er gewidmet. Seine -Ururenkel haben den Stein erneuert, ein späterer Enkel hat ihn in die -Wand der neuen Kirche gesetzt, und heute liegen die Urenkel jenes -Nachfahren in Gräbern unter jenem Stein des alten Melchior Heber, und -ein junges Geschlecht des alten Namens und Blutes wirkt im Heimatdorfe -seiner bäuerlichen Ahnen heute noch, festgewurzelt im heimischen Boden -seit Jahrhunderten. - -Der Stein stellt in seinem oberen Teil den alten Melchior dar in der -Tracht seiner Zeit betend vor dem Bilde des Gekreuzigten knieend. Als -unterer Abschluß der Platte ist der starke Fuhrmannsfrachtwagen im -Relief abgebildet, mit hochgespanntem, rundem Plane überdeckt und sechs -starken Pferden als Bespannung. Die Inschrift lautet: - - »Im Leben hatte ich an fahren mein Vergnügen - Und fuhr an diesen bald und bald an jenen Ort, - Im Tode spannt ich aus und ließ alles fahren liegen - Und fuhr andern Seelen nach in sichren Himmelsport. - -Anno 1580. Den 11. Tagk Aprillis um 6 Uhr Nachmitt, den Montag ~Quasi -modo geniti~ ist der Ehrsame Melchior Heber in Gott selig entschlafen. -D. G. G. Seines Alters 60 Jahr.« Auf dem Stein finden sich noch -folgende Nachrichten eingemeißelt: »Diesen Stein hat Georg Heber -seinem Groß-Groß-Väter zum Andenken renoviren lassen den 10. Juli -1743.« Und weiter: »Dies Denkmahl lüß bei dem neuen Kirchenbau seinem -Ur-Ur-Großvater zu Ehren abermals erneuern Karl Gottlob Heber 1783.« -Treuer Familiensinn hat so ein Denkmal von kulturgeschichtlichem Werte -bewahrt in seiner treuherzigen Schlichtheit und biederen Berufsfreude, -wie es wohl einzigartig ist, namentlich wenn man bedenkt, daß heute -noch nach rd. 350 Jahren die bäuerlichen Enkel seine Denkmalpfleger auf -dem kleinen Dorffriedhofe sind. - -Wir nehmen Abschied und lenken wieder der Dorfstraße zu. Die -zahlreichen Gänse, Enten und Hühner auf der Straße sind dem Rade -nicht gewogen. Mit Flattern, Fauchen und Geschrei entrüsten -sie sich oder suchen durch ängstliches Hin- und Herlaufen dem -allzuraschen, gefürchteten Feinde zu entkommen. Heil uns, daß wir -ohne unfreiwillige Tötung eines »Rassehuhnes« -- überfahrene Hühner -sind immer »Rassehühner« -- am Ausgange des Dorfes anlangen. Dort -macht die Bobritzsch eine starke Krümmung, fast im rechten Winkel. Ein -stattlicher Hof liegt im Winkel und mächtige, alte Bäume beschatten -den Platz. Dort mündet der Colmnitzbach, und eine Brücke führt über -die Bobritzsch, von der aus du in das Strudeln der klaren Wasser -hinabschauen kannst, die goldbraunen und grünen Steine siehst, an denen -die Forellen stehen oder blitzschnell vorbeihuschen, wo du die ganze -Lieblichkeit dieses stillen Winkels mit seinem Wasserrauschen und -Vogelsang unter grünem Blätterdach empfinden kannst. Wie Sonntag, durch -den leise der Glockenton der Andacht klingt, liegt es immer hier unter -sonnenstrahlendurchflochtener Laubkuppel. -- - -Auf schmalem Wege über dem breiten Wiesengrunde des Colmnitzbaches geht -es aufwärts. Wie ein leuchtend grüner Teppich ist der Grund zwischen -die Hänge eingespannt. Doch bald verwahren uns hohe, dichte Hecken den -Blick auf diese grüne Herrlichkeit. Zwei Höfe am Hange liegen vor uns, -die Gippenhäuser. Das Gebell des wackeren Spitz an der Hütte und sein -wildes Umherrasen an rasselnder Kette zeigt, unter wie guter Hut die -stillen, einsamen Häuser stehen. Eine bleiche Dame sitzt dort drüben -am Wiesenrande, ein Kind spielt in der Nähe und trägt ihr duftende -Blumen herzu. Sommerfrischler! Ja, hier könnt ihr gesunden und wie -Joseph Viktor von Scheffel, der leider Halbvergessene und doch so echt -deutsche Mann, in seinen Bergpsalmen singen und sagen: - - »Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden, - Hier magst du gesunden, - Hier magst du die ehrlich empfangenen Wunden - Ausheilen in friedsamer Stille.« - -Zwischen duftendem, rauschendem Wald und saftgrüner, blumiger Wiese, -in der die Margareten mit weißen Sternen leuchten, fern vom Staub der -Straßen der Welt, den Blick auf sanft geschwungene edle Höhenlinien, -abgeschlossen doch nicht eingeschlossen, so recht ein Ort friedsamer -Stille! -- - -Friedsame Stille? -- Ich denke eines kalten stürmischen Herbstes im -Jahre 1697. Der Schnee hatte schon kalt und naß über die Stoppeln -gefegt. Es war ein Wetter, wo man näher an den Ofen rückt, in dem die -Scheite knacken und knistern. Ein Wetter, bei dem im Felde nicht viel -zu tun ist, und Großmutter vielleicht die Bibel vom Bortbrett nimmt, -die große Hornbrille aufsetzt und langsam liest die Geschichte vom -barmherzigen Samariter: Wie der Mensch unter die Mörder fiel, und sie -schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Und da der -Priester ihn sah, ging er vorüber, desgleichen auch ein Levit, sah ihn -und ging vorüber. Da der Samariter ihn sah, »jammerte ihn sein, ging -zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Öl und Wein und hob ihn -auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein.« - -Sie las just diesen Vers, da kam der Sohn herein, schüttelte den nassen -Schnee ab, stampfte mit den schmutzigen Schuhen und rief: »Draußen -auf dem Acker oben am Walde steht ein fremder, mit Stroh belegter -Leiterschlitten und drinnen liegt verlassen ein armer, todkranker -Mann! Er kann kaum mehr sprechen. Ich habe es gleich dem Gutsherrn -und dem Pfarrer gemeldet. Sie werden schon sorgen, mich gehts nichts -weiter an. Gib mir meine warme Suppe, es ist ein Wetter, um keinen Hund -hinauszujagen.« -- »Ach der arme Mann! Nur gut, daß du so gescheit -warst, das gleich zu melden, sonst hätten wir am Ende noch allerlei -Umstände bei dem schlimmen Wetter. Man weiß doch nie, was das für Leute -sind! Es ist schon besser, das macht der Pfarrer!« -- - -Der Gutsherr und Pfarrer waren nicht sehr erbaut gewesen von der -Nachricht. Und dazu das schlechte Wetter! Was tun? -- Sie riefen -den Ortsdiener und schickten ihn zum Kranken auf dem Acker oben am -Walde, um zu eruieren und zu konstatieren, wer er sei, wie er dorthin -komme, wer ihn dorthin gebracht, und ob sie vielleicht gar nicht etwa -zuständig seien, in dieser Sache etwas zu befinden. -- Der Kranke -konnte nicht mehr sprechen, so die Nachricht des Ortsdieners! Das war -ein schwieriger Fall! Verlegen saßen das geistliche und weltliche Haupt -des Dorfes und kratzten sich bei dieser Nachricht hinter den Ohren: -»Vielleicht würde dieser fremde, ganz unbekannte, nicht ortsansässige -Mensch gar auf der Gemeindeflur sterben wollen! Das wäre ein höchst -unangenehmes Vorhaben und gegen die Gemeinde wenig rücksichtvoll, denn -sie hätte davon Kosten und Scherereien! Ihn ins Dorf holen? Nein! Wer -soll ihn aufnehmen?« Sie grübelten über diesen Fall, bis die frühe -Finsternis kam, und hatten dann einen bauernschlauen Einfall. Sie -schickten zwei Wächter zum verlassenen Sterbenden hinauf, »daß ihm kein -Unheil zustieße«, die ihre eigentliche Aufgabe aber verständnisinnig -wohl erfaßt hatten und bei Sturm und Regen den Schlitten mit dem -Todkranken von der Gemeindeflur fort in den Tharandter Wald, auf -kurfürstl. Grund und Boden, brachten. Um Mitternacht starb der arme -Mensch 12 Ellen von der Grenze entfernt auf kurfürstlichem Gebiete. -Am nächsten Tage, den 22. September, wurde Bericht an das Amt in -Grillenburg erstattet, daß auf kurfürstlichem Gebiete ein Mensch -verstorben sei, und um Bescheid gebeten. Dieser fiel zunächst dahin -aus, daß ihnen bedeutet wurde, »wie ihnen aus christlicher Liebe wohl -zugestanden hätte, den todtkranken Mann, welcher ihrem Anführen nach -wenig oder gar nichts am Leibe habe, in eine warme Stube zu bringen -und sein zu pflegen, nicht aber ihn in der Kälte liegen zu lassen und -auf seinen Tod zu warten. Die Leiche sei einstweilen zu bewahren.« -Bei den weiteren Nachforschungen des Amtes wollte zunächst niemand -davon wissen, wie der Kranke auf das Feld gekommen. Durch Peter Henker -zu Fördergersdorf stellte sich indes heraus, wie ihm Jakob Kirsten -zu Herzogswalde berichtet, daß am 19. September die Colmnitzer einen -halbtoten Mann auf einem Schlitten vor ihre Kirche gebracht und -daselbst stehengelassen haben; die Herzogswalder hätten ihn darauf -wieder nach Colmnitz gebracht. Der Colmnitzer Richter gestand nun zu, -daß die Niederbobritzscher den Mann mittelst Fuhre zu ihm, dem Richter -gebracht; da er aber abwesend gewesen, so habe, ohne sein Geheiß, -Andreas Bormann daselbst ihn nach Herzogswalde weggeführt. - -Es war ein armer Schuster aus Naumburg, der kurz vorher in Tharandt in -Arbeit gestanden hatte. -- Regierung zu Dresden und Amt zu Grillenburg -ordneten nun unter Ermahnungen zu mehr christlicher Liebe an, daß der -Körper des Verstorbenen auf Colmnitzer Flur gebracht, ein Sarg von den -Colmnitzern angefertigt werde und die Beerdigung in Colmnitz erfolgen -solle. So hatte endlich ein armer, müder Erdenpilger, dem in drei -Dörfern keine Stätte zum Sterben in friedsamer Stille gegönnt wurde, -seine letzte Ruhe gefunden. -- -- - -Wie heißt es doch im Gleichnis? »und gingen davon und ließen ihn -halbtot liegen. Und da der Priester ihn sah, ging er vorüber, -desgleichen auch ein Levit, sah ihn und ging vorüber!« Jawohl, die -harten Herzen aus dem Gleichnis waren hier in der Wirklichkeit alle da, -wo aber war der barmherzige Samariter? Drei Dörfer am Tharandter Walde -und kein barmherziger Samariter darin! -- Über 200 Jahre ist diese -Geschichte her. Ob es heute mehr Barmherzigkeit an der Straße gibt? -Ach, unserem Volke ist Liebe so bitter not! -- »Friedsame Stille!« Wo -findet man sie, wenn man nicht Raum dafür im eigenen Herzen hat? Wir -schauen noch einmal zurück in das weite, weiche, von Sommer gesegnete -Land, wo soviel Unfriede und Unbarmherzigkeit wohnt, und tauchen dann -ein in den herrlichen Wald, dies grüne Kleinod zwischen Freiberg und -Dresden, den Tharandter Wald. Wie viele Stunden tiefster Freude danke -ich dir, du deutscher Wald und deinen stillen Wundern, wenn draußen das -Leben trübe und schwer und drinnen das Herz trübe und schwer ward. - - »Wer einmal diesen Jungbrunn’ fand, - Der schöpft aus keinem andern! - Denn das ist deutschen Waldes Kraft, - Daß er kein Siechtum leidet, - Und alles, was gebrestenhaft, - Aus Leib und Seele scheidet. - Daß ich wieder singen und jauchzen kann, - Daß alle Lieder geraten, - Verdank ich nur dem Streifen im Tann, - Den stillen Hochwaldpfaden.« - - (Scheffel, Aventiure.) - -Solch ein stiller Hochwaldpfad, über den die knorrigen Wurzeln laufen, -führt mich in die harzduftige grüne Tiefe, und ein Singen und Jauchzen -geht mir durch die Seele, doch es schweigen meine Lippen, und leise -ist mein Gang. Es ist mir, als ob meine Seele in dem Vogel wäre dort -oben auf der höchsten Spitze jener stolzen Fichte. Sein Lied steigt -jubelnd empor, da leuchtet der Himmel noch blauer, der grüne Tann wird -hundertmal grüner als sonst, die Luft wird luftiger, klarer, der Duft -des Waldes wird stärker, herbsüßer und, was von Schleiern und Düsternis -in mir war, sinkt hernieder, als wären alle Rätsel und Fragen in Licht -und Klarheit gelöst und überwunden. Es schweigen meine Lippen und leise -ist mein Gang. Nur ab und zu knistern die Nadeln oder ein Ästlein unter -den Reifen des Rades, welches ich führe. - -»Willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an,« das -gilt auch vom Walde, dessen Seele man nur findet, wenn leise unsere -Seele sich an seine schmiegt. Dann öffnen sich uns seine grüngoldnen -Augen und schauen uns an voll unergründlicher Tiefe, dann spricht -sein Mund im geheimnisvollen Raunen, und wir hören im stundenlangen -leisen Wipfelrauschen, wie des Waldes Seele mit uns spricht und -ihre Wunder uns offenbart. Und wenn der Sturm in den Zweigen und -Ästen wühlt und sein urgewaltiges brausendes Lied durch die bebenden -Wipfel wie Meereswogen sich stürzt und schäumt, dann fühlen wir unser -tiefstes Inneres mit gepackt, geschüttelt, erschüttert, und alles -Kleine schwindet, alles Welke wird abgerissen, alles Dürre wird -geknickt. Willst du des Waldes Wunder lernen, dann darfst du nur -lauschen, schauen und vergessen, was draußen ist, mußt du deiner selbst -vergessen. Was er dir zeigt und sagt, was er dann deiner Seele gibt, -das wird dich reich und froh machen. Der Wald ist dein geworden, weil -er dir seine tiefsten Geheimnisse gab und du seiner wundersamen Kräfte -kund wurdest. -- - -Eine im Sonnenschein flimmernde Blöße öffnet sich. Ein kräftiger, -warmer Harzduft steigt empor und füllt die Brust, als sollten die -Lungen besonders in Waldeskraft gebadet werden, und in tiefen Zügen -atmen wir den starken Duft wie einen köstlichen Trank. Die Grillen -zirpen ihr heißes Sonnenlied, und über den Halmen und Spitzen der -Schonung zittert die Luft, als wäre sie durch das schwirrende, wie in -Wellen flirrende unendliche Grillenlied zum Schwingen gebracht. -- -Ein Blick in die Weite auf blauferne Höhenlinien, dann ein dunkler, -grüner, kurzer Waldpfad, und plötzlich gibt es mir einen Riß durch -die Seele. Wie eine ungeheure rote, offene Wunde in der Felsenflanke -des Berghanges liegt es vor mir, von rauher, rücksichtsloser Hand -geschlagen, dort eine Schutthalde von kleingeschlagenem Porphyrgestein, -daß aus dem Abhange herausgeschlagen und gesprengt ist. Hier hatte ein -Steinbrecher mit gierigen Zähnen gearbeitet. Und weiter strecken sich -Schienen eines Bahnneubaues, der sich mitten durch eine Felsengruppe -voll malerischer Wucht eine klaffende Lücke gebrochen hat. - -Bitterkeit steigt dir auf, daß Schönheit und Friede nicht mehr heilig -sind, sondern wehrlos -- das Zarte und Edle, das Tiefe und Heilige ist -ja immer wehrlos -- der Rücksichtslosigkeit und ehernen Notwendigkeit -unterliegen müssen! Schillers Nänie klingt schmerzvoll durch die Seele: - - »Auch das Schöne muß sterben. - Siehe, da weinen die Götter, - Es weinen die Göttinnen alle, - Daß das Schöne vergeht, - Daß das Vollkommene stirbt.« - -Der Blick senkt sich rechts durch die Stämme und über schwankende -Wipfel und wiegende Fichtenspitzen hinab in einen Talgrund wie in -einen Trostgrund, der noch als ein stilles Märchenland des Friedens -und der Schönheit grün heraufleuchtet. Es ist das Tännichttal. -Wir blicken mit frohem, innerem Glücksgefühl hinab, denn durch -die Arbeit des Heimatschutzes wird es uns in seiner unberührten -taufrischen Lieblichkeit erhalten bleiben und noch viele stille -Wanderer entzücken. Die tiefmelodischen Stimmen der wilden Tauben, -des Pirols Flötenrufe und der Finken schmetternder Schlag, und alle -die anderen tausend Stimmen des Waldes werden nicht verstummen vor -lärmender Industriearbeit, Kreischen von Maschinen und Knirschen und -Rasseln der Steinbrecher. Die malerischen Felsklippen, die wie Türme -und Mauern aus den grünen Wipfeln und Wogen des Waldes emporsteigen, -sollen noch länger ihre trotzigen Stirnen dem Wind und der Sonne stolz -entgegenheben. - -Dort unten blitzen die Wellen des Colmnitzbaches aus dem Smaragdgrün -des Wiesenbodens herauf. Er kommt weit von draußen her, aus der -waldarmen Gegend, um hier zwischen Wald und Felsen seines Daseins -schönste Strecke zu durchlaufen. Wie die anderen Bäche der Freiberger -Gegend hat er sich schon draußen ein tiefes Bett gegraben und -windet sich in vielen Krümmungen durch die hügelige Landschaft. -Die begleitenden Höhenkuppen des Gneismassivs von breitgelagerter -rundlicher Art, welche mit ihren langen, schöngeschwungenen Linien -ungeheuren Wogen gleichen, haben an der Quelle 500 Meter, an der -Mündung in die Bobritzsch rund 400 Meter Höhe. Draußen im freien -Lande haben sich im Colmnitzbachtale in der langgestreckten, dem -Wasserlaufe folgenden Siedlungsweise des Kolonistendorfes die -Dörfer Pretzschendorf, Ober- und Niedercolmnitz angesiedelt. Ihre -Wiesen und Felder mit ihren besonderen Reizen von Saat, Ernte und -Wiesenduft geben der ganzen weiten Gegend draußen einen ausgesprochen -landwirtschaftlichen Charakter, aber auch mit ihrer ausgesprochenen -Kahlheit, welche außer den Bäumen an den Straßen, am murmelnden Bach -und in den Gärten des Dorfes kaum einen Baum duldet, der nur der -Schönheit, nicht aber besonders dem Nutzen dient. Nur hie und da -krönt irgendeine ferne Kuppe ein einzelner Baum mit mächtigem Wipfel -und verstärkt das Gefühl der Weite und Freiheit, der Ruhe und Größe -der Landschaft. Fünf Sechstel seines Laufes hat so der Colmnitzbach -kahles Gelände durchströmt, bis er hier im waldigen, engen, malerischen -Tännichttal sich heimfindet zu Bergeshang mit dunklen Fichten, zu -Wiesengründen mit leuchtendem Grün. Der schluchtartige Charakter -dieses Tales mit seinen steilen, bewaldeten Abhängen im Gegensatz zu -den sanfteren Hügelwogen des freien Landes, ist überraschend und gibt -malerische Bilder, gleichviel, ob man von oben hineinschaut in die -saftigen Gründe einer stillen smaragdenen Märchenwelt, oder ob man -von unten zu den Höhen hinaufschaut, die mit ihren Wänden einzelne -Kessel abschließen und bei einer neuen Krümmung neue Bilder friedsamer -Stille öffnen. Der Talboden hat nur fünfzig bis sechzig Meter Breite. -Die anschließenden steilen Hänge steigen rund 100 Meter auf, zum -Teil mit hohen Felswänden, Zacken und ragenden roten Porphyrklippen, -die wie zinnengekrönte Burgmauern aufsteigen. Dieser schluchtartige -Charakter des Tales im Gegensatze zur breiten Landschaft draußen, ist -das Ergebnis urgewaltiger Kräfte aus der Werdezeit unserer Erde und -des Wirkens von Jahrmillionen der Arbeit des Wassers und des Wetters, -und ist insofern ein Naturdenkmal von besonderer Bedeutung für die -Freiberger Gegend. - -Das flachgeschichtete, im Laufe der Jahrmillionen rundlich -abgeschliffene Urgebirge des Gneises der Freiberger Landschaft ist hier -mit ungeheurer vulkanischer Gewalt vom Porphyr durchbrochen. Durch -die Gneisüberlagerungen und das harte Porphyrmassiv hat sich der Bach -hindurchgenagt und die schmale Talenge hineingefressen. Dort drüben, -mitten in dieser malerischen Talenge, an ihrem schönsten Punkte, ragen -die zackigen Spitzen und Kämme der gewaltigen roten Porphyrklippen -in den blauen Himmel vom grünen Waldhange empor, die Diebskammer. -Diese Felsgruppe ist die Krönung der Schönheit des ganzen Tales, das -urgewaltige, zu Stein erstarrte Denkmal gigantischer, aus der Tiefe -emporglutender Naturkräfte. Wir stellen das Rad in das Dickicht und -klettern näher heran durch Fichtengezweig und Ginstergestrüpp, die -trotzigen Zacken zu betrachten. Da sehen wir und erleben es fast an -der eigenartigen Faltung und Schichtung des Gesteins, wie einst in -ungeheuren Wehen und Ringen lebendiger Kräfte die Massen emporstiegen, -sich zusammenpreßten und neigten, sich kristallisierten und zu -besonderer Lagerung und Schichtung versteinten. - -Das Tännichttal streicht von Osten nach Westen. Die Strahlen der -Morgensonne und das rote Licht des untergehenden Tagesgestirnes läßt -die roten Klippen in feuriger Glut aufleuchten, als wären sie von -innerem Feuer durchglüht und wollten zu neuem vulkanischem Leben -erwachen. Ein Naturdenkmal ist dieses Tal mit seiner Felsengruppe, -das im geologischen Anschauungsunterricht für jedermann von der Natur -selbst unübertrefflich dargeboten ist und zu uns redet vom Werden -unserer Erde, Heimat und Landschaft mit deutlicherer Zunge als Bücher, -die das Volk nicht liest, als Gelehrte, die das Volk nicht hört, -als Weisheit, die in den Hörsälen oder bei den Spezialisten bleibt. -Es tut einen Dienst an der deutschen Seele, wer für diese Werte der -deutschen Natur und Heimat kämpft, ein Kampf für die deutsche Seele und -ihre Rechte an der Heimat, ein Kampf für die Seele der Heimat gegen -kalte, harte Seelenlosigkeit der Ausbeutung. Unser Volk hat ein Recht -darauf, daß diese Naturdenkmäler, die Eigenart und besondere Schönheit -der Heimat geschützt und ihm und der Nachwelt ungeschmälert erhalten -bleiben und nicht der Ausbeutung einiger Nurgeldmänner überlassen -werden. Das was der Allgemeinheit und der Heimat dienen kann und im -höchsten Sinne zur geistigen und seelischen Förderung dient, darf -niemals käuflich sein, darf niemals nur dem Interesse eines Einzelnen -um materiellen Gewinnes willen ausgeliefert werden, sondern muß -unbedingt als Besitz der Allgemeinheit, als ein Denkmal gehütet und -gepflegt werden. - -Solches unverletzliches, der Allgemeinheit, dem Volke gehöriges -_Naturdenkmal_ wird auch diese Felsengruppe mit dem ganzen Tale sein -und bleiben, bei dessen Anblick und sinnender Betrachtung Tausenden das -Herz aufgehen muß für die Schönheit der Heimat, und das Verständnis und -die Freude wachsen soll an ihrer Seele, an ihrem Leben, Sein und Werden. - -Freibergs Umgebung ist nicht reich an solchen Punkten, wo Wissenschaft -und beseelte Schönheit sich in gleicher Weise vereinen, um den Ort -reizvoll zu machen, und wo als Drittes noch die Sage hinzukommt, -um mit den krausen Ranken der Phantasie und der Erinnerung den Ort -geheimnisvoll zu schmücken. - -Der Lips-Tullian-Felsen dort drüben im Tale ist in unmittelbarer Nähe, -der Felsen, wo der große verruchte Räuber einst hauste. Auch die -Diebskammer hier mag ihm und seinen dunklen Zwecken gedient haben. Die -echte Räuberromantik spinnt ihre bunten Fäden um die zackigen Zinnen -dieser aus grünen Fichten ragenden Räuberburg, die bald wie Blut, -bald wie Gold in der Sonne leuchten, bald wie von Rauch geschwärzt -und Krähen umflogen im Schatten liegen. Lips Tullian, den jeder -im Freiberger Bezirk kennt, denn im mittelalterlichen, grausigen -unterirdischen Gefängnisse des Freiberger Rathauses, wo auch Kunz -von Kaufungen, der Prinzenräuber, schmachtete, mußte er 1715 sein -Todesurteil erwarten. Seine in den Felsen gehauene Zelle, Ketten und -Handschellen werden heute noch gezeigt. - -Lips Tullian war weit und breit gefürchtet, und wenn auch die Sage -manches angedichtet hat, so mag seine »Schreibfeder«, die schwere -Brechstange, manche blutige Seite in seinem Lebensbuch geschrieben -haben. - -Es war zur Fastnacht 1710, da klopfte es um die Mitternachtsstunde beim -Branntweinbrenner Jakob Hähnel in Tuttendorf an die Türe. Eine fremde -Männerstimme bat um etwas Branntwein, um einer unwohl gewordenen Frau -beispringen zu können. Der gutmütige, vertrauensselige Mann öffnete die -Tür. Aber sofort fielen über ihn und sein Weib drei Raubgesellen her, -banden und knebelten sie und mißhandelten sie so hart, daß die Frau ein -Auge einbüßte. Außer anderen Dingen, die ihnen gefielen, raubten sie -42 Taler bar Geld, die der Mann im Keller verwahrt hatte. -- - -Lips Tullian war zu Besuch gewesen. -- -- - -Die unter Georg dem Bärtigen im Jahre 1532 gegründete Schützengilde -in Glashütte besaß, ähnlich wie die Freiberger Schützengilde heute -noch, ehemals einen reichen Kleinodienschatz, den sie in einer großen -schöngeschnitzten Truhe mit kunstreich gearbeitetem Schlosse in der -Sakristei der Stadtkirche aufbewahrte. Das Hauptstück bildete ein -silberner, auf einem Aste ruhender Adler mit Rubinenaugen, der Stolz -der Gilde und Königsschmuck. Eines Tages im Jahre 1710 fand man die -Sakristei und die Truhe erbrochen. Das Kleinod war gestohlen. -- - -Lips Tullian war zu Besuch gewesen. -- -- - -Ein Anschlag auf den Freiberger Silberwagen, der mit den Schätzen -der Münze zwischen Freiberg und Dresden verkehrte, sollte wohl -ein Hauptschlag seines tatenreichen Lebens sein. Im Dickicht des -Tharandter Waldes, vielleicht nicht weit von seinem Schlupfwinkel -hier im Tännicht, wollte er mit seinen Raubgesellen in der Nacht dem -Wagen auflauern. Er hatte eine Schmiede erbrochen und als geeignetes -Werkzeug sich große Hämmer und Bohreisen gestohlen und beim Hinterhalte -vergraben. Vorspringen, den Widerstand niederschlagen, den Wagen -erbrechen und mit dem geraubten Gelde auf den vier schönen Pferden -des Wagens auf und davon, vielleicht ins nahe Böhmerland, das war der -verwegene Plan der Spießgesellen. Doch einer war unter ihnen, dem sie -nicht trauten, den sie fernhalten wollten und der dann aus Rache durch -einen noch erhaltenen Brief ohne Unterschrift den Anschlag verriet. -Auf der Münze hatte er den Brief eingeworfen mit folgendem Wortlaut: -»Lüeber Herr mintzmester ich gebe nachricht das man erfahren hat das -sich reber gesamlet haben in dem walt bey der Hutte bey der nacht den -sielber wagen wolten angreiffen so er mit dem gelte hin wartz füere die -angebung ist von einen Knecht der zuvor bei den silber wagen gewest -ist welcher sich in Freiberg auffhelt die reber halten sich auch in -Freiberg auff sie können in den wertzheusern nachforschen lassen waß -vor fremde sich da aufhalten diese Nachricht ist gewißlich war sie -mugen wol den wagen ohne koeinfoie bey der nacht nicht lassen durch -den walt gen sonst moechten sie alles köbbut machen ich wolte mir wol -selber melten ich kan es nicht recht er weilen ich habe es hinder -wartlich gehoirt und moechte mich auch gefar trohen, - - den 5 Nofemmer 1704.« - -Der Verräter hatte vielleicht selbst den ersten Gedanken dazu gegeben -und den Plan geschmiedet, denn er war, wie er schreibt, als Knecht -»zuvor bei den silber wagen gewest« und kannte daher jede Gewohnheit -und Gelegenheit am besten. - -Man handelte nach dem Ratschlag des Briefes. Durch Stollenarbeiter, -welche dem Wagen weit entgegengeschickt wurden, durch den Förster und -schließlich durch einige Mann Kavallerie wurde der Weg des kostbaren -Silberwagens so stark gesichert, daß der verwegene Lips Tullian seinen -Plan aufgeben mußte. - -Doch auch eines Lips Tullian Verwegenheit und Raubsucht fand ihr -Ende und wohlverdiente Strafe. Er, der starke Räuberhauptmann und -Führer tollkühner wilder Verbrecher, wurde von einem Schneidergesellen -überwunden. Zu Freiberg wars, am 19. September 1710, als Lips Tullian -im Jägerkleide das Erbische Tor durchschritt. Der Torschreiber, -Stadtkorporal Wilde, hielt den fremden, finsteren Gesellen an und -fragte ihn nach seinem Passe. Lips ging frech vorbei und trat in -das große Eckhaus mit den Worten: »Warum die Frage? Alle Wochen -bringe ich Wildbret in die Stadt. Ich bin der Förster des Herrn von -Hartenstein und brauche keinen Paß!« Der Torschreiber eilte ihm in -den dunklen Hausflur nach, doch der Räuber packte ihn und stieß ihm -den Hirschfänger in die Brust, ehe jener noch viel Lärm schlagen -konnte. Doch ein Weber hatte die Untat gesehen und schrie Mord, ein -Schneidergeselle sprang den riesenstarken Mann von hinten an und riß -ihn zu Boden. Nach kurzem, wildem Kampfe war er gebunden und gefangen. -»Freibergs armselige Spießbürger haben Lips Tullian überwältigt!« -brüllte er wie ein Tier in ohnmächtiger, schäumender Wut. Mehr als ein -Jahr saß er dann gefangen in der unterirdischen Zelle des Rathauses, -aus der es kein Entrinnen gab, den stärksten Graden der Folter trotzte -er hier, bis er am 14. November 1711 nach Dresden geschafft und im -Gefängnisse »die Mohrenkammer« angeschmiedet wurde. Drei Fluchtversuche -mißlangen ihm, ehe sein Mut gebrochen war und er seine Schandtaten alle -eingestand. Zwei Tage und eine Nacht dauerten diese Geständnisse voller -Blut und Grauen. Am 8. März 1715 wurde Lips Tullian dann mit seinen -inzwischen auch ergriffenen Spießgesellen Sawberg, Eckold, Schöneck, -Lehmann und Hentzschel in Dresden enthauptet. Ihre Körper wurden aufs -Rad geflochten. -- - -Die Räuberromantik im grünen Walde, die wilden Raubfahrten durch -Nacht und Gebirge, der Schrecken der Dörfer hatten ihr grausiges -Ende gefunden, aber noch immer sind die Stätten seines unheimlichen -Wirkens von einem unbestimmten Grauen umwittert, ein Grauen, daß ein -furchtbares, unheimliches Geschehen ahnt und der geschäftigen Phantasie -so weiten Spielraum gibt. - -Was das Wandern im _Thüringer_ Land so unvergleichlich genußreich und -poetisch macht, ist, daß überall die Gestalten der Sage und Geschichte, -von Poesie und Märchen mit uns wandern und das, was wir schauen, -beleben und verklären. _Sachsen_ ist nicht reich an solchen Stätten, -aus denen uns Sage oder Märchen mit verträumten Augen anschaut und die -Romantik uns grüßt. Sorgfältig müssen wir die wenigen Stätten solcher -Romantik schonen, und wäre es auch nur Räuberromantik, und müssen wir -pflegen, was durch die Phantasie und die Erinnerung des Volkes oder -durch irgendeine halbverschollene Sage sein besonderes Gepräge, seine -besondere Weihe erhielt. Jedes alte Sühne- oder Mordkreuz, um welches -irgendeine dunkle Kunde wie ein Ton aus einem alten, verlorenen, -vergessenen Liede klingt, hat so die Denkmalsweihe erhalten. Das -Gedenken des Volkes schafft erst die rechten Denkmäler. Hier, dem -lieblichen Tännichttal, das durch seine landschaftliche Schönheit -und seine geologische Eigenart schon seine Weihe als Naturdenkmal in -sich trägt, hat das Volk im gesunden, tiefen Empfinden noch diese -besondere geistige Denkmalsweihe der Phantasie gegeben, den Schimmer -der Räuberromantik. -- Eine andere Romantik, die Jugendromantik, vermag -auch das dürftigste Stückchen Erde zu verklären. Von einem ehrwürdigen -Freunde des Heimatschutzes, der hier vor siebzig Jahren jung war, liegt -ein Brief vor, aus dem diese Romantik herausklingt über das Tal wie -das Rauschen von Bach und Bäumen, und die leisen wehmütigen Töne des -Liedes: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir -immerdar.« Er schreibt: - -»An dieses liebliche Stückchen Erde, im besonderen an die über der -›Diebskammer‹ sich aufbauenden Felsenpartien knüpfen sich für mich -die angenehmsten Erinnerungen aus meiner Jugend. Als Naundorfer -Pfarrerssohn habe ich dort von meiner Tertianerzeit an bis in meine -ersten akademischen Semester (1855--1861), in welch letzterem Jahre -nach des Vaters Tode unsere Familie den Ort verlassen mußte, in den -Ferienzeiten zahlreiche glückliche Stunden verlebt. Mit Hilfe eines -mir befreundeten, jungen, für Romantik empfänglichen Lehrers hatte -ich hier in etwa halber Höhe des Felsens ein Plätzchen für längeren -Aufenthalt hergerichtet, einen Felsblock als Tisch, einen anderen -moosbedeckten als Sessel, und in diese durch keine Straße gestörte -Weltabgeschiedenheit flüchtete ich mich so oft wie möglich mit meinen -Freunden aus dem altklassischen Altertume, Homer, Sophokles, Horaz -usw. oder mit unseren deutschen Dichterheroen. Hier beschäftigte ich -mich mit ersten poetischen (richtiger wohl›gereimten‹) Versuchen, -übersetzte ich in das Deutsche einen Teil von Ovids Metamorphosen, -und ich hatte immer die Empfindung, daß mir hier alles leichter von -statten ging. Auch verträumte ich manche Stunde unter dem Rauschen -der Tannen, dem Gesange der damals noch zahlreichen Vogelwelt, -unter dem Murmeln des zwischen saftig grünen Wiesen durch den Grund -fließenden, kristallhellen, von Forellen und Krebsen dicht bevölkerten -Colmnitzbaches. Der Felsen senkte sich winkelförmig in die Erde und -schien in eine Höhle zu führen, die von Steinen verschüttet war, in -deren Geheimnis ich aber nie eingedrungen bin. Ob der berüchtigte, 1715 -in Dresden hingerichtete Lips Tullian auch hier sein Wesen getrieben -hat, weiß ich nicht, wäre aber bei der versteckten Lage der Diebskammer -nicht unmöglich. Es wurde zu meiner Zeit von diesem Tale nur mit einer -gewissen Scheu von den Dorfbewohnern gesprochen. Ich habe seinerzeit -bei den Freiberger Gymnasialspaziergängen, die gewöhnlich über -Niederbobritzsch nach Naundorf führten, nie versäumt, meine Freunde -an diesen meinen Lieblingsort zu führen, ihn auch später ab und zu -aufgesucht.« - -O Klang der Jugendromantik und echter deutscher Träumerei aus dieser -lieblichen Taleinsamkeit heraus, der wie von fernen süßen Glocken noch -durch das Greisenalter tönt! Es klingt wie ein Vers von Mörike: - - »Dämonischer Stille unergründlicher Ruh’ - lauschte mein innerer Sinn. - Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen - Zaubergürtel, o Einsamkeit, fühlt ich - und dachte nur dich!« - -Und dieser Felsen, dieser Ort, die so noch klingen und Tausenden noch -klingen mögen, sollten dem Steinknacker ausgeliefert werden!? Damit -einige geschickte Geschäftemacher gute »Geschäfte tätigen«, sollten die -Felsen zu Straßenschotter verarbeitet werden und allmählich Meißel, -Bohrer und Brechstange sich hineinfressen in die Talwände, bis alles -weggefressen ist, was an Schönheit und höheren Werten Tausenden zur -Freude, Erquickung und inneren Bereicherung diente. - -Wir freuen uns mit dankbarem Herzen, daß diese drohende Gefahr gebannt -ist und schauen mit besonderer Liebe der stillen Stätte des Friedens in -die tiefen Augen und versenken uns ganz in die »Stille unergründlicher -Ruh« der Einsamkeit, des Alleinseins, Geborgenseins vor dem Tosen und -Staub der Welt da draußen. - - »Selig wer im stillen Lauschen - Einsam hier die Waldrast hält, - Wer beim flüsternd stillen Rauschen - Das Getös vergißt der Welt.« - - (Scheffel.) - -Langsam steigen wir nun die Straße in den grünen Talgrund hinab. Hier -ist es zu schön, um auf flüchtigem Rade vorbeizufliegen, hier möchte -man weilen und träumen und warten, ob nicht irgendein liebliches Wunder -geschehen möchte, daß drüben aus dem Waldesdunkel die Elfen auf die -leuchtende Wiese schweben oder daß die Elfenkönigin auf schlankem -weißen Reh aus dem Dickicht kommt, an dir vorüberstreift und aus -wundersamen Märchenaugen dir tief in die Seele schaut, daß du es nimmer -vergessen kannst. - -Dort steht der Fels wie ein Wächter am Wege, dicht am Bach, wo die -Brücke in die Wiese führt. Will er hüten, daß kein Unberufener, kein -Feind hier eindringe? Ist er der Riegel, der die Welt und den Lärm -abschließt vom stillen Lande der Poesie? - - Den Wipfel hoch die Tanne hebt, - Im Winde schwankt die Birke, - Und Gottes goldne Sonne schwebt - Still über dem Bezirke. - Ein harziges Gedüfte - Durchwogt die warmen Lüfte. - - (Scheffel.) - -Wie ein silberner Steg für überirdische Füße schimmert der Bach im Grün -und windet sich durch die saftige Aue, als wollte er diese Stätte nicht -verlassen, sondern immer noch einmal umkehren und bleiben. Einzelne -Baumgruppen von herrlicher Gestalt stehen hier und da mitten in der -Wiese und flüstern ihm zu, und im weichen blauen Dufte dämmern die -fernen Abhänge des Tales. - -Dann fliegt unser Blick noch einmal hinauf zu den Felsschroffen, die -dort oben rot in der Sonne leuchten, aus dem Waldesdunkel schimmernd -emporsteigen. Wir schreiten dann weiter am Wiesenrand im smaragdenen -Grund. Weiß glänzen die Stämme der Birken, jung und frisch, am Wege. -Die Felsen dort oben entwickeln sich beim Rückschauen zu einer langen, -gewaltigen Mauer, die mit schroffen Seiten, scharfen Spitzen und -Kanten, nackt und kahl, nur mit dem bunten Gewande der Farbe bekleidet, -aus dem Walde aufragt. Der Reichtum der Farben, die je nach Beleuchtung -wechseln, je nachdem die Schatten der Wolken den Wald, die Wiese oder -die ernsten Felsenstirnen streifen, gibt dem Bilde einen besonderen -überraschenden Reiz. Wie ein tiefes, tiefes weiches, buntgesticktes -Kissen ist die Wiese mit ihrem Duft und ihren Blumen, in das man sich -hineinschmiegen möchte. Es plaudert der Bach unermüdlich an unserer -Seite mit melodischer Stimme. Birken und Erlen streuen ihren Schatten -mit den zarten Sonnenringeln auf Weg und Wiese und flüstern im weichen -Sommerwinde leise von den alten Geschichten, die hier geschehen, denn -dort drüben ragt aus dem Walde der Lips-Tullian-Felsen, der noch viel -mehr davon weiß und erzählen könnte, daß -- --! Der ist aber ein -rauher, schweigsamer Geselle, der seine Geheimnisse wohl hütet und -das junge Volk der Pflanzen und Bäume raunen und flüstern läßt. In -seine Felsenstirne zogen die Jahrhunderte und Jahrtausende ihre tiefen -Runen. Was ist ihm da noch kurzlebiges Werden und Wachsen, Menschenleid -und Menschentat, was sind da die Geschlechter der Menschen, die hier -vorüberschritten, was ist da Jugend und Alter? Gras, das zu seinen -Füßen wächst, Bäume die an ihm wurzeln und abgehauen werden, wieder -kommen und wieder vergehen in unendlicher Folge! Er schweigt und -läßt die Sagen und Geschichten, welche aus Dickicht und Höhlen und -Löchern hervorkriechen, welche mit geraubtem Golde funkeln und rotes -Blut am Wege zeigen, wie Spukgestalten ihres Weges ziehen, schweben -und zerflattern in Wind und Nebel und dem Rauschen des Waldes, daß -niemand sie fassen mag, sondern die Angst scheu umschaut und nur ein -unnennbares, unbestimmbares Grausen unheimlich um den Felsen mit dem -Namen des Verruchten schleicht. - -Wir wandern weiter und nähern uns dem oberen Ausgange des Tales. Der -Weg steigt wieder an und löst sich vom Talgrund. Unter schönen, alten -Fichten, aus dunklem Schatten hervor, blicken wir weit über die grünen -Gründe, die im Sonnenlichte flimmern, hinaus in die duftige Ferne, -wo blauende Höhenzüge sich zart vom Himmel abzeichnen. Der Bach ist -ein silberner Spiegel im Vordergrunde, in dem sich Wolken und Bäume -spiegeln. - - »Ich steh im Waldesschatten, - Wie an des Lebens Rand, - Die Länder wie dämmernde Matten, - Der Strom wie ein silbern Band.« - -Ein langer Blick dann zurück in das stille Tal Eden, das wir nun -verlassen, und es geht uns durch die Seele ein Klang der Sehnsucht: - - »Du bist Orplid, mein Land, - Das ferne leuchtet!« - -Bald treten wir aus dem Walde auf kahle Höhe mit weitem Fernblick. -Die Sonne brütet heiß, und die Grillen zirpen am Feldrain, wo die -Grasnelken nicken. Dann fliegt das Rad hinab durch steilen, krummen -Hohlweg, zwischen Wiese und Feld in das Dorf Colmnitz, dessen Höfe -sich rechts und links von Bach und Straße, unter Eschen und Birken, -oft in malerischer Lage und Gruppe siedeln. Doch wir sind noch wie -im Traume. Wir achten nicht viel, nicht so wie sonst, auf jedes Haus -und jede Gruppe von Bäumen und Bauten, auf jede Eigenheit der Bauart -oder neckischer Laune, auf Vogel und Blume und die blitzenden Wellen -im Bach. Wir sind im geschäftigen Leben draußen, aber unsere Seele -weilt noch dort drüben im stillen Tale, wo die Welt schweigt; sie -wandert noch auf dem silbernen Steg in den smaragdenen Elfenwiesen, an -derem Rand die dunklen Fichten Märchen träumen, und wo um die Felsen -geheimnisvoll die Sage raunt. - -Colmnitz liegt hinter uns. Von der Höhe schauen wir noch einmal lange -über den weiten Acker, über das Dorf hinweg, das sich mit seinen -Häusern fast versteckt und tief in das Tal duckt. Dort drüben liegt der -Wald in langgestreckten, feierlichen Wogen im blauen Dufte, dort drüben -das Tal, dort drüben -- dort drüben -- - - * * * * * - - »Und meine Seele spannte - Weit ihre Flügel aus!« - - - - -Der Königstein. - - -Eugen Bracht, der große Meister der Farbe und Stimmung, hat ein kleines -Gemälde vom Königstein geschaffen, in welchem mit poetischer Gewalt -die Wucht dieses Felsblockes dargestellt ist. Wie ein ungeheurer Altar -eines überweltlichen Riesengeschlechtes steigt er aus dunkelblauen -Tales- und Waldestiefen in einen wolkenlastenden Gewitterhimmel empor. -Gleich dem Rauch unermeßlicher Opfer ballen sich die Wetterwolken -und ziehen in dunklen Geschwadern am Himmel über ihm. Will Asathor -ausfahren, um Blitze über die Erde zu säen und seinen Donnerhammer -gegen den Felsaltar zu schleudern? Ist es ein Riesendenkmal, in welchem -sich ungeheures Geschehen, eines ganzen Volkes Schicksal, sein Jubel -und sein Jammer, in wuchtiger Form ausprägt? - -Es ist heroische Stimmung, welche uns der Maler in seiner Leidenschaft -der Farbe und Stimmung hier im Bilde erleben läßt, Stimmung, wie er -sie selbst einmal in besonderer Stunde empfunden und mit tiefer Seele -aufgenommen hat. - -Schildern und Emporheben, das Suchen nach der äußeren und das nach -der inneren Wahrheit verschmilzt sich in ihm, wird ihm zum Bild, zum -einheitlichen Ausdruck künstlerischen Erlebens. - -Ja, der Königstein will belauscht, will erlebt sein. In Gewittertagen -und im wonnigen Mai, wenn die Buchen leuchten in seligem Grün, im -weißen Prachtgewande des Winters, der silbernes Geschmeide um die -Herrscherstirne legt, und im goldenen Königsmantel des Herbstes, dessen -schimmernde Schleppe in die Fluten der unaufhaltsam strömenden Elbe -taucht, im Abendrot, wenn in feurigen Gluten Himmel und Erde, Nähe und -Ferne brennen und langsam verglühen, im Nebelgewoge, das die Täler und -Gründe mit weicher, geisterhafter Flut erfüllt, auf dem die Kuppen -und Gipfel schwimmen wie blaue, mit blassen Opalen geschmückte Inseln -auf märchenhaftem unwirklichem, milchweißem Meere, in dunkler weicher -Nacht, wenn droben die unzähligen Sterne ihren schimmernden, ewigen -Reigen durch die Unendlichkeit wandern und im Gebüsch die Leuchtkäfer -als grüne Funken leise ihren kurzen nächtlichen Lebens-, Liebes- und -Sternenreigen ziehen und schweben, während im Walde der Ruf der Eulen -geisterhaft tönt, wie die Klage und der Sehnsuchtsruf armer, verlorener -Seelen nach Erlösung, nach Erhebung aus bitterer Not und Leid. -- - -Um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes. Es ist als ob er eine -Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und genossen -hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie sucht, sich zu -offenbaren weiß. -- - -Wir wollen diese Seele suchen gehen. Vielleicht wird sie sich finden -lassen. -- -- -- - -Durch grünen Buchenwald steigen wir an der Flanke des Berges auf dem -alten, mit Sandsteinblöcken gepflasterten Kanonenweg zur Festung -empor. Weite Ausblicke ins Elbtal und auf die gegenüberliegenden -Abhänge des rechten Ufers und drüben auf die dunklen Schroffen des -Liliensteines, des stolzen Bruders des Königsteins, wechseln mit -dichtem Wald und grünen Wänden von Buchen, Fichten und Gebüsch von -Farnkraut, Heidelbeeren und Brombeergerank. Wuchtige Felsblöcke -recken sich links am Wege hoch aus dem Dickicht, deren einer in einer -Inschrift den Erbauer dieser Straße rühmt. Vom steilen Fahrweg windet -sich dann ein steilerer Fußweg links zur Höhe. Da tauchen graue Mauern -zwischen den Stämmen des Waldes über uns auf. Es sind die Mauern der -»Flesche«, welche als niedrigeres mächtiges Außenwerk wie ein Sporn -weit hervorspringt und das Tor, die Zugangsstraße und die Flanke der -Festung schützt. - -Vor uns leuchtet auf der Höhe des Weges beim Austritt aus dem Walde, -wie ein Saal mit weichem, grünem Teppich die ebene Lichtung einer -köstlichen Wiese, der Louisenwiese, zur Linken von steiler Mauer -umfaßt. Darüber türmen sich wandsteile Felsen und schroffe Quaderwände -zu unersteiglicher Höhe mit Vorsprüngen und Zinnen bewehrt und mit -keckem Turm auf weitausladender Bastion, die Georgenbastion. Und -droben, auf diesem gewaltigen Sockel thront die stolze Georgenburg, -vier Geschosse hoch in die Lüfte ragend, welche die ältesten Teile der -Burganlage umfaßt. Auf breiterer Straße stehen wir dann unmittelbar am -Fuße der senkrechten Felsenmauern, aus denen das Quaderwerk der von -Menschenhand geschichteten Sandsteinblöcke aufwächst. Weit springt -im Rechteck ein gewaltiger Vorbau auf seinem Felsenunterbau hervor, -das Horn, von dem die Seiten und die Zugangsstraßen wie von einem -riesenhaften Turm vom Geschützfeuer bestrichen werden können. Ein -rundes Türmchen mit Kuppeldach, Laterne und spitzem Helme klemmt sich -malerisch in den Winkel des Vorsprunges. Es ist der kleine Seigerturm -mit seiner Stundenglocke von Hans Hilliger in Freiberg aus dem Jahre -1603, welche das kursächsische Wappen und Widmungsinschrift trägt. -Von dort oben schaute einst im Jahre 1698 der Zar Peter der Große -in das wonnige, blühende Land mit seinen Feldern und Dörfern und -reichen Kultur und dachte an sein fernes, wildes Rußland. Er nahm -den Meißel zur Hand und ritzte seinen Namenszug in die innere Wand -des Seigertürmchens zum Gedächtnis dieser Stunde, da er als Gast und -Freund deutscher Art und Kultur hier geweilt. Der junge Goethe ritzte -in begeisterter Stunde so seinen Namen in den Stein des Straßburger -Münsterturmes, ehe er sein Werk begann, eine neue Welt des Geistes zu -schaffen und zu beherrschen, seinem Volke und der Welt zu schenken. Des -jungen Goethe Namen an der Stätte höchster geistiger und künstlerischer -Kraft. Peters Name am Turm der Festung, wo Kraft und Herrschaft sich in -wuchtiger Erscheinung zusammenballen, geritzt, ehe er sein Werk begann, -seinem Rußland neue Welten der Bildung und Kraft zu erschließen, um so -äußere Macht und Herrschaft in wuchtiger Form zusammenzuballen. -- -- - -216 Jahre vergingen. Hindenburg hatte Tannenberg geschlagen. Da zogen -die gefangenen Offiziere der russischen kaiserlichen Eliteregimenter -hier ein und mußten Wohnung nehmen, unfreiwillig, vier Jahre lang und -schauten sehnsüchtig in das wonnige, weite Land und dachten an Freiheit -und das ferne Mütterchen Rußland und standen oft sinnend vor dem -Namenszuge ihres großen Zaren. - -Der große erste Zar, ein Freund der deutschen Kultur, führte sein Land -aufwärts zur Höhe, der kleine, schwache, letzte Zar ein Feind der -deutschen Art, führte sein Land in den Abgrund. Er wollte zermalmen und -wurde zermalmt. - -Die Straße am Fuße der Felsenmauer führt uns über eine Zugbrücke, die -rote Brücke, durch ein offenes Vortor zum eigentlichen Festungstor. -Gut ist die Straße durch Erdwälle geschützt, und einige stolze Pappeln -stehen am Rande wie gewaltige Wächter oder eine königliche Leibgarde. -Durch ein klirrendes, starkes, eisernes Gittertor treten wir auf -einen kleinen Vorhof, von dem unsere Blicke aufwärts fliegen zu den -mächtigen Felsen und Wänden, die uns fast im Halbkreis, wie in einem -Kessel, umschließen. Felsen, aus denen wieder himmelansteigende Gebäude -emporwachsen, die Georgenburg, Streichwehrgebäude und Kommandantenhaus -mit funkelnden Fenstern. Vor uns liegt ein anderes Tor in wuchtigen -Renaissanceformen, mit einem Gorgonenhaupt als Schlußstein, gekrönt -von einer Wappenkartusche mit Königskrone und Waffentrophäen. Der -Festungskommandant und Architekt des Königs August II., des Starken, -Johann von Bodt (1670--1745) hat den Entwurf dazu gezeichnet, der noch -erhalten ist mit dem Handzeichen des Königs und auf dem Architrav die -nicht ausgeführte Inschrift trägt: - - »Konistein bin ich genant - Ein Konig bracht mich in Stand.« - -Wir durchschreiten den gewölbten Torweg und stehen im zweiten, -feuchten, finsteren, engen Hofe, unmittelbar am Fuße der ungeheuren -Mauern. Bedrückend wirken diese aufgetürmten Massen über diesem engen, -verließartigen Kessel, auf dessen Grund kaum ein Sonnenstrahl gelangt. -Eine steile Bohlenrampe steigt aus ihm aufwärts zu dem hochliegenden -Tore einer schwarz gähnenden Tunnelmündung, in der ein starkes -Fallgatter aus eisenbewehrten, spitzigen Pfählen drohend herniederhängt. - -Über diesem Tor mit Dreiecksgiebel und Rüstungstrophäen über den -Eckpilastern ist das Reliefbild Augusts des Starken angebracht, dessen -königliche Baulust auch hier auf dem Königstein sich betätigte. - -In dem finsteren Tunnel, der »Appareille«, geht es steil aufwärts. -Feuchte, kalte Kellerluft weht uns an, als müßten wir in ein -unheimliches Felsverließ hinein. Unsere Schritte hallen wieder von den -gewachsenen Felsenwänden, aus denen dieser Aufgang herausgehauen ist, -hallen wieder von dem schweren Gewölbe, das schwarz über uns lastet. -Als hier die gefangenen Russen 1914 aus lichtem, warmem Tage diesen -unheimlichen schwarzen Gang aufwärts geführt wurden, da wurde auch -mancher tapfere Mann bleich, denn sie glaubten, sie müßten für immer -vom Sonnenlichte scheiden. - -An einem Knickpunkt des Aufganges ist eine mächtige Winde angebracht, -durch welche die Wagen die schiefe Ebene aufwärts gewunden oder -vorsichtig herabgelassen werden. Mag heute auch meistens der -elektrische Aufzug an der Außenwand der Festung diesem Zwecke dienen, -so ist doch diese altertümliche, gewaltige Wagenwinde noch keineswegs -ganz außer Dienst gestellt. Unter der Decke des Aufgangs gewahren wir -hier Schießscharten, von welchen der Aufgang mit Feuer bestrichen -werden kann, so daß dieser Aufgang geradezu zu einer Blut- und -Todesgasse für den Angreifer werden müßte, der hier zu stürmen wagte. - -Da leuchtet uns endlich wieder das Tageslicht, und zwischen den -Felsmauern ansteigend führt uns der gehauene Gang unter freiem Himmel -das letzte Stück aufwärts. Wir sehen grüne Baumkronen hoch über uns im -Winde sich bewegen, hören den jubelnden Sang der Vögel und über die -Mauer hängt ein Fliederbaum seine duftenden Dolden in die kalte, enge -Felsengasse, wie einen Gruß aus Sonnenwärme und Licht. Tief atmen -wir auf und unsere Brust hebt sich dem goldenen Tage entgegen. Die -Hochfläche des Steines, des königlichen Felsens betritt nun unser Fuß, -und es ist uns, als wären wir in einer anderen Welt und Zeit, fern vom -Alltage, über dem Tagesgetriebe und näher der Vergangenheit. - -Im Herzen der Festung befinden wir uns, auf dem Königsplatz, um den -sich die Hauptgebäude gruppieren, Kommandantur und Brunnenhaus, -Magdalenenburg, Kirche, neues Zeughaus und Kommandantenhaus. Kunstreich -gezierte bronzene Kanonenrohre mit Kurwappen und Medaillons, die Monate -darstellend, aus dem Jahre 1686 und andere ähnlich geschmückte aus dem -18. Jahrhundert liegen im Kreise unter den hohen rauschenden Bäumen des -Platzes. - -Unser Weg führt uns dann rings auf dem Wall an den Zinnen und -Brüstungsmauern der Festung entlang, um unsere Wimper erst mal satt -trinken zu lassen von dem goldenen Überfluß der Welt, die sich zu -unseren Füßen breitet, und Erinnerungen steigen auf an Stunden, die -vorüber sind, an Zeiten, Männer und Schicksale ferner Vergangenheit. -Die Steine fangen an zu leben, zu flüstern, und ihr heimliches -Raunen eint sich mit den großen Linien und Rhythmen der Landschaft -ebenso wie mit ihrer wonnigen Lieblichkeit zu unsern Füßen zu einer -einzigartigen Symphonie, der auch dunkle Untertöne und Mißtöne nicht -fehlen. Es mag im Sachsenlande wohl kaum eine Stätte geben, wo die -umfassende Herrlichkeit der Landschaft sich mit Sage und Geschichte zu -so eindringlicher Wirkung verbindet. Es mag kaum eine Stätte geben, -wo neben rauschenden Festen, königlichem Prunk und übersprudelnder -Genußfreude soviel Elend, Verzweiflung, Wut und Schmerzen ihren Weg -zum Himmel suchten, wie hier auf dem Königstein, ein Stein des Fluches -einst für viele und doch ein königlicher Stein. - -Wir stehen an der Friedrichsburg, ursprünglich Christiansburg genannt, -welche 1589--1591 Kurfürst Christian I. durch seinen Architekten -Paul Puchner aus Nürnberg und Hans Irmisch aus Freiberg auf einem -Felsenvorsprung der Nordseite hoch über der Elbe errichten ließ. -Christian I. war es ja, der den Felsen eigentlich erst zu einer -Festung ausbauen ließ. Er ließ 1589 rings den Felsenrand mit starker -Brustwehrmauer versehen und schuf den neuen, sicheren Aufgang, durch -den wir auch heute den Felsen betreten haben, unter Benutzung einer -natürlichen Kluft, die er überbaute und befestigte, so, daß »die seite -des ganzen Berges sampt des Weges und Porten mit 10 oder 12 Soldaten -verwarrt werden« konnte. Er legte auch eine ständige Besatzung auf -die Festung, und baute für sie eine Kaserne, die heute noch erhalten -ist, und in ihrer charakteristischen Anlage wohl eines der ältesten -Beispiele derartiger militärischer Bauten ist. - -Die Christiansburg auf ihrer sturmfreien, unersteiglichen Höhe an einem -der schönsten Punkte des Sachsenlandes galt aber nicht der Befestigung, -sondern ist ein Lustschlößchen mit wunderbarer Aussicht elbaufwärts -und elbabwärts und auf die malerischen Felsen der sächsischen Schweiz -im Basteigebiet und drüben auf den stolzen Lilienstein. Tief unten -im Grunde zieht der Strom majestätisch in großer Windung dahin und -trägt die Kähne und die Flöße aus dem Böhmerland vorbei und aus dem -Walde zu den Füßen steigt der Duft der Buchen empor, klingt das -Lied der Singvögel und das Kichern des Spechtes. Ein uneinnehmbarer -Festungsklotz, ein unzerbrechlicher Felsenriegel für das Elbtal und -doch ein Ort für jauchzende Lebenslust und jubelnder Daseinsfreude in -seiner landschaftlichen Schönheit. Da ist es kein Wunder, daß Sachsens -Fürsten immer wieder hierher geeilt sind zur Freude und auch in der -Stunde der Gefahr, und daß sie auch ihre Gäste hierherführten. 1652 -weilte hier der große Kurfürst, 1698 Peter der Große, 1728 Friedrich -Wilhelm I. von Preußen, der Soldatenkönig mit seinem Sohn, dem großen -Friedrich, der später hier wieder ein freilich unwillkommener Gast -war, 1813 Napoleon I., der Franzosenkaiser kurz vor seinem Sturz. Hier -in der Friedrichsburg, hoch über der Landschaft königlich thronend, -fanden die frohen Feste und Gastereien statt. Es ist ein äußerlich -schlichter, achteckiger Pavillonbau von 11,4 ~m~ Durchmesser von zwei -Geschossen mit gebrochenem Mansardendach. Ursprünglich führte nur ein -rundes Treppentürmchen zum oberen Spiegelsaal mit seinen Deckengemälden -und den zehn großen Aussichtsfenstern, durch welche sich nach jeder -Richtung ein neues, reizvolles Landschaftsbild bietet. - -August der Starke ließ jedoch an Stelle des Türmchens 1721 eine -zweiarmige Freitreppe mit reicher Balusterbrüstung und Vasenschmuck -anlegen. Seine Absicht, auch noch durch Flügelbauten und Bogengänge -dieses architektonische Schmuckstück noch weiter auszubilden, die in -noch erhaltenen Zeichnungen festgelegt ist, ist nicht zur Durchführung -gekommen. - -Im unteren Saale der Friedrichsburg feierte am 12. August 1675 der -Kurfürst Johann Georg II. ein Hoffest. Sein Page Karl Heinrich von -Grunau hatte dabei dem guten Meißner Wein, der im großen Fasse der -Magdalenenburg ja unerschöpflich schien, zu ergiebig zugesprochen im -Hochgefühl der Stunde auf dem königlichen Stein. Die Umtrunkhumpen -jener trunkfesten Zeit hatten auch noch etwas anderes Format als unsere -Gläschen heutzutage. Bunte Gläser von 2--3 Liter Inhalt sind heute noch -in der Friedrichsburg zu sehen. Im Rausche stieg Grunau aus dem Fenster -auf einen schmalen, etwa 60 ~cm~ breiten Felsenvorsprung herunter und -legte sich mit der Sicherheit eines Nachtwandlers am Rande des Abgrunds -nieder auf dem harten Stein und schlief, in der Meinung daheim im Bette -zu sein, fest und sorglos ein. Nur der geringsten Wendung bedurfte -es, und er stürzte in die Tiefe hinunter. Glücklicherweise wurde er -zeitig entdeckt. Als man dem Kurfürsten das halsbrechende Ruheplätzchen -zeigte, ließ er den Schlummernden erst anbinden und dann mit Trompeten -und Pauken wecken. Grunau mag in seinem Leben dieses gefährliche Lager, -das man heute noch »das Pagenbett« nennt und zeigt, nicht vergessen -haben, obschon er 106 Jahre alt wurde und erst beinahe 70 Jahre später, -am 9. Dezember 1744 starb. Er war kein unreifer Jüngling mehr, obschon -er Page war, als er dieses steinerne Bett am Abgrund sich suchte, -sondern ein Mann von 37 Jahren. Als Greis von 102 Jahren machte er noch -in Bischofswerda 1740 August dem Starken auf seiner Reise nach Polen -seine Aufwartung. - -Im Jahre 1756 stand hier ein anderer sächsischer Fürst, August III., -mit seinen beiden Söhnen, den Prinzen Xaver und Karl, und mit seinem -mächtigen, unheilvollen Minister Brühl an der Friedrichsburg und -schaute schweren Herzens in ohnmächtigem Zorn hinüber nach dem -Lilienstein, nach der Ebenheit, aus welcher sich der Felskoloß dort -drüben erhebt, und sah den Untergang seines Heeres. Das sächsische -Heer, 18000 Mann stark, hatte nicht vom Lager in Pirna her rechtzeitig -die Verbindung mit den Österreichern unter Brown aufgenommen, der bei -Schandau stand und mit 9000 Mann auf die Sachsen vom 11.--14. Oktober -wartete. Diese waren, nachdem sie das letzte Brot gegessen hatten, erst -in der Nacht auf den 13. Oktober auf einer Schiffbrücke über die Elbe -gegangen und standen nun dort am Fuße des Liliensteins bei strömendem -Regen in einem ungangbaren Gelände, und konnten nicht vorwärts und -rückwärts. Von allen Seiten rückten die Preußen heran, wie in einem -Kesseltreiben. Ein Durchbrechen ihrer Reihen war nicht möglich. Am -14. Oktober erteilte August, der von dort oben mit eigenen Augen -voller Grimm zusehen mußte, wie Friedrich die Schlinge zusammenzog, -seinem Halbbruder Rutowski die Vollmacht zum Abschluß der Kapitulation -mit Friedrich. Die ganze sächsische Armee wurde kriegsgefangen, -die Mannschaften durch einen erzwungenen Fahneneid dem preußischen -Heere einverleibt, den Offizieren die Wahl zwischen Gefangenschaft -oder Übertritt in den preußischen Dienst gelassen. Doch die Ehre -wurde gewahrt: 568 Offiziere gingen lieber in Kriegsgefangenschaft, -nur 53 Offiziere in preußischen Dienst. Die Mannschaften entflohen -später zum großen Teil und flüchteten sich nach Polen und Österreich. -Der König selbst verließ am 20. Oktober 1756 früh 5 Uhr mit seinem -Gefolge den Königstein in 33 Wagen, um nach Polen zu eilen und traf am -27. Oktober in Warschau ein. - -Der siegreiche Feind im Land, der König und sein allmächtiger Minister -auf eiliger Flucht, das Volk und Land in seinem Elend und Not -verlassend, um sich in bequeme Sicherheit zu bringen. -- -- Wie stimmte -das zu seinen stolzen Worten in der Schicksalsstunde seiner Armee, als -er vor ihrer Kapitulation vom sicheren Königstein ihr zurief: »Der -König zieht es vor zu sterben, mit seinen Offizieren zu sterben, als -solch eine Schmach zu überleben!« Worte, denen keine Taten folgten! Er -war kein Held. Die von Brühl geflissentlich genährte Bequemlichkeit -war sogar stärker als das einfache Pflichtgefühl. Das erste Jahr des -siebenjährigen Krieges hatte hier unter den Felsen des unüberwindlichen -Königsteins unter den Augen eines energielosen, mißleiteten Königs eine -für Sachsen verhängnisvolle Wendung genommen. -- Heute noch werden -hie und da Kanonenkugeln aus jenen schicksalsschweren Tagen auf der -Ebenheit aus dem Ackerboden gepflügt. - -Auch Napoleon suchte vergebens 1813 auf der Ebenheit sich einen -Stützpunkt am Fuße des Liliensteines zu schaffen durch Errichtung eines -befestigten Lagers, als Mittelpunkt einer starken Verteidigungslinie -gegen die Österreicher von Stolpen über den Lilienstein bis an die -böhmische Grenze bei Peterswalde. Reste der Schanzen sind noch -vorhanden. Doch Napoleons Stern war erblichen. Auf Leipzigs Fluren sank -er in den Staub. -- -- -- - -Als 1914 nach dem großen Kesseltreiben Hindenburgs bei Tannenberg -die russischen Offiziere auf dem Königstein unfreiwilliges Quartier -fanden, wurde ihnen der obere Saal der Friedrichsburg zunächst für ihre -Gottesdienste zur Verfügung gestellt. -- - -Wunderbarer Wandel der Geschicke! Der Raum ausgelassenster Weltfreude -eines August des Starken und seiner Nachfolger wird Stätte des -mystischen, fremdartigen, russischen Gottesdienstes. Der Pope mit -schwarzem Bart und langen schwarzen Locken aus dem Innern Rußlands -steht im bunten, reichgestickten, langwallenden Ornat vor dem Altar -mit der großen Bilderwand, die einer der gefangenen Offiziere gemalt -hat. Daneben der Männerchor, aus allerlei Stämmen Rußlands, der -die Orgel ersetzt, mit seinen tiefen, weichen, dunklen Stimmen -und den eigenartig schwermütigen, einförmigen Gesängen, welche die -Molltonarten und Tonfolgen in halben Tönen so bevorzugen. Von oben -schauen verwundert die Köpfe der Zwölf- und Sechzehnender mit ihren -gewaltigen Geweihen hernieder auf dieses seltsame Tun und Treiben, das -zu dem deutschen Königsfelsen hoch über deutschem Wald und Strom, zu -diesem Raum, in dem noch das Lachen derber Weidmannslust, das Jauchzen -lebensfroher Trinkgesellen aus zwei Jahrhunderten zu hängen scheint, so -gar nicht recht passen und stimmen will. -- - -Einer der gefangenen Generäle, General von Dehn, aus deutschem Blut -und baltischem Geschlecht, sah oft gedankenvoll von hier nach dem -Basteifelsen hinüber. Ein Jahr zuvor hatte er die Bastei mit seiner -Gattin auf einer Deutschlandreise besucht. Hatte dort drüben gestanden, -zum Königstein mit ihr hinübergeschaut und ihr diesen berühmten Felsen -gewiesen. Damals hatte er nicht gedacht, daß er sobald diesen Felsen -wiederschauen und unfreiwillig so eingehend kennenlernen würde, daß -er, der Mann aus der Umgebung des Zaren, sobald wieder eine Reise aus -dem fernen Rußland, jedoch ohne Gattin, aber mit Kameraden, in die -Sächsische Schweiz machen würde! - -Er schüttelt tiefsinnig sein bartloses Haupt und wandert mit gesenktem -Blick über den Wall mit raschem, kurzem Schritt. Gefangensein, -tatenlos, ist schweres Soldatenlos! Wunderbarer Wandel der Geschicke! -- - -Diesen Wandel der Geschicke, und daß das Glück eine feile Dirne ist, -haben manche erfahren müssen, die hier auf dem Königstein geweilt -haben. Fürstengunst war manchmal ein Strick, der aus dem Dunkel, -aus der Tiefe aufwärts zog -- -- aber manchmal viel höher, als es -einem gesunden, ehrlichen Hals lieb sein konnte: Gleich neben -der Friedrichsburg stand ein Baum, der einen Ast weit über die -Brüstungsmauer gerade hinausreckte über den tiefen Abgrund. Am 7. Juli -1610 trug er eine absonderliche Frucht. Es war der bisherige Kommandant -der Festung selbst, von Beon, der nach Kriegsrecht über die Festung -hinausgehangen wurde, weil er angeblich Holz, Bretter, Schanzzeug usw. -veruntreut hatte. Seinem Halse mag die Schlinge der Fürstengunst bald -zu eng geworden sein. Ein Kreuz in der alten Brüstungsmauer zeigt -die Stelle, wo er auf Wunsch seines Fürsten so aussichtsreich sein -Leben aus Luftmangel schloß angesichts der großen, stillen, weiten -Elblandschaft. -- - -Noch ein andrer mag in mitternächtlicher Stunde zur Johannisnacht, wenn -geheimnisvolle Kräfte sich regen und, was stumm und tot ist, Sprache -und Leben gewinnt, über den Wandel der Geschicke sich wundern. Es ist -der riesige Bacchus mit seinem Satyrgefolge, der in das Erdgeschoß -der Friedrichsburg wie in ein enges Gefängnis verbannt ist. Wie gern -würde er wohl in geisterhaft schöner Vollmondnacht hinüberwandern -nach der Magdalenenburg, in die ungeheuren Felsengewölbe hinabsteigen -und sehen, ob nicht vom großen Faß ein Zug zu schlürfen wäre, von dem -Fasse, dessen Schutzgott, Schmuck und am engsten verbundener Freund er -einst war, einen langen Zug und Schlurf zu tun, der für 100 Jahre der -Trockenheit und des Staubes vorhält. Der Kelch in seiner hocherhobenen -Hand ist trocken und leer und die Gewinde von Weintrauben geben keinen -perlenden Saft. Wenn er aufspringen würde, so würde er die Decke -durchstoßen, und das Haus auf seinen Schultern davon tragen. Ja, die -Zeiten sind nüchtern und trocken geworden, der Sang ist verschollen, -der Wein ist verraucht, das große Faß ist zerschlagen, all der bunte -Zauber ist verstoben und zu Asche geworden. - -Was mögen das für feuchtfröhliche Kellerfeste gewesen sein dort drüben -in der Magdalenenburg. Im Grundstein war 1620 ein mit edlem Wein -gefülltes Glas versenkt worden und nun lebte der fröhliche Geist des -Weines in den mächtigen Gewölben. 1624 wurde ein Faß mit 2222 Eimer -Inhalt aufgestellt und diente 50 Jahre etwa seinem Zweck. Dann folgte -1680 ein Faß mit 3319 Eimer Inhalt. 16 Wochen dauerte seine Füllung mit -Meißner Wein! Doch August dem Starken genügte das nicht. Von seinem -berühmten Architekten Pöppelmann ließ er Zeichnungen machen und dann -ein Faß bauen, das seinesgleichen nicht hatte. Die Schauseite war reich -geschmückt mit Holzschnitzerei. Oben das reiche sächsisch-polnische -Wappen mit der Königskrone darüber, Weingehänge und rechts und links -zwei am Rande emporkletternde Satyrn und auf dem unteren Rande sitzend -unser prächtig modellierter Bacchus. Auf acht gewaltigen Lagerböcken -ruhte der Riesenleib des Fasses. In halber Höhe umschloß ihn wie -ein ungeheurer Gurt die die Böcke zu einem festen Lager verbindende -Riesenzarge, auf der zum Schmucke die Reihen der mächtigen Humpen -und allerlei Schaustücke standen. Da stand ein großer, hölzerner -Becher, den Kurfürst August gedreht, dort ein silbernes Fäßchen mit 14 -immer kleineren, eingesetzten silbernen Bechern, dort ein silberner -Ziehbrunnen mit Säulen und Dach von Silber, dort eine silberne und -vergoldete, 18 Zoll lange und an der Mündung 2¾ Zoll weite, auf einer -Ebenholzlafette ruhende Kanone, dort ein silberner, vergoldeter, 6 Zoll -hoher und an der Mündung 3 Zoll weiter Mörser (beide als Becher zu -gebrauchen), dort ein venetianisches Glas, das 6 Maß hält und einen -Deckel von 3 Maß Weite hat, dort noch andere Trinkgefäße von besonderen -Maßen und Formen und für urweltlichen Durst. 30 eiserne Reifen -umspannten den Riesenleib des Fasses, von denen jeder 7 Zentner wog. -10 ~m~ Länge und 7 ~m~ Durchmesser hatte das Ungeheuer und 3709 Eimer -schluckte sein unersättlicher Bauch, das sind 2500 ~hl~, 376 ~hl~ mehr -als das große Heidelberger Faß. Sein Rücken trug einen geräumigen Boden -von zierlicher, vasengeschmückter Brüstung umgeben, auf dem große Tafel -und Tanz stattfinden und dem Gotte des Weines in bacchantischer Lust -geopfert werden konnte. - -Wie das Weinfaß und die Trinkgefäße von besonderen Maßen waren, -so war auch der Durst und die Trinkfähigkeit in jenen früheren -Jahrhunderten von manchmal erstaunlichem Ausmaß. Der Meistertrunk -von Rothenburg o. d. T., den der Alt-Bürgermeister Georg Nusch am -30. Oktober 1631 tat, um seine alte, gute Stadt vor der Verwüstung -durch Tillys Scharen zu retten, ist bekannt. Noch heute erscheint ja -seine Gestalt, wenn mittags die Uhr zwölf schlägt, oben am Fenster der -ehemaligen Reichstrinkstube am Markt in Rothenburg mit dem Schweden, -setzt den gewaltigen Humpen an und leert ihn (über 3 Liter Inhalt) im -langen Zuge zum Erstaunen seines Feindes. Ein andrer solcher Kämpe -mit dem Humpen war Veit von Bassenheim, der ein silbernes Becken, -das 8 Weinflaschen faßte, dreimal hintereinander leerte und sich so -von dem Ordensmeister Winrich von Kniprode die Schloßhauptmannschaft -der Marienburg erkneipte. Ein großer Held im Wettrinken war auch der -kurbrandenburgische Oberkämmerer Kurt von Burgsdorf, der bei jeder -Mahlzeit 18 Maß Wein vertilgte, und sich im Trinkkampf manches Schloß -und Dorf gewann, anders als der Herr von Rodenstein, der alle seine -Dörfer zu Heidelberg im Hirschen vertrank. Von den Mengen, die in jenen -trunkfesten Zeiten täglich getrunken wurden, gibt eine Hoftrinkordnung -Kunde, die 1648 an dem für besonders mäßig geltenden Hofe des Herzogs -Ernst des Frommen zu Sachsen-Gotha erlassen wurde. Danach wurden »die -gräflichen und adligen Frauenzimmer« auf vier Maß Bier am Tage und drei -Maß des Abends gesetzt. - -Hier, im Keller der Magdalenenburg, wo wohl seltener »gräfliche und -adlige Frauenzimmer« als vielmehr Kriegsmänner, alte »Kriegsgurgeln« -mit ausgepichten Kehlen die Runde bildeten, mag manches scharfe -Trinkturnier ausgefochten sein, da ja der edle Stoff unerschöpflich -war. »Ich hab ein Igel im Bauch, der muß geschwummen haben«, hat -mancher da gedacht. - -Wild mag es auch manchmal hergegangen sein, wenn der starke König dort -seiner Kraftnatur die Zügel schießen ließ, und sein Kommandant, der -Generalleutnant Freiherr von Kyau, mit seinen lustigen Einfällen und -derben Späßen die Runde der übermütigen Zecher erheiterte, daß das -Gewölbe vom Lachen der rauhen Kehlen erdröhnte. -- -- - - »Iz rinnit nich ein tropho mêr, - Der wîn ist vortgehupfit ... - Ou wê mîn grôzaz vaz stât lêr, - Sie hâ’nt mirz ûz gesupfit!« - -Das Faß wurde 1819 zerschlagen. Das Lachen in der Magdalenenburg -ist längst verstummt, schwarz und finster liegen die mächtigen -Kellergewölbe wie ein Grab vergangener Größe. Nur der Bacchus sitzt mit -den Satyrn trocken und verstaubt im engen Raum der Friedrichsburg. Wenn -er reden könnte, was würde er erzählen, wovon kein Buch mehr weiß! Geh -hin in der Johannisnacht, wenn der Vollmond scheint. Fülle ihm seinen -Becher mit edlem Wein und trinke ihm dann zu, erzähle ihm vom deutschen -Rhein und deutschem Wein, von deutschem Glück und deutschem Leid, von -deutscher Not und deutscher Rache, vielleicht erwacht er vom Duft der -Reben und redet dann, was er erfuhr in tollen Nächten, was er erlauscht -in mehr als 100 Jahren, was keiner mehr sonst weiß, vielleicht von -deutscher Seele und deutscher Tat, vielleicht ein Wort, das stark macht -und Begeisterung schafft, wie edler Wein -- -- vielleicht!? -- - -Ja, sonderbare Geister gehen auf dem Königstein um! Da sitzt der -Goldkoch Baron von Klettenberg über seine Tinkturen gebeugt. Er wollte -dem König, der soviel Gold brauchte und für seine kostspieligen -Neigungen durch seine Hände rollen ließ, eine Universaltinktur zum -Goldmachen liefern, die überdies durch gewisse Handgriffe einer -unendlichen Vervielfältigung fähig sei. Das gefiel August dem Starken, -aber als seine Vorschüsse verbraucht waren, ohne das ersehnte Gold -zu schaffen, setzte ihn August aus dem fröhlichen, üppigen Dresden -auf den ernsten, knappen Königstein, um hier die Goldtinktur zu -finden. Mehrere Fluchtversuche des Abenteurers mißlangen. Mit einem -Federmesser, das er heimlich in den Schuhen trug, arbeitete er sich in -der siebenten Woche seiner Gefangenschaft in der Walpurgisnacht 1719 -durch den Fußboden seines Zimmers in der Georgenburg hindurch und ließ -sich dann in tollkühnem Wagemut an einem aus seinem zerschnittenen -Mantel gefertigten Seil glücklich über den turmhohen Felsen hinab. -Glücklich erreichte er die Nähe des Pfaffensteins, da verriet ihn seine -Eitelkeit. Im Busche von Gorisch begegneten ihm die Bauern Blumentritt -und Roschig, denen er verdächtig vorkam, so daß sie ihn ergriffen und -ein scharfes Verhör mit ihm anstellten. Er sei der Hauslehrer eines -Pfarrers der Gegend, behauptete er keck. Fast hätten sie ihn wieder -laufen lassen, doch halt, da sahen die schlauen Bauern seine schönen -rotseidenen Strümpfe mit silbernen Zwickeln, wie kein solch armer -Schlucker von Hauslehrer besitzen konnte. Blumentritt und Roschig -nahmen ihn in die Mitte, und er mußte den unfreiwilligen, bitteren Weg -zur Festung zurück antreten. - -Er wurde nun in ein festeres Zimmer im Erdgeschoß der Georgenburg -gebracht, brach aber am 10. Januar 1720 auch aus diesem aus und wäre -fast entkommen, als er plötzlich abrutschte und 20 ~m~ herab in einen -mit Schnee gefüllten Graben immerhin noch glücklich stürzte. Er wurde -von der durch das Geräusch aufmerksam gewordenen Wache entdeckt und -zurückgebracht. Er hatte ja allerlei auf dem Kerbholz und wurde auch -wegen eines Duells vom Magistrat seiner Vaterstadt Frankfurt a. M. -verfolgt. Seine Auslieferung oder Hinrichtung wurde von dort beantragt. -Es wurde ihm nach so hartnäckig wiederholten Fluchtversuchen der Prozeß -gemacht und das Todesurteil gesprochen. Als Kyau ihm diese Nachricht -brachte, hielt er es für einen Scherz. Aber Kyaus, des sonst so -übermütigen, humorvollen Spötters Ernst war nur zu echt. Klettenberg, -der so oft sich aus den heikelsten Lagen seines Abenteurerlebens -herausgewunden hatte, gab die Hoffnung nicht auf und fragte noch auf -dem Wege zum Richtplatz am 1. März 1721 den Henker mit bedenklicher -Miene, ob er denn nun wirklich den letzten Gang tun müsse. Seine -Eitelkeit, oder war es Stolz und Todesverachtung, verließ ihn auch -nicht in der letzten Stunde: Er ließ sich in einem reich mit Silber -gestickten Scharlachrocke enthaupten und bat sich als letzte Gnade aus, -ihm, da er nicht mehr könne, im Sarge die große Allongeperrücke wieder -aufzusetzen, die er beim Köpfen natürlich ablegen mußte. Seelengröße -und Lächerlichkeit stehen hier nahe beieinander. - -Sinnend stehen wir vor dem kleinen Steinkreuz, das auf seinem -Richtplatz errichtet wurde und jetzt auf einem der Wälle in der -Nähe der Königsnase noch erhalten ist, und denken dieses kühnen, -abenteuerlichen und merkwürdigen Mannes, der so recht ein Kind seiner -Zeit war, emporgetragen aus dem Dunkel in ein glänzendes Leben, bald -oben, bald unten in der Sonne der Fürstengunst, im Kerker, schließlich -Schaffot und dann im Sarg im silbergestickten Scharlachrock und mit -Allongeperrücke, im Tode noch den Grandseigneur spielend, obschon der -Kopf vom Rumpf getrennt war. - -Dem anderen Goldmacher des Königsteins ging es besser, Johann Friedrich -Böttcher, der Porzellanerfinder, der durch seine Erfindung mehr als -Gold dem Sachsenlande erschloß, nämlich eine Quelle der Arbeit, der -Kunst und durch die Jahrhunderte strömenden Segens. Auch auf dem -Wege über die geheimen Künste kam er im Jahre 1704 ganz zufällig auf -die Erfindung eines braunroten Porzellans, welches alle bisherigen -Leistungen dieser Art an Dauer und Schönheit weit übertraf. Man -erkannte die Wichtigkeit seiner Erfindung, überhäufte ihn mit Ehren -und Schätzen, aber war auch ängstlich besorgt, daß er eines Tages so -plötzlich, wie er aufgetaucht war, auch verschwinden könnte. Er mußte -sein Laboratorium von Dresden auf die Albrechtsburg in Meißen verlegen, -wo er zwar Tafel und Equipage, aber zugleich einen Leutnant zum -beständigen Gesellschafter erhielt. - -Aber diese Herrlichkeit war von nur kurzer Dauer. Als 1706 die Schweden -unter Karl XII. in Sachsen einfielen, wurde er wie ein kostbares -Wertstück mit drei seiner eingeweihtesten Gehilfen auf den Königstein -geschafft, weil man ihn in Meißen nicht sicher glaubte, auch wohl ihm -nicht traute, und ihn und seine Kunst den Schweden nicht gönnte. Es war -dies der wirksame Patentschutz jener Zeit, daß man den Erfinder einfach -einsperrte. Böttcher kam, für einen unbekannten Arrestanten geltend, -mit seinen drei Arbeitern am 26. August 1706 auf der Georgenburg an, -wurde zwar aufs beste behandelt, zugleich aber auch auf das schärfste -bewacht. Sein Zimmer war sogar mit einem starken Vorlegschlosse -versehen. Es lag im Obergeschoß der Georgenburg, deren Zimmer sich nach -offenen, loggiaartigen Bogengängen zum Hofe hinaus öffneten. Hier blies -der scharfe Wind quer durch das Zimmer, durch Fenster zur Tür, und der -Schnee lag im Bogengang vor seiner Schwelle. Er klagte über sein rauhes -Quartier und wärmte sich auch wohl an seinem kleinen Brennofen in den -Gewölben des Erdgeschosses, wo die ältesten Teile der Burg des alten -Kaiserschlosses mit gotischen Türgewänden und Bögen heute noch erhalten -sind. Er war noch jung, erst 20 Jahr, und ließ sich die Heiterkeit -nicht lange stören, vertrieb sich die Zeit, so gut es ging, schrieb -Gedichte, unter andern ein Lehrgedicht auf die Eitelkeit der Dinge und -schmiedete heimlich Fluchtpläne, die aber nicht zur Ausführung kamen. -Nach 1 Jahr und 9 Wochen wurde er wieder nach Dresden geschafft, wo er -dann seine Erfindung weiter vervollkommnete. Über sein Laboratorium -schrieb er dort den Vers: - - »Gott unser Schöpfer - hat gemacht aus einem Goldmacher einen Töpfer.« - -Als »Töpfer« war er jedenfalls besser als wie als Dichter! - -Auch in Dresden hatte er zwar alle Bequemlichkeiten und Ehren, nur -keine Freiheit. Überall, wohin er sich begab, begleitete ihn ein -wachthabender Offizier. Der König schätzte ihn ungemein, wohnte öfters -seinen Versuchen bei, machte ihm mehrere Geschenke, schoß mit ihm nach -der Scheibe, nahm ihn mit auf die Jagd und erwies ihm andere Ehren. - -Böttcher verstand sich aber aufs Geldeinteilen schlecht. Er war -umlagert von Leuten, die seine offene Hand mißbrauchten und an ihm -zogen. Seine Familie kostete beträchtliche Summen und von schlechten -Menschen wurde er hintergangen und betrogen. Er selbst liebte unmäßig -starke Getränke, hielt in Meißen, wohin 1710 die Fabrik wieder auf die -Albrechtsburg verlegt war, beständig offene Tafel für viele Personen, -schaffte sich 20 und mehr Hunde an, kaufte die seltensten und teuersten -Gewächse usw. Nachdem er durch unmäßigen Gebrauch von Branntwein und -Tabak usw. seinen Körper geschädigt, seine Lebenskraft vergeudet -hatte, starb er nach kurzer Krankheit in Dresden am 13. März 1719 erst -33 Jahre alt und hinterließ dem Lande sein großes Werk mit seiner -reichen Zukunft, für seine Person aber nur Schulden. -- -- - -Noch mehr Geister abenteuerlicher Gestalten wandeln in heimlichen oder -unheimlichen Stunden auf dem Wallgang des Königsteins umher. Da ist der -Livländer Patkul, welcher in den Kämpfen und Verhandlungen zwischen -Schweden, Rußland und Sachsen eine hervorragende Rolle spielte, und, -sei es durch Schuld sei es durch Schicksal, schließlich von den Herren -aller drei Länder, von Karl XII., Peter dem Großen und August dem -Starken als Verräter angesehen wurde und eines furchtbaren Todes starb. -Er wurde von Karl XII. gefangen nach Polen geschleppt und endlich am -30. September 1707 auf eine scheußliche Art gerädert, denn der Henker -gab ihm 15 Stöße mit dem Rade, ohne ihn zu töten, so daß Patkul endlich -mit zerschmettertem Körper nach dem Block sich wand, und um »Kopf ab« -mit gebrochener Stimme bat. Mit vier Hieben wurde dann dieser Wunsch -erfüllt. -- In der Zeit der Sonnenkönige, überfeinerter Genußsucht und -Kultur ein Bild grausamster Folter aus dem finstersten Mittelalter! -1706--1707 hatte Patkul auf dem Königstein gesessen. -- - -Da ist auch der Schatten des Kanzlers Christians I., Doct. Nicol. -Crell, der, beinahe allmächtig unter diesem seinem Gönner, sich -viele Feinde unter Adel und Geistlichkeit gemacht hatte und nach des -Kurfürsten frühem Tode am 25. September 1591 gestürzt wurde. Zehn -Jahre dauerte sein Prozeß, und war er auf dem Königstein gefangen. -Er bewohnte den heute noch nach ihm benannten Crellturm, der an die -Georgenburg anschließt. Das Todesurteil wurde an ihm in Dresden auf dem -Jüdenhofe vollzogen. Crell mußte zum Schaffot von zwei Henkersknechten -getragen werden, weil er seiner geschwollenen Beine wegen nicht zu -gehen vermochte. Die Witwe des Kurfürsten, dessen vertrauter Diener -und Staatsmann er so lange gewesen war, sicher eine feingebildete -Dame, schaute aus einem Fenster des Stallgebäudes diesem furchtbaren -und traurigen Schauspiele zu. Er hatte vielleicht oft an ihrem Tische -gespeist, ihr den Hof gemacht und in geistsprühender Unterhaltung -die Zeit verkürzt. Das Haupt, das dort blutig vom Blocke fiel, hatte -vielleicht ihre Hand geküßt, für sie und ihren Gatten gedacht, gesorgt -und gearbeitet. -- Und nun? -- - -Welche Seelenvorgänge mögen sich im Gemüte dieser Frau gekreuzt haben? -Lüsternes Grausen? Innere Anteilnahme und Erbarmen? Blutdürstige -Schaulust und Herzenskälte? Etwa befriedigte Rachsucht, wohl -aufgespart aus früheren Zeiten? O Rätsel des Menschenherzens, wer -mag deine verborgenen, geheimnisvollen Tiefen und Klippen ausdeuten -und ermessen? Wer mag sein eignes Herz verstehen und wissen, welche -Abgründe dort vielleicht schlummern, die nicht geahnt werden, bis man -vielleicht in einer dunklen Stunde erschauernd sie erkennt. -- -- - -Ja, so wandern dunkle Schatten mit schleppenden Schritten in langen -Reihen über den Königstein von Männern in Ketten, die in namenloser -Qual ihre Strafen, ihre Leiden oft jahrzehntelang trugen. Der -Geheimsekretär Friedr. Wilh. Menzel z. B., der durch den Verrat -geheimer Depeschen an Friedrich d. Großen die Mitschuld am Ausbruch des -Siebenjährigen Krieges trug, lebte mit einer eisernen Stange an den -Füßen als Gefangener 33 Jahre hier. Er durfte sich nicht barbieren und -sein Bart wuchs ihm bis über die Brust herab. 1796 erlöste ihn der Tod -im 70. Jahre. - -Königstein, ein Altar, von dem nicht so sehr Gebete als Flüche und -Schreie der Verzweiflung, Rache und Hoffnungslosigkeit, der Angst -und Wut zu den dunklen ziehenden Wolken und in das Sausen des Windes -tönten. So mancher, der unbequem wurde, verschwand auf dem Königstein -und schanzte mit Schaufel und Hacke an Mauern und Wällen in Frohnarbeit -neben dem Verbrecher, den sein Urteil ereilt hatte, eine bloße Nummer -nur wie er. -- Friedemann Bach, dem genialen Sohne Johann Sebastians, -zerbrach hier in kurzen Stunden der Verzweiflung Leben und Zukunft. - -Königstein, ein Stein des Fluches für Unzählige, ein Fels der Zuflucht -aber auch in Stunden der Not. - -Seine bombensicheren Kasematten nahmen öfter die gefährdeten Schätze -Dresdens aus den Archiven, Sammlungen und dem Grünen Gewölbe auf. Ein -Fels der Zuflucht auch für die Landesfürsten, wenn Gefahr drohte. - -Als am 3. Mai 1849 das Schloß in Dresden von Freischaren und Bürgerwehr -angegriffen wurde, floh der König Friedrich August II. mit Familie -und den Ministern nachts auf den Königstein und wartete dort ab, daß -die zur Hilfe gerufenen preußischen Truppen ihm seine Hauptstadt -wiedereroberten. Der Führer des Aufstandes, der russische Flüchtling -Bakunin wurde gefangen und fand sein Schicksal auf dem Königstein. -- - -Doch hinweg ihr Gestalten mit euren schmerzgezeichneten Gesichtern, -denen auch der hellste Tag dunkel ist, deren Blicke so trostlos in -die Weite wandern auf den hellen Straßen der Freiheit, die sie nimmer -betreten werden, nach den Bergzügen in blauer Ferne, die sich nimmer -vor ihnen auftun wird. Hinweg, ihr schwarzen Schatten alter Tage, ihr -Schatten von Schicksal und Schuld, von Willkür und Weh, von Trübsal und -Tod, ihr sollt uns den leuchtenden Tag nicht trüben und die helle Sonne -nicht dunkel machen, das wonnige Lachen des Landes zu unseren Füßen -nicht verscheuchen. - -Wir stehen auf der Rosenkasematte und schauen hinüber auf die lachenden -Fluren von Thürmsdorf und die blanken Häuser, die zierlich und fein -über die grünen Hänge gestreut sind. Wie ein goldener leuchtender -Schild, der Schild des Frühlingsgottes Baldur, liegt ein blühendes -Rapsfeld darüber. Es ist, als strömte von ihm alles Licht und alle -Wärme aus, und immer wieder tauchen unsere Blicke in dieses reine -königliche Gelb, dem alle Farben des Sommers und der Landschaft dienen. -Wir schauen hernieder auf die wogenden, rauschenden Wipfel des Waldes -unter uns, auf den breiten silbernen Strom, auf dem ein Floß im langen -Zuge stromabwärts gleitet. Wie Ameisen klein bewegen sich die wenigen -Menschlein darauf hin und her. Das Bellen eines Hündchens klingt -herauf. Wie klein ist doch aus der Höhe betrachtet der Menschen Tun -und Treiben, und wie wichtig nimmt doch jeder sich selbst dabei! Sie -glauben etwas zu schaffen, und doch trägt der Strom das Floß dahin, -welches sie sich fügten. Ein wenig Lenken, ein wenig Steuern ist alles, -was sie vermögen, von oben betrachtet ein Nichts! - -Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben -betrachtet und sieht, wie ein Strom uns alle dahinträgt. -- -- -- -- - -Über uns breitet eine mächtige Eiche ihr Laubdach. Hier huschten im -Herbste die Häher durch die dichten Zweige und die Blaufedern der -Flügel schimmerten durch das Grün, wenn sie ihre Nahrung suchten. -Doch nicht nur Häher fanden Wohlgefallen an den Eicheln, sondern -auch Festungsbewohner. Eigenhändig gesammelt, geröstet und gemahlen -schuf diese Frucht des »Kaffeebaumes« auf der Rosenkasematte manchem -deutschen Offizier einen strenge duftenden »deutschen Mokka« während -der trüben Ersatzzeiten des Krieges! - -Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben -betrachtet und erkennt, daß alle Werte nur bedingt sind und daß -den meisten Dingen erst der Glaube ihren Geschmack und ihren Wert -verleiht. -- -- -- -- - -Wir wandern an der Brüstungsmauer weiter und können nicht genug schauen -in der Nähe und in der Ferne, um uns und unter uns. Senkrecht fallen -die Felsenwände des Sandsteins ab, zerklüftet und zerspalten, an der -Oberfläche hie und da von zahllosen Rillen durchkämmt, als hätte ein -Steinmetz mit ungeheurem Scharriereisen die Blöcke bearbeitet und Wind -und Wetter hätten sein Werk benagt. Wilde Tauben nisten hie und da in -den Löchern und ihr melodisches Rufen und Locken läßt sich hören. - -Im Osten der Festung springt ein riesiger Felsenturm fast rechteckig -aus dem Block des Königsteins heraus, die Königsnase. Willst du -einen Freund ins Herz sächsischer Heimatschönheit schauen lassen, -daß er des Eindrucks nicht wieder vergessen mag, dann lasse ihn hier -von diesem Söller in die lachende Gotteswelt schauen. Tief unten zu -Füßen im Tale die roten und grauen Dächer des Städtchens hier am -blinkenden Elbstrome hingestreckt, dort in das Tal des Bielabaches, -der dort mündet, hineinwandernd und dort drüben die Abhänge des -Pladerberges hinaufkletternd. Mitten darin die Kirche mit ihrem Turm, -mit Kuppeldach und Spitze, wie ein preußischer Helm dem vierkantigen -Gesellen aufgestülpt. Wenn an einem goldenen Sommerabend von diesem -Turm unsere lieben Volkslieder geblasen werden, und du lauschst von -oben, wie die Klänge durch das Tal ziehen, den Strom entlang tönen -und Wald und Berg und grüne Hänge mit Wohllaut füllen als würde ihre -Seele und süßheimliches Träumen im Liede offenbar, dann magst du tief -empfinden, was deutsche Heimat ist und wie sie so zart und innig dir -an das Herz rührt, daß es antworten muß: »Ja, du bist mein, ich bin -dein Kind, und mein Bestes öffnet sich dir, wenn ich meine Seele ganz -in dich und deine Art und Herrlichkeit versenken darf.« Deine Augen -wandern in die blauende Ferne. Die Sehnsucht, das Fernweh und das -Heimatfühlen stehen Hand in Hand in deiner Seele und schauen hinaus in -die Wunder der Heimat und ahnen in beseligender Weihe, daß die Heimat -dich segnet, dir eine ihrer Höhestunden schenkt, um dich über dich -selbst emporzutragen. Dort stehen all die Felsaltäre, der Pfaffenstein, -der Gohrisch, der Papststein, der Hennersdorfer Stein, die leuchtenden -Felswände der Schrammsteine, der Falkenstein, wie ein gewaltiges -Gigantendenkmal von heroischer Wucht und Größe, und links der stolze -Lilienstein auf dem buntdurchwirkten Gottesteppich von weiten Feldern, -Wiesen und Waldessäumen. Es sind stille Altäre, still und groß, und -stehen darum so feierlich, so erhaben, so heilig über der flachen Ebene -mit ihrem Geräusche der Arbeit, die vom Schweiße dampft, über den -verworrenen Lauten des Tages, über dem Staub der Straßen, auf denen die -Alltäglichkeit hastet und keucht. - -Und weiter hinaus der hohe Schneeberg mit seinem langgestreckten Rücken -in blauem Dunst, die Zschirnsteine, der Winterberg und dazwischen die -Spitzen und Kuppen der Berge Böhmens, in feinem Dufte verschwimmend, -deutsche Berge im deutschen Land, gegrüßt von deutschem Herzen: Mag -auch die Landesgrenze einen Strich ziehen, auch sie Altäre der Treue zu -deutscher Art und deutscher Seele, still und groß und feierlich. - -Ganz in silberner Ferne ragt dort die stolze Spitze des Kleis bei -Haida wie eine steile Pyramide, als reckte sich aus böhmischem Gau der -Schwurfinger deutscher Erde aufwärts zum Himmel mit dem Treueschwure, -der Blut an Blut, Art an Art, Stamm an Stamm, Ehre an Ehre bindet. -- - -Was soll ich sie nennen, alle die Berge und Spitzen nah und fern, -über die die Wolken fliegen und die Farben wandern, die hier lebendig -werden, als höben sie ihre Häupter höher, wenn die Sonne sie trifft, -dort in blaue Schatten und Erstarrung zurücksinken und ihre Formen zu -verlieren scheinen, immer neu und immer wechselnd, unendlich reich im -lebendigen Spiel und doch voll himmlischer Ruhe, ein ungeheures Rund, -in dem das Kleine verschwindet. -- Fernweh und Heimatfühlen sind die -Kräfte, welche dir in solchen Weihestunden die Heimat zu eigen geben -und deiner Seele Flügel geben über das Kleine zur großen Ruhe. -- -- - -Wir müssen unsere Blicke losreißen, wennschon sie immer wieder in -die Ferne fliegen und immer wieder Sehnsuchtsblaues finden und -erschauen mögen. Der Felsen, an dessen Rand wir gehen, hat hier -besonders zerrissene und zerklüftete Formen mit vortretenden Ecken -und senkrechten Kanten und pfeilerartigen Vorsprüngen angenommen. Wie -die Zähne einer Säge springen zickzackförmig die scharfen Ecken der -Wehrmauer hervor, hie und da von einem spitzen Rundturm gekrönt. Ein -wildmalerisches Bild bietet diese vielfach gespaltene, trotzige, z. T. -überhängende, unersteiglich scheinende Felswand, zu der die schlanken -Fichten im Grunde emporrauschen. Und doch hat schon vor der Zeit -modernen Klettersportes ein wagemutiger Schornsteinfegermeister aus der -Stadt dort unten, namens Abratzky, heimlich die Ersteigung versucht. -Er wußte mit Wänden und Gesimsen, mit Kanten und Kaminen Bescheid -und arbeitete sich mit Knieen und Ellbogen, mit festem Griff und -griffigen Zehen in einer Spalte und über Vorsprünge empor. Aber auf dem -letzten Felsabsatz unterhalb der Wehrmauer verließen ihn die Kräfte, -er wurde von Posten bemerkt und mußte auf sein Rufen heraufgezogen -werden. Abratzkyfelsen heißt seitdem nach diesem einzigen beinahe -geglückten Versuche der Ersteigung der Felsvorsprung. Die nie erstürmte -unbezwungene jungfräuliche Festung durfte ihren Jungfernkranz, der hoch -oben an steiler Mauer in Stein gehauen an der Südseite sich findet, in -Ehren weiter tragen. Die Amsel, welche im Sommer 1917 jeden Abend vom -Dachfirste der Georgenburg das Lied »Wir winden dir den Jungfernkranz« -in das leuchtende Abendrot mit süßen Tönen flötete, hat Recht mit -diesem Sang auf das Magdtum der Festung behalten. - -Die Flucht über die steilen Wände herab aus den harten, allzu fest -ihn haltenden Armen der jungfräulichen Feste hat freilich mancher -versucht und sie ist auch manchem geglückt. Die »Franzosenspalte« -erinnert heute noch mit ihrem Namen an die tollkühne Flucht gefangener -Franzosen im Jahre 1870. Auch die gefangenen Russen des Weltkrieges -haben diesen verwegenen Abstieg wiederholt versucht. Entflohen sind -manche. Wiedergekehrt sind alle nach kurzen Stunden der Freiheit auf -den verhaßten Stein! Da hatten einmal zwei Offiziere sich ein Seil zu -gemeinsamer Flucht zu verschaffen gewußt und zu glücklich abgepaßter -Zeit glitten sie an ihm auf schwankendem, gefährlichem Pfad an rauhen -Vorsprüngen und scharfen Kanten vorbei, von den Kameraden durch -Postenkette gegen Überraschung gesichert, in die schreckende und doch -so lockende Tiefe der heiß begehrten Freiheit entgegen. Doch, o weh, -das Seil war zu kurz! Über der Tiefe schwebte der erste noch weit vom -Boden. Sollte er das haltende Seil fahren lassen und den Absprung -wagen? Sollte er in die Gefangenschaft zurückkehren? Konnten seine -nachlassenden Kräfte den gefährlichen Wiederaufstieg am pendelnden -Seil, an schneidenden, überhängenden Felsgesimsen vorbei noch leisten? --- Furchtbarer Augenblick innerer Spannung einer Entscheidung auf Tod -und Leben! -- Er sprang ab und erreichte glücklich den Boden. Sein -Kamerad folgte. Doch wehe, als er sich vom Sturze erheben wollte, -versagte ihm der Fuß den Dienst und auch die Schulter schmerzte und -war verletzt. -- Was tun? Es galt, nicht lange zu zögern! Fort, nur -fort, diesen verhaßten Mauern entrinnen, fort ins Dickicht oder eine -der Höhlen im Gestein, bis die Nacht die heimlichen Wege deckt! Der -Verletzte schleppt sich mühsam weiter, gestützt vom Kameraden, die -Freiheit winkt ja! - -Doch da lagen am Abhang zwei Soldaten der Besatzung im Waldesgrün, -naschten Beeren und guckten in den blauen Himmel. Tiefer -Sonntagsfriede! Vogelsang und Wipfelrauschen die einzigen Laute nah und -fern. -- Horch, sind das nicht Menschenstimmen? Nicht Schritte? Nicht -heimlich raunende russische Laute? Sie springen hinter dem Felsblock -auf, der sie deckte, und stehen vor den entsetzten Flüchtlingen wie aus -dem Boden gewachsen! Ade, du goldene Freiheit, die eben noch winkte! -Nutzlos jeder Widerstand! Zu niederschmetternd war der Sturz aus der -Hoffnung in die Verzweiflung! Zurück ins alte Elend! -- - -Andere Kletterer gab es auf der Festung, denen die Blicke der -Gefangenen oft sehnsüchtig folgten, so voller Sehnsucht, wie den -Vögeln, die mit leichten Flügeln in das Himmelsblau sich schwangen. -Könnten sie von ihnen lernen, wie man diesen steilen Mauern entrinnt, -könnten sie ihnen die hurtigen, verwegenen Künste absehen! - -Diese tolldreisten Kletterer waren die Eichhörnchen, die unten im Walde -von Wipfel zu Wipfel sprangen, an den Felsen senkrecht emporliefen, -denen keine Wand zu steil, kein Band zu schmal, keine Kante zu scharf -war, denen ohne Seil und Leiter die glatten Wände offene Straßen -waren, auf denen sie dahineilten. Unten der Wald, oben der Park und -die Obstgärten und dazwischen die Felsenwände, das war ihr fröhliches -Reich der Vertikalen, in welchem die blitzschnelle Bewegung von unten -nach oben oder kopfüber von oben nach unten zugleich lustiges Spiel -und Lebensaufgabe, zugleich Inhalt und Zweck des Daseins bildet. -Namentlich, wenn die Birnen auf der Festung reiften, dann waren die -flinken Gesellen im roten oder dunklen Pelz bei der Hand, um ungeladen, -ohne sich lange bitten zu lassen, bei der Ernte recht fleißig zu -helfen. Feinschmecker, wie solche in der Baumkrone hochgeborenen Herren -sind, und, gründlich erzogen, gingen sie stets auf den Kern jeder -Sache, d. h. sie zerbissen die Frucht, nagten und naschten die Kerne -und griffen zur nächsten Birne, verschwanden aber blitzschnell kopfüber -die Wände herab, wenn Gefahr drohte, in die rauschenden Fichtenwipfel -hinein wie eine zuckende, aufblitzende und erlöschende, rote Flamme. -Das Spiel und das kecke Treiben dieser reizenden Affen des deutschen -Waldes gab mancherlei Unterhaltung, Beobachtungen und Ablenkung. - -Dem Stabsarzt vom Lazarett gaben sie sogar öfter einen leckeren Braten, -den er nicht genug zu rühmen wußte. Doch möge unser rascher, roter -Waldkobold noch lange als Wildpret unentdeckt bleiben, damit nicht noch -mehr unser deutscher Wald veröde und seiner geheimnisvollen Reize und -seines märchentiefen Waldwebens und Waldlebens beraubt werde. -- - -Drüben an der Ecke am Lazarett, wo der Umgang sich wieder nach Osten -wendet, machen wir noch einmal Halt und schauen von einem erkerartigen -Austritt hinunter in das grüne Bielatal und in den Hüttengrund und -drüben auf den Quirl mit seinem waldumrauschten Felsenhaupt, den -Nachbarfelsklotz des Königsteins, der auch einmal als Zwillingsfestung -zur Flankendeckung des Königsteins ausgebaut werden sollte, aber seinen -Waldfrieden dort oben behalten durfte. - -Wir hören das Rauschen der Biela, die dort unten im Grunde über ein -Wehr stürzt, bis zu uns herauf. Die Häuser und Höfe des Dorfes Hütten -liegen am Bach und leuchten hell im Grün des engen Waldtales. Einst -stand hier im Grunde eine Gießhütte, die dem Orte den Namen gegeben, -aber bereits im 17. Jahrhundert eingegangen ist. - -Wir wandern jetzt auf breitem, mit starken Steinplatten gedecktem Wege, -auf den mächtigen Gewölben der Kasematten, die z. T. in den Felsen -gehauen, z. T. aus gewaltigen Felsquadern aufgeschichtet sind. Dort -ist der Bärenzwinger, ein enger Felsenkessel, durch welchen einst -der älteste Aufgang zum Königstein geführt hat, dessen vermauertes -Tor an der Quadermauer heute noch von außen sichtbar ist. Dort sind -die anderen tiefen, finsteren, z. T. schluchtartigen feuchten Höfe -der Kasematten, in denen die Sonne nicht gerne weilt und der nackte, -finstere Fels erbarmungslos aus nächster Nähe in vergitterte Fenster -starrt. Viel lieber wandern die Augen hinaus ins grüne Land, nach der -kecken Felskanzel des Spankhornes, welches dort drüben aus dem Walde -ragt, nach den Felsen der Nikolsdorfer Wände, nach der »Hirschstange«, -dem Wege mit dem schönen, sinnigen, deutschen Namen voller Waldpoesie -und Nadelduft, der in halber Höhe des Berges wie ein schimmerndes -Band aus dem dunklen Waldesgrün leuchtet. Was für lachende Wanderwege -sind dort drüben, von denen der laute Schwarm nichts weiß, auf denen -man still und froh sein darf und nur sich selbst und die Heimat im -Zauber unberührter Herrlichkeit hat. Dort liegt im Walde versteckt der -Schüsselgrund, dort ist der Teufelsgrund mit seinen wilden Felsen, dort -ist so mancher stille Platz, wo im grünen Frieden die Romantik träumt, -wo du das Wild belauschen kannst, wo der Schwarzspecht mit seiner -roten Haube wie der Vogel des Märchens geheimnisvoll durch die Wipfel -streicht und mit klagendem Rufe lockt, ihm zu folgen, weiter und -weiter in die grünen Tiefen des Waldes. -- - -Dort liegt am Walde eine Wiese, in deren grünem Teppich die Margariten -wie tausend silberne Sterne gestickt sind. Ein klares Wässerlein -rieselt durch die Halme, und das Wollgras hebt auf zartem Stengel -seine Flöckchen wie schimmernde Seide zum Lichte empor. Ist es der -Tanzplatz der Elfen, wenn draußen der laute Tag zur Ruhe ging, kein -fremdes Ohr neugierig lauscht und nur der Wind und Mondenschein mit -leisen, leichten Füßen über die weichen Gräser wandert? -- Dort ist -mitten im Fichtendickicht ein Platz, eine Blöße mit langem Waldgras von -dunklen Nadelwänden hoch umgeben, auf deren zackigen Spitzen der blaue -Himmel ruht. Hundert Pilze stehen dort in bunten Farben, leuchtendrot -mit weißen Punkten, violett und gelb und braun und weiß. Keines -Menschen Fuß kam noch hierher und hat an diese Pracht gerührt. Oben auf -höchster Tannenspitze jubelt die Singdrossel ihr köstliches Lied in das -Abendrot. -- Ja, dort, dort drüben kann jeder Waldgang die Seele frei -machen vom Staub des Alltags und zur Freude erheben. -- -- -- - -War es ausgesuchte Grausamkeit und Hohn, wenn so die ganze Herrlichkeit -deutscher Wald- und Berglandschaft den Gefangenen des Königsteins -täglich vor Augen stand, die ihnen unerreichbar war und doch den Drang -nach der Freiheit schmerzhaft steigern mußte zu unerträglicher Pein -und seelischer Marter? -- Nein, es war Erbarmen, Wohltat und Tröstung, -ihnen den Blick auf das lachende Bild zu gönnen, auf den weiten Himmel, -die rauschenden Wälder und grünenden Hänge, Trost, der den Geist erhebt -aus den engen Mauern und dunkler Felsengruft zum Fluge in freie Höhen, -zum Schwunge über das traurige Heute, zur Hoffnung auf Freiheit und -Erlösung! Der Körper in Haft, die Seele aber in Freiheit und täglich -neu die Flügel reckend über das weite Land hinein in eine bessere -Zukunft! - -Gar mancher Gefangene dort im alten Zeughaus mag doch seine Seele an -diesen Fragen wund gestoßen haben. Mit charaktervoller Schlichtheit, -mit steilem Dach und Giebel, fast gotisch im Aufbau wirkend, obwohl -es 1594 erbaut ist, schaut dieser Bau helle leuchtend weit in das -Land hinaus. Im Erdgeschoß ist eine zweischiffige Halle von schweren -Kreuzgewölben überdeckt, die auf drei mächtigen, toskanischen Säulen -von gedrungener Wucht aufruhen. Nachdem die Friedrichsburg für die -Gottesdienste der gefangenen Russen nicht mehr zur Verfügung stand, war -dieser kryptaartige Raum die würdige und monumental wirkende Stätte -ihrer kirchlichen Feiern und Andacht. Unvergeßlich wird jedem, der -es erlebt hat, die russische Osterfeier zu mitternächtiger Stunde in -jenem Raume sein. Draußen dunkle Nacht und die große, heilige Stille -der Ostererwartung. Nur die Wälder hört man ferne rauschen und die -Wasser der Biela im Grunde. Droben am unendlichen, schwarzblauen, -samtenen Firmament flimmern die Sternenheere und wandern ihre Bahnen. -Da tönt aus dem Tore der Kapelle der orgelähnliche Sang tiefer, voller -Männerstimmen in feierlichen Rhythmen, anschwellend und abklingend, -dazwischen die volle Einzelstimme des Popen in dunklen fremdartigen -Lauten. Im hellen Schimmer von vielen hundert Lichtern leuchtet der -Raum. Jeder der Teilnehmer trägt eine brennende Kerze in der Hand. Hier -in Gruppen zusammengedrängt stehend, dort knieend, dort an Wand und -Pfeiler sich lehnend, feiern sie das Fest in der Weise der Heimat und -ihre Gedanken eilen zu den fernen Stätten, an denen ihr Herz hängt, zu -fernen Stunden, die nicht mehr sind, zu kommenden Tagen der Hoffnung -auf Freiheit, der Sehnsucht nach Heimat und Frieden. Phantastische -Schatten huschen über die Gewölbe und Wände, hier leuchten Farben -auf, dort ein blinkender Orden oder schimmerndes Rangabzeichen. -Eine seltsame, mystische Wirkung geht von der Feier aus, deren mehr -geahnte, als bewußte Gefühlswelt so ganz abweicht von dem, was unseres -Geistes ist, aber doch an eigenes tiefstes Empfinden zu rühren vermag. -Ehrwürdig und heilig ist ja alles, was Menschenseelen erschauern macht, -wenn sie sich von irdischem Staube erheben empor zum Lichte, zu dem, -was man göttlich und ewig nennt, in welcher Sprache und Bekenntnis es -auch sein mag, wenn nur die Sehnsucht der Seele echt und wahr ist. - -Ehrwürdig ist es auch, wenn mit dem Gruße »Christ ist erstanden«, -und der Antwort »er ist wahrhaftig auferstanden« die Teilnehmer am -Gottesdienste nach alter russischer Sitte sich dreimal küssen auf -Wangen und Stirn und in diesem Augenblick jeder Unterschied von Rang -und Stand, von Alter, Bildung und Besitz verschwindet. Der alte Oberst -küßte den jungen Leutnant und der hohe General, welcher als Gouverneur -von Turkestan über ein Reich, größer als Deutschland, gebot, küßte -seinen Burschen, den armen Bauernjungen aus dem Innern Rußlands. -Der Gesunde küßte den Kranken, denn in dieser heiligen Stunde beim -österlichen Bruderkuß hat, wie frommer Glaube lehrt, Ansteckung keine -Macht, mag sonst auch Krankheit oder Tod der Lohn solchen Kusses sein. - -Ehrwürdig und seltsam, unserem Empfinden widerstrebend, vielleicht -aus der mystischen Stimmung der Stunde jedesmal neu herausgeborener -Glaube, vielleicht aus der Zeit des Urchristentumes durch Jahrtausende -bewahrte Sitte, vielleicht aus uraltem, russischem Heidentum -stammender Brauch und darum in christlichem Gewande so fest von der -Volksseele bewahrt, wer will es sagen? -- Zu den seltsamsten Stunden -des Königsteines mag dieses russische Ostern zählen, als um Mitternacht -unter deutschem Sternenhimmel gefangene Söhne aus allen Landschaften -Rußlands von Sibirien bis zur Krim und zur Weichsel den dreifachen -Osterkuß tauschten, als wäre man tief im Innern des ungeheuren, uns so -fremden Reiches. -- -- - -Wieviele mögen von ihnen die Heimat erreicht haben, nachdem der Friede -geschlossen war? Eine dunkle Kunde meldet, sie seien alle erschossen -worden, nachdem sie die russische Grenze überschritten hatten. Den -Bolschewisten seien diese Offiziere der besten, vornehmsten Truppen -des Zaren zu verdächtig oder zu gefährlich erschienen. Nur wer der -Heimat entsagt hatte und im Auslande Zuflucht fand, soll vor diesem -furchtbaren Schicksal, vor diesem schnöden Dank des »Mütterchens« -Rußland bewahrt geblieben sein. - -Wie friedlich schlummern dagegen die wenigen während der Gefangenschaft -trotz sorgsamster Pflege und ärztlicher Behandlung verstorbenen Russen -auf dem dort unten auf lachender Flur am Waldrand liegenden Friedhofe -der Festung, sanft gebettet im Schoße der barmherzigen deutschen Erde. -Deutsche ärztliche Kunst und Pflege, die nicht Feind und Freund kennt, -sondern nur den leidenden Kranken, treue Teilnahme der Kameraden haben -nicht zu retten vermocht. - -Da lag z. B. ein junger, lungenkranker, russischer Offizier im -Lazarett, das außerhalb des eigentlichen Gefangenenlagers stand. Bei -gutem Wetter war sein Lager draußen im Garten unter blühenden Rosen -und duftenden Blumen inmitten leuchtender Sommerpracht. Er empfing -täglich den freien unbewachten Besuch seiner gesunden Kameraden, die -zu diesem Zwecke frei die abgeschlossenen, durch Drahtzäune gesicherten -Grenzen des Lagers verlassen durften. Jeder erfüllbare Wunsch wurde -erfüllt. Er wurde jedoch ein Opfer der unheimlichen Krankheit. Ein -langes, würdiges Trauergefolge geleitete ihn zum Grabe in fremder Erde. -Voran schritt der Kreuzträger und der Männerchor, der in feierlichen, -klagenden Rhythmen Sterbelieder in kurzen abgerissenen Strophen bald -leise, bald mit anschwellender Stimme sang. Kränze wurden getragen. Es -folgte der Sarg mit dem Bahrtuch, der Pope im prunkenden Ornat, wie -ein Bild aus einem byzantinischen Mosaik herausgenommen, das große -Trauergefolge der Kameraden, die deutschen Lageroffiziere mit dem -Kommandanten an der Spitze und die deutschen Mannschaften. Langsam -schwebte der Sarg im Fahrgestell des elektrischen Aufzuges außen an -der Festungsmauer hernieder und wurde unter den schwermütigen, ernsten -Gesängen zum kleinen Garnisonfriedhof durch das Waldesgrün und wogende -Saatfeld zur letzten Ruhe geleitet. Von oben schauten über den Rand der -Mauerbrüstung die zurückbleibenden russischen Offiziere ernst hernieder -auf den letzten Gang ihres so fern der Heimat verstorbenen Kameraden -und lauschten den abgerissen emporklingenden Rhythmen der Totenklage -ihres Volkes. -- - -Der Friedhof der Festung ist ein Platz von besonders eindrucksvoller -Wirkung und ergreifender Stimmung. Sein Rechteck von nur 33 × 74 ~m~ -Größe ist von einer wuchtigen Quadermauer umschlossen, an welcher der -Efeu emporklettert und Wiesenblumen blühen. Der Wald ist bis nahe -an die Mauer getreten, als wolle er diese Stätte des Friedens noch -besonders hüten und abschließen vom Lärm der Welt, von der Unruhe des -Tages da draußen, die so fern, so tief unter uns liegt. Zwei mächtige -Eichen stehen wie treue Wächter neben der Friedhofspforte und hoch -über den Gräbern wölbt sich das Laubdach stolzer Bäume, breiten sich -auch die Zweige von immergrünen Fichten und Kiefern. Alte, hohe -Lebensbäume stehen wie dunkle Trauergestalten zwischen den stillen, -grünen Hügeln. Hier finden wir die Gräber französischer Gefangener aus -dem Jahre 1870/71. Ein Marmorkreuz ist ihnen gewidmet und neuerdings -ein Gedenkstein, den ihnen französische Gefangene des Weltkrieges hier -setzten. Hier finden wir einige Kreuze russischer Form auf Gräbern -russischer Gefangener, hier auch Gräber deutscher Soldaten, die ihr -Leben der Heimat nach Schmerzen, Leiden und Wunden hier opfern mußten. - -Im dichten Efeu unter Lebensbäumen liegen hier auch die Gräber alter -Festungskommandanten, die nach langer militärischer Laufbahn hier -Frieden fanden. Eine mächtige Steinplatte mit Inschrift deckt das Grab -des Kommandanten von Nostitz. Wir entziffern die Inschrift, aus welcher -uns der Geist und die Gefühlsstimmung einer längst versunkenen Zeit -aus Urgroßvätertagen entgegentritt und uns mit feuchten Augen wehmütig -anschaut: - - »Als ich am Tag der Geburt die Welt anweinte, da nickten - Vater und Mutter und Freund lächelnd dem Weinenden zu. - Nun ich ihn ausgekämpft, den Ihr noch kämpfet, den Weltkampf - Lächl’ ich am Ziel, und Ihr weinet dem Lächelnden nach!« - - Diese Worte bestimmte sich zur Grabschrift der hier ruhende - Königl. Sächs. Generalleutnant und Commandant der Festung - Königstein, Ritter des Militär St. Heinrichsordens - - Karl Friedrich Ernst von Nostitz, - geb. den 18. Juni 1767, gest. d. 17. April 1838. - Sein Andenken segnen, die ihn erkannten! - -Es ist zwar nicht eine soldatische Inschrift etwa für einen alten -Haudegen, aber eine Inschrift, die zu denken gibt, die in der stillen -Bescheidung und rückschauenden Lebenswertung des Greisenalters -kennzeichnend für den Verstorbenen und seine Zeit und darum wertvoll -ist. -- Wie leer und kalt lassen oft die tausendfach gedankenlos -wiederholten Worte auf modernen Friedhöfen an prunkenden Steinen, denen -die Seele fehlt. Hier aus der schlichten, wuchtigen, moosigen Platte -spricht eine Seele. - -»Sein Andenken segnen, die ihn _er_kannten!« Wie fein und wie maßvoll -wird hier dem Toten Ehre gezollt. Wir wissen nicht, ob der Kreis derer, -die ihn erkannten, groß oder klein, hoch oder niedrig war, ob ihn -nicht auch viele verkannten, wir hören nur, daß er Menschen zum Segen -war. Ist dies nicht mehr als mancher tönende Nachruf, manche rühmende -Gedächtnisrede, so viele übertriebene Lobsprüche und vergoldete Lügen -auf Grabsteinen? -- - -Der kleine Friedhof der Festung birgt tiefe Lehren in sich. -- - -In seiner schweigenden Abgeschiedenheit weit vom Alltag, hoch über -Staub und Unrast des Lebens da draußen ist er eine stille Stätte für -die letzte Ruhe, von so ergreifender Stimmung wie wenige im Lande. -Mögen sorgende Hände und sinnige Herzen mit innigem Verständnis für -seine Worte stets diesen weihevollen Totengarten hüten und seiner -warten. -- - -Doch kehren wir in die Festung zurück. Den Park mit seinen mächtigen -Baumriesen, den alten Buchen, Eichen und Ahornbäumen wollen wir -durchwandern. Hier wird kein Stamm gefällt, weil er gerade schlagreif -ist. Wie ein heiliger Hain, ungestört, in weihevoller Stille, ragen die -Bäume mit stolzen Stämmen und schirmenden Kronen. Efeu und Immergrün -ranken am Boden und tausend Blumen blühen im Gras, die kein Gärtner -pflanzte und doch schöner sind an ihrem Platze und in ihrer Entfaltung, -als Gärtnerkunst es zu schaffen vermag. - -Es rauschen die grünen Wipfel. Wir hören den hellen, schmetternden -Schlag der Finken und in tiefen, melodischen Tönen das zärtliche -Gurren der wilden Tauben. Von unten, aus dem Walde, tönt bald näher, -bald ferner der Ruf des Kuckucks. Ein Specht trommelt unermüdlich -hoch oben an dem dürren Ast der alten, vom Wetter zerzausten Eiche -dort. Ein Eichhörnchen huscht flink an jenem glatten Buchenstamm -entlang, hält inne und schaut uns verschmitzt aus seinen dunklen -blitzenden Augen an. Wir ruhen an der Böschung des Walles im Gras -und duftenden Thymianpolstern. Bienen summen um die Skapiosen und -Grasnelken, die sich auf schlanken Stengeln wiegen. Wir träumen und -sinnen in die grüne Stille hinein, während bunte, kleine Falter uns -umgaukeln, als wären wir selbst ein Kind der Natur geworden, das -unbekümmert im Arm und am Herzen der Mutter ruht und ihren warmen Atem -und ihr Herzpochen fühlt. Wieviele mögen unter diesem Blätterdach -schon gewandelt sein und zu den fliegenden Wolken emporgeschaut haben -und mitten im tiefen Frieden der Natur und aller ihrer Herrlichkeit -diesem Felsen, diesem Hain, dieser Herrlichkeit geflucht, um Erlösung -von dieser Stätte geseufzt haben, die uns so lieblich scheint mit -allem Sonnenglück geschmückt und die Hunderten schon eine Stätte der -Freude und übermütigen Lebensgenusses war. Die harten Gegensätze, -welche hier immer wieder aufeinanderprallen, fesseln mit besonderer -Gewalt die Gedanken und geben einen eigenartig anziehenden Reiz allem -Geschehen und allem Schauen. -- Unter diesen Zweigen schritten 1870/71 -gefangene Franzosen hin und her und träumten von ihrer ~gloire~ und -berauschten sich am Rachegedanken, an der ~revanche~. Da griff einer -von ihnen zum Messer und schnitt in die glatte Rinde jener alten Buche -dort unter sein Namenszeichen die Worte: »~un chasseur français, -qui reviendra vainqueur~.« »Ein französischer Jäger, der als Sieger -wiederkehren wird.« -- Er ist nicht wiedergekommen! -- 44 Jahre später -lasen aber seine gefangenen Landsleute mit ihren russischen Freunden -und Bundesbrüdern jene Worte in der grauen, rissig gewordenen Rinde, -die jetzt ihnen wie ein Hohn auf ihr eigenes, unfreiwilliges Kommen -wirkten. Der Gegensatz zwischen Gewolltem und Gewordenem war bitter und -schmerzlich für sie. - -Doch auf unser Herz auch fällt dieser Gegensatz mit schmerzlicher -Wucht: Versailles 1871 und Versailles 1918/19! Wann wird der Ausgleich -kommen im Pendelschlag der Weltgeschichte? Wann wird Lüge als Lüge, -Schandtat als Schandtat erkannt sein und gelten? Wann wird Friede sein, -und Recht und Freiheit wieder unter Völkern und Menschen wohnen und -daheim sein? Der sonnige Sommertag will uns dunkel werden, wenn wir -mit diesen Fragen an Heimat und Vaterland denken und an Tod, Tränen, -Wunden, Schmerzen und Niederbruch, an Wollen und Werden! Doch nein, -nicht trübe und mutlos! Aus innerer Erneuerung müssen Kraftströme -fließen. Wollen muß dann das Werden zwingen, wenn es echt und stark, -einig und zielbewußt ist! - -Dort steht zwischen den alten Stämmen des Parkes die Baracke, in -welcher die Helden der Emden nach Überwindung von Not und Tod, von -Wüstenglut und meuchlerischem Verrat, nach Heldentum in Taten und -Dulden zuerst auf heimatlichem, deutschem Boden eine Ruhestätte fanden. - -Der deutsche Geist, die deutsche Kraft, der Mut, der stärker ist als -das Schicksal, lebt noch und schafft an der neuen, der kommenden, der -stahlblanken Zeit! Wenn eine Welt uns niederrang, wir schaffen uns aus -neuem Geiste eine neue Welt. Wer für die Heimat und ihre wahren inneren -Werte sich einsetzt, der schafft und wirkt mit am Bau dieser neuen -Welt. -- -- - -Hier oben, auf der Fläche der Festung, wollte ein königlicher -Baumeister, Friedrich August II., der Starke, sich selbst eine neue -Welt anderer Art schaffen. Johann von Bodt, Festungskommandant und -Architekt mußte immer wieder neue Pläne für ihn zeichnen. Der König, -den die Baulust gepackt hatte, änderte und verwarf und suchte mit immer -neuen Gedanken und Wünschen eine Bauanlage als großartiges Schloß von -114 ~m~ Frontlänge mit weit vorgezogenen Flügelbauten und Ehrenhöfen -und Terrassen an einer groß durchgeführten Längsachse von der -Appareille bis zur Königsnase in symmetrischer Durchbildung angelegt, -wahrhaft königlich aufzubauen. Acht Kasernen, vier Magazine, Bäckerei -und Brauhaus sollten wie eine starke Wächterschar vor und neben der -stolzen Schloßanlage stehen, die als Zeughaus und für die »Logementer« -des Kommandanten bestimmt war. - -Alle bestehenden Gebäude sollten dieser großen Planung weichen und -fallen, die Georgenburg, das Kommandantenhaus, die Magdalenenburg -und wie die alten Bauten heißen, welche uns heute noch erfreuen. -Nur das alte Zeughaus auf dem Wall, welches außerhalb der -großen Symmetrielinien lag, sollte erhalten bleiben. Dem großen -Symmetriegedanken wurde alles untergeordnet. Sogar im Park waren die -geschwungenen Wege und die kleineren Rundplätze rechts und links von -der großen Hauptachse des Mittelweges trotz scheinbarer Regellosigkeit -doch nahezu symmetrisch geplant. - -Aus diesen Planungen spricht die großartige Baugesinnung, welche am -Zwinger in Dresden ihre größte Entfaltung fand. Ähnliches mag hier dem -königlichen Bauherrn vorgeschwebt haben. Über zehn Jahre beschäftigte -er sich mit diesen Plänen, die gleichzeitig mit dem Bau des Zwingers -und der Anlage von Groß-Sedlitz in seinem phantasievollen Geiste -emporwuchsen und Gestalt gewannen. - -Sollen wir bedauern, daß sie nicht durchgeführt wurden? Vielleicht! -Vielleicht hätte diese Verbindung von fürstlicher Schloßanlage mit dem -militärischen Werk eine Gesamtanlage von besonders reizvoller Eigenart -ergeben. Vielleicht hätte hier wie bei keinem anderen seiner Bauten das -Schloß im Gesamtbilde der Landschaft und großen Natur mitgewirkt als -großartiger Abschluß und Krönung eines einzigartigen Landschaftsbildes. -Hoch über der Elbe sollte die stolze Schloßfront sich auf dem -gewaltigen Felsensockel des Königsteins aufbauen, so daß man weit über -Strom und Land, über Berge und Täler schauen könnte und seine Fenster -leuchteten bis weit ins Böhmerland. Wie das herrliche Klosterschloß -Banz bei Lichtenfels hoch über dem Main, das weit ins Frankenland -scheint und schaut, oder gleich der Akropolis in Athen, die weit übers -Meer schaut, so mag in der Phantasie das Schloß gestanden haben und -dem König in seinen Architekturträumen immer wieder aufgeleuchtet -sein, so oft er von Dresden elbaufwärts kommend zur Felsenstirn des -königlichen Steins emporschaute, zur Felsenstirne, der noch die Krone -eines königlichen Bauwerks fehlte. Er hat dem Stein diese Krone nicht -aufsetzen können. Baumwipfel rauschen und legen sich als grüner Kranz -statt der geplanten ragenden, steinernen Krone um die Felsenstirn. -- -Die alten Bauten sind erhalten geblieben. Die königlichen Bauphantasien -sind vorüber und schlummern in Mappen und Archiven, um nur hie und -da bei einem seltenen Beschauer Architekturträume vom Königstein zu -wecken und das nachempfinden zu lassen, was der König genial und groß -innerlich schaute und schuf, was ihm ein Kunstwerk und ein Glück war, -ohne daß je sein Wollen zum Werden, zur Tat wurde. - - * * * * * - -Wir wandern durch den Park zurück. Die Kirche mit ihrem schlanken -viereckigen Glockenturm, der wie ein italienischer Kampanile neben -dem Gotteshause steht, grüßt uns durch das Laub der Bäume. Ihr -schlichter, einschiffiger Bau ist in Abmessung und Ausstattung von -großer Bescheidenheit und Zurückhaltung, so sachlich und nüchtern auch -im Innern, wie es für eine Soldatengemeinde sich geziemt. Kurfürst -Johann Georg II. ließ die Kirche 1675/76 erbauen. Nur der Altar ist mit -größerer Kunst und Zierde bedacht. Zwei Säulen aus buntem italienischen -Marmor schmücken ihn, die Papst Klemens dem Kurfürsten geschenkt hat, -und ein schönes Altarbild, welches die Bergpredigt darstellt und als -Landschaft den Königstein zeigt. -- An der Stelle dieses Gotteshauses -mag schon in früher Zeit, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, -eine Kirche gestanden haben, deren erhaltene Teile, der gewölbte Chor -mit dem Triumphbogen und den altertümlich romanischen Kämpfersteinen -allen Zeiten, Stürmen und Umbauten standhielten und sie überdauerten. -Herzog Georg der Bärtige errichtete 1515 hier eine Kapelle dem -heiligen Georg, seinem Schutzpatron, und gedachte aus dem Königstein -eine Art Mönchsburg zu machen. Er stiftete 1516 »aus christlicher -Andacht und mit groser Müe, auch, wie es in der Urkunde heißt: ›unser -hertzlieben Gemal Fraw Barbara und unser erben nachkommen heil und -seligkeit zu erwerben‹, ein Cölestiner Kloster des Lobes der Wunder -Marie uff dem Königesteyn«, und besetzte es mit 12 Mönchen aus dem -Kloster Oybin bei Zittau. Trotz der nunmehr geistlichen Bestimmung -des Königsteins, wurde seine militärische Bedeutung jedoch nicht -verkannt und ganz aufgegeben. Die Mönche, welche zugleich Burgmänner -und Burgwarte waren, durften keinen neuen Weg nach dem Felsen anlegen -und mußten, sowie ein Krieg ausbrach, die Schlüssel zur Festung einem -fürstlichen Hauptmann ausliefern. Das Vertrauen zur Kriegstüchtigkeit -der Mönche scheint also nicht sehr groß gewesen zu sein. Der Bischof -von Meißen, Johann von Salhausen, sah diese Neugründung sehr skeptisch -an und meinte, »es werde das Kloster dort von den böhmischen Winden -und der starken Luft der böhmischen Ketzer bald umgeworfen werden und -zergehen«. Aber ein stärkerer Sturm als die böhmische Hussitenluft ging -durch Deutschland, die Reformation, dem das Kloster nicht standhielt. -Der Prior selbst ging, unter dem Vorwand einer Reise, gerade nach -Wittenberg zu Luther, und »heurathete« schon im Jahre 1525. Die übrigen -Mönche liefen, aller Vorstellungen des Herzogs ungeachtet, auch auf -und davon, bis auf zwei, welche der Herzog wieder auf den Oybin -zurückschickte, wo man sie aber nicht annahm, trotz des Handschreibens, -das der Herzog ihnen mitgab. Daß diese Mönche so rasch das Kloster -auf dem Königstein wieder aufgaben, beweist, daß sie dort sich nicht -besonders wohlgefühlt haben konnten. Kein Wunder, denn Schmalhans -war dort oben Küchenmeister und der Durst war der Kellermeister, denn -es lag noch kein großes Faß im Keller, kein tiefer, kühler Brunnen -war vorhanden, sondern in Zisternen wurde das wenig lockende Wasser -gefangen. Wildbret und Fisch war seltene Kost. Der Herzog hatte nicht -genügend für Einkünfte gesorgt und milde Gaben aus der Hand treuer -Kinder der Kirche wurden immer weniger, magerer und dürftiger. Das Volk -fühlte, daß etwas Neues, Großes im Werden war, und das Alte sterben -müsse, daß die Gnadengaben, welche für fromme Stiftungen und Gaben -vom Kloster und den Heiligen verheißen wurden, in der neuen Zeit, die -der kühne Wittenberger Mönch heraufführen sollte, vielleicht doch -ihren Zweck verfehlen und verlieren könnten. -- Das Kloster mußte -geschlossen werden und ingrimmig enttäuscht berichtete Georg diesen -höchst ärgerlichen Mißerfolg dem General des Cölestinerordens nach -Italien. Aus seinem Briefe ersieht man, wie unangenehm und peinlich -dem Fürsten die Sache war, und daß er sich nicht wenig fürchtete, in -Rom wohl gar für ein gegen die Klerisei lauer Mann gehalten zu werden. -Man sieht, wie die Fäden Roms wie ein festes, starkes Netz Deutschland -umspannten mit ungeheurer Macht, so daß sogar solch unbedeutendes -Ereignis, wie der mißglückte Klosterversuch auf dem Königstein einem -mächtigen deutschen Fürsten Veranlassung bieten mußte, in Rom um gutes -Wetter zu bitten. Georg war bekanntlich ein fanatischer Gegner Luthers -und hat seine Lehre und Anhänger hart und streng verfolgt, bis an sein -Lebensende. - -Vielleicht stand die auf dem Königstein erlebte Enttäuschung in -innerem, seelischem, ursächlichem Zusammenhange mit der Strenge und -rücksichtslosen Härte und dem bitteren Haß, mit denen er sein ganzes -Volk, ja seinen Bruder und Schwäger in seine eigene Glaubensrichtung -wider Willen zwingen wollte. Erst unter seinem Bruder und Nachfolger -Herzog Heinrich dem Frommen konnte sich die neue Lehre freier entfalten. - -Herzog Heinrich machte auch den Stein erst wieder zu einer Festung, die -dann von seinen Nachfolgern mehr und mehr ausgebaut wurde. -- - -Wir gehen zum Brunnenhause hinüber mit dem tiefen Brunnen, den Kurfürst -August durch Konrad König 152,5 ~m~ tief mit einem Durchmesser von -4 ~m~ Länge in den Sandstein sprengen und meißeln ließ. 1553 wurde er -begonnen und erst nach 40 Jahren fand man reines Quellwasser. 40 Jahre -harter Felsenarbeit und einer bewundernswerten Zähigkeit, Tatkraft -und Hoffnungsfreudigkeit, 40 Jahre durch die Wüste, wie einst die -Kinder Israels, ehe sie zu den kühlen Wasserbächen des gelobten Landes -kamen! -- Ist dieser Brunnen nicht wie ein Symbol? Ist der Fels auch -noch so hart und werden tausend Meißel stumpf und werden tausend Arme -müde, es gibt ein _Dennoch_ und ein Hindurch, das tief im Felsengrunde -das erquickende, wohlschmeckende, kühle Naß nach zäher Arbeit findet -und aufschließt. Dieses Dennoch und dieses Hindurch wird auch das -deutsche Volk neue Quellen finden und erschließen lassen, wenn es harte -Felsarbeit leisten will und der Stunde geduldig entgegenarbeitet, da -die frischen Wasserquellen entgegenspringen und sprudeln. - -Zwei Tonnen gehen abwechselnd auf und nieder und ergießen ihren Inhalt -in einen Behälter, dessen Zuflußrinnen unmittelbar vom Brunnenrand -abführen. Heute ist Kraft und Antrieb für die Wasserförderung -elektrisch. Früher diente diesem Zweck im Nebenraum ein ungeheures -Tretrad, welches durch Menschenkraft in mühevoller Sklavenfron -unseliger Gefangener bewegt, die Seile auf mächtiger Trommel auf- und -abwickelte. - -Der Brunnenmeister zeigt gern die kleinen Scherze, welche auch -anderwärts geübt werden. Er gießt Wasser in mehreren Absätzen in die -schwarze, gähnende Tiefe. Atemlos lauscht man gespannt, bis von unten -nach fast ½ Minute in gleichen Abständen die Aufschläge klatschend -herauftönen. Da merkt man, was für ein ungeheurer Zeitraum eine halbe -Minute sein kann! Er läßt Lichter hinab am langen Seil, bis wir im -Bodenlosen den blanken Wasserspiegel aufblitzen sehen. Er zeigt, -wie er durch geschickte Stellung von Spiegeln den Sonnenstrahl an -der Türe draußen einfängt und ihn hinabschickt in den schwarzen, -feuchten Schacht, daß er dem Wasser in der dunklen Tiefe Botschaft -vom Himmelslichte bringt. Er erzählt, wie der Brunnen zur Reinigung -manchmal befahren wird, und daß der Wasserstand 15 ~m~ normal ist -und auch in heißen Jahren sich in dieser Höhe hält. Er berichtet -auch, daß der Brunnen sein untrügliches Barometer sei, daß ihm die -kommende Witterung sicher vermelde durch einen Nebelschleier über dem -Wasserspiegel bei kommendem guten Wetter, durch blanken Spiegel, wenn -draußen das Wetter sich trübt. Er zeigt, wie meisterhaft die alten -Brunnenbauer gearbeitet haben, wie glatt die inneren Wände geschrotet -sind und in genau lotrechter Führung der Schacht abgeteuft ist, eine -bewundernswerte Bergmannsarbeit. Hier ist die Lebensquelle, die -Herzader der Festung, für welche Vater August, der große Volkswirt -auf dem sächsischen Throne, sorgte, wichtiger als das große Faß, für -welches August der Starke, der große Egoist auf dem sächsischen Throne -sorgte. -- -- - -Wir treten aus dem kühlen, dunklen Brunnenhaus wieder hinaus in den -lichten, prangenden Sommertag. Es wölben sich über uns die hohen, -grünen Wipfel des Königsplatzes, und es flüstern ihre Blätter im Winde. - -Unsere Gedanken umfassen noch einmal, was wir erlebt, was wir geschaut, -was wir empfunden haben. Wo gibt es im Sachsenlande eine Stätte, -die soviel zu sagen, soviel zu geben und zu schauen hat, wie dieser -königliche Stein? - -Ja, um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes! Es ist, als ob -er eine Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und -genossen hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie -sucht, sich zu offenbaren weiß! - -Sei mir gegrüßt du ~lapis regis~! - - - - -Eine Fahrt ins Weihnachtsland. - - -Vor dem Hauch des milden Westwindes war der Weihnachtsschnee zwar -leider fast zerronnen, aber doch lag es noch wie Weihnachtsstimmung -und Nadelduft in der Luft. Der Rucksack war wohlgepackt. Auch er gab -weihnachtlichen Duft nach Stollen und anderen guten Dingen. Eine -Weihnachtsfahrt sollte es werden in das Land der Kinderträume und -lustiger Spielzeugherrlichkeit, wo Nußknacker und Räuchermännlein, -Lichterengel und Bergmänner das große Wort führen, wo die Krippen -in seliger Einfalt sich aufbauen und die Weihnachtspyramiden ihr -buntgeschnitztes Leben zeigen. Im Morgendämmer lag der Garten mit -seinen wenigen leuchtenden Schneeflecken. Die schöne grüne Tür mit dem -kunstreichen Schloß fiel hinter mir und meinem wanderfrohen Weibe zu, -da kam zur verabredeten Minute der Freund, der Maler mit seiner blonden -Frau und grüßte mit frohem Glückauf. Am Bahnhof stieß zu uns der -Ingenieur mit seiner Braut, der an der Bagdadbahn einst baute, und nun, -nach Krieg und Wunden, mit uns das Weihnachtsmärchen suchen wollte. -- -Nun ging es hinaus in die nebelverhangene Welt mit fauchendem Züglein. -Nur an den Nordabhängen der Böschungen lag dort noch der Schnee und die -dunklen Halden des alten Bergbaus waren noch weiß betupft. Die Fläche -des Berthelsdorfer Hüttenteiches war mit Eis bedeckt und blinkte -wie matter Stahl in den ersten schrägen Strahlen der mit dem Gewölk -ringenden Sonne. - -Die Hänge des Muldentales mit ihren dunklen Wäldern und braunen Feldern -und den schön geschwungenen Höhenlinien glitten an uns vorüber. Von -Mulda führte uns dann das Nebenbähnchen mit Schnaufen und Pusten -und gelegentlichem, wichtigtuendem Bimbim, Bimbim durch das enge, -malerische Chemnitzbachtal empor nach Sayda. - -Schön bewaldete Höhen treten rechts und links an die Bahn heran. Rechts -öffnet sich bald ein Wiesengrund, in dem ein Bächlein herniedereilt, -während neben ihm die Straße gemächlich zum Haltepunkt abwärts steigt. -Wolfsgrund ist der romantische Name, der zu der Lieblichkeit nicht mehr -zu passen scheint. - -Einst war es anders: Am Eingang und Ausgang des Tales standen am -Wege Hütten zum Aufbewahren von Waffen, besonders Keulen, die beim -Durchgehen des dunkelen Waldes jeder mitgenommen, um sich gegen die -Wölfe zu verteidigen, welche hier in den Dickichten der Talschlucht -gehauset. Längst sind diese Tage vorüber und statt Urwaldschrecken -grüßt uns die sonnige Lieblichkeit von Wiesen und Wald in freundlichem -Wechsel. - -Ein reizvolles Wiesental ist es, in dem die Bahn sich hinschlängelt. -In seinem leuchtenden Grün mag im Sommer das Auge sich satt trinken -können und sich der tausend Blumen freuen in ihren starken Farben und -würzigem Duft und Kräfte gewinnen, um freudig ins Grau des Alltags -zu schauen. Heute war die Fläche zart rehbraun getönt und mit dem -schimmernden Silbergrau des Reifes angehaucht. Der Maulwurf war munter -gewesen und hatte kräftige, schwarze Tupfen durch die zahlreichen -frisch aufgeworfenen Haufen in die zarte Farbenstimmung gesetzt. Der -Chemnitzbach schlängelt sich mit hurtigem Laufe in vielen Windungen -durch das Tal. - -Man sollte es dem harmlosen Bächlein dort nicht zutrauen, daß es -auch recht bösartig sein kann und durch Überschwemmungen schon -manchen schlimmen Schaden angerichtet hat. Das Kirchenbuch von -Dorfchemnitz weiß davon zu erzählen: »Am 17. Mai 1622 sind 7 Personen -begraben worden, welche in der großen erschrecklichen Wasserfluth -ertrunken. Denn das Wasser und große Schloßen 3 Häußer ganz und gar -weggerißen, daß nicht ein Stecken mehr stehengeblieben. Auch sonsten -erschrecklichen Schaden gethan, indem es die Gärten gäntzlichen -verschwemmet und alle Zäune hinweggenommen. Denn das Wasser über die -ganze Gemeinde, so breit sie gewesen (70--80 Schritt!) etliche Ellen -hoch gegangen, an der Schulbehausung zum Stubenfenster hineingegangen, -Stub und Haus voll Schloßen geführt, welche zum Theil sehr groß -gewesen. Gott wolle vor solchen Wasserfluthen hinfür und auch anderm -Unglück aus Gnaden behüten!« - -Das breite Wiesental liegt so freundlich in seinem silbergrauen -Atlasgewande, als trüge es immer nur ein Feierkleid und lernte nie des -Lebens Not und Kampf kennen. - -Auf den Hängen liegen einzelne Höfe. Fest geschlossen wie Burgen -schauen sie wie Herren ins Tal, nicht gar trotzig, aber breit und -behäbig voll Selbstbewußtsein und einer gewissen Unnahbarkeit. Dort das -Rittergut von Dorfchemnitz mit seinen festen Mauern liegt auf der Höhe -hinter dem Filigran der entlaubten Wipfel, mit der Kirche zusammen eine -Baugruppe von besonderem malerischen Reiz. - -Der Rauch unseres Zügleins weht in langer, silberweißer, wallender -Fahne durch das Tal. Duftiges Blau, zartes Sepia, dunkles Grün, Weiß, -und Silbergrau sind die Töne, welche das liebliche Landschaftsbild -beherrschen und alles in unendlich weicher Harmonie vereinen. Die -Fenster im Wagen sind beschlagen. So stehe ich draußen mit dem Maler -und male im Geiste die zartesten Aquarelle mit ihm, wo die Farben nur -wie ein Duft auf dem leuchtenden Weiß stehen und so unendlich wohltun -in ihrer keuschen Reinheit, Zurückhaltung und Vornehmheit. Jeder -Ausschnitt wird uns so zum Bilde reiner Winterherrlichkeit, daß unser -Herz froh wird und unsre Lungen immer tiefer die klare, kalte Luft der -Höhen atmen. In Sayda wandern wir dann durchs Städtchen. - -»Das vollständige Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen« von -August Schumann aus dem Jahre 1823 sagt von ihm: - -»Die Lage von Sayda ist, da es auch an Bäumen fehlt, unfreundlich und -rauh, und hat zwei große Unbequemlichkeiten, nämlich einen langen -Winter und sehr viel Schnee und im Sommer oft solchen Wassermangel, -daß Wachen an die Brunnen gestellt werden, um nicht zu viel Wasser in -eine Haushaltung kommen zu lassen; auch gibt es im Frühling und Herbst -immer viel Nebel. Dagegen wird das Korn doch in der Regel reif, und nur -selten begräbt der Schnee den Hafer.« - -Ein schlichtes Landstädtchen ist es mit einfachen, nüchternen Häusern -in gerader Straßenzeile. Diese Straße war einst ein tiefer Hohlweg, -welcher die beiden Haupttore, das Freiberger nördlich und das böhmische -südlich, verband, so daß man in einem Tore stehend, durch das andere -hindurchsehen konnte. Im Jahre 1554 füllte man den 6 Ellen tiefen -Hohlweg aus und pflasterte ihn, ein Fortschritt, der für jene Zeit eine -besondere Kulturleistung war. Von der uralten Grenzburg Seydowe ist -nichts mehr erhalten. - -Dort, wo die Kirche mit ihrem kräftigem Turme sich erhebt und hohe -Linden ihren jetzt so kahlen Wipfel breiten, scheint der letzte Rest -alter, malerischer und behaglicher Kleinstadtschönheit zu sein und im -Sommer mag es gar traulich und schön zu weilen sein unter dem dichten -Blätterdach und duftendem Grün. - -Harte Schicksale waren es, welche der Stadt ihre heutige Gestalt gaben. -Feuersbrünste, Kriegsdrangsale und Seuchen gingen durch die Straßen und -Häuser und zäher Bürgersinn baute immer wieder auf, was des Schicksals -erbarmungslose Faust zerschlagen. So ist das heutige Stadtbild zugleich -eine Folge und ein Denkmal schwerer Vergangenheit. 1465, 1599, 1634, -1702, 1842 sind die Jahre der zerstörenden Feuersbrünste, welche große -Teile der Stadt in Asche legten. Das obengenannte Staats-, Post- und -Zeitungslexikon sagt treuherzig: »Nach all diesen Unglücksfällen ist es -kein Wunder, daß der Ort jetzt zu den ärmeren des Landes gehört, und -_ohne einigen Paschhandel_ nach Böhmen würde er es noch mehr seyn!« -Im Jahre 1842 verloren durch den Brand 289 Familien mit 1100 Köpfen -ihr friedliches Obdach. Auch die Kirche hatte damals stark gelitten, -doch blieb das Netzgewölbe mit seinen acht schlanken Pfeilern und -die schönen Epitaphien der Familie von Schoenberg in ihren reichen -Renaissanceformen erhalten. Besonders das Grabmal des 1605 verstorbenen -Caspar von Schoenberg mit seinem reichen Figurenschmuck und üppiger, -kunstvoller Ornamentik in edlem Material, aus der Schule des Nosseni -stammend, nach einem Entwurfe vielleicht von seiner Hand, ist der -Hauptkunstbesitz der Kirche und der Stadt geblieben und mag sich -getrost mit den schönsten Werken dieser Art im Lande messen. - -Der Turm, der sich so gut ins Stadtbild fügt und weithin ins Land über -Wälder und Berge leuchtet, mußte nach dem Brande von Grund auf neu -errichtet werden. Unter den Pfarrern, welche hier ihres Amtes walteten, -war gar mancher wackere Mann, den Zeit und Schicksal besonders -eigenartig formte. Victorinus Rothe, 1564 in Leisnig geboren und in -Freiberg erzogen, verlor seinen Vater durch Gift, welches ihm seine -Gegner, die Calvinisten reichten. Nach seinem Studium in Wittenberg -war er erst Schulmeister an verschiedenen Orten und dann zehn Jahre -Mittagsprediger am Dom zu Freiberg, wo er infolge seiner hellen und -durchdringenden Stimme großen Zulauf hatte. 22 Jahre war er dann in -Sayda tätig und mag dort viel mit Sorgen zu kämpfen gehabt haben, -denn um seinen Tisch reihte sich eine Kinderschar, für die wohl bald -das Brot zu schmal, die Räume zu eng, der Betten zu wenig gewesen -sein mochten. Bei Gelegenheit der Kirchenvisitation 1617 legt er das -Bekenntnis ab, »er habe keinen gänzlichen Commentarium über die Bibel, -aus mangel und weil ihm viel auff die kinder gienge, deren ihm Gott 22 -bescheret und noch 16 am leben«. - -Eine andere Charaktergestalt ist Johann Reinhard Jakobeer, der Sohn -des Apothekers Theophilus Jakobeer in Pirna, der seine Vaterstadt im -Jahre 1639 durch kühne Tat vor der Einäscherung durch den schwedischen -General Banner bewahrte. Unser Johann Reinhard war der echte Sohn -seines Vaters und ein Kind des Dreißigjährigen Krieges. Er erfuhr -alle Schrecken dieser furchtbaren Zeit. Mit seinen Mitschülern wurde -er zweimal durch schwedische Soldaten aus der Fürstenschule zu Pforta -verjagt und verlor alle seine Bücher. Von 1638 an hat er in Wittenberg -in Not und Armut drei Studienjahre durchgehungert, wurde dann Lehrer -der Söhne eines erst kaiserlichen, dann schwedischen hohen Offiziers, -mit denen er durch Böhmen und Sachsen zog und dabei alle Beschwerden -eines Wanderlebens und Kriegslebens in jener zuchtlosen, wilden Zeit -voller Abenteuer, Gefahren, Straßenraub und Gewalttaten ertrug. Dann -wurde er Feldprediger und mag im bunten rauhen Soldatenleben manche -wilde Tat verhütet, manchem verlorenen Sohn die Todeswunde verbunden, -die Todesstunde erhellt haben. Als endlich Friede eingekehrt war, -wurde er 1653 Pfarrer in Sayda, wo er zehn Jahre seines Amtes waltete, -um dann in seine Vaterstadt Pirna als Diakonus heimzukehren. Sein -Nachfolger Christoph Knorr ist auch eine Charaktergestalt jener -furchtbaren 30 Jahre. Als 72jähriger Greis trat er 1663 das Pfarramt -in Sayda an und hat ihm noch drei Jahre gedient. Er war 1591 in Plauen -geboren, kam nach vollendeten Studien in Wittenberg im Jahre 1616 -nach Brüx als Rektor an die evangelische Schule, wurde Pfarrer in -Wielenz in Böhmen und geriet so mitten in die ausbrechenden Stürme des -furchtbaren Krieges. 1624 wurde er vertrieben und lebte sechs Jahre -ohne Amt in Sayda, bis er 1630 Pfarrer in Neuhausen wurde. 33 Jahre -waltete er hier seines Amtes als Vater und Schützer der vertriebenen -und verfolgten Glaubensgenossen, welche aus dem nahen Böhmen Zuflucht -und Hilfe suchten. Ihre Kinder hat er im Walde auf Baumstöcken als -Tauftisch oft unter Lebensgefahr getauft. Mitten im dichten Walde ist -damals nach dem Kirchenbuche von Neuhausen Kaspar Kadens uffn Seuffen -Söhnlein Kaspar »in schwedischen Einfall in Böhmen Jung worden, und -uf der deutschen seyden vorn Gohrn übern Wasser bey einem großen -faulen stock geteufft«. Im Purschensteiner Walde liegt bei Dittersbach -ein großer tischähnlicher Stein, welcher im Volksmunde der Taufstein -heißt. Er trägt die Jahreszahl 1635 und mag als Altar und Taufstein im -sicheren Schutze des Waldes bei heimlichen Gottesdiensten der vor den -Feinden geflüchteten Gemeinde oder böhmischen Exulanten gedient haben. -In der Char- und Osterwoche 1638 hat von Neuhausen, wie oft vorher und -nachher, »menniglich sich wieder in walt salvieren müssen«. - -Aus dem benachbarten Dörnthal wird berichtet, daß im Jahre 1639 -»solcher Hunger gewesen, daß die Leute meistens Kleie, Leinkuchen, -Gesäme und gekochtes Gras müssen essen, und sein viel Hunger -gestorben«. Die zahlreichen Leichen wurden zumeist »ohne Sarg, Klang -und Sang« heimlich begraben. Ja in den Pestjahren, welche immer wieder -die Orte heimsuchten, blieben die Leichen oft tagelang unbeerdigt, weil -sich keine Totengräber fanden. - -Im Kirchenbuche von Neuhausen hat der wackere Pfarrer Knorr von diesen -Notzeiten einiges berichtet, von Mord und Plünderung, Schändung, -Brandschatzung und anderen Untaten, vor denen sie öfter in die Wälder -fliehen mußten. 1634 schreibt er: »unterm 22 Marty ist eine Partey -Churfl. Krieges Volk in Böhmen auf die Plünderung gezogen; im raußziehn -haben sie sich allhier eingelegt, und futtern wollen, es hat ihn aber -der feind uf der ferschen nachgezogen, sie unversehens, weil sie keine -Wache gehalten, überfallen, der Churfl. ihrer Drey niedergehauen undt -angezundet: Hans Steffens Hauß sambt der Scheune, Hans Müllers, des -Schneiders Hauß, Nikol Fleischers Hauß uf der Brücken, darinnen seine -Schwieger die alte Kochin verbrand, der Paul Schullerin Hauß mit der -Scheunen, und darbey ihr Neben-Hauß darinnen ein Kneblein von 4 Jahren -verbrand, das Lehngericht, welches damals Kaspar Drechsels Erben -gewesen, zu grund abgebrand und Hans Fritzschens darneben und sind also -dismahl ihrer 5 Thodt blieben.« - -Allein zwölf vertriebenen Pfarrern außer vielen anderen Flüchtlingen -wurden aus den Kirchenvermögen Beihilfen gegeben, obschon Neuhausen -selbst vierzehnmal in jener Zeit geplündert wurde; und obschon das -Pfarrhaus 1638 verbrannt und zerstört war und wieder aufgebaut -werden mußte, »weil in den vielfeltigen feindseligen Ausfellen alles -darinnen zerschmettert und zu nichte worden«. Die Vertriebenen haben -größtenteils nichts mehr als einen Exulantenstab in ihren Händen -gehabt, oder, wenn es hoch gekommen, auf einem Schiebebock ihre -kleinen, öfters noch an der Mutterbrust liegenden Kinder hinübergeführt. - -Trotz des furchtbaren Ernstes der Zeit hatte aber Knorr noch mit der -Zuchtlosigkeit und Verwilderung der Sitten in seiner Gemeinde zu -kämpfen. - -Er beschuldigt 1644 sogar den herrschaftlichen Schösser in -Purschenstein, daß er Verwirrung stifte und die Unsittlichkeit fördere, -»er habe Nacht- und Lobetänze biß zu Tage ausgeheget, deßwegen das -gesindte, Knechte und Magde zugelauffen und allerlei Uppigkeit, wie -leicht zuermessen, getrieben. Es war kein Herr seines gesindtes -mächtig.« Sogar der Schulmeister mußte wegen Vernachlässigung des Amtes -und Unsittlichkeit abgesetzt werden. - -In seinem späteren Amte in Sayda fand er nicht die Ruhe, welche er wohl -gesucht hatte. Ja, sein Leichenstein sagt »Den Abend seines Lebens -trübte er sich durch die Annahme des Pfarramtes zu Sayda«, und bitter -klingt der Spruch, den er sich selbst als Grabspruch gesetzt: - - »Ade du falsche Welt, die du mich hast geplagt, - Auch Tag und Nacht an mir nach Würmer-Art genagt. - Mich decket dieser Stein, - Biß Gott wird Richter seyn.« - -Er, der in schwerster Zeit, 33 Jahre lang, der geistige und seelische -Halt in dem gefährdeten Grenzbezirk gewesen und alle Nöte und Ängste -des Krieges treu mit seiner Gemeinde geteilt, hätte einen besseren Dank -als diesen bitteren Ausklang und Nachklang seines Lebens verdient. - -Einer seiner Nachfolger in Sayda, Friedrich Ziegler, Pfarrer -1692--1720, hatte sich als Wahlspruch das Wort gesetzt: »~ride et -vicisti~«, »Lache und du hast gesiegt!« Dieser lachende, vielleicht -auch ironisch lachende Philosoph -- Optimist oder Skeptiker? -- -mag leichter das Leben überwunden haben, aber freilich ist diese -Philosophie nicht durch solche furchtbaren Proben versucht worden, -wie Knorr sie bestehen mußte, bei denen man das Lachen wohl verlernen -mag! Ziegler hat eine Schrift verfaßt, »Die Seelen-Vergnügung im -Grünen«. Es lächelt uns aus dem Titel das frohe Behagen eines -freundlichen Pfarrherrn entgegen, dem das Lachen leicht ist. Knorr mag -bei seinen heimlichen, gefährlichen Waldgottesdiensten nicht an eine -»Seelenvergnügung im Grünen« gedacht haben, weil er zu viel Blut und -rote Flammen gesehen, zu viel Seelennot im Grünen gefunden. - -Gedankenvoll schreiten wir die lange Straße zurück, verlassen das -Städtchen und wandern dann hinaus in die sonnige Winterwelt. Da liegt -vor dem Städtchen das alte Johannes-Spittel hinter alten Bäumen. Bunt -leuchtet das Wappen der Herren von Schönberg mit Inschrift über der -Tür, durch welches das ganze schlichte Haus eine besondere Zierde und -Charakter erhält. Bernhard von Schönberg hat das Hospital gestiftet, -als er 1476 auf der Heimfahrt von Jerusalem auf der Insel Rhodos -auf dem Sterbelager lag und seiner fernen grünen Heimatberge und -harzduftenden Wälder gedachte. -- - -Grüß Gott du altes Weiblein dort am Fenster in deinem warmen Stüblein, -du neidest uns nicht unseren Gang in den Winter hinaus. Der warme Ofen -ist dir Erfüllung deiner Wünsche. Uns sollen noch Wind und Wald und -Schnee Lieder der Sehnsucht und der Wünsche Gewalt und Erfüllung finden -lassen. - -Und ihr Schläfer hinter der schlichten Mauer unter den weißen Hügeln -dort drüben, eure Herzen gingen zur Ruhe, aber was ihr gedacht und -gelebt, es lebt und wirkt in ungeahnten Kräften. Vielleicht ist es -im Wind lebendig, der dort vom Walde herüberweht, den ihr vielleicht -gepflanzt habt, vielleicht klingt es aus dem Jauchzen der Kinder, die -dort mit Schneeballen werfen, Kinder eures Blutes, vielleicht liegt -es keimend im Acker, an dessen Rand wir dahinschreiten und dessen -Frucht vielleicht dem Fleiß der nimmermüden Hände vieler Geschlechter, -eurer Geschlechter, die dort ruhen, zu danken ist, vielleicht sind die -Gedanken und Stimmungen, die uns hier überkommen, Spuren unsichtbaren -Lebens, das hier daheim ist, Spuren eures Lebens, das ihr ganz an -eure Heimat gewendet habt, und das uns nun eure Heimat lebendig und -beseelt macht. Mit uns wandern alter ferner Zeiten stille Gestalten, -nicht als dunkle Schatten, nein als Leben von unserem Blut, die das -Leben gelitten und durchkämpft und bestanden haben und mit uns gehen -als Freunde, um vom Schicksal zu reden, vom Schicksal der Seelen, vom -Schicksal der Heimat, von Vergangenheit und Zukunft. - -Sinnend schreiten wir in den Weihnachtswald, in dem die Schneeflecke -aus dem dunklen Grün leuchten. Rechts schimmert die vereiste Fahrstraße -durch die Stämme und der breite Streifen eines Kahlschlages. Was geht -es sich so weich in dem harzduftigen Walde, als schritten wir in den -Sonntag hinein, wo es so kirchenstill ist, als hätte eine heilige -Feierstunde begonnen, in der alles fernen, fernen leisen Klängen -lauscht wie geheimnisvollem Läuten sehnsuchtsweiter Glocken, dem Harfen -des Windes in den Wipfeln oder dem Rieseln und Sickern des schmelzenden -Schnees im Waldboden. - -Ein dünner blauer Rauch steigt aus der Schneise empor und füllt die -Luft mit starkem Harzgeruch. Wie Weihrauch und stilles Opfer zu -geheimnisvoller Weihe zerfließt er über den Wipfeln. Der Wald duftet -stärker als zuvor. - -Wir treten auf eine weite Lichtung hinaus. Wie ein schimmernder Saal -mit silbernem Teppich liegt sie da rings vom schweigenden Walde wie von -dunklen Wänden umschlossen. Dicht am Walde liegt »das kleine Vorwerk« -mit weißem Schneepelz auf dem Dache. Alles ist still und fügt sich -einfach und schlicht in die große heilige Ruhe. Ein mächtiger Baum in -der Nähe, herrlich nach allen Seiten gleichmäßig entwickelt, steht da -wie der stille Wächter der Einsamkeit. Die leere schneefeuchte Bank -an seinem Stamm unter den schimmernden Zweigen ist heute ein starkes -Sinnbild der Verlassenheit oder Vergessenheit. Wie mag im Sommer unter -seinem grünen Dach das Leben eine Stätte haben. Dort rastet der einsame -Wanderer, dort ruht der Schnitter und genießt sein einfaches Mahl. Dort -lacht und spielt fröhliche Jugend und die wandernde Horde lustiger -Vögel, dort klingt ein altes Lied von Liebe und Leid zur Laute. Dort -sitzt im sinkenden Tagesschein das Liebespaar und lauscht dem Flöten -der Singdrossel hoch oben im Gezweig: Ein Baum, um den alle Poesie von -Wald und Wiese und stillen Wegen wirkt und webt. -- - -Der Wald nimmt uns wieder auf und nach kurzer Wanderung zwischen -seinen schneebehangenen Zweigen öffnet sich eine neue Lichtung, der -Mörtelgrund. Wie ein breites silbernes Band liegt er zwischen den -dunklen Fichten, quer den Wald durchschneidend und einen weiten Blick -aufwärts und abwärts gewährend. Oberhalb zieht sich die Staatsstraße -mit einem Brückenbogen den Bach überspringend. Nach unten schweift der -Blick in die Ferne. An der Straße hier liegt aber ein stiller Teich, -auf dessen Damm gewaltige Fichten wie stolze Türme sich erheben. Weit -breiten sich die untersten Zweige fast dicht über den Boden hin. -Ebenmäßig bauen sich die Prachtgestalten auf und ein Flüstern geht -durch ihre dichten Nadeln, als raunten sie Geheimnisse aus alter -kühner Heldenzeit, als wüßten sie Kunde von seltsamen Abenteuern und -Märchen des Waldes oder von der schönen verwunschenen Fee im kühlen -Wasser dort unter dem grünlichen Eis, verwunschen und verzaubert im -gläsernen Sarge. An den Nadelspitzen hängen Tausende funkelnder Tropfen -wie Perlen, als hätte ein Weihnachtswunder den köstlichen Schmuck -gezaubert. Da regen sich sachte die Zweige und wie schimmernde Tränen -fallen die Tropfen nieder mit leisem, feinem Klingen. - -Die Wasserfei lauscht, denn es klang an der gläsernen Decke, als pochte -schon der Frühling an, um den Zauberbann zu lösen, der sie verschlossen -hält. -- Ach lausche nur, der Frühling ist noch weit und ferne die -Zeit, dich auf der duftigen Wiese im Mondschein im Tanze zu wiegen und -Blumenkränze in deine fliegenden Locken zu flechten. -- -- - -Durch Wald geht es weiter, und dann treten wir auf freie Höhe hinaus. -Entzückt schweifen die Blicke über die reinen edlen Linien der Berge, -welche sich in langen Zügen in den Himmel schwingen, zarter und zarter, -bis sie in weiter Ferne verblauen. Dicht vor uns ist der Schwartenberg -mit breitem Rücken. Rehbraun und weiß ist das Gewand gescheckt, das -er über seine breiten Schultern gelegt hat, und in unendlich feinem -Tone mischt sich ein zartes Veil und Blau hinein. Ja, du trägst nicht -Sorge um moderne Farbenstellung deines Kleides, und was die kleine -Welt dort unten zu deinem Gesicht und deinem Wesen und Kleid sagt. Ob -Sonnenstrahlen um dein Haupt klingen und singen, ob der Sturm dir seine -wilden Weisen schnaubt und heult, du lächelst im fröhlichen Gewand -dem Frühling, du schaust im rechten Feierkleide dem Winter ernst und -versonnen ins grimme Gesicht. -- Wie still und weit wird doch das -Herz, wenn es fern vom lauten Troß und Trieb der Niederung so in die -schweigende Bergwelt des Winters schaut. Wie fühlt man so tief, daß -echte Werte nicht im Lärm, sondern nur in der großen Stille sein und -werden können. Schweigen ist Kraft. Schweigen ist Tiefe. In dieser -heiligen Stille fällt alles Äußere ab und der Kern, Wesenheit und Wert -der Dinge wird offenbar. Wohl dir, wenn du ohne Lüge bestehst, der -Stille ins tiefe Auge sehen kannst, wenn die Stille dir noch etwas sein -und geben kann. - - »Das Ewige ist stille, - laut die Vergänglichkeit; - schweigend geht Gottes Wille - über den Erdenstreit.« - - (Wilhelm Raabe.) - - * * * * * - -Der Weg senkt sich allmählich. Aus dem Talgrunde steigen Türme und -Mauern in malerischer Gruppe auf: Schloß Purschenstein und zu seinen -Füßen die Dächer und Giebel von Neuhausen. Der Weg ist stark vereist -und nicht ohne manches Ausgleiten und heiteren Fall führt er uns ins -Dorf hinab. - -Wie stolz liegt die malerische Baugruppe der alten Burg nun jetzt über -uns, mit ihren spitzen Türmen über die Bäume des Parkes am Berghang -hinwegschauend. - -Als Grenzburg hat sie durch viele Jahrhunderte Feinden Trutz -geboten und war zugleich auch eine Zufluchtsstätte in der Zeit der -Glaubenskämpfe für zahlreiche aus ihrer böhmischen Heimat vertriebene -lutherische Exulanten. Mehr als ein halbes Jahrtausend sitzt hier -das Geschlecht der Herren von Schoenberg bis auf den heutigen Tag. -Freilich ist die Zeit jener Herrschaftsgewalt vorüber, als zu Beginn -des Dreißigjährigen Krieges die Purschensteiner Schönberge neben -den weitausgedehnten Waldungen 5 feste Schlösser, 4 Rittergüter, -2 Städte, 1 Marktflecken und 39 Dörfer ihr eigen nannten und über -einen Besitz von rund 500 Quadratkilometer -- ein kleines Fürstentum --- als Herren geboten. Der Ruhm dieses Geschlechtes, der zugleich -seine Blüte bedingt, ist die Arbeit, der weitschauende Blick, welcher -in der wirtschaftlichen Entwicklung und zielbewußter Siedelung und -Aufbautätigkeit die Wohlfahrt seiner weiten Gebiete förderte. - -Die Aufnahme der böhmischen Exulanten war nicht nur eine Tat -lutherischen Geistes und menschlichen Mitgefühls, sondern auch -klügster wirtschaftspolitischer Überlegung. In zahlreichen -Dörfern und industriellen Unternehmungen erblühte neues Leben und -neue wirtschaftliche Kraft für die Ansiedler ebenso wie für den -weitschauenden Grundherren. Deutscheinsiedel, Deutschneudorf, -Niederseiffenbach, Heidelberg, Oberseiffenbach, Deutschkatharinenberg, -Brüderwiese, Eisenzeche, Lässigherd, Oberlochmühle, Frauenbach, -Deutschgeorgenthal, Neuwernsdorf, Oberneuschönberg, -Niederneuschönberg, Kleinneuschönberg u. a. sind Orte, die solcher -bewußten Siedlungstätigkeit ihre Entstehung verdanken. - -Damals schaute das Schloß nach einem Bilde von 1735 noch bei -weitem stattlicher ins Land. Fünf hohe schlanke Türme mit offener, -durchsichtiger Laterne und geschwungenen Haubendächern, ähnlich wie der -Freiberger Rathausturm, ragten in die blauen Lüfte und bezeichneten -die von starken Mauern umgürtete und durch tiefen Wallgraben und -steilen Absturz geschützte Hauptburg, die wie eine stolze Krone auf -der Bergeshöhe leuchtete. Wie mag so mancher Flüchtling, der vom -Feinde gehetzt aus den dunkelen Tiefen der Dickichte der Grenzwälder -emportauchte, diese leuchtenden Türme auf dem Berge mit Jubel gegrüßt -haben. Wie mag so mancher Feind begehrlich nach diesen festen -Mauern und hellen Fenstern geblickt haben. Feindlichen Angriffen, -Plünderungen und Zerstörungen ist dieser stolze Sitz jedoch nicht -entgangen. 1643 z. B. war das Schloß von Schweden besetzt. Da rückte -der Rittmeister Sporr von der kaiserlichen Armeeabteilung des Grafen -Brey mit 200 Reitern aus Böhmen heran, um die Schweden aufzuheben und -das Schloß in Brand zu stecken. Schon hatten die Kaiserlichen viel -Leitern und Stroh herbeigetragen, um letzteres zu ersteigen. »Es haben -sich aber die darinnen gelegenen 46 Mann Schwedischer Reuther mit -Schüßen und Steinwerffen so ritterlich gehalten, daß die Keyßerlichen -200 Mann unverrichteter Sache wieder abziehen müssen.« Sporr rächte -sich dadurch, daß er die außerhalb der Mauern liegenden Stallgebäude in -Brand steckte. Die Schweden hielten aber das Schloß noch acht Wochen -besetzt und brandschatzten ihrerseits die Umgegend nach Herzenslust. - -Auch 1646 haben hier noch einmal die Schweden gehaust. 2000 Mann -plünderten die Kirchgemeinde Neuhausen, trieben von hier und aus -Dittersbach und Seiffen sämtliches Vieh hinweg, raubten das Schloß -aus und zündeten den oberen Teil desselben an. »Die Schweden kommen« -war der Schreckensruf, der noch nach langen Friedensjahren den -Bauer mit Entsetzen füllte. Es hatte sich zu tief eingeprägt, was -die Pfarrchronik sagt: »weil wier damals, wie noch alle stund und -augenblick in großer kriegesnot und gefahr geschwebet«, und »weil -die Kriegesnot und gefahr noch so groß ja größer ist, als sie iemals -gewesen, sintemal uns der Feind mit rauben, plündern und anderen -grausamen thaten, ie länger ie mehr kömmt, ... große Tyranney verubet, -... ausgeplündert« usw. - - * * * * * - -Doch hinweg mit den Bildern aus blutiger, schwerer Zeit. Wir wollen -heute hier nicht rasten, so lockend auch der alte malerische Bau auf -der Höhe und dort das behäbige Gasthaus an der Straße winken. Wir -wollen ja hinüber ins Weihnachtsland, das jenseits des Berges liegt. -Auf steilem Wege geht es weiter und an der Flanke des Schwartenberges, -»an der Schwarte« empor. Hei, das war ein lustiges Klettern, Steigen -und Rutschen auf dem blanken Eis des schmalen Weges, wo oft nur der -feste Wanderstab vor jähem Sturz und Abgleiten bewahrte und manchesmal -nur ein rascher Griff in das Gestrüpp oder nach einem Baumstamm -eine unfreiwillige rasche Talfahrt ohne Schlitten auf den eigenen -gewachsenen Rodelkufen verhütete. - -Diese Bergflanken oberhalb Neuhausens senden in schneereichen Wintern -auch ihre Lawinen zu Tal, die manchmal nicht ungefährlich sind. Wer -den erzgebirgischen Winter kennt und erlebt hat, wie in tagelangem -Schneetreiben oft die Schneemassen sich türmen und Schneewehen zu -Bergen sich emporbäumen, wie in den Wäldern viele Hunderte stolzer -Wipfel unter der kalten, drückenden Faust des Schnees niederbrechen, -wer einmal in solchem Schneesturm gewandert ist oder vielmehr -sich durchgekämpft hat, der wird die unheimliche Gewalt solcher -Naturereignisse ermessen. - -Im Winter 1835 löste sich vom hohen Gassenberge eine Schneelawine und -zerstörte gänzlich das Haus des Korbmachers Hengst, der sich mit den -Seinen jedoch noch rechtzeitig retten konnte. 1862 verschüttete eine -Schneelawine das Heinrichsche Haus in der Treibe derartig, daß seine -Bewohner erst nach langem Schaufeln durch ein Dachfenster des obersten -Bodens mit Lebensgefahr in Sicherheit gebracht werden konnten. - -Heute liegt jedoch der Schnee hier oben nicht so dicht in geschlossenen -Flächen. Locker, weich und leuchtend wirkt er in den einzelnen -Flecken und Bändern wie ein schimmernder Schmuck, den der Berg zur -Weihnachtszeit sich angelegt. - -Wir erreichen einige einsame Höfe und gehen dann über eine Schneefläche -wie auf weichem, kostbarem Teppich auf ebenerem Höhenweg dahin. Wie -liegt die Welt so fern und klein unter uns. In weiter Ferne der -Kirchturm von Sayda. Davor der Wald, den wir durchschritten. Im Tale -einige Dächer und Häuser wie vergessen und verloren. Die Dinge der -Niederung sind klein geworden, das Große, Erhabene zieht den Blick an. -Die Augen schweifen in die Runde und können sich nicht satt trinken an -all der keuschen Herrlichkeit der Berglinien und dem Dufte der Farben -vom leuchtenden Weiß zum tiefen Blau und Grün, vom zartesten Braun bis -zum satten Veil dort in den tiefen Gründen der Täler und Wälder. - -Höhenluft! -- Wie atmen wir darin auf, wie atmen wir so tief und frei -und unsre Seele atmet mit, denn um uns und in uns ist das große, stille -Leuchten, das man erlebt, wenn man Höhenwege wandert hoch über dem -Alltag. Staubige Pfade liegen fern in der Tiefe, in reiner Höhenluft -wird das Blut und die Seele frei, frei für Höhengedanken frei von -dunklen Tiefen. - -Oben über uns reckt sich eine Felsengruppe in die Luft, als wäre -sie der Stuhl eines Gewaltigen, der von hier aus sein weites Reich -überschaut, dem die Wälder Teppiche und die Berge und Täler Stufen -seiner Herrlichkeit sind. - -Unter einer alten, knorrigen Buche am Wege stehen wir. Sie ist vom -Sturm zerzaust, und die Äste recken sich trotzig, wie feste Arme mit -starken Muskeln und Gelenken dem Wetter entgegen, als wollten sie mit -dem ungestümen Gesellen raufen. Der Schnee liegt in weißen Wuchten -im struppigen Gezweig, und es fällt ab und zu ein nasser Klumpen -hernieder. Wir aber stehen und schauen in das große stille Leuchten -hinaus. - - »Kein irdscher Laut mehr reichte durch die Lüfte, - Mir wars, als stände ich mit Gott alleine, - So einsam, weit und helle wars da oben.« - -Um die Felsblöcke dort oben saust der Wind. Frau Sage sitzt dort und -raunt ihm ihre Geheimnisse zu. Zauberkundige Venetianer, »die Walen«, -sollen dort Gold gefunden und aus unterirdischen Höhlen geborgen haben. -Als 1874 moderne Goldgräber hier ihren Schacht in die Tiefe trieben, -da floh das Gold und wurde taubes Gestein und arm an Beutel mußte die -Habgier heimkehren. Frau Sage sitzt wieder dort und schaut mit tiefen -Augen ins Land und dir in die Seele, wenn du ein Sonntagskind bist, d. -h. wenn du Höhengedanken in dir trägst. Sie erzählt dir von den Wundern -der Heimat, die ewig sind und ewig jung. - -Durch tiefen Schnee ging es dann weiter und schließlich abwärts ins -Seiffener Tal, zuletzt auf steilem Fußwege hinunter. Tiefe Schneewehen -boten hier willkommenen Halt auf dem vereisten steilen Pfad gegen -den Absturz. Watend und springend, rutschend und fest den Wanderstab -einsetzend gelangten wir glücklich zu den ersten Häusern am Hange, -wo der Weg ebener und sicherer wurde und uns bald an winzigen -Erzgebirgshäuseln vorbei auf die Talstraße führte. - -Nur wenige Schritte noch und unser Ziel ist erreicht, das Erbgericht, -das bunte Haus. Helle leuchten uns seine blanken Mauern und Fenster -entgegen. Ein Querhaus und zwei Flügel umschließen einen offenen Hof, -als breiteten sich uns offene Arme entgegen: »Seid willkommen, hie ist -gut sein, hier magst du rasten und weilen und mag es dir wohl werden.« -Dort über den Fenstern grüßt gar vertraut Alt-Freibergs Bergparade -vom langen, gemalten, bunten Holzschild. Ja wahrlich, es ist recht, -hier der alten Berghauptstadt des Landes und ihrer Bergherrlichkeit -zu gedenken in so sinniger und sinnfälliger Weise, denn von ihr ging -die Kultur des Landes aus, ward die Wildnis des Miriquidi gerodet und -besiedelt, wurden die Erzgruben des Gebirges erschlossen. Der Name -Erzgebirge wurde erst im sechzehnten Jahrhundert üblich, als an vielen -Stellen Erz entdeckt und die Bergstädte mit den Namen der heiligen -Familie wie Joachimsthal, Annaberg, Marienberg, Jöhstadt usw. gegründet -wurden. - -Vorher hieß es nach den Worten eines alten Dichters: - - »Sehr wild und felsicht wars in diesen Waldesöden, - Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind. - Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten, - Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.« - -Auch Seiffen dankt ja seinen Namen und Entstehung dem Bergbau, dem -Zinnbergbau. Ausseiffen bedeutet auswaschen der Erzkörner aus Sand -und Geröll. Längst ist er zwar zur Rüste gegangen, aber überall hat -er seine unverwischbaren Spuren hinterlassen. Man sieht es, daß der -Bergbau nicht unbedeutend gewesen sein kann und dies bestätigen alte -Berichte: 1686 wurden rund 200 Zentner »Zien« ~à~ 22--23 Thaler -gewonnen. 1730 waren in Seiffen vier, im benachbarten Heidelberg zehn -Zechen im Betrieb. Die Ausbeute betrug 508 Zentner Zinn ~à~ 22 Thaler. -Doch allmählich ließ die Ergiebigkeit der Gruben nach, der Bergbau kam -in Verfall. Schon im 16. Jahrhundert gab es Holzdrechsler, welche mehr -dem Holzreichtum der Wälder als dem Erzreichtum der Tiefe trauten. -Der Bergmann ist ja auch immer ein Basteler gewesen. So ist es kein -Wunder, daß oft aus dem Zeitvertreib ein Beruf wurde, und daß, als -der Bergbau seinen Mann nicht mehr nährte, statt Schlägel und Eisen -das Schnitzmesser den Lebensunterhalt verdienen mußte. Seiffen wurde -allmählich der Mittelpunkt und Hauptort der Spielwarenindustrie. Es -wurde aus einem alten Bergmannsdorf der Typus des erzgebirgischen -Schnitzer- und Industriedorfes, wo eigenartige Gegensätze sich berühren. - -Hier das »Bunte Haus« ist so recht das Heim und der Ausdruck dieser -erzgebirgischen Volkskunst und Volksindustrie geworden, einer -Weihnachtskunst, bei der man fröhlich und ein Kind wird wie zu -Weihnachten, in der man sich heimisch und wohlfühlt, als erzählte -Großmutter ein Märchen aus der Zeit »Es war einmal«. Vom hübsch -geschmiedeten Arm an der Hausecke grüßt uns der Spruch: - - »Erst die Erde, dann die Sterne, - Erst die Heimat, dann die Ferne.« - -Jawohl, viele suchen die Heimat und können doch nie heimfinden, -viele haben die Heimat und halten sie nicht. Heimat ist kein leerer -Ortsbegriff, Heimat ist eine Herzenssache. Wer kein Herz hat, wie will -der die Heimat finden oder halten? - -Möge die Kunst der Heimat der Heimat eine Seele geben, welche jene -Vielen wieder zu rechten Heimatfreunden, Heimatkindern mit Herzen voll -heimwehen Heimatstolzes macht. -- - -Hier im Bunten Hause ist der wohlgelungene Versuch gemacht, durch die -Heimatkunst des Ortes ein echt erzgebirgisches Heimathaus zu machen, -in welchem man das Herz der Heimat pochen fühlt und hört. Was der -Hausspruch sagt und wünscht, das mag wohl sicher in Erfüllung gehen: - - »Die Vorzeit grüßt Euch, daß Ihr wißt, - wie schön sie einst gewesen ist. - Gott gebe, daß die Nachwelt spat - an uns dieselbe Freude hat.« - -Doch nein, nicht nur für die Nachwelt, nein, für das bunte, freudige -Leben des Tages und seiner Gäste ist das Haus geschaffen. - -Ein frohes Behagen umfängt uns, treten wir unter sein Dach. Der -Hauptschmuck des geräumigen Hausflures ist die Gestalt eines Freiberger -Bergmannes, der auf einer Konsole kniet bei der Arbeit vor Ort mit -Schlägel und Eisen. Der Bergmann, der Erzsucher und Erzfinder, ist -- -oder leider vielmehr war -- ja die Charaktergestalt des Erzgebirges. -Bergleute sind Wappenhalter bei erzgebirgischen Städtewappen, Bergleute -sind die Träger erzgebirgischer Kanzeln, Bergleute sind in den alten -Bergstädten Schmuckfiguren an Bürgerhaus und Portalen, in Kirchen und -an Geräten. Der bergmännische Gruß »Glückauf« klingt dir oft noch -treuherzig entgegen. Bergleute sind das Spielzeug großer und kleiner -erzgebirgischer Kinder. So mag auch hier, wie nirgends, der Bergmann an -seinem Platze sein. - -Wir treten in die Gaststube ein und fühlen uns wie zu Hause in warmer -Behaglichkeit. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt und rings von -den Simsen klingt es uns wie Kinderlachen und Weihnachtsjubel aus -frohen Kinderherzen entgegen. Da ist sie aufmarschiert die ganze -bunte, lustige Gesellschaft, ohne die Weihnachten im Erzgebirge nicht -denkbar ist: die Bergleute und Weihnachtsengel mit ihren Lichtern, -die Nußknacker im buntesten Wechsel, die Räuchermännlein in allerlei -abenteuerlichen Gestalten. Pferdchen, Kühe und Schafe und der getreue -Spitz dürfen nicht fehlen. Über den bunt mit Blumen bemalten Türen, wie -wir sie von den alten Bauernschränken kennen, ist hier der Frachtwagen -auf die Wand gemalt mit seinen vier starken Pferden, wie er einst auf -den Straßen des Gebirges verkehrte, um Salz nach Böhmen oder das gute -Freiberger Bier ins Gebirge zu schaffen. Dort ist der Postschlitten in -voller Fahrt dargestellt. Kein Plakat, wie sonst in Gaststuben, stört -mit aufdringlicher Reklame die Harmonie des Raumes. - -Einfach gerahmte Bilder aus der erzgebirgischen Heimat von Künstlerhand -schmücken die Wände, deren oberen Abschluß ein starkes farbiges -Friesband -- Ähren mit bunten Feldblumen -- bildet. Durch die Fenster -strömt das volle Licht herein, denn sie sind frei von unnützen -Gardinen und Stoffgehängen. Dafür schmückt ein starker, farbiger Fries -von Blumen die tiefen Fensterlaibungen und vor den Scheiben hängen -gute Glasbilder in farbiger Bleiverglasung mit Darstellungen eines -drolligen Musikantenvolkes voll köstlichen Humors. Eine wohltuende, -satte, tiefe harmonische Farbigkeit erfüllt den Raum wie ein voller, -echter Klang, der von allen Sinnen aufgenommen wird und warm zum Herzen -dringt. Die kräftigen, gut geformten Holzstühle und Tische laden ein -zu behaglicher Rast und helfen das Gefühl des Daheimseins steigern, -weil sie sich ganz in die Raumstimmung fügen. Die Teller, von denen -du speisest, die Tassen, aus denen du trinkst, sind bunt bemaltes -Bauerngeschirr, wie wir es aus der Verkaufsstelle des Heimatschutzes -in Dresden kennen und lieben. Welche Freude ist es, hier im täglichen -Gebrauch einer Gastwirtschaft dieses reizvolle Geschirr in passender -Umgebung zu sehen und die Lust an seiner echt volkstümlichen Art zu -empfinden. Durch dieses Hineinstellen der Ergebnisse liebevoller -heimatlicher, künstlerischer Arbeit, Forschung und Begeisterung mitten -in den Gebrauch des praktischen Lebens ist eine Tat getan, durch welche -die hohen Gedanken des Heimatschutzes und volkstümlicher Kunstpflege, -Kunstschaffens und Kunstfreude mächtig gefördert werden, um so mehr, -als es an einem Orte geschieht, in dem die Erziehung zum guten -Geschmack sich unmittelbar in der täglichen Arbeit auszuwirken vermag. - -Mit wie einfachen Mitteln auch schwierigere Fragen gelöst werden -können, das zeigt die elektrische Beleuchtung. Sie hätte leicht die -Raumstimmung stören können, wenn die Birnen mit den Glasschalen im -Raume pendelten oder irgendeine Dutzendware als Beleuchtungskörper -diente. Wie half sich der Künstler? Er bemalte den Glasschirm der -Pendellampe in kräftiger Stilisierung mit bunten Bauernblumen. Auf -den Glasschirm legte er einen bemalten Holzreifen, wie man sie in -Seiffen dreht, und ließ von ihm bunte Bänder herabhängen. Auf dem -Holzreifen aber ist allerlei Seiffener Spielzeug lebendig. Da sitzen -allerlei Vögelchen und schauen mit drolliger Kopfbewegung keck -herunter. Da jagt der Hirsch durch den Wald, verfolgt vom Jäger mit -seinem Hund. Kein Beleuchtungskörper ist wie der andere und doch -alle einheitlich und ein Schmuck des Raumes von echt volkstümlicher -Seiffener Heimatart. Der Hauptschmuck ist ein großer Kronleuchter, nach -Art von Kristallkronleuchtern gestaltet, jedoch aus weißen Holzperlen -zusammengesetzt mit sparsamer Vergoldung, ein mühsames, eigenartiges -Stück Seiffens Kunsthandarbeit. - -In einem Glasschranke sind allerlei Musterstücke der Seiffener Kunst -ausgestellt, um die Kauflust anzuregen und damit dem Orte zu dienen. -Der Schrank wirkt freilich in seiner Form des oberen Abschlusses mit -den geschwungenen Linien und krausen Schnitzerei und Spitzchen hier -etwas fremdartig, als habe er sich hierher verlaufen und verirrt aus -einer anderen Welt. Das hat der Künstler wohl empfunden und hat ihm, -ohne helfen zu können, ein paar Bauernblumen auf die Stirn und unten -an den Schubkasten gemalt. So wirkt er in der echten einheitlichen -Raumstimmung gekünstelt und falsch, wie der Salontiroler in der -Dorfschenke. Auch das Klavier dort an der Wand wird dadurch, daß auf -die schwarze Politur ein paar kecke Bauernblumen gemalt werden, nicht -»echt«, wird nicht aus einem Salonwesen zu einem erzgebirgischen -Bauernkind. -- Gerade auf diesem Gebiete liegen noch viele ungelöste -Aufgaben, würdig der Mühe tüchtiger Künstlerhände. Die Gewohnheit läßt -oft Mängel auf diesem Gebiete übersehen, die in einer neuen, fein -abgestimmten, echten Umgebung plötzlich auffallen und das Verlangen -nach Neubildung und neuem Leben und Schaffen hervorrufen. In neuem -Lichte sieht man alte Formen und klarer sieht man, was not tut; den -falschen Ton einer Saite hört man schärfer, wenn alle anderen Saiten -und Instrumente gut gestimmt sind, wie hier. Doch diese kleinen -Unstimmigkeiten sollen uns die herzliche Freude und das Behagen an dem -stimmungsvollen, echt erzgebirgischen Raum nicht stören. Der Alltag -liegt weit hinter uns und fröhliche Weihnachtsgeister lachen durch -den Raum. Nicht in Lärm und jagendem Witz und Scherz, nein, in jener -tiefen, freudigen Stimmung sind wir beieinander, in der einer den -anderen versteht, und freudig aus seinem Innern gibt, weil er fühlt, -nur so kann eine gute Stunde ihren Wert als wahrhaft frohe Stunde -bringen. -- Wir betrachten dann den Nebenraum, der im Gegensatz oder -auch Ergänzung zu der echt volkstümlichen Seiffener Stimmung der -Gaststube mehr auf hohe Kunst erzgebirgischer Art und Landschaft und -als »Herrenstube« gestimmt ist. Er wird beherrscht von den Gemälden -mehrerer Künstler, welche hier das hohe Lied der Schönheit heimatlicher -Landschaft singen. E. Buchwald, Zinnwald, Alfred Hofmann, Stollberg, -Alfred Kunze, Chemnitz, Prof. Seifert, Seiffen, der Neubeleber und -Anreger der Seiffener Kunst und Gerhard Dreßler, der Künstler, dem die -stimmungsvolle Einrichtung des Hauses hier zu danken ist, sie alle -reden dort mit stummer eindringlicher Sprache von der Heimat, wie sie -ihnen dort durch die Seele gegangen ist, und ihre Bilder beseelen -den Raum. Ein Gasthauszimmer, ein Kneipenraum, und doch geweiht und -frohmachend durch die Kunst. - -Man muß dem mutigen Unternehmer danken, diese Lösung der Frage »Kunst -und Kunsterziehung« für das Volk, so fest angepackt und durchgeführt zu -haben hier oben im erzgebirgischen Dorfe, während in den Großstädten -auch in den besten Gaststätten oft nur Plakate oder minderwertige -Kunst oder Kitsch zu finden ist. Wenn nur in jeder besseren Gaststätte -im Lande nur ein oder zwei Originalkunstwerke hingen, angeschafft -für das Geld, das anderweitig für die Augen- und Ohrenmarter der -Gäste hinausgeworfen wird und besser erspart bliebe so wäre unserer -notleidenden Kunst geholfen und durch die Erziehung und Freude, -welche jedes echte Kunstwerk schafft, würde reicher Segen geschaffen. -Könnten nicht die vornehmeren Gaststätten zugleich stimmungsvolle -Ausstellungsräume sein für Kunstwerke, die sich hier dem Käufer in -jeder Beleuchtung zur ruhigen Betrachtung darbieten können und für -sich und den Künstler unaufdringlich werben können in Räumen, die der -heimischen Wohnung ähnlich sind. Alle Teile, der Wirt, der Gast, die -Kunst und der Künstler hätten ihren Vorteil dabei. - -Solche Betrachtungen und Lehren regt die Herrenstube hier im Seiffener -Erbgericht an, während die Sonne durch die bunten Scheiben blinkt -und leuchtende Farbenflecken auf die blankgescheuerten Tische wirft. -In den Fenstern sind buntfarbige Wappen und Tierbilder wie Elster, -Eichhörnchen, Fuchs, Hase angebracht und oben im Laubwerk und -Nadelgezweig des breiten Wandfrieses tummelt sich fröhlich allerlei -Getier des deutschen Waldes, frisch und keck ohne ängstliche Schablone -hingemalt, wie es der Phantasie des Künstlers entsprang. So regt es -auch wieder die Phantasie an und macht die Gedanken fröhlich. - -Eine besondere Zierde des Raumes sind neben dem Holzleuchter an der -Decke mit einem Bergmann in der Mitte noch die geschnitzten dreiarmigen -Holzleuchter auf den Tischen, welche in ihrer leuchtenden Farbigkeit -und mit ihren fröhlichen Motiven das Auge anziehen. Als Mittelstück -zwischen den drei Armen sprengt dort z. B. ein Reiter im leuchtend -roten Rock mit einem Jagdhorn auf einem Apfelschimmel über ein -Fichtenbäumchen hinweg, dort ist es ein stolzer, springender Hirsch, -dort wieder der Kopf des Hubertushirsches mit dem Kreuz zwischen den -mächtigen Stangen. Das ist Volkskunst, welche erzählt, welche Seele und -Gedanken hinausführt aus dem grauen Alltag in Wald und Heide und das -Herz fröhlich macht. - -So geht es dir im ganzen Hause! Schaust du in die Gastzimmer, so -findest du keine Hotelschablone. Nein, Bett und Leuchter, Tür, Stuhl -und Spiegel sind dem Geiste des Ganzen angepaßt. Kleine Originalgemälde -schmücken die Wand, die du, wenn sie dir besonders gefallen, sogar für -mäßigen Preis erwerben kannst. Manch launiger Vers grüßt dich. An der -Kammer der Magd steht warnend der Vers: - - »Die Wirtin thut aufwecken - die faule, faule Magd, - sie thut sich erst recht strecken - und schlaft dann bis es tagt.« - -Auf dem Treppenplatz im Dachgeschoß füllt die Ecke gewichtig ein -bunter, alter Bauernschrank aus dem Jahre 1704 und eine eigenartige, -buntgemalte Wiege steht daneben, welche auf dem Kasten den bedeutsamen -Spruch trägt: - - Salomo der Weise spricht - Weib erfülle deine Pflicht. -- -- - -In einem Zimmer des Obergeschosses ist eine erzgebirgische Bauernstube -eingerichtet mit allerlei echtem Geräte bis ins kleinste liebevoll -und mit großem Verständnis ausgestattet. Dieser für die Volkskunde -belangreiche Raum ist so recht ein Zeugnis für den Sammeleifer und die -liebevolle Art, mit der die großen und die vielen kleinen, doch oft -so wichtigen Dinge des täglichen Lebens und untergehender Sitten und -Gebräuche erfaßt und bewahrt werden. Er ist zugleich auch ein Zeugnis -für den Geist der durch das bunte Haus geht, der alles aus Liebe zur -Sache mit großen Opfern geschaffen und nicht der Reklame und des -bloßen Gewinnes wegen, obschon auch hier die alte Wahrheit sich wieder -erweist, daß das Echte und Schöne und Gute seinen Lohn sich selbst -bereitet. - -Das Haus dient dem Orte und der erzgebirgischen Volkskunst und -Industrie in unaufdringlicher, vornehmer Weise, dadurch, daß es durch -die lebendige Anschauung Freude daran zwanglos bei jedem Gaste erweckt -und die Lust am Besitze solcher lustigen Dinge. - -Dieser Absicht dient auch die Spielwarenausstellung im Erdgeschoß des -Seitenflügels, wo man an der Fülle alter und neuer Stücke der Seiffener -Industrie und Kunstfertigkeit seine Freude hat und nach Herzenslust -wählen darf, was man sich oder anderen zur Freude erwerben mag. -- - -Doch draußen lacht die Sonne! Es hält uns nicht mehr im Zimmer. -Wir steigen zur Kirche aufwärts, welche als achteckiger Zentralbau -mit hohem Zeltdach und stolz daraus hervorschießendem Glockenturm -charaktervoll in die Landschaft der Höhenlinien und Hänge sich -hineinpaßt, wie aus dem Boden gewachsen und doch eigenartiges Leben -für sich behauptend. Über dem Haupteingange befindet sich eine Platte -mit der Inschrift: »Zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen geweihet -1779. Ps. 24. 7 -- Pred. 4. 17.« Links unten ist die Höhenmarke -640,462 ~m~ eingelassen. Im Innern ist man überrascht über die -geschlossene feierliche einheitliche Wirkung des zentralen Raumes, in -dem zwei Emporen übereinander äußerste Raumausnutzung bei günstiger -Anlage der Plätze zeigen. Im Sinne des großen Meisters der Frauenkirche -in Dresden, Georg Bähr, ist hier ein echt evangelischer Predigtraum für -viele Hörer in packendem Zusammenschluß geschaffen. - -Auf dem Friedhof draußen stehen wir dann am Grabe des Pfarrers Härtel, -der ein rechter Pfarrer für seine Gemeinde war, ein treuer Berater für -die Seelen seiner Gemeinde, Helfer und Anreger auch in allen Dingen, -die zur Blüte seiner Gemeinde in wirtschaftlicher, heimatkundlicher und -kunstgewerblicher Hinsicht beitragen konnten, ein Freund der Heimat, -festgewurzelt im Boden seiner geliebten Gemeinde. - -Draußen im Walde hatte er sein Lieblingsplätzchen, wo er von moosig -bewachsener Felsbank ins Tal schaute. Dieser Stein aus heimischem Grund -sollte sein Grabstein werden, hatte er einst gewünscht. - -Als ein rascher Tod ihn seiner Gemeinde nach beinahe dreißigjähriger -treuer Arbeit entriß, da dachte man seiner Worte. Er konnte nicht mehr -zum Stein im Walde draußen gehen. So kam der Stein aus dem Walde zu -ihm und deckt nun als mächtige, rauhe Platte sein Grab und schützt -es wie der Deckstein das Grab eines germanischen Edelings. Eine -schlichte Inschrift nennt seinen Namen. Ein grüner Kranz aus ernsten -Fichtenzweigen ist sein Schmuck. - -Eine weihevolle, ernste Stimmung liegt über dem Grabe. »Der ist in -tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie du!« -- - -Wir schreiten weiter unter der Traueresche hindurch, welche wie ein -mächtiger Torbogen die Straße überwölbt, und als ein eigenartiges -Naturdenkmal von besonderem Reiz zu hegen ist. - -Die Binge ist unser Ziel. Zwei Kessel sind es, aus denen einst das Erz -gebrochen wurde. Eine Halde und steiler Felsgrat liegt zwischen ihnen -und trennt sie. In die kleinere kann man hineingehen. Sie wirkt wie ein -ungeheurer Steinbruch mit steilen Wänden, auf deren Vorsprüngen und -Kanten heute der leuchtende Schnee liegt und die Farben des Gesteines -besonders hervorhebt. Oben von der Höhe zwischen den Bingen haben wir -einen weiten Blick ins Land und auf den Ort zu unseren Füßen. Wie auf -einer gewaltigen Kanzel stehen wir hoch über der Geschäftigkeit des -Tages, die verworren zu uns heraufklingt. Dann steigen wir zur großen -Binge herab auf vereistem Wege, der glatt und nicht ungefährlich uns -dicht am Rande dieses ungeheuren, wildromantischen Kraters entlang -führt. Ein Wasser stürzt jenseits rauschend in die Tiefe und Eiszapfen -hängen von dem Gestein wie schimmernder Spitzenbehang. Aus dem Grunde -ragen Bäume auf und drüben am Rande stehen echt erzgebirgische, -niedrige Bergmannshäuser. Längst ist der Bergbau hier erloschen, aber -sein unverwischbares Gepräge hat er dem Orte gegeben. -- Doch jetzt -wollen wir noch Seiffen bei der Arbeit und bei der Kunst -- Kunst der -kleinen Leute suchen! - -Unser Weg und unsere Wißbegierde führt uns in die Fachschule, die ein -Jungbrunnen für die Seiffener Industrie zu werden bestimmt ist. Eine -reiche Sammlung von Seiffener Spielzeug von ältester Zeit her zeigt -wie die Entwicklung von einstiger Höhe zur Tiefe abwärts und in der -neueren Zeit wieder zur Höhe aufwärts ging. Neben den alten guten -Sachen fesseln uns vor allen die Dinge der Gegenwart und Zukunft, die -Dinge der Hoffnung, neuzeitliche Arbeiten, die in echt erzgebirgischer -Art die fröhliche Farbenbuntheit mit immer wieder neuen Formgedanken -in materialgerechter Bildung und Herstellung verbinden. Über vielen -Arbeiten liegt ein frischer Humor, der uns unwillkürlich lächeln läßt, -wie bei jener Familie bunter Vögel, die mit ihren drehbaren Köpfchen -sich um ihren gravitätischen Vogelkönig mit dem großen Schnabel und -goldenem Krönchen scharen und mit aufgehobenen Schwänzchen bald keck, -bald dummdreist, bald fröhlich in die Welt gucken. Kindeseinfalt, -Märchensinn und Schelmerei sind mit scharfer, künstlerischer -Naturbeobachtung verbunden, um in einfachster Form und Technik -echte Vogelcharaktere zu geben und echtes kinderseliges Spielzeug -zu schaffen. Und doch ist es so schwer, wie man uns sagt, diesen -köstlichen Dingen Eingang ins Volk zu schaffen! Zur Anfertigung z. B. -dieser Vögel hatte sich nur eine Fabrik seinerzeit bereit gefunden, -welche inzwischen den Betrieb eingestellt hat. Diese Dinge werden also -aus dem Handel völlig verschwinden, wenn nicht ein anderer Betrieb -sie wieder aufnimmt und für den Vertrieb sorgt. Wir sehen in der -Ausstellung z. B. auch das köstliche Gespann eines Ochsen und Pferdes -vor einem Wagen mit Holzstämmen von einer verblüffenden Naturwahrheit -und Echtheit in der Bewegung bei aller packenden Einfachheit der -Form und Technik, daß man seine helle Freude daran hat. Auch dieses -prächtige Werk echt deutschen Kindersinnes wird in deutschen -Spielzeughandlungen wenig gekannt, geführt und gekauft. England und -Amerika sind die Abnehmer. Und doch sind gerade diese Dinge, welche -die künstlerische Leitung der Fachschule schafft und mustergültig -durcharbeitet, die Hoffnungen für einen neuen Aufschwung in -künstlerischem und wirtschaftlichem Sinne für die Seiffener Industrie. -Sie sind die gesunden Keime einer kräftigen, zukunftssicheren -Entwicklung und einer reichen kommenden Ernte. - -Wenn die erstarrten und veralteten, z. T. unnatürlichen und unschönen -oder gekünstelten Formen, welche noch vielfach den Spielzeugmarkt und -die Musterläger beherrschen, diesen schönen Dingen weichen würden und -den reichen Anregungen der Fachschule mehr nachgegangen würde, so wäre -eine neue Blüte erzgebirgischer Kunstindustrie zu erhoffen. Das Schöne -muß Massenartikel werden. - -Da hängen z. B. in der Ausstellung eine Reihe von reizvollen, -bunten Leuchtern aus Holz in einfacheren und reicheren Formen und -Ausgestaltungen nach Motiven der alten erzgebirgischen, sogenannten -Bergspinnen, gefertigt und belebt mit allerlei lustigen Figuren. -Wer kennt diese köstlichen Dinge? Sprudelndes Leben, volkstümliche -Kraft und bunte Farbenfreude spricht aus jedem Stück. Wie geschaffen -sind sie, um im Kinderzimmer, im Herrenzimmer, auf der Diele oder in -traulichen Gaststuben einen frohen Klang erzgebirgischer Heimatkunst, -Heimatlust und Freude zu tragen. Sie haben sprühende, lebendige -Ursprünglichkeit und farbenreiche Musik in allen Gliedern, wie ein -Volkslied, das durch alle Stimmungen reißt, innig empfunden und frisch -aus dem Herzen gesungen. - -Sie sind wahre Volkskunst eigener echter Prägung und Art, durch -welche das Erzgebirge seinen Ruf in ungeahnte Fernen zu tragen -vermag. Denn nicht die Schablone, nicht die Allerweltsartikel, -nicht die Überalldinge, nicht die Billigkeit begründen den Ruf und -Erfolg, sondern die Eigenkunst, die Eigenkraft, der Eigenwert, -die volkstümliche Eigenart, welche lebendig aus dem tiefsten -Empfinden der Volksseele herausgewachsen ist. Wenn sich mit dieser -volkstümlichen Eigenkunst der echte Unternehmergeist im Betrieb und -Vertrieb verbündet, so wird er auch die wirtschaftlichen Erfolge für -die erzgebirgische Heimatkunst herbeizuführen wissen. Trotz vieler -köstlicher Dinge, die aus der Fachschule noch zu berichten wären, -z. B. die Christmetten mit der Kirche in Seiffen in wunderbarer -Lebendigkeit figurenreich hingestellt, müssen wir scheiden. Wir -gehen noch durch mancherlei Häuser und Fabriken, um einerseits die -Heimarbeit, andrerseits die Reifendreherei und die bis ins äußerste -getriebene Arbeitsteilung der Seiffener Industrie kennenzulernen, wo -mancherlei bemerkenswerte Beobachtungen, Bilder und Gespräche uns -lohnten. Geht nur mit offenen Augen und Herzen in die Arbeitsstätten -und ihr werdet stets reicher daraus wiederkehren. -- Durch bis ins -kleinste durchgeführte Arbeitsteilung werden in der Heimarbeit oft -mit großer Geschwindigkeit große Mengen des einfachen Spielzeuges -hergestellt. Da sitzt die ganze Familie oder mehrere Familien in einer -Stube beieinander, und das kleine Werk eilt von Hand zu Hand der -Vollendung entgegen. Die Männer an der Drehbank, den Reifen drehend, -von welchem wie schimmernde lustige Bänder die feinen Drehspäne -fliegen. Wie die Scheiben vom Kuchen, so werden vom Reifen die Profile -der Spielgestalten abgespalten, geschnitzt, zusammengesetzt, geleimt, -gemalt. Frauen und Kinder sind emsig tätig, singen auch wohl ein -Heimatlied von Anton Günther, während der Krinitz im Bauer dazu pfeift. - -Aus der Heimarbeit mit ihrer Traulichkeit, die die Familienglieder oder -Nachbarschaft zu gemeinsamer Tätigkeit zusammenschließt, entwickelt -sich durch die Arbeitsteilung die Fabrikarbeit, wo die Hand die -Maschine bedient oder in einförmiger, immer wieder geübter Bewegung zur -Maschine wird. An langen Tischen sitzen sie und schaffen und reichen -sich die Arbeitsteile zu; nur der Arbeitsvorgang verbindet sie noch -äußerlich. Das innere Verhältnis zur Arbeit, das innere Band, welches -die Familie daheim um die gemeinsame Schöpfung eines Spielzeuges -zusammenschloß, ist verlorengegangen, das was den Heimatfreund so -fesselte, ist nicht mehr. Freilich mag diese Industrie mehr Leute und -besser nähren, wir wollen sie nicht drum schelten, aber die Seele ist -doch verloren gegangen und die Innigkeit des schlichten Empfindens, die -Poesie der Schöpferfreude ist in den Fabriksälen nicht zu finden! -- - -Von sausenden Rädern und Transmissionen aus Sälen, durch deren mächtige -Fenster hart, kalt und helle der nüchterne Tag hineinschien, traten wir -in ein schlichtes Haus und stiegen auf hölzerner Treppe mit knarrenden -Stufen aufwärts zu einem alten Mütterchen von mehr als 70 Jahren, -Auguste Müller, welche als letzte wohl noch die urtümliche Herstellung -einzelner Originalstücke nach eigener Erfindung in mühevoller -Handarbeit von rohem Holze bis zum letzten Pinselstrich in köstlicher -Naivität übt und in ihren Figuren ihre Phantasie mit munterem Blick -durch die ganze Gotteswelt spazieren läßt. - -Mit gebeugtem Rücken, sitzt sie im engen Stübchen, das Küche, -Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsraum, Himmel, Erde und Weltall -zugleich ist, wo die Katze schnurrend umherstreicht. In malerischer -oder vielmehr schnitzerischer Unordnung liegen auf dem Tisch -Arbeitsgeräte, gekochte Kartoffeln, Nähzeug, Kaffeetopf und allerlei -Dinge verschiedenster Bestimmung. Eifrig holt sie einen Kasten -herbei mit einzelnen fertigen Arbeiten und erzählt von ihren Plänen. -Für einen feinen Herrn hat sie die Figuren der Söhne geschnitzt in -Matrosenanzügen, und ein feines Fräulein mit Täschchen und Federhut. Im -Walde lebt der »Nusser« (Häher) sagt sie, und diesen packt der Habicht. -Da verliert er seine kleinen blauen Federn. Diese sammelt sie sich und -schmückt damit den Federhut des feinen Fräuleins. Für Kleid und Tasche -sucht sie in der Modenzeitung ihre Muster in Schnitt und Farbe. Für das -Dienstmädchen wählt sie ein flottes Dirndlkleid. Frisch ist der Typus -der feinen Dame und des drallen Dienstmädchens getroffen. Dort hat -sie eine ganze Tiroler Sängergesellschaft humorvoll zusammengestellt. -Jetzt wolle sie einen Tempel bauen mit einer Krone oben, um den die -Engel schweben. So geht ihre Phantasie und ihr Plaudern mit einer -erstaunlichen Lebendigkeit. Was sie sich zusammensinniert mit ihrer -kindlichen Phantasie, das führt sie mit großer Sicherheit durch, wofür -viele eigenartige und reizvolle Stücke in der Sammlung der Fachschule -und im Bunten Haus Zeugnis ablegen. Unter manches dieser Stücke klebt -sie einen Zettel, auf dem irgendeine Schnurre oder scherzhafter -Einfall notiert ist, der ihr vielleicht gerade Anlaß zu dieser Arbeit -und ihrem Humor gegeben hat. So läßt sie ihre kleinen Personen reden -und macht sie sich selbst lebendig. Sie lebt mit ihnen, sie sind -kindlicher Ausdruck ihrer Stimmung. Auch ihr Name darf nicht fehlen. -Ein stark abgeschliffenes Schnitzmesser ist ihr Handwerkszeug bei der -Schnitzarbeit. - -Das ist echte Volkskunst in ihrer ganzen naiven Kindlichkeit, die noch -in diesem alten Mütterchen lebt und webt, sie ausfüllt und geistig -lebendig, zufrieden und rüstig erhält, trotz aller Kärglichkeit und -Sorge, welche der mühsame Erwerb bereitet; Volkskunst, wo in jedem -einzelnen Stück die ganze Liebe und Freude des Herstellers an der -Arbeit steckt und es wertvoll macht als Originalwerk, das aus der Seele -des Volkes geboren ist. Volkskunst freilich auch, die nicht für den -Massenexport und als Lebensberuf geeignet ist. -- - -Wir scheiden von der Alten mit dem Wunsche, daß sie noch lange ihr -Schnitzmesser führen möge als letzte Schnitzerin echt volkstümlicher -Seiffener Kleinkunst. Ihre kleinen Arbeiten werden wohl bald in -Sammlungen solcher Dinge gesucht sein. - -Bei dieser Wanderung durch die Seiffener Arbeitsstätten haben wir -immer stärker und stärker empfunden, daß nur die Pflege der Eigenart -uns stark machen kann. Nur in ihr schlummert die urwüchsige Kraft, -welche sich durchzusetzen und zu behaupten vermag. Nur durch kraftvolle -Eigenart und schlichte, einfache, volkstümliche, kindhafte Gestaltung -muß diese Volkskunst wirken, sich abheben, herausheben von dem -Gleichgültigen, aus der stumpfen Masse, aus tödlicher Schablone. Wie -unsere Berge ihren Charakter tragen, der auch in den echten Kindern der -Berge sich ausprägt, so muß die Kunst des Gebirges zu immer größerer -Echtheit und Eigenart, zum Charakter sich durchringen und emporsteigen, -mehr und mehr echt erzgebirgische Weihnachts- und Kinderkunst werden. -Der innere Gehalt und äußere Wert können und werden dadurch wachsen und -eine neue Blüte der alten erzgebirgischen Volkskunst gewinnen. - -Hebt euch, ihr Künstlerhände, zum Werke und zur Tat, wache auf, du -deutsche Phantasie mit Kindesaugen und Kinderherzen und schaffe neues -Kinderglück, greife ins Land der Träume und trag’ die Erfüllung ins -Land der Wirklichkeit, raffe dich auf, Unternehmergeist, zu frischem -Wagen auf neuen Wegen und zu neuer Unternehmung für alte und neue -Weihnachtskunst und Kinderkunst. - - * * * * * - -Unsere Abschiedsstunde von Seiffen hat geschlagen. Wir setzen den -Stab heimwärts aus dem Lande der Kinderträume, Weihnachtsseligkeit -und Spielzeugherrlichkeit, in dem uns wohl war wie am Heiligen -Abend. Das Tageslicht ist erloschen, die bunten Farben der Welt sind -in schweigende, schwarze Täler, in traumhafte Tiefen versunken. -Auf einsamer, stiller Höhe schreiten unsere Füße. Unsere Gedanken -wandern über die Täler, über die Höhen, durch Dunkel und durch Hell -zur Unendlichkeit. Tief dunkelblau hatte sich der Himmel über die -schlummernde Erde gespannt. Millionen silberne Funken blitzten aus -den unendlichen Tiefen des Weltalls, mit rätselhaften, tiefsinnigen -Fragen unser Herz bedrängend. Als die Menschheit noch ein Kind war, -fragte sie danach, und wenn der letzte Enkel seine Stirn zu Sternen -erhebt, wird diese Frage an sein Herz und sein Hirn pochen, die Frage -nach dem Ich und Du, dem Warum, Woher und Wohin. »Wer trägt der Himmel -unzählbare Sterne?« Je tiefer wir in die dunklen Zweige und Gründe -des schimmernden Weltenweihnachtsbaumes dort oben schauten, desto -feierlicher, desto ehrfürchtiger wurde uns zumute, desto kleiner wurden -wir, Kinder, denen ein unerklärliches Leuchten und Sehnen die Seele -hebt, alles Fragen stille macht und den Mund schweigen läßt. Durch -die schwarzen Wälder rauscht es wie ferner Orgelton, durch dunkle -Gründe ging das Schweigen auf leisen Sohlen, und die weite Welt mit -ihren Bergen und Tälern lag stumm unter dem dunklen, sterngestickten -Mantel der Nacht, stumm unter den leuchtenden Rätseln der Ewigkeit. -Weihnachten ist es. Wir sind Kinder, die heimlich einen Blick auf noch -versagte Seligkeit werfen wollen, denen nicht das Wissen, sondern -das Ahnen Weisheit ist, deren Herz voller Erwartung ist. Was wird, -du Seele, die Antwort auf dein Fragen, die Lösung aller Rätsel sein? -Steh’ unter Sternen auf dunkler Höhe und hebe dein Herz empor zu den -leuchtenden stillen Wanderern der Unendlichkeit, und dein Herz wird -stille werden, weihnachtsfroh und weihnachtsstill. Das Fragen nach dem -Ich und Du, dem Warum, dem Woher und Wohin wird in den Sternenströmen -der Ewigkeit seine Ruhe, sein Ziel und Erfüllung finden. Das Fragen und -Ahnen wird zum Schauen werden, zum Schauen und Lauschen auf das heilige -Rauschen der Sternenwogen der Unendlichkeit, unter deren leuchtendem -Schaum von Weltkörpern die dunkle Erde wie ein Staubkorn dahinwirbelt, -ein Staubkorn und doch ein Gottesgedanke von unergründlicher Tiefe, -Weisheit und Schicksalsgewalt, ein Gottesgedanke, von dem ein -Sternenfunken in jeder Menschenseele, in jedem Menschenschicksal liegt. - - »Denn die Ewigkeit ist nur - Hin und her ein tönendes Weben; - Vorwärts, rückwärts wird die Spur - Deiner Schritte klingend erbeben, - Deiner Schritte durch das All, - Bis, wie eine singende Schlange, - Einst dein Leben den vollen Schall - Findet im Zusammenhange.« - - (Gottfried Keller.) - - - - -O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit! - - -Schon tagelang waren die weißen Flocken gefallen und hatten die -weiten Felder und die alten, mächtigen Halden in ihr weiches Gewand -gehüllt. Im Spittelwalde draußen neigten sich die Wipfel der schlanken -Fichten, und die Zweige hingen tief zum Boden hernieder, beschwert -von den Wuchten und Lasten des Schnees. Nur die starken und stolzen, -welche so gern allein stehen, ragten wie silberne Türme mit wunderbar -ziseliertem, gotischem Filigran spitzengleich übersponnen. Sie -streckten sich und reckten sich hoch über die Jugend, welche sich unter -der Schneelast duckte und beugte. In abenteuerlichen Gestalten, wie -Schneemännlein oder Eisbären, wie Zuckerhüte oder weißbärtige Gnomen -in weißen Kappen, bald dicht gedrängt in großer Schar oder in kleinen -Trupps oder einzeln verstreut, standen die jungen Bäumchen und harrten -der seligen Weihnachtszeit entgegen. Im Sonnenschein funkelten und -flimmerten die Millionen Kristalle, als gäbe es nur Glanz und Reinheit -auf der Welt, als wäre aller Staub und alles Graue und Trübe vergangen, -als wäre diese Erde eine silberne, schimmernde Märchenwelt. Ja, auch -der Schatten in diesem Glanz war noch ein blaues Licht, das weich und -geheimnisvoll leuchtete und glitzerte, als wäre es nicht von dieser -Welt, sondern aus unendlicher, ewiger Ferne seliger Sternenträume. - -So stille ist es, so heilig still. Nur ein paar Meisen zirpen mit -leisem Laut und klettern kopfüber, kopfunter an den Spitzen der -zarten Nadelzweige. Was mögen sie sich zurufen und plaudern in ihrer -immergrünen, duftenden Heimat, die gar viel herrlicher ist als alle -Pracht und Wohnung der anspruchsvollen Menschen! - -Da hebt ein Läuten an von ferner Glocke und schwingt sich durch den -Glanz und Sonnenschein über die beschneiten Wipfel und weißen Felder, -durch die blauen Schatten mit so vertrautem Klingen. Das Bergglöckchen -vom Petriturme ruft. Jahrhundertelang rief es hinaus zu den Halden -und Schächten, hinein in die Bergmannshäuser, kündete den Wechsel der -Schicht, mahnte zur Arbeit und rief zum Feierabend. - -Feierabend hat der Bergbau gemacht, aber das traute Klingen des -Bergglöckchens ist geblieben und ruft uns heute hinein in die Stadt, -in die alte Bergstadt voller Weihnachtsstimmung, Weihnachtsschimmer -und Weihnachtstraumseligkeit. Was machen die alten Häuser ein so -freundliches Gesicht. Die hohen steilen Ziegeldächer sind weiß -verschneit. Auf allen Simsen und Kanten von Mauern, Fenstern und -Ecken, auf allen Ästen der Bäume liegt der schimmernde Schnee. Wie zu -silbernen Stickmustern verflochten ist das zierliche Gitterwerk der -Zweige, als wollten sie in einem schimmernden Netz die Weihnachtsfreude -der verzauberten Stadt fangen und halten. Lustig klingen die Schellen -der Schlitten, welche von den Dörfern hereinkommen, um für den -Heiligabend noch Gaben heimzubringen. Weißbereift sind die Mähnen und -die langen Zottelhaare an Brust und Flanken der schnaubenden Gäule. -Das war ein lustiges Fahren draußen auf der glatten Bahn, wo man weit -über die verschneiten Felder schaut oder durch den Wald gleitet mit -lustigem Klingklang, wo so viele duftende, grüne Nadelbäume still und -feierlich ihrem Weihnachten entgegenharren. - -Nadelduft und grüne Weihnachtsherrlichkeit üben auch ihren Zauber hier -in der Stadt. Auf dem alten Obermarkt stehen in Reihen und Gruppen die -Weihnachtsbäume, die Fichten und Tannen. Ihre waldfrische Pracht, der -kräftige Harzgeruch machen den Markt zu einer großen Weihnachtsstube, -in der sich fröhlich große und kleine Kinder tummeln. Otto der Reiche -auf seinem hohen Sockel hat einen Schneepelz auf die Schultern und über -die Arme gelegt und über den Ritterhelm hat er gar eine weiße Pelzmütze -gezogen. Er möchte wohl gar heute der Knecht Rupprecht sein in seiner -alten, getreuen Bergstadt! Seine vier Löwen blinzeln recht gemütlich -mit gravitätischem Humor unter ihrer weißen Schneekappe hervor und -drängen sich mit eingeklemmten Schwänzen wie vier weiße, brave Pudel -um die Säule ihres Herrn. Die Tatze, welche das Wappen hält, hat einen -dicken, weißen Schneehandschuh und wird so freundlich hochgehoben, als -wollten sie »Pfötchen« geben. Heute dürfen sie auch freundlich grinsen, -denn es ist ja Weihnachten und die übermütigen Herrn Studenten sind -fort, in die Ferien, und können heut’ nicht durch kecken, respektlosen -»Löwenritt« um Mitternacht auf ihrem stolzen Rücken ihre königliche -Ruhe stören. - -Ringsum am Rande des Marktspiegels stehen die fröhlichen -Weihnachtsbuden mit all den süßen Herrlichkeiten an Zuckerwerk, -Marzipan, Schokolade, Makronen, Pfeffernüssen und Honigkuchen, welche -Weihnachten erst zum rechten Fest der Kinder machen. Da leuchtet all -der bunte Flimmer in Farben, Silber und Gold, in Kugeln und Fäden, -in Ketten und Sternen und strahlendem Flitter, der den Baum zum -Märchenbaum seliger Kindheitsträume machen soll. Da ist all das liebe -Spielzeug ausgebreitet, wie es droben im Gebirge gefertigt wird, vor -dem die Kinder sich drängen und die Kinderherzen rascher schlagen -im Wünschen und Wählen, vor dem die Kinderaugen heller leuchten. Da -stehen die steifen gravitätischen Bergmänner, groß und klein in langen -Reihen, die Räuchermännlein mit ihrem offenen Munde schauen so putzig -in den Abend hinein, und die ganze Tierwelt, Soldaten und Hampelmänner -warten darauf, unter dem Weihnachtsbaume vom Kinderjubel gepackt und -mitgerissen zu werden. - -Wenn dann die Dämmerung herniedersinkt, dann leuchtet es und strahlt -es blitzend auf in den Buden, und jede wird für die Kinderherzen -ein Märchenschloß, ein Feensaal, in dem alle Herrlichkeit und -Wunschseligkeit schimmert und flimmert. Da schießen die blitzenden -Strahlen der Wunderkerzen auf, zucken im blendenden Glanze weißer Glut, -als wäre aus den unendlichen Tiefen der blauen Wundernacht Stern um -Stern uns näher und näher gerückt. -- - -Da horch! Es erhebt sich ein wunderbar gewaltiges Dröhnen über unserem -Haupte, mächtiger und mächtiger schwillt es an: - - »Ein Rufen und Locken - in all dem Schwingen, - Summen und Klingen - dem Leiseverhallen - dem Wiedereinfallen, - dem Sinken und Steigen, - dem Schweben und Neigen - faßt meine Seele, trägt sie empor.« - -Die Glocken haben ihren ehernen Mund aufgetan und läuten nun das Fest -aller Feste, die heilige Weihnacht, ein. Das sind die Glocken der -Hilliger, der berühmten Freiberger Gießerfamilie, aus deren Gießhütte -vorm Peterstore so herrliche Werke der Bronzeplastik, an Kanonen und -Glocken hervorgingen. Seit Jahrhunderten hängen die Glocken auf den -Türmen und singen ihr urewiges Lied mit mächtigen dröhnenden Akkorden -über die alte Stadt hinweg, in die alten Gassen hinein und empor in den -weiten Himmelsraum. Wievielen Herzen haben sie schon geklungen. Wieviel -Leid und Trauer, wieviel Not, Glück und Sehnsucht, wieviel Fernweh, -wieviel Heimweh haben sie auf ihren singenden Schwingen getragen! - - »Es kommt auf weichen Wogen - mein Heimwehtag im Festgeläut - der Glocken hergezogen.« - -Wie oft haben sie umsonst gerufen, und wie oft trugen sie mit ihrer -singenden Seele empor den Aufschrei der Seele, der Gemeinde aus dem -dunklen Grunde tiefster Gefühle. - -Es ist etwas Besonderes, Ehrwürdiges, ans Herz Greifendes, wenn -die Glocken von den Türmen dröhnen, die seit Jahrhunderten mit den -Wolken und den Blitzen, mit den Stürmen und den Wettern Zwiesprache -halten, deren Stimmen wir heute lauschen, wie die Urahnen ihnen die -Herzen öffneten und ihnen ihre Herzensgedanken vertrauten, um sie -hinauszurufen in Jubel und Freude, in Angst und Not, in Dank und Gebet. -Dieselben Stimmen, die mit uns sprechen und für uns rufen, wie vor -längst verschollener Zeit zu längst vergangenen Geschlechtern! - -Wieviel Hände sind längst zu Staub zerfallen, die dort schon vor -Jahrhunderten die Glockenstränge zogen, um des ehernen Mundes Singen -und Rufen ins Leben tönen zu lassen! - -Wieviel unruhige Herzen sind stille geworden, denen ihr Klang etwas -Besonderes zu sagen hatte! - -Ja, eine geheimnisvolle, unergründliche, tiefe Seele lebt in der alten -Glocke, die mit dir reden will, sich offenbaren und dich emportragen -will, aus der Enge der Gassen, aus dem Dunkel der Stuben und Häuser, -vor allem aus der Enge und Beklommenheit deines Herzens und dem Dunkel -deiner Seele, emportragen zum Licht und einer Fülle aller inneren -Akkorde. - - »Hebt meine Seele ins Abendrot - aus Erdendämmerung, aus Erdennot.« - -Ist es nicht etwas Wunderbares um eine Glocke? Eine Glocke kennt nur -einen Ton, ob der Sturm sie schüttelt oder der zarte Finger eines -Kindes sie rührt, ob sie die glückliche Braut zum Altare geleitet oder -die trauernde Witwe auf dem Gange zum Grabe, ob sie die Gemeinde zum -Gottesdienst ladet oder das Sturmsignal bei Feuersbrünsten gibt: Nur -einen Ton gibt die Glocke, aber Untertöne schwingen mit, und dein Herz -klingt wider von ihren Tönen, und du weißt, was dieses Tönen sagen will -und wie tausend Zungen daraus sprechen in Freud und Leid, in Sturm und -Stille, im Leben und Sterben. Wenn die Glocken dröhnen, dann lausche, -ob dein Herz mitschwingt, ob dein Herz auf den rechten Ton gestimmt -ist. -- -- -- -- - -Heute ist es ein ganz besonderes Klingen, das durch die gewaltigen -Stimmen der Glocken schüttert und bebt. Die hohen Dächer und Giebel -scheinen zu lauschen. Leise, leise fallen die Flocken wie zartes -silbernes Spitzengeriesel! Der Wind scheint zu schweigen und stille, -ganz stille zu ruhn, wie so von den Türmen die erhabenen Stimmen sich -hinausschwingen und weit über die Mauern der Stadt, über Halden und -schweigende Felder und die tiefverschneiten ruhenden Wälder rufen und -künden mit unendlichem Wohlklang: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede -auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«, jene Kunde, deren selige -Verheißung noch von keinem anderen Worte übertroffen worden ist. - -Zur Christvesper rufen ja heute die Glocken. Durch die enge Kirchgasse -mit den malerisch gestaffelten Dächern der alten kleinen Häuser, hinter -denen die wuchtigen Massen des altersgrauen Domes um so gewaltiger in -das Nachtdunkel emporwachsen, eilen vermummte Gestalten dem Eingange -zu. Wie mächtige Wogen ehernen Klanges dröhnen die Stimmen der Glocken -vom Turme dir entgegen, füllen die Gasse, überfluten die engen Wände -der Häuser und strömen hinaus in die stille, heilige Wundernacht. - -Aus dem Eingange zum Dom tönt weich und süß der Klang der Orgel, -schimmert der Glanz ferner Weihnachtslichter vom Altar her aus -dunkelgrünem Nadelgezweig. Heute hat es so manchen in das Gotteshaus -gezogen, der sonst ein gar seltener Gast hier ist. Heute will er hier -das wilde Hasten und Treiben da draußen ganz vergessen, will zur -Kindheit sich zurücktasten und in das Herz aufnehmen einen Klang von -dem »Friede auf Erden«. Dicht sind alle Reihen und Plätze besetzt. Wie -ein stilles freudiges Warten liegt es über der Gemeinde. Heute sind -mehr denn je die Herzen aufgetan, und wie die Alten in weicher Stimmung -in das selige Kinderland der Erinnerung zurückschauen, so pochen -die Herzen der Jungen, der Kinder zumal, kommenden seligen Stunden -entgegen. Freudig und voll jauchzen die Akkorde der alten herrlichen -Silbermannorgel, jubelt der Gesang der Gemeinde dazu: »Welt ging -verloren, Christ ward geboren, freue dich, freue dich o Christenheit!« -Ein Kinderchor auf der Empore über dem Altar gegenüber der Orgel -singt die alte süße herrliche Weise »Es ist ein Ros’ entsprungen« mit -der Innigkeit, wie nur Kinder vor der Christbescheerung aus ihrem -erwartungsvollen, wunderseligen Kinderherzen ausströmen können. Dann -ist es, als ob der Engel der Verkündigung herniederstiege: »Vom Himmel -hoch, da komm ich her« singt eine wunderholde Frauenstimme aus der Höhe -und füllt mit ihren reinen, weichen, süßen Tönen die Halle des Domes -und dringt in die Herzen der lauschenden Gemeinde. Die hohen stolzen -Gewölbe öffnen sich, die Mauern sinken nieder, über uns wölbt sich -der dunkelblaue Nachthimmel, an dem der Stern von Bethlehem strahlt. -Wir sind die Hirten und schauen empor in diese Nacht der Wunder und -Geheimnisse, aus der so unbegreiflich selige Verheißungen in lichten -goldenen Klängen herniederströmen. Ganz leise singen die Stimmen der -Orgel dazu, als tönten aus himmlischer Ferne die Harfen der Engel und -als spielte der Nachtwind durch die flüsternden Halme des Feldes bei -Bethlehem und durch die Kronen träumender Palmen. -- Heimwehklänge nach -einer unbekannten Heimat, nach einer versunkenen Stadt der Seele, deren -Glockengeläute und Orgelsang der Sehnsucht geheimnisvoll aus fernen -Tiefen deiner Seele ruft. Ergriffen lauschen wir den wunderbaren, -uralten, heiligschönen und doch so kindlich reinen einfachen Worten -der Weihnachtsgeschichte. Was die Gemeinde in dieser Stunde so am -Herzen packt und über sich hinaushebt, hinausträgt über alle Unruhe -draußen im Leben und drinnen im Herzen, das klingt dann empor in dem -wundersamen »Stille Nacht, heilige Nacht!« Was in den vielen hundert -Herzen hier lebendig geworden ist in dieser Stunde, erwachte und -sich rührte an Lust und Leid, an Glaube und Liebe, an tiefer Andacht -und Friedeverlangen, an Herzensnot und tiefer Seelensehnsucht, das -drängt sich zusammen im Gesange dieses Liedes. Das tiefe Gefühl des -Augenblicks, welches die Gemeinde wie mit einem goldenen Reif zu -inniger Andachtseinheit und Gemeinschaft zusammenschmiedet, gibt dem -Gesange eine wunderbare heilige Fülle und Ausdruckstiefe, als ob -tausend goldene Halme emporsprießen, zur vollen Garbe sich einen, deren -schwere Ähren sich tief neigen in Demut vor dem Unbegreiflichen und -doch so tief Ergreifenden! - - »O daß mein Sinn ein Abgrund wär - und meine Seel’ ein weites Meer, - dies Wunder zu erfassen!« - -Ja, versunken ist alles, was draußen so unruhig ist, und die stille -heilige Nacht hat ihren Einzug gehalten. Friede auf Erden und den -Menschen ein Wohlgefallen. Es ist Weihnachten geworden! Wie die hohen -Weihnachtsbäume neben dem Altare mit ihren Kerzen schimmern und -flimmern, so leuchten nun in den Häusern die Bäume auf. Draußen fallen -die Flocken weich und still vom dunklen Himmel hernieder, Flocke auf -Flocke, eine weiche zarte Decke, die hüllt und deckt mit weißem Flaum, -was dunkel und häßlich ist. So hüllen die Weihnachtsgedanken auch -manches Dunkle in den Herzen ein. Es ist Weihnachten geworden auch in -den Herzen. Es hallen die Glocken ihr Halleluja über die Dächer und in -die Straßen: - - »Süßer die Glocken nie klingen - als zu der Weihnachtszeit, - ist’s als ob Engelein singen - wieder von Frieden und Freud!« - -»Fröhliche Weihnachten« rufen sich die Kirchgänger zu, auf deren -Gesichtern noch ein Leuchten liegt vom Lichte aus Bethlehem, das in -ihre Seele seine Strahlen geworfen. Und drinnen jubelt noch die Orgel -mit jauchzenden Stimmen: - - O du fröhliche, o du selige, - gnadenbringende Weihnachtszeit! - - - - -Literatur. - - - ~Andr. Molleri Pegavii.~ - - ~Theatrum Freibergense Chronicum 1652.~ - - Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins. - - Neue sächsische Kirchengalerie. Ephorie Freiberg. - - Daz hohe liet von der maget von Richard Freiherr von Mansberg. - - Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen - von August Schumann 1823. - - Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen bearbeitet von - Steche-Gurlitt. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Außer - bei offensichtlichen Setzfehlern wurde die unterschiedliche - Schreibweise von Personennamen beibehalten. Lange Reihen von - Gedankenstrichen wurden verkürzt. Das Inhaltsverzeichnis wurde nach - vorn verschoben. - - Korrekturen: - - S. 152: 1,72 → 1,72 m - Thomasglocke von {1,72 ~m~} Durchmesser - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS GRAUEN MAUERN UND GRÜNEN -WEITEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/66770-0.zip b/old/66770-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 947699d..0000000 --- a/old/66770-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/66770-h.zip b/old/66770-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 75c5284..0000000 --- a/old/66770-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/66770-h/66770-h.htm b/old/66770-h/66770-h.htm deleted file mode 100644 index a9a66b7..0000000 --- a/old/66770-h/66770-h.htm +++ /dev/null @@ -1,14339 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - Aus grauen Mauern und grünen Weiten, by Gustav Rieß—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -h1,h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; - text-indent: 1em; -} - -.h2 { - text-align: center; - text-indent: 0; - font-size: x-large; - font-weight: bold; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.bright { - width:50%; - margin-left: 50%; - margin-right: 0; -} - -.hang p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} -@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } - -div.chapter {page-break-before: always;} -h2.nobreak {page-break-before: avoid;} - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdr {text-align: right;} - -.pagenum { - position: absolute; - left: 92%; - font-size: smaller; - text-align: right; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-variant: normal; -} /* page numbers */ - -.blockquot { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.mright { - text-align: right; - margin-right: 1em; -} - -.larger { font-size: larger; } -.s90 { font-size: 90%; } - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; -} - -.frac sup { - vertical-align: top; - font-size: 80%; -} - -.frac sub { - vertical-align: bottom; - font-size: 80%; -} - -/* Poetry */ -.poetry-container {text-align: center;} -.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} -/* uncomment the next line for centered poetry in browsers */ -/* .poetry {display: inline-block;} */ -.poetry .stanza {margin: 1em auto;} -.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} -/* large inline blocks don't split well on paged devices */ -@media print { .poetry {display: block;} } -.x-ebookmaker .poetry {display: block;} - -/* Poetry indents */ -.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} -.poetry .indent10 {text-indent: 2em;} -.poetry .indent2 {text-indent: -2em;} -.poetry .indent4 {text-indent: -1em;} -.poetry .indent6 {text-indent: 0em;} -.poetry .indent8 {text-indent: 1em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote { - background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin: 2em; - text-indent: -1em; -} - -p.drop { - text-indent: 0; -} - -p.drop:first-letter { - float: left; - margin: 0.15em 0.1em 0em 0em; - font-size: 250%; - line-height:0.85em; -} - -@media handheld { - p.drop:first-letter { - float: none; - margin: 0; - font-size: 100%; - } -} - - </style> - </head> -<body> - -<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Aus grauen Mauern und grünen Weiten, by Gustav Rieß</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Hoensbroech.</p> -</div> -<p class="center larger p2">5. Band der Heimatbücherei</p> - -<p class="center">des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz</p> - -<p class="center larger">Dresden 1924 -</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center larger">Meiner Frau und Wandergenossin<br /> -durch Heimat und Leben</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> -</div> - - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">1.</td> - <td>Alt-Freibergs Romantik</td> - <td class="tdr"><a href="#Alt-Freibergs_Romantik">5–19</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">2.</td> - <td>Von festen Mauern und festen Herzen</td> - <td class="tdr"><a href="#Von_festen_Mauern">20–59</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">3.</td> - <td>Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus</td> - <td class="tdr"><a href="#Gesichte_und_Geschichten">60–103</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">4.</td> - <td>Was der Petriturmknopf erzählt</td> - <td class="tdr"><a href="#Was_der_Petriturmknopf">104–125</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">5.</td> - <td>Spruchweisheit in alter und neuer Zeit</td> - <td class="tdr"><a href="#Spruchweisheit">126–170</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">6.</td> - <td>Im Freiberger Dom</td> - <td class="tdr"><a href="#Im_Freiberger_Dom">171–213</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">7.</td> - <td>Vor der Goldenen Pforte</td> - <td class="tdr"><a href="#Vor_der_Goldenen_Pforte">214–229</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">8.</td> - <td>Haldenwanderung</td> - <td class="tdr"><a href="#Haldenwanderung">230–243</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">9.</td> - <td>Das Tännichttal im Tharandter Wald</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Taennichttal">244–272</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">10.</td> - <td>Der Königstein</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Koenigstein">273–322</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">11.</td> - <td>Eine Fahrt ins Weihnachtsland</td> - <td class="tdr"><a href="#Eine_Fahrt_ins_Weihnachtsland">323–361</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">12.</td> - <td>O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit</td> - <td class="tdr"><a href="#O_du_froehliche">362–370</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Alt-Freibergs_Romantik">Alt-Freibergs Romantik.</h2> -</div> - -<p class="drop">Nicht lange vor dem Kriege hatte ich mit meinem -Freunde Heinz eine köstliche Wanderfahrt ins Blaue -mit dem Rade unternommen. Die alten lieben Städtchen am -Main, wie Wertheim und Miltenberg, übten ihren mittelalterlichen -Zauber, die Landschaft und der Frankenwein -ließ unsere Herzen höher schlagen. Wie auf leichten Schwingen -flogen wir durchs liebliche Taubertal. Eines Tages -war das alte herrliche Rothenburg o. T. unser lockendes -Ziel. Wir hatten das schöne Weickersheim mit seinem -mächtigen Hohenlohe-Schloß und vergessenem, verwunschenem, -verträumtem Park besucht und kamen gegen -Sonnenuntergang über die Höhen an den Rand des -Taubertales. Wir traten aus dem Walde: da lag plötzlich -vor uns wie ein Märchen in rotglühendem Abendschein -aus duftigem Talgrunde aufsteigend die alte herrliche Stadt -mit ihren Mauern und Türmen, mit ihren Giebeln und -Dächern und malerischen Toren in wundervollem Umriß -vor dem leuchtenden Abendhimmel. Wir konnten nur -stumm und atemlos schauen und schauen und haben den -unvergeßlichen Eindruck nie wieder aus dem Herzen verloren. -– Einige Jahre nach dem Kriege kam ich mit der -Bahn von Würzburg nach dem alten herrlichen Rothenburg, -um meiner Frau dieses Kleinod der Erinnerung zu -zeigen. Wehe – ein nüchterner Bahnhof, eine langweilige -Landstraße zur Stadt – – nichts von Romantik<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span> -bis wir in der Stadt waren und der mittelalterliche Zauber -unsere empfänglichen, zunächst so enttäuschten und ernüchterten -Herzen wieder umsponnen hatte. –</p> - -<p>Freiberg ist kein Rothenburg, und Tausend mögen durch -seine Gassen wandern ohne je eine Spur von Romantik -oder mittelalterlichem Zauber zu finden. Tausend mögen -kopfschüttelnd wieder davongehen mit enttäuschtem, ernüchtertem -Herzen, weil der karge, spröde, ernste Geist und -Charakter der Stadt kein Lächeln für sie fand, das ihre -Seele aufschloß und warm machte, wie jenes heitere, köstliche -Stadtjuwel im Süden so leicht es vermag.</p> - -<p>Und doch kann Romantik in Freiberg lebendig noch -werden, wenn auch die grausame Gegenwart unendlich viel -davon geraubt hat. Die rechte Stunde, den rechten Ort, -die rechte Art zu schauen und zu lauschen, muß man haben, -muß man suchen und finden, dann wird der Zauber lebendig -und die verschütteten Brunnen der Erinnerung fangen -an zu strömen, verstummte Glocken tönen, die Augen und -Herzen werden sehend, das Verlorene ist wieder da und -lebt und füllt mit seinem wundersamen Leben und Weben -die Stätten, welche zuvor leer, öde, karg und nüchtern -schienen. Öffne dein Herz der Heimat, dann nimmt sie dich -an ihr Herz und raunt dir wundersame Kunde zu und stille -Geheimnisse, die dich reich und froh und stille machen. -Heimat ist nicht Sache der verstandesmäßigen Vorstellung, -sondern der seelischen Empfindung. Die Heimat hat nur -der, welcher Heimatgefühl hat. Die Heimat liegt nicht -draußen irgendwo, wo der nüchterne Verstand und kritische -Geist seine harten, kalten Grenzsteine setzt, nein, wer sie -sucht, der muß im eigenen Herzen suchen, muß die Arme -ausbreiten, wie das Kind der Mutter entgegen, er muß -glauben und lieben.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span></p> - -<p>Willst du an das Herz und das innere Wesen der alten -getreuen Bergstadt herankommen, willst du willig den -spröden Reiz ihrer Herbheit kennenlernen und dir erobern, -dann darfst du nicht mit der Bahn zu ihr kommen und -durch das geräuschvolle Gewühl des nüchternen Bahnhofs -und die Langweile der freudlosen Bahnhofstraße in die -Altstadt wandern.</p> - -<p>Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales oberhalb -Halsbach im Osten der Stadt. Tief im Grunde -windet sich die Mulde zwischen den grünen Abhängen. Hie -und da tritt der nackte Fels schroff zutage. Häuser und -kleine Gehöfte sind da und dort wie ein Spielzeug hingestellt. -Birken leuchten mit ihren weißen Stämmen und -winken mit ihrem grünen, zarten Schleier. Und droben, -gegenüber auf den Höhen, die aus dem Talgrunde aufsteigen, -türmt sich nicht ein malerisches Stadtbild mit -Zinnen, Mauern und Toren, es türmen sich riesenhafte -Halden mit ihren Werkbauten, Stätten der Arbeit vieler -Jahrhunderte, die der Landschaft ihren Stempel aufgedrückt -hat. Die Romantik der Arbeit, die Romantik, welche in -die Tiefe der Erde, ins Dunkel hinabsteigt, die Schrecken -der Finsternis mit kühnem Wagemut und raschem Erfindergeist -besiegt, blinkende Schätze zutage fördert und aus -dem Gestein der Tiefe Berge zum Himmel türmt von -gigantischer Wucht und Denkmalsgröße, diese heroische -Romantik der Arbeit schuf das Landschaftsbild.</p> - -<p>Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales am -linken Ufer gegenüber Muldenhütten. Wie ein schwarzer -riesenhafter Kessel liegt es vor dir im Grunde. Schwarz blinkend -fließt die Mulde und trägt weiße Schaumflocken, wie -eine langsam gleitende gefleckte Schlange der Unterwelt scheint -sie in der Tiefe unheimlich zu schleichen. Und es türmen<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span> -sich bergaufwärts vom Grunde schwarze Schlackenmauern, -Dächer über Dächer, Häuser über Häuser, Giebel über -Giebel, die Essen rauchen und recken sich wie schlanke Türme -dazwischen, und es ist als zitterte und dröhnte eine ungeheure -Spannung, eine unbändige Lebenskraft und unzähmbare -Arbeitswucht im Körper eines gefesselten Riesen. -Sein heißer Atem stößt empor und flockt in weißlichen -Wolken in den blauen Himmel hinein. Kahle mächtige -Halden schieben sich hervor mit steil abstürzenden Seiten -in ihrer schwarzen Nacktheit wie aus der Unterwelt und -Nacht emporgehobene Felsenklippen mit trotziger Stirn -in die flimmernde Welt des Lichtes starrend. Und darüber -die Talhänge in goldgelber Farbe des herbstlichen -rauhen langen Grases leuchten wie ein ungeheurer goldener -Reif über dem Haupte des arbeitenden Giganten. -Romantik der Arbeit schuf dieses Landschaftsbild als Ausdruck -heroischer Schönheit und Kraft der Industrie. – -Wandere mit mir durch das Muldental, wo steil die Halden -der Bergwerke ins Tal abstürzen. Der Ludwigschacht -mit seinen riesenhaften Sturzmassen schwarzer Blöcke schiebt -sich wie ein gewaltiger Felsriegel dunkel und drohend ins -Landschaftsbild. Aus finsterem Stollenmundloch strömt -das Wasser des Kunstgrabens hervor und eilt hellgrün -schimmernd neben unserem Pfad. Hie und da ein Häuslein -am Wege oder dort auf grüner Halde unter leuchtenden -Birken zierlich ein freundliches Idyll. Die Mulde strömt -in raschem Flusse bald dicht an unserem Wege, bald in -weitem Bogen im breiteren Talgrunde. Bald lieblich und -freundlich, bald ernst und schwermütig oder gar finster ist -diese Landschaft des Muldentales, geworden und gestaltet -durch die Arbeit der Jahrhunderte, durch das Ringen -starker Fäuste von tausend Geschlechtern im Bergmannskleid.<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span> -Die Romantik der Arbeit mit Schlägel und Eisen -geht im Bergkittel und mit dem Bergleder neben dir auf -dem Weg durchs Muldental und raunt dir ins Ohr und -fragt dich stolz: Wo gibt es Täler, deren Eigenart und -Schönheit, deren landschaftlicher Charakter erst durch die -industrielle Arbeit zu solcher Größe und Bedeutung im -Wandel der Zeiten emporgehoben ist? –</p> - -<p>Und dann komm und steige mit mir den steilen Weg der -alten Dresdner Straße am linken Muldenhang, den Hammerberg, -aufwärts, vorbei an der riesigen Halde des -Abrahamschachtes, deren schwarze Steinmassen an der -Straße zu mächtigen Mauern gepackt sind und weiter -hinauf in steiler Böschung sich türmen. Wir gehen zu der -etwa 100 <em class="antiqua">m</em> vom Wege rechts liegenden Grube Elisabeth, -zur »Alten Liese«, wie sie der Freiberger Volksmund -nennt. Ihre Grubengebäude über der mächtigen grau und -weiß und gelblich schimmernden Haldenböschung sind echte -Charakterbauten des Bergbaus mit ihren hohen, durch -Fensterluken geteilten grauen Dächern und niedrigen -hellen Mauern. Als wären sie aus der Halde gewachsen -und geworden wie ein Naturgebilde, nicht wie gebaut oder -hingestellt, sind sie echt, wahr und bodenständig.</p> - -<p>Da liegt die alte Bergstadt vor uns in malerischer Umrißlinie -mit ihren Türmen, Dächern und Giebeln, mit -ihrer sturmerprobten, verwitterten Stadtmauer und dem -starken Donatsturm und dem buschigen Grün der Wallpromenade -im Vordergrunde. Die ruhende Masse des -Domes, die beiden Türme von Nikolai und als stolzragende -Krönung die Türme von St. Petri und Rathaus gliedern -das Stadtbild in klarem, klingendem Rhythmus. Lachende -Felder und Fluren weitumher, dort die grünen Wogen des -Waldes, der bis in die Stadt seine harzduftigen Grüße<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span> -schickt, und in der Ferne die Linien der Berge und Höhen, -die in dem leuchtenden Himmel mit wundersamer Zartheit -ferner und ferner, weicher und weicher sich zeichnen. -Zu unseren Füßen blühende Gärten, in denen Kinder -lachen und spielen, und dort drüben ein andrer großer -Garten, wo stille Schläfer ruhen von ihrer Arbeit, der ehrwürdige -Donatsfriedhof.</p> - -<p>Vergangenheit und zukunftsfrohe Gegenwart, Geschichte, -Sage und tausend Erinnerungen, das Leben, welches heute -in den alten Gassen und Häusern wirkt und drängt, die -Gestalten, Herzen und Gedanken, welche diese Giebel und -Mauern, Türme und Straßenbilder einst schufen, darin -lebten, liebten und schließlich dort drüben ihre Ruhe fanden, -alles vereinigt sich zu einem geheimnisvollen Zauber, -der verklärend über dem Alltag des Lebens liegt und über -Nüchternheit und kalte Prosa und graue Sorge erhebt. -Und mögen wir nichts wissen, was dort in jenen winkligen -Gassen und alten Häusern an Leid und Lust geschah, wir -fühlen es, daß sie viel erlebt haben und erzählen können, -daß ihre heimlichen Worte die Romantik uns erwecken -könnten, die mit ihrem Lächeln das Herz gewinnt und -warm macht. Der Bergbau ist zur Rüste gegangen, aber -immer noch klingt seine Poesie über die Firste der alten -Häuser, wenn das Bergglöckchen noch läutet wie einst zur -Schicht. Sie schreitet durch die alten Gassen mit den -schlichten Häusern und lugt um die Ecken winkliger -Straßen, die mit ihm jung waren, wo an Portalen hie -und da die Gestalt des Bergmanns oder das Bergmannszeichen -in Stein gehauen, Schlägel und Eisen, dich grüßt -oder irgendein frommer Spruch oder Gruß, wie ihn unsre -Zeit nicht mehr kennt. Poesie wandert hinaus zu den alten -Schächten und Halden, die wie Hünenmale uralter Zeit die<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span> -Höhen rings um die Stadt krönen. Sie steigt hinab in -die tiefen dunklen Schächte, die jetzt so still und einsam sind. -Wo einst des Fäustels muntrer Schlag erklang, »und sie -gruben das Silber und das Gold bei der Nacht,« und wo -das funkelnde Erz aus schwarzer Tiefe zur strahlenden -Sonne gleißend emporstieg, wo man die Grubenwässer -murmeln und fließen hört, und die Gänge und Stollen in -schweigender Finsternis sich tief unter der Stadt und weit -darüber hinaus wie ein ungeheures Netz meilenweit erstrecken, -da lugt sie aus Spalten und Klüften, da huscht sie -um die Ecken und Winkel, da hörst du sie flüstern vom -Berggeist, von Gnomen und Kobolden, von den märchenhaften -Schätzen der Berge, von den »Walen«, den zauberkundigen -Venetianern, die ihren Ort wußten, von all den -Wundern der Tiefe, die noch kein Menschenauge geschaut -und der Erlösung harren, von den Geheimnissen der -Wünschelrute. Da werden die Schatten lebendig, Vergangenheit -wird Gegenwart, zeitlos und ohne Stunde ist -das Dasein. Du weißt nicht, ist es droben Tag oder Nacht, -Sommer oder Winter – eine Poesie ganz eigener Art hat -dich in ihr Reich geführt, hält dich in ihrer Macht. –</p> - -<p>Dort der alte Donatsfriedhof, ist er nicht auch Poesie? -Seit 400 Jahren fast schlafen im Ringe seiner altersgrauen -Mauern Freiberger Geschlechter. Sie zogen aus -dem weiten Ringe der starken Mauern der Stadt, aus -ihren schönen steinernen Häusern in den engeren Mauerring -des alten Friedhofes, in die schmalen hölzernen Wohnungen -aus sechs Brettern. Über ihren alten Grüften rauschen -hohe Bäume. Um ihre schönen Denkmäler rankt sich der -Efeu und Heckenrosen, duftet der Flieder und jubeln die -Singvögel das Lied des Lebens und der unvergänglichen -Liebe. – Pestzeiten waren es, als Herzog Heinrich der<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span> -Fromme 1531 diesen Friedhof anzulegen befahl. Das -Sterbeglöcklein stand nimmer still. Mit immer neuer -Furchtbarkeit erhob die Seuche ihr schreckliches Haupt und -erstickte mit ihrem giftigen Hauche das Leben, schonte weder -jung noch alt, nicht arm noch reich, nicht Mann noch Weib. -Die Friedhöfe an den Kirchen reichten nicht aus und aus -den Grüften schien der Tod allnächtlich aufzustehen und mit -gespenstischer Faust an die Türen von Hoch und Niedrig -zu pochen, oder aus zahnlosem Knochenmunde seine Opfer -grinsend anzuhauchen. Da befahl der Herzog, daß »wegen -der Dünste, so sich in den gefährlichen und geschwinden -Sterbensläuften aus den Todtengräbern ziehen und erheben, -und manchen Menschen tödtlich vergiften mögen, -daß ein gemeines Begräbniß außerhalb der Stadt zu -halten sei«. Wo die Kapelle des heiligen Donatus stand, -dicht vor dem Tor der Stadt, am Wege nach der Grube -Himmelfahrt, zog man den ovalen Mauerring um die neue -Stadt der Toten. Sinnvolle Beziehungen für gläubige -Herzen mag man daraus erkennen: draußen der Weg der -Bergknappen zur Arbeitsschicht in das Dunkel der Grube -Himmelfahrt, drinnen der Gang zur letzten Schicht in das -Dunkel einer Grube, deren Rätsel noch kein Wissen erleuchtet -hat, die der Glaube in den Sprüchen auf Steinen -und Kreuzen als »Himmelfahrt« deutet. Wie ist es doch -auch so sinnig und tief empfunden, den ernsten Baum, der -so feierlich und schön an den Gräbern steht, »Lebensbaum« -zu nennen, und so in einem Namen sinnbildlich eine ganze -Lebens-, Welt- und Religionsauffassung zusammenzufassen, -nämlich, daß es keinen Tod gibt, sondern nur Wechsel und -Übergang, Himmelfahrt.</p> - -<p>Auf dem ergreifenden Gefallenen-Gedächtnismal des -Friedhofs stehen die Worte: »Euer Tod soll Leben werden,<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span> -deutscher Zukunft edle Saat.« Saat ist Leben und Sterben, -Saat ist Tun und Denken, Saat ist Anfang, Ernte ist -Vollendung. –</p> - -<p>Eine tiefe, sinnige Poesie lebt so in den grünen Räumen -des alten Friedhofes, der Ruhestätte des alten Freibergs, -heute der stimmungsvolle Vorhof der neueren weiten -Gräberfelder. – –</p> - -<p>Wo sollen wir noch die Poesie und Romantik in Freiberg -suchen? Ach, du brauchst sie nicht zu suchen, denn -draußen, über das Friedhofstor hinweg, siehst du den gewaltigen -Donatsturm ragen und in den Friedhof hineinschauen. -Als Wahrzeichen der Stadt reckt sich seine wuchtige -Gestalt empor wie ein Bild echten Bürgertrotzes und -kernhafter Treue. Die Dohlen, die in den zahlreichen -Mauerlöchern unzugänglich nisten, gehören zum Turm, wie -seine Gestalt ins Bild der Stadt. Da scharen sich die -schwarzen Gesellen zusammen zu einer Wolke, zu einem -flatternden Geschwader; schreiend beraten sie, wohin der -Flug sie tragen soll. Zum Spittelwald? Hin und her -schwebt die Wolke, bald dicht zusammengeballt, bald weit -auseinandergezogen droben in der blauen Luft und entschwindet -schließlich in der Ferne am Saume des Waldes. -Der Donatsturm, die Stadtmauern mit ihren alten Verteidigungswerken -und Türmen, mit den Gräben, in denen -jetzt die Bäume rauschen, wissen zu erzählen von alter Zeit, -und ihre Steine reden von Kampf und Blut und Not und -dem Heldentum schlichter Bürgertreue. Da klirrt es von -Waffen, da kracht es aus den groben Stücken und Kartaunen, -da rühmt es von kühner Tat, da raunt es aber -auch von Verrat, da ist die Romantik der Geschichte lebendig, -deren Zeuge diese Mauern und Steine waren. –</p> - -<p>Und mitten im Herzen der Stadt, wo der Puls des<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span> -Lebens am kräftigsten, am raschesten pocht, lacht oft die -Poesie aus blanken jungen Augen, die Poesie der Jugend -und fröhlicher Burschenzeit trotz trüber schwerer Gegenwart. -Der Marktbrunnen rauscht und plätschert neben -dir. Aus breitem vierteiligem Granitbecken steigt die -wuchtige Mittelsäule auf, die vier kleinere Becken mit wasserspeienden -Löwenköpfen trägt. Die Bronzegestalt Ottos des -Reichen, des Gründers der Stadt steht mit wallendem -Mantel in Panzer und Helm als Säulenheiliger oben auf -dem romanischen Schaft und hält die Gründungsurkunde -in der Rechten, den Griff des langen Schwertes in der -Linken. Vier Bronzelöwen halten am Sockel der Säule -Wacht und speien im Bogen Wasser in die unteren Granitschalen. -Das unvermischte nasse Wasser, wie hier von allen -Seiten es den Wettiner wie einen Wassergott umsprüht, -umrieselt, umplätschert, und die von Löwen bewachte -Säuleneinsamkeit dort oben mag nicht sein besonderer -fürstlicher Geschmack gewesen sein. Das empfinden die -Herren Studenten, denen anderer Stoff lieber ist als -Wasser, mit unfehlbarem Feingefühl und wie der Hanfried -auf dem Markte zu Jena spürt auch der reiche Otto -flotten Burschengeist und kecken Übermut.</p> - -<p>Nacht ist es. Der Vollmond leuchtet mit märchenhaftem -Schein über die alten Giebel. Wie Silber blinken die -Dächer und Erker der ehrwürdigen Häuser und blinzeln -mit verschlafenen Augen in die Träume der Nacht. Der -Rathausturm ragt hoch in den schimmernden Glanz. Wie -das große rote Auge eines Zyklopen schaut seine Uhr auf -den stillen Markt, als wollte es spähen und wachen für die -Sicherheit der Stadt, ob nicht in den breiten schwarzen -Schatten der Häuser oder in den engen Finsternissen der -Straßenmündungen sich Geheimnisse verbergen. Da regt<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> -es sich gespensterhaft. Da klingt es wie heimliches Gemurmel. -Ein Klappen, ein Schleifen, ein Trappeln und -Huschen. Im Gänsemarsch zieht es herbei und bewegt sich -im großen Kreise um den Brunnen, wie eine geisterhafte -Prozession. Ein Ruck, die Prozession erstarrt, ein leises -Kommando und ein kräftiger Salamander steigt auf dem -granitenen Brunnenrand oder auf dem schwarzen Stein, -da Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber, einst enthauptet -wurde, eine Ansprache an den ehernen Brunnenfürsten -dort oben, der wahrhaftig sein hartes Gesicht zum -Lächeln verzieht, ein Prosit auf sein wässeriges Wohl in -braunem Bier, das seine steifen Lippen nicht erreicht, ein -brausender Burschensang, der von den Häuserwänden -widerhallt, ein »Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt« -und der Spuk ist spurlos verschwunden, als die Polizei erscheint. -– Ruhig grinsend spucken die Löwen ihr Wasser -im plätschernden Bogen, ein Philister schimpft zum Fenster -heraus und Otto der Reiche guckt in den Mond. –</p> - -<p>O Mondnachtmärchen und Mitternachtszauber am Obermarkt!</p> - -<p>O Romantik jugendfrischer Studentenzeit, wie steigst du -auf und lächelst dem Frohsinn ungebrochener Jugendlust -und übermütiger Studentenstreiche. Auch der Löwenritt -zwischen sprudelnden Strahlen und tiefem Wasserbecken -zu mitternächtiger Stunde, unmittelbar angesichts der -Polizeiwache, hat gar manchem üppigen Füchslein zu unfreiwilligem -Bad oder Strafmandat, dem bronzenen -Säulenheiligen dort oben aber öfter zu einer »feuchtfröhlichen« -Huldigung in seinem steifen Dasein verholfen. Ja -einstmals hielt dieser hochgestellte Erzheilige am Morgen -eine große Klingel in der Hand, welche am verborgenen -Drahte gezogen, frisch in den Morgen schellte, als wäre<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span> -er der Ortsdiener und wollte seinen getreuen Freibergern -ausschellen, daß der alte Burschengeist noch lebt. –</p> - -<p>Was wallen die bunten Studentenfahnen aus den -Fenstern, wo ein flotter Bursche wohnt, und flattern fröhlich -im zausenden Winde, wenn irgendein Verbindungsfest -oder ein Ehrentag der ehrwürdigen <em class="antiqua">alma mater</em> im Reigen -der Zeit uns grüßt! Sie werfen buntjubelnde Freude ins -Straßenbild. Der behäbige Bürger lächelt zu ihnen empor -und freut sich, wenn die schlanken Burschen durch die -farbenfrohe Poesie ihrer Jugend den grauen Alltag vergolden. -Es lächeln aber auch lieblich verschämt oder auch -keck und bewußt, je nach Temperament, die jungen Damen, -wenn abends um 6 Uhr auf dem Bummel an der östlichen -Marktseite die bunten Farben sich zeigen und mancher -Gruß und mancher Wink aus schönen Augen spricht von -Suchen und Finden, von Maienzeit und seligem Hoffen – -»denn du weißt, du weißt es ja!«</p> - -<p>Wenn der neue Rektor der Bergakademie durch seine -Studenten mit einem Fackelzug begrüßt und der Scheidende -zum Abschied geehrt wurde, was war das für ein Leben -in der alten Bergstadt! Der Ausschuß der Studierenden -in seiner eigenartigen kleidsamen bergmännischen Tracht -voran, die bunten Farben und Mützen, Pekeschen und -Jacken in reichem lebendigen Wechsel, der kräftige Sang -froher Burschenlieder, die lodernden Fackeln mit ihrer roten -Glut in den alten Gassen, die jugendfrohe, frische Begeisterung -in lachenden, leuchtenden Augen, und herzudrängend -in froher Teilnahme alt und jung, die liebe Mädchenwelt -und die begeisterten Schüler, als wäre es ein Fest der -ganzen Stadt, nicht bloß der <em class="antiqua">alma mater</em>: die Poesie des -ganzen Studentenlebens schien sich in einem lachenden -Bilde zusammenzuschließen. – Die harte Not der Zeit hat<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span> -dieses herrliche Bild in den letzten Jahren nicht wieder -lebendig werden lassen, hat die lodernden Fackeln ausgelöscht, -hat aber nicht den feurigen Mut löschen können, -der in den jungen begeisterten Herzen lebt, der auch das -deutsche Leid überwinden wird.</p> - -<p>»Frei ist der Bursch« klingt und singt es durch die -Straßen nicht minder als durch die Herzen in Alt-Freiberg, -der einzigen sächsischen Stadt, die noch den -Zauber der Romantik studentischen Lebens bei allem tiefgründigen -Ernst der Arbeit trotz aller Lebensnot uns -spüren läßt. Wie klingen die alten Bergmannslieder, wie -jauchzt das »Glückauf« in begeistertem Zuruf in froher -studentischer Runde und machen die Romantik der bergmännischen -Vergangenheit der Stadt und der eigenen bergmännischen -Zukunft den jungen Sängern voll Begeisterung -lebendig: »Glück auf! ihr Bergleut’, jung und alt!« Und -wenn der Bursche hinauszieht ins Philisterland, wie begleitet -ihn noch die Poesie bis in die rauchige Prosa der -Bahnhofshalle, wenn das Abschiedslied in mächtigem Chore -klingt und die farbigen Mützen dem Scheidenden winken: -»Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus in -die Welt. Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch -hinaus!« – Die Fahrgäste schauen und winken mit aus -dem Zuge, der aus der Halle schnaubend davonkeucht. Die -Poesie Alt-Freiberger Romantik und frischen Burschengeistes -hat sie berührt und klingt in ihren Herzen noch, -wenn längst die Petritürme am Horizont versunken sind.</p> - -<p>Ja die Romantik der Stadt! Wandere durch den Dom, -tritt vor die goldene Pforte oder vor die schwarze Rüstung -des Kurfürsten Moritz aus der Todesschlacht von Sievershausen, -stelle dich unter die Torstensonlinde und laß dir -von ihren Blättern zuraunen, wie der podagrageplagte<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span> -Feldherr über das »Hexennest« Freiberg fluchte, oder steige -hinab in das Verließ des Kunz von Kaufungen, oder denke -an Friederikus Rex, wie er durch Freibergs Straßen ritt, -oder an nächtliche Bergparaden beim wuchtigen, ehernen -Klange der russischen Hörner bei Fackelschein und rhythmischer -Bewegung der brennenden Froschlampen, denke an -die feierlichen Leichenbegängnisse in düsterer Pracht, wenn -ein Fürst im Dome beigesetzt wurde. Die Bilder drängen -sich, Gestalten und Männer treten vor dein Auge und Herz -und füllen dich mit Heimatstolz, denn nun erst hat die Stadt -eine Seele bekommen, eine Seele, die mit dir wandert und -spricht; du hast die Seele der Heimat gefunden.</p> - -<p>Ja die Romantik in Freibergs Mauern, das ist die Geschichte -der Stadt, die in ihr lebendig wird und in Erinnerungen -redet. Ihrem ernsten Gewande braucht man -nicht den Flitterkram phantasievoller Erfindung anzuhängen, -um zu fesseln, zu packen und zum Sinnen und -Denken und innerlichen Schauen anzuregen, daß es uns -nicht wieder losläßt. Vieles ist vergessen, zerstört, hinabgesunken -in das dunkle Reich des Schweigens, aber schaut -die alten Häuser und Mauern, die alten schönen Portale, -den herrlichen Dom mit seiner goldenen Pforte, den Kanzeln -und der Wettiner Gruft, die anderen Kirchen, die -altertümliche »Thümerei« mit ihren Museumsschätzen, das -Rathaus mit dem, was diese Bauten in sich bergen, blättert -in den alten Chroniken, Urkunden oder Akten, dann steigt -es herauf und wird wieder lebendig, dann blüht ein verklärendes -Lächeln auf, das Lächeln, das wie ein geheimnisvoller -Zauber die alte getreue Bergstadt verschönt und die -Herzen an sie fesselt. Verschüttete Brunnen der Erinnerung -fangen an zu strömen, verstummte Glocken tönen, versunkene, -verwunschene Schätze steigen empor, die Augen und<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span> -Herzen werden sehend, das Verlorene ist wieder da und -lebt und füllt mit seinem wundersamen Leben und Weben -die Stätten, welche zuvor leer, öde, karg, ernst und kalt -und nüchtern schienen: Du hast die Seele der Heimat gefunden.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Von_festen_Mauern">Von festen Mauern und festen Herzen.</h2> -</div> - -<p class="drop">Drei trotzige Türme mit Zinnen und flachen Kegeldächern, -und ein zinnengekröntes Mauertor, in dem -ein Herzschild mit wehrhaftem Löwen den Zugang sperrt, -das ist das Wappen des alten Vriberch, »<em class="antiqua">Sigillum Burgensium -in Vriberch</em>«, »das Siegel der Bürger in Vriberch«. -An einer der ältesten erhaltenen Freiberger Urkunden von -1227 hängt es bedeutungsvoll, und man darf annehmen, -daß seit der Stadtgründung, etwa 50 Jahre zuvor, dieses -Wappen geführt wurde und den Stolz und trutzigen Sinn -der Stadt auf dem freien Berge, der deutschen Bergmannsstadt -in slavischer Wildnis, zum Ausdruck brachte. Dieses -Siegel sagte Freund und Feind, daß die junge Stadt eine -ummauerte, wohlbefestigte sei, an deren Toren der Freiberger -Löwe Wache hält und seine Klauen zum mächtigen -Schlage dem Freunde zum Schutz, dem Feinde zum Trutz -erhebt. Ein »redendes« Wappen, dessen Rede im Lauf der -Geschichte zu Taten wurde.</p> - -<p>Durch alle Jahrhunderte hat die Stadt dies Wappen mit -den silbernen Türmen geführt, festgegründet auf silberdurchwachsenem -freiem Felsengrunde.</p> - -<p>Märchen gingen durch alle Lande von dem wunderbaren -Reichtum der Stadt, wo die Ziegel auf den Dächern von -Silber wären, und Bürger und Bergmann von Gold und -Silber speisten. Wie ein Märchen aus Tausendundeiner -Nacht klingt es z. B., was uns der Chronist über das große<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span> -Turnier berichtet, welches im Jahre 1263 der Markgraf -Heinrich der Erlauchte von dem Freiberger Silber in Nordhausen -ausrichtete: »Da er in der Mitte der Bahn einen -gantzen silbernen Baum aufrichten lassen von halb gülden -und halb silbern Blettern, auch einem jeden, welcher im -rennen seinen Speer gebrochen, und auf dem Rosse sitzen -blieben, ein silbern Blat, welcher aber den andern gar -herabgestochen, ein gülden Blat verehret; dabey denn eine -solche kostbare Zubereitung in allen Sachen gewesen, und -gegenwärtige Fürsten, Graffen, Herren, Ritter und Adels -Personen 8 Tage nacheinander dermassen stadlich tractiret -worden, daß es, wie die alten <em class="antiqua">historici</em> berichten, einem -Keyser schwer würde gefallen seyn, solches nachzuthun.« -Von diesem Markgraf sagte man, daß er durch seinen »fürtrefflichen -Reichthum gantz Böhmen mit baaren Gelde -hette bezahlen, auch sonst andere Länder an sich und seine -Nachkommen bringen können«. Auch die Chronik der Stadt -Schneeberg, welche 1470 gegründet war, berichtet aus dem -Jahre 1477: »Auch war in St. Georgen die große Silber-Stuffe -wie ein Tisch verstrosset, darauff Herzog Albrecht -Tafel gehalten und daraus hernachmals 400 Zentner Silber -geschmelzet worden.«</p> - -<p>Solche reiche Silberausbeute mußte wohl märchenhaft -erscheinen und die Phantasie des Volkes mächtig anregen.</p> - -<p>Hat man doch sogar in neuerer Zeit noch erstaunliche -Funde gediegenen Silbers gemacht, wie z. B. im Jahre -1847 auf der Grube Himmelfahrt 17 Zentner auf einem -Gangkreuz, im Jahre 1857 auf der Grube Himmelfürst -sogar 91 Zentner plattenförmig auf einem Punkte beisammen. -Da war es kein Wunder, daß in der Zeit, als -das Silber fast zu Tage lag und das Erz mühelos gebrochen -wurde, Markgraf Otto, der Gründer der Stadt,<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span> -der »Reiche« genannt wurde, daß er dieses Schatzkästlein -mit festen Mauern und Türmen umgab, und daß er die -Wehrhaftigkeit durch Siegel und Wappen besonders betonte. -Reste dieser ersten Mauer darf man wohl heute -noch in den unteren Teilen der erhaltenen alten Stadtmauer -am Donatsring vermuten. Ein stolzes Bild hat -durch die Jahrhunderte die mauerumgürtete, turmgekrönte, -zinnenumwehrte Stadt geboten, namentlich nachdem im -Laufe des Mittelalters alle Erfahrungen und Künste der -Befestigung und des Wehrbaues an ihre Wehrhaftmachung -gesetzt waren. Sie war mit doppelten Mauern, 44 Türmen, -fünf starken Torbauten, mit Gräben und breiten Teichen -gesichert.</p> - -<p>Der Chronist Möller schreibt im Jahre 1653:</p> - -<p>»Die Ringmawern sind dick und stark, umb und umb -zwiefächtig mit einem Zwinger. Die eine ist sehr hoch, und -mit vielen Außwerken und Thürmen befestiget. Die andere, -welche sonst die Zwinger Mawer genennet wird, ist etwas -niedriger, und hat auch etliche besondere Thürmlein und -Außwerke. Für den Ringmawern gehet umb die Stadt ein -tieffer gefütterter Graben, welcher zum theil voll Wasser, -zum theil leer ist. Man hat für diesen zur Lust etliche -Stücke Wild drinnen gehalten und vermehret, wie auch -noch bei Mannes gedenken etliche weisse Hirsche, sampt -anderen Stücken, von der hohen Obrigkeit deßwegen dahin -gesendet, und der Stadt verehret worden.</p> - -<p>In den Ringmawern seynd fünff Haupt Thore, welche -alle mit festen Thürmen, Brustwehren, Rondelen, hangenden -Zugbrücken, und drey unterschiedlichen grossen Pforten, -theils auch mit starken Schutzgattern, und anderen zur -Defension und wider feindlichen Anlauff gehörenden Stücken -wol verwahret seynd.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span></p> - -<p>Möller erwähnt hier nicht die Befestigung durch die -Teiche, obschon sie bereits auf dem Stadtplan von 1554 -vorhanden sind. Vom Peterstor bis dicht zum Meißner Tor, -zehn an der Zahl, waren sie mit ihren senkrechten gemauerten -Ufern oder Böschungen ein starkes Hindernis noch vor -der Stadtmauer. Auch heute noch bietet sich, namentlich im -Winter, dem Blicke, z. B. über den Schlüsselteich, auf die -hohen Mauern und Türme ein trotziges stolzes Bild der -alten Wehrhaftigkeit.</p> - -<p>Von den fünf starken Torbauten ist nichts erhalten geblieben -als der gewaltige Donatsturm im Osten der Stadt. -Immer noch steht er, als kraftvolles Wahrzeichen der Stadt, -wie ein treuer Wächter und ragt weit über Dächer und -Giebel in die blaue Luft. Wie zu unzerstörbaren Felsenmauern -gefügt türmen sich seine braunen und schwarzen -Gneisquadern zu mächtigem Rundbau empor. 5 <em class="antiqua">m</em> stark -sind seine Wände, so daß er auch für die schwersten Geschütze -der älteren Zeit als unzerstörbar gelten mußte. Sein -Umfang ist 44 <em class="antiqua">m</em>, sein Durchmesser 14 <em class="antiqua">m</em> und seine Höhe -29 <em class="antiqua">m</em>. So ragt er gen Himmel, über die Stadt und die -Jahrhunderte, wie ein trotziger Fels, an dem die Wogen -der Zeit und die Stürme des Schicksals sich brechen und -zerstieben.</p> - -<p>Die Rüstlöcher der fleißigen Werkleute sind in regelmäßigen -Abständen sein einziger Schmuck. Schießscharten -mit Rundöffnung für die Rohre der kleinen Feldschlangen, -Geschütze, Doppelhaken und Falkonetlein und mit Schlitzen -für die Beobachtung und den Abzug der Pulvergase durchbrechen -im oberen Teil des Turmes 18 <em class="antiqua">m</em> über der Erde in -drei Reihen übereinander von je neun Stück das Mauerwerk -und sind von innen durch gewölbte, tunnelartige, ringförmige -Umgänge im Mauerkerne zugänglich. Oben öffnen<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span> -sich im Ringe dicht unter dem spitzen Kegeldach die neun -Schießluken oder Scharten für die groben Stücke. Von hier -brüllten sie dem Feinde ihre rauhen Grüße zu. Die letzten -Kanonen sollen erst 1796 herabgestürzt und von Hammerschmieden -als altes Eisen gekauft worden sein.</p> - -<p>Im vorigen Jahrhundert erst wurde das eigentliche Tor -mit dem weitvorspringenden Rondell abgebrochen, und weit -klaffte die große Lücke zwischen dem mächtigen Turm und -dem Reste der Stadtmauer. Erst im Jahre 1922 wurde -von mir ein Wohnhaus für die Stadt dort errichtet. Durch -weitgespannten Torbogen ist es mit dem Turm verbunden -und zu einer malerischen, geschlossenen Gruppe zusammengefaßt, -welche das Straßenbild abschließt. Am Tor ließ ich -in Sandstein die Sprüche meißeln: »Gemeinwohl geht -über dein Wohl« und »Eintracht bricht Not, Zwietracht -bringt Tod«. Dafür ist der Turm selbst Zeuge und Mahnung -durch seine Entstehung und seine Geschichte.</p> - -<p>Bergmannstreue soll ja diesen starken Schutz und Wächter -der Stadt geschaffen haben, indem jeder Bergmann für -das Gemeinwohl sich von seinem Schichtlohn einen Betrag -kürzen ließ, und indem er selbst mit Hand anlegte. So -wuchs das Bollwerk empor, seiner Bestimmung entgegen -und hat in den Stürmen der Jahrhunderte unerschüttert -und unzerstörbar, wuchtig und stolz seinen Platz in der -Mauer, im Stadtbilde und vor dem Feinde ausgefüllt, -denn Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!</p> - -<p>Er sah trotzig hernieder mit seiner Felsenstirn auf Sorben -und Hussiten, auf Wallensteins Söldner und schwedische -Heerscharen, auf die Füsiliere des Friderikus Rex, auf -Napoleons Truppen und die Sieger von 70. Wie brandete -um seine Mauern die sturmbewegte Geschichte der Stadt -und der ganzen Heimat! Er hörte einst die dunkle bittere<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span> -Kunde von Sievershausen, da Herzog Moritz, die Hoffnung -des evangelischen Deutschlands, fiel, von Lützen, da -Gustav Adolf starb, die Siegeskunde von Leuthen und -Leipzig, die Schmach von Jena, von Moskaus Brand und -von dem Fall von Paris, von Sedan, von Lüttich, Tannenberg -und Skagerrak. Das deutsche Leid sank lastend auf -ihn nieder, und schwarze Wolken deckten blühende Fluren.</p> - -<p>An ihm rumpelte die gelbe Postkutsche mit hellem Hornruf -vorbei, und lustige Wagen mit Maien und lachenden -Mädchen, und auch der dunkle Wagen mit seinen schwarzen -Rossen zum nahen Donatsfriedhof und seinem grünen Frieden. -So viele Bergmannsgeschlechter, die längst vergessen -dort der Ewigkeit entgegenschlummern, hat er gekannt, wie -sie als Kinder zu seinen Füßen spielten.</p> - -<p>Johann Tetzel verkaufte zu seinen Füßen seine Ablaßzettel -an die Bergknappen und schleppte viel Geld mit fort, -denn er predigte, daß alle Schächte verfallen würden, wenn -man nicht reichliche Spenden in seinen Ablaßkasten werfen -würde. Bruder Martinus, der Bergmannssohn aus Wittenberg -sah vielleicht mit seinen tiefen Augen dieses trotzige -Bollwerk der Stadt, den Psalm und sein Lied von der -festen Burg im Herzen. Er trug Seelen und Herzen mit -sich fort und riß die Geister zu höherem Fluge mit sich -empor.</p> - -<p>Des Alten Fritzen blaues Königsauge maß den alten -Turmrecken mit prüfendem Feldherrnblick, nachdem er schon -sechs Jahre im Heldenkampfe siegreich einer Welt von -Feinden Trotz geboten und neuen Lorbeer um seine kriegs- -und siegesmüde Stirn geflochten.</p> - -<p>Humboldt, der die Welt umwanderte und neu als Kosmos -in seinen Werken erstehen ließ, Goethe, der eine Welt -in seinem Herzen trug, und neue Geisteswelten schuf und<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span> -deutschen Geistes stolze Stirn zu den Sternen hob, sie -schauten empor zum alten Turm, der wie etwas Zeitloses -am Wege steht und mit stummer Sprache raunt von ewigen -Dingen.</p> - -<p>Theodor Körner im Bergkittel sang zu ihm seine Burschen- -und Bergmannslieder empor und trug seine begeisterte -Seele von hier wie einen lodernden Opferbrand -ins Morgenrot der Freiheit.</p> - -<p>An ihm schritt der Handwerksbursche vorbei, die Wahrzeichen -der Stadt sich noch einmal bedenkend, hinaus, wo -ihm das Leben und die Zukunft lachte.</p> - -<p>Der Bergmann zog vorüber mit Glückauf zur Schicht in -schwarzer Tiefe, zum Schacht anfahrend, dessen Glöckchen -traulich herüberklang.</p> - -<p>Die Wogen und Wellen der Zeit und der Menschen -strömten dahin. Das Tor und die Mauern fielen zum Teil. -Der alte, graue, riesige Wächter aber blieb und sah sinnend, -wie zu seinen Füßen buntes Bürgerleben hinausquoll über -Wälle und Gräben, wie die frische neue Jugend hinausdrängte -in Gärten und Grün, in Wälder und Berge, zu -Sport und Spiel, in Sonnenglück und stählende Winterlust, -wenn sie Gott oder ihrer eignen Seele tiefste Sehnsucht -fühlten im Wehen der Halme, im Rauschen der -Bäume, im weißen Glanz der Winterpracht, in den Wundern -der Weite, als sie die Heimat fanden und immer -wieder suchten in Sehnsucht und in der Heimat die Seele -und die Kraft, welche sie gesund und reich macht.</p> - -<p>Goldene Volkslieder klingen empor zu ihm wie aus dem -Zauberbrunnen der Märchenzeit, die süßen Wunderweisen -von Schubert und Silcher. Sehnsuchtsklänge von Herrmann -Löns und erzgebirgischer Heimatsang von Anton Günther<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span> -ranken sich mit Lautenklang um die mondscheinumflimmerten -Mauern des Turmes und der alten Stadt.</p> - -<p>Der alte graue Landsknecht aber, mit seinen mächtigen -breiten Schultern, der alte getreue Ekkehard und Hüter der -Stadt schaut hernieder und lächelt über das bunte Getriebe, -über das Lieben und Leiden, das Eilen und Weilen, das -Hasten und Rasten, das Jagen und Plagen der Ameisen -zu seinen Füßen.</p> - -<p>Wie um seine Stirn die Dohlen schreien und flattern, -abstreichen und heranschweben, so eilen und ändern sich -Geschichte, Geschlechter und Geschicke; Seelen und Gedanken -flattern und schweben. Warum? Wohin?</p> - -<p>Der Donatsfriedhof, der Gottesacker mit seinen rätselhaften -Schollen, die Jahrhundert für Jahrhundert immer -aufs neue umgestürzt werden, ist so nah, in dem von Ewigkeit -so viel gesprochen wird, und die Vergänglichkeit so -grausam uns ins Antlitz starrt, in dem die Blumen der -Hoffnung und die Dornen der Verzweiflung dicht nebeneinander -wachsen, welken und immer wieder sprießen, in -dem die Fragen und die Rätsel keimen, und die bangende -Seele Antwort und Lösung pflücken will und sucht, bis ihr -hier draußen die Antwort wird, wenn einst hinter dem -dunklen Tor sich ihr die letzten Rätsel lösen.</p> - -<p>Wohin rinnt der Strom des Lebens, der unaufhaltsam -durch die Jahrhunderte fließt, an dessen Ufer der alte -Turm wie ein Felsen unerschüttert steht? Über ihn spannt -sich des Himmels unendliches dunkles Gewölbe mit seinen -Myriaden flimmernder Welten. Ein Stern schießt seine -leuchtende Bahn in weitem Bogen und ist verschwunden. -Warum? Wohin?</p> - -<p>Weltall und Ewigkeit – unfaßbare Gedanken nicht auszudenkender -Gewalt! Menschenseele! nicht faßbares Wunder<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span> -von unerklärlicher Größe! Leben und Vergänglichkeit, -Menschenseele und Ewigkeit, die Rätselfragen alles Seins, -schweben empor über die mondscheinumflimmerten Dächer. -Nie gestillte, nie erfüllte dürstende Sehnsuchtsgedanken -wandern in den dunklen Abgrund des Weltalls, in die -schweigenden dunkelblauen Fluren der Unendlichkeit.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Selig sind, die da Heimweh haben,</div> - <div class="verse indent0">Denn sie sollen nach Hause kommen.</div> - <div class="verse indent0">– – – – – – – – – –</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die anderen Tore schienen wohl auch für die Ewigkeit -gebaut zu sein. Doch was durch Jahrhunderte feindlichen -Stürmen Trotz geboten und der Stadt und ihren Bürgern -als Schutz und Hort gedient hatte, das mußte unter der -Spitzhacke dieser Bürger fallen.</p> - -<p>So sank ein prächtiger, wehrhafter Torbau nach dem -andern, ein malerisches Bild alter Stadtherrlichkeit nach -dem andern dahin. Wenn man die alten Darstellungen -der Tore betrachtet, so könnte man glauben, jene Zeit der -Spitzhacke, des Meißels und Brecheisens sei blind und gefühllos -gewesen gegen die reizvolle Schönheit und gegen -den Zauber der Geschichte, welcher die alten Türme und -Mauern mit ihren Ranken umsponnen hielt. 1846 fiel -z. B. das Erbische Tor, das einen Ludwig Richter zu einer -entzückenden Kupferradierung begeistert hatte. Wie ein -Blick auf das Juwel mittelalterlicher Stadtschönheit, auf -Rothenburg ob d. Tauber, wirkt dieser Ausschnitt aus Alt-Freibergs -verlorener alter Herrlichkeit. Aus tiefem Wallgraben -rauschen die Baumwipfel empor, aber höher steigen -die trotzigen Türme und Mauern, über welche Giebel und -Dächer schauen, und zwischen ihnen der Torturm des -Erbischen Tors, feingegliedert, auf vierkantigem Unterbau<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span> -achteckig aufragend. Acht große ovale Schießluken für die -schweren Geschütze und darüber, getrennt durch ein glattes -Gesimsband, acht schmale horizontale Schießschlitze sind der -wirksame und zweckvolle Schmuck des wuchtigen Bauwerkes. -So friedlich und gar nicht kriegerisch mehr schaut -das Tor darein.</p> - -<p>Die vier letzten, alten, eisernen Kanonen, welche einst -grimmig von hier oben hinabdrohten, wurden 1802 verkauft -und der Erlös wurde zur Stärkung der Laternenkasse -verwendet, die zur Einrichtung einer öffentlichen Beleuchtung -gegründet war. – Liegt nicht darin die ganze Behaglichkeit -des Spießbürgers, den Krieg und Kriegsgeschrei -nicht stört, weil er meint, ihm sei der Friede sicher und der -Krieg dahinten weit in der Türkei so fern, so fern, und doch -stand Mars schon drohend am Himmel und die apokalyptischen -Reiter hatten ihre Rosse gezäumt zum Ritte durch -Deutschlands blühende Fluren und auch Freibergs Gassen -in der napoleonischen Zeit. Hier, auf unserem Bilde von -Ludwig Richter, sind diese schweren Tage vorübergebraust -und das friedlich behagliche Leben macht sich wieder breit -und vergißt so gern die dunklen Tage. Zum Turme staffeln -sich auf, wie mächtige Stufen, die Mauern des »Rondells«, -des Vorhofes oder Vortores. Stolze Pappeln stehen -wie ragende Wächter daneben und breite Baumkronen -lehnen sich an das alte Mauerwerk. Im Vordergrunde -aber bewegen sich die lieben Gestalten, mit welchen Ludwig -Richters sonniges Kinderherz in stets wechselnder Fülle -seine Werke zu beleben wußte. Der vornehme Bürger mit -hohem Hut, der seine zwei Damen im Reifrock auf dem -Walle spazieren führt, zwei Bergleute in ihrer altertümlichen, -charakteristischen Tracht, die Bauersfrau, welche ihren -schweren Korb zu Markte trägt, das dralle Mädchen mit<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span> -einem wackeren Handwerksmeister, Hunde und Zicklein und -fernes Gewimmel. –</p> - -<p>So friedlich und freundlich diese Bilder ausschauen, so -bittere Not, Wunden und Tod haben doch diese Mauern -gesehen, wenn der Feind vor ihnen lag, die Häuser der -Vorstädte brannten und die Pest und der Hunger durch -die Gassen schlich und mit knöchernem Finger an die Pforten -pochte. Das waren die Notzeiten und Heldenzeiten der -Stadt, wenn Kriegsstürme diese starken Mauern und -Türme umtobten und manch wackeres Stücklein von trotzigem -Bürgermut und unverzagter Treue aus harter Faust -und festem Herzen sprang. Not lehrt beten und Not macht -Helden! Eintracht bricht Not! Das Peterstor war es vor -allem, dem immer wieder die Wut der Feinde, die furchtbarsten -Angriffe galten. Seine stärkste Probe mußte dieses -Bollwerk mit seinem gedrungenen vierkantigen Turme und -mächtigem Rondell im dreißigjährigen Kriege aushalten. -Doch was nützen Mauern und Türme, wenn nicht heldenmütige -Treue die Wache hält. Es ist ein Ruhmesblatt -von höherem Werte als ein Blatt von jenem silbernen -Baum einst im Turnierhofe zu Nordhausen, welches sich -hier tapferer Soldatengeist und Bürgermut für alle Zeiten -errang.</p> - -<p>Furchtbares hatte die Stadt bereits erlitten. Plünderungen -und Kontributionen von Freund und Feind, Einquartierungen, -Seuchen und Brandschatzungen.</p> - -<p>Besonders schwer war das Jahr 1632. Bald waren -churfürstliche Truppen, bald Wallensteins Regimenter, -bald die berüchtigten Horden des Holck, bald kaiserliche -»Krabaten«, bald Böhmen oder andere Völker in der -Stadt oder vor ihren Mauern. Dann kam der kaiserliche -General Feldmarschall Graf von Gallas auf Wallensteins<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span> -Befehl Ende September mit großer Übermacht und bombardierte -die unglückliche Stadt. Granaten bis zu 90 Pfund -hämmerten auf das Peterstor mit furchtbaren Schlägen -und auf die Straßen, und Brandgeschosse »viel Fewerballen« -fielen auf der Petersgasse und Fischergasse auf die -Dächer der Häuser immer und immer wieder und bedrohten -mit Feuersbrunst die Stadt. Den tapferen Verteidigern, -welche schon 300 feindliche Soldaten erschossen, ging -die Munition aus und an Lebensmitteln war Mangel, der -Feind legte die Sturmleitern an und hat »dannenhero -hoher Beträwungen verlauten lassen, alles ohne unterscheid -nieder zu hawen, und die Stadt gäntzlicher zu verderben, -wo sie nicht ohne ferneren verzug auffgegeben -würde, ist der Schrecken in der Stadt bey den Einwohnern -und Eingefleheten desto grösser worden, und ist dieses eine -recht ängstliche Nacht, und die Stadt in grosser Gefahr gewesen.« -Die Stadt mußte sich ergeben und den übermütigen -Feind in ihre Mauern lassen. Die kurfürstliche Garnison -mußte die Waffen ablegen und erhielt freien Abzug. Von -den Bürgern wurden aber 50 000 Reichstaler verlangt als -Ablösung für die Plünderung innerhalb 3 Tagen aufzubringen. -Auf inständiges Bitten wurde durch Vermittlung -des Feldmarschall-Leutnants Holck diese Summe auf -30 000 Taler ermäßigt. Da aber die Bürgerschaft schon -zuvor für die Garnison an Verpfleggeldern innerhalb -6 Wochen 45 143 Taler, 5 Groschen, 3 Pfennige hatte aufbringen -müssen, so war sie »dermassen erschöpffet und verarmet, -daß aller Vorrath hinweg, und bey vielen mehr -nicht als das liebe Leben übrig. Drumb gab es wegen -Einbringung dieser hohen Rantzion große <em class="antiqua">difficulteten</em>, -und mußte alles, was noch etwan an güldenen Ketten, silbernen -Bechern, Gürteln, Messerscheiden, und dergleichen<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span> -Geschmeide bey einem oder dem andern vorhanden, herausgegeben -werden.«</p> - -<p>So wurde zwar die Stadt vor der Plünderung noch bewahrt, -aber tief und bitter war noch trotzdem der Leidenskelch, -den die unglückliche Bürgerschaft leeren mußte. Die -Bürger mußten ihre Waffen und Harnische abliefern und -wehrlos gemacht, wurden sie durch übermütige Einquartierung -geschunden, gepeinigt und ausgesogen und »also -ausgezehret, daß der Vorrath an <em class="antiqua">victualien</em> und <em class="antiqua">fourage</em> -aller gantz dahin, und nicht ein bißlein Brods mehr bey -den Becken, oder ein trunck Biers, viel weniger etwas von -Saltze, Gewürtze, und anderer Nothdurfft zu bekommen, -deßwegen auch etliche Personen auff den offnen Gassen -niedergefallen, verschmachtet und Hungers gestorben.« -»Dessen aber allen ungeachtet wurden bey manchen Bürger -10, 12, 15, 20 auch wohl mehr Soldaten einquartiret, -welche ihre volle verpflegung haben wollten.« »Die arme -Bürgerschafft wurde also geängstet, daß ihrer viel mit -Weib und Kindern aus den Häusern entwichen, und alles -im Stiche liessen, (wie man denn nach abzug des Feindes -fünffhundert Häuser in der Ringmauer befunden, welche -gantz leer und wüste gelegen).« Über dieses alles war kein -Mensch in seinem eigenen Hause sicher, denn die Soldaten -»grossen Muthwillen und Frevel verübeten, zumal des -Nachts, da mit Gewalt in die Häuser, Gewölbe und Keller -gebrochen, und alles auffgeschlagen, durchsuchet und weggestolen -war. Darzu fiel wegen mangelung nothdürfftiger -<em class="antiqua">victualien</em> viel und mancherley Krankheiten, und endlichen -eine geschwinde <em class="antiqua">infection</em> und Pest ein, welche inkurtzen -etliche tausend Menschen in und vor der Stadt hinrisse, und -fast den dritten Theil der Bürger mit wegraffete. Die -meisten wurden heimlichen begraben, öffentlichen hat man<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span> -dreytausend Personen gezehlet, die mit gewöhnlichen Ceremonien -zur Erden bestattet worden.«</p> - -<p>Wenn man bedenkt, daß diese Häufung von Elend und -Jammer sich auf zwei Monate, Oktober und November, -zusammendrängte, daß die Stadt klein und wahrscheinlich -nicht mehr als 10 000 Einwohner zählte, so gewinnt diese -Zahl an unheimlicher Bedeutung, denn heute beträgt die -Zahl der jährlichen Todesfälle 500 bei rund 35 000 Einwohnern!</p> - -<p>Wie ein Würgeengel ging die Pest durch die Häuser und -klopfte fast an jede Türe. Die Särge reichten nicht aus -und viele wurden heimlich verscharrt, weil die Not dazu -zwang. Die lateinische Schule war zehn Wochen lang geschlossen, -und als sie wieder eröffnet wurde, fand sich noch -nicht die Hälfte der Schüler wieder ein. Die größere -Hälfte dieser blühenden Jugend war verloren, verdorben, -verstorben.</p> - -<p>Doch nicht genug »der außgestandenen so grossen Noth, -Angst, Elendes und Jammers, so sich diese zeit über bey -der guten Stadt Freybergk befunden!« Die Schlacht bei -Lützen war geschlagen, der Schwede rückte heran und trieb -die kaiserliche Armee vor sich her. Da ließ »der Commendant -anfahen, und die schöne grosse Vorstadt mit allen -Forwercken fürm Meißnischen Thore, wie auch die eine -Seite fürm Petersthore, sambt der Viehgassen anzünden, -und in die Asche legen. Was nicht brennen wollte, ward -niedergerissen, oder sonst durchlöchert und verwüstet, und -geschach diesen und hernachfolgende Tage mit abbrennen -und niederwerfung derer so alten wolgebawten und weitläufftigen -Vorstädte, und schönen Forwercken, Scheunen, -Mühlen und anderen sowol gemeinen als Privat-Gebäuden -solcher Schade, der nicht genugsam zu schätzen.« Sogar<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span> -die Friedhöfe entgingen der Vernichtung nicht, indem -»auch die schönen Bogen und Mawren eingerissen, und -alles schändlichen verwüstet« wurde. Doch alle diese furchtbaren -Leiden hatten den Mut und die Treue der Bürger -und des Rates nicht gebrochen. Die Hammerschläge des -Schicksals hatten ihre Herzen fest geschmiedet. Es leuchtet -ein Wort aus jenen dunklen Tagen wie ein silberner -Turm herüber in unsre dunkle Zeit, dessen strahlende -Zinne echter Mannesmut und echte, in Schicksalsglut gehärtete -Treue ist. Der Schwede, mit dem der Kurfürst verbunden -war, rückte heran, der Feind in der Stadt richtete -sich auf eine Belagerung ein und wollte ihm trotzen.</p> - -<p>Da rief der kaiserliche Kommandant Mohr vom Walde -die Bürgermeister der Stadt und etliche Ratsmitglieder zu -sich, ob sie zu ihm halten und die Stadt mit ihm verteidigen -wollten: Er habe Befehl, sich, solange er könnte, zu -halten, hernach aber auf das Schloß sich zurückzuziehen und -die Stadt an 20 Orten in Brand zu stecken. Die tapfere -Antwort war, »daß sie wider ihren gnädigsten Landsfürsten, -und ihm geleistete Pflicht, derer sie noch nicht loßgezehlet -weren, nicht thun könnten noch wollten, hetten -deßwegen einmütig beschlossen, wo sie mit dergleichen Anmutungen -nicht könnten verschonet werden, lieber die -Stadt und alles das ihrige zu verlassen, da sie auch gleich -betteln gehen solten, als wider Pflicht und Gewissen, auch -wider die löblichen <em class="antiqua">exempla</em> ihrer in Trewe hochberühmten -Vorfahren zu handeln. Bäten den Herrn Commendanten, -ihrer und der armen Bürgerschaft hierinnen gnädig -zu verschonen. Wo es aber nicht seyn könte, ihnen zu vergönstigen, -daß sie mit Weib und Kindern dürfften abziehen, -und sich nach Dresden begeben.« Es klingt der Trotz des -Lutherliedes aus diesen Worten. Es waren nicht leere<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span> -Worte schlauer Berechnung, denn dazu war man zu tief -durch Blut, Brand und Greuel des Krieges gewatet. Man -kannte den Gegner nur zu gut und hatte am eigenen Leibe -verspürt, was die Wut und Zuchtlosigkeit des Feindes bedeutete. -Nicht leere Worte, sondern opferbereite, tatenmutige -Entschlossenheit war das Wort:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Nehmen sie den Leib</div> - <div class="verse indent0">Gut, Ehr, Kind und Weib,</div> - <div class="verse indent0">Laß fahren dahin</div> - <div class="verse indent0">Sie habens kein Gewinn</div> - <div class="verse indent0">Das Reich muß uns doch bleiben.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Doch es kam nicht zum Äußersten: der Kommandant bekam -plötzlich Befehl vom kaiserlichen Hauptquartier in -Böhmen, die Stadt zu räumen. Das war die Rettung vor -dem angedrohten furchtbaren Schicksal. Nachdem noch die -wilde Soldateska Tag und Nacht geplündert und gebrandschatzt -hatte und man von der Stadt noch 900 Taler Kontribution -erpreßt hatte, rückte der Feind über das winterliche -Gebirge nach Böhmen ab, die Wagen mit gestohlenem -Gute der Stadt und der Bürger gefüllt. Hinter ihm jagte -aber die Angst vor dem Schweden. Auf rauhen Wegen im -tiefen Schnee, auf steiler vereister Straße blieb manch -Wagen mit reicher Beute stecken und manches kostbare -Stück aus Silber, Zinn oder Kupfer, welches beim Rückzug -hinderlich war, wurde auf die Straße geworfen. Manch -Bäuerlein oben im Gebirge mag da ein kostbares Stück -heimlich auf einsamem Hofe geborgen haben.</p> - -<p>Die Stadt war frei nach einer furchtbaren Leidenszeit -von zwei Monaten. Tore, Mauern und Türme waren -hart mitgenommen, aber die silbernen Türme des Mutes -und der Treue waren ungebrochen.</p> - -<p>Immer wieder und wieder tobten die Stürme und Wetter<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span> -des unseligen Krieges um diese Türme und Zinnen -der Stadt. Es war die Zeit, wo jeder Soldat an sich schon -Feind des Bürgers war, ob nun lutherisch oder papistisch, -ob kaiserlich oder sächsisch oder schwedisch. Der Feind von -heute konnte morgen der Freund sein, mit dem man Schulter -an Schulter kämpfte, der gemeinsame Feind der Soldaten -war aber der Bürger und Bauer, den zu schinden -ein Teil der Soldatenfreude und des Lohnes war.</p> - -<p>Die schweren Einquartierungen einer durch die langen -Kriegszüge ganz verwilderten rohen Soldateska, welche -meist sich selbst versorgen mußte, drückten als harte Last -gleichviel ob Freund oder Feind. Jetzt war der Schwede -der Befreier von der Belagerung durch das kaiserliche Heer. -Zehn Jahre später war es der kaiserliche Graf Pikkolomini, -der als Befreier vom schwedischen Joch freudig begrüßt -wurde. Und zwischendurch wurden bald kaiserliche, bald -schwedische Truppen abgewiesen und erhielten keinen Einlaß -in die feste alte Stadt, sondern eine tapfre Antwort voll -männlicher Energie.</p> - -<p>Dem kaiserlichen Oberst Ulefeld, der 1633 mit starken -Truppen vor der Stadt erschien und drohend Einlaß begehrte, -antwortete man, daß man ihm, »so er die Stadt -attakieren wolte, mit nichts als Kraut und Loth begegnen -wolle, wo er nicht Churfürstl. Befehl brächte, die Stadt zu -öffnen«.</p> - -<p>Auch dem kaiserlichen Oberst Abraham Schönnickel, der -aus Chemnitz stammte, ist 1634 nur eine »schlechte Antwort -und nichts als Kraut und Loth gewilliget worden«. Der -Bürgermeister Jonas Schönlebe verhandelte mit ihm vor -dem Tor und sagte auf seine Verheißungen des Schutzes -und seine Drohungen mit Plünderung und Brand, »daß -man nechst Gott, sonst keiner Beschützung von nöthen<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span> -hette« und warf ihm vor, daß er ein Landeskind sein -wollte »und fürgebe, er were dem Lande und der Stadt -zum besten ankommen, und verderbete doch alles in grund, -und man jetzo für Augen sehe, wie der alte schöne Hospital -für der Stadt liechter Lohe brennete«. Das war dem -Schönnickel zu viel! Nach vielen Wortwechseln ist er im -Zorn davongerannt mit wilden Drohungen und hat die -ganze Vorstadt und Scheunen vor dem Peterstor in Brand -gesetzt, so daß »letzlichen das an der Stadt gelegene große -Glockengießhaus ergrieffen, davon eine solche Brunst und -flammende Hitze entstanden, daß die Funken in und über -die Stadt hauffenweise geflohen, auch schon allbereit ein -Hauß in der Ringmauer am Thore zu brennen angefangen«. -Dieses Gießhaus war die Werkstatt des berühmten -Gießergeschlechts der Hilliger vor dem Peterstor, aus welcher -die herrlichen Grabplatten aus Messing und die -Bronzedenkmäler in der Begräbniskapelle der sächsischen -Fürsten am Dom, ferner die schönsten Glocken in Sachsen, -heute noch ein Stolz der Gemeinden, und weiter über -seine Grenzen hinaus und nicht zuletzt künstlerisch mit besonderem -Reichtum und Geschmack verzierten Bronzegeschütze -in großer Zahl hervorgegangen waren. Das -Stammhaus der Hilliger stand in der Petersstraße, nicht -weit vom Tore. Ihr Familienwappen, ein Bär mit einem -Zirkel oder Taster in den Vorderpranken, ziert noch heute -das alte Portal. Welcher Grimm und Zorn mag Hilliger -durchtobt haben, als wenige 100 Schritte von seinem Hause -die Stätte seiner Arbeit und Erfolge, seines Ruhmes und -seiner Existenz in Flammen aufging und der Funkenregen -vom Westwinde über die Stadt getragen wurde, als in -Asche sank, woran sein Herz und seine Kunst hing, und er -ohnmächtig zuschauen mußte, ohne den Mordbrennern<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span> -heimzahlen zu können. – Schönnickel zog ab, ohne sein -eigentliches Ziel zu erreichen.</p> - -<p>Viele Stürme und Wetter brausten so im Laufe der -Jahre noch über die starken Tore, Mauern und Türme, wie -über die trotzigen Häupter der Bürger dahin. Kein Sturm -aber war stärker, kein Wetter war furchtbarer als das der -Belagerung der Stadt durch den schwedischen Feldherrn -Torstensson. Vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar -1643, rund 50 Tage, dauerte diese furchtbare Zeit, in der -die Bürgerschaft mit den Bergleuten und der kleinen Garnison -einen Heldenmut gegen gewaltige Übermacht und -Ausdauer in größter Not bewiesen hat, so daß diese Tat -sich würdig neben die größten Heldentaten der Geschichte -stellt, ein leuchtendes Beispiel in dem Jammer und Elend -jener Tage, ein leuchtendes Beispiel und Fackel auch im -Dunkel unserer Zeit!</p> - -<p>Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne steht der -Spruch: »<em class="antiqua">Salus urbis est concordia civium!</em>« Das Heil -der Stadt ist die Eintracht der Bürger. Dies Wort stand -nicht nur auf dem Stadtplan eingeprägt, sondern stand -auch im Herzen und im Hirn jedes Bürgers und Bewohners -festgeprägt, eingehämmert durch die jahrzehntelange -gemeinsame Not.</p> - -<p>Erst 1639, also 4 Jahre zuvor hatten sie zwei Belagerungen -durch den schwedischen General Banner ertragen -und siegreich überstanden. Vom 2. März bis 20. März -und dann zum zweiten Male vom 10. April bis 17. April -hatte Banner versucht, die Stadt zu stürmen und manche -mannhafte Tat und mannhaftes Wort ist uns aus diesen -schweren Tagen überliefert.</p> - -<p>Mit gewaltiger Übermacht war Banner vor die Stadt -gerückt und stand plötzlich vor den Toren, denn ein dicker,<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span> -finsterer Nebel war eingefallen und hatte sich über die -Stadt und das Land gewälzt, so daß man sich nicht hatte in -der Nähe erkennen können. »Solches hat bey drey Stunden -gewehret, daß jedermann dafür gehalten, es sey dieser -Nebel von Finnen oder Lappländern gemacht.« Banner -nahm im Freibergsdorfer Rittergut Quartier und begann -alsbald mit der Beschießung, Schanzen und Laufgräben -zu bauen und in der Vorstadt zu sengen und zu brennen. -Mit seinem schweren Geschütz hat er angefangen »auff das -Peters und Erbische Thor zu spielen, und an beyden Orten -über hundert Schösse anbracht, dadurch die Brustwehren -durchlöchert«. Er drohte, falls die Stadt nicht übergeben -würde, »wollte er keines Menschen schonen, sondern allen -die Hälse brechen!« Der Kommandant von Haubitz gab -die unerschrockene Antwort, »daß er den vertrawten Platz, -vermöge seiner Pflicht und geleisteten Eids <em class="antiqua">mainteniren</em> -müste, solches auch biß auff den letzten Blutstropffen trewlich -thun wolte.« Es erinnert dieses Wort an das berühmte -Telegramm des unverzagten Verteidigers von -Tsingtau, des Gouverneurs von Meyer-Waldeck, in den -ersten großen Tagen des Weltkrieges: »Einstehe für -Pflichterfüllung bis zum Äußersten«. Durch Ausfälle und -tapfere Gegenwehr wurde dem Feinde viel Schaden zugefügt. -Am 9. März sollte das Peterstor erstürmt werden -und alle feindliche Macht richtete sich gegen das Bollwerk. -Nach starker Beschießung stand der Feind mit Sturmzeug -und Leitern bereit und versuchte von dem vor dem Tore -stehenden Zollhaus aus das Rondell, den schützenden, -runden Mauerbau vor dem eigentlichen Torturm, zu ersteigen. -Sie sind aber tapfer empfangen und mit Verlust -zurückgetrieben und es ist auch »durch außgeworffenes Geströde, -Pech und Fewerkugeln, das Zollhauß in brand gerathen,<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span> -daß ein groß Fewer auffgangen, und sich der Feind -mit schimpff <em class="antiqua">reterieren</em> müssen. Die Schösse, so beyderseits -geschehen, sind unzehlich gewesen«. Während hier am -Peterstor so der wilde Kampf tobte, machte der Hauptmann -Thörmer am Meißner Tor einen Ausfall, fand -keinen Widerstand »indem alles zum Hauptwerke fürs -Petersthor gelauffen, und auff eingebildete Eroberung der -Stadt gewartet, hat er nicht allein des Feindes angefangene -Baterien niedergerissen, sondern auch so lange sichere -Verweilung gehabet, daß er viel Hew und Stroh, so wegen -der Pferde und Viehes fast beynötig gewesen, in die Stadt -einbringen können.« Dieses Stücklein zeigt, welch kecker -Mut die Verteidigung beseelte.</p> - -<p>Trotz dieses Mißerfolges schickte der Feind wieder einen -Unterhändler, dieses Mal einen ehemaligen Kriegskameraden -des Kommandanten, der jetzt im anderen Lager focht -und nun die frühere Kameradschaft geltend machen wollte. -»Hat sich dabey beklaget, daß ihnen die weile gar lang für -der Stadt were.« »Dem der <em class="antiqua">Commendant</em> zur Antwort -gegeben, die weile zu vertreiben, wolte er ihm ein baar -Spiel Charten liefern, inmassen er auch dieselben hinauswerffen -lassen.« Ein grimmiger Humor klingt aus dieser -Art der Verhandlung. Wort und Tat, Geist und Schwert -werden von <em class="gesperrt">einem</em> entschlossenen und geschlossenen Willen -geführt!</p> - -<p>Einer späteren Aufforderung, das arme Volk, Weib und -Kinder aus der Stadt zu schaffen, damit nicht unschuldig -Blut vergossen würde, ferner die Stadt in Güte auffzugeben, -sonst sollten die Bergwerke eingefüllt und alles -verwüstet und verdorben werden, setzte Haubitz die Antwort -entgegen: »Er wüste von keinem armen Volcke, und -hette man in der Stadt genung zu leben, deßwegen er nicht<span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span> -einen Hund naußgeben wolte; die gantze Stadt were unschuldig, -und hette wider die Kron Schweden nichts verbühret, -wolte der General sich nicht mit unschuldigen Blute -beflecken, so solte er für sich selbst der Stadt und der unschuldigen -Einwohner schonen. Mit dem Bergwercke müste -er geschehen lassen, was der General nicht unterlassen -könte.«</p> - -<p>Nach diesen Abweisungen verdoppelte der Feind seine -Anstrengungen, den Trotz der Stadt zu brechen. Durch eine -trommelfeuerartige Beschießung wurde eine Bresche in die -Mauer gelegt in der Nähe des sogenannten Pestturmes, -wo der Pestprediger, der <em class="antiqua">pestilentialis</em>, während der -Seuche seinen vom Verkehr gesperrten Wohnsitz nehmen -mußte, um seinen Kranken mit Gefahr seines Lebens, aber -ohne Gefahr für die Allgemeinheit dienen zu können. Der -Turm und die Mauer stehen heute noch im städtischen -Bauhofe an der Mönchsstraße. Der Turm ist jetzt bis -übers Dach mit Epheu umsponnen, ein rechter alter, sturmfester -Geselle mit grünem Wettermantel, und draußen auf -der Feldseite zieht sich am Fuße der starken Mauern der -alte Stadtgraben entlang, und über lauschige Promenadenwege -rauschen hohe stolze Bäume. Wenn diese alten -grauen Quadern und Blöcke des Turmes und der Mauern -erzählten könnten, welch ein Heldenlied würde erstehen, -wachsen und klingen von wuchtiger Größe, von Tapferkeit -im Kampfe, von todesmutigem Ausharren in Not und -Tod, von seelischer Größe und Opfermut im Ringen und -Ausharren gegen die furchtbare Seuche, welche als Geißel -des Krieges die Seelen und Körper des armen, mißhandelten, -aus tausend Wunden blutenden, hinsiechenden Volkes -schlug! Doch die Steine schweigen. Ist es vergessen und -verklungen, daß Mannesmut und Opfergeist, daß zähe<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span> -Treue und Gottvertrauen den Sieg auch gegen Übermacht -über Pest und Tod und widriges Schicksal erzwingen -können? – –</p> - -<p>Als der Sturm des Feindes gegen diese Bresche einsetzte, -haben die Verteidiger anfangs ein wenig zugesehen, »biß -eine gute anzahl, und wie man vermercket bey vierhundert -im Graben, theils auch im Zwinger und auff den Leitern -gewesen, da dann die Trajoner und Bürger, so im Zwinger -hinter den Abschnitten im Fewer gelegen, eine grimmige -Salve unter sie gegeben, daß sie mit hauffen herunter gepurtzelt, -und bevoraus der Oberste Magnus Jahnsohn, -welcher diese Völcker angeführet, und sich hoch vermessen, er -wollte und müste diesen Tag in der Stadt seyn, nachdem er -auff der Leiter kaum zur Bresche hinein gegucket, geschwinde -einen Schoß durch den Kopff bekommen und abgestürtzet -worden, welches, als es die andern, so hernach -getrungen, und den Sturm auch antreten wollen, ersehen, -wie es noch außwendig der Stadt so scharff hergangen und -leicht erachten können, daß sie inwendig der Mawren ein -viel ärgeres zu erwarten hätten, haben sie weiter nicht -fortgewolt, ob sie schon von Officirern mit blossen Degen -hefftig angetrieben, auch etliche erstochen worden, sondern -haben ihre Mußqueten und ander Gewehre in Zwinger -und Stadtgraben geworffen, und sich <em class="antiqua">reteriret</em>, denen die -in der Stadt eilends nachgesetzet, mit kurtzen Wehren, -Schlachtschwerdten, Morgenstern und dergleichen ihrer noch -viel niedergemacht, und gute Beuten davon bekommen. -Was und wieviel vom Feinde diesen Tag umbkommen, hat -man nicht eigentlich wissen können, denn sie unterschiedene -Personen der Beschädigten und Toden weggeschleppet, auch -unter andern einen Obersten Leutenant, laut der Gefangenen -Aussage, auff dem Rücken mit fortbracht. In Zwinger<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span> -und Graben sind etwan hundert Mann liegen blieben, -darunter sich ernenter Oberster Jahnsohn, ein Hauptmann, -und etliche andere Officirer mehr befunden, dabey zweene -gequetzschte, die also fest und gefroren gewesen, daß man -ihnen auch mit Beilen die Köpffe nicht hat abhawen -können. Fünffe sind lebendig in die Stadt bracht, der -Oberste, der so gern in der Stadt seyn wolte, und der -Hauptman beygesetzt, die andern begraben worden. In -der Stadt ist kein einiger Mensch umbs Leben kommen, -aber für dem Sturm über der Arbeit sind drey Bergmänner -in Schaden gerathen, darunter der eine verstorben.«</p> - -<p>Der Oberst Jahnsohn »soll zwar ein statlicher Soldat, -doch ein sehr grimmiger und blutgieriger Mensch (wie auch -das Gesichte fast außgewiesen) und laut der Gefangenen -Bericht des Banners Schwester Sohn gewesen seyn, deßwegen -er von selben sehr lieb gehalten und hoch betawert -worden«. Wie vom Kampf um Trojas Mauern und wie -von der Trauer des Achill um seinen gefallenen Freund -Patroklos’ klingt es aus dieser Schilderung des Zeitgenossen, -der selbst diese schweren und großen Tage in den -Mauern Freibergs mit durchlebt hat.</p> - -<p>Nach diesem Sturme war die Stoßkraft des Feindes erlahmt. -Nach drei Tagen kam der Stadt Hilfe von kaiserlichen -und kurfürstlich sächsischen Truppen. Banner zog -sich zurück in der Richtung auf Chemnitz.</p> - -<p>Er soll geklagt haben, daß er soviel Verlust gehabt und -daß ihm das Glück in allen zuwider gewesen wäre, »sonderlich, -daß er für diesem Rattenneste etliche hohe liebe Officirer -und über tausend Mann hatte einbüssen müssen«.</p> - -<p>Banner dachte aber an Rache! Drei Wochen später stand -er wieder mit mächtigem Heere vor der Stadt. 20 000<span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span> -Mann und etliche 70 große und kleine Stücke sollten die -Stadt in seine Hand bringen und er dachte mit Durst die -trotzigen Bürger zu zwingen. Die Quell- und Röhrwässer, -deren Lage ihm Verräter gewiesen hatte, schnitt er ab und -den Münzbach, welcher die Stadt durchfließt, ließ er abstechen -und in einen Schacht leiten, so daß dadurch auch -die Gruben überschwemmt, der Bergbau zerstört und gefährdet -und der heimliche unterirdische Verkehr der eingeschlossenen -Stadt mit der Außenwelt auf Gängen und -Stollen tief unter Tage behindert war. Gleichzeitig ließ -er mit glühenden Brandkugeln die Stadt beschießen. So -glaubte er endlich den harten Mut der Freiberger erschüttern -zu können. Mit der Drohung, »daß keines Menschen -solte geschonet werden, so man sich ferner <em class="antiqua">opponiren</em> -würde«, schickte er seinen Generaladjutanten: »Er wüßte, -daß nicht viel zu leben und gantz kein Wasser in der Stadt -sei« Die tapfere Antwort des Kommandanten dagegen -lautete, daß er seiner Pflicht genug tun und sich wehren -müste. »Es weren, Gottlob, bey der Stadt noch nirgends -solche <em class="antiqua">extrema</em>, daß man nichts solte zu leben haben. Was -an Wasser abgienge, were an Wein und Biere vorhanden, -und dürffte ihm der General hier keine andere Willfährigkeit -als Kraut und Loth einbilden.« Nachdem er noch -einige Tage vergeblich vor der Stadt gelagert und manchen -Schuß in ihre Mauern gesandt, sah er wohl ein, daß -nicht so leichten Kaufes das »Rattennest« auszuheben sei. -Nach einer Belagerungszeit von etwa 7 Tagen brach er auf -und zog nach Böhmen. Die Stadt war frei! Vor den -Feinden draußen hatten die starken Mauern und Türme -und der trotzige Mut geschützt, doch wehe, wer schützt die -Stadt vor den Freunden? Starke Einquartierungen, Kontributionen, -Steuern, Lieferungen drückten die Bürger.<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span> -Das ganze Land war unsicher. Feindliche Reiter schwärmten -überall umher und Marodebrüder folgten wie die -Aasgeier den Spuren der Truppen, sei es Freund oder -Feind. Die Bestellung der Felder konnte nur mangelhaft -erfolgen und »über die grossen herumbstreifenden vielfältigen -Kriegsmäuse, hat es auch eine gewaltige Menge -kleiner Feldmäuse in Gärten, Äckern und Wiesen gegeben, -welche nicht allein das Getreide in Scheunen, sondern auch -die Wintersaat im Felde durchfahren und platzweise gefressen«. -Wo noch etwas geblieben war, wurde es gestohlen, -obschon der Bürger kaum mehr das Brot zahlen -konnte.</p> - -<p>Drei Jahre gingen so in Not und Sorgen, Kriegsgefahr -und drückenden Ängsten und Leiden dahin, eine -Zeit, geeignet auch den härtesten Sinn, die stärksten Herzen -zu beugen und mürbe zu machen. Da zog sich ein neues -Wetter unheildrohend, finster um die Stadt zusammen. -Das war das Wetter, aus welchem die schwersten Blitze -zuckten und das so recht eigentlich die Feuerprobe für die -Türme, Mauern und Bollwerke der Stadt, wie für die -silbernen Türme unentwegter Treue der Bürgerschaft werden -sollte. Die Schweden rückten mit neuer furchtbarer -Macht heran. Tilli war bei Breitenfeld am 23. Oktober -1642 geschlagen und seine fliehenden Truppen eilten raubend -und sengend vor den Schweden her, an Freiberg vorbei -nach Böhmen. Leipzig war am 26. November gefallen -und in der Gewalt des schwedischen Feindes, dem nichts -mehr widerstehen konnte, der »das gantze Land in grosse -zerrüttung und verderbnüs versetzet«. Wehe dir, kleines -Freiberg, du Städtchen, dessen Mauerring nur 2700 <em class="antiqua">m</em> -lang und in einem halben Stündchen leicht umschritten ist, -dessen Längsachse nur 1000 <em class="antiqua">m</em>, dessen Querachse nur 700 <em class="antiqua">m</em><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span> -mißt, dessen Bürgerschaft durch Not und Teuerung, durch -Pest und Brandschatzung seit Jahren geschlagen und gepeinigt -und mehr und mehr vermindert und verarmt war, -du willst mit deinen Mauern und Türmen und deinen -wenigen Männern dem Feinde trotzen, dem furchtbaren, -erbarmungslosen Torstensson, dem noch keine feste Stadt -widerstanden, der sieggewöhnt soeben erst in offener Feldschlacht -auf dem blutigen Plane von Breitenfeld 46 Stücke -Geschütz eroberte!? Du Städtchen mit deiner Besatzung -von nur 290 Soldaten des Kurfürsten, wie willst du der -ganzen, von Sieg zu Sieg stürmenden schwedischen Armee -trotzen, 8 Brigaden Infanterie, 104 großen und kleinen -Stücken Geschütze, 5 Feuermörsern, 700–800 Reitern und -noch 3 Reiterregimentern? Wie von einer furchtbaren -Lawine wirst du doch hinweggefegt werden, wie von einer -Sturmflut, die über dich zusammenschlägt, dich zerschmettert -und nur Trümmer hinterläßt! – –</p> - -<p>Und dennoch hat sie es gewagt! Sie sprachen trotzig ihr -»Dennoch!« und glaubten an das Wort: »Eine feste Burg -ist unser Gott!« Täglich wurden in jeder Kirche drei bis -vier Betstunden abgehalten und als der Feind Bresche geschossen -hatte, hat der Vesper-Prediger Glaser jeden Tag -zweimal »und zwar offters mitten unter der Gefahr, und -zunächst bey den geschossenen <em class="antiqua">brechen</em>, in mit anhörung -der Feinde, die Betstunden gehalten und verrichtet«. Das -Gebet war ihr Harnisch, das Gebet war ihre Mauer, die -sie bauten, wo die Stadtmauer in Trümmer ging, im Gebet -überwanden sie die Schrecken und Verzagtheit, als -strömten immer wieder neue Kräfte ihnen zu und verzehnfachten -die Zahl, die Kraft und den Mut der Verteidiger. -Die starken Kräfte der Seelen, die in unergründlichen -Tiefen des Glaubens wurzelten und daraus emporwuchsen,<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span> -waren die silbernen Türme der Stadt, welche keine feindliche -Übermacht erstürmen oder in Trümmer legen konnte. -Wenn unser deutsches Volk im tiefsten Innern seiner Seele -sich solche silbernen Türme erst wieder baut, dann hat noch -heute die deutsche Not ihr Ende, denn stärker als das -Schicksal ist doch der Mut, der’s unerschüttert trägt. –</p> - -<p>Die Führer in diesem Heldenkampf waren der tapfere -Kommandant von Schweinitz und der Bürgermeister -Jonas Schönlebe. Als v. Schweinitz zur Übergabe aufgefordert -und gefragt wurde, ob er sich wehren wolle angesichts -der Übermacht, antwortete er, »der Feldmarschall -solle nicht fragen, er würde einen Soldaten an ihm finden.« -Er hat dieses Wort eingelöst und dem furchtbaren Ansturme -des Feindes getrotzt. Als schwedische Hauptstellung, -die stark mit Geschützen besetzt war, war die Johanniskirche -und das alte Johannishospital mit seinem Garten ausgebaut. -Wo die alten Hospitaliten beteten oder ihre Ruhe -genießen wollten, brüllten die Kanonen, wieherten und -stampften die Pferde, heulten die glühenden Brandkugeln -ihrer Vaterstadt entgegen und donnerten an die Mauer -des starken Petersturmes. Der Friedhof um das alte Spittelkirchlein -herum war von Schanzen und Laufgräben durchwühlt. -Den Toten war ihre Ruhe geraubt, um von dort -Tod und Verderben zu säen. Heute noch rauscht dort der -grüne Wipfel der mächtigen, ehrwürdigen Spittellinde, -der Torstenssonlinde, unter der Torstensson sein Zelt hatte, -von wo er, durch die Gicht oft an den Stuhl gefesselt, die -Angriffe und wilden Sturmläufe auf das Peterstor leitete, -ein lebendiger Zeuge schwerster und großer Tage, ein -Natur- und Geschichtsdenkmal von besonderer heiliger Bedeutung.</p> - -<p>50 Tage dauerte die Belagerung und Bestürmung, vom<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span> -27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, während -harter Winterkälte. Immer wieder richtete sich der Sturm -mit ungeheurer Wucht gegen das Peterstor. Das Rondell, -das starke, im Halbkreis vor den eigentlichen Torturm -vorgeschobene Mauerwerk, wurde von den Schweden erobert -und bildete nur noch einen Trümmerhaufen. Der -Turm selbst war fast ganz zerschossen. Von Stockwerk zu -Stockwerk wurden die Geschütze tiefer gestellt, weil Mauern -und Gewölbe zusammenbrachen unter dem Gehämmer der -aus nächster Nähe feuernden Geschütze. Die vordere Hälfte -des Turmes wurde schließlich ganz in Trümmer gelegt, so -daß nur noch die Rückwand als zerschossene Ruine in die -Lüfte ragte.</p> - -<p>Neben dem Turm wurde die Mauer zerschmettert, so daß -eine Bresche von 20 Ellen Breite offenen Eingang in die -Stadt verhieß. Offenen Eingang – wenn nicht der Wall -tapferer Männerherzen als eiserne Wehr die Bresche geschlossen -hätte, so daß kein Feind eindringen konnte!</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Als zerbrochen war der Stein,</div> - <div class="verse indent0">Stellten Bürger sich zu Mauern.</div> - <div class="verse indent0">– – – – – – – – –</div> - <div class="verse indent0">Und aus allen offenen Lücken</div> - <div class="verse indent0">Tritt hervor manch Angesicht,</div> - <div class="verse indent0">Brust an Brust zusammenrücken,</div> - <div class="verse indent0">Und die Mauer selber ficht.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>In jenen Tagen war mancher Bürger vier, fünf oder -mehr Tage und Nächte auf seinem Posten mit der Waffe -in der Hand, das Gesicht zum Feind.</p> - -<p>Mit Laufgräben und Mörsern, mit Handgranaten und -Minen und Gegenminen wurde gekämpft. Wie ein Bericht -aus dem Schützengrabenkriege im Weltkrieg klingt es zuweilen -in der Chronik, wenn man liest, wie die Bergleute<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span> -den Feind beim Bau seiner Laufgräben und Minen belauschten -und ihre Gänge dagegen trieben, Wasser hineinschlugen -oder mit Feuer und Pulver entgegenarbeiteten. -Der Feind suchte den Mut der Verteidiger, der tapferen -Bürger, vor allem dadurch zu lähmen und zu brechen, sie -von den Mauern wegzulocken und die Verteidigungskraft -zu zersplittern, daß er ihre Straßen und Häuser immer -wieder in Brand zu schießen unternahm. Wenn ihre Häuser -brennen und von ihren Dächern die Brunst zum Himmel -lodert, so war seine Rechnung, sucht jeder das Seine zu -retten. Die gierige Flamme im Rücken der Verteidiger sei -der Bundesgenosse. Feuerballen und Granaten wurden in -die Stadt geworfen. Pechkränze und brennende Lunten zusammengebunden, -mit Schwefel untermischt und dergleichen -Mittel der Brandstiftung fielen auf Straßen und Dächer -tagaus tagein, fielen und entzündeten manche Feuersbrunst, -fielen auch und verlöschten. Was aber nicht fiel und verlöschte -war der Mut der Verteidiger. Da versuchte es der -Feind mit Drohung und mit Verheißung: Wenn die Stadt -sich nicht ergeben wolle, ließ er dem Woledlen, Vest- und -Mannhaften Herrn Obrister Leutenant und Commandeur -und durch ihn der ganzen Bürgerschaft sagen, so habe sie -»sich dieses gäntzlich zu versehen, daß nicht allein die Stadt -und Bürgerschaft mit Fewer und Schwerd zu grund gerichtet, -sondern auch Weib und Kind nicht verschonet, und -also verfahren werden, daß andere <em class="antiqua">obstinate</em> Örter ein -Exempel daran haben sollen«. Der Kommandant würde -selbsten, »weil er einig und allein ursache an dem unschuldigen -Blut, so vergossen werden möchte, und keine gütliche -Offerten annehmen will, nicht als ein <em class="antiqua">cavallier tractiret</em> -werden.«</p> - -<p>Welche schwere Versuchung für ein schwaches, ängstliches<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span> -Herz, für friedliche, stille Gemüter, die nur in Ruhe ihrer -Arbeit, ihrem stillen Berufe leben und verdienen wollten, -jetzt nachzugeben, schwach zu werden, die Tore zu öffnen -und den so freundlichen Feind, der so viel versprach, einzulassen! -Dem aussichtslosen Kampfe, dem doch keine Märtyrerkrone -winkte, diesem Schrecken ohne Ende, ein glimpfliches -Ende zu bereiten, ein glimpfliches, nicht ein schimpfliches, -denn der »Ehre« war schon genug getan, mehr als -in andren deutschen Städten mit stärkeren Mauern und -Türmen! – Doch nein, in Freiberg schlugen Heldenherzen -unter dem Bürgerrock wie unter der bunten Jacke des Soldaten. -Die Stadt hielt stand, weil kein Verräter sich fand. -Die Stadt hielt stand, weil in der Bresche Männer als -lebendiger Wall todesmutig den Angriffen wehrten, die -Stadt hielt stand, denn ihr Spruch lautete »<em class="antiqua">urbis salus -est civium concordia</em>«, das Heil, die Rettung der Stadt -ist die Eintracht der Bürger! <em class="antiqua">concordia</em> bedeutete hier -mehr als nur Eintracht, es war das Zusammengeschmiedetsein -der Herzen, zusammengeschmiedet durch Not und Tod -zur Einheit für Leben und Sterben. Nur solche <em class="antiqua">concordia</em> -konnte die Rettung sein.</p> - -<p>Die Antwort auf die Drohung und Verheißung des -Feindes war, daß man dem Kurfürsten die Treue halten -müsse, und im übrigen »dahin es lassen muß, was Gottes -Allmacht schicken wolle«.</p> - -<p>Ähnliche tapfere Worte klingen noch mehr herüber. Auch -auf die furchtbarsten Drohungen »es würde keines Menschen, -auch des Kindes im Mutterleibe nicht verschonet«, merkt -man kein Schwanken in der mannhaften Sprache, keine -Übergabe: »Der Feind solle erfahren, daß so viele redliche -ehrliche Leute in der Stadt finden würde, die ihr Eyd und -Pflicht in acht haben, und biß auff den letzten Blutstropffen<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span> -ritterlich fechten, ja auch lieber sterben als zugeben würden, -daß diese freye Bergstadt und die ihrigen unter das schwedische -Joch gelangen solten«.</p> - -<p>Torstensson war es jedoch Ernst mit seinen Drohungen. -Er unternahm den Generalsturm auf die unglückliche Stadt, -indem er zunächst durch eine furchtbare Beschießung sie -sturmreif zu machen suchte. Zwei Tage lang hat er sie bombardiert -und 2500 Stück Schüsse in ihre Mauern geschleudert. -Dann kam der eigentliche Sturm »mit unaussprechlicher -furi und Geschrey« zugleich auf das Peterstor, Erbische Tor -und Meißner Tor. Der Hauptangriff galt dem Peterstor, -»da zugleich mit und unter den stürmen die Feuerwerker, -theils aus Mörseln, große schreckliche Hauffen Steine, Ballen -und Granaten in die Stadt geworffen, theils aus groben -Stücken auf die <em class="antiqua">breche</em> gespielet, und sonsten Creutzweiß -und also hefftig durch die Häuser <em class="antiqua">flanquiret</em>, daß alles -erbebet, und ein solcher lerm in der Stadt worden, als wenn -Himmel und Erden ineinander gingen«.</p> - -<p>Während dieses furchtbaren Sturmes lag alles Volk, das -nicht Waffen führte, in den Kirchen betend auf den Knien -und alle Glocken läuteten und trugen mit ihrem Dröhnen -den Notschrei der Stadt zum Himmel empor, um schließlich -mit dem Sange des <em class="antiqua">Te Deum laudamus</em> den Dank der -Erretteten emporzujubeln.</p> - -<p>Auch dieser furchtbare Angriff wurde zurückgeschlagen, -so daß die Feinde unter großem Verlust sich zurückziehen -mußten »in großer <em class="antiqua">confusion</em>«, wobei »aus Stücken mit -Hagel und Kardetzschen, wie auch aus Doppelhacken, gezogenen -Röhren und Musqueten, noch großen schaden unter -ihnen gethan, ohne was durch ihr eigenes hefftiges schiessen -wider die <em class="antiqua">brechen</em> und Thürme geschehen, dadurch sie selbst -von zurück schlagenden Stückkugeln nicht wenig verletzet,<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span> -theils auch mit Steinen verfallen, und übel beschädigt worden«. -Bei diesem Kampfe hat jeder, der kämpfen konnte, -die Waffe geführt. Der Kommandant Georg Hermann von -Schweinitz an der Spitze, nicht nur in Worten tapfer, hat -»sich tapffer und rühmlich sehen lassen, indem er nicht allein -in allen gute anstellung gemacht, und stets bey der höchsten -Gefahr sich funden, sondern auch selbst aus einem Schießloch -am Thurme, zeit wehrenden Sturms, Fewer gegeben, und -Granaten außgeworffen, daß er dadurch vom Pulver im -Gesichte verletzet, und ihm der eine Schenkel <em class="antiqua">blaissiret</em> -worden«. Seinem Beispiele der persönlichen Tapferkeit -folgten die Offiziere, Soldaten, Ratsherrn und Beamten, -Bürgerschaft und Bergleute. »Ist auch jedermann darby -unerschrocken, mutig und frewdig gewesen, also daß etliche -Mußquetirer, ungeschewet aller Gefahr, und des so grimmigen -Schiessens, auff die <em class="antiqua">brechen</em> gesprungen, mit Morgenstern -und Schlachtschwerdten <em class="antiqua">agiret</em> und Fewer auff den -Feind im Graben gegeben. Die eine Seite des Zwingers, -da die <em class="antiqua">breche</em> am niedrigsten und gefährlichsten gewesen, -haben die Bürger, welche unter die <em class="antiqua">Defension</em> Fahne gehören, -innen gehabt, und männlichen beschützt, dabey sich -der Stadt Leutenant Peter Schmol befunden, und tapffere -Gegenwehre gethan.«</p> - -<p>An diesen wackeren Peter Schmohl erinnert uns heute -noch der letzte Rest des Stadtmauerturmes am Peterstor, -der uns an jener Stadtseite erhalten geblieben ist aus der -Heldenzeit der Stadt. Es ist der letzte Stumpf des alten -Rotgießerturmes, den Schmohl verteidigte. Wenig beachtet -und kaum verstanden steht er im grünen Rasen und über -ihm rauschen die hohen Bäume. Was könnte er wohl erzählen -aus jenen Tagen des Sturmes, als die weiße und -die blaue schwedische Brigade heranrückte mit fliegenden<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span> -Fahnen und vollem Spiel, mit Leitern und Sturmgerät, -und des kleinen Häufleins todesmutige Tapferkeit dennoch -den Sieg errang! Diese wenigen Steine, dieser schlichte -Mauerrest verkörpert Geschichte, die mit der stolzesten Heldensage -aller Zeiten sich messen kann. Noch ein anderes schlichtes -Zeichen, das sich im Altertumsmuseum befindet, erinnert -an den tapferen Peter Schmohl. Es ist der Ehering, den er -einst seiner Gattin Catharina am 3. Februar 1635 in der -Nikolaikirche an den Finger gesteckt. Sie mag in den Tagen -der Belagerung und des Krieges besonders schwer getragen -und gelitten haben, da sie ihren Helden kannte, der sich -nicht schonte, den sie stets an dem gefährlichsten Posten -wußte. Sie mag durch Seelenstärke ihm eine starke Stütze -gewesen sein. Eine treue Gattin und Mutter war sie, und -ihre Ehe war ein glückliche und kinderreiche, denn es entstammten -ihr 7 Söhne und 7 Töchter. – Beim Bau der -3. Bürgerschule auf dem Gelände der alten Nonnen- oder -Jakobikirche stieß man im Jahre 1902 auf die Schmohlsche -Gruft und fand außer den Resten eines braunen Sammetkleides -den Trauring. Der künstlerisch schöne goldene Reif, -wohl eine Arbeit Samuel Klemms, zeigt äußerlich ein -zierlich gestaltetes Sternenmuster, innerlich die Inschrift: -»<em class="antiqua">Peter Schmol</em> den 3. Febru. 1635« auf schwarzer Emaille. -Nicht ohne Rührung schaut man diesen Ring, der für das -Leben des alten Freiberger Helden von so großer Bedeutung -war, und damit vielleicht auch für das Schicksal der -Stadt in schweren Tagen wichtige innere Werte umschloß. -Seine Sterne haben nicht getrogen. – Auch das Wappen -Peter Schmohls erzählt von seiner Art und entsprach seinem -Leben und seinen Taten. Es zeigte einen bewehrten Arm -mit einem Säbel in der Faust, die Helmzierde trägt drei -Straußenfedern. Er war ja der tapfere Arm seiner Vaterstadt,<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span> -ein Kriegsmann, der schon in der Schlacht bei Lützen -und bei Nördlingen unter den Schweden gekämpft hatte, -ehe er heimkam und der Heimat diente. Am alten Zinnpokal -der Freiberger Defensionerschaft im Museum mit der -Jahreszahl 1639, der auf dem Deckel einen alten Defensioner -in Eisenrüstung trägt, ist dieses Wappen im Lorbeerkranz -an bevorzugter Stelle angebracht mit der Inschrift:</p> - -<p class="center"><em class="antiqua">PETTER SCHMAL. LEUTENAMPT.</em> -</p> - -<p>Er war der erste Vorsteher der Gesellschaft und hat vermutlich -den Pokal mit anderen Mitgliedern unmittelbar -nach seiner Ernennung zum Defensionerleutenant gestiftet. -Die schöne Form des Pokals mit dem Schmuck der angehängten -Münzen und den Gravierungen zeugt ebenso -wie der künstlerisch feine Ring dafür, daß Schmohl nicht -ein roher, ungebildeter Kriegsmann war, sondern daß lebhaftes -Schönheitsempfinden in ihm lebendig war.</p> - -<p>Drei Dinge erinnern so an Peter Schmohl, drei Dinge, die -viel sagen und zu deuten vermögen: Der Turm, der Ring, -der Pokal, der mannhaft erfüllte Beruf, die glückliche Ehe -und die Geselligkeit mit wackeren Männern, welche wie Sinnbilder -die Summe seines Lebens, die Sinnesart und die -Taten dieses echt deutschen Mannes und Kämpfers für die -Heimat erklären, eines Mannes, dessen Freiberg dankbar -gedenkt. Er stand auf schwerstem Posten bei der Belagerung -und mit wenigausgebildeten Leuten, die sonst nur -gewöhnt waren, ihren friedlichen Beschäftigungen nachzugehen, -denen er erst seinen Heldengeist einhauchen mußte -durch Wort und Beispiel und rücksichtsloses Einsetzen seiner -Person. Seinem Namen begegnen wir in den Berichten -auf Schritt und Tritt und können ihn noch zwischen den -Zeilen vielfach lesen: Peter Schmohl einer der besten Söhne -Alt-Freibergs in schwerster Zeit!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p> - -<p>50 Tage dauerte die Belagerung, 50 Tage, von denen -jeder mit neuer Not und Gefahr, mit neuen Leiden, Sorgen -und Ängsten blutigrot am Morgenhimmel emporstieg und -blutig in der Nacht versank. Der Mut der Verteidiger blieb -unerschüttert. In immer neuen Ausfällen und tapferster -Gegenwehr taten sie dem Feinde Abbruch, wenn auch der -Entsatz und die Hilfe, welche der Kurfürst versprochen hatte, -und das kaiserliche Heer, welches sie von Böhmen erwarteten, -länger und länger auf sich warten ließen.</p> - -<p>Die Not in der Stadt stieg immer höher, und sehnsuchtsvoll -schaute man von den Türmen in die Ferne nach -Frauenstein, wo die Straße zu den Höhen des Gebirges -sich emporzieht, ob nicht die Kaiserlichen nahten. Jede ungewöhnliche -Bewegung bei den schwedischen Belagerern -wurde als hoffnungsreiches Zeichen nahender Hilfe gedeutet -und brachte doch immer wieder Enttäuschung. Am -23. Januar hatte ein wackerer Bergmann, der sich bis zum -Feldmarschall <em class="gesperrt">Octavio Piccolomini</em> nach Böhmen -durchgeschlagen und heimkehrend von den Schweden vor -der Stadt aufgefangen, ihnen aber wieder entwischt und in -die Stadt zurückgelangt war, Briefe des Feldmarschalls gebracht, -daß er in wenig Tagen die Stadt entsetzen werde -und daß sie bis dahin, »wie bishero zu ihrem unsterblichen -Ruhm geschehen, dem Feinde noch mehrere gute Resistenz -erweisen, und zu keinem <em class="antiqua">accord</em> sich einlassen« solle. Dieses -Schreiben ist »der Stadt sehr tröstlichen gewesen«, aber -25 Tage lang wurde jeder Tag eine neue Enttäuschung, -denn das kaiserliche Heer kam nicht. Immer wieder sandte -man Botschaft an den Kurfürsten nach Dresden und nach -Böhmen an Piccolomini. Aus allerlei Zeichen des Himmels -suchte man Trost und Hoffnung zu gewinnen. Bald -war es ein schwarzes Kreuz, das am Himmel stand und<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span> -sich zum Feinde hin bewegte, bald war es brausender Sturm -mit Donner gleich einem Erdbeben, ein Ungewitter, das -mit Feuer und Wasser den Feinden schadete, die Stadt aber -verschonte, bald waren es feurige Kugeln am nächtlichen -Himmel, welche rotfeurige Strahlen von sich gaben, bald -hat es beim Feinde Blut und Feuer geregnet, ohne daß die -Stadt etwas davon verspürte, bald sind Kinder und Bürger -der Stadt in wunderbarer Weise vor Schüssen, die ihre -Umgebung zerschmetterten, unverletzt bewahrt geblieben, -bald sind Minen und Schüsse, welche der Stadt galten, den -Feinden selbst verderblich geworden. Alle diese tröstlich -ausgelegten und empfundenen Zeichen änderten aber nichts -daran, daß täglich die Lage der Stadt schlimmer wurde -und der Grimm der Feinde, die Gewalt der Angriffe mit -allen Mitteln, namentlich mit Minen, Handgranaten und -Feuer von Tag zu Tag furchtbarer wurden. Am 9. Februar -geriet das Peterstor in die Gewalt der Schweden, und ihre -Schüsse fegten von dort in die Petersgasse und ihre Häuser, -auf die Mauern und Türme, welche von dort im Rücken -oder Flanke beschossen werden konnten. Doch grimmig -wehrte sich der Freiberger Löwe: War auch das Tor gebrochen, -die Straße, den Weg gab er nicht frei. Eine starke -Batterie wurde in der Petersstraße gebaut, welche das jetzt -feindliche Tor unter wirksames Feuer nahm, so daß der -Feind sich in die unteren Torgewölbe zurückziehen mußte. -Alle Häuser der Petersstraße wurden durchbrochen, so daß -sie wie ein Wehrgang untereinander verbunden und mit -Musketieren stark besetzt zu feuer- und verderbenspeienden -Mauern werden konnten, falls der Feind hätte weiter vordringen -wollen. Der Schwede erkannte wohl, daß dieser -Weg in die Stadt, den nicht mehr Mauern, sondern eine -eiserne Wehr von Männern verriegelte, ein Todesweg für<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span> -ihn sein würde und wagte sich nicht weiter vor zwischen die -grimmigen Tatzen des Löwen.</p> - -<p>Der letzte wilde Verzweiflungskampf der Stadt schien -heranzunahen. Doch auch bei den Feinden machte sich Unruhe -bemerkbar, da sie wohl Kunde hatten vom Heranrücken -des kaiserlichen Heeres. Am 10. Februar langten -Boten in der Stadt an, daß in längstens acht Tagen die -kaiserliche Armee Freiberg befreien werde und ihre Ankunft -durch ein oder zwei brennende Häuser in Lichtenberg -und durch Kanonenschüsse von der Höhe melden würde. -Diese Frist war noch eine harte Probe für die Verteidiger, -denn der Feind setzte alles daran, die Stadt noch zu gewinnen. -Tag und Nacht dauerte das Schießen und das -Granatenwerfen. Granaten von 1 Zentner Gewicht fielen -in die Straßen und auf den Obermarkt, töteten Bürger und -richteten manchen schweren Schaden an. Mit Minen wurde -ein unterirdischer Kampf geführt: »Abends sind des Feinds -Minirer und die Bergleute in der Stadt unter der Erden -so nahe zusammen kommen, daß die Bergleute den Feind -hören reden.« Auch durch Verhandlungen und Versprechungen -suchte nochmals der Schwede die Stadt zu gewinnen. -Alles vergeblich, alle Versuche prallten an der todesmutigen, -stahlharten Treue wirkungslos ab.</p> - -<p>Man glaubte mit allen Fasern des Herzens an die baldige -Erlösung, und als in der Nacht vom 15. zum 16. Februar -die verabredeten Zeichen die Nähe des kaiserlichen -Heeres kündeten, konnten weder Drohungen noch glatte -Worte, noch alle Wut des Ansturmes den tapferen Mut -mehr erschüttern.</p> - -<p>Das Morgenrot des 17. Februars 1643 brachte die Befreiung -aus der furchtbaren Not. Der Feind rückte ab, die -Stadt war frei. Staunend sahen die kaiserlichen Offiziere,<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span> -an ihrer Spitze Oktavius Piccolomini, was die Stadt geleistet, -und man hat sich verwundert, »wie man gegen einen -dermaßen mächtigen und grimmigen Feind solchen Ort also -lange halten können; deßwegen auch die Standhafftigkeit, -Fleiß und tapffere Gegenwehr der redlichen Guarnison und -trewen Bürgerschafft hoch gerühmet«.</p> - -<p>Der Feind aber hat die »Stadt Freybergk verwüntschet -und verfluchet, und das schöne Volk beklaget, so dafür sitzen -blieben«. Man hätte Nachricht, »daß über dreytausend -Mann für der Stadt sich verlohren: Man hette ingemein -die Stadt nur die Hexenstadt genennet, und dafür gehalten, -es gienge mit zaubern zu, daß man bey so überaus grossem -Ernste eine Landstadt nicht gewinnen könte«. »Der General -Torstensohn were darüber so erzürnet gewesen und hette -ihm gäntzlich fürgesetzet, außzutawren, und die Stadt sambt -aller Zubehör ohne Schonung einiges Menschen in grund -zu schleiffen«.</p> - -<p>4500 Schüsse aus großen Kanonen, etliche hundert Würfe -aus Mörsern, 14 Minen hat er angebracht und hat dennoch, -trotzdem er »schon den Stadtgraben, Zwinger, und das eine -Thor, sambt den beygelegenen Thurm in seiner Macht gehabet, -und die Ringmawer auff etliche zwantzig Ellen also -niedergefüllet, daß er ebenes Fusses in die Stadt lauffen -können, sich doch derselben nicht vollends bemächtigen -mögen«. Wohl nie zuvor war das <em class="antiqua">Te Deum laudamus</em> -so »mit hertzlicher Freude und Andacht« gesungen und im -jubelnden Dankgottesdienst das Jauchzen der Erlösten zum -Himmel gestiegen, und auch nach den Predigten so froh -»mit allerley <em class="antiqua">instrumenten</em> lieblich <em class="antiqua">musiciret</em>« worden, -um den Dank emporzutragen, als bei dem Dankfeste am -26. Februar 1643. Der Feind hatte gar übel draußen -gehaust. Die Hospitalkirche war verwüstet und entweiht,<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span> -Gestühl, Kanzel, Emporen, Bilder usw. verbrannt und -zerstört. Häuser waren abgebrochen, verbrannt und vernichtet, -Balken ausgeschnitten, Tür und Tore ausgerissen, -die Obstbäume nah und fern abgehauen. In den Bergwerken -waren »die Fahrten verderbet, der Vorrath an -Ertzen verschüttet, die Wercke, Glethe, Herd und anders in -Hütten weggenommen, die Räder und Wellen zerhawen, -die Öfen eingerissen, die Künste und Zeuge verbrennet und -solcher schade geschehen, der nicht genugsam kan geschätzet -noch beschrieben werden.«</p> - -<p>Die festen Mauern, die festen Tore und Türen haben -nicht dem Ansturm des Feindes standgehalten, die festen -Herzen blieben unerschüttert, sie blieben stärker als das -Schicksal! – – – –</p> - -<p>Im Albert-Museum zu Freiberg liegt im Kleinodienschranke -eine schimmernde, kunstvoll aus massivem, goldenem -Bande geflochtene Kette. Kaiser Ferdinand III. -hat sie als Lohn und Dank für die tapfere Verteidigung -nach der Belagerung dem wackeren Bürgermeister Jonas -Schönlebe verliehen und ihm zugleich den Adel angeboten. -Für die Stadt hatte Schönlebe seine ganze Kraft und -Leben, seine ganze Persönlichkeit eingesetzt und mit ihm -seine Freiberger bis zum letzten Mann. Wenn er diesen -goldenen Schmuck sich über die Schulter legte, so trug in -ihm die ganze Stadt gleichsam dieses Kleinod als Ehrung -für ihren Mut, ihre Treue und Tapferkeit, ein unschätzbares -Sinnbild und redendes Zeichen von der Treue wie -Gold. Mit leuchtenden Worten singt es und sagt es seit -Jahrhunderten und in die kommenden Tage hinein von -der Ehre der Stadt, der alten, freien, getreuen Bergstadt, -von der Stadt mit den silbernen Türmen, den Türmen -der Treue, von festen Mauern und festen Herzen.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Gesichte_und_Geschichten">Gesichte und Geschichten -vom Freiberger Rathaus.</h2> -</div> - -<p class="drop">Aus dem Stadtplan von Freiberg kann man auch die -Entwicklungsgeschichte der alten Stadt lesen, die in -großen unverwischbaren Zügen ihr aufgeprägt ist. Der -Stadtplan ist gebaute Geschichte. Da ist die erste dörfliche -Siedlung des alten Christiansdorf in den unregelmäßig -und scheinbar willkürlich sich zusammenschließenden Gassen -der Sächsstadt erkennbar, da zeigt sich die Unterstadt mit -dem Untermarkt und Dom als weitere Stufe der Entwicklung -zur Stadt und endlich schließt das Gründungswerk -Ottos des Reichen und seiner Nachfolger die Stadtbildung -ab. Die westliche Hälfte der Stadt mit dem Rechtecksschema -des Straßennetzes, das sich an die von Norden nach -Süden durchlaufende Hauptachse des Straßenzuges der -Erbischen Straße und Burgstraße anschließt, verrät deutlich -und klar die ordnende Hand des Städtebauers, der nach -bestimmtem Plane Straßen und Plätze anlegt und die -Bauflächen absteckt und schließlich das Ganze mit starker, -wehrhafter Mauer umgibt. Im Herzen der ganzen Anlage, -dort wo der Hauptverkehr vom Peterstor und -Erbischen Tor und von den anderen Himmelsrichtungen -her zusammenströmt, liegt der große, rechteckige Obermarkt -mit dem Rathause. Dort erhebt sich in unmittelbarer -Nähe am höchsten Punkte der Stadt mit dem höchsten -Turme der Stadt die Peterskirche als Hauptpfarrkirche der -neuen Gründung und bereichert durch ihre wirkungsvolle<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span> -Baugruppe das Stadtbild. Der Obermarkt selbst ist ein -Meisterwerk geschlossener Raumbildung und wirkt mit -seinen harmonisch gebildeten Häuserwänden und hohen, -altertümlichen Dächern wie ein gewaltiger Saal unter -freiem Himmel. Die Türen, welche in diesen stolzen Saal -hineinführen, die Straßenöffnungen, sind so geschickt angelegt, -daß nirgends die Geschlossenheit der Wände unangenehm -unterbrochen wird. Es sind keine Prachtgebäude -mit üppigem Beiwerk, mit sprudelndem Reichtum der -Formen und Ornamentik, von denen eins das andere wohl -überbieten möchte, nein es sind einfache schlichte Glieder -einer großen Familie, die zusammengehören und zusammenhalten, -die ihr bescheidenes Gewand mit Würde -tragen. Es sind anständige, ehrenfeste Bürger, die dort -um den Markt sich sammelten und nun Schulter an Schulter -stehen. Nur hie und da ein reicheres Portal, ein -Giebel, ein Erkerchen, ein Bildwerk, eine schöne Haustür -unterbricht die Schlichtheit und Ruhe der Fassaden ohne -viel Gesimse, Fensterumrahmungen und Ausladungen.</p> - -<p>Und alle diese wackeren, wortkargen Bürger schauen hinüber -zum Rathause, dem Hause, in dem sie seit alters Rat -geben, Rat nehmen, Rat suchen und Rat finden, wo das -Herz der Stadt liegt, das durch seine Arbeit den Lebensorganismus -der Stadt im Gange hält, das den Lebenssaft -des Blutes durch alle Adern, Nerven und Muskeln des -Körpers treibt und ihn lebendig und regsam erhält.</p> - -<p>Das Rathaus paßt so recht in seiner behäbigen Ruhe -und Schlichtheit zu den Bürgerbauten des Obermarktes. -Breit gelagert mit ragendem Turm und zierlichem Erker -aus alter Zeit, mit Giebeln und Dachaufbauten aus neuer -Zeit, ist es ein Ausdruck geschlossener Kraft und stolzen -Bürgertums, anspruchslos aber in ruhiger Sicherheit<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span> -seinen Platz behauptend. Seine Geschichte zu erzählen, -hieße die Geschichte der alten Bergstadt selber erzählen, -denn auf dem Obermarkt und in den Räumen des Rathauses -pochte am lebendigsten das Wollen und Wirken, -das Leben und Weben aller geistigen und wirtschaftlichen -Kräfte der Stadt, und so wurde es zum Ort und Ausdruck -allen Geschehens, zum Sinnbild des Geistes und der -Geschichte der Stadt.</p> - -<p>Viele Jahrhunderte hat es den Stürmen schon Trotz geboten, -hat es im Krieg und Frieden, bei Belagerungen -und allerlei Not, bei Seuchen, Pestzeiten und Stadtbränden, -aber auch bei rauschenden Festen der Bergknappschaft, -der Bürgerschaft, dem Rate, den Zünften, und ja, auch -Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes Dach -geboten. Von Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit -und Aufopferung, von Blut und Tod, von jauchzendem -Leben und Kerkernacht flüstern und raunen die mächtigen -Quadern der Wände und alten Gewölbe, singt und stöhnt -der Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel saust -und die Fledermäuse im krachenden Gebälk über der -Stundenglocke aufscheucht. Und tief drunten in den unterirdischen -Gewölben werden um Mitternacht unheimliche -Schatten lebendig, Schatten, vor denen dein Herz vor -Grauen bebt wegen der furchtbaren Taten, die sie getan, -Schatten, vor denen dein Herz vor Erbarmen zittert, wegen -der furchtbaren Strafen, die sie erlitten, erlitten wohl -manchmal ohne Schuld.</p> - -<p>Dieses unterirdische Rathaus mit seinen wuchtigen -Tonnengewölben stammt aus den ältesten Zeiten der -Stadt und hat in seiner urtümlichen Gestalt alle Stadtbrände -und Zerstörungen, Umbauten und Neubauten -unversehrt überstanden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span></p> - -<p>Die etwa 1170 neugegründete Stadt war rasch emporgeblüht. -Aus allen Stämmen Deutschlands war die Bevölkerung -gemischt. Abenteurer und Glücksjäger, die rasch -reich werden wollten und Gott und Teufel nicht fürchteten, -verwegene Gesellen aller Art mögen nicht selten gewesen -sein. Eine eiserne Rechtspflege und rasche schwere Sühne -jedes Verbrechens konnte da nur Rechtssicherheit schaffen -und erhalten. Der Obermarkt war das »<em class="antiqua">forum</em>«, die Dingstätte, -wo unter freiem Himmel Recht gesprochen, wo auch -die Strafen an Leib und Leben vollzogen wurden. Am -Obermarkt wurde dann in der Mitte der Ostseite das -»Dinghaus«, vermutlich nur eine offene Halle, eine »Gerichtslaube«, -errichtet, zunächst nur, um eine geschützte -Stätte für Recht und Gericht, verbunden mit Gefängnis, -zu haben, dann in weiterer Entwicklung für Beratung -und Verwaltung gemeinsamer Angelegenheiten. Dieses -uralte Dinghaus ist nach meinen Untersuchungen in seinen -Grundmauern oder besser Kellergeschoß noch wohl erkennbar -und erhalten. Es ist z. T. umschlossen von den Grundmauern -und Kellerräumen der späteren Erweiterungsbauten -des Mittelalters und mag etwa 11 <em class="antiqua">m</em> Tiefe bei 9 <em class="antiqua">m</em> -Frontlänge am Markte gehabt haben. Vielleicht ist auch -das Erdgeschoß wenigstens z. T. in den Wänden noch erhalten -in dem Raume, der jetzt die Feuerwehrgeräte birgt -und in früheren Jahrhunderten die alte Wage, »die Ratswage -für Kaufmannsgüter«, enthielt. Es ist ein hallenartiger, -rundgewölbter, nach dem Obermarkt offener -Raum, der sehr wohl als offene Halle zum Gerichthalten -vor allem in frühester Zeit gedient haben mochte, von wo -aus der Verurteilte unmittelbar hinaus zum Markte, zur -Richtstätte, zum Tode geführt werden konnte. Der schwarze -Stein, der die Stätte der Enthauptung Kunzens von<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span> -Kauffungen bezeichnet, liegt grade gegenüber. Kunz mag -nicht der erste gewesen sein, der an jener Stelle gerichtet -wurde. Offene Hallen, die »Gerichtslauben« am Markte, -sind noch in manchen mittelalterlichen Städten in Verbindung -mit dem Rathause erhalten.</p> - -<p>Unter dieser Halle, ursprünglich nur durch einen Schacht -mit Leiter zugänglich, liegt der im Volksmunde mit -»Marterkeller« bezeichnete Raum, das wuchtige schwere -Kellergewölbe des Dinghauses der ältesten Zeit, Gerichtslaube, -Marterkeller und Gefangenenzelle in engster furchtbarer -Verbindung. Nur sehr wenig Freiberger sind in -diesem schwerzugänglichen Raum gewesen, dessen Dasein -nur noch wie eine dunkle Kunde in der Öffentlichkeit hie -und da bekannt oder halb vergessen ist. Es ist ein Raum -von etwa 4 <em class="antiqua">m</em> Breite und 8 <em class="antiqua">m</em> Länge mit einer tiefen -seitlichen Nische von 1,50 <em class="antiqua">m</em> Tiefe und 2,70 <em class="antiqua">m</em> Breite. Er -ist von schwerem Tonnengewölbe aus Bruchsteinen überdeckt -und seine Wände sind z. T. in Felsen gehauen. Kein -Lichtstrahl fällt hier herab, kein Schrei eines zermarterten -und gefolterten armen Sünders oder auch nur Verdächtigten -drang aus dieser schwarzen grauenvollen Tiefe durch -die Felsenmauern und Gewölbe zur barmherzigen Oberwelt.</p> - -<p>Eine winzige Zelle, z. T. aus dem Felsen gehauen, öffnet -wie ein schwarzes Grabgewölbe seine schmale, enge, niedrige -Tür zum Marterkeller. Nur zwei Schritt lang in der Länge -und Breite ist dieses furchtbare Verließ, so daß der, der -hier sitzen mußte in Finsternis und Dunkel, in Zwang -und Eisen, gefesselt in Ketten, mit Gewichten belastet, -nicht einmal auf dem feuchten, harten Felsboden sich ausstrecken -konnte. Bei jeder Bewegung in dieser schwarzen -Nacht der Verzweiflung konnte er sich am harten Stein den<span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span> -Schädel einrennen. Der Unglückliche, welcher hier der -hochnotpeinlichen Frage entgegenbebte, mochte glauben, in -einen wahren Höllenabgrund gestürzt zu sein, aus dem ihn -wahre Teufel zu weiteren Höllenqualen führen sollten. -Wie Furchtbares mögen diese Wände und Gewölbe gehört -und gesehen haben an Qualen, Blut und Not an Leib und -Seele, an Roheit, Grausamkeit und unmenschlicher Verworfenheit, -wovon ein Kind unserer Zeit sich schwer einen -Begriff zu machen vermag. Die jetzt im Freiberger Altertumsmuseum -befindlichen Marterwerkzeuge, die ehemals -an diese Mauern geschmiedeten Halseisen und Ketten, die -Daumenschrauben, der »gespickte Hase«, das Streckbett und -wie diese Henkerswerkzeuge alle heißen mögen, die Haken -in der Decke, an denen die Opfer der Tortur zur Peinigung -in die Höhe gezogen wurden, sie legen Zeugnis ab -von den blutigen Schrecken und Entsetzen der »scharfen -Frage«, die hier in verschiedenen Graden gestellt wurde.</p> - -<p>Der Chronist Möller berichtet einmal von den furchtbaren -Strafen, die hier vollzogen wurden. Ein Tagelöhner, -Simon Kastner, hatte einen Bürger und Kramer, -Andreas Köhler, mit seinem Weibe, dem Sohne und der -Tochter in seinem Hause auf der Futtergasse mit der Holzaxt -erschlagen und das Haus, nachdem er es beraubt, in -Brand gesteckt. Er wurde aber ergriffen und man hat -»weil er nicht allein diese, sondern mehr andere grewliche -Thaten bey der <em class="antiqua">tortur</em> bekennet, ihm seinen verdienten -Lohn, nach ergangenen Urtheil und Recht, wiederfahren -lassen, also daß er erstlich sechsmal mit glüenden Zangen -zerfleischet, als einmal für dem Rathhause, zweymal für -der Erschlagenen Hause, zweymal auff dem Markte, und -einmal auff der Petersgasse, für dem Kramladen in -Michael Pragers Hause, daraus er den Sohn selbst abgeholet<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span> -und heimkommen heissen, ehe er ihn erschlagen. -Hernach ist er auff dem Rabensteine, damit es jederman -sehen könne, von unten auff gerädert (da er denn, als er -schon sieben und zwantzig starke Stösse mit dem Rade auff -die Schenkel, Arme und Leib außgestanden, noch den Kopff -auffgerichtet, und zu trincken begehret) letzlichen auff ein -hohes Rad geflochten, die Mordaxt über ihn auffgestecket, -und zu dessen Gedächtnis eine Schrifft auff ein Täfflein -an die Seule, darauff das Rad gestanden, angeheftet -worden.« Für die mittelalterliche Justiz ist bezeichnend, -daß die Rechtsprechung und Strafe in vollster Öffentlichkeit -geschah und bei den Strafen vor allem durch Abschreckung -»zum Abschew und Exempel« gewirkt werden -sollte. Der Verbrecher wird durch die ganze Stadt geschleppt -und dann erst auf dem Rabenstein, »damit es -jedermann sehen könne« langsam zu Tode gemartert. Wir -gehen jetzt mildere, vielleicht allzumilde Wege in den -Strafurteilen und der Strafdurchführung. Die Strafe soll -zur Besserung dienen. In jenen Zeiten mag durch solch -blutiges, widerliches Schauspiel zum Abscheu und Exempel -wohl mehr die Roheit des gemeinen Pöbels gesteigert als -eine Steigerung der sittlichen Kräfte erreicht worden sein.</p> - -<p>Wieviele, auch unschuldige Menschen und adlige Seelen -mögen hier im Marterkeller unter blutigen Folterqualen -zu furchtbaren, unmöglichen Geständnissen gepreßt worden -und zu einem qualvollen Verbrechertode geschleppt worden -sein! – Gespenstisch zucken die Schatten im Raum, den -unsere Leuchte nur schwach erhellt. Hören wir nicht -ächzen und stöhnen hinter uns oder dort vor uns? Kam -nicht ein schwerer, todesbanger Seufzer, ein grauses Röcheln -aus jenem dunklen Winkel? Ist dort nicht Blut, Menschenblut -an jenen Steinen der Wand? – Es schnürt uns<span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span> -die Kehle zu, als griffe jemand mit kalter, klammernder -Faust uns an die Gurgel, ein Schauer geht über den -Rücken, als hauchte uns der kalte, keuchende, gespenstische -Atem Gefolterter an. Es ist uns, als senkte sich das schwere -Gewölbe mit seiner Last von Blut und Schuld über uns -hernieder, als rückten die Wände in ihrer schreckhaften -Finsternis näher und näher zusammen, um uns zu erdrücken, -als kämen wir nimmermehr aus dieser grauenhaften -Nacht zum barmherzigen Lichte empor – – – – -hinaus! hinaus! Wir wenden unsere Schritte zum -schmalen Ausgang zur steilen Treppe, die in die Tiefe -führt, die uns wieder zum Lichte führen soll.</p> - -<p>Draußen aber atmen wir tief und voll die köstliche Luft -der goldenen Freiheit. – –</p> - -<p>Wenn für die älteste Zeit und bei der raschen Rechtspflege, -die nicht viel Umstände machte, der Marterkeller -mit der einen Einzelzelle genügte, so brachte das Anwachsen -der Bevölkerung, die erweiterte Gerichtshoheit der -Stadt und auch vielleicht der Stadtbrand von 1375 den -Zwang und die Gelegenheit, Erweiterungswünschen und -Neubauabsichten nachzugehen. Ein regelrechtes unterirdisches -Gefängnis wurde im neuen Rathausbau angelegt -mit drei nebeneinanderliegenden Zellen, die z. T. in den -Felsen gehauen sind und Mauern von 1½ <em class="antiqua">m</em> Stärke haben. -Im Erdgeschoß des Rathausturmes wird uns eine Falltür -geöffnet und wir steigen durch die viereckige Schachtöffnung -auf einer Leiter in die schwarze Tiefe hinab. -Dumpfe Luft, wie aus einem Grabgewölbe, schlägt uns -entgegen. Am Ende eines 7 <em class="antiqua">m</em> langen, mit schwerem -Tonnengewölbe überdeckten, 2 <em class="antiqua">m</em> breiten Ganges befindet -sich eine kleine, schmale Türöffnung in der Seitenwand, -welche wir nur tief gebückt durchschreiten können, um zu<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span> -den engen Vorplätzen der Einzelzellen zu gelangen. Drei -Vorplätze und drei Zellen reihen sich aneinander, derart, -daß jede Zelle besonders verschließbar ist und einen besonders -verschließbaren, engen Vorraum hat. Wie eine enge -Spalte im Felsen wirken die drei Vorräumchen, zu denen sich -die winzigen Öffnungen der dunklen Zellengräber wie -schwarze Stollen unheimlich öffnen. Die Türöffnungen -oder besser Türschlitze in den meterdicken Mauern sind nur -50 <em class="antiqua">cm</em> breit und so niedrig, daß nur ein Kind ohne tiefes -Bücken hindurchzuschlüpfen vermag. Kein Lichtstrahl fällt -in diese Räume, keine Lüftung ist vorhanden. Durch die -Spalten im Felsen sickert das Grundwasser und feuchtet -den Boden und die Wände.</p> - -<p>In der letzten dieser unheimlichen Zellen hat Kunz -von Kaufungen, der Prinzenräuber, seinem Spruche entgegengeharrt. -Sechs Türen mußten geschlossen werden -ehe man bis zu diesem Gefangenen vordringen konnte. -Hier in diesem finsteren, unterirdischen Felsengrabe und -dort oben an der Stelle des schwarzen Steines auf dem -Markte fand ein Schicksal seinen Abschluß, das für ein -Drama wirkungsvollen Stoff bieten könnte.</p> - -<p>Wer war dieser Kunz von Kaufungen? Ein Michael -Kohlhaas, der um sein Recht bis zur Selbstvernichtung -kämpft, oder ein gewöhnlicher Raubritter, Verbrecher und -gemeiner Verräter? Nein, nicht mit einem Namen, Wort -oder Etikett ist ein Charakter, ein Menschenschicksal erschöpft -und beurteilt. Verstehen ist mehr als richten! Kunz war -ein ganzer Mann, ein tapferer Ritter, der sich in vielen -Schlachten bewährt und den Herren, für welche er das -Schwert gezogen, treue Dienste geleistet hatte. Im sächsischen -Bruderkriege, der fünf Jahre dauerte, hatte er für -den Kurfürsten Friedrich den Sanftmütigen tapfer gekämpft,<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span> -denselben Kurfürsten, gegen den er sich später erhob -und der sein Schicksal wurde. Seine Bildung scheint -eine für einen Edelmann des 15. Jahrhunderts nicht gewöhnliche -gewesen zu sein; er war nicht nur des Lesens -und Schreibens kundig, sondern die unter seinem Namen -ausgegangenen Schriften zeugen auch von einer gewissen -Kraft und Gewandtheit des Ausdrucks. So wurde er -Hauptmann und Voigt auf dem Schlosse zu Altenburg und -der Kurfürst sagte von ihm <em class="gesperrt">nach</em> dem Prinzenraube: -»Kunz sei ihm nie, kein Tag und keine Stunde, unsicher gewesen -und habe von ihm und den Seinen viel Gutes empfangen, -alles auf guten Glauben und Vertrauen, die er -zu ihm vor Andern gehabt habe.« Sollte dieses Urteil -unverdient gewesen sein? Später finden wir Kunz im -Dienste der alten Reichsstadt Nürnberg im Kampfe gegen -den Markgrafen Albrecht Achilles. Er war der Hauptmann -der Armbrustschützen und hat mit großer Tapferkeit -und Treue für die Stadt gefochten und auch sein Blut vergossen. -Die Nürnberger Chronik sagt von einem Ausfall: -»… auch ward Kuntz von Kauffungen auf den Tag mit -einem Pfeil durch den leib geschossen, doch ward er geheilt -und gesunt (der war der stat diener, ein Edelmann).« In -einem anderen Schlachtbericht heißt es: »Ein ander Hauf -ward gemacht, der waren bei 50 gereisigen und des was -ein Hauptmann der edel und menlich Conrat von Kauffungen; -be ihm waren die erbern (Patrizier) Gabriel Tezel, -Wilhelm Loffelholz und mere erbern auß der edeln stat -Nürnberg.« Wenn man bedenkt, wie selten in diesen -Kriegsberichten die Anführer genannt und die Taten Einzelner -hervorgehoben werden und daß in seiner Schar die -stolzen Patrizier sich befanden, so kann man auf die hohe -Achtung schließen, welche Kunz sich erworben hatte. Das<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span> -zeigt auch der Bericht von der Schlacht am Pillenreuter -See, durch welche der Krieg gegen Albrecht siegreich für -Nürnberg entschieden wurde: »Also ließ der edel Herr -von Blawen aufdrumeten und legt’ ein sein sper und rait -frischlich gegen den feinten. indem ward sich auch mengen -der edel und fest Conrat von Kauffungen mit seinen gesellen -unter die feint. Indem sich die mennlichen der spitzen -von Nürnberg so hart hielten und so keck und menlich -gegen den feinten ritten gar in still und mit keinem geschrei, -da hub sich zu fliehen der Fürst« (Markgraf Albrecht). -Ja, auch im Liede wurde Kunz von Kauffungens -Anteil an diesem stolzen Siege gefeiert und der Rat zu -Nürnberg erneuerte den Soldvertrag mit ihm auf weitere -drei Jahre unter Erhöhung seines Soldes und es heißt -von ihm: »er hielt sich gar redlich also, daz in meniglich -liep hat.« Und dieser tapfere, redliche Kriegsmann, den -man in Nürnberg im Jahre 1452 »meniglich liep hat«, -soll im Jahre 1455 nur ein Räuber sein? Nein, nimmermehr! -Ein Mann war er, der herrisch für das, was er -für sein Recht hielt, eintrat bis zum äußersten, und im -trotzigen Vertrauen auf seine Kraft, wenn ihm sein Recht -nicht wurde, sein Recht sich selber holte. Die mittelalterliche -Auffassung vom Rechte und der Freiheit eines Ritters, -der nur dem gehorcht, dem er gerade seine Dienste geweiht, -und der auf eigne Hand Fehde führen darf, stieß -hart zusammen mit der stärker und stärker sich ausprägenden -Macht des Landesfürsten und dem Untertanenverhältnis -und mit neueren Rechtsauffassungen und Auslegungen, -die ihm zuwider waren. Es ist das Drama des ausgehenden -Rittertums. Der Grund zu den Zwistigkeiten zwischen -dem Kurfürsten und Kunz war der Streit um das leidige -Mein und Dein! Kunz fühlte sich ungerecht behandelt;<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span> -ein Gut, das ihm zustand, sei ihm trotz treuer Dienste vorenthalten -worden. Der Kurfürst beschuldigte ihn verschiedener -Raubrittertaten, feindseliger Gesinnung und des -Verrates mit Böhmen, das ihm feindlich gesinnt war. Eine -Einigung kam nicht zustande. Einen anscheinend stark -vom Kurfürsten beeinflußten Schiedsspruch eines Schiedsgerichtes -erkannte er nicht an, und so griff er denn trotzig -zur Selbsthilfe. Vielleicht auch standen wirklich weitergehende -politische Absichten im Hintergrunde und dadurch, -daß er sich mit dem Raub der Prinzen vom Schlosse zu -Altenburg Geiseln und sichere Unterpfänder schaffte, diente -er nicht nur seiner Rache, indem er das Herz des Vaters -traf, und seine Forderungen durchsetzen zu können glaubte, -sondern er hatte vielleicht einen Mächtigeren im Auge, -Georg Podiebrad von Böhmen! Dieser konnte die Geiseln -wohl brauchen, um seine ehrgeizigen Pläne auf sächsische -Gebiete besser durchzusetzen, und Kunz war verdächtig oft in -Böhmen gewesen, wo er das Schloß Eisenberg bei Brüx -besaß.</p> - -<p>So geschah in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 der -Prinzenraub vom Schlosse zu Altenburg, die Tat, welche -weithin größtes Aufsehen erregte. Kunz wurde bald ergriffen -und samt einem Teil der Steigleiter als handgreiflichem -Merkmal der Tat – <em class="antiqua">corpus delicti</em> – nach Freiberg -gebracht, um dort sein Urteil zu empfangen. Warum -nach Freiberg? Freiberg war damals die größte Stadt -Sachsens, die freie stolze Stadt auf dem Berge! Das -Freiberger Stadtrecht, dieses berühmte, alte deutsche -Rechtsbuch, hatte hier seine Stätte und Anwendung. Der -Rat zu Freiberg, die zwölf Geschworenen, hatte die Gerichtsbarkeit -und führte ein strenges und gerechtes Gericht. Er -hatte vom Landesherrn das alte Privilegium vom Jahre<span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span> -1294 als Lohn für die vielfach bewiesene Treue erhalten: -wenn sich jemand gegen den Landesherrn vergehen sollte, -so solle die Entscheidung dieses Falles den Geschworenen -zu Freiberg überlassen werden. »Vorwirket sich eymand -gen uns das wollen wir rugen unde teidingen nach irme -rate.« Der Kurfürst mag auch durch kluge Rücksichten auf -die öffentliche Meinung bestimmt worden sein, über Kauffungens -Tat durch einen Gerichtshof, der aus unabhängigen -Bürgern bestand und als völlig unparteilich gelten -mußte, anstatt von einem seiner eigenen Beamten oder -durch einen von ihm eingesetzten Sondergerichtshof entscheiden -zu lassen.</p> - -<p>Der Spruch lautete nach mündlicher Verhandlung, wie -nicht anders zu erwarten war, auf den Tod durch das -Schwert. Am 14. Juli 1455 wurde Kaufungen auf dem -Markte hingerichtet. Vielleicht hat das uralte Freiberger -Richtschwert im Albert-Museum sein Blut getrunken. Das -Urteil mußte so fallen, wie geschehen, denn er war auf -handhafter Tat ergriffen, der Tat überführt und auch wohl -geständig. Durch weitverzweigte Verschwörung hatte er -den Landfrieden gebrochen, er war als »vridebrecher« »mit -unrechter Gewalt und gewappneter Hand und geruckter -Wehre« in das Haus eingebrochen, und darauf stand das -Schwert! So wurde z. B. auch im Jahre 1493 zu Freiberg -ein Herr v. Carlowitz, welcher mit gespannter Armbrust -durch die Stadt geritten war und den Bürgermeister -mit Erschießen bedroht hatte, gefangengesetzt und enthauptet. -Vielleicht hat Carlowitz auch in jener unterirdischen -Zelle seinen Spruch erwartet und hat droben auf -dem Markt an gleicher Stelle mit seinem Blute den Sand -genetzt, wie Kaufungen 38 Jahre zuvor. Das Freiberger -Stadtrecht sagt: »Ist ir vire, sechse oder cehene derselben<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span> -vridebrecher oder wi vil ir ist da gewest an handhafter -tat, man slet in abe die Helse mit rechte.« Sie waren dem -Freiberger Stadtrecht verfallen! Das Schwert in jener -Zeit war rasch und das Hälseabschlagen eine glatte Sache, -denn ein toter Hund kann nicht mehr beißen. Recht und -Vorteil mag öfter Hand in Hand gegangen sein und -manchmal mag der Richter auch unbewußt Partei zwischen -Gerechtigkeit und Staatsklugheit gewesen sein.</p> - -<p>Wir blicken in das feuchte, enge Verließ, das viele Jahrhunderte -als Gefängnis gedient hat. Wenn diese Mauern -erzählen könnten, welche grauenhafte Reihe schauerlicher -Taten, Reden, Gedanken, Flüche und Seufzer, welcher -Jammer, Elend, Schuld und Sünde, aber auch unschuldige -Leiden und Qualen, zertretene Hoffnungen, zerschmettertes -Glück würde uns da offenbar werden, so daß wir nimmermehr -froh werden könnten unter der Last der Geschichten -und Gesichte aus der dunkelsten Nacht des Lebens.</p> - -<p>Dort sitzt der gefürchtete Kunz von Kaufungen, ein starker -Mann mit schwarzem Vollbarte und Haupthaare auf -dem rohen Steinsitz seiner Zelle, und hofft auf die Stunde -der Freiheit, die doch nicht schlagen sollte. Er grübelt und -knirscht in verzweifelter Wut. Mächtige Freunde hat er, -die nicht dulden werden, daß einer ihres Standes dem -Schwerte verfallen soll, weil er sich selbst sein Recht gesucht. -Den jungen Prinzen ist kein Leid geschehen, das -etwa mit Leib und Leben zu büßen wäre. Das Fehderecht -in seiner gerechten Sache gegen den Kurfürsten ist gutes -ritterliches Recht. Was gilt ihm das Freiberger Stadtrecht! -Die Tat geschah nicht im Banne des Freiberger -Stadtrechtes! Kann der Kurfürst als Kläger sich Recht -und Richter selber wählen? Wird der Kurfürst, welcher -der Sanftmütige genannt wird, das Schwert gebrauchen,<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span> -obschon er einst sein treuer Diener war, will er die Tat -sühnen oder will er einen Feind vernichten? – – Er -grübelt und grübelt und dazu diese rabenschwarze Finsternis, -diese Totenstille, in welcher er lebendig begraben sich -glaubt. Ist es Nacht, ist es Tag, ist es Zeit oder ist es -schon schaurige Ewigkeit? Er stöhnt in verzweifeltem -Grimm und schlägt die Faust sich blutig an den eichenen -Bohlen der schmalen Tür, doch nur die unbarmherzigen -Ketten klirren. Er brüllt wie ein verwundeter Bär, doch -niemand hört ihn, niemand kommt, ihn in die Freiheit zu -führen. Vier Tage und Nächte vergehen so in Nacht und -Grauen, und als man ihn zum Lichte führt mit der Last -seiner Ketten, da führt man ihn zum Tode, da blitzt über -seinem Nacken das Schwert, sein Haupt rollt in den Sand. -Die Tat hat ihre Strafe, die Schuld ihre Sühne gefunden. -Gerechtigkeit und Staatsklugheit reichen sich die Hand und -die Bänkelsänger ziehen durch die Märkte des Landes und -singen das Lied von Kaufungens Glück und Not und Ende, -und später, im Kasperletheater, erregt das Spiel vom -Prinzenraub das Grauen und Entzücken der Kinder. Ein -altes Lied singt von ihm:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Was blast dich, Kunz für unlust an,</div> - <div class="verse indent0">daß du ins Schloß neinsteigest</div> - <div class="verse indent0">und stiehlst die zarten Herren raus,</div> - <div class="verse indent0">als der Kurfürst eben war net zu Haus,</div> - <div class="verse indent0">die zarten Förstenzweige?</div> - <div class="verse indent0">So geht’s, wer wider die öberkeit</div> - <div class="verse indent0">sich unbesonnen empöret.</div> - <div class="verse indent0">Wer es nicht meint, der schau an Kunzen</div> - <div class="verse indent0">sin Kop tut zu Freiberg noch herußen schmunzen</div> - <div class="verse indent0">und jedermann davon lernt.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Ein schwarzer Stein mit verwischtem Kreuz liegt an der -Stelle, wo sein Haupt fiel, und ist seit Jahrhunderten eines<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span> -der Wahrzeichen der alten Bergstadt, die jeder wandernde -Handwerksbursche und Zunftgenosse als Ausweis seiner -Ortskenntnis kennen und nennen mußte. Heute noch speit -auf den Stein jeder Schulbube, der vorübergeht: Er meint -nach alter Sage, es ginge ihm besonders in der Schule gut, -wenn er zuvor als braver Knabe dem Andenken des bösen -schwarzen Raubritters und Prinzenräubers seine Nichtachtung -bezeigt hätte. 123 Jahre später, im Jahre 1578, -wurde das Rathaus von Andreas Lorentz »des Rats -Steinmetz«, mit einem Erker geziert. Aus dem Giebel -schaut weit herausgereckt das Haupt eines Geharnischten -mit Eisenhaube mit trotzigen Mienen hernieder auf den -schwarzen Stein. Es soll Kunz von Kaufungen sein, der -nach seiner Richtstätte schaut und keine Ruhe findet, bis -ihm Gerechtigkeit nach seinem Sinne geworden.</p> - -<p>Noch ein anderes Erinnerungsstück hält das Gedächtnis -an Kunz von Kaufungen den wechselnden Geschlechtern -lebendig. Es ist die Steigeleiter, welche er zur Tat benutzt -hatte und welche seit jenen Tagen im Rathause zu -Freiberg aufbewahrt wird. Der untere kürzere Teil befindet -sich im Schlosse zu Altenburg. Die Beschaffenheit -der Leiter zeigt, daß es sich nicht um eine rasche Tat handelte, -sondern mit welcher kalten Überlegung und Sorgfalt -lange vorher die Tat vorbereitet und geplant war. In -diesem Sinne mag sie in den Augen der Richter besonders -belastend und für das Urteil mit entscheidend gewesen sein. -Sie ist aus doppelt genähten, starken Ledergurten mit -Holzsprossen hergestellt und hat eine Länge von 7,50 <em class="antiqua">m</em> mit -30 Sprossen. Jede Sprosse ist mit hölzerner Mutter sorgfältig -von außen an den seitlichen Gurten befestigt und gesichert. -Mit jeder achten Sprosse sind fest zwei Stützhölzer -von etwa 20 <em class="antiqua">cm</em> Länge verbunden, durch welche die an der<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span> -Mauer hängende Leiter eine ziemliche Steifigkeit erhielt, -so daß sie, sich fest gegen die Wand stützend, genügend Abstand -halten und auch ein Hin- und Herschwanken und -Pendeln vermeiden konnte. Drei Paare solcher festen -Sprossenstützen sind vorhanden.</p> - -<p>Das obere Ende der Leiter ist durch ein Dreieck von -Rundeisen an einem eisernen Bügel oder Überwurf befestigt, -der ähnlich einer festen Klammer über die Fenstersohlbank -des zu ersteigenden Fensters geworfen wurde und -sich dort fest einbiß. Dieser Klammerbügel ist jedoch lang -genug, daß das obere Leiterende entsprechend den Sprossenstützen -im Abstand von der Mauer gehalten wurde, um -ein bequemes Steigen mit Hand und Fuß zu ermöglichen. -Es ist eine Arbeit raffinierter Überlegung und Erfahrung, -an welcher lange gearbeitet ist, um nur nicht etwa an -einem technischen Mangel den kühnen Plan scheitern zu -lassen. – –</p> - -<p>An den gotischen Spitzbögen der oberen Ratsdiele befinden -sich noch zwei andere Zeichen mittelalterlicher Rechtspflege. -Es sind zwei große, schwärzliche Steine von halbkugeliger -Form mit einem scharfkantigen Eisenringe. Auf -dem Stein ist das Bild zweier zänkischer Weiber zu erkennen, -die sich gegenseitig die Haare raufen. Sie stehen in -steifer Haltung mit erhobenem Arm nebeneinander in -ihrer Renaissancetracht, – roter, langer Rock, weißem Mieder -und schwarzer Jacke mit Puffärmeln – und rollen mit -den Augen. Im Bautzener Stadtmuseum befindet sich ein -ähnlicher Stein in Form einer runden Pilgerflasche und -daher »Büttelflasche« oder auch »Graue Suppe« genannt. -Sie trägt die Umschrift: »Mägde und Weiber, die sich -schlagen, müssen diese Flasche tragen.« Dieser Widmungsspruch -erklärt auch unsere Steine dort oben. Mit ihnen,<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span> -den Prangersteinen, am Halse wurden vom Stockmeister -oder Büttel zänkische Weiber auf dem Markte an den -Pranger gestellt. Der eiserne Ring von 29 <em class="antiqua">cm</em> Durchmesser -konnte bequem über den Kopf gestreift werden. Der -Stein ist aus Granit zurechtgehauen und glatt bearbeitet. -Auf der Rückseite ist eine Höhlung für den Busen der -Delinquentin herausgearbeitet. Das Gewicht beträgt -25 Pfund. In der rückwärtigen Höhlung des einen Steines -ist, von grünen Zweigen eingerahmt, folgende Inschrift -angebracht: Renoviret im Jahre Christi 1769 auf Anordnung -Tit. Herrn Stadtr. Gottlob Hieron. Waegers -durch Joh. Gottlob Blöden. Stockmeister.</p> - -<p>Dieser Stein war also schon vor mehr als 150 Jahren -durch fleißigen Gebrauch so abgenutzt im Laufe von vielleicht -200 Jahren, daß er im Anstrich und Malerei neu -aufgefrischt werden mußte. Der Stockmeister hat sich mit -großer Liebe und Sorgfalt, wie die saubere Inschrift beweist, -dieser Aufgabe unterzogen und sich selbst dabei mit -verewigt. Er glaubte wohl sicher, daß dieses drastische Erziehungsmittel -holder Weiblichkeit zur Friedfertigkeit, das -zugleich eine derbe Volksbelustigung von Rechtswegen war, -noch lange sich seiner Beliebtheit erfreuen würde. Abgesehen -von der demütigenden Wirkung und moralischen -Pein, bedeutete diese Strafe auch körperlich eine Qual, -denn der Druck des scharfkantigen Ringes im Nacken und -auf den Schultern, dazu das schwere niederziehende Gewicht -des Spottsteines, mehrere Stunden hindurch die -Roheit und Gehässigkeit und niederen Leidenschaften des -Pöbels dazu, mochten fast unerträglich gewesen sein. Es -mochte ein eigenartiges für unser heutiges Empfinden abstoßendes -Volksschauspiel abgegeben haben, wenn solche -unholde Unglückliche entweder allein oder paarweise sich<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span> -gegenüberstehend, mit ihrem schweren Halsschmuck geziert, -mit Schimpf und Schmutz, faulen Eiern und anderen übelriechenden -Dingen beworfen wurden, und wenn sie dann -ihre losen, scharfen, schimpffertigen Zungen mit mittelalterlicher -Deutlichkeit und Schlagkraft gegeneinander und -gegen ihre Angreifer rücksichtslos gebrauchten, ein Wettkampf -der Bosheit und giftiger Leidenschaften, der wohl -schwerlich zur Hebung und Läuterung des sittlichen Empfindens -beitragen konnte. Der derbe Volkswitz wird dabei -manche kräftige Blüte getrieben haben, die unserem heutigen -Empfinden vielleicht etwas zu urwüchsig erscheinen -würde. Der erzieherische Wert der Strafe für die Gestraften -und das Volk mag nur gering gewesen sein. -Zweifellos sind diese echten alten Prangersteine im Freiberger -Rathause wichtige und interessante Zeugen alter -Rechtspflege und Strafauffassung. Was könnten diese -Zeugen wohl berichten von menschlicher Schuld, Tücke und -innerer und äußerer Qual! – –</p> - -<p>Das Obergeschoß des Rathauses war einst eine einzige -große Halle, an deren Westende das Archiv und die alte -Gerichtsstube, jetzt Stadtverordnetensaal, am Ostende die -frühere Kommissionsstube, jetzt Ratssitzungszimmer sich -befanden. Alle anderen Räume und Flure, vierzehn an der -Zahl, welche jetzt die alte Halle einnehmen, sind erst -später durch Einziehen von Wänden und Decken eingerichtet -worden. Diese einstige große Ratshalle hatte eine -Breite von 16½ <em class="antiqua">m</em> und war von der Marktseite und Burgstraßenseite -her durch stattliche Fenster gut beleuchtet. Die -hohe, buntbemalte, hölzerne Balkendecke wurde durch sechs -gotische Spitzbögen auf fünf kräftigen, kurzen Pfeilern von -Grillenburger Sandstein getragen, so daß die mächtige -Halle in zwei gleich breite Schiffe getrennt wurde. Das<span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span> -Schiff an der Marktseite zwischen Kommissionsstube und -Gerichtsstube hatte 28½ <em class="antiqua">m</em> Länge, während das nördliche -Schiff an der Burgstraße die ganze Ausdehnung des Rathauses -mit 50 <em class="antiqua">m</em> Länge einnahm. Dieser gewaltige Saal, -in dessen Mitte die Spitzbögen mit ihren starken Pfeilern -wie im wuchtigen Gange einherschritten und den aufstrebenden -elastischen Schwung ihrer Linien zur Decke -emportrugen, mit seinen bunten Farben, Gemälden und -dem Schmucke von Waffen, Schilden, Panzern, Sturmhauben, -Harnischen, Fahnen u. dgl. muß eine starke Raumwirkung -gehabt haben, die anderen berühmten Rathaussälen -wohl gleich kam, oder sie vielleicht gar übertraf.</p> - -<p>Hier vereinte sich das ganze festliche Leben der reichen -Silberstadt und brachte glanzvolle Tage und Nächte, deren -malerische Wirkung und derbe Fröhlichkeit wir uns nur -schwer vorzustellen vermögen.</p> - -<p>Hier hielt 1512 Herzog Heinrich seine Hochzeit und den -Hochzeitstanz ab. Welche Pracht der Gewänder, kostbarer -Stoffe und herrlicher Schmuckstücke mag da entfaltet worden -sein. Hier gab der Rat den Fürsten, die in Freiberg -residierten oder zu Gaste waren, üppige Prunkmähler, hier -feierten die stolzen Patrizierfamilien ihre Feste, weswegen -der Saal auch das »Tanzhaus« hieß, hier fanden die Bergknappschaftsfeste -statt, welche alle Männer vom Leder, -den Oberberghauptmann mit Berggeschworenen und Knappen, -den reichen Silberherren und den armen Bergjungen -zu gemeinsamer Feier bei reichem Mahle, gutem Trunke und -schließlich fröhlichem Tanze vereinten. Hier fanden auch -Theateraufführungen fahrender Künstler und die Festspiele -des Gymnasiums statt. Längst sind die Feste verklungen, -die Fröhlichkeit verrauscht, die Blumen verwelkt und Nelkenkränze -verdorrt. Andere Zeiten kamen, nüchtern, sachlich,<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span> -kalt und sorgenschwer, in denen die Fröhlichkeit andere -Stätten suchte, der Sinn der Zusammengehörigkeit auch in -der Freude wie bei der Arbeit zersplitterte und sich nach hie -und da verkroch. Die Handwerker kamen, nahmen die Waffen -und allen Zierrat von den Wänden und bauten in den -herrlichen Saal Zimmer auf Zimmer ein, mauerten drei -Bogenöffnungen zu, so daß aus dem fröhlichen Tanzhaus, -aus dem ernsten Rüsthaus mit seinen Waffen zu Schutz -und Trutz, ein nüchternes Geschäftshaus oder Verwaltungsgebäude -wurde. Nur die Feder und das Wort sind die -Waffen, die hier noch geführt werden. An die Stelle von -Tanz und lauter Fröhlichkeit ist stille Emsigkeit, treue -Arbeit und unermüdliche Pflichterfüllung im Dienste der -Allgemeinheit getreten.</p> - -<p>Nur die Ratsdiele ist vom alten fröhlichen Saale noch -übrig geblieben. Durch zwei Fenster wird sie beleuchtet mit -tiefen Nischen der starken Mauern, in denen Banksitze Platz -gefunden haben. Eine schwere, spätgotische Sandsteinbrüstung -grenzt die Öffnung der von unten aufsteigenden -Treppe ab. Stumm schauen die Gestalten der sächsischen -Fürsten in Lebensgröße von den Wänden hernieder.</p> - -<p>Mit Panzer oder seidenen Prachtgewändern bekleidet, -mit Hermelinmantel, mit Schwert oder Feldherrnstab in -der Rechten, sind diese stolzen Herren und Herrscher charakteristische -Vertreter ihrer Zeit mit allen ihren Vorzügen -und Schwächen. Mag einzelnen Bildern die letzte Meisterschaft -fehlen, so sind sie doch ein künstlerisch und historisch -wertvoller Besitz und Schmuck des Rathauses, welchen die -Jahrhunderte seit Herzog Heinrich d. Frommen (1505 bis -1544) zusammengetragen und sorgfältig bewahrt, gehegt -und gepflegt haben. Vierzehn Fürstenbilder hängen auf der -Rathausdiele, sechs im Stadtverordnetensaale. Es ist ein<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span> -gutes Stück sächsischer und deutscher Geschichte, die an uns -vorüberzieht, wenn wir der Zeiten und Geschicke jener -Männer und Frauen gedenken. Dort Johann Georg I. und -seine Gattin, die Kurfürstin Sibylla Magdalena, haben die -furchtbare Prüfung des dreißigjährigen Krieges über ihr -Land dahinbrausen sehen. In ganzer Figur am Tische -stehend trägt er ein grünseidenes Prachtgewand. Dunkel -ist sein Haar und Spitzbart. Drei Jahre vor Ausbruch des -großen Krieges hat ihn und auch seine Gattin, eine blonde -anmutige Frau mit schönem weißem Spitzenkragen, gleichfalls -mit einem grünen, prachtvoll geschmückten Seidengewand -angetan, sein Hofmaler Johann Gerhardt, in voller -jugendlicher Kraft und Schönheit dargestellt.</p> - -<p>Dort das Bild des Kurfürsten Johann Georg III., des -Türkensiegers mit rötlichblondem, lockigem Haar und -Schnurrbart, der an der Befreiung Wiens durch die Schlacht -am Kahlenberge am 12. September 1683 so ruhmreichen Anteil -hatte. Zur großen Siegesbeute jener Schlacht gehörten -bekanntlich große Mengen Kaffee. Der Genuß des Kaffees, -die Entwicklung des »Wiener Kaffees« datiert aus jener -Zeit, und auch die besonderen engen Beziehungen des -Sachsen zum Kaffee mögen in jenem Siege ihres Kurfürsten -ihren Ursprung gehabt haben. Er ist in Rüstung -mit malerisch zusammengefaßtem Hermelinmantel dargestellt -und weist mit dem Feldherrnstab auf den Feind. Eine -Kanone mit dunklem, drohendem Rohr spricht von seinen -Schlachten.</p> - -<p>Dort ist August der Starke in dunkler Rüstung mit -blauem Samtmantel und dem Bande des Weißen Adlerordens. -Welche Fülle von Bildern, Vorstellungen und Geschichten -tritt uns vor das geistige Auge, wenn wir seinen -Namen hören und ihn im Bilde in seiner etwas theatralischen<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span> -Haltung betrachten. Mag er ein großer Egoist gewesen -sein, ein Genießer von besonderem Ausmaß, so ist -doch seine Prachtliebe, sein Sammlungseifer, seine Kunstfreude, -seine Baulust für die Entwicklung und Befruchtung -der Kunst in Sachsen und insbesondere Dresden von unschätzbarer -Bedeutung gewesen. Durch ihn wurde Dresden -zum Elbflorenz. –</p> - -<p>Dort fällt uns ein Bild ganz anderer Art durch seine -Farbenpracht in die Augen, das Bild des Königs Anton, -der 1827–1836 regierte, ein König der Biedermeierzeit. -Er ist ein kleiner Mann mit gemütlichem aber doch ernsthaftem -Gesicht, dem man glaubt, daß er kein Feind des -Schnupftabaks und eines guten Rotspohns, aber mit Maßen -und gehöriger Würde und Herablassung ist. Er trägt einen -scharlachroten Frack mit schwefelgelber Weste und breitem, -grünem Ordensband und dazu hübsche, enge, mattblaue -Hosen und hält in der Hand einen großen zweispitzigen -Federhut mit mächtiger Feder. Er sieht aus wie der König -im Bilderbuch, und, hätte er den schönen Federhut auf, -würde er einem der schönsten Papageien mit großem Schopfe -im Zoo gleichen. – Ist es erst wirklich hundert Jahre her, -daß sich ein König so verewigen ließ? oder ist es nicht doch -etwa ein König aus Biedermeiers buntem Bilderbuch? -Das fröhliche gemütliche Bild lacht als lustiger Farbenfleck -in die ernste Ratsdiele so leuchtend herunter, wo so viel -Sorgen und schwere Gedanken hin- und hergetragen werden, -daß mancher mit Lächeln zu ihm aufsieht, ihm zunickt und -denkt: Du bunter Vogel, wie kamst du hierher aus dem -lustigen Märchenbuch. »Es war einmal ein König, der -hatte einen …?« –</p> - -<p>Die wertvollsten Gemälde der Fürstengalerie hängen im -Stadtverordnetensaale. Es sind die Bilder Herzog Heinrichs<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span> -des Frommen, des Kurfürsten Moritz, des Kurfürsten -August und seiner Gemahlin Anna.</p> - -<p>Herzog Heinrich der Fromme, der Freund und Gönner -Freiberger Art und Bürgertums, der Gründer Marienbergs, -zeigt sich in seiner waffenfrohen, ja waffenklirrenden -Art. Es ist eine feste Mannesgestalt, der Herzog Heinz, der -da vor uns steht, mit braunem Vollbart und Haupthaar. Er -ist schwer gepanzert mit Kettenringkragen, Brust- und Beinharnisch. -Die Panzerschuh und Panzerschilde an den Knien -sind vergoldet. Im rechten Arm liegt ihm ein gewaltiges, -bloßes, zweihändiges Schwert, mit großem, goldenem Griff -hoch an der Brust, das fast so groß wie der Herzog selbst ist. -Die linke Hand hält er am Griff eines zweiten, an der linken -Seite hängenden Schwertes, und an der rechten Seite -trägt er noch einen Dolch. Waffen und Kanonen waren -seine Leidenschaft, und im Zeughaus des Schlosses Freudenstein -unter seinen schönen blanken Bronzekanonen mit ihren -Bildwerken und anzüglichen Sprüchen sein liebster Aufenthalt. -Einen kräftigen Trunk unter seinen ehrenfesten Bürgern -in der Ratstrinkstube, oder auch ein fröhliches Schützenfest -mit eigenhändigem Armbrustschießen nach der Scheibe, -eine weidgerechte Jagd in den Wäldern des Gebirges verschmähte -er jedoch nicht. Sein Mohr und sein großer englischer -Windhund durften jedoch nicht fern sein. Dafür hatte -jedoch sein Kanzler Freydiger desto mehr Mühe, ihn zum -Schreiben zu bringen, und wenn es nur eine einfache Unterschrift -war. Lieber ein zweihändiger Riesenflamberg in -beiden Händen, als einen Gänsekiel zwischen den Fingern -einer Hand! – Heinrich hatte jedoch mehr noch als kriegerischen -Mut, er hatte Bekennermut und seelische Kraft. Trotz -des grimmigen Drohens und Schnaubens seines mächtigen -Bruders Georg schaffte er Luthers Lehre freie Bahn in<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span> -Freiberg und ließ sich auch durch Versuchungen nicht in -seiner Treue und Festigkeit erschüttern. Als Herzog Georg -mit Zorn und Gewaltdrohungen nichts bei ihm erreichte, -versuchte er’s mit schlauer Überredung und Bestechung: Er -schickte Gesandte an Heinrich, um ihm sein Herzogtum als -Erbe anzubieten, falls er wieder zur alten päpstlichen Lehre -sich wenden wollte. Der Chronist sagt: »Die Gesandten -wiesen auf die Fürtrefflichkeit des Landes und großen vorhandenen -Vorrates an Silberkuchen, baren Gelde, Golde, -Kleinodien und vielen köstlichen Zierrathe hin ohne ihn -bewegen zu können.« Heinrichs Antwort lautete:</p> - -<p>»Es gemahne ihm ihr fürbringen nichts anders, als da -der Satan dem Herrn Christo alle Reichthume und Herrlichkeiten -der Welt zeigete und zu ihm sagete, dieses alles -will ich dir geben, so du niederfällest und mich anbetest, -welches er nimmermehr thun, noch seinen Herrn Christum -um des Zeitlichen willen verraten würde, wenn er auch -gleich mit seiner Gemahlin an einem Stäblein betteln aus -dem Lande gehen sollte!«</p> - -<p>Er liebte sein Freiberg, in dem er seit 1506 fast 35 Jahre -Hof gehalten und ließ in sein Testament als letzten Willen -schreiben, »er hette die Freyberger in aller Trew und Gehorsam -gegen Gott und ihm befunden, drumb wolte er -auch bey denselben ruhen und schlaffen«. Unter ihm und -seiner milden aber starken Hand hat Freiberg wohl seine -glücklichste Zeit erlebt.</p> - -<p>Unruhige Jahre kamen unter der Herrschaft seines -Sohnes, des Kurfürsten Moritz, dem Sachsen viel zu enge -war, der mit hochfliegenden Plänen sich trug, und dem -Religion mehr ein Mittel der Politik und hohen Ehrgeizes -war. Vielleicht wären seine Pläne zum Wohle des -Reiches gewesen, wäre er nicht zu früh, erst 32 Jahre alt,<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span> -dahingerafft. Welchen Lauf hätte wohl ohne den heimtückischen -Schuß die Weltgeschichte genommen? Vielleicht -wäre Deutschland der dreißigjährige Krieg erspart geblieben.</p> - -<p>Dort aus dem Bilde neben seinem Vater schaut uns im -Schmucke seines rötlichen Vollbartes sein edler, ernster, länglicher -Kopf mit klugem, festem Blicke an. Man fühlt, daß -hier ein Besonderer steht und den Feldherrnstab in der -Hand trägt. Er ist mit einem Panzer von dunkler Farbe -und gelber Feldbinde darüber gerüstet. Ist es derselbe -schwarze Panzer, den er in der Schlacht von Sievershausen -trug, als ihn am 9. Juli 1553 der meuchlerische Schuß von -hinten traf, der Panzer, der nun schon Jahrhunderte im -Dome zu Freiberg sich befindet? Die bei Sievershausen erbeuteten -Fahnen dort im Dom, von denen fast nur die -Schäfte noch mit wenig Resten, Fetzen und Fasern übrig -sind, wissen zu erzählen von jener Schlachtennot und frühem -Schlachtentod, durch den Deutschland seiner besten Hoffnung -mit beraubt wurde. Der uralte deutsche Mythos vom blinden -Hödur, der den lichten Baldur durch heimtückischen -Schuß tötet, wird immer wieder neu und wahr bis in die -neueste Zeit. Dieser Mythos ist der Mythos von Deutschlands -Schicksal und Leid. –</p> - -<p>Die Bilder des Kurfürsten August und seiner Gattin -Anna stammen von Lukas Cranach d. Jüngeren. Sie sind -in schwarzer, spanischer Tracht mit vollendeter Kunst gemalt. -August trägt ein reiches, mit Gold gesticktes Wams mit -schwarzem, goldgesticktem Mantelkragen darüber und enganliegende -hohe, schwarze Strümpfe. Die Hand hält er links -am Degengriff. Nichts Kriegerisches liegt in dieser Erscheinung, -sondern mehr von einem eleganten Hofmann. Sein -rötlichblonder Vollbart ist kurz geschnitten und gepflegt.<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span> -Auf seinem Haupte trägt er eine eigenartige Kopfbedeckung, -die etwa einer weichen, hohen Bergmannskappe gleicht.</p> - -<p>Seine Gattin ist auch in Schwarz gekleidet. Das ganze -untere Drittel des Kleides, die Puffärmel und der Latz, -sind reich in Gold gestickt. Ihr helles, rötlichblondes Haar -legt sich glatt gescheitelt über Haupt und Schläfen und ein -kleines Barettchen mit Feder deckt rechts den Scheitel. Mit -rührend schlichter, steifer Haltung steht sie da, hat die -Hände zusammengelegt und schaut mit blassem, kindlichem -Blick auf den Beschauer, wie eine Konfirmandin, die auf -ihren Pfarrer lauscht.</p> - -<p>Der Hintergrund beider Bilder, die als Gegenstücke gemalt -sind, ist ein großer hellgehaltener Fensterbogen, durch -welchen der helle Himmel hineinschaut, vor dem die schwarzen -Gestalten stehen.</p> - -<p>Das also ist »Vater August« und »Mutter Anna«, der -kluge Volkswirt und Haushalter seines Volkes und die -treue Landesmutter neben ihm! Wie so ganz anders stellt -man sich dieses Fürstenpaar vor, als hier auf diesen -Cranachbildern! Nicht modisch elegant mit sattem, zufriedenem, -geistig unbedeutendem Antlitz wie er es zeigt, nicht -geistig so unentwickelt und schüchtern und leer, wie sie sich -stellt, nein, als tatkräftige, geistig bedeutende Persönlichkeiten, -denen der geistige Adel und das tüchtige Wollen -und Können von der Stirne und aus den Augen leuchtet. -Nein, da sind die Bronzedenkmäler von Carlo de Cesare in -der Begräbniskapelle des Domes doch schöner, überzeugender -und vielleicht auch trotz aller Steigerung doch noch wahrer -als hier, wo mehr der körperliche als der geistige Mensch -gegeben ist. –</p> - -<p>Neben dem Stadtverordnetensaale, dessen alte Holzdecke -von zwei gewaltigen gotischen Unterzugbalken mit reicher<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span> -Profilierung getragen wird, liegt das alte gewölbte Urkundenarchiv. -Durch einen gotischen Türbogen mit tiefen -Kehlen und Rundstäben, durch eine wuchtige eiserne -Plattentür mit schönen durchbrochenen Beschlägen und alter -kunstvoller, mehrfacher Verriegelung, die nur durch -Drehung des prachtvollen messingnen Löwenkopfes in der -Mitte gelöst werden kann, ein Meisterwerk der Schmiedekunst, -und dann durch eine zweite, mit Eisenplatten beschlagene -Tür mit mächtigem, altem Kunstschloß treten wir -in diesen altertümlichen Raum, in dem wie in einer weltentrückten -Klause das Leben draußen schweigt und die -Jahrhunderte zu uns zu reden und lebendig zu werden -scheinen. Eine andere Luft und anderer Duft ist in diesem -Raum wie in den übrigen Räumen des Rathauses. Ein -schönes Kreuzgewölbe spannt sich über uns. Der Boden ist -mit roten Ziegelplatten belegt, die dem Raume eine warme -Farbstimmung geben.</p> - -<p>Wir sind in der alten Silberkammer des Rathauses, dem -feuer- und diebessicheren Ort, wo die Kostbarkeiten und -die Geldvorräte der Stadt in schweren eisernen Truhen -mit kunstreichen Schlössern und Riegeln einst aufbewahrt -wurden. Im dreißigjährigen Kriege 1632 brachte man hier -die städtischen Urkunden und kostbaren Stadtbücher unter. -Das große Fachwerk dort mit seinen vielen bunten Kästchen, -das uns anschaut wie die Wand einer altertümlichen -Apotheke, wurde 1635 von dem Tischler Georg Köhler hergestellt -und nahm in seinen sogenannten »Kammerkästchen« -wohlgeordnet alle Urkunden, Verträge, Briefe usw. auf bis -auf den heutigen Tag, welche für die Stadt von besonderem -Werte und Wichtigkeit sind. Jedes Kästchen kann an einem -hübschen, hängenden Handgriff herausgezogen werden -und ist mit fröhlichem Blattornament in bunten Farben<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span> -bemalt. Den Sockel dieser Kammerkästchenwand bilden -vorspringende Truhen, die für die Aufbewahrung von -Bücherschätzen ebenso wie als Sitze dienen können.</p> - -<p>In der Mitte des ehrwürdigen Raumes steht ein uralter -Tisch in der Form des Tisches der Lutherstube auf der -Wartburg und wohl aus derselben Zeit stammend. Der -Wurm hat eifrig schon sein Werk an ihm getan. Verborgene -Schubkästen sind unter seiner Platte. Ein Archivar -soll einst mit besonderer Begeisterung gerade an diesem -Tische in den alten Stadtbüchern geforscht haben. Ein -feiner Duft stieg nämlich von dem Tisch in seine Nase, denn -hier im geheimen Schubfach hatte er seinen besten Tabak -heimlich geborgen, der ihn begeisterte wie einen schwärmenden -Jüngling das Veilchen, das im Verborgenen blüht. -Freudig schnuppernd graste er so auf den Feldern des Mittelalters -und der Stadtgeschichte.</p> - -<p>Das Regal der zweiten Wand ist dicht mit Bänden aus -allen Jahrhunderten besetzt. Da sind vor allem die mächtigen -Stadtbücher und Ratsprotokolle in Schweinsleder gebunden, -Bände von einer Größe und einem Gewicht, daß -sie nur schwer zu heben sind. Andere alte Bände sind in -Pergamentblätter mit gotischer Schrift gebunden, die aus -alten Klosterbüchern stammen. Kostbare Bände liegen auf -dem alten Tisch. Wir schlagen einen uralten Band auf -mit schwerem Deckel aus Holz mit Spuren eines roten abgeschabten -Überzuges und mitgenommenen Messingbeschlägen -und fünf sehr starken, großen Messingnägeln auf beiden -Deckeln. Es ist das alte berühmte rote Freiberger Stadtrecht -vom Jahre 1294, ein kostbares, unersetzliches Werk, -in prachtvoller gotischer Schrift auf starkem Pergament geschrieben, -mit vielen schönen Initialen. Das erste herrliche -Initial in Blau, Grün und Gold gehalten, über die ganze<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span> -Seite reichend, klingt noch in der Ornamentik an romanische -Formen an und umschließt in dem Buchstaben »<em class="antiqua">G</em>« -das Wort »Got«. Die Einleitung dieses ehrwürdigen, durch -Jahrhunderte und weit über Sachsens Grenzen anerkannten -Gesetzbuches lautet:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Got der Himel und erde geschuf,</div> - <div class="verse indent0">der helfe uns volbrengen diz buch,</div> - <div class="verse indent0">des helfe uns got amen. Ich hebe an</div> - <div class="verse indent0">in gotis namen. Unde schribe</div> - <div class="verse indent0">vribersch recht. wer mir helfe</div> - <div class="verse indent0">der si gotis knecht.</div> - <div class="verse indent8">Diz ist von deme erbe«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">womit dann bezeichnenderweise der erste Abschnitt beginnt.</p> - -<p>Daneben liegt die berühmte Handschrift des Freiberger -Bergrechts von 1324, ein Band von ähnlicher Art und -Schrift. Markgraf Heinrich hatte im Jahre 1255 den Bergschöppenstuhl -errichtet mit der Befugnis, in allen Bergsachen -Recht zu sprechen. Bis 1856, also 600 Jahre bestand dieser -Berggerichtshof. Er hat das Bergrecht entwickelt, welches -hier auf diesen schönen Pergamentblättern seine erste Niederschrift -fand und für ganz Sachsen maßgebend war. Bereits -im dreizehnten Jahrhundert fand es im Ordensland -Preußen, in Schlesien und Mähren, ferner in Siebenbürgen -und Serbien Eingang und übte einen bedeutenden -Einfluß auf die gesamte deutsche Berggesetzgebung aus. Im -Jahre 1332 betrieben schon sächsische Freiberger Bergleute -in Serbien fünf Gold- und Silbergruben und wendeten ihr -heimisches Bergrecht an. –</p> - -<p>Ein anderer schmaler, langer aber starker Band in -Schweinsleder gebunden und in mittelalterlicher Handschrift -und Sprache geschrieben erregt besonders unsere Aufmerksamkeit. -»<em class="antiqua">Catalogus Truffatorum</em> oder Schwarze Register« -steht auf seinem Rücken. Wir blättern darin und<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span> -fühlen uns versetzt in das alte Dinghaus am Markte vor -die Schranken des Gerichtes, um die sich Volk drängt. Der -Angeklagte fehlt, aber ein Ankläger schildert mit zorniger -Stimme die Verbrechen des Entwichenen und fordert seine -Strafe, Verbannung bei Todesstrafe od. dgl. Es ist das Verzellbuch -oder Verzählbuch, das wir aufgeschlagen haben, die -schwarze Liste, in welcher seit der zweiten Hälfte des -14. Jahrhunderts bis 1518 über 2100 Übeltäter verzeichnet -sind. Der Verzählung, einer Art Verbannung und Ächtung, -fiel anheim, wer wegen eines Verbrechens flüchtig geworden -war und auf Anklage nicht vor den Schranken des Gerichtes -erschien, um sein Urteil zu empfangen. Wurde ein -so Verzellter später ergriffen, so wurde ohne weitere Verteidigung -und Gerichtsverfahren das Urteil an ihm vollstreckt. -Von wieviel menschlichen Leidenschaften, Schuld und -Sühne aus früheren Jahrhunderten weiß dieser Schweinslederband -zu berichten, und zu erzählen von der straffen -Strenge der Rechtspflege und der Sitten und den harten -Strafen alter Zeit. »Uff den Hals« verzählen, d. h. Todesstrafe -wird nicht selten verhängt, und mancher mag seinen -flüchtigen Feind, der sich nicht verteidigen konnte oder -wollte, auf diese Weise vernichtet haben. Da lesen wir z. B.: -»Reinfried Große hat lassin vortzeln Frantzen Hekeler uff -sinen Hals darumb das er ym gedreuwet hat er wolle im -schaden am lybe und am gute.« Also auf eine Drohung -wurde Todesstrafe gesetzt!</p> - -<p>»Die Burger lassen vertzeln uff synen hals Hans Ysenhut -darumb daz er in dem frauwenhuße gewest ist und dorinne -geunfugit hat.« Unfug im Frauenhause oder im Weinhause -mit leichten Frauenzimmern fällt öfter der Verzählung -anheim. – Als Kuntze Braun »eyner frauwe by -nacht in yr huß gelaufen und sie obil behandelt« hatte,<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span> -wurde er »uff sinen hals« verzählt und sie »lysen ym -darumb seinen kopp abehawen«. – Einem anderen Übeltäter, -der einen Beutel, worin das Erz gewaschen wurde, -»abegesnyden« hatte, hat man »laßin die oren absnyden« -und verbannte ihn »uff seynen hals« auf ewige Zeiten aus -Stadt und Land. Ja sogar darauf, daß fremdes Bier ausgeschenkt -wurde, stand Verbannung: Meister Nikols des -Zimmermanns swester wurde bei Todesstrafe auf Jahr und -Tag verbannt »darumb das sy Kemnitzer bier geschenkt hat -wider der Burgergebot uff iren hals«.</p> - -<p>Anfangs wendete man die Verzählung nur bei schweren -Verbrechen an, später, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, -wurden aber sogar geringe Vergehen und Übertretungen -damit gestraft. Es konnte jedoch zuweilen die Strafe losgekauft -werden. Thomas Strellers »Wyb« wurde verzählt, -weil sie gesagt hatte: »Nein – die Burger allhie eßen nicht -die großen heringe sondern wenn dy von Zeydaw (Sayda) -die großen guten heringe eßen so müssen sie hie den dregk -essen.« Zwei Burschen wurden verzählt, weil sie »uff der -Paucke geslagin habin«, ein anderer, weil er Spottverse -gedichtet und gesungen hat, Kaspar Kirchberger »darumb -das er an dem Tore gehüt hat und hat geslaven«. – Herzog -Heinrich der Fromme verbot 1525 die Verzählungen, -weil offenbar viel Mißbrauch damit getrieben wurde und -z. T. auch mündliches Verfahren üblich geworden war.</p> - -<p>Wir schließen das ehrwürdige Buch, in dem sich uns wie -in einem Spiegel Alt-Freiberger Leben zeigte, ein Leben -so tüchtig und ehrenfest in festen Sitten und Gesetzen gehalten, -daß wir nicht ohne Beschämung darauf zurückschauen -müssen.</p> - -<p>Dort weiter lockt uns das alte mächtige Bürgerbuch, in -ihm zu blättern. Das älteste Bürgerbuch, welches 1404 begonnen<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span> -ist und über längst dahingesunkene Geschlechter -Auskunft gibt, trägt auf seiner ersten freien Seite spätere -Einträge zum Lobe Freibergs z. T. in lateinischer Sprache, -etwa aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Aussprüche -Herzog Georgs:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Leipzig die beste, Freybergk die größte,</div> - <div class="verse indent0">Chemnitz die feste, Annabergk die liebste,«</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="blockquot s90"> - -<p class="noind">ferner »<em class="antiqua">Lipsia ter in anno, Friberga vero quater fructum -refundit.</em>« Leipzig schüttet dreimal im Jahre, Freiberg aber -viermal Frucht! –</p> -</div> - -<p>Dieser Stolz auf die Stadt war wohl begründet, denn -1474 belief sich die Zahl der Hausgrundstücke auf 579 in -Freiberg, in Leipzig 519, in Dresden 427. Bereits 1400 -hatte Freiberg eine Wasserleitung und dafür einen Röhrmeister -angestellt. Eine unterirdische Beschleusung hatte -ihre Anfänge den Bergleuten zu verdanken. 1484 war bereits -eine Bauordnung erlassen, welche steinerne Häuser, -harte Dachung und massive Brandgiebel vorschrieb. 1490 -hatten die Tuchmacher schon eine Kranken- und Sterbekasse. -Freibergs Handel und Privilegien reichten über das ganze -Erzgebirge. Manche der alten Bürgergeschlechter hatten -Besitzungen und Reichtümer wie kleine Könige und blühten -durch Jahrhunderte. Das Bürgerbuch war so ein Buch des -Stolzes für sie. Die Namen der Prager und Alnpeck, der -Schönlebe und Schönberg, der Lingke, Monhaupt und -Molsdorf usw. waren weit berühmt im Lande. – Wir -schauen auch in die bunten Kammerkästchen und nehmen -von den kostbaren, ehrwürdigen Urkunden einige zur Hand -mit ihren mächtigen Siegeln in Holzkapseln. Die älteste -ist ein kleines Schreiben auf Pergament, etwa 50 Jahre -nach der Gründung Freibergs geschrieben, eine Bulle des -Papst Honorius III. vom Jahre 1224, in welcher er versichert,<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span> -daß er das zu Freiberg neu gestiftete Hospital -St. Johannis in seinen Schutz genommen habe. Ein -bleiernes Siegel hängt daran in vorzüglicher Prägung mit -den Köpfen zweier Heiligen und einem Kreuz dazwischen. -Ehrfürchtig betrachten wir dies 700 Jahre alte Schreiben, -welches das heute noch blühende Hospital in seinem Geburtsjahr -grüßt und bestätigt. Honorius III., der Stifter -des Dominikaner- und Franziskanerordens, der den glänzenden -Hohenstaufen Friedrich II. zum Kaiser krönte, sandte -es aus der Weltstadt Rom in das rauhe, unwirtliche Gebirge -hoch im Norden, wo eine junge Siedlung als neuer -Kulturmittelpunkt in Urwäldern unter heidnischen Sorben -sich ausbreitete und aufblühte. Welch ein Gegensatz echt -deutscher Art und Schicksals wird uns bei dieser Urkunde -lebendig: Dort der deutsche Kaiser im sonnigen Sizilien, -im schimmernden Palermo seinen halb sarazenischen Hof -haltend, der in sich alle Pracht des Morgenlandes und des -Abendlandes vereinigte, dem deutschen Lande und deutscher -Not fremd geworden und seine ganz große, staatsmännische -Begabung auf Kunst und Wissenschaft und die wirtschaftliche -Entwicklung, auf Handel, Rechtspflege und Heer in -Italien und Sizilien verwendend, seine deutsche Heimat -vergessend und der Gesetzlosigkeit und Raublust innerer und -äußerer Feinde überlassend, hier dagegen gleichzeitig im -Norden ein hartes, eisernes, einfaches Geschlecht von deutschen -Bürgern, Bergleuten, Bauern in dunkler Waldwildnis -und rauhem Gebirge in unermüdlicher Arbeit die -Heimat sich erobernd, dem heimatlichen Boden Schätze abringend -und aus eigener Kraft und tiefster Seelenstärke -eine Kulturblüte hervortreibend, die durch die Jahrtausende -leuchtet. Die goldene Pforte und die Kreuzigungsgruppe -des Domes, Werke erhabenster Kunst und deutschester Art,<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span> -Gesetzbücher und soziale Einrichtungen des Erzbergbau- -und Hüttenwesens mit ihrer glänzenden Entwicklung sind -heute noch redende Zeugen dieser alten schwer errungenen -Kultur.</p> - -<p>Eine andere Urkunde fällt uns besonders durch ihre zwei -köstlichen, großen Wachssiegel in Holzkapseln auf, wahre -Meisterwerke der Kleinkunst. Sie haben 11 <em class="antiqua">cm</em> Durchmesser -und stellen in feiner gotischer Zeichnung einen Ritter auf -anreitendem, gepanzertem Turnierroß dar mit Fahne im -Arm und einzelnen wunderbar zart durchgeführten Wappen -in der freien Fläche. Es ist die Urkunde, in welcher -Bischof Johannes zu Meißen am 25. August des Jahres -1480 die Kirche unsrer lieben Frau zu Freiberg zu einer -Stiftskirche erhob und das Domkapitel daselbst einrichtete. -Vor unserem Auge steigt die Zeit der ausgehenden Spätgotik -auf, als im deutschen Boden tausend neue Keime sich -regten und Altes fallen und sterben sollte, als ein Suchen -und Fragen durch die Lande ging und neue Welten aus -dem Dunkel emporstiegen. Wir sehen Freiberg in Flammen -stehen, den alten Dom stürzen und wieder aufsteigen -aus den Trümmern mit schlanken Schäften und kunstvollen -Netzgewölben, während eine neue Kunst mit belebendem -Hauche neue frische Blüten sprießen läßt. – Dort der Ablaßbrief -mit seinen bunten Heiligenbildern aus jener Zeit -erinnert uns an Johann Tetzel, der auch in Freiberg seinen -einträglichen Handel trieb. Freilich erkannte der gerade -ehrliche Sinn gar bald, wie hohl und unwürdig dies Treiben -war. Luthers Hammerschläge am Tor der Schloßkirche -von Wittenberg hatten auch in Freiberg kräftigen Widerhall -gefunden. Als Tetzel kurz nach dem weltgeschichtlichen -31. Oktober 1517 nach Freiberg mit seinem Ablaßhandel -kam, »hat es ihm so wol als zuvor nicht glücken wollen,<span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span> -also gar, daß mehr allein wenig Personen seiner geachtet, -sondern auch die Bergleute ihn zu beschimpffen sich unterstanden -und verlauten lassen, das gesamlete Ablaßgeld ihm -gar abzunehmen, deßwegen er bald fortgewandert …«</p> - -<p>Aus den Kammerkästchen im alten ehrwürdigen Archiv, -aus den Urkunden und pergamentenen Handschriften, aus -den mächtigen Foliobänden längst vergangener Tage steigt -so altes deutsches Leben, großes Geschehen, das Gedenken -großer Taten und Männer auf. Luther und Melanchthon, -Johann Sebastian Bach und Bismarck wandeln an uns -vorüber, werden lebendig, wenn wir ihre Handschriften -sehen und in der Hand halten. Wir sind nicht mehr im -Urkundenarchiv zwischen engen Mauern abgeschlossen vom -Leben, von dem kaum ein Laut hereindringt, nein, wir -stehen wie auf einer hohen Warte und schauen hinein in -das flutende Leben, wie es durch die Jahrhunderte strömt -und seine Wellen aufwirft, und in seinem Vorwärtsdrängen -die Geschlechter durcheinanderwirbelt und treibt, aneinanderreibt, -emporträgt und niederreißt, aus dem Ursprung -ferner Vergangenheit her aus dem Zeitenwandel -Geschichte schaffend; das Schauen wird uns Erlebnis, Erlebnis -der Heimat, Erlebnis ihrer ringenden, kämpfenden -Seele; das Leben der Heimat rauscht uns, und die Liebe -zur Heimat ist die aus dem inneren Erlebnis emporwachsende -Frucht.</p> - -<p>Aus dem Urkundenarchiv, wo vergangene Zeiten eindringlich -zu uns sprechen, gehen wir hinüber zum Ratssitzungszimmer, -wo mit den Forderungen, Leiden und -Nöten der Gegenwart gerungen wird und ernste Männer -raten und taten, sich mühen und sorgen um das Wohl -der Stadt. Wir schreiten durch eine altertümliche -doppelflüglige Eisentür, die aus geschmiedeten Platten<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span> -zusammengenietet und mit durchbrochenen Auflagen und -Bändern reich verziert ist, ähnlich der schönen Eisentür -am Archiv. Ein mächtiges Kunstschloß dient zur besonderen -Zierde und Sicherung. Eine zweite Tür aus starkem -Holze in eingelegter Arbeit mit reicher Profilierung liegt -hinter der Eisentür und wird umrahmt von einem reichen -Renaissanceportal im Ratszimmer. Der Raum ist -7,50 × 9 <em class="antiqua">m</em> groß und ist mit einem flach gespannten Netzgewölbe -mit aufgeputzten Rippen überspannt, in das die -Stichkappen über den Fenstern tief hineinschneiden. Die -Stimmung des Raumes, ein sattes Grün der Wände mit -leuchtendem Goldgelb der Wölbung, mit dem großen länglichrunden -Ratstisch und den hochlehnigen, geschnitzten -Stühlen ist ungemein behaglich. Dazu trägt nicht zum -mindesten bei die den ganzen Raum beherrschende kostbare -Vertäfelung der Ostseite mit ihren Gesimsen, Pilastern, -Füllungen aus edlen Hölzern in eingelegter Arbeit und -reichen Profilierungen. Beim näheren Zuschauen finden -wir, daß diese hoch bis an den Gewölbekämpfer hinaufgehende -Vertäfelung ein wunderbares Schranksystem ist, -das in tiefen Wandnischen mit vielen Fächern eingebaut -ist. Die Türen dieser Wandschränke haben zierliche durchbrochene -Beschläge, welche von demselben geschickten -Schlosser stammen, der die Türen zum Archiv und zum -Ratszimmer schuf, dem Ratsschlosser Paul Winkler, der -1630 acht Gulden für seine Arbeit erhielt. Die Kunst der -Schlosser und Schmiede stand in Freiberg in hoher Blüte, -und gar manches prächtige Werk zeugt heute noch von ihrer -geschickten Hand. Da sind vor allem die köstlichen geschmiedeten -Tore und Einfriedigungen am grünen Friedhof am -Dom aus der Hand Gabriel Mehners (1653–1705) mit -ihrer reichen, materialgerechten Ornamentik, Spiralen,<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span> -üppigen Blumen und Rankenzügen, zu nennen, ferner die -schönen Gitter in der Begräbniskapelle und in der Annenkapelle -am Dom, geschmiedete Grabkreuze, Vorhangträger, -Schlosserzeichen, Türbänder, Fenstergitter usw. im Altertumsmuseum. -Der Rat der Stadt wußte den Wert solcher -kunstvollen Handwerksarbeit wohl zu schätzen nicht nur dadurch, -daß er die tüchtigsten Meister zur Arbeit heranzog, -sondern auch dadurch, daß er schön gearbeitete Meisterstücke -ankaufte und gelegentlich verwendete. Durch diese Art -praktischer Kunstpflege wurde das Handwerk gestärkt, der -Wetteifer geweckt und die Leistungsfähigkeit erhöht, so daß -der Ruf der Freiberger Arbeit sich weit verbreitete.</p> - -<p>Der Wandschmuck des Ratszimmers ist sonst schlichter -Art. Zwei mächtige Geweihe, Zwölfender aus den Rehefelder -Waldrevieren stammend, mit blank gefegten, weißen -Enden bringen einen Hauch von Harzduft, frischer Bergluft -und der grünen Freiheit der Berge in den gestrengen -Raum städtischer Verwaltung und Sorgen. Ein Ölbild -des früh verstorbenen trefflichen Malers Mißbach an der -anderen Wand führt in die heimische Landschaft, in ein -grünes Wiesental, über dem blauduftiger Waldhang sich -erhebt. Im Wiesengrün leuchten blaue Blumen als hätte -der blaue Frühlingshimmel seine Pracht mit vollen Händen -darin ausgestreut, und ein Busch glänzt mitten im -Grün im funkelnden Sonnenglanz als sollten Wiese und -Wald, Himmel und Sonne nur seiner Schönheit dienen.</p> - -<p>Gar manchmal, wenn in schwerer Beratung die Geister -sich erhitzen, oder im Redefluß die Stunden zähe sich dehnen, -mag ein Auge in diesen grünen Frühling sich flüchten, sich -erfrischen und den Geist zurücklenken von trocknem Aktenstaub -und grauer Theorie, zum grünenden frischen Leben -freier Entschlüsse.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span></p> - -<p>Noch ein anderes Bild erregt unsere Aufmerksamkeit, der -alte Kupferstich von F. B. Werner »Freyberg in Meißen«, -etwa aus der Zeit um 1710, aus welchem man so recht die -stolze Wehrhaftigkeit der alten Stadt erkennen kann. Mit -peinlicher Genauigkeit und Schärfe und großem malerischen -Reize sind die Türme und Mauern, die Wälle, Gräben und -Teiche der Befestigung dargestellt und über sie hinausragend -das bunte Gewirr der Dächer und Häuser und hoch -in die Lüfte steigend die Türme der Kirchen und des Rathauses. -Ja, wenn einst ein Stadtkind von außen sich dieser -seiner Heimatstadt näherte, oder von einer der hochgetürmten -Halden hinabsah auf dieses stolze wehrhafte Stadtbild, -so mochte ihm mit Recht sein Herz höher schlagen, denn -kaum eine andere in weiten Gauen mochte ihm gleichen -an Schönheit, Eigenart und trotziger, auf sich selbst gestellter -und bewährter Kraft. Die Stadt ist die Krone der -Landschaft und damit der künstlerisch vollendete Ausdruck, -die echte Ausprägung ihrer Geschichte und ihrer inneren -Bedeutung und Kraft. –</p> - -<p>Hier im Ratszimmer, wo die Geschicke der Stadt seit -Jahrhunderten sich flechten und lösen und die Gedanken -und Sorgen um ihr Wohl und Wehe seit Jahrhunderten -sich kreuzten, aufwuchsen und wieder zur Ruhe gingen, hier -spricht eine Stimmung voller Eigenart zu dir, wenn du es -hören und fühlen willst, als wäre dort das Herzpochen -eines lebendigen Wesens, das groß und heilig ist, viel erfuhr -und viel erfühlte, viel erlitt, doch nie erlahmte, als -wären wir in einer der Herzkammern der Heimat, durchpulst -von warmem, lebendigen Blute und Geiste, voll des -Großen und Schönen, voll von Erinnerungen und Geschichte, -voll von Drang, Arbeit, Hoffnung, Zukunft. –</p> - -<p>Noch einen Raum müssen wir betreten, ehe wir das alte<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span> -Rathaus verlassen, den Raum, in dem Einzelgeschicke sich -flechten, in dem Gedanken sich kreuzen und binden, in dem -Herzen pochen ganz anders, als wie sonst im Leben, Herzen -voll von Entschlüssen, Plänen, Drang, Hoffnung, Zukunft -– es ist das Eheschließungszimmer, die alte Lorenzkapelle -im Rathausturme.</p> - -<p>Der Turm, die beherrschende Zierde des Rathauses und -Marktes, ist von dem Bürgermeister Nikol Weller von -Molsdorf auf seine eigenen Kosten erbaut worden, »der -Stadt Freyberg zu Ehren, weil ihn Gott der Herr durch -das Bergwerck und geführte Handlungen reichlichen gesegnet«. -Schon von außen sieht man, daß das Geschoß der -Lorenzkapelle seine besondere Bedeutung hat, denn an den -Außenkanten des Turmes sind zwei Nischen ausgespart mit -schlichtem, kleinen Baldachin, in welchen einst die Gestalten -der Mutter Gottes und des heiligen Lorenz, als der Schutzheiligen -des Rathauses, sich befanden.</p> - -<p>Von der großen Ratsdiele her betreten wir durch einen -halbdunklen Vorraum die alte gotische Lorenzkapelle. Es -ist ein neckischer Zufall, daß gerade der heilige Lorenz der -Schutzheilige des jetzigen Raumes für die bürgerlichen Eheschließungen -mit den beiden feierlichen Stühlen vor dem -grünen Tisch ist, denn dieser Märtyrer wurde auf dem Rost -gebraten. Hoffentlich bleiben derartige Märtyrergefühle -allen erspart, die zum Lebensbunde sich auf die entscheidenden -Stühle niederlassen.</p> - -<p>Zwei andere Schmuckstücke aus der Zeit der Erbauung -passen sich in sinnig symbolischer Weise dem jetzigen späten -Zweck der alten Kapelle an, die in Stein gehauenen Wappen -ihrer Erbauer, der Bürgermeister Weller von Molsdorf -und Jobst Krohe. Das Molsdorfsche Wappenzeichen -stellt zwei Schwanenhälse dar, die in den Schnäbeln einen<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span> -goldenen Ring halten, das Symbol der Treue, welche zwei -Seelen bindet, das Krohesche Wappen, eine Krähe, welche -sich die Brust aufreißt, das Symbol der Aufopferung, -welche das eigene Herzblut hingibt.</p> - -<p>Diese redenden Wappen alter Freiberger Geschlechter, -die heute noch so ganz besonders zur Zweckbestimmung des -Raumes sprechen, sind über dem herrlichen Eingangsportale -zur Kapelle angebracht. Dieses reiche gotische Portal -ist das prächtigste Stück gotischer Kunst, – wenn man die -unvergleichliche Tulpenkanzel im Dome ausnimmt, – welches -in Freiberg erhalten ist. Reiches Stabwerk von -Rundstäben, tiefen Hohlkehlen und scharfen gratartigen -Profilen mit kräftiger Schattenwirkung schließt sich in -schräger Laibung von 1 <em class="antiqua">m</em> Tiefe in kühnem Schwung zum -edlen Spitzbogen zusammen. Die schlanken Rundstäbe -haben schöne senkrecht oder schraubenförmig geriefte Sockel. -Der äußerste Stab rechts und links blüht zu einer schlanken -Säule auf mit schönem, spätgotischem Blattkapitell, das auf -einem glatten Kämpferblock je eine schlanke Fiale trägt -mit zierlichen Kantenblättern und Kreuzblume als Abschluß. -Zwischen den Fialen ist ein schwungvoller Kielbogen, -wie ihn die spätere Gotik liebte, eingespannt, aus -dem reich und stark modellierte Blätter hervorwachsen und -der schließlich zu einer stolzen Kreuzblume mit doppeltem -Blätterkranz bis fast an das Gewölbe oben aufschießt. -Überrascht stehen wir vor diesem Meisterwerke der Steinmetzkunst, -das etwa um 1440 von Freiberger Handwerkern -geschaffen, ein Beweis für den großzügigen, künstlerischen -Sinn der Erbauer und das Können jener Zeit ist. Ein -schönes, hochgeschwungenes Sterngewölbe mit edel profilierten -Rippen überdeckt den etwa 12 <em class="antiqua">qm</em> großen, quadratischen -Raum. 3 große, farbig verglaste Fenster mit tiefen Nischen<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span> -in den starken Turmwänden, die als Rosenlauben zart bemalt -sind, spenden eine Fülle von Licht und geben dem -Raume eine festlich feierliche Wirkung.</p> - -<p>Zierliche symbolische Malerei an den Türen der eingebauten -Schränke ist wie eine liebliche Begleitmelodie zu -dem Rhythmus und der klangvollen Harmonie des ganzen -Raumes. Die alte Lorenzkapelle, das Eheschließungszimmer, -ist als ganzer Raum und in ihren Teilen wie ein Symbol -ihrer Bestimmung, ein Symbol des tiefen Sinnes und -Zweckes des Ehebundes, daß Treue und Hingebung, Klarheit -und Harmonie erst die rechte Vollendung geben, daß -das Einzelne dem Ganzen dienen muß, um seine Bestimmung -zu erfüllen, und daß das Ganze erst durch die Harmonie -der einzelnen Teile lebt und gewinnt. – – – –</p> - -<p>Sollen wir noch weiter durch das Rathaus wandern und -uns erzählen von Räumen und neuen Dingen, die -noch keine Geschichte haben? Gar manches wäre noch der -Beachtung wert. Da hängt in der großen Diele ein mächtiger -Kronleuchter aus Holz von der bunten Balkendecke -herab, der in eigenartiger Zusammenfügung und Gestaltung -schlichter erzgebirgischer Volkskunst dem Raume einen volkstümlichen -Heimatklang verleiht. Da steht in der kleinen -Stadthausdiele auf der Treppensäule frei im Raume die -Gestalt eines Bergmanns mit dem Wappen der Stadt und -einem großen Hammer über der Schulter, der Sohn der -alten Bergstadt, der über ihr Wohl und Wehe, über Recht -und Ehre Wacht hält. Da hängt an der Wand das eiserne -Kreuz, welches 1915 opferbereite Hände nagelten.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Dies Denkmal eisenharter Zeit,</div> - <div class="verse indent0">gehüllt in schlichtes Eisenkleid</div> - <div class="verse indent0">künde der Heimat Dankbarkeit«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">ist sein Widmungsspruch.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span></p> - -<p>Welche Gedanken und Erinnerungen werden da lebendig. -Dinge, die keine Geschichte haben? Ach, wir haben Geschichte -erlebt, daß uns das Herz stolz und groß und doch wieder -weh und wund wie von sieben Schwertern wird. –</p> - -<p>Ein großes Schlachtenbild von 1870 hängt dort an der -Wand, wo stolz der Kommandeur mit seinen Offizieren -hoch zu Roß auf der Höhe hält; die besiegten und gefangenen -Franzosen ziehen ab, und Sieg klingt es wie mit jubelnden -Fanfaren aus dem Bilde. Wir haben Geschichte erlebt!</p> - -<p>Einst hing dieses Bild im Kasino der Offiziere des Freiberger -Jägerbataillons Nr. 12, das ruhmbedeckt aus dem -Weltkriege heimkehrte. Das Offizierkasino ist nicht mehr. -Das Rathaus nahm das Bild als Zeugen ruhmreicher Tage -des der Stadt so eng verbundenen Bataillons in treue Verwahrung. -Unser Herz ist stolz und wund!</p> - -<p>Unten im Rathausflur ist die große Ehrentafel mit den -Namen derer, die treu im Dienste der Stadt gestanden, ihr -Leben dem Vaterland geopfert haben. Lang sind die Reihen, -zahlreich die Namen, welche uns die Treue bis in den Tod -für Vaterland und Heimat predigen. Eine trauernde -Mutter mit ihrem Säugling im Arm als Sinnbild der verlassenen -Familie, ein bärtiger Krieger mit Stahlhelm in -der Hand, das Sinnbild des treuen Kameraden, stehen -links und rechts von den Namen der dreiteiligen Tafel. -Unser Herz ist wund, wenn wir ihrer gedenken, und an das -deutsche Leid, die dunkle Zeit seit jenen Tagen, doch wenn -wir zurückschauen in unsere Geschichte, die Geschichte der -Heimat, deren stummer Prediger auch das alte Freiberger -Rathaus ist, dann spüren wir die Gewißheit, daß aus dem -Heimatboden und der Heimatliebe neue Kraft emporwachsen -wird.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span></p> - -<p>Die Freiheit und das Glück der Heimaterde kann nur -aus dem Heimatgeist geboren werden. O Heimat, Heimat, -wann wirst du erwachen, wann wird dein Tag kommen -und neuer Heimatstolz deinem Morgen lachen?</p> - -<p>Wir stehen wieder auf dem Obermarkt und um uns -hastet, lärmt und eilt das tägliche Leben. Da hebt das -Häuerglöckchen vom Petriturm, der hoch in den Markt -hereinschaut, zu rufen und zu klingen an, so wie seit Jahrhunderten -seine helle Stimme mahnend über die Straßen, -die Dächer und Giebel ging. Mitten im lärmenden Leben -drängender Gegenwart faßt uns der Zauber der Vergangenheit, -der Zauber der alten Stadt, welcher Geschichte und -Kunst, Bergmannsleben und Bürgerkraft einen besonderen, -eigenartigen Charakter gegeben hat.</p> - -<p>Glück auf! Glück auf! Du alte getreue Bergstadt! Hüte -deine Vergangenheit, dann blüht dir der Segen der Zukunft!</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Was_der_Petriturmknopf">Was der Petriturmknopf erzählt.</h2> -</div> - -<p class="drop">Eines Tages schaute aus der obersten Turmluke hoch -über den Glocken des hohen Petersturmes ein Mann -heraus. Das war ein seltener Besuch dort oben in luftiger -Höhe, und erregt flatterten und kreischten die Dohlen um -den funkelnden goldenen Turmknopf und die knarrende -Wetterfahne. Was wollte dieser Eindringling dort oben im -Reiche der Dohlen, der Schwalben und Fledermäuse, hoch -über den Glocken, wohin nicht Treppe noch Leiter führt, -sondern nur gefährliche Kletterkünste über den Bronzeleib -der Glocken, durch Streben, Stiele, Sparren und Gebälk?</p> - -<p>Im Sturme hatte die Spitze des Turmes geschwankt, und -die Wetterfahne mit dem eisernen Gestänge hatte sich geneigt. -Heute fand der Zimmerpolier Dietrich, daß das Holzwerk -des »Kaiserstils«, welcher die eiserne Spille der -Wetterfahne und des Turmknopfes trägt, morsch geworden -und ihr Absturz möglich war. Da galt es denn, die Turmspitze -über den Glocken zu erneuern, denn auch Streben und -Sparren hatten gelitten. In schwindelnder Höhe schoben -sich nun Balken und Streben, Stiele und Zangen heraus -und fügten sich zu kühner, luftiger Konstruktion, anzuschauen -von unten wie ein zierliches, feines Gespinst, das die Konturen -der schlanken Spitze umhüllte und in dem die Männer -wie kleine Spinnen kaum sichtbar umherstiegen.</p> - -<p>O wie weit und wie frei ist von dort oben der Blick! -Auf dem Turmknopf hab ich gestanden und über die Wetterfahne<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span> -weggeschaut in blaue, unendliche Fernen, in schimmernde -Sehnsuchtsweiten, wo Erde und Himmel eins sind, -und habe jäh hinabgeblickt in die Tiefe unten, in die -Straßen und Höfe der Stadt, wie in dunkle Gräben und -Schächte, so eng und so klein, in denen geschäftiges Ameisenleben -wimmelt, so fern und so fremd uns und so sonderbar -und zwecklos uns scheinend, als wären wir in einer anderen -Welt, als schauten wir von einem Stern, als ein von -Erdendruck und Zwang befreiter Geist.</p> - -<p>O ihr Ameisen dort unten im Schatten, was rennt und -eilt ihr hin und her, der eine hier sein Ziel, der andere dort -seinen Weg suchend, ruhelos hier im Gewühl sich drängend -und stoßend, rennend dort den Nachbar überholend, mit den -Augen gebannt auf die niedrige Enge, die dumpfen Gassen -und selten einer den Blick in die Höhe, zum Lichte, das -über jeder Dunkelheit und Enge wartet. O, ihr Ameisen -dort unten im Schatten, jede ein Menschenschicksal, jede mit -dem Verlangen nach Glück und jede mit der Saat der -Schmerzen und des Leides in der Seele, jede mit hundert -Banden an die Erde gefesselt, und jede doch mit heimlicher, -oft unbewußter stummer Sehnsucht, über dies Dunkel sich -zu erheben: Des Himmels blaue Kuppel steht über euch! -Er ist das hohe Dach der engen Gassen, er ist das hohe Dach -auch für das engste Leben! Hebt nur die Augen empor aus -dem Zwang der dumpfen Höfe eures Schicksals, und eure -stumme Sehnsucht wird Flügel gewinnen, die euch emportragen. -Greift nur zu und packt mit den Armen eurer Seele -und drückt an die Brust, was euch, ja jedem von euch, die -Heimat und der Himmel der Heimat bietet und geben kann -an tiefem Erleben von Schönheit und innerem Glücksbewußtsein: -Alles ist dein, was dein Herz sich zu eigen -macht, dann fühlst du es: Der Wald rauscht nur für dich<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span> -allein, die Wiese lacht nur dir mit ihrem leuchtenden Grün -und bunten Blumen, dir schmettert der Vogel sein Lied, -dir raunt der Bach mit seinem Plaudermund seine trauliche -Melodie, für dich segeln am Himmel die Schiffe der -Sehnsucht mit schimmernden Segeln, die ziehenden Wolken, -für dich wandern die funkelnden Sterne durch die schwarzen -Abgründe des Weltalls von Ewigkeiten zu Ewigkeiten, für -dich baut sich Berg und Tal und blauende Ferne, das -goldene Ährenfeld und die purpurne duftende Kleebreite, -die Pracht des Winters mit seinen stillen, reinen Wundern -und kristallenem Zauber an Halmen und Zweigen, dein, -dein ist die Heimat, dein alle ihre Herrlichkeit, und dich -macht sie reich, deine Augen helle, dein Herz froh und stolz -und deine Seele rein und edel. Laßt nur durch enge Gassen -und dumpfe Mauern die Seele nicht enge und dumpf, nicht -dunkel und klein werden. Vergeßt nicht im Ameisengewimmel -und Tagesgewühl von den köstlichen Einsamkeiten -der Heimat zu schmecken und ihre heilige reinigende -Kraft in euch zu trinken. Auch über dunklen Gassen steht -der blaue Himmel und er ist dein, wenn du mit deiner Seele -dich zu ihm erhebst. –</p> - -<p>Es saust der Wind in starken Stößen, als wollte er den -einsamen Träumer von seinem Stern, von seinem luftigen -Standpunkt, dem höchsten Punkte der alten Bergstadt, herunterwehen, -und Schwalben schießen sirrend und schwirrend -vorüber, wie stahlblaue und silberne Pfeile. Wollen -sie necken und spotten, daß der Träumer doch keine Flügel -hat?</p> - -<p>Aber unsere Blicke trinken die Ferne. Dort die blauen -Linien der Bergzüge duftiger und duftiger in fernen Himmeln -versinkend, ertrinkend, dort die dunkleren Wogen des -Tharandter Waldes. Dort, wie ein ungeheures, buntes<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span> -Tuch über die steigenden und fallenden Wellen des Landes -gezogen, wie lebend, mit leisem Atem sich hebend und senkend, -die Felder und Wiesen, die Äcker und Fluren in allen -Tönen von Grün zum Braun, von Blau, Violett und Gelb, -Wälder und Bäume, darin Hügel und Halden, Häuser und -Höfe und Dörfer wie wunderfeines Spielzeug eingestreut, -Teichspiegel blitzend wie Silberfunken, schimmernde Straßen -wie leuchtende Bänder mit dem dunklen Perlensaum -der Bäume, Wolkenschatten fliegen, bald leuchtend und -lächelnd, bald ernst und trübe, bald hell in Freude, bald -dunkel in Schwermut. Über alles gespannt so hoch und -licht und weit des Himmels blauseidenes Zelt in dem die -silbernen Wolken wie selige Gestalten einherziehen. Die -blaue Erdenferne, die blaue Himmelsferne hat mich verzaubert. -Ich stehe auf dem goldnen Knopf, auf meinem -Stern im Mittelpunkt der Welt, außerhalb der armen -Erde hoch im Licht, und um mich dreht sich Himmelsferne -wie eine leuchtende Glocke von schimmerndem Opal und -der schwebende Reigen träumender Wolken hebt über alles -Irdische empor, und die blaue Erdenferne grüßt im ungeheuren -Rund von aller Erdenschwere befreit in einer leuchtenden -Schönheit, die sich in Sehnsucht wandelt und die -Flügel der Seele spannt zur Unendlichkeit. Ich schaue nur -empor in die blaue Gottesferne und grüße die Wolken, die -stillen Gefährten der Höhengedanken, die schwebenden -Wandrer des Lichtes. Ihr Wolken dort oben, wie nahe -bin ich euch, als schwebte ich mit leise tragender Schwinge -in eurer schimmernden Schar, wie seid ihr das Bild menschlicher -Sehnsucht, menschlicher Träume! Aufsteigend, schwebend, -dahinziehend in ziellose Ferne, zur Sonne sich erhebend -und selig zerfließend im Licht, neu sich schließend -zu leuchtenden Gestalten, zwischen Himmel und Erde wandernd.<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span> -In Farben sich wandelnd, zu Purpur und Gold, -zu Silber und Schwarz, zu blauem Sammet und rosenfarbener -und blaßblauer Seide, vom Lichte strahlend durchwirkt, -von Goldfäden zart durchsponnen. Ruhelos und -ewig wechselnd, bald dunkel und schwer wie ein lauerndes -Schicksal, bald silbern und glänzend wie strahlende Erfüllung, -bald zart und schimmernd wie träumende Erwartung, -bald jagend und eilend wie trotziges Begehren, -bald stille rastend wie wunschloses Glück, bald sich ballend -und türmend zu goldenen Gipfeln mit sehnsuchtsblauen -Tälern, bald wandernd wie zarter Schaum ziehender -Wogen, die aus dem tiefen Blau der Unendlichkeit quellen -und wallen, wie weichen Nebels Spitzengeriesel fließend -und fallend, immer neu und nimmer Ruhe, immer wechselnd -und nimmer bleibend, zwischen Himmel und Erde -wandernd, steigend und sinkend, werdend und vergehend, – -menschlicher Seelen, menschlicher Sehnsucht Gleichnis und -Abbild seid ihr dort oben, ihr Wolken des Himmels, ihr -Wolken der Erde, euch fühle ich mich nahe, ihr schwebenden -Wandrer des Lichts.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Kein Herz kann sie verstehen,</div> - <div class="verse indent0">Dem nicht auf langer Fahrt</div> - <div class="verse indent0">Ein Wissen von allen Wehen</div> - <div class="verse indent0">Und Freuden des Wanderns ward.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ich liebe die Weißen, Losen</div> - <div class="verse indent0">Wie Sonne, Meer und Wind,</div> - <div class="verse indent0">Weil sie der Heimatlosen</div> - <div class="verse indent0">Schwestern und Engel sind.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="mright s90"> -Hermann Hesse. -</p> - -<p>Aus der Stadt dort unten dringt kaum ein Laut herauf -zu meinem Stern. Nur ein fernes Summen und Sausen<span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span> -eint sich mit der großen Harmonie der Schöpfungsmelodie, -welche aus den tausend Stimmen des Lebens und der Natur -emporrauscht und mich umflutet. – – – –</p> - -<p>Wie lustig sind die Dächer in der alten Stadt in der -Tiefe zu unseren Füßen, welche der grüne Ring der Promenaden -auf dem Gelände der alten Gräben und Wälle umgibt. -Rot und braun, schwarz verräuchert und violett getönt, -bei aller Buntheit eine fröhliche Harmonie in Ziegelfarben -auf steilen Dächern. Hie und da ein Treppenturm -dazwischen mit geschwungener Haube oder Kegeldach, oder -dort ein kecker Giebel. Dort wieder stehen wie schweigende -Hirten inmitten wimmelnder Herde die großen -Gestalten der ragenden Türme von St. Nikolai, der -Donatsturm, der Rathausturm und in breiter Masse gelagert -des ehrwürdigen Doms mächtiger Bau und dort die -klotzigen Mauern, breiten Dächer und der Rundturm des -Schlosses Freudenstein mit spitzem Kegeldach. Blau kräuselt -sich der Rauch empor und zerfließt in der klaren flimmernden -Luft. Weiße Taubenschwärme flattern über die -Dächer dahin. Ein aufgeschlagenes Buch ist uns die Stadt, -in dem die Züge der Straßen hier so gerade und rechtwinklig -sich schneidend, dort in unregelmäßiger Krümmung -scheinbar regellos sich windend die Zeilen sind, aus denen -wir Geschichte lesen. Das eine ist die Stadt, welche Otto -der Reiche baute, dessen Denkmal wie ein Tafelaufsatz mitten -auf blanker Tischplatte dort unten auf dem rechteckigen -Obermarkt steht, das andere ist die Sächsstadt, die Stätte -des alten Christiansdorf, der alten Siedlung, aus welcher -die freie Bergstadt emporwuchs. Was der grüne Promenadenring -umschließt, das ist die alte, freie, getreue Bergstadt, -von deren Glück und Leid, Geist und Leben, -Kraft und Treue in alter Zeit uns Andreas Möllers<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span> -Chronik von 1653 so stolze, ruhmreiche Dinge zu berichten -weiß.</p> - -<p>Über den Dächern, Giebeln und Türmen, über den alten -Wällen, Gräben und Mauern liegt der Zauber der Geschichte -und der Sage, liegt der träumerische, anheimelnde -Reiz der alten Stadt, welche Jahrhunderte kennt, welche -Geist und Schicksal hat, welche sicher auf heimatlichem -Grunde ruht, wie eine steinerne Riesenblume aus Jahrhunderten -herangeblüht und in weitere Jahrhunderte hineinwachsend -aus Felsengrunde dem Lichte entgegen.</p> - -<p>Es ist mir, wie ich auf die alte Stadt herniederschaue, -als blickte ich tief hinein in ihre Seele und hinab auf ihre -Geschicke und sähe Geschlechter kommen und gehen, schaffen -und leiden für ihre alte Heimatstadt, die Stadt, die heute -noch der Ausdruck ihrer Seele ist und bleiben soll. – – –</p> - -<p>Die Turmspitze ist nun erneuert und verspricht wieder -100 Jahre und mehr unter dem Schutze der neuen kupfernen -Dachhaut Sturm und Wetter zu trotzen. Der goldene -Turmknopf funkelt hell und blitzend im Sonnenschein. Er -scheint ein schweigsamer Geselle zu sein und nicht ohne -weiteres zur Zwiesprache aufgelegt, wenn die Schwalben -um ihn her schwirren oder die Dohlen ihn umschreien. Er -will auch nicht mit jedem sprechen, den nur die Neugier -juckt. Seine Höhengedanken sind schwer zugänglich für den, -der nicht in die Tiefe dringen will, oder nicht Welt, Leben -und Seele aus der Höhe beschauen will.</p> - -<p>Die Wetterfahne ist schon lebendiger und gesprächiger. -Wenn der Wind sie dreht, dann klingt wohl das Sprüchlein, -das auf ihr angebracht ist und mit dem Hugo Meeser bei -seiner kühnen Turmknopfbesteigung ohne Gerüst zur -Fahnenreparatur sich einst verewigte:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Mußt durch die Zeit du sehr auch leiden</div> - <div class="verse indent0">Mit Gott hab ich dich jung gemacht.</div> - <div class="verse indent0">Drum drehe dich der Stadt zur Freude</div> - <div class="verse indent0">Sei stets auf guten Wind bedacht.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="center s90"> -<em class="gesperrt">Hugo Meeser</em>,<br /> -Mechaniker, Freiberg. -</p> - -<p>Gesprächiger sind auch die Glocken tiefer unten, deren -hallender Mund über die Stadt täglich eherne Klänge -dröhnen läßt. Die Läuteglocke von 1570 ruft zum Kirchgang -mit dem Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Mein Klang ruft dich zum Kirchgang, merks Wort,</div> - <div class="verse indent0">Gott dank, sing Lobgesang.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das Bergglöcklein aber ruft zur Arbeit mit vertrautem -Klingen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Auf auf zur Grube ruf ich euch,</div> - <div class="verse indent0">Ich, die ich oben steh,</div> - <div class="verse indent0">So oft ihr in die Tiefe fahrt,</div> - <div class="verse indent0">So denket in die Höh!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>»In die Höhe denken« tut uns allen heute mehr denn je -not, und dem, was die Glocken uns sagen und erzählen -können, sollte man wohl gerne lauschen, denn Leben und -Dasein des einzelnen Menschen, wie von Stadt und Volk, -sind von ihnen durchklungen und sind begleitet von ihren -ehernen schwingenden Schritten hin und her.</p> - -<p>Der Turmknopf dagegen, so hoch erhaben über den -Glocken, besitzt den Stolz und die Verschlossenheit der Einsamen -und ist ein schweigsamer Geselle. Er schaut sich still -die närrische Welt von oben an, und selten, selten öffnet -er den schweigsamen Mund. Doch als ich bei ihm oben war, -hat er doch manches mir ins Ohr geraunt. Manches, was -ich da erlauschte hoch über dem Brausen der geschäftigen -und ach so kleinen Welt da unten, und was er so lange<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span> -schweigend bei sich bewahrte, gibt einen Höhenblick über -Zeit und Menschen, als stünden wir bei ihm auf der Spitze -oben an der Wetterfahne und sähen den Geist der alten -Stadt an seinem Schicksal weben, als sähen wir die Geschlechter -kommen und gehen, schaffen und leiden. Wie -manche Menschen scheint zwar der brave Knopf zu sein: -»Außen blank und blendend, innen nichts, hohl und leer!« -Doch nein, »er hat es in sich!« Wenn er auch nur vielleicht -alle hundert Jahre einmal spricht, und man ihm dazu erst -recht energisch auf seinen runden Leib rücken muß, um ihn -zum Reden zu bringen, so ist doch das, was er dann sagt, -um so bemerkenswerter, denn Stimmen und Geister von -Männern und Geschlechtern früherer Jahrhunderte werden -lebendig und steigen empor aus enger Haft und reden von -dem, was Ihnen einst wichtig war. – – –</p> - -<p>Eine alte gute Sitte ist es, in Grundsteine, Schlußsteine, -Turmknöpfe bemerkenswerter Gebäude, Urkunden einzulegen -und mit ihnen Zeugnisse über die Zeitverhältnisse, -Proben von Geldmünzen und was etwa besonders bemerkenswert -erscheint. Diese Dinge müssen gut verwahrt -sein, denn bei dem Wechsel von Frost und Hitze und der -Möglichkeit von Zutritt von Feuchtigkeit z. B. als Schweißwasser -würden die Urkunden sonst bald zerstört sein. Man -verwahrt sie darum in besonderen metallnen Kapseln, die -verlötet oder verfalzt und dann dem Turmknopf einverleibt -werden. Im Jahre 1580, als die ersten Urkunden in -unseren Turmknopf eingelegt wurden, beachtete man dies -nicht. Die Urkunden sind daher fast ganz zerstört und nur -dadurch z. T. erhalten, daß sie im Jahre 1803 in die Kapsel -mit aufgenommen wurden.</p> - -<p>Der Turmknopf des hohen Petersturmes ist eine Hohlkugel -aus Kupferblech von 70 <em class="antiqua">cm</em> Durchmesser, d. h. von<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span> -einer Größe, daß zwei Knaben von 10 Jahren darin zusammengekauert -Platz fanden, als bei der Erneuerung sein -goldenes Kleid neuen Glanz erhalten sollte und er auf die -profane Erde dazu herniederstieg. Zwei kupferne Kapseln -zylindrischer Gestalt von etwa 35 <em class="antiqua">cm</em> Länge waren sein Inhalt, -welche Urkunden auf Pergament, Drucksachen und in -besonderen kleinen Behältern Geldmünzen enthielten. Die -Urkunden stammen aus den Jahren 1822, 1803, 1731 und -1580. Der Inhalt der Urkunden ist einander ziemlich ähnlich. -Er behandelt zunächst die Gründe der Ausbesserungsarbeiten, -dann die Zusammensetzung des Rates und schließlich -die Preise von Lebensmitteln und einige Zeitereignisse, -die besonders bemerkenswert erschienen. Die älteste Urkunde -von 1580 auf Pergament ist stark beschädigt und nur -schwer noch leserlich. Diese Urkunde beginnt: »Anno Domini. -Tausendfünfhundertundachtzig, als man die Spize auf den -runten Thurm zu St. Peter renoviret, den Knopff neu vergoldet, -und gewahr wurde, daß die Spize uf den andern -und höchsten Thurm auch wandelbar ward, hat man die -aus Noth anderthalben Ellen oben herab abschneiden -müssen, denn die Spille so hoch uf der einen Seiten gar -verfaulet war, so lang hat man Nikol Schmiden einen Bergschmid, -uf der Peterstraßen, so allerhand künstlich Schmiedewerk -machen können, wiederumb einen eisernen Schuch und -Stange machen lassen.« Der wackere Bergschmied bewährte -seinen Ruf. Er schmiedete einen Engel mit einer Armbrust -und brachte ihn über dem Knopfe an. Leider fing dieses -Schmiedewerk zu viel Wind, so daß es 1589 herabgenommen -und durch die Fahne mit dem Stadtwappen ersetzt wurde. -Es war die Zeit des Kurfürsten August, des »Vater« -August und der »Mutter« Anna, aber doch wird in der -Urkunde über die Zeit geklagt: »zu dieser Zeit waren diese<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span> -Lande, sowohl die Bischoffthümer harte betränget, mit dem -Wildpret von Hirschen und wilden Schweinen, deren in -großer Anzahl in diesen Landen gehegt waren. Man -mußte auch von jeden Fasse Freybergischen Biere 22 gr. -Tranksteuer und 27½ gr. Ungeld geben, dadurch die Leute -gar verarmeten und große Wehklagen unter dem Volke -war, denn man muste von jedes Kandel Wein über die -Tranksteuer 2 Pf. Ungeld, und von einer Kandel Bier -1 Pf. geben. War hierzu große Theurung, man muste um -Pfingsten einen Scheffel umb 5 alte Schock bezahlen usw.«</p> - -<p>Dieser Stoßseufzer aus schweren Herzen, der dem verschwiegenen -Innern des höchstgestellten Knopfes der Stadt -anvertraut wurde, zeigt, daß die Landes»kinder« doch wohl -nicht mit ihrem Landes-»Vater« und -»Mutter« ganz einverstanden -waren, sondern auch die Faust in der Tasche -oder im stillen Turmknopf ballten. Es wirft diese Klage -auch ein helles Licht auf die Jagdleidenschaft des Kurfürsten, -dem das Wohl des Wildes bei weitem höher stand -als das Wohl des Bauern. Die Jagdstrecken der alten -weidwerksfrohen Wettiner waren ja so ungeheuerlich groß, -daß man ebenso staunen muß über den Wildreichtum des -Landes wie über die Zeit und das Geld, welche die Fürsten -dieser Leidenschaft opferten. Wo gar einem hohen Gaste -eine Jagd geboten wurde, scheute man nicht vor verschwenderischem -Aufwand zurück, um durch glanzvolles Schauspiel -zu blenden. August I. hielt in Lichtenburg eine Jagd -mit dem Könige von Preußen im Jahre 1730 ab: Alle -Jäger erhielten dazu neue Uniformen und silberne Hifthörner, -auch sogar die Treiber grüne Westen und Schärpen -aus »Silberlahn«. Für die höchsten Herrschaften war ein -hölzernes Jagdschloß mit vergoldeten Simsen und Fensterrahmen -erbaut. Man erlegte an diesem Tage an 600 Hirsche<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span> -und Rehe und über 400 Keiler, Bachen und Frischlinge. -Es fällt uns hierbei die ungeheure Zahl des Schwarzwildes -auf, das aus sächsischen Forsten jetzt wohl fast ganz verschwunden -ist. Welchen Schaden mögen diese Wühler den -Feldern der Bauern zugefügt haben!</p> - -<p>Der Jagdgast in Lichtenburg war der strenge, sparsame -Vater Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelm I. Es war -das für Vater und Sohn so furchtbar tragische Jahr, in -welchem Friedrich in Küstrin gefangen saß und sein Freund -Katte zum Tode geführt wurde, der Riß zwischen Vater und -Sohn am tiefsten und schmerzlichsten war, ja unheilbar -schien. In dieser düsteren Tragik die silbernen Hifthörner -von Lichtenburg und der leichtsinnige Tand und die wilde -Genußsucht Augusts des Starken, ein seltsamer Gegensatz, so -scharf wie der Unterschied zwischen der Auffassung von -Königsberuf und Herrscherpflicht bei diesen beiden Männern. –</p> - -<p>Aus dieser Jagdleidenschaft, welche alle alten Wettiner -mehr oder weniger beherrschte, und der rücksichtslosen -Pflege des Wildes, läßt sich ermessen, wie »harte betränget« -namentlich der Bauer und gemeine Mann gewesen sein -mußte. Und dazu das Bier und der Wein so hoch besteuert, -daß man nicht mal seine stille Wut ertränken konnte! Da -war die heimliche Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf -der letzte Ausdruck nicht sehr untertäniger Gefühle -sogar zur Zeit und im Lande des »Vater« August und der -»Mutter« Anna, und nach heutigen Begriffen nicht ganz -unberechtigt!</p> - -<p>Als bemerkenswertes Ereignis wird in unserer Urkunde -weiter noch folgendes erzählt: »Im Junio diss Jahr, stach -Hanss Harrer, Churfürstl. Kammermeister zu Dresden im -Schlosse, ihme mit des Churfürsten Taffel Messer, selbst<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span> -die Gurgel dreymahl entzwey, ward vermutet, er hätte -helffen das Ungeld aufbringen, hat aber den Pfeffer Handel -in diese Lande bracht, und viel Rotte von Augspurg, der -ihn darauf geführt, aufgestanden und Pankrott gemacht, -hat er Ihme in die 70 bis 80 tausend Gulden mitgenommen.«</p> - -<p>Bei der Aufzählung der Ratsmitglieder fällt auf, daß -eine Reihe von ihnen nicht aus Freiberg stammte. Da ist -der Bürgermeister Kilian Steck, von St. Gallen, der -Kamerer Ludewig Budewitz von Erfurt, Hanß Pocksch von -Pauzen, Jakob Heindel von Lengefeld, Adam Bellmann, -der gelehrte Stadtschreiber, welcher die Urkunden verfaßt -hat, stammt von Sayda. Er setzt seinem Namen den Sinnspruch -bei: <em class="antiqua">Virtuti fortuna comes</em>, auf deutsch »Das Glück -begleitet die Tüchtigkeit« oder »Jeder ist seines Glückes -Schmied«. Er war also anscheinend von seiner Tüchtigkeit -und seinen Erfolgen sehr überzeugt. Seinem Ratskollegen -Christoph Rudolf von Leisnig gibt er auch ein paar lateinische -Worte mit: »Dieser war so arm, <em class="antiqua">ut hostiatim quereret -eleemosinar</em>«, d. h., daß er um Almosenopfer bat. Soll -diese Bemerkung für Christoph Rudolf eine Auszeichnung -sein oder einen Makel bedeuten? – Im Bergamt regierte -»Herr Wolff von Schönberg, uf Reinsberg« als Berghauptmann. -Oberbergmeister war Martin Planer. Martin -Planer war ein berühmter Mann, ein hervorragender -Techniker, der durch seine Tüchtigkeit dem Bergbau großen -Nutzen bis auf den heutigen Tag gebracht hat. Er hat die -großen Teiche im Hospitalwalde, den Hüttenteich, Erzengler -und Rotbächer Teich angelegt, in welchen er das Wasser -für bergbauliche Zwecke als Kraft aufstaute. Die Planersche -(Kannegießer) Wasserleitung, die aus dem Hospitalwalde -kommt, führt heute noch seinen Namen. Er führte<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span> -im Bergbau die Wasserhaltung durch Kunstgezeuge ein, -während bis zu seiner Zeit das Wasser durch Göpel und -Haspel, Pferde und Knechte mit Kübeln bewältigt wurde. -38 Zeuge hat er so eingerichtet, und er rechnet in einer Aufstellung -aus, daß er dadurch jährlich 102 400 fl. 8 gr., das -sind rund 650 000 Mark an Betriebskosten erspart hat. In -Posern bei Weißensee und in Artern hat er Salzwerke -angelegt. Der berühmte Brunnen auf der Augustusburg, -170 <em class="antiqua">m</em> tief in den Felsen getrieben, ist von ihm erbaut. -Auch am Ausbau des Schlosses Freudenstein in Freiberg, -das als prächtiger Renaissanceneubau unter Hans Irmischs -Leitung der Fertigstellung entgegenging, mag er nicht unbeteiligt -gewesen sein.</p> - -<p>Noch andere bekannte Namen aus der Freiberger Geschichte -werden in unserer Urkunde genannt. Michael Schönleben -der Ältere, Oberhüttenverwalter, und Michael Schönleben -der Jüngere, Hüttenreuther. Sie sind die Vorfahren -des Bürgermeisters Jonas Schönlebe, der Freiberg gegen -die Schweden verteidigte und die Bergmannskanzel im -Dom stiftete, und dessen Wappen heute noch an ihrem -ehemaligen Hause, Obermarkt, Ecke Erbische Straße von dem -alten Geschlecht redet, das dort für Freiberg lebte und -arbeitete. – Schließlich erwähnt die alte Urkunde das, was -in dieser Zeit gesteigerten religiösen Lebens und religiöser -Kämpfe alle Gemüter besonders bewegte, die Einigung auf -die sogenannte Konkordienformel: »Diese Zeit war die -reine heilsame Lehre, wie der Hr. D. Martin Luther seel. -durch den heil Geist ans Tage Licht bracht, sehr gefälschet, -dadurch Churfürst Augustus, der Gottes Wort lieb hatte, -geursacht, uf Wege zu denken, damit die Verführer ausgerottet, -und das Göttl. Wort lauter und klar, rein erhalten -würde, ließ die alte Augspurgische Confession ufs neue<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span> -drucken und ward ein Buch gemacht, welches man die Concordiam -nennete, welches viel Chur- und Fürsten im Reiche -unterschrieben, und alle Vornehme Theologen im Lande. -Gott helf, daß es wohl gerathe, und das Göttliche Wortt bis -an der Welt Ende bey uns bleibe.« – – –</p> - -<p>Doch wir wollen uns nun der Erneuerung von 1731 und -ihrer Urkunde zuwenden. 150 Jahre stand die Peterskirche -stolz und sicher. Die Stürme des Dreißigjährigen Krieges -und die zweimalige Belagerung und Beschießung Freibergs -hatte sie ohne Schaden überstanden, da traf sie ein furchtbares -Geschick. Unsere Urkunde berichtet: »Anno Christi. -Ein Tausend Sieben Hundert und Acht- und Zwanzig den -1. May an einem Sonnabend, ist allhier in der Stadt -Freyberg auf der Petersgasse in Johann Jakob Schossens, -eines Böttgers Hause (No. 6) vermutlich durch Fahrlässigkeit -eine Feuersbrunst entstanden, welche jähling um sich -gegriffen, und überhand genommen, daß nebst 16 in die -Asche gelegten Bürgerhäusern auch die Kirche zu St. Petri -mit dem höhesten Turm und den runden sogenannten -Hahnsturme in den Brand geraten und gänzlich verdorben, -darbey aber der Glockenthurm noch unverletzet stehen -blieben.« Wie an anderer Stelle berichtet wird, löschte -man zwar von außen her ein paar mal von den Türmen, -aber leider war in der Kirche aller Rat und Hilfe vergebens. -Der damalige Superintendent D. Wilisch, welcher -vor dem Altar auf den Knien betend lag, mußte samt den -übrigen Anwesenden der Gefahr wegen, sich zurückziehen, -und diese so schöne Kirche ward »mit allen ihren inwendigen -Gemählden und Denkmählern ein Morgenopfer der wüthenden -Flammen«. »Um Mittag brach das helle Feuer bey -dem hohen Thurme heraus und nach etlichen Stunden zerschmolz -die Saigerschelle; der Knopf aber samt seiner Spindel<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span> -fiel in die Frühpredigerwohnnung durch das Dach, jedoch -ohne zu schaden.« Außer den stark zerstörten Umfassungsmauern -und dem Glockenturm blieb nicht viel von -der Kirche übrig. Sie mußte fast völlig neu aufgebaut -werden. Unsere Urkunde sagt dazu: »E. E. Rath hat sobald -zu Wiederaufbauung der abgebranden Peterskirche sorgfältige -Anstalt gemachet, daß die äuserlichen Mauern um -in den Schiffe, in der Höhe mehreren Plaz zu gewinnen, -annoch in besagten 1728ten Jahre erhöhet, das Sparrwerk -darauf gesezet, Ao. 1729, im Chore das alte Gewölbe, -welches nach der zwar anfangs gemachten Hoffnung, nicht -zu erhalten gewesen, abgetragen, und ein neues geschlossen, -ferner ao. 1730 im Schiffe das alte Gewölbe gleichfals -abgetragen, Vier neue steinerne Pfeiler von Grund aus, -aufgeführet, und ein neues Gewölbe verferttiget, auch die -Fenster allenthalben adaptiret, in diesen 1731 Jahr aber, -die Kirche inwendig abgepuzet worden. Hiernechst hat man -bey dem eingeäscherten großen Peters Thurme zu Erhaltung -des Mauerwerks anno 1728 nur einen Schauer aufgesezet, -anno 1730 das Mauerwerk am Gesimsse ausgebessert, -mit großen neuen Ankern befestiget, und die hölzerne -Haube glücklich gehoben, solche auch ao. 1731 vollends -ausgebauet, und mit Kupffer gedecket, worauf heute den -6. July ao. 1731. Der große Knopff aufgestecket, und diese -Nachricht vor die liebe Posteritaet mit eingeleget worden.«</p> - -<p>In dem Berichte unserer Urkunde folgen nun die Namen -von Kaiser, König und Prinzen, von den Ratsmitgliedern, -Stadtgeistlichen und den Beamten des Bergamtes mit -ihren alten schönen Titeln. Dann wird über das kirchliche -Leben berichtet und daran erinnert, daß im Jahre zuvor -(1730) das zweihundertjährige Jubiläum der Augsburgischen -Konfession gefeiert sei: Hierüber ist von diesem<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span> -Jahre anzumerken gewesen: »In Ecclesiasticis, daß man -Gott sey gepreiset alhier zu Freyberg mit der Protestantischen -Kirche das Wort Gottes, rein und lauter prediget, -die beyden heil. Sacramente nach ihrer Einsetzung administriret, -und von andern Gottes Dienst, oder Religion nichts -weiß, vielmehr bey der unveränderten Augspurgischen Confession -in völliger Gewissens-Freyheit geblieben, auch in -abgewichenen 1730 Jahre, das andere Evangelische Jubileum -hochfeyerlich begangen habe.«</p> - -<p>Kurz wird über die Bergwerke u. a. berichtet: »Das -Bergwerk ist unter Göttl. Seegen aniezo in guten Flor -und Aufnehmen.</p> - -<p>In was vor Werth die Kuxe stehen, solches besagen die -beygefügten Ausbeuth-Zeddul.« Zum Schluß der Urkunde -wird über den Holzmangel bei den Bergwerken geklagt: -»indem der Preiß desselben bey dem gemeinen Einkauf -gegen eine Zeit von 10 bis 12 Jahren noch einmal so hoch -gestiegen, daß man deswegen auf Künfftigen Zeiten sich -allerhand Besorgniß machet. Jedoch auch hierbey Göttlicher -Providenz vertrauet.« –</p> - -<p>72 Jahre bis zum Jahre 1803 blieb der Turmknopf unberührt. -Da meldete der Türmer auf dem hohen Petersturme, -Johann Gottfried Drese, »daß ihm bey Zerstörung -eines Dolennestes in der obersten Kuppel dieses Turmes -faules Holz in die Hände gefallen sey«. Die nähere Untersuchung -ergab zwar keine Einsturzgefahr, jedoch mußten -größere Erneuerungsarbeiten vorgenommen werden. Als -die Kapseln für die alten Urkunden geöffnet wurden, ergab -sich, daß Feuchtigkeit eingedrungen war, obschon sie fest -verlötet schienen, und den Inhalt beschädigt hatte. »Auch -eine steckende Dunst verbreitete sich, wovon die Schriften -und selbst die beygelegten Münz Sorten einen sehr heftigen<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span> -Gestank angenommen hatten; da hingegen die im Knopfe -ohne besondere Verwahrung aufgefundenen Druckschriften -fast ganz verfault befunden wurden.« Auch hier wird über -Teuerung geklagt. Es wird »bey den immer höher steigenden -Preisen aller Lebensmittel, ein zunehmender Verfall -der bürgerlichen Nahrung bemerket, so, daß für die Zukunft, -wenn nicht dem städtischen Gewerbe durch kräftige -Maasregeln aufgeholfen wird, sehr traurige Zeiten zu befürchten -sind«.</p> - -<p>Freiberg hatte 1802 eine Einwohnerzahl von 8299 Personen.</p> - -<p>Nach kurzer Zeit, nach nur 17 Jahren, bereits im Jahre -1820, mußte die Spitze des hohen Petriturmes aufs neue -einer Ausbesserung unterzogen werden. Es stellte sich heraus, -daß das Gebälk stark verfault war und Einsturz -drohte. Es wurde daher »die Thurmspitze über dem Durchsichtigen -mit langen hölzernen Schienen belegt, mit eisernen -Ketten und starken Seilen zusammengeschnürt, und nun -mit größter Behutsamkeit, aber auch mit unaussprechlicher -Gefahr die Fahne, der Knopf und die eiserne Spindel abgenommen«. -»Der Thurm wurde dazu vom Durchsichtigen -aus, äußerlich fünfmal übereinander, in 26 Ellen Höhe -berüstet.« In dieser Urkunde werden auch einige historische -Notizen gegeben. War doch die Zeit der Fremdherrschaft -und der Befreiungskriege noch frisch im Gedächtnis. -Nachdem die Jahre 1803–1809 kurz behandelt sind, heißt -es weiter: »Nur wenig Jahre genoß Sachsen Ruhe; denn -im Jahre 1813 wurde dieses Land aufs neue von Franzosen, -Russen, Preußen und Österreichern mit Krieg überzogen -und unaussprechlich hart mitgenommen. Freybergs -Einwohner insbesondere hatten, was schon bey den im vorhergegangenen -Jahre 1812, und in den Jahren 1806, 1807,<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span> -1808 und 1809 stattgefundenen Durchmärschen zahlreicher -Heerschaaren ausländischer Kriegvölker in fast unerträglicher -Masse auch der Fall gewesen, durch kostspielige Verpflegung -dieser Soldaten nicht nur, sondern auch durch -andere, ihnen von den Heerführern und ausländischen Behörden, -welche nach der Völkerschlacht bey Leipzig im Oktober -1813, und nachdem Sachsens ehrwürdiger König in -fremde Gewalt gerathen war, unter dem Namen General-Gouvernement -dieses Land beherrschten, aufgebürdete Leistungen -unendlich viel zu dulden und die ganze hiesige -Commun kam noch überdies in Gefolg dieser anhaltenden, -bis in Jahr 1815 fortgedauerten Kriegsunruhen in eine -Schuldenlast von nahe an 200 000 Thlr. Der 18. September -1813 war insbesondere für Freyberg ein schrecklicher -Tag, indem in den frühesten Morgenstunden dieses Tags -der österreichische General Scheiter mit Freyjägern und -Dragonern hiesige Stadt, in welcher französische und westphälische -Truppen sich eingeschlossen hatten, überfiel, wobey -im Rathause ein Wachtmeister erschossen ward.«</p> - -<p>Die Einwohnerzahl Freibergs betrug 8320 Personen, -also fast genau derselbe Stand wie 1803.</p> - -<p>Berghauptmann war zu jener Zeit Siegmund August -Wolfgang Freiherr von Herder, der letzte große ungekrönte -König des Bergbaues, der Sohn des Dichters Herder, der -seinen Vornamen Wolfgang von seinem Paten Goethe erhalten -hatte. Goethe war mehrmals bei ihm in Freiberg -zu Gaste und holte sich hier Anregungen für seine mineralogischen -Studien.</p> - -<p>Den Kapseln waren auch alte Ausbeutebogen beigefügt, -aus welchen die Namen längst verschwundener Schächte -mit seltsamem altertümlichem Klange uns grüßen, ferner<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span> -ein Stadt-, Land- und Bergkalender vom Jahre 1822 und -andere Schriften.</p> - -<p>Ein gewisser Humor liegt in der Form, in welcher der -Bauschreiber des Jahres 1803 seinen Namen dem Gedächtnis -zu überliefern suchte. Auf einem Pergamentblatt von -Besuchskartengröße schreibt er in schöner Druckschrift: »Bauschreiber -E. E. Raths war im Jahr 1803 Hr. Johann -Christian Friedrich Herrmann 51 Jahre alt, mittlerer Statur, -belebten Temperaments.« Dies Blättchen hat er offenbar -heimlich mit eingeschmuggelt und so seine Verewigung -im Turmknopf erreicht.</p> - -<p>Besonders interessant sind die Beigaben von Münzen. -Im Jahre 1803 wurden die aufgefundenen Münzen der -Beigaben von 1580 und 1731 und neue Münzen in einer -sehr schönen, aus Serpentin gedrehten Dose gesammelt, zusammen -26 Münzen. Sie haben zum Teil noch Stempelglanz.</p> - -<p>Die ältesten Silbermünzen sind vom Jahre 1559 und -1580. Sie zeigen in sehr schöner Prägung, mit der sich -unsere jetzigen Münzen bei weitem nicht messen können, -auf der Vorderseite das Bild des Kurfürsten August mit -dem Kurhut auf dem bärtigen Haupte und dem Kurschwert -über der hermelingeschmückten Schulter, auf der Rückseite -das einfache sächsische Wappen mit den Kurschwertern. -Unter den Münzen von 1731 ist besonders bemerkenswert -ein Speziesthaler von 46 <em class="antiqua">mm</em> Durchmesser mit dem Bilde -des Königs Friedrich August mit lang herabwallendem -Lockenhaar mit einem Lorbeerkranz. Die Rückseite zeigt -das sächsische und das polnische Wappen unter der Königskrone. -Die Münzen des Jahres 1822 sind in einer stark -verzinnten Blechdose verwahrt. Es sind 13 Stück und sie -zeigen fast alle noch Stempelglanz. Auf der Vorderseite<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span> -das Bild König Friedrich Augusts, auf der Rückseite das -sächsische Wappen. Drei dieser Münzen sind für Freiberg -besonders bemerkenswert. 1. Ein Ausbeutethaler mit der -Umschrift auf der Rückseite »Der Segen des Bergbaus«. -2. Ein Speziesthaler von 46 <em class="antiqua">mm</em> Durchmesser. Auf der -Vorderseite das Bild des Königs in starkem Relief, matt -gehalten auf poliertem Grund, auf der Rückseite das Bild -der Grube Bescheert Glück mit der umgebenden Landschaft -und der Umschrift: »Beschert Glück Fdgr. Ohnweit Freiberg« -und der Unterschrift: »Kam in Ausbeuth im Quartal -Crucis 1786 <span class="frac"><sup>1</sup>/<sub>5</sub></span> Mark Fein Silber.« 3. Eine Denkmünze -von 67 <em class="antiqua">mm</em> Durchmesser vom Jahre 1818 mit dem Bilde -des Königs Friedrich August matt auf blankem Grund in -starkem Relief mit der Umschrift: »Friedrich August König -von Sachsen seit 50 Jahren Vater seines Volks und Beschützer -des Bergbaus«. Unter dem Kopf des Königs im -ovalen Ring einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt, -das Datum »Am 15. Sept. 1818«. Am erhabenen Rande -darunter stehen die Worte: »Gott seegne Sachsen«. Die -Rückseite zeigt das Bild der Grube Himmelsfürst, matt gehalten -auf blankem Grund, das mit seinen Fichten und -Häusern sehr reizvoll wirkt. Die Umschrift lautet: -»Himmelsfürst Fundgrube hinter Erbisdorf gab seit 50 -Jahren 1 100 458 Thlr. 16 Gr. – Ausbeute.« Unter dem -Relief ist Schlägel und Eisen angebracht und auf dem erhabenen -Rande darunter die Worte: »Gott erhalte den -Bergbau.«</p> - -<p>Hundert Jahre sind vorübergezogen, seitdem diese Münzen -dort oben im Turmknopf ihren Platz gefunden. Auch -unsere Zeit hat in ähnlicher Art der Nachwelt kurzen Bericht -überliefert und mit den Urkunden von 1822 und 1803 -im Turmknopf geborgen, während die stark beschädigten<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span> -Urkunden von 1580 und 1731 im Urkundenarchiv des Stadtrates -aufbewahrt werden. Jedoch nicht blankes, hartes -Geld nahm dieses Mal die Kapsel auf, sondern als echten -Ausdruck unserer Notzeit unser Notgeld von Papier, unsere -Nahrungsmittelkarten und Bezugsscheine.</p> - -<p>Die neue Urkunde schließt mit den Worten: »Mögen, -wenn einst diese Kapsel wieder geöffnet und diese Urkunde -gelesen wird, glücklichere Zeiten in unserem Vaterlande -sein. Möge in einem neuen stolzen Reiche ein kräftiges, -tüchtiges, junges, selbstbewußtes deutsches Geschlecht in -Frieden den Segen und die Früchte seiner Arbeit genießen -zu eigenem Glück und des deutschen Namens Ehre!</p> - -<p class="center">Das walte Gott!« -</p> - -<p>Nun ist der Mund des einsilbigen Knopfes da oben -wieder geschlossen, und ob die Sonne ihn mit heißem Strahl -durchglüht, ob der Mondenschein mit silbernem Glanz ihn -umhüllt, ob knisternd oder krachend elektrische Ströme und -Funken ihn umzucken, oder ob geschwätzige Regentropfen -auf seiner blanken Schädelwölbung trommeln, er wird -schweigend in die Ferne schauen, einsam der Einsamkeiten -tiefste schauend unter seinem Fuß, denn er ist älter als alles -Leben um ihn, er sah und hörte mehr als irgend ein Auge -und Ohr der vergänglichen Wesen dort unten, er muß -allein sein, ein Einsamer bleiben, um von Höhengedanken -beseelt seines Daseins Hochziel zu erfüllen. –</p> - -<p>Oh, hätten wir recht viele solche Knöpfe, hoch geartet, -alles überschauend, viel Inhalt, aber wenig redend!</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Spruchweisheit">Spruchweisheit in alter und neuer Zeit.</h2> -</div> - -<p class="drop">Unser Volk, das Volk der Denker und Dichter, hat immer -seiner Seele tiefstes Fühlen in feste Formen gebannt. -Nicht nur in Heldenlied und Sage, sondern auch im wuchtigen -Hünengrabe, im stolzen steinernen Male, um das -die Vergangenheit märchenhaft rauscht und raunt, im rheinischen -Dome mit der anmutigen Zier der Zwerggalerien -und Säulchen, im gotischen Münster mit himmelstürmenden -Türmen und zur Andacht geheimnisvoll zwingenden -Hallen, schaut uns die Seele unserer Vorfahren, die ja auch -unsere Seele ist, aus tiefen, mächtigen Augen an.</p> - -<p>Manche Sitte, manches Wort aus uralter, nebelgrauer -Zeit klingt noch heute in unser Kulturleben hinein, und in -Volksbrauch, Festen, Aberglauben, Namen und Zeichen -sehen wir die Spuren des Geistes germanischer Urahnen -und mittelalterlicher Gedankenwelt.</p> - -<p>Das gefundene Hufeisen, welches das Schulkind als glückbringend -heimträgt, verbindet es wie mit einer eisernen -Brücke über den Strom der Zeit und vieler Jahrhunderte -hinweg mit dem blonden Germanenkinde im deutschen Urwalde, -das im Sausen des Sturmes in den Wipfeln der -Eichen den Götterkönig von Walhall, Wodan, auf seinem -schwarzen Rosse daherbrausen sah. – Das uralte heilige -germanische Zeichen des Hakenkreuzes und das Symbol des -Sonnenrades kehrt in den Kunstäußerungen der ganzen<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span> -deutschen Vergangenheit bis auf die neueste Zeit immer -wieder.</p> - -<p>Wie der alte Germane mit Runen und heiligem glückbringenden -Zeichen das Gebälk oder die Tür seines Hauses -schmückte und jedes Gerät, jede Waffe vor allem, mit seiner -Hausmarke versah, wie er in seinen Schnitzereien in wundersamen -Rankenzügen und Verschlingungen geheimnisvolle -Dinge rätselhafter Symbolik erzählte, so ist auch in den -Steinbauten des Mittelalters das Steinmetzzeichen Rune -und Hausmarke zugleich, so spricht aus den alten Fachwerkbauten -mit ihren eigenartigen Balkenstellungen und Holzverteilungen -eine tiefe Symbolik, die allerlei menschliche -und übersinnliche Beziehungen auszudrücken vermochte.</p> - -<p>Die bunten Schnitzereien der Holzhäuser in unseren -mittelalterlichen Städten sind nicht nur lustiger, sinnloser -Zierrat. Nein, sie sollen auch etwas sagen und erzählen -und dadurch dem Hause einen besonderen Charakter und -geistiges Antlitz geben. Das geistige Leben und das, was -die Erbauer besonders erfüllte und beschäftigte, wird darin -offenbar und lebendig.</p> - -<p>Sinnvolle Beziehungen zwischen dem Hause und seinen -Bewohnern, zwischen Gerät und dem Besitzer fanden ihren -Ausdruck und drängten sich zusammen in einem Bildwerk -oder einer Tafel oder einem Hausspruch oder einem Schmuckstück -eigenwilliger Art.</p> - -<p>Persönliche Erlebnisse und Anschauungen und die großen -Zeitereignisse spiegeln sich oft darin wieder, und es ist -darum die Sammlung und Erforschung solcher Haussprüche -und Gerätesprüche, wie sie z. B. die Vereine für Volkskunde -betreiben, ein wichtiger Beitrag zum Lebens-, Kultur- und -Geistesbilde unseres Volkes.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span></p> - -<p>Während in früheren Zeiten der Städte wohl jedes Haus -seinen besonderen Namen trug, ist dies auch in kleinen -Städten heute fast nur noch bei den Wirtshäusern, Gasthöfen -und Apotheken erhalten geblieben.</p> - -<p>Wie anheimelnd klingen Namen von Bürgerhäusern wie -z. B. »Das Haus zur weißen Tür«, der Löwe, der grüne -Sittich, das goldene Schiffchen, zum Läubchen, der Lindwurm, -usw. Ein Haus in Würzburg hieß »Zum großen -Schmied Wieland«. Das Haus hatte einst wohl einem -Schmied gehört, der sein Haus nach dem alten deutschen -Patron der Grobschmiede nannte. Der Lindwurm und der -Schmied Wieland führen uns so aus lebendiger Gegenwart -zur deutschen Sagenwelt, zu den frischen Quellen der Jugend -unseres Volkstums zurück, das Haus »Silberschmied zum -gekrönten Hecht« an den Märchenborn sonniger Kinderträume. -Manche solcher kleinen Namenskleinodien sind -noch hier und da zu finden und zu erlauschen.</p> - -<p>Die Erhaltung solcher Namen und charakteristischer -Hauszeichen, wo man sie nur finden mag, ihr Schutz vor -Entstellungen oder ihre künstlerische Ausgestaltung in wirksamster -Weise sollte eine besondere Sorge ihrer Besitzer und -aller Heimatfreunde sein.</p> - -<p>Eine Sammlung aller Hauszeichen, Hausmarken, -Spruchbilder, Innungszeichen u. dgl. würde uns manche -ungeahnten Schätze deutscher Kunstübung und deutschen -Wesens vor Augen führen und zeigen, woran wir lernen -können, wie in früheren Jahrhunderten Reklame mit -Kunst und kerniger Volksweisheit, tiefes Empfinden mit -praktischem Wollen und Können Hand in Hand gingen.</p> - -<p>Schauen wir uns nur um in den alten Städten und -forschen wir in dem Erbe, welches unsere Väter in den -Straßen und Plätzen, in Kirchen und Häusern, in Akten<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span> -und Archiven hinterlassen haben, reicher und reicher werden -die Quellen fließen. Für uns selbst und für unsere -Zeit und Zukunft werden wir gewinnen! Paul Graf von -Hoensbroech sagt in seiner Schrift »Wenn die Toten erwachen«:</p> - -<p>»Nehmet die Wünschelrute deutschen Findergeistes in die -Hand, durchwandert mit ihr die deutschen Städte, die deutschen -Fluren, die deutschen Wälder, die deutschen Berge: -und ihr werdet Quellen finden und erschließen, aus denen -Tiefsinn und Schlichtheit, Schönheit, Großartigkeit und -Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit in -Überfülle hervorsprudeln als segenspendende Ströme für -unser Volk und für die Welt.« –</p> - -<p>Der alten Berghauptstadt Freiberg hat in älterer Zeit -nicht nur der Silberbergbau, der seine kulturfördernde -Kraft für das ganze Land segensreich erwies, sondern auch -die sich herausbildende Eigenart des echt deutschen Volkslebens -und blühender bergmännischer Sitten und Gebräuche -ein besonderes Gepräge gegeben.</p> - -<p>Der Bergbau ist freilich zur Rüste gegangen, und die -alten charaktervollen Bergmannsgestalten sind verschwunden. -1913 wurde die letzte Schicht verfahren. Aber in -tausend Erinnerungen lebt sein Wesen und der Ausdruck -seiner besonderen Art in Freibergs Mauern noch weiter. -Versetzen wir uns einmal in die noch nicht gar lange entschwundene -Zeit zurück, um manches Gewordene und Erhaltene -zu verstehen, nehmen wir die Wünschelrute deutschen -Findergeistes, mit welcher gerade der Bergmann so -häufig nach verborgenem Erze forschte, zur Hand, und wir -werden wertvolle Aufschlüsse finden.</p> - -<p>Der Bergmann, welcher in der stummen, geheimnisvollen -Tiefe seiner dunklen Schächte sein Berufsleben abgeschlossen<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span> -verbringt, erhält eine ganz besondere Ausprägung -des Charakters. Sein geistiges und seelisches -Leben wird dort unten wunderbar berührt und angeregt. -Bei den gefahrdrohenden Mächten der Tiefe, die nur spärlich -sein Grubenlicht erhellt, streckt sich und sehnt sich sein -Inneres zum Licht: In der Weltentrücktheit baut er sich -in seinem Inneren eine neue Welt auf, in der auch bunte -Kristalle der Phantasie und Silberadern geistiger, höherer -Werte schimmern.</p> - -<p>Fromm und gottesfürchtig, arbeitsam, zufrieden und -genügsam, dabei auch oft voll kecken Übermutes und Freude -an Scherz und Neckerei, steckt er voller Spruchweisheit. Er -drückt gern sein Empfinden in Reimen und Verszeilen aus. -Die Bergsänger mit ihren »Bergreyhen« erinnern an die -Barden, die einst das Heldenlied pflegten, oder an die -Bänkelsänger, welche von Ort zu Ort zogen. Die Bergmusikanten -mit ihren Liedern und eigenartigen Instrumenten -waren überall im ganzen Lande gern gesehene -frohe Gäste. So ist es denn nicht wunderbar, daß gerade -in Freiberg eine Fülle von Reimen und Zeilen alter -Spruchweisheit erhalten und durch die Überlieferung bewahrt -geblieben ist, daß auch heute noch in Freiberg so -mancher ehrwürdige Hausspruch und bergmännischer Zierrat -uns grüßt, und daß diese echt deutsche, uralte Sitte, -durch Sinnbild und Sinnspruch zum Denken und sinniger -Betrachtung anzuregen, oder durch Sprichwort oder Neckwort -zu mahnen, zu reizen oder zu spotten, auch in weiteren -Kreisen heimisch wurde und sich auf allerlei Geräte -und Stellen ausdehnte, an denen sonst ein Spruch nicht -gesucht wird.</p> - -<p>Ein besonders reimfreudiges, verslustiges Völkchen -scheinen auch die Ziegelstreichergesellen gewesen zu sein,<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span> -die oft mit großem Geschick ihre Einfälle den Dachziegeln -anvertrauten. Von der Rechnung des Wirtes im schwarzen -Walfisch zu Askalon, die für den seßhaften Gast in Keilschrift -auf sechs Ziegelsteinen eingegraben stand, war ihnen -sicher nichts bekannt, denn viele Jahre später erst sang -Scheffel sein feuchtfröhliches Lied. Auch die beschriebenen -Tontafeln von Babylon und Ninive waren ihnen fremd, -denn sie harrten noch tief unter Schutt und Lehm der -Ausgrabung, Auferstehung und Deutung. Aus sich selbst -heraus fanden die Ziegelstreicher den naheliegenden Zeitvertreib, -sich ihre einförmige Arbeit durch eingeritzte Inschriften -auf den Dachziegeln zu verkürzen. In den bildsamen, -lufttrockenen, weichen Dachziegel ist mit einem -spitzen Werkzeug oder eisernem Griffel die Schrift und -Verzierung ziemlich tief eingegraben. Dann sind die -Ziegel kräftig gebrannt und beliebig auf diesem oder -jenem steilen Dache, manchmal sogar mehrere zugleich, mit -den anderen weniger ausgezeichneten Ziegelgenossen verlegt -worden. Der älteste dieser Ziegel trägt die Inschrift -»Anno 1692. J. W.«, der jüngste stammt aus dem Jahre -1839.</p> - -<p>Es mag für die Ziegelstreicher ein lustiger, lockender Gedanke -und vielleicht manchmal nicht ohne gewisse Anzüglichkeit -gewesen sein, daß ihre Einfälle und Inschriften hoch -über der Straße den Augen der Menge entzogen waren, aber -doch ein heimliches Dasein und Leben hatten, und zwar -nur vielleicht einmal einem Essenkehrer oder Ziegeldecker, -den Wolken und Vögeln sichtbar wurden, aber doch einem -späteren Geschlechte von ihnen künden konnten, wenn vielleicht -längst ihr Leib in Staub zerfallen war. Denn nur -durch Zufall beim Umdecken alter Dächer kommen auch -heute noch ab und zu solche Ziegel zum Vorschein. Auf<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span> -manchen alten Dächern in Freiberg mögen noch hie und -da solche bemerkenswerte Ziegel ruhen, aber die meisten -mögen verwittert, zerbrochen, mit Kalk verschmiert, verrußt, -unleserlich und unkenntlich geworden oder verlorengegangen -sein. Einzelne dieser seltsamen Ziegel sind in -Privatbesitz gelangt. Eine größere Anzahl befindet sich im -Museum des Freiberger Altertumsvereins, dem König-Albert-Museum. -Die Schrift ist klar und leserlich in -schönem Schwunge und Verteilung meist in lateinischen -Druckbuchstaben scharf in den Ziegel geritzt und am Rande -des Ziegels durch Zierlinien in Bogenzügen schmückend -eingerahmt und abgegrenzt. Bei manchen dieser Ziegel -fühlt man es, mit welcher Freude und Stolz der Schriftkünstler -sein kleines bescheidenes Meisterwerk so schön wie -nur möglich gestaltete und seine Geschicklichkeit zeigte.</p> - -<p>Was schrieben nun jene einfachen Menschen auf die -Dachziegel? – Das, wovon ihr Herz gerade voll war!</p> - -<p>Da standen z. B. ein paar Gesellen im Ziegelschuppen, -hatten Frühstückspause, neckten sich, und sprachen von ihren -Mädchen oder Frauen: der brummige Alte dort hatte wohl -öfter über sein Hauskreuz geklagt. Ihm schreibt der -Schriftkundige das steinerne Stammbuchblatt, das er selbst -dann rasch in den Brennofen schafft:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ein altes Weib, ein Tudelsack,</div> - <div class="verse indent0">das sumpt und brummt den gantzen Tag.</div> - <div class="verse indent8">1822.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Wenn nur nicht seine Alte etwas davon erfährt! Jener -Schwarze dort mit den funkelnden Augen hat viel Glück -bei den Mädchen. Sie laufen ihm nach, er küßt sie und -lacht und sagt zu seinen Gesellen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Alle Mätchen auf der Erden</div> - <div class="verse indent0">wollen gern geweibet werden.«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p> -<p class="noind">Er denkt natürlich von ihm selbst geweibet und meint wohl: -»Da habe ich noch lange Zeit und große Auswahl für die -»Heurath«, sonst gehts mir wie unserem Alten dort mit -seinem Stammbuchblatt.« Flugs schreibt man dem Schwarzen -sein Verschen von den »Mätchen« auf den Dachziegel -und setzt den Tag, »den 9. Juni 1822« darunter.</p> - -<p>Ob er sein Glück gefunden hat?</p> - -<p>Es klingt nicht gar so glücksgewiß von einem Ziegel von -1834:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Es ist kalt, es ist kalt,</div> - <div class="verse indent0">Und ist doch kein Winter.</div> - <div class="verse indent0">Liebt mich mein Schatzgen nicht</div> - <div class="verse indent0">Hol sie der Schinder.</div> - <div class="verse indent6">den 28. Juni 1834.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ein anderer Ziegel, mit dem Datum »d. 9. Juli 1835« und -einem Monogramm gezeichnet, sagt schmachtend:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wenn ein hübsch Weibchen</div> - <div class="verse indent2">kommt zu mir</div> - <div class="verse indent0">Da mein ich es recht gut</div> - <div class="verse indent2">mit ihr.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Vielleicht ist der Schwarze doch noch sitzengeblieben und -vertraut seine Sehnsucht, Anschluß zu finden, dem nicht gar -so redseligen Ziegel an. Der steinerne Liebesruf oder -Liebesbrief hoch auf dem Dache wird kaum ein weibliches -Herz erweichen.</p> - -<p>Ein anderer Ziegelstreicher, namens Oehlschlegel, hat -eine höhere Auffassung von seiner Zukünftigen und vertraut -seine Wünsche im Jahre 1832 in folgenden Zeilen -dem Ziegel an.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»O Liebe willst du mich erfreun,</div> - <div class="verse indent0">so laß mein Weib einst also sein,</div> - <div class="verse indent0">recht schön damit sie mir gefällt,</div> - <div class="verse indent0">klug, daß sie mich beständig hält,</div><span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span> - <div class="verse indent0">und endlich wünsch ich sie auch reich</div> - <div class="verse indent0">Doch ist sie nicht getreu zugleich</div> - <div class="verse indent0">so sey sie englisch von Gesicht</div> - <div class="verse indent0">und klug und reich, ich mag sie</div> - <div class="verse indent0">nicht.«</div> - <div class="verse indent6"><em class="gesperrt">Oehlschlegel</em></div> - <div class="verse indent10">1832.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Er mag sein Ideal gefunden haben.</p> - -<p>Wir wollen ihm wenigstens die Inschrift des Ziegels -gönnen, aus welcher das ersehnte und erfüllte Glück strahlt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Dich besten Engel, schönes Weib,</div> - <div class="verse indent0">Dich lieben ist mein Zeitvertreib.</div> - <div class="verse indent6">den 16 July 1836.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das Verhältnis zu dem anderen Geschlecht behandeln -die Inschriften öfter, denn offen wird eingestanden:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Auf den Walltersdorffer</div> - <div class="verse indent2">Ritterguth sind die</div> - <div class="verse indent0">Mädgen den Bürschgen gut</div> - <div class="verse indent2">den 8 Sept. 1810.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das steht auf einem Firstziegel und scheint in Waltersdorf -gute Tradition zu sein, denn 1838 heißt es:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Der Ziegeldecker dreht sich</div> - <div class="verse indent2">wie ein Rädchen,</div> - <div class="verse indent0">Er liebet auch die hübschen Mädchen.</div> - <div class="verse indent6">Waltersd. Zieg.</div> - <div class="verse indent8">den 22 Mai</div> - <div class="verse indent10">1838«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Es wird auch der Weg zur Gunst der Schönen gewiesen:</p> - -<div class="center s90"> -»Wer bey Jungfern will gut stehn,<br /> -muß wissen mit ihn umzugehn.<br /> -Freybergische Hochedle<br /> -Rats Ziegelscheune<br /> -d. 22 Juni<br /> -1810.« -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span></p> -<p class="noind">Sie mögen es wohl öfter ausprobiert haben in lustigen -Stunden:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Alte Thaler und junge Weiber</div> - <div class="verse indent0">sind die besten Zeitvertreiber.«</div> - <div class="verse indent8"><em class="antiqua">F. C. Z.</em> 1835.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Oder aus dem Jahre 1813 kurz und bündig:</p> - -<div class="center s90"> -Vivat es lebe Wein und Liebe<br /> -1813<br /> -<em class="antiqua">F. H. R. Z.</em> -</div> - -<p>Doch die leichte Ware dieser Gattung scheint doch nicht -so ganz nach ihrem Geschmack zu sein:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Jungfern, die des Nachts auslaufen</div> - <div class="verse indent0">sind um leichtes Geld zu kaufen.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">und mit Spott singt er dann, wenn die Folgen sich herausstellen, -das Verschen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ey Mutter, kocht Ludeln, thut Gundeman nan,</div> - <div class="verse indent0">mein Freyer wird kommen, wird Stiefeln anham,</div> - <div class="verse indent0">ach wenn er nur käm, und das er mich nähm</div> - <div class="verse indent0">und das der Spektakel von Leuten wegkäm.«</div> - <div class="verse indent10">E. z. F.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ja, es tauchen in dieser Beziehung Verse auf so derber -Art, daß man nicht bedauern kann, daß sie oben auf dem -Dache so wenige, seltene Leser fanden. Vielleicht ist -mancher dieser Ziegel mit heimlicher Anspielung auf einen -Bewohner oder Bewohnerin auf diesem oder jenem Dache -verlegt worden.</p> - -<p>Andere Verse reden von dem, was gut schmeckt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Fische, Vögel und Forellen</div> - <div class="verse indent0">essen gern die Ziegelmachergesellen.</div> - <div class="verse indent4">Waltersdorffer Ziegelscheine</div> - <div class="verse indent6">den 28 May 1805.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Von den Vögeln wird der Martinsvogel am wenigsten -verachtet:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Im Sommer mögen sich die Gänse baden,</div> - <div class="verse indent0">Um desto schöner schmeckt uns dann ihr Braten.</div> - <div class="verse indent8">den 7 July 1810 J. J. W.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Dieser J. J. W. ist ein Arbeiter, namens Wolf, der in der -»hochedlen Ratsziegelscheune« tätig war und in manchem -Verslein sich verewigt, so manchen raschen Einfall nicht zu -Papier, sondern zu Ziegel, Brand und Dach gebracht hat:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Man gebe auf die Trescher acht,</div> - <div class="verse indent0">damit das Stroh wird rein gemacht.</div> - <div class="verse indent6">den 11 Sept. 1819</div> - <div class="verse indent8">J. J. W.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">oder:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Nun kömmt die kalte Winterszeit, man sorge</div> - <div class="verse indent2">für ein warmes Kleid.</div> - <div class="verse indent0">Freybergische Hochedl. Raths Ziegelscheine, den 15</div> - <div class="verse indent0">Okt. 1812. J. J. Wolf. Ein sehr kalter Wind.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">oder:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wenn Schnee und kalte Winde blasen,</div> - <div class="verse indent0">verfolgt der Reuter und sein Hund die Haasen.</div> - <div class="verse indent4">Freybergische Ziegelscheine. 1811.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Eine Hasenjagd im Schneetreiben zu Pferde scheint nach -heutigem weidmännischem Brauch etwas eigenartig zu sein. -Oder wurde der arme Meister Lampe vor hundert Jahren -gehetzt, wie man heute noch hie und da, namentlich in -England, den Fuchs hetzt?</p> - -<p>In einem inneren Zusammenhang stehen drei Ziegel, -die von der Liebe und Freude des schlichten Ziegelstreichers -an der Natur erzählen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Der Landmann streut mit allem Fleiß</div> - <div class="verse indent0">den Saamen in die Erde aus.</div> - <div class="verse indent6">d. 2 May 1839.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">In jenem Jahre muß die Saat recht spät in den Boden -gekommen sein! Aber 14 Tage später macht er einen<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span> -schönen Waldspaziergang und denkt dann beim eintönigen -Ziegelstreichen seiner grünen Freude:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Geh ich in den grünen Wald,</div> - <div class="verse indent0">sing die Vöglein jung und alt.</div> - <div class="verse indent4">Waltersdorffer Ziegelscheune</div> - <div class="verse indent8">den 15 Mai 1839.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Fünf Wochen später freut er sich des wogenden Ährenfeldes:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Begrüßt das schöne Saatenfeld,</div> - <div class="verse indent0">wo schlank der Halm die Aehre hält.</div> - <div class="verse indent10">W. Z.</div> - <div class="verse indent6">den 21 Juni 1839.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">W. Z. bedeutet »Waltersdorffer Ziegelscheune«.</p> - -<p>Ziegelinschriften politischer Art oder mit Anspielungen -auf Zeitereignisse kommen kaum vor. Der Gesichtskreis -der Leute war eng, und was außer diesem engen Kreise -lag, berührte ihr Herz wenig. Nur in einer Inschrift -eines Ziegels aus der Burgstraße klingt es wie ein Nachhall -der napoleonischen Zeit:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Trompet und Trommelschall ruft oft zum</div> - <div class="verse indent2">Krieg und Tod. Nie freue uns der Krieg,</div> - <div class="verse indent2">um Frieden bitte Gott!</div> - <div class="verse indent0">Freybergische Hochedl. Raths-Ziegelscheune</div> - <div class="verse indent8">Wolf. 1817«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Seit den fröhlichen Verslein von 1810, 1812 und 1813 -waren die Befreiungskriege an unserem wackeren Wolf -vorübergebraust, und da findet sein Griffel ernstere Worte. -Doch eine bittere, ernste Inschrift dürfen wir unserem Ratsziegeldichter -Wolf noch zuschreiben, welche auch in der -heutigen Zeit von vielen Dächern als Klageschrei in unsre -Ohren schallen könnte. Der Ziegel stammt bezeichnender- -und sinniger Weise von einem alten, abgetragenen Grufthause -des Donatsfriedhofes, als ob dort die letzte Ruhestätte<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span> -für Glaube, Liebe, Treu und Recht zu finden wäre. -Die Inschrift lautet:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Glaube, Liebe, Treu und Recht haben sich alle vier</div> - <div class="verse indent0">schlafen gelegt und wenn sie werden wieder</div> - <div class="verse indent0">auferstehn, wirds besser in der Welt aussehn.</div> - <div class="verse indent8"><em class="antiqua">F. H. R. Z.</em> d. 21 Juni 1811.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Die Buchstaben bedeuten: <b>F</b>reybergische <b>H</b>ochedle <b>R</b>aths-<b>Z</b>iegelscheune.</p> - -<p>Wir schauen in unsere Zeit und fühlen die Bitterkeit, -den Schmerz und doch wieder Glaube und Hoffnung auf -eine bessere Zukunft, wie Wolf es in seiner Inschrift ausgesprochen. -Notzeit ist heute, da uns dieser Ziegel vor -Augen liegt. Notzeit war, als er geschrieben wurde. Eine -eigenartige Fügung will es, daß ein Ziegel mit ähnlicher -Inschrift aus ähnlicher Notzeit in diesen Tagen in Mecklenburg -zufällig beim Umdecken der Kirche in Lübz gefunden -wurde:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Globen, Leiw, Tru und Recht</div> - <div class="verse indent0">Hebben sick all 4 slopenlegt.</div> - <div class="verse indent0">Un wenn sei weder uperstahn,</div> - <div class="verse indent0">Ward beter in dei Welt hergahn! Lübz 1628.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Die Zeit des dreißigjährigen Krieges, in der diese Zeilen -in den Ziegel gebrannt wurden, hat mit der Zeit von 1811 -und mit der Gegenwart, an die der Spruch nun seine -Weisheit richtet, vieles gemeinsam. Sorge jeder, daß -Glaube, Liebe, Treu und Recht auferstehen mögen!</p> - -<p>Ganz andrer Art als die Ziegelstreichersprüche, welche -nicht für die breite, sondern nur für die »höchste« Öffentlichkeit -bestimmt waren, sind freilich die Sprüche, welche -uns von den Portalen grüßen. Verdanken die Sprüche auf -den Dächern wohl meist nur einer scherzhaften oder verliebten -Laune oder einem Zeitvertreib ihr Dasein, so sind -die Sprüche an den Portalen Haussprüche, welche uns tief<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span> -in die Seele derer schauen lassen, die sie einst anbringen -ließen, Sprüche, die jedem Vorübergehenden etwas sagen -sollten.</p> - -<p>Die ältesten stammen aus einer Zeit, da das Innere der -Menschen und Völker aufgewühlt war durch die Fragen -der Religion, durch Glaubenskämpfe und Gewissensnot, da -eine neue Weltanschauung sich Bahn brach.</p> - -<p>In der Petersstraße, dicht am ehemaligen Peterstor, -steht ein schlichtes Bürgerhaus mit gotischem, reichem Portal, -einfachen Fensterwänden aus Sandstein mit Stabwerk. -Im Erdgeschoß befinden sich reichgewölbte Räume -mit Sterngewölben von besonderer Pracht und Wucht. Der -Bürgermeister Nikolaus Monhaupt erhielt 1469 vom -Papste die Erlaubnis zum Bau einer Hauskapelle. Hier -baute er sich diese Kapelle in seinem Hause und überspannte -sie mit diesen kunstvollen Gewölbebildungen, deren Rippen -zu reichgegliederten Mustern sich zusammenschließen. -60 Jahre später, im Jahre 1529, wurde hier, der Überlieferung -nach von Martin Luther persönlich, zum ersten Male -das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht, an -welchem auch die Herzogin Katharina, Herzog Heinrich des -Frommen Frau Käthe, heimlich teilgenommen haben mag. -Die Schauseite des Hauses ziert eine alte Schrifttafel aus -Sandstein, welche auf diesen Vorgang hinweist. Die Inschrift -besteht aus lauter anscheinend zusammenhanglosen -einzelnen Buchstaben. Es sind die Anfangsbuchstaben der -Einsetzungsworte des heiligen Abendmahles. Die Überschrift -bilden die Buchstaben: <em class="antiqua">V · D · M · I · Æ ·</em>, d. h. <em class="antiqua">verbum -domini manet in aeternum</em>, oder zu deutsch: Gottes -Wort bleibet ewig. In der untersten Zeile findet sich die -Jahreszahl 1529, aus welchem Jahre auch offenbar die -Tafel stammt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span></p> - -<p>Dieser Reformationsspruch, ein Kampfruf und Wort des -mutigen Bekenntnisses, findet sich und war auch noch an -anderen Freiberger Häusern angebracht, sei es auch nur in -Anfangsbuchstaben, sei es in der deutschen Form, wie am -Hause Pfarrgasse 18: »Gottes Wort Bleibet Ewik.« mit -der Jahreszahl 1528. Sechs Jahre also nach Luthers Übersetzung -des neuen Testamentes wurde einer seiner Kernsprüche -an einem schlichten kleinen Bürgerhause zu Freiberg -in Stein gehauen.</p> - -<p>Luthers Lehre war damals verboten, ihre Anhänger -wurden verfolgt. Die Häuser mit diesem Spruch waren -die Stätten, an denen sich die Bekenner der neuen Lehre -trotz Not und Verfolgung zusammenfanden, um in der Gemeinschaft -Kraft und neue Erkenntnis zu suchen. Ein -tapferer Mut gehörte dazu und ein festes Herz, sein Haus -unter dieses Zeichen zu stellen. Bald freilich schwand unter -Herzog Heinrichs milder Hand die Gefahr, und er selbst -ließ u. a. an besonders eigenartiger Stelle diesen Spruch -anbringen: <em class="antiqua">Verbum domini manet in aeternum</em> findet sich -nämlich mit der Jahreszahl 1538 und dem Sächsischen und -Freiberger Wappen sogar auf einer Bronzekanone, die der -Gießer Hilger in Freiberg für den Herzog goß. Die Kanone -sollte als Glaubenskünderin so ihre Stimme nach seiner -Meinung besonders wirksam und überzeugend zur Geltung -bringen. Das ganze Denken war damals von diesen Fragen -bewegt und suchte überall Ausdruck zu finden.</p> - -<p>Auf zahlreichen Glocken des Erzgebirges aus der Gießhütte -der Hilliger ist dieses Wort in Erz geprägt und ruft -sein Bekenntnis mit eherner Stimme in die Enge der -Herzen und Häuser und in die Weite der Welt. Auch in -der Johanniskirche zu Leipzig trug die größte Glocke, welche<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span> -Wolf Hilliger 1553 goß, die Bekennerinschrift: <em class="antiqua">Verbum -domini manet in aeternum.</em></p> - -<p>Auch auf einem der »Kleinodien« der Freiberger Bergknappenschaft, -auf dem silbernen Sinnbilde des Bergbaues -»Schlägel und Eisen«, findet sich dieser Reformationswahlspruch -in lateinischer Sprache mit der Jahreszahl 1534. Es -ist dies ein Beweis, wie gerade auch die Bergleute sich mit -Feuereifer der neuen Lehre annahmen und in den Mittelpunkt -ihres Daseins stellten. Wird doch auch überliefert, -daß die Bergleute 1517 den Ablaßmönch Tetzel vertrieben, -verprügelt und um seine Gelder erleichtert hätten.</p> - -<p>Auf einem Spruchband dieses Kleinodes von 1534 findet -sich noch der Spruch: »Die Heier, die sind hochgenant, sie -ritzen uf manche feste band mit ihren klugen Sinnen, darmid -sie es gebinen.«</p> - -<p>Tiefer religiöser Sinn spricht noch aus vielen anderen -dieser alten Sprüche: Donatsgasse Nr. 23 schmückt das Haus -eine Tafel mit dem Bilde eines Bergmannes, der einen -Barren Erz trägt, und mit dem Spruche:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ich · Weis · das · Mein · Erlöser · lebt · 1 · 5 · 6 · 1 ·</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das Gedächtnis der Reformation wird gefeiert im Jahre -1617 durch einen lateinischen Spruch, der an der alten -Löwenapotheke angebracht ist:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Sunt iubilo D. Mart. Luth.</em></div> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">magna huius pars est extructa</em></div> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">habitaculi in anno quo vox in</em></div> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">caetu est iubila laeta canens.</em></div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">D. h.: »Ein großer Teil dieser Häuser ist an dem Jubelfeste -<em class="antiqua">Dr.</em> Martin Luthers errichtet worden, in dem Jahre, in -welchem die Gemeinde frohe Jubellieder anstimmte.«</p> - -<p>Zur Zeit dieser Jubellieder ahnte man nicht, daß das -deutsche Land vor dem unermeßlichen Elend des dreißigjährigen<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span> -Krieges stand, so wenig wie man 1913 bei der -hundertjährigen Jubelfeier der Schlacht bei Leipzig ahnte, -daß der Weltkrieg mit all seinem Elend und furchtbarem -Ausgang vor der Türe stand.</p> - -<p>Luthers Geist und kernige Art spricht auch aus dem -kurzen Hausspruch von Burgstraße Nr. 10, der auf das -stärkste Fundament für inneren und äußeren Aufbau weist:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich bau auf Gott« 1736.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Inniger Glaube, Gottvertrauen und Frömmigkeit klingt -aus der Inschrift eines Hauses der Erbischen Straße:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»1669. Der Hüter israel kann durch der Engelscharen</div> - <div class="verse indent6">Diß Hauses Thür und Pfost für immer uns bewahren,</div> - <div class="verse indent6">Hilf, daß ein jeder Christ, o Jesu, Lebensthür,</div> - <div class="verse indent6">Der diese Schwell betrit Dich tieff in Hertze führ.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Ein Haussegen ähnlicher Art ist der Spruch des Hauses -Erbische Straße 9:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Die Engel des Herrn behüten, bewahren dieses Haus,</div> - <div class="verse indent0">Alle, so bei Tag und Nacht hier gehen ein und aus.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Dieser Gedanke, das Haus unter den Schutz der Engel -Gottes zu stellen, findet auch in symbolischer Form seinen -Ausdruck. Das schöne Portal am Obermarkt, welches mit -seinen reichen Formen dem Meister des Georgentores in -Dresden, Schickentanz zugeschrieben wird, eines der frühesten -Werke der Renaissance in Sachsen, schmücken im innersten -Türbogen drei Engelsköpfe. Nach dem mittelsten Kopf -züngeln zwei delphinartige Ungeheuer. In künstlerischer -Form sagt hier der Erbauer, daß die Engel Hüter vor den -züngelnden Mächten des Bösen und des Unheils an »des -Hauses Tür und Pfost« sein sollen.</p> - -<p>Gottvertrauen und Lebensmut spricht auch aus einer -Haustafel aus neuerer Zeit mit folgenden Worten:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Im Jahre 1846 d. 23 Juli Nachts ¼ auf 12 Uhr</div> - <div class="verse indent0">Wurde dieses Haus durch den Blitz ein Raub.</div> - <div class="verse indent0">Der Jahre 1846–47 wurde es neu erbaut.</div> - <div class="verse indent0">Wird Gottes heiliger Schild uns decken,</div> - <div class="verse indent0">Wird auf uns ruhen Seine Hand,</div> - <div class="verse indent0">Dann kann der Donner uns nicht schrecken</div> - <div class="verse indent0">Und nicht des Blitzes schneller Brand:</div> - <div class="verse indent0">Denn Treu wird Tag und Nacht</div> - <div class="verse indent0">Dann unser Haus bewacht.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="mright s90"> -Johann Gottfriedt Kunadt.« -</p> - -<p>Dasselbe treuherzige Gottvertrauen, wie aus diesen -Versen klingt auch aus einem alten Wirtshausschild, das -der ehrwürdige Gasthof zum Goldenen Löwen zugleich als -Sinnbild und Haussegen an seiner Schauseite zeigt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Diß gast Hof Stehet in Gottes Handt</div> - <div class="verse indent0">Zum Gülden Löwen wird es genant.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>An einem anderen Hause Alt-Freibergs ist sogar der seltene -Fall zu verzeichnen, daß sich der Bauherr und der -Baumeister verewigt haben. Es ist dies das kleine freundliche -Stadttheater, welches 1790 aus einem alten, stattlichen -Bürgerhause, gegenüber der Nikolaikirche, und benachbarten -Gebäuden zum Theater umgebaut wurde und allmählich -sich zu seiner jetzigen Gestalt entwickelt hat. 1880 -fand der letzte größere Umbau statt, bei dem noch schöne -Schmuckteile gefunden wurden. – Dieses Bürgerhaus erbaute -sich einst der ehrwürdige Magister Caspar Neander, -Prediger an St. Nikolai, der dort im Anfange des -17. Jahrhunderts seines Amtes waltete. Er schmückte sein -Haus mit einem reichen Renaissanceportal mit ornamentierten -Tragsteinen für die profilierten Balken, mit reich -gemalten Holzdecken, die er mit schönen Profilen und vergoldeten -Holzknöpfen besonders verzieren ließ. – Es ist -bemerkenswert, daß dieser wackere Prediger auch die<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span> -Schätze dieser Welt durchaus nicht verschmähte, sondern -glücklich mit Bergwerkswerten spekulierte und gute Kuxe -hatte, so daß er sich davon dieses stattliche Haus bauen -konnte, wie er in seiner Inschrift mit dankbarem Gemüt -mitteilt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Dis Haus Und all mein Fähr und Haab</div> - <div class="verse indent0">Der Reiche Gott Aus milder Gab</div> - <div class="verse indent0">Mir Bscheret hat durch Ausbeuth guth</div> - <div class="verse indent0">Der halts auch stets in seiner Huth.</div> - <div class="verse indent6"><em class="antiqua">M. C. N. C.</em> 1623.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>1623, als der große Krieg schon fünf Jahre im Lande -war, blühte also der Bergbau noch ruhig fort, brachte Geld -und Gut, »Fähr und Haab« und ließ dieses stattliche Haus -erstehen. – Vielleicht hat aber der würdige Amtsprediger -Neander doch zuviel nach unwürdigem Irdischen getrachtet, -denn wie überliefert wird, ist er schon 1626 seines Amtes -entsetzt worden. Bei der Belagerung Freibergs durch die -Schweden unter Torstensson 1643 war er aber wieder Garnisonfeldprediger -und stand seinen Mann in schwerer Zeit.</p> - -<p>Sein Baumeister, der »Mewrer« Michael Kästner ist -nicht bei der Errichtung des Hauses mit der Welt so zufrieden -wie Neander, denn ihm hat man beim Bau und -nachher offenbar das Leben schwer gemacht, die Besserwisser -und Alleskönner, die Pflastertreter und Bierbankweisen -müssen ihn recht gekränkt haben, denn er läßt in -den Sandstein hauen und ruft uns über 300 Jahre zu und -in das bunte Marktgewühl hinein:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Man sagt wer baun Thut an die Gassen</div> - <div class="verse indent0">Muß manchem Eine Feder lassen</div> - <div class="verse indent0">Wenn ich es dann also wil han</div> - <div class="verse indent0">Lieber was geht es dich doch an.</div> - <div class="verse indent8">Michael Kästner Mewrer m 1623.«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span></p> -<p class="noind">Michael Kästner war offenbar ein Mann mit selbstsicherem -Wesen, der sich nicht das Reden und den Spott übler Zeitgenossen -viel anfechten ließ.</p> - -<p>Hier über diesen Platz am Stadttheater, den Buttermarkt, -raunt noch ein anderer Spruch, freilich nicht in Stein -gehauen, aber im Volksmund lebendig: »Himmel, Hölle, -Teufelskapelle.« Es liegt dort nämlich dem Theater -gegenüber die Nikolaikirche, und zwischen beiden am Platz -die alte Gastwirtschaft »Zur Hölle!« »Es hatten drei Gesellen -ein fein Kollegium.« Ein Reim oder Verslein ist -auch heute noch in Freiberg sehr bald gefunden und lebendig -wie in früheren Jahrhunderten.</p> - -<p>Die ehrwürdige Freiberger Schützengilde, welche die -tüchtigen Bürger zu kriegerischem, unabhängigem Geiste -erzog, der sich nachmals in der Schwedenbelagerung unter -Torstensson so glänzend bewährte, hatte sehr reimfrohe -Mitglieder, denn ihre sogenannte Königstafel ist eine -ganze Sammlung von volkstümlicher Spruchweisheit. Sie -ist ein flaches bemaltes Schränkchen für Kleinodien und -Urkunden der Schützengilde und enthält die Namen sämtlicher -Schützenkönige vom Anfange des 16. Jahrhunderts -an nebst vielen Sprüchen und Reimen. Ein Spruch aus -dem Jahre 1626, d. h. also als der Dreißigjährige Krieg -schon acht Jahre tobte und Wallenstein, Tilly und Mansfeld -mit ihren Heerscharen durch die deutschen Lande zogen -und Verwüstung und Verderben mit sich trugen, hat folgenden -Wortlaut:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wer ein Sohn hat, der gerne spihlt,</div> - <div class="verse indent0">Eine Tochter die ihm heimlich stihlt,</div> - <div class="verse indent0">Ein Knecht so schwatzet aus dem Haus’,</div> - <div class="verse indent0">Ein Katz so nimmer fengt ein Mauß,</div> - <div class="verse indent0">Ein Henn, die ihm kein Eyer legt,</div> - <div class="verse indent0">Ein Schwein das nimmer Junge tregt,</div><span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span> - <div class="verse indent0">Ein Weib so gantz geneigt zum Wein</div> - <div class="verse indent0">Und stettig Herr im Hauß will sein,</div> - <div class="verse indent0">Ein Dienstmaagd so geht mit ein Kindt,</div> - <div class="verse indent0">Der man hat ein böß Haußgesind.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Das Gegenstück zu diesem bedauernswerten »man« wird in -folgenden Reimen ebenda geschildert:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Welcher hat ein Muht als ein Held,</div> - <div class="verse indent0">Ein beuttel gut nimmer ohn geldt,</div> - <div class="verse indent0">Einen hundt der deß nachts wol hutt,</div> - <div class="verse indent0">Ein frommes Weib die allezeit gutt,</div> - <div class="verse indent0">Ein kleineß Hauß und fröhlichen Mutt,</div> - <div class="verse indent0">Rein gewissen und messig Gut,</div> - <div class="verse indent0">Ein schönes Weib und wenig borg,</div> - <div class="verse indent0">Kann allzeit lebenn ohne sorg,</div> - <div class="verse indent0">Ein gesunden Leib der allzeit steht,</div> - <div class="verse indent0">Der man hatt ein gutt Hausgereht.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Der wackere Dichter dieser echt volkstümlichen Reime ist -völlig im Rechte, wenn er weiter singt und sagt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Eine Kunst die man verborgen held</div> - <div class="verse indent0">Und nicht gebraucht zu nutz der Weld</div> - <div class="verse indent0">Die gildt so viel, allß wer sie nit,</div> - <div class="verse indent0">Drum wer was kan; dien andern mit.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Er diente mit seiner Verskunst den anderen und ergötzte -damit nicht nur seine Zeitgenossen, sondern auch die -wackeren Schützenbrüder späterer Jahrhunderte.</p> - -<p>Die Freude am Sinnspruch steckt den alten Freibergern, -die ja alle mehr oder weniger mit dem Bergbau verbunden -und bergmännischen Geistes voll waren, im Blute. Der -Bergmann schmückt seine Geräte, insbesondere seine Barte, -die aus der Streitaxt entwickelte eigenartige Ehrenwaffe, -mit Bildern seiner Tätigkeit und Sprüchen von allerlei -Prägung. Nur einige Proben mögen dafür zeugen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Gib Zubus, arbeit, wart dein Zeit</div> - <div class="verse indent0">Es folgt Ausbeuth, die dich erfreut.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="center">(Abbildung vor Ort arbeitender Bergleute.) -</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich geh’ und fahre meine Schicht,</div> - <div class="verse indent0">Ohn’ Arbeit ist nichts ausgericht.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="center">(Abbildung einfahrender Bergleute.) -</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Halt Jesum, laß ihn nicht herauß,</div> - <div class="verse indent0">Hilf ziehen, so schont Gott dein Hauß,«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">(Abbildung stellt Jesus in der Grube dar, die Hand auf -die Fahrt legend. Ein Bergknappe will ihn zurückhalten. -Ferner sind haspelnde Bergleute und ein Haus mit brennenden -Kerzen dargestellt.)</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Rechnung recht halt, Treu’s Ampt verwalt.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="center">(Abbildung von Bergbeamten und Bergleuten an der -Tafel.)</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Bergwerk will haben Verstand</div> - <div class="verse indent0">und eine getreue Hand.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">steht im Eingangsflur des Revierhauses.</p> - -<p>Auch die Kleinodien der Freiberger Bergknappschaft sind -mit bergmännischen Darstellungen und Sprüchen geschmückt.</p> - -<p>Der prächtige, kunstvoll gearbeitete Weinhumpen aus dem -Jahre 1679 trägt reichen bergmännischen Bildschmuck und -die Inschrift:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Such, schärffe, fahre ein,</div> - <div class="verse indent0">Zerstuffe fest Gestein</div> - <div class="verse indent0">So nimmstu Ausbeuth ein.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Nicht nur bei der täglichen Arbeit und bei fröhlichem -Fest sind so die Denksprüche ein gedankenreicher Schmuck -des Daseins. Auch in die Kirche begleitete den alten Freiberger -die aus Beruf und innerem Erleben geschöpfte -Spruchweisheit.</p> - -<p>So hängen z. B. im Dom, den die Bergmannskanzel und -noch andere Darstellungen bergmännischer Art schmücken, -zwei messingene Kronleuchter aus dem 16. Jahrhundert -mit der Inschrift:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wer will Bergwerk bauen, der muß Gott vertrauen«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span></p> -<p class="noind">und</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»An Gottes Segen ist Alles gelegen.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>In der Petrikirche war auch, wie der alte Chronist -Möller überliefert, in einem Fenster eine Bergmannsfigur -dargestellt mit dem Spruche:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Bawst tu Viel Ertz, gib Gott die ehr</div> - <div class="verse indent0">Brauchs recht, bis fromm, so beschert Gott mehr.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>In einem anderen Fenster daselbst findet sich heute noch -das alte Innungswappen der Leineweberinnung, das -Weberschiffchen mit Spulen von zwei schwarzen Löwen gehalten -und mit der Inschrift:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Das allertheuerste Pfandt in der Erden</div> - <div class="verse indent0">Muste in Reine Leinwandt gewickelt werden.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Hoch oben aber auf dem Turme der Petrikirche hängt das -alte Bergglöckchen, das früher viermal am Tage zur Schicht -rief und heute noch mittags um 12 Uhr und abends um -7 Uhr je eine Viertelstunde geläutet wird. Wenn seine traute -Stimme über die hohen Giebel und steilen Dächer der alten -Häuser und Gassen dahinklingt, dann wird eine ganz besondere -Stimmung lebendig und für die alten Kinder der -Stadt ist es die redende und mahnende, lockende und -rufende Stimme der Heimat und Jugend, die da laut wird -und anders noch ins Herz ruft als andere Glocken auf -fremden Türmen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Auf, auf! Zur Grube ruf ich euch,</div> - <div class="verse indent0">Ich, die ich oben steh,</div> - <div class="verse indent0">So oft ihr in die Tiefe fahrt,</div> - <div class="verse indent0">So denket in die Höh!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">ist der sinnige Spruch, den sie mit ihrem ehernen Klang -über die Häuser der Menschen bis zu dem Kranz der Gruben -und Schächte draußen hinausruft.</p> - -<p>Die Läuteglocke von 1570 neben ihr im niedrigeren<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span> -»faulen« Turme hängend, ruft nicht zur Arbeit wie sie, -sondern zum Kirchgang mit dem Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Mein Klang dich ruft zum Kirchengang,</div> - <div class="verse indent0">merks Wort, Gott dank, sing Lobgesang.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wie schön ist hier bei beiden Glocken in kurzem deutschen -Wort ihre Bestimmung gesagt. Es ist nicht nötig, immer -zur lateinischen Sprache zu greifen. Deutscher Geist und -deutsche Kraft kann und muß auch für solche Zwecke in -deutsche Kernsprüche gebannt werden. Freilich werden auf -die Glockensprüche wohl meist die gelehrten Herrn Geistlichen -Einfluß genommen haben und neben lateinischem -Bibelspruch gern einen lateinischen Vers geformt haben, -der ihnen dann vielleicht monumentaler klang als das ungefüge -Deutsch. Kirchliches Herkommen, Handwerksbrauch -und Bequemlichkeit stellte oft das gelenke Latein über das -ungelenke Deutsch der alten Zeit.</p> - -<p>Die Glocken auf den Petritürmen entstammen der Werkstätte -des berühmten Gießergeschlechtes der »Hilger« zu -Freiberg, welches während des 15. bis 17. Jahrhunderts in -Freiberg blühte, und nicht nur für ganz Sachsen, sondern -weiter hinaus im Reiche bedeutsame Werke schuf. Kaum -ein größeres Dorf oder Stadt ist im Erzgebirge, wo nicht -im Turm eine Hilgerglocke hängt und ihre Stimme tönen -läßt. Lauschen wir einmal den Klängen ihres ehernen -Mundes und den Worten, die sie zu uns sprechen:</p> - -<p>Auf der Jakobikirche zu Freiberg ruft uns die größte der -Glocken, welche 1684 Gabriel Hilliger goß und mit schönem -Fries und dem Hilligerschen Wappen schmückte, in lateinischen -Reimen und Worten zu, was ihre Lebensaufgabe -ist:</p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p class="noind"><em class="antiqua">»Laudo deum <em class="gesperrt">verum</em>, plebem voco, congrego <em class="gesperrt">clerum</em>, mortales -<em class="gesperrt">ploro</em> defunctos festa <em class="gesperrt">decoro</em>.«</em></p> -<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span> -<p class="noind">Ich lobe den wahren Gott, ich rufe das Volk, ich -sammle die Geistlichkeit, die Toten beweine ich, -festliche Tage schmücke ich.</p> -</div> - -<p>Dieser lateinische Reimspruch aus dem Jahre 1684 ist ein -alter Glockenspruch, den wir auch auf der großen Glocke der -Kreuzkirche in Dresden von 1503 namens <em class="antiqua">Scholastica</em> -finden. Sie hatte einen Durchmesser von 1,82 <em class="antiqua">m</em> und war -von Heinrich Kannengießer gegossen. Diese Glocke in Dresden -von 1503 versprach aber noch etwas mehr als die von -1684 in Freiberg: »<em class="antiqua">pestem fugo</em>« stand noch im Glockenspruch: -»Ich verjage die Pest!« – Es steckt im Kern darin -der uralte mittelalterliche Glaube, daß vor dem Glockenklang -die Schlangen fliehn. 1684 hatte man in Freiberg -entweder diesen Glauben nicht mehr, oder man kannte die -Furchtbarkeit der Pest nicht mehr, die im Mittelalter und -im Kriege als Würgengel die Städte und Dörfer durchschritt, -während unaufhörlich wimmernde Glockenklänge die -Toten beklagten und die furchtbare Seuche durch ihren -heiligen Klang wie eine böse Teufelsmacht verjagen wollten -und jammernd zum erbarmungslosen Himmel ihre -Hilfe- und Gebetsrufe sandten. 1503 ist dieses »<em class="antiqua">pestem -fugo</em>« noch ein Glockenklang aus tiefstem Grunde der Zeit -und des Volkes.</p> - -<p>Die kleine Glocke in Hilbersdorf von Zacharias Hilliger -gegossen und mit seinem Wappen geschmückt ist auch solch -ein Denkmal aus schwerer Zeit, das mit eherner Zunge -sein Schicksal kündet aus den Jahren des Dreißigjährigen -Krieges, als Freiberg und seine Umgebung bald von den -Kaiserlichen, bald von den Schweden, bald von Freund, -bald von Feind mißhandelt, geschunden und gemartert -wurde. Die Umschrift der Glocke lautet:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Feuer durch Krieg nam Weck mein Hall Anno 1639</div> - <div class="verse indent0">Gott gab mir wieder nawen Schall Anno 1641. <em class="antiqua">Z. H.</em>«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Gar manche Glocken in Sachsen sind durch Krieg und -Brand zerstört und umgegossen worden und erzählen in -kurzem Wort so ihr Schicksal. Die Glocke der Liebfrauenkirche -(Gottesackerkirche) in Zschopau wurde 1748 durch -Brand vernichtet und meldet nun, was ihr geschah und was -ihre Aufgabe ist, mit folgenden Worten:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent4">Für dem Brande dient ich Leichen,</div> - <div class="verse indent4">Itzo da die andern schweigen</div> - <div class="verse indent4">Ruf ich euch zu Gottes Wort</div> - <div class="verse indent4">Laßt es seyn der Seelen Hort.</div> - <div class="verse indent0">Anno 1751 goß mich Johann Christoph Hose.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Von den Glocken aus dem Reformationsjahrhundert, -welche der Gießhütte unsers Hilger entstammen, seien besonders -zwei große Glocken der Thomaskirche in Leipzig genannt. -Wie oft mag ihr voller Klang das Ohr des großen -Thomaskantors Johann Sebastian Bach berührt und ihre -tönende Seele seinen Geist über die Niederungen des Lebens -zu seinen ewigen, gewaltigen Harmonien emporgetragen -haben. Die Schlagglocke, 1,55 <em class="antiqua">m</em> breit, wurde 1539 auf -Kosten des Rats von »Martin Hillger, Kannen- und -Glockengießer von Freyberg«, an Stelle einer zerbrochenen -alten für 123 Schock 17 Gr. 3 Pf. gegossen. Zur Beschaffung -der Glockenspeise kaufte man eine alte Glocke von »eynem -pfaffen«. Sie trägt außer der Jahreszahl den Spruch aus -dem 127. Psalm:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="noind"><em class="antiqua">»Nisi dominus custodierit civitatem -frustra vigilat qui custodet eam.«</em></p> -</div> - -<p>»Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, wachen ihre -Wächter umsonst«. Der gleiche Spruch findet sich auf der -Stundenglocke des Freiberger Domes von 1540, die Martin<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span> -Hillger nahezu gleichzeitig mit er Leipziger Thomasglocke -gegossen hat.</p> - -<p>Die andere Thomasglocke von <span id="corr152">1,72 <em class="antiqua">m</em></span> Durchmesser hat 1574 -Wolff Hilliger gegossen und mit seinem Wappen geschmückt. -Die Rüstung für die Glocke machte Hieronymus Freiberger -und 21 Männer mußten die Glocke zu ihrem luftigen Stuhle -emporziehen, damit sie ihre Stimme erheben konnte, wie -ihre Inschrift sagt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">In laudem aeterni dei, cui soli sempiterna gloria.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Zum Lobe des ewigen Gottes, dem allein ewiger Ruhm gebührt.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>203 fl. erhielt Wolff Hilliger für sein Werk.</p> - -<p>Auch auf dem Turme der Stadtkirche zu Pirna, der so -malerisch im Stadtbilde steht, hängt eine Glocke von Wolff -Hilliger aus dem Jahre 1561 mit lateinischem Spruche:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»<em class="antiqua">Ordine bis senas lux quaelibet exit in horas</em></div> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">hora sed in curas crescere quaeque solet.</em></div> - <div class="verse indent4">Wolf Hilger czu Freibergk gos mich.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="center"> -»Der Regel nach schwindet das Tageslicht binnen 12 Stunden.<br /> -In Sorgen pflegt aber jede Stunde zu wachsen!« -</div> - -<p>Es ist kein sonderlich froher Spruch, der hier auf der -Stundenglocke von Pirna seine Sorgenweisheit kundgibt: -Jeder Schlag dieser Sorgenglocke Ende einer Sorgenstunde? -Anfang einer Sorgenstunde? – Nein, die Sorgenglocke -will vor unnützen Sorgen warnen, weil auch die Sorgenstunden -vergehen und auch die Sonne eines Sorgentages -sich nach 12 Stunden neigen muß, so lang seine Stunden -auch scheinen.</p> - -<p>Nicht weit von Pirna, im Schlosse von Groß-Sedlitz ist -eine Glocke von Michael Weinhold in Dresden erhalten -mit der Inschrift: »<em class="antiqua">Scias, qui audis me admetiri partes -vitae.</em>« Wisse, der du hörst, daß ich die Teile des Lebens<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span> -zumesse. Ein ähnlicher Gedanke ist es wie in Pirna, zum -Ernste mahnend, auf die Vergänglichkeit weisend, wie so -manche alte Sprüche an Sonnenuhren, z. B. »<em class="antiqua">Una ex hisce -morieris</em>«. In einer von diesen (Stunden) wirst du sterben, -oder noch kürzer in zwei Worten gesagt: »<em class="antiqua">Una ultima</em>«. -Eine ist die Letzte.</p> - -<p>Das Jahrhundert der Sorgen war in Deutschland vor -allem das des unheilvollen Dreißigjährigen Krieges. Im -Jahre 1617, ein Jahr vor Beginn des Krieges, wurde in -Hennersdorf eine Glocke von Andreas Herold auf den -Turm gezogen, welche den Spruch verkündete:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich melde Beten an, Sturm, Feuer, Leuchen, Pracht</div> - <div class="verse indent4">Andreas Herold mich hat gemacht. 1617.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ist es nicht wie ein Sturmsignal, wie eine düstere Prophezeiung -der kommenden Not und Drangsale? Wenige -Jahre nach Beginn des Krieges, 1621, klingt ergreifend -der Glockenton von Röhrsdorf bei Pirna über die Dächer -ins Land hinaus als Gebetsruf zum Himmel sich schwingend:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><em class="antiqua">Da pacem domine in diebus nostris</em></div> - <div class="verse indent4">Jo. Hilliger <em class="antiqua">F. anno MDCXXI.</em></div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Herr gib Frieden in unseren Tagen!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die Glocke von Lauter aus jenen schweren Zeiten, von -Gabriel und Zacharias Hilliger gegossen, weist aus dem -Elend der Zeit auf die künftige Herrlichkeit, im sinnigen -Wortspiele den Namen des Ortes in den Spruch aufnehmend:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»<em class="gesperrt">Lauter</em> Freud und Herrlichkeit</div> - <div class="verse indent0">Ist den Frommen dort bereit.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Das Jenseits als Ort der Zuflucht aus der Not des täglichen -Lebens.</p> - -<p>Das Glockengießen mag bald in jener Leidenszeit aufgehört -haben und die Stückgießerei mehr Anklang gefunden<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span> -haben, ganz wie in unseren schweren Weltkriegstagen. -Mit Tausenden von Dörfern und Kirchen, die in -Asche sanken, schmolzen Glocken dahin, um nie wieder zum -klingenden Leben zu erwachen. Viele mögen auch zu Geschützen -geworden sein! Und wo noch Glocken in Dörfern -auf den Türmen hingen, da schwiegen sie, um nicht den -Feind, der wie Wolfsrudel durch das Land strich, herbeizurufen, -und wenn eine Glockenstimme klang, dann kündete -sie Sturm, Mord, Brand, Elend und Tod. Neue Glocken -aus dieser Zeit sind kaum vorhanden. Sie hätten ja nur -eine Stimme für Klagerufe, eine Stimme mit Tränen -haben können. In Lichtenberg bei Freiberg hängt auf dem -Turme eine Glocke von Gabriel Hilliger aus dem Jahre -1648, dem Endjahre des großen Krieges, als seine stürmischen -Wogen sich schon sänftigten. Sie trägt Hilligers -Wappen und die Umschrift: »<em class="antiqua">Si deus pro nobis quis contra. -anno 1648.</em>« Ist Gott für uns, wer wider uns! Man spürt -aus diesem Wort, wie neue Hoffnung und neues Leben mit -starkem Gottvertrauen sich regt, und doch ein gewisser -kriegerischer Unterton noch mitklingt, voller Luthertrotz. -Die Kriegszeit stand noch zu frisch vor Augen und Erinnerung -und schwingt noch mit im Glockenklang.</p> - -<p>Fünf Jahre später, 1653, wird in Niederpretzschendorf -eine Glocke desselben Gabriel Hilliger aufgehängt. Die weiß -nichts mehr von den Kriegsnöten zu berichten.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Libe Gott sag ich Lob, Preis und Dank</div> - <div class="verse indent0">Mein Klang dich rufft zum Kirchengang.</div> - <div class="verse indent2">Gabriel Hilliger zu Freibergk goß mich.</div> - <div class="verse indent10">1653.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wie das Läuten zum Sommertag einer behaglichen, -friedlichen, ländlichen Gemeinde scheint dieser Spruch dahinzuwallen -über satte, saubere Höfe, über wogende Felder,<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span> -über rauschenden Wald. Dieser Spruch wäre zehn oder -zwanzig Jahre früher wohl kaum auf einer neuen Glocke -denkbar gewesen.</p> - -<p>Das Leben nach dem großen Kriege mag freilich oft noch -übergesprudelt sein, und die leere Kirche mag manchem -Pfarrherrn Gewissensnöte gebracht haben, wenn die räudigen -Schäflein seitab getrabt waren. Ist es zu verwundern, -wenn der Pfarrer von Markersbach sich 1660 bei -Gabriel Hilliger eine Glocke bestellt mit dem lateinischen -Hexameter: »<em class="antiqua">Campana vult populum sonans ad sacra -venire</em>«. Die klingende Glocke will, daß das Volk zur -Kirche komme. Es ist freilich nicht überliefert, ob die Markersbacher -diesem Notruf ihres Pfarrers und ihrer Glocke -besser gefolgt sind als zuvor. Auch heute noch klingt ihre -mahnende und rufende Stimme über Dach und Dorf.</p> - -<p>Noch zwei Glocken aus dem Jahrhundert des großen -Krieges sollen uns ihre Weisheit künden: Die große Glocke -von Kreischa aus dem Jahre 1672, von Herold gegossen, ruft -uns ein musikalisch Gleichnis und Mahnung zu, aus welcher -auch ein gewisser Stolz des Gießers auf sein Werk mitklingt: -»Gleichwie die Glocken fein zusammenstimmen, also -soll auch unser Leben mit Gottes Wort übereinstimmen -und ein feine Harmoniam mit demselben machen.« Nichts -von Krieg und Sorgen und Nöten, alles Stimmung und -Harmonie, als ob man in ein freundliches altes Pfarrhaus -schaut, wo Friede wohnt und gespendet wird und alle bitteren -Gegensätze sich aufzulösen scheinen, wo ein milder, -musikliebender Pfarrer in stiller Studierstube sich dieses -zarte Mahnwort für seine neue Glocke erdenkt – und doch -sieht das Leben so ganz anders aus; nicht die Harmonien, -sondern die Dissonanzen sind darin so oft bestimmend und -wirksam und machen die Menschen so oft elend! –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span></p> - -<p>Die andere Glocke in Gersdorf bei Döbeln von 1696 -kennt das Leben besser. Im Westen verheerten schon wieder -französische Mordbrennerbanden das Land und im Süden -bebten die Völker vor der neuen Türkengefahr. Ihr Spruch -lautet:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">1696 Goß mich Johann Jakob Hoffmann von Halle.</div> - <div class="verse indent0">»Zum Gottesdienst ich rufe zur Freud und auch zum Leid.</div> - <div class="verse indent0">Ach Gott behüt für Feind und Feuers Noth Allzeit.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das ist schon wieder der Notschrei, wie er so oft durch -unser deutsches Land erklang und von den Türmen ins -Land hinausrief, und der wie ein bitteres Wehe durch -unser deutsches Schicksal klagt!</p> - -<p>Der Notschrei klingt auch aus der Stimme der kleinen -Glocke von Oberwiesa aus dem folgenden Jahrhundert:</p> - -<div class="blockquot s90"> - -<p>»O Got las dir befohlen sein die Glocke und auch die -Kirche dein.</p> - -<p class="mright"> -<em class="antiqua">Soli Deo gloria anno 1708</em>« -</p> -</div> - -<p>Der nordische Krieg mit dem kühnen Schwedenkönig -Karl XII. hatte seine blutigen Schatten bis ins Sachsenland -geworfen. Vielleicht war die Glocke der schwererrungene -Ersatz für eine im Dreißigjährigen Kriege verlorene. -Ein volles Jahr lang, bis kurz ehe sie gegossen -wurde, hatte ein großes Schwedenheer im unglücklichen -Sachsenlande gelegen und nicht weniger als 23 Millionen -Taler, ungerechnet die Naturallieferungen herausgepreßt, -sodaß unter diesem Drucke und unter der ungeheuren Steuerlast, -welche die teuere Hofhaltung August des Starken und -seine Leidenschaften erforderten, die Bauern kaum den notdürftigsten -Lebensunterhalt hatten. Die Zeiten des großen -Krieges schienen wiedergekehrt zu sein. Da wurde jedes -Glockenläuten schon von selbst ein Angstruf um Schutz für -die Glocke und Kirche und damit für die ganze Gemeinde,<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span> -und wurde ihr Spruch so recht ein Ausdruck seiner Zeit und -ihrer Not und ganz besonderen Seelenstimmung.</p> - -<p>Wenige Jahre später, im Jahre 1712, ließ in Crandorf -eine Glocke von Michael Weinhold zum ersten Male ihren -ehernen Klang über die Dächer dahinschallen mit lateinischen -Worten: »<em class="antiqua">ignes festa. deum, stata tempora, -funera, plebem, nuncio, honoro, cano, denoto, ploro, voco.</em>« -»Feuer, Feste, Gott, bestimmte Zeiten, Begräbnisse, das -Volk, melde ich, ehre ich, lobsinge ich, bezeichne ich, beklage -ich, rufe ich.« Man hört es aus diesem Spruche schon, daß -die Zeiten ruhiger geworden sind, daß ein lateinsicherer -Pfarrer sich heiß um diesen etwas holperigen lateinischen -Vers bemüht hat und gewiß sehr stolz auf ihn war. Wie -viele aber seiner Schäflein verstanden haben, was er in gut -Deutsch hätte sagen können, das mag ihn nicht sonderlich -berührt haben. Er kannte wohl seine Leute! Der feierliche -Klang der fremden Worte macht ja unverstanden oft -tieferen Eindruck von geheimnisvoller Kraft auf schlichte -Gemüter als einfaches Deutsch. Man denke an Zauberformeln -u. dgl., deren Wunderkräfte meist nur in ihrer -Unverstandenheit und dem daraus entstehenden blinden -Glauben an ihre Gewalt beruhen. Immerhin ist es bei -diesem Glockenspruche bezeichnend, daß <em class="antiqua">ignes</em>, die Feuersbrunst, -und ihre Meldung als erste Aufgabe der Glocke an -der Spitze steht. Es mag doch nicht so ganz selten der -Feuerruf nötig gewesen sein.</p> - -<p>Wem klingen dabei nicht Schillers wundervolle Verse -durch Herz und Ohr, in denen er die Feuersbrunst schildert -und die Glocke als ihre Künderin: »Hört ihrs wimmern -hoch vom Turm? Das ist Sturm!« Wer denkt nicht an -den Spruch dieser unsterblichsten, ja ewigen Glocke: »<em class="antiqua">Vivos<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span> -voco. Mortuos plango. Fulgura frango</em>«? »Die Lebendigen -rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich«?</p> - -<p>Dieser weltbekannte Glockenspruch Schillers findet sich -fast wörtlich auf einer Glocke in Reinhardtsgrimma aus -dem 15. Jahrhundert: »<em class="antiqua">vivos voco, fulgura frango, defunctos -plango</em>«. Ob der Dichter diesen Spruch gekannt und -von dieser Glocke die Worte entnommen hat, welche er -seinem unsterblichen Gedichte vorangestellt? –</p> - -<p>Daß die Metallmassen der Glocken einen Einfluß auf -elektrische Spannungen, d. h. die Blitzgefahr, haben und ihr -Unheil abzuwenden vermögen, ist eine Beobachtung und -Erkenntnis, welche man im 15. Jahrhundert nicht vermutet. -Erst in Schillers Tagen ist ja durch Benjamin Franklin -durch die Erfindung des Blitzableiters diese Wirkung des -Metalls technisch ausgenutzt worden, und unsere Zeit erst -faßt wieder alle Metallmassen an Dach und Haus zum gesammelten, -geschlossenen Blitzschutz zusammen, ein Gedanke, -der im Kerne schon im Glockenspruche von Reinhardtsgrimma -aus dem 15. Jahrhundert liegt.</p> - -<p>Doch kehren wir nun zur Gießhütte der Hilliger in Freiberg -zurück. Nicht bloß zahlreiche vielgerühmte Glocken mit -trefflichem Klang und Spruch und von schöner Form gingen -daraus hervor, sondern auch die köstlichen messingenen und -bronzenen Grabplatten in der kurfürstlichen Grabkapelle -am Dome zu Freiberg, diesem herrlichen Mausoleum sächsischer -Kunst und Geschichte, und so manche Platte hie und -da im weiten deutschen Reich, die Stolz und Zierde ihrer -Stätte ist. Aus ihrer Hütte stammen auch zahlreiche -figurengeschmückte, künstlerisch durchgebildete Kanonen in -reichen Renaissanceformen. Auch bei diesen Geschützrohren -zeigt sich die Lust am Sinnbild und Sinnspruch, am derben -Witz und kräftigen, treffenden Reimspiel. Wie während<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span> -des Krieges die 42 <em class="antiqua">cm</em>-Mörser den Namen »Dicke Bertha« -führten, so trug in jenen Zeiten jedes Geschütz seinen -Namen, der durch den künstlerischen Schmuck und Denkspruch -erklärt wird.</p> - -<p>Aus der großen Reihe dieser Werke des Freiberger -Gießergeschlechtes seien nur einige ihrer Sprüche wegen -hervorgehoben. Diese Sprüche sind ausnahmslos deutsch -und manchmal in recht grober, ungefüger Sprache verfaßt, -wie sie vielleicht zum rauhen Handwerk und den groben -Stücken am besten stimmte.</p> - -<p>Der »Rautenkranz« vom Jahre 1557 war verziert mit -Wappen und einem Rautengewinde, das sich spiralförmig -um das Rohr legte. Sein Sinnspruch lautete:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich bin genant der Rawtenkrantz,</div> - <div class="verse indent0">mein Feind ich bin ein bitter Tranc.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der »Wilde Mann« trug als Schmuck zwei kniende, sich -packende wilde Männer mit den sich kreuzenden Kurschwertern -und den Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Halt fest, wilder Man</div> - <div class="verse indent0">Was dw hast, las nicht gan.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die »Sachsenländerin« mit dem Spruche:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich heis die Sachsenlenderin.</div> - <div class="verse indent0">Wenn du meinst ich sei weit von dan,</div> - <div class="verse indent0">so bin ich bei dir dinne«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das »Krokodil« von 1574 verschoß Kugeln von 42 Pfund -Eisen und brüllte ins Feld seinen Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Churfürst Augustus lies uns nennen</div> - <div class="verse indent0">Die Crocodyl. Man wird uns kennen</div> - <div class="verse indent0">In gantz Europa. Wo wir krachen</div> - <div class="verse indent0">Muß man uns Thür und Thor aufmachen.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Namen von Tieren waren besonders beliebt.</p> - -<p>Das »Rhinozeros« trägt den schönen sinnigen Spruch:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Renocerus thv mich nennen,</div> - <div class="verse indent0">thvren vnd mavren ich thv trennen.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der »Wolf« oder »Isegrimm« mit einem Schaf im Rachen -dargestellt, ruft drohend den Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Her Eisegrei bin ich genant</div> - <div class="verse indent0">ich werf nider Maver und Wandt.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die »Sirene« vom Jahre 1635 trägt den in den ersten -beiden Zeilen ganz neuzeitlich klingenden Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Dem Vaterland zv Schvtz</div> - <div class="verse indent0">Dessen Feinden zvm Trvtz</div> - <div class="verse indent0">Seind wir Sirenen Nvtz.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Eine metallene Feldschlange von 1538, die auf dem -Donatsturm stand, wurde, wie die Beschreibung sagt, geschmückt -»mit einem ›<em class="antiqua">Cupido</em>‹, der mit seinem Pfeil auf -einen vor sich auf dem Bauch liegenden geflügelten Knaben -nach dem Hintern zielet«, ferner mit einer »nackenden -Weibes-Person, spielt auf einer Violine ›ich bi de fitlerines‹«. -Die Melodie, welche diese fitlerine vom Donatsturme -hören ließ, mag oft nicht angenehm geklungen haben.</p> - -<p>Der »Drache« vom Jahre 1637 droht mit folgendem -Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich bin auch als der Trachn</div> - <div class="verse indent0">Spei Feier und Hagel aus mein Rachn</div> - <div class="verse indent0">All mein Feinde toth zu machn.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und der »Drache« von 1573:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Der Drach ists Teufels Bursgesel,</div> - <div class="verse indent0">Bringt manchen blutig fur die Hell.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der »Bär« von 1607 warnt seine Feinde:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Christian der Ander hat befohln</div> - <div class="verse indent0">Uns Behrn zu gissen das wir soln</div> - <div class="verse indent0">Sein Feind verfolgen mit Gewalt.</div> - <div class="verse indent0">Hut dich. Mit Sachsen Fride halt.«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span></p> -<p>Der »Staar« vom Jahre 1572 läßt seine Stimme wie -folgt vernehmen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich heis der Sprenclige Schwarze Staar</div> - <div class="verse indent0">Mit dem Ich Red: Der Wirts Gewahr«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">und der »Kauz« vom Jahre 1572 ruft mit derbem Humor:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich bin genant der kleine Kauz</div> - <div class="verse indent0">Hau manchem sehr hart vor die Schnauz.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Solche kräftige Sprache gehört wirklich zum groben Geschütz! -Ein artiger Zufall ist es, daß 1914 eine im Gebrauch -befindliche französische Bronzekanone aus dem 17. Jahrhundert -erbeutet und im Lichthofe des Berliner Zeughauses -ausgestellt war, in welche nachträglich die Züge eingearbeitet -sind. Sie ist mit schöner Renaissanceform und Zierrat -geschmückt und führt den Namen: »<em class="antiqua">L’Hirondelle</em>«, »Die -Schwalbe«! Ihr Spruch lautet:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»<em class="antiqua">Ultima ratio regis.</em>«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Es zeigt sich im Gegensatz zu den vorigen Kanonen darin -der Unterschied des deutschen und französischen Geistes: Der -Deutsche bringt Spruch, Namen und Sinnbild und den -Zweck des Geschützes in einen inneren geistigen Zusammenhang -und zu kräftigem Ausdruck, er sucht in jedem Ding -den tiefen inneren Sinn. Der welsche Geist ist mit dem -schönen Namen und der Form zufrieden, der sinnige Zusammenhang -ist ihm gleichgültig. Daß »Die Schwalbe« des -alten französischen Königs der Bote für die Grüße der uns -feindlichen Republik war und als <em class="antiqua">ultima ratio regis</em> von -den Feldgrauen des deutschen Kaisers eingefangen wurde, -das war ein besonders sinniges Spiel des Schicksals.</p> - -<p>Diesen echt deutschen Zusammenhang zwischen Namen, -Spruch, Bild und innerer Bedeutung kann man auch an -den deutschen Wappensprüchen kennenlernen. Auch hier<span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span> -hatten die alten Freiberger Bürgergeschlechter ihre eigenartige -Prägung gefunden.</p> - -<p>So zeigt das Wappen des alten Bürgermeisters Lorenz -Fleischer, † 1584, einen Mann mit Fleischerbeil und mit -gewissem Bürgerstolz den Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Es sind nicht alle Fleischhacker,</div> - <div class="verse indent0">Die das Fleischbeil tragen so wacker.</div> - <div class="verse indent0">Es steckt offt was darhinter mehr</div> - <div class="verse indent0">Jedoch haben Handwerge auch ihr Ehr.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Seine Gattin war eine Tochter des alten Geschlechtes -der Alnpeck, das einen Adlerkopf auf schwarzem Grund im -Wappen führte mit dem Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Hoho, du werther Geyers-halß</div> - <div class="verse indent0">Frisch dran und thu ja fressen allß</div> - <div class="verse indent0">Was falsch und übermutigk ist,</div> - <div class="verse indent0">Bestreidt meine Feind zu aller Frist.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das Wappen des wackeren Bürgers Lorentz Beyer führt -einen Turm im roten Feld und den Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wer Gott dem Herrn vertrauet fest,</div> - <div class="verse indent0">Thut besser, alß der sich verleßt</div> - <div class="verse indent0">Auf Thurm, oder ander gewaldt</div> - <div class="verse indent0">So oftmals betreugt mannigfalt.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Darunter: »<em class="antiqua">Nomen domini turris fortissima.</em>«</div> - <div class="verse indent0">»Der Name des Herrn ist der stärkste Turm.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Klingt dieser Wappenspruch nicht wie Luthers machtvolles -»Eine feste Burg ist unser Gott!«, das im Felde und -daheim so oft seine alte, eherne und Erz in Blut und Herzen -strömende Kraft bewiesen hat?!</p> - -<p>Wie die wahren überwindenden Kräfte nicht in äußeren, -materiellen Dingen liegen, sondern im tiefsten Urgrund -der Seele wurzeln und von dort wirken und wachsen und -Werte schaffen, das sagen uns noch andere Sprüche.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span></p> - -<p>An der alten Ochsenbastion in Görlitz, welche unmittelbar -an der Neiße liegt, als ein wuchtiger, malerischer Rest -der alten Befestigung, steht ein lateinisches Wort aus dem -Jahre 1530: »<em class="antiqua">Civitatem melius tutatur amor civium quae -alta propugnacula</em>«. »Eine Stadt schützt besser die Liebe -der Bürger als hohe Bollwerke.«</p> - -<p>Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne wird das -Stadtbild unter einen ähnlichen Gedanken gestellt: »<em class="antiqua">Urbis -salus est civium concordia</em>«. »Das Heil der Stadt ist die -Eintracht der Bürger«. Es wird damit hingewiesen auf -die ruhmvolle Verteidigung gegen die Schweden, wo sich -die Wahrheit dieses Satzes so herrlich erwies. Und doch -wieder klingt mit ernstem Glockenton dazwischen die Warnung -vor zu stolzem Selbstvertrauen: An der Stundenglocke -im Dachreiter des Domes zu Freiberg steht im Erz -der Spruch von 1540: »<em class="antiqua">Nisi dominus custodierit civitatem, -frustra vigilat qui custodierit eam.</em>« »Wenn der Herr -nicht die Stadt behütet, so wachen ihre Wächter umsonst.« -Vaterlandsliebe und Gottvertrauen werden in diesen -Sprüchen als starke Wehr und Waffen gepriesen. Sie -sagen uns das, was Fichte in schwerer Zeit seiner deutschen -Nation zugerufen und was auch heute noch gilt: »Nicht die -Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern -die Kraft des Gemüts ist es, welche Siege erkämpft.« Wir -sind zwar waffenlos, aber nicht wehrlos, nicht ehrlos, nicht -sieglos, wenn diese Gemütskräfte unser Volk zusammenschließen -zur Einheit und Tat.</p> - -<p>Auch unseren Tagen, unserem Volksleben, unserer Kunst -täte es not, nach dem Beispiel unserer Väter in kraftvollem -Wort, Sinnbild oder Spruch an Haus und Gerät die Erinnerung -an Männer und Taten und große Ereignisse zu -pflegen und den Geist und das Herz zu stählen, wie es einst<span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span> -die Männer des Reformationszeitalters taten, denen die -Buchstaben <em class="antiqua">V. D. M. I. AE.</em> am Tore des Hauses ein Bekenntnis -und ein Schwur, ein Halt und eine Tat war und -bedeutete. In kernigem, gehaltreichem Sinnspruch oder -tiefdeutigem Segenswunsch, mitten im flutenden, wirbelnden -Strom des Lebens und der Arbeit, je nach Ort und -Art und Zweck in künstlerischer Form soll diese alte schöne -deutsche Sitte mehr und mehr lebendig werden und wirken.</p> - -<p>Das alte ehrwürdige Rathaus, das so viel Freud und -Leid gesehen, so viel Sturm und Drang erlebt hat, in dem -so viel starke, tapfere, treue Herzen geschlagen haben, trägt -mancherlei Sprüche, die auf seine Bestimmung hinweisen -und den, der eines Amtes dort zu walten hat, mahnen und -lehren und die besten Kräfte des Gemütes wecken wollen. -Von dem neuen Eingang an der Burgstraße klingt jedem -Vorübergehenden, jedem Eintretenden das Wort entgegen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Du bist ein Nichts im Ganzen,</div> - <div class="verse indent0">wenn du ihm nicht dienst!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ein Führer im Wirtschaftsleben hat dieses Wort für -falsch erklärt, weil der Zeitgeist jetzt umgekehrt sage: »Das -Ganze ist mir ein Nichts, Wenn es mir nicht dient!« Ehe -dieser Geist nicht überwunden ist und der echte Spruch nicht -wahre Geltung gewinnt, kann nichts Ganzes sich bei uns -gestalten. Hat der Mann Recht? –</p> - -<p>Diese ernste Mahnung, die unsrer Zeit so besonders not -tut, tönt auch vom neuen Torbogen am alten Donatsturm -ins Straßenleben hinein mit den Worten:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Gemeinwohl geht über dein Wohl!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">und mit dem anderen Spruche:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Im Rathause selbst ist im Ratszimmer eine alte quadratische -Tafel von 30 <em class="antiqua">cm</em> Seitenlänge mit vergoldetem<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span> -Barockrahmen und Stadtwappen geziert erhalten, welche -aus der alten Gerichtsstube stammt und in schöner Reliefschrift -in lateinischen Großbuchstaben sich mahnend an die -Ratsherrn, die ja zugleich Richter waren, wendet:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="noind"><em class="antiqua">Quiquis senator officii causa curiam ingrederis, -ante hoc ostium privatos affectus omnes abiicito: -Iram, vim, odium, amicitiam, adulationem, reipublicae -personam et curam subiicito. Nam ut aliis aequus -aut iniquus fueris, itaquoque iudicium dei -expectabis et sustinebis.</em></p> -</div> - -<p>Der Chronist Andreas Möller nennt diese Tafel bereits -in seinem <em class="antiqua">Theatrum Freibergense</em> von 1653 und übersetzt -die auch im Rathaus zu Regensburg befindliche Inschrift:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="noind">»Ein jeder, der als ein Raths Herr Amptwegen auffs -Rath Hauß gehet, lege für dieser Thür ab alte <em class="antiqua">Privat -Affecten</em>, als da sind der Zorn, Gewalt, Haß, Freundschafft, -Schmeuchlerey <em class="antiqua">etc.</em> und unterwerffe seine Person -und Sorge dem Gemeinen besten. Denn wie er -gegen andere der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit sich -befleissigen wird, also hat er auch das Gericht Gottes -zu gewarten und außzustehen.«</p> -</div> - -<p>Dieselbe Mahnung zur Gerechtigkeit finden wir auch auf -einer anderen Tafel, welche über dem Eingang zum Ratszimmer -hängt und mit goldener Schrift auf schwarzem -Grunde die schönen Renaissanceformen ihrer Ursprungszeit -1582 zeigt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Gleich und Recht theil mit menniglich</div> - <div class="verse indent0">Und nicht nach Gunst das Urtheil bieg.</div> - <div class="verse indent0">Den Armen hör, sein notturft betracht</div> - <div class="verse indent0">So wirst du von Gott und der Welt geacht.</div> - <div class="verse indent0">Denn wo du helst unrecht Gericht</div> - <div class="verse indent0">Wirds dir Gott widerumb schenken nicht.</div> - <div class="verse indent10">1582 Peter Zorn.</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span></p> -<p>Die älteste Inschrift im Rathause jedoch ist der Spruch -über der gotischen Spitzbogentür, welche in den jetzigen -Stadtverordnetensaal, die frühere Rats- und Gerichtsstube, -führt. In diesem Raum wurde dem mächtigen Kunz von -Kaufungen das Todesurteil im Juli 1445 gesprochen. Die -Inschrift mag aus dem Jahre 1416 stammen, als die Ratssitzungen -in diesem neuentstandenen Raume aufgenommen -wurden, und lautet:</p> - -<p>»Auch sol eyn ytzlicher zcüchtigen seynn wort, der hyrinne -zcu schicken hat.« Es fehlt der erste Teil des Spruches, den -Möller überliefert mit dem bekannten Satze:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Halb ist eynes manes Rede</div> - <div class="verse indent0">Darumb soll man hören beede.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das sind goldene Worte für alle Stätten und Stellen, -wo man zu rechten, zu raten und zu taten hat: Sein Wort -züchtigen, d. h. in Zucht zu halten, ist eine passende Mahnung -auch für die jetzige Bestimmung des Saales, für die -Stadtverordnetensitzungen.</p> - -<p>An Sprüchen und Schildereien hatten die alten Freiberger -viel Freude, und manches Sprüchlein auch im Rathause -ist längst dahingeschwunden. So stand mit feinem -Humor über einem Schreiberstüblein, in dem auch »etliche -besondere Acta ordentlichen verwahret« wurden, der Satz: -»<em class="antiqua">Nunquam recte regetur Respublica nisi ordine regatur.</em>« -Niemals wird ein Staat richtig regiert werden, wenn er -nicht durch Ordnung regiert wird. Wie mögen die in der -Kopistenstube regierenden Schreiberlein da Ordnung in -ihrem Aktenstaate gehalten haben! –</p> - -<p>Der obere Rathaussaal war im Mittelalter zugleich die -Rüstkammer, in der die Armbrüste, lederne Schilde und -andere Waffen hingen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span></p> - -<p>Es waren dies die Waffen gegen äußere Feinde, welche -stets zur Hand und gebrauchsfertig sein mußten.</p> - -<p>Im unteren Rathausflur hingen die Waffen gegen einen -anderen grimmigen Feind, der öfter die Stadt zerstörte -und vielen einzelnen Bürgern schweren Schaden zufügte, -das Feuer. Zu Hunderten hingen Feuereimer aus Leder -an der schweren Balkendecke, viele mit Zeichen und Malereien -oder Verschen geschmückt. Aus dem Spittel wird uns -solch Feuereimerverslein überliefert:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Im Fall der Noth, da Gott vor sei,</div> - <div class="verse indent0">muß jeder haben ihrer zwei</div> - <div class="verse indent0">oder einen rechten großen.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Daß auch in neuerer Zeit die Freude an Spruch und -Reim nicht ganz erstorben ist und hie und da auch heute -noch am Haus oder Tür ihren Ausdruck findet, ist nur zu -begrüßen. Wer mag sich nicht freuen über die sinnigen, -fein empfundenen Verse, die über einer Gartenpforte stehen, -die man als Inschrift über jede Kleingartenanlage setzen -könnte:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Mein Garten dünkt mich kindisch klein,</div> - <div class="verse indent0">Schau ich nur von ohngefähr hinein;</div> - <div class="verse indent0">Doch fang ich an, ihn umzugraben,</div> - <div class="verse indent0">Mein’ ich ein Königreich zu haben.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Von der Türe zum stillen Reiche derer, die müde geworden -von der Arbeit des Lebens, Feierabend machen -durften, vom Haupteingange des Johannishospitals grüßt -das Wort der Jünger von Emmaus:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">und von der Tür des Siechenhauses, vom Bartholomäushospital -tröstet den matten Erdenpilger, der hier seine letzte -Zuflucht und Pflege sucht, der Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich will euch tragen bis ins Alter, bis daß ihr grau werdet.«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span></p> -<p>Das Gedächtnis des Weltkrieges aus einer Zeit, da die -deutsche Kraft innen und außen, die deutschen Waffen noch -unüberwindlich schienen, bewahrt der Neubau der alten -Kreuzmühle.</p> - -<p>Nicht lange vor dem Kriege ging der alte malerische, -von wildem Wein dicht umsponnene Bau mit dem mächtigen -Mansardendach in Flammen auf und wurde 1914 -bis 1915 in verwandter Form dem neuen Wohnzwecke angepaßt, -nach meinen Plänen wieder aufgebaut. Eine -Schrifttafel über der Haustür und ein wuchtiges Schwert -mit Lorbeer und den Jahreszahlen 1914–1915 als Sinnbild -neben der Haustür geben der Stimmung der Zeit -Ausdruck und sind damit ein Hauszeichen und Zeitdenkmal -von besonderem Werte und Eigenart geworden, das sicher -unseren Enkeln und Urenkeln viel zu sagen hat und besonders -ehrwürdig sein wird. Der Hausspruch, in schönen -deutschen Buchstaben in Marmor gehauen, lautet:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Das alte Haus in Flammen stand</div> - <div class="verse indent0">Kurz vor dem großen Weltenbrand,</div> - <div class="verse indent0">Da deutsche Art und deutsches Schwert</div> - <div class="verse indent0">In Not und Tod sich neu bewährt.</div> - <div class="verse indent0">Das neue ward im Krieg geschaffen,</div> - <div class="verse indent0">Gott segne Dach und Volk und Waffen!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Sinnend schauen wir zur grünumrankten Tafel hinauf und -auf das lorbeergeschmückte Schwert und denken daran, wie -es war, wie es wurde und was noch werden mag. Auch -unser alter Reichsbau ging in Flammen auf. Das neue -Dach, das neue Haus ward im Krieg geschaffen und wird -von Stürmen umtobt, von Feinden bedroht: »Gott segne -Dach und Volk und Waffen!« Ja, auch die Waffen! – –</p> - -<p>Worin soll die Spruchweisheit unsrer Tage bestehen?<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span> -Nicht in lockerem Scherz und leichten Reimen! Ausdruck -der Zeit ist not. Heute liegt uns vor allem die Not des -Vaterlandes, die Not der Heimat, das deutsche Leid am -Herzen, das auch unser eigen Leid und Not ist. Wir spüren -den inneren Zwang, in unserer eigenen Seele und in der -Seele unseres Volkes und aller einzelnen Volksgenossen -neue lautere Ströme der Kraft zu gewinnen, um rein und -stark, fest und unüberwindlich zu werden im schweren Druck, -in aller Kampfesnot des täglichen Lebens, in aller Sorge -und Friedlosigkeit innen und außen. »Not brach Eisen, -Eisen breche Not« steht auf dem Gefallenengedächtnismal -des Jäger-Bataillons 12 und Infanterie-Regiments 182 -in Freiberg. Eisen, nicht Gold braucht unser Volk, um -seine Not zu überwinden. Gold macht schwach, Eisen macht -stark, macht stark die Seele und den Willen, Gold bringt -Not, Eisen bricht Not! Gold macht gemein, Eisen macht -rein!</p> - -<p>Der alte deutsche Trotz, wie er durch unsere alten und -neuen Heldenlieder klingt, der auf sich selber steht auch -gegen die ganze feindliche Welt, und doch ein Kind ist, wo -ihm Treue und Gerechtigkeit begegnen, muß vor allem sich -wiederfinden und wiederklingen. Solche Spruchweisheit -sollte keimen und wachsen wie Samenkörner, die der Wind -ausstreut, daß das öde, verwüstete Land wieder grün wird, -die zertretenen Fluren der deutschen Seele wieder hoffnungsvoll -aufblühen.</p> - -<p>Manches köstliche Wort ist in der Dichtkunst früherer -Zeiten und unserer Tage aus der Tiefe der Heimatliebe -wie schimmerndes Edelmetall zum Lichte gebracht worden. -Diese Schätze müssen dem täglichen Leben nahegebracht -werden und hineinstrahlen in den Alltag, der heute so -dunkel und schwer geworden ist, damit sie wirken können<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span> -zur neuen inneren Erhebung als Ausdruck deutschen Wollens -und Sollens, Wissens und Müssens.</p> - -<p>Jedes stolze, trotzige deutsche Manneswort aus tiefer -heißer Seele, das wie Schwertschlag durch die Seele geht, -wie mit eiserner Pflugschar tiefe Gründe aufreißt und den -Geist seiner Zeit offenbart, mag es auch vor Jahrhunderten -einem starken deutschen Herzen entsprungen sein, ist geeignet -zur Wiedergeburt im deutschen Sinne zu wirken und -uns zu Kraft und deutschem Stolz zu wecken und zu erziehen -und heute wie in späteren Tagen Zeuge und Mahner -zu sein zu deutscher Art und deutschem Geist und Wesen -und deutscher Tat. Wie unsere Väter ihr Wesen und ihr -Wollen in Haussprüchen und Denkversen zeigten, so gilt es -für uns in und nach dem Kampfe für die Heimat Heimatkultur -und planmäßige Erziehung zum Deutschtum zu -treiben mit allen Mitteln und Formen, um unseres Volkes -beste Art zu stärken und zu stählen, sein tiefstes Wesen in -Treue zu klären, zu erklären und in Schönheit zu verklären.</p> - -<p>Wo deutsch die Steine reden und deutsche Art uns künden, -muß deutsches Wesen und deutscher Geist wie Felsen -fest im Heimatgrunde stehen und stark allen Stürmen und -Wettern trotzen! Aus heiliger Saat steigt die kommende, -die stahlblanke Zeit:</p> - -<div class="center s90"> -Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen! -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Im_Freiberger_Dom">Im Freiberger Dom.</h2> -</div> - -<p class="drop">Bist du schon einmal im Freiberger Dom gewesen und -hat deine Seele Zwiesprache gehalten mit den Gedanken -der Ewigkeit, die dort in Stein gebannt sind? Hat -einmal dein Herz es erlauscht, und ist es dir tief in dein -Inneres gedrungen, daß hier nicht ein totes, steinernes -Gefüge seine Blöcke zu Säulen und Wänden türmt und -seine Gewölbe in kunstvollen Rippen und Kappen schließt, -sondern daß das Ganze ein beseeltes Wesen ist, welches gewachsen -ist, sich entwickelt zu einem höheren Dasein und -lebt? In welchem Gedanken wirken und weben, schwingen -und klingen, die aus dem tiefsten Innern des Volkes geboren, -sich emporgerungen haben als Ausdruck der Sehnsucht -und des Sinnens, wägender Weisheit, wähnenden -Wollens und Waltens, ahnenden Schauens der Volksseele -selbst? Komm mit mir und lausche, was die alten Wände -raunen: Heimat, Heimat wird dich segnen und reich machen, -erheben über die Zerrissenheit, Leere und Armut dieser -Zeit, wird dich lohnen mit dem heiligen Gefühl des -Heimatstolzes, daß was aus echt deutscher Seele geboren ist, -unsterblich, unzerstörbar, ewig ist, weil es Keime immer -neuen Werdens trägt, Keime der Auferstehung und des -Emporringens aus der Tiefe zum Licht, zu heiliger Frucht, -die wieder Samen streut auf Hoffnung und auf Erfüllung -verheißende Zukunft!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span></p> - -<p>Wir wollen heute nicht vor der goldenen Pforte, diesem -Wunderwerke der Kunst aus der ersten Blütezeit der Stadt -verweilen, sondern uns still an die Stufen des Altars -setzen und schauen und hören, was an Stimmen und Stimmungen -in uns und um uns laut und leise klingend wird, -was aus fernen Tagen und Taten lebendig wird und Gestalt -gewinnt. –</p> - -<p>Leise singt die Orgel, sanft mit weichen Stimmen als -streichele dir liebe Kinderhand die Sorgenstirne und nähme -dir alles, was dich niederzieht, von der Seele und trüge -dich weg von allem, was da draußen so grau und zwieträchtig -dein Herz bedrängte. Dann braust sie gewaltiger -empor mit mächtigem Klange jubelnd und jauchzend. Der -ganze Raum wird ein himmelstürmender Jubel von -eherner Wucht und unendlicher Reinheit und Schönheit, -in dem deine Seele ergriffen und emporgerissen wird über -Zeit und Ort als hätte sie Flügel, im Sturme zu eilen, zu -schweben über Welten und Zeiten in strahlender Klarheit -sieghaften Lichtes, Klarblick zu gewinnen über Weltweiten -und Wesen der Dinge. Die schlanken Säulen scheinen zu -beben als wollten sie sich lösen und emporwachsen und aufblühen -zu höherer Schönheit. Die Kappen der reichen Gewölbe -mit ihren Rippen, die wie die Maschen eines kunstvollen -Netzes sich verschlingen, erzittern, als wollten sie zum -Leben erwachen wie ein singender, klingender Vogel, der -seine Fittiche spannt der Sonne entgegen.</p> - -<p>Und auf den Wogen der Töne, die dahin quellen und -schwellen, in wallender Flut sich drängen, überstürzen, eilen, -sich suchen und fliehen und dann voll und breit dahinströmen, -da kommen herbei die Gestalten, welche im Laufe -der Jahrhunderte ihre Not und ihr Leid, ihre Freude und -Hoffnung, ihre Sorgen und Pläne, ihre Schmerzen und ihr<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span> -Lieben an diesen heiligen Ort getragen. Unendlich unübersehbar -ist die Schar. Ihrer aller Seele Sehnen suchte -einst an dieser Stätte Frieden und Erfüllung und hat ihr -eine unsichtbare Weihe gegeben, die Weihe, welche nur das -höchste Denken und tiefste Fühlen inniger Gemeinschaft vor -tiefsten Rätselfragen suchender Seelen zahlloser Geschlechter -geben kann.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Was kommt dort für eine Büßerschar? Mit nackten -Füßen paarweise mit zerrissenen Gewändern, die den -nackten Körper nur wenig verhüllen, einen offenen roten -spanischen Mantel mit Kreuzen an Hüten und Kleidern -vorn und hinten tragend? Geißler sind es, auf der Wallfahrt -zur schönen Marie von Freiberg, jenem wundertätigen, -lebensgroßen Marienbilde von Wachs, um hier -ihrer Sünden und ihrer Schmerzen ledig zu werden. -Schaurig klingen ihre Bußgesänge, die sie singen, um die -Pest zu bannen, und klatschend fallen auf den nackten Körper -die Geißelhiebe, unter denen aus blutigen Striemen -die roten Tropfen spritzen. Doch wende ab den Blick vom -traurigen Zuge. Dort schreiten gar würdige Gestalten -einher. Die Männer der Freiberger Treue, an ihrer Spitze -der Bürgermeister Nikolaus Weller von Molsdorf und -neben ihm Nikolaus Monhaupt und die Ratsherren, welche -anno 1446 im sächsischen Bruderkrieg einst auf offenem -Markte im Sterbehemd lieber ihr Haupt dem Richtschwerte -boten als den Schwur der Treue ihrem Herrn -brachen: »Wir sind dessen entschlossen, daß wir lieber, wenn -es je anders nicht sein könnte, den Tod erwählen und -sterben, denn unsere Treu und Seelen also hintan setzen -wollen.« »Ehe ich soll meinen gnädigen Fürsten und Herrn, -deme ich gehuldet und geschworen, verraten, lieber soll und<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span> -will ich mir jetzund alsbald meinen alten grauen Kopf abhauen -lassen«, so klangen fest ihre Worte dem grimmigen -Feinde ins trotzige Gesicht und überwanden ihn durch die -adlige Kraft unbeugsamer Treue. »Nicht Kopf weg, Alter, -nicht Kopf weg, wir bedürfen solcher ehrlichen Leute ferner, -die ihr Eid und Pflicht also beherzigen«, war die Antwort -des feindlichen, ritterlich denkenden Fürsten und dazu die -Versicherung, nichts gegen Eid und Gewissen zu verlangen. -So wahrten sie durch todesmutige Treue ihre Ehre und -die Wohlfahrt der Stadt. Weller von Molsdorf, ihr Führer -und Sprecher, war der Erbauer des Rathausturmes, den er -der Stadt zum Geschenk machte, und sein Wappen, zwei -Schwanenhälse, die einen Ring im Schnabel tragen, ziert -in Stein gehauen noch heute die wundervolle gotische -Lorenzkapelle im Turme mit ihrem schönen, reichen Portale. -Wer hatte wohl mehr Recht als er in seinem Wappen -das Symbol der Treue, den Ring, zu führen und das -Wappen an heiliger Stelle anzubringen?</p> - -<p>Nikolaus Monhaupt dort neben ihm war ein treuer und -eifriger Sohn der Kirche. In seinem Hause auf der Petersstraße -ließ er sich eine Kapelle bauen und vom Papste besonders -begnaden. Herrliche gotische Sterngewölbe auf -Rundpfeilern überdecken den Raum, in welchem er seine -Gottesdienste hielt, diesen Raum, der später der kleinen -Schar der Anhänger des Wittenberger Bruder Martinus -als Zuflucht und Ort der Gemeinschaft in schwerer Zeit -diente. Hier ward von ihnen das heilige Abendmahl in -beiderlei Gestalt nach Luthers Lehre zum ersten Male -begangen und die Herzogin Katharina, die Gemahlin Herzog -Heinrichs des Frommen, die treue Bekennerin, mag -heimlich zu dieser Feier in der Gemeinschaft ihrer Glaubensfreunde -geschlüpft sein und neue Kraft und Erhebung<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span> -gesucht haben. Noch heute erinnert die steinerne Tafel am -Hause an diesen Tag. Schon vor dem Bau dieser Kapelle -hatte Monhaupt seine Frömmigkeit bewiesen durch die -Stiftung einer steinernen, farbig bemalten Figur der -Gottesmutter mit dem Kinde, die heute noch in der Annenkapelle -am Dom mit ihrer milden Schönheit herniederschaut. -Ein Englein trägt die mit seinem Wappen geschmückte -Konsole, auf der so ruhevoll die Gestalt der -Maria steht. Vierzig Tage Ablaß waren dem verheißen, der -vor ihr ein Vaterunser und einige <em class="antiqua">Ave Maria</em> gebetet. -Wieviele Tausende mögen vor ihr gekniet haben! In welche -trüben Fluten von Leid und Not, von Sorge und Sünde, -von Schmerzen, Tränen, Wünschen und Hoffnungen mögen -ihre milden Augen geschaut haben. Wie Wallfahrtslieder -klingt es uns, wie Weinen und Schluchzen zerbrochener -Seelen, dann wie Jubeln und Jauchzen erfüllten -Sehnens, befreiter Herzen.</p> - -<p>Vorüber ihr Gestalten, die ihr dort drängt, ihr Fürsten -und Reichen, ihr Stolzen und Frohen! Das Leid heiligt -eine Stätte mehr als die Freude. Der Strom der Leidgeprüften -ist breiter, ist tiefer als der Zug der Freude. -Ein Weinen ging durch diese Kirche als Nikolaus Hausmann, -der in ruhiger Würde dort schreitet und zur Tulpenkanzel -hinüberschaut, während der Predigt vom Schlage -getroffen auf dieser seiner Kanzel niedersank. Dieser -Schlag traf auch das Herz der jungen Luthergemeinde mit -schmerzlicher Gewalt. Die Gemeinde war durch den Eigenwillen -und Übereifer des früheren Pfarrers Schenk in -Angst, Not und Zwietracht versetzt worden, so daß das -reine evangelische Feuer, welches hell aufgelodert war, zu -erlöschen drohte. Da sandte Luther selbst seinen lieben -Freund, den Superintendenten Nikolaus Hausmann, um<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span> -Abhilfe zu schaffen und selbst das Amt zu übernehmen, und -nun? wo waren alle Hoffnungen?</p> - -<p>Luther schloß sich in sein Zimmer ein bei der Todesnachricht -und weinte bitterlich um ihn: »<em class="antiqua">Quod nos docemus, -ille vivit</em>« hatte er rühmend einst von ihm gesagt: »Was -wir lehren, lebt er.« Ist dieses Lutherwort nicht die herrlichste -Grabpredigt, die einem treuen Seelsorger nachgerufen -werden kann? Seit Hausmanns raschem Tode, am 1. September -1538 ist die Kanzel, auf der er hinsank, nicht wieder -zur Predigt betreten worden. Die »Teufelskanzel« wurde -sie vom Volke genannt.</p> - -<p>Dort steht sie in ihrer bizarren Schönheit mit der -sprühenden Lebendigkeit und sprudelnden Phantasie ihrer -Formen und dem krausen Spiele aller Linien. Als wäre -ein gewaltiger Blumenkelch emporgeblüht aus weißem, -steinernen, felsigen Grunde. Aus der Wurzelrosette schießt -der mittlere, palmenartige Schaft empor, der die seltsame -Wunderblume auf einem Blätterkelche und Kranze -von Weintrauben trägt. Lange Blütenstengel wachsen aus -dem Blätterkranze am Grunde empor und sind mit Seilen -zweimal an den Pflanzenschaft gebunden. Ihre Spitzen -tragen große Knospen, deren Kelchblätter sich untereinander -verschlingen. Schau, wie zwischen den Blütenstengeln -auf Nebenblättern rings um den Schaft vier Englein sich -tummeln und die Flüglein heben, als wollten sie sich -haschen, im frohen Spiel rundherum springend im Kreise -mit kindlichem Jubel. Der Blumenkelch oben ist von freibewegten, -distelblattartigen Ranken umsponnen, wie von -blühendem Steinfiligran in reichstem, zierlichen Linienspiel. -Hier hat der Meister den starren Stein bezwungen -mit seinem Meißel, die Ranken frei vom Untergrunde gelöst, -als wären sie biegsames Edelmetall, das unter dem<span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span> -Hammer sich schmiegt und windet, wie der Goldschmied es -will, und zu höchster Feinheit und Zierlichkeit in wundersamen -Formen und Linien sich bildet. Die vier Kirchenväter -schauen ernst aus dem Geranke hervor, Bischof -Augustinus, Papst Gregorius, Erzbischof Ambrosius und -der als Kardinal dargestellte Hieronymus. Es sind die -Helden des Glaubens, der Verkündigung des Wortes und -des Bekenntnisses aus den Sturm- und Kampfzeiten der -jungen christlichen Kirche. Edle charaktervolle Männerköpfe -sind es, voll individuellen Lebens und persönlichen -Ausdrucks. Sind es hier die Bildnisse edler Männer Alt-Freibergs -aus jener Zeit? Fast will es uns scheinen! -Geist und Wille und persönliche Bedeutung lebt in ihren -Zügen und jeder einzelne ist ein selbständiges Werk ausgereifter -frei schaffender Bildhauerkunst, fern von den Gebundenheiten -und Starrheiten der späten gotischen Kunst, -voller Eigenart und selbständigen Schöpferdranges einer -aus deutschem Urgrunde heraufblühenden neuen Kunst.</p> - -<p>Wer war der Meister? Zwei rätselhafte Buchstaben -<em class="antiqua">H. W.</em> an seinem Werke verbergen seinen Namen. Es -sprechen für ihn seine Werke in ihrer herben Kunst und -gehaltvollen Schönheit. Dort sitzt der große namenlose -Meister <em class="antiqua">H. W.</em> selbst in Stein gehauen, im schlichten -Arbeitskittel bescheiden am Fuße der Kanzel neben -der untersten Treppenstufe. Andächtig lauscht er empor zu -den Worten der Schrift von der Kanzel. Ganz deutsch ist -sein ehrliches Gesicht mit dem kurzen Vollbart, sprechend die -Bewegung des Mundes, der Hände und des ganzen Körpers, -so daß man es spürt, wie ihn so ganz das Wort mit -Andacht erfüllt und in ihm lebendig ist. Neben ihm spielen -die Engel zu seiner Rechten, sie sind das frohe, jauchzende -Leben und zu seiner Linken schreiten grimmige Löwen mit<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span> -offenem Rachen um den Fuß der Kanzel. Sind sie die -Versuchung, dunkle Leidenschaften oder die Sünde, »der -Teufel«, der umhergeht wie ein brüllender Löwe, um zu -suchen, wen er verschlinge? Stellt der Meister gar sich -selbst nur als ein Sinnbild der andächtig lauschenden Gemeinde -dar, welche unter der Kanzel alles, was aus der -Andacht reißt und vom Gotteswort abzieht, draußen lassen -und Gott allein dienend vergessen soll? – Die alten deutschen -Künstler haben in ihren Werken die Sprache tiefer -Symbolik ohne abgebrauchte symbolistische Zeichen besonders -geliebt und ihre Zeit verstand die innigen Zusammenhänge -dieser geheimnisvollen Sprache mit dem Leben und -Wollen ihrer Tage. Das ganze Rechtsleben und kirchliche -Leben war ja von Symbolen und sinnbildlichen Handlungen -erfüllt, die jedem geläufig waren. Was uns zunächst -vielleicht als ein willkürliches Spiel bizarrer Phantasie -ohne inneren Zusammenhang erscheint, als Künstlerlaune -oder Einfall ohne tiefere Bedeutung, das gewinnt in -diesem Lichte vielleicht wunderbare Geschlossenheit und ist -Ausdruck tiefster Gedanken, welche in jener Zeit lebten und -von jedem verstanden wurden. – Das Hündchen des Meisters -sitzt auf der als Baumstamm gebildeten Säule, um -welche die Kanzeltreppe sich windet. Es war sicher der -Liebling des Meisters, sein ständiger Begleiter und sollte -auch hier bei ihm sein, und ist in köstlicher Naturwahrheit -dargestellt. Bei der Arbeit ist es vielleicht einmal auf die -Spille gesprungen. Der Meister hielt dies Bild fest und -nun sitzt das Hündchen als das Sinnbild der Treue, als -Wächter erhöht und schaut keck in die Welt. Nichts entgeht -seiner Wachsamkeit und er wird eifrig melden jeden, -der naht. Will er nicht auch der Gemeinde etwas sagen? -»Seid wachsam, denn dunkle Gewalten und Leidenschaften<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span> -bedrohen ständig den Aufstieg zur Höhe?« Dieser Aufstieg -ist hier durch die Kanzeltreppe dargestellt, deren -Stufen auf starken Baumstämmen und Ästen ruhn. Ächzend -unter der Last trägt sie eine Jünglingsgestalt auf ihrem -Rücken, die rittlings auf einem Baumstumpf hockt. Er -trägt schwer unter dem Joch der selbst auferlegten Last. -Ist er ein Sinnbild der Menschenseele, die oft unter selbstgeschaffener -Last oder schwerem Schicksal seufzt, während -dies Schicksal doch nur einen Weg, Stufen zur Höhe bedeutet? -Man glaubt das Stöhnen aus des Jünglings tiefster -Brust zu hören, so schmerzlich verzogen ist sein Mund. Die -ganze Gestalt ist so naturwahr und lebendig in Ausdruck -und Bewegung geschaffen, ist so aus dem Leben unmittelbar -gegriffen und dem Leben mit starker Kraft und Sicherheit -nachgebildet, daß man nicht glaubt, ein Werk der sterbenden -Spätgotik vor sich zu haben, sondern es fühlt, daß hier -eine neue Kunst geboren ist, die Kunst einer deutschen -Ur- oder Vorrenaissance aus deutschem Grunde, deutschem -Fühlen voll eigenwüchsiger Selbständigkeit ohne südländisch -italienische Muster. Ganz deutsch ist ja das ganze -Werk, Wesen und innerer Gehalt der Kanzel mit ihrem -Beiwerk, in dem der Künstler soviel erzählt und von seinem -Denken und Fühlen, von der Traumwelt seiner Seele hineinlegt. -Nur eines Deutschen, eines großen Künstlers -suchende schöpferische Seele kann soviel geben und über die -formale Schönheit hinaus die tiefe innige Welt seiner -Seelengedanken in seinem Werke offenbaren, den eigentlichen -geistigen Inhalt über Stoff und Form hinauszuheben. -Nur ein Deutscher kann das Leben dieser Seele im -Werke recht verstehen und würdigen. Die deutsche Phantasie -hat diesen »hohen steinernen Predigtstuhl« daher -auch mit ihren Sagenranken umsponnen, wie dort die<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span> -steinernen Ranken den Blumenkelch der Kanzel. Die Sage -raunt, der sinnende Meister dort habe seinen jungen Gesellen -erstochen, weil dieser einen besseren Entwurf zur -Kanzel gefertigt und das Wunderwerk ausgeführt habe, -dessen er nicht fähig gewesen wäre. So sei der Geselle als -Träger des Werkes dargestellt, während der Meister -klagend daneben sitzt und dem Werke des Nebenbuhlers -den Rücken kehrt. –</p> - -<p>Auf dem schwebenden Kanzeldeckel über dem Predigtstuhl -sind die Zeichen der vier Evangelisten angebracht und -über ihnen erhebt sich aus einem Blattkelch die rührende -Gestalt der gekrönten Maria mit dem Jesuskinde. Das -Kind hat eine Weintraube in der Rechten und eine saftige -Beere in der Linken. Es scheint vor Freude darüber zu -zappeln, so daß Maria, die sorgliche Mutter, mit der Hand -fest das Füßchen faßt, damit das Knäblein in seiner jauchzenden -Daseins- und Lebensfreude nicht vom Arme hüpfe. -Das Ganze eine rein menschliche, liebliche Szene vom holden -Mutterglück, die auf jedes Gemüt wirken muß, und doch -auch hier tiefe symbolische Bedeutung, die das Werk über -das rein Menschliche weit emporhebt: »Ich bin der Weinstock, -ihr seid die Reben« und »Dieser Kelch, den ihr trinket, -ist mein Blut, für euch vergossen«. Auf diese Worte deutet -die Traube und die Beere in der Kinderhand hin. Das -fröhliche Kind hält in seinen spielenden Händen sein -schweres, gewaltiges Schicksal, seine heilige Aufgabe, das -Schicksal der Welt und jeder einzelnen Seele. Über der -Kanzel erhebt und schwebt das liebliche Werk als Symbol -dafür, daß über jeder Predigt als Kern und Leitgedanke -das Evangelium und das Wort von der Erlösungstat stehen -soll. »Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium« -steht in lateinischer Sprache auf der Unterseite des Kanzeldeckels<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span> -über dem Haupte des Predigers schwebend und -mahnend.</p> - -<p>Wie bei der goldenen Pforte ein tiefer Reichtum von -symbolischen Gedanken die Fülle der Gestalten miteinander -verbindet und der geistige und künstlerische Gehalt sich in -wunderbarem Rhythmus zu ebenbürtiger Hoheit erhebt, zu -einem Lobgesang auf die Jungfrau Maria, so ist die Tulpenkanzel -eine steinerne Predigt, deren tiefer Inhalt in Verbindung -mit der vollendeten Kunst die Herzen ergreifen -und erheben muß. Sie steht mitten im Gotteshause, das -als Predigtkirche, als freiräumige Halle mit steinernen -Emporen errichtet ist, und verkörpert in sich lange vor der -Reformation rein evangelische Gedanken, ein Predigtstuhl -des Evangeliums inmitten der lauschenden Gemeinde, wie -es seinesgleichen wohl kaum in deutschen oder fremden Landen -gibt oder geschaffen ward.</p> - -<p>Sinnend lassen wir die Kanzel auf uns wirken, suchen zu -enträtseln und zu begreifen, und im Rauschen der Rhythmen -der Orgel ist es uns, als bekäme sie selbst Zunge zu -reden und zu hohen und weiten Gedanken zu erheben. Sie -sah Fürsten und Gewaltige in ihrer Pracht und Herrlichkeit -vorüberziehen, sie sah ihre sterbliche Hülle, ein Nichts, vorübertragen, -Staub zu Staube werden. Die Hoffnung und -der Stolz der evangelischen Christenheit, Kurfürst Moritz, -der Löwe der evangelischen Sache, in der Blüte seiner Jahre -von meuchlerischer Kugel hingerafft, wurde hier vorbei -getragen, und düstere Pracht ehrte den toten Helden, mehr -noch ehrten ihn die Tränen seines Volkes.</p> - -<p>Es drängt die Fülle der Gesichte und Gestalten einer vergangenen -Zeit und Welt, ohne deren Sein, Wesen und -Wirken wir selbst ein Nichts wohl wären. Keine Gegenwart -ohne Vergangenheit, und doch denkt die Gegenwart<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span> -so wenig der Vergangenheit, aus der sie selber stammt, zu -der sie selber wird. Welche Vergangenheit war wohl furchtbarer -für die Stadt, wie für Land und Reich, als die Jahre -des Dreißigjährigen Krieges, als blutiger Tod, Hunger und -Pest ihre grausigen Geißeln über unser unglückliches Vaterland -schwangen. Wie kniet in zitternder Angst und Sorge -um das armselige Leben und tägliche Brot hier das Volk -auf den steinernen Platten des Fußbodens, unter denen -schon viele Geschlechter schlummern, sucht Trost und Stärke -im heißen Notschrei der Seele. Wie oft tobte Plünderung, -Brand und Mord durch die Gassen, und Rat und Bürgermeister -waren machtlos. Für Freund und Feind war die -Stadt nur ein Ziel der Beutegier. Jonas Schönlebe, dessen -Wappen heute noch sein Stammhaus an der Ecke des Obermarktes -und der Erbischen Straße ziert, war in den schwersten -Tagen Bürgermeister der Stadt. Schweres Schicksal hat -er für seine Stadt auf sich genommen und erduldet: Am -29. November 1632 wurden er, der Superintendent Gensreff -und der Ratskämmerer Lindener als Geiseln über das -winterliche, fast weglose Gebirge durch Eis und Schnee -nach Böhmen geschleppt und kehrten erst am 31. Dezember -nach schwerer Drangsal glücklich wieder heim. In jenen -furchtbaren Tagen der Not mag er, vielleicht angeregt durch -seinen geistlichen Leidensgefährten Gensreff, gelobt haben, -wenn er glücklich errettet würde, an Stelle des alten unscheinbaren -hölzernen Predigtstuhles eine neue Kanzel zu -stiften, eine Kanzel für Luthers reine Lehre, nachdem er -unter der grausamen Faust der papistischen Soldateska des -Kaisers geseufzt und in Luthers Lehre seinen Trost und -seine Hoffnung gefunden.</p> - -<p>Entsetzliche Jahre der Not und Angst folgten. Unsägliches -hat die Stadt und ihre Umgebung gelitten unter den Besetzungen,<span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span> -Belagerungen, Durchzügen, Kontributionen und -Peinigungen von Freund und Feind. Der friedliche Bürger -wurde heute von Schweden, morgen von Kaiserlichen -oder den Soldaten des eigenen Landesherrn mißhandelt und -ausgepreßt. Handel und Wandel war durch die Unsicherheit -unmöglich gemacht. Wer sich vor die Tore der Stadt -wagte, lief Gefahr, ausgeraubt oder gar ermordet zu werden. -Wurden doch bei einem Begräbnis auf dem Donatsfriedhof -dicht vor dem Tor das ganze Trauergefolge ausgeplündert. -Die Zufuhren blieben aus, und weder Getreide -noch andere Nahrungsmittel kamen zu Markte.</p> - -<p>Häuser und Scheunen vor der Mauer wurden geplündert -und verbrannt, und was nicht brennen wollte, ward niedergerissen -oder sonst durchlöchert und verwüstet. Auch innerhalb -der Mauer war die Unsicherheit groß und der ruhige -Bürger gar oft der wilden Willkür, Habsucht und Wut -fremden Volkes preisgegeben. Ständig waren Mauern und -Türme von den Bürgern besetzt, und jeder rüstige Mann -mußte Waffendienst bei Tage oder Nacht für seine Stadt -leisten. Bald waren die »Blauröcke« Herren in der Stadt, -bald bedrohte Oberst Ulefeld, bald Generalfeldmarschall -Holk, bald »Krabatenoberst« Beygott, bald Oberst Taube, -bald General Arnim die Stadt mit Plünderung und Brandschatzung. -Im September 1634 bedrohten die Schweden -unter Banner die Stadt mit Mord und Brand, im Oktober -die Kaiserlichen unter Oberstleutnant Schütze und Schönickel -und verbrannten alle Vorstädte, Freibergsdorf und Johannishospital -und das vor dem Peterstor liegende große -Glockengießhaus, »davon eine solche Brunst und flammende -Hitze entstanden, daß die Funken in und über die Stadt -haufenweiße geflohen und die Stadt in höchste Feuersgefahr -geraten«. Viele Jahre kein Tag ohne Angst, Mord und<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span> -Brand! Seuchen und Pest wüteten in der Stadt. Im -Jahre 1633 z. B. sind 1632 Personen öffentlich bestattet -worden außer denen, die heimlich begraben wurden. Diese -furchtbare Zahl wird recht deutlich, wenn man vergleicht, -daß heute bei etwa der doppelten Bevölkerungsziffer jährlich -rund 500 Todesfälle zu verzeichnen sind. Die Zahl der -Todesfälle in jener Zeit beträgt also das Sechsfache bis -Achtfache der normalen Sterblichkeit.</p> - -<p>Welche Bergeslasten von Sorge, Not und Angst für sich, -die Seinen und vor allem für die ihm anvertraute Stadt -mögen auf dem Herzen des tapferen Bürgermeisters Schönlebe -gelegen haben! Und doch, das Werk seiner Kanzel -fördert und treibt er »aus besonderer Andacht und zu Beförderung -des Gottesdienstes und Zierde der Kirchen« -trotz aller Nöte und Unruhen, so daß es im Jahre 1638 im -Dome am mittelsten Pfeiler aufgestellt werden konnte. -Hans Fritzsche, »der lange Bildenhauer«, scheint der Meister -dieser Kanzel gewesen zu sein. Wie mag in der Werkstatt des -Künstlers in seltener, ruhiger Stunde der tapfere Bürgermeister -dem Werden des Werkes zugeschaut, Anregungen, -Vorschläge und Wünsche gebracht haben, während draußen -schon die Sorgen lauerten und mit knöchernem Finger an -die Türe pochten. Ein Friedensdenkmal aus Freibergs -schwerster, furchtbarster Zeit, aus grimmiger Kriegsnot, -wo das Sterbeglöcklein nicht stille stand und täglich der rote -Hahn seine feurigen Flügel schlug, wo blutiger Mord durch -die Gassen schlich oder des Todes eiserne Würfel vor den -Mauern rollten, ein Denkmal innigen Glaubens aus einer -Zeit, wo Leidenschaften und Laster regierten, alles Heilige -nur ein Spott war, und das wilde Leben der Begierden -die kurze Spanne der zugemessenen Zeit genießen wollte in -Saus und Braus, wo zwischen Blut und Pest das üppige<span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span> -Leben leidenschaftlichen Genusses in um so wilderen Strudeln -schäumte. Ein stilles Denkmal der Kunst aus einer -Zeit, wo alle Musen schwiegen und in glücklichere Lande -entflohen schienen, wo Zerstörung und Vernichtung alles -Schönen, der Untergang aller Kunst und edleren Kultur -unter den eisernen Schritten des unersättlichen Krieges gewiß -schien, wo tausend Kirchen und Altäre, Schlösser und -stolze Häuser mit ihren Kunstschätzen in Staub und Asche -sanken, geplündert und vernichtet wurden, und alle Keime -und Blüten der Kunst und höheren Schaffens und Denkens -zertreten und zermalmt schienen, ein heiliges Werk, emporgeblüht -wie eine stille, edle Blume aus blutgetränktem -Boden, eine Blume, an derem Werden und Wachsen sich in -jener wilden Zeit vielleicht alle edlen und feinen Geister, -alle sehnsüchtigen Herzen der Stadt erfreuten und aufrichteten -wie an einem Symbol, daß einmal doch noch Friede -und bessere Tage kommen müssen, ein Werk, das vielleicht -heimlich an verborgener Stätte, von der kein Feind oder -Verräter wußte, Gestalt gewann, und gerade dadurch den -Treuen und Starken, den Trägern einer besseren Zukunft, -um so teurer und heiliger, um so bedeutungsvoller und erhebender -war.</p> - -<p>Betrachten wir uns das Werk jener wilden blutigen Zeit, -so fühlen wir es heute noch, wie hier die Stürme schwiegen -und die Innigkeit des Glaubens, der Sehnsucht nach einem -höheren Frieden seinen Ausdruck suchte. Vielleicht könnte -im Leidenswege des Heilandes, der in den Feldern der -Brüstung der Kanzeltreppe dargestellt ist, etwa ein Gleichnis, -ein heiliger Widerklang der eigenen Leidenszeit, des -schweren Kreuzes, das die treue Gemeinde selbst zu tragen -hatte, angedeutet sein und gefunden werden. An der -Kanzelbrüstung selbst ist der Gekreuzigte in Alabaster angebracht.<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span> -Links und rechts davor knien anbetend die Freifiguren -des Stifters Jonas Schönlebe und seiner Gattin -Anna geb. Horn aus edlem Marmor gefertigt. Sie wollten -selbst an heiliger Stätte mit betend emporgehobenen Händen -verewigt sein. Sie, die so viel gesorgt, geschaffen und -gelitten, wollen ihre Demut bezeugen, daß mit eigener -Kraft nichts getan ist und nur der Glaube in schwerer Zeit -aufrecht erhalten kann und die Kraft zum Durchhalten bei -aller Not gibt. Wie oft mag so dieses Ehepaar gekniet -haben in der Angst und unter der Verantwortungslast für -die ihnen anvertrauten Leben und Güter der alten Stadt -während der furchtbaren Tage der Belagerungen und blutigen -Kämpfe, unter feindlicher Faust und giftigen Seuchen.</p> - -<p>Den Kanzeldeckel ziert der aus dem Grabe auferstehende -Erlöser. Ein Bergmann mit Fahrkappe, Kniebügeln und -Barte ist einer der Wächter am Grabe. Dieser oberste Abschluß -des Kanzelbaues war dem Stifter und Künstler -wohl ein Sinnbild der Hoffnung und heiligen Glaubens -auch daran, daß es aus der Grabluft, dem Blut und Tod -der furchtbaren Zeit doch eine Auferstehung und Erlösung -geben müsse.</p> - -<p>Die Kanzeltreppe wird getragen von einem kauernden -Bergknappen mit starkem Nacken und muskulösen Armen. -Er ist ein Sinnbild der breiten Masse des Volkes der -Arbeit, auf dessen Hingabe zur Sache, auf dessen fester -Treue das Wort ruhen und sich stützen soll, in dem es fest -wurzeln muß, wenn es Frucht bringen soll.</p> - -<p>Den Rumpf der Kanzel selbst trägt auch ein Bergmann, -ein Steiger, auf seinem Haupte und stützt sie mit seinen -Händen in geschlossener ruhiger Haltung. Sein Kopf mit -langem, lockigem Barte ist fein geschnitten, geadelt durch<span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span> -geistige Arbeit und mit gedankenreicher Stirn. Ist es der -Künstler selbst, der sich hier dargestellt hat? – ein Künstlerkopf -könnte es wohl sein – oder ist diese Gestalt das Sinnbild -der geistigen Macht, des geistigen Erlebens, des Forschens -und Denkens, des geistigen Ringens, aus welchem -die Verkündigung des Wortes hervorwachsen muß, soll sie -nicht verflachen, inhaltlos, leer und kalt werden? Das -Bergmannskleid mag sagen, daß du wie ein Bergmann in -die Tiefe schürfen und in die Höhe denken mußt, in unablässiger -Arbeit, in Arbeitssüßigkeit und Arbeitsqual, du -und jeder, der edle Erze fördern und die Tiefe des göttlichen -Wortes ausschöpfen, erleben und dem Herzen nahebringen -will. –</p> - -<p>Welch eine lange Reihe von geistesgewaltigen Predigern -und Seelsorgern hat auf dieser Kanzel gestanden und ist -durch die reizvolle, künstlerisch geschnitzte Renaissancetür geschritten, -welche die Kanzeltreppe abschließt. Der Schwung -und die Anmut des Linienspiels dieser Tür ist wie eine -künstlich verschlungene liebliche Melodie, welche vor der -Predigt in hellen Akkorden sich aufwärts schwingt.</p> - -<p>Die Bilder der alten Pfarrherrn und Superintendenten -hängen oben auf der Orgelempore im Vorsaal zum Orgelraum -am großen Wendelstein und schauen aus ihren dunklen -Rahmen so ehrwürdig und ernst hernieder.</p> - -<p>Sie, die Redner der Bergmannskanzel, ruhen zum Teil -draußen auf dem »grünen« Friedhof, dessen Baumwipfel -durch die Fenster des Domes schauen und mit Zweigspitzen -wie mit zarten Fingern an die runden bleigefaßten Scheiben -pochen. Sind die Wurzeln der Bäume tief im Grunde -durch ihre Herzen gegangen und steigen nun ihre Herzensgedanken -sehnend empor zum Licht und begehren Einlaß in -das Heiligtum, welchem sie ihr Leben geweiht? – Andere<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span> -schlummern hier unter den Fliesen im Dom, im Bereiche -ihrer alten Kanzel, der Auferstehung entgegen als Ausklang -und Ziel ihrer Predigt und ihres Lebens, wo die -Kanzel selbst mit steinernem Munde predigt: Aus dunklem -Grunde aufwärts auf Leidenswegen durch Not und bitteren -Tod zur Auferstehung, zu einem schöneren Licht.</p> - -<p>Ihre Worte sind verklungen, ihre Gedanken sind verschwunden, -die einst geistesmächtig den Raum füllten und -die Gemeinde stille machten. Die Gedanken und die Stimme -eines anderen sind aber geblieben. Wir hören die Stimme -in zarten weihevollen Tönen, in flutender Harmonie und -im Brausen der mächtigen Akkorde, es ist die Orgel, die -Stimme Gottfried Silbermanns, die Jahrhunderte nun -schon zu den Herzen spricht, sie erbaut und ergreift und auch -heute uns in geheimnisvolle Zauber spinnt, uns Vergangenheit -und Gegenwart lebendig macht, verbindet und verschmilzt -zu einer wunderbaren Einheit. Dort im alten -Hause am Schloßplatz, das die Tafel mit seinem Namen -trägt, hat er vor 200 Jahren seine Meisterwerke geschaffen. -54 Orgeln gingen aus seiner Werkstatt hervor, eine immer -die andere übertreffend, so daß auch neidische Gegner ihre -Bewunderung nicht verhehlen konnten. Er selbst stellte die -höchsten Anforderungen an sich und sein Werk und war -ein so eigensinniger Künstler, daß er im künstlerischen Jähzorn -gleich ganze Instrumente zertrümmerte, wenn sie ihm -nicht Genüge leisteten und seinen Erwartungen nicht entsprachen. -Sein größtes und letztes Werk, mit 2896 klingenden -Stimmen, ist die Orgel in der katholischen Hofkirche -in Dresden, die er in besonderem Auftrage August III. -schuf. »So wie diese Orgel gebaut ist, wird keine mehr gebaut«, -sagte voller Begeisterung der Dresdner Orgelkönig -Johann Schneider von ihr.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span></p> - -<p>Unsere Freiberger Domorgel gibt ihr nichts nach mit -ihren 2674 klingenden Stimmen, welche allen Jubel und -alles Leid des Menschenherzens singen und tönen können. -Im Vertrage erklärt er, es solle »das Hauptmanual einen -gravitätischen Klang bekommen, das Oberwerk scharf und -etwas spitzig, die Brust recht delikat und lieblich intoniert -werden, in Summa das ganze Werk soll also beschaffen -sein, daß es, wenngleich die ganze Gemeinde beisammen -ist, dennoch seinen rechten Effekt zeugen kann und kapabel -ist durchzudringen.« Zwei Jahre arbeitete er mit seinen -zehn Gesellen daran, so daß das Werk 1714 vollendet ist. -Mit dem bescheidenen Preis von 1500 Talern ist der schlichte, -redliche »Orgelmacher«, wie er sich nannte, zufrieden. Ihm -war der größte Lohn, daß sein Werk der Gemeinde und der -Kunst dient, wie noch keine Orgel zuvor. Ein Kantor aus -Leipzig und ein Hoforganist aus Altenburg übernehmen -die Prüfung der neuen Orgel und kommen zu dem Schlusse, -daß zu solchem Werke nur von Herzen Glückwünsche auszusprechen -seien.</p> - -<p>Ist auch der Klang das Wichtigste, gleichsam die Seele -und das Leben der Orgel, so ist doch auch ihre äußere Form -für den Kirchenraum von größter Bedeutung. Bewundernswert -ist es, wie der Meister Silbermann die Orgel in den -Raum hineinpaßt, so daß sie eine künstlerische Steigerung -der Raumwirkung von großer Schönheit bedeutet. Wie -sind die Scharen der mattschimmernden Zinnpfeifen zu gewaltigem -Eindruck und mächtig schwungvollem Abschluß -des Kirchenschiffes zusammengefaßt, von reich bewegter -Schnitzerei umschlossen und seitwärts von musizierenden -Engelsgestalten begleitet. Die Wirkung des Kirchenraumes -erfährt hier eine Steigerung, in welcher Musik, Architektur -und Plastik zu einem rauschenden Psalm zusammenklingen,<span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span> -ein Psalm, der erhebt und erbaut und aus dem Zusammenwirken -der Künste einen heiligschönen Gottesdienst macht. -Was für ein herrliches Bild mag die stolze Halle des -Domes gegeben haben, als die Orgel zum ersten Male vor -der versammelten festlichen Gemeinde erbrauste und wie in -Engelchören alle ihre Stimmen und Register jubelten und -sangen und wiederum im dröhnenden Fortissimo die Pfeiler -und Wände zu erbeben schienen. Niemals vorher war ein -Orgelwerk von gleicher Tonfülle, Macht und Harmonie geschaffen -worden. Dort saßen alle die stolzen Bürger und -Ratsherren, der Oberberghauptmann mit seinen Beamten -in ihren bunten Uniformen und kleidsamen Trachten der -Barockzeit. Das Haupt deckte die gewaltige Lockenperrücke, -welche den Köpfen jener Zeit eine so besondere Würde und -Bedeutung verleiht. Dazu die Reihen der Bergleute in -ihren dunklen Bergkitteln mit blitzenden Barten über die -Schulter, die den ernsten Hintergrund für das buntfarbige -Bild abgeben. Noch lebte überall an Wänden und Pfeilern -die Fülle der künstlerischen Bildwerke, mit denen Jahrhunderte -das Innere des Domes geschmückt hatten, durch -welche ein natürliches Kunstempfinden und tiefes religiöses -Gefühl den Dom zu einer Weihestätte vieler Geschlechter, -zu einem Heiligtum und Denkmal Alt-Freiberger Kunst -und Pietät gemacht hatte. Einer späteren Zeit blieb es -vorbehalten, viele dieser Kunstdenkmäler in Museen zu -schaffen und dort einzusargen, oder zu zerstören und den -Dom in engherzig beschränkter, nüchterner Auffassung zu -stilreiner Gotik zu »reinigen«. Da stand noch über dem -Altar das gewaltige romanische Kunstwerk aus Freibergs -Frühzeit, die in Eichenholz geschnitzte Kreuzigungsgruppe, -der Heiland am Kreuz mit Maria und Johannes zur Seite. -Der Heiland breitet sterbend die Arme aus mit ergreifendem<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span> -Ausdruck der Milde und Hingabe an die Menschheit: »Es -ist vollbracht.« Maria ist wie eine edle römische Matrone -gestaltet, mit antikem Faltenwurf des Gewandes, aber mit -echt deutschem Gesicht, in dem Schmerz und Hoheit wunderbaren -innigen Ausdruck finden. Es ist eine Frau unseres -Blutes und Stammes, der dort sieben Schwerter des -Schmerzes das Herz durchbohren. Sie preßt die Hand in -bitterem Weh mit tiefbeseelter Bewegung an das zuckende -Herz. Johannes steht wie ein römischer Senator, der mit -der Linken die reichen Falten seines Gewandes rafft, die -Rechte aber wie beschwörend oder gelobend erhebt. Das -verklärende Licht der Antike scheint noch aus diesen Werken -zu leuchten in unbesieglicher Schönheit, jedoch inniger christlicher -Beseelung. Das ganze Werk gehört zum Höchsten, -was die deutsche romanische Kunst des Mittelalters geschaffen -hat.</p> - -<p>An den Pfeilern der Emporen leuchten die zwölf Apostel -in Gold und bunter Farbenpracht, und an den freien Pfeilern -des Schiffes sind die Gestalten der fünf törichten und -fünf klugen Jungfrauen angebracht. Sie sind in der reichen -Tracht der Zeit um 1500 wie deutsche Edelfrauen dargestellt, -deutsche Mädchengestalten im deutschen Dom, um -die Lehren und tiefen Gedanken des Evangeliums der Gemeinde -nahezubringen. Köstlich ist der frohe Gesichtsausdruck -der klugen, mit Kronen geschmückten und der verdrossene, -träge der törichten Jungfrauen getroffen.</p> - -<p>Weiter glänzen überall an Pfeilern, Wänden und Gewölben -die bunten Wappen der alten edlen Freiberger -Geschlechter, reich geschnitzte Epitaphien in Gold und Weiß -und bunten Farben, und die kapellenartigen Nischen zwischen -den Pfeilern unter den Emporen sind durch Holzeinbauten -mit üppigen Schnitzereien von Rankenzügen und<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span> -Blattwerk in schwungvollen Windungen und Verschlingungen -abgeschlossen.</p> - -<p>Fürwahr, die Gemeinde, über welche die Wohllautströme -der neuen großen Orgel des großen Meisters Silbermann -sich ergossen, der herrliche Raum des Domes, in welchem -echt deutsche Kunst von Jahrhunderten sich zusammendrängte -wie in einem geschliffenen Kristall, alles schloß sich -zusammen in ehrfürchtigem Erschauern mit der gewaltigen -<em class="antiqua">musica sacra</em> zu einer Einheit, in der nichts Fremdes, Unharmonisches -war, zu einem Gesamtkunstwerk, wie es nur -in besonders leuchtenden Stunden sich für sehnende und -schauende Seelen gestalten kann. – Nicht einer kann es -gestalten, nicht Geschlechter könnens schaffen, nicht der -Künstler allein kann es aus den Tiefen seiner Seele emporheben, -nein, du selbst mußt mit der Schöpfer des Gesamtkunstwerkes -sein; denn die Kunst ist nur da, wo sie erlebt, -erfühlt und mit dem Herzen ergriffen wird. Ohne dieses -Erleben und Ergriffenwerden, ohne dich ist keine Kunst für -dich vorhanden, und mag sie noch so herrlich leuchten und -anderen Offenbarung und tiefes Glückserlebnis bedeuten. –</p> - -<p>Die spätgotische Halle des Domes mit ihren Kunstwerken -ist eine Schöpfung des Bürgertumes der alten getreuen -Bergstadt. Sie diente der Gemeinde und ihrem Leben als -heiliger Raum, in dem ihre innere Gemeinschaft und ganze -Innigkeit zum Ausdruck kam und ihre Anschauungen und -Gefühle Form und Gestalt gewannen. Dort hinter dem -Altar aber, wo eiserne Gitter den langen Chor mit der -Vierung vom Kirchenschiff abschließen, dient der Raum nicht -den Lebenden, sondern den Toten. Nicht das freischaffende -Bürgertum, sondern fürstlicher Wille, Reichtum, Prachtliebe -und Kunstfreude und nicht zuletzt der Stolz auf die -Ahnen und edles altes Geschlecht hat dort einen Raum<span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span> -geschaffen, wie es nur wenige seinesgleichen gibt in weiten -Landen, die Fürstengruft der evangelischen Wettiner.</p> - -<p>Wie eine rauschende, strahlende Melodie steigen von den -Wänden in leuchtendem, edlem, farbigem Marmor die Säulen -und Pilasterstellungen zu tabernakelartigen Aufbauten -empor, mit Kapitälen und Gesimsen, mit Nischen und reichgegliedertem -Gebälk in zwei Geschossen übereinander, mit -reichem Schmuck von Ornamenten, von Maskenwerk, Frucht- -und Laubgewinden, farbigen Wappen und anderen Verzierungen -in Marmor, Alabaster, Gold und Bronze in -kunstvollen, feinempfundenen Renaissanceformen. In der -unteren Reihe der Nischen die knieenden Bronzegestalten -der Fürsten und Fürstinnen zwischen korinthischen Säulenpaaren, -zwischen den Pilasterstellungen der oberen Ordnung -acht Propheten und oben auf den Gesimsen eine lustige Schar -musizierender Engel, 34 an der Zahl, mit allen möglichen -echten Instrumenten, die heute noch benutzt werden könnten, -wie z. B. Mandoline, Geige, Harfe mit echten Saiten, Flöte, -Posaune, Cymbal, Triangel usw., und über den ganzen -Raum eine Decke gespannt, in der im blauen Himmel mit -hängenden Wolken das Nahen des Jüngsten Gerichts durch -die Posaunen der Engel, durch den Erzengel Michael mit -Schwert und Wage und den Weltheiland mit der Erlöserfahne, -umgeben von wimmelnder Engelschar in malerisch-plastischer -Buntheit dargestellt ist, – ein Drängen von Gestalten, -Formen und Farben, daß das Auge nur schauen -und schauen kann und von der Fülle der Eindrücke überwältigt -wird.</p> - -<p>Zu den Füßen im marmorbelegten Fußboden liegen die -großen Grabplatten aus Messing mit den Bildnissen der -Fürstlichkeiten, welche hier ihre letzte Ruhe fanden. Die -Bildnisse sind nach der Art des Kupferstiches mit Meißeln<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span> -in das Metall eingegraben. 28 solche kostbare Platten mit -wundervoller Zeichnung und Ornamentik, zumeist aus der -Werkstatt der Hilliger stammend und von sächsischen Hofkünstlern -entworfen, bilden so ein gewaltiges, ehernes Bilderbuch, -wie es seinesgleichen kaum sonst zu schauen ist. Da ist die -herrliche Grabplatte Herzog Heinrichs des Frommen, welche -diesen mannhaften, waffenfrohen Fürsten in ähnlicher Darstellung -wie auf dem Bilde im Rathause zeigt, im Panzer -mit Arm- und Beinschienen, mit langem zweihändigen -Schwert in den Händen, mit Schwert an der Linken und -Dolch an der Rechten. Ein reich ornamentierter Rahmen -mit Wappen auf üppigen Akanthusranken, in denen Genien -herumklettern, umschließt das plastisch wirkende charaktervolle -Bild des Fürsten. Er war es ja, der die kurfürstliche -Begräbniskapelle gestiftet hat und 1537 testamentarisch bestimmte:</p> - -<p>»Und wann wir dann nach dem wyllen des Herrn verstorben -und entschloffenn sein, und uns der Allmechtige Gott -aus diesem Jammerthal gefordert hatt, So wollenn wir das -unnser Corper in unnser Stiefftkirchenn zu Freybergs soll -bestattiget und begrabenn werdenn, und kain erhohet grab, -Sondern ain schlechter (schlichter) Leichstein mit einem messingenn -Pleche, darauf ein biltnuß mit umbschrieft unnsers -titels gemacht werden soll.«</p> - -<p>Da sind die Bilder fürstlicher Damen in kostbarer Kleidung -mit reichem Spitzenschmuck angetan. So fein und zart -ist die Zeichnung der Spitzen durchgeführt, daß kunstgeübte -Hände nach diesen herrlichen Mustern diese zarten Wunderwerke -neu schaffen könnten. Da sind die Bilder fürstlicher -Kinder, welche, früh verstorben, nur durch diese künstlerischen -Darstellungen der ewigen Vergessenheit entrissen sind. -Eine solche Platte zeugt besonders von tiefem, echtem, unter<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span> -Tränen lächelndem Humor: Das kleine frühverstorbene -Söhnlein des Kurfürsten Johann Georgs I. in steifem -Röckchen und mit dicken Pausbäckchen trägt eine Blume in -der Hand und hört recht mißvergnügt, verdrießlich und -mißtrauisch auf die überredenden Worte eines köstlichen -Engelbuben, der ihn mit listiger Miene mit einem Apfel -in das Paradies locken will. »Paradies, Paradies, wie ist -deine Frucht so süß«, dieser Sehnsuchtsvers aus einem -Kirchenliede ist dem kleinen Kerl oder vielmehr Prinzlein -anscheinend nicht recht geheuer. Er wäre offenbar lieber -bei der lieben Mutter geblieben und hätte mit den Geschwistern -getollt, als daß er mit fremden Engeln Äpfel -äße! – Ein echtes, tiefes, kindliches Künstlerherz kann nur -so Leben und Tod, Leid und Hoffnung verbinden und versöhnen -durch die überwindende künstlerische Empfindung -und Kraft der Seele. Wie der wehmütige Klang eines -alten Volksliedes, in dem von Jugend, von Liebe, von -Rosen, Lilien und Tod gesungen wird, rührt dieses Bild auf -der Grabplatte an das Herz. Wir denken an jene Grabplatte -an der Nikolaikirche von Dippoldiswalde vom Jahre -1628, auf der ein Mägdelein dargestellt ist, das einen -Blumenstrauß an sich drückt. Sie trägt den wehmütigen -Vers:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Begrabn Ligt ein Roselein hie,</div> - <div class="verse indent0">Welchs abgebrochen etwas früh</div> - <div class="verse indent0">Durch Todes Hand, der nicht ansiht</div> - <div class="verse indent0">Obs Reiff sey oder hab verblüht.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der Tod in blühender Jugend, brechende Knospen, der -Reif in der Frühlingsnacht wirken besonders tief auf das -menschliche Gemüt und haben in der Dichtung ergreifenden -Ausdruck gefunden:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Es ist ein Schnitter, heißt der Tod,</div> - <div class="verse indent0">Hat Gwalt vom großen Gott.</div><span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span> - <div class="verse indent0">Heut wetzt er das Messer, es schneidt schon viel besser,</div> - <div class="verse indent0">Bald wird er drein schneiden, wir müssens nur leiden:</div> - <div class="verse indent4">Hüt dich, schöns Blümelein!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>In der Begräbniskapelle jedoch, wo alles von des Todes -Gewalt predigt, von dem grausamen Schnitter, der kein -Blümlein, Narzissen nicht noch Kaiserkronen verschont, ist -dennoch bei allem Ernst und aller Feierlichkeit nichts -Düsteres, Schweres, was das Herz niederdrücken oder traurig -stimmen könnte. Nicht Trauer, nicht Grab und Verwesung -und Hoffnungslosigkeit sind die Raumgedanken, sondern -Überwindung und Erlösung, ja ein gewisses Rauschen festlicher -Pracht, und darüber hinaus ein Aufsteigen zu himmlischer -Klarheit nach einem Leben voll Kampf und Arbeit.</p> - -<p>Doch immer wieder gehen unsere Blicke zu den knieenden -Bronzegestalten dort in den Nischen, die Carlo de Cesare’s -Meisterhand schuf, zu der prachtvollen Mannesgestalt Herzog -Heinrichs des Frommen mit breitem Vollbart, der die -Linke auf die gepanzerte Brust legt und die Rechte beteuernd -erhebt, als wollte er sein tapferes, glaubensmutiges -Wort wiederholen, daß er lieber am Stabe bettelnd sein -Land verlassen, als das Evangelium verleugnen wolle, dort -Kurfürst August mit dem Zweihänder über die rechte Schulter -gelegt, und ihnen gegenüber die edlen Frauen, die Herzogin -Katharina und die Kurfürstin Anna in fürstlichem -Gewande, anbetend knieend mit andächtig edlem, mütterlichem -Gesichtsausdruck. Neben diesen vier Gestalten vermag -die Gestalt Christians I. von Cesare und Johann Georg I. -von dem Venetianer Pietro Boselli nicht in gleichem Maße -zu fesseln.</p> - -<p>Carlo de Cesare war ein Schüler des Giovanni da Bologna -(1524–1608) und stammte aus Florenz. Um den -rechten Künstler für die Bronzegestalten seines Werkes zu<span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span> -gewinnen, reiste Nosseni zu Pferde nach Italien und durch -Vermittlung Giovanni’s holte er sich als Mitarbeiter den -begabten Cesare vom glänzenden Hofe der Mediceer nach -dem rauhen Freiberg. Im Oktober 1590 kam Cesare mit -einigen Gehilfen hier an und hat 2 Jahre 8 Monate hier -gewirkt, »Epitaphia von metallischen und andere Bilder -von Sculpturn possirt, formirt und gegossen«. Von seiner -Hand stammen an Gußwerken außer den Gestalten der fünf -Fürstlichkeiten, die Figuren Johannes des Täufers und des -Apostels Petrus, sowie das Kruzifix auf dem Altar, die -Bildnisse der Gerechtigkeit und Liebe, der Hoffnung und -des Glaubens am Chorschlusse und acht als Schildhalter -verwendete Engel, ferner eine Reihe von in Stuck gebildeten -Figuren.</p> - -<p>Während des Baues der Kapelle mag Freiberg an eine -der großen italienischen Kunststätten der Renaissance erinnert -haben. Da wurde kostbarer Marmor in mächtigen -Blöcken herbeigefahren, und in den Werkstätten der Steinmetzen -arbeiteten kunstfertige Hände. Hieronymus Eckhart, -Michael und Jonas Grünberger, Peter Beseler, Tobias -Lindner, die Meister aus Freiberg, beschäftigten eine Fülle -von Gesellen aus allen deutschen Gauen. Aus Straßburg, -Metz, Heidelberg, Bamberg, Budweis, Dresden, Leipzig, -aus Westfalen und anderen Gegenden des Reiches kamen -sie herbei, um bei dem für Deutschland unerhörten Werke -Lohn und Arbeit zu finden und vielleicht auch von der -Kunst der Italiener zu lernen. Italienische Sprache und -Laute klangen auf den Straßen der Stadt und die stolzen -Südländer gingen keck einher und ihre Dolche saßen locker -in den Scheiden. Ohne Eifersucht und Reibereien ging es -unter den italienischen und deutschen Bildhauern nicht ab, -denn Künstlerstolz und Künstlerblut ist rasch und heiß. Am<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span> -27. Dezember 1590 z. B. schrieb der Stadtschreiber in das -Protokoll der Ratssitzung: »Die Steinmetzen, die welschen, -richten allerhand Unlust an, haben ihre Dölche und -Wehren.« Auch manche Freiberger Mädchen, denen schon -damals ein schwarzhaariger, fremder Geselle oft besser gefiel, -als ein ehrlicher deutscher Bursche, mögen an manchem -Griff nach dem Dolche nicht schuldlos gewesen sein.</p> - -<p>Fürsten, Edelleute, Bildhauer, Maler, Baumeister, -Kunstgießer, Goldschmiede, vornehme Kunstfreunde, Reisende -aller Art aus Deutschland und Italien kamen herbei, -um diese neue glänzende Kunststätte zu sehen und ließen -sich vom Baumeister Nosseni selbst oder vom Meister Hieronymus -Eckhart, dem Steinmetzen und Pfleger der Fürstengruft -führen, um dann den Ruhm des neuen großen Werkes -weiterzutragen, denn wo gab es sonst in deutschen Landen -ein ähnliches Zusammenwirken der Künste und Künstler zu -großem, fürstlichem Werk und künstlerischer Tat wie hier?</p> - -<p>Nosseni war auf sein Werk sehr stolz und eifersüchtig auf -seine Rechte bedacht. Gleichwohl aber war er nicht zu stolz, -bei fröhlichen Taufen und Hochzeiten in der Bürgerschaft -mitzufeiern, Pate zu stehen und Trauzeuge zu sein. Als -Bürgermeister Löser am 19. September 1594 Hochzeit hielt, -waren Johann Maria Nosseni und der Baumeister Hans -Irmisch unter den fröhlichen Gästen. Hans Irmisch war -vielbeschäftigter kurfürstlicher Baumeister und hatte den -Bau des Schlosses Freudenstein geleitet, auf dem Königstein, -in Frauenstein, Torgau, Dresden und an anderen -Orten größere Bauten ausgeführt und nun am Chor des -Freiberger Doms die Vorbereitungen und Arbeiten zur Umwandlung -zur kurfürstlichen Begräbniskapelle geführt. Die -Buchstaben <em class="antiqua">H(ans) I(rmisch) B(aumeister)</em> und der Spruch: -»Wer Gott vertraut, hat wohlgebaut« an der nördlichen,<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span> -äußeren Chorseite sind die bescheidenen Zeichen, durch -welche er an sich und seine Tätigkeit beim Umbau erinnert.</p> - -<p>Wie sehr unterscheidet sich diese echt deutsche schlichte -Sachlichkeit, die die Person hinter das Werk zurückstellt, -von der Ruhmredigkeit des eitlen Italieners Nosseni, der -hinter dem Altar der Kapelle auf weißem Marmor in -lateinischer Sprache sich und sein Werk mit folgenden anmaßenden -Worten preist:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Fremder, steh und lies! Was ich sage, ist nur wenig. -Dies köstliche Begräbnis, das du siehst, ist in fünf Jahren -mit wunderbarer Kunst, vieler Arbeit und wirklich sehr -großem Aufwand errichtet worden. Bei seinem Bau war -ich nicht nur zugegen, sondern ich habe ihn auch immer geleitet, -ich, Johannes Maria Nosseni aus Lugano, ein Italiener. -Doch nicht nur die Form allein dieses prächtigen -Werkes ist von mir, als Architekten, geschaffen, sondern ich -habe selbst das Material in diesem Lande in eigener Person -ausgeforscht, gefunden und künstlerisch nutzbar gemacht. -Dies habe ich geglaubt mitteilen zu müssen, damit du Leser -nicht unwissend bleibst, zum ehrenvollen Gedächtnis nicht -so sehr von mir als dieses Landes, in welchem jederlei Art -von Marmor gebrochen wird, dann vor allem der tapferen -Fürsten Sachsens, welche über dieses reiche Land glücklich -und ruhmvoll herrschen. Ich habe gesprochen, gehe weiter, -lebe wohl und verkünde den Ruhm des Künstlers, wenn du -überhaupt Kunstgefühl genug hast, um dieses herrliche -Kunstwerk zu würdigen.</p> - -<p class="mright"> -1603. -</p> -</div> - -<p>Mit keinem Worte erwähnt in dieser geschmacklosen -Prahlerei Nosseni seine Mitarbeiter, einen Carlo de Cesare -oder gar die wackeren deutschen Meister, welche so hohen -Anteil am Gelingen des Werkes hatten. Im Gegenteil<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span> -rühmt er sich gar fremder Verdienste, denn die Marmorbrüche, -welche er benutzte, waren meist schon vorher gefunden -und bei seinen Untersuchungen waren ihm sachkundige -Meister zur Hand. Gleichwohl ist die künstlerische -Verwendung der edlen Materialien, womit ihn Kurfürst -August beauftragte, seine besondere Stärke. Der Kurfürst -drängte ihn immer wieder, kostbares Gestein ausfindig zu -machen, teils aus Prachtliebe, teils der wirtschaftlichen Bedeutung -wegen, und daraus Kunstgegenstände zu schaffen. -Alabaster aus Weißensee, rotweißen Dolomit von Schwarzenberg, -Serpentin aus Zöblitz, bunten Marmor von -Lengefeld, Rauenstein, Kalkgrüna, Wildenfels und Crottendorf, -Kristalle, Amethysten, Topase, Achat, Jaspis und -andere Halbedelsteine verarbeitete er. Ja, er erhielt sogar -das Privilegium, einige dieser wertvollen Brüche für sich -abzubauen, zu brechen und zu verkaufen und errichtete vor -dem Wilsdruffer Tore zu Dresden eine Marmorschneidemühle -an der Weißeritz, die auch für das Schleifen und -Polieren von Halbedelsteinen eingerichtet war.</p> - -<p>Heute noch können wir im Dresdner historischen -Museum einige dieser kostbaren Marmormosaikwerke bewundern -und uns an dem Glanz und der Fülle der Farben -und Äderungen des heimatlichen Marmors erfreuen. -Steinerne Tische »von Bildwerk und andern Ornamenten«, -zwölf Stühle »mit mancherlei Steinwerk aufs höchste« geziert -und andere kostbaren Werke sind vorhanden. Handbecken, -Kannen, Leuchter, Schüsseln, Teller, Schalen, Löffel, -Messerhefte, Büsten römischer Kaiser, Marmorfußböden für -fürstliche Gemächer gingen aus seiner Hand hervor. Nicht -immer ist der Kurfürst mit ihm zufrieden, sondern er -erteilt ihm gelegentlich einen kräftigen Wischer: »Wir -spüren aber daraus, das du nicht fast große lust zur arbeit<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span> -hast und dein Besoldung lieber mit müßig gehen verdienen -wollest.« –</p> - -<p>Alle diese mehr kunstgewerbliche Verwendung des sächsischen -Marmors war mehr vorbereitende und begleitende -Arbeit zu dem Hauptwerke Nossenis, der Begräbniskapelle, -wo in unübertrefflicher künstlerischer Weise das edle Material -verwendet und in seiner Farbenpracht im matten -Glanz der Polituren sich gegenseitig steigernd zu vollendeter -Wirkung gebracht ist.</p> - -<p>Durch dieses großartige Werk und Nossenis kunstgewerbliche -Leistungen wurde der sächsische Marmor weithin berühmt -und Proben dieser Kunst gingen auch ins Ausland -und kündeten den Ruhm des sächsischen edlen Gesteins und -der Kunstfertigkeit sächsischer Marmorbildhauer und -Dreher. – – Wenn wir heute diese Werke schauen, so -fragen wir uns, warum diese Edelindustrie untergegangen -ist? Sind die Brüche erschöpft? Sind die Stätten verlorengegangen, -wo »so herrliche, schöne Steine gefunden -werden«, wie Nosseni 1580 dem Kurfürsten August mitteilt; -sind sie vergessen, verschüttet? – Nur die Serpentinsteinindustrie -von Zöblitz hat ihre bescheidene Blüte und -erweckt größere Hoffnungen, nachdem der Geist modernen -Kunstempfindens mehr und mehr die Erzeugnisse formt -und adelt. Aber wo sind die anderen Stätten und Fundorte -edlen Materials? Wie Kurfürst August sein Land -durchforschen ließ, um fremdes Material zu vermeiden und -im eigenen Heimatboden diese Schätze an kostbarem Gestein -sich zu erschließen, so sollte man auch heutzutage »die -Rute deutschen Findergeistes« zur Hand nehmen und -forschen, bis man findet, was vergessen oder unentdeckt und -unerschlossen im heimatlichen Boden ruht und zum Aufbau -und neuer Blüte der Heimat beitragen und helfen mag. –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span></p> - -<p>Doch wenden wir uns nun zu dem Werke, dem nach dem -Plane und der Absicht des Kurfürsten August in erster -Linie der Umbau des Domchores gelten sollte, dem Grabdenkmale -des Bruders des Kurfürsten, dem Moritz-Monumente -in der Vierung des Chores. Wie das gewaltige -Modell einer Gralsburg aus Marmorgestein türmt es sich -auf, auf deren höchster Zinne die Marmorgestalt des Kurfürsten -in Panzer mit dem geschulterten Schwerte barhäuptig -anbetend vor dem Gekreuzigten kniet. Helm, -Streithammer und Pistole und das farbige Kurwappen -sind vor dem Kreuzesstamme niedergelegt. Panzer und -Waffen sind den Stücken nachgebildet, die der Kurfürst in -der Schlacht bei Sievershausen trug. In feiner, sinniger -Weise sagt so dieses Grabdenkmal, daß der Fürst seine -Waffen und sein Leben seinem Glauben geweiht, und sich -und sein Land im Leben und im Tode unter das Kreuz gestellt -haben wollte. Dreigeschossig erhebt sich diese Marmorburg -auf drei schwarzen Marmorstufen, auf denen -zwölf weibliche Figuren aus Alabaster sitzen, die Musen der -Geschichte, Künste und Wissenschaften. Bunte rote, gekuppelte -Marmorsäulchen tragen das reiche rotbraune, vielverkröpfte -Marmorgebälk des unteren Geschosses und auf -ihm die Gruppen der vor dem oberen Geschosse Wache -haltenden Krieger mit den farbigen Wappen der Länder -des Kurfürsten. Das oberste Geschoß ist ein sarkophagartiger -Aufbau, der von zehn in Messing gegossenen Greifen -getragen wird. Engelsfiguren mit Sanduhr, Helm, -Wappen und ähnlichen Sinnbildern sitzen am Rande der -Deckplatte, auf welcher der Kurfürst kniet.</p> - -<p>Reicher Schmuck an Reliefplatten aus Alabaster, symbolische -Darstellungen aus Krieg und Frieden, Kunst und -Wissenschaft, Handel und Gewerbe und andere köstliche<span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span> -Ornamente und Figuren beleben die Flächen des gewaltigen -Unterbaues in künstlerischer Vollendung und reden -im Sinnbilde von dem, was der Kurfürst geleistet und -gewollt hat.</p> - -<p>Auf 20 Inschrifttafeln aus schwarzem Marmor am Denkmal -sind sein Leben und seine Taten im Frieden und Kriege -in goldenen Buchstaben in lateinischer Sprache rühmend geschildert. -Diese Inschriften sollte ursprünglich Melanchthon -verfassen, der aber darüber hinstarb. Nach anderen Versuchen -übernahm es schließlich der Kanzler <em class="antiqua">Dr.</em> Ulrich -Mordeisen, die Aufgabe mit anderen gelehrten Männern -zu lösen. Auf seinem Gute Kleinwaltersdorf bei Freiberg, -das er sich erworben und umgebaut hatte und dessen Eingangstür -heute noch sein Wappen mit der Jahreszahl 1560 -schmückt, versammelte er vier Leuchten der Wissenschaft zu -diesem Zwecke. Fünf der gelehrtesten Männer ihrer Zeit -spitzten dort ihre Federn und schärften ihre Gedanken, um -das Lebenswerk eines Zweiunddreißigjährigen in würdiger -Form zu feiern – und wahrlich das Leben des Kurfürsten -Moritz war kurz, aber voll von sprühender Tatkraft, -von Taten, Gedanken und großen Plänen: Vielleicht war -das, was an Hoffnungen mit seinem Tode ins Grab sank, -viel größer und bedeutungsvoller als das, was er getan -und erreicht hatte. – Ulrich Mordeisen, der drei Kurfürsten -treu gedient, starb am 5. Juni 1572 und liegt unter dem -Altar in der Kirche von Kleinwaltersdorf begraben. Das -Altarwerk dort ist zugleich das Epitaphium für den Kanzler -und zeigt ihn mit seiner Familie vor dem Gekreuzigten -knieend dargestellt. In lateinischen Worten dort wird seine -Treue und sein kluger Rat gerühmt. Auch hier bei dem -Moritz-Monument hat sich sein kluger Rat bewährt, denn -er war offenbar der Vertrauensmann des Kurfürsten, der<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span> -mancherlei Aufträge zu erledigen und Verhandlungen wohl -zu führen wußte. Das Moritzdenkmal ist das erste monumentale -Freigrab Sachsens, das in Renaissanceformen -ausgeführt ist. Es könnte auch in irgendeiner italienischen -Stadt, einer Kirche von Florenz z. B. stehen, so italienisch -ist seine Art. Nicht deutsche Hände haben dem deutschen -Fürsten das Kunstwerk geschaffen.</p> - -<p>Gabriel und Benedikt v. Thola aus Brescia »die welschen -maler« am Hofe zu Dresden – es war Mode, italienische -Künstler sich zu halten –, hatten die Entwürfe -gemacht, nach denen erst ein Modell des Denkmals hergestellt -wurde. »Vater« August war nun aber ein sparsamer -Landesvater, der den Daumen auf seinen Beutel -hielt und oft lieber seine lieben Landeskinder huldvollst für -seine Passionen zahlen ließ, statt in die eigene Tasche zu -greifen. So befahl er hier einfach dem Rate zu Freiberg, -seine Domsakristei aufzugeben und ihm zur Verfügung zu -stellen und die Allerheiligenkapelle am Chore, wo Freiberger -Bürger der ersten Geschlechter begraben lagen, und -heilige Ehrfurcht ihnen ewige Ruhe gelobt hatte, rücksichtslos -zu räumen, die Grabmäler herauszubrechen und unter -peinlichster Schonung der Gruft seines Bruders Moritz für -seine Zwecke umzubauen, zu erweitern, den Domaltar in -das Schiff hineinzurücken und Weiteres zu verändern. Er -zwang sie sogar gnädigst noch die Fundamente zum Denkmal -auf Stadtkosten zu errichten und die Abschlußgitter -herzustellen. So ehrte er pietätvoll das Andenken seines -tapferen Bruders aus der Tasche der Stadt Freiberg in -landesväterlicher Huld. Wo die Gebeine der alten Freiberger -blieben, kümmerte ihn wenig. Diese huldreiche, -väterliche Sparsamkeit und Fürsorge bewies er auch weiter -bei der Ausführung des Denkmals. Zwei Dresdner Bildhauer,<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span> -Melchior Barthel und Christoph Walther forderten -für die Ausführung des gewaltigen Marmorwerkes -6000 Taler. Bei dieser Summe versanken alle schönen -Grundsätze von der Kunst, Arbeit, Verdienst im eigenen -Lande, von landesväterlicher Fürsorge zur Hebung von -Gewerbe, Handwerk und Steuerkraft, denn das ging -schmerzhaft an den eigenen Beutel! August übertrug die -Arbeit an Hans Wessel in Lübeck und dieser verdingte sie -weiter für 2800 Taler an Meister Antonius von Zerun zu -Antwerpen. Dieser ist später erst durch Klagedrohung zu -der Restsumme von 613 Talern gekommen, welche weder -der Kurfürst noch Hans Wessel bezahlen wollte! Aus belgischem -Marmor von Dinant ist das Moritzdenkmal gefertigt. -Dinant ist die Stadt, um welche zu Beginn des -Weltkrieges das Blut der Freiberger Jäger besonders geflossen -ist bei der Eroberung und durch Verrat und Hinterhalt -im Straßenkampf. Diese belgische Stadt hat einen -blutigen Namen für Freiberg voller Tränen und wehen -Stolzes.</p> - -<p>Von Antwerpen wurde das Marmorwerk in einzelnen -Teilen zu Schiff über Hamburg elbaufwärts nach -Torgau, wo der Kurfürst Hof hielt, und von dort nach -Dresden und mit Wagen nach Freiberg geschafft und von -Zerun und seinen Gesellen aufgestellt. So kam es, daß -deutsches Geld, aber nicht deutsche Kunst und deutsche -Hände dieses italienische Werk mitten im Herzen Deutschlands -für den deutschen Fürsten geschaffen haben. Fremd -ist es auch unserem Empfinden und fern von der innigen -Gemütstiefe z. B. der Tulpenkanzel.</p> - -<p>Der Kurfürst war sehr stolz auf das Werk und besorgt -um den kostbaren Marmor und Alabaster, daß er zur -rechten Wirkung käme und nicht durch Farbe übermalt<span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span> -würde. Er schreibt: »das man an den bildern nur die -augenn und meuler mit ihren natürlichen farben anstreichen -und sonst gar nichts mit farben daran schmieren -solle außerhalb was vorguldet werden mus«, weil sonst -»das gantze werck vorstellt und verunadelt würde«.</p> - -<p>In diesen wenigen Worten kennzeichnet sich ein grundsätzlicher -Unterschied fremdländischer gegenüber der deutschen -mittelalterlichen Kunstauffassung, wie sie sich bis in -die Renaissancezeit hinein erhalten hatte, die in der kräftigen -Farbengebung und in der Steigerung des Materiales -und der Formen durch Malerei große, feierliche und charaktervolle -Wirkungen erzielt hatte.</p> - -<p>Tilman Riemenschneider (1460–1531), der berühmte -süddeutsche Meister, hat z. B. seine köstlichen Marmorwerke -im Dome zu Würzburg farbig bemalt, ohne daß »das -gantze Werck vorstellt und verunadelt« worden wäre, sondern -nur an lebendiger künstlerischer Wirkung erhöht und -gesteigert worden ist. Wir denken ferner an die goldene -Pforte unseres Domes mit ihrer wunderbaren, uns kaum -mehr faßbaren und erreichbaren Farbenpracht. Unsere -ganze mittelalterliche, so echt deutsche, tiefe Kunst lebt und -ist stark durch die Farbe. Das wundersame Leben in den -köstlichen Altarwerken auch in den kleinsten Dorfkirchen ist -auf die Farbe abgestellt. Diese Werke sind aus dem -Seelenleben und tiefstem Empfinden und oft unbewußtem, -künstlerischem Wollen unseres Volkes geboren und auf -diesem Grunde hat sich echt deutsche Kunst zu eigenartiger, -schöner Blüte entfaltet.</p> - -<p>Die Farbe in der Baukunst und plastischen Kunst -unserem Volke wiederzugewinnen und damit wieder zu -den Quellen und Urgründen deutscher, starker, stolzer, -nackensteifer Eigenart und Kunstauffassung zurückzukehren<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span> -nach jahrhundertelanger undeutsch und falsch empfindender -Fremdtümelei »mit dem Hute in der Hand«, wäre auch -eine Arbeit an unserem Volk und unserer Heimat auf dem -steinigen Wege zur Selbstbesinnung, Selbstbehauptung, zur -Höhe. –</p> - -<p>Im nördlichen Teile des Querschiffes, das durch ein köstliches -Gitter reicher, alter Freiberger Schmiedearbeit abgetrennt -ist, steht auf einer Konsole die schwarze Rüstung -des Kurfürsten Moritz, welche er in der Schlacht bei -Sievershausen 1553 getragen hat. Seinen Sieg in jener -Schlacht hat er mit dem Tode bezahlt. Die breite Öffnung -links unten am Brustharnisch zeigt den Weg, den die -tückische Bleikugel gesucht hatte. Schwarze Straußenfedern -nicken vom Helm herab und die gepanzerte Rechte hält den -Rennspieß des Kurfürsten. Sein Schwert und der Dolch -mit dreischneidiger Klinge sind vortreffliche Arbeiten mit -zum Teil kunstvoll in Eisen geschnittenen Gefäßen mit -silbernen Auflagen.</p> - -<p>Acht Reiter- und vierzehn Fußfahnen, die in der Schlacht -bei Sievershausen erbeutet sind, an denen kaum ein Rest -von altem Fahnentuch mehr ist, sind als eindrucksvolle -Ruhmeszeichen und Zeugen jener Schlacht an den Seitenwänden -angebracht.</p> - -<p>Diese schlichte, schwarze Rüstung und diese erbeuteten -Fahnen sind nicht laut und ruhmredig wie dort die -Marmorburg, auf der der Kurfürst kniet, aber sie reden -eindringlicher und wirken tiefer, denn sie erzählen als echte, -treue Zeugen von großen Dingen, von Sieg und Tod, von -Mannesmut und Opfer. Sie sind Leben und Geschichte, -während jenes Denkmal von Kleinlichkeit erzählt, klein ist, -weil es prahlt, arm an innerem Gehalt, trotzdem es viel<span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span> -redet und rühmt, fremd uns bleibt, weil unser Herz nicht -dabei warm wird, wenn wir auch seine Kunst bewundern.</p> - -<p>Zu Füßen dieser Rüstung stehen die Zinnsärge der -Fürsten und Fürstinnen der evangelischen Wettiner, die -älteren Särge in einfacher Truhenform, mit ebenem, -glatten Deckel, die jüngeren mit hochgewölbtem Deckel, -reich profiliert und zum Teil vergoldet. Auf den Särgen -der Frauen ein Kruzifix, auf den Särgen der Männer ein -Schwert. Wir blicken über diese Reihe von Särgen dahin -und lesen die Täfelchen mit ihren Namen. Welche Fülle einst -von Glanz und Macht, von Stolz und Kraft im Leben, über -Tausende gebietend und heute nur noch ein Name, ein Nichts, -im Dunkel der Vergangenheit versunken. Wie wenig sagen -uns ihre Namen und hohen Titel, wenn nicht ihre Taten -für Volk und Land für sie zeugen. Nur das, was sie zum -Segen ihres Landes geschaffen, geleistet und gewollt, hielt -ihren Namen lebendig. Durch Opfer haben sie sich das -Leben gewonnen.</p> - -<p>Diese Särge standen bis vor kurzem in der unterirdischen -Gruft, wo ihr Zerfall durch die Zinnpest und -andere Zerstörungen im feuchten, dunklen Raum immer -stärkere Fortschritte machte. So wurden sie denn hier zu -würdiger, vor Zerstörung, Feuchtigkeit und Moder gesicherter -Aufstellung gebracht. Sarg auf Sarg wurde die -enge, steile Grufttreppe mühevoll mit Flaschenzügen heraufgezogen -und, wenn die Mittagsglocke oder Feierabend -schlug, blieb auch wohl ruhig der Sarg in den Seilen -hängen, bis wieder die Arbeit begann: Einst ein mächtiger -Fürst, jetzt nur ein schweres Laststück, von dem rasch und -gleichgültig die Hand des Arbeiters sinkt, wenn die Mittagsglocke -schlägt oder gar mehrtägige Arbeitsunterbrechung -ihn fortruft. Für die Vergänglichkeit irdischer Größe,<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span> -äußeren Glanzes und Ruhmes ist dieses Hängen des verlassenen -Fürstensarges im Flaschenzug ein bitteres, mahnendes -Zeichen und Gleichnis:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Erde gleißt auf Erden</div> - <div class="verse indent0">In Gold und in Pracht;</div> - <div class="verse indent0">Erde wird Erde</div> - <div class="verse indent0">Bevor es gedacht;</div> - <div class="verse indent0">Erde türmt auf Erden</div> - <div class="verse indent0">Schloß, Burg, Stein;</div> - <div class="verse indent0">Erde spricht zur Erde:</div> - <div class="verse indent0">Alles wird mein.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="mright"> -(Fontane.) -</p> - -<p>In tiefen Gedanken schreiten wir dem Ausgange der -kurfürstlichen Begräbniskapelle zu. Wo die Großen, die -Fürsten und Gewaltigen dieser Erde ruhen, prägt sich der -Eindruck des Allbezwingers Tod besonders tief in die Seele:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Siehst du nicht, wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus?</div> - <div class="verse indent0">Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">So singt der blinde Sänger Homer seine Jahrtausende alte -Klage!</p> - -<p>Am Ausgange, in der ehemaligen Allerheiligenkapelle -mit ihrem schönen, wappengeschmückten, sternartigen Rippengewölbe, -fesselt uns noch das Grabdenkmal zweier edler, -fürstlicher Frauen, der Kurfürstin Anna Sophie, der Gemahlin -Johann Georgs III. und ihrer Schwester, der Kurfürstin -Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, die hier im -Tode vereint ihren letzten Schlummer tun. Hundert Jahre -ungefähr hat dieses Denkmal mit den Särgen der edlen -Frauen im Schlosse Lichtenburg nördlich von Torgau bei -Prettin gestanden.</p> - -<p>Lichtenburg hatte die Kurfürstin Anna, Mutter Anna, -als Schloß sich ausbauen lassen. Nosseni hatte die Ausstattung -mit Alabaster- und Serpentinarbeiten übernommen -und durch »etliche erfahrene und wohlgeübte<span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span> -welsche Gesellen« ausführen lassen. Auch bei Deckenmalereien -und Friesen mit Wappen und Sprüchen hat Nosseni -dort seine Kunst walten lassen. Doch war das Schloß später -ein stiller Witwensitz geworden. Kurfürstin Hedwig, die -Gemahlin Christian II., hatte 28 Jahre, von 1613–1642, -dort gewohnt und viel Wohltätigkeit geübt. Als sie hier -in Freiberg beigesetzt wurde, folgten 22 Prediger und vier -Superintendenten aus freiem Antriebe dankbar ihrem -Sarge, weil sie namentlich für Kirchen und Schulen reiche -Stiftungen hinterlassen hatte.</p> - -<p>Anna Sophie und Wilhelmine Ernestine wirkten in -ihrem Geiste in ihren Landen und auf dem stillen Schloß -bis an ihren Tod. Ihr Grabdenkmal erzählt in stiller -Symbolik von ihren edlen Frauenherzen, wie einst in -Lichtenburg, so seit 1811 hier im Freiberger Dom. Als -1811 das Zuchthaus von Torgau nach Lichtenburg verlegt -wurde, ließ König Friedrich August das Grabmal mit den -Särgen an die Stätte, wo die Ahnen ruhen, bringen und -hier neu erstehen.</p> - -<p>In den Jahren 1703–1704 hatte im Auftrage des Königs -August I. der Bildhauer Balthasar Permoser (1650–1732) -dieses Denkmal geschaffen. Das Denkmal stellt ein schlichtes -ernstes Grufthaus in strengen Barockformen aus schwarzem, -weißgeflecktem Marmor dar, das in seinem dunklen Raum -die schwarzen Marmorsärge der Fürstinnen birgt. Rechts -und links von der dunklen Pforte, die in den Raum der -Ruhe und des Todes führt, stehen zwei wundervolle weibliche -Gestalten aus weißem, graugemasertem herrlichem Marmor -von des Künstlers Meisterhand als der innige Ausdruck -der mütterlichen Liebe und fürstlicher Güte und Wohltätigkeit. -Die eine Frauengestalt, welche ein sich zärtlich -anschmiegendes Kind auf dem Arm trägt, ein anderes liebevoll<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span> -an der Hand führt, trägt die Züge von Anna Sophia, -die andere mit dem reichen Füllhorn, aus dem sie spenden -will, das Antlitz der wohltätigen Wilhelmine Ernestine -von der Pfalz, welche kinderlos war.</p> - -<p>Über der dunklen Tür ist als Bekrönung und Sinnbild -der ernsten Bestimmung des Raumes ein Sarkophag mit -Urne angebracht, an den sich die Gestalten des Glaubens -und der Buße lehnen. Hoch hält der Glaube das Kreuz -über den Sarg als Zeichen, daß der Glaube den Tod überwindet. -Im Giebeldreieck des Grufthauses dient das in -einer Kartusche vereinigte Doppelwappen der beiden Fürstinnen -unter einer Krone als bedeutsamer Schmuck und -Sinnbild der innigen Verbundenheit der Schwestern im -Leben und im Tode. Der Totenkopf unter den Wappen -weist auf die äußerliche leibliche Trennung im Tode, der -Engelskopf darüber aber auf die Erlösung und das Wiedersehen -in himmlischer Klarheit. Kindergestalten umgeben -die Wappen, welche Himmel und Hölle, Tod und Gericht -versinnbildlichen.</p> - -<p>Schlicht und edel, von tiefem Ernst und strenger Wucht -und Auffassung ist dieses Denkmal der beiden im Tode -vereinten edlen Schwestern, so ganz anders als drüben -Nossenis reiches buntes Werk oder dort das Denkmal des -Kurfürsten Moritz. Es spricht nicht von Ruhm und Glanz, -nicht von Macht und hohem Rang, nicht von Prachtlust und -Reichtum, es spricht als echtes Grabdenkmal von der Vergänglichkeit -und von dem, was über die Vergänglichkeit -siegt und den wahren, echten Ruhm des Menschen ausmacht, -von den inneren Werten, von der wahren, höheren Menschlichkeit -edler Herzen und Geister. Durch diese zeitlose -Sprache, welche uns berührt wie ein schöner echter Klang, -der auch Jahrhunderte durchtönt, wird dieses Denkmal<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span> -unserem heutigen Denken und Fühlen besonders nahe gerückt, -als wäre es ein Werk unserer Zeit und nicht schon -über 200 Jahre alt.</p> - -<p>Wir sind am Ausgange, und hart klirrt die eiserne Tür -ins Schloß, welche dieses Mausoleum sächsischer Kunst und -Geschichte hinter uns wieder verschließt. Welche ungeheure -Fülle hoher und schwungvoller Gedanken und tiefer reicher -Empfindungen, von starkem Wollen und Können, von edler -reifer Künstlerschaft, von Schuld und Schicksal, von buntem, -vielgestaltigem Leben der Vergangenheit, von Wagen und -Wirken und auch von bitterem Leid und dunklem Tod hält -dieser hohe lichte Raum umschlossen. Ein Denkmalsraum -ist es von eindringlichster Kraft und Wirkung, doch wer -kennt ihn wirklich in Sachsen oder gar im Reiche? Wer hat -diesen Raum, den alten Dom, die goldene Pforte wirklich -erlebt? –</p> - -<p>Wenn man die Räume im Geiste werden und wachsen -sieht und in die Jahrhunderte blickt, welche ihnen den Wert -und die Weihe gaben, wenn wir mit inneren Augen schauen, -wie die Väter ihre Werke hier wollten und mit sinniger -Seele schufen, wenn ihres Geistes Wehen und Wirken unser -Herz berührt, daß seine Saiten miterklingen in verwandter -Harmonie, wenn ihr künstlerisches Wesen und Wollen uns -gefangen nimmt, wie etwas, das uns wesensgleich im höchsten -Sinne ist, dann erst erleben wir recht solchen Denkmalsraum, -den Kunst und Geschichte geweiht haben. Die Heimat -und ihre Kunst, so vielen unbekannt und fremd, von so -vielen vergessen, verachtet, wird dir ein Erlebnis sein, -reiner und reicher als viele gepriesene Wunder der Fremde -und Ferne! – – –</p> - -<p>Geh einmal in den Freiberger Dom und lasse deine Seele -Zwiesprache halten mit den Gedanken der Ewigkeit, die<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span> -dort in Stein und Erz gebannt sind, mit den Gedanken -und Träumen, mit dem Wollen und Wirken, dem Schaffen -und Leiden der alten Geschlechter, die einst Erhebung hier -gesucht, dann wirst du Antwort erhalten, die in deinem -Herzen klingen wird, dann wird wie leiser Orgelton in -deiner Seele das Erlebnis der Heimat sein. Und wenn du -hinausschreitest nach stiller Weihestunde auf den grünen -Friedhof und über dir dröhnen die alten Bronzeglocken der -Hilliger, die große Susanna summt ihre wundertiefen weichen -Akkorde, und das Silberglöckchen singt ihre helle Melodie -dazu, – weit über die Dächer und Giebel schwingen und -dringen, wogen und wandern sie in die blaue Ferne wie -die Stimmen der Heimat und rufen wie die Sehnsucht -stilleuchtender Stunden ganzer Geschlechter – dann rauscht -es dir im Blute, denn du fühlst die Seele der Heimat, und -du bist eins mit ihr.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vor_der_Goldenen_Pforte">Vor der Goldenen Pforte.</h2> -</div> - -<p class="drop">Die Westfassade des Domes türmt sich in wuchtiger -Einfachheit empor wie ein breitschultriger steinerner -Riese, der den Himmel stürmen will. Doch dort, wo die -Vollendung den Bau in der Höhe krönen soll, bricht er -plötzlich unvermittelt ab, als wäre dem Riesen das Haupt -abgeschlagen, und starr und tot ragen die eckigen Schultern -über die Dächer. Schaust du zu diesen Baumassen empor -und lässest deine Blicke über dieses Gefüge von starken -Blöcken aus dem Gneisgefels des heimischen Bodens schweifen, -das ohne jeden Schmuck in schlichter Größe und -zwingender Gewalt kantig vor dir aufsteigt, so mußt du -vor der Baugesinnung und dem monumentalen Bauwillen -seiner Erbauer staunen.</p> - -<p>Nach ihrem Willen sollte der Westbau als riesenhafter -monumentaler Abschluß den ganzen Dombau krönen und -als selbständiger, gewaltiger Bauteil neben dem Hallenbau -den Ruhm, den Stolz und die Macht des jungen Domkapitels -zur höheren Ehre der heiligen Jungfrau verkündigen. -Die Breite des Schiffes genügte nicht für diesen -stolzen Gedanken. Weit springt über die Schiffsmauern -der Westbau nach Süden vor und setzt seinen Fuß tief in -den grünen Friedhof hinein, äußerlich scheinbar ein breiter -Riesenbau für sich, aber doch innerlich innig mit dem -Schiffsbau verbunden und verwachsen. – Wir wissen es -nicht, wie der Meister des Baues sich den oberen Abschluß<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span> -dachte, aber wir können aus der ganzen Anlage des Westbaus -schließen, daß er als gewaltiger Schlußakkord in geschlossener -Wucht in die Höhe strahlen sollte, so daß vor ihm -in seiner monumentalen Größe und Ruhe im Verein mit -den mächtigen Flächen des Domdaches alle anderen Bauten -sich beugten. – Neue Zeiten stiegen herauf, ehe die Westfront -vollendet war. Die Stürme der Reformation umbrausten -die langsam wachsenden Mauern, bis schließlich der -letzte Maurer herabstieg und Notdächer dem unvollendeten -Werke einen Abschluß gaben, Abschluß, aber nicht Vollendung! -– Wann wird die Vollendung kommen? – –</p> - -<p>Jahrhunderte gingen hin. Da griff ein Meister unserer -Zeit zum Griffel, ein Meister, der Massen zu türmen verstand, -der in der Wucht der Gedanken und Massen, in der -kraftvollen Einfachheit die Schönheit suchte und aus der -monumentalen Baugesinnung der alten Zeit heraus die -Vollendung im Geiste neuer Zeit suchte, Bruno Schmitz.</p> - -<p>Doch als das, was er im Geiste überragender Künstlerschaft -geschaut und gebaut, zu Stein gewordener Geistestat -emporwachsen sollte, da brachen die Stürme des Weltkrieges -hervor. Wie vor 400 Jahren – o rätselhafter Doppelfall -des Schicksals! – mußten die Künste schweigen, und der -Meister legte sich selbst zum letzten Schlaf. – Wann wird -die Vollendung kommen?</p> - -<p>Sinnend stehen wir in der grünen Stille des Domfriedhofes, -schauen die alten mächtigen, grauen Mauern und -türmen in der Phantasie die Baumassen empor nach den -Plänen des Meisters zur Vollendung in ruhiger monumentaler -Wucht. Eine Amsel flötet im grünen Wipfel ihr -Lied. Um uns schweigen die alten stillen Gräber, aber ihre -schlichten, schönen Denkmäler reden eindringlich von einer -verlorenen Kultur. Eine neue Zeit ist heraufgestiegen,<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span> -wird eine neue Kultur heraufsteigen? Sind es Frühlingsstürme, -welche uns umbrausen, oder sind es Herbststürme, -die noch das Letzte rauben vor der Ruhe des Todes und -winterlicher Unfruchtbarkeit? Tausend Hoffnungen sind -geknickt, tausend Pläne sind zerflattert in diesen Stürmen! -Werden diese Stürme auch Knospen wecken, daß sie aufbrechen -und einmal Frucht tragen für eine neue Kultur echt -deutscher Art? – Die Amsel singt ihr fröhliches Lied so -jauchzend in die Frühlingssonne hinein und schwingt sich -auf den First des Kreuzganges. Frühling und Wachstum, -Knospen und Vogelsang über Gräbern! Die Hoffnung bleibt -lebendig, und das Leben ist stärker als der Tod! Sei stille, -das Leben wird neue Knospen ansetzen und Blüten und -Frucht bringen, und es wird gesegnet sein aus den tiefen -Quellen, welche die Jahrhunderte durchströmen und unversieglich -sind, den Quellen deutscher Tiefe und inniger -seelischer Kraft, die manchmal freilich verschüttet scheinen, -aber in der Tiefe weiterströmen und dann plötzlich hervorbrechen -mit neuer Frische, Kraft und Reinheit.</p> - -<p>Wir schreiten zur Goldenen Pforte herüber und hören -vor ihrer göttlichen Ruhe das Rauschen dieser Quellen -deutscher Tiefe und inniger, seelischer Kraft. Mit schlichtem -Worte preist sie der Chronist von 1653:</p> - -<p>»Die Pforten dieser Kirchen seynd auch wohl außgearbeitet, -sonderlich ist an der einen, welche seitwärts gegen -Morgen nicht weit von Altar lieget, großer Fleiß und Kunst -bewiesen worden, welche auch daher, und weil sie gantz -übergüldet gewesen, die güldene Pforte genennet wird.«</p> - -<p>Vor der Goldenen Pforte mußt du allein sein, oder ganz -stille mit einer engverbundenen, hochgestimmten Seele. -»Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück -und das echte Heldentum«, sagt Wilhelm Raabe. Sei stille<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span> -drum, wenn du hier nahe trittst. Aus dem Dome muß dazu -die Orgel klingen in feierlichen Akkorden, oder droben -müssen die Glocken ihr ehernes Lied summen, weit über die -Dächer empor zu den Wolken, und dein Herz muß offen -sein, offen für Klänge aus einer reinen, hohen, heiligen -Welt, für Klänge aus der Höhe. Ganz stille dann und -schauen und schauen. Dann wird es in dir anfangen zu -schwingen und zu klingen, und auf leisen Sohlen kommt -die Schönheit und das Glück, und du hörst ferne Stimmen, -die mit dir reden, und Gedanken gehen wie strahlende -Wolken über den weiter und weiter sich spannenden Himmel -deiner Seele.</p> - -<p>Der Dichter des Nibelungenliedes, der Dichter des Gudrunliedes, -der größten Lieder deutschen Heldenmutes und -deutscher Treue, sind uns unbekannt geblieben, aber in -ihrem Heldensang zittert und bebt und lebt unser Blut, -unser Geist, unser Herz und Seele. Sie schufen ihr Werk -fast zu gleicher Zeit als unsere Goldene Pforte aus gleicher -Seelentiefe, Herzensreinheit und Geistesfülle erstand. Vor -700 Jahren hat ein tiefer deutscher Künstlergeist dieses -Wunderwerk geschaffen. Niemand kennt seinen Namen, -aber sein Genius ist heute noch lebendig und schlägt dich in -seinen Bann und nimmt dich im Fluge empor zu den neun -Himmeln der Verheißung und Erfüllung, die er in tiefer -Symbolik hier gestaltete. Sein Werk ist heute noch frisch -und jung, als habe der Künstler eben erst den Meißel weggelegt, -so klar, daß es jedem Kinde etwas sagt, so rätselhaft, -daß seine restlose Deutung tiefster seelischer Zusammenhänge -und Erklärung vielfach verschlungener Symbolik und kunstwissenschaftlicher -Rätsel noch keinem Denker gelang. Wenn -man einem tiefen Eindruck nachsinnt, bleibt immer etwas -Unergründliches, Unerklärliches, was unter der Schwelle<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span> -des Erkennens ruhend den tiefen göttlichen Urgrund ahnen -läßt. Soll man sagen, warum etwas von Beethoven z. B. -ergreift, so muß man zuletzt verstummen. Vor der Goldenen -Pforte kann man das letzte nicht sagen, man muß stille -sein und in der Seele die Unergründlichkeit spüren.</p> - -<p>So jung ist das Werk, als wolle der Meister den weggelegten -Meißel wieder aufnehmen, um die letzten unvollendeten -Teile, die er vor 700 Jahren verließ, fertigzustellen, -dort den Flügel des Engels im Tympanon, dort die -Konsolen in den gewaltigen Rundbögen. Das Fehlen dieser -letzten Meißelhiebe gibt den sinnenden Gedanken neue -Rätsel auf und webt einen feinen Schimmer der Romantik -und spürenden Phantasie um Künstlerhände, die zu frühe -müde wurden, um Künstlerschicksal, das sich zu früh erfüllte, -um Künstlernamen, der im Dunkel versank, während er -unter den hellsten Sternen der deutschen Kunst leuchten -müßte. Doch was soll uns der Name, wenn das lebendige -Werk laut seinen Meister durch die Jahrhunderte preist?</p> - -<p>Durch Feuersnöte und Einsturzgefahren, durch Kriegsstürme -und Belagerungen, durch Abbrüche und Umbauten, -durch Glaubenskämpfe, Fanatismus und Bildersturm, -durch Empörung, Aufruhr, Bubenspott und wilden Übermut, -durch Regen, Frost, Blitz und Wetter, durch Roheiten -und Zerstörungslust, durch Aberglauben, Gleichgültigkeit -und tausend andere Gefahren von sieben Jahrhunderten -steht die Goldene Pforte in wunderbarer Erhaltung -bis auf unsere Zeit.</p> - -<p>Das Gotteshaus, zu dem sie gehört, hat öfter seine Gestalt -gewandelt, sie ist in ihrer Herrlichkeit geblieben und zeugt -in ihrer strahlenden Schönheit von dem Geist und der -Kunst der alten Zeit, uns so nahe verwandt und verbunden -und doch so fern, so still erhaben in seiner stillen Hoheit<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span> -und Geschlossenheit über der lärmvollen Zerrissenheit unsrer -Tage.</p> - -<p>Es ist, als ob ihre Schönheit, wie einst die Klänge des -Arion wilde Tiere besänftigten, so alle Zerstörungslust und -wilden Übermut gebändigt habe, daß sie stille wurden und -vor ihr in scheue Bewunderung und heilige Ehrfurcht sich -wandelten. Die Macht der Schönheit hat sich selbst behütet -und bewahrt.</p> - -<p>Und doch ist es nicht nur die Schönheit, die hier zu uns -spricht, es ist das tiefste Fühlen und Denken eines ganzen -Zeitalters hier in Stein gebannt und wie ein gewaltiges -Glaubenslied, wie der Schrei der verlangenden Seele eines -ganzen Volkes nach dem, was göttlich ist und über die -Nichtigkeit zur Ewigkeit erhebt, klingt es empor.</p> - -<p>Du fühlst es, denn du bist Blut von ihrem Blut, und -das wird dir unaussprechlich klar, daß die Kunst arm ist, -wenn sie nur diesseitig ist. Du spürst in dir das Erkennen, -daß die Kunst die Sprache der Seele zu der Gottheit ist, daß -in ihr das Göttliche in uns seinen sehnsuchtsvollen Ausdruck -sucht. –</p> - -<p>Das Volk jener fernen Tage konnte nicht lesen, aber es -konnte deuten und die Sprache der Symbole, sinnbildlicher -Bewegungen, Stellungen und Gestalten verstehen, wie es -unsrer Zeit ganz verlorengegangen ist. So war ihm ein -reiches Bildwerk symbolischer Art wie ein Buch, das mit -ihm redete in stummer, lebendiger Sprache und sich einprägte -wie eine gewaltige Predigt oder wie wuchtige -Glaubenssätze. Es erkannte in ihm das, was es im Innersten -erfüllte und wonach ihre Herzen verlangten. Es war -ihm ein Ausdruck des eigenen besten Seins, Fühlens, Verlangens -und Glaubens. Es war ihm eine gewaltige Predigt, -welche ihre Seelen von der Geburt des Weltheilands,<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span> -den die Könige anbeten, bis zu den Donnern des Jüngsten -Gerichts, da die Gräber springen, von den Verheißungen -des alten Testaments zu der Erfüllung des neuen Bundes -trug.</p> - -<p>Solch ein Werk wie die Goldene Pforte konnte nur geboren -werden aus einer Zeit höchster religiöser Empfindung -und gesteigerten kirchlichen Lebens, als die Macht der -Kirche und ihrer Lehren und Auslegungen besondere Gewalt -über die Seelen und Gedanken hatte. Es war die -Zeit der Kreuzzüge, in welchen so viel religiöse Inbrunst -verloderte und deutsche Kraft verblutete für weltenferne -Träume und wirklichkeitsentrückte Gedanken. Es war die -Zeit der Gründung des Franziskaner- und Dominikanerordens, -die mehr als andere im Volke ihre Wurzeln schlugen -und ausbreiteten, dadurch, daß sie in den breiten Massen -wirkten und nicht sich abschlossen wie die anderen Orden, -die bald auch in Freiberg ihre Klöster gründeten und -bauten.</p> - -<p>Die geistigen Strömungen wirkten sich in kirchlichen Gedanken -aus. Da blühte dieser Gedanke in der jungen Bergmannsgemeinde -auf, ihren Reichtum und ihren kirchlichen -Sinn zu zeigen. Statt der schlichten, alten romanischen -Pforte aus der ersten Bauzeit in der Gründungszeit der -Stadt, deren Reste noch auf uns gekommen sind, sollte ein -großes, stolzes Marienportal das Gotteshaus schmücken, -schöner und reicher als irgendein anderes in deutschen Landen! -Nach einem tüchtigen Meister hielt man Umschau. -Man mag im Kloster Altzella bei den feingebildeten, kunstverständigen -Benediktinermönchen, ferner in Wechselburg -und auch in anderen Städten herumgehorcht haben. Die -Ordensbeziehungen der Klosterleute und die Handelsbeziehungen -der Bürger reichten ja weit und machten nicht<span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span> -vor den Landesgrenzen halt. Die bunt aus allen Stämmen -gemischte, zum Teil auch weitgewanderte, geistig regsame -Bevölkerung hatte manchen klugen und gebildeten Kopf, -und der den Verkehr anziehende Segen des Bergbaues und -die uralten Handelswege mögen auch manchen Welt-, -Menschen- und Kunstkenner herbeigeführt und sein Wort -und Ratschlag zur Geltung gebracht haben.</p> - -<p>Den rechten Meister zum Werke zu finden, das war -jedoch ein Glücksgriff besonderer Art, und wie ein Meteor -taucht der Künstler aus dem Dunkel auf, helleuchtend mit -seiner Schöpfung, und verschwindet wieder im Dunkel. Wir -können nur vermuten und ahnen, auf welchem Wege er -gefunden wurde und aus welchen Einflüssen heraus der -Meister dieses herrliche Werk schuf. Keine Urkunde und -keine Chronik meldet seinen Namen, aber aus dem Werke -seiner Hand können wir fühlen, wie seine Künstlerschaft zu -dieser Vollendung reifte und Anregungen aus Jugend, -Heimat und Fremde verarbeitete und mit schöpferischer -Kraft gestaltete. Er stammte vielleicht aus Magdeburg, -wo in der alten Bischofsstadt ein neuer Dom entstehen -sollte. Dort in der Dombauhütte war er wohl als junger -Künstler tätig, der sich schon ausgezeichnet hatte, weit durch -Deutschland gewandert war und vielleicht in Regensburg, -wahrscheinlich aber auch in Halberstadt gearbeitet hatte -und dort den Dom und die Liebfrauenkirche genau kannte, -ihre Formen, Bildwerke und Malereien mit ihrem Gedankenreichtum -in sich aufgenommen, gezeichnet und verarbeitet -hatte, dessen Künstlerschaft an diesen Werken gewachsen -war. Sein Meister in der Dombauwerkstatt von -Magdeburg war aber auch in Frankreich gewesen. Ihn -hatte der Erzbischof Kardinal Albrecht II. dorthin geschickt, -um Anregungen für den neuen Bau zu schöpfen, aus den<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span> -gewaltigen Kathedralen von Paris, Chartres und Laon, -die der Kardinal in seiner Jugend gesehen hatte.</p> - -<p>Dieser Meister hatte den Kopf und das Herz voll sprudelnder -neuer Gedanken und Bilder mitgebracht und ein -Skizzenbuch voll Zeichnungen von Portalen und Figuren -und allerlei Einzelheiten, Notizen und Motiven, um, befruchtet -durch fremdes, neuartiges, künstlerisches Schaffen -und Gestalten sein eigenes Können und seine künstlerische -Phantasie zur höchsten Blüte zu entwickeln. In diesem -Skizzenbuche seines Meisters mag nun mit feuriger Seele -unser Künstler studiert haben, um das, was an alter deutscher -Kunst ihm herrlich schien, nach Form und Inhalt mit -diesen neuen Gedanken zu verbinden und zur Vollendung -zu führen.</p> - -<p>Die junge Kunst der aufblühenden Gotik, wie sie in -Frankreich emporwuchs, mit ihren neuen Konstruktionsgedanken -lag ihm fern. Er fühlte mehr als Bildhauer und -wendete seine Neigung dem bildnerischen Schmucke zu. Er -zeichnete eifrig und entwickelte sich seine Gedanken und ließ -sich von seinem Meister erzählen, wie an den französischen -großen Kathedralen die Portale geschmückt waren: Ein -Marienportal mit der Darstellung der Erhebung Marias -zum Himmel und Krönung, ein Christusportal mit dem -Heiland in der Glorie, mit den Evangelistensymbolen und -der Königsreihe seiner Vorfahren, und schließlich ein Portal -mit der Darstellung des Jüngsten Gerichtes. Wie mag -der Künstler mit der Fülle der neuen Gesichte und Vorstellungen -und Anregungen und Formen gerungen haben, -mit denen die junge Gotik seine Feuerseele bedrängte. Das -Neue, das ihm entgegenblühte, zu verstehen und aufzunehmen, -und neue Gedanken mit der klaren, einfachen, -alten, lieben Sprache der Heimat auszudrücken, das wurde<span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span> -das Ziel seines Ringens. Im benachbarten Halberstadt -zeichnete und studierte er viel an den neuen Werken der -kirchlichen Baukunst und Bildnerei. Auch manches Werk -der Antike in edler Einfalt und stiller Größe mochte ihm -bekannt geworden und von ihm in seiner Schönheit im -heißen Glück empfunden und gezeichnet worden sein und ihn -emporgehoben haben zu reifer, abgeklärter Kunst.</p> - -<p>Es erging vielleicht durch Vermittlung seines Meisters -in Magdeburg an ihn der Ruf von Freiberg, ein Prachtportal -zu bilden zur Ehre der Jungfrau Maria und zum -Schmucke der jungen, stolzen Silberstadt, deren Ruhm weithin -durch das alte Sachsenland erklang. –</p> - -<p>In welcher bewundernswerten Weise er diese Aufgabe -anpackte und löste und eines der größten Meisterwerke -deutscher romanischer Kunst schuf, wie er unter meisterhafter -Beherrschung aller romanischen Schmuckmittel und -künstlerischen Möglichkeiten und Formenreichtums alle -Tiefen inniger Glaubensgewißheit und kirchlicher Lehre -durchmaß und in seinem Werke ihnen Sprache und Leben -gab, wie er mit der Glut seiner deutschen Seele die Klänge -ferner, fremder Kunst in die göttliche Harmonie und Reinheit -seiner heimischen Kunst voll ursprünglicher, selbständiger -künstlerischer Eigenart einordnete, das ist Zeugnis für -den Himmelsflug seines Geistes, die Tiefe seiner Seele und -seine schöpferische Kraft. Und sehen wir vom geistigen Inhalt -des gewaltigen Werkes ab, so ist schon die rein bildnerische, -künstlerische Schönheit des Ganzen und aller einzelnen -Teile so vollendet und ergreifend, daß es weit über -alle Werke jener Zeit emporragt.</p> - -<p>Die Goldene Pforte ist noch ganz romanisch, ein stufenförmig -gestaffeltes Portal mit Säulen in den Winkeln der -Stufen von reinromanischer Kapitälbildung. In der Ornamentik<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span> -der mächtigen Rundbögen finden wir die kräftigen -Zickzacklinien, wie sie besonders gern und häufig irische -Mönche verwendeten, welche als Missionare Deutschland -und Frankreich durchzogen und ihre einheimischen Formen -zur Geltung brachten. Diese »Schottenmönche« hatten z. B. -in Regensburg zwei Kirchen nach ihrer Art gebaut und -geschmückt, und es ist wohl möglich, daß auch bei der Goldenen -Pforte mit ihren Zickzackornamenten, die sich bis in -die Schäfte der Ecksäulen zart fortsetzen, solche irische Einflüsse, -sei es über Regensburg, sei es über andere Studien -und Skizzen des Meisters wirksam gewesen sind. Alle -Gebundenheit und Steifheit der Ornamentik und namentlich -des Figürlichen, in der die mittelalterliche Kunst -noch gefesselt lag und die mittelalterliche Figuren neuzeitlichem -Empfinden oft so schwer verständlich macht, ist aufgehoben. -Die Gestalten leben und sprechen und sind erfüllt -von innerer geistiger Spannung je nach ihrer Bedeutung -und Bestimmung. Sie sind mit einer plastischen Sicherheit -und Kenntnis des menschlichen Körpers und seiner Bewegung -hingestellt, als wären sie vom Frühlingshauche -der jungen Renaissance, die doch erst 300 Jahre später nach -Freiberg kam, berührt und erweckt, von formaler Schönheit -erfüllt und über ihre Zeit hinausgehoben worden.</p> - -<p>So ist die Goldene Pforte zu dem strahlenden Juwel geworden, -das durch die Jahrhunderte leuchtet und auch heute -noch jeden Beschauer zur Andacht zwingt, daß er empfindet: -Hier stehst du an heiliger Stätte, an einer Stätte der -Offenbarung deutscher Seele, deutscher Kunst und deutscher -Gedankentiefe. Die Kunst erhebt sich hier in der Tat zu -einer so ergreifenden Großartigkeit, sagt Richard Freiherr -von Mansberg, ihr geistvoller Erklärer, dem wir hier -folgen wollen, daß in dem ganzen Gebiete der Erzeugnisse<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span> -dichtender und bildender Kunst außer dem gigantischen -Werk eines Dante wohl keines zu nennen ist, welches an -tiefer Durchdringung des geistigen schwer zu bewältigenden -Stoffes bei gleicher Formvollendung dem unsrigen ebenbürtig -zur Seite gestellt werden könnte. »Noch einmal,« sagt -er, »verschmelzen hier antiker Schönheitssinn und deutsche -Empfindung, getragen von einem Naturgefühl, das bis ins -kleinste der Gesichtszüge, der Hände und Füße, voll Adel -und Lebenswahrheit ist«.</p> - -<p>Neun Bogen schließen sich so zusammen zu einem gewaltigen -Halbrund, das als Symbol des Weltalls gilt mit -den neun Himmeln, in welchen die beim Jüngsten Gericht -aus ihren Gräbern auferstehenden Märtyrer, die Apostel -und die Scharen der Erzengel, Cherubinen und Seraphinen -Gott in seiner Dreieinigkeit in den Scheiteln der Bögen -thronend schauen und in feierlicher Würde verehren. Die -Figuren sind wie die Juwelen eines Diadems in köstlicher -Vollendung dem reichen Rahmenwerk eingefügt.</p> - -<p>Dieses gewaltige Diadem umspannt das Bogenfeld (Tympanon) -als Herz der ganzen Komposition. Die Jungfrau -Maria mit dem Jesusknaben ist hier thronend dargestellt, -wie die drei Weisen aus dem Morgenlande, als Vertreter -der Völker der Erde, ihre Gaben bringen und huldigen. -Sie ist der Mittelpunkt des Weltalls, als die reine Jungfrau, -die Gottesmutter, die Himmelskönigin, die Mutter -der Gnaden in nahezu vollkommener Weise dargestellt. -Hoheit und Demut und eine überirdische Verklärung spricht -sich in den ernsten und doch weichen Zügen aus, die immer -stärker fesseln, je länger man sie aus der Nähe betrachtet.</p> - -<p>»Die Gottesmutter, die Himmelsfrouwe und der Engel -Kuniginne«, wie der alte Dichter sagt, ist selten wieder in -gleicher Tiefe, Innigkeit und Vollendung dargestellt worden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span></p> - -<p>Über ihrem Haupt runden sich die Himmelsbögen, in denen -Engel, Apostel und Auferstehende die Erfüllung und Vollendung -des göttlichen Erlösungswerkes symbolisieren. Zu -ihren Füßen aber stehen Gestalten des alten Bundes, als -Verkünder, Vorläufer und Ahnen des Heilandskindes, das -sie in den Armen hält. Zugleich aber sind diese Gestalten -als Sinnbilder zu deuten, die Maria feiern als eine Jungfrau, -Gottesmutter, Himmelskönigin und Mutter der Gnaden. -Zwischen den herrlichen Säulen mit ihren köstlichen -Kapitälen, welche die Himmelsbögen tragen, stehen so auf -kleineren Zwergsäulen sich gegenüber die Gestalten des Propheten -Daniel und des Aron, der Königin von Saba und -der Bathseba, des Königs Salomo und des Königs David, -Johannes des Täufers und des Propheten Nahum.</p> - -<p>Doch noch tiefer und weiter greift die Symbolik: Die -neue Pforte zum Gotteshause sollte für die Freiberger -Bergmannsgemeinde eine Bergmannspforte sein! Nicht -ohne Absicht steht darum Aron auf der ersten steinernen -Säule des Gewändes. Im Orient haben Namen ihre besondere -Bedeutung. Der Name steht für das, was der -Mensch selbst ist. Aron, das arabische Harun, von dem -Märchenkalifen Harun als Raschid bekannt, bedeutet »Bergmann«! -Aron, der Bergmann, steht als erster an der -stolzen Pforte der Pfarrkirche der jungen Berggemeinde -und weist so auf die Bergstadt hin.</p> - -<p>Über der zweiten Säule ist die Stadt Freiberg, das alte -»Vriberch« selbst dargestellt durch einen weiblichen Kopf -mit Mauerkrone. Das Symbol der Mauerkrone kennzeichnete -ja bereits in der Antike die Stadtgöttinnen.</p> - -<p>Den ersten der neun Bogen tragen Löwen als Wächter -des Heiligtumes, den dritten trägt die Stadt Freiberg als -der Ort, der das Heiligtum baut, erhält und trägt, den<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span> -fünften Bogen trägt links ein Bergmann in der alten -Fahrhaube und rechts ein Mönch mit Fischen, der Bergmannsstand, -der die Gemeinde bildet, und der Mönch, der -die Gemeinde sammelt und pflegt nach dem Wort des -Herrn: »Ich will euch zu Menschenfischern machen«.</p> - -<p>Über 80 figürliche Darstellungen schmücken die Pforte in -unerhörtem Reichtum aber ohne Überladung in köstlichem -Rhythmus der künstlerischen Formen und der tiefen Gedanken. -Die stets wechselnde Fülle der Ornamentik und -aller Schmuckbildungen an Kapitälen, Gesimsen, Säulen -und Bögen, in welchen Menschen- und Tiergestalten in echt -deutscher Phantasie mit verflochten sind, ist staunenswert.</p> - -<p>Hier zum ersten Male werden in Deutschland sitzende -Figuren in den Nischen der Bögen verwendet, das einzige -Mal im romanischen Stil, was später der gotische Stil -häufiger zeigt.</p> - -<p>Hier zum ersten Male in Deutschland wird eine Krönung -Mariä dargestellt im untersten Bogen über dem Tympanon, -die zwei bis drei Jahrhunderte später ein so beliebtes -Motiv der Plastik und namentlich der Malerei wurde.</p> - -<p>Hier zum ersten Male wird in der deutschen Kunstsymbolik -das Jesuskind mit dem Apfel als Sinnbild der Welt -dargestellt.</p> - -<p>Eine Fülle von neuen Gedanken sind hier zum ersten -Male ausgedrückt, die für Jahrhunderte die Kunst befruchteten -und anregten. Hier ist die Kunst nicht nur ein -Können voll Schönheit und nur der äußeren Form, welche -die Augen beglückt, nein, sie ist eine Stein gewordene Weltanschauung -von unendlicher, echt deutscher Seelentiefe, -innerem Gehalt und unwiderstehlicher Gemütskraft. Sie -ergreift das Innerste, weil hier eine gottbegnadete Künstlerseele<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span> -ihr künstlerisches und seelisches Bekenntnis ausströmte -und in wundervoller tiefer Einheit formte zu einem Werke -voll leuchtender Klarheit, Schönheit und heiliger Innigkeit, -einem Werke, in welchem das edelste Wollen und Fühlen -seines ganzen Volkes und seines Zeitalters erhabenen Ausdruck -fand.</p> - -<p>Um die Wirkung seines gewaltigen Werkes auf das -höchste zu steigern, hatte der Künstler dann das Ganze vergoldet -und in reine leuchtende Farben, in strahlendes Rot, -tiefes Blau und sattes Grün gehüllt. Das Gold und die -Farben sind im Laufe der Jahrhunderte geschwunden, doch -noch heute lassen sich Farbenspuren hie und da an versteckter -Stelle finden und aus älteren Berichten kann die Farbengebung -der einzelnen Teile mit einiger Sicherheit festgestellt -werden. Die unverbildete Farbenfreude des Mittelalters, -welche sich ja auch in der Tracht ausspricht, liebte es, -architektonisch ausgezeichnete Bauteile, wie Portale, Erker, -Giebel u. dgl. als besondere Schmuckstücke farbig zu bemalen -und auch breite Wandflächen innen und außen mit -Gemälden zu schmücken. Kaum ein mittelalterliches Bauwerk -höheren Ranges wird auf die kräftige, belebende Wirkung -reiner leuchtender Farben verzichtet haben. Das Erbe -dieser Farbenfreude hat ja nur unsere Volkskunst in schlichtester -Weise festgehalten, vermehrt und zu mancher neuen -Blüte gefördert. Diese Farbenfreude, welche durch die mißverstandene -Antike und Klassizismus verlorengegangen zu -sein scheint, ist ein inneres Bedürfnis unseres Volkes und -müßte wieder ihren Platz sich erobern im Leben des Volkes -und im Straßenbilde.</p> - -<p>Die alten Beispiele und die alte Volkskunst könnte da -anregend und befruchtend wirken im Sinne einer farbigen, -malerischen Bereicherung unserer so nüchternen, modernen,<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span> -Grau in Grau gehaltenen und Grau in Grau die Seelen -stimmenden Straßen und Plätze.</p> - -<p>Wie ein Märchen voll Schönheit, Glanz und Farbe muß -dagegen die »Goldene Pforte« einst gewirkt haben, und so -manchen schlichten, rauhen Besucher aus harter, unwirtlicher -Wald- oder Bergeinsamkeit überwältigt haben, als stünde -er vor der Pforte des Himmels, wo alle Schönheit und -aller Glanz vereinigt ist, so daß er geblendet die Augen -schließen muß, nein, tief in die Seele die Herrlichkeit hineintrinken -möchte und an dem Trunk genesen muß von dem, -was schwer und trüb und dunkel seine Seele bedrückt und -bedrängt, daß er alles vergißt, was dahinten ist und seine -Sehnsucht nach dem ewigen Lichte strebt, und die Arme hebt -dem leuchtenden Glanze entgegen. – – – –</p> - -<p>Doch wir müssen scheiden. Die Glocken droben sind längst -verklungen, aber im Herzen klingen lauter und lauter die -Glocken, welche das Lied von deutscher Seele und deutscher -Kunst, von deutscher Kraft und Schönheit singen, welche -nach 700 Jahren noch jung ist und jung bleiben wird, solange -noch eine deutsche Seele dem Lichte entgegenringt und -goldene Pforten sich baut, leuchtend im Grau der Tage, -hoch über dem Schmutz der Straße, hoch über den dunklen -Tiefen des eigenen Herzens, die ihre goldenen Bögen öffnen -der Erfüllung und Vollendung entgegen.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Haldenwanderung">Haldenwanderung.</h2> -</div> - -<p class="drop">Ja freilich ist es über die Maßen herrlich, unterzutauchen -in die Tiefen des grünen Meeres der Wälder, wo die -Wipfel wie Wogen rauschen und wallen, und dort in kraftspendender -Einsamkeit aus der Unruhe und den Irrungen -und Wirrungen zurechtzufinden.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Da mag vergehn, verwehen</div> - <div class="verse indent0">Das trübe Erdenleid,</div> - <div class="verse indent0">Da sollst du auferstehen</div> - <div class="verse indent0">In junger Herrlichkeit!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Einsamkeitsgänge sind oft Genesungsgänge, Gänge der -Erhebung, des Aufrichtens und Abschüttelns von allerlei -Last und Leid. Meister Eckhart (1260–1327) sagt: »Ein -auferhobenes Gemüt sollst du haben, nicht ein niederhangendes, -ein brennendes Gemüt – in dem doch eine ungetrübte -schweigende Stille herrscht.« Stunden der Stille -sind Stunden der Kraft, wenn du der Stille die Tiefen -deiner Seele öffnest, damit sie stille wird.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Da draußen, stets betrogen, saust die geschäft’ge Welt!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Doch da drinnen kann auch das Herz betrogen werden -und leer bleiben trotz der Stille, wenn es nicht den Stimmen -der Stille recht lauscht und aufnimmt, was sie sagen und -geben wollen.</p> - -<p>Wer diesen Stimmen recht zu lauschen vermag, der findet -Reichtümer und Schätze, wo den andern alles arm und öde -ist, dem blüht Leben und Freude, wo dem andern alles tot<span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span> -und leer ist, der gewinnt Kraft und neuen Schwung, wo -der andere müde und stumpf wird. »Auf leisen Sohlen -wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte -Heldentum«, sagt Wilhelm Raabe.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">In der Stille wachsen große Gedanken,</div> - <div class="verse indent0">Aus der Stille reifen wahrhafte Taten,</div> - <div class="verse indent0">Aus der Stille blüht die Stärke der Seelen!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Sagt doch schon der Prophet Jesajas: »Wenn ihr stille -bliebet, so würde euch geholfen«.</p> - -<p>Was vermag aber am meisten die Seelen zu erheben und -still zu machen? Großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, -die Ewigkeit und die Vergänglichkeit!</p> - -<p>Aus der Stille heraus erst vermagst du oft die Heimat -zu verstehen und ihre Wunder zu erkennen, ihre Werte zu -finden und dir zu gewinnen, die sie dem Lärm verborgen -und verschlossen hält, in der Stille erst vermagst du für dich -in der Heimat das große Gotteswerk und das große -Menschenwerk, die Ewigkeit und die Vergänglichkeit mit -deiner Seele zu suchen und zu erkennen. In der Stille erst -vermagst du dich selber zu finden und dein Bestes zu verstehen.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Und meine Seele spannte</div> - <div class="verse indent0">weit ihre Flügel aus,</div> - <div class="verse indent0">flog durch die <em class="gesperrt">stillen</em> Lande,</div> - <div class="verse indent0">als flöge sie nach Haus.« – – –</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wir wollen einmal wandern, dort, wo es stille ist, dort, -wo großes Menschenwerk, wo die Vergänglichkeit in stummer -Größe uns anschauen und uns erzählen von vieler -Geschlechter Mühe und Arbeit und von ringenden Kräften -ferner Tage. Eine Wanderung über die alten Bergwerkshalden -in der Umgebung der alten Bergstadt vermag uns -gar stille und nachdenklich zu machen. Gar oft ist die<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span> -Romantik der alten Burgen und Schlösser und ihrer trotzigen -Ruinen besungen worden. Sagen und Geschichten umranken -die Trümmer mit stimmungsvollem Zauber und -beflügeln die Phantasie sogar auch manches nüchternen -Spötters zu höherem, reinerem Flug.</p> - -<p>Wir sind stolz auf diese Herrlichkeiten der Heimat, die -uns vom Glanz, von urwüchsiger Kraft und kriegerischem -Tatenmut unsrer Vergangenheit erzählen, und empfinden -sie froh und tief. Doch hier unsere Halden und schlichten -Bergwerkshäuser sind von gleichem Werte und gleicher -oder tieferer Wirkung auf die sinnende Seele, wenn sie nur -in ihr stilles, schicksaldurchfurchtes Antlitz schaut. Wir wollen -sie suchen und lieben, wir wollen stolz auf sie sein und von -ihrem stimmungsvollen Zauber in der Stille uns umfangen -lassen und von ihnen reden und sagen, nicht wie -von etwas, das der Menge und dem Geschrei gefallen muß -oder etwas geben könnte, sondern wie von etwas, das den -feinen Seelen, den stillen Herzen unendlichen Stimmungszauber -gibt. Auch die alten Halden erzählen, wie jene -stolzen Burgen, von untergegangener Herrlichkeit, und der -silberne, mit bunten Blumen durchwirkte Mantel der -Romantik liegt über ihnen. Es ist nicht die Romantik -klirrender Waffen von Blut und Streit, sondern die -Romantik klirrenden Werkzeugs, ringender Arbeit und -sauren Schweißes von tausend Geschlechtern, welche in unermüdlicher -Treue mit den Geistern der Tiefe den täglichen -Kampf der Arbeit und Pflicht durchkämpften und in den -dunklen Schächten die blutenden Silberadern der Felsen -durchforschten. Es ist die Romantik, welche nicht Wunden -schlug, sondern aus den Felsen die edlen Erze schlug und sie -zum Zauberstabe machte, daß aus dem Lande ein Garten -wurde, in welchem die Kultur und edelste Kunst erblühte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span></p> - -<p>Diese Arbeit von Jahrhunderten hat die Landschaft gestaltet -und ihr so charaktervolle Formen gegeben, daß die -Landschaft selbst dadurch ein Riesendenkmal des untergegangenen -Bergbaues geworden ist. Die Kräfte, welche -sie zu ihrer Eigenart herausgestaltet haben und in ihr -wirksam waren, werden deutlich sichtbar, und jede Halde, -jeder Hügel, jede Binge erzählt uns von dem Ringen, den -Siegen und dem Segen zäher Arbeit zahlloser namenloser -Geschlechter. Die Halden sind die Riesendenkmäler der -Namenlosen der Arbeit! So trägt die Landschaft die tiefe -geistige Schönheit eines durchgearbeiteten Charaktergesichts, -und dies ist schöner und packt mehr die Seele und forschende -Gedanken, als die leere Schönheit der äußeren Form, in der -kein geistiges oder seelisches Erleben, kein Schicksal und -kein Kampf sich ausprägt und uns mitleiden und mitfühlen -läßt. Wie gewaltige Hünenmale des alten Bergbaues -türmen sich rings die Halden mit ihren mächtigen -Steinmassen. Blaue und violette Schatten auf dem -schwarzen, braunen, gelben und roten Gestein und wieder -der rote Glast der Sonne verleihen ihnen ein eigenartiges -Leben und wundersame Stimmung. Bald im Sturze in -natürlicher Böschung übereinandergerollt und durcheinander -gekollert, bald wieder mit steiler Steinpackung wie -in Felsenmauern gefügt, schwarz vom Wetter und finster-gewaltig -in den mächtigen starren Linien des Umrisses -gegen den blauen Himmel mit den schwebenden weißen -Wolken stehend, liegen die Steinmassen nackt und ohne -Grün da, gekrönt von den hellschimmernden, zusammengedrängten -Häusern der Grube mit ihren grauen Dächern, -die in feiner Massenabstufung dem Bilde den harmonischen -Abschluß geben. Finster-dämonisch wirkt das Bild zu -manchen Zeiten und Stimmungen. Ja, im Grauen des Gewitters,<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span> -wenn Sturm und Wetter auf ihren blauschwarzen -Wolkenrossen durch die bebenden Lüfte sausen, dann steigert -sich die Wirkung ins Heroische. Die Wucht und Schönheit -der einfachen Linie, der kantigen Form und Masse hält -uns in ihrem Bann.</p> - -<p>Ja, wie mächtige Festungsmauern, steil und unersteiglich, -finster und wuchtig wirken manche dieser Riesenmale, -welche der Bergbau sich gesetzt. Wie Titanenwerke ragen -sie auf und beherrschen die Landschaft. Bedeckt doch z. B. -die Halde des Davidsschachtes bei 27 <em class="antiqua">m</em> Höhe eine Fläche -von fast 40 000 <em class="antiqua">qm</em>, und ihre Steinmassen betragen etwa -1 Million <em class="antiqua">cbm</em>.</p> - -<p>In der Nähe aber wird das Einzelne lebendig. Farben -leuchten auf in allen Schattierungen, von Schwarz und -Grau und Weiß, vom Braun bis zum leuchtenden Gelb -und Rot und Zinnober, Grün, Rosa und Violett, und -suchst du mit dem scharfen Blicke des Sammlers und -wendest oder zerschlägst du gar die Steine hier und dort, -so blitzt bald hier ein Kristall, Quarz oder Feldspat, bald -schimmert dort eine Ader von Bleiglanz oder Schwefelkies -oder es fesselt dich das feine Geäder baumartiger Zeichnung -auf einer bunten Fläche. Und richtest du dich auf, -so schweift dein Blick über die malerische Umrißlinie der -Stadt im grünen Grunde unter dir mit ihren Türmen und -Mauern, mit ihren sich drängenden steilen, roten, grauen -und schwarzen Dächern. Dicht vor dir der mächtige Donatsturm -mit seinem spitzen Kegeldach, um welches die Dohlen -flattern und schreien. Die altersgraue Stadtmauer schaut -durch grüne Wipfel. Dort die beiden stumpfen Türme von -St. Nikolai, die mit ihrer schlichten Wucht so recht in die -alte Bergstadt passen, dort der hohe schlanke Petriturm, -der über alle Dächer, Giebel und Türme weit hinausschaut<span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span> -ins grüne Land, der Rathausturm dicht dabei mit seiner -barock geschwungenen Haube und endlich das mächtige -Dach des altehrwürdigen Domes, das wie eine Henne weit -seine Flügel breitet über die Schar der anvertrauten Küchlein, -und dazwischen hinein das lustige Gewimmel von -Giebeln und Dächern und Schornsteinen wie die Heerschar, -welche sich um die hohen stolzen Führer freudig drängt und -zu ihnen vertrauend aufschaut. Blauer Rauch wirbelt aus -den Essen empor und ein Glockenklingen grüßt uns von den -Türmen wie Stimmen aus den Seelentiefen der Stadt. -Und wendest du dich um und schaust du weit ins Land -hinaus, da sind die blauen Wogen des Waldes in der -Ferne und vor dir in der Nähe und in der Weite im gewaltigen -Ringe umher, die Halden, die schweigenden Beherrscher -der weiten, stillen Landschaft. Bald träumen sie -einsam im Felde wie ein gewaltiges Grab der Vergessenheit, -der Vergänglichkeit entgegen, bald wandern sie in -langen Zügen wie sagenhafte urweltliche Ungeheuer mit -ihren Rücken und Kuppen durch das Zwielicht in geheimnisvolle -Dämmerung hinein, bald türmen sie sich zu -riesenhaften Kegeln empor, als sollten Pyramiden auf -eines Pharao Geheiß zum Himmel emporgeschichtet werden, -bald strecken sie sich lang und flach mit kurzem -Steilhang wie vom Winde geformte, vom Sturm zerrissene -Dünen, bald bäumen sie sich kurz, steil und trotzig empor -wie eine vom Riesenpflug emporgeworfene Scholle. Bald -weißschimmernd wie märkischer Sand, bald rot leuchtend, -als bluteten alte, schmerzhafte Wunden, bald grünumwuchert, -bald laubüberdacht, bald tot und nackt und kahl, -stets wechselnd und doch immer dieselben schweigsamen und -doch so vielsagenden Gestalten, sind diese Halden gewaltige -und klingende Akkorde in der Landschaft Freibergs, welche<span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span> -die jahrhundertelange Arbeit des Bergbaues schufen und -fügten zu einer heroischen Symphonie der Arbeit.</p> - -<p>Die Bauten, welche die Halden hie und da krönen, klingen -in dieser Symphonie mit und stimmen zur Ruhe und -Macht der stillen Massen, als könnte es gar nicht anders -sein. Wie träumend in weltenweiter Vergessenheit schaut -uns so manche alte Kaue, so manches alte Grubengebäude -an wie aus Märchenaugen aus der Zeit »Es war einmal«! -Des Fäustels munterer Schlag ist längst verklungen, die -fleißigen Häuer, die frischen Bergjungen, der bedächtige -Hutmann sind davongezogen, und es ist still, ganz still geworden, -wo einst des Bergmannes herzhaftes Glückauf -erklang. –</p> - -<p>Kein Haus, kein Dach in der Nähe, kein menschlicher -Laut! Verlassen, vergessen steht die alte Kaue auf der -Halde, ohne Fenster, ein Dach auf vier verwitterten -Wänden, von denen der Putz herunterrieselt. Die Bruchsteine -schauen braun und grau hervor, und die gelblichen -Fugen sind ausgewittert vom Sturm und Regen, von Frost -und Hitze, die hier auf einsamer Halde um das einsame -Haus ihr Wesen treiben. Gestrüpp, langes, graues -raschelndes Gras und Binsenbüschel haben sich angesiedelt. -Nacktes Geröll und Sand in bunten Farben, gelb, grau, -braun und rot und weißlich tritt überall in unfruchtbaren, -toten Flächen zutage. Eidechsen huschen umher, ein bunter -Schmetterling gaukelt müde und träge vorüber, hängt sich -dort an die langgestielte Blüte der Skapiose, als wäre er -verzaubert, der Schrei einer ziehenden Krähe, ein Rascheln -in den spröden, langen Halmen und darüber des Himmels -unendliche blaue Glocke, in der es summt wie geheimnisvolle -Stimme, wie die Stimme der Einsamkeit.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Auf den Halden schläft der Wind.</div> - <div class="verse indent0">Leise Schmetterlinge fliegen.</div> - <div class="verse indent0">Wege weiß ich, still verschwiegen,</div> - <div class="verse indent0">Nur die kleine Grille singt.</div> - <div class="verse indent0">Duft von Heu schwimmt überm Grunde,</div> - <div class="verse indent0">Und wo froh die Sichel klingt,</div> - <div class="verse indent0">Geht des Tages müde Stunde.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>So breitet sich schwermütiger Zauber über viele der -alten Halden, der dich gefangennimmt, wenn du dich stille -zur rechten Stunde ihnen nahst.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Doch in manche der alten Berggebäude ist neues Leben -eingezogen, arbeitet und kämpft mit vorwärts gerichtetem -Blick und greift auf jahrhundertealtem Arbeitsgrunde -kühn in die Zukunft und in die Welt, das Alte mit neuem -Geiste erfüllend. Auf der riesigen Halde des David-Richtschachtes -wachsen mächtige Bauten empor, in welchen zur -Flachsbereitung zahlreiche fleißige Hände sich regen. Wie -eine stolze Burg der Industrie auf riesenhaftem Sockel reckt -sie sich auf. Auf dem Abraham- und auf dem Turmhofschachte -regen Maschinen die stählernen Gelenke. Und dort auf der -Reichen Zeche, die hoch und beherrschend die Landschaft krönt, -regt sich in den alten Gebäuden das frische Leben der Wissenschaft, -wächst und schafft sich neue Bauten und Stätten der -Arbeit. Die Bergakademie hat hier für Arbeit und Forschung, -Lehre und Übung fest ihren Fuß auf alten bergmännischen -Boden gesetzt, aus dessen Berührung ihr immer -neue Kräfte zuwachsen. Das modernste Wissen von der -Braunkohle und der Maschine, der Glaube an die Zukunft -und das Hoffen haben ihre Fundamente gelegt auf den festen -Grund bergmännischer Vergangenheit, Treue und Tüchtigkeit.</p> - -<p>Und auf dem Dreibrüderschacht und auf dem Konstantinschacht -sind aus den alten Grubengebäuden Kraftwerke geworden.<span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span> -Unten in der Tiefe des Schachtes im mächtigen, -gewölbten, unterirdischen Felsensaal von 20 <em class="antiqua">m</em> Länge und -12,5 <em class="antiqua">m</em> Breite sausen die Turbinen 230 <em class="antiqua">m</em> unter Tage, getrieben -von den auf diese Tiefe verfällten Aufschlagwässern, -welche früher dem Bergbau dienten. Wie eherne Sehnen -und Nerven ziehen sich die Drähte vom Schachte als Kraftmittelpunkt -durch das Land und spenden Kraft und Leben -tausend surrenden Rädern und Maschinen, tausend fleißigen -Händen, Licht in tausend Dunkelheiten.</p> - -<p>Braust hier auf diesen Halden das Leben modernster Arbeit -und schmückt sie mit neuem Reiz und einer Wirkung -von besonders eigenartiger Kraft, so liegt über anderen -Stätten des Bergbaues, wo neues Leben eingezogen ist, ein -inniger poetischer Hauch wie aus Märchenzeiten.</p> - -<p>Durch den Hochwald, den duftenden, grünen Freiwald -wanderst du dahin. Ein eigener Gedanke ist es, daß hier -tief unter den Wurzeln der ragende Fichten einst das -Silber wuchs, daß hier, wo jetzt der Wald seine grünen Geheimnisse -rauscht, vor fernen Tagen der Knappe sein Glück -suchte, in dunklen Schächten und Gängen das Silber grub, -Halden türmte und seine Mauern und Giebel schichtete -und richtete.</p> - -<p>Die Meisen flattern zirpend von Zweig zu Zweig. Von -ferne klingt die Holzaxt durch die grüne Einsamkeit und -harzduftige Stille. Da leuchtet es hell durch die schlanken, -goldbraunen Stämme, eine weiße Wand, braune Holzverschläge, -grüne Fensterladen und ein graues Schindeldach, -»das Schindelhaus« auf grüner Lichtung wie in einen Saal -mit weichem, grünem Teppich gestellt, einst für bergmännische -Zwecke erbaut. Wir tauchen weiter in die grünen -Tiefen des Waldes und folgen dem schmalen Pfad, der uns<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span> -hineinlockt, das Flüstern und Rauschen der Wipfel zu -hören und ihren köstlichen Duft zu trinken. Da tritt heimlich -aus tiefer Einsamkeit ein graues Dach hervor. Auf -einer Halde, das taube Gestein ganz überwuchert von Grün, -liegt dort ein altes Scheidehaus, jetzt das Heim anspruchsloser -Waldarbeiter, »das Silberschnurer Scheidehaus«. Mächtige -Fichten im grünen Kreise schauen hernieder wie hütende -Wächter. Die Könige dieser grünen Riesen sind zwei -Hängefichten, deren Äste mit langen hängenden Zweigen -wuchten, als wären sie von den Feen der Waldeinsamkeit -und deutscher Waldherrlichkeit mit Prachtgehängen geschmückt.</p> - -<p>Wie zwei Türme wachsen sie empor in den blauen -Himmel, zwei Türme, die die grüne Gotik des Waldes -mit zartestem Astfiligran geziert, zwei Türme, die leben -und duften, die eine Seele und eine Stimme haben zu -singen und zu sagen. Leise, leise wiegen und rauschen ihre -Zweige, als webten darin die Klänge von deutscher Sehnsucht -und deutschem Leid, von alter Heldenzeit und jungem -Trotz. Vorn im Gärtchen leuchtet es von Blumen im -bunten Flor. Da stehen steif gravitätisch die hohen Malven -mit ihren zarten Farben, die Kresse mit feurigen -Blüten schlingt sich am niedrigen Gitter, Rittersporn und -Eisenhut, Rosen und Nelken duften. Die Bienen des nahen -Bienenstandes summen durch den Wohlgeruch und die -Farbenpracht und sammeln ihre süßen Schätze ein. Kinderlachen -klingt um das Haus, Windeln und bunte Lappen -flattern am Seile. Im wärmenden Sonnenstrahl sitzt -Großmutter am Klöppelstock. Auf Stufen führt gewunden -ein schmaler Pfad hinauf auf die Halde, deren altes verlassenes -Scheidehaus nun frisches, junges Leben birgt, -Leben, Zukunft, Behagen und Zufriedenheit, eine Heimat<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span> -tief im grünen Walde, eine Heimat aus Waldmärchenland -auf uraltem, bergmännischem Grunde. –</p> - -<p>Doch auch die letzte Heimat hat ein Großer des Bergbaues -einst in einer Halde gesucht und dort seine Ruhe gefunden. -Dicht bei Freiberg auf der Höhe liegt die Halde der alten -Grube zu den heiligen drei Königen. Inmitten eines -kleinen Haines von im Winde rauschenden Laubbäumen, -grün umwuchert und laubüberdacht ist diese Halde ein -Grab und ein Grabmal, wie es sinniger und stimmungsvoller -kein Bergmannsherz finden kann. Hier auf freier -Höhe angesichts der alten Bergstadt, die unten gleich einer -malerischen dunklen Silhouette auf goldenem Grunde erscheint, -inmitten der Freiberger Gruben, Halden und -Hüttenwerke verfuhr der Oberberghauptmann Freiherr -von Herder, ein Sohn des Dichters und Patenkind von -Goethe und Matthias Claudius nach seinem eigenen -letzten Wunsche seine letzte Schicht.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Und sink ich einst in jenes dunkle Reich der Nacht,</div> - <div class="verse indent0">aus dem auf seine Berge keiner wiederkehrt,</div> - <div class="verse indent0">erhebt dann hoch, ihr treuen Knappen, mir das Grab;</div> - <div class="verse indent0">nur aufgehäufte Erd und graue Stein,</div> - <div class="verse indent0">ein Zeichen eurer Liebe, Knappen! –</div> - <div class="verse indent0">Sitzt dann ermüdet an dem grünen Hügel einst der Wandrer</div> - <div class="verse indent0">und gedenkt der Tag entflohener Zeit:</div> - <div class="verse indent0">›Hier‹, sagt er ›ruht der Knappen treuster Freund! –</div> - <div class="verse indent0">ihr Erster einst – ihr Erster auch in Wort und That,</div> - <div class="verse indent0">galt es der Berge und der Knappen Ruhm und Wohl.‹</div> - <div class="verse indent0">Erhebet hoch, ihr Knappen, mir mein Grab,</div> - <div class="verse indent0">und denkt des treuen Freundes liebend nach,</div> - <div class="verse indent0">wenn längst das enge Haus ihn deckt.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das sind seine Worte!</p> - -<p>Ein kalter Wintertag war zur Rüste gegangen, Ende -Januar 1838, tief lag die Stadt und draußen das Feld<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span> -verschneit, da wurde er auf den Schultern seiner treuen -Knappen den letzten Weg zu seiner Lieblingsstätte, die nun -seine Grabstätte werden sollte, nachts bei Fackelschein emporgetragen. -Durch den tiefen unwegsamen Schnee hatte -man tags zuvor erst den Weg ausgeschaufelt und gebahnt -und dann durch Hin- und Herreiten von Reitern der Garnison -feststampfen lassen. Nun dröhnte das feierliche -Trauergeläute von allen Türmen der Stadt herüber. Die -letzte Bergparade zur letzten Schicht des toten ungekrönten -Königs der Bergwerke entwickelte sich in düsterer Trauerpracht. -Die schwere Seide der altehrwürdigen Knappschaftsfahnen -knisterte, und schwer wallte der schwarze -Trauerflor hernieder. Blank und rot blitzten im Lichte der -Fackeln die Barten und das Gezähe der Knappen auf, so -kriegerisch als zöge die dunkle Schar auf geheimnisvolle -Heerfahrt. Ihre brennenden Froschlampen trugen sie in -der Hand und leuchteten so ihrem Herrn zur letzten Fahrt -zum dunklen Schacht des Grabes, aus dem noch kein »Glückauf« -den Bergmann wiedergrüßte. Die altertümlichen -russischen Hörner dröhnten mit mächtigem Klange ihre -wuchtigen ernsten Weisen und steigerten die Wirkung zu -einem gewaltigen, erschütternden Erlebnis. Wie die Beisetzung -eines alten germanischen Heerkönigs im gewaltigen -Hünengrabe auf windumbrauster beherrschender Höhe -mutet dieses nächtliche Bild an.</p> - -<p>Diese Stimmung klingt heraus aus zeitgenössischen Berichten -und Gedichten:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Beim Fackelschein sie trugen</div> - <div class="verse indent0">den Sarg durchs Tor bei Nacht,</div> - <div class="verse indent0">Ein Hüttenmann hält zur Linken,</div> - <div class="verse indent0">ein Bergmann zur Rechten Wacht.«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span></p> -<p>Ja, wie Kaiser Karl im Untersberg und Barbarossa im -Kyffhäuser schläft er nur und wird einst wiederkehren:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Doch schwieg rings auf den Bergen</div> - <div class="verse indent0">das Grubenglöckelein</div> - <div class="verse indent0">und fuhr kein Knapp am Morgen</div> - <div class="verse indent0">zur Tagesschicht mehr ein,</div> - <div class="verse indent0">dann wirst du aus dem Schlaf dich</div> - <div class="verse indent0">wie Barbarossa ringen</div> - <div class="verse indent0">und deinem Freiberg wieder</div> - <div class="verse indent0">die alten Tage bringen!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Sinnend stehen wir und schauen auf die große Bronzetafel, -welche den Namen und das Wappen des letzten -großen Berghauptmanns alter, versunkener Bergherrlichkeit -trägt, schauen auf die in Stein gehauene Grabschrift: -»Hier ruht der Knappen treuster Freund« neben der rechts -und links ein Bergmann und Hüttenmann das Berg- und -Hüttenwappen hält. 75 Jahre nachdem Herder hier seine -letzte Schicht verfuhr, verfuhr der Freiberger Bergbau selbst -seine letzte Schicht, das Grubenglöcklein schwieg rings auf -den Bergen, und wie eine Sage klingt nur noch das Wort -von der Berge und der Knappen Ruhm. Über uns rauschen -die Wipfel der hohen Bäume, rauschen und flüstern von -alter Zeit. In Barbarossas Tagen, als Ströme teuren -deutschen Blutes im heiligen Lande und im falschen schönen -Welschland so nutzlos für die Heimat vergossen wurden, -blühte der junge Bergbau auf als eine der schönsten Blüten -deutscher Kultur und Tatkraft von größerem Werte für -Volk und Heimat, als alle Kreuzzüge und Römerzüge, und -nun, nach siebenhundertjährigem Glück und Glanz, wo der -Bergbau zur Rüste gegangen, soll der stille Schläfer dort -in der Halde der Barbarossa sein, welcher die alte Herrlichkeit -wiederbringt! – O ihr Träume, ihr Gedanken und -geheimnisvollen Triebe, ihr silbernen starken Flügel der<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span> -deutschen Seele! Ihr habt unser Volk über vieles hinweggetragen, -was andere vielleicht zerbrochen hätte. Ihr habt -unser Volk in Begeisterung stark gemacht und schwach und -elend in manchem leeren Wahn. Ihr habt unserem Volke, -unsrer Heimat manches Schicksal bereitet, dem andre vielleicht -entgangen wären. Ihr habt hier, wo die Halden -jetzt ragen, in dunklen Schächten Schätze geschürft und das -Land reich gemacht an Kunst und Kultur und edlen Gütern -aller Art, ihr habt aus der eigenen Seele Schätze gespendet -an alle Welt und Haß und Dornen sind eure Ernte. Auch -Träume können Tat und Schicksal werden. Träume blühen -in der Stille. Die Stille ist ein Spiegel, in dem Welt, -Zeit und Ewigkeit sich dir spiegeln, wenn du nur zu schauen -verstehst.</p> - -<p>In der Stille wachsen große Gedanken, aus der Stille -reifen wahrhafte Taten, aus der Stille steigt die Stärke -der Seelen.</p> - -<p>Wir wollen der Stille lauschen und in ihren klaren -Spiegel schauen. Die stillen Halden um Freiberg mögen -dir da vieles sagen und geben, da mag großes Gotteswerk -und großes Menschenwerk, Ewigkeit und Vergänglichkeit -zur fruchtbaren Stille führen.</p> - -<p>Hünenmäler der Arbeit vergangener Tage, tot und doch -lebendig, stumm und doch mit gewaltiger Sprache künden -sie weit über das Land, daß Arbeit Schicksal, daß Träume -Schicksal sind, daß aus Arbeit und Träumen die deutsche -Seele sich ihre Zukunft formt, wenn sie nur erst starke, -silberne Flügel zur Höhe emporhebt.</p> - -<p>Vergiß nicht, Seele, daß du Flügel hast!</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Das_Taennichttal">Das Tännichttal im Tharandter Wald.</h2> -</div> - -<p class="drop">Lange hatte mein treues Rad gerastet! Was bindet -oft die Pflicht so fest und umschnürt die Seele und -das Wollen mit bitteren Fesseln und nimmt sie in enge -Haft, daß sie sich kaum mehr hervorwagen, Fesseln abzuschütteln, -frei zu sein, vogelfrei in ziellosem Fluge der -Sehnsucht hinaus! – Heute lacht so frisch der Sonnenstrahl -des taufrischen Sommermorgens und lockt hinaus -und es treibt und drängt ein inneres Müssen, daß ich nicht -widerstehen kann. Hinaus aus den alten Mauern und -drückender Enge, hineinfliegen auf flüchtigem Rade in die -blaue Sonnenwelt, als wäre ich ein Vogel mit jungen -Schwingen, der sein Lied jubelnd zur strahlenden Höhe -trägt.</p> - -<p>Die wuchtige Stadtmauer Alt-Freibergs mit ihren -Türmen und der Graben mit seinen grünen Bäumen, das -alte, mächtige Bollwerk des Donatsturmes gleiten an mir -vorüber. Leb wohl, du alter, fester Kumpan, mit deinem -spitzen Kegeldach, heute treibts in die Ferne mich mächtig -hinaus. Und ihr Dohlen dort oben in euren schwarzblauen -Röcken so vornehm angetan, die ihr dort flattert -und schwebt und mit hellem Rufe freudig im Schwarme -in den blauen Äther euch schwingt, heute neide ich euch -nicht, heute bin ich mein eigen, heute bin ich mein selbst, -ein freier, wilder Vogel! Meine Seele ist ein Vogel, der -über allen Tiefen schwebt, dessen Flügel in alle Weiten<span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span> -strebt, der tief das Glück und die Sehnsucht eines freien -Sonnentages spürt. –</p> - -<p>Die Straße ins Muldental hinab fliegt das Rad, daß ein -Jauchzen aus der Brust wie ein lachender, springender -Brunnen emporsteigt. Halli und Hallo! Die Sommerwelt -ist mein, die rechts und links an mir vorüberstürmt, -die grünen Hänge, die saftigen Wiesen und dort der -rauschende Fluß im tiefen Grunde, mit seinen weißen -Schaumflocken auf dunklem, sprudelndem Wasser. Die -Heimat ist mein, denn meine Seele ist ihr offen, sie ist -mein, denn sie gibt sich mir, weil ihrem Zauber und ihrer -Wesensinnigkeit sich meine Seele gibt. Jenseits geht es -steil bergauf. Steinig und heiß ist der Pfad, das Geröll -rutscht unter dem Fuß, und die glimmerblinkenden Gneisplatten -flimmern wie Silber. Auf dieser jähen Straße -zogen schon die wilden Haufen der Schweden und Kaiserlichen -einher, die Grenadiere des Alten Fritz und das Heer -Napoleons. Kanonen und Packwagen sind unter Fluchen -der Soldaten und Keuchen und Schnauben der Rosse mit -vielfachem Vorspann, mit Seilen und Hebeln den steilen -Hang mit seinen glatten Felsplatten hinaufgezogen. Manch -wilde Verwünschung und grimmiges Wort, manch sauren -Schweiß hat dieser Weg gekostet. – Wie stille ist es heute -hier! Es knistert leise das Rad. Geröll löst sich unter dem -Fuß. Rötlich blüht schon das Heidekraut in dichten Polstern -am Wege.</p> - -<p>Auf der Höhe schöpft die Brust tief Atem und dann -wandern die Augen hinab ins tiefe grüne Tal, wo die -Mulde schäumt, und dort nach den Höhen, wo die Halden -und Bergwerke, Alt-Freibergs Wahrzeichen und Hünenmale -des Bergbaues, sich türmen, und weit in die blaue -Ferne, wo die duftigen Linien der Berge in unendlicher<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span> -Zartheit sich am Horizonte dehnen. Doch nun wieder vorwärts, -dem Walde entgegen, in dessen grünem Meere ich -untertauchen will. Über breiten Höhenrücken geht die -Fahrt. Die Felder reifen der Ernte entgegen. Wie lange -noch, dann klingt die Sense und die Pracht sinkt vor dem -Schnitter dahin. – Hast du Frucht gebracht? – –</p> - -<p>Die Vogelbeerbäume schmücken sich schon mit roten -Beeren. Wie lange noch, und die Drosseln ziehen, die -Beeren fallen und liegen wie Blutstropfen am Straßenrande. -– Blutstropfen! – Wieviel Blut mag auf dieser -Heeresstraße sächsischen Schicksals geflossen, am Wegrande -versickert, vom Regen verwaschen sein? Tropfen am Wege, -verronnen, vergessen, vom Baume des Lebens blutrot geschüttelt, -zertreten, verloren im Staube – Menschenschicksal, -wie dunkel ist dein Lauf, aus Dunkel kommend, im -Dunkel vergehend, rote Beeren nur hie und da im Staube -deiner Straße! – –</p> - -<p>Drüben am Höhenrande des Horizontes steigen die -Häuser von Konradsdorf bergaufwärts, und der Kirchturm -ragt spitz über die gelagerten niedrigen Dächer, weithin -als Landmarke die Gegend beherrschend. Wie friedlich und -still das Bild, der Blick über die fruchtbaren Breiten, und -doch, wieviel Stürme sind darüber hingebraust. Alte Kunde -erzählt von Konradsdorf aus dem Jahre 1632: »Den -16. April eben dieses Jahrs, morgens um 5 Uhr, da -Kaiserliche Völker eingefallen, ist Nikol Kirbach von zwei -Kroaten niedergesäbelt worden. Um eben diese Zeit haben -auch die Kaiserlichen Kroaten die Kirche allhier erbrochen, -was darein geflüchtet ermordet, den silbern Kelch und -100 Fl. mitgenommen, wobey Pfarr und Schulmeister beynahe -das Leben eingebüßt, davon man die Spuren in der -Kirchthüre noch findet.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span></p> - -<p>Die Kirche zu Hilbersdorf dort drüben, dessen Flur an -unsere Straße grenzt, wurde 1639 von den Schweden unter -Banner eingeäschert und Mord und Blut war in seiner -stillen Dorfstraße.</p> - -<p>Menschenschicksal, Völkerschicksal, wie geht ihre Straße -über lichte Höhe und dunkle Täler, durch Sonne und tiefe -Schatten! Rote Beeren am Straßenrand, deuten sie -Freude, deuten sie Leid? –</p> - -<p>Herbstmahnung, Schicksalsmahnung, Sommerwende leuchten -uns die roten Beeren am Wege, am Baume im Laube, -das hie und da leise vergilbt, im Staube, der ihr brennendes -Leben mit Asche bestreut. Wie lange noch, dann -klirrt der Frost, dann schnaubt der Schnee in mächtigen -Wehen und Wirbeln gleich wilden weißen Rossen über die -starren Felder und kahlen Höhen und hinter ihnen der -eisige Ost mit scharfen Peitschenschlägen. –</p> - -<p>Wohl dem, der eine Heimat hat! –</p> - -<p>Doch heute weht ein süßer Duft wie Honig herüber. Ein -blühendes Kleefeld strömt des Sommers ganze Lieblichkeit -in Duft und Farbe in die blaue Luft. Ich steige vom Rade -und lausche dem Liede des glühenden, blühenden Klees. -Millionen von Bienen und anderen Insekten singen und -summen in dem purpurnen Blütenmeer ihr Lebenslied und -taumeln von Kelch zu Kelch. Als klänge ein seliger Harfenton -dem Sommer und der Sonne entgegen, voll gesättigt -vom süßen Drange des Lebens und Blühens. Schwer und -wonnig steigt der Duft des Feldes empor, und ich trinke -ihn mit tiefen Zügen, als wäre es ein alter, köstlicher -Wein. Ein purpurner Teppich aus Duft und Licht, Farbe -und Leben gewoben, auf dem nur die Sonnenstrahlen mit -leichten, schwebenden Füßen dahingleiten dürfen. Ein -Teppich, wie ein dunkler purpurner Orgelton, den der<span class="pagenum" id="Seite_248">[248]</span> -Sommerwind leise dahinträgt, daß die Herzen stille -werden. Als ob das heilige Herz der Mutter Erde unter -ihnen schlägt, so geht geheimnisvolles Leben durch die -Millionen Blütenköpfe, ein Beben, ein Atmen auf und -nieder – o du Heimatflur! –</p> - -<p>Und dort das Ährenfeld neigt schon die Halme. Der -Wind geht drüber hin in flüsternden Wellen. Die Lerchen -steigen empor in die flimmernde Luft und taumeln selig -der Sonne entgegen als gäbe es keine Erdenschwere und -hätte ihre singende Seele dort oben den Weg zur Heimat -gefunden. –</p> - -<p>Dort drüben grüßt in breiten Wogen das grüne Meer -des Tharandter Waldes. Mein Rad fliegt wie ein Vogel -hinab ins Bobritzschtal. Sanfter sind die Hänge hier als -im Muldentale. Malerische Höfe und Häuschen klimmen -auf und ab, drängen sich am Bach und drücken sich in die -Talwinkel. Naundorf ist es, dessen Kirchturm auf der -Höhe wie ein Hirte über seine Herde wacht. Die Straße -führt talaufwärts am Bach entlang. Die Wellen hüpfen -mit Murmeln und Plaudern über die runden Steine, und -flinke Forellen schießen blitzschnell daher. Einst war dieser -köstliche Fisch so häufig hier, wie ein altes Naundorfer -Kind erzählt, daß für wenige Groschen eine ganze Schüssel -voll im Fuhrmannsgasthof an der Straße geliefert wurde. -Heute mag wohl kaum ein Fuhrmann mehr Forellen dort -essen wie in der alten, stillen, einfältigen Zeit, als es noch -zufriedene Menschen gab.</p> - -<p>Ein Seitenweg führt von der Dorfstraße am Hange aufwärts -zur Kirche, die seit Jahrhunderten inmitten des -Gottesackers von hier über die Dächer und Höfe der Gemeinde -herniederschaut. Eine Mauer umschließt den Friedhof, -und hohe Bäume überschatten den Eingang. Vogellied<span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span> -aus den dichten grünen, lichtdurchfunkelten Zweigen, -Choralgesang und Orgelklang aus der Kirche vereinen sich -zu einer stimmungsvollen Sonntagsharmonie, als ginge -leise mit uns über die stillen, grünen Gräber mit schwebendem -Schritte der Frieden suchender, findender, erlöster -Seelen und segnete uns. Ein Gottesdienst in Einsamkeit -still neben der Kirche kann feierlicher, kann tiefer und gehaltvoller -wirken als in der Gemeinschaft einer gefüllten, -aber doch »leeren« Kirche. Die einsam grüne Stätte mit -ihrem Lobgesang aus der Höhe und aus der Nähe war uns -ein Gotteswinkel stiller, tiefer Andachts- und Feiergedanken -von weltfreier Entrücktheit. – – –</p> - -<p>An der Friedhofsmauer stehen ein paar alte verwitterte -Grabsteine in barocken Formen mit verwischten, fast unleserlichen -Schriftzügen, grünlich angeflogen und von -grauen Flechten hie und da betupft. Die Urenkel derer, -die sie nennen, sind längst zu Staub geworden. Wie -stumme Prediger der Vergänglichkeit lehnen die alten -Steine dort an der Mauer und fragen dich: Wer bist denn -du?! – Der Staub zu deinen Füßen, auf dem du stehst, -atmete einst, liebte einst, lachte einst wie du! Wer bist -denn du?! – Sinnend betrachten wir den schlichten, etwas -nüchternen Kirchenbau aus dem Jahre 1783 mit seinem -holzbeschlagenen Turmaufbau, gekrönt von spitzer achteckiger -Haube. Wievielen werden die Glocken dort oben noch zum -letzten Gange läuten? –</p> - -<p>An der Südseite der Kirche ist ein alter Grabstein eingemauert, -der ein Denkmal ganz eigener Art ist, und ein -schönes Zeugnis dafür, daß die Gedanken des Heimatschutzes -und der Denkmalpflege nicht etwa etwas künstlich -Gezüchtetes, Literarisches, sentimental ins Volk Hineingetragenes -sind, sondern aus dem Verlangen und der Seele<span class="pagenum" id="Seite_250">[250]</span> -unseres Volkes mit ursprünglicher Gewalt hervorgegangen -sind und seinem tiefsten Empfinden entsprechen.</p> - -<p>Der Stein ist über 200 Jahre älter als die jetzige Kirche -und wurde beim Neubau der Kirche 1783 in die Mauer -an geschützter Stelle eingelassen, um ihn vor Vernichtung -zu bewahren. Dem wackeren Fuhrmann Melchior Heber, -der im Jahre 1580 starb, ist er gewidmet. Seine Ururenkel -haben den Stein erneuert, ein späterer Enkel hat ihn in die -Wand der neuen Kirche gesetzt, und heute liegen die Urenkel -jenes Nachfahren in Gräbern unter jenem Stein des -alten Melchior Heber, und ein junges Geschlecht des alten -Namens und Blutes wirkt im Heimatdorfe seiner bäuerlichen -Ahnen heute noch, festgewurzelt im heimischen Boden -seit Jahrhunderten.</p> - -<p>Der Stein stellt in seinem oberen Teil den alten Melchior -dar in der Tracht seiner Zeit betend vor dem Bilde -des Gekreuzigten knieend. Als unterer Abschluß der Platte -ist der starke Fuhrmannsfrachtwagen im Relief abgebildet, -mit hochgespanntem, rundem Plane überdeckt und sechs -starken Pferden als Bespannung. Die Inschrift lautet:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Im Leben hatte ich an fahren mein Vergnügen</div> - <div class="verse indent0">Und fuhr an diesen bald und bald an jenen Ort,</div> - <div class="verse indent0">Im Tode spannt ich aus und ließ alles fahren liegen</div> - <div class="verse indent0">Und fuhr andern Seelen nach in sichren Himmelsport.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Anno 1580. Den 11. Tagk Aprillis um 6 Uhr Nachmitt, -den Montag <em class="antiqua">Quasi modo geniti</em> ist der Ehrsame Melchior -Heber in Gott selig entschlafen. D. G. G. Seines Alters -60 Jahr.« Auf dem Stein finden sich noch folgende Nachrichten -eingemeißelt: »Diesen Stein hat Georg Heber -seinem Groß-Groß-Väter zum Andenken renoviren lassen -den 10. Juli 1743.« Und weiter: »Dies Denkmahl lüß bei -dem neuen Kirchenbau seinem Ur-Ur-Großvater zu Ehren<span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span> -abermals erneuern Karl Gottlob Heber 1783.« Treuer -Familiensinn hat so ein Denkmal von kulturgeschichtlichem -Werte bewahrt in seiner treuherzigen Schlichtheit und -biederen Berufsfreude, wie es wohl einzigartig ist, namentlich -wenn man bedenkt, daß heute noch nach rd. 350 Jahren -die bäuerlichen Enkel seine Denkmalpfleger auf dem kleinen -Dorffriedhofe sind.</p> - -<p>Wir nehmen Abschied und lenken wieder der Dorfstraße -zu. Die zahlreichen Gänse, Enten und Hühner auf der -Straße sind dem Rade nicht gewogen. Mit Flattern, -Fauchen und Geschrei entrüsten sie sich oder suchen durch -ängstliches Hin- und Herlaufen dem allzuraschen, gefürchteten -Feinde zu entkommen. Heil uns, daß wir ohne unfreiwillige -Tötung eines »Rassehuhnes« – überfahrene Hühner -sind immer »Rassehühner« – am Ausgange des -Dorfes anlangen. Dort macht die Bobritzsch eine starke -Krümmung, fast im rechten Winkel. Ein stattlicher Hof -liegt im Winkel und mächtige, alte Bäume beschatten den -Platz. Dort mündet der Colmnitzbach, und eine Brücke -führt über die Bobritzsch, von der aus du in das Strudeln -der klaren Wasser hinabschauen kannst, die goldbraunen und -grünen Steine siehst, an denen die Forellen stehen oder -blitzschnell vorbeihuschen, wo du die ganze Lieblichkeit dieses -stillen Winkels mit seinem Wasserrauschen und Vogelsang -unter grünem Blätterdach empfinden kannst. Wie Sonntag, -durch den leise der Glockenton der Andacht klingt, liegt -es immer hier unter sonnenstrahlendurchflochtener Laubkuppel. –</p> - -<p>Auf schmalem Wege über dem breiten Wiesengrunde des -Colmnitzbaches geht es aufwärts. Wie ein leuchtend -grüner Teppich ist der Grund zwischen die Hänge eingespannt. -Doch bald verwahren uns hohe, dichte Hecken<span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span> -den Blick auf diese grüne Herrlichkeit. Zwei Höfe am -Hange liegen vor uns, die Gippenhäuser. Das Gebell des -wackeren Spitz an der Hütte und sein wildes Umherrasen -an rasselnder Kette zeigt, unter wie guter Hut die stillen, -einsamen Häuser stehen. Eine bleiche Dame sitzt dort drüben -am Wiesenrande, ein Kind spielt in der Nähe und trägt -ihr duftende Blumen herzu. Sommerfrischler! Ja, hier -könnt ihr gesunden und wie Joseph Viktor von Scheffel, der -leider Halbvergessene und doch so echt deutsche Mann, in -seinen Bergpsalmen singen und sagen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden,</div> - <div class="verse indent0">Hier magst du gesunden,</div> - <div class="verse indent0">Hier magst du die ehrlich empfangenen Wunden</div> - <div class="verse indent0">Ausheilen in friedsamer Stille.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Zwischen duftendem, rauschendem Wald und saftgrüner, -blumiger Wiese, in der die Margareten mit weißen -Sternen leuchten, fern vom Staub der Straßen der Welt, -den Blick auf sanft geschwungene edle Höhenlinien, abgeschlossen -doch nicht eingeschlossen, so recht ein Ort friedsamer -Stille! –</p> - -<p>Friedsame Stille? – Ich denke eines kalten stürmischen -Herbstes im Jahre 1697. Der Schnee hatte schon kalt und -naß über die Stoppeln gefegt. Es war ein Wetter, wo -man näher an den Ofen rückt, in dem die Scheite knacken -und knistern. Ein Wetter, bei dem im Felde nicht viel zu -tun ist, und Großmutter vielleicht die Bibel vom Bortbrett -nimmt, die große Hornbrille aufsetzt und langsam liest die -Geschichte vom barmherzigen Samariter: Wie der Mensch -unter die Mörder fiel, und sie schlugen ihn und gingen -davon und ließen ihn halbtot liegen. Und da der Priester -ihn sah, ging er vorüber, desgleichen auch ein Levit, sah -ihn und ging vorüber. Da der Samariter ihn sah, »jammerte<span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span> -ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden -und goß drein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und -führte ihn in die Herberge und pflegte sein.«</p> - -<p>Sie las just diesen Vers, da kam der Sohn herein, schüttelte -den nassen Schnee ab, stampfte mit den schmutzigen -Schuhen und rief: »Draußen auf dem Acker oben am Walde -steht ein fremder, mit Stroh belegter Leiterschlitten und -drinnen liegt verlassen ein armer, todkranker Mann! Er -kann kaum mehr sprechen. Ich habe es gleich dem Gutsherrn -und dem Pfarrer gemeldet. Sie werden schon sorgen, -mich gehts nichts weiter an. Gib mir meine warme Suppe, -es ist ein Wetter, um keinen Hund hinauszujagen.« – »Ach -der arme Mann! Nur gut, daß du so gescheit warst, das -gleich zu melden, sonst hätten wir am Ende noch allerlei -Umstände bei dem schlimmen Wetter. Man weiß doch nie, -was das für Leute sind! Es ist schon besser, das macht der -Pfarrer!« –</p> - -<p>Der Gutsherr und Pfarrer waren nicht sehr erbaut gewesen -von der Nachricht. Und dazu das schlechte Wetter! -Was tun? – Sie riefen den Ortsdiener und schickten ihn -zum Kranken auf dem Acker oben am Walde, um zu -eruieren und zu konstatieren, wer er sei, wie er dorthin -komme, wer ihn dorthin gebracht, und ob sie vielleicht gar -nicht etwa zuständig seien, in dieser Sache etwas zu befinden. -– Der Kranke konnte nicht mehr sprechen, so die -Nachricht des Ortsdieners! Das war ein schwieriger Fall! -Verlegen saßen das geistliche und weltliche Haupt des -Dorfes und kratzten sich bei dieser Nachricht hinter den -Ohren: »Vielleicht würde dieser fremde, ganz unbekannte, -nicht ortsansässige Mensch gar auf der Gemeindeflur -sterben wollen! Das wäre ein höchst unangenehmes Vorhaben -und gegen die Gemeinde wenig rücksichtvoll, denn<span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span> -sie hätte davon Kosten und Scherereien! Ihn ins Dorf -holen? Nein! Wer soll ihn aufnehmen?« Sie grübelten -über diesen Fall, bis die frühe Finsternis kam, und hatten -dann einen bauernschlauen Einfall. Sie schickten zwei -Wächter zum verlassenen Sterbenden hinauf, »daß ihm kein -Unheil zustieße«, die ihre eigentliche Aufgabe aber verständnisinnig -wohl erfaßt hatten und bei Sturm und -Regen den Schlitten mit dem Todkranken von der Gemeindeflur -fort in den Tharandter Wald, auf kurfürstl. -Grund und Boden, brachten. Um Mitternacht starb der -arme Mensch 12 Ellen von der Grenze entfernt auf kurfürstlichem -Gebiete. Am nächsten Tage, den 22. September, -wurde Bericht an das Amt in Grillenburg erstattet, daß -auf kurfürstlichem Gebiete ein Mensch verstorben sei, und -um Bescheid gebeten. Dieser fiel zunächst dahin aus, daß -ihnen bedeutet wurde, »wie ihnen aus christlicher Liebe -wohl zugestanden hätte, den todtkranken Mann, welcher -ihrem Anführen nach wenig oder gar nichts am Leibe -habe, in eine warme Stube zu bringen und sein zu pflegen, -nicht aber ihn in der Kälte liegen zu lassen und auf seinen -Tod zu warten. Die Leiche sei einstweilen zu bewahren.« -Bei den weiteren Nachforschungen des Amtes wollte zunächst -niemand davon wissen, wie der Kranke auf das Feld -gekommen. Durch Peter Henker zu Fördergersdorf stellte -sich indes heraus, wie ihm Jakob Kirsten zu Herzogswalde -berichtet, daß am 19. September die Colmnitzer einen halbtoten -Mann auf einem Schlitten vor ihre Kirche gebracht -und daselbst stehengelassen haben; die Herzogswalder -hätten ihn darauf wieder nach Colmnitz gebracht. Der -Colmnitzer Richter gestand nun zu, daß die Niederbobritzscher -den Mann mittelst Fuhre zu ihm, dem Richter -gebracht; da er aber abwesend gewesen, so habe, ohne sein<span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span> -Geheiß, Andreas Bormann daselbst ihn nach Herzogswalde -weggeführt.</p> - -<p>Es war ein armer Schuster aus Naumburg, der kurz -vorher in Tharandt in Arbeit gestanden hatte. – Regierung -zu Dresden und Amt zu Grillenburg ordneten nun -unter Ermahnungen zu mehr christlicher Liebe an, daß der -Körper des Verstorbenen auf Colmnitzer Flur gebracht, ein -Sarg von den Colmnitzern angefertigt werde und die Beerdigung -in Colmnitz erfolgen solle. So hatte endlich ein -armer, müder Erdenpilger, dem in drei Dörfern keine Stätte -zum Sterben in friedsamer Stille gegönnt wurde, seine -letzte Ruhe gefunden. – –</p> - -<p>Wie heißt es doch im Gleichnis? »und gingen davon und -ließen ihn halbtot liegen. Und da der Priester ihn sah, -ging er vorüber, desgleichen auch ein Levit, sah ihn und -ging vorüber!« Jawohl, die harten Herzen aus dem Gleichnis -waren hier in der Wirklichkeit alle da, wo aber war -der barmherzige Samariter? Drei Dörfer am Tharandter -Walde und kein barmherziger Samariter darin! – Über -200 Jahre ist diese Geschichte her. Ob es heute mehr Barmherzigkeit -an der Straße gibt? Ach, unserem Volke ist Liebe -so bitter not! – »Friedsame Stille!« Wo findet man sie, -wenn man nicht Raum dafür im eigenen Herzen hat? Wir -schauen noch einmal zurück in das weite, weiche, von Sommer -gesegnete Land, wo soviel Unfriede und Unbarmherzigkeit -wohnt, und tauchen dann ein in den herrlichen Wald, -dies grüne Kleinod zwischen Freiberg und Dresden, den -Tharandter Wald. Wie viele Stunden tiefster Freude -danke ich dir, du deutscher Wald und deinen stillen Wundern, -wenn draußen das Leben trübe und schwer und -drinnen das Herz trübe und schwer ward.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wer einmal diesen Jungbrunn’ fand,</div> - <div class="verse indent0">Der schöpft aus keinem andern!</div> - <div class="verse indent0">Denn das ist deutschen Waldes Kraft,</div> - <div class="verse indent0">Daß er kein Siechtum leidet,</div> - <div class="verse indent0">Und alles, was gebrestenhaft,</div> - <div class="verse indent0">Aus Leib und Seele scheidet.</div> - <div class="verse indent0">Daß ich wieder singen und jauchzen kann,</div> - <div class="verse indent0">Daß alle Lieder geraten,</div> - <div class="verse indent0">Verdank ich nur dem Streifen im Tann,</div> - <div class="verse indent0">Den stillen Hochwaldpfaden.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="mright s90"> -(Scheffel, Aventiure.) -</p> - -<p>Solch ein stiller Hochwaldpfad, über den die knorrigen -Wurzeln laufen, führt mich in die harzduftige grüne Tiefe, -und ein Singen und Jauchzen geht mir durch die Seele, -doch es schweigen meine Lippen, und leise ist mein Gang. -Es ist mir, als ob meine Seele in dem Vogel wäre dort -oben auf der höchsten Spitze jener stolzen Fichte. Sein Lied -steigt jubelnd empor, da leuchtet der Himmel noch blauer, -der grüne Tann wird hundertmal grüner als sonst, die -Luft wird luftiger, klarer, der Duft des Waldes wird -stärker, herbsüßer und, was von Schleiern und Düsternis -in mir war, sinkt hernieder, als wären alle Rätsel und -Fragen in Licht und Klarheit gelöst und überwunden. Es -schweigen meine Lippen und leise ist mein Gang. Nur ab -und zu knistern die Nadeln oder ein Ästlein unter den -Reifen des Rades, welches ich führe.</p> - -<p>»Willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich -an,« das gilt auch vom Walde, dessen Seele man nur -findet, wenn leise unsere Seele sich an seine schmiegt. Dann -öffnen sich uns seine grüngoldnen Augen und schauen uns -an voll unergründlicher Tiefe, dann spricht sein Mund im -geheimnisvollen Raunen, und wir hören im stundenlangen -leisen Wipfelrauschen, wie des Waldes Seele mit uns<span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span> -spricht und ihre Wunder uns offenbart. Und wenn der -Sturm in den Zweigen und Ästen wühlt und sein urgewaltiges -brausendes Lied durch die bebenden Wipfel wie -Meereswogen sich stürzt und schäumt, dann fühlen wir unser -tiefstes Inneres mit gepackt, geschüttelt, erschüttert, und alles -Kleine schwindet, alles Welke wird abgerissen, alles Dürre -wird geknickt. Willst du des Waldes Wunder lernen, dann -darfst du nur lauschen, schauen und vergessen, was draußen -ist, mußt du deiner selbst vergessen. Was er dir zeigt und -sagt, was er dann deiner Seele gibt, das wird dich reich -und froh machen. Der Wald ist dein geworden, weil er dir -seine tiefsten Geheimnisse gab und du seiner wundersamen -Kräfte kund wurdest. –</p> - -<p>Eine im Sonnenschein flimmernde Blöße öffnet sich. Ein -kräftiger, warmer Harzduft steigt empor und füllt die Brust, -als sollten die Lungen besonders in Waldeskraft gebadet -werden, und in tiefen Zügen atmen wir den starken Duft -wie einen köstlichen Trank. Die Grillen zirpen ihr heißes -Sonnenlied, und über den Halmen und Spitzen der Schonung -zittert die Luft, als wäre sie durch das schwirrende, -wie in Wellen flirrende unendliche Grillenlied zum -Schwingen gebracht. – Ein Blick in die Weite auf blauferne -Höhenlinien, dann ein dunkler, grüner, kurzer Waldpfad, -und plötzlich gibt es mir einen Riß durch die Seele. -Wie eine ungeheure rote, offene Wunde in der Felsenflanke -des Berghanges liegt es vor mir, von rauher, rücksichtsloser -Hand geschlagen, dort eine Schutthalde von kleingeschlagenem -Porphyrgestein, daß aus dem Abhange herausgeschlagen -und gesprengt ist. Hier hatte ein Steinbrecher mit -gierigen Zähnen gearbeitet. Und weiter strecken sich -Schienen eines Bahnneubaues, der sich mitten durch eine<span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span> -Felsengruppe voll malerischer Wucht eine klaffende Lücke -gebrochen hat.</p> - -<p>Bitterkeit steigt dir auf, daß Schönheit und Friede nicht -mehr heilig sind, sondern wehrlos – das Zarte und Edle, -das Tiefe und Heilige ist ja immer wehrlos – der Rücksichtslosigkeit -und ehernen Notwendigkeit unterliegen müssen! -Schillers Nänie klingt schmerzvoll durch die Seele:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Auch das Schöne muß sterben.</div> - <div class="verse indent0">Siehe, da weinen die Götter,</div> - <div class="verse indent0">Es weinen die Göttinnen alle,</div> - <div class="verse indent0">Daß das Schöne vergeht,</div> - <div class="verse indent0">Daß das Vollkommene stirbt.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der Blick senkt sich rechts durch die Stämme und über -schwankende Wipfel und wiegende Fichtenspitzen hinab in -einen Talgrund wie in einen Trostgrund, der noch als ein -stilles Märchenland des Friedens und der Schönheit grün -heraufleuchtet. Es ist das Tännichttal. Wir blicken mit -frohem, innerem Glücksgefühl hinab, denn durch die Arbeit -des Heimatschutzes wird es uns in seiner unberührten taufrischen -Lieblichkeit erhalten bleiben und noch viele stille -Wanderer entzücken. Die tiefmelodischen Stimmen der -wilden Tauben, des Pirols Flötenrufe und der Finken -schmetternder Schlag, und alle die anderen tausend Stimmen -des Waldes werden nicht verstummen vor lärmender -Industriearbeit, Kreischen von Maschinen und Knirschen -und Rasseln der Steinbrecher. Die malerischen Felsklippen, -die wie Türme und Mauern aus den grünen Wipfeln und -Wogen des Waldes emporsteigen, sollen noch länger ihre -trotzigen Stirnen dem Wind und der Sonne stolz entgegenheben.</p> - -<p>Dort unten blitzen die Wellen des Colmnitzbaches aus -dem Smaragdgrün des Wiesenbodens herauf. Er kommt<span class="pagenum" id="Seite_259">[259]</span> -weit von draußen her, aus der waldarmen Gegend, um hier -zwischen Wald und Felsen seines Daseins schönste Strecke -zu durchlaufen. Wie die anderen Bäche der Freiberger -Gegend hat er sich schon draußen ein tiefes Bett gegraben -und windet sich in vielen Krümmungen durch die hügelige -Landschaft. Die begleitenden Höhenkuppen des Gneismassivs -von breitgelagerter rundlicher Art, welche mit ihren -langen, schöngeschwungenen Linien ungeheuren Wogen -gleichen, haben an der Quelle 500 Meter, an der Mündung -in die Bobritzsch rund 400 Meter Höhe. Draußen im freien -Lande haben sich im Colmnitzbachtale in der langgestreckten, -dem Wasserlaufe folgenden Siedlungsweise des Kolonistendorfes -die Dörfer Pretzschendorf, Ober- und Niedercolmnitz -angesiedelt. Ihre Wiesen und Felder mit ihren besonderen -Reizen von Saat, Ernte und Wiesenduft geben der ganzen -weiten Gegend draußen einen ausgesprochen landwirtschaftlichen -Charakter, aber auch mit ihrer ausgesprochenen Kahlheit, -welche außer den Bäumen an den Straßen, am murmelnden -Bach und in den Gärten des Dorfes kaum einen -Baum duldet, der nur der Schönheit, nicht aber besonders -dem Nutzen dient. Nur hie und da krönt irgendeine ferne -Kuppe ein einzelner Baum mit mächtigem Wipfel und verstärkt -das Gefühl der Weite und Freiheit, der Ruhe und -Größe der Landschaft. Fünf Sechstel seines Laufes hat so -der Colmnitzbach kahles Gelände durchströmt, bis er hier -im waldigen, engen, malerischen Tännichttal sich heimfindet -zu Bergeshang mit dunklen Fichten, zu Wiesengründen mit -leuchtendem Grün. Der schluchtartige Charakter dieses -Tales mit seinen steilen, bewaldeten Abhängen im Gegensatz -zu den sanfteren Hügelwogen des freien Landes, ist -überraschend und gibt malerische Bilder, gleichviel, ob man -von oben hineinschaut in die saftigen Gründe einer stillen<span class="pagenum" id="Seite_260">[260]</span> -smaragdenen Märchenwelt, oder ob man von unten zu den -Höhen hinaufschaut, die mit ihren Wänden einzelne Kessel -abschließen und bei einer neuen Krümmung neue Bilder -friedsamer Stille öffnen. Der Talboden hat nur fünfzig -bis sechzig Meter Breite. Die anschließenden steilen Hänge -steigen rund 100 Meter auf, zum Teil mit hohen Felswänden, -Zacken und ragenden roten Porphyrklippen, die -wie zinnengekrönte Burgmauern aufsteigen. Dieser schluchtartige -Charakter des Tales im Gegensatze zur breiten Landschaft -draußen, ist das Ergebnis urgewaltiger Kräfte aus -der Werdezeit unserer Erde und des Wirkens von Jahrmillionen -der Arbeit des Wassers und des Wetters, und ist -insofern ein Naturdenkmal von besonderer Bedeutung für -die Freiberger Gegend.</p> - -<p>Das flachgeschichtete, im Laufe der Jahrmillionen rundlich -abgeschliffene Urgebirge des Gneises der Freiberger -Landschaft ist hier mit ungeheurer vulkanischer Gewalt -vom Porphyr durchbrochen. Durch die Gneisüberlagerungen -und das harte Porphyrmassiv hat sich der Bach hindurchgenagt -und die schmale Talenge hineingefressen. Dort drüben, -mitten in dieser malerischen Talenge, an ihrem schönsten -Punkte, ragen die zackigen Spitzen und Kämme der -gewaltigen roten Porphyrklippen in den blauen Himmel -vom grünen Waldhange empor, die Diebskammer. Diese -Felsgruppe ist die Krönung der Schönheit des ganzen -Tales, das urgewaltige, zu Stein erstarrte Denkmal gigantischer, -aus der Tiefe emporglutender Naturkräfte. Wir -stellen das Rad in das Dickicht und klettern näher heran -durch Fichtengezweig und Ginstergestrüpp, die trotzigen -Zacken zu betrachten. Da sehen wir und erleben es fast an -der eigenartigen Faltung und Schichtung des Gesteins, wie -einst in ungeheuren Wehen und Ringen lebendiger Kräfte<span class="pagenum" id="Seite_261">[261]</span> -die Massen emporstiegen, sich zusammenpreßten und neigten, -sich kristallisierten und zu besonderer Lagerung und Schichtung -versteinten.</p> - -<p>Das Tännichttal streicht von Osten nach Westen. Die -Strahlen der Morgensonne und das rote Licht des untergehenden -Tagesgestirnes läßt die roten Klippen in feuriger -Glut aufleuchten, als wären sie von innerem Feuer durchglüht -und wollten zu neuem vulkanischem Leben erwachen. -Ein Naturdenkmal ist dieses Tal mit seiner Felsengruppe, -das im geologischen Anschauungsunterricht für jedermann -von der Natur selbst unübertrefflich dargeboten ist und zu -uns redet vom Werden unserer Erde, Heimat und Landschaft -mit deutlicherer Zunge als Bücher, die das Volk nicht -liest, als Gelehrte, die das Volk nicht hört, als Weisheit, -die in den Hörsälen oder bei den Spezialisten bleibt. Es -tut einen Dienst an der deutschen Seele, wer für diese Werte -der deutschen Natur und Heimat kämpft, ein Kampf für die -deutsche Seele und ihre Rechte an der Heimat, ein Kampf -für die Seele der Heimat gegen kalte, harte Seelenlosigkeit -der Ausbeutung. Unser Volk hat ein Recht darauf, daß -diese Naturdenkmäler, die Eigenart und besondere Schönheit -der Heimat geschützt und ihm und der Nachwelt ungeschmälert -erhalten bleiben und nicht der Ausbeutung -einiger Nurgeldmänner überlassen werden. Das was der -Allgemeinheit und der Heimat dienen kann und im höchsten -Sinne zur geistigen und seelischen Förderung dient, darf -niemals käuflich sein, darf niemals nur dem Interesse eines -Einzelnen um materiellen Gewinnes willen ausgeliefert -werden, sondern muß unbedingt als Besitz der Allgemeinheit, -als ein Denkmal gehütet und gepflegt werden.</p> - -<p>Solches unverletzliches, der Allgemeinheit, dem Volke gehöriges -<em class="gesperrt">Naturdenkmal</em> wird auch diese Felsengruppe<span class="pagenum" id="Seite_262">[262]</span> -mit dem ganzen Tale sein und bleiben, bei dessen Anblick -und sinnender Betrachtung Tausenden das Herz aufgehen -muß für die Schönheit der Heimat, und das Verständnis -und die Freude wachsen soll an ihrer Seele, an ihrem Leben, -Sein und Werden.</p> - -<p>Freibergs Umgebung ist nicht reich an solchen Punkten, -wo Wissenschaft und beseelte Schönheit sich in gleicher Weise -vereinen, um den Ort reizvoll zu machen, und wo als -Drittes noch die Sage hinzukommt, um mit den krausen -Ranken der Phantasie und der Erinnerung den Ort geheimnisvoll -zu schmücken.</p> - -<p>Der Lips-Tullian-Felsen dort drüben im Tale ist in unmittelbarer -Nähe, der Felsen, wo der große verruchte -Räuber einst hauste. Auch die Diebskammer hier mag ihm -und seinen dunklen Zwecken gedient haben. Die echte -Räuberromantik spinnt ihre bunten Fäden um die zackigen -Zinnen dieser aus grünen Fichten ragenden Räuberburg, -die bald wie Blut, bald wie Gold in der Sonne leuchten, -bald wie von Rauch geschwärzt und Krähen umflogen im -Schatten liegen. Lips Tullian, den jeder im Freiberger -Bezirk kennt, denn im mittelalterlichen, grausigen unterirdischen -Gefängnisse des Freiberger Rathauses, wo auch -Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber, schmachtete, -mußte er 1715 sein Todesurteil erwarten. Seine in den -Felsen gehauene Zelle, Ketten und Handschellen werden -heute noch gezeigt.</p> - -<p>Lips Tullian war weit und breit gefürchtet, und wenn -auch die Sage manches angedichtet hat, so mag seine -»Schreibfeder«, die schwere Brechstange, manche blutige -Seite in seinem Lebensbuch geschrieben haben.</p> - -<p>Es war zur Fastnacht 1710, da klopfte es um die Mitternachtsstunde -beim Branntweinbrenner Jakob Hähnel in<span class="pagenum" id="Seite_263">[263]</span> -Tuttendorf an die Türe. Eine fremde Männerstimme bat -um etwas Branntwein, um einer unwohl gewordenen Frau -beispringen zu können. Der gutmütige, vertrauensselige -Mann öffnete die Tür. Aber sofort fielen über ihn und -sein Weib drei Raubgesellen her, banden und knebelten sie -und mißhandelten sie so hart, daß die Frau ein Auge einbüßte. -Außer anderen Dingen, die ihnen gefielen, raubten -sie 42 Taler bar Geld, die der Mann im Keller verwahrt -hatte. –</p> - -<p>Lips Tullian war zu Besuch gewesen. – –</p> - -<p>Die unter Georg dem Bärtigen im Jahre 1532 gegründete -Schützengilde in Glashütte besaß, ähnlich wie die Freiberger -Schützengilde heute noch, ehemals einen reichen Kleinodienschatz, -den sie in einer großen schöngeschnitzten Truhe mit -kunstreich gearbeitetem Schlosse in der Sakristei der Stadtkirche -aufbewahrte. Das Hauptstück bildete ein silberner, auf -einem Aste ruhender Adler mit Rubinenaugen, der Stolz -der Gilde und Königsschmuck. Eines Tages im Jahre 1710 -fand man die Sakristei und die Truhe erbrochen. Das -Kleinod war gestohlen. –</p> - -<p>Lips Tullian war zu Besuch gewesen. – –</p> - -<p>Ein Anschlag auf den Freiberger Silberwagen, der mit -den Schätzen der Münze zwischen Freiberg und Dresden -verkehrte, sollte wohl ein Hauptschlag seines tatenreichen -Lebens sein. Im Dickicht des Tharandter Waldes, vielleicht -nicht weit von seinem Schlupfwinkel hier im Tännicht, -wollte er mit seinen Raubgesellen in der Nacht dem Wagen -auflauern. Er hatte eine Schmiede erbrochen und als geeignetes -Werkzeug sich große Hämmer und Bohreisen gestohlen -und beim Hinterhalte vergraben. Vorspringen, den -Widerstand niederschlagen, den Wagen erbrechen und mit -dem geraubten Gelde auf den vier schönen Pferden des<span class="pagenum" id="Seite_264">[264]</span> -Wagens auf und davon, vielleicht ins nahe Böhmerland, -das war der verwegene Plan der Spießgesellen. Doch einer -war unter ihnen, dem sie nicht trauten, den sie fernhalten -wollten und der dann aus Rache durch einen noch erhaltenen -Brief ohne Unterschrift den Anschlag verriet. Auf der -Münze hatte er den Brief eingeworfen mit folgendem -Wortlaut: »Lüeber Herr mintzmester ich gebe nachricht das -man erfahren hat das sich reber gesamlet haben in dem -walt bey der Hutte bey der nacht den sielber wagen wolten -angreiffen so er mit dem gelte hin wartz füere die angebung -ist von einen Knecht der zuvor bei den silber wagen gewest -ist welcher sich in Freiberg auffhelt die reber halten sich -auch in Freiberg auff sie können in den wertzheusern nachforschen -lassen waß vor fremde sich da aufhalten diese Nachricht -ist gewißlich war sie mugen wol den wagen ohne -koeinfoie bey der nacht nicht lassen durch den walt gen -sonst moechten sie alles köbbut machen ich wolte mir wol -selber melten ich kan es nicht recht er weilen ich habe es -hinder wartlich gehoirt und moechte mich auch gefar trohen,</p> - -<p class="center">den 5 Nofemmer 1704.« -</p> - -<p>Der Verräter hatte vielleicht selbst den ersten Gedanken -dazu gegeben und den Plan geschmiedet, denn er war, wie -er schreibt, als Knecht »zuvor bei den silber wagen gewest« -und kannte daher jede Gewohnheit und Gelegenheit am -besten.</p> - -<p>Man handelte nach dem Ratschlag des Briefes. Durch -Stollenarbeiter, welche dem Wagen weit entgegengeschickt -wurden, durch den Förster und schließlich durch einige Mann -Kavallerie wurde der Weg des kostbaren Silberwagens so -stark gesichert, daß der verwegene Lips Tullian seinen Plan -aufgeben mußte.</p> - -<p>Doch auch eines Lips Tullian Verwegenheit und Raubsucht<span class="pagenum" id="Seite_265">[265]</span> -fand ihr Ende und wohlverdiente Strafe. Er, der -starke Räuberhauptmann und Führer tollkühner wilder -Verbrecher, wurde von einem Schneidergesellen überwunden. -Zu Freiberg wars, am 19. September 1710, als Lips -Tullian im Jägerkleide das Erbische Tor durchschritt. Der -Torschreiber, Stadtkorporal Wilde, hielt den fremden, finsteren -Gesellen an und fragte ihn nach seinem Passe. Lips -ging frech vorbei und trat in das große Eckhaus mit den -Worten: »Warum die Frage? Alle Wochen bringe ich -Wildbret in die Stadt. Ich bin der Förster des Herrn von -Hartenstein und brauche keinen Paß!« Der Torschreiber -eilte ihm in den dunklen Hausflur nach, doch der Räuber -packte ihn und stieß ihm den Hirschfänger in die Brust, ehe -jener noch viel Lärm schlagen konnte. Doch ein Weber -hatte die Untat gesehen und schrie Mord, ein Schneidergeselle -sprang den riesenstarken Mann von hinten an und -riß ihn zu Boden. Nach kurzem, wildem Kampfe war er gebunden -und gefangen. »Freibergs armselige Spießbürger -haben Lips Tullian überwältigt!« brüllte er wie ein Tier -in ohnmächtiger, schäumender Wut. Mehr als ein Jahr -saß er dann gefangen in der unterirdischen Zelle des Rathauses, -aus der es kein Entrinnen gab, den stärksten Graden -der Folter trotzte er hier, bis er am 14. November 1711 -nach Dresden geschafft und im Gefängnisse »die Mohrenkammer« -angeschmiedet wurde. Drei Fluchtversuche mißlangen -ihm, ehe sein Mut gebrochen war und er seine -Schandtaten alle eingestand. Zwei Tage und eine Nacht -dauerten diese Geständnisse voller Blut und Grauen. Am -8. März 1715 wurde Lips Tullian dann mit seinen inzwischen -auch ergriffenen Spießgesellen Sawberg, Eckold, -Schöneck, Lehmann und Hentzschel in Dresden enthauptet. -Ihre Körper wurden aufs Rad geflochten. –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[266]</span></p> - -<p>Die Räuberromantik im grünen Walde, die wilden -Raubfahrten durch Nacht und Gebirge, der Schrecken der -Dörfer hatten ihr grausiges Ende gefunden, aber noch immer -sind die Stätten seines unheimlichen Wirkens von einem -unbestimmten Grauen umwittert, ein Grauen, daß ein -furchtbares, unheimliches Geschehen ahnt und der geschäftigen -Phantasie so weiten Spielraum gibt.</p> - -<p>Was das Wandern im <em class="gesperrt">Thüringer</em> Land so unvergleichlich -genußreich und poetisch macht, ist, daß überall die -Gestalten der Sage und Geschichte, von Poesie und Märchen -mit uns wandern und das, was wir schauen, beleben -und verklären. <em class="gesperrt">Sachsen</em> ist nicht reich an solchen Stätten, -aus denen uns Sage oder Märchen mit verträumten -Augen anschaut und die Romantik uns grüßt. Sorgfältig -müssen wir die wenigen Stätten solcher Romantik schonen, -und wäre es auch nur Räuberromantik, und müssen wir -pflegen, was durch die Phantasie und die Erinnerung des -Volkes oder durch irgendeine halbverschollene Sage sein -besonderes Gepräge, seine besondere Weihe erhielt. Jedes -alte Sühne- oder Mordkreuz, um welches irgendeine dunkle -Kunde wie ein Ton aus einem alten, verlorenen, vergessenen -Liede klingt, hat so die Denkmalsweihe erhalten. -Das Gedenken des Volkes schafft erst die rechten Denkmäler. -Hier, dem lieblichen Tännichttal, das durch seine landschaftliche -Schönheit und seine geologische Eigenart schon seine -Weihe als Naturdenkmal in sich trägt, hat das Volk im gesunden, -tiefen Empfinden noch diese besondere geistige Denkmalsweihe -der Phantasie gegeben, den Schimmer der -Räuberromantik. – Eine andere Romantik, die Jugendromantik, -vermag auch das dürftigste Stückchen Erde zu -verklären. Von einem ehrwürdigen Freunde des Heimatschutzes, -der hier vor siebzig Jahren jung war, liegt ein<span class="pagenum" id="Seite_267">[267]</span> -Brief vor, aus dem diese Romantik herausklingt über das -Tal wie das Rauschen von Bach und Bäumen, und die -leisen wehmütigen Töne des Liedes: »Aus der Jugendzeit, -aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar.« Er -schreibt:</p> - -<p>»An dieses liebliche Stückchen Erde, im besonderen an -die über der ›Diebskammer‹ sich aufbauenden Felsenpartien -knüpfen sich für mich die angenehmsten Erinnerungen -aus meiner Jugend. Als Naundorfer Pfarrerssohn habe -ich dort von meiner Tertianerzeit an bis in meine ersten -akademischen Semester (1855–1861), in welch letzterem -Jahre nach des Vaters Tode unsere Familie den Ort verlassen -mußte, in den Ferienzeiten zahlreiche glückliche Stunden -verlebt. Mit Hilfe eines mir befreundeten, jungen, -für Romantik empfänglichen Lehrers hatte ich hier in etwa -halber Höhe des Felsens ein Plätzchen für längeren Aufenthalt -hergerichtet, einen Felsblock als Tisch, einen anderen -moosbedeckten als Sessel, und in diese durch keine Straße -gestörte Weltabgeschiedenheit flüchtete ich mich so oft wie -möglich mit meinen Freunden aus dem altklassischen Altertume, -Homer, Sophokles, Horaz usw. oder mit unseren -deutschen Dichterheroen. Hier beschäftigte ich mich mit -ersten poetischen (richtiger wohl›gereimten‹) Versuchen, -übersetzte ich in das Deutsche einen Teil von Ovids Metamorphosen, -und ich hatte immer die Empfindung, daß -mir hier alles leichter von statten ging. Auch verträumte -ich manche Stunde unter dem Rauschen der Tannen, dem -Gesange der damals noch zahlreichen Vogelwelt, unter dem -Murmeln des zwischen saftig grünen Wiesen durch den -Grund fließenden, kristallhellen, von Forellen und Krebsen -dicht bevölkerten Colmnitzbaches. Der Felsen senkte sich -winkelförmig in die Erde und schien in eine Höhle zu<span class="pagenum" id="Seite_268">[268]</span> -führen, die von Steinen verschüttet war, in deren Geheimnis -ich aber nie eingedrungen bin. Ob der berüchtigte, -1715 in Dresden hingerichtete Lips Tullian auch hier sein -Wesen getrieben hat, weiß ich nicht, wäre aber bei der versteckten -Lage der Diebskammer nicht unmöglich. Es wurde -zu meiner Zeit von diesem Tale nur mit einer gewissen -Scheu von den Dorfbewohnern gesprochen. Ich habe seinerzeit -bei den Freiberger Gymnasialspaziergängen, die gewöhnlich -über Niederbobritzsch nach Naundorf führten, nie -versäumt, meine Freunde an diesen meinen Lieblingsort -zu führen, ihn auch später ab und zu aufgesucht.«</p> - -<p>O Klang der Jugendromantik und echter deutscher Träumerei -aus dieser lieblichen Taleinsamkeit heraus, der wie -von fernen süßen Glocken noch durch das Greisenalter tönt! -Es klingt wie ein Vers von Mörike:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Dämonischer Stille unergründlicher Ruh’</div> - <div class="verse indent0">lauschte mein innerer Sinn.</div> - <div class="verse indent0">Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen</div> - <div class="verse indent0">Zaubergürtel, o Einsamkeit, fühlt ich</div> - <div class="verse indent0">und dachte nur dich!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Und dieser Felsen, dieser Ort, die so noch klingen und -Tausenden noch klingen mögen, sollten dem Steinknacker -ausgeliefert werden!? Damit einige geschickte Geschäftemacher -gute »Geschäfte tätigen«, sollten die Felsen zu -Straßenschotter verarbeitet werden und allmählich Meißel, -Bohrer und Brechstange sich hineinfressen in die Talwände, -bis alles weggefressen ist, was an Schönheit und höheren -Werten Tausenden zur Freude, Erquickung und inneren -Bereicherung diente.</p> - -<p>Wir freuen uns mit dankbarem Herzen, daß diese -drohende Gefahr gebannt ist und schauen mit besonderer -Liebe der stillen Stätte des Friedens in die tiefen Augen<span class="pagenum" id="Seite_269">[269]</span> -und versenken uns ganz in die »Stille unergründlicher Ruh« -der Einsamkeit, des Alleinseins, Geborgenseins vor dem -Tosen und Staub der Welt da draußen.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Selig wer im stillen Lauschen</div> - <div class="verse indent0">Einsam hier die Waldrast hält,</div> - <div class="verse indent0">Wer beim flüsternd stillen Rauschen</div> - <div class="verse indent0">Das Getös vergißt der Welt.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="mright s90"> -(Scheffel.) -</p> - -<p>Langsam steigen wir nun die Straße in den grünen -Talgrund hinab. Hier ist es zu schön, um auf flüchtigem -Rade vorbeizufliegen, hier möchte man weilen und -träumen und warten, ob nicht irgendein liebliches Wunder -geschehen möchte, daß drüben aus dem Waldesdunkel die -Elfen auf die leuchtende Wiese schweben oder daß die Elfenkönigin -auf schlankem weißen Reh aus dem Dickicht kommt, -an dir vorüberstreift und aus wundersamen Märchenaugen -dir tief in die Seele schaut, daß du es nimmer vergessen -kannst.</p> - -<p>Dort steht der Fels wie ein Wächter am Wege, dicht am -Bach, wo die Brücke in die Wiese führt. Will er hüten, -daß kein Unberufener, kein Feind hier eindringe? Ist er -der Riegel, der die Welt und den Lärm abschließt vom -stillen Lande der Poesie?</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Den Wipfel hoch die Tanne hebt,</div> - <div class="verse indent0">Im Winde schwankt die Birke,</div> - <div class="verse indent0">Und Gottes goldne Sonne schwebt</div> - <div class="verse indent0">Still über dem Bezirke.</div> - <div class="verse indent0">Ein harziges Gedüfte</div> - <div class="verse indent0">Durchwogt die warmen Lüfte.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="mright s90"> -(Scheffel.) -</p> - -<p>Wie ein silberner Steg für überirdische Füße schimmert -der Bach im Grün und windet sich durch die saftige Aue, -als wollte er diese Stätte nicht verlassen, sondern immer -noch einmal umkehren und bleiben. Einzelne Baumgruppen -von herrlicher Gestalt stehen hier und da mitten<span class="pagenum" id="Seite_270">[270]</span> -in der Wiese und flüstern ihm zu, und im weichen blauen -Dufte dämmern die fernen Abhänge des Tales.</p> - -<p>Dann fliegt unser Blick noch einmal hinauf zu den Felsschroffen, -die dort oben rot in der Sonne leuchten, aus dem -Waldesdunkel schimmernd emporsteigen. Wir schreiten -dann weiter am Wiesenrand im smaragdenen Grund. Weiß -glänzen die Stämme der Birken, jung und frisch, am Wege. -Die Felsen dort oben entwickeln sich beim Rückschauen zu -einer langen, gewaltigen Mauer, die mit schroffen Seiten, -scharfen Spitzen und Kanten, nackt und kahl, nur mit dem -bunten Gewande der Farbe bekleidet, aus dem Walde aufragt. -Der Reichtum der Farben, die je nach Beleuchtung -wechseln, je nachdem die Schatten der Wolken den Wald, -die Wiese oder die ernsten Felsenstirnen streifen, gibt dem -Bilde einen besonderen überraschenden Reiz. Wie ein -tiefes, tiefes weiches, buntgesticktes Kissen ist die Wiese -mit ihrem Duft und ihren Blumen, in das man sich hineinschmiegen -möchte. Es plaudert der Bach unermüdlich an -unserer Seite mit melodischer Stimme. Birken und Erlen -streuen ihren Schatten mit den zarten Sonnenringeln auf -Weg und Wiese und flüstern im weichen Sommerwinde -leise von den alten Geschichten, die hier geschehen, denn dort -drüben ragt aus dem Walde der Lips-Tullian-Felsen, der -noch viel mehr davon weiß und erzählen könnte, daß – –! -Der ist aber ein rauher, schweigsamer Geselle, der seine Geheimnisse -wohl hütet und das junge Volk der Pflanzen und -Bäume raunen und flüstern läßt. In seine Felsenstirne -zogen die Jahrhunderte und Jahrtausende ihre tiefen -Runen. Was ist ihm da noch kurzlebiges Werden und -Wachsen, Menschenleid und Menschentat, was sind da die -Geschlechter der Menschen, die hier vorüberschritten, was -ist da Jugend und Alter? Gras, das zu seinen Füßen<span class="pagenum" id="Seite_271">[271]</span> -wächst, Bäume die an ihm wurzeln und abgehauen werden, -wieder kommen und wieder vergehen in unendlicher Folge! -Er schweigt und läßt die Sagen und Geschichten, welche aus -Dickicht und Höhlen und Löchern hervorkriechen, welche mit -geraubtem Golde funkeln und rotes Blut am Wege zeigen, -wie Spukgestalten ihres Weges ziehen, schweben und zerflattern -in Wind und Nebel und dem Rauschen des Waldes, -daß niemand sie fassen mag, sondern die Angst scheu -umschaut und nur ein unnennbares, unbestimmbares -Grausen unheimlich um den Felsen mit dem Namen des -Verruchten schleicht.</p> - -<p>Wir wandern weiter und nähern uns dem oberen Ausgange -des Tales. Der Weg steigt wieder an und löst sich -vom Talgrund. Unter schönen, alten Fichten, aus dunklem -Schatten hervor, blicken wir weit über die grünen Gründe, -die im Sonnenlichte flimmern, hinaus in die duftige Ferne, -wo blauende Höhenzüge sich zart vom Himmel abzeichnen. -Der Bach ist ein silberner Spiegel im Vordergrunde, in dem -sich Wolken und Bäume spiegeln.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich steh im Waldesschatten,</div> - <div class="verse indent0">Wie an des Lebens Rand,</div> - <div class="verse indent0">Die Länder wie dämmernde Matten,</div> - <div class="verse indent0">Der Strom wie ein silbern Band.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ein langer Blick dann zurück in das stille Tal Eden, -das wir nun verlassen, und es geht uns durch die Seele ein -Klang der Sehnsucht:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Du bist Orplid, mein Land,</div> - <div class="verse indent0">Das ferne leuchtet!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Bald treten wir aus dem Walde auf kahle Höhe mit -weitem Fernblick. Die Sonne brütet heiß, und die Grillen -zirpen am Feldrain, wo die Grasnelken nicken. Dann -fliegt das Rad hinab durch steilen, krummen Hohlweg,<span class="pagenum" id="Seite_272">[272]</span> -zwischen Wiese und Feld in das Dorf Colmnitz, dessen Höfe -sich rechts und links von Bach und Straße, unter Eschen und -Birken, oft in malerischer Lage und Gruppe siedeln. Doch -wir sind noch wie im Traume. Wir achten nicht viel, nicht -so wie sonst, auf jedes Haus und jede Gruppe von Bäumen -und Bauten, auf jede Eigenheit der Bauart oder neckischer -Laune, auf Vogel und Blume und die blitzenden Wellen -im Bach. Wir sind im geschäftigen Leben draußen, aber -unsere Seele weilt noch dort drüben im stillen Tale, wo die -Welt schweigt; sie wandert noch auf dem silbernen Steg -in den smaragdenen Elfenwiesen, an derem Rand die dunklen -Fichten Märchen träumen, und wo um die Felsen geheimnisvoll -die Sage raunt.</p> - -<p>Colmnitz liegt hinter uns. Von der Höhe schauen wir -noch einmal lange über den weiten Acker, über das Dorf -hinweg, das sich mit seinen Häusern fast versteckt und tief -in das Tal duckt. Dort drüben liegt der Wald in langgestreckten, -feierlichen Wogen im blauen Dufte, dort -drüben das Tal, dort drüben – dort drüben –</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Und meine Seele spannte</div> - <div class="verse indent0">Weit ihre Flügel aus!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[273]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Der_Koenigstein">Der Königstein.</h2> -</div> - -<p class="drop">Eugen Bracht, der große Meister der Farbe und Stimmung, -hat ein kleines Gemälde vom Königstein geschaffen, -in welchem mit poetischer Gewalt die Wucht dieses -Felsblockes dargestellt ist. Wie ein ungeheurer Altar eines -überweltlichen Riesengeschlechtes steigt er aus dunkelblauen -Tales- und Waldestiefen in einen wolkenlastenden Gewitterhimmel -empor. Gleich dem Rauch unermeßlicher -Opfer ballen sich die Wetterwolken und ziehen in dunklen -Geschwadern am Himmel über ihm. Will Asathor ausfahren, -um Blitze über die Erde zu säen und seinen -Donnerhammer gegen den Felsaltar zu schleudern? Ist -es ein Riesendenkmal, in welchem sich ungeheures Geschehen, -eines ganzen Volkes Schicksal, sein Jubel und sein -Jammer, in wuchtiger Form ausprägt?</p> - -<p>Es ist heroische Stimmung, welche uns der Maler in -seiner Leidenschaft der Farbe und Stimmung hier im -Bilde erleben läßt, Stimmung, wie er sie selbst einmal in -besonderer Stunde empfunden und mit tiefer Seele aufgenommen -hat.</p> - -<p>Schildern und Emporheben, das Suchen nach der -äußeren und das nach der inneren Wahrheit verschmilzt -sich in ihm, wird ihm zum Bild, zum einheitlichen Ausdruck -künstlerischen Erlebens.</p> - -<p>Ja, der Königstein will belauscht, will erlebt sein. In -Gewittertagen und im wonnigen Mai, wenn die Buchen<span class="pagenum" id="Seite_274">[274]</span> -leuchten in seligem Grün, im weißen Prachtgewande des -Winters, der silbernes Geschmeide um die Herrscherstirne -legt, und im goldenen Königsmantel des Herbstes, dessen -schimmernde Schleppe in die Fluten der unaufhaltsam -strömenden Elbe taucht, im Abendrot, wenn in feurigen -Gluten Himmel und Erde, Nähe und Ferne brennen und -langsam verglühen, im Nebelgewoge, das die Täler und -Gründe mit weicher, geisterhafter Flut erfüllt, auf dem die -Kuppen und Gipfel schwimmen wie blaue, mit blassen -Opalen geschmückte Inseln auf märchenhaftem unwirklichem, -milchweißem Meere, in dunkler weicher Nacht, wenn -droben die unzähligen Sterne ihren schimmernden, ewigen -Reigen durch die Unendlichkeit wandern und im Gebüsch -die Leuchtkäfer als grüne Funken leise ihren kurzen nächtlichen -Lebens-, Liebes- und Sternenreigen ziehen und -schweben, während im Walde der Ruf der Eulen geisterhaft -tönt, wie die Klage und der Sehnsuchtsruf armer, verlorener -Seelen nach Erlösung, nach Erhebung aus bitterer -Not und Leid. –</p> - -<p>Um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes. Es ist -als ob er eine Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, -gelitten und genossen hat, davon zu schweigen weiß, die -aber auch dem, der sie sucht, sich zu offenbaren weiß. –</p> - -<p>Wir wollen diese Seele suchen gehen. Vielleicht wird sie -sich finden lassen. – – –</p> - -<p>Durch grünen Buchenwald steigen wir an der Flanke -des Berges auf dem alten, mit Sandsteinblöcken gepflasterten -Kanonenweg zur Festung empor. Weite Ausblicke ins -Elbtal und auf die gegenüberliegenden Abhänge des -rechten Ufers und drüben auf die dunklen Schroffen des -Liliensteines, des stolzen Bruders des Königsteins, wechseln -mit dichtem Wald und grünen Wänden von Buchen, Fichten<span class="pagenum" id="Seite_275">[275]</span> -und Gebüsch von Farnkraut, Heidelbeeren und Brombeergerank. -Wuchtige Felsblöcke recken sich links am Wege -hoch aus dem Dickicht, deren einer in einer Inschrift den -Erbauer dieser Straße rühmt. Vom steilen Fahrweg windet -sich dann ein steilerer Fußweg links zur Höhe. Da tauchen -graue Mauern zwischen den Stämmen des Waldes über -uns auf. Es sind die Mauern der »Flesche«, welche als -niedrigeres mächtiges Außenwerk wie ein Sporn weit hervorspringt -und das Tor, die Zugangsstraße und die Flanke -der Festung schützt.</p> - -<p>Vor uns leuchtet auf der Höhe des Weges beim Austritt -aus dem Walde, wie ein Saal mit weichem, grünem -Teppich die ebene Lichtung einer köstlichen Wiese, der -Louisenwiese, zur Linken von steiler Mauer umfaßt. Darüber -türmen sich wandsteile Felsen und schroffe Quaderwände -zu unersteiglicher Höhe mit Vorsprüngen und Zinnen -bewehrt und mit keckem Turm auf weitausladender Bastion, -die Georgenbastion. Und droben, auf diesem gewaltigen -Sockel thront die stolze Georgenburg, vier Geschosse hoch in -die Lüfte ragend, welche die ältesten Teile der Burganlage -umfaßt. Auf breiterer Straße stehen wir dann unmittelbar -am Fuße der senkrechten Felsenmauern, aus denen das -Quaderwerk der von Menschenhand geschichteten Sandsteinblöcke -aufwächst. Weit springt im Rechteck ein gewaltiger -Vorbau auf seinem Felsenunterbau hervor, das Horn, von -dem die Seiten und die Zugangsstraßen wie von einem -riesenhaften Turm vom Geschützfeuer bestrichen werden -können. Ein rundes Türmchen mit Kuppeldach, Laterne -und spitzem Helme klemmt sich malerisch in den Winkel des -Vorsprunges. Es ist der kleine Seigerturm mit seiner -Stundenglocke von Hans Hilliger in Freiberg aus dem -Jahre 1603, welche das kursächsische Wappen und Widmungsinschrift<span class="pagenum" id="Seite_276">[276]</span> -trägt. Von dort oben schaute einst im Jahre -1698 der Zar Peter der Große in das wonnige, blühende -Land mit seinen Feldern und Dörfern und reichen Kultur -und dachte an sein fernes, wildes Rußland. Er nahm den -Meißel zur Hand und ritzte seinen Namenszug in die -innere Wand des Seigertürmchens zum Gedächtnis dieser -Stunde, da er als Gast und Freund deutscher Art und -Kultur hier geweilt. Der junge Goethe ritzte in begeisterter -Stunde so seinen Namen in den Stein des Straßburger -Münsterturmes, ehe er sein Werk begann, eine neue Welt -des Geistes zu schaffen und zu beherrschen, seinem Volke -und der Welt zu schenken. Des jungen Goethe Namen an -der Stätte höchster geistiger und künstlerischer Kraft. -Peters Name am Turm der Festung, wo Kraft und Herrschaft -sich in wuchtiger Erscheinung zusammenballen, geritzt, -ehe er sein Werk begann, seinem Rußland neue Welten -der Bildung und Kraft zu erschließen, um so äußere Macht -und Herrschaft in wuchtiger Form zusammenzuballen. – –</p> - -<p>216 Jahre vergingen. Hindenburg hatte Tannenberg -geschlagen. Da zogen die gefangenen Offiziere der russischen -kaiserlichen Eliteregimenter hier ein und mußten -Wohnung nehmen, unfreiwillig, vier Jahre lang und -schauten sehnsüchtig in das wonnige, weite Land und dachten -an Freiheit und das ferne Mütterchen Rußland und -standen oft sinnend vor dem Namenszuge ihres großen -Zaren.</p> - -<p>Der große erste Zar, ein Freund der deutschen Kultur, -führte sein Land aufwärts zur Höhe, der kleine, schwache, -letzte Zar ein Feind der deutschen Art, führte sein Land in -den Abgrund. Er wollte zermalmen und wurde zermalmt.</p> - -<p>Die Straße am Fuße der Felsenmauer führt uns über -eine Zugbrücke, die rote Brücke, durch ein offenes Vortor<span class="pagenum" id="Seite_277">[277]</span> -zum eigentlichen Festungstor. Gut ist die Straße durch -Erdwälle geschützt, und einige stolze Pappeln stehen am -Rande wie gewaltige Wächter oder eine königliche Leibgarde. -Durch ein klirrendes, starkes, eisernes Gittertor -treten wir auf einen kleinen Vorhof, von dem unsere -Blicke aufwärts fliegen zu den mächtigen Felsen und -Wänden, die uns fast im Halbkreis, wie in einem Kessel, -umschließen. Felsen, aus denen wieder himmelansteigende -Gebäude emporwachsen, die Georgenburg, Streichwehrgebäude -und Kommandantenhaus mit funkelnden Fenstern. -Vor uns liegt ein anderes Tor in wuchtigen -Renaissanceformen, mit einem Gorgonenhaupt als Schlußstein, -gekrönt von einer Wappenkartusche mit Königskrone -und Waffentrophäen. Der Festungskommandant und -Architekt des Königs August II., des Starken, Johann von -Bodt (1670–1745) hat den Entwurf dazu gezeichnet, der -noch erhalten ist mit dem Handzeichen des Königs und auf -dem Architrav die nicht ausgeführte Inschrift trägt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Konistein bin ich genant</div> - <div class="verse indent0">Ein Konig bracht mich in Stand.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wir durchschreiten den gewölbten Torweg und stehen im -zweiten, feuchten, finsteren, engen Hofe, unmittelbar am -Fuße der ungeheuren Mauern. Bedrückend wirken diese -aufgetürmten Massen über diesem engen, verließartigen -Kessel, auf dessen Grund kaum ein Sonnenstrahl gelangt. -Eine steile Bohlenrampe steigt aus ihm aufwärts zu dem -hochliegenden Tore einer schwarz gähnenden Tunnelmündung, -in der ein starkes Fallgatter aus eisenbewehrten, -spitzigen Pfählen drohend herniederhängt.</p> - -<p>Über diesem Tor mit Dreiecksgiebel und Rüstungstrophäen -über den Eckpilastern ist das Reliefbild Augusts des<span class="pagenum" id="Seite_278">[278]</span> -Starken angebracht, dessen königliche Baulust auch hier auf -dem Königstein sich betätigte.</p> - -<p>In dem finsteren Tunnel, der »Appareille«, geht es steil -aufwärts. Feuchte, kalte Kellerluft weht uns an, als müßten -wir in ein unheimliches Felsverließ hinein. Unsere -Schritte hallen wieder von den gewachsenen Felsenwänden, -aus denen dieser Aufgang herausgehauen ist, hallen wieder -von dem schweren Gewölbe, das schwarz über uns lastet. -Als hier die gefangenen Russen 1914 aus lichtem, warmem -Tage diesen unheimlichen schwarzen Gang aufwärts geführt -wurden, da wurde auch mancher tapfere Mann bleich, -denn sie glaubten, sie müßten für immer vom Sonnenlichte -scheiden.</p> - -<p>An einem Knickpunkt des Aufganges ist eine mächtige -Winde angebracht, durch welche die Wagen die schiefe -Ebene aufwärts gewunden oder vorsichtig herabgelassen -werden. Mag heute auch meistens der elektrische Aufzug -an der Außenwand der Festung diesem Zwecke dienen, so -ist doch diese altertümliche, gewaltige Wagenwinde noch -keineswegs ganz außer Dienst gestellt. Unter der Decke -des Aufgangs gewahren wir hier Schießscharten, von welchen -der Aufgang mit Feuer bestrichen werden kann, so daß -dieser Aufgang geradezu zu einer Blut- und Todesgasse -für den Angreifer werden müßte, der hier zu stürmen -wagte.</p> - -<p>Da leuchtet uns endlich wieder das Tageslicht, und -zwischen den Felsmauern ansteigend führt uns der gehauene -Gang unter freiem Himmel das letzte Stück aufwärts. -Wir sehen grüne Baumkronen hoch über uns im -Winde sich bewegen, hören den jubelnden Sang der Vögel -und über die Mauer hängt ein Fliederbaum seine duftenden -Dolden in die kalte, enge Felsengasse, wie einen Gruß<span class="pagenum" id="Seite_279">[279]</span> -aus Sonnenwärme und Licht. Tief atmen wir auf und -unsere Brust hebt sich dem goldenen Tage entgegen. Die -Hochfläche des Steines, des königlichen Felsens betritt nun -unser Fuß, und es ist uns, als wären wir in einer anderen -Welt und Zeit, fern vom Alltage, über dem Tagesgetriebe -und näher der Vergangenheit.</p> - -<p>Im Herzen der Festung befinden wir uns, auf dem -Königsplatz, um den sich die Hauptgebäude gruppieren, -Kommandantur und Brunnenhaus, Magdalenenburg, -Kirche, neues Zeughaus und Kommandantenhaus. Kunstreich -gezierte bronzene Kanonenrohre mit Kurwappen und -Medaillons, die Monate darstellend, aus dem Jahre 1686 -und andere ähnlich geschmückte aus dem 18. Jahrhundert -liegen im Kreise unter den hohen rauschenden Bäumen des -Platzes.</p> - -<p>Unser Weg führt uns dann rings auf dem Wall an den -Zinnen und Brüstungsmauern der Festung entlang, um -unsere Wimper erst mal satt trinken zu lassen von dem -goldenen Überfluß der Welt, die sich zu unseren Füßen -breitet, und Erinnerungen steigen auf an Stunden, die -vorüber sind, an Zeiten, Männer und Schicksale ferner -Vergangenheit. Die Steine fangen an zu leben, zu -flüstern, und ihr heimliches Raunen eint sich mit den -großen Linien und Rhythmen der Landschaft ebenso wie -mit ihrer wonnigen Lieblichkeit zu unsern Füßen zu einer -einzigartigen Symphonie, der auch dunkle Untertöne und -Mißtöne nicht fehlen. Es mag im Sachsenlande wohl kaum -eine Stätte geben, wo die umfassende Herrlichkeit der -Landschaft sich mit Sage und Geschichte zu so eindringlicher -Wirkung verbindet. Es mag kaum eine Stätte geben, wo -neben rauschenden Festen, königlichem Prunk und übersprudelnder -Genußfreude soviel Elend, Verzweiflung, Wut<span class="pagenum" id="Seite_280">[280]</span> -und Schmerzen ihren Weg zum Himmel suchten, wie hier -auf dem Königstein, ein Stein des Fluches einst für viele -und doch ein königlicher Stein.</p> - -<p>Wir stehen an der Friedrichsburg, ursprünglich Christiansburg -genannt, welche 1589–1591 Kurfürst Christian -I. durch seinen Architekten Paul Puchner aus Nürnberg -und Hans Irmisch aus Freiberg auf einem Felsenvorsprung -der Nordseite hoch über der Elbe errichten ließ. -Christian I. war es ja, der den Felsen eigentlich erst zu -einer Festung ausbauen ließ. Er ließ 1589 rings den -Felsenrand mit starker Brustwehrmauer versehen und schuf -den neuen, sicheren Aufgang, durch den wir auch heute den -Felsen betreten haben, unter Benutzung einer natürlichen -Kluft, die er überbaute und befestigte, so, daß »die seite des -ganzen Berges sampt des Weges und Porten mit 10 oder -12 Soldaten verwarrt werden« konnte. Er legte auch eine -ständige Besatzung auf die Festung, und baute für sie eine -Kaserne, die heute noch erhalten ist, und in ihrer charakteristischen -Anlage wohl eines der ältesten Beispiele derartiger -militärischer Bauten ist.</p> - -<p>Die Christiansburg auf ihrer sturmfreien, unersteiglichen -Höhe an einem der schönsten Punkte des Sachsenlandes galt -aber nicht der Befestigung, sondern ist ein Lustschlößchen -mit wunderbarer Aussicht elbaufwärts und elbabwärts -und auf die malerischen Felsen der sächsischen Schweiz im -Basteigebiet und drüben auf den stolzen Lilienstein. Tief -unten im Grunde zieht der Strom majestätisch in großer -Windung dahin und trägt die Kähne und die Flöße aus -dem Böhmerland vorbei und aus dem Walde zu den Füßen -steigt der Duft der Buchen empor, klingt das Lied der -Singvögel und das Kichern des Spechtes. Ein uneinnehmbarer -Festungsklotz, ein unzerbrechlicher Felsenriegel<span class="pagenum" id="Seite_281">[281]</span> -für das Elbtal und doch ein Ort für jauchzende Lebenslust -und jubelnder Daseinsfreude in seiner landschaftlichen -Schönheit. Da ist es kein Wunder, daß Sachsens Fürsten -immer wieder hierher geeilt sind zur Freude und auch in -der Stunde der Gefahr, und daß sie auch ihre Gäste hierherführten. -1652 weilte hier der große Kurfürst, 1698 -Peter der Große, 1728 Friedrich Wilhelm I. von Preußen, -der Soldatenkönig mit seinem Sohn, dem großen Friedrich, -der später hier wieder ein freilich unwillkommener Gast -war, 1813 Napoleon I., der Franzosenkaiser kurz vor seinem -Sturz. Hier in der Friedrichsburg, hoch über der Landschaft -königlich thronend, fanden die frohen Feste und -Gastereien statt. Es ist ein äußerlich schlichter, achteckiger -Pavillonbau von 11,4 <em class="antiqua">m</em> Durchmesser von zwei Geschossen -mit gebrochenem Mansardendach. Ursprünglich führte nur -ein rundes Treppentürmchen zum oberen Spiegelsaal mit -seinen Deckengemälden und den zehn großen Aussichtsfenstern, -durch welche sich nach jeder Richtung ein neues, -reizvolles Landschaftsbild bietet.</p> - -<p>August der Starke ließ jedoch an Stelle des Türmchens -1721 eine zweiarmige Freitreppe mit reicher Balusterbrüstung -und Vasenschmuck anlegen. Seine Absicht, auch -noch durch Flügelbauten und Bogengänge dieses architektonische -Schmuckstück noch weiter auszubilden, die in noch -erhaltenen Zeichnungen festgelegt ist, ist nicht zur Durchführung -gekommen.</p> - -<p>Im unteren Saale der Friedrichsburg feierte am -12. August 1675 der Kurfürst Johann Georg II. ein Hoffest. -Sein Page Karl Heinrich von Grunau hatte dabei -dem guten Meißner Wein, der im großen Fasse der Magdalenenburg -ja unerschöpflich schien, zu ergiebig zugesprochen -im Hochgefühl der Stunde auf dem königlichen<span class="pagenum" id="Seite_282">[282]</span> -Stein. Die Umtrunkhumpen jener trunkfesten Zeit hatten -auch noch etwas anderes Format als unsere Gläschen heutzutage. -Bunte Gläser von 2–3 Liter Inhalt sind heute -noch in der Friedrichsburg zu sehen. Im Rausche stieg -Grunau aus dem Fenster auf einen schmalen, etwa 60 <em class="antiqua">cm</em> -breiten Felsenvorsprung herunter und legte sich mit der -Sicherheit eines Nachtwandlers am Rande des Abgrunds -nieder auf dem harten Stein und schlief, in der Meinung -daheim im Bette zu sein, fest und sorglos ein. Nur der -geringsten Wendung bedurfte es, und er stürzte in die -Tiefe hinunter. Glücklicherweise wurde er zeitig entdeckt. -Als man dem Kurfürsten das halsbrechende Ruheplätzchen -zeigte, ließ er den Schlummernden erst anbinden und dann -mit Trompeten und Pauken wecken. Grunau mag in -seinem Leben dieses gefährliche Lager, das man heute noch -»das Pagenbett« nennt und zeigt, nicht vergessen haben, -obschon er 106 Jahre alt wurde und erst beinahe 70 Jahre -später, am 9. Dezember 1744 starb. Er war kein unreifer -Jüngling mehr, obschon er Page war, als er dieses -steinerne Bett am Abgrund sich suchte, sondern ein Mann -von 37 Jahren. Als Greis von 102 Jahren machte er noch -in Bischofswerda 1740 August dem Starken auf seiner -Reise nach Polen seine Aufwartung.</p> - -<p>Im Jahre 1756 stand hier ein anderer sächsischer Fürst, -August III., mit seinen beiden Söhnen, den Prinzen Xaver -und Karl, und mit seinem mächtigen, unheilvollen Minister -Brühl an der Friedrichsburg und schaute schweren Herzens -in ohnmächtigem Zorn hinüber nach dem Lilienstein, nach -der Ebenheit, aus welcher sich der Felskoloß dort drüben -erhebt, und sah den Untergang seines Heeres. Das sächsische -Heer, 18 000 Mann stark, hatte nicht vom Lager in -Pirna her rechtzeitig die Verbindung mit den Österreichern<span class="pagenum" id="Seite_283">[283]</span> -unter Brown aufgenommen, der bei Schandau stand und -mit 9000 Mann auf die Sachsen vom 11.–14. Oktober -wartete. Diese waren, nachdem sie das letzte Brot gegessen -hatten, erst in der Nacht auf den 13. Oktober auf einer -Schiffbrücke über die Elbe gegangen und standen nun dort -am Fuße des Liliensteins bei strömendem Regen in einem -ungangbaren Gelände, und konnten nicht vorwärts und -rückwärts. Von allen Seiten rückten die Preußen heran, -wie in einem Kesseltreiben. Ein Durchbrechen ihrer Reihen -war nicht möglich. Am 14. Oktober erteilte August, der -von dort oben mit eigenen Augen voller Grimm zusehen -mußte, wie Friedrich die Schlinge zusammenzog, seinem -Halbbruder Rutowski die Vollmacht zum Abschluß der -Kapitulation mit Friedrich. Die ganze sächsische Armee wurde -kriegsgefangen, die Mannschaften durch einen erzwungenen -Fahneneid dem preußischen Heere einverleibt, den Offizieren -die Wahl zwischen Gefangenschaft oder Übertritt in -den preußischen Dienst gelassen. Doch die Ehre wurde -gewahrt: 568 Offiziere gingen lieber in Kriegsgefangenschaft, -nur 53 Offiziere in preußischen Dienst. Die Mannschaften -entflohen später zum großen Teil und flüchteten -sich nach Polen und Österreich. Der König selbst verließ -am 20. Oktober 1756 früh 5 Uhr mit seinem Gefolge den -Königstein in 33 Wagen, um nach Polen zu eilen und traf -am 27. Oktober in Warschau ein.</p> - -<p>Der siegreiche Feind im Land, der König und sein allmächtiger -Minister auf eiliger Flucht, das Volk und Land -in seinem Elend und Not verlassend, um sich in bequeme -Sicherheit zu bringen. – – Wie stimmte das zu seinen -stolzen Worten in der Schicksalsstunde seiner Armee, als er -vor ihrer Kapitulation vom sicheren Königstein ihr zurief: -»Der König zieht es vor zu sterben, mit seinen Offizieren<span class="pagenum" id="Seite_284">[284]</span> -zu sterben, als solch eine Schmach zu überleben!« Worte, -denen keine Taten folgten! Er war kein Held. Die von -Brühl geflissentlich genährte Bequemlichkeit war sogar -stärker als das einfache Pflichtgefühl. Das erste Jahr des -siebenjährigen Krieges hatte hier unter den Felsen des unüberwindlichen -Königsteins unter den Augen eines energielosen, -mißleiteten Königs eine für Sachsen verhängnisvolle -Wendung genommen. – Heute noch werden hie und da -Kanonenkugeln aus jenen schicksalsschweren Tagen auf der -Ebenheit aus dem Ackerboden gepflügt.</p> - -<p>Auch Napoleon suchte vergebens 1813 auf der Ebenheit -sich einen Stützpunkt am Fuße des Liliensteines zu schaffen -durch Errichtung eines befestigten Lagers, als Mittelpunkt -einer starken Verteidigungslinie gegen die Österreicher von -Stolpen über den Lilienstein bis an die böhmische Grenze -bei Peterswalde. Reste der Schanzen sind noch vorhanden. -Doch Napoleons Stern war erblichen. Auf Leipzigs Fluren -sank er in den Staub. – – –</p> - -<p>Als 1914 nach dem großen Kesseltreiben Hindenburgs -bei Tannenberg die russischen Offiziere auf dem Königstein -unfreiwilliges Quartier fanden, wurde ihnen der obere -Saal der Friedrichsburg zunächst für ihre Gottesdienste zur -Verfügung gestellt. –</p> - -<p>Wunderbarer Wandel der Geschicke! Der Raum ausgelassenster -Weltfreude eines August des Starken und -seiner Nachfolger wird Stätte des mystischen, fremdartigen, -russischen Gottesdienstes. Der Pope mit schwarzem Bart -und langen schwarzen Locken aus dem Innern Rußlands -steht im bunten, reichgestickten, langwallenden Ornat vor -dem Altar mit der großen Bilderwand, die einer der gefangenen -Offiziere gemalt hat. Daneben der Männerchor, -aus allerlei Stämmen Rußlands, der die Orgel ersetzt, mit<span class="pagenum" id="Seite_285">[285]</span> -seinen tiefen, weichen, dunklen Stimmen und den eigenartig -schwermütigen, einförmigen Gesängen, welche die -Molltonarten und Tonfolgen in halben Tönen so bevorzugen. -Von oben schauen verwundert die Köpfe der Zwölf- -und Sechzehnender mit ihren gewaltigen Geweihen hernieder -auf dieses seltsame Tun und Treiben, das zu dem -deutschen Königsfelsen hoch über deutschem Wald und -Strom, zu diesem Raum, in dem noch das Lachen derber -Weidmannslust, das Jauchzen lebensfroher Trinkgesellen -aus zwei Jahrhunderten zu hängen scheint, so gar nicht -recht passen und stimmen will. –</p> - -<p>Einer der gefangenen Generäle, General von Dehn, aus -deutschem Blut und baltischem Geschlecht, sah oft gedankenvoll -von hier nach dem Basteifelsen hinüber. Ein Jahr -zuvor hatte er die Bastei mit seiner Gattin auf einer -Deutschlandreise besucht. Hatte dort drüben gestanden, zum -Königstein mit ihr hinübergeschaut und ihr diesen berühmten -Felsen gewiesen. Damals hatte er nicht gedacht, daß -er sobald diesen Felsen wiederschauen und unfreiwillig so -eingehend kennenlernen würde, daß er, der Mann aus der -Umgebung des Zaren, sobald wieder eine Reise aus dem -fernen Rußland, jedoch ohne Gattin, aber mit Kameraden, -in die Sächsische Schweiz machen würde!</p> - -<p>Er schüttelt tiefsinnig sein bartloses Haupt und wandert -mit gesenktem Blick über den Wall mit raschem, kurzem -Schritt. Gefangensein, tatenlos, ist schweres Soldatenlos! -Wunderbarer Wandel der Geschicke! –</p> - -<p>Diesen Wandel der Geschicke, und daß das Glück eine -feile Dirne ist, haben manche erfahren müssen, die hier auf -dem Königstein geweilt haben. Fürstengunst war manchmal -ein Strick, der aus dem Dunkel, aus der Tiefe aufwärts -zog – – aber manchmal viel höher, als es einem<span class="pagenum" id="Seite_286">[286]</span> -gesunden, ehrlichen Hals lieb sein konnte: Gleich neben der -Friedrichsburg stand ein Baum, der einen Ast weit über -die Brüstungsmauer gerade hinausreckte über den tiefen -Abgrund. Am 7. Juli 1610 trug er eine absonderliche -Frucht. Es war der bisherige Kommandant der Festung -selbst, von Beon, der nach Kriegsrecht über die Festung -hinausgehangen wurde, weil er angeblich Holz, Bretter, -Schanzzeug usw. veruntreut hatte. Seinem Halse mag die -Schlinge der Fürstengunst bald zu eng geworden sein. -Ein Kreuz in der alten Brüstungsmauer zeigt die Stelle, -wo er auf Wunsch seines Fürsten so aussichtsreich sein Leben -aus Luftmangel schloß angesichts der großen, stillen, weiten -Elblandschaft. –</p> - -<p>Noch ein andrer mag in mitternächtlicher Stunde zur -Johannisnacht, wenn geheimnisvolle Kräfte sich regen -und, was stumm und tot ist, Sprache und Leben gewinnt, -über den Wandel der Geschicke sich wundern. Es ist der -riesige Bacchus mit seinem Satyrgefolge, der in das Erdgeschoß -der Friedrichsburg wie in ein enges Gefängnis verbannt -ist. Wie gern würde er wohl in geisterhaft schöner -Vollmondnacht hinüberwandern nach der Magdalenenburg, -in die ungeheuren Felsengewölbe hinabsteigen und sehen, -ob nicht vom großen Faß ein Zug zu schlürfen wäre, von -dem Fasse, dessen Schutzgott, Schmuck und am engsten verbundener -Freund er einst war, einen langen Zug und -Schlurf zu tun, der für 100 Jahre der Trockenheit und des -Staubes vorhält. Der Kelch in seiner hocherhobenen Hand -ist trocken und leer und die Gewinde von Weintrauben -geben keinen perlenden Saft. Wenn er aufspringen würde, -so würde er die Decke durchstoßen, und das Haus auf seinen -Schultern davon tragen. Ja, die Zeiten sind nüchtern und -trocken geworden, der Sang ist verschollen, der Wein ist<span class="pagenum" id="Seite_287">[287]</span> -verraucht, das große Faß ist zerschlagen, all der bunte -Zauber ist verstoben und zu Asche geworden.</p> - -<p>Was mögen das für feuchtfröhliche Kellerfeste gewesen -sein dort drüben in der Magdalenenburg. Im Grundstein -war 1620 ein mit edlem Wein gefülltes Glas versenkt -worden und nun lebte der fröhliche Geist des Weines in -den mächtigen Gewölben. 1624 wurde ein Faß mit 2222 -Eimer Inhalt aufgestellt und diente 50 Jahre etwa seinem -Zweck. Dann folgte 1680 ein Faß mit 3319 Eimer Inhalt. -16 Wochen dauerte seine Füllung mit Meißner Wein! -Doch August dem Starken genügte das nicht. Von seinem -berühmten Architekten Pöppelmann ließ er Zeichnungen -machen und dann ein Faß bauen, das seinesgleichen nicht -hatte. Die Schauseite war reich geschmückt mit Holzschnitzerei. -Oben das reiche sächsisch-polnische Wappen mit -der Königskrone darüber, Weingehänge und rechts und -links zwei am Rande emporkletternde Satyrn und auf dem -unteren Rande sitzend unser prächtig modellierter Bacchus. -Auf acht gewaltigen Lagerböcken ruhte der Riesenleib des -Fasses. In halber Höhe umschloß ihn wie ein ungeheurer -Gurt die die Böcke zu einem festen Lager verbindende -Riesenzarge, auf der zum Schmucke die Reihen der mächtigen -Humpen und allerlei Schaustücke standen. Da stand -ein großer, hölzerner Becher, den Kurfürst August gedreht, -dort ein silbernes Fäßchen mit 14 immer kleineren, eingesetzten -silbernen Bechern, dort ein silberner Ziehbrunnen -mit Säulen und Dach von Silber, dort eine silberne und -vergoldete, 18 Zoll lange und an der Mündung 2¾ Zoll -weite, auf einer Ebenholzlafette ruhende Kanone, dort ein -silberner, vergoldeter, 6 Zoll hoher und an der Mündung -3 Zoll weiter Mörser (beide als Becher zu gebrauchen), -dort ein venetianisches Glas, das 6 Maß hält und einen<span class="pagenum" id="Seite_288">[288]</span> -Deckel von 3 Maß Weite hat, dort noch andere Trinkgefäße -von besonderen Maßen und Formen und für urweltlichen -Durst. 30 eiserne Reifen umspannten den Riesenleib des -Fasses, von denen jeder 7 Zentner wog. 10 <em class="antiqua">m</em> Länge und -7 <em class="antiqua">m</em> Durchmesser hatte das Ungeheuer und 3709 Eimer -schluckte sein unersättlicher Bauch, das sind 2500 <em class="antiqua">hl</em>, 376 <em class="antiqua">hl</em> -mehr als das große Heidelberger Faß. Sein Rücken trug -einen geräumigen Boden von zierlicher, vasengeschmückter -Brüstung umgeben, auf dem große Tafel und Tanz stattfinden -und dem Gotte des Weines in bacchantischer Lust -geopfert werden konnte.</p> - -<p>Wie das Weinfaß und die Trinkgefäße von besonderen -Maßen waren, so war auch der Durst und die Trinkfähigkeit -in jenen früheren Jahrhunderten von manchmal erstaunlichem -Ausmaß. Der Meistertrunk von Rothenburg -o. d. T., den der Alt-Bürgermeister Georg Nusch am -30. Oktober 1631 tat, um seine alte, gute Stadt vor der -Verwüstung durch Tillys Scharen zu retten, ist bekannt. -Noch heute erscheint ja seine Gestalt, wenn mittags die Uhr -zwölf schlägt, oben am Fenster der ehemaligen Reichstrinkstube -am Markt in Rothenburg mit dem Schweden, setzt -den gewaltigen Humpen an und leert ihn (über 3 Liter -Inhalt) im langen Zuge zum Erstaunen seines Feindes. -Ein andrer solcher Kämpe mit dem Humpen war Veit von -Bassenheim, der ein silbernes Becken, das 8 Weinflaschen -faßte, dreimal hintereinander leerte und sich so von dem -Ordensmeister Winrich von Kniprode die Schloßhauptmannschaft -der Marienburg erkneipte. Ein großer Held -im Wettrinken war auch der kurbrandenburgische Oberkämmerer -Kurt von Burgsdorf, der bei jeder Mahlzeit -18 Maß Wein vertilgte, und sich im Trinkkampf manches -Schloß und Dorf gewann, anders als der Herr von Rodenstein,<span class="pagenum" id="Seite_289">[289]</span> -der alle seine Dörfer zu Heidelberg im Hirschen vertrank. -Von den Mengen, die in jenen trunkfesten Zeiten -täglich getrunken wurden, gibt eine Hoftrinkordnung -Kunde, die 1648 an dem für besonders mäßig geltenden -Hofe des Herzogs Ernst des Frommen zu Sachsen-Gotha -erlassen wurde. Danach wurden »die gräflichen und adligen -Frauenzimmer« auf vier Maß Bier am Tage und drei -Maß des Abends gesetzt.</p> - -<p>Hier, im Keller der Magdalenenburg, wo wohl seltener -»gräfliche und adlige Frauenzimmer« als vielmehr Kriegsmänner, -alte »Kriegsgurgeln« mit ausgepichten Kehlen -die Runde bildeten, mag manches scharfe Trinkturnier ausgefochten -sein, da ja der edle Stoff unerschöpflich war. -»Ich hab ein Igel im Bauch, der muß geschwummen -haben«, hat mancher da gedacht.</p> - -<p>Wild mag es auch manchmal hergegangen sein, wenn der -starke König dort seiner Kraftnatur die Zügel schießen ließ, -und sein Kommandant, der Generalleutnant Freiherr von -Kyau, mit seinen lustigen Einfällen und derben Späßen -die Runde der übermütigen Zecher erheiterte, daß das Gewölbe -vom Lachen der rauhen Kehlen erdröhnte. – –</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Iz rinnit nich ein tropho mêr,</div> - <div class="verse indent0">Der wîn ist vortgehupfit …</div> - <div class="verse indent0">Ou wê mîn grôzaz vaz stât lêr,</div> - <div class="verse indent0">Sie hâ’nt mirz ûz gesupfit!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das Faß wurde 1819 zerschlagen. Das Lachen in der -Magdalenenburg ist längst verstummt, schwarz und finster -liegen die mächtigen Kellergewölbe wie ein Grab vergangener -Größe. Nur der Bacchus sitzt mit den Satyrn -trocken und verstaubt im engen Raum der Friedrichsburg. -Wenn er reden könnte, was würde er erzählen, wovon kein -Buch mehr weiß! Geh hin in der Johannisnacht, wenn der<span class="pagenum" id="Seite_290">[290]</span> -Vollmond scheint. Fülle ihm seinen Becher mit edlem Wein -und trinke ihm dann zu, erzähle ihm vom deutschen Rhein -und deutschem Wein, von deutschem Glück und deutschem -Leid, von deutscher Not und deutscher Rache, vielleicht erwacht -er vom Duft der Reben und redet dann, was er -erfuhr in tollen Nächten, was er erlauscht in mehr als -100 Jahren, was keiner mehr sonst weiß, vielleicht von -deutscher Seele und deutscher Tat, vielleicht ein Wort, das -stark macht und Begeisterung schafft, wie edler Wein – – -vielleicht!? –</p> - -<p>Ja, sonderbare Geister gehen auf dem Königstein um! -Da sitzt der Goldkoch Baron von Klettenberg über seine -Tinkturen gebeugt. Er wollte dem König, der soviel Gold -brauchte und für seine kostspieligen Neigungen durch seine -Hände rollen ließ, eine Universaltinktur zum Goldmachen -liefern, die überdies durch gewisse Handgriffe einer unendlichen -Vervielfältigung fähig sei. Das gefiel August dem -Starken, aber als seine Vorschüsse verbraucht waren, ohne -das ersehnte Gold zu schaffen, setzte ihn August aus dem -fröhlichen, üppigen Dresden auf den ernsten, knappen -Königstein, um hier die Goldtinktur zu finden. Mehrere -Fluchtversuche des Abenteurers mißlangen. Mit einem -Federmesser, das er heimlich in den Schuhen trug, arbeitete -er sich in der siebenten Woche seiner Gefangenschaft in der -Walpurgisnacht 1719 durch den Fußboden seines Zimmers -in der Georgenburg hindurch und ließ sich dann in tollkühnem -Wagemut an einem aus seinem zerschnittenen -Mantel gefertigten Seil glücklich über den turmhohen -Felsen hinab. Glücklich erreichte er die Nähe des Pfaffensteins, -da verriet ihn seine Eitelkeit. Im Busche von Gorisch -begegneten ihm die Bauern Blumentritt und Roschig, denen -er verdächtig vorkam, so daß sie ihn ergriffen und ein<span class="pagenum" id="Seite_291">[291]</span> -scharfes Verhör mit ihm anstellten. Er sei der Hauslehrer -eines Pfarrers der Gegend, behauptete er keck. Fast hätten -sie ihn wieder laufen lassen, doch halt, da sahen die schlauen -Bauern seine schönen rotseidenen Strümpfe mit silbernen -Zwickeln, wie kein solch armer Schlucker von Hauslehrer -besitzen konnte. Blumentritt und Roschig nahmen ihn in -die Mitte, und er mußte den unfreiwilligen, bitteren Weg -zur Festung zurück antreten.</p> - -<p>Er wurde nun in ein festeres Zimmer im Erdgeschoß -der Georgenburg gebracht, brach aber am 10. Januar 1720 -auch aus diesem aus und wäre fast entkommen, als er -plötzlich abrutschte und 20 <em class="antiqua">m</em> herab in einen mit Schnee -gefüllten Graben immerhin noch glücklich stürzte. Er wurde -von der durch das Geräusch aufmerksam gewordenen Wache -entdeckt und zurückgebracht. Er hatte ja allerlei auf dem -Kerbholz und wurde auch wegen eines Duells vom Magistrat -seiner Vaterstadt Frankfurt a. M. verfolgt. Seine Auslieferung -oder Hinrichtung wurde von dort beantragt. Es -wurde ihm nach so hartnäckig wiederholten Fluchtversuchen -der Prozeß gemacht und das Todesurteil gesprochen. Als -Kyau ihm diese Nachricht brachte, hielt er es für einen -Scherz. Aber Kyaus, des sonst so übermütigen, humorvollen -Spötters Ernst war nur zu echt. Klettenberg, der so -oft sich aus den heikelsten Lagen seines Abenteurerlebens -herausgewunden hatte, gab die Hoffnung nicht auf und -fragte noch auf dem Wege zum Richtplatz am 1. März 1721 -den Henker mit bedenklicher Miene, ob er denn nun wirklich -den letzten Gang tun müsse. Seine Eitelkeit, oder war es -Stolz und Todesverachtung, verließ ihn auch nicht in der -letzten Stunde: Er ließ sich in einem reich mit Silber gestickten -Scharlachrocke enthaupten und bat sich als letzte -Gnade aus, ihm, da er nicht mehr könne, im Sarge die<span class="pagenum" id="Seite_292">[292]</span> -große Allongeperrücke wieder aufzusetzen, die er beim -Köpfen natürlich ablegen mußte. Seelengröße und Lächerlichkeit -stehen hier nahe beieinander.</p> - -<p>Sinnend stehen wir vor dem kleinen Steinkreuz, das auf -seinem Richtplatz errichtet wurde und jetzt auf einem der -Wälle in der Nähe der Königsnase noch erhalten ist, und -denken dieses kühnen, abenteuerlichen und merkwürdigen -Mannes, der so recht ein Kind seiner Zeit war, emporgetragen -aus dem Dunkel in ein glänzendes Leben, bald -oben, bald unten in der Sonne der Fürstengunst, im Kerker, -schließlich Schaffot und dann im Sarg im silbergestickten -Scharlachrock und mit Allongeperrücke, im Tode -noch den Grandseigneur spielend, obschon der Kopf vom -Rumpf getrennt war.</p> - -<p>Dem anderen Goldmacher des Königsteins ging es besser, -Johann Friedrich Böttcher, der Porzellanerfinder, der -durch seine Erfindung mehr als Gold dem Sachsenlande -erschloß, nämlich eine Quelle der Arbeit, der Kunst und -durch die Jahrhunderte strömenden Segens. Auch auf dem -Wege über die geheimen Künste kam er im Jahre 1704 -ganz zufällig auf die Erfindung eines braunroten Porzellans, -welches alle bisherigen Leistungen dieser Art an -Dauer und Schönheit weit übertraf. Man erkannte die -Wichtigkeit seiner Erfindung, überhäufte ihn mit Ehren -und Schätzen, aber war auch ängstlich besorgt, daß er eines -Tages so plötzlich, wie er aufgetaucht war, auch verschwinden -könnte. Er mußte sein Laboratorium von Dresden -auf die Albrechtsburg in Meißen verlegen, wo er zwar -Tafel und Equipage, aber zugleich einen Leutnant zum beständigen -Gesellschafter erhielt.</p> - -<p>Aber diese Herrlichkeit war von nur kurzer Dauer. Als -1706 die Schweden unter Karl XII. in Sachsen einfielen,<span class="pagenum" id="Seite_293">[293]</span> -wurde er wie ein kostbares Wertstück mit drei seiner eingeweihtesten -Gehilfen auf den Königstein geschafft, weil -man ihn in Meißen nicht sicher glaubte, auch wohl ihm nicht -traute, und ihn und seine Kunst den Schweden nicht gönnte. -Es war dies der wirksame Patentschutz jener Zeit, daß man -den Erfinder einfach einsperrte. Böttcher kam, für einen -unbekannten Arrestanten geltend, mit seinen drei Arbeitern -am 26. August 1706 auf der Georgenburg an, wurde zwar -aufs beste behandelt, zugleich aber auch auf das schärfste -bewacht. Sein Zimmer war sogar mit einem starken Vorlegschlosse -versehen. Es lag im Obergeschoß der Georgenburg, -deren Zimmer sich nach offenen, loggiaartigen Bogengängen -zum Hofe hinaus öffneten. Hier blies der scharfe -Wind quer durch das Zimmer, durch Fenster zur Tür, und -der Schnee lag im Bogengang vor seiner Schwelle. Er -klagte über sein rauhes Quartier und wärmte sich auch wohl -an seinem kleinen Brennofen in den Gewölben des Erdgeschosses, -wo die ältesten Teile der Burg des alten Kaiserschlosses -mit gotischen Türgewänden und Bögen heute noch -erhalten sind. Er war noch jung, erst 20 Jahr, und ließ sich -die Heiterkeit nicht lange stören, vertrieb sich die Zeit, so -gut es ging, schrieb Gedichte, unter andern ein Lehrgedicht -auf die Eitelkeit der Dinge und schmiedete heimlich Fluchtpläne, -die aber nicht zur Ausführung kamen. Nach 1 Jahr -und 9 Wochen wurde er wieder nach Dresden geschafft, wo -er dann seine Erfindung weiter vervollkommnete. Über -sein Laboratorium schrieb er dort den Vers:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent4">»Gott unser Schöpfer</div> - <div class="verse indent0">hat gemacht aus einem Goldmacher einen Töpfer.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Als »Töpfer« war er jedenfalls besser als wie als Dichter!</p> - -<p>Auch in Dresden hatte er zwar alle Bequemlichkeiten und -Ehren, nur keine Freiheit. Überall, wohin er sich begab,<span class="pagenum" id="Seite_294">[294]</span> -begleitete ihn ein wachthabender Offizier. Der König schätzte -ihn ungemein, wohnte öfters seinen Versuchen bei, machte -ihm mehrere Geschenke, schoß mit ihm nach der Scheibe, -nahm ihn mit auf die Jagd und erwies ihm andere Ehren.</p> - -<p>Böttcher verstand sich aber aufs Geldeinteilen schlecht. -Er war umlagert von Leuten, die seine offene Hand mißbrauchten -und an ihm zogen. Seine Familie kostete beträchtliche -Summen und von schlechten Menschen wurde er -hintergangen und betrogen. Er selbst liebte unmäßig starke -Getränke, hielt in Meißen, wohin 1710 die Fabrik wieder -auf die Albrechtsburg verlegt war, beständig offene Tafel -für viele Personen, schaffte sich 20 und mehr Hunde an, -kaufte die seltensten und teuersten Gewächse usw. Nachdem -er durch unmäßigen Gebrauch von Branntwein und Tabak -usw. seinen Körper geschädigt, seine Lebenskraft vergeudet -hatte, starb er nach kurzer Krankheit in Dresden am -13. März 1719 erst 33 Jahre alt und hinterließ dem Lande -sein großes Werk mit seiner reichen Zukunft, für seine -Person aber nur Schulden. – –</p> - -<p>Noch mehr Geister abenteuerlicher Gestalten wandeln in -heimlichen oder unheimlichen Stunden auf dem Wallgang -des Königsteins umher. Da ist der Livländer Patkul, -welcher in den Kämpfen und Verhandlungen zwischen -Schweden, Rußland und Sachsen eine hervorragende Rolle -spielte, und, sei es durch Schuld sei es durch Schicksal, schließlich -von den Herren aller drei Länder, von Karl XII., Peter -dem Großen und August dem Starken als Verräter angesehen -wurde und eines furchtbaren Todes starb. Er wurde -von Karl XII. gefangen nach Polen geschleppt und endlich -am 30. September 1707 auf eine scheußliche Art gerädert, -denn der Henker gab ihm 15 Stöße mit dem Rade, ohne -ihn zu töten, so daß Patkul endlich mit zerschmettertem<span class="pagenum" id="Seite_295">[295]</span> -Körper nach dem Block sich wand, und um »Kopf ab« mit -gebrochener Stimme bat. Mit vier Hieben wurde dann -dieser Wunsch erfüllt. – In der Zeit der Sonnenkönige, -überfeinerter Genußsucht und Kultur ein Bild grausamster -Folter aus dem finstersten Mittelalter! 1706–1707 hatte -Patkul auf dem Königstein gesessen. –</p> - -<p>Da ist auch der Schatten des Kanzlers Christians I., Doct. -Nicol. Crell, der, beinahe allmächtig unter diesem seinem -Gönner, sich viele Feinde unter Adel und Geistlichkeit gemacht -hatte und nach des Kurfürsten frühem Tode am -25. September 1591 gestürzt wurde. Zehn Jahre dauerte -sein Prozeß, und war er auf dem Königstein gefangen. Er -bewohnte den heute noch nach ihm benannten Crellturm, der -an die Georgenburg anschließt. Das Todesurteil wurde an -ihm in Dresden auf dem Jüdenhofe vollzogen. Crell mußte -zum Schaffot von zwei Henkersknechten getragen werden, -weil er seiner geschwollenen Beine wegen nicht zu gehen -vermochte. Die Witwe des Kurfürsten, dessen vertrauter -Diener und Staatsmann er so lange gewesen war, sicher -eine feingebildete Dame, schaute aus einem Fenster des -Stallgebäudes diesem furchtbaren und traurigen Schauspiele -zu. Er hatte vielleicht oft an ihrem Tische gespeist, -ihr den Hof gemacht und in geistsprühender Unterhaltung -die Zeit verkürzt. Das Haupt, das dort blutig vom Blocke -fiel, hatte vielleicht ihre Hand geküßt, für sie und ihren -Gatten gedacht, gesorgt und gearbeitet. – Und nun? –</p> - -<p>Welche Seelenvorgänge mögen sich im Gemüte dieser -Frau gekreuzt haben? Lüsternes Grausen? Innere Anteilnahme -und Erbarmen? Blutdürstige Schaulust und Herzenskälte? -Etwa befriedigte Rachsucht, wohl aufgespart aus -früheren Zeiten? O Rätsel des Menschenherzens, wer mag -deine verborgenen, geheimnisvollen Tiefen und Klippen<span class="pagenum" id="Seite_296">[296]</span> -ausdeuten und ermessen? Wer mag sein eignes Herz verstehen -und wissen, welche Abgründe dort vielleicht schlummern, -die nicht geahnt werden, bis man vielleicht in einer -dunklen Stunde erschauernd sie erkennt. – –</p> - -<p>Ja, so wandern dunkle Schatten mit schleppenden Schritten -in langen Reihen über den Königstein von Männern -in Ketten, die in namenloser Qual ihre Strafen, ihre Leiden -oft jahrzehntelang trugen. Der Geheimsekretär Friedr. -Wilh. Menzel z. B., der durch den Verrat geheimer Depeschen -an Friedrich d. Großen die Mitschuld am Ausbruch -des Siebenjährigen Krieges trug, lebte mit einer eisernen -Stange an den Füßen als Gefangener 33 Jahre hier. Er -durfte sich nicht barbieren und sein Bart wuchs ihm bis -über die Brust herab. 1796 erlöste ihn der Tod im -70. Jahre.</p> - -<p>Königstein, ein Altar, von dem nicht so sehr Gebete -als Flüche und Schreie der Verzweiflung, Rache und Hoffnungslosigkeit, -der Angst und Wut zu den dunklen ziehenden -Wolken und in das Sausen des Windes tönten. So -mancher, der unbequem wurde, verschwand auf dem Königstein -und schanzte mit Schaufel und Hacke an Mauern und -Wällen in Frohnarbeit neben dem Verbrecher, den sein -Urteil ereilt hatte, eine bloße Nummer nur wie er. – -Friedemann Bach, dem genialen Sohne Johann Sebastians, -zerbrach hier in kurzen Stunden der Verzweiflung Leben -und Zukunft.</p> - -<p>Königstein, ein Stein des Fluches für Unzählige, ein -Fels der Zuflucht aber auch in Stunden der Not.</p> - -<p>Seine bombensicheren Kasematten nahmen öfter die gefährdeten -Schätze Dresdens aus den Archiven, Sammlungen -und dem Grünen Gewölbe auf. Ein Fels der Zuflucht auch -für die Landesfürsten, wenn Gefahr drohte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[297]</span></p> - -<p>Als am 3. Mai 1849 das Schloß in Dresden von Freischaren -und Bürgerwehr angegriffen wurde, floh der König -Friedrich August II. mit Familie und den Ministern nachts -auf den Königstein und wartete dort ab, daß die zur Hilfe -gerufenen preußischen Truppen ihm seine Hauptstadt wiedereroberten. -Der Führer des Aufstandes, der russische Flüchtling -Bakunin wurde gefangen und fand sein Schicksal auf -dem Königstein. –</p> - -<p>Doch hinweg ihr Gestalten mit euren schmerzgezeichneten -Gesichtern, denen auch der hellste Tag dunkel ist, deren -Blicke so trostlos in die Weite wandern auf den hellen -Straßen der Freiheit, die sie nimmer betreten werden, nach -den Bergzügen in blauer Ferne, die sich nimmer vor ihnen -auftun wird. Hinweg, ihr schwarzen Schatten alter Tage, -ihr Schatten von Schicksal und Schuld, von Willkür und -Weh, von Trübsal und Tod, ihr sollt uns den leuchtenden -Tag nicht trüben und die helle Sonne nicht dunkel machen, -das wonnige Lachen des Landes zu unseren Füßen nicht -verscheuchen.</p> - -<p>Wir stehen auf der Rosenkasematte und schauen hinüber -auf die lachenden Fluren von Thürmsdorf und die blanken -Häuser, die zierlich und fein über die grünen Hänge gestreut -sind. Wie ein goldener leuchtender Schild, der Schild des -Frühlingsgottes Baldur, liegt ein blühendes Rapsfeld darüber. -Es ist, als strömte von ihm alles Licht und alle -Wärme aus, und immer wieder tauchen unsere Blicke in -dieses reine königliche Gelb, dem alle Farben des Sommers -und der Landschaft dienen. Wir schauen hernieder auf die -wogenden, rauschenden Wipfel des Waldes unter uns, auf -den breiten silbernen Strom, auf dem ein Floß im langen -Zuge stromabwärts gleitet. Wie Ameisen klein bewegen -sich die wenigen Menschlein darauf hin und her. Das<span class="pagenum" id="Seite_298">[298]</span> -Bellen eines Hündchens klingt herauf. Wie klein ist doch -aus der Höhe betrachtet der Menschen Tun und Treiben, -und wie wichtig nimmt doch jeder sich selbst dabei! Sie -glauben etwas zu schaffen, und doch trägt der Strom das -Floß dahin, welches sie sich fügten. Ein wenig Lenken, ein -wenig Steuern ist alles, was sie vermögen, von oben betrachtet -ein Nichts!</p> - -<p>Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe -das Leben betrachtet und sieht, wie ein Strom uns alle -dahinträgt. – – – –</p> - -<p>Über uns breitet eine mächtige Eiche ihr Laubdach. Hier -huschten im Herbste die Häher durch die dichten Zweige -und die Blaufedern der Flügel schimmerten durch das -Grün, wenn sie ihre Nahrung suchten. Doch nicht nur -Häher fanden Wohlgefallen an den Eicheln, sondern auch -Festungsbewohner. Eigenhändig gesammelt, geröstet und -gemahlen schuf diese Frucht des »Kaffeebaumes« auf der -Rosenkasematte manchem deutschen Offizier einen strenge -duftenden »deutschen Mokka« während der trüben Ersatzzeiten -des Krieges!</p> - -<p>Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe -das Leben betrachtet und erkennt, daß alle Werte nur bedingt -sind und daß den meisten Dingen erst der Glaube -ihren Geschmack und ihren Wert verleiht. – – – –</p> - -<p>Wir wandern an der Brüstungsmauer weiter und können -nicht genug schauen in der Nähe und in der Ferne, um uns -und unter uns. Senkrecht fallen die Felsenwände des Sandsteins -ab, zerklüftet und zerspalten, an der Oberfläche hie -und da von zahllosen Rillen durchkämmt, als hätte ein -Steinmetz mit ungeheurem Scharriereisen die Blöcke bearbeitet -und Wind und Wetter hätten sein Werk benagt.<span class="pagenum" id="Seite_299">[299]</span> -Wilde Tauben nisten hie und da in den Löchern und ihr -melodisches Rufen und Locken läßt sich hören.</p> - -<p>Im Osten der Festung springt ein riesiger Felsenturm -fast rechteckig aus dem Block des Königsteins heraus, die -Königsnase. Willst du einen Freund ins Herz sächsischer -Heimatschönheit schauen lassen, daß er des Eindrucks nicht -wieder vergessen mag, dann lasse ihn hier von diesem Söller -in die lachende Gotteswelt schauen. Tief unten zu Füßen -im Tale die roten und grauen Dächer des Städtchens hier -am blinkenden Elbstrome hingestreckt, dort in das Tal des -Bielabaches, der dort mündet, hineinwandernd und dort -drüben die Abhänge des Pladerberges hinaufkletternd. -Mitten darin die Kirche mit ihrem Turm, mit Kuppeldach -und Spitze, wie ein preußischer Helm dem vierkantigen -Gesellen aufgestülpt. Wenn an einem goldenen -Sommerabend von diesem Turm unsere lieben Volkslieder -geblasen werden, und du lauschst von oben, wie -die Klänge durch das Tal ziehen, den Strom entlang -tönen und Wald und Berg und grüne Hänge mit Wohllaut -füllen als würde ihre Seele und süßheimliches -Träumen im Liede offenbar, dann magst du tief empfinden, -was deutsche Heimat ist und wie sie so zart und innig dir an -das Herz rührt, daß es antworten muß: »Ja, du bist mein, -ich bin dein Kind, und mein Bestes öffnet sich dir, wenn -ich meine Seele ganz in dich und deine Art und Herrlichkeit -versenken darf.« Deine Augen wandern in die blauende -Ferne. Die Sehnsucht, das Fernweh und das Heimatfühlen -stehen Hand in Hand in deiner Seele und schauen hinaus -in die Wunder der Heimat und ahnen in beseligender -Weihe, daß die Heimat dich segnet, dir eine ihrer Höhestunden -schenkt, um dich über dich selbst emporzutragen. -Dort stehen all die Felsaltäre, der Pfaffenstein, der Gohrisch,<span class="pagenum" id="Seite_300">[300]</span> -der Papststein, der Hennersdorfer Stein, die leuchtenden -Felswände der Schrammsteine, der Falkenstein, wie ein -gewaltiges Gigantendenkmal von heroischer Wucht und -Größe, und links der stolze Lilienstein auf dem buntdurchwirkten -Gottesteppich von weiten Feldern, Wiesen und -Waldessäumen. Es sind stille Altäre, still und groß, und -stehen darum so feierlich, so erhaben, so heilig über der -flachen Ebene mit ihrem Geräusche der Arbeit, die vom -Schweiße dampft, über den verworrenen Lauten des Tages, -über dem Staub der Straßen, auf denen die Alltäglichkeit -hastet und keucht.</p> - -<p>Und weiter hinaus der hohe Schneeberg mit seinem langgestreckten -Rücken in blauem Dunst, die Zschirnsteine, der -Winterberg und dazwischen die Spitzen und Kuppen der -Berge Böhmens, in feinem Dufte verschwimmend, deutsche -Berge im deutschen Land, gegrüßt von deutschem Herzen: -Mag auch die Landesgrenze einen Strich ziehen, auch sie -Altäre der Treue zu deutscher Art und deutscher Seele, still -und groß und feierlich.</p> - -<p>Ganz in silberner Ferne ragt dort die stolze Spitze des -Kleis bei Haida wie eine steile Pyramide, als reckte sich -aus böhmischem Gau der Schwurfinger deutscher Erde aufwärts -zum Himmel mit dem Treueschwure, der Blut an Blut, -Art an Art, Stamm an Stamm, Ehre an Ehre bindet. –</p> - -<p>Was soll ich sie nennen, alle die Berge und Spitzen nah -und fern, über die die Wolken fliegen und die Farben -wandern, die hier lebendig werden, als höben sie ihre -Häupter höher, wenn die Sonne sie trifft, dort in blaue -Schatten und Erstarrung zurücksinken und ihre Formen zu -verlieren scheinen, immer neu und immer wechselnd, unendlich -reich im lebendigen Spiel und doch voll himmlischer -Ruhe, ein ungeheures Rund, in dem das Kleine verschwindet.<span class="pagenum" id="Seite_301">[301]</span> -– Fernweh und Heimatfühlen sind die Kräfte, welche -dir in solchen Weihestunden die Heimat zu eigen geben und -deiner Seele Flügel geben über das Kleine zur großen -Ruhe. – –</p> - -<p>Wir müssen unsere Blicke losreißen, wennschon sie immer -wieder in die Ferne fliegen und immer wieder Sehnsuchtsblaues -finden und erschauen mögen. Der Felsen, an dessen -Rand wir gehen, hat hier besonders zerrissene und zerklüftete -Formen mit vortretenden Ecken und senkrechten -Kanten und pfeilerartigen Vorsprüngen angenommen. Wie -die Zähne einer Säge springen zickzackförmig die scharfen -Ecken der Wehrmauer hervor, hie und da von einem spitzen -Rundturm gekrönt. Ein wildmalerisches Bild bietet diese -vielfach gespaltene, trotzige, z. T. überhängende, unersteiglich -scheinende Felswand, zu der die schlanken Fichten im Grunde -emporrauschen. Und doch hat schon vor der Zeit modernen -Klettersportes ein wagemutiger Schornsteinfegermeister aus -der Stadt dort unten, namens Abratzky, heimlich die Ersteigung -versucht. Er wußte mit Wänden und Gesimsen, -mit Kanten und Kaminen Bescheid und arbeitete sich mit -Knieen und Ellbogen, mit festem Griff und griffigen Zehen -in einer Spalte und über Vorsprünge empor. Aber auf dem -letzten Felsabsatz unterhalb der Wehrmauer verließen ihn -die Kräfte, er wurde von Posten bemerkt und mußte auf -sein Rufen heraufgezogen werden. Abratzkyfelsen heißt seitdem -nach diesem einzigen beinahe geglückten Versuche der -Ersteigung der Felsvorsprung. Die nie erstürmte unbezwungene -jungfräuliche Festung durfte ihren Jungfernkranz, -der hoch oben an steiler Mauer in Stein gehauen an -der Südseite sich findet, in Ehren weiter tragen. Die Amsel, -welche im Sommer 1917 jeden Abend vom Dachfirste der -Georgenburg das Lied »Wir winden dir den Jungfernkranz«<span class="pagenum" id="Seite_302">[302]</span> -in das leuchtende Abendrot mit süßen Tönen flötete, -hat Recht mit diesem Sang auf das Magdtum der Festung -behalten.</p> - -<p>Die Flucht über die steilen Wände herab aus den -harten, allzu fest ihn haltenden Armen der jungfräulichen -Feste hat freilich mancher versucht und sie ist auch -manchem geglückt. Die »Franzosenspalte« erinnert heute -noch mit ihrem Namen an die tollkühne Flucht gefangener -Franzosen im Jahre 1870. Auch die gefangenen Russen -des Weltkrieges haben diesen verwegenen Abstieg wiederholt -versucht. Entflohen sind manche. Wiedergekehrt sind -alle nach kurzen Stunden der Freiheit auf den verhaßten -Stein! Da hatten einmal zwei Offiziere sich ein Seil zu -gemeinsamer Flucht zu verschaffen gewußt und zu glücklich -abgepaßter Zeit glitten sie an ihm auf schwankendem, gefährlichem -Pfad an rauhen Vorsprüngen und scharfen -Kanten vorbei, von den Kameraden durch Postenkette gegen -Überraschung gesichert, in die schreckende und doch so lockende -Tiefe der heiß begehrten Freiheit entgegen. Doch, o weh, -das Seil war zu kurz! Über der Tiefe schwebte der erste -noch weit vom Boden. Sollte er das haltende Seil fahren -lassen und den Absprung wagen? Sollte er in die Gefangenschaft -zurückkehren? Konnten seine nachlassenden Kräfte -den gefährlichen Wiederaufstieg am pendelnden Seil, an -schneidenden, überhängenden Felsgesimsen vorbei noch -leisten? – Furchtbarer Augenblick innerer Spannung -einer Entscheidung auf Tod und Leben! – Er sprang ab -und erreichte glücklich den Boden. Sein Kamerad folgte. -Doch wehe, als er sich vom Sturze erheben wollte, versagte -ihm der Fuß den Dienst und auch die Schulter schmerzte -und war verletzt. – Was tun? Es galt, nicht lange zu -zögern! Fort, nur fort, diesen verhaßten Mauern entrinnen,<span class="pagenum" id="Seite_303">[303]</span> -fort ins Dickicht oder eine der Höhlen im Gestein, -bis die Nacht die heimlichen Wege deckt! Der Verletzte -schleppt sich mühsam weiter, gestützt vom Kameraden, die -Freiheit winkt ja!</p> - -<p>Doch da lagen am Abhang zwei Soldaten der Besatzung -im Waldesgrün, naschten Beeren und guckten in den -blauen Himmel. Tiefer Sonntagsfriede! Vogelsang und -Wipfelrauschen die einzigen Laute nah und fern. – Horch, -sind das nicht Menschenstimmen? Nicht Schritte? Nicht -heimlich raunende russische Laute? Sie springen hinter -dem Felsblock auf, der sie deckte, und stehen vor den entsetzten -Flüchtlingen wie aus dem Boden gewachsen! Ade, -du goldene Freiheit, die eben noch winkte! Nutzlos jeder -Widerstand! Zu niederschmetternd war der Sturz aus der -Hoffnung in die Verzweiflung! Zurück ins alte Elend! –</p> - -<p>Andere Kletterer gab es auf der Festung, denen die -Blicke der Gefangenen oft sehnsüchtig folgten, so voller -Sehnsucht, wie den Vögeln, die mit leichten Flügeln in das -Himmelsblau sich schwangen. Könnten sie von ihnen -lernen, wie man diesen steilen Mauern entrinnt, könnten -sie ihnen die hurtigen, verwegenen Künste absehen!</p> - -<p>Diese tolldreisten Kletterer waren die Eichhörnchen, die -unten im Walde von Wipfel zu Wipfel sprangen, an den -Felsen senkrecht emporliefen, denen keine Wand zu steil, -kein Band zu schmal, keine Kante zu scharf war, denen -ohne Seil und Leiter die glatten Wände offene Straßen -waren, auf denen sie dahineilten. Unten der Wald, oben -der Park und die Obstgärten und dazwischen die Felsenwände, -das war ihr fröhliches Reich der Vertikalen, in -welchem die blitzschnelle Bewegung von unten nach oben -oder kopfüber von oben nach unten zugleich lustiges Spiel -und Lebensaufgabe, zugleich Inhalt und Zweck des Daseins<span class="pagenum" id="Seite_304">[304]</span> -bildet. Namentlich, wenn die Birnen auf der Festung -reiften, dann waren die flinken Gesellen im roten oder -dunklen Pelz bei der Hand, um ungeladen, ohne sich lange -bitten zu lassen, bei der Ernte recht fleißig zu helfen. Feinschmecker, -wie solche in der Baumkrone hochgeborenen -Herren sind, und, gründlich erzogen, gingen sie stets auf -den Kern jeder Sache, d. h. sie zerbissen die Frucht, nagten -und naschten die Kerne und griffen zur nächsten Birne, -verschwanden aber blitzschnell kopfüber die Wände herab, -wenn Gefahr drohte, in die rauschenden Fichtenwipfel -hinein wie eine zuckende, aufblitzende und erlöschende, rote -Flamme. Das Spiel und das kecke Treiben dieser reizenden -Affen des deutschen Waldes gab mancherlei Unterhaltung, -Beobachtungen und Ablenkung.</p> - -<p>Dem Stabsarzt vom Lazarett gaben sie sogar öfter einen -leckeren Braten, den er nicht genug zu rühmen wußte. Doch -möge unser rascher, roter Waldkobold noch lange als Wildpret -unentdeckt bleiben, damit nicht noch mehr unser deutscher -Wald veröde und seiner geheimnisvollen Reize und -seines märchentiefen Waldwebens und Waldlebens beraubt -werde. –</p> - -<p>Drüben an der Ecke am Lazarett, wo der Umgang sich -wieder nach Osten wendet, machen wir noch einmal Halt -und schauen von einem erkerartigen Austritt hinunter in -das grüne Bielatal und in den Hüttengrund und drüben -auf den Quirl mit seinem waldumrauschten Felsenhaupt, -den Nachbarfelsklotz des Königsteins, der auch einmal als -Zwillingsfestung zur Flankendeckung des Königsteins ausgebaut -werden sollte, aber seinen Waldfrieden dort oben -behalten durfte.</p> - -<p>Wir hören das Rauschen der Biela, die dort unten im -Grunde über ein Wehr stürzt, bis zu uns herauf. Die<span class="pagenum" id="Seite_305">[305]</span> -Häuser und Höfe des Dorfes Hütten liegen am Bach und -leuchten hell im Grün des engen Waldtales. Einst stand -hier im Grunde eine Gießhütte, die dem Orte den Namen -gegeben, aber bereits im 17. Jahrhundert eingegangen ist.</p> - -<p>Wir wandern jetzt auf breitem, mit starken Steinplatten -gedecktem Wege, auf den mächtigen Gewölben der Kasematten, -die z. T. in den Felsen gehauen, z. T. aus gewaltigen -Felsquadern aufgeschichtet sind. Dort ist der Bärenzwinger, -ein enger Felsenkessel, durch welchen einst der -älteste Aufgang zum Königstein geführt hat, dessen vermauertes -Tor an der Quadermauer heute noch von außen -sichtbar ist. Dort sind die anderen tiefen, finsteren, z. T. -schluchtartigen feuchten Höfe der Kasematten, in denen die -Sonne nicht gerne weilt und der nackte, finstere Fels erbarmungslos -aus nächster Nähe in vergitterte Fenster -starrt. Viel lieber wandern die Augen hinaus ins grüne -Land, nach der kecken Felskanzel des Spankhornes, welches -dort drüben aus dem Walde ragt, nach den Felsen der -Nikolsdorfer Wände, nach der »Hirschstange«, dem Wege -mit dem schönen, sinnigen, deutschen Namen voller Waldpoesie -und Nadelduft, der in halber Höhe des Berges wie -ein schimmerndes Band aus dem dunklen Waldesgrün -leuchtet. Was für lachende Wanderwege sind dort drüben, -von denen der laute Schwarm nichts weiß, auf denen man -still und froh sein darf und nur sich selbst und die Heimat -im Zauber unberührter Herrlichkeit hat. Dort liegt im -Walde versteckt der Schüsselgrund, dort ist der Teufelsgrund -mit seinen wilden Felsen, dort ist so mancher stille -Platz, wo im grünen Frieden die Romantik träumt, wo -du das Wild belauschen kannst, wo der Schwarzspecht mit -seiner roten Haube wie der Vogel des Märchens geheimnisvoll -durch die Wipfel streicht und mit klagendem Rufe lockt,<span class="pagenum" id="Seite_306">[306]</span> -ihm zu folgen, weiter und weiter in die grünen Tiefen des -Waldes. –</p> - -<p>Dort liegt am Walde eine Wiese, in deren grünem Teppich -die Margariten wie tausend silberne Sterne gestickt -sind. Ein klares Wässerlein rieselt durch die Halme, und -das Wollgras hebt auf zartem Stengel seine Flöckchen wie -schimmernde Seide zum Lichte empor. Ist es der Tanzplatz -der Elfen, wenn draußen der laute Tag zur Ruhe ging, -kein fremdes Ohr neugierig lauscht und nur der Wind und -Mondenschein mit leisen, leichten Füßen über die weichen -Gräser wandert? – Dort ist mitten im Fichtendickicht ein -Platz, eine Blöße mit langem Waldgras von dunklen -Nadelwänden hoch umgeben, auf deren zackigen Spitzen der -blaue Himmel ruht. Hundert Pilze stehen dort in bunten -Farben, leuchtendrot mit weißen Punkten, violett und -gelb und braun und weiß. Keines Menschen Fuß kam noch -hierher und hat an diese Pracht gerührt. Oben auf höchster -Tannenspitze jubelt die Singdrossel ihr köstliches Lied -in das Abendrot. – Ja, dort, dort drüben kann jeder -Waldgang die Seele frei machen vom Staub des Alltags -und zur Freude erheben. – – –</p> - -<p>War es ausgesuchte Grausamkeit und Hohn, wenn so die -ganze Herrlichkeit deutscher Wald- und Berglandschaft den -Gefangenen des Königsteins täglich vor Augen stand, die -ihnen unerreichbar war und doch den Drang nach der Freiheit -schmerzhaft steigern mußte zu unerträglicher Pein und -seelischer Marter? – Nein, es war Erbarmen, Wohltat -und Tröstung, ihnen den Blick auf das lachende Bild zu -gönnen, auf den weiten Himmel, die rauschenden Wälder -und grünenden Hänge, Trost, der den Geist erhebt aus den -engen Mauern und dunkler Felsengruft zum Fluge in freie -Höhen, zum Schwunge über das traurige Heute, zur Hoffnung<span class="pagenum" id="Seite_307">[307]</span> -auf Freiheit und Erlösung! Der Körper in Haft, die -Seele aber in Freiheit und täglich neu die Flügel reckend -über das weite Land hinein in eine bessere Zukunft!</p> - -<p>Gar mancher Gefangene dort im alten Zeughaus mag -doch seine Seele an diesen Fragen wund gestoßen haben. -Mit charaktervoller Schlichtheit, mit steilem Dach und -Giebel, fast gotisch im Aufbau wirkend, obwohl es 1594 erbaut -ist, schaut dieser Bau helle leuchtend weit in das Land -hinaus. Im Erdgeschoß ist eine zweischiffige Halle von -schweren Kreuzgewölben überdeckt, die auf drei mächtigen, -toskanischen Säulen von gedrungener Wucht aufruhen. -Nachdem die Friedrichsburg für die Gottesdienste der gefangenen -Russen nicht mehr zur Verfügung stand, war -dieser kryptaartige Raum die würdige und monumental -wirkende Stätte ihrer kirchlichen Feiern und Andacht. Unvergeßlich -wird jedem, der es erlebt hat, die russische Osterfeier -zu mitternächtiger Stunde in jenem Raume sein. -Draußen dunkle Nacht und die große, heilige Stille der -Ostererwartung. Nur die Wälder hört man ferne rauschen -und die Wasser der Biela im Grunde. Droben am unendlichen, -schwarzblauen, samtenen Firmament flimmern die -Sternenheere und wandern ihre Bahnen. Da tönt aus dem -Tore der Kapelle der orgelähnliche Sang tiefer, voller -Männerstimmen in feierlichen Rhythmen, anschwellend -und abklingend, dazwischen die volle Einzelstimme des -Popen in dunklen fremdartigen Lauten. Im hellen Schimmer -von vielen hundert Lichtern leuchtet der Raum. Jeder -der Teilnehmer trägt eine brennende Kerze in der Hand. -Hier in Gruppen zusammengedrängt stehend, dort knieend, -dort an Wand und Pfeiler sich lehnend, feiern sie das Fest -in der Weise der Heimat und ihre Gedanken eilen zu den -fernen Stätten, an denen ihr Herz hängt, zu fernen Stunden,<span class="pagenum" id="Seite_308">[308]</span> -die nicht mehr sind, zu kommenden Tagen der Hoffnung -auf Freiheit, der Sehnsucht nach Heimat und Frieden. -Phantastische Schatten huschen über die Gewölbe und -Wände, hier leuchten Farben auf, dort ein blinkender -Orden oder schimmerndes Rangabzeichen. Eine seltsame, -mystische Wirkung geht von der Feier aus, deren mehr geahnte, -als bewußte Gefühlswelt so ganz abweicht von dem, -was unseres Geistes ist, aber doch an eigenes tiefstes Empfinden -zu rühren vermag. Ehrwürdig und heilig ist ja -alles, was Menschenseelen erschauern macht, wenn sie sich -von irdischem Staube erheben empor zum Lichte, zu dem, -was man göttlich und ewig nennt, in welcher Sprache und -Bekenntnis es auch sein mag, wenn nur die Sehnsucht der -Seele echt und wahr ist.</p> - -<p>Ehrwürdig ist es auch, wenn mit dem Gruße »Christ ist -erstanden«, und der Antwort »er ist wahrhaftig auferstanden« -die Teilnehmer am Gottesdienste nach alter russischer -Sitte sich dreimal küssen auf Wangen und Stirn und in -diesem Augenblick jeder Unterschied von Rang und Stand, -von Alter, Bildung und Besitz verschwindet. Der alte -Oberst küßte den jungen Leutnant und der hohe General, -welcher als Gouverneur von Turkestan über ein Reich, -größer als Deutschland, gebot, küßte seinen Burschen, den -armen Bauernjungen aus dem Innern Rußlands. Der -Gesunde küßte den Kranken, denn in dieser heiligen Stunde -beim österlichen Bruderkuß hat, wie frommer Glaube lehrt, -Ansteckung keine Macht, mag sonst auch Krankheit oder Tod -der Lohn solchen Kusses sein.</p> - -<p>Ehrwürdig und seltsam, unserem Empfinden widerstrebend, -vielleicht aus der mystischen Stimmung der -Stunde jedesmal neu herausgeborener Glaube, vielleicht -aus der Zeit des Urchristentumes durch Jahrtausende bewahrte<span class="pagenum" id="Seite_309">[309]</span> -Sitte, vielleicht aus uraltem, russischem Heidentum -stammender Brauch und darum in christlichem Gewande so -fest von der Volksseele bewahrt, wer will es sagen? – Zu -den seltsamsten Stunden des Königsteines mag dieses russische -Ostern zählen, als um Mitternacht unter deutschem -Sternenhimmel gefangene Söhne aus allen Landschaften -Rußlands von Sibirien bis zur Krim und zur Weichsel -den dreifachen Osterkuß tauschten, als wäre man tief im -Innern des ungeheuren, uns so fremden Reiches. – –</p> - -<p>Wieviele mögen von ihnen die Heimat erreicht haben, -nachdem der Friede geschlossen war? Eine dunkle Kunde -meldet, sie seien alle erschossen worden, nachdem sie die -russische Grenze überschritten hatten. Den Bolschewisten -seien diese Offiziere der besten, vornehmsten Truppen des -Zaren zu verdächtig oder zu gefährlich erschienen. Nur wer -der Heimat entsagt hatte und im Auslande Zuflucht fand, -soll vor diesem furchtbaren Schicksal, vor diesem schnöden -Dank des »Mütterchens« Rußland bewahrt geblieben sein.</p> - -<p>Wie friedlich schlummern dagegen die wenigen während -der Gefangenschaft trotz sorgsamster Pflege und ärztlicher -Behandlung verstorbenen Russen auf dem dort unten auf -lachender Flur am Waldrand liegenden Friedhofe der -Festung, sanft gebettet im Schoße der barmherzigen deutschen -Erde. Deutsche ärztliche Kunst und Pflege, die nicht -Feind und Freund kennt, sondern nur den leidenden Kranken, -treue Teilnahme der Kameraden haben nicht zu retten -vermocht.</p> - -<p>Da lag z. B. ein junger, lungenkranker, russischer Offizier -im Lazarett, das außerhalb des eigentlichen Gefangenenlagers -stand. Bei gutem Wetter war sein Lager draußen -im Garten unter blühenden Rosen und duftenden Blumen -inmitten leuchtender Sommerpracht. Er empfing täglich -den freien unbewachten Besuch seiner gesunden Kameraden,<span class="pagenum" id="Seite_310">[310]</span> -die zu diesem Zwecke frei die abgeschlossenen, durch Drahtzäune -gesicherten Grenzen des Lagers verlassen durften. -Jeder erfüllbare Wunsch wurde erfüllt. Er wurde jedoch -ein Opfer der unheimlichen Krankheit. Ein langes, würdiges -Trauergefolge geleitete ihn zum Grabe in fremder -Erde. Voran schritt der Kreuzträger und der Männerchor, -der in feierlichen, klagenden Rhythmen Sterbelieder in -kurzen abgerissenen Strophen bald leise, bald mit anschwellender -Stimme sang. Kränze wurden getragen. Es -folgte der Sarg mit dem Bahrtuch, der Pope im prunkenden -Ornat, wie ein Bild aus einem byzantinischen Mosaik -herausgenommen, das große Trauergefolge der Kameraden, -die deutschen Lageroffiziere mit dem Kommandanten -an der Spitze und die deutschen Mannschaften. Langsam -schwebte der Sarg im Fahrgestell des elektrischen Aufzuges -außen an der Festungsmauer hernieder und wurde -unter den schwermütigen, ernsten Gesängen zum kleinen -Garnisonfriedhof durch das Waldesgrün und wogende -Saatfeld zur letzten Ruhe geleitet. Von oben schauten über -den Rand der Mauerbrüstung die zurückbleibenden russischen -Offiziere ernst hernieder auf den letzten Gang ihres -so fern der Heimat verstorbenen Kameraden und lauschten -den abgerissen emporklingenden Rhythmen der Totenklage -ihres Volkes. –</p> - -<p>Der Friedhof der Festung ist ein Platz von besonders -eindrucksvoller Wirkung und ergreifender Stimmung. -Sein Rechteck von nur 33 × 74 <em class="antiqua">m</em> Größe ist von einer -wuchtigen Quadermauer umschlossen, an welcher der Efeu -emporklettert und Wiesenblumen blühen. Der Wald -ist bis nahe an die Mauer getreten, als wolle er diese -Stätte des Friedens noch besonders hüten und abschließen -vom Lärm der Welt, von der Unruhe des Tages da -draußen, die so fern, so tief unter uns liegt. Zwei mächtige<span class="pagenum" id="Seite_311">[311]</span> -Eichen stehen wie treue Wächter neben der Friedhofspforte -und hoch über den Gräbern wölbt sich das Laubdach -stolzer Bäume, breiten sich auch die Zweige von immergrünen -Fichten und Kiefern. Alte, hohe Lebensbäume -stehen wie dunkle Trauergestalten zwischen den stillen, -grünen Hügeln. Hier finden wir die Gräber französischer -Gefangener aus dem Jahre 1870/71. Ein Marmorkreuz ist -ihnen gewidmet und neuerdings ein Gedenkstein, den ihnen -französische Gefangene des Weltkrieges hier setzten. Hier -finden wir einige Kreuze russischer Form auf Gräbern -russischer Gefangener, hier auch Gräber deutscher Soldaten, -die ihr Leben der Heimat nach Schmerzen, Leiden und -Wunden hier opfern mußten.</p> - -<p>Im dichten Efeu unter Lebensbäumen liegen hier auch -die Gräber alter Festungskommandanten, die nach langer -militärischer Laufbahn hier Frieden fanden. Eine mächtige -Steinplatte mit Inschrift deckt das Grab des Kommandanten -von Nostitz. Wir entziffern die Inschrift, aus welcher -uns der Geist und die Gefühlsstimmung einer längst versunkenen -Zeit aus Urgroßvätertagen entgegentritt und uns -mit feuchten Augen wehmütig anschaut:</p> - -<div class="blockquot"> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> -<div class="verse indent0">»Als ich am Tag der Geburt die Welt anweinte, da nickten</div> -<div class="verse indent0">Vater und Mutter und Freund lächelnd dem Weinenden zu.</div> -<div class="verse indent0">Nun ich ihn ausgekämpft, den Ihr noch kämpfet, den Weltkampf</div> -<div class="verse indent0">Lächl’ ich am Ziel, und Ihr weinet dem Lächelnden nach!«</div> -</div> -</div> -</div> - -<p>Diese Worte bestimmte sich zur Grabschrift der hier ruhende -Königl. Sächs. Generalleutnant und Commandant der -Festung Königstein, Ritter des Militär St. Heinrichsordens</p> - -<p class="center"> -Karl Friedrich Ernst von Nostitz,<br /> -geb. den 18. Juni 1767, gest. d. 17. April 1838.<br /> -Sein Andenken segnen, die ihn erkannten! -</p> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[312]</span></p> - -<p>Es ist zwar nicht eine soldatische Inschrift etwa für -einen alten Haudegen, aber eine Inschrift, die zu denken -gibt, die in der stillen Bescheidung und rückschauenden -Lebenswertung des Greisenalters kennzeichnend für den -Verstorbenen und seine Zeit und darum wertvoll ist. – -Wie leer und kalt lassen oft die tausendfach gedankenlos -wiederholten Worte auf modernen Friedhöfen an prunkenden -Steinen, denen die Seele fehlt. Hier aus der schlichten, -wuchtigen, moosigen Platte spricht eine Seele.</p> - -<p>»Sein Andenken segnen, die ihn <em class="gesperrt">er</em>kannten!« Wie fein -und wie maßvoll wird hier dem Toten Ehre gezollt. Wir -wissen nicht, ob der Kreis derer, die ihn erkannten, groß -oder klein, hoch oder niedrig war, ob ihn nicht auch viele -verkannten, wir hören nur, daß er Menschen zum Segen -war. Ist dies nicht mehr als mancher tönende Nachruf, -manche rühmende Gedächtnisrede, so viele übertriebene -Lobsprüche und vergoldete Lügen auf Grabsteinen? –</p> - -<p>Der kleine Friedhof der Festung birgt tiefe Lehren in -sich. –</p> - -<p>In seiner schweigenden Abgeschiedenheit weit vom Alltag, -hoch über Staub und Unrast des Lebens da draußen -ist er eine stille Stätte für die letzte Ruhe, von so ergreifender -Stimmung wie wenige im Lande. Mögen -sorgende Hände und sinnige Herzen mit innigem Verständnis -für seine Worte stets diesen weihevollen Totengarten -hüten und seiner warten. –</p> - -<p>Doch kehren wir in die Festung zurück. Den Park mit -seinen mächtigen Baumriesen, den alten Buchen, Eichen -und Ahornbäumen wollen wir durchwandern. Hier wird -kein Stamm gefällt, weil er gerade schlagreif ist. Wie ein -heiliger Hain, ungestört, in weihevoller Stille, ragen die -Bäume mit stolzen Stämmen und schirmenden Kronen.<span class="pagenum" id="Seite_313">[313]</span> -Efeu und Immergrün ranken am Boden und tausend -Blumen blühen im Gras, die kein Gärtner pflanzte und -doch schöner sind an ihrem Platze und in ihrer Entfaltung, -als Gärtnerkunst es zu schaffen vermag.</p> - -<p>Es rauschen die grünen Wipfel. Wir hören den hellen, -schmetternden Schlag der Finken und in tiefen, melodischen -Tönen das zärtliche Gurren der wilden Tauben. Von -unten, aus dem Walde, tönt bald näher, bald ferner der -Ruf des Kuckucks. Ein Specht trommelt unermüdlich hoch -oben an dem dürren Ast der alten, vom Wetter zerzausten -Eiche dort. Ein Eichhörnchen huscht flink an jenem glatten -Buchenstamm entlang, hält inne und schaut uns verschmitzt -aus seinen dunklen blitzenden Augen an. Wir ruhen an -der Böschung des Walles im Gras und duftenden Thymianpolstern. -Bienen summen um die Skapiosen und Grasnelken, -die sich auf schlanken Stengeln wiegen. Wir -träumen und sinnen in die grüne Stille hinein, während -bunte, kleine Falter uns umgaukeln, als wären wir selbst -ein Kind der Natur geworden, das unbekümmert im Arm -und am Herzen der Mutter ruht und ihren warmen Atem -und ihr Herzpochen fühlt. Wieviele mögen unter diesem -Blätterdach schon gewandelt sein und zu den fliegenden -Wolken emporgeschaut haben und mitten im tiefen Frieden -der Natur und aller ihrer Herrlichkeit diesem Felsen, -diesem Hain, dieser Herrlichkeit geflucht, um Erlösung von -dieser Stätte geseufzt haben, die uns so lieblich scheint mit -allem Sonnenglück geschmückt und die Hunderten schon eine -Stätte der Freude und übermütigen Lebensgenusses war. -Die harten Gegensätze, welche hier immer wieder aufeinanderprallen, -fesseln mit besonderer Gewalt die Gedanken -und geben einen eigenartig anziehenden Reiz allem Geschehen -und allem Schauen. – Unter diesen Zweigen schritten<span class="pagenum" id="Seite_314">[314]</span> -1870/71 gefangene Franzosen hin und her und träumten -von ihrer <em class="antiqua">gloire</em> und berauschten sich am Rachegedanken, -an der <em class="antiqua">revanche</em>. Da griff einer von ihnen zum Messer -und schnitt in die glatte Rinde jener alten Buche dort -unter sein Namenszeichen die Worte: »<em class="antiqua">un chasseur français, -qui reviendra vainqueur</em>.« »Ein französischer Jäger, -der als Sieger wiederkehren wird.« – Er ist nicht wiedergekommen! -– 44 Jahre später lasen aber seine gefangenen -Landsleute mit ihren russischen Freunden und Bundesbrüdern -jene Worte in der grauen, rissig gewordenen Rinde, -die jetzt ihnen wie ein Hohn auf ihr eigenes, unfreiwilliges -Kommen wirkten. Der Gegensatz zwischen Gewolltem und -Gewordenem war bitter und schmerzlich für sie.</p> - -<p>Doch auf unser Herz auch fällt dieser Gegensatz mit -schmerzlicher Wucht: Versailles 1871 und Versailles -1918/19! Wann wird der Ausgleich kommen im Pendelschlag -der Weltgeschichte? Wann wird Lüge als Lüge, -Schandtat als Schandtat erkannt sein und gelten? Wann -wird Friede sein, und Recht und Freiheit wieder unter -Völkern und Menschen wohnen und daheim sein? Der -sonnige Sommertag will uns dunkel werden, wenn wir mit -diesen Fragen an Heimat und Vaterland denken und an -Tod, Tränen, Wunden, Schmerzen und Niederbruch, an -Wollen und Werden! Doch nein, nicht trübe und mutlos! -Aus innerer Erneuerung müssen Kraftströme fließen. -Wollen muß dann das Werden zwingen, wenn es echt und -stark, einig und zielbewußt ist!</p> - -<p>Dort steht zwischen den alten Stämmen des Parkes die -Baracke, in welcher die Helden der Emden nach Überwindung -von Not und Tod, von Wüstenglut und meuchlerischem -Verrat, nach Heldentum in Taten und Dulden<span class="pagenum" id="Seite_315">[315]</span> -zuerst auf heimatlichem, deutschem Boden eine Ruhestätte -fanden.</p> - -<p>Der deutsche Geist, die deutsche Kraft, der Mut, der -stärker ist als das Schicksal, lebt noch und schafft an der -neuen, der kommenden, der stahlblanken Zeit! Wenn eine -Welt uns niederrang, wir schaffen uns aus neuem Geiste -eine neue Welt. Wer für die Heimat und ihre wahren -inneren Werte sich einsetzt, der schafft und wirkt mit am -Bau dieser neuen Welt. – –</p> - -<p>Hier oben, auf der Fläche der Festung, wollte ein königlicher -Baumeister, Friedrich August II., der Starke, sich -selbst eine neue Welt anderer Art schaffen. Johann von -Bodt, Festungskommandant und Architekt mußte immer -wieder neue Pläne für ihn zeichnen. Der König, den die -Baulust gepackt hatte, änderte und verwarf und suchte -mit immer neuen Gedanken und Wünschen eine Bauanlage -als großartiges Schloß von 114 <em class="antiqua">m</em> Frontlänge mit weit -vorgezogenen Flügelbauten und Ehrenhöfen und Terrassen -an einer groß durchgeführten Längsachse von der Appareille -bis zur Königsnase in symmetrischer Durchbildung -angelegt, wahrhaft königlich aufzubauen. Acht Kasernen, -vier Magazine, Bäckerei und Brauhaus sollten wie eine -starke Wächterschar vor und neben der stolzen Schloßanlage -stehen, die als Zeughaus und für die »Logementer« des -Kommandanten bestimmt war.</p> - -<p>Alle bestehenden Gebäude sollten dieser großen Planung -weichen und fallen, die Georgenburg, das Kommandantenhaus, -die Magdalenenburg und wie die alten Bauten -heißen, welche uns heute noch erfreuen. Nur das alte Zeughaus -auf dem Wall, welches außerhalb der großen Symmetrielinien -lag, sollte erhalten bleiben. Dem großen -Symmetriegedanken wurde alles untergeordnet. Sogar<span class="pagenum" id="Seite_316">[316]</span> -im Park waren die geschwungenen Wege und die kleineren -Rundplätze rechts und links von der großen Hauptachse des -Mittelweges trotz scheinbarer Regellosigkeit doch nahezu -symmetrisch geplant.</p> - -<p>Aus diesen Planungen spricht die großartige Baugesinnung, -welche am Zwinger in Dresden ihre größte Entfaltung -fand. Ähnliches mag hier dem königlichen Bauherrn -vorgeschwebt haben. Über zehn Jahre beschäftigte er -sich mit diesen Plänen, die gleichzeitig mit dem Bau des -Zwingers und der Anlage von Groß-Sedlitz in seinem -phantasievollen Geiste emporwuchsen und Gestalt gewannen.</p> - -<p>Sollen wir bedauern, daß sie nicht durchgeführt wurden? -Vielleicht! Vielleicht hätte diese Verbindung von fürstlicher -Schloßanlage mit dem militärischen Werk eine Gesamtanlage -von besonders reizvoller Eigenart ergeben. -Vielleicht hätte hier wie bei keinem anderen seiner Bauten -das Schloß im Gesamtbilde der Landschaft und großen -Natur mitgewirkt als großartiger Abschluß und Krönung -eines einzigartigen Landschaftsbildes. Hoch über der Elbe -sollte die stolze Schloßfront sich auf dem gewaltigen Felsensockel -des Königsteins aufbauen, so daß man weit über -Strom und Land, über Berge und Täler schauen könnte -und seine Fenster leuchteten bis weit ins Böhmerland. -Wie das herrliche Klosterschloß Banz bei Lichtenfels hoch -über dem Main, das weit ins Frankenland scheint und -schaut, oder gleich der Akropolis in Athen, die weit übers -Meer schaut, so mag in der Phantasie das Schloß gestanden -haben und dem König in seinen Architekturträumen immer -wieder aufgeleuchtet sein, so oft er von Dresden elbaufwärts -kommend zur Felsenstirn des königlichen Steins -emporschaute, zur Felsenstirne, der noch die Krone eines<span class="pagenum" id="Seite_317">[317]</span> -königlichen Bauwerks fehlte. Er hat dem Stein diese -Krone nicht aufsetzen können. Baumwipfel rauschen und -legen sich als grüner Kranz statt der geplanten ragenden, -steinernen Krone um die Felsenstirn. – Die alten Bauten -sind erhalten geblieben. Die königlichen Bauphantasien -sind vorüber und schlummern in Mappen und Archiven, -um nur hie und da bei einem seltenen Beschauer Architekturträume -vom Königstein zu wecken und das nachempfinden -zu lassen, was der König genial und groß innerlich -schaute und schuf, was ihm ein Kunstwerk und ein Glück -war, ohne daß je sein Wollen zum Werden, zur Tat wurde.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wir wandern durch den Park zurück. Die Kirche mit -ihrem schlanken viereckigen Glockenturm, der wie ein italienischer -Kampanile neben dem Gotteshause steht, grüßt -uns durch das Laub der Bäume. Ihr schlichter, einschiffiger -Bau ist in Abmessung und Ausstattung von großer Bescheidenheit -und Zurückhaltung, so sachlich und nüchtern -auch im Innern, wie es für eine Soldatengemeinde sich -geziemt. Kurfürst Johann Georg II. ließ die Kirche -1675/76 erbauen. Nur der Altar ist mit größerer Kunst -und Zierde bedacht. Zwei Säulen aus buntem italienischen -Marmor schmücken ihn, die Papst Klemens dem -Kurfürsten geschenkt hat, und ein schönes Altarbild, welches -die Bergpredigt darstellt und als Landschaft den Königstein -zeigt. – An der Stelle dieses Gotteshauses mag schon -in früher Zeit, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, -eine Kirche gestanden haben, deren erhaltene Teile, der -gewölbte Chor mit dem Triumphbogen und den altertümlich -romanischen Kämpfersteinen allen Zeiten, Stürmen -und Umbauten standhielten und sie überdauerten. Herzog -Georg der Bärtige errichtete 1515 hier eine Kapelle dem<span class="pagenum" id="Seite_318">[318]</span> -heiligen Georg, seinem Schutzpatron, und gedachte aus dem -Königstein eine Art Mönchsburg zu machen. Er stiftete -1516 »aus christlicher Andacht und mit groser Müe, auch, -wie es in der Urkunde heißt: ›unser hertzlieben Gemal -Fraw Barbara und unser erben nachkommen heil und -seligkeit zu erwerben‹, ein Cölestiner Kloster des Lobes -der Wunder Marie uff dem Königesteyn«, und besetzte es -mit 12 Mönchen aus dem Kloster Oybin bei Zittau. Trotz -der nunmehr geistlichen Bestimmung des Königsteins, -wurde seine militärische Bedeutung jedoch nicht verkannt -und ganz aufgegeben. Die Mönche, welche zugleich Burgmänner -und Burgwarte waren, durften keinen neuen Weg -nach dem Felsen anlegen und mußten, sowie ein Krieg -ausbrach, die Schlüssel zur Festung einem fürstlichen -Hauptmann ausliefern. Das Vertrauen zur Kriegstüchtigkeit -der Mönche scheint also nicht sehr groß gewesen zu sein. -Der Bischof von Meißen, Johann von Salhausen, sah diese -Neugründung sehr skeptisch an und meinte, »es werde das -Kloster dort von den böhmischen Winden und der starken -Luft der böhmischen Ketzer bald umgeworfen werden und -zergehen«. Aber ein stärkerer Sturm als die böhmische -Hussitenluft ging durch Deutschland, die Reformation, dem -das Kloster nicht standhielt. Der Prior selbst ging, unter -dem Vorwand einer Reise, gerade nach Wittenberg zu -Luther, und »heurathete« schon im Jahre 1525. Die -übrigen Mönche liefen, aller Vorstellungen des Herzogs -ungeachtet, auch auf und davon, bis auf zwei, welche der -Herzog wieder auf den Oybin zurückschickte, wo man sie -aber nicht annahm, trotz des Handschreibens, das der -Herzog ihnen mitgab. Daß diese Mönche so rasch das -Kloster auf dem Königstein wieder aufgaben, beweist, daß -sie dort sich nicht besonders wohlgefühlt haben konnten.<span class="pagenum" id="Seite_319">[319]</span> -Kein Wunder, denn Schmalhans war dort oben Küchenmeister -und der Durst war der Kellermeister, denn es lag -noch kein großes Faß im Keller, kein tiefer, kühler Brunnen -war vorhanden, sondern in Zisternen wurde das wenig -lockende Wasser gefangen. Wildbret und Fisch war seltene -Kost. Der Herzog hatte nicht genügend für Einkünfte gesorgt -und milde Gaben aus der Hand treuer Kinder der -Kirche wurden immer weniger, magerer und dürftiger. -Das Volk fühlte, daß etwas Neues, Großes im Werden -war, und das Alte sterben müsse, daß die Gnadengaben, -welche für fromme Stiftungen und Gaben vom Kloster und -den Heiligen verheißen wurden, in der neuen Zeit, die der -kühne Wittenberger Mönch heraufführen sollte, vielleicht -doch ihren Zweck verfehlen und verlieren könnten. – Das -Kloster mußte geschlossen werden und ingrimmig enttäuscht -berichtete Georg diesen höchst ärgerlichen Mißerfolg dem -General des Cölestinerordens nach Italien. Aus seinem -Briefe ersieht man, wie unangenehm und peinlich dem -Fürsten die Sache war, und daß er sich nicht wenig fürchtete, -in Rom wohl gar für ein gegen die Klerisei lauer -Mann gehalten zu werden. Man sieht, wie die Fäden -Roms wie ein festes, starkes Netz Deutschland umspannten -mit ungeheurer Macht, so daß sogar solch unbedeutendes -Ereignis, wie der mißglückte Klosterversuch auf dem Königstein -einem mächtigen deutschen Fürsten Veranlassung -bieten mußte, in Rom um gutes Wetter zu bitten. Georg -war bekanntlich ein fanatischer Gegner Luthers und hat -seine Lehre und Anhänger hart und streng verfolgt, bis an -sein Lebensende.</p> - -<p>Vielleicht stand die auf dem Königstein erlebte Enttäuschung -in innerem, seelischem, ursächlichem Zusammenhange -mit der Strenge und rücksichtslosen Härte und dem<span class="pagenum" id="Seite_320">[320]</span> -bitteren Haß, mit denen er sein ganzes Volk, ja seinen -Bruder und Schwäger in seine eigene Glaubensrichtung -wider Willen zwingen wollte. Erst unter seinem Bruder -und Nachfolger Herzog Heinrich dem Frommen konnte sich -die neue Lehre freier entfalten.</p> - -<p>Herzog Heinrich machte auch den Stein erst wieder zu -einer Festung, die dann von seinen Nachfolgern mehr und -mehr ausgebaut wurde. –</p> - -<p>Wir gehen zum Brunnenhause hinüber mit dem tiefen -Brunnen, den Kurfürst August durch Konrad König -152,5 <em class="antiqua">m</em> tief mit einem Durchmesser von 4 <em class="antiqua">m</em> Länge in den -Sandstein sprengen und meißeln ließ. 1553 wurde er begonnen -und erst nach 40 Jahren fand man reines Quellwasser. -40 Jahre harter Felsenarbeit und einer bewundernswerten -Zähigkeit, Tatkraft und Hoffnungsfreudigkeit, -40 Jahre durch die Wüste, wie einst die Kinder Israels, -ehe sie zu den kühlen Wasserbächen des gelobten Landes -kamen! – Ist dieser Brunnen nicht wie ein Symbol? Ist -der Fels auch noch so hart und werden tausend Meißel -stumpf und werden tausend Arme müde, es gibt ein <em class="gesperrt">Dennoch</em> -und ein Hindurch, das tief im Felsengrunde das erquickende, -wohlschmeckende, kühle Naß nach zäher Arbeit -findet und aufschließt. Dieses Dennoch und dieses Hindurch -wird auch das deutsche Volk neue Quellen finden und erschließen -lassen, wenn es harte Felsarbeit leisten will und -der Stunde geduldig entgegenarbeitet, da die frischen -Wasserquellen entgegenspringen und sprudeln.</p> - -<p>Zwei Tonnen gehen abwechselnd auf und nieder und ergießen -ihren Inhalt in einen Behälter, dessen Zuflußrinnen -unmittelbar vom Brunnenrand abführen. Heute ist Kraft -und Antrieb für die Wasserförderung elektrisch. Früher -diente diesem Zweck im Nebenraum ein ungeheures Tretrad,<span class="pagenum" id="Seite_321">[321]</span> -welches durch Menschenkraft in mühevoller Sklavenfron -unseliger Gefangener bewegt, die Seile auf mächtiger -Trommel auf- und abwickelte.</p> - -<p>Der Brunnenmeister zeigt gern die kleinen Scherze, -welche auch anderwärts geübt werden. Er gießt Wasser in -mehreren Absätzen in die schwarze, gähnende Tiefe. Atemlos -lauscht man gespannt, bis von unten nach fast -½ Minute in gleichen Abständen die Aufschläge klatschend -herauftönen. Da merkt man, was für ein ungeheurer Zeitraum -eine halbe Minute sein kann! Er läßt Lichter hinab -am langen Seil, bis wir im Bodenlosen den blanken -Wasserspiegel aufblitzen sehen. Er zeigt, wie er durch geschickte -Stellung von Spiegeln den Sonnenstrahl an der -Türe draußen einfängt und ihn hinabschickt in den -schwarzen, feuchten Schacht, daß er dem Wasser in der dunklen -Tiefe Botschaft vom Himmelslichte bringt. Er erzählt, -wie der Brunnen zur Reinigung manchmal befahren wird, -und daß der Wasserstand 15 <em class="antiqua">m</em> normal ist und auch in -heißen Jahren sich in dieser Höhe hält. Er berichtet auch, -daß der Brunnen sein untrügliches Barometer sei, daß ihm -die kommende Witterung sicher vermelde durch einen Nebelschleier -über dem Wasserspiegel bei kommendem guten -Wetter, durch blanken Spiegel, wenn draußen das Wetter -sich trübt. Er zeigt, wie meisterhaft die alten Brunnenbauer -gearbeitet haben, wie glatt die inneren Wände geschrotet -sind und in genau lotrechter Führung der Schacht -abgeteuft ist, eine bewundernswerte Bergmannsarbeit. Hier -ist die Lebensquelle, die Herzader der Festung, für welche -Vater August, der große Volkswirt auf dem sächsischen -Throne, sorgte, wichtiger als das große Faß, für welches -August der Starke, der große Egoist auf dem sächsischen -Throne sorgte. – –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_322">[322]</span></p> - -<p>Wir treten aus dem kühlen, dunklen Brunnenhaus -wieder hinaus in den lichten, prangenden Sommertag. Es -wölben sich über uns die hohen, grünen Wipfel des -Königsplatzes, und es flüstern ihre Blätter im Winde.</p> - -<p>Unsere Gedanken umfassen noch einmal, was wir erlebt, -was wir geschaut, was wir empfunden haben. Wo gibt -es im Sachsenlande eine Stätte, die soviel zu sagen, soviel -zu geben und zu schauen hat, wie dieser königliche Stein?</p> - -<p>Ja, um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes! Es -ist, als ob er eine Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, -gelitten und genossen hat, davon zu schweigen weiß, -die aber auch dem, der sie sucht, sich zu offenbaren weiß!</p> - -<p>Sei mir gegrüßt du <em class="antiqua">lapis regis</em>!</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[323]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Eine_Fahrt_ins_Weihnachtsland">Eine Fahrt ins Weihnachtsland.</h2> -</div> - -<p class="drop">Vor dem Hauch des milden Westwindes war der Weihnachtsschnee -zwar leider fast zerronnen, aber doch -lag es noch wie Weihnachtsstimmung und Nadelduft in -der Luft. Der Rucksack war wohlgepackt. Auch er gab -weihnachtlichen Duft nach Stollen und anderen guten -Dingen. Eine Weihnachtsfahrt sollte es werden in das -Land der Kinderträume und lustiger Spielzeugherrlichkeit, -wo Nußknacker und Räuchermännlein, Lichterengel und -Bergmänner das große Wort führen, wo die Krippen in -seliger Einfalt sich aufbauen und die Weihnachtspyramiden -ihr buntgeschnitztes Leben zeigen. Im Morgendämmer -lag der Garten mit seinen wenigen leuchtenden Schneeflecken. -Die schöne grüne Tür mit dem kunstreichen Schloß -fiel hinter mir und meinem wanderfrohen Weibe zu, da -kam zur verabredeten Minute der Freund, der Maler mit -seiner blonden Frau und grüßte mit frohem Glückauf. -Am Bahnhof stieß zu uns der Ingenieur mit seiner Braut, -der an der Bagdadbahn einst baute, und nun, nach Krieg -und Wunden, mit uns das Weihnachtsmärchen suchen -wollte. – Nun ging es hinaus in die nebelverhangene -Welt mit fauchendem Züglein. Nur an den Nordabhängen -der Böschungen lag dort noch der Schnee und die dunklen -Halden des alten Bergbaus waren noch weiß betupft. Die -Fläche des Berthelsdorfer Hüttenteiches war mit Eis bedeckt<span class="pagenum" id="Seite_324">[324]</span> -und blinkte wie matter Stahl in den ersten schrägen -Strahlen der mit dem Gewölk ringenden Sonne.</p> - -<p>Die Hänge des Muldentales mit ihren dunklen Wäldern -und braunen Feldern und den schön geschwungenen Höhenlinien -glitten an uns vorüber. Von Mulda führte uns -dann das Nebenbähnchen mit Schnaufen und Pusten und -gelegentlichem, wichtigtuendem Bimbim, Bimbim durch -das enge, malerische Chemnitzbachtal empor nach Sayda.</p> - -<p>Schön bewaldete Höhen treten rechts und links an die -Bahn heran. Rechts öffnet sich bald ein Wiesengrund, in -dem ein Bächlein herniedereilt, während neben ihm die -Straße gemächlich zum Haltepunkt abwärts steigt. Wolfsgrund -ist der romantische Name, der zu der Lieblichkeit -nicht mehr zu passen scheint.</p> - -<p>Einst war es anders: Am Eingang und Ausgang des -Tales standen am Wege Hütten zum Aufbewahren von -Waffen, besonders Keulen, die beim Durchgehen des dunkelen -Waldes jeder mitgenommen, um sich gegen die Wölfe -zu verteidigen, welche hier in den Dickichten der Talschlucht -gehauset. Längst sind diese Tage vorüber und statt Urwaldschrecken -grüßt uns die sonnige Lieblichkeit von Wiesen -und Wald in freundlichem Wechsel.</p> - -<p>Ein reizvolles Wiesental ist es, in dem die Bahn sich -hinschlängelt. In seinem leuchtenden Grün mag im Sommer -das Auge sich satt trinken können und sich der tausend -Blumen freuen in ihren starken Farben und würzigem -Duft und Kräfte gewinnen, um freudig ins Grau des Alltags -zu schauen. Heute war die Fläche zart rehbraun getönt -und mit dem schimmernden Silbergrau des Reifes angehaucht. -Der Maulwurf war munter gewesen und hatte -kräftige, schwarze Tupfen durch die zahlreichen frisch aufgeworfenen -Haufen in die zarte Farbenstimmung gesetzt.<span class="pagenum" id="Seite_325">[325]</span> -Der Chemnitzbach schlängelt sich mit hurtigem Laufe in -vielen Windungen durch das Tal.</p> - -<p>Man sollte es dem harmlosen Bächlein dort nicht zutrauen, -daß es auch recht bösartig sein kann und durch -Überschwemmungen schon manchen schlimmen Schaden angerichtet -hat. Das Kirchenbuch von Dorfchemnitz weiß -davon zu erzählen: »Am 17. Mai 1622 sind 7 Personen begraben -worden, welche in der großen erschrecklichen Wasserfluth -ertrunken. Denn das Wasser und große Schloßen -3 Häußer ganz und gar weggerißen, daß nicht ein Stecken -mehr stehengeblieben. Auch sonsten erschrecklichen Schaden -gethan, indem es die Gärten gäntzlichen verschwemmet und -alle Zäune hinweggenommen. Denn das Wasser über die -ganze Gemeinde, so breit sie gewesen (70–80 Schritt!) -etliche Ellen hoch gegangen, an der Schulbehausung zum -Stubenfenster hineingegangen, Stub und Haus voll -Schloßen geführt, welche zum Theil sehr groß gewesen. Gott -wolle vor solchen Wasserfluthen hinfür und auch anderm -Unglück aus Gnaden behüten!«</p> - -<p>Das breite Wiesental liegt so freundlich in seinem silbergrauen -Atlasgewande, als trüge es immer nur ein Feierkleid -und lernte nie des Lebens Not und Kampf kennen.</p> - -<p>Auf den Hängen liegen einzelne Höfe. Fest geschlossen -wie Burgen schauen sie wie Herren ins Tal, nicht gar -trotzig, aber breit und behäbig voll Selbstbewußtsein und -einer gewissen Unnahbarkeit. Dort das Rittergut von -Dorfchemnitz mit seinen festen Mauern liegt auf der Höhe -hinter dem Filigran der entlaubten Wipfel, mit der -Kirche zusammen eine Baugruppe von besonderem malerischen -Reiz.</p> - -<p>Der Rauch unseres Zügleins weht in langer, silberweißer, -wallender Fahne durch das Tal. Duftiges Blau,<span class="pagenum" id="Seite_326">[326]</span> -zartes Sepia, dunkles Grün, Weiß, und Silbergrau sind -die Töne, welche das liebliche Landschaftsbild beherrschen -und alles in unendlich weicher Harmonie vereinen. Die -Fenster im Wagen sind beschlagen. So stehe ich draußen -mit dem Maler und male im Geiste die zartesten Aquarelle -mit ihm, wo die Farben nur wie ein Duft auf dem leuchtenden -Weiß stehen und so unendlich wohltun in ihrer -keuschen Reinheit, Zurückhaltung und Vornehmheit. Jeder -Ausschnitt wird uns so zum Bilde reiner Winterherrlichkeit, -daß unser Herz froh wird und unsre Lungen immer -tiefer die klare, kalte Luft der Höhen atmen. In Sayda -wandern wir dann durchs Städtchen.</p> - -<p>»Das vollständige Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon -von Sachsen« von August Schumann aus dem Jahre 1823 -sagt von ihm:</p> - -<p>»Die Lage von Sayda ist, da es auch an Bäumen fehlt, -unfreundlich und rauh, und hat zwei große Unbequemlichkeiten, -nämlich einen langen Winter und sehr viel Schnee -und im Sommer oft solchen Wassermangel, daß Wachen an -die Brunnen gestellt werden, um nicht zu viel Wasser in -eine Haushaltung kommen zu lassen; auch gibt es im Frühling -und Herbst immer viel Nebel. Dagegen wird das -Korn doch in der Regel reif, und nur selten begräbt der -Schnee den Hafer.«</p> - -<p>Ein schlichtes Landstädtchen ist es mit einfachen, nüchternen -Häusern in gerader Straßenzeile. Diese Straße -war einst ein tiefer Hohlweg, welcher die beiden Haupttore, -das Freiberger nördlich und das böhmische südlich, verband, -so daß man in einem Tore stehend, durch das andere -hindurchsehen konnte. Im Jahre 1554 füllte man den -6 Ellen tiefen Hohlweg aus und pflasterte ihn, ein Fortschritt, -der für jene Zeit eine besondere Kulturleistung war.<span class="pagenum" id="Seite_327">[327]</span> -Von der uralten Grenzburg Seydowe ist nichts mehr erhalten.</p> - -<p>Dort, wo die Kirche mit ihrem kräftigem Turme sich -erhebt und hohe Linden ihren jetzt so kahlen Wipfel breiten, -scheint der letzte Rest alter, malerischer und behaglicher -Kleinstadtschönheit zu sein und im Sommer mag es gar -traulich und schön zu weilen sein unter dem dichten Blätterdach -und duftendem Grün.</p> - -<p>Harte Schicksale waren es, welche der Stadt ihre heutige -Gestalt gaben. Feuersbrünste, Kriegsdrangsale und Seuchen -gingen durch die Straßen und Häuser und zäher -Bürgersinn baute immer wieder auf, was des Schicksals -erbarmungslose Faust zerschlagen. So ist das heutige -Stadtbild zugleich eine Folge und ein Denkmal schwerer -Vergangenheit. 1465, 1599, 1634, 1702, 1842 sind die -Jahre der zerstörenden Feuersbrünste, welche große Teile -der Stadt in Asche legten. Das obengenannte Staats-, -Post- und Zeitungslexikon sagt treuherzig: »Nach all diesen -Unglücksfällen ist es kein Wunder, daß der Ort jetzt zu den -ärmeren des Landes gehört, und <em class="gesperrt">ohne einigen Paschhandel</em> -nach Böhmen würde er es noch mehr seyn!« Im -Jahre 1842 verloren durch den Brand 289 Familien mit -1100 Köpfen ihr friedliches Obdach. Auch die Kirche hatte -damals stark gelitten, doch blieb das Netzgewölbe mit -seinen acht schlanken Pfeilern und die schönen Epitaphien -der Familie von Schoenberg in ihren reichen Renaissanceformen -erhalten. Besonders das Grabmal des 1605 -verstorbenen Caspar von Schoenberg mit seinem reichen -Figurenschmuck und üppiger, kunstvoller Ornamentik in -edlem Material, aus der Schule des Nosseni stammend, -nach einem Entwurfe vielleicht von seiner Hand, ist der -Hauptkunstbesitz der Kirche und der Stadt geblieben und<span class="pagenum" id="Seite_328">[328]</span> -mag sich getrost mit den schönsten Werken dieser Art im -Lande messen.</p> - -<p>Der Turm, der sich so gut ins Stadtbild fügt und weithin -ins Land über Wälder und Berge leuchtet, mußte nach -dem Brande von Grund auf neu errichtet werden. Unter -den Pfarrern, welche hier ihres Amtes walteten, war gar -mancher wackere Mann, den Zeit und Schicksal besonders -eigenartig formte. Victorinus Rothe, 1564 in Leisnig geboren -und in Freiberg erzogen, verlor seinen Vater durch -Gift, welches ihm seine Gegner, die Calvinisten reichten. -Nach seinem Studium in Wittenberg war er erst Schulmeister -an verschiedenen Orten und dann zehn Jahre Mittagsprediger -am Dom zu Freiberg, wo er infolge seiner -hellen und durchdringenden Stimme großen Zulauf hatte. -22 Jahre war er dann in Sayda tätig und mag dort viel -mit Sorgen zu kämpfen gehabt haben, denn um seinen Tisch -reihte sich eine Kinderschar, für die wohl bald das Brot zu -schmal, die Räume zu eng, der Betten zu wenig gewesen -sein mochten. Bei Gelegenheit der Kirchenvisitation 1617 -legt er das Bekenntnis ab, »er habe keinen gänzlichen -Commentarium über die Bibel, aus mangel und weil ihm -viel auff die kinder gienge, deren ihm Gott 22 bescheret und -noch 16 am leben«.</p> - -<p>Eine andere Charaktergestalt ist Johann Reinhard Jakobeer, -der Sohn des Apothekers Theophilus Jakobeer in -Pirna, der seine Vaterstadt im Jahre 1639 durch kühne -Tat vor der Einäscherung durch den schwedischen General -Banner bewahrte. Unser Johann Reinhard war der echte -Sohn seines Vaters und ein Kind des Dreißigjährigen -Krieges. Er erfuhr alle Schrecken dieser furchtbaren Zeit. -Mit seinen Mitschülern wurde er zweimal durch schwedische -Soldaten aus der Fürstenschule zu Pforta verjagt und verlor<span class="pagenum" id="Seite_329">[329]</span> -alle seine Bücher. Von 1638 an hat er in Wittenberg -in Not und Armut drei Studienjahre durchgehungert, wurde -dann Lehrer der Söhne eines erst kaiserlichen, dann schwedischen -hohen Offiziers, mit denen er durch Böhmen und -Sachsen zog und dabei alle Beschwerden eines Wanderlebens -und Kriegslebens in jener zuchtlosen, wilden Zeit -voller Abenteuer, Gefahren, Straßenraub und Gewalttaten -ertrug. Dann wurde er Feldprediger und mag im bunten -rauhen Soldatenleben manche wilde Tat verhütet, manchem -verlorenen Sohn die Todeswunde verbunden, die Todesstunde -erhellt haben. Als endlich Friede eingekehrt war, -wurde er 1653 Pfarrer in Sayda, wo er zehn Jahre seines -Amtes waltete, um dann in seine Vaterstadt Pirna als -Diakonus heimzukehren. Sein Nachfolger Christoph Knorr -ist auch eine Charaktergestalt jener furchtbaren 30 Jahre. -Als 72jähriger Greis trat er 1663 das Pfarramt in Sayda -an und hat ihm noch drei Jahre gedient. Er war 1591 in -Plauen geboren, kam nach vollendeten Studien in Wittenberg -im Jahre 1616 nach Brüx als Rektor an die evangelische -Schule, wurde Pfarrer in Wielenz in Böhmen und -geriet so mitten in die ausbrechenden Stürme des furchtbaren -Krieges. 1624 wurde er vertrieben und lebte sechs Jahre -ohne Amt in Sayda, bis er 1630 Pfarrer in Neuhausen -wurde. 33 Jahre waltete er hier seines Amtes als Vater -und Schützer der vertriebenen und verfolgten Glaubensgenossen, -welche aus dem nahen Böhmen Zuflucht und -Hilfe suchten. Ihre Kinder hat er im Walde auf Baumstöcken -als Tauftisch oft unter Lebensgefahr getauft. Mitten -im dichten Walde ist damals nach dem Kirchenbuche von -Neuhausen Kaspar Kadens uffn Seuffen Söhnlein Kaspar -»in schwedischen Einfall in Böhmen Jung worden, und uf -der deutschen seyden vorn Gohrn übern Wasser bey einem<span class="pagenum" id="Seite_330">[330]</span> -großen faulen stock geteufft«. Im Purschensteiner Walde -liegt bei Dittersbach ein großer tischähnlicher Stein, welcher -im Volksmunde der Taufstein heißt. Er trägt die Jahreszahl -1635 und mag als Altar und Taufstein im sicheren -Schutze des Waldes bei heimlichen Gottesdiensten der vor -den Feinden geflüchteten Gemeinde oder böhmischen Exulanten -gedient haben. In der Char- und Osterwoche 1638 -hat von Neuhausen, wie oft vorher und nachher, »menniglich -sich wieder in walt salvieren müssen«.</p> - -<p>Aus dem benachbarten Dörnthal wird berichtet, daß im -Jahre 1639 »solcher Hunger gewesen, daß die Leute meistens -Kleie, Leinkuchen, Gesäme und gekochtes Gras müssen essen, -und sein viel Hunger gestorben«. Die zahlreichen Leichen -wurden zumeist »ohne Sarg, Klang und Sang« heimlich -begraben. Ja in den Pestjahren, welche immer wieder die -Orte heimsuchten, blieben die Leichen oft tagelang unbeerdigt, -weil sich keine Totengräber fanden.</p> - -<p>Im Kirchenbuche von Neuhausen hat der wackere Pfarrer -Knorr von diesen Notzeiten einiges berichtet, von Mord -und Plünderung, Schändung, Brandschatzung und anderen -Untaten, vor denen sie öfter in die Wälder fliehen mußten. -1634 schreibt er: »unterm 22 Marty ist eine Partey Churfl. -Krieges Volk in Böhmen auf die Plünderung gezogen; im -raußziehn haben sie sich allhier eingelegt, und futtern -wollen, es hat ihn aber der feind uf der ferschen nachgezogen, -sie unversehens, weil sie keine Wache gehalten, -überfallen, der Churfl. ihrer Drey niedergehauen undt angezundet: -Hans Steffens Hauß sambt der Scheune, Hans -Müllers, des Schneiders Hauß, Nikol Fleischers Hauß uf der -Brücken, darinnen seine Schwieger die alte Kochin verbrand, -der Paul Schullerin Hauß mit der Scheunen, und -darbey ihr Neben-Hauß darinnen ein Kneblein von<span class="pagenum" id="Seite_331">[331]</span> -4 Jahren verbrand, das Lehngericht, welches damals Kaspar -Drechsels Erben gewesen, zu grund abgebrand und -Hans Fritzschens darneben und sind also dismahl ihrer -5 Thodt blieben.«</p> - -<p>Allein zwölf vertriebenen Pfarrern außer vielen anderen -Flüchtlingen wurden aus den Kirchenvermögen Beihilfen -gegeben, obschon Neuhausen selbst vierzehnmal in jener Zeit -geplündert wurde; und obschon das Pfarrhaus 1638 verbrannt -und zerstört war und wieder aufgebaut werden -mußte, »weil in den vielfeltigen feindseligen Ausfellen alles -darinnen zerschmettert und zu nichte worden«. Die Vertriebenen -haben größtenteils nichts mehr als einen Exulantenstab -in ihren Händen gehabt, oder, wenn es hoch gekommen, -auf einem Schiebebock ihre kleinen, öfters noch an -der Mutterbrust liegenden Kinder hinübergeführt.</p> - -<p>Trotz des furchtbaren Ernstes der Zeit hatte aber Knorr -noch mit der Zuchtlosigkeit und Verwilderung der Sitten -in seiner Gemeinde zu kämpfen.</p> - -<p>Er beschuldigt 1644 sogar den herrschaftlichen Schösser in -Purschenstein, daß er Verwirrung stifte und die Unsittlichkeit -fördere, »er habe Nacht- und Lobetänze biß zu Tage -ausgeheget, deßwegen das gesindte, Knechte und Magde zugelauffen -und allerlei Uppigkeit, wie leicht zuermessen, getrieben. -Es war kein Herr seines gesindtes mächtig.« Sogar -der Schulmeister mußte wegen Vernachlässigung des Amtes -und Unsittlichkeit abgesetzt werden.</p> - -<p>In seinem späteren Amte in Sayda fand er nicht die -Ruhe, welche er wohl gesucht hatte. Ja, sein Leichenstein -sagt »Den Abend seines Lebens trübte er sich durch die -Annahme des Pfarramtes zu Sayda«, und bitter klingt -der Spruch, den er sich selbst als Grabspruch gesetzt:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_332">[332]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ade du falsche Welt, die du mich hast geplagt,</div> - <div class="verse indent0">Auch Tag und Nacht an mir nach Würmer-Art genagt.</div> - <div class="verse indent4">Mich decket dieser Stein,</div> - <div class="verse indent4">Biß Gott wird Richter seyn.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Er, der in schwerster Zeit, 33 Jahre lang, der geistige -und seelische Halt in dem gefährdeten Grenzbezirk gewesen -und alle Nöte und Ängste des Krieges treu mit seiner -Gemeinde geteilt, hätte einen besseren Dank als diesen -bitteren Ausklang und Nachklang seines Lebens verdient.</p> - -<p>Einer seiner Nachfolger in Sayda, Friedrich Ziegler, -Pfarrer 1692–1720, hatte sich als Wahlspruch das Wort -gesetzt: »<em class="antiqua">ride et vicisti</em>«, »Lache und du hast gesiegt!« -Dieser lachende, vielleicht auch ironisch lachende Philosoph -– Optimist oder Skeptiker? – mag leichter das Leben -überwunden haben, aber freilich ist diese Philosophie -nicht durch solche furchtbaren Proben versucht worden, wie -Knorr sie bestehen mußte, bei denen man das Lachen -wohl verlernen mag! Ziegler hat eine Schrift verfaßt, -»Die Seelen-Vergnügung im Grünen«. Es lächelt uns -aus dem Titel das frohe Behagen eines freundlichen Pfarrherrn -entgegen, dem das Lachen leicht ist. Knorr mag bei -seinen heimlichen, gefährlichen Waldgottesdiensten nicht an -eine »Seelenvergnügung im Grünen« gedacht haben, weil -er zu viel Blut und rote Flammen gesehen, zu viel Seelennot -im Grünen gefunden.</p> - -<p>Gedankenvoll schreiten wir die lange Straße zurück, verlassen -das Städtchen und wandern dann hinaus in die -sonnige Winterwelt. Da liegt vor dem Städtchen das alte -Johannes-Spittel hinter alten Bäumen. Bunt leuchtet das -Wappen der Herren von Schönberg mit Inschrift über der -Tür, durch welches das ganze schlichte Haus eine besondere -Zierde und Charakter erhält. Bernhard von Schönberg<span class="pagenum" id="Seite_333">[333]</span> -hat das Hospital gestiftet, als er 1476 auf der Heimfahrt -von Jerusalem auf der Insel Rhodos auf dem Sterbelager -lag und seiner fernen grünen Heimatberge und harzduftenden -Wälder gedachte. –</p> - -<p>Grüß Gott du altes Weiblein dort am Fenster in deinem -warmen Stüblein, du neidest uns nicht unseren Gang in den -Winter hinaus. Der warme Ofen ist dir Erfüllung deiner -Wünsche. Uns sollen noch Wind und Wald und Schnee -Lieder der Sehnsucht und der Wünsche Gewalt und Erfüllung -finden lassen.</p> - -<p>Und ihr Schläfer hinter der schlichten Mauer unter den -weißen Hügeln dort drüben, eure Herzen gingen zur Ruhe, -aber was ihr gedacht und gelebt, es lebt und wirkt in ungeahnten -Kräften. Vielleicht ist es im Wind lebendig, der -dort vom Walde herüberweht, den ihr vielleicht gepflanzt -habt, vielleicht klingt es aus dem Jauchzen der Kinder, die -dort mit Schneeballen werfen, Kinder eures Blutes, vielleicht -liegt es keimend im Acker, an dessen Rand wir -dahinschreiten und dessen Frucht vielleicht dem Fleiß der -nimmermüden Hände vieler Geschlechter, eurer Geschlechter, -die dort ruhen, zu danken ist, vielleicht sind die Gedanken -und Stimmungen, die uns hier überkommen, Spuren unsichtbaren -Lebens, das hier daheim ist, Spuren eures Lebens, -das ihr ganz an eure Heimat gewendet habt, und das uns -nun eure Heimat lebendig und beseelt macht. Mit uns -wandern alter ferner Zeiten stille Gestalten, nicht als dunkle -Schatten, nein als Leben von unserem Blut, die das Leben -gelitten und durchkämpft und bestanden haben und mit uns -gehen als Freunde, um vom Schicksal zu reden, vom Schicksal -der Seelen, vom Schicksal der Heimat, von Vergangenheit -und Zukunft.</p> - -<p>Sinnend schreiten wir in den Weihnachtswald, in dem<span class="pagenum" id="Seite_334">[334]</span> -die Schneeflecke aus dem dunklen Grün leuchten. Rechts -schimmert die vereiste Fahrstraße durch die Stämme und -der breite Streifen eines Kahlschlages. Was geht es sich so -weich in dem harzduftigen Walde, als schritten wir in den -Sonntag hinein, wo es so kirchenstill ist, als hätte eine -heilige Feierstunde begonnen, in der alles fernen, fernen -leisen Klängen lauscht wie geheimnisvollem Läuten sehnsuchtsweiter -Glocken, dem Harfen des Windes in den -Wipfeln oder dem Rieseln und Sickern des schmelzenden -Schnees im Waldboden.</p> - -<p>Ein dünner blauer Rauch steigt aus der Schneise empor -und füllt die Luft mit starkem Harzgeruch. Wie Weihrauch -und stilles Opfer zu geheimnisvoller Weihe zerfließt er -über den Wipfeln. Der Wald duftet stärker als zuvor.</p> - -<p>Wir treten auf eine weite Lichtung hinaus. Wie ein -schimmernder Saal mit silbernem Teppich liegt sie da rings -vom schweigenden Walde wie von dunklen Wänden umschlossen. -Dicht am Walde liegt »das kleine Vorwerk« mit -weißem Schneepelz auf dem Dache. Alles ist still und fügt -sich einfach und schlicht in die große heilige Ruhe. Ein -mächtiger Baum in der Nähe, herrlich nach allen Seiten -gleichmäßig entwickelt, steht da wie der stille Wächter der -Einsamkeit. Die leere schneefeuchte Bank an seinem Stamm -unter den schimmernden Zweigen ist heute ein starkes Sinnbild -der Verlassenheit oder Vergessenheit. Wie mag im -Sommer unter seinem grünen Dach das Leben eine Stätte -haben. Dort rastet der einsame Wanderer, dort ruht der -Schnitter und genießt sein einfaches Mahl. Dort lacht und -spielt fröhliche Jugend und die wandernde Horde lustiger -Vögel, dort klingt ein altes Lied von Liebe und Leid zur -Laute. Dort sitzt im sinkenden Tagesschein das Liebespaar -und lauscht dem Flöten der Singdrossel hoch oben im Gezweig:<span class="pagenum" id="Seite_335">[335]</span> -Ein Baum, um den alle Poesie von Wald und Wiese -und stillen Wegen wirkt und webt. –</p> - -<p>Der Wald nimmt uns wieder auf und nach kurzer Wanderung -zwischen seinen schneebehangenen Zweigen öffnet -sich eine neue Lichtung, der Mörtelgrund. Wie ein breites -silbernes Band liegt er zwischen den dunklen Fichten, quer -den Wald durchschneidend und einen weiten Blick aufwärts -und abwärts gewährend. Oberhalb zieht sich die Staatsstraße -mit einem Brückenbogen den Bach überspringend. -Nach unten schweift der Blick in die Ferne. An der Straße -hier liegt aber ein stiller Teich, auf dessen Damm gewaltige -Fichten wie stolze Türme sich erheben. Weit breiten sich -die untersten Zweige fast dicht über den Boden hin. Ebenmäßig -bauen sich die Prachtgestalten auf und ein Flüstern -geht durch ihre dichten Nadeln, als raunten sie Geheimnisse -aus alter kühner Heldenzeit, als wüßten sie Kunde von seltsamen -Abenteuern und Märchen des Waldes oder von der -schönen verwunschenen Fee im kühlen Wasser dort unter -dem grünlichen Eis, verwunschen und verzaubert im -gläsernen Sarge. An den Nadelspitzen hängen Tausende -funkelnder Tropfen wie Perlen, als hätte ein Weihnachtswunder -den köstlichen Schmuck gezaubert. Da regen sich -sachte die Zweige und wie schimmernde Tränen fallen die -Tropfen nieder mit leisem, feinem Klingen.</p> - -<p>Die Wasserfei lauscht, denn es klang an der gläsernen -Decke, als pochte schon der Frühling an, um den Zauberbann -zu lösen, der sie verschlossen hält. – Ach lausche nur, der -Frühling ist noch weit und ferne die Zeit, dich auf der -duftigen Wiese im Mondschein im Tanze zu wiegen und -Blumenkränze in deine fliegenden Locken zu flechten. – –</p> - -<p>Durch Wald geht es weiter, und dann treten wir auf -freie Höhe hinaus. Entzückt schweifen die Blicke über die<span class="pagenum" id="Seite_336">[336]</span> -reinen edlen Linien der Berge, welche sich in langen Zügen -in den Himmel schwingen, zarter und zarter, bis sie in -weiter Ferne verblauen. Dicht vor uns ist der Schwartenberg -mit breitem Rücken. Rehbraun und weiß ist das -Gewand gescheckt, das er über seine breiten Schultern gelegt -hat, und in unendlich feinem Tone mischt sich ein zartes -Veil und Blau hinein. Ja, du trägst nicht Sorge um -moderne Farbenstellung deines Kleides, und was die kleine -Welt dort unten zu deinem Gesicht und deinem Wesen und -Kleid sagt. Ob Sonnenstrahlen um dein Haupt klingen -und singen, ob der Sturm dir seine wilden Weisen schnaubt -und heult, du lächelst im fröhlichen Gewand dem Frühling, -du schaust im rechten Feierkleide dem Winter ernst und versonnen -ins grimme Gesicht. – Wie still und weit wird doch -das Herz, wenn es fern vom lauten Troß und Trieb der -Niederung so in die schweigende Bergwelt des Winters -schaut. Wie fühlt man so tief, daß echte Werte nicht im -Lärm, sondern nur in der großen Stille sein und werden -können. Schweigen ist Kraft. Schweigen ist Tiefe. In -dieser heiligen Stille fällt alles Äußere ab und der Kern, -Wesenheit und Wert der Dinge wird offenbar. Wohl dir, -wenn du ohne Lüge bestehst, der Stille ins tiefe Auge sehen -kannst, wenn die Stille dir noch etwas sein und geben kann.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Das Ewige ist stille,</div> - <div class="verse indent0">laut die Vergänglichkeit;</div> - <div class="verse indent0">schweigend geht Gottes Wille</div> - <div class="verse indent0">über den Erdenstreit.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="mright s90"> -(Wilhelm Raabe.) -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Weg senkt sich allmählich. Aus dem Talgrunde steigen -Türme und Mauern in malerischer Gruppe auf: Schloß -Purschenstein und zu seinen Füßen die Dächer und Giebel -von Neuhausen. Der Weg ist stark vereist und nicht ohne<span class="pagenum" id="Seite_337">[337]</span> -manches Ausgleiten und heiteren Fall führt er uns ins -Dorf hinab.</p> - -<p>Wie stolz liegt die malerische Baugruppe der alten Burg -nun jetzt über uns, mit ihren spitzen Türmen über die -Bäume des Parkes am Berghang hinwegschauend.</p> - -<p>Als Grenzburg hat sie durch viele Jahrhunderte Feinden -Trutz geboten und war zugleich auch eine Zufluchtsstätte in -der Zeit der Glaubenskämpfe für zahlreiche aus ihrer -böhmischen Heimat vertriebene lutherische Exulanten. Mehr -als ein halbes Jahrtausend sitzt hier das Geschlecht der -Herren von Schoenberg bis auf den heutigen Tag. Freilich -ist die Zeit jener Herrschaftsgewalt vorüber, als zu Beginn -des Dreißigjährigen Krieges die Purschensteiner Schönberge -neben den weitausgedehnten Waldungen 5 feste Schlösser, -4 Rittergüter, 2 Städte, 1 Marktflecken und 39 Dörfer ihr -eigen nannten und über einen Besitz von rund 500 Quadratkilometer -– ein kleines Fürstentum – als Herren geboten. -Der Ruhm dieses Geschlechtes, der zugleich seine Blüte bedingt, -ist die Arbeit, der weitschauende Blick, welcher in der -wirtschaftlichen Entwicklung und zielbewußter Siedelung -und Aufbautätigkeit die Wohlfahrt seiner weiten Gebiete -förderte.</p> - -<p>Die Aufnahme der böhmischen Exulanten war nicht nur -eine Tat lutherischen Geistes und menschlichen Mitgefühls, -sondern auch klügster wirtschaftspolitischer Überlegung. In -zahlreichen Dörfern und industriellen Unternehmungen erblühte -neues Leben und neue wirtschaftliche Kraft für die -Ansiedler ebenso wie für den weitschauenden Grundherren. -Deutscheinsiedel, Deutschneudorf, Niederseiffenbach, Heidelberg, -Oberseiffenbach, Deutschkatharinenberg, Brüderwiese, -Eisenzeche, Lässigherd, Oberlochmühle, Frauenbach, Deutschgeorgenthal,<span class="pagenum" id="Seite_338">[338]</span> -Neuwernsdorf, Oberneuschönberg, Niederneuschönberg, -Kleinneuschönberg u. a. sind Orte, die solcher bewußten -Siedlungstätigkeit ihre Entstehung verdanken.</p> - -<p>Damals schaute das Schloß nach einem Bilde von 1735 -noch bei weitem stattlicher ins Land. Fünf hohe schlanke -Türme mit offener, durchsichtiger Laterne und geschwungenen -Haubendächern, ähnlich wie der Freiberger Rathausturm, -ragten in die blauen Lüfte und bezeichneten die -von starken Mauern umgürtete und durch tiefen Wallgraben -und steilen Absturz geschützte Hauptburg, die wie -eine stolze Krone auf der Bergeshöhe leuchtete. Wie mag -so mancher Flüchtling, der vom Feinde gehetzt aus den -dunkelen Tiefen der Dickichte der Grenzwälder emportauchte, -diese leuchtenden Türme auf dem Berge mit Jubel -gegrüßt haben. Wie mag so mancher Feind begehrlich nach -diesen festen Mauern und hellen Fenstern geblickt haben. -Feindlichen Angriffen, Plünderungen und Zerstörungen ist -dieser stolze Sitz jedoch nicht entgangen. 1643 z. B. war -das Schloß von Schweden besetzt. Da rückte der Rittmeister -Sporr von der kaiserlichen Armeeabteilung des -Grafen Brey mit 200 Reitern aus Böhmen heran, um die -Schweden aufzuheben und das Schloß in Brand zu stecken. -Schon hatten die Kaiserlichen viel Leitern und Stroh herbeigetragen, -um letzteres zu ersteigen. »Es haben sich aber -die darinnen gelegenen 46 Mann Schwedischer Reuther -mit Schüßen und Steinwerffen so ritterlich gehalten, daß -die Keyßerlichen 200 Mann unverrichteter Sache wieder -abziehen müssen.« Sporr rächte sich dadurch, daß er die -außerhalb der Mauern liegenden Stallgebäude in Brand -steckte. Die Schweden hielten aber das Schloß noch acht -Wochen besetzt und brandschatzten ihrerseits die Umgegend -nach Herzenslust.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_339">[339]</span></p> - -<p>Auch 1646 haben hier noch einmal die Schweden gehaust. -2000 Mann plünderten die Kirchgemeinde Neuhausen, -trieben von hier und aus Dittersbach und Seiffen sämtliches -Vieh hinweg, raubten das Schloß aus und zündeten -den oberen Teil desselben an. »Die Schweden kommen« -war der Schreckensruf, der noch nach langen Friedensjahren -den Bauer mit Entsetzen füllte. Es hatte sich zu tief -eingeprägt, was die Pfarrchronik sagt: »weil wier damals, -wie noch alle stund und augenblick in großer kriegesnot und -gefahr geschwebet«, und »weil die Kriegesnot und gefahr -noch so groß ja größer ist, als sie iemals gewesen, sintemal -uns der Feind mit rauben, plündern und anderen grausamen -thaten, ie länger ie mehr kömmt, … große Tyranney -verubet, … ausgeplündert« usw.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Doch hinweg mit den Bildern aus blutiger, schwerer Zeit. -Wir wollen heute hier nicht rasten, so lockend auch der alte -malerische Bau auf der Höhe und dort das behäbige Gasthaus -an der Straße winken. Wir wollen ja hinüber ins -Weihnachtsland, das jenseits des Berges liegt. Auf steilem -Wege geht es weiter und an der Flanke des Schwartenberges, -»an der Schwarte« empor. Hei, das war ein -lustiges Klettern, Steigen und Rutschen auf dem blanken -Eis des schmalen Weges, wo oft nur der feste Wanderstab -vor jähem Sturz und Abgleiten bewahrte und manchesmal -nur ein rascher Griff in das Gestrüpp oder nach einem -Baumstamm eine unfreiwillige rasche Talfahrt ohne -Schlitten auf den eigenen gewachsenen Rodelkufen verhütete.</p> - -<p>Diese Bergflanken oberhalb Neuhausens senden in schneereichen -Wintern auch ihre Lawinen zu Tal, die manchmal -nicht ungefährlich sind. Wer den erzgebirgischen Winter<span class="pagenum" id="Seite_340">[340]</span> -kennt und erlebt hat, wie in tagelangem Schneetreiben oft -die Schneemassen sich türmen und Schneewehen zu Bergen -sich emporbäumen, wie in den Wäldern viele Hunderte -stolzer Wipfel unter der kalten, drückenden Faust des -Schnees niederbrechen, wer einmal in solchem Schneesturm -gewandert ist oder vielmehr sich durchgekämpft hat, der -wird die unheimliche Gewalt solcher Naturereignisse ermessen.</p> - -<p>Im Winter 1835 löste sich vom hohen Gassenberge eine -Schneelawine und zerstörte gänzlich das Haus des Korbmachers -Hengst, der sich mit den Seinen jedoch noch rechtzeitig -retten konnte. 1862 verschüttete eine Schneelawine -das Heinrichsche Haus in der Treibe derartig, daß seine -Bewohner erst nach langem Schaufeln durch ein Dachfenster -des obersten Bodens mit Lebensgefahr in Sicherheit -gebracht werden konnten.</p> - -<p>Heute liegt jedoch der Schnee hier oben nicht so dicht in -geschlossenen Flächen. Locker, weich und leuchtend wirkt er -in den einzelnen Flecken und Bändern wie ein schimmernder -Schmuck, den der Berg zur Weihnachtszeit sich angelegt.</p> - -<p>Wir erreichen einige einsame Höfe und gehen dann über -eine Schneefläche wie auf weichem, kostbarem Teppich auf -ebenerem Höhenweg dahin. Wie liegt die Welt so fern und -klein unter uns. In weiter Ferne der Kirchturm von -Sayda. Davor der Wald, den wir durchschritten. Im Tale -einige Dächer und Häuser wie vergessen und verloren. Die -Dinge der Niederung sind klein geworden, das Große, Erhabene -zieht den Blick an. Die Augen schweifen in die -Runde und können sich nicht satt trinken an all der keuschen -Herrlichkeit der Berglinien und dem Dufte der Farben vom -leuchtenden Weiß zum tiefen Blau und Grün, vom zartesten<span class="pagenum" id="Seite_341">[341]</span> -Braun bis zum satten Veil dort in den tiefen Gründen -der Täler und Wälder.</p> - -<p>Höhenluft! – Wie atmen wir darin auf, wie atmen wir -so tief und frei und unsre Seele atmet mit, denn um uns -und in uns ist das große, stille Leuchten, das man erlebt, -wenn man Höhenwege wandert hoch über dem Alltag. -Staubige Pfade liegen fern in der Tiefe, in reiner Höhenluft -wird das Blut und die Seele frei, frei für Höhengedanken -frei von dunklen Tiefen.</p> - -<p>Oben über uns reckt sich eine Felsengruppe in die Luft, -als wäre sie der Stuhl eines Gewaltigen, der von hier aus -sein weites Reich überschaut, dem die Wälder Teppiche und -die Berge und Täler Stufen seiner Herrlichkeit sind.</p> - -<p>Unter einer alten, knorrigen Buche am Wege stehen wir. -Sie ist vom Sturm zerzaust, und die Äste recken sich trotzig, -wie feste Arme mit starken Muskeln und Gelenken dem -Wetter entgegen, als wollten sie mit dem ungestümen Gesellen -raufen. Der Schnee liegt in weißen Wuchten im -struppigen Gezweig, und es fällt ab und zu ein nasser -Klumpen hernieder. Wir aber stehen und schauen in das -große stille Leuchten hinaus.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Kein irdscher Laut mehr reichte durch die Lüfte,</div> - <div class="verse indent0">Mir wars, als stände ich mit Gott alleine,</div> - <div class="verse indent0">So einsam, weit und helle wars da oben.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Um die Felsblöcke dort oben saust der Wind. Frau Sage -sitzt dort und raunt ihm ihre Geheimnisse zu. Zauberkundige -Venetianer, »die Walen«, sollen dort Gold gefunden -und aus unterirdischen Höhlen geborgen haben. Als 1874 -moderne Goldgräber hier ihren Schacht in die Tiefe trieben, -da floh das Gold und wurde taubes Gestein und arm -an Beutel mußte die Habgier heimkehren. Frau Sage<span class="pagenum" id="Seite_342">[342]</span> -sitzt wieder dort und schaut mit tiefen Augen ins Land und -dir in die Seele, wenn du ein Sonntagskind bist, d. h. wenn -du Höhengedanken in dir trägst. Sie erzählt dir von den -Wundern der Heimat, die ewig sind und ewig jung.</p> - -<p>Durch tiefen Schnee ging es dann weiter und schließlich -abwärts ins Seiffener Tal, zuletzt auf steilem Fußwege -hinunter. Tiefe Schneewehen boten hier willkommenen -Halt auf dem vereisten steilen Pfad gegen den Absturz. -Watend und springend, rutschend und fest den Wanderstab -einsetzend gelangten wir glücklich zu den ersten Häusern -am Hange, wo der Weg ebener und sicherer wurde und uns -bald an winzigen Erzgebirgshäuseln vorbei auf die Talstraße -führte.</p> - -<p>Nur wenige Schritte noch und unser Ziel ist erreicht, das -Erbgericht, das bunte Haus. Helle leuchten uns seine -blanken Mauern und Fenster entgegen. Ein Querhaus und -zwei Flügel umschließen einen offenen Hof, als breiteten -sich uns offene Arme entgegen: »Seid willkommen, hie ist -gut sein, hier magst du rasten und weilen und mag es dir -wohl werden.« Dort über den Fenstern grüßt gar vertraut -Alt-Freibergs Bergparade vom langen, gemalten, -bunten Holzschild. Ja wahrlich, es ist recht, hier der alten -Berghauptstadt des Landes und ihrer Bergherrlichkeit zu -gedenken in so sinniger und sinnfälliger Weise, denn von -ihr ging die Kultur des Landes aus, ward die Wildnis -des Miriquidi gerodet und besiedelt, wurden die Erzgruben -des Gebirges erschlossen. Der Name Erzgebirge wurde erst -im sechzehnten Jahrhundert üblich, als an vielen Stellen -Erz entdeckt und die Bergstädte mit den Namen der heiligen -Familie wie Joachimsthal, Annaberg, Marienberg, Jöhstadt -usw. gegründet wurden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[343]</span></p> - -<p>Vorher hieß es nach den Worten eines alten Dichters:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Sehr wild und felsicht wars in diesen Waldesöden,</div> - <div class="verse indent0">Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind.</div> - <div class="verse indent0">Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten,</div> - <div class="verse indent0">Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Auch Seiffen dankt ja seinen Namen und Entstehung -dem Bergbau, dem Zinnbergbau. Ausseiffen bedeutet auswaschen -der Erzkörner aus Sand und Geröll. Längst ist -er zwar zur Rüste gegangen, aber überall hat er seine unverwischbaren -Spuren hinterlassen. Man sieht es, daß der -Bergbau nicht unbedeutend gewesen sein kann und dies bestätigen -alte Berichte: 1686 wurden rund 200 Zentner -»Zien« <em class="antiqua">à</em> 22–23 Thaler gewonnen. 1730 waren in Seiffen -vier, im benachbarten Heidelberg zehn Zechen im Betrieb. -Die Ausbeute betrug 508 Zentner Zinn <em class="antiqua">à</em> 22 Thaler. -Doch allmählich ließ die Ergiebigkeit der Gruben nach, der -Bergbau kam in Verfall. Schon im 16. Jahrhundert gab -es Holzdrechsler, welche mehr dem Holzreichtum der Wälder -als dem Erzreichtum der Tiefe trauten. Der Bergmann -ist ja auch immer ein Basteler gewesen. So ist es kein -Wunder, daß oft aus dem Zeitvertreib ein Beruf wurde, -und daß, als der Bergbau seinen Mann nicht mehr nährte, -statt Schlägel und Eisen das Schnitzmesser den Lebensunterhalt -verdienen mußte. Seiffen wurde allmählich der -Mittelpunkt und Hauptort der Spielwarenindustrie. Es -wurde aus einem alten Bergmannsdorf der Typus des erzgebirgischen -Schnitzer- und Industriedorfes, wo eigenartige -Gegensätze sich berühren.</p> - -<p>Hier das »Bunte Haus« ist so recht das Heim und der -Ausdruck dieser erzgebirgischen Volkskunst und Volksindustrie -geworden, einer Weihnachtskunst, bei der man fröhlich und -ein Kind wird wie zu Weihnachten, in der man sich heimisch<span class="pagenum" id="Seite_344">[344]</span> -und wohlfühlt, als erzählte Großmutter ein Märchen aus -der Zeit »Es war einmal«. Vom hübsch geschmiedeten Arm -an der Hausecke grüßt uns der Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Erst die Erde, dann die Sterne,</div> - <div class="verse indent0">Erst die Heimat, dann die Ferne.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Jawohl, viele suchen die Heimat und können doch nie -heimfinden, viele haben die Heimat und halten sie nicht. -Heimat ist kein leerer Ortsbegriff, Heimat ist eine Herzenssache. -Wer kein Herz hat, wie will der die Heimat finden -oder halten?</p> - -<p>Möge die Kunst der Heimat der Heimat eine Seele -geben, welche jene Vielen wieder zu rechten Heimatfreunden, -Heimatkindern mit Herzen voll heimwehen Heimatstolzes -macht. –</p> - -<p>Hier im Bunten Hause ist der wohlgelungene Versuch -gemacht, durch die Heimatkunst des Ortes ein echt erzgebirgisches -Heimathaus zu machen, in welchem man das -Herz der Heimat pochen fühlt und hört. Was der Hausspruch -sagt und wünscht, das mag wohl sicher in Erfüllung -gehen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Die Vorzeit grüßt Euch, daß Ihr wißt,</div> - <div class="verse indent0">wie schön sie einst gewesen ist.</div> - <div class="verse indent0">Gott gebe, daß die Nachwelt spat</div> - <div class="verse indent0">an uns dieselbe Freude hat.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Doch nein, nicht nur für die Nachwelt, nein, für das -bunte, freudige Leben des Tages und seiner Gäste ist das -Haus geschaffen.</p> - -<p>Ein frohes Behagen umfängt uns, treten wir unter sein -Dach. Der Hauptschmuck des geräumigen Hausflures ist -die Gestalt eines Freiberger Bergmannes, der auf einer -Konsole kniet bei der Arbeit vor Ort mit Schlägel und<span class="pagenum" id="Seite_345">[345]</span> -Eisen. Der Bergmann, der Erzsucher und Erzfinder, ist – -oder leider vielmehr war – ja die Charaktergestalt des -Erzgebirges. Bergleute sind Wappenhalter bei erzgebirgischen -Städtewappen, Bergleute sind die Träger erzgebirgischer -Kanzeln, Bergleute sind in den alten Bergstädten -Schmuckfiguren an Bürgerhaus und Portalen, in -Kirchen und an Geräten. Der bergmännische Gruß »Glückauf« -klingt dir oft noch treuherzig entgegen. Bergleute -sind das Spielzeug großer und kleiner erzgebirgischer Kinder. -So mag auch hier, wie nirgends, der Bergmann an -seinem Platze sein.</p> - -<p>Wir treten in die Gaststube ein und fühlen uns wie zu -Hause in warmer Behaglichkeit. Die Wände sind dunkelbraun -getäfelt und rings von den Simsen klingt es uns -wie Kinderlachen und Weihnachtsjubel aus frohen Kinderherzen -entgegen. Da ist sie aufmarschiert die ganze bunte, -lustige Gesellschaft, ohne die Weihnachten im Erzgebirge -nicht denkbar ist: die Bergleute und Weihnachtsengel mit -ihren Lichtern, die Nußknacker im buntesten Wechsel, die -Räuchermännlein in allerlei abenteuerlichen Gestalten. -Pferdchen, Kühe und Schafe und der getreue Spitz dürfen -nicht fehlen. Über den bunt mit Blumen bemalten Türen, -wie wir sie von den alten Bauernschränken kennen, ist hier -der Frachtwagen auf die Wand gemalt mit seinen vier -starken Pferden, wie er einst auf den Straßen des Gebirges -verkehrte, um Salz nach Böhmen oder das gute Freiberger -Bier ins Gebirge zu schaffen. Dort ist der Postschlitten in -voller Fahrt dargestellt. Kein Plakat, wie sonst in Gaststuben, -stört mit aufdringlicher Reklame die Harmonie des -Raumes.</p> - -<p>Einfach gerahmte Bilder aus der erzgebirgischen Heimat -von Künstlerhand schmücken die Wände, deren oberen Abschluß<span class="pagenum" id="Seite_346">[346]</span> -ein starkes farbiges Friesband – Ähren mit bunten -Feldblumen – bildet. Durch die Fenster strömt das volle -Licht herein, denn sie sind frei von unnützen Gardinen und -Stoffgehängen. Dafür schmückt ein starker, farbiger Fries -von Blumen die tiefen Fensterlaibungen und vor den -Scheiben hängen gute Glasbilder in farbiger Bleiverglasung -mit Darstellungen eines drolligen Musikantenvolkes -voll köstlichen Humors. Eine wohltuende, satte, -tiefe harmonische Farbigkeit erfüllt den Raum wie ein -voller, echter Klang, der von allen Sinnen aufgenommen -wird und warm zum Herzen dringt. Die kräftigen, gut -geformten Holzstühle und Tische laden ein zu behaglicher -Rast und helfen das Gefühl des Daheimseins steigern, weil -sie sich ganz in die Raumstimmung fügen. Die Teller, von -denen du speisest, die Tassen, aus denen du trinkst, sind -bunt bemaltes Bauerngeschirr, wie wir es aus der Verkaufsstelle -des Heimatschutzes in Dresden kennen und -lieben. Welche Freude ist es, hier im täglichen Gebrauch -einer Gastwirtschaft dieses reizvolle Geschirr in passender -Umgebung zu sehen und die Lust an seiner echt volkstümlichen -Art zu empfinden. Durch dieses Hineinstellen der -Ergebnisse liebevoller heimatlicher, künstlerischer Arbeit, -Forschung und Begeisterung mitten in den Gebrauch des -praktischen Lebens ist eine Tat getan, durch welche die -hohen Gedanken des Heimatschutzes und volkstümlicher -Kunstpflege, Kunstschaffens und Kunstfreude mächtig gefördert -werden, um so mehr, als es an einem Orte geschieht, -in dem die Erziehung zum guten Geschmack sich unmittelbar -in der täglichen Arbeit auszuwirken vermag.</p> - -<p>Mit wie einfachen Mitteln auch schwierigere Fragen gelöst -werden können, das zeigt die elektrische Beleuchtung. -Sie hätte leicht die Raumstimmung stören können, wenn<span class="pagenum" id="Seite_347">[347]</span> -die Birnen mit den Glasschalen im Raume pendelten oder -irgendeine Dutzendware als Beleuchtungskörper diente. -Wie half sich der Künstler? Er bemalte den Glasschirm -der Pendellampe in kräftiger Stilisierung mit bunten -Bauernblumen. Auf den Glasschirm legte er einen bemalten -Holzreifen, wie man sie in Seiffen dreht, und ließ -von ihm bunte Bänder herabhängen. Auf dem Holzreifen -aber ist allerlei Seiffener Spielzeug lebendig. Da sitzen -allerlei Vögelchen und schauen mit drolliger Kopfbewegung -keck herunter. Da jagt der Hirsch durch den -Wald, verfolgt vom Jäger mit seinem Hund. Kein Beleuchtungskörper -ist wie der andere und doch alle einheitlich -und ein Schmuck des Raumes von echt volkstümlicher -Seiffener Heimatart. Der Hauptschmuck ist ein großer -Kronleuchter, nach Art von Kristallkronleuchtern gestaltet, -jedoch aus weißen Holzperlen zusammengesetzt mit sparsamer -Vergoldung, ein mühsames, eigenartiges Stück Seiffens -Kunsthandarbeit.</p> - -<p>In einem Glasschranke sind allerlei Musterstücke der -Seiffener Kunst ausgestellt, um die Kauflust anzuregen und -damit dem Orte zu dienen. Der Schrank wirkt freilich in -seiner Form des oberen Abschlusses mit den geschwungenen -Linien und krausen Schnitzerei und Spitzchen hier etwas -fremdartig, als habe er sich hierher verlaufen und verirrt -aus einer anderen Welt. Das hat der Künstler wohl empfunden -und hat ihm, ohne helfen zu können, ein paar -Bauernblumen auf die Stirn und unten an den Schubkasten -gemalt. So wirkt er in der echten einheitlichen Raumstimmung -gekünstelt und falsch, wie der Salontiroler in der -Dorfschenke. Auch das Klavier dort an der Wand wird -dadurch, daß auf die schwarze Politur ein paar kecke -Bauernblumen gemalt werden, nicht »echt«, wird nicht aus<span class="pagenum" id="Seite_348">[348]</span> -einem Salonwesen zu einem erzgebirgischen Bauernkind. – -Gerade auf diesem Gebiete liegen noch viele ungelöste Aufgaben, -würdig der Mühe tüchtiger Künstlerhände. Die Gewohnheit -läßt oft Mängel auf diesem Gebiete übersehen, -die in einer neuen, fein abgestimmten, echten Umgebung -plötzlich auffallen und das Verlangen nach Neubildung und -neuem Leben und Schaffen hervorrufen. In neuem Lichte -sieht man alte Formen und klarer sieht man, was not tut; -den falschen Ton einer Saite hört man schärfer, wenn alle -anderen Saiten und Instrumente gut gestimmt sind, wie -hier. Doch diese kleinen Unstimmigkeiten sollen uns die -herzliche Freude und das Behagen an dem stimmungsvollen, -echt erzgebirgischen Raum nicht stören. Der Alltag -liegt weit hinter uns und fröhliche Weihnachtsgeister -lachen durch den Raum. Nicht in Lärm und jagendem Witz -und Scherz, nein, in jener tiefen, freudigen Stimmung sind -wir beieinander, in der einer den anderen versteht, und -freudig aus seinem Innern gibt, weil er fühlt, nur so kann -eine gute Stunde ihren Wert als wahrhaft frohe Stunde -bringen. – Wir betrachten dann den Nebenraum, der im -Gegensatz oder auch Ergänzung zu der echt volkstümlichen -Seiffener Stimmung der Gaststube mehr auf hohe Kunst -erzgebirgischer Art und Landschaft und als »Herrenstube« -gestimmt ist. Er wird beherrscht von den Gemälden mehrerer -Künstler, welche hier das hohe Lied der Schönheit -heimatlicher Landschaft singen. E. Buchwald, Zinnwald, -Alfred Hofmann, Stollberg, Alfred Kunze, Chemnitz, Prof. -Seifert, Seiffen, der Neubeleber und Anreger der Seiffener -Kunst und Gerhard Dreßler, der Künstler, dem die stimmungsvolle -Einrichtung des Hauses hier zu danken ist, sie -alle reden dort mit stummer eindringlicher Sprache von der -Heimat, wie sie ihnen dort durch die Seele gegangen ist,<span class="pagenum" id="Seite_349">[349]</span> -und ihre Bilder beseelen den Raum. Ein Gasthauszimmer, -ein Kneipenraum, und doch geweiht und frohmachend durch -die Kunst.</p> - -<p>Man muß dem mutigen Unternehmer danken, diese -Lösung der Frage »Kunst und Kunsterziehung« für das -Volk, so fest angepackt und durchgeführt zu haben hier oben -im erzgebirgischen Dorfe, während in den Großstädten auch -in den besten Gaststätten oft nur Plakate oder minderwertige -Kunst oder Kitsch zu finden ist. Wenn nur in -jeder besseren Gaststätte im Lande nur ein oder zwei Originalkunstwerke -hingen, angeschafft für das Geld, das -anderweitig für die Augen- und Ohrenmarter der Gäste -hinausgeworfen wird und besser erspart bliebe so wäre -unserer notleidenden Kunst geholfen und durch die Erziehung -und Freude, welche jedes echte Kunstwerk schafft, -würde reicher Segen geschaffen. Könnten nicht die vornehmeren -Gaststätten zugleich stimmungsvolle Ausstellungsräume -sein für Kunstwerke, die sich hier dem Käufer -in jeder Beleuchtung zur ruhigen Betrachtung darbieten -können und für sich und den Künstler unaufdringlich -werben können in Räumen, die der heimischen Wohnung -ähnlich sind. Alle Teile, der Wirt, der Gast, die Kunst und -der Künstler hätten ihren Vorteil dabei.</p> - -<p>Solche Betrachtungen und Lehren regt die Herrenstube -hier im Seiffener Erbgericht an, während die Sonne durch -die bunten Scheiben blinkt und leuchtende Farbenflecken -auf die blankgescheuerten Tische wirft. In den Fenstern sind -buntfarbige Wappen und Tierbilder wie Elster, Eichhörnchen, -Fuchs, Hase angebracht und oben im Laubwerk und -Nadelgezweig des breiten Wandfrieses tummelt sich fröhlich -allerlei Getier des deutschen Waldes, frisch und keck -ohne ängstliche Schablone hingemalt, wie es der Phantasie<span class="pagenum" id="Seite_350">[350]</span> -des Künstlers entsprang. So regt es auch wieder die Phantasie -an und macht die Gedanken fröhlich.</p> - -<p>Eine besondere Zierde des Raumes sind neben dem Holzleuchter -an der Decke mit einem Bergmann in der Mitte -noch die geschnitzten dreiarmigen Holzleuchter auf den -Tischen, welche in ihrer leuchtenden Farbigkeit und mit -ihren fröhlichen Motiven das Auge anziehen. Als Mittelstück -zwischen den drei Armen sprengt dort z. B. ein Reiter -im leuchtend roten Rock mit einem Jagdhorn auf einem -Apfelschimmel über ein Fichtenbäumchen hinweg, dort ist -es ein stolzer, springender Hirsch, dort wieder der Kopf des -Hubertushirsches mit dem Kreuz zwischen den mächtigen -Stangen. Das ist Volkskunst, welche erzählt, welche Seele -und Gedanken hinausführt aus dem grauen Alltag in -Wald und Heide und das Herz fröhlich macht.</p> - -<p>So geht es dir im ganzen Hause! Schaust du in die -Gastzimmer, so findest du keine Hotelschablone. Nein, Bett -und Leuchter, Tür, Stuhl und Spiegel sind dem Geiste des -Ganzen angepaßt. Kleine Originalgemälde schmücken die -Wand, die du, wenn sie dir besonders gefallen, sogar für -mäßigen Preis erwerben kannst. Manch launiger Vers -grüßt dich. An der Kammer der Magd steht warnend der -Vers:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Die Wirtin thut aufwecken</div> - <div class="verse indent0">die faule, faule Magd,</div> - <div class="verse indent0">sie thut sich erst recht strecken</div> - <div class="verse indent0">und schlaft dann bis es tagt.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Auf dem Treppenplatz im Dachgeschoß füllt die Ecke gewichtig -ein bunter, alter Bauernschrank aus dem Jahre -1704 und eine eigenartige, buntgemalte Wiege steht daneben, -welche auf dem Kasten den bedeutsamen Spruch -trägt:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[351]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Salomo der Weise spricht</div> - <div class="verse indent0">Weib erfülle deine Pflicht. – –</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">In einem Zimmer des Obergeschosses ist eine erzgebirgische -Bauernstube eingerichtet mit allerlei echtem Geräte bis -ins kleinste liebevoll und mit großem Verständnis ausgestattet. -Dieser für die Volkskunde belangreiche Raum ist -so recht ein Zeugnis für den Sammeleifer und die liebevolle -Art, mit der die großen und die vielen kleinen, doch -oft so wichtigen Dinge des täglichen Lebens und untergehender -Sitten und Gebräuche erfaßt und bewahrt werden. -Er ist zugleich auch ein Zeugnis für den Geist der -durch das bunte Haus geht, der alles aus Liebe zur Sache -mit großen Opfern geschaffen und nicht der Reklame und -des bloßen Gewinnes wegen, obschon auch hier die alte -Wahrheit sich wieder erweist, daß das Echte und Schöne -und Gute seinen Lohn sich selbst bereitet.</p> - -<p>Das Haus dient dem Orte und der erzgebirgischen Volkskunst -und Industrie in unaufdringlicher, vornehmer Weise, -dadurch, daß es durch die lebendige Anschauung Freude -daran zwanglos bei jedem Gaste erweckt und die Lust am -Besitze solcher lustigen Dinge.</p> - -<p>Dieser Absicht dient auch die Spielwarenausstellung im -Erdgeschoß des Seitenflügels, wo man an der Fülle alter -und neuer Stücke der Seiffener Industrie und Kunstfertigkeit -seine Freude hat und nach Herzenslust wählen darf, -was man sich oder anderen zur Freude erwerben mag. –</p> - -<p>Doch draußen lacht die Sonne! Es hält uns nicht mehr -im Zimmer. Wir steigen zur Kirche aufwärts, welche als -achteckiger Zentralbau mit hohem Zeltdach und stolz daraus -hervorschießendem Glockenturm charaktervoll in die -Landschaft der Höhenlinien und Hänge sich hineinpaßt, -wie aus dem Boden gewachsen und doch eigenartiges Leben<span class="pagenum" id="Seite_352">[352]</span> -für sich behauptend. Über dem Haupteingange befindet sich -eine Platte mit der Inschrift: »Zur Ehre Gottes und zum -Heil der Menschen geweihet 1779. Ps. 24. 7 – Pred. 4. 17.« -Links unten ist die Höhenmarke 640,462 <em class="antiqua">m</em> eingelassen. Im -Innern ist man überrascht über die geschlossene feierliche -einheitliche Wirkung des zentralen Raumes, in dem zwei -Emporen übereinander äußerste Raumausnutzung bei -günstiger Anlage der Plätze zeigen. Im Sinne des großen -Meisters der Frauenkirche in Dresden, Georg Bähr, ist hier -ein echt evangelischer Predigtraum für viele Hörer in -packendem Zusammenschluß geschaffen.</p> - -<p>Auf dem Friedhof draußen stehen wir dann am Grabe -des Pfarrers Härtel, der ein rechter Pfarrer für seine Gemeinde -war, ein treuer Berater für die Seelen seiner Gemeinde, -Helfer und Anreger auch in allen Dingen, die zur -Blüte seiner Gemeinde in wirtschaftlicher, heimatkundlicher -und kunstgewerblicher Hinsicht beitragen konnten, ein -Freund der Heimat, festgewurzelt im Boden seiner geliebten -Gemeinde.</p> - -<p>Draußen im Walde hatte er sein Lieblingsplätzchen, wo -er von moosig bewachsener Felsbank ins Tal schaute. -Dieser Stein aus heimischem Grund sollte sein Grabstein -werden, hatte er einst gewünscht.</p> - -<p>Als ein rascher Tod ihn seiner Gemeinde nach beinahe -dreißigjähriger treuer Arbeit entriß, da dachte man seiner -Worte. Er konnte nicht mehr zum Stein im Walde -draußen gehen. So kam der Stein aus dem Walde zu ihm -und deckt nun als mächtige, rauhe Platte sein Grab und -schützt es wie der Deckstein das Grab eines germanischen -Edelings. Eine schlichte Inschrift nennt seinen Namen. Ein -grüner Kranz aus ernsten Fichtenzweigen ist sein Schmuck.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_353">[353]</span></p> - -<p>Eine weihevolle, ernste Stimmung liegt über dem -Grabe. »Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat -liebt wie du!« –</p> - -<p>Wir schreiten weiter unter der Traueresche hindurch, -welche wie ein mächtiger Torbogen die Straße überwölbt, -und als ein eigenartiges Naturdenkmal von besonderem -Reiz zu hegen ist.</p> - -<p>Die Binge ist unser Ziel. Zwei Kessel sind es, aus denen -einst das Erz gebrochen wurde. Eine Halde und steiler -Felsgrat liegt zwischen ihnen und trennt sie. In die kleinere -kann man hineingehen. Sie wirkt wie ein ungeheurer -Steinbruch mit steilen Wänden, auf deren Vorsprüngen -und Kanten heute der leuchtende Schnee liegt und die -Farben des Gesteines besonders hervorhebt. Oben von der -Höhe zwischen den Bingen haben wir einen weiten Blick -ins Land und auf den Ort zu unseren Füßen. Wie auf -einer gewaltigen Kanzel stehen wir hoch über der Geschäftigkeit -des Tages, die verworren zu uns heraufklingt. -Dann steigen wir zur großen Binge herab auf vereistem -Wege, der glatt und nicht ungefährlich uns dicht am Rande -dieses ungeheuren, wildromantischen Kraters entlang -führt. Ein Wasser stürzt jenseits rauschend in die Tiefe -und Eiszapfen hängen von dem Gestein wie schimmernder -Spitzenbehang. Aus dem Grunde ragen Bäume auf und -drüben am Rande stehen echt erzgebirgische, niedrige Bergmannshäuser. -Längst ist der Bergbau hier erloschen, aber -sein unverwischbares Gepräge hat er dem Orte gegeben. – -Doch jetzt wollen wir noch Seiffen bei der Arbeit und bei -der Kunst – Kunst der kleinen Leute suchen!</p> - -<p>Unser Weg und unsere Wißbegierde führt uns in die -Fachschule, die ein Jungbrunnen für die Seiffener Industrie -zu werden bestimmt ist. Eine reiche Sammlung<span class="pagenum" id="Seite_354">[354]</span> -von Seiffener Spielzeug von ältester Zeit her zeigt wie die -Entwicklung von einstiger Höhe zur Tiefe abwärts und in -der neueren Zeit wieder zur Höhe aufwärts ging. Neben -den alten guten Sachen fesseln uns vor allen die Dinge der -Gegenwart und Zukunft, die Dinge der Hoffnung, neuzeitliche -Arbeiten, die in echt erzgebirgischer Art die fröhliche -Farbenbuntheit mit immer wieder neuen Formgedanken -in materialgerechter Bildung und Herstellung verbinden. -Über vielen Arbeiten liegt ein frischer Humor, der uns -unwillkürlich lächeln läßt, wie bei jener Familie bunter -Vögel, die mit ihren drehbaren Köpfchen sich um ihren -gravitätischen Vogelkönig mit dem großen Schnabel und -goldenem Krönchen scharen und mit aufgehobenen Schwänzchen -bald keck, bald dummdreist, bald fröhlich in die Welt -gucken. Kindeseinfalt, Märchensinn und Schelmerei sind -mit scharfer, künstlerischer Naturbeobachtung verbunden, -um in einfachster Form und Technik echte Vogelcharaktere -zu geben und echtes kinderseliges Spielzeug zu schaffen. -Und doch ist es so schwer, wie man uns sagt, diesen köstlichen -Dingen Eingang ins Volk zu schaffen! Zur Anfertigung -z. B. dieser Vögel hatte sich nur eine Fabrik seinerzeit -bereit gefunden, welche inzwischen den Betrieb eingestellt -hat. Diese Dinge werden also aus dem Handel -völlig verschwinden, wenn nicht ein anderer Betrieb sie -wieder aufnimmt und für den Vertrieb sorgt. Wir sehen -in der Ausstellung z. B. auch das köstliche Gespann eines -Ochsen und Pferdes vor einem Wagen mit Holzstämmen -von einer verblüffenden Naturwahrheit und Echtheit in -der Bewegung bei aller packenden Einfachheit der Form -und Technik, daß man seine helle Freude daran hat. Auch -dieses prächtige Werk echt deutschen Kindersinnes wird in -deutschen Spielzeughandlungen wenig gekannt, geführt und<span class="pagenum" id="Seite_355">[355]</span> -gekauft. England und Amerika sind die Abnehmer. Und -doch sind gerade diese Dinge, welche die künstlerische Leitung -der Fachschule schafft und mustergültig durcharbeitet, -die Hoffnungen für einen neuen Aufschwung in künstlerischem -und wirtschaftlichem Sinne für die Seiffener Industrie. -Sie sind die gesunden Keime einer kräftigen, zukunftssicheren -Entwicklung und einer reichen kommenden -Ernte.</p> - -<p>Wenn die erstarrten und veralteten, z. T. unnatürlichen -und unschönen oder gekünstelten Formen, welche noch vielfach -den Spielzeugmarkt und die Musterläger beherrschen, -diesen schönen Dingen weichen würden und den reichen Anregungen -der Fachschule mehr nachgegangen würde, so -wäre eine neue Blüte erzgebirgischer Kunstindustrie zu erhoffen. -Das Schöne muß Massenartikel werden.</p> - -<p>Da hängen z. B. in der Ausstellung eine Reihe von -reizvollen, bunten Leuchtern aus Holz in einfacheren und -reicheren Formen und Ausgestaltungen nach Motiven der -alten erzgebirgischen, sogenannten Bergspinnen, gefertigt -und belebt mit allerlei lustigen Figuren. Wer kennt diese -köstlichen Dinge? Sprudelndes Leben, volkstümliche Kraft -und bunte Farbenfreude spricht aus jedem Stück. Wie geschaffen -sind sie, um im Kinderzimmer, im Herrenzimmer, -auf der Diele oder in traulichen Gaststuben einen frohen -Klang erzgebirgischer Heimatkunst, Heimatlust und Freude -zu tragen. Sie haben sprühende, lebendige Ursprünglichkeit -und farbenreiche Musik in allen Gliedern, wie ein -Volkslied, das durch alle Stimmungen reißt, innig empfunden -und frisch aus dem Herzen gesungen.</p> - -<p>Sie sind wahre Volkskunst eigener echter Prägung und -Art, durch welche das Erzgebirge seinen Ruf in ungeahnte -Fernen zu tragen vermag. Denn nicht die Schablone, nicht<span class="pagenum" id="Seite_356">[356]</span> -die Allerweltsartikel, nicht die Überalldinge, nicht die -Billigkeit begründen den Ruf und Erfolg, sondern die -Eigenkunst, die Eigenkraft, der Eigenwert, die volkstümliche -Eigenart, welche lebendig aus dem tiefsten Empfinden -der Volksseele herausgewachsen ist. Wenn sich mit dieser -volkstümlichen Eigenkunst der echte Unternehmergeist im -Betrieb und Vertrieb verbündet, so wird er auch die wirtschaftlichen -Erfolge für die erzgebirgische Heimatkunst herbeizuführen -wissen. Trotz vieler köstlicher Dinge, die aus -der Fachschule noch zu berichten wären, z. B. die Christmetten -mit der Kirche in Seiffen in wunderbarer Lebendigkeit -figurenreich hingestellt, müssen wir scheiden. Wir -gehen noch durch mancherlei Häuser und Fabriken, um -einerseits die Heimarbeit, andrerseits die Reifendreherei -und die bis ins äußerste getriebene Arbeitsteilung der -Seiffener Industrie kennenzulernen, wo mancherlei bemerkenswerte -Beobachtungen, Bilder und Gespräche uns -lohnten. Geht nur mit offenen Augen und Herzen in die -Arbeitsstätten und ihr werdet stets reicher daraus wiederkehren. -– Durch bis ins kleinste durchgeführte Arbeitsteilung -werden in der Heimarbeit oft mit großer Geschwindigkeit -große Mengen des einfachen Spielzeuges hergestellt. -Da sitzt die ganze Familie oder mehrere Familien -in einer Stube beieinander, und das kleine Werk eilt von -Hand zu Hand der Vollendung entgegen. Die Männer an -der Drehbank, den Reifen drehend, von welchem wie schimmernde -lustige Bänder die feinen Drehspäne fliegen. Wie -die Scheiben vom Kuchen, so werden vom Reifen die Profile -der Spielgestalten abgespalten, geschnitzt, zusammengesetzt, -geleimt, gemalt. Frauen und Kinder sind emsig -tätig, singen auch wohl ein Heimatlied von Anton Günther, -während der Krinitz im Bauer dazu pfeift.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[357]</span></p> - -<p>Aus der Heimarbeit mit ihrer Traulichkeit, die die -Familienglieder oder Nachbarschaft zu gemeinsamer Tätigkeit -zusammenschließt, entwickelt sich durch die Arbeitsteilung -die Fabrikarbeit, wo die Hand die Maschine bedient -oder in einförmiger, immer wieder geübter Bewegung -zur Maschine wird. An langen Tischen sitzen sie -und schaffen und reichen sich die Arbeitsteile zu; nur der -Arbeitsvorgang verbindet sie noch äußerlich. Das innere -Verhältnis zur Arbeit, das innere Band, welches die -Familie daheim um die gemeinsame Schöpfung eines -Spielzeuges zusammenschloß, ist verlorengegangen, das -was den Heimatfreund so fesselte, ist nicht mehr. Freilich -mag diese Industrie mehr Leute und besser nähren, wir -wollen sie nicht drum schelten, aber die Seele ist doch verloren -gegangen und die Innigkeit des schlichten Empfindens, -die Poesie der Schöpferfreude ist in den Fabriksälen -nicht zu finden! –</p> - -<p>Von sausenden Rädern und Transmissionen aus Sälen, -durch deren mächtige Fenster hart, kalt und helle der nüchterne -Tag hineinschien, traten wir in ein schlichtes Haus -und stiegen auf hölzerner Treppe mit knarrenden Stufen -aufwärts zu einem alten Mütterchen von mehr als -70 Jahren, Auguste Müller, welche als letzte wohl noch die -urtümliche Herstellung einzelner Originalstücke nach eigener -Erfindung in mühevoller Handarbeit von rohem Holze bis -zum letzten Pinselstrich in köstlicher Naivität übt und in -ihren Figuren ihre Phantasie mit munterem Blick durch -die ganze Gotteswelt spazieren läßt.</p> - -<p>Mit gebeugtem Rücken, sitzt sie im engen Stübchen, das -Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsraum, -Himmel, Erde und Weltall zugleich ist, wo die Katze<span class="pagenum" id="Seite_358">[358]</span> -schnurrend umherstreicht. In malerischer oder vielmehr -schnitzerischer Unordnung liegen auf dem Tisch Arbeitsgeräte, -gekochte Kartoffeln, Nähzeug, Kaffeetopf und allerlei -Dinge verschiedenster Bestimmung. Eifrig holt sie einen -Kasten herbei mit einzelnen fertigen Arbeiten und erzählt -von ihren Plänen. Für einen feinen Herrn hat sie die -Figuren der Söhne geschnitzt in Matrosenanzügen, und ein -feines Fräulein mit Täschchen und Federhut. Im Walde -lebt der »Nusser« (Häher) sagt sie, und diesen packt der -Habicht. Da verliert er seine kleinen blauen Federn. Diese -sammelt sie sich und schmückt damit den Federhut des feinen -Fräuleins. Für Kleid und Tasche sucht sie in der Modenzeitung -ihre Muster in Schnitt und Farbe. Für das Dienstmädchen -wählt sie ein flottes Dirndlkleid. Frisch ist der -Typus der feinen Dame und des drallen Dienstmädchens -getroffen. Dort hat sie eine ganze Tiroler Sängergesellschaft -humorvoll zusammengestellt. Jetzt wolle sie einen -Tempel bauen mit einer Krone oben, um den die Engel -schweben. So geht ihre Phantasie und ihr Plaudern mit -einer erstaunlichen Lebendigkeit. Was sie sich zusammensinniert -mit ihrer kindlichen Phantasie, das führt sie mit -großer Sicherheit durch, wofür viele eigenartige und reizvolle -Stücke in der Sammlung der Fachschule und im -Bunten Haus Zeugnis ablegen. Unter manches dieser -Stücke klebt sie einen Zettel, auf dem irgendeine Schnurre -oder scherzhafter Einfall notiert ist, der ihr vielleicht gerade -Anlaß zu dieser Arbeit und ihrem Humor gegeben hat. So -läßt sie ihre kleinen Personen reden und macht sie sich selbst -lebendig. Sie lebt mit ihnen, sie sind kindlicher Ausdruck -ihrer Stimmung. Auch ihr Name darf nicht fehlen. Ein -stark abgeschliffenes Schnitzmesser ist ihr Handwerkszeug bei -der Schnitzarbeit.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_359">[359]</span></p> - -<p>Das ist echte Volkskunst in ihrer ganzen naiven Kindlichkeit, -die noch in diesem alten Mütterchen lebt und webt, -sie ausfüllt und geistig lebendig, zufrieden und rüstig erhält, -trotz aller Kärglichkeit und Sorge, welche der mühsame -Erwerb bereitet; Volkskunst, wo in jedem einzelnen -Stück die ganze Liebe und Freude des Herstellers an der -Arbeit steckt und es wertvoll macht als Originalwerk, das -aus der Seele des Volkes geboren ist. Volkskunst freilich -auch, die nicht für den Massenexport und als Lebensberuf -geeignet ist. –</p> - -<p>Wir scheiden von der Alten mit dem Wunsche, daß sie -noch lange ihr Schnitzmesser führen möge als letzte Schnitzerin -echt volkstümlicher Seiffener Kleinkunst. Ihre kleinen -Arbeiten werden wohl bald in Sammlungen solcher Dinge -gesucht sein.</p> - -<p>Bei dieser Wanderung durch die Seiffener Arbeitsstätten -haben wir immer stärker und stärker empfunden, daß nur -die Pflege der Eigenart uns stark machen kann. Nur in -ihr schlummert die urwüchsige Kraft, welche sich durchzusetzen -und zu behaupten vermag. Nur durch kraftvolle -Eigenart und schlichte, einfache, volkstümliche, kindhafte -Gestaltung muß diese Volkskunst wirken, sich abheben, herausheben -von dem Gleichgültigen, aus der stumpfen Masse, -aus tödlicher Schablone. Wie unsere Berge ihren Charakter -tragen, der auch in den echten Kindern der Berge sich -ausprägt, so muß die Kunst des Gebirges zu immer größerer -Echtheit und Eigenart, zum Charakter sich durchringen -und emporsteigen, mehr und mehr echt erzgebirgische -Weihnachts- und Kinderkunst werden. Der innere Gehalt -und äußere Wert können und werden dadurch wachsen und -eine neue Blüte der alten erzgebirgischen Volkskunst gewinnen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_360">[360]</span></p> - -<p>Hebt euch, ihr Künstlerhände, zum Werke und zur Tat, -wache auf, du deutsche Phantasie mit Kindesaugen und -Kinderherzen und schaffe neues Kinderglück, greife ins -Land der Träume und trag’ die Erfüllung ins Land der -Wirklichkeit, raffe dich auf, Unternehmergeist, zu frischem -Wagen auf neuen Wegen und zu neuer Unternehmung für -alte und neue Weihnachtskunst und Kinderkunst.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unsere Abschiedsstunde von Seiffen hat geschlagen. Wir -setzen den Stab heimwärts aus dem Lande der Kinderträume, -Weihnachtsseligkeit und Spielzeugherrlichkeit, in -dem uns wohl war wie am Heiligen Abend. Das Tageslicht -ist erloschen, die bunten Farben der Welt sind in -schweigende, schwarze Täler, in traumhafte Tiefen versunken. -Auf einsamer, stiller Höhe schreiten unsere Füße. -Unsere Gedanken wandern über die Täler, über die Höhen, -durch Dunkel und durch Hell zur Unendlichkeit. Tief dunkelblau -hatte sich der Himmel über die schlummernde Erde -gespannt. Millionen silberne Funken blitzten aus den -unendlichen Tiefen des Weltalls, mit rätselhaften, tiefsinnigen -Fragen unser Herz bedrängend. Als die Menschheit -noch ein Kind war, fragte sie danach, und wenn der letzte -Enkel seine Stirn zu Sternen erhebt, wird diese Frage an -sein Herz und sein Hirn pochen, die Frage nach dem Ich -und Du, dem Warum, Woher und Wohin. »Wer trägt -der Himmel unzählbare Sterne?« Je tiefer wir in die -dunklen Zweige und Gründe des schimmernden Weltenweihnachtsbaumes -dort oben schauten, desto feierlicher, desto -ehrfürchtiger wurde uns zumute, desto kleiner wurden wir, -Kinder, denen ein unerklärliches Leuchten und Sehnen die -Seele hebt, alles Fragen stille macht und den Mund -schweigen läßt. Durch die schwarzen Wälder rauscht es<span class="pagenum" id="Seite_361">[361]</span> -wie ferner Orgelton, durch dunkle Gründe ging das -Schweigen auf leisen Sohlen, und die weite Welt mit ihren -Bergen und Tälern lag stumm unter dem dunklen, sterngestickten -Mantel der Nacht, stumm unter den leuchtenden -Rätseln der Ewigkeit. Weihnachten ist es. Wir sind -Kinder, die heimlich einen Blick auf noch versagte Seligkeit -werfen wollen, denen nicht das Wissen, sondern das Ahnen -Weisheit ist, deren Herz voller Erwartung ist. Was wird, -du Seele, die Antwort auf dein Fragen, die Lösung aller -Rätsel sein? Steh’ unter Sternen auf dunkler Höhe und -hebe dein Herz empor zu den leuchtenden stillen Wanderern -der Unendlichkeit, und dein Herz wird stille werden, weihnachtsfroh -und weihnachtsstill. Das Fragen nach dem Ich -und Du, dem Warum, dem Woher und Wohin wird in den -Sternenströmen der Ewigkeit seine Ruhe, sein Ziel und Erfüllung -finden. Das Fragen und Ahnen wird zum Schauen -werden, zum Schauen und Lauschen auf das heilige Rauschen -der Sternenwogen der Unendlichkeit, unter deren -leuchtendem Schaum von Weltkörpern die dunkle Erde wie -ein Staubkorn dahinwirbelt, ein Staubkorn und doch ein -Gottesgedanke von unergründlicher Tiefe, Weisheit und -Schicksalsgewalt, ein Gottesgedanke, von dem ein Sternenfunken -in jeder Menschenseele, in jedem Menschenschicksal -liegt.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Denn die Ewigkeit ist nur</div> - <div class="verse indent0">Hin und her ein tönendes Weben;</div> - <div class="verse indent0">Vorwärts, rückwärts wird die Spur</div> - <div class="verse indent0">Deiner Schritte klingend erbeben,</div> - <div class="verse indent0">Deiner Schritte durch das All,</div> - <div class="verse indent0">Bis, wie eine singende Schlange,</div> - <div class="verse indent0">Einst dein Leben den vollen Schall</div> - <div class="verse indent0">Findet im Zusammenhange.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="mright s90"> -(Gottfried Keller.) -</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_362">[362]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="O_du_froehliche">O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit!</h2> -</div> - -<p class="drop">Schon tagelang waren die weißen Flocken gefallen und -hatten die weiten Felder und die alten, mächtigen -Halden in ihr weiches Gewand gehüllt. Im Spittelwalde -draußen neigten sich die Wipfel der schlanken Fichten, und -die Zweige hingen tief zum Boden hernieder, beschwert von -den Wuchten und Lasten des Schnees. Nur die starken und -stolzen, welche so gern allein stehen, ragten wie silberne -Türme mit wunderbar ziseliertem, gotischem Filigran -spitzengleich übersponnen. Sie streckten sich und reckten sich -hoch über die Jugend, welche sich unter der Schneelast -duckte und beugte. In abenteuerlichen Gestalten, wie -Schneemännlein oder Eisbären, wie Zuckerhüte oder weißbärtige -Gnomen in weißen Kappen, bald dicht gedrängt -in großer Schar oder in kleinen Trupps oder einzeln verstreut, -standen die jungen Bäumchen und harrten der -seligen Weihnachtszeit entgegen. Im Sonnenschein funkelten -und flimmerten die Millionen Kristalle, als gäbe -es nur Glanz und Reinheit auf der Welt, als wäre aller -Staub und alles Graue und Trübe vergangen, als wäre -diese Erde eine silberne, schimmernde Märchenwelt. Ja, -auch der Schatten in diesem Glanz war noch ein blaues -Licht, das weich und geheimnisvoll leuchtete und glitzerte, -als wäre es nicht von dieser Welt, sondern aus unendlicher, -ewiger Ferne seliger Sternenträume.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[363]</span></p> - -<p>So stille ist es, so heilig still. Nur ein paar Meisen -zirpen mit leisem Laut und klettern kopfüber, kopfunter an -den Spitzen der zarten Nadelzweige. Was mögen sie sich -zurufen und plaudern in ihrer immergrünen, duftenden -Heimat, die gar viel herrlicher ist als alle Pracht und -Wohnung der anspruchsvollen Menschen!</p> - -<p>Da hebt ein Läuten an von ferner Glocke und schwingt -sich durch den Glanz und Sonnenschein über die beschneiten -Wipfel und weißen Felder, durch die blauen Schatten mit -so vertrautem Klingen. Das Bergglöckchen vom Petriturme -ruft. Jahrhundertelang rief es hinaus zu den -Halden und Schächten, hinein in die Bergmannshäuser, -kündete den Wechsel der Schicht, mahnte zur Arbeit und -rief zum Feierabend.</p> - -<p>Feierabend hat der Bergbau gemacht, aber das traute -Klingen des Bergglöckchens ist geblieben und ruft uns -heute hinein in die Stadt, in die alte Bergstadt voller -Weihnachtsstimmung, Weihnachtsschimmer und Weihnachtstraumseligkeit. -Was machen die alten Häuser ein so -freundliches Gesicht. Die hohen steilen Ziegeldächer sind -weiß verschneit. Auf allen Simsen und Kanten von -Mauern, Fenstern und Ecken, auf allen Ästen der Bäume -liegt der schimmernde Schnee. Wie zu silbernen Stickmustern -verflochten ist das zierliche Gitterwerk der Zweige, -als wollten sie in einem schimmernden Netz die Weihnachtsfreude -der verzauberten Stadt fangen und halten. Lustig -klingen die Schellen der Schlitten, welche von den Dörfern -hereinkommen, um für den Heiligabend noch Gaben heimzubringen. -Weißbereift sind die Mähnen und die langen -Zottelhaare an Brust und Flanken der schnaubenden -Gäule. Das war ein lustiges Fahren draußen auf der -glatten Bahn, wo man weit über die verschneiten Felder<span class="pagenum" id="Seite_364">[364]</span> -schaut oder durch den Wald gleitet mit lustigem Klingklang, -wo so viele duftende, grüne Nadelbäume still und -feierlich ihrem Weihnachten entgegenharren.</p> - -<p>Nadelduft und grüne Weihnachtsherrlichkeit üben auch -ihren Zauber hier in der Stadt. Auf dem alten Obermarkt -stehen in Reihen und Gruppen die Weihnachtsbäume, die -Fichten und Tannen. Ihre waldfrische Pracht, der kräftige -Harzgeruch machen den Markt zu einer großen Weihnachtsstube, -in der sich fröhlich große und kleine Kinder -tummeln. Otto der Reiche auf seinem hohen Sockel hat -einen Schneepelz auf die Schultern und über die Arme gelegt -und über den Ritterhelm hat er gar eine weiße Pelzmütze -gezogen. Er möchte wohl gar heute der Knecht Rupprecht -sein in seiner alten, getreuen Bergstadt! Seine vier -Löwen blinzeln recht gemütlich mit gravitätischem Humor -unter ihrer weißen Schneekappe hervor und drängen sich -mit eingeklemmten Schwänzen wie vier weiße, brave -Pudel um die Säule ihres Herrn. Die Tatze, welche das -Wappen hält, hat einen dicken, weißen Schneehandschuh und -wird so freundlich hochgehoben, als wollten sie »Pfötchen« -geben. Heute dürfen sie auch freundlich grinsen, denn es -ist ja Weihnachten und die übermütigen Herrn Studenten -sind fort, in die Ferien, und können heut’ nicht durch kecken, -respektlosen »Löwenritt« um Mitternacht auf ihrem stolzen -Rücken ihre königliche Ruhe stören.</p> - -<p>Ringsum am Rande des Marktspiegels stehen die fröhlichen -Weihnachtsbuden mit all den süßen Herrlichkeiten -an Zuckerwerk, Marzipan, Schokolade, Makronen, Pfeffernüssen -und Honigkuchen, welche Weihnachten erst zum -rechten Fest der Kinder machen. Da leuchtet all der bunte -Flimmer in Farben, Silber und Gold, in Kugeln und -Fäden, in Ketten und Sternen und strahlendem Flitter,<span class="pagenum" id="Seite_365">[365]</span> -der den Baum zum Märchenbaum seliger Kindheitsträume -machen soll. Da ist all das liebe Spielzeug ausgebreitet, -wie es droben im Gebirge gefertigt wird, vor dem die -Kinder sich drängen und die Kinderherzen rascher schlagen -im Wünschen und Wählen, vor dem die Kinderaugen heller -leuchten. Da stehen die steifen gravitätischen Bergmänner, -groß und klein in langen Reihen, die Räuchermännlein -mit ihrem offenen Munde schauen so putzig in den Abend -hinein, und die ganze Tierwelt, Soldaten und Hampelmänner -warten darauf, unter dem Weihnachtsbaume vom -Kinderjubel gepackt und mitgerissen zu werden.</p> - -<p>Wenn dann die Dämmerung herniedersinkt, dann leuchtet -es und strahlt es blitzend auf in den Buden, und jede wird -für die Kinderherzen ein Märchenschloß, ein Feensaal, in -dem alle Herrlichkeit und Wunschseligkeit schimmert und -flimmert. Da schießen die blitzenden Strahlen der Wunderkerzen -auf, zucken im blendenden Glanze weißer Glut, als -wäre aus den unendlichen Tiefen der blauen Wundernacht -Stern um Stern uns näher und näher gerückt. –</p> - -<p>Da horch! Es erhebt sich ein wunderbar gewaltiges -Dröhnen über unserem Haupte, mächtiger und mächtiger -schwillt es an:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ein Rufen und Locken</div> - <div class="verse indent0">in all dem Schwingen,</div> - <div class="verse indent0">Summen und Klingen</div> - <div class="verse indent0">dem Leiseverhallen</div> - <div class="verse indent0">dem Wiedereinfallen,</div> - <div class="verse indent0">dem Sinken und Steigen,</div> - <div class="verse indent0">dem Schweben und Neigen</div> - <div class="verse indent0">faßt meine Seele, trägt sie empor.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die Glocken haben ihren ehernen Mund aufgetan und -läuten nun das Fest aller Feste, die heilige Weihnacht, ein. -Das sind die Glocken der Hilliger, der berühmten Freiberger<span class="pagenum" id="Seite_366">[366]</span> -Gießerfamilie, aus deren Gießhütte vorm Peterstore so -herrliche Werke der Bronzeplastik, an Kanonen und Glocken -hervorgingen. Seit Jahrhunderten hängen die Glocken auf -den Türmen und singen ihr urewiges Lied mit mächtigen -dröhnenden Akkorden über die alte Stadt hinweg, in die -alten Gassen hinein und empor in den weiten Himmelsraum. -Wievielen Herzen haben sie schon geklungen. Wieviel -Leid und Trauer, wieviel Not, Glück und Sehnsucht, -wieviel Fernweh, wieviel Heimweh haben sie auf ihren -singenden Schwingen getragen!</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Es kommt auf weichen Wogen</div> - <div class="verse indent0">mein Heimwehtag im Festgeläut</div> - <div class="verse indent0">der Glocken hergezogen.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wie oft haben sie umsonst gerufen, und wie oft trugen sie -mit ihrer singenden Seele empor den Aufschrei der Seele, -der Gemeinde aus dem dunklen Grunde tiefster Gefühle.</p> - -<p>Es ist etwas Besonderes, Ehrwürdiges, ans Herz Greifendes, -wenn die Glocken von den Türmen dröhnen, die seit -Jahrhunderten mit den Wolken und den Blitzen, mit den -Stürmen und den Wettern Zwiesprache halten, deren Stimmen -wir heute lauschen, wie die Urahnen ihnen die Herzen -öffneten und ihnen ihre Herzensgedanken vertrauten, um -sie hinauszurufen in Jubel und Freude, in Angst und Not, -in Dank und Gebet. Dieselben Stimmen, die mit uns -sprechen und für uns rufen, wie vor längst verschollener -Zeit zu längst vergangenen Geschlechtern!</p> - -<p>Wieviel Hände sind längst zu Staub zerfallen, die dort -schon vor Jahrhunderten die Glockenstränge zogen, um des -ehernen Mundes Singen und Rufen ins Leben tönen zu -lassen!</p> - -<p>Wieviel unruhige Herzen sind stille geworden, denen ihr -Klang etwas Besonderes zu sagen hatte!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_367">[367]</span></p> - -<p>Ja, eine geheimnisvolle, unergründliche, tiefe Seele lebt -in der alten Glocke, die mit dir reden will, sich offenbaren -und dich emportragen will, aus der Enge der Gassen, aus -dem Dunkel der Stuben und Häuser, vor allem aus der -Enge und Beklommenheit deines Herzens und dem Dunkel -deiner Seele, emportragen zum Licht und einer Fülle aller -inneren Akkorde.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Hebt meine Seele ins Abendrot</div> - <div class="verse indent0">aus Erdendämmerung, aus Erdennot.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ist es nicht etwas Wunderbares um eine Glocke? Eine -Glocke kennt nur einen Ton, ob der Sturm sie schüttelt oder -der zarte Finger eines Kindes sie rührt, ob sie die glückliche -Braut zum Altare geleitet oder die trauernde Witwe -auf dem Gange zum Grabe, ob sie die Gemeinde zum -Gottesdienst ladet oder das Sturmsignal bei Feuersbrünsten -gibt: Nur einen Ton gibt die Glocke, aber Untertöne -schwingen mit, und dein Herz klingt wider von ihren Tönen, -und du weißt, was dieses Tönen sagen will und wie tausend -Zungen daraus sprechen in Freud und Leid, in Sturm und -Stille, im Leben und Sterben. Wenn die Glocken dröhnen, -dann lausche, ob dein Herz mitschwingt, ob dein Herz auf -den rechten Ton gestimmt ist. – – – –</p> - -<p>Heute ist es ein ganz besonderes Klingen, das durch die -gewaltigen Stimmen der Glocken schüttert und bebt. Die -hohen Dächer und Giebel scheinen zu lauschen. Leise, leise -fallen die Flocken wie zartes silbernes Spitzengeriesel! -Der Wind scheint zu schweigen und stille, ganz stille zu -ruhn, wie so von den Türmen die erhabenen Stimmen sich -hinausschwingen und weit über die Mauern der Stadt, -über Halden und schweigende Felder und die tiefverschneiten -ruhenden Wälder rufen und künden mit unendlichem Wohlklang: -»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden<span class="pagenum" id="Seite_368">[368]</span> -und den Menschen ein Wohlgefallen«, jene Kunde, deren -selige Verheißung noch von keinem anderen Worte übertroffen -worden ist.</p> - -<p>Zur Christvesper rufen ja heute die Glocken. Durch die -enge Kirchgasse mit den malerisch gestaffelten Dächern der -alten kleinen Häuser, hinter denen die wuchtigen Massen -des altersgrauen Domes um so gewaltiger in das Nachtdunkel -emporwachsen, eilen vermummte Gestalten dem Eingange -zu. Wie mächtige Wogen ehernen Klanges dröhnen -die Stimmen der Glocken vom Turme dir entgegen, füllen -die Gasse, überfluten die engen Wände der Häuser und -strömen hinaus in die stille, heilige Wundernacht.</p> - -<p>Aus dem Eingange zum Dom tönt weich und süß der -Klang der Orgel, schimmert der Glanz ferner Weihnachtslichter -vom Altar her aus dunkelgrünem Nadelgezweig. -Heute hat es so manchen in das Gotteshaus gezogen, der -sonst ein gar seltener Gast hier ist. Heute will er hier das -wilde Hasten und Treiben da draußen ganz vergessen, will -zur Kindheit sich zurücktasten und in das Herz aufnehmen -einen Klang von dem »Friede auf Erden«. Dicht sind alle -Reihen und Plätze besetzt. Wie ein stilles freudiges Warten -liegt es über der Gemeinde. Heute sind mehr denn je die -Herzen aufgetan, und wie die Alten in weicher Stimmung -in das selige Kinderland der Erinnerung zurückschauen, so -pochen die Herzen der Jungen, der Kinder zumal, kommenden -seligen Stunden entgegen. Freudig und voll jauchzen -die Akkorde der alten herrlichen Silbermannorgel, jubelt -der Gesang der Gemeinde dazu: »Welt ging verloren, Christ -ward geboren, freue dich, freue dich o Christenheit!« Ein -Kinderchor auf der Empore über dem Altar gegenüber -der Orgel singt die alte süße herrliche Weise »Es ist ein -Ros’ entsprungen« mit der Innigkeit, wie nur Kinder vor<span class="pagenum" id="Seite_369">[369]</span> -der Christbescheerung aus ihrem erwartungsvollen, wunderseligen -Kinderherzen ausströmen können. Dann ist es, -als ob der Engel der Verkündigung herniederstiege: »Vom -Himmel hoch, da komm ich her« singt eine wunderholde -Frauenstimme aus der Höhe und füllt mit ihren reinen, -weichen, süßen Tönen die Halle des Domes und dringt -in die Herzen der lauschenden Gemeinde. Die hohen stolzen -Gewölbe öffnen sich, die Mauern sinken nieder, über -uns wölbt sich der dunkelblaue Nachthimmel, an dem der -Stern von Bethlehem strahlt. Wir sind die Hirten und -schauen empor in diese Nacht der Wunder und Geheimnisse, -aus der so unbegreiflich selige Verheißungen in lichten -goldenen Klängen herniederströmen. Ganz leise singen die -Stimmen der Orgel dazu, als tönten aus himmlischer -Ferne die Harfen der Engel und als spielte der Nachtwind -durch die flüsternden Halme des Feldes bei Bethlehem und -durch die Kronen träumender Palmen. – Heimwehklänge -nach einer unbekannten Heimat, nach einer versunkenen -Stadt der Seele, deren Glockengeläute und Orgelsang der -Sehnsucht geheimnisvoll aus fernen Tiefen deiner Seele -ruft. Ergriffen lauschen wir den wunderbaren, uralten, -heiligschönen und doch so kindlich reinen einfachen Worten -der Weihnachtsgeschichte. Was die Gemeinde in dieser -Stunde so am Herzen packt und über sich hinaushebt, hinausträgt -über alle Unruhe draußen im Leben und drinnen -im Herzen, das klingt dann empor in dem wundersamen -»Stille Nacht, heilige Nacht!« Was in den vielen hundert -Herzen hier lebendig geworden ist in dieser Stunde, erwachte -und sich rührte an Lust und Leid, an Glaube und -Liebe, an tiefer Andacht und Friedeverlangen, an Herzensnot -und tiefer Seelensehnsucht, das drängt sich zusammen -im Gesange dieses Liedes. Das tiefe Gefühl des Augenblicks,<span class="pagenum" id="Seite_370">[370]</span> -welches die Gemeinde wie mit einem goldenen Reif -zu inniger Andachtseinheit und Gemeinschaft zusammenschmiedet, -gibt dem Gesange eine wunderbare heilige Fülle -und Ausdruckstiefe, als ob tausend goldene Halme emporsprießen, -zur vollen Garbe sich einen, deren schwere Ähren -sich tief neigen in Demut vor dem Unbegreiflichen und doch -so tief Ergreifenden!</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»O daß mein Sinn ein Abgrund wär</div> - <div class="verse indent0">und meine Seel’ ein weites Meer,</div> - <div class="verse indent0">dies Wunder zu erfassen!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ja, versunken ist alles, was draußen so unruhig ist, und -die stille heilige Nacht hat ihren Einzug gehalten. Friede -auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Es ist -Weihnachten geworden! Wie die hohen Weihnachtsbäume -neben dem Altare mit ihren Kerzen schimmern und flimmern, -so leuchten nun in den Häusern die Bäume auf. -Draußen fallen die Flocken weich und still vom dunklen -Himmel hernieder, Flocke auf Flocke, eine weiche zarte -Decke, die hüllt und deckt mit weißem Flaum, was dunkel -und häßlich ist. So hüllen die Weihnachtsgedanken auch -manches Dunkle in den Herzen ein. Es ist Weihnachten -geworden auch in den Herzen. Es hallen die Glocken ihr -Halleluja über die Dächer und in die Straßen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Süßer die Glocken nie klingen</div> - <div class="verse indent0">als zu der Weihnachtszeit,</div> - <div class="verse indent0">ist’s als ob Engelein singen</div> - <div class="verse indent0">wieder von Frieden und Freud!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>»Fröhliche Weihnachten« rufen sich die Kirchgänger zu, -auf deren Gesichtern noch ein Leuchten liegt vom Lichte aus -Bethlehem, das in ihre Seele seine Strahlen geworfen. -Und drinnen jubelt noch die Orgel mit jauchzenden -Stimmen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry s90"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">O du fröhliche, o du selige,</div> - <div class="verse indent0">gnadenbringende Weihnachtszeit!</div> - </div> -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_371">[371]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Literatur">Literatur.</h2> -</div> - -<div class="hang"> - -<p><em class="antiqua">Andr. Molleri Pegavii.</em></p> - -<p><em class="antiqua">Theatrum Freibergense Chronicum 1652.</em></p> - -<p>Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins.</p> - -<p>Neue sächsische Kirchengalerie. Ephorie Freiberg.</p> - -<p>Daz hohe liet von der maget von Richard Freiherr von -Mansberg.</p> - -<p>Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von -Sachsen von August Schumann 1823.</p> - -<p>Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen bearbeitet -von Steche-Gurlitt.</p> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Außer bei offensichtlichen Setzfehlern wurde die unterschiedliche -Schreibweise von Personennamen beibehalten. -Lange Reihen von Gedankenstrichen wurden verkürzt. -Das Inhaltsverzeichnis wurde nach vorn verschoben.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 152: 1,72 → 1,72 m<br /> -Thomasglocke von <a href="#corr152">1,72 <em class="antiqua">m</em></a> Durchmesser</p> -</div> -</div> - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS GRAUEN MAUERN UND GRÜNEN WEITEN ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> diff --git a/old/66770-h/images/cover.jpg b/old/66770-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e84cb11..0000000 --- a/old/66770-h/images/cover.jpg +++ /dev/null |
