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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: »Sie« am Seil - -Author: Eva von Baudissin - -Illustrator: Joseph Engelhardt - -Release Date: October 29, 2021 [eBook #66630] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This transcription was produced from - images generously made available by Bayerische - Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK »SIE« AM SEIL *** - - - - - Eva Gräfin von Baudissin - - »Sie« am Seil - - [Illustration] - - Verlag Walter Schmidkunz - München und Wien - 1·9·1·4 - - - Druck: Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn - - - - - Dem Hochtouristen, - von dem - in diesem Buch - wenig Gutes und viel Böses - erzählt wird - - - - -Inhalt - - - I. »Sie« am Seil. - Seite - Wie »Sie« Hochtouristin wurde 3 - - Hochtour mit allerlei Hindernissen 11 - - Spätherbst im Wilden Kaiser 25 - - Auf Deutschlands »Allerhöchstem« 31 - - Das Matterhorn von Ehrwald 39 - - Quer durch die Lechtaler Alpen 45 - - Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz 51 - - Vom Königspaar des Rhätikon 57 - - Streifzüge in Südtirol 67 - - Hüttenleben 81 - - Eine unterirdische Hochtour 87 - - - II. »Sie« auf Ski. - - Bei den »Säuglingen« 95 - - Die erste »Ausfahrt« 101 - - Aus der Winterfrische 107 - - Das Talbein 113 - - Die Erfindung 123 - - - III. »Sie« im Süden. - - Osterspaziergänge in Latium - - I. Der Monte Soracte 135 - - II. In den Sabinerbergen 139 - - Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen - - I. Locarno 145 - - II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde 150 - - III. Hochalpine Spaziergänge 157 - - IV. Im höchsten Tessin 168 - - - - -I. - -»Sie« am Seil. - - - - -Wie »Sie« Hochtouristin wurde. - - -Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken; viele, -vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt mit dem Menschen ins -Jenseits hinüber, weil ihnen weder Zeit noch Ort günstig waren, sich -zu offenbaren. Solch ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung -einer neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen -Frühlingstage den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der -Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die höchste -Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte. Ich muß das, ohne -Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht zu haben, ziemlich geschickt -ausgeführt haben, denn der berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir -die sieben Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten -selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging ich auf alle -Dolomiten --, da braucht' man nichts zu fürchten wegen dem Abstürzen.« - -In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste, einfache -Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen Menschen ging der neue -Zellkern hervor: Die Hochtouristin! - -Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen, gesundes Herz, -Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren. Rom zu meinen Füßen, -wurde mir klar, daß ich bisher mein Pfund vergraben hatte, und daß ich -mich einer schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich -meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der Schauplatz -für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken, was mir immer -schwer fällt, ergibt, nur ein Berg sein; es galt also, einen zu finden, -der in Gestalt und Art meinen alpinistischen Gaben entgegenkam. - -Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«: »Große -Furchetta (3027 m), der nordwestliche breitere Turm einer kühnen, -doppelzinkigen Berggestalt im Hintergrunde des Wasserrinnentals. -Interessante und exponierte, schwierige Kletterei.« - -Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis am Kapitol -wollte ich es nicht unter einer Hochtour tun und möglichst gleich alle -Eindrücke auf mich wirken lassen, die man bei einer Bergbesteigung haben -kann. Die äußeren Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen -Zutaten, Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt, der Rucksack -mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen, sauber vollgestopft, ein -mächtiger Eispickel erhandelt und als Letztes -- die Stiefel ausprobiert. -Sie sind das Wichtigste der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam -mir auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern in der -schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße. - -»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant, den ich -betrübt um Rat fragte. - -»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«, beharrte -der berühmte Hochtourist, der auch hier meine ersten Schritte überwachte. - -Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht doch de Person nit's -Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher Philosophie. - -Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel waren schuld, -und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen, ohne mir ernsthaftere -Verwundungen zuzuziehen. - -Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es eigentlich gar -nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten zu haben«, von der -Regensburger Hütte aufbrachen, klopfte mir doch das Herz recht. Die -Wiesen naß und schlüpfrig, das Tal voll Nebel, die näher und näher -heranzukriechen schienen, ringsum eine atemlose, beklemmende Stille -- -und vor uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und steil -schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen zu wollen, und -während ich mich tapfer bemühte, meine Füße mit den Genagelten in die -weit auseinanderliegenden Spuren des Führers zu setzen, sagte eine laute -Stimme in meinem Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf -- nie -hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen Bedenken, um -das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; ich glaube, die meisten -Heldentaten werden in solch einem passiven, aus der Furcht vor Anderen -diktierten Handeln vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die -Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die grünen Wadenstrümpfe -des Führers, auf die ich hoffnungsvoll starrte: solange sich die in -gleichmäßigem Abstand von mir aufwärts bewegten, genügten auch meine -Kraft und mein Können -- an sie klammerte sich instinktiv mein Blick. -- - -»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«, gebot die -Hochtouristenstimme hinter mir. - -Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch noch?! Tat ich -denn noch nicht genug? -- Aber gehorsam spazierten meine Augen nach oben -und unten, nach rechts und links: Steine, nichts als Steine, große, -kleine, glatte, bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder -lose, die treulos unterm Fuß nachgaben -- ein wüstes, ödes, steinernes -Meer -- -- - -»Nun?! -- Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit wahr? Diese Größe --- diese Stille -- heilig ist's wie in der Kirch'.« -- Meine grenzenlose -Verwunderung setzte sich allmählich in eine Art Wut um, während neben mir -die Begeisterung immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man kommen, um -wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is -- da kriegt man wieder an Begriff -von der Allmacht -- da geht eims Herz auf -- Aber Sie sagen ja nichts, Sie! -Ja, ja, da verstummen auch Sie einmal -- aber schließlich, wissen möcht' -i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was Sie nun denken« -- - -»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale -Raumverschwendung«. - -Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus eigenem Antrieb, -um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte: »Was könnte man da -für Korn bauen, wenn's eben wäre und nicht so viel Steine!« -- - -»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der Naturempfindung -vor hundert Jahren -- von der Ästhetik des Gebirges haben Sie keine -Ahnung«, unterbrach mich der Hochtourist im plötzlich angenommenen, -reinsten Hochdeutsch. - -Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe, Aufklärung und -Naturschönheiten verloren. Aber über meinen Kopf fort floß zwischen -Führer und Bergsteiger, denen nun Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom -von Touristengeschichten; von alten Führern, von Erstbesteigungen, von -Neulingen im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit -unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten gefahrvollen -Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren Errettungen, das alles -gewürzt mit immer wiederkehrenden technischen Ausdrücken, wie: Grat, -Kamm, Wand, Griffe, Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band -- -dem Jargon der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber von -dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur und der Erkenntnis, -daß ich also eigentlich schon hundert Jahre alt sei (nach dem Stand meiner -Naturempfindung!), wurde mir ganz schwindlig -- zum ersten und einzigen -Male im Leben. - -In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den Einstieg. Ich -durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in unmittelbarer Nähe wurden -einige Becher voll klaren Wassers geholt, und außerdem mußten hier -die Genagelten gegen die Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein -behagliches Gefühl schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das -harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die guten, -nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene Fußbekleidung -zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit war verflogen. Mit -Vergnügen ließ ich mir das Seil um die Taille legen, »die moralische -Hilfe«, wie mir lachend versichert wurde; jedenfalls wohnt diesem -Zauberband eine merkwürdig beruhigende Wirkung inne. - -»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam und erst einen festen -Tritt für den Fuß und einen sichern Griff für die Hand suchen«, gebot -der Führer. - -Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf auf, und von Zeit -zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick des allein vorauskletternden -Hochtouristen. Sonst war ich mir allein überlassen, nur durch einen -dünnen Faden mit der Menschheit verbunden. - -Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe, -Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier oben, angesichts -der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen meine hochtouristischen -Begabungen wieder ans Tageslicht. Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte --- lagen sie einmal weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher -über die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß -genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen, und alle -turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden sich wieder ein. - -»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal. - -Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn meine -Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis und Unfähigkeit -bitter wurmte. -- Beim »Band« wurde ich ernsthaft verwarnt: ich begriff -nicht, weshalb. Was für eine einfache Sache, über eine freiliegende -Stelle, neben der es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch -aber dem Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts am -Felsen entlang -- zum erstenmal konnte ich ohne Neid an die Affen im Urwald -denken, die sich gemächlich von Baum zu Baum schwingen. - -»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen bis -zum Gipfelgrat -- wenige Schritte auf der Höhe selbst, und da waren wir! -Auf dem höchsten Punkt des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so -unerschwinglich hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung erfüllte -mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte mich auf meine -Kräfte verlassen und allein durch sie mein Ziel erreicht. Aber dann sank -mein ganzes Selbstbewußtsein in sich zusammen vor der Schönheit und der -Gewalt des Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier herauf -mußte man kommen, um sich wieder eins mit der Natur zu fühlen -- mir war, -als sähe ich zum erstenmal der Welt voll ins Antlitz: so schön also -war sie, so wunderschön -- »Und er führte ihn auf einen hohen Berg -und zeigte ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach: -›Dies alles will ich dir geben‹« -- - -Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben, besitzt man -ja alles, was der Blick umfaßt; und in der demutsvollen Erkenntnis der -eigenen Bedeutungslosigkeit so vieler Größe und Allmacht gegenüber wird -man wunschlos. - -Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er war ganz -erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer anderen Quelle als -die meine: er hatte mich ja entdeckt -- auf dem Kapitol -- und mit dem -sicheren, nie zu täuschenden Blick des Kenners hatte er die verborgenen -Talente geahnt. Freilich, daß sie so groß sein würden --! Es war -erstaunlich. Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde -- - -»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig; wozu jetzt -noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies würde sie nach dem -gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand mehr glauben wollen; auch für mich -traten sie endgültig in verschwimmende Fernen zurück. - -Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des leiblichen Menschen -wuchs mein Mut ins Ungemessene empor -- bis hinauf zu den allerhöchsten -Gipfeln der allerhöchsten und -schwierigsten Berge! So war ich zur -»Hochtouristin« geworden. - - - - -Hochtouren mit allerlei Hindernissen. - - -Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast alle, die -es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines Paradies in sich. -Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite des Sees, diese Berge, die sich -da aneinander reihen, die stolze Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel -und Schwarzkopf, Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht -zu vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee -trinken läßt -- und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck und Schloß -Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem angenehmen Bad und der -Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja, die Leute sind hier glücklich; das sieht -man ihnen an, wie sie im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz -der ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld; was -andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt an diesem Ort, an -dem sich »fesches« Badeleben mit Primitivität verbindet, das macht mich -allmählich nervös -- zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so -ungerecht wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer war, von den -Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den Schären vom Schwimmen -ausruhte und sonnte und nachts im Schlaf das ewige Brausen in gleichem -Rhythmus hörte. Nein, man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt -einem nicht, die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen -- hinauf -möchte man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang; -zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben in den Wolken lache -über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder. Dann soll's eines Morgens -losgehen: biegen oder brechen! Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus, -die Buam noch weniger -- Einsamkeit will man und sich Wege suchen, auf -die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es biegt sich -nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte Schlüsselbein meines -Hochtouristen, der sich mit Grazie über Abgründe schwingt, Kamine -durchklettert, als handle es sich um Verandatreppen, sich von den -»unmöglichsten« Punkten selbst abseilt -- und den nun das Schicksal -ereilt, als er mit kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten -will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer Aufenthalt; -neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben. Aber der Bezirksarzt -tröstet: nach seiner Meinung liegt kein Bruch vor, nur eine Zerrung der -Muskeln; ein paar Tage Eisumschläge -- dann ist alles wieder gut! Nur -merkwürdig, daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht -- wozu hat man -einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet, wird nur -gelächelt -- und schließlich glaubt man gern, was man glauben möchte. -Man wandert los; der Hochtourist mit etwas hängender Schulter unterm -Druck des Rucksacks, aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen. -Den berühmten »Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit -und steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal mit -sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger Berge und -Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im Hotel Moserboden zum -Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine gute Leistung für einen Tag -- -besonders die letzten zweieinhalb »steilen« Stunden, vom Moserboden -empor, werden reichlich sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz -wieder richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt; dafür -ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man saß doch nicht -müßig da -- und morgen, ja morgen geht's auf das lange mit Sehnsucht -umworbene Große Wiesbachhorn! - -Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht -- in der -Gebirgssprache: der Morgen -- blüht schon der Handel in der Hütte mit -Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es -stürmt und die Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den -Fochezkopf und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat. Die -Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer voraus, -um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft aufnimmt. Der Wind wird -schneidend, die ersten Schneeflocken fallen. Gesicht und Hände prickeln. -Wir erreichen eben die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los -mit einer Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann. Keine -Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine wunderschöne, -im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung über den -Bratschenkopf und die Glocknerin zur Franz-Josephs-Höhe zu machen -- und -mein Hochtourist, der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die -an und für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil er mich -wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe halten kann, sagt jetzt -nichts als: »Nun geht's aber in den Süden -- auf der anderen Seite -ist das Wetter immer besser!« Wir kehren um; denselben Weg über -den Kaindlgrat geht's zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei -- -unverrichteter Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen -Hochtouristen, zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war; dreiviertel -Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel Moserboden beschließen -wir diese Episode, und nach kurzer Rast geht's »dolomitenwärts«. -Allerdings ist sich mein Hochtourist nicht ganz klar, wie's dort mit dem -Klettern sein wird. Aber die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh -tut, es schadet nichts -- es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer -hoffen. Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute noch näher -zu bringen. - -Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom Moserboden aus, am -Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«, die sich durch den mit -Recht beliebten Schutt auszeichnet; für Fußsohlen und Knöchel eine -Extraprobe! Nach fast drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen -Torkopf und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht auf das -unerreichte Wiesbachhorn bietet -- ein schmerzlicher Anblick trotzdem! -Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch auf einer Höhe von über 2600 m, -tropft es sanft, aber kalt. Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden, -dazu die nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß, -vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's hinab zum -Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei Sprünge über -Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter ins Tal, über den Bach -fort und recht mühsam, zum Teil auf in den Fels gehauenen Stufen, -zur Rudolfshütte hinauf. Die Hütte liegt sehr schön und bietet gute -Verpflegung -- und Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus -zurückdenkt! Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen wir -uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem Ausruhen? Bewahre, -wir müssen weiter. Erst wieder empor bis zur kreuzgeschmückten Höhe -des Kalser Tauern, dann hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See -vorüber, und über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort, -am Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen, fruchtbaren -Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll, das wir bis dahin passiert -haben, wirklich wie eine Oase anmutet. Bald darauf, in der Schutzhütte -auf der Rumesoi-Ebene, bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich -auf Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten -Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot hineinbrocken, -wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften, das erlaube ich mir im -Gebirge alle Tage; es hält bei mir Leib und Seele zusammen. Endlich, -nachdem die »Stiegenwand« überwunden ist, erreicht man in ein paar -Stunden, über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit -das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde Wanderung -jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und Ab dazu -- und in dem -kleinen, weißgetünchten Zimmer des »Glocknerwirts« schlafe ich so fest -wie wenig Schritte vom Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen. -Dafür geht's am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis -nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden, breiten Isel her -bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt in diesem an und für sich -netten Städtchen, dem ich die Erinnerung an mein erstes und einziges -=collier de chien= verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um -Stich auf meinen Hals genäht -- anfangs, als ich des Morgens erwachte, -fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf bekommen zu haben. -Aber es waren nur Wanzen -- weiter nichts! - - * * * * * - -Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour. Mein Hochtourist -klagte über seine Schulter -- bei dem Wetter kamen sicher rheumatische -Schmerzen hinzu -- sobald der Himmel nur eine kleine Pause in der -Besprengung der Erde machte, flohen wir auf und davon, zu einem der -»Unholden« hinauf, wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen -wegen genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678 m). Der Aufstieg ist -nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man das Hochstadlhaus, -und am nächsten Morgen, nach einer sehr kalten Nacht, über die -Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den Gipfel, der eine wunderbare Aussicht --- auch uns! -- ins Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen -schneeglänzenden Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach Süden -selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick und dünn -- in diesem -Falle Gestrüpp und Bäche -- mußten, ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben -einem kühlen Wasserfall und abends gegen sieben Uhr -- also nach einer -Tagesarbeit von gut vierzehn Stunden -- sahen wir endlich im Gailtal -Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen. - -Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt es von Soldaten; -sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und Korridoren einquartiert. -Im Staatszimmer, vor dem Vertikow mit Glas und Porzellan, wird mir eine -Lagerstatt errichtet. Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung -mitgebracht, sie ist braun und sehr behende -- meine Nachtruhe ist durchaus -getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder den -Rucksack auf die Schultern lege -- mein Hochtourist hat eine seltsame Art -angenommen, den Riemen auf der rechten Seite um den Oberarm zu schieben. - -Der entzückende Weg durch das Valentintal und über das Törl gleichen -Namens und die Aussicht, morgen den Monte Coglians zu besteigen, tröstet -über alles hinweg; auch über den Regen -- wir sagen euphemistisch -»Niederschlag« -- der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am -kleinen Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin -ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte heraufschafft, ist -wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«, sagt der lustige Wirt und -deutet mit dem Daumen zur nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar -nicht so dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf. Und -wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten von Sappada -und Cadore, auf die Cridola und andere derartige Gipfel, täten wir nicht -am Ende auch gut, dem Maulesel zu folgen?! -- Zwei Tage belagern wir den -Coglians von Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet -noch immer in Italien --, dann steigen auch wir hinab ins Gelobte Land, -bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf, dessen Männer im Sommer -auswärts, meistens in Deutschland arbeiten, während die Frauen die -geringe Feldarbeit auf den Miniaturfeldern -- oft nicht viel größer als -ein Bettvorleger -- besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute -spielen Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir wählen -das größere -- von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend. -Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine Sache: der Herr Karabiniere -ist auf Besuch da -- eine wichtige, beliebte Persönlichkeit, natürlich, -denn man ist der Grenze nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der -Herr Karabiniere ist viel zu sehr =galant' uomo=, um einer Dame nicht -Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus dem Zimmer und -marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll stehen, um das Bettüberziehen zu -überwachen: es ist schwer, meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich -zu machen, sie ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr -Karabiniere -- -- Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß --! Darauf wird -getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon weit fort, der Herr -Karabiniere! Da wird gleich die Matratze des Riesenbettes emporgehoben -und aus den Gurten die zwei Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit -verstecken mußte! Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen -geschlafen -- besser als die Prinzessin auf der Erbse. - -Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage lang. Es regnet -so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein gehen können; und zu -jeder Mahlzeit bekommen wir »=manzo=«, Rindfleisch, mit Salbei gewürzt --- der Geschmack geht gar nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt -auch über den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht -und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes zur Wahl. Heute -fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei loszuwerden. Der Wirt -verneigt sich, ergreift Teller und Messer, eilt den Korridor entlang -- wir -sehen es durch die Glastür unserer =sala da pranzo= -- und verschwindet im -Zimmer des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick, sehe auch den -Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse mit Schwung servieren. »Wo -kommt er her, der Käse?« donnert mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser -Engel, seit zwei Nächten schlummerst du über den großen, gelben -Käselaiben, die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte -keinen Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich -launenhaft! - -Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf den alten -Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen. Der Kessel -hängt an langer Kette von der Decke über der glimmenden Asche, alles in -der Küche, Plafond, Wände, Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder, -fester Rußdecke überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns -zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben, »in 'of« -(Hof) -- er besitzt ein wackliges Häuschen und zwei Ziegen und braucht -nicht mehr zu arbeiten. »Denn Reichtum«, so philosophiert er, »hängt -von den Ansprüchen ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei -Ziegen -- oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden! -- Aber ich -bin noch weit entfernt von der Abklärung des Collinaschen Rentiers. Der -Coglians bleibt unsichtbar, hinter Nebeln -- ich dränge zum Aufbruch; vor -allem, weil unten im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren. - -An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an seltsamen Bergnestern -mit übereinandergeklebten Häusern und winkligen, dunklen Gassen -- oft -führen nur Stufen von einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone -hängen an den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine -Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung und Schmutz -befremdet selbst den, der Süditalien kennt -- dieser abgelegene Winkel -von Friaul übertrumpft es! In San Stefano finden wir glücklicherweise -die Pakete vor -- wir haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen -Faden mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und Piave gelegenen -San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische Post; sie führt uns -über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal, also nach der Versicherung -glaubwürdiger Reisender durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich -muß diesen Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit -gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen Kopf, stellte -mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst und setzte an meine Seite in der -engen Viktoria einen italienischen Papa, dessen dickes, blondes Kind als -blinder Passagier zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich -auf den Bock gerettet -- er zog die Launen des Wetters denen eines -Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen gestreiften -Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen Knöpfen besetzt -waren, aus dem langsam fahrenden Wagen und stürzte sich mit seinem Gewehr -ins Dickicht, um womöglich noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen. -Dann fiel das dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte, -bis ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas nütze; -sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu regnen. - - * * * * * - -Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über Chiusaforte und -Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare Strecke im engen Felsental -der Fella, durch Tunnels und über schwebende Brücken in reicher -Abwechslung. Wir genießen dankbarst die Großartigkeit der sich rechts -und links bietenden Szenerie; denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht -darüber zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt, -blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich --? Vielleicht -erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender, umsonst sind -sie wohl nicht so beliebt; auch der König von Sachsen besitzt hier -Jagdgebiete. - -Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen. Wir können -uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über den Predilpaß, an starken -Fortifikationen vorüber, steigen wir im »Manhartgraben« aufwärts und -erreichen nach gut sechs Stunden glücklich den Gipfel (2678 m); seine -Rundsicht ist weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav -und der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die -Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten den -oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen erreicht -- -mehr noch, als man am unteren die nette Restauration entdeckt und eine -köstliche Forelle serviert bekommt. Den Manhart, der sich von hier aus -großartig präsentiert, grüßt man mit dankbarem Blick -- man hat seine -besondere Beziehung zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man -ist überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme -Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von Weißenfels bringt -uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß von Kanker und Save gelegen. -Der Ort gilt für die Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst -deutschfeindlich -- ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige -Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten Garten -der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das Gefühl vollkommensten -Ausgeruhtseins beim Erwachen am nächsten Morgen in dem großen, von Sonne -durchwärmten Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst -zufrieden! - -Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus« --- denn Landstraßen geht ein ordentlicher Hochtourist nur ungern! Den -Steiner Alpen wollen wir einen Besuch abstatten, und zwar dem höchsten -Gipfel dieser mächtigen Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain, -Steiermark und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten -Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus wird Station -gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die Rückkehr des Wirtes abwarten, -der zugleich auch als Führer dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack -meines Hochtouristen zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der -Arm herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie er -versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen zu sein! - - * * * * * - -Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend schwül, und wir -halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte zu bleiben, zu der -ein schöner, aussichtsreicher Weg durch den Suhadolnikgraben und unter den -steilen Wänden des »Greben« entlang über den Kankersattel führt. Die -Zoishütte, auf 1792 m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter -treibt uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten Morgen, -aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir wählen den »neuen -Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als der alte über den Südkamm, -uns aber unsern Berg, den »Grintouz«, von seiner schönsten Seite -zeigt. Durch ein Felsentor betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die -Markierung ist im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt -nicht leicht. Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast -nötiger«, meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein -Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er und schiebt sich -langsam an den Felsen empor. Statt der drei Stunden zum Gipfel (2559 m) -brauchen wir vier -- im übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben -sind, ist der Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen nicht -sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die ein Studium der -Karawanken, des Koschuta-Gebirges und natürlich auch der Steiner Alpen -gewähren soll. Ein graues Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal -das Frühstück noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam -schwül ist uns zumute -- liegt es an der Luft? Der Führer mahnt zum -Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen den Abstieg; -vorsichtig, denn er ist recht schwierig, klettern wir von Griff zu Griff; -ich, als »Ungeübte« voran, habe meine liebe Not, feste Tritte für -meine Genagelten ausfindig zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir, -unheimlich starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich -steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da -- ein furchtbarer -Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich an den Fels, der Nebel -zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit erkenne ich die Abstürze -- -»vorwärts, vorwärts«, mahnt der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß -hinab und versuche Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten -im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir ins Gesicht, -die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die Wände, Steine brechen -los und krachen in die Tiefe -- dabei ist es stockdunkel, nur auf Sekunden -erfüllt schwefelgelbes Licht den Höllenschlund, in den wir hinab müssen. -Einmal ducken wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger -sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der dicht an uns -vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz gibt's nicht, wir müssen es -dem Geschick überlassen, wie und ob wir davonkommen. Einmal noch machen -wir kurzen Aufenthalt, der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der -mit zusammengebissenen Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm von -der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen Weg über die -Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern -- man war »zu sehr -in Gottes Hand«, wie's sonst vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die -Böhmische Hütte, die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu -durchnäßt, um lange zu rasten -- auch der Führer kehrt um: an die Tour -will er denken sein Lebenlang! - -Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500 m Höhe; aus der -Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen wir durch die Seeländer -Kotschna, drei Stunden munter bergab bis zum Stuller Wirtshaus in -Oberseeland, das wir mittags erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe -geschmeckt -- und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das -wir nun gemütlich schlendern -- doppelt wohltuend unsern Augen nach den -Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21 km, die zwischen Oberseeland und -Bad Vellach liegen, dünken mich eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg« -(1218 m), der von seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die -Steiner Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir -uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig in Grün -gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas von seinem berühmten -Eisensäuerling wird probiert, dann ein Wagen bestiegen, der uns nach -Klagenfurt, Kärntens schöner Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf -meinen Koffer freue, der dort für mich lagert -- und auf die Bäder im -Wörther See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu einigen -Gipfeln verhelfen. - -»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist. Über -meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau: sollte es mit all den -Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen Bergfahrt noch nicht -genug sein? - -Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs bekommen. -Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen »Kallus«, der sich an der -Bruchstelle des Schlüsselbeins gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren -und andere mit dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen -- vorläufig -muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen. Klagenfurt -trägt seinen Namen -- für uns wenigstens -- nicht mit Unrecht. - -Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem Schlüsselbein -Bergtouren zu machen! - - - - -Spätherbst im Wilden Kaiser. - - -Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen -Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an der See die Schäden zu -reparieren, die achtundvierzig Wochen in der Großstadt seinen Nerven -zugefügt haben, kommt, wenn die Herbstsonne lacht, noch einmal eine -unbezwingliche Sehnsucht, sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in -die stille Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in -sich das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen Freuden, -aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte das Gebirge im -Wechsel der Jahreszeiten -- als Residenz des Herbstes -- kennen lernen. Der -um diese Möglichkeit vor anderen Großstädtern reichere Münchener darf -seinen Wunsch in die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein -- -vor ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer -zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg, steil ansetzend, -dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf und Ab, führt ihn in wenig -Stunden ins Herz des »Wilden« -- nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt -für alle schwierigen und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das -Totenkirchl, der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze --- all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten Auf- und Abstiegen -liegen lockend bereit; und hier und da trifft man noch auf die »Echten«, -die, im Gras hockend, mit dem Fernglas einen neuen, fast unmöglichen -Weg ausspionieren und ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen -möchten. - -Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir bescheiden uns -damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete »Steinerne Rinne«, -die jetzt auch durch Steiganlagen und Drahtseile gezähmt ist, zur hintern -Goinger Halt aufzusteigen und den Gratübergang zur vorderen gleichen -Namens, eine nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt, -dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten. Der -milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust besänftigt -- man -möchte genießen, noch einmal aus tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber -ohne gewaltige Anstrengungen machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz, -vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt bereits die -ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß man wieder und wieder stehen -bleibt, um den Farbenrausch ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance, -das Graugrün der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton -der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und immer neue Bilder der -in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten und Dörfer, in der klaren Luft -so nahe gerückt, als könnte man sie mit wenig Schritten erreichen. Und -welche Prachtaussicht von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich -Gipfel an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen Ketten -erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher. Ein Panorama, wie es -zum Beispiel »die Elmauer Halt« bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von -nur 2344 m Höhe -- also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! -- kann -man kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der ganze Höhenzug -der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis zu den Ötztaler Alpen, die -Loferer Steinberge, der Karwendel, das Wettersteingebirge, breitet sich vor -dem Blick aus; der Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal, -und durch eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet -in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere -des Großglockners und des Großvenedigers schließen mit ihrer feierlichen -Schönheit den Horizont nach Süden -- in lieblichster Anmut und -bezauberndem Kontrast bauen sich fast am Fuß des Berges mit ihren weißen -Kirchlein die Dörfer Going und Elmau auf, während weiter draußen in -der Ebene der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St. Johann -sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf, ein leises Rollen in -der Ferne erinnert daran, daß es dort unten Eisenbahnen, Unruhe, Städte -und -- Pflichten gibt -- seufzend macht man sich daran, wieder in die -Unterwelt hinabzusteigen. - -Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte ist schon -geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel; die Läden werden -aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen -- und dann -beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen! Jeder bekommt sein Amt, der das -Feueranmachen, jener das Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne -Gerichte den verschiedenen Rucksäcken entnommen werden, der dritte -besichtigt oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der -Trauernachricht zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden tropfe: -in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß voll! -- Aber wie -können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven, Zitronenlimonade aus -Pastillen hergestellt werden ohne das göttliche Naß? Und einmal am Tage --- wenn auch ohne jede Verbindlichkeit! -- möchte man sich doch wenigstens -die Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«, -wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit doppelt -bemerkbar -- --. Aber allgemeine Redensarten nützen nicht; und die -beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich neidlos von allen Seiten -ihre hervorragenden alpinen Qualitäten zuerkannt werden, müssen sich -entschließen, noch einmal die »Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe -einzutauschen. Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus -- -wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem prunkvollen Zettel: -»Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel) vor dem Anfeuern mit Schnee -zu füllen« -- also! Da man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man -diese kleine Extratour zur nächsten Schneehalde -- eine gute halbe Stunde -hin und zurück -- höchst amüsant. - -Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen war ja an den -Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt man sich stolz auf seine -Produkte! Und die Konkneipanten finden den Tee besonders aromatisch, die -Zitronenmischung auf der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute -Bergappetit nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die -=pièce de résistance=, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach der »Wurst -ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen gleicht, wird, natürlich nur -mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis zur letzten Scheibe gewissenhaft -verteilt. Der enge Küchenraum und die heißen Getränke erwecken noch -einmal den Wunsch nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen -kriechen mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll, warm -und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend, aus der -Ebene blinken freundlich die Lichter herauf, und auf den Abstürzen des -Treffauer liegen dunkle Schatten, die sich mehr und mehr verkürzen -- -ein silbernes Leuchten füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich, -schiebt sich das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze -Spitze der vorderen Goinger Halt herum -- und alle Berge umstehen das -kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem, weißem und doch so -köstlich zartem Lichte. - -Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt der Zauber -des Mondes in der Stadt niemals -- nur auf den Höhen oder über der -Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den vollen Reiz seiner Schönheit. -Die einfache Kammer, die man schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er -in einen Raum mit Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem -Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich in Silber und -Gold verwandelt. -- Der Ruf nach Befriedigung der materiellen Bedürfnisse -erweckt die Schläfer etwas unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der -Kampf mit dem widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man, -trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren Krieg da -draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft durch die azurnen -Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen auf und bereiten der großen -Siegerin den purpurnen Triumphesweg -- der ganze Himmel gerät in -Aufregung beim Nahen seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue -Nebelschleier über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten -der Menschen. -- Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen und -Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand; mit dem Eifer einer -sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang besinnenden Küchenfee: die -Nachfolgerin soll ihr nichts Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe -füllt man wieder voll Petroleum -- es ist rührend! Oder ist man am Ende -so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich in solch unendlich -naiver Weise dafür betätigt? -- Doch in diese Abgründe des menschlichen -Herzens läßt's sich nicht mit einer Petroleumlampe leuchten. - -Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder des -Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die Brombeeren sehen mit -melancholischen schwarzen Augen auf die Vorwärtshastenden. Was nutzt es? -Zurück in die Alltäglichkeit, ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen -die Götter ...« - - - - -Auf Deutschlands »Allerhöchstem«. - - -Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur von unten bewundern -mag, ist es eine gelinde Folterqual, tagelang im Schatten eines prächtigen -Bergmassivs zu sitzen und wegen andauernder Witterung, worunter in den -letzten Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen. -Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn erst einmal bis zu einer -»Hütte« hinaufgetragen hatten und der sich deshalb nach dem ersten -Waffengang mit den Felsen sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine -ehrenhafte Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte. -Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände sich gut -vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der Barometer stieg und -ein hellerer Schein, den man in weniger zweifelhaften Zeiten harmlos für -Sonne erklärt haben würde, sich über die Matten breitete. Bis dahin war -ich stets unter der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen -- heute -traf mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen alten, -treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille Bergsonne -gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen einflößendem Wesen und -im Besitz einer deutschen Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken -verstand. Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs auch -nicht ganz gleichgültig zu sein. -- - -Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo den Aufstieg zur -Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den zwei traditionellen Plätzen, -bewunderten die Aussicht auf Biberwier, Ehrwald und Lermoos, die nur ganz -wenig verschleiert war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen --- nicht so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen, -winzigen Felsblock steht -- bewegten uns kühn über die letzten, noch arg -verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen Wendung dicht -vor der Hütte -- eine ihrer angenehmsten und bei Hütten seltenen -Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht man diese heißersehnten Stationen -schon stundenlang vor sich liegen und scheint ihnen statt näher immer -ferner zu rücken. -- Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine -schmale Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für uns -allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche immer noch als -störend; heute war es wenigstens so kalt, daß man gern seine Kleider -anbehielt. Nach warmer Suppe im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns -ein, uns nach Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer -bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf den Hütten ist -es ja selten etwas. Entweder man friert oder man wird durch die leisesten -Bewegungen des Nachbarn gestört, die sich durch die dünnen Wände -verraten. Diesmal fror man _und_ hörte rings die Unruhe; und als wir -eben eindämmerten, brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los, unsere -Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze -- und dann ein -Getöse, als sollte die Welt untergehen! Ein geisterbleiches Gesicht erhob -sich von der Nachbarmatratze, und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott, -Mutter, was war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine -eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns mitsamt -Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend: »Das ist der Wind, -mein Kind! Das klingt im Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und -fern hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war froh, als -um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde -- eine fast überflüssige -Prozedur! - -»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee gegeben. -Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei begann, und die -dicken Wollhandschuhe, die ich, die Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen -hoch zu Ehren. Der Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend -- in -knapp zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt war, -daß wir uns am meteorologischen Turm und der Hauswand entlang fühlen -mußten, um den Eingang zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller -Hüttenräume, die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so -überfüllt, daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der -Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen -- vor -deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung hege! --, zahlreiche -Führer, denen der Nebenraum zu kalt war, die beiden Wirtschafterinnen, die -auf dem winzigen Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet -wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm und dem Dunst -feuchter Kleider -- nein, eine Erholung bot der Aufenthalt nicht, noch -weniger die Speisen, die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber -- bald -wird ein neues Haus erstehen -- hoffentlich wird damit auf dem beliebtesten -deutschen Gipfel auch sonst manches anders! - -Wir warteten ein paar Stunden -- auf Aussicht. Sie kam nicht. Berge, -Täler, Ortschaften, Flußläufe -- Nähe wie Ferne -- alles ließ sich -nur ahnen. Man deutete dort hin und sagte: »Da müssen die Stubaier -liegen --«, wandte sich und behauptete, in der Richtung nach Partenkirchen -zu sehen -- es war Jacke wie Hose: Nebel, nichts als Nebel. Stumm saßen -wir schließlich vor unserer blauen Emaille-Teekanne. - -Da erschien in beschleunigterem Schritt unser Führer mit strahlenden -Bergaugen: es hellte sich auf, der Eibsee sei eben aufgetaucht, kein -Zweifel mehr, die Nebel verzögen sich und er riete doch nun dringend, da -das Wetter so günstig sei, zum Abstieg durchs Höllental, von dem wir ja -gestern bereits gesprochen. »Fein!« sagte mein Junge. -- Ich aber als -Erfahrene ging nach draußen, sah auf Sekunden den Eibsee aus der Tiefe -aufschimmern und fand die übrigen Umstände tief verschleiert. Der Führer -triumphierte: er habe es immer gesagt, es würde ein glorioser Tag. Dennoch -zögerte ich: ob es denn auch ganz sicher sei --? Mein Junge puffte -mich; Söhne haben eine besondere Art, ihre Mutter zu puffen: es liegt -Aufmunterung und zugleich Verachtung darin. Zudem sagte er spöttisch: -»Und Du willst eine Hochtouristin sein --?« Und dann stellten sie mir -beide vor, wie amüsant und wie lustig der Abstieg und wie bald wir unten -sein würden: in drei Stunden schon durchs Tal! -- Ich gab nach. Aber -während ich die acht Mark für unser Frühstück bezahlte, fragte man -mich von rechts und links, welchen Abstieg ich wählte. Mit der -ganzen Überlegenheit der gewiegten Touristin entgegnete ich: »Durchs -Höllental.« Allgemeines Schweigen -- stille Hochachtung, wie ich annahm. -Ein liebenswürdiger Tourist, mit dem ich schon vorher gesprochen, trat auf -mich zu und meinte, ich hätte mir doch eine starke Aufgabe gestellt: bei -diesen Witterungsverhältnissen. -- Lächelnd widersprach ich: der Führer -und ich seien ganz überzeugt, daß der Nebel sich verziehen und uns der -Abstieg keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde -- außerdem wüßte er -ja, daß es die erste Hochtour meines Sohnes sei. Daraufhin schwieg der -Warner. - -Aber als wir angeseilt vom Ostgipfel herabklommen, durch Schnee, der mir -bis an die Hüfte reichte -- ich war schon zweimal gefallen und wäre ohne -das Seil schon zweimal verloren gewesen --, erklang von oben dringendes -Rufen. Ich wandte mich, erkannte den Warner und winkte ihm einen -Abschiedsgruß zu -- verstehen konnte ich kein Wort mehr --. Wir kletterten -abwärts; zuerst in dichtem Nebel, der sich ja bald heben mußte. Wirklich, -er zerriß ganz plötzlich -- und ein furchtbares Gewitter, ganz unerwartet -bei der Kälte, setzte mit großer Wucht ein, gerade als wir die ersten, -ungemütlichen, vereisten »Stifte«, die quer über ein Stückchen -Unendlichkeit führen, erreichten. Wir duckten uns eine halbe Stunde unter -einen Felsen, der Blitze wie des schauernden Regens halber. Das Gewitter -verzog sich; der Regen blieb, stürzend, unaufhörlich. Beim berühmten -»Brett« -- einer langen Reihe von Stiften über ein größeres Stück -Unendlichkeit, ein zweites Gewitter; der Regen glich Sturzbächen -- Wasser -stürzte von allen Seiten auf uns herab. Bei der nicht minder berühmten -»Leiter« -- eisernen Sprossen, die an einer absolut senkrechten, hohen -Felswand hinabführen, ein drittes Gewitter; zudem hatte sich gerade -zwischen den Sprossen ein Wasserfall gebildet, der sich oben in meinen -Kragen ergoß, um an den Knien wieder seinen Ausweg zu suchen. Ich war -daher erschöpft und eine Pause willkommen. Sie trat gleich ein: ein -tüchtiger Wolkenbruch zwang uns zu kurzer Rast -- behaglich war sie nicht! --- Der Führer tröstete uns: das Ärgste sei überstanden -- jetzt nur -noch durch die Höllenklamm! Ihre düstere Romantik war mir nie sympathisch --- jetzt aber war sie zu einer wirklichen Hölle geworden! Der Hammersbach -in einen reißenden Strom verwandelt, wilde Wasserstürze von rechts und -links, den Weg überspülend, die zahlreichen Tunnels vereist, ihr Boden -von Bächen benutzt -- und diese waren es, die den letzten trokkenen Punkt -an uns fanden und von oben in unsere Stiefel rannen -- von unten waren -sie längst durchweicht. Nach siebenstündiger Wanderung erreichten wir -in aufgelöstem Zustand, ohne einen einzigen trockenen Faden am Leibe, das -Wirtshaus zur Schmölz. Ich telephonierte nach Garmisch, daß das Automobil -halten und uns aufnehmen möge. Die Antwort lautete unsicher: man wisse -nicht, ob noch Platz sei. Zähneklappernd warteten wir eine Stunde: nahm -der Motorwagen uns nicht auf, so blieb noch eine dreistündige Fahrt -- und -woher vor allem einen Wagen nehmen? --. Aber das Wunder, an das wir kaum zu -hoffen wagten, geschah. Der Chauffeur sah uns zwar mißbilligend an -- wir -hinterließen auch kleine Seen auf dem roten Leder der Sitze -- und nur -mein letztes Geld, das ich noch außer den zwölf Mark für die drei -Billette besaß, stimmte ihn milder. Unterwegs rechnete ich: in vier -Stunden hätten wir über den kürzesten Weg unten sein können; statt -dessen waren wir sieben Stunden bei viel anstrengenderem Abstieg unterwegs -gewesen, mußten noch zwei Stunden frostdurchschauert im Automobil sitzen -und hatten für diese Extravergnügungen dem Führer zehn Kronen mehr und -für die Fahrt zwölf Mark zu bezahlen. - -Ich sah zum Führer hin: er unterhielt sich treuherzig mit einem Touristen -und pries unsere hervorragenden hochtouristischen Befähigungen. Wir aber -tranken, endlich zu Hause, zwei Liter Glühwein, »um vorzubeugen!« - -Am anderen Tage traf ich den Touristen von der Zugspitze. Er eilte auf mich -zu: »Gnädige Frau,« sagte er, als ahne er unser Geschick, »hätten -Sie doch nur auf mein Rufen geachtet. Ich hatte nämlich gehört, wie -die Führer untereinander lachten und sagten: »Der nimmt die Dame nur da -herunter, weil er zehn Kronen mehr bekommt -- und die merkt fei' nix!« --- Nein, ich hatte nichts bemerkt, ich gab es zu. Sonst hätte ich es -vorgezogen, dem »treuherzigen« Führer zehn Kronen zu schenken und den -kürzesten Weg zu wählen. Und ich, die Erfahrene, die Erprobte! lernte -einsehen, daß man sich zwar gut auf die Fels- und Eistechnik verstehen -kann und dennoch nichts von der Technik weiß, mit »treuherzigen« -Führern umzugehen. - - - - -Das Matterhorn von Ehrwald. - - -Marschiert oder fährt man von Partenkirchen hinein in den von hohen Bergen -umstandenen Kessel von Ehrwald, so fesselt vor allem eine Gipfelgestalt -den Blick; wenn auch die übrigen Berge des Wettersteins und der Mieminger -Gruppe höher sind, sie werden doch alle durch die wie ein Dolch in den -Himmel ragende Sonnenspitze an Kühnheit übertroffen. Durch Gestalt und -Lage bildet sie den Augenpunkt des ganzen Bergkranzes, der die liebliche, -grüne, mit Lärchenwäldern durchsetzte Talsohle umgibt; nur mit dem -Matterhorn oder der =Cimone della Pala=, freilich in verkleinertem -Maßstab, läßt sich die Form der gebietenden Spitze vergleichen. -Naturgemäß lockt ihr Gipfel jeden an, der überhaupt Fähigkeit und -Ehrgeiz hat, auch noch andere Berge als die auf der Reiseroute liegenden -»Aussichtsmuggel« zu besteigen. Dies Vordrängen in die Landschaft -drückt förmlich ein »Versuch' es doch 'mal« aus -- und tatsächlich -ist auch der Gipfel der Sonnenspitze der am meisten besuchte unter den -schwierigen in der Nachbarschaft. Allerdings wird auch zu ihm wie zu -vielen andern manch Unberufener mit Hilfe des Seils »hinaufgezogen«. -»Mehlsacktechnik« nennt sich diese Beförderungsweise, die bei den -Führern nicht ganz unbeliebt ist; rechnen sie doch nicht mit Unrecht bei -solchen Opfern des alpinen Ehrgeizes, die sich nachher einbilden, mit Hilfe -des Führers Ungeheures geleistet zu haben, auf erhöhte Trinkgelder. -Der Hochtourist allerdings rümpft über diese alpinen Gepäckstücke -verächtlich die Nase; denn das Seil, der unentbehrlichste Freund des -Kletterers, soll ihn nur _sichern_, ihm nur »moralische« Hilfe bieten, -nicht aber, wie es bei Ungeübten der Fall, zur einfachen Beförderung -durch des Führers Kraft dienen. - -Die erste Besteigung der Sonnenspitze vollführte Hermann von Barth, der -kühne Gipfelstürmer, im Jahre 1873 vom Sebensee aus, während der noch -lange Zeit für unbezwinglich gehaltene Südgrat erst 1897 den Innsbrucker -Alpinisten O. Ampferer und W. Hammer erlag. - -Wochenlang rief auch uns der Berg seine Mahnung zu; immer und immer wieder -rüsteten wir uns, ihr zu folgen. Aber da es in diesem Jahr umgekehrt -wie im Sprichwort ging und auf etwas Sonnenschein wieder tagelanger Regen -einsetzte, so war's lange ein Katz- und Mausspiel. Bis auch hier die -Ausdauer siegen sollte! An einem etwas schwülen Nachmittag brachen wir -von Ehrwald aus auf, mit Rucksack und Pickel, und beschlossen, da wir -natürlich den Berg »traversieren« wollten, zur Hütte der Sektion Koburg -aufzusteigen und dort zu übernachten. Der nächste Weg ist der beste -- -also wählten wir den über den »Hohen Gang«, der, nachdem man zuerst -steil über sumpfige Matten und dann durch schattenspendenden Wald -gewandert ist, an steiler Felswand emporführt. Nach gut zwei Stunden -erreicht man den höchsten Punkt der Talstufe; gleichzeitig mit uns -stieg ein Sohn Ganghofers, begleitet vom Jäger und einem »Bua«, zur -abendlichen Gamspirsch empor. Ganghofer gehören dort weit und breit -alle Jagden. Noch ein paar Minuten -- und, dem Blick anfangs durch einen -Lärchenwald verborgen, breitet sich das Oval des Sebensees aus, dessen -grünblaues Wasser an Klarheit und Köstlichkeit der Farbe mit dem des -Achensees wetteifern kann. Jenseits erhebt sich, auf bequem angelegten -Serpentinen in einer halben Stunde zu erreichen, die Koburger Hütte, einen -grünen Hang krönend; die Aussicht, die sie über den Sebensee wie über -den in ihrem Rücken gelegenen blauschwarzen Drachensee bietet, ist einzig -schön. Und doch wurde der Genuß durch die unruhvolle Frage getrübt: -»Wird das Wetter halten -- oder ist es auch morgen wieder nichts?!« -Der Wetterstein lag wie immer von leichten Wolken umhüllt da; und das -Barometer fiel sanft -- beides untrügliche Zeichen in andern Jahren, -aber heuer ohne Gewähr! »Heuer« bewies auch zum Glück diesmal seine -Launenhaftigkeit: ein ganz wundervoller Morgen war uns beschieden, als wir -in aller Frühe zur Ersteigung des »Südgrats« aufbrachen: rosige Wolken -als Folie der Gipfel, und der Schnee an den Hängen leuchtend unter den -ersten Sonnenstrahlen. Also guten Muts vorwärts! Mit der Gewißheit, seine -Mühen belohnt zu sehen und droben eine klare Aussicht zu finden, klettert -sich's nochmal so leicht. - -Das eklige Geröll wurde in kurzer Zeit überwunden, ebenso die steilen -Grashänge. Und nun nimmt mich der Führer barmherzig ans Seil, denn -die eigentliche Kletterei beginnt. Zwar macht mein Hochtourist einige -höhnische Bemerkungen darüber -- ich nehme an, weil er um die Ehre kommt, -mich selbst ans Seil zu nehmen! --; aber da er mich auf meine Bitten -hin photographieren soll -- Frauen können ja nie genug Bilder von sich -bekommen! --, so vertraue ich mich lieber meinem Führer an, als allein -auf die eigene Geschicklichkeit zu rechnen. Denn ohne nach dem Maßstab -der modernen Klettertechnik gerade sehr schwierig zu sein, verlangt dieser -Aufstieg über den Südgrat dennoch größte Aufmerksamkeit. Steile Kamine -wechseln mit griffarmen, exponierten Felsbändern ab, und ein Ausgleiten -würde an den haltlos »plattigen« Abstürzen, mehrere hundert Meter in -die Tiefe, den sicheren Tod zur Folge haben. Aber bei allem Ernst -- oder -besser gesagt: aller Schwierigkeit der Situation, fehlt auch das -heitere Moment nicht. Der Unangeseilte und der Führer sind einen Kamin -hinangeklettert; ich kann sie beide nicht mehr sehen. Sobald sie oben einen -sicheren Standpunkt erreicht haben, wird mir zugerufen, ihnen zu folgen. -Die Stufen sind durchschnittlich für längere Beine berechnet als für -meine, mit aller Kraft muß ich mich hinaufwinden -- von oben wird mein -Zögern mißverstanden: das Seil zerrt mich in die Höhe, fort aus der -eben erreichten Stellung. Ich rufe: »Nicht ziehen!« -- aber Tiroler -und norddeutscher Dialekt scheinen auch für die einfachsten Dinge -entgegengesetzte Ausdrücke zu gebrauchen: mit aller Wucht wird -weitergezogen, ich bin in dem engen Schacht eingeklemmt und zapple in -der Luft mit beiden Füßen. Ich bin nur froh, daß der Photograph diese -»vorteilhafte« Pose nicht erwischt hat -- keinenfalls hätte er sie mir -geschenkt! Ein anderes Mal dagegen, da ich über grausiger Tiefe nur so -auf den Zehenspitzen schwanke, ruft er gemütvoll: »Einen Augenblick halt, -wenn ich bitten darf! Und nicht so sorgenvoll aussehen!« Was denn doch -eine starke Zumutung ist. -- Ganz plötzlich, viel eher, als man bei der -allmählichen Ermattung zu hoffen wagt, ist man oben. Die Tatsache wird -durch ein befreiendes »Ah!« ausgelöst -- denn den Bergsteiger, selbst -den enragiertesten, der schließlich nicht froh wäre, das Ziel erreicht zu -haben, gibt's noch nicht. Mehr noch als vor alle anderen Erfolge haben die -Götter vors Bergsteigen den Schweiß gesetzt! Wie köstlich ist es dann, -sich am Gipfel zu sonnen, in aller Ruhe die wunderbare Aussicht auf die -benachbarten Riesen und in die warmdurchleuchteten Täler zu genießen -- -und endlich an Kräftigem zu frühstücken, was der Futtersack enthält: -Speck und derbes Brot, Limonade aus der Aluminiumflasche, zum Schluß die -»Gipfelzigarre und -zigarette«! Alle Mühsal ist binnen kurzem vergessen, -man hat ganz das Gefühl eines Siegers; die Erde mit ihren Nöten und -kleinlichen Sorgen verschwindet -- der große Friede, die köstliche -Einsamkeit hier oben stempeln diese Stunde zu einer glücklichen und -heiligen. Bis andere Partien nachrücken, denen man den beengten Platz -einräumt. -- Man rüstet sich von neuem, ich werde wieder ans Seil -genommen; aber nun, beim Abwärtssteigen, bilde ich die Tete. Hinüber -geht's zuerst zu dem nur etwa 50 m entfernten und um ein paar Meter -niedrigeren Nordgipfel, zu dem ein äußerst exponierter Grat führt, der -sich an einer Stelle so einschnürt, daß man zum »Reitsitz« gezwungen -wird. Die Beine baumeln dabei nach beiden Seiten über den viele hundert -Meter tiefen Abgrund -- für leicht von Schwindel befallene Menschen keine -empfehlenswerte Stellung! Sonst ist der Abstieg auf der Nordseite technisch -bedeutend leichter als über den Südgrat, im oberen Teil jedoch über -geröllbedeckte Platten, sehr steile Schroffen und Grasbänder führend, so -daß immerhin größte Aufmerksamkeit erforderlich ist. - -Zum Schluß geht's durch einige Geröllrinnen, für die ich eine besondere -Vorliebe besitze! - -So sicher ich auch im Fels und beim Klettern bin, die heimtückische -Nachgiebigkeit des losen Schuttes habe ich immer noch nicht gelernt -genügend auszunützen. Der Hochtourist dagegen erklärt mir, während er -in großen Sprüngen durch das Geröll hinabsetzt, des Rätsels einfache -Lösung bestände darin, schon wieder auf dem _anderen_ Fuß zu stehen, -wenn der Schutt gerade unter dem _einen_ nachgäbe, so daß man mit -dem beweglichen Geröll fortwährend in Bewegung sei und gleichsam -»mitfließe«, wie er sich euphemistisch ausdrückt. - -Ich sehe vollständig ein, daß auch dies für Leute, die es können, sehr -leicht sein muß -- ich dagegen, die ich noch nicht diese Geistesgegenwart -der unteren Extremitäten erlangt habe, nehme mehrmals »fließend« Platz. - -»Solch ein Moment war's --« und mein Hochtourist, der sich aufgestellt -hatte, um den gerade sehr wirksam beleuchteten Tejakopf aufzunehmen, drehte -sich flugs um und eignete sich, meiner hilflosen Empörung zum Trotz, meine -»fließende« Lage auf den spitzigen Steinen an. Sobald man wieder ins -Tiefland kommt, werden eben die Charaktere wieder schlechter! - -Endlich werde ich »abgeknüpft«. -- Man bemerkt sarkastisch, daß doch zu -hoffen wäre, ich könne die steilen Wiesen ohne Katastrophe überstehen! -Darauf verschmähe ich jede Antwort -- und sitze gleich darauf wie -festgeklebt und etwas schmerzhaft auf der klitschigen, von Wurzeln -durchzogenen Erde eines »Latschengassels«. - -Als sich der Hochtourist umdreht, habe ich die Hand voll braunköpfiger, -nach Vanille duftender Brunellen, und erkläre in stoischer Ruhe, daß ich -meine Sträuße immer sitzend zusammenstelle. -- Er ist geschlagen! -- - -Drunten am Sebensee, dicht neben der Jagdhütte von Ganghofer, gibt's noch -eine letzte Rast, wo dann der letzte Proviant großmütig verteilt wird. -Rückwärts, voll Befriedigung, wandert der Blick dabei zur Sonnenspitze -hinauf -- von hier aus erscheint sie als ein breites, doppelt gegipfeltes -Massiv. - -Da oben war man -- ist's zu glauben?! - -»Um ganz alpin zu reden,« unterbricht der Hochtourist die stumme -Selbstbewunderung, die wohl aus meinen Zügen spricht, »müssen Sie sagen: -ich habe ihr den Fuß auf den stolzen Nacken gesetzt!« - -Ich betrachte meine Füße in den derben Nagelschuhen, ohne mich auf das -Symbolische dieser Ausdrucksweise einzulassen, und nachträglich noch -überkommt mich eine fromme Scheu, daß ich es wirklich gewagt habe --! - -Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn ein anderer -Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf seinen stolzen Nacken« -ziehen wird. - -Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen« besser -kann. - - - - -Quer durch die Lechtaler Alpen. - - -Auf allen Gebieten des Lebens haben sich die Ansprüche gesteigert -- je -mehr Freunde und Anhänger die Touristik und die Bergbesteigung im Laufe -der Jahre gewonnen haben, um so größer sind auch die Anforderungen -an Bequemlichkeit geworden. Früher war man zufrieden, wenn sich eine -anständige Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels -übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des Deutschen -und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich, wenigstens die -besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit zuführenden Wegen -angelegt waren. Aber auch das genügte bald nicht mehr: die neueste -Errungenschaft auf dem Gebiete der »Erschließung der Alpen« sind die -»Höhenwege«. Sie führen über die Joche und ermöglichen die Begehung -steilgefurchter, zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch in -Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen gestattend, ohne -daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer können dabei immer -noch einen oder den anderen Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese -Höhenwege nicht ganz so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt: -nämlich, daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend -dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters auf und ab -zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung zu queren, dort einen -Sattel zu erklimmen und dergleichen. In Summa ist die Höhendifferenz, die -man nach auf- und abwärts zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei -einer Gipfeltour. Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist, -daß sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter etwa -2000 m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend wechselnden -Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise ist das -am rationellsten durch Höhenwege erschlossene Gebiet der Alpen das -der »Lechtaler Alpen«, jener bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der -Parseierspitze, gänzlich vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit -alpiner Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers, -Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte nichts von ihr. -Diese schönen Berge, im Süden durch die Rosanna und den Arlberg, im -Westen durch den Flexenpaß, im Norden vom Lech, im Osten durch den -Fernpaß begrenzt, sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen -Höhenwege, ein vom großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet. -Glücklicherweise! Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler, sondern -nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir sind auf vieltägiger Wanderung -nur ein paar Leuten, vier oder fünf, begegnet; auch die Hütten waren -trotz der Hochsaison nur sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die -Gipfel dieser Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste -Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen häufig -tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene Couloirs, in denen -noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem Jahr die Kalkalpen, die sonst -um diese Zeit schon »tot« zu sein pflegen, besonders belebt infolge des -langen Schnees; überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche -überströmen den Pfad -- und die Flora ist von einem Reichtum, wie ich sie -noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe. Die Hänge sind noch rot -von Alpenrosen -- ganz oben sind sie noch in Knospen -- Seidelbast -und wilder Thymian entsenden ihre Düfte zusammen mit eben erblühten -Schlüsselblumen, gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben und -Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen von dunklem Lila, -Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume, Moose in den verschiedensten -Schattierungen und Feinheiten, Löwenzahn und Sumpfdotterblumen -- von den -monumentalen Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder zu den -lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe zwischen dem Gestein -oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine wunderbare, stille Welt dort oben, -die gewiß manchem höchste Wonne bringen würde -- trüge ihn sein Fuß in -die Einsamkeit! - -Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation Pians an der -Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt ein guter Weg über Grins, dem -einstigen Sommeraufenthalt der berühmten und berüchtigten Margarete -Maultasch, das noch alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist, -bis zur Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung der -Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«, bildet. Die -Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen Kalkalpen, der die -Höhe von 3000 m erreicht. Von der Hütte führt eine erst vor kurzem -eröffnete kühne Weganlage, an der mehrere Jahre gearbeitet wurde, über -ewigen Firn und schroffe, wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger -Wanderung zur Ansbacher Hütte. Der Weg übersteigt den 2972 m hohen -Dawinkopf, der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen und -die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta bis zu den -Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien der -nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv bleibt immer der herrlich weite -Blick während der ganzen langen Wanderung. Freilich ist es kein »Weg« -im Sinne von Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses -alpines Können dazu, um ihn _mit_ Führer zu begehen. Wer ihn führerlos -machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile und sonstigen -Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit und Erfahrung auf Fels -und Schnee besitzen. Von der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in -dreiviertel Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann, -geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee, wobei man das -Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte zu überwinden hat -- -eine besondere Anforderung an Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben -glücklich oben, so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und -jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen »Nachmittagsberg« -kann man sich von der Hütte aus noch erlauben, den Seekogel, auf den -man in einer halben Stunde gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf -hinaufspaziert. Weiter zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier -»Jöcher«! Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf und -Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz (2674 m) -oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees entschädigt für die -Anstrengung durch eine wundervolle Aussicht auf den östlichen Teil der -Lechtaler, namentlich auf ihr wildestes Gebiet: das Parzinn. - -Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen des Parzinn, -einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten Zirkus, ganz in Latschen auf -einem Vorsprung gebettet liegt. Nur ein schmaler Ausweg nach Norden -zum Lechtal hinunter eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15 -Jahren eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und -abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen; namentlich reizt -die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas gelegene ebenmäßige Pyramide der -Dremelspitze, die, lange als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel -sich dem Nagelschuh der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker -Alpinisten =Dr.= Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze Zinne -1896 in achtstündigem Ringen -- später fand der ungeßliche Purtscheller -einen etwas verwickelten, aber kurzen und verhältnismäßig unschwierigen -Aufstieg, so daß man den Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden -erreichen kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«, -die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am nächsten Tag übers -Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder hinauf in fünf Stunden auf den -Muttekopf, den berühmten Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten -Kontraste von seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die -Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel von Imst, -das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern -- kurzum, ein -großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte, in fünfviertel Stunden -erreicht, bietet eine willkommene Verpflegstation -- nun herunter nach Imst -in drei Stunden! Der Fuß eilt -- man drängt förmlich nach dem Stall -- -denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet der Koffer mit frischer -Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit und -- frisches Fleisch! -Welch ein Labsal nach sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man -mit tausend Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen -Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete, um sie dann wieder um so -intensiver zu genießen! - - - - -Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz. - - -»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig, der mich eben -über Stand und Vermehrung seiner graubraunen Kuhherde unterrichtet hatte, -und zog nach seiner Meinung sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber -hoffte, daß »Kronprinzens« -- denn sie waren es wirklich und ich in -ihrem Jagdrevier -- keinen Sinn für die Misere des Alltags haben. Denn -die kriegt uns unter -- mag man noch so korrekt und vorschriftsmäßig -ausgerückt sein --, wenn man nacheinander eine Reihe von Hochtouren -gemacht hat und seinen äußeren Menschen inzwischen nur mit den -Schätzen aus dem Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten« -restaurieren konnte. »Kronprinzens« -- jung und schön beide wie der -Lenz -- zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber; und ich sah am -heißen Hochsommertag auf meine schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen -zerrissenen Spitzen meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die -Fingernägel und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck, das -ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit entfernt war und -ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt hatte, unter dem im Tal -wieder umgeknöpften weiblichen Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo -gefällt wird, da fliegen Späne -- wer sich in »die Unwirtlichkeit der -Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß sich ihren -Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen lassen. Zum Schluß -siegen wir -- zwar mit zerzausten Federn -- aber wir siegen! Und so ein -Berg, zu dem man aufblickend sagen kann: »Da oben war ich einmal und -sah vom Gipfel in die Lande« -- zu dem behält man sein Leben lang ein -verwandtschaftliches Gefühl. - -Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert; wie man weiß und -ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter Sommeraufenthalt. Mir sind -solche Orte furchtbar; und für die Maskerade der Städter, die sich als -»Deandl'n« und »Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein -recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen schönem, -klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen Wirtshaus aus jede -Bewegung der buntfarbigen Frösche -- nein, Schwimmer und Schwimmerinnen -- -verfolgen ließ. Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf -dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur Seite von der -stillen Kirche begrenzt -- ein hübsches, idyllisches Kleinstadtbild! Wohin -ich ginge? frug ein Bekannter. In die Lechtaler; näheres wußte ich -noch nicht. Das ist sehr glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres -Programm als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so -geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge zu geben -und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von dort aus wollen Sie gehen? --- Ach, da würde ich Ihnen doch vorschlagen, über den und den Paß und -lieber von der und der Hütte aus.« -- »Danke schön, ich weiß alles. -Ich war nämlich schon im vorigen Jahr dort -- auf der ›drübern‹ Seite -der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. -- »So, Sie wissen? -- Dann -freilich« -- - -Ich nicke -- der Hochtourist hatte sich während dieses Gesprächs in -abweisendes Schweigen gehüllt -- greife nach Rucksack und Pickel und -entsteige dem Postwagen, der uns die staubige Landstraße entlang geführt -hat bis nach Spielmannsau. Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie -beliebte Badeorte. Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von der -Fahrt erholen, beginnen wir bei 30 Grad im Schatten den sonnigen Anstieg -zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen Nachmittagsstunden, -unter der Last meiner beweglichen Habe seufzend, eingefallen, daß Dante -heutzutage eine andere Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte; -den Bergsteiger z. B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf -seine Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern -lassen -- etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben! Und diese hat noch -eine besondere Überraschung für den lieben Wanderer bereit: hofft man sie -nach drei »steilen« Stunden nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen -verläßt, so liegt sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher -auf einem Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch -auszufechten: um 8½ Uhr -- für eine Hütte also zu nachtschlafender Zeit --- tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf und verlangte, daß die Dame, -der man das Sektionszimmer eingeräumt habe -- das war ich! -- sofort -auszöge und sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber wozu -ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt? Ein Hüttenwart -ist abends um 8½ Uhr auch nur ein gewöhnlicher Tourist, falls er sich -ein Zimmer nicht reservieren läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit -eiserner Stirn; was ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber -schweigen. - -Am nächsten Morgen vorwärts auf dem berühmten »Heilbronner Weg«. Er -führt hart an der Mädelesgabel vorbei, auf der jeder Tourist im Algäu, -der etwas auf sich hält, gewesen sein muß; wir überließen sie gutwillig -der ungezählten Schar dieser Pflichtgetreuen, wanderten den Gletscher -weiter aufwärts und turnten vorsichtig in die Felsen der Hochfrottspitz -(2649 m) hinein. Sie bietet eine recht amüsante Kletterei -- für mich das -Schönste von allem Bergsteigen! -- und oben herrschte köstliche Ruhe und -Einsamkeit, im Gegensatz zum Gipfel der Mädelesgabel, von dem es lärmte, -johlte und schrie -- eine besondere Art der Kundgebung von Naturfreude, die -dem Deutschen im Blute zu liegen scheint. Der Heilbronner Weg geleitet -noch direkt über den Bockkarkopf (2608 m) und die Steinkarspitz (2653 m), -gewährt also unter sehr hübschen Gratwanderungen den Ehrgeizigen einige -Gipfel gratis. Man steigt zur Rappenseehütte ab, die ebenso wie die -Kemptner Hütte der durch den Höhenweg ungeheuer angewachsenen Frequenz -durchaus nicht mehr genügt. Ein gewaltiges Zelt, in dem trotz Sturm und -Regen dreißig Personen Schutz suchen mußten, hilft nur wenig aus -dem Dilemma; auch der Heuboden war ausverkauft. Die Bauern, denen das -umliegende Areal gehört, verlangen jedoch solche Großstadtpreise für -jeden Fuß Land, daß der geplante Um- und Neubau der Hütte schon seit -Jahren verschoben werden mußte. Ja, die treuherzigen Bauern! In diesem -Jahr geht's ihnen ohnehin gut -- im Algäu brachten sie das dritte, -prachtvolle Heu ein und gestanden zu, daß sie wohl seit hundert Jahren -keine so gute Ernte gehabt hätten. -- Wieder ganz einsam -- denn die -beliebten Berge dieser Gegend sind das Hohe Licht und der Rappenseekopf -- -zogen wir am anderen Morgen zum Biberkopf (2600 m) hinauf, gut drei -Stunden von der Hütte aus. Ein merkwürdiger Berg: von einer Seite in -schauerlichen, unüberwindlichen Platten aufgetürmt, von der anderen Seite -in abgeschieferter Rinne bis zum Gipfel natürliche Stufen zum -Klettern bietend. Oben, kaum genoß ich die Aussicht, erreichte uns ein -Gewittersturm und trieb uns Hals über Kopf zur »Gufel« hinunter, einer -schutzbietenden Höhle, zwanzig Minuten unterm Gipfel. Dort saßen wir -klappernd und klatschnaß, bis die liebe Sonne uns befreite und das -Geschäft des Auftrocknens während des Abstieges übernahm. Über -Lechleiten ging's dann in glühender Mittagshitze am steilen Hang entlang -in das hohe, öde Tal von Hochkrumbach, also in den Bregenzer Wald hinein, -der sich wenigstens hier durch absolute Abwesenheit des Waldes auszeichnet. -Der »Widderstein« (2536 m), von dem aus sich der Bodensee überschauen -läßt, und der vom Wirtshaus aus so ein rechter Nachmittagsberg ist, -versöhnt mit der beklemmenden Einöde des Tals. Aber ich war doch froh, -nach einem halben Regen- und Rasttag abwärts über Schröcken, der -»Perle des Bregenzer Waldes«, wandern und über den Schadona-Paß die -allerliebste, neue Biberacher Hütte erreichen zu können. Ringsum ist -alles Jagdrevier des Kronprinzen; als Aufenthalt dient ihm und seiner -Familie das hübsche, kleine Jagdschloß in Hopfreben. Fast überall im -Bregenzer Wald, allerdings in jedem Tal etwas anders, tragen die Frauen -noch die alte Tracht. Die Kleider sind von oben bis unten in ganz feine -Falten gelegt, »plissiert« würde man auf deutsch sagen, die Röcke in -Kniehöhe mit einem ganz schmalen, hellblauen Streifen besetzt. Um Hals -und Nacken geht eine reiche Silberstickerei, die Ärmel sind je nach -Gelegenheit aus Seide, Wolle oder Kattun und von beliebiger Farbe. Die -früher stets benutzte Pelzhaube wird jetzt im Sommer durch einen einfachen -Strohhut mit Bandschleife, der aber einheitlich getragen wird, ersetzt; nur -bei Prozessionen schmücken sich die Mädchen mit dem »Schäpeli«, -einer flachen Goldkrone. Angelika Kauffmann, deren Vater aus Schwarzenberg -stammte, und die hier nur ein Jahr als Mädchen verbrachte, bewahrte -dem Lande größte Anhänglichkeit. Ihrer Jugendarbeit -- sie malte die -Seitenwände der Schwarzenberger Kirche aus -- ließ sie später als -Geschenk das schöne Hochaltarblatt folgen, obgleich, wie sie selbst sagte, -ihr die Kraft fehlte, Gott-Vater so darzustellen, wie er in ihrem Herzen -wohne. -- Ich fand am herrlichsten vom Land das Große Walsertal. Eine -befriedigende Expedition unternahmen wir vorher, von der Biberacher Hütte -aus über das Fürkeln zur Braunarlspitz (2651 m), deren mächtiges Massiv -uns schon lange lockte, und die eine der gewaltigsten Hochgipfel -des Bregenzer Waldes ist. Eine herrliche Rundsicht belohnt für die -Anstrengung, während die Hochkinzelspitze (2307 m), von der Hütte aus -bequem in knapp zwei Stunden zu erreichen, hübsche Blicke in die nahen -Täler gewährt. So, nachdem wir von allen Seiten ins Algäu und in den -Bregenzer Wald geschaut hatten, wollten wir durch das Große Walsertal, -über Buchboden und das entzückend gelegene, freundliche Sonntag -absteigend, die Ebene zurückgewinnen. Aber schon in Garsella ging mir nach -vielstündigem Marsch der Atem aus -- und wir vertrauten uns einem kleinen -Einspänner an. Denn wer in den Bergen denkt, bergab sei bergab, der irrt -sich sehr; auch diese Landstraße stieg weiter und weiter empor, all die -verstreuten Dörfer berührend, die sich auf den Terrassen der sehr steilen -Talwände angesiedelt haben. Man hielt es für ausgeschlossen, daß man -je ins Tal kommen würde, so tief unter uns rauschte das Wasser des -wilden Lutzbaches. Endlich, nach zweistündiger Fahrt, geht es in steilen -Serpentinen hinab, dem Örtchen Thüringen zu. Seit einer Woche wieder ein -Postwagen -- zivilisierte Menschen oder solche, die es sein wollen -- ein -Auto -- Fabriken -- die Bahn -- -- kleinlaut steigt man ein und fährt für -20 Heller -- gottlob ist der erste Anspruch der Zivilisation an die Börse -nicht groß! -- bis Bludenz. Hier, in dem alten Städtchen, dessen Burg -Hermann von Gilm, der bedeutendste Lyriker Tirols, entstammte, wartet man, -bis sich der Himmel wieder klärt und das Fleisch so willig ist wie der -Geist zu neuen Eskapaden in die Einöde -- zu neuen, herrlichen Genüssen -in der Bergwelt! - - - - -Vom Königspaar des Rhätikon. - - -Nicht des Reiters, aber des Reisenden »über den Bodensee« Auge wird -am meisten gefesselt von der schneeschimmernden Scesaplana, dem höchsten -Gipfel (2967 m) des Rhätikons, dieses zwischen Ill-Rhein-Gargellental und -dem Prätigau aufragenden Gebirgsstocks, der sich durch die Formschönheit -und Mannigfaltigkeit seiner Gipfel unter allen Gruppen der nördlichen -Kalkalpen besonders auszeichnet. Die Königin dieser Kette ist die -Scesaplana, um deren Schultern sich ein schimmernder Firnmantel als -Hermelin schmiegt. Durch Weganlagen ist ihre Besteigung erleichtert, und -ihr Gipfel, der eins der schönsten Panoramen der gesamten Alpen bietet, -ist das Ziel Tausender von Bergsteigern, die je nach ihrer Befähigung -leichtere oder minder leichte Aufstiege suchen. Ist hier der Preis der -Besteigung die unvergleichliche Aussicht, so lockt den Hochtouristen die -»Zimbaspitze« (2645 m), von den Einheimischen nur »Der Zimba« -genannt, die kühnste und trotzigste Felszinne des Rhätikons; und ist die -Scesaplana die liebenswürdige Königin, die den Gast entgegenkommend zu -den Schönheiten der Hochalpen führt, so ist »Der Zimba« ein ablehnender -Fürst, und viele, die sich an seinen Wänden und Graten versuchen, treffen -bei ihm auf schroffe Zurückweisung! - -Naturgemäß mußten unter den zahlreichen Gipfeln des Rhätikons diese -beiden Hochzinnen unser Ziel bilden. Die »Wir« waren für »Den Zimba«, -mein Hochtourist (den ich großmütigerweise mitnahm!), ein junger Führer -und ich. Bei gewaltiger Hitze stiegen wir in drei Stunden von Bludenz über -Bürserberg zur Sarotlahütte empor. Ich kann nicht sagen, daß ich die -überaus primitiven Hütten wie diese, die nur ein Matratzenlager in einem -allgemeinen Schlafraum bieten, besonders liebe; schon weil es ja keine -Möglichkeit gibt, »Toilette« zu machen. Aber nach all den von bessern -Spaziergängern überlaufenen Hütten der letzten Zeit war es direkt -wohltuend, sich unter Leuten, die es ernst meinten und ihre ganze -Expedition nicht bitter bereuten, wenn es kein »Bier vom Faß« gab, zu -befinden. Jede weltliche Torheit, wie Bier überhaupt, lag dem einfachen -Senn dort oben fern. Milch von seiner Kuh offerierte er und Eier konnte -man haben, aus denen ich fürs Allgemeinwohl in einem schwarzgeräucherten -Tiegel eine wunderbare Speise herstellte; und dann schliefen wir, zwei -andere Partien, auch jede zu zwei Personen, auf dem Matratzenlager, auf -dem nur das Gewissen weich war, in einer Reihe -- der junge Führer als -Paravent zwischen mir und den übrigen! Freilich, das Einschlafen ging -nicht schnell, das pflegt auf Hütten so zu sein; und neben mir durchs -Fenster funkelten die Sterne -- und die andern beiden Partien hatten -»große Sprüch'« geredet: wie schwer es sei -- und wie unbequem eine -Dame --, denn wegen Steinfalls müßte man größte Rücksicht auf einander -nehmen! Wenn ich nun diese Probe auf Trittsicherheit usw. nicht bestand? -Etwas zaghaft war mir zumute, und jedenfalls erleichterte es mich, daß wir -am nächsten Morgen die Ersten fertig zum Aufbruch waren: so wie der Mensch -nun einmal ist, mag man lieber der Schuldige sein am Steinfall (wenn es nun -doch mal sein muß!) als der Unschuldige, den sie am Kopf treffen! Unsere -Rucksäcke ließen wir, um beim Klettern nicht behindert zu sein, vom -Sennen zum Zimbajoch hinauftragen, wo wir sie beim Abstieg aufnehmen -wollten: länger als 5 bis 5½ Stunden rechneten wir nicht, da wir -bei unserer »Fähigkeit« den Baedeker wie den Purtscheller in ihren -Zeitangaben gewöhnlich schlagen. - -Im gemessenen Schritt »Echter« begannen wir um halb fünf Uhr morgens den -Aufstieg über sehr steile Gras- und Schutthalden -- Fuß vor Fuß, ohne -Pause, zwei Stunden lang, bis zum Einstieg in die Felsen. Hier nun wurde -von dem jungen Führer mit großer Vehemenz der moralische Halt, das Seil, -um die Stelle meines Körpers geschlungen, wo sonst die Taille sitzt; -zugleich begann die erste Kontroverse zwischen ihm und dem Hochtouristen, -der auf Grund seiner »literarischen Kenntnisse« einen andern als den -vom Führer bezeichneten Weg einschlagen wollte. Doch da der Führer -versicherte, in diesem Jahr schon mehrmals oben gewesen zu sein und »diese -neue, leichtere Route« genau zu kennen, so gaben wir nach -- leider! -Denn das Resultat dieser »neuen, leichteren Route« war vollständiges -Versteigen, wobei sehr schwierige und gefährliche Platten- und -Traversierstellen zu bewältigen waren. Und dann überhaupt: dieser Berg! -Er ist das Niederträchtigste, was man sich denken kann -- »treu und fest -wie ein Fels« ist ein Hohn auf ihn. Ich klettere gewiß gern, aber ich bin -für Zuverlässigkeit im Leben. Bietet »Der Zimba« jedoch einen Griff --- fast nur mit Grasbüscheln locker besetzte Steine -- so rutscht einem -plötzlich der halbe Berg entgegen -- und bildet man sich ein, man hätte -einen sichern Tritt, so kommt unterm Fuß sofort die ganze Wand ins Wanken. -Alles ist brüchig, und dabei eine Steilheit, die oft peinlich wirkt! Bei -der ersten, sehr schweren Plattenstelle stürzte der Führer beinahe ab --- ich kann nicht behaupten, daß dies mein ohnehin schon sehr ins Wanken -geratenes Vertrauen zu ihm erhöhte; denn auch von der Seiltechnik besaß -er nur eine unbestimmte Ahnung, und gerade bei unbequemsten Stellen -»vertüderte« es sich ihm, wie man in Schleswig-Holstein sagt, und -unbekümmert um meine Situation schrie er dann unsichtbar von oben: »Sie, -Frau, halten's Ihna fest!« Auch sonst richteten sich seine Umgangsformen -nach Stand und Gefahr; das merkte ich besonders beim Abstieg. Ging es -leicht, so flocht er ein »Gnädige Frau« in seine Ermahnung -- in -gefahrvollen Minuten riet er mir schmucklos, in den derbsten Ausdrücken -unserer in diesem Punkt ja sehr reichen Muttersprache, mich einfach auf den -mir von Gott dazu gegebenen Teil zu setzen und von dieser breiteren Basis -aus die Hindernisse zu überwinden. Kurz und gut, der Hochtourist übernahm -schon von »der« Platte aus die weitere Leitung und gab alle Anweisungen -zur Seilsicherung usw. Ihm verdankten wir es jedenfalls, daß wir -überhaupt, und zwar nach unendlich vielen Fährlichkeiten, bei denen ich -zum Teil zwischen ihm und dem Führer am Seil eingespannt war, nach 2½ -Stunden vom Einstieg aus -- also im ganzen von der Hütte aus in 4½ -Stunden -- den Gipfel erreichten. Trotzdem hatte sich mein Selbstvertrauen -neu befestigt, denn ich durfte mir sagen, daß das Seil nur zur -Versicherung und nicht ein einziges Mal dazu gedient hatte, um mich -»zu ziehen«, wie ein lebloses Paket -- ein bei manchen Touristen nicht -unbeliebtes Beförderungsmittel. - -Die andern beiden Partien mit den »großen Sprüch'« hatten wir einmal -in unsrer Nähe bei der Platte klappern hören. Die Armen mußten uns -nachgestiegen sein, hatten das Rennen aber dort schon aufgegeben, denn wir -hörten und sahen nichts mehr von ihnen, trotzdem wir fast eine Stunde -am Gipfel rasteten. Eine schöne Fernsicht, wundervolle Talblicke ins -Montafon, über steilabstürzende Wände hinab ins Rellstal und zu den -anderen Vasallen des Rhätikons hinüber belohnten uns, gewiß; ich aber -genoß diesmal besonders die Ruhe -- und das Frühstück und befand mich -glücklich bei dem Lob von Führer und Hochtourist, »daß ich meine Sache -brav gemacht habe«. Das Ärgste, meinte ich auch, läge hinter uns. »Ja, -Schnecken!« Wir nahmen den Abstieg über den Westgrat, »traversierten« -also den Berg, da wir übern Ostgrat gekommen waren. Ein Versteigen -war wenigstens unmöglich, da die Route immer am Grat entlangläuft -- -schwindelfrei muß man allerdings sein. Und seine kleinen Überraschungen -bietet dieser Westgrat auch sonst; da ist z. B. eine schwierige Strecke -über einen etwa 70° geneigten, von brüchigen Schroffen und lockeren -Graspacken durchsetzten Hang. Die hat es in sich! Früher konnte man durch -einen viel sichereren Kamin absteigen; seit dem letzten Winter ist er -verschwunden, da ein großes Gratstück in die Tiefe gestürzt ist. - -»Gengan S' nur zu,« sagte der Führer gerade an dieser Stelle ermutigend, -viele Meter Seil über mir und durch Felsen versteckt, »der Herr wird Ihna -schon zurufen, wo S' hintreten müssen!« Der Hochtourist war zu diesem -löblichen Zwecke vorangeklettert. Aber kein Rat, keine Hilfe kam, und als -ich endlich hochatmend innehalten mußte, weil des Seiles Länge erschöpft -war, saß der Hochtourist gerettet und seelenruhig auf einem Vorsprung und -versuchte den winzigsten Zigarrenstummel in Brand zu setzen, den ich je als -noch brauchbar gesehen habe! Ja, man macht noch nebenher Charakterstudien -in den Bergen. Eine ekelhafte, überhängende rote Nase kam; da ich mit -den Füßen den spannbreiten Grat nicht erreichen konnte, sollte ich mich -»einfach herunterlassen«. Ich streikte, der Hochtourist stampfte auf dem -ohnehin schon wackligen Grat, der Führer schrie sinnloses Zeug von oben --- ich kniete an einem senkrechten Abbruch auf einem Eck so groß wie -eine Schwefelholzschachtel und wurde noch einmal energisch ersucht, diesen -hervorragenden Stützpunkt nun »einfach« für die Ellbogen zu nehmen! -Ich schrie alles zurück, was mir im Moment nur an tötlichen Beleidigungen -einfiel -- und dann entdeckte »man« -- ich sage »ich«, der Hochtourist -»er«, der Führer »wegen meiner« -- die Idee eines Trittes an der -Außenwand der Nase, auf die ich meinen rechten Fuß stemmen konnte -- -gewonnen hatten wir! Der Hochtourist zündete den Stummel frisch an. -Nach zwei Stunden heißer Arbeit standen wir am Zimbajoch -- die großen -Schwierigkeiten hatten damit ein Ende. Immerhin aber folgte noch ein -zweistündiger, zum Teil recht ungemütlicher Abstieg über steilen -Schroffen und mit Platten durchsetzten Grashänge, die größte -Aufmerksamkeit und vollständige Trittsicherheit erforderten, da es für -die Hände so gut wie gar keine »Griffe« gab. Schon vom Joch aus, auf dem -wir unsere Rucksäcke wieder vorfanden, winkte uns von unten die hübsche -und allerliebst eingerichtete Heinrich-Hueter-Hütte, in der es wieder eine -Ruhepause und eine Erfrischung gab. - -Auf den grünen Matten, von der diese Hütte umgeben ist, sowie auf dem -Übergang übers Säulejoch zur Douglas-Hütte habe ich übrigens zum -erstenmal Murmeltiere nicht nur »pfeifen« hören, sondern spielen sehen -und Männchen machen. - -»Zum Abgewöhnen« kam also noch der »hochalpine Spaziergang« zur -Douglas-Hütte hinüber, der eigentlich noch gar nicht eröffnet war -- die -offizielle Eröffnung der wirklich entzückenden Weganlage, die andauernd -die schönsten Blicke bietet, ist erst einige Tage später erfolgt; in zwei -Stunden erreicht man den köstlich blauen Lünersee, an dessen Ufer die -berühmte, höchst originelle Douglas-Hütte »eingegraben« ist, könnte -man sagen. Denn um sie vor Lawinengefahr zu schützen, ist sie von einer -langen, festen Mauer bis zum Dach gedeckt, und alle Räume der drei wie -unterirdisch wirkenden, nach Bedürfnis entstandenen Bauten haben nur -Fenster zur Seeseite hin. Und hier gab es einbettige Zimmer -- man -vergißt ganz, daß so was Schönes auf der Welt existiert! -- und schöne -Waschtische -- und die Möglichkeit, sich ungeniert aus- und anzuziehen! -Man wird dankbar auf Bergeshöhen. Und wie das Essen schmeckte -- nach -elfstündiger »Arbeit« inklusive der Freundlichkeiten des »Zimba«. - -Um neun Uhr nach notdürftiger Stopfung aller Löcher und Dreiecke in den -»Unaussprechlichen« fällt man ins Bett. Aber lang wird der Schlummer -doch nicht sein: »Um vier Uhr bereit -- zur Scesaplana!« =Il faut obéir= --- mitgegangen, mitgehangen! - - * * * * * - -»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern des -Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen -Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal außergewöhnlicher -Ausdrucksweise zu bedienen. Warum, weiß ich nicht. Und helfen tat es auch -durchaus nicht. Der Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist -weder hervorragend anstrengend noch schwierig -- dafür aber auch nicht -unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die Beine derer, -die in unstillbarem Höhendrang lange vor der Sonne ausmarschiert waren, -tauchten wieder und wieder über unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf. -Schade, man verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb -auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin die letzten --- der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer, der dritte die gegen -jede Temperatur Immunen, die sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür -körperlich abzunehmen. Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege -und meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen in den -Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei Stunden ans Ende aller Kurven -gelangt, sahen eine Stange ragen, machten noch einmal: »Rechtsum -- -kehrt!« =Voilà= -- der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel; -hinter einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne Frau, -die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist, der mit diesem -Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen war, was »Bewegung« anbelangt -nämlich. Sonst -- der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch -seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen (Tiroler) -und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze er gerade emporsteigt. Von -den Ötztalern und der Ortlergruppe im Osten bis zum Monte Rosa im Westen -schaut man und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die -blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal verfolgen -von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee, nickt der alten Bekannten, -der Silvretta, zu, freut sich an der Bernina-Gruppe -- und immer Neues, -Fesselndes steigt aus blaudunstiger Ferne auf -- man hat das Gefühl, man -stände recht im Herzen der Alpen! -- Nichts störte uns am Genießen; -jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen schon längst -wieder bergab -- allein in Stille und Schönheit und vor dem immer -wechselnden Spiel zartester Nebelwolken an den Bergwänden, zu schweigen -von der Farbenskala, die der Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte. -»Die Scesaplana ist die Königin des Rhätikons« -- man beuge sich -ihrer Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«. Über den -Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle, »sumpfige« Flecken -wir sorgsam vermieden. Gegen diesen Sommer nützt der beste Gletscher -nichts! Aber rückwärts schauten wir und bewunderten die steilen, -merkwürdig geschichteten Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite -abfällt; und so harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte, -die direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen ist, -frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten Wegen, die -zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber nur ein »alpiner -Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«, wie der letzte Teil -des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen und Leitern gesicherten Steiges -heißt, der ins Gamperdonatal hinabführt. Viel erlebt man an solch einem -Morgen: öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die -unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch« seine -kleine Bahn gegraben hat --, Schutthänge, steile »Wasen«, wie das Gras -heißt --, schließlich wieder Latschengestrüpp als neueinsetzende Flora, -allmählich Kiefern, Ahorne -- Matten neben dem zu Tal rauschenden Wildbach --- und zum Schluß ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der -»Nenzinger Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt Rochus. -Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine Menge kleiner Almhütten --- es sind Sommerhütten der Bauern und Bewohner aus Nenzing, die hier oben -her ihre Herden auf ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon -alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint -hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild gesehen wie -dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle, dem hübschen Wirtshaus -- -den verstreuten Häuschen und dem Vieh, das sich durchaus als Hauptsache -empfindet und ungeniert Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm -paßt. In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur durch -Sennen -- und Sommerfrischlerinnen, die das grüne Nest auch schon entdeckt -haben, erscheinen in blauen Leinenhosen, um sich selbst ihre Milch zu -holen. Aber der fremde Einschlag stört hier nicht -- er ordnet sich der -Stimmung unter. - -Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d. h. in die Ebene, dauert vier -gute Stunden, vollzieht sich aber auf so schönem Wege, meistens durch Wald -und höchst romantisch neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man -Zeit und leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien und -Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die Luft des Tieflandes -und möchte wie das mexikanische Tier mit dem schönen Namen Axolotl sich -auch anpassen können: ein paar Lungen, weit und groß genug haben, um -unendlich viel reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern, -und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten vermögen! Ob -man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?! - - - - -Streifzüge in Südtirol. - - -Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn über den Brenner -gefahren, hatten uns die Tauern aus dem Sinn geschlagen und uns den -südlichen Alpen zugewandt, wenn nicht in der bestimmten Hoffnung, dort -Wärme, Sonne, Wohlbehagen zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten -Schneesturm seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im -gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das mit echt -norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet wird, und -als Unikum einer Hütte eine kleine Kapelle, die höchstgelegene Europas, -besitzt. Sie ist durch das Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die -Führer am Sonntag nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe -gehört haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden sich -junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und in einer Höhe -von 3203 m ihres Amtes walten. Aber die Nächte »dicht beim lieben Gott« -und bei soundsoviel Grad Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer -sitzt man Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen, -die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die kleinste -Nasenspitze sichtbar -- weißes Flockengestiebe ringsum! Da wurde -schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in die Schönheit der -Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen zäh wie Bergmoos -ist, von stiller Raserei ergriffen, die sich gegen den Eigensinn der Natur -kehrte. Kurz hieß es: »Jetzt wird mir's z'dumm -- jetzt wird gegangen!« -Also gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am warmen -Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei Schritte vor sich -hin sehen konnte; des Morgens um sechs und bei dichtem Schneegestöber und -einem Sturm, der sich von allen Gletschern in der Runde -- und sie sind -dort grade nicht selten! -- neuen Atem und frische Kälte zu holen schien. -Nachdem wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht hatten, -wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine Proviantstation fürs -Becherhaus befindet, d. h. Kisten und Fässer lagern frei im tiefen -Schnee, konnten wir wenigstens über ein paar spaltenlose Gletscher im -Sitz abfahren, mir eine der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in -verhältnismäßig kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen, -in denen gefühlvoll statt des Schnees -- Regen einsetzte. Mit ihm -plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel frei, -unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm stand und uns nun -auszulachen schien, auch die eisgepanzerten Recken des Seebertals. Auf -der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich Pferde gepflegt werden, gab es am -rauschenden Bach das übliche Rucksack-Frühstück -- inzwischen war es -zehn geworden -- und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten -Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben. Welch -betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin, durch einförmige -Talgründe und entschieden in ein südlicheres Klima. Es wird warm, heiß --- die Sonne brennt, der Wind verstummt, die Wege werden steiler und -steiniger. Recht erschöpft trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos -im Passeier diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich -herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten Wegende geben -soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen Straße nach Sankt Leonhard -sind diese zwei Stunden recht bitter -- und dann die Furcht, ob man den -Autobus, der uns nach Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob -es noch Freiplätze in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt -Leonhard an -- und diesmal ist man dem schlechten Wetter von Herzen -dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder Standquartieren -festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche Sitze beschert. Eine -Stunde später bewundert man schon die subtropische Vegetation Merans -an der Gilfpromenade, genießt den köstlichen Anblick der von Trauben -behangenen Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast -zum Morgen -- diese üppige Flora, diese angenehme Wärme -- endlich, -endlich hat man sie gefunden! - -»Nach Meran«, meinte mein Hochtourist verächtlich, »ziehen mich im -Sommer keine zehn Pferde!« Ein ausgiebiger Schneesturm hat ihn eines -andern und bessern belehrt. Denn es ist hier einfach himmlisch; die Luft -andauernd von leichter Brise erfrischt, prangende Fruchtbarkeit ringsum, -auf den schönen Promenaden keine armen Kranken, sondern stämmige -Touristen und jauchzende Meraner Kinder, die nun auch einmal die Vorteile -dieses gesegneten Landes genießen. Die Kurverwaltung tut ihr Möglichstes, -um die Passanten zum Bleiben zu bewegen; morgens und abends konzertiert -die Kapelle wie zur Hochsaison, prächtige Waldspaziergänge hinauf zu den -Schlössern Tirol, Lebenberg, Schönna locken -- selbst das Steigen fällt -bei der kühlen Temperatur nicht schwer -- und wer dennoch reine Höhenluft -möchte, fährt mit der im vorigen Herbst eröffneten Vigiljoch-Schwebebahn -auf das Vigiljoch empor. Das reizende, kleine, im Bauernstil gehaltene -Hotel dort oben liegt 1468 m hoch und bietet eine wundervolle Aussicht -ins Etschtal, hinter dem sich die Dolomiten aufbauen. Die Fahrt mit der -Schwebebahn an und für sich ist schon ein Genuß, da sich die Aussicht mit -jedem Meter, den man steigt, immer mehr weitet; außerdem ist sie technisch -in ihrer Länge von 2210 m, die einen Höhenunterschied von über 1150 m -bewältigt, eine großartige Leistung. -- Uns natürlich konnte das -stille Rasten am Vigiljoch nicht genügen. Wir wanderten noch am Abend zum -einsamen Gamplhof, der eine Stunde höher liegt als das Vigiljoch. Und von -ihm aus beim nächsten Morgengrauen in aussichtsreicher Kammwanderung über -den Rauhen Bühel und das Hochjoch zum Gipfel des Hochwart (2607 m). Er ist -ein hervorragend schöner Aussichtspunkt. In gewaltigem Rund streift das -Auge von den stolzen Eisriesen der Ortler-Gruppe über die Ötztaler -und Stubaier Alpen zu den wildgezackten Dolomiten, der Presanella- und -Adamello-Gruppe; selbst die Schweiz schickt durch die blinkenden Gipfel der -Bernina-Gruppe einen Gruß herüber. Ganz entzückend ist der Tiefblick -auf das grüne Vinschgau, das in seiner vollen Ausdehnung von Mals bis -zur Töll tief zu Füßen liegt. -- Den Abstieg, den wir teilweise pfadlos -über steinige Hänge und kaum erkennbare rauhe Alpenpfade ins Ultental -nahmen, kann ich nicht recht empfehlen. Er kürzt zwar den Weg zu unserm -nächsten Ziel, irgendeinem behaglichen Gasthaus in Sankt Waldburg drunten -nicht unbeträchtlich ab, doch nimmt er keinerlei Rücksicht auf ohnehin -schon müde Füße und vom Auf und Ab leicht verbogene Glieder. Wer -plagte sich nicht gern, um einen schönen Gipfel zu erreichen, aber im -Almen-Terrain überläßt man jeden Ehrgeiz den Kühen und Ziegen. Viele, -viele bittre Seufzer, bis man endlich, endlich den Rucksack abwerfen kann -und nach der üblichen Portion »Tiroler Schöps«, unter der sich -- -wie immer -- eine schamhafte Ziege birgt, in sein Bett kriecht. Ein -vierzehnstündiger Marsch inklusive Berg genügt meinen bescheidenen -Ansprüchen an Bewegung durchaus! -- Schrecklich lang ist das Ultental, -das wir am nächsten Tage aufwärts wanderten, und das von der Falschauer -durchströmt wird. Die höchst romantische, schluchtenartige Mündung des -Tales und Baches bei Lana heißt die Gaul und wird von einem großartig -angelegten elektrischen Werk ausgenützt. Im obern Teil aber, der sich -gegen die Ausläufer der südöstlichen Ortler-Gruppe erstreckt, ist dies -Tal sehr einsam und von Touristen wenig besucht. Aber grade das zog uns an --- und die Aussicht, einmal nicht in eine überfüllte, von der Mode, die -ja leider auch auf die Berge steigt, bevorzugte Hütte zu kommen. Der -Weg hebt und senkt sich an der Berglehne und durchschneidet bescheidene -Dörfer: Kuppelwies, Sankt Nikolaus, Sankt Gertraud, und für die Heiligen -dieser Ortschaften gibt's genug Kapellen und Kapellchen, mit Alpenblumen -geschmückt; an einem Marienbilde steht der rührende Vers, dessen Original -sich an der Gnadenbrücke im Etschtal befindet: - - »Mein liebes Kind, wo gehst Du hin? - Weißt nicht, daß ich Dir Mutter bin? - Daß Keiner Dich liebt so wie ich? - So steh doch still und grüße mich!« - -Nach dreiundeinhalb Stunden -- _sehr_ heiß! Aber »man« ist ja nie -zufrieden, womit ich gemeint sein soll -- Rast in Sankt Gertraud. Tiroler -Schöps. Und dann wird's ernst. Mit der Hitze und mit der Steilheit. »Am -Grünen See (2489 m) in der ›Neuen Welt‹, 3½ Stunden von St. Gertraud, -oberhalb der Weißbrunner Alm die Höchster Hütte (2500 m) in prächtiger -Lage,« liest man im Baedeker. Das klingt so einfach und nett, man geht, -nicht wahr, und plötzlich ist man da! Wasserfälle rauschen neben einem, -ein idyllisches Bild bietet mit ihrem Viehreichtum auch die große Alm -- -und dann geht man eben immer weiter, immer höher, immer steiler aufwärts. -Die Hütte ist einzig in ihrer geschmackvollen Einrichtung, ihrer -glänzenden Bewirtschaftung, und gewiß will ich auch die »prächtige -Lage« an dem von Gletschern gespeisten See nicht leugnen. Aber ein klein -wenig weiter hätten gerade die Serpentinen der letzten Strecke angelegt -werden können -- sie lagen da wie eine fest aufgerollte Schlange und -mühsam dreht man sich auf ihr und um sich selbst empor. Das Kleinlautsein -der »bekannten Hochtouristin« nimmt doch bedeutend zu, als sie oben von -der Perle aller Wirtschafterinnen erfährt, daß der einzige Führer des -Ultentales, den man vorzufinden hoffte, noch eine Partie macht: Rückkehr -unbekannt! Und da sollte die Tagesarbeit umsonst gewesen sein, die geplante -Tour über's Zufrittjoch und die Zufrittspitze hinab ins Martelltal auch in -den Grünsee fließen --?! Der Hochtourist bewahrt männliche Fassung; aber -auch er ist entschlossen, seinen Rucksack nicht selbst vier Stunden lang -über die riesigen, steiglosen Trümmerhalden zum Joch hinauf zu schleppen --- er studiert um. Und plötzlich tut er, als könne uns nichts Besseres -passieren, ja, als wäre es schon lange unsere einzige Sehnsucht, eine -große Gletschertour allein zu machen! »Die Hintere Eggenspitze,« sagt -er und deutet aus dem Fenster auf den schönen, weißen Gipfel, »das ist -sogar der höchste Berg in der östlichen Ortlergruppe! Und wie bequem, man -geht von der Hütte aus hinauf, ohne andres Gepäck als den Proviant, kommt -hierher zurück, ruht sich aus -- steigt wieder ins Tal --! Dabei der Weg -so einfach: eine Stunde lang grobes Moränengetrümmer, dann über den -Weißbrunngletscher ohne jede technische Schwierigkeit empor. Ich seile Sie -an -- und damit gut!« =Ce que homme veut= -- -- ich ergab mich. Als erstes -fehlte uns das Seil, das er schlauerweise oder aus Bequemlichkeit unten -im Koffer gelassen hatte. Die Hüttenwirtin lieh uns das neue Fahnenseil, -dessen 9-Millimeter-Stärke schlimmstenfalls ja genügt haben würde, -_mich_ zu halten. Zuerst also die einfachen Moränen, dann der einfache -Gletscher. »Ist er auch gefahrlos?« fragte ich, als wir vom Fels auf -den Firn hinübergingen und ich kunstgerecht als erste Fahne des Seils -angeknüpft wurde. Dabei entdeckte ich, daß mein Hochtourist in die 15 m -Seillänge, die zwischen uns Distanz halten sollten, eine Schlinge machte. -»Da hinein,« befahl er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten, -»stoßen Sie sofort den Pickel bis zur Klinge, wenn ich einbreche, und -bohren ihn fest in den Schnee, was Sie weiter tun müssen, sage ich Ihnen -dann schon!« »Gern,« versprach ich mit übertriebener Freundlichkeit, -plötzlich dessen bewußt, daß ich im Ernstfalle gar nicht die Kraft haben -würde, ihn herauszuziehen. Verdient hätte er's ja auch keinesfalls -- nur -daß ich dann eben sanft nachgerutscht wäre! Anderthalb Stunden sondierte -die Gestalt vor mir mit dem Pickel Schritt für Schritt; denn die Stirn -dieses müden, alten Gletschers ist von Falten durchfurcht, die -der tückische Schnee sorgsam zugedeckt hat. Aber wir mußten diese -Schönheitsmängel aufspüren, Schritt für Schritt, und jeder sank -dazu tief in die weiche Decke. Ein paarmal drehte sich mein Wegweiser in -ziemlicher Hast zur Seite und sagte nur: »Dort nicht!« und ich empfand -schaudernd das Gefühl nachträglich, das einen befällt, wenn der Pickel -ins Leere, ins Bodenlose stößt; und dann brach er mit dem rechten Bein -wirklich ein, rief über die Schulter: »Festhalten!« und krabbelte am -Rand empor, während ich krampfhaft und todesmutig zog. Ich bilde mir auch -heute noch ein, daß nur ich eine Katastrophe verhütet habe -- bis heute -habe ich aber weder einen Dank noch eine Rettungsmedaille bekommen! Aber -dort: waren das nicht Spuren?! Ein Mensch mußte den Gletscher traversiert -haben und zum Zufrittjoch hinübergewandert sein. Wir hielten tapfer auf -die Trace los: und dann ergab sie sich als die zierlichen Abdrücke -von acht Gamsfüßen, die mit untrüglichem Instinkt, wie es sich -herausstellte, knapp vor jeder Spalte abgebogen waren. Auf meine innere -Verzweiflung hin, die sich nur in Seufzern und kurzen Verwünschungen alles -Bergsteigens äußerte, probierten wir einmal, im Fels aufwärts zu -kommen; aber er war teilweise mit Schnee bedeckt und dazu so plattig und -zertrümmert, so wenig Halt bietend für Fuß und Hand, daß wir reuig zu -den immer noch zuverlässigeren Gletscherspalten zurückkehrten. Endlich -der Grat! Er bietet keine Fährlichkeiten mehr; die anderthalb Stunden in -seinem Schnee sind zwar noch mühsam und nicht gerade wohltuend, denn trotz -des tiefblauen Himmels und der nun erscheinenden leuchtenden Sonne pfeift -ein eiskalter Wind uns ins Gesicht; aber nun haben wir den Berg doch -besiegt! Und er lohnt uns die Mühe reichlich. In greifbarer Nähe liegen -die eisgepanzerten Riesen der zentralen Ortler-Gruppe, im Norden die -Ötztaler, die Stubaier, im Süden die Adamello- und Brenta-Gruppe, in der -Ferne die Gipfel der Bernina, im Osten die wildgezackten Dolomiten. Ja, -köstlich ist die weiße Einsamkeit, die glitzernden Schneefelder, die -große, erhabene Ruhe der Firnhäupter. Umsonst ist man nicht 3437 m hoch, -der Stolz gibt dem Brot und echten Prager Schinken einen Extrawohlgeschmack --- wenn nicht, ja wenn nur nicht, der Abstieg noch wäre --! »Sehr -einfach,« bemerkt der Hochtourist, der sich für seine Anstrengungen durch -reichliche Nahrungszufuhr selbst belohnt, »wir vermeiden den morschen -Fels! Wir gehen nur durch den Schnee.« Ich versuche zu streiken; aber eine -Frau an einem Fahnenseil, nach einer mehrstündigen Gletscherpartie, in -leicht strapazierter Toilette (Beinkleid und Wollbluse!) mit Schneebrille -und Fausthandschuhen, hat einiges von ihrer »Allmacht« eingebüßt. Sie -muß, beim Abstieg vorangehend, den alten Spuren folgen, sinkt in dem -jetzt noch viel weicheren Schnee bis an die Brust ein, klappt wie ein -Taschenmesser vornüber, hat Nase, Augen und Ohren voll Schnee, besinnt -sich, daß sie sich im Fels das rechte Knie verletzt hat, fühlt, daß es -nun den Dienst versagt, schreit in die Lüfte, daß ihr Bein verrenkt, -der Hüftknochen gebrochen und sie verloren sei -- und erhält von dem -in fünfzehn Meter Abstand von ihr gleichgültig ihre Hilflosigkeit -Beobachtenden mit ruhiger Stimme den Rat: »Zieh'n S' das Bein raus und -gehen S' weiter!« - -Es ist seltsam, welch eine Suggestion in solchen durchdachten, -feinempfundenen Worten liegt: man zieht das Bein wirklich heraus und geht -schweigend weiter. Am Schluß des Gletschers wird die Fahne eingezogen, -d. h. ich abgebunden. Aus den kleinen Wasserrinnen, die in frühester -Morgenstunde bescheiden zwischen dem Geröll rieselten, hat der schmelzende -Schnee nun reißende Bäche gemacht, mit großspurigem Auftreten. Und ein -bißchen gewachsen nach dieser Gletschertour fühlt man sich selbst auch: -ohne Führer -- und bei der Möglichkeit (oder besser Unmöglichkeit!) im -Ernstfall den Hochtouristen aus einer Spalte ziehen zu müssen -- gar -nicht schlecht! Man hat sich gut bewährt. Unten, bei der Hütte, ist man -überzeugt, daß zwar alle Fähigkeiten zu großen Eistouren vorhanden -sind, daß man jedoch, um nicht aus der Übung zu kommen, doch noch eine -rechte, schöne Kletterpartie machen möchte. Und dazu gibt's ja immer nur -eins: die Dolomiten! - -Hinaus zum langen Ultental, das man wirklich gründlichst kennen gelernt -hat, von Sankt Waltraud in der vollgestopften Post bis Oberlana bei Meran. -Per Bahn nach Bozen und mit einem der unzähligen Hotelwagen, die täglich -noch ungezähltere Fremde befördern, durch das Eggental, vorüber an der -pompösen alten Burg Karneid der Münchener Erzgießerfamilie von Miller, -von Birchabruck und Welschnofen, den köstlichen Blick auf den Latemar, -den Rosengarten, die Ortler-Gruppe genießend. Das Wetter scheint etwas -unsicher, und oben auf der Höhe des Karerpasses, die man vom berühmten -Karerseehotel durch einen schönen Waldweg erreicht, regnet es sanft. -Bedenken steigen in einem auf, wie sie nur zu berechtigt sind: setzt etwa -eine neue Regenperiode ein, müßte man auch tagelang dasitzen in der -Glasveranda des Karerpaßhotels und Patiencen legen oder Balkannachrichten -lesen, von denen doch keine einzige wahr ist?! -- Da kommt der Mond über -den Paß und übersilbert dankbar diesen herrlichen Fleck Erde. In aller -Frühe lockt der leuchtende Schnee der Gipfel ans Fenster, ein jauchzender -Tag bricht an, und vorsichtig trappt man mit den Genagelten die Treppe -hinunter, um ja die Schläfer nicht zu stören, die Armen, die von dem -Wunder draußen nichts ahnen. Mögen sie nur Patiencen legen, wenn sie -aufwachen! Viele schöne Wege gibt's in den Alpen; aber der schönste, -unvergleichlichste, die Krone aller Wege ist der Hirzelweg vom Karerpaß -zur Kölner Hütte, die am Südwestende der Rosengartenspitze liegt. In -klarer Morgenluft und immer wechselnder, zarter, wunderbarer Beleuchtung -lagen sie da in langer, endloser Kette, die göttlichen Gebilde: die -Latemar-Gruppe, die Presanella, die Brenta, die Ortler-, Ötztaler- und -Stubaier-Alpen, der Schlern, der Tribulaun; die zweieinhalb Stunden zur -Hütte (2325 m) verfliegen im Genuß all der Pracht, die sich von der -Hütte aus noch ebenso bewundern läßt. Und man begreift nur zu gut, daß -die Sektion Rheinland noch ein Touristenhaus anbauen mußte, das einen Tag -vor unserm Besuch eröffnet worden war: wer diese Hütte nicht gesehen hat, -hat nichts gesehen! -- Gleich hinter der Hütte geht's steil empor -über das Tschaggerjoch (2644 m) und wenig abwärts zur vielbesuchten -Vajoletthütte, dem Ausgangspunkt für die meisten Touren in der -Rosengarten-Gruppe und auf die kühnen Vajolettürme. Wir wandern -am nächsten Morgen zum Grasleitenpaß, deponieren unter Geröll die -Rucksäcke und steigen auf den höchsten und zugleich aussichtsreichsten -Gipfel des Rosengartens, den Kesselkogel (3001 m), der einen -wunderherrlichen Blick über fast ganz Tirol bietet und im übrigen -bei wenig Kletterei und einem ganz amüsanten Band eine nette -Vormittagsunterhaltung gewährt. Durch den großartigen Grasleitenkessel, -wo der Schnee noch eine lustige Abfahrt gestattet, geht's zur -Grasleitenhütte hinunter, wo der Führer für den nächsten Tag engagiert -wird. Direkt vor der Hütte, so daß man den unteren Teil des Aufstiegs -durch die schwierigen Kamine ganz übersehen kann, erhebt sich der -Grasleitenturm -- ein paar Junge, Führerlose, durchklettern ihn grade, und -heißes Verlangen nach ihm packt mich! Aber natürlich: der Hochtourist -ist schon oben gewesen und fand es daher für mich peinlich, von den -»Hüttenwanzen«, die auch jetzt an der Arbeit waren, kritisiert zu -werden. Was mich aber im nächsten Jahr durchaus nicht verhindern wird! --- Für diesmal war die Traversierung der mittleren und östlichen -Grasleitenspitze beschlossen, »auch eine schwierige Tour mit -Kletterschuhen«, wie ich getröstet wurde. Tatsächlich hat Gottfried -Merzbacher, damals schon ein vorzüglicher Kletterer, vor ca. dreißig -Jahren erklärt, daß die Grasleitenspitzen unersteiglich sein dürften -- -wie hat sich der Maßstab geändert! -- und wirklich erscheinen sie von der -Hütte aus wie eine geschlossene Mauer, die jeden Angriff abweisen muß. -In der Nähe löst sich die steile Fläche allerdings auf und bietet -gute Griffe und Tritte; immer aber ist sie außerordentlich exponiert und -erfordert in den knapp drei Stunden, die man bis zum überraschend -großen Gipfelplateau der mittleren und höchsten Spitze (2705 m) braucht, -strengstes Aufpassen. Die Kletterschuhe legten wir diesmal schon in -der Hütte an, und kraft ihrer Anschmiegsamkeit an den Fels, und der -Überlegung, die sich schwierigen Situationen gegenüber plötzlich -einstellt, ging alles vorzüglich. Meine Zwirnhandschuhe waren zwar -»hin« -- ich kletterte zum Erstaunen aller geaichten Alpinisten nie ohne -Handschuhe --, denn die Felsen waren scharf und fest zugreifen mußte man -schon; aber die Glieder gottlob heil! Ganz so gut ging's uns beim Abstieg -zur Scharte zwischen der mittleren und östlichen Spitze nicht. Diese Tour -ist außer Mode -- entthront durch den Grasleitenturm! -- und es fand sich -deshalb viel brüchiges Gestein vor uns, das sonst von den Kletterern nach -und nach beseitigt wird. So war bei der großen Exponiertheit doppelte -Vorsicht geboten. Der Hochtourist entdeckte einen Kamin, der ihn stark -anlockte, und grade stiegen wir in ihn hinein, er voran, ich in der Mitte, -der Führer mich von oben bewachend, als ein entsetzliches Getöse über -uns entstand. Ich blickte zum senkrecht über uns stehenden Gipfel, -schrie: »Steinschlag!« -- und drückte den Kopf in eine Felsspalte. Ein -faustgroßer Stein traf mich schmerzhaft auf der Hüfte, und pflichtgemäß -schrie ich auf; aber es war wohl mehr die Angst vor der Ungewißheit: -»Kommt noch mehr -- und kommen noch größere?« Recht peinliche -Augenblicke sind das, die man da zubringen muß, als Spielzeug des Zufalls! -Rasch wie er gekommen, war der Steinschlag vorüber -- man atmete auf -- -und machte sich wieder an die Arbeit. Es erwies sich, daß meine Beine -für einen Tritt im Kamin zu kurz waren, und ich hing daher einige Meter -zwischen Himmel und Erde, was man euphemistisch »abgeseilt werden« nennt. -Aber wenige Minuten später stand auch ich auf der mit Schnee bedeckten -Scharte, und kaum eine halbe Stunde später erreichten wir den östlichen -Gipfel, womit alle Schwierigkeiten ihr Ende gefunden hatten. Denn der -Abstieg zum Molignonpaß ist nur ein Spaziergang von wenigen Minuten. Dort -standen allein und in der Mittagsstunde bratend, unsere Genagelten, die ein -Hüterjunge hinaufgetragen hatte, und die uns nun im Schutt hochwillkommen -waren. Wirklich, eine schöne _und_ schwierige Tour war's, die man weniger -wegen der Aussicht -- sie ist nur nach Westen und Norden lohnend, im -Osten und Süden lagern sich höhere Gipfel vor -- als um der reinen -Kletterfreude willen macht. Eine Extrabelohnung ist noch der Weg von der -Grasleitenhütte durchs Tschamintal. Wald und Matten dünken einem zwar -immer besonders herrlich nach ein paar Tagen in den steinernen oder -firnenreichen Wüsten des Hochgebirges. Aber der Blick rückwärts vom -idyllischen Tal auf die von unten überaus kühn und steil aufragenden -Valbuonköpfe, die Grasleitentürme und die Spitzen, die man nun stolz wie -alte Bekannte grüßt, ist von einem großen und unvergeßlichen Zauber. -Und ein letztes Mal noch umfaßt man die verlorene Herrlichkeit vom kleinen -Kapellchen St. Cyprian aus, bei Weißlahnbad, einem willkommenen, oft -benutzten Vorwurf für die Maler; und trägt die Erinnerung an so viel -glückliche, wenn auch mühevolle Tage und Stunden mit sich, wenn man -auf leise schmerzenden Füßen durchs Tierser Tal in die Welt der -Alltäglichkeit und Flachheit zurückwandert. - - - - -Hüttenleben. - - -Die meisten Menschen, die im Sommer eine Erholung suchen, wollen's -»gemütlich« haben. Je nach ihren Ansprüchen und Mitteln wählen sie den -Aufenthalt in einem eleganten Bade, einem bescheidenen Kurorte oder, wie's -jetzt »Mode« geworden ist, in abgelegenen, primitiven Bauernhäusern; -Bedingung bleibt immer, daß man es sich eben nach seiner Auffassung -»gemütlich« machen kann, jede geistige und körperliche Anstrengung -vermeidet und alle vierundzwanzig Stunden einem Dolcefarniente weiht. Im -Durchschnitt wird das ja nun das richtige sein, um die Nerven zu beruhigen --- worauf es den Sommerfrischlern in der Hauptsache ankommt! Der einzige, -der auf sein Programm nicht mit rosa Lettern und nachlässiger Schrift das -Wort »Frieden« schreibt, ist der Hochtourist. Zwar bringt sicherlich ihm -am ehesten die köstliche Bergeinsamkeit allmählich ein inneres Ausruhen -und eine wirkliche Befriedigung, aber vor seinen Erfolg haben die Götter -in Wahrheit viel Schweiß gesetzt -- er muß täglich aufs neue kämpfen, -mit sich selbst, mit der Natur, um den wohlverdienten Lohn zu empfangen. -Von »Gemütlichkeit« ist bei ihm nicht viel die Rede. Schon seine -Ausrüstung deutet auf die Anstrengungen, Gefahren und Entbehrungen, die -seiner warten. Er allein löst sich in den Wochen seiner alpinen Tätigkeit -von der Zivilisation; noch mehr: auch auf die ihm angeborene oder -anerzogene Kultur muß er ein wenig verzichten, soweit sie seinen äußeren -Menschen anbelangt. Das tägliche Bad, frische Wäsche, Kleiderwechsel zu -jeder Tageszeit oder jedem Witterungsumschlag, das gibt's ebensowenig wie -pünktliche Mahlzeiten, einen mit Luxus gedeckten und mit reicher Auswahl -besetzten Tisch. Von vornherein läßt sich also annehmen, daß sich nur -diejenigen den Bergsport zur Erholung erwählen, die von den elf Monaten -ihres bürgerlichen Daseins nicht »untergekriegt« sind und einen Vorrat -an unverbrauchten Nerven und fester Gesundheit besitzen, der sie befähigt, -den kommenden Strapazen Trotz zu bieten. - -Sieht man sich einmal die alljährlich stark anwachsenden Mitgliederlisten -des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wie der übrigen -zahlreichen alpinen Klubs und Vereinigungen an, so darf man daraus wohl -nicht mit Unrecht einen Schluß auf die Volkskraft und -gesundheit ziehen. -Steigt von all diesen Hunderttausenden jährlich auch nur ein gewisser -Prozentsatz wirklich auf die Berge, so genügt er doch, um uns nicht ganz -hoffnungslos in die Zukunft unserer Rasse schauen zu lassen; wir sind -darnach doch nicht so entnervt, verbraucht und dekadent, wie manche -Schwarzseher uns in klugen, wissenschaftlichen, aber sehr schmerzenden -Abhandlungen darzustellen belieben! Leute, die sich wochenlang auf ihre -eigenen Füße verlassen, ihr Gepäck, oft auch den Proviant für mehrere -Tage selbst schleppen und mit der einfachsten Lagerstatt und den simpelsten -Mahlzeiten für die ganze Zeit vorliebnehmen -- alles aus Begeisterung für -die Natur und ihren Sport --, in denen lebt noch etwas von dem echten, so -oft verspotteten und angefeindeten deutschen Gemüt und dem Wesen, an -dem nach des Dichters Wort die Welt genesen sollte. (Was sie vorläufig -allerdings vorgezogen hat, nicht zu tun!) Uns aber behüte dieser Beweis -unerschütterter Gesundheit vor dem Verzagen. -- »Aber auf den Hütten, -nicht wahr, soll es doch so unterhaltend sein?« -- Wie man's nimmt. -Unterhaltend, ja; für Leute, die eben mit Leib und Seele Alpinisten sind. -Denn erzählt wird fast nichts als von besonderen neuen Anstiegen, alpinen -Erfolgen -- oder Katastrophen. Heiter ist es deshalb nicht immer; dafür -belehrend, auch durch die Art, wie erzählt wird. Man sieht aus ihr, wie -rasch unter den Kundigen Prahler und Lügner entlarvt werden, wie -nur wirkliche Energie und Intelligenz anerkannt und der fade, sich -wiederholende Schwätzer bald zur Ruhe verwiesen oder zur Einsamkeit -verdammt wird. Auch sonst wirkt das Hüttenleben durchaus erzieherisch. -Keine Idee von den unsichtbaren Triumphbogen, die unten im Tal der Wirt und -der Portier für jeden noch so harmlosen Gast in aller Devotion erbauen! -Man mag von der eigenen Leistung bis zum Mützenrand erfüllt sein oder die -Brust von den kühnsten Vornahmen für den kommenden Tag geschwellt haben --- man rückt bescheiden vor der Hütte an, stellt den Pickel, der sich so -schön ausnimmt, mit seinem vernarbten Stock nach allgemeinem Brauch vor -der Tür auf, läßt den Rucksack im Gang auf die Erde gleiten und betritt -möglichst unauffällig und ebensowenig von den Anwesenden irgendwie -beachtet den inneren Raum. Ein »Grüß Gott!« mit dem Wirtschafter und -den Gästen, an deren Tisch man Platz nimmt, ausgetauscht -- das ist -alles. Dann erfährt man so nebenher, daß die Einzelzimmer, falls solche -überhaupt vorhanden, schon vergeben sind. Daß leider das frische Fleisch -schon verzehrt wurde und von allen Konserven nur noch Gulasch, was einem -schon wegen des folgenden Durstes zuwider ist, angeboten werden kann. -Wasser zum Waschen gibt's schon seit mehreren Tagen nicht mehr -- kein -Regen und viel Besuch! Aber daß es morgen schlecht Wetter wird -- wo man -sich seit Jahren gerade auf diesen Gipfel gefreut hat -- ja, das scheint -Tatsache zu sein. Wie aufrichtig dankbar ist man, daß es doch noch einen -Teller Erbssuppe gibt -- wie sparsam geht man mit dem Töpfchen warm Wasser -um, das den ganzen Abend zur Limonade reichen soll! Selten ist man sich -so erquickt und ausgeruht vorgekommen wie nach einer halben Stunde auf der -harten Holzbank, im Rauch verschiedensten Tabaks und dem Duft der Küche, -deren Tür wegen der angenehmen Wärme nicht geschlossen wird. -- Hat man -dann ein Lager für die Nacht angewiesen bekommen, so wechselt man dort, -auf der Pritsche sitzend, seine Bergstiefel gegen die Hausschuhe. Das -Glücksgefühl hierüber kann nur der teilen, der neun bis zehn Stunden -die Nägelbeschlagenen bergauf und bergab gesetzt hat. Unten findet man -die Gaststube leer -- alle sind hinausgeeilt, die eben noch todmüde, -verhungert, unfähig, ein Glied zu rühren, waren, um den Sonnenuntergang -zu sehen. Niemand spricht. Jeder schaut nur -- ist versunken in den -erhebenden, heiligen Anblick des langsam in einem Purpurmeer vertauchenden -Gestirns. Wie noch hier und dort ein Hang in voller Pracht strahlt -- im -Tal ein Fensterchen wie ein mächtiger Diamant aufblitzt -- die Wolken -allmählich die stille, sanfte Glut annehmen, die das Herz mit Sehnsucht -nach den Herrlichkeiten erfüllt, die sie verschleiern -- und dann, von -der Tiefe aufsteigend, Nacht und Schatten sich um den Fuß der Berge legen, -höher und höher klimmen und schließlich die Welt ringsum in den Schoß -der Unendlichkeit aufnehmen. Die Menschen hier oben, die vom Zufall -zusammengeweht sind, stehen wie auf einer kleinen Insel. Leise streicht der -Wind durch das magere, kurze Gras -- kein Laut, kein Ton sonst! Ja, jetzt -ist Friede. Der Friede, um den sie hier heraufgestiegen sind. Die großen -Schauer der Einsamkeit rütteln an ihrer Seele; hier oben erwacht sie und -füllt sich mit heiliger Freude, daß sie noch imstande ist, die Wunder -ringsum bis ins kleinste zu empfinden und zu genießen. - -Schweigend kehrt man endlich, wenn das Auge nichts mehr unterscheidet, in -die Hütte zurück. Und nun kann's eine »gemütliche« Stunde geben -- -vielleicht! Nicht immer. Manche Menschen besinnen sich zu schnell auf die -nüchterne Wirklichkeit und ihr Naturell zurück; nur wenige haben -den richtigen »Hüttenton«, der eben einen geraden, harmlosen, -ungekünstelten Charakter voraussetzt. Alles Gemachte, Unnatürliche hält -dem schlichten Rahmen der Holzwände und weiter draußen dem der -starren Felsen nicht stand. Hier ist Natur. Sie fordert unverfälschtes -Menschentum. »Laß die Berge den Frieden bringen unter das Volk und die -Hügel die Gerechtigkeit.« Ich glaube nicht, daß König Salomo das war, -was wir heute einen Alpinisten nennen. Aber den Zauber wie die Allmacht der -Berge auf das Menschenherz -- die hatte er voll erkannt. - - - - -Eine unterirdische Hochtour. - - -Es regnete nicht: es goß. Das beliebte Münchener Schlackerwetter, das die -Luft in undurchsichtige Rauchschwaden umwandelt und die Straßen mit zähem -Brei überzieht, so daß man beständig, nur unpoetischer: »Schwan kleb' -an« spielt, hatte einmal wieder von uns Besitz ergriffen, auch vom Herzen -und allen Sinnen. - -»Und doch ein Wetter, wie geschaffen für eine Bergtour«, sagte mein -Hochtourist. - -Ich sah ihn an: ein Meter Neuschnee wurde von allen Höhen gemeldet, bis -tief ins Tal lag schon die weiße Decke, das Thermometer zeigte an meinem -wärmsten Fenster (allerdings Nord-Nord-Ost!) vier Grad um die Mittagszeit -und sank nachts in nicht zu berechnende Niederungen -- und dann eine -Hochtour? - -»Gewiß -- aber eine unterirdische. Dazu langt's grade. Oder vielmehr, -da können einem endlich mal alle Wetterprophezeiungen und -nachrichten -gleichgültig sein, da ist man unabhängig, frei -- also?« Und auf mein -Zögern und den nachdenklichen Blick in das braune Düster, das sich -für Tageslicht ausgibt, lockert er mit geschickter Hand den letzten, im -Bequemlichkeitskamin festgeklemmten Stein: - -»Am 24. September haben sie's eröffnet -- und wir waren noch nicht -draußen!« - -Der Stein rollt. So was kann man nicht auf sich sitzen lassen! Aber ich -versuche am nächsten Morgen doch meine Genagelten recht graziös und -unhörbar aufzusetzen, um von niemand beim Abstieg von meiner Etage in -die Ebene überrascht zu werden -- denn ein Badekostüm mit imprägnierter -Fußbekleidung wäre immerhin noch passender als das Hochtouristenkostüm -und der Rucksack. Bei der endlos langen Fahrt mit der Tram zum -Isartalbahnhof hinaus lernt man jedoch einsehen, wie unnötig wichtig man -sich wieder einmal vorkam, und daß sich der gute Münchener, der an die -größten Kontraste in der Toilette seiner Mitmenschen gewöhnt ist, wegen -einer, »die spinnt,« d. h. nicht ganz richtig im Kopf ist, nicht weiter -aufregt. Der Hochtourist wandert rauchend am Zug auf und ab und ignoriert -alle bescheidenen Einwürfe: »Ja, wer eben feig' ist, der soll daheim -›am Stuhl‹ sitzen bleiben.« Ich fahre also mit ihm ab; an den -entzückenden, heute nur zu ahnenden Villenkolonien und Ortschaften des -Isartales vorbei. Hinter Wolfratshausen -- nicht eine Minute eher, denn -von der Geburt bis zum Grabe speist der Münchener um 1 Uhr -- dinieren -wir kalt aus dem Rucksack. Kalte Gans, kalte Kotelette, kalte Äpfel, kalte -Limonade -- um uns als moderne Menschen harmonisch der kalten Umgebung -anzupassen. »Jetzt fahren wir mit 'm Postauto -- das wissen's doch?« - -Ich habe es nicht gewußt und hätte nie eingewilligt -- daher schweige -ich. - -In Kochel (sprich: Koh--chel) wartet es auf uns. Der Chauffeur heißt uns -als einzige Passagiere herzlich willkommen, und -- o Wunder! -- es regnet -nicht mehr, es sinkt nur noch feucht, aber äußerst durchdringend aus dem -Nebel nieder. »Koh--chel« am gleichnamigen See durchfliegen wir und in -ängstlichen Kurven die Landstraße auf und ab, an Obstgärten mit traurig -leeren Bäumen vorüber -- durch Wald, dem die Sonne fehlt, um seine -rostbraune Schönheit aufleuchten zu lassen, an steilen Hängen hin, um -schmale Kehren herum, bei denen es heißt: »Hier könnte man sonst den -und den Berg sehen« -- »da gäb's eine herrliche Talaussicht« -- -die Phantasie bekommt Spielraum genug -- das hat auch sein Gutes. Den -Walchensee, an dessen Ufer, in Urfeld, es eine erste Station gibt, sieht -man wirklich. Und freut sich, daß er noch da ist. »Verschandelt« nach -Münchener Ansicht soll er nach dem berühmten Projekt, das ihn einerseits -als Staubecken vorsieht, um den Lauf der Isar zu regulieren, andererseits -seine Wasserkräfte für elektrische Werke -- man denkt an verschiedene -Bahnlinien -- ausnutzen will, vom nächsten Jahr an doch schon werden. -Freilich, zur »Reisezeit« will man ihm seinen früheren Bestand gönnen, -und tiefer als unter 4.60 m seines gewöhnlichen Standes soll er sowieso -nie gesetzt werden! Aber es ist wohl leider so: die Poesie und Idylle muß -der Nützlichkeit weichen; durch einen 1070 m langen Stollen, der durch den -Kesselberg gebohrt werden wird, soll das Walchenseewasser zum 200 m tiefer -gelegenen Kochel geleitet werden, wodurch natürlich auch hier große -Umwälzungen nötig sein werden, um den Bestand des Kochelsees zu -regulieren. Über Nutzen oder Schaden dieser Riesenpläne ist man sich in -Bayern noch recht wenig einig -- das Projekt jedoch wird verwirklicht und -soll 19?? beendet sein. Heute sieht der vergewaltigte See recht friedlich -aus; wie im Urzustand, ein Chaos von Wolken über ihm, als sei Wasser und -festes Land um ihn her noch nicht geschieden. Aber unser Fuß fühlt eine -etwas konsistentere Masse, als wir in Dorf Walchensee von Bord -- nein, -Verzeihung, es war doch ein Auto! -- gehen. Und dann noch drei Viertel -Stunden zu Fuß über den Katzenkopf, einen waldbestandenen Hügel, der -reizend sein soll, wenn man ihn sieht, nicht nur fühlt, nach Einsiedl. -Ein hübsches Gasthaus am Ende des Sees -- aber sehr einsiedelhaft in der -jetzigen Saison. Die Autos rasen seitwärts die »Staatsstraße« empor, -die nur ein paar Meter vom Haus vorbeiführt und es dennoch vom Getriebe -ausschließt. Zwar, wir sind dankbar für die Ruhe. Und zufrieden, dicht am -Ziel zu sein. - -Am nächsten Morgen segeln die Nebel unter gutem Wind über den See. Es -hat stark gereift in der Nacht, und die Luft ist von köstlicher Herbe; -vorläufig kann's uns ja noch egal sein -- aber später! -- Eine gute halbe -Stunde geht es auf einem schmalen, frischausgehobenen Weg steil bergauf; -wie ein schwarzes Land hebt sich die fruchtbare, schwere Erde vom Moosboden -ab. Überall Markierungen, Pfeile, Schilder: »Es ist verboten --« und -»es wird gebeten --«, ich fürchte, beides ohne viel Erfolg. Der Verein -der »Naturfreunde«, dessen Arbeit uns diese Tour ermöglicht, wird bald -sehen, daß es ein undankbares Geschäft ist, an das ästhetische Gefühl -seiner Mitmenschen zu appellieren -- schon jetzt finden sich genug -häßliche Spuren des »Kulturmenschen« vor. Dann stehen wir vor -der Höhle, der Angerhöhle am Simetsberg, der unser Besuch und die -»Hochtour« gelten soll. Der obengenannte Verein hat sie erschlossen, -weist aber am Eingang noch einmal darauf hin, daß ihr Besuch nur auf -eigene Rechnung und Gefahr geschähe; in einem Prospekt, den ich erhielt, -heißt es außerdem, daß die Höhle nur in Begleitung und mit Reservelicht -zu betreten und ihre Begehung mit Schwindel behafteten, ungeübten und -korpulenten Personen nicht zu raten sei. Man macht also wirklich eine -alpin-touristische Kletterei, eine richtige Hochtour im Innern der Erde! - -Wir zündeten unsere Laternen an, mein Stock wurde einem Baum am Eingang -anvertraut -- dann ging's an! Gleich mit zwei sehr steilen Leitern, dann -durch einen schmalen Gang, der das Aufrechtgehen nicht erlaubt. Das Auge -lernt bald, den kleinen Lichtkreis der Laternen auszunützen, denn vom -Tageslicht dringt kein Strahl in dies unheimliche Dunkel. Man hat auch -nicht auf »Korpulente und Ungeübte« Rücksicht genommen, man muß -klettern, sich strecken, über Dutzende von senkrecht stehenden Leitern, -über große Blöcke, schmale Steige, die über einen Abzugskanal für -das von den Wänden tropfende Wasser gelegt sind, dann wieder auf eisernen -Stiften über schaurige Tiefen fort, an gähnenden Spalten vorüber und -an düsterblinkenden Wassertümpeln -- kurzum, eine echte, rechte Hochtour -macht man, ehe man nach einer Stunde bei bescheidenem Kerzenlicht das -vorläufige Ende des Ganges bei einem etwa 15 m langen See erreicht. Hier -gibt es sogar ein Höhlenbuch wie sonst ein Gipfelbuch, und ganz stolz -über die Leistung schreibt man seinen Namen ein. Ich muß sagen, daß die -»Angerhöhle« durch ihren alpinen Charakter von allen Höhlen, die ich je -gesehen, am interessantesten ist. -- Dann photographierten wir; der Mensch --- diesmal der Hochtourist -- ist ja nie zufrieden. Blitzlicht hatten wir -mit; ich mußte es entzünden. Es ist eine empfehlenswerte Einrichtung. -Abgesehen davon, daß mein »echter« Haselnußstock, an den ich die Tüten -hängte, verkohlte, meine sämtlichen Fingerspitzen verbrannten, und ich -mich in irgendeine Ecke nach vollbrachter Tat des Anzündens stürzen -mußte, um meine Augen zu retten, erstickten wir fast an dem sich -entwickelnden Rauch, der nirgends entweichen konnte und uns deshalb als -Wegweiser nahm. Wir photographierten in verschiedenen Gängen -- der neue -Rauch sammelte sich zum alten, sogar unsere kleinen Kerzen in den Laternen -starben beinahe. Und das wäre recht unangenehm gewesen! Ob die Bilder -»etwas« geworden sind, ist fraglich -- daß wir froh sein konnten, den -»Naturfreunden« nicht zu begegnen, ist außer Zweifel. Als wir wieder -ans Tageslicht kamen -- es war nicht rosig, sondern blau und golden, von -strahlender Schönheit! -- zog der übelriechende Rauch noch immer neben -uns her. - -»Macht nix,« sagte der Hochtourist ungerührt, »jetzt ist es erst -wirklich Fafners Höhle.« - -Nun gab's noch einen wirklichen Gipfel, den des Simetsberges, und dann -eine wunderbare vielstündige Wanderung bis hinunter nach Eschenlohe. Die -glühenden Fackeln der Buchen zwischen dem Grün der Tannen, die Birken -und Pappeln im zartesten Gelb -- silberne Herbstfäden über den harten -Brombeerblättern, wie leichte Wolken das weißballige Jelängerjelieber, -im Volksmund »Gemsröckl« geheißen, im Buschwerk hängend. Dazu der -wilde Schrei der Hirsche, die ihre Liebsten vom goldnen Lager aufjagen, die -Lüfte zerreißend -- im steinernen Bett das sanfte Lied des Waldbaches. -Und ein Rauschen in den Baumkronen, verheißend, beseligend, daß auch nach -diesem bunten Todesreigen die Natur zu neuem, ewig-schönem Leben erwachen -wird. - - - - -II. - -»Sie« auf Ski. - - - - -Bei den »Säuglingen«. - - -»Ausschau'n tun Sie, Säugling, als wenn S' heut' gebor'n wär'n!« - -Sehr genau wußte ich, daß sich diese Schmeichelei nicht auf ein unerhört -jugendliches Aussehen, sondern auf einen glühend roten Teint bezöge. -Blendender Schnee, starke Anstrengung, scharfe Luft und leuchtende Sonne -machen in wenig Tagen aus der zartesten Haut -- die ich natürlich sonst -habe! -- ein Burgunderpergament. »Wie kann man nur,« sagten meine -Münchener Freunde, »grade zur Faschingszeit! Wo S' am Montag zum -Bühnenball wollen!« - -Ich fürchte, es wird weder etwas mit dem Bühnenball noch mit einem -andern. Denn außer einem Rote-Grütze-Teint bringe ich ein stark -lädiertes Bein mit heim, das sich der kräftigste Herr des Kurses als -Stützpunkt bei einem Fall ausersehen hat. Aber was tut das alles? Können -die gestörte Schönheit oder ein verrenktes Körperglied ins Gewicht -fallen gegen diese köstlichen, frohen Tage unter Zdarskys Leitung? Was -dieser Mann mit 159 Personen, von denen die meisten blutige Anfänger in -der hohen Kunst des Skifahrens sind, in wenig Tagen macht, wie er vor allem -aus einer disziplinlosen Masse mit allen bösen Instinkten der Menge, als -da sind: Ungehorsam, Unbotmäßigkeit, Widerspruch, Besserwissen usw., -einen wohlgeschulten, gefügigen Körper ausbildet, der ihm aufs Wort -gehorcht und immer mehr einsieht, welch ungeheure Nächstenliebe und -Aufopferung dazu gehört, monatelang in jedem Winter ohne den geringsten -Entgelt außer dem Dank der »Säuglinge« Hunderte mehr oder minder -Geschickter anzulernen, das ist erstaunlich. Und scheint mir bei aller -hohen Achtung vor der Kunst und dem selten vielseitigen Wissen dieses -Mannes das bewundernswerteste. Es ist geradezu spaßhaft zu sehen, wie zahm -auch die Kecksten werden; und wie man selbst auch nicht auf den Gedanken -käme, irgend etwas anderes zu machen, als er es in unermüdlicher Geduld -»vorturnt«. Dies genaue, schulgemäße Wiederholen aller Übungen tut -auch dem Vorgeschrittenen gut -- weshalb ich nur jedem raten kann, von Zeit -zu Zeit einmal wieder an einem Kurs teilzunehmen -- denn nur zu leicht wird -man bei kürzeren Touren und gutem Schnee gegen viele Regeln gleichgültig -und hat dafür in Ernstfällen zu leiden. Zdarskys Methode, die ja nur den -Zweck verfolgt, Bergtouren im Winter zu ermöglichen, verlangt eben eine -exakte Ausführung ihrer auf gründlichster Erfahrung und Berücksichtigung -aller vorkommenden alpinen Verhältnisse aufgebauten Gebote. Da darf man -sich gern einmal wieder als »Säugling« betrachten, wie er seine Schüler -mit Vorliebe benennt, und sich in Reih und Glied mitaufstellen, um seinen -militärisch gegebenen Kommandos präzise zu folgen. Für den vierten -alpinen Ski-Kurs, der »heuer« vom 14. bis zum 21. Januar stattfand, -war ein herrliches Gelände ausersehen, nämlich das um Oberammergau. Mit -seinen mäßigen Hügeln, die auch dem Anfänger Mut zum »Stemmfahren« -und »Stemmbogenfahren« machen, und den schönen Bergen für die üblichen -Touren der letzten Tage, wäre es »ideal« gewesen -- falls sich ein -besserer Schnee vorgefunden hätte. Ich muß sagen, daß ich mir recht -lächerlich vorkam, als ich vor acht Tagen mit voller Skiausrüstung die -Reise zum Passionsdorf antrat und immer weiter in eine grünende Landschaft -hineingeriet, über der schon Frühlingshoffnung zu schimmern schien. Von -Schnee ka Spur! Ein Hamburger, der eigens zum Kurs aus seiner nebligen -Stadt herunterkam -- es sind übrigens Teilnehmer aus ganz Deutschland -und Österreich vorhanden -- kehrte schleunigst wieder um, angesichts des -bißchen Rauhreifs, der da und dort in den Wäldern hing. Der ungläubige -Thomas mag sich stark ärgern, wenn er nun erfährt, wie schön es -besonders in den ersten Tagen war: köstlichster Pulverschnee, in dem sich -die Stemmbögen wie von selbst schlugen. Nun freilich ist der Schnee bei -starker Sonne am Tage und Frost des Nachts verharscht, und das -»Abfahren -- marsch!« löst keine reine Freude in der Seele auch des -charakterfestesten Skifahrers mehr aus. Z. B. gestern, die erste Tagestour -zum Laber-Joch hinauf. Zdarsky schont seine »Säuglinge« nicht. Mit -größtem Geschick wählt er seinen Weg so, daß alles, was man gelernt -hat: Hindernisse nehmen, Zäune überklettern, Bäche durchwaten usw., -angewendet werden muß. Dann heißt's plötzlich: »Abschnallen«, und -über eine Stunde hat man die Skier auf der Schulter einen steilen, -vereisten Hohlweg emporzutragen. »Das zieht hin«, sagt man bei uns im -Norden. Dann wieder: »Anschnallen«, und die freundliche Erlaubnis, nun -eine Viertelstunde auf den Skiern auszuruhen. Aber die Sonne glitzert auf -dem blauweißen Schnee, die Gipfel ringsum funkeln im Licht, wolkenlos -spannt sich der Himmel über den Wäldern -- da kommt mit dem ruhigeren -Atem die Freude an all dem Schönen zurück -- und das Vergnügen, mit -frischen, gesunden Menschen zusammen zu sein, bei denen die Liebe zur -Natur und zum Sport einmal glücklich alle kleinlichen eitlen Regungen -ausgelöscht hat. Darauf geht's tapfer bergauf mit der Devise: -»Spurhalten«, bis ein schöner, sonnenbeschienener Platz erreicht -ist: »Eine Stunde Rast«. Ein Rieseneifer entwickelt sich; genau nach -Vorschrift wird im Schnee ein Platz ausgetreten, die Skier dienen als Sitz, -die Fäustlinge werden zum Wärmen über die Fußspitzen gezogen -- wer ein -Zdarsky-Zelt besitzt, zieht es mit zwei Griffen um sich her, andere suchen -im Freien einen geschützten Punkt, um unter dem mit Schnee gefüllten -Kochapparat den famosen Zdarsky-Brenner anzünden zu können. Ein lustiges -Lagerleben entwickelt sich blitzschnell, Obst und Süßigkeiten werden -ausgetauscht, nach dem alten Grundsatz, daß Fremdes immer besser schmeckt -als das eigene. »Und die Photographen arbeiten fieberhaft.« Kocher sind -bekanntlich dazu da, um im letzten Moment umzustürzen. Trotz des Vorwurfes -meines Hochtouristen, ich hätte den Apparat »natürlich« falsch -aufgestellt, nämlich nach genauer Vorschrift auf den flachgelegten Skiern, -kochte mein Teewasser beinahe, und ich verschüttete nur ein Viertel des -Inhalts. Nun übernahm er die Wacht -- Männer können bekanntlich alles -besser -- auch kochen! -- tat mit Riesenwichtigkeit gleich Zucker und -Teekonserven in die schmelzende Masse, und sagte: »Wer mir nun an den -Skier stößt, den --« Es kochte -- und auf die Sekunde warf er den ganzen -Apparat um! »Es ist leichter, Tee zu trinken als zu bereiten«, sagte ein -Nachbar gefühllos und trank die mitgebrachte Flasche leer, während wir -auf den braunen Teefleck im reinen Schneetischtuch starrten. Ich glaube, -es ist einerlei, welchen Kocher man besitzt; sie besitzen alle dieselbe -Eigenschaft, erst umzufallen, sobald es kocht. - -»Anschnallen!« Die Rucksäcke werden gepackt und »modelliert«, damit -sie nicht drücken, und weiter geht's, bis sich die Talmulde vor uns -weitet. Lawinenstürze durchfurchen die weißen Hänge, und ruhig, von -Zeit zu Zeit den Schnee prüfend, legt der stets voranschreitende Hirt eine -flache Spur an, die allmählich, in langen Serpentinen, die Herde empor -zum Joch führt. Mehrmals kreuzen wir die Lawinen, aber da ist niemand, -dem auch nur ein Bedenken aufsteigt. Aus den Vorträgen, die Zdarsky -allabendlich von acht bis zehn Uhr hält, und in denen er alle Themata, -die dem Skifahrer wichtig sind, berührt, angefangen von der Haut- und -Körperpflege, der Kleidung bis zu den alpinen Gefahren, weiß man, wie -vertraut diesem Mann die Schnee- und Eisverhältnisse sind; unbedingt -überläßt man sich seiner Führung. Eine lange Kolonne, noch immer über -hundert Personen -- die anderen sind aus irgendeinem Grund von dieser -Tagespartie abgefallen -- steigt aufwärts, »wendet« an den Kehren, eine -Prozedur, deren glückliches Gelingen am Hang mehr als sonst irgendein -menschliches Tun vom Zufall abhängig ist, und blickt sehnsuchtsvoll zum -Joch hinauf: noch zwei Stunden, bis man jenseits in die Ebene hinabschauen -kann -- noch anderthalb -- noch eine -- da heißt es: »Halt!« Gute -Läufer gebrauchen noch dreiviertel Stunden bis »hihnauf« -- mit dem Gros -der Säuglinge, dem Zeitverlust an den Kehren, würde es noch fünfviertel -Stunden dauern. Es geht nicht, man käme in die Nacht hinein. Wer sich dazu -imstande fühlt, mag den Aufstieg versuchen -- für die übrigen heißt es -»abfahren«. Aber wie?! Der Schnee ist tellerbrüchig, d. h. er bricht -in großen, harten Stücken bei jedem Tritt ab; deshalb ist Stemmfahren -unmöglich, ebenso »Reitsitz«. Bleibt nichts übrig, als die Spur einfach -zurückfahren. Nun, das geht schneller als das Bergauf, ist nicht gerade -das Ideal der Abfahrt und zeitigt auch noch viele Stürze. Durch den Wald -geht's schöner als am Berg und gestattet zum Teil sogar Stemmbögen. -Am Hohlweg wird man zum »Reitsitz« eingeladen. Mir scheint es eine -vortreffliche, wenn auf die Dauer auch nicht angenehme Massage für den -ganzen Körper. Am Schluß weiß man, wo jeder Knochen sitzt und jede -Muskel angewachsen ist. Die von der Kleidung verdeckte Haut sticht -überhaupt nach diesen Tagen von der roten des hehren Antlitzes ab; -denn sie ist -- nicht weiß, o nein, sondern blau und grün. Ein rosiger -Abendhimmel liegt über dem stillen, kleinen Dorf zu unseren Füßen; -die Glocken läuten schon den Sonntag ein. Man ist daheim; glücklich und -ziemlich heil. Und morgen geht's fort. Eins hat nur gefehlt: Neuschnee. -Aber der Mensch darf nicht alles wollen! -- Von niemand besser als von -Zdarsky, diesem seltsamen, großen Menschen, kann man ja Bescheidenheit -und Anspruchslosigkeit lernen. Das ist ein Extrageschenk an seine -»Säuglinge« -- ein größeres noch als seine Kunst, die uns die -Herrlichkeiten des Wintergebirges erschließt. - - - - -Die erste »Ausfahrt«. - - -»Na ja«, sagte ich, zwar nicht ganz überzeugt davon, daß es für mich -auf dem Übungshügel, zu dem wir täglich einen etwas steileren ausgesucht -hatten, nichts mehr zu lernen gäbe, und daß ich meine Kenntnisse nun im -Gelände erproben müsse, aber doch nachgiebig, um nicht in den Geruch -der Feigheit zu kommen -- dieser Eigenschaft, die jeder Berechtigung zu -irgendeinem Sport sofort Grund und Boden abgraben soll. Und bis dahin -hatte ich Mut bewiesen, viel Mut; nicht nur darin, daß ich gleich versucht -hätte -- was ja alle anderen auch müssen! -- auf den unzuverlässigen -langen Holzschuhen von einem Abhang in die Tiefe zu gleiten, sondern daß -ich nach den Tausenden von Stürzen, von denen meine Übungen während -einer ganzen Woche unterbrochen worden waren, mich immer von neuem erhob, -meine Glieder einrenkte und unverdrossen wieder bergauf stieg, als sei mir -nicht das geringste passiert. - -Und doch herrschte nur _eine_ Stimme darüber, daß ich im Fallen den -Rekord erreicht habe! Ich kann nicht behaupten, daß mein Lebensziel: -irgendwo und bei irgendeiner Leistung einmal die erste zu sein, sich gerade -auf das Hinfallen konzentriert hätte, aber es scheint, daß man nicht nach -der Art des Wunsches gefragt wird -- eines Tages wird er einem erfüllt, -und es bleibt nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. -- Ich konnte -jetzt aber nicht nur hinstürzen, sondern besaß die hohe Kunst der alpinen -Technik, d. h. ich konnte »Stemmbogen« fahren, war mithin in der -Lage, jeden Abgrund nicht von vornherein kopfüber, sondern erst nach -verschiedenen Bogenlinien hinunterzusausen -- denn daß man zum Schluß -_nicht_ hinfällt, das soll eigentlich nur Ausnahmemenschen passieren. Zu -denen gehöre ich in keiner Beziehung. - -Den Rucksack auf dem Rücken, den Bambusstock nach Lilienfelder Art (nicht -die zwei schwedischen Zündhölzer nach Norweger Manier!) in der mit -dickstem Fausthandschuh versehenen Rechten, so zogen wir also eines -wirklich schönen Morgens bei 10 Grad Minus und prachtvollem Rauhreif von -Neuhaus bei Schliersee durchs Josephstal bergauf. Vorläufig zogen wir auch -die Skier am Tragriemen hinter uns her, denn eine steile, glatt gefahrene -und -gefrorene Straße mit scharfen Kurven frißt die Kräfte zu sehr; man -überwindet sie lieber mit Nagelschuhen! Um so schöner muß nachher -die Abfahrt auf ihr sein. Wenigstens behauptete das mein über die -Anfangsstadien des Skisports hinausgewachsener Hochtourist; und ich glaubte -ihm natürlich. Wir Frauen haben trotz aller modernen Regungen noch immer -viel Respekt vor männlichen Aussprüchen, und eine »blutige Anfängerin« -tut außerdem am besten, blindlings den Worten eines Erfahrenen zu glauben. -Das sagte der Hochtourist auch nicht ein-, sondern mehrmals. - -Ich wanderte versonnen dahin, zögerte zuweilen an besonders schwierigen -Stellen und war von Herzen dankbar, daß sie durch Geländer versichert -seien. Nicht gerade für mich -- aber mancher Unfähige konnte an diesen -unbehaglichen Kurven doch leicht Schaden nehmen! An anderen Biegungen -beschloß ich, den sich etwas unverschämt in den Weg drängenden -Granitfelsen mit graziöser Schlängelung auszuweichen -- kurzum, der Wald, -der mit uns bis zum Spitzing-Sattel emporstieg, und ich, wir wurden recht -gute Freunde, und ich empfand wieder einmal tief, daß es mir gegeben ist, -schnell zu der mich umgebenden Natur ein Verhältnis zu finden. - -»Gott sei Dank,« sagte der Hochtourist, als wir oben am zugefrorenen -Spitzingsee eine kleine Rast machten, »daß die Alm oben bewirtschaftet -ist! Der Proviant wiegt doch immer tüchtig -- heute fühlt man den -Rucksack kaum.« -- Ich widersprach nicht, obgleich die Toilettesachen -einer Frau immer etwas reichhaltiger sind, mag sie auch fast alle -Ansprüche auf Luxus im Tal gelassen haben, und ich willigte ein, da es von -nun an doch bedeutend steiler wurde, meinen Kleiderrock und mein Jackett -mir noch in den Rucksack packen zu lassen. In Beinkleidern bewegt man sich -bedeutend leichter, und warm genug würde es mir ohnehin schon werden! - -Dies ist die einzige Prophezeiung, die eingetroffen ist! Sogar siedend -heiß wurde mir, als ungefähr nach einer halben Stunde auf einem sehr -schmalen, am steilen Hang entlang führenden Fußsteig der Schnee unter -meinem linken Ski nachgab und ich nach meiner Meinung unaufhaltsam in die -Tiefe kollerte. Ich schrie um Hilfe, ließ meinen Stock fahren, fiel immer -tiefer in den Schnee, so daß ich weder wußte, wo meine Beine, noch wo -meine Arme seien und musterte angstvoll die Bäume, um den zu entdecken, an -dem ich zerschellen würde. Sie sahen alle gleich erwartungsvoll aus, und -in meine Todesangst hinein sagte von oben die Stimme meines Hochtouristen: - -»Erstens läßt man sich nicht hinunterkollern, sondern stemmt sofort den -Stock vor den Skiern ein; zweitens haben Sie vergessen, sich quer zum Hang -zu drehen, drittens -- --« - -Meine aufwallende Empörung gab mir die Kraft zum Sprechen zurück: gab man -einem in Todesangst Schwebenden gute Lehren? Durfte noch von irgendwelchen -Theorien die Rede sein, wenn höchste Gefahr im Verzuge war -- schien -es christlich oder auch nur menschlich denkbar, einem Verlorenen nicht -beizuspringen --? -- »Fällt mir gar nicht ein! Sie sind auch nicht in -Todesgefahr: schauen Sie sich nur um, kaum zwei Meter sind Sie abgerutscht! -Und das erste Prinzip beim Skifahren ist: niemand zu helfen --« - -Selten im Leben habe ich solch eine Verachtung für einen Menschen -empfunden. Er und seine Worte waren Luft für mich! Entgegen allen Lehren, -sogar denen, die ich mir schon angeeignet hatte, krabbelte ich nach -eigenem Ermessen, das natürlich bedeutend mehr anstrengte und mehr Zeit in -Anspruch nahm, auf den Weg zurück. - -Mein Hochtourist ignorierte mein Schweigen; mit der Beredsamkeit, die -auch dem ruhigsten Sportsmann eigen ist, sobald er auf sein Gebiet kommt, -schilderte er mir die zahllosen Möglichkeiten und Errettungen bei einem -Absturz, illustriert durch mehr und minder passende Beispiele. An mir -prallte alles ab; wie die andern sich retteten, mit welcher Umsicht, mit -wieviel Energie, das galt mir nichts mehr. Mein Unfall hatte mir jedenfalls -gestattet, einen Einblick in das alpine Herz meines Begleiters zu tun -- -und ich fand es stark verroht! Wenn der Sport dazu dienen soll --! - -»Nun kommt die erste größere Abfahrt im Gelände,« ordentlich -begeistert klang seine Stimme, »nun sollen Sie mal beweisen, was Sie -gelernt haben!« - -Ich --? Nichts! Ich würde es nicht können, ich bekam Platzfurcht, die -Tannen mit ihren schneebedeckten Zweigen drehten sich vor mir, der Himmel -verwandelte sein Kobaltblau in ein giftiges Grün -- -- -- - -»Wenn's ›Übungshügel‹ hieße, nachher wären Sie schon drunten! Und -gar, wenn der Herr Lehrer dabei wäre oder die andern Anfänger --! Nur -weil's eben 'was Neues ist, sind Sie feige --« -- Mein Gott, war ich das -wirklich?! Ich maß die Höhe ab, sie war geringer als all meine letzten -Probiergegenden, ich sah auf meine Skier, ich biß die Zähne aufeinander -und lehnte mich vornüber -- -- es ging nicht. - -»Also nachher fahren S' da in die Wiesen 'nein und dann auf mich zu, im -Bogen! Aber nicht nach links, denn da ist ein tiefes Loch -- -- --« - -Ich fuhr geschwind und mit aller Gewalt in das tiefe Loch. - -»Das haben Sie ja nur gewollt«, sagte ich zu meinem Hochtouristen. Und -dann fuhren wir als Todfeinde in ziemlicher Entfernung voneinander zur -Fürstalm hinunter. - -Aber gemeinsames Leid, vor allem gemeinsames Schimpfen verbindet ungeheuer; -es gab keinen Bissen Brot mehr in der Fürstalm, die Sonntagsgäste hatten -alles verzehrt, und was noch übrig gewesen war, eine Abteilung Soldaten, -die von ihren Offizieren im Sport unterrichtet wurden. Wir konnten froh -sein, eine Tasse dünnen Kaffees und ein paar gesottene Eier zu bekommen -- -dafür saßen wir draußen in der schönsten strahlenden Sonne. Vor uns lag -der Berg, den wir uns ausersehen hatten: der Stümpfling. - -»Nur noch dreiviertel Stunden -- bis dahinauf zu seiner runden Kuppe?!« -Nein, ich wollte nicht hinauf, ich wollte überhaupt nur abfahren und den -Sport ein für allemal aufgeben. _Mir_ machte er keinen Spaß, das hatte -ich heute erfahren, immer nur fallen, abstürzen, sich ängstigen -- -- -- - -Bis ich meinen Kaffee getrunken hatte. Und die merkwürdig frischen Eier -gegessen -- Eier, wie sie in München nur noch in alten Märchen vorkommen. -Aber so dicht vorm Ziel umkehren -- das ist wirklich feige! Und was ich mir -im Leben vorgenommen und angefangen habe, das führe ich immer durch. _Ein_ -Prinzip muß der Mensch doch haben. - -Ich ließ mich nicht auf Erörterungen ein, ich sagte nur: »Ich gehe doch -hinauf!« und schnallte meine Skier wieder an. Der Hochtourist lachte. - -Wir trugen die Rucksäcke hinüber und deponierten sie im Schnee, um sie -bei der Rückkunft wieder mitzunehmen. Und trotzdem ja meine Last kaum zu -spüren sein sollte, konnte ich die dreiviertel Stunden überwinden, als -seien mir Flügel gewachsen. - -Der Stümpfling bietet eine ganz schöne Aussicht über die Schlierseer -Berge, aber übermäßigen Genuß hatte ich nicht davon: Die Abfahrt --- Herrgott, wenn nur die Abfahrt nicht gewesen wäre! -- Bis zu den -Rucksäcken ging's; sie leuchteten vertrauensvoll aus dem Schnee wie -düstere, aber doch Anhaltspunkte gebende Sterne. Auch die für Anfänger -so berühmte und gute Abfahrt bis zum Spitzingsattel wurde ohne besondere -Katastrophen überwunden. Ein paarmal Kopfüberstürzen, mit dem Gesicht -in den Schnee, oder bis an die Schultern einsinken -- das sind nicht -nennenswerte Kleinigkeiten! -- Die Platzfurcht war merkwürdigerweise auch -überwunden. Aber dann -- die liebe Straße durch den Wald, mit den Kurven, -die ich am Morgen schon sorgsam studiert habe -- die hat's in sich! Und -noch Stemmfahren, d. h. ein Bein im Winkel zum anderen stellen, wenn -ohnehin die Kniee schon zittern, an dieser Kurve das Geländer zum Absturz, -an jener ein vorspringender Granitfels zum Kopfzerschellen lockt, wenn -der Schnee zum größten Teil vereist ist und man gerade, wenn man langsam -fahren oder sogar bremsen möchte, in rasendste Geschwindigkeit gerät, -das ist ein Kampf mit dem Objekt, zu dem schon gute Nerven und Ausdauer -gehören. Ich sah ein, daß die Freundschaft für den Wald nur von meiner -Seite aus empfunden wurde, und daß die Bäume, die Felsen, die Abhänge -wie Feinde auf mich lauerten. Aber ich bin ihnen entkommen; zwar mit -farbigen Merkmalen des Ringens am ganzen Körper, mit einem Teint, als -hätte ich wochenlange Hochtouren hinter mir und dem Gefühl, als wäre der -Ausdruck »mit heiler Haut« reichlich optimistisch gewählt. Trotzdem bin -vorläufig doch ich der Sieger. Und den nächsten Berg, auf den ich mit -Skiern steige, den habe ich mir schon ausgewählt! - - - - -Aus der Winterfrische. - - -Fast mehr noch als im Sommer wird dem zur Natur bekehrten Kulturmenschen -plötzlich im Winter die Stadt mit ihren tausend Ansprüchen »z'wider«. -Weihnachten und Silvester haben seinem Magen, seiner Börse und seinen -Gefühlen den Rest gegeben, in jeder Hinsicht ist er übersättigt. Die -letzten Krümel Marzipan, wie die mit Dankesworten kunstlos durchwebten -Neujahrsbriefe bringen ihm einen bittern Geschmack auf die Zunge. Hinterher -scheint es ihm, »daß es mal wieder nichts war«, wenigstens kein Jungbad -der Freude, mehr ein Untertauchen im Fango -- und seine Seele zieht aus, -um einen reinen Sprudel zu suchen. Setze dich in die Bahn und fahre -von München aus nach Süden, Ost oder West, das Gute, das Schöne, das -Herzerquickende liegt so nahe, nur eines kleinen Ruckes der Energie bedarf -es, um dir vorzustellen, daß der Fasching ebenso froh ohne dich sein wird, -daß man auf Soupers und den berühmten -- bequemen Nachmittagstees kaum -nach dir fragen wird, daß Konzerte und Theater, die du dir ohne deine -Gegenwart nicht vorstellen kannst, genau ihren guten oder peinlichen -Verlauf ohne dich nehmen werden. Ach, lieber Gott! du ahnst nicht, wie -überflüssig du bist, wie bedeutungslos deine Persönlichkeit -- aber -diese Erkenntnis, die dich daheim zuweilen heimlich grämt, so daß du -beflissen bist, sie ängstlich vor dir selbst und anderen zu verstecken, -hier draußen lächelst du über sie: hier bist du ja noch viel, viel -weniger, ein Fleckchen, das die Sonne bescheint, ein Atom, das sich preisen -muß, bescheiden in der Stille zu stehen und die Pracht nicht in ihrer -Harmonie zu stören! - -Einen weltabgelegenen Platz habe ich gefunden, an dem man nichts von der -Eisenbahn hört noch sieht, vor dem sogar die altmodische Post auf ihren -Schlittenkufen in einer knappen halben Stunde haltmacht. Im Schatten der -entzückenden, von Meisterhand bemalten Wallfahrtskirehe von Birkenstein -liegt das Haus, der Waldbach an seiner Seite murmelt leise in deinen Traum -hinein. Der Nußhäher klopft mit starkem Schnabel ans Fenster und bittet -um sein Frühstück, Buchfinken, Goldammer und zierliche Spechtarten -durchzwitschern schon den Garten, der Zaunkönig lugt vorsichtig aus dem -Buschwerk. Schlage deine Augen auf, trinke die Sonne ein, die durch die -glitzernden Scheiben flimmert! -- der Tag ist dein, dein die Welt, die -Höhen, der Wald, die stillen Marterln am Wegrand, die stolze Majestät der -makellosen Schneefelder! Schnell deinen Kaffee; der Raum ist erfüllt von -jungen, gesunden Menschen, die mit Leib und Seele ihrem Sport huldigen, -und bei deren frohem Anblick man sich sagt: »Gott sei Dank, noch ist -Deutschland nicht verloren!« -- Dann holst du dir deine Skier, prüfst mit -geübtem Blick Bindung und Schrauben, trittst hinein, nimmst als einzige -Last den Bambusstock sorglos unter den Arm, und nun fort, fort. Anfangs -über glattgefrorene »Ziehwege«, von den schweren Holzschlitten mit ihrer -nachschleppenden Last schön ausgefahren, dann seitwärts hinauf an -einem Hang, der dich lockt, und immer weiter hinein in die verschneite -Einsamkeit. Da oben liegt ein Gipfel, dessen weiche Konturen rosa -überstrahlt sind, tapfer setzt sich ein Ski vor den andern in die -Wunderwerke der kristallenen Decke, und ohne Atemnot, leicht und frei die -kalte, köstliche Luft in die Lungen saugend, stehst du auf der Höhe, die -Erde mit ihrer Herrlichkeit zu deinen Füßen. Unten im Tal wogt noch der -Nebelkampf, in weißen Massen schiebt's sich an den Hängen entlang, nur -blitzartig Dörfer, Kapellen, Wälder entschleiernd. Aber die Sonne -lacht ob dieser Spielerei wie eine immer geduldige, nachsichtige Mutter, -schrittweise, als wollte sie niemand wehtun, erobert sie sich das Feld -- -und plötzlich taucht wie neugeboren und unverhüllt das gewaltige Bild -des Tales vor dir auf. Und du durftest wieder einmal dabei sein bei der -Offenbarung vollendetster Schönheit -- was kann dich noch treffen, dich -niederdrücken mit einem Schatz solcher Freuden im Herzen?! - -Nicht nur deinen Mut, deine Energie stählst du auf diesen stillen Fahrten -in das wirkliche Märchenland, wahre Lebensfreude und -fähigkeit nimmst -du mit fort als besten Teil! Und nun die Abfahrt. Lange Zeit hieß es: -»Stemmfahren -- stemmfahren -- und nicht verzweifeln!« Endlich löste -sich das Rätsel, und zwar nach Art der meisten Rätsel auf die einfachste -Weise: alles Überlegen, alle Theorie erscheint überflüssig, hemmend -- -eben weil sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, und jeder bildet -sich ein, diese zu alpinen Touren absolut notwendige Technik sich allein -angeeignet und allein erfunden zu haben. Der »Meister« hier ist längst -an die Ketzerei der Flüggegewordenen gewöhnt, er lächelt nur darüber. -Man selbst fühlt sich verwachsen mit den langen, schlanken Eschenhölzern, -nach Belieben setzt man sich in Bewegung, schlängelt sich in -Serpentinlinien kreuz und quer durch den Wald hinunter und überläßt sich -an freien Hängen dem Hochgenuß eleganter Stemmbogen, bald den Stock -je nach der Wendung rechts oder links einsetzend, bald ihn bei ebenerem -Terrain unterm Arm haltend. »Wer Stemmbogen fahren kann, beherrscht die -Welt« -- mindestens die winterliche, alpine; und wer zuerst mal ohne Sturz -einen Hügel »besiegt« hat, kommt sich wie ein kleiner Napoleon vor. -Freilich, mehr Mühe, als die Götter sonst vor den Erfolg gesetzt haben, -braucht man zur vollkommenen Aneignung dieses »Sports des Fallens«, wie -ich ihn anfangs voll Wut selbst getauft habe. Aber kaum ein anderer löst -dafür solch eine Befriedigung aus, da er den Genuß sonst verschlossener -Freuden im Winter ermöglicht. - -Wenn Neuschnee fällt und es unaufhörlich vom grauweißen, kaum -erkennbaren Himmel niederrieselt, gibt's zur Abwechslung frohe -Rodelpartien. Daß man als Skifahrer dies Vergnügen verachten soll, ist -ein törichtes Märchen; so einmal gedankenlos, flachliegend, nur an den -Kurven mechanisch das Gewicht verteilend, in rasender Fahrt bergab zu -fliegen, das tut außerordentlich wohl, und beim mühseligen Bergaufziehen -des Schlittens muß man sich stoisch damit trösten, daß dies eben der -gesündere Teil sei! Eine »Seeschlange« haben wir gemacht und alle -rodelnden Jungen -- und wer rodelte hier nicht, wo man seine Besorgungen, -seien es Briefmarken oder Milch, mit dem Schlitten absolviert! -- mit -ihren Rodeln an den unserigen gebunden und so in langer Kette zu ihrem -und unserem höchsten Gaudium zu Tal gefahren: »A Hetz' war's«, wie sie -versicherten. Die kleinsten Kinder fahren hier von Höhen herunter -- -die Hände in den Muffen oder Hosentaschen, gelinde mit den Hacken -ihrer winzigen, nagelbeschlagenen Schuhen steuernd --, bei deren Anblick -Stadtmüttern alle Haare, falsche wie echte, zu Berge stehen würden. -Hier sieht niemand hin, wenn sich ein paar der geborenen Sportsleute -übereinanderkugeln, aber es weint auch keiner bei einem noch so derben -Puff. - -Wir sind aber nicht nur ländlich: gestern hatten wir einen Ball, -beim Kramerwirt. Mit einer Musikkapelle auf dem Podium, einem mit -Tannengirlanden geputzten Saal, und Blumensträußen aus München, die -sich am seidenen Brusttuch der Vronis und Zenzis nicht schlecht ausnahmen. -»Geschuhplattelt is worden« -- und mit eisernen Mienen fanden sich die -Tänzerinnen zu den Armen ihrer stampfenden, mit den Händen klatschenden -Partner zurück. Der Tanz ist hier etwas sehr Ernstes, Würdevolles -- -niemand lacht, niemand spricht ein Wort dabei. Aber ist die Tour beendet, -die im Laufe des Abends immer kürzer wurde, so traktiert »er« »sie« -mit einem Trunk. Ich gestehe, daß ich etwas Kopfschmerzen habe, trotzdem -ich nicht ein Achtel von den Musikern geleistet habe, die sich schließlich -als gänzlich unabhängige Menschen entpuppten und nach eigenem Behagen und -eigenem Takt ihren Part erledigten. - -Ja, hier ist Freiheit, Schönheit, Lebensfreude! Es leben die Berge -- es -lebe der Winter! - - - - -Das Talbein. - - -Als Konny Bendemann ihr Fenster öffnete, um in ihr enges Zimmerchen die -ihr anempfohlene Bergluft hereinzulassen, fesselte sie ein merkwürdiger -Anblick: die ganze Straße, so weit sie nur sehen konnte, durchwanderte -ein Zug schweigsamer Menschen, deren Köpfe von je zwei langen Hölzern -überragt wurden, so daß ihre Erscheinungen aufrecht gestellten -Riesen-Hirschkäfern glichen. Ach ja, heute begann der berühmte Kurs des -Schneeschuhlaufens unter der Leitung des noch berühmteren Skiapostels, -von dessen Künsten, auch den erzieherischen, man sich Wunder erzählte. -Behaupteten doch seine Anhänger, daß es für die nach seiner Methode -Fahrenden keinerlei Schwierigkeiten mehr gäbe, und ebenso, daß auch der -Feigste steile Hänge spielend auf- und absteigen könne. Der Feigste! -Konny schlug in Gedanken an die eigene Brust. - -Nur eine Bergpartie hatte sie im Leben gemacht, zum Wendelstein hinauf; -aber da sie sich beim Abstieg während eines Gewitters ungeheuer kläglich -benommen hatte, so hatten ihre Bekannten geschworen, sie nie wieder -mitzunehmen. Doch im Winter, wo auch Gewitter seltene Erscheinungen waren, -da mußte es ganz herrlich sein, über den Schnee durch bereifte Wälder -zu eilen und dann von oben abwärts zu sausen -- z. B. von der Alpspitz -drüben! Sie hatte ungefähr eine Vorstellung davon, als würde man über -deren scharf abgeschrägten Rücken entlang geradenwegs zu Tal fahren -können. Melancholischen Blickes verfolgte sie den Zug weiter: ja, wenn man -nicht so allein wäre -- wenn irgend jemand ihr zugeredet hätte -- --. - -Da rief eine übermütige Stimme zu ihr hinauf: »Geschwind, Fräulein! Sie -werden ja sonst die Letzte -- man immer vorwärts!« - -Natürlich ein Norddeutscher: die hatten für ihre Ebenen ja auch diesen -Sport besonders nötig, und bemerkbar machen mußten sie sich auch -- wie -immer! Dennoch freute sie der Gruß; und daß man als selbstverständlich -annahm, auch sie würde sich beteiligen. -- -- Und weshalb denn nicht? -Diese Menschen da, die noch immer paarweise an ihr vorüberzogen, kannten -sich doch auch nicht alle, nur der Wunsch, dasselbe zu lernen, verknüpfte -sie. Also -- --. Und trug sie nicht auch Wickelgamaschen und Nagelschuhe -und Mütze und Schleier zum fußfreien Kostüm?! Was fehlte, das waren die -Skier -- sollte an solcher Kleinigkeit das Unternehmen scheitern? - -»Ich komme nicht zu Tisch«, rief sie im Vorbeilaufen ihrer Wirtin zu. -Und eh' noch die Frau Deixlmair Protest einlegen konnte, weil nun doch das -schöne »Ohchsenfleisch«, das vorher die köstliche Rindssuppe lieferte, -umsonst gekauft worden sei, war sie bereits über die drei Steinstufen -hinuntergesprungen und beim Nachbar, dem Herrn Ludl, in den Laden -gestürzt. Und da besagter Herr Ludl »überhaupts und ohnehihn« dem -»Kumité« angehörte und ungefähr tat, als sei er mit Skiern auf die -Welt gekommen, so machte das Aussuchen eines passenden Paares keinerlei -Schwierigkeiten, und sie nachträglich anmelden, das konnte er schon -übernehmen -- er durft's schon wagen! - -Atemlos vom Laufen und dem ungewohnten und daher unbequemen Tragen der -langen Schuhe kam sie als Letzte in der Ebene an, die im engern Kreise -von niedrigen Hügeln umgeben war, und die sich der Herr Doktor daher als -Übungsgelände ersehen hatte. Er selbst nahm jetzt einen etwas erhöhten -Standpunkt ein und erläuterte seinen Zuhörern Zweck und Art des Sports -und den richtigen Gebrauch und die Ausnutzung des Geräts. Alle schienen -im Bann seiner Ausführungen zu stehen und sie absolut zu begreifen -- nur -Konny bemerkte mit Schrecken, welch' ein Chaos in ihrem Gehirn entstand. -Sie versuchte, sich an einige technische Ausdrücke anzuklammern, aber -sie war nie stark im Behalten gewesen, -- und da sie ihnen keinen Sinn -unterlegen konnte, zerstäubten auch diese Wörter wie Schneeflocken in -ihrem Auffassungsvermögen. Plötzlich gab der Herr Doktor ein Zeichen, -dessen Sinn er wohl vorher besprochen haben mußte, denn nun begannen alle -sofort mit emsigen Händen, sich die vor ihnen am Boden liegenden Skier -anzuschnallen. - -Auch Konny versuchte es. Doch ihr waren Glieder und Hände steif vor -Kälte, von ihren Zehen hatte sie das deutliche Gefühl, sie seien aus -Glas. Sie riß und zog an den Riemen und endlich stand sie hilflos auf -den beiden schmalen Brettern da. Inzwischen hatte sich das Unglaubliche -vollzogen: während sie noch mühsam nach Balance suchte, krabbelte schon -eine Unzahl von Menschen den Abhang hinauf, dem Doktor folgend, der sie -in langen, flachen Serpentinlinien aufwärtsführte. Da hinauf sollte sie -auch --? Die Vorstellung war so überwältigend, daß sie sich erst mal -rückwärts in den Schnee und zugleich auf die Kante der Skier setzte. Das -tat weh, und im Gefühl gänzlicher Machtlosigkeit blieb sie liegen. - -Da erscholl aus den Lüften eine Stimme, mahnend -- aufmunternd -- ratend --- und Konny blickte sich um, wem wohl diese sich immer noch steigernde -Teilnahme gelten mochte. - -»Na, Sie da unten, Fräulein, wollen's denn anfrieren?« - -Gelächter von nah und fern und dann dicht an ihrem Ohr eine flehende -Bitte: »Stehen Sie doch endlich auf -- ich helfe Ihnen -- er denkt ja -sonst, es ist Eigensinn, daß Sie sich nicht rühren -- --.« - -Ach Gott, _ihr_ galt diese versuchte Beeinflussung von oben? Aber aus -Eigensinn, nein wahrhaftig, saß sie hier nicht. - -Mühsam rappelte sie sich empor, brachte die Spitzen der Skier -übereinander und wäre wieder gefallen, wenn die Hand ihres Nachbars sie -nicht gestützt hätte. - -»Lassen Sie die Dame nur gleich das Wenden üben,« erscholl von neuem -die Stimme, »und nehmen Sie sich ihrer etwas an, Herr Architekt, wir gehen -inzwischen weiter.« - -»Was soll ich?« fragte Konny verzagt. »Wenden? Aber ich habe ja keine -Ahnung.« - -»Der Herr Doktor hat's aber doch erklärt! Also sehen Sie mir einmal zu.« - -Diese gewaltsame, ungeheuer schwungvolle Bewegung sollte sie nachmachen? - -»Versuchen Sie's doch wenigstens mal!« - -Jetzt endlich sah sie ihrem Helfer ins Gesicht -- bis dahin hatte sich ihre -Aufmerksamkeit nur auf seine Beine konzentriert -- und sie entdeckte, -daß der Architekt derselbe Herr sei, dessen Zuruf am Morgen sie zu -dieser Tollkühnheit verlockt hatte. Dann mußte er auch einen Teil der -Verantwortung tragen. - -Halblaut fragte sie: »_Er_ ist ja schon so weit fort -- er merkt es am -Ende gar nicht, wenn ich nicht übe.« - -Der Architekt lachte und antwortete herzlos: »Er sieht alles, Fräulein!« - -Und wirklich erscholl es in diesem Augenblick aus den Lüften: »Nun, die -beiden dort unten -- wollen sich die denn gar nicht hinaufbemühen?« - -»Bitte, bitte, einmal versuchen«, drängte der Architekt. - -Und Konny, die es einsah, daß es hier kein Schummeln gäbe, schleuderte -mit letzter Energie ihr rechtes Bein in die Luft, sah ihren gefesselten -Fuß mitsamt dem senkrecht stehenden Skier unstät hin- und herschwanken, -fühlte sich in zwei gleiche Portionen gerissen -- und ließ sich auf die -Seite fallen. - -»Aber, aber,« meinte der Architekt, »das war ja alles verkehrt! Und -da wir doch bergauf wollen, hätten Sie das obere Bein nehmen müssen, um -gleich an Steigung zu gewinnen -- und nicht das Talbein!« - -Konny sah resigniert auf ihre beiden, unter ihr gekreuzten Beine. Sie -hätte im Moment gewiß nicht angeben können, welches ihr rechtes oder -welches ihr linkes sei -- und nun sollte sie sogar den Unterschied zwischen -Tal- und Bergbein wissen?! - -Still begann sie sich zu entknäueln, stand endlich wieder aufrecht da und -sagte zum Architekten: »Ich will es jetzt allein lernen, ohne Theorie. Sie -stören mich nur -- gehen Sie nur voran.« - -Langsam und vorsichtig, dennoch von unendlichen Stürzen unterbrochen, -begann sie dann bergan zu klimmen -- er in mäßiger Entfernung vor ihr. - -Plötzlich kam er zurück: »Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?« - -Und ohne ihre Einwilligung abzuwarten, sagte er: »Ihr Rock ist viel -zu lang, der geniert Sie. Ziehen Sie ihn aus, ich nehme ihn in meinen -Rucksack.« - -Wenn's nur das sein sollte, was sie hinderte! - -Sie zögerte eine Sekunde, dann zog sie mit seiner Hilfe den Rock aus, und -zwar über den Kopf, da es über die Skier doch nicht gegangen wäre. Ganz -heiß waren sie beide von der mühsamen Arbeit auf dem Hang und Konnys -Unsicherheit geworden. - -Dann stand sie in neumodischen Beinkleidern, aus demselben Stoff wie ihr -Kleid, vor ihm; um die Hüften herum bildeten sie Tüten, an den Knien -schlossen sie sich dagegen sehr eng, und er, dem ihre zarte Figur vorher -so gut gefallen hatte, mußte ein Lächeln unterdrücken: etwas Rundes und -Komplettes hatte sie angenommen und fast bereute er seinen guten Rat. Denn -mit oder ohne Rock -- viel Talent zum Sport schien sie nicht zu besitzen. - -Endlich, nach mehreren Stunden, erreichten sie die übrige Gesellschaft, -die sich auf einem Schneefeld zum Frühstück gelagert hatte und schon -wieder im Aufbruch war. Mit lautem Halloh wurden sie beide begrüßt. Der -Doktor eilte auf Konny zu und fragte, wie es denn gegangen sei. Und sie, -im Bestreben, nicht gar so dumm zu erscheinen, besann sich auf die vorhin -verworfene Theorie und antwortete fröhlich und gänzlich ahnungslos -über den Sinn der Bezeichnungen: »Danke -- mit dem Bergbein gut, mit dem -Talbein schlecht!« - -In das Gelächter ringsum stimmte sie harmlos mit ein -- nur daß sie einen -guten Witz gemacht haben sollte, begriff sie nicht. Nach ihrer Meinung -blieb ein- für allemal das rechte das Talbein, weil der Architekt es beim -ersten Wenden so genannt hatte. -- Darauf, daß man so perfide sein könne, -die Bezeichnung je nach der Richtung zum Berg zu wechseln, kam sie gar -nicht. - -Daß sie Humor verstände, schien allen, auch dem Doktor, eine ausgemachte -Sache zu sein, und darauf bauend, gab er einem seiner Begleiter einen -Auftrag. - -Konny frühstückte inzwischen geschwind von den guten Sachen aus des -Architekten Rucksack; sie selbst war ja mit nichts versehen und fand es -schon fast selbstverständlich, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. - -Unten im Tal schied man endlich am späten Nachmittag in vollster Harmonie. -Am Abend wollte der Doktor in einem einfachen Wirtshaus einen theoretischen -Vortrag halten, und wenn Konny auch im voraus sicher war, wieder kaum etwas -zu verstehen, so freute sie sich doch herzlichst auf das Zusammensein -mit all den frischen, jungen Menschen. Hatte sie bisher als einzige -Unterhaltung doch nur ihre Wirtin gehabt, deren ausgeprägten Dialekt sie -überhaupt nur in besonders glücklichen Momenten verstand -- aber seit -heute war ihr, als trete sie auch in ein besseres Verhältnis zur Natur; -nichts mehr schien ihr fremd oder überwältigend, wie im Anfang, an dieser -Hochgebirgsszenerie, und wie sie so zurückwanderte, den geschmähten Rock -über der Schulter hängend, kam es ihr vor, als habe sie eigentlich ein -neues Leben begonnen. Der Sport mußte doch von allgewaltiger Macht sein! - -Am Abend, neben dem Architekten sitzend, hörte sie gespannt zu. Und da ihr -Humor nun einmal fest anerkannt worden war, lachte er ungeniert über ihre -leisen Bemerkungen, die sie in den Vortrag des Doktors einstreute, während -Konny ein paarmal dachte, daß es, nach dem sinnlosen Lachen ihres Nachbars -zu urteilen, in seinem Hirn nicht ganz richtig sein müsse. - -Dann wurden Lichtbilder angekündigt. Der Doktor wandte sich verbindlich -lächelnd an Konny, als wolle er ihre Zustimmung einholen -- oder auch -ihre Verzeihung -- wies auf die weiße Leinwand und sagte unter lautem -Gelächter ringsum: »Das Talbein«. - -Konny lachte mit. Auf der Leinwand stand sie selbst, hilflos und -schwankend, in einer wenig vorteilhaften Kleidung: einem oben zu weiten und -unten zu engen Beinkleid. Sachlich konstatierte der Doktor die Fehler ihrer -Haltung, der Fußstellung, der Handhabung ihres Stockes -- und bewies auf -allen folgenden Bildern, die immer nur wieder sie zeigten, daß sie ein -vollkommen typischer Fall des Anfängertums sei. Darnach schien es ihr ja -wirklich, als habe sie mit besonderem Instinkt alles und jedes verkehrt -gemacht! - -Ja, sie lachte fröhlich mit bei jedem Konterfei; und nur dem Architekten -kam es ein paarmal vor, als zittere sie leicht. Aber sie mochte wohl -übermüdet sein. - -Wirklich erhob sie sich nach schicklicher Pause, als der Vortrag beendet -war, und verabschiedete sich. Energisch lehnte sie die Begleitung des -Architekten ab, doch er gab es nicht zu, daß sie den weiten Weg durchs -Dorf allein machte. Zum Sprechen unterwegs aber konnte er sie nicht bewegen --- was fehlte ihr nur? - -Erst auf der obersten der drei Steinstufen schien sie wieder Atem zu -bekommen. - -»Haben Sie Dank, Herr Architekt,« sagte sie mit merkwürdig ruhiger -Stimme, »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben! Durch Sie bin ich -veranlaßt worden, am Kurs teilzunehmen -- durch Sie, meinen Rock abzulegen --- und ich irre mich wohl nicht, wenn ich Ihnen auch das hinterlistige -Photographieren verdanke.« - -»Aber ich schwöre ...«, fiel er ein. - -»Ach was,« entgegnete sie hastig, »schwören! Nachdem man falsch und -verräterisch und -- und -- schadenfroh gewesen ist! Sie haben ja gewußt, -daß ich auch nicht das geringste von allem verstanden habe -- weder vom -Bergbein noch vom Talbein -- und dennoch haben Sie sich über mich lustig -gemacht! Pfui!« - -Er starrte noch immer Frau Deixlmairs tannene Tür an, als sie schon -längst hinter ihr verschwunden war. Ein merkwürdiges Mädel, diese -Pfälzerin! Eigentlich dumm oder doch begriffsstutzig -- und wieder klug -genug, um das einzusehen und noch mehr: um es sogar zuzugeben! Welche Frau -tat das wohl sonst?! Gewiß nicht viele. Er pfiff zwischen den Zähnen und -sah lange, lange die Tür an. Humor, wie sie alle gedacht hatten, besaß -sie also nicht -- und doch Taktgefühl, ungeheuer viel Taktgefühl. Eine -andere, der plötzlich über sich selbst und ihre Leistungen so öffentlich -ein Licht aufgesteckt worden wäre, hätte vielleicht eine Szene gemacht -oder geheult -- oder sonst irgend etwas. Diese da war sehr tapfer -- das -hatte sie eigentlich schon den ganzen Tag bewiesen, an dem sie sich so -redlich mühte und nicht die geringste Hilfe durch Überlegungen gehabt -hatte -- schade! Denn nun würde sie natürlich nicht mehr wiederkommen! -Schade! Der ganze Kurs war ihm verleidet. - -Aber am andern Morgen stand sie tapfer wieder da, beim Treffpunkt. Und ihm -nickte sie freundlich und harmlos zu. - -»Donnerwetter,« dachte er wieder, »sie ist anders! Die meisten wären -schmollend zu Hause sitzen geblieben oder hätten den Ärger benutzt, um -sich zu drücken.« - -Sie wurde auch keine Musterschülerin des Doktors. Aber menschlich gute -Eigenschaften entdeckte der Architekt noch zahlreiche an ihr im Laufe -des sechstägigen Kurses. Da fragte er sie zum Schluß, ob sie nicht -auch weiterhin zusammen durchs Leben fahren wollten, sie seien so schön -eingeübt. Womit er allerdings im stillen wohl meinte, daß sie an seine -Hilfe beim Aufstehen gewöhnt sei. Ihre Kunst bestand eben -- im Hinfallen. - -Aber auch diesmal las sie seine Gedanken und antwortete fröhlich: »Gut! -Wenn du mich bei schwierigen Fällen nie fragen willst, ob ich nun das -Talbein oder das Bergbein nehmen muß --! Das könnte ich nämlich nie -entscheiden: aber Vertrauen mußt du haben, daß ich es schließlich doch -recht mache.« - -Und das Vertrauen besaß er. - - - - -Die Erfindung. - - -Immer wenn Frau Ellen Mahder von ihrer Arbeit aufsah, was allerdings nur -geschah, um die Augen ein wenig vom Mikroskop auszuruhen, bemerkte sie, -daß sich der Kopf ihres Nachbarn tief über seine Hände beugte -- nicht -ein einziges Mal seit acht Tagen waren sich ihre Blicke begegnet. Aber -diese scheinbare Unermüdlichkeit täuschte sie keinen Augenblick: ein -so wenig ernsthafter Mensch, der wenigstens in ihrer Gegenwart noch kein -vernünftiges Wort gesagt hatte, war nicht imstande, sich von -seiner Aufgabe absorbieren zu lassen; sie mißtraute ihm und seinem -wissenschaftlichen Eifer aufs höchste. Und ebenso ärgerte sie sich über -sich selbst, daß sie an diesen »faden« Doktor Zerpfang einen Gedanken -verschwendete -- und kehrte sofort mit aller Inbrunst zu ihren botanischen -Untersuchungen zurück. Sie mußte ja auch doppelt pflichtgetreu und genau -sein, um ihre Zulassung in die dunklen Räume der alten Akademie, die -unter anderen auch der botanischen Station Aufnahme gewährt hatte, zu -rechtfertigen. Denn die Frage dieses »faden« Doktors, ob sie studiert -oder wenigstens das Gymnasium absolviert habe, mußte sie verneinen; aber -sie interessiere sich nun einmal stark für Chemie und Botanik, und sie -hoffte, ihre mangelnde Vorbildung durch Lerneifer -- -- - -Er hatte ernsthaft genickt und sie aussprechen lassen, trotzdem sie sich -vor Verlegenheit ein wenig im Satzbau verwickelte. Als sie endlich fertig -war, sagte er: »Na, da können S' mir am Ende gleich erklären, was das -bedeutet: =C, A -- C, A, O=?« - -Unsicher und zweifelnd hatte sie erwidert: »=C, A -- C, A, O=? -- -=C= vielleicht Kohlenstoff, =A= -- Argentum, =O= Oxygenium --« - -Ringsum war ein lautes Gelächter losgebrochen, so daß sie erschrocken mit -der Zerlegung der chemischen Formel innehielt. - -Mit heuchlerischem Ernst sagte der Doktor: »Ich würd's anders -übersetzen: =C, A -- C, A, O= -- das ist Cacao.« - -Sie brachte es zwar zuwege, über ihren Reinfall zu lachen, aber ganz -vergeben konnte sie nach Frauenart dem Doktor diese Niederlage doch nicht. -Und er mußte wohl ihre stille Abneigung fühlen, denn er begrüßte sie -des Morgens nur mit stummer Verbeugung und verließ mittags den Saal erst -nach ihr. - -Als heute die Präparate für die kommende Woche verteilt wurden, sagte -sie: »Ich danke, ich gehe auf ein paar Tage ins Gebirge.« Und auf -den etwas erstaunten Blick des Professors setzte sie hinzu: »Ich bin -überarbeitet -- ich brauche eine Luftveränderung.« - -Ihr Ton klang gereizt. Konnte man sich nicht vorstellen, daß es für -ihre Arbeit nur vorteilhaft sei, wenn sie mit frischen Kräften an sie -hinanginge? - -»Man« lächelte unmerklich und gab ihr den väterlichen Rat, sich nur -nicht durch irgendeinen dummen Sport noch mehr herunterzubringen oder -sich gar eine Herzschwäche zu holen, die bei der jetzigen Unvernunft und -Übertreibung an der Tagesordnung sei. »Man« redete ihr zu, lange zu -schlafen, kräftig zu essen und ein wenig in der Sonne zu sitzen. - -Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, aber sie arbeitete nicht mehr. - -»Geben S' nach -- bleiben S' da?« fragte eine Stimme neben ihr. - -Sie schüttelte den Kopf, ehe sie sich noch Rechenschaft darüber gab, wer -zu ihr spräche: ah, der »fade« Doktor! Mochte er sich ebenso über sie -lustig machen wie die andern. Aber vorläufig sagte er gar nichts, sondern -sann vor sich hin. Und dann bat er hastig und scheu: »Mögen S' meine -Erfindung anschauen, an der ich gebastelt habe alle Tag'?« - -Mein Gott, augenblicklich lag ihr die ganze Arbeit hier so fern! -»Gestohlen werden kann sie mir«, hätte sie am liebsten gesagt. Doch -zwang sie sich zu einem Lächeln und entgegnete: »Gewiß -- gern!« - -Er führte sie an seinen Arbeitstisch, schob Bücher und Hefte beiseite und -zog ein paar merkwürdige Eisenklammern hervor, deren Teile mit gewachstem -Bindfaden verbunden waren. Triumphierend hielt er sie ihr hin. - -Ratlos stand sie da und sah auf die Dinger. Sein Preisrätsel »Cacao« -fiel ihr ein, und sie hütete sich wohl, irgend etwas zu äußern, was auch -diesmal ihre völlige Unkenntnis verraten hätte. Infolgedessen konnte sie -überhaupt nichts sagen -- denn kein Lichtstrahl machte ihr klar, was diese -Erfindung bedeute. - -Er aber, mit dem blinden Entzücken aller Erfinder über ihr Produkt, -sagte voll Begeisterung: »Das Ei des Kolumbus, nicht wahr? So einfach, so -handlich, billig herzustellen, leicht zu transportieren -- sehen S': in dem -Tascherl da! -- praktisch -- und von einem Erfolg!! Na, den garantier' ich -Ihnen! Eine großartige Erfindung, gelt? So was kann eben nur einer, der -die Praxis kennt, der 's ausprobiert hat -- der sich nicht abschrecken -läßt von scheinbaren Schwierigkeiten! Und ich sag' Ihnen: immer simpler -ist es worden, geradezu dahingeschmolzen in meine Händ' -- und das werden -S' zugeben müssen: von einer klassischen Einfachheit ist's worden -- kein -Hakerl z'viel, kein' Wirtschaft, kein Durcheinand' -- höchste Einfachheit, -gepaart mit größter Solidität und Sicherheit --.« Das letzte sagte er -hochdeutsch, es klang wie eine Notiz aus einer Anpreisung. -- Ihr wurde -heiß und kalt und wieder heiß: wenn er um Gottes willen nur nicht fragen -würde --! Sie hatte ja keine Ahnung, zu was die Dinger waren, die er nun -mit einem »Schnapp« zuklappen ließ und wieder öffnete, obgleich ihr -Geist sich an jedes Instrument klammerte, das ihr je in diesem Saal vor -Augen gekommen war. Schlicht -- ja, das konnte sie zugeben, das war dieser -Apparat, fast primitiv in seiner äußeren Gestaltung und beinah roh in -seinem Material. Aber sein innerer Wert mochte deshalb eminent sein, seine -Hilfe für die Wissenschaft von unberechenbaren Folgen -- wenn sie nur -geahnt -- wenn die unscheinbaren Dinger ihr nur einen einzigen Anhaltspunkt -gewährt hätten! Hilflos starrte sie vor sich nieder und brachte endlich -ein »Sehr hübsch -- sehr praktisch« über die Lippen. - -»Gelt?« fragte er zutraulich. »Das is was! Ja, so werden Meisterwerke -geboren -- so nebenher, so zufällig! Erst ist der Gedanke in mir gereift, -dann habe ich mich mit ihm herumgeschlagen, denn eigentlich hab' ich nicht -recht heranwollen, weil solch eine Idee doch immer etwas ablenkt -- aber -schließlich: das Erfindungsfieber ist über mich kommen, und kein' Ruh' -nicht hab' ich gehabt, bis 's nicht da fertig vor mir gelegen ist am -Tisch!« - -Zwar hörte sie heraus, daß er sich ein wenig selbst persiflierte, aber -stolz war er darum doch. Und konnte es ja auch sein: eine Erfindung machen, -die Wissenschaft bereichern, das ist immer etwas Großes, fast Heiliges. -So sagte sie denn auf gut Glück hin: »Die Zeit dürfen Sie doch nicht als -verloren betrachten -- da Ihnen die Erfindung gelungen ist, hat sich doch -die sogenannte Untreue gegen Ihre Arbeit reichlich gelohnt.« - -Er lachte. »Sogenannte« -- ist gut! Sie haben eine famose Art zu -trösten, Frau Kollega! Ich hätte Sie gar nicht für so vorurteilsfrei -gehalten.« - -Auch das verstand sie wieder nicht ganz, aber sie war nur froh, daß er -keine präzisere Antwort von ihr verlangte. - -Als er nun vorschlug, für heute die Arbeit aufzugeben und gemeinsam -zu speisen, willigte sie gern ein. Gewöhnlich aß sie mittags in einer -Pension mit streng modern denkenden und gekleideten Malerinnen; und -sie, die noch so wenig leistete und in ihrer Arbeit ja auch kaum je eine -Eigenart entwickeln konnte, saß recht gedrückt und bescheiden zwischen -diesen selbstsichern Geschöpfen, die alle mit Bewußtsein auf dem -richtigen Weg waren, wie sie sagten. Sie selbst sah nur ein stilles Eckchen -vor sich, einen Tisch in einem Saal, an dem sie unbeachtet bis an ihr -Lebensende sitzen, bestimmen, zeichnen, höchstens einmal etwas -würde schreiben dürfen. Da durfte sie sich allerdings nie mit diesen -Künstlerinnen in einem Atem nennen, die Ruhm und Erfolg in die Höhe -tragen würden! - -Neben des Doktors gutmütiger Art verlor sie ihre Scheu, ja, sie verriet -ihm sogar von den Zweifeln an sich, die sich täglich am Mittagstisch -erneuerten. Er lachte sie aus und sagte ein paarmal: »Da -- schauen S' -mich an! Bin ich hoffärtiger worden -- oder gar stolzer?! Und bin doch ein -großer Erfinder! Gelt, das bestellen S' Ihre Schwabinger Madeln von mir: -je größer einer ist, um so bescheidener soll er sein.« - -Er brachte sie nach Hause, und vor ihrer Tür sagte er plötzlich: »Wissen -S', ich begleit' Sie morgen!« - -Ja, das wäre nett! Zu zweien mußte es doch viel schöner sein, und so -sicher war sie übrigens auch gar nicht auf ihren Skiern -- in diesem Jahr -war sie noch kaum hinausgekommen --. - -»Um so besser«, entgegnete er etwas unverständlich. »Und da sprechen -wir uns deutlich aus über meine Erfindung.« - -Ach Gott, wenn er doch draußen nichts weiter wollte, als sich selbst -bespiegeln und bewundern und von dem klassischen Stück Eisen reden, so -sollte er nur lieber daheim bleiben! Etwas widerwillig nannte sie ihm Ziel -und Abfahrtszeit, dann ging er fröhlich, mit richtiger Siegesmiene davon. -Er schien doch schon auf dem besten Wege zur Hoffahrt zu sein! - -Den ganzen Abend, während sich Frau Ellen Mahder die Skiausrüstung -bereitlegte, die »Lauparstiefel« noch einmal einfettete, die Gamaschen -fest aufrollte, um sie morgen tadellos binden zu können, und -schließlich in den Rucksack zu allerlei appetitlichem Proviant den -Zdarsky-Spirituskocher und den Seidenkragen, der sich zum Zelt gestalten -ließ, eine andere Erfindung des Lilienfelder Skimeisters, zusammenpackte, -plagte sie die Vorstellung von Doktor Zerpfangs Schöpfung. Ja, käme sie -nur dahinter, ob er sie absichtlich hinhielte, sich vielleicht an ihrer -Angst weidete -- oder ob er sie wirklich für nicht so dumm hielte, als sie -doch sein mußte! Diese letzteren Zweifel quälten sie besonders, und so -verbrachte sie keine erquickende Nacht. - -Er aber tat bei der Abfahrt gänzlich unbefangen. Seinen Schöpfer lobte -er, der ihm den guten Einfall gegeben, gleich ihr dem dumpfen Saal zu -entfliehen und in die Berge zu fahren. Den ganzen Weg vom Bahnhof in -Schliersee, an Fischhausen vorbei und durchs Josephtal sang er und jubelte -und konnte sich nicht genug tun, die Weiße des Schnees, die Bläue des -Himmels -- die wunderbare, in kristallene Reinheit getauchte Landschaft -zu bewundern. So ein Tag -- so ein leuchtender, jauchzender Tag! Ja, den -brauchte man -- da wurde man wieder gesund und froh, da fielen alle kleinen -Erdennöte vom Herzen ab, so wie der stäubende Schnee vom schwankenden -Ast. Und er schlug gegen die Bäume, daß es in lichten Wolken auf sie -beide herniederrieselte: das Jungbad der Seele nannte er das. -- -Etwas schweigsam ging Ellen Mahder neben ihm her; sie kam sich selbst -schwerfällig und »norddeutsch« vor, daß sie nicht aus vollem Herzen -in sein Glück mit einstimmen konnte. Aber die Furcht vor seiner Erfindung -fesselte ihr Zunge und Sinn -- und ebenso die wachsende Erkenntnis seines -Wesens: ein Kind war er, ein echtes, großes Kind wie alle Künstler, alle -Genies. Hier, in der Sonne, in der belebenden, herben, köstlichen Luft, -am größten gemessen, das es gibt: an freier Natur, offenbarte sich seine -Ursprünglichkeit und Lauterkeit. Ein Erfinder -- und doch so primitiv! Die -Kompliziertheit ihres eignen Charakters wuchtete auf ihr. - -Ehe es nun bergauf ging -- sie wollten zur »Rotwand« hinauf -- verlangte -er, daß das Zelt aufgeschlagen und der Spirituskocher in Tätigkeit -gesetzt würde. Ellen war noch gar nicht hungrig, aber sie gab nach: Launen -eines großen Menschen soll man erfüllen, sie gehören zu ihm wie die -Dornen zu den Rosen. - -So hockten sie zu zweien, trotzdem sie beide groß waren, in dem winzigen -Zelt nieder, kochten sich »einen Tee« und begannen sich von Herzen der -Kameradschaft zu freuen. Früher, nein, da war diese Ungeniertheit zwischen -zwei fremden Menschen und noch dazu zwischen Mann und Frau unmöglich -gewesen -- nur dem nivellierenden, von Vorurteilen befreienden Sport war -das zu verdanken! - -»Er soll leben«, sagte der Doktor mit dem letzten Schluck, und dann -packten sie wieder zusammen. - -Dabei kam eine Unruhe über den jungen Botaniker. Ein paarmal setzte er zum -Sprechen an, endlich brachte er über die Lippen: »Wann's Ihnen recht ist, -probieren wir sie nun aus, die Erfindung! Weil's ohnehin bergan geht!« - -Hier -- die Erfindung! Im Freien, im Schnee -- auf einer Skitour! Mein -Gott, er konnte doch nicht plötzlich geistig verwirrt sein. -- Unmerklich -trat sie einige Schritte von ihm zurück. Er kniete im Schnee hin und -bastelte an ihren Skiern herum. Sie spähte inzwischen ringsum: sollte sie -fortlaufen, um Hilfe rufen -- ihre Angst wuchs ins Ungeheure! Eine einzelne -Frau allein mit einem Mann, nein, es war doch nichts, sie verwünschte im -Moment die eben noch gepriesene Kameradschaft: die Alten hatten recht, die -vor ihr warnten, die ihr keine Existenzberechtigung gewährten -- -- - -Da war er schon fertig und erhob sich mit einem scheuen Lächeln um den -Mund, mit einem Rot stolzer Verlegenheit auf der Stirn. - -»Da sehen S'! Ein Griff -- klapp! Fertig is'! Und nun probieren Sie 's aus --- Sie sollen die Erste sein -- wie mich das glücklich macht!« - -Die Skier lagen vor ihr, und dicht vor der Bindung waren sie umklammert -- -von der neuen Erfindung! Zutraulich erklärte er ihr, woran der Vorteil vor -den kostspieligen, mühsam anzulegenden Fellen läge und daß, wenigstens -für kürzere Touren, der gewachste Bindfaden dieselben Dienste leisten -könne. -- -- - -Er begriff gar nicht, warum sie nicht in seine Freude mit einstimmte. -Sie hatte die Farbe gewechselt und sich an einen Baum gelehnt: ihre -Enttäuschung, ihre Empörung -- der Zorn gegen ihn, gegen sich selbst -nahm ihr Atem und Besinnung. Also doch -- also doch! Leichtsinnig, -oberflächlich, unzuverlässig! Nicht an einer ernsten Erfindung hatte -er all die Wochen intensiv gearbeitet, für diesen Unfug, diese -Überflüssigkeit -- dieses Nichts hatte er Zeit und Kraft geopfert! Und -seine Kindlichkeit war kein Beweis seiner Genialität, sie war nichts als -der Ausfluß seines unreifen, törichten Wesens. - -Aber das Ärgste war und blieb, daß sie sich hatte düpieren lassen! - -Mechanisch setzte sie die Füße in die Skier, ließ sie sich von ihm -festschnallen und lief von ihm fort, so schnell es nur eben ging. Sie -mußte allein sein, nachdenken, versuchen, ihre ungeheure Wut gegen ihn -niederzukämpfen -- ihn von ihrer schmerzenden Enttäuschung nichts merken -lassen. - -Die schwebende Enttäuschung blieb, als sie endlich die andern Gefühle -besiegt hatte. Irgendwo in ihrem Herzen saß sie fest und ließ sich nicht -vertreiben und sagte ihr wieder und immer wieder, daß auch dieser Mann nur -einer wie alle sei, um kein Deut besser, um kein Lot wahrer -- vielleicht, -vielleicht auch so wankelmütig wie der andere, der sie nach kurzer Ehe -verlassen und um dessentwillen sie einen Beruf gewählt hatte -- um zu -überwinden und zu vergessen. Längst überwunden war das alles; heute -stiegen ihr dennoch bei der Erinnerung die Tränen in die Augen. Einer wie -alle -- alle wie der Eine! - -Äußerlich wurde sie ruhig. Die gleichmäßige Bewegung bergan, die -göttliche, kaum von einem Vogelschrei unterbrochene Ruhe, der stille -Sonnenschein, der Wald und Schnee förmlich durchtränkte, die klare Luft --- sie taten ihr Werk wie immer. Sie glätteten die hochgehenden Wogen -ihrer Empfindung und zwangen sie, gerechter zu werden: war es seine Schuld, -daß er sie enttäuschte? Hatte er sie über sich selbst im Unklaren -gelassen? Nur sie, sie wollte mehr in ihm sehen; ihr genügte nicht -der harmlose Mensch, der dennoch seinen Sport ernst nahm und ihm eine -Verbesserung zur Ausführung wünschte -- ein großer Erfinder, ein Genie -hatte er sein sollen! - -Wie schnell sie auf die Höhe gekommen war, und nicht ein bißchen atemlos -oder erhitzt wie sonst beim gefürchteten Bergauf -- alle Kraft gespart -für die frohe, herrliche Abfahrt! Woran lag das nur --? Wahrhaftig: das -mußte das Verdienst _seiner_ Erfindung sein! Und darüber war sie so böse -gewesen?! Lächelnd sah sie auf die »klassischen« Eisen hinunter: hatten -nicht auch sie ihre Berechtigung? - -Du lieber Gott, die großen Sachen waren ja schon fast alle erfunden -- -mußte es nicht auch Leute für die kleinen geben, denen man dankbar sein -konnte für die angenehmen Erleichterungen des Lebens? - -Als das Rotwandhaus mit seiner wehenden Flagge in Sicht kam, stand sie -still. Nicht ein Wort hatte sie ihrem Begleiter auf dem ganzen Weg gegönnt --- sie mußte es wieder gutmachen. - -Aber als er sie erreichte, sagte er: »Famos sind Sie, Frau Kollega! Nicht -geschwätzt beim Bergauf, das lernen die meisten Frauen nimmer!« - -»Ich gebe das Lob zurück«, antwortete sie. »Und Ihre Erfindung ist -großartig, Herr Doktor -- ich gratuliere.« - -Er warf die Mütze in die Luft und jauchzte. - -»Famos sind Sie«, wiederholte er. »Nix geschmeichelt, nix schöngetan -- -'s Maul gehalten, Sie verzeihen! still ausprobiert, Erfahrung gesammelt -- -dann erst anerkannt, des nenn' ich gründlich! Ja, die Frauen von heuzutag' --- des is was!« - -Ellen Mahder fand es nicht an der Zeit, ihn aufzuklären, weshalb sie -so lange geschwiegen. Einmal -- es kam ihr vor, als würde es nicht mehr -unerträglich lange bis dahin sein -- wollte sie ihm die Wahrheit gestehen: -ihre Enttäuschung über ihn -- und ihr Zurückfinden. -- Still und -glücklich glitten sie nebeneinander her, bis sie das Haus mit der -fröhlich wehenden Flagge erreicht hatten. - - - - -III. - -»Sie« im Süden. - - - - -Osterspaziergänge in Latium. - - -I. Der Monte Soracte. - -Die Gabe, Kunst ernsthaft zu studieren und zu genießen, ist recht -verschieden bei uns armen Sterblichen verteilt; nirgends läßt sich diese -Behauptung besser und einwandfreier beweisen als in Italien -- und hier -vor allem wieder in Rom. Florenz gestattet ein stilles, beschauliches -Genießen, es gibt keine Entfernungen, man braucht fast immer nur von -Haus zu Haus zu gehen. Rom bringt zu seiner kolossalen Ausdehnung und dem -Übermaß seiner Sehenswürdigkeiten, die über sein ganzes Areal verstreut -sind, noch die Unruhe und Hast der Großstadt -- man ist immer auf der -Eulenflucht, und hätte man auch lange Wochen zum Besuch der »Ewigen« -vorgesehen. Darum hört man nicht selten -- am häufigsten von unsern -Landsleuten, die in 10-14 Tagen »alles« sehen möchten -- den -Stoßseufzer: »Gottlob, daß wir abreisen! Ich kann nicht mehr!« - -Ich bemitleide diese Menschen nicht; ich bewundere sie. Denn ich hätte -schon längst nicht mehr gekonnt! Für meine Aufnahmefähigkeit sind drei -fleißige Museumsstunden schon ein gerüttelt Maß -- darüber fort versagt -sie vollständig. »Wie schade, nicht wahr, so viel Zeit zu verlieren -- -und womit füllen Sie sie dann aus?« -- Ich gehe spazieren; ich laufe -stundenlang durch die Campagna, ich suche zu Fuß all die kleinen -Ortschaften auf, die wie leuchtende Punkte in der mächtigen Ebene -verstreut liegen, ich klettere auf die Hügel- und Bergketten, die überall -den Horizont in weiter Linie umsäumen, und ich entdecke, daß ihre Hänge -mit Dörfern und Städtchen besetzt sind, grau und monoton, wie der Boden, -aus dem sie emporwachsen, und doch ein jedes von ihnen stimmungsvoll -- -architektonisch schön -- oder voll geschichtlicher Reminiszenzen, die ihre -Patina auf verfallene Burgen und Paläste geworfen haben. Das ist meine -geistige und körperliche Erholung, mein Schutz gegen allmähliches -Abstumpfen angesichts Roms erdrückendem Reichtum: ein stunden- oder auch -tagelanger Spaziergang und von Zeit zu Zeit ein weiterer Ausflug, der die -überreizten Sinne ausruhen läßt und uns das herrliche Land trotzdem -näher bringt, weil wir seine Natur lieben lernen. - -Nördlich von Rom, mit fast geradem Rücken, in schwerem Massiv über die -lieblichen Hügel dominierend, liegt der Monte Soracte. Wie lange schon zog -er wieder und wieder meine Blicke und meine Sehnsucht auf sich -- ein wenig -wegen seiner schwermütigen Gestalt, ein wenig wegen seiner Höhe -- etwa -700 m, aber direkt aus der Ebene aufsteigend, also doch eine bescheidene -Bergpartie verheißend! -- Hauptsächlich aber, weil man hoffen durfte, -dort nicht vielen Menschen zu begegnen! Den Passanten raubt der Ausflug zu -viel Zeit -- ich bitte Sie, wenn man jede Statue in Rom gesehen haben -will! -- die andern sind wohl zu bequem. Denn trotz des himmlischen -Frühlingstages -- o Segen -- sind und bleiben wir allein, mein lustiger -Begleiter und ich! Und wie wir uns fühlen, einmal wieder mit dem leichten -Gepäck für eine Nacht im Rucksack -- fernab von Pensionen, Leuten mit -Baedekern und der Gewißheit, abends beim Diner den Nachbar rechts und -links und gegenüber seine Tageseindrücke nicht memorieren zu hören -- -nein, ein echter, rechter Ferientag ist es, ein Schuleschwänzen in ewigen -Vakanzen! »Da kann ich Sie gleich auf Ihre Bedürfnislosigkeit prüfen«, -meinte der Hochtourist. Denn es war unsere erste »Bergtour«, und der -Hochtourist, dessen seherischer Blick meine bergsteigerischen Fähigkeiten -erst wenige Tage vorher am Turm des Kapitols entdeckt hatte, konnte noch -nicht ahnen, wie glänzend sie sich entwickeln würden. - -Nur wir entsteigen in Stimigliano dem Coupé; nur wir zwei laufen -querfeldein bis hinab zum »=Bionde Tevere=«, dem blonden Tiber, der hier -so köstlich ländlich aussieht, so recht wie ein gemütlicher Bauernfluß, -nicht ein bißchen, als trüge er später die Weltstadt auf seinen Ufern; -und ganz primitiv, außer uns nur von ein paar Frauen und Kindern benutzt, -ist auch die Fähre, die uns ans jenseitige Gestade befördert. - -Die Sonne brennt heiß auf den noch brachliegenden Boden nieder, aber da -bekanntlich die Götter vor jeden Erfolg den Schweiß gesetzt haben, so -tragen wir frohen Muts und unverdrossen die göttliche Prüfung -- sind wir -doch des schönen Erfolges sicher! - -Frühstücksstation: San Oreste. Weiten Rundblick gestattet es über -die Sabiner- und die umbrischen Berge, aber »recht einladend«, wie es -Gregorovius erschienen ist, der deshalb bedauert, es nicht besucht zu -haben, ist es wirklich nicht. Ein Haufen eng aneinander gedrängter, -unmalerischer Steinhäuser ohne die geringste Abwechslung oder -Ausschmückung; und das Wirtshaus am Dorfeingang wohl noch genau -so bescheiden wie zu den Zeiten jenes berühmten italienischen -Spaziergängers. Aber das wenige, das man bekommt: Salami, Eier und Wein, -so gut wie fast überall in den ländlichen Osterien. Die Befürchtung -vieler Reisender, abseits der großen Heerstraßen »nichts« zu bekommen, -ist wirklich überflüssig! - -Und dann, nach kurzem Marsch, kommt ein Wald; ein schattenspendender, -kühler Wald ernster Steineichen. Einmal mag der ganze Berg von ihnen -bestanden gewesen sein -- aber auch dieser Rest ist noch ehrfurchtgebietend -genug -- und so märchenhaft still -- man wartet, ob nicht Böcklins -Einhorn langsam zwischen den dunklen Stämmen hervortrabt. - -Wenige Minuten unterhalb des Gipfels taucht das Kloster San Silvestro auf, -genannt nach dem Papst Silvester, dem der Kaiser Konstantin »das ganze -Abendland« schenkte -- eine etwas unsichere Gabe! Und eine Zeitlang suchte -Karlmann, Karl Martells kampflustiger Sohn, in diesen Mauern Ruhe -- bis -auch ihn die Menge der Besucher, die nach Rom pilgerten, verscheuchten -- -Gott sei Dank haben sie jetzt einen andern Weg gefunden! - -Ganz oben auf dem Berge erhebt sich eine kleine Kapelle über einer -schönen, alten Krypta, in der uns der alte Aufseher auf die Zelle des -heiligen Silvester aufmerksam macht. Bedürfnislos genug mag er gewesen -sein, Geschmack besaß er jedenfalls! Denn die Aussicht von diesem -höchsten Punkt ist einfach superb: die ganze Campagna liegt zu unseren -Füßen, dem Lauf des Tibers folgt man bis zu Roms Mauern, das Meer -schimmert stahlblau in der Mittagssonne zu uns herüber, Bracciano und -den gleichnamigen See glaubt man mit der Hand erreichen zu können -- die -weichen Linien der Albaner-, Sabiner- und umbrischen Berge umschließen -das Bild nach Osten und Süden -- kurzum, das Ganze ist so schön, so -abwechselungsreich, daß man sich schwer losreißen kann. Aber die Schatten -werden länger, eilig geht es auf der Westseite bergab durch Weinberge und -Olivenhaine. Von der Haltestelle San Oreste aus benutzten wir die Bahn und -erreichen im Abenddämmern, nach entzückender Fahrt, unser letztes Ziel: -Cività Castellana. Die Stadt liegt auf einer Felsplatte, zu der sich die -Bahn in hübschen Serpentinen hinaufwindet, immer neue Ausblicke in die -merkwürdig tief einschneidenden Flußtäler gewährend. Die Treja und der -Rio maggiore umströmen die Stadt von drei Seiten, d. h. wenn man so sagen -darf: ihr Piedestal. Fast senkrecht, aber mit dichten Schlingpflanzen -und Gebüsch romantisch geschmückt, steigen die Uferwände empor, eine -natürliche Verteidigung bildend, wie man sie nicht besser, und vor allem, -nicht schöner denken kann. Und aus diesem Grunde -- der geschützten Lage -wegen -- wurde die Stadt immer wieder aufgebaut, trotzdem verschiedene -Eroberer, zuletzt die Sarazenen, sie zerstört hatten. Aber der Fleck Erde -ist auch zu verlockend -- die Promenade um die alte Stadtmauer immer wieder -überraschend an neuen Ausblicken. Freilich, im Hof der einst berühmten -Zidatelle weiden nur noch ein paar Ochsen, nachdem das Gebäude jetzt -nicht einmal mehr als Gefängnis benutzt wird. Die Zeit, wo hier mächtige -Grafengeschlechter hausten und Päpste sich zum Sterben in das überaus -pittoreske Städtchen zurückzogen, ist vorüber; nicht einmal mehr ein -Räuberhauptmann, wie seinerzeit Gasparone, lebt in ihr. Ihr einziges, -sehr sehenswertes Gebäude ist die Kathedrale Santa Maria mit romanischem -Portal, gotischen Rundfenstern und Cosmatensäulen in der Vorhalle. Auf dem -Platz vor der Kirche wurde abends ein Ständchen gebracht und am nächsten -Morgen der Markt abgehalten, als wir auf einem mittelalterlichen Omnibus -vorüberrumpelten, um uns nach Borghetto bringen zu lassen. Von der -Bahnstation Cività Castellana, die anderthalb Stunden von der Stadt -entfernt ist, benutzten wir die Bahn zur Heimfahrt nach Rom. - - -II. In den Sabinerbergen. - -Wer hätte nicht von deutschem Besitz auf italienischem Boden gehört -- -von dem berühmten Eichenhain, der Serpentara, der einst von deutschen -Künstlern vor dem Ausroden bewahrt und schließlich von ihnen mit -gesammeltem Geld angekauft wurde?! Auch mich lockte dieses kleine -»Deutschland«. - -Ganz früh, im unaufgeräumten Wartesaal des römischen Bahnhofs, tranken -wir unsere Schokolade. -- Eine kurze Bahnfahrt bis Zagarolo -- von hier -mit dem Omnibus bis Genazzano. Vorn neben dem Kutscher erwischen wir -noch Plätze; die Bauern hinter uns unter dem muffigen Verdeck des Wagens -können nicht begreifen, daß wir die angebotenen Ehrensitze in ihrer Mitte -verschmähen! Wir aber blicken über den mächtigen Federbusch eines auf -Urlaub für die Festtage gehenden Bersagliere -- der uns zu Füßen auf der -Deichsel hockt, nach dem schönen Spruch: Besser schlecht gefahren als gut -gegangen! -- in das sonnengetränkte, köstliche Land hinaus. Nicht tot -mehr scheint die Erde -- duftend steigt es aus den braunen Schollen empor, -in den Zweigen der Kastanien- und Ölbäume regt es sich leise, rötliche -Augen zeigen sich an den Weinreben, die sich von Ulme zu Ulme ranken. - -Und welch eine Volksmenge, je mehr wir uns der kleinen Stadt Genazzano -nahen! Der Tag irgendeines Heiligen ist es, der zum Jahrmarkt benutzt wird --- Frühaufsteher kommen uns schon mit ihren Einkäufen entgegen. Rechts -und links am Stadttor hängen goldglänzende Kupfergeschirre an den Mauern; -Bettladen, Wiegen und Truhen versetzen den Weg. Wir steigen aus und wandern -durch den Ort, vorbei an einer Wallfahrtskapelle, die auch heute ihre -Anziehungskraft beweist, vorbei am alten Palast der Colonna und den -Überresten ihres Aquädukts, dessen von Efeu umsponnene Bogen malerische -Rahmen für die Landschaft im Tal bilden. -- Der Weg nach Olevano, nicht -über die bequeme Landstraße, sondern quer durch die Felder, ist sehr -schön; auf allen kleinen Anhöhen alte Klöster und Burgen, in weiterer -Ferne Schneehäupter der Abruzzen und ringsumher ein Land, dessen -historischen Reichtum man ahnt und fühlt. In der klaren Sonne ist es, als -könnte man mit einem Schritt zu all den kleinen Ortschaften hinüber, -die sich nur durch eckige Konturen vom Felsboden, dem sie entwachsen, -unterscheiden. - -Olevano liegt ebenfalls an einem Bergabhang und hat steile und schmutzige -Straßen; aber überaus malerisch ist es: der Marktplatz mit seinem -Brunnen, an dem die Esel getränkt werden, und zu dem im Abenddämmern -prachtvolle Frauengestalten, die kupferne Conca (Krug) auf dem Kopfe, -heranschreiten. Die Bewohner von Olevano haben überhaupt einen besondern, -kräftigen und schönen Typ, und sind durch den Umgang mit liebenswürdigen -Malersleuten zutraulich geworden. - -Etwa eine halbe Stunde nördlich von Olevano, am Wege nach Bellagra, liegt -die Serpentara, der deutsche Eichenhain, ein Künstlerhaus mit deutschem -Namen am Eingang. Wie merkwürdig das ist: plötzlich auf deutschem Boden -zu stehen! Die Namen der besten vaterländischen Künstler sind mit -diesem Fleck Erde verknüpft, unsere größten »Landschafter« haben hier -studiert und gelernt. Ein Felsblock trägt das Relief unsres Kaisers, neben -der 1887 gepflanzten »Kaisereiche« -- ein andrer das Viktor Scheffels, -unter dem seine Worte prangen: - - Hier im Zentrum des Gebirges - Lesen wir die alte Keilschrift, - Die der Haufe nie versteh'n mag, - Das Gesetz des Ewigschönen. - -Einmal also, durch deutsche Künstler, haben wir im Lande unsrer ewigen -Sehnsucht ein eignes, wenn auch bescheidenes Besitztum erreicht! - -Am nächsten Morgen wanderten wir nach Bellagra, dem unheimlich -schmutzigsten Ort, der mir in Italien begegnet ist und _vielleicht_ durch -diese Eigenschaft sehenswert, sonst nicht. Noch einmal steigen wir eine -steile Anhöhe hinauf: nach Rocca San Stefano, dann geht es lange neben dem -Anio, dem »immerkalten«, her, und ebenso lange liegt links vor uns auf -einem Felsen, von einer Burg überragt, Subiaco. Die sechs Stunden von -Olevano sind, ohne uns im geringsten zu ermüden, »vergangen«; das Land -und die kleinen Orte, die wir durchschreiten, bieten so viel Reize und -immer neue Abwechslung, daß man sich der Länge des Weges nicht bewußt -wird. - -Wer nun wirklich mit seiner Zeit geizen muß, lasse sich an dem äußern, -reizvollen Eindruck Subiacos genügen und kehre eilig mit dem nächsten Zug -über Tivoli nach Rom zurück. Vielleicht, um dort den Osterfeierlichkeiten -in Sankt Peter beizuwohnen? Ach Gott, _diese_ Enttäuschung ist ein Kapitel -für sich! Ich feiere meine Ostern stets draußen, in irgendeinem kleinen -Nest -- weitab von den hastenden Touristen! - -Denn um Subiaco recht zu würdigen, bedarf man der Ruhe. Die drei Klöster -von Santa Scolastica, »die Wiege des Mönchtums im Abendlande«, sind -so reich an Schätzen und historischen Erinnerungen, daß es schade und -nutzlos um einen kurzen Besuch wäre. Zur Zeit der Goten in Italien, als -das römische Reich sich auflöste, gründete der heilige Benedikt hier -eine Zuflucht für weltmüde Menschen, während des ganzen Mittelalters -stand es da, »ein einsamer Leuchtturm der Wissenschaft«, wie Gregorovius -es nennt, und Deutsche, Arnold Pannartz und Konrad Schweinheim, druckten -hier im Jahre 1465 das erste Buch in Italien, den Donatus, ehe sie in Rom, -im Palazzo Massimi alle Colonne, die erste Buchdruckerei errichteten. -Auch jetzt noch sind die Klöster überreich an Inkunabeln und alten -Handschriften, trotzdem die Abtei mehrmals, z. B. von den Sarazenen wie von -den Ungarn, zerstört worden ist. Aber die Macht des Klosters wurde durch -Schenkungen reicher Barone immer wieder hergestellt, die Stadt Subiaco -selbst geriet allerdings erst im Jahre 1068, als der Abt Johannes V. die -Burg erbaute, in den Besitz des Ordens. Seit dieser Zeit rivalisierten die -Benediktineräbte neben den Orsini und Colonna auch auf dem Kriegsfeld und -waren leider wegen ihrer erbarmungslosen Justiz berühmt. Deshalb entzog -Urban VI. im Jahre 1386 den Mönchen das Recht, den Abt selbst zu wählen, -und setzte zum Teil dadurch ihrem Übermut eine Schranke. Dennoch empörte -sich, fast hundert Jahre später, das Volk von Subiaco gegen die Mönche, -die an fünfzehn jungen Leuten eine Art Lynchjustiz ausgeübt hatten, -verwüsteten das Kloster und mordeten die Mönche. Auch in den ferneren -Jahrhunderten spiegelt sich in der Geschichte dieser Abtei im kleinen das -ewige Auf und Ab von Größe und Verfall wieder -- und viel von dem steten -Kampf zwischen geistlichen und weltlichen Würdenträgern! - -Ein steiler Weg von fünfundzwanzig Minuten führt weiter aufwärts nach -San Benedetto, einer aus Ober- und Unterbau bestehenden Kirche, in deren -Garten der heilige Franz von Assisi die Dornen, in denen der heilige -Benedikt sich wälzte, um sich gegen verführerische Vorstellungen -zu schützen, in Rosen verwandelte. Noch jetzt ist der Garten von -Rosenbüschen erfüllt. Die Grotte, in der Benedikt lebte, ist mit einer -Statue des Heiligen aus der Schule Berninis geschmückt. - - - - -Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen. - - -I. Locarno. - -Eins wollen die seit undenklichen Zeiten an Italien-Sehnsucht krankenden -Deutschen nie lernen: daß sie nämlich dieses Land, das wie kein anderes -Sonne, Wärme und frisches Grün verlangt, stets viel zu früh aufsuchen -und es gerade dann verlassen -- wenn es erst anfängt schön zu werden! Den -früher so viel beklagten Übelständen: schlechten Heizungsmöglichkeiten, -Steinböden usw., ist zwar längst, wenigstens in den besseren, -internationalen Hotels und Pensionen, abgeholfen; es gibt überall -Zentralheizung, Parkettböden, mit Teppichen ausstaffierte Hallen und -Lifts und Wintergärten, und der Deutsche findet es mit steinerner Stirn: -»ebenso wie zu Hause« -- aber natürlich, den echten, gemütlichen -italienischen Albergos muß er aus dem Wege gehen, weil er eben in ihnen -friert und sie deshalb für »unmöglich« hält. Das ist der zweite -Nachteil seiner vorzeitigen Erscheinung jenseits der Alpen. Der erste, -wie gesagt, die tote Natur. Eine nordische Landschaft kann durch schweren, -bewölkten Himmel Ausdruck und Stimmung erhalten und malerisch wirken, die -italienische wird ohne Sonne farb- und charakterlos. Und weshalb begnügt -man sich mit ein paar warmen Mittagsstunden? -- In der Hauptsache wohl, -weil es diese auch zu Hause nicht gibt. Jetzt dehnt man sich schon morgens -im Bett mit dem wohligen Gefühl, zu einem echten, rechten Sommertag -erwacht zu sein; durch das weitoffene Fenster zieht laue Luft, durchsetzt -vom wundervollen Duft der Glyzinien, deren schwere lila Trauben einen -undurchdringlichen Baldachin über der Terrasse bilden. Man hat geschlafen, -gewiß; aber bis in den Traum hinein hat man die Nachtigall gehört, die -die Nacht durchschluchzte, und von der man ohne weiteres annimmt, daß sie -poetisch genug war, ihr kleines Nest im Kamelienbaum aufzuschlagen; -über und über bedeckt ist er mit leuchtenden, roten Blüten -- und die -Nachtigallenkinder werden ihr Leben lang vollauf zu tun haben, wenn -sie auch nichts anderes lernen wollen, als ihn würdig zu besingen. Man -lächelt vor sich hin, wenn man nun ans Fenster tritt und nach stillem -Blick über den stahlblauen Spiegel des Sees die Wunder in der Nähe -betrachtet: die Kletterrosen mit ihren Tausenden zartweißen, rosa oder -gelben Knospen und Blumen, die prangenden Rhododendrons, die köstlich -gefärbten und duftenden Azaleen, die alle in jeder Nacht an ihrer -Vervollkommnung weiter arbeiten -- aber mischte sich nicht in die -langgezogenen Seufzer der Bülbül ein merkwürdig nüchterner Ton?! -Man erinnert sich plötzlich: der Hahn war es, den die Kunst der grauen -Sängerin nicht schlafen läßt, und der es in Locarno für nötig hält, -noch vor Mitternacht die Menschheit an sein Dasein zu mahnen. Aber hier -versteht man das; in diesem Zauberreich müssen die ältesten Gesetze ihre -Kraft verlieren und aufgehoben werden. Die Natur befreit sich von allen -Fesseln, und in ihrer unerhörten Verschwendung verleiht sie auch dem -bescheidenen Haushahn die Gabe, über seine eigentliche Bestimmung hinaus -zu krähen. - -Drunten pfeift der erste Dampfer, deutlich kann man verfolgen, wie von -allen Seiten Omnibusse heranrollen, etwas Gepäck verladen wird und einige -Pärchen Hand in Hand den Weg, der zum Schiff hinüberführt, betreten. -Der Dampfer gibt ein zweites, wehmütiges Signal: aber niemand kommt mehr. -Schwerfällig legt er ab. Und der junge blonde Kontrolleur, der seit fünf -Jahren täglich vom Morgen bis zum Abend die zwölf Dampfer seiner Linie -kontrolliert, wird keine zu große Arbeit haben. Diese da, die letzten, -allerletzten deutschen Hochzeitsreisenden haben richtige Billette, sitzen -in der ihnen zukommenden Klasse, verlassen das Schiff ordnungsgemäß an -der =Isola bella=, durcheilen Hand in Hand Schloß und Garten und stehen -nach zwei Stunden Hand in Hand wieder bereit, um die Rückfahrt anzutreten. -Nicht einen Schritt vom vorgeschriebenen Wege tun diese Leute -- nichts -sehen sie als die im Reisehandbuch verzeichneten Merkwürdigkeiten, und -ohne Aufenthalt setzen sie ihre Tour fort: nach Lugano hinüber, oder -gleich zurück über den Sankt Gotthard -- und ahnen nicht, daß sie an den -Hauptschönheiten vorübergegangen sind und sich ihnen nur eine Spalte des -Allerheiligsten geöffnet hat! Nein, ich fahre nicht über den See; ich -warte, bis auch die letzten Hochzeitsreisenden fort sind und sich die -braven Italiener, die dann mit schwatzenden, lachenden Kindern Vor- -und Hinterdeck in Beschlag nehmen, sich nicht mehr über die fabelhafte -Ungeniertheit der Jungvermählten chokieren. Und abends kehre ich erst -heim, wenn das Mondlicht ein glitzerndes Netz übers Wasser wirft und -all die kleinen Uferstädte nur mehr durch die Perlenreihe der Lichter -erkennbar sind und nach kurzem wieder in mystisches Dunkel zurücksinken. -Jetzt wandere ich lieber die Höhen hinauf, in der tröstlichen Gewißheit, -keiner Seele mehr zu begegnen, sobald ich den Stadtrayon verlassen habe. Am -wilden Garten der Madonna del Sasso, die sich eher wie eine Festung als wie -eine Kirche auf steilem Fels inmitten einer Schlucht erhebt, schlendere -ich vorbei, über Orselina Brione und Contra bis zu dem entzückenden, -weltvergessenen Mergoscia im Tal der Verzasca, die sich nicht genug tun -kann an größeren und kleineren Fällen; oder zur anderen Seite nach dem -malerischen Ascona, das noch seinen besonderen Reiz durch die Gruppe der -»Naturmenschen« erhält, die sich auf der Höhe des Monte Verità in -verlassenen Bauernhäuschen angesiedelt haben und ihren Individualismus -durch vegetarische Kost, flatternde Haare, wenig Bekleidung und größte -Saloppheit dartun. Ich nehme mir aber bestimmt vor, sobald es noch heißer -wird, mich wenigstens »vegetarisch« zu frisieren und alle künstlichen -Unterlagen fortzulassen. Ascona ist auf dem Land erbaut, das die Maggia -angeschwemmt hat; in ihrem langen Tal ist wohl der schönste Punkt bei -Ponte Brolla, wo der Bach durch schroffe Felsen bedrängt wird, und später -bei Visletto. In Cevio mündet ein neues Tal ein, das Valle di Campo, von -der klaren Rovana durchströmt, von dessen verschiedenen Ortschaften aus -über zahlreiche Pässe leichte und etwas schwierige Touren sich nach -Gefallen und Wanderlust ausführen lassen. Aber sieh, das Beste liegt so -nah! Der köstliche Weg von Locarno nach Ronco, hoch überm See, mit stetem -Blick auf seine Fläche und die anmutigen Inseln bei Brissago, führt durch -schattenspendenden Wald; nicht durch immergrünen mit hartem, dauerhaftem -Laub, sondern unter den zartgrünen Zweigen von Ulmen, Buchen und den -lichten Schleiern der Birken hin. Und über allen Vorbergen, die im -April noch so plump in ihrem farblosen Massiv dastehen, haben die Birken -ebenfalls ihr beständig flimmerndes Grün geworfen; auf den höheren -Gipfeln leuchtet noch der Schnee, von den Abhängen erstrahlen die -Obstbäume in blendender Pracht, und die Weinreben strecken sich von -Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum grüne Blättchen auf verlangend -wachsenden Armen entgegen. Ein reizender Winkel, verfallende, verlassene -Bauernhäuschen, durch dichten Efeu zu malerischsten Ruinen umgewandelt, -ist Fontana Martina, noch hinter Ronco gelegen und von Brissago aus über -einen mörderisch steilen Pfad zu erreichen. Ein Deutscher wohnt hier -einsam in dem toten Gemäuer, das für jemand, der wirklich Ruhe sucht, ein -Dorado sein muß. Aber diese Jemande scheinen seltener zu sein, als man im -allgemeinen annimmt: kein Liebhaber oder Räuber meldete sich bis jetzt, -und der Deutsche, der ein wenig auf die Eigenbrödelei seiner Landsleute -gerechnet hat, folgt am Ende eines schönen Tages -- die hier ja nicht -selten sind! -- dem Beispiel seines Vorgängers und zieht sich mit einer -reichen Frau in das Weltgetöse Mailands zurück. Die Kontraste liegen im -Leben ja meistens dicht nebeneinander. - -Auch hier. Denn neben den Kindern heißerer Sonne, den hohen Fächerpalmen -mit ihren kraftstrotzenden, sich eben öffnenden Blütenkolben sendet unser -nordischer Flieder seine lila und weißen Sternchen im leisen Wind hinüber -zu dem unendlichen Reichtum der Mimosenbäume; die zarten Kerzen des -Kirschlorbeers strecken sich neben den derberen der Kastanie vor, die -Orangenblüten erstrahlen doppelt neben den schwarzen Kugelfrüchten der -Zypressen, die Iris gesellt sich zum Calicanthus, dem »Erdbeerbaum« -unserer Kindheit, und zu Füßen des spielerischen Bambus und des -selbstbewußten Eukalyptus sehen uns unsere Stiefmütterchen mit ernsten -und etwas größeren Augen als zu Hause an. - -Ich will dem deutschen Frühling nicht seine Schönheit bestreiten; er -hat längere Frist, sich zu entwickeln, und muß heftig genug um die -hartgefrorene Erde und mit seinem Todfeind, dem Nachtfrost, ringen. Das mag -seinen Kräften nur förderlich sein. Hier kommen sich Sonne und Erde -in langem, heißem Kuß entgegen, es gibt kein Verweilen, nur ein -Vorwärtsdrängen, ein Entfalten, Sprießen und Wachsen von Stunde zu -Stunde. Und unter den glücklichsten Verhältnissen, vom hehren Rahmen der -Berge umfaßt, lacht aus betörender Farbenpracht mit tausend Augen der -Sommertag, und klingt sein Herzschlag aus dem Lied der Amsel und dem -unablässigen Zirpen der Grillen. - -Auf meiner Fensterbank liegt eine smaragdgrüne Eidechse. Sie genießt die -Wonne ihres Daseins -- sie ist wunschlos glücklich! - - -II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde. - -Einen köstlichen »Aussichtsberg« überm Lago Maggiore gibt es, sagte -man mir, und nachdem ich so lange darauf angewiesen war, allein oder in -Gesellschaft von weder bergkundigen noch steigelustigen Genossinnen -über bessere Hügel zu spazieren, wurde der Höhendrang von Tag zu -Tag mächtiger. Sofort nach Ankunft des »Hochtouristen«, der auf -Entdeckungsfahrten im »unbekannten Italien« auszog und sich, wie er -sich bescheiden ausdrückte, »herabließ«, auf der Durchreise dem Lago -Maggiore ein paar Tage zu »opfern«, wurde eine größere Tour vereinbart. -Der Dampfer brachte uns nach Stresa, wo ein starker Gewitterregen die -wichtige Frage nach bequemem Aufstieg, schöner Aussicht usw. zunächst so -zweifelhaft machte, daß wir uns erst mal zum Bleiben entschlossen, an -den pompösen Hotels und den noch schlafenden Villen der reichen Milanesen -vorbeischlenderten und über einen der berühmten, herrlich angelegten -Spaziergänge Doktor Georg von Siemens' wieder in das engmaschige Netz der -Straßen des Städtchens zurückgerieten. Hallo, dort ist ein Auflauf vor -einer Kirche! Wir stellen uns zwischen die anderen Neugierigen, und nach -ein paar Minuten fährt -- höchst modern! -- ein Bischof im Automobil vor -und nimmt große Sträuße, von Chiffonschleiern geschmückt, in Empfang. -Eine Kapelle empfängt ihn mit dröhnender Musik -- leider ist es die -Marcia Reale, im Jubiläumsjahre römisch-klerikalen Ohren gewiß eine -doppelt unsympathische Melodie. Aber der geistliche Herr findet sich -mit Würde in diesen überraschenden Kunstgenuß, verschwindet unter dem -feuerroten, mit breiten Goldstreifen umsäumten Baldachin und erscheint -nach kurzem wieder, in voller Amtstracht, die Hand mit dem Hirtenring -segnend nach links und rechts streckend. Der Zug ordnet sich; als Trägerin -eines riesenhaften Kreuzes eine jüngere Person wie eine Schar ihr -folgender, bedeutend älterer in blauem Überwurf und weißen Schleiern, -dazu haben alle -- sogar die Kreuzträgerin -- trotz der Heiligkeit des -Moments, ihre mächtigen baumwollenen Regenschirme am Arm, die wohl nur -im Tode von den Italienern abgelegt werden. In langen Reihen folgen die -Schulkinder, Knaben wie Mädchen, von Geistlichen und Schwestern geleitet; -am anderen Tage gibt's eine große Firmelung, obgleich der eigentliche -Zweck des Signor Vescovo nur eine =visita pastorale= sein soll, der Besuch -des Hirten bei seinen Schäflein. Armselig genug sehen sie aus, die ihm in -die nächste Kirche folgen, und sein ernsthafter Blick gleitet über die -Fremden hin, die abseits stehen. Und in diesem ruhigen Blick und in der -Bewegung der segnenden Hand liegt so viel Achtunggebietendes, daß sich -die Köpfe derer, die eben noch über die bescheidene Prozession und den -modernen Bischof im Auto gelächelt haben, demütig senken und ihren Teil -an seinem Segen hinnehmen. - -Am anderen Morgen hat es sich so weit geklärt, daß man nach Meinung der -Eingeborenen den Aufstieg wagen darf: schlechtes Wetter hält sich hier ja -nie länger als einen Tag, der Wind hat gewechselt, Gewitter kommt nicht -- -also! Und was man gerne glauben möchte, glaubt man ja einfach, obwohl der -Hochtourist behauptet, die Einheimischen verstehen vom Wetter nie etwas. -Zuerst geht's einen steilen Fosso, eine kleine Schlucht, empor; die -Sonne brennt wahnsinnig, besonders, da ein fast senkrechter -Bauern-»=scorciatoio=« zum Abkürzen verlockt hat und man sich mit -Unterholz und Geröll herumplagen muß. Dann oben auf dem harmlosen Grat, -zum Teil durch Wald, ist es recht hübsch; dann furchtbar langweilig, -trotzdem man sich allmählich zur alpinen Flora emporgearbeitet und -tiefblaue Enziane auf den sumpfigen Wiesen findet -- denn natürlich -hat man wieder »abgekürzt«, schon um nicht immer neben dem im Bau -befindlichen Damm der Zahnradbahn herlaufen zu müssen. Im Mai dieses -Jahres noch soll sie eröffnet werden, dann werden endlich auch die -Italiener, die mit wenig Ausnahmen ja das Wandern verabscheuen, diesen Berg -gewinnen, und seine Einsamkeit wird dahin sein. Denn jetzt haben wir in den -vollen vier Stunden, die wir zum Aufstieg ohne Rast brauchten, nur ein -paar Bahnarbeiter getroffen, sonst keine Seele. Dicht vorm Albergo lag noch -Schnee, zugleich setzte ein Hagelschauer ein, dem ein heftiges Gewitter -folgte; da wir nun doch schon naß waren, erklommen wir gleich den nur zehn -Minuten vom Restaurant entfernten Gipfel, mußten aber durch meterhohen -Schnee waten. Oben, unter dem 15 m hohen Kreuz, lagerten wir an einer -schneefreien, aber leider nicht windfreien Stelle und warteten geduldig, -bis das Wetter sich verzog und langsam, langsam die liebe Sonne wieder -durch die schweren Wolken kam. Welch ein Wunder sich dann offenbarte, -und wie aus der Riesenkette schneebedeckter Häupter allmählich in -überwältigender Höhe die Gruppe des Monte Rosa emporwuchs, das wäre -auch mit drei Gewittern und vier Meter hohem Schnee nicht zu teuer bezahlt -gewesen! Und drüben, über den sieben Seen, die man von oben zählt, -fuhren die gewitterschwangeren Wolken noch unruhig hin und her, ein ewig -wechselndes, berauschendes Farbenspiel auf den Wasserspiegeln hervorrufend, -während der Schnee ihrer Berge in schwefelgelbe Tinten getaucht war. -Ich glaube kaum, daß es an besonders klaren Tagen, an denen sich in der -lombardischen und piemontesischen Ebene von hier aus Mailand und Turin -zeigen sollen, schöner sein kann, als wir es oben hatten. Aber leider -haben manche Leute ja ein Vorurteil dagegen, bei Gewittern auf Berggipfeln -zu sein! - -Nach einer angenehmen Collazione im vortrefflich geleiteten Albergo, das -den in Italien als Gastwirte bekannten Guglielminas gehört, stiegen wir -dem westlichsten der oberitalienischen Seen, dem Lago d'Orta, zu, an der -Südseite des Mottarone hinunter. Abkürzungswege, auf die wir an diesem -Tage nun einmal geschworen hatten, brachten uns schneller ins Tal und dazu -durch Gegenden, die absolut menschenleer waren, und in denen außer anderen -Vogelstimmen sich sogar auch Nachtigallen hören ließen. Aber diesen -wundervollen Weg, der allmählich wieder in die Region der immergrünen -Gewächse hinabführte und zum Schluß an ganzen Narzissenfeldern vorbei, -beschreibe ich nicht näher; aus Angst, ein Italiener könnte lesen, daß -es bei ihm noch irgendwo Singvögel gibt! Dann wär's aus mit ihnen! - -Nach gut vier Stunden tauchte endlich am Ende der Schlucht wieder der -vom Gipfel des Mottarone schon begrüßte See auf, entzückend in seiner -Stille, der malerischen Umrahmung und der Insel San Giulio mit der alten -Kirche darauf in seiner Mitte. Zwar fielen jetzt wieder große Tropfen, -während ich noch den imponierenden Sassina-Viadukt bewunderte und -wiederholt meine Bedenken gegen die Wetterkenntnis der Eingeborenen -äußerte. Aber weit vom Ziel konnten wir doch nun nicht mehr sein; ich -verwandelte mich mit meinem Wetterkragen in eine der besonders beliebten -»Lodendeutschen« und wanderte tapfer fürbaß -- wohl noch fast -eine Stunde in immer stärker strömendem Regen, unliebenswürdigem -Donnergrollen und überflüssig häufigen Blitzschlägen. Manchmal ist -einem doch _ein_ heftiges Gewitter pro Tag genug. Jedenfalls war ich recht -froh, als wir endlich beim Pranzo auf der kleinen Terrasse des Albergo Orta -saßen und ich den Regen nicht mehr direkt ins Gesicht und auf den Kopf -bekam. Übrigens ist die kleine Stadt Orta, die eigentlich nur aus einer -Piazza und einer einzigen engen Straße, abgesehen von einigen an den -Hängen verstreuten Villen, besteht, sehr reizvoll, und ihr Sacro Monte, in -dessen Kapellen das Leben des hl. Franz von Assisi in den in dieser Gegend -bevorzugten Terrakottafiguren dargestellt wird, bietet eine entzückende -Aussicht. - -Am nächsten Morgen in Frühe und Kühle brachte uns ein emsiger kleiner -Dampfer in einer Viertelstunde ans andere Ufer, nach Pella hinüber, wo ich -den Sitz auf dem mich schon im voraus klagend anschauenden Maulesel dankend -ablehnte und auf einem Weg, den uns die Italiener als gänzlich unmöglich -für Damenfüße schilderten, sehr bequem, zum Teil durch schattigen -Wald, nach zwei Stunden den Paß la Colma erreichten. Als gewissenhafte -Alpinisten -- so ist man nun einmal! -- nahmen wir gleich den Monte Briasco -von hier aus noch mit, zu dessen Gipfel (1185 m, also fast 300 m weniger -als der des Mottarone!) man in dreiviertel Stunden gelangt, und der mir -den Monte Rosa einmal ganz ohne Wolken und durch seine Nähe von -imponierendstem Eindruck zeigte. Dann ging's von la Colma an recht -gemütlich hinab, durch prächtige Kastanien- und Nußwälder, an viel -einsamen, von blühenden Obstbäumen umstandenen Gehöften vorbei. Nur wo -in Italien immer die Menschen sind, möchte ich trotz meiner Vorliebe -für ungestörtes Wandern doch oft gern wissen. Bis unten das Sesiatal -auftauchte, kam es mir vor, als gehörte dies herrliche Land allein uns, so -wenig wurde es von anderen beansprucht. Alles in allem haben wir vier -und eine halbe Stunde bis zu dem durch seine Lage und Architektur -überwältigend schönen Varallo gebraucht -- warum also kennen Deutsche -die kleine Stadt fast gar nicht und überlassen sie den Engländern -fast ganz, die allerdings nicht ungeschickt im Aufspüren versteckter -Kunststätten sind?! - -Varallo ist ein altes Städtchen, überaus malerisch mit seinen -Steinhäusern und dem lichten Grün der Laubbäume, dem dunklen der -immergrünen Pflanzen dazwischen. Alte Dokumente, zwei Diplome -Kaiser Konrads II. erzählen, daß es schon 1025 existierte. Zu -größerer Bedeutung gelangte es aber erst, als Bernardo Caimi, ein -Franziskanermönch, einer vornehmen milanesischen Familie entstammend, -im Jahre 1481 nach seiner Rückkehr aus Palästina beschloß, in seinem -Heimatlande ein Sanktuarium zu errichten, das allen heiligen Orten, die -er besucht hatte, samt den Begebenheiten, die sich dort zugetragen haben, -gleichen sollte. Er erwählte sich Varallo zu seinem frommen Werke und -erhielt im Jahre 1486 vom Papst Innozenz VIII. die Erlaubnis, ein Kloster -zu errichten. Aber erst nach einer zweiten Reise nach Jerusalem entwarf -er die Pläne für das Heiligtum, und im Jahre 1491 wurde der Grundstein -gelegt. Seit dem Besuche des Erzbischofs von Mailand, Karl von Borromeo, -im Jahre 1578, der das Sanktuarium bedeutend erweiterte und den -Beschluß faßte, in einzelnen Kapellen alle Mysterien des Lebens Christi -darzustellen, gewann Varallo seine große Wichtigkeit als Wallfahrtsort. -In den waldreichen Tälern und auf den kleinen Vorsprüngen des -Berges verteilen sich 45 Kapellen um die Hauptkirche, vor der sich ein -architektonisch höchst reizvoller Hof hinbreitet. Das Innere der Kirche -ist reich, aber modern. In den Kapellen dagegen befinden sich die alten -Fresken und Terrakottagruppen, die auf Befehl Karl Borromeos hergestellt -wurden. Fast tausend Statuen, darunter unzählige Tiere, Vögel, Reptilien, -von 80 Künstlern ausgeführt, veranschaulichen das Leben und Leiden -Christi und gelten dem italienischen Volke noch heute als wunderbare -künstlerische Leistung; während unser Geschmack wohl durch die ganze -Anlage als solche, die Architektur der Kirche und der Kapellen sowie durch -die entzückende landschaftliche Umgebung des Heiligtums mehr befriedigt -wird als durch die oft sehr bunt bekleideten und daher unruhig wirkenden -Gruppen. Einzelne allerdings, wie die »Kreuzigung« aus der Hand Gaudenzio -Ferraris, werden auf jeden Beschauer eine erschütternde Wirkung ausüben. -Auch darf man nicht vergessen, daß zur Zeit, als die Terrakotten -entstanden, die Bauern weder lesen noch schreiben konnten und Bücher -eine Seltenheit waren. Da mußte die anschauliche Darstellung der heiligen -Geschichte von größtem Einfluß sein. - -Am Fuße des Sacro Monte, zu dem man von der Stadt aus auf sehr steilen -Wegen in zwanzig Minuten emporsteigt, liegt die äußerlich simple Chiesa -Santa Maria della Grazie, die dem 15. Jahrhundert entstammt. Eine vornehme -Familie aus Varallo, die Vincini, ließ auf ihre Kosten das große -Wandgemälde malen, welches das Prespyterium von der übrigen Kirche -scheidet. Es darf wohl als schönste Arbeit Gaudenzio Ferraris betrachtet -werden und stellt in zwanzig Vierecken, in der Mitte als größtes -die Kreuzigung, Christi Leben dar. Ein anderes Bild desselben großen -Künstlers, die Vermählung der heiligen Katharina, befindet sich -hinter dem Hochaltar der auf köstlichen Substruktionen sich erhebenden -Pfarrkirche San Gaudenzio, zu deren Füßen der Wochenmarkt abgehalten -wird. Auch über dem Portal der Chiesa della Madonna di Loreto, eine -Viertelstunde von Varallo entfernt, hat Ferrari die Geburt Christi -wunderbar =al fresco= gemalt. - -Besonders anziehend wird das Stadtbild Varrallos durch die schönen -Trachten der Frauen aus den naheliegenden Dörfern und Tälern. Die -aus Fobello tragen breite, leuchtend rote Säume an den schwarzen -Faltenröcken, während eine schmale rote, hinten grüne Einfassung die -Rocksäume der Frauen aus dem Mastolonetal umgibt. Alle aber tragen -sie unter den Jacken und Miedern weiße Hemden mit kostbaren gelblichen -Macraméeinsätzen und -spitzen und breitgelegte seidene Tücher auf dem -Kopf, die nur bei der Messe durch Schleier aus Spitzen oder feinem Leinen -ersetzt werden. Als Beitrag zu einem aktuellen Thema möchte ich erwähnen, -daß ebenso allen Frauen ein schwarzes Beinkleid gemeinsam ist, das die -Beine eng bis zu den Knöcheln umhüllt; die nackten Füße stecken in den -landesüblichen Holzpantoffeln, den »Zoccoli«. - -So bringt der kleine Ausflug ins »unbekannte« Italien des Erhebenden, -Neuen, Anregenden genug. Mir bleibt der Besuch des größten -Kalvarienberges der Welt eine schöne Erinnerung. Und wer die Mühe scheut -oder kein flotter Wanderer ist, dem verrate ich einen näheren, bequemeren -Weg: eine zweistündige Bahnfahrt von Arona am Lago Maggiore aus bringt -auch ans Ziel. Aber, »wem Gott will rechte Gunst erweisen,« der wandre! - - -III. Hochalpine Spaziergänge. - -Für jemand mit der eingeborenen Lust zum Bergsteigen im Herzen ist es -undenkbar, lange still an einem Platz zu sitzen, dessen nächste Umgebung -Gebirgszüge sind. Sie locken täglich; und täglich dringender. Und nur -schlechtes Wetter und die Gewißheit auf »Aussichtslosigkeit« lassen -die Genagelten im Schrank stehen. Man hat also Zeit genug, sich vorher zu -orientieren; das ist bei allen Bergen an den oberitalienischen Seen nicht -leicht. Da gibt's keine schönen Wege wie in den Gebieten des Deutschen und -Österreichischen Alpenvereins, auch sehr selten Markierungen. Unzählige -Vieh- und Holzwege kreuzen sich und laufen nach allen Seiten, und erst wenn -man aus der Waldregion herauskommt, wird es, wenigstens für den, der ein -Auge fürs Gelände und für Bergformen hat, leicht, die beste Route zu -finden. Im ganzen bieten die Berge keine Schwierigkeiten; es sei denn, daß -noch Schnee liegt, der die Aufstiege im letzten Teil ermüdend macht. Denn -natürlich besteigt man diese Berge am liebsten im Frühjahr, weil die -Aussichten dann schöner sind als im Herbst, auch grade der Schnee die -Linien der Gipfel veredelt. Abgesehen von den italienischen Sommergästen, -die ja auch sehr bequem sind und sich nur selten zu einer Partie aufraffen, -werden diese Berge fast nie bestiegen. Die Touristen, die alles an den -Seen besuchen, was sie eben für »alles« halten, sind zu eilig, das -internationale Reisepublikum bummelt herum, Hochtouristen erscheinen nicht -auf der Bildfläche. Auf viele Berge, z. B. auf den Monte Generoso, auf -den Mottarone, auf dem ich vor zwei Jahren noch zu Fuß war, führen jetzt -Zahnradbahnen, so daß sich die »Faulen, die zu Hause liegen«, ohne -weitere Anstrengung das Vergnügen einer Aussicht verschaffen können. Was -ist das aber gegen eine selbst erkämpfte?! Freilich, die Bauern in den -kleinen, jetzt in köstlichem Grün gebetteten Felsennestern warnen wie -immer vor dem entsetzlichen Weg, der für eine Dame absolut unmöglich -sei! und vor dem tiefen Schnee am Gipfel -- Schnee bleibt nun einmal in -der Vorstellung des Italieners die böseste Naturerscheinung! Trotz der -gutgemeinten Ratschläge geht man im steten Schritt weiter; schließlich, -steckte man sich nicht höhere Ziele, könnte man einen Aussichtsberg -wie die Cimetta von Locarno aus als Morgenspaziergang behandeln, wenn man -seinen Tag um fünf Uhr begönne. Denn es handelt sich um keine bedeutenden -Höhen -- die Cimetta z. B. ist nur 1676 m hoch --, da die Seen aber tief -liegen, ca. auf 200 m, so hat man immerhin recht große Höhendifferenzen -zu überwinden. Und ist man erst oben, so möchte man gleich mehr -genießen! - -Wir übernachteten daher in dem 1000 m über Locarno gelegenen -»Alpenheim«, zu dem die Straße mit den berühmten 28 Kehren -hinaufführt. Sie zeichnet sich durch die Verheißung aus, daß man ab der -22. den Monte Rosa sieht -- allerdings zuerst in einem Umfang, daß man ihn -mit der wirklich mitgenommenen Zahnbürste decken könnte -- _und_ durch -ihre Pflasterung. Oh, diese Pflasterung, die man allen hochgelegenen Orten -und den zu ihnen leitenden steilen Saumpfaden angedeihen läßt! Hinauf -geht's noch -- aber hinunter, wenn man ohnehin von seinem Berg-Tagewerk -schon müde ist, und nun sich die runden, eckigen, immer aber gebuckelten -Steine mit Vehemenz in die Sohlen drücken! Wozu sie noch niederträchtig -glatt und rutschig sind, weil sie mit Holzschlitten, die das Holz von oben -bringen, befahren werden und den Genagelten daher so gut wie keine Reibung -bieten. Da heißt's bei jedem Schritt achtgeben, will man das Mosaikmuster -nicht noch andern Körperteilen einpressen. -- Im »Alpenheim« sind noch -keine Gäste; man eröffnet mit uns die Saison. Die einzige Bedienung, -der siebenjährige Sohn der Deutsch-Schweizer Wirtin, serviert uns -die vorhandenen Genüsse: Rühreier, und Salami, in den italienischen -Bergnestern das Ein-und-Alles! Wahrscheinlich aber bereitet die auch auf -Höhen steigende Kultur der wohltuenden Primitivität hier oben bald ein -Ende: die Quelle, aus der man beim Aufstieg ahnungslos trank, soll Radium -enthalten. Schon naht ein Konsortium -- und in einer Vision sieht man -statt Hansi mit zu kurzen Hosen und bloßen Füßen befrackte Kellner und -beknöpfte Liftboys. Fliehe, ehe es zu spät ist! - -Um vier Uhr früh tranken wir deshalb den »Tourenkakao«, packten harte -Eier und Salami in den Rucksack und ließen den zukünftigen Radiumpalast, -den jetzt noch eine Stearinkerze erhellte, hinter uns. Empor durch Wiesen, -vorbei an leerstehenden Almhütten. Nach gut zwei Stunden ein recht -ekelhafter Grasbuckel, auf dem man immer wieder Terrain zu verlieren statt -zu gewinnen scheint, so rutschig ist er; dann pfadlos zum Gipfel. Schön?! -Unbeschreiblich! Der Lago Maggiore in lichter Morgensonne, gerade noch -sieht man das goldene Gegitter des Mondes in den dunklen Fluten vertauchen --- leichte, lila Wölkchen um die schneebedeckten Gipfel, als Glanzpunkt -des Gebirgspanoramas der Monte Rosa in strahlender Pracht und jetzt jedem -banalen Vergleich unerreichbar, dazu die Mischabel, in greifbarer Nähe der -stolze Basodino -- und dann die Talblicke! Rauschende Ströme, blitzende -Wasserfälle, duftige Wälder und überall auf Terrassen und Hängen, vom -Grün der Weinberge umschlossen und von malerischen Kirchen überragt, -Ortschaften und Dörfer, die immer aus der Ferne wie königliche -Residenzen wirken und in der Nähe, ach, von solch schmerzlicher Armut -und Verkommenheit sind. Im Augenblick aber freut einen nur die kostbare -Schönheit ringsum -- man möchte mehr und mehr von ihr haben! Also -hinunter zum Sattel -- mühelos gewinnt man ihn -- und wieder aufwärts -über einen steilen Fels- und Schneegrat zum Gipfel des Poncione di -Trosa (1874 m). Hier gibt's dieselbe, nur noch erweiterte Aussicht, ein -Frühstück im Schnee und dann eine Abfahrt, im Sitz, die steilen -Hänge hinunter im Schnee, höchst amüsant und sehr verwegen über die -tiefvergrabenen Buchenäste und Alpenrosenbüschen fort -- recht groß -kommt man sich vor! Ja -- bis man plötzlich bis über die Hüften im -Schnee feststeckt und das rechte Bein weder rück- noch vorwärts bewegen -kann, so zäh umklammert es das Gezweig. Es ist zum mindesten ungemütlich, -und wäre man jetzt allein -- und bis Mittag frören die Zehen ab und vom -Nachmittag an brauchte man von einem Paar Strümpfen nur noch den linken --- es nützt nichts, »der« Hochtourist, der unten am Sattel steht und -schreit und brillante technische Ratschläge gibt, nach denen jedes bessere -Bein ein Korkenzieher würde, muß noch einmal herauf und mit Pickel und -freundlichen, auftauenden Worten »der« Bein ausgraben. Es gibt einen -unvorhergesehenen Ruck und Bein mit Genageltem schnellen dicht am Antlitz -des Befreiers vorüber ans Tageslicht. Daß man sich nun erst recht noch -einen Gipfel erkämpfen muß, steht fest. Vom Sattel geht's ziemlich -bequem -- was man in den Bergen so nennt, wo glitschige Platten, fatales -Gestrüpp, steiles Gras und schließlich wieder harter Schnee nur angenehme -Begleiterscheinungen sind -- zum Gipfel des Madone hinauf (2050 m). Dies -Auf und Ab ist durchaus interessant und wohltätig für die Geschmeidigkeit -des Körpers, die Aussicht von hier auch noch weiter, noch imposanter, und -eventuell noch ein halbes Dutzend Gipfel bequem bei Hand und Fuß. Aber ich -bedeute meinem Hochtouristen ernsthaft, daß ich im Leben nie unbescheiden -gewesen sei und mir bis vormittags 11 Uhr drei Gipfel genügten, und meine -Kousine, deren erste Bergtour es war, erklärt, daß sie sich die Sache -überhaupt ganz anders vorgestellt habe und keinen Schritt mehr aufwärts -steigen wolle. Darauf fuhren wir froh auf dem Teil, den der liebe Gott zum -Sitzen eingerichtet hat, über den Schnee, zum Sattel hinunter, trockneten -an einer noch verlassenen Almhütte einige Kleidungsstücke in der -mitleidigen, aber doch leis verstimmten Sonne, aßen den Rest der Salami -und marschierten ab, auf recht miserablen Alpenwegen, zum Tal der Verzasca -hinunter. Was vorher leichter Nebel war, verdichtete sich zu feuchten -Niederschlägen; die Feuchtigkeit zu sanftem, starkem -- dann brausendem -Regen. Bis zum hübschen Mergoscia, das immer noch 735 m hoch liegt, -triefte es von meinem guten Hut, und aus meinen Handschuhspitzen lief das -Wasser. Aber nach einer Stärkung an entsetzlichem Kaffee, bei dem einem -mal wieder klar wurde, _wie_ gut man's hat, daß man den nicht täglich zu -trinken braucht, besannen wir uns darauf, daß wir schließlich erst gut -acht Stunden marschiert seien, abgesehen von der durch Rasten und Ausgraben -verlorenen Zeit, daß die am Nachmittag fahrende Post vielleicht schon -besetzt wäre und wir inzwischen keinenfalls auf eine Trocknung unseres -inneren und äußeren Menschen zu rechnen hätten. Ich setzte den guten -Hut wieder auf und durch das wildromantische Tal, in dem sich die Verzasca -durch starre Felsen ihre Bahn gräbt -- das also bei schönem Wetter jeden -Lyriker begeistern würde -- eilten wir mit zusammengebissenen Zähnen -heimwärts. Zwei volle Stunden lang im alpinen Schritt. Rucksack und Hut -vermehrten ihr Gewicht bedeutend. Den Regen aber kümmerte das nicht. -Er tat ganz, als sei er in dieser Umgebung zu Hause und begleitete uns -gastlich bis zur Schwelle. - - * * * * * - -Man muß nicht nur die Feste feiern wie sie fallen, sondern in einer -Periode, in der das Wetter höchst beständig, nämlich: beständig -schlecht ist, sich zu seinen Unternehmungen sofort auf die auch nur -einigermaßen guten Tage stürzen. Solch ein »einigermaßener« Tag war's, -den wir von Locarno aus zur Fahrt nach Bellagio benützten, nicht um die -Reize dieses Glanzpunktes aller italienischen Seen in gemächlicher Ruhe -zu genießen, um Spitzen, Intarsien oder »echte« Antiken einzuhandeln --- etwas »Höheres« lockte uns seit langem, der Monte San Primo, der -höchste Punkt der Halbinsel, die an ihrer nördlichen Spitze Bellagio -trägt. Nach einem wohltuenden =pranzo= (Mittagessen) im Freien, auf der -Terrasse des Hotels Florenz, den herrlichen See zu Füßen, gegenüber im -wunderbarsten Blumenflor die Villa Carlotta des Herzogs von Meiningen, -und nach einem ausruhenden Bummel unter den Palmen des Parkes Serbelloni, -machten wir uns ans Werk, angefeuert vom Studium der Karte, die ungefähr -verrät, was einen auf diesem Gipfel erwartet. Der Rucksack ist gottlob -nicht schwer, denn die Luft ist fürs Steigen auf der bequem angelegten -Straße immerhin schwül. In den Weinbergen schlagen sich schon grüne -Bogen von einem Maulbeerbaum zum andern, aus dem hohen Gras ihrer Terrassen -glänzen die weißen Sterne der Narzissen. Man denke: es gibt hier -Wegweiser! Und so landet man nach dem Durchwandern einiger kleiner -Ortschaften ohne alle Fährnisse in Guello, das schon 600 m hoch liegt und -uns zur Nacht beherbergen soll. Im Bädeker steht bei diesem Namen: (Whs.) --- bedeutet Wirtshaus --, ein »Allogio« dort gäbe es nicht, hatte uns -der Kellner in Bellagio versichert. Das schien auch fast so; obgleich der -Ort, in dem es außer einigen übrigens über das ganze Dorf verstreuten -Villen nur vier Häuser gibt, zwei mit der lockenden Aufschrift -»Ristorante« und »Birraria«, zu verzeichnen hat. Die Dämmerung war -hereingebrochen; so konnten wir nicht mehr auf des andern Gesicht lesen, -was als Hochmut und unberechtigte Anspruchsfülle zu deuten gewesen wäre. -Ich trat entschlossen auf das wenigst schlechte Haus zu, in dem eine -=padrona=, die genau so schwarz und so rußig war wie ihr Kupferkessel -überm offenen Feuer, uns bedeutete, daß wir nicht allein Eier und Salami, -sondern auch, o Wunder, ein kleines, von uns unbeachtetes Häuschen, -dass unten eine große, etwas modrig duftende Wirtsstube und, durch eine -Außentreppe zu erreichen, oben zwei ganz nette Gastzimmer aufwies, haben -könnten. Die Betten sind in Italien auch im bescheidensten Nest gut, -auch hier; von der übrigen Einrichtung nenne ich nur einen großen Haufen -Schafwolle in einer Ecke, in der andern das Sonntagszeug der männlichen -Hausbewohner. Salami und Eier schmeckten vorzüglich, das Brot mußte man -sich im herben =vino da pasto= (Landwein) erst aufweichen; serviert -war, auch wie überall in Italien, auf reinem Tischtuch mit Zugabe von -tadellosen Servietten. Das bunte Tischtuch bleibt, Gott sei Dank!, eine -deutsche Erfindung, dafür ist in ähnlichen, elenden Wirtshäusern -unseres Vaterlandes die Serviette, die der Italiener zum einfachsten -Imbiß spendiert, z. B. zum Kaffee oder Tee, etwas total Überflüssiges, -Luxuriöses. Um halb vier Uhr rasselte im Nebengemach die Taschenuhr -»des« Hochtouristen los, die immer dann geht, wenn man am besten -schläft; zugleich versicherte die =padrona=, daß das Wetter schön und -der Kakao fertig sei. Umgekehrt hätte auch nicht gestimmt: das Wetter war -trübe, der Kakao schlimm. Aber man muß guten Mut haben! Es klärte -sich auch ziemlich auf, so daß man seine Freude an den hier oben noch -blühenden Obstbäumen und den sich eben erschließenden, alle Wiesen -und Hänge bedeckenden Bergschlüsselblumen haben konnte. Da der weite -Talkessel bis hoch hinauf größere und kleinere Sommerhäuschen der -Milanesen trägt, geht der Fahrweg am Sasso Lentina, einem berühmten -eratischen Riesenfelsblock, vorüber, bis zu einem Wäldchen hinauf, von -dem jenseits die Alpe del Borgo liegt. Nun führt ein rauher Bergsteig -durch Erikabüsche aufwärts zum östlichen Gipfel des Monte San Primo, den -man nach gut drei Stunden betrübten Herzens erreicht; denn die Aussicht -wird, bei diesem Nebel, der zuerst das Tal nach links, dann auch die rechte -Seite schließt, kaum nennenswert sein. Man konstatiert ärgerlich, daß -hier oben noch Schnee liegt, die Christrosen noch grün sind, das kleine, -struppelige Buchengestrüpp kaum Knospen ansetzt -- und dann, am östlichen -Gipfel, zerreißt der Nebel plötzlich, See, Wald, Halbinsel, Ortschaften, -Berge tauchen auf, die Wanderung am Grat entlang bis zum Hauptgipfel -(1685 m), die noch eine gute Stunde beansprucht, wird zu einem wunderbaren -Genuß! Das Kapellchen oben ist zerfallen, der Schutzraum noch voll Schnee --- aber der Blick, der wunderbare, unvergleichliche Blick! Die Seearme von -Lecco und Como umschließen den Bergrücken, auf dem man steht, die ganze -Halbinsel mit ihrem köstlichen Wechsel von Wald und Hang, Villen, Parks -und Ortschaften, mit Bellagio und den Städtchen und Dörfern am andern -Ufer breitet sich aus, umschlossen vom prachtvollsten Bergkranz, in dem -besonders die nahe Grigna und die herrliche Pyramide des Monte Leone, das -Wahrzeichen des Comosees, fesselt. Und dieses Bild bleibt, während man -den langen Rücken des San Primo abschreitet, ungefähr noch zweieinhalb -Stunden, in stetem Auf und Ab, von einem kleinen Gipfel zum andern. Diese -gemütliche Gratwanderung mit der großartigen Fern- und Nahsicht ist der -Hauptreiz dieser Tour. Am aller- allerschönsten Punkt wird gefrühstückt --- Salami und Eier! Dann geht's vom westlichsten Gipfel zuerst weglos -hinab. Die großen, blauen Enzianglocken geben den Matten einen -blauen Schleier, seltene Orchideenarten gesellen sich zu großäugigen -Vergißmeinnichten und unzähligen, zartgelben Stiefmütterchen. Die -Nachtigallen können kein Ende finden ihres sehnsüchtigen Gesanges; der -Kuckuck mahnt aus der Waldesstille. Und Menschen --? Von Guello ab keine -Seele; beim Abstieg die ersten wieder in Nesso, das anmutig genug am See -liegt und an dem uns der Dampfer wieder aufnimmt und nach Como trägt. Man -mag auch diese Menschenleere einen Reiz des Abstiegs nennen, der übrigens -dreieinhalb Stunden dauerte. Die letzte Stunde aber, auf den gepflasterten -Wegen nach Nesso hinein -- Damen mit empfindlichen Sohlen oder Zehen ist er -nicht zu raten! _Diesen_ Reiz des Ausflugs könnte man entbehren. - -»Den Monte Nudo,« sagte mein Hochtourist, »ja, den können wir noch -morgen machen! Zwei so kleine Touren wie die auf den San Primo und den Nudo -hintereinander dürften Sie kaum anstrengen.« - -Über das »Dürfen« sind die Touren selbst gewöhnlich eigener Ansicht. -Vor einer Höhe aber von 1235 m darf man natürlich die Waffen nicht -strecken. Also von Como per Bahn nach Laveno am Lago Maggiore, immer auf -italienischem Gebiet. Und nach der Nacht mit der Schafwolle ein höchst -kultiviertes Quartier im hübschen Hotel Bellevue von Laveno, das einst -Kriegshafen der Österreicher war (1849-50) und das gerade der Papa dieses -meines Hochtouristen seinerzeit befestigt hat. Eine Erinnerung, die -wir pietätvoll verschwiegen, denn sie hätte hier nicht gerade beliebt -gemacht, obwohl die Befestigungen schon längst nicht mehr existieren. Wir -bezeugten nur dem Denkmal zur Erinnerung an Garibaldis Alpenjäger, die -hier am 31. Mai 1859 beim Angriff auf das Fort gefallen sind, unsere -Ehrerbietung. Am nächsten Morgen -- ohne Rucksack, nur mit Apfelsinen -und einem photographischen Apparat -- »besiegten« wir in zweistündigem, -steilen Marsch die Pflasterwege bis hinauf nach Vararo. Wir waren -dankbar, daß die Sonne nicht noch heißer brannte und die Steine von -den Holzschlitten nicht noch glatter gerutscht waren. Man sollte sich -überhaupt immer die noch schlimmeren Möglichkeiten vorrechnen, als über -eine nicht ganz bequeme Gegenwart zu nörgeln. Das Dörfchen Vararo ist -sehr malerisch mit seinen eng ineinander geschachtelten Steinhäusern -und einer kleinen Kirche, hinter der der Sasso di Ferro einen imposanten -Hintergrund bildet. Vielleicht waren wir dieser Offenbarung auch besonders -zugänglich, weil dicht vorm Dorf die Landstraße einsetzte und die Sohlen -direkt Mutter Erde berühren durften. Die weiteren anderthalb Stunden zum -Monte Nudo hinan erschienen einem darnach leicht, angenehm -- das Ideal -eines Morgenspazierganges! Was der Gipfel an Ausblicken über den Luganer -See, den Lago Maggiore und den See von Varese bietet, ist noch dazu eine -großartige Belohnung; die Walliser Alpen in ganzer Ausdehnung und weit, -weit die Ebene. Der helle Punkt im undeutlichen Steinmeer dahinten soll -der Mailänder Dom sein; das erfüllt zwar mit Ehrfurcht, daß man so weit -sehen kann, aber für das gewaltige Gesamtbild ist es kaum von Bedeutung. -Daß der Monte Nudo seinem Ruf als schönster Aussichtspunkt der -Gegend alle Ehre macht, steht fest; daran konnten auch vorübergehende -Wolkenschatten nichts ändern. Wäre das letzte Bergab mit seinem horriblen -Pflaster, das nun in voller Vormittagssonne brannte, nicht gewesen, so -»dürfte« diese Tour zu den leichtesten und zugleich lohnendsten meines -Berglebens gehören; so hat sie am Ende einen Stachel der Erinnerung. -Das Wetter hielt sich noch immer, nämlich mäßig, und ließ alle -Möglichkeiten zu. Weshalb da nicht noch einmal etwas wagen? Hatten wir -den Camoghe, den »hervorragendsten Aussichtsberg« des ganzen Tessin nicht -bereits dreimal umsonst belagert? Das viertemal mußte es glücken! Zurück -nach Lugano, denn auf der Nordseite gab's noch zuviel Schnee und der Zugang -vom Süden bietet außerdem noch den Vorteil, den Monte Garzirola und den -Monte Segor, die man traversieren muß, gleich noch mitzumachen, also drei -Gipfel auf einen Schlag! Es ließ sich auch alles vorteilhaft genug an: mit -der Elektrischen von Lugano nach Tesserete, von dort in anderthalb Stunden -gemächlicher Wanderung nach Maglio di Colla (in der Val di Colla), das -trotz seiner hohen Lage (850 m) ein sehr mildes Klima hat. Im ganzen Tal -kommen bis zu 1200 m hinauf noch Kastanien und Wein fort; im übrigen -gedeihen hier besonders gut die Schmuggler, die zur nahen italienischen -Grenze hinüberwechseln und sich ihren ehrlichen Lebensunterhalt durch -inoffiziellen Export von Zucker, Tabak usw. verdienen. Denn in all diesen -Gebirgsdörfern, auf schweizerischer wie italienischer Seite, gilt -der Schmuggel als anständiges Gewerbe. Es kommt auch hier nur auf die -Anschauung an. Die Eisenöfen, die einst dem Orte den Namen gaben -- Maglio -heißt Hammerwerk -- sind längst eingegangen und haben schuld an der -Vernichtung des Waldes; was also sollen die armen Leute tun? Genug sind -auch ausgewandert, die Frauen dominieren in allen Dörfern des Tales. -Uns berechtigte ein klarer, köstlicher Abend zu den schönsten -Bergsteigehoffnungen. Der Hochtourist stellte seine liebenswürdige Weckuhr -auf 3½, in Anbetracht der sehr langen Tour: Garzirola 2119 m, Segor ca. -2100 m, Camoghe 2296 m und auf 1057 m waren wir erst. Man bereitete seine -Beine auf drei Gipfel vor. Aber die Rekognoszierung um halb vier ergab -Nebel um die Bergspitzen, die um fünf Nebel bis zur Talsohle, die um sechs -strömenden Regen! Der Camoghe wollte zum viertenmal nicht -- es gab wieder -nichts als heimfahren. Ob er je wollen wird? Wir lesen die Wetterberichte; -sie lauten aus allen Orten in edler Abwechslung: =coperto= (bedeckt), -=pioggia= (Regen), =nuvoloso= (bewölkt). Wir haben viel vor den andern -voraus, bei uns ist alles drei: =coperto=, =pioggia=, =nuvoloso=. -Und augenblicklich gießt es, wie seit drei Tagen unaufhörlich. Auf -Wiedersehen, Camoghe! - - -IV. Im höchsten Tessin. - -Bei zweimaligen längeren Aufenthalten am Lago Maggiore habe ich fast -alle Täler, deren brausende, klare Ströme in die Silberschale des Sees -münden, durchstreift, habe die Höhen erklettert, die seinen -kostbaren Rahmen bilden, und mich immer wieder an den armen und doch -so anmutsreichen, in Weinbergen gebetteten Dörfern der Ufer und Hänge -erfreut. Freilich, das Geschick ihrer Bewohner ist nicht so heiter und -glücklich, wie man leicht nach der Schönheit der Landschaft und dem -gesegneten Klima annehmen könnte. Auf wieviele ganz verlassene Weiler -trifft man nicht, während es in anderen Dörfern nur Frauen, Kinder und -alte Männer gibt, da die arbeitsfähigen Männer in der Fremde ihr Geld -verdienen müssen, zum Teil auch nach Amerika ausgewandert sind. Die Arbeit -auf den Feldern und in den Weinbergen wird daher meist von den Frauen -verrichtet, die solch ein bescheidenes Leben führen, wie es allerdings -auch nur in diesem Klima denkbar ist. - -Einer meiner interessantesten Ausflüge war nun der ins »höchste -Tessin«. Die kleine Bahn, die durch die Valle Maggia fährt, brachte mich -eines frühen Morgens -- Abfahrt von Locarno um 5 Uhr 5 Minuten -- Ankunft -in Cevio um 6 Uhr 26 Minuten -- (das zeitige Aufstehen lernt man bei diesen -Gelegenheiten so nebenher!) an die Mündung des Campotales, das vom wilden -Lauf der Rovana durchströmt wird. Eine schön angelegte Poststraße -- -überhaupt eine Spezialität der Schweiz! -- schlängelt sich in unendlich -zahlreichen Krümmungen am Abhang des Madone di Camedo hinauf. Die -Postkutsche, mit zwei starken Pferden bespannt, sah ganz vertrauenerweckend -aus; aber da ich vor der Abfahrt in unstillbarem Tatendrang noch die =beaux -restes= irgendeines ehrwürdigen Palazzo besichtigte, hatte ein verbindlich -lächelnder Pater den begehrten Platz neben dem =postiglione= eingenommen -und ersuchte mich, wieder verbindlich lächelnd, seinen Hut und sein -Täschchen zu bewahren. Ich trat diesen Gegenständen, wie meinem Rucksack, -lieber meinen Sitz auf den heißen Polstern ganz ab und wanderte -- zur -Abwechslung allein, denn der Hochtourist trieb sich irgendwo in Kalabrien -herum -- im selben Tempo wie die armen Pferde aufwärts, allerdings häufig -die steilen =scorciatoi= benutzend, die quer über die Kehren fortführen. -Nach gut zwei Stunden erreichten die Pferde und ich etwas atemlos -Cerentino, ein wirklich reizend gelegenes Dörfchen, von grünen Halden und -Wäldern umgeben. Nun begann erst »programmäßig« meine Arbeit, denn die -Poststraße und -fahrt endet hier. Geduldig nahm ich meinen Rucksack -auf die Schultern, frühstückte an der ersten Quelle -- ein Teil des -Tagewerks, der mir stets sehr lieb ist! -- und wanderte über die Anhöhe, -auf der die Kirche des römischen Märtyrers San Bonifazio steht, ins -Tal von Bosco hinein, über eine primitive Holzbrücke das linke Ufer des -Wildbaches gewinnend und immer seiner Quelle zu, dem schmalen Saumpfad -folgend, der die einzige Verbindung mit meinem Ziel, dem Dörfchen Bosco, -bildet. Der Weg war erst seit einigen Tagen schneefrei -- auf der anderen -Seite lagen sogar noch mächtige, mit Geröll und Baumstämmen durchsetzte -Lawinen, deren Sturz der Bach aufgehalten hatte und deren unbehaglichen -Nähe man doch gern auswich! Sonst gleicht dieser gemächliche Aufstieg, -bis vielleicht auf sein letztes Viertel, das sehr steil durch einen -schattigen Lärchenwald aufwärts führt, fast einem Parkspaziergang; so -anmutig, an Wäldchen und blumenbedeckten Halden reich, ist das Tal und die -wunderbare Luft, von Tannenduft gesättigt, befreit von allen Nöten, unter -denen man sonst beim Steigen leidet. Der gute Pater hatte mir noch beim -Abschied freundschaftlich geraten, diese Partie aufzugeben, sie sei für -eine Dame wirklich unmöglich! Die Italiener haben eben über körperliche -Leistungsfähigkeiten besondere Begriffe, und ich fürchte, mein Ratgeber -selbst hat sich noch nie auf diese »=via brutta=« gewagt! Dann und -wann traf ich auf primitive Sennhütten, von winzigen Kartoffel- und -Rübenäckern, oft nicht größer als ein Bettvorleger, umgeben. Die -meisten Hütten standen noch leer, bis ich dicht vorm Walde nach vielen -Wochen zum ersten Male wieder ein deutsches Wort von einer Bäuerin hörte! -Zwar mußte ich bei unsrer Unterredung manches erraten, denn es war ein -»Schwyzer-Dütsch« allerärgster Sorte. Aber es ist rührend, mit welcher -Treue und Zähigkeit sich die kleine Gemeinde von »Gurin«, wie sie selbst -ihr Dorf nennen, während die Italiener es nach seinem Waldreichtum »=il -bosco=« getauft haben, Sprache und Sitte auf fremdem Boden erhält. -Auch das Dorf selbst, das sogleich jenseits des Lärchenwaldes beginnt, -unterscheidet sich im Bau der Häuser stark von der sonst im Tessin -gebräuchlichen Art; es erinnert an Oberwallis, von dem aus ja auch die -Kolonie hier im zwölften Jahrhundert gegründet wurde. Die heutigen -Bewohner sind durch ihre Zugehörigkeit zum Tessin wie durch die -italienische Umgebung gezwungen, italienisch zu lernen; leider bewilligt -man ihnen auch keinen deutschen Geistlichen. Aber untereinander reden sie -nur deutsch, und es machte mir viel Spaß, in den engen Gängen zwischen -den Häusern -- »Straßen« kann man unmöglich sagen! -- die Kinder bei -ihren deutschen Spielen zu beobachten. Auch Gurin ist sehr arm; und da -die Männer als Vergolder, Schnitzer und Maurer in die Fremde wandern, -betreiben die Frauen die Viehzucht, schleppen die Holzlasten auf dem -Rücken heim und bestellen die Felder, die hier oben einen etwas größeren -Umfang besitzen. Die Seidenindustrie, die nach den Reisehandbüchern hier -betrieben werden soll, ist dagegen längst erloschen. Die ziemlich große -Kirche, dem heiligen Jakob und Christoffel geweiht, enthält als größtes -Heiligtum die Gebeine des hl. Theodor, von dem sich auch ein ziemlich -unglückliches Gemälde vorfindet. Die guten Fresken der Kirche scheinen -dagegen vom Maler Lorynis zu stammen, dessen Arbeiten ich auf diesem -Ausflug noch mehrmals begegnete. -- Das Wirtshaus »Zum Edelweiß«, das -ich mir zum Übernachten bestimmt hatte -- ein zweites, von Cevio aus -gegründetes neues Hotel war leider noch nicht eröffnet -- erwies -sich selbst für meine auf solchen Ausflügen sehr niedrig geschraubten -Ansprüche als »einfach unmöglich«. Ich aß dort zwar vorsichtshalber -nur gekochte Eier, an denen, falls sie frisch sind, ja nicht viel zu -verderben ist; aber selbst diese frugale Mahlzeit wurde mir leid, als -ich die verwahrlosten Hühner und die nähere Umgebung, in der dies -»Edelweiß« wächst, betrachtet hatte. Es blieb mir also nichts übrig, -als den kleinen alpinen Spaziergang, der hinauf 2½ Stunden gedauert hatte, -noch einmal nach Cerentino zurückzumachen. Dort hatte ich des Morgens -ein Wirtshaus mit einer Terrasse gesehen -- eine Seltenheit bei -Dorfwirtschaften! -- und an diese dachte ich nun, um mich selbst zu -ermuntern, und mir das »Vernünftige« der Rückkehr klar zu machen. -Vorher ein Schlaf im Lärchenwald, blaue Enzianen zu Häupten und zu -Füßen -- und von der Schlucht herauf, denn hier hat der Bach sich -durch Felsen zu zwängen, das Brausen des Wassers als etwas kriegerische -Schlafmelodie. - -Und die Wanderung im Nachmittagsfrieden war so köstlich, daß ich sie -wirklich nicht bedauerte und genug zu tun hatte, um nur alle Schönheit -ringsum, das Lichtspiel auf den von allen Seiten herantosenden Wassern, -über den Felsen und in den sanft rauschenden Baumwipfeln zu bewundern. --- In Cerentino fand ich die Terrasse wieder und außerdem vorzüglichen -Barbara, den mir die schöne französische Wirtin »=della posta=« zu -ihren höchst schmackhaften Gerichten kredenzte. - -Am nächsten Morgen bestieg ich einen kleinen Wagen, den der rundliche -Gatte der schönen Französin lenkte. Die Break war leider beim Renovieren, -und ich saß da, wo sonst Kälber und Schweine mutlos ihrem traurigen -Geschick entgegen zu sehen pflegen. Aber ich bildete mir ein, schlecht -gefahren sei besser als gut gegangen, wenigstens auf der Landstraße. Wäre -der Paß nicht noch verschneit gewesen, so hätte ich es natürlich als -brave Hochtouristin vorgezogen, mein neues Ziel »über die Berge« -zu erreichen, jetzt vertraute ich mein Leben diesem Wagen an. Es war -leichtsinnig; solch eine unbehagliche Straße bin ich denn doch selten -gefahren! Nicht, daß sie in schlechtem Zustande gewesen wäre; aber sie -geht beharrlich an steilsten Abgründen vorbei, und ist so schmal, daß -jede ungeschickte Bewegung an den Kehren, an denen sie überreich ist, -das Gefährt in die Tiefe stürzen muß. Gleich im Anfang schlugen wir, -trotzdem es stark bergauf ging, ein beschleunigtes Tempo an; und auf -meine Frage, die einem geängstigten Gemüte entstieg, erhielt ich die -trostreiche Antwort, es sei Eile geboten, um nicht mit dem Postwagen von -Campo zu kollidieren, denn Ausweichen sei unmöglich! Ja, das mußte ich -schaudernd zugeben. Schließlich warteten wir gleich hinter dem Weiler -Pedigiodi auf einer breiten Kurve, bis oben über uns aus dem Wald der -kleine Postwagen, durch seine schwarze Plane einem Leichenwagen sehr -ähnlich, herauskam und vorsichtig an uns vorüberglitt. Er beförderte -übrigens keine Menschen, sondern nur Pakete und Briefe. Wir ratterten -weiter -- Kälber und Schweine scheinen unbeschadet jeder Elastizität -ihres Gefährtes entraten zu können! -- an Riva vorbei, das anmutig auf -grünen Wiesen am Rande der Rovana gebettet ist und als =vis-à-vis= das -düstere Campellotal, vom unheimlichen Molineva verriegelt, ertragen muß. -Nach gut zwei Stunden schwerer Arbeit für das Pferd sowohl wie für die -eigene Beherrschung, denn ich fand, man sei wie auf dem Meer auch hier -etwas zu sehr in Gottes Hand, erblickte ich von dem kleinen Dörfchen Piano -aus: Land! Und zwar zuerst das noch hinter Campo, aber höher gelegene -Cimalmotto. Und dann nach ein paar Wegbiegungen taucht Campo auf, aus der -Ferne von ganz großartiger Wirkung mit seinen stattlichen Häusern, -der schönen Kirche, den saftigen grünen Weiden ringsumher! Aber mein -liebenswürdiger, dicker Kutscher bittet mich auszusteigen und den Fußweg -ins Dorf einzuschlagen: -- »Denn sehen Sie, Signora, wie sich die Straße -schon wieder senkt und verdorben ist!« -- Ja, ich sehe. Und noch mehr -wehmütiges Bedauern ergreift mich, als ich die von unten so schöne -St. Bernhardkirche betrete: zahllose Sprünge zerreißen ihre Wände und -die feinen Fresken Lorynis; die Schwellen unter ihren Türen haben sich -verschoben, die Fenster stehen schief. Ein Stukkateur ist an der Arbeit, -die Hauptschäden oberflächlich auszubessern; mit der vollen Pietät des -Italieners für Kunstwerke beklagt er mit mir den unaufhaltsamen Verfall -der =chiesa= des Dorfes -- des ganzen =paese=! Es ist verlorenes Land, -auf dem ich stehe, ein Land, das dem Untergange geweiht ist. Seit der -furchtbaren Überschwemmung des Jahres 1868 untergraben die Wasser die -ganze Hochebene, auf der Campo steht, und reißen ein Stück nach dem -andern ins Tal hinunter. Man kann sagen: der ganze Berg wandert in die -Tiefe. Da ist kein geradestehendes Haus mehr, keine Wand ohne Riß; -überall hängen Türen und Fenster in den Angeln, und die Heustadeln sehen -traurig aus unter den schiefsitzenden Dächern. Eine Tragik liegt über dem -Dorf trotz seiner heitern Umgebung; und was mag in den Seelen der Menschen -vorgehen, die unbarmherzig ihren Besitz schwinden sehen? Einmal ist von der -Regierung für viele Tausend Lire eine Schutzmauer im Tal errichtet worden; -der erste Frühlingssturm riß sie ein. Ein anderes Projekt eines Berner -Professors, Abzugskanäle anzulegen, würde Millionen erfordern. Das -Stückchen Land ist nicht soviel wert -- es muß geopfert werden! - -Über einen kleinen Fußweg gelangt man in zwanzig Minuten zum kleinen -Hochplateau hinauf, das auf seinem Rücken Cimalmotto trägt. Ein Haufen -recht elendiger Steinhäuser, die auch zum Teil Spuren des Verfalls, wenn -auch nicht so stark wie in Campo tragen. In der offenen Halle der Kirche -befindet sich eine sehr schöne »Kreuzigung« von Lorynis, ursprünglich -=al fresco= gemalt; doch hat man das Bild, um es vorm Untergang zu -bewahren, durch ein chemisches Verfahren auf Leinwand übertragen. Es weist -aber auch jetzt schon wieder Sprünge und lädierte Stellen auf. Keinem -Menschen bin ich in diesem kleinen Dorf begegnet; mir wurde direkt -unheimlich in dem verlassenen Ruinenhaufen. Galba, der Begründer des -Ortes, wie eine Tafel an der Kirchhofsmauer erzählt, mag sich mit vollem -Recht mit seinen Schätzen und seinem Weibe Pulcheria, der Tochter des -Herzogs von Aquitanien, hierher geflüchtet haben, um allen Verfolgungen -zu entgehen: man muß schon jemand sehr lieben oder sehr hassen, sonst -stöbert man ihn hier nicht auf! -- Vor der Kirche in Campo fand ich meinen -Kälberwagen wieder; knapp vierzig Minuten brauchten wir für die Fahrt -abwärts bis nach Cerentino zurück. Behaglicher als das Hinauf war sie -keinesfalls, besonders da ein tüchtiger Gewitterregen einsetzte, wie es -sich zwar zur Krönung einer richtigen Landpartie gehört, den wir vier: -Wagen, Pferd, Kutscher und ich aber doch mit verbissenem Grimm erduldeten. -Bis mir aus einem Weiler hilfreich ein mächtiger roter Regenschirm -geliehen wurde. So liegen Freude und Leid doch immer nahe beieinander im -Menschenleben; das bewiesen mir die Ausflüge ins »höchste Tessin« -- -auch Campo liegt noch 1200 m hoch -- aufs neue. Deshalb liebe ich es und -sage traurig auf gut tessinisch: - - »=Ciau Ticino!=« Lebewohl, Tessin! - - - - -Aus dem gleichen Verlag zu beziehen: - - -Am Lugenbankl - -Lustige Tiroler Bauerngeschichten. - -Von _Karl Deutsch_. Geheftet M. 2.40. - - -Lodenrock und Wifflingkittel - -Geschichten aus dem Sarntale. - -Von _Klara Pölt-Nordheim_. Geheftet M. 2.40. - - -König Laurins' Rosengarten - -Ein Tiroler Heldenmärchen. - -Von _Ludwig Scharf_ (Aus dem Mittelhochdeutschen). 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's website -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
