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-The Project Gutenberg eBook of »Sie« am Seil, by Eva von Baudissin
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: »Sie« am Seil
-
-Author: Eva von Baudissin
-
-Illustrator: Joseph Engelhardt
-
-Release Date: October 29, 2021 [eBook #66630]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This transcription was produced from
- images generously made available by Bayerische
- Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK »SIE« AM SEIL ***
-
-
-
-
- Eva Gräfin von Baudissin
-
- »Sie« am Seil
-
- [Illustration]
-
- Verlag Walter Schmidkunz
- München und Wien
- 1·9·1·4
-
-
- Druck: Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn
-
-
-
-
- Dem Hochtouristen,
- von dem
- in diesem Buch
- wenig Gutes und viel Böses
- erzählt wird
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- I. »Sie« am Seil.
- Seite
- Wie »Sie« Hochtouristin wurde 3
-
- Hochtour mit allerlei Hindernissen 11
-
- Spätherbst im Wilden Kaiser 25
-
- Auf Deutschlands »Allerhöchstem« 31
-
- Das Matterhorn von Ehrwald 39
-
- Quer durch die Lechtaler Alpen 45
-
- Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz 51
-
- Vom Königspaar des Rhätikon 57
-
- Streifzüge in Südtirol 67
-
- Hüttenleben 81
-
- Eine unterirdische Hochtour 87
-
-
- II. »Sie« auf Ski.
-
- Bei den »Säuglingen« 95
-
- Die erste »Ausfahrt« 101
-
- Aus der Winterfrische 107
-
- Das Talbein 113
-
- Die Erfindung 123
-
-
- III. »Sie« im Süden.
-
- Osterspaziergänge in Latium
-
- I. Der Monte Soracte 135
-
- II. In den Sabinerbergen 139
-
- Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen
-
- I. Locarno 145
-
- II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde 150
-
- III. Hochalpine Spaziergänge 157
-
- IV. Im höchsten Tessin 168
-
-
-
-
-I.
-
-»Sie« am Seil.
-
-
-
-
-Wie »Sie« Hochtouristin wurde.
-
-
-Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken; viele,
-vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt mit dem Menschen ins
-Jenseits hinüber, weil ihnen weder Zeit noch Ort günstig waren, sich
-zu offenbaren. Solch ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung
-einer neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen
-Frühlingstage den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der
-Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die höchste
-Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte. Ich muß das, ohne
-Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht zu haben, ziemlich geschickt
-ausgeführt haben, denn der berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir
-die sieben Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten
-selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging ich auf alle
-Dolomiten --, da braucht' man nichts zu fürchten wegen dem Abstürzen.«
-
-In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste, einfache
-Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen Menschen ging der neue
-Zellkern hervor: Die Hochtouristin!
-
-Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen, gesundes Herz,
-Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren. Rom zu meinen Füßen,
-wurde mir klar, daß ich bisher mein Pfund vergraben hatte, und daß ich
-mich einer schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich
-meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der Schauplatz
-für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken, was mir immer
-schwer fällt, ergibt, nur ein Berg sein; es galt also, einen zu finden,
-der in Gestalt und Art meinen alpinistischen Gaben entgegenkam.
-
-Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«: »Große
-Furchetta (3027 m), der nordwestliche breitere Turm einer kühnen,
-doppelzinkigen Berggestalt im Hintergrunde des Wasserrinnentals.
-Interessante und exponierte, schwierige Kletterei.«
-
-Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis am Kapitol
-wollte ich es nicht unter einer Hochtour tun und möglichst gleich alle
-Eindrücke auf mich wirken lassen, die man bei einer Bergbesteigung haben
-kann. Die äußeren Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen
-Zutaten, Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt, der Rucksack
-mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen, sauber vollgestopft, ein
-mächtiger Eispickel erhandelt und als Letztes -- die Stiefel ausprobiert.
-Sie sind das Wichtigste der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam
-mir auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern in der
-schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße.
-
-»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant, den ich
-betrübt um Rat fragte.
-
-»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«, beharrte
-der berühmte Hochtourist, der auch hier meine ersten Schritte überwachte.
-
-Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht doch de Person nit's
-Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher Philosophie.
-
-Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel waren schuld,
-und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen, ohne mir ernsthaftere
-Verwundungen zuzuziehen.
-
-Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es eigentlich gar
-nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten zu haben«, von der
-Regensburger Hütte aufbrachen, klopfte mir doch das Herz recht. Die
-Wiesen naß und schlüpfrig, das Tal voll Nebel, die näher und näher
-heranzukriechen schienen, ringsum eine atemlose, beklemmende Stille --
-und vor uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und steil
-schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen zu wollen, und
-während ich mich tapfer bemühte, meine Füße mit den Genagelten in die
-weit auseinanderliegenden Spuren des Führers zu setzen, sagte eine laute
-Stimme in meinem Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf -- nie
-hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen Bedenken, um
-das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; ich glaube, die meisten
-Heldentaten werden in solch einem passiven, aus der Furcht vor Anderen
-diktierten Handeln vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die
-Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die grünen Wadenstrümpfe
-des Führers, auf die ich hoffnungsvoll starrte: solange sich die in
-gleichmäßigem Abstand von mir aufwärts bewegten, genügten auch meine
-Kraft und mein Können -- an sie klammerte sich instinktiv mein Blick. --
-
-»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«, gebot die
-Hochtouristenstimme hinter mir.
-
-Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch noch?! Tat ich
-denn noch nicht genug? -- Aber gehorsam spazierten meine Augen nach oben
-und unten, nach rechts und links: Steine, nichts als Steine, große,
-kleine, glatte, bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder
-lose, die treulos unterm Fuß nachgaben -- ein wüstes, ödes, steinernes
-Meer -- --
-
-»Nun?! -- Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit wahr? Diese Größe
--- diese Stille -- heilig ist's wie in der Kirch'.« -- Meine grenzenlose
-Verwunderung setzte sich allmählich in eine Art Wut um, während neben mir
-die Begeisterung immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man kommen, um
-wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is -- da kriegt man wieder an Begriff
-von der Allmacht -- da geht eims Herz auf -- Aber Sie sagen ja nichts, Sie!
-Ja, ja, da verstummen auch Sie einmal -- aber schließlich, wissen möcht'
-i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was Sie nun denken« --
-
-»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale
-Raumverschwendung«.
-
-Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus eigenem Antrieb,
-um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte: »Was könnte man da
-für Korn bauen, wenn's eben wäre und nicht so viel Steine!« --
-
-»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der Naturempfindung
-vor hundert Jahren -- von der Ästhetik des Gebirges haben Sie keine
-Ahnung«, unterbrach mich der Hochtourist im plötzlich angenommenen,
-reinsten Hochdeutsch.
-
-Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe, Aufklärung und
-Naturschönheiten verloren. Aber über meinen Kopf fort floß zwischen
-Führer und Bergsteiger, denen nun Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom
-von Touristengeschichten; von alten Führern, von Erstbesteigungen, von
-Neulingen im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit
-unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten gefahrvollen
-Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren Errettungen, das alles
-gewürzt mit immer wiederkehrenden technischen Ausdrücken, wie: Grat,
-Kamm, Wand, Griffe, Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band --
-dem Jargon der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber von
-dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur und der Erkenntnis,
-daß ich also eigentlich schon hundert Jahre alt sei (nach dem Stand meiner
-Naturempfindung!), wurde mir ganz schwindlig -- zum ersten und einzigen
-Male im Leben.
-
-In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den Einstieg. Ich
-durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in unmittelbarer Nähe wurden
-einige Becher voll klaren Wassers geholt, und außerdem mußten hier
-die Genagelten gegen die Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein
-behagliches Gefühl schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das
-harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die guten,
-nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene Fußbekleidung
-zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit war verflogen. Mit
-Vergnügen ließ ich mir das Seil um die Taille legen, »die moralische
-Hilfe«, wie mir lachend versichert wurde; jedenfalls wohnt diesem
-Zauberband eine merkwürdig beruhigende Wirkung inne.
-
-»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam und erst einen festen
-Tritt für den Fuß und einen sichern Griff für die Hand suchen«, gebot
-der Führer.
-
-Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf auf, und von Zeit
-zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick des allein vorauskletternden
-Hochtouristen. Sonst war ich mir allein überlassen, nur durch einen
-dünnen Faden mit der Menschheit verbunden.
-
-Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe,
-Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier oben, angesichts
-der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen meine hochtouristischen
-Begabungen wieder ans Tageslicht. Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte
--- lagen sie einmal weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher
-über die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß
-genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen, und alle
-turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden sich wieder ein.
-
-»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal.
-
-Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn meine
-Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis und Unfähigkeit
-bitter wurmte. -- Beim »Band« wurde ich ernsthaft verwarnt: ich begriff
-nicht, weshalb. Was für eine einfache Sache, über eine freiliegende
-Stelle, neben der es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch
-aber dem Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts am
-Felsen entlang -- zum erstenmal konnte ich ohne Neid an die Affen im Urwald
-denken, die sich gemächlich von Baum zu Baum schwingen.
-
-»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen bis
-zum Gipfelgrat -- wenige Schritte auf der Höhe selbst, und da waren wir!
-Auf dem höchsten Punkt des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so
-unerschwinglich hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung erfüllte
-mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte mich auf meine
-Kräfte verlassen und allein durch sie mein Ziel erreicht. Aber dann sank
-mein ganzes Selbstbewußtsein in sich zusammen vor der Schönheit und der
-Gewalt des Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier herauf
-mußte man kommen, um sich wieder eins mit der Natur zu fühlen -- mir war,
-als sähe ich zum erstenmal der Welt voll ins Antlitz: so schön also
-war sie, so wunderschön -- »Und er führte ihn auf einen hohen Berg
-und zeigte ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach:
-›Dies alles will ich dir geben‹« --
-
-Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben, besitzt man
-ja alles, was der Blick umfaßt; und in der demutsvollen Erkenntnis der
-eigenen Bedeutungslosigkeit so vieler Größe und Allmacht gegenüber wird
-man wunschlos.
-
-Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er war ganz
-erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer anderen Quelle als
-die meine: er hatte mich ja entdeckt -- auf dem Kapitol -- und mit dem
-sicheren, nie zu täuschenden Blick des Kenners hatte er die verborgenen
-Talente geahnt. Freilich, daß sie so groß sein würden --! Es war
-erstaunlich. Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde --
-
-»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig; wozu jetzt
-noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies würde sie nach dem
-gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand mehr glauben wollen; auch für mich
-traten sie endgültig in verschwimmende Fernen zurück.
-
-Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des leiblichen Menschen
-wuchs mein Mut ins Ungemessene empor -- bis hinauf zu den allerhöchsten
-Gipfeln der allerhöchsten und -schwierigsten Berge! So war ich zur
-»Hochtouristin« geworden.
-
-
-
-
-Hochtouren mit allerlei Hindernissen.
-
-
-Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast alle, die
-es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines Paradies in sich.
-Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite des Sees, diese Berge, die sich
-da aneinander reihen, die stolze Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel
-und Schwarzkopf, Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht
-zu vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee
-trinken läßt -- und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck und Schloß
-Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem angenehmen Bad und der
-Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja, die Leute sind hier glücklich; das sieht
-man ihnen an, wie sie im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz
-der ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld; was
-andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt an diesem Ort, an
-dem sich »fesches« Badeleben mit Primitivität verbindet, das macht mich
-allmählich nervös -- zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so
-ungerecht wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer war, von den
-Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den Schären vom Schwimmen
-ausruhte und sonnte und nachts im Schlaf das ewige Brausen in gleichem
-Rhythmus hörte. Nein, man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt
-einem nicht, die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen -- hinauf
-möchte man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang;
-zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben in den Wolken lache
-über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder. Dann soll's eines Morgens
-losgehen: biegen oder brechen! Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus,
-die Buam noch weniger -- Einsamkeit will man und sich Wege suchen, auf
-die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es biegt sich
-nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte Schlüsselbein meines
-Hochtouristen, der sich mit Grazie über Abgründe schwingt, Kamine
-durchklettert, als handle es sich um Verandatreppen, sich von den
-»unmöglichsten« Punkten selbst abseilt -- und den nun das Schicksal
-ereilt, als er mit kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten
-will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer Aufenthalt;
-neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben. Aber der Bezirksarzt
-tröstet: nach seiner Meinung liegt kein Bruch vor, nur eine Zerrung der
-Muskeln; ein paar Tage Eisumschläge -- dann ist alles wieder gut! Nur
-merkwürdig, daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht -- wozu hat man
-einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet, wird nur
-gelächelt -- und schließlich glaubt man gern, was man glauben möchte.
-Man wandert los; der Hochtourist mit etwas hängender Schulter unterm
-Druck des Rucksacks, aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen.
-Den berühmten »Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit
-und steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal mit
-sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger Berge und
-Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im Hotel Moserboden zum
-Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine gute Leistung für einen Tag --
-besonders die letzten zweieinhalb »steilen« Stunden, vom Moserboden
-empor, werden reichlich sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz
-wieder richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt; dafür
-ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man saß doch nicht
-müßig da -- und morgen, ja morgen geht's auf das lange mit Sehnsucht
-umworbene Große Wiesbachhorn!
-
-Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht -- in der
-Gebirgssprache: der Morgen -- blüht schon der Handel in der Hütte mit
-Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es
-stürmt und die Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den
-Fochezkopf und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat. Die
-Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer voraus,
-um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft aufnimmt. Der Wind wird
-schneidend, die ersten Schneeflocken fallen. Gesicht und Hände prickeln.
-Wir erreichen eben die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los
-mit einer Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann. Keine
-Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine wunderschöne,
-im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung über den
-Bratschenkopf und die Glocknerin zur Franz-Josephs-Höhe zu machen -- und
-mein Hochtourist, der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die
-an und für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil er mich
-wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe halten kann, sagt jetzt
-nichts als: »Nun geht's aber in den Süden -- auf der anderen Seite
-ist das Wetter immer besser!« Wir kehren um; denselben Weg über
-den Kaindlgrat geht's zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei --
-unverrichteter Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen
-Hochtouristen, zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war; dreiviertel
-Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel Moserboden beschließen
-wir diese Episode, und nach kurzer Rast geht's »dolomitenwärts«.
-Allerdings ist sich mein Hochtourist nicht ganz klar, wie's dort mit dem
-Klettern sein wird. Aber die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh
-tut, es schadet nichts -- es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer
-hoffen. Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute noch näher
-zu bringen.
-
-Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom Moserboden aus, am
-Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«, die sich durch den mit
-Recht beliebten Schutt auszeichnet; für Fußsohlen und Knöchel eine
-Extraprobe! Nach fast drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen
-Torkopf und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht auf das
-unerreichte Wiesbachhorn bietet -- ein schmerzlicher Anblick trotzdem!
-Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch auf einer Höhe von über 2600 m,
-tropft es sanft, aber kalt. Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden,
-dazu die nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß,
-vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's hinab zum
-Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei Sprünge über
-Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter ins Tal, über den Bach
-fort und recht mühsam, zum Teil auf in den Fels gehauenen Stufen,
-zur Rudolfshütte hinauf. Die Hütte liegt sehr schön und bietet gute
-Verpflegung -- und Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus
-zurückdenkt! Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen wir
-uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem Ausruhen? Bewahre,
-wir müssen weiter. Erst wieder empor bis zur kreuzgeschmückten Höhe
-des Kalser Tauern, dann hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See
-vorüber, und über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort,
-am Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen, fruchtbaren
-Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll, das wir bis dahin passiert
-haben, wirklich wie eine Oase anmutet. Bald darauf, in der Schutzhütte
-auf der Rumesoi-Ebene, bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich
-auf Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten
-Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot hineinbrocken,
-wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften, das erlaube ich mir im
-Gebirge alle Tage; es hält bei mir Leib und Seele zusammen. Endlich,
-nachdem die »Stiegenwand« überwunden ist, erreicht man in ein paar
-Stunden, über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit
-das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde Wanderung
-jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und Ab dazu -- und in dem
-kleinen, weißgetünchten Zimmer des »Glocknerwirts« schlafe ich so fest
-wie wenig Schritte vom Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen.
-Dafür geht's am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis
-nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden, breiten Isel her
-bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt in diesem an und für sich
-netten Städtchen, dem ich die Erinnerung an mein erstes und einziges
-=collier de chien= verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um
-Stich auf meinen Hals genäht -- anfangs, als ich des Morgens erwachte,
-fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf bekommen zu haben.
-Aber es waren nur Wanzen -- weiter nichts!
-
- * * * * *
-
-Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour. Mein Hochtourist
-klagte über seine Schulter -- bei dem Wetter kamen sicher rheumatische
-Schmerzen hinzu -- sobald der Himmel nur eine kleine Pause in der
-Besprengung der Erde machte, flohen wir auf und davon, zu einem der
-»Unholden« hinauf, wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen
-wegen genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678 m). Der Aufstieg ist
-nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man das Hochstadlhaus,
-und am nächsten Morgen, nach einer sehr kalten Nacht, über die
-Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den Gipfel, der eine wunderbare Aussicht
--- auch uns! -- ins Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen
-schneeglänzenden Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach Süden
-selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick und dünn -- in diesem
-Falle Gestrüpp und Bäche -- mußten, ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben
-einem kühlen Wasserfall und abends gegen sieben Uhr -- also nach einer
-Tagesarbeit von gut vierzehn Stunden -- sahen wir endlich im Gailtal
-Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen.
-
-Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt es von Soldaten;
-sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und Korridoren einquartiert.
-Im Staatszimmer, vor dem Vertikow mit Glas und Porzellan, wird mir eine
-Lagerstatt errichtet. Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung
-mitgebracht, sie ist braun und sehr behende -- meine Nachtruhe ist durchaus
-getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder den
-Rucksack auf die Schultern lege -- mein Hochtourist hat eine seltsame Art
-angenommen, den Riemen auf der rechten Seite um den Oberarm zu schieben.
-
-Der entzückende Weg durch das Valentintal und über das Törl gleichen
-Namens und die Aussicht, morgen den Monte Coglians zu besteigen, tröstet
-über alles hinweg; auch über den Regen -- wir sagen euphemistisch
-»Niederschlag« -- der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am
-kleinen Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin
-ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte heraufschafft, ist
-wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«, sagt der lustige Wirt und
-deutet mit dem Daumen zur nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar
-nicht so dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf. Und
-wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten von Sappada
-und Cadore, auf die Cridola und andere derartige Gipfel, täten wir nicht
-am Ende auch gut, dem Maulesel zu folgen?! -- Zwei Tage belagern wir den
-Coglians von Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet
-noch immer in Italien --, dann steigen auch wir hinab ins Gelobte Land,
-bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf, dessen Männer im Sommer
-auswärts, meistens in Deutschland arbeiten, während die Frauen die
-geringe Feldarbeit auf den Miniaturfeldern -- oft nicht viel größer als
-ein Bettvorleger -- besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute
-spielen Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir wählen
-das größere -- von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend.
-Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine Sache: der Herr Karabiniere
-ist auf Besuch da -- eine wichtige, beliebte Persönlichkeit, natürlich,
-denn man ist der Grenze nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der
-Herr Karabiniere ist viel zu sehr =galant' uomo=, um einer Dame nicht
-Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus dem Zimmer und
-marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll stehen, um das Bettüberziehen zu
-überwachen: es ist schwer, meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich
-zu machen, sie ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr
-Karabiniere -- -- Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß --! Darauf wird
-getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon weit fort, der Herr
-Karabiniere! Da wird gleich die Matratze des Riesenbettes emporgehoben
-und aus den Gurten die zwei Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit
-verstecken mußte! Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen
-geschlafen -- besser als die Prinzessin auf der Erbse.
-
-Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage lang. Es regnet
-so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein gehen können; und zu
-jeder Mahlzeit bekommen wir »=manzo=«, Rindfleisch, mit Salbei gewürzt
--- der Geschmack geht gar nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt
-auch über den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht
-und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes zur Wahl. Heute
-fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei loszuwerden. Der Wirt
-verneigt sich, ergreift Teller und Messer, eilt den Korridor entlang -- wir
-sehen es durch die Glastür unserer =sala da pranzo= -- und verschwindet im
-Zimmer des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick, sehe auch den
-Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse mit Schwung servieren. »Wo
-kommt er her, der Käse?« donnert mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser
-Engel, seit zwei Nächten schlummerst du über den großen, gelben
-Käselaiben, die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte
-keinen Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich
-launenhaft!
-
-Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf den alten
-Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen. Der Kessel
-hängt an langer Kette von der Decke über der glimmenden Asche, alles in
-der Küche, Plafond, Wände, Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder,
-fester Rußdecke überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns
-zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben, »in 'of«
-(Hof) -- er besitzt ein wackliges Häuschen und zwei Ziegen und braucht
-nicht mehr zu arbeiten. »Denn Reichtum«, so philosophiert er, »hängt
-von den Ansprüchen ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei
-Ziegen -- oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden! -- Aber ich
-bin noch weit entfernt von der Abklärung des Collinaschen Rentiers. Der
-Coglians bleibt unsichtbar, hinter Nebeln -- ich dränge zum Aufbruch; vor
-allem, weil unten im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren.
-
-An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an seltsamen Bergnestern
-mit übereinandergeklebten Häusern und winkligen, dunklen Gassen -- oft
-führen nur Stufen von einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone
-hängen an den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine
-Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung und Schmutz
-befremdet selbst den, der Süditalien kennt -- dieser abgelegene Winkel
-von Friaul übertrumpft es! In San Stefano finden wir glücklicherweise
-die Pakete vor -- wir haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen
-Faden mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und Piave gelegenen
-San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische Post; sie führt uns
-über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal, also nach der Versicherung
-glaubwürdiger Reisender durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich
-muß diesen Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit
-gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen Kopf, stellte
-mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst und setzte an meine Seite in der
-engen Viktoria einen italienischen Papa, dessen dickes, blondes Kind als
-blinder Passagier zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich
-auf den Bock gerettet -- er zog die Launen des Wetters denen eines
-Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen gestreiften
-Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen Knöpfen besetzt
-waren, aus dem langsam fahrenden Wagen und stürzte sich mit seinem Gewehr
-ins Dickicht, um womöglich noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen.
-Dann fiel das dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte,
-bis ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas nütze;
-sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu regnen.
-
- * * * * *
-
-Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über Chiusaforte und
-Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare Strecke im engen Felsental
-der Fella, durch Tunnels und über schwebende Brücken in reicher
-Abwechslung. Wir genießen dankbarst die Großartigkeit der sich rechts
-und links bietenden Szenerie; denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht
-darüber zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt,
-blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich --? Vielleicht
-erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender, umsonst sind
-sie wohl nicht so beliebt; auch der König von Sachsen besitzt hier
-Jagdgebiete.
-
-Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen. Wir können
-uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über den Predilpaß, an starken
-Fortifikationen vorüber, steigen wir im »Manhartgraben« aufwärts und
-erreichen nach gut sechs Stunden glücklich den Gipfel (2678 m); seine
-Rundsicht ist weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav
-und der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die
-Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten den
-oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen erreicht --
-mehr noch, als man am unteren die nette Restauration entdeckt und eine
-köstliche Forelle serviert bekommt. Den Manhart, der sich von hier aus
-großartig präsentiert, grüßt man mit dankbarem Blick -- man hat seine
-besondere Beziehung zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man
-ist überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme
-Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von Weißenfels bringt
-uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß von Kanker und Save gelegen.
-Der Ort gilt für die Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst
-deutschfeindlich -- ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige
-Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten Garten
-der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das Gefühl vollkommensten
-Ausgeruhtseins beim Erwachen am nächsten Morgen in dem großen, von Sonne
-durchwärmten Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst
-zufrieden!
-
-Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus«
--- denn Landstraßen geht ein ordentlicher Hochtourist nur ungern! Den
-Steiner Alpen wollen wir einen Besuch abstatten, und zwar dem höchsten
-Gipfel dieser mächtigen Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain,
-Steiermark und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten
-Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus wird Station
-gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die Rückkehr des Wirtes abwarten,
-der zugleich auch als Führer dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack
-meines Hochtouristen zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der
-Arm herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie er
-versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen zu sein!
-
- * * * * *
-
-Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend schwül, und wir
-halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte zu bleiben, zu der
-ein schöner, aussichtsreicher Weg durch den Suhadolnikgraben und unter den
-steilen Wänden des »Greben« entlang über den Kankersattel führt. Die
-Zoishütte, auf 1792 m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter
-treibt uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten Morgen,
-aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir wählen den »neuen
-Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als der alte über den Südkamm,
-uns aber unsern Berg, den »Grintouz«, von seiner schönsten Seite
-zeigt. Durch ein Felsentor betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die
-Markierung ist im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt
-nicht leicht. Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast
-nötiger«, meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein
-Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er und schiebt sich
-langsam an den Felsen empor. Statt der drei Stunden zum Gipfel (2559 m)
-brauchen wir vier -- im übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben
-sind, ist der Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen nicht
-sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die ein Studium der
-Karawanken, des Koschuta-Gebirges und natürlich auch der Steiner Alpen
-gewähren soll. Ein graues Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal
-das Frühstück noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam
-schwül ist uns zumute -- liegt es an der Luft? Der Führer mahnt zum
-Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen den Abstieg;
-vorsichtig, denn er ist recht schwierig, klettern wir von Griff zu Griff;
-ich, als »Ungeübte« voran, habe meine liebe Not, feste Tritte für
-meine Genagelten ausfindig zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir,
-unheimlich starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich
-steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da -- ein furchtbarer
-Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich an den Fels, der Nebel
-zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit erkenne ich die Abstürze --
-»vorwärts, vorwärts«, mahnt der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß
-hinab und versuche Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten
-im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir ins Gesicht,
-die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die Wände, Steine brechen
-los und krachen in die Tiefe -- dabei ist es stockdunkel, nur auf Sekunden
-erfüllt schwefelgelbes Licht den Höllenschlund, in den wir hinab müssen.
-Einmal ducken wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger
-sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der dicht an uns
-vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz gibt's nicht, wir müssen es
-dem Geschick überlassen, wie und ob wir davonkommen. Einmal noch machen
-wir kurzen Aufenthalt, der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der
-mit zusammengebissenen Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm von
-der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen Weg über die
-Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern -- man war »zu sehr
-in Gottes Hand«, wie's sonst vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die
-Böhmische Hütte, die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu
-durchnäßt, um lange zu rasten -- auch der Führer kehrt um: an die Tour
-will er denken sein Lebenlang!
-
-Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500 m Höhe; aus der
-Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen wir durch die Seeländer
-Kotschna, drei Stunden munter bergab bis zum Stuller Wirtshaus in
-Oberseeland, das wir mittags erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe
-geschmeckt -- und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das
-wir nun gemütlich schlendern -- doppelt wohltuend unsern Augen nach den
-Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21 km, die zwischen Oberseeland und
-Bad Vellach liegen, dünken mich eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg«
-(1218 m), der von seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die
-Steiner Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir
-uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig in Grün
-gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas von seinem berühmten
-Eisensäuerling wird probiert, dann ein Wagen bestiegen, der uns nach
-Klagenfurt, Kärntens schöner Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf
-meinen Koffer freue, der dort für mich lagert -- und auf die Bäder im
-Wörther See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu einigen
-Gipfeln verhelfen.
-
-»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist. Über
-meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau: sollte es mit all den
-Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen Bergfahrt noch nicht
-genug sein?
-
-Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs bekommen.
-Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen »Kallus«, der sich an der
-Bruchstelle des Schlüsselbeins gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren
-und andere mit dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen -- vorläufig
-muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen. Klagenfurt
-trägt seinen Namen -- für uns wenigstens -- nicht mit Unrecht.
-
-Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem Schlüsselbein
-Bergtouren zu machen!
-
-
-
-
-Spätherbst im Wilden Kaiser.
-
-
-Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen
-Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an der See die Schäden zu
-reparieren, die achtundvierzig Wochen in der Großstadt seinen Nerven
-zugefügt haben, kommt, wenn die Herbstsonne lacht, noch einmal eine
-unbezwingliche Sehnsucht, sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in
-die stille Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in
-sich das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen Freuden,
-aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte das Gebirge im
-Wechsel der Jahreszeiten -- als Residenz des Herbstes -- kennen lernen. Der
-um diese Möglichkeit vor anderen Großstädtern reichere Münchener darf
-seinen Wunsch in die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein --
-vor ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer
-zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg, steil ansetzend,
-dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf und Ab, führt ihn in wenig
-Stunden ins Herz des »Wilden« -- nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt
-für alle schwierigen und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das
-Totenkirchl, der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze
--- all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten Auf- und Abstiegen
-liegen lockend bereit; und hier und da trifft man noch auf die »Echten«,
-die, im Gras hockend, mit dem Fernglas einen neuen, fast unmöglichen
-Weg ausspionieren und ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen
-möchten.
-
-Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir bescheiden uns
-damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete »Steinerne Rinne«,
-die jetzt auch durch Steiganlagen und Drahtseile gezähmt ist, zur hintern
-Goinger Halt aufzusteigen und den Gratübergang zur vorderen gleichen
-Namens, eine nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt,
-dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten. Der
-milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust besänftigt -- man
-möchte genießen, noch einmal aus tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber
-ohne gewaltige Anstrengungen machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz,
-vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt bereits die
-ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß man wieder und wieder stehen
-bleibt, um den Farbenrausch ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance,
-das Graugrün der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton
-der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und immer neue Bilder der
-in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten und Dörfer, in der klaren Luft
-so nahe gerückt, als könnte man sie mit wenig Schritten erreichen. Und
-welche Prachtaussicht von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich
-Gipfel an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen Ketten
-erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher. Ein Panorama, wie es
-zum Beispiel »die Elmauer Halt« bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von
-nur 2344 m Höhe -- also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! -- kann
-man kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der ganze Höhenzug
-der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis zu den Ötztaler Alpen, die
-Loferer Steinberge, der Karwendel, das Wettersteingebirge, breitet sich vor
-dem Blick aus; der Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal,
-und durch eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet
-in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere
-des Großglockners und des Großvenedigers schließen mit ihrer feierlichen
-Schönheit den Horizont nach Süden -- in lieblichster Anmut und
-bezauberndem Kontrast bauen sich fast am Fuß des Berges mit ihren weißen
-Kirchlein die Dörfer Going und Elmau auf, während weiter draußen in
-der Ebene der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St. Johann
-sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf, ein leises Rollen in
-der Ferne erinnert daran, daß es dort unten Eisenbahnen, Unruhe, Städte
-und -- Pflichten gibt -- seufzend macht man sich daran, wieder in die
-Unterwelt hinabzusteigen.
-
-Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte ist schon
-geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel; die Läden werden
-aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen -- und dann
-beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen! Jeder bekommt sein Amt, der das
-Feueranmachen, jener das Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne
-Gerichte den verschiedenen Rucksäcken entnommen werden, der dritte
-besichtigt oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der
-Trauernachricht zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden tropfe:
-in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß voll! -- Aber wie
-können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven, Zitronenlimonade aus
-Pastillen hergestellt werden ohne das göttliche Naß? Und einmal am Tage
--- wenn auch ohne jede Verbindlichkeit! -- möchte man sich doch wenigstens
-die Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«,
-wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit doppelt
-bemerkbar -- --. Aber allgemeine Redensarten nützen nicht; und die
-beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich neidlos von allen Seiten
-ihre hervorragenden alpinen Qualitäten zuerkannt werden, müssen sich
-entschließen, noch einmal die »Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe
-einzutauschen. Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus --
-wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem prunkvollen Zettel:
-»Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel) vor dem Anfeuern mit Schnee
-zu füllen« -- also! Da man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man
-diese kleine Extratour zur nächsten Schneehalde -- eine gute halbe Stunde
-hin und zurück -- höchst amüsant.
-
-Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen war ja an den
-Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt man sich stolz auf seine
-Produkte! Und die Konkneipanten finden den Tee besonders aromatisch, die
-Zitronenmischung auf der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute
-Bergappetit nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die
-=pièce de résistance=, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach der »Wurst
-ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen gleicht, wird, natürlich nur
-mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis zur letzten Scheibe gewissenhaft
-verteilt. Der enge Küchenraum und die heißen Getränke erwecken noch
-einmal den Wunsch nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen
-kriechen mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll, warm
-und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend, aus der
-Ebene blinken freundlich die Lichter herauf, und auf den Abstürzen des
-Treffauer liegen dunkle Schatten, die sich mehr und mehr verkürzen --
-ein silbernes Leuchten füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich,
-schiebt sich das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze
-Spitze der vorderen Goinger Halt herum -- und alle Berge umstehen das
-kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem, weißem und doch so
-köstlich zartem Lichte.
-
-Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt der Zauber
-des Mondes in der Stadt niemals -- nur auf den Höhen oder über der
-Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den vollen Reiz seiner Schönheit.
-Die einfache Kammer, die man schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er
-in einen Raum mit Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem
-Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich in Silber und
-Gold verwandelt. -- Der Ruf nach Befriedigung der materiellen Bedürfnisse
-erweckt die Schläfer etwas unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der
-Kampf mit dem widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man,
-trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren Krieg da
-draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft durch die azurnen
-Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen auf und bereiten der großen
-Siegerin den purpurnen Triumphesweg -- der ganze Himmel gerät in
-Aufregung beim Nahen seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue
-Nebelschleier über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten
-der Menschen. -- Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen und
-Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand; mit dem Eifer einer
-sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang besinnenden Küchenfee: die
-Nachfolgerin soll ihr nichts Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe
-füllt man wieder voll Petroleum -- es ist rührend! Oder ist man am Ende
-so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich in solch unendlich
-naiver Weise dafür betätigt? -- Doch in diese Abgründe des menschlichen
-Herzens läßt's sich nicht mit einer Petroleumlampe leuchten.
-
-Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder des
-Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die Brombeeren sehen mit
-melancholischen schwarzen Augen auf die Vorwärtshastenden. Was nutzt es?
-Zurück in die Alltäglichkeit, ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen
-die Götter ...«
-
-
-
-
-Auf Deutschlands »Allerhöchstem«.
-
-
-Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur von unten bewundern
-mag, ist es eine gelinde Folterqual, tagelang im Schatten eines prächtigen
-Bergmassivs zu sitzen und wegen andauernder Witterung, worunter in den
-letzten Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen.
-Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn erst einmal bis zu einer
-»Hütte« hinaufgetragen hatten und der sich deshalb nach dem ersten
-Waffengang mit den Felsen sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine
-ehrenhafte Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte.
-Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände sich gut
-vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der Barometer stieg und
-ein hellerer Schein, den man in weniger zweifelhaften Zeiten harmlos für
-Sonne erklärt haben würde, sich über die Matten breitete. Bis dahin war
-ich stets unter der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen -- heute
-traf mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen alten,
-treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille Bergsonne
-gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen einflößendem Wesen und
-im Besitz einer deutschen Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken
-verstand. Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs auch
-nicht ganz gleichgültig zu sein. --
-
-Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo den Aufstieg zur
-Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den zwei traditionellen Plätzen,
-bewunderten die Aussicht auf Biberwier, Ehrwald und Lermoos, die nur ganz
-wenig verschleiert war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen
--- nicht so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen,
-winzigen Felsblock steht -- bewegten uns kühn über die letzten, noch arg
-verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen Wendung dicht
-vor der Hütte -- eine ihrer angenehmsten und bei Hütten seltenen
-Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht man diese heißersehnten Stationen
-schon stundenlang vor sich liegen und scheint ihnen statt näher immer
-ferner zu rücken. -- Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine
-schmale Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für uns
-allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche immer noch als
-störend; heute war es wenigstens so kalt, daß man gern seine Kleider
-anbehielt. Nach warmer Suppe im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns
-ein, uns nach Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer
-bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf den Hütten ist
-es ja selten etwas. Entweder man friert oder man wird durch die leisesten
-Bewegungen des Nachbarn gestört, die sich durch die dünnen Wände
-verraten. Diesmal fror man _und_ hörte rings die Unruhe; und als wir
-eben eindämmerten, brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los, unsere
-Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze -- und dann ein
-Getöse, als sollte die Welt untergehen! Ein geisterbleiches Gesicht erhob
-sich von der Nachbarmatratze, und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott,
-Mutter, was war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine
-eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns mitsamt
-Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend: »Das ist der Wind,
-mein Kind! Das klingt im Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und
-fern hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war froh, als
-um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde -- eine fast überflüssige
-Prozedur!
-
-»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee gegeben.
-Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei begann, und die
-dicken Wollhandschuhe, die ich, die Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen
-hoch zu Ehren. Der Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend -- in
-knapp zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt war,
-daß wir uns am meteorologischen Turm und der Hauswand entlang fühlen
-mußten, um den Eingang zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller
-Hüttenräume, die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so
-überfüllt, daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der
-Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen -- vor
-deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung hege! --, zahlreiche
-Führer, denen der Nebenraum zu kalt war, die beiden Wirtschafterinnen, die
-auf dem winzigen Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet
-wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm und dem Dunst
-feuchter Kleider -- nein, eine Erholung bot der Aufenthalt nicht, noch
-weniger die Speisen, die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber -- bald
-wird ein neues Haus erstehen -- hoffentlich wird damit auf dem beliebtesten
-deutschen Gipfel auch sonst manches anders!
-
-Wir warteten ein paar Stunden -- auf Aussicht. Sie kam nicht. Berge,
-Täler, Ortschaften, Flußläufe -- Nähe wie Ferne -- alles ließ sich
-nur ahnen. Man deutete dort hin und sagte: »Da müssen die Stubaier
-liegen --«, wandte sich und behauptete, in der Richtung nach Partenkirchen
-zu sehen -- es war Jacke wie Hose: Nebel, nichts als Nebel. Stumm saßen
-wir schließlich vor unserer blauen Emaille-Teekanne.
-
-Da erschien in beschleunigterem Schritt unser Führer mit strahlenden
-Bergaugen: es hellte sich auf, der Eibsee sei eben aufgetaucht, kein
-Zweifel mehr, die Nebel verzögen sich und er riete doch nun dringend, da
-das Wetter so günstig sei, zum Abstieg durchs Höllental, von dem wir ja
-gestern bereits gesprochen. »Fein!« sagte mein Junge. -- Ich aber als
-Erfahrene ging nach draußen, sah auf Sekunden den Eibsee aus der Tiefe
-aufschimmern und fand die übrigen Umstände tief verschleiert. Der Führer
-triumphierte: er habe es immer gesagt, es würde ein glorioser Tag. Dennoch
-zögerte ich: ob es denn auch ganz sicher sei --? Mein Junge puffte
-mich; Söhne haben eine besondere Art, ihre Mutter zu puffen: es liegt
-Aufmunterung und zugleich Verachtung darin. Zudem sagte er spöttisch:
-»Und Du willst eine Hochtouristin sein --?« Und dann stellten sie mir
-beide vor, wie amüsant und wie lustig der Abstieg und wie bald wir unten
-sein würden: in drei Stunden schon durchs Tal! -- Ich gab nach. Aber
-während ich die acht Mark für unser Frühstück bezahlte, fragte man
-mich von rechts und links, welchen Abstieg ich wählte. Mit der
-ganzen Überlegenheit der gewiegten Touristin entgegnete ich: »Durchs
-Höllental.« Allgemeines Schweigen -- stille Hochachtung, wie ich annahm.
-Ein liebenswürdiger Tourist, mit dem ich schon vorher gesprochen, trat auf
-mich zu und meinte, ich hätte mir doch eine starke Aufgabe gestellt: bei
-diesen Witterungsverhältnissen. -- Lächelnd widersprach ich: der Führer
-und ich seien ganz überzeugt, daß der Nebel sich verziehen und uns der
-Abstieg keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde -- außerdem wüßte er
-ja, daß es die erste Hochtour meines Sohnes sei. Daraufhin schwieg der
-Warner.
-
-Aber als wir angeseilt vom Ostgipfel herabklommen, durch Schnee, der mir
-bis an die Hüfte reichte -- ich war schon zweimal gefallen und wäre ohne
-das Seil schon zweimal verloren gewesen --, erklang von oben dringendes
-Rufen. Ich wandte mich, erkannte den Warner und winkte ihm einen
-Abschiedsgruß zu -- verstehen konnte ich kein Wort mehr --. Wir kletterten
-abwärts; zuerst in dichtem Nebel, der sich ja bald heben mußte. Wirklich,
-er zerriß ganz plötzlich -- und ein furchtbares Gewitter, ganz unerwartet
-bei der Kälte, setzte mit großer Wucht ein, gerade als wir die ersten,
-ungemütlichen, vereisten »Stifte«, die quer über ein Stückchen
-Unendlichkeit führen, erreichten. Wir duckten uns eine halbe Stunde unter
-einen Felsen, der Blitze wie des schauernden Regens halber. Das Gewitter
-verzog sich; der Regen blieb, stürzend, unaufhörlich. Beim berühmten
-»Brett« -- einer langen Reihe von Stiften über ein größeres Stück
-Unendlichkeit, ein zweites Gewitter; der Regen glich Sturzbächen -- Wasser
-stürzte von allen Seiten auf uns herab. Bei der nicht minder berühmten
-»Leiter« -- eisernen Sprossen, die an einer absolut senkrechten, hohen
-Felswand hinabführen, ein drittes Gewitter; zudem hatte sich gerade
-zwischen den Sprossen ein Wasserfall gebildet, der sich oben in meinen
-Kragen ergoß, um an den Knien wieder seinen Ausweg zu suchen. Ich war
-daher erschöpft und eine Pause willkommen. Sie trat gleich ein: ein
-tüchtiger Wolkenbruch zwang uns zu kurzer Rast -- behaglich war sie nicht!
--- Der Führer tröstete uns: das Ärgste sei überstanden -- jetzt nur
-noch durch die Höllenklamm! Ihre düstere Romantik war mir nie sympathisch
--- jetzt aber war sie zu einer wirklichen Hölle geworden! Der Hammersbach
-in einen reißenden Strom verwandelt, wilde Wasserstürze von rechts und
-links, den Weg überspülend, die zahlreichen Tunnels vereist, ihr Boden
-von Bächen benutzt -- und diese waren es, die den letzten trokkenen Punkt
-an uns fanden und von oben in unsere Stiefel rannen -- von unten waren
-sie längst durchweicht. Nach siebenstündiger Wanderung erreichten wir
-in aufgelöstem Zustand, ohne einen einzigen trockenen Faden am Leibe, das
-Wirtshaus zur Schmölz. Ich telephonierte nach Garmisch, daß das Automobil
-halten und uns aufnehmen möge. Die Antwort lautete unsicher: man wisse
-nicht, ob noch Platz sei. Zähneklappernd warteten wir eine Stunde: nahm
-der Motorwagen uns nicht auf, so blieb noch eine dreistündige Fahrt -- und
-woher vor allem einen Wagen nehmen? --. Aber das Wunder, an das wir kaum zu
-hoffen wagten, geschah. Der Chauffeur sah uns zwar mißbilligend an -- wir
-hinterließen auch kleine Seen auf dem roten Leder der Sitze -- und nur
-mein letztes Geld, das ich noch außer den zwölf Mark für die drei
-Billette besaß, stimmte ihn milder. Unterwegs rechnete ich: in vier
-Stunden hätten wir über den kürzesten Weg unten sein können; statt
-dessen waren wir sieben Stunden bei viel anstrengenderem Abstieg unterwegs
-gewesen, mußten noch zwei Stunden frostdurchschauert im Automobil sitzen
-und hatten für diese Extravergnügungen dem Führer zehn Kronen mehr und
-für die Fahrt zwölf Mark zu bezahlen.
-
-Ich sah zum Führer hin: er unterhielt sich treuherzig mit einem Touristen
-und pries unsere hervorragenden hochtouristischen Befähigungen. Wir aber
-tranken, endlich zu Hause, zwei Liter Glühwein, »um vorzubeugen!«
-
-Am anderen Tage traf ich den Touristen von der Zugspitze. Er eilte auf mich
-zu: »Gnädige Frau,« sagte er, als ahne er unser Geschick, »hätten
-Sie doch nur auf mein Rufen geachtet. Ich hatte nämlich gehört, wie
-die Führer untereinander lachten und sagten: »Der nimmt die Dame nur da
-herunter, weil er zehn Kronen mehr bekommt -- und die merkt fei' nix!«
--- Nein, ich hatte nichts bemerkt, ich gab es zu. Sonst hätte ich es
-vorgezogen, dem »treuherzigen« Führer zehn Kronen zu schenken und den
-kürzesten Weg zu wählen. Und ich, die Erfahrene, die Erprobte! lernte
-einsehen, daß man sich zwar gut auf die Fels- und Eistechnik verstehen
-kann und dennoch nichts von der Technik weiß, mit »treuherzigen«
-Führern umzugehen.
-
-
-
-
-Das Matterhorn von Ehrwald.
-
-
-Marschiert oder fährt man von Partenkirchen hinein in den von hohen Bergen
-umstandenen Kessel von Ehrwald, so fesselt vor allem eine Gipfelgestalt
-den Blick; wenn auch die übrigen Berge des Wettersteins und der Mieminger
-Gruppe höher sind, sie werden doch alle durch die wie ein Dolch in den
-Himmel ragende Sonnenspitze an Kühnheit übertroffen. Durch Gestalt und
-Lage bildet sie den Augenpunkt des ganzen Bergkranzes, der die liebliche,
-grüne, mit Lärchenwäldern durchsetzte Talsohle umgibt; nur mit dem
-Matterhorn oder der =Cimone della Pala=, freilich in verkleinertem
-Maßstab, läßt sich die Form der gebietenden Spitze vergleichen.
-Naturgemäß lockt ihr Gipfel jeden an, der überhaupt Fähigkeit und
-Ehrgeiz hat, auch noch andere Berge als die auf der Reiseroute liegenden
-»Aussichtsmuggel« zu besteigen. Dies Vordrängen in die Landschaft
-drückt förmlich ein »Versuch' es doch 'mal« aus -- und tatsächlich
-ist auch der Gipfel der Sonnenspitze der am meisten besuchte unter den
-schwierigen in der Nachbarschaft. Allerdings wird auch zu ihm wie zu
-vielen andern manch Unberufener mit Hilfe des Seils »hinaufgezogen«.
-»Mehlsacktechnik« nennt sich diese Beförderungsweise, die bei den
-Führern nicht ganz unbeliebt ist; rechnen sie doch nicht mit Unrecht bei
-solchen Opfern des alpinen Ehrgeizes, die sich nachher einbilden, mit Hilfe
-des Führers Ungeheures geleistet zu haben, auf erhöhte Trinkgelder.
-Der Hochtourist allerdings rümpft über diese alpinen Gepäckstücke
-verächtlich die Nase; denn das Seil, der unentbehrlichste Freund des
-Kletterers, soll ihn nur _sichern_, ihm nur »moralische« Hilfe bieten,
-nicht aber, wie es bei Ungeübten der Fall, zur einfachen Beförderung
-durch des Führers Kraft dienen.
-
-Die erste Besteigung der Sonnenspitze vollführte Hermann von Barth, der
-kühne Gipfelstürmer, im Jahre 1873 vom Sebensee aus, während der noch
-lange Zeit für unbezwinglich gehaltene Südgrat erst 1897 den Innsbrucker
-Alpinisten O. Ampferer und W. Hammer erlag.
-
-Wochenlang rief auch uns der Berg seine Mahnung zu; immer und immer wieder
-rüsteten wir uns, ihr zu folgen. Aber da es in diesem Jahr umgekehrt
-wie im Sprichwort ging und auf etwas Sonnenschein wieder tagelanger Regen
-einsetzte, so war's lange ein Katz- und Mausspiel. Bis auch hier die
-Ausdauer siegen sollte! An einem etwas schwülen Nachmittag brachen wir
-von Ehrwald aus auf, mit Rucksack und Pickel, und beschlossen, da wir
-natürlich den Berg »traversieren« wollten, zur Hütte der Sektion Koburg
-aufzusteigen und dort zu übernachten. Der nächste Weg ist der beste --
-also wählten wir den über den »Hohen Gang«, der, nachdem man zuerst
-steil über sumpfige Matten und dann durch schattenspendenden Wald
-gewandert ist, an steiler Felswand emporführt. Nach gut zwei Stunden
-erreicht man den höchsten Punkt der Talstufe; gleichzeitig mit uns
-stieg ein Sohn Ganghofers, begleitet vom Jäger und einem »Bua«, zur
-abendlichen Gamspirsch empor. Ganghofer gehören dort weit und breit
-alle Jagden. Noch ein paar Minuten -- und, dem Blick anfangs durch einen
-Lärchenwald verborgen, breitet sich das Oval des Sebensees aus, dessen
-grünblaues Wasser an Klarheit und Köstlichkeit der Farbe mit dem des
-Achensees wetteifern kann. Jenseits erhebt sich, auf bequem angelegten
-Serpentinen in einer halben Stunde zu erreichen, die Koburger Hütte, einen
-grünen Hang krönend; die Aussicht, die sie über den Sebensee wie über
-den in ihrem Rücken gelegenen blauschwarzen Drachensee bietet, ist einzig
-schön. Und doch wurde der Genuß durch die unruhvolle Frage getrübt:
-»Wird das Wetter halten -- oder ist es auch morgen wieder nichts?!«
-Der Wetterstein lag wie immer von leichten Wolken umhüllt da; und das
-Barometer fiel sanft -- beides untrügliche Zeichen in andern Jahren,
-aber heuer ohne Gewähr! »Heuer« bewies auch zum Glück diesmal seine
-Launenhaftigkeit: ein ganz wundervoller Morgen war uns beschieden, als wir
-in aller Frühe zur Ersteigung des »Südgrats« aufbrachen: rosige Wolken
-als Folie der Gipfel, und der Schnee an den Hängen leuchtend unter den
-ersten Sonnenstrahlen. Also guten Muts vorwärts! Mit der Gewißheit, seine
-Mühen belohnt zu sehen und droben eine klare Aussicht zu finden, klettert
-sich's nochmal so leicht.
-
-Das eklige Geröll wurde in kurzer Zeit überwunden, ebenso die steilen
-Grashänge. Und nun nimmt mich der Führer barmherzig ans Seil, denn
-die eigentliche Kletterei beginnt. Zwar macht mein Hochtourist einige
-höhnische Bemerkungen darüber -- ich nehme an, weil er um die Ehre kommt,
-mich selbst ans Seil zu nehmen! --; aber da er mich auf meine Bitten
-hin photographieren soll -- Frauen können ja nie genug Bilder von sich
-bekommen! --, so vertraue ich mich lieber meinem Führer an, als allein
-auf die eigene Geschicklichkeit zu rechnen. Denn ohne nach dem Maßstab
-der modernen Klettertechnik gerade sehr schwierig zu sein, verlangt dieser
-Aufstieg über den Südgrat dennoch größte Aufmerksamkeit. Steile Kamine
-wechseln mit griffarmen, exponierten Felsbändern ab, und ein Ausgleiten
-würde an den haltlos »plattigen« Abstürzen, mehrere hundert Meter in
-die Tiefe, den sicheren Tod zur Folge haben. Aber bei allem Ernst -- oder
-besser gesagt: aller Schwierigkeit der Situation, fehlt auch das
-heitere Moment nicht. Der Unangeseilte und der Führer sind einen Kamin
-hinangeklettert; ich kann sie beide nicht mehr sehen. Sobald sie oben einen
-sicheren Standpunkt erreicht haben, wird mir zugerufen, ihnen zu folgen.
-Die Stufen sind durchschnittlich für längere Beine berechnet als für
-meine, mit aller Kraft muß ich mich hinaufwinden -- von oben wird mein
-Zögern mißverstanden: das Seil zerrt mich in die Höhe, fort aus der
-eben erreichten Stellung. Ich rufe: »Nicht ziehen!« -- aber Tiroler
-und norddeutscher Dialekt scheinen auch für die einfachsten Dinge
-entgegengesetzte Ausdrücke zu gebrauchen: mit aller Wucht wird
-weitergezogen, ich bin in dem engen Schacht eingeklemmt und zapple in
-der Luft mit beiden Füßen. Ich bin nur froh, daß der Photograph diese
-»vorteilhafte« Pose nicht erwischt hat -- keinenfalls hätte er sie mir
-geschenkt! Ein anderes Mal dagegen, da ich über grausiger Tiefe nur so
-auf den Zehenspitzen schwanke, ruft er gemütvoll: »Einen Augenblick halt,
-wenn ich bitten darf! Und nicht so sorgenvoll aussehen!« Was denn doch
-eine starke Zumutung ist. -- Ganz plötzlich, viel eher, als man bei der
-allmählichen Ermattung zu hoffen wagt, ist man oben. Die Tatsache wird
-durch ein befreiendes »Ah!« ausgelöst -- denn den Bergsteiger, selbst
-den enragiertesten, der schließlich nicht froh wäre, das Ziel erreicht zu
-haben, gibt's noch nicht. Mehr noch als vor alle anderen Erfolge haben die
-Götter vors Bergsteigen den Schweiß gesetzt! Wie köstlich ist es dann,
-sich am Gipfel zu sonnen, in aller Ruhe die wunderbare Aussicht auf die
-benachbarten Riesen und in die warmdurchleuchteten Täler zu genießen --
-und endlich an Kräftigem zu frühstücken, was der Futtersack enthält:
-Speck und derbes Brot, Limonade aus der Aluminiumflasche, zum Schluß die
-»Gipfelzigarre und -zigarette«! Alle Mühsal ist binnen kurzem vergessen,
-man hat ganz das Gefühl eines Siegers; die Erde mit ihren Nöten und
-kleinlichen Sorgen verschwindet -- der große Friede, die köstliche
-Einsamkeit hier oben stempeln diese Stunde zu einer glücklichen und
-heiligen. Bis andere Partien nachrücken, denen man den beengten Platz
-einräumt. -- Man rüstet sich von neuem, ich werde wieder ans Seil
-genommen; aber nun, beim Abwärtssteigen, bilde ich die Tete. Hinüber
-geht's zuerst zu dem nur etwa 50 m entfernten und um ein paar Meter
-niedrigeren Nordgipfel, zu dem ein äußerst exponierter Grat führt, der
-sich an einer Stelle so einschnürt, daß man zum »Reitsitz« gezwungen
-wird. Die Beine baumeln dabei nach beiden Seiten über den viele hundert
-Meter tiefen Abgrund -- für leicht von Schwindel befallene Menschen keine
-empfehlenswerte Stellung! Sonst ist der Abstieg auf der Nordseite technisch
-bedeutend leichter als über den Südgrat, im oberen Teil jedoch über
-geröllbedeckte Platten, sehr steile Schroffen und Grasbänder führend, so
-daß immerhin größte Aufmerksamkeit erforderlich ist.
-
-Zum Schluß geht's durch einige Geröllrinnen, für die ich eine besondere
-Vorliebe besitze!
-
-So sicher ich auch im Fels und beim Klettern bin, die heimtückische
-Nachgiebigkeit des losen Schuttes habe ich immer noch nicht gelernt
-genügend auszunützen. Der Hochtourist dagegen erklärt mir, während er
-in großen Sprüngen durch das Geröll hinabsetzt, des Rätsels einfache
-Lösung bestände darin, schon wieder auf dem _anderen_ Fuß zu stehen,
-wenn der Schutt gerade unter dem _einen_ nachgäbe, so daß man mit
-dem beweglichen Geröll fortwährend in Bewegung sei und gleichsam
-»mitfließe«, wie er sich euphemistisch ausdrückt.
-
-Ich sehe vollständig ein, daß auch dies für Leute, die es können, sehr
-leicht sein muß -- ich dagegen, die ich noch nicht diese Geistesgegenwart
-der unteren Extremitäten erlangt habe, nehme mehrmals »fließend« Platz.
-
-»Solch ein Moment war's --« und mein Hochtourist, der sich aufgestellt
-hatte, um den gerade sehr wirksam beleuchteten Tejakopf aufzunehmen, drehte
-sich flugs um und eignete sich, meiner hilflosen Empörung zum Trotz, meine
-»fließende« Lage auf den spitzigen Steinen an. Sobald man wieder ins
-Tiefland kommt, werden eben die Charaktere wieder schlechter!
-
-Endlich werde ich »abgeknüpft«. -- Man bemerkt sarkastisch, daß doch zu
-hoffen wäre, ich könne die steilen Wiesen ohne Katastrophe überstehen!
-Darauf verschmähe ich jede Antwort -- und sitze gleich darauf wie
-festgeklebt und etwas schmerzhaft auf der klitschigen, von Wurzeln
-durchzogenen Erde eines »Latschengassels«.
-
-Als sich der Hochtourist umdreht, habe ich die Hand voll braunköpfiger,
-nach Vanille duftender Brunellen, und erkläre in stoischer Ruhe, daß ich
-meine Sträuße immer sitzend zusammenstelle. -- Er ist geschlagen! --
-
-Drunten am Sebensee, dicht neben der Jagdhütte von Ganghofer, gibt's noch
-eine letzte Rast, wo dann der letzte Proviant großmütig verteilt wird.
-Rückwärts, voll Befriedigung, wandert der Blick dabei zur Sonnenspitze
-hinauf -- von hier aus erscheint sie als ein breites, doppelt gegipfeltes
-Massiv.
-
-Da oben war man -- ist's zu glauben?!
-
-»Um ganz alpin zu reden,« unterbricht der Hochtourist die stumme
-Selbstbewunderung, die wohl aus meinen Zügen spricht, »müssen Sie sagen:
-ich habe ihr den Fuß auf den stolzen Nacken gesetzt!«
-
-Ich betrachte meine Füße in den derben Nagelschuhen, ohne mich auf das
-Symbolische dieser Ausdrucksweise einzulassen, und nachträglich noch
-überkommt mich eine fromme Scheu, daß ich es wirklich gewagt habe --!
-
-Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn ein anderer
-Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf seinen stolzen Nacken«
-ziehen wird.
-
-Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen« besser
-kann.
-
-
-
-
-Quer durch die Lechtaler Alpen.
-
-
-Auf allen Gebieten des Lebens haben sich die Ansprüche gesteigert -- je
-mehr Freunde und Anhänger die Touristik und die Bergbesteigung im Laufe
-der Jahre gewonnen haben, um so größer sind auch die Anforderungen
-an Bequemlichkeit geworden. Früher war man zufrieden, wenn sich eine
-anständige Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels
-übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des Deutschen
-und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich, wenigstens die
-besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit zuführenden Wegen
-angelegt waren. Aber auch das genügte bald nicht mehr: die neueste
-Errungenschaft auf dem Gebiete der »Erschließung der Alpen« sind die
-»Höhenwege«. Sie führen über die Joche und ermöglichen die Begehung
-steilgefurchter, zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch in
-Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen gestattend, ohne
-daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer können dabei immer
-noch einen oder den anderen Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese
-Höhenwege nicht ganz so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt:
-nämlich, daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend
-dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters auf und ab
-zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung zu queren, dort einen
-Sattel zu erklimmen und dergleichen. In Summa ist die Höhendifferenz, die
-man nach auf- und abwärts zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei
-einer Gipfeltour. Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist,
-daß sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter etwa
-2000 m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend wechselnden
-Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise ist das
-am rationellsten durch Höhenwege erschlossene Gebiet der Alpen das
-der »Lechtaler Alpen«, jener bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der
-Parseierspitze, gänzlich vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit
-alpiner Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers,
-Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte nichts von ihr.
-Diese schönen Berge, im Süden durch die Rosanna und den Arlberg, im
-Westen durch den Flexenpaß, im Norden vom Lech, im Osten durch den
-Fernpaß begrenzt, sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen
-Höhenwege, ein vom großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet.
-Glücklicherweise! Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler, sondern
-nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir sind auf vieltägiger Wanderung
-nur ein paar Leuten, vier oder fünf, begegnet; auch die Hütten waren
-trotz der Hochsaison nur sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die
-Gipfel dieser Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste
-Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen häufig
-tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene Couloirs, in denen
-noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem Jahr die Kalkalpen, die sonst
-um diese Zeit schon »tot« zu sein pflegen, besonders belebt infolge des
-langen Schnees; überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche
-überströmen den Pfad -- und die Flora ist von einem Reichtum, wie ich sie
-noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe. Die Hänge sind noch rot
-von Alpenrosen -- ganz oben sind sie noch in Knospen -- Seidelbast
-und wilder Thymian entsenden ihre Düfte zusammen mit eben erblühten
-Schlüsselblumen, gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben und
-Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen von dunklem Lila,
-Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume, Moose in den verschiedensten
-Schattierungen und Feinheiten, Löwenzahn und Sumpfdotterblumen -- von den
-monumentalen Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder zu den
-lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe zwischen dem Gestein
-oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine wunderbare, stille Welt dort oben,
-die gewiß manchem höchste Wonne bringen würde -- trüge ihn sein Fuß in
-die Einsamkeit!
-
-Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation Pians an der
-Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt ein guter Weg über Grins, dem
-einstigen Sommeraufenthalt der berühmten und berüchtigten Margarete
-Maultasch, das noch alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist,
-bis zur Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung der
-Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«, bildet. Die
-Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen Kalkalpen, der die
-Höhe von 3000 m erreicht. Von der Hütte führt eine erst vor kurzem
-eröffnete kühne Weganlage, an der mehrere Jahre gearbeitet wurde, über
-ewigen Firn und schroffe, wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger
-Wanderung zur Ansbacher Hütte. Der Weg übersteigt den 2972 m hohen
-Dawinkopf, der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen und
-die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta bis zu den
-Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien der
-nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv bleibt immer der herrlich weite
-Blick während der ganzen langen Wanderung. Freilich ist es kein »Weg«
-im Sinne von Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses
-alpines Können dazu, um ihn _mit_ Führer zu begehen. Wer ihn führerlos
-machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile und sonstigen
-Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit und Erfahrung auf Fels
-und Schnee besitzen. Von der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in
-dreiviertel Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann,
-geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee, wobei man das
-Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte zu überwinden hat --
-eine besondere Anforderung an Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben
-glücklich oben, so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und
-jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen »Nachmittagsberg«
-kann man sich von der Hütte aus noch erlauben, den Seekogel, auf den
-man in einer halben Stunde gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf
-hinaufspaziert. Weiter zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier
-»Jöcher«! Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf und
-Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz (2674 m)
-oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees entschädigt für die
-Anstrengung durch eine wundervolle Aussicht auf den östlichen Teil der
-Lechtaler, namentlich auf ihr wildestes Gebiet: das Parzinn.
-
-Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen des Parzinn,
-einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten Zirkus, ganz in Latschen auf
-einem Vorsprung gebettet liegt. Nur ein schmaler Ausweg nach Norden
-zum Lechtal hinunter eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15
-Jahren eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und
-abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen; namentlich reizt
-die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas gelegene ebenmäßige Pyramide der
-Dremelspitze, die, lange als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel
-sich dem Nagelschuh der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker
-Alpinisten =Dr.= Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze Zinne
-1896 in achtstündigem Ringen -- später fand der ungeßliche Purtscheller
-einen etwas verwickelten, aber kurzen und verhältnismäßig unschwierigen
-Aufstieg, so daß man den Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden
-erreichen kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«,
-die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am nächsten Tag übers
-Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder hinauf in fünf Stunden auf den
-Muttekopf, den berühmten Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten
-Kontraste von seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die
-Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel von Imst,
-das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern -- kurzum, ein
-großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte, in fünfviertel Stunden
-erreicht, bietet eine willkommene Verpflegstation -- nun herunter nach Imst
-in drei Stunden! Der Fuß eilt -- man drängt förmlich nach dem Stall --
-denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet der Koffer mit frischer
-Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit und -- frisches Fleisch!
-Welch ein Labsal nach sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man
-mit tausend Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen
-Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete, um sie dann wieder um so
-intensiver zu genießen!
-
-
-
-
-Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz.
-
-
-»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig, der mich eben
-über Stand und Vermehrung seiner graubraunen Kuhherde unterrichtet hatte,
-und zog nach seiner Meinung sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber
-hoffte, daß »Kronprinzens« -- denn sie waren es wirklich und ich in
-ihrem Jagdrevier -- keinen Sinn für die Misere des Alltags haben. Denn
-die kriegt uns unter -- mag man noch so korrekt und vorschriftsmäßig
-ausgerückt sein --, wenn man nacheinander eine Reihe von Hochtouren
-gemacht hat und seinen äußeren Menschen inzwischen nur mit den
-Schätzen aus dem Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten«
-restaurieren konnte. »Kronprinzens« -- jung und schön beide wie der
-Lenz -- zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber; und ich sah am
-heißen Hochsommertag auf meine schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen
-zerrissenen Spitzen meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die
-Fingernägel und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck, das
-ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit entfernt war und
-ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt hatte, unter dem im Tal
-wieder umgeknöpften weiblichen Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo
-gefällt wird, da fliegen Späne -- wer sich in »die Unwirtlichkeit der
-Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß sich ihren
-Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen lassen. Zum Schluß
-siegen wir -- zwar mit zerzausten Federn -- aber wir siegen! Und so ein
-Berg, zu dem man aufblickend sagen kann: »Da oben war ich einmal und
-sah vom Gipfel in die Lande« -- zu dem behält man sein Leben lang ein
-verwandtschaftliches Gefühl.
-
-Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert; wie man weiß und
-ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter Sommeraufenthalt. Mir sind
-solche Orte furchtbar; und für die Maskerade der Städter, die sich als
-»Deandl'n« und »Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein
-recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen schönem,
-klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen Wirtshaus aus jede
-Bewegung der buntfarbigen Frösche -- nein, Schwimmer und Schwimmerinnen --
-verfolgen ließ. Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf
-dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur Seite von der
-stillen Kirche begrenzt -- ein hübsches, idyllisches Kleinstadtbild! Wohin
-ich ginge? frug ein Bekannter. In die Lechtaler; näheres wußte ich
-noch nicht. Das ist sehr glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres
-Programm als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so
-geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge zu geben
-und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von dort aus wollen Sie gehen?
--- Ach, da würde ich Ihnen doch vorschlagen, über den und den Paß und
-lieber von der und der Hütte aus.« -- »Danke schön, ich weiß alles.
-Ich war nämlich schon im vorigen Jahr dort -- auf der ›drübern‹ Seite
-der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. -- »So, Sie wissen? -- Dann
-freilich« --
-
-Ich nicke -- der Hochtourist hatte sich während dieses Gesprächs in
-abweisendes Schweigen gehüllt -- greife nach Rucksack und Pickel und
-entsteige dem Postwagen, der uns die staubige Landstraße entlang geführt
-hat bis nach Spielmannsau. Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie
-beliebte Badeorte. Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von der
-Fahrt erholen, beginnen wir bei 30 Grad im Schatten den sonnigen Anstieg
-zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen Nachmittagsstunden,
-unter der Last meiner beweglichen Habe seufzend, eingefallen, daß Dante
-heutzutage eine andere Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte;
-den Bergsteiger z. B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf
-seine Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern
-lassen -- etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben! Und diese hat noch
-eine besondere Überraschung für den lieben Wanderer bereit: hofft man sie
-nach drei »steilen« Stunden nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen
-verläßt, so liegt sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher
-auf einem Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch
-auszufechten: um 8½ Uhr -- für eine Hütte also zu nachtschlafender Zeit
--- tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf und verlangte, daß die Dame,
-der man das Sektionszimmer eingeräumt habe -- das war ich! -- sofort
-auszöge und sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber wozu
-ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt? Ein Hüttenwart
-ist abends um 8½ Uhr auch nur ein gewöhnlicher Tourist, falls er sich
-ein Zimmer nicht reservieren läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit
-eiserner Stirn; was ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber
-schweigen.
-
-Am nächsten Morgen vorwärts auf dem berühmten »Heilbronner Weg«. Er
-führt hart an der Mädelesgabel vorbei, auf der jeder Tourist im Algäu,
-der etwas auf sich hält, gewesen sein muß; wir überließen sie gutwillig
-der ungezählten Schar dieser Pflichtgetreuen, wanderten den Gletscher
-weiter aufwärts und turnten vorsichtig in die Felsen der Hochfrottspitz
-(2649 m) hinein. Sie bietet eine recht amüsante Kletterei -- für mich das
-Schönste von allem Bergsteigen! -- und oben herrschte köstliche Ruhe und
-Einsamkeit, im Gegensatz zum Gipfel der Mädelesgabel, von dem es lärmte,
-johlte und schrie -- eine besondere Art der Kundgebung von Naturfreude, die
-dem Deutschen im Blute zu liegen scheint. Der Heilbronner Weg geleitet
-noch direkt über den Bockkarkopf (2608 m) und die Steinkarspitz (2653 m),
-gewährt also unter sehr hübschen Gratwanderungen den Ehrgeizigen einige
-Gipfel gratis. Man steigt zur Rappenseehütte ab, die ebenso wie die
-Kemptner Hütte der durch den Höhenweg ungeheuer angewachsenen Frequenz
-durchaus nicht mehr genügt. Ein gewaltiges Zelt, in dem trotz Sturm und
-Regen dreißig Personen Schutz suchen mußten, hilft nur wenig aus
-dem Dilemma; auch der Heuboden war ausverkauft. Die Bauern, denen das
-umliegende Areal gehört, verlangen jedoch solche Großstadtpreise für
-jeden Fuß Land, daß der geplante Um- und Neubau der Hütte schon seit
-Jahren verschoben werden mußte. Ja, die treuherzigen Bauern! In diesem
-Jahr geht's ihnen ohnehin gut -- im Algäu brachten sie das dritte,
-prachtvolle Heu ein und gestanden zu, daß sie wohl seit hundert Jahren
-keine so gute Ernte gehabt hätten. -- Wieder ganz einsam -- denn die
-beliebten Berge dieser Gegend sind das Hohe Licht und der Rappenseekopf --
-zogen wir am anderen Morgen zum Biberkopf (2600 m) hinauf, gut drei
-Stunden von der Hütte aus. Ein merkwürdiger Berg: von einer Seite in
-schauerlichen, unüberwindlichen Platten aufgetürmt, von der anderen Seite
-in abgeschieferter Rinne bis zum Gipfel natürliche Stufen zum
-Klettern bietend. Oben, kaum genoß ich die Aussicht, erreichte uns ein
-Gewittersturm und trieb uns Hals über Kopf zur »Gufel« hinunter, einer
-schutzbietenden Höhle, zwanzig Minuten unterm Gipfel. Dort saßen wir
-klappernd und klatschnaß, bis die liebe Sonne uns befreite und das
-Geschäft des Auftrocknens während des Abstieges übernahm. Über
-Lechleiten ging's dann in glühender Mittagshitze am steilen Hang entlang
-in das hohe, öde Tal von Hochkrumbach, also in den Bregenzer Wald hinein,
-der sich wenigstens hier durch absolute Abwesenheit des Waldes auszeichnet.
-Der »Widderstein« (2536 m), von dem aus sich der Bodensee überschauen
-läßt, und der vom Wirtshaus aus so ein rechter Nachmittagsberg ist,
-versöhnt mit der beklemmenden Einöde des Tals. Aber ich war doch froh,
-nach einem halben Regen- und Rasttag abwärts über Schröcken, der
-»Perle des Bregenzer Waldes«, wandern und über den Schadona-Paß die
-allerliebste, neue Biberacher Hütte erreichen zu können. Ringsum ist
-alles Jagdrevier des Kronprinzen; als Aufenthalt dient ihm und seiner
-Familie das hübsche, kleine Jagdschloß in Hopfreben. Fast überall im
-Bregenzer Wald, allerdings in jedem Tal etwas anders, tragen die Frauen
-noch die alte Tracht. Die Kleider sind von oben bis unten in ganz feine
-Falten gelegt, »plissiert« würde man auf deutsch sagen, die Röcke in
-Kniehöhe mit einem ganz schmalen, hellblauen Streifen besetzt. Um Hals
-und Nacken geht eine reiche Silberstickerei, die Ärmel sind je nach
-Gelegenheit aus Seide, Wolle oder Kattun und von beliebiger Farbe. Die
-früher stets benutzte Pelzhaube wird jetzt im Sommer durch einen einfachen
-Strohhut mit Bandschleife, der aber einheitlich getragen wird, ersetzt; nur
-bei Prozessionen schmücken sich die Mädchen mit dem »Schäpeli«,
-einer flachen Goldkrone. Angelika Kauffmann, deren Vater aus Schwarzenberg
-stammte, und die hier nur ein Jahr als Mädchen verbrachte, bewahrte
-dem Lande größte Anhänglichkeit. Ihrer Jugendarbeit -- sie malte die
-Seitenwände der Schwarzenberger Kirche aus -- ließ sie später als
-Geschenk das schöne Hochaltarblatt folgen, obgleich, wie sie selbst sagte,
-ihr die Kraft fehlte, Gott-Vater so darzustellen, wie er in ihrem Herzen
-wohne. -- Ich fand am herrlichsten vom Land das Große Walsertal. Eine
-befriedigende Expedition unternahmen wir vorher, von der Biberacher Hütte
-aus über das Fürkeln zur Braunarlspitz (2651 m), deren mächtiges Massiv
-uns schon lange lockte, und die eine der gewaltigsten Hochgipfel
-des Bregenzer Waldes ist. Eine herrliche Rundsicht belohnt für die
-Anstrengung, während die Hochkinzelspitze (2307 m), von der Hütte aus
-bequem in knapp zwei Stunden zu erreichen, hübsche Blicke in die nahen
-Täler gewährt. So, nachdem wir von allen Seiten ins Algäu und in den
-Bregenzer Wald geschaut hatten, wollten wir durch das Große Walsertal,
-über Buchboden und das entzückend gelegene, freundliche Sonntag
-absteigend, die Ebene zurückgewinnen. Aber schon in Garsella ging mir nach
-vielstündigem Marsch der Atem aus -- und wir vertrauten uns einem kleinen
-Einspänner an. Denn wer in den Bergen denkt, bergab sei bergab, der irrt
-sich sehr; auch diese Landstraße stieg weiter und weiter empor, all die
-verstreuten Dörfer berührend, die sich auf den Terrassen der sehr steilen
-Talwände angesiedelt haben. Man hielt es für ausgeschlossen, daß man
-je ins Tal kommen würde, so tief unter uns rauschte das Wasser des
-wilden Lutzbaches. Endlich, nach zweistündiger Fahrt, geht es in steilen
-Serpentinen hinab, dem Örtchen Thüringen zu. Seit einer Woche wieder ein
-Postwagen -- zivilisierte Menschen oder solche, die es sein wollen -- ein
-Auto -- Fabriken -- die Bahn -- -- kleinlaut steigt man ein und fährt für
-20 Heller -- gottlob ist der erste Anspruch der Zivilisation an die Börse
-nicht groß! -- bis Bludenz. Hier, in dem alten Städtchen, dessen Burg
-Hermann von Gilm, der bedeutendste Lyriker Tirols, entstammte, wartet man,
-bis sich der Himmel wieder klärt und das Fleisch so willig ist wie der
-Geist zu neuen Eskapaden in die Einöde -- zu neuen, herrlichen Genüssen
-in der Bergwelt!
-
-
-
-
-Vom Königspaar des Rhätikon.
-
-
-Nicht des Reiters, aber des Reisenden »über den Bodensee« Auge wird
-am meisten gefesselt von der schneeschimmernden Scesaplana, dem höchsten
-Gipfel (2967 m) des Rhätikons, dieses zwischen Ill-Rhein-Gargellental und
-dem Prätigau aufragenden Gebirgsstocks, der sich durch die Formschönheit
-und Mannigfaltigkeit seiner Gipfel unter allen Gruppen der nördlichen
-Kalkalpen besonders auszeichnet. Die Königin dieser Kette ist die
-Scesaplana, um deren Schultern sich ein schimmernder Firnmantel als
-Hermelin schmiegt. Durch Weganlagen ist ihre Besteigung erleichtert, und
-ihr Gipfel, der eins der schönsten Panoramen der gesamten Alpen bietet,
-ist das Ziel Tausender von Bergsteigern, die je nach ihrer Befähigung
-leichtere oder minder leichte Aufstiege suchen. Ist hier der Preis der
-Besteigung die unvergleichliche Aussicht, so lockt den Hochtouristen die
-»Zimbaspitze« (2645 m), von den Einheimischen nur »Der Zimba«
-genannt, die kühnste und trotzigste Felszinne des Rhätikons; und ist die
-Scesaplana die liebenswürdige Königin, die den Gast entgegenkommend zu
-den Schönheiten der Hochalpen führt, so ist »Der Zimba« ein ablehnender
-Fürst, und viele, die sich an seinen Wänden und Graten versuchen, treffen
-bei ihm auf schroffe Zurückweisung!
-
-Naturgemäß mußten unter den zahlreichen Gipfeln des Rhätikons diese
-beiden Hochzinnen unser Ziel bilden. Die »Wir« waren für »Den Zimba«,
-mein Hochtourist (den ich großmütigerweise mitnahm!), ein junger Führer
-und ich. Bei gewaltiger Hitze stiegen wir in drei Stunden von Bludenz über
-Bürserberg zur Sarotlahütte empor. Ich kann nicht sagen, daß ich die
-überaus primitiven Hütten wie diese, die nur ein Matratzenlager in einem
-allgemeinen Schlafraum bieten, besonders liebe; schon weil es ja keine
-Möglichkeit gibt, »Toilette« zu machen. Aber nach all den von bessern
-Spaziergängern überlaufenen Hütten der letzten Zeit war es direkt
-wohltuend, sich unter Leuten, die es ernst meinten und ihre ganze
-Expedition nicht bitter bereuten, wenn es kein »Bier vom Faß« gab, zu
-befinden. Jede weltliche Torheit, wie Bier überhaupt, lag dem einfachen
-Senn dort oben fern. Milch von seiner Kuh offerierte er und Eier konnte
-man haben, aus denen ich fürs Allgemeinwohl in einem schwarzgeräucherten
-Tiegel eine wunderbare Speise herstellte; und dann schliefen wir, zwei
-andere Partien, auch jede zu zwei Personen, auf dem Matratzenlager, auf
-dem nur das Gewissen weich war, in einer Reihe -- der junge Führer als
-Paravent zwischen mir und den übrigen! Freilich, das Einschlafen ging
-nicht schnell, das pflegt auf Hütten so zu sein; und neben mir durchs
-Fenster funkelten die Sterne -- und die andern beiden Partien hatten
-»große Sprüch'« geredet: wie schwer es sei -- und wie unbequem eine
-Dame --, denn wegen Steinfalls müßte man größte Rücksicht auf einander
-nehmen! Wenn ich nun diese Probe auf Trittsicherheit usw. nicht bestand?
-Etwas zaghaft war mir zumute, und jedenfalls erleichterte es mich, daß wir
-am nächsten Morgen die Ersten fertig zum Aufbruch waren: so wie der Mensch
-nun einmal ist, mag man lieber der Schuldige sein am Steinfall (wenn es nun
-doch mal sein muß!) als der Unschuldige, den sie am Kopf treffen! Unsere
-Rucksäcke ließen wir, um beim Klettern nicht behindert zu sein, vom
-Sennen zum Zimbajoch hinauftragen, wo wir sie beim Abstieg aufnehmen
-wollten: länger als 5 bis 5½ Stunden rechneten wir nicht, da wir
-bei unserer »Fähigkeit« den Baedeker wie den Purtscheller in ihren
-Zeitangaben gewöhnlich schlagen.
-
-Im gemessenen Schritt »Echter« begannen wir um halb fünf Uhr morgens den
-Aufstieg über sehr steile Gras- und Schutthalden -- Fuß vor Fuß, ohne
-Pause, zwei Stunden lang, bis zum Einstieg in die Felsen. Hier nun wurde
-von dem jungen Führer mit großer Vehemenz der moralische Halt, das Seil,
-um die Stelle meines Körpers geschlungen, wo sonst die Taille sitzt;
-zugleich begann die erste Kontroverse zwischen ihm und dem Hochtouristen,
-der auf Grund seiner »literarischen Kenntnisse« einen andern als den
-vom Führer bezeichneten Weg einschlagen wollte. Doch da der Führer
-versicherte, in diesem Jahr schon mehrmals oben gewesen zu sein und »diese
-neue, leichtere Route« genau zu kennen, so gaben wir nach -- leider!
-Denn das Resultat dieser »neuen, leichteren Route« war vollständiges
-Versteigen, wobei sehr schwierige und gefährliche Platten- und
-Traversierstellen zu bewältigen waren. Und dann überhaupt: dieser Berg!
-Er ist das Niederträchtigste, was man sich denken kann -- »treu und fest
-wie ein Fels« ist ein Hohn auf ihn. Ich klettere gewiß gern, aber ich bin
-für Zuverlässigkeit im Leben. Bietet »Der Zimba« jedoch einen Griff
--- fast nur mit Grasbüscheln locker besetzte Steine -- so rutscht einem
-plötzlich der halbe Berg entgegen -- und bildet man sich ein, man hätte
-einen sichern Tritt, so kommt unterm Fuß sofort die ganze Wand ins Wanken.
-Alles ist brüchig, und dabei eine Steilheit, die oft peinlich wirkt! Bei
-der ersten, sehr schweren Plattenstelle stürzte der Führer beinahe ab
--- ich kann nicht behaupten, daß dies mein ohnehin schon sehr ins Wanken
-geratenes Vertrauen zu ihm erhöhte; denn auch von der Seiltechnik besaß
-er nur eine unbestimmte Ahnung, und gerade bei unbequemsten Stellen
-»vertüderte« es sich ihm, wie man in Schleswig-Holstein sagt, und
-unbekümmert um meine Situation schrie er dann unsichtbar von oben: »Sie,
-Frau, halten's Ihna fest!« Auch sonst richteten sich seine Umgangsformen
-nach Stand und Gefahr; das merkte ich besonders beim Abstieg. Ging es
-leicht, so flocht er ein »Gnädige Frau« in seine Ermahnung -- in
-gefahrvollen Minuten riet er mir schmucklos, in den derbsten Ausdrücken
-unserer in diesem Punkt ja sehr reichen Muttersprache, mich einfach auf den
-mir von Gott dazu gegebenen Teil zu setzen und von dieser breiteren Basis
-aus die Hindernisse zu überwinden. Kurz und gut, der Hochtourist übernahm
-schon von »der« Platte aus die weitere Leitung und gab alle Anweisungen
-zur Seilsicherung usw. Ihm verdankten wir es jedenfalls, daß wir
-überhaupt, und zwar nach unendlich vielen Fährlichkeiten, bei denen ich
-zum Teil zwischen ihm und dem Führer am Seil eingespannt war, nach 2½
-Stunden vom Einstieg aus -- also im ganzen von der Hütte aus in 4½
-Stunden -- den Gipfel erreichten. Trotzdem hatte sich mein Selbstvertrauen
-neu befestigt, denn ich durfte mir sagen, daß das Seil nur zur
-Versicherung und nicht ein einziges Mal dazu gedient hatte, um mich
-»zu ziehen«, wie ein lebloses Paket -- ein bei manchen Touristen nicht
-unbeliebtes Beförderungsmittel.
-
-Die andern beiden Partien mit den »großen Sprüch'« hatten wir einmal
-in unsrer Nähe bei der Platte klappern hören. Die Armen mußten uns
-nachgestiegen sein, hatten das Rennen aber dort schon aufgegeben, denn wir
-hörten und sahen nichts mehr von ihnen, trotzdem wir fast eine Stunde
-am Gipfel rasteten. Eine schöne Fernsicht, wundervolle Talblicke ins
-Montafon, über steilabstürzende Wände hinab ins Rellstal und zu den
-anderen Vasallen des Rhätikons hinüber belohnten uns, gewiß; ich aber
-genoß diesmal besonders die Ruhe -- und das Frühstück und befand mich
-glücklich bei dem Lob von Führer und Hochtourist, »daß ich meine Sache
-brav gemacht habe«. Das Ärgste, meinte ich auch, läge hinter uns. »Ja,
-Schnecken!« Wir nahmen den Abstieg über den Westgrat, »traversierten«
-also den Berg, da wir übern Ostgrat gekommen waren. Ein Versteigen
-war wenigstens unmöglich, da die Route immer am Grat entlangläuft --
-schwindelfrei muß man allerdings sein. Und seine kleinen Überraschungen
-bietet dieser Westgrat auch sonst; da ist z. B. eine schwierige Strecke
-über einen etwa 70° geneigten, von brüchigen Schroffen und lockeren
-Graspacken durchsetzten Hang. Die hat es in sich! Früher konnte man durch
-einen viel sichereren Kamin absteigen; seit dem letzten Winter ist er
-verschwunden, da ein großes Gratstück in die Tiefe gestürzt ist.
-
-»Gengan S' nur zu,« sagte der Führer gerade an dieser Stelle ermutigend,
-viele Meter Seil über mir und durch Felsen versteckt, »der Herr wird Ihna
-schon zurufen, wo S' hintreten müssen!« Der Hochtourist war zu diesem
-löblichen Zwecke vorangeklettert. Aber kein Rat, keine Hilfe kam, und als
-ich endlich hochatmend innehalten mußte, weil des Seiles Länge erschöpft
-war, saß der Hochtourist gerettet und seelenruhig auf einem Vorsprung und
-versuchte den winzigsten Zigarrenstummel in Brand zu setzen, den ich je als
-noch brauchbar gesehen habe! Ja, man macht noch nebenher Charakterstudien
-in den Bergen. Eine ekelhafte, überhängende rote Nase kam; da ich mit
-den Füßen den spannbreiten Grat nicht erreichen konnte, sollte ich mich
-»einfach herunterlassen«. Ich streikte, der Hochtourist stampfte auf dem
-ohnehin schon wackligen Grat, der Führer schrie sinnloses Zeug von oben
--- ich kniete an einem senkrechten Abbruch auf einem Eck so groß wie
-eine Schwefelholzschachtel und wurde noch einmal energisch ersucht, diesen
-hervorragenden Stützpunkt nun »einfach« für die Ellbogen zu nehmen!
-Ich schrie alles zurück, was mir im Moment nur an tötlichen Beleidigungen
-einfiel -- und dann entdeckte »man« -- ich sage »ich«, der Hochtourist
-»er«, der Führer »wegen meiner« -- die Idee eines Trittes an der
-Außenwand der Nase, auf die ich meinen rechten Fuß stemmen konnte --
-gewonnen hatten wir! Der Hochtourist zündete den Stummel frisch an.
-Nach zwei Stunden heißer Arbeit standen wir am Zimbajoch -- die großen
-Schwierigkeiten hatten damit ein Ende. Immerhin aber folgte noch ein
-zweistündiger, zum Teil recht ungemütlicher Abstieg über steilen
-Schroffen und mit Platten durchsetzten Grashänge, die größte
-Aufmerksamkeit und vollständige Trittsicherheit erforderten, da es für
-die Hände so gut wie gar keine »Griffe« gab. Schon vom Joch aus, auf dem
-wir unsere Rucksäcke wieder vorfanden, winkte uns von unten die hübsche
-und allerliebst eingerichtete Heinrich-Hueter-Hütte, in der es wieder eine
-Ruhepause und eine Erfrischung gab.
-
-Auf den grünen Matten, von der diese Hütte umgeben ist, sowie auf dem
-Übergang übers Säulejoch zur Douglas-Hütte habe ich übrigens zum
-erstenmal Murmeltiere nicht nur »pfeifen« hören, sondern spielen sehen
-und Männchen machen.
-
-»Zum Abgewöhnen« kam also noch der »hochalpine Spaziergang« zur
-Douglas-Hütte hinüber, der eigentlich noch gar nicht eröffnet war -- die
-offizielle Eröffnung der wirklich entzückenden Weganlage, die andauernd
-die schönsten Blicke bietet, ist erst einige Tage später erfolgt; in zwei
-Stunden erreicht man den köstlich blauen Lünersee, an dessen Ufer die
-berühmte, höchst originelle Douglas-Hütte »eingegraben« ist, könnte
-man sagen. Denn um sie vor Lawinengefahr zu schützen, ist sie von einer
-langen, festen Mauer bis zum Dach gedeckt, und alle Räume der drei wie
-unterirdisch wirkenden, nach Bedürfnis entstandenen Bauten haben nur
-Fenster zur Seeseite hin. Und hier gab es einbettige Zimmer -- man
-vergißt ganz, daß so was Schönes auf der Welt existiert! -- und schöne
-Waschtische -- und die Möglichkeit, sich ungeniert aus- und anzuziehen!
-Man wird dankbar auf Bergeshöhen. Und wie das Essen schmeckte -- nach
-elfstündiger »Arbeit« inklusive der Freundlichkeiten des »Zimba«.
-
-Um neun Uhr nach notdürftiger Stopfung aller Löcher und Dreiecke in den
-»Unaussprechlichen« fällt man ins Bett. Aber lang wird der Schlummer
-doch nicht sein: »Um vier Uhr bereit -- zur Scesaplana!« =Il faut obéir=
--- mitgegangen, mitgehangen!
-
- * * * * *
-
-»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern des
-Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen
-Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal außergewöhnlicher
-Ausdrucksweise zu bedienen. Warum, weiß ich nicht. Und helfen tat es auch
-durchaus nicht. Der Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist
-weder hervorragend anstrengend noch schwierig -- dafür aber auch nicht
-unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die Beine derer,
-die in unstillbarem Höhendrang lange vor der Sonne ausmarschiert waren,
-tauchten wieder und wieder über unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf.
-Schade, man verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb
-auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin die letzten
--- der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer, der dritte die gegen
-jede Temperatur Immunen, die sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür
-körperlich abzunehmen. Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege
-und meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen in den
-Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei Stunden ans Ende aller Kurven
-gelangt, sahen eine Stange ragen, machten noch einmal: »Rechtsum --
-kehrt!« =Voilà= -- der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel;
-hinter einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne Frau,
-die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist, der mit diesem
-Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen war, was »Bewegung« anbelangt
-nämlich. Sonst -- der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch
-seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen (Tiroler)
-und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze er gerade emporsteigt. Von
-den Ötztalern und der Ortlergruppe im Osten bis zum Monte Rosa im Westen
-schaut man und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die
-blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal verfolgen
-von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee, nickt der alten Bekannten,
-der Silvretta, zu, freut sich an der Bernina-Gruppe -- und immer Neues,
-Fesselndes steigt aus blaudunstiger Ferne auf -- man hat das Gefühl, man
-stände recht im Herzen der Alpen! -- Nichts störte uns am Genießen;
-jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen schon längst
-wieder bergab -- allein in Stille und Schönheit und vor dem immer
-wechselnden Spiel zartester Nebelwolken an den Bergwänden, zu schweigen
-von der Farbenskala, die der Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte.
-»Die Scesaplana ist die Königin des Rhätikons« -- man beuge sich
-ihrer Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«. Über den
-Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle, »sumpfige« Flecken
-wir sorgsam vermieden. Gegen diesen Sommer nützt der beste Gletscher
-nichts! Aber rückwärts schauten wir und bewunderten die steilen,
-merkwürdig geschichteten Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite
-abfällt; und so harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte,
-die direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen ist,
-frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten Wegen, die
-zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber nur ein »alpiner
-Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«, wie der letzte Teil
-des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen und Leitern gesicherten Steiges
-heißt, der ins Gamperdonatal hinabführt. Viel erlebt man an solch einem
-Morgen: öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die
-unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch« seine
-kleine Bahn gegraben hat --, Schutthänge, steile »Wasen«, wie das Gras
-heißt --, schließlich wieder Latschengestrüpp als neueinsetzende Flora,
-allmählich Kiefern, Ahorne -- Matten neben dem zu Tal rauschenden Wildbach
--- und zum Schluß ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der
-»Nenzinger Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt Rochus.
-Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine Menge kleiner Almhütten
--- es sind Sommerhütten der Bauern und Bewohner aus Nenzing, die hier oben
-her ihre Herden auf ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon
-alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint
-hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild gesehen wie
-dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle, dem hübschen Wirtshaus --
-den verstreuten Häuschen und dem Vieh, das sich durchaus als Hauptsache
-empfindet und ungeniert Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm
-paßt. In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur durch
-Sennen -- und Sommerfrischlerinnen, die das grüne Nest auch schon entdeckt
-haben, erscheinen in blauen Leinenhosen, um sich selbst ihre Milch zu
-holen. Aber der fremde Einschlag stört hier nicht -- er ordnet sich der
-Stimmung unter.
-
-Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d. h. in die Ebene, dauert vier
-gute Stunden, vollzieht sich aber auf so schönem Wege, meistens durch Wald
-und höchst romantisch neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man
-Zeit und leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien und
-Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die Luft des Tieflandes
-und möchte wie das mexikanische Tier mit dem schönen Namen Axolotl sich
-auch anpassen können: ein paar Lungen, weit und groß genug haben, um
-unendlich viel reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern,
-und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten vermögen! Ob
-man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?!
-
-
-
-
-Streifzüge in Südtirol.
-
-
-Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn über den Brenner
-gefahren, hatten uns die Tauern aus dem Sinn geschlagen und uns den
-südlichen Alpen zugewandt, wenn nicht in der bestimmten Hoffnung, dort
-Wärme, Sonne, Wohlbehagen zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten
-Schneesturm seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im
-gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das mit echt
-norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet wird, und
-als Unikum einer Hütte eine kleine Kapelle, die höchstgelegene Europas,
-besitzt. Sie ist durch das Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die
-Führer am Sonntag nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe
-gehört haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden sich
-junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und in einer Höhe
-von 3203 m ihres Amtes walten. Aber die Nächte »dicht beim lieben Gott«
-und bei soundsoviel Grad Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer
-sitzt man Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen,
-die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die kleinste
-Nasenspitze sichtbar -- weißes Flockengestiebe ringsum! Da wurde
-schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in die Schönheit der
-Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen zäh wie Bergmoos
-ist, von stiller Raserei ergriffen, die sich gegen den Eigensinn der Natur
-kehrte. Kurz hieß es: »Jetzt wird mir's z'dumm -- jetzt wird gegangen!«
-Also gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am warmen
-Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei Schritte vor sich
-hin sehen konnte; des Morgens um sechs und bei dichtem Schneegestöber und
-einem Sturm, der sich von allen Gletschern in der Runde -- und sie sind
-dort grade nicht selten! -- neuen Atem und frische Kälte zu holen schien.
-Nachdem wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht hatten,
-wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine Proviantstation fürs
-Becherhaus befindet, d. h. Kisten und Fässer lagern frei im tiefen
-Schnee, konnten wir wenigstens über ein paar spaltenlose Gletscher im
-Sitz abfahren, mir eine der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in
-verhältnismäßig kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen,
-in denen gefühlvoll statt des Schnees -- Regen einsetzte. Mit ihm
-plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel frei,
-unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm stand und uns nun
-auszulachen schien, auch die eisgepanzerten Recken des Seebertals. Auf
-der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich Pferde gepflegt werden, gab es am
-rauschenden Bach das übliche Rucksack-Frühstück -- inzwischen war es
-zehn geworden -- und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten
-Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben. Welch
-betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin, durch einförmige
-Talgründe und entschieden in ein südlicheres Klima. Es wird warm, heiß
--- die Sonne brennt, der Wind verstummt, die Wege werden steiler und
-steiniger. Recht erschöpft trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos
-im Passeier diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich
-herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten Wegende geben
-soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen Straße nach Sankt Leonhard
-sind diese zwei Stunden recht bitter -- und dann die Furcht, ob man den
-Autobus, der uns nach Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob
-es noch Freiplätze in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt
-Leonhard an -- und diesmal ist man dem schlechten Wetter von Herzen
-dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder Standquartieren
-festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche Sitze beschert. Eine
-Stunde später bewundert man schon die subtropische Vegetation Merans
-an der Gilfpromenade, genießt den köstlichen Anblick der von Trauben
-behangenen Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast
-zum Morgen -- diese üppige Flora, diese angenehme Wärme -- endlich,
-endlich hat man sie gefunden!
-
-»Nach Meran«, meinte mein Hochtourist verächtlich, »ziehen mich im
-Sommer keine zehn Pferde!« Ein ausgiebiger Schneesturm hat ihn eines
-andern und bessern belehrt. Denn es ist hier einfach himmlisch; die Luft
-andauernd von leichter Brise erfrischt, prangende Fruchtbarkeit ringsum,
-auf den schönen Promenaden keine armen Kranken, sondern stämmige
-Touristen und jauchzende Meraner Kinder, die nun auch einmal die Vorteile
-dieses gesegneten Landes genießen. Die Kurverwaltung tut ihr Möglichstes,
-um die Passanten zum Bleiben zu bewegen; morgens und abends konzertiert
-die Kapelle wie zur Hochsaison, prächtige Waldspaziergänge hinauf zu den
-Schlössern Tirol, Lebenberg, Schönna locken -- selbst das Steigen fällt
-bei der kühlen Temperatur nicht schwer -- und wer dennoch reine Höhenluft
-möchte, fährt mit der im vorigen Herbst eröffneten Vigiljoch-Schwebebahn
-auf das Vigiljoch empor. Das reizende, kleine, im Bauernstil gehaltene
-Hotel dort oben liegt 1468 m hoch und bietet eine wundervolle Aussicht
-ins Etschtal, hinter dem sich die Dolomiten aufbauen. Die Fahrt mit der
-Schwebebahn an und für sich ist schon ein Genuß, da sich die Aussicht mit
-jedem Meter, den man steigt, immer mehr weitet; außerdem ist sie technisch
-in ihrer Länge von 2210 m, die einen Höhenunterschied von über 1150 m
-bewältigt, eine großartige Leistung. -- Uns natürlich konnte das
-stille Rasten am Vigiljoch nicht genügen. Wir wanderten noch am Abend zum
-einsamen Gamplhof, der eine Stunde höher liegt als das Vigiljoch. Und von
-ihm aus beim nächsten Morgengrauen in aussichtsreicher Kammwanderung über
-den Rauhen Bühel und das Hochjoch zum Gipfel des Hochwart (2607 m). Er ist
-ein hervorragend schöner Aussichtspunkt. In gewaltigem Rund streift das
-Auge von den stolzen Eisriesen der Ortler-Gruppe über die Ötztaler
-und Stubaier Alpen zu den wildgezackten Dolomiten, der Presanella- und
-Adamello-Gruppe; selbst die Schweiz schickt durch die blinkenden Gipfel der
-Bernina-Gruppe einen Gruß herüber. Ganz entzückend ist der Tiefblick
-auf das grüne Vinschgau, das in seiner vollen Ausdehnung von Mals bis
-zur Töll tief zu Füßen liegt. -- Den Abstieg, den wir teilweise pfadlos
-über steinige Hänge und kaum erkennbare rauhe Alpenpfade ins Ultental
-nahmen, kann ich nicht recht empfehlen. Er kürzt zwar den Weg zu unserm
-nächsten Ziel, irgendeinem behaglichen Gasthaus in Sankt Waldburg drunten
-nicht unbeträchtlich ab, doch nimmt er keinerlei Rücksicht auf ohnehin
-schon müde Füße und vom Auf und Ab leicht verbogene Glieder. Wer
-plagte sich nicht gern, um einen schönen Gipfel zu erreichen, aber im
-Almen-Terrain überläßt man jeden Ehrgeiz den Kühen und Ziegen. Viele,
-viele bittre Seufzer, bis man endlich, endlich den Rucksack abwerfen kann
-und nach der üblichen Portion »Tiroler Schöps«, unter der sich --
-wie immer -- eine schamhafte Ziege birgt, in sein Bett kriecht. Ein
-vierzehnstündiger Marsch inklusive Berg genügt meinen bescheidenen
-Ansprüchen an Bewegung durchaus! -- Schrecklich lang ist das Ultental,
-das wir am nächsten Tage aufwärts wanderten, und das von der Falschauer
-durchströmt wird. Die höchst romantische, schluchtenartige Mündung des
-Tales und Baches bei Lana heißt die Gaul und wird von einem großartig
-angelegten elektrischen Werk ausgenützt. Im obern Teil aber, der sich
-gegen die Ausläufer der südöstlichen Ortler-Gruppe erstreckt, ist dies
-Tal sehr einsam und von Touristen wenig besucht. Aber grade das zog uns an
--- und die Aussicht, einmal nicht in eine überfüllte, von der Mode, die
-ja leider auch auf die Berge steigt, bevorzugte Hütte zu kommen. Der
-Weg hebt und senkt sich an der Berglehne und durchschneidet bescheidene
-Dörfer: Kuppelwies, Sankt Nikolaus, Sankt Gertraud, und für die Heiligen
-dieser Ortschaften gibt's genug Kapellen und Kapellchen, mit Alpenblumen
-geschmückt; an einem Marienbilde steht der rührende Vers, dessen Original
-sich an der Gnadenbrücke im Etschtal befindet:
-
- »Mein liebes Kind, wo gehst Du hin?
- Weißt nicht, daß ich Dir Mutter bin?
- Daß Keiner Dich liebt so wie ich?
- So steh doch still und grüße mich!«
-
-Nach dreiundeinhalb Stunden -- _sehr_ heiß! Aber »man« ist ja nie
-zufrieden, womit ich gemeint sein soll -- Rast in Sankt Gertraud. Tiroler
-Schöps. Und dann wird's ernst. Mit der Hitze und mit der Steilheit. »Am
-Grünen See (2489 m) in der ›Neuen Welt‹, 3½ Stunden von St. Gertraud,
-oberhalb der Weißbrunner Alm die Höchster Hütte (2500 m) in prächtiger
-Lage,« liest man im Baedeker. Das klingt so einfach und nett, man geht,
-nicht wahr, und plötzlich ist man da! Wasserfälle rauschen neben einem,
-ein idyllisches Bild bietet mit ihrem Viehreichtum auch die große Alm --
-und dann geht man eben immer weiter, immer höher, immer steiler aufwärts.
-Die Hütte ist einzig in ihrer geschmackvollen Einrichtung, ihrer
-glänzenden Bewirtschaftung, und gewiß will ich auch die »prächtige
-Lage« an dem von Gletschern gespeisten See nicht leugnen. Aber ein klein
-wenig weiter hätten gerade die Serpentinen der letzten Strecke angelegt
-werden können -- sie lagen da wie eine fest aufgerollte Schlange und
-mühsam dreht man sich auf ihr und um sich selbst empor. Das Kleinlautsein
-der »bekannten Hochtouristin« nimmt doch bedeutend zu, als sie oben von
-der Perle aller Wirtschafterinnen erfährt, daß der einzige Führer des
-Ultentales, den man vorzufinden hoffte, noch eine Partie macht: Rückkehr
-unbekannt! Und da sollte die Tagesarbeit umsonst gewesen sein, die geplante
-Tour über's Zufrittjoch und die Zufrittspitze hinab ins Martelltal auch in
-den Grünsee fließen --?! Der Hochtourist bewahrt männliche Fassung; aber
-auch er ist entschlossen, seinen Rucksack nicht selbst vier Stunden lang
-über die riesigen, steiglosen Trümmerhalden zum Joch hinauf zu schleppen
--- er studiert um. Und plötzlich tut er, als könne uns nichts Besseres
-passieren, ja, als wäre es schon lange unsere einzige Sehnsucht, eine
-große Gletschertour allein zu machen! »Die Hintere Eggenspitze,« sagt
-er und deutet aus dem Fenster auf den schönen, weißen Gipfel, »das ist
-sogar der höchste Berg in der östlichen Ortlergruppe! Und wie bequem, man
-geht von der Hütte aus hinauf, ohne andres Gepäck als den Proviant, kommt
-hierher zurück, ruht sich aus -- steigt wieder ins Tal --! Dabei der Weg
-so einfach: eine Stunde lang grobes Moränengetrümmer, dann über den
-Weißbrunngletscher ohne jede technische Schwierigkeit empor. Ich seile Sie
-an -- und damit gut!« =Ce que homme veut= -- -- ich ergab mich. Als erstes
-fehlte uns das Seil, das er schlauerweise oder aus Bequemlichkeit unten
-im Koffer gelassen hatte. Die Hüttenwirtin lieh uns das neue Fahnenseil,
-dessen 9-Millimeter-Stärke schlimmstenfalls ja genügt haben würde,
-_mich_ zu halten. Zuerst also die einfachen Moränen, dann der einfache
-Gletscher. »Ist er auch gefahrlos?« fragte ich, als wir vom Fels auf
-den Firn hinübergingen und ich kunstgerecht als erste Fahne des Seils
-angeknüpft wurde. Dabei entdeckte ich, daß mein Hochtourist in die 15 m
-Seillänge, die zwischen uns Distanz halten sollten, eine Schlinge machte.
-»Da hinein,« befahl er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten,
-»stoßen Sie sofort den Pickel bis zur Klinge, wenn ich einbreche, und
-bohren ihn fest in den Schnee, was Sie weiter tun müssen, sage ich Ihnen
-dann schon!« »Gern,« versprach ich mit übertriebener Freundlichkeit,
-plötzlich dessen bewußt, daß ich im Ernstfalle gar nicht die Kraft haben
-würde, ihn herauszuziehen. Verdient hätte er's ja auch keinesfalls -- nur
-daß ich dann eben sanft nachgerutscht wäre! Anderthalb Stunden sondierte
-die Gestalt vor mir mit dem Pickel Schritt für Schritt; denn die Stirn
-dieses müden, alten Gletschers ist von Falten durchfurcht, die
-der tückische Schnee sorgsam zugedeckt hat. Aber wir mußten diese
-Schönheitsmängel aufspüren, Schritt für Schritt, und jeder sank
-dazu tief in die weiche Decke. Ein paarmal drehte sich mein Wegweiser in
-ziemlicher Hast zur Seite und sagte nur: »Dort nicht!« und ich empfand
-schaudernd das Gefühl nachträglich, das einen befällt, wenn der Pickel
-ins Leere, ins Bodenlose stößt; und dann brach er mit dem rechten Bein
-wirklich ein, rief über die Schulter: »Festhalten!« und krabbelte am
-Rand empor, während ich krampfhaft und todesmutig zog. Ich bilde mir auch
-heute noch ein, daß nur ich eine Katastrophe verhütet habe -- bis heute
-habe ich aber weder einen Dank noch eine Rettungsmedaille bekommen! Aber
-dort: waren das nicht Spuren?! Ein Mensch mußte den Gletscher traversiert
-haben und zum Zufrittjoch hinübergewandert sein. Wir hielten tapfer auf
-die Trace los: und dann ergab sie sich als die zierlichen Abdrücke
-von acht Gamsfüßen, die mit untrüglichem Instinkt, wie es sich
-herausstellte, knapp vor jeder Spalte abgebogen waren. Auf meine innere
-Verzweiflung hin, die sich nur in Seufzern und kurzen Verwünschungen alles
-Bergsteigens äußerte, probierten wir einmal, im Fels aufwärts zu
-kommen; aber er war teilweise mit Schnee bedeckt und dazu so plattig und
-zertrümmert, so wenig Halt bietend für Fuß und Hand, daß wir reuig zu
-den immer noch zuverlässigeren Gletscherspalten zurückkehrten. Endlich
-der Grat! Er bietet keine Fährlichkeiten mehr; die anderthalb Stunden in
-seinem Schnee sind zwar noch mühsam und nicht gerade wohltuend, denn trotz
-des tiefblauen Himmels und der nun erscheinenden leuchtenden Sonne pfeift
-ein eiskalter Wind uns ins Gesicht; aber nun haben wir den Berg doch
-besiegt! Und er lohnt uns die Mühe reichlich. In greifbarer Nähe liegen
-die eisgepanzerten Riesen der zentralen Ortler-Gruppe, im Norden die
-Ötztaler, die Stubaier, im Süden die Adamello- und Brenta-Gruppe, in der
-Ferne die Gipfel der Bernina, im Osten die wildgezackten Dolomiten. Ja,
-köstlich ist die weiße Einsamkeit, die glitzernden Schneefelder, die
-große, erhabene Ruhe der Firnhäupter. Umsonst ist man nicht 3437 m hoch,
-der Stolz gibt dem Brot und echten Prager Schinken einen Extrawohlgeschmack
--- wenn nicht, ja wenn nur nicht, der Abstieg noch wäre --! »Sehr
-einfach,« bemerkt der Hochtourist, der sich für seine Anstrengungen durch
-reichliche Nahrungszufuhr selbst belohnt, »wir vermeiden den morschen
-Fels! Wir gehen nur durch den Schnee.« Ich versuche zu streiken; aber eine
-Frau an einem Fahnenseil, nach einer mehrstündigen Gletscherpartie, in
-leicht strapazierter Toilette (Beinkleid und Wollbluse!) mit Schneebrille
-und Fausthandschuhen, hat einiges von ihrer »Allmacht« eingebüßt. Sie
-muß, beim Abstieg vorangehend, den alten Spuren folgen, sinkt in dem
-jetzt noch viel weicheren Schnee bis an die Brust ein, klappt wie ein
-Taschenmesser vornüber, hat Nase, Augen und Ohren voll Schnee, besinnt
-sich, daß sie sich im Fels das rechte Knie verletzt hat, fühlt, daß es
-nun den Dienst versagt, schreit in die Lüfte, daß ihr Bein verrenkt,
-der Hüftknochen gebrochen und sie verloren sei -- und erhält von dem
-in fünfzehn Meter Abstand von ihr gleichgültig ihre Hilflosigkeit
-Beobachtenden mit ruhiger Stimme den Rat: »Zieh'n S' das Bein raus und
-gehen S' weiter!«
-
-Es ist seltsam, welch eine Suggestion in solchen durchdachten,
-feinempfundenen Worten liegt: man zieht das Bein wirklich heraus und geht
-schweigend weiter. Am Schluß des Gletschers wird die Fahne eingezogen,
-d. h. ich abgebunden. Aus den kleinen Wasserrinnen, die in frühester
-Morgenstunde bescheiden zwischen dem Geröll rieselten, hat der schmelzende
-Schnee nun reißende Bäche gemacht, mit großspurigem Auftreten. Und ein
-bißchen gewachsen nach dieser Gletschertour fühlt man sich selbst auch:
-ohne Führer -- und bei der Möglichkeit (oder besser Unmöglichkeit!) im
-Ernstfall den Hochtouristen aus einer Spalte ziehen zu müssen -- gar
-nicht schlecht! Man hat sich gut bewährt. Unten, bei der Hütte, ist man
-überzeugt, daß zwar alle Fähigkeiten zu großen Eistouren vorhanden
-sind, daß man jedoch, um nicht aus der Übung zu kommen, doch noch eine
-rechte, schöne Kletterpartie machen möchte. Und dazu gibt's ja immer nur
-eins: die Dolomiten!
-
-Hinaus zum langen Ultental, das man wirklich gründlichst kennen gelernt
-hat, von Sankt Waltraud in der vollgestopften Post bis Oberlana bei Meran.
-Per Bahn nach Bozen und mit einem der unzähligen Hotelwagen, die täglich
-noch ungezähltere Fremde befördern, durch das Eggental, vorüber an der
-pompösen alten Burg Karneid der Münchener Erzgießerfamilie von Miller,
-von Birchabruck und Welschnofen, den köstlichen Blick auf den Latemar,
-den Rosengarten, die Ortler-Gruppe genießend. Das Wetter scheint etwas
-unsicher, und oben auf der Höhe des Karerpasses, die man vom berühmten
-Karerseehotel durch einen schönen Waldweg erreicht, regnet es sanft.
-Bedenken steigen in einem auf, wie sie nur zu berechtigt sind: setzt etwa
-eine neue Regenperiode ein, müßte man auch tagelang dasitzen in der
-Glasveranda des Karerpaßhotels und Patiencen legen oder Balkannachrichten
-lesen, von denen doch keine einzige wahr ist?! -- Da kommt der Mond über
-den Paß und übersilbert dankbar diesen herrlichen Fleck Erde. In aller
-Frühe lockt der leuchtende Schnee der Gipfel ans Fenster, ein jauchzender
-Tag bricht an, und vorsichtig trappt man mit den Genagelten die Treppe
-hinunter, um ja die Schläfer nicht zu stören, die Armen, die von dem
-Wunder draußen nichts ahnen. Mögen sie nur Patiencen legen, wenn sie
-aufwachen! Viele schöne Wege gibt's in den Alpen; aber der schönste,
-unvergleichlichste, die Krone aller Wege ist der Hirzelweg vom Karerpaß
-zur Kölner Hütte, die am Südwestende der Rosengartenspitze liegt. In
-klarer Morgenluft und immer wechselnder, zarter, wunderbarer Beleuchtung
-lagen sie da in langer, endloser Kette, die göttlichen Gebilde: die
-Latemar-Gruppe, die Presanella, die Brenta, die Ortler-, Ötztaler- und
-Stubaier-Alpen, der Schlern, der Tribulaun; die zweieinhalb Stunden zur
-Hütte (2325 m) verfliegen im Genuß all der Pracht, die sich von der
-Hütte aus noch ebenso bewundern läßt. Und man begreift nur zu gut, daß
-die Sektion Rheinland noch ein Touristenhaus anbauen mußte, das einen Tag
-vor unserm Besuch eröffnet worden war: wer diese Hütte nicht gesehen hat,
-hat nichts gesehen! -- Gleich hinter der Hütte geht's steil empor
-über das Tschaggerjoch (2644 m) und wenig abwärts zur vielbesuchten
-Vajoletthütte, dem Ausgangspunkt für die meisten Touren in der
-Rosengarten-Gruppe und auf die kühnen Vajolettürme. Wir wandern
-am nächsten Morgen zum Grasleitenpaß, deponieren unter Geröll die
-Rucksäcke und steigen auf den höchsten und zugleich aussichtsreichsten
-Gipfel des Rosengartens, den Kesselkogel (3001 m), der einen
-wunderherrlichen Blick über fast ganz Tirol bietet und im übrigen
-bei wenig Kletterei und einem ganz amüsanten Band eine nette
-Vormittagsunterhaltung gewährt. Durch den großartigen Grasleitenkessel,
-wo der Schnee noch eine lustige Abfahrt gestattet, geht's zur
-Grasleitenhütte hinunter, wo der Führer für den nächsten Tag engagiert
-wird. Direkt vor der Hütte, so daß man den unteren Teil des Aufstiegs
-durch die schwierigen Kamine ganz übersehen kann, erhebt sich der
-Grasleitenturm -- ein paar Junge, Führerlose, durchklettern ihn grade, und
-heißes Verlangen nach ihm packt mich! Aber natürlich: der Hochtourist
-ist schon oben gewesen und fand es daher für mich peinlich, von den
-»Hüttenwanzen«, die auch jetzt an der Arbeit waren, kritisiert zu
-werden. Was mich aber im nächsten Jahr durchaus nicht verhindern wird!
--- Für diesmal war die Traversierung der mittleren und östlichen
-Grasleitenspitze beschlossen, »auch eine schwierige Tour mit
-Kletterschuhen«, wie ich getröstet wurde. Tatsächlich hat Gottfried
-Merzbacher, damals schon ein vorzüglicher Kletterer, vor ca. dreißig
-Jahren erklärt, daß die Grasleitenspitzen unersteiglich sein dürften --
-wie hat sich der Maßstab geändert! -- und wirklich erscheinen sie von der
-Hütte aus wie eine geschlossene Mauer, die jeden Angriff abweisen muß.
-In der Nähe löst sich die steile Fläche allerdings auf und bietet
-gute Griffe und Tritte; immer aber ist sie außerordentlich exponiert und
-erfordert in den knapp drei Stunden, die man bis zum überraschend
-großen Gipfelplateau der mittleren und höchsten Spitze (2705 m) braucht,
-strengstes Aufpassen. Die Kletterschuhe legten wir diesmal schon in
-der Hütte an, und kraft ihrer Anschmiegsamkeit an den Fels, und der
-Überlegung, die sich schwierigen Situationen gegenüber plötzlich
-einstellt, ging alles vorzüglich. Meine Zwirnhandschuhe waren zwar
-»hin« -- ich kletterte zum Erstaunen aller geaichten Alpinisten nie ohne
-Handschuhe --, denn die Felsen waren scharf und fest zugreifen mußte man
-schon; aber die Glieder gottlob heil! Ganz so gut ging's uns beim Abstieg
-zur Scharte zwischen der mittleren und östlichen Spitze nicht. Diese Tour
-ist außer Mode -- entthront durch den Grasleitenturm! -- und es fand sich
-deshalb viel brüchiges Gestein vor uns, das sonst von den Kletterern nach
-und nach beseitigt wird. So war bei der großen Exponiertheit doppelte
-Vorsicht geboten. Der Hochtourist entdeckte einen Kamin, der ihn stark
-anlockte, und grade stiegen wir in ihn hinein, er voran, ich in der Mitte,
-der Führer mich von oben bewachend, als ein entsetzliches Getöse über
-uns entstand. Ich blickte zum senkrecht über uns stehenden Gipfel,
-schrie: »Steinschlag!« -- und drückte den Kopf in eine Felsspalte. Ein
-faustgroßer Stein traf mich schmerzhaft auf der Hüfte, und pflichtgemäß
-schrie ich auf; aber es war wohl mehr die Angst vor der Ungewißheit:
-»Kommt noch mehr -- und kommen noch größere?« Recht peinliche
-Augenblicke sind das, die man da zubringen muß, als Spielzeug des Zufalls!
-Rasch wie er gekommen, war der Steinschlag vorüber -- man atmete auf --
-und machte sich wieder an die Arbeit. Es erwies sich, daß meine Beine
-für einen Tritt im Kamin zu kurz waren, und ich hing daher einige Meter
-zwischen Himmel und Erde, was man euphemistisch »abgeseilt werden« nennt.
-Aber wenige Minuten später stand auch ich auf der mit Schnee bedeckten
-Scharte, und kaum eine halbe Stunde später erreichten wir den östlichen
-Gipfel, womit alle Schwierigkeiten ihr Ende gefunden hatten. Denn der
-Abstieg zum Molignonpaß ist nur ein Spaziergang von wenigen Minuten. Dort
-standen allein und in der Mittagsstunde bratend, unsere Genagelten, die ein
-Hüterjunge hinaufgetragen hatte, und die uns nun im Schutt hochwillkommen
-waren. Wirklich, eine schöne _und_ schwierige Tour war's, die man weniger
-wegen der Aussicht -- sie ist nur nach Westen und Norden lohnend, im
-Osten und Süden lagern sich höhere Gipfel vor -- als um der reinen
-Kletterfreude willen macht. Eine Extrabelohnung ist noch der Weg von der
-Grasleitenhütte durchs Tschamintal. Wald und Matten dünken einem zwar
-immer besonders herrlich nach ein paar Tagen in den steinernen oder
-firnenreichen Wüsten des Hochgebirges. Aber der Blick rückwärts vom
-idyllischen Tal auf die von unten überaus kühn und steil aufragenden
-Valbuonköpfe, die Grasleitentürme und die Spitzen, die man nun stolz wie
-alte Bekannte grüßt, ist von einem großen und unvergeßlichen Zauber.
-Und ein letztes Mal noch umfaßt man die verlorene Herrlichkeit vom kleinen
-Kapellchen St. Cyprian aus, bei Weißlahnbad, einem willkommenen, oft
-benutzten Vorwurf für die Maler; und trägt die Erinnerung an so viel
-glückliche, wenn auch mühevolle Tage und Stunden mit sich, wenn man
-auf leise schmerzenden Füßen durchs Tierser Tal in die Welt der
-Alltäglichkeit und Flachheit zurückwandert.
-
-
-
-
-Hüttenleben.
-
-
-Die meisten Menschen, die im Sommer eine Erholung suchen, wollen's
-»gemütlich« haben. Je nach ihren Ansprüchen und Mitteln wählen sie den
-Aufenthalt in einem eleganten Bade, einem bescheidenen Kurorte oder, wie's
-jetzt »Mode« geworden ist, in abgelegenen, primitiven Bauernhäusern;
-Bedingung bleibt immer, daß man es sich eben nach seiner Auffassung
-»gemütlich« machen kann, jede geistige und körperliche Anstrengung
-vermeidet und alle vierundzwanzig Stunden einem Dolcefarniente weiht. Im
-Durchschnitt wird das ja nun das richtige sein, um die Nerven zu beruhigen
--- worauf es den Sommerfrischlern in der Hauptsache ankommt! Der einzige,
-der auf sein Programm nicht mit rosa Lettern und nachlässiger Schrift das
-Wort »Frieden« schreibt, ist der Hochtourist. Zwar bringt sicherlich ihm
-am ehesten die köstliche Bergeinsamkeit allmählich ein inneres Ausruhen
-und eine wirkliche Befriedigung, aber vor seinen Erfolg haben die Götter
-in Wahrheit viel Schweiß gesetzt -- er muß täglich aufs neue kämpfen,
-mit sich selbst, mit der Natur, um den wohlverdienten Lohn zu empfangen.
-Von »Gemütlichkeit« ist bei ihm nicht viel die Rede. Schon seine
-Ausrüstung deutet auf die Anstrengungen, Gefahren und Entbehrungen, die
-seiner warten. Er allein löst sich in den Wochen seiner alpinen Tätigkeit
-von der Zivilisation; noch mehr: auch auf die ihm angeborene oder
-anerzogene Kultur muß er ein wenig verzichten, soweit sie seinen äußeren
-Menschen anbelangt. Das tägliche Bad, frische Wäsche, Kleiderwechsel zu
-jeder Tageszeit oder jedem Witterungsumschlag, das gibt's ebensowenig wie
-pünktliche Mahlzeiten, einen mit Luxus gedeckten und mit reicher Auswahl
-besetzten Tisch. Von vornherein läßt sich also annehmen, daß sich nur
-diejenigen den Bergsport zur Erholung erwählen, die von den elf Monaten
-ihres bürgerlichen Daseins nicht »untergekriegt« sind und einen Vorrat
-an unverbrauchten Nerven und fester Gesundheit besitzen, der sie befähigt,
-den kommenden Strapazen Trotz zu bieten.
-
-Sieht man sich einmal die alljährlich stark anwachsenden Mitgliederlisten
-des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wie der übrigen
-zahlreichen alpinen Klubs und Vereinigungen an, so darf man daraus wohl
-nicht mit Unrecht einen Schluß auf die Volkskraft und -gesundheit ziehen.
-Steigt von all diesen Hunderttausenden jährlich auch nur ein gewisser
-Prozentsatz wirklich auf die Berge, so genügt er doch, um uns nicht ganz
-hoffnungslos in die Zukunft unserer Rasse schauen zu lassen; wir sind
-darnach doch nicht so entnervt, verbraucht und dekadent, wie manche
-Schwarzseher uns in klugen, wissenschaftlichen, aber sehr schmerzenden
-Abhandlungen darzustellen belieben! Leute, die sich wochenlang auf ihre
-eigenen Füße verlassen, ihr Gepäck, oft auch den Proviant für mehrere
-Tage selbst schleppen und mit der einfachsten Lagerstatt und den simpelsten
-Mahlzeiten für die ganze Zeit vorliebnehmen -- alles aus Begeisterung für
-die Natur und ihren Sport --, in denen lebt noch etwas von dem echten, so
-oft verspotteten und angefeindeten deutschen Gemüt und dem Wesen, an
-dem nach des Dichters Wort die Welt genesen sollte. (Was sie vorläufig
-allerdings vorgezogen hat, nicht zu tun!) Uns aber behüte dieser Beweis
-unerschütterter Gesundheit vor dem Verzagen. -- »Aber auf den Hütten,
-nicht wahr, soll es doch so unterhaltend sein?« -- Wie man's nimmt.
-Unterhaltend, ja; für Leute, die eben mit Leib und Seele Alpinisten sind.
-Denn erzählt wird fast nichts als von besonderen neuen Anstiegen, alpinen
-Erfolgen -- oder Katastrophen. Heiter ist es deshalb nicht immer; dafür
-belehrend, auch durch die Art, wie erzählt wird. Man sieht aus ihr, wie
-rasch unter den Kundigen Prahler und Lügner entlarvt werden, wie
-nur wirkliche Energie und Intelligenz anerkannt und der fade, sich
-wiederholende Schwätzer bald zur Ruhe verwiesen oder zur Einsamkeit
-verdammt wird. Auch sonst wirkt das Hüttenleben durchaus erzieherisch.
-Keine Idee von den unsichtbaren Triumphbogen, die unten im Tal der Wirt und
-der Portier für jeden noch so harmlosen Gast in aller Devotion erbauen!
-Man mag von der eigenen Leistung bis zum Mützenrand erfüllt sein oder die
-Brust von den kühnsten Vornahmen für den kommenden Tag geschwellt haben
--- man rückt bescheiden vor der Hütte an, stellt den Pickel, der sich so
-schön ausnimmt, mit seinem vernarbten Stock nach allgemeinem Brauch vor
-der Tür auf, läßt den Rucksack im Gang auf die Erde gleiten und betritt
-möglichst unauffällig und ebensowenig von den Anwesenden irgendwie
-beachtet den inneren Raum. Ein »Grüß Gott!« mit dem Wirtschafter und
-den Gästen, an deren Tisch man Platz nimmt, ausgetauscht -- das ist
-alles. Dann erfährt man so nebenher, daß die Einzelzimmer, falls solche
-überhaupt vorhanden, schon vergeben sind. Daß leider das frische Fleisch
-schon verzehrt wurde und von allen Konserven nur noch Gulasch, was einem
-schon wegen des folgenden Durstes zuwider ist, angeboten werden kann.
-Wasser zum Waschen gibt's schon seit mehreren Tagen nicht mehr -- kein
-Regen und viel Besuch! Aber daß es morgen schlecht Wetter wird -- wo man
-sich seit Jahren gerade auf diesen Gipfel gefreut hat -- ja, das scheint
-Tatsache zu sein. Wie aufrichtig dankbar ist man, daß es doch noch einen
-Teller Erbssuppe gibt -- wie sparsam geht man mit dem Töpfchen warm Wasser
-um, das den ganzen Abend zur Limonade reichen soll! Selten ist man sich
-so erquickt und ausgeruht vorgekommen wie nach einer halben Stunde auf der
-harten Holzbank, im Rauch verschiedensten Tabaks und dem Duft der Küche,
-deren Tür wegen der angenehmen Wärme nicht geschlossen wird. -- Hat man
-dann ein Lager für die Nacht angewiesen bekommen, so wechselt man dort,
-auf der Pritsche sitzend, seine Bergstiefel gegen die Hausschuhe. Das
-Glücksgefühl hierüber kann nur der teilen, der neun bis zehn Stunden
-die Nägelbeschlagenen bergauf und bergab gesetzt hat. Unten findet man
-die Gaststube leer -- alle sind hinausgeeilt, die eben noch todmüde,
-verhungert, unfähig, ein Glied zu rühren, waren, um den Sonnenuntergang
-zu sehen. Niemand spricht. Jeder schaut nur -- ist versunken in den
-erhebenden, heiligen Anblick des langsam in einem Purpurmeer vertauchenden
-Gestirns. Wie noch hier und dort ein Hang in voller Pracht strahlt -- im
-Tal ein Fensterchen wie ein mächtiger Diamant aufblitzt -- die Wolken
-allmählich die stille, sanfte Glut annehmen, die das Herz mit Sehnsucht
-nach den Herrlichkeiten erfüllt, die sie verschleiern -- und dann, von
-der Tiefe aufsteigend, Nacht und Schatten sich um den Fuß der Berge legen,
-höher und höher klimmen und schließlich die Welt ringsum in den Schoß
-der Unendlichkeit aufnehmen. Die Menschen hier oben, die vom Zufall
-zusammengeweht sind, stehen wie auf einer kleinen Insel. Leise streicht der
-Wind durch das magere, kurze Gras -- kein Laut, kein Ton sonst! Ja, jetzt
-ist Friede. Der Friede, um den sie hier heraufgestiegen sind. Die großen
-Schauer der Einsamkeit rütteln an ihrer Seele; hier oben erwacht sie und
-füllt sich mit heiliger Freude, daß sie noch imstande ist, die Wunder
-ringsum bis ins kleinste zu empfinden und zu genießen.
-
-Schweigend kehrt man endlich, wenn das Auge nichts mehr unterscheidet, in
-die Hütte zurück. Und nun kann's eine »gemütliche« Stunde geben --
-vielleicht! Nicht immer. Manche Menschen besinnen sich zu schnell auf die
-nüchterne Wirklichkeit und ihr Naturell zurück; nur wenige haben
-den richtigen »Hüttenton«, der eben einen geraden, harmlosen,
-ungekünstelten Charakter voraussetzt. Alles Gemachte, Unnatürliche hält
-dem schlichten Rahmen der Holzwände und weiter draußen dem der
-starren Felsen nicht stand. Hier ist Natur. Sie fordert unverfälschtes
-Menschentum. »Laß die Berge den Frieden bringen unter das Volk und die
-Hügel die Gerechtigkeit.« Ich glaube nicht, daß König Salomo das war,
-was wir heute einen Alpinisten nennen. Aber den Zauber wie die Allmacht der
-Berge auf das Menschenherz -- die hatte er voll erkannt.
-
-
-
-
-Eine unterirdische Hochtour.
-
-
-Es regnete nicht: es goß. Das beliebte Münchener Schlackerwetter, das die
-Luft in undurchsichtige Rauchschwaden umwandelt und die Straßen mit zähem
-Brei überzieht, so daß man beständig, nur unpoetischer: »Schwan kleb'
-an« spielt, hatte einmal wieder von uns Besitz ergriffen, auch vom Herzen
-und allen Sinnen.
-
-»Und doch ein Wetter, wie geschaffen für eine Bergtour«, sagte mein
-Hochtourist.
-
-Ich sah ihn an: ein Meter Neuschnee wurde von allen Höhen gemeldet, bis
-tief ins Tal lag schon die weiße Decke, das Thermometer zeigte an meinem
-wärmsten Fenster (allerdings Nord-Nord-Ost!) vier Grad um die Mittagszeit
-und sank nachts in nicht zu berechnende Niederungen -- und dann eine
-Hochtour?
-
-»Gewiß -- aber eine unterirdische. Dazu langt's grade. Oder vielmehr,
-da können einem endlich mal alle Wetterprophezeiungen und -nachrichten
-gleichgültig sein, da ist man unabhängig, frei -- also?« Und auf mein
-Zögern und den nachdenklichen Blick in das braune Düster, das sich
-für Tageslicht ausgibt, lockert er mit geschickter Hand den letzten, im
-Bequemlichkeitskamin festgeklemmten Stein:
-
-»Am 24. September haben sie's eröffnet -- und wir waren noch nicht
-draußen!«
-
-Der Stein rollt. So was kann man nicht auf sich sitzen lassen! Aber ich
-versuche am nächsten Morgen doch meine Genagelten recht graziös und
-unhörbar aufzusetzen, um von niemand beim Abstieg von meiner Etage in
-die Ebene überrascht zu werden -- denn ein Badekostüm mit imprägnierter
-Fußbekleidung wäre immerhin noch passender als das Hochtouristenkostüm
-und der Rucksack. Bei der endlos langen Fahrt mit der Tram zum
-Isartalbahnhof hinaus lernt man jedoch einsehen, wie unnötig wichtig man
-sich wieder einmal vorkam, und daß sich der gute Münchener, der an die
-größten Kontraste in der Toilette seiner Mitmenschen gewöhnt ist, wegen
-einer, »die spinnt,« d. h. nicht ganz richtig im Kopf ist, nicht weiter
-aufregt. Der Hochtourist wandert rauchend am Zug auf und ab und ignoriert
-alle bescheidenen Einwürfe: »Ja, wer eben feig' ist, der soll daheim
-›am Stuhl‹ sitzen bleiben.« Ich fahre also mit ihm ab; an den
-entzückenden, heute nur zu ahnenden Villenkolonien und Ortschaften des
-Isartales vorbei. Hinter Wolfratshausen -- nicht eine Minute eher, denn
-von der Geburt bis zum Grabe speist der Münchener um 1 Uhr -- dinieren
-wir kalt aus dem Rucksack. Kalte Gans, kalte Kotelette, kalte Äpfel, kalte
-Limonade -- um uns als moderne Menschen harmonisch der kalten Umgebung
-anzupassen. »Jetzt fahren wir mit 'm Postauto -- das wissen's doch?«
-
-Ich habe es nicht gewußt und hätte nie eingewilligt -- daher schweige
-ich.
-
-In Kochel (sprich: Koh--chel) wartet es auf uns. Der Chauffeur heißt uns
-als einzige Passagiere herzlich willkommen, und -- o Wunder! -- es regnet
-nicht mehr, es sinkt nur noch feucht, aber äußerst durchdringend aus dem
-Nebel nieder. »Koh--chel« am gleichnamigen See durchfliegen wir und in
-ängstlichen Kurven die Landstraße auf und ab, an Obstgärten mit traurig
-leeren Bäumen vorüber -- durch Wald, dem die Sonne fehlt, um seine
-rostbraune Schönheit aufleuchten zu lassen, an steilen Hängen hin, um
-schmale Kehren herum, bei denen es heißt: »Hier könnte man sonst den
-und den Berg sehen« -- »da gäb's eine herrliche Talaussicht« --
-die Phantasie bekommt Spielraum genug -- das hat auch sein Gutes. Den
-Walchensee, an dessen Ufer, in Urfeld, es eine erste Station gibt, sieht
-man wirklich. Und freut sich, daß er noch da ist. »Verschandelt« nach
-Münchener Ansicht soll er nach dem berühmten Projekt, das ihn einerseits
-als Staubecken vorsieht, um den Lauf der Isar zu regulieren, andererseits
-seine Wasserkräfte für elektrische Werke -- man denkt an verschiedene
-Bahnlinien -- ausnutzen will, vom nächsten Jahr an doch schon werden.
-Freilich, zur »Reisezeit« will man ihm seinen früheren Bestand gönnen,
-und tiefer als unter 4.60 m seines gewöhnlichen Standes soll er sowieso
-nie gesetzt werden! Aber es ist wohl leider so: die Poesie und Idylle muß
-der Nützlichkeit weichen; durch einen 1070 m langen Stollen, der durch den
-Kesselberg gebohrt werden wird, soll das Walchenseewasser zum 200 m tiefer
-gelegenen Kochel geleitet werden, wodurch natürlich auch hier große
-Umwälzungen nötig sein werden, um den Bestand des Kochelsees zu
-regulieren. Über Nutzen oder Schaden dieser Riesenpläne ist man sich in
-Bayern noch recht wenig einig -- das Projekt jedoch wird verwirklicht und
-soll 19?? beendet sein. Heute sieht der vergewaltigte See recht friedlich
-aus; wie im Urzustand, ein Chaos von Wolken über ihm, als sei Wasser und
-festes Land um ihn her noch nicht geschieden. Aber unser Fuß fühlt eine
-etwas konsistentere Masse, als wir in Dorf Walchensee von Bord -- nein,
-Verzeihung, es war doch ein Auto! -- gehen. Und dann noch drei Viertel
-Stunden zu Fuß über den Katzenkopf, einen waldbestandenen Hügel, der
-reizend sein soll, wenn man ihn sieht, nicht nur fühlt, nach Einsiedl.
-Ein hübsches Gasthaus am Ende des Sees -- aber sehr einsiedelhaft in der
-jetzigen Saison. Die Autos rasen seitwärts die »Staatsstraße« empor,
-die nur ein paar Meter vom Haus vorbeiführt und es dennoch vom Getriebe
-ausschließt. Zwar, wir sind dankbar für die Ruhe. Und zufrieden, dicht am
-Ziel zu sein.
-
-Am nächsten Morgen segeln die Nebel unter gutem Wind über den See. Es
-hat stark gereift in der Nacht, und die Luft ist von köstlicher Herbe;
-vorläufig kann's uns ja noch egal sein -- aber später! -- Eine gute halbe
-Stunde geht es auf einem schmalen, frischausgehobenen Weg steil bergauf;
-wie ein schwarzes Land hebt sich die fruchtbare, schwere Erde vom Moosboden
-ab. Überall Markierungen, Pfeile, Schilder: »Es ist verboten --« und
-»es wird gebeten --«, ich fürchte, beides ohne viel Erfolg. Der Verein
-der »Naturfreunde«, dessen Arbeit uns diese Tour ermöglicht, wird bald
-sehen, daß es ein undankbares Geschäft ist, an das ästhetische Gefühl
-seiner Mitmenschen zu appellieren -- schon jetzt finden sich genug
-häßliche Spuren des »Kulturmenschen« vor. Dann stehen wir vor
-der Höhle, der Angerhöhle am Simetsberg, der unser Besuch und die
-»Hochtour« gelten soll. Der obengenannte Verein hat sie erschlossen,
-weist aber am Eingang noch einmal darauf hin, daß ihr Besuch nur auf
-eigene Rechnung und Gefahr geschähe; in einem Prospekt, den ich erhielt,
-heißt es außerdem, daß die Höhle nur in Begleitung und mit Reservelicht
-zu betreten und ihre Begehung mit Schwindel behafteten, ungeübten und
-korpulenten Personen nicht zu raten sei. Man macht also wirklich eine
-alpin-touristische Kletterei, eine richtige Hochtour im Innern der Erde!
-
-Wir zündeten unsere Laternen an, mein Stock wurde einem Baum am Eingang
-anvertraut -- dann ging's an! Gleich mit zwei sehr steilen Leitern, dann
-durch einen schmalen Gang, der das Aufrechtgehen nicht erlaubt. Das Auge
-lernt bald, den kleinen Lichtkreis der Laternen auszunützen, denn vom
-Tageslicht dringt kein Strahl in dies unheimliche Dunkel. Man hat auch
-nicht auf »Korpulente und Ungeübte« Rücksicht genommen, man muß
-klettern, sich strecken, über Dutzende von senkrecht stehenden Leitern,
-über große Blöcke, schmale Steige, die über einen Abzugskanal für
-das von den Wänden tropfende Wasser gelegt sind, dann wieder auf eisernen
-Stiften über schaurige Tiefen fort, an gähnenden Spalten vorüber und
-an düsterblinkenden Wassertümpeln -- kurzum, eine echte, rechte Hochtour
-macht man, ehe man nach einer Stunde bei bescheidenem Kerzenlicht das
-vorläufige Ende des Ganges bei einem etwa 15 m langen See erreicht. Hier
-gibt es sogar ein Höhlenbuch wie sonst ein Gipfelbuch, und ganz stolz
-über die Leistung schreibt man seinen Namen ein. Ich muß sagen, daß die
-»Angerhöhle« durch ihren alpinen Charakter von allen Höhlen, die ich je
-gesehen, am interessantesten ist. -- Dann photographierten wir; der Mensch
--- diesmal der Hochtourist -- ist ja nie zufrieden. Blitzlicht hatten wir
-mit; ich mußte es entzünden. Es ist eine empfehlenswerte Einrichtung.
-Abgesehen davon, daß mein »echter« Haselnußstock, an den ich die Tüten
-hängte, verkohlte, meine sämtlichen Fingerspitzen verbrannten, und ich
-mich in irgendeine Ecke nach vollbrachter Tat des Anzündens stürzen
-mußte, um meine Augen zu retten, erstickten wir fast an dem sich
-entwickelnden Rauch, der nirgends entweichen konnte und uns deshalb als
-Wegweiser nahm. Wir photographierten in verschiedenen Gängen -- der neue
-Rauch sammelte sich zum alten, sogar unsere kleinen Kerzen in den Laternen
-starben beinahe. Und das wäre recht unangenehm gewesen! Ob die Bilder
-»etwas« geworden sind, ist fraglich -- daß wir froh sein konnten, den
-»Naturfreunden« nicht zu begegnen, ist außer Zweifel. Als wir wieder
-ans Tageslicht kamen -- es war nicht rosig, sondern blau und golden, von
-strahlender Schönheit! -- zog der übelriechende Rauch noch immer neben
-uns her.
-
-»Macht nix,« sagte der Hochtourist ungerührt, »jetzt ist es erst
-wirklich Fafners Höhle.«
-
-Nun gab's noch einen wirklichen Gipfel, den des Simetsberges, und dann
-eine wunderbare vielstündige Wanderung bis hinunter nach Eschenlohe. Die
-glühenden Fackeln der Buchen zwischen dem Grün der Tannen, die Birken
-und Pappeln im zartesten Gelb -- silberne Herbstfäden über den harten
-Brombeerblättern, wie leichte Wolken das weißballige Jelängerjelieber,
-im Volksmund »Gemsröckl« geheißen, im Buschwerk hängend. Dazu der
-wilde Schrei der Hirsche, die ihre Liebsten vom goldnen Lager aufjagen, die
-Lüfte zerreißend -- im steinernen Bett das sanfte Lied des Waldbaches.
-Und ein Rauschen in den Baumkronen, verheißend, beseligend, daß auch nach
-diesem bunten Todesreigen die Natur zu neuem, ewig-schönem Leben erwachen
-wird.
-
-
-
-
-II.
-
-»Sie« auf Ski.
-
-
-
-
-Bei den »Säuglingen«.
-
-
-»Ausschau'n tun Sie, Säugling, als wenn S' heut' gebor'n wär'n!«
-
-Sehr genau wußte ich, daß sich diese Schmeichelei nicht auf ein unerhört
-jugendliches Aussehen, sondern auf einen glühend roten Teint bezöge.
-Blendender Schnee, starke Anstrengung, scharfe Luft und leuchtende Sonne
-machen in wenig Tagen aus der zartesten Haut -- die ich natürlich sonst
-habe! -- ein Burgunderpergament. »Wie kann man nur,« sagten meine
-Münchener Freunde, »grade zur Faschingszeit! Wo S' am Montag zum
-Bühnenball wollen!«
-
-Ich fürchte, es wird weder etwas mit dem Bühnenball noch mit einem
-andern. Denn außer einem Rote-Grütze-Teint bringe ich ein stark
-lädiertes Bein mit heim, das sich der kräftigste Herr des Kurses als
-Stützpunkt bei einem Fall ausersehen hat. Aber was tut das alles? Können
-die gestörte Schönheit oder ein verrenktes Körperglied ins Gewicht
-fallen gegen diese köstlichen, frohen Tage unter Zdarskys Leitung? Was
-dieser Mann mit 159 Personen, von denen die meisten blutige Anfänger in
-der hohen Kunst des Skifahrens sind, in wenig Tagen macht, wie er vor allem
-aus einer disziplinlosen Masse mit allen bösen Instinkten der Menge, als
-da sind: Ungehorsam, Unbotmäßigkeit, Widerspruch, Besserwissen usw.,
-einen wohlgeschulten, gefügigen Körper ausbildet, der ihm aufs Wort
-gehorcht und immer mehr einsieht, welch ungeheure Nächstenliebe und
-Aufopferung dazu gehört, monatelang in jedem Winter ohne den geringsten
-Entgelt außer dem Dank der »Säuglinge« Hunderte mehr oder minder
-Geschickter anzulernen, das ist erstaunlich. Und scheint mir bei aller
-hohen Achtung vor der Kunst und dem selten vielseitigen Wissen dieses
-Mannes das bewundernswerteste. Es ist geradezu spaßhaft zu sehen, wie zahm
-auch die Kecksten werden; und wie man selbst auch nicht auf den Gedanken
-käme, irgend etwas anderes zu machen, als er es in unermüdlicher Geduld
-»vorturnt«. Dies genaue, schulgemäße Wiederholen aller Übungen tut
-auch dem Vorgeschrittenen gut -- weshalb ich nur jedem raten kann, von Zeit
-zu Zeit einmal wieder an einem Kurs teilzunehmen -- denn nur zu leicht wird
-man bei kürzeren Touren und gutem Schnee gegen viele Regeln gleichgültig
-und hat dafür in Ernstfällen zu leiden. Zdarskys Methode, die ja nur den
-Zweck verfolgt, Bergtouren im Winter zu ermöglichen, verlangt eben eine
-exakte Ausführung ihrer auf gründlichster Erfahrung und Berücksichtigung
-aller vorkommenden alpinen Verhältnisse aufgebauten Gebote. Da darf man
-sich gern einmal wieder als »Säugling« betrachten, wie er seine Schüler
-mit Vorliebe benennt, und sich in Reih und Glied mitaufstellen, um seinen
-militärisch gegebenen Kommandos präzise zu folgen. Für den vierten
-alpinen Ski-Kurs, der »heuer« vom 14. bis zum 21. Januar stattfand,
-war ein herrliches Gelände ausersehen, nämlich das um Oberammergau. Mit
-seinen mäßigen Hügeln, die auch dem Anfänger Mut zum »Stemmfahren«
-und »Stemmbogenfahren« machen, und den schönen Bergen für die üblichen
-Touren der letzten Tage, wäre es »ideal« gewesen -- falls sich ein
-besserer Schnee vorgefunden hätte. Ich muß sagen, daß ich mir recht
-lächerlich vorkam, als ich vor acht Tagen mit voller Skiausrüstung die
-Reise zum Passionsdorf antrat und immer weiter in eine grünende Landschaft
-hineingeriet, über der schon Frühlingshoffnung zu schimmern schien. Von
-Schnee ka Spur! Ein Hamburger, der eigens zum Kurs aus seiner nebligen
-Stadt herunterkam -- es sind übrigens Teilnehmer aus ganz Deutschland
-und Österreich vorhanden -- kehrte schleunigst wieder um, angesichts des
-bißchen Rauhreifs, der da und dort in den Wäldern hing. Der ungläubige
-Thomas mag sich stark ärgern, wenn er nun erfährt, wie schön es
-besonders in den ersten Tagen war: köstlichster Pulverschnee, in dem sich
-die Stemmbögen wie von selbst schlugen. Nun freilich ist der Schnee bei
-starker Sonne am Tage und Frost des Nachts verharscht, und das
-»Abfahren -- marsch!« löst keine reine Freude in der Seele auch des
-charakterfestesten Skifahrers mehr aus. Z. B. gestern, die erste Tagestour
-zum Laber-Joch hinauf. Zdarsky schont seine »Säuglinge« nicht. Mit
-größtem Geschick wählt er seinen Weg so, daß alles, was man gelernt
-hat: Hindernisse nehmen, Zäune überklettern, Bäche durchwaten usw.,
-angewendet werden muß. Dann heißt's plötzlich: »Abschnallen«, und
-über eine Stunde hat man die Skier auf der Schulter einen steilen,
-vereisten Hohlweg emporzutragen. »Das zieht hin«, sagt man bei uns im
-Norden. Dann wieder: »Anschnallen«, und die freundliche Erlaubnis, nun
-eine Viertelstunde auf den Skiern auszuruhen. Aber die Sonne glitzert auf
-dem blauweißen Schnee, die Gipfel ringsum funkeln im Licht, wolkenlos
-spannt sich der Himmel über den Wäldern -- da kommt mit dem ruhigeren
-Atem die Freude an all dem Schönen zurück -- und das Vergnügen, mit
-frischen, gesunden Menschen zusammen zu sein, bei denen die Liebe zur
-Natur und zum Sport einmal glücklich alle kleinlichen eitlen Regungen
-ausgelöscht hat. Darauf geht's tapfer bergauf mit der Devise:
-»Spurhalten«, bis ein schöner, sonnenbeschienener Platz erreicht
-ist: »Eine Stunde Rast«. Ein Rieseneifer entwickelt sich; genau nach
-Vorschrift wird im Schnee ein Platz ausgetreten, die Skier dienen als Sitz,
-die Fäustlinge werden zum Wärmen über die Fußspitzen gezogen -- wer ein
-Zdarsky-Zelt besitzt, zieht es mit zwei Griffen um sich her, andere suchen
-im Freien einen geschützten Punkt, um unter dem mit Schnee gefüllten
-Kochapparat den famosen Zdarsky-Brenner anzünden zu können. Ein lustiges
-Lagerleben entwickelt sich blitzschnell, Obst und Süßigkeiten werden
-ausgetauscht, nach dem alten Grundsatz, daß Fremdes immer besser schmeckt
-als das eigene. »Und die Photographen arbeiten fieberhaft.« Kocher sind
-bekanntlich dazu da, um im letzten Moment umzustürzen. Trotz des Vorwurfes
-meines Hochtouristen, ich hätte den Apparat »natürlich« falsch
-aufgestellt, nämlich nach genauer Vorschrift auf den flachgelegten Skiern,
-kochte mein Teewasser beinahe, und ich verschüttete nur ein Viertel des
-Inhalts. Nun übernahm er die Wacht -- Männer können bekanntlich alles
-besser -- auch kochen! -- tat mit Riesenwichtigkeit gleich Zucker und
-Teekonserven in die schmelzende Masse, und sagte: »Wer mir nun an den
-Skier stößt, den --« Es kochte -- und auf die Sekunde warf er den ganzen
-Apparat um! »Es ist leichter, Tee zu trinken als zu bereiten«, sagte ein
-Nachbar gefühllos und trank die mitgebrachte Flasche leer, während wir
-auf den braunen Teefleck im reinen Schneetischtuch starrten. Ich glaube,
-es ist einerlei, welchen Kocher man besitzt; sie besitzen alle dieselbe
-Eigenschaft, erst umzufallen, sobald es kocht.
-
-»Anschnallen!« Die Rucksäcke werden gepackt und »modelliert«, damit
-sie nicht drücken, und weiter geht's, bis sich die Talmulde vor uns
-weitet. Lawinenstürze durchfurchen die weißen Hänge, und ruhig, von
-Zeit zu Zeit den Schnee prüfend, legt der stets voranschreitende Hirt eine
-flache Spur an, die allmählich, in langen Serpentinen, die Herde empor
-zum Joch führt. Mehrmals kreuzen wir die Lawinen, aber da ist niemand,
-dem auch nur ein Bedenken aufsteigt. Aus den Vorträgen, die Zdarsky
-allabendlich von acht bis zehn Uhr hält, und in denen er alle Themata,
-die dem Skifahrer wichtig sind, berührt, angefangen von der Haut- und
-Körperpflege, der Kleidung bis zu den alpinen Gefahren, weiß man, wie
-vertraut diesem Mann die Schnee- und Eisverhältnisse sind; unbedingt
-überläßt man sich seiner Führung. Eine lange Kolonne, noch immer über
-hundert Personen -- die anderen sind aus irgendeinem Grund von dieser
-Tagespartie abgefallen -- steigt aufwärts, »wendet« an den Kehren, eine
-Prozedur, deren glückliches Gelingen am Hang mehr als sonst irgendein
-menschliches Tun vom Zufall abhängig ist, und blickt sehnsuchtsvoll zum
-Joch hinauf: noch zwei Stunden, bis man jenseits in die Ebene hinabschauen
-kann -- noch anderthalb -- noch eine -- da heißt es: »Halt!« Gute
-Läufer gebrauchen noch dreiviertel Stunden bis »hihnauf« -- mit dem Gros
-der Säuglinge, dem Zeitverlust an den Kehren, würde es noch fünfviertel
-Stunden dauern. Es geht nicht, man käme in die Nacht hinein. Wer sich dazu
-imstande fühlt, mag den Aufstieg versuchen -- für die übrigen heißt es
-»abfahren«. Aber wie?! Der Schnee ist tellerbrüchig, d. h. er bricht
-in großen, harten Stücken bei jedem Tritt ab; deshalb ist Stemmfahren
-unmöglich, ebenso »Reitsitz«. Bleibt nichts übrig, als die Spur einfach
-zurückfahren. Nun, das geht schneller als das Bergauf, ist nicht gerade
-das Ideal der Abfahrt und zeitigt auch noch viele Stürze. Durch den Wald
-geht's schöner als am Berg und gestattet zum Teil sogar Stemmbögen.
-Am Hohlweg wird man zum »Reitsitz« eingeladen. Mir scheint es eine
-vortreffliche, wenn auf die Dauer auch nicht angenehme Massage für den
-ganzen Körper. Am Schluß weiß man, wo jeder Knochen sitzt und jede
-Muskel angewachsen ist. Die von der Kleidung verdeckte Haut sticht
-überhaupt nach diesen Tagen von der roten des hehren Antlitzes ab;
-denn sie ist -- nicht weiß, o nein, sondern blau und grün. Ein rosiger
-Abendhimmel liegt über dem stillen, kleinen Dorf zu unseren Füßen;
-die Glocken läuten schon den Sonntag ein. Man ist daheim; glücklich und
-ziemlich heil. Und morgen geht's fort. Eins hat nur gefehlt: Neuschnee.
-Aber der Mensch darf nicht alles wollen! -- Von niemand besser als von
-Zdarsky, diesem seltsamen, großen Menschen, kann man ja Bescheidenheit
-und Anspruchslosigkeit lernen. Das ist ein Extrageschenk an seine
-»Säuglinge« -- ein größeres noch als seine Kunst, die uns die
-Herrlichkeiten des Wintergebirges erschließt.
-
-
-
-
-Die erste »Ausfahrt«.
-
-
-»Na ja«, sagte ich, zwar nicht ganz überzeugt davon, daß es für mich
-auf dem Übungshügel, zu dem wir täglich einen etwas steileren ausgesucht
-hatten, nichts mehr zu lernen gäbe, und daß ich meine Kenntnisse nun im
-Gelände erproben müsse, aber doch nachgiebig, um nicht in den Geruch
-der Feigheit zu kommen -- dieser Eigenschaft, die jeder Berechtigung zu
-irgendeinem Sport sofort Grund und Boden abgraben soll. Und bis dahin
-hatte ich Mut bewiesen, viel Mut; nicht nur darin, daß ich gleich versucht
-hätte -- was ja alle anderen auch müssen! -- auf den unzuverlässigen
-langen Holzschuhen von einem Abhang in die Tiefe zu gleiten, sondern daß
-ich nach den Tausenden von Stürzen, von denen meine Übungen während
-einer ganzen Woche unterbrochen worden waren, mich immer von neuem erhob,
-meine Glieder einrenkte und unverdrossen wieder bergauf stieg, als sei mir
-nicht das geringste passiert.
-
-Und doch herrschte nur _eine_ Stimme darüber, daß ich im Fallen den
-Rekord erreicht habe! Ich kann nicht behaupten, daß mein Lebensziel:
-irgendwo und bei irgendeiner Leistung einmal die erste zu sein, sich gerade
-auf das Hinfallen konzentriert hätte, aber es scheint, daß man nicht nach
-der Art des Wunsches gefragt wird -- eines Tages wird er einem erfüllt,
-und es bleibt nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. -- Ich konnte
-jetzt aber nicht nur hinstürzen, sondern besaß die hohe Kunst der alpinen
-Technik, d. h. ich konnte »Stemmbogen« fahren, war mithin in der
-Lage, jeden Abgrund nicht von vornherein kopfüber, sondern erst nach
-verschiedenen Bogenlinien hinunterzusausen -- denn daß man zum Schluß
-_nicht_ hinfällt, das soll eigentlich nur Ausnahmemenschen passieren. Zu
-denen gehöre ich in keiner Beziehung.
-
-Den Rucksack auf dem Rücken, den Bambusstock nach Lilienfelder Art (nicht
-die zwei schwedischen Zündhölzer nach Norweger Manier!) in der mit
-dickstem Fausthandschuh versehenen Rechten, so zogen wir also eines
-wirklich schönen Morgens bei 10 Grad Minus und prachtvollem Rauhreif von
-Neuhaus bei Schliersee durchs Josephstal bergauf. Vorläufig zogen wir auch
-die Skier am Tragriemen hinter uns her, denn eine steile, glatt gefahrene
-und -gefrorene Straße mit scharfen Kurven frißt die Kräfte zu sehr; man
-überwindet sie lieber mit Nagelschuhen! Um so schöner muß nachher
-die Abfahrt auf ihr sein. Wenigstens behauptete das mein über die
-Anfangsstadien des Skisports hinausgewachsener Hochtourist; und ich glaubte
-ihm natürlich. Wir Frauen haben trotz aller modernen Regungen noch immer
-viel Respekt vor männlichen Aussprüchen, und eine »blutige Anfängerin«
-tut außerdem am besten, blindlings den Worten eines Erfahrenen zu glauben.
-Das sagte der Hochtourist auch nicht ein-, sondern mehrmals.
-
-Ich wanderte versonnen dahin, zögerte zuweilen an besonders schwierigen
-Stellen und war von Herzen dankbar, daß sie durch Geländer versichert
-seien. Nicht gerade für mich -- aber mancher Unfähige konnte an diesen
-unbehaglichen Kurven doch leicht Schaden nehmen! An anderen Biegungen
-beschloß ich, den sich etwas unverschämt in den Weg drängenden
-Granitfelsen mit graziöser Schlängelung auszuweichen -- kurzum, der Wald,
-der mit uns bis zum Spitzing-Sattel emporstieg, und ich, wir wurden recht
-gute Freunde, und ich empfand wieder einmal tief, daß es mir gegeben ist,
-schnell zu der mich umgebenden Natur ein Verhältnis zu finden.
-
-»Gott sei Dank,« sagte der Hochtourist, als wir oben am zugefrorenen
-Spitzingsee eine kleine Rast machten, »daß die Alm oben bewirtschaftet
-ist! Der Proviant wiegt doch immer tüchtig -- heute fühlt man den
-Rucksack kaum.« -- Ich widersprach nicht, obgleich die Toilettesachen
-einer Frau immer etwas reichhaltiger sind, mag sie auch fast alle
-Ansprüche auf Luxus im Tal gelassen haben, und ich willigte ein, da es von
-nun an doch bedeutend steiler wurde, meinen Kleiderrock und mein Jackett
-mir noch in den Rucksack packen zu lassen. In Beinkleidern bewegt man sich
-bedeutend leichter, und warm genug würde es mir ohnehin schon werden!
-
-Dies ist die einzige Prophezeiung, die eingetroffen ist! Sogar siedend
-heiß wurde mir, als ungefähr nach einer halben Stunde auf einem sehr
-schmalen, am steilen Hang entlang führenden Fußsteig der Schnee unter
-meinem linken Ski nachgab und ich nach meiner Meinung unaufhaltsam in die
-Tiefe kollerte. Ich schrie um Hilfe, ließ meinen Stock fahren, fiel immer
-tiefer in den Schnee, so daß ich weder wußte, wo meine Beine, noch wo
-meine Arme seien und musterte angstvoll die Bäume, um den zu entdecken, an
-dem ich zerschellen würde. Sie sahen alle gleich erwartungsvoll aus, und
-in meine Todesangst hinein sagte von oben die Stimme meines Hochtouristen:
-
-»Erstens läßt man sich nicht hinunterkollern, sondern stemmt sofort den
-Stock vor den Skiern ein; zweitens haben Sie vergessen, sich quer zum Hang
-zu drehen, drittens -- --«
-
-Meine aufwallende Empörung gab mir die Kraft zum Sprechen zurück: gab man
-einem in Todesangst Schwebenden gute Lehren? Durfte noch von irgendwelchen
-Theorien die Rede sein, wenn höchste Gefahr im Verzuge war -- schien
-es christlich oder auch nur menschlich denkbar, einem Verlorenen nicht
-beizuspringen --? -- »Fällt mir gar nicht ein! Sie sind auch nicht in
-Todesgefahr: schauen Sie sich nur um, kaum zwei Meter sind Sie abgerutscht!
-Und das erste Prinzip beim Skifahren ist: niemand zu helfen --«
-
-Selten im Leben habe ich solch eine Verachtung für einen Menschen
-empfunden. Er und seine Worte waren Luft für mich! Entgegen allen Lehren,
-sogar denen, die ich mir schon angeeignet hatte, krabbelte ich nach
-eigenem Ermessen, das natürlich bedeutend mehr anstrengte und mehr Zeit in
-Anspruch nahm, auf den Weg zurück.
-
-Mein Hochtourist ignorierte mein Schweigen; mit der Beredsamkeit, die
-auch dem ruhigsten Sportsmann eigen ist, sobald er auf sein Gebiet kommt,
-schilderte er mir die zahllosen Möglichkeiten und Errettungen bei einem
-Absturz, illustriert durch mehr und minder passende Beispiele. An mir
-prallte alles ab; wie die andern sich retteten, mit welcher Umsicht, mit
-wieviel Energie, das galt mir nichts mehr. Mein Unfall hatte mir jedenfalls
-gestattet, einen Einblick in das alpine Herz meines Begleiters zu tun --
-und ich fand es stark verroht! Wenn der Sport dazu dienen soll --!
-
-»Nun kommt die erste größere Abfahrt im Gelände,« ordentlich
-begeistert klang seine Stimme, »nun sollen Sie mal beweisen, was Sie
-gelernt haben!«
-
-Ich --? Nichts! Ich würde es nicht können, ich bekam Platzfurcht, die
-Tannen mit ihren schneebedeckten Zweigen drehten sich vor mir, der Himmel
-verwandelte sein Kobaltblau in ein giftiges Grün -- -- --
-
-»Wenn's ›Übungshügel‹ hieße, nachher wären Sie schon drunten! Und
-gar, wenn der Herr Lehrer dabei wäre oder die andern Anfänger --! Nur
-weil's eben 'was Neues ist, sind Sie feige --« -- Mein Gott, war ich das
-wirklich?! Ich maß die Höhe ab, sie war geringer als all meine letzten
-Probiergegenden, ich sah auf meine Skier, ich biß die Zähne aufeinander
-und lehnte mich vornüber -- -- es ging nicht.
-
-»Also nachher fahren S' da in die Wiesen 'nein und dann auf mich zu, im
-Bogen! Aber nicht nach links, denn da ist ein tiefes Loch -- -- --«
-
-Ich fuhr geschwind und mit aller Gewalt in das tiefe Loch.
-
-»Das haben Sie ja nur gewollt«, sagte ich zu meinem Hochtouristen. Und
-dann fuhren wir als Todfeinde in ziemlicher Entfernung voneinander zur
-Fürstalm hinunter.
-
-Aber gemeinsames Leid, vor allem gemeinsames Schimpfen verbindet ungeheuer;
-es gab keinen Bissen Brot mehr in der Fürstalm, die Sonntagsgäste hatten
-alles verzehrt, und was noch übrig gewesen war, eine Abteilung Soldaten,
-die von ihren Offizieren im Sport unterrichtet wurden. Wir konnten froh
-sein, eine Tasse dünnen Kaffees und ein paar gesottene Eier zu bekommen --
-dafür saßen wir draußen in der schönsten strahlenden Sonne. Vor uns lag
-der Berg, den wir uns ausersehen hatten: der Stümpfling.
-
-»Nur noch dreiviertel Stunden -- bis dahinauf zu seiner runden Kuppe?!«
-Nein, ich wollte nicht hinauf, ich wollte überhaupt nur abfahren und den
-Sport ein für allemal aufgeben. _Mir_ machte er keinen Spaß, das hatte
-ich heute erfahren, immer nur fallen, abstürzen, sich ängstigen -- -- --
-
-Bis ich meinen Kaffee getrunken hatte. Und die merkwürdig frischen Eier
-gegessen -- Eier, wie sie in München nur noch in alten Märchen vorkommen.
-Aber so dicht vorm Ziel umkehren -- das ist wirklich feige! Und was ich mir
-im Leben vorgenommen und angefangen habe, das führe ich immer durch. _Ein_
-Prinzip muß der Mensch doch haben.
-
-Ich ließ mich nicht auf Erörterungen ein, ich sagte nur: »Ich gehe doch
-hinauf!« und schnallte meine Skier wieder an. Der Hochtourist lachte.
-
-Wir trugen die Rucksäcke hinüber und deponierten sie im Schnee, um sie
-bei der Rückkunft wieder mitzunehmen. Und trotzdem ja meine Last kaum zu
-spüren sein sollte, konnte ich die dreiviertel Stunden überwinden, als
-seien mir Flügel gewachsen.
-
-Der Stümpfling bietet eine ganz schöne Aussicht über die Schlierseer
-Berge, aber übermäßigen Genuß hatte ich nicht davon: Die Abfahrt
--- Herrgott, wenn nur die Abfahrt nicht gewesen wäre! -- Bis zu den
-Rucksäcken ging's; sie leuchteten vertrauensvoll aus dem Schnee wie
-düstere, aber doch Anhaltspunkte gebende Sterne. Auch die für Anfänger
-so berühmte und gute Abfahrt bis zum Spitzingsattel wurde ohne besondere
-Katastrophen überwunden. Ein paarmal Kopfüberstürzen, mit dem Gesicht
-in den Schnee, oder bis an die Schultern einsinken -- das sind nicht
-nennenswerte Kleinigkeiten! -- Die Platzfurcht war merkwürdigerweise auch
-überwunden. Aber dann -- die liebe Straße durch den Wald, mit den Kurven,
-die ich am Morgen schon sorgsam studiert habe -- die hat's in sich! Und
-noch Stemmfahren, d. h. ein Bein im Winkel zum anderen stellen, wenn
-ohnehin die Kniee schon zittern, an dieser Kurve das Geländer zum Absturz,
-an jener ein vorspringender Granitfels zum Kopfzerschellen lockt, wenn
-der Schnee zum größten Teil vereist ist und man gerade, wenn man langsam
-fahren oder sogar bremsen möchte, in rasendste Geschwindigkeit gerät,
-das ist ein Kampf mit dem Objekt, zu dem schon gute Nerven und Ausdauer
-gehören. Ich sah ein, daß die Freundschaft für den Wald nur von meiner
-Seite aus empfunden wurde, und daß die Bäume, die Felsen, die Abhänge
-wie Feinde auf mich lauerten. Aber ich bin ihnen entkommen; zwar mit
-farbigen Merkmalen des Ringens am ganzen Körper, mit einem Teint, als
-hätte ich wochenlange Hochtouren hinter mir und dem Gefühl, als wäre der
-Ausdruck »mit heiler Haut« reichlich optimistisch gewählt. Trotzdem bin
-vorläufig doch ich der Sieger. Und den nächsten Berg, auf den ich mit
-Skiern steige, den habe ich mir schon ausgewählt!
-
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-Aus der Winterfrische.
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-Fast mehr noch als im Sommer wird dem zur Natur bekehrten Kulturmenschen
-plötzlich im Winter die Stadt mit ihren tausend Ansprüchen »z'wider«.
-Weihnachten und Silvester haben seinem Magen, seiner Börse und seinen
-Gefühlen den Rest gegeben, in jeder Hinsicht ist er übersättigt. Die
-letzten Krümel Marzipan, wie die mit Dankesworten kunstlos durchwebten
-Neujahrsbriefe bringen ihm einen bittern Geschmack auf die Zunge. Hinterher
-scheint es ihm, »daß es mal wieder nichts war«, wenigstens kein Jungbad
-der Freude, mehr ein Untertauchen im Fango -- und seine Seele zieht aus,
-um einen reinen Sprudel zu suchen. Setze dich in die Bahn und fahre
-von München aus nach Süden, Ost oder West, das Gute, das Schöne, das
-Herzerquickende liegt so nahe, nur eines kleinen Ruckes der Energie bedarf
-es, um dir vorzustellen, daß der Fasching ebenso froh ohne dich sein wird,
-daß man auf Soupers und den berühmten -- bequemen Nachmittagstees kaum
-nach dir fragen wird, daß Konzerte und Theater, die du dir ohne deine
-Gegenwart nicht vorstellen kannst, genau ihren guten oder peinlichen
-Verlauf ohne dich nehmen werden. Ach, lieber Gott! du ahnst nicht, wie
-überflüssig du bist, wie bedeutungslos deine Persönlichkeit -- aber
-diese Erkenntnis, die dich daheim zuweilen heimlich grämt, so daß du
-beflissen bist, sie ängstlich vor dir selbst und anderen zu verstecken,
-hier draußen lächelst du über sie: hier bist du ja noch viel, viel
-weniger, ein Fleckchen, das die Sonne bescheint, ein Atom, das sich preisen
-muß, bescheiden in der Stille zu stehen und die Pracht nicht in ihrer
-Harmonie zu stören!
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-Einen weltabgelegenen Platz habe ich gefunden, an dem man nichts von der
-Eisenbahn hört noch sieht, vor dem sogar die altmodische Post auf ihren
-Schlittenkufen in einer knappen halben Stunde haltmacht. Im Schatten der
-entzückenden, von Meisterhand bemalten Wallfahrtskirehe von Birkenstein
-liegt das Haus, der Waldbach an seiner Seite murmelt leise in deinen Traum
-hinein. Der Nußhäher klopft mit starkem Schnabel ans Fenster und bittet
-um sein Frühstück, Buchfinken, Goldammer und zierliche Spechtarten
-durchzwitschern schon den Garten, der Zaunkönig lugt vorsichtig aus dem
-Buschwerk. Schlage deine Augen auf, trinke die Sonne ein, die durch die
-glitzernden Scheiben flimmert! -- der Tag ist dein, dein die Welt, die
-Höhen, der Wald, die stillen Marterln am Wegrand, die stolze Majestät der
-makellosen Schneefelder! Schnell deinen Kaffee; der Raum ist erfüllt von
-jungen, gesunden Menschen, die mit Leib und Seele ihrem Sport huldigen,
-und bei deren frohem Anblick man sich sagt: »Gott sei Dank, noch ist
-Deutschland nicht verloren!« -- Dann holst du dir deine Skier, prüfst mit
-geübtem Blick Bindung und Schrauben, trittst hinein, nimmst als einzige
-Last den Bambusstock sorglos unter den Arm, und nun fort, fort. Anfangs
-über glattgefrorene »Ziehwege«, von den schweren Holzschlitten mit ihrer
-nachschleppenden Last schön ausgefahren, dann seitwärts hinauf an
-einem Hang, der dich lockt, und immer weiter hinein in die verschneite
-Einsamkeit. Da oben liegt ein Gipfel, dessen weiche Konturen rosa
-überstrahlt sind, tapfer setzt sich ein Ski vor den andern in die
-Wunderwerke der kristallenen Decke, und ohne Atemnot, leicht und frei die
-kalte, köstliche Luft in die Lungen saugend, stehst du auf der Höhe, die
-Erde mit ihrer Herrlichkeit zu deinen Füßen. Unten im Tal wogt noch der
-Nebelkampf, in weißen Massen schiebt's sich an den Hängen entlang, nur
-blitzartig Dörfer, Kapellen, Wälder entschleiernd. Aber die Sonne
-lacht ob dieser Spielerei wie eine immer geduldige, nachsichtige Mutter,
-schrittweise, als wollte sie niemand wehtun, erobert sie sich das Feld --
-und plötzlich taucht wie neugeboren und unverhüllt das gewaltige Bild
-des Tales vor dir auf. Und du durftest wieder einmal dabei sein bei der
-Offenbarung vollendetster Schönheit -- was kann dich noch treffen, dich
-niederdrücken mit einem Schatz solcher Freuden im Herzen?!
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-Nicht nur deinen Mut, deine Energie stählst du auf diesen stillen Fahrten
-in das wirkliche Märchenland, wahre Lebensfreude und -fähigkeit nimmst
-du mit fort als besten Teil! Und nun die Abfahrt. Lange Zeit hieß es:
-»Stemmfahren -- stemmfahren -- und nicht verzweifeln!« Endlich löste
-sich das Rätsel, und zwar nach Art der meisten Rätsel auf die einfachste
-Weise: alles Überlegen, alle Theorie erscheint überflüssig, hemmend --
-eben weil sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, und jeder bildet
-sich ein, diese zu alpinen Touren absolut notwendige Technik sich allein
-angeeignet und allein erfunden zu haben. Der »Meister« hier ist längst
-an die Ketzerei der Flüggegewordenen gewöhnt, er lächelt nur darüber.
-Man selbst fühlt sich verwachsen mit den langen, schlanken Eschenhölzern,
-nach Belieben setzt man sich in Bewegung, schlängelt sich in
-Serpentinlinien kreuz und quer durch den Wald hinunter und überläßt sich
-an freien Hängen dem Hochgenuß eleganter Stemmbogen, bald den Stock
-je nach der Wendung rechts oder links einsetzend, bald ihn bei ebenerem
-Terrain unterm Arm haltend. »Wer Stemmbogen fahren kann, beherrscht die
-Welt« -- mindestens die winterliche, alpine; und wer zuerst mal ohne Sturz
-einen Hügel »besiegt« hat, kommt sich wie ein kleiner Napoleon vor.
-Freilich, mehr Mühe, als die Götter sonst vor den Erfolg gesetzt haben,
-braucht man zur vollkommenen Aneignung dieses »Sports des Fallens«, wie
-ich ihn anfangs voll Wut selbst getauft habe. Aber kaum ein anderer löst
-dafür solch eine Befriedigung aus, da er den Genuß sonst verschlossener
-Freuden im Winter ermöglicht.
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-Wenn Neuschnee fällt und es unaufhörlich vom grauweißen, kaum
-erkennbaren Himmel niederrieselt, gibt's zur Abwechslung frohe
-Rodelpartien. Daß man als Skifahrer dies Vergnügen verachten soll, ist
-ein törichtes Märchen; so einmal gedankenlos, flachliegend, nur an den
-Kurven mechanisch das Gewicht verteilend, in rasender Fahrt bergab zu
-fliegen, das tut außerordentlich wohl, und beim mühseligen Bergaufziehen
-des Schlittens muß man sich stoisch damit trösten, daß dies eben der
-gesündere Teil sei! Eine »Seeschlange« haben wir gemacht und alle
-rodelnden Jungen -- und wer rodelte hier nicht, wo man seine Besorgungen,
-seien es Briefmarken oder Milch, mit dem Schlitten absolviert! -- mit
-ihren Rodeln an den unserigen gebunden und so in langer Kette zu ihrem
-und unserem höchsten Gaudium zu Tal gefahren: »A Hetz' war's«, wie sie
-versicherten. Die kleinsten Kinder fahren hier von Höhen herunter --
-die Hände in den Muffen oder Hosentaschen, gelinde mit den Hacken
-ihrer winzigen, nagelbeschlagenen Schuhen steuernd --, bei deren Anblick
-Stadtmüttern alle Haare, falsche wie echte, zu Berge stehen würden.
-Hier sieht niemand hin, wenn sich ein paar der geborenen Sportsleute
-übereinanderkugeln, aber es weint auch keiner bei einem noch so derben
-Puff.
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-Wir sind aber nicht nur ländlich: gestern hatten wir einen Ball,
-beim Kramerwirt. Mit einer Musikkapelle auf dem Podium, einem mit
-Tannengirlanden geputzten Saal, und Blumensträußen aus München, die
-sich am seidenen Brusttuch der Vronis und Zenzis nicht schlecht ausnahmen.
-»Geschuhplattelt is worden« -- und mit eisernen Mienen fanden sich die
-Tänzerinnen zu den Armen ihrer stampfenden, mit den Händen klatschenden
-Partner zurück. Der Tanz ist hier etwas sehr Ernstes, Würdevolles --
-niemand lacht, niemand spricht ein Wort dabei. Aber ist die Tour beendet,
-die im Laufe des Abends immer kürzer wurde, so traktiert »er« »sie«
-mit einem Trunk. Ich gestehe, daß ich etwas Kopfschmerzen habe, trotzdem
-ich nicht ein Achtel von den Musikern geleistet habe, die sich schließlich
-als gänzlich unabhängige Menschen entpuppten und nach eigenem Behagen und
-eigenem Takt ihren Part erledigten.
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-Ja, hier ist Freiheit, Schönheit, Lebensfreude! Es leben die Berge -- es
-lebe der Winter!
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-Das Talbein.
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-Als Konny Bendemann ihr Fenster öffnete, um in ihr enges Zimmerchen die
-ihr anempfohlene Bergluft hereinzulassen, fesselte sie ein merkwürdiger
-Anblick: die ganze Straße, so weit sie nur sehen konnte, durchwanderte
-ein Zug schweigsamer Menschen, deren Köpfe von je zwei langen Hölzern
-überragt wurden, so daß ihre Erscheinungen aufrecht gestellten
-Riesen-Hirschkäfern glichen. Ach ja, heute begann der berühmte Kurs des
-Schneeschuhlaufens unter der Leitung des noch berühmteren Skiapostels,
-von dessen Künsten, auch den erzieherischen, man sich Wunder erzählte.
-Behaupteten doch seine Anhänger, daß es für die nach seiner Methode
-Fahrenden keinerlei Schwierigkeiten mehr gäbe, und ebenso, daß auch der
-Feigste steile Hänge spielend auf- und absteigen könne. Der Feigste!
-Konny schlug in Gedanken an die eigene Brust.
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-Nur eine Bergpartie hatte sie im Leben gemacht, zum Wendelstein hinauf;
-aber da sie sich beim Abstieg während eines Gewitters ungeheuer kläglich
-benommen hatte, so hatten ihre Bekannten geschworen, sie nie wieder
-mitzunehmen. Doch im Winter, wo auch Gewitter seltene Erscheinungen waren,
-da mußte es ganz herrlich sein, über den Schnee durch bereifte Wälder
-zu eilen und dann von oben abwärts zu sausen -- z. B. von der Alpspitz
-drüben! Sie hatte ungefähr eine Vorstellung davon, als würde man über
-deren scharf abgeschrägten Rücken entlang geradenwegs zu Tal fahren
-können. Melancholischen Blickes verfolgte sie den Zug weiter: ja, wenn man
-nicht so allein wäre -- wenn irgend jemand ihr zugeredet hätte -- --.
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-Da rief eine übermütige Stimme zu ihr hinauf: »Geschwind, Fräulein! Sie
-werden ja sonst die Letzte -- man immer vorwärts!«
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-Natürlich ein Norddeutscher: die hatten für ihre Ebenen ja auch diesen
-Sport besonders nötig, und bemerkbar machen mußten sie sich auch -- wie
-immer! Dennoch freute sie der Gruß; und daß man als selbstverständlich
-annahm, auch sie würde sich beteiligen. -- -- Und weshalb denn nicht?
-Diese Menschen da, die noch immer paarweise an ihr vorüberzogen, kannten
-sich doch auch nicht alle, nur der Wunsch, dasselbe zu lernen, verknüpfte
-sie. Also -- --. Und trug sie nicht auch Wickelgamaschen und Nagelschuhe
-und Mütze und Schleier zum fußfreien Kostüm?! Was fehlte, das waren die
-Skier -- sollte an solcher Kleinigkeit das Unternehmen scheitern?
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-»Ich komme nicht zu Tisch«, rief sie im Vorbeilaufen ihrer Wirtin zu.
-Und eh' noch die Frau Deixlmair Protest einlegen konnte, weil nun doch das
-schöne »Ohchsenfleisch«, das vorher die köstliche Rindssuppe lieferte,
-umsonst gekauft worden sei, war sie bereits über die drei Steinstufen
-hinuntergesprungen und beim Nachbar, dem Herrn Ludl, in den Laden
-gestürzt. Und da besagter Herr Ludl »überhaupts und ohnehihn« dem
-»Kumité« angehörte und ungefähr tat, als sei er mit Skiern auf die
-Welt gekommen, so machte das Aussuchen eines passenden Paares keinerlei
-Schwierigkeiten, und sie nachträglich anmelden, das konnte er schon
-übernehmen -- er durft's schon wagen!
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-Atemlos vom Laufen und dem ungewohnten und daher unbequemen Tragen der
-langen Schuhe kam sie als Letzte in der Ebene an, die im engern Kreise
-von niedrigen Hügeln umgeben war, und die sich der Herr Doktor daher als
-Übungsgelände ersehen hatte. Er selbst nahm jetzt einen etwas erhöhten
-Standpunkt ein und erläuterte seinen Zuhörern Zweck und Art des Sports
-und den richtigen Gebrauch und die Ausnutzung des Geräts. Alle schienen
-im Bann seiner Ausführungen zu stehen und sie absolut zu begreifen -- nur
-Konny bemerkte mit Schrecken, welch' ein Chaos in ihrem Gehirn entstand.
-Sie versuchte, sich an einige technische Ausdrücke anzuklammern, aber
-sie war nie stark im Behalten gewesen, -- und da sie ihnen keinen Sinn
-unterlegen konnte, zerstäubten auch diese Wörter wie Schneeflocken in
-ihrem Auffassungsvermögen. Plötzlich gab der Herr Doktor ein Zeichen,
-dessen Sinn er wohl vorher besprochen haben mußte, denn nun begannen alle
-sofort mit emsigen Händen, sich die vor ihnen am Boden liegenden Skier
-anzuschnallen.
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-Auch Konny versuchte es. Doch ihr waren Glieder und Hände steif vor
-Kälte, von ihren Zehen hatte sie das deutliche Gefühl, sie seien aus
-Glas. Sie riß und zog an den Riemen und endlich stand sie hilflos auf
-den beiden schmalen Brettern da. Inzwischen hatte sich das Unglaubliche
-vollzogen: während sie noch mühsam nach Balance suchte, krabbelte schon
-eine Unzahl von Menschen den Abhang hinauf, dem Doktor folgend, der sie
-in langen, flachen Serpentinlinien aufwärtsführte. Da hinauf sollte sie
-auch --? Die Vorstellung war so überwältigend, daß sie sich erst mal
-rückwärts in den Schnee und zugleich auf die Kante der Skier setzte. Das
-tat weh, und im Gefühl gänzlicher Machtlosigkeit blieb sie liegen.
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-Da erscholl aus den Lüften eine Stimme, mahnend -- aufmunternd -- ratend
--- und Konny blickte sich um, wem wohl diese sich immer noch steigernde
-Teilnahme gelten mochte.
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-»Na, Sie da unten, Fräulein, wollen's denn anfrieren?«
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-Gelächter von nah und fern und dann dicht an ihrem Ohr eine flehende
-Bitte: »Stehen Sie doch endlich auf -- ich helfe Ihnen -- er denkt ja
-sonst, es ist Eigensinn, daß Sie sich nicht rühren -- --.«
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-Ach Gott, _ihr_ galt diese versuchte Beeinflussung von oben? Aber aus
-Eigensinn, nein wahrhaftig, saß sie hier nicht.
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-Mühsam rappelte sie sich empor, brachte die Spitzen der Skier
-übereinander und wäre wieder gefallen, wenn die Hand ihres Nachbars sie
-nicht gestützt hätte.
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-»Lassen Sie die Dame nur gleich das Wenden üben,« erscholl von neuem
-die Stimme, »und nehmen Sie sich ihrer etwas an, Herr Architekt, wir gehen
-inzwischen weiter.«
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-»Was soll ich?« fragte Konny verzagt. »Wenden? Aber ich habe ja keine
-Ahnung.«
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-»Der Herr Doktor hat's aber doch erklärt! Also sehen Sie mir einmal zu.«
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-Diese gewaltsame, ungeheuer schwungvolle Bewegung sollte sie nachmachen?
-
-»Versuchen Sie's doch wenigstens mal!«
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-Jetzt endlich sah sie ihrem Helfer ins Gesicht -- bis dahin hatte sich ihre
-Aufmerksamkeit nur auf seine Beine konzentriert -- und sie entdeckte,
-daß der Architekt derselbe Herr sei, dessen Zuruf am Morgen sie zu
-dieser Tollkühnheit verlockt hatte. Dann mußte er auch einen Teil der
-Verantwortung tragen.
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-Halblaut fragte sie: »_Er_ ist ja schon so weit fort -- er merkt es am
-Ende gar nicht, wenn ich nicht übe.«
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-Der Architekt lachte und antwortete herzlos: »Er sieht alles, Fräulein!«
-
-Und wirklich erscholl es in diesem Augenblick aus den Lüften: »Nun, die
-beiden dort unten -- wollen sich die denn gar nicht hinaufbemühen?«
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-»Bitte, bitte, einmal versuchen«, drängte der Architekt.
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-Und Konny, die es einsah, daß es hier kein Schummeln gäbe, schleuderte
-mit letzter Energie ihr rechtes Bein in die Luft, sah ihren gefesselten
-Fuß mitsamt dem senkrecht stehenden Skier unstät hin- und herschwanken,
-fühlte sich in zwei gleiche Portionen gerissen -- und ließ sich auf die
-Seite fallen.
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-»Aber, aber,« meinte der Architekt, »das war ja alles verkehrt! Und
-da wir doch bergauf wollen, hätten Sie das obere Bein nehmen müssen, um
-gleich an Steigung zu gewinnen -- und nicht das Talbein!«
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-Konny sah resigniert auf ihre beiden, unter ihr gekreuzten Beine. Sie
-hätte im Moment gewiß nicht angeben können, welches ihr rechtes oder
-welches ihr linkes sei -- und nun sollte sie sogar den Unterschied zwischen
-Tal- und Bergbein wissen?!
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-Still begann sie sich zu entknäueln, stand endlich wieder aufrecht da und
-sagte zum Architekten: »Ich will es jetzt allein lernen, ohne Theorie. Sie
-stören mich nur -- gehen Sie nur voran.«
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-Langsam und vorsichtig, dennoch von unendlichen Stürzen unterbrochen,
-begann sie dann bergan zu klimmen -- er in mäßiger Entfernung vor ihr.
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-Plötzlich kam er zurück: »Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?«
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-Und ohne ihre Einwilligung abzuwarten, sagte er: »Ihr Rock ist viel
-zu lang, der geniert Sie. Ziehen Sie ihn aus, ich nehme ihn in meinen
-Rucksack.«
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-Wenn's nur das sein sollte, was sie hinderte!
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-Sie zögerte eine Sekunde, dann zog sie mit seiner Hilfe den Rock aus, und
-zwar über den Kopf, da es über die Skier doch nicht gegangen wäre. Ganz
-heiß waren sie beide von der mühsamen Arbeit auf dem Hang und Konnys
-Unsicherheit geworden.
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-Dann stand sie in neumodischen Beinkleidern, aus demselben Stoff wie ihr
-Kleid, vor ihm; um die Hüften herum bildeten sie Tüten, an den Knien
-schlossen sie sich dagegen sehr eng, und er, dem ihre zarte Figur vorher
-so gut gefallen hatte, mußte ein Lächeln unterdrücken: etwas Rundes und
-Komplettes hatte sie angenommen und fast bereute er seinen guten Rat. Denn
-mit oder ohne Rock -- viel Talent zum Sport schien sie nicht zu besitzen.
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-Endlich, nach mehreren Stunden, erreichten sie die übrige Gesellschaft,
-die sich auf einem Schneefeld zum Frühstück gelagert hatte und schon
-wieder im Aufbruch war. Mit lautem Halloh wurden sie beide begrüßt. Der
-Doktor eilte auf Konny zu und fragte, wie es denn gegangen sei. Und sie,
-im Bestreben, nicht gar so dumm zu erscheinen, besann sich auf die vorhin
-verworfene Theorie und antwortete fröhlich und gänzlich ahnungslos
-über den Sinn der Bezeichnungen: »Danke -- mit dem Bergbein gut, mit dem
-Talbein schlecht!«
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-In das Gelächter ringsum stimmte sie harmlos mit ein -- nur daß sie einen
-guten Witz gemacht haben sollte, begriff sie nicht. Nach ihrer Meinung
-blieb ein- für allemal das rechte das Talbein, weil der Architekt es beim
-ersten Wenden so genannt hatte. -- Darauf, daß man so perfide sein könne,
-die Bezeichnung je nach der Richtung zum Berg zu wechseln, kam sie gar
-nicht.
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-Daß sie Humor verstände, schien allen, auch dem Doktor, eine ausgemachte
-Sache zu sein, und darauf bauend, gab er einem seiner Begleiter einen
-Auftrag.
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-Konny frühstückte inzwischen geschwind von den guten Sachen aus des
-Architekten Rucksack; sie selbst war ja mit nichts versehen und fand es
-schon fast selbstverständlich, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen.
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-Unten im Tal schied man endlich am späten Nachmittag in vollster Harmonie.
-Am Abend wollte der Doktor in einem einfachen Wirtshaus einen theoretischen
-Vortrag halten, und wenn Konny auch im voraus sicher war, wieder kaum etwas
-zu verstehen, so freute sie sich doch herzlichst auf das Zusammensein
-mit all den frischen, jungen Menschen. Hatte sie bisher als einzige
-Unterhaltung doch nur ihre Wirtin gehabt, deren ausgeprägten Dialekt sie
-überhaupt nur in besonders glücklichen Momenten verstand -- aber seit
-heute war ihr, als trete sie auch in ein besseres Verhältnis zur Natur;
-nichts mehr schien ihr fremd oder überwältigend, wie im Anfang, an dieser
-Hochgebirgsszenerie, und wie sie so zurückwanderte, den geschmähten Rock
-über der Schulter hängend, kam es ihr vor, als habe sie eigentlich ein
-neues Leben begonnen. Der Sport mußte doch von allgewaltiger Macht sein!
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-Am Abend, neben dem Architekten sitzend, hörte sie gespannt zu. Und da ihr
-Humor nun einmal fest anerkannt worden war, lachte er ungeniert über ihre
-leisen Bemerkungen, die sie in den Vortrag des Doktors einstreute, während
-Konny ein paarmal dachte, daß es, nach dem sinnlosen Lachen ihres Nachbars
-zu urteilen, in seinem Hirn nicht ganz richtig sein müsse.
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-Dann wurden Lichtbilder angekündigt. Der Doktor wandte sich verbindlich
-lächelnd an Konny, als wolle er ihre Zustimmung einholen -- oder auch
-ihre Verzeihung -- wies auf die weiße Leinwand und sagte unter lautem
-Gelächter ringsum: »Das Talbein«.
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-Konny lachte mit. Auf der Leinwand stand sie selbst, hilflos und
-schwankend, in einer wenig vorteilhaften Kleidung: einem oben zu weiten und
-unten zu engen Beinkleid. Sachlich konstatierte der Doktor die Fehler ihrer
-Haltung, der Fußstellung, der Handhabung ihres Stockes -- und bewies auf
-allen folgenden Bildern, die immer nur wieder sie zeigten, daß sie ein
-vollkommen typischer Fall des Anfängertums sei. Darnach schien es ihr ja
-wirklich, als habe sie mit besonderem Instinkt alles und jedes verkehrt
-gemacht!
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-Ja, sie lachte fröhlich mit bei jedem Konterfei; und nur dem Architekten
-kam es ein paarmal vor, als zittere sie leicht. Aber sie mochte wohl
-übermüdet sein.
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-Wirklich erhob sie sich nach schicklicher Pause, als der Vortrag beendet
-war, und verabschiedete sich. Energisch lehnte sie die Begleitung des
-Architekten ab, doch er gab es nicht zu, daß sie den weiten Weg durchs
-Dorf allein machte. Zum Sprechen unterwegs aber konnte er sie nicht bewegen
--- was fehlte ihr nur?
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-Erst auf der obersten der drei Steinstufen schien sie wieder Atem zu
-bekommen.
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-»Haben Sie Dank, Herr Architekt,« sagte sie mit merkwürdig ruhiger
-Stimme, »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben! Durch Sie bin ich
-veranlaßt worden, am Kurs teilzunehmen -- durch Sie, meinen Rock abzulegen
--- und ich irre mich wohl nicht, wenn ich Ihnen auch das hinterlistige
-Photographieren verdanke.«
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-»Aber ich schwöre ...«, fiel er ein.
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-»Ach was,« entgegnete sie hastig, »schwören! Nachdem man falsch und
-verräterisch und -- und -- schadenfroh gewesen ist! Sie haben ja gewußt,
-daß ich auch nicht das geringste von allem verstanden habe -- weder vom
-Bergbein noch vom Talbein -- und dennoch haben Sie sich über mich lustig
-gemacht! Pfui!«
-
-Er starrte noch immer Frau Deixlmairs tannene Tür an, als sie schon
-längst hinter ihr verschwunden war. Ein merkwürdiges Mädel, diese
-Pfälzerin! Eigentlich dumm oder doch begriffsstutzig -- und wieder klug
-genug, um das einzusehen und noch mehr: um es sogar zuzugeben! Welche Frau
-tat das wohl sonst?! Gewiß nicht viele. Er pfiff zwischen den Zähnen und
-sah lange, lange die Tür an. Humor, wie sie alle gedacht hatten, besaß
-sie also nicht -- und doch Taktgefühl, ungeheuer viel Taktgefühl. Eine
-andere, der plötzlich über sich selbst und ihre Leistungen so öffentlich
-ein Licht aufgesteckt worden wäre, hätte vielleicht eine Szene gemacht
-oder geheult -- oder sonst irgend etwas. Diese da war sehr tapfer -- das
-hatte sie eigentlich schon den ganzen Tag bewiesen, an dem sie sich so
-redlich mühte und nicht die geringste Hilfe durch Überlegungen gehabt
-hatte -- schade! Denn nun würde sie natürlich nicht mehr wiederkommen!
-Schade! Der ganze Kurs war ihm verleidet.
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-Aber am andern Morgen stand sie tapfer wieder da, beim Treffpunkt. Und ihm
-nickte sie freundlich und harmlos zu.
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-»Donnerwetter,« dachte er wieder, »sie ist anders! Die meisten wären
-schmollend zu Hause sitzen geblieben oder hätten den Ärger benutzt, um
-sich zu drücken.«
-
-Sie wurde auch keine Musterschülerin des Doktors. Aber menschlich gute
-Eigenschaften entdeckte der Architekt noch zahlreiche an ihr im Laufe
-des sechstägigen Kurses. Da fragte er sie zum Schluß, ob sie nicht
-auch weiterhin zusammen durchs Leben fahren wollten, sie seien so schön
-eingeübt. Womit er allerdings im stillen wohl meinte, daß sie an seine
-Hilfe beim Aufstehen gewöhnt sei. Ihre Kunst bestand eben -- im Hinfallen.
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-Aber auch diesmal las sie seine Gedanken und antwortete fröhlich: »Gut!
-Wenn du mich bei schwierigen Fällen nie fragen willst, ob ich nun das
-Talbein oder das Bergbein nehmen muß --! Das könnte ich nämlich nie
-entscheiden: aber Vertrauen mußt du haben, daß ich es schließlich doch
-recht mache.«
-
-Und das Vertrauen besaß er.
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-
-
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-Die Erfindung.
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-Immer wenn Frau Ellen Mahder von ihrer Arbeit aufsah, was allerdings nur
-geschah, um die Augen ein wenig vom Mikroskop auszuruhen, bemerkte sie,
-daß sich der Kopf ihres Nachbarn tief über seine Hände beugte -- nicht
-ein einziges Mal seit acht Tagen waren sich ihre Blicke begegnet. Aber
-diese scheinbare Unermüdlichkeit täuschte sie keinen Augenblick: ein
-so wenig ernsthafter Mensch, der wenigstens in ihrer Gegenwart noch kein
-vernünftiges Wort gesagt hatte, war nicht imstande, sich von
-seiner Aufgabe absorbieren zu lassen; sie mißtraute ihm und seinem
-wissenschaftlichen Eifer aufs höchste. Und ebenso ärgerte sie sich über
-sich selbst, daß sie an diesen »faden« Doktor Zerpfang einen Gedanken
-verschwendete -- und kehrte sofort mit aller Inbrunst zu ihren botanischen
-Untersuchungen zurück. Sie mußte ja auch doppelt pflichtgetreu und genau
-sein, um ihre Zulassung in die dunklen Räume der alten Akademie, die
-unter anderen auch der botanischen Station Aufnahme gewährt hatte, zu
-rechtfertigen. Denn die Frage dieses »faden« Doktors, ob sie studiert
-oder wenigstens das Gymnasium absolviert habe, mußte sie verneinen; aber
-sie interessiere sich nun einmal stark für Chemie und Botanik, und sie
-hoffte, ihre mangelnde Vorbildung durch Lerneifer -- --
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-Er hatte ernsthaft genickt und sie aussprechen lassen, trotzdem sie sich
-vor Verlegenheit ein wenig im Satzbau verwickelte. Als sie endlich fertig
-war, sagte er: »Na, da können S' mir am Ende gleich erklären, was das
-bedeutet: =C, A -- C, A, O=?«
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-Unsicher und zweifelnd hatte sie erwidert: »=C, A -- C, A, O=? --
-=C= vielleicht Kohlenstoff, =A= -- Argentum, =O= Oxygenium --«
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-Ringsum war ein lautes Gelächter losgebrochen, so daß sie erschrocken mit
-der Zerlegung der chemischen Formel innehielt.
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-Mit heuchlerischem Ernst sagte der Doktor: »Ich würd's anders
-übersetzen: =C, A -- C, A, O= -- das ist Cacao.«
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-Sie brachte es zwar zuwege, über ihren Reinfall zu lachen, aber ganz
-vergeben konnte sie nach Frauenart dem Doktor diese Niederlage doch nicht.
-Und er mußte wohl ihre stille Abneigung fühlen, denn er begrüßte sie
-des Morgens nur mit stummer Verbeugung und verließ mittags den Saal erst
-nach ihr.
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-Als heute die Präparate für die kommende Woche verteilt wurden, sagte
-sie: »Ich danke, ich gehe auf ein paar Tage ins Gebirge.« Und auf
-den etwas erstaunten Blick des Professors setzte sie hinzu: »Ich bin
-überarbeitet -- ich brauche eine Luftveränderung.«
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-Ihr Ton klang gereizt. Konnte man sich nicht vorstellen, daß es für
-ihre Arbeit nur vorteilhaft sei, wenn sie mit frischen Kräften an sie
-hinanginge?
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-»Man« lächelte unmerklich und gab ihr den väterlichen Rat, sich nur
-nicht durch irgendeinen dummen Sport noch mehr herunterzubringen oder
-sich gar eine Herzschwäche zu holen, die bei der jetzigen Unvernunft und
-Übertreibung an der Tagesordnung sei. »Man« redete ihr zu, lange zu
-schlafen, kräftig zu essen und ein wenig in der Sonne zu sitzen.
-
-Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, aber sie arbeitete nicht mehr.
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-»Geben S' nach -- bleiben S' da?« fragte eine Stimme neben ihr.
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-Sie schüttelte den Kopf, ehe sie sich noch Rechenschaft darüber gab, wer
-zu ihr spräche: ah, der »fade« Doktor! Mochte er sich ebenso über sie
-lustig machen wie die andern. Aber vorläufig sagte er gar nichts, sondern
-sann vor sich hin. Und dann bat er hastig und scheu: »Mögen S' meine
-Erfindung anschauen, an der ich gebastelt habe alle Tag'?«
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-Mein Gott, augenblicklich lag ihr die ganze Arbeit hier so fern!
-»Gestohlen werden kann sie mir«, hätte sie am liebsten gesagt. Doch
-zwang sie sich zu einem Lächeln und entgegnete: »Gewiß -- gern!«
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-Er führte sie an seinen Arbeitstisch, schob Bücher und Hefte beiseite und
-zog ein paar merkwürdige Eisenklammern hervor, deren Teile mit gewachstem
-Bindfaden verbunden waren. Triumphierend hielt er sie ihr hin.
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-Ratlos stand sie da und sah auf die Dinger. Sein Preisrätsel »Cacao«
-fiel ihr ein, und sie hütete sich wohl, irgend etwas zu äußern, was auch
-diesmal ihre völlige Unkenntnis verraten hätte. Infolgedessen konnte sie
-überhaupt nichts sagen -- denn kein Lichtstrahl machte ihr klar, was diese
-Erfindung bedeute.
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-Er aber, mit dem blinden Entzücken aller Erfinder über ihr Produkt,
-sagte voll Begeisterung: »Das Ei des Kolumbus, nicht wahr? So einfach, so
-handlich, billig herzustellen, leicht zu transportieren -- sehen S': in dem
-Tascherl da! -- praktisch -- und von einem Erfolg!! Na, den garantier' ich
-Ihnen! Eine großartige Erfindung, gelt? So was kann eben nur einer, der
-die Praxis kennt, der 's ausprobiert hat -- der sich nicht abschrecken
-läßt von scheinbaren Schwierigkeiten! Und ich sag' Ihnen: immer simpler
-ist es worden, geradezu dahingeschmolzen in meine Händ' -- und das werden
-S' zugeben müssen: von einer klassischen Einfachheit ist's worden -- kein
-Hakerl z'viel, kein' Wirtschaft, kein Durcheinand' -- höchste Einfachheit,
-gepaart mit größter Solidität und Sicherheit --.« Das letzte sagte er
-hochdeutsch, es klang wie eine Notiz aus einer Anpreisung. -- Ihr wurde
-heiß und kalt und wieder heiß: wenn er um Gottes willen nur nicht fragen
-würde --! Sie hatte ja keine Ahnung, zu was die Dinger waren, die er nun
-mit einem »Schnapp« zuklappen ließ und wieder öffnete, obgleich ihr
-Geist sich an jedes Instrument klammerte, das ihr je in diesem Saal vor
-Augen gekommen war. Schlicht -- ja, das konnte sie zugeben, das war dieser
-Apparat, fast primitiv in seiner äußeren Gestaltung und beinah roh in
-seinem Material. Aber sein innerer Wert mochte deshalb eminent sein, seine
-Hilfe für die Wissenschaft von unberechenbaren Folgen -- wenn sie nur
-geahnt -- wenn die unscheinbaren Dinger ihr nur einen einzigen Anhaltspunkt
-gewährt hätten! Hilflos starrte sie vor sich nieder und brachte endlich
-ein »Sehr hübsch -- sehr praktisch« über die Lippen.
-
-»Gelt?« fragte er zutraulich. »Das is was! Ja, so werden Meisterwerke
-geboren -- so nebenher, so zufällig! Erst ist der Gedanke in mir gereift,
-dann habe ich mich mit ihm herumgeschlagen, denn eigentlich hab' ich nicht
-recht heranwollen, weil solch eine Idee doch immer etwas ablenkt -- aber
-schließlich: das Erfindungsfieber ist über mich kommen, und kein' Ruh'
-nicht hab' ich gehabt, bis 's nicht da fertig vor mir gelegen ist am
-Tisch!«
-
-Zwar hörte sie heraus, daß er sich ein wenig selbst persiflierte, aber
-stolz war er darum doch. Und konnte es ja auch sein: eine Erfindung machen,
-die Wissenschaft bereichern, das ist immer etwas Großes, fast Heiliges.
-So sagte sie denn auf gut Glück hin: »Die Zeit dürfen Sie doch nicht als
-verloren betrachten -- da Ihnen die Erfindung gelungen ist, hat sich doch
-die sogenannte Untreue gegen Ihre Arbeit reichlich gelohnt.«
-
-Er lachte. »Sogenannte« -- ist gut! Sie haben eine famose Art zu
-trösten, Frau Kollega! Ich hätte Sie gar nicht für so vorurteilsfrei
-gehalten.«
-
-Auch das verstand sie wieder nicht ganz, aber sie war nur froh, daß er
-keine präzisere Antwort von ihr verlangte.
-
-Als er nun vorschlug, für heute die Arbeit aufzugeben und gemeinsam
-zu speisen, willigte sie gern ein. Gewöhnlich aß sie mittags in einer
-Pension mit streng modern denkenden und gekleideten Malerinnen; und
-sie, die noch so wenig leistete und in ihrer Arbeit ja auch kaum je eine
-Eigenart entwickeln konnte, saß recht gedrückt und bescheiden zwischen
-diesen selbstsichern Geschöpfen, die alle mit Bewußtsein auf dem
-richtigen Weg waren, wie sie sagten. Sie selbst sah nur ein stilles Eckchen
-vor sich, einen Tisch in einem Saal, an dem sie unbeachtet bis an ihr
-Lebensende sitzen, bestimmen, zeichnen, höchstens einmal etwas
-würde schreiben dürfen. Da durfte sie sich allerdings nie mit diesen
-Künstlerinnen in einem Atem nennen, die Ruhm und Erfolg in die Höhe
-tragen würden!
-
-Neben des Doktors gutmütiger Art verlor sie ihre Scheu, ja, sie verriet
-ihm sogar von den Zweifeln an sich, die sich täglich am Mittagstisch
-erneuerten. Er lachte sie aus und sagte ein paarmal: »Da -- schauen S'
-mich an! Bin ich hoffärtiger worden -- oder gar stolzer?! Und bin doch ein
-großer Erfinder! Gelt, das bestellen S' Ihre Schwabinger Madeln von mir:
-je größer einer ist, um so bescheidener soll er sein.«
-
-Er brachte sie nach Hause, und vor ihrer Tür sagte er plötzlich: »Wissen
-S', ich begleit' Sie morgen!«
-
-Ja, das wäre nett! Zu zweien mußte es doch viel schöner sein, und so
-sicher war sie übrigens auch gar nicht auf ihren Skiern -- in diesem Jahr
-war sie noch kaum hinausgekommen --.
-
-»Um so besser«, entgegnete er etwas unverständlich. »Und da sprechen
-wir uns deutlich aus über meine Erfindung.«
-
-Ach Gott, wenn er doch draußen nichts weiter wollte, als sich selbst
-bespiegeln und bewundern und von dem klassischen Stück Eisen reden, so
-sollte er nur lieber daheim bleiben! Etwas widerwillig nannte sie ihm Ziel
-und Abfahrtszeit, dann ging er fröhlich, mit richtiger Siegesmiene davon.
-Er schien doch schon auf dem besten Wege zur Hoffahrt zu sein!
-
-Den ganzen Abend, während sich Frau Ellen Mahder die Skiausrüstung
-bereitlegte, die »Lauparstiefel« noch einmal einfettete, die Gamaschen
-fest aufrollte, um sie morgen tadellos binden zu können, und
-schließlich in den Rucksack zu allerlei appetitlichem Proviant den
-Zdarsky-Spirituskocher und den Seidenkragen, der sich zum Zelt gestalten
-ließ, eine andere Erfindung des Lilienfelder Skimeisters, zusammenpackte,
-plagte sie die Vorstellung von Doktor Zerpfangs Schöpfung. Ja, käme sie
-nur dahinter, ob er sie absichtlich hinhielte, sich vielleicht an ihrer
-Angst weidete -- oder ob er sie wirklich für nicht so dumm hielte, als sie
-doch sein mußte! Diese letzteren Zweifel quälten sie besonders, und so
-verbrachte sie keine erquickende Nacht.
-
-Er aber tat bei der Abfahrt gänzlich unbefangen. Seinen Schöpfer lobte
-er, der ihm den guten Einfall gegeben, gleich ihr dem dumpfen Saal zu
-entfliehen und in die Berge zu fahren. Den ganzen Weg vom Bahnhof in
-Schliersee, an Fischhausen vorbei und durchs Josephtal sang er und jubelte
-und konnte sich nicht genug tun, die Weiße des Schnees, die Bläue des
-Himmels -- die wunderbare, in kristallene Reinheit getauchte Landschaft
-zu bewundern. So ein Tag -- so ein leuchtender, jauchzender Tag! Ja, den
-brauchte man -- da wurde man wieder gesund und froh, da fielen alle kleinen
-Erdennöte vom Herzen ab, so wie der stäubende Schnee vom schwankenden
-Ast. Und er schlug gegen die Bäume, daß es in lichten Wolken auf sie
-beide herniederrieselte: das Jungbad der Seele nannte er das. --
-Etwas schweigsam ging Ellen Mahder neben ihm her; sie kam sich selbst
-schwerfällig und »norddeutsch« vor, daß sie nicht aus vollem Herzen
-in sein Glück mit einstimmen konnte. Aber die Furcht vor seiner Erfindung
-fesselte ihr Zunge und Sinn -- und ebenso die wachsende Erkenntnis seines
-Wesens: ein Kind war er, ein echtes, großes Kind wie alle Künstler, alle
-Genies. Hier, in der Sonne, in der belebenden, herben, köstlichen Luft,
-am größten gemessen, das es gibt: an freier Natur, offenbarte sich seine
-Ursprünglichkeit und Lauterkeit. Ein Erfinder -- und doch so primitiv! Die
-Kompliziertheit ihres eignen Charakters wuchtete auf ihr.
-
-Ehe es nun bergauf ging -- sie wollten zur »Rotwand« hinauf -- verlangte
-er, daß das Zelt aufgeschlagen und der Spirituskocher in Tätigkeit
-gesetzt würde. Ellen war noch gar nicht hungrig, aber sie gab nach: Launen
-eines großen Menschen soll man erfüllen, sie gehören zu ihm wie die
-Dornen zu den Rosen.
-
-So hockten sie zu zweien, trotzdem sie beide groß waren, in dem winzigen
-Zelt nieder, kochten sich »einen Tee« und begannen sich von Herzen der
-Kameradschaft zu freuen. Früher, nein, da war diese Ungeniertheit zwischen
-zwei fremden Menschen und noch dazu zwischen Mann und Frau unmöglich
-gewesen -- nur dem nivellierenden, von Vorurteilen befreienden Sport war
-das zu verdanken!
-
-»Er soll leben«, sagte der Doktor mit dem letzten Schluck, und dann
-packten sie wieder zusammen.
-
-Dabei kam eine Unruhe über den jungen Botaniker. Ein paarmal setzte er zum
-Sprechen an, endlich brachte er über die Lippen: »Wann's Ihnen recht ist,
-probieren wir sie nun aus, die Erfindung! Weil's ohnehin bergan geht!«
-
-Hier -- die Erfindung! Im Freien, im Schnee -- auf einer Skitour! Mein
-Gott, er konnte doch nicht plötzlich geistig verwirrt sein. -- Unmerklich
-trat sie einige Schritte von ihm zurück. Er kniete im Schnee hin und
-bastelte an ihren Skiern herum. Sie spähte inzwischen ringsum: sollte sie
-fortlaufen, um Hilfe rufen -- ihre Angst wuchs ins Ungeheure! Eine einzelne
-Frau allein mit einem Mann, nein, es war doch nichts, sie verwünschte im
-Moment die eben noch gepriesene Kameradschaft: die Alten hatten recht, die
-vor ihr warnten, die ihr keine Existenzberechtigung gewährten -- --
-
-Da war er schon fertig und erhob sich mit einem scheuen Lächeln um den
-Mund, mit einem Rot stolzer Verlegenheit auf der Stirn.
-
-»Da sehen S'! Ein Griff -- klapp! Fertig is'! Und nun probieren Sie 's aus
--- Sie sollen die Erste sein -- wie mich das glücklich macht!«
-
-Die Skier lagen vor ihr, und dicht vor der Bindung waren sie umklammert --
-von der neuen Erfindung! Zutraulich erklärte er ihr, woran der Vorteil vor
-den kostspieligen, mühsam anzulegenden Fellen läge und daß, wenigstens
-für kürzere Touren, der gewachste Bindfaden dieselben Dienste leisten
-könne. -- --
-
-Er begriff gar nicht, warum sie nicht in seine Freude mit einstimmte.
-Sie hatte die Farbe gewechselt und sich an einen Baum gelehnt: ihre
-Enttäuschung, ihre Empörung -- der Zorn gegen ihn, gegen sich selbst
-nahm ihr Atem und Besinnung. Also doch -- also doch! Leichtsinnig,
-oberflächlich, unzuverlässig! Nicht an einer ernsten Erfindung hatte
-er all die Wochen intensiv gearbeitet, für diesen Unfug, diese
-Überflüssigkeit -- dieses Nichts hatte er Zeit und Kraft geopfert! Und
-seine Kindlichkeit war kein Beweis seiner Genialität, sie war nichts als
-der Ausfluß seines unreifen, törichten Wesens.
-
-Aber das Ärgste war und blieb, daß sie sich hatte düpieren lassen!
-
-Mechanisch setzte sie die Füße in die Skier, ließ sie sich von ihm
-festschnallen und lief von ihm fort, so schnell es nur eben ging. Sie
-mußte allein sein, nachdenken, versuchen, ihre ungeheure Wut gegen ihn
-niederzukämpfen -- ihn von ihrer schmerzenden Enttäuschung nichts merken
-lassen.
-
-Die schwebende Enttäuschung blieb, als sie endlich die andern Gefühle
-besiegt hatte. Irgendwo in ihrem Herzen saß sie fest und ließ sich nicht
-vertreiben und sagte ihr wieder und immer wieder, daß auch dieser Mann nur
-einer wie alle sei, um kein Deut besser, um kein Lot wahrer -- vielleicht,
-vielleicht auch so wankelmütig wie der andere, der sie nach kurzer Ehe
-verlassen und um dessentwillen sie einen Beruf gewählt hatte -- um zu
-überwinden und zu vergessen. Längst überwunden war das alles; heute
-stiegen ihr dennoch bei der Erinnerung die Tränen in die Augen. Einer wie
-alle -- alle wie der Eine!
-
-Äußerlich wurde sie ruhig. Die gleichmäßige Bewegung bergan, die
-göttliche, kaum von einem Vogelschrei unterbrochene Ruhe, der stille
-Sonnenschein, der Wald und Schnee förmlich durchtränkte, die klare Luft
--- sie taten ihr Werk wie immer. Sie glätteten die hochgehenden Wogen
-ihrer Empfindung und zwangen sie, gerechter zu werden: war es seine Schuld,
-daß er sie enttäuschte? Hatte er sie über sich selbst im Unklaren
-gelassen? Nur sie, sie wollte mehr in ihm sehen; ihr genügte nicht
-der harmlose Mensch, der dennoch seinen Sport ernst nahm und ihm eine
-Verbesserung zur Ausführung wünschte -- ein großer Erfinder, ein Genie
-hatte er sein sollen!
-
-Wie schnell sie auf die Höhe gekommen war, und nicht ein bißchen atemlos
-oder erhitzt wie sonst beim gefürchteten Bergauf -- alle Kraft gespart
-für die frohe, herrliche Abfahrt! Woran lag das nur --? Wahrhaftig: das
-mußte das Verdienst _seiner_ Erfindung sein! Und darüber war sie so böse
-gewesen?! Lächelnd sah sie auf die »klassischen« Eisen hinunter: hatten
-nicht auch sie ihre Berechtigung?
-
-Du lieber Gott, die großen Sachen waren ja schon fast alle erfunden --
-mußte es nicht auch Leute für die kleinen geben, denen man dankbar sein
-konnte für die angenehmen Erleichterungen des Lebens?
-
-Als das Rotwandhaus mit seiner wehenden Flagge in Sicht kam, stand sie
-still. Nicht ein Wort hatte sie ihrem Begleiter auf dem ganzen Weg gegönnt
--- sie mußte es wieder gutmachen.
-
-Aber als er sie erreichte, sagte er: »Famos sind Sie, Frau Kollega! Nicht
-geschwätzt beim Bergauf, das lernen die meisten Frauen nimmer!«
-
-»Ich gebe das Lob zurück«, antwortete sie. »Und Ihre Erfindung ist
-großartig, Herr Doktor -- ich gratuliere.«
-
-Er warf die Mütze in die Luft und jauchzte.
-
-»Famos sind Sie«, wiederholte er. »Nix geschmeichelt, nix schöngetan --
-'s Maul gehalten, Sie verzeihen! still ausprobiert, Erfahrung gesammelt --
-dann erst anerkannt, des nenn' ich gründlich! Ja, die Frauen von heuzutag'
--- des is was!«
-
-Ellen Mahder fand es nicht an der Zeit, ihn aufzuklären, weshalb sie
-so lange geschwiegen. Einmal -- es kam ihr vor, als würde es nicht mehr
-unerträglich lange bis dahin sein -- wollte sie ihm die Wahrheit gestehen:
-ihre Enttäuschung über ihn -- und ihr Zurückfinden. -- Still und
-glücklich glitten sie nebeneinander her, bis sie das Haus mit der
-fröhlich wehenden Flagge erreicht hatten.
-
-
-
-
-III.
-
-»Sie« im Süden.
-
-
-
-
-Osterspaziergänge in Latium.
-
-
-I. Der Monte Soracte.
-
-Die Gabe, Kunst ernsthaft zu studieren und zu genießen, ist recht
-verschieden bei uns armen Sterblichen verteilt; nirgends läßt sich diese
-Behauptung besser und einwandfreier beweisen als in Italien -- und hier
-vor allem wieder in Rom. Florenz gestattet ein stilles, beschauliches
-Genießen, es gibt keine Entfernungen, man braucht fast immer nur von
-Haus zu Haus zu gehen. Rom bringt zu seiner kolossalen Ausdehnung und dem
-Übermaß seiner Sehenswürdigkeiten, die über sein ganzes Areal verstreut
-sind, noch die Unruhe und Hast der Großstadt -- man ist immer auf der
-Eulenflucht, und hätte man auch lange Wochen zum Besuch der »Ewigen«
-vorgesehen. Darum hört man nicht selten -- am häufigsten von unsern
-Landsleuten, die in 10-14 Tagen »alles« sehen möchten -- den
-Stoßseufzer: »Gottlob, daß wir abreisen! Ich kann nicht mehr!«
-
-Ich bemitleide diese Menschen nicht; ich bewundere sie. Denn ich hätte
-schon längst nicht mehr gekonnt! Für meine Aufnahmefähigkeit sind drei
-fleißige Museumsstunden schon ein gerüttelt Maß -- darüber fort versagt
-sie vollständig. »Wie schade, nicht wahr, so viel Zeit zu verlieren --
-und womit füllen Sie sie dann aus?« -- Ich gehe spazieren; ich laufe
-stundenlang durch die Campagna, ich suche zu Fuß all die kleinen
-Ortschaften auf, die wie leuchtende Punkte in der mächtigen Ebene
-verstreut liegen, ich klettere auf die Hügel- und Bergketten, die überall
-den Horizont in weiter Linie umsäumen, und ich entdecke, daß ihre Hänge
-mit Dörfern und Städtchen besetzt sind, grau und monoton, wie der Boden,
-aus dem sie emporwachsen, und doch ein jedes von ihnen stimmungsvoll --
-architektonisch schön -- oder voll geschichtlicher Reminiszenzen, die ihre
-Patina auf verfallene Burgen und Paläste geworfen haben. Das ist meine
-geistige und körperliche Erholung, mein Schutz gegen allmähliches
-Abstumpfen angesichts Roms erdrückendem Reichtum: ein stunden- oder auch
-tagelanger Spaziergang und von Zeit zu Zeit ein weiterer Ausflug, der die
-überreizten Sinne ausruhen läßt und uns das herrliche Land trotzdem
-näher bringt, weil wir seine Natur lieben lernen.
-
-Nördlich von Rom, mit fast geradem Rücken, in schwerem Massiv über die
-lieblichen Hügel dominierend, liegt der Monte Soracte. Wie lange schon zog
-er wieder und wieder meine Blicke und meine Sehnsucht auf sich -- ein wenig
-wegen seiner schwermütigen Gestalt, ein wenig wegen seiner Höhe -- etwa
-700 m, aber direkt aus der Ebene aufsteigend, also doch eine bescheidene
-Bergpartie verheißend! -- Hauptsächlich aber, weil man hoffen durfte,
-dort nicht vielen Menschen zu begegnen! Den Passanten raubt der Ausflug zu
-viel Zeit -- ich bitte Sie, wenn man jede Statue in Rom gesehen haben
-will! -- die andern sind wohl zu bequem. Denn trotz des himmlischen
-Frühlingstages -- o Segen -- sind und bleiben wir allein, mein lustiger
-Begleiter und ich! Und wie wir uns fühlen, einmal wieder mit dem leichten
-Gepäck für eine Nacht im Rucksack -- fernab von Pensionen, Leuten mit
-Baedekern und der Gewißheit, abends beim Diner den Nachbar rechts und
-links und gegenüber seine Tageseindrücke nicht memorieren zu hören --
-nein, ein echter, rechter Ferientag ist es, ein Schuleschwänzen in ewigen
-Vakanzen! »Da kann ich Sie gleich auf Ihre Bedürfnislosigkeit prüfen«,
-meinte der Hochtourist. Denn es war unsere erste »Bergtour«, und der
-Hochtourist, dessen seherischer Blick meine bergsteigerischen Fähigkeiten
-erst wenige Tage vorher am Turm des Kapitols entdeckt hatte, konnte noch
-nicht ahnen, wie glänzend sie sich entwickeln würden.
-
-Nur wir entsteigen in Stimigliano dem Coupé; nur wir zwei laufen
-querfeldein bis hinab zum »=Bionde Tevere=«, dem blonden Tiber, der hier
-so köstlich ländlich aussieht, so recht wie ein gemütlicher Bauernfluß,
-nicht ein bißchen, als trüge er später die Weltstadt auf seinen Ufern;
-und ganz primitiv, außer uns nur von ein paar Frauen und Kindern benutzt,
-ist auch die Fähre, die uns ans jenseitige Gestade befördert.
-
-Die Sonne brennt heiß auf den noch brachliegenden Boden nieder, aber da
-bekanntlich die Götter vor jeden Erfolg den Schweiß gesetzt haben, so
-tragen wir frohen Muts und unverdrossen die göttliche Prüfung -- sind wir
-doch des schönen Erfolges sicher!
-
-Frühstücksstation: San Oreste. Weiten Rundblick gestattet es über
-die Sabiner- und die umbrischen Berge, aber »recht einladend«, wie es
-Gregorovius erschienen ist, der deshalb bedauert, es nicht besucht zu
-haben, ist es wirklich nicht. Ein Haufen eng aneinander gedrängter,
-unmalerischer Steinhäuser ohne die geringste Abwechslung oder
-Ausschmückung; und das Wirtshaus am Dorfeingang wohl noch genau
-so bescheiden wie zu den Zeiten jenes berühmten italienischen
-Spaziergängers. Aber das wenige, das man bekommt: Salami, Eier und Wein,
-so gut wie fast überall in den ländlichen Osterien. Die Befürchtung
-vieler Reisender, abseits der großen Heerstraßen »nichts« zu bekommen,
-ist wirklich überflüssig!
-
-Und dann, nach kurzem Marsch, kommt ein Wald; ein schattenspendender,
-kühler Wald ernster Steineichen. Einmal mag der ganze Berg von ihnen
-bestanden gewesen sein -- aber auch dieser Rest ist noch ehrfurchtgebietend
-genug -- und so märchenhaft still -- man wartet, ob nicht Böcklins
-Einhorn langsam zwischen den dunklen Stämmen hervortrabt.
-
-Wenige Minuten unterhalb des Gipfels taucht das Kloster San Silvestro auf,
-genannt nach dem Papst Silvester, dem der Kaiser Konstantin »das ganze
-Abendland« schenkte -- eine etwas unsichere Gabe! Und eine Zeitlang suchte
-Karlmann, Karl Martells kampflustiger Sohn, in diesen Mauern Ruhe -- bis
-auch ihn die Menge der Besucher, die nach Rom pilgerten, verscheuchten --
-Gott sei Dank haben sie jetzt einen andern Weg gefunden!
-
-Ganz oben auf dem Berge erhebt sich eine kleine Kapelle über einer
-schönen, alten Krypta, in der uns der alte Aufseher auf die Zelle des
-heiligen Silvester aufmerksam macht. Bedürfnislos genug mag er gewesen
-sein, Geschmack besaß er jedenfalls! Denn die Aussicht von diesem
-höchsten Punkt ist einfach superb: die ganze Campagna liegt zu unseren
-Füßen, dem Lauf des Tibers folgt man bis zu Roms Mauern, das Meer
-schimmert stahlblau in der Mittagssonne zu uns herüber, Bracciano und
-den gleichnamigen See glaubt man mit der Hand erreichen zu können -- die
-weichen Linien der Albaner-, Sabiner- und umbrischen Berge umschließen
-das Bild nach Osten und Süden -- kurzum, das Ganze ist so schön, so
-abwechselungsreich, daß man sich schwer losreißen kann. Aber die Schatten
-werden länger, eilig geht es auf der Westseite bergab durch Weinberge und
-Olivenhaine. Von der Haltestelle San Oreste aus benutzten wir die Bahn und
-erreichen im Abenddämmern, nach entzückender Fahrt, unser letztes Ziel:
-Cività Castellana. Die Stadt liegt auf einer Felsplatte, zu der sich die
-Bahn in hübschen Serpentinen hinaufwindet, immer neue Ausblicke in die
-merkwürdig tief einschneidenden Flußtäler gewährend. Die Treja und der
-Rio maggiore umströmen die Stadt von drei Seiten, d. h. wenn man so sagen
-darf: ihr Piedestal. Fast senkrecht, aber mit dichten Schlingpflanzen
-und Gebüsch romantisch geschmückt, steigen die Uferwände empor, eine
-natürliche Verteidigung bildend, wie man sie nicht besser, und vor allem,
-nicht schöner denken kann. Und aus diesem Grunde -- der geschützten Lage
-wegen -- wurde die Stadt immer wieder aufgebaut, trotzdem verschiedene
-Eroberer, zuletzt die Sarazenen, sie zerstört hatten. Aber der Fleck Erde
-ist auch zu verlockend -- die Promenade um die alte Stadtmauer immer wieder
-überraschend an neuen Ausblicken. Freilich, im Hof der einst berühmten
-Zidatelle weiden nur noch ein paar Ochsen, nachdem das Gebäude jetzt
-nicht einmal mehr als Gefängnis benutzt wird. Die Zeit, wo hier mächtige
-Grafengeschlechter hausten und Päpste sich zum Sterben in das überaus
-pittoreske Städtchen zurückzogen, ist vorüber; nicht einmal mehr ein
-Räuberhauptmann, wie seinerzeit Gasparone, lebt in ihr. Ihr einziges,
-sehr sehenswertes Gebäude ist die Kathedrale Santa Maria mit romanischem
-Portal, gotischen Rundfenstern und Cosmatensäulen in der Vorhalle. Auf dem
-Platz vor der Kirche wurde abends ein Ständchen gebracht und am nächsten
-Morgen der Markt abgehalten, als wir auf einem mittelalterlichen Omnibus
-vorüberrumpelten, um uns nach Borghetto bringen zu lassen. Von der
-Bahnstation Cività Castellana, die anderthalb Stunden von der Stadt
-entfernt ist, benutzten wir die Bahn zur Heimfahrt nach Rom.
-
-
-II. In den Sabinerbergen.
-
-Wer hätte nicht von deutschem Besitz auf italienischem Boden gehört --
-von dem berühmten Eichenhain, der Serpentara, der einst von deutschen
-Künstlern vor dem Ausroden bewahrt und schließlich von ihnen mit
-gesammeltem Geld angekauft wurde?! Auch mich lockte dieses kleine
-»Deutschland«.
-
-Ganz früh, im unaufgeräumten Wartesaal des römischen Bahnhofs, tranken
-wir unsere Schokolade. -- Eine kurze Bahnfahrt bis Zagarolo -- von hier
-mit dem Omnibus bis Genazzano. Vorn neben dem Kutscher erwischen wir
-noch Plätze; die Bauern hinter uns unter dem muffigen Verdeck des Wagens
-können nicht begreifen, daß wir die angebotenen Ehrensitze in ihrer Mitte
-verschmähen! Wir aber blicken über den mächtigen Federbusch eines auf
-Urlaub für die Festtage gehenden Bersagliere -- der uns zu Füßen auf der
-Deichsel hockt, nach dem schönen Spruch: Besser schlecht gefahren als gut
-gegangen! -- in das sonnengetränkte, köstliche Land hinaus. Nicht tot
-mehr scheint die Erde -- duftend steigt es aus den braunen Schollen empor,
-in den Zweigen der Kastanien- und Ölbäume regt es sich leise, rötliche
-Augen zeigen sich an den Weinreben, die sich von Ulme zu Ulme ranken.
-
-Und welch eine Volksmenge, je mehr wir uns der kleinen Stadt Genazzano
-nahen! Der Tag irgendeines Heiligen ist es, der zum Jahrmarkt benutzt wird
--- Frühaufsteher kommen uns schon mit ihren Einkäufen entgegen. Rechts
-und links am Stadttor hängen goldglänzende Kupfergeschirre an den Mauern;
-Bettladen, Wiegen und Truhen versetzen den Weg. Wir steigen aus und wandern
-durch den Ort, vorbei an einer Wallfahrtskapelle, die auch heute ihre
-Anziehungskraft beweist, vorbei am alten Palast der Colonna und den
-Überresten ihres Aquädukts, dessen von Efeu umsponnene Bogen malerische
-Rahmen für die Landschaft im Tal bilden. -- Der Weg nach Olevano, nicht
-über die bequeme Landstraße, sondern quer durch die Felder, ist sehr
-schön; auf allen kleinen Anhöhen alte Klöster und Burgen, in weiterer
-Ferne Schneehäupter der Abruzzen und ringsumher ein Land, dessen
-historischen Reichtum man ahnt und fühlt. In der klaren Sonne ist es, als
-könnte man mit einem Schritt zu all den kleinen Ortschaften hinüber,
-die sich nur durch eckige Konturen vom Felsboden, dem sie entwachsen,
-unterscheiden.
-
-Olevano liegt ebenfalls an einem Bergabhang und hat steile und schmutzige
-Straßen; aber überaus malerisch ist es: der Marktplatz mit seinem
-Brunnen, an dem die Esel getränkt werden, und zu dem im Abenddämmern
-prachtvolle Frauengestalten, die kupferne Conca (Krug) auf dem Kopfe,
-heranschreiten. Die Bewohner von Olevano haben überhaupt einen besondern,
-kräftigen und schönen Typ, und sind durch den Umgang mit liebenswürdigen
-Malersleuten zutraulich geworden.
-
-Etwa eine halbe Stunde nördlich von Olevano, am Wege nach Bellagra, liegt
-die Serpentara, der deutsche Eichenhain, ein Künstlerhaus mit deutschem
-Namen am Eingang. Wie merkwürdig das ist: plötzlich auf deutschem Boden
-zu stehen! Die Namen der besten vaterländischen Künstler sind mit
-diesem Fleck Erde verknüpft, unsere größten »Landschafter« haben hier
-studiert und gelernt. Ein Felsblock trägt das Relief unsres Kaisers, neben
-der 1887 gepflanzten »Kaisereiche« -- ein andrer das Viktor Scheffels,
-unter dem seine Worte prangen:
-
- Hier im Zentrum des Gebirges
- Lesen wir die alte Keilschrift,
- Die der Haufe nie versteh'n mag,
- Das Gesetz des Ewigschönen.
-
-Einmal also, durch deutsche Künstler, haben wir im Lande unsrer ewigen
-Sehnsucht ein eignes, wenn auch bescheidenes Besitztum erreicht!
-
-Am nächsten Morgen wanderten wir nach Bellagra, dem unheimlich
-schmutzigsten Ort, der mir in Italien begegnet ist und _vielleicht_ durch
-diese Eigenschaft sehenswert, sonst nicht. Noch einmal steigen wir eine
-steile Anhöhe hinauf: nach Rocca San Stefano, dann geht es lange neben dem
-Anio, dem »immerkalten«, her, und ebenso lange liegt links vor uns auf
-einem Felsen, von einer Burg überragt, Subiaco. Die sechs Stunden von
-Olevano sind, ohne uns im geringsten zu ermüden, »vergangen«; das Land
-und die kleinen Orte, die wir durchschreiten, bieten so viel Reize und
-immer neue Abwechslung, daß man sich der Länge des Weges nicht bewußt
-wird.
-
-Wer nun wirklich mit seiner Zeit geizen muß, lasse sich an dem äußern,
-reizvollen Eindruck Subiacos genügen und kehre eilig mit dem nächsten Zug
-über Tivoli nach Rom zurück. Vielleicht, um dort den Osterfeierlichkeiten
-in Sankt Peter beizuwohnen? Ach Gott, _diese_ Enttäuschung ist ein Kapitel
-für sich! Ich feiere meine Ostern stets draußen, in irgendeinem kleinen
-Nest -- weitab von den hastenden Touristen!
-
-Denn um Subiaco recht zu würdigen, bedarf man der Ruhe. Die drei Klöster
-von Santa Scolastica, »die Wiege des Mönchtums im Abendlande«, sind
-so reich an Schätzen und historischen Erinnerungen, daß es schade und
-nutzlos um einen kurzen Besuch wäre. Zur Zeit der Goten in Italien, als
-das römische Reich sich auflöste, gründete der heilige Benedikt hier
-eine Zuflucht für weltmüde Menschen, während des ganzen Mittelalters
-stand es da, »ein einsamer Leuchtturm der Wissenschaft«, wie Gregorovius
-es nennt, und Deutsche, Arnold Pannartz und Konrad Schweinheim, druckten
-hier im Jahre 1465 das erste Buch in Italien, den Donatus, ehe sie in Rom,
-im Palazzo Massimi alle Colonne, die erste Buchdruckerei errichteten.
-Auch jetzt noch sind die Klöster überreich an Inkunabeln und alten
-Handschriften, trotzdem die Abtei mehrmals, z. B. von den Sarazenen wie von
-den Ungarn, zerstört worden ist. Aber die Macht des Klosters wurde durch
-Schenkungen reicher Barone immer wieder hergestellt, die Stadt Subiaco
-selbst geriet allerdings erst im Jahre 1068, als der Abt Johannes V. die
-Burg erbaute, in den Besitz des Ordens. Seit dieser Zeit rivalisierten die
-Benediktineräbte neben den Orsini und Colonna auch auf dem Kriegsfeld und
-waren leider wegen ihrer erbarmungslosen Justiz berühmt. Deshalb entzog
-Urban VI. im Jahre 1386 den Mönchen das Recht, den Abt selbst zu wählen,
-und setzte zum Teil dadurch ihrem Übermut eine Schranke. Dennoch empörte
-sich, fast hundert Jahre später, das Volk von Subiaco gegen die Mönche,
-die an fünfzehn jungen Leuten eine Art Lynchjustiz ausgeübt hatten,
-verwüsteten das Kloster und mordeten die Mönche. Auch in den ferneren
-Jahrhunderten spiegelt sich in der Geschichte dieser Abtei im kleinen das
-ewige Auf und Ab von Größe und Verfall wieder -- und viel von dem steten
-Kampf zwischen geistlichen und weltlichen Würdenträgern!
-
-Ein steiler Weg von fünfundzwanzig Minuten führt weiter aufwärts nach
-San Benedetto, einer aus Ober- und Unterbau bestehenden Kirche, in deren
-Garten der heilige Franz von Assisi die Dornen, in denen der heilige
-Benedikt sich wälzte, um sich gegen verführerische Vorstellungen
-zu schützen, in Rosen verwandelte. Noch jetzt ist der Garten von
-Rosenbüschen erfüllt. Die Grotte, in der Benedikt lebte, ist mit einer
-Statue des Heiligen aus der Schule Berninis geschmückt.
-
-
-
-
-Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen.
-
-
-I. Locarno.
-
-Eins wollen die seit undenklichen Zeiten an Italien-Sehnsucht krankenden
-Deutschen nie lernen: daß sie nämlich dieses Land, das wie kein anderes
-Sonne, Wärme und frisches Grün verlangt, stets viel zu früh aufsuchen
-und es gerade dann verlassen -- wenn es erst anfängt schön zu werden! Den
-früher so viel beklagten Übelständen: schlechten Heizungsmöglichkeiten,
-Steinböden usw., ist zwar längst, wenigstens in den besseren,
-internationalen Hotels und Pensionen, abgeholfen; es gibt überall
-Zentralheizung, Parkettböden, mit Teppichen ausstaffierte Hallen und
-Lifts und Wintergärten, und der Deutsche findet es mit steinerner Stirn:
-»ebenso wie zu Hause« -- aber natürlich, den echten, gemütlichen
-italienischen Albergos muß er aus dem Wege gehen, weil er eben in ihnen
-friert und sie deshalb für »unmöglich« hält. Das ist der zweite
-Nachteil seiner vorzeitigen Erscheinung jenseits der Alpen. Der erste,
-wie gesagt, die tote Natur. Eine nordische Landschaft kann durch schweren,
-bewölkten Himmel Ausdruck und Stimmung erhalten und malerisch wirken, die
-italienische wird ohne Sonne farb- und charakterlos. Und weshalb begnügt
-man sich mit ein paar warmen Mittagsstunden? -- In der Hauptsache wohl,
-weil es diese auch zu Hause nicht gibt. Jetzt dehnt man sich schon morgens
-im Bett mit dem wohligen Gefühl, zu einem echten, rechten Sommertag
-erwacht zu sein; durch das weitoffene Fenster zieht laue Luft, durchsetzt
-vom wundervollen Duft der Glyzinien, deren schwere lila Trauben einen
-undurchdringlichen Baldachin über der Terrasse bilden. Man hat geschlafen,
-gewiß; aber bis in den Traum hinein hat man die Nachtigall gehört, die
-die Nacht durchschluchzte, und von der man ohne weiteres annimmt, daß sie
-poetisch genug war, ihr kleines Nest im Kamelienbaum aufzuschlagen;
-über und über bedeckt ist er mit leuchtenden, roten Blüten -- und die
-Nachtigallenkinder werden ihr Leben lang vollauf zu tun haben, wenn
-sie auch nichts anderes lernen wollen, als ihn würdig zu besingen. Man
-lächelt vor sich hin, wenn man nun ans Fenster tritt und nach stillem
-Blick über den stahlblauen Spiegel des Sees die Wunder in der Nähe
-betrachtet: die Kletterrosen mit ihren Tausenden zartweißen, rosa oder
-gelben Knospen und Blumen, die prangenden Rhododendrons, die köstlich
-gefärbten und duftenden Azaleen, die alle in jeder Nacht an ihrer
-Vervollkommnung weiter arbeiten -- aber mischte sich nicht in die
-langgezogenen Seufzer der Bülbül ein merkwürdig nüchterner Ton?!
-Man erinnert sich plötzlich: der Hahn war es, den die Kunst der grauen
-Sängerin nicht schlafen läßt, und der es in Locarno für nötig hält,
-noch vor Mitternacht die Menschheit an sein Dasein zu mahnen. Aber hier
-versteht man das; in diesem Zauberreich müssen die ältesten Gesetze ihre
-Kraft verlieren und aufgehoben werden. Die Natur befreit sich von allen
-Fesseln, und in ihrer unerhörten Verschwendung verleiht sie auch dem
-bescheidenen Haushahn die Gabe, über seine eigentliche Bestimmung hinaus
-zu krähen.
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-Drunten pfeift der erste Dampfer, deutlich kann man verfolgen, wie von
-allen Seiten Omnibusse heranrollen, etwas Gepäck verladen wird und einige
-Pärchen Hand in Hand den Weg, der zum Schiff hinüberführt, betreten.
-Der Dampfer gibt ein zweites, wehmütiges Signal: aber niemand kommt mehr.
-Schwerfällig legt er ab. Und der junge blonde Kontrolleur, der seit fünf
-Jahren täglich vom Morgen bis zum Abend die zwölf Dampfer seiner Linie
-kontrolliert, wird keine zu große Arbeit haben. Diese da, die letzten,
-allerletzten deutschen Hochzeitsreisenden haben richtige Billette, sitzen
-in der ihnen zukommenden Klasse, verlassen das Schiff ordnungsgemäß an
-der =Isola bella=, durcheilen Hand in Hand Schloß und Garten und stehen
-nach zwei Stunden Hand in Hand wieder bereit, um die Rückfahrt anzutreten.
-Nicht einen Schritt vom vorgeschriebenen Wege tun diese Leute -- nichts
-sehen sie als die im Reisehandbuch verzeichneten Merkwürdigkeiten, und
-ohne Aufenthalt setzen sie ihre Tour fort: nach Lugano hinüber, oder
-gleich zurück über den Sankt Gotthard -- und ahnen nicht, daß sie an den
-Hauptschönheiten vorübergegangen sind und sich ihnen nur eine Spalte des
-Allerheiligsten geöffnet hat! Nein, ich fahre nicht über den See; ich
-warte, bis auch die letzten Hochzeitsreisenden fort sind und sich die
-braven Italiener, die dann mit schwatzenden, lachenden Kindern Vor-
-und Hinterdeck in Beschlag nehmen, sich nicht mehr über die fabelhafte
-Ungeniertheit der Jungvermählten chokieren. Und abends kehre ich erst
-heim, wenn das Mondlicht ein glitzerndes Netz übers Wasser wirft und
-all die kleinen Uferstädte nur mehr durch die Perlenreihe der Lichter
-erkennbar sind und nach kurzem wieder in mystisches Dunkel zurücksinken.
-Jetzt wandere ich lieber die Höhen hinauf, in der tröstlichen Gewißheit,
-keiner Seele mehr zu begegnen, sobald ich den Stadtrayon verlassen habe. Am
-wilden Garten der Madonna del Sasso, die sich eher wie eine Festung als wie
-eine Kirche auf steilem Fels inmitten einer Schlucht erhebt, schlendere
-ich vorbei, über Orselina Brione und Contra bis zu dem entzückenden,
-weltvergessenen Mergoscia im Tal der Verzasca, die sich nicht genug tun
-kann an größeren und kleineren Fällen; oder zur anderen Seite nach dem
-malerischen Ascona, das noch seinen besonderen Reiz durch die Gruppe der
-»Naturmenschen« erhält, die sich auf der Höhe des Monte Verità in
-verlassenen Bauernhäuschen angesiedelt haben und ihren Individualismus
-durch vegetarische Kost, flatternde Haare, wenig Bekleidung und größte
-Saloppheit dartun. Ich nehme mir aber bestimmt vor, sobald es noch heißer
-wird, mich wenigstens »vegetarisch« zu frisieren und alle künstlichen
-Unterlagen fortzulassen. Ascona ist auf dem Land erbaut, das die Maggia
-angeschwemmt hat; in ihrem langen Tal ist wohl der schönste Punkt bei
-Ponte Brolla, wo der Bach durch schroffe Felsen bedrängt wird, und später
-bei Visletto. In Cevio mündet ein neues Tal ein, das Valle di Campo, von
-der klaren Rovana durchströmt, von dessen verschiedenen Ortschaften aus
-über zahlreiche Pässe leichte und etwas schwierige Touren sich nach
-Gefallen und Wanderlust ausführen lassen. Aber sieh, das Beste liegt so
-nah! Der köstliche Weg von Locarno nach Ronco, hoch überm See, mit stetem
-Blick auf seine Fläche und die anmutigen Inseln bei Brissago, führt durch
-schattenspendenden Wald; nicht durch immergrünen mit hartem, dauerhaftem
-Laub, sondern unter den zartgrünen Zweigen von Ulmen, Buchen und den
-lichten Schleiern der Birken hin. Und über allen Vorbergen, die im
-April noch so plump in ihrem farblosen Massiv dastehen, haben die Birken
-ebenfalls ihr beständig flimmerndes Grün geworfen; auf den höheren
-Gipfeln leuchtet noch der Schnee, von den Abhängen erstrahlen die
-Obstbäume in blendender Pracht, und die Weinreben strecken sich von
-Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum grüne Blättchen auf verlangend
-wachsenden Armen entgegen. Ein reizender Winkel, verfallende, verlassene
-Bauernhäuschen, durch dichten Efeu zu malerischsten Ruinen umgewandelt,
-ist Fontana Martina, noch hinter Ronco gelegen und von Brissago aus über
-einen mörderisch steilen Pfad zu erreichen. Ein Deutscher wohnt hier
-einsam in dem toten Gemäuer, das für jemand, der wirklich Ruhe sucht, ein
-Dorado sein muß. Aber diese Jemande scheinen seltener zu sein, als man im
-allgemeinen annimmt: kein Liebhaber oder Räuber meldete sich bis jetzt,
-und der Deutsche, der ein wenig auf die Eigenbrödelei seiner Landsleute
-gerechnet hat, folgt am Ende eines schönen Tages -- die hier ja nicht
-selten sind! -- dem Beispiel seines Vorgängers und zieht sich mit einer
-reichen Frau in das Weltgetöse Mailands zurück. Die Kontraste liegen im
-Leben ja meistens dicht nebeneinander.
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-Auch hier. Denn neben den Kindern heißerer Sonne, den hohen Fächerpalmen
-mit ihren kraftstrotzenden, sich eben öffnenden Blütenkolben sendet unser
-nordischer Flieder seine lila und weißen Sternchen im leisen Wind hinüber
-zu dem unendlichen Reichtum der Mimosenbäume; die zarten Kerzen des
-Kirschlorbeers strecken sich neben den derberen der Kastanie vor, die
-Orangenblüten erstrahlen doppelt neben den schwarzen Kugelfrüchten der
-Zypressen, die Iris gesellt sich zum Calicanthus, dem »Erdbeerbaum«
-unserer Kindheit, und zu Füßen des spielerischen Bambus und des
-selbstbewußten Eukalyptus sehen uns unsere Stiefmütterchen mit ernsten
-und etwas größeren Augen als zu Hause an.
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-Ich will dem deutschen Frühling nicht seine Schönheit bestreiten; er
-hat längere Frist, sich zu entwickeln, und muß heftig genug um die
-hartgefrorene Erde und mit seinem Todfeind, dem Nachtfrost, ringen. Das mag
-seinen Kräften nur förderlich sein. Hier kommen sich Sonne und Erde
-in langem, heißem Kuß entgegen, es gibt kein Verweilen, nur ein
-Vorwärtsdrängen, ein Entfalten, Sprießen und Wachsen von Stunde zu
-Stunde. Und unter den glücklichsten Verhältnissen, vom hehren Rahmen der
-Berge umfaßt, lacht aus betörender Farbenpracht mit tausend Augen der
-Sommertag, und klingt sein Herzschlag aus dem Lied der Amsel und dem
-unablässigen Zirpen der Grillen.
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-Auf meiner Fensterbank liegt eine smaragdgrüne Eidechse. Sie genießt die
-Wonne ihres Daseins -- sie ist wunschlos glücklich!
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-II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde.
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-Einen köstlichen »Aussichtsberg« überm Lago Maggiore gibt es, sagte
-man mir, und nachdem ich so lange darauf angewiesen war, allein oder in
-Gesellschaft von weder bergkundigen noch steigelustigen Genossinnen
-über bessere Hügel zu spazieren, wurde der Höhendrang von Tag zu
-Tag mächtiger. Sofort nach Ankunft des »Hochtouristen«, der auf
-Entdeckungsfahrten im »unbekannten Italien« auszog und sich, wie er
-sich bescheiden ausdrückte, »herabließ«, auf der Durchreise dem Lago
-Maggiore ein paar Tage zu »opfern«, wurde eine größere Tour vereinbart.
-Der Dampfer brachte uns nach Stresa, wo ein starker Gewitterregen die
-wichtige Frage nach bequemem Aufstieg, schöner Aussicht usw. zunächst so
-zweifelhaft machte, daß wir uns erst mal zum Bleiben entschlossen, an
-den pompösen Hotels und den noch schlafenden Villen der reichen Milanesen
-vorbeischlenderten und über einen der berühmten, herrlich angelegten
-Spaziergänge Doktor Georg von Siemens' wieder in das engmaschige Netz der
-Straßen des Städtchens zurückgerieten. Hallo, dort ist ein Auflauf vor
-einer Kirche! Wir stellen uns zwischen die anderen Neugierigen, und nach
-ein paar Minuten fährt -- höchst modern! -- ein Bischof im Automobil vor
-und nimmt große Sträuße, von Chiffonschleiern geschmückt, in Empfang.
-Eine Kapelle empfängt ihn mit dröhnender Musik -- leider ist es die
-Marcia Reale, im Jubiläumsjahre römisch-klerikalen Ohren gewiß eine
-doppelt unsympathische Melodie. Aber der geistliche Herr findet sich
-mit Würde in diesen überraschenden Kunstgenuß, verschwindet unter dem
-feuerroten, mit breiten Goldstreifen umsäumten Baldachin und erscheint
-nach kurzem wieder, in voller Amtstracht, die Hand mit dem Hirtenring
-segnend nach links und rechts streckend. Der Zug ordnet sich; als Trägerin
-eines riesenhaften Kreuzes eine jüngere Person wie eine Schar ihr
-folgender, bedeutend älterer in blauem Überwurf und weißen Schleiern,
-dazu haben alle -- sogar die Kreuzträgerin -- trotz der Heiligkeit des
-Moments, ihre mächtigen baumwollenen Regenschirme am Arm, die wohl nur
-im Tode von den Italienern abgelegt werden. In langen Reihen folgen die
-Schulkinder, Knaben wie Mädchen, von Geistlichen und Schwestern geleitet;
-am anderen Tage gibt's eine große Firmelung, obgleich der eigentliche
-Zweck des Signor Vescovo nur eine =visita pastorale= sein soll, der Besuch
-des Hirten bei seinen Schäflein. Armselig genug sehen sie aus, die ihm in
-die nächste Kirche folgen, und sein ernsthafter Blick gleitet über die
-Fremden hin, die abseits stehen. Und in diesem ruhigen Blick und in der
-Bewegung der segnenden Hand liegt so viel Achtunggebietendes, daß sich
-die Köpfe derer, die eben noch über die bescheidene Prozession und den
-modernen Bischof im Auto gelächelt haben, demütig senken und ihren Teil
-an seinem Segen hinnehmen.
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-Am anderen Morgen hat es sich so weit geklärt, daß man nach Meinung der
-Eingeborenen den Aufstieg wagen darf: schlechtes Wetter hält sich hier ja
-nie länger als einen Tag, der Wind hat gewechselt, Gewitter kommt nicht --
-also! Und was man gerne glauben möchte, glaubt man ja einfach, obwohl der
-Hochtourist behauptet, die Einheimischen verstehen vom Wetter nie etwas.
-Zuerst geht's einen steilen Fosso, eine kleine Schlucht, empor; die
-Sonne brennt wahnsinnig, besonders, da ein fast senkrechter
-Bauern-»=scorciatoio=« zum Abkürzen verlockt hat und man sich mit
-Unterholz und Geröll herumplagen muß. Dann oben auf dem harmlosen Grat,
-zum Teil durch Wald, ist es recht hübsch; dann furchtbar langweilig,
-trotzdem man sich allmählich zur alpinen Flora emporgearbeitet und
-tiefblaue Enziane auf den sumpfigen Wiesen findet -- denn natürlich
-hat man wieder »abgekürzt«, schon um nicht immer neben dem im Bau
-befindlichen Damm der Zahnradbahn herlaufen zu müssen. Im Mai dieses
-Jahres noch soll sie eröffnet werden, dann werden endlich auch die
-Italiener, die mit wenig Ausnahmen ja das Wandern verabscheuen, diesen Berg
-gewinnen, und seine Einsamkeit wird dahin sein. Denn jetzt haben wir in den
-vollen vier Stunden, die wir zum Aufstieg ohne Rast brauchten, nur ein
-paar Bahnarbeiter getroffen, sonst keine Seele. Dicht vorm Albergo lag noch
-Schnee, zugleich setzte ein Hagelschauer ein, dem ein heftiges Gewitter
-folgte; da wir nun doch schon naß waren, erklommen wir gleich den nur zehn
-Minuten vom Restaurant entfernten Gipfel, mußten aber durch meterhohen
-Schnee waten. Oben, unter dem 15 m hohen Kreuz, lagerten wir an einer
-schneefreien, aber leider nicht windfreien Stelle und warteten geduldig,
-bis das Wetter sich verzog und langsam, langsam die liebe Sonne wieder
-durch die schweren Wolken kam. Welch ein Wunder sich dann offenbarte,
-und wie aus der Riesenkette schneebedeckter Häupter allmählich in
-überwältigender Höhe die Gruppe des Monte Rosa emporwuchs, das wäre
-auch mit drei Gewittern und vier Meter hohem Schnee nicht zu teuer bezahlt
-gewesen! Und drüben, über den sieben Seen, die man von oben zählt,
-fuhren die gewitterschwangeren Wolken noch unruhig hin und her, ein ewig
-wechselndes, berauschendes Farbenspiel auf den Wasserspiegeln hervorrufend,
-während der Schnee ihrer Berge in schwefelgelbe Tinten getaucht war.
-Ich glaube kaum, daß es an besonders klaren Tagen, an denen sich in der
-lombardischen und piemontesischen Ebene von hier aus Mailand und Turin
-zeigen sollen, schöner sein kann, als wir es oben hatten. Aber leider
-haben manche Leute ja ein Vorurteil dagegen, bei Gewittern auf Berggipfeln
-zu sein!
-
-Nach einer angenehmen Collazione im vortrefflich geleiteten Albergo, das
-den in Italien als Gastwirte bekannten Guglielminas gehört, stiegen wir
-dem westlichsten der oberitalienischen Seen, dem Lago d'Orta, zu, an der
-Südseite des Mottarone hinunter. Abkürzungswege, auf die wir an diesem
-Tage nun einmal geschworen hatten, brachten uns schneller ins Tal und dazu
-durch Gegenden, die absolut menschenleer waren, und in denen außer anderen
-Vogelstimmen sich sogar auch Nachtigallen hören ließen. Aber diesen
-wundervollen Weg, der allmählich wieder in die Region der immergrünen
-Gewächse hinabführte und zum Schluß an ganzen Narzissenfeldern vorbei,
-beschreibe ich nicht näher; aus Angst, ein Italiener könnte lesen, daß
-es bei ihm noch irgendwo Singvögel gibt! Dann wär's aus mit ihnen!
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-Nach gut vier Stunden tauchte endlich am Ende der Schlucht wieder der
-vom Gipfel des Mottarone schon begrüßte See auf, entzückend in seiner
-Stille, der malerischen Umrahmung und der Insel San Giulio mit der alten
-Kirche darauf in seiner Mitte. Zwar fielen jetzt wieder große Tropfen,
-während ich noch den imponierenden Sassina-Viadukt bewunderte und
-wiederholt meine Bedenken gegen die Wetterkenntnis der Eingeborenen
-äußerte. Aber weit vom Ziel konnten wir doch nun nicht mehr sein; ich
-verwandelte mich mit meinem Wetterkragen in eine der besonders beliebten
-»Lodendeutschen« und wanderte tapfer fürbaß -- wohl noch fast
-eine Stunde in immer stärker strömendem Regen, unliebenswürdigem
-Donnergrollen und überflüssig häufigen Blitzschlägen. Manchmal ist
-einem doch _ein_ heftiges Gewitter pro Tag genug. Jedenfalls war ich recht
-froh, als wir endlich beim Pranzo auf der kleinen Terrasse des Albergo Orta
-saßen und ich den Regen nicht mehr direkt ins Gesicht und auf den Kopf
-bekam. Übrigens ist die kleine Stadt Orta, die eigentlich nur aus einer
-Piazza und einer einzigen engen Straße, abgesehen von einigen an den
-Hängen verstreuten Villen, besteht, sehr reizvoll, und ihr Sacro Monte, in
-dessen Kapellen das Leben des hl. Franz von Assisi in den in dieser Gegend
-bevorzugten Terrakottafiguren dargestellt wird, bietet eine entzückende
-Aussicht.
-
-Am nächsten Morgen in Frühe und Kühle brachte uns ein emsiger kleiner
-Dampfer in einer Viertelstunde ans andere Ufer, nach Pella hinüber, wo ich
-den Sitz auf dem mich schon im voraus klagend anschauenden Maulesel dankend
-ablehnte und auf einem Weg, den uns die Italiener als gänzlich unmöglich
-für Damenfüße schilderten, sehr bequem, zum Teil durch schattigen
-Wald, nach zwei Stunden den Paß la Colma erreichten. Als gewissenhafte
-Alpinisten -- so ist man nun einmal! -- nahmen wir gleich den Monte Briasco
-von hier aus noch mit, zu dessen Gipfel (1185 m, also fast 300 m weniger
-als der des Mottarone!) man in dreiviertel Stunden gelangt, und der mir
-den Monte Rosa einmal ganz ohne Wolken und durch seine Nähe von
-imponierendstem Eindruck zeigte. Dann ging's von la Colma an recht
-gemütlich hinab, durch prächtige Kastanien- und Nußwälder, an viel
-einsamen, von blühenden Obstbäumen umstandenen Gehöften vorbei. Nur wo
-in Italien immer die Menschen sind, möchte ich trotz meiner Vorliebe
-für ungestörtes Wandern doch oft gern wissen. Bis unten das Sesiatal
-auftauchte, kam es mir vor, als gehörte dies herrliche Land allein uns, so
-wenig wurde es von anderen beansprucht. Alles in allem haben wir vier
-und eine halbe Stunde bis zu dem durch seine Lage und Architektur
-überwältigend schönen Varallo gebraucht -- warum also kennen Deutsche
-die kleine Stadt fast gar nicht und überlassen sie den Engländern
-fast ganz, die allerdings nicht ungeschickt im Aufspüren versteckter
-Kunststätten sind?!
-
-Varallo ist ein altes Städtchen, überaus malerisch mit seinen
-Steinhäusern und dem lichten Grün der Laubbäume, dem dunklen der
-immergrünen Pflanzen dazwischen. Alte Dokumente, zwei Diplome
-Kaiser Konrads II. erzählen, daß es schon 1025 existierte. Zu
-größerer Bedeutung gelangte es aber erst, als Bernardo Caimi, ein
-Franziskanermönch, einer vornehmen milanesischen Familie entstammend,
-im Jahre 1481 nach seiner Rückkehr aus Palästina beschloß, in seinem
-Heimatlande ein Sanktuarium zu errichten, das allen heiligen Orten, die
-er besucht hatte, samt den Begebenheiten, die sich dort zugetragen haben,
-gleichen sollte. Er erwählte sich Varallo zu seinem frommen Werke und
-erhielt im Jahre 1486 vom Papst Innozenz VIII. die Erlaubnis, ein Kloster
-zu errichten. Aber erst nach einer zweiten Reise nach Jerusalem entwarf
-er die Pläne für das Heiligtum, und im Jahre 1491 wurde der Grundstein
-gelegt. Seit dem Besuche des Erzbischofs von Mailand, Karl von Borromeo,
-im Jahre 1578, der das Sanktuarium bedeutend erweiterte und den
-Beschluß faßte, in einzelnen Kapellen alle Mysterien des Lebens Christi
-darzustellen, gewann Varallo seine große Wichtigkeit als Wallfahrtsort.
-In den waldreichen Tälern und auf den kleinen Vorsprüngen des
-Berges verteilen sich 45 Kapellen um die Hauptkirche, vor der sich ein
-architektonisch höchst reizvoller Hof hinbreitet. Das Innere der Kirche
-ist reich, aber modern. In den Kapellen dagegen befinden sich die alten
-Fresken und Terrakottagruppen, die auf Befehl Karl Borromeos hergestellt
-wurden. Fast tausend Statuen, darunter unzählige Tiere, Vögel, Reptilien,
-von 80 Künstlern ausgeführt, veranschaulichen das Leben und Leiden
-Christi und gelten dem italienischen Volke noch heute als wunderbare
-künstlerische Leistung; während unser Geschmack wohl durch die ganze
-Anlage als solche, die Architektur der Kirche und der Kapellen sowie durch
-die entzückende landschaftliche Umgebung des Heiligtums mehr befriedigt
-wird als durch die oft sehr bunt bekleideten und daher unruhig wirkenden
-Gruppen. Einzelne allerdings, wie die »Kreuzigung« aus der Hand Gaudenzio
-Ferraris, werden auf jeden Beschauer eine erschütternde Wirkung ausüben.
-Auch darf man nicht vergessen, daß zur Zeit, als die Terrakotten
-entstanden, die Bauern weder lesen noch schreiben konnten und Bücher
-eine Seltenheit waren. Da mußte die anschauliche Darstellung der heiligen
-Geschichte von größtem Einfluß sein.
-
-Am Fuße des Sacro Monte, zu dem man von der Stadt aus auf sehr steilen
-Wegen in zwanzig Minuten emporsteigt, liegt die äußerlich simple Chiesa
-Santa Maria della Grazie, die dem 15. Jahrhundert entstammt. Eine vornehme
-Familie aus Varallo, die Vincini, ließ auf ihre Kosten das große
-Wandgemälde malen, welches das Prespyterium von der übrigen Kirche
-scheidet. Es darf wohl als schönste Arbeit Gaudenzio Ferraris betrachtet
-werden und stellt in zwanzig Vierecken, in der Mitte als größtes
-die Kreuzigung, Christi Leben dar. Ein anderes Bild desselben großen
-Künstlers, die Vermählung der heiligen Katharina, befindet sich
-hinter dem Hochaltar der auf köstlichen Substruktionen sich erhebenden
-Pfarrkirche San Gaudenzio, zu deren Füßen der Wochenmarkt abgehalten
-wird. Auch über dem Portal der Chiesa della Madonna di Loreto, eine
-Viertelstunde von Varallo entfernt, hat Ferrari die Geburt Christi
-wunderbar =al fresco= gemalt.
-
-Besonders anziehend wird das Stadtbild Varrallos durch die schönen
-Trachten der Frauen aus den naheliegenden Dörfern und Tälern. Die
-aus Fobello tragen breite, leuchtend rote Säume an den schwarzen
-Faltenröcken, während eine schmale rote, hinten grüne Einfassung die
-Rocksäume der Frauen aus dem Mastolonetal umgibt. Alle aber tragen
-sie unter den Jacken und Miedern weiße Hemden mit kostbaren gelblichen
-Macraméeinsätzen und -spitzen und breitgelegte seidene Tücher auf dem
-Kopf, die nur bei der Messe durch Schleier aus Spitzen oder feinem Leinen
-ersetzt werden. Als Beitrag zu einem aktuellen Thema möchte ich erwähnen,
-daß ebenso allen Frauen ein schwarzes Beinkleid gemeinsam ist, das die
-Beine eng bis zu den Knöcheln umhüllt; die nackten Füße stecken in den
-landesüblichen Holzpantoffeln, den »Zoccoli«.
-
-So bringt der kleine Ausflug ins »unbekannte« Italien des Erhebenden,
-Neuen, Anregenden genug. Mir bleibt der Besuch des größten
-Kalvarienberges der Welt eine schöne Erinnerung. Und wer die Mühe scheut
-oder kein flotter Wanderer ist, dem verrate ich einen näheren, bequemeren
-Weg: eine zweistündige Bahnfahrt von Arona am Lago Maggiore aus bringt
-auch ans Ziel. Aber, »wem Gott will rechte Gunst erweisen,« der wandre!
-
-
-III. Hochalpine Spaziergänge.
-
-Für jemand mit der eingeborenen Lust zum Bergsteigen im Herzen ist es
-undenkbar, lange still an einem Platz zu sitzen, dessen nächste Umgebung
-Gebirgszüge sind. Sie locken täglich; und täglich dringender. Und nur
-schlechtes Wetter und die Gewißheit auf »Aussichtslosigkeit« lassen
-die Genagelten im Schrank stehen. Man hat also Zeit genug, sich vorher zu
-orientieren; das ist bei allen Bergen an den oberitalienischen Seen nicht
-leicht. Da gibt's keine schönen Wege wie in den Gebieten des Deutschen und
-Österreichischen Alpenvereins, auch sehr selten Markierungen. Unzählige
-Vieh- und Holzwege kreuzen sich und laufen nach allen Seiten, und erst wenn
-man aus der Waldregion herauskommt, wird es, wenigstens für den, der ein
-Auge fürs Gelände und für Bergformen hat, leicht, die beste Route zu
-finden. Im ganzen bieten die Berge keine Schwierigkeiten; es sei denn, daß
-noch Schnee liegt, der die Aufstiege im letzten Teil ermüdend macht. Denn
-natürlich besteigt man diese Berge am liebsten im Frühjahr, weil die
-Aussichten dann schöner sind als im Herbst, auch grade der Schnee die
-Linien der Gipfel veredelt. Abgesehen von den italienischen Sommergästen,
-die ja auch sehr bequem sind und sich nur selten zu einer Partie aufraffen,
-werden diese Berge fast nie bestiegen. Die Touristen, die alles an den
-Seen besuchen, was sie eben für »alles« halten, sind zu eilig, das
-internationale Reisepublikum bummelt herum, Hochtouristen erscheinen nicht
-auf der Bildfläche. Auf viele Berge, z. B. auf den Monte Generoso, auf
-den Mottarone, auf dem ich vor zwei Jahren noch zu Fuß war, führen jetzt
-Zahnradbahnen, so daß sich die »Faulen, die zu Hause liegen«, ohne
-weitere Anstrengung das Vergnügen einer Aussicht verschaffen können. Was
-ist das aber gegen eine selbst erkämpfte?! Freilich, die Bauern in den
-kleinen, jetzt in köstlichem Grün gebetteten Felsennestern warnen wie
-immer vor dem entsetzlichen Weg, der für eine Dame absolut unmöglich
-sei! und vor dem tiefen Schnee am Gipfel -- Schnee bleibt nun einmal in
-der Vorstellung des Italieners die böseste Naturerscheinung! Trotz der
-gutgemeinten Ratschläge geht man im steten Schritt weiter; schließlich,
-steckte man sich nicht höhere Ziele, könnte man einen Aussichtsberg
-wie die Cimetta von Locarno aus als Morgenspaziergang behandeln, wenn man
-seinen Tag um fünf Uhr begönne. Denn es handelt sich um keine bedeutenden
-Höhen -- die Cimetta z. B. ist nur 1676 m hoch --, da die Seen aber tief
-liegen, ca. auf 200 m, so hat man immerhin recht große Höhendifferenzen
-zu überwinden. Und ist man erst oben, so möchte man gleich mehr
-genießen!
-
-Wir übernachteten daher in dem 1000 m über Locarno gelegenen
-»Alpenheim«, zu dem die Straße mit den berühmten 28 Kehren
-hinaufführt. Sie zeichnet sich durch die Verheißung aus, daß man ab der
-22. den Monte Rosa sieht -- allerdings zuerst in einem Umfang, daß man ihn
-mit der wirklich mitgenommenen Zahnbürste decken könnte -- _und_ durch
-ihre Pflasterung. Oh, diese Pflasterung, die man allen hochgelegenen Orten
-und den zu ihnen leitenden steilen Saumpfaden angedeihen läßt! Hinauf
-geht's noch -- aber hinunter, wenn man ohnehin von seinem Berg-Tagewerk
-schon müde ist, und nun sich die runden, eckigen, immer aber gebuckelten
-Steine mit Vehemenz in die Sohlen drücken! Wozu sie noch niederträchtig
-glatt und rutschig sind, weil sie mit Holzschlitten, die das Holz von oben
-bringen, befahren werden und den Genagelten daher so gut wie keine Reibung
-bieten. Da heißt's bei jedem Schritt achtgeben, will man das Mosaikmuster
-nicht noch andern Körperteilen einpressen. -- Im »Alpenheim« sind noch
-keine Gäste; man eröffnet mit uns die Saison. Die einzige Bedienung,
-der siebenjährige Sohn der Deutsch-Schweizer Wirtin, serviert uns
-die vorhandenen Genüsse: Rühreier, und Salami, in den italienischen
-Bergnestern das Ein-und-Alles! Wahrscheinlich aber bereitet die auch auf
-Höhen steigende Kultur der wohltuenden Primitivität hier oben bald ein
-Ende: die Quelle, aus der man beim Aufstieg ahnungslos trank, soll Radium
-enthalten. Schon naht ein Konsortium -- und in einer Vision sieht man
-statt Hansi mit zu kurzen Hosen und bloßen Füßen befrackte Kellner und
-beknöpfte Liftboys. Fliehe, ehe es zu spät ist!
-
-Um vier Uhr früh tranken wir deshalb den »Tourenkakao«, packten harte
-Eier und Salami in den Rucksack und ließen den zukünftigen Radiumpalast,
-den jetzt noch eine Stearinkerze erhellte, hinter uns. Empor durch Wiesen,
-vorbei an leerstehenden Almhütten. Nach gut zwei Stunden ein recht
-ekelhafter Grasbuckel, auf dem man immer wieder Terrain zu verlieren statt
-zu gewinnen scheint, so rutschig ist er; dann pfadlos zum Gipfel. Schön?!
-Unbeschreiblich! Der Lago Maggiore in lichter Morgensonne, gerade noch
-sieht man das goldene Gegitter des Mondes in den dunklen Fluten vertauchen
--- leichte, lila Wölkchen um die schneebedeckten Gipfel, als Glanzpunkt
-des Gebirgspanoramas der Monte Rosa in strahlender Pracht und jetzt jedem
-banalen Vergleich unerreichbar, dazu die Mischabel, in greifbarer Nähe der
-stolze Basodino -- und dann die Talblicke! Rauschende Ströme, blitzende
-Wasserfälle, duftige Wälder und überall auf Terrassen und Hängen, vom
-Grün der Weinberge umschlossen und von malerischen Kirchen überragt,
-Ortschaften und Dörfer, die immer aus der Ferne wie königliche
-Residenzen wirken und in der Nähe, ach, von solch schmerzlicher Armut
-und Verkommenheit sind. Im Augenblick aber freut einen nur die kostbare
-Schönheit ringsum -- man möchte mehr und mehr von ihr haben! Also
-hinunter zum Sattel -- mühelos gewinnt man ihn -- und wieder aufwärts
-über einen steilen Fels- und Schneegrat zum Gipfel des Poncione di
-Trosa (1874 m). Hier gibt's dieselbe, nur noch erweiterte Aussicht, ein
-Frühstück im Schnee und dann eine Abfahrt, im Sitz, die steilen
-Hänge hinunter im Schnee, höchst amüsant und sehr verwegen über die
-tiefvergrabenen Buchenäste und Alpenrosenbüschen fort -- recht groß
-kommt man sich vor! Ja -- bis man plötzlich bis über die Hüften im
-Schnee feststeckt und das rechte Bein weder rück- noch vorwärts bewegen
-kann, so zäh umklammert es das Gezweig. Es ist zum mindesten ungemütlich,
-und wäre man jetzt allein -- und bis Mittag frören die Zehen ab und vom
-Nachmittag an brauchte man von einem Paar Strümpfen nur noch den linken
--- es nützt nichts, »der« Hochtourist, der unten am Sattel steht und
-schreit und brillante technische Ratschläge gibt, nach denen jedes bessere
-Bein ein Korkenzieher würde, muß noch einmal herauf und mit Pickel und
-freundlichen, auftauenden Worten »der« Bein ausgraben. Es gibt einen
-unvorhergesehenen Ruck und Bein mit Genageltem schnellen dicht am Antlitz
-des Befreiers vorüber ans Tageslicht. Daß man sich nun erst recht noch
-einen Gipfel erkämpfen muß, steht fest. Vom Sattel geht's ziemlich
-bequem -- was man in den Bergen so nennt, wo glitschige Platten, fatales
-Gestrüpp, steiles Gras und schließlich wieder harter Schnee nur angenehme
-Begleiterscheinungen sind -- zum Gipfel des Madone hinauf (2050 m). Dies
-Auf und Ab ist durchaus interessant und wohltätig für die Geschmeidigkeit
-des Körpers, die Aussicht von hier auch noch weiter, noch imposanter, und
-eventuell noch ein halbes Dutzend Gipfel bequem bei Hand und Fuß. Aber ich
-bedeute meinem Hochtouristen ernsthaft, daß ich im Leben nie unbescheiden
-gewesen sei und mir bis vormittags 11 Uhr drei Gipfel genügten, und meine
-Kousine, deren erste Bergtour es war, erklärt, daß sie sich die Sache
-überhaupt ganz anders vorgestellt habe und keinen Schritt mehr aufwärts
-steigen wolle. Darauf fuhren wir froh auf dem Teil, den der liebe Gott zum
-Sitzen eingerichtet hat, über den Schnee, zum Sattel hinunter, trockneten
-an einer noch verlassenen Almhütte einige Kleidungsstücke in der
-mitleidigen, aber doch leis verstimmten Sonne, aßen den Rest der Salami
-und marschierten ab, auf recht miserablen Alpenwegen, zum Tal der Verzasca
-hinunter. Was vorher leichter Nebel war, verdichtete sich zu feuchten
-Niederschlägen; die Feuchtigkeit zu sanftem, starkem -- dann brausendem
-Regen. Bis zum hübschen Mergoscia, das immer noch 735 m hoch liegt,
-triefte es von meinem guten Hut, und aus meinen Handschuhspitzen lief das
-Wasser. Aber nach einer Stärkung an entsetzlichem Kaffee, bei dem einem
-mal wieder klar wurde, _wie_ gut man's hat, daß man den nicht täglich zu
-trinken braucht, besannen wir uns darauf, daß wir schließlich erst gut
-acht Stunden marschiert seien, abgesehen von der durch Rasten und Ausgraben
-verlorenen Zeit, daß die am Nachmittag fahrende Post vielleicht schon
-besetzt wäre und wir inzwischen keinenfalls auf eine Trocknung unseres
-inneren und äußeren Menschen zu rechnen hätten. Ich setzte den guten
-Hut wieder auf und durch das wildromantische Tal, in dem sich die Verzasca
-durch starre Felsen ihre Bahn gräbt -- das also bei schönem Wetter jeden
-Lyriker begeistern würde -- eilten wir mit zusammengebissenen Zähnen
-heimwärts. Zwei volle Stunden lang im alpinen Schritt. Rucksack und Hut
-vermehrten ihr Gewicht bedeutend. Den Regen aber kümmerte das nicht.
-Er tat ganz, als sei er in dieser Umgebung zu Hause und begleitete uns
-gastlich bis zur Schwelle.
-
- * * * * *
-
-Man muß nicht nur die Feste feiern wie sie fallen, sondern in einer
-Periode, in der das Wetter höchst beständig, nämlich: beständig
-schlecht ist, sich zu seinen Unternehmungen sofort auf die auch nur
-einigermaßen guten Tage stürzen. Solch ein »einigermaßener« Tag war's,
-den wir von Locarno aus zur Fahrt nach Bellagio benützten, nicht um die
-Reize dieses Glanzpunktes aller italienischen Seen in gemächlicher Ruhe
-zu genießen, um Spitzen, Intarsien oder »echte« Antiken einzuhandeln
--- etwas »Höheres« lockte uns seit langem, der Monte San Primo, der
-höchste Punkt der Halbinsel, die an ihrer nördlichen Spitze Bellagio
-trägt. Nach einem wohltuenden =pranzo= (Mittagessen) im Freien, auf der
-Terrasse des Hotels Florenz, den herrlichen See zu Füßen, gegenüber im
-wunderbarsten Blumenflor die Villa Carlotta des Herzogs von Meiningen,
-und nach einem ausruhenden Bummel unter den Palmen des Parkes Serbelloni,
-machten wir uns ans Werk, angefeuert vom Studium der Karte, die ungefähr
-verrät, was einen auf diesem Gipfel erwartet. Der Rucksack ist gottlob
-nicht schwer, denn die Luft ist fürs Steigen auf der bequem angelegten
-Straße immerhin schwül. In den Weinbergen schlagen sich schon grüne
-Bogen von einem Maulbeerbaum zum andern, aus dem hohen Gras ihrer Terrassen
-glänzen die weißen Sterne der Narzissen. Man denke: es gibt hier
-Wegweiser! Und so landet man nach dem Durchwandern einiger kleiner
-Ortschaften ohne alle Fährnisse in Guello, das schon 600 m hoch liegt und
-uns zur Nacht beherbergen soll. Im Bädeker steht bei diesem Namen: (Whs.)
--- bedeutet Wirtshaus --, ein »Allogio« dort gäbe es nicht, hatte uns
-der Kellner in Bellagio versichert. Das schien auch fast so; obgleich der
-Ort, in dem es außer einigen übrigens über das ganze Dorf verstreuten
-Villen nur vier Häuser gibt, zwei mit der lockenden Aufschrift
-»Ristorante« und »Birraria«, zu verzeichnen hat. Die Dämmerung war
-hereingebrochen; so konnten wir nicht mehr auf des andern Gesicht lesen,
-was als Hochmut und unberechtigte Anspruchsfülle zu deuten gewesen wäre.
-Ich trat entschlossen auf das wenigst schlechte Haus zu, in dem eine
-=padrona=, die genau so schwarz und so rußig war wie ihr Kupferkessel
-überm offenen Feuer, uns bedeutete, daß wir nicht allein Eier und Salami,
-sondern auch, o Wunder, ein kleines, von uns unbeachtetes Häuschen,
-dass unten eine große, etwas modrig duftende Wirtsstube und, durch eine
-Außentreppe zu erreichen, oben zwei ganz nette Gastzimmer aufwies, haben
-könnten. Die Betten sind in Italien auch im bescheidensten Nest gut,
-auch hier; von der übrigen Einrichtung nenne ich nur einen großen Haufen
-Schafwolle in einer Ecke, in der andern das Sonntagszeug der männlichen
-Hausbewohner. Salami und Eier schmeckten vorzüglich, das Brot mußte man
-sich im herben =vino da pasto= (Landwein) erst aufweichen; serviert
-war, auch wie überall in Italien, auf reinem Tischtuch mit Zugabe von
-tadellosen Servietten. Das bunte Tischtuch bleibt, Gott sei Dank!, eine
-deutsche Erfindung, dafür ist in ähnlichen, elenden Wirtshäusern
-unseres Vaterlandes die Serviette, die der Italiener zum einfachsten
-Imbiß spendiert, z. B. zum Kaffee oder Tee, etwas total Überflüssiges,
-Luxuriöses. Um halb vier Uhr rasselte im Nebengemach die Taschenuhr
-»des« Hochtouristen los, die immer dann geht, wenn man am besten
-schläft; zugleich versicherte die =padrona=, daß das Wetter schön und
-der Kakao fertig sei. Umgekehrt hätte auch nicht gestimmt: das Wetter war
-trübe, der Kakao schlimm. Aber man muß guten Mut haben! Es klärte
-sich auch ziemlich auf, so daß man seine Freude an den hier oben noch
-blühenden Obstbäumen und den sich eben erschließenden, alle Wiesen
-und Hänge bedeckenden Bergschlüsselblumen haben konnte. Da der weite
-Talkessel bis hoch hinauf größere und kleinere Sommerhäuschen der
-Milanesen trägt, geht der Fahrweg am Sasso Lentina, einem berühmten
-eratischen Riesenfelsblock, vorüber, bis zu einem Wäldchen hinauf, von
-dem jenseits die Alpe del Borgo liegt. Nun führt ein rauher Bergsteig
-durch Erikabüsche aufwärts zum östlichen Gipfel des Monte San Primo, den
-man nach gut drei Stunden betrübten Herzens erreicht; denn die Aussicht
-wird, bei diesem Nebel, der zuerst das Tal nach links, dann auch die rechte
-Seite schließt, kaum nennenswert sein. Man konstatiert ärgerlich, daß
-hier oben noch Schnee liegt, die Christrosen noch grün sind, das kleine,
-struppelige Buchengestrüpp kaum Knospen ansetzt -- und dann, am östlichen
-Gipfel, zerreißt der Nebel plötzlich, See, Wald, Halbinsel, Ortschaften,
-Berge tauchen auf, die Wanderung am Grat entlang bis zum Hauptgipfel
-(1685 m), die noch eine gute Stunde beansprucht, wird zu einem wunderbaren
-Genuß! Das Kapellchen oben ist zerfallen, der Schutzraum noch voll Schnee
--- aber der Blick, der wunderbare, unvergleichliche Blick! Die Seearme von
-Lecco und Como umschließen den Bergrücken, auf dem man steht, die ganze
-Halbinsel mit ihrem köstlichen Wechsel von Wald und Hang, Villen, Parks
-und Ortschaften, mit Bellagio und den Städtchen und Dörfern am andern
-Ufer breitet sich aus, umschlossen vom prachtvollsten Bergkranz, in dem
-besonders die nahe Grigna und die herrliche Pyramide des Monte Leone, das
-Wahrzeichen des Comosees, fesselt. Und dieses Bild bleibt, während man
-den langen Rücken des San Primo abschreitet, ungefähr noch zweieinhalb
-Stunden, in stetem Auf und Ab, von einem kleinen Gipfel zum andern. Diese
-gemütliche Gratwanderung mit der großartigen Fern- und Nahsicht ist der
-Hauptreiz dieser Tour. Am aller- allerschönsten Punkt wird gefrühstückt
--- Salami und Eier! Dann geht's vom westlichsten Gipfel zuerst weglos
-hinab. Die großen, blauen Enzianglocken geben den Matten einen
-blauen Schleier, seltene Orchideenarten gesellen sich zu großäugigen
-Vergißmeinnichten und unzähligen, zartgelben Stiefmütterchen. Die
-Nachtigallen können kein Ende finden ihres sehnsüchtigen Gesanges; der
-Kuckuck mahnt aus der Waldesstille. Und Menschen --? Von Guello ab keine
-Seele; beim Abstieg die ersten wieder in Nesso, das anmutig genug am See
-liegt und an dem uns der Dampfer wieder aufnimmt und nach Como trägt. Man
-mag auch diese Menschenleere einen Reiz des Abstiegs nennen, der übrigens
-dreieinhalb Stunden dauerte. Die letzte Stunde aber, auf den gepflasterten
-Wegen nach Nesso hinein -- Damen mit empfindlichen Sohlen oder Zehen ist er
-nicht zu raten! _Diesen_ Reiz des Ausflugs könnte man entbehren.
-
-»Den Monte Nudo,« sagte mein Hochtourist, »ja, den können wir noch
-morgen machen! Zwei so kleine Touren wie die auf den San Primo und den Nudo
-hintereinander dürften Sie kaum anstrengen.«
-
-Über das »Dürfen« sind die Touren selbst gewöhnlich eigener Ansicht.
-Vor einer Höhe aber von 1235 m darf man natürlich die Waffen nicht
-strecken. Also von Como per Bahn nach Laveno am Lago Maggiore, immer auf
-italienischem Gebiet. Und nach der Nacht mit der Schafwolle ein höchst
-kultiviertes Quartier im hübschen Hotel Bellevue von Laveno, das einst
-Kriegshafen der Österreicher war (1849-50) und das gerade der Papa dieses
-meines Hochtouristen seinerzeit befestigt hat. Eine Erinnerung, die
-wir pietätvoll verschwiegen, denn sie hätte hier nicht gerade beliebt
-gemacht, obwohl die Befestigungen schon längst nicht mehr existieren. Wir
-bezeugten nur dem Denkmal zur Erinnerung an Garibaldis Alpenjäger, die
-hier am 31. Mai 1859 beim Angriff auf das Fort gefallen sind, unsere
-Ehrerbietung. Am nächsten Morgen -- ohne Rucksack, nur mit Apfelsinen
-und einem photographischen Apparat -- »besiegten« wir in zweistündigem,
-steilen Marsch die Pflasterwege bis hinauf nach Vararo. Wir waren
-dankbar, daß die Sonne nicht noch heißer brannte und die Steine von
-den Holzschlitten nicht noch glatter gerutscht waren. Man sollte sich
-überhaupt immer die noch schlimmeren Möglichkeiten vorrechnen, als über
-eine nicht ganz bequeme Gegenwart zu nörgeln. Das Dörfchen Vararo ist
-sehr malerisch mit seinen eng ineinander geschachtelten Steinhäusern
-und einer kleinen Kirche, hinter der der Sasso di Ferro einen imposanten
-Hintergrund bildet. Vielleicht waren wir dieser Offenbarung auch besonders
-zugänglich, weil dicht vorm Dorf die Landstraße einsetzte und die Sohlen
-direkt Mutter Erde berühren durften. Die weiteren anderthalb Stunden zum
-Monte Nudo hinan erschienen einem darnach leicht, angenehm -- das Ideal
-eines Morgenspazierganges! Was der Gipfel an Ausblicken über den Luganer
-See, den Lago Maggiore und den See von Varese bietet, ist noch dazu eine
-großartige Belohnung; die Walliser Alpen in ganzer Ausdehnung und weit,
-weit die Ebene. Der helle Punkt im undeutlichen Steinmeer dahinten soll
-der Mailänder Dom sein; das erfüllt zwar mit Ehrfurcht, daß man so weit
-sehen kann, aber für das gewaltige Gesamtbild ist es kaum von Bedeutung.
-Daß der Monte Nudo seinem Ruf als schönster Aussichtspunkt der
-Gegend alle Ehre macht, steht fest; daran konnten auch vorübergehende
-Wolkenschatten nichts ändern. Wäre das letzte Bergab mit seinem horriblen
-Pflaster, das nun in voller Vormittagssonne brannte, nicht gewesen, so
-»dürfte« diese Tour zu den leichtesten und zugleich lohnendsten meines
-Berglebens gehören; so hat sie am Ende einen Stachel der Erinnerung.
-Das Wetter hielt sich noch immer, nämlich mäßig, und ließ alle
-Möglichkeiten zu. Weshalb da nicht noch einmal etwas wagen? Hatten wir
-den Camoghe, den »hervorragendsten Aussichtsberg« des ganzen Tessin nicht
-bereits dreimal umsonst belagert? Das viertemal mußte es glücken! Zurück
-nach Lugano, denn auf der Nordseite gab's noch zuviel Schnee und der Zugang
-vom Süden bietet außerdem noch den Vorteil, den Monte Garzirola und den
-Monte Segor, die man traversieren muß, gleich noch mitzumachen, also drei
-Gipfel auf einen Schlag! Es ließ sich auch alles vorteilhaft genug an: mit
-der Elektrischen von Lugano nach Tesserete, von dort in anderthalb Stunden
-gemächlicher Wanderung nach Maglio di Colla (in der Val di Colla), das
-trotz seiner hohen Lage (850 m) ein sehr mildes Klima hat. Im ganzen Tal
-kommen bis zu 1200 m hinauf noch Kastanien und Wein fort; im übrigen
-gedeihen hier besonders gut die Schmuggler, die zur nahen italienischen
-Grenze hinüberwechseln und sich ihren ehrlichen Lebensunterhalt durch
-inoffiziellen Export von Zucker, Tabak usw. verdienen. Denn in all diesen
-Gebirgsdörfern, auf schweizerischer wie italienischer Seite, gilt
-der Schmuggel als anständiges Gewerbe. Es kommt auch hier nur auf die
-Anschauung an. Die Eisenöfen, die einst dem Orte den Namen gaben -- Maglio
-heißt Hammerwerk -- sind längst eingegangen und haben schuld an der
-Vernichtung des Waldes; was also sollen die armen Leute tun? Genug sind
-auch ausgewandert, die Frauen dominieren in allen Dörfern des Tales.
-Uns berechtigte ein klarer, köstlicher Abend zu den schönsten
-Bergsteigehoffnungen. Der Hochtourist stellte seine liebenswürdige Weckuhr
-auf 3½, in Anbetracht der sehr langen Tour: Garzirola 2119 m, Segor ca.
-2100 m, Camoghe 2296 m und auf 1057 m waren wir erst. Man bereitete seine
-Beine auf drei Gipfel vor. Aber die Rekognoszierung um halb vier ergab
-Nebel um die Bergspitzen, die um fünf Nebel bis zur Talsohle, die um sechs
-strömenden Regen! Der Camoghe wollte zum viertenmal nicht -- es gab wieder
-nichts als heimfahren. Ob er je wollen wird? Wir lesen die Wetterberichte;
-sie lauten aus allen Orten in edler Abwechslung: =coperto= (bedeckt),
-=pioggia= (Regen), =nuvoloso= (bewölkt). Wir haben viel vor den andern
-voraus, bei uns ist alles drei: =coperto=, =pioggia=, =nuvoloso=.
-Und augenblicklich gießt es, wie seit drei Tagen unaufhörlich. Auf
-Wiedersehen, Camoghe!
-
-
-IV. Im höchsten Tessin.
-
-Bei zweimaligen längeren Aufenthalten am Lago Maggiore habe ich fast
-alle Täler, deren brausende, klare Ströme in die Silberschale des Sees
-münden, durchstreift, habe die Höhen erklettert, die seinen
-kostbaren Rahmen bilden, und mich immer wieder an den armen und doch
-so anmutsreichen, in Weinbergen gebetteten Dörfern der Ufer und Hänge
-erfreut. Freilich, das Geschick ihrer Bewohner ist nicht so heiter und
-glücklich, wie man leicht nach der Schönheit der Landschaft und dem
-gesegneten Klima annehmen könnte. Auf wieviele ganz verlassene Weiler
-trifft man nicht, während es in anderen Dörfern nur Frauen, Kinder und
-alte Männer gibt, da die arbeitsfähigen Männer in der Fremde ihr Geld
-verdienen müssen, zum Teil auch nach Amerika ausgewandert sind. Die Arbeit
-auf den Feldern und in den Weinbergen wird daher meist von den Frauen
-verrichtet, die solch ein bescheidenes Leben führen, wie es allerdings
-auch nur in diesem Klima denkbar ist.
-
-Einer meiner interessantesten Ausflüge war nun der ins »höchste
-Tessin«. Die kleine Bahn, die durch die Valle Maggia fährt, brachte mich
-eines frühen Morgens -- Abfahrt von Locarno um 5 Uhr 5 Minuten -- Ankunft
-in Cevio um 6 Uhr 26 Minuten -- (das zeitige Aufstehen lernt man bei diesen
-Gelegenheiten so nebenher!) an die Mündung des Campotales, das vom wilden
-Lauf der Rovana durchströmt wird. Eine schön angelegte Poststraße --
-überhaupt eine Spezialität der Schweiz! -- schlängelt sich in unendlich
-zahlreichen Krümmungen am Abhang des Madone di Camedo hinauf. Die
-Postkutsche, mit zwei starken Pferden bespannt, sah ganz vertrauenerweckend
-aus; aber da ich vor der Abfahrt in unstillbarem Tatendrang noch die =beaux
-restes= irgendeines ehrwürdigen Palazzo besichtigte, hatte ein verbindlich
-lächelnder Pater den begehrten Platz neben dem =postiglione= eingenommen
-und ersuchte mich, wieder verbindlich lächelnd, seinen Hut und sein
-Täschchen zu bewahren. Ich trat diesen Gegenständen, wie meinem Rucksack,
-lieber meinen Sitz auf den heißen Polstern ganz ab und wanderte -- zur
-Abwechslung allein, denn der Hochtourist trieb sich irgendwo in Kalabrien
-herum -- im selben Tempo wie die armen Pferde aufwärts, allerdings häufig
-die steilen =scorciatoi= benutzend, die quer über die Kehren fortführen.
-Nach gut zwei Stunden erreichten die Pferde und ich etwas atemlos
-Cerentino, ein wirklich reizend gelegenes Dörfchen, von grünen Halden und
-Wäldern umgeben. Nun begann erst »programmäßig« meine Arbeit, denn die
-Poststraße und -fahrt endet hier. Geduldig nahm ich meinen Rucksack
-auf die Schultern, frühstückte an der ersten Quelle -- ein Teil des
-Tagewerks, der mir stets sehr lieb ist! -- und wanderte über die Anhöhe,
-auf der die Kirche des römischen Märtyrers San Bonifazio steht, ins
-Tal von Bosco hinein, über eine primitive Holzbrücke das linke Ufer des
-Wildbaches gewinnend und immer seiner Quelle zu, dem schmalen Saumpfad
-folgend, der die einzige Verbindung mit meinem Ziel, dem Dörfchen Bosco,
-bildet. Der Weg war erst seit einigen Tagen schneefrei -- auf der anderen
-Seite lagen sogar noch mächtige, mit Geröll und Baumstämmen durchsetzte
-Lawinen, deren Sturz der Bach aufgehalten hatte und deren unbehaglichen
-Nähe man doch gern auswich! Sonst gleicht dieser gemächliche Aufstieg,
-bis vielleicht auf sein letztes Viertel, das sehr steil durch einen
-schattigen Lärchenwald aufwärts führt, fast einem Parkspaziergang; so
-anmutig, an Wäldchen und blumenbedeckten Halden reich, ist das Tal und die
-wunderbare Luft, von Tannenduft gesättigt, befreit von allen Nöten, unter
-denen man sonst beim Steigen leidet. Der gute Pater hatte mir noch beim
-Abschied freundschaftlich geraten, diese Partie aufzugeben, sie sei für
-eine Dame wirklich unmöglich! Die Italiener haben eben über körperliche
-Leistungsfähigkeiten besondere Begriffe, und ich fürchte, mein Ratgeber
-selbst hat sich noch nie auf diese »=via brutta=« gewagt! Dann und
-wann traf ich auf primitive Sennhütten, von winzigen Kartoffel- und
-Rübenäckern, oft nicht größer als ein Bettvorleger, umgeben. Die
-meisten Hütten standen noch leer, bis ich dicht vorm Walde nach vielen
-Wochen zum ersten Male wieder ein deutsches Wort von einer Bäuerin hörte!
-Zwar mußte ich bei unsrer Unterredung manches erraten, denn es war ein
-»Schwyzer-Dütsch« allerärgster Sorte. Aber es ist rührend, mit welcher
-Treue und Zähigkeit sich die kleine Gemeinde von »Gurin«, wie sie selbst
-ihr Dorf nennen, während die Italiener es nach seinem Waldreichtum »=il
-bosco=« getauft haben, Sprache und Sitte auf fremdem Boden erhält.
-Auch das Dorf selbst, das sogleich jenseits des Lärchenwaldes beginnt,
-unterscheidet sich im Bau der Häuser stark von der sonst im Tessin
-gebräuchlichen Art; es erinnert an Oberwallis, von dem aus ja auch die
-Kolonie hier im zwölften Jahrhundert gegründet wurde. Die heutigen
-Bewohner sind durch ihre Zugehörigkeit zum Tessin wie durch die
-italienische Umgebung gezwungen, italienisch zu lernen; leider bewilligt
-man ihnen auch keinen deutschen Geistlichen. Aber untereinander reden sie
-nur deutsch, und es machte mir viel Spaß, in den engen Gängen zwischen
-den Häusern -- »Straßen« kann man unmöglich sagen! -- die Kinder bei
-ihren deutschen Spielen zu beobachten. Auch Gurin ist sehr arm; und da
-die Männer als Vergolder, Schnitzer und Maurer in die Fremde wandern,
-betreiben die Frauen die Viehzucht, schleppen die Holzlasten auf dem
-Rücken heim und bestellen die Felder, die hier oben einen etwas größeren
-Umfang besitzen. Die Seidenindustrie, die nach den Reisehandbüchern hier
-betrieben werden soll, ist dagegen längst erloschen. Die ziemlich große
-Kirche, dem heiligen Jakob und Christoffel geweiht, enthält als größtes
-Heiligtum die Gebeine des hl. Theodor, von dem sich auch ein ziemlich
-unglückliches Gemälde vorfindet. Die guten Fresken der Kirche scheinen
-dagegen vom Maler Lorynis zu stammen, dessen Arbeiten ich auf diesem
-Ausflug noch mehrmals begegnete. -- Das Wirtshaus »Zum Edelweiß«, das
-ich mir zum Übernachten bestimmt hatte -- ein zweites, von Cevio aus
-gegründetes neues Hotel war leider noch nicht eröffnet -- erwies
-sich selbst für meine auf solchen Ausflügen sehr niedrig geschraubten
-Ansprüche als »einfach unmöglich«. Ich aß dort zwar vorsichtshalber
-nur gekochte Eier, an denen, falls sie frisch sind, ja nicht viel zu
-verderben ist; aber selbst diese frugale Mahlzeit wurde mir leid, als
-ich die verwahrlosten Hühner und die nähere Umgebung, in der dies
-»Edelweiß« wächst, betrachtet hatte. Es blieb mir also nichts übrig,
-als den kleinen alpinen Spaziergang, der hinauf 2½ Stunden gedauert hatte,
-noch einmal nach Cerentino zurückzumachen. Dort hatte ich des Morgens
-ein Wirtshaus mit einer Terrasse gesehen -- eine Seltenheit bei
-Dorfwirtschaften! -- und an diese dachte ich nun, um mich selbst zu
-ermuntern, und mir das »Vernünftige« der Rückkehr klar zu machen.
-Vorher ein Schlaf im Lärchenwald, blaue Enzianen zu Häupten und zu
-Füßen -- und von der Schlucht herauf, denn hier hat der Bach sich
-durch Felsen zu zwängen, das Brausen des Wassers als etwas kriegerische
-Schlafmelodie.
-
-Und die Wanderung im Nachmittagsfrieden war so köstlich, daß ich sie
-wirklich nicht bedauerte und genug zu tun hatte, um nur alle Schönheit
-ringsum, das Lichtspiel auf den von allen Seiten herantosenden Wassern,
-über den Felsen und in den sanft rauschenden Baumwipfeln zu bewundern.
--- In Cerentino fand ich die Terrasse wieder und außerdem vorzüglichen
-Barbara, den mir die schöne französische Wirtin »=della posta=« zu
-ihren höchst schmackhaften Gerichten kredenzte.
-
-Am nächsten Morgen bestieg ich einen kleinen Wagen, den der rundliche
-Gatte der schönen Französin lenkte. Die Break war leider beim Renovieren,
-und ich saß da, wo sonst Kälber und Schweine mutlos ihrem traurigen
-Geschick entgegen zu sehen pflegen. Aber ich bildete mir ein, schlecht
-gefahren sei besser als gut gegangen, wenigstens auf der Landstraße. Wäre
-der Paß nicht noch verschneit gewesen, so hätte ich es natürlich als
-brave Hochtouristin vorgezogen, mein neues Ziel »über die Berge«
-zu erreichen, jetzt vertraute ich mein Leben diesem Wagen an. Es war
-leichtsinnig; solch eine unbehagliche Straße bin ich denn doch selten
-gefahren! Nicht, daß sie in schlechtem Zustande gewesen wäre; aber sie
-geht beharrlich an steilsten Abgründen vorbei, und ist so schmal, daß
-jede ungeschickte Bewegung an den Kehren, an denen sie überreich ist,
-das Gefährt in die Tiefe stürzen muß. Gleich im Anfang schlugen wir,
-trotzdem es stark bergauf ging, ein beschleunigtes Tempo an; und auf
-meine Frage, die einem geängstigten Gemüte entstieg, erhielt ich die
-trostreiche Antwort, es sei Eile geboten, um nicht mit dem Postwagen von
-Campo zu kollidieren, denn Ausweichen sei unmöglich! Ja, das mußte ich
-schaudernd zugeben. Schließlich warteten wir gleich hinter dem Weiler
-Pedigiodi auf einer breiten Kurve, bis oben über uns aus dem Wald der
-kleine Postwagen, durch seine schwarze Plane einem Leichenwagen sehr
-ähnlich, herauskam und vorsichtig an uns vorüberglitt. Er beförderte
-übrigens keine Menschen, sondern nur Pakete und Briefe. Wir ratterten
-weiter -- Kälber und Schweine scheinen unbeschadet jeder Elastizität
-ihres Gefährtes entraten zu können! -- an Riva vorbei, das anmutig auf
-grünen Wiesen am Rande der Rovana gebettet ist und als =vis-à-vis= das
-düstere Campellotal, vom unheimlichen Molineva verriegelt, ertragen muß.
-Nach gut zwei Stunden schwerer Arbeit für das Pferd sowohl wie für die
-eigene Beherrschung, denn ich fand, man sei wie auf dem Meer auch hier
-etwas zu sehr in Gottes Hand, erblickte ich von dem kleinen Dörfchen Piano
-aus: Land! Und zwar zuerst das noch hinter Campo, aber höher gelegene
-Cimalmotto. Und dann nach ein paar Wegbiegungen taucht Campo auf, aus der
-Ferne von ganz großartiger Wirkung mit seinen stattlichen Häusern,
-der schönen Kirche, den saftigen grünen Weiden ringsumher! Aber mein
-liebenswürdiger, dicker Kutscher bittet mich auszusteigen und den Fußweg
-ins Dorf einzuschlagen: -- »Denn sehen Sie, Signora, wie sich die Straße
-schon wieder senkt und verdorben ist!« -- Ja, ich sehe. Und noch mehr
-wehmütiges Bedauern ergreift mich, als ich die von unten so schöne
-St. Bernhardkirche betrete: zahllose Sprünge zerreißen ihre Wände und
-die feinen Fresken Lorynis; die Schwellen unter ihren Türen haben sich
-verschoben, die Fenster stehen schief. Ein Stukkateur ist an der Arbeit,
-die Hauptschäden oberflächlich auszubessern; mit der vollen Pietät des
-Italieners für Kunstwerke beklagt er mit mir den unaufhaltsamen Verfall
-der =chiesa= des Dorfes -- des ganzen =paese=! Es ist verlorenes Land,
-auf dem ich stehe, ein Land, das dem Untergange geweiht ist. Seit der
-furchtbaren Überschwemmung des Jahres 1868 untergraben die Wasser die
-ganze Hochebene, auf der Campo steht, und reißen ein Stück nach dem
-andern ins Tal hinunter. Man kann sagen: der ganze Berg wandert in die
-Tiefe. Da ist kein geradestehendes Haus mehr, keine Wand ohne Riß;
-überall hängen Türen und Fenster in den Angeln, und die Heustadeln sehen
-traurig aus unter den schiefsitzenden Dächern. Eine Tragik liegt über dem
-Dorf trotz seiner heitern Umgebung; und was mag in den Seelen der Menschen
-vorgehen, die unbarmherzig ihren Besitz schwinden sehen? Einmal ist von der
-Regierung für viele Tausend Lire eine Schutzmauer im Tal errichtet worden;
-der erste Frühlingssturm riß sie ein. Ein anderes Projekt eines Berner
-Professors, Abzugskanäle anzulegen, würde Millionen erfordern. Das
-Stückchen Land ist nicht soviel wert -- es muß geopfert werden!
-
-Über einen kleinen Fußweg gelangt man in zwanzig Minuten zum kleinen
-Hochplateau hinauf, das auf seinem Rücken Cimalmotto trägt. Ein Haufen
-recht elendiger Steinhäuser, die auch zum Teil Spuren des Verfalls, wenn
-auch nicht so stark wie in Campo tragen. In der offenen Halle der Kirche
-befindet sich eine sehr schöne »Kreuzigung« von Lorynis, ursprünglich
-=al fresco= gemalt; doch hat man das Bild, um es vorm Untergang zu
-bewahren, durch ein chemisches Verfahren auf Leinwand übertragen. Es weist
-aber auch jetzt schon wieder Sprünge und lädierte Stellen auf. Keinem
-Menschen bin ich in diesem kleinen Dorf begegnet; mir wurde direkt
-unheimlich in dem verlassenen Ruinenhaufen. Galba, der Begründer des
-Ortes, wie eine Tafel an der Kirchhofsmauer erzählt, mag sich mit vollem
-Recht mit seinen Schätzen und seinem Weibe Pulcheria, der Tochter des
-Herzogs von Aquitanien, hierher geflüchtet haben, um allen Verfolgungen
-zu entgehen: man muß schon jemand sehr lieben oder sehr hassen, sonst
-stöbert man ihn hier nicht auf! -- Vor der Kirche in Campo fand ich meinen
-Kälberwagen wieder; knapp vierzig Minuten brauchten wir für die Fahrt
-abwärts bis nach Cerentino zurück. Behaglicher als das Hinauf war sie
-keinesfalls, besonders da ein tüchtiger Gewitterregen einsetzte, wie es
-sich zwar zur Krönung einer richtigen Landpartie gehört, den wir vier:
-Wagen, Pferd, Kutscher und ich aber doch mit verbissenem Grimm erduldeten.
-Bis mir aus einem Weiler hilfreich ein mächtiger roter Regenschirm
-geliehen wurde. So liegen Freude und Leid doch immer nahe beieinander im
-Menschenleben; das bewiesen mir die Ausflüge ins »höchste Tessin« --
-auch Campo liegt noch 1200 m hoch -- aufs neue. Deshalb liebe ich es und
-sage traurig auf gut tessinisch:
-
- »=Ciau Ticino!=« Lebewohl, Tessin!
-
-
-
-
-Aus dem gleichen Verlag zu beziehen:
-
-
-Am Lugenbankl
-
-Lustige Tiroler Bauerngeschichten.
-
-Von _Karl Deutsch_. Geheftet M. 2.40.
-
-
-Lodenrock und Wifflingkittel
-
-Geschichten aus dem Sarntale.
-
-Von _Klara Pölt-Nordheim_. Geheftet M. 2.40.
-
-
-König Laurins' Rosengarten
-
-Ein Tiroler Heldenmärchen.
-
-Von _Ludwig Scharf_ (Aus dem Mittelhochdeutschen). Gebunden M. 2.--.
-
-
-Außerdem:
-
-Reiseführer, alpine und wintersportliche Literatur!
-
-Man wolle darüber ausführliche Verzeichnisse verlangen vom
-
- Verlag
- Walter Schmidkunz
-
- Bayerstraße 25 München Bayerstraße 25
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Der Schmutztitel wurde entfernt. Die Nennung der Druckerei wurde von ihrer
-Position hinter dem Schmutztitelblatt verschoben auf eine Position hinter
-dem Titelblatt.
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Textanteile, die abweichend in
-Antiqua gesetzt sind, wurden in dieser Transkription markiert, jedoch
-wurde für Römische Zahlen und die Maßeinheiten "m" und "km" auf eine
-Markierung verzichtet.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 26:
- im Original: "erheben sich die weißen Linie der ewigen Gletscher"
- geändert in: "erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher"
-
- Seite 33:
- im Original: "Leute von der Knorrhüte"
- geändert in: "Leute von der Knorrhütte"
-
- Seite 65:
- im Original: "schon alle, ungegefähr 700 Stück graubrauner Kühe"
- geändert in: "schon alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe"
-
- Seite 74:
- im Original: "noch mühsam und nicht gerade wohltuend"
- geändert in: "noch mühsam und nicht gerade wohtuend"
-
- Seite 84:
- im Original: "in einem Purpurmeer vertautauchenden Gestirns"
- geändert in: "in einem Purpurmeer vertauchenden Gestirns"
-
- Seite 108:
- im Original: "von dem sogar die altmodische Post"
- geändert in: "vor dem sogar die altmodische Post"
-
- Seite 128:
- im Original: "fielen alle kleinen Erdennöten vom Herzen"
- geändert in: "fielen alle kleinen Erdennöte vom Herzen"
-
- Seite 175:
- im Original: "»=Giau Ticino!=« Lebewohl, Tessin!"
- geändert in: "»=Ciau Ticino!=« Lebewohl, Tessin!" ]
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