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Band - 7 - -Author: Karl Otten - -Editor: Rudolf Leonhard - -Release Date: November 2, 2021 [eBook #66649] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net. This book was produced from images made - available by the HathiTrust Digital Library. - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL STRAUSS *** - - - AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT - – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART – - - - - - AUSSENSEITER - DER GESELLSCHAFT - – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART – - - - HERAUSGEGEBEN VON - RUDOLF LEONHARD - - BAND 7 - - - VERLAG DIE SCHMIEDE - BERLIN - - - - - DER FALL STRAUSS - - - VON - KARL OTTEN - - - VERLAG DIE SCHMIEDE - BERLIN - - - EINBANDENTWURF - GEORG SALTER - BERLIN - - - Copyright 1925 by Verlag Die Schmiede Berlin - - - - - Schächerbitte. - - - Du ewiger Richter, den die Priester malen, - Gerecht und gnädig dem, der an Dich glaubt – - Auf mein verruchtes, schuldbeladnes Haupt - Entleere restlos Deines Zornes Schale! - - Straf hier und dort mich mit der Hölle Qualen! - Hoffnung und Trost bleibt ewig mir geraubt! - Nur eine Bitte, Eine sei erlaubt: - Erbarmungsreich laß Deine Gnade strahlen - - Auf ... ach! mein Opfer, dieses teure Wesen, - Das hier erduldet Schmach und Pein und Grauen, - Nur, weil es ahnungslos und voll Vertrauen, - - Mich, den Verfehmten, zum Gespons erlesen. - Rein ist ihr Herz, und schuldlos ihre Seele: - Daß sie mich liebte ihre einzige Fehle. - - Emil Strauß. - - - - - I. - - -Der Fall der Brüder Strauß ist eigentlich der Sturz nur eines Menschen -... des älteren der beiden Brüder, Emil Strauß, der 1887 geboren, im -Jahre 1921 wegen Tötung eines Kriminalwachtmeisters zu fünfzehn Jahren -Zuchthaus verurteilt wurde. - -Dieses Urteil war in mehr als einer Hinsicht der Schlußstrich unter ein -Leben, das zum größten Teil, über zwölf Jahre hinter Kerkermauern -verfaulte und seit den frühesten Tagen der Kindheit im Kampf mit Polizei -und Gendarmen lag. - -Die kurzen Zwischenakte, hinter denen sich der eiserne Vorhang bald und -für immer längere Pausen schloß, waren erfüllt von einer Unzahl der -verwegensten Einbrüche, die Berlin je sah. - -Seine Taten brachten ihm den Namen eines Ein- und Ausbrecherkönigs ein. -Denn mit der gleichen Verwegenheit und Tollkühnheit, mit der er Fassaden -erkletterte, über Dächer lief, an Strickleitern abwärts turnte, -durchbrach er Ketten, Gitter und Zellenstäbe, um die Freiheit wieder zu -erlangen. Drang er in das Allerheiligste der Polizei, das Präsidium und -Zuchthaus ein, um seinen Bruder zu befreien. Es gab für seine Energie -und kühle Entschlossenheit, in seinem Haß und seiner Liebe keine -Hindernisse. - -Und immer hatte er auch ein fast unheimliches Glück. - -Aus der grenzenlosen Flut der düsteren und traurigen Namen, die die Zeit -nach dem Kriege formten und brandmarkten, mit ihren Taten zu der -entsetzlichsten machten, die ein Gemeinwesen je erlebte, ragt, von -seltsamem Nimbus umflort, dieser „Strauß“ turmhoch und unvergeßlich -hervor. - -Alle Kaufleute und Juweliere fürchteten ihn wie den Teufel, und die -Gewölbe hallten wider vom Schrecken, den er verbreitete. - -Die Masse aber nannte ihn voll Respekt und Verehrung, die Bürger -lächelten voll verlegener Wut, und die Freigeister verfolgten seine -Entwicklung voll Bewunderung. - -Trotz allem! - -Denn es handelte sich bei seiner Person nicht um einen Verbrecher -schlechthin, der eine Funktion ausübt ... als Paradigma bei der -Kinderschreckung zu dienen, der Polizei Arbeit und den Besitzenden -Schaden zuzufügen. Der aus dem namenlosen, wimmelnden Dunkel der Keller -und Kaschemmen im Norden in die goldene Hürde einbricht und dort wie ein -Vandale haust. Ein Mensch, der ohne anderes Wissen denn um gute -Gelegenheit zum Diebstahl, dahinvegetiert ... arbeitsscheu, frech, -gewalttätig und trunksüchtig, wie die meisten dieser Existenzen nur dem -Mob angehörig, der giftigen Hefe der großen Städte. - -Es handelt sich hier auch nicht um die einzelnen Taten, so kühn und -gewaltig sie ... objektiv, der Leistung, nicht der Wirkung nach -betrachtet ... sich auch darstellen mögen. Es gab wildere und -spannendere, das menschliche Denken und Schaudern mehr aufrüttelnde, -erschütternde Verbrechen in dieser dämonischen Zeit, die auch in der -eigentlichen Kriminalgeschichte mit Recht eine Sonderstellung einnehmen. - -Die Entwicklungsgeschichte seiner Taten fehlt vollkommen. - -Einzig das Technische der Einbrüche wirkt durch die sachliche und -nüchterne Zweckmäßigkeit. Durch den Mut und das Objekt. Es sind nämlich -nie einzelne, mehr oder minder wohlhabende Personen, die er heimsucht, -sondern Verbände, Gesellschaften, Warenhäuser, bei denen sich der -Verlust auf eine große Anzahl von Besitzern verteilt. - -Dann sein Mut! Körperlicher zumeist. Waghalsigkeit. - -Aber das wiederholt sich und findet sich auch bei anderen. - -Zu anderen Zwecken. - -Das Letzte, das schwere Ende, die Tötung des Gegners, war eine -Verzweiflungstat der Furcht ... weder Mord noch tiefer verstrickte oder -überlegte Triebentladung. - -Ohne jede Komplikation in sich reihen sich seine Taten, die Ursachen -seiner Berühmtheit, aneinander. - -Etwas ganz Anderes und vielleicht Erstmaliges tritt hier klar in -Erscheinung: der Typus des bewußten und überlegenen Außenseiters der -Gesellschaft. - -Die bittere Wahrheit, daß in unserer Mitte ein hochbegabter und -gutmütiger, anhänglicher Mensch einem Schicksal unterliegt, das ihm -durch unsere Schuld, eben der Gesellschaft, die ihn verstieß und dann -verurteilte, aufgezwungen wurde. - -Emil Strauß ist der Gentleman-Verbrecher ... durch seine untadeligen -Manieren ebenso wie durch seine den gebildeten Durchschnitt bei weitem -überragende, fast erschreckende Intelligenz und künstlerische -Empfindsamkeit. - -Seine Klarheit über die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung in seinem -Leben muß jeden modernen Psychologen fortreißen und überzeugen. - -Seine Feinde stellen ihm das beste Zeugnis aus. - -Die Öffentlichkeit macht aus ihrer Sympathie für ihn kein Hehl. - -Und doch ist dieser Mann vor dem Gesetz und der Gesellschaft schuldig! - -Da klafft ein großer Riß zwischen Gefühl und Einsicht. - -Ein Rätsel starrt uns an. - -Das Geheimnis, das diesen Namen umwittert, stammt nicht aus den -Verbrechen, mit denen er befleckt ist. Nicht aus den Legenden, die ihn -umdichten. - -Es ist lediglich das schmerzvolle Leben, der Werde- und Sterbegang -dieses einsamen und abseitigen Menschen, das, im Zusammenhang gesehen, -wie tragische Energie wirkt, die sich entladen muß, unheilvoll, den -Träger selbst langsam, aber unaufhaltsam zerstörend. - -Der Sinn ist wohl der Kampf Eines, der sich entrechtet und getreten -fühlt und nun kämpft gegen das fürchterliche Schemen Gesellschaft, das -ihn unglücklich und ungläubig werden ließ. - - - - - II. - - -Zu der Analyse dieses Falles scheint es unumgänglich notwendig, die -soziologische Struktur der heutigen Großstadt zu untersuchen, bevor die -Tatsache, daß einmal oder besser mehrere Male zwei Menschen ihr Leben in -tollkühner Manier aufs Spiel setzten, um, sagen wir zu Geld, zu -Kleidern, Essen und Trinken und zu Frauen zu kommen, als Tatbestand -gewertet werden darf. Um eine Zeitlang wenigstens das Leben führen zu -können, dem sie Tausende ihrer Mitmenschen, ihnen an Kraft, Intelligenz -und Überlegung keineswegs ebenbürtige, sorglos Stunden, Tage und Jahre -in Mengen, in ganzen Schichten dienen sehn. - -Ganze Stadtviertel, Vororte, Stätten des Vergnügens, der Erholung, -Bildung sind diesem freundlichen und erstrebenswerten Ziel geweiht. -Dahinein gehören nur jene, die das Mittel und Aussehn haben, die würdig -befunden wurden, sich in diesen geheiligten Orten aufzuhalten. Der Typus -dieser Menschen ist ein anderer – obwohl jedes Kind weiß, daß Geld und -Schneider die erstaunlichsten Wandlungen der Personen nicht nur, sondern -auch der Zeit herbeiführen. - -Hier beginnt bereits die Psychologie der Grenze. Jenes Gebiet, wo -unmerklich Natur oder Gesellschaft, ein künstliches Gebilde, Formen und -Fähigkeiten schafft, die nicht mit Begriffen zu belegen oder zu deuten -sind. Für den reichen, in Hinblick auf seine zukünftige Stellung -erzogenen Menschen ist der Kreis der wohlgekleideten, gebildeten, -vermögenden ein Ruhepunkt, eine Sicherheit, das Milieu, das ihm einen -Stempel, aber auch einen Rückhalt verleiht. Er bewegt sich mit der -Selbstverständlichkeit des Instinktes und der geformten Klugheit seiner -Anpassung zwischen Gleichgearteten, Gleichdenkenden und kennt ihre -Meinungen, die Themata der Gespräche und Neigungen, beherrscht den Kodex -der Ehre und Formalitäten in Rang- und Kleidungsfragen. - -Hier findet der Geborgene Freundschaft und Liebe, Kredit und Hilfe, -Ideen und gute Laune. Da spielt es keine Rolle, welcherart die Stellung -des einzelnen ist. Seine Gesellschaft genügt ihm und es steht ihm frei, -sie zugunsten einer höher gearteten, einflußreicheren zu wechseln ... -wenn es ihm gelingt! Denn je höher der Name einer Stufe der -Gesellschaft, desto exklusiver, unzugänglicher, mißtrauischer wird sie. -Desto beschränkter die Zahl der Zugelassenen. - -Die Kaste stellt den Fonds an Werten des Menschen. - -Sein Wert entspricht hier weniger seinem Werk, als vielmehr einer -angeborenen oder erworbenen Stammeszugehörigkeit. Den Stamm eines -Menschen erkennt man an manchen Dingen. An seinen Händen, seiner Wäsche, -dem Bankkonto, den guten Manieren, seinem Witz, seiner Begabung als -Liebhaber. All diese Möglichkeiten aber fallen in nichts zusammen, wenn -der kleinste Flecken auf seiner Vergangenheit, seiner Ehre ruht. - -Was bedeutet in einem Kreis gleichgerichteter oder ungerichteter, rein -vegetativ genießerischer Menschen Gegenwart, was Zukunft, wenn einer mal -mit der Polizei in Konflikt geriet! - -Ehre, das ist die weiße Seite in den Papieren. - -Die Papiere liegen auf der Polizei. Dort sind sie zwar gut aufgehoben, -aber sie existieren. - -Der Drohwert einer verschwiegenen Verfehlung wälzt mehr Angst auf den -tausendmal reuigen Sünder als die Tat. - -Hier wird der Begriff des schlechten Gewissens in keiner Weise berührt. -Denn es handelt sich nicht um den Menschen, der etwas begehn will, ein -Attentat gegen die Gesellschaft plant, einen Schwindel, einen Mord, eine -Erpressung verüben will. Diese Abenteurer, Hochstapler der Beziehungen, -des Geldes und der Intelligenz wären beim ersten Anzeichen einer -Unsicherheit verloren. Sie glauben, und ganz mit Recht, an die magische -Kraft der falschen Namen und Papiere, die ihnen die goldenen Pforten -öffneten. Nein, hier soll die Hemmung fixiert werden, der ein sonst -wohlbeschaffener und geeigneter Mensch erliegen muß, hinter dem die -Vergangenheit die Kontinuität der guten Führung, der moralischen Haltung -einen Sprung zeigt. - -Die Robusten werden diesen Alpdruck überwinden. Es gibt da das Mittel -der Splendidität, der Hilfsbereitschaft, der Unentbehrlichkeit, das alle -Bedenken zerstreut. - -Aber der empfindsame Typus, dessen Nerven gespannter, dessen -Verantwortlichkeitsgefühl tiefer, der seine Haltung kontrolliert und in -den Mienen der ihn Empfangenden sein Schicksal zu lesen versteht und -angewiesen ist, aus geschäftlichen oder menschlichen, erotischen oder -künstlerischen Gründen einem Kreise von Menschen anzugehören, der ihm -Bewußtsein der Existenz, Geltung, Ehre, Verdienst verschafft ... ein -solcher Mensch wird eines Tages entdeckt und eliminiert, oder er begeht -aus dem Übereifer seiner Schwäche heraus einen Fehltritt, der ihn -unmöglich macht. - -Weiß er aber aus Kenntnis seiner Fähigkeiten, seiner Schwächen des -Lebens überhaupt diesen Ausgang voraus, meidet er die ihm genehme, -entsprechende Gruppe der Gesellschaft, so bleibt ihm nur die Einsamkeit. -Der Typus des Entwurzelten, des Seltsamen, des Abenteurers oder des sich -an allen Mitmenschen gehässig Rächenden ist geboren. - -Über allen Bindungen schwebt ein Verhängnis. - -Die Ahnenden erfüllt es mit Scheu und Fremdheit, mit Neid und Haß die -Ausgeschlossenen. - -Die Macht der Gruppe ist _Tabu_. - -Das Streben der Unteren drängt nach oben. Es gibt nur diese eine -kontinuierliche soziale Kraft. - -Was aber stellt sich als Unten, als Sockel, als Fundament unter dieses -gewaltige Gebäude der herrschenden, der schönen und reichen -Gesellschaft? - -Das sind die dunklen, nicht vergoldeten Massen. Die Masse, das ist -wiederum der Schrecken der Oberen. - -Die Masse ist der Fundus, das Reservoir an Kraft, Intelligenz, Blut und -Kapital eines Staates, einer Gesellschaft besser gesagt, die nicht aus -eigener Fähigkeit heraus produzieren kann, sondern, lediglich im Besitz -der Finanzen und Werkzeuge, sich die einzelnen Individuen verdingt, und -sie für sich und ihre Fabriken arbeiten läßt. - -Die Masse besteht zweifellos aus Einzelwesen, aber der Mangel an -Unterschiedlichkeit, Beweglichkeit, Bildung, Bedürfnissen schweißt sie -zusammen zu eben der Masse, die in unseren Tagen die Millionenstädte -übervölkert, die großen Heere der Schlachten und der Arbeit, des -Verkehrs und der Revolutionen auf die Beine bringt, und bewaffnet oder -unbewaffnet als ein Schrecken wirkt auf die Feineren, die Wenigen, -Glücklicheren. Zwischen beiden Heerlagern herrscht dumpfer Haß, -Abneigung, Unterwürfigkeit, Aggressivität und Abwehrzustand. - -Das Emporkommen aus der Masse war eine kurze Zeit nach dem Völkerbeben -leichter als je. Der große Proletschub brachte zwar frisches Blut in -dürre Adern. Die Natur half sich gegen den Aderlaß. Aber dieses -Experiment bekam den Oberen schlecht, und die Echten lehnten es -kategorisch ab. Der Rest blieb als eine Serie schlechter Witze in den -Gazetten und Gerichtssälen auf der Strecke. - -Ganz zu den Ausnahmen und in allen Chroniken verzeichnet erscheint der -Aufstieg des begabten Mannes aus der unbekannten, wesenlosen Masse zu -Macht, Reichtum, zur Ebenbürtigkeit. - -Die unteren Intelligenzen sind keineswegs in der Minderheit. Ihre -Begabung keineswegs geringer. Trotz der verschlossenen Bildungsstätten -möchte es vielen durch eisernen Fleiß gelingen, Examina zu bestehn. Das -prinzipielle Manko liegt in der Befangenheit, im Tabu, das den Blick -verzaubert, den Schritt hemmt und die Stimmen der Gewaltigen zu -unheimlichen Geräuschen und Nebentönen anschwellen läßt: im Ohr und in -der Seele des Nachdrängenden. - - - - - III. - - -Im vorliegenden Falle, dem der Brüder Strauß, besser gesagt, dem des -älteren Bruders Emil, haben wir es mit einem typischen Kampf um die -Existenz in einem höheren, besseren Milieu zu tun. Es handelt sich hier -nicht so sehr um einzelne mehr oder weniger verwegene Akte einer -verbrecherischen Intelligenz, als vielmehr um den verzweifelten, aus -Belastung und Erkenntnis, aus Wissen und Minderwertigkeitsgefühlen -gespeisten Kampf einer originalen Intelligenz, eines schöpferischen, in -seinen Trieben klaren, ungebrochenen Willens: Der Gesellschaft -heimzuzahlen für die Unterdrückung, für das Leid einer befleckten, -liebeleeren Jugend, für die endlosen Jahre in Kerker und Verbannung fern -von allem, was man als schön und gut erkannte. Denn das ist das -Wesentliche an diesem Typus: daß er aus einer geheimnisvollen -Konstellation heraus genau Weg und Volumen des besseren, herrschenden -und nicht dienenden, intellektuellen, vielleicht sogar luxuriösen Lebens -kannte. Details können hier keine Rolle spielen. Gewiß kondensierte sich -sein Weltbild erst in der Einsamkeit der Bücher, der geschriebenen -Worte, deren Sinn ihm gewiß tausendfach widerspenstig und verbohrt -erschien. - -Aber Gärung, Gefühl für das Wesentliche, angeborene Schärfe der -Distinktion für die Reichtümer des Lebens, den wahren Sinn lag in seinen -Möglichkeiten als Existenz schlechthin. Und mußten sich entwickeln, als -er Schlag auf Schlag mit eben der Gesellschaft, die er erstrebte, deren -Mitglied zu werden kraft ererbter Fähigkeit sein Los geworden wäre, wenn -er eben geliebt und gepflegt in jugendlichem Alter Schule und Theater, -Wärme und Nahrung, keine Prügel und gemeine Worte hätte zu sich nehmen -müssen. - -Wir wissen, daß die Sinne der Kinder unendlich empfindsamer, wacher, -gereizter, deutungbegabter als unsere, der Erwachsenen. Daß Kinder in -Hypertrophien leiden, zumal die begabten. Daß jede Krümmung jugendlichen -Selbstbewußtseins fürchterliche Rache und Beschwerden am eigenen wie am -fremden Leben bedeuten. - -Nur das begabte, das geniale Kind vermag zu leiden. Man sagt, daß wir in -der Jugend alle genial seien. Dann muß man wieder fragen: wo bleiben die -Resultate? Unter den Prügeln der Eltern und Lehrer? Ersterben tausend -Keime unter dem Wust des Überflüssigen, das Buch und Ermahnungen, -Ideologien der Erwachsenen ausrotten, zuschütten, bevor es zum Keimen -gelangte? - -Der Geprügelte, Getretene, Ausgeschlossene, der Knabe, der sich des -tausendfachen Unrechtes blutend bewußt wird, schließt seine Augen innen -gegen dieses gemeine und verfehlte Leben. Erträgt mit verbissener, -stoischer Hartnäckigkeit alle Misèren und gewinnt in seiner -Vorstellungswelt, bevölkert von Tagträumen einen Raum, den er mit klarer -Energie beherrscht, mit dem einen Wunsche befruchtet ... einmal groß zu -sein und sich rächen zu können. Oder zumindest den Großen beweisen zu -können, wer man in Wahrheit ist! - -Zu dem besonderen Problem dieses Mannes, von dem wir hier reden, tritt -noch das proletarische Bewußtsein in deutliche Antithese. Sein -Rachegefühl richtet der Erwachsene, Erwachte aus dem schlimmen Traum -verwüsteter Jugend nicht gegen Vater und Mutter, wie es wohl die Söhne -der Bürger belieben, leiden und prophetisch zugleich als eine Aufgabe -verkünden. Nicht gegen die Erniedriger im fremden Heim, in der -Heimatlosigkeit des verbrecherischen, sexuell und moralisch irritierten -Milieus der Familie, die ihn verführte und eigentlich die Handfertigkeit -züchtete, die ihn dann reizte zu neuen Taten, die neue Strafen gebaren. - -Seine Wut, sein Haß gilt der bürgerlichen Gesellschaft. - -Seine Idee ist die des Kohlhaas. Er will sich ein Recht verschaffen, das -nirgendwo existiert. Weil die Zeit dieser Möglichkeit, es zu erleben, -nicht unter dem bittersten Unrecht zu leiden, die Zeit der frühen -Jugend, unwiderruflich vorüber war. - -Damit ist zwar sein falscher Weg aufgedeckt, soweit er aus der -persönlichen Gebundenheit hinübergreift in die Sphäre allgemeiner, -menschlicher, sozialer Gruppierung; aber die immanente Logik eines -Lebens, das nun einmal mit und zwischen uns existiert, blüht, voran will -zu seiner schönsten Entfaltung, zu seinem Sinn drängt, läßt sich nicht -umbringen durch Widersprüche, und jede Erfahrung muß bitter am eigenen -Leibe verspürt werden. - -Wie stark muß aber das Leid dieses begabten Kindes gewesen sein, wenn -zehn Jahre Kerker es nicht verstummen machten. Nicht nur keinen Strich -das Fieber herunterdrückten, sondern es immer höher und -widerspruchsloser in sich zu einer dumpfen Flamme auftrieben, vor der -nichts mehr unversengt blieb. Daß schließlich Blut fließen mußte, -Menschen ihr Leben lassen. Und das von der Hand eines Mannes, der -eigentlich ein Dichter, ein Schwächling in höherem Sinn, keineswegs ein -robuster, ungehemmter Typus der verbrecherischen Intelligenz, der -Halbbildung, die sich an der höheren reiben muß, voller Gehässigkeit -verneint. - -Emil Strauß ist kein Verneiner. Er bejaht die Gesellschaft und will sie -heilen. Heilung bedeutet ihm Aufnahme, Heilung für sich und für alle -anderen. Nehmt ihr mich nicht auf, so werde ich euch so lange strafen, -verfolgen, bis ihr mich beiseite schafft oder ich sonstwie draufgehe. An -einen Sieg war da nicht zu denken. Die Gerichte, die Polizei, der -gewaltige Apparat der Gesellschaft lag offen vor seinen klaren Augen. -Seine Beziehungen waren seit frühester Jugend zu diesen Trägern der -Gewalt im Staate recht intim, und das Milieu, dem er entstammte, mochte -ihm wohl Weisheiten und Erkenntnisse recht unbürgerlicher Natur in -reichstem Maße mit auf den vergitterten Pfad gegeben haben. Mehr, als -Platz in seinem phantastischen Schädel war. Jedenfalls wäre ihm -Schiller, Kleist und Goethe besser bekommen, und das Leben des Julien -Sorel hätte den jungen Mann vor mehr Torheiten bewahrt als nochmals und -wiederum drei Jahre Kerker. - -Denn gerade die Isolierung von der Luft, von dem Erleben der Triebe der -Freiheit, der Liebe, von dem wenigen, das ein Mensch doch und trotz -allem braucht ... gerade das Schutzbedürfnis der Gesellschaft und die -Verbannung des Attentäters in die Nacht des Gefängnisses gaben dem -überreizten, empfindsamen Geiste den Raum und die Muße, sich in seinen -Haß zu knien. - -Gefängniswärter sein ist ein schwerer Beruf. Und wenn ein Wärter auch -einmal sagte: Ja, wenn wir nur lauter Strauße hätten, dann hätten wir -ein feines Leben ... mit anderen Worten, wenn auch das melancholische -und grüblerische Temperament dieses Mannes die Wärter nicht exzessiv -reizte, so kann diesem Leben doch soviel Galle und Bosheit entströmen, -ungewollt, rein mechanisch, unkontrollierbar, unwägbar, dem Gefangenen -aber in das System der Unterdrückung mundgerecht passend, daß -unendliches Leid sich jeden Tag erneuert. Jede Wunde von frischem -blutet. - -Die Gedanken sind frei. Und Strauß machte reichlichen, allzu reichlichen -Gebrauch von dieser Schrankenlosigkeit. Wollust des Denkens, das war -immer schon das Narkotikum der Unterdrückten, und wenn dieser seltene -Mensch in den jüngsten Tagen sich einer philosophischen, uralten -skeptischen Bewegung anschloß, die die reale Existenz zugunsten einer -imaginären, aber schmerzlosen, unbeschränkten eliminiert, so setzt er -nur in gerader Linie die Wollust des Phantasierens fort, die ihn -einerseits vor dem Irrewerden an sich, am Leben und der Menschheit, -andererseits aber auch vor dem Aussterben seines Hasses bewahrte. - -Ein jedes Leben entwickelt sich ambivalent. - -Aufbau hier und Abbruch drüben. Beziehungen werden geknüpft und alte -Fäden zerrissen. Lernen und Vergessen geschehen im gleichen Geiste, in -einem Atem. Liebe und Haß gebären einander gemeinsam aus dem gleichen -Schoße, und der Gefangene, dem eine deutliche, brutale und -rücksichtslose Macht Halt gebot, mußte in der Nacht der Kerker weiter -und weiter grübeln und in der Freiheit sich beweisen, daß sein Leben der -Rache doch einen Sinn hatte. - -Und vielleicht gehört er noch unbewußt zu den trotzigen, dämonischen -Typen, die provokativ wirken. Denen die enge, pessimistisch versalzene -Freiheit nicht behagt. Die zurückstreben in die Zelle, um ihren -Maßlosigkeiten des Denkens, ihren Exzessen der Spekulation und ihrem Haß -nachhängen zu können. Vielleicht hat die Gewöhnung an Prügel und -Mißhandlung seine Nerven schon so degeneriert, daß er ohne sie nicht -leben kann. - -Daß sein anarchistischer Geist, disziplin- und maßlos, der Marter bedarf -oder besser gesagt, des Gefühles der Ohnmacht, der körperlichen -Minderwertigkeit, um geistig ganz aufzuschnellen zu unheimlicher Rasanz. -Phantastik des primitiv pervertierten, gehemmten und überempfindlichen -Menschen, dem der Zuspruch des Beichtigers, der höheren Kraft, der -Glaube an die Norm und das Wissen um die ewige, unveränderliche Tragik -des begabten, aber verkannten Kindes fehlt. Trotz aller männlichen und -staunenswert mutigen Gesten blieb dieser Charakter im Kindlichen, -Hilflosen stecken. - -Er kennt keine Menschen. - -Sein Leben in Freiheit, soweit es Leben war, das da in wenigen -Urlaubswochen den armen Körper hin- und herschleuderte in -Wahnvorstellungen von Gerechtigkeit und Rache, soweit es Freiheit war, -unter den kritischen Blicken der Polizei in schmierigen Spelunken sitzen -zu müssen, verborgen, gehetzt, beschimpft ... diese wenigen Wochen -bringt er stumm in der ihm nicht zweifelhaften Gesellschaft schwerer -Jungen zu. - -Unzugänglich. - -Von Wolken tiefster hoheitsvoller Bewunderung umschwefelt. - -Angebetet von dem jüngeren Bruder. - -Finster. Verschlossen. - -Immer noch in der Zelle, wenn auch in einer nur ihm spürbaren. Alle gehn -für ihn durchs Feuer. - -Diese verwahrlosten, maniakalischen, gebrandmarkten Männer spüren seine -überlegene Intelligenz und lassen ihn vollkommen in Ruhe. Er ist eine -Art Dab, ohne dessen robuste Lust am Geld, ohne dessen artistische -Hemmungslosigkeit. Denn dieser König der Einbrecher, der Mut bewies wie -ein Löwe, der zweimal seinen Bruder befreite und zur Organisation seines -Einbruches sein Leben zehnmal aufs Spiel setzte, ist ein gehemmter -Mensch, mit einer unverwüstlichen Hochachtung vor dem Buch, vor dem -Wissen, vor der Technik, vor der Religion, vor allem kurz, was den -besseren, diplomierten Menschen in den Augen des nackten, proletarisch -geborenen und unerzogenen auszeichnet. - - - - - IV. - - -In seinem Milieu, dem der Verbrecher und Deklassierten, nimmt er eine -Sonderstellung ein, nicht nur wegen seiner Taten, die die ganze Stadt in -atemlose Aufregung versetzten, sondern auch wegen seiner moralischen -Qualitäten. Nirgends weiß man Treue und Verschwiegenheit so zu schätzen -wie bei denen, die immer mit einem Fuß im Grabe oder im Gefängnis stehn. - -Niemals hat Emil Strauß, bei aller Offenheit und Ehrlichkeit, die er -bewies, sobald es sich um seine eigenen Taten handelte, auch nur mit -einer Andeutung, einer Miene seine Gefährten verraten, der Polizei -irgendwie geschmeichelt. Manches in seinen Aussagen, in den Berichten -über sein Leben, klingt wie Pose oder Selbstgefälligkeit. Aber man darf -nie vergessen, daß es die Worte, Bilder und Phrasen eines weltfremden -Einsiedlers, in der Einsamkeit und Irrealität der Bücher, in der Zelle -ausgedachte, ausgefeilte Bilder und Sätze sind, logische Extrakte eines -Wissens um die eigene Seele und deren Verhängnis. Daß dieser Mensch -gezwungen war, in sich etwas Besonderes zu sehn, weil er es spürte. -Eitelkeit oder Ehrgeiz sind durchaus menschliche Arten, die Welt oder -sich selbst zu betrachten. In ein Verhältnis zu vereinen, was die Gewalt -der nackten Tatsachen trennte und verheerte. - -Gewiß nennen wir das mit anderen, kritischen Worten Romantik. Aber es -handelt sich hier nicht um Kritik, sondern um Darstellung, nicht um -Wertung, denn das ist Aufgabe der Richter, und vollendet und erledigt, -sondern um Analyse eines Menschen, der nicht in diese Zeit der -Kompromisse zu gehören scheint, sondern einen Renaissancetypus -darstellt, eine Mischung von Religiosität und Gewalt, von Kultur und -Triebhaftigkeit. - -Noch eins beunruhigte und hemmte die Gefährten nicht minder wie die -Gegner ... die Vollendung seiner Manieren, das Leise, unverändert -Höfliche seiner Art in der Begegnung mit Fremden. Die Sicherheit seines -Auftretens, die Beherrschtheit und Kühle seiner Höflichkeit, aus der ein -eiserner Wille, Beobachtung der eigenen Schwächen ebenso sprechen wie -Sanftmut und Kindlichkeit. Diese seine Vornehmheit wird allerdings -unterstützt von der Noblesse seiner Gestalt. - -Er ist hochgewachsen, schlank, von gleichmäßig eleganten Bewegungen. Der -Ton seiner Stimme leise, bestimmt und durchaus vertrauenerweckend. Das -Gesicht groß und mager, sehr bleich die hohe, schön gewölbte Stirn. Er -legt Gewicht auf gute, elegante Kleidung. Ein Zug höherer Lebensart -scheint ihm eingeboren. Denn Kinderstube kann man nicht nachholen. All -das scheint ein Beweis ständigen kritischen Nachdenkens und -Vergleichens, ein dauerndes Kontrollieren seiner eigenen Person im -Vergleich zu seinen Erlebnissen mit Fremden, bewußt oder unbewußt die -Triebfeder seiner ganzen verzweifelten Existenz, ein fast dämonischer -Wille emporzusteigen und ein schreckliches Gefühl der eigenen Begabung. -Zugleich die ewig brennende Frage nach dem Weg, nach dem Warum der -Ungerechtigkeit, der eigenen Willensschwäche, die sich nicht anders denn -im Bösen Ausgleich mit der Gesellschaft verschaffen kann. - -Es gibt für seine Taten, wenn man nicht auf das Gebiet der Pathologie -geraten will, natürlich keine menschliche Entschuldigung. Denn wie die -Richter gerade in seinem Fall mit Recht, wenn auch nicht gerade -freundlich, immer wieder betonen, hätte es Strauß bei seinen -ungewöhnlichen Fähigkeiten möglich sein müssen, das Maß des Erlaubten zu -entdecken, und gelang es ihm nicht, seinen Trieb nach Vergeltung zu -zähmen, so mußte er wissen, daß das Gesetz den Wissenden doppelt und -dreifach härter treffen würde. - -Zur Erläuterung des bis jetzt Gesagten möchte ich im folgenden seine -eigene Lebensgeschichte, die er als einzige Verteidigung in seinem -großen Prozeß anführte, folgen lassen. Wobei zu beachten ist, wie stark -Strauß die Unzulänglichkeit der Tatsachen und deren Erklärung aus der -momentanen Konstellation selbst empfand. Wie stark dieser gehetzte und -einsame Mensch die Gebundenheit an die tiefen, tragischen Gesetze -empfand, die das Maß seiner Jugend und die Richtung seines ganzen Lebens -werden sollten. - -„Meine Herren Richter und Geschworenen! Es soll hier nach Recht und -Gerechtigkeit über Tod und Leben eines Menschen entschieden werden. - -Da ist es wohl ganz selbstverständlich, daß man sich nicht nur ganz -eingehend mit der Sache des Angeklagten, sondern zumindest ebenso -eingehend auch mit seiner Person, d. h. mit den ausschlaggebenden -Momenten seines Vorlebens beschäftigt: dies um so mehr, als es sich hier -bei der Person des Hauptangeklagten ... also bei mir ... um einen -Menschen handelt, der seit Jahren bei der öffentlichen Meinung in dem -Gerücht steht, schlechtweg der gefährlichste Schwerverbrecher -Groß-Berlins zu sein. - -Diese, im wahrsten Sinne des Wortes traurige Berühmtheit verdanke ich -aber keineswegs mir selbst oder meinen Taten, sondern einzig und allein -der Geschäftstüchtigkeit gewisser Sensationsartikelfabrikanten, Leuten, -die nun einmal nicht anders können, als aus der Haut selbst der -Unglücklichsten ihrer Mitmenschen noch Riemen für sich zu schneiden. - -Ich habe diesen falschen Nimbus eines „Ein- und Ausbrecherkönigs“, mit -dem geistesarme Zeilenschinder mich umgeben haben, aber bereits zu teuer -bezahlen müssen, um diese Art von kostspieliger Glorifizierung meiner -Person noch länger ruhig hinzunehmen und so schließlich Gefahr zu -laufen, nicht etwa der objektiven Würdigung bewiesener Tatsachen, -sondern der suggestiven Macht der Druckerschwärze zu erliegen. - -Die Leute, die mich nur aus den tendenziös geschminkten sensationell -aufgedonnerten Hohlspiegelbildern der „chronique scandaleuse“ kennen, -müssen mich geradezu für den Abschaum des Abschaums der -Menschheit halten und alle meine Handlungen für solche Unika an -Gemeingefährlichkeit, wie sie eben nur die „Firma“ Gebr. Strauß zu -liefern vermag. Alle diejenigen Personen dagegen, welche mich persönlich -etwas genauer kennen, haben wohlbegründeterweise eine ganz andere, eine -entschieden bessere Meinung von mir. - -Und um auch Ihnen, meine Herren, die Sie heute über mich zu Gericht -sitzen sollen, die erforderlichen Unterlagen zu bieten zur Bildung eines -gerechteren Urteils über meine Person, als es sich auf Grund jener im -Nick-Carter-Stile fabrizierter Elaborate bilden läßt, will ich -versuchen, Ihnen so eine Art curriculum vitae von mir zu geben. - -Zu diesem Zwecke bitte ich Sie, mich nur noch einige Minuten lang ruhig -anzuhören. Denn das, worauf es hier hauptsächlich ankommt, was meinem -bisherigen ganzen Leben die Richtung gegeben hat, das läßt sich wirklich -nicht, wie man so zu sagen pflegt, in einer Nußschale darbieten. Mit -einigen bloß andeutenden Kohlestrichen läßt sich solch einem Lebensbilde -weder Form noch Farbe, noch Inhalt verleihen. Wollte ich aber -andererseits das ganze krasse Elend meiner Kindheit und Jugendzeit in -ausführlicherer Weise wahrheitsgetreu schildern, so würde ich -höchstwahrscheinlich bei Ihnen in den Verdacht geraten, anstatt -Porträtmalerei ... Stimmungsmalerei zu treiben. Deshalb scheint mir die -goldene Mittelstraße des rechten Maßhaltens nach beiden Seiten hin hier -der einzig richtige Weg, das mir vorschwebende Ziel zu erreichen. - -Was hätte es denn schließlich auch für einen Sinn, wenn ich -beispielsweise in bezug auf meinen Bildungsgang Ihnen einfach die nackte -Tatsache mitteilte, daß ich acht Jahre lang die Volksschule besucht -habe. Damit wäre so gut wie nichts gesagt. Der Begriff Volksschulbildung -ist trotz seiner scheinbaren Begrenztheit doch ein recht dehnbarer und -seine richtige Werteinschätzung durchaus abhängig von der genaueren -Kenntnis der besonderen Lebensumstände und Lebensbedingungen innerer und -äußerer Art, unter denen der gebotene Bildungsstoff geistig aufgenommen -und verarbeitet worden ist. - -Es ist doch unbestreitbar ein gewaltiger Unterschied, ob von zwei sonst -gleichbegabten, gleichlernbegierigen Schülern der eine das -wohlgepflegte, sorgsam gehütete Kind gesunder, geistig wie sittlich -hochstehender, in geordneten Verhältnissen lebender Eltern ist; ein -Kind, das daheim und in der Schule alle seine ihm von der Natur -verliehenen Gaben und Fähigkeiten nach allen Richtungen hin unbehindert -entfalten und zur schönsten, höchsten Blüte entwickeln kann; ... der -andere Schüler dagegen, der an Leib und Seele unterernährte, erblich -vielleicht schwerbelastete Sprößling eines Säufers ist; so ein -erbarmungswürdiges Geschöpf, das, am frühen Morgen schon vom -Zeitungstragen abgehetzt, nun ungewaschen, hungrig und zerlumpt zur -Schule eilt, doch vor Erschöpfung dem Unterricht selten mit der nötigen -Aufmerksamkeit zu folgen vermag und infolgedessen in der Entwicklung -sein Geistes- und Gemütsleben auf das schwerste beeinträchtigt, in der -Ausbildung seiner natürlichen Gaben und Fähigkeiten auf das stärkste -gehemmt und behindert wird. Daß das Niveau des Bildungsstandes dieser -beiden Typen von Schülern am Ende ihrer Schulzeit ein voneinander sehr -verschiedenes sein muß, wird wohl niemand bezweifeln. - -Ich habe von meinem siebenten Lebensjahre ab tagtäglich in aller -Herrgottsfrühe hinaus gemußt, um meiner vielgeplagten Mutter beim -Zeitungstragen zu helfen. Vom zehnten Jahre an hatte ich dann außerdem -noch des Nachmittags eine Stelle als Laufjunge, von der ich des Abends -meist todmüde nach Hause kam, um dann noch das Tagespensum meiner -Schulaufgaben zu erledigen. - -Die Schuld an diesen unsagbar traurigen, total zerrütteten -Familienverhältnissen, die mich zu so unnatürlich frühem Broterwerb -zwangen, trifft in erster Linie meinen Vater. Dieser von Beruf -Stubenmaler und heute ein nüchterner, solider Greis von siebzig Jahren, -ist in seinem mittleren Lebensalter ein notorischer Trinker gewesen, der -seine zahlreiche Familie zeitweise in Not und Elend fast verkommen ließ. -Meine Mutter dagegen war eine kreuzbrave, fleißige, unendlich -liebevolle, gute Frau, die sich vom frühesten Morgen bis spät in die -Nacht hinein nicht Rast noch Ruhe gönnte, um Brot zu schaffen für die -ewig hungrigen Schnäbel ihrer zahlreichen Straußenbrut, und deren -ganzes, zwanzigjähriges Eheleben ein einziges, fast ununterbrochenes -Martyrium von so tiefer Seelenqual darstellt, wie man es selbst seinem -ärgsten Widersacher nicht wünscht ... - -Als ich etwa zehn Jahre zählte, trieb es mein Vater wieder gerade -besonders arg. Wir Kinder samt unserer Mutter hatten schon mehrere Tage -lang fast so gut wie nichts gegessen und waren infolgedessen -buchstäblich dem Verhungern nahe. In dieser höchsten Not nahm meine -Mutter einige Mark von dem kassierten Zeitungsgelde, um dafür Speise und -Trank zu beschaffen und unseren wütenden Hunger zu stillen. Als sie den -aufgewendeten Betrag dann nicht rechtzeitig wieder herbeizuschaffen -vermochte, griff sie, dieses hoffnungslosen, jammervollen Daseins müde, -in ihrer tiefsten Verzweiflung zum Strick ... und erhängte sich ... - -Wir wohnten damals ... 1897 ... in Weißensee. Auf Kosten der Gemeinde -wurden wir Kinder nun einzeln zu fremden Leuten in Pflege gegeben, wobei -ich das Unglück hatte, sozusagen aus einem Wolkenbruch in die noch ärger -strömende Traufe zu geraten. Meine Pflegemutter nämlich war eine mit -zwar recht engem Herzen, dafür aber mit desto weiterem Gewissen begabte -Frau, die sich recht und schlecht dadurch ernährte, daß sie einzelnen -Zöglingen des Magdalenenstiftes in Weißensee gelegentlich zur Flucht -verhalf und ihnen bei ihr bekannten Kupplerinnen Unterschlupf und somit -Gelegenheit zu einem „gewissen“ Gelderwerb verschaffte, von dem sie dann -ihre Tantieme bezog. Der Mann dieser Frau war ein in einer Molkerei -beschäftigter, mit Respekt zu sagen: versoffener Kuhknecht, der, da er -bei seinem Brotherrn volle Kost erhielt, nur zum Schlafen und ... -Krakehlen nach Hause kam, sonst aber um nichts und niemand sich -kümmerte. Die erwachsene einzige Tochter dieses edlen Elternpaares war -eine „heimliche“, d. h. nicht unter sittenpolizeilicher Kontrolle -stehende Straßendirne. - -In dieser überaus ehrenwerten Familie nun fand ich Aufnahme und wurde -von den beiden Frauen systematisch zum Stehlen angeleitet. Eine -Spezialität der beiden Damen war es, die Weißenseer Friedhöfe -heimzusuchen und dort die auf den Gräbern niedergelegten Wachsrosen zu -rauben, die dann in einer Kranzbinderei, wo ich seinerzeit als Laufjunge -angestellt war, weiterverkauft wurden. Bei einem dieser Kirchhofsbesuche -zwangen mich die beiden Megären, ein auf einem Kindergrab stehendes -Weihnachtsbäumchen, das mit niedlichen Glassachen allerliebst -ausgeschmückt war, bis auf das letzte Stück zu plündern ... - -Welche verheerende Wirkung diese fast täglichen Vorkommnisse auf mein -empfängliches Kindergemüt, auf mein moralisches Empfinden, überhaupt auf -mein ganzes Innenleben ausüben mußten, kann ein jeder sich wohl denken. -Andeutungsweise will ich nur noch nebenbei bemerken, daß meine zwanzig -Jahre alte Pflegeschwester mich elfjährigen Jungen auch auf sexuellem -Gebiet theoretisch und praktisch auf das gründlichste aufgeklärt hat ... - -Ungefähr zwei Jahre nach dem für uns Kinder so verhängnisvollen Tode -unserer guten Mutter heiratete mein Vater zum zweiten Male und wir -jüngeren Geschwister erhielten nun eine Stiefmutter, die zwar weder -lesen noch schreiben konnte, dafür aber im Lügen und Stehlen und -Schuldenmachen ganz Erkleckliches leistete. Dieser Frau nun, einer -wahren Perle von Stiefmutter, blieb es vorbehalten, meiner bereits so -weit gediehenen Jugend-„Erziehung“ den finish touch ... wie der -Engländer sagt ... den letzten Schliff zu geben. - -Sie unterzog sich dieser Aufgabe mit edler Selbstverleugnung! - -Durch einen unglaublich niederträchtigen Streich brachte sie es fertig, -daß ich unschuldigerweise in den Verdacht geriet, von einer mir -anvertrauten Geldsumme zwanzig Mark unterschlagen zu haben. Die Folge -davon war, daß ich nicht nur schimpflich aus meiner Stellung fortgejagt, -sondern auch noch obendrein von meinem eigenen Vater verstoßen wurde. - -Arbeits-, mittel- und obdachlos lag ich nun auf der Straße; ein Junge -von fünfzehn Jahren, mir selbst und meinem Schicksal überlassen! Daß die -Gedanken und Gefühle, die mich damals durchtobten, denen eines Karl Moor -verzweifelt ähnlich waren, wird ein jeder Menschenkenner wohl begreifen. -Tatsächlich habe ich dann auch in der Folge monatelang ein wahres -Räuber- und Zigeunerleben geführt. Bis endlich die Sehnsucht, wieder -einmal unter Dach und Fach und in geordnete Verhältnisse zu kommen, mich -veranlaßte, als Knecht vorläufig auf ein Jahr lang zu einem Bauer in -Dienst zu gehn. - -Ich erhielt dort fünfundzwanzig Taler Jahreslohn. Die horrende Summe -reichte nicht einmal zur Ergänzung meiner völlig abgerissenen Garderobe, -und aus diesem Grunde kehrte ich nach Ablauf meines Dienstjahres nach -der Großstadt zurück. - -In den folgenden zwei Jahren war ich dann in Berlin hier und da einige -Monate lang als Gelegenheitsarbeiter in Fabriken beschäftigt; bis ich -1905 ... sei es durch Zufall, sei es durch Schicksalsfügung ... einen -Schlosser kennen lernte, der auf dem Gebiete des Einbruchdiebstahls -bereits praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Diesem verband ich mich -nun zu löblichem Tun und erreichte dadurch, daß ich in ungeahnt kurzer -Zeit hinter Schloß und Riegel saß. - -Das war sozusagen der Anfang vom Ende. Denn nun folgte eine langjährige -Freiheitsstrafe der andern fast unmittelbar auf dem Fuße, so daß ich von -den letztverflossenen fünfzehn Jahren beinahe vierzehn Jahre (!) im -Gefängnis und Zuchthaus zugebracht, und zwar, was ich doppelt und -dreifach unterstreichen will, ausschließlich in strengster Einzelhaft -zugebracht habe. Freilich, was das letztere besagen will, wird nur -derjenige voll und ganz verstehn, der einmal an sich selbst verspürt -hat, welche lähmende Wirkung die jahrelange Freiheitsentziehung auf -einen Menschen auszuüben vermag. In dieser Beziehung möchte ich die -Freiheitsstrafe vergleichen mit einem starken Narkotikum, wie etwa -Opium, Kokain oder Morphium. Von einem sachverständigen Arzte nach -gewissenhafter Diagnose nur im äußersten Fall und auch dann nur in -vorsichtig bemessener Dosis verabreicht, ist es eine heilsame Medizin, -ein wirksam vorbeugendes Schutzmittel, ein Segen für die Menschheit; zum -schwersten Fluch aber wird es, wenn allzu freigebige und -unterschiedslose Verordnung der Gifte zur Gewöhnung an dasselbe führt, -wenn die Gewohnheit zum Laster wird und das Laster schließlich in eine -Volksseuche ausartet. Der so entstehende Schaden ist unübersehbar. Die -körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte und Fähigkeiten der -Verseuchten werden durch das Gift gelähmt, ihre Kampfkraft ums Dasein -wird in erheblichem Maße geschwächt, und die weitere natürliche Folge? -Von Stufe zu Stufe! Das traurige Los fast aller derer, die mit dem -Kerker einmal nähere Bekanntschaft gemacht. Tausend- und -abertausendfache Erfahrung bestätigt die vernichtende Wahrheit meiner -Worte ... - -Ich weiß und ich fühle es, daß es ein völlig fruchtloses Bemühen wäre, -Ihnen schildern zu wollen, wie oft und wie ernstlich ich versucht habe, -zu einem geordneten, ehrbaren Leben zurückzukehren ... schildern zu -wollen, woran und warum alle diese Versuche so kläglich gescheitert -sind. ‚Wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr werdet’s nie erjagen.‘ Dergleichen -komplizierte psychopathische Vorgänge und Erscheinungen einem Dritten -erklären zu sollen, das hieße fürwahr, einem Blindgeborenen das -Farbenspiel des Regenbogens beschreiben. Wer einmal so tief in den Sumpf -hineingestoßen worden ist, der vermag es eben nicht wie Münchhausen, an -seinem Schopf aus eigener Kraft sich wieder hinauszuziehen. Eine -rettende, helfende, stützende Bruderhand ist mir bisher noch von keiner -Seite gereicht worden. Am allerwenigsten aber von jener Seite, auf der -stets am lautesten über die Verderbtheit der Menschen geklagt wird. - -Und doch ... wer weiß? Vielleicht daß mir noch einmal in meinem Leben -ein Mensch begegnet von dem Geistesgepräge und der Gesinnungsart jenes -Sankt Johannes, den Herder in seinem tiefempfundenen, ergreifend schönen -Gedicht: ‚Der gerettete Jüngling‘ ... verewigt hat. Hoffnung läßt ja -bekanntlich nicht zuschanden werden. Es hofft der Mensch, so lange er -lebt. Ich aber hoffe, nein ich weiß, daß in diesen Tagen unter das hier -aufgeschlagene Blatt meines Lebensbuches durchaus noch kein finis, -sondern ganz bestimmt ein vice versa!!! - -Hiermit lege ich Pinsel und Palette bis auf weiteres aus der Hand; denn -die Studie meines Lebensbildes ist vollendet. Sie ist mit ungeübter Hand -entworfen. Aber bis ins Kleinste hinein erfüllt von dem Heiligen Geiste -strengster Wahrhaftigkeit. Und einzig und allein aus diesem Grunde hoffe -ich, daß kein fühlender Mensch ... er sei mir persönlich wohl oder übel -gesinnt ... das Bild aufmerksam betrachten kann, ohne in der tiefsten -Tiefe seiner Seele erschüttert zu werden, daß er die Hand mit dem -Steine, die er vielleicht schon zum Wurfe bereit erhoben hat, beschämt -wieder sinken läßt und er in der Stille seines Herzenskämmerleins sich -einmal fragt, von welcher Seite hier wohl am schwersten gesündigt worden -ist, von dem Angeklagten wider die Gesellschaft oder ... umgekehrt!?!“ - - - - - V. - - -Natürlich war es Strauß nicht ohne weiteres möglich, diese Rede glatt -und ruhig von der Leber weg vorzutragen. - -Der Staatsanwalt unterbrach ihn immer wieder und forderte ihn auf, zur -Sache, zum Bericht seiner Taten und deren Erklärung zu kommen. Man -wollte von ihm andere Töne, eine Entschuldigung, Argumente konkreter -Natur hören, die sich praktisch verwerten ließen ... sei es für oder -wider ihn. - -Aber der Angeklagte ließ sich nicht beirren. Mit der Hartnäckigkeit des -Monomanen, von einer Idee besessen und ganz gebannt und überzeugt -brachte er seinen Vortrag zu Ende. - -Natürlich fanden der Ankläger wie auch die Richter an dieser seltsamen -Verteidigungsrede, voller Selbstbewußtsein und wissenschaftlicher -Analyse, genügend Momente, die reizten und ärgerten. Niemand konnte sich -diese Verstiegenheit der Diktion, dieses buchmäßige und weltfremde -Wissen anders denn mit Heuchelei erklären. Und man machte aus dieser -Überzeugung keineswegs ein Hehl. - -„In dem einen Jahr, das er in Untersuchungshaft saß, hatte der -Angeklagte hinreichend Zeit, sich diese Phrasen zurechtzulegen, und bei -seiner Schlauheit und Verstocktheit nimmt es nicht wunder, daß er diese -Apologie seiner Moral ohne mit der Wimper zu zucken, ohne ein Wort des -Bedauerns über die Lippen bringt. Seine grenzenlose Eitelkeit läßt ihn -die Realität, daß er als Angeklagter hier steht, vergessen. - -Vor allem aber muß man sich wundern, daß er es fertig bringt, wo doch -seine Verbrechen klar zutage liegen, von ihm selbst eingestanden wurden, -immer wieder die Schuld auf andere zu wälzen. Nirgendwo die Erkenntnis, -daß er selbst der am meisten Schuldige. - -Immer wieder diese häßlichen Verdächtigungen fremder Personen, vor allem -aber der eigenen Familie. Längst vergangene und vergessene Erlebnisse -der Kindheit, die gewiß bitter gewesen sein mögen, als Entschuldigung -für Verbrechen heranziehn zu wollen, die man als gereifter, -welterfahrener Mann begangen hat, übersteigt die Fassungskraft eines -jeden, selbst wenn er noch so sehr alle Milderungsgründe suchen und -erkennen möchte. - -Das ist nichts weiter als eine pseudowissenschaftliche Objektivität, die -sich mit dem moralischen Begriff der Heuchelei deckt.“ - -So ungefähr lauteten die Argumente der Gegner, der Richter und Reporter. - -Es war natürlich nicht anders zu erwarten. - -Denn diese Rede, die in Wirklichkeit wie die Vorlesung eines Arztes über -erbliche Belastung und infantile und sexuelle Bindung klang, -enthielt keinerlei Erklärung im gemeinverständlichen Sinne der -Gerichtsverhandlungen, wo man an Tränen und Verzweiflungsausbrüche, -seien sie auch noch so einstudiert, gewöhnt ist. Oder an das dumpfe, -resignierte Verstummen unter der Macht der Tatsachen, gegen die der -schwache und zermürbte Mensch, wie er weiß, doch nicht aufkommen wird. - -All das fehlt in dieser Verteidigungsrede des Emil Strauß, die als ein -Kuriosum die Runde durch alle Zeitungen machte. - -Und doch muß man und kann man nur sagen, daß es in Anbetracht der -Intelligenz, der Empfindsamkeit dieses seltsamen Menschen, den das -Bewußtsein seiner Verbrechen wirklich deprimiert, unglücklich macht, -keine andere Möglichkeit für ihn gab, zumal da er von einem unbeugsamen -Stolz erfüllt zu sein scheint, der keinerlei Selbsterniedrigung mehr -erträgt. Er möchte einmal reinen Tisch machen mit seiner Vergangenheit, -sein Gewissen erleichtern, und zwar Auge in Auge mit der Bestie, mit der -er gerungen hat sein ganzes Leben lang: mit der Gesellschaft. - -Seine Verteidigung ist in Wahrheit eine Anklage, und zwar die Anklage -eines Menschen, der um die Zusammenhänge besser Bescheid weiß, tiefer in -die Verstrickung des Lebens in Schuld und Verhängnis eingedrungen ist -als seine Ankläger. Es ist zugleich die Selbstanalyse eines Geistes, der -von diesem tiefen und erschütternden Erlebnis, daß durch seine Hände, -wenn auch unbedacht, ein Mensch sein Leben lassen mußte, zu tiefst -aufgewühlt, einen neuen Weg vor Augen hat und ihn beschreiten will mit -aller Energie, die einem Fanatiker, einem Büßer in Einsamkeit nur -innewohnen kann. - -Alle Möglichkeiten dieses fruchtbaren und unermüdlichen, verwirrten, -gehetzten und zugleich klaren Geistes sind in diesem Vortrag enthalten. -Aus abgründiger, stärkstes Medium der Selbsterhaltung gewordener Ironie -heraus weiß er, daß es für ihn keine Rettung geben wird vor diesen -Menschen, die von Amts wegen berufen sind, zu verurteilen. - -Für ihn lag damals schon ein anderes Wissen um die Welt und ihre -Zusammenhänge dicht vor Augen. Neues Wissen, neue Weisheit kann man -sagen, strömte aus der christlichen Lehre in dieses weite und willige -Gefäß. Verkehrte den Inhalt des Widerspenstigen, des Kämpfers um den -Sinn der Freiheit, der Gewalt nie weichend, in das Gegenteil: -Nachgiebigkeit, Verachten der Materie und der sinnenfälligen -Zusammenhänge. - -Aus jedem Satze seines Bekenntnisses spricht neben der tiefen, -verschlossenen, vergrämten, vergrabenen Reue das Wissen um ein Anderes, -Unsagbares, Höheres. - -Dieses Wissen ist seine privateste Erfahrung, sein jüngstes Gericht und -der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Das bedeutet vor allem der -isolierte und unmenschliche Ton der gedachten Worte. - -Das ganze Elaborat will nichts anderes bedeuten als eine Korrektur am -eigenen Leben, eine Erleichterung, eine Enthüllung zu eigenem Nutzen und -zugleich eine boshafte, raffinierte ... Strafe am Körper der Justiz, die -ihn mit zehn Jahren zum ersten Male brandmarkte, ihm einen Verweis -erteilte, der ihn vorbestraft machte. - -Von diesen Vorstrafen spricht er ebensowenig wie von seinen Verbrechen, -deretwegen er jetzt angeklagt ist. Sie existieren für ihn nicht, nicht -in seinem Leben, es sind Verhängnisse, die eine dunkle Macht, von der -Gesellschaft entfesselt, gegen ihn mobilmachte. - -Vor allem haben sie jeden Sinn in seinem neuen Leben verloren, das -anknüpfen möchte an seine Jugend, die er mit der Rede heraufbeschwört. -Die aber den großen Riß nicht verbergen kann und will, der seine Seele -zerspaltete, als seine Mutter, die tiefe Bindung an alles Gute und -Schöne, starb. Mit ihr ertrank alles, was bis dahin noch einen Schimmer -von Wärme und Liebe bot in einem ekelhaften, unsauberen und verlogenen -Milieu. Dem er zwar überlegen und doch verfallen war, das nicht sein -Milieu und doch Gewalt über ihn gewann, dem er nicht entrinnen konnte. -Ein gräßlicher Zwiespalt öffnete sich zu Auswegen in Verbrechen, in -Diebstähle, Vagabundage und schloß sich immer zugleich mit Kerkermauern. - -Die boten zwar Schutz vor den Gefahren, vor der eigenen Schwäche. Man -konnte lesen, lernen, Französisch, Englisch, Mathematik, Geschichte, -Literatur betreiben. Aber zugleich mit der enorm aufschießenden -Erkenntnis, mit der Überfülle des Wissens und dem Glauben an seine Macht -quoll auch die Bitternis über das verfehlte Leben empor. Die Sehnsucht -nach der Freiheit, nach der Geltung entsprechend den Qualitäten, die man -sich selbst in der eifrigen Arbeit an den Büchern bewiesen hatte. - -Aber das Wilde, die Empfindsamkeit des Überreizten, des allzu -Ausgehungerten nach Leben und Freiheit überwältigt ihn sogleich, sobald -die überhitzten Häuser der Großstadt, der Tumult der Millionen ihn -umfängt. - -Er bricht aus den guten Vorsätzen der Zelle aus. Der Trieb nach Macht, -dem der Geschwächte nichts Gleichwertiges an Beharrung entgegenzusetzen -hat, reißt ihn hastig und hastiger mit sich fort. - -Immer wieder sind es schwere Einbrüche, die ihn aufs neue in den Kerker -bringen. Bei all diesen Taten ist das Seltsame, daß er nie Anstrengungen -macht, zu entkommen, zu leugnen, sich zu entlasten. Mit einer geradezu -Entsetzen erregenden Grausamkeit gegen sich selbst, mit fatalistischer -Gelassenheit sagt er trocken und offen die Wahrheit. - -Er stiehlt aber er sagt die Wahrheit! Man kann jedes seiner Worte auf -die Goldwage legen. Keinerlei Beschönigungsversuche oder Verdrehungen -des Sachverhaltes finden sich in seinen Aussagen ... Mann gegen Mann -steht er gelassen für seine Taten ein. Dabei ist er sich über die -Schonungslosigkeit seiner Gegner vollkommen im klaren. Er gibt sich -keinerlei Täuschung hin und findet reichlichen Hohn über die freieste -Gerichtsbarkeit der Welt. Wie kaum ein Zweiter hat er sie am eigenen -Leibe gespürt, seit der frühesten Kindheit schwingt sie die Geißel über -seinem Haupte. - -Als unverbesserlicher Einbrecher, dem es zur zweiten Natur geworden -scheint, fremdes Eigentum zu rauben, wird im Jahre 1911 zum ersten Male -Zuchthaus gegen ihn verordnet. Er war damals vierundzwanzig Jahre alt. -Saß die drei Jahre ab. Ohne Klage, ohne einen Verweis. Wird entlassen -und begeht sofort einen neuen Einbruch. Wird erwischt und wiederum zu -drei Jahren Zuchthaus verurteilt. - -Sitzt auch diese Strafe ab und wird im Jahre 1917 entlassen. - -Hier tritt eigentlich der jüngere Bruder, Erich Strauß, zum ersten Male -deutlicher in Erscheinung. - -Denn jetzt erhält der Kampf des Älteren einen doppelten Sinn. Wie ein -Wilder setzt er alles ein, um seinen Bruder, der in der Entwicklung -zurückgeblieben, an epileptischen Anfällen leidet, schwerhörig ist, vor -dem gleichen Schicksal, dem er selbst verfallen scheint, zu bewahren. - -Auch Erich hat sein gerüttelt Maß Strafen hinter sich. Aber es sind wohl -zumeist geringere Delikte, wenn auch Diebstähle, die ihn ins Gefängnis -brachten. Zusammen wohl zwei bis drei Jahre. - -Erich erscheint neben seinem Bruder als der Unbedeutendere, der -Ungeistige, und der Gewalt des Fanatikers durchaus hörig. - -Aber zugleich ist er auch der Unglücklichere, durchaus bedauernswert, -von Natur und durch Verhängnis an die Spuren eines in allem ihm -überlegenen Menschen, des Einzigen, den es auf der Welt für ihn gibt, -gekettet. Emil war für den Jüngeren Vater, Mutter, Bruder und Gott -zugleich. Wußte er sich in Not, saßen ihm die Häscher auf den Fersen, -erfand der Ältere den Ausweg. Rettete ihn aus dem Polizeipräsidium, aus -dem Zuchthaus. Schwur, ihn zu befreien, und hielt Wort. - -Dadurch gewinnt der Kampf, den Emil Strauß im Jahre 1917 begann, ein -neues Gesicht. - -Er ließ alle Bedenken fallen. Lebte in einer Welt, die keine war. In -einem Schema, einem Irrgarten, in dem man Verbrechen rächt, die gestraft -werden sollten. Strafen treiben ihn nur noch weiter. - -Wie ein Hohn klingt es, wenn man bedenkt, daß er zur Erlangung guter -Einbrecherwerkzeuge in das Kriminalmuseum selbst einbricht und sich mit -allem versieht, was er zu seinem Erwerb braucht. Aus der Motivierung -dieses Einbruches, die er der Polizei gibt, erhellt ohne weiteres, daß -er sich seiner Überlegenheit voll bewußt ist und er unterstreicht -doppelt die Ironie, die er den Behörden gegenüber immer an den Tag -legte. Er sagte nämlich: „Wenn Ihr schon ein so hübsches Museum -einrichtet und Reklame dafür macht, müßt ihr auch gestatten, daß wir es -auch mal besuchen und uns anschaun.“ - -Dieser Diebstahl hat ihm die Sympathie der Behörden verscherzt. Diese -fühlten sich irgendwie in ihrer Ehre gekränkt und hetzten jetzt mit -allen Mitteln hinter ihm her. Es gelang ihnen zunächst, des Schwächeren, -des Bruders, habhaft zu werden. - -Erich befindet sich im Polizeipräsidium. Steht in Bewachung eines -Polizisten auf einem der Korridore. Verhör auf Verhör, alle Fallen -vermochten ihn nicht zu fangen. Er wird den Namen, den Aufenthalt seines -Bruders nicht nennen und wenn sie ihn in Stücke reißen. Mit dem Instinkt -des Blutes, das in ihnen lebendig, hüten sie den Namen ihrer Freunde, -als sei es ihr eigener. - -Erich wartet. - -Da nähern sich Schritte über den hallenden Korridor. Ein hoher Mann in -der Uniform eines Justizwachtmeisters tritt an den Häftling und dessen -Begleiter heran, weist sich aus, übernimmt den Gefangenen, um ihn zum -Untersuchungsgefängnis zu transportieren. - -Die beiden verlassen das Präsidium, verlassen die Straße, die Stadt, sie -sind wie vom Erdboden verschwunden. Es war niemand anders als Emil, der -diesen Geniestreich ausheckte und durchführte. - -Einem Hauptmann von Köpenick gelang es, die willenlosen, militärisch -subordinierten Seelen einfacher Soldaten im Vertrauen auf die Allmacht -der Uniform zu düpieren und ganz Europa in heiterstes Gelächter zu -versetzen. Er lief weiter keine Gefahr, als daß er wegen Diebstahls -eingelocht wurde. Hatte sonst ein reines Gewissen und Humor. - -In diesem Falle aber mußte alles klappen oder alles war verloren. Denn -gerade ihn suchten sie. Hinter diesen Türen lauerten seine schlimmsten -Feinde. Irgendeine dieser Türen brauchte sich zu öffnen. Irgendein Blick -dieser scharfen Augen seine Miene bloß zu streifen ... und beide waren -verloren. Da gab es keine Wehr und kein Entrinnen. - -Aber das Unmögliche gelang. Alle Berechnungen stimmten. Die Korridore -lagen leer und unbewacht, die Menschen, die ihm begegneten, hielten ihn -für einen Kollegen und grüßten womöglich. Aus ureigenstem Studium kannte -er Schritt und Haltung eines Justizbeamten. Mit ewig geneigtem Kopf, der -von Namen und Daten und Zahlen und Terminen raucht, schreitet der so -Beamtete hastig und doch schlendernd seines Wegs. - -Natürlich hatte er seine Helfer. Denn fragen durfte er nicht. Er mußte -wissen, daß um zwölf Uhr mittags da und da der Beamte mit dem Gefangenen -Erich Strauß auf den Abtransport warten würde. - -Blieb nur das Problem der eigenen Haltung. - -Die Uniform stimmte. Die Papiere ebenfalls. - -Und seine Nerven hatte er in der Gewalt. Das Bewußtsein seiner -Überlegenheit und seiner Mission ließ Zweifeln oder Angstgefühlen, nicht -einmal klaren Gedanken über die Möglichkeit des Mißlingens Raum. - -Es mußte sein, und so kannte er weder Furcht noch Zaudern. Übernahm -ordnungsgemäß seinen geliebten Bruder und entführte ihn. - -Allerdings nicht lange. - -Denn jetzt setzten die Behörden alles in Bewegung. Es gab einen Kampf um -die Ehre, Mann gegen Mann. Wer der Stärkere war. - -Natürlich konnten sie diesem Ansturm nicht lange widerstehn. Das Gericht -machte ihnen kurzerhand den Prozeß und schickte sie auf zehn Jahre oder -mehr nach dem Zuchthaus. - -Hier ist nun der Ort, wo eigentlich das Leben des Emil Strauß und seines -Bruders, die beide nur ein einziges bilden, mit doppelten und dreifachen -Gliedern und Kräften sozusagen, seinem Höhepunkt entgegenreift. - -Das Duell zwischen der Intelligenz des Verbrechers und der Intelligenz -der Polizei hatte bereits rein persönliche Züge angenommen. - -Die Beamten kannten ihre Brüder und die Brüder kannten die einzelnen -Jäger und ihre besonderen Fähigkeiten genau. Man gehörte zu einer -Familie und setzte sich im Guten oder Bösen auseinander. - -Emil Strauß gab den Kampf keineswegs auf. Aber er brauchte Zeit. Er -mußte die Wärter in Sicherheit wiegen. Dank seiner Lammsgeduld, seiner -guten Manieren hatte er es bald erreicht, daß man ihm weniger scharf auf -die Finger sah. Seine ewig gleichbleibende Freundlichkeit hatte etwas -Entnervendes, Einschläferndes. - -Zwei Jahre hielt er es in Naugard aus. - -Dann zersägte er die Gitterstäbe, kletterte über die Mauern. Wenige -Stunden später war er wieder in Berlin. - -Hier möchte ich eine kurze Charakteristik über Emil Strauß, die wohl auf -diese Zeit seines Lebens Bezug hat und die sein Verteidiger, Herr Dr. -Carl Loewenthal-Landegg, im „Tagebuch“ veröffentlichte, einflechten. Sie -eröffnet eine merkwürdige Perspektive über den Denkprozeß unseres -Helden. Offenbar gibt es für ihn oder gab es zumindest so etwas wie das -legale Verbrechen oder Notwehr des einzelnen im Kampfe gegen den Staat. -Eine Art von Urfehde mag ihm da vorgeschwebt haben. Irgendwo in dem -Gefüge der Gesetze mußte es doch eine Masche geben, durch die ein -gewandter „Jurist“ entschlüpfen konnte. Mit der höchsten Aggressivität -gegen alles, was Gericht und Polizei hieß, scheint er eine subtile -Kenntnis der einzelnen Paragraphen und so etwas wie Respekt vor dem -Gewerbe des Anklägers zu besitzen. Beide leben von derselben Materie. Es -fragt sich nur, wer am ersten dabei zu Grunde geht. - -„Vor Jahren sah ich ihn zum ersten Male in meiner Sprechstunde ... Ein -eleganter, hoch aufgeschossener Kavalier; tadelloser Gehpelz und -modernster Zylinder, den geschmackvollen Spazierstock in der -wildlederbekleideten Hand. Er bat mich in ruhigem, vornehmem Tone, -seinen Namen verschweigen zu dürfen: nur eines Freundes wegen komme er, -der sich infolge eines Konfliktes mit dem Gesetze verbergen müsse. - -Ob ich ihm über gewisse Auslieferungsverträge Auskunft geben könne. Ich -mußte die Antwort als „Rechts“-Anwalt ablehnen. Aber dann sprachen wir -weiter über allerhand Fragen aus dem Strafrecht, und ich bewunderte -seine Kenntnisse. Einer vom Fach, dachte ich mir ... vielleicht ein -gescheiterter Referendar oder ausgeglittener Assessor. Dem widersprach -ein Etwas, über das ich mir im Augenblick nicht klar wurde ... - -Das Gespräch und sein Abschied sehr korrekt; nur alles sonderbar zögernd -... - -Bald darauf hörte ich von einem der Schwerklienten, daß es Emil Strauß -war: ... wieder einmal nach dem Ausbruch und eifrig gesucht ...“ - - - - - VI. - - -Dieses Kapitel möchte man überschreiben: Auf dem Gipfel der Macht. Der -Beschreibung der Eleganz und guten Manieren dieses Philosophen unter den -Einbrechern möchte ich zunächst die etwas tragischere seines -Schattenbildes angliedern. Gleichfalls von Herrn Dr. Loewenthal-Landegg -entworfen: - -„Dann, nicht lange darauf war’s, in einer kleinen Kneipe in NO ... - -An einem im Halbdunkel stehenden Tische saß Emil Strauß in einem -größeren Kreise gleichaltriger Leute. Wieder fiel mir sein tadelloses -Äußere auf und die Ruhe seines Wesens; ein auffallender Kontrast zu der -unsteten, wüsten Umgebung. Nichts störte die gediegene Note der -Erscheinung ... keine unmögliche Krawatte und kein greller, schreiender -Velourhut, wie ihn sonst die Männer vom Brecheisen und Dietrich tragen, -wenn sie in Zivil gehen. - -Er schien mich sofort zu erkennen. Nur ein kurzes, unmerkliches Nicken -sagte mir, daß er auf meine Verschwiegenheit rechnete. Stumm saß er, -ohne an den Gesprächen und Zoten der Gefährten teilzunehmen. Allein die -beweglichen Augen sprachen und durchforschten jeden der Anwesenden und -Kommenden. Sein Glas mit schalem Bier stand unberührt die halbe Nacht. -Er nippte nicht einmal daran. Die um ihn behandelten ihn mit -eigenartiger Scheu, wie einen Ehrengast, den man achtet. - -Später sammelten sie für einen, der „alle“ geworden war, und dessen -hungernde Familie. Jeder von den Männern und ihren Bräuten gab etwas. Er -aber leerte ohne Besinnen die ganze Brieftasche auf den Haufen, und ehe -sie noch etwas dazu sagen konnten und wollten, verschwand er schnell -hinaus in die Nacht.“ - -Hier ist das eigentliche Milieu dieser letzten Verwandlung des -vielseitigen und unruhigen Geistes. - -Von Freund zu Freund lief er jetzt und sammelte Material. Geht zum -Anwalt, um ihn zu konsultieren. Beschreitet gewissermaßen den Rechtsweg -wie ein Herr, der zu verlangen hat. Ein Verbannter. - -Es gibt keine andere Möglichkeit als die Gewalt. - -Ringsum nur Gefahren. Die Häscher sind ihm unablässig auf den Spuren. -Aber er kennt weder Müdigkeit noch Furcht. - -Sicherlich kommt noch eines hinzu. Vielleicht unbewußt. Jedenfalls mußte -er der damaligen Volksstimmung unterliegen. Das Fluidum der Revolution -hat gewiß auch seinen Nacken gesteift. In ihm loderte der Protest am -stärksten. Die Tausende kämpften einen allgemeinen Kampf für irgendein -Ideal, für eine Zukunft, für große Schlagworte, wie Freiheit, -Achtstundentag, bessere Löhne, Beteiligung am Umsatz. - -Die Massen waren aufgescheucht und wirbelten in dem Körper des Staates, -der im Fieber zuckte. Allenthalben wurde gekämpft. Aufruhr brüllte durch -die endlosen und starren Straßen, gegen das Parlament. Seltsame Gerüchte -schwirrten um. Die Unsicherheit des Daseins, das Abenteuer hatte -unzählige Menschen der angeborenen Schüchternheit entrissen und sie in -den allgemeinen Wirbel geschleudert. - -Strauß aber hatte seinen persönlichen Krieg, seine individuelle -Revolution durchzukämpfen. Solange der einzige Mensch auf Erden, dem er -sich verbunden fühlte, dem er Treue zu halten verpflichtet war, weil er -auch ihm Treue hielt, ja von seinem Leben abhängig war, solange der -Bruder im Kerker schmachtete, gab es für ihn keine Ruhe. Langsam reifte -in ihm der tollkühne Plan zu seiner Befreiung. - -Mit zwei Freunden macht er sich am siebenundzwanzigsten November, abends -auf den Weg. Mit dem letzten Zug fahren sie hinaus nach Naugard. -Gutgekleidete Reisende. Unauffällig. Wenig Gepäck. Es enthält Wäsche und -Kleider. Eine Strickleiter. Werkzeuge aus dem besten Stahl. - -Der eine der Begleiter wußte genau die Zelle, hatte den Plan erläutert. - -In der Nacht halten die Drei vor dem riesigen, in drohende Finsternis -gehüllten Zuchthaus. - -Das Feld weit und breit mit hohem Schnee bedeckt. Er dämpft jeden Laut, -leuchtet genügend, um die Fenster erkennen zu können. Aber es gilt, auch -schnell zu handeln, denn jeden Moment kann irgendein Zufall zu -Überraschungen schon hier draußen führen. - -Eine kurze Beratung, die Fenster werden gezählt. Und schon sausen -Schneeballen hinauf, um den Schlafenden zu wecken, zu alarmieren. - -Aber es rührt sich nichts. Offenbar ahnt er gar nichts. Es wurde nie -aufgeklärt, ob Erich von der Befreiung unterrichtet war. Auch die Namen -der Begleiter wurden nie entdeckt. Deshalb liegen die Einzelheiten -dieser Heldentat vollkommen im Dunkel. - -Jedenfalls entschließt sich Emil, mit Gewalt in das Haus einzudringen. - -Die Strickleiter saust durch die Luft und hakt fest an den Zacken des -Gitters. Er steht im wohlbekannten Hof vor dem mächtigen eisernen Tor. -Es wird aufgesprengt. Mit einer fabelhaften Präzision und Ruhe muß eine -Tür nach der andern seiner Wut und Entschlossenheit weichen. Schließlich -steht er vor der Zelle des Bruders. Auch diese Tür wird aufgestemmt. - -Jetzt gilt es, zu zweit den gleichen Weg zurückzulegen. - -Kein Wärter begegnet ihnen – keine Alarmglocke heult durch das Haus. - -Auch dieses Wunder gelingt. Erich wird eingekleidet. Dann marschieren -die vier Männer fünf Stunden durch die Nacht zu einem kleinen Bahnhof -und gelangen unbehelligt nach Berlin zurück. - -Die Morgenblätter sind bereits voll von dieser verwegenen Tat. Die -Polizei verdoppelt ihre Anstrengungen. Die Stadt hat die beiden -aufgenommen. Verschluckt. - -Wenige Tage der Ruhe aber genügen, um den Eifer der beiden zu -verdoppeln. - -Sie inszenieren den kühnsten ihrer Einbrüche, den verwegensten, den -Berlin vielleicht je erlebte. In der Nacht vom zweiten zum dritten -Dezember 1919 rauben sie das Seidenhaus der Firma Dressel in der -Niederwallstraße zu Berlin aus. - -Am Samstag, dem zweiten Dezember, lassen sich die beiden in dem zum -gleichen Häuserblock, aber auf der abgekehrten Seite liegenden Gymnasium -einsperren. In der Nacht klettern sie über die Dächer der Nachbarhäuser -auf das Dach des Warenhauses. Mit einer Strickleiter gelangen sie in die -Höhe des Warenlagers. Drücken ein Fenster ein. - -Fast vor den Augen der Wächter. - -Gelangen in das Innere des Hauses und räumen die dort aufgespeicherten -Schätze zusammen. Verschnüren sie zu Ballen. - -Auf der Straße warten die Hehler mit Wagen, um die Ware -abzutransportieren. - -Nicht weniger als sechsmal mußten sie diesen lebensgefährlichen Weg -zurücklegen. Klettern, springen, gleiten. - -Am Sonntag steigen sie ab und gehen zu Kempinski, das alte Berliner -Weinrestaurant, speisen. Kehren ruhig zu ihrer Arbeit zurück und -vollenden sie am Montag früh. Zwei Nächte und einen Tag hielten sie sich -an der Arbeit. Der Wert des Raubes betrug mehrere hunderttausend Mark. -Er selbst löste für die „Sore“ (Beute) nur siebzehntausend Mark, ein -herzlich geringer Betrag, zumal da es Papiermark waren. Der eigentliche -Wert dürfte etwa den gleichen Betrag in Dollars ausgemacht haben. - -Natürlich wußte die Polizei sofort, wessen Werk dieser Einbruch war. Das -Einsteigen in Warenhäuser war die Spezialität der Brüder. Große Firmen -wie Michels und Wertheim waren ihrer Geschicklichkeit zum Opfer -gefallen. Auch hier hatte er, an den Fassaden emporkletternd, Stoffe im -Werte von hunderttausenden geraubt und verschärft. Die Ware wurde nie -wieder gefunden. Auch von den Geldern nichts. Einen anderen verwegenen -Zug unternahm er gegen einen großen Juwelier in der Passage -Friedrichstraße, dessen Laden er ausräumte, ohne daß auch nur eine Spur -entdeckt wurde, weder von ihm, noch von den geraubten Kostbarkeiten. -Immer fiel ihm reiche Beute in die Hände, für tausende von Dollars. -Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Es gab für sie keine Hindernisse, -Abwehrmaßnahmen. Sie kletterten an den Fassaden über Dächer und Mauern, -wie andere über Straßen gehn. - -Dies war der letzte und größte Einbruch der beiden Einbrecherkönige, -deren Namen in aller Munde waren und eine Popularität erlangten, wie -kaum ein gleich mutiger und verwegener Abenteurer vordem. - - - - - VII. - - -Hier beginnt nun ein Abschnitt im Leben dieses sonderbaren Menschen, der -für ihn vielleicht die glücklichste Zeit bedeutete. Ihn zugleich aber -auch zum ersten Male vor den Ausgang aller Abenteuer früher oder später -stellte und um ein Haar in den Abgrund gerissen hätte. - -Die Schwierigkeit der Erhellung der einzelnen Phasen seiner Entwicklung -liegt vor allem in der vollkommenen Abseitigkeit des Lebens, das Strauß -führte. Entweder er war eingesperrt hinter Kerkermauern. Dann schlief -sein dunkles Ich. Das Tier, die Haßinstinkte wandelten sich in der -Einsamkeit in den starken Trieb nach Bildung. Er studiert Sprachen, -Stenographie, Elektrotechnik. Schreibt Gedichte von einer seltsamen -Vollendung. Natürlich abhängig von den Dichtern, die er jeweils liest. -Sein künstlerisches Empfinden ist allerdings nicht originär. Aber er -besitzt angeborenes Formgefühl. Mit artistischer Gewandtheit weiß er -sich einzufühlen in Stimmungen und Rhythmen, die ihm geläufig bleiben. -Das Wort versagt ihm nie den Dienst. Wenn er will. - -Die Tage der Freiheit sind mit wildem Tatendrang ausgefüllt. Es leidet -ihn nicht in der Enge der Wohnung. Arbeit kann er als Zuchthäusler und -berüchtigter Einbrecher ja doch nicht finden. Niemand würde ihn -aufnehmen. Niemand an seine Besserung glauben. - -Für Menschliches bleibt da kein Raum. Er führt das Leben eines -Einsiedlers. Eines Fanatikers, der nur an seine Pläne denkt. In einer -eingebildeten Welt umherrast und ausbricht in die reale und dort Unheil -gegen sich und die Mitmenschen anrichtet. Zweifellos unterliegt er ganz -starken, unwiderstehlichen Trieben, die sein ganzes Denken absorbieren -und jede Erwägung über Gut und Böse lähmen. Insofern fällt er unter die -Menschen, vor denen sich die Gesellschaft schützen muß. Auf welche -Weise, ist allerdings nachdem einmal der Weg der Strafen beschritten -wurde, schwer zu sagen. Das Schicksal wollte, daß Strauß im gleichen -Moment, wo seine Tage Menschlichkeit und seine Züge den Ausdruck -allgemeiner Verfassung gewinnen, zu Fall kam. - -Im Verlauf des großen gegen ihn und seinen Bruder geführten Prozesses -sagt er an einer Stelle: - -„Wir sind auch in dieser Beziehung Außenseiter und Schwerverbrecher -einer Art, wie sie nur selten herumlaufen. - -Wir haben nie viele Freunde gehabt, niemals in Kaschemmen verkehrt.“ - -Hier haben wir einen klaren Einblick in die Verfassung dieses Menschen. -Er ist sich seines Wertes wohl bewußt. Schätzt diese Abseitigkeit und -frißt zugleich die Wollust der Ausgestoßenen in sich hinein, die als -Rache wiederkehrt und sich gegen die Gesellschaft wendet. Sein Stolz -verbietet ihm, in die dumpfen Niederungen zu tauchen, in denen die -Zunftgenossen zu leben gezwungen sind. Wo sie ihrer menschlichen oder -unmenschlichen Leidenschaft nachgehen können und die Tage der Freiheit -so verbringen, wie es ihnen paßt. Sie sonnen sich an ihren Erfolgen, -berauschen sich an neuen Möglichkeiten und haben jedes Bewußtsein für -die Unrichtigkeit ihrer Existenz im Zusammenhang mit der anderen Hälfte -der Menschheit verloren. - -All diese Heimlichkeiten offizieller und betrachtender Feier fehlen im -Leben dieses Einzelfalles. Er gleicht einem Beamten, einer Maschine, die -nicht stillstehen kann, ohne wertlos zu werden. - -In dieses rauhe Dasein, das von tausend freiwilligen und geliebten und -noch mehr unfreiwilligen und gefürchteten Gefahren umlauert ist, tritt -als Unterbrechung die rührende Idylle einer großen Liebe. - -Aus den Erläuterungen über den Ursprung seiner Laufbahn wissen wir, -welcherart sein erstes erotisches Erlebnis war. In der Zeit der -stärksten Bindung an seine Mutter und zugleich Hoffnungslosigkeit, je -wieder menschliche, selbstverständliche Zärtlichkeit zu finden, -überfällt ihn die kalte und brutale Zärtlichkeit einer abgefeimten -Dirne, der er wehrlos, aber voll unauslöschlichen Ekels unterliegen muß. -Dieses Erlebnis hat er niemals verwinden können, und welche Bedeutung es -für ihn haben muß, geht aus der Tatsache hervor, daß der sonst wortkarge -und verschlossene Mensch in vollster Öffentlichkeit vor ganz Deutschland -gewissermaßen die Worte findet, seine Qual und seinen Ekel -hinauszuschleudern. - -Zugleich aber bildet diese Wunde, der ständige Reiz, der von ihr -ausging, einen Teil seines ewig wachen und kalten Selbstbewußtseins. - -Über das erotische Leben dieses Mannes, über seine allzu menschlichen -Abenteuer weiß man gar nichts. Er hängt mit verbissener und grandioser -Liebe an seinem Bruder und seiner Schwester. Widmet ihnen seine Dienste -über den Tod hinweg in einer seltsamen und düsteren Treue, die auf jeden -Menschen einen ergreifenden und echten Eindruck macht. - -So lebte er bislang. - -Dann trat eine Frau in sein Leben und alles wurde anders. - -Emil lernte sie eines Abends in einem Caféhaus am Alexanderplatz kennen. -Nannte sich Vogel und war als Verliebter eigentlich genau so, wie er als -Typus in der Geschichte der Kriminalfälle unserer Zeit weiterleben wird. -Voll unermüdlicher Höflichkeit. Still und doch lebendig. Aufopfernd. Las -der Freundin jeden Wunsch von den Augen ab. Für Geld hatte er keinerlei -Sondergefühle. Gab es mit vollen Händen aus. Kaufte ihr Kleider und -Wäsche. Er war Schlosser und verdiente. Führte auch seinen Bruder ein. -Zog schließlich ganz zu ihr. Lüftete aber nie das Geheimnis, das sich -hinter dem rätselhaften Vogel verbarg. - -Als der Vater der Freundin starb, kaufte er ihr Trauerkleider und ging -ihr zuliebe auch in Trauer. - -Nicht nur die Richter legten ihm diese Rolle übel aus. Fanden seine -Zärtlichkeit und die Schonung, die eigentlich aus allen seinen -Handlungen sprach, unaufrichtig, seine Freigebigkeit verschwenderisch. -In Wirklichkeit aber hatte ihn zum ersten Male der Hunger nach Leben -gepackt. Die Erkenntnis vor der endlichen Fruchtlosigkeit seines Kampfes -mochte ihm ganz entfernt und leise dämmern. So klammerte er sich mit -allen Fasern seines liebebedürftigen und bisher verschmähten Herzens an -dieses Erlebnis und war entschlossen, es bis zum Ende auszukosten. - -Dieses Ende sollte bald hereinbrechen. - -Im Dezember des Jahres 1919 herrschte geradezu eine Epidemie der -Einbrüche und Überfälle. Die Polizei war Tag und Nacht auf den Beinen. -Alle Kommandos waren ständig unterwegs. So suchte am neunten Dezember -ein Kommando unter Führung des Kriminalwachtmeisters Erdmann nach den -Urhebern eines Raubüberfalles auf einen Geldtransport der Post in der -Nähe des Schlesischen Bahnhofes. - -Nun waren bei der Polizei Nachrichten eingegangen über die auffallenden -Ausgaben einer Witwe B. in der Guineastraße, bei der zwei Brüder Vogel -wohnten. - -Die Gegend war nicht geheuer und der Schluß der Polizei, daß diese -Gelder aus unlauterer Quelle stammen müßten, vielleicht aus jenem Raub, -lag nahe. - -So machten sich also die Beamten auf den Weg zur Guineastraße – fünf an -der Zahl. - -Frau B. feierte ihren Geburtstag und es ging hoch her. Etwa ein Dutzend -Personen war um den Tisch des Hauses versammelt. Es gab Wein, Schnaps, -Kuchen und reichlich zu essen und zu trinken. - -Die Beamten betraten die Wohnung und erklärten, daß sie eine -Hausdurchsuchung abhalten müßten. - -Man war einverstanden. Die Personalien der Anwesenden wurden -festgestellt, und die Beamten fanden an dem Namen Vogel nichts -Verdächtiges. Sie waren ahnungslos und fremd in die Wohnung des Löwen -geraten. - -Diese Ahnungslosigkeit der Beamten sollte das Verhängnis beider Teile -werden. - -Es war ein schwerer Fehler der leitenden Stellen der Polizei, daß sie -ohne genügende Beobachtung Mannschaften, die den Charakter der Brüder -Strauß nicht kannten, gegen diese vorsandten. Sie hätten eruieren -müssen, wer diese Brüder Vogel sind. Und dann ausgewählte Beamte, wie -das bei der eigentlichen Verhaftung dann auch geschah, auf Streife -schicken sollen. - -Das ganze Renkontre mit dem tragischen Ausgang ist auf diese -Unachtsamkeit zurückzuführen. Es wäre unter den richtigen -Voraussetzungen nie zu diesen blutigen Exzessen gekommen. Der Ruf des -Beamten mußte den verwirrten Strauß, der doch sofort bemerkte, daß er -einen durch seine Unkenntnis gefährlichen Gegner vor sich hatte, als die -Drohung mit Schießen erscheinen, so daß psychologisch das Moment der -Notwehr gegeben war. - -So wurde er das Opfer polizeilicher Unvorsichtigkeit, geriet -gewissermaßen in eine unfreiwillig gestellte Falle, der er nicht -entrinnen konnte. - -Wie man wirklich seiner habhaft werden konnte, ohne viel -Aufhebens und vor allem ohne jeden Widerstand, bewies später der -Kriminaloberwachtmeister Dettmann. - -Die drei Kriminalbeamten begannen mit ihrer Arbeit. Fanden eigentlich -nichts. Bis einer auf dem Ofen einen großen Packen Geldscheine liegen -sah. - -Emil entfernte sich, um eine Leiter zu holen. Erich hatte sich beim -Eintritt der Beamten unbemerkt zurückgezogen. - -Aber der Beamte behalf sich mit einem Stuhl, holte das Geld und setzte -sich an den Tisch, um zu zählen. Zwischendurch fragte er Frau B. nach -dem Ursprung einer so großen Summe, die sie als die Erbschaft von ihrem -Vater erklärte. Diese Auskunft genügte nicht und er fragte, weshalb denn -das Geld oben auf dem Ofen liege. Im allgemeinen pflege man doch einen -solch hohen Betrag in der Bank oder an einem sichereren Ort zu -verwahren. - -Hier mischte sich Emil, der bis jetzt ganz ruhig, äußerlich zumindest, -geblieben war, in die Unterhaltung und motivierte dieses Versteck, das -nach seinem Dafürhalten durchaus sicher sei. Die Beamten durchsuchten -nun weiter die Wohnung, und Emil zog sich einen Augenblick in eine -kleine Kammer zurück. Seine Abwesenheit wurde aber von Erdmann bemerkt, -der ihn fragte, was er da mache. - -Da erscholl das Knacken eines Revolvers, der Beamte sprang auf und -schrie: „Hände hoch!“ - -Niemals hatten die Brüder Strauß bis jetzt irgendeinen Angriff auf das -Leben eines Menschen unternommen. Sie waren dafür bekannt, daß sie nie -Waffen trugen. Woher kam diese plötzliche Wendung? - -In der Verhandlung erzählte Emil etwa folgendes: - -„Eines Tages erschien Erich mit zwei Revolvern und übergab sie mir für -den Fall, daß wir bei einer unserer Klettertouren abstürzen sollten. -Dann wollten wir uns erschießen, um nicht lange in Qualen sterben zu -müssen oder als Krüppel herumzulaufen. Nie aber, und das machte ich ihm -zur heiligsten Pflicht, darf auf einen Polizisten geschossen werden. Sei -es wer immer!“ - -Diese beiden Revolver lagen ungeladen in der kleinen und finsteren -Kammer versteckt. - -In irgendeiner Assoziation, die wohl nur aus seiner alkoholisierten -Stimmung, aus seinem Erlebnis mit der Frau zu erklären ist, vielleicht -auch aus Verzweiflung und trüber Ahnung nahm Emil die eine Waffe und -versuchte zu laden. - -Dabei schnappte wohl der Hahn und der Ruf des Beamten schreckte ihn auf. -Riß ihn in die entsetzliche Wirklichkeit zurück. - -Er trat in die Stube und auf das Kommando: „Hände hoch!“ begann er zu -schießen. Streckte den Wachtmeister Erdmann nieder. Die beiden andern -Polizisten schossen ihrerseits zurück, und plötzlich tauchte auch Erich -auf, der sich an dem Gefecht beteiligte und wie wild um sich knallte. - -Entsetzt flüchteten die Gäste in wildem Tumult. - -Die Polizisten waren sämtlich mehr oder minder schwer verletzt. Die vor -der Türe postierten beiden Probanden halfen ihren verwundeten Kameraden. - -Emil schnappte einen Teil des Geldes vom Tisch. Er hatte einen leichten -Streifschuß erhalten. Die Treppe hinauf ging es und über die nächtlichen -Dächer auf gewohnten Pfaden ins Freie. - -Aber er hatte auf dem Tisch seine Brieftasche vergessen. Als man sie -öffnete, war die Lösung des Rätsels gegeben. - -Die Brüder Strauß waren abermals entwischt. - -Wenige Tage nach dem Kampfe erlag der wackere Wachtmeister Erdmann -seinen schweren Verletzungen. Seinem Kollegen Krumpholz, der einen -Kopfschuß erhalten hatte, mußte ein Auge entfernt werden. - -Die beiden Brüder erkannten, daß jetzt ihr Leben auf dem Spiele stand. -Die ganze furchtbare Gewalt ihres Schicksals stand klar vor ihren Augen. -Bislang wußten sie, daß sie auf Gnade zu hoffen hatten, und daß die -Polizei bis zu einem gewissen Grade gute Miene zum bösen Spiel machte. -Sie in den Grenzen des Erlaubten schonend und menschlich behandelte. All -diese Sympathien, auch in der Öffentlichkeit, hatten sie sich -verscherzt. Der Ton der Presse, bis jetzt voll heimlicher oder offener -romantischer Bewunderung, schlug in grelle Entrüstung zu Schreien nach -Sühne und Vergeltung um. Und das mit Recht. - -Selbst gesetzt den Fall, die Schüsse waren ein Akt der Notwehr, der -Verzweiflung und Verwirrung ... ein kühler und beherrschter Intellekt -wie der des älteren Bruders hätte die Gefahr spüren, wittern müssen, der -er entgegenstürzte in dem gleichen Augenblick, da er die Waffe berührte. - -Die beiden irrten durch Berlin, um einen Unterschlupf zu finden. Wohl -selbst ihrer Sache überdrüssig und gewiß, daß sie nicht lange mehr -verschnaufen würden. - -Den Ermittlungen der Polizei war es gelungen, ihren Aufenthaltsort -ausfindig zu machen. Am siebenten Januar 1920 erschien -Kriminaloberwachtmeister Dettmann bei der Inhaberin eines Logis im -Norden und verlangte Einlaß in eine Hinterkammer, in der zwei Männer -unangemeldet wohnen sollten. Ein kurzes Palaver. - -„Aufmachen, Emil, hier ist Dettmann ... wir haben Handgranaten.“ - -„Wenn ihr vernünftig seid, wir sind es auch.“ - -Dann wurde die Tür geöffnet. Die beiden Brüder standen, nur mit dem Hemd -bekleidet, mit hochgehobenen Armen in der Kammer. Sie ließen sich ohne -Widerstand festnehmen und abführen. - -Mit dieser ihrer Festnahme hat die „Laufbahn“ der beiden vorläufig ihr -Ende erreicht. - -Ein Jahr blieben sie in Untersuchungshaft. - -Die Anklage lautete auf Mord, Gefangenenbefreiung, Einbruch. - -Jetzt begann der Kampf ums Leben. - - - - - VIII. - - -Der Tag der Verhandlung war ein großes Ereignis. - -Hunderte von Polizisten in Uniform und Zivil hielten alle Zugänge zum -Moabiter Gerichtsgebäude besetzt, das von einer großen Menschenmenge, -Interessenten, Anhängern und Freunden der beiden umlagert war. - -Der Transport der Angeklagten ging unter allen nur erdenklichen -Vorsichtsmaßnahmen vonstatten. Die an Händen und Füßen gefesselten -Brüder wurden von einer Schar Bewaffneter eskortiert und in den Saal -geleitet. Dort nahm man ihnen zwar die Handschellen ab. Die Füße dagegen -blieben mit langen Ketten geschlossen, die bei jeder Bewegung ein -schauerliches Gerassel ertönen ließen. - -Polizisten nahmen neben den Angeklagten Platz und hielten die Revolver -schußbereit. Man war auf alle Eventualitäten und Zwischenfälle -vorbereitet. - -Trotz der schärfsten Kontrolle aber war es einer ganzen Anzahl der -Zunftgenossen der Einbrecherkönige gelungen, sich auf die Tribünen zu -schleichen, wo sie friedlich zwischen hohen juristischen Leuchten und -Herren der Gesellschaft saßen. Aber gerade vor diesen Anhängern hatte -man Angst. Waren doch allenthalben Gerüchte verbreitet, daß die -Gesinnungsgenossen in ihrer Verehrung für ihr angestammtes Herrscherpaar -sogar zu einem Befreiungsversuch entschlossen seien. - -Der Vorsitzende befahl also, zunächst die Tribünen zu räumen, was nach -einigen Schwierigkeiten auch gelang. - -Bleich und mager, aber unerschüttert saß Emil Strauß in der häßlichen -Gefangenentracht auf der Bank und ließ den Blick durch den Zuschauerraum -gehen, wo er einige Bekannte mit einem leisen Kopfnicken begrüßt. - -Dann beginnt die Verhandlung mit den üblichen Formalitäten, nach deren -Verlesung, Anklage, Vorstrafen der Auftakt, die große Überraschung -einsetzt. Der Angeklagte Emil Strauß erhebt sich und will eine Rede -halten. - -Der Staatsanwalt unterbricht ihn. - -Der Redner aber wehrt ab mit der Begründung, daß hier ein Menschenleben -auf dem Spiele stehe und ein paar Minuten deshalb keine Rolle spielen -dürften. - -Dann gibt es kein Halt mehr für ihn. Er ignoriert die Einwände und -Aufforderungen des Vorsitzenden, zur Sache zu reden. Die Sache, das ist -eben seine Anschauung von den Ursachen und Irrwegen seines jetzigen -Zustandes, dessen Wurzeln er ausgräbt und bloßlegt. Eben in jener Rede, -die eingangs bereits wörtlich abgedruckt ist. - -Der Eindruck, den sie machte, war überraschend und hatte wohl die gut -berechnete Wirkung, allen bösen Anschauungen, die die Geschworenen durch -Presse und Legende in sich aufgenommen hatten, durch einen echten und -menschlich ergreifenden Urtext zu verdrängen. Natürlich war die Art -seines Vortrags dem Inhalt entsprechend. Klar und kompliziert zugleich, -tief durchdacht und schließlich doch gebunden an die böse Realität -seiner Existenz, die nun hier vor der letzten Instanz sich an ein -menschlicheres Ohr wandte, als er es bisher in der Welt gefunden. - -Dieser ungewohnte und doch wahre, nüchterne und durch keine Phantasie -auszudenkende Bericht erregte in ganz Deutschland größtes Aufsehen. Nur -nicht an der Stelle, wo es der Fall hätte sein müssen. - -Der Staatsanwalt begründete die Anklage formal und psychologisch auf -Mord. - -„Von Notwehr kann keine Rede sein. Weder wußten die Polizisten, mit wem -sie es zu tun hatten, noch lag ein Grund zu einem Angriff von ihrer -Seite vor. Sie rechneten auch gar nicht damit, da alles in Ordnung und -Ruhe vor sich ging und niemand der Betroffenen, am allerwenigsten Emil -Strauß, auch nur eine Spur von Erregung zeigte. - -Als der eine der Beamten den Angeklagten in der Nebenkammer, die er noch -gar nicht bemerkt hatte, rumoren hörte, fragte er instinktiv, und das -Kommando „Hände hoch!“ war keineswegs ein Signal für einen Angriff -seinerseits, sondern lediglich ein Warnungsruf, eine Aufforderung in der -eigenen erkannten und zur Gewißheit gewordenen Gefahr. - -Gleich darauf betrat Emil Strauß das Wohnzimmer, den erhobenen, -schußbereiten Revolver in der Faust, und zielte mit absoluter Ruhe und -Kaltblütigkeit wie auf dem Übungsplatz gegen die Polizisten, die gleich -vor der Mündung saßen oder standen. - -Zwischen dem Verlassen des Zimmers und seinem Wiederauftreten mit der -geladenen Waffe liegt die Überlegung und der Entschluß, zu morden. Sich -mit Gewalt aus der brenzligen Situation zu retten. - -Die beiden Brüder gehören ihrem ganzen Wesen nach zu den gefährlichsten -Einbrechern, die Berlin je heimsuchten, und es liegt in ihrer Natur, -auch wenn sie heute mit bombastischer Rede und psychologischen -Erklärungen ihre Taten als zwangsläufig und unabwendbar hinstellen -möchten, daß sie vor nichts, auch nicht vor der Vernichtung blühender -Menschenleben zurückschrecken. - -Durch die Aussagen der Beamten ist ferner erwiesen, daß keiner der -beiden auch nur angetrunken gewesen wäre, geschweige denn, wie Emil -angibt, vollkommen benebelt. Dagegen spricht ihre sofort folgende -Klettertour über die vereisten Dächer. - -Die Tat ist bei voller Besinnung und in klarer Erkenntnis der Folgen -begangen.“ - -So etwa lautete das lange und kunstgerecht aufgebaute Plaidoyer des -Staatsanwaltes, der Todesstrafe beantragte. - -Dann folgte die Rede des Verteidigers, der das Gegenteil feststellte und -vor allem die Tatsache unterstrich, daß gerade diese beiden gefährlichen -Verbrecher nie auch nur eine Spur gewalttätiger Gesinnung gezeigt -hätten. Daß Emil mit Tränen in den Augen sagte, er werde nach seiner -Entlassung bis an sein Lebensende für Frau Erdmann arbeiten, und sie -möge ihm doch verzeihen. - -Gerade die menschlichen und so komplizierten Seiten der früh verstoßenen -und unglücklichen Menschen legte er dar und appellierte an das Gewissen -der Geschworenen. - -Und er behielt recht. Die Geschworenen zogen sich zu dreistündiger -Beratung zurück und fällten den Wahrspruch: Totschlag. - -Das Urteil lautete in der Zusammenfassung mit anderen Strafen zu der -gesetzlich zulässigen Höchststrafe von fünfzehn Jahren Zuchthaus. - -Die Strafe wurde von den Brüdern angenommen. - - - - - IX. - - -Hier wäre nun der Kreis und die Summe der Taten dieses Verbrechers, der -Mensch werden wollte und nicht durfte, die rein oder vermischt -kriminalistisches Interesse beanspruchen können, geschlossen. Die -Gerechtigkeit hat ihren Lauf genommen, wurde befriedigt und der Sünder -hat seine Buße angetreten. - -Der Physis nach, soweit das vorbestimmte Los den Menschen Strauß zum -Einbrecher, zum Opponenten gegen die öffentliche Moral und schließlich -zum Mörder werden ließ, wäre hier sein Leben, soweit es die -Öffentlichkeit erregte, fesselte und entsetzte, beendet. - -Doch wie aus dem Gesagten erhellt, lief parallel zu diesem -gewalttätigen, häßlichen und niedrigen Kampf, so sehr er auch vorbedingt -war von einem ehrlich gefühlten und gedeuteten Haß, der Kampf des klugen -und weichen, lebendig bewegten und spekulativen Menschen Strauß. Der -feierte seine Auferstehung im düsteren Gestank der Zelle, fern aller -anderen Anregung als der der toten Buchstaben. Anteil am Kampf um -Bildung, Wissen, Glauben der Menschen in Freiheit blieb ihm versagt. So -nährte er sich von den Brosamen des reichbestellten Tisches und ward -zwar blaß und schattenhaft, aber er spürte sich wachsen. - -Und das Licht des unvergitterten Tages bekam ihm auch nicht. Im -Gegenteil. Er mußte in Ohnmacht gegen den Dämon verstummen. - -Unterlag immer wieder dem nie endenwollenden Haß, der finsteren -Rachsucht, die die Hände zu Dietrich und Stemmeisen und schließlich zum -Revolver greifen ließ. - -Dennoch lebte der weiße Bruder in diesem Wesen weiter. - -Zwiespältig geboren, gleich stark begabt, war es eine Frage der Zeit -oder der Niederlage, welcher Teil seines Wesens den Sieg davontragen -würde. - -Der Abgrund, der aus seiner Schreckenstat aufklaffte, der Rand des -Grabes, dem er wie durch ein Wunder entging, das Wehen der anderen Welt -trieben ihn zur Besinnung. Es scheint wirklich, als habe ein Teufel ihn -besessen, im übertragenen Sinne. Und der Donner der letzten Stunde und -das Sterben eines Unschuldigen mußten ihn befreien. - -Das Jahr der Untersuchungshaft bedeutete für ihn mehr als das Warten auf -den letzten Spruch. Mehr als die Bilanz eines verpfuschten Lebens. -Wollte er Ja sagen, so gab es für ihn keine bessere Lösung, als sich -entweder, wie so oft zuvor, den Armen der Justiz zu entwinden oder -Schluß zu machen. Mit diesem Leben und allem Zukünftigen. - -Und hier gab es für ihn wie für jeden Menschen schließlich zwei -Möglichkeiten, unter denen er wirklich in Freiheit zu wählen hatte. - -Einmal den Weg, den wohl die meisten Verzweifelten gehen, die am Ende -sind mit ihrer Kraft, denen das Leben ausging unter den saugenden -Umklammerungen des Unglücks ... den Selbstmord. Dieser Weg stand ihm -offen, durchaus und wahr als ein begreifliches Los nach dem -Zusammenbruch aller menschlichen und erotischen Möglichkeiten auf ein -ganzes Menschenalter hinaus. Sicher hat dieser extreme Ausgang in der -Nacht der Kerkermauern oft vor seinem geistigen Auge gestanden. Die -große Gleichgültigkeit und Ermattung, die ganz heimliche und letzte -verzweifelte Erkenntnis, die ja doch wohl der wahre Sinn dieses Lebens, -daß alles keinen anderen Sinn haben kann als den des dummen und -sinnlosen Alterns und Sterbens. Und je schneller man diesen Weg beendet, -desto besser. - -Trotzdem vermied er diesen gewalttätigen Schluß. - -Die Bindung an den Bruder mag da mitgesprochen haben wie die andere, so -verhängnisvolle an die Geliebte. Aber sicher nur sekundär. - -Der wahre und zugleich tiefere Grund ist wohl seine ursprüngliche und -robuste Bejahung des Daseins, die primitive und durch keinen Aderlaß der -Vorfahren gebrochene Lust an der Arbeit, die naive Freude am -Weiterkommen, der Glaube an die Bedeutung des einzelnen für die -Gesamtheit oder für ein so imaginäres Ziel wie den Fortschritt oder die -Wissenschaft oder ... die Gesellschaft. Der eingeborene soziale Instinkt -und die Hochachtung vor dem eigenen mühsam erworbenen Wissen, sein -Selbstbewußtsein hielten ihn ab. - -Aber er löste das Problem dennoch, wenn auch auf eine ganz -unwahrscheinliche und abseitige Art. Er tötete den gewesenen Menschen in -sich ab. Das mönchische Prinzip von der Abtötung des Fleisches, das ihm -doch durch das Gefangenenleben schon ausgiebigst vertraut war, trieb er -auf die Spitze in geradezu ekstatischer Raserei. Zugleich als einzigen -Ausweg, um überhaupt die erdrückende Last der Zukunft ertragen zu -können. - -Er wußte zuviel, um als haßerfüllter Sträfling in der Masse der -Namenlosen untergehn zu können. - -Er hoffte zuviel, um Hand an sich legen zu können. - -So wählte er den esoterischen Weg der Flucht in die sinnvolle -unsinnliche Konzentration und Versenkung in Gott. - -Er wählte das letztere. - -Von der frühesten Kindheit bis zur letzten Verhaftung bildete dieses -Dasein eines Verstoßenen eine Kette unaussprechlicher Leiden, die -niemand begreifen konnte. Finsteres Verhängnis hielt den Gleitenden -gefaßt und stieß ihn immer tiefer abwärts. - -Das war kein leichtsinniger oder zynischer Bruder, der da über dem -Abgrund schwebte und Läden plünderte. Der zwölf Jahre Kerker -absolvierte, um immer wieder zu frischen Strafen bereit zu sein. - -Sondern ein düsterer, schwerblütiger und verzweifelter, ein ewig -fragender und belasteter Intellektueller, der aus Passivität gegen sein -Geschick zum Verbrecher wurde. - -Seine Aggressivität war die Betäubung der Stimme in der Brust, die das -große Warum dieses Daseins niederbrüllen sollte. Das Erwachen war immer -grauenhaft. - -Man kann sich einen reinen Typus des Empörers vorstellen, der auf eigene -Faust und ungehemmt seinen Kampf austrägt und von keinen metaphysischen -Sorgen behelligt von Tat zu Tat schreitet und seinem Ende, das früher -oder später doch kommen muß, gelassen entgegenschaut. - -Dieser Typus des Eroberers, des Kolonialmenschen ist dieser Emil Strauß -nicht. Die Verkrümmung seiner energischen Linie liegt ganz früh. -Vielleicht kam er mit ihr auf die Welt. Es ist sicher, daß er in -anderer, gesünderer Umgebung ein bedeutender, um nicht zu sagen ein -großer Mensch geworden wäre. - -So aber, außerhalb aller menschlichen Beziehung, ein Verbannter in der -Heimat, entfernte sich auch sein Rückweg, die Umkehr ganz und gar von -der Norm. - -Der Angleich an die Welt kann ihm nicht gelingen. Er gleitet an ihr -vorüber und landet in einem metaphysischen, religiösen System, der -Christian Science. - -Wert oder Unwert dieser Lehre, die aus Amerika, wo sie Anhänger nach -Millionen zählt, soll hier nicht untersucht werden. - -Die Voraussetzung allen metaphysischen Erlebens ist natürlich der -Glaube, sei es an Gott oder den Teufel oder an sich selbst und die im -Menschen wurzelnden, unbekannten Kräfte. Sei es auch nur die Hoffnung, -einem Glauben verbunden zu sein und einer gleichgerichteten Schar, daß -man menschliche Nähe wieder spüre, eine Hand, die in die gräßliche und -einsame Finsternis dieses Lebens langt, mit etwas Wärme behaftet. - -Jedenfalls steht das eine als ein sonderbares Mysterium, wäre man -versucht zu sagen, fest, daß das Leben dieses bisher in heftigster -Feindschaft zur Welt exaltierenden Menschen sich in das krasse Gegenteil -verkehrte: Weltflucht und Verneinung des Leidens, der Strafe, der Sinne, -aller Verführung und Gewalt, aller Erregung und allen Widerstandes gegen -den Willen Gottes, der sich ebenso mannigfach äußert, wie es Emotionen -der Umwelt geben kann. - -Sicherlich lag dieser Ausweg als der vielleicht einzig mögliche durchaus -in seiner Linie. Sein Wesen erscheint in keiner Weise verändert. Aber -dadurch, daß er die Kerkermauern leugnet, sich dahin gebracht hat, sie -nicht zu sehn, bekam er überhaupt erst Luft zum Weiterleben. Von dem -Schrecken des Lebendigbegrabenseins hat der „Laie“ keinerlei -Vorstellung. Er ist für einen Menschen mit empfindsamen Nerven durchaus -tödlich. Die Vorstellung, fünfzehn Jahre lang keinen Baum und keinen -Himmel, keinen Menschen und kein Tier sehen zu dürfen, nachdem man -bereits zwölf solch höllischer Jahre kraft der Jugend und des -Nichtbegreifens überstand, muß einen Charakter auch von eisernster -Willensstärke zermalmen. - -Aber das System des Glaubens an die innere Freiheit hat so feste Wurzel -in dem Herzen dieses Mannes im Kerker geschlagen, daß er frohen Muts in -die Zukunft schauen kann. Es gibt für ihn eine Zukunft. - -Er hat Pläne. Hat eine Erfindung gemacht. Er studiert Latein und -Mathematik. Er liest und arbeitet. - -Daneben verbreitet er die Lehre, an die er glaubt, unter seinen -Kameraden. - -Hat Erfolge in jeder Hinsicht ... seine Wärter stellen ihm das beste -Zeugnis aus, seine Mitgefangenen verehren ihn. - -In der Schneiderabteilung, in der er beschäftigt ist, deren Leitung er -inne hat, wird die Arbeit, im Gegensatz zu früheren Methoden, pünktlich -und sauber geliefert, das Verhältnis der Gefangenen untereinander und zu -ihren Wärtern hat eine neue friedliche Basis gewonnen für beide Teile, -sicherlich für den Staat und den Arbeitgeber eine erfreuliche Tatsache. - -Über die Gedanken und Vorstellungen von Emil Strauß an seinem jetzigen -Aufenthaltsort möchten wir im folgenden noch einige persönliche -Äußerungen von ihm bringen, die seinerzeit gleichfalls im „Tagebuch“ -veröffentlicht wurden: - -„Es wird Sie interessieren, etwas Bestimmtes über meinen jetzigen -Gemütszustand zu erfahren. Hm! ‚Mens sana in corpore sano!‘ möchte ich -Ihnen da frohbeglückten und dankbaren Sinnes zurufen, denn in geistiger -wie körperlicher Hinsicht geht es mir ganz ausgezeichnet. Soweit ich -mich entsinne, habe ich mich in den drei Jahrzehnten meines Schein- und -früheren Schattenlebens niemals so wahrhaft zufrieden, so kerngesund und -urkräftig gefühlt wie jetzt seit zirka zwei Jahren ... seit jenem für -mich unvergeßlichen Tage nämlich, da ich von meinem Verteidiger, Herrn -Dr. Loewenthal-Landegg, in echter, christlicher Nächstenliebe -hingewiesen wurde auf das göttliche Prinzip und seine wahre Idee des -Lebens, wie diese in der christlichen Wissenschaft (Christian Science) -offenbart werden. - -Die wahre Idee vom Leben! Welch ein unendlicher Gedankenreichtum liegt -doch in diesem einen kurzen Ausdruck enthalten. Was ist Wahrheit? Was -ist Leben? Wo findet man die eine? Und wie entsteht und was bezweckt, -wie äußert sich und ändert man das andere? ... - -Das sind Fragen, die den menschlichen Intellekt von jeher stets am -meisten beschäftigt haben und deren endgültig bestimmte Beantwortung für -jeden Einzelnen wiederum eine Lebensfrage ist, eine Frage des Seins oder -Nichtseins in des Wortes tiefstgründiger Bedeutung. - -Was Wahrheit ist oder nicht ist, kann niemals durch irgendwelche -rein-theoretischen Darlegungen in befriedigender Weise erklärt und -bewiesen werden. In der christlichen Wissenschaft, zu der ich mich heute -mit allen Fähigkeiten meines erwachenden animi bekenne, ist es z. B. -eine fundamentale, weil ewige unwandelbare Tatsache und Wahrheit, daß -ich meiner wahren, meiner geistigen Individualität nach kein Verbrecher, -kein überlästiger Störenfried der bürgerlichen Gesellschaftsordnung bin, -sondern eine geistig-substantielle, vollkommene Idee des allumfassenden -Prinzips, ein durch und durch auf Harmonie gestimmtes Wesen, das ebenso -unfähig ist, Dissonanzen zu erzeugen, wie solche zu erfahren ... ein -Wesen, das mit dem göttlichen Universalgesetz der Harmonie in -vollkommenem Einklang steht und daher auch gegen sogenannte menschliche -Gesetze, sofern sie den göttlichen Gesetzen nicht zuwiderlaufen, in -Wirklichkeit niemals verstoßen kann. - -Diese dem Nicht-Szientisten gewiß ganz urgeheuerlich klingende -Behauptung bedarf natürlich, um zu überzeugen, des Beweises, und die -einzige Möglichkeit, diesen Beweis vollgültig zu erbringen, besteht -darin, daß ich alles, was das Christus-Ideal der Wahrheit in meinem -Bewußtsein verdunkelt, was meine Gottebenbildlichkeit in mir -verschleiert und entstellt ... daß ich das alles in unablässiger, -gewissenhaftester Kleinarbeit aus meinem Bewußtsein nach und nach -ausmerze und dadurch dem Nichts der Vergessenheit anheimgebe. - -Durch diesen mentalen Reinigungsprozeß wird die das Ebenbild Gottes -verdeckende Tünche falscher Erziehung und falscher Denkgewohnheiten -mitsamt dem darauf abgelagerten, Jahrhunderte alten Staub der -Überlieferung falscher Annahmen allmählich hinweggewaschen, bis das -meisterhafte Original in all seiner ursprünglichen Frische und -bezaubernden Schöne mehr und mehr zutage tritt, um schließlich im -vollsten Glorienschein seiner makellosen Reinheit und Heiligkeit zu -erstrahlen. - -Dieses zielbewußte, konsequente Zum-Vorschein-bringen des wahren -Menschen ist selbstverständlich keine Arbeit, die sich so im -Handumdrehen oder von heute auf morgen erledigen läßt. - -‚Die Wiedergeburt‘, sagt unsere gottbegnadete Führerin Mrs. Eddy in -ihrem geistvollen Buch „Miscellaneous Writings“: ‚... die Wiedergeburt -ist nicht das Werk eines Augenblicks. Sie beginnt mit Augenblicken und -fährt fort mit Jahren. Augenblicke der Hingabe an Gott, des kindlichen -Vertrauens und freudigen Annehmens des Guten, Augenblicke der -Selbstverleugnung, der Selbstweihe, dem Himmel entstammender Hoffnung -und geistiger Liebe.‘ - -Um also den geforderten bzw. beabsichtigten Beweis der -Gottebenbildlichkeit meines wahren Ichs bis über die Grenze berechtigten -Zweifels und verständlichen Mißtrauens hinauszuführen, ist eine gewisse -Zeit nötig. Dem aufmerksamen, vorurteilslosen Beobachter meines inneren -Entwicklungsganges dürfte es aber schon jetzt nicht mehr verborgen sein, -welche erstaunliche Wandlung in meinem ganzen Denken, Reden und Tun -bereits stattgefunden hat. - -Vergegenwärtigen Sie sich bitte, daß ich ... der Schreiber dieser -absichtlich allen Überschwangs entkleideten Zeilen ... daß ich damals, -unmittelbar nach meiner letzten Verurteilung, am Rande abgrundtiefer -Verzweiflung stand und fest entschlossen war, die mir auf ein volles -Menschenalter hinaus genommene materielle Freiheit mit allen Mitteln -brutaler Rücksichtslosigkeit und findigster Verschlagenheit mir wieder -zu erobern. - -Eine halbstündige Unterweisung (fast möchte ich sagen: -christlich-wissenschaftliche Behandlung!) seitens meines verehrten -Verteidigers veranlaßte mich aber, alle bereits getroffenen -Verabredungen und Vorkehrungen für die sofort nach meiner Überführung in -eine Strafanstalt geplante Flucht kurzerhand rückgängig zu machen und -damit alle Brücken, die mich mit der Vergangenheit noch verbanden, -hinter mir zu verbrennen. - -Dieses urplötzliche und allen meinen ehemaligen Gesinnungsgenossen bis -heute noch unfaßbare _Aufgeben des Fluchtgedankens_ war die erste -Heilung, die ich in moralischer Beziehung durch praktische Anwendung der -christlichen Wissenschaft auf mein bis zur Hoffnungslosigkeit -verworrenes Lebensproblem erfuhr. Was ich seitdem durch tägliches -hingebungsvolles Studium dieser unvergleichlich herrlichen Lehre an -innerem Glück, an geistigen Freuden und einem Frieden, der alle -klügelnde Vernunft übersteigt, erfahren durfte, das läßt sich, ohne -anderen überschwenglich zu erscheinen, in Worten gar nicht wiedergeben -... - -Hiermit notgedrungen abbrechend, begrüßt Sie dankbarst - - Emil Strauß. - -Nachschrift: In bezug auf Ihr gütiges Anerbieten, mir etwas Lektüre zu -senden, werden Sie es jetzt begreiflich finden, daß mir altruistische, -pazifistische Schriften (etwa Tolstoi, Anatole France und ähnliche), die -den Gedanken der Weltverbrüderung und des ewigen Friedens propagieren, -gegenwärtig am willkommensten wären.“ - - - - - X. - - -Nach diesem Selbstbekenntnis, das in der trockenen und stilistisch -geschraubten Redeweise eines gebildeten Autodidakten und ganz unter dem -Einfluß der amerikanischen Traktate genau so über der Welt und im -eigenen Selbstbewußtsein schwebt, egozentrisch, voll bitterer Milde -gegenüber der Vergangenheit, voller Vertrauen auf die Zukunft, die nur -noch Gutes bringen kann, darf es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß -Emil Strauß von einem wirklich fast wunderbar zu nennenden Erlebnis -überrascht und gewandelt wurde. - -Wenn man seine frühere Existenz kennt, dieses Leben des Freibeuters, der -mit zynischer Gelassenheit und voller Verachtung über die einfachsten -Regeln bürgerlicher Konvention hinwegschreitet, als seien sie für ihn -nicht vorhanden, der mit guten Witzen und großen Gesten die Tätigkeit -der Polizei verlacht und verhöhnt, der die Ordnung haßt und die Freiheit -über alles liebt, sein Leben aufs Spiel setzt, um wieder frei atmen zu -können. Der noch trotz seiner glänzenden und aufrichtigen Rede vor den -Geschworenen den Plan zu einer gewaltsamen und groß angelegten Flucht -gleichzeitig im verworrenen und zwiespältig beherrschten Herzen wälzen -konnte. Dieses Kind der dunklen Großstadt, dessen Ehrgeiz und Ruhm es -waren, nie besiegt worden zu sein ... bedenkt man dieses Leben und seine -jetzige Wandlung, so steht man vor einem Rätsel. - -Es gibt da noch, wie das bei einem solchen Ereignis leicht begreiflich -ist, eine andere Version: - -Die Bekehrung und Versenkung des reuigen Sünders in die Stimme des Herrn -und die Lehre der Christian Science seien nichts anderes als eine groß -angelegte Finte. Er wiegt die Behörden und Wächter in Sicherheit, kein -Laut, kein Seufzer dringt aus seiner Brust. Gedanken schlummern in -seinem tausendfach versiegelten Herzen, von deren Gründlichkeit niemand -etwas ahnt. - -Eines Tages aber wird es so weit sein. Dann werden alle Fäden in seiner -Hand zusammenlaufen, und das große Spiel um den letzten Einsatz kann -beginnen. Nur die alleräußerste Vorsicht und die jahrelange Übung einer -eisernen und überlegenen Energie kann dieses Tempo des Zuchthauses -ertragen. Eines Tages wird Emil Strauß aus dem Kerker verschwunden sein -und wenige Wochen später ein großer Einbruch mit wilder Kletterei über -Dächer und Mauern hinweg die Berliner aus dem Schlaf wecken und sie an -die Existenz dieses gewaltigen Räubers unliebsam erinnern. - -Ich glaube, daß diese Meinung vollkommen falsch und ohne die Einsicht in -die Zusammenhänge dieses Geistes gedacht ist. - -Denn die jetzige Situation des Sträflings bedeutet zwar in menschlicher -Hinsicht eine fürchterliche und unübersehbare Qual. Seine ästhetische -und selbstbewußte Art wird unter den Greueln der Gefängnismauern täglich -und stündlich gemartert werden. Kein Leid wird an ihm vorübergehn, von -den Qualen der Einsamkeit und Öde bis zur bittersten sexuellen Not -werden Tage und Nächte über ihn fallen, die ein einziger Geißelhieb -sind. - -Andererseits aber erlebte er die Erfüllung seiner frühesten Sehnsucht. -Bedeutung und Hilfe ward ihm zuteil. Menschen der guten Gesellschaft -nahmen sich seiner an. Anerkannten seine Qualitäten. Der schreckliche -Stachel der Minderwertigkeit, der mangelnden Anerkennung ward aus seinem -überempfindsamen Fleisch genommen. Eigentlich hat er erreicht, was er -sein ganzes Leben lang wollte: Anerkennung und Bewunderung. Glauben und -Hoffnung. Bei sich und andern. - -Denn seine Freunde sind, wie er, Anhänger der Christian Science und -treten für ihn ein mit Rat und Tat. Er wurde aufgenommen in einen Kreis -gutmütiger und kameradschaftlicher Menschen. Das Gefühl, das ihn -jahrelang peinigte, ausgestoßen und ungerecht verfolgt zu werden, -außerhalb von Recht und Gesetz leben zu müssen, mußte ihn verlassen -zugunsten eines warmen und sicheren Heimatgefühles. - -Das ist das eigentliche Wunder und der Halt seiner jetzigen Existenz. -Nicht so sehr die innere Erleuchtung als vielmehr die soziale -Geborgenheit trotz seines Gewandes, trotz seiner Vergangenheit läßt ihn -den Gedanken an eine Flucht verwerfen. - -Im Grunde war er immer ein bürgerlich orientierter, ehrgeiziger Mensch, -dessen Begabung nur in falsche und verrückte Bahnen gedrängt wurde. Nie -hat er den eigenen Wert innerhalb einer möglichen, sehr liberalen und -sehr sozialen Gesellschaft außer acht gelassen. Es war der Traum seines -Lebens, einmal vor die Welt treten zu können und ihr seine berechtigte -Anklage ins Gesicht schleudern zu dürfen, und dann Zuflucht und -Bedeutung in einer anderen zu finden. - -Denn als Proletarier muß er zugleich Sozialist sein. Es ist die gelebte -und tausendmal erfahrene Philosophie seines Leidens. Solange die Wertung -des Menschen nach Erbschaft und Kapital von oben herab dekretiert wird, -muß ich kämpfen. - -Im gleichen Augenblick, wo er die Möglichkeit einer sozial gerechten und -zugleich menschlich bereiten Atmosphäre spürte, also das sozialistische -Ideal, wenn auch nur annähernd, aber seinem persönlich grüblerischen -Temperament adäquat verwirklicht sah, brach er den Kampf ab und ging zur -anderen, als richtig erkannten Partei über. - -In Wirklichkeit also fand er nichts Neues, sondern nur sein eigenes -Lebensbild. Kehrte gestärkt und bestätigt zu seiner Philosophie heim. -Weder die Welt des Verbrechers noch die bürgerlich unaufrichtige und -stachlicht umhegte Welt Europas hat ihn gefangen. - -Über der sichtbaren hat er sich eine unsichtbare, nur esoterischen -Geistern zugängliche Welt ersonnen. Im Bogen weicht er allem aus, was -ihn von diesem Weg der Selbstbetrachtung und Selbsterhaltung abbringen -könnte. - -Dabei arbeitet er mit staunenswerter Energie und Begabung an seiner -eigenen Vollendung. - -Jetzt lernt er Latein. Von seinen Mitgefangenen ließ er sich die -schmalen Streifen Klosettpapier geben, die an der Schnur hängen bleiben. -Darauf schreibt er mit winzigen Buchstaben die Vokabeln, legt diese -Wortstreifen während der Arbeit neben sich und lernt. Sein -Bildungshunger ist grenzenlos. - -Aber er hat auch Erfolge. - -So ist es ihm gelungen, eine wichtige Erfindung auf elektrotechnischem -Gebiet zu machen, die in diesen Tagen dem Patentamt vorgelegt wurde und -die Aussicht auf Verwirklichung hat. - -Eine ganze Reihe technischer Probleme beschäftigt ihn. Das Reich der -Zahlen und Ströme durchwandert sein begabter Geist mit der gleichen -Behendigkeit und Tiefsinnigkeit, wie das des Glaubens und der Wunder. - -Auch seine dichterische Kraft ist keineswegs erlahmt. Eine ganze Anzahl -schöner und formvollendeter Gedichte ist so erstanden, und seine Briefe -gehören an Gedankentiefe, Sachlichkeit und menschlichem Ernst zum -Schönsten überhaupt, was er erdachte. - -Eine ganze Anzahl geistig hochstehender Menschen nimmt sich seiner -liebevoll an. Dieser merkwürdige Außenseiter hat wirklich das Wunder -vollbracht, in der heutigen, abgehetzten und vergrämten Generation -nachhaltigen Eindruck zu machen und einen Kreis von Menschen um seine -Spur zu scharen, der in Liebe und Teilnahme zu ihm steht. - -Der Traum seines Lebens ist natürlich nicht zu Ende. Wie er selbst -sagte, daß er hoffe, daß hinter diesem Blatt noch andere folgen werden, -so geht auch seine Hoffnung unbeirrbar ihren Weg. - -Der Tag der Freiheit muß auch ihm einmal leuchten. - -Es gilt, ihn zu erleben. - -Dann will er in Amerika das wahre Leben beginnen, wo seine Freunde, die -Anhänger der christlichen Wissenschaft nach Millionen zählen. Auf diesen -Tag hat er seine ganze Hoffnung konzentriert und wir wollen wünschen, -und sind sogar gewiß, daß sie nicht zuschanden wird. - -Wie ein sonderbarer Heiliger leuchtet das Bild dieses verirrten und -gestraften Menschen vor uns. Wer sich mit diesem merkwürdigen Leben, das -so gar nicht in unsere Berechnung von der Wichtigkeit der Materie paßt -und doch ganz ihr entsprungen scheint, einmal befaßt hat, wird es nicht -mehr los. Wie auch alle bestätigen, die mit Strauß in nähere Berührung -kamen. Es geht eine unwiderstehliche Kraft von ihm aus, die fesselt und -anzieht und einen nicht mehr freigibt. - -Weil er die Inkarnation unserer eigenen Problematik verkörpert: Von der -Unruhe und dem Vorbeileben wegzukönnen in den Frieden einer so oft und -heiß erkannten und gewünschten Innerlichkeit. - -Ein Yogha, ein indischer Fakir zu werden, über den die Zeit und der böse -Raum keine Gewalt mehr haben. Der dieses Leben kraft seines Willens zu -einem Traum hinabdrückt und aufsteigt in die gewählte, erlittene und -erkannte Freiheit. - -So wird über die Zufälligkeit seiner Taten und seines bösen Ruhmes -hinweg auch in diesem Leben die aller Natur innewohnende symbolische -Güte und Größe klar. - -Der Verbrecher ist nicht allein der Verworfene und Ausgestoßene, der ob -seiner Taten der Strafe und Verachtung anheimfällt. Er ist ein Opfer und -ein Mitglied durch Schuld, die tief unter der Schwelle menschlicher -Erkenntnis lagert, an uns gefesselt. Als habe er einen Teil der -allgemeinen Schuld auf sich genommen und leide jetzt, sich selber fremd, -wie etwa ein stummes Tier leidet. In diesem besonderen Fall aber erfaßte -das Los einen, dem Gott gab sein Leid zu sagen. Weil es tiefer war als -das aller anderen und immer tiefer wurde, je mehr er sich von der -Oberfläche entfernte. - -Und immer mehr von unserem Wesen nahm er an und wurde auf dem blutigen -Kreuz-Umweg der Verkündiger der ewigen Weisheit des Ostens: - - Ging eine Welt dir verloren, klage nicht, denn sie war nichts; - Hast eine Welt du dir gewonnen, juble nicht, denn es ist nichts. - -Nicht das Gespenst des Verbrechers und die literarische Kritik seiner -Taten konnten hier den Ausschlag geben. Denn all das verschwindet hinter -dieser tragischen Figur, die das schlimmste Laster der Menschheit -überwinden mußte, das Mißtrauen. Sondern das Wesentliche, Menschliche in -diesem noch sehr lebendigen und aktiven Leben. Und daß er spüren soll, -daß es entgegen aller Erwartung in dieser vergeßlichen Zeit noch Kräfte -gibt, die tiefer als ein Urteil und eine Tagesmeinung dringen und auch -im Menschen im Sträflingskleid nicht das Tier im Käfig, „den haarigen -Affen“, sondern den Bruder sehn. - - - - - In der Sammlung - AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT - – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. – - erscheinen in kürzester Zeit folgende Bände: - - - *Band 1: - - ALFRED DÖBLIN - DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD - - *Band 2: - - EGON ERWIN KISCH - DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL - - *Band 3: - - EDUARD TRAUTNER - DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU - - *Band 4: - - ERNST WEISS - DER FALL VUKOBRANKOVICS - - *Band 5: - - IWAN GOLL - DIE ROTE JUNGFRAU GERMAINE BERTON - - *Band 6: - - THEODOR LESSING - HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS - - *Band 7: - - KARL OTTEN - DER FALL STRAUSS - - *Band 8: - - ARTHUR HOLITSCHER - DER FALL RAVACHOL - - *Band 9/10: - - P. DREYFUS – PAUL MAYER - RECHT UND POLITIK IM FALL FECHENBACH - - Band 11[1]: - - L. LANIA-HERRMANN - DER HITLER-PROZESS - - Band 12: - - THOMAS SCHRAMEK - DER FALL EGLOFFSTEIN - - Band 13: - - HENRI BARBUSSE - DIE MATROSEN DES SCHWARZEN MEERES - - Band 14: - - OTTO KAUS - DER FALL GROSSMANN - - Band 15: - - EUGEN ORTNER - DER FALL BERNOTAT - - Band 16: - - WALTER PETRY - DER FALL NÄGLER - - Band 17: - - FRIEDRICH STERNTHAL - DER FALL DER RATHENAUMÖRDER - - Band 18: - - RENÉ SCHICKELE - DIE CAILLAUXPROZESSE - - Band 19: - - KARL FEDERN - DER FALL MURRI-BONMARTINI - - Band 20: - - KURT KERSTEN - DER PROZESS GEGEN DIE MOSKAUER SOZIALREVOLUTIONÄRE - - Band 21: - - MARTIN BERADT - DER FALL HASSELBACH - - Band 22: - - F. A. ANGERMAYER - DER FALL DER PARISER AUTOMOBILBANDITEN - - Band 23: - - WILLY HAAS - DER FALL GROSS - - Band 24: - - WALTER VON HOLLANDER - DER FALL GRUPEN - - Band 25: - - MAX FREYHAN - DER JUWELENRAUB IN DER KÖPENICKERSTRASSE - - Band 26: - - HANS REISER - DER FALL STRASSER - - Band 27: - - FRANZ THEODOR CSOKOR - DER FALL EISLER - - Band 28: - - E. I. GUMBEL - EIN POLITISCHER MORD - - Band 29: - - EDUARD TRAUTNER - DER FALL DES SCHUPOWACHTMEISTERS GERTH - - Band 30: - - ARNOLT BRONNEN - DER FALL VAQUIER - - Band 31: - - HERMANN UNGAR - DER FALL ANGERSTEIN - - Band 32: - - JOSEPH ROTH - DER FALL HOFRICHTER - - Die mit * versehenen Bände sind bereits erschienen. - - [1] Bei den folgenden noch nicht erschienenen Bänden behält sich der - Verlag Änderungen sowohl der Titel als auch der Reihenfolge usw. - ausdrücklich vor. - - Ferner Bände von: - - MAX BROD, OTTO FLAKE, WALTER HASENCLEVER, GEORG KAISER, THOMAS - MANN, LEO MATTHIAS, JAKOB WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN - und vielen Anderen. - - - OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT - - - Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, sind hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 79]: - ... postierten beiden Probanten helfen ihren ... - ... postierten beiden Probanden halfen ihren ... - - [S. 85]: - ... seinem Wiederauftreten mit dem geladenen ... - ... seinem Wiederauftreten mit der geladenen ... - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL STRAUSS *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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