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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-22 12:09:20 -0800
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-The Project Gutenberg eBook of Der Fall Strauß, by Karl Otten
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Fall Strauß
- Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band
- 7
-
-Author: Karl Otten
-
-Editor: Rudolf Leonhard
-
-Release Date: November 2, 2021 [eBook #66649]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net. This book was produced from images made
- available by the HathiTrust Digital Library.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL STRAUSS ***
-
-
- AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
- – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
-
-
-
-
- AUSSENSEITER
- DER GESELLSCHAFT
- – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
-
-
- HERAUSGEGEBEN VON
- RUDOLF LEONHARD
-
- BAND 7
-
-
- VERLAG DIE SCHMIEDE
- BERLIN
-
-
-
-
- DER FALL STRAUSS
-
-
- VON
- KARL OTTEN
-
-
- VERLAG DIE SCHMIEDE
- BERLIN
-
-
- EINBANDENTWURF
- GEORG SALTER
- BERLIN
-
-
- Copyright 1925 by Verlag Die Schmiede Berlin
-
-
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-
- Schächerbitte.
-
-
- Du ewiger Richter, den die Priester malen,
- Gerecht und gnädig dem, der an Dich glaubt –
- Auf mein verruchtes, schuldbeladnes Haupt
- Entleere restlos Deines Zornes Schale!
-
- Straf hier und dort mich mit der Hölle Qualen!
- Hoffnung und Trost bleibt ewig mir geraubt!
- Nur eine Bitte, Eine sei erlaubt:
- Erbarmungsreich laß Deine Gnade strahlen
-
- Auf ... ach! mein Opfer, dieses teure Wesen,
- Das hier erduldet Schmach und Pein und Grauen,
- Nur, weil es ahnungslos und voll Vertrauen,
-
- Mich, den Verfehmten, zum Gespons erlesen.
- Rein ist ihr Herz, und schuldlos ihre Seele:
- Daß sie mich liebte ihre einzige Fehle.
-
- Emil Strauß.
-
-
-
-
- I.
-
-
-Der Fall der Brüder Strauß ist eigentlich der Sturz nur eines Menschen
-... des älteren der beiden Brüder, Emil Strauß, der 1887 geboren, im
-Jahre 1921 wegen Tötung eines Kriminalwachtmeisters zu fünfzehn Jahren
-Zuchthaus verurteilt wurde.
-
-Dieses Urteil war in mehr als einer Hinsicht der Schlußstrich unter ein
-Leben, das zum größten Teil, über zwölf Jahre hinter Kerkermauern
-verfaulte und seit den frühesten Tagen der Kindheit im Kampf mit Polizei
-und Gendarmen lag.
-
-Die kurzen Zwischenakte, hinter denen sich der eiserne Vorhang bald und
-für immer längere Pausen schloß, waren erfüllt von einer Unzahl der
-verwegensten Einbrüche, die Berlin je sah.
-
-Seine Taten brachten ihm den Namen eines Ein- und Ausbrecherkönigs ein.
-Denn mit der gleichen Verwegenheit und Tollkühnheit, mit der er Fassaden
-erkletterte, über Dächer lief, an Strickleitern abwärts turnte,
-durchbrach er Ketten, Gitter und Zellenstäbe, um die Freiheit wieder zu
-erlangen. Drang er in das Allerheiligste der Polizei, das Präsidium und
-Zuchthaus ein, um seinen Bruder zu befreien. Es gab für seine Energie
-und kühle Entschlossenheit, in seinem Haß und seiner Liebe keine
-Hindernisse.
-
-Und immer hatte er auch ein fast unheimliches Glück.
-
-Aus der grenzenlosen Flut der düsteren und traurigen Namen, die die Zeit
-nach dem Kriege formten und brandmarkten, mit ihren Taten zu der
-entsetzlichsten machten, die ein Gemeinwesen je erlebte, ragt, von
-seltsamem Nimbus umflort, dieser „Strauß“ turmhoch und unvergeßlich
-hervor.
-
-Alle Kaufleute und Juweliere fürchteten ihn wie den Teufel, und die
-Gewölbe hallten wider vom Schrecken, den er verbreitete.
-
-Die Masse aber nannte ihn voll Respekt und Verehrung, die Bürger
-lächelten voll verlegener Wut, und die Freigeister verfolgten seine
-Entwicklung voll Bewunderung.
-
-Trotz allem!
-
-Denn es handelte sich bei seiner Person nicht um einen Verbrecher
-schlechthin, der eine Funktion ausübt ... als Paradigma bei der
-Kinderschreckung zu dienen, der Polizei Arbeit und den Besitzenden
-Schaden zuzufügen. Der aus dem namenlosen, wimmelnden Dunkel der Keller
-und Kaschemmen im Norden in die goldene Hürde einbricht und dort wie ein
-Vandale haust. Ein Mensch, der ohne anderes Wissen denn um gute
-Gelegenheit zum Diebstahl, dahinvegetiert ... arbeitsscheu, frech,
-gewalttätig und trunksüchtig, wie die meisten dieser Existenzen nur dem
-Mob angehörig, der giftigen Hefe der großen Städte.
-
-Es handelt sich hier auch nicht um die einzelnen Taten, so kühn und
-gewaltig sie ... objektiv, der Leistung, nicht der Wirkung nach
-betrachtet ... sich auch darstellen mögen. Es gab wildere und
-spannendere, das menschliche Denken und Schaudern mehr aufrüttelnde,
-erschütternde Verbrechen in dieser dämonischen Zeit, die auch in der
-eigentlichen Kriminalgeschichte mit Recht eine Sonderstellung einnehmen.
-
-Die Entwicklungsgeschichte seiner Taten fehlt vollkommen.
-
-Einzig das Technische der Einbrüche wirkt durch die sachliche und
-nüchterne Zweckmäßigkeit. Durch den Mut und das Objekt. Es sind nämlich
-nie einzelne, mehr oder minder wohlhabende Personen, die er heimsucht,
-sondern Verbände, Gesellschaften, Warenhäuser, bei denen sich der
-Verlust auf eine große Anzahl von Besitzern verteilt.
-
-Dann sein Mut! Körperlicher zumeist. Waghalsigkeit.
-
-Aber das wiederholt sich und findet sich auch bei anderen.
-
-Zu anderen Zwecken.
-
-Das Letzte, das schwere Ende, die Tötung des Gegners, war eine
-Verzweiflungstat der Furcht ... weder Mord noch tiefer verstrickte oder
-überlegte Triebentladung.
-
-Ohne jede Komplikation in sich reihen sich seine Taten, die Ursachen
-seiner Berühmtheit, aneinander.
-
-Etwas ganz Anderes und vielleicht Erstmaliges tritt hier klar in
-Erscheinung: der Typus des bewußten und überlegenen Außenseiters der
-Gesellschaft.
-
-Die bittere Wahrheit, daß in unserer Mitte ein hochbegabter und
-gutmütiger, anhänglicher Mensch einem Schicksal unterliegt, das ihm
-durch unsere Schuld, eben der Gesellschaft, die ihn verstieß und dann
-verurteilte, aufgezwungen wurde.
-
-Emil Strauß ist der Gentleman-Verbrecher ... durch seine untadeligen
-Manieren ebenso wie durch seine den gebildeten Durchschnitt bei weitem
-überragende, fast erschreckende Intelligenz und künstlerische
-Empfindsamkeit.
-
-Seine Klarheit über die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung in seinem
-Leben muß jeden modernen Psychologen fortreißen und überzeugen.
-
-Seine Feinde stellen ihm das beste Zeugnis aus.
-
-Die Öffentlichkeit macht aus ihrer Sympathie für ihn kein Hehl.
-
-Und doch ist dieser Mann vor dem Gesetz und der Gesellschaft schuldig!
-
-Da klafft ein großer Riß zwischen Gefühl und Einsicht.
-
-Ein Rätsel starrt uns an.
-
-Das Geheimnis, das diesen Namen umwittert, stammt nicht aus den
-Verbrechen, mit denen er befleckt ist. Nicht aus den Legenden, die ihn
-umdichten.
-
-Es ist lediglich das schmerzvolle Leben, der Werde- und Sterbegang
-dieses einsamen und abseitigen Menschen, das, im Zusammenhang gesehen,
-wie tragische Energie wirkt, die sich entladen muß, unheilvoll, den
-Träger selbst langsam, aber unaufhaltsam zerstörend.
-
-Der Sinn ist wohl der Kampf Eines, der sich entrechtet und getreten
-fühlt und nun kämpft gegen das fürchterliche Schemen Gesellschaft, das
-ihn unglücklich und ungläubig werden ließ.
-
-
-
-
- II.
-
-
-Zu der Analyse dieses Falles scheint es unumgänglich notwendig, die
-soziologische Struktur der heutigen Großstadt zu untersuchen, bevor die
-Tatsache, daß einmal oder besser mehrere Male zwei Menschen ihr Leben in
-tollkühner Manier aufs Spiel setzten, um, sagen wir zu Geld, zu
-Kleidern, Essen und Trinken und zu Frauen zu kommen, als Tatbestand
-gewertet werden darf. Um eine Zeitlang wenigstens das Leben führen zu
-können, dem sie Tausende ihrer Mitmenschen, ihnen an Kraft, Intelligenz
-und Überlegung keineswegs ebenbürtige, sorglos Stunden, Tage und Jahre
-in Mengen, in ganzen Schichten dienen sehn.
-
-Ganze Stadtviertel, Vororte, Stätten des Vergnügens, der Erholung,
-Bildung sind diesem freundlichen und erstrebenswerten Ziel geweiht.
-Dahinein gehören nur jene, die das Mittel und Aussehn haben, die würdig
-befunden wurden, sich in diesen geheiligten Orten aufzuhalten. Der Typus
-dieser Menschen ist ein anderer – obwohl jedes Kind weiß, daß Geld und
-Schneider die erstaunlichsten Wandlungen der Personen nicht nur, sondern
-auch der Zeit herbeiführen.
-
-Hier beginnt bereits die Psychologie der Grenze. Jenes Gebiet, wo
-unmerklich Natur oder Gesellschaft, ein künstliches Gebilde, Formen und
-Fähigkeiten schafft, die nicht mit Begriffen zu belegen oder zu deuten
-sind. Für den reichen, in Hinblick auf seine zukünftige Stellung
-erzogenen Menschen ist der Kreis der wohlgekleideten, gebildeten,
-vermögenden ein Ruhepunkt, eine Sicherheit, das Milieu, das ihm einen
-Stempel, aber auch einen Rückhalt verleiht. Er bewegt sich mit der
-Selbstverständlichkeit des Instinktes und der geformten Klugheit seiner
-Anpassung zwischen Gleichgearteten, Gleichdenkenden und kennt ihre
-Meinungen, die Themata der Gespräche und Neigungen, beherrscht den Kodex
-der Ehre und Formalitäten in Rang- und Kleidungsfragen.
-
-Hier findet der Geborgene Freundschaft und Liebe, Kredit und Hilfe,
-Ideen und gute Laune. Da spielt es keine Rolle, welcherart die Stellung
-des einzelnen ist. Seine Gesellschaft genügt ihm und es steht ihm frei,
-sie zugunsten einer höher gearteten, einflußreicheren zu wechseln ...
-wenn es ihm gelingt! Denn je höher der Name einer Stufe der
-Gesellschaft, desto exklusiver, unzugänglicher, mißtrauischer wird sie.
-Desto beschränkter die Zahl der Zugelassenen.
-
-Die Kaste stellt den Fonds an Werten des Menschen.
-
-Sein Wert entspricht hier weniger seinem Werk, als vielmehr einer
-angeborenen oder erworbenen Stammeszugehörigkeit. Den Stamm eines
-Menschen erkennt man an manchen Dingen. An seinen Händen, seiner Wäsche,
-dem Bankkonto, den guten Manieren, seinem Witz, seiner Begabung als
-Liebhaber. All diese Möglichkeiten aber fallen in nichts zusammen, wenn
-der kleinste Flecken auf seiner Vergangenheit, seiner Ehre ruht.
-
-Was bedeutet in einem Kreis gleichgerichteter oder ungerichteter, rein
-vegetativ genießerischer Menschen Gegenwart, was Zukunft, wenn einer mal
-mit der Polizei in Konflikt geriet!
-
-Ehre, das ist die weiße Seite in den Papieren.
-
-Die Papiere liegen auf der Polizei. Dort sind sie zwar gut aufgehoben,
-aber sie existieren.
-
-Der Drohwert einer verschwiegenen Verfehlung wälzt mehr Angst auf den
-tausendmal reuigen Sünder als die Tat.
-
-Hier wird der Begriff des schlechten Gewissens in keiner Weise berührt.
-Denn es handelt sich nicht um den Menschen, der etwas begehn will, ein
-Attentat gegen die Gesellschaft plant, einen Schwindel, einen Mord, eine
-Erpressung verüben will. Diese Abenteurer, Hochstapler der Beziehungen,
-des Geldes und der Intelligenz wären beim ersten Anzeichen einer
-Unsicherheit verloren. Sie glauben, und ganz mit Recht, an die magische
-Kraft der falschen Namen und Papiere, die ihnen die goldenen Pforten
-öffneten. Nein, hier soll die Hemmung fixiert werden, der ein sonst
-wohlbeschaffener und geeigneter Mensch erliegen muß, hinter dem die
-Vergangenheit die Kontinuität der guten Führung, der moralischen Haltung
-einen Sprung zeigt.
-
-Die Robusten werden diesen Alpdruck überwinden. Es gibt da das Mittel
-der Splendidität, der Hilfsbereitschaft, der Unentbehrlichkeit, das alle
-Bedenken zerstreut.
-
-Aber der empfindsame Typus, dessen Nerven gespannter, dessen
-Verantwortlichkeitsgefühl tiefer, der seine Haltung kontrolliert und in
-den Mienen der ihn Empfangenden sein Schicksal zu lesen versteht und
-angewiesen ist, aus geschäftlichen oder menschlichen, erotischen oder
-künstlerischen Gründen einem Kreise von Menschen anzugehören, der ihm
-Bewußtsein der Existenz, Geltung, Ehre, Verdienst verschafft ... ein
-solcher Mensch wird eines Tages entdeckt und eliminiert, oder er begeht
-aus dem Übereifer seiner Schwäche heraus einen Fehltritt, der ihn
-unmöglich macht.
-
-Weiß er aber aus Kenntnis seiner Fähigkeiten, seiner Schwächen des
-Lebens überhaupt diesen Ausgang voraus, meidet er die ihm genehme,
-entsprechende Gruppe der Gesellschaft, so bleibt ihm nur die Einsamkeit.
-Der Typus des Entwurzelten, des Seltsamen, des Abenteurers oder des sich
-an allen Mitmenschen gehässig Rächenden ist geboren.
-
-Über allen Bindungen schwebt ein Verhängnis.
-
-Die Ahnenden erfüllt es mit Scheu und Fremdheit, mit Neid und Haß die
-Ausgeschlossenen.
-
-Die Macht der Gruppe ist _Tabu_.
-
-Das Streben der Unteren drängt nach oben. Es gibt nur diese eine
-kontinuierliche soziale Kraft.
-
-Was aber stellt sich als Unten, als Sockel, als Fundament unter dieses
-gewaltige Gebäude der herrschenden, der schönen und reichen
-Gesellschaft?
-
-Das sind die dunklen, nicht vergoldeten Massen. Die Masse, das ist
-wiederum der Schrecken der Oberen.
-
-Die Masse ist der Fundus, das Reservoir an Kraft, Intelligenz, Blut und
-Kapital eines Staates, einer Gesellschaft besser gesagt, die nicht aus
-eigener Fähigkeit heraus produzieren kann, sondern, lediglich im Besitz
-der Finanzen und Werkzeuge, sich die einzelnen Individuen verdingt, und
-sie für sich und ihre Fabriken arbeiten läßt.
-
-Die Masse besteht zweifellos aus Einzelwesen, aber der Mangel an
-Unterschiedlichkeit, Beweglichkeit, Bildung, Bedürfnissen schweißt sie
-zusammen zu eben der Masse, die in unseren Tagen die Millionenstädte
-übervölkert, die großen Heere der Schlachten und der Arbeit, des
-Verkehrs und der Revolutionen auf die Beine bringt, und bewaffnet oder
-unbewaffnet als ein Schrecken wirkt auf die Feineren, die Wenigen,
-Glücklicheren. Zwischen beiden Heerlagern herrscht dumpfer Haß,
-Abneigung, Unterwürfigkeit, Aggressivität und Abwehrzustand.
-
-Das Emporkommen aus der Masse war eine kurze Zeit nach dem Völkerbeben
-leichter als je. Der große Proletschub brachte zwar frisches Blut in
-dürre Adern. Die Natur half sich gegen den Aderlaß. Aber dieses
-Experiment bekam den Oberen schlecht, und die Echten lehnten es
-kategorisch ab. Der Rest blieb als eine Serie schlechter Witze in den
-Gazetten und Gerichtssälen auf der Strecke.
-
-Ganz zu den Ausnahmen und in allen Chroniken verzeichnet erscheint der
-Aufstieg des begabten Mannes aus der unbekannten, wesenlosen Masse zu
-Macht, Reichtum, zur Ebenbürtigkeit.
-
-Die unteren Intelligenzen sind keineswegs in der Minderheit. Ihre
-Begabung keineswegs geringer. Trotz der verschlossenen Bildungsstätten
-möchte es vielen durch eisernen Fleiß gelingen, Examina zu bestehn. Das
-prinzipielle Manko liegt in der Befangenheit, im Tabu, das den Blick
-verzaubert, den Schritt hemmt und die Stimmen der Gewaltigen zu
-unheimlichen Geräuschen und Nebentönen anschwellen läßt: im Ohr und in
-der Seele des Nachdrängenden.
-
-
-
-
- III.
-
-
-Im vorliegenden Falle, dem der Brüder Strauß, besser gesagt, dem des
-älteren Bruders Emil, haben wir es mit einem typischen Kampf um die
-Existenz in einem höheren, besseren Milieu zu tun. Es handelt sich hier
-nicht so sehr um einzelne mehr oder weniger verwegene Akte einer
-verbrecherischen Intelligenz, als vielmehr um den verzweifelten, aus
-Belastung und Erkenntnis, aus Wissen und Minderwertigkeitsgefühlen
-gespeisten Kampf einer originalen Intelligenz, eines schöpferischen, in
-seinen Trieben klaren, ungebrochenen Willens: Der Gesellschaft
-heimzuzahlen für die Unterdrückung, für das Leid einer befleckten,
-liebeleeren Jugend, für die endlosen Jahre in Kerker und Verbannung fern
-von allem, was man als schön und gut erkannte. Denn das ist das
-Wesentliche an diesem Typus: daß er aus einer geheimnisvollen
-Konstellation heraus genau Weg und Volumen des besseren, herrschenden
-und nicht dienenden, intellektuellen, vielleicht sogar luxuriösen Lebens
-kannte. Details können hier keine Rolle spielen. Gewiß kondensierte sich
-sein Weltbild erst in der Einsamkeit der Bücher, der geschriebenen
-Worte, deren Sinn ihm gewiß tausendfach widerspenstig und verbohrt
-erschien.
-
-Aber Gärung, Gefühl für das Wesentliche, angeborene Schärfe der
-Distinktion für die Reichtümer des Lebens, den wahren Sinn lag in seinen
-Möglichkeiten als Existenz schlechthin. Und mußten sich entwickeln, als
-er Schlag auf Schlag mit eben der Gesellschaft, die er erstrebte, deren
-Mitglied zu werden kraft ererbter Fähigkeit sein Los geworden wäre, wenn
-er eben geliebt und gepflegt in jugendlichem Alter Schule und Theater,
-Wärme und Nahrung, keine Prügel und gemeine Worte hätte zu sich nehmen
-müssen.
-
-Wir wissen, daß die Sinne der Kinder unendlich empfindsamer, wacher,
-gereizter, deutungbegabter als unsere, der Erwachsenen. Daß Kinder in
-Hypertrophien leiden, zumal die begabten. Daß jede Krümmung jugendlichen
-Selbstbewußtseins fürchterliche Rache und Beschwerden am eigenen wie am
-fremden Leben bedeuten.
-
-Nur das begabte, das geniale Kind vermag zu leiden. Man sagt, daß wir in
-der Jugend alle genial seien. Dann muß man wieder fragen: wo bleiben die
-Resultate? Unter den Prügeln der Eltern und Lehrer? Ersterben tausend
-Keime unter dem Wust des Überflüssigen, das Buch und Ermahnungen,
-Ideologien der Erwachsenen ausrotten, zuschütten, bevor es zum Keimen
-gelangte?
-
-Der Geprügelte, Getretene, Ausgeschlossene, der Knabe, der sich des
-tausendfachen Unrechtes blutend bewußt wird, schließt seine Augen innen
-gegen dieses gemeine und verfehlte Leben. Erträgt mit verbissener,
-stoischer Hartnäckigkeit alle Misèren und gewinnt in seiner
-Vorstellungswelt, bevölkert von Tagträumen einen Raum, den er mit klarer
-Energie beherrscht, mit dem einen Wunsche befruchtet ... einmal groß zu
-sein und sich rächen zu können. Oder zumindest den Großen beweisen zu
-können, wer man in Wahrheit ist!
-
-Zu dem besonderen Problem dieses Mannes, von dem wir hier reden, tritt
-noch das proletarische Bewußtsein in deutliche Antithese. Sein
-Rachegefühl richtet der Erwachsene, Erwachte aus dem schlimmen Traum
-verwüsteter Jugend nicht gegen Vater und Mutter, wie es wohl die Söhne
-der Bürger belieben, leiden und prophetisch zugleich als eine Aufgabe
-verkünden. Nicht gegen die Erniedriger im fremden Heim, in der
-Heimatlosigkeit des verbrecherischen, sexuell und moralisch irritierten
-Milieus der Familie, die ihn verführte und eigentlich die Handfertigkeit
-züchtete, die ihn dann reizte zu neuen Taten, die neue Strafen gebaren.
-
-Seine Wut, sein Haß gilt der bürgerlichen Gesellschaft.
-
-Seine Idee ist die des Kohlhaas. Er will sich ein Recht verschaffen, das
-nirgendwo existiert. Weil die Zeit dieser Möglichkeit, es zu erleben,
-nicht unter dem bittersten Unrecht zu leiden, die Zeit der frühen
-Jugend, unwiderruflich vorüber war.
-
-Damit ist zwar sein falscher Weg aufgedeckt, soweit er aus der
-persönlichen Gebundenheit hinübergreift in die Sphäre allgemeiner,
-menschlicher, sozialer Gruppierung; aber die immanente Logik eines
-Lebens, das nun einmal mit und zwischen uns existiert, blüht, voran will
-zu seiner schönsten Entfaltung, zu seinem Sinn drängt, läßt sich nicht
-umbringen durch Widersprüche, und jede Erfahrung muß bitter am eigenen
-Leibe verspürt werden.
-
-Wie stark muß aber das Leid dieses begabten Kindes gewesen sein, wenn
-zehn Jahre Kerker es nicht verstummen machten. Nicht nur keinen Strich
-das Fieber herunterdrückten, sondern es immer höher und
-widerspruchsloser in sich zu einer dumpfen Flamme auftrieben, vor der
-nichts mehr unversengt blieb. Daß schließlich Blut fließen mußte,
-Menschen ihr Leben lassen. Und das von der Hand eines Mannes, der
-eigentlich ein Dichter, ein Schwächling in höherem Sinn, keineswegs ein
-robuster, ungehemmter Typus der verbrecherischen Intelligenz, der
-Halbbildung, die sich an der höheren reiben muß, voller Gehässigkeit
-verneint.
-
-Emil Strauß ist kein Verneiner. Er bejaht die Gesellschaft und will sie
-heilen. Heilung bedeutet ihm Aufnahme, Heilung für sich und für alle
-anderen. Nehmt ihr mich nicht auf, so werde ich euch so lange strafen,
-verfolgen, bis ihr mich beiseite schafft oder ich sonstwie draufgehe. An
-einen Sieg war da nicht zu denken. Die Gerichte, die Polizei, der
-gewaltige Apparat der Gesellschaft lag offen vor seinen klaren Augen.
-Seine Beziehungen waren seit frühester Jugend zu diesen Trägern der
-Gewalt im Staate recht intim, und das Milieu, dem er entstammte, mochte
-ihm wohl Weisheiten und Erkenntnisse recht unbürgerlicher Natur in
-reichstem Maße mit auf den vergitterten Pfad gegeben haben. Mehr, als
-Platz in seinem phantastischen Schädel war. Jedenfalls wäre ihm
-Schiller, Kleist und Goethe besser bekommen, und das Leben des Julien
-Sorel hätte den jungen Mann vor mehr Torheiten bewahrt als nochmals und
-wiederum drei Jahre Kerker.
-
-Denn gerade die Isolierung von der Luft, von dem Erleben der Triebe der
-Freiheit, der Liebe, von dem wenigen, das ein Mensch doch und trotz
-allem braucht ... gerade das Schutzbedürfnis der Gesellschaft und die
-Verbannung des Attentäters in die Nacht des Gefängnisses gaben dem
-überreizten, empfindsamen Geiste den Raum und die Muße, sich in seinen
-Haß zu knien.
-
-Gefängniswärter sein ist ein schwerer Beruf. Und wenn ein Wärter auch
-einmal sagte: Ja, wenn wir nur lauter Strauße hätten, dann hätten wir
-ein feines Leben ... mit anderen Worten, wenn auch das melancholische
-und grüblerische Temperament dieses Mannes die Wärter nicht exzessiv
-reizte, so kann diesem Leben doch soviel Galle und Bosheit entströmen,
-ungewollt, rein mechanisch, unkontrollierbar, unwägbar, dem Gefangenen
-aber in das System der Unterdrückung mundgerecht passend, daß
-unendliches Leid sich jeden Tag erneuert. Jede Wunde von frischem
-blutet.
-
-Die Gedanken sind frei. Und Strauß machte reichlichen, allzu reichlichen
-Gebrauch von dieser Schrankenlosigkeit. Wollust des Denkens, das war
-immer schon das Narkotikum der Unterdrückten, und wenn dieser seltene
-Mensch in den jüngsten Tagen sich einer philosophischen, uralten
-skeptischen Bewegung anschloß, die die reale Existenz zugunsten einer
-imaginären, aber schmerzlosen, unbeschränkten eliminiert, so setzt er
-nur in gerader Linie die Wollust des Phantasierens fort, die ihn
-einerseits vor dem Irrewerden an sich, am Leben und der Menschheit,
-andererseits aber auch vor dem Aussterben seines Hasses bewahrte.
-
-Ein jedes Leben entwickelt sich ambivalent.
-
-Aufbau hier und Abbruch drüben. Beziehungen werden geknüpft und alte
-Fäden zerrissen. Lernen und Vergessen geschehen im gleichen Geiste, in
-einem Atem. Liebe und Haß gebären einander gemeinsam aus dem gleichen
-Schoße, und der Gefangene, dem eine deutliche, brutale und
-rücksichtslose Macht Halt gebot, mußte in der Nacht der Kerker weiter
-und weiter grübeln und in der Freiheit sich beweisen, daß sein Leben der
-Rache doch einen Sinn hatte.
-
-Und vielleicht gehört er noch unbewußt zu den trotzigen, dämonischen
-Typen, die provokativ wirken. Denen die enge, pessimistisch versalzene
-Freiheit nicht behagt. Die zurückstreben in die Zelle, um ihren
-Maßlosigkeiten des Denkens, ihren Exzessen der Spekulation und ihrem Haß
-nachhängen zu können. Vielleicht hat die Gewöhnung an Prügel und
-Mißhandlung seine Nerven schon so degeneriert, daß er ohne sie nicht
-leben kann.
-
-Daß sein anarchistischer Geist, disziplin- und maßlos, der Marter bedarf
-oder besser gesagt, des Gefühles der Ohnmacht, der körperlichen
-Minderwertigkeit, um geistig ganz aufzuschnellen zu unheimlicher Rasanz.
-Phantastik des primitiv pervertierten, gehemmten und überempfindlichen
-Menschen, dem der Zuspruch des Beichtigers, der höheren Kraft, der
-Glaube an die Norm und das Wissen um die ewige, unveränderliche Tragik
-des begabten, aber verkannten Kindes fehlt. Trotz aller männlichen und
-staunenswert mutigen Gesten blieb dieser Charakter im Kindlichen,
-Hilflosen stecken.
-
-Er kennt keine Menschen.
-
-Sein Leben in Freiheit, soweit es Leben war, das da in wenigen
-Urlaubswochen den armen Körper hin- und herschleuderte in
-Wahnvorstellungen von Gerechtigkeit und Rache, soweit es Freiheit war,
-unter den kritischen Blicken der Polizei in schmierigen Spelunken sitzen
-zu müssen, verborgen, gehetzt, beschimpft ... diese wenigen Wochen
-bringt er stumm in der ihm nicht zweifelhaften Gesellschaft schwerer
-Jungen zu.
-
-Unzugänglich.
-
-Von Wolken tiefster hoheitsvoller Bewunderung umschwefelt.
-
-Angebetet von dem jüngeren Bruder.
-
-Finster. Verschlossen.
-
-Immer noch in der Zelle, wenn auch in einer nur ihm spürbaren. Alle gehn
-für ihn durchs Feuer.
-
-Diese verwahrlosten, maniakalischen, gebrandmarkten Männer spüren seine
-überlegene Intelligenz und lassen ihn vollkommen in Ruhe. Er ist eine
-Art Dab, ohne dessen robuste Lust am Geld, ohne dessen artistische
-Hemmungslosigkeit. Denn dieser König der Einbrecher, der Mut bewies wie
-ein Löwe, der zweimal seinen Bruder befreite und zur Organisation seines
-Einbruches sein Leben zehnmal aufs Spiel setzte, ist ein gehemmter
-Mensch, mit einer unverwüstlichen Hochachtung vor dem Buch, vor dem
-Wissen, vor der Technik, vor der Religion, vor allem kurz, was den
-besseren, diplomierten Menschen in den Augen des nackten, proletarisch
-geborenen und unerzogenen auszeichnet.
-
-
-
-
- IV.
-
-
-In seinem Milieu, dem der Verbrecher und Deklassierten, nimmt er eine
-Sonderstellung ein, nicht nur wegen seiner Taten, die die ganze Stadt in
-atemlose Aufregung versetzten, sondern auch wegen seiner moralischen
-Qualitäten. Nirgends weiß man Treue und Verschwiegenheit so zu schätzen
-wie bei denen, die immer mit einem Fuß im Grabe oder im Gefängnis stehn.
-
-Niemals hat Emil Strauß, bei aller Offenheit und Ehrlichkeit, die er
-bewies, sobald es sich um seine eigenen Taten handelte, auch nur mit
-einer Andeutung, einer Miene seine Gefährten verraten, der Polizei
-irgendwie geschmeichelt. Manches in seinen Aussagen, in den Berichten
-über sein Leben, klingt wie Pose oder Selbstgefälligkeit. Aber man darf
-nie vergessen, daß es die Worte, Bilder und Phrasen eines weltfremden
-Einsiedlers, in der Einsamkeit und Irrealität der Bücher, in der Zelle
-ausgedachte, ausgefeilte Bilder und Sätze sind, logische Extrakte eines
-Wissens um die eigene Seele und deren Verhängnis. Daß dieser Mensch
-gezwungen war, in sich etwas Besonderes zu sehn, weil er es spürte.
-Eitelkeit oder Ehrgeiz sind durchaus menschliche Arten, die Welt oder
-sich selbst zu betrachten. In ein Verhältnis zu vereinen, was die Gewalt
-der nackten Tatsachen trennte und verheerte.
-
-Gewiß nennen wir das mit anderen, kritischen Worten Romantik. Aber es
-handelt sich hier nicht um Kritik, sondern um Darstellung, nicht um
-Wertung, denn das ist Aufgabe der Richter, und vollendet und erledigt,
-sondern um Analyse eines Menschen, der nicht in diese Zeit der
-Kompromisse zu gehören scheint, sondern einen Renaissancetypus
-darstellt, eine Mischung von Religiosität und Gewalt, von Kultur und
-Triebhaftigkeit.
-
-Noch eins beunruhigte und hemmte die Gefährten nicht minder wie die
-Gegner ... die Vollendung seiner Manieren, das Leise, unverändert
-Höfliche seiner Art in der Begegnung mit Fremden. Die Sicherheit seines
-Auftretens, die Beherrschtheit und Kühle seiner Höflichkeit, aus der ein
-eiserner Wille, Beobachtung der eigenen Schwächen ebenso sprechen wie
-Sanftmut und Kindlichkeit. Diese seine Vornehmheit wird allerdings
-unterstützt von der Noblesse seiner Gestalt.
-
-Er ist hochgewachsen, schlank, von gleichmäßig eleganten Bewegungen. Der
-Ton seiner Stimme leise, bestimmt und durchaus vertrauenerweckend. Das
-Gesicht groß und mager, sehr bleich die hohe, schön gewölbte Stirn. Er
-legt Gewicht auf gute, elegante Kleidung. Ein Zug höherer Lebensart
-scheint ihm eingeboren. Denn Kinderstube kann man nicht nachholen. All
-das scheint ein Beweis ständigen kritischen Nachdenkens und
-Vergleichens, ein dauerndes Kontrollieren seiner eigenen Person im
-Vergleich zu seinen Erlebnissen mit Fremden, bewußt oder unbewußt die
-Triebfeder seiner ganzen verzweifelten Existenz, ein fast dämonischer
-Wille emporzusteigen und ein schreckliches Gefühl der eigenen Begabung.
-Zugleich die ewig brennende Frage nach dem Weg, nach dem Warum der
-Ungerechtigkeit, der eigenen Willensschwäche, die sich nicht anders denn
-im Bösen Ausgleich mit der Gesellschaft verschaffen kann.
-
-Es gibt für seine Taten, wenn man nicht auf das Gebiet der Pathologie
-geraten will, natürlich keine menschliche Entschuldigung. Denn wie die
-Richter gerade in seinem Fall mit Recht, wenn auch nicht gerade
-freundlich, immer wieder betonen, hätte es Strauß bei seinen
-ungewöhnlichen Fähigkeiten möglich sein müssen, das Maß des Erlaubten zu
-entdecken, und gelang es ihm nicht, seinen Trieb nach Vergeltung zu
-zähmen, so mußte er wissen, daß das Gesetz den Wissenden doppelt und
-dreifach härter treffen würde.
-
-Zur Erläuterung des bis jetzt Gesagten möchte ich im folgenden seine
-eigene Lebensgeschichte, die er als einzige Verteidigung in seinem
-großen Prozeß anführte, folgen lassen. Wobei zu beachten ist, wie stark
-Strauß die Unzulänglichkeit der Tatsachen und deren Erklärung aus der
-momentanen Konstellation selbst empfand. Wie stark dieser gehetzte und
-einsame Mensch die Gebundenheit an die tiefen, tragischen Gesetze
-empfand, die das Maß seiner Jugend und die Richtung seines ganzen Lebens
-werden sollten.
-
-„Meine Herren Richter und Geschworenen! Es soll hier nach Recht und
-Gerechtigkeit über Tod und Leben eines Menschen entschieden werden.
-
-Da ist es wohl ganz selbstverständlich, daß man sich nicht nur ganz
-eingehend mit der Sache des Angeklagten, sondern zumindest ebenso
-eingehend auch mit seiner Person, d. h. mit den ausschlaggebenden
-Momenten seines Vorlebens beschäftigt: dies um so mehr, als es sich hier
-bei der Person des Hauptangeklagten ... also bei mir ... um einen
-Menschen handelt, der seit Jahren bei der öffentlichen Meinung in dem
-Gerücht steht, schlechtweg der gefährlichste Schwerverbrecher
-Groß-Berlins zu sein.
-
-Diese, im wahrsten Sinne des Wortes traurige Berühmtheit verdanke ich
-aber keineswegs mir selbst oder meinen Taten, sondern einzig und allein
-der Geschäftstüchtigkeit gewisser Sensationsartikelfabrikanten, Leuten,
-die nun einmal nicht anders können, als aus der Haut selbst der
-Unglücklichsten ihrer Mitmenschen noch Riemen für sich zu schneiden.
-
-Ich habe diesen falschen Nimbus eines „Ein- und Ausbrecherkönigs“, mit
-dem geistesarme Zeilenschinder mich umgeben haben, aber bereits zu teuer
-bezahlen müssen, um diese Art von kostspieliger Glorifizierung meiner
-Person noch länger ruhig hinzunehmen und so schließlich Gefahr zu
-laufen, nicht etwa der objektiven Würdigung bewiesener Tatsachen,
-sondern der suggestiven Macht der Druckerschwärze zu erliegen.
-
-Die Leute, die mich nur aus den tendenziös geschminkten sensationell
-aufgedonnerten Hohlspiegelbildern der „chronique scandaleuse“ kennen,
-müssen mich geradezu für den Abschaum des Abschaums der
-Menschheit halten und alle meine Handlungen für solche Unika an
-Gemeingefährlichkeit, wie sie eben nur die „Firma“ Gebr. Strauß zu
-liefern vermag. Alle diejenigen Personen dagegen, welche mich persönlich
-etwas genauer kennen, haben wohlbegründeterweise eine ganz andere, eine
-entschieden bessere Meinung von mir.
-
-Und um auch Ihnen, meine Herren, die Sie heute über mich zu Gericht
-sitzen sollen, die erforderlichen Unterlagen zu bieten zur Bildung eines
-gerechteren Urteils über meine Person, als es sich auf Grund jener im
-Nick-Carter-Stile fabrizierter Elaborate bilden läßt, will ich
-versuchen, Ihnen so eine Art curriculum vitae von mir zu geben.
-
-Zu diesem Zwecke bitte ich Sie, mich nur noch einige Minuten lang ruhig
-anzuhören. Denn das, worauf es hier hauptsächlich ankommt, was meinem
-bisherigen ganzen Leben die Richtung gegeben hat, das läßt sich wirklich
-nicht, wie man so zu sagen pflegt, in einer Nußschale darbieten. Mit
-einigen bloß andeutenden Kohlestrichen läßt sich solch einem Lebensbilde
-weder Form noch Farbe, noch Inhalt verleihen. Wollte ich aber
-andererseits das ganze krasse Elend meiner Kindheit und Jugendzeit in
-ausführlicherer Weise wahrheitsgetreu schildern, so würde ich
-höchstwahrscheinlich bei Ihnen in den Verdacht geraten, anstatt
-Porträtmalerei ... Stimmungsmalerei zu treiben. Deshalb scheint mir die
-goldene Mittelstraße des rechten Maßhaltens nach beiden Seiten hin hier
-der einzig richtige Weg, das mir vorschwebende Ziel zu erreichen.
-
-Was hätte es denn schließlich auch für einen Sinn, wenn ich
-beispielsweise in bezug auf meinen Bildungsgang Ihnen einfach die nackte
-Tatsache mitteilte, daß ich acht Jahre lang die Volksschule besucht
-habe. Damit wäre so gut wie nichts gesagt. Der Begriff Volksschulbildung
-ist trotz seiner scheinbaren Begrenztheit doch ein recht dehnbarer und
-seine richtige Werteinschätzung durchaus abhängig von der genaueren
-Kenntnis der besonderen Lebensumstände und Lebensbedingungen innerer und
-äußerer Art, unter denen der gebotene Bildungsstoff geistig aufgenommen
-und verarbeitet worden ist.
-
-Es ist doch unbestreitbar ein gewaltiger Unterschied, ob von zwei sonst
-gleichbegabten, gleichlernbegierigen Schülern der eine das
-wohlgepflegte, sorgsam gehütete Kind gesunder, geistig wie sittlich
-hochstehender, in geordneten Verhältnissen lebender Eltern ist; ein
-Kind, das daheim und in der Schule alle seine ihm von der Natur
-verliehenen Gaben und Fähigkeiten nach allen Richtungen hin unbehindert
-entfalten und zur schönsten, höchsten Blüte entwickeln kann; ... der
-andere Schüler dagegen, der an Leib und Seele unterernährte, erblich
-vielleicht schwerbelastete Sprößling eines Säufers ist; so ein
-erbarmungswürdiges Geschöpf, das, am frühen Morgen schon vom
-Zeitungstragen abgehetzt, nun ungewaschen, hungrig und zerlumpt zur
-Schule eilt, doch vor Erschöpfung dem Unterricht selten mit der nötigen
-Aufmerksamkeit zu folgen vermag und infolgedessen in der Entwicklung
-sein Geistes- und Gemütsleben auf das schwerste beeinträchtigt, in der
-Ausbildung seiner natürlichen Gaben und Fähigkeiten auf das stärkste
-gehemmt und behindert wird. Daß das Niveau des Bildungsstandes dieser
-beiden Typen von Schülern am Ende ihrer Schulzeit ein voneinander sehr
-verschiedenes sein muß, wird wohl niemand bezweifeln.
-
-Ich habe von meinem siebenten Lebensjahre ab tagtäglich in aller
-Herrgottsfrühe hinaus gemußt, um meiner vielgeplagten Mutter beim
-Zeitungstragen zu helfen. Vom zehnten Jahre an hatte ich dann außerdem
-noch des Nachmittags eine Stelle als Laufjunge, von der ich des Abends
-meist todmüde nach Hause kam, um dann noch das Tagespensum meiner
-Schulaufgaben zu erledigen.
-
-Die Schuld an diesen unsagbar traurigen, total zerrütteten
-Familienverhältnissen, die mich zu so unnatürlich frühem Broterwerb
-zwangen, trifft in erster Linie meinen Vater. Dieser von Beruf
-Stubenmaler und heute ein nüchterner, solider Greis von siebzig Jahren,
-ist in seinem mittleren Lebensalter ein notorischer Trinker gewesen, der
-seine zahlreiche Familie zeitweise in Not und Elend fast verkommen ließ.
-Meine Mutter dagegen war eine kreuzbrave, fleißige, unendlich
-liebevolle, gute Frau, die sich vom frühesten Morgen bis spät in die
-Nacht hinein nicht Rast noch Ruhe gönnte, um Brot zu schaffen für die
-ewig hungrigen Schnäbel ihrer zahlreichen Straußenbrut, und deren
-ganzes, zwanzigjähriges Eheleben ein einziges, fast ununterbrochenes
-Martyrium von so tiefer Seelenqual darstellt, wie man es selbst seinem
-ärgsten Widersacher nicht wünscht ...
-
-Als ich etwa zehn Jahre zählte, trieb es mein Vater wieder gerade
-besonders arg. Wir Kinder samt unserer Mutter hatten schon mehrere Tage
-lang fast so gut wie nichts gegessen und waren infolgedessen
-buchstäblich dem Verhungern nahe. In dieser höchsten Not nahm meine
-Mutter einige Mark von dem kassierten Zeitungsgelde, um dafür Speise und
-Trank zu beschaffen und unseren wütenden Hunger zu stillen. Als sie den
-aufgewendeten Betrag dann nicht rechtzeitig wieder herbeizuschaffen
-vermochte, griff sie, dieses hoffnungslosen, jammervollen Daseins müde,
-in ihrer tiefsten Verzweiflung zum Strick ... und erhängte sich ...
-
-Wir wohnten damals ... 1897 ... in Weißensee. Auf Kosten der Gemeinde
-wurden wir Kinder nun einzeln zu fremden Leuten in Pflege gegeben, wobei
-ich das Unglück hatte, sozusagen aus einem Wolkenbruch in die noch ärger
-strömende Traufe zu geraten. Meine Pflegemutter nämlich war eine mit
-zwar recht engem Herzen, dafür aber mit desto weiterem Gewissen begabte
-Frau, die sich recht und schlecht dadurch ernährte, daß sie einzelnen
-Zöglingen des Magdalenenstiftes in Weißensee gelegentlich zur Flucht
-verhalf und ihnen bei ihr bekannten Kupplerinnen Unterschlupf und somit
-Gelegenheit zu einem „gewissen“ Gelderwerb verschaffte, von dem sie dann
-ihre Tantieme bezog. Der Mann dieser Frau war ein in einer Molkerei
-beschäftigter, mit Respekt zu sagen: versoffener Kuhknecht, der, da er
-bei seinem Brotherrn volle Kost erhielt, nur zum Schlafen und ...
-Krakehlen nach Hause kam, sonst aber um nichts und niemand sich
-kümmerte. Die erwachsene einzige Tochter dieses edlen Elternpaares war
-eine „heimliche“, d. h. nicht unter sittenpolizeilicher Kontrolle
-stehende Straßendirne.
-
-In dieser überaus ehrenwerten Familie nun fand ich Aufnahme und wurde
-von den beiden Frauen systematisch zum Stehlen angeleitet. Eine
-Spezialität der beiden Damen war es, die Weißenseer Friedhöfe
-heimzusuchen und dort die auf den Gräbern niedergelegten Wachsrosen zu
-rauben, die dann in einer Kranzbinderei, wo ich seinerzeit als Laufjunge
-angestellt war, weiterverkauft wurden. Bei einem dieser Kirchhofsbesuche
-zwangen mich die beiden Megären, ein auf einem Kindergrab stehendes
-Weihnachtsbäumchen, das mit niedlichen Glassachen allerliebst
-ausgeschmückt war, bis auf das letzte Stück zu plündern ...
-
-Welche verheerende Wirkung diese fast täglichen Vorkommnisse auf mein
-empfängliches Kindergemüt, auf mein moralisches Empfinden, überhaupt auf
-mein ganzes Innenleben ausüben mußten, kann ein jeder sich wohl denken.
-Andeutungsweise will ich nur noch nebenbei bemerken, daß meine zwanzig
-Jahre alte Pflegeschwester mich elfjährigen Jungen auch auf sexuellem
-Gebiet theoretisch und praktisch auf das gründlichste aufgeklärt hat ...
-
-Ungefähr zwei Jahre nach dem für uns Kinder so verhängnisvollen Tode
-unserer guten Mutter heiratete mein Vater zum zweiten Male und wir
-jüngeren Geschwister erhielten nun eine Stiefmutter, die zwar weder
-lesen noch schreiben konnte, dafür aber im Lügen und Stehlen und
-Schuldenmachen ganz Erkleckliches leistete. Dieser Frau nun, einer
-wahren Perle von Stiefmutter, blieb es vorbehalten, meiner bereits so
-weit gediehenen Jugend-„Erziehung“ den finish touch ... wie der
-Engländer sagt ... den letzten Schliff zu geben.
-
-Sie unterzog sich dieser Aufgabe mit edler Selbstverleugnung!
-
-Durch einen unglaublich niederträchtigen Streich brachte sie es fertig,
-daß ich unschuldigerweise in den Verdacht geriet, von einer mir
-anvertrauten Geldsumme zwanzig Mark unterschlagen zu haben. Die Folge
-davon war, daß ich nicht nur schimpflich aus meiner Stellung fortgejagt,
-sondern auch noch obendrein von meinem eigenen Vater verstoßen wurde.
-
-Arbeits-, mittel- und obdachlos lag ich nun auf der Straße; ein Junge
-von fünfzehn Jahren, mir selbst und meinem Schicksal überlassen! Daß die
-Gedanken und Gefühle, die mich damals durchtobten, denen eines Karl Moor
-verzweifelt ähnlich waren, wird ein jeder Menschenkenner wohl begreifen.
-Tatsächlich habe ich dann auch in der Folge monatelang ein wahres
-Räuber- und Zigeunerleben geführt. Bis endlich die Sehnsucht, wieder
-einmal unter Dach und Fach und in geordnete Verhältnisse zu kommen, mich
-veranlaßte, als Knecht vorläufig auf ein Jahr lang zu einem Bauer in
-Dienst zu gehn.
-
-Ich erhielt dort fünfundzwanzig Taler Jahreslohn. Die horrende Summe
-reichte nicht einmal zur Ergänzung meiner völlig abgerissenen Garderobe,
-und aus diesem Grunde kehrte ich nach Ablauf meines Dienstjahres nach
-der Großstadt zurück.
-
-In den folgenden zwei Jahren war ich dann in Berlin hier und da einige
-Monate lang als Gelegenheitsarbeiter in Fabriken beschäftigt; bis ich
-1905 ... sei es durch Zufall, sei es durch Schicksalsfügung ... einen
-Schlosser kennen lernte, der auf dem Gebiete des Einbruchdiebstahls
-bereits praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Diesem verband ich mich
-nun zu löblichem Tun und erreichte dadurch, daß ich in ungeahnt kurzer
-Zeit hinter Schloß und Riegel saß.
-
-Das war sozusagen der Anfang vom Ende. Denn nun folgte eine langjährige
-Freiheitsstrafe der andern fast unmittelbar auf dem Fuße, so daß ich von
-den letztverflossenen fünfzehn Jahren beinahe vierzehn Jahre (!) im
-Gefängnis und Zuchthaus zugebracht, und zwar, was ich doppelt und
-dreifach unterstreichen will, ausschließlich in strengster Einzelhaft
-zugebracht habe. Freilich, was das letztere besagen will, wird nur
-derjenige voll und ganz verstehn, der einmal an sich selbst verspürt
-hat, welche lähmende Wirkung die jahrelange Freiheitsentziehung auf
-einen Menschen auszuüben vermag. In dieser Beziehung möchte ich die
-Freiheitsstrafe vergleichen mit einem starken Narkotikum, wie etwa
-Opium, Kokain oder Morphium. Von einem sachverständigen Arzte nach
-gewissenhafter Diagnose nur im äußersten Fall und auch dann nur in
-vorsichtig bemessener Dosis verabreicht, ist es eine heilsame Medizin,
-ein wirksam vorbeugendes Schutzmittel, ein Segen für die Menschheit; zum
-schwersten Fluch aber wird es, wenn allzu freigebige und
-unterschiedslose Verordnung der Gifte zur Gewöhnung an dasselbe führt,
-wenn die Gewohnheit zum Laster wird und das Laster schließlich in eine
-Volksseuche ausartet. Der so entstehende Schaden ist unübersehbar. Die
-körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte und Fähigkeiten der
-Verseuchten werden durch das Gift gelähmt, ihre Kampfkraft ums Dasein
-wird in erheblichem Maße geschwächt, und die weitere natürliche Folge?
-Von Stufe zu Stufe! Das traurige Los fast aller derer, die mit dem
-Kerker einmal nähere Bekanntschaft gemacht. Tausend- und
-abertausendfache Erfahrung bestätigt die vernichtende Wahrheit meiner
-Worte ...
-
-Ich weiß und ich fühle es, daß es ein völlig fruchtloses Bemühen wäre,
-Ihnen schildern zu wollen, wie oft und wie ernstlich ich versucht habe,
-zu einem geordneten, ehrbaren Leben zurückzukehren ... schildern zu
-wollen, woran und warum alle diese Versuche so kläglich gescheitert
-sind. ‚Wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr werdet’s nie erjagen.‘ Dergleichen
-komplizierte psychopathische Vorgänge und Erscheinungen einem Dritten
-erklären zu sollen, das hieße fürwahr, einem Blindgeborenen das
-Farbenspiel des Regenbogens beschreiben. Wer einmal so tief in den Sumpf
-hineingestoßen worden ist, der vermag es eben nicht wie Münchhausen, an
-seinem Schopf aus eigener Kraft sich wieder hinauszuziehen. Eine
-rettende, helfende, stützende Bruderhand ist mir bisher noch von keiner
-Seite gereicht worden. Am allerwenigsten aber von jener Seite, auf der
-stets am lautesten über die Verderbtheit der Menschen geklagt wird.
-
-Und doch ... wer weiß? Vielleicht daß mir noch einmal in meinem Leben
-ein Mensch begegnet von dem Geistesgepräge und der Gesinnungsart jenes
-Sankt Johannes, den Herder in seinem tiefempfundenen, ergreifend schönen
-Gedicht: ‚Der gerettete Jüngling‘ ... verewigt hat. Hoffnung läßt ja
-bekanntlich nicht zuschanden werden. Es hofft der Mensch, so lange er
-lebt. Ich aber hoffe, nein ich weiß, daß in diesen Tagen unter das hier
-aufgeschlagene Blatt meines Lebensbuches durchaus noch kein finis,
-sondern ganz bestimmt ein vice versa!!!
-
-Hiermit lege ich Pinsel und Palette bis auf weiteres aus der Hand; denn
-die Studie meines Lebensbildes ist vollendet. Sie ist mit ungeübter Hand
-entworfen. Aber bis ins Kleinste hinein erfüllt von dem Heiligen Geiste
-strengster Wahrhaftigkeit. Und einzig und allein aus diesem Grunde hoffe
-ich, daß kein fühlender Mensch ... er sei mir persönlich wohl oder übel
-gesinnt ... das Bild aufmerksam betrachten kann, ohne in der tiefsten
-Tiefe seiner Seele erschüttert zu werden, daß er die Hand mit dem
-Steine, die er vielleicht schon zum Wurfe bereit erhoben hat, beschämt
-wieder sinken läßt und er in der Stille seines Herzenskämmerleins sich
-einmal fragt, von welcher Seite hier wohl am schwersten gesündigt worden
-ist, von dem Angeklagten wider die Gesellschaft oder ... umgekehrt!?!“
-
-
-
-
- V.
-
-
-Natürlich war es Strauß nicht ohne weiteres möglich, diese Rede glatt
-und ruhig von der Leber weg vorzutragen.
-
-Der Staatsanwalt unterbrach ihn immer wieder und forderte ihn auf, zur
-Sache, zum Bericht seiner Taten und deren Erklärung zu kommen. Man
-wollte von ihm andere Töne, eine Entschuldigung, Argumente konkreter
-Natur hören, die sich praktisch verwerten ließen ... sei es für oder
-wider ihn.
-
-Aber der Angeklagte ließ sich nicht beirren. Mit der Hartnäckigkeit des
-Monomanen, von einer Idee besessen und ganz gebannt und überzeugt
-brachte er seinen Vortrag zu Ende.
-
-Natürlich fanden der Ankläger wie auch die Richter an dieser seltsamen
-Verteidigungsrede, voller Selbstbewußtsein und wissenschaftlicher
-Analyse, genügend Momente, die reizten und ärgerten. Niemand konnte sich
-diese Verstiegenheit der Diktion, dieses buchmäßige und weltfremde
-Wissen anders denn mit Heuchelei erklären. Und man machte aus dieser
-Überzeugung keineswegs ein Hehl.
-
-„In dem einen Jahr, das er in Untersuchungshaft saß, hatte der
-Angeklagte hinreichend Zeit, sich diese Phrasen zurechtzulegen, und bei
-seiner Schlauheit und Verstocktheit nimmt es nicht wunder, daß er diese
-Apologie seiner Moral ohne mit der Wimper zu zucken, ohne ein Wort des
-Bedauerns über die Lippen bringt. Seine grenzenlose Eitelkeit läßt ihn
-die Realität, daß er als Angeklagter hier steht, vergessen.
-
-Vor allem aber muß man sich wundern, daß er es fertig bringt, wo doch
-seine Verbrechen klar zutage liegen, von ihm selbst eingestanden wurden,
-immer wieder die Schuld auf andere zu wälzen. Nirgendwo die Erkenntnis,
-daß er selbst der am meisten Schuldige.
-
-Immer wieder diese häßlichen Verdächtigungen fremder Personen, vor allem
-aber der eigenen Familie. Längst vergangene und vergessene Erlebnisse
-der Kindheit, die gewiß bitter gewesen sein mögen, als Entschuldigung
-für Verbrechen heranziehn zu wollen, die man als gereifter,
-welterfahrener Mann begangen hat, übersteigt die Fassungskraft eines
-jeden, selbst wenn er noch so sehr alle Milderungsgründe suchen und
-erkennen möchte.
-
-Das ist nichts weiter als eine pseudowissenschaftliche Objektivität, die
-sich mit dem moralischen Begriff der Heuchelei deckt.“
-
-So ungefähr lauteten die Argumente der Gegner, der Richter und Reporter.
-
-Es war natürlich nicht anders zu erwarten.
-
-Denn diese Rede, die in Wirklichkeit wie die Vorlesung eines Arztes über
-erbliche Belastung und infantile und sexuelle Bindung klang,
-enthielt keinerlei Erklärung im gemeinverständlichen Sinne der
-Gerichtsverhandlungen, wo man an Tränen und Verzweiflungsausbrüche,
-seien sie auch noch so einstudiert, gewöhnt ist. Oder an das dumpfe,
-resignierte Verstummen unter der Macht der Tatsachen, gegen die der
-schwache und zermürbte Mensch, wie er weiß, doch nicht aufkommen wird.
-
-All das fehlt in dieser Verteidigungsrede des Emil Strauß, die als ein
-Kuriosum die Runde durch alle Zeitungen machte.
-
-Und doch muß man und kann man nur sagen, daß es in Anbetracht der
-Intelligenz, der Empfindsamkeit dieses seltsamen Menschen, den das
-Bewußtsein seiner Verbrechen wirklich deprimiert, unglücklich macht,
-keine andere Möglichkeit für ihn gab, zumal da er von einem unbeugsamen
-Stolz erfüllt zu sein scheint, der keinerlei Selbsterniedrigung mehr
-erträgt. Er möchte einmal reinen Tisch machen mit seiner Vergangenheit,
-sein Gewissen erleichtern, und zwar Auge in Auge mit der Bestie, mit der
-er gerungen hat sein ganzes Leben lang: mit der Gesellschaft.
-
-Seine Verteidigung ist in Wahrheit eine Anklage, und zwar die Anklage
-eines Menschen, der um die Zusammenhänge besser Bescheid weiß, tiefer in
-die Verstrickung des Lebens in Schuld und Verhängnis eingedrungen ist
-als seine Ankläger. Es ist zugleich die Selbstanalyse eines Geistes, der
-von diesem tiefen und erschütternden Erlebnis, daß durch seine Hände,
-wenn auch unbedacht, ein Mensch sein Leben lassen mußte, zu tiefst
-aufgewühlt, einen neuen Weg vor Augen hat und ihn beschreiten will mit
-aller Energie, die einem Fanatiker, einem Büßer in Einsamkeit nur
-innewohnen kann.
-
-Alle Möglichkeiten dieses fruchtbaren und unermüdlichen, verwirrten,
-gehetzten und zugleich klaren Geistes sind in diesem Vortrag enthalten.
-Aus abgründiger, stärkstes Medium der Selbsterhaltung gewordener Ironie
-heraus weiß er, daß es für ihn keine Rettung geben wird vor diesen
-Menschen, die von Amts wegen berufen sind, zu verurteilen.
-
-Für ihn lag damals schon ein anderes Wissen um die Welt und ihre
-Zusammenhänge dicht vor Augen. Neues Wissen, neue Weisheit kann man
-sagen, strömte aus der christlichen Lehre in dieses weite und willige
-Gefäß. Verkehrte den Inhalt des Widerspenstigen, des Kämpfers um den
-Sinn der Freiheit, der Gewalt nie weichend, in das Gegenteil:
-Nachgiebigkeit, Verachten der Materie und der sinnenfälligen
-Zusammenhänge.
-
-Aus jedem Satze seines Bekenntnisses spricht neben der tiefen,
-verschlossenen, vergrämten, vergrabenen Reue das Wissen um ein Anderes,
-Unsagbares, Höheres.
-
-Dieses Wissen ist seine privateste Erfahrung, sein jüngstes Gericht und
-der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Das bedeutet vor allem der
-isolierte und unmenschliche Ton der gedachten Worte.
-
-Das ganze Elaborat will nichts anderes bedeuten als eine Korrektur am
-eigenen Leben, eine Erleichterung, eine Enthüllung zu eigenem Nutzen und
-zugleich eine boshafte, raffinierte ... Strafe am Körper der Justiz, die
-ihn mit zehn Jahren zum ersten Male brandmarkte, ihm einen Verweis
-erteilte, der ihn vorbestraft machte.
-
-Von diesen Vorstrafen spricht er ebensowenig wie von seinen Verbrechen,
-deretwegen er jetzt angeklagt ist. Sie existieren für ihn nicht, nicht
-in seinem Leben, es sind Verhängnisse, die eine dunkle Macht, von der
-Gesellschaft entfesselt, gegen ihn mobilmachte.
-
-Vor allem haben sie jeden Sinn in seinem neuen Leben verloren, das
-anknüpfen möchte an seine Jugend, die er mit der Rede heraufbeschwört.
-Die aber den großen Riß nicht verbergen kann und will, der seine Seele
-zerspaltete, als seine Mutter, die tiefe Bindung an alles Gute und
-Schöne, starb. Mit ihr ertrank alles, was bis dahin noch einen Schimmer
-von Wärme und Liebe bot in einem ekelhaften, unsauberen und verlogenen
-Milieu. Dem er zwar überlegen und doch verfallen war, das nicht sein
-Milieu und doch Gewalt über ihn gewann, dem er nicht entrinnen konnte.
-Ein gräßlicher Zwiespalt öffnete sich zu Auswegen in Verbrechen, in
-Diebstähle, Vagabundage und schloß sich immer zugleich mit Kerkermauern.
-
-Die boten zwar Schutz vor den Gefahren, vor der eigenen Schwäche. Man
-konnte lesen, lernen, Französisch, Englisch, Mathematik, Geschichte,
-Literatur betreiben. Aber zugleich mit der enorm aufschießenden
-Erkenntnis, mit der Überfülle des Wissens und dem Glauben an seine Macht
-quoll auch die Bitternis über das verfehlte Leben empor. Die Sehnsucht
-nach der Freiheit, nach der Geltung entsprechend den Qualitäten, die man
-sich selbst in der eifrigen Arbeit an den Büchern bewiesen hatte.
-
-Aber das Wilde, die Empfindsamkeit des Überreizten, des allzu
-Ausgehungerten nach Leben und Freiheit überwältigt ihn sogleich, sobald
-die überhitzten Häuser der Großstadt, der Tumult der Millionen ihn
-umfängt.
-
-Er bricht aus den guten Vorsätzen der Zelle aus. Der Trieb nach Macht,
-dem der Geschwächte nichts Gleichwertiges an Beharrung entgegenzusetzen
-hat, reißt ihn hastig und hastiger mit sich fort.
-
-Immer wieder sind es schwere Einbrüche, die ihn aufs neue in den Kerker
-bringen. Bei all diesen Taten ist das Seltsame, daß er nie Anstrengungen
-macht, zu entkommen, zu leugnen, sich zu entlasten. Mit einer geradezu
-Entsetzen erregenden Grausamkeit gegen sich selbst, mit fatalistischer
-Gelassenheit sagt er trocken und offen die Wahrheit.
-
-Er stiehlt aber er sagt die Wahrheit! Man kann jedes seiner Worte auf
-die Goldwage legen. Keinerlei Beschönigungsversuche oder Verdrehungen
-des Sachverhaltes finden sich in seinen Aussagen ... Mann gegen Mann
-steht er gelassen für seine Taten ein. Dabei ist er sich über die
-Schonungslosigkeit seiner Gegner vollkommen im klaren. Er gibt sich
-keinerlei Täuschung hin und findet reichlichen Hohn über die freieste
-Gerichtsbarkeit der Welt. Wie kaum ein Zweiter hat er sie am eigenen
-Leibe gespürt, seit der frühesten Kindheit schwingt sie die Geißel über
-seinem Haupte.
-
-Als unverbesserlicher Einbrecher, dem es zur zweiten Natur geworden
-scheint, fremdes Eigentum zu rauben, wird im Jahre 1911 zum ersten Male
-Zuchthaus gegen ihn verordnet. Er war damals vierundzwanzig Jahre alt.
-Saß die drei Jahre ab. Ohne Klage, ohne einen Verweis. Wird entlassen
-und begeht sofort einen neuen Einbruch. Wird erwischt und wiederum zu
-drei Jahren Zuchthaus verurteilt.
-
-Sitzt auch diese Strafe ab und wird im Jahre 1917 entlassen.
-
-Hier tritt eigentlich der jüngere Bruder, Erich Strauß, zum ersten Male
-deutlicher in Erscheinung.
-
-Denn jetzt erhält der Kampf des Älteren einen doppelten Sinn. Wie ein
-Wilder setzt er alles ein, um seinen Bruder, der in der Entwicklung
-zurückgeblieben, an epileptischen Anfällen leidet, schwerhörig ist, vor
-dem gleichen Schicksal, dem er selbst verfallen scheint, zu bewahren.
-
-Auch Erich hat sein gerüttelt Maß Strafen hinter sich. Aber es sind wohl
-zumeist geringere Delikte, wenn auch Diebstähle, die ihn ins Gefängnis
-brachten. Zusammen wohl zwei bis drei Jahre.
-
-Erich erscheint neben seinem Bruder als der Unbedeutendere, der
-Ungeistige, und der Gewalt des Fanatikers durchaus hörig.
-
-Aber zugleich ist er auch der Unglücklichere, durchaus bedauernswert,
-von Natur und durch Verhängnis an die Spuren eines in allem ihm
-überlegenen Menschen, des Einzigen, den es auf der Welt für ihn gibt,
-gekettet. Emil war für den Jüngeren Vater, Mutter, Bruder und Gott
-zugleich. Wußte er sich in Not, saßen ihm die Häscher auf den Fersen,
-erfand der Ältere den Ausweg. Rettete ihn aus dem Polizeipräsidium, aus
-dem Zuchthaus. Schwur, ihn zu befreien, und hielt Wort.
-
-Dadurch gewinnt der Kampf, den Emil Strauß im Jahre 1917 begann, ein
-neues Gesicht.
-
-Er ließ alle Bedenken fallen. Lebte in einer Welt, die keine war. In
-einem Schema, einem Irrgarten, in dem man Verbrechen rächt, die gestraft
-werden sollten. Strafen treiben ihn nur noch weiter.
-
-Wie ein Hohn klingt es, wenn man bedenkt, daß er zur Erlangung guter
-Einbrecherwerkzeuge in das Kriminalmuseum selbst einbricht und sich mit
-allem versieht, was er zu seinem Erwerb braucht. Aus der Motivierung
-dieses Einbruches, die er der Polizei gibt, erhellt ohne weiteres, daß
-er sich seiner Überlegenheit voll bewußt ist und er unterstreicht
-doppelt die Ironie, die er den Behörden gegenüber immer an den Tag
-legte. Er sagte nämlich: „Wenn Ihr schon ein so hübsches Museum
-einrichtet und Reklame dafür macht, müßt ihr auch gestatten, daß wir es
-auch mal besuchen und uns anschaun.“
-
-Dieser Diebstahl hat ihm die Sympathie der Behörden verscherzt. Diese
-fühlten sich irgendwie in ihrer Ehre gekränkt und hetzten jetzt mit
-allen Mitteln hinter ihm her. Es gelang ihnen zunächst, des Schwächeren,
-des Bruders, habhaft zu werden.
-
-Erich befindet sich im Polizeipräsidium. Steht in Bewachung eines
-Polizisten auf einem der Korridore. Verhör auf Verhör, alle Fallen
-vermochten ihn nicht zu fangen. Er wird den Namen, den Aufenthalt seines
-Bruders nicht nennen und wenn sie ihn in Stücke reißen. Mit dem Instinkt
-des Blutes, das in ihnen lebendig, hüten sie den Namen ihrer Freunde,
-als sei es ihr eigener.
-
-Erich wartet.
-
-Da nähern sich Schritte über den hallenden Korridor. Ein hoher Mann in
-der Uniform eines Justizwachtmeisters tritt an den Häftling und dessen
-Begleiter heran, weist sich aus, übernimmt den Gefangenen, um ihn zum
-Untersuchungsgefängnis zu transportieren.
-
-Die beiden verlassen das Präsidium, verlassen die Straße, die Stadt, sie
-sind wie vom Erdboden verschwunden. Es war niemand anders als Emil, der
-diesen Geniestreich ausheckte und durchführte.
-
-Einem Hauptmann von Köpenick gelang es, die willenlosen, militärisch
-subordinierten Seelen einfacher Soldaten im Vertrauen auf die Allmacht
-der Uniform zu düpieren und ganz Europa in heiterstes Gelächter zu
-versetzen. Er lief weiter keine Gefahr, als daß er wegen Diebstahls
-eingelocht wurde. Hatte sonst ein reines Gewissen und Humor.
-
-In diesem Falle aber mußte alles klappen oder alles war verloren. Denn
-gerade ihn suchten sie. Hinter diesen Türen lauerten seine schlimmsten
-Feinde. Irgendeine dieser Türen brauchte sich zu öffnen. Irgendein Blick
-dieser scharfen Augen seine Miene bloß zu streifen ... und beide waren
-verloren. Da gab es keine Wehr und kein Entrinnen.
-
-Aber das Unmögliche gelang. Alle Berechnungen stimmten. Die Korridore
-lagen leer und unbewacht, die Menschen, die ihm begegneten, hielten ihn
-für einen Kollegen und grüßten womöglich. Aus ureigenstem Studium kannte
-er Schritt und Haltung eines Justizbeamten. Mit ewig geneigtem Kopf, der
-von Namen und Daten und Zahlen und Terminen raucht, schreitet der so
-Beamtete hastig und doch schlendernd seines Wegs.
-
-Natürlich hatte er seine Helfer. Denn fragen durfte er nicht. Er mußte
-wissen, daß um zwölf Uhr mittags da und da der Beamte mit dem Gefangenen
-Erich Strauß auf den Abtransport warten würde.
-
-Blieb nur das Problem der eigenen Haltung.
-
-Die Uniform stimmte. Die Papiere ebenfalls.
-
-Und seine Nerven hatte er in der Gewalt. Das Bewußtsein seiner
-Überlegenheit und seiner Mission ließ Zweifeln oder Angstgefühlen, nicht
-einmal klaren Gedanken über die Möglichkeit des Mißlingens Raum.
-
-Es mußte sein, und so kannte er weder Furcht noch Zaudern. Übernahm
-ordnungsgemäß seinen geliebten Bruder und entführte ihn.
-
-Allerdings nicht lange.
-
-Denn jetzt setzten die Behörden alles in Bewegung. Es gab einen Kampf um
-die Ehre, Mann gegen Mann. Wer der Stärkere war.
-
-Natürlich konnten sie diesem Ansturm nicht lange widerstehn. Das Gericht
-machte ihnen kurzerhand den Prozeß und schickte sie auf zehn Jahre oder
-mehr nach dem Zuchthaus.
-
-Hier ist nun der Ort, wo eigentlich das Leben des Emil Strauß und seines
-Bruders, die beide nur ein einziges bilden, mit doppelten und dreifachen
-Gliedern und Kräften sozusagen, seinem Höhepunkt entgegenreift.
-
-Das Duell zwischen der Intelligenz des Verbrechers und der Intelligenz
-der Polizei hatte bereits rein persönliche Züge angenommen.
-
-Die Beamten kannten ihre Brüder und die Brüder kannten die einzelnen
-Jäger und ihre besonderen Fähigkeiten genau. Man gehörte zu einer
-Familie und setzte sich im Guten oder Bösen auseinander.
-
-Emil Strauß gab den Kampf keineswegs auf. Aber er brauchte Zeit. Er
-mußte die Wärter in Sicherheit wiegen. Dank seiner Lammsgeduld, seiner
-guten Manieren hatte er es bald erreicht, daß man ihm weniger scharf auf
-die Finger sah. Seine ewig gleichbleibende Freundlichkeit hatte etwas
-Entnervendes, Einschläferndes.
-
-Zwei Jahre hielt er es in Naugard aus.
-
-Dann zersägte er die Gitterstäbe, kletterte über die Mauern. Wenige
-Stunden später war er wieder in Berlin.
-
-Hier möchte ich eine kurze Charakteristik über Emil Strauß, die wohl auf
-diese Zeit seines Lebens Bezug hat und die sein Verteidiger, Herr Dr.
-Carl Loewenthal-Landegg, im „Tagebuch“ veröffentlichte, einflechten. Sie
-eröffnet eine merkwürdige Perspektive über den Denkprozeß unseres
-Helden. Offenbar gibt es für ihn oder gab es zumindest so etwas wie das
-legale Verbrechen oder Notwehr des einzelnen im Kampfe gegen den Staat.
-Eine Art von Urfehde mag ihm da vorgeschwebt haben. Irgendwo in dem
-Gefüge der Gesetze mußte es doch eine Masche geben, durch die ein
-gewandter „Jurist“ entschlüpfen konnte. Mit der höchsten Aggressivität
-gegen alles, was Gericht und Polizei hieß, scheint er eine subtile
-Kenntnis der einzelnen Paragraphen und so etwas wie Respekt vor dem
-Gewerbe des Anklägers zu besitzen. Beide leben von derselben Materie. Es
-fragt sich nur, wer am ersten dabei zu Grunde geht.
-
-„Vor Jahren sah ich ihn zum ersten Male in meiner Sprechstunde ... Ein
-eleganter, hoch aufgeschossener Kavalier; tadelloser Gehpelz und
-modernster Zylinder, den geschmackvollen Spazierstock in der
-wildlederbekleideten Hand. Er bat mich in ruhigem, vornehmem Tone,
-seinen Namen verschweigen zu dürfen: nur eines Freundes wegen komme er,
-der sich infolge eines Konfliktes mit dem Gesetze verbergen müsse.
-
-Ob ich ihm über gewisse Auslieferungsverträge Auskunft geben könne. Ich
-mußte die Antwort als „Rechts“-Anwalt ablehnen. Aber dann sprachen wir
-weiter über allerhand Fragen aus dem Strafrecht, und ich bewunderte
-seine Kenntnisse. Einer vom Fach, dachte ich mir ... vielleicht ein
-gescheiterter Referendar oder ausgeglittener Assessor. Dem widersprach
-ein Etwas, über das ich mir im Augenblick nicht klar wurde ...
-
-Das Gespräch und sein Abschied sehr korrekt; nur alles sonderbar zögernd
-...
-
-Bald darauf hörte ich von einem der Schwerklienten, daß es Emil Strauß
-war: ... wieder einmal nach dem Ausbruch und eifrig gesucht ...“
-
-
-
-
- VI.
-
-
-Dieses Kapitel möchte man überschreiben: Auf dem Gipfel der Macht. Der
-Beschreibung der Eleganz und guten Manieren dieses Philosophen unter den
-Einbrechern möchte ich zunächst die etwas tragischere seines
-Schattenbildes angliedern. Gleichfalls von Herrn Dr. Loewenthal-Landegg
-entworfen:
-
-„Dann, nicht lange darauf war’s, in einer kleinen Kneipe in NO ...
-
-An einem im Halbdunkel stehenden Tische saß Emil Strauß in einem
-größeren Kreise gleichaltriger Leute. Wieder fiel mir sein tadelloses
-Äußere auf und die Ruhe seines Wesens; ein auffallender Kontrast zu der
-unsteten, wüsten Umgebung. Nichts störte die gediegene Note der
-Erscheinung ... keine unmögliche Krawatte und kein greller, schreiender
-Velourhut, wie ihn sonst die Männer vom Brecheisen und Dietrich tragen,
-wenn sie in Zivil gehen.
-
-Er schien mich sofort zu erkennen. Nur ein kurzes, unmerkliches Nicken
-sagte mir, daß er auf meine Verschwiegenheit rechnete. Stumm saß er,
-ohne an den Gesprächen und Zoten der Gefährten teilzunehmen. Allein die
-beweglichen Augen sprachen und durchforschten jeden der Anwesenden und
-Kommenden. Sein Glas mit schalem Bier stand unberührt die halbe Nacht.
-Er nippte nicht einmal daran. Die um ihn behandelten ihn mit
-eigenartiger Scheu, wie einen Ehrengast, den man achtet.
-
-Später sammelten sie für einen, der „alle“ geworden war, und dessen
-hungernde Familie. Jeder von den Männern und ihren Bräuten gab etwas. Er
-aber leerte ohne Besinnen die ganze Brieftasche auf den Haufen, und ehe
-sie noch etwas dazu sagen konnten und wollten, verschwand er schnell
-hinaus in die Nacht.“
-
-Hier ist das eigentliche Milieu dieser letzten Verwandlung des
-vielseitigen und unruhigen Geistes.
-
-Von Freund zu Freund lief er jetzt und sammelte Material. Geht zum
-Anwalt, um ihn zu konsultieren. Beschreitet gewissermaßen den Rechtsweg
-wie ein Herr, der zu verlangen hat. Ein Verbannter.
-
-Es gibt keine andere Möglichkeit als die Gewalt.
-
-Ringsum nur Gefahren. Die Häscher sind ihm unablässig auf den Spuren.
-Aber er kennt weder Müdigkeit noch Furcht.
-
-Sicherlich kommt noch eines hinzu. Vielleicht unbewußt. Jedenfalls mußte
-er der damaligen Volksstimmung unterliegen. Das Fluidum der Revolution
-hat gewiß auch seinen Nacken gesteift. In ihm loderte der Protest am
-stärksten. Die Tausende kämpften einen allgemeinen Kampf für irgendein
-Ideal, für eine Zukunft, für große Schlagworte, wie Freiheit,
-Achtstundentag, bessere Löhne, Beteiligung am Umsatz.
-
-Die Massen waren aufgescheucht und wirbelten in dem Körper des Staates,
-der im Fieber zuckte. Allenthalben wurde gekämpft. Aufruhr brüllte durch
-die endlosen und starren Straßen, gegen das Parlament. Seltsame Gerüchte
-schwirrten um. Die Unsicherheit des Daseins, das Abenteuer hatte
-unzählige Menschen der angeborenen Schüchternheit entrissen und sie in
-den allgemeinen Wirbel geschleudert.
-
-Strauß aber hatte seinen persönlichen Krieg, seine individuelle
-Revolution durchzukämpfen. Solange der einzige Mensch auf Erden, dem er
-sich verbunden fühlte, dem er Treue zu halten verpflichtet war, weil er
-auch ihm Treue hielt, ja von seinem Leben abhängig war, solange der
-Bruder im Kerker schmachtete, gab es für ihn keine Ruhe. Langsam reifte
-in ihm der tollkühne Plan zu seiner Befreiung.
-
-Mit zwei Freunden macht er sich am siebenundzwanzigsten November, abends
-auf den Weg. Mit dem letzten Zug fahren sie hinaus nach Naugard.
-Gutgekleidete Reisende. Unauffällig. Wenig Gepäck. Es enthält Wäsche und
-Kleider. Eine Strickleiter. Werkzeuge aus dem besten Stahl.
-
-Der eine der Begleiter wußte genau die Zelle, hatte den Plan erläutert.
-
-In der Nacht halten die Drei vor dem riesigen, in drohende Finsternis
-gehüllten Zuchthaus.
-
-Das Feld weit und breit mit hohem Schnee bedeckt. Er dämpft jeden Laut,
-leuchtet genügend, um die Fenster erkennen zu können. Aber es gilt, auch
-schnell zu handeln, denn jeden Moment kann irgendein Zufall zu
-Überraschungen schon hier draußen führen.
-
-Eine kurze Beratung, die Fenster werden gezählt. Und schon sausen
-Schneeballen hinauf, um den Schlafenden zu wecken, zu alarmieren.
-
-Aber es rührt sich nichts. Offenbar ahnt er gar nichts. Es wurde nie
-aufgeklärt, ob Erich von der Befreiung unterrichtet war. Auch die Namen
-der Begleiter wurden nie entdeckt. Deshalb liegen die Einzelheiten
-dieser Heldentat vollkommen im Dunkel.
-
-Jedenfalls entschließt sich Emil, mit Gewalt in das Haus einzudringen.
-
-Die Strickleiter saust durch die Luft und hakt fest an den Zacken des
-Gitters. Er steht im wohlbekannten Hof vor dem mächtigen eisernen Tor.
-Es wird aufgesprengt. Mit einer fabelhaften Präzision und Ruhe muß eine
-Tür nach der andern seiner Wut und Entschlossenheit weichen. Schließlich
-steht er vor der Zelle des Bruders. Auch diese Tür wird aufgestemmt.
-
-Jetzt gilt es, zu zweit den gleichen Weg zurückzulegen.
-
-Kein Wärter begegnet ihnen – keine Alarmglocke heult durch das Haus.
-
-Auch dieses Wunder gelingt. Erich wird eingekleidet. Dann marschieren
-die vier Männer fünf Stunden durch die Nacht zu einem kleinen Bahnhof
-und gelangen unbehelligt nach Berlin zurück.
-
-Die Morgenblätter sind bereits voll von dieser verwegenen Tat. Die
-Polizei verdoppelt ihre Anstrengungen. Die Stadt hat die beiden
-aufgenommen. Verschluckt.
-
-Wenige Tage der Ruhe aber genügen, um den Eifer der beiden zu
-verdoppeln.
-
-Sie inszenieren den kühnsten ihrer Einbrüche, den verwegensten, den
-Berlin vielleicht je erlebte. In der Nacht vom zweiten zum dritten
-Dezember 1919 rauben sie das Seidenhaus der Firma Dressel in der
-Niederwallstraße zu Berlin aus.
-
-Am Samstag, dem zweiten Dezember, lassen sich die beiden in dem zum
-gleichen Häuserblock, aber auf der abgekehrten Seite liegenden Gymnasium
-einsperren. In der Nacht klettern sie über die Dächer der Nachbarhäuser
-auf das Dach des Warenhauses. Mit einer Strickleiter gelangen sie in die
-Höhe des Warenlagers. Drücken ein Fenster ein.
-
-Fast vor den Augen der Wächter.
-
-Gelangen in das Innere des Hauses und räumen die dort aufgespeicherten
-Schätze zusammen. Verschnüren sie zu Ballen.
-
-Auf der Straße warten die Hehler mit Wagen, um die Ware
-abzutransportieren.
-
-Nicht weniger als sechsmal mußten sie diesen lebensgefährlichen Weg
-zurücklegen. Klettern, springen, gleiten.
-
-Am Sonntag steigen sie ab und gehen zu Kempinski, das alte Berliner
-Weinrestaurant, speisen. Kehren ruhig zu ihrer Arbeit zurück und
-vollenden sie am Montag früh. Zwei Nächte und einen Tag hielten sie sich
-an der Arbeit. Der Wert des Raubes betrug mehrere hunderttausend Mark.
-Er selbst löste für die „Sore“ (Beute) nur siebzehntausend Mark, ein
-herzlich geringer Betrag, zumal da es Papiermark waren. Der eigentliche
-Wert dürfte etwa den gleichen Betrag in Dollars ausgemacht haben.
-
-Natürlich wußte die Polizei sofort, wessen Werk dieser Einbruch war. Das
-Einsteigen in Warenhäuser war die Spezialität der Brüder. Große Firmen
-wie Michels und Wertheim waren ihrer Geschicklichkeit zum Opfer
-gefallen. Auch hier hatte er, an den Fassaden emporkletternd, Stoffe im
-Werte von hunderttausenden geraubt und verschärft. Die Ware wurde nie
-wieder gefunden. Auch von den Geldern nichts. Einen anderen verwegenen
-Zug unternahm er gegen einen großen Juwelier in der Passage
-Friedrichstraße, dessen Laden er ausräumte, ohne daß auch nur eine Spur
-entdeckt wurde, weder von ihm, noch von den geraubten Kostbarkeiten.
-Immer fiel ihm reiche Beute in die Hände, für tausende von Dollars.
-Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Es gab für sie keine Hindernisse,
-Abwehrmaßnahmen. Sie kletterten an den Fassaden über Dächer und Mauern,
-wie andere über Straßen gehn.
-
-Dies war der letzte und größte Einbruch der beiden Einbrecherkönige,
-deren Namen in aller Munde waren und eine Popularität erlangten, wie
-kaum ein gleich mutiger und verwegener Abenteurer vordem.
-
-
-
-
- VII.
-
-
-Hier beginnt nun ein Abschnitt im Leben dieses sonderbaren Menschen, der
-für ihn vielleicht die glücklichste Zeit bedeutete. Ihn zugleich aber
-auch zum ersten Male vor den Ausgang aller Abenteuer früher oder später
-stellte und um ein Haar in den Abgrund gerissen hätte.
-
-Die Schwierigkeit der Erhellung der einzelnen Phasen seiner Entwicklung
-liegt vor allem in der vollkommenen Abseitigkeit des Lebens, das Strauß
-führte. Entweder er war eingesperrt hinter Kerkermauern. Dann schlief
-sein dunkles Ich. Das Tier, die Haßinstinkte wandelten sich in der
-Einsamkeit in den starken Trieb nach Bildung. Er studiert Sprachen,
-Stenographie, Elektrotechnik. Schreibt Gedichte von einer seltsamen
-Vollendung. Natürlich abhängig von den Dichtern, die er jeweils liest.
-Sein künstlerisches Empfinden ist allerdings nicht originär. Aber er
-besitzt angeborenes Formgefühl. Mit artistischer Gewandtheit weiß er
-sich einzufühlen in Stimmungen und Rhythmen, die ihm geläufig bleiben.
-Das Wort versagt ihm nie den Dienst. Wenn er will.
-
-Die Tage der Freiheit sind mit wildem Tatendrang ausgefüllt. Es leidet
-ihn nicht in der Enge der Wohnung. Arbeit kann er als Zuchthäusler und
-berüchtigter Einbrecher ja doch nicht finden. Niemand würde ihn
-aufnehmen. Niemand an seine Besserung glauben.
-
-Für Menschliches bleibt da kein Raum. Er führt das Leben eines
-Einsiedlers. Eines Fanatikers, der nur an seine Pläne denkt. In einer
-eingebildeten Welt umherrast und ausbricht in die reale und dort Unheil
-gegen sich und die Mitmenschen anrichtet. Zweifellos unterliegt er ganz
-starken, unwiderstehlichen Trieben, die sein ganzes Denken absorbieren
-und jede Erwägung über Gut und Böse lähmen. Insofern fällt er unter die
-Menschen, vor denen sich die Gesellschaft schützen muß. Auf welche
-Weise, ist allerdings nachdem einmal der Weg der Strafen beschritten
-wurde, schwer zu sagen. Das Schicksal wollte, daß Strauß im gleichen
-Moment, wo seine Tage Menschlichkeit und seine Züge den Ausdruck
-allgemeiner Verfassung gewinnen, zu Fall kam.
-
-Im Verlauf des großen gegen ihn und seinen Bruder geführten Prozesses
-sagt er an einer Stelle:
-
-„Wir sind auch in dieser Beziehung Außenseiter und Schwerverbrecher
-einer Art, wie sie nur selten herumlaufen.
-
-Wir haben nie viele Freunde gehabt, niemals in Kaschemmen verkehrt.“
-
-Hier haben wir einen klaren Einblick in die Verfassung dieses Menschen.
-Er ist sich seines Wertes wohl bewußt. Schätzt diese Abseitigkeit und
-frißt zugleich die Wollust der Ausgestoßenen in sich hinein, die als
-Rache wiederkehrt und sich gegen die Gesellschaft wendet. Sein Stolz
-verbietet ihm, in die dumpfen Niederungen zu tauchen, in denen die
-Zunftgenossen zu leben gezwungen sind. Wo sie ihrer menschlichen oder
-unmenschlichen Leidenschaft nachgehen können und die Tage der Freiheit
-so verbringen, wie es ihnen paßt. Sie sonnen sich an ihren Erfolgen,
-berauschen sich an neuen Möglichkeiten und haben jedes Bewußtsein für
-die Unrichtigkeit ihrer Existenz im Zusammenhang mit der anderen Hälfte
-der Menschheit verloren.
-
-All diese Heimlichkeiten offizieller und betrachtender Feier fehlen im
-Leben dieses Einzelfalles. Er gleicht einem Beamten, einer Maschine, die
-nicht stillstehen kann, ohne wertlos zu werden.
-
-In dieses rauhe Dasein, das von tausend freiwilligen und geliebten und
-noch mehr unfreiwilligen und gefürchteten Gefahren umlauert ist, tritt
-als Unterbrechung die rührende Idylle einer großen Liebe.
-
-Aus den Erläuterungen über den Ursprung seiner Laufbahn wissen wir,
-welcherart sein erstes erotisches Erlebnis war. In der Zeit der
-stärksten Bindung an seine Mutter und zugleich Hoffnungslosigkeit, je
-wieder menschliche, selbstverständliche Zärtlichkeit zu finden,
-überfällt ihn die kalte und brutale Zärtlichkeit einer abgefeimten
-Dirne, der er wehrlos, aber voll unauslöschlichen Ekels unterliegen muß.
-Dieses Erlebnis hat er niemals verwinden können, und welche Bedeutung es
-für ihn haben muß, geht aus der Tatsache hervor, daß der sonst wortkarge
-und verschlossene Mensch in vollster Öffentlichkeit vor ganz Deutschland
-gewissermaßen die Worte findet, seine Qual und seinen Ekel
-hinauszuschleudern.
-
-Zugleich aber bildet diese Wunde, der ständige Reiz, der von ihr
-ausging, einen Teil seines ewig wachen und kalten Selbstbewußtseins.
-
-Über das erotische Leben dieses Mannes, über seine allzu menschlichen
-Abenteuer weiß man gar nichts. Er hängt mit verbissener und grandioser
-Liebe an seinem Bruder und seiner Schwester. Widmet ihnen seine Dienste
-über den Tod hinweg in einer seltsamen und düsteren Treue, die auf jeden
-Menschen einen ergreifenden und echten Eindruck macht.
-
-So lebte er bislang.
-
-Dann trat eine Frau in sein Leben und alles wurde anders.
-
-Emil lernte sie eines Abends in einem Caféhaus am Alexanderplatz kennen.
-Nannte sich Vogel und war als Verliebter eigentlich genau so, wie er als
-Typus in der Geschichte der Kriminalfälle unserer Zeit weiterleben wird.
-Voll unermüdlicher Höflichkeit. Still und doch lebendig. Aufopfernd. Las
-der Freundin jeden Wunsch von den Augen ab. Für Geld hatte er keinerlei
-Sondergefühle. Gab es mit vollen Händen aus. Kaufte ihr Kleider und
-Wäsche. Er war Schlosser und verdiente. Führte auch seinen Bruder ein.
-Zog schließlich ganz zu ihr. Lüftete aber nie das Geheimnis, das sich
-hinter dem rätselhaften Vogel verbarg.
-
-Als der Vater der Freundin starb, kaufte er ihr Trauerkleider und ging
-ihr zuliebe auch in Trauer.
-
-Nicht nur die Richter legten ihm diese Rolle übel aus. Fanden seine
-Zärtlichkeit und die Schonung, die eigentlich aus allen seinen
-Handlungen sprach, unaufrichtig, seine Freigebigkeit verschwenderisch.
-In Wirklichkeit aber hatte ihn zum ersten Male der Hunger nach Leben
-gepackt. Die Erkenntnis vor der endlichen Fruchtlosigkeit seines Kampfes
-mochte ihm ganz entfernt und leise dämmern. So klammerte er sich mit
-allen Fasern seines liebebedürftigen und bisher verschmähten Herzens an
-dieses Erlebnis und war entschlossen, es bis zum Ende auszukosten.
-
-Dieses Ende sollte bald hereinbrechen.
-
-Im Dezember des Jahres 1919 herrschte geradezu eine Epidemie der
-Einbrüche und Überfälle. Die Polizei war Tag und Nacht auf den Beinen.
-Alle Kommandos waren ständig unterwegs. So suchte am neunten Dezember
-ein Kommando unter Führung des Kriminalwachtmeisters Erdmann nach den
-Urhebern eines Raubüberfalles auf einen Geldtransport der Post in der
-Nähe des Schlesischen Bahnhofes.
-
-Nun waren bei der Polizei Nachrichten eingegangen über die auffallenden
-Ausgaben einer Witwe B. in der Guineastraße, bei der zwei Brüder Vogel
-wohnten.
-
-Die Gegend war nicht geheuer und der Schluß der Polizei, daß diese
-Gelder aus unlauterer Quelle stammen müßten, vielleicht aus jenem Raub,
-lag nahe.
-
-So machten sich also die Beamten auf den Weg zur Guineastraße – fünf an
-der Zahl.
-
-Frau B. feierte ihren Geburtstag und es ging hoch her. Etwa ein Dutzend
-Personen war um den Tisch des Hauses versammelt. Es gab Wein, Schnaps,
-Kuchen und reichlich zu essen und zu trinken.
-
-Die Beamten betraten die Wohnung und erklärten, daß sie eine
-Hausdurchsuchung abhalten müßten.
-
-Man war einverstanden. Die Personalien der Anwesenden wurden
-festgestellt, und die Beamten fanden an dem Namen Vogel nichts
-Verdächtiges. Sie waren ahnungslos und fremd in die Wohnung des Löwen
-geraten.
-
-Diese Ahnungslosigkeit der Beamten sollte das Verhängnis beider Teile
-werden.
-
-Es war ein schwerer Fehler der leitenden Stellen der Polizei, daß sie
-ohne genügende Beobachtung Mannschaften, die den Charakter der Brüder
-Strauß nicht kannten, gegen diese vorsandten. Sie hätten eruieren
-müssen, wer diese Brüder Vogel sind. Und dann ausgewählte Beamte, wie
-das bei der eigentlichen Verhaftung dann auch geschah, auf Streife
-schicken sollen.
-
-Das ganze Renkontre mit dem tragischen Ausgang ist auf diese
-Unachtsamkeit zurückzuführen. Es wäre unter den richtigen
-Voraussetzungen nie zu diesen blutigen Exzessen gekommen. Der Ruf des
-Beamten mußte den verwirrten Strauß, der doch sofort bemerkte, daß er
-einen durch seine Unkenntnis gefährlichen Gegner vor sich hatte, als die
-Drohung mit Schießen erscheinen, so daß psychologisch das Moment der
-Notwehr gegeben war.
-
-So wurde er das Opfer polizeilicher Unvorsichtigkeit, geriet
-gewissermaßen in eine unfreiwillig gestellte Falle, der er nicht
-entrinnen konnte.
-
-Wie man wirklich seiner habhaft werden konnte, ohne viel
-Aufhebens und vor allem ohne jeden Widerstand, bewies später der
-Kriminaloberwachtmeister Dettmann.
-
-Die drei Kriminalbeamten begannen mit ihrer Arbeit. Fanden eigentlich
-nichts. Bis einer auf dem Ofen einen großen Packen Geldscheine liegen
-sah.
-
-Emil entfernte sich, um eine Leiter zu holen. Erich hatte sich beim
-Eintritt der Beamten unbemerkt zurückgezogen.
-
-Aber der Beamte behalf sich mit einem Stuhl, holte das Geld und setzte
-sich an den Tisch, um zu zählen. Zwischendurch fragte er Frau B. nach
-dem Ursprung einer so großen Summe, die sie als die Erbschaft von ihrem
-Vater erklärte. Diese Auskunft genügte nicht und er fragte, weshalb denn
-das Geld oben auf dem Ofen liege. Im allgemeinen pflege man doch einen
-solch hohen Betrag in der Bank oder an einem sichereren Ort zu
-verwahren.
-
-Hier mischte sich Emil, der bis jetzt ganz ruhig, äußerlich zumindest,
-geblieben war, in die Unterhaltung und motivierte dieses Versteck, das
-nach seinem Dafürhalten durchaus sicher sei. Die Beamten durchsuchten
-nun weiter die Wohnung, und Emil zog sich einen Augenblick in eine
-kleine Kammer zurück. Seine Abwesenheit wurde aber von Erdmann bemerkt,
-der ihn fragte, was er da mache.
-
-Da erscholl das Knacken eines Revolvers, der Beamte sprang auf und
-schrie: „Hände hoch!“
-
-Niemals hatten die Brüder Strauß bis jetzt irgendeinen Angriff auf das
-Leben eines Menschen unternommen. Sie waren dafür bekannt, daß sie nie
-Waffen trugen. Woher kam diese plötzliche Wendung?
-
-In der Verhandlung erzählte Emil etwa folgendes:
-
-„Eines Tages erschien Erich mit zwei Revolvern und übergab sie mir für
-den Fall, daß wir bei einer unserer Klettertouren abstürzen sollten.
-Dann wollten wir uns erschießen, um nicht lange in Qualen sterben zu
-müssen oder als Krüppel herumzulaufen. Nie aber, und das machte ich ihm
-zur heiligsten Pflicht, darf auf einen Polizisten geschossen werden. Sei
-es wer immer!“
-
-Diese beiden Revolver lagen ungeladen in der kleinen und finsteren
-Kammer versteckt.
-
-In irgendeiner Assoziation, die wohl nur aus seiner alkoholisierten
-Stimmung, aus seinem Erlebnis mit der Frau zu erklären ist, vielleicht
-auch aus Verzweiflung und trüber Ahnung nahm Emil die eine Waffe und
-versuchte zu laden.
-
-Dabei schnappte wohl der Hahn und der Ruf des Beamten schreckte ihn auf.
-Riß ihn in die entsetzliche Wirklichkeit zurück.
-
-Er trat in die Stube und auf das Kommando: „Hände hoch!“ begann er zu
-schießen. Streckte den Wachtmeister Erdmann nieder. Die beiden andern
-Polizisten schossen ihrerseits zurück, und plötzlich tauchte auch Erich
-auf, der sich an dem Gefecht beteiligte und wie wild um sich knallte.
-
-Entsetzt flüchteten die Gäste in wildem Tumult.
-
-Die Polizisten waren sämtlich mehr oder minder schwer verletzt. Die vor
-der Türe postierten beiden Probanden halfen ihren verwundeten Kameraden.
-
-Emil schnappte einen Teil des Geldes vom Tisch. Er hatte einen leichten
-Streifschuß erhalten. Die Treppe hinauf ging es und über die nächtlichen
-Dächer auf gewohnten Pfaden ins Freie.
-
-Aber er hatte auf dem Tisch seine Brieftasche vergessen. Als man sie
-öffnete, war die Lösung des Rätsels gegeben.
-
-Die Brüder Strauß waren abermals entwischt.
-
-Wenige Tage nach dem Kampfe erlag der wackere Wachtmeister Erdmann
-seinen schweren Verletzungen. Seinem Kollegen Krumpholz, der einen
-Kopfschuß erhalten hatte, mußte ein Auge entfernt werden.
-
-Die beiden Brüder erkannten, daß jetzt ihr Leben auf dem Spiele stand.
-Die ganze furchtbare Gewalt ihres Schicksals stand klar vor ihren Augen.
-Bislang wußten sie, daß sie auf Gnade zu hoffen hatten, und daß die
-Polizei bis zu einem gewissen Grade gute Miene zum bösen Spiel machte.
-Sie in den Grenzen des Erlaubten schonend und menschlich behandelte. All
-diese Sympathien, auch in der Öffentlichkeit, hatten sie sich
-verscherzt. Der Ton der Presse, bis jetzt voll heimlicher oder offener
-romantischer Bewunderung, schlug in grelle Entrüstung zu Schreien nach
-Sühne und Vergeltung um. Und das mit Recht.
-
-Selbst gesetzt den Fall, die Schüsse waren ein Akt der Notwehr, der
-Verzweiflung und Verwirrung ... ein kühler und beherrschter Intellekt
-wie der des älteren Bruders hätte die Gefahr spüren, wittern müssen, der
-er entgegenstürzte in dem gleichen Augenblick, da er die Waffe berührte.
-
-Die beiden irrten durch Berlin, um einen Unterschlupf zu finden. Wohl
-selbst ihrer Sache überdrüssig und gewiß, daß sie nicht lange mehr
-verschnaufen würden.
-
-Den Ermittlungen der Polizei war es gelungen, ihren Aufenthaltsort
-ausfindig zu machen. Am siebenten Januar 1920 erschien
-Kriminaloberwachtmeister Dettmann bei der Inhaberin eines Logis im
-Norden und verlangte Einlaß in eine Hinterkammer, in der zwei Männer
-unangemeldet wohnen sollten. Ein kurzes Palaver.
-
-„Aufmachen, Emil, hier ist Dettmann ... wir haben Handgranaten.“
-
-„Wenn ihr vernünftig seid, wir sind es auch.“
-
-Dann wurde die Tür geöffnet. Die beiden Brüder standen, nur mit dem Hemd
-bekleidet, mit hochgehobenen Armen in der Kammer. Sie ließen sich ohne
-Widerstand festnehmen und abführen.
-
-Mit dieser ihrer Festnahme hat die „Laufbahn“ der beiden vorläufig ihr
-Ende erreicht.
-
-Ein Jahr blieben sie in Untersuchungshaft.
-
-Die Anklage lautete auf Mord, Gefangenenbefreiung, Einbruch.
-
-Jetzt begann der Kampf ums Leben.
-
-
-
-
- VIII.
-
-
-Der Tag der Verhandlung war ein großes Ereignis.
-
-Hunderte von Polizisten in Uniform und Zivil hielten alle Zugänge zum
-Moabiter Gerichtsgebäude besetzt, das von einer großen Menschenmenge,
-Interessenten, Anhängern und Freunden der beiden umlagert war.
-
-Der Transport der Angeklagten ging unter allen nur erdenklichen
-Vorsichtsmaßnahmen vonstatten. Die an Händen und Füßen gefesselten
-Brüder wurden von einer Schar Bewaffneter eskortiert und in den Saal
-geleitet. Dort nahm man ihnen zwar die Handschellen ab. Die Füße dagegen
-blieben mit langen Ketten geschlossen, die bei jeder Bewegung ein
-schauerliches Gerassel ertönen ließen.
-
-Polizisten nahmen neben den Angeklagten Platz und hielten die Revolver
-schußbereit. Man war auf alle Eventualitäten und Zwischenfälle
-vorbereitet.
-
-Trotz der schärfsten Kontrolle aber war es einer ganzen Anzahl der
-Zunftgenossen der Einbrecherkönige gelungen, sich auf die Tribünen zu
-schleichen, wo sie friedlich zwischen hohen juristischen Leuchten und
-Herren der Gesellschaft saßen. Aber gerade vor diesen Anhängern hatte
-man Angst. Waren doch allenthalben Gerüchte verbreitet, daß die
-Gesinnungsgenossen in ihrer Verehrung für ihr angestammtes Herrscherpaar
-sogar zu einem Befreiungsversuch entschlossen seien.
-
-Der Vorsitzende befahl also, zunächst die Tribünen zu räumen, was nach
-einigen Schwierigkeiten auch gelang.
-
-Bleich und mager, aber unerschüttert saß Emil Strauß in der häßlichen
-Gefangenentracht auf der Bank und ließ den Blick durch den Zuschauerraum
-gehen, wo er einige Bekannte mit einem leisen Kopfnicken begrüßt.
-
-Dann beginnt die Verhandlung mit den üblichen Formalitäten, nach deren
-Verlesung, Anklage, Vorstrafen der Auftakt, die große Überraschung
-einsetzt. Der Angeklagte Emil Strauß erhebt sich und will eine Rede
-halten.
-
-Der Staatsanwalt unterbricht ihn.
-
-Der Redner aber wehrt ab mit der Begründung, daß hier ein Menschenleben
-auf dem Spiele stehe und ein paar Minuten deshalb keine Rolle spielen
-dürften.
-
-Dann gibt es kein Halt mehr für ihn. Er ignoriert die Einwände und
-Aufforderungen des Vorsitzenden, zur Sache zu reden. Die Sache, das ist
-eben seine Anschauung von den Ursachen und Irrwegen seines jetzigen
-Zustandes, dessen Wurzeln er ausgräbt und bloßlegt. Eben in jener Rede,
-die eingangs bereits wörtlich abgedruckt ist.
-
-Der Eindruck, den sie machte, war überraschend und hatte wohl die gut
-berechnete Wirkung, allen bösen Anschauungen, die die Geschworenen durch
-Presse und Legende in sich aufgenommen hatten, durch einen echten und
-menschlich ergreifenden Urtext zu verdrängen. Natürlich war die Art
-seines Vortrags dem Inhalt entsprechend. Klar und kompliziert zugleich,
-tief durchdacht und schließlich doch gebunden an die böse Realität
-seiner Existenz, die nun hier vor der letzten Instanz sich an ein
-menschlicheres Ohr wandte, als er es bisher in der Welt gefunden.
-
-Dieser ungewohnte und doch wahre, nüchterne und durch keine Phantasie
-auszudenkende Bericht erregte in ganz Deutschland größtes Aufsehen. Nur
-nicht an der Stelle, wo es der Fall hätte sein müssen.
-
-Der Staatsanwalt begründete die Anklage formal und psychologisch auf
-Mord.
-
-„Von Notwehr kann keine Rede sein. Weder wußten die Polizisten, mit wem
-sie es zu tun hatten, noch lag ein Grund zu einem Angriff von ihrer
-Seite vor. Sie rechneten auch gar nicht damit, da alles in Ordnung und
-Ruhe vor sich ging und niemand der Betroffenen, am allerwenigsten Emil
-Strauß, auch nur eine Spur von Erregung zeigte.
-
-Als der eine der Beamten den Angeklagten in der Nebenkammer, die er noch
-gar nicht bemerkt hatte, rumoren hörte, fragte er instinktiv, und das
-Kommando „Hände hoch!“ war keineswegs ein Signal für einen Angriff
-seinerseits, sondern lediglich ein Warnungsruf, eine Aufforderung in der
-eigenen erkannten und zur Gewißheit gewordenen Gefahr.
-
-Gleich darauf betrat Emil Strauß das Wohnzimmer, den erhobenen,
-schußbereiten Revolver in der Faust, und zielte mit absoluter Ruhe und
-Kaltblütigkeit wie auf dem Übungsplatz gegen die Polizisten, die gleich
-vor der Mündung saßen oder standen.
-
-Zwischen dem Verlassen des Zimmers und seinem Wiederauftreten mit der
-geladenen Waffe liegt die Überlegung und der Entschluß, zu morden. Sich
-mit Gewalt aus der brenzligen Situation zu retten.
-
-Die beiden Brüder gehören ihrem ganzen Wesen nach zu den gefährlichsten
-Einbrechern, die Berlin je heimsuchten, und es liegt in ihrer Natur,
-auch wenn sie heute mit bombastischer Rede und psychologischen
-Erklärungen ihre Taten als zwangsläufig und unabwendbar hinstellen
-möchten, daß sie vor nichts, auch nicht vor der Vernichtung blühender
-Menschenleben zurückschrecken.
-
-Durch die Aussagen der Beamten ist ferner erwiesen, daß keiner der
-beiden auch nur angetrunken gewesen wäre, geschweige denn, wie Emil
-angibt, vollkommen benebelt. Dagegen spricht ihre sofort folgende
-Klettertour über die vereisten Dächer.
-
-Die Tat ist bei voller Besinnung und in klarer Erkenntnis der Folgen
-begangen.“
-
-So etwa lautete das lange und kunstgerecht aufgebaute Plaidoyer des
-Staatsanwaltes, der Todesstrafe beantragte.
-
-Dann folgte die Rede des Verteidigers, der das Gegenteil feststellte und
-vor allem die Tatsache unterstrich, daß gerade diese beiden gefährlichen
-Verbrecher nie auch nur eine Spur gewalttätiger Gesinnung gezeigt
-hätten. Daß Emil mit Tränen in den Augen sagte, er werde nach seiner
-Entlassung bis an sein Lebensende für Frau Erdmann arbeiten, und sie
-möge ihm doch verzeihen.
-
-Gerade die menschlichen und so komplizierten Seiten der früh verstoßenen
-und unglücklichen Menschen legte er dar und appellierte an das Gewissen
-der Geschworenen.
-
-Und er behielt recht. Die Geschworenen zogen sich zu dreistündiger
-Beratung zurück und fällten den Wahrspruch: Totschlag.
-
-Das Urteil lautete in der Zusammenfassung mit anderen Strafen zu der
-gesetzlich zulässigen Höchststrafe von fünfzehn Jahren Zuchthaus.
-
-Die Strafe wurde von den Brüdern angenommen.
-
-
-
-
- IX.
-
-
-Hier wäre nun der Kreis und die Summe der Taten dieses Verbrechers, der
-Mensch werden wollte und nicht durfte, die rein oder vermischt
-kriminalistisches Interesse beanspruchen können, geschlossen. Die
-Gerechtigkeit hat ihren Lauf genommen, wurde befriedigt und der Sünder
-hat seine Buße angetreten.
-
-Der Physis nach, soweit das vorbestimmte Los den Menschen Strauß zum
-Einbrecher, zum Opponenten gegen die öffentliche Moral und schließlich
-zum Mörder werden ließ, wäre hier sein Leben, soweit es die
-Öffentlichkeit erregte, fesselte und entsetzte, beendet.
-
-Doch wie aus dem Gesagten erhellt, lief parallel zu diesem
-gewalttätigen, häßlichen und niedrigen Kampf, so sehr er auch vorbedingt
-war von einem ehrlich gefühlten und gedeuteten Haß, der Kampf des klugen
-und weichen, lebendig bewegten und spekulativen Menschen Strauß. Der
-feierte seine Auferstehung im düsteren Gestank der Zelle, fern aller
-anderen Anregung als der der toten Buchstaben. Anteil am Kampf um
-Bildung, Wissen, Glauben der Menschen in Freiheit blieb ihm versagt. So
-nährte er sich von den Brosamen des reichbestellten Tisches und ward
-zwar blaß und schattenhaft, aber er spürte sich wachsen.
-
-Und das Licht des unvergitterten Tages bekam ihm auch nicht. Im
-Gegenteil. Er mußte in Ohnmacht gegen den Dämon verstummen.
-
-Unterlag immer wieder dem nie endenwollenden Haß, der finsteren
-Rachsucht, die die Hände zu Dietrich und Stemmeisen und schließlich zum
-Revolver greifen ließ.
-
-Dennoch lebte der weiße Bruder in diesem Wesen weiter.
-
-Zwiespältig geboren, gleich stark begabt, war es eine Frage der Zeit
-oder der Niederlage, welcher Teil seines Wesens den Sieg davontragen
-würde.
-
-Der Abgrund, der aus seiner Schreckenstat aufklaffte, der Rand des
-Grabes, dem er wie durch ein Wunder entging, das Wehen der anderen Welt
-trieben ihn zur Besinnung. Es scheint wirklich, als habe ein Teufel ihn
-besessen, im übertragenen Sinne. Und der Donner der letzten Stunde und
-das Sterben eines Unschuldigen mußten ihn befreien.
-
-Das Jahr der Untersuchungshaft bedeutete für ihn mehr als das Warten auf
-den letzten Spruch. Mehr als die Bilanz eines verpfuschten Lebens.
-Wollte er Ja sagen, so gab es für ihn keine bessere Lösung, als sich
-entweder, wie so oft zuvor, den Armen der Justiz zu entwinden oder
-Schluß zu machen. Mit diesem Leben und allem Zukünftigen.
-
-Und hier gab es für ihn wie für jeden Menschen schließlich zwei
-Möglichkeiten, unter denen er wirklich in Freiheit zu wählen hatte.
-
-Einmal den Weg, den wohl die meisten Verzweifelten gehen, die am Ende
-sind mit ihrer Kraft, denen das Leben ausging unter den saugenden
-Umklammerungen des Unglücks ... den Selbstmord. Dieser Weg stand ihm
-offen, durchaus und wahr als ein begreifliches Los nach dem
-Zusammenbruch aller menschlichen und erotischen Möglichkeiten auf ein
-ganzes Menschenalter hinaus. Sicher hat dieser extreme Ausgang in der
-Nacht der Kerkermauern oft vor seinem geistigen Auge gestanden. Die
-große Gleichgültigkeit und Ermattung, die ganz heimliche und letzte
-verzweifelte Erkenntnis, die ja doch wohl der wahre Sinn dieses Lebens,
-daß alles keinen anderen Sinn haben kann als den des dummen und
-sinnlosen Alterns und Sterbens. Und je schneller man diesen Weg beendet,
-desto besser.
-
-Trotzdem vermied er diesen gewalttätigen Schluß.
-
-Die Bindung an den Bruder mag da mitgesprochen haben wie die andere, so
-verhängnisvolle an die Geliebte. Aber sicher nur sekundär.
-
-Der wahre und zugleich tiefere Grund ist wohl seine ursprüngliche und
-robuste Bejahung des Daseins, die primitive und durch keinen Aderlaß der
-Vorfahren gebrochene Lust an der Arbeit, die naive Freude am
-Weiterkommen, der Glaube an die Bedeutung des einzelnen für die
-Gesamtheit oder für ein so imaginäres Ziel wie den Fortschritt oder die
-Wissenschaft oder ... die Gesellschaft. Der eingeborene soziale Instinkt
-und die Hochachtung vor dem eigenen mühsam erworbenen Wissen, sein
-Selbstbewußtsein hielten ihn ab.
-
-Aber er löste das Problem dennoch, wenn auch auf eine ganz
-unwahrscheinliche und abseitige Art. Er tötete den gewesenen Menschen in
-sich ab. Das mönchische Prinzip von der Abtötung des Fleisches, das ihm
-doch durch das Gefangenenleben schon ausgiebigst vertraut war, trieb er
-auf die Spitze in geradezu ekstatischer Raserei. Zugleich als einzigen
-Ausweg, um überhaupt die erdrückende Last der Zukunft ertragen zu
-können.
-
-Er wußte zuviel, um als haßerfüllter Sträfling in der Masse der
-Namenlosen untergehn zu können.
-
-Er hoffte zuviel, um Hand an sich legen zu können.
-
-So wählte er den esoterischen Weg der Flucht in die sinnvolle
-unsinnliche Konzentration und Versenkung in Gott.
-
-Er wählte das letztere.
-
-Von der frühesten Kindheit bis zur letzten Verhaftung bildete dieses
-Dasein eines Verstoßenen eine Kette unaussprechlicher Leiden, die
-niemand begreifen konnte. Finsteres Verhängnis hielt den Gleitenden
-gefaßt und stieß ihn immer tiefer abwärts.
-
-Das war kein leichtsinniger oder zynischer Bruder, der da über dem
-Abgrund schwebte und Läden plünderte. Der zwölf Jahre Kerker
-absolvierte, um immer wieder zu frischen Strafen bereit zu sein.
-
-Sondern ein düsterer, schwerblütiger und verzweifelter, ein ewig
-fragender und belasteter Intellektueller, der aus Passivität gegen sein
-Geschick zum Verbrecher wurde.
-
-Seine Aggressivität war die Betäubung der Stimme in der Brust, die das
-große Warum dieses Daseins niederbrüllen sollte. Das Erwachen war immer
-grauenhaft.
-
-Man kann sich einen reinen Typus des Empörers vorstellen, der auf eigene
-Faust und ungehemmt seinen Kampf austrägt und von keinen metaphysischen
-Sorgen behelligt von Tat zu Tat schreitet und seinem Ende, das früher
-oder später doch kommen muß, gelassen entgegenschaut.
-
-Dieser Typus des Eroberers, des Kolonialmenschen ist dieser Emil Strauß
-nicht. Die Verkrümmung seiner energischen Linie liegt ganz früh.
-Vielleicht kam er mit ihr auf die Welt. Es ist sicher, daß er in
-anderer, gesünderer Umgebung ein bedeutender, um nicht zu sagen ein
-großer Mensch geworden wäre.
-
-So aber, außerhalb aller menschlichen Beziehung, ein Verbannter in der
-Heimat, entfernte sich auch sein Rückweg, die Umkehr ganz und gar von
-der Norm.
-
-Der Angleich an die Welt kann ihm nicht gelingen. Er gleitet an ihr
-vorüber und landet in einem metaphysischen, religiösen System, der
-Christian Science.
-
-Wert oder Unwert dieser Lehre, die aus Amerika, wo sie Anhänger nach
-Millionen zählt, soll hier nicht untersucht werden.
-
-Die Voraussetzung allen metaphysischen Erlebens ist natürlich der
-Glaube, sei es an Gott oder den Teufel oder an sich selbst und die im
-Menschen wurzelnden, unbekannten Kräfte. Sei es auch nur die Hoffnung,
-einem Glauben verbunden zu sein und einer gleichgerichteten Schar, daß
-man menschliche Nähe wieder spüre, eine Hand, die in die gräßliche und
-einsame Finsternis dieses Lebens langt, mit etwas Wärme behaftet.
-
-Jedenfalls steht das eine als ein sonderbares Mysterium, wäre man
-versucht zu sagen, fest, daß das Leben dieses bisher in heftigster
-Feindschaft zur Welt exaltierenden Menschen sich in das krasse Gegenteil
-verkehrte: Weltflucht und Verneinung des Leidens, der Strafe, der Sinne,
-aller Verführung und Gewalt, aller Erregung und allen Widerstandes gegen
-den Willen Gottes, der sich ebenso mannigfach äußert, wie es Emotionen
-der Umwelt geben kann.
-
-Sicherlich lag dieser Ausweg als der vielleicht einzig mögliche durchaus
-in seiner Linie. Sein Wesen erscheint in keiner Weise verändert. Aber
-dadurch, daß er die Kerkermauern leugnet, sich dahin gebracht hat, sie
-nicht zu sehn, bekam er überhaupt erst Luft zum Weiterleben. Von dem
-Schrecken des Lebendigbegrabenseins hat der „Laie“ keinerlei
-Vorstellung. Er ist für einen Menschen mit empfindsamen Nerven durchaus
-tödlich. Die Vorstellung, fünfzehn Jahre lang keinen Baum und keinen
-Himmel, keinen Menschen und kein Tier sehen zu dürfen, nachdem man
-bereits zwölf solch höllischer Jahre kraft der Jugend und des
-Nichtbegreifens überstand, muß einen Charakter auch von eisernster
-Willensstärke zermalmen.
-
-Aber das System des Glaubens an die innere Freiheit hat so feste Wurzel
-in dem Herzen dieses Mannes im Kerker geschlagen, daß er frohen Muts in
-die Zukunft schauen kann. Es gibt für ihn eine Zukunft.
-
-Er hat Pläne. Hat eine Erfindung gemacht. Er studiert Latein und
-Mathematik. Er liest und arbeitet.
-
-Daneben verbreitet er die Lehre, an die er glaubt, unter seinen
-Kameraden.
-
-Hat Erfolge in jeder Hinsicht ... seine Wärter stellen ihm das beste
-Zeugnis aus, seine Mitgefangenen verehren ihn.
-
-In der Schneiderabteilung, in der er beschäftigt ist, deren Leitung er
-inne hat, wird die Arbeit, im Gegensatz zu früheren Methoden, pünktlich
-und sauber geliefert, das Verhältnis der Gefangenen untereinander und zu
-ihren Wärtern hat eine neue friedliche Basis gewonnen für beide Teile,
-sicherlich für den Staat und den Arbeitgeber eine erfreuliche Tatsache.
-
-Über die Gedanken und Vorstellungen von Emil Strauß an seinem jetzigen
-Aufenthaltsort möchten wir im folgenden noch einige persönliche
-Äußerungen von ihm bringen, die seinerzeit gleichfalls im „Tagebuch“
-veröffentlicht wurden:
-
-„Es wird Sie interessieren, etwas Bestimmtes über meinen jetzigen
-Gemütszustand zu erfahren. Hm! ‚Mens sana in corpore sano!‘ möchte ich
-Ihnen da frohbeglückten und dankbaren Sinnes zurufen, denn in geistiger
-wie körperlicher Hinsicht geht es mir ganz ausgezeichnet. Soweit ich
-mich entsinne, habe ich mich in den drei Jahrzehnten meines Schein- und
-früheren Schattenlebens niemals so wahrhaft zufrieden, so kerngesund und
-urkräftig gefühlt wie jetzt seit zirka zwei Jahren ... seit jenem für
-mich unvergeßlichen Tage nämlich, da ich von meinem Verteidiger, Herrn
-Dr. Loewenthal-Landegg, in echter, christlicher Nächstenliebe
-hingewiesen wurde auf das göttliche Prinzip und seine wahre Idee des
-Lebens, wie diese in der christlichen Wissenschaft (Christian Science)
-offenbart werden.
-
-Die wahre Idee vom Leben! Welch ein unendlicher Gedankenreichtum liegt
-doch in diesem einen kurzen Ausdruck enthalten. Was ist Wahrheit? Was
-ist Leben? Wo findet man die eine? Und wie entsteht und was bezweckt,
-wie äußert sich und ändert man das andere? ...
-
-Das sind Fragen, die den menschlichen Intellekt von jeher stets am
-meisten beschäftigt haben und deren endgültig bestimmte Beantwortung für
-jeden Einzelnen wiederum eine Lebensfrage ist, eine Frage des Seins oder
-Nichtseins in des Wortes tiefstgründiger Bedeutung.
-
-Was Wahrheit ist oder nicht ist, kann niemals durch irgendwelche
-rein-theoretischen Darlegungen in befriedigender Weise erklärt und
-bewiesen werden. In der christlichen Wissenschaft, zu der ich mich heute
-mit allen Fähigkeiten meines erwachenden animi bekenne, ist es z. B.
-eine fundamentale, weil ewige unwandelbare Tatsache und Wahrheit, daß
-ich meiner wahren, meiner geistigen Individualität nach kein Verbrecher,
-kein überlästiger Störenfried der bürgerlichen Gesellschaftsordnung bin,
-sondern eine geistig-substantielle, vollkommene Idee des allumfassenden
-Prinzips, ein durch und durch auf Harmonie gestimmtes Wesen, das ebenso
-unfähig ist, Dissonanzen zu erzeugen, wie solche zu erfahren ... ein
-Wesen, das mit dem göttlichen Universalgesetz der Harmonie in
-vollkommenem Einklang steht und daher auch gegen sogenannte menschliche
-Gesetze, sofern sie den göttlichen Gesetzen nicht zuwiderlaufen, in
-Wirklichkeit niemals verstoßen kann.
-
-Diese dem Nicht-Szientisten gewiß ganz urgeheuerlich klingende
-Behauptung bedarf natürlich, um zu überzeugen, des Beweises, und die
-einzige Möglichkeit, diesen Beweis vollgültig zu erbringen, besteht
-darin, daß ich alles, was das Christus-Ideal der Wahrheit in meinem
-Bewußtsein verdunkelt, was meine Gottebenbildlichkeit in mir
-verschleiert und entstellt ... daß ich das alles in unablässiger,
-gewissenhaftester Kleinarbeit aus meinem Bewußtsein nach und nach
-ausmerze und dadurch dem Nichts der Vergessenheit anheimgebe.
-
-Durch diesen mentalen Reinigungsprozeß wird die das Ebenbild Gottes
-verdeckende Tünche falscher Erziehung und falscher Denkgewohnheiten
-mitsamt dem darauf abgelagerten, Jahrhunderte alten Staub der
-Überlieferung falscher Annahmen allmählich hinweggewaschen, bis das
-meisterhafte Original in all seiner ursprünglichen Frische und
-bezaubernden Schöne mehr und mehr zutage tritt, um schließlich im
-vollsten Glorienschein seiner makellosen Reinheit und Heiligkeit zu
-erstrahlen.
-
-Dieses zielbewußte, konsequente Zum-Vorschein-bringen des wahren
-Menschen ist selbstverständlich keine Arbeit, die sich so im
-Handumdrehen oder von heute auf morgen erledigen läßt.
-
-‚Die Wiedergeburt‘, sagt unsere gottbegnadete Führerin Mrs. Eddy in
-ihrem geistvollen Buch „Miscellaneous Writings“: ‚... die Wiedergeburt
-ist nicht das Werk eines Augenblicks. Sie beginnt mit Augenblicken und
-fährt fort mit Jahren. Augenblicke der Hingabe an Gott, des kindlichen
-Vertrauens und freudigen Annehmens des Guten, Augenblicke der
-Selbstverleugnung, der Selbstweihe, dem Himmel entstammender Hoffnung
-und geistiger Liebe.‘
-
-Um also den geforderten bzw. beabsichtigten Beweis der
-Gottebenbildlichkeit meines wahren Ichs bis über die Grenze berechtigten
-Zweifels und verständlichen Mißtrauens hinauszuführen, ist eine gewisse
-Zeit nötig. Dem aufmerksamen, vorurteilslosen Beobachter meines inneren
-Entwicklungsganges dürfte es aber schon jetzt nicht mehr verborgen sein,
-welche erstaunliche Wandlung in meinem ganzen Denken, Reden und Tun
-bereits stattgefunden hat.
-
-Vergegenwärtigen Sie sich bitte, daß ich ... der Schreiber dieser
-absichtlich allen Überschwangs entkleideten Zeilen ... daß ich damals,
-unmittelbar nach meiner letzten Verurteilung, am Rande abgrundtiefer
-Verzweiflung stand und fest entschlossen war, die mir auf ein volles
-Menschenalter hinaus genommene materielle Freiheit mit allen Mitteln
-brutaler Rücksichtslosigkeit und findigster Verschlagenheit mir wieder
-zu erobern.
-
-Eine halbstündige Unterweisung (fast möchte ich sagen:
-christlich-wissenschaftliche Behandlung!) seitens meines verehrten
-Verteidigers veranlaßte mich aber, alle bereits getroffenen
-Verabredungen und Vorkehrungen für die sofort nach meiner Überführung in
-eine Strafanstalt geplante Flucht kurzerhand rückgängig zu machen und
-damit alle Brücken, die mich mit der Vergangenheit noch verbanden,
-hinter mir zu verbrennen.
-
-Dieses urplötzliche und allen meinen ehemaligen Gesinnungsgenossen bis
-heute noch unfaßbare _Aufgeben des Fluchtgedankens_ war die erste
-Heilung, die ich in moralischer Beziehung durch praktische Anwendung der
-christlichen Wissenschaft auf mein bis zur Hoffnungslosigkeit
-verworrenes Lebensproblem erfuhr. Was ich seitdem durch tägliches
-hingebungsvolles Studium dieser unvergleichlich herrlichen Lehre an
-innerem Glück, an geistigen Freuden und einem Frieden, der alle
-klügelnde Vernunft übersteigt, erfahren durfte, das läßt sich, ohne
-anderen überschwenglich zu erscheinen, in Worten gar nicht wiedergeben
-...
-
-Hiermit notgedrungen abbrechend, begrüßt Sie dankbarst
-
- Emil Strauß.
-
-Nachschrift: In bezug auf Ihr gütiges Anerbieten, mir etwas Lektüre zu
-senden, werden Sie es jetzt begreiflich finden, daß mir altruistische,
-pazifistische Schriften (etwa Tolstoi, Anatole France und ähnliche), die
-den Gedanken der Weltverbrüderung und des ewigen Friedens propagieren,
-gegenwärtig am willkommensten wären.“
-
-
-
-
- X.
-
-
-Nach diesem Selbstbekenntnis, das in der trockenen und stilistisch
-geschraubten Redeweise eines gebildeten Autodidakten und ganz unter dem
-Einfluß der amerikanischen Traktate genau so über der Welt und im
-eigenen Selbstbewußtsein schwebt, egozentrisch, voll bitterer Milde
-gegenüber der Vergangenheit, voller Vertrauen auf die Zukunft, die nur
-noch Gutes bringen kann, darf es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß
-Emil Strauß von einem wirklich fast wunderbar zu nennenden Erlebnis
-überrascht und gewandelt wurde.
-
-Wenn man seine frühere Existenz kennt, dieses Leben des Freibeuters, der
-mit zynischer Gelassenheit und voller Verachtung über die einfachsten
-Regeln bürgerlicher Konvention hinwegschreitet, als seien sie für ihn
-nicht vorhanden, der mit guten Witzen und großen Gesten die Tätigkeit
-der Polizei verlacht und verhöhnt, der die Ordnung haßt und die Freiheit
-über alles liebt, sein Leben aufs Spiel setzt, um wieder frei atmen zu
-können. Der noch trotz seiner glänzenden und aufrichtigen Rede vor den
-Geschworenen den Plan zu einer gewaltsamen und groß angelegten Flucht
-gleichzeitig im verworrenen und zwiespältig beherrschten Herzen wälzen
-konnte. Dieses Kind der dunklen Großstadt, dessen Ehrgeiz und Ruhm es
-waren, nie besiegt worden zu sein ... bedenkt man dieses Leben und seine
-jetzige Wandlung, so steht man vor einem Rätsel.
-
-Es gibt da noch, wie das bei einem solchen Ereignis leicht begreiflich
-ist, eine andere Version:
-
-Die Bekehrung und Versenkung des reuigen Sünders in die Stimme des Herrn
-und die Lehre der Christian Science seien nichts anderes als eine groß
-angelegte Finte. Er wiegt die Behörden und Wächter in Sicherheit, kein
-Laut, kein Seufzer dringt aus seiner Brust. Gedanken schlummern in
-seinem tausendfach versiegelten Herzen, von deren Gründlichkeit niemand
-etwas ahnt.
-
-Eines Tages aber wird es so weit sein. Dann werden alle Fäden in seiner
-Hand zusammenlaufen, und das große Spiel um den letzten Einsatz kann
-beginnen. Nur die alleräußerste Vorsicht und die jahrelange Übung einer
-eisernen und überlegenen Energie kann dieses Tempo des Zuchthauses
-ertragen. Eines Tages wird Emil Strauß aus dem Kerker verschwunden sein
-und wenige Wochen später ein großer Einbruch mit wilder Kletterei über
-Dächer und Mauern hinweg die Berliner aus dem Schlaf wecken und sie an
-die Existenz dieses gewaltigen Räubers unliebsam erinnern.
-
-Ich glaube, daß diese Meinung vollkommen falsch und ohne die Einsicht in
-die Zusammenhänge dieses Geistes gedacht ist.
-
-Denn die jetzige Situation des Sträflings bedeutet zwar in menschlicher
-Hinsicht eine fürchterliche und unübersehbare Qual. Seine ästhetische
-und selbstbewußte Art wird unter den Greueln der Gefängnismauern täglich
-und stündlich gemartert werden. Kein Leid wird an ihm vorübergehn, von
-den Qualen der Einsamkeit und Öde bis zur bittersten sexuellen Not
-werden Tage und Nächte über ihn fallen, die ein einziger Geißelhieb
-sind.
-
-Andererseits aber erlebte er die Erfüllung seiner frühesten Sehnsucht.
-Bedeutung und Hilfe ward ihm zuteil. Menschen der guten Gesellschaft
-nahmen sich seiner an. Anerkannten seine Qualitäten. Der schreckliche
-Stachel der Minderwertigkeit, der mangelnden Anerkennung ward aus seinem
-überempfindsamen Fleisch genommen. Eigentlich hat er erreicht, was er
-sein ganzes Leben lang wollte: Anerkennung und Bewunderung. Glauben und
-Hoffnung. Bei sich und andern.
-
-Denn seine Freunde sind, wie er, Anhänger der Christian Science und
-treten für ihn ein mit Rat und Tat. Er wurde aufgenommen in einen Kreis
-gutmütiger und kameradschaftlicher Menschen. Das Gefühl, das ihn
-jahrelang peinigte, ausgestoßen und ungerecht verfolgt zu werden,
-außerhalb von Recht und Gesetz leben zu müssen, mußte ihn verlassen
-zugunsten eines warmen und sicheren Heimatgefühles.
-
-Das ist das eigentliche Wunder und der Halt seiner jetzigen Existenz.
-Nicht so sehr die innere Erleuchtung als vielmehr die soziale
-Geborgenheit trotz seines Gewandes, trotz seiner Vergangenheit läßt ihn
-den Gedanken an eine Flucht verwerfen.
-
-Im Grunde war er immer ein bürgerlich orientierter, ehrgeiziger Mensch,
-dessen Begabung nur in falsche und verrückte Bahnen gedrängt wurde. Nie
-hat er den eigenen Wert innerhalb einer möglichen, sehr liberalen und
-sehr sozialen Gesellschaft außer acht gelassen. Es war der Traum seines
-Lebens, einmal vor die Welt treten zu können und ihr seine berechtigte
-Anklage ins Gesicht schleudern zu dürfen, und dann Zuflucht und
-Bedeutung in einer anderen zu finden.
-
-Denn als Proletarier muß er zugleich Sozialist sein. Es ist die gelebte
-und tausendmal erfahrene Philosophie seines Leidens. Solange die Wertung
-des Menschen nach Erbschaft und Kapital von oben herab dekretiert wird,
-muß ich kämpfen.
-
-Im gleichen Augenblick, wo er die Möglichkeit einer sozial gerechten und
-zugleich menschlich bereiten Atmosphäre spürte, also das sozialistische
-Ideal, wenn auch nur annähernd, aber seinem persönlich grüblerischen
-Temperament adäquat verwirklicht sah, brach er den Kampf ab und ging zur
-anderen, als richtig erkannten Partei über.
-
-In Wirklichkeit also fand er nichts Neues, sondern nur sein eigenes
-Lebensbild. Kehrte gestärkt und bestätigt zu seiner Philosophie heim.
-Weder die Welt des Verbrechers noch die bürgerlich unaufrichtige und
-stachlicht umhegte Welt Europas hat ihn gefangen.
-
-Über der sichtbaren hat er sich eine unsichtbare, nur esoterischen
-Geistern zugängliche Welt ersonnen. Im Bogen weicht er allem aus, was
-ihn von diesem Weg der Selbstbetrachtung und Selbsterhaltung abbringen
-könnte.
-
-Dabei arbeitet er mit staunenswerter Energie und Begabung an seiner
-eigenen Vollendung.
-
-Jetzt lernt er Latein. Von seinen Mitgefangenen ließ er sich die
-schmalen Streifen Klosettpapier geben, die an der Schnur hängen bleiben.
-Darauf schreibt er mit winzigen Buchstaben die Vokabeln, legt diese
-Wortstreifen während der Arbeit neben sich und lernt. Sein
-Bildungshunger ist grenzenlos.
-
-Aber er hat auch Erfolge.
-
-So ist es ihm gelungen, eine wichtige Erfindung auf elektrotechnischem
-Gebiet zu machen, die in diesen Tagen dem Patentamt vorgelegt wurde und
-die Aussicht auf Verwirklichung hat.
-
-Eine ganze Reihe technischer Probleme beschäftigt ihn. Das Reich der
-Zahlen und Ströme durchwandert sein begabter Geist mit der gleichen
-Behendigkeit und Tiefsinnigkeit, wie das des Glaubens und der Wunder.
-
-Auch seine dichterische Kraft ist keineswegs erlahmt. Eine ganze Anzahl
-schöner und formvollendeter Gedichte ist so erstanden, und seine Briefe
-gehören an Gedankentiefe, Sachlichkeit und menschlichem Ernst zum
-Schönsten überhaupt, was er erdachte.
-
-Eine ganze Anzahl geistig hochstehender Menschen nimmt sich seiner
-liebevoll an. Dieser merkwürdige Außenseiter hat wirklich das Wunder
-vollbracht, in der heutigen, abgehetzten und vergrämten Generation
-nachhaltigen Eindruck zu machen und einen Kreis von Menschen um seine
-Spur zu scharen, der in Liebe und Teilnahme zu ihm steht.
-
-Der Traum seines Lebens ist natürlich nicht zu Ende. Wie er selbst
-sagte, daß er hoffe, daß hinter diesem Blatt noch andere folgen werden,
-so geht auch seine Hoffnung unbeirrbar ihren Weg.
-
-Der Tag der Freiheit muß auch ihm einmal leuchten.
-
-Es gilt, ihn zu erleben.
-
-Dann will er in Amerika das wahre Leben beginnen, wo seine Freunde, die
-Anhänger der christlichen Wissenschaft nach Millionen zählen. Auf diesen
-Tag hat er seine ganze Hoffnung konzentriert und wir wollen wünschen,
-und sind sogar gewiß, daß sie nicht zuschanden wird.
-
-Wie ein sonderbarer Heiliger leuchtet das Bild dieses verirrten und
-gestraften Menschen vor uns. Wer sich mit diesem merkwürdigen Leben, das
-so gar nicht in unsere Berechnung von der Wichtigkeit der Materie paßt
-und doch ganz ihr entsprungen scheint, einmal befaßt hat, wird es nicht
-mehr los. Wie auch alle bestätigen, die mit Strauß in nähere Berührung
-kamen. Es geht eine unwiderstehliche Kraft von ihm aus, die fesselt und
-anzieht und einen nicht mehr freigibt.
-
-Weil er die Inkarnation unserer eigenen Problematik verkörpert: Von der
-Unruhe und dem Vorbeileben wegzukönnen in den Frieden einer so oft und
-heiß erkannten und gewünschten Innerlichkeit.
-
-Ein Yogha, ein indischer Fakir zu werden, über den die Zeit und der böse
-Raum keine Gewalt mehr haben. Der dieses Leben kraft seines Willens zu
-einem Traum hinabdrückt und aufsteigt in die gewählte, erlittene und
-erkannte Freiheit.
-
-So wird über die Zufälligkeit seiner Taten und seines bösen Ruhmes
-hinweg auch in diesem Leben die aller Natur innewohnende symbolische
-Güte und Größe klar.
-
-Der Verbrecher ist nicht allein der Verworfene und Ausgestoßene, der ob
-seiner Taten der Strafe und Verachtung anheimfällt. Er ist ein Opfer und
-ein Mitglied durch Schuld, die tief unter der Schwelle menschlicher
-Erkenntnis lagert, an uns gefesselt. Als habe er einen Teil der
-allgemeinen Schuld auf sich genommen und leide jetzt, sich selber fremd,
-wie etwa ein stummes Tier leidet. In diesem besonderen Fall aber erfaßte
-das Los einen, dem Gott gab sein Leid zu sagen. Weil es tiefer war als
-das aller anderen und immer tiefer wurde, je mehr er sich von der
-Oberfläche entfernte.
-
-Und immer mehr von unserem Wesen nahm er an und wurde auf dem blutigen
-Kreuz-Umweg der Verkündiger der ewigen Weisheit des Ostens:
-
- Ging eine Welt dir verloren, klage nicht, denn sie war nichts;
- Hast eine Welt du dir gewonnen, juble nicht, denn es ist nichts.
-
-Nicht das Gespenst des Verbrechers und die literarische Kritik seiner
-Taten konnten hier den Ausschlag geben. Denn all das verschwindet hinter
-dieser tragischen Figur, die das schlimmste Laster der Menschheit
-überwinden mußte, das Mißtrauen. Sondern das Wesentliche, Menschliche in
-diesem noch sehr lebendigen und aktiven Leben. Und daß er spüren soll,
-daß es entgegen aller Erwartung in dieser vergeßlichen Zeit noch Kräfte
-gibt, die tiefer als ein Urteil und eine Tagesmeinung dringen und auch
-im Menschen im Sträflingskleid nicht das Tier im Käfig, „den haarigen
-Affen“, sondern den Bruder sehn.
-
-
-
-
- In der Sammlung
- AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
- – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. –
- erscheinen in kürzester Zeit folgende Bände:
-
-
- *Band 1:
-
- ALFRED DÖBLIN
- DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
-
- *Band 2:
-
- EGON ERWIN KISCH
- DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
-
- *Band 3:
-
- EDUARD TRAUTNER
- DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
-
- *Band 4:
-
- ERNST WEISS
- DER FALL VUKOBRANKOVICS
-
- *Band 5:
-
- IWAN GOLL
- DIE ROTE JUNGFRAU GERMAINE BERTON
-
- *Band 6:
-
- THEODOR LESSING
- HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS
-
- *Band 7:
-
- KARL OTTEN
- DER FALL STRAUSS
-
- *Band 8:
-
- ARTHUR HOLITSCHER
- DER FALL RAVACHOL
-
- *Band 9/10:
-
- P. DREYFUS – PAUL MAYER
- RECHT UND POLITIK IM FALL FECHENBACH
-
- Band 11[1]:
-
- L. LANIA-HERRMANN
- DER HITLER-PROZESS
-
- Band 12:
-
- THOMAS SCHRAMEK
- DER FALL EGLOFFSTEIN
-
- Band 13:
-
- HENRI BARBUSSE
- DIE MATROSEN DES SCHWARZEN MEERES
-
- Band 14:
-
- OTTO KAUS
- DER FALL GROSSMANN
-
- Band 15:
-
- EUGEN ORTNER
- DER FALL BERNOTAT
-
- Band 16:
-
- WALTER PETRY
- DER FALL NÄGLER
-
- Band 17:
-
- FRIEDRICH STERNTHAL
- DER FALL DER RATHENAUMÖRDER
-
- Band 18:
-
- RENÉ SCHICKELE
- DIE CAILLAUXPROZESSE
-
- Band 19:
-
- KARL FEDERN
- DER FALL MURRI-BONMARTINI
-
- Band 20:
-
- KURT KERSTEN
- DER PROZESS GEGEN DIE MOSKAUER SOZIALREVOLUTIONÄRE
-
- Band 21:
-
- MARTIN BERADT
- DER FALL HASSELBACH
-
- Band 22:
-
- F. A. ANGERMAYER
- DER FALL DER PARISER AUTOMOBILBANDITEN
-
- Band 23:
-
- WILLY HAAS
- DER FALL GROSS
-
- Band 24:
-
- WALTER VON HOLLANDER
- DER FALL GRUPEN
-
- Band 25:
-
- MAX FREYHAN
- DER JUWELENRAUB IN DER KÖPENICKERSTRASSE
-
- Band 26:
-
- HANS REISER
- DER FALL STRASSER
-
- Band 27:
-
- FRANZ THEODOR CSOKOR
- DER FALL EISLER
-
- Band 28:
-
- E. I. GUMBEL
- EIN POLITISCHER MORD
-
- Band 29:
-
- EDUARD TRAUTNER
- DER FALL DES SCHUPOWACHTMEISTERS GERTH
-
- Band 30:
-
- ARNOLT BRONNEN
- DER FALL VAQUIER
-
- Band 31:
-
- HERMANN UNGAR
- DER FALL ANGERSTEIN
-
- Band 32:
-
- JOSEPH ROTH
- DER FALL HOFRICHTER
-
- Die mit * versehenen Bände sind bereits erschienen.
-
- [1] Bei den folgenden noch nicht erschienenen Bänden behält sich der
- Verlag Änderungen sowohl der Titel als auch der Reihenfolge usw.
- ausdrücklich vor.
-
- Ferner Bände von:
-
- MAX BROD, OTTO FLAKE, WALTER HASENCLEVER, GEORG KAISER, THOMAS
- MANN, LEO MATTHIAS, JAKOB WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN
- und vielen Anderen.
-
-
- OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, sind hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 79]:
- ... postierten beiden Probanten helfen ihren ...
- ... postierten beiden Probanden halfen ihren ...
-
- [S. 85]:
- ... seinem Wiederauftreten mit dem geladenen ...
- ... seinem Wiederauftreten mit der geladenen ...
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL STRAUSS ***
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Der Fall Strauß, by Karl Otten</title>
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-</head>
-
-<body>
-
-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Der Fall Strauß, by Karl Otten</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
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-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Der Fall Strauß</p>
-<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:0;'>Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band 7</p>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Karl Otten</div>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Editor: Rudolf Leonhard</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: November 2, 2021 [eBook #66649]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL STRAUSS ***</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="halftitle">
-<span class="line1">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br />
-<span class="line2">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –</span>
-</p>
-
-<div class="centerpic logo1">
-<img src="images/logo1.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="ser">
-<span class="line1">AUSSENSEITER</span><br />
-<span class="line2">DER GESELLSCHAFT</span><br />
-<span class="line3">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –</span>
-</p>
-
-<p class="ed">
-HERAUSGEGEBEN VON<br />
-RUDOLF LEONHARD
-</p>
-
-<p class="vol">
-BAND 7
-</p>
-
-<div class="centerpic logo2">
-<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="pub">
-VERLAG DIE SCHMIEDE<br />
-BERLIN
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<h1 class="title">
-DER FALL STRAUSS
-</h1>
-
-<p class="aut">
-VON<br />
-KARL OTTEN
-</p>
-
-<div class="centerpic logo2">
-<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="pub">
-VERLAG DIE SCHMIEDE<br />
-BERLIN
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="designer">
-EINBANDENTWURF<br />
-GEORG SALTER<br />
-BERLIN
-</p>
-
-<p class="cop">
-Copyright 1925 by Verlag Die Schmiede Berlin
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="epi" id="part-1">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Schächerbitte.
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Du ewiger Richter, den die Priester malen,</p>
- <p class="verse">Gerecht und gnädig dem, der an Dich glaubt –</p>
- <p class="verse">Auf mein verruchtes, schuldbeladnes Haupt</p>
- <p class="verse">Entleere restlos Deines Zornes Schale!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Straf hier und dort mich mit der Hölle Qualen!</p>
- <p class="verse">Hoffnung und Trost bleibt ewig mir geraubt!</p>
- <p class="verse">Nur eine Bitte, Eine sei erlaubt:</p>
- <p class="verse">Erbarmungsreich laß Deine Gnade strahlen</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Auf ... ach! mein Opfer, dieses teure Wesen,</p>
- <p class="verse">Das hier erduldet Schmach und Pein und Grauen,</p>
- <p class="verse">Nur, weil es ahnungslos und voll Vertrauen,</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Mich, den Verfehmten, zum Gespons erlesen.</p>
- <p class="verse">Rein ist ihr Herz, und schuldlos ihre Seele:</p>
- <p class="verse">Daß sie mich liebte ihre einzige Fehle.</p>
- </div>
- <div class="stanza attr">
- <p class="verse">Emil Strauß.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-2">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-I.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Der Fall der Brüder Strauß ist eigentlich
-der Sturz nur eines Menschen ... des älteren
-der beiden Brüder, Emil Strauß, der 1887 geboren,
-im Jahre 1921 wegen Tötung eines
-Kriminalwachtmeisters zu fünfzehn Jahren
-Zuchthaus verurteilt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Urteil war in mehr als einer Hinsicht
-der Schlußstrich unter ein Leben, das
-zum größten Teil, über zwölf Jahre hinter
-Kerkermauern verfaulte und seit den frühesten
-Tagen der Kindheit im Kampf mit
-Polizei und Gendarmen lag.
-</p>
-
-<p>
-Die kurzen Zwischenakte, hinter denen sich
-der eiserne Vorhang bald und für immer
-längere Pausen schloß, waren erfüllt von
-einer Unzahl der verwegensten Einbrüche,
-die Berlin je sah.
-</p>
-
-<p>
-Seine Taten brachten ihm den Namen
-eines Ein- und Ausbrecherkönigs ein. Denn
-mit der gleichen Verwegenheit und Tollkühnheit,
-mit der er Fassaden erkletterte, über
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Dächer lief, an Strickleitern abwärts turnte,
-durchbrach er Ketten, Gitter und Zellenstäbe,
-um die Freiheit wieder zu erlangen.
-Drang er in das Allerheiligste der Polizei, das
-Präsidium und Zuchthaus ein, um seinen
-Bruder zu befreien. Es gab für seine Energie
-und kühle Entschlossenheit, in seinem Haß
-und seiner Liebe keine Hindernisse.
-</p>
-
-<p>
-Und immer hatte er auch ein fast unheimliches
-Glück.
-</p>
-
-<p>
-Aus der grenzenlosen Flut der düsteren
-und traurigen Namen, die die Zeit nach dem
-Kriege formten und brandmarkten, mit ihren
-Taten zu der entsetzlichsten machten, die ein
-Gemeinwesen je erlebte, ragt, von seltsamem
-Nimbus umflort, dieser „Strauß“ turmhoch
-und unvergeßlich hervor.
-</p>
-
-<p>
-Alle Kaufleute und Juweliere fürchteten
-ihn wie den Teufel, und die Gewölbe hallten
-wider vom Schrecken, den er verbreitete.
-</p>
-
-<p>
-Die Masse aber nannte ihn voll Respekt
-und Verehrung, die Bürger lächelten voll verlegener
-Wut, und die Freigeister verfolgten
-seine Entwicklung voll Bewunderung.
-</p>
-
-<p>
-Trotz allem!
-</p>
-
-<p>
-Denn es handelte sich bei seiner Person
-nicht um einen Verbrecher schlechthin, der
-eine Funktion ausübt ... als Paradigma bei
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-der Kinderschreckung zu dienen, der Polizei
-Arbeit und den Besitzenden Schaden zuzufügen.
-Der aus dem namenlosen, wimmelnden
-Dunkel der Keller und Kaschemmen im Norden
-in die goldene Hürde einbricht und dort
-wie ein Vandale haust. Ein Mensch, der ohne
-anderes Wissen denn um gute Gelegenheit
-zum Diebstahl, dahinvegetiert ... arbeitsscheu,
-frech, gewalttätig und trunksüchtig,
-wie die meisten dieser Existenzen nur dem
-Mob angehörig, der giftigen Hefe der großen
-Städte.
-</p>
-
-<p>
-Es handelt sich hier auch nicht um die einzelnen
-Taten, so kühn und gewaltig sie ...
-objektiv, der Leistung, nicht der Wirkung
-nach betrachtet ... sich auch darstellen mögen.
-Es gab wildere und spannendere, das
-menschliche Denken und Schaudern mehr
-aufrüttelnde, erschütternde Verbrechen in
-dieser dämonischen Zeit, die auch in der eigentlichen
-Kriminalgeschichte mit Recht eine
-Sonderstellung einnehmen.
-</p>
-
-<p>
-Die Entwicklungsgeschichte seiner Taten
-fehlt vollkommen.
-</p>
-
-<p>
-Einzig das Technische der Einbrüche wirkt
-durch die sachliche und nüchterne Zweckmäßigkeit.
-Durch den Mut und das Objekt.
-Es sind nämlich nie einzelne, mehr oder minder
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-wohlhabende Personen, die er heimsucht,
-sondern Verbände, Gesellschaften, Warenhäuser,
-bei denen sich der Verlust auf eine
-große Anzahl von Besitzern verteilt.
-</p>
-
-<p>
-Dann sein Mut! Körperlicher zumeist.
-Waghalsigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Aber das wiederholt sich und findet sich
-auch bei anderen.
-</p>
-
-<p>
-Zu anderen Zwecken.
-</p>
-
-<p>
-Das Letzte, das schwere Ende, die Tötung
-des Gegners, war eine Verzweiflungstat der
-Furcht ... weder Mord noch tiefer verstrickte
-oder überlegte Triebentladung.
-</p>
-
-<p>
-Ohne jede Komplikation in sich reihen sich
-seine Taten, die Ursachen seiner Berühmtheit,
-aneinander.
-</p>
-
-<p>
-Etwas ganz Anderes und vielleicht Erstmaliges
-tritt hier klar in Erscheinung: der
-Typus des bewußten und überlegenen Außenseiters
-der Gesellschaft.
-</p>
-
-<p>
-Die bittere Wahrheit, daß in unserer Mitte
-ein hochbegabter und gutmütiger, anhänglicher
-Mensch einem Schicksal unterliegt, das
-ihm durch unsere Schuld, eben der Gesellschaft,
-die ihn verstieß und dann verurteilte,
-aufgezwungen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Emil Strauß ist der Gentleman-Verbrecher
-... durch seine untadeligen Manieren ebenso
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-wie durch seine den gebildeten Durchschnitt
-bei weitem überragende, fast erschreckende
-Intelligenz und künstlerische Empfindsamkeit.
-</p>
-
-<p>
-Seine Klarheit über die Zusammenhänge
-von Ursache und Wirkung in seinem Leben
-muß jeden modernen Psychologen fortreißen
-und überzeugen.
-</p>
-
-<p>
-Seine Feinde stellen ihm das beste Zeugnis
-aus.
-</p>
-
-<p>
-Die Öffentlichkeit macht aus ihrer Sympathie
-für ihn kein Hehl.
-</p>
-
-<p>
-Und doch ist dieser Mann vor dem Gesetz
-und der Gesellschaft schuldig!
-</p>
-
-<p>
-Da klafft ein großer Riß zwischen Gefühl
-und Einsicht.
-</p>
-
-<p>
-Ein Rätsel starrt uns an.
-</p>
-
-<p>
-Das Geheimnis, das diesen Namen umwittert,
-stammt nicht aus den Verbrechen,
-mit denen er befleckt ist. Nicht aus den Legenden,
-die ihn umdichten.
-</p>
-
-<p>
-Es ist lediglich das schmerzvolle Leben, der
-Werde- und Sterbegang dieses einsamen und
-abseitigen Menschen, das, im Zusammenhang
-gesehen, wie tragische Energie wirkt, die
-sich entladen muß, unheilvoll, den Träger
-selbst langsam, aber unaufhaltsam zerstörend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Der Sinn ist wohl der Kampf Eines, der sich
-entrechtet und getreten fühlt und nun kämpft
-gegen das fürchterliche Schemen Gesellschaft,
-das ihn unglücklich und ungläubig werden
-ließ.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-3">
-II.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Zu der Analyse dieses Falles scheint es
-unumgänglich notwendig, die soziologische
-Struktur der heutigen Großstadt zu untersuchen,
-bevor die Tatsache, daß einmal oder
-besser mehrere Male zwei Menschen ihr Leben
-in tollkühner Manier aufs Spiel setzten, um,
-sagen wir zu Geld, zu Kleidern, Essen und
-Trinken und zu Frauen zu kommen, als Tatbestand
-gewertet werden darf. Um eine Zeitlang
-wenigstens das Leben führen zu können,
-dem sie Tausende ihrer Mitmenschen, ihnen
-an Kraft, Intelligenz und Überlegung keineswegs
-ebenbürtige, sorglos Stunden, Tage und
-Jahre in Mengen, in ganzen Schichten dienen
-sehn.
-</p>
-
-<p>
-Ganze Stadtviertel, Vororte, Stätten des
-Vergnügens, der Erholung, Bildung sind diesem
-freundlichen und erstrebenswerten Ziel
-geweiht. Dahinein gehören nur jene, die das
-Mittel und Aussehn haben, die würdig befunden
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-wurden, sich in diesen geheiligten Orten
-aufzuhalten. Der Typus dieser Menschen
-ist ein anderer – obwohl jedes Kind weiß,
-daß Geld und Schneider die erstaunlichsten
-Wandlungen der Personen nicht nur, sondern
-auch der Zeit herbeiführen.
-</p>
-
-<p>
-Hier beginnt bereits die Psychologie der
-Grenze. Jenes Gebiet, wo unmerklich Natur
-oder Gesellschaft, ein künstliches Gebilde,
-Formen und Fähigkeiten schafft, die nicht
-mit Begriffen zu belegen oder zu deuten sind.
-Für den reichen, in Hinblick auf seine zukünftige
-Stellung erzogenen Menschen ist der
-Kreis der wohlgekleideten, gebildeten, vermögenden
-ein Ruhepunkt, eine Sicherheit,
-das Milieu, das ihm einen Stempel, aber auch
-einen Rückhalt verleiht. Er bewegt sich mit
-der Selbstverständlichkeit des Instinktes und
-der geformten Klugheit seiner Anpassung
-zwischen Gleichgearteten, Gleichdenkenden
-und kennt ihre Meinungen, die Themata der
-Gespräche und Neigungen, beherrscht den
-Kodex der Ehre und Formalitäten in Rang-
-und Kleidungsfragen.
-</p>
-
-<p>
-Hier findet der Geborgene Freundschaft
-und Liebe, Kredit und Hilfe, Ideen und gute
-Laune. Da spielt es keine Rolle, welcherart
-die Stellung des einzelnen ist. Seine Gesellschaft
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-genügt ihm und es steht ihm frei, sie
-zugunsten einer höher gearteten, einflußreicheren
-zu wechseln ... wenn es ihm gelingt!
-Denn je höher der Name einer Stufe der Gesellschaft,
-desto exklusiver, unzugänglicher,
-mißtrauischer wird sie. Desto beschränkter
-die Zahl der Zugelassenen.
-</p>
-
-<p>
-Die Kaste stellt den Fonds an Werten des
-Menschen.
-</p>
-
-<p>
-Sein Wert entspricht hier weniger seinem
-Werk, als vielmehr einer angeborenen oder
-erworbenen Stammeszugehörigkeit. Den
-Stamm eines Menschen erkennt man an manchen
-Dingen. An seinen Händen, seiner
-Wäsche, dem Bankkonto, den guten Manieren,
-seinem Witz, seiner Begabung als
-Liebhaber. All diese Möglichkeiten aber fallen
-in nichts zusammen, wenn der kleinste
-Flecken auf seiner Vergangenheit, seiner Ehre
-ruht.
-</p>
-
-<p>
-Was bedeutet in einem Kreis gleichgerichteter
-oder ungerichteter, rein vegetativ genießerischer
-Menschen Gegenwart, was Zukunft,
-wenn einer mal mit der Polizei in Konflikt
-geriet!
-</p>
-
-<p>
-Ehre, das ist die weiße Seite in den Papieren.
-</p>
-
-<p>
-Die Papiere liegen auf der Polizei. Dort
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-sind sie zwar gut aufgehoben, aber sie existieren.
-</p>
-
-<p>
-Der Drohwert einer verschwiegenen Verfehlung
-wälzt mehr Angst auf den tausendmal
-reuigen Sünder als die Tat.
-</p>
-
-<p>
-Hier wird der Begriff des schlechten Gewissens
-in keiner Weise berührt. Denn es handelt
-sich nicht um den Menschen, der etwas
-begehn will, ein Attentat gegen die Gesellschaft
-plant, einen Schwindel, einen Mord,
-eine Erpressung verüben will. Diese Abenteurer,
-Hochstapler der Beziehungen, des Geldes
-und der Intelligenz wären beim ersten
-Anzeichen einer Unsicherheit verloren. Sie
-glauben, und ganz mit Recht, an die magische
-Kraft der falschen Namen und Papiere, die
-ihnen die goldenen Pforten öffneten. Nein,
-hier soll die Hemmung fixiert werden, der
-ein sonst wohlbeschaffener und geeigneter
-Mensch erliegen muß, hinter dem die Vergangenheit
-die Kontinuität der guten Führung,
-der moralischen Haltung einen Sprung
-zeigt.
-</p>
-
-<p>
-Die Robusten werden diesen Alpdruck
-überwinden. Es gibt da das Mittel der
-Splendidität, der Hilfsbereitschaft, der Unentbehrlichkeit,
-das alle Bedenken zerstreut.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Aber der empfindsame Typus, dessen Nerven
-gespannter, dessen Verantwortlichkeitsgefühl
-tiefer, der seine Haltung kontrolliert
-und in den Mienen der ihn Empfangenden sein
-Schicksal zu lesen versteht und angewiesen
-ist, aus geschäftlichen oder menschlichen,
-erotischen oder künstlerischen Gründen einem
-Kreise von Menschen anzugehören, der ihm
-Bewußtsein der Existenz, Geltung, Ehre, Verdienst
-verschafft ... ein solcher Mensch wird
-eines Tages entdeckt und eliminiert, oder er
-begeht aus dem Übereifer seiner Schwäche
-heraus einen Fehltritt, der ihn unmöglich
-macht.
-</p>
-
-<p>
-Weiß er aber aus Kenntnis seiner Fähigkeiten,
-seiner Schwächen des Lebens überhaupt
-diesen Ausgang voraus, meidet er die
-ihm genehme, entsprechende Gruppe der Gesellschaft,
-so bleibt ihm nur die Einsamkeit.
-Der Typus des Entwurzelten, des Seltsamen,
-des Abenteurers oder des sich an allen Mitmenschen
-gehässig Rächenden ist geboren.
-</p>
-
-<p>
-Über allen Bindungen schwebt ein Verhängnis.
-</p>
-
-<p>
-Die Ahnenden erfüllt es mit Scheu und
-Fremdheit, mit Neid und Haß die Ausgeschlossenen.
-</p>
-
-<p>
-Die Macht der Gruppe ist <em>Tabu</em>.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Das Streben der Unteren drängt nach oben.
-Es gibt nur diese eine kontinuierliche soziale
-Kraft.
-</p>
-
-<p>
-Was aber stellt sich als Unten, als Sockel,
-als Fundament unter dieses gewaltige Gebäude
-der herrschenden, der schönen und
-reichen Gesellschaft?
-</p>
-
-<p>
-Das sind die dunklen, nicht vergoldeten
-Massen. Die Masse, das ist wiederum der
-Schrecken der Oberen.
-</p>
-
-<p>
-Die Masse ist der Fundus, das Reservoir
-an Kraft, Intelligenz, Blut und Kapital eines
-Staates, einer Gesellschaft besser gesagt, die
-nicht aus eigener Fähigkeit heraus produzieren
-kann, sondern, lediglich im Besitz der
-Finanzen und Werkzeuge, sich die einzelnen
-Individuen verdingt, und sie für sich und ihre
-Fabriken arbeiten läßt.
-</p>
-
-<p>
-Die Masse besteht zweifellos aus Einzelwesen,
-aber der Mangel an Unterschiedlichkeit,
-Beweglichkeit, Bildung, Bedürfnissen
-schweißt sie zusammen zu eben der Masse, die
-in unseren Tagen die Millionenstädte übervölkert,
-die großen Heere der Schlachten und der
-Arbeit, des Verkehrs und der Revolutionen
-auf die Beine bringt, und bewaffnet oder unbewaffnet
-als ein Schrecken wirkt auf die
-Feineren, die Wenigen, Glücklicheren. Zwischen
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-beiden Heerlagern herrscht dumpfer
-Haß, Abneigung, Unterwürfigkeit, Aggressivität
-und Abwehrzustand.
-</p>
-
-<p>
-Das Emporkommen aus der Masse war eine
-kurze Zeit nach dem Völkerbeben leichter als
-je. Der große Proletschub brachte zwar
-frisches Blut in dürre Adern. Die Natur half
-sich gegen den Aderlaß. Aber dieses Experiment
-bekam den Oberen schlecht, und die
-Echten lehnten es kategorisch ab. Der Rest
-blieb als eine Serie schlechter Witze in den
-Gazetten und Gerichtssälen auf der Strecke.
-</p>
-
-<p>
-Ganz zu den Ausnahmen und in allen Chroniken
-verzeichnet erscheint der Aufstieg des
-begabten Mannes aus der unbekannten, wesenlosen
-Masse zu Macht, Reichtum, zur
-Ebenbürtigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Die unteren Intelligenzen sind keineswegs
-in der Minderheit. Ihre Begabung keineswegs
-geringer. Trotz der verschlossenen Bildungsstätten
-möchte es vielen durch eisernen Fleiß
-gelingen, Examina zu bestehn. Das prinzipielle
-Manko liegt in der Befangenheit, im
-Tabu, das den Blick verzaubert, den Schritt
-hemmt und die Stimmen der Gewaltigen zu
-unheimlichen Geräuschen und Nebentönen
-anschwellen läßt: im Ohr und in der Seele
-des Nachdrängenden.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-4">
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-III.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Im vorliegenden Falle, dem der Brüder
-Strauß, besser gesagt, dem des älteren Bruders
-Emil, haben wir es mit einem typischen
-Kampf um die Existenz in einem höheren,
-besseren Milieu zu tun. Es handelt sich hier
-nicht so sehr um einzelne mehr oder weniger
-verwegene Akte einer verbrecherischen Intelligenz,
-als vielmehr um den verzweifelten,
-aus Belastung und Erkenntnis, aus Wissen
-und Minderwertigkeitsgefühlen gespeisten
-Kampf einer originalen Intelligenz, eines
-schöpferischen, in seinen Trieben klaren, ungebrochenen
-Willens: Der Gesellschaft heimzuzahlen
-für die Unterdrückung, für das Leid
-einer befleckten, liebeleeren Jugend, für die
-endlosen Jahre in Kerker und Verbannung
-fern von allem, was man als schön und gut
-erkannte. Denn das ist das Wesentliche an
-diesem Typus: daß er aus einer geheimnisvollen
-Konstellation heraus genau Weg und
-Volumen des besseren, herrschenden und
-nicht dienenden, intellektuellen, vielleicht
-sogar luxuriösen Lebens kannte. Details
-können hier keine Rolle spielen. Gewiß kondensierte
-sich sein Weltbild erst in der Einsamkeit
-der Bücher, der geschriebenen Worte,
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-deren Sinn ihm gewiß tausendfach widerspenstig
-und verbohrt erschien.
-</p>
-
-<p>
-Aber Gärung, Gefühl für das Wesentliche,
-angeborene Schärfe der Distinktion für die
-Reichtümer des Lebens, den wahren Sinn
-lag in seinen Möglichkeiten als Existenz
-schlechthin. Und mußten sich entwickeln,
-als er Schlag auf Schlag mit eben der Gesellschaft,
-die er erstrebte, deren Mitglied zu
-werden kraft ererbter Fähigkeit sein Los geworden
-wäre, wenn er eben geliebt und gepflegt
-in jugendlichem Alter Schule und
-Theater, Wärme und Nahrung, keine Prügel
-und gemeine Worte hätte zu sich nehmen
-müssen.
-</p>
-
-<p>
-Wir wissen, daß die Sinne der Kinder unendlich
-empfindsamer, wacher, gereizter,
-deutungbegabter als unsere, der Erwachsenen.
-Daß Kinder in Hypertrophien leiden, zumal
-die begabten. Daß jede Krümmung jugendlichen
-Selbstbewußtseins fürchterliche Rache
-und Beschwerden am eigenen wie am fremden
-Leben bedeuten.
-</p>
-
-<p>
-Nur das begabte, das geniale Kind vermag
-zu leiden. Man sagt, daß wir in der Jugend
-alle genial seien. Dann muß man wieder fragen:
-wo bleiben die Resultate? Unter den
-Prügeln der Eltern und Lehrer? Ersterben
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-tausend Keime unter dem Wust des Überflüssigen,
-das Buch und Ermahnungen, Ideologien
-der Erwachsenen ausrotten, zuschütten,
-bevor es zum Keimen gelangte?
-</p>
-
-<p>
-Der Geprügelte, Getretene, Ausgeschlossene,
-der Knabe, der sich des tausendfachen Unrechtes
-blutend bewußt wird, schließt seine
-Augen innen gegen dieses gemeine und verfehlte
-Leben. Erträgt mit verbissener, stoischer
-Hartnäckigkeit alle Misèren und gewinnt
-in seiner Vorstellungswelt, bevölkert
-von Tagträumen einen Raum, den er mit
-klarer Energie beherrscht, mit dem einen
-Wunsche befruchtet ... einmal groß zu sein
-und sich rächen zu können. Oder zumindest
-den Großen beweisen zu können, wer man
-in Wahrheit ist!
-</p>
-
-<p>
-Zu dem besonderen Problem dieses Mannes,
-von dem wir hier reden, tritt noch das proletarische
-Bewußtsein in deutliche Antithese.
-Sein Rachegefühl richtet der Erwachsene, Erwachte
-aus dem schlimmen Traum verwüsteter
-Jugend nicht gegen Vater und Mutter, wie
-es wohl die Söhne der Bürger belieben, leiden
-und prophetisch zugleich als eine Aufgabe
-verkünden. Nicht gegen die Erniedriger im
-fremden Heim, in der Heimatlosigkeit des
-verbrecherischen, sexuell und moralisch irritierten
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Milieus der Familie, die ihn verführte
-und eigentlich die Handfertigkeit züchtete,
-die ihn dann reizte zu neuen Taten, die neue
-Strafen gebaren.
-</p>
-
-<p>
-Seine Wut, sein Haß gilt der bürgerlichen
-Gesellschaft.
-</p>
-
-<p>
-Seine Idee ist die des Kohlhaas. Er will
-sich ein Recht verschaffen, das nirgendwo
-existiert. Weil die Zeit dieser Möglichkeit, es
-zu erleben, nicht unter dem bittersten Unrecht
-zu leiden, die Zeit der frühen Jugend,
-unwiderruflich vorüber war.
-</p>
-
-<p>
-Damit ist zwar sein falscher Weg aufgedeckt,
-soweit er aus der persönlichen Gebundenheit
-hinübergreift in die Sphäre allgemeiner,
-menschlicher, sozialer Gruppierung; aber
-die immanente Logik eines Lebens, das nun
-einmal mit und zwischen uns existiert, blüht,
-voran will zu seiner schönsten Entfaltung, zu
-seinem Sinn drängt, läßt sich nicht umbringen
-durch Widersprüche, und jede Erfahrung muß
-bitter am eigenen Leibe verspürt werden.
-</p>
-
-<p>
-Wie stark muß aber das Leid dieses begabten
-Kindes gewesen sein, wenn zehn Jahre
-Kerker es nicht verstummen machten. Nicht
-nur keinen Strich das Fieber herunterdrückten,
-sondern es immer höher und widerspruchsloser
-in sich zu einer dumpfen Flamme
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-auftrieben, vor der nichts mehr unversengt
-blieb. Daß schließlich Blut fließen mußte,
-Menschen ihr Leben lassen. Und das von der
-Hand eines Mannes, der eigentlich ein Dichter,
-ein Schwächling in höherem Sinn, keineswegs
-ein robuster, ungehemmter Typus der
-verbrecherischen Intelligenz, der Halbbildung,
-die sich an der höheren reiben muß,
-voller Gehässigkeit verneint.
-</p>
-
-<p>
-Emil Strauß ist kein Verneiner. Er bejaht
-die Gesellschaft und will sie heilen. Heilung
-bedeutet ihm Aufnahme, Heilung für sich
-und für alle anderen. Nehmt ihr mich nicht
-auf, so werde ich euch so lange strafen, verfolgen,
-bis ihr mich beiseite schafft oder ich
-sonstwie draufgehe. An einen Sieg war da
-nicht zu denken. Die Gerichte, die Polizei,
-der gewaltige Apparat der Gesellschaft lag
-offen vor seinen klaren Augen. Seine Beziehungen
-waren seit frühester Jugend zu
-diesen Trägern der Gewalt im Staate recht
-intim, und das Milieu, dem er entstammte,
-mochte ihm wohl Weisheiten und Erkenntnisse
-recht unbürgerlicher Natur in reichstem
-Maße mit auf den vergitterten Pfad gegeben
-haben. Mehr, als Platz in seinem phantastischen
-Schädel war. Jedenfalls wäre ihm
-Schiller, Kleist und Goethe besser bekommen,
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-und das Leben des Julien Sorel hätte den jungen
-Mann vor mehr Torheiten bewahrt als
-nochmals und wiederum drei Jahre Kerker.
-</p>
-
-<p>
-Denn gerade die Isolierung von der Luft,
-von dem Erleben der Triebe der Freiheit, der
-Liebe, von dem wenigen, das ein Mensch
-doch und trotz allem braucht ... gerade das
-Schutzbedürfnis der Gesellschaft und die Verbannung
-des Attentäters in die Nacht des Gefängnisses
-gaben dem überreizten, empfindsamen
-Geiste den Raum und die Muße, sich
-in seinen Haß zu knien.
-</p>
-
-<p>
-Gefängniswärter sein ist ein schwerer Beruf.
-Und wenn ein Wärter auch einmal sagte:
-Ja, wenn wir nur lauter Strauße hätten, dann
-hätten wir ein feines Leben ... mit anderen
-Worten, wenn auch das melancholische und
-grüblerische Temperament dieses Mannes die
-Wärter nicht exzessiv reizte, so kann diesem
-Leben doch soviel Galle und Bosheit entströmen,
-ungewollt, rein mechanisch, unkontrollierbar,
-unwägbar, dem Gefangenen aber
-in das System der Unterdrückung mundgerecht
-passend, daß unendliches Leid sich
-jeden Tag erneuert. Jede Wunde von frischem
-blutet.
-</p>
-
-<p>
-Die Gedanken sind frei. Und Strauß machte
-reichlichen, allzu reichlichen Gebrauch von
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-dieser Schrankenlosigkeit. Wollust des Denkens,
-das war immer schon das Narkotikum
-der Unterdrückten, und wenn dieser seltene
-Mensch in den jüngsten Tagen sich einer philosophischen,
-uralten skeptischen Bewegung
-anschloß, die die reale Existenz zugunsten
-einer imaginären, aber schmerzlosen, unbeschränkten
-eliminiert, so setzt er nur in gerader
-Linie die Wollust des Phantasierens
-fort, die ihn einerseits vor dem Irrewerden
-an sich, am Leben und der Menschheit, andererseits
-aber auch vor dem Aussterben seines
-Hasses bewahrte.
-</p>
-
-<p>
-Ein jedes Leben entwickelt sich ambivalent.
-</p>
-
-<p>
-Aufbau hier und Abbruch drüben. Beziehungen
-werden geknüpft und alte Fäden
-zerrissen. Lernen und Vergessen geschehen im
-gleichen Geiste, in einem Atem. Liebe und
-Haß gebären einander gemeinsam aus dem
-gleichen Schoße, und der Gefangene, dem
-eine deutliche, brutale und rücksichtslose
-Macht Halt gebot, mußte in der Nacht der
-Kerker weiter und weiter grübeln und in der
-Freiheit sich beweisen, daß sein Leben der
-Rache doch einen Sinn hatte.
-</p>
-
-<p>
-Und vielleicht gehört er noch unbewußt zu
-den trotzigen, dämonischen Typen, die provokativ
-wirken. Denen die enge, pessimistisch
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-versalzene Freiheit nicht behagt.
-Die zurückstreben in die Zelle, um ihren Maßlosigkeiten
-des Denkens, ihren Exzessen der
-Spekulation und ihrem Haß nachhängen zu
-können. Vielleicht hat die Gewöhnung an
-Prügel und Mißhandlung seine Nerven schon
-so degeneriert, daß er ohne sie nicht leben kann.
-</p>
-
-<p>
-Daß sein anarchistischer Geist, disziplin-
-und maßlos, der Marter bedarf oder besser
-gesagt, des Gefühles der Ohnmacht, der körperlichen
-Minderwertigkeit, um geistig ganz
-aufzuschnellen zu unheimlicher Rasanz. Phantastik
-des primitiv pervertierten, gehemmten
-und überempfindlichen Menschen, dem der
-Zuspruch des Beichtigers, der höheren Kraft,
-der Glaube an die Norm und das Wissen um
-die ewige, unveränderliche Tragik des begabten,
-aber verkannten Kindes fehlt. Trotz
-aller männlichen und staunenswert mutigen
-Gesten blieb dieser Charakter im Kindlichen,
-Hilflosen stecken.
-</p>
-
-<p>
-Er kennt keine Menschen.
-</p>
-
-<p>
-Sein Leben in Freiheit, soweit es Leben war,
-das da in wenigen Urlaubswochen den armen
-Körper hin- und herschleuderte in Wahnvorstellungen
-von Gerechtigkeit und Rache,
-soweit es Freiheit war, unter den kritischen
-Blicken der Polizei in schmierigen Spelunken
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-sitzen zu müssen, verborgen, gehetzt, beschimpft
-... diese wenigen Wochen bringt
-er stumm in der ihm nicht zweifelhaften Gesellschaft
-schwerer Jungen zu.
-</p>
-
-<p>
-Unzugänglich.
-</p>
-
-<p>
-Von Wolken tiefster hoheitsvoller Bewunderung
-umschwefelt.
-</p>
-
-<p>
-Angebetet von dem jüngeren Bruder.
-</p>
-
-<p>
-Finster. Verschlossen.
-</p>
-
-<p>
-Immer noch in der Zelle, wenn auch in
-einer nur ihm spürbaren. Alle gehn für ihn
-durchs Feuer.
-</p>
-
-<p>
-Diese verwahrlosten, maniakalischen, gebrandmarkten
-Männer spüren seine überlegene
-Intelligenz und lassen ihn vollkommen
-in Ruhe. Er ist eine Art Dab, ohne dessen
-robuste Lust am Geld, ohne dessen artistische
-Hemmungslosigkeit. Denn dieser König der
-Einbrecher, der Mut bewies wie ein Löwe, der
-zweimal seinen Bruder befreite und zur Organisation
-seines Einbruches sein Leben zehnmal
-aufs Spiel setzte, ist ein gehemmter
-Mensch, mit einer unverwüstlichen Hochachtung
-vor dem Buch, vor dem Wissen, vor
-der Technik, vor der Religion, vor allem kurz,
-was den besseren, diplomierten Menschen in
-den Augen des nackten, proletarisch geborenen
-und unerzogenen auszeichnet.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-5">
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-IV.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-In seinem Milieu, dem der Verbrecher und
-Deklassierten, nimmt er eine Sonderstellung
-ein, nicht nur wegen seiner Taten, die die
-ganze Stadt in atemlose Aufregung versetzten,
-sondern auch wegen seiner moralischen Qualitäten.
-Nirgends weiß man Treue und Verschwiegenheit
-so zu schätzen wie bei denen,
-die immer mit einem Fuß im Grabe oder im
-Gefängnis stehn.
-</p>
-
-<p>
-Niemals hat Emil Strauß, bei aller Offenheit
-und Ehrlichkeit, die er bewies, sobald
-es sich um seine eigenen Taten handelte, auch
-nur mit einer Andeutung, einer Miene seine
-Gefährten verraten, der Polizei irgendwie geschmeichelt.
-Manches in seinen Aussagen, in
-den Berichten über sein Leben, klingt wie
-Pose oder Selbstgefälligkeit. Aber man darf
-nie vergessen, daß es die Worte, Bilder und
-Phrasen eines weltfremden Einsiedlers, in der
-Einsamkeit und Irrealität der Bücher, in der
-Zelle ausgedachte, ausgefeilte Bilder und
-Sätze sind, logische Extrakte eines Wissens
-um die eigene Seele und deren Verhängnis.
-Daß dieser Mensch gezwungen war, in sich
-etwas Besonderes zu sehn, weil er es spürte.
-Eitelkeit oder Ehrgeiz sind durchaus menschliche
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Arten, die Welt oder sich selbst zu betrachten.
-In ein Verhältnis zu vereinen, was
-die Gewalt der nackten Tatsachen trennte
-und verheerte.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß nennen wir das mit anderen, kritischen
-Worten Romantik. Aber es handelt
-sich hier nicht um Kritik, sondern um Darstellung,
-nicht um Wertung, denn das ist
-Aufgabe der Richter, und vollendet und erledigt,
-sondern um Analyse eines Menschen,
-der nicht in diese Zeit der Kompromisse zu
-gehören scheint, sondern einen Renaissancetypus
-darstellt, eine Mischung von Religiosität
-und Gewalt, von Kultur und Triebhaftigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Noch eins beunruhigte und hemmte die
-Gefährten nicht minder wie die Gegner ...
-die Vollendung seiner Manieren, das Leise,
-unverändert Höfliche seiner Art in der Begegnung
-mit Fremden. Die Sicherheit seines
-Auftretens, die Beherrschtheit und Kühle seiner
-Höflichkeit, aus der ein eiserner Wille, Beobachtung
-der eigenen Schwächen ebenso
-sprechen wie Sanftmut und Kindlichkeit.
-Diese seine Vornehmheit wird allerdings unterstützt
-von der Noblesse seiner Gestalt.
-</p>
-
-<p>
-Er ist hochgewachsen, schlank, von gleichmäßig
-eleganten Bewegungen. Der Ton seiner
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-Stimme leise, bestimmt und durchaus vertrauenerweckend.
-Das Gesicht groß und
-mager, sehr bleich die hohe, schön gewölbte
-Stirn. Er legt Gewicht auf gute, elegante
-Kleidung. Ein Zug höherer Lebensart scheint
-ihm eingeboren. Denn Kinderstube kann
-man nicht nachholen. All das scheint ein Beweis
-ständigen kritischen Nachdenkens und
-Vergleichens, ein dauerndes Kontrollieren seiner
-eigenen Person im Vergleich zu seinen Erlebnissen
-mit Fremden, bewußt oder unbewußt
-die Triebfeder seiner ganzen verzweifelten
-Existenz, ein fast dämonischer Wille emporzusteigen
-und ein schreckliches Gefühl der
-eigenen Begabung. Zugleich die ewig brennende
-Frage nach dem Weg, nach dem Warum
-der Ungerechtigkeit, der eigenen Willensschwäche,
-die sich nicht anders denn im Bösen
-Ausgleich mit der Gesellschaft verschaffen
-kann.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt für seine Taten, wenn man nicht
-auf das Gebiet der Pathologie geraten will,
-natürlich keine menschliche Entschuldigung.
-Denn wie die Richter gerade in seinem Fall
-mit Recht, wenn auch nicht gerade freundlich,
-immer wieder betonen, hätte es Strauß
-bei seinen ungewöhnlichen Fähigkeiten möglich
-sein müssen, das Maß des Erlaubten zu
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-entdecken, und gelang es ihm nicht, seinen
-Trieb nach Vergeltung zu zähmen, so mußte
-er wissen, daß das Gesetz den Wissenden doppelt
-und dreifach härter treffen würde.
-</p>
-
-<p>
-Zur Erläuterung des bis jetzt Gesagten
-möchte ich im folgenden seine eigene Lebensgeschichte,
-die er als einzige Verteidigung
-in seinem großen Prozeß anführte, folgen
-lassen. Wobei zu beachten ist, wie stark
-Strauß die Unzulänglichkeit der Tatsachen
-und deren Erklärung aus der momentanen
-Konstellation selbst empfand. Wie stark
-dieser gehetzte und einsame Mensch die Gebundenheit
-an die tiefen, tragischen Gesetze
-empfand, die das Maß seiner Jugend und die
-Richtung seines ganzen Lebens werden sollten.
-</p>
-
-<p>
-„Meine Herren Richter und Geschworenen!
-Es soll hier nach Recht und Gerechtigkeit
-über Tod und Leben eines Menschen entschieden
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Da ist es wohl ganz selbstverständlich, daß
-man sich nicht nur ganz eingehend mit der
-Sache des Angeklagten, sondern zumindest
-ebenso eingehend auch mit seiner Person, d. h.
-mit den ausschlaggebenden Momenten seines
-Vorlebens beschäftigt: dies um so mehr, als
-es sich hier bei der Person des Hauptangeklagten
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-... also bei mir ... um einen Menschen
-handelt, der seit Jahren bei der öffentlichen
-Meinung in dem Gerücht steht, schlechtweg
-der gefährlichste Schwerverbrecher Groß-Berlins
-zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Diese, im wahrsten Sinne des Wortes traurige
-Berühmtheit verdanke ich aber keineswegs
-mir selbst oder meinen Taten, sondern
-einzig und allein der Geschäftstüchtigkeit gewisser
-Sensationsartikelfabrikanten, Leuten,
-die nun einmal nicht anders können, als aus
-der Haut selbst der Unglücklichsten ihrer Mitmenschen
-noch Riemen für sich zu schneiden.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe diesen falschen Nimbus eines
-„Ein- und Ausbrecherkönigs“, mit dem geistesarme
-Zeilenschinder mich umgeben haben,
-aber bereits zu teuer bezahlen müssen, um
-diese Art von kostspieliger Glorifizierung
-meiner Person noch länger ruhig hinzunehmen
-und so schließlich Gefahr zu laufen, nicht
-etwa der objektiven Würdigung bewiesener
-Tatsachen, sondern der suggestiven Macht
-der Druckerschwärze zu erliegen.
-</p>
-
-<p>
-Die Leute, die mich nur aus den tendenziös
-geschminkten sensationell aufgedonnerten
-Hohlspiegelbildern der „chronique scandaleuse“
-kennen, müssen mich geradezu für den
-Abschaum des Abschaums der Menschheit
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-halten und alle meine Handlungen für solche
-Unika an Gemeingefährlichkeit, wie sie eben
-nur die „Firma“ Gebr. Strauß zu liefern vermag.
-Alle diejenigen Personen dagegen,
-welche mich persönlich etwas genauer kennen,
-haben wohlbegründeterweise eine ganz
-andere, eine entschieden bessere Meinung
-von mir.
-</p>
-
-<p>
-Und um auch Ihnen, meine Herren, die Sie
-heute über mich zu Gericht sitzen sollen, die
-erforderlichen Unterlagen zu bieten zur Bildung
-eines gerechteren Urteils über meine
-Person, als es sich auf Grund jener im Nick-Carter-Stile
-fabrizierter Elaborate bilden läßt,
-will ich versuchen, Ihnen so eine Art curriculum
-vitae von mir zu geben.
-</p>
-
-<p>
-Zu diesem Zwecke bitte ich Sie, mich nur
-noch einige Minuten lang ruhig anzuhören.
-Denn das, worauf es hier hauptsächlich ankommt,
-was meinem bisherigen ganzen Leben
-die Richtung gegeben hat, das läßt sich wirklich
-nicht, wie man so zu sagen pflegt, in einer
-Nußschale darbieten. Mit einigen bloß andeutenden
-Kohlestrichen läßt sich solch einem
-Lebensbilde weder Form noch Farbe, noch
-Inhalt verleihen. Wollte ich aber andererseits
-das ganze krasse Elend meiner Kindheit
-und Jugendzeit in ausführlicherer Weise
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-wahrheitsgetreu schildern, so würde ich
-höchstwahrscheinlich bei Ihnen in den Verdacht
-geraten, anstatt Porträtmalerei ...
-Stimmungsmalerei zu treiben. Deshalb
-scheint mir die goldene Mittelstraße des rechten
-Maßhaltens nach beiden Seiten hin hier
-der einzig richtige Weg, das mir vorschwebende
-Ziel zu erreichen.
-</p>
-
-<p>
-Was hätte es denn schließlich auch für
-einen Sinn, wenn ich beispielsweise in bezug
-auf meinen Bildungsgang Ihnen einfach die
-nackte Tatsache mitteilte, daß ich acht Jahre
-lang die Volksschule besucht habe. Damit
-wäre so gut wie nichts gesagt. Der Begriff
-Volksschulbildung ist trotz seiner scheinbaren
-Begrenztheit doch ein recht dehnbarer
-und seine richtige Werteinschätzung durchaus
-abhängig von der genaueren Kenntnis der
-besonderen Lebensumstände und Lebensbedingungen
-innerer und äußerer Art, unter
-denen der gebotene Bildungsstoff geistig aufgenommen
-und verarbeitet worden ist.
-</p>
-
-<p>
-Es ist doch unbestreitbar ein gewaltiger
-Unterschied, ob von zwei sonst gleichbegabten,
-gleichlernbegierigen Schülern der eine das
-wohlgepflegte, sorgsam gehütete Kind gesunder,
-geistig wie sittlich hochstehender, in
-geordneten Verhältnissen lebender Eltern ist;
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-ein Kind, das daheim und in der Schule alle
-seine ihm von der Natur verliehenen Gaben
-und Fähigkeiten nach allen Richtungen hin
-unbehindert entfalten und zur schönsten,
-höchsten Blüte entwickeln kann; ... der andere
-Schüler dagegen, der an Leib und Seele
-unterernährte, erblich vielleicht schwerbelastete
-Sprößling eines Säufers ist; so ein erbarmungswürdiges
-Geschöpf, das, am frühen
-Morgen schon vom Zeitungstragen abgehetzt,
-nun ungewaschen, hungrig und zerlumpt
-zur Schule eilt, doch vor Erschöpfung
-dem Unterricht selten mit der nötigen Aufmerksamkeit
-zu folgen vermag und infolgedessen
-in der Entwicklung sein Geistes- und
-Gemütsleben auf das schwerste beeinträchtigt,
-in der Ausbildung seiner natürlichen Gaben
-und Fähigkeiten auf das stärkste gehemmt
-und behindert wird. Daß das Niveau
-des Bildungsstandes dieser beiden Typen von
-Schülern am Ende ihrer Schulzeit ein voneinander
-sehr verschiedenes sein muß, wird
-wohl niemand bezweifeln.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe von meinem siebenten Lebensjahre
-ab tagtäglich in aller Herrgottsfrühe hinaus
-gemußt, um meiner vielgeplagten Mutter
-beim Zeitungstragen zu helfen. Vom zehnten
-Jahre an hatte ich dann außerdem noch des
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Nachmittags eine Stelle als Laufjunge, von
-der ich des Abends meist todmüde nach Hause
-kam, um dann noch das Tagespensum meiner
-Schulaufgaben zu erledigen.
-</p>
-
-<p>
-Die Schuld an diesen unsagbar traurigen,
-total zerrütteten Familienverhältnissen, die
-mich zu so unnatürlich frühem Broterwerb
-zwangen, trifft in erster Linie meinen Vater.
-Dieser von Beruf Stubenmaler und heute ein
-nüchterner, solider Greis von siebzig Jahren,
-ist in seinem mittleren Lebensalter ein notorischer
-Trinker gewesen, der seine zahlreiche
-Familie zeitweise in Not und Elend
-fast verkommen ließ. Meine Mutter dagegen
-war eine kreuzbrave, fleißige, unendlich liebevolle,
-gute Frau, die sich vom frühesten Morgen
-bis spät in die Nacht hinein nicht Rast
-noch Ruhe gönnte, um Brot zu schaffen für
-die ewig hungrigen Schnäbel ihrer zahlreichen
-Straußenbrut, und deren ganzes, zwanzigjähriges
-Eheleben ein einziges, fast ununterbrochenes
-Martyrium von so tiefer Seelenqual
-darstellt, wie man es selbst seinem ärgsten
-Widersacher nicht wünscht ...
-</p>
-
-<p>
-Als ich etwa zehn Jahre zählte, trieb es
-mein Vater wieder gerade besonders arg. Wir
-Kinder samt unserer Mutter hatten schon
-mehrere Tage lang fast so gut wie nichts gegessen
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-und waren infolgedessen buchstäblich
-dem Verhungern nahe. In dieser höchsten
-Not nahm meine Mutter einige Mark von
-dem kassierten Zeitungsgelde, um dafür
-Speise und Trank zu beschaffen und unseren
-wütenden Hunger zu stillen. Als sie den aufgewendeten
-Betrag dann nicht rechtzeitig
-wieder herbeizuschaffen vermochte, griff sie,
-dieses hoffnungslosen, jammervollen Daseins
-müde, in ihrer tiefsten Verzweiflung zum
-Strick ... und erhängte sich ...
-</p>
-
-<p>
-Wir wohnten damals ... 1897 ... in Weißensee.
-Auf Kosten der Gemeinde wurden
-wir Kinder nun einzeln zu fremden Leuten in
-Pflege gegeben, wobei ich das Unglück hatte,
-sozusagen aus einem Wolkenbruch in die noch
-ärger strömende Traufe zu geraten. Meine
-Pflegemutter nämlich war eine mit zwar recht
-engem Herzen, dafür aber mit desto weiterem
-Gewissen begabte Frau, die sich recht und
-schlecht dadurch ernährte, daß sie einzelnen
-Zöglingen des Magdalenenstiftes in Weißensee
-gelegentlich zur Flucht verhalf und ihnen
-bei ihr bekannten Kupplerinnen Unterschlupf
-und somit Gelegenheit zu einem „gewissen“
-Gelderwerb verschaffte, von dem sie dann
-ihre Tantieme bezog. Der Mann dieser Frau
-war ein in einer Molkerei beschäftigter, mit
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Respekt zu sagen: versoffener Kuhknecht,
-der, da er bei seinem Brotherrn volle Kost erhielt,
-nur zum Schlafen und ... Krakehlen
-nach Hause kam, sonst aber um nichts und
-niemand sich kümmerte. Die erwachsene einzige
-Tochter dieses edlen Elternpaares war
-eine „heimliche“, d. h. nicht unter sittenpolizeilicher
-Kontrolle stehende Straßendirne.
-</p>
-
-<p>
-In dieser überaus ehrenwerten Familie nun
-fand ich Aufnahme und wurde von den beiden
-Frauen systematisch zum Stehlen angeleitet.
-Eine Spezialität der beiden Damen
-war es, die Weißenseer Friedhöfe heimzusuchen
-und dort die auf den Gräbern niedergelegten
-Wachsrosen zu rauben, die dann in
-einer Kranzbinderei, wo ich seinerzeit als
-Laufjunge angestellt war, weiterverkauft wurden.
-Bei einem dieser Kirchhofsbesuche
-zwangen mich die beiden Megären, ein auf
-einem Kindergrab stehendes Weihnachtsbäumchen,
-das mit niedlichen Glassachen
-allerliebst ausgeschmückt war, bis auf das
-letzte Stück zu plündern ...
-</p>
-
-<p>
-Welche verheerende Wirkung diese fast
-täglichen Vorkommnisse auf mein empfängliches
-Kindergemüt, auf mein moralisches
-Empfinden, überhaupt auf mein ganzes Innenleben
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-ausüben mußten, kann ein jeder sich
-wohl denken. Andeutungsweise will ich nur
-noch nebenbei bemerken, daß meine zwanzig
-Jahre alte Pflegeschwester mich elfjährigen
-Jungen auch auf sexuellem Gebiet theoretisch
-und praktisch auf das gründlichste aufgeklärt
-hat ...
-</p>
-
-<p>
-Ungefähr zwei Jahre nach dem für uns
-Kinder so verhängnisvollen Tode unserer
-guten Mutter heiratete mein Vater zum zweiten
-Male und wir jüngeren Geschwister erhielten
-nun eine Stiefmutter, die zwar weder
-lesen noch schreiben konnte, dafür aber im
-Lügen und Stehlen und Schuldenmachen ganz
-Erkleckliches leistete. Dieser Frau nun, einer
-wahren Perle von Stiefmutter, blieb es vorbehalten,
-meiner bereits so weit gediehenen
-Jugend-„Erziehung“ den finish touch ... wie
-der Engländer sagt ... den letzten Schliff
-zu geben.
-</p>
-
-<p>
-Sie unterzog sich dieser Aufgabe mit edler
-Selbstverleugnung!
-</p>
-
-<p>
-Durch einen unglaublich niederträchtigen
-Streich brachte sie es fertig, daß ich unschuldigerweise
-in den Verdacht geriet, von einer
-mir anvertrauten Geldsumme zwanzig Mark
-unterschlagen zu haben. Die Folge davon
-war, daß ich nicht nur schimpflich aus meiner
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-Stellung fortgejagt, sondern auch noch
-obendrein von meinem eigenen Vater verstoßen
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Arbeits-, mittel- und obdachlos lag ich nun
-auf der Straße; ein Junge von fünfzehn Jahren,
-mir selbst und meinem Schicksal überlassen!
-Daß die Gedanken und Gefühle, die
-mich damals durchtobten, denen eines Karl
-Moor verzweifelt ähnlich waren, wird ein
-jeder Menschenkenner wohl begreifen. Tatsächlich
-habe ich dann auch in der Folge
-monatelang ein wahres Räuber- und Zigeunerleben
-geführt. Bis endlich die Sehnsucht,
-wieder einmal unter Dach und Fach
-und in geordnete Verhältnisse zu kommen,
-mich veranlaßte, als Knecht vorläufig auf ein
-Jahr lang zu einem Bauer in Dienst zu gehn.
-</p>
-
-<p>
-Ich erhielt dort fünfundzwanzig Taler
-Jahreslohn. Die horrende Summe reichte
-nicht einmal zur Ergänzung meiner völlig abgerissenen
-Garderobe, und aus diesem Grunde
-kehrte ich nach Ablauf meines Dienstjahres
-nach der Großstadt zurück.
-</p>
-
-<p>
-In den folgenden zwei Jahren war ich
-dann in Berlin hier und da einige Monate
-lang als Gelegenheitsarbeiter in Fabriken beschäftigt;
-bis ich 1905 ... sei es durch Zufall,
-sei es durch Schicksalsfügung ... einen
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Schlosser kennen lernte, der auf dem Gebiete
-des Einbruchdiebstahls bereits praktische Erfahrungen
-gesammelt hatte. Diesem verband
-ich mich nun zu löblichem Tun und erreichte
-dadurch, daß ich in ungeahnt kurzer Zeit hinter
-Schloß und Riegel saß.
-</p>
-
-<p>
-Das war sozusagen der Anfang vom Ende.
-Denn nun folgte eine langjährige Freiheitsstrafe
-der andern fast unmittelbar auf dem
-Fuße, so daß ich von den letztverflossenen
-fünfzehn Jahren beinahe vierzehn Jahre (!)
-im Gefängnis und Zuchthaus zugebracht, und
-zwar, was ich doppelt und dreifach unterstreichen
-will, ausschließlich in strengster
-Einzelhaft zugebracht habe. Freilich, was das
-letztere besagen will, wird nur derjenige voll
-und ganz verstehn, der einmal an sich selbst
-verspürt hat, welche lähmende Wirkung die
-jahrelange Freiheitsentziehung auf einen Menschen
-auszuüben vermag. In dieser Beziehung
-möchte ich die Freiheitsstrafe vergleichen mit
-einem starken Narkotikum, wie etwa Opium,
-Kokain oder Morphium. Von einem sachverständigen
-Arzte nach gewissenhafter Diagnose
-nur im äußersten Fall und auch dann
-nur in vorsichtig bemessener Dosis verabreicht,
-ist es eine heilsame Medizin, ein wirksam
-vorbeugendes Schutzmittel, ein Segen
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-für die Menschheit; zum schwersten Fluch
-aber wird es, wenn allzu freigebige und unterschiedslose
-Verordnung der Gifte zur Gewöhnung
-an dasselbe führt, wenn die Gewohnheit
-zum Laster wird und das Laster
-schließlich in eine Volksseuche ausartet. Der
-so entstehende Schaden ist unübersehbar.
-Die körperlichen, geistigen und seelischen
-Kräfte und Fähigkeiten der Verseuchten werden
-durch das Gift gelähmt, ihre Kampfkraft
-ums Dasein wird in erheblichem Maße
-geschwächt, und die weitere natürliche Folge?
-Von Stufe zu Stufe! Das traurige Los fast
-aller derer, die mit dem Kerker einmal nähere
-Bekanntschaft gemacht. Tausend- und abertausendfache
-Erfahrung bestätigt die vernichtende
-Wahrheit meiner Worte ...
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß und ich fühle es, daß es ein völlig
-fruchtloses Bemühen wäre, Ihnen schildern zu
-wollen, wie oft und wie ernstlich ich versucht
-habe, zu einem geordneten, ehrbaren Leben
-zurückzukehren ... schildern zu wollen, woran
-und warum alle diese Versuche so kläglich
-gescheitert sind. ‚Wenn Ihr’s nicht fühlt,
-Ihr werdet’s nie erjagen.‘ Dergleichen komplizierte
-psychopathische Vorgänge und Erscheinungen
-einem Dritten erklären zu sollen,
-das hieße fürwahr, einem Blindgeborenen das
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Farbenspiel des Regenbogens beschreiben.
-Wer einmal so tief in den Sumpf hineingestoßen
-worden ist, der vermag es eben nicht
-wie Münchhausen, an seinem Schopf aus eigener
-Kraft sich wieder hinauszuziehen. Eine
-rettende, helfende, stützende Bruderhand ist
-mir bisher noch von keiner Seite gereicht
-worden. Am allerwenigsten aber von jener
-Seite, auf der stets am lautesten über die
-Verderbtheit der Menschen geklagt wird.
-</p>
-
-<p>
-Und doch ... wer weiß? Vielleicht daß
-mir noch einmal in meinem Leben ein Mensch
-begegnet von dem Geistesgepräge und der
-Gesinnungsart jenes Sankt Johannes, den
-Herder in seinem tiefempfundenen, ergreifend
-schönen Gedicht: ‚Der gerettete Jüngling‘ ...
-verewigt hat. Hoffnung läßt ja bekanntlich
-nicht zuschanden werden. Es hofft der
-Mensch, so lange er lebt. Ich aber hoffe, nein
-ich weiß, daß in diesen Tagen unter das hier
-aufgeschlagene Blatt meines Lebensbuches
-durchaus noch kein finis, sondern ganz bestimmt
-ein vice versa!!!
-</p>
-
-<p>
-Hiermit lege ich Pinsel und Palette bis auf
-weiteres aus der Hand; denn die Studie meines
-Lebensbildes ist vollendet. Sie ist mit ungeübter
-Hand entworfen. Aber bis ins Kleinste
-hinein erfüllt von dem Heiligen Geiste
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-strengster Wahrhaftigkeit. Und einzig und
-allein aus diesem Grunde hoffe ich, daß kein
-fühlender Mensch ... er sei mir persönlich
-wohl oder übel gesinnt ... das Bild aufmerksam
-betrachten kann, ohne in der tiefsten
-Tiefe seiner Seele erschüttert zu werden, daß
-er die Hand mit dem Steine, die er vielleicht
-schon zum Wurfe bereit erhoben hat, beschämt
-wieder sinken läßt und er in der Stille
-seines Herzenskämmerleins sich einmal fragt,
-von welcher Seite hier wohl am schwersten
-gesündigt worden ist, von dem Angeklagten
-wider die Gesellschaft oder ... umgekehrt!?!“
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-6">
-V.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Natürlich war es Strauß nicht ohne weiteres
-möglich, diese Rede glatt und ruhig von der
-Leber weg vorzutragen.
-</p>
-
-<p>
-Der Staatsanwalt unterbrach ihn immer
-wieder und forderte ihn auf, zur Sache, zum
-Bericht seiner Taten und deren Erklärung zu
-kommen. Man wollte von ihm andere Töne,
-eine Entschuldigung, Argumente konkreter
-Natur hören, die sich praktisch verwerten
-ließen ... sei es für oder wider ihn.
-</p>
-
-<p>
-Aber der Angeklagte ließ sich nicht beirren.
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Mit der Hartnäckigkeit des Monomanen,
-von einer Idee besessen und ganz gebannt
-und überzeugt brachte er seinen Vortrag
-zu Ende.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich fanden der Ankläger wie auch
-die Richter an dieser seltsamen Verteidigungsrede,
-voller Selbstbewußtsein und wissenschaftlicher
-Analyse, genügend Momente, die
-reizten und ärgerten. Niemand konnte sich
-diese Verstiegenheit der Diktion, dieses buchmäßige
-und weltfremde Wissen anders denn
-mit Heuchelei erklären. Und man machte
-aus dieser Überzeugung keineswegs ein Hehl.
-</p>
-
-<p>
-„In dem einen Jahr, das er in Untersuchungshaft
-saß, hatte der Angeklagte hinreichend
-Zeit, sich diese Phrasen zurechtzulegen,
-und bei seiner Schlauheit und Verstocktheit
-nimmt es nicht wunder, daß er
-diese Apologie seiner Moral ohne mit der Wimper
-zu zucken, ohne ein Wort des Bedauerns
-über die Lippen bringt. Seine grenzenlose
-Eitelkeit läßt ihn die Realität, daß er als Angeklagter
-hier steht, vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Vor allem aber muß man sich wundern,
-daß er es fertig bringt, wo doch seine Verbrechen
-klar zutage liegen, von ihm selbst eingestanden
-wurden, immer wieder die Schuld
-auf andere zu wälzen. Nirgendwo die Erkenntnis,
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-daß er selbst der am meisten Schuldige.
-</p>
-
-<p>
-Immer wieder diese häßlichen Verdächtigungen
-fremder Personen, vor allem aber der
-eigenen Familie. Längst vergangene und vergessene
-Erlebnisse der Kindheit, die gewiß
-bitter gewesen sein mögen, als Entschuldigung
-für Verbrechen heranziehn zu wollen,
-die man als gereifter, welterfahrener Mann begangen
-hat, übersteigt die Fassungskraft
-eines jeden, selbst wenn er noch so sehr
-alle Milderungsgründe suchen und erkennen
-möchte.
-</p>
-
-<p>
-Das ist nichts weiter als eine pseudowissenschaftliche
-Objektivität, die sich mit dem
-moralischen Begriff der Heuchelei deckt.“
-</p>
-
-<p>
-So ungefähr lauteten die Argumente der
-Gegner, der Richter und Reporter.
-</p>
-
-<p>
-Es war natürlich nicht anders zu erwarten.
-</p>
-
-<p>
-Denn diese Rede, die in Wirklichkeit wie
-die Vorlesung eines Arztes über erbliche Belastung
-und infantile und sexuelle Bindung
-klang, enthielt keinerlei Erklärung im gemeinverständlichen
-Sinne der Gerichtsverhandlungen,
-wo man an Tränen und Verzweiflungsausbrüche,
-seien sie auch noch so einstudiert,
-gewöhnt ist. Oder an das dumpfe, resignierte
-Verstummen unter der Macht der Tatsachen,
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-gegen die der schwache und zermürbte
-Mensch, wie er weiß, doch nicht aufkommen
-wird.
-</p>
-
-<p>
-All das fehlt in dieser Verteidigungsrede des
-Emil Strauß, die als ein Kuriosum die Runde
-durch alle Zeitungen machte.
-</p>
-
-<p>
-Und doch muß man und kann man nur
-sagen, daß es in Anbetracht der Intelligenz,
-der Empfindsamkeit dieses seltsamen Menschen,
-den das Bewußtsein seiner Verbrechen
-wirklich deprimiert, unglücklich macht, keine
-andere Möglichkeit für ihn gab, zumal da er
-von einem unbeugsamen Stolz erfüllt zu sein
-scheint, der keinerlei Selbsterniedrigung mehr
-erträgt. Er möchte einmal reinen Tisch
-machen mit seiner Vergangenheit, sein Gewissen
-erleichtern, und zwar Auge in Auge mit
-der Bestie, mit der er gerungen hat sein ganzes
-Leben lang: mit der Gesellschaft.
-</p>
-
-<p>
-Seine Verteidigung ist in Wahrheit eine
-Anklage, und zwar die Anklage eines Menschen,
-der um die Zusammenhänge besser Bescheid
-weiß, tiefer in die Verstrickung des
-Lebens in Schuld und Verhängnis eingedrungen
-ist als seine Ankläger. Es ist zugleich die
-Selbstanalyse eines Geistes, der von diesem
-tiefen und erschütternden Erlebnis, daß
-durch seine Hände, wenn auch unbedacht,
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-ein Mensch sein Leben lassen mußte, zu tiefst
-aufgewühlt, einen neuen Weg vor Augen hat
-und ihn beschreiten will mit aller Energie, die
-einem Fanatiker, einem Büßer in Einsamkeit
-nur innewohnen kann.
-</p>
-
-<p>
-Alle Möglichkeiten dieses fruchtbaren
-und unermüdlichen, verwirrten, gehetzten
-und zugleich klaren Geistes sind in diesem
-Vortrag enthalten. Aus abgründiger, stärkstes
-Medium der Selbsterhaltung gewordener
-Ironie heraus weiß er, daß es für ihn keine
-Rettung geben wird vor diesen Menschen, die
-von Amts wegen berufen sind, zu verurteilen.
-</p>
-
-<p>
-Für ihn lag damals schon ein anderes Wissen
-um die Welt und ihre Zusammenhänge
-dicht vor Augen. Neues Wissen, neue Weisheit
-kann man sagen, strömte aus der christlichen
-Lehre in dieses weite und willige Gefäß.
-Verkehrte den Inhalt des Widerspenstigen,
-des Kämpfers um den Sinn der Freiheit,
-der Gewalt nie weichend, in das Gegenteil:
-Nachgiebigkeit, Verachten der Materie und
-der sinnenfälligen Zusammenhänge.
-</p>
-
-<p>
-Aus jedem Satze seines Bekenntnisses
-spricht neben der tiefen, verschlossenen, vergrämten,
-vergrabenen Reue das Wissen um
-ein Anderes, Unsagbares, Höheres.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Wissen ist seine privateste Erfahrung,
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-sein jüngstes Gericht und der Öffentlichkeit
-nicht zugänglich. Das bedeutet vor
-allem der isolierte und unmenschliche Ton
-der gedachten Worte.
-</p>
-
-<p>
-Das ganze Elaborat will nichts anderes bedeuten
-als eine Korrektur am eigenen Leben,
-eine Erleichterung, eine Enthüllung zu eigenem
-Nutzen und zugleich eine boshafte, raffinierte
-... Strafe am Körper der Justiz, die
-ihn mit zehn Jahren zum ersten Male brandmarkte,
-ihm einen Verweis erteilte, der ihn
-vorbestraft machte.
-</p>
-
-<p>
-Von diesen Vorstrafen spricht er ebensowenig
-wie von seinen Verbrechen, deretwegen
-er jetzt angeklagt ist. Sie existieren für ihn
-nicht, nicht in seinem Leben, es sind Verhängnisse,
-die eine dunkle Macht, von der
-Gesellschaft entfesselt, gegen ihn mobilmachte.
-</p>
-
-<p>
-Vor allem haben sie jeden Sinn in seinem
-neuen Leben verloren, das anknüpfen möchte
-an seine Jugend, die er mit der Rede heraufbeschwört.
-Die aber den großen Riß nicht
-verbergen kann und will, der seine Seele zerspaltete,
-als seine Mutter, die tiefe Bindung an
-alles Gute und Schöne, starb. Mit ihr ertrank
-alles, was bis dahin noch einen Schimmer
-von Wärme und Liebe bot in einem ekelhaften,
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-unsauberen und verlogenen Milieu.
-Dem er zwar überlegen und doch verfallen
-war, das nicht sein Milieu und doch Gewalt
-über ihn gewann, dem er nicht entrinnen
-konnte. Ein gräßlicher Zwiespalt öffnete sich
-zu Auswegen in Verbrechen, in Diebstähle,
-Vagabundage und schloß sich immer zugleich
-mit Kerkermauern.
-</p>
-
-<p>
-Die boten zwar Schutz vor den Gefahren,
-vor der eigenen Schwäche. Man konnte lesen,
-lernen, Französisch, Englisch, Mathematik,
-Geschichte, Literatur betreiben. Aber zugleich
-mit der enorm aufschießenden Erkenntnis,
-mit der Überfülle des Wissens und dem
-Glauben an seine Macht quoll auch die Bitternis
-über das verfehlte Leben empor. Die
-Sehnsucht nach der Freiheit, nach der Geltung
-entsprechend den Qualitäten, die man
-sich selbst in der eifrigen Arbeit an den Büchern
-bewiesen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Aber das Wilde, die Empfindsamkeit des
-Überreizten, des allzu Ausgehungerten nach
-Leben und Freiheit überwältigt ihn sogleich,
-sobald die überhitzten Häuser der Großstadt,
-der Tumult der Millionen ihn umfängt.
-</p>
-
-<p>
-Er bricht aus den guten Vorsätzen der Zelle
-aus. Der Trieb nach Macht, dem der Geschwächte
-nichts Gleichwertiges an Beharrung
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-entgegenzusetzen hat, reißt ihn hastig
-und hastiger mit sich fort.
-</p>
-
-<p>
-Immer wieder sind es schwere Einbrüche,
-die ihn aufs neue in den Kerker bringen. Bei
-all diesen Taten ist das Seltsame, daß er nie
-Anstrengungen macht, zu entkommen, zu
-leugnen, sich zu entlasten. Mit einer geradezu
-Entsetzen erregenden Grausamkeit gegen sich
-selbst, mit fatalistischer Gelassenheit sagt er
-trocken und offen die Wahrheit.
-</p>
-
-<p>
-Er stiehlt aber er sagt die Wahrheit! Man
-kann jedes seiner Worte auf die Goldwage
-legen. Keinerlei Beschönigungsversuche oder
-Verdrehungen des Sachverhaltes finden sich
-in seinen Aussagen ... Mann gegen Mann
-steht er gelassen für seine Taten ein. Dabei
-ist er sich über die Schonungslosigkeit seiner
-Gegner vollkommen im klaren. Er gibt sich
-keinerlei Täuschung hin und findet reichlichen
-Hohn über die freieste Gerichtsbarkeit der
-Welt. Wie kaum ein Zweiter hat er sie am
-eigenen Leibe gespürt, seit der frühesten
-Kindheit schwingt sie die Geißel über seinem
-Haupte.
-</p>
-
-<p>
-Als unverbesserlicher Einbrecher, dem es
-zur zweiten Natur geworden scheint, fremdes
-Eigentum zu rauben, wird im Jahre 1911
-zum ersten Male Zuchthaus gegen ihn verordnet.
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-Er war damals vierundzwanzig Jahre
-alt. Saß die drei Jahre ab. Ohne Klage, ohne
-einen Verweis. Wird entlassen und begeht
-sofort einen neuen Einbruch. Wird erwischt
-und wiederum zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.
-</p>
-
-<p>
-Sitzt auch diese Strafe ab und wird im
-Jahre 1917 entlassen.
-</p>
-
-<p>
-Hier tritt eigentlich der jüngere Bruder,
-Erich Strauß, zum ersten Male deutlicher in
-Erscheinung.
-</p>
-
-<p>
-Denn jetzt erhält der Kampf des Älteren
-einen doppelten Sinn. Wie ein Wilder setzt
-er alles ein, um seinen Bruder, der in der Entwicklung
-zurückgeblieben, an epileptischen
-Anfällen leidet, schwerhörig ist, vor dem
-gleichen Schicksal, dem er selbst verfallen
-scheint, zu bewahren.
-</p>
-
-<p>
-Auch Erich hat sein gerüttelt Maß Strafen
-hinter sich. Aber es sind wohl zumeist geringere
-Delikte, wenn auch Diebstähle, die
-ihn ins Gefängnis brachten. Zusammen wohl
-zwei bis drei Jahre.
-</p>
-
-<p>
-Erich erscheint neben seinem Bruder als
-der Unbedeutendere, der Ungeistige, und der
-Gewalt des Fanatikers durchaus hörig.
-</p>
-
-<p>
-Aber zugleich ist er auch der Unglücklichere,
-durchaus bedauernswert, von Natur
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-und durch Verhängnis an die Spuren eines
-in allem ihm überlegenen Menschen, des Einzigen,
-den es auf der Welt für ihn gibt, gekettet.
-Emil war für den Jüngeren Vater,
-Mutter, Bruder und Gott zugleich. Wußte er
-sich in Not, saßen ihm die Häscher auf den
-Fersen, erfand der Ältere den Ausweg. Rettete
-ihn aus dem Polizeipräsidium, aus dem
-Zuchthaus. Schwur, ihn zu befreien, und
-hielt Wort.
-</p>
-
-<p>
-Dadurch gewinnt der Kampf, den Emil
-Strauß im Jahre 1917 begann, ein neues Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Er ließ alle Bedenken fallen. Lebte in einer
-Welt, die keine war. In einem Schema, einem
-Irrgarten, in dem man Verbrechen rächt, die
-gestraft werden sollten. Strafen treiben ihn
-nur noch weiter.
-</p>
-
-<p>
-Wie ein Hohn klingt es, wenn man bedenkt,
-daß er zur Erlangung guter Einbrecherwerkzeuge
-in das Kriminalmuseum selbst einbricht
-und sich mit allem versieht, was er zu
-seinem Erwerb braucht. Aus der Motivierung
-dieses Einbruches, die er der Polizei
-gibt, erhellt ohne weiteres, daß er sich seiner
-Überlegenheit voll bewußt ist und er unterstreicht
-doppelt die Ironie, die er den Behörden
-gegenüber immer an den Tag legte.
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-Er sagte nämlich: „Wenn Ihr schon ein so
-hübsches Museum einrichtet und Reklame
-dafür macht, müßt ihr auch gestatten, daß
-wir es auch mal besuchen und uns anschaun.“
-</p>
-
-<p>
-Dieser Diebstahl hat ihm die Sympathie
-der Behörden verscherzt. Diese fühlten sich
-irgendwie in ihrer Ehre gekränkt und hetzten
-jetzt mit allen Mitteln hinter ihm her. Es
-gelang ihnen zunächst, des Schwächeren, des
-Bruders, habhaft zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Erich befindet sich im Polizeipräsidium.
-Steht in Bewachung eines Polizisten auf einem
-der Korridore. Verhör auf Verhör, alle Fallen
-vermochten ihn nicht zu fangen. Er wird den
-Namen, den Aufenthalt seines Bruders nicht
-nennen und wenn sie ihn in Stücke reißen.
-Mit dem Instinkt des Blutes, das in ihnen lebendig,
-hüten sie den Namen ihrer Freunde,
-als sei es ihr eigener.
-</p>
-
-<p>
-Erich wartet.
-</p>
-
-<p>
-Da nähern sich Schritte über den hallenden
-Korridor. Ein hoher Mann in der Uniform
-eines Justizwachtmeisters tritt an den Häftling
-und dessen Begleiter heran, weist sich
-aus, übernimmt den Gefangenen, um ihn zum
-Untersuchungsgefängnis zu transportieren.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden verlassen das Präsidium, verlassen
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-die Straße, die Stadt, sie sind wie vom
-Erdboden verschwunden. Es war niemand
-anders als Emil, der diesen Geniestreich ausheckte
-und durchführte.
-</p>
-
-<p>
-Einem Hauptmann von Köpenick gelang
-es, die willenlosen, militärisch subordinierten
-Seelen einfacher Soldaten im Vertrauen auf
-die Allmacht der Uniform zu düpieren und
-ganz Europa in heiterstes Gelächter zu versetzen.
-Er lief weiter keine Gefahr, als daß er
-wegen Diebstahls eingelocht wurde. Hatte
-sonst ein reines Gewissen und Humor.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Falle aber mußte alles klappen
-oder alles war verloren. Denn gerade ihn
-suchten sie. Hinter diesen Türen lauerten
-seine schlimmsten Feinde. Irgendeine dieser
-Türen brauchte sich zu öffnen. Irgendein
-Blick dieser scharfen Augen seine Miene bloß
-zu streifen ... und beide waren verloren.
-Da gab es keine Wehr und kein Entrinnen.
-</p>
-
-<p>
-Aber das Unmögliche gelang. Alle Berechnungen
-stimmten. Die Korridore lagen
-leer und unbewacht, die Menschen, die ihm
-begegneten, hielten ihn für einen Kollegen
-und grüßten womöglich. Aus ureigenstem
-Studium kannte er Schritt und Haltung eines
-Justizbeamten. Mit ewig geneigtem Kopf, der
-von Namen und Daten und Zahlen und Terminen
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-raucht, schreitet der so Beamtete
-hastig und doch schlendernd seines Wegs.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich hatte er seine Helfer. Denn fragen
-durfte er nicht. Er mußte wissen, daß
-um zwölf Uhr mittags da und da der Beamte
-mit dem Gefangenen Erich Strauß auf den Abtransport
-warten würde.
-</p>
-
-<p>
-Blieb nur das Problem der eigenen Haltung.
-</p>
-
-<p>
-Die Uniform stimmte. Die Papiere ebenfalls.
-</p>
-
-<p>
-Und seine Nerven hatte er in der Gewalt.
-Das Bewußtsein seiner Überlegenheit und
-seiner Mission ließ Zweifeln oder Angstgefühlen,
-nicht einmal klaren Gedanken über
-die Möglichkeit des Mißlingens Raum.
-</p>
-
-<p>
-Es mußte sein, und so kannte er weder
-Furcht noch Zaudern. Übernahm ordnungsgemäß
-seinen geliebten Bruder und entführte
-ihn.
-</p>
-
-<p>
-Allerdings nicht lange.
-</p>
-
-<p>
-Denn jetzt setzten die Behörden alles in
-Bewegung. Es gab einen Kampf um die Ehre,
-Mann gegen Mann. Wer der Stärkere war.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich konnten sie diesem Ansturm
-nicht lange widerstehn. Das Gericht machte
-ihnen kurzerhand den Prozeß und schickte
-sie auf zehn Jahre oder mehr nach dem Zuchthaus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-Hier ist nun der Ort, wo eigentlich das
-Leben des Emil Strauß und seines Bruders,
-die beide nur ein einziges bilden, mit doppelten
-und dreifachen Gliedern und Kräften sozusagen,
-seinem Höhepunkt entgegenreift.
-</p>
-
-<p>
-Das Duell zwischen der Intelligenz des Verbrechers
-und der Intelligenz der Polizei hatte
-bereits rein persönliche Züge angenommen.
-</p>
-
-<p>
-Die Beamten kannten ihre Brüder und die
-Brüder kannten die einzelnen Jäger und ihre
-besonderen Fähigkeiten genau. Man gehörte
-zu einer Familie und setzte sich im Guten
-oder Bösen auseinander.
-</p>
-
-<p>
-Emil Strauß gab den Kampf keineswegs
-auf. Aber er brauchte Zeit. Er mußte die
-Wärter in Sicherheit wiegen. Dank seiner
-Lammsgeduld, seiner guten Manieren hatte
-er es bald erreicht, daß man ihm weniger
-scharf auf die Finger sah. Seine ewig gleichbleibende
-Freundlichkeit hatte etwas Entnervendes,
-Einschläferndes.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Jahre hielt er es in Naugard aus.
-</p>
-
-<p>
-Dann zersägte er die Gitterstäbe, kletterte
-über die Mauern. Wenige Stunden später war
-er wieder in Berlin.
-</p>
-
-<p>
-Hier möchte ich eine kurze Charakteristik
-über Emil Strauß, die wohl auf diese Zeit
-seines Lebens Bezug hat und die sein Verteidiger,
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Herr Dr. Carl Loewenthal-Landegg,
-im „Tagebuch“ veröffentlichte, einflechten.
-Sie eröffnet eine merkwürdige Perspektive
-über den Denkprozeß unseres Helden. Offenbar
-gibt es für ihn oder gab es zumindest so
-etwas wie das legale Verbrechen oder Notwehr
-des einzelnen im Kampfe gegen den
-Staat. Eine Art von Urfehde mag ihm da vorgeschwebt
-haben. Irgendwo in dem Gefüge
-der Gesetze mußte es doch eine Masche geben,
-durch die ein gewandter „Jurist“ entschlüpfen
-konnte. Mit der höchsten Aggressivität
-gegen alles, was Gericht und Polizei hieß,
-scheint er eine subtile Kenntnis der einzelnen
-Paragraphen und so etwas wie Respekt vor
-dem Gewerbe des Anklägers zu besitzen.
-Beide leben von derselben Materie. Es fragt
-sich nur, wer am ersten dabei zu Grunde geht.
-</p>
-
-<p>
-„Vor Jahren sah ich ihn zum ersten Male in
-meiner Sprechstunde ... Ein eleganter, hoch
-aufgeschossener Kavalier; tadelloser Gehpelz
-und modernster Zylinder, den geschmackvollen
-Spazierstock in der wildlederbekleideten
-Hand. Er bat mich in ruhigem, vornehmem
-Tone, seinen Namen verschweigen zu dürfen:
-nur eines Freundes wegen komme er, der
-sich infolge eines Konfliktes mit dem Gesetze
-verbergen müsse.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Ob ich ihm über gewisse Auslieferungsverträge
-Auskunft geben könne. Ich mußte die
-Antwort als „Rechts“-Anwalt ablehnen. Aber
-dann sprachen wir weiter über allerhand Fragen
-aus dem Strafrecht, und ich bewunderte
-seine Kenntnisse. Einer vom Fach, dachte ich
-mir ... vielleicht ein gescheiterter Referendar
-oder ausgeglittener Assessor. Dem widersprach
-ein Etwas, über das ich mir im Augenblick
-nicht klar wurde ...
-</p>
-
-<p>
-Das Gespräch und sein Abschied sehr korrekt;
-nur alles sonderbar zögernd ...
-</p>
-
-<p>
-Bald darauf hörte ich von einem der Schwerklienten,
-daß es Emil Strauß war: ... wieder
-einmal nach dem Ausbruch und eifrig gesucht ...“
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-7">
-VI.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Dieses Kapitel möchte man überschreiben:
-Auf dem Gipfel der Macht. Der Beschreibung
-der Eleganz und guten Manieren dieses Philosophen
-unter den Einbrechern möchte ich zunächst
-die etwas tragischere seines Schattenbildes
-angliedern. Gleichfalls von Herrn Dr.
-Loewenthal-Landegg entworfen:
-</p>
-
-<p>
-„Dann, nicht lange darauf war’s, in einer
-kleinen Kneipe in NO ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-An einem im Halbdunkel stehenden Tische
-saß Emil Strauß in einem größeren Kreise
-gleichaltriger Leute. Wieder fiel mir sein
-tadelloses Äußere auf und die Ruhe seines
-Wesens; ein auffallender Kontrast zu der
-unsteten, wüsten Umgebung. Nichts störte
-die gediegene Note der Erscheinung ... keine
-unmögliche Krawatte und kein greller, schreiender
-Velourhut, wie ihn sonst die Männer
-vom Brecheisen und Dietrich tragen, wenn
-sie in Zivil gehen.
-</p>
-
-<p>
-Er schien mich sofort zu erkennen. Nur
-ein kurzes, unmerkliches Nicken sagte mir,
-daß er auf meine Verschwiegenheit rechnete.
-Stumm saß er, ohne an den Gesprächen und
-Zoten der Gefährten teilzunehmen. Allein
-die beweglichen Augen sprachen und durchforschten
-jeden der Anwesenden und Kommenden.
-Sein Glas mit schalem Bier stand
-unberührt die halbe Nacht. Er nippte nicht
-einmal daran. Die um ihn behandelten ihn
-mit eigenartiger Scheu, wie einen Ehrengast,
-den man achtet.
-</p>
-
-<p>
-Später sammelten sie für einen, der „alle“
-geworden war, und dessen hungernde Familie.
-Jeder von den Männern und ihren Bräuten
-gab etwas. Er aber leerte ohne Besinnen
-die ganze Brieftasche auf den Haufen, und
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-ehe sie noch etwas dazu sagen konnten und
-wollten, verschwand er schnell hinaus in die
-Nacht.“
-</p>
-
-<p>
-Hier ist das eigentliche Milieu dieser letzten
-Verwandlung des vielseitigen und unruhigen
-Geistes.
-</p>
-
-<p>
-Von Freund zu Freund lief er jetzt und
-sammelte Material. Geht zum Anwalt, um
-ihn zu konsultieren. Beschreitet gewissermaßen
-den Rechtsweg wie ein Herr, der zu
-verlangen hat. Ein Verbannter.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt keine andere Möglichkeit als die
-Gewalt.
-</p>
-
-<p>
-Ringsum nur Gefahren. Die Häscher sind
-ihm unablässig auf den Spuren. Aber er
-kennt weder Müdigkeit noch Furcht.
-</p>
-
-<p>
-Sicherlich kommt noch eines hinzu. Vielleicht
-unbewußt. Jedenfalls mußte er der
-damaligen Volksstimmung unterliegen. Das
-Fluidum der Revolution hat gewiß auch
-seinen Nacken gesteift. In ihm loderte der
-Protest am stärksten. Die Tausende kämpften
-einen allgemeinen Kampf für irgendein
-Ideal, für eine Zukunft, für große Schlagworte,
-wie Freiheit, Achtstundentag, bessere
-Löhne, Beteiligung am Umsatz.
-</p>
-
-<p>
-Die Massen waren aufgescheucht und wirbelten
-in dem Körper des Staates, der im
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Fieber zuckte. Allenthalben wurde gekämpft.
-Aufruhr brüllte durch die endlosen und starren
-Straßen, gegen das Parlament. Seltsame
-Gerüchte schwirrten um. Die Unsicherheit
-des Daseins, das Abenteuer hatte unzählige
-Menschen der angeborenen Schüchternheit
-entrissen und sie in den allgemeinen Wirbel
-geschleudert.
-</p>
-
-<p>
-Strauß aber hatte seinen persönlichen Krieg,
-seine individuelle Revolution durchzukämpfen.
-Solange der einzige Mensch auf Erden,
-dem er sich verbunden fühlte, dem er Treue
-zu halten verpflichtet war, weil er auch ihm
-Treue hielt, ja von seinem Leben abhängig
-war, solange der Bruder im Kerker schmachtete,
-gab es für ihn keine Ruhe. Langsam
-reifte in ihm der tollkühne Plan zu seiner
-Befreiung.
-</p>
-
-<p>
-Mit zwei Freunden macht er sich am
-siebenundzwanzigsten November, abends auf
-den Weg. Mit dem letzten Zug fahren sie hinaus
-nach Naugard. Gutgekleidete Reisende.
-Unauffällig. Wenig Gepäck. Es enthält
-Wäsche und Kleider. Eine Strickleiter.
-Werkzeuge aus dem besten Stahl.
-</p>
-
-<p>
-Der eine der Begleiter wußte genau die
-Zelle, hatte den Plan erläutert.
-</p>
-
-<p>
-In der Nacht halten die Drei vor dem riesigen,
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-in drohende Finsternis gehüllten Zuchthaus.
-</p>
-
-<p>
-Das Feld weit und breit mit hohem Schnee
-bedeckt. Er dämpft jeden Laut, leuchtet
-genügend, um die Fenster erkennen zu
-können. Aber es gilt, auch schnell zu handeln,
-denn jeden Moment kann irgendein Zufall
-zu Überraschungen schon hier draußen
-führen.
-</p>
-
-<p>
-Eine kurze Beratung, die Fenster werden
-gezählt. Und schon sausen Schneeballen hinauf,
-um den Schlafenden zu wecken, zu alarmieren.
-</p>
-
-<p>
-Aber es rührt sich nichts. Offenbar ahnt
-er gar nichts. Es wurde nie aufgeklärt, ob
-Erich von der Befreiung unterrichtet war.
-Auch die Namen der Begleiter wurden nie
-entdeckt. Deshalb liegen die Einzelheiten
-dieser Heldentat vollkommen im Dunkel.
-</p>
-
-<p>
-Jedenfalls entschließt sich Emil, mit Gewalt
-in das Haus einzudringen.
-</p>
-
-<p>
-Die Strickleiter saust durch die Luft und
-hakt fest an den Zacken des Gitters. Er steht
-im wohlbekannten Hof vor dem mächtigen
-eisernen Tor. Es wird aufgesprengt. Mit einer
-fabelhaften Präzision und Ruhe muß eine
-Tür nach der andern seiner Wut und Entschlossenheit
-weichen. Schließlich steht er
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-vor der Zelle des Bruders. Auch diese Tür
-wird aufgestemmt.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt gilt es, zu zweit den gleichen Weg
-zurückzulegen.
-</p>
-
-<p>
-Kein Wärter begegnet ihnen – keine
-Alarmglocke heult durch das Haus.
-</p>
-
-<p>
-Auch dieses Wunder gelingt. Erich wird
-eingekleidet. Dann marschieren die vier Männer
-fünf Stunden durch die Nacht zu einem
-kleinen Bahnhof und gelangen unbehelligt
-nach Berlin zurück.
-</p>
-
-<p>
-Die Morgenblätter sind bereits voll von
-dieser verwegenen Tat. Die Polizei verdoppelt
-ihre Anstrengungen. Die Stadt hat die
-beiden aufgenommen. Verschluckt.
-</p>
-
-<p>
-Wenige Tage der Ruhe aber genügen, um
-den Eifer der beiden zu verdoppeln.
-</p>
-
-<p>
-Sie inszenieren den kühnsten ihrer Einbrüche,
-den verwegensten, den Berlin vielleicht
-je erlebte. In der Nacht vom zweiten
-zum dritten Dezember 1919 rauben sie das
-Seidenhaus der Firma Dressel in der Niederwallstraße
-zu Berlin aus.
-</p>
-
-<p>
-Am Samstag, dem zweiten Dezember, lassen
-sich die beiden in dem zum gleichen
-Häuserblock, aber auf der abgekehrten Seite
-liegenden Gymnasium einsperren. In der
-Nacht klettern sie über die Dächer der Nachbarhäuser
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-auf das Dach des Warenhauses.
-Mit einer Strickleiter gelangen sie in die Höhe
-des Warenlagers. Drücken ein Fenster ein.
-</p>
-
-<p>
-Fast vor den Augen der Wächter.
-</p>
-
-<p>
-Gelangen in das Innere des Hauses und
-räumen die dort aufgespeicherten Schätze zusammen.
-Verschnüren sie zu Ballen.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Straße warten die Hehler mit
-Wagen, um die Ware abzutransportieren.
-</p>
-
-<p>
-Nicht weniger als sechsmal mußten sie
-diesen lebensgefährlichen Weg zurücklegen.
-Klettern, springen, gleiten.
-</p>
-
-<p>
-Am Sonntag steigen sie ab und gehen zu
-Kempinski, das alte Berliner Weinrestaurant,
-speisen. Kehren ruhig zu ihrer Arbeit zurück
-und vollenden sie am Montag früh. Zwei
-Nächte und einen Tag hielten sie sich an der
-Arbeit. Der Wert des Raubes betrug mehrere
-hunderttausend Mark. Er selbst löste für
-die „Sore“ (Beute) nur siebzehntausend Mark,
-ein herzlich geringer Betrag, zumal da es
-Papiermark waren. Der eigentliche Wert
-dürfte etwa den gleichen Betrag in Dollars
-ausgemacht haben.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich wußte die Polizei sofort, wessen
-Werk dieser Einbruch war. Das Einsteigen
-in Warenhäuser war die Spezialität der Brüder.
-Große Firmen wie Michels und Wertheim
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-waren ihrer Geschicklichkeit zum Opfer
-gefallen. Auch hier hatte er, an den Fassaden
-emporkletternd, Stoffe im Werte von
-hunderttausenden geraubt und verschärft.
-Die Ware wurde nie wieder gefunden. Auch
-von den Geldern nichts. Einen anderen verwegenen
-Zug unternahm er gegen einen großen
-Juwelier in der Passage Friedrichstraße, dessen
-Laden er ausräumte, ohne daß auch nur eine
-Spur entdeckt wurde, weder von ihm, noch
-von den geraubten Kostbarkeiten. Immer
-fiel ihm reiche Beute in die Hände, für tausende
-von Dollars. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen.
-Es gab für sie keine Hindernisse, Abwehrmaßnahmen.
-Sie kletterten an den Fassaden
-über Dächer und Mauern, wie andere über
-Straßen gehn.
-</p>
-
-<p>
-Dies war der letzte und größte Einbruch
-der beiden Einbrecherkönige, deren Namen
-in aller Munde waren und eine Popularität
-erlangten, wie kaum ein gleich mutiger und
-verwegener Abenteurer vordem.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-8">
-VII.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Hier beginnt nun ein Abschnitt im Leben
-dieses sonderbaren Menschen, der für ihn
-vielleicht die glücklichste Zeit bedeutete. Ihn
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-zugleich aber auch zum ersten Male vor den
-Ausgang aller Abenteuer früher oder später
-stellte und um ein Haar in den Abgrund
-gerissen hätte.
-</p>
-
-<p>
-Die Schwierigkeit der Erhellung der einzelnen
-Phasen seiner Entwicklung liegt vor
-allem in der vollkommenen Abseitigkeit des
-Lebens, das Strauß führte. Entweder er war
-eingesperrt hinter Kerkermauern. Dann
-schlief sein dunkles Ich. Das Tier, die Haßinstinkte
-wandelten sich in der Einsamkeit
-in den starken Trieb nach Bildung. Er studiert
-Sprachen, Stenographie, Elektrotechnik.
-Schreibt Gedichte von einer seltsamen
-Vollendung. Natürlich abhängig von den
-Dichtern, die er jeweils liest. Sein künstlerisches
-Empfinden ist allerdings nicht originär.
-Aber er besitzt angeborenes Formgefühl.
-Mit artistischer Gewandtheit weiß
-er sich einzufühlen in Stimmungen und
-Rhythmen, die ihm geläufig bleiben. Das
-Wort versagt ihm nie den Dienst. Wenn
-er will.
-</p>
-
-<p>
-Die Tage der Freiheit sind mit wildem
-Tatendrang ausgefüllt. Es leidet ihn nicht
-in der Enge der Wohnung. Arbeit kann er
-als Zuchthäusler und berüchtigter Einbrecher
-ja doch nicht finden. Niemand würde ihn
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-aufnehmen. Niemand an seine Besserung
-glauben.
-</p>
-
-<p>
-Für Menschliches bleibt da kein Raum. Er
-führt das Leben eines Einsiedlers. Eines
-Fanatikers, der nur an seine Pläne denkt.
-In einer eingebildeten Welt umherrast und
-ausbricht in die reale und dort Unheil gegen
-sich und die Mitmenschen anrichtet. Zweifellos
-unterliegt er ganz starken, unwiderstehlichen
-Trieben, die sein ganzes Denken absorbieren
-und jede Erwägung über Gut und Böse
-lähmen. Insofern fällt er unter die Menschen,
-vor denen sich die Gesellschaft schützen
-muß. Auf welche Weise, ist allerdings
-nachdem einmal der Weg der Strafen beschritten
-wurde, schwer zu sagen. Das
-Schicksal wollte, daß Strauß im gleichen Moment,
-wo seine Tage Menschlichkeit und
-seine Züge den Ausdruck allgemeiner Verfassung
-gewinnen, zu Fall kam.
-</p>
-
-<p>
-Im Verlauf des großen gegen ihn und
-seinen Bruder geführten Prozesses sagt er
-an einer Stelle:
-</p>
-
-<p>
-„Wir sind auch in dieser Beziehung Außenseiter
-und Schwerverbrecher einer Art, wie
-sie nur selten herumlaufen.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben nie viele Freunde gehabt, niemals
-in Kaschemmen verkehrt.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Hier haben wir einen klaren Einblick in die
-Verfassung dieses Menschen. Er ist sich
-seines Wertes wohl bewußt. Schätzt diese
-Abseitigkeit und frißt zugleich die Wollust
-der Ausgestoßenen in sich hinein, die als
-Rache wiederkehrt und sich gegen die Gesellschaft
-wendet. Sein Stolz verbietet ihm,
-in die dumpfen Niederungen zu tauchen, in
-denen die Zunftgenossen zu leben gezwungen
-sind. Wo sie ihrer menschlichen oder unmenschlichen
-Leidenschaft nachgehen können
-und die Tage der Freiheit so verbringen,
-wie es ihnen paßt. Sie sonnen sich an ihren
-Erfolgen, berauschen sich an neuen Möglichkeiten
-und haben jedes Bewußtsein für die
-Unrichtigkeit ihrer Existenz im Zusammenhang
-mit der anderen Hälfte der Menschheit
-verloren.
-</p>
-
-<p>
-All diese Heimlichkeiten offizieller und betrachtender
-Feier fehlen im Leben dieses
-Einzelfalles. Er gleicht einem Beamten, einer
-Maschine, die nicht stillstehen kann, ohne
-wertlos zu werden.
-</p>
-
-<p>
-In dieses rauhe Dasein, das von tausend
-freiwilligen und geliebten und noch mehr unfreiwilligen
-und gefürchteten Gefahren umlauert
-ist, tritt als Unterbrechung die rührende
-Idylle einer großen Liebe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Aus den Erläuterungen über den Ursprung
-seiner Laufbahn wissen wir, welcherart sein
-erstes erotisches Erlebnis war. In der Zeit
-der stärksten Bindung an seine Mutter und zugleich
-Hoffnungslosigkeit, je wieder menschliche,
-selbstverständliche Zärtlichkeit zu finden,
-überfällt ihn die kalte und brutale Zärtlichkeit
-einer abgefeimten Dirne, der er wehrlos,
-aber voll unauslöschlichen Ekels unterliegen
-muß. Dieses Erlebnis hat er niemals
-verwinden können, und welche Bedeutung
-es für ihn haben muß, geht aus der Tatsache
-hervor, daß der sonst wortkarge und verschlossene
-Mensch in vollster Öffentlichkeit
-vor ganz Deutschland gewissermaßen die
-Worte findet, seine Qual und seinen Ekel
-hinauszuschleudern.
-</p>
-
-<p>
-Zugleich aber bildet diese Wunde, der
-ständige Reiz, der von ihr ausging, einen Teil
-seines ewig wachen und kalten Selbstbewußtseins.
-</p>
-
-<p>
-Über das erotische Leben dieses Mannes,
-über seine allzu menschlichen Abenteuer weiß
-man gar nichts. Er hängt mit verbissener
-und grandioser Liebe an seinem Bruder und
-seiner Schwester. Widmet ihnen seine Dienste
-über den Tod hinweg in einer seltsamen
-und düsteren Treue, die auf jeden Menschen
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-einen ergreifenden und echten Eindruck
-macht.
-</p>
-
-<p>
-So lebte er bislang.
-</p>
-
-<p>
-Dann trat eine Frau in sein Leben und
-alles wurde anders.
-</p>
-
-<p>
-Emil lernte sie eines Abends in einem Caféhaus
-am Alexanderplatz kennen. Nannte
-sich Vogel und war als Verliebter eigentlich
-genau so, wie er als Typus in der Geschichte
-der Kriminalfälle unserer Zeit weiterleben
-wird. Voll unermüdlicher Höflichkeit. Still
-und doch lebendig. Aufopfernd. Las der
-Freundin jeden Wunsch von den Augen ab.
-Für Geld hatte er keinerlei Sondergefühle.
-Gab es mit vollen Händen aus. Kaufte ihr
-Kleider und Wäsche. Er war Schlosser und
-verdiente. Führte auch seinen Bruder ein.
-Zog schließlich ganz zu ihr. Lüftete aber nie
-das Geheimnis, das sich hinter dem rätselhaften
-Vogel verbarg.
-</p>
-
-<p>
-Als der Vater der Freundin starb, kaufte
-er ihr Trauerkleider und ging ihr zuliebe auch
-in Trauer.
-</p>
-
-<p>
-Nicht nur die Richter legten ihm diese
-Rolle übel aus. Fanden seine Zärtlichkeit
-und die Schonung, die eigentlich aus allen
-seinen Handlungen sprach, unaufrichtig,
-seine Freigebigkeit verschwenderisch. In
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Wirklichkeit aber hatte ihn zum ersten Male
-der Hunger nach Leben gepackt. Die Erkenntnis
-vor der endlichen Fruchtlosigkeit
-seines Kampfes mochte ihm ganz entfernt
-und leise dämmern. So klammerte er sich
-mit allen Fasern seines liebebedürftigen und
-bisher verschmähten Herzens an dieses Erlebnis
-und war entschlossen, es bis zum Ende
-auszukosten.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Ende sollte bald hereinbrechen.
-</p>
-
-<p>
-Im Dezember des Jahres 1919 herrschte
-geradezu eine Epidemie der Einbrüche und
-Überfälle. Die Polizei war Tag und Nacht
-auf den Beinen. Alle Kommandos waren
-ständig unterwegs. So suchte am neunten
-Dezember ein Kommando unter Führung des
-Kriminalwachtmeisters Erdmann nach den
-Urhebern eines Raubüberfalles auf einen
-Geldtransport der Post in der Nähe des
-Schlesischen Bahnhofes.
-</p>
-
-<p>
-Nun waren bei der Polizei Nachrichten eingegangen
-über die auffallenden Ausgaben
-einer Witwe B. in der Guineastraße, bei der
-zwei Brüder Vogel wohnten.
-</p>
-
-<p>
-Die Gegend war nicht geheuer und der
-Schluß der Polizei, daß diese Gelder aus unlauterer
-Quelle stammen müßten, vielleicht
-aus jenem Raub, lag nahe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-So machten sich also die Beamten auf den
-Weg zur Guineastraße – fünf an der Zahl.
-</p>
-
-<p>
-Frau B. feierte ihren Geburtstag und es
-ging hoch her. Etwa ein Dutzend Personen
-war um den Tisch des Hauses versammelt.
-Es gab Wein, Schnaps, Kuchen und reichlich
-zu essen und zu trinken.
-</p>
-
-<p>
-Die Beamten betraten die Wohnung und
-erklärten, daß sie eine Hausdurchsuchung
-abhalten müßten.
-</p>
-
-<p>
-Man war einverstanden. Die Personalien
-der Anwesenden wurden festgestellt, und die
-Beamten fanden an dem Namen Vogel nichts
-Verdächtiges. Sie waren ahnungslos und
-fremd in die Wohnung des Löwen geraten.
-</p>
-
-<p>
-Diese Ahnungslosigkeit der Beamten sollte
-das Verhängnis beider Teile werden.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein schwerer Fehler der leitenden
-Stellen der Polizei, daß sie ohne genügende
-Beobachtung Mannschaften, die den Charakter
-der Brüder Strauß nicht kannten, gegen
-diese vorsandten. Sie hätten eruieren müssen,
-wer diese Brüder Vogel sind. Und dann
-ausgewählte Beamte, wie das bei der eigentlichen
-Verhaftung dann auch geschah, auf
-Streife schicken sollen.
-</p>
-
-<p>
-Das ganze Renkontre mit dem tragischen
-Ausgang ist auf diese Unachtsamkeit zurückzuführen.
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Es wäre unter den richtigen Voraussetzungen
-nie zu diesen blutigen Exzessen
-gekommen. Der Ruf des Beamten mußte
-den verwirrten Strauß, der doch sofort bemerkte,
-daß er einen durch seine Unkenntnis
-gefährlichen Gegner vor sich hatte, als die
-Drohung mit Schießen erscheinen, so daß
-psychologisch das Moment der Notwehr gegeben
-war.
-</p>
-
-<p>
-So wurde er das Opfer polizeilicher Unvorsichtigkeit,
-geriet gewissermaßen in eine unfreiwillig
-gestellte Falle, der er nicht entrinnen
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Wie man wirklich seiner habhaft werden
-konnte, ohne viel Aufhebens und vor allem
-ohne jeden Widerstand, bewies später der
-Kriminaloberwachtmeister Dettmann.
-</p>
-
-<p>
-Die drei Kriminalbeamten begannen mit
-ihrer Arbeit. Fanden eigentlich nichts. Bis
-einer auf dem Ofen einen großen Packen
-Geldscheine liegen sah.
-</p>
-
-<p>
-Emil entfernte sich, um eine Leiter zu
-holen. Erich hatte sich beim Eintritt der
-Beamten unbemerkt zurückgezogen.
-</p>
-
-<p>
-Aber der Beamte behalf sich mit einem
-Stuhl, holte das Geld und setzte sich an den
-Tisch, um zu zählen. Zwischendurch fragte
-er Frau B. nach dem Ursprung einer so
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-großen Summe, die sie als die Erbschaft von
-ihrem Vater erklärte. Diese Auskunft genügte
-nicht und er fragte, weshalb denn das
-Geld oben auf dem Ofen liege. Im allgemeinen
-pflege man doch einen solch hohen
-Betrag in der Bank oder an einem sichereren
-Ort zu verwahren.
-</p>
-
-<p>
-Hier mischte sich Emil, der bis jetzt ganz
-ruhig, äußerlich zumindest, geblieben war,
-in die Unterhaltung und motivierte dieses
-Versteck, das nach seinem Dafürhalten durchaus
-sicher sei. Die Beamten durchsuchten nun
-weiter die Wohnung, und Emil zog sich einen
-Augenblick in eine kleine Kammer zurück.
-Seine Abwesenheit wurde aber von Erdmann
-bemerkt, der ihn fragte, was er da mache.
-</p>
-
-<p>
-Da erscholl das Knacken eines Revolvers,
-der Beamte sprang auf und schrie: „Hände
-hoch!“
-</p>
-
-<p>
-Niemals hatten die Brüder Strauß bis jetzt
-irgendeinen Angriff auf das Leben eines Menschen
-unternommen. Sie waren dafür bekannt,
-daß sie nie Waffen trugen. Woher kam
-diese plötzliche Wendung?
-</p>
-
-<p>
-In der Verhandlung erzählte Emil etwa
-folgendes:
-</p>
-
-<p>
-„Eines Tages erschien Erich mit zwei Revolvern
-und übergab sie mir für den Fall,
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-daß wir bei einer unserer Klettertouren abstürzen
-sollten. Dann wollten wir uns erschießen,
-um nicht lange in Qualen sterben
-zu müssen oder als Krüppel herumzulaufen.
-Nie aber, und das machte ich ihm zur heiligsten
-Pflicht, darf auf einen Polizisten geschossen
-werden. Sei es wer immer!“
-</p>
-
-<p>
-Diese beiden Revolver lagen ungeladen in
-der kleinen und finsteren Kammer versteckt.
-</p>
-
-<p>
-In irgendeiner Assoziation, die wohl nur
-aus seiner alkoholisierten Stimmung, aus
-seinem Erlebnis mit der Frau zu erklären ist,
-vielleicht auch aus Verzweiflung und trüber
-Ahnung nahm Emil die eine Waffe und versuchte
-zu laden.
-</p>
-
-<p>
-Dabei schnappte wohl der Hahn und der
-Ruf des Beamten schreckte ihn auf. Riß ihn
-in die entsetzliche Wirklichkeit zurück.
-</p>
-
-<p>
-Er trat in die Stube und auf das Kommando:
-„Hände hoch!“ begann er zu schießen.
-Streckte den Wachtmeister Erdmann
-nieder. Die beiden andern Polizisten schossen
-ihrerseits zurück, und plötzlich tauchte
-auch Erich auf, der sich an dem Gefecht beteiligte
-und wie wild um sich knallte.
-</p>
-
-<p>
-Entsetzt flüchteten die Gäste in wildem
-Tumult.
-</p>
-
-<p>
-Die Polizisten waren sämtlich mehr oder
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-minder schwer verletzt. Die vor der Türe
-postierten beiden Probanden <a id="corr-4"></a>halfen ihren
-verwundeten Kameraden.
-</p>
-
-<p>
-Emil schnappte einen Teil des Geldes vom
-Tisch. Er hatte einen leichten Streifschuß erhalten.
-Die Treppe hinauf ging es und über
-die nächtlichen Dächer auf gewohnten Pfaden
-ins Freie.
-</p>
-
-<p>
-Aber er hatte auf dem Tisch seine Brieftasche
-vergessen. Als man sie öffnete, war
-die Lösung des Rätsels gegeben.
-</p>
-
-<p>
-Die Brüder Strauß waren abermals entwischt.
-</p>
-
-<p>
-Wenige Tage nach dem Kampfe erlag der
-wackere Wachtmeister Erdmann seinen
-schweren Verletzungen. Seinem Kollegen
-Krumpholz, der einen Kopfschuß erhalten
-hatte, mußte ein Auge entfernt werden.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Brüder erkannten, daß jetzt
-ihr Leben auf dem Spiele stand. Die ganze
-furchtbare Gewalt ihres Schicksals stand klar
-vor ihren Augen. Bislang wußten sie, daß
-sie auf Gnade zu hoffen hatten, und daß die
-Polizei bis zu einem gewissen Grade gute
-Miene zum bösen Spiel machte. Sie in den
-Grenzen des Erlaubten schonend und menschlich
-behandelte. All diese Sympathien, auch
-in der Öffentlichkeit, hatten sie sich verscherzt.
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Der Ton der Presse, bis jetzt voll
-heimlicher oder offener romantischer Bewunderung,
-schlug in grelle Entrüstung zu
-Schreien nach Sühne und Vergeltung um.
-Und das mit Recht.
-</p>
-
-<p>
-Selbst gesetzt den Fall, die Schüsse waren
-ein Akt der Notwehr, der Verzweiflung und
-Verwirrung ... ein kühler und beherrschter
-Intellekt wie der des älteren Bruders hätte
-die Gefahr spüren, wittern müssen, der er
-entgegenstürzte in dem gleichen Augenblick,
-da er die Waffe berührte.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden irrten durch Berlin, um einen
-Unterschlupf zu finden. Wohl selbst ihrer
-Sache überdrüssig und gewiß, daß sie nicht
-lange mehr verschnaufen würden.
-</p>
-
-<p>
-Den Ermittlungen der Polizei war es gelungen,
-ihren Aufenthaltsort ausfindig zu
-machen. Am siebenten Januar 1920 erschien
-Kriminaloberwachtmeister Dettmann bei der
-Inhaberin eines Logis im Norden und verlangte
-Einlaß in eine Hinterkammer, in der
-zwei Männer unangemeldet wohnen sollten.
-Ein kurzes Palaver.
-</p>
-
-<p>
-„Aufmachen, Emil, hier ist Dettmann ...
-wir haben Handgranaten.“
-</p>
-
-<p>
-„Wenn ihr vernünftig seid, wir sind es
-auch.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-Dann wurde die Tür geöffnet. Die beiden
-Brüder standen, nur mit dem Hemd bekleidet,
-mit hochgehobenen Armen in der
-Kammer. Sie ließen sich ohne Widerstand
-festnehmen und abführen.
-</p>
-
-<p>
-Mit dieser ihrer Festnahme hat die „Laufbahn“
-der beiden vorläufig ihr Ende erreicht.
-</p>
-
-<p>
-Ein Jahr blieben sie in Untersuchungshaft.
-</p>
-
-<p>
-Die Anklage lautete auf Mord, Gefangenenbefreiung,
-Einbruch.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt begann der Kampf ums Leben.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-9">
-VIII.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Der Tag der Verhandlung war ein großes
-Ereignis.
-</p>
-
-<p>
-Hunderte von Polizisten in Uniform und
-Zivil hielten alle Zugänge zum Moabiter Gerichtsgebäude
-besetzt, das von einer großen
-Menschenmenge, Interessenten, Anhängern
-und Freunden der beiden umlagert war.
-</p>
-
-<p>
-Der Transport der Angeklagten ging unter
-allen nur erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen
-vonstatten. Die an Händen und Füßen gefesselten
-Brüder wurden von einer Schar Bewaffneter
-eskortiert und in den Saal geleitet.
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Dort nahm man ihnen zwar die Handschellen
-ab. Die Füße dagegen blieben mit langen
-Ketten geschlossen, die bei jeder Bewegung
-ein schauerliches Gerassel ertönen ließen.
-</p>
-
-<p>
-Polizisten nahmen neben den Angeklagten
-Platz und hielten die Revolver schußbereit.
-Man war auf alle Eventualitäten und Zwischenfälle
-vorbereitet.
-</p>
-
-<p>
-Trotz der schärfsten Kontrolle aber war es
-einer ganzen Anzahl der Zunftgenossen der
-Einbrecherkönige gelungen, sich auf die Tribünen
-zu schleichen, wo sie friedlich zwischen
-hohen juristischen Leuchten und Herren der
-Gesellschaft saßen. Aber gerade vor diesen
-Anhängern hatte man Angst. Waren doch
-allenthalben Gerüchte verbreitet, daß die
-Gesinnungsgenossen in ihrer Verehrung für
-ihr angestammtes Herrscherpaar sogar zu
-einem Befreiungsversuch entschlossen seien.
-</p>
-
-<p>
-Der Vorsitzende befahl also, zunächst die
-Tribünen zu räumen, was nach einigen
-Schwierigkeiten auch gelang.
-</p>
-
-<p>
-Bleich und mager, aber unerschüttert saß
-Emil Strauß in der häßlichen Gefangenentracht
-auf der Bank und ließ den Blick durch
-den Zuschauerraum gehen, wo er einige Bekannte
-mit einem leisen Kopfnicken begrüßt.
-</p>
-
-<p>
-Dann beginnt die Verhandlung mit den
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-üblichen Formalitäten, nach deren Verlesung,
-Anklage, Vorstrafen der Auftakt, die große
-Überraschung einsetzt. Der Angeklagte Emil
-Strauß erhebt sich und will eine Rede halten.
-</p>
-
-<p>
-Der Staatsanwalt unterbricht ihn.
-</p>
-
-<p>
-Der Redner aber wehrt ab mit der Begründung,
-daß hier ein Menschenleben auf
-dem Spiele stehe und ein paar Minuten deshalb
-keine Rolle spielen dürften.
-</p>
-
-<p>
-Dann gibt es kein Halt mehr für ihn. Er
-ignoriert die Einwände und Aufforderungen
-des Vorsitzenden, zur Sache zu reden. Die
-Sache, das ist eben seine Anschauung von den
-Ursachen und Irrwegen seines jetzigen Zustandes,
-dessen Wurzeln er ausgräbt und bloßlegt.
-Eben in jener Rede, die eingangs bereits
-wörtlich abgedruckt ist.
-</p>
-
-<p>
-Der Eindruck, den sie machte, war überraschend
-und hatte wohl die gut berechnete
-Wirkung, allen bösen Anschauungen, die die
-Geschworenen durch Presse und Legende in
-sich aufgenommen hatten, durch einen echten
-und menschlich ergreifenden Urtext zu verdrängen.
-Natürlich war die Art seines Vortrags
-dem Inhalt entsprechend. Klar und
-kompliziert zugleich, tief durchdacht und
-schließlich doch gebunden an die böse Realität
-seiner Existenz, die nun hier vor der letzten
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Instanz sich an ein menschlicheres Ohr
-wandte, als er es bisher in der Welt gefunden.
-</p>
-
-<p>
-Dieser ungewohnte und doch wahre, nüchterne
-und durch keine Phantasie auszudenkende
-Bericht erregte in ganz Deutschland
-größtes Aufsehen. Nur nicht an der
-Stelle, wo es der Fall hätte sein müssen.
-</p>
-
-<p>
-Der Staatsanwalt begründete die Anklage
-formal und psychologisch auf Mord.
-</p>
-
-<p>
-„Von Notwehr kann keine Rede sein.
-Weder wußten die Polizisten, mit wem sie
-es zu tun hatten, noch lag ein Grund zu
-einem Angriff von ihrer Seite vor. Sie rechneten
-auch gar nicht damit, da alles in Ordnung
-und Ruhe vor sich ging und niemand der
-Betroffenen, am allerwenigsten Emil Strauß,
-auch nur eine Spur von Erregung zeigte.
-</p>
-
-<p>
-Als der eine der Beamten den Angeklagten
-in der Nebenkammer, die er noch gar nicht
-bemerkt hatte, rumoren hörte, fragte er instinktiv,
-und das Kommando „Hände hoch!“
-war keineswegs ein Signal für einen Angriff
-seinerseits, sondern lediglich ein Warnungsruf,
-eine Aufforderung in der eigenen erkannten
-und zur Gewißheit gewordenen Gefahr.
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf betrat Emil Strauß das Wohnzimmer,
-den erhobenen, schußbereiten Revolver
-in der Faust, und zielte mit absoluter
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-Ruhe und Kaltblütigkeit wie auf dem Übungsplatz
-gegen die Polizisten, die gleich vor der
-Mündung saßen oder standen.
-</p>
-
-<p>
-Zwischen dem Verlassen des Zimmers und
-seinem Wiederauftreten mit <a id="corr-5"></a>der geladenen
-Waffe liegt die Überlegung und der Entschluß,
-zu morden. Sich mit Gewalt aus der
-brenzligen Situation zu retten.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Brüder gehören ihrem ganzen
-Wesen nach zu den gefährlichsten Einbrechern,
-die Berlin je heimsuchten, und es liegt
-in ihrer Natur, auch wenn sie heute mit bombastischer
-Rede und psychologischen Erklärungen
-ihre Taten als zwangsläufig und
-unabwendbar hinstellen möchten, daß sie vor
-nichts, auch nicht vor der Vernichtung blühender
-Menschenleben zurückschrecken.
-</p>
-
-<p>
-Durch die Aussagen der Beamten ist ferner
-erwiesen, daß keiner der beiden auch nur angetrunken
-gewesen wäre, geschweige denn,
-wie Emil angibt, vollkommen benebelt. Dagegen
-spricht ihre sofort folgende Klettertour
-über die vereisten Dächer.
-</p>
-
-<p>
-Die Tat ist bei voller Besinnung und in
-klarer Erkenntnis der Folgen begangen.“
-</p>
-
-<p>
-So etwa lautete das lange und kunstgerecht
-aufgebaute Plaidoyer des Staatsanwaltes,
-der Todesstrafe beantragte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Dann folgte die Rede des Verteidigers, der
-das Gegenteil feststellte und vor allem die
-Tatsache unterstrich, daß gerade diese beiden
-gefährlichen Verbrecher nie auch nur eine
-Spur gewalttätiger Gesinnung gezeigt hätten.
-Daß Emil mit Tränen in den Augen sagte, er
-werde nach seiner Entlassung bis an sein
-Lebensende für Frau Erdmann arbeiten, und
-sie möge ihm doch verzeihen.
-</p>
-
-<p>
-Gerade die menschlichen und so komplizierten
-Seiten der früh verstoßenen und unglücklichen
-Menschen legte er dar und appellierte
-an das Gewissen der Geschworenen.
-</p>
-
-<p>
-Und er behielt recht. Die Geschworenen
-zogen sich zu dreistündiger Beratung zurück
-und fällten den Wahrspruch: Totschlag.
-</p>
-
-<p>
-Das Urteil lautete in der Zusammenfassung
-mit anderen Strafen zu der gesetzlich zulässigen
-Höchststrafe von fünfzehn Jahren
-Zuchthaus.
-</p>
-
-<p>
-Die Strafe wurde von den Brüdern angenommen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-10">
-IX.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Hier wäre nun der Kreis und die Summe
-der Taten dieses Verbrechers, der Mensch
-werden wollte und nicht durfte, die rein oder
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-vermischt kriminalistisches Interesse beanspruchen
-können, geschlossen. Die Gerechtigkeit
-hat ihren Lauf genommen, wurde befriedigt
-und der Sünder hat seine Buße angetreten.
-</p>
-
-<p>
-Der Physis nach, soweit das vorbestimmte
-Los den Menschen Strauß zum Einbrecher,
-zum Opponenten gegen die öffentliche Moral
-und schließlich zum Mörder werden ließ, wäre
-hier sein Leben, soweit es die Öffentlichkeit
-erregte, fesselte und entsetzte, beendet.
-</p>
-
-<p>
-Doch wie aus dem Gesagten erhellt, lief
-parallel zu diesem gewalttätigen, häßlichen
-und niedrigen Kampf, so sehr er auch vorbedingt
-war von einem ehrlich gefühlten und
-gedeuteten Haß, der Kampf des klugen und
-weichen, lebendig bewegten und spekulativen
-Menschen Strauß. Der feierte seine
-Auferstehung im düsteren Gestank der Zelle,
-fern aller anderen Anregung als der der toten
-Buchstaben. Anteil am Kampf um Bildung,
-Wissen, Glauben der Menschen in Freiheit
-blieb ihm versagt. So nährte er sich von den
-Brosamen des reichbestellten Tisches und
-ward zwar blaß und schattenhaft, aber er
-spürte sich wachsen.
-</p>
-
-<p>
-Und das Licht des unvergitterten Tages
-bekam ihm auch nicht. Im Gegenteil. Er
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-mußte in Ohnmacht gegen den Dämon verstummen.
-</p>
-
-<p>
-Unterlag immer wieder dem nie endenwollenden
-Haß, der finsteren Rachsucht, die
-die Hände zu Dietrich und Stemmeisen und
-schließlich zum Revolver greifen ließ.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch lebte der weiße Bruder in diesem
-Wesen weiter.
-</p>
-
-<p>
-Zwiespältig geboren, gleich stark begabt,
-war es eine Frage der Zeit oder der Niederlage,
-welcher Teil seines Wesens den Sieg
-davontragen würde.
-</p>
-
-<p>
-Der Abgrund, der aus seiner Schreckenstat
-aufklaffte, der Rand des Grabes, dem er wie
-durch ein Wunder entging, das Wehen der
-anderen Welt trieben ihn zur Besinnung. Es
-scheint wirklich, als habe ein Teufel ihn besessen,
-im übertragenen Sinne. Und der
-Donner der letzten Stunde und das Sterben
-eines Unschuldigen mußten ihn befreien.
-</p>
-
-<p>
-Das Jahr der Untersuchungshaft bedeutete
-für ihn mehr als das Warten auf den letzten
-Spruch. Mehr als die Bilanz eines verpfuschten
-Lebens. Wollte er Ja sagen, so gab es für
-ihn keine bessere Lösung, als sich entweder,
-wie so oft zuvor, den Armen der Justiz zu
-entwinden oder Schluß zu machen. Mit
-diesem Leben und allem Zukünftigen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Und hier gab es für ihn wie für jeden Menschen
-schließlich zwei Möglichkeiten, unter
-denen er wirklich in Freiheit zu wählen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Einmal den Weg, den wohl die meisten
-Verzweifelten gehen, die am Ende sind mit
-ihrer Kraft, denen das Leben ausging unter
-den saugenden Umklammerungen des Unglücks
-... den Selbstmord. Dieser Weg stand
-ihm offen, durchaus und wahr als ein begreifliches
-Los nach dem Zusammenbruch aller
-menschlichen und erotischen Möglichkeiten
-auf ein ganzes Menschenalter hinaus. Sicher
-hat dieser extreme Ausgang in der Nacht der
-Kerkermauern oft vor seinem geistigen Auge
-gestanden. Die große Gleichgültigkeit und
-Ermattung, die ganz heimliche und letzte
-verzweifelte Erkenntnis, die ja doch wohl der
-wahre Sinn dieses Lebens, daß alles keinen
-anderen Sinn haben kann als den des dummen
-und sinnlosen Alterns und Sterbens.
-Und je schneller man diesen Weg beendet,
-desto besser.
-</p>
-
-<p>
-Trotzdem vermied er diesen gewalttätigen
-Schluß.
-</p>
-
-<p>
-Die Bindung an den Bruder mag da mitgesprochen
-haben wie die andere, so verhängnisvolle
-an die Geliebte. Aber sicher nur
-sekundär.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Der wahre und zugleich tiefere Grund ist
-wohl seine ursprüngliche und robuste Bejahung
-des Daseins, die primitive und durch
-keinen Aderlaß der Vorfahren gebrochene
-Lust an der Arbeit, die naive Freude am
-Weiterkommen, der Glaube an die Bedeutung
-des einzelnen für die Gesamtheit oder
-für ein so imaginäres Ziel wie den Fortschritt
-oder die Wissenschaft oder ... die Gesellschaft.
-Der eingeborene soziale Instinkt und
-die Hochachtung vor dem eigenen mühsam
-erworbenen Wissen, sein Selbstbewußtsein
-hielten ihn ab.
-</p>
-
-<p>
-Aber er löste das Problem dennoch, wenn
-auch auf eine ganz unwahrscheinliche und
-abseitige Art. Er tötete den gewesenen Menschen
-in sich ab. Das mönchische Prinzip von
-der Abtötung des Fleisches, das ihm doch
-durch das Gefangenenleben schon ausgiebigst
-vertraut war, trieb er auf die Spitze in geradezu
-ekstatischer Raserei. Zugleich als einzigen
-Ausweg, um überhaupt die erdrückende Last
-der Zukunft ertragen zu können.
-</p>
-
-<p>
-Er wußte zuviel, um als haßerfüllter Sträfling
-in der Masse der Namenlosen untergehn
-zu können.
-</p>
-
-<p>
-Er hoffte zuviel, um Hand an sich legen
-zu können.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-So wählte er den esoterischen Weg der
-Flucht in die sinnvolle unsinnliche Konzentration
-und Versenkung in Gott.
-</p>
-
-<p>
-Er wählte das letztere.
-</p>
-
-<p>
-Von der frühesten Kindheit bis zur letzten
-Verhaftung bildete dieses Dasein eines Verstoßenen
-eine Kette unaussprechlicher Leiden,
-die niemand begreifen konnte. Finsteres
-Verhängnis hielt den Gleitenden gefaßt und
-stieß ihn immer tiefer abwärts.
-</p>
-
-<p>
-Das war kein leichtsinniger oder zynischer
-Bruder, der da über dem Abgrund schwebte
-und Läden plünderte. Der zwölf Jahre Kerker
-absolvierte, um immer wieder zu frischen
-Strafen bereit zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Sondern ein düsterer, schwerblütiger und
-verzweifelter, ein ewig fragender und belasteter
-Intellektueller, der aus Passivität
-gegen sein Geschick zum Verbrecher wurde.
-</p>
-
-<p>
-Seine Aggressivität war die Betäubung der
-Stimme in der Brust, die das große Warum
-dieses Daseins niederbrüllen sollte. Das Erwachen
-war immer grauenhaft.
-</p>
-
-<p>
-Man kann sich einen reinen Typus des Empörers
-vorstellen, der auf eigene Faust und
-ungehemmt seinen Kampf austrägt und von
-keinen metaphysischen Sorgen behelligt von
-Tat zu Tat schreitet und seinem Ende, das
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-früher oder später doch kommen muß, gelassen
-entgegenschaut.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Typus des Eroberers, des Kolonialmenschen
-ist dieser Emil Strauß nicht. Die
-Verkrümmung seiner energischen Linie liegt
-ganz früh. Vielleicht kam er mit ihr auf die
-Welt. Es ist sicher, daß er in anderer, gesünderer
-Umgebung ein bedeutender, um
-nicht zu sagen ein großer Mensch geworden
-wäre.
-</p>
-
-<p>
-So aber, außerhalb aller menschlichen Beziehung,
-ein Verbannter in der Heimat, entfernte
-sich auch sein Rückweg, die Umkehr
-ganz und gar von der Norm.
-</p>
-
-<p>
-Der Angleich an die Welt kann ihm nicht
-gelingen. Er gleitet an ihr vorüber und
-landet in einem metaphysischen, religiösen
-System, der Christian Science.
-</p>
-
-<p>
-Wert oder Unwert dieser Lehre, die aus
-Amerika, wo sie Anhänger nach Millionen
-zählt, soll hier nicht untersucht werden.
-</p>
-
-<p>
-Die Voraussetzung allen metaphysischen
-Erlebens ist natürlich der Glaube, sei es an
-Gott oder den Teufel oder an sich selbst und
-die im Menschen wurzelnden, unbekannten
-Kräfte. Sei es auch nur die Hoffnung, einem
-Glauben verbunden zu sein und einer gleichgerichteten
-Schar, daß man menschliche
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Nähe wieder spüre, eine Hand, die in die
-gräßliche und einsame Finsternis dieses Lebens
-langt, mit etwas Wärme behaftet.
-</p>
-
-<p>
-Jedenfalls steht das eine als ein sonderbares
-Mysterium, wäre man versucht zu
-sagen, fest, daß das Leben dieses bisher in
-heftigster Feindschaft zur Welt exaltierenden
-Menschen sich in das krasse Gegenteil
-verkehrte: Weltflucht und Verneinung des
-Leidens, der Strafe, der Sinne, aller Verführung
-und Gewalt, aller Erregung und
-allen Widerstandes gegen den Willen Gottes,
-der sich ebenso mannigfach äußert, wie es
-Emotionen der Umwelt geben kann.
-</p>
-
-<p>
-Sicherlich lag dieser Ausweg als der vielleicht
-einzig mögliche durchaus in seiner
-Linie. Sein Wesen erscheint in keiner Weise
-verändert. Aber dadurch, daß er die Kerkermauern
-leugnet, sich dahin gebracht hat, sie
-nicht zu sehn, bekam er überhaupt erst Luft
-zum Weiterleben. Von dem Schrecken des
-Lebendigbegrabenseins hat der „Laie“ keinerlei
-Vorstellung. Er ist für einen Menschen
-mit empfindsamen Nerven durchaus tödlich.
-Die Vorstellung, fünfzehn Jahre lang keinen
-Baum und keinen Himmel, keinen Menschen
-und kein Tier sehen zu dürfen, nachdem man
-bereits zwölf solch höllischer Jahre kraft der
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Jugend und des Nichtbegreifens überstand,
-muß einen Charakter auch von eisernster
-Willensstärke zermalmen.
-</p>
-
-<p>
-Aber das System des Glaubens an die
-innere Freiheit hat so feste Wurzel in dem
-Herzen dieses Mannes im Kerker geschlagen,
-daß er frohen Muts in die Zukunft schauen
-kann. Es gibt für ihn eine Zukunft.
-</p>
-
-<p>
-Er hat Pläne. Hat eine Erfindung gemacht.
-Er studiert Latein und Mathematik.
-Er liest und arbeitet.
-</p>
-
-<p>
-Daneben verbreitet er die Lehre, an die er
-glaubt, unter seinen Kameraden.
-</p>
-
-<p>
-Hat Erfolge in jeder Hinsicht ... seine
-Wärter stellen ihm das beste Zeugnis aus,
-seine Mitgefangenen verehren ihn.
-</p>
-
-<p>
-In der Schneiderabteilung, in der er beschäftigt
-ist, deren Leitung er inne hat, wird die
-Arbeit, im Gegensatz zu früheren Methoden,
-pünktlich und sauber geliefert, das Verhältnis
-der Gefangenen untereinander und zu ihren
-Wärtern hat eine neue friedliche Basis gewonnen
-für beide Teile, sicherlich für den Staat
-und den Arbeitgeber eine erfreuliche Tatsache.
-</p>
-
-<p>
-Über die Gedanken und Vorstellungen von
-Emil Strauß an seinem jetzigen Aufenthaltsort
-möchten wir im folgenden noch einige
-persönliche Äußerungen von ihm bringen, die
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-seinerzeit gleichfalls im „Tagebuch“ veröffentlicht
-wurden:
-</p>
-
-<p>
-„Es wird Sie interessieren, etwas Bestimmtes
-über meinen jetzigen Gemütszustand zu
-erfahren. Hm! ‚Mens sana in corpore sano!‘
-möchte ich Ihnen da frohbeglückten und
-dankbaren Sinnes zurufen, denn in geistiger
-wie körperlicher Hinsicht geht es mir ganz
-ausgezeichnet. Soweit ich mich entsinne,
-habe ich mich in den drei Jahrzehnten meines
-Schein- und früheren Schattenlebens niemals
-so wahrhaft zufrieden, so kerngesund und
-urkräftig gefühlt wie jetzt seit zirka zwei
-Jahren ... seit jenem für mich unvergeßlichen
-Tage nämlich, da ich von meinem Verteidiger,
-Herrn Dr. Loewenthal-Landegg, in
-echter, christlicher Nächstenliebe hingewiesen
-wurde auf das göttliche Prinzip und seine
-wahre Idee des Lebens, wie diese in der
-christlichen Wissenschaft (Christian Science)
-offenbart werden.
-</p>
-
-<p>
-Die wahre Idee vom Leben! Welch ein unendlicher
-Gedankenreichtum liegt doch in
-diesem einen kurzen Ausdruck enthalten.
-Was ist Wahrheit? Was ist Leben? Wo
-findet man die eine? Und wie entsteht und
-was bezweckt, wie äußert sich und ändert
-man das andere? ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-Das sind Fragen, die den menschlichen Intellekt
-von jeher stets am meisten beschäftigt
-haben und deren endgültig bestimmte Beantwortung
-für jeden Einzelnen wiederum eine
-Lebensfrage ist, eine Frage des Seins oder
-Nichtseins in des Wortes tiefstgründiger Bedeutung.
-</p>
-
-<p>
-Was Wahrheit ist oder nicht ist, kann niemals
-durch irgendwelche rein-theoretischen
-Darlegungen in befriedigender Weise erklärt
-und bewiesen werden. In der christlichen
-Wissenschaft, zu der ich mich heute mit allen
-Fähigkeiten meines erwachenden animi bekenne,
-ist es z. B. eine fundamentale, weil
-ewige unwandelbare Tatsache und Wahrheit,
-daß ich meiner wahren, meiner geistigen Individualität
-nach kein Verbrecher, kein überlästiger
-Störenfried der bürgerlichen Gesellschaftsordnung
-bin, sondern eine geistig-substantielle,
-vollkommene Idee des allumfassenden
-Prinzips, ein durch und durch auf Harmonie
-gestimmtes Wesen, das ebenso unfähig
-ist, Dissonanzen zu erzeugen, wie solche zu
-erfahren ... ein Wesen, das mit dem göttlichen
-Universalgesetz der Harmonie in vollkommenem
-Einklang steht und daher auch
-gegen sogenannte menschliche Gesetze, sofern
-sie den göttlichen Gesetzen nicht zuwiderlaufen,
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-in Wirklichkeit niemals verstoßen
-kann.
-</p>
-
-<p>
-Diese dem Nicht-Szientisten gewiß ganz
-urgeheuerlich klingende Behauptung bedarf
-natürlich, um zu überzeugen, des Beweises,
-und die einzige Möglichkeit, diesen Beweis
-vollgültig zu erbringen, besteht darin, daß
-ich alles, was das Christus-Ideal der Wahrheit
-in meinem Bewußtsein verdunkelt, was
-meine Gottebenbildlichkeit in mir verschleiert
-und entstellt ... daß ich das alles in unablässiger,
-gewissenhaftester Kleinarbeit aus
-meinem Bewußtsein nach und nach ausmerze
-und dadurch dem Nichts der Vergessenheit
-anheimgebe.
-</p>
-
-<p>
-Durch diesen mentalen Reinigungsprozeß
-wird die das Ebenbild Gottes verdeckende
-Tünche falscher Erziehung und falscher Denkgewohnheiten
-mitsamt dem darauf abgelagerten,
-Jahrhunderte alten Staub der Überlieferung
-falscher Annahmen allmählich hinweggewaschen,
-bis das meisterhafte Original
-in all seiner ursprünglichen Frische und bezaubernden
-Schöne mehr und mehr zutage
-tritt, um schließlich im vollsten Glorienschein
-seiner makellosen Reinheit und Heiligkeit zu
-erstrahlen.
-</p>
-
-<p>
-Dieses zielbewußte, konsequente Zum-Vorschein-bringen
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-des wahren Menschen ist
-selbstverständlich keine Arbeit, die sich so
-im Handumdrehen oder von heute auf morgen
-erledigen läßt.
-</p>
-
-<p>
-‚Die Wiedergeburt‘, sagt unsere gottbegnadete
-Führerin Mrs. Eddy in ihrem geistvollen
-Buch „Miscellaneous Writings“: ‚... die
-Wiedergeburt ist nicht das Werk eines Augenblicks.
-Sie beginnt mit Augenblicken und
-fährt fort mit Jahren. Augenblicke der Hingabe
-an Gott, des kindlichen Vertrauens und
-freudigen Annehmens des Guten, Augenblicke
-der Selbstverleugnung, der Selbstweihe,
-dem Himmel entstammender Hoffnung
-und geistiger Liebe.‘
-</p>
-
-<p>
-Um also den geforderten bzw. beabsichtigten
-Beweis der Gottebenbildlichkeit meines
-wahren Ichs bis über die Grenze berechtigten
-Zweifels und verständlichen Mißtrauens hinauszuführen,
-ist eine gewisse Zeit nötig. Dem
-aufmerksamen, vorurteilslosen Beobachter
-meines inneren Entwicklungsganges dürfte es
-aber schon jetzt nicht mehr verborgen sein,
-welche erstaunliche Wandlung in meinem
-ganzen Denken, Reden und Tun bereits stattgefunden
-hat.
-</p>
-
-<p>
-Vergegenwärtigen Sie sich bitte, daß ich
-... der Schreiber dieser absichtlich allen
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Überschwangs entkleideten Zeilen ... daß
-ich damals, unmittelbar nach meiner letzten
-Verurteilung, am Rande abgrundtiefer Verzweiflung
-stand und fest entschlossen war,
-die mir auf ein volles Menschenalter hinaus
-genommene materielle Freiheit mit allen Mitteln
-brutaler Rücksichtslosigkeit und findigster
-Verschlagenheit mir wieder zu erobern.
-</p>
-
-<p>
-Eine halbstündige Unterweisung (fast
-möchte ich sagen: christlich-wissenschaftliche
-Behandlung!) seitens meines verehrten Verteidigers
-veranlaßte mich aber, alle bereits
-getroffenen Verabredungen und Vorkehrungen
-für die sofort nach meiner Überführung
-in eine Strafanstalt geplante Flucht kurzerhand
-rückgängig zu machen und damit alle
-Brücken, die mich mit der Vergangenheit
-noch verbanden, hinter mir zu verbrennen.
-</p>
-
-<p>
-Dieses urplötzliche und allen meinen ehemaligen
-Gesinnungsgenossen bis heute noch
-unfaßbare <em>Aufgeben des Fluchtgedankens</em>
-war die erste Heilung, die ich in moralischer
-Beziehung durch praktische Anwendung
-der christlichen Wissenschaft auf mein
-bis zur Hoffnungslosigkeit verworrenes
-Lebensproblem erfuhr. Was ich seitdem
-durch tägliches hingebungsvolles Studium
-dieser unvergleichlich herrlichen Lehre an innerem
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Glück, an geistigen Freuden und einem
-Frieden, der alle klügelnde Vernunft übersteigt,
-erfahren durfte, das läßt sich, ohne
-anderen überschwenglich zu erscheinen, in
-Worten gar nicht wiedergeben ...
-</p>
-
-<p>
-Hiermit notgedrungen abbrechend, begrüßt
-Sie dankbarst
-</p>
-
-<p class="sign">
-Emil Strauß.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nachschrift: In bezug auf Ihr gütiges Anerbieten,
-mir etwas Lektüre zu senden, werden
-Sie es jetzt begreiflich finden, daß mir altruistische,
-pazifistische Schriften (etwa Tolstoi,
-Anatole France und ähnliche), die den
-Gedanken der Weltverbrüderung und des ewigen
-Friedens propagieren, gegenwärtig am
-willkommensten wären.“
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-11">
-X.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Nach diesem Selbstbekenntnis, das in der
-trockenen und stilistisch geschraubten Redeweise
-eines gebildeten Autodidakten und ganz
-unter dem Einfluß der amerikanischen Traktate
-genau so über der Welt und im eigenen
-Selbstbewußtsein schwebt, egozentrisch, voll
-bitterer Milde gegenüber der Vergangenheit,
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-voller Vertrauen auf die Zukunft, die nur
-noch Gutes bringen kann, darf es keinem
-Zweifel mehr unterliegen, daß Emil Strauß
-von einem wirklich fast wunderbar zu nennenden
-Erlebnis überrascht und gewandelt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Wenn man seine frühere Existenz kennt,
-dieses Leben des Freibeuters, der mit zynischer
-Gelassenheit und voller Verachtung
-über die einfachsten Regeln bürgerlicher Konvention
-hinwegschreitet, als seien sie für ihn
-nicht vorhanden, der mit guten Witzen und
-großen Gesten die Tätigkeit der Polizei verlacht
-und verhöhnt, der die Ordnung haßt
-und die Freiheit über alles liebt, sein Leben
-aufs Spiel setzt, um wieder frei atmen zu
-können. Der noch trotz seiner glänzenden
-und aufrichtigen Rede vor den Geschworenen
-den Plan zu einer gewaltsamen und groß
-angelegten Flucht gleichzeitig im verworrenen
-und zwiespältig beherrschten Herzen
-wälzen konnte. Dieses Kind der dunklen
-Großstadt, dessen Ehrgeiz und Ruhm es
-waren, nie besiegt worden zu sein ... bedenkt
-man dieses Leben und seine jetzige Wandlung,
-so steht man vor einem Rätsel.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt da noch, wie das bei einem solchen
-Ereignis leicht begreiflich ist, eine andere
-Version:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Die Bekehrung und Versenkung des reuigen
-Sünders in die Stimme des Herrn und
-die Lehre der Christian Science seien nichts
-anderes als eine groß angelegte Finte. Er
-wiegt die Behörden und Wächter in Sicherheit,
-kein Laut, kein Seufzer dringt aus seiner
-Brust. Gedanken schlummern in seinem
-tausendfach versiegelten Herzen, von deren
-Gründlichkeit niemand etwas ahnt.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages aber wird es so weit sein.
-Dann werden alle Fäden in seiner Hand zusammenlaufen,
-und das große Spiel um den
-letzten Einsatz kann beginnen. Nur die alleräußerste
-Vorsicht und die jahrelange Übung
-einer eisernen und überlegenen Energie kann
-dieses Tempo des Zuchthauses ertragen.
-Eines Tages wird Emil Strauß aus dem Kerker
-verschwunden sein und wenige Wochen
-später ein großer Einbruch mit wilder Kletterei
-über Dächer und Mauern hinweg die
-Berliner aus dem Schlaf wecken und sie an
-die Existenz dieses gewaltigen Räubers unliebsam
-erinnern.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, daß diese Meinung vollkommen
-falsch und ohne die Einsicht in die Zusammenhänge
-dieses Geistes gedacht ist.
-</p>
-
-<p>
-Denn die jetzige Situation des Sträflings
-bedeutet zwar in menschlicher Hinsicht eine
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-fürchterliche und unübersehbare Qual. Seine
-ästhetische und selbstbewußte Art wird unter
-den Greueln der Gefängnismauern täglich
-und stündlich gemartert werden. Kein Leid
-wird an ihm vorübergehn, von den Qualen
-der Einsamkeit und Öde bis zur bittersten
-sexuellen Not werden Tage und Nächte
-über ihn fallen, die ein einziger Geißelhieb
-sind.
-</p>
-
-<p>
-Andererseits aber erlebte er die Erfüllung
-seiner frühesten Sehnsucht. Bedeutung und
-Hilfe ward ihm zuteil. Menschen der guten
-Gesellschaft nahmen sich seiner an. Anerkannten
-seine Qualitäten. Der schreckliche
-Stachel der Minderwertigkeit, der mangelnden
-Anerkennung ward aus seinem überempfindsamen
-Fleisch genommen. Eigentlich
-hat er erreicht, was er sein ganzes Leben
-lang wollte: Anerkennung und Bewunderung.
-Glauben und Hoffnung. Bei sich und andern.
-</p>
-
-<p>
-Denn seine Freunde sind, wie er, Anhänger
-der Christian Science und treten für ihn ein
-mit Rat und Tat. Er wurde aufgenommen
-in einen Kreis gutmütiger und kameradschaftlicher
-Menschen. Das Gefühl, das ihn
-jahrelang peinigte, ausgestoßen und ungerecht
-verfolgt zu werden, außerhalb von
-Recht und Gesetz leben zu müssen, mußte
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-ihn verlassen zugunsten eines warmen und
-sicheren Heimatgefühles.
-</p>
-
-<p>
-Das ist das eigentliche Wunder und der
-Halt seiner jetzigen Existenz. Nicht so sehr
-die innere Erleuchtung als vielmehr die soziale
-Geborgenheit trotz seines Gewandes,
-trotz seiner Vergangenheit läßt ihn den Gedanken
-an eine Flucht verwerfen.
-</p>
-
-<p>
-Im Grunde war er immer ein bürgerlich
-orientierter, ehrgeiziger Mensch, dessen Begabung
-nur in falsche und verrückte Bahnen
-gedrängt wurde. Nie hat er den eigenen Wert
-innerhalb einer möglichen, sehr liberalen und
-sehr sozialen Gesellschaft außer acht gelassen.
-Es war der Traum seines Lebens, einmal
-vor die Welt treten zu können und ihr
-seine berechtigte Anklage ins Gesicht schleudern
-zu dürfen, und dann Zuflucht und Bedeutung
-in einer anderen zu finden.
-</p>
-
-<p>
-Denn als Proletarier muß er zugleich Sozialist
-sein. Es ist die gelebte und tausendmal
-erfahrene Philosophie seines Leidens. Solange
-die Wertung des Menschen nach Erbschaft
-und Kapital von oben herab dekretiert wird,
-muß ich kämpfen.
-</p>
-
-<p>
-Im gleichen Augenblick, wo er die Möglichkeit
-einer sozial gerechten und zugleich menschlich
-bereiten Atmosphäre spürte, also das
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-sozialistische Ideal, wenn auch nur annähernd,
-aber seinem persönlich grüblerischen Temperament
-adäquat verwirklicht sah, brach er
-den Kampf ab und ging zur anderen, als richtig
-erkannten Partei über.
-</p>
-
-<p>
-In Wirklichkeit also fand er nichts Neues,
-sondern nur sein eigenes Lebensbild. Kehrte
-gestärkt und bestätigt zu seiner Philosophie
-heim. Weder die Welt des Verbrechers noch
-die bürgerlich unaufrichtige und stachlicht
-umhegte Welt Europas hat ihn gefangen.
-</p>
-
-<p>
-Über der sichtbaren hat er sich eine unsichtbare,
-nur esoterischen Geistern zugängliche
-Welt ersonnen. Im Bogen weicht er allem
-aus, was ihn von diesem Weg der Selbstbetrachtung
-und Selbsterhaltung abbringen
-könnte.
-</p>
-
-<p>
-Dabei arbeitet er mit staunenswerter Energie
-und Begabung an seiner eigenen Vollendung.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt lernt er Latein. Von seinen Mitgefangenen
-ließ er sich die schmalen Streifen
-Klosettpapier geben, die an der Schnur hängen
-bleiben. Darauf schreibt er mit winzigen
-Buchstaben die Vokabeln, legt diese Wortstreifen
-während der Arbeit neben sich und
-lernt. Sein Bildungshunger ist grenzenlos.
-</p>
-
-<p>
-Aber er hat auch Erfolge.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-So ist es ihm gelungen, eine wichtige Erfindung
-auf elektrotechnischem Gebiet zu
-machen, die in diesen Tagen dem Patentamt
-vorgelegt wurde und die Aussicht auf Verwirklichung
-hat.
-</p>
-
-<p>
-Eine ganze Reihe technischer Probleme beschäftigt
-ihn. Das Reich der Zahlen und
-Ströme durchwandert sein begabter Geist
-mit der gleichen Behendigkeit und Tiefsinnigkeit,
-wie das des Glaubens und der Wunder.
-</p>
-
-<p>
-Auch seine dichterische Kraft ist keineswegs
-erlahmt. Eine ganze Anzahl schöner und
-formvollendeter Gedichte ist so erstanden,
-und seine Briefe gehören an Gedankentiefe,
-Sachlichkeit und menschlichem Ernst zum
-Schönsten überhaupt, was er erdachte.
-</p>
-
-<p>
-Eine ganze Anzahl geistig hochstehender
-Menschen nimmt sich seiner liebevoll an.
-Dieser merkwürdige Außenseiter hat wirklich
-das Wunder vollbracht, in der heutigen, abgehetzten
-und vergrämten Generation nachhaltigen
-Eindruck zu machen und einen
-Kreis von Menschen um seine Spur zu
-scharen, der in Liebe und Teilnahme zu ihm
-steht.
-</p>
-
-<p>
-Der Traum seines Lebens ist natürlich nicht
-zu Ende. Wie er selbst sagte, daß er hoffe,
-daß hinter diesem Blatt noch andere folgen
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-werden, so geht auch seine Hoffnung unbeirrbar
-ihren Weg.
-</p>
-
-<p>
-Der Tag der Freiheit muß auch ihm einmal
-leuchten.
-</p>
-
-<p>
-Es gilt, ihn zu erleben.
-</p>
-
-<p>
-Dann will er in Amerika das wahre Leben
-beginnen, wo seine Freunde, die Anhänger der
-christlichen Wissenschaft nach Millionen zählen.
-Auf diesen Tag hat er seine ganze Hoffnung
-konzentriert und wir wollen wünschen,
-und sind sogar gewiß, daß sie nicht zuschanden
-wird.
-</p>
-
-<p>
-Wie ein sonderbarer Heiliger leuchtet das
-Bild dieses verirrten und gestraften Menschen
-vor uns. Wer sich mit diesem merkwürdigen
-Leben, das so gar nicht in unsere Berechnung
-von der Wichtigkeit der Materie paßt und
-doch ganz ihr entsprungen scheint, einmal befaßt
-hat, wird es nicht mehr los. Wie auch
-alle bestätigen, die mit Strauß in nähere Berührung
-kamen. Es geht eine unwiderstehliche
-Kraft von ihm aus, die fesselt und anzieht
-und einen nicht mehr freigibt.
-</p>
-
-<p>
-Weil er die Inkarnation unserer eigenen
-Problematik verkörpert: Von der Unruhe
-und dem Vorbeileben wegzukönnen in den
-Frieden einer so oft und heiß erkannten und
-gewünschten Innerlichkeit.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-Ein Yogha, ein indischer Fakir zu werden,
-über den die Zeit und der böse Raum keine
-Gewalt mehr haben. Der dieses Leben kraft
-seines Willens zu einem Traum hinabdrückt
-und aufsteigt in die gewählte, erlittene und erkannte
-Freiheit.
-</p>
-
-<p>
-So wird über die Zufälligkeit seiner Taten
-und seines bösen Ruhmes hinweg auch in diesem
-Leben die aller Natur innewohnende
-symbolische Güte und Größe klar.
-</p>
-
-<p>
-Der Verbrecher ist nicht allein der Verworfene
-und Ausgestoßene, der ob seiner Taten
-der Strafe und Verachtung anheimfällt.
-Er ist ein Opfer und ein Mitglied durch
-Schuld, die tief unter der Schwelle menschlicher
-Erkenntnis lagert, an uns gefesselt. Als
-habe er einen Teil der allgemeinen Schuld
-auf sich genommen und leide jetzt, sich selber
-fremd, wie etwa ein stummes Tier leidet. In
-diesem besonderen Fall aber erfaßte das Los
-einen, dem Gott gab sein Leid zu sagen. Weil
-es tiefer war als das aller anderen und immer
-tiefer wurde, je mehr er sich von der Oberfläche
-entfernte.
-</p>
-
-<p>
-Und immer mehr von unserem Wesen nahm
-er an und wurde auf dem blutigen Kreuz-Umweg
-der Verkündiger der ewigen Weisheit
-des Ostens:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ging eine Welt dir verloren, klage nicht, denn sie war nichts;</p>
- <p class="verse">Hast eine Welt du dir gewonnen, juble nicht, denn es ist nichts.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Nicht das Gespenst des Verbrechers und
-die literarische Kritik seiner Taten konnten
-hier den Ausschlag geben. Denn all das verschwindet
-hinter dieser tragischen Figur, die
-das schlimmste Laster der Menschheit überwinden
-mußte, das Mißtrauen. Sondern das
-Wesentliche, Menschliche in diesem noch sehr
-lebendigen und aktiven Leben. Und daß er
-spüren soll, daß es entgegen aller Erwartung
-in dieser vergeßlichen Zeit noch Kräfte gibt,
-die tiefer als ein Urteil und eine Tagesmeinung
-dringen und auch im Menschen im Sträflingskleid
-nicht das Tier im Käfig, „den haarigen
-Affen“, sondern den Bruder sehn.
-</p>
-
-<div class="ads chapter">
-<p class="ser">
-<span class="line1">In der Sammlung</span><br />
-<span class="line2">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br />
-<span class="line3">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. –</span><br />
-<span class="line4">erscheinen in kürzester Zeit folgende Bände:</span>
-</p>
-
- <div class="table">
- <div class="volumes">
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 1:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">ALFRED DÖBLIN</span><br />
-DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 2:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">EGON ERWIN KISCH</span><br />
-DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 3:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">EDUARD TRAUTNER</span><br />
-DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 4:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">ERNST WEISS</span><br />
-DER FALL VUKOBRANKOVICS
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 5:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">IWAN GOLL</span><br />
-DIE ROTE JUNGFRAU GERMAINE BERTON
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 6:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">THEODOR LESSING</span><br />
-HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 7:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">KARL OTTEN</span><br />
-DER FALL STRAUSS
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 8:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">ARTHUR HOLITSCHER</span><br />
-DER FALL RAVACHOL
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 9/10:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">P. DREYFUS – PAUL MAYER</span><br />
-RECHT UND POLITIK IM FALL FECHENBACH
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 11<sup>1</sup>):
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">L. LANIA-HERRMANN</span><br />
-DER HITLER-PROZESS
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 12:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">THOMAS SCHRAMEK</span><br />
-DER FALL EGLOFFSTEIN
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 13:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">HENRI BARBUSSE</span><br />
-DIE MATROSEN DES SCHWARZEN MEERES
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 14:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">OTTO KAUS</span><br />
-DER FALL GROSSMANN
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 15:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">EUGEN ORTNER</span><br />
-DER FALL BERNOTAT
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 16:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">WALTER PETRY</span><br />
-DER FALL NÄGLER
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 17:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">FRIEDRICH STERNTHAL</span><br />
-DER FALL DER RATHENAUMÖRDER
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 18:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">RENÉ SCHICKELE</span><br />
-DIE CAILLAUXPROZESSE
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 19:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">KARL FEDERN</span><br />
-DER FALL MURRI-BONMARTINI
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 20:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">KURT KERSTEN</span><br />
-DER PROZESS GEGEN DIE MOSKAUER SOZIALREVOLUTIONÄRE
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 21:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">MARTIN BERADT</span><br />
-DER FALL HASSELBACH
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 22:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">F. A. ANGERMAYER</span><br />
-DER FALL DER PARISER AUTOMOBILBANDITEN
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 23:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">WILLY HAAS</span><br />
-DER FALL GROSS
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 24:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">WALTER VON HOLLANDER</span><br />
-DER FALL GRUPEN
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 25:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">MAX FREYHAN</span><br />
-DER JUWELENRAUB IN DER KÖPENICKERSTRASSE
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 26:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">HANS REISER</span><br />
-DER FALL STRASSER
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 27:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">FRANZ THEODOR CSOKOR</span><br />
-DER FALL EISLER
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 28:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">E. I. GUMBEL</span><br />
-EIN POLITISCHER MORD
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 29:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">EDUARD TRAUTNER</span><br />
-DER FALL DES SCHUPOWACHTMEISTERS GERTH
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 30:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">ARNOLT BRONNEN</span><br />
-DER FALL VAQUIER
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 31:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">HERMANN UNGAR</span><br />
-DER FALL ANGERSTEIN
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 32:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">JOSEPH ROTH</span><br />
-DER FALL HOFRICHTER
-</p>
-
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="s c">
-Die mit * versehenen Bände sind bereits erschienen.
-</p>
-
-<p class="s">
-<sup>1</sup>) Bei den folgenden noch nicht erschienenen Bänden behält
-sich der Verlag Änderungen sowohl der Titel als auch der Reihenfolge
-usw. ausdrücklich vor.
-</p>
-
-<p class="s c">
-Ferner Bände von:
-</p>
-
-<p class="c">
-MAX BROD, OTTO FLAKE, WALTER HASENCLEVER,
-GEORG KAISER, THOMAS MANN, LEO MATTHIAS,
-JAKOB WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN
-und vielen Anderen.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="printer">
-OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p class="skip_in_txt">
-Das Cover wurde vom Bearbeiter den ursprünglichen
-Bucheinbänden der Serie nachempfunden und der <i>public domain</i> zur Verfügung gestellt.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen,
-sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-
-
-<ul>
-
-<li>
-... postierten beiden Probanten <span class="underline">helfen</span> ihren ...<br />
-... postierten beiden Probanden <a href="#corr-4"><span class="underline">halfen</span></a> ihren ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... seinem Wiederauftreten mit <span class="underline">dem</span> geladenen ...<br />
-... seinem Wiederauftreten mit <a href="#corr-5"><span class="underline">der</span></a> geladenen ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL STRAUSS ***</div>
-<div style='text-align:left'>
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-</div>
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-forth in Section 3 below.
-</div>
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-1.F.
-</div>
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-</div>
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-</div>
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-or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
-Defect you cause.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-
-</body>
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