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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-22 12:17:24 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: »Sie« am Seil - -Author: Eva von Baudissin - -Illustrator: Joseph Engelhardt - -Release Date: October 29, 2021 [eBook #66630] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This transcription was produced from - images generously made available by Bayerische - Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK »SIE« AM SEIL *** - - - - - Eva Gräfin von Baudissin - - »Sie« am Seil - - [Illustration] - - Verlag Walter Schmidkunz - München und Wien - 1·9·1·4 - - - Druck: Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn - - - - - Dem Hochtouristen, - von dem - in diesem Buch - wenig Gutes und viel Böses - erzählt wird - - - - -Inhalt - - - I. »Sie« am Seil. - Seite - Wie »Sie« Hochtouristin wurde 3 - - Hochtour mit allerlei Hindernissen 11 - - Spätherbst im Wilden Kaiser 25 - - Auf Deutschlands »Allerhöchstem« 31 - - Das Matterhorn von Ehrwald 39 - - Quer durch die Lechtaler Alpen 45 - - Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz 51 - - Vom Königspaar des Rhätikon 57 - - Streifzüge in Südtirol 67 - - Hüttenleben 81 - - Eine unterirdische Hochtour 87 - - - II. »Sie« auf Ski. - - Bei den »Säuglingen« 95 - - Die erste »Ausfahrt« 101 - - Aus der Winterfrische 107 - - Das Talbein 113 - - Die Erfindung 123 - - - III. »Sie« im Süden. - - Osterspaziergänge in Latium - - I. Der Monte Soracte 135 - - II. In den Sabinerbergen 139 - - Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen - - I. Locarno 145 - - II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde 150 - - III. Hochalpine Spaziergänge 157 - - IV. Im höchsten Tessin 168 - - - - -I. - -»Sie« am Seil. - - - - -Wie »Sie« Hochtouristin wurde. - - -Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken; viele, -vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt mit dem Menschen ins -Jenseits hinüber, weil ihnen weder Zeit noch Ort günstig waren, sich -zu offenbaren. Solch ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung -einer neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen -Frühlingstage den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der -Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die höchste -Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte. Ich muß das, ohne -Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht zu haben, ziemlich geschickt -ausgeführt haben, denn der berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir -die sieben Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten -selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging ich auf alle -Dolomiten --, da braucht' man nichts zu fürchten wegen dem Abstürzen.« - -In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste, einfache -Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen Menschen ging der neue -Zellkern hervor: Die Hochtouristin! - -Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen, gesundes Herz, -Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren. Rom zu meinen Füßen, -wurde mir klar, daß ich bisher mein Pfund vergraben hatte, und daß ich -mich einer schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich -meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der Schauplatz -für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken, was mir immer -schwer fällt, ergibt, nur ein Berg sein; es galt also, einen zu finden, -der in Gestalt und Art meinen alpinistischen Gaben entgegenkam. - -Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«: »Große -Furchetta (3027 m), der nordwestliche breitere Turm einer kühnen, -doppelzinkigen Berggestalt im Hintergrunde des Wasserrinnentals. -Interessante und exponierte, schwierige Kletterei.« - -Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis am Kapitol -wollte ich es nicht unter einer Hochtour tun und möglichst gleich alle -Eindrücke auf mich wirken lassen, die man bei einer Bergbesteigung haben -kann. Die äußeren Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen -Zutaten, Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt, der Rucksack -mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen, sauber vollgestopft, ein -mächtiger Eispickel erhandelt und als Letztes -- die Stiefel ausprobiert. -Sie sind das Wichtigste der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam -mir auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern in der -schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße. - -»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant, den ich -betrübt um Rat fragte. - -»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«, beharrte -der berühmte Hochtourist, der auch hier meine ersten Schritte überwachte. - -Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht doch de Person nit's -Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher Philosophie. - -Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel waren schuld, -und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen, ohne mir ernsthaftere -Verwundungen zuzuziehen. - -Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es eigentlich gar -nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten zu haben«, von der -Regensburger Hütte aufbrachen, klopfte mir doch das Herz recht. Die -Wiesen naß und schlüpfrig, das Tal voll Nebel, die näher und näher -heranzukriechen schienen, ringsum eine atemlose, beklemmende Stille -- -und vor uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und steil -schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen zu wollen, und -während ich mich tapfer bemühte, meine Füße mit den Genagelten in die -weit auseinanderliegenden Spuren des Führers zu setzen, sagte eine laute -Stimme in meinem Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf -- nie -hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen Bedenken, um -das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; ich glaube, die meisten -Heldentaten werden in solch einem passiven, aus der Furcht vor Anderen -diktierten Handeln vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die -Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die grünen Wadenstrümpfe -des Führers, auf die ich hoffnungsvoll starrte: solange sich die in -gleichmäßigem Abstand von mir aufwärts bewegten, genügten auch meine -Kraft und mein Können -- an sie klammerte sich instinktiv mein Blick. -- - -»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«, gebot die -Hochtouristenstimme hinter mir. - -Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch noch?! Tat ich -denn noch nicht genug? -- Aber gehorsam spazierten meine Augen nach oben -und unten, nach rechts und links: Steine, nichts als Steine, große, -kleine, glatte, bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder -lose, die treulos unterm Fuß nachgaben -- ein wüstes, ödes, steinernes -Meer -- -- - -»Nun?! -- Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit wahr? Diese Größe --- diese Stille -- heilig ist's wie in der Kirch'.« -- Meine grenzenlose -Verwunderung setzte sich allmählich in eine Art Wut um, während neben mir -die Begeisterung immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man kommen, um -wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is -- da kriegt man wieder an Begriff -von der Allmacht -- da geht eims Herz auf -- Aber Sie sagen ja nichts, Sie! -Ja, ja, da verstummen auch Sie einmal -- aber schließlich, wissen möcht' -i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was Sie nun denken« -- - -»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale -Raumverschwendung«. - -Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus eigenem Antrieb, -um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte: »Was könnte man da -für Korn bauen, wenn's eben wäre und nicht so viel Steine!« -- - -»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der Naturempfindung -vor hundert Jahren -- von der Ästhetik des Gebirges haben Sie keine -Ahnung«, unterbrach mich der Hochtourist im plötzlich angenommenen, -reinsten Hochdeutsch. - -Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe, Aufklärung und -Naturschönheiten verloren. Aber über meinen Kopf fort floß zwischen -Führer und Bergsteiger, denen nun Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom -von Touristengeschichten; von alten Führern, von Erstbesteigungen, von -Neulingen im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit -unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten gefahrvollen -Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren Errettungen, das alles -gewürzt mit immer wiederkehrenden technischen Ausdrücken, wie: Grat, -Kamm, Wand, Griffe, Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band -- -dem Jargon der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber von -dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur und der Erkenntnis, -daß ich also eigentlich schon hundert Jahre alt sei (nach dem Stand meiner -Naturempfindung!), wurde mir ganz schwindlig -- zum ersten und einzigen -Male im Leben. - -In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den Einstieg. Ich -durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in unmittelbarer Nähe wurden -einige Becher voll klaren Wassers geholt, und außerdem mußten hier -die Genagelten gegen die Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein -behagliches Gefühl schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das -harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die guten, -nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene Fußbekleidung -zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit war verflogen. Mit -Vergnügen ließ ich mir das Seil um die Taille legen, »die moralische -Hilfe«, wie mir lachend versichert wurde; jedenfalls wohnt diesem -Zauberband eine merkwürdig beruhigende Wirkung inne. - -»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam und erst einen festen -Tritt für den Fuß und einen sichern Griff für die Hand suchen«, gebot -der Führer. - -Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf auf, und von Zeit -zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick des allein vorauskletternden -Hochtouristen. Sonst war ich mir allein überlassen, nur durch einen -dünnen Faden mit der Menschheit verbunden. - -Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe, -Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier oben, angesichts -der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen meine hochtouristischen -Begabungen wieder ans Tageslicht. Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte --- lagen sie einmal weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher -über die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß -genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen, und alle -turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden sich wieder ein. - -»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal. - -Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn meine -Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis und Unfähigkeit -bitter wurmte. -- Beim »Band« wurde ich ernsthaft verwarnt: ich begriff -nicht, weshalb. Was für eine einfache Sache, über eine freiliegende -Stelle, neben der es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch -aber dem Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts am -Felsen entlang -- zum erstenmal konnte ich ohne Neid an die Affen im Urwald -denken, die sich gemächlich von Baum zu Baum schwingen. - -»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen bis -zum Gipfelgrat -- wenige Schritte auf der Höhe selbst, und da waren wir! -Auf dem höchsten Punkt des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so -unerschwinglich hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung erfüllte -mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte mich auf meine -Kräfte verlassen und allein durch sie mein Ziel erreicht. Aber dann sank -mein ganzes Selbstbewußtsein in sich zusammen vor der Schönheit und der -Gewalt des Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier herauf -mußte man kommen, um sich wieder eins mit der Natur zu fühlen -- mir war, -als sähe ich zum erstenmal der Welt voll ins Antlitz: so schön also -war sie, so wunderschön -- »Und er führte ihn auf einen hohen Berg -und zeigte ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach: -›Dies alles will ich dir geben‹« -- - -Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben, besitzt man -ja alles, was der Blick umfaßt; und in der demutsvollen Erkenntnis der -eigenen Bedeutungslosigkeit so vieler Größe und Allmacht gegenüber wird -man wunschlos. - -Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er war ganz -erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer anderen Quelle als -die meine: er hatte mich ja entdeckt -- auf dem Kapitol -- und mit dem -sicheren, nie zu täuschenden Blick des Kenners hatte er die verborgenen -Talente geahnt. Freilich, daß sie so groß sein würden --! Es war -erstaunlich. Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde -- - -»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig; wozu jetzt -noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies würde sie nach dem -gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand mehr glauben wollen; auch für mich -traten sie endgültig in verschwimmende Fernen zurück. - -Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des leiblichen Menschen -wuchs mein Mut ins Ungemessene empor -- bis hinauf zu den allerhöchsten -Gipfeln der allerhöchsten und -schwierigsten Berge! So war ich zur -»Hochtouristin« geworden. - - - - -Hochtouren mit allerlei Hindernissen. - - -Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast alle, die -es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines Paradies in sich. -Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite des Sees, diese Berge, die sich -da aneinander reihen, die stolze Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel -und Schwarzkopf, Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht -zu vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee -trinken läßt -- und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck und Schloß -Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem angenehmen Bad und der -Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja, die Leute sind hier glücklich; das sieht -man ihnen an, wie sie im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz -der ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld; was -andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt an diesem Ort, an -dem sich »fesches« Badeleben mit Primitivität verbindet, das macht mich -allmählich nervös -- zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so -ungerecht wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer war, von den -Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den Schären vom Schwimmen -ausruhte und sonnte und nachts im Schlaf das ewige Brausen in gleichem -Rhythmus hörte. Nein, man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt -einem nicht, die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen -- hinauf -möchte man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang; -zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben in den Wolken lache -über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder. Dann soll's eines Morgens -losgehen: biegen oder brechen! Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus, -die Buam noch weniger -- Einsamkeit will man und sich Wege suchen, auf -die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es biegt sich -nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte Schlüsselbein meines -Hochtouristen, der sich mit Grazie über Abgründe schwingt, Kamine -durchklettert, als handle es sich um Verandatreppen, sich von den -»unmöglichsten« Punkten selbst abseilt -- und den nun das Schicksal -ereilt, als er mit kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten -will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer Aufenthalt; -neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben. Aber der Bezirksarzt -tröstet: nach seiner Meinung liegt kein Bruch vor, nur eine Zerrung der -Muskeln; ein paar Tage Eisumschläge -- dann ist alles wieder gut! Nur -merkwürdig, daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht -- wozu hat man -einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet, wird nur -gelächelt -- und schließlich glaubt man gern, was man glauben möchte. -Man wandert los; der Hochtourist mit etwas hängender Schulter unterm -Druck des Rucksacks, aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen. -Den berühmten »Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit -und steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal mit -sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger Berge und -Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im Hotel Moserboden zum -Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine gute Leistung für einen Tag -- -besonders die letzten zweieinhalb »steilen« Stunden, vom Moserboden -empor, werden reichlich sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz -wieder richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt; dafür -ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man saß doch nicht -müßig da -- und morgen, ja morgen geht's auf das lange mit Sehnsucht -umworbene Große Wiesbachhorn! - -Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht -- in der -Gebirgssprache: der Morgen -- blüht schon der Handel in der Hütte mit -Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es -stürmt und die Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den -Fochezkopf und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat. Die -Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer voraus, -um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft aufnimmt. Der Wind wird -schneidend, die ersten Schneeflocken fallen. Gesicht und Hände prickeln. -Wir erreichen eben die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los -mit einer Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann. Keine -Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine wunderschöne, -im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung über den -Bratschenkopf und die Glocknerin zur Franz-Josephs-Höhe zu machen -- und -mein Hochtourist, der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die -an und für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil er mich -wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe halten kann, sagt jetzt -nichts als: »Nun geht's aber in den Süden -- auf der anderen Seite -ist das Wetter immer besser!« Wir kehren um; denselben Weg über -den Kaindlgrat geht's zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei -- -unverrichteter Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen -Hochtouristen, zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war; dreiviertel -Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel Moserboden beschließen -wir diese Episode, und nach kurzer Rast geht's »dolomitenwärts«. -Allerdings ist sich mein Hochtourist nicht ganz klar, wie's dort mit dem -Klettern sein wird. Aber die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh -tut, es schadet nichts -- es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer -hoffen. Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute noch näher -zu bringen. - -Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom Moserboden aus, am -Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«, die sich durch den mit -Recht beliebten Schutt auszeichnet; für Fußsohlen und Knöchel eine -Extraprobe! Nach fast drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen -Torkopf und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht auf das -unerreichte Wiesbachhorn bietet -- ein schmerzlicher Anblick trotzdem! -Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch auf einer Höhe von über 2600 m, -tropft es sanft, aber kalt. Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden, -dazu die nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß, -vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's hinab zum -Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei Sprünge über -Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter ins Tal, über den Bach -fort und recht mühsam, zum Teil auf in den Fels gehauenen Stufen, -zur Rudolfshütte hinauf. Die Hütte liegt sehr schön und bietet gute -Verpflegung -- und Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus -zurückdenkt! Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen wir -uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem Ausruhen? Bewahre, -wir müssen weiter. Erst wieder empor bis zur kreuzgeschmückten Höhe -des Kalser Tauern, dann hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See -vorüber, und über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort, -am Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen, fruchtbaren -Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll, das wir bis dahin passiert -haben, wirklich wie eine Oase anmutet. Bald darauf, in der Schutzhütte -auf der Rumesoi-Ebene, bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich -auf Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten -Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot hineinbrocken, -wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften, das erlaube ich mir im -Gebirge alle Tage; es hält bei mir Leib und Seele zusammen. Endlich, -nachdem die »Stiegenwand« überwunden ist, erreicht man in ein paar -Stunden, über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit -das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde Wanderung -jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und Ab dazu -- und in dem -kleinen, weißgetünchten Zimmer des »Glocknerwirts« schlafe ich so fest -wie wenig Schritte vom Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen. -Dafür geht's am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis -nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden, breiten Isel her -bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt in diesem an und für sich -netten Städtchen, dem ich die Erinnerung an mein erstes und einziges -=collier de chien= verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um -Stich auf meinen Hals genäht -- anfangs, als ich des Morgens erwachte, -fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf bekommen zu haben. -Aber es waren nur Wanzen -- weiter nichts! - - * * * * * - -Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour. Mein Hochtourist -klagte über seine Schulter -- bei dem Wetter kamen sicher rheumatische -Schmerzen hinzu -- sobald der Himmel nur eine kleine Pause in der -Besprengung der Erde machte, flohen wir auf und davon, zu einem der -»Unholden« hinauf, wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen -wegen genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678 m). Der Aufstieg ist -nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man das Hochstadlhaus, -und am nächsten Morgen, nach einer sehr kalten Nacht, über die -Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den Gipfel, der eine wunderbare Aussicht --- auch uns! -- ins Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen -schneeglänzenden Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach Süden -selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick und dünn -- in diesem -Falle Gestrüpp und Bäche -- mußten, ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben -einem kühlen Wasserfall und abends gegen sieben Uhr -- also nach einer -Tagesarbeit von gut vierzehn Stunden -- sahen wir endlich im Gailtal -Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen. - -Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt es von Soldaten; -sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und Korridoren einquartiert. -Im Staatszimmer, vor dem Vertikow mit Glas und Porzellan, wird mir eine -Lagerstatt errichtet. Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung -mitgebracht, sie ist braun und sehr behende -- meine Nachtruhe ist durchaus -getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder den -Rucksack auf die Schultern lege -- mein Hochtourist hat eine seltsame Art -angenommen, den Riemen auf der rechten Seite um den Oberarm zu schieben. - -Der entzückende Weg durch das Valentintal und über das Törl gleichen -Namens und die Aussicht, morgen den Monte Coglians zu besteigen, tröstet -über alles hinweg; auch über den Regen -- wir sagen euphemistisch -»Niederschlag« -- der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am -kleinen Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin -ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte heraufschafft, ist -wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«, sagt der lustige Wirt und -deutet mit dem Daumen zur nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar -nicht so dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf. Und -wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten von Sappada -und Cadore, auf die Cridola und andere derartige Gipfel, täten wir nicht -am Ende auch gut, dem Maulesel zu folgen?! -- Zwei Tage belagern wir den -Coglians von Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet -noch immer in Italien --, dann steigen auch wir hinab ins Gelobte Land, -bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf, dessen Männer im Sommer -auswärts, meistens in Deutschland arbeiten, während die Frauen die -geringe Feldarbeit auf den Miniaturfeldern -- oft nicht viel größer als -ein Bettvorleger -- besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute -spielen Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir wählen -das größere -- von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend. -Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine Sache: der Herr Karabiniere -ist auf Besuch da -- eine wichtige, beliebte Persönlichkeit, natürlich, -denn man ist der Grenze nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der -Herr Karabiniere ist viel zu sehr =galant' uomo=, um einer Dame nicht -Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus dem Zimmer und -marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll stehen, um das Bettüberziehen zu -überwachen: es ist schwer, meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich -zu machen, sie ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr -Karabiniere -- -- Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß --! Darauf wird -getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon weit fort, der Herr -Karabiniere! Da wird gleich die Matratze des Riesenbettes emporgehoben -und aus den Gurten die zwei Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit -verstecken mußte! Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen -geschlafen -- besser als die Prinzessin auf der Erbse. - -Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage lang. Es regnet -so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein gehen können; und zu -jeder Mahlzeit bekommen wir »=manzo=«, Rindfleisch, mit Salbei gewürzt --- der Geschmack geht gar nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt -auch über den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht -und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes zur Wahl. Heute -fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei loszuwerden. Der Wirt -verneigt sich, ergreift Teller und Messer, eilt den Korridor entlang -- wir -sehen es durch die Glastür unserer =sala da pranzo= -- und verschwindet im -Zimmer des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick, sehe auch den -Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse mit Schwung servieren. »Wo -kommt er her, der Käse?« donnert mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser -Engel, seit zwei Nächten schlummerst du über den großen, gelben -Käselaiben, die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte -keinen Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich -launenhaft! - -Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf den alten -Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen. Der Kessel -hängt an langer Kette von der Decke über der glimmenden Asche, alles in -der Küche, Plafond, Wände, Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder, -fester Rußdecke überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns -zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben, »in 'of« -(Hof) -- er besitzt ein wackliges Häuschen und zwei Ziegen und braucht -nicht mehr zu arbeiten. »Denn Reichtum«, so philosophiert er, »hängt -von den Ansprüchen ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei -Ziegen -- oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden! -- Aber ich -bin noch weit entfernt von der Abklärung des Collinaschen Rentiers. Der -Coglians bleibt unsichtbar, hinter Nebeln -- ich dränge zum Aufbruch; vor -allem, weil unten im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren. - -An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an seltsamen Bergnestern -mit übereinandergeklebten Häusern und winkligen, dunklen Gassen -- oft -führen nur Stufen von einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone -hängen an den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine -Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung und Schmutz -befremdet selbst den, der Süditalien kennt -- dieser abgelegene Winkel -von Friaul übertrumpft es! In San Stefano finden wir glücklicherweise -die Pakete vor -- wir haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen -Faden mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und Piave gelegenen -San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische Post; sie führt uns -über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal, also nach der Versicherung -glaubwürdiger Reisender durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich -muß diesen Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit -gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen Kopf, stellte -mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst und setzte an meine Seite in der -engen Viktoria einen italienischen Papa, dessen dickes, blondes Kind als -blinder Passagier zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich -auf den Bock gerettet -- er zog die Launen des Wetters denen eines -Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen gestreiften -Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen Knöpfen besetzt -waren, aus dem langsam fahrenden Wagen und stürzte sich mit seinem Gewehr -ins Dickicht, um womöglich noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen. -Dann fiel das dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte, -bis ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas nütze; -sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu regnen. - - * * * * * - -Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über Chiusaforte und -Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare Strecke im engen Felsental -der Fella, durch Tunnels und über schwebende Brücken in reicher -Abwechslung. Wir genießen dankbarst die Großartigkeit der sich rechts -und links bietenden Szenerie; denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht -darüber zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt, -blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich --? Vielleicht -erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender, umsonst sind -sie wohl nicht so beliebt; auch der König von Sachsen besitzt hier -Jagdgebiete. - -Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen. Wir können -uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über den Predilpaß, an starken -Fortifikationen vorüber, steigen wir im »Manhartgraben« aufwärts und -erreichen nach gut sechs Stunden glücklich den Gipfel (2678 m); seine -Rundsicht ist weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav -und der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die -Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten den -oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen erreicht -- -mehr noch, als man am unteren die nette Restauration entdeckt und eine -köstliche Forelle serviert bekommt. Den Manhart, der sich von hier aus -großartig präsentiert, grüßt man mit dankbarem Blick -- man hat seine -besondere Beziehung zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man -ist überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme -Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von Weißenfels bringt -uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß von Kanker und Save gelegen. -Der Ort gilt für die Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst -deutschfeindlich -- ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige -Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten Garten -der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das Gefühl vollkommensten -Ausgeruhtseins beim Erwachen am nächsten Morgen in dem großen, von Sonne -durchwärmten Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst -zufrieden! - -Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus« --- denn Landstraßen geht ein ordentlicher Hochtourist nur ungern! Den -Steiner Alpen wollen wir einen Besuch abstatten, und zwar dem höchsten -Gipfel dieser mächtigen Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain, -Steiermark und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten -Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus wird Station -gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die Rückkehr des Wirtes abwarten, -der zugleich auch als Führer dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack -meines Hochtouristen zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der -Arm herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie er -versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen zu sein! - - * * * * * - -Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend schwül, und wir -halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte zu bleiben, zu der -ein schöner, aussichtsreicher Weg durch den Suhadolnikgraben und unter den -steilen Wänden des »Greben« entlang über den Kankersattel führt. Die -Zoishütte, auf 1792 m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter -treibt uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten Morgen, -aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir wählen den »neuen -Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als der alte über den Südkamm, -uns aber unsern Berg, den »Grintouz«, von seiner schönsten Seite -zeigt. Durch ein Felsentor betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die -Markierung ist im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt -nicht leicht. Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast -nötiger«, meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein -Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er und schiebt sich -langsam an den Felsen empor. Statt der drei Stunden zum Gipfel (2559 m) -brauchen wir vier -- im übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben -sind, ist der Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen nicht -sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die ein Studium der -Karawanken, des Koschuta-Gebirges und natürlich auch der Steiner Alpen -gewähren soll. Ein graues Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal -das Frühstück noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam -schwül ist uns zumute -- liegt es an der Luft? Der Führer mahnt zum -Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen den Abstieg; -vorsichtig, denn er ist recht schwierig, klettern wir von Griff zu Griff; -ich, als »Ungeübte« voran, habe meine liebe Not, feste Tritte für -meine Genagelten ausfindig zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir, -unheimlich starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich -steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da -- ein furchtbarer -Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich an den Fels, der Nebel -zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit erkenne ich die Abstürze -- -»vorwärts, vorwärts«, mahnt der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß -hinab und versuche Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten -im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir ins Gesicht, -die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die Wände, Steine brechen -los und krachen in die Tiefe -- dabei ist es stockdunkel, nur auf Sekunden -erfüllt schwefelgelbes Licht den Höllenschlund, in den wir hinab müssen. -Einmal ducken wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger -sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der dicht an uns -vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz gibt's nicht, wir müssen es -dem Geschick überlassen, wie und ob wir davonkommen. Einmal noch machen -wir kurzen Aufenthalt, der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der -mit zusammengebissenen Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm von -der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen Weg über die -Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern -- man war »zu sehr -in Gottes Hand«, wie's sonst vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die -Böhmische Hütte, die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu -durchnäßt, um lange zu rasten -- auch der Führer kehrt um: an die Tour -will er denken sein Lebenlang! - -Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500 m Höhe; aus der -Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen wir durch die Seeländer -Kotschna, drei Stunden munter bergab bis zum Stuller Wirtshaus in -Oberseeland, das wir mittags erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe -geschmeckt -- und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das -wir nun gemütlich schlendern -- doppelt wohltuend unsern Augen nach den -Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21 km, die zwischen Oberseeland und -Bad Vellach liegen, dünken mich eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg« -(1218 m), der von seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die -Steiner Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir -uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig in Grün -gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas von seinem berühmten -Eisensäuerling wird probiert, dann ein Wagen bestiegen, der uns nach -Klagenfurt, Kärntens schöner Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf -meinen Koffer freue, der dort für mich lagert -- und auf die Bäder im -Wörther See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu einigen -Gipfeln verhelfen. - -»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist. Über -meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau: sollte es mit all den -Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen Bergfahrt noch nicht -genug sein? - -Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs bekommen. -Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen »Kallus«, der sich an der -Bruchstelle des Schlüsselbeins gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren -und andere mit dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen -- vorläufig -muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen. Klagenfurt -trägt seinen Namen -- für uns wenigstens -- nicht mit Unrecht. - -Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem Schlüsselbein -Bergtouren zu machen! - - - - -Spätherbst im Wilden Kaiser. - - -Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen -Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an der See die Schäden zu -reparieren, die achtundvierzig Wochen in der Großstadt seinen Nerven -zugefügt haben, kommt, wenn die Herbstsonne lacht, noch einmal eine -unbezwingliche Sehnsucht, sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in -die stille Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in -sich das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen Freuden, -aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte das Gebirge im -Wechsel der Jahreszeiten -- als Residenz des Herbstes -- kennen lernen. Der -um diese Möglichkeit vor anderen Großstädtern reichere Münchener darf -seinen Wunsch in die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein -- -vor ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer -zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg, steil ansetzend, -dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf und Ab, führt ihn in wenig -Stunden ins Herz des »Wilden« -- nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt -für alle schwierigen und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das -Totenkirchl, der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze --- all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten Auf- und Abstiegen -liegen lockend bereit; und hier und da trifft man noch auf die »Echten«, -die, im Gras hockend, mit dem Fernglas einen neuen, fast unmöglichen -Weg ausspionieren und ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen -möchten. - -Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir bescheiden uns -damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete »Steinerne Rinne«, -die jetzt auch durch Steiganlagen und Drahtseile gezähmt ist, zur hintern -Goinger Halt aufzusteigen und den Gratübergang zur vorderen gleichen -Namens, eine nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt, -dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten. Der -milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust besänftigt -- man -möchte genießen, noch einmal aus tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber -ohne gewaltige Anstrengungen machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz, -vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt bereits die -ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß man wieder und wieder stehen -bleibt, um den Farbenrausch ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance, -das Graugrün der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton -der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und immer neue Bilder der -in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten und Dörfer, in der klaren Luft -so nahe gerückt, als könnte man sie mit wenig Schritten erreichen. Und -welche Prachtaussicht von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich -Gipfel an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen Ketten -erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher. Ein Panorama, wie es -zum Beispiel »die Elmauer Halt« bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von -nur 2344 m Höhe -- also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! -- kann -man kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der ganze Höhenzug -der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis zu den Ötztaler Alpen, die -Loferer Steinberge, der Karwendel, das Wettersteingebirge, breitet sich vor -dem Blick aus; der Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal, -und durch eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet -in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere -des Großglockners und des Großvenedigers schließen mit ihrer feierlichen -Schönheit den Horizont nach Süden -- in lieblichster Anmut und -bezauberndem Kontrast bauen sich fast am Fuß des Berges mit ihren weißen -Kirchlein die Dörfer Going und Elmau auf, während weiter draußen in -der Ebene der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St. Johann -sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf, ein leises Rollen in -der Ferne erinnert daran, daß es dort unten Eisenbahnen, Unruhe, Städte -und -- Pflichten gibt -- seufzend macht man sich daran, wieder in die -Unterwelt hinabzusteigen. - -Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte ist schon -geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel; die Läden werden -aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen -- und dann -beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen! Jeder bekommt sein Amt, der das -Feueranmachen, jener das Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne -Gerichte den verschiedenen Rucksäcken entnommen werden, der dritte -besichtigt oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der -Trauernachricht zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden tropfe: -in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß voll! -- Aber wie -können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven, Zitronenlimonade aus -Pastillen hergestellt werden ohne das göttliche Naß? Und einmal am Tage --- wenn auch ohne jede Verbindlichkeit! -- möchte man sich doch wenigstens -die Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«, -wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit doppelt -bemerkbar -- --. Aber allgemeine Redensarten nützen nicht; und die -beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich neidlos von allen Seiten -ihre hervorragenden alpinen Qualitäten zuerkannt werden, müssen sich -entschließen, noch einmal die »Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe -einzutauschen. Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus -- -wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem prunkvollen Zettel: -»Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel) vor dem Anfeuern mit Schnee -zu füllen« -- also! Da man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man -diese kleine Extratour zur nächsten Schneehalde -- eine gute halbe Stunde -hin und zurück -- höchst amüsant. - -Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen war ja an den -Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt man sich stolz auf seine -Produkte! Und die Konkneipanten finden den Tee besonders aromatisch, die -Zitronenmischung auf der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute -Bergappetit nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die -=pièce de résistance=, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach der »Wurst -ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen gleicht, wird, natürlich nur -mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis zur letzten Scheibe gewissenhaft -verteilt. Der enge Küchenraum und die heißen Getränke erwecken noch -einmal den Wunsch nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen -kriechen mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll, warm -und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend, aus der -Ebene blinken freundlich die Lichter herauf, und auf den Abstürzen des -Treffauer liegen dunkle Schatten, die sich mehr und mehr verkürzen -- -ein silbernes Leuchten füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich, -schiebt sich das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze -Spitze der vorderen Goinger Halt herum -- und alle Berge umstehen das -kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem, weißem und doch so -köstlich zartem Lichte. - -Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt der Zauber -des Mondes in der Stadt niemals -- nur auf den Höhen oder über der -Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den vollen Reiz seiner Schönheit. -Die einfache Kammer, die man schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er -in einen Raum mit Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem -Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich in Silber und -Gold verwandelt. -- Der Ruf nach Befriedigung der materiellen Bedürfnisse -erweckt die Schläfer etwas unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der -Kampf mit dem widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man, -trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren Krieg da -draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft durch die azurnen -Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen auf und bereiten der großen -Siegerin den purpurnen Triumphesweg -- der ganze Himmel gerät in -Aufregung beim Nahen seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue -Nebelschleier über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten -der Menschen. -- Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen und -Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand; mit dem Eifer einer -sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang besinnenden Küchenfee: die -Nachfolgerin soll ihr nichts Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe -füllt man wieder voll Petroleum -- es ist rührend! Oder ist man am Ende -so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich in solch unendlich -naiver Weise dafür betätigt? -- Doch in diese Abgründe des menschlichen -Herzens läßt's sich nicht mit einer Petroleumlampe leuchten. - -Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder des -Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die Brombeeren sehen mit -melancholischen schwarzen Augen auf die Vorwärtshastenden. Was nutzt es? -Zurück in die Alltäglichkeit, ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen -die Götter ...« - - - - -Auf Deutschlands »Allerhöchstem«. - - -Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur von unten bewundern -mag, ist es eine gelinde Folterqual, tagelang im Schatten eines prächtigen -Bergmassivs zu sitzen und wegen andauernder Witterung, worunter in den -letzten Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen. -Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn erst einmal bis zu einer -»Hütte« hinaufgetragen hatten und der sich deshalb nach dem ersten -Waffengang mit den Felsen sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine -ehrenhafte Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte. -Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände sich gut -vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der Barometer stieg und -ein hellerer Schein, den man in weniger zweifelhaften Zeiten harmlos für -Sonne erklärt haben würde, sich über die Matten breitete. Bis dahin war -ich stets unter der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen -- heute -traf mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen alten, -treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille Bergsonne -gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen einflößendem Wesen und -im Besitz einer deutschen Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken -verstand. Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs auch -nicht ganz gleichgültig zu sein. -- - -Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo den Aufstieg zur -Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den zwei traditionellen Plätzen, -bewunderten die Aussicht auf Biberwier, Ehrwald und Lermoos, die nur ganz -wenig verschleiert war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen --- nicht so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen, -winzigen Felsblock steht -- bewegten uns kühn über die letzten, noch arg -verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen Wendung dicht -vor der Hütte -- eine ihrer angenehmsten und bei Hütten seltenen -Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht man diese heißersehnten Stationen -schon stundenlang vor sich liegen und scheint ihnen statt näher immer -ferner zu rücken. -- Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine -schmale Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für uns -allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche immer noch als -störend; heute war es wenigstens so kalt, daß man gern seine Kleider -anbehielt. Nach warmer Suppe im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns -ein, uns nach Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer -bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf den Hütten ist -es ja selten etwas. Entweder man friert oder man wird durch die leisesten -Bewegungen des Nachbarn gestört, die sich durch die dünnen Wände -verraten. Diesmal fror man _und_ hörte rings die Unruhe; und als wir -eben eindämmerten, brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los, unsere -Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze -- und dann ein -Getöse, als sollte die Welt untergehen! Ein geisterbleiches Gesicht erhob -sich von der Nachbarmatratze, und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott, -Mutter, was war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine -eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns mitsamt -Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend: »Das ist der Wind, -mein Kind! Das klingt im Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und -fern hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war froh, als -um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde -- eine fast überflüssige -Prozedur! - -»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee gegeben. -Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei begann, und die -dicken Wollhandschuhe, die ich, die Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen -hoch zu Ehren. Der Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend -- in -knapp zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt war, -daß wir uns am meteorologischen Turm und der Hauswand entlang fühlen -mußten, um den Eingang zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller -Hüttenräume, die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so -überfüllt, daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der -Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen -- vor -deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung hege! --, zahlreiche -Führer, denen der Nebenraum zu kalt war, die beiden Wirtschafterinnen, die -auf dem winzigen Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet -wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm und dem Dunst -feuchter Kleider -- nein, eine Erholung bot der Aufenthalt nicht, noch -weniger die Speisen, die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber -- bald -wird ein neues Haus erstehen -- hoffentlich wird damit auf dem beliebtesten -deutschen Gipfel auch sonst manches anders! - -Wir warteten ein paar Stunden -- auf Aussicht. Sie kam nicht. Berge, -Täler, Ortschaften, Flußläufe -- Nähe wie Ferne -- alles ließ sich -nur ahnen. Man deutete dort hin und sagte: »Da müssen die Stubaier -liegen --«, wandte sich und behauptete, in der Richtung nach Partenkirchen -zu sehen -- es war Jacke wie Hose: Nebel, nichts als Nebel. Stumm saßen -wir schließlich vor unserer blauen Emaille-Teekanne. - -Da erschien in beschleunigterem Schritt unser Führer mit strahlenden -Bergaugen: es hellte sich auf, der Eibsee sei eben aufgetaucht, kein -Zweifel mehr, die Nebel verzögen sich und er riete doch nun dringend, da -das Wetter so günstig sei, zum Abstieg durchs Höllental, von dem wir ja -gestern bereits gesprochen. »Fein!« sagte mein Junge. -- Ich aber als -Erfahrene ging nach draußen, sah auf Sekunden den Eibsee aus der Tiefe -aufschimmern und fand die übrigen Umstände tief verschleiert. Der Führer -triumphierte: er habe es immer gesagt, es würde ein glorioser Tag. Dennoch -zögerte ich: ob es denn auch ganz sicher sei --? Mein Junge puffte -mich; Söhne haben eine besondere Art, ihre Mutter zu puffen: es liegt -Aufmunterung und zugleich Verachtung darin. Zudem sagte er spöttisch: -»Und Du willst eine Hochtouristin sein --?« Und dann stellten sie mir -beide vor, wie amüsant und wie lustig der Abstieg und wie bald wir unten -sein würden: in drei Stunden schon durchs Tal! -- Ich gab nach. Aber -während ich die acht Mark für unser Frühstück bezahlte, fragte man -mich von rechts und links, welchen Abstieg ich wählte. Mit der -ganzen Überlegenheit der gewiegten Touristin entgegnete ich: »Durchs -Höllental.« Allgemeines Schweigen -- stille Hochachtung, wie ich annahm. -Ein liebenswürdiger Tourist, mit dem ich schon vorher gesprochen, trat auf -mich zu und meinte, ich hätte mir doch eine starke Aufgabe gestellt: bei -diesen Witterungsverhältnissen. -- Lächelnd widersprach ich: der Führer -und ich seien ganz überzeugt, daß der Nebel sich verziehen und uns der -Abstieg keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde -- außerdem wüßte er -ja, daß es die erste Hochtour meines Sohnes sei. Daraufhin schwieg der -Warner. - -Aber als wir angeseilt vom Ostgipfel herabklommen, durch Schnee, der mir -bis an die Hüfte reichte -- ich war schon zweimal gefallen und wäre ohne -das Seil schon zweimal verloren gewesen --, erklang von oben dringendes -Rufen. Ich wandte mich, erkannte den Warner und winkte ihm einen -Abschiedsgruß zu -- verstehen konnte ich kein Wort mehr --. Wir kletterten -abwärts; zuerst in dichtem Nebel, der sich ja bald heben mußte. Wirklich, -er zerriß ganz plötzlich -- und ein furchtbares Gewitter, ganz unerwartet -bei der Kälte, setzte mit großer Wucht ein, gerade als wir die ersten, -ungemütlichen, vereisten »Stifte«, die quer über ein Stückchen -Unendlichkeit führen, erreichten. Wir duckten uns eine halbe Stunde unter -einen Felsen, der Blitze wie des schauernden Regens halber. Das Gewitter -verzog sich; der Regen blieb, stürzend, unaufhörlich. Beim berühmten -»Brett« -- einer langen Reihe von Stiften über ein größeres Stück -Unendlichkeit, ein zweites Gewitter; der Regen glich Sturzbächen -- Wasser -stürzte von allen Seiten auf uns herab. Bei der nicht minder berühmten -»Leiter« -- eisernen Sprossen, die an einer absolut senkrechten, hohen -Felswand hinabführen, ein drittes Gewitter; zudem hatte sich gerade -zwischen den Sprossen ein Wasserfall gebildet, der sich oben in meinen -Kragen ergoß, um an den Knien wieder seinen Ausweg zu suchen. Ich war -daher erschöpft und eine Pause willkommen. Sie trat gleich ein: ein -tüchtiger Wolkenbruch zwang uns zu kurzer Rast -- behaglich war sie nicht! --- Der Führer tröstete uns: das Ärgste sei überstanden -- jetzt nur -noch durch die Höllenklamm! Ihre düstere Romantik war mir nie sympathisch --- jetzt aber war sie zu einer wirklichen Hölle geworden! Der Hammersbach -in einen reißenden Strom verwandelt, wilde Wasserstürze von rechts und -links, den Weg überspülend, die zahlreichen Tunnels vereist, ihr Boden -von Bächen benutzt -- und diese waren es, die den letzten trokkenen Punkt -an uns fanden und von oben in unsere Stiefel rannen -- von unten waren -sie längst durchweicht. Nach siebenstündiger Wanderung erreichten wir -in aufgelöstem Zustand, ohne einen einzigen trockenen Faden am Leibe, das -Wirtshaus zur Schmölz. Ich telephonierte nach Garmisch, daß das Automobil -halten und uns aufnehmen möge. Die Antwort lautete unsicher: man wisse -nicht, ob noch Platz sei. Zähneklappernd warteten wir eine Stunde: nahm -der Motorwagen uns nicht auf, so blieb noch eine dreistündige Fahrt -- und -woher vor allem einen Wagen nehmen? --. Aber das Wunder, an das wir kaum zu -hoffen wagten, geschah. Der Chauffeur sah uns zwar mißbilligend an -- wir -hinterließen auch kleine Seen auf dem roten Leder der Sitze -- und nur -mein letztes Geld, das ich noch außer den zwölf Mark für die drei -Billette besaß, stimmte ihn milder. Unterwegs rechnete ich: in vier -Stunden hätten wir über den kürzesten Weg unten sein können; statt -dessen waren wir sieben Stunden bei viel anstrengenderem Abstieg unterwegs -gewesen, mußten noch zwei Stunden frostdurchschauert im Automobil sitzen -und hatten für diese Extravergnügungen dem Führer zehn Kronen mehr und -für die Fahrt zwölf Mark zu bezahlen. - -Ich sah zum Führer hin: er unterhielt sich treuherzig mit einem Touristen -und pries unsere hervorragenden hochtouristischen Befähigungen. Wir aber -tranken, endlich zu Hause, zwei Liter Glühwein, »um vorzubeugen!« - -Am anderen Tage traf ich den Touristen von der Zugspitze. Er eilte auf mich -zu: »Gnädige Frau,« sagte er, als ahne er unser Geschick, »hätten -Sie doch nur auf mein Rufen geachtet. Ich hatte nämlich gehört, wie -die Führer untereinander lachten und sagten: »Der nimmt die Dame nur da -herunter, weil er zehn Kronen mehr bekommt -- und die merkt fei' nix!« --- Nein, ich hatte nichts bemerkt, ich gab es zu. Sonst hätte ich es -vorgezogen, dem »treuherzigen« Führer zehn Kronen zu schenken und den -kürzesten Weg zu wählen. Und ich, die Erfahrene, die Erprobte! lernte -einsehen, daß man sich zwar gut auf die Fels- und Eistechnik verstehen -kann und dennoch nichts von der Technik weiß, mit »treuherzigen« -Führern umzugehen. - - - - -Das Matterhorn von Ehrwald. - - -Marschiert oder fährt man von Partenkirchen hinein in den von hohen Bergen -umstandenen Kessel von Ehrwald, so fesselt vor allem eine Gipfelgestalt -den Blick; wenn auch die übrigen Berge des Wettersteins und der Mieminger -Gruppe höher sind, sie werden doch alle durch die wie ein Dolch in den -Himmel ragende Sonnenspitze an Kühnheit übertroffen. Durch Gestalt und -Lage bildet sie den Augenpunkt des ganzen Bergkranzes, der die liebliche, -grüne, mit Lärchenwäldern durchsetzte Talsohle umgibt; nur mit dem -Matterhorn oder der =Cimone della Pala=, freilich in verkleinertem -Maßstab, läßt sich die Form der gebietenden Spitze vergleichen. -Naturgemäß lockt ihr Gipfel jeden an, der überhaupt Fähigkeit und -Ehrgeiz hat, auch noch andere Berge als die auf der Reiseroute liegenden -»Aussichtsmuggel« zu besteigen. Dies Vordrängen in die Landschaft -drückt förmlich ein »Versuch' es doch 'mal« aus -- und tatsächlich -ist auch der Gipfel der Sonnenspitze der am meisten besuchte unter den -schwierigen in der Nachbarschaft. Allerdings wird auch zu ihm wie zu -vielen andern manch Unberufener mit Hilfe des Seils »hinaufgezogen«. -»Mehlsacktechnik« nennt sich diese Beförderungsweise, die bei den -Führern nicht ganz unbeliebt ist; rechnen sie doch nicht mit Unrecht bei -solchen Opfern des alpinen Ehrgeizes, die sich nachher einbilden, mit Hilfe -des Führers Ungeheures geleistet zu haben, auf erhöhte Trinkgelder. -Der Hochtourist allerdings rümpft über diese alpinen Gepäckstücke -verächtlich die Nase; denn das Seil, der unentbehrlichste Freund des -Kletterers, soll ihn nur _sichern_, ihm nur »moralische« Hilfe bieten, -nicht aber, wie es bei Ungeübten der Fall, zur einfachen Beförderung -durch des Führers Kraft dienen. - -Die erste Besteigung der Sonnenspitze vollführte Hermann von Barth, der -kühne Gipfelstürmer, im Jahre 1873 vom Sebensee aus, während der noch -lange Zeit für unbezwinglich gehaltene Südgrat erst 1897 den Innsbrucker -Alpinisten O. Ampferer und W. Hammer erlag. - -Wochenlang rief auch uns der Berg seine Mahnung zu; immer und immer wieder -rüsteten wir uns, ihr zu folgen. Aber da es in diesem Jahr umgekehrt -wie im Sprichwort ging und auf etwas Sonnenschein wieder tagelanger Regen -einsetzte, so war's lange ein Katz- und Mausspiel. Bis auch hier die -Ausdauer siegen sollte! An einem etwas schwülen Nachmittag brachen wir -von Ehrwald aus auf, mit Rucksack und Pickel, und beschlossen, da wir -natürlich den Berg »traversieren« wollten, zur Hütte der Sektion Koburg -aufzusteigen und dort zu übernachten. Der nächste Weg ist der beste -- -also wählten wir den über den »Hohen Gang«, der, nachdem man zuerst -steil über sumpfige Matten und dann durch schattenspendenden Wald -gewandert ist, an steiler Felswand emporführt. Nach gut zwei Stunden -erreicht man den höchsten Punkt der Talstufe; gleichzeitig mit uns -stieg ein Sohn Ganghofers, begleitet vom Jäger und einem »Bua«, zur -abendlichen Gamspirsch empor. Ganghofer gehören dort weit und breit -alle Jagden. Noch ein paar Minuten -- und, dem Blick anfangs durch einen -Lärchenwald verborgen, breitet sich das Oval des Sebensees aus, dessen -grünblaues Wasser an Klarheit und Köstlichkeit der Farbe mit dem des -Achensees wetteifern kann. Jenseits erhebt sich, auf bequem angelegten -Serpentinen in einer halben Stunde zu erreichen, die Koburger Hütte, einen -grünen Hang krönend; die Aussicht, die sie über den Sebensee wie über -den in ihrem Rücken gelegenen blauschwarzen Drachensee bietet, ist einzig -schön. Und doch wurde der Genuß durch die unruhvolle Frage getrübt: -»Wird das Wetter halten -- oder ist es auch morgen wieder nichts?!« -Der Wetterstein lag wie immer von leichten Wolken umhüllt da; und das -Barometer fiel sanft -- beides untrügliche Zeichen in andern Jahren, -aber heuer ohne Gewähr! »Heuer« bewies auch zum Glück diesmal seine -Launenhaftigkeit: ein ganz wundervoller Morgen war uns beschieden, als wir -in aller Frühe zur Ersteigung des »Südgrats« aufbrachen: rosige Wolken -als Folie der Gipfel, und der Schnee an den Hängen leuchtend unter den -ersten Sonnenstrahlen. Also guten Muts vorwärts! Mit der Gewißheit, seine -Mühen belohnt zu sehen und droben eine klare Aussicht zu finden, klettert -sich's nochmal so leicht. - -Das eklige Geröll wurde in kurzer Zeit überwunden, ebenso die steilen -Grashänge. Und nun nimmt mich der Führer barmherzig ans Seil, denn -die eigentliche Kletterei beginnt. Zwar macht mein Hochtourist einige -höhnische Bemerkungen darüber -- ich nehme an, weil er um die Ehre kommt, -mich selbst ans Seil zu nehmen! --; aber da er mich auf meine Bitten -hin photographieren soll -- Frauen können ja nie genug Bilder von sich -bekommen! --, so vertraue ich mich lieber meinem Führer an, als allein -auf die eigene Geschicklichkeit zu rechnen. Denn ohne nach dem Maßstab -der modernen Klettertechnik gerade sehr schwierig zu sein, verlangt dieser -Aufstieg über den Südgrat dennoch größte Aufmerksamkeit. Steile Kamine -wechseln mit griffarmen, exponierten Felsbändern ab, und ein Ausgleiten -würde an den haltlos »plattigen« Abstürzen, mehrere hundert Meter in -die Tiefe, den sicheren Tod zur Folge haben. Aber bei allem Ernst -- oder -besser gesagt: aller Schwierigkeit der Situation, fehlt auch das -heitere Moment nicht. Der Unangeseilte und der Führer sind einen Kamin -hinangeklettert; ich kann sie beide nicht mehr sehen. Sobald sie oben einen -sicheren Standpunkt erreicht haben, wird mir zugerufen, ihnen zu folgen. -Die Stufen sind durchschnittlich für längere Beine berechnet als für -meine, mit aller Kraft muß ich mich hinaufwinden -- von oben wird mein -Zögern mißverstanden: das Seil zerrt mich in die Höhe, fort aus der -eben erreichten Stellung. Ich rufe: »Nicht ziehen!« -- aber Tiroler -und norddeutscher Dialekt scheinen auch für die einfachsten Dinge -entgegengesetzte Ausdrücke zu gebrauchen: mit aller Wucht wird -weitergezogen, ich bin in dem engen Schacht eingeklemmt und zapple in -der Luft mit beiden Füßen. Ich bin nur froh, daß der Photograph diese -»vorteilhafte« Pose nicht erwischt hat -- keinenfalls hätte er sie mir -geschenkt! Ein anderes Mal dagegen, da ich über grausiger Tiefe nur so -auf den Zehenspitzen schwanke, ruft er gemütvoll: »Einen Augenblick halt, -wenn ich bitten darf! Und nicht so sorgenvoll aussehen!« Was denn doch -eine starke Zumutung ist. -- Ganz plötzlich, viel eher, als man bei der -allmählichen Ermattung zu hoffen wagt, ist man oben. Die Tatsache wird -durch ein befreiendes »Ah!« ausgelöst -- denn den Bergsteiger, selbst -den enragiertesten, der schließlich nicht froh wäre, das Ziel erreicht zu -haben, gibt's noch nicht. Mehr noch als vor alle anderen Erfolge haben die -Götter vors Bergsteigen den Schweiß gesetzt! Wie köstlich ist es dann, -sich am Gipfel zu sonnen, in aller Ruhe die wunderbare Aussicht auf die -benachbarten Riesen und in die warmdurchleuchteten Täler zu genießen -- -und endlich an Kräftigem zu frühstücken, was der Futtersack enthält: -Speck und derbes Brot, Limonade aus der Aluminiumflasche, zum Schluß die -»Gipfelzigarre und -zigarette«! Alle Mühsal ist binnen kurzem vergessen, -man hat ganz das Gefühl eines Siegers; die Erde mit ihren Nöten und -kleinlichen Sorgen verschwindet -- der große Friede, die köstliche -Einsamkeit hier oben stempeln diese Stunde zu einer glücklichen und -heiligen. Bis andere Partien nachrücken, denen man den beengten Platz -einräumt. -- Man rüstet sich von neuem, ich werde wieder ans Seil -genommen; aber nun, beim Abwärtssteigen, bilde ich die Tete. Hinüber -geht's zuerst zu dem nur etwa 50 m entfernten und um ein paar Meter -niedrigeren Nordgipfel, zu dem ein äußerst exponierter Grat führt, der -sich an einer Stelle so einschnürt, daß man zum »Reitsitz« gezwungen -wird. Die Beine baumeln dabei nach beiden Seiten über den viele hundert -Meter tiefen Abgrund -- für leicht von Schwindel befallene Menschen keine -empfehlenswerte Stellung! Sonst ist der Abstieg auf der Nordseite technisch -bedeutend leichter als über den Südgrat, im oberen Teil jedoch über -geröllbedeckte Platten, sehr steile Schroffen und Grasbänder führend, so -daß immerhin größte Aufmerksamkeit erforderlich ist. - -Zum Schluß geht's durch einige Geröllrinnen, für die ich eine besondere -Vorliebe besitze! - -So sicher ich auch im Fels und beim Klettern bin, die heimtückische -Nachgiebigkeit des losen Schuttes habe ich immer noch nicht gelernt -genügend auszunützen. Der Hochtourist dagegen erklärt mir, während er -in großen Sprüngen durch das Geröll hinabsetzt, des Rätsels einfache -Lösung bestände darin, schon wieder auf dem _anderen_ Fuß zu stehen, -wenn der Schutt gerade unter dem _einen_ nachgäbe, so daß man mit -dem beweglichen Geröll fortwährend in Bewegung sei und gleichsam -»mitfließe«, wie er sich euphemistisch ausdrückt. - -Ich sehe vollständig ein, daß auch dies für Leute, die es können, sehr -leicht sein muß -- ich dagegen, die ich noch nicht diese Geistesgegenwart -der unteren Extremitäten erlangt habe, nehme mehrmals »fließend« Platz. - -»Solch ein Moment war's --« und mein Hochtourist, der sich aufgestellt -hatte, um den gerade sehr wirksam beleuchteten Tejakopf aufzunehmen, drehte -sich flugs um und eignete sich, meiner hilflosen Empörung zum Trotz, meine -»fließende« Lage auf den spitzigen Steinen an. Sobald man wieder ins -Tiefland kommt, werden eben die Charaktere wieder schlechter! - -Endlich werde ich »abgeknüpft«. -- Man bemerkt sarkastisch, daß doch zu -hoffen wäre, ich könne die steilen Wiesen ohne Katastrophe überstehen! -Darauf verschmähe ich jede Antwort -- und sitze gleich darauf wie -festgeklebt und etwas schmerzhaft auf der klitschigen, von Wurzeln -durchzogenen Erde eines »Latschengassels«. - -Als sich der Hochtourist umdreht, habe ich die Hand voll braunköpfiger, -nach Vanille duftender Brunellen, und erkläre in stoischer Ruhe, daß ich -meine Sträuße immer sitzend zusammenstelle. -- Er ist geschlagen! -- - -Drunten am Sebensee, dicht neben der Jagdhütte von Ganghofer, gibt's noch -eine letzte Rast, wo dann der letzte Proviant großmütig verteilt wird. -Rückwärts, voll Befriedigung, wandert der Blick dabei zur Sonnenspitze -hinauf -- von hier aus erscheint sie als ein breites, doppelt gegipfeltes -Massiv. - -Da oben war man -- ist's zu glauben?! - -»Um ganz alpin zu reden,« unterbricht der Hochtourist die stumme -Selbstbewunderung, die wohl aus meinen Zügen spricht, »müssen Sie sagen: -ich habe ihr den Fuß auf den stolzen Nacken gesetzt!« - -Ich betrachte meine Füße in den derben Nagelschuhen, ohne mich auf das -Symbolische dieser Ausdrucksweise einzulassen, und nachträglich noch -überkommt mich eine fromme Scheu, daß ich es wirklich gewagt habe --! - -Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn ein anderer -Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf seinen stolzen Nacken« -ziehen wird. - -Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen« besser -kann. - - - - -Quer durch die Lechtaler Alpen. - - -Auf allen Gebieten des Lebens haben sich die Ansprüche gesteigert -- je -mehr Freunde und Anhänger die Touristik und die Bergbesteigung im Laufe -der Jahre gewonnen haben, um so größer sind auch die Anforderungen -an Bequemlichkeit geworden. Früher war man zufrieden, wenn sich eine -anständige Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels -übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des Deutschen -und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich, wenigstens die -besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit zuführenden Wegen -angelegt waren. Aber auch das genügte bald nicht mehr: die neueste -Errungenschaft auf dem Gebiete der »Erschließung der Alpen« sind die -»Höhenwege«. Sie führen über die Joche und ermöglichen die Begehung -steilgefurchter, zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch in -Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen gestattend, ohne -daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer können dabei immer -noch einen oder den anderen Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese -Höhenwege nicht ganz so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt: -nämlich, daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend -dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters auf und ab -zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung zu queren, dort einen -Sattel zu erklimmen und dergleichen. In Summa ist die Höhendifferenz, die -man nach auf- und abwärts zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei -einer Gipfeltour. Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist, -daß sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter etwa -2000 m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend wechselnden -Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise ist das -am rationellsten durch Höhenwege erschlossene Gebiet der Alpen das -der »Lechtaler Alpen«, jener bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der -Parseierspitze, gänzlich vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit -alpiner Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers, -Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte nichts von ihr. -Diese schönen Berge, im Süden durch die Rosanna und den Arlberg, im -Westen durch den Flexenpaß, im Norden vom Lech, im Osten durch den -Fernpaß begrenzt, sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen -Höhenwege, ein vom großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet. -Glücklicherweise! Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler, sondern -nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir sind auf vieltägiger Wanderung -nur ein paar Leuten, vier oder fünf, begegnet; auch die Hütten waren -trotz der Hochsaison nur sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die -Gipfel dieser Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste -Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen häufig -tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene Couloirs, in denen -noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem Jahr die Kalkalpen, die sonst -um diese Zeit schon »tot« zu sein pflegen, besonders belebt infolge des -langen Schnees; überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche -überströmen den Pfad -- und die Flora ist von einem Reichtum, wie ich sie -noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe. Die Hänge sind noch rot -von Alpenrosen -- ganz oben sind sie noch in Knospen -- Seidelbast -und wilder Thymian entsenden ihre Düfte zusammen mit eben erblühten -Schlüsselblumen, gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben und -Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen von dunklem Lila, -Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume, Moose in den verschiedensten -Schattierungen und Feinheiten, Löwenzahn und Sumpfdotterblumen -- von den -monumentalen Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder zu den -lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe zwischen dem Gestein -oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine wunderbare, stille Welt dort oben, -die gewiß manchem höchste Wonne bringen würde -- trüge ihn sein Fuß in -die Einsamkeit! - -Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation Pians an der -Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt ein guter Weg über Grins, dem -einstigen Sommeraufenthalt der berühmten und berüchtigten Margarete -Maultasch, das noch alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist, -bis zur Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung der -Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«, bildet. Die -Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen Kalkalpen, der die -Höhe von 3000 m erreicht. Von der Hütte führt eine erst vor kurzem -eröffnete kühne Weganlage, an der mehrere Jahre gearbeitet wurde, über -ewigen Firn und schroffe, wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger -Wanderung zur Ansbacher Hütte. Der Weg übersteigt den 2972 m hohen -Dawinkopf, der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen und -die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta bis zu den -Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien der -nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv bleibt immer der herrlich weite -Blick während der ganzen langen Wanderung. Freilich ist es kein »Weg« -im Sinne von Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses -alpines Können dazu, um ihn _mit_ Führer zu begehen. Wer ihn führerlos -machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile und sonstigen -Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit und Erfahrung auf Fels -und Schnee besitzen. Von der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in -dreiviertel Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann, -geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee, wobei man das -Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte zu überwinden hat -- -eine besondere Anforderung an Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben -glücklich oben, so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und -jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen »Nachmittagsberg« -kann man sich von der Hütte aus noch erlauben, den Seekogel, auf den -man in einer halben Stunde gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf -hinaufspaziert. Weiter zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier -»Jöcher«! Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf und -Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz (2674 m) -oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees entschädigt für die -Anstrengung durch eine wundervolle Aussicht auf den östlichen Teil der -Lechtaler, namentlich auf ihr wildestes Gebiet: das Parzinn. - -Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen des Parzinn, -einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten Zirkus, ganz in Latschen auf -einem Vorsprung gebettet liegt. Nur ein schmaler Ausweg nach Norden -zum Lechtal hinunter eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15 -Jahren eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und -abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen; namentlich reizt -die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas gelegene ebenmäßige Pyramide der -Dremelspitze, die, lange als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel -sich dem Nagelschuh der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker -Alpinisten =Dr.= Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze Zinne -1896 in achtstündigem Ringen -- später fand der ungeßliche Purtscheller -einen etwas verwickelten, aber kurzen und verhältnismäßig unschwierigen -Aufstieg, so daß man den Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden -erreichen kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«, -die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am nächsten Tag übers -Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder hinauf in fünf Stunden auf den -Muttekopf, den berühmten Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten -Kontraste von seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die -Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel von Imst, -das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern -- kurzum, ein -großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte, in fünfviertel Stunden -erreicht, bietet eine willkommene Verpflegstation -- nun herunter nach Imst -in drei Stunden! Der Fuß eilt -- man drängt förmlich nach dem Stall -- -denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet der Koffer mit frischer -Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit und -- frisches Fleisch! -Welch ein Labsal nach sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man -mit tausend Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen -Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete, um sie dann wieder um so -intensiver zu genießen! - - - - -Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz. - - -»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig, der mich eben -über Stand und Vermehrung seiner graubraunen Kuhherde unterrichtet hatte, -und zog nach seiner Meinung sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber -hoffte, daß »Kronprinzens« -- denn sie waren es wirklich und ich in -ihrem Jagdrevier -- keinen Sinn für die Misere des Alltags haben. Denn -die kriegt uns unter -- mag man noch so korrekt und vorschriftsmäßig -ausgerückt sein --, wenn man nacheinander eine Reihe von Hochtouren -gemacht hat und seinen äußeren Menschen inzwischen nur mit den -Schätzen aus dem Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten« -restaurieren konnte. »Kronprinzens« -- jung und schön beide wie der -Lenz -- zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber; und ich sah am -heißen Hochsommertag auf meine schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen -zerrissenen Spitzen meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die -Fingernägel und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck, das -ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit entfernt war und -ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt hatte, unter dem im Tal -wieder umgeknöpften weiblichen Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo -gefällt wird, da fliegen Späne -- wer sich in »die Unwirtlichkeit der -Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß sich ihren -Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen lassen. Zum Schluß -siegen wir -- zwar mit zerzausten Federn -- aber wir siegen! Und so ein -Berg, zu dem man aufblickend sagen kann: »Da oben war ich einmal und -sah vom Gipfel in die Lande« -- zu dem behält man sein Leben lang ein -verwandtschaftliches Gefühl. - -Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert; wie man weiß und -ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter Sommeraufenthalt. Mir sind -solche Orte furchtbar; und für die Maskerade der Städter, die sich als -»Deandl'n« und »Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein -recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen schönem, -klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen Wirtshaus aus jede -Bewegung der buntfarbigen Frösche -- nein, Schwimmer und Schwimmerinnen -- -verfolgen ließ. Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf -dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur Seite von der -stillen Kirche begrenzt -- ein hübsches, idyllisches Kleinstadtbild! Wohin -ich ginge? frug ein Bekannter. In die Lechtaler; näheres wußte ich -noch nicht. Das ist sehr glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres -Programm als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so -geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge zu geben -und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von dort aus wollen Sie gehen? --- Ach, da würde ich Ihnen doch vorschlagen, über den und den Paß und -lieber von der und der Hütte aus.« -- »Danke schön, ich weiß alles. -Ich war nämlich schon im vorigen Jahr dort -- auf der ›drübern‹ Seite -der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. -- »So, Sie wissen? -- Dann -freilich« -- - -Ich nicke -- der Hochtourist hatte sich während dieses Gesprächs in -abweisendes Schweigen gehüllt -- greife nach Rucksack und Pickel und -entsteige dem Postwagen, der uns die staubige Landstraße entlang geführt -hat bis nach Spielmannsau. Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie -beliebte Badeorte. Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von der -Fahrt erholen, beginnen wir bei 30 Grad im Schatten den sonnigen Anstieg -zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen Nachmittagsstunden, -unter der Last meiner beweglichen Habe seufzend, eingefallen, daß Dante -heutzutage eine andere Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte; -den Bergsteiger z. B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf -seine Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern -lassen -- etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben! Und diese hat noch -eine besondere Überraschung für den lieben Wanderer bereit: hofft man sie -nach drei »steilen« Stunden nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen -verläßt, so liegt sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher -auf einem Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch -auszufechten: um 8½ Uhr -- für eine Hütte also zu nachtschlafender Zeit --- tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf und verlangte, daß die Dame, -der man das Sektionszimmer eingeräumt habe -- das war ich! -- sofort -auszöge und sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber wozu -ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt? Ein Hüttenwart -ist abends um 8½ Uhr auch nur ein gewöhnlicher Tourist, falls er sich -ein Zimmer nicht reservieren läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit -eiserner Stirn; was ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber -schweigen. - -Am nächsten Morgen vorwärts auf dem berühmten »Heilbronner Weg«. Er -führt hart an der Mädelesgabel vorbei, auf der jeder Tourist im Algäu, -der etwas auf sich hält, gewesen sein muß; wir überließen sie gutwillig -der ungezählten Schar dieser Pflichtgetreuen, wanderten den Gletscher -weiter aufwärts und turnten vorsichtig in die Felsen der Hochfrottspitz -(2649 m) hinein. Sie bietet eine recht amüsante Kletterei -- für mich das -Schönste von allem Bergsteigen! -- und oben herrschte köstliche Ruhe und -Einsamkeit, im Gegensatz zum Gipfel der Mädelesgabel, von dem es lärmte, -johlte und schrie -- eine besondere Art der Kundgebung von Naturfreude, die -dem Deutschen im Blute zu liegen scheint. Der Heilbronner Weg geleitet -noch direkt über den Bockkarkopf (2608 m) und die Steinkarspitz (2653 m), -gewährt also unter sehr hübschen Gratwanderungen den Ehrgeizigen einige -Gipfel gratis. Man steigt zur Rappenseehütte ab, die ebenso wie die -Kemptner Hütte der durch den Höhenweg ungeheuer angewachsenen Frequenz -durchaus nicht mehr genügt. Ein gewaltiges Zelt, in dem trotz Sturm und -Regen dreißig Personen Schutz suchen mußten, hilft nur wenig aus -dem Dilemma; auch der Heuboden war ausverkauft. Die Bauern, denen das -umliegende Areal gehört, verlangen jedoch solche Großstadtpreise für -jeden Fuß Land, daß der geplante Um- und Neubau der Hütte schon seit -Jahren verschoben werden mußte. Ja, die treuherzigen Bauern! In diesem -Jahr geht's ihnen ohnehin gut -- im Algäu brachten sie das dritte, -prachtvolle Heu ein und gestanden zu, daß sie wohl seit hundert Jahren -keine so gute Ernte gehabt hätten. -- Wieder ganz einsam -- denn die -beliebten Berge dieser Gegend sind das Hohe Licht und der Rappenseekopf -- -zogen wir am anderen Morgen zum Biberkopf (2600 m) hinauf, gut drei -Stunden von der Hütte aus. Ein merkwürdiger Berg: von einer Seite in -schauerlichen, unüberwindlichen Platten aufgetürmt, von der anderen Seite -in abgeschieferter Rinne bis zum Gipfel natürliche Stufen zum -Klettern bietend. Oben, kaum genoß ich die Aussicht, erreichte uns ein -Gewittersturm und trieb uns Hals über Kopf zur »Gufel« hinunter, einer -schutzbietenden Höhle, zwanzig Minuten unterm Gipfel. Dort saßen wir -klappernd und klatschnaß, bis die liebe Sonne uns befreite und das -Geschäft des Auftrocknens während des Abstieges übernahm. Über -Lechleiten ging's dann in glühender Mittagshitze am steilen Hang entlang -in das hohe, öde Tal von Hochkrumbach, also in den Bregenzer Wald hinein, -der sich wenigstens hier durch absolute Abwesenheit des Waldes auszeichnet. -Der »Widderstein« (2536 m), von dem aus sich der Bodensee überschauen -läßt, und der vom Wirtshaus aus so ein rechter Nachmittagsberg ist, -versöhnt mit der beklemmenden Einöde des Tals. Aber ich war doch froh, -nach einem halben Regen- und Rasttag abwärts über Schröcken, der -»Perle des Bregenzer Waldes«, wandern und über den Schadona-Paß die -allerliebste, neue Biberacher Hütte erreichen zu können. Ringsum ist -alles Jagdrevier des Kronprinzen; als Aufenthalt dient ihm und seiner -Familie das hübsche, kleine Jagdschloß in Hopfreben. Fast überall im -Bregenzer Wald, allerdings in jedem Tal etwas anders, tragen die Frauen -noch die alte Tracht. Die Kleider sind von oben bis unten in ganz feine -Falten gelegt, »plissiert« würde man auf deutsch sagen, die Röcke in -Kniehöhe mit einem ganz schmalen, hellblauen Streifen besetzt. Um Hals -und Nacken geht eine reiche Silberstickerei, die Ärmel sind je nach -Gelegenheit aus Seide, Wolle oder Kattun und von beliebiger Farbe. Die -früher stets benutzte Pelzhaube wird jetzt im Sommer durch einen einfachen -Strohhut mit Bandschleife, der aber einheitlich getragen wird, ersetzt; nur -bei Prozessionen schmücken sich die Mädchen mit dem »Schäpeli«, -einer flachen Goldkrone. Angelika Kauffmann, deren Vater aus Schwarzenberg -stammte, und die hier nur ein Jahr als Mädchen verbrachte, bewahrte -dem Lande größte Anhänglichkeit. Ihrer Jugendarbeit -- sie malte die -Seitenwände der Schwarzenberger Kirche aus -- ließ sie später als -Geschenk das schöne Hochaltarblatt folgen, obgleich, wie sie selbst sagte, -ihr die Kraft fehlte, Gott-Vater so darzustellen, wie er in ihrem Herzen -wohne. -- Ich fand am herrlichsten vom Land das Große Walsertal. Eine -befriedigende Expedition unternahmen wir vorher, von der Biberacher Hütte -aus über das Fürkeln zur Braunarlspitz (2651 m), deren mächtiges Massiv -uns schon lange lockte, und die eine der gewaltigsten Hochgipfel -des Bregenzer Waldes ist. Eine herrliche Rundsicht belohnt für die -Anstrengung, während die Hochkinzelspitze (2307 m), von der Hütte aus -bequem in knapp zwei Stunden zu erreichen, hübsche Blicke in die nahen -Täler gewährt. So, nachdem wir von allen Seiten ins Algäu und in den -Bregenzer Wald geschaut hatten, wollten wir durch das Große Walsertal, -über Buchboden und das entzückend gelegene, freundliche Sonntag -absteigend, die Ebene zurückgewinnen. Aber schon in Garsella ging mir nach -vielstündigem Marsch der Atem aus -- und wir vertrauten uns einem kleinen -Einspänner an. Denn wer in den Bergen denkt, bergab sei bergab, der irrt -sich sehr; auch diese Landstraße stieg weiter und weiter empor, all die -verstreuten Dörfer berührend, die sich auf den Terrassen der sehr steilen -Talwände angesiedelt haben. Man hielt es für ausgeschlossen, daß man -je ins Tal kommen würde, so tief unter uns rauschte das Wasser des -wilden Lutzbaches. Endlich, nach zweistündiger Fahrt, geht es in steilen -Serpentinen hinab, dem Örtchen Thüringen zu. Seit einer Woche wieder ein -Postwagen -- zivilisierte Menschen oder solche, die es sein wollen -- ein -Auto -- Fabriken -- die Bahn -- -- kleinlaut steigt man ein und fährt für -20 Heller -- gottlob ist der erste Anspruch der Zivilisation an die Börse -nicht groß! -- bis Bludenz. Hier, in dem alten Städtchen, dessen Burg -Hermann von Gilm, der bedeutendste Lyriker Tirols, entstammte, wartet man, -bis sich der Himmel wieder klärt und das Fleisch so willig ist wie der -Geist zu neuen Eskapaden in die Einöde -- zu neuen, herrlichen Genüssen -in der Bergwelt! - - - - -Vom Königspaar des Rhätikon. - - -Nicht des Reiters, aber des Reisenden »über den Bodensee« Auge wird -am meisten gefesselt von der schneeschimmernden Scesaplana, dem höchsten -Gipfel (2967 m) des Rhätikons, dieses zwischen Ill-Rhein-Gargellental und -dem Prätigau aufragenden Gebirgsstocks, der sich durch die Formschönheit -und Mannigfaltigkeit seiner Gipfel unter allen Gruppen der nördlichen -Kalkalpen besonders auszeichnet. Die Königin dieser Kette ist die -Scesaplana, um deren Schultern sich ein schimmernder Firnmantel als -Hermelin schmiegt. Durch Weganlagen ist ihre Besteigung erleichtert, und -ihr Gipfel, der eins der schönsten Panoramen der gesamten Alpen bietet, -ist das Ziel Tausender von Bergsteigern, die je nach ihrer Befähigung -leichtere oder minder leichte Aufstiege suchen. Ist hier der Preis der -Besteigung die unvergleichliche Aussicht, so lockt den Hochtouristen die -»Zimbaspitze« (2645 m), von den Einheimischen nur »Der Zimba« -genannt, die kühnste und trotzigste Felszinne des Rhätikons; und ist die -Scesaplana die liebenswürdige Königin, die den Gast entgegenkommend zu -den Schönheiten der Hochalpen führt, so ist »Der Zimba« ein ablehnender -Fürst, und viele, die sich an seinen Wänden und Graten versuchen, treffen -bei ihm auf schroffe Zurückweisung! - -Naturgemäß mußten unter den zahlreichen Gipfeln des Rhätikons diese -beiden Hochzinnen unser Ziel bilden. Die »Wir« waren für »Den Zimba«, -mein Hochtourist (den ich großmütigerweise mitnahm!), ein junger Führer -und ich. Bei gewaltiger Hitze stiegen wir in drei Stunden von Bludenz über -Bürserberg zur Sarotlahütte empor. Ich kann nicht sagen, daß ich die -überaus primitiven Hütten wie diese, die nur ein Matratzenlager in einem -allgemeinen Schlafraum bieten, besonders liebe; schon weil es ja keine -Möglichkeit gibt, »Toilette« zu machen. Aber nach all den von bessern -Spaziergängern überlaufenen Hütten der letzten Zeit war es direkt -wohltuend, sich unter Leuten, die es ernst meinten und ihre ganze -Expedition nicht bitter bereuten, wenn es kein »Bier vom Faß« gab, zu -befinden. Jede weltliche Torheit, wie Bier überhaupt, lag dem einfachen -Senn dort oben fern. Milch von seiner Kuh offerierte er und Eier konnte -man haben, aus denen ich fürs Allgemeinwohl in einem schwarzgeräucherten -Tiegel eine wunderbare Speise herstellte; und dann schliefen wir, zwei -andere Partien, auch jede zu zwei Personen, auf dem Matratzenlager, auf -dem nur das Gewissen weich war, in einer Reihe -- der junge Führer als -Paravent zwischen mir und den übrigen! Freilich, das Einschlafen ging -nicht schnell, das pflegt auf Hütten so zu sein; und neben mir durchs -Fenster funkelten die Sterne -- und die andern beiden Partien hatten -»große Sprüch'« geredet: wie schwer es sei -- und wie unbequem eine -Dame --, denn wegen Steinfalls müßte man größte Rücksicht auf einander -nehmen! Wenn ich nun diese Probe auf Trittsicherheit usw. nicht bestand? -Etwas zaghaft war mir zumute, und jedenfalls erleichterte es mich, daß wir -am nächsten Morgen die Ersten fertig zum Aufbruch waren: so wie der Mensch -nun einmal ist, mag man lieber der Schuldige sein am Steinfall (wenn es nun -doch mal sein muß!) als der Unschuldige, den sie am Kopf treffen! Unsere -Rucksäcke ließen wir, um beim Klettern nicht behindert zu sein, vom -Sennen zum Zimbajoch hinauftragen, wo wir sie beim Abstieg aufnehmen -wollten: länger als 5 bis 5½ Stunden rechneten wir nicht, da wir -bei unserer »Fähigkeit« den Baedeker wie den Purtscheller in ihren -Zeitangaben gewöhnlich schlagen. - -Im gemessenen Schritt »Echter« begannen wir um halb fünf Uhr morgens den -Aufstieg über sehr steile Gras- und Schutthalden -- Fuß vor Fuß, ohne -Pause, zwei Stunden lang, bis zum Einstieg in die Felsen. Hier nun wurde -von dem jungen Führer mit großer Vehemenz der moralische Halt, das Seil, -um die Stelle meines Körpers geschlungen, wo sonst die Taille sitzt; -zugleich begann die erste Kontroverse zwischen ihm und dem Hochtouristen, -der auf Grund seiner »literarischen Kenntnisse« einen andern als den -vom Führer bezeichneten Weg einschlagen wollte. Doch da der Führer -versicherte, in diesem Jahr schon mehrmals oben gewesen zu sein und »diese -neue, leichtere Route« genau zu kennen, so gaben wir nach -- leider! -Denn das Resultat dieser »neuen, leichteren Route« war vollständiges -Versteigen, wobei sehr schwierige und gefährliche Platten- und -Traversierstellen zu bewältigen waren. Und dann überhaupt: dieser Berg! -Er ist das Niederträchtigste, was man sich denken kann -- »treu und fest -wie ein Fels« ist ein Hohn auf ihn. Ich klettere gewiß gern, aber ich bin -für Zuverlässigkeit im Leben. Bietet »Der Zimba« jedoch einen Griff --- fast nur mit Grasbüscheln locker besetzte Steine -- so rutscht einem -plötzlich der halbe Berg entgegen -- und bildet man sich ein, man hätte -einen sichern Tritt, so kommt unterm Fuß sofort die ganze Wand ins Wanken. -Alles ist brüchig, und dabei eine Steilheit, die oft peinlich wirkt! Bei -der ersten, sehr schweren Plattenstelle stürzte der Führer beinahe ab --- ich kann nicht behaupten, daß dies mein ohnehin schon sehr ins Wanken -geratenes Vertrauen zu ihm erhöhte; denn auch von der Seiltechnik besaß -er nur eine unbestimmte Ahnung, und gerade bei unbequemsten Stellen -»vertüderte« es sich ihm, wie man in Schleswig-Holstein sagt, und -unbekümmert um meine Situation schrie er dann unsichtbar von oben: »Sie, -Frau, halten's Ihna fest!« Auch sonst richteten sich seine Umgangsformen -nach Stand und Gefahr; das merkte ich besonders beim Abstieg. Ging es -leicht, so flocht er ein »Gnädige Frau« in seine Ermahnung -- in -gefahrvollen Minuten riet er mir schmucklos, in den derbsten Ausdrücken -unserer in diesem Punkt ja sehr reichen Muttersprache, mich einfach auf den -mir von Gott dazu gegebenen Teil zu setzen und von dieser breiteren Basis -aus die Hindernisse zu überwinden. Kurz und gut, der Hochtourist übernahm -schon von »der« Platte aus die weitere Leitung und gab alle Anweisungen -zur Seilsicherung usw. Ihm verdankten wir es jedenfalls, daß wir -überhaupt, und zwar nach unendlich vielen Fährlichkeiten, bei denen ich -zum Teil zwischen ihm und dem Führer am Seil eingespannt war, nach 2½ -Stunden vom Einstieg aus -- also im ganzen von der Hütte aus in 4½ -Stunden -- den Gipfel erreichten. Trotzdem hatte sich mein Selbstvertrauen -neu befestigt, denn ich durfte mir sagen, daß das Seil nur zur -Versicherung und nicht ein einziges Mal dazu gedient hatte, um mich -»zu ziehen«, wie ein lebloses Paket -- ein bei manchen Touristen nicht -unbeliebtes Beförderungsmittel. - -Die andern beiden Partien mit den »großen Sprüch'« hatten wir einmal -in unsrer Nähe bei der Platte klappern hören. Die Armen mußten uns -nachgestiegen sein, hatten das Rennen aber dort schon aufgegeben, denn wir -hörten und sahen nichts mehr von ihnen, trotzdem wir fast eine Stunde -am Gipfel rasteten. Eine schöne Fernsicht, wundervolle Talblicke ins -Montafon, über steilabstürzende Wände hinab ins Rellstal und zu den -anderen Vasallen des Rhätikons hinüber belohnten uns, gewiß; ich aber -genoß diesmal besonders die Ruhe -- und das Frühstück und befand mich -glücklich bei dem Lob von Führer und Hochtourist, »daß ich meine Sache -brav gemacht habe«. Das Ärgste, meinte ich auch, läge hinter uns. »Ja, -Schnecken!« Wir nahmen den Abstieg über den Westgrat, »traversierten« -also den Berg, da wir übern Ostgrat gekommen waren. Ein Versteigen -war wenigstens unmöglich, da die Route immer am Grat entlangläuft -- -schwindelfrei muß man allerdings sein. Und seine kleinen Überraschungen -bietet dieser Westgrat auch sonst; da ist z. B. eine schwierige Strecke -über einen etwa 70° geneigten, von brüchigen Schroffen und lockeren -Graspacken durchsetzten Hang. Die hat es in sich! Früher konnte man durch -einen viel sichereren Kamin absteigen; seit dem letzten Winter ist er -verschwunden, da ein großes Gratstück in die Tiefe gestürzt ist. - -»Gengan S' nur zu,« sagte der Führer gerade an dieser Stelle ermutigend, -viele Meter Seil über mir und durch Felsen versteckt, »der Herr wird Ihna -schon zurufen, wo S' hintreten müssen!« Der Hochtourist war zu diesem -löblichen Zwecke vorangeklettert. Aber kein Rat, keine Hilfe kam, und als -ich endlich hochatmend innehalten mußte, weil des Seiles Länge erschöpft -war, saß der Hochtourist gerettet und seelenruhig auf einem Vorsprung und -versuchte den winzigsten Zigarrenstummel in Brand zu setzen, den ich je als -noch brauchbar gesehen habe! Ja, man macht noch nebenher Charakterstudien -in den Bergen. Eine ekelhafte, überhängende rote Nase kam; da ich mit -den Füßen den spannbreiten Grat nicht erreichen konnte, sollte ich mich -»einfach herunterlassen«. Ich streikte, der Hochtourist stampfte auf dem -ohnehin schon wackligen Grat, der Führer schrie sinnloses Zeug von oben --- ich kniete an einem senkrechten Abbruch auf einem Eck so groß wie -eine Schwefelholzschachtel und wurde noch einmal energisch ersucht, diesen -hervorragenden Stützpunkt nun »einfach« für die Ellbogen zu nehmen! -Ich schrie alles zurück, was mir im Moment nur an tötlichen Beleidigungen -einfiel -- und dann entdeckte »man« -- ich sage »ich«, der Hochtourist -»er«, der Führer »wegen meiner« -- die Idee eines Trittes an der -Außenwand der Nase, auf die ich meinen rechten Fuß stemmen konnte -- -gewonnen hatten wir! Der Hochtourist zündete den Stummel frisch an. -Nach zwei Stunden heißer Arbeit standen wir am Zimbajoch -- die großen -Schwierigkeiten hatten damit ein Ende. Immerhin aber folgte noch ein -zweistündiger, zum Teil recht ungemütlicher Abstieg über steilen -Schroffen und mit Platten durchsetzten Grashänge, die größte -Aufmerksamkeit und vollständige Trittsicherheit erforderten, da es für -die Hände so gut wie gar keine »Griffe« gab. Schon vom Joch aus, auf dem -wir unsere Rucksäcke wieder vorfanden, winkte uns von unten die hübsche -und allerliebst eingerichtete Heinrich-Hueter-Hütte, in der es wieder eine -Ruhepause und eine Erfrischung gab. - -Auf den grünen Matten, von der diese Hütte umgeben ist, sowie auf dem -Übergang übers Säulejoch zur Douglas-Hütte habe ich übrigens zum -erstenmal Murmeltiere nicht nur »pfeifen« hören, sondern spielen sehen -und Männchen machen. - -»Zum Abgewöhnen« kam also noch der »hochalpine Spaziergang« zur -Douglas-Hütte hinüber, der eigentlich noch gar nicht eröffnet war -- die -offizielle Eröffnung der wirklich entzückenden Weganlage, die andauernd -die schönsten Blicke bietet, ist erst einige Tage später erfolgt; in zwei -Stunden erreicht man den köstlich blauen Lünersee, an dessen Ufer die -berühmte, höchst originelle Douglas-Hütte »eingegraben« ist, könnte -man sagen. Denn um sie vor Lawinengefahr zu schützen, ist sie von einer -langen, festen Mauer bis zum Dach gedeckt, und alle Räume der drei wie -unterirdisch wirkenden, nach Bedürfnis entstandenen Bauten haben nur -Fenster zur Seeseite hin. Und hier gab es einbettige Zimmer -- man -vergißt ganz, daß so was Schönes auf der Welt existiert! -- und schöne -Waschtische -- und die Möglichkeit, sich ungeniert aus- und anzuziehen! -Man wird dankbar auf Bergeshöhen. Und wie das Essen schmeckte -- nach -elfstündiger »Arbeit« inklusive der Freundlichkeiten des »Zimba«. - -Um neun Uhr nach notdürftiger Stopfung aller Löcher und Dreiecke in den -»Unaussprechlichen« fällt man ins Bett. Aber lang wird der Schlummer -doch nicht sein: »Um vier Uhr bereit -- zur Scesaplana!« =Il faut obéir= --- mitgegangen, mitgehangen! - - * * * * * - -»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern des -Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen -Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal außergewöhnlicher -Ausdrucksweise zu bedienen. Warum, weiß ich nicht. Und helfen tat es auch -durchaus nicht. Der Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist -weder hervorragend anstrengend noch schwierig -- dafür aber auch nicht -unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die Beine derer, -die in unstillbarem Höhendrang lange vor der Sonne ausmarschiert waren, -tauchten wieder und wieder über unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf. -Schade, man verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb -auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin die letzten --- der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer, der dritte die gegen -jede Temperatur Immunen, die sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür -körperlich abzunehmen. Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege -und meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen in den -Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei Stunden ans Ende aller Kurven -gelangt, sahen eine Stange ragen, machten noch einmal: »Rechtsum -- -kehrt!« =Voilà= -- der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel; -hinter einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne Frau, -die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist, der mit diesem -Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen war, was »Bewegung« anbelangt -nämlich. Sonst -- der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch -seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen (Tiroler) -und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze er gerade emporsteigt. Von -den Ötztalern und der Ortlergruppe im Osten bis zum Monte Rosa im Westen -schaut man und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die -blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal verfolgen -von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee, nickt der alten Bekannten, -der Silvretta, zu, freut sich an der Bernina-Gruppe -- und immer Neues, -Fesselndes steigt aus blaudunstiger Ferne auf -- man hat das Gefühl, man -stände recht im Herzen der Alpen! -- Nichts störte uns am Genießen; -jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen schon längst -wieder bergab -- allein in Stille und Schönheit und vor dem immer -wechselnden Spiel zartester Nebelwolken an den Bergwänden, zu schweigen -von der Farbenskala, die der Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte. -»Die Scesaplana ist die Königin des Rhätikons« -- man beuge sich -ihrer Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«. Über den -Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle, »sumpfige« Flecken -wir sorgsam vermieden. Gegen diesen Sommer nützt der beste Gletscher -nichts! Aber rückwärts schauten wir und bewunderten die steilen, -merkwürdig geschichteten Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite -abfällt; und so harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte, -die direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen ist, -frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten Wegen, die -zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber nur ein »alpiner -Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«, wie der letzte Teil -des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen und Leitern gesicherten Steiges -heißt, der ins Gamperdonatal hinabführt. Viel erlebt man an solch einem -Morgen: öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die -unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch« seine -kleine Bahn gegraben hat --, Schutthänge, steile »Wasen«, wie das Gras -heißt --, schließlich wieder Latschengestrüpp als neueinsetzende Flora, -allmählich Kiefern, Ahorne -- Matten neben dem zu Tal rauschenden Wildbach --- und zum Schluß ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der -»Nenzinger Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt Rochus. -Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine Menge kleiner Almhütten --- es sind Sommerhütten der Bauern und Bewohner aus Nenzing, die hier oben -her ihre Herden auf ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon -alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint -hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild gesehen wie -dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle, dem hübschen Wirtshaus -- -den verstreuten Häuschen und dem Vieh, das sich durchaus als Hauptsache -empfindet und ungeniert Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm -paßt. In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur durch -Sennen -- und Sommerfrischlerinnen, die das grüne Nest auch schon entdeckt -haben, erscheinen in blauen Leinenhosen, um sich selbst ihre Milch zu -holen. Aber der fremde Einschlag stört hier nicht -- er ordnet sich der -Stimmung unter. - -Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d. h. in die Ebene, dauert vier -gute Stunden, vollzieht sich aber auf so schönem Wege, meistens durch Wald -und höchst romantisch neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man -Zeit und leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien und -Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die Luft des Tieflandes -und möchte wie das mexikanische Tier mit dem schönen Namen Axolotl sich -auch anpassen können: ein paar Lungen, weit und groß genug haben, um -unendlich viel reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern, -und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten vermögen! Ob -man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?! - - - - -Streifzüge in Südtirol. - - -Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn über den Brenner -gefahren, hatten uns die Tauern aus dem Sinn geschlagen und uns den -südlichen Alpen zugewandt, wenn nicht in der bestimmten Hoffnung, dort -Wärme, Sonne, Wohlbehagen zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten -Schneesturm seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im -gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das mit echt -norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet wird, und -als Unikum einer Hütte eine kleine Kapelle, die höchstgelegene Europas, -besitzt. Sie ist durch das Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die -Führer am Sonntag nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe -gehört haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden sich -junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und in einer Höhe -von 3203 m ihres Amtes walten. Aber die Nächte »dicht beim lieben Gott« -und bei soundsoviel Grad Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer -sitzt man Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen, -die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die kleinste -Nasenspitze sichtbar -- weißes Flockengestiebe ringsum! Da wurde -schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in die Schönheit der -Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen zäh wie Bergmoos -ist, von stiller Raserei ergriffen, die sich gegen den Eigensinn der Natur -kehrte. Kurz hieß es: »Jetzt wird mir's z'dumm -- jetzt wird gegangen!« -Also gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am warmen -Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei Schritte vor sich -hin sehen konnte; des Morgens um sechs und bei dichtem Schneegestöber und -einem Sturm, der sich von allen Gletschern in der Runde -- und sie sind -dort grade nicht selten! -- neuen Atem und frische Kälte zu holen schien. -Nachdem wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht hatten, -wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine Proviantstation fürs -Becherhaus befindet, d. h. Kisten und Fässer lagern frei im tiefen -Schnee, konnten wir wenigstens über ein paar spaltenlose Gletscher im -Sitz abfahren, mir eine der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in -verhältnismäßig kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen, -in denen gefühlvoll statt des Schnees -- Regen einsetzte. Mit ihm -plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel frei, -unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm stand und uns nun -auszulachen schien, auch die eisgepanzerten Recken des Seebertals. Auf -der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich Pferde gepflegt werden, gab es am -rauschenden Bach das übliche Rucksack-Frühstück -- inzwischen war es -zehn geworden -- und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten -Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben. Welch -betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin, durch einförmige -Talgründe und entschieden in ein südlicheres Klima. Es wird warm, heiß --- die Sonne brennt, der Wind verstummt, die Wege werden steiler und -steiniger. Recht erschöpft trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos -im Passeier diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich -herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten Wegende geben -soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen Straße nach Sankt Leonhard -sind diese zwei Stunden recht bitter -- und dann die Furcht, ob man den -Autobus, der uns nach Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob -es noch Freiplätze in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt -Leonhard an -- und diesmal ist man dem schlechten Wetter von Herzen -dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder Standquartieren -festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche Sitze beschert. Eine -Stunde später bewundert man schon die subtropische Vegetation Merans -an der Gilfpromenade, genießt den köstlichen Anblick der von Trauben -behangenen Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast -zum Morgen -- diese üppige Flora, diese angenehme Wärme -- endlich, -endlich hat man sie gefunden! - -»Nach Meran«, meinte mein Hochtourist verächtlich, »ziehen mich im -Sommer keine zehn Pferde!« Ein ausgiebiger Schneesturm hat ihn eines -andern und bessern belehrt. Denn es ist hier einfach himmlisch; die Luft -andauernd von leichter Brise erfrischt, prangende Fruchtbarkeit ringsum, -auf den schönen Promenaden keine armen Kranken, sondern stämmige -Touristen und jauchzende Meraner Kinder, die nun auch einmal die Vorteile -dieses gesegneten Landes genießen. Die Kurverwaltung tut ihr Möglichstes, -um die Passanten zum Bleiben zu bewegen; morgens und abends konzertiert -die Kapelle wie zur Hochsaison, prächtige Waldspaziergänge hinauf zu den -Schlössern Tirol, Lebenberg, Schönna locken -- selbst das Steigen fällt -bei der kühlen Temperatur nicht schwer -- und wer dennoch reine Höhenluft -möchte, fährt mit der im vorigen Herbst eröffneten Vigiljoch-Schwebebahn -auf das Vigiljoch empor. Das reizende, kleine, im Bauernstil gehaltene -Hotel dort oben liegt 1468 m hoch und bietet eine wundervolle Aussicht -ins Etschtal, hinter dem sich die Dolomiten aufbauen. Die Fahrt mit der -Schwebebahn an und für sich ist schon ein Genuß, da sich die Aussicht mit -jedem Meter, den man steigt, immer mehr weitet; außerdem ist sie technisch -in ihrer Länge von 2210 m, die einen Höhenunterschied von über 1150 m -bewältigt, eine großartige Leistung. -- Uns natürlich konnte das -stille Rasten am Vigiljoch nicht genügen. Wir wanderten noch am Abend zum -einsamen Gamplhof, der eine Stunde höher liegt als das Vigiljoch. Und von -ihm aus beim nächsten Morgengrauen in aussichtsreicher Kammwanderung über -den Rauhen Bühel und das Hochjoch zum Gipfel des Hochwart (2607 m). Er ist -ein hervorragend schöner Aussichtspunkt. In gewaltigem Rund streift das -Auge von den stolzen Eisriesen der Ortler-Gruppe über die Ötztaler -und Stubaier Alpen zu den wildgezackten Dolomiten, der Presanella- und -Adamello-Gruppe; selbst die Schweiz schickt durch die blinkenden Gipfel der -Bernina-Gruppe einen Gruß herüber. Ganz entzückend ist der Tiefblick -auf das grüne Vinschgau, das in seiner vollen Ausdehnung von Mals bis -zur Töll tief zu Füßen liegt. -- Den Abstieg, den wir teilweise pfadlos -über steinige Hänge und kaum erkennbare rauhe Alpenpfade ins Ultental -nahmen, kann ich nicht recht empfehlen. Er kürzt zwar den Weg zu unserm -nächsten Ziel, irgendeinem behaglichen Gasthaus in Sankt Waldburg drunten -nicht unbeträchtlich ab, doch nimmt er keinerlei Rücksicht auf ohnehin -schon müde Füße und vom Auf und Ab leicht verbogene Glieder. Wer -plagte sich nicht gern, um einen schönen Gipfel zu erreichen, aber im -Almen-Terrain überläßt man jeden Ehrgeiz den Kühen und Ziegen. Viele, -viele bittre Seufzer, bis man endlich, endlich den Rucksack abwerfen kann -und nach der üblichen Portion »Tiroler Schöps«, unter der sich -- -wie immer -- eine schamhafte Ziege birgt, in sein Bett kriecht. Ein -vierzehnstündiger Marsch inklusive Berg genügt meinen bescheidenen -Ansprüchen an Bewegung durchaus! -- Schrecklich lang ist das Ultental, -das wir am nächsten Tage aufwärts wanderten, und das von der Falschauer -durchströmt wird. Die höchst romantische, schluchtenartige Mündung des -Tales und Baches bei Lana heißt die Gaul und wird von einem großartig -angelegten elektrischen Werk ausgenützt. Im obern Teil aber, der sich -gegen die Ausläufer der südöstlichen Ortler-Gruppe erstreckt, ist dies -Tal sehr einsam und von Touristen wenig besucht. Aber grade das zog uns an --- und die Aussicht, einmal nicht in eine überfüllte, von der Mode, die -ja leider auch auf die Berge steigt, bevorzugte Hütte zu kommen. Der -Weg hebt und senkt sich an der Berglehne und durchschneidet bescheidene -Dörfer: Kuppelwies, Sankt Nikolaus, Sankt Gertraud, und für die Heiligen -dieser Ortschaften gibt's genug Kapellen und Kapellchen, mit Alpenblumen -geschmückt; an einem Marienbilde steht der rührende Vers, dessen Original -sich an der Gnadenbrücke im Etschtal befindet: - - »Mein liebes Kind, wo gehst Du hin? - Weißt nicht, daß ich Dir Mutter bin? - Daß Keiner Dich liebt so wie ich? - So steh doch still und grüße mich!« - -Nach dreiundeinhalb Stunden -- _sehr_ heiß! Aber »man« ist ja nie -zufrieden, womit ich gemeint sein soll -- Rast in Sankt Gertraud. Tiroler -Schöps. Und dann wird's ernst. Mit der Hitze und mit der Steilheit. »Am -Grünen See (2489 m) in der ›Neuen Welt‹, 3½ Stunden von St. Gertraud, -oberhalb der Weißbrunner Alm die Höchster Hütte (2500 m) in prächtiger -Lage,« liest man im Baedeker. Das klingt so einfach und nett, man geht, -nicht wahr, und plötzlich ist man da! Wasserfälle rauschen neben einem, -ein idyllisches Bild bietet mit ihrem Viehreichtum auch die große Alm -- -und dann geht man eben immer weiter, immer höher, immer steiler aufwärts. -Die Hütte ist einzig in ihrer geschmackvollen Einrichtung, ihrer -glänzenden Bewirtschaftung, und gewiß will ich auch die »prächtige -Lage« an dem von Gletschern gespeisten See nicht leugnen. Aber ein klein -wenig weiter hätten gerade die Serpentinen der letzten Strecke angelegt -werden können -- sie lagen da wie eine fest aufgerollte Schlange und -mühsam dreht man sich auf ihr und um sich selbst empor. Das Kleinlautsein -der »bekannten Hochtouristin« nimmt doch bedeutend zu, als sie oben von -der Perle aller Wirtschafterinnen erfährt, daß der einzige Führer des -Ultentales, den man vorzufinden hoffte, noch eine Partie macht: Rückkehr -unbekannt! Und da sollte die Tagesarbeit umsonst gewesen sein, die geplante -Tour über's Zufrittjoch und die Zufrittspitze hinab ins Martelltal auch in -den Grünsee fließen --?! Der Hochtourist bewahrt männliche Fassung; aber -auch er ist entschlossen, seinen Rucksack nicht selbst vier Stunden lang -über die riesigen, steiglosen Trümmerhalden zum Joch hinauf zu schleppen --- er studiert um. Und plötzlich tut er, als könne uns nichts Besseres -passieren, ja, als wäre es schon lange unsere einzige Sehnsucht, eine -große Gletschertour allein zu machen! »Die Hintere Eggenspitze,« sagt -er und deutet aus dem Fenster auf den schönen, weißen Gipfel, »das ist -sogar der höchste Berg in der östlichen Ortlergruppe! Und wie bequem, man -geht von der Hütte aus hinauf, ohne andres Gepäck als den Proviant, kommt -hierher zurück, ruht sich aus -- steigt wieder ins Tal --! Dabei der Weg -so einfach: eine Stunde lang grobes Moränengetrümmer, dann über den -Weißbrunngletscher ohne jede technische Schwierigkeit empor. Ich seile Sie -an -- und damit gut!« =Ce que homme veut= -- -- ich ergab mich. Als erstes -fehlte uns das Seil, das er schlauerweise oder aus Bequemlichkeit unten -im Koffer gelassen hatte. Die Hüttenwirtin lieh uns das neue Fahnenseil, -dessen 9-Millimeter-Stärke schlimmstenfalls ja genügt haben würde, -_mich_ zu halten. Zuerst also die einfachen Moränen, dann der einfache -Gletscher. »Ist er auch gefahrlos?« fragte ich, als wir vom Fels auf -den Firn hinübergingen und ich kunstgerecht als erste Fahne des Seils -angeknüpft wurde. Dabei entdeckte ich, daß mein Hochtourist in die 15 m -Seillänge, die zwischen uns Distanz halten sollten, eine Schlinge machte. -»Da hinein,« befahl er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten, -»stoßen Sie sofort den Pickel bis zur Klinge, wenn ich einbreche, und -bohren ihn fest in den Schnee, was Sie weiter tun müssen, sage ich Ihnen -dann schon!« »Gern,« versprach ich mit übertriebener Freundlichkeit, -plötzlich dessen bewußt, daß ich im Ernstfalle gar nicht die Kraft haben -würde, ihn herauszuziehen. Verdient hätte er's ja auch keinesfalls -- nur -daß ich dann eben sanft nachgerutscht wäre! Anderthalb Stunden sondierte -die Gestalt vor mir mit dem Pickel Schritt für Schritt; denn die Stirn -dieses müden, alten Gletschers ist von Falten durchfurcht, die -der tückische Schnee sorgsam zugedeckt hat. Aber wir mußten diese -Schönheitsmängel aufspüren, Schritt für Schritt, und jeder sank -dazu tief in die weiche Decke. Ein paarmal drehte sich mein Wegweiser in -ziemlicher Hast zur Seite und sagte nur: »Dort nicht!« und ich empfand -schaudernd das Gefühl nachträglich, das einen befällt, wenn der Pickel -ins Leere, ins Bodenlose stößt; und dann brach er mit dem rechten Bein -wirklich ein, rief über die Schulter: »Festhalten!« und krabbelte am -Rand empor, während ich krampfhaft und todesmutig zog. Ich bilde mir auch -heute noch ein, daß nur ich eine Katastrophe verhütet habe -- bis heute -habe ich aber weder einen Dank noch eine Rettungsmedaille bekommen! Aber -dort: waren das nicht Spuren?! Ein Mensch mußte den Gletscher traversiert -haben und zum Zufrittjoch hinübergewandert sein. Wir hielten tapfer auf -die Trace los: und dann ergab sie sich als die zierlichen Abdrücke -von acht Gamsfüßen, die mit untrüglichem Instinkt, wie es sich -herausstellte, knapp vor jeder Spalte abgebogen waren. Auf meine innere -Verzweiflung hin, die sich nur in Seufzern und kurzen Verwünschungen alles -Bergsteigens äußerte, probierten wir einmal, im Fels aufwärts zu -kommen; aber er war teilweise mit Schnee bedeckt und dazu so plattig und -zertrümmert, so wenig Halt bietend für Fuß und Hand, daß wir reuig zu -den immer noch zuverlässigeren Gletscherspalten zurückkehrten. Endlich -der Grat! Er bietet keine Fährlichkeiten mehr; die anderthalb Stunden in -seinem Schnee sind zwar noch mühsam und nicht gerade wohltuend, denn trotz -des tiefblauen Himmels und der nun erscheinenden leuchtenden Sonne pfeift -ein eiskalter Wind uns ins Gesicht; aber nun haben wir den Berg doch -besiegt! Und er lohnt uns die Mühe reichlich. In greifbarer Nähe liegen -die eisgepanzerten Riesen der zentralen Ortler-Gruppe, im Norden die -Ötztaler, die Stubaier, im Süden die Adamello- und Brenta-Gruppe, in der -Ferne die Gipfel der Bernina, im Osten die wildgezackten Dolomiten. Ja, -köstlich ist die weiße Einsamkeit, die glitzernden Schneefelder, die -große, erhabene Ruhe der Firnhäupter. Umsonst ist man nicht 3437 m hoch, -der Stolz gibt dem Brot und echten Prager Schinken einen Extrawohlgeschmack --- wenn nicht, ja wenn nur nicht, der Abstieg noch wäre --! »Sehr -einfach,« bemerkt der Hochtourist, der sich für seine Anstrengungen durch -reichliche Nahrungszufuhr selbst belohnt, »wir vermeiden den morschen -Fels! Wir gehen nur durch den Schnee.« Ich versuche zu streiken; aber eine -Frau an einem Fahnenseil, nach einer mehrstündigen Gletscherpartie, in -leicht strapazierter Toilette (Beinkleid und Wollbluse!) mit Schneebrille -und Fausthandschuhen, hat einiges von ihrer »Allmacht« eingebüßt. Sie -muß, beim Abstieg vorangehend, den alten Spuren folgen, sinkt in dem -jetzt noch viel weicheren Schnee bis an die Brust ein, klappt wie ein -Taschenmesser vornüber, hat Nase, Augen und Ohren voll Schnee, besinnt -sich, daß sie sich im Fels das rechte Knie verletzt hat, fühlt, daß es -nun den Dienst versagt, schreit in die Lüfte, daß ihr Bein verrenkt, -der Hüftknochen gebrochen und sie verloren sei -- und erhält von dem -in fünfzehn Meter Abstand von ihr gleichgültig ihre Hilflosigkeit -Beobachtenden mit ruhiger Stimme den Rat: »Zieh'n S' das Bein raus und -gehen S' weiter!« - -Es ist seltsam, welch eine Suggestion in solchen durchdachten, -feinempfundenen Worten liegt: man zieht das Bein wirklich heraus und geht -schweigend weiter. Am Schluß des Gletschers wird die Fahne eingezogen, -d. h. ich abgebunden. Aus den kleinen Wasserrinnen, die in frühester -Morgenstunde bescheiden zwischen dem Geröll rieselten, hat der schmelzende -Schnee nun reißende Bäche gemacht, mit großspurigem Auftreten. Und ein -bißchen gewachsen nach dieser Gletschertour fühlt man sich selbst auch: -ohne Führer -- und bei der Möglichkeit (oder besser Unmöglichkeit!) im -Ernstfall den Hochtouristen aus einer Spalte ziehen zu müssen -- gar -nicht schlecht! Man hat sich gut bewährt. Unten, bei der Hütte, ist man -überzeugt, daß zwar alle Fähigkeiten zu großen Eistouren vorhanden -sind, daß man jedoch, um nicht aus der Übung zu kommen, doch noch eine -rechte, schöne Kletterpartie machen möchte. Und dazu gibt's ja immer nur -eins: die Dolomiten! - -Hinaus zum langen Ultental, das man wirklich gründlichst kennen gelernt -hat, von Sankt Waltraud in der vollgestopften Post bis Oberlana bei Meran. -Per Bahn nach Bozen und mit einem der unzähligen Hotelwagen, die täglich -noch ungezähltere Fremde befördern, durch das Eggental, vorüber an der -pompösen alten Burg Karneid der Münchener Erzgießerfamilie von Miller, -von Birchabruck und Welschnofen, den köstlichen Blick auf den Latemar, -den Rosengarten, die Ortler-Gruppe genießend. Das Wetter scheint etwas -unsicher, und oben auf der Höhe des Karerpasses, die man vom berühmten -Karerseehotel durch einen schönen Waldweg erreicht, regnet es sanft. -Bedenken steigen in einem auf, wie sie nur zu berechtigt sind: setzt etwa -eine neue Regenperiode ein, müßte man auch tagelang dasitzen in der -Glasveranda des Karerpaßhotels und Patiencen legen oder Balkannachrichten -lesen, von denen doch keine einzige wahr ist?! -- Da kommt der Mond über -den Paß und übersilbert dankbar diesen herrlichen Fleck Erde. In aller -Frühe lockt der leuchtende Schnee der Gipfel ans Fenster, ein jauchzender -Tag bricht an, und vorsichtig trappt man mit den Genagelten die Treppe -hinunter, um ja die Schläfer nicht zu stören, die Armen, die von dem -Wunder draußen nichts ahnen. Mögen sie nur Patiencen legen, wenn sie -aufwachen! Viele schöne Wege gibt's in den Alpen; aber der schönste, -unvergleichlichste, die Krone aller Wege ist der Hirzelweg vom Karerpaß -zur Kölner Hütte, die am Südwestende der Rosengartenspitze liegt. In -klarer Morgenluft und immer wechselnder, zarter, wunderbarer Beleuchtung -lagen sie da in langer, endloser Kette, die göttlichen Gebilde: die -Latemar-Gruppe, die Presanella, die Brenta, die Ortler-, Ötztaler- und -Stubaier-Alpen, der Schlern, der Tribulaun; die zweieinhalb Stunden zur -Hütte (2325 m) verfliegen im Genuß all der Pracht, die sich von der -Hütte aus noch ebenso bewundern läßt. Und man begreift nur zu gut, daß -die Sektion Rheinland noch ein Touristenhaus anbauen mußte, das einen Tag -vor unserm Besuch eröffnet worden war: wer diese Hütte nicht gesehen hat, -hat nichts gesehen! -- Gleich hinter der Hütte geht's steil empor -über das Tschaggerjoch (2644 m) und wenig abwärts zur vielbesuchten -Vajoletthütte, dem Ausgangspunkt für die meisten Touren in der -Rosengarten-Gruppe und auf die kühnen Vajolettürme. Wir wandern -am nächsten Morgen zum Grasleitenpaß, deponieren unter Geröll die -Rucksäcke und steigen auf den höchsten und zugleich aussichtsreichsten -Gipfel des Rosengartens, den Kesselkogel (3001 m), der einen -wunderherrlichen Blick über fast ganz Tirol bietet und im übrigen -bei wenig Kletterei und einem ganz amüsanten Band eine nette -Vormittagsunterhaltung gewährt. Durch den großartigen Grasleitenkessel, -wo der Schnee noch eine lustige Abfahrt gestattet, geht's zur -Grasleitenhütte hinunter, wo der Führer für den nächsten Tag engagiert -wird. Direkt vor der Hütte, so daß man den unteren Teil des Aufstiegs -durch die schwierigen Kamine ganz übersehen kann, erhebt sich der -Grasleitenturm -- ein paar Junge, Führerlose, durchklettern ihn grade, und -heißes Verlangen nach ihm packt mich! Aber natürlich: der Hochtourist -ist schon oben gewesen und fand es daher für mich peinlich, von den -»Hüttenwanzen«, die auch jetzt an der Arbeit waren, kritisiert zu -werden. Was mich aber im nächsten Jahr durchaus nicht verhindern wird! --- Für diesmal war die Traversierung der mittleren und östlichen -Grasleitenspitze beschlossen, »auch eine schwierige Tour mit -Kletterschuhen«, wie ich getröstet wurde. Tatsächlich hat Gottfried -Merzbacher, damals schon ein vorzüglicher Kletterer, vor ca. dreißig -Jahren erklärt, daß die Grasleitenspitzen unersteiglich sein dürften -- -wie hat sich der Maßstab geändert! -- und wirklich erscheinen sie von der -Hütte aus wie eine geschlossene Mauer, die jeden Angriff abweisen muß. -In der Nähe löst sich die steile Fläche allerdings auf und bietet -gute Griffe und Tritte; immer aber ist sie außerordentlich exponiert und -erfordert in den knapp drei Stunden, die man bis zum überraschend -großen Gipfelplateau der mittleren und höchsten Spitze (2705 m) braucht, -strengstes Aufpassen. Die Kletterschuhe legten wir diesmal schon in -der Hütte an, und kraft ihrer Anschmiegsamkeit an den Fels, und der -Überlegung, die sich schwierigen Situationen gegenüber plötzlich -einstellt, ging alles vorzüglich. Meine Zwirnhandschuhe waren zwar -»hin« -- ich kletterte zum Erstaunen aller geaichten Alpinisten nie ohne -Handschuhe --, denn die Felsen waren scharf und fest zugreifen mußte man -schon; aber die Glieder gottlob heil! Ganz so gut ging's uns beim Abstieg -zur Scharte zwischen der mittleren und östlichen Spitze nicht. Diese Tour -ist außer Mode -- entthront durch den Grasleitenturm! -- und es fand sich -deshalb viel brüchiges Gestein vor uns, das sonst von den Kletterern nach -und nach beseitigt wird. So war bei der großen Exponiertheit doppelte -Vorsicht geboten. Der Hochtourist entdeckte einen Kamin, der ihn stark -anlockte, und grade stiegen wir in ihn hinein, er voran, ich in der Mitte, -der Führer mich von oben bewachend, als ein entsetzliches Getöse über -uns entstand. Ich blickte zum senkrecht über uns stehenden Gipfel, -schrie: »Steinschlag!« -- und drückte den Kopf in eine Felsspalte. Ein -faustgroßer Stein traf mich schmerzhaft auf der Hüfte, und pflichtgemäß -schrie ich auf; aber es war wohl mehr die Angst vor der Ungewißheit: -»Kommt noch mehr -- und kommen noch größere?« Recht peinliche -Augenblicke sind das, die man da zubringen muß, als Spielzeug des Zufalls! -Rasch wie er gekommen, war der Steinschlag vorüber -- man atmete auf -- -und machte sich wieder an die Arbeit. Es erwies sich, daß meine Beine -für einen Tritt im Kamin zu kurz waren, und ich hing daher einige Meter -zwischen Himmel und Erde, was man euphemistisch »abgeseilt werden« nennt. -Aber wenige Minuten später stand auch ich auf der mit Schnee bedeckten -Scharte, und kaum eine halbe Stunde später erreichten wir den östlichen -Gipfel, womit alle Schwierigkeiten ihr Ende gefunden hatten. Denn der -Abstieg zum Molignonpaß ist nur ein Spaziergang von wenigen Minuten. Dort -standen allein und in der Mittagsstunde bratend, unsere Genagelten, die ein -Hüterjunge hinaufgetragen hatte, und die uns nun im Schutt hochwillkommen -waren. Wirklich, eine schöne _und_ schwierige Tour war's, die man weniger -wegen der Aussicht -- sie ist nur nach Westen und Norden lohnend, im -Osten und Süden lagern sich höhere Gipfel vor -- als um der reinen -Kletterfreude willen macht. Eine Extrabelohnung ist noch der Weg von der -Grasleitenhütte durchs Tschamintal. Wald und Matten dünken einem zwar -immer besonders herrlich nach ein paar Tagen in den steinernen oder -firnenreichen Wüsten des Hochgebirges. Aber der Blick rückwärts vom -idyllischen Tal auf die von unten überaus kühn und steil aufragenden -Valbuonköpfe, die Grasleitentürme und die Spitzen, die man nun stolz wie -alte Bekannte grüßt, ist von einem großen und unvergeßlichen Zauber. -Und ein letztes Mal noch umfaßt man die verlorene Herrlichkeit vom kleinen -Kapellchen St. Cyprian aus, bei Weißlahnbad, einem willkommenen, oft -benutzten Vorwurf für die Maler; und trägt die Erinnerung an so viel -glückliche, wenn auch mühevolle Tage und Stunden mit sich, wenn man -auf leise schmerzenden Füßen durchs Tierser Tal in die Welt der -Alltäglichkeit und Flachheit zurückwandert. - - - - -Hüttenleben. - - -Die meisten Menschen, die im Sommer eine Erholung suchen, wollen's -»gemütlich« haben. Je nach ihren Ansprüchen und Mitteln wählen sie den -Aufenthalt in einem eleganten Bade, einem bescheidenen Kurorte oder, wie's -jetzt »Mode« geworden ist, in abgelegenen, primitiven Bauernhäusern; -Bedingung bleibt immer, daß man es sich eben nach seiner Auffassung -»gemütlich« machen kann, jede geistige und körperliche Anstrengung -vermeidet und alle vierundzwanzig Stunden einem Dolcefarniente weiht. Im -Durchschnitt wird das ja nun das richtige sein, um die Nerven zu beruhigen --- worauf es den Sommerfrischlern in der Hauptsache ankommt! Der einzige, -der auf sein Programm nicht mit rosa Lettern und nachlässiger Schrift das -Wort »Frieden« schreibt, ist der Hochtourist. Zwar bringt sicherlich ihm -am ehesten die köstliche Bergeinsamkeit allmählich ein inneres Ausruhen -und eine wirkliche Befriedigung, aber vor seinen Erfolg haben die Götter -in Wahrheit viel Schweiß gesetzt -- er muß täglich aufs neue kämpfen, -mit sich selbst, mit der Natur, um den wohlverdienten Lohn zu empfangen. -Von »Gemütlichkeit« ist bei ihm nicht viel die Rede. Schon seine -Ausrüstung deutet auf die Anstrengungen, Gefahren und Entbehrungen, die -seiner warten. Er allein löst sich in den Wochen seiner alpinen Tätigkeit -von der Zivilisation; noch mehr: auch auf die ihm angeborene oder -anerzogene Kultur muß er ein wenig verzichten, soweit sie seinen äußeren -Menschen anbelangt. Das tägliche Bad, frische Wäsche, Kleiderwechsel zu -jeder Tageszeit oder jedem Witterungsumschlag, das gibt's ebensowenig wie -pünktliche Mahlzeiten, einen mit Luxus gedeckten und mit reicher Auswahl -besetzten Tisch. Von vornherein läßt sich also annehmen, daß sich nur -diejenigen den Bergsport zur Erholung erwählen, die von den elf Monaten -ihres bürgerlichen Daseins nicht »untergekriegt« sind und einen Vorrat -an unverbrauchten Nerven und fester Gesundheit besitzen, der sie befähigt, -den kommenden Strapazen Trotz zu bieten. - -Sieht man sich einmal die alljährlich stark anwachsenden Mitgliederlisten -des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wie der übrigen -zahlreichen alpinen Klubs und Vereinigungen an, so darf man daraus wohl -nicht mit Unrecht einen Schluß auf die Volkskraft und -gesundheit ziehen. -Steigt von all diesen Hunderttausenden jährlich auch nur ein gewisser -Prozentsatz wirklich auf die Berge, so genügt er doch, um uns nicht ganz -hoffnungslos in die Zukunft unserer Rasse schauen zu lassen; wir sind -darnach doch nicht so entnervt, verbraucht und dekadent, wie manche -Schwarzseher uns in klugen, wissenschaftlichen, aber sehr schmerzenden -Abhandlungen darzustellen belieben! Leute, die sich wochenlang auf ihre -eigenen Füße verlassen, ihr Gepäck, oft auch den Proviant für mehrere -Tage selbst schleppen und mit der einfachsten Lagerstatt und den simpelsten -Mahlzeiten für die ganze Zeit vorliebnehmen -- alles aus Begeisterung für -die Natur und ihren Sport --, in denen lebt noch etwas von dem echten, so -oft verspotteten und angefeindeten deutschen Gemüt und dem Wesen, an -dem nach des Dichters Wort die Welt genesen sollte. (Was sie vorläufig -allerdings vorgezogen hat, nicht zu tun!) Uns aber behüte dieser Beweis -unerschütterter Gesundheit vor dem Verzagen. -- »Aber auf den Hütten, -nicht wahr, soll es doch so unterhaltend sein?« -- Wie man's nimmt. -Unterhaltend, ja; für Leute, die eben mit Leib und Seele Alpinisten sind. -Denn erzählt wird fast nichts als von besonderen neuen Anstiegen, alpinen -Erfolgen -- oder Katastrophen. Heiter ist es deshalb nicht immer; dafür -belehrend, auch durch die Art, wie erzählt wird. Man sieht aus ihr, wie -rasch unter den Kundigen Prahler und Lügner entlarvt werden, wie -nur wirkliche Energie und Intelligenz anerkannt und der fade, sich -wiederholende Schwätzer bald zur Ruhe verwiesen oder zur Einsamkeit -verdammt wird. Auch sonst wirkt das Hüttenleben durchaus erzieherisch. -Keine Idee von den unsichtbaren Triumphbogen, die unten im Tal der Wirt und -der Portier für jeden noch so harmlosen Gast in aller Devotion erbauen! -Man mag von der eigenen Leistung bis zum Mützenrand erfüllt sein oder die -Brust von den kühnsten Vornahmen für den kommenden Tag geschwellt haben --- man rückt bescheiden vor der Hütte an, stellt den Pickel, der sich so -schön ausnimmt, mit seinem vernarbten Stock nach allgemeinem Brauch vor -der Tür auf, läßt den Rucksack im Gang auf die Erde gleiten und betritt -möglichst unauffällig und ebensowenig von den Anwesenden irgendwie -beachtet den inneren Raum. Ein »Grüß Gott!« mit dem Wirtschafter und -den Gästen, an deren Tisch man Platz nimmt, ausgetauscht -- das ist -alles. Dann erfährt man so nebenher, daß die Einzelzimmer, falls solche -überhaupt vorhanden, schon vergeben sind. Daß leider das frische Fleisch -schon verzehrt wurde und von allen Konserven nur noch Gulasch, was einem -schon wegen des folgenden Durstes zuwider ist, angeboten werden kann. -Wasser zum Waschen gibt's schon seit mehreren Tagen nicht mehr -- kein -Regen und viel Besuch! Aber daß es morgen schlecht Wetter wird -- wo man -sich seit Jahren gerade auf diesen Gipfel gefreut hat -- ja, das scheint -Tatsache zu sein. Wie aufrichtig dankbar ist man, daß es doch noch einen -Teller Erbssuppe gibt -- wie sparsam geht man mit dem Töpfchen warm Wasser -um, das den ganzen Abend zur Limonade reichen soll! Selten ist man sich -so erquickt und ausgeruht vorgekommen wie nach einer halben Stunde auf der -harten Holzbank, im Rauch verschiedensten Tabaks und dem Duft der Küche, -deren Tür wegen der angenehmen Wärme nicht geschlossen wird. -- Hat man -dann ein Lager für die Nacht angewiesen bekommen, so wechselt man dort, -auf der Pritsche sitzend, seine Bergstiefel gegen die Hausschuhe. Das -Glücksgefühl hierüber kann nur der teilen, der neun bis zehn Stunden -die Nägelbeschlagenen bergauf und bergab gesetzt hat. Unten findet man -die Gaststube leer -- alle sind hinausgeeilt, die eben noch todmüde, -verhungert, unfähig, ein Glied zu rühren, waren, um den Sonnenuntergang -zu sehen. Niemand spricht. Jeder schaut nur -- ist versunken in den -erhebenden, heiligen Anblick des langsam in einem Purpurmeer vertauchenden -Gestirns. Wie noch hier und dort ein Hang in voller Pracht strahlt -- im -Tal ein Fensterchen wie ein mächtiger Diamant aufblitzt -- die Wolken -allmählich die stille, sanfte Glut annehmen, die das Herz mit Sehnsucht -nach den Herrlichkeiten erfüllt, die sie verschleiern -- und dann, von -der Tiefe aufsteigend, Nacht und Schatten sich um den Fuß der Berge legen, -höher und höher klimmen und schließlich die Welt ringsum in den Schoß -der Unendlichkeit aufnehmen. Die Menschen hier oben, die vom Zufall -zusammengeweht sind, stehen wie auf einer kleinen Insel. Leise streicht der -Wind durch das magere, kurze Gras -- kein Laut, kein Ton sonst! Ja, jetzt -ist Friede. Der Friede, um den sie hier heraufgestiegen sind. Die großen -Schauer der Einsamkeit rütteln an ihrer Seele; hier oben erwacht sie und -füllt sich mit heiliger Freude, daß sie noch imstande ist, die Wunder -ringsum bis ins kleinste zu empfinden und zu genießen. - -Schweigend kehrt man endlich, wenn das Auge nichts mehr unterscheidet, in -die Hütte zurück. Und nun kann's eine »gemütliche« Stunde geben -- -vielleicht! Nicht immer. Manche Menschen besinnen sich zu schnell auf die -nüchterne Wirklichkeit und ihr Naturell zurück; nur wenige haben -den richtigen »Hüttenton«, der eben einen geraden, harmlosen, -ungekünstelten Charakter voraussetzt. Alles Gemachte, Unnatürliche hält -dem schlichten Rahmen der Holzwände und weiter draußen dem der -starren Felsen nicht stand. Hier ist Natur. Sie fordert unverfälschtes -Menschentum. »Laß die Berge den Frieden bringen unter das Volk und die -Hügel die Gerechtigkeit.« Ich glaube nicht, daß König Salomo das war, -was wir heute einen Alpinisten nennen. Aber den Zauber wie die Allmacht der -Berge auf das Menschenherz -- die hatte er voll erkannt. - - - - -Eine unterirdische Hochtour. - - -Es regnete nicht: es goß. Das beliebte Münchener Schlackerwetter, das die -Luft in undurchsichtige Rauchschwaden umwandelt und die Straßen mit zähem -Brei überzieht, so daß man beständig, nur unpoetischer: »Schwan kleb' -an« spielt, hatte einmal wieder von uns Besitz ergriffen, auch vom Herzen -und allen Sinnen. - -»Und doch ein Wetter, wie geschaffen für eine Bergtour«, sagte mein -Hochtourist. - -Ich sah ihn an: ein Meter Neuschnee wurde von allen Höhen gemeldet, bis -tief ins Tal lag schon die weiße Decke, das Thermometer zeigte an meinem -wärmsten Fenster (allerdings Nord-Nord-Ost!) vier Grad um die Mittagszeit -und sank nachts in nicht zu berechnende Niederungen -- und dann eine -Hochtour? - -»Gewiß -- aber eine unterirdische. Dazu langt's grade. Oder vielmehr, -da können einem endlich mal alle Wetterprophezeiungen und -nachrichten -gleichgültig sein, da ist man unabhängig, frei -- also?« Und auf mein -Zögern und den nachdenklichen Blick in das braune Düster, das sich -für Tageslicht ausgibt, lockert er mit geschickter Hand den letzten, im -Bequemlichkeitskamin festgeklemmten Stein: - -»Am 24. September haben sie's eröffnet -- und wir waren noch nicht -draußen!« - -Der Stein rollt. So was kann man nicht auf sich sitzen lassen! Aber ich -versuche am nächsten Morgen doch meine Genagelten recht graziös und -unhörbar aufzusetzen, um von niemand beim Abstieg von meiner Etage in -die Ebene überrascht zu werden -- denn ein Badekostüm mit imprägnierter -Fußbekleidung wäre immerhin noch passender als das Hochtouristenkostüm -und der Rucksack. Bei der endlos langen Fahrt mit der Tram zum -Isartalbahnhof hinaus lernt man jedoch einsehen, wie unnötig wichtig man -sich wieder einmal vorkam, und daß sich der gute Münchener, der an die -größten Kontraste in der Toilette seiner Mitmenschen gewöhnt ist, wegen -einer, »die spinnt,« d. h. nicht ganz richtig im Kopf ist, nicht weiter -aufregt. Der Hochtourist wandert rauchend am Zug auf und ab und ignoriert -alle bescheidenen Einwürfe: »Ja, wer eben feig' ist, der soll daheim -›am Stuhl‹ sitzen bleiben.« Ich fahre also mit ihm ab; an den -entzückenden, heute nur zu ahnenden Villenkolonien und Ortschaften des -Isartales vorbei. Hinter Wolfratshausen -- nicht eine Minute eher, denn -von der Geburt bis zum Grabe speist der Münchener um 1 Uhr -- dinieren -wir kalt aus dem Rucksack. Kalte Gans, kalte Kotelette, kalte Äpfel, kalte -Limonade -- um uns als moderne Menschen harmonisch der kalten Umgebung -anzupassen. »Jetzt fahren wir mit 'm Postauto -- das wissen's doch?« - -Ich habe es nicht gewußt und hätte nie eingewilligt -- daher schweige -ich. - -In Kochel (sprich: Koh--chel) wartet es auf uns. Der Chauffeur heißt uns -als einzige Passagiere herzlich willkommen, und -- o Wunder! -- es regnet -nicht mehr, es sinkt nur noch feucht, aber äußerst durchdringend aus dem -Nebel nieder. »Koh--chel« am gleichnamigen See durchfliegen wir und in -ängstlichen Kurven die Landstraße auf und ab, an Obstgärten mit traurig -leeren Bäumen vorüber -- durch Wald, dem die Sonne fehlt, um seine -rostbraune Schönheit aufleuchten zu lassen, an steilen Hängen hin, um -schmale Kehren herum, bei denen es heißt: »Hier könnte man sonst den -und den Berg sehen« -- »da gäb's eine herrliche Talaussicht« -- -die Phantasie bekommt Spielraum genug -- das hat auch sein Gutes. Den -Walchensee, an dessen Ufer, in Urfeld, es eine erste Station gibt, sieht -man wirklich. Und freut sich, daß er noch da ist. »Verschandelt« nach -Münchener Ansicht soll er nach dem berühmten Projekt, das ihn einerseits -als Staubecken vorsieht, um den Lauf der Isar zu regulieren, andererseits -seine Wasserkräfte für elektrische Werke -- man denkt an verschiedene -Bahnlinien -- ausnutzen will, vom nächsten Jahr an doch schon werden. -Freilich, zur »Reisezeit« will man ihm seinen früheren Bestand gönnen, -und tiefer als unter 4.60 m seines gewöhnlichen Standes soll er sowieso -nie gesetzt werden! Aber es ist wohl leider so: die Poesie und Idylle muß -der Nützlichkeit weichen; durch einen 1070 m langen Stollen, der durch den -Kesselberg gebohrt werden wird, soll das Walchenseewasser zum 200 m tiefer -gelegenen Kochel geleitet werden, wodurch natürlich auch hier große -Umwälzungen nötig sein werden, um den Bestand des Kochelsees zu -regulieren. Über Nutzen oder Schaden dieser Riesenpläne ist man sich in -Bayern noch recht wenig einig -- das Projekt jedoch wird verwirklicht und -soll 19?? beendet sein. Heute sieht der vergewaltigte See recht friedlich -aus; wie im Urzustand, ein Chaos von Wolken über ihm, als sei Wasser und -festes Land um ihn her noch nicht geschieden. Aber unser Fuß fühlt eine -etwas konsistentere Masse, als wir in Dorf Walchensee von Bord -- nein, -Verzeihung, es war doch ein Auto! -- gehen. Und dann noch drei Viertel -Stunden zu Fuß über den Katzenkopf, einen waldbestandenen Hügel, der -reizend sein soll, wenn man ihn sieht, nicht nur fühlt, nach Einsiedl. -Ein hübsches Gasthaus am Ende des Sees -- aber sehr einsiedelhaft in der -jetzigen Saison. Die Autos rasen seitwärts die »Staatsstraße« empor, -die nur ein paar Meter vom Haus vorbeiführt und es dennoch vom Getriebe -ausschließt. Zwar, wir sind dankbar für die Ruhe. Und zufrieden, dicht am -Ziel zu sein. - -Am nächsten Morgen segeln die Nebel unter gutem Wind über den See. Es -hat stark gereift in der Nacht, und die Luft ist von köstlicher Herbe; -vorläufig kann's uns ja noch egal sein -- aber später! -- Eine gute halbe -Stunde geht es auf einem schmalen, frischausgehobenen Weg steil bergauf; -wie ein schwarzes Land hebt sich die fruchtbare, schwere Erde vom Moosboden -ab. Überall Markierungen, Pfeile, Schilder: »Es ist verboten --« und -»es wird gebeten --«, ich fürchte, beides ohne viel Erfolg. Der Verein -der »Naturfreunde«, dessen Arbeit uns diese Tour ermöglicht, wird bald -sehen, daß es ein undankbares Geschäft ist, an das ästhetische Gefühl -seiner Mitmenschen zu appellieren -- schon jetzt finden sich genug -häßliche Spuren des »Kulturmenschen« vor. Dann stehen wir vor -der Höhle, der Angerhöhle am Simetsberg, der unser Besuch und die -»Hochtour« gelten soll. Der obengenannte Verein hat sie erschlossen, -weist aber am Eingang noch einmal darauf hin, daß ihr Besuch nur auf -eigene Rechnung und Gefahr geschähe; in einem Prospekt, den ich erhielt, -heißt es außerdem, daß die Höhle nur in Begleitung und mit Reservelicht -zu betreten und ihre Begehung mit Schwindel behafteten, ungeübten und -korpulenten Personen nicht zu raten sei. Man macht also wirklich eine -alpin-touristische Kletterei, eine richtige Hochtour im Innern der Erde! - -Wir zündeten unsere Laternen an, mein Stock wurde einem Baum am Eingang -anvertraut -- dann ging's an! Gleich mit zwei sehr steilen Leitern, dann -durch einen schmalen Gang, der das Aufrechtgehen nicht erlaubt. Das Auge -lernt bald, den kleinen Lichtkreis der Laternen auszunützen, denn vom -Tageslicht dringt kein Strahl in dies unheimliche Dunkel. Man hat auch -nicht auf »Korpulente und Ungeübte« Rücksicht genommen, man muß -klettern, sich strecken, über Dutzende von senkrecht stehenden Leitern, -über große Blöcke, schmale Steige, die über einen Abzugskanal für -das von den Wänden tropfende Wasser gelegt sind, dann wieder auf eisernen -Stiften über schaurige Tiefen fort, an gähnenden Spalten vorüber und -an düsterblinkenden Wassertümpeln -- kurzum, eine echte, rechte Hochtour -macht man, ehe man nach einer Stunde bei bescheidenem Kerzenlicht das -vorläufige Ende des Ganges bei einem etwa 15 m langen See erreicht. Hier -gibt es sogar ein Höhlenbuch wie sonst ein Gipfelbuch, und ganz stolz -über die Leistung schreibt man seinen Namen ein. Ich muß sagen, daß die -»Angerhöhle« durch ihren alpinen Charakter von allen Höhlen, die ich je -gesehen, am interessantesten ist. -- Dann photographierten wir; der Mensch --- diesmal der Hochtourist -- ist ja nie zufrieden. Blitzlicht hatten wir -mit; ich mußte es entzünden. Es ist eine empfehlenswerte Einrichtung. -Abgesehen davon, daß mein »echter« Haselnußstock, an den ich die Tüten -hängte, verkohlte, meine sämtlichen Fingerspitzen verbrannten, und ich -mich in irgendeine Ecke nach vollbrachter Tat des Anzündens stürzen -mußte, um meine Augen zu retten, erstickten wir fast an dem sich -entwickelnden Rauch, der nirgends entweichen konnte und uns deshalb als -Wegweiser nahm. Wir photographierten in verschiedenen Gängen -- der neue -Rauch sammelte sich zum alten, sogar unsere kleinen Kerzen in den Laternen -starben beinahe. Und das wäre recht unangenehm gewesen! Ob die Bilder -»etwas« geworden sind, ist fraglich -- daß wir froh sein konnten, den -»Naturfreunden« nicht zu begegnen, ist außer Zweifel. Als wir wieder -ans Tageslicht kamen -- es war nicht rosig, sondern blau und golden, von -strahlender Schönheit! -- zog der übelriechende Rauch noch immer neben -uns her. - -»Macht nix,« sagte der Hochtourist ungerührt, »jetzt ist es erst -wirklich Fafners Höhle.« - -Nun gab's noch einen wirklichen Gipfel, den des Simetsberges, und dann -eine wunderbare vielstündige Wanderung bis hinunter nach Eschenlohe. Die -glühenden Fackeln der Buchen zwischen dem Grün der Tannen, die Birken -und Pappeln im zartesten Gelb -- silberne Herbstfäden über den harten -Brombeerblättern, wie leichte Wolken das weißballige Jelängerjelieber, -im Volksmund »Gemsröckl« geheißen, im Buschwerk hängend. Dazu der -wilde Schrei der Hirsche, die ihre Liebsten vom goldnen Lager aufjagen, die -Lüfte zerreißend -- im steinernen Bett das sanfte Lied des Waldbaches. -Und ein Rauschen in den Baumkronen, verheißend, beseligend, daß auch nach -diesem bunten Todesreigen die Natur zu neuem, ewig-schönem Leben erwachen -wird. - - - - -II. - -»Sie« auf Ski. - - - - -Bei den »Säuglingen«. - - -»Ausschau'n tun Sie, Säugling, als wenn S' heut' gebor'n wär'n!« - -Sehr genau wußte ich, daß sich diese Schmeichelei nicht auf ein unerhört -jugendliches Aussehen, sondern auf einen glühend roten Teint bezöge. -Blendender Schnee, starke Anstrengung, scharfe Luft und leuchtende Sonne -machen in wenig Tagen aus der zartesten Haut -- die ich natürlich sonst -habe! -- ein Burgunderpergament. »Wie kann man nur,« sagten meine -Münchener Freunde, »grade zur Faschingszeit! Wo S' am Montag zum -Bühnenball wollen!« - -Ich fürchte, es wird weder etwas mit dem Bühnenball noch mit einem -andern. Denn außer einem Rote-Grütze-Teint bringe ich ein stark -lädiertes Bein mit heim, das sich der kräftigste Herr des Kurses als -Stützpunkt bei einem Fall ausersehen hat. Aber was tut das alles? Können -die gestörte Schönheit oder ein verrenktes Körperglied ins Gewicht -fallen gegen diese köstlichen, frohen Tage unter Zdarskys Leitung? Was -dieser Mann mit 159 Personen, von denen die meisten blutige Anfänger in -der hohen Kunst des Skifahrens sind, in wenig Tagen macht, wie er vor allem -aus einer disziplinlosen Masse mit allen bösen Instinkten der Menge, als -da sind: Ungehorsam, Unbotmäßigkeit, Widerspruch, Besserwissen usw., -einen wohlgeschulten, gefügigen Körper ausbildet, der ihm aufs Wort -gehorcht und immer mehr einsieht, welch ungeheure Nächstenliebe und -Aufopferung dazu gehört, monatelang in jedem Winter ohne den geringsten -Entgelt außer dem Dank der »Säuglinge« Hunderte mehr oder minder -Geschickter anzulernen, das ist erstaunlich. Und scheint mir bei aller -hohen Achtung vor der Kunst und dem selten vielseitigen Wissen dieses -Mannes das bewundernswerteste. Es ist geradezu spaßhaft zu sehen, wie zahm -auch die Kecksten werden; und wie man selbst auch nicht auf den Gedanken -käme, irgend etwas anderes zu machen, als er es in unermüdlicher Geduld -»vorturnt«. Dies genaue, schulgemäße Wiederholen aller Übungen tut -auch dem Vorgeschrittenen gut -- weshalb ich nur jedem raten kann, von Zeit -zu Zeit einmal wieder an einem Kurs teilzunehmen -- denn nur zu leicht wird -man bei kürzeren Touren und gutem Schnee gegen viele Regeln gleichgültig -und hat dafür in Ernstfällen zu leiden. Zdarskys Methode, die ja nur den -Zweck verfolgt, Bergtouren im Winter zu ermöglichen, verlangt eben eine -exakte Ausführung ihrer auf gründlichster Erfahrung und Berücksichtigung -aller vorkommenden alpinen Verhältnisse aufgebauten Gebote. Da darf man -sich gern einmal wieder als »Säugling« betrachten, wie er seine Schüler -mit Vorliebe benennt, und sich in Reih und Glied mitaufstellen, um seinen -militärisch gegebenen Kommandos präzise zu folgen. Für den vierten -alpinen Ski-Kurs, der »heuer« vom 14. bis zum 21. Januar stattfand, -war ein herrliches Gelände ausersehen, nämlich das um Oberammergau. Mit -seinen mäßigen Hügeln, die auch dem Anfänger Mut zum »Stemmfahren« -und »Stemmbogenfahren« machen, und den schönen Bergen für die üblichen -Touren der letzten Tage, wäre es »ideal« gewesen -- falls sich ein -besserer Schnee vorgefunden hätte. Ich muß sagen, daß ich mir recht -lächerlich vorkam, als ich vor acht Tagen mit voller Skiausrüstung die -Reise zum Passionsdorf antrat und immer weiter in eine grünende Landschaft -hineingeriet, über der schon Frühlingshoffnung zu schimmern schien. Von -Schnee ka Spur! Ein Hamburger, der eigens zum Kurs aus seiner nebligen -Stadt herunterkam -- es sind übrigens Teilnehmer aus ganz Deutschland -und Österreich vorhanden -- kehrte schleunigst wieder um, angesichts des -bißchen Rauhreifs, der da und dort in den Wäldern hing. Der ungläubige -Thomas mag sich stark ärgern, wenn er nun erfährt, wie schön es -besonders in den ersten Tagen war: köstlichster Pulverschnee, in dem sich -die Stemmbögen wie von selbst schlugen. Nun freilich ist der Schnee bei -starker Sonne am Tage und Frost des Nachts verharscht, und das -»Abfahren -- marsch!« löst keine reine Freude in der Seele auch des -charakterfestesten Skifahrers mehr aus. Z. B. gestern, die erste Tagestour -zum Laber-Joch hinauf. Zdarsky schont seine »Säuglinge« nicht. Mit -größtem Geschick wählt er seinen Weg so, daß alles, was man gelernt -hat: Hindernisse nehmen, Zäune überklettern, Bäche durchwaten usw., -angewendet werden muß. Dann heißt's plötzlich: »Abschnallen«, und -über eine Stunde hat man die Skier auf der Schulter einen steilen, -vereisten Hohlweg emporzutragen. »Das zieht hin«, sagt man bei uns im -Norden. Dann wieder: »Anschnallen«, und die freundliche Erlaubnis, nun -eine Viertelstunde auf den Skiern auszuruhen. Aber die Sonne glitzert auf -dem blauweißen Schnee, die Gipfel ringsum funkeln im Licht, wolkenlos -spannt sich der Himmel über den Wäldern -- da kommt mit dem ruhigeren -Atem die Freude an all dem Schönen zurück -- und das Vergnügen, mit -frischen, gesunden Menschen zusammen zu sein, bei denen die Liebe zur -Natur und zum Sport einmal glücklich alle kleinlichen eitlen Regungen -ausgelöscht hat. Darauf geht's tapfer bergauf mit der Devise: -»Spurhalten«, bis ein schöner, sonnenbeschienener Platz erreicht -ist: »Eine Stunde Rast«. Ein Rieseneifer entwickelt sich; genau nach -Vorschrift wird im Schnee ein Platz ausgetreten, die Skier dienen als Sitz, -die Fäustlinge werden zum Wärmen über die Fußspitzen gezogen -- wer ein -Zdarsky-Zelt besitzt, zieht es mit zwei Griffen um sich her, andere suchen -im Freien einen geschützten Punkt, um unter dem mit Schnee gefüllten -Kochapparat den famosen Zdarsky-Brenner anzünden zu können. Ein lustiges -Lagerleben entwickelt sich blitzschnell, Obst und Süßigkeiten werden -ausgetauscht, nach dem alten Grundsatz, daß Fremdes immer besser schmeckt -als das eigene. »Und die Photographen arbeiten fieberhaft.« Kocher sind -bekanntlich dazu da, um im letzten Moment umzustürzen. Trotz des Vorwurfes -meines Hochtouristen, ich hätte den Apparat »natürlich« falsch -aufgestellt, nämlich nach genauer Vorschrift auf den flachgelegten Skiern, -kochte mein Teewasser beinahe, und ich verschüttete nur ein Viertel des -Inhalts. Nun übernahm er die Wacht -- Männer können bekanntlich alles -besser -- auch kochen! -- tat mit Riesenwichtigkeit gleich Zucker und -Teekonserven in die schmelzende Masse, und sagte: »Wer mir nun an den -Skier stößt, den --« Es kochte -- und auf die Sekunde warf er den ganzen -Apparat um! »Es ist leichter, Tee zu trinken als zu bereiten«, sagte ein -Nachbar gefühllos und trank die mitgebrachte Flasche leer, während wir -auf den braunen Teefleck im reinen Schneetischtuch starrten. Ich glaube, -es ist einerlei, welchen Kocher man besitzt; sie besitzen alle dieselbe -Eigenschaft, erst umzufallen, sobald es kocht. - -»Anschnallen!« Die Rucksäcke werden gepackt und »modelliert«, damit -sie nicht drücken, und weiter geht's, bis sich die Talmulde vor uns -weitet. Lawinenstürze durchfurchen die weißen Hänge, und ruhig, von -Zeit zu Zeit den Schnee prüfend, legt der stets voranschreitende Hirt eine -flache Spur an, die allmählich, in langen Serpentinen, die Herde empor -zum Joch führt. Mehrmals kreuzen wir die Lawinen, aber da ist niemand, -dem auch nur ein Bedenken aufsteigt. Aus den Vorträgen, die Zdarsky -allabendlich von acht bis zehn Uhr hält, und in denen er alle Themata, -die dem Skifahrer wichtig sind, berührt, angefangen von der Haut- und -Körperpflege, der Kleidung bis zu den alpinen Gefahren, weiß man, wie -vertraut diesem Mann die Schnee- und Eisverhältnisse sind; unbedingt -überläßt man sich seiner Führung. Eine lange Kolonne, noch immer über -hundert Personen -- die anderen sind aus irgendeinem Grund von dieser -Tagespartie abgefallen -- steigt aufwärts, »wendet« an den Kehren, eine -Prozedur, deren glückliches Gelingen am Hang mehr als sonst irgendein -menschliches Tun vom Zufall abhängig ist, und blickt sehnsuchtsvoll zum -Joch hinauf: noch zwei Stunden, bis man jenseits in die Ebene hinabschauen -kann -- noch anderthalb -- noch eine -- da heißt es: »Halt!« Gute -Läufer gebrauchen noch dreiviertel Stunden bis »hihnauf« -- mit dem Gros -der Säuglinge, dem Zeitverlust an den Kehren, würde es noch fünfviertel -Stunden dauern. Es geht nicht, man käme in die Nacht hinein. Wer sich dazu -imstande fühlt, mag den Aufstieg versuchen -- für die übrigen heißt es -»abfahren«. Aber wie?! Der Schnee ist tellerbrüchig, d. h. er bricht -in großen, harten Stücken bei jedem Tritt ab; deshalb ist Stemmfahren -unmöglich, ebenso »Reitsitz«. Bleibt nichts übrig, als die Spur einfach -zurückfahren. Nun, das geht schneller als das Bergauf, ist nicht gerade -das Ideal der Abfahrt und zeitigt auch noch viele Stürze. Durch den Wald -geht's schöner als am Berg und gestattet zum Teil sogar Stemmbögen. -Am Hohlweg wird man zum »Reitsitz« eingeladen. Mir scheint es eine -vortreffliche, wenn auf die Dauer auch nicht angenehme Massage für den -ganzen Körper. Am Schluß weiß man, wo jeder Knochen sitzt und jede -Muskel angewachsen ist. Die von der Kleidung verdeckte Haut sticht -überhaupt nach diesen Tagen von der roten des hehren Antlitzes ab; -denn sie ist -- nicht weiß, o nein, sondern blau und grün. Ein rosiger -Abendhimmel liegt über dem stillen, kleinen Dorf zu unseren Füßen; -die Glocken läuten schon den Sonntag ein. Man ist daheim; glücklich und -ziemlich heil. Und morgen geht's fort. Eins hat nur gefehlt: Neuschnee. -Aber der Mensch darf nicht alles wollen! -- Von niemand besser als von -Zdarsky, diesem seltsamen, großen Menschen, kann man ja Bescheidenheit -und Anspruchslosigkeit lernen. Das ist ein Extrageschenk an seine -»Säuglinge« -- ein größeres noch als seine Kunst, die uns die -Herrlichkeiten des Wintergebirges erschließt. - - - - -Die erste »Ausfahrt«. - - -»Na ja«, sagte ich, zwar nicht ganz überzeugt davon, daß es für mich -auf dem Übungshügel, zu dem wir täglich einen etwas steileren ausgesucht -hatten, nichts mehr zu lernen gäbe, und daß ich meine Kenntnisse nun im -Gelände erproben müsse, aber doch nachgiebig, um nicht in den Geruch -der Feigheit zu kommen -- dieser Eigenschaft, die jeder Berechtigung zu -irgendeinem Sport sofort Grund und Boden abgraben soll. Und bis dahin -hatte ich Mut bewiesen, viel Mut; nicht nur darin, daß ich gleich versucht -hätte -- was ja alle anderen auch müssen! -- auf den unzuverlässigen -langen Holzschuhen von einem Abhang in die Tiefe zu gleiten, sondern daß -ich nach den Tausenden von Stürzen, von denen meine Übungen während -einer ganzen Woche unterbrochen worden waren, mich immer von neuem erhob, -meine Glieder einrenkte und unverdrossen wieder bergauf stieg, als sei mir -nicht das geringste passiert. - -Und doch herrschte nur _eine_ Stimme darüber, daß ich im Fallen den -Rekord erreicht habe! Ich kann nicht behaupten, daß mein Lebensziel: -irgendwo und bei irgendeiner Leistung einmal die erste zu sein, sich gerade -auf das Hinfallen konzentriert hätte, aber es scheint, daß man nicht nach -der Art des Wunsches gefragt wird -- eines Tages wird er einem erfüllt, -und es bleibt nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. -- Ich konnte -jetzt aber nicht nur hinstürzen, sondern besaß die hohe Kunst der alpinen -Technik, d. h. ich konnte »Stemmbogen« fahren, war mithin in der -Lage, jeden Abgrund nicht von vornherein kopfüber, sondern erst nach -verschiedenen Bogenlinien hinunterzusausen -- denn daß man zum Schluß -_nicht_ hinfällt, das soll eigentlich nur Ausnahmemenschen passieren. Zu -denen gehöre ich in keiner Beziehung. - -Den Rucksack auf dem Rücken, den Bambusstock nach Lilienfelder Art (nicht -die zwei schwedischen Zündhölzer nach Norweger Manier!) in der mit -dickstem Fausthandschuh versehenen Rechten, so zogen wir also eines -wirklich schönen Morgens bei 10 Grad Minus und prachtvollem Rauhreif von -Neuhaus bei Schliersee durchs Josephstal bergauf. Vorläufig zogen wir auch -die Skier am Tragriemen hinter uns her, denn eine steile, glatt gefahrene -und -gefrorene Straße mit scharfen Kurven frißt die Kräfte zu sehr; man -überwindet sie lieber mit Nagelschuhen! Um so schöner muß nachher -die Abfahrt auf ihr sein. Wenigstens behauptete das mein über die -Anfangsstadien des Skisports hinausgewachsener Hochtourist; und ich glaubte -ihm natürlich. Wir Frauen haben trotz aller modernen Regungen noch immer -viel Respekt vor männlichen Aussprüchen, und eine »blutige Anfängerin« -tut außerdem am besten, blindlings den Worten eines Erfahrenen zu glauben. -Das sagte der Hochtourist auch nicht ein-, sondern mehrmals. - -Ich wanderte versonnen dahin, zögerte zuweilen an besonders schwierigen -Stellen und war von Herzen dankbar, daß sie durch Geländer versichert -seien. Nicht gerade für mich -- aber mancher Unfähige konnte an diesen -unbehaglichen Kurven doch leicht Schaden nehmen! An anderen Biegungen -beschloß ich, den sich etwas unverschämt in den Weg drängenden -Granitfelsen mit graziöser Schlängelung auszuweichen -- kurzum, der Wald, -der mit uns bis zum Spitzing-Sattel emporstieg, und ich, wir wurden recht -gute Freunde, und ich empfand wieder einmal tief, daß es mir gegeben ist, -schnell zu der mich umgebenden Natur ein Verhältnis zu finden. - -»Gott sei Dank,« sagte der Hochtourist, als wir oben am zugefrorenen -Spitzingsee eine kleine Rast machten, »daß die Alm oben bewirtschaftet -ist! Der Proviant wiegt doch immer tüchtig -- heute fühlt man den -Rucksack kaum.« -- Ich widersprach nicht, obgleich die Toilettesachen -einer Frau immer etwas reichhaltiger sind, mag sie auch fast alle -Ansprüche auf Luxus im Tal gelassen haben, und ich willigte ein, da es von -nun an doch bedeutend steiler wurde, meinen Kleiderrock und mein Jackett -mir noch in den Rucksack packen zu lassen. In Beinkleidern bewegt man sich -bedeutend leichter, und warm genug würde es mir ohnehin schon werden! - -Dies ist die einzige Prophezeiung, die eingetroffen ist! Sogar siedend -heiß wurde mir, als ungefähr nach einer halben Stunde auf einem sehr -schmalen, am steilen Hang entlang führenden Fußsteig der Schnee unter -meinem linken Ski nachgab und ich nach meiner Meinung unaufhaltsam in die -Tiefe kollerte. Ich schrie um Hilfe, ließ meinen Stock fahren, fiel immer -tiefer in den Schnee, so daß ich weder wußte, wo meine Beine, noch wo -meine Arme seien und musterte angstvoll die Bäume, um den zu entdecken, an -dem ich zerschellen würde. Sie sahen alle gleich erwartungsvoll aus, und -in meine Todesangst hinein sagte von oben die Stimme meines Hochtouristen: - -»Erstens läßt man sich nicht hinunterkollern, sondern stemmt sofort den -Stock vor den Skiern ein; zweitens haben Sie vergessen, sich quer zum Hang -zu drehen, drittens -- --« - -Meine aufwallende Empörung gab mir die Kraft zum Sprechen zurück: gab man -einem in Todesangst Schwebenden gute Lehren? Durfte noch von irgendwelchen -Theorien die Rede sein, wenn höchste Gefahr im Verzuge war -- schien -es christlich oder auch nur menschlich denkbar, einem Verlorenen nicht -beizuspringen --? -- »Fällt mir gar nicht ein! Sie sind auch nicht in -Todesgefahr: schauen Sie sich nur um, kaum zwei Meter sind Sie abgerutscht! -Und das erste Prinzip beim Skifahren ist: niemand zu helfen --« - -Selten im Leben habe ich solch eine Verachtung für einen Menschen -empfunden. Er und seine Worte waren Luft für mich! Entgegen allen Lehren, -sogar denen, die ich mir schon angeeignet hatte, krabbelte ich nach -eigenem Ermessen, das natürlich bedeutend mehr anstrengte und mehr Zeit in -Anspruch nahm, auf den Weg zurück. - -Mein Hochtourist ignorierte mein Schweigen; mit der Beredsamkeit, die -auch dem ruhigsten Sportsmann eigen ist, sobald er auf sein Gebiet kommt, -schilderte er mir die zahllosen Möglichkeiten und Errettungen bei einem -Absturz, illustriert durch mehr und minder passende Beispiele. An mir -prallte alles ab; wie die andern sich retteten, mit welcher Umsicht, mit -wieviel Energie, das galt mir nichts mehr. Mein Unfall hatte mir jedenfalls -gestattet, einen Einblick in das alpine Herz meines Begleiters zu tun -- -und ich fand es stark verroht! Wenn der Sport dazu dienen soll --! - -»Nun kommt die erste größere Abfahrt im Gelände,« ordentlich -begeistert klang seine Stimme, »nun sollen Sie mal beweisen, was Sie -gelernt haben!« - -Ich --? Nichts! Ich würde es nicht können, ich bekam Platzfurcht, die -Tannen mit ihren schneebedeckten Zweigen drehten sich vor mir, der Himmel -verwandelte sein Kobaltblau in ein giftiges Grün -- -- -- - -»Wenn's ›Übungshügel‹ hieße, nachher wären Sie schon drunten! Und -gar, wenn der Herr Lehrer dabei wäre oder die andern Anfänger --! Nur -weil's eben 'was Neues ist, sind Sie feige --« -- Mein Gott, war ich das -wirklich?! Ich maß die Höhe ab, sie war geringer als all meine letzten -Probiergegenden, ich sah auf meine Skier, ich biß die Zähne aufeinander -und lehnte mich vornüber -- -- es ging nicht. - -»Also nachher fahren S' da in die Wiesen 'nein und dann auf mich zu, im -Bogen! Aber nicht nach links, denn da ist ein tiefes Loch -- -- --« - -Ich fuhr geschwind und mit aller Gewalt in das tiefe Loch. - -»Das haben Sie ja nur gewollt«, sagte ich zu meinem Hochtouristen. Und -dann fuhren wir als Todfeinde in ziemlicher Entfernung voneinander zur -Fürstalm hinunter. - -Aber gemeinsames Leid, vor allem gemeinsames Schimpfen verbindet ungeheuer; -es gab keinen Bissen Brot mehr in der Fürstalm, die Sonntagsgäste hatten -alles verzehrt, und was noch übrig gewesen war, eine Abteilung Soldaten, -die von ihren Offizieren im Sport unterrichtet wurden. Wir konnten froh -sein, eine Tasse dünnen Kaffees und ein paar gesottene Eier zu bekommen -- -dafür saßen wir draußen in der schönsten strahlenden Sonne. Vor uns lag -der Berg, den wir uns ausersehen hatten: der Stümpfling. - -»Nur noch dreiviertel Stunden -- bis dahinauf zu seiner runden Kuppe?!« -Nein, ich wollte nicht hinauf, ich wollte überhaupt nur abfahren und den -Sport ein für allemal aufgeben. _Mir_ machte er keinen Spaß, das hatte -ich heute erfahren, immer nur fallen, abstürzen, sich ängstigen -- -- -- - -Bis ich meinen Kaffee getrunken hatte. Und die merkwürdig frischen Eier -gegessen -- Eier, wie sie in München nur noch in alten Märchen vorkommen. -Aber so dicht vorm Ziel umkehren -- das ist wirklich feige! Und was ich mir -im Leben vorgenommen und angefangen habe, das führe ich immer durch. _Ein_ -Prinzip muß der Mensch doch haben. - -Ich ließ mich nicht auf Erörterungen ein, ich sagte nur: »Ich gehe doch -hinauf!« und schnallte meine Skier wieder an. Der Hochtourist lachte. - -Wir trugen die Rucksäcke hinüber und deponierten sie im Schnee, um sie -bei der Rückkunft wieder mitzunehmen. Und trotzdem ja meine Last kaum zu -spüren sein sollte, konnte ich die dreiviertel Stunden überwinden, als -seien mir Flügel gewachsen. - -Der Stümpfling bietet eine ganz schöne Aussicht über die Schlierseer -Berge, aber übermäßigen Genuß hatte ich nicht davon: Die Abfahrt --- Herrgott, wenn nur die Abfahrt nicht gewesen wäre! -- Bis zu den -Rucksäcken ging's; sie leuchteten vertrauensvoll aus dem Schnee wie -düstere, aber doch Anhaltspunkte gebende Sterne. Auch die für Anfänger -so berühmte und gute Abfahrt bis zum Spitzingsattel wurde ohne besondere -Katastrophen überwunden. Ein paarmal Kopfüberstürzen, mit dem Gesicht -in den Schnee, oder bis an die Schultern einsinken -- das sind nicht -nennenswerte Kleinigkeiten! -- Die Platzfurcht war merkwürdigerweise auch -überwunden. Aber dann -- die liebe Straße durch den Wald, mit den Kurven, -die ich am Morgen schon sorgsam studiert habe -- die hat's in sich! Und -noch Stemmfahren, d. h. ein Bein im Winkel zum anderen stellen, wenn -ohnehin die Kniee schon zittern, an dieser Kurve das Geländer zum Absturz, -an jener ein vorspringender Granitfels zum Kopfzerschellen lockt, wenn -der Schnee zum größten Teil vereist ist und man gerade, wenn man langsam -fahren oder sogar bremsen möchte, in rasendste Geschwindigkeit gerät, -das ist ein Kampf mit dem Objekt, zu dem schon gute Nerven und Ausdauer -gehören. Ich sah ein, daß die Freundschaft für den Wald nur von meiner -Seite aus empfunden wurde, und daß die Bäume, die Felsen, die Abhänge -wie Feinde auf mich lauerten. Aber ich bin ihnen entkommen; zwar mit -farbigen Merkmalen des Ringens am ganzen Körper, mit einem Teint, als -hätte ich wochenlange Hochtouren hinter mir und dem Gefühl, als wäre der -Ausdruck »mit heiler Haut« reichlich optimistisch gewählt. Trotzdem bin -vorläufig doch ich der Sieger. Und den nächsten Berg, auf den ich mit -Skiern steige, den habe ich mir schon ausgewählt! - - - - -Aus der Winterfrische. - - -Fast mehr noch als im Sommer wird dem zur Natur bekehrten Kulturmenschen -plötzlich im Winter die Stadt mit ihren tausend Ansprüchen »z'wider«. -Weihnachten und Silvester haben seinem Magen, seiner Börse und seinen -Gefühlen den Rest gegeben, in jeder Hinsicht ist er übersättigt. Die -letzten Krümel Marzipan, wie die mit Dankesworten kunstlos durchwebten -Neujahrsbriefe bringen ihm einen bittern Geschmack auf die Zunge. Hinterher -scheint es ihm, »daß es mal wieder nichts war«, wenigstens kein Jungbad -der Freude, mehr ein Untertauchen im Fango -- und seine Seele zieht aus, -um einen reinen Sprudel zu suchen. Setze dich in die Bahn und fahre -von München aus nach Süden, Ost oder West, das Gute, das Schöne, das -Herzerquickende liegt so nahe, nur eines kleinen Ruckes der Energie bedarf -es, um dir vorzustellen, daß der Fasching ebenso froh ohne dich sein wird, -daß man auf Soupers und den berühmten -- bequemen Nachmittagstees kaum -nach dir fragen wird, daß Konzerte und Theater, die du dir ohne deine -Gegenwart nicht vorstellen kannst, genau ihren guten oder peinlichen -Verlauf ohne dich nehmen werden. Ach, lieber Gott! du ahnst nicht, wie -überflüssig du bist, wie bedeutungslos deine Persönlichkeit -- aber -diese Erkenntnis, die dich daheim zuweilen heimlich grämt, so daß du -beflissen bist, sie ängstlich vor dir selbst und anderen zu verstecken, -hier draußen lächelst du über sie: hier bist du ja noch viel, viel -weniger, ein Fleckchen, das die Sonne bescheint, ein Atom, das sich preisen -muß, bescheiden in der Stille zu stehen und die Pracht nicht in ihrer -Harmonie zu stören! - -Einen weltabgelegenen Platz habe ich gefunden, an dem man nichts von der -Eisenbahn hört noch sieht, vor dem sogar die altmodische Post auf ihren -Schlittenkufen in einer knappen halben Stunde haltmacht. Im Schatten der -entzückenden, von Meisterhand bemalten Wallfahrtskirehe von Birkenstein -liegt das Haus, der Waldbach an seiner Seite murmelt leise in deinen Traum -hinein. Der Nußhäher klopft mit starkem Schnabel ans Fenster und bittet -um sein Frühstück, Buchfinken, Goldammer und zierliche Spechtarten -durchzwitschern schon den Garten, der Zaunkönig lugt vorsichtig aus dem -Buschwerk. Schlage deine Augen auf, trinke die Sonne ein, die durch die -glitzernden Scheiben flimmert! -- der Tag ist dein, dein die Welt, die -Höhen, der Wald, die stillen Marterln am Wegrand, die stolze Majestät der -makellosen Schneefelder! Schnell deinen Kaffee; der Raum ist erfüllt von -jungen, gesunden Menschen, die mit Leib und Seele ihrem Sport huldigen, -und bei deren frohem Anblick man sich sagt: »Gott sei Dank, noch ist -Deutschland nicht verloren!« -- Dann holst du dir deine Skier, prüfst mit -geübtem Blick Bindung und Schrauben, trittst hinein, nimmst als einzige -Last den Bambusstock sorglos unter den Arm, und nun fort, fort. Anfangs -über glattgefrorene »Ziehwege«, von den schweren Holzschlitten mit ihrer -nachschleppenden Last schön ausgefahren, dann seitwärts hinauf an -einem Hang, der dich lockt, und immer weiter hinein in die verschneite -Einsamkeit. Da oben liegt ein Gipfel, dessen weiche Konturen rosa -überstrahlt sind, tapfer setzt sich ein Ski vor den andern in die -Wunderwerke der kristallenen Decke, und ohne Atemnot, leicht und frei die -kalte, köstliche Luft in die Lungen saugend, stehst du auf der Höhe, die -Erde mit ihrer Herrlichkeit zu deinen Füßen. Unten im Tal wogt noch der -Nebelkampf, in weißen Massen schiebt's sich an den Hängen entlang, nur -blitzartig Dörfer, Kapellen, Wälder entschleiernd. Aber die Sonne -lacht ob dieser Spielerei wie eine immer geduldige, nachsichtige Mutter, -schrittweise, als wollte sie niemand wehtun, erobert sie sich das Feld -- -und plötzlich taucht wie neugeboren und unverhüllt das gewaltige Bild -des Tales vor dir auf. Und du durftest wieder einmal dabei sein bei der -Offenbarung vollendetster Schönheit -- was kann dich noch treffen, dich -niederdrücken mit einem Schatz solcher Freuden im Herzen?! - -Nicht nur deinen Mut, deine Energie stählst du auf diesen stillen Fahrten -in das wirkliche Märchenland, wahre Lebensfreude und -fähigkeit nimmst -du mit fort als besten Teil! Und nun die Abfahrt. Lange Zeit hieß es: -»Stemmfahren -- stemmfahren -- und nicht verzweifeln!« Endlich löste -sich das Rätsel, und zwar nach Art der meisten Rätsel auf die einfachste -Weise: alles Überlegen, alle Theorie erscheint überflüssig, hemmend -- -eben weil sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, und jeder bildet -sich ein, diese zu alpinen Touren absolut notwendige Technik sich allein -angeeignet und allein erfunden zu haben. Der »Meister« hier ist längst -an die Ketzerei der Flüggegewordenen gewöhnt, er lächelt nur darüber. -Man selbst fühlt sich verwachsen mit den langen, schlanken Eschenhölzern, -nach Belieben setzt man sich in Bewegung, schlängelt sich in -Serpentinlinien kreuz und quer durch den Wald hinunter und überläßt sich -an freien Hängen dem Hochgenuß eleganter Stemmbogen, bald den Stock -je nach der Wendung rechts oder links einsetzend, bald ihn bei ebenerem -Terrain unterm Arm haltend. »Wer Stemmbogen fahren kann, beherrscht die -Welt« -- mindestens die winterliche, alpine; und wer zuerst mal ohne Sturz -einen Hügel »besiegt« hat, kommt sich wie ein kleiner Napoleon vor. -Freilich, mehr Mühe, als die Götter sonst vor den Erfolg gesetzt haben, -braucht man zur vollkommenen Aneignung dieses »Sports des Fallens«, wie -ich ihn anfangs voll Wut selbst getauft habe. Aber kaum ein anderer löst -dafür solch eine Befriedigung aus, da er den Genuß sonst verschlossener -Freuden im Winter ermöglicht. - -Wenn Neuschnee fällt und es unaufhörlich vom grauweißen, kaum -erkennbaren Himmel niederrieselt, gibt's zur Abwechslung frohe -Rodelpartien. Daß man als Skifahrer dies Vergnügen verachten soll, ist -ein törichtes Märchen; so einmal gedankenlos, flachliegend, nur an den -Kurven mechanisch das Gewicht verteilend, in rasender Fahrt bergab zu -fliegen, das tut außerordentlich wohl, und beim mühseligen Bergaufziehen -des Schlittens muß man sich stoisch damit trösten, daß dies eben der -gesündere Teil sei! Eine »Seeschlange« haben wir gemacht und alle -rodelnden Jungen -- und wer rodelte hier nicht, wo man seine Besorgungen, -seien es Briefmarken oder Milch, mit dem Schlitten absolviert! -- mit -ihren Rodeln an den unserigen gebunden und so in langer Kette zu ihrem -und unserem höchsten Gaudium zu Tal gefahren: »A Hetz' war's«, wie sie -versicherten. Die kleinsten Kinder fahren hier von Höhen herunter -- -die Hände in den Muffen oder Hosentaschen, gelinde mit den Hacken -ihrer winzigen, nagelbeschlagenen Schuhen steuernd --, bei deren Anblick -Stadtmüttern alle Haare, falsche wie echte, zu Berge stehen würden. -Hier sieht niemand hin, wenn sich ein paar der geborenen Sportsleute -übereinanderkugeln, aber es weint auch keiner bei einem noch so derben -Puff. - -Wir sind aber nicht nur ländlich: gestern hatten wir einen Ball, -beim Kramerwirt. Mit einer Musikkapelle auf dem Podium, einem mit -Tannengirlanden geputzten Saal, und Blumensträußen aus München, die -sich am seidenen Brusttuch der Vronis und Zenzis nicht schlecht ausnahmen. -»Geschuhplattelt is worden« -- und mit eisernen Mienen fanden sich die -Tänzerinnen zu den Armen ihrer stampfenden, mit den Händen klatschenden -Partner zurück. Der Tanz ist hier etwas sehr Ernstes, Würdevolles -- -niemand lacht, niemand spricht ein Wort dabei. Aber ist die Tour beendet, -die im Laufe des Abends immer kürzer wurde, so traktiert »er« »sie« -mit einem Trunk. Ich gestehe, daß ich etwas Kopfschmerzen habe, trotzdem -ich nicht ein Achtel von den Musikern geleistet habe, die sich schließlich -als gänzlich unabhängige Menschen entpuppten und nach eigenem Behagen und -eigenem Takt ihren Part erledigten. - -Ja, hier ist Freiheit, Schönheit, Lebensfreude! Es leben die Berge -- es -lebe der Winter! - - - - -Das Talbein. - - -Als Konny Bendemann ihr Fenster öffnete, um in ihr enges Zimmerchen die -ihr anempfohlene Bergluft hereinzulassen, fesselte sie ein merkwürdiger -Anblick: die ganze Straße, so weit sie nur sehen konnte, durchwanderte -ein Zug schweigsamer Menschen, deren Köpfe von je zwei langen Hölzern -überragt wurden, so daß ihre Erscheinungen aufrecht gestellten -Riesen-Hirschkäfern glichen. Ach ja, heute begann der berühmte Kurs des -Schneeschuhlaufens unter der Leitung des noch berühmteren Skiapostels, -von dessen Künsten, auch den erzieherischen, man sich Wunder erzählte. -Behaupteten doch seine Anhänger, daß es für die nach seiner Methode -Fahrenden keinerlei Schwierigkeiten mehr gäbe, und ebenso, daß auch der -Feigste steile Hänge spielend auf- und absteigen könne. Der Feigste! -Konny schlug in Gedanken an die eigene Brust. - -Nur eine Bergpartie hatte sie im Leben gemacht, zum Wendelstein hinauf; -aber da sie sich beim Abstieg während eines Gewitters ungeheuer kläglich -benommen hatte, so hatten ihre Bekannten geschworen, sie nie wieder -mitzunehmen. Doch im Winter, wo auch Gewitter seltene Erscheinungen waren, -da mußte es ganz herrlich sein, über den Schnee durch bereifte Wälder -zu eilen und dann von oben abwärts zu sausen -- z. B. von der Alpspitz -drüben! Sie hatte ungefähr eine Vorstellung davon, als würde man über -deren scharf abgeschrägten Rücken entlang geradenwegs zu Tal fahren -können. Melancholischen Blickes verfolgte sie den Zug weiter: ja, wenn man -nicht so allein wäre -- wenn irgend jemand ihr zugeredet hätte -- --. - -Da rief eine übermütige Stimme zu ihr hinauf: »Geschwind, Fräulein! Sie -werden ja sonst die Letzte -- man immer vorwärts!« - -Natürlich ein Norddeutscher: die hatten für ihre Ebenen ja auch diesen -Sport besonders nötig, und bemerkbar machen mußten sie sich auch -- wie -immer! Dennoch freute sie der Gruß; und daß man als selbstverständlich -annahm, auch sie würde sich beteiligen. -- -- Und weshalb denn nicht? -Diese Menschen da, die noch immer paarweise an ihr vorüberzogen, kannten -sich doch auch nicht alle, nur der Wunsch, dasselbe zu lernen, verknüpfte -sie. Also -- --. Und trug sie nicht auch Wickelgamaschen und Nagelschuhe -und Mütze und Schleier zum fußfreien Kostüm?! Was fehlte, das waren die -Skier -- sollte an solcher Kleinigkeit das Unternehmen scheitern? - -»Ich komme nicht zu Tisch«, rief sie im Vorbeilaufen ihrer Wirtin zu. -Und eh' noch die Frau Deixlmair Protest einlegen konnte, weil nun doch das -schöne »Ohchsenfleisch«, das vorher die köstliche Rindssuppe lieferte, -umsonst gekauft worden sei, war sie bereits über die drei Steinstufen -hinuntergesprungen und beim Nachbar, dem Herrn Ludl, in den Laden -gestürzt. Und da besagter Herr Ludl »überhaupts und ohnehihn« dem -»Kumité« angehörte und ungefähr tat, als sei er mit Skiern auf die -Welt gekommen, so machte das Aussuchen eines passenden Paares keinerlei -Schwierigkeiten, und sie nachträglich anmelden, das konnte er schon -übernehmen -- er durft's schon wagen! - -Atemlos vom Laufen und dem ungewohnten und daher unbequemen Tragen der -langen Schuhe kam sie als Letzte in der Ebene an, die im engern Kreise -von niedrigen Hügeln umgeben war, und die sich der Herr Doktor daher als -Übungsgelände ersehen hatte. Er selbst nahm jetzt einen etwas erhöhten -Standpunkt ein und erläuterte seinen Zuhörern Zweck und Art des Sports -und den richtigen Gebrauch und die Ausnutzung des Geräts. Alle schienen -im Bann seiner Ausführungen zu stehen und sie absolut zu begreifen -- nur -Konny bemerkte mit Schrecken, welch' ein Chaos in ihrem Gehirn entstand. -Sie versuchte, sich an einige technische Ausdrücke anzuklammern, aber -sie war nie stark im Behalten gewesen, -- und da sie ihnen keinen Sinn -unterlegen konnte, zerstäubten auch diese Wörter wie Schneeflocken in -ihrem Auffassungsvermögen. Plötzlich gab der Herr Doktor ein Zeichen, -dessen Sinn er wohl vorher besprochen haben mußte, denn nun begannen alle -sofort mit emsigen Händen, sich die vor ihnen am Boden liegenden Skier -anzuschnallen. - -Auch Konny versuchte es. Doch ihr waren Glieder und Hände steif vor -Kälte, von ihren Zehen hatte sie das deutliche Gefühl, sie seien aus -Glas. Sie riß und zog an den Riemen und endlich stand sie hilflos auf -den beiden schmalen Brettern da. Inzwischen hatte sich das Unglaubliche -vollzogen: während sie noch mühsam nach Balance suchte, krabbelte schon -eine Unzahl von Menschen den Abhang hinauf, dem Doktor folgend, der sie -in langen, flachen Serpentinlinien aufwärtsführte. Da hinauf sollte sie -auch --? Die Vorstellung war so überwältigend, daß sie sich erst mal -rückwärts in den Schnee und zugleich auf die Kante der Skier setzte. Das -tat weh, und im Gefühl gänzlicher Machtlosigkeit blieb sie liegen. - -Da erscholl aus den Lüften eine Stimme, mahnend -- aufmunternd -- ratend --- und Konny blickte sich um, wem wohl diese sich immer noch steigernde -Teilnahme gelten mochte. - -»Na, Sie da unten, Fräulein, wollen's denn anfrieren?« - -Gelächter von nah und fern und dann dicht an ihrem Ohr eine flehende -Bitte: »Stehen Sie doch endlich auf -- ich helfe Ihnen -- er denkt ja -sonst, es ist Eigensinn, daß Sie sich nicht rühren -- --.« - -Ach Gott, _ihr_ galt diese versuchte Beeinflussung von oben? Aber aus -Eigensinn, nein wahrhaftig, saß sie hier nicht. - -Mühsam rappelte sie sich empor, brachte die Spitzen der Skier -übereinander und wäre wieder gefallen, wenn die Hand ihres Nachbars sie -nicht gestützt hätte. - -»Lassen Sie die Dame nur gleich das Wenden üben,« erscholl von neuem -die Stimme, »und nehmen Sie sich ihrer etwas an, Herr Architekt, wir gehen -inzwischen weiter.« - -»Was soll ich?« fragte Konny verzagt. »Wenden? Aber ich habe ja keine -Ahnung.« - -»Der Herr Doktor hat's aber doch erklärt! Also sehen Sie mir einmal zu.« - -Diese gewaltsame, ungeheuer schwungvolle Bewegung sollte sie nachmachen? - -»Versuchen Sie's doch wenigstens mal!« - -Jetzt endlich sah sie ihrem Helfer ins Gesicht -- bis dahin hatte sich ihre -Aufmerksamkeit nur auf seine Beine konzentriert -- und sie entdeckte, -daß der Architekt derselbe Herr sei, dessen Zuruf am Morgen sie zu -dieser Tollkühnheit verlockt hatte. Dann mußte er auch einen Teil der -Verantwortung tragen. - -Halblaut fragte sie: »_Er_ ist ja schon so weit fort -- er merkt es am -Ende gar nicht, wenn ich nicht übe.« - -Der Architekt lachte und antwortete herzlos: »Er sieht alles, Fräulein!« - -Und wirklich erscholl es in diesem Augenblick aus den Lüften: »Nun, die -beiden dort unten -- wollen sich die denn gar nicht hinaufbemühen?« - -»Bitte, bitte, einmal versuchen«, drängte der Architekt. - -Und Konny, die es einsah, daß es hier kein Schummeln gäbe, schleuderte -mit letzter Energie ihr rechtes Bein in die Luft, sah ihren gefesselten -Fuß mitsamt dem senkrecht stehenden Skier unstät hin- und herschwanken, -fühlte sich in zwei gleiche Portionen gerissen -- und ließ sich auf die -Seite fallen. - -»Aber, aber,« meinte der Architekt, »das war ja alles verkehrt! Und -da wir doch bergauf wollen, hätten Sie das obere Bein nehmen müssen, um -gleich an Steigung zu gewinnen -- und nicht das Talbein!« - -Konny sah resigniert auf ihre beiden, unter ihr gekreuzten Beine. Sie -hätte im Moment gewiß nicht angeben können, welches ihr rechtes oder -welches ihr linkes sei -- und nun sollte sie sogar den Unterschied zwischen -Tal- und Bergbein wissen?! - -Still begann sie sich zu entknäueln, stand endlich wieder aufrecht da und -sagte zum Architekten: »Ich will es jetzt allein lernen, ohne Theorie. Sie -stören mich nur -- gehen Sie nur voran.« - -Langsam und vorsichtig, dennoch von unendlichen Stürzen unterbrochen, -begann sie dann bergan zu klimmen -- er in mäßiger Entfernung vor ihr. - -Plötzlich kam er zurück: »Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?« - -Und ohne ihre Einwilligung abzuwarten, sagte er: »Ihr Rock ist viel -zu lang, der geniert Sie. Ziehen Sie ihn aus, ich nehme ihn in meinen -Rucksack.« - -Wenn's nur das sein sollte, was sie hinderte! - -Sie zögerte eine Sekunde, dann zog sie mit seiner Hilfe den Rock aus, und -zwar über den Kopf, da es über die Skier doch nicht gegangen wäre. Ganz -heiß waren sie beide von der mühsamen Arbeit auf dem Hang und Konnys -Unsicherheit geworden. - -Dann stand sie in neumodischen Beinkleidern, aus demselben Stoff wie ihr -Kleid, vor ihm; um die Hüften herum bildeten sie Tüten, an den Knien -schlossen sie sich dagegen sehr eng, und er, dem ihre zarte Figur vorher -so gut gefallen hatte, mußte ein Lächeln unterdrücken: etwas Rundes und -Komplettes hatte sie angenommen und fast bereute er seinen guten Rat. Denn -mit oder ohne Rock -- viel Talent zum Sport schien sie nicht zu besitzen. - -Endlich, nach mehreren Stunden, erreichten sie die übrige Gesellschaft, -die sich auf einem Schneefeld zum Frühstück gelagert hatte und schon -wieder im Aufbruch war. Mit lautem Halloh wurden sie beide begrüßt. Der -Doktor eilte auf Konny zu und fragte, wie es denn gegangen sei. Und sie, -im Bestreben, nicht gar so dumm zu erscheinen, besann sich auf die vorhin -verworfene Theorie und antwortete fröhlich und gänzlich ahnungslos -über den Sinn der Bezeichnungen: »Danke -- mit dem Bergbein gut, mit dem -Talbein schlecht!« - -In das Gelächter ringsum stimmte sie harmlos mit ein -- nur daß sie einen -guten Witz gemacht haben sollte, begriff sie nicht. Nach ihrer Meinung -blieb ein- für allemal das rechte das Talbein, weil der Architekt es beim -ersten Wenden so genannt hatte. -- Darauf, daß man so perfide sein könne, -die Bezeichnung je nach der Richtung zum Berg zu wechseln, kam sie gar -nicht. - -Daß sie Humor verstände, schien allen, auch dem Doktor, eine ausgemachte -Sache zu sein, und darauf bauend, gab er einem seiner Begleiter einen -Auftrag. - -Konny frühstückte inzwischen geschwind von den guten Sachen aus des -Architekten Rucksack; sie selbst war ja mit nichts versehen und fand es -schon fast selbstverständlich, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. - -Unten im Tal schied man endlich am späten Nachmittag in vollster Harmonie. -Am Abend wollte der Doktor in einem einfachen Wirtshaus einen theoretischen -Vortrag halten, und wenn Konny auch im voraus sicher war, wieder kaum etwas -zu verstehen, so freute sie sich doch herzlichst auf das Zusammensein -mit all den frischen, jungen Menschen. Hatte sie bisher als einzige -Unterhaltung doch nur ihre Wirtin gehabt, deren ausgeprägten Dialekt sie -überhaupt nur in besonders glücklichen Momenten verstand -- aber seit -heute war ihr, als trete sie auch in ein besseres Verhältnis zur Natur; -nichts mehr schien ihr fremd oder überwältigend, wie im Anfang, an dieser -Hochgebirgsszenerie, und wie sie so zurückwanderte, den geschmähten Rock -über der Schulter hängend, kam es ihr vor, als habe sie eigentlich ein -neues Leben begonnen. Der Sport mußte doch von allgewaltiger Macht sein! - -Am Abend, neben dem Architekten sitzend, hörte sie gespannt zu. Und da ihr -Humor nun einmal fest anerkannt worden war, lachte er ungeniert über ihre -leisen Bemerkungen, die sie in den Vortrag des Doktors einstreute, während -Konny ein paarmal dachte, daß es, nach dem sinnlosen Lachen ihres Nachbars -zu urteilen, in seinem Hirn nicht ganz richtig sein müsse. - -Dann wurden Lichtbilder angekündigt. Der Doktor wandte sich verbindlich -lächelnd an Konny, als wolle er ihre Zustimmung einholen -- oder auch -ihre Verzeihung -- wies auf die weiße Leinwand und sagte unter lautem -Gelächter ringsum: »Das Talbein«. - -Konny lachte mit. Auf der Leinwand stand sie selbst, hilflos und -schwankend, in einer wenig vorteilhaften Kleidung: einem oben zu weiten und -unten zu engen Beinkleid. Sachlich konstatierte der Doktor die Fehler ihrer -Haltung, der Fußstellung, der Handhabung ihres Stockes -- und bewies auf -allen folgenden Bildern, die immer nur wieder sie zeigten, daß sie ein -vollkommen typischer Fall des Anfängertums sei. Darnach schien es ihr ja -wirklich, als habe sie mit besonderem Instinkt alles und jedes verkehrt -gemacht! - -Ja, sie lachte fröhlich mit bei jedem Konterfei; und nur dem Architekten -kam es ein paarmal vor, als zittere sie leicht. Aber sie mochte wohl -übermüdet sein. - -Wirklich erhob sie sich nach schicklicher Pause, als der Vortrag beendet -war, und verabschiedete sich. Energisch lehnte sie die Begleitung des -Architekten ab, doch er gab es nicht zu, daß sie den weiten Weg durchs -Dorf allein machte. Zum Sprechen unterwegs aber konnte er sie nicht bewegen --- was fehlte ihr nur? - -Erst auf der obersten der drei Steinstufen schien sie wieder Atem zu -bekommen. - -»Haben Sie Dank, Herr Architekt,« sagte sie mit merkwürdig ruhiger -Stimme, »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben! Durch Sie bin ich -veranlaßt worden, am Kurs teilzunehmen -- durch Sie, meinen Rock abzulegen --- und ich irre mich wohl nicht, wenn ich Ihnen auch das hinterlistige -Photographieren verdanke.« - -»Aber ich schwöre ...«, fiel er ein. - -»Ach was,« entgegnete sie hastig, »schwören! Nachdem man falsch und -verräterisch und -- und -- schadenfroh gewesen ist! Sie haben ja gewußt, -daß ich auch nicht das geringste von allem verstanden habe -- weder vom -Bergbein noch vom Talbein -- und dennoch haben Sie sich über mich lustig -gemacht! Pfui!« - -Er starrte noch immer Frau Deixlmairs tannene Tür an, als sie schon -längst hinter ihr verschwunden war. Ein merkwürdiges Mädel, diese -Pfälzerin! Eigentlich dumm oder doch begriffsstutzig -- und wieder klug -genug, um das einzusehen und noch mehr: um es sogar zuzugeben! Welche Frau -tat das wohl sonst?! Gewiß nicht viele. Er pfiff zwischen den Zähnen und -sah lange, lange die Tür an. Humor, wie sie alle gedacht hatten, besaß -sie also nicht -- und doch Taktgefühl, ungeheuer viel Taktgefühl. Eine -andere, der plötzlich über sich selbst und ihre Leistungen so öffentlich -ein Licht aufgesteckt worden wäre, hätte vielleicht eine Szene gemacht -oder geheult -- oder sonst irgend etwas. Diese da war sehr tapfer -- das -hatte sie eigentlich schon den ganzen Tag bewiesen, an dem sie sich so -redlich mühte und nicht die geringste Hilfe durch Überlegungen gehabt -hatte -- schade! Denn nun würde sie natürlich nicht mehr wiederkommen! -Schade! Der ganze Kurs war ihm verleidet. - -Aber am andern Morgen stand sie tapfer wieder da, beim Treffpunkt. Und ihm -nickte sie freundlich und harmlos zu. - -»Donnerwetter,« dachte er wieder, »sie ist anders! Die meisten wären -schmollend zu Hause sitzen geblieben oder hätten den Ärger benutzt, um -sich zu drücken.« - -Sie wurde auch keine Musterschülerin des Doktors. Aber menschlich gute -Eigenschaften entdeckte der Architekt noch zahlreiche an ihr im Laufe -des sechstägigen Kurses. Da fragte er sie zum Schluß, ob sie nicht -auch weiterhin zusammen durchs Leben fahren wollten, sie seien so schön -eingeübt. Womit er allerdings im stillen wohl meinte, daß sie an seine -Hilfe beim Aufstehen gewöhnt sei. Ihre Kunst bestand eben -- im Hinfallen. - -Aber auch diesmal las sie seine Gedanken und antwortete fröhlich: »Gut! -Wenn du mich bei schwierigen Fällen nie fragen willst, ob ich nun das -Talbein oder das Bergbein nehmen muß --! Das könnte ich nämlich nie -entscheiden: aber Vertrauen mußt du haben, daß ich es schließlich doch -recht mache.« - -Und das Vertrauen besaß er. - - - - -Die Erfindung. - - -Immer wenn Frau Ellen Mahder von ihrer Arbeit aufsah, was allerdings nur -geschah, um die Augen ein wenig vom Mikroskop auszuruhen, bemerkte sie, -daß sich der Kopf ihres Nachbarn tief über seine Hände beugte -- nicht -ein einziges Mal seit acht Tagen waren sich ihre Blicke begegnet. Aber -diese scheinbare Unermüdlichkeit täuschte sie keinen Augenblick: ein -so wenig ernsthafter Mensch, der wenigstens in ihrer Gegenwart noch kein -vernünftiges Wort gesagt hatte, war nicht imstande, sich von -seiner Aufgabe absorbieren zu lassen; sie mißtraute ihm und seinem -wissenschaftlichen Eifer aufs höchste. Und ebenso ärgerte sie sich über -sich selbst, daß sie an diesen »faden« Doktor Zerpfang einen Gedanken -verschwendete -- und kehrte sofort mit aller Inbrunst zu ihren botanischen -Untersuchungen zurück. Sie mußte ja auch doppelt pflichtgetreu und genau -sein, um ihre Zulassung in die dunklen Räume der alten Akademie, die -unter anderen auch der botanischen Station Aufnahme gewährt hatte, zu -rechtfertigen. Denn die Frage dieses »faden« Doktors, ob sie studiert -oder wenigstens das Gymnasium absolviert habe, mußte sie verneinen; aber -sie interessiere sich nun einmal stark für Chemie und Botanik, und sie -hoffte, ihre mangelnde Vorbildung durch Lerneifer -- -- - -Er hatte ernsthaft genickt und sie aussprechen lassen, trotzdem sie sich -vor Verlegenheit ein wenig im Satzbau verwickelte. Als sie endlich fertig -war, sagte er: »Na, da können S' mir am Ende gleich erklären, was das -bedeutet: =C, A -- C, A, O=?« - -Unsicher und zweifelnd hatte sie erwidert: »=C, A -- C, A, O=? -- -=C= vielleicht Kohlenstoff, =A= -- Argentum, =O= Oxygenium --« - -Ringsum war ein lautes Gelächter losgebrochen, so daß sie erschrocken mit -der Zerlegung der chemischen Formel innehielt. - -Mit heuchlerischem Ernst sagte der Doktor: »Ich würd's anders -übersetzen: =C, A -- C, A, O= -- das ist Cacao.« - -Sie brachte es zwar zuwege, über ihren Reinfall zu lachen, aber ganz -vergeben konnte sie nach Frauenart dem Doktor diese Niederlage doch nicht. -Und er mußte wohl ihre stille Abneigung fühlen, denn er begrüßte sie -des Morgens nur mit stummer Verbeugung und verließ mittags den Saal erst -nach ihr. - -Als heute die Präparate für die kommende Woche verteilt wurden, sagte -sie: »Ich danke, ich gehe auf ein paar Tage ins Gebirge.« Und auf -den etwas erstaunten Blick des Professors setzte sie hinzu: »Ich bin -überarbeitet -- ich brauche eine Luftveränderung.« - -Ihr Ton klang gereizt. Konnte man sich nicht vorstellen, daß es für -ihre Arbeit nur vorteilhaft sei, wenn sie mit frischen Kräften an sie -hinanginge? - -»Man« lächelte unmerklich und gab ihr den väterlichen Rat, sich nur -nicht durch irgendeinen dummen Sport noch mehr herunterzubringen oder -sich gar eine Herzschwäche zu holen, die bei der jetzigen Unvernunft und -Übertreibung an der Tagesordnung sei. »Man« redete ihr zu, lange zu -schlafen, kräftig zu essen und ein wenig in der Sonne zu sitzen. - -Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, aber sie arbeitete nicht mehr. - -»Geben S' nach -- bleiben S' da?« fragte eine Stimme neben ihr. - -Sie schüttelte den Kopf, ehe sie sich noch Rechenschaft darüber gab, wer -zu ihr spräche: ah, der »fade« Doktor! Mochte er sich ebenso über sie -lustig machen wie die andern. Aber vorläufig sagte er gar nichts, sondern -sann vor sich hin. Und dann bat er hastig und scheu: »Mögen S' meine -Erfindung anschauen, an der ich gebastelt habe alle Tag'?« - -Mein Gott, augenblicklich lag ihr die ganze Arbeit hier so fern! -»Gestohlen werden kann sie mir«, hätte sie am liebsten gesagt. Doch -zwang sie sich zu einem Lächeln und entgegnete: »Gewiß -- gern!« - -Er führte sie an seinen Arbeitstisch, schob Bücher und Hefte beiseite und -zog ein paar merkwürdige Eisenklammern hervor, deren Teile mit gewachstem -Bindfaden verbunden waren. Triumphierend hielt er sie ihr hin. - -Ratlos stand sie da und sah auf die Dinger. Sein Preisrätsel »Cacao« -fiel ihr ein, und sie hütete sich wohl, irgend etwas zu äußern, was auch -diesmal ihre völlige Unkenntnis verraten hätte. Infolgedessen konnte sie -überhaupt nichts sagen -- denn kein Lichtstrahl machte ihr klar, was diese -Erfindung bedeute. - -Er aber, mit dem blinden Entzücken aller Erfinder über ihr Produkt, -sagte voll Begeisterung: »Das Ei des Kolumbus, nicht wahr? So einfach, so -handlich, billig herzustellen, leicht zu transportieren -- sehen S': in dem -Tascherl da! -- praktisch -- und von einem Erfolg!! Na, den garantier' ich -Ihnen! Eine großartige Erfindung, gelt? So was kann eben nur einer, der -die Praxis kennt, der 's ausprobiert hat -- der sich nicht abschrecken -läßt von scheinbaren Schwierigkeiten! Und ich sag' Ihnen: immer simpler -ist es worden, geradezu dahingeschmolzen in meine Händ' -- und das werden -S' zugeben müssen: von einer klassischen Einfachheit ist's worden -- kein -Hakerl z'viel, kein' Wirtschaft, kein Durcheinand' -- höchste Einfachheit, -gepaart mit größter Solidität und Sicherheit --.« Das letzte sagte er -hochdeutsch, es klang wie eine Notiz aus einer Anpreisung. -- Ihr wurde -heiß und kalt und wieder heiß: wenn er um Gottes willen nur nicht fragen -würde --! Sie hatte ja keine Ahnung, zu was die Dinger waren, die er nun -mit einem »Schnapp« zuklappen ließ und wieder öffnete, obgleich ihr -Geist sich an jedes Instrument klammerte, das ihr je in diesem Saal vor -Augen gekommen war. Schlicht -- ja, das konnte sie zugeben, das war dieser -Apparat, fast primitiv in seiner äußeren Gestaltung und beinah roh in -seinem Material. Aber sein innerer Wert mochte deshalb eminent sein, seine -Hilfe für die Wissenschaft von unberechenbaren Folgen -- wenn sie nur -geahnt -- wenn die unscheinbaren Dinger ihr nur einen einzigen Anhaltspunkt -gewährt hätten! Hilflos starrte sie vor sich nieder und brachte endlich -ein »Sehr hübsch -- sehr praktisch« über die Lippen. - -»Gelt?« fragte er zutraulich. »Das is was! Ja, so werden Meisterwerke -geboren -- so nebenher, so zufällig! Erst ist der Gedanke in mir gereift, -dann habe ich mich mit ihm herumgeschlagen, denn eigentlich hab' ich nicht -recht heranwollen, weil solch eine Idee doch immer etwas ablenkt -- aber -schließlich: das Erfindungsfieber ist über mich kommen, und kein' Ruh' -nicht hab' ich gehabt, bis 's nicht da fertig vor mir gelegen ist am -Tisch!« - -Zwar hörte sie heraus, daß er sich ein wenig selbst persiflierte, aber -stolz war er darum doch. Und konnte es ja auch sein: eine Erfindung machen, -die Wissenschaft bereichern, das ist immer etwas Großes, fast Heiliges. -So sagte sie denn auf gut Glück hin: »Die Zeit dürfen Sie doch nicht als -verloren betrachten -- da Ihnen die Erfindung gelungen ist, hat sich doch -die sogenannte Untreue gegen Ihre Arbeit reichlich gelohnt.« - -Er lachte. »Sogenannte« -- ist gut! Sie haben eine famose Art zu -trösten, Frau Kollega! Ich hätte Sie gar nicht für so vorurteilsfrei -gehalten.« - -Auch das verstand sie wieder nicht ganz, aber sie war nur froh, daß er -keine präzisere Antwort von ihr verlangte. - -Als er nun vorschlug, für heute die Arbeit aufzugeben und gemeinsam -zu speisen, willigte sie gern ein. Gewöhnlich aß sie mittags in einer -Pension mit streng modern denkenden und gekleideten Malerinnen; und -sie, die noch so wenig leistete und in ihrer Arbeit ja auch kaum je eine -Eigenart entwickeln konnte, saß recht gedrückt und bescheiden zwischen -diesen selbstsichern Geschöpfen, die alle mit Bewußtsein auf dem -richtigen Weg waren, wie sie sagten. Sie selbst sah nur ein stilles Eckchen -vor sich, einen Tisch in einem Saal, an dem sie unbeachtet bis an ihr -Lebensende sitzen, bestimmen, zeichnen, höchstens einmal etwas -würde schreiben dürfen. Da durfte sie sich allerdings nie mit diesen -Künstlerinnen in einem Atem nennen, die Ruhm und Erfolg in die Höhe -tragen würden! - -Neben des Doktors gutmütiger Art verlor sie ihre Scheu, ja, sie verriet -ihm sogar von den Zweifeln an sich, die sich täglich am Mittagstisch -erneuerten. Er lachte sie aus und sagte ein paarmal: »Da -- schauen S' -mich an! Bin ich hoffärtiger worden -- oder gar stolzer?! Und bin doch ein -großer Erfinder! Gelt, das bestellen S' Ihre Schwabinger Madeln von mir: -je größer einer ist, um so bescheidener soll er sein.« - -Er brachte sie nach Hause, und vor ihrer Tür sagte er plötzlich: »Wissen -S', ich begleit' Sie morgen!« - -Ja, das wäre nett! Zu zweien mußte es doch viel schöner sein, und so -sicher war sie übrigens auch gar nicht auf ihren Skiern -- in diesem Jahr -war sie noch kaum hinausgekommen --. - -»Um so besser«, entgegnete er etwas unverständlich. »Und da sprechen -wir uns deutlich aus über meine Erfindung.« - -Ach Gott, wenn er doch draußen nichts weiter wollte, als sich selbst -bespiegeln und bewundern und von dem klassischen Stück Eisen reden, so -sollte er nur lieber daheim bleiben! Etwas widerwillig nannte sie ihm Ziel -und Abfahrtszeit, dann ging er fröhlich, mit richtiger Siegesmiene davon. -Er schien doch schon auf dem besten Wege zur Hoffahrt zu sein! - -Den ganzen Abend, während sich Frau Ellen Mahder die Skiausrüstung -bereitlegte, die »Lauparstiefel« noch einmal einfettete, die Gamaschen -fest aufrollte, um sie morgen tadellos binden zu können, und -schließlich in den Rucksack zu allerlei appetitlichem Proviant den -Zdarsky-Spirituskocher und den Seidenkragen, der sich zum Zelt gestalten -ließ, eine andere Erfindung des Lilienfelder Skimeisters, zusammenpackte, -plagte sie die Vorstellung von Doktor Zerpfangs Schöpfung. Ja, käme sie -nur dahinter, ob er sie absichtlich hinhielte, sich vielleicht an ihrer -Angst weidete -- oder ob er sie wirklich für nicht so dumm hielte, als sie -doch sein mußte! Diese letzteren Zweifel quälten sie besonders, und so -verbrachte sie keine erquickende Nacht. - -Er aber tat bei der Abfahrt gänzlich unbefangen. Seinen Schöpfer lobte -er, der ihm den guten Einfall gegeben, gleich ihr dem dumpfen Saal zu -entfliehen und in die Berge zu fahren. Den ganzen Weg vom Bahnhof in -Schliersee, an Fischhausen vorbei und durchs Josephtal sang er und jubelte -und konnte sich nicht genug tun, die Weiße des Schnees, die Bläue des -Himmels -- die wunderbare, in kristallene Reinheit getauchte Landschaft -zu bewundern. So ein Tag -- so ein leuchtender, jauchzender Tag! Ja, den -brauchte man -- da wurde man wieder gesund und froh, da fielen alle kleinen -Erdennöte vom Herzen ab, so wie der stäubende Schnee vom schwankenden -Ast. Und er schlug gegen die Bäume, daß es in lichten Wolken auf sie -beide herniederrieselte: das Jungbad der Seele nannte er das. -- -Etwas schweigsam ging Ellen Mahder neben ihm her; sie kam sich selbst -schwerfällig und »norddeutsch« vor, daß sie nicht aus vollem Herzen -in sein Glück mit einstimmen konnte. Aber die Furcht vor seiner Erfindung -fesselte ihr Zunge und Sinn -- und ebenso die wachsende Erkenntnis seines -Wesens: ein Kind war er, ein echtes, großes Kind wie alle Künstler, alle -Genies. Hier, in der Sonne, in der belebenden, herben, köstlichen Luft, -am größten gemessen, das es gibt: an freier Natur, offenbarte sich seine -Ursprünglichkeit und Lauterkeit. Ein Erfinder -- und doch so primitiv! Die -Kompliziertheit ihres eignen Charakters wuchtete auf ihr. - -Ehe es nun bergauf ging -- sie wollten zur »Rotwand« hinauf -- verlangte -er, daß das Zelt aufgeschlagen und der Spirituskocher in Tätigkeit -gesetzt würde. Ellen war noch gar nicht hungrig, aber sie gab nach: Launen -eines großen Menschen soll man erfüllen, sie gehören zu ihm wie die -Dornen zu den Rosen. - -So hockten sie zu zweien, trotzdem sie beide groß waren, in dem winzigen -Zelt nieder, kochten sich »einen Tee« und begannen sich von Herzen der -Kameradschaft zu freuen. Früher, nein, da war diese Ungeniertheit zwischen -zwei fremden Menschen und noch dazu zwischen Mann und Frau unmöglich -gewesen -- nur dem nivellierenden, von Vorurteilen befreienden Sport war -das zu verdanken! - -»Er soll leben«, sagte der Doktor mit dem letzten Schluck, und dann -packten sie wieder zusammen. - -Dabei kam eine Unruhe über den jungen Botaniker. Ein paarmal setzte er zum -Sprechen an, endlich brachte er über die Lippen: »Wann's Ihnen recht ist, -probieren wir sie nun aus, die Erfindung! Weil's ohnehin bergan geht!« - -Hier -- die Erfindung! Im Freien, im Schnee -- auf einer Skitour! Mein -Gott, er konnte doch nicht plötzlich geistig verwirrt sein. -- Unmerklich -trat sie einige Schritte von ihm zurück. Er kniete im Schnee hin und -bastelte an ihren Skiern herum. Sie spähte inzwischen ringsum: sollte sie -fortlaufen, um Hilfe rufen -- ihre Angst wuchs ins Ungeheure! Eine einzelne -Frau allein mit einem Mann, nein, es war doch nichts, sie verwünschte im -Moment die eben noch gepriesene Kameradschaft: die Alten hatten recht, die -vor ihr warnten, die ihr keine Existenzberechtigung gewährten -- -- - -Da war er schon fertig und erhob sich mit einem scheuen Lächeln um den -Mund, mit einem Rot stolzer Verlegenheit auf der Stirn. - -»Da sehen S'! Ein Griff -- klapp! Fertig is'! Und nun probieren Sie 's aus --- Sie sollen die Erste sein -- wie mich das glücklich macht!« - -Die Skier lagen vor ihr, und dicht vor der Bindung waren sie umklammert -- -von der neuen Erfindung! Zutraulich erklärte er ihr, woran der Vorteil vor -den kostspieligen, mühsam anzulegenden Fellen läge und daß, wenigstens -für kürzere Touren, der gewachste Bindfaden dieselben Dienste leisten -könne. -- -- - -Er begriff gar nicht, warum sie nicht in seine Freude mit einstimmte. -Sie hatte die Farbe gewechselt und sich an einen Baum gelehnt: ihre -Enttäuschung, ihre Empörung -- der Zorn gegen ihn, gegen sich selbst -nahm ihr Atem und Besinnung. Also doch -- also doch! Leichtsinnig, -oberflächlich, unzuverlässig! Nicht an einer ernsten Erfindung hatte -er all die Wochen intensiv gearbeitet, für diesen Unfug, diese -Überflüssigkeit -- dieses Nichts hatte er Zeit und Kraft geopfert! Und -seine Kindlichkeit war kein Beweis seiner Genialität, sie war nichts als -der Ausfluß seines unreifen, törichten Wesens. - -Aber das Ärgste war und blieb, daß sie sich hatte düpieren lassen! - -Mechanisch setzte sie die Füße in die Skier, ließ sie sich von ihm -festschnallen und lief von ihm fort, so schnell es nur eben ging. Sie -mußte allein sein, nachdenken, versuchen, ihre ungeheure Wut gegen ihn -niederzukämpfen -- ihn von ihrer schmerzenden Enttäuschung nichts merken -lassen. - -Die schwebende Enttäuschung blieb, als sie endlich die andern Gefühle -besiegt hatte. Irgendwo in ihrem Herzen saß sie fest und ließ sich nicht -vertreiben und sagte ihr wieder und immer wieder, daß auch dieser Mann nur -einer wie alle sei, um kein Deut besser, um kein Lot wahrer -- vielleicht, -vielleicht auch so wankelmütig wie der andere, der sie nach kurzer Ehe -verlassen und um dessentwillen sie einen Beruf gewählt hatte -- um zu -überwinden und zu vergessen. Längst überwunden war das alles; heute -stiegen ihr dennoch bei der Erinnerung die Tränen in die Augen. Einer wie -alle -- alle wie der Eine! - -Äußerlich wurde sie ruhig. Die gleichmäßige Bewegung bergan, die -göttliche, kaum von einem Vogelschrei unterbrochene Ruhe, der stille -Sonnenschein, der Wald und Schnee förmlich durchtränkte, die klare Luft --- sie taten ihr Werk wie immer. Sie glätteten die hochgehenden Wogen -ihrer Empfindung und zwangen sie, gerechter zu werden: war es seine Schuld, -daß er sie enttäuschte? Hatte er sie über sich selbst im Unklaren -gelassen? Nur sie, sie wollte mehr in ihm sehen; ihr genügte nicht -der harmlose Mensch, der dennoch seinen Sport ernst nahm und ihm eine -Verbesserung zur Ausführung wünschte -- ein großer Erfinder, ein Genie -hatte er sein sollen! - -Wie schnell sie auf die Höhe gekommen war, und nicht ein bißchen atemlos -oder erhitzt wie sonst beim gefürchteten Bergauf -- alle Kraft gespart -für die frohe, herrliche Abfahrt! Woran lag das nur --? Wahrhaftig: das -mußte das Verdienst _seiner_ Erfindung sein! Und darüber war sie so böse -gewesen?! Lächelnd sah sie auf die »klassischen« Eisen hinunter: hatten -nicht auch sie ihre Berechtigung? - -Du lieber Gott, die großen Sachen waren ja schon fast alle erfunden -- -mußte es nicht auch Leute für die kleinen geben, denen man dankbar sein -konnte für die angenehmen Erleichterungen des Lebens? - -Als das Rotwandhaus mit seiner wehenden Flagge in Sicht kam, stand sie -still. Nicht ein Wort hatte sie ihrem Begleiter auf dem ganzen Weg gegönnt --- sie mußte es wieder gutmachen. - -Aber als er sie erreichte, sagte er: »Famos sind Sie, Frau Kollega! Nicht -geschwätzt beim Bergauf, das lernen die meisten Frauen nimmer!« - -»Ich gebe das Lob zurück«, antwortete sie. »Und Ihre Erfindung ist -großartig, Herr Doktor -- ich gratuliere.« - -Er warf die Mütze in die Luft und jauchzte. - -»Famos sind Sie«, wiederholte er. »Nix geschmeichelt, nix schöngetan -- -'s Maul gehalten, Sie verzeihen! still ausprobiert, Erfahrung gesammelt -- -dann erst anerkannt, des nenn' ich gründlich! Ja, die Frauen von heuzutag' --- des is was!« - -Ellen Mahder fand es nicht an der Zeit, ihn aufzuklären, weshalb sie -so lange geschwiegen. Einmal -- es kam ihr vor, als würde es nicht mehr -unerträglich lange bis dahin sein -- wollte sie ihm die Wahrheit gestehen: -ihre Enttäuschung über ihn -- und ihr Zurückfinden. -- Still und -glücklich glitten sie nebeneinander her, bis sie das Haus mit der -fröhlich wehenden Flagge erreicht hatten. - - - - -III. - -»Sie« im Süden. - - - - -Osterspaziergänge in Latium. - - -I. Der Monte Soracte. - -Die Gabe, Kunst ernsthaft zu studieren und zu genießen, ist recht -verschieden bei uns armen Sterblichen verteilt; nirgends läßt sich diese -Behauptung besser und einwandfreier beweisen als in Italien -- und hier -vor allem wieder in Rom. Florenz gestattet ein stilles, beschauliches -Genießen, es gibt keine Entfernungen, man braucht fast immer nur von -Haus zu Haus zu gehen. Rom bringt zu seiner kolossalen Ausdehnung und dem -Übermaß seiner Sehenswürdigkeiten, die über sein ganzes Areal verstreut -sind, noch die Unruhe und Hast der Großstadt -- man ist immer auf der -Eulenflucht, und hätte man auch lange Wochen zum Besuch der »Ewigen« -vorgesehen. Darum hört man nicht selten -- am häufigsten von unsern -Landsleuten, die in 10-14 Tagen »alles« sehen möchten -- den -Stoßseufzer: »Gottlob, daß wir abreisen! Ich kann nicht mehr!« - -Ich bemitleide diese Menschen nicht; ich bewundere sie. Denn ich hätte -schon längst nicht mehr gekonnt! Für meine Aufnahmefähigkeit sind drei -fleißige Museumsstunden schon ein gerüttelt Maß -- darüber fort versagt -sie vollständig. »Wie schade, nicht wahr, so viel Zeit zu verlieren -- -und womit füllen Sie sie dann aus?« -- Ich gehe spazieren; ich laufe -stundenlang durch die Campagna, ich suche zu Fuß all die kleinen -Ortschaften auf, die wie leuchtende Punkte in der mächtigen Ebene -verstreut liegen, ich klettere auf die Hügel- und Bergketten, die überall -den Horizont in weiter Linie umsäumen, und ich entdecke, daß ihre Hänge -mit Dörfern und Städtchen besetzt sind, grau und monoton, wie der Boden, -aus dem sie emporwachsen, und doch ein jedes von ihnen stimmungsvoll -- -architektonisch schön -- oder voll geschichtlicher Reminiszenzen, die ihre -Patina auf verfallene Burgen und Paläste geworfen haben. Das ist meine -geistige und körperliche Erholung, mein Schutz gegen allmähliches -Abstumpfen angesichts Roms erdrückendem Reichtum: ein stunden- oder auch -tagelanger Spaziergang und von Zeit zu Zeit ein weiterer Ausflug, der die -überreizten Sinne ausruhen läßt und uns das herrliche Land trotzdem -näher bringt, weil wir seine Natur lieben lernen. - -Nördlich von Rom, mit fast geradem Rücken, in schwerem Massiv über die -lieblichen Hügel dominierend, liegt der Monte Soracte. Wie lange schon zog -er wieder und wieder meine Blicke und meine Sehnsucht auf sich -- ein wenig -wegen seiner schwermütigen Gestalt, ein wenig wegen seiner Höhe -- etwa -700 m, aber direkt aus der Ebene aufsteigend, also doch eine bescheidene -Bergpartie verheißend! -- Hauptsächlich aber, weil man hoffen durfte, -dort nicht vielen Menschen zu begegnen! Den Passanten raubt der Ausflug zu -viel Zeit -- ich bitte Sie, wenn man jede Statue in Rom gesehen haben -will! -- die andern sind wohl zu bequem. Denn trotz des himmlischen -Frühlingstages -- o Segen -- sind und bleiben wir allein, mein lustiger -Begleiter und ich! Und wie wir uns fühlen, einmal wieder mit dem leichten -Gepäck für eine Nacht im Rucksack -- fernab von Pensionen, Leuten mit -Baedekern und der Gewißheit, abends beim Diner den Nachbar rechts und -links und gegenüber seine Tageseindrücke nicht memorieren zu hören -- -nein, ein echter, rechter Ferientag ist es, ein Schuleschwänzen in ewigen -Vakanzen! »Da kann ich Sie gleich auf Ihre Bedürfnislosigkeit prüfen«, -meinte der Hochtourist. Denn es war unsere erste »Bergtour«, und der -Hochtourist, dessen seherischer Blick meine bergsteigerischen Fähigkeiten -erst wenige Tage vorher am Turm des Kapitols entdeckt hatte, konnte noch -nicht ahnen, wie glänzend sie sich entwickeln würden. - -Nur wir entsteigen in Stimigliano dem Coupé; nur wir zwei laufen -querfeldein bis hinab zum »=Bionde Tevere=«, dem blonden Tiber, der hier -so köstlich ländlich aussieht, so recht wie ein gemütlicher Bauernfluß, -nicht ein bißchen, als trüge er später die Weltstadt auf seinen Ufern; -und ganz primitiv, außer uns nur von ein paar Frauen und Kindern benutzt, -ist auch die Fähre, die uns ans jenseitige Gestade befördert. - -Die Sonne brennt heiß auf den noch brachliegenden Boden nieder, aber da -bekanntlich die Götter vor jeden Erfolg den Schweiß gesetzt haben, so -tragen wir frohen Muts und unverdrossen die göttliche Prüfung -- sind wir -doch des schönen Erfolges sicher! - -Frühstücksstation: San Oreste. Weiten Rundblick gestattet es über -die Sabiner- und die umbrischen Berge, aber »recht einladend«, wie es -Gregorovius erschienen ist, der deshalb bedauert, es nicht besucht zu -haben, ist es wirklich nicht. Ein Haufen eng aneinander gedrängter, -unmalerischer Steinhäuser ohne die geringste Abwechslung oder -Ausschmückung; und das Wirtshaus am Dorfeingang wohl noch genau -so bescheiden wie zu den Zeiten jenes berühmten italienischen -Spaziergängers. Aber das wenige, das man bekommt: Salami, Eier und Wein, -so gut wie fast überall in den ländlichen Osterien. Die Befürchtung -vieler Reisender, abseits der großen Heerstraßen »nichts« zu bekommen, -ist wirklich überflüssig! - -Und dann, nach kurzem Marsch, kommt ein Wald; ein schattenspendender, -kühler Wald ernster Steineichen. Einmal mag der ganze Berg von ihnen -bestanden gewesen sein -- aber auch dieser Rest ist noch ehrfurchtgebietend -genug -- und so märchenhaft still -- man wartet, ob nicht Böcklins -Einhorn langsam zwischen den dunklen Stämmen hervortrabt. - -Wenige Minuten unterhalb des Gipfels taucht das Kloster San Silvestro auf, -genannt nach dem Papst Silvester, dem der Kaiser Konstantin »das ganze -Abendland« schenkte -- eine etwas unsichere Gabe! Und eine Zeitlang suchte -Karlmann, Karl Martells kampflustiger Sohn, in diesen Mauern Ruhe -- bis -auch ihn die Menge der Besucher, die nach Rom pilgerten, verscheuchten -- -Gott sei Dank haben sie jetzt einen andern Weg gefunden! - -Ganz oben auf dem Berge erhebt sich eine kleine Kapelle über einer -schönen, alten Krypta, in der uns der alte Aufseher auf die Zelle des -heiligen Silvester aufmerksam macht. Bedürfnislos genug mag er gewesen -sein, Geschmack besaß er jedenfalls! Denn die Aussicht von diesem -höchsten Punkt ist einfach superb: die ganze Campagna liegt zu unseren -Füßen, dem Lauf des Tibers folgt man bis zu Roms Mauern, das Meer -schimmert stahlblau in der Mittagssonne zu uns herüber, Bracciano und -den gleichnamigen See glaubt man mit der Hand erreichen zu können -- die -weichen Linien der Albaner-, Sabiner- und umbrischen Berge umschließen -das Bild nach Osten und Süden -- kurzum, das Ganze ist so schön, so -abwechselungsreich, daß man sich schwer losreißen kann. Aber die Schatten -werden länger, eilig geht es auf der Westseite bergab durch Weinberge und -Olivenhaine. Von der Haltestelle San Oreste aus benutzten wir die Bahn und -erreichen im Abenddämmern, nach entzückender Fahrt, unser letztes Ziel: -Cività Castellana. Die Stadt liegt auf einer Felsplatte, zu der sich die -Bahn in hübschen Serpentinen hinaufwindet, immer neue Ausblicke in die -merkwürdig tief einschneidenden Flußtäler gewährend. Die Treja und der -Rio maggiore umströmen die Stadt von drei Seiten, d. h. wenn man so sagen -darf: ihr Piedestal. Fast senkrecht, aber mit dichten Schlingpflanzen -und Gebüsch romantisch geschmückt, steigen die Uferwände empor, eine -natürliche Verteidigung bildend, wie man sie nicht besser, und vor allem, -nicht schöner denken kann. Und aus diesem Grunde -- der geschützten Lage -wegen -- wurde die Stadt immer wieder aufgebaut, trotzdem verschiedene -Eroberer, zuletzt die Sarazenen, sie zerstört hatten. Aber der Fleck Erde -ist auch zu verlockend -- die Promenade um die alte Stadtmauer immer wieder -überraschend an neuen Ausblicken. Freilich, im Hof der einst berühmten -Zidatelle weiden nur noch ein paar Ochsen, nachdem das Gebäude jetzt -nicht einmal mehr als Gefängnis benutzt wird. Die Zeit, wo hier mächtige -Grafengeschlechter hausten und Päpste sich zum Sterben in das überaus -pittoreske Städtchen zurückzogen, ist vorüber; nicht einmal mehr ein -Räuberhauptmann, wie seinerzeit Gasparone, lebt in ihr. Ihr einziges, -sehr sehenswertes Gebäude ist die Kathedrale Santa Maria mit romanischem -Portal, gotischen Rundfenstern und Cosmatensäulen in der Vorhalle. Auf dem -Platz vor der Kirche wurde abends ein Ständchen gebracht und am nächsten -Morgen der Markt abgehalten, als wir auf einem mittelalterlichen Omnibus -vorüberrumpelten, um uns nach Borghetto bringen zu lassen. Von der -Bahnstation Cività Castellana, die anderthalb Stunden von der Stadt -entfernt ist, benutzten wir die Bahn zur Heimfahrt nach Rom. - - -II. In den Sabinerbergen. - -Wer hätte nicht von deutschem Besitz auf italienischem Boden gehört -- -von dem berühmten Eichenhain, der Serpentara, der einst von deutschen -Künstlern vor dem Ausroden bewahrt und schließlich von ihnen mit -gesammeltem Geld angekauft wurde?! Auch mich lockte dieses kleine -»Deutschland«. - -Ganz früh, im unaufgeräumten Wartesaal des römischen Bahnhofs, tranken -wir unsere Schokolade. -- Eine kurze Bahnfahrt bis Zagarolo -- von hier -mit dem Omnibus bis Genazzano. Vorn neben dem Kutscher erwischen wir -noch Plätze; die Bauern hinter uns unter dem muffigen Verdeck des Wagens -können nicht begreifen, daß wir die angebotenen Ehrensitze in ihrer Mitte -verschmähen! Wir aber blicken über den mächtigen Federbusch eines auf -Urlaub für die Festtage gehenden Bersagliere -- der uns zu Füßen auf der -Deichsel hockt, nach dem schönen Spruch: Besser schlecht gefahren als gut -gegangen! -- in das sonnengetränkte, köstliche Land hinaus. Nicht tot -mehr scheint die Erde -- duftend steigt es aus den braunen Schollen empor, -in den Zweigen der Kastanien- und Ölbäume regt es sich leise, rötliche -Augen zeigen sich an den Weinreben, die sich von Ulme zu Ulme ranken. - -Und welch eine Volksmenge, je mehr wir uns der kleinen Stadt Genazzano -nahen! Der Tag irgendeines Heiligen ist es, der zum Jahrmarkt benutzt wird --- Frühaufsteher kommen uns schon mit ihren Einkäufen entgegen. Rechts -und links am Stadttor hängen goldglänzende Kupfergeschirre an den Mauern; -Bettladen, Wiegen und Truhen versetzen den Weg. Wir steigen aus und wandern -durch den Ort, vorbei an einer Wallfahrtskapelle, die auch heute ihre -Anziehungskraft beweist, vorbei am alten Palast der Colonna und den -Überresten ihres Aquädukts, dessen von Efeu umsponnene Bogen malerische -Rahmen für die Landschaft im Tal bilden. -- Der Weg nach Olevano, nicht -über die bequeme Landstraße, sondern quer durch die Felder, ist sehr -schön; auf allen kleinen Anhöhen alte Klöster und Burgen, in weiterer -Ferne Schneehäupter der Abruzzen und ringsumher ein Land, dessen -historischen Reichtum man ahnt und fühlt. In der klaren Sonne ist es, als -könnte man mit einem Schritt zu all den kleinen Ortschaften hinüber, -die sich nur durch eckige Konturen vom Felsboden, dem sie entwachsen, -unterscheiden. - -Olevano liegt ebenfalls an einem Bergabhang und hat steile und schmutzige -Straßen; aber überaus malerisch ist es: der Marktplatz mit seinem -Brunnen, an dem die Esel getränkt werden, und zu dem im Abenddämmern -prachtvolle Frauengestalten, die kupferne Conca (Krug) auf dem Kopfe, -heranschreiten. Die Bewohner von Olevano haben überhaupt einen besondern, -kräftigen und schönen Typ, und sind durch den Umgang mit liebenswürdigen -Malersleuten zutraulich geworden. - -Etwa eine halbe Stunde nördlich von Olevano, am Wege nach Bellagra, liegt -die Serpentara, der deutsche Eichenhain, ein Künstlerhaus mit deutschem -Namen am Eingang. Wie merkwürdig das ist: plötzlich auf deutschem Boden -zu stehen! Die Namen der besten vaterländischen Künstler sind mit -diesem Fleck Erde verknüpft, unsere größten »Landschafter« haben hier -studiert und gelernt. Ein Felsblock trägt das Relief unsres Kaisers, neben -der 1887 gepflanzten »Kaisereiche« -- ein andrer das Viktor Scheffels, -unter dem seine Worte prangen: - - Hier im Zentrum des Gebirges - Lesen wir die alte Keilschrift, - Die der Haufe nie versteh'n mag, - Das Gesetz des Ewigschönen. - -Einmal also, durch deutsche Künstler, haben wir im Lande unsrer ewigen -Sehnsucht ein eignes, wenn auch bescheidenes Besitztum erreicht! - -Am nächsten Morgen wanderten wir nach Bellagra, dem unheimlich -schmutzigsten Ort, der mir in Italien begegnet ist und _vielleicht_ durch -diese Eigenschaft sehenswert, sonst nicht. Noch einmal steigen wir eine -steile Anhöhe hinauf: nach Rocca San Stefano, dann geht es lange neben dem -Anio, dem »immerkalten«, her, und ebenso lange liegt links vor uns auf -einem Felsen, von einer Burg überragt, Subiaco. Die sechs Stunden von -Olevano sind, ohne uns im geringsten zu ermüden, »vergangen«; das Land -und die kleinen Orte, die wir durchschreiten, bieten so viel Reize und -immer neue Abwechslung, daß man sich der Länge des Weges nicht bewußt -wird. - -Wer nun wirklich mit seiner Zeit geizen muß, lasse sich an dem äußern, -reizvollen Eindruck Subiacos genügen und kehre eilig mit dem nächsten Zug -über Tivoli nach Rom zurück. Vielleicht, um dort den Osterfeierlichkeiten -in Sankt Peter beizuwohnen? Ach Gott, _diese_ Enttäuschung ist ein Kapitel -für sich! Ich feiere meine Ostern stets draußen, in irgendeinem kleinen -Nest -- weitab von den hastenden Touristen! - -Denn um Subiaco recht zu würdigen, bedarf man der Ruhe. Die drei Klöster -von Santa Scolastica, »die Wiege des Mönchtums im Abendlande«, sind -so reich an Schätzen und historischen Erinnerungen, daß es schade und -nutzlos um einen kurzen Besuch wäre. Zur Zeit der Goten in Italien, als -das römische Reich sich auflöste, gründete der heilige Benedikt hier -eine Zuflucht für weltmüde Menschen, während des ganzen Mittelalters -stand es da, »ein einsamer Leuchtturm der Wissenschaft«, wie Gregorovius -es nennt, und Deutsche, Arnold Pannartz und Konrad Schweinheim, druckten -hier im Jahre 1465 das erste Buch in Italien, den Donatus, ehe sie in Rom, -im Palazzo Massimi alle Colonne, die erste Buchdruckerei errichteten. -Auch jetzt noch sind die Klöster überreich an Inkunabeln und alten -Handschriften, trotzdem die Abtei mehrmals, z. B. von den Sarazenen wie von -den Ungarn, zerstört worden ist. Aber die Macht des Klosters wurde durch -Schenkungen reicher Barone immer wieder hergestellt, die Stadt Subiaco -selbst geriet allerdings erst im Jahre 1068, als der Abt Johannes V. die -Burg erbaute, in den Besitz des Ordens. Seit dieser Zeit rivalisierten die -Benediktineräbte neben den Orsini und Colonna auch auf dem Kriegsfeld und -waren leider wegen ihrer erbarmungslosen Justiz berühmt. Deshalb entzog -Urban VI. im Jahre 1386 den Mönchen das Recht, den Abt selbst zu wählen, -und setzte zum Teil dadurch ihrem Übermut eine Schranke. Dennoch empörte -sich, fast hundert Jahre später, das Volk von Subiaco gegen die Mönche, -die an fünfzehn jungen Leuten eine Art Lynchjustiz ausgeübt hatten, -verwüsteten das Kloster und mordeten die Mönche. Auch in den ferneren -Jahrhunderten spiegelt sich in der Geschichte dieser Abtei im kleinen das -ewige Auf und Ab von Größe und Verfall wieder -- und viel von dem steten -Kampf zwischen geistlichen und weltlichen Würdenträgern! - -Ein steiler Weg von fünfundzwanzig Minuten führt weiter aufwärts nach -San Benedetto, einer aus Ober- und Unterbau bestehenden Kirche, in deren -Garten der heilige Franz von Assisi die Dornen, in denen der heilige -Benedikt sich wälzte, um sich gegen verführerische Vorstellungen -zu schützen, in Rosen verwandelte. Noch jetzt ist der Garten von -Rosenbüschen erfüllt. Die Grotte, in der Benedikt lebte, ist mit einer -Statue des Heiligen aus der Schule Berninis geschmückt. - - - - -Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen. - - -I. Locarno. - -Eins wollen die seit undenklichen Zeiten an Italien-Sehnsucht krankenden -Deutschen nie lernen: daß sie nämlich dieses Land, das wie kein anderes -Sonne, Wärme und frisches Grün verlangt, stets viel zu früh aufsuchen -und es gerade dann verlassen -- wenn es erst anfängt schön zu werden! Den -früher so viel beklagten Übelständen: schlechten Heizungsmöglichkeiten, -Steinböden usw., ist zwar längst, wenigstens in den besseren, -internationalen Hotels und Pensionen, abgeholfen; es gibt überall -Zentralheizung, Parkettböden, mit Teppichen ausstaffierte Hallen und -Lifts und Wintergärten, und der Deutsche findet es mit steinerner Stirn: -»ebenso wie zu Hause« -- aber natürlich, den echten, gemütlichen -italienischen Albergos muß er aus dem Wege gehen, weil er eben in ihnen -friert und sie deshalb für »unmöglich« hält. Das ist der zweite -Nachteil seiner vorzeitigen Erscheinung jenseits der Alpen. Der erste, -wie gesagt, die tote Natur. Eine nordische Landschaft kann durch schweren, -bewölkten Himmel Ausdruck und Stimmung erhalten und malerisch wirken, die -italienische wird ohne Sonne farb- und charakterlos. Und weshalb begnügt -man sich mit ein paar warmen Mittagsstunden? -- In der Hauptsache wohl, -weil es diese auch zu Hause nicht gibt. Jetzt dehnt man sich schon morgens -im Bett mit dem wohligen Gefühl, zu einem echten, rechten Sommertag -erwacht zu sein; durch das weitoffene Fenster zieht laue Luft, durchsetzt -vom wundervollen Duft der Glyzinien, deren schwere lila Trauben einen -undurchdringlichen Baldachin über der Terrasse bilden. Man hat geschlafen, -gewiß; aber bis in den Traum hinein hat man die Nachtigall gehört, die -die Nacht durchschluchzte, und von der man ohne weiteres annimmt, daß sie -poetisch genug war, ihr kleines Nest im Kamelienbaum aufzuschlagen; -über und über bedeckt ist er mit leuchtenden, roten Blüten -- und die -Nachtigallenkinder werden ihr Leben lang vollauf zu tun haben, wenn -sie auch nichts anderes lernen wollen, als ihn würdig zu besingen. Man -lächelt vor sich hin, wenn man nun ans Fenster tritt und nach stillem -Blick über den stahlblauen Spiegel des Sees die Wunder in der Nähe -betrachtet: die Kletterrosen mit ihren Tausenden zartweißen, rosa oder -gelben Knospen und Blumen, die prangenden Rhododendrons, die köstlich -gefärbten und duftenden Azaleen, die alle in jeder Nacht an ihrer -Vervollkommnung weiter arbeiten -- aber mischte sich nicht in die -langgezogenen Seufzer der Bülbül ein merkwürdig nüchterner Ton?! -Man erinnert sich plötzlich: der Hahn war es, den die Kunst der grauen -Sängerin nicht schlafen läßt, und der es in Locarno für nötig hält, -noch vor Mitternacht die Menschheit an sein Dasein zu mahnen. Aber hier -versteht man das; in diesem Zauberreich müssen die ältesten Gesetze ihre -Kraft verlieren und aufgehoben werden. Die Natur befreit sich von allen -Fesseln, und in ihrer unerhörten Verschwendung verleiht sie auch dem -bescheidenen Haushahn die Gabe, über seine eigentliche Bestimmung hinaus -zu krähen. - -Drunten pfeift der erste Dampfer, deutlich kann man verfolgen, wie von -allen Seiten Omnibusse heranrollen, etwas Gepäck verladen wird und einige -Pärchen Hand in Hand den Weg, der zum Schiff hinüberführt, betreten. -Der Dampfer gibt ein zweites, wehmütiges Signal: aber niemand kommt mehr. -Schwerfällig legt er ab. Und der junge blonde Kontrolleur, der seit fünf -Jahren täglich vom Morgen bis zum Abend die zwölf Dampfer seiner Linie -kontrolliert, wird keine zu große Arbeit haben. Diese da, die letzten, -allerletzten deutschen Hochzeitsreisenden haben richtige Billette, sitzen -in der ihnen zukommenden Klasse, verlassen das Schiff ordnungsgemäß an -der =Isola bella=, durcheilen Hand in Hand Schloß und Garten und stehen -nach zwei Stunden Hand in Hand wieder bereit, um die Rückfahrt anzutreten. -Nicht einen Schritt vom vorgeschriebenen Wege tun diese Leute -- nichts -sehen sie als die im Reisehandbuch verzeichneten Merkwürdigkeiten, und -ohne Aufenthalt setzen sie ihre Tour fort: nach Lugano hinüber, oder -gleich zurück über den Sankt Gotthard -- und ahnen nicht, daß sie an den -Hauptschönheiten vorübergegangen sind und sich ihnen nur eine Spalte des -Allerheiligsten geöffnet hat! Nein, ich fahre nicht über den See; ich -warte, bis auch die letzten Hochzeitsreisenden fort sind und sich die -braven Italiener, die dann mit schwatzenden, lachenden Kindern Vor- -und Hinterdeck in Beschlag nehmen, sich nicht mehr über die fabelhafte -Ungeniertheit der Jungvermählten chokieren. Und abends kehre ich erst -heim, wenn das Mondlicht ein glitzerndes Netz übers Wasser wirft und -all die kleinen Uferstädte nur mehr durch die Perlenreihe der Lichter -erkennbar sind und nach kurzem wieder in mystisches Dunkel zurücksinken. -Jetzt wandere ich lieber die Höhen hinauf, in der tröstlichen Gewißheit, -keiner Seele mehr zu begegnen, sobald ich den Stadtrayon verlassen habe. Am -wilden Garten der Madonna del Sasso, die sich eher wie eine Festung als wie -eine Kirche auf steilem Fels inmitten einer Schlucht erhebt, schlendere -ich vorbei, über Orselina Brione und Contra bis zu dem entzückenden, -weltvergessenen Mergoscia im Tal der Verzasca, die sich nicht genug tun -kann an größeren und kleineren Fällen; oder zur anderen Seite nach dem -malerischen Ascona, das noch seinen besonderen Reiz durch die Gruppe der -»Naturmenschen« erhält, die sich auf der Höhe des Monte Verità in -verlassenen Bauernhäuschen angesiedelt haben und ihren Individualismus -durch vegetarische Kost, flatternde Haare, wenig Bekleidung und größte -Saloppheit dartun. Ich nehme mir aber bestimmt vor, sobald es noch heißer -wird, mich wenigstens »vegetarisch« zu frisieren und alle künstlichen -Unterlagen fortzulassen. Ascona ist auf dem Land erbaut, das die Maggia -angeschwemmt hat; in ihrem langen Tal ist wohl der schönste Punkt bei -Ponte Brolla, wo der Bach durch schroffe Felsen bedrängt wird, und später -bei Visletto. In Cevio mündet ein neues Tal ein, das Valle di Campo, von -der klaren Rovana durchströmt, von dessen verschiedenen Ortschaften aus -über zahlreiche Pässe leichte und etwas schwierige Touren sich nach -Gefallen und Wanderlust ausführen lassen. Aber sieh, das Beste liegt so -nah! Der köstliche Weg von Locarno nach Ronco, hoch überm See, mit stetem -Blick auf seine Fläche und die anmutigen Inseln bei Brissago, führt durch -schattenspendenden Wald; nicht durch immergrünen mit hartem, dauerhaftem -Laub, sondern unter den zartgrünen Zweigen von Ulmen, Buchen und den -lichten Schleiern der Birken hin. Und über allen Vorbergen, die im -April noch so plump in ihrem farblosen Massiv dastehen, haben die Birken -ebenfalls ihr beständig flimmerndes Grün geworfen; auf den höheren -Gipfeln leuchtet noch der Schnee, von den Abhängen erstrahlen die -Obstbäume in blendender Pracht, und die Weinreben strecken sich von -Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum grüne Blättchen auf verlangend -wachsenden Armen entgegen. Ein reizender Winkel, verfallende, verlassene -Bauernhäuschen, durch dichten Efeu zu malerischsten Ruinen umgewandelt, -ist Fontana Martina, noch hinter Ronco gelegen und von Brissago aus über -einen mörderisch steilen Pfad zu erreichen. Ein Deutscher wohnt hier -einsam in dem toten Gemäuer, das für jemand, der wirklich Ruhe sucht, ein -Dorado sein muß. Aber diese Jemande scheinen seltener zu sein, als man im -allgemeinen annimmt: kein Liebhaber oder Räuber meldete sich bis jetzt, -und der Deutsche, der ein wenig auf die Eigenbrödelei seiner Landsleute -gerechnet hat, folgt am Ende eines schönen Tages -- die hier ja nicht -selten sind! -- dem Beispiel seines Vorgängers und zieht sich mit einer -reichen Frau in das Weltgetöse Mailands zurück. Die Kontraste liegen im -Leben ja meistens dicht nebeneinander. - -Auch hier. Denn neben den Kindern heißerer Sonne, den hohen Fächerpalmen -mit ihren kraftstrotzenden, sich eben öffnenden Blütenkolben sendet unser -nordischer Flieder seine lila und weißen Sternchen im leisen Wind hinüber -zu dem unendlichen Reichtum der Mimosenbäume; die zarten Kerzen des -Kirschlorbeers strecken sich neben den derberen der Kastanie vor, die -Orangenblüten erstrahlen doppelt neben den schwarzen Kugelfrüchten der -Zypressen, die Iris gesellt sich zum Calicanthus, dem »Erdbeerbaum« -unserer Kindheit, und zu Füßen des spielerischen Bambus und des -selbstbewußten Eukalyptus sehen uns unsere Stiefmütterchen mit ernsten -und etwas größeren Augen als zu Hause an. - -Ich will dem deutschen Frühling nicht seine Schönheit bestreiten; er -hat längere Frist, sich zu entwickeln, und muß heftig genug um die -hartgefrorene Erde und mit seinem Todfeind, dem Nachtfrost, ringen. Das mag -seinen Kräften nur förderlich sein. Hier kommen sich Sonne und Erde -in langem, heißem Kuß entgegen, es gibt kein Verweilen, nur ein -Vorwärtsdrängen, ein Entfalten, Sprießen und Wachsen von Stunde zu -Stunde. Und unter den glücklichsten Verhältnissen, vom hehren Rahmen der -Berge umfaßt, lacht aus betörender Farbenpracht mit tausend Augen der -Sommertag, und klingt sein Herzschlag aus dem Lied der Amsel und dem -unablässigen Zirpen der Grillen. - -Auf meiner Fensterbank liegt eine smaragdgrüne Eidechse. Sie genießt die -Wonne ihres Daseins -- sie ist wunschlos glücklich! - - -II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde. - -Einen köstlichen »Aussichtsberg« überm Lago Maggiore gibt es, sagte -man mir, und nachdem ich so lange darauf angewiesen war, allein oder in -Gesellschaft von weder bergkundigen noch steigelustigen Genossinnen -über bessere Hügel zu spazieren, wurde der Höhendrang von Tag zu -Tag mächtiger. Sofort nach Ankunft des »Hochtouristen«, der auf -Entdeckungsfahrten im »unbekannten Italien« auszog und sich, wie er -sich bescheiden ausdrückte, »herabließ«, auf der Durchreise dem Lago -Maggiore ein paar Tage zu »opfern«, wurde eine größere Tour vereinbart. -Der Dampfer brachte uns nach Stresa, wo ein starker Gewitterregen die -wichtige Frage nach bequemem Aufstieg, schöner Aussicht usw. zunächst so -zweifelhaft machte, daß wir uns erst mal zum Bleiben entschlossen, an -den pompösen Hotels und den noch schlafenden Villen der reichen Milanesen -vorbeischlenderten und über einen der berühmten, herrlich angelegten -Spaziergänge Doktor Georg von Siemens' wieder in das engmaschige Netz der -Straßen des Städtchens zurückgerieten. Hallo, dort ist ein Auflauf vor -einer Kirche! Wir stellen uns zwischen die anderen Neugierigen, und nach -ein paar Minuten fährt -- höchst modern! -- ein Bischof im Automobil vor -und nimmt große Sträuße, von Chiffonschleiern geschmückt, in Empfang. -Eine Kapelle empfängt ihn mit dröhnender Musik -- leider ist es die -Marcia Reale, im Jubiläumsjahre römisch-klerikalen Ohren gewiß eine -doppelt unsympathische Melodie. Aber der geistliche Herr findet sich -mit Würde in diesen überraschenden Kunstgenuß, verschwindet unter dem -feuerroten, mit breiten Goldstreifen umsäumten Baldachin und erscheint -nach kurzem wieder, in voller Amtstracht, die Hand mit dem Hirtenring -segnend nach links und rechts streckend. Der Zug ordnet sich; als Trägerin -eines riesenhaften Kreuzes eine jüngere Person wie eine Schar ihr -folgender, bedeutend älterer in blauem Überwurf und weißen Schleiern, -dazu haben alle -- sogar die Kreuzträgerin -- trotz der Heiligkeit des -Moments, ihre mächtigen baumwollenen Regenschirme am Arm, die wohl nur -im Tode von den Italienern abgelegt werden. In langen Reihen folgen die -Schulkinder, Knaben wie Mädchen, von Geistlichen und Schwestern geleitet; -am anderen Tage gibt's eine große Firmelung, obgleich der eigentliche -Zweck des Signor Vescovo nur eine =visita pastorale= sein soll, der Besuch -des Hirten bei seinen Schäflein. Armselig genug sehen sie aus, die ihm in -die nächste Kirche folgen, und sein ernsthafter Blick gleitet über die -Fremden hin, die abseits stehen. Und in diesem ruhigen Blick und in der -Bewegung der segnenden Hand liegt so viel Achtunggebietendes, daß sich -die Köpfe derer, die eben noch über die bescheidene Prozession und den -modernen Bischof im Auto gelächelt haben, demütig senken und ihren Teil -an seinem Segen hinnehmen. - -Am anderen Morgen hat es sich so weit geklärt, daß man nach Meinung der -Eingeborenen den Aufstieg wagen darf: schlechtes Wetter hält sich hier ja -nie länger als einen Tag, der Wind hat gewechselt, Gewitter kommt nicht -- -also! Und was man gerne glauben möchte, glaubt man ja einfach, obwohl der -Hochtourist behauptet, die Einheimischen verstehen vom Wetter nie etwas. -Zuerst geht's einen steilen Fosso, eine kleine Schlucht, empor; die -Sonne brennt wahnsinnig, besonders, da ein fast senkrechter -Bauern-»=scorciatoio=« zum Abkürzen verlockt hat und man sich mit -Unterholz und Geröll herumplagen muß. Dann oben auf dem harmlosen Grat, -zum Teil durch Wald, ist es recht hübsch; dann furchtbar langweilig, -trotzdem man sich allmählich zur alpinen Flora emporgearbeitet und -tiefblaue Enziane auf den sumpfigen Wiesen findet -- denn natürlich -hat man wieder »abgekürzt«, schon um nicht immer neben dem im Bau -befindlichen Damm der Zahnradbahn herlaufen zu müssen. Im Mai dieses -Jahres noch soll sie eröffnet werden, dann werden endlich auch die -Italiener, die mit wenig Ausnahmen ja das Wandern verabscheuen, diesen Berg -gewinnen, und seine Einsamkeit wird dahin sein. Denn jetzt haben wir in den -vollen vier Stunden, die wir zum Aufstieg ohne Rast brauchten, nur ein -paar Bahnarbeiter getroffen, sonst keine Seele. Dicht vorm Albergo lag noch -Schnee, zugleich setzte ein Hagelschauer ein, dem ein heftiges Gewitter -folgte; da wir nun doch schon naß waren, erklommen wir gleich den nur zehn -Minuten vom Restaurant entfernten Gipfel, mußten aber durch meterhohen -Schnee waten. Oben, unter dem 15 m hohen Kreuz, lagerten wir an einer -schneefreien, aber leider nicht windfreien Stelle und warteten geduldig, -bis das Wetter sich verzog und langsam, langsam die liebe Sonne wieder -durch die schweren Wolken kam. Welch ein Wunder sich dann offenbarte, -und wie aus der Riesenkette schneebedeckter Häupter allmählich in -überwältigender Höhe die Gruppe des Monte Rosa emporwuchs, das wäre -auch mit drei Gewittern und vier Meter hohem Schnee nicht zu teuer bezahlt -gewesen! Und drüben, über den sieben Seen, die man von oben zählt, -fuhren die gewitterschwangeren Wolken noch unruhig hin und her, ein ewig -wechselndes, berauschendes Farbenspiel auf den Wasserspiegeln hervorrufend, -während der Schnee ihrer Berge in schwefelgelbe Tinten getaucht war. -Ich glaube kaum, daß es an besonders klaren Tagen, an denen sich in der -lombardischen und piemontesischen Ebene von hier aus Mailand und Turin -zeigen sollen, schöner sein kann, als wir es oben hatten. Aber leider -haben manche Leute ja ein Vorurteil dagegen, bei Gewittern auf Berggipfeln -zu sein! - -Nach einer angenehmen Collazione im vortrefflich geleiteten Albergo, das -den in Italien als Gastwirte bekannten Guglielminas gehört, stiegen wir -dem westlichsten der oberitalienischen Seen, dem Lago d'Orta, zu, an der -Südseite des Mottarone hinunter. Abkürzungswege, auf die wir an diesem -Tage nun einmal geschworen hatten, brachten uns schneller ins Tal und dazu -durch Gegenden, die absolut menschenleer waren, und in denen außer anderen -Vogelstimmen sich sogar auch Nachtigallen hören ließen. Aber diesen -wundervollen Weg, der allmählich wieder in die Region der immergrünen -Gewächse hinabführte und zum Schluß an ganzen Narzissenfeldern vorbei, -beschreibe ich nicht näher; aus Angst, ein Italiener könnte lesen, daß -es bei ihm noch irgendwo Singvögel gibt! Dann wär's aus mit ihnen! - -Nach gut vier Stunden tauchte endlich am Ende der Schlucht wieder der -vom Gipfel des Mottarone schon begrüßte See auf, entzückend in seiner -Stille, der malerischen Umrahmung und der Insel San Giulio mit der alten -Kirche darauf in seiner Mitte. Zwar fielen jetzt wieder große Tropfen, -während ich noch den imponierenden Sassina-Viadukt bewunderte und -wiederholt meine Bedenken gegen die Wetterkenntnis der Eingeborenen -äußerte. Aber weit vom Ziel konnten wir doch nun nicht mehr sein; ich -verwandelte mich mit meinem Wetterkragen in eine der besonders beliebten -»Lodendeutschen« und wanderte tapfer fürbaß -- wohl noch fast -eine Stunde in immer stärker strömendem Regen, unliebenswürdigem -Donnergrollen und überflüssig häufigen Blitzschlägen. Manchmal ist -einem doch _ein_ heftiges Gewitter pro Tag genug. Jedenfalls war ich recht -froh, als wir endlich beim Pranzo auf der kleinen Terrasse des Albergo Orta -saßen und ich den Regen nicht mehr direkt ins Gesicht und auf den Kopf -bekam. Übrigens ist die kleine Stadt Orta, die eigentlich nur aus einer -Piazza und einer einzigen engen Straße, abgesehen von einigen an den -Hängen verstreuten Villen, besteht, sehr reizvoll, und ihr Sacro Monte, in -dessen Kapellen das Leben des hl. Franz von Assisi in den in dieser Gegend -bevorzugten Terrakottafiguren dargestellt wird, bietet eine entzückende -Aussicht. - -Am nächsten Morgen in Frühe und Kühle brachte uns ein emsiger kleiner -Dampfer in einer Viertelstunde ans andere Ufer, nach Pella hinüber, wo ich -den Sitz auf dem mich schon im voraus klagend anschauenden Maulesel dankend -ablehnte und auf einem Weg, den uns die Italiener als gänzlich unmöglich -für Damenfüße schilderten, sehr bequem, zum Teil durch schattigen -Wald, nach zwei Stunden den Paß la Colma erreichten. Als gewissenhafte -Alpinisten -- so ist man nun einmal! -- nahmen wir gleich den Monte Briasco -von hier aus noch mit, zu dessen Gipfel (1185 m, also fast 300 m weniger -als der des Mottarone!) man in dreiviertel Stunden gelangt, und der mir -den Monte Rosa einmal ganz ohne Wolken und durch seine Nähe von -imponierendstem Eindruck zeigte. Dann ging's von la Colma an recht -gemütlich hinab, durch prächtige Kastanien- und Nußwälder, an viel -einsamen, von blühenden Obstbäumen umstandenen Gehöften vorbei. Nur wo -in Italien immer die Menschen sind, möchte ich trotz meiner Vorliebe -für ungestörtes Wandern doch oft gern wissen. Bis unten das Sesiatal -auftauchte, kam es mir vor, als gehörte dies herrliche Land allein uns, so -wenig wurde es von anderen beansprucht. Alles in allem haben wir vier -und eine halbe Stunde bis zu dem durch seine Lage und Architektur -überwältigend schönen Varallo gebraucht -- warum also kennen Deutsche -die kleine Stadt fast gar nicht und überlassen sie den Engländern -fast ganz, die allerdings nicht ungeschickt im Aufspüren versteckter -Kunststätten sind?! - -Varallo ist ein altes Städtchen, überaus malerisch mit seinen -Steinhäusern und dem lichten Grün der Laubbäume, dem dunklen der -immergrünen Pflanzen dazwischen. Alte Dokumente, zwei Diplome -Kaiser Konrads II. erzählen, daß es schon 1025 existierte. Zu -größerer Bedeutung gelangte es aber erst, als Bernardo Caimi, ein -Franziskanermönch, einer vornehmen milanesischen Familie entstammend, -im Jahre 1481 nach seiner Rückkehr aus Palästina beschloß, in seinem -Heimatlande ein Sanktuarium zu errichten, das allen heiligen Orten, die -er besucht hatte, samt den Begebenheiten, die sich dort zugetragen haben, -gleichen sollte. Er erwählte sich Varallo zu seinem frommen Werke und -erhielt im Jahre 1486 vom Papst Innozenz VIII. die Erlaubnis, ein Kloster -zu errichten. Aber erst nach einer zweiten Reise nach Jerusalem entwarf -er die Pläne für das Heiligtum, und im Jahre 1491 wurde der Grundstein -gelegt. Seit dem Besuche des Erzbischofs von Mailand, Karl von Borromeo, -im Jahre 1578, der das Sanktuarium bedeutend erweiterte und den -Beschluß faßte, in einzelnen Kapellen alle Mysterien des Lebens Christi -darzustellen, gewann Varallo seine große Wichtigkeit als Wallfahrtsort. -In den waldreichen Tälern und auf den kleinen Vorsprüngen des -Berges verteilen sich 45 Kapellen um die Hauptkirche, vor der sich ein -architektonisch höchst reizvoller Hof hinbreitet. Das Innere der Kirche -ist reich, aber modern. In den Kapellen dagegen befinden sich die alten -Fresken und Terrakottagruppen, die auf Befehl Karl Borromeos hergestellt -wurden. Fast tausend Statuen, darunter unzählige Tiere, Vögel, Reptilien, -von 80 Künstlern ausgeführt, veranschaulichen das Leben und Leiden -Christi und gelten dem italienischen Volke noch heute als wunderbare -künstlerische Leistung; während unser Geschmack wohl durch die ganze -Anlage als solche, die Architektur der Kirche und der Kapellen sowie durch -die entzückende landschaftliche Umgebung des Heiligtums mehr befriedigt -wird als durch die oft sehr bunt bekleideten und daher unruhig wirkenden -Gruppen. Einzelne allerdings, wie die »Kreuzigung« aus der Hand Gaudenzio -Ferraris, werden auf jeden Beschauer eine erschütternde Wirkung ausüben. -Auch darf man nicht vergessen, daß zur Zeit, als die Terrakotten -entstanden, die Bauern weder lesen noch schreiben konnten und Bücher -eine Seltenheit waren. Da mußte die anschauliche Darstellung der heiligen -Geschichte von größtem Einfluß sein. - -Am Fuße des Sacro Monte, zu dem man von der Stadt aus auf sehr steilen -Wegen in zwanzig Minuten emporsteigt, liegt die äußerlich simple Chiesa -Santa Maria della Grazie, die dem 15. Jahrhundert entstammt. Eine vornehme -Familie aus Varallo, die Vincini, ließ auf ihre Kosten das große -Wandgemälde malen, welches das Prespyterium von der übrigen Kirche -scheidet. Es darf wohl als schönste Arbeit Gaudenzio Ferraris betrachtet -werden und stellt in zwanzig Vierecken, in der Mitte als größtes -die Kreuzigung, Christi Leben dar. Ein anderes Bild desselben großen -Künstlers, die Vermählung der heiligen Katharina, befindet sich -hinter dem Hochaltar der auf köstlichen Substruktionen sich erhebenden -Pfarrkirche San Gaudenzio, zu deren Füßen der Wochenmarkt abgehalten -wird. Auch über dem Portal der Chiesa della Madonna di Loreto, eine -Viertelstunde von Varallo entfernt, hat Ferrari die Geburt Christi -wunderbar =al fresco= gemalt. - -Besonders anziehend wird das Stadtbild Varrallos durch die schönen -Trachten der Frauen aus den naheliegenden Dörfern und Tälern. Die -aus Fobello tragen breite, leuchtend rote Säume an den schwarzen -Faltenröcken, während eine schmale rote, hinten grüne Einfassung die -Rocksäume der Frauen aus dem Mastolonetal umgibt. Alle aber tragen -sie unter den Jacken und Miedern weiße Hemden mit kostbaren gelblichen -Macraméeinsätzen und -spitzen und breitgelegte seidene Tücher auf dem -Kopf, die nur bei der Messe durch Schleier aus Spitzen oder feinem Leinen -ersetzt werden. Als Beitrag zu einem aktuellen Thema möchte ich erwähnen, -daß ebenso allen Frauen ein schwarzes Beinkleid gemeinsam ist, das die -Beine eng bis zu den Knöcheln umhüllt; die nackten Füße stecken in den -landesüblichen Holzpantoffeln, den »Zoccoli«. - -So bringt der kleine Ausflug ins »unbekannte« Italien des Erhebenden, -Neuen, Anregenden genug. Mir bleibt der Besuch des größten -Kalvarienberges der Welt eine schöne Erinnerung. Und wer die Mühe scheut -oder kein flotter Wanderer ist, dem verrate ich einen näheren, bequemeren -Weg: eine zweistündige Bahnfahrt von Arona am Lago Maggiore aus bringt -auch ans Ziel. Aber, »wem Gott will rechte Gunst erweisen,« der wandre! - - -III. Hochalpine Spaziergänge. - -Für jemand mit der eingeborenen Lust zum Bergsteigen im Herzen ist es -undenkbar, lange still an einem Platz zu sitzen, dessen nächste Umgebung -Gebirgszüge sind. Sie locken täglich; und täglich dringender. Und nur -schlechtes Wetter und die Gewißheit auf »Aussichtslosigkeit« lassen -die Genagelten im Schrank stehen. Man hat also Zeit genug, sich vorher zu -orientieren; das ist bei allen Bergen an den oberitalienischen Seen nicht -leicht. Da gibt's keine schönen Wege wie in den Gebieten des Deutschen und -Österreichischen Alpenvereins, auch sehr selten Markierungen. Unzählige -Vieh- und Holzwege kreuzen sich und laufen nach allen Seiten, und erst wenn -man aus der Waldregion herauskommt, wird es, wenigstens für den, der ein -Auge fürs Gelände und für Bergformen hat, leicht, die beste Route zu -finden. Im ganzen bieten die Berge keine Schwierigkeiten; es sei denn, daß -noch Schnee liegt, der die Aufstiege im letzten Teil ermüdend macht. Denn -natürlich besteigt man diese Berge am liebsten im Frühjahr, weil die -Aussichten dann schöner sind als im Herbst, auch grade der Schnee die -Linien der Gipfel veredelt. Abgesehen von den italienischen Sommergästen, -die ja auch sehr bequem sind und sich nur selten zu einer Partie aufraffen, -werden diese Berge fast nie bestiegen. Die Touristen, die alles an den -Seen besuchen, was sie eben für »alles« halten, sind zu eilig, das -internationale Reisepublikum bummelt herum, Hochtouristen erscheinen nicht -auf der Bildfläche. Auf viele Berge, z. B. auf den Monte Generoso, auf -den Mottarone, auf dem ich vor zwei Jahren noch zu Fuß war, führen jetzt -Zahnradbahnen, so daß sich die »Faulen, die zu Hause liegen«, ohne -weitere Anstrengung das Vergnügen einer Aussicht verschaffen können. Was -ist das aber gegen eine selbst erkämpfte?! Freilich, die Bauern in den -kleinen, jetzt in köstlichem Grün gebetteten Felsennestern warnen wie -immer vor dem entsetzlichen Weg, der für eine Dame absolut unmöglich -sei! und vor dem tiefen Schnee am Gipfel -- Schnee bleibt nun einmal in -der Vorstellung des Italieners die böseste Naturerscheinung! Trotz der -gutgemeinten Ratschläge geht man im steten Schritt weiter; schließlich, -steckte man sich nicht höhere Ziele, könnte man einen Aussichtsberg -wie die Cimetta von Locarno aus als Morgenspaziergang behandeln, wenn man -seinen Tag um fünf Uhr begönne. Denn es handelt sich um keine bedeutenden -Höhen -- die Cimetta z. B. ist nur 1676 m hoch --, da die Seen aber tief -liegen, ca. auf 200 m, so hat man immerhin recht große Höhendifferenzen -zu überwinden. Und ist man erst oben, so möchte man gleich mehr -genießen! - -Wir übernachteten daher in dem 1000 m über Locarno gelegenen -»Alpenheim«, zu dem die Straße mit den berühmten 28 Kehren -hinaufführt. Sie zeichnet sich durch die Verheißung aus, daß man ab der -22. den Monte Rosa sieht -- allerdings zuerst in einem Umfang, daß man ihn -mit der wirklich mitgenommenen Zahnbürste decken könnte -- _und_ durch -ihre Pflasterung. Oh, diese Pflasterung, die man allen hochgelegenen Orten -und den zu ihnen leitenden steilen Saumpfaden angedeihen läßt! Hinauf -geht's noch -- aber hinunter, wenn man ohnehin von seinem Berg-Tagewerk -schon müde ist, und nun sich die runden, eckigen, immer aber gebuckelten -Steine mit Vehemenz in die Sohlen drücken! Wozu sie noch niederträchtig -glatt und rutschig sind, weil sie mit Holzschlitten, die das Holz von oben -bringen, befahren werden und den Genagelten daher so gut wie keine Reibung -bieten. Da heißt's bei jedem Schritt achtgeben, will man das Mosaikmuster -nicht noch andern Körperteilen einpressen. -- Im »Alpenheim« sind noch -keine Gäste; man eröffnet mit uns die Saison. Die einzige Bedienung, -der siebenjährige Sohn der Deutsch-Schweizer Wirtin, serviert uns -die vorhandenen Genüsse: Rühreier, und Salami, in den italienischen -Bergnestern das Ein-und-Alles! Wahrscheinlich aber bereitet die auch auf -Höhen steigende Kultur der wohltuenden Primitivität hier oben bald ein -Ende: die Quelle, aus der man beim Aufstieg ahnungslos trank, soll Radium -enthalten. Schon naht ein Konsortium -- und in einer Vision sieht man -statt Hansi mit zu kurzen Hosen und bloßen Füßen befrackte Kellner und -beknöpfte Liftboys. Fliehe, ehe es zu spät ist! - -Um vier Uhr früh tranken wir deshalb den »Tourenkakao«, packten harte -Eier und Salami in den Rucksack und ließen den zukünftigen Radiumpalast, -den jetzt noch eine Stearinkerze erhellte, hinter uns. Empor durch Wiesen, -vorbei an leerstehenden Almhütten. Nach gut zwei Stunden ein recht -ekelhafter Grasbuckel, auf dem man immer wieder Terrain zu verlieren statt -zu gewinnen scheint, so rutschig ist er; dann pfadlos zum Gipfel. Schön?! -Unbeschreiblich! Der Lago Maggiore in lichter Morgensonne, gerade noch -sieht man das goldene Gegitter des Mondes in den dunklen Fluten vertauchen --- leichte, lila Wölkchen um die schneebedeckten Gipfel, als Glanzpunkt -des Gebirgspanoramas der Monte Rosa in strahlender Pracht und jetzt jedem -banalen Vergleich unerreichbar, dazu die Mischabel, in greifbarer Nähe der -stolze Basodino -- und dann die Talblicke! Rauschende Ströme, blitzende -Wasserfälle, duftige Wälder und überall auf Terrassen und Hängen, vom -Grün der Weinberge umschlossen und von malerischen Kirchen überragt, -Ortschaften und Dörfer, die immer aus der Ferne wie königliche -Residenzen wirken und in der Nähe, ach, von solch schmerzlicher Armut -und Verkommenheit sind. Im Augenblick aber freut einen nur die kostbare -Schönheit ringsum -- man möchte mehr und mehr von ihr haben! Also -hinunter zum Sattel -- mühelos gewinnt man ihn -- und wieder aufwärts -über einen steilen Fels- und Schneegrat zum Gipfel des Poncione di -Trosa (1874 m). Hier gibt's dieselbe, nur noch erweiterte Aussicht, ein -Frühstück im Schnee und dann eine Abfahrt, im Sitz, die steilen -Hänge hinunter im Schnee, höchst amüsant und sehr verwegen über die -tiefvergrabenen Buchenäste und Alpenrosenbüschen fort -- recht groß -kommt man sich vor! Ja -- bis man plötzlich bis über die Hüften im -Schnee feststeckt und das rechte Bein weder rück- noch vorwärts bewegen -kann, so zäh umklammert es das Gezweig. Es ist zum mindesten ungemütlich, -und wäre man jetzt allein -- und bis Mittag frören die Zehen ab und vom -Nachmittag an brauchte man von einem Paar Strümpfen nur noch den linken --- es nützt nichts, »der« Hochtourist, der unten am Sattel steht und -schreit und brillante technische Ratschläge gibt, nach denen jedes bessere -Bein ein Korkenzieher würde, muß noch einmal herauf und mit Pickel und -freundlichen, auftauenden Worten »der« Bein ausgraben. Es gibt einen -unvorhergesehenen Ruck und Bein mit Genageltem schnellen dicht am Antlitz -des Befreiers vorüber ans Tageslicht. Daß man sich nun erst recht noch -einen Gipfel erkämpfen muß, steht fest. Vom Sattel geht's ziemlich -bequem -- was man in den Bergen so nennt, wo glitschige Platten, fatales -Gestrüpp, steiles Gras und schließlich wieder harter Schnee nur angenehme -Begleiterscheinungen sind -- zum Gipfel des Madone hinauf (2050 m). Dies -Auf und Ab ist durchaus interessant und wohltätig für die Geschmeidigkeit -des Körpers, die Aussicht von hier auch noch weiter, noch imposanter, und -eventuell noch ein halbes Dutzend Gipfel bequem bei Hand und Fuß. Aber ich -bedeute meinem Hochtouristen ernsthaft, daß ich im Leben nie unbescheiden -gewesen sei und mir bis vormittags 11 Uhr drei Gipfel genügten, und meine -Kousine, deren erste Bergtour es war, erklärt, daß sie sich die Sache -überhaupt ganz anders vorgestellt habe und keinen Schritt mehr aufwärts -steigen wolle. Darauf fuhren wir froh auf dem Teil, den der liebe Gott zum -Sitzen eingerichtet hat, über den Schnee, zum Sattel hinunter, trockneten -an einer noch verlassenen Almhütte einige Kleidungsstücke in der -mitleidigen, aber doch leis verstimmten Sonne, aßen den Rest der Salami -und marschierten ab, auf recht miserablen Alpenwegen, zum Tal der Verzasca -hinunter. Was vorher leichter Nebel war, verdichtete sich zu feuchten -Niederschlägen; die Feuchtigkeit zu sanftem, starkem -- dann brausendem -Regen. Bis zum hübschen Mergoscia, das immer noch 735 m hoch liegt, -triefte es von meinem guten Hut, und aus meinen Handschuhspitzen lief das -Wasser. Aber nach einer Stärkung an entsetzlichem Kaffee, bei dem einem -mal wieder klar wurde, _wie_ gut man's hat, daß man den nicht täglich zu -trinken braucht, besannen wir uns darauf, daß wir schließlich erst gut -acht Stunden marschiert seien, abgesehen von der durch Rasten und Ausgraben -verlorenen Zeit, daß die am Nachmittag fahrende Post vielleicht schon -besetzt wäre und wir inzwischen keinenfalls auf eine Trocknung unseres -inneren und äußeren Menschen zu rechnen hätten. Ich setzte den guten -Hut wieder auf und durch das wildromantische Tal, in dem sich die Verzasca -durch starre Felsen ihre Bahn gräbt -- das also bei schönem Wetter jeden -Lyriker begeistern würde -- eilten wir mit zusammengebissenen Zähnen -heimwärts. Zwei volle Stunden lang im alpinen Schritt. Rucksack und Hut -vermehrten ihr Gewicht bedeutend. Den Regen aber kümmerte das nicht. -Er tat ganz, als sei er in dieser Umgebung zu Hause und begleitete uns -gastlich bis zur Schwelle. - - * * * * * - -Man muß nicht nur die Feste feiern wie sie fallen, sondern in einer -Periode, in der das Wetter höchst beständig, nämlich: beständig -schlecht ist, sich zu seinen Unternehmungen sofort auf die auch nur -einigermaßen guten Tage stürzen. Solch ein »einigermaßener« Tag war's, -den wir von Locarno aus zur Fahrt nach Bellagio benützten, nicht um die -Reize dieses Glanzpunktes aller italienischen Seen in gemächlicher Ruhe -zu genießen, um Spitzen, Intarsien oder »echte« Antiken einzuhandeln --- etwas »Höheres« lockte uns seit langem, der Monte San Primo, der -höchste Punkt der Halbinsel, die an ihrer nördlichen Spitze Bellagio -trägt. Nach einem wohltuenden =pranzo= (Mittagessen) im Freien, auf der -Terrasse des Hotels Florenz, den herrlichen See zu Füßen, gegenüber im -wunderbarsten Blumenflor die Villa Carlotta des Herzogs von Meiningen, -und nach einem ausruhenden Bummel unter den Palmen des Parkes Serbelloni, -machten wir uns ans Werk, angefeuert vom Studium der Karte, die ungefähr -verrät, was einen auf diesem Gipfel erwartet. Der Rucksack ist gottlob -nicht schwer, denn die Luft ist fürs Steigen auf der bequem angelegten -Straße immerhin schwül. In den Weinbergen schlagen sich schon grüne -Bogen von einem Maulbeerbaum zum andern, aus dem hohen Gras ihrer Terrassen -glänzen die weißen Sterne der Narzissen. Man denke: es gibt hier -Wegweiser! Und so landet man nach dem Durchwandern einiger kleiner -Ortschaften ohne alle Fährnisse in Guello, das schon 600 m hoch liegt und -uns zur Nacht beherbergen soll. Im Bädeker steht bei diesem Namen: (Whs.) --- bedeutet Wirtshaus --, ein »Allogio« dort gäbe es nicht, hatte uns -der Kellner in Bellagio versichert. Das schien auch fast so; obgleich der -Ort, in dem es außer einigen übrigens über das ganze Dorf verstreuten -Villen nur vier Häuser gibt, zwei mit der lockenden Aufschrift -»Ristorante« und »Birraria«, zu verzeichnen hat. Die Dämmerung war -hereingebrochen; so konnten wir nicht mehr auf des andern Gesicht lesen, -was als Hochmut und unberechtigte Anspruchsfülle zu deuten gewesen wäre. -Ich trat entschlossen auf das wenigst schlechte Haus zu, in dem eine -=padrona=, die genau so schwarz und so rußig war wie ihr Kupferkessel -überm offenen Feuer, uns bedeutete, daß wir nicht allein Eier und Salami, -sondern auch, o Wunder, ein kleines, von uns unbeachtetes Häuschen, -dass unten eine große, etwas modrig duftende Wirtsstube und, durch eine -Außentreppe zu erreichen, oben zwei ganz nette Gastzimmer aufwies, haben -könnten. Die Betten sind in Italien auch im bescheidensten Nest gut, -auch hier; von der übrigen Einrichtung nenne ich nur einen großen Haufen -Schafwolle in einer Ecke, in der andern das Sonntagszeug der männlichen -Hausbewohner. Salami und Eier schmeckten vorzüglich, das Brot mußte man -sich im herben =vino da pasto= (Landwein) erst aufweichen; serviert -war, auch wie überall in Italien, auf reinem Tischtuch mit Zugabe von -tadellosen Servietten. Das bunte Tischtuch bleibt, Gott sei Dank!, eine -deutsche Erfindung, dafür ist in ähnlichen, elenden Wirtshäusern -unseres Vaterlandes die Serviette, die der Italiener zum einfachsten -Imbiß spendiert, z. B. zum Kaffee oder Tee, etwas total Überflüssiges, -Luxuriöses. Um halb vier Uhr rasselte im Nebengemach die Taschenuhr -»des« Hochtouristen los, die immer dann geht, wenn man am besten -schläft; zugleich versicherte die =padrona=, daß das Wetter schön und -der Kakao fertig sei. Umgekehrt hätte auch nicht gestimmt: das Wetter war -trübe, der Kakao schlimm. Aber man muß guten Mut haben! Es klärte -sich auch ziemlich auf, so daß man seine Freude an den hier oben noch -blühenden Obstbäumen und den sich eben erschließenden, alle Wiesen -und Hänge bedeckenden Bergschlüsselblumen haben konnte. Da der weite -Talkessel bis hoch hinauf größere und kleinere Sommerhäuschen der -Milanesen trägt, geht der Fahrweg am Sasso Lentina, einem berühmten -eratischen Riesenfelsblock, vorüber, bis zu einem Wäldchen hinauf, von -dem jenseits die Alpe del Borgo liegt. Nun führt ein rauher Bergsteig -durch Erikabüsche aufwärts zum östlichen Gipfel des Monte San Primo, den -man nach gut drei Stunden betrübten Herzens erreicht; denn die Aussicht -wird, bei diesem Nebel, der zuerst das Tal nach links, dann auch die rechte -Seite schließt, kaum nennenswert sein. Man konstatiert ärgerlich, daß -hier oben noch Schnee liegt, die Christrosen noch grün sind, das kleine, -struppelige Buchengestrüpp kaum Knospen ansetzt -- und dann, am östlichen -Gipfel, zerreißt der Nebel plötzlich, See, Wald, Halbinsel, Ortschaften, -Berge tauchen auf, die Wanderung am Grat entlang bis zum Hauptgipfel -(1685 m), die noch eine gute Stunde beansprucht, wird zu einem wunderbaren -Genuß! Das Kapellchen oben ist zerfallen, der Schutzraum noch voll Schnee --- aber der Blick, der wunderbare, unvergleichliche Blick! Die Seearme von -Lecco und Como umschließen den Bergrücken, auf dem man steht, die ganze -Halbinsel mit ihrem köstlichen Wechsel von Wald und Hang, Villen, Parks -und Ortschaften, mit Bellagio und den Städtchen und Dörfern am andern -Ufer breitet sich aus, umschlossen vom prachtvollsten Bergkranz, in dem -besonders die nahe Grigna und die herrliche Pyramide des Monte Leone, das -Wahrzeichen des Comosees, fesselt. Und dieses Bild bleibt, während man -den langen Rücken des San Primo abschreitet, ungefähr noch zweieinhalb -Stunden, in stetem Auf und Ab, von einem kleinen Gipfel zum andern. Diese -gemütliche Gratwanderung mit der großartigen Fern- und Nahsicht ist der -Hauptreiz dieser Tour. Am aller- allerschönsten Punkt wird gefrühstückt --- Salami und Eier! Dann geht's vom westlichsten Gipfel zuerst weglos -hinab. Die großen, blauen Enzianglocken geben den Matten einen -blauen Schleier, seltene Orchideenarten gesellen sich zu großäugigen -Vergißmeinnichten und unzähligen, zartgelben Stiefmütterchen. Die -Nachtigallen können kein Ende finden ihres sehnsüchtigen Gesanges; der -Kuckuck mahnt aus der Waldesstille. Und Menschen --? Von Guello ab keine -Seele; beim Abstieg die ersten wieder in Nesso, das anmutig genug am See -liegt und an dem uns der Dampfer wieder aufnimmt und nach Como trägt. Man -mag auch diese Menschenleere einen Reiz des Abstiegs nennen, der übrigens -dreieinhalb Stunden dauerte. Die letzte Stunde aber, auf den gepflasterten -Wegen nach Nesso hinein -- Damen mit empfindlichen Sohlen oder Zehen ist er -nicht zu raten! _Diesen_ Reiz des Ausflugs könnte man entbehren. - -»Den Monte Nudo,« sagte mein Hochtourist, »ja, den können wir noch -morgen machen! Zwei so kleine Touren wie die auf den San Primo und den Nudo -hintereinander dürften Sie kaum anstrengen.« - -Über das »Dürfen« sind die Touren selbst gewöhnlich eigener Ansicht. -Vor einer Höhe aber von 1235 m darf man natürlich die Waffen nicht -strecken. Also von Como per Bahn nach Laveno am Lago Maggiore, immer auf -italienischem Gebiet. Und nach der Nacht mit der Schafwolle ein höchst -kultiviertes Quartier im hübschen Hotel Bellevue von Laveno, das einst -Kriegshafen der Österreicher war (1849-50) und das gerade der Papa dieses -meines Hochtouristen seinerzeit befestigt hat. Eine Erinnerung, die -wir pietätvoll verschwiegen, denn sie hätte hier nicht gerade beliebt -gemacht, obwohl die Befestigungen schon längst nicht mehr existieren. Wir -bezeugten nur dem Denkmal zur Erinnerung an Garibaldis Alpenjäger, die -hier am 31. Mai 1859 beim Angriff auf das Fort gefallen sind, unsere -Ehrerbietung. Am nächsten Morgen -- ohne Rucksack, nur mit Apfelsinen -und einem photographischen Apparat -- »besiegten« wir in zweistündigem, -steilen Marsch die Pflasterwege bis hinauf nach Vararo. Wir waren -dankbar, daß die Sonne nicht noch heißer brannte und die Steine von -den Holzschlitten nicht noch glatter gerutscht waren. Man sollte sich -überhaupt immer die noch schlimmeren Möglichkeiten vorrechnen, als über -eine nicht ganz bequeme Gegenwart zu nörgeln. Das Dörfchen Vararo ist -sehr malerisch mit seinen eng ineinander geschachtelten Steinhäusern -und einer kleinen Kirche, hinter der der Sasso di Ferro einen imposanten -Hintergrund bildet. Vielleicht waren wir dieser Offenbarung auch besonders -zugänglich, weil dicht vorm Dorf die Landstraße einsetzte und die Sohlen -direkt Mutter Erde berühren durften. Die weiteren anderthalb Stunden zum -Monte Nudo hinan erschienen einem darnach leicht, angenehm -- das Ideal -eines Morgenspazierganges! Was der Gipfel an Ausblicken über den Luganer -See, den Lago Maggiore und den See von Varese bietet, ist noch dazu eine -großartige Belohnung; die Walliser Alpen in ganzer Ausdehnung und weit, -weit die Ebene. Der helle Punkt im undeutlichen Steinmeer dahinten soll -der Mailänder Dom sein; das erfüllt zwar mit Ehrfurcht, daß man so weit -sehen kann, aber für das gewaltige Gesamtbild ist es kaum von Bedeutung. -Daß der Monte Nudo seinem Ruf als schönster Aussichtspunkt der -Gegend alle Ehre macht, steht fest; daran konnten auch vorübergehende -Wolkenschatten nichts ändern. Wäre das letzte Bergab mit seinem horriblen -Pflaster, das nun in voller Vormittagssonne brannte, nicht gewesen, so -»dürfte« diese Tour zu den leichtesten und zugleich lohnendsten meines -Berglebens gehören; so hat sie am Ende einen Stachel der Erinnerung. -Das Wetter hielt sich noch immer, nämlich mäßig, und ließ alle -Möglichkeiten zu. Weshalb da nicht noch einmal etwas wagen? Hatten wir -den Camoghe, den »hervorragendsten Aussichtsberg« des ganzen Tessin nicht -bereits dreimal umsonst belagert? Das viertemal mußte es glücken! Zurück -nach Lugano, denn auf der Nordseite gab's noch zuviel Schnee und der Zugang -vom Süden bietet außerdem noch den Vorteil, den Monte Garzirola und den -Monte Segor, die man traversieren muß, gleich noch mitzumachen, also drei -Gipfel auf einen Schlag! Es ließ sich auch alles vorteilhaft genug an: mit -der Elektrischen von Lugano nach Tesserete, von dort in anderthalb Stunden -gemächlicher Wanderung nach Maglio di Colla (in der Val di Colla), das -trotz seiner hohen Lage (850 m) ein sehr mildes Klima hat. Im ganzen Tal -kommen bis zu 1200 m hinauf noch Kastanien und Wein fort; im übrigen -gedeihen hier besonders gut die Schmuggler, die zur nahen italienischen -Grenze hinüberwechseln und sich ihren ehrlichen Lebensunterhalt durch -inoffiziellen Export von Zucker, Tabak usw. verdienen. Denn in all diesen -Gebirgsdörfern, auf schweizerischer wie italienischer Seite, gilt -der Schmuggel als anständiges Gewerbe. Es kommt auch hier nur auf die -Anschauung an. Die Eisenöfen, die einst dem Orte den Namen gaben -- Maglio -heißt Hammerwerk -- sind längst eingegangen und haben schuld an der -Vernichtung des Waldes; was also sollen die armen Leute tun? Genug sind -auch ausgewandert, die Frauen dominieren in allen Dörfern des Tales. -Uns berechtigte ein klarer, köstlicher Abend zu den schönsten -Bergsteigehoffnungen. Der Hochtourist stellte seine liebenswürdige Weckuhr -auf 3½, in Anbetracht der sehr langen Tour: Garzirola 2119 m, Segor ca. -2100 m, Camoghe 2296 m und auf 1057 m waren wir erst. Man bereitete seine -Beine auf drei Gipfel vor. Aber die Rekognoszierung um halb vier ergab -Nebel um die Bergspitzen, die um fünf Nebel bis zur Talsohle, die um sechs -strömenden Regen! Der Camoghe wollte zum viertenmal nicht -- es gab wieder -nichts als heimfahren. Ob er je wollen wird? Wir lesen die Wetterberichte; -sie lauten aus allen Orten in edler Abwechslung: =coperto= (bedeckt), -=pioggia= (Regen), =nuvoloso= (bewölkt). Wir haben viel vor den andern -voraus, bei uns ist alles drei: =coperto=, =pioggia=, =nuvoloso=. -Und augenblicklich gießt es, wie seit drei Tagen unaufhörlich. Auf -Wiedersehen, Camoghe! - - -IV. Im höchsten Tessin. - -Bei zweimaligen längeren Aufenthalten am Lago Maggiore habe ich fast -alle Täler, deren brausende, klare Ströme in die Silberschale des Sees -münden, durchstreift, habe die Höhen erklettert, die seinen -kostbaren Rahmen bilden, und mich immer wieder an den armen und doch -so anmutsreichen, in Weinbergen gebetteten Dörfern der Ufer und Hänge -erfreut. Freilich, das Geschick ihrer Bewohner ist nicht so heiter und -glücklich, wie man leicht nach der Schönheit der Landschaft und dem -gesegneten Klima annehmen könnte. Auf wieviele ganz verlassene Weiler -trifft man nicht, während es in anderen Dörfern nur Frauen, Kinder und -alte Männer gibt, da die arbeitsfähigen Männer in der Fremde ihr Geld -verdienen müssen, zum Teil auch nach Amerika ausgewandert sind. Die Arbeit -auf den Feldern und in den Weinbergen wird daher meist von den Frauen -verrichtet, die solch ein bescheidenes Leben führen, wie es allerdings -auch nur in diesem Klima denkbar ist. - -Einer meiner interessantesten Ausflüge war nun der ins »höchste -Tessin«. Die kleine Bahn, die durch die Valle Maggia fährt, brachte mich -eines frühen Morgens -- Abfahrt von Locarno um 5 Uhr 5 Minuten -- Ankunft -in Cevio um 6 Uhr 26 Minuten -- (das zeitige Aufstehen lernt man bei diesen -Gelegenheiten so nebenher!) an die Mündung des Campotales, das vom wilden -Lauf der Rovana durchströmt wird. Eine schön angelegte Poststraße -- -überhaupt eine Spezialität der Schweiz! -- schlängelt sich in unendlich -zahlreichen Krümmungen am Abhang des Madone di Camedo hinauf. Die -Postkutsche, mit zwei starken Pferden bespannt, sah ganz vertrauenerweckend -aus; aber da ich vor der Abfahrt in unstillbarem Tatendrang noch die =beaux -restes= irgendeines ehrwürdigen Palazzo besichtigte, hatte ein verbindlich -lächelnder Pater den begehrten Platz neben dem =postiglione= eingenommen -und ersuchte mich, wieder verbindlich lächelnd, seinen Hut und sein -Täschchen zu bewahren. Ich trat diesen Gegenständen, wie meinem Rucksack, -lieber meinen Sitz auf den heißen Polstern ganz ab und wanderte -- zur -Abwechslung allein, denn der Hochtourist trieb sich irgendwo in Kalabrien -herum -- im selben Tempo wie die armen Pferde aufwärts, allerdings häufig -die steilen =scorciatoi= benutzend, die quer über die Kehren fortführen. -Nach gut zwei Stunden erreichten die Pferde und ich etwas atemlos -Cerentino, ein wirklich reizend gelegenes Dörfchen, von grünen Halden und -Wäldern umgeben. Nun begann erst »programmäßig« meine Arbeit, denn die -Poststraße und -fahrt endet hier. Geduldig nahm ich meinen Rucksack -auf die Schultern, frühstückte an der ersten Quelle -- ein Teil des -Tagewerks, der mir stets sehr lieb ist! -- und wanderte über die Anhöhe, -auf der die Kirche des römischen Märtyrers San Bonifazio steht, ins -Tal von Bosco hinein, über eine primitive Holzbrücke das linke Ufer des -Wildbaches gewinnend und immer seiner Quelle zu, dem schmalen Saumpfad -folgend, der die einzige Verbindung mit meinem Ziel, dem Dörfchen Bosco, -bildet. Der Weg war erst seit einigen Tagen schneefrei -- auf der anderen -Seite lagen sogar noch mächtige, mit Geröll und Baumstämmen durchsetzte -Lawinen, deren Sturz der Bach aufgehalten hatte und deren unbehaglichen -Nähe man doch gern auswich! Sonst gleicht dieser gemächliche Aufstieg, -bis vielleicht auf sein letztes Viertel, das sehr steil durch einen -schattigen Lärchenwald aufwärts führt, fast einem Parkspaziergang; so -anmutig, an Wäldchen und blumenbedeckten Halden reich, ist das Tal und die -wunderbare Luft, von Tannenduft gesättigt, befreit von allen Nöten, unter -denen man sonst beim Steigen leidet. Der gute Pater hatte mir noch beim -Abschied freundschaftlich geraten, diese Partie aufzugeben, sie sei für -eine Dame wirklich unmöglich! Die Italiener haben eben über körperliche -Leistungsfähigkeiten besondere Begriffe, und ich fürchte, mein Ratgeber -selbst hat sich noch nie auf diese »=via brutta=« gewagt! Dann und -wann traf ich auf primitive Sennhütten, von winzigen Kartoffel- und -Rübenäckern, oft nicht größer als ein Bettvorleger, umgeben. Die -meisten Hütten standen noch leer, bis ich dicht vorm Walde nach vielen -Wochen zum ersten Male wieder ein deutsches Wort von einer Bäuerin hörte! -Zwar mußte ich bei unsrer Unterredung manches erraten, denn es war ein -»Schwyzer-Dütsch« allerärgster Sorte. Aber es ist rührend, mit welcher -Treue und Zähigkeit sich die kleine Gemeinde von »Gurin«, wie sie selbst -ihr Dorf nennen, während die Italiener es nach seinem Waldreichtum »=il -bosco=« getauft haben, Sprache und Sitte auf fremdem Boden erhält. -Auch das Dorf selbst, das sogleich jenseits des Lärchenwaldes beginnt, -unterscheidet sich im Bau der Häuser stark von der sonst im Tessin -gebräuchlichen Art; es erinnert an Oberwallis, von dem aus ja auch die -Kolonie hier im zwölften Jahrhundert gegründet wurde. Die heutigen -Bewohner sind durch ihre Zugehörigkeit zum Tessin wie durch die -italienische Umgebung gezwungen, italienisch zu lernen; leider bewilligt -man ihnen auch keinen deutschen Geistlichen. Aber untereinander reden sie -nur deutsch, und es machte mir viel Spaß, in den engen Gängen zwischen -den Häusern -- »Straßen« kann man unmöglich sagen! -- die Kinder bei -ihren deutschen Spielen zu beobachten. Auch Gurin ist sehr arm; und da -die Männer als Vergolder, Schnitzer und Maurer in die Fremde wandern, -betreiben die Frauen die Viehzucht, schleppen die Holzlasten auf dem -Rücken heim und bestellen die Felder, die hier oben einen etwas größeren -Umfang besitzen. Die Seidenindustrie, die nach den Reisehandbüchern hier -betrieben werden soll, ist dagegen längst erloschen. Die ziemlich große -Kirche, dem heiligen Jakob und Christoffel geweiht, enthält als größtes -Heiligtum die Gebeine des hl. Theodor, von dem sich auch ein ziemlich -unglückliches Gemälde vorfindet. Die guten Fresken der Kirche scheinen -dagegen vom Maler Lorynis zu stammen, dessen Arbeiten ich auf diesem -Ausflug noch mehrmals begegnete. -- Das Wirtshaus »Zum Edelweiß«, das -ich mir zum Übernachten bestimmt hatte -- ein zweites, von Cevio aus -gegründetes neues Hotel war leider noch nicht eröffnet -- erwies -sich selbst für meine auf solchen Ausflügen sehr niedrig geschraubten -Ansprüche als »einfach unmöglich«. Ich aß dort zwar vorsichtshalber -nur gekochte Eier, an denen, falls sie frisch sind, ja nicht viel zu -verderben ist; aber selbst diese frugale Mahlzeit wurde mir leid, als -ich die verwahrlosten Hühner und die nähere Umgebung, in der dies -»Edelweiß« wächst, betrachtet hatte. Es blieb mir also nichts übrig, -als den kleinen alpinen Spaziergang, der hinauf 2½ Stunden gedauert hatte, -noch einmal nach Cerentino zurückzumachen. Dort hatte ich des Morgens -ein Wirtshaus mit einer Terrasse gesehen -- eine Seltenheit bei -Dorfwirtschaften! -- und an diese dachte ich nun, um mich selbst zu -ermuntern, und mir das »Vernünftige« der Rückkehr klar zu machen. -Vorher ein Schlaf im Lärchenwald, blaue Enzianen zu Häupten und zu -Füßen -- und von der Schlucht herauf, denn hier hat der Bach sich -durch Felsen zu zwängen, das Brausen des Wassers als etwas kriegerische -Schlafmelodie. - -Und die Wanderung im Nachmittagsfrieden war so köstlich, daß ich sie -wirklich nicht bedauerte und genug zu tun hatte, um nur alle Schönheit -ringsum, das Lichtspiel auf den von allen Seiten herantosenden Wassern, -über den Felsen und in den sanft rauschenden Baumwipfeln zu bewundern. --- In Cerentino fand ich die Terrasse wieder und außerdem vorzüglichen -Barbara, den mir die schöne französische Wirtin »=della posta=« zu -ihren höchst schmackhaften Gerichten kredenzte. - -Am nächsten Morgen bestieg ich einen kleinen Wagen, den der rundliche -Gatte der schönen Französin lenkte. Die Break war leider beim Renovieren, -und ich saß da, wo sonst Kälber und Schweine mutlos ihrem traurigen -Geschick entgegen zu sehen pflegen. Aber ich bildete mir ein, schlecht -gefahren sei besser als gut gegangen, wenigstens auf der Landstraße. Wäre -der Paß nicht noch verschneit gewesen, so hätte ich es natürlich als -brave Hochtouristin vorgezogen, mein neues Ziel »über die Berge« -zu erreichen, jetzt vertraute ich mein Leben diesem Wagen an. Es war -leichtsinnig; solch eine unbehagliche Straße bin ich denn doch selten -gefahren! Nicht, daß sie in schlechtem Zustande gewesen wäre; aber sie -geht beharrlich an steilsten Abgründen vorbei, und ist so schmal, daß -jede ungeschickte Bewegung an den Kehren, an denen sie überreich ist, -das Gefährt in die Tiefe stürzen muß. Gleich im Anfang schlugen wir, -trotzdem es stark bergauf ging, ein beschleunigtes Tempo an; und auf -meine Frage, die einem geängstigten Gemüte entstieg, erhielt ich die -trostreiche Antwort, es sei Eile geboten, um nicht mit dem Postwagen von -Campo zu kollidieren, denn Ausweichen sei unmöglich! Ja, das mußte ich -schaudernd zugeben. Schließlich warteten wir gleich hinter dem Weiler -Pedigiodi auf einer breiten Kurve, bis oben über uns aus dem Wald der -kleine Postwagen, durch seine schwarze Plane einem Leichenwagen sehr -ähnlich, herauskam und vorsichtig an uns vorüberglitt. Er beförderte -übrigens keine Menschen, sondern nur Pakete und Briefe. Wir ratterten -weiter -- Kälber und Schweine scheinen unbeschadet jeder Elastizität -ihres Gefährtes entraten zu können! -- an Riva vorbei, das anmutig auf -grünen Wiesen am Rande der Rovana gebettet ist und als =vis-à-vis= das -düstere Campellotal, vom unheimlichen Molineva verriegelt, ertragen muß. -Nach gut zwei Stunden schwerer Arbeit für das Pferd sowohl wie für die -eigene Beherrschung, denn ich fand, man sei wie auf dem Meer auch hier -etwas zu sehr in Gottes Hand, erblickte ich von dem kleinen Dörfchen Piano -aus: Land! Und zwar zuerst das noch hinter Campo, aber höher gelegene -Cimalmotto. Und dann nach ein paar Wegbiegungen taucht Campo auf, aus der -Ferne von ganz großartiger Wirkung mit seinen stattlichen Häusern, -der schönen Kirche, den saftigen grünen Weiden ringsumher! Aber mein -liebenswürdiger, dicker Kutscher bittet mich auszusteigen und den Fußweg -ins Dorf einzuschlagen: -- »Denn sehen Sie, Signora, wie sich die Straße -schon wieder senkt und verdorben ist!« -- Ja, ich sehe. Und noch mehr -wehmütiges Bedauern ergreift mich, als ich die von unten so schöne -St. Bernhardkirche betrete: zahllose Sprünge zerreißen ihre Wände und -die feinen Fresken Lorynis; die Schwellen unter ihren Türen haben sich -verschoben, die Fenster stehen schief. Ein Stukkateur ist an der Arbeit, -die Hauptschäden oberflächlich auszubessern; mit der vollen Pietät des -Italieners für Kunstwerke beklagt er mit mir den unaufhaltsamen Verfall -der =chiesa= des Dorfes -- des ganzen =paese=! Es ist verlorenes Land, -auf dem ich stehe, ein Land, das dem Untergange geweiht ist. Seit der -furchtbaren Überschwemmung des Jahres 1868 untergraben die Wasser die -ganze Hochebene, auf der Campo steht, und reißen ein Stück nach dem -andern ins Tal hinunter. Man kann sagen: der ganze Berg wandert in die -Tiefe. Da ist kein geradestehendes Haus mehr, keine Wand ohne Riß; -überall hängen Türen und Fenster in den Angeln, und die Heustadeln sehen -traurig aus unter den schiefsitzenden Dächern. Eine Tragik liegt über dem -Dorf trotz seiner heitern Umgebung; und was mag in den Seelen der Menschen -vorgehen, die unbarmherzig ihren Besitz schwinden sehen? Einmal ist von der -Regierung für viele Tausend Lire eine Schutzmauer im Tal errichtet worden; -der erste Frühlingssturm riß sie ein. Ein anderes Projekt eines Berner -Professors, Abzugskanäle anzulegen, würde Millionen erfordern. Das -Stückchen Land ist nicht soviel wert -- es muß geopfert werden! - -Über einen kleinen Fußweg gelangt man in zwanzig Minuten zum kleinen -Hochplateau hinauf, das auf seinem Rücken Cimalmotto trägt. Ein Haufen -recht elendiger Steinhäuser, die auch zum Teil Spuren des Verfalls, wenn -auch nicht so stark wie in Campo tragen. In der offenen Halle der Kirche -befindet sich eine sehr schöne »Kreuzigung« von Lorynis, ursprünglich -=al fresco= gemalt; doch hat man das Bild, um es vorm Untergang zu -bewahren, durch ein chemisches Verfahren auf Leinwand übertragen. Es weist -aber auch jetzt schon wieder Sprünge und lädierte Stellen auf. Keinem -Menschen bin ich in diesem kleinen Dorf begegnet; mir wurde direkt -unheimlich in dem verlassenen Ruinenhaufen. Galba, der Begründer des -Ortes, wie eine Tafel an der Kirchhofsmauer erzählt, mag sich mit vollem -Recht mit seinen Schätzen und seinem Weibe Pulcheria, der Tochter des -Herzogs von Aquitanien, hierher geflüchtet haben, um allen Verfolgungen -zu entgehen: man muß schon jemand sehr lieben oder sehr hassen, sonst -stöbert man ihn hier nicht auf! -- Vor der Kirche in Campo fand ich meinen -Kälberwagen wieder; knapp vierzig Minuten brauchten wir für die Fahrt -abwärts bis nach Cerentino zurück. Behaglicher als das Hinauf war sie -keinesfalls, besonders da ein tüchtiger Gewitterregen einsetzte, wie es -sich zwar zur Krönung einer richtigen Landpartie gehört, den wir vier: -Wagen, Pferd, Kutscher und ich aber doch mit verbissenem Grimm erduldeten. -Bis mir aus einem Weiler hilfreich ein mächtiger roter Regenschirm -geliehen wurde. So liegen Freude und Leid doch immer nahe beieinander im -Menschenleben; das bewiesen mir die Ausflüge ins »höchste Tessin« -- -auch Campo liegt noch 1200 m hoch -- aufs neue. Deshalb liebe ich es und -sage traurig auf gut tessinisch: - - »=Ciau Ticino!=« Lebewohl, Tessin! - - - - -Aus dem gleichen Verlag zu beziehen: - - -Am Lugenbankl - -Lustige Tiroler Bauerngeschichten. - -Von _Karl Deutsch_. Geheftet M. 2.40. - - -Lodenrock und Wifflingkittel - -Geschichten aus dem Sarntale. - -Von _Klara Pölt-Nordheim_. Geheftet M. 2.40. - - -König Laurins' Rosengarten - -Ein Tiroler Heldenmärchen. - -Von _Ludwig Scharf_ (Aus dem Mittelhochdeutschen). 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: »Sie« am Seil</p> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Eva von Baudissin</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Illustrator: Joseph Engelhardt</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: October 29, 2021 [eBook #66630]</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> - -<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This transcription was produced from images generously made available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)</div> - -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK »SIE« AM SEIL ***</div> - - -<p class="pb ce mt2 fsl">Eva Gräfin von Baudissin</p> - -<h1><span class="ge">»Sie« am Seil</span></h1> - -<p class="mt4 ce"><img src="images/emblem.png" alt="" /></p> - -<p class="ce mt2 lh2"><span class="fsl ge">Verlag Walter Schmidkunz<br /> -München und Wien</span><br /> -<span class="ge">1·9·1·4</span></p> - - -<p class="ce mt2 fss">Druck: Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn</p> - - - - -<p class="pb mt6 ce lh1">Dem Hochtouristen,<br /> -von dem<br /> -in diesem Buch<br /> -wenig Gutes und viel Böses<br /> -erzählt wird</p> - - - - -<h2><span class="ge"><b>Inhalt</b></span></h2> - - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr> - <td class="tdc" colspan="2"><span class="fs110 ge">I. »Sie« am Seil.</span></td> - <td class="tdr2 fss">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Wie »Sie« Hochtouristin wurde</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_003">3</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Hochtour mit allerlei Hindernissen</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_011">11</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Spätherbst im Wilden Kaiser</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_025">25</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Auf Deutschlands »Allerhöchstem«</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_031">31</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Das Matterhorn von Ehrwald</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_039">39</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Quer durch die Lechtaler Alpen</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_045">45</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_051">51</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Vom Königspaar des Rhätikon</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_057">57</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Streifzüge in Südtirol</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_067">67</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Hüttenleben</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_081">81</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Eine unterirdische Hochtour</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_087">87</a></td> - </tr> - - <tr><td class="fss"> </td></tr> - <tr><td class="tdc" colspan="2"><span class="fs110 ge">II. »Sie« auf Ski.</span></td></tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Bei den »Säuglingen«</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_095">95</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Die erste »Ausfahrt«</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_101">101</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Aus der Winterfrische</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_107">107</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Das Talbein</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_113">113</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="2">Die Erfindung</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_123">123</a></td> - </tr> - - <tr><td class="fss"> </td></tr> - <tr><td class="tdc" colspan="2"><span class="fs110 ge">III. »Sie« im Süden.</span></td></tr> - <tr><td class="tdl" colspan="2">Osterspaziergänge in Latium</td></tr> - <tr> - <td class="tdr1">I.</td> - <td class="tdl">Der Monte Soracte</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_135">135</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">II.</td> - <td class="tdl">In den Sabinerbergen</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_139">139</a></td> - </tr> - <tr><td class="tdl" colspan="2">Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen</td></tr> - <tr> - <td class="tdr1">I.</td> - <td class="tdl">Locarno</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_145">145</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">II.</td> - <td class="tdl">Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde </td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_150">150</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1"> III.</td> - <td class="tdl">Hochalpine Spaziergänge</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_157">157</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr1">IV.</td> - <td class="tdl">Im höchsten Tessin</td> - <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_168">168</a></td> - </tr> -</table> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -<b>I.<br /> - -»Sie« am Seil.</b></h2> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -Wie »Sie« Hochtouristin wurde.</h3> - - -<p>Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken; -viele, vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt -mit dem Menschen ins Jenseits hinüber, weil ihnen -weder Zeit noch Ort günstig waren, sich zu offenbaren. Solch -ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung einer -neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen Frühlingstage -den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der -Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die -höchste Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte. -Ich muß das, ohne Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht -zu haben, ziemlich geschickt ausgeführt haben, denn der -berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir die sieben -Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten -selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging -ich auf alle Dolomiten –, da braucht' man nichts zu fürchten -wegen dem Abstürzen.«</p> - -<p>In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste, -einfache Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen -Menschen ging der neue Zellkern hervor: Die Hochtouristin!</p> - -<p>Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen, -gesundes Herz, Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren. -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -Rom zu meinen Füßen, wurde mir klar, daß ich bisher -mein Pfund vergraben hatte, und daß ich mich einer -schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich -meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der -Schauplatz für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken, -was mir immer schwer fällt, ergibt, nur ein Berg -sein; es galt also, einen zu finden, der in Gestalt und Art -meinen alpinistischen Gaben entgegenkam.</p> - -<p>Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«: -»Große Furchetta (3027 m), der nordwestliche -breitere Turm einer kühnen, doppelzinkigen Berggestalt im -Hintergrunde des Wasserrinnentals. Interessante und exponierte, -schwierige Kletterei.«</p> - -<p>Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis -am Kapitol wollte ich es nicht unter einer Hochtour -tun und möglichst gleich alle Eindrücke auf mich wirken lassen, -die man bei einer Bergbesteigung haben kann. Die äußeren -Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen Zutaten, -Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt, -der Rucksack mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen, -sauber vollgestopft, ein mächtiger Eispickel erhandelt -und als Letztes – die Stiefel ausprobiert. Sie sind das Wichtigste -der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam mir -auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern -in der schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße.</p> - -<p>»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant, -den ich betrübt um Rat fragte.</p> - -<p>»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«, -beharrte der berühmte Hochtourist, der auch hier -meine ersten Schritte überwachte.</p> - -<p>Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht -doch de Person nit's Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher -Philosophie.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel -waren schuld, und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen, -ohne mir ernsthaftere Verwundungen zuzuziehen.</p> - -<p>Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es -eigentlich gar nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten -zu haben«, von der Regensburger Hütte aufbrachen, -klopfte mir doch das Herz recht. Die Wiesen naß und schlüpfrig, -das Tal voll Nebel, die näher und näher heranzukriechen schienen, -ringsum eine atemlose, beklemmende Stille – und vor -uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und -steil schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen -zu wollen, und während ich mich tapfer bemühte, meine Füße -mit den Genagelten in die weit auseinanderliegenden Spuren -des Führers zu setzen, sagte eine laute Stimme in meinem -Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf – -nie hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen -Bedenken, um das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; -ich glaube, die meisten Heldentaten werden in solch einem -passiven, aus der Furcht vor Anderen diktierten Handeln -vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die -Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die -grünen Wadenstrümpfe des Führers, auf die ich hoffnungsvoll -starrte: solange sich die in gleichmäßigem Abstand von -mir aufwärts bewegten, genügten auch meine Kraft und -mein Können – an sie klammerte sich instinktiv mein -Blick. –</p> - -<p>»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«, -gebot die Hochtouristenstimme hinter mir.</p> - -<p>Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch -noch?! Tat ich denn noch nicht genug? – Aber gehorsam -spazierten meine Augen nach oben und unten, nach rechts -und links: Steine, nichts als Steine, große, kleine, glatte, -bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -lose, die treulos unterm Fuß nachgaben – ein wüstes, ödes, -steinernes Meer – –</p> - -<p>»Nun?! – Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit -wahr? Diese Größe – diese Stille – heilig ist's wie in der -Kirch'.« – Meine grenzenlose Verwunderung setzte sich allmählich -in eine Art Wut um, während neben mir die Begeisterung -immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man -kommen, um wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is – -da kriegt man wieder an Begriff von der Allmacht – da -geht eims Herz auf – Aber Sie sagen ja nichts, Sie! Ja, ja, -da verstummen auch Sie einmal – aber schließlich, wissen -möcht' i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was -Sie nun denken« –</p> - -<p>»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale Raumverschwendung«.</p> - -<p>Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus -eigenem Antrieb, um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte: -»Was könnte man da für Korn bauen, wenn's eben -wäre und nicht so viel Steine!« –</p> - -<p>»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der -Naturempfindung vor hundert Jahren – von der Ästhetik -des Gebirges haben Sie keine Ahnung«, unterbrach mich der -Hochtourist im plötzlich angenommenen, reinsten Hochdeutsch.</p> - -<p>Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe, -Aufklärung und Naturschönheiten verloren. Aber über meinen -Kopf fort floß zwischen Führer und Bergsteiger, denen nun -Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom von Touristengeschichten; -von alten Führern, von Erstbesteigungen, von Neulingen -im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit -unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten -gefahrvollen Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren -Errettungen, das alles gewürzt mit immer wiederkehrenden -technischen Ausdrücken, wie: Grat, Kamm, Wand, Griffe, -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band – dem Jargon -der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber -von dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur -und der Erkenntnis, daß ich also eigentlich schon hundert Jahre -alt sei (nach dem Stand meiner Naturempfindung!), wurde -mir ganz schwindlig – zum ersten und einzigen Male im -Leben.</p> - -<p>In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den -Einstieg. Ich durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in -unmittelbarer Nähe wurden einige Becher voll klaren Wassers -geholt, und außerdem mußten hier die Genagelten gegen die -Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein behagliches Gefühl -schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das -harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die -guten, nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene -Fußbekleidung zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit -war verflogen. Mit Vergnügen ließ ich mir das Seil um -die Taille legen, »die moralische Hilfe«, wie mir lachend versichert -wurde; jedenfalls wohnt diesem Zauberband eine merkwürdig -beruhigende Wirkung inne.</p> - -<p>»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam -und erst einen festen Tritt für den Fuß und einen sichern -Griff für die Hand suchen«, gebot der Führer.</p> - -<p>Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf -auf, und von Zeit zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick -des allein vorauskletternden Hochtouristen. Sonst war ich mir -allein überlassen, nur durch einen dünnen Faden mit der -Menschheit verbunden.</p> - -<p>Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe, -Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier -oben, angesichts der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen -meine hochtouristischen Begabungen wieder ans Tageslicht. -Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte – lagen sie einmal -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher über -die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß -genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen, -und alle turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden -sich wieder ein.</p> - -<p>»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal.</p> - -<p>Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn -meine Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis -und Unfähigkeit bitter wurmte. – Beim »Band« wurde -ich ernsthaft verwarnt: ich begriff nicht, weshalb. Was für -eine einfache Sache, über eine freiliegende Stelle, neben der -es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch aber dem -Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts -am Felsen entlang – zum erstenmal konnte ich -ohne Neid an die Affen im Urwald denken, die sich gemächlich -von Baum zu Baum schwingen.</p> - -<p>»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen -bis zum Gipfelgrat – wenige Schritte auf der -Höhe selbst, und da waren wir! Auf dem höchsten Punkt -des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so unerschwinglich -hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung -erfüllte mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte -mich auf meine Kräfte verlassen und allein durch sie mein -Ziel erreicht. Aber dann sank mein ganzes Selbstbewußtsein -in sich zusammen vor der Schönheit und der Gewalt des -Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier -herauf mußte man kommen, um sich wieder eins mit der -Natur zu fühlen – mir war, als sähe ich zum erstenmal -der Welt voll ins Antlitz: so schön also war sie, so wunderschön -– »Und er führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte -ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach: -›Dies alles will ich dir geben‹« –</p> - -<p>Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben, -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -besitzt man ja alles, was der Blick umfaßt; und in der -demutsvollen Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit so -vieler Größe und Allmacht gegenüber wird man wunschlos.</p> - -<p>Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er -war ganz erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer -anderen Quelle als die meine: er hatte mich ja entdeckt – auf -dem Kapitol – und mit dem sicheren, nie zu täuschenden -Blick des Kenners hatte er die verborgenen Talente geahnt. -Freilich, daß sie so groß sein würden –! Es war erstaunlich. -Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde –</p> - -<p>»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig; -wozu jetzt noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies -würde sie nach dem gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand -mehr glauben wollen; auch für mich traten sie endgültig -in verschwimmende Fernen zurück.</p> - -<p>Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des -leiblichen Menschen wuchs mein Mut ins Ungemessene empor -– bis hinauf zu den allerhöchsten Gipfeln der allerhöchsten -und -schwierigsten Berge! So war ich zur »Hochtouristin« -geworden.</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Hochtouren mit allerlei Hindernissen.</h3> - - -<p>Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast -alle, die es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines -Paradies in sich. Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite -des Sees, diese Berge, die sich da aneinander reihen, die stolze -Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel und Schwarzkopf, -Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht zu -vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee -trinken läßt – und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck -und Schloß Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem -angenehmen Bad und der Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja, -die Leute sind hier glücklich; das sieht man ihnen an, wie sie -im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz der -ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld; -was andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt -an diesem Ort, an dem sich »fesches« Badeleben mit -Primitivität verbindet, das macht mich allmählich nervös – -zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so ungerecht -wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer -war, von den Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den -Schären vom Schwimmen ausruhte und sonnte und nachts im -Schlaf das ewige Brausen in gleichem Rhythmus hörte. Nein, -man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt einem nicht, -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen – hinauf möchte -man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang; -zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben -in den Wolken lache über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder. -Dann soll's eines Morgens losgehen: biegen oder brechen! -Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus, die Buam -noch weniger – Einsamkeit will man und sich Wege suchen, -auf die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es -biegt sich nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte -Schlüsselbein meines Hochtouristen, der sich mit Grazie über -Abgründe schwingt, Kamine durchklettert, als handle es sich -um Verandatreppen, sich von den »unmöglichsten« Punkten -selbst abseilt – und den nun das Schicksal ereilt, als er mit -kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten -will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer -Aufenthalt; neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben. -Aber der Bezirksarzt tröstet: nach seiner Meinung liegt -kein Bruch vor, nur eine Zerrung der Muskeln; ein paar Tage -Eisumschläge – dann ist alles wieder gut! Nur merkwürdig, -daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht – wozu hat man -einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet, -wird nur gelächelt – und schließlich glaubt man gern, -was man glauben möchte. Man wandert los; der Hochtourist -mit etwas hängender Schulter unterm Druck des Rucksacks, -aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen. Den berühmten -»Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit und -steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal -mit sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger -Berge und Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im -Hotel Moserboden zum Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine -gute Leistung für einen Tag – besonders die letzten zweieinhalb -»steilen« Stunden, vom Moserboden empor, werden reichlich -sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz wieder -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt; -dafür ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man -saß doch nicht müßig da – und morgen, ja morgen geht's -auf das lange mit Sehnsucht umworbene Große Wiesbachhorn!</p> - -<p>Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht -– in der Gebirgssprache: der Morgen – blüht schon der Handel -in der Hütte mit Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen -zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es stürmt und die -Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den Fochezkopf -und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat. -Die Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer -voraus, um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft -aufnimmt. Der Wind wird schneidend, die ersten Schneeflocken -fallen. Gesicht und Hände prickeln. Wir erreichen eben -die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los mit einer -Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann. -Keine Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine -wunderschöne, im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung -über den Bratschenkopf und die Glocknerin -zur Franz-Josephs-Höhe zu machen – und mein Hochtourist, -der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die an und -für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil -er mich wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe -halten kann, sagt jetzt nichts als: »Nun geht's aber in den -Süden – auf der anderen Seite ist das Wetter immer besser!« -Wir kehren um; denselben Weg über den Kaindlgrat geht's -zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei – unverrichteter -Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen Hochtouristen, -zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war; -dreiviertel Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel -Moserboden beschließen wir diese Episode, und nach kurzer Rast -geht's »dolomitenwärts«. Allerdings ist sich mein Hochtourist -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -nicht ganz klar, wie's dort mit dem Klettern sein wird. Aber -die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh tut, es schadet -nichts – es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer hoffen. -Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute -noch näher zu bringen.</p> - -<p>Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom -Moserboden aus, am Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«, -die sich durch den mit Recht beliebten Schutt auszeichnet; -für Fußsohlen und Knöchel eine Extraprobe! Nach fast -drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen Torkopf -und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht -auf das unerreichte Wiesbachhorn bietet – ein schmerzlicher -Anblick trotzdem! Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch -auf einer Höhe von über 2600 m, tropft es sanft, aber kalt. -Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden, dazu die -nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß, -vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's -hinab zum Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei -Sprünge über Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter -ins Tal, über den Bach fort und recht mühsam, zum Teil auf -in den Fels gehauenen Stufen, zur Rudolfshütte hinauf. Die -Hütte liegt sehr schön und bietet gute Verpflegung – und -Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus zurückdenkt! -Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen -wir uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem -Ausruhen? Bewahre, wir müssen weiter. Erst wieder empor -bis zur kreuzgeschmückten Höhe des Kalser Tauern, dann -hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See vorüber, und -über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort, am -Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen, -fruchtbaren Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll, -das wir bis dahin passiert haben, wirklich wie eine Oase anmutet. -Bald darauf, in der Schutzhütte auf der Rumesoi-Ebene, -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich auf -Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten -Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot -hineinbrocken, wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften, -das erlaube ich mir im Gebirge alle Tage; es hält bei mir -Leib und Seele zusammen. Endlich, nachdem die »Stiegenwand« -überwunden ist, erreicht man in ein paar Stunden, -über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit -das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde -Wanderung jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und -Ab dazu – und in dem kleinen, weißgetünchten Zimmer des -»Glocknerwirts« schlafe ich so fest wie wenig Schritte vom -Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen. Dafür geht's -am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis -nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden, -breiten Isel her bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt -in diesem an und für sich netten Städtchen, dem ich die -Erinnerung an mein erstes und einziges <i>collier de chien</i> -verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um Stich -auf meinen Hals genäht – anfangs, als ich des Morgens -erwachte, fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf -bekommen zu haben. Aber es waren nur Wanzen – weiter -nichts!</p> - -<hr /> - -<p>Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour. -Mein Hochtourist klagte über seine Schulter – bei dem Wetter -kamen sicher rheumatische Schmerzen hinzu – sobald der Himmel -nur eine kleine Pause in der Besprengung der Erde machte, -flohen wir auf und davon, zu einem der »Unholden« hinauf, -wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen wegen -genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678 m). Der Aufstieg -ist nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -das Hochstadlhaus, und am nächsten Morgen, nach einer sehr -kalten Nacht, über die Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den -Gipfel, der eine wunderbare Aussicht – auch uns! – ins -Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen schneeglänzenden -Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach -Süden selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick -und dünn – in diesem Falle Gestrüpp und Bäche – mußten, -ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben einem kühlen Wasserfall -und abends gegen sieben Uhr – also nach einer Tagesarbeit -von gut vierzehn Stunden – sahen wir endlich im Gailtal -Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen.</p> - -<p>Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt -es von Soldaten; sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und -Korridoren einquartiert. Im Staatszimmer, vor dem Vertikow -mit Glas und Porzellan, wird mir eine Lagerstatt errichtet. -Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung mitgebracht, -sie ist braun und sehr behende – meine Nachtruhe ist durchaus -getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder -den Rucksack auf die Schultern lege – mein Hochtourist -hat eine seltsame Art angenommen, den Riemen auf der rechten -Seite um den Oberarm zu schieben.</p> - -<p>Der entzückende Weg durch das Valentintal und über -das Törl gleichen Namens und die Aussicht, morgen den -Monte Coglians zu besteigen, tröstet über alles hinweg; auch -über den Regen – wir sagen euphemistisch »Niederschlag« – -der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am kleinen -Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin -ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte -heraufschafft, ist wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«, -sagt der lustige Wirt und deutet mit dem Daumen zur -nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar nicht so -dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf. -Und wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -von Sappada und Cadore, auf die Cridola und andere -derartige Gipfel, täten wir nicht am Ende auch gut, dem Maulesel -zu folgen?! – Zwei Tage belagern wir den Coglians von -Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet -noch immer in Italien –, dann steigen auch wir hinab ins -Gelobte Land, bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf, -dessen Männer im Sommer auswärts, meistens in Deutschland -arbeiten, während die Frauen die geringe Feldarbeit auf den -Miniaturfeldern – oft nicht viel größer als ein Bettvorleger -– besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute spielen -Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir -wählen das größere – von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend. -Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine -Sache: der Herr Karabiniere ist auf Besuch da – eine wichtige, -beliebte Persönlichkeit, natürlich, denn man ist der Grenze -nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der Herr Karabiniere -ist viel zu sehr <i>galant' uomo</i>, um einer Dame nicht -Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus -dem Zimmer und marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll -stehen, um das Bettüberziehen zu überwachen: es ist schwer, -meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich zu machen, sie -ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr Karabiniere – – -Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß –! -Darauf wird getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon -weit fort, der Herr Karabiniere! Da wird gleich die Matratze -des Riesenbettes emporgehoben und aus den Gurten die zwei -Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit verstecken mußte! -Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen geschlafen -– besser als die Prinzessin auf der Erbse.</p> - -<p>Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage -lang. Es regnet so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein -gehen können; und zu jeder Mahlzeit bekommen wir »<i>manzo</i>«, -Rindfleisch, mit Salbei gewürzt – der Geschmack geht gar -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt auch über -den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht -und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes -zur Wahl. Heute fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei -loszuwerden. Der Wirt verneigt sich, ergreift Teller und -Messer, eilt den Korridor entlang – wir sehen es durch die -Glastür unserer <i>sala da pranzo</i> – und verschwindet im Zimmer -des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick, -sehe auch den Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse -mit Schwung servieren. »Wo kommt er her, der Käse?« donnert -mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser Engel, seit zwei -Nächten schlummerst du über den großen, gelben Käselaiben, -die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte keinen -Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich -launenhaft!</p> - -<p>Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf -den alten Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen. -Der Kessel hängt an langer Kette von der Decke über -der glimmenden Asche, alles in der Küche, Plafond, Wände, -Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder, fester Rußdecke -überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns -zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben, -»in 'of« (Hof) – er besitzt ein wackliges Häuschen und -zwei Ziegen und braucht nicht mehr zu arbeiten. »Denn -Reichtum«, so philosophiert er, »hängt von den Ansprüchen -ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei Ziegen -– oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden! -– Aber ich bin noch weit entfernt von der Abklärung des -Collinaschen Rentiers. Der Coglians bleibt unsichtbar, hinter -Nebeln – ich dränge zum Aufbruch; vor allem, weil unten -im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren.</p> - -<p>An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an -seltsamen Bergnestern mit übereinandergeklebten Häusern und -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -winkligen, dunklen Gassen – oft führen nur Stufen von -einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone hängen an -den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine -Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung -und Schmutz befremdet selbst den, der Süditalien kennt – -dieser abgelegene Winkel von Friaul übertrumpft es! In San -Stefano finden wir glücklicherweise die Pakete vor – wir -haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen Faden -mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und -Piave gelegenen San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische -Post; sie führt uns über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal, -also nach der Versicherung glaubwürdiger Reisender -durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich muß diesen -Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit -gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen -Kopf, stellte mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst -und setzte an meine Seite in der engen Viktoria einen italienischen -Papa, dessen dickes, blondes Kind als blinder Passagier -zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich auf -den Bock gerettet – er zog die Launen des Wetters denen eines -Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen -gestreiften Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen -Knöpfen besetzt waren, aus dem langsam fahrenden Wagen -und stürzte sich mit seinem Gewehr ins Dickicht, um womöglich -noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen. Dann fiel das -dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte, bis -ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas -nütze; sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu -regnen.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über -Chiusaforte und Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare -Strecke im engen Felsental der Fella, durch Tunnels und über -schwebende Brücken in reicher Abwechslung. Wir genießen dankbarst -die Großartigkeit der sich rechts und links bietenden Szenerie; -denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht darüber -zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt, -blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich –? Vielleicht -erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender, -umsonst sind sie wohl nicht so beliebt; auch der König von -Sachsen besitzt hier Jagdgebiete.</p> - -<p>Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen. -Wir können uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über -den Predilpaß, an starken Fortifikationen vorüber, steigen wir -im »Manhartgraben« aufwärts und erreichen nach gut sechs -Stunden glücklich den Gipfel (2678 m); seine Rundsicht ist -weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav und -der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die -Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten -den oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen -erreicht – mehr noch, als man am unteren die nette Restauration -entdeckt und eine köstliche Forelle serviert bekommt. Den -Manhart, der sich von hier aus großartig präsentiert, grüßt -man mit dankbarem Blick – man hat seine besondere Beziehung -zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man ist -überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme -Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von -Weißenfels bringt uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß -von Kanker und Save gelegen. Der Ort gilt für die -Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst deutschfeindlich -– ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige -Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten -Garten der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -Gefühl vollkommensten Ausgeruhtseins beim Erwachen am -nächsten Morgen in dem großen, von Sonne durchwärmten -Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst zufrieden!</p> - -<p>Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus« -– denn Landstraßen geht ein ordentlicher -Hochtourist nur ungern! Den Steiner Alpen wollen wir einen -Besuch abstatten, und zwar dem höchsten Gipfel dieser mächtigen -Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain, Steiermark -und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten -Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus -wird Station gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die -Rückkehr des Wirtes abwarten, der zugleich auch als Führer -dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack meines Hochtouristen -zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der Arm -herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie -er versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen -zu sein!</p> - -<hr /> - -<p>Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend -schwül, und wir halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte -zu bleiben, zu der ein schöner, aussichtsreicher Weg durch -den Suhadolnikgraben und unter den steilen Wänden des »Greben« -entlang über den Kankersattel führt. Die Zoishütte, auf -1792 m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter treibt -uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten -Morgen, aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir -wählen den »neuen Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als -der alte über den Südkamm, uns aber unsern Berg, den »Grintouz«, -von seiner schönsten Seite zeigt. Durch ein Felsentor -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die Markierung ist -im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt nicht leicht. -Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast nötiger«, -meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein -Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er -und schiebt sich langsam an den Felsen empor. Statt der drei -Stunden zum Gipfel (2559 m) brauchen wir vier – im -übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben sind, ist der -Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen -nicht sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die -ein Studium der Karawanken, des Koschuta-Gebirges und -natürlich auch der Steiner Alpen gewähren soll. Ein graues -Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal das Frühstück -noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam -schwül ist uns zumute – liegt es an der Luft? Der Führer -mahnt zum Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen -den Abstieg; vorsichtig, denn er ist recht schwierig, -klettern wir von Griff zu Griff; ich, als »Ungeübte« voran, -habe meine liebe Not, feste Tritte für meine Genagelten ausfindig -zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir, unheimlich -starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich -steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da – ein -furchtbarer Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich -an den Fels, der Nebel zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit -erkenne ich die Abstürze – »vorwärts, vorwärts«, mahnt -der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß hinab und versuche -Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten -im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir -ins Gesicht, die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die -Wände, Steine brechen los und krachen in die Tiefe – dabei -ist es stockdunkel, nur auf Sekunden erfüllt schwefelgelbes Licht -den Höllenschlund, in den wir hinab müssen. Einmal ducken -wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der -dicht an uns vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz -gibt's nicht, wir müssen es dem Geschick überlassen, wie und -ob wir davonkommen. Einmal noch machen wir kurzen Aufenthalt, -der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der mit zusammengebissenen -Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm -von der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen -Weg über die Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern -– man war »zu sehr in Gottes Hand«, wie's sonst -vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die Böhmische Hütte, -die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu durchnäßt, -um lange zu rasten – auch der Führer kehrt um: an -die Tour will er denken sein Lebenlang!</p> - -<p>Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500 m -Höhe; aus der Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen -wir durch die Seeländer Kotschna, drei Stunden munter bergab -bis zum Stuller Wirtshaus in Oberseeland, das wir mittags -erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe geschmeckt – -und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das wir -nun gemütlich schlendern – doppelt wohltuend unsern Augen -nach den Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21 km, -die zwischen Oberseeland und Bad Vellach liegen, dünken mich -eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg« (1218 m), der von -seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die Steiner -Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir -uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig -in Grün gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas -von seinem berühmten Eisensäuerling wird probiert, dann ein -Wagen bestiegen, der uns nach Klagenfurt, Kärntens schöner -Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf meinen Koffer -freue, der dort für mich lagert – und auf die Bäder im Wörther -See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu -einigen Gipfeln verhelfen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist. -Über meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau: -sollte es mit all den Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen -Bergfahrt noch nicht genug sein?</p> - -<p>Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs -bekommen. Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen -»Kallus«, der sich an der Bruchstelle des Schlüsselbeins -gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren und andere mit -dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen – vorläufig -muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen. -Klagenfurt trägt seinen Namen – für uns wenigstens – -nicht mit Unrecht.</p> - -<p>Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem -Schlüsselbein Bergtouren zu machen!</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Spätherbst im Wilden Kaiser.</h3> - - -<p>Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen -Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an -der See die Schäden zu reparieren, die achtundvierzig Wochen -in der Großstadt seinen Nerven zugefügt haben, kommt, wenn -die Herbstsonne lacht, noch einmal eine unbezwingliche Sehnsucht, -sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in die stille -Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in sich -das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen -Freuden, aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte -das Gebirge im Wechsel der Jahreszeiten – als Residenz des -Herbstes – kennen lernen. Der um diese Möglichkeit vor anderen -Großstädtern reichere Münchener darf seinen Wunsch in -die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein – vor -ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer -zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg, -steil ansetzend, dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf -und Ab, führt ihn in wenig Stunden ins Herz des »Wilden« -– nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt für alle schwierigen -und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das Totenkirchl, -der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze -– all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten -Auf- und Abstiegen liegen lockend bereit; und hier und da trifft -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -man noch auf die »Echten«, die, im Gras hockend, mit dem -Fernglas einen neuen, fast unmöglichen Weg ausspionieren und -ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen möchten.</p> - -<p>Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir -bescheiden uns damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete -»Steinerne Rinne«, die jetzt auch durch Steiganlagen und -Drahtseile gezähmt ist, zur hintern Goinger Halt aufzusteigen -und den Gratübergang zur vorderen gleichen Namens, eine -nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt, -dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten. -Der milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust -besänftigt – man möchte genießen, noch einmal aus -tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber ohne gewaltige Anstrengungen -machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz, -vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt -bereits die ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß -man wieder und wieder stehen bleibt, um den Farbenrausch -ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance, das Graugrün -der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton -der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und -immer neue Bilder der in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten -und Dörfer, in der klaren Luft so nahe gerückt, als könnte man -sie mit wenig Schritten erreichen. Und welche Prachtaussicht -von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich Gipfel -an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen -Ketten erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher. -Ein Panorama, wie es zum Beispiel »die Elmauer Halt« -bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von nur 2344 m Höhe – -also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! – kann man -kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der -ganze Höhenzug der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis -zu den Ötztaler Alpen, die Loferer Steinberge, der Karwendel, -das Wettersteingebirge, breitet sich vor dem Blick aus; der -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal, und durch -eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet -in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere -des Großglockners und des Großvenedigers schließen -mit ihrer feierlichen Schönheit den Horizont nach Süden – -in lieblichster Anmut und bezauberndem Kontrast bauen sich fast -am Fuß des Berges mit ihren weißen Kirchlein die Dörfer -Going und Elmau auf, während weiter draußen in der Ebene -der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St. Johann -sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf, -ein leises Rollen in der Ferne erinnert daran, daß es dort unten -Eisenbahnen, Unruhe, Städte und – Pflichten gibt – seufzend -macht man sich daran, wieder in die Unterwelt hinabzusteigen.</p> - -<p>Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte -ist schon geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel; -die Läden werden aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen -– und dann beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen! -Jeder bekommt sein Amt, der das Feueranmachen, jener das -Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne Gerichte den verschiedenen -Rucksäcken entnommen werden, der dritte besichtigt -oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der Trauernachricht -zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden -tropfe: in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß -voll! – Aber wie können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven, -Zitronenlimonade aus Pastillen hergestellt werden ohne -das göttliche Naß? Und einmal am Tage – wenn auch ohne -jede Verbindlichkeit! – möchte man sich doch wenigstens die -Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«, -wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit -doppelt bemerkbar – –. Aber allgemeine Redensarten -nützen nicht; und die beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich -neidlos von allen Seiten ihre hervorragenden alpinen Qualitäten -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -zuerkannt werden, müssen sich entschließen, noch einmal die -»Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe einzutauschen. -Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus – -wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem -prunkvollen Zettel: »Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel) -vor dem Anfeuern mit Schnee zu füllen« – also! Da -man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man diese kleine -Extratour zur nächsten Schneehalde – eine gute halbe Stunde -hin und zurück – höchst amüsant.</p> - -<p>Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen -war ja an den Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt -man sich stolz auf seine Produkte! Und die Konkneipanten -finden den Tee besonders aromatisch, die Zitronenmischung auf -der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute Bergappetit -nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die -<i>pièce de résistance</i>, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach -der »Wurst ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen -gleicht, wird, natürlich nur mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis -zur letzten Scheibe gewissenhaft verteilt. Der enge Küchenraum -und die heißen Getränke erwecken noch einmal den Wunsch -nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen kriechen -mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll, -warm und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend, -aus der Ebene blinken freundlich die Lichter herauf, -und auf den Abstürzen des Treffauer liegen dunkle Schatten, -die sich mehr und mehr verkürzen – ein silbernes Leuchten -füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich, schiebt sich -das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze -Spitze der vorderen Goinger Halt herum – und alle Berge -umstehen das kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem, -weißem und doch so köstlich zartem Lichte.</p> - -<p>Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt -der Zauber des Mondes in der Stadt niemals – nur auf den -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -Höhen oder über der Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den -vollen Reiz seiner Schönheit. Die einfache Kammer, die man -schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er in einen Raum mit -Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem -Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich -in Silber und Gold verwandelt. – Der Ruf nach Befriedigung -der materiellen Bedürfnisse erweckt die Schläfer etwas -unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der Kampf mit dem -widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man, -trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren -Krieg da draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft -durch die azurnen Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen -auf und bereiten der großen Siegerin den purpurnen Triumphesweg -– der ganze Himmel gerät in Aufregung beim Nahen -seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue Nebelschleier -über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten -der Menschen. – Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen -und Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand; -mit dem Eifer einer sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang -besinnenden Küchenfee: die Nachfolgerin soll ihr nichts -Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe füllt man wieder -voll Petroleum – es ist rührend! Oder ist man am -Ende so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich -in solch unendlich naiver Weise dafür betätigt? – Doch in -diese Abgründe des menschlichen Herzens läßt's sich nicht mit -einer Petroleumlampe leuchten.</p> - -<p>Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder -des Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die -Brombeeren sehen mit melancholischen schwarzen Augen auf -die Vorwärtshastenden. Was nutzt es? Zurück in die Alltäglichkeit, -ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen die -Götter ...«</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Auf Deutschlands »Allerhöchstem«.</h3> - - -<p>Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur -von unten bewundern mag, ist es eine gelinde Folterqual, -tagelang im Schatten eines prächtigen Bergmassivs zu sitzen -und wegen andauernder Witterung, worunter in den letzten -Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen. -Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn -erst einmal bis zu einer »Hütte« hinaufgetragen hatten und -der sich deshalb nach dem ersten Waffengang mit den Felsen -sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine ehrenhafte -Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte. -Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände -sich gut vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der -Barometer stieg und ein hellerer Schein, den man in weniger -zweifelhaften Zeiten harmlos für Sonne erklärt haben würde, -sich über die Matten breitete. Bis dahin war ich stets unter -der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen – heute traf -mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen -alten, treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille -Bergsonne gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen -einflößendem Wesen und im Besitz einer deutschen -Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken verstand. -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs -auch nicht ganz gleichgültig zu sein. –</p> - -<p>Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo -den Aufstieg zur Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den -zwei traditionellen Plätzen, bewunderten die Aussicht auf Biberwier, -Ehrwald und Lermoos, die nur ganz wenig verschleiert -war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen – nicht -so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen, -winzigen Felsblock steht – bewegten uns kühn über die letzten, -noch arg verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen -Wendung dicht vor der Hütte – eine ihrer angenehmsten -und bei Hütten seltenen Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht -man diese heißersehnten Stationen schon stundenlang vor sich -liegen und scheint ihnen statt näher immer ferner zu rücken. -– Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine schmale -Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für -uns allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche -immer noch als störend; heute war es wenigstens so kalt, -daß man gern seine Kleider anbehielt. Nach warmer Suppe -im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns ein, uns nach -Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer -bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf -den Hütten ist es ja selten etwas. Entweder man friert oder -man wird durch die leisesten Bewegungen des Nachbarn gestört, -die sich durch die dünnen Wände verraten. Diesmal fror -man <em class="ge">und</em> hörte rings die Unruhe; und als wir eben eindämmerten, -brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los, -unsere Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze -– und dann ein Getöse, als sollte die Welt untergehen! -Ein geisterbleiches Gesicht erhob sich von der Nachbarmatratze, -und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott, Mutter, was -war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine -eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -mitsamt Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend: -»Das ist der Wind, mein Kind! Das klingt im -Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und fern -hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war -froh, als um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde – -eine fast überflüssige Prozedur!</p> - -<p>»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee -gegeben. Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei -begann, und die dicken Wollhandschuhe, die ich, die -Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen hoch zu Ehren. Der -Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend – in knapp -zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt -war, daß wir uns am meteorologischen Turm und -der Hauswand entlang fühlen mußten, um den Eingang -zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller Hüttenräume, -die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so überfüllt, -daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der -Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen -– vor deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung -hege! –, zahlreiche Führer, denen der Nebenraum zu kalt -war, die beiden Wirtschafterinnen, die auf dem winzigen -Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet -wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm -und dem Dunst feuchter Kleider – nein, eine Erholung -bot der Aufenthalt nicht, noch weniger die Speisen, -die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber – bald -wird ein neues Haus erstehen – hoffentlich wird damit auf -dem beliebtesten deutschen Gipfel auch sonst manches anders!</p> - -<p>Wir warteten ein paar Stunden – auf Aussicht. Sie -kam nicht. Berge, Täler, Ortschaften, Flußläufe – Nähe -wie Ferne – alles ließ sich nur ahnen. Man deutete dort -hin und sagte: »Da müssen die Stubaier liegen –«, wandte -sich und behauptete, in der Richtung nach Partenkirchen zu -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -sehen – es war Jacke wie Hose: Nebel, nichts als Nebel. -Stumm saßen wir schließlich vor unserer blauen Emaille-Teekanne.</p> - -<p>Da erschien in beschleunigterem Schritt unser Führer mit -strahlenden Bergaugen: es hellte sich auf, der Eibsee sei -eben aufgetaucht, kein Zweifel mehr, die Nebel verzögen sich -und er riete doch nun dringend, da das Wetter so günstig -sei, zum Abstieg durchs Höllental, von dem wir ja gestern -bereits gesprochen. »Fein!« sagte mein Junge. – Ich aber -als Erfahrene ging nach draußen, sah auf Sekunden den -Eibsee aus der Tiefe aufschimmern und fand die übrigen -Umstände tief verschleiert. Der Führer triumphierte: er habe -es immer gesagt, es würde ein glorioser Tag. Dennoch -zögerte ich: ob es denn auch ganz sicher sei –? Mein Junge -puffte mich; Söhne haben eine besondere Art, ihre Mutter -zu puffen: es liegt Aufmunterung und zugleich Verachtung -darin. Zudem sagte er spöttisch: »Und Du willst eine Hochtouristin -sein –?« Und dann stellten sie mir beide vor, -wie amüsant und wie lustig der Abstieg und wie bald wir -unten sein würden: in drei Stunden schon durchs Tal! – -Ich gab nach. Aber während ich die acht Mark für unser -Frühstück bezahlte, fragte man mich von rechts und links, -welchen Abstieg ich wählte. Mit der ganzen Überlegenheit -der gewiegten Touristin entgegnete ich: »Durchs Höllental.« -Allgemeines Schweigen – stille Hochachtung, wie ich annahm. -Ein liebenswürdiger Tourist, mit dem ich schon vorher -gesprochen, trat auf mich zu und meinte, ich hätte mir -doch eine starke Aufgabe gestellt: bei diesen Witterungsverhältnissen. -– Lächelnd widersprach ich: der Führer und ich -seien ganz überzeugt, daß der Nebel sich verziehen und uns -der Abstieg keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde – außerdem -wüßte er ja, daß es die erste Hochtour meines Sohnes -sei. Daraufhin schwieg der Warner.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Aber als wir angeseilt vom Ostgipfel herabklommen, durch -Schnee, der mir bis an die Hüfte reichte – ich war schon -zweimal gefallen und wäre ohne das Seil schon zweimal -verloren gewesen –, erklang von oben dringendes Rufen. -Ich wandte mich, erkannte den Warner und winkte ihm -einen Abschiedsgruß zu – verstehen konnte ich kein Wort -mehr –. Wir kletterten abwärts; zuerst in dichtem Nebel, -der sich ja bald heben mußte. Wirklich, er zerriß ganz plötzlich -– und ein furchtbares Gewitter, ganz unerwartet bei -der Kälte, setzte mit großer Wucht ein, gerade als wir die -ersten, ungemütlichen, vereisten »Stifte«, die quer über ein -Stückchen Unendlichkeit führen, erreichten. Wir duckten uns -eine halbe Stunde unter einen Felsen, der Blitze wie des -schauernden Regens halber. Das Gewitter verzog sich; der -Regen blieb, stürzend, unaufhörlich. Beim berühmten »Brett« -– einer langen Reihe von Stiften über ein größeres Stück -Unendlichkeit, ein zweites Gewitter; der Regen glich Sturzbächen -– Wasser stürzte von allen Seiten auf uns herab. -Bei der nicht minder berühmten »Leiter« – eisernen Sprossen, -die an einer absolut senkrechten, hohen Felswand hinabführen, -ein drittes Gewitter; zudem hatte sich gerade zwischen -den Sprossen ein Wasserfall gebildet, der sich oben in meinen -Kragen ergoß, um an den Knien wieder seinen Ausweg zu -suchen. Ich war daher erschöpft und eine Pause willkommen. -Sie trat gleich ein: ein tüchtiger Wolkenbruch zwang uns -zu kurzer Rast – behaglich war sie nicht! – Der Führer -tröstete uns: das Ärgste sei überstanden – jetzt nur noch durch -die Höllenklamm! Ihre düstere Romantik war mir nie sympathisch -– jetzt aber war sie zu einer wirklichen Hölle geworden! -Der Hammersbach in einen reißenden Strom verwandelt, -wilde Wasserstürze von rechts und links, den Weg -überspülend, die zahlreichen Tunnels vereist, ihr Boden von -Bächen benutzt – und diese waren es, die den letzten trokkenen -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -Punkt an uns fanden und von oben in unsere Stiefel -rannen – von unten waren sie längst durchweicht. Nach -siebenstündiger Wanderung erreichten wir in aufgelöstem Zustand, -ohne einen einzigen trockenen Faden am Leibe, das -Wirtshaus zur Schmölz. Ich telephonierte nach Garmisch, -daß das Automobil halten und uns aufnehmen möge. Die -Antwort lautete unsicher: man wisse nicht, ob noch Platz -sei. Zähneklappernd warteten wir eine Stunde: nahm der -Motorwagen uns nicht auf, so blieb noch eine dreistündige -Fahrt – und woher vor allem einen Wagen nehmen? –. -Aber das Wunder, an das wir kaum zu hoffen wagten, -geschah. Der Chauffeur sah uns zwar mißbilligend an – -wir hinterließen auch kleine Seen auf dem roten Leder der -Sitze – und nur mein letztes Geld, das ich noch außer den -zwölf Mark für die drei Billette besaß, stimmte ihn milder. -Unterwegs rechnete ich: in vier Stunden hätten wir über den -kürzesten Weg unten sein können; statt dessen waren wir sieben -Stunden bei viel anstrengenderem Abstieg unterwegs gewesen, -mußten noch zwei Stunden frostdurchschauert im Automobil -sitzen und hatten für diese Extravergnügungen dem Führer -zehn Kronen mehr und für die Fahrt zwölf Mark zu -bezahlen.</p> - -<p>Ich sah zum Führer hin: er unterhielt sich treuherzig mit -einem Touristen und pries unsere hervorragenden hochtouristischen -Befähigungen. Wir aber tranken, endlich zu Hause, -zwei Liter Glühwein, »um vorzubeugen!«</p> - -<p>Am anderen Tage traf ich den Touristen von der Zugspitze. -Er eilte auf mich zu: »Gnädige Frau,« sagte er, als -ahne er unser Geschick, »hätten Sie doch nur auf mein Rufen -geachtet. Ich hatte nämlich gehört, wie die Führer untereinander -lachten und sagten: »Der nimmt die Dame nur -da herunter, weil er zehn Kronen mehr bekommt – und -die merkt fei' nix!« – Nein, ich hatte nichts bemerkt, ich -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -gab es zu. Sonst hätte ich es vorgezogen, dem »treuherzigen« -Führer zehn Kronen zu schenken und den kürzesten -Weg zu wählen. Und ich, die Erfahrene, die Erprobte! lernte -einsehen, daß man sich zwar gut auf die Fels- und Eistechnik -verstehen kann und dennoch nichts von der Technik -weiß, mit »treuherzigen« Führern umzugehen.</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -Das Matterhorn von Ehrwald.</h3> - - -<p>Marschiert oder fährt man von Partenkirchen hinein in den -von hohen Bergen umstandenen Kessel von Ehrwald, so fesselt -vor allem eine Gipfelgestalt den Blick; wenn auch die übrigen -Berge des Wettersteins und der Mieminger Gruppe höher sind, -sie werden doch alle durch die wie ein Dolch in den Himmel -ragende Sonnenspitze an Kühnheit übertroffen. Durch Gestalt -und Lage bildet sie den Augenpunkt des ganzen Bergkranzes, -der die liebliche, grüne, mit Lärchenwäldern durchsetzte Talsohle -umgibt; nur mit dem Matterhorn oder der <i>Cimone della -Pala</i>, freilich in verkleinertem Maßstab, läßt sich die Form -der gebietenden Spitze vergleichen. Naturgemäß lockt ihr Gipfel -jeden an, der überhaupt Fähigkeit und Ehrgeiz hat, auch -noch andere Berge als die auf der Reiseroute liegenden »Aussichtsmuggel« -zu besteigen. Dies Vordrängen in die Landschaft -drückt förmlich ein »Versuch' es doch 'mal« aus – und tatsächlich -ist auch der Gipfel der Sonnenspitze der am meisten besuchte -unter den schwierigen in der Nachbarschaft. Allerdings -wird auch zu ihm wie zu vielen andern manch Unberufener mit -Hilfe des Seils »hinaufgezogen«. »Mehlsacktechnik« nennt -sich diese Beförderungsweise, die bei den Führern nicht ganz -unbeliebt ist; rechnen sie doch nicht mit Unrecht bei solchen -Opfern des alpinen Ehrgeizes, die sich nachher einbilden, mit -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -Hilfe des Führers Ungeheures geleistet zu haben, auf erhöhte -Trinkgelder. Der Hochtourist allerdings rümpft über diese -alpinen Gepäckstücke verächtlich die Nase; denn das Seil, der -unentbehrlichste Freund des Kletterers, soll ihn nur <em class="ge">sichern</em>, -ihm nur »moralische« Hilfe bieten, nicht aber, wie es bei Ungeübten -der Fall, zur einfachen Beförderung durch des Führers -Kraft dienen.</p> - -<p>Die erste Besteigung der Sonnenspitze vollführte Hermann -von Barth, der kühne Gipfelstürmer, im Jahre 1873 vom -Sebensee aus, während der noch lange Zeit für unbezwinglich -gehaltene Südgrat erst 1897 den Innsbrucker Alpinisten -O. Ampferer und W. Hammer erlag.</p> - -<p>Wochenlang rief auch uns der Berg seine Mahnung zu; -immer und immer wieder rüsteten wir uns, ihr zu folgen. Aber -da es in diesem Jahr umgekehrt wie im Sprichwort ging und -auf etwas Sonnenschein wieder tagelanger Regen einsetzte, so -war's lange ein Katz- und Mausspiel. Bis auch hier die Ausdauer -siegen sollte! An einem etwas schwülen Nachmittag -brachen wir von Ehrwald aus auf, mit Rucksack und Pickel, -und beschlossen, da wir natürlich den Berg »traversieren« -wollten, zur Hütte der Sektion Koburg aufzusteigen und dort -zu übernachten. Der nächste Weg ist der beste – also wählten -wir den über den »Hohen Gang«, der, nachdem man zuerst -steil über sumpfige Matten und dann durch schattenspendenden -Wald gewandert ist, an steiler Felswand emporführt. -Nach gut zwei Stunden erreicht man den höchsten Punkt der -Talstufe; gleichzeitig mit uns stieg ein Sohn Ganghofers, begleitet -vom Jäger und einem »Bua«, zur abendlichen Gamspirsch -empor. Ganghofer gehören dort weit und breit alle Jagden. -Noch ein paar Minuten – und, dem Blick anfangs -durch einen Lärchenwald verborgen, breitet sich das Oval des -Sebensees aus, dessen grünblaues Wasser an Klarheit und -Köstlichkeit der Farbe mit dem des Achensees wetteifern kann. -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -Jenseits erhebt sich, auf bequem angelegten Serpentinen in -einer halben Stunde zu erreichen, die Koburger Hütte, einen -grünen Hang krönend; die Aussicht, die sie über den Sebensee -wie über den in ihrem Rücken gelegenen blauschwarzen Drachensee -bietet, ist einzig schön. Und doch wurde der Genuß durch die -unruhvolle Frage getrübt: »Wird das Wetter halten – oder -ist es auch morgen wieder nichts?!« Der Wetterstein lag wie -immer von leichten Wolken umhüllt da; und das Barometer -fiel sanft – beides untrügliche Zeichen in andern Jahren, -aber heuer ohne Gewähr! »Heuer« bewies auch zum Glück -diesmal seine Launenhaftigkeit: ein ganz wundervoller Morgen -war uns beschieden, als wir in aller Frühe zur Ersteigung des -»Südgrats« aufbrachen: rosige Wolken als Folie der Gipfel, -und der Schnee an den Hängen leuchtend unter den ersten -Sonnenstrahlen. Also guten Muts vorwärts! Mit der Gewißheit, -seine Mühen belohnt zu sehen und droben eine klare Aussicht -zu finden, klettert sich's nochmal so leicht.</p> - -<p>Das eklige Geröll wurde in kurzer Zeit überwunden, ebenso -die steilen Grashänge. Und nun nimmt mich der Führer -barmherzig ans Seil, denn die eigentliche Kletterei beginnt. -Zwar macht mein Hochtourist einige höhnische Bemerkungen -darüber – ich nehme an, weil er um die Ehre kommt, -mich selbst ans Seil zu nehmen! –; aber da er mich auf meine -Bitten hin photographieren soll – Frauen können ja nie genug -Bilder von sich bekommen! –, so vertraue ich mich lieber meinem -Führer an, als allein auf die eigene Geschicklichkeit zu -rechnen. Denn ohne nach dem Maßstab der modernen Klettertechnik -gerade sehr schwierig zu sein, verlangt dieser Aufstieg -über den Südgrat dennoch größte Aufmerksamkeit. Steile Kamine -wechseln mit griffarmen, exponierten Felsbändern ab, und -ein Ausgleiten würde an den haltlos »plattigen« Abstürzen, -mehrere hundert Meter in die Tiefe, den sicheren Tod zur Folge -haben. Aber bei allem Ernst – oder besser gesagt: aller -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -Schwierigkeit der Situation, fehlt auch das heitere Moment -nicht. Der Unangeseilte und der Führer sind einen Kamin -hinangeklettert; ich kann sie beide nicht mehr sehen. Sobald sie -oben einen sicheren Standpunkt erreicht haben, wird mir zugerufen, -ihnen zu folgen. Die Stufen sind durchschnittlich für -längere Beine berechnet als für meine, mit aller Kraft muß ich -mich hinaufwinden – von oben wird mein Zögern mißverstanden: -das Seil zerrt mich in die Höhe, fort aus der eben -erreichten Stellung. Ich rufe: »Nicht ziehen!« – aber Tiroler -und norddeutscher Dialekt scheinen auch für die einfachsten -Dinge entgegengesetzte Ausdrücke zu gebrauchen: mit aller -Wucht wird weitergezogen, ich bin in dem engen Schacht eingeklemmt -und zapple in der Luft mit beiden Füßen. Ich bin nur -froh, daß der Photograph diese »vorteilhafte« Pose nicht erwischt -hat – keinenfalls hätte er sie mir geschenkt! Ein anderes -Mal dagegen, da ich über grausiger Tiefe nur so auf den -Zehenspitzen schwanke, ruft er gemütvoll: »Einen Augenblick -halt, wenn ich bitten darf! Und nicht so sorgenvoll aussehen!« -Was denn doch eine starke Zumutung ist. – Ganz plötzlich, viel -eher, als man bei der allmählichen Ermattung zu hoffen wagt, -ist man oben. Die Tatsache wird durch ein befreiendes »Ah!« -ausgelöst – denn den Bergsteiger, selbst den enragiertesten, -der schließlich nicht froh wäre, das Ziel erreicht zu haben, gibt's -noch nicht. Mehr noch als vor alle anderen Erfolge haben die -Götter vors Bergsteigen den Schweiß gesetzt! Wie köstlich ist es -dann, sich am Gipfel zu sonnen, in aller Ruhe die wunderbare -Aussicht auf die benachbarten Riesen und in die warmdurchleuchteten -Täler zu genießen – und endlich an Kräftigem zu -frühstücken, was der Futtersack enthält: Speck und derbes -Brot, Limonade aus der Aluminiumflasche, zum Schluß die -»Gipfelzigarre und -zigarette«! Alle Mühsal ist binnen kurzem -vergessen, man hat ganz das Gefühl eines Siegers; die Erde -mit ihren Nöten und kleinlichen Sorgen verschwindet – der -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -große Friede, die köstliche Einsamkeit hier oben stempeln diese -Stunde zu einer glücklichen und heiligen. Bis andere Partien -nachrücken, denen man den beengten Platz einräumt. – Man -rüstet sich von neuem, ich werde wieder ans Seil genommen; -aber nun, beim Abwärtssteigen, bilde ich die Tete. Hinüber -geht's zuerst zu dem nur etwa 50 m entfernten und um ein -paar Meter niedrigeren Nordgipfel, zu dem ein äußerst exponierter -Grat führt, der sich an einer Stelle so einschnürt, daß -man zum »Reitsitz« gezwungen wird. Die Beine baumeln dabei -nach beiden Seiten über den viele hundert Meter tiefen Abgrund -– für leicht von Schwindel befallene Menschen keine -empfehlenswerte Stellung! Sonst ist der Abstieg auf der -Nordseite technisch bedeutend leichter als über den Südgrat, im -oberen Teil jedoch über geröllbedeckte Platten, sehr steile -Schroffen und Grasbänder führend, so daß immerhin größte -Aufmerksamkeit erforderlich ist.</p> - -<p>Zum Schluß geht's durch einige Geröllrinnen, für die ich -eine besondere Vorliebe besitze!</p> - -<p>So sicher ich auch im Fels und beim Klettern bin, die heimtückische -Nachgiebigkeit des losen Schuttes habe ich immer noch -nicht gelernt genügend auszunützen. Der Hochtourist dagegen -erklärt mir, während er in großen Sprüngen durch das Geröll -hinabsetzt, des Rätsels einfache Lösung bestände darin, schon -wieder auf dem <em class="ge">anderen</em> Fuß zu stehen, wenn der Schutt -gerade unter dem <em class="ge">einen</em> nachgäbe, so daß man mit dem beweglichen -Geröll fortwährend in Bewegung sei und gleichsam -»mitfließe«, wie er sich euphemistisch ausdrückt.</p> - -<p>Ich sehe vollständig ein, daß auch dies für Leute, die es -können, sehr leicht sein muß – ich dagegen, die ich noch nicht -diese Geistesgegenwart der unteren Extremitäten erlangt habe, -nehme mehrmals »fließend« Platz.</p> - -<p>»Solch ein Moment war's –« und mein Hochtourist, der -sich aufgestellt hatte, um den gerade sehr wirksam beleuchteten -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -Tejakopf aufzunehmen, drehte sich flugs um und eignete sich, -meiner hilflosen Empörung zum Trotz, meine »fließende« -Lage auf den spitzigen Steinen an. Sobald man wieder ins -Tiefland kommt, werden eben die Charaktere wieder schlechter!</p> - -<p>Endlich werde ich »abgeknüpft«. – Man bemerkt sarkastisch, -daß doch zu hoffen wäre, ich könne die steilen Wiesen -ohne Katastrophe überstehen! Darauf verschmähe ich jede -Antwort – und sitze gleich darauf wie festgeklebt und etwas -schmerzhaft auf der klitschigen, von Wurzeln durchzogenen Erde -eines »Latschengassels«.</p> - -<p>Als sich der Hochtourist umdreht, habe ich die Hand voll -braunköpfiger, nach Vanille duftender Brunellen, und erkläre -in stoischer Ruhe, daß ich meine Sträuße immer sitzend zusammenstelle. -– Er ist geschlagen! –</p> - -<p>Drunten am Sebensee, dicht neben der Jagdhütte von Ganghofer, -gibt's noch eine letzte Rast, wo dann der letzte Proviant -großmütig verteilt wird. Rückwärts, voll Befriedigung, wandert -der Blick dabei zur Sonnenspitze hinauf – von hier aus -erscheint sie als ein breites, doppelt gegipfeltes Massiv.</p> - -<p>Da oben war man – ist's zu glauben?!</p> - -<p>»Um ganz alpin zu reden,« unterbricht der Hochtourist die -stumme Selbstbewunderung, die wohl aus meinen Zügen spricht, -»müssen Sie sagen: ich habe ihr den Fuß auf den stolzen -Nacken gesetzt!«</p> - -<p>Ich betrachte meine Füße in den derben Nagelschuhen, ohne -mich auf das Symbolische dieser Ausdrucksweise einzulassen, -und nachträglich noch überkommt mich eine fromme Scheu, -daß ich es wirklich gewagt habe –!</p> - -<p>Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn -ein anderer Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf -seinen stolzen Nacken« ziehen wird.</p> - -<p>Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen« -besser kann.</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -Quer durch die Lechtaler Alpen.</h3> - - -<p>Auf allen Gebieten des Lebens haben sich die Ansprüche gesteigert -– je mehr Freunde und Anhänger die Touristik und -die Bergbesteigung im Laufe der Jahre gewonnen haben, um -so größer sind auch die Anforderungen an Bequemlichkeit geworden. -Früher war man zufrieden, wenn sich eine anständige -Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels -übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des -Deutschen und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich, -wenigstens die besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit -zuführenden Wegen angelegt waren. Aber auch das genügte -bald nicht mehr: die neueste Errungenschaft auf dem Gebiete -der »Erschließung der Alpen« sind die »Höhenwege«. Sie -führen über die Joche und ermöglichen die Begehung steilgefurchter, -zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch -in Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen -gestattend, ohne daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer -können dabei immer noch einen oder den anderen -Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese Höhenwege nicht ganz -so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt: nämlich, -daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend -dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters -auf und ab zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -zu queren, dort einen Sattel zu erklimmen und dergleichen. -In Summa ist die Höhendifferenz, die man nach auf- und abwärts -zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei einer Gipfeltour. -Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist, daß -sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter -etwa 2000 m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend -wechselnden Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise -ist das am rationellsten durch Höhenwege erschlossene -Gebiet der Alpen das der »Lechtaler Alpen«, jener -bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der Parseierspitze, gänzlich -vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit alpiner -Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers, -Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte -nichts von ihr. Diese schönen Berge, im Süden durch die -Rosanna und den Arlberg, im Westen durch den Flexenpaß, -im Norden vom Lech, im Osten durch den Fernpaß begrenzt, -sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen Höhenwege, ein vom -großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet. Glücklicherweise! -Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler, -sondern nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir -sind auf vieltägiger Wanderung nur ein paar Leuten, vier oder -fünf, begegnet; auch die Hütten waren trotz der Hochsaison nur -sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die Gipfel dieser -Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste -Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen -häufig tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene -Couloirs, in denen noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem -Jahr die Kalkalpen, die sonst um diese Zeit schon »tot« zu -sein pflegen, besonders belebt infolge des langen Schnees; -überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche überströmen -den Pfad – und die Flora ist von einem Reichtum, -wie ich sie noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe. -Die Hänge sind noch rot von Alpenrosen – ganz oben sind -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -sie noch in Knospen – Seidelbast und wilder Thymian entsenden -ihre Düfte zusammen mit eben erblühten Schlüsselblumen, -gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben -und Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen -von dunklem Lila, Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume, -Moose in den verschiedensten Schattierungen und Feinheiten, -Löwenzahn und Sumpfdotterblumen – von den monumentalen -Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder -zu den lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe -zwischen dem Gestein oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine -wunderbare, stille Welt dort oben, die gewiß manchem höchste -Wonne bringen würde – trüge ihn sein Fuß in die Einsamkeit!</p> - -<p>Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation -Pians an der Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt -ein guter Weg über Grins, dem einstigen Sommeraufenthalt -der berühmten und berüchtigten Margarete Maultasch, das noch -alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist, bis zur -Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung -der Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«, -bildet. Die Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen -Kalkalpen, der die Höhe von 3000 m erreicht. Von der Hütte -führt eine erst vor kurzem eröffnete kühne Weganlage, an der -mehrere Jahre gearbeitet wurde, über ewigen Firn und schroffe, -wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger Wanderung zur Ansbacher -Hütte. Der Weg übersteigt den 2972 m hohen Dawinkopf, -der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen -und die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta -bis zu den Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien -der nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv -bleibt immer der herrlich weite Blick während der ganzen langen -Wanderung. Freilich ist es kein »Weg« im Sinne von -Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses -alpines Können dazu, um ihn <em class="ge">mit</em> Führer zu begehen. Wer -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -ihn führerlos machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile -und sonstigen Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit -und Erfahrung auf Fels und Schnee besitzen. Von -der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in dreiviertel -Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann, -geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee, -wobei man das Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte -zu überwinden hat – eine besondere Anforderung an -Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben glücklich oben, -so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und -jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen -»Nachmittagsberg« kann man sich von der Hütte aus noch -erlauben, den Seekogel, auf den man in einer halben Stunde -gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf hinaufspaziert. Weiter -zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier »Jöcher«! -Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf -und Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz -(2674 m) oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees -entschädigt für die Anstrengung durch eine wundervolle -Aussicht auf den östlichen Teil der Lechtaler, namentlich auf -ihr wildestes Gebiet: das Parzinn.</p> - -<p>Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen -des Parzinn, einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten -Zirkus, ganz in Latschen auf einem Vorsprung gebettet liegt. -Nur ein schmaler Ausweg nach Norden zum Lechtal hinunter -eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15 Jahren -eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und -abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen; -namentlich reizt die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas -gelegene ebenmäßige Pyramide der Dremelspitze, die, lange -als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel sich dem Nagelschuh -der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker Alpinisten -<i>Dr.</i> Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Zinne 1896 in achtstündigem Ringen – später fand der ungeßliche -Purtscheller einen etwas verwickelten, aber kurzen -und verhältnismäßig unschwierigen Aufstieg, so daß man den -Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden erreichen -kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«, -die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am -nächsten Tag übers Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder -hinauf in fünf Stunden auf den Muttekopf, den berühmten -Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten Kontraste von -seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die -Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel -von Imst, das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern -– kurzum, ein großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte, -in fünfviertel Stunden erreicht, bietet eine willkommene -Verpflegstation – nun herunter nach Imst in drei -Stunden! Der Fuß eilt – man drängt förmlich nach dem -Stall – denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet -der Koffer mit frischer Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit -und – frisches Fleisch! Welch ein Labsal nach -sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man mit tausend -Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen -Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete, -um sie dann wieder um so intensiver zu genießen!</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz.</h3> - - -<p>»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig, -der mich eben über Stand und Vermehrung seiner graubraunen -Kuhherde unterrichtet hatte, und zog nach seiner Meinung -sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber hoffte, daß »Kronprinzens« -– denn sie waren es wirklich und ich in ihrem -Jagdrevier – keinen Sinn für die Misere des Alltags haben. -Denn die kriegt uns unter – mag man noch so korrekt -und vorschriftsmäßig ausgerückt sein –, wenn man nacheinander -eine Reihe von Hochtouren gemacht hat und seinen -äußeren Menschen inzwischen nur mit den Schätzen aus dem -Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten« restaurieren -konnte. »Kronprinzens« – jung und schön beide wie -der Lenz – zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber; -und ich sah am heißen Hochsommertag auf meine -schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen zerrissenen Spitzen -meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die Fingernägel -und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck, -das ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit -entfernt war und ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt -hatte, unter dem im Tal wieder umgeknöpften weiblichen -Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo gefällt -wird, da fliegen Späne – wer sich in »die Unwirtlichkeit der -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß -sich ihren Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen -lassen. Zum Schluß siegen wir – zwar mit zerzausten Federn -– aber wir siegen! Und so ein Berg, zu dem man aufblickend -sagen kann: »Da oben war ich einmal und sah vom Gipfel -in die Lande« – zu dem behält man sein Leben lang ein -verwandtschaftliches Gefühl.</p> - -<p>Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert; -wie man weiß und ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter -Sommeraufenthalt. Mir sind solche Orte furchtbar; und für -die Maskerade der Städter, die sich als »Deandl'n« und -»Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein -recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen -schönem, klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen -Wirtshaus aus jede Bewegung der buntfarbigen Frösche – -nein, Schwimmer und Schwimmerinnen – verfolgen ließ. -Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf -dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur -Seite von der stillen Kirche begrenzt – ein hübsches, idyllisches -Kleinstadtbild! Wohin ich ginge? frug ein Bekannter. -In die Lechtaler; näheres wußte ich noch nicht. Das ist sehr -glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres Programm -als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so -geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge -zu geben und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von -dort aus wollen Sie gehen? – Ach, da würde ich Ihnen -doch vorschlagen, über den und den Paß und lieber von der und -der Hütte aus.« – »Danke schön, ich weiß alles. Ich war -nämlich schon im vorigen Jahr dort – auf der ›drübern‹ -Seite der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. – »So, Sie -wissen? – Dann freilich« –</p> - -<p>Ich nicke – der Hochtourist hatte sich während dieses -Gesprächs in abweisendes Schweigen gehüllt – greife nach -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -Rucksack und Pickel und entsteige dem Postwagen, der uns die -staubige Landstraße entlang geführt hat bis nach Spielmannsau. -Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie beliebte Badeorte. -Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von -der Fahrt erholen, beginnen wir bei 30 Grad im Schatten den -sonnigen Anstieg zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen -Nachmittagsstunden, unter der Last meiner beweglichen -Habe seufzend, eingefallen, daß Dante heutzutage eine andere -Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte; den Bergsteiger -z. B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf seine -Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern -lassen – etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben! -Und diese hat noch eine besondere Überraschung für den lieben -Wanderer bereit: hofft man sie nach drei »steilen« Stunden -nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen verläßt, so liegt -sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher auf einem -Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch -auszufechten: um 8½ Uhr – für eine Hütte also zu nachtschlafender -Zeit – tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf -und verlangte, daß die Dame, der man das Sektionszimmer -eingeräumt habe – das war ich! – sofort auszöge und -sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber -wozu ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt? -Ein Hüttenwart ist abends um 8½ Uhr auch nur ein gewöhnlicher -Tourist, falls er sich ein Zimmer nicht reservieren -läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit eiserner Stirn; was -ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber schweigen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen vorwärts auf dem berühmten »Heilbronner -Weg«. Er führt hart an der Mädelesgabel vorbei, -auf der jeder Tourist im Algäu, der etwas auf sich hält, gewesen -sein muß; wir überließen sie gutwillig der ungezählten -Schar dieser Pflichtgetreuen, wanderten den Gletscher weiter -aufwärts und turnten vorsichtig in die Felsen der Hochfrottspitz -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -(2649 m) hinein. Sie bietet eine recht amüsante -Kletterei – für mich das Schönste von allem Bergsteigen! -– und oben herrschte köstliche Ruhe und Einsamkeit, im -Gegensatz zum Gipfel der Mädelesgabel, von dem es lärmte, -johlte und schrie – eine besondere Art der Kundgebung von -Naturfreude, die dem Deutschen im Blute zu liegen scheint. -Der Heilbronner Weg geleitet noch direkt über den Bockkarkopf -(2608 m) und die Steinkarspitz (2653 m), gewährt -also unter sehr hübschen Gratwanderungen den Ehrgeizigen -einige Gipfel gratis. Man steigt zur Rappenseehütte ab, -die ebenso wie die Kemptner Hütte der durch den Höhenweg -ungeheuer angewachsenen Frequenz durchaus nicht mehr -genügt. Ein gewaltiges Zelt, in dem trotz Sturm und Regen -dreißig Personen Schutz suchen mußten, hilft nur wenig -aus dem Dilemma; auch der Heuboden war ausverkauft. Die -Bauern, denen das umliegende Areal gehört, verlangen jedoch -solche Großstadtpreise für jeden Fuß Land, daß der geplante -Um- und Neubau der Hütte schon seit Jahren verschoben werden -mußte. Ja, die treuherzigen Bauern! In diesem Jahr -geht's ihnen ohnehin gut – im Algäu brachten sie das dritte, -prachtvolle Heu ein und gestanden zu, daß sie wohl seit hundert -Jahren keine so gute Ernte gehabt hätten. – Wieder ganz -einsam – denn die beliebten Berge dieser Gegend sind das -Hohe Licht und der Rappenseekopf – zogen wir am anderen -Morgen zum Biberkopf (2600 m) hinauf, gut drei Stunden -von der Hütte aus. Ein merkwürdiger Berg: von einer -Seite in schauerlichen, unüberwindlichen Platten aufgetürmt, -von der anderen Seite in abgeschieferter Rinne bis zum Gipfel -natürliche Stufen zum Klettern bietend. Oben, kaum genoß -ich die Aussicht, erreichte uns ein Gewittersturm und trieb -uns Hals über Kopf zur »Gufel« hinunter, einer schutzbietenden -Höhle, zwanzig Minuten unterm Gipfel. Dort saßen -wir klappernd und klatschnaß, bis die liebe Sonne uns befreite -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -und das Geschäft des Auftrocknens während des Abstieges -übernahm. Über Lechleiten ging's dann in glühender -Mittagshitze am steilen Hang entlang in das hohe, öde Tal -von Hochkrumbach, also in den Bregenzer Wald hinein, der -sich wenigstens hier durch absolute Abwesenheit des Waldes -auszeichnet. Der »Widderstein« (2536 m), von dem aus sich -der Bodensee überschauen läßt, und der vom Wirtshaus aus so -ein rechter Nachmittagsberg ist, versöhnt mit der beklemmenden -Einöde des Tals. Aber ich war doch froh, nach einem -halben Regen- und Rasttag abwärts über Schröcken, der »Perle -des Bregenzer Waldes«, wandern und über den Schadona-Paß -die allerliebste, neue Biberacher Hütte erreichen zu können. -Ringsum ist alles Jagdrevier des Kronprinzen; als Aufenthalt -dient ihm und seiner Familie das hübsche, kleine Jagdschloß -in Hopfreben. Fast überall im Bregenzer Wald, allerdings in -jedem Tal etwas anders, tragen die Frauen noch die alte -Tracht. Die Kleider sind von oben bis unten in ganz feine -Falten gelegt, »plissiert« würde man auf deutsch sagen, die -Röcke in Kniehöhe mit einem ganz schmalen, hellblauen Streifen -besetzt. Um Hals und Nacken geht eine reiche Silberstickerei, -die Ärmel sind je nach Gelegenheit aus Seide, Wolle -oder Kattun und von beliebiger Farbe. Die früher stets benutzte -Pelzhaube wird jetzt im Sommer durch einen einfachen -Strohhut mit Bandschleife, der aber einheitlich getragen wird, -ersetzt; nur bei Prozessionen schmücken sich die Mädchen mit -dem »Schäpeli«, einer flachen Goldkrone. Angelika Kauffmann, -deren Vater aus Schwarzenberg stammte, und die -hier nur ein Jahr als Mädchen verbrachte, bewahrte dem Lande -größte Anhänglichkeit. Ihrer Jugendarbeit – sie malte die -Seitenwände der Schwarzenberger Kirche aus – ließ sie später -als Geschenk das schöne Hochaltarblatt folgen, obgleich, wie -sie selbst sagte, ihr die Kraft fehlte, Gott-Vater so darzustellen, -wie er in ihrem Herzen wohne. – Ich fand am herrlichsten -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -vom Land das Große Walsertal. Eine befriedigende -Expedition unternahmen wir vorher, von der Biberacher Hütte -aus über das Fürkeln zur Braunarlspitz (2651 m), deren -mächtiges Massiv uns schon lange lockte, und die eine der -gewaltigsten Hochgipfel des Bregenzer Waldes ist. Eine herrliche -Rundsicht belohnt für die Anstrengung, während die -Hochkinzelspitze (2307 m), von der Hütte aus bequem in -knapp zwei Stunden zu erreichen, hübsche Blicke in die nahen -Täler gewährt. So, nachdem wir von allen Seiten ins Algäu -und in den Bregenzer Wald geschaut hatten, wollten wir durch -das Große Walsertal, über Buchboden und das entzückend gelegene, -freundliche Sonntag absteigend, die Ebene zurückgewinnen. -Aber schon in Garsella ging mir nach vielstündigem Marsch -der Atem aus – und wir vertrauten uns einem kleinen Einspänner -an. Denn wer in den Bergen denkt, bergab sei bergab, -der irrt sich sehr; auch diese Landstraße stieg weiter und weiter -empor, all die verstreuten Dörfer berührend, die sich auf den -Terrassen der sehr steilen Talwände angesiedelt haben. Man -hielt es für ausgeschlossen, daß man je ins Tal kommen würde, -so tief unter uns rauschte das Wasser des wilden Lutzbaches. -Endlich, nach zweistündiger Fahrt, geht es in steilen Serpentinen -hinab, dem Örtchen Thüringen zu. Seit einer Woche -wieder ein Postwagen – zivilisierte Menschen oder solche, die -es sein wollen – ein Auto – Fabriken – die Bahn – – -kleinlaut steigt man ein und fährt für 20 Heller – gottlob -ist der erste Anspruch der Zivilisation an die Börse nicht -groß! – bis Bludenz. Hier, in dem alten Städtchen, dessen -Burg Hermann von Gilm, der bedeutendste Lyriker Tirols, -entstammte, wartet man, bis sich der Himmel wieder klärt -und das Fleisch so willig ist wie der Geist zu neuen Eskapaden -in die Einöde – zu neuen, herrlichen Genüssen in der -Bergwelt!</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -Vom Königspaar des Rhätikon.</h3> - - -<p>Nicht des Reiters, aber des Reisenden »über den Bodensee« -Auge wird am meisten gefesselt von der schneeschimmernden -Scesaplana, dem höchsten Gipfel (2967 m) des Rhätikons, -dieses zwischen Ill-Rhein-Gargellental und dem Prätigau aufragenden -Gebirgsstocks, der sich durch die Formschönheit und -Mannigfaltigkeit seiner Gipfel unter allen Gruppen der nördlichen -Kalkalpen besonders auszeichnet. Die Königin dieser -Kette ist die Scesaplana, um deren Schultern sich ein schimmernder -Firnmantel als Hermelin schmiegt. Durch Weganlagen -ist ihre Besteigung erleichtert, und ihr Gipfel, der eins -der schönsten Panoramen der gesamten Alpen bietet, ist das -Ziel Tausender von Bergsteigern, die je nach ihrer Befähigung -leichtere oder minder leichte Aufstiege suchen. Ist hier der -Preis der Besteigung die unvergleichliche Aussicht, so lockt den -Hochtouristen die »Zimbaspitze« (2645 m), von den Einheimischen -nur »Der Zimba« genannt, die kühnste und trotzigste Felszinne -des Rhätikons; und ist die Scesaplana die liebenswürdige -Königin, die den Gast entgegenkommend zu den Schönheiten der -Hochalpen führt, so ist »Der Zimba« ein ablehnender Fürst, und -viele, die sich an seinen Wänden und Graten versuchen, treffen -bei ihm auf schroffe Zurückweisung!</p> - -<p>Naturgemäß mußten unter den zahlreichen Gipfeln des -Rhätikons diese beiden Hochzinnen unser Ziel bilden. Die -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -»Wir« waren für »Den Zimba«, mein Hochtourist (den ich -großmütigerweise mitnahm!), ein junger Führer und ich. -Bei gewaltiger Hitze stiegen wir in drei Stunden von Bludenz -über Bürserberg zur Sarotlahütte empor. Ich kann -nicht sagen, daß ich die überaus primitiven Hütten wie diese, -die nur ein Matratzenlager in einem allgemeinen Schlafraum -bieten, besonders liebe; schon weil es ja keine Möglichkeit gibt, -»Toilette« zu machen. Aber nach all den von bessern Spaziergängern -überlaufenen Hütten der letzten Zeit war es direkt -wohltuend, sich unter Leuten, die es ernst meinten und ihre -ganze Expedition nicht bitter bereuten, wenn es kein »Bier -vom Faß« gab, zu befinden. Jede weltliche Torheit, wie -Bier überhaupt, lag dem einfachen Senn dort oben fern. -Milch von seiner Kuh offerierte er und Eier konnte man haben, -aus denen ich fürs Allgemeinwohl in einem schwarzgeräucherten -Tiegel eine wunderbare Speise herstellte; und dann -schliefen wir, zwei andere Partien, auch jede zu zwei Personen, -auf dem Matratzenlager, auf dem nur das Gewissen -weich war, in einer Reihe – der junge Führer als Paravent -zwischen mir und den übrigen! Freilich, das Einschlafen ging -nicht schnell, das pflegt auf Hütten so zu sein; und neben -mir durchs Fenster funkelten die Sterne – und die andern -beiden Partien hatten »große Sprüch'« geredet: wie schwer -es sei – und wie unbequem eine Dame –, denn wegen -Steinfalls müßte man größte Rücksicht auf einander nehmen! -Wenn ich nun diese Probe auf Trittsicherheit usw. nicht bestand? -Etwas zaghaft war mir zumute, und jedenfalls erleichterte -es mich, daß wir am nächsten Morgen die Ersten -fertig zum Aufbruch waren: so wie der Mensch nun einmal -ist, mag man lieber der Schuldige sein am Steinfall (wenn -es nun doch mal sein muß!) als der Unschuldige, den sie am -Kopf treffen! Unsere Rucksäcke ließen wir, um beim Klettern -nicht behindert zu sein, vom Sennen zum Zimbajoch -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -hinauftragen, wo wir sie beim Abstieg aufnehmen wollten: -länger als 5 bis 5½ Stunden rechneten wir nicht, da wir -bei unserer »Fähigkeit« den Baedeker wie den Purtscheller -in ihren Zeitangaben gewöhnlich schlagen.</p> - -<p>Im gemessenen Schritt »Echter« begannen wir um halb -fünf Uhr morgens den Aufstieg über sehr steile Gras- und -Schutthalden – Fuß vor Fuß, ohne Pause, zwei Stunden -lang, bis zum Einstieg in die Felsen. Hier nun wurde von -dem jungen Führer mit großer Vehemenz der moralische Halt, -das Seil, um die Stelle meines Körpers geschlungen, wo sonst -die Taille sitzt; zugleich begann die erste Kontroverse zwischen -ihm und dem Hochtouristen, der auf Grund seiner »literarischen -Kenntnisse« einen andern als den vom Führer bezeichneten -Weg einschlagen wollte. Doch da der Führer versicherte, -in diesem Jahr schon mehrmals oben gewesen zu sein -und »diese neue, leichtere Route« genau zu kennen, so gaben -wir nach – leider! Denn das Resultat dieser »neuen, leichteren -Route« war vollständiges Versteigen, wobei sehr schwierige -und gefährliche Platten- und Traversierstellen zu bewältigen -waren. Und dann überhaupt: dieser Berg! Er ist das -Niederträchtigste, was man sich denken kann – »treu und -fest wie ein Fels« ist ein Hohn auf ihn. Ich klettere gewiß -gern, aber ich bin für Zuverlässigkeit im Leben. Bietet »Der -Zimba« jedoch einen Griff – fast nur mit Grasbüscheln -locker besetzte Steine – so rutscht einem plötzlich der halbe -Berg entgegen – und bildet man sich ein, man hätte -einen sichern Tritt, so kommt unterm Fuß sofort die ganze -Wand ins Wanken. Alles ist brüchig, und dabei eine Steilheit, -die oft peinlich wirkt! Bei der ersten, sehr schweren Plattenstelle -stürzte der Führer beinahe ab – ich kann nicht behaupten, -daß dies mein ohnehin schon sehr ins Wanken geratenes Vertrauen -zu ihm erhöhte; denn auch von der Seiltechnik besaß -er nur eine unbestimmte Ahnung, und gerade bei unbequemsten -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -Stellen »vertüderte« es sich ihm, wie man in Schleswig-Holstein -sagt, und unbekümmert um meine Situation schrie -er dann unsichtbar von oben: »Sie, Frau, halten's Ihna fest!« -Auch sonst richteten sich seine Umgangsformen nach Stand -und Gefahr; das merkte ich besonders beim Abstieg. Ging es -leicht, so flocht er ein »Gnädige Frau« in seine Ermahnung -– in gefahrvollen Minuten riet er mir schmucklos, in den -derbsten Ausdrücken unserer in diesem Punkt ja sehr reichen -Muttersprache, mich einfach auf den mir von Gott dazu gegebenen -Teil zu setzen und von dieser breiteren Basis aus die -Hindernisse zu überwinden. Kurz und gut, der Hochtourist -übernahm schon von »der« Platte aus die weitere Leitung und -gab alle Anweisungen zur Seilsicherung usw. Ihm verdankten -wir es jedenfalls, daß wir überhaupt, und zwar nach unendlich -vielen Fährlichkeiten, bei denen ich zum Teil zwischen ihm und -dem Führer am Seil eingespannt war, nach 2½ Stunden -vom Einstieg aus – also im ganzen von der Hütte aus in -4½ Stunden – den Gipfel erreichten. Trotzdem hatte sich -mein Selbstvertrauen neu befestigt, denn ich durfte mir sagen, -daß das Seil nur zur Versicherung und nicht ein einziges Mal -dazu gedient hatte, um mich »zu ziehen«, wie ein lebloses -Paket – ein bei manchen Touristen nicht unbeliebtes Beförderungsmittel.</p> - -<p>Die andern beiden Partien mit den »großen Sprüch'« hatten -wir einmal in unsrer Nähe bei der Platte klappern hören. Die -Armen mußten uns nachgestiegen sein, hatten das Rennen aber -dort schon aufgegeben, denn wir hörten und sahen nichts mehr -von ihnen, trotzdem wir fast eine Stunde am Gipfel rasteten. -Eine schöne Fernsicht, wundervolle Talblicke ins Montafon, -über steilabstürzende Wände hinab ins Rellstal und zu den -anderen Vasallen des Rhätikons hinüber belohnten uns, gewiß; -ich aber genoß diesmal besonders die Ruhe – und das -Frühstück und befand mich glücklich bei dem Lob von Führer -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -und Hochtourist, »daß ich meine Sache brav gemacht habe«. -Das Ärgste, meinte ich auch, läge hinter uns. »Ja, Schnecken!« -Wir nahmen den Abstieg über den Westgrat, »traversierten« -also den Berg, da wir übern Ostgrat gekommen waren. Ein -Versteigen war wenigstens unmöglich, da die Route immer -am Grat entlangläuft – schwindelfrei muß man allerdings -sein. Und seine kleinen Überraschungen bietet dieser Westgrat -auch sonst; da ist z. B. eine schwierige Strecke über einen etwa -70° geneigten, von brüchigen Schroffen und lockeren Graspacken -durchsetzten Hang. Die hat es in sich! Früher konnte man -durch einen viel sichereren Kamin absteigen; seit dem letzten -Winter ist er verschwunden, da ein großes Gratstück in die Tiefe -gestürzt ist.</p> - -<p>»Gengan S' nur zu,« sagte der Führer gerade an dieser -Stelle ermutigend, viele Meter Seil über mir und durch Felsen -versteckt, »der Herr wird Ihna schon zurufen, wo S' hintreten -müssen!« Der Hochtourist war zu diesem löblichen Zwecke vorangeklettert. -Aber kein Rat, keine Hilfe kam, und als ich endlich -hochatmend innehalten mußte, weil des Seiles Länge erschöpft -war, saß der Hochtourist gerettet und seelenruhig auf -einem Vorsprung und versuchte den winzigsten Zigarrenstummel -in Brand zu setzen, den ich je als noch brauchbar gesehen -habe! Ja, man macht noch nebenher Charakterstudien in den -Bergen. Eine ekelhafte, überhängende rote Nase kam; da ich -mit den Füßen den spannbreiten Grat nicht erreichen konnte, -sollte ich mich »einfach herunterlassen«. Ich streikte, der Hochtourist -stampfte auf dem ohnehin schon wackligen Grat, der -Führer schrie sinnloses Zeug von oben – ich kniete an einem -senkrechten Abbruch auf einem Eck so groß wie eine Schwefelholzschachtel -und wurde noch einmal energisch ersucht, diesen -hervorragenden Stützpunkt nun »einfach« für die Ellbogen zu -nehmen! Ich schrie alles zurück, was mir im Moment nur an -tötlichen Beleidigungen einfiel – und dann entdeckte »man« -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -– ich sage »ich«, der Hochtourist »er«, der Führer »wegen -meiner« – die Idee eines Trittes an der Außenwand der Nase, -auf die ich meinen rechten Fuß stemmen konnte – gewonnen -hatten wir! Der Hochtourist zündete den Stummel frisch an. -Nach zwei Stunden heißer Arbeit standen wir am Zimbajoch -– die großen Schwierigkeiten hatten damit ein Ende. Immerhin -aber folgte noch ein zweistündiger, zum Teil recht ungemütlicher -Abstieg über steilen Schroffen und mit Platten durchsetzten -Grashänge, die größte Aufmerksamkeit und vollständige -Trittsicherheit erforderten, da es für die Hände so gut wie gar -keine »Griffe« gab. Schon vom Joch aus, auf dem wir unsere -Rucksäcke wieder vorfanden, winkte uns von unten die hübsche -und allerliebst eingerichtete Heinrich-Hueter-Hütte, in der es -wieder eine Ruhepause und eine Erfrischung gab.</p> - -<p>Auf den grünen Matten, von der diese Hütte umgeben ist, -sowie auf dem Übergang übers Säulejoch zur Douglas-Hütte -habe ich übrigens zum erstenmal Murmeltiere nicht nur -»pfeifen« hören, sondern spielen sehen und Männchen -machen.</p> - -<p>»Zum Abgewöhnen« kam also noch der »hochalpine Spaziergang« -zur Douglas-Hütte hinüber, der eigentlich noch gar nicht -eröffnet war – die offizielle Eröffnung der wirklich entzückenden -Weganlage, die andauernd die schönsten Blicke bietet, -ist erst einige Tage später erfolgt; in zwei Stunden erreicht man -den köstlich blauen Lünersee, an dessen Ufer die berühmte, höchst -originelle Douglas-Hütte »eingegraben« ist, könnte man sagen. -Denn um sie vor Lawinengefahr zu schützen, ist sie von einer -langen, festen Mauer bis zum Dach gedeckt, und alle Räume -der drei wie unterirdisch wirkenden, nach Bedürfnis entstandenen -Bauten haben nur Fenster zur Seeseite hin. Und hier -gab es einbettige Zimmer – man vergißt ganz, daß so was -Schönes auf der Welt existiert! – und schöne Waschtische – -und die Möglichkeit, sich ungeniert aus- und anzuziehen! Man -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -wird dankbar auf Bergeshöhen. Und wie das Essen schmeckte -– nach elfstündiger »Arbeit« inklusive der Freundlichkeiten des -»Zimba«.</p> - -<p>Um neun Uhr nach notdürftiger Stopfung aller Löcher und -Dreiecke in den »Unaussprechlichen« fällt man ins Bett. Aber -lang wird der Schlummer doch nicht sein: »Um vier Uhr bereit -– zur Scesaplana!« <i>Il faut obéir</i> – mitgegangen, mitgehangen!</p> - -<hr /> - -<p>»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern -des Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen -Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal -außergewöhnlicher Ausdrucksweise zu bedienen. Warum, -weiß ich nicht. Und helfen tat es auch durchaus nicht. Der -Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist weder -hervorragend anstrengend noch schwierig – dafür aber auch -nicht unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die -Beine derer, die in unstillbarem Höhendrang lange vor der -Sonne ausmarschiert waren, tauchten wieder und wieder über -unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf. Schade, man -verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb -auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin -die letzten – der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer, -der dritte die gegen jede Temperatur Immunen, die -sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür körperlich abzunehmen. -Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege und -meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen -in den Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei -Stunden ans Ende aller Kurven gelangt, sahen eine Stange -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -ragen, machten noch einmal: »Rechtsum – kehrt!« <i>Voilà</i> -– der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel; hinter -einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne -Frau, die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist, -der mit diesem Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen -war, was »Bewegung« anbelangt nämlich. Sonst -– der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch -seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen -(Tiroler) und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze -er gerade emporsteigt. Von den Ötztalern und der Ortlergruppe -im Osten bis zum Monte Rosa im Westen schaut man -und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die -blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal -verfolgen von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee, -nickt der alten Bekannten, der Silvretta, zu, freut sich an der -Bernina-Gruppe – und immer Neues, Fesselndes steigt aus -blaudunstiger Ferne auf – man hat das Gefühl, man stände -recht im Herzen der Alpen! – Nichts störte uns am Genießen; -jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen -schon längst wieder bergab – allein in Stille und Schönheit -und vor dem immer wechselnden Spiel zartester Nebelwolken -an den Bergwänden, zu schweigen von der Farbenskala, die der -Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte. »Die Scesaplana -ist die Königin des Rhätikons« – man beuge sich ihrer -Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«. -Über den Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle, -»sumpfige« Flecken wir sorgsam vermieden. Gegen diesen -Sommer nützt der beste Gletscher nichts! Aber rückwärts schauten -wir und bewunderten die steilen, merkwürdig geschichteten -Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite abfällt; und so -harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte, die -direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen -ist, frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Wegen, die zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber -nur ein »alpiner Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«, -wie der letzte Teil des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen -und Leitern gesicherten Steiges heißt, der ins Gamperdonatal -hinabführt. Viel erlebt man an solch einem Morgen: -öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die -unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch« -seine kleine Bahn gegraben hat –, Schutthänge, steile »Wasen«, -wie das Gras heißt –, schließlich wieder Latschengestrüpp -als neueinsetzende Flora, allmählich Kiefern, Ahorne – Matten -neben dem zu Tal rauschenden Wildbach – und zum Schluß -ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der »Nenzinger -Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt -Rochus. Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine -Menge kleiner Almhütten – es sind Sommerhütten der Bauern -und Bewohner aus Nenzing, die hier oben her ihre Herden auf -ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon alle, ungefähr -700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint -hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild -gesehen wie dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle, -dem hübschen Wirtshaus – den verstreuten Häuschen und dem -Vieh, das sich durchaus als Hauptsache empfindet und ungeniert -Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm paßt. -In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur -durch Sennen – und Sommerfrischlerinnen, die das grüne -Nest auch schon entdeckt haben, erscheinen in blauen Leinenhosen, -um sich selbst ihre Milch zu holen. Aber der fremde Einschlag -stört hier nicht – er ordnet sich der Stimmung unter.</p> - -<p>Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d. h. in die -Ebene, dauert vier gute Stunden, vollzieht sich aber auf so -schönem Wege, meistens durch Wald und höchst romantisch -neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man Zeit und -leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -und Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die -Luft des Tieflandes und möchte wie das mexikanische Tier mit -dem schönen Namen Axolotl sich auch anpassen können: ein -paar Lungen, weit und groß genug haben, um unendlich viel -reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern, -und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten -vermögen! Ob man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?!</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -Streifzüge in Südtirol.</h3> - - -<p>Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn -über den Brenner gefahren, hatten uns die Tauern aus dem -Sinn geschlagen und uns den südlichen Alpen zugewandt, wenn -nicht in der bestimmten Hoffnung, dort Wärme, Sonne, Wohlbehagen -zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten Schneesturm -seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im -gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das -mit echt norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet -wird, und als Unikum einer Hütte eine kleine -Kapelle, die höchstgelegene Europas, besitzt. Sie ist durch das -Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die Führer am Sonntag -nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe gehört -haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden -sich junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und -in einer Höhe von 3203 m ihres Amtes walten. Aber die -Nächte »dicht beim lieben Gott« und bei soundsoviel Grad -Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer sitzt man -Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen, -die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die -kleinste Nasenspitze sichtbar – weißes Flockengestiebe ringsum! -Da wurde schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in -die Schönheit der Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen -zäh wie Bergmoos ist, von stiller Raserei ergriffen, -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -die sich gegen den Eigensinn der Natur kehrte. Kurz hieß es: -»Jetzt wird mir's z'dumm – jetzt wird gegangen!« Also -gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am -warmen Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei -Schritte vor sich hin sehen konnte; des Morgens um sechs und -bei dichtem Schneegestöber und einem Sturm, der sich von allen -Gletschern in der Runde – und sie sind dort grade nicht selten! -– neuen Atem und frische Kälte zu holen schien. Nachdem -wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht -hatten, wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine -Proviantstation fürs Becherhaus befindet, d. h. Kisten und -Fässer lagern frei im tiefen Schnee, konnten wir wenigstens -über ein paar spaltenlose Gletscher im Sitz abfahren, mir eine -der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in verhältnismäßig -kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen, in -denen gefühlvoll statt des Schnees – Regen einsetzte. Mit -ihm plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel -frei, unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm -stand und uns nun auszulachen schien, auch die eisgepanzerten -Recken des Seebertals. Auf der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich -Pferde gepflegt werden, gab es am rauschenden Bach -das übliche Rucksack-Frühstück – inzwischen war es zehn geworden -– und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten -Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben. -Welch betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin, -durch einförmige Talgründe und entschieden in ein südlicheres -Klima. Es wird warm, heiß – die Sonne brennt, der Wind -verstummt, die Wege werden steiler und steiniger. Recht erschöpft -trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos im Passeier -diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich -herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten -Wegende geben soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen -Straße nach Sankt Leonhard sind diese zwei Stunden recht bitter -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -– und dann die Furcht, ob man den Autobus, der uns nach -Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob es noch Freiplätze -in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt -Leonhard an – und diesmal ist man dem schlechten Wetter -von Herzen dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder -Standquartieren festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche -Sitze beschert. Eine Stunde später bewundert man schon -die subtropische Vegetation Merans an der Gilfpromenade, -genießt den köstlichen Anblick der von Trauben behangenen -Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast -zum Morgen – diese üppige Flora, diese angenehme -Wärme – endlich, endlich hat man sie gefunden!</p> - -<p>»Nach Meran«, meinte mein Hochtourist verächtlich, »ziehen -mich im Sommer keine zehn Pferde!« Ein ausgiebiger Schneesturm -hat ihn eines andern und bessern belehrt. Denn es ist -hier einfach himmlisch; die Luft andauernd von leichter Brise -erfrischt, prangende Fruchtbarkeit ringsum, auf den schönen -Promenaden keine armen Kranken, sondern stämmige Touristen -und jauchzende Meraner Kinder, die nun auch einmal die -Vorteile dieses gesegneten Landes genießen. Die Kurverwaltung -tut ihr Möglichstes, um die Passanten zum Bleiben zu bewegen; -morgens und abends konzertiert die Kapelle wie zur -Hochsaison, prächtige Waldspaziergänge hinauf zu den Schlössern -Tirol, Lebenberg, Schönna locken – selbst das Steigen -fällt bei der kühlen Temperatur nicht schwer – und wer dennoch -reine Höhenluft möchte, fährt mit der im vorigen Herbst -eröffneten Vigiljoch-Schwebebahn auf das Vigiljoch empor. -Das reizende, kleine, im Bauernstil gehaltene Hotel dort oben -liegt 1468 m hoch und bietet eine wundervolle Aussicht ins -Etschtal, hinter dem sich die Dolomiten aufbauen. Die Fahrt -mit der Schwebebahn an und für sich ist schon ein Genuß, da -sich die Aussicht mit jedem Meter, den man steigt, immer mehr -weitet; außerdem ist sie technisch in ihrer Länge von 2210 m, -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -die einen Höhenunterschied von über 1150 m bewältigt, eine -großartige Leistung. – Uns natürlich konnte das stille Rasten -am Vigiljoch nicht genügen. Wir wanderten noch am Abend -zum einsamen Gamplhof, der eine Stunde höher liegt als das -Vigiljoch. Und von ihm aus beim nächsten Morgengrauen in -aussichtsreicher Kammwanderung über den Rauhen Bühel und -das Hochjoch zum Gipfel des Hochwart (2607 m). Er ist -ein hervorragend schöner Aussichtspunkt. In gewaltigem Rund -streift das Auge von den stolzen Eisriesen der Ortler-Gruppe -über die Ötztaler und Stubaier Alpen zu den wildgezackten -Dolomiten, der Presanella- und Adamello-Gruppe; selbst die -Schweiz schickt durch die blinkenden Gipfel der Bernina-Gruppe -einen Gruß herüber. Ganz entzückend ist der Tiefblick -auf das grüne Vinschgau, das in seiner vollen Ausdehnung -von Mals bis zur Töll tief zu Füßen liegt. – Den Abstieg, -den wir teilweise pfadlos über steinige Hänge und kaum erkennbare -rauhe Alpenpfade ins Ultental nahmen, kann ich nicht -recht empfehlen. Er kürzt zwar den Weg zu unserm nächsten -Ziel, irgendeinem behaglichen Gasthaus in Sankt Waldburg -drunten nicht unbeträchtlich ab, doch nimmt er keinerlei Rücksicht -auf ohnehin schon müde Füße und vom Auf und Ab leicht -verbogene Glieder. Wer plagte sich nicht gern, um einen -schönen Gipfel zu erreichen, aber im Almen-Terrain überläßt -man jeden Ehrgeiz den Kühen und Ziegen. Viele, viele bittre -Seufzer, bis man endlich, endlich den Rucksack abwerfen kann -und nach der üblichen Portion »Tiroler Schöps«, unter der sich -– wie immer – eine schamhafte Ziege birgt, in sein Bett -kriecht. Ein vierzehnstündiger Marsch inklusive Berg genügt -meinen bescheidenen Ansprüchen an Bewegung durchaus! – -Schrecklich lang ist das Ultental, das wir am nächsten Tage -aufwärts wanderten, und das von der Falschauer durchströmt -wird. Die höchst romantische, schluchtenartige Mündung des -Tales und Baches bei Lana heißt die Gaul und wird von -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -einem großartig angelegten elektrischen Werk ausgenützt. Im -obern Teil aber, der sich gegen die Ausläufer der südöstlichen -Ortler-Gruppe erstreckt, ist dies Tal sehr einsam und von Touristen -wenig besucht. Aber grade das zog uns an – und die -Aussicht, einmal nicht in eine überfüllte, von der Mode, die ja -leider auch auf die Berge steigt, bevorzugte Hütte zu kommen. -Der Weg hebt und senkt sich an der Berglehne und durchschneidet -bescheidene Dörfer: Kuppelwies, Sankt Nikolaus, Sankt -Gertraud, und für die Heiligen dieser Ortschaften gibt's -genug Kapellen und Kapellchen, mit Alpenblumen geschmückt; -an einem Marienbilde steht der rührende Vers, dessen Original -sich an der Gnadenbrücke im Etschtal befindet:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Mein liebes Kind, wo gehst Du hin?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weißt nicht, daß ich Dir Mutter bin?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß Keiner Dich liebt so wie ich?</td></tr> - <tr><td class="tdl">So steh doch still und grüße mich!«</td></tr> -</table> - -<p class="in0">Nach dreiundeinhalb Stunden – <em class="ge">sehr</em> heiß! Aber »man« -ist ja nie zufrieden, womit ich gemeint sein soll – Rast in Sankt -Gertraud. Tiroler Schöps. Und dann wird's ernst. Mit der -Hitze und mit der Steilheit. »Am Grünen See (2489 m) in -der ›Neuen Welt‹, 3½ Stunden von St. Gertraud, oberhalb -der Weißbrunner Alm die Höchster Hütte (2500 m) in prächtiger -Lage,« liest man im Baedeker. Das klingt so einfach und -nett, man geht, nicht wahr, und plötzlich ist man da! Wasserfälle -rauschen neben einem, ein idyllisches Bild bietet mit ihrem -Viehreichtum auch die große Alm – und dann geht man eben -immer weiter, immer höher, immer steiler aufwärts. Die Hütte -ist einzig in ihrer geschmackvollen Einrichtung, ihrer glänzenden -Bewirtschaftung, und gewiß will ich auch die »prächtige -Lage« an dem von Gletschern gespeisten See nicht leugnen. -Aber ein klein wenig weiter hätten gerade die Serpentinen -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -der letzten Strecke angelegt werden können – sie lagen da -wie eine fest aufgerollte Schlange und mühsam dreht man -sich auf ihr und um sich selbst empor. Das Kleinlautsein der -»bekannten Hochtouristin« nimmt doch bedeutend zu, als sie -oben von der Perle aller Wirtschafterinnen erfährt, daß der -einzige Führer des Ultentales, den man vorzufinden hoffte, -noch eine Partie macht: Rückkehr unbekannt! Und da sollte -die Tagesarbeit umsonst gewesen sein, die geplante Tour über's -Zufrittjoch und die Zufrittspitze hinab ins Martelltal auch in -den Grünsee fließen –?! Der Hochtourist bewahrt männliche -Fassung; aber auch er ist entschlossen, seinen Rucksack nicht -selbst vier Stunden lang über die riesigen, steiglosen Trümmerhalden -zum Joch hinauf zu schleppen – er studiert um. -Und plötzlich tut er, als könne uns nichts Besseres passieren, -ja, als wäre es schon lange unsere einzige Sehnsucht, eine -große Gletschertour allein zu machen! »Die Hintere Eggenspitze,« -sagt er und deutet aus dem Fenster auf den schönen, -weißen Gipfel, »das ist sogar der höchste Berg in der östlichen -Ortlergruppe! Und wie bequem, man geht von der Hütte -aus hinauf, ohne andres Gepäck als den Proviant, kommt -hierher zurück, ruht sich aus – steigt wieder ins Tal –! Dabei -der Weg so einfach: eine Stunde lang grobes Moränengetrümmer, -dann über den Weißbrunngletscher ohne jede technische -Schwierigkeit empor. Ich seile Sie an – und damit -gut!« <i>Ce que homme veut</i> – – ich ergab mich. Als erstes -fehlte uns das Seil, das er schlauerweise oder aus Bequemlichkeit -unten im Koffer gelassen hatte. Die Hüttenwirtin -lieh uns das neue Fahnenseil, dessen 9-Millimeter-Stärke -schlimmstenfalls ja genügt haben würde, <em class="ge">mich</em> zu -halten. Zuerst also die einfachen Moränen, dann der einfache -Gletscher. »Ist er auch gefahrlos?« fragte ich, als wir -vom Fels auf den Firn hinübergingen und ich kunstgerecht als -erste Fahne des Seils angeknüpft wurde. Dabei entdeckte -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -ich, daß mein Hochtourist in die 15 m Seillänge, die zwischen -uns Distanz halten sollten, eine Schlinge machte. »Da hinein,« -befahl er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten, -»stoßen Sie sofort den Pickel bis zur Klinge, wenn ich einbreche, -und bohren ihn fest in den Schnee, was Sie weiter -tun müssen, sage ich Ihnen dann schon!« »Gern,« versprach -ich mit übertriebener Freundlichkeit, plötzlich dessen bewußt, -daß ich im Ernstfalle gar nicht die Kraft haben würde, ihn -herauszuziehen. Verdient hätte er's ja auch keinesfalls – -nur daß ich dann eben sanft nachgerutscht wäre! Anderthalb -Stunden sondierte die Gestalt vor mir mit dem Pickel Schritt -für Schritt; denn die Stirn dieses müden, alten Gletschers ist -von Falten durchfurcht, die der tückische Schnee sorgsam zugedeckt -hat. Aber wir mußten diese Schönheitsmängel aufspüren, -Schritt für Schritt, und jeder sank dazu tief in die -weiche Decke. Ein paarmal drehte sich mein Wegweiser in ziemlicher -Hast zur Seite und sagte nur: »Dort nicht!« und ich -empfand schaudernd das Gefühl nachträglich, das einen befällt, -wenn der Pickel ins Leere, ins Bodenlose stößt; und dann -brach er mit dem rechten Bein wirklich ein, rief über die -Schulter: »Festhalten!« und krabbelte am Rand empor, während -ich krampfhaft und todesmutig zog. Ich bilde mir auch -heute noch ein, daß nur ich eine Katastrophe verhütet habe – -bis heute habe ich aber weder einen Dank noch eine Rettungsmedaille -bekommen! Aber dort: waren das nicht Spuren?! -Ein Mensch mußte den Gletscher traversiert haben und zum -Zufrittjoch hinübergewandert sein. Wir hielten tapfer auf -die Trace los: und dann ergab sie sich als die zierlichen Abdrücke -von acht Gamsfüßen, die mit untrüglichem Instinkt, -wie es sich herausstellte, knapp vor jeder Spalte abgebogen -waren. Auf meine innere Verzweiflung hin, die sich nur in -Seufzern und kurzen Verwünschungen alles Bergsteigens -äußerte, probierten wir einmal, im Fels aufwärts zu kommen; -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -aber er war teilweise mit Schnee bedeckt und dazu so plattig -und zertrümmert, so wenig Halt bietend für Fuß und Hand, -daß wir reuig zu den immer noch zuverlässigeren Gletscherspalten -zurückkehrten. Endlich der Grat! Er bietet keine -Fährlichkeiten mehr; die anderthalb Stunden in seinem Schnee -sind zwar noch mühsam und nicht gerade wohltuend, denn -trotz des tiefblauen Himmels und der nun erscheinenden leuchtenden -Sonne pfeift ein eiskalter Wind uns ins Gesicht; aber -nun haben wir den Berg doch besiegt! Und er lohnt uns -die Mühe reichlich. In greifbarer Nähe liegen die eisgepanzerten -Riesen der zentralen Ortler-Gruppe, im Norden die -Ötztaler, die Stubaier, im Süden die Adamello- und Brenta-Gruppe, -in der Ferne die Gipfel der Bernina, im Osten die -wildgezackten Dolomiten. Ja, köstlich ist die weiße Einsamkeit, -die glitzernden Schneefelder, die große, erhabene Ruhe -der Firnhäupter. Umsonst ist man nicht 3437 m hoch, -der Stolz gibt dem Brot und echten Prager Schinken einen -Extrawohlgeschmack – wenn nicht, ja wenn nur nicht, der -Abstieg noch wäre –! »Sehr einfach,« bemerkt der Hochtourist, -der sich für seine Anstrengungen durch reichliche Nahrungszufuhr -selbst belohnt, »wir vermeiden den morschen -Fels! Wir gehen nur durch den Schnee.« Ich versuche zu -streiken; aber eine Frau an einem Fahnenseil, nach einer mehrstündigen -Gletscherpartie, in leicht strapazierter Toilette (Beinkleid -und Wollbluse!) mit Schneebrille und Fausthandschuhen, -hat einiges von ihrer »Allmacht« eingebüßt. Sie muß, beim -Abstieg vorangehend, den alten Spuren folgen, sinkt in -dem jetzt noch viel weicheren Schnee bis an die Brust ein, -klappt wie ein Taschenmesser vornüber, hat Nase, Augen -und Ohren voll Schnee, besinnt sich, daß sie sich im Fels -das rechte Knie verletzt hat, fühlt, daß es nun den Dienst -versagt, schreit in die Lüfte, daß ihr Bein verrenkt, der -Hüftknochen gebrochen und sie verloren sei – und erhält von -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -dem in fünfzehn Meter Abstand von ihr gleichgültig ihre Hilflosigkeit -Beobachtenden mit ruhiger Stimme den Rat: »Zieh'n -S' das Bein raus und gehen S' weiter!«</p> - -<p>Es ist seltsam, welch eine Suggestion in solchen durchdachten, -feinempfundenen Worten liegt: man zieht das Bein wirklich -heraus und geht schweigend weiter. Am Schluß des -Gletschers wird die Fahne eingezogen, d. h. ich abgebunden. -Aus den kleinen Wasserrinnen, die in frühester Morgenstunde -bescheiden zwischen dem Geröll rieselten, hat der schmelzende -Schnee nun reißende Bäche gemacht, mit großspurigem -Auftreten. Und ein bißchen gewachsen nach dieser Gletschertour -fühlt man sich selbst auch: ohne Führer – und bei -der Möglichkeit (oder besser Unmöglichkeit!) im Ernstfall -den Hochtouristen aus einer Spalte ziehen zu müssen – -gar nicht schlecht! Man hat sich gut bewährt. Unten, bei der -Hütte, ist man überzeugt, daß zwar alle Fähigkeiten zu großen -Eistouren vorhanden sind, daß man jedoch, um nicht aus der -Übung zu kommen, doch noch eine rechte, schöne Kletterpartie -machen möchte. Und dazu gibt's ja immer nur eins: die Dolomiten!</p> - -<p>Hinaus zum langen Ultental, das man wirklich gründlichst -kennen gelernt hat, von Sankt Waltraud in der vollgestopften -Post bis Oberlana bei Meran. Per Bahn nach Bozen und mit -einem der unzähligen Hotelwagen, die täglich noch ungezähltere -Fremde befördern, durch das Eggental, vorüber an der -pompösen alten Burg Karneid der Münchener Erzgießerfamilie -von Miller, von Birchabruck und Welschnofen, den köstlichen -Blick auf den Latemar, den Rosengarten, die Ortler-Gruppe -genießend. Das Wetter scheint etwas unsicher, und oben auf der -Höhe des Karerpasses, die man vom berühmten Karerseehotel -durch einen schönen Waldweg erreicht, regnet es sanft. Bedenken -steigen in einem auf, wie sie nur zu berechtigt sind: setzt -etwa eine neue Regenperiode ein, müßte man auch tagelang dasitzen -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -in der Glasveranda des Karerpaßhotels und Patiencen -legen oder Balkannachrichten lesen, von denen doch keine einzige -wahr ist?! – Da kommt der Mond über den Paß und -übersilbert dankbar diesen herrlichen Fleck Erde. In aller Frühe -lockt der leuchtende Schnee der Gipfel ans Fenster, ein jauchzender -Tag bricht an, und vorsichtig trappt man mit den Genagelten -die Treppe hinunter, um ja die Schläfer nicht zu stören, die -Armen, die von dem Wunder draußen nichts ahnen. Mögen -sie nur Patiencen legen, wenn sie aufwachen! Viele schöne -Wege gibt's in den Alpen; aber der schönste, unvergleichlichste, -die Krone aller Wege ist der Hirzelweg vom Karerpaß zur -Kölner Hütte, die am Südwestende der Rosengartenspitze liegt. -In klarer Morgenluft und immer wechselnder, zarter, wunderbarer -Beleuchtung lagen sie da in langer, endloser Kette, die -göttlichen Gebilde: die Latemar-Gruppe, die Presanella, die -Brenta, die Ortler-, Ötztaler- und Stubaier-Alpen, der Schlern, -der Tribulaun; die zweieinhalb Stunden zur Hütte (2325 m) -verfliegen im Genuß all der Pracht, die sich von der Hütte aus -noch ebenso bewundern läßt. Und man begreift nur zu gut, daß -die Sektion Rheinland noch ein Touristenhaus anbauen mußte, -das einen Tag vor unserm Besuch eröffnet worden war: wer -diese Hütte nicht gesehen hat, hat nichts gesehen! – Gleich hinter -der Hütte geht's steil empor über das Tschaggerjoch (2644 m) -und wenig abwärts zur vielbesuchten Vajoletthütte, dem Ausgangspunkt -für die meisten Touren in der Rosengarten-Gruppe -und auf die kühnen Vajolettürme. Wir wandern am nächsten -Morgen zum Grasleitenpaß, deponieren unter Geröll die Rucksäcke -und steigen auf den höchsten und zugleich aussichtsreichsten -Gipfel des Rosengartens, den Kesselkogel (3001 m), der einen -wunderherrlichen Blick über fast ganz Tirol bietet und im übrigen -bei wenig Kletterei und einem ganz amüsanten Band eine -nette Vormittagsunterhaltung gewährt. Durch den großartigen -Grasleitenkessel, wo der Schnee noch eine lustige Abfahrt gestattet, -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -geht's zur Grasleitenhütte hinunter, wo der Führer für -den nächsten Tag engagiert wird. Direkt vor der Hütte, so daß -man den unteren Teil des Aufstiegs durch die schwierigen Kamine -ganz übersehen kann, erhebt sich der Grasleitenturm – -ein paar Junge, Führerlose, durchklettern ihn grade, und heißes -Verlangen nach ihm packt mich! Aber natürlich: der Hochtourist -ist schon oben gewesen und fand es daher für mich peinlich, -von den »Hüttenwanzen«, die auch jetzt an der Arbeit waren, -kritisiert zu werden. Was mich aber im nächsten Jahr durchaus -nicht verhindern wird! – Für diesmal war die Traversierung -der mittleren und östlichen Grasleitenspitze beschlossen, -»auch eine schwierige Tour mit Kletterschuhen«, wie ich getröstet -wurde. Tatsächlich hat Gottfried Merzbacher, damals schon -ein vorzüglicher Kletterer, vor ca. dreißig Jahren erklärt, -daß die Grasleitenspitzen unersteiglich sein dürften – wie hat -sich der Maßstab geändert! – und wirklich erscheinen sie von -der Hütte aus wie eine geschlossene Mauer, die jeden Angriff -abweisen muß. In der Nähe löst sich die steile Fläche allerdings -auf und bietet gute Griffe und Tritte; immer aber ist sie außerordentlich -exponiert und erfordert in den knapp drei Stunden, -die man bis zum überraschend großen Gipfelplateau der mittleren -und höchsten Spitze (2705 m) braucht, strengstes Aufpassen. -Die Kletterschuhe legten wir diesmal schon in der Hütte -an, und kraft ihrer Anschmiegsamkeit an den Fels, und der -Überlegung, die sich schwierigen Situationen gegenüber plötzlich -einstellt, ging alles vorzüglich. Meine Zwirnhandschuhe waren -zwar »hin« – ich kletterte zum Erstaunen aller geaichten Alpinisten -nie ohne Handschuhe –, denn die Felsen waren scharf -und fest zugreifen mußte man schon; aber die Glieder gottlob -heil! Ganz so gut ging's uns beim Abstieg zur Scharte zwischen -der mittleren und östlichen Spitze nicht. Diese Tour ist außer -Mode – entthront durch den Grasleitenturm! – und es fand -sich deshalb viel brüchiges Gestein vor uns, das sonst von den -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -Kletterern nach und nach beseitigt wird. So war bei der großen -Exponiertheit doppelte Vorsicht geboten. Der Hochtourist entdeckte -einen Kamin, der ihn stark anlockte, und grade stiegen -wir in ihn hinein, er voran, ich in der Mitte, der Führer mich von -oben bewachend, als ein entsetzliches Getöse über uns entstand. -Ich blickte zum senkrecht über uns stehenden Gipfel, schrie: -»Steinschlag!« – und drückte den Kopf in eine Felsspalte. -Ein faustgroßer Stein traf mich schmerzhaft auf der Hüfte, und -pflichtgemäß schrie ich auf; aber es war wohl mehr die Angst -vor der Ungewißheit: »Kommt noch mehr – und kommen noch -größere?« Recht peinliche Augenblicke sind das, die man da -zubringen muß, als Spielzeug des Zufalls! Rasch wie er gekommen, -war der Steinschlag vorüber – man atmete auf – -und machte sich wieder an die Arbeit. Es erwies sich, daß meine -Beine für einen Tritt im Kamin zu kurz waren, und ich hing -daher einige Meter zwischen Himmel und Erde, was man euphemistisch -»abgeseilt werden« nennt. Aber wenige Minuten -später stand auch ich auf der mit Schnee bedeckten Scharte, und -kaum eine halbe Stunde später erreichten wir den östlichen -Gipfel, womit alle Schwierigkeiten ihr Ende gefunden hatten. -Denn der Abstieg zum Molignonpaß ist nur ein Spaziergang -von wenigen Minuten. Dort standen allein und in der Mittagsstunde -bratend, unsere Genagelten, die ein Hüterjunge hinaufgetragen -hatte, und die uns nun im Schutt hochwillkommen -waren. Wirklich, eine schöne <em class="ge">und</em> schwierige Tour war's, die -man weniger wegen der Aussicht – sie ist nur nach Westen -und Norden lohnend, im Osten und Süden lagern sich höhere -Gipfel vor – als um der reinen Kletterfreude willen macht. -Eine Extrabelohnung ist noch der Weg von der Grasleitenhütte -durchs Tschamintal. Wald und Matten dünken einem zwar -immer besonders herrlich nach ein paar Tagen in den steinernen -oder firnenreichen Wüsten des Hochgebirges. Aber der Blick -rückwärts vom idyllischen Tal auf die von unten überaus kühn -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -und steil aufragenden Valbuonköpfe, die Grasleitentürme und -die Spitzen, die man nun stolz wie alte Bekannte grüßt, ist von -einem großen und unvergeßlichen Zauber. Und ein letztes Mal -noch umfaßt man die verlorene Herrlichkeit vom kleinen Kapellchen -St. Cyprian aus, bei Weißlahnbad, einem willkommenen, -oft benutzten Vorwurf für die Maler; und trägt die Erinnerung -an so viel glückliche, wenn auch mühevolle Tage und -Stunden mit sich, wenn man auf leise schmerzenden Füßen -durchs Tierser Tal in die Welt der Alltäglichkeit und Flachheit -zurückwandert.</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Hüttenleben.</h3> - - -<p>Die meisten Menschen, die im Sommer eine Erholung suchen, -wollen's »gemütlich« haben. Je nach ihren Ansprüchen und -Mitteln wählen sie den Aufenthalt in einem eleganten Bade, -einem bescheidenen Kurorte oder, wie's jetzt »Mode« geworden -ist, in abgelegenen, primitiven Bauernhäusern; Bedingung -bleibt immer, daß man es sich eben nach seiner Auffassung -»gemütlich« machen kann, jede geistige und körperliche Anstrengung -vermeidet und alle vierundzwanzig Stunden einem -Dolcefarniente weiht. Im Durchschnitt wird das ja nun das -richtige sein, um die Nerven zu beruhigen – worauf es den -Sommerfrischlern in der Hauptsache ankommt! Der einzige, -der auf sein Programm nicht mit rosa Lettern und nachlässiger -Schrift das Wort »Frieden« schreibt, ist der Hochtourist. Zwar -bringt sicherlich ihm am ehesten die köstliche Bergeinsamkeit allmählich -ein inneres Ausruhen und eine wirkliche Befriedigung, -aber vor seinen Erfolg haben die Götter in Wahrheit viel -Schweiß gesetzt – er muß täglich aufs neue kämpfen, mit sich -selbst, mit der Natur, um den wohlverdienten Lohn zu empfangen. -Von »Gemütlichkeit« ist bei ihm nicht viel die Rede. -Schon seine Ausrüstung deutet auf die Anstrengungen, Gefahren -und Entbehrungen, die seiner warten. Er allein löst -sich in den Wochen seiner alpinen Tätigkeit von der Zivilisation; -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -noch mehr: auch auf die ihm angeborene oder anerzogene -Kultur muß er ein wenig verzichten, soweit sie seinen äußeren -Menschen anbelangt. Das tägliche Bad, frische Wäsche, Kleiderwechsel -zu jeder Tageszeit oder jedem Witterungsumschlag, das -gibt's ebensowenig wie pünktliche Mahlzeiten, einen mit Luxus -gedeckten und mit reicher Auswahl besetzten Tisch. Von vornherein -läßt sich also annehmen, daß sich nur diejenigen den -Bergsport zur Erholung erwählen, die von den elf Monaten -ihres bürgerlichen Daseins nicht »untergekriegt« sind und einen -Vorrat an unverbrauchten Nerven und fester Gesundheit besitzen, -der sie befähigt, den kommenden Strapazen Trotz zu -bieten.</p> - -<p>Sieht man sich einmal die alljährlich stark anwachsenden Mitgliederlisten -des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wie -der übrigen zahlreichen alpinen Klubs und Vereinigungen an, -so darf man daraus wohl nicht mit Unrecht einen Schluß auf -die Volkskraft und -gesundheit ziehen. Steigt von all diesen -Hunderttausenden jährlich auch nur ein gewisser Prozentsatz -wirklich auf die Berge, so genügt er doch, um uns nicht ganz -hoffnungslos in die Zukunft unserer Rasse schauen zu lassen; -wir sind darnach doch nicht so entnervt, verbraucht und dekadent, -wie manche Schwarzseher uns in klugen, wissenschaftlichen, -aber sehr schmerzenden Abhandlungen darzustellen belieben! -Leute, die sich wochenlang auf ihre eigenen Füße verlassen, -ihr Gepäck, oft auch den Proviant für mehrere Tage -selbst schleppen und mit der einfachsten Lagerstatt und den simpelsten -Mahlzeiten für die ganze Zeit vorliebnehmen – alles -aus Begeisterung für die Natur und ihren Sport –, in denen -lebt noch etwas von dem echten, so oft verspotteten und angefeindeten -deutschen Gemüt und dem Wesen, an dem nach des -Dichters Wort die Welt genesen sollte. (Was sie vorläufig -allerdings vorgezogen hat, nicht zu tun!) Uns aber behüte dieser -Beweis unerschütterter Gesundheit vor dem Verzagen. – -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -»Aber auf den Hütten, nicht wahr, soll es doch so unterhaltend -sein?« – Wie man's nimmt. Unterhaltend, ja; für -Leute, die eben mit Leib und Seele Alpinisten sind. Denn -erzählt wird fast nichts als von besonderen neuen Anstiegen, -alpinen Erfolgen – oder Katastrophen. Heiter ist es deshalb -nicht immer; dafür belehrend, auch durch die Art, wie erzählt -wird. Man sieht aus ihr, wie rasch unter den Kundigen -Prahler und Lügner entlarvt werden, wie nur wirkliche Energie -und Intelligenz anerkannt und der fade, sich wiederholende -Schwätzer bald zur Ruhe verwiesen oder zur Einsamkeit verdammt -wird. Auch sonst wirkt das Hüttenleben durchaus erzieherisch. -Keine Idee von den unsichtbaren Triumphbogen, -die unten im Tal der Wirt und der Portier für jeden noch so -harmlosen Gast in aller Devotion erbauen! Man mag von der -eigenen Leistung bis zum Mützenrand erfüllt sein oder die Brust -von den kühnsten Vornahmen für den kommenden Tag geschwellt -haben – man rückt bescheiden vor der Hütte an, stellt -den Pickel, der sich so schön ausnimmt, mit seinem vernarbten -Stock nach allgemeinem Brauch vor der Tür auf, läßt den -Rucksack im Gang auf die Erde gleiten und betritt möglichst -unauffällig und ebensowenig von den Anwesenden irgendwie -beachtet den inneren Raum. Ein »Grüß Gott!« mit dem -Wirtschafter und den Gästen, an deren Tisch man Platz nimmt, -ausgetauscht – das ist alles. Dann erfährt man so nebenher, -daß die Einzelzimmer, falls solche überhaupt vorhanden, schon -vergeben sind. Daß leider das frische Fleisch schon verzehrt -wurde und von allen Konserven nur noch Gulasch, was einem -schon wegen des folgenden Durstes zuwider ist, angeboten werden -kann. Wasser zum Waschen gibt's schon seit mehreren -Tagen nicht mehr – kein Regen und viel Besuch! Aber daß -es morgen schlecht Wetter wird – wo man sich seit Jahren -gerade auf diesen Gipfel gefreut hat – ja, das scheint Tatsache -zu sein. Wie aufrichtig dankbar ist man, daß es doch noch einen -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Teller Erbssuppe gibt – wie sparsam geht man mit dem -Töpfchen warm Wasser um, das den ganzen Abend zur Limonade -reichen soll! Selten ist man sich so erquickt und ausgeruht -vorgekommen wie nach einer halben Stunde auf der -harten Holzbank, im Rauch verschiedensten Tabaks und dem -Duft der Küche, deren Tür wegen der angenehmen Wärme -nicht geschlossen wird. – Hat man dann ein Lager für die -Nacht angewiesen bekommen, so wechselt man dort, auf der -Pritsche sitzend, seine Bergstiefel gegen die Hausschuhe. Das -Glücksgefühl hierüber kann nur der teilen, der neun bis zehn -Stunden die Nägelbeschlagenen bergauf und bergab gesetzt hat. -Unten findet man die Gaststube leer – alle sind hinausgeeilt, -die eben noch todmüde, verhungert, unfähig, ein Glied zu -rühren, waren, um den Sonnenuntergang zu sehen. Niemand -spricht. Jeder schaut nur – ist versunken in den erhebenden, -heiligen Anblick des langsam in einem Purpurmeer vertauchenden -Gestirns. Wie noch hier und dort ein Hang in voller -Pracht strahlt – im Tal ein Fensterchen wie ein mächtiger -Diamant aufblitzt – die Wolken allmählich die stille, sanfte -Glut annehmen, die das Herz mit Sehnsucht nach den Herrlichkeiten -erfüllt, die sie verschleiern – und dann, von der -Tiefe aufsteigend, Nacht und Schatten sich um den Fuß der -Berge legen, höher und höher klimmen und schließlich die Welt -ringsum in den Schoß der Unendlichkeit aufnehmen. Die -Menschen hier oben, die vom Zufall zusammengeweht sind, -stehen wie auf einer kleinen Insel. Leise streicht der Wind durch -das magere, kurze Gras – kein Laut, kein Ton sonst! Ja, -jetzt ist Friede. Der Friede, um den sie hier heraufgestiegen -sind. Die großen Schauer der Einsamkeit rütteln an ihrer -Seele; hier oben erwacht sie und füllt sich mit heiliger Freude, -daß sie noch imstande ist, die Wunder ringsum bis ins kleinste -zu empfinden und zu genießen.</p> - -<p>Schweigend kehrt man endlich, wenn das Auge nichts mehr -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -unterscheidet, in die Hütte zurück. Und nun kann's eine »gemütliche« -Stunde geben – vielleicht! Nicht immer. Manche -Menschen besinnen sich zu schnell auf die nüchterne Wirklichkeit -und ihr Naturell zurück; nur wenige haben den richtigen -»Hüttenton«, der eben einen geraden, harmlosen, ungekünstelten -Charakter voraussetzt. Alles Gemachte, Unnatürliche hält -dem schlichten Rahmen der Holzwände und weiter draußen dem -der starren Felsen nicht stand. Hier ist Natur. Sie fordert unverfälschtes -Menschentum. »Laß die Berge den Frieden bringen -unter das Volk und die Hügel die Gerechtigkeit.« Ich glaube -nicht, daß König Salomo das war, was wir heute einen Alpinisten -nennen. Aber den Zauber wie die Allmacht der Berge -auf das Menschenherz – die hatte er voll erkannt.</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Eine unterirdische Hochtour.</h3> - - -<p>Es regnete nicht: es goß. Das beliebte Münchener Schlackerwetter, -das die Luft in undurchsichtige Rauchschwaden umwandelt -und die Straßen mit zähem Brei überzieht, so daß -man beständig, nur unpoetischer: »Schwan kleb' an« spielt, -hatte einmal wieder von uns Besitz ergriffen, auch vom Herzen -und allen Sinnen.</p> - -<p>»Und doch ein Wetter, wie geschaffen für eine Bergtour«, -sagte mein Hochtourist.</p> - -<p>Ich sah ihn an: ein Meter Neuschnee wurde von allen -Höhen gemeldet, bis tief ins Tal lag schon die weiße Decke, -das Thermometer zeigte an meinem wärmsten Fenster (allerdings -Nord-Nord-Ost!) vier Grad um die Mittagszeit und -sank nachts in nicht zu berechnende Niederungen – und dann -eine Hochtour?</p> - -<p>»Gewiß – aber eine unterirdische. Dazu langt's grade. -Oder vielmehr, da können einem endlich mal alle Wetterprophezeiungen -und -nachrichten gleichgültig sein, da ist man -unabhängig, frei – also?« Und auf mein Zögern und den -nachdenklichen Blick in das braune Düster, das sich für Tageslicht -ausgibt, lockert er mit geschickter Hand den letzten, im -Bequemlichkeitskamin festgeklemmten Stein:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -»Am 24. September haben sie's eröffnet – und wir waren -noch nicht draußen!«</p> - -<p>Der Stein rollt. So was kann man nicht auf sich sitzen -lassen! Aber ich versuche am nächsten Morgen doch meine Genagelten -recht graziös und unhörbar aufzusetzen, um von -niemand beim Abstieg von meiner Etage in die Ebene überrascht -zu werden – denn ein Badekostüm mit imprägnierter -Fußbekleidung wäre immerhin noch passender als das Hochtouristenkostüm -und der Rucksack. Bei der endlos langen -Fahrt mit der Tram zum Isartalbahnhof hinaus lernt man -jedoch einsehen, wie unnötig wichtig man sich wieder einmal -vorkam, und daß sich der gute Münchener, der an die größten -Kontraste in der Toilette seiner Mitmenschen gewöhnt ist, -wegen einer, »die spinnt,« d. h. nicht ganz richtig im Kopf -ist, nicht weiter aufregt. Der Hochtourist wandert rauchend -am Zug auf und ab und ignoriert alle bescheidenen Einwürfe: -»Ja, wer eben feig' ist, der soll daheim ›am Stuhl‹ sitzen -bleiben.« Ich fahre also mit ihm ab; an den entzückenden, -heute nur zu ahnenden Villenkolonien und Ortschaften des -Isartales vorbei. Hinter Wolfratshausen – nicht eine Minute -eher, denn von der Geburt bis zum Grabe speist der -Münchener um 1 Uhr – dinieren wir kalt aus dem Rucksack. -Kalte Gans, kalte Kotelette, kalte Äpfel, kalte Limonade -– um uns als moderne Menschen harmonisch der kalten -Umgebung anzupassen. »Jetzt fahren wir mit 'm Postauto -– das wissen's doch?«</p> - -<p>Ich habe es nicht gewußt und hätte nie eingewilligt – daher -schweige ich.</p> - -<p>In Kochel (sprich: Koh–chel) wartet es auf uns. Der -Chauffeur heißt uns als einzige Passagiere herzlich willkommen, -und – o Wunder! – es regnet nicht mehr, es -sinkt nur noch feucht, aber äußerst durchdringend aus dem -Nebel nieder. »Koh–chel« am gleichnamigen See durchfliegen -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -wir und in ängstlichen Kurven die Landstraße auf und ab, -an Obstgärten mit traurig leeren Bäumen vorüber – durch -Wald, dem die Sonne fehlt, um seine rostbraune Schönheit -aufleuchten zu lassen, an steilen Hängen hin, um schmale -Kehren herum, bei denen es heißt: »Hier könnte man sonst -den und den Berg sehen« – »da gäb's eine herrliche Talaussicht« -– die Phantasie bekommt Spielraum genug – -das hat auch sein Gutes. Den Walchensee, an dessen Ufer, -in Urfeld, es eine erste Station gibt, sieht man wirklich. -Und freut sich, daß er noch da ist. »Verschandelt« nach -Münchener Ansicht soll er nach dem berühmten Projekt, das -ihn einerseits als Staubecken vorsieht, um den Lauf der Isar -zu regulieren, andererseits seine Wasserkräfte für elektrische -Werke – man denkt an verschiedene Bahnlinien – ausnutzen -will, vom nächsten Jahr an doch schon werden. Freilich, -zur »Reisezeit« will man ihm seinen früheren Bestand -gönnen, und tiefer als unter 4.60 m seines gewöhnlichen -Standes soll er sowieso nie gesetzt werden! Aber es ist wohl -leider so: die Poesie und Idylle muß der Nützlichkeit weichen; -durch einen 1070 m langen Stollen, der durch den Kesselberg -gebohrt werden wird, soll das Walchenseewasser zum -200 m tiefer gelegenen Kochel geleitet werden, wodurch -natürlich auch hier große Umwälzungen nötig sein werden, -um den Bestand des Kochelsees zu regulieren. Über Nutzen -oder Schaden dieser Riesenpläne ist man sich in Bayern noch -recht wenig einig – das Projekt jedoch wird verwirklicht und -soll 19?? beendet sein. Heute sieht der vergewaltigte See -recht friedlich aus; wie im Urzustand, ein Chaos von Wolken -über ihm, als sei Wasser und festes Land um ihn her noch -nicht geschieden. Aber unser Fuß fühlt eine etwas konsistentere -Masse, als wir in Dorf Walchensee von Bord – -nein, Verzeihung, es war doch ein Auto! – gehen. Und dann -noch drei Viertel Stunden zu Fuß über den Katzenkopf, einen -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -waldbestandenen Hügel, der reizend sein soll, wenn man ihn -sieht, nicht nur fühlt, nach Einsiedl. Ein hübsches Gasthaus -am Ende des Sees – aber sehr einsiedelhaft in der jetzigen -Saison. Die Autos rasen seitwärts die »Staatsstraße« empor, -die nur ein paar Meter vom Haus vorbeiführt und es dennoch -vom Getriebe ausschließt. Zwar, wir sind dankbar für -die Ruhe. Und zufrieden, dicht am Ziel zu sein.</p> - -<p>Am nächsten Morgen segeln die Nebel unter gutem Wind -über den See. Es hat stark gereift in der Nacht, und die Luft -ist von köstlicher Herbe; vorläufig kann's uns ja noch egal -sein – aber später! – Eine gute halbe Stunde geht es auf -einem schmalen, frischausgehobenen Weg steil bergauf; wie -ein schwarzes Land hebt sich die fruchtbare, schwere Erde vom -Moosboden ab. Überall Markierungen, Pfeile, Schilder: »Es -ist verboten –« und »es wird gebeten –«, ich fürchte, beides -ohne viel Erfolg. Der Verein der »Naturfreunde«, dessen -Arbeit uns diese Tour ermöglicht, wird bald sehen, daß es -ein undankbares Geschäft ist, an das ästhetische Gefühl seiner -Mitmenschen zu appellieren – schon jetzt finden sich genug -häßliche Spuren des »Kulturmenschen« vor. Dann stehen -wir vor der Höhle, der Angerhöhle am Simetsberg, der unser -Besuch und die »Hochtour« gelten soll. Der obengenannte -Verein hat sie erschlossen, weist aber am Eingang noch einmal -darauf hin, daß ihr Besuch nur auf eigene Rechnung und -Gefahr geschähe; in einem Prospekt, den ich erhielt, heißt -es außerdem, daß die Höhle nur in Begleitung und mit -Reservelicht zu betreten und ihre Begehung mit Schwindel -behafteten, ungeübten und korpulenten Personen nicht zu raten -sei. Man macht also wirklich eine alpin-touristische Kletterei, -eine richtige Hochtour im Innern der Erde!</p> - -<p>Wir zündeten unsere Laternen an, mein Stock wurde einem -Baum am Eingang anvertraut – dann ging's an! Gleich -mit zwei sehr steilen Leitern, dann durch einen schmalen Gang, -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -der das Aufrechtgehen nicht erlaubt. Das Auge lernt bald, -den kleinen Lichtkreis der Laternen auszunützen, denn vom -Tageslicht dringt kein Strahl in dies unheimliche Dunkel. -Man hat auch nicht auf »Korpulente und Ungeübte« Rücksicht -genommen, man muß klettern, sich strecken, über Dutzende -von senkrecht stehenden Leitern, über große Blöcke, schmale -Steige, die über einen Abzugskanal für das von den Wänden -tropfende Wasser gelegt sind, dann wieder auf eisernen Stiften -über schaurige Tiefen fort, an gähnenden Spalten vorüber -und an düsterblinkenden Wassertümpeln – kurzum, eine -echte, rechte Hochtour macht man, ehe man nach einer Stunde -bei bescheidenem Kerzenlicht das vorläufige Ende des Ganges -bei einem etwa 15 m langen See erreicht. Hier gibt es -sogar ein Höhlenbuch wie sonst ein Gipfelbuch, und ganz -stolz über die Leistung schreibt man seinen Namen ein. Ich -muß sagen, daß die »Angerhöhle« durch ihren alpinen Charakter -von allen Höhlen, die ich je gesehen, am interessantesten -ist. – Dann photographierten wir; der Mensch – diesmal -der Hochtourist – ist ja nie zufrieden. Blitzlicht hatten wir -mit; ich mußte es entzünden. Es ist eine empfehlenswerte -Einrichtung. Abgesehen davon, daß mein »echter« Haselnußstock, -an den ich die Tüten hängte, verkohlte, meine sämtlichen -Fingerspitzen verbrannten, und ich mich in irgendeine -Ecke nach vollbrachter Tat des Anzündens stürzen mußte, -um meine Augen zu retten, erstickten wir fast an dem sich -entwickelnden Rauch, der nirgends entweichen konnte und uns -deshalb als Wegweiser nahm. Wir photographierten in verschiedenen -Gängen – der neue Rauch sammelte sich zum alten, -sogar unsere kleinen Kerzen in den Laternen starben beinahe. -Und das wäre recht unangenehm gewesen! Ob die Bilder -»etwas« geworden sind, ist fraglich – daß wir froh sein -konnten, den »Naturfreunden« nicht zu begegnen, ist außer -Zweifel. Als wir wieder ans Tageslicht kamen – es war -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -nicht rosig, sondern blau und golden, von strahlender Schönheit! -– zog der übelriechende Rauch noch immer neben -uns her.</p> - -<p>»Macht nix,« sagte der Hochtourist ungerührt, »jetzt ist -es erst wirklich Fafners Höhle.«</p> - -<p>Nun gab's noch einen wirklichen Gipfel, den des Simetsberges, -und dann eine wunderbare vielstündige Wanderung bis -hinunter nach Eschenlohe. Die glühenden Fackeln der Buchen -zwischen dem Grün der Tannen, die Birken und Pappeln im -zartesten Gelb – silberne Herbstfäden über den harten Brombeerblättern, -wie leichte Wolken das weißballige Jelängerjelieber, -im Volksmund »Gemsröckl« geheißen, im Buschwerk -hängend. Dazu der wilde Schrei der Hirsche, die ihre Liebsten -vom goldnen Lager aufjagen, die Lüfte zerreißend – im -steinernen Bett das sanfte Lied des Waldbaches. Und ein -Rauschen in den Baumkronen, verheißend, beseligend, daß -auch nach diesem bunten Todesreigen die Natur zu neuem, -ewig-schönem Leben erwachen wird.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -<b>II.<br /> - -»Sie« auf Ski.</b></h2> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -Bei den »Säuglingen«.</h3> - - -<p>»Ausschau'n tun Sie, Säugling, als wenn S' heut' gebor'n -wär'n!«</p> - -<p>Sehr genau wußte ich, daß sich diese Schmeichelei nicht auf -ein unerhört jugendliches Aussehen, sondern auf einen glühend -roten Teint bezöge. Blendender Schnee, starke Anstrengung, -scharfe Luft und leuchtende Sonne machen in wenig Tagen aus -der zartesten Haut – die ich natürlich sonst habe! – ein Burgunderpergament. -»Wie kann man nur,« sagten meine Münchener -Freunde, »grade zur Faschingszeit! Wo S' am Montag -zum Bühnenball wollen!«</p> - -<p>Ich fürchte, es wird weder etwas mit dem Bühnenball noch -mit einem andern. Denn außer einem Rote-Grütze-Teint -bringe ich ein stark lädiertes Bein mit heim, das sich der kräftigste -Herr des Kurses als Stützpunkt bei einem Fall ausersehen -hat. Aber was tut das alles? Können die gestörte Schönheit -oder ein verrenktes Körperglied ins Gewicht fallen gegen -diese köstlichen, frohen Tage unter Zdarskys Leitung? Was -dieser Mann mit 159 Personen, von denen die meisten blutige -Anfänger in der hohen Kunst des Skifahrens sind, in wenig -Tagen macht, wie er vor allem aus einer disziplinlosen Masse -mit allen bösen Instinkten der Menge, als da sind: Ungehorsam, -Unbotmäßigkeit, Widerspruch, Besserwissen usw., einen -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -wohlgeschulten, gefügigen Körper ausbildet, der ihm aufs -Wort gehorcht und immer mehr einsieht, welch ungeheure -Nächstenliebe und Aufopferung dazu gehört, monatelang in -jedem Winter ohne den geringsten Entgelt außer dem Dank der -»Säuglinge« Hunderte mehr oder minder Geschickter anzulernen, -das ist erstaunlich. Und scheint mir bei aller hohen -Achtung vor der Kunst und dem selten vielseitigen Wissen -dieses Mannes das bewundernswerteste. Es ist geradezu spaßhaft -zu sehen, wie zahm auch die Kecksten werden; und wie -man selbst auch nicht auf den Gedanken käme, irgend etwas -anderes zu machen, als er es in unermüdlicher Geduld »vorturnt«. -Dies genaue, schulgemäße Wiederholen aller Übungen -tut auch dem Vorgeschrittenen gut – weshalb ich nur jedem -raten kann, von Zeit zu Zeit einmal wieder an einem Kurs -teilzunehmen – denn nur zu leicht wird man bei kürzeren -Touren und gutem Schnee gegen viele Regeln gleichgültig und -hat dafür in Ernstfällen zu leiden. Zdarskys Methode, die ja -nur den Zweck verfolgt, Bergtouren im Winter zu ermöglichen, -verlangt eben eine exakte Ausführung ihrer auf gründlichster -Erfahrung und Berücksichtigung aller vorkommenden alpinen -Verhältnisse aufgebauten Gebote. Da darf man sich gern -einmal wieder als »Säugling« betrachten, wie er seine Schüler -mit Vorliebe benennt, und sich in Reih und Glied mitaufstellen, -um seinen militärisch gegebenen Kommandos präzise zu folgen. -Für den vierten alpinen Ski-Kurs, der »heuer« vom 14. bis -zum 21. Januar stattfand, war ein herrliches Gelände ausersehen, -nämlich das um Oberammergau. Mit seinen mäßigen -Hügeln, die auch dem Anfänger Mut zum »Stemmfahren« -und »Stemmbogenfahren« machen, und den schönen Bergen -für die üblichen Touren der letzten Tage, wäre es »ideal« gewesen -– falls sich ein besserer Schnee vorgefunden hätte. -Ich muß sagen, daß ich mir recht lächerlich vorkam, als ich vor -acht Tagen mit voller Skiausrüstung die Reise zum Passionsdorf -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -antrat und immer weiter in eine grünende Landschaft -hineingeriet, über der schon Frühlingshoffnung zu schimmern -schien. Von Schnee ka Spur! Ein Hamburger, der eigens zum -Kurs aus seiner nebligen Stadt herunterkam – es sind übrigens -Teilnehmer aus ganz Deutschland und Österreich vorhanden -– kehrte schleunigst wieder um, angesichts des bißchen -Rauhreifs, der da und dort in den Wäldern hing. Der ungläubige -Thomas mag sich stark ärgern, wenn er nun erfährt, -wie schön es besonders in den ersten Tagen war: köstlichster -Pulverschnee, in dem sich die Stemmbögen wie von selbst -schlugen. Nun freilich ist der Schnee bei starker Sonne am -Tage und Frost des Nachts verharscht, und das »Abfahren – -marsch!« löst keine reine Freude in der Seele auch des charakterfestesten -Skifahrers mehr aus. Z. B. gestern, die erste -Tagestour zum Laber-Joch hinauf. Zdarsky schont seine »Säuglinge« -nicht. Mit größtem Geschick wählt er seinen Weg so, -daß alles, was man gelernt hat: Hindernisse nehmen, Zäune -überklettern, Bäche durchwaten usw., angewendet werden muß. -Dann heißt's plötzlich: »Abschnallen«, und über eine Stunde -hat man die Skier auf der Schulter einen steilen, vereisten -Hohlweg emporzutragen. »Das zieht hin«, sagt man bei uns -im Norden. Dann wieder: »Anschnallen«, und die freundliche -Erlaubnis, nun eine Viertelstunde auf den Skiern auszuruhen. -Aber die Sonne glitzert auf dem blauweißen Schnee, -die Gipfel ringsum funkeln im Licht, wolkenlos spannt sich der -Himmel über den Wäldern – da kommt mit dem ruhigeren -Atem die Freude an all dem Schönen zurück – und das Vergnügen, -mit frischen, gesunden Menschen zusammen zu sein, -bei denen die Liebe zur Natur und zum Sport einmal glücklich -alle kleinlichen eitlen Regungen ausgelöscht hat. Darauf geht's -tapfer bergauf mit der Devise: »Spurhalten«, bis ein schöner, -sonnenbeschienener Platz erreicht ist: »Eine Stunde Rast«. -Ein Rieseneifer entwickelt sich; genau nach Vorschrift wird im -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -Schnee ein Platz ausgetreten, die Skier dienen als Sitz, die -Fäustlinge werden zum Wärmen über die Fußspitzen gezogen -– wer ein Zdarsky-Zelt besitzt, zieht es mit zwei Griffen um -sich her, andere suchen im Freien einen geschützten Punkt, -um unter dem mit Schnee gefüllten Kochapparat den famosen -Zdarsky-Brenner anzünden zu können. Ein lustiges Lagerleben -entwickelt sich blitzschnell, Obst und Süßigkeiten werden ausgetauscht, -nach dem alten Grundsatz, daß Fremdes immer -besser schmeckt als das eigene. »Und die Photographen arbeiten -fieberhaft.« Kocher sind bekanntlich dazu da, um im letzten -Moment umzustürzen. Trotz des Vorwurfes meines Hochtouristen, -ich hätte den Apparat »natürlich« falsch aufgestellt, -nämlich nach genauer Vorschrift auf den flachgelegten Skiern, -kochte mein Teewasser beinahe, und ich verschüttete nur ein -Viertel des Inhalts. Nun übernahm er die Wacht – Männer -können bekanntlich alles besser – auch kochen! – tat mit -Riesenwichtigkeit gleich Zucker und Teekonserven in die schmelzende -Masse, und sagte: »Wer mir nun an den Skier stößt, -den –« Es kochte – und auf die Sekunde warf er den ganzen -Apparat um! »Es ist leichter, Tee zu trinken als zu bereiten«, -sagte ein Nachbar gefühllos und trank die mitgebrachte -Flasche leer, während wir auf den braunen Teefleck im reinen -Schneetischtuch starrten. Ich glaube, es ist einerlei, welchen -Kocher man besitzt; sie besitzen alle dieselbe Eigenschaft, erst -umzufallen, sobald es kocht.</p> - -<p>»Anschnallen!« Die Rucksäcke werden gepackt und »modelliert«, -damit sie nicht drücken, und weiter geht's, bis sich die -Talmulde vor uns weitet. Lawinenstürze durchfurchen die -weißen Hänge, und ruhig, von Zeit zu Zeit den Schnee prüfend, -legt der stets voranschreitende Hirt eine flache Spur an, die allmählich, -in langen Serpentinen, die Herde empor zum Joch -führt. Mehrmals kreuzen wir die Lawinen, aber da ist niemand, -dem auch nur ein Bedenken aufsteigt. Aus den Vorträgen, die -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -Zdarsky allabendlich von acht bis zehn Uhr hält, und in denen -er alle Themata, die dem Skifahrer wichtig sind, berührt, angefangen -von der Haut- und Körperpflege, der Kleidung bis -zu den alpinen Gefahren, weiß man, wie vertraut diesem -Mann die Schnee- und Eisverhältnisse sind; unbedingt überläßt -man sich seiner Führung. Eine lange Kolonne, noch immer -über hundert Personen – die anderen sind aus irgendeinem -Grund von dieser Tagespartie abgefallen – steigt aufwärts, -»wendet« an den Kehren, eine Prozedur, deren glückliches -Gelingen am Hang mehr als sonst irgendein menschliches Tun -vom Zufall abhängig ist, und blickt sehnsuchtsvoll zum Joch -hinauf: noch zwei Stunden, bis man jenseits in die Ebene -hinabschauen kann – noch anderthalb – noch eine – da heißt -es: »Halt!« Gute Läufer gebrauchen noch dreiviertel Stunden -bis »hihnauf« – mit dem Gros der Säuglinge, dem Zeitverlust -an den Kehren, würde es noch fünfviertel Stunden dauern. -Es geht nicht, man käme in die Nacht hinein. Wer sich dazu -imstande fühlt, mag den Aufstieg versuchen – für die übrigen -heißt es »abfahren«. Aber wie?! Der Schnee ist tellerbrüchig, -d. h. er bricht in großen, harten Stücken bei jedem Tritt ab; -deshalb ist Stemmfahren unmöglich, ebenso »Reitsitz«. Bleibt -nichts übrig, als die Spur einfach zurückfahren. Nun, das -geht schneller als das Bergauf, ist nicht gerade das Ideal der -Abfahrt und zeitigt auch noch viele Stürze. Durch den Wald -geht's schöner als am Berg und gestattet zum Teil sogar -Stemmbögen. Am Hohlweg wird man zum »Reitsitz« eingeladen. -Mir scheint es eine vortreffliche, wenn auf die Dauer -auch nicht angenehme Massage für den ganzen Körper. Am -Schluß weiß man, wo jeder Knochen sitzt und jede Muskel -angewachsen ist. Die von der Kleidung verdeckte Haut sticht -überhaupt nach diesen Tagen von der roten des hehren Antlitzes -ab; denn sie ist – nicht weiß, o nein, sondern blau und -grün. Ein rosiger Abendhimmel liegt über dem stillen, kleinen -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -Dorf zu unseren Füßen; die Glocken läuten schon den Sonntag -ein. Man ist daheim; glücklich und ziemlich heil. Und morgen -geht's fort. Eins hat nur gefehlt: Neuschnee. Aber der Mensch -darf nicht alles wollen! – Von niemand besser als von -Zdarsky, diesem seltsamen, großen Menschen, kann man ja Bescheidenheit -und Anspruchslosigkeit lernen. Das ist ein Extrageschenk -an seine »Säuglinge« – ein größeres noch als seine -Kunst, die uns die Herrlichkeiten des Wintergebirges erschließt.</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -Die erste »Ausfahrt«.</h3> - - -<p>»Na ja«, sagte ich, zwar nicht ganz überzeugt davon, daß es -für mich auf dem Übungshügel, zu dem wir täglich einen etwas -steileren ausgesucht hatten, nichts mehr zu lernen gäbe, und -daß ich meine Kenntnisse nun im Gelände erproben müsse, -aber doch nachgiebig, um nicht in den Geruch der Feigheit zu -kommen – dieser Eigenschaft, die jeder Berechtigung zu irgendeinem -Sport sofort Grund und Boden abgraben soll. Und -bis dahin hatte ich Mut bewiesen, viel Mut; nicht nur darin, -daß ich gleich versucht hätte – was ja alle anderen auch müssen! -– auf den unzuverlässigen langen Holzschuhen von einem -Abhang in die Tiefe zu gleiten, sondern daß ich nach den Tausenden -von Stürzen, von denen meine Übungen während einer -ganzen Woche unterbrochen worden waren, mich immer von -neuem erhob, meine Glieder einrenkte und unverdrossen wieder -bergauf stieg, als sei mir nicht das geringste passiert.</p> - -<p>Und doch herrschte nur <em class="ge">eine</em> Stimme darüber, daß ich im -Fallen den Rekord erreicht habe! Ich kann nicht behaupten, -daß mein Lebensziel: irgendwo und bei irgendeiner Leistung -einmal die erste zu sein, sich gerade auf das Hinfallen konzentriert -hätte, aber es scheint, daß man nicht nach der Art des -Wunsches gefragt wird – eines Tages wird er einem erfüllt, -und es bleibt nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. – -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Ich konnte jetzt aber nicht nur hinstürzen, sondern besaß die -hohe Kunst der alpinen Technik, d. h. ich konnte »Stemmbogen« -fahren, war mithin in der Lage, jeden Abgrund nicht -von vornherein kopfüber, sondern erst nach verschiedenen Bogenlinien -hinunterzusausen – denn daß man zum Schluß -<em class="ge">nicht</em> hinfällt, das soll eigentlich nur Ausnahmemenschen -passieren. Zu denen gehöre ich in keiner Beziehung.</p> - -<p>Den Rucksack auf dem Rücken, den Bambusstock nach Lilienfelder -Art (nicht die zwei schwedischen Zündhölzer nach -Norweger Manier!) in der mit dickstem Fausthandschuh versehenen -Rechten, so zogen wir also eines wirklich schönen Morgens -bei 10 Grad Minus und prachtvollem Rauhreif von -Neuhaus bei Schliersee durchs Josephstal bergauf. Vorläufig -zogen wir auch die Skier am Tragriemen hinter uns her, denn -eine steile, glatt gefahrene und -gefrorene Straße mit scharfen -Kurven frißt die Kräfte zu sehr; man überwindet sie lieber -mit Nagelschuhen! Um so schöner muß nachher die Abfahrt auf -ihr sein. Wenigstens behauptete das mein über die Anfangsstadien -des Skisports hinausgewachsener Hochtourist; und -ich glaubte ihm natürlich. Wir Frauen haben trotz aller -modernen Regungen noch immer viel Respekt vor männlichen -Aussprüchen, und eine »blutige Anfängerin« tut außerdem am -besten, blindlings den Worten eines Erfahrenen zu glauben. -Das sagte der Hochtourist auch nicht ein-, sondern mehrmals.</p> - -<p>Ich wanderte versonnen dahin, zögerte zuweilen an besonders -schwierigen Stellen und war von Herzen dankbar, daß sie -durch Geländer versichert seien. Nicht gerade für mich – aber -mancher Unfähige konnte an diesen unbehaglichen Kurven doch -leicht Schaden nehmen! An anderen Biegungen beschloß ich, -den sich etwas unverschämt in den Weg drängenden Granitfelsen -mit graziöser Schlängelung auszuweichen – kurzum, -der Wald, der mit uns bis zum Spitzing-Sattel emporstieg, -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -und ich, wir wurden recht gute Freunde, und ich empfand wieder -einmal tief, daß es mir gegeben ist, schnell zu der mich umgebenden -Natur ein Verhältnis zu finden.</p> - -<p>»Gott sei Dank,« sagte der Hochtourist, als wir oben am zugefrorenen -Spitzingsee eine kleine Rast machten, »daß die -Alm oben bewirtschaftet ist! Der Proviant wiegt doch immer -tüchtig – heute fühlt man den Rucksack kaum.« – Ich -widersprach nicht, obgleich die Toilettesachen einer Frau immer -etwas reichhaltiger sind, mag sie auch fast alle Ansprüche auf -Luxus im Tal gelassen haben, und ich willigte ein, da es von -nun an doch bedeutend steiler wurde, meinen Kleiderrock und -mein Jackett mir noch in den Rucksack packen zu lassen. In -Beinkleidern bewegt man sich bedeutend leichter, und warm -genug würde es mir ohnehin schon werden!</p> - -<p>Dies ist die einzige Prophezeiung, die eingetroffen ist! Sogar -siedend heiß wurde mir, als ungefähr nach einer halben -Stunde auf einem sehr schmalen, am steilen Hang entlang -führenden Fußsteig der Schnee unter meinem linken Ski -nachgab und ich nach meiner Meinung unaufhaltsam in die -Tiefe kollerte. Ich schrie um Hilfe, ließ meinen Stock fahren, -fiel immer tiefer in den Schnee, so daß ich weder wußte, wo -meine Beine, noch wo meine Arme seien und musterte angstvoll -die Bäume, um den zu entdecken, an dem ich zerschellen -würde. Sie sahen alle gleich erwartungsvoll aus, und in meine -Todesangst hinein sagte von oben die Stimme meines Hochtouristen:</p> - -<p>»Erstens läßt man sich nicht hinunterkollern, sondern -stemmt sofort den Stock vor den Skiern ein; zweitens haben -Sie vergessen, sich quer zum Hang zu drehen, drittens – –«</p> - -<p>Meine aufwallende Empörung gab mir die Kraft zum -Sprechen zurück: gab man einem in Todesangst Schwebenden -gute Lehren? Durfte noch von irgendwelchen Theorien die -Rede sein, wenn höchste Gefahr im Verzuge war – schien es -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -christlich oder auch nur menschlich denkbar, einem Verlorenen -nicht beizuspringen –? – »Fällt mir gar nicht ein! Sie sind -auch nicht in Todesgefahr: schauen Sie sich nur um, kaum -zwei Meter sind Sie abgerutscht! Und das erste Prinzip beim -Skifahren ist: niemand zu helfen –«</p> - -<p>Selten im Leben habe ich solch eine Verachtung für einen -Menschen empfunden. Er und seine Worte waren Luft für -mich! Entgegen allen Lehren, sogar denen, die ich mir schon -angeeignet hatte, krabbelte ich nach eigenem Ermessen, das -natürlich bedeutend mehr anstrengte und mehr Zeit in Anspruch -nahm, auf den Weg zurück.</p> - -<p>Mein Hochtourist ignorierte mein Schweigen; mit der Beredsamkeit, -die auch dem ruhigsten Sportsmann eigen ist, sobald -er auf sein Gebiet kommt, schilderte er mir die zahllosen Möglichkeiten -und Errettungen bei einem Absturz, illustriert durch -mehr und minder passende Beispiele. An mir prallte alles ab; -wie die andern sich retteten, mit welcher Umsicht, mit wieviel -Energie, das galt mir nichts mehr. Mein Unfall hatte mir jedenfalls -gestattet, einen Einblick in das alpine Herz meines Begleiters -zu tun – und ich fand es stark verroht! Wenn der -Sport dazu dienen soll –!</p> - -<p>»Nun kommt die erste größere Abfahrt im Gelände,« ordentlich -begeistert klang seine Stimme, »nun sollen Sie mal -beweisen, was Sie gelernt haben!«</p> - -<p>Ich –? Nichts! Ich würde es nicht können, ich bekam -Platzfurcht, die Tannen mit ihren schneebedeckten Zweigen drehten -sich vor mir, der Himmel verwandelte sein Kobaltblau in -ein giftiges Grün – – –</p> - -<p>»Wenn's ›Übungshügel‹ hieße, nachher wären Sie schon -drunten! Und gar, wenn der Herr Lehrer dabei wäre oder die -andern Anfänger –! Nur weil's eben 'was Neues ist, sind -Sie feige –« – Mein Gott, war ich das wirklich?! Ich maß -die Höhe ab, sie war geringer als all meine letzten Probiergegenden, -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -ich sah auf meine Skier, ich biß die Zähne aufeinander -und lehnte mich vornüber – – es ging nicht.</p> - -<p>»Also nachher fahren S' da in die Wiesen 'nein und dann -auf mich zu, im Bogen! Aber nicht nach links, denn da ist ein -tiefes Loch – – –«</p> - -<p>Ich fuhr geschwind und mit aller Gewalt in das tiefe Loch.</p> - -<p>»Das haben Sie ja nur gewollt«, sagte ich zu meinem -Hochtouristen. Und dann fuhren wir als Todfeinde in ziemlicher -Entfernung voneinander zur Fürstalm hinunter.</p> - -<p>Aber gemeinsames Leid, vor allem gemeinsames Schimpfen -verbindet ungeheuer; es gab keinen Bissen Brot mehr in -der Fürstalm, die Sonntagsgäste hatten alles verzehrt, und -was noch übrig gewesen war, eine Abteilung Soldaten, die von -ihren Offizieren im Sport unterrichtet wurden. Wir konnten -froh sein, eine Tasse dünnen Kaffees und ein paar gesottene -Eier zu bekommen – dafür saßen wir draußen in der schönsten -strahlenden Sonne. Vor uns lag der Berg, den wir uns -ausersehen hatten: der Stümpfling.</p> - -<p>»Nur noch dreiviertel Stunden – bis dahinauf zu seiner -runden Kuppe?!« Nein, ich wollte nicht hinauf, ich wollte -überhaupt nur abfahren und den Sport ein für allemal aufgeben. -<em class="ge">Mir</em> machte er keinen Spaß, das hatte ich heute erfahren, -immer nur fallen, abstürzen, sich ängstigen – – –</p> - -<p>Bis ich meinen Kaffee getrunken hatte. Und die merkwürdig -frischen Eier gegessen – Eier, wie sie in München nur -noch in alten Märchen vorkommen. Aber so dicht vorm Ziel -umkehren – das ist wirklich feige! Und was ich mir im -Leben vorgenommen und angefangen habe, das führe ich -immer durch. <em class="ge">Ein</em> Prinzip muß der Mensch doch haben.</p> - -<p>Ich ließ mich nicht auf Erörterungen ein, ich sagte nur: -»Ich gehe doch hinauf!« und schnallte meine Skier wieder -an. Der Hochtourist lachte.</p> - -<p>Wir trugen die Rucksäcke hinüber und deponierten sie im -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Schnee, um sie bei der Rückkunft wieder mitzunehmen. Und -trotzdem ja meine Last kaum zu spüren sein sollte, konnte ich die -dreiviertel Stunden überwinden, als seien mir Flügel gewachsen.</p> - -<p>Der Stümpfling bietet eine ganz schöne Aussicht über die -Schlierseer Berge, aber übermäßigen Genuß hatte ich nicht davon: -Die Abfahrt – Herrgott, wenn nur die Abfahrt nicht gewesen -wäre! – Bis zu den Rucksäcken ging's; sie leuchteten -vertrauensvoll aus dem Schnee wie düstere, aber doch Anhaltspunkte -gebende Sterne. Auch die für Anfänger so berühmte -und gute Abfahrt bis zum Spitzingsattel wurde ohne -besondere Katastrophen überwunden. Ein paarmal Kopfüberstürzen, -mit dem Gesicht in den Schnee, oder bis an die Schultern -einsinken – das sind nicht nennenswerte Kleinigkeiten! – -Die Platzfurcht war merkwürdigerweise auch überwunden. -Aber dann – die liebe Straße durch den Wald, mit den Kurven, -die ich am Morgen schon sorgsam studiert habe – die hat's -in sich! Und noch Stemmfahren, d. h. ein Bein im Winkel -zum anderen stellen, wenn ohnehin die Kniee schon zittern, an -dieser Kurve das Geländer zum Absturz, an jener ein vorspringender -Granitfels zum Kopfzerschellen lockt, wenn der Schnee -zum größten Teil vereist ist und man gerade, wenn man langsam -fahren oder sogar bremsen möchte, in rasendste Geschwindigkeit -gerät, das ist ein Kampf mit dem Objekt, zu dem schon -gute Nerven und Ausdauer gehören. Ich sah ein, daß die -Freundschaft für den Wald nur von meiner Seite aus empfunden -wurde, und daß die Bäume, die Felsen, die Abhänge -wie Feinde auf mich lauerten. Aber ich bin ihnen entkommen; -zwar mit farbigen Merkmalen des Ringens am ganzen Körper, -mit einem Teint, als hätte ich wochenlange Hochtouren -hinter mir und dem Gefühl, als wäre der Ausdruck »mit heiler -Haut« reichlich optimistisch gewählt. Trotzdem bin vorläufig -doch ich der Sieger. Und den nächsten Berg, auf den ich mit -Skiern steige, den habe ich mir schon ausgewählt!</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -Aus der Winterfrische.</h3> - - -<p>Fast mehr noch als im Sommer wird dem zur Natur bekehrten -Kulturmenschen plötzlich im Winter die Stadt mit ihren -tausend Ansprüchen »z'wider«. Weihnachten und Silvester -haben seinem Magen, seiner Börse und seinen Gefühlen den -Rest gegeben, in jeder Hinsicht ist er übersättigt. Die letzten -Krümel Marzipan, wie die mit Dankesworten kunstlos durchwebten -Neujahrsbriefe bringen ihm einen bittern Geschmack auf -die Zunge. Hinterher scheint es ihm, »daß es mal wieder nichts -war«, wenigstens kein Jungbad der Freude, mehr ein Untertauchen -im Fango – und seine Seele zieht aus, um einen -reinen Sprudel zu suchen. Setze dich in die Bahn und fahre -von München aus nach Süden, Ost oder West, das Gute, -das Schöne, das Herzerquickende liegt so nahe, nur eines -kleinen Ruckes der Energie bedarf es, um dir vorzustellen, -daß der Fasching ebenso froh ohne dich sein wird, daß man auf -Soupers und den berühmten – bequemen Nachmittagstees -kaum nach dir fragen wird, daß Konzerte und Theater, die du -dir ohne deine Gegenwart nicht vorstellen kannst, genau ihren -guten oder peinlichen Verlauf ohne dich nehmen werden. Ach, -lieber Gott! du ahnst nicht, wie überflüssig du bist, wie bedeutungslos -deine Persönlichkeit – aber diese Erkenntnis, die -dich daheim zuweilen heimlich grämt, so daß du beflissen bist, -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -sie ängstlich vor dir selbst und anderen zu verstecken, hier draußen -lächelst du über sie: hier bist du ja noch viel, viel weniger, -ein Fleckchen, das die Sonne bescheint, ein Atom, das sich -preisen muß, bescheiden in der Stille zu stehen und die Pracht -nicht in ihrer Harmonie zu stören!</p> - -<p>Einen weltabgelegenen Platz habe ich gefunden, an dem man -nichts von der Eisenbahn hört noch sieht, vor dem sogar die -altmodische Post auf ihren Schlittenkufen in einer knappen -halben Stunde haltmacht. Im Schatten der entzückenden, von -Meisterhand bemalten Wallfahrtskirehe von Birkenstein liegt -das Haus, der Waldbach an seiner Seite murmelt leise in -deinen Traum hinein. Der Nußhäher klopft mit starkem -Schnabel ans Fenster und bittet um sein Frühstück, Buchfinken, -Goldammer und zierliche Spechtarten durchzwitschern -schon den Garten, der Zaunkönig lugt vorsichtig aus dem Buschwerk. -Schlage deine Augen auf, trinke die Sonne ein, die -durch die glitzernden Scheiben flimmert! – der Tag ist dein, -dein die Welt, die Höhen, der Wald, die stillen Marterln am -Wegrand, die stolze Majestät der makellosen Schneefelder! -Schnell deinen Kaffee; der Raum ist erfüllt von jungen, gesunden -Menschen, die mit Leib und Seele ihrem Sport huldigen, -und bei deren frohem Anblick man sich sagt: »Gott sei -Dank, noch ist Deutschland nicht verloren!« – Dann holst -du dir deine Skier, prüfst mit geübtem Blick Bindung und -Schrauben, trittst hinein, nimmst als einzige Last den Bambusstock -sorglos unter den Arm, und nun fort, fort. Anfangs -über glattgefrorene »Ziehwege«, von den schweren Holzschlitten -mit ihrer nachschleppenden Last schön ausgefahren, dann -seitwärts hinauf an einem Hang, der dich lockt, und immer -weiter hinein in die verschneite Einsamkeit. Da oben liegt -ein Gipfel, dessen weiche Konturen rosa überstrahlt sind, tapfer -setzt sich ein Ski vor den andern in die Wunderwerke der kristallenen -Decke, und ohne Atemnot, leicht und frei die kalte, köstliche -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -Luft in die Lungen saugend, stehst du auf der Höhe, die -Erde mit ihrer Herrlichkeit zu deinen Füßen. Unten im Tal -wogt noch der Nebelkampf, in weißen Massen schiebt's sich -an den Hängen entlang, nur blitzartig Dörfer, Kapellen, Wälder -entschleiernd. Aber die Sonne lacht ob dieser Spielerei wie -eine immer geduldige, nachsichtige Mutter, schrittweise, als -wollte sie niemand wehtun, erobert sie sich das Feld – und -plötzlich taucht wie neugeboren und unverhüllt das gewaltige -Bild des Tales vor dir auf. Und du durftest wieder einmal -dabei sein bei der Offenbarung vollendetster Schönheit – was -kann dich noch treffen, dich niederdrücken mit einem Schatz -solcher Freuden im Herzen?!</p> - -<p>Nicht nur deinen Mut, deine Energie stählst du auf diesen -stillen Fahrten in das wirkliche Märchenland, wahre Lebensfreude -und -fähigkeit nimmst du mit fort als besten Teil! -Und nun die Abfahrt. Lange Zeit hieß es: »Stemmfahren – -stemmfahren – und nicht verzweifeln!« Endlich löste sich -das Rätsel, und zwar nach Art der meisten Rätsel auf die -einfachste Weise: alles Überlegen, alle Theorie erscheint überflüssig, -hemmend – eben weil sie in Fleisch und Blut übergegangen -ist, und jeder bildet sich ein, diese zu alpinen Touren -absolut notwendige Technik sich allein angeeignet und allein -erfunden zu haben. Der »Meister« hier ist längst an die Ketzerei -der Flüggegewordenen gewöhnt, er lächelt nur darüber. -Man selbst fühlt sich verwachsen mit den langen, schlanken -Eschenhölzern, nach Belieben setzt man sich in Bewegung, -schlängelt sich in Serpentinlinien kreuz und quer durch den -Wald hinunter und überläßt sich an freien Hängen dem Hochgenuß -eleganter Stemmbogen, bald den Stock je nach der -Wendung rechts oder links einsetzend, bald ihn bei ebenerem -Terrain unterm Arm haltend. »Wer Stemmbogen fahren -kann, beherrscht die Welt« – mindestens die winterliche, -alpine; und wer zuerst mal ohne Sturz einen Hügel »besiegt« -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -hat, kommt sich wie ein kleiner Napoleon vor. Freilich, mehr -Mühe, als die Götter sonst vor den Erfolg gesetzt haben, -braucht man zur vollkommenen Aneignung dieses »Sports -des Fallens«, wie ich ihn anfangs voll Wut selbst getauft habe. -Aber kaum ein anderer löst dafür solch eine Befriedigung aus, -da er den Genuß sonst verschlossener Freuden im Winter ermöglicht.</p> - -<p>Wenn Neuschnee fällt und es unaufhörlich vom grauweißen, -kaum erkennbaren Himmel niederrieselt, gibt's zur Abwechslung -frohe Rodelpartien. Daß man als Skifahrer dies Vergnügen -verachten soll, ist ein törichtes Märchen; so einmal gedankenlos, -flachliegend, nur an den Kurven mechanisch das Gewicht -verteilend, in rasender Fahrt bergab zu fliegen, das tut außerordentlich -wohl, und beim mühseligen Bergaufziehen des -Schlittens muß man sich stoisch damit trösten, daß dies -eben der gesündere Teil sei! Eine »Seeschlange« haben wir -gemacht und alle rodelnden Jungen – und wer rodelte hier -nicht, wo man seine Besorgungen, seien es Briefmarken oder -Milch, mit dem Schlitten absolviert! – mit ihren Rodeln an -den unserigen gebunden und so in langer Kette zu ihrem und -unserem höchsten Gaudium zu Tal gefahren: »A Hetz' war's«, -wie sie versicherten. Die kleinsten Kinder fahren hier von Höhen -herunter – die Hände in den Muffen oder Hosentaschen, -gelinde mit den Hacken ihrer winzigen, nagelbeschlagenen -Schuhen steuernd –, bei deren Anblick Stadtmüttern alle -Haare, falsche wie echte, zu Berge stehen würden. Hier sieht -niemand hin, wenn sich ein paar der geborenen Sportsleute -übereinanderkugeln, aber es weint auch keiner bei einem noch -so derben Puff.</p> - -<p>Wir sind aber nicht nur ländlich: gestern hatten wir -einen Ball, beim Kramerwirt. Mit einer Musikkapelle auf -dem Podium, einem mit Tannengirlanden geputzten Saal, und -Blumensträußen aus München, die sich am seidenen Brusttuch -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -der Vronis und Zenzis nicht schlecht ausnahmen. »Geschuhplattelt -is worden« – und mit eisernen Mienen fanden -sich die Tänzerinnen zu den Armen ihrer stampfenden, mit -den Händen klatschenden Partner zurück. Der Tanz ist hier -etwas sehr Ernstes, Würdevolles – niemand lacht, niemand -spricht ein Wort dabei. Aber ist die Tour beendet, die im -Laufe des Abends immer kürzer wurde, so traktiert »er« »sie« -mit einem Trunk. Ich gestehe, daß ich etwas Kopfschmerzen -habe, trotzdem ich nicht ein Achtel von den Musikern geleistet -habe, die sich schließlich als gänzlich unabhängige Menschen -entpuppten und nach eigenem Behagen und eigenem Takt -ihren Part erledigten.</p> - -<p>Ja, hier ist Freiheit, Schönheit, Lebensfreude! Es leben -die Berge – es lebe der Winter!</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -Das Talbein.</h3> - - -<p>Als Konny Bendemann ihr Fenster öffnete, um in ihr enges -Zimmerchen die ihr anempfohlene Bergluft hereinzulassen, fesselte -sie ein merkwürdiger Anblick: die ganze Straße, so weit -sie nur sehen konnte, durchwanderte ein Zug schweigsamer -Menschen, deren Köpfe von je zwei langen Hölzern überragt -wurden, so daß ihre Erscheinungen aufrecht gestellten Riesen-Hirschkäfern -glichen. Ach ja, heute begann der berühmte Kurs -des Schneeschuhlaufens unter der Leitung des noch berühmteren -Skiapostels, von dessen Künsten, auch den erzieherischen, man -sich Wunder erzählte. Behaupteten doch seine Anhänger, daß -es für die nach seiner Methode Fahrenden keinerlei Schwierigkeiten -mehr gäbe, und ebenso, daß auch der Feigste steile Hänge -spielend auf- und absteigen könne. Der Feigste! Konny schlug -in Gedanken an die eigene Brust.</p> - -<p>Nur eine Bergpartie hatte sie im Leben gemacht, zum Wendelstein -hinauf; aber da sie sich beim Abstieg während eines -Gewitters ungeheuer kläglich benommen hatte, so hatten ihre -Bekannten geschworen, sie nie wieder mitzunehmen. Doch im -Winter, wo auch Gewitter seltene Erscheinungen waren, da -mußte es ganz herrlich sein, über den Schnee durch bereifte -Wälder zu eilen und dann von oben abwärts zu sausen – -z. B. von der Alpspitz drüben! Sie hatte ungefähr eine Vorstellung -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -davon, als würde man über deren scharf abgeschrägten -Rücken entlang geradenwegs zu Tal fahren können. Melancholischen -Blickes verfolgte sie den Zug weiter: ja, wenn man -nicht so allein wäre – wenn irgend jemand ihr zugeredet -hätte – –.</p> - -<p>Da rief eine übermütige Stimme zu ihr hinauf: »Geschwind, -Fräulein! Sie werden ja sonst die Letzte – man immer vorwärts!«</p> - -<p>Natürlich ein Norddeutscher: die hatten für ihre Ebenen ja -auch diesen Sport besonders nötig, und bemerkbar machen -mußten sie sich auch – wie immer! Dennoch freute sie der -Gruß; und daß man als selbstverständlich annahm, auch sie -würde sich beteiligen. – – Und weshalb denn nicht? Diese -Menschen da, die noch immer paarweise an ihr vorüberzogen, -kannten sich doch auch nicht alle, nur der Wunsch, dasselbe zu -lernen, verknüpfte sie. Also – –. Und trug sie nicht auch -Wickelgamaschen und Nagelschuhe und Mütze und Schleier zum -fußfreien Kostüm?! Was fehlte, das waren die Skier – sollte -an solcher Kleinigkeit das Unternehmen scheitern?</p> - -<p>»Ich komme nicht zu Tisch«, rief sie im Vorbeilaufen ihrer -Wirtin zu. Und eh' noch die Frau Deixlmair Protest einlegen -konnte, weil nun doch das schöne »Ohchsenfleisch«, das vorher -die köstliche Rindssuppe lieferte, umsonst gekauft worden sei, -war sie bereits über die drei Steinstufen hinuntergesprungen -und beim Nachbar, dem Herrn Ludl, in den Laden gestürzt. -Und da besagter Herr Ludl »überhaupts und ohnehihn« dem -»Kumité« angehörte und ungefähr tat, als sei er mit Skiern -auf die Welt gekommen, so machte das Aussuchen eines passenden -Paares keinerlei Schwierigkeiten, und sie nachträglich -anmelden, das konnte er schon übernehmen – er durft's -schon wagen!</p> - -<p>Atemlos vom Laufen und dem ungewohnten und daher unbequemen -Tragen der langen Schuhe kam sie als Letzte in der -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Ebene an, die im engern Kreise von niedrigen Hügeln umgeben -war, und die sich der Herr Doktor daher als Übungsgelände -ersehen hatte. Er selbst nahm jetzt einen etwas erhöhten Standpunkt -ein und erläuterte seinen Zuhörern Zweck und Art des -Sports und den richtigen Gebrauch und die Ausnutzung des -Geräts. Alle schienen im Bann seiner Ausführungen zu stehen -und sie absolut zu begreifen – nur Konny bemerkte mit -Schrecken, welch' ein Chaos in ihrem Gehirn entstand. Sie -versuchte, sich an einige technische Ausdrücke anzuklammern, -aber sie war nie stark im Behalten gewesen, – und da sie -ihnen keinen Sinn unterlegen konnte, zerstäubten auch diese -Wörter wie Schneeflocken in ihrem Auffassungsvermögen. -Plötzlich gab der Herr Doktor ein Zeichen, dessen Sinn er wohl -vorher besprochen haben mußte, denn nun begannen alle sofort -mit emsigen Händen, sich die vor ihnen am Boden liegenden -Skier anzuschnallen.</p> - -<p>Auch Konny versuchte es. Doch ihr waren Glieder und -Hände steif vor Kälte, von ihren Zehen hatte sie das deutliche -Gefühl, sie seien aus Glas. Sie riß und zog an den Riemen -und endlich stand sie hilflos auf den beiden schmalen Brettern -da. Inzwischen hatte sich das Unglaubliche vollzogen: während -sie noch mühsam nach Balance suchte, krabbelte schon eine -Unzahl von Menschen den Abhang hinauf, dem Doktor folgend, -der sie in langen, flachen Serpentinlinien aufwärtsführte. Da -hinauf sollte sie auch –? Die Vorstellung war so überwältigend, -daß sie sich erst mal rückwärts in den Schnee und zugleich -auf die Kante der Skier setzte. Das tat weh, und im Gefühl -gänzlicher Machtlosigkeit blieb sie liegen.</p> - -<p>Da erscholl aus den Lüften eine Stimme, mahnend – aufmunternd -– ratend – und Konny blickte sich um, wem wohl -diese sich immer noch steigernde Teilnahme gelten mochte.</p> - -<p>»Na, Sie da unten, Fräulein, wollen's denn anfrieren?«</p> - -<p>Gelächter von nah und fern und dann dicht an ihrem Ohr -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -eine flehende Bitte: »Stehen Sie doch endlich auf – ich helfe -Ihnen – er denkt ja sonst, es ist Eigensinn, daß Sie sich -nicht rühren – –.«</p> - -<p>Ach Gott, <em class="ge">ihr</em> galt diese versuchte Beeinflussung von oben? -Aber aus Eigensinn, nein wahrhaftig, saß sie hier nicht.</p> - -<p>Mühsam rappelte sie sich empor, brachte die Spitzen der -Skier übereinander und wäre wieder gefallen, wenn die Hand -ihres Nachbars sie nicht gestützt hätte.</p> - -<p>»Lassen Sie die Dame nur gleich das Wenden üben,« erscholl -von neuem die Stimme, »und nehmen Sie sich ihrer -etwas an, Herr Architekt, wir gehen inzwischen weiter.«</p> - -<p>»Was soll ich?« fragte Konny verzagt. »Wenden? Aber -ich habe ja keine Ahnung.«</p> - -<p>»Der Herr Doktor hat's aber doch erklärt! Also sehen Sie -mir einmal zu.«</p> - -<p>Diese gewaltsame, ungeheuer schwungvolle Bewegung sollte -sie nachmachen?</p> - -<p>»Versuchen Sie's doch wenigstens mal!«</p> - -<p>Jetzt endlich sah sie ihrem Helfer ins Gesicht – bis dahin -hatte sich ihre Aufmerksamkeit nur auf seine Beine konzentriert -– und sie entdeckte, daß der Architekt derselbe Herr sei, -dessen Zuruf am Morgen sie zu dieser Tollkühnheit verlockt -hatte. Dann mußte er auch einen Teil der Verantwortung -tragen.</p> - -<p>Halblaut fragte sie: »<em class="ge">Er</em> ist ja schon so weit fort – er -merkt es am Ende gar nicht, wenn ich nicht übe.«</p> - -<p>Der Architekt lachte und antwortete herzlos: »Er sieht alles, -Fräulein!«</p> - -<p>Und wirklich erscholl es in diesem Augenblick aus den -Lüften: »Nun, die beiden dort unten – wollen sich die denn -gar nicht hinaufbemühen?«</p> - -<p>»Bitte, bitte, einmal versuchen«, drängte der Architekt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -Und Konny, die es einsah, daß es hier kein Schummeln -gäbe, schleuderte mit letzter Energie ihr rechtes Bein in die -Luft, sah ihren gefesselten Fuß mitsamt dem senkrecht stehenden -Skier unstät hin- und herschwanken, fühlte sich in zwei -gleiche Portionen gerissen – und ließ sich auf die Seite -fallen.</p> - -<p>»Aber, aber,« meinte der Architekt, »das war ja alles verkehrt! -Und da wir doch bergauf wollen, hätten Sie das obere -Bein nehmen müssen, um gleich an Steigung zu gewinnen -– und nicht das Talbein!«</p> - -<p>Konny sah resigniert auf ihre beiden, unter ihr gekreuzten -Beine. Sie hätte im Moment gewiß nicht angeben können, -welches ihr rechtes oder welches ihr linkes sei – und nun sollte -sie sogar den Unterschied zwischen Tal- und Bergbein wissen?!</p> - -<p>Still begann sie sich zu entknäueln, stand endlich wieder -aufrecht da und sagte zum Architekten: »Ich will es jetzt -allein lernen, ohne Theorie. Sie stören mich nur – gehen -Sie nur voran.«</p> - -<p>Langsam und vorsichtig, dennoch von unendlichen Stürzen -unterbrochen, begann sie dann bergan zu klimmen – er in -mäßiger Entfernung vor ihr.</p> - -<p>Plötzlich kam er zurück: »Darf ich mir eine Bemerkung -erlauben?«</p> - -<p>Und ohne ihre Einwilligung abzuwarten, sagte er: »Ihr Rock -ist viel zu lang, der geniert Sie. Ziehen Sie ihn aus, ich nehme -ihn in meinen Rucksack.«</p> - -<p>Wenn's nur das sein sollte, was sie hinderte!</p> - -<p>Sie zögerte eine Sekunde, dann zog sie mit seiner Hilfe den -Rock aus, und zwar über den Kopf, da es über die Skier doch -nicht gegangen wäre. Ganz heiß waren sie beide von der -mühsamen Arbeit auf dem Hang und Konnys Unsicherheit -geworden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -Dann stand sie in neumodischen Beinkleidern, aus demselben -Stoff wie ihr Kleid, vor ihm; um die Hüften herum bildeten -sie Tüten, an den Knien schlossen sie sich dagegen sehr eng, und -er, dem ihre zarte Figur vorher so gut gefallen hatte, mußte -ein Lächeln unterdrücken: etwas Rundes und Komplettes -hatte sie angenommen und fast bereute er seinen guten Rat. -Denn mit oder ohne Rock – viel Talent zum Sport schien sie -nicht zu besitzen.</p> - -<p>Endlich, nach mehreren Stunden, erreichten sie die übrige -Gesellschaft, die sich auf einem Schneefeld zum Frühstück gelagert -hatte und schon wieder im Aufbruch war. Mit lautem -Halloh wurden sie beide begrüßt. Der Doktor eilte auf Konny -zu und fragte, wie es denn gegangen sei. Und sie, im Bestreben, -nicht gar so dumm zu erscheinen, besann sich auf die -vorhin verworfene Theorie und antwortete fröhlich und gänzlich -ahnungslos über den Sinn der Bezeichnungen: »Danke – -mit dem Bergbein gut, mit dem Talbein schlecht!«</p> - -<p>In das Gelächter ringsum stimmte sie harmlos mit ein – nur -daß sie einen guten Witz gemacht haben sollte, begriff sie nicht. -Nach ihrer Meinung blieb ein- für allemal das rechte das -Talbein, weil der Architekt es beim ersten Wenden so genannt -hatte. – Darauf, daß man so perfide sein könne, die Bezeichnung -je nach der Richtung zum Berg zu wechseln, kam -sie gar nicht.</p> - -<p>Daß sie Humor verstände, schien allen, auch dem Doktor, -eine ausgemachte Sache zu sein, und darauf bauend, gab er -einem seiner Begleiter einen Auftrag.</p> - -<p>Konny frühstückte inzwischen geschwind von den guten Sachen -aus des Architekten Rucksack; sie selbst war ja mit nichts versehen -und fand es schon fast selbstverständlich, seine Hilfe in -Anspruch zu nehmen.</p> - -<p>Unten im Tal schied man endlich am späten Nachmittag in -vollster Harmonie. Am Abend wollte der Doktor in einem -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -einfachen Wirtshaus einen theoretischen Vortrag halten, und -wenn Konny auch im voraus sicher war, wieder kaum etwas zu -verstehen, so freute sie sich doch herzlichst auf das Zusammensein -mit all den frischen, jungen Menschen. Hatte sie bisher als einzige -Unterhaltung doch nur ihre Wirtin gehabt, deren ausgeprägten -Dialekt sie überhaupt nur in besonders glücklichen Momenten -verstand – aber seit heute war ihr, als trete sie auch in ein -besseres Verhältnis zur Natur; nichts mehr schien ihr fremd -oder überwältigend, wie im Anfang, an dieser Hochgebirgsszenerie, -und wie sie so zurückwanderte, den geschmähten Rock -über der Schulter hängend, kam es ihr vor, als habe sie eigentlich -ein neues Leben begonnen. Der Sport mußte doch von -allgewaltiger Macht sein!</p> - -<p>Am Abend, neben dem Architekten sitzend, hörte sie gespannt -zu. Und da ihr Humor nun einmal fest anerkannt worden war, -lachte er ungeniert über ihre leisen Bemerkungen, die sie in -den Vortrag des Doktors einstreute, während Konny ein paarmal -dachte, daß es, nach dem sinnlosen Lachen ihres Nachbars -zu urteilen, in seinem Hirn nicht ganz richtig sein müsse.</p> - -<p>Dann wurden Lichtbilder angekündigt. Der Doktor wandte -sich verbindlich lächelnd an Konny, als wolle er ihre Zustimmung -einholen – oder auch ihre Verzeihung – wies auf die -weiße Leinwand und sagte unter lautem Gelächter ringsum: -»Das Talbein«.</p> - -<p>Konny lachte mit. Auf der Leinwand stand sie selbst, hilflos -und schwankend, in einer wenig vorteilhaften Kleidung: -einem oben zu weiten und unten zu engen Beinkleid. Sachlich -konstatierte der Doktor die Fehler ihrer Haltung, der Fußstellung, -der Handhabung ihres Stockes – und bewies auf -allen folgenden Bildern, die immer nur wieder sie zeigten, daß -sie ein vollkommen typischer Fall des Anfängertums sei. -Darnach schien es ihr ja wirklich, als habe sie mit besonderem -Instinkt alles und jedes verkehrt gemacht!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -Ja, sie lachte fröhlich mit bei jedem Konterfei; und nur -dem Architekten kam es ein paarmal vor, als zittere sie leicht. -Aber sie mochte wohl übermüdet sein.</p> - -<p>Wirklich erhob sie sich nach schicklicher Pause, als der Vortrag -beendet war, und verabschiedete sich. Energisch lehnte sie -die Begleitung des Architekten ab, doch er gab es nicht zu, -daß sie den weiten Weg durchs Dorf allein machte. Zum -Sprechen unterwegs aber konnte er sie nicht bewegen – was -fehlte ihr nur?</p> - -<p>Erst auf der obersten der drei Steinstufen schien sie wieder -Atem zu bekommen.</p> - -<p>»Haben Sie Dank, Herr Architekt,« sagte sie mit merkwürdig -ruhiger Stimme, »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben! -Durch Sie bin ich veranlaßt worden, am Kurs teilzunehmen -– durch Sie, meinen Rock abzulegen – und ich -irre mich wohl nicht, wenn ich Ihnen auch das hinterlistige -Photographieren verdanke.«</p> - -<p>»Aber ich schwöre ...«, fiel er ein.</p> - -<p>»Ach was,« entgegnete sie hastig, »schwören! Nachdem man -falsch und verräterisch und – und – schadenfroh gewesen ist! -Sie haben ja gewußt, daß ich auch nicht das geringste von -allem verstanden habe – weder vom Bergbein noch vom Talbein -– und dennoch haben Sie sich über mich lustig gemacht! -Pfui!«</p> - -<p>Er starrte noch immer Frau Deixlmairs tannene Tür an, -als sie schon längst hinter ihr verschwunden war. Ein merkwürdiges -Mädel, diese Pfälzerin! Eigentlich dumm oder doch -begriffsstutzig – und wieder klug genug, um das einzusehen -und noch mehr: um es sogar zuzugeben! Welche Frau tat das -wohl sonst?! Gewiß nicht viele. Er pfiff zwischen den Zähnen -und sah lange, lange die Tür an. Humor, wie sie alle gedacht -hatten, besaß sie also nicht – und doch Taktgefühl, ungeheuer -viel Taktgefühl. Eine andere, der plötzlich über sich selbst und -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -ihre Leistungen so öffentlich ein Licht aufgesteckt worden wäre, -hätte vielleicht eine Szene gemacht oder geheult – oder sonst -irgend etwas. Diese da war sehr tapfer – das hatte sie eigentlich -schon den ganzen Tag bewiesen, an dem sie sich so redlich -mühte und nicht die geringste Hilfe durch Überlegungen gehabt -hatte – schade! Denn nun würde sie natürlich nicht mehr -wiederkommen! Schade! Der ganze Kurs war ihm verleidet.</p> - -<p>Aber am andern Morgen stand sie tapfer wieder da, beim -Treffpunkt. Und ihm nickte sie freundlich und harmlos zu.</p> - -<p>»Donnerwetter,« dachte er wieder, »sie ist anders! Die -meisten wären schmollend zu Hause sitzen geblieben oder hätten -den Ärger benutzt, um sich zu drücken.«</p> - -<p>Sie wurde auch keine Musterschülerin des Doktors. Aber -menschlich gute Eigenschaften entdeckte der Architekt noch zahlreiche -an ihr im Laufe des sechstägigen Kurses. Da fragte er -sie zum Schluß, ob sie nicht auch weiterhin zusammen durchs -Leben fahren wollten, sie seien so schön eingeübt. Womit er -allerdings im stillen wohl meinte, daß sie an seine Hilfe beim -Aufstehen gewöhnt sei. Ihre Kunst bestand eben – im Hinfallen.</p> - -<p>Aber auch diesmal las sie seine Gedanken und antwortete -fröhlich: »Gut! Wenn du mich bei schwierigen Fällen nie -fragen willst, ob ich nun das Talbein oder das Bergbein nehmen -muß –! Das könnte ich nämlich nie entscheiden: aber -Vertrauen mußt du haben, daß ich es schließlich doch recht -mache.«</p> - -<p>Und das Vertrauen besaß er.</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Die Erfindung.</h3> - - -<p>Immer wenn Frau Ellen Mahder von ihrer Arbeit aufsah, -was allerdings nur geschah, um die Augen ein wenig vom -Mikroskop auszuruhen, bemerkte sie, daß sich der Kopf ihres -Nachbarn tief über seine Hände beugte – nicht ein einziges -Mal seit acht Tagen waren sich ihre Blicke begegnet. Aber -diese scheinbare Unermüdlichkeit täuschte sie keinen Augenblick: -ein so wenig ernsthafter Mensch, der wenigstens in ihrer Gegenwart -noch kein vernünftiges Wort gesagt hatte, war nicht imstande, -sich von seiner Aufgabe absorbieren zu lassen; sie -mißtraute ihm und seinem wissenschaftlichen Eifer aufs höchste. -Und ebenso ärgerte sie sich über sich selbst, daß sie an diesen -»faden« Doktor Zerpfang einen Gedanken verschwendete – -und kehrte sofort mit aller Inbrunst zu ihren botanischen Untersuchungen -zurück. Sie mußte ja auch doppelt pflichtgetreu und -genau sein, um ihre Zulassung in die dunklen Räume der -alten Akademie, die unter anderen auch der botanischen Station -Aufnahme gewährt hatte, zu rechtfertigen. Denn die Frage -dieses »faden« Doktors, ob sie studiert oder wenigstens das -Gymnasium absolviert habe, mußte sie verneinen; aber sie -interessiere sich nun einmal stark für Chemie und Botanik, -und sie hoffte, ihre mangelnde Vorbildung durch Lerneifer – –</p> - -<p>Er hatte ernsthaft genickt und sie aussprechen lassen, trotzdem -sie sich vor Verlegenheit ein wenig im Satzbau verwickelte. -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -Als sie endlich fertig war, sagte er: »Na, da können S' mir -am Ende gleich erklären, was das bedeutet: <i>C, A – C, A, O</i>?«</p> - -<p>Unsicher und zweifelnd hatte sie erwidert: »<i>C, A – C, A, O</i>? -– <i>C</i> vielleicht Kohlenstoff, <i>A</i> – Argentum, <i>O</i> Oxygenium –«</p> - -<p>Ringsum war ein lautes Gelächter losgebrochen, so daß -sie erschrocken mit der Zerlegung der chemischen Formel innehielt.</p> - -<p>Mit heuchlerischem Ernst sagte der Doktor: »Ich würd's -anders übersetzen: <i>C, A – C, A, O</i> – das ist Cacao.«</p> - -<p>Sie brachte es zwar zuwege, über ihren Reinfall zu lachen, -aber ganz vergeben konnte sie nach Frauenart dem Doktor -diese Niederlage doch nicht. Und er mußte wohl ihre stille -Abneigung fühlen, denn er begrüßte sie des Morgens nur mit -stummer Verbeugung und verließ mittags den Saal erst -nach ihr.</p> - -<p>Als heute die Präparate für die kommende Woche verteilt -wurden, sagte sie: »Ich danke, ich gehe auf ein paar Tage ins -Gebirge.« Und auf den etwas erstaunten Blick des Professors -setzte sie hinzu: »Ich bin überarbeitet – ich brauche eine Luftveränderung.«</p> - -<p>Ihr Ton klang gereizt. Konnte man sich nicht vorstellen, -daß es für ihre Arbeit nur vorteilhaft sei, wenn sie mit frischen -Kräften an sie hinanginge?</p> - -<p>»Man« lächelte unmerklich und gab ihr den väterlichen Rat, -sich nur nicht durch irgendeinen dummen Sport noch mehr -herunterzubringen oder sich gar eine Herzschwäche zu holen, -die bei der jetzigen Unvernunft und Übertreibung an der Tagesordnung -sei. »Man« redete ihr zu, lange zu schlafen, kräftig -zu essen und ein wenig in der Sonne zu sitzen.</p> - -<p>Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, aber sie arbeitete nicht -mehr.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -»Geben S' nach – bleiben S' da?« fragte eine Stimme -neben ihr.</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf, ehe sie sich noch Rechenschaft darüber -gab, wer zu ihr spräche: ah, der »fade« Doktor! Mochte er -sich ebenso über sie lustig machen wie die andern. Aber vorläufig -sagte er gar nichts, sondern sann vor sich hin. Und -dann bat er hastig und scheu: »Mögen S' meine Erfindung -anschauen, an der ich gebastelt habe alle Tag'?«</p> - -<p>Mein Gott, augenblicklich lag ihr die ganze Arbeit hier so -fern! »Gestohlen werden kann sie mir«, hätte sie am liebsten -gesagt. Doch zwang sie sich zu einem Lächeln und entgegnete: -»Gewiß – gern!«</p> - -<p>Er führte sie an seinen Arbeitstisch, schob Bücher und Hefte -beiseite und zog ein paar merkwürdige Eisenklammern hervor, -deren Teile mit gewachstem Bindfaden verbunden waren. -Triumphierend hielt er sie ihr hin.</p> - -<p>Ratlos stand sie da und sah auf die Dinger. Sein Preisrätsel -»Cacao« fiel ihr ein, und sie hütete sich wohl, irgend etwas -zu äußern, was auch diesmal ihre völlige Unkenntnis verraten -hätte. Infolgedessen konnte sie überhaupt nichts sagen – denn -kein Lichtstrahl machte ihr klar, was diese Erfindung bedeute.</p> - -<p>Er aber, mit dem blinden Entzücken aller Erfinder über -ihr Produkt, sagte voll Begeisterung: »Das Ei des Kolumbus, -nicht wahr? So einfach, so handlich, billig herzustellen, leicht -zu transportieren – sehen S': in dem Tascherl da! – praktisch -– und von einem Erfolg!! Na, den garantier' ich Ihnen! -Eine großartige Erfindung, gelt? So was kann eben nur einer, -der die Praxis kennt, der 's ausprobiert hat – der sich nicht -abschrecken läßt von scheinbaren Schwierigkeiten! Und ich sag' -Ihnen: immer simpler ist es worden, geradezu dahingeschmolzen -in meine Händ' – und das werden S' zugeben müssen: -von einer klassischen Einfachheit ist's worden – kein Hakerl -z'viel, kein' Wirtschaft, kein Durcheinand' – höchste Einfachheit, -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -gepaart mit größter Solidität und Sicherheit –.« -Das letzte sagte er hochdeutsch, es klang wie eine Notiz aus -einer Anpreisung. – Ihr wurde heiß und kalt und wieder heiß: -wenn er um Gottes willen nur nicht fragen würde –! Sie -hatte ja keine Ahnung, zu was die Dinger waren, die er nun -mit einem »Schnapp« zuklappen ließ und wieder öffnete, obgleich -ihr Geist sich an jedes Instrument klammerte, das ihr -je in diesem Saal vor Augen gekommen war. Schlicht – ja, -das konnte sie zugeben, das war dieser Apparat, fast primitiv -in seiner äußeren Gestaltung und beinah roh in seinem Material. -Aber sein innerer Wert mochte deshalb eminent sein, seine -Hilfe für die Wissenschaft von unberechenbaren Folgen – -wenn sie nur geahnt – wenn die unscheinbaren Dinger ihr nur -einen einzigen Anhaltspunkt gewährt hätten! Hilflos starrte sie -vor sich nieder und brachte endlich ein »Sehr hübsch – sehr -praktisch« über die Lippen.</p> - -<p>»Gelt?« fragte er zutraulich. »Das is was! Ja, so werden -Meisterwerke geboren – so nebenher, so zufällig! Erst ist der -Gedanke in mir gereift, dann habe ich mich mit ihm herumgeschlagen, -denn eigentlich hab' ich nicht recht heranwollen, weil -solch eine Idee doch immer etwas ablenkt – aber schließlich: -das Erfindungsfieber ist über mich kommen, und kein' Ruh' -nicht hab' ich gehabt, bis 's nicht da fertig vor mir gelegen ist -am Tisch!«</p> - -<p>Zwar hörte sie heraus, daß er sich ein wenig selbst persiflierte, -aber stolz war er darum doch. Und konnte es ja auch sein: -eine Erfindung machen, die Wissenschaft bereichern, das ist -immer etwas Großes, fast Heiliges. So sagte sie denn auf -gut Glück hin: »Die Zeit dürfen Sie doch nicht als verloren -betrachten – da Ihnen die Erfindung gelungen ist, hat sich -doch die sogenannte Untreue gegen Ihre Arbeit reichlich gelohnt.«</p> - -<p>Er lachte. »Sogenannte« – ist gut! Sie haben eine famose -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -Art zu trösten, Frau Kollega! Ich hätte Sie gar nicht für so -vorurteilsfrei gehalten.«</p> - -<p>Auch das verstand sie wieder nicht ganz, aber sie war nur -froh, daß er keine präzisere Antwort von ihr verlangte.</p> - -<p>Als er nun vorschlug, für heute die Arbeit aufzugeben und -gemeinsam zu speisen, willigte sie gern ein. Gewöhnlich aß -sie mittags in einer Pension mit streng modern denkenden und -gekleideten Malerinnen; und sie, die noch so wenig leistete und -in ihrer Arbeit ja auch kaum je eine Eigenart entwickeln konnte, -saß recht gedrückt und bescheiden zwischen diesen selbstsichern -Geschöpfen, die alle mit Bewußtsein auf dem richtigen Weg -waren, wie sie sagten. Sie selbst sah nur ein stilles Eckchen vor -sich, einen Tisch in einem Saal, an dem sie unbeachtet bis an -ihr Lebensende sitzen, bestimmen, zeichnen, höchstens einmal -etwas würde schreiben dürfen. Da durfte sie sich allerdings -nie mit diesen Künstlerinnen in einem Atem nennen, die Ruhm -und Erfolg in die Höhe tragen würden!</p> - -<p>Neben des Doktors gutmütiger Art verlor sie ihre Scheu, -ja, sie verriet ihm sogar von den Zweifeln an sich, die sich täglich -am Mittagstisch erneuerten. Er lachte sie aus und sagte ein -paarmal: »Da – schauen S' mich an! Bin ich hoffärtiger -worden – oder gar stolzer?! Und bin doch ein großer Erfinder! -Gelt, das bestellen S' Ihre Schwabinger Madeln von mir: -je größer einer ist, um so bescheidener soll er sein.«</p> - -<p>Er brachte sie nach Hause, und vor ihrer Tür sagte er plötzlich: -»Wissen S', ich begleit' Sie morgen!«</p> - -<p>Ja, das wäre nett! Zu zweien mußte es doch viel schöner -sein, und so sicher war sie übrigens auch gar nicht auf ihren -Skiern – in diesem Jahr war sie noch kaum hinausgekommen –.</p> - -<p>»Um so besser«, entgegnete er etwas unverständlich. »Und -da sprechen wir uns deutlich aus über meine Erfindung.«</p> - -<p>Ach Gott, wenn er doch draußen nichts weiter wollte, als -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -sich selbst bespiegeln und bewundern und von dem klassischen -Stück Eisen reden, so sollte er nur lieber daheim bleiben! Etwas -widerwillig nannte sie ihm Ziel und Abfahrtszeit, dann ging -er fröhlich, mit richtiger Siegesmiene davon. Er schien doch -schon auf dem besten Wege zur Hoffahrt zu sein!</p> - -<p>Den ganzen Abend, während sich Frau Ellen Mahder -die Skiausrüstung bereitlegte, die »Lauparstiefel« noch einmal -einfettete, die Gamaschen fest aufrollte, um sie morgen tadellos -binden zu können, und schließlich in den Rucksack zu allerlei -appetitlichem Proviant den Zdarsky-Spirituskocher und den -Seidenkragen, der sich zum Zelt gestalten ließ, eine andere Erfindung -des Lilienfelder Skimeisters, zusammenpackte, plagte -sie die Vorstellung von Doktor Zerpfangs Schöpfung. Ja, käme -sie nur dahinter, ob er sie absichtlich hinhielte, sich vielleicht -an ihrer Angst weidete – oder ob er sie wirklich für nicht so -dumm hielte, als sie doch sein mußte! Diese letzteren Zweifel -quälten sie besonders, und so verbrachte sie keine erquickende -Nacht.</p> - -<p>Er aber tat bei der Abfahrt gänzlich unbefangen. Seinen -Schöpfer lobte er, der ihm den guten Einfall gegeben, gleich -ihr dem dumpfen Saal zu entfliehen und in die Berge zu -fahren. Den ganzen Weg vom Bahnhof in Schliersee, an -Fischhausen vorbei und durchs Josephtal sang er und jubelte -und konnte sich nicht genug tun, die Weiße des Schnees, -die Bläue des Himmels – die wunderbare, in kristallene Reinheit -getauchte Landschaft zu bewundern. So ein Tag – so ein -leuchtender, jauchzender Tag! Ja, den brauchte man – da -wurde man wieder gesund und froh, da fielen alle kleinen -Erdennöte vom Herzen ab, so wie der stäubende Schnee vom -schwankenden Ast. Und er schlug gegen die Bäume, daß es in -lichten Wolken auf sie beide herniederrieselte: das Jungbad der -Seele nannte er das. – Etwas schweigsam ging Ellen Mahder -neben ihm her; sie kam sich selbst schwerfällig und »norddeutsch« -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -vor, daß sie nicht aus vollem Herzen in sein Glück -mit einstimmen konnte. Aber die Furcht vor seiner Erfindung -fesselte ihr Zunge und Sinn – und ebenso die wachsende Erkenntnis -seines Wesens: ein Kind war er, ein echtes, großes -Kind wie alle Künstler, alle Genies. Hier, in der Sonne, in -der belebenden, herben, köstlichen Luft, am größten gemessen, -das es gibt: an freier Natur, offenbarte sich seine Ursprünglichkeit -und Lauterkeit. Ein Erfinder – und doch so primitiv! -Die Kompliziertheit ihres eignen Charakters wuchtete -auf ihr.</p> - -<p>Ehe es nun bergauf ging – sie wollten zur »Rotwand« hinauf -– verlangte er, daß das Zelt aufgeschlagen und der -Spirituskocher in Tätigkeit gesetzt würde. Ellen war noch -gar nicht hungrig, aber sie gab nach: Launen eines großen -Menschen soll man erfüllen, sie gehören zu ihm wie die Dornen -zu den Rosen.</p> - -<p>So hockten sie zu zweien, trotzdem sie beide groß waren, in -dem winzigen Zelt nieder, kochten sich »einen Tee« und begannen -sich von Herzen der Kameradschaft zu freuen. Früher, nein, -da war diese Ungeniertheit zwischen zwei fremden Menschen -und noch dazu zwischen Mann und Frau unmöglich gewesen – -nur dem nivellierenden, von Vorurteilen befreienden Sport war -das zu verdanken!</p> - -<p>»Er soll leben«, sagte der Doktor mit dem letzten Schluck, -und dann packten sie wieder zusammen.</p> - -<p>Dabei kam eine Unruhe über den jungen Botaniker. Ein -paarmal setzte er zum Sprechen an, endlich brachte er über -die Lippen: »Wann's Ihnen recht ist, probieren wir sie nun -aus, die Erfindung! Weil's ohnehin bergan geht!«</p> - -<p>Hier – die Erfindung! Im Freien, im Schnee – auf -einer Skitour! Mein Gott, er konnte doch nicht plötzlich geistig -verwirrt sein. – Unmerklich trat sie einige Schritte von ihm -zurück. Er kniete im Schnee hin und bastelte an ihren Skiern -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -herum. Sie spähte inzwischen ringsum: sollte sie fortlaufen, -um Hilfe rufen – ihre Angst wuchs ins Ungeheure! Eine -einzelne Frau allein mit einem Mann, nein, es war doch nichts, -sie verwünschte im Moment die eben noch gepriesene Kameradschaft: -die Alten hatten recht, die vor ihr warnten, die ihr keine -Existenzberechtigung gewährten – –</p> - -<p>Da war er schon fertig und erhob sich mit einem scheuen -Lächeln um den Mund, mit einem Rot stolzer Verlegenheit -auf der Stirn.</p> - -<p>»Da sehen S'! Ein Griff – klapp! Fertig is'! Und nun -probieren Sie 's aus – Sie sollen die Erste sein – wie mich -das glücklich macht!«</p> - -<p>Die Skier lagen vor ihr, und dicht vor der Bindung waren -sie umklammert – von der neuen Erfindung! Zutraulich erklärte -er ihr, woran der Vorteil vor den kostspieligen, mühsam -anzulegenden Fellen läge und daß, wenigstens für kürzere -Touren, der gewachste Bindfaden dieselben Dienste leisten -könne. – –</p> - -<p>Er begriff gar nicht, warum sie nicht in seine Freude mit -einstimmte. Sie hatte die Farbe gewechselt und sich an einen -Baum gelehnt: ihre Enttäuschung, ihre Empörung – der -Zorn gegen ihn, gegen sich selbst nahm ihr Atem und Besinnung. -Also doch – also doch! Leichtsinnig, oberflächlich, unzuverlässig! -Nicht an einer ernsten Erfindung hatte er all die -Wochen intensiv gearbeitet, für diesen Unfug, diese Überflüssigkeit -– dieses Nichts hatte er Zeit und Kraft geopfert! Und -seine Kindlichkeit war kein Beweis seiner Genialität, sie war -nichts als der Ausfluß seines unreifen, törichten Wesens.</p> - -<p>Aber das Ärgste war und blieb, daß sie sich hatte düpieren -lassen!</p> - -<p>Mechanisch setzte sie die Füße in die Skier, ließ sie sich von -ihm festschnallen und lief von ihm fort, so schnell es nur eben -ging. Sie mußte allein sein, nachdenken, versuchen, ihre ungeheure -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -Wut gegen ihn niederzukämpfen – ihn von ihrer -schmerzenden Enttäuschung nichts merken lassen.</p> - -<p>Die schwebende Enttäuschung blieb, als sie endlich die andern -Gefühle besiegt hatte. Irgendwo in ihrem Herzen saß sie -fest und ließ sich nicht vertreiben und sagte ihr wieder und -immer wieder, daß auch dieser Mann nur einer wie alle sei, -um kein Deut besser, um kein Lot wahrer – vielleicht, vielleicht -auch so wankelmütig wie der andere, der sie nach kurzer -Ehe verlassen und um dessentwillen sie einen Beruf gewählt -hatte – um zu überwinden und zu vergessen. Längst überwunden -war das alles; heute stiegen ihr dennoch bei der Erinnerung -die Tränen in die Augen. Einer wie alle – alle wie -der Eine!</p> - -<p>Äußerlich wurde sie ruhig. Die gleichmäßige Bewegung -bergan, die göttliche, kaum von einem Vogelschrei unterbrochene -Ruhe, der stille Sonnenschein, der Wald und Schnee förmlich -durchtränkte, die klare Luft – sie taten ihr Werk wie immer. -Sie glätteten die hochgehenden Wogen ihrer Empfindung und -zwangen sie, gerechter zu werden: war es seine Schuld, daß er -sie enttäuschte? Hatte er sie über sich selbst im Unklaren gelassen? -Nur sie, sie wollte mehr in ihm sehen; ihr genügte -nicht der harmlose Mensch, der dennoch seinen Sport ernst -nahm und ihm eine Verbesserung zur Ausführung wünschte – -ein großer Erfinder, ein Genie hatte er sein sollen!</p> - -<p>Wie schnell sie auf die Höhe gekommen war, und nicht ein -bißchen atemlos oder erhitzt wie sonst beim gefürchteten Bergauf -– alle Kraft gespart für die frohe, herrliche Abfahrt! -Woran lag das nur –? Wahrhaftig: das mußte das Verdienst -<em class="ge">seiner</em> Erfindung sein! Und darüber war sie so böse -gewesen?! Lächelnd sah sie auf die »klassischen« Eisen hinunter: -hatten nicht auch sie ihre Berechtigung?</p> - -<p>Du lieber Gott, die großen Sachen waren ja schon fast alle -erfunden – mußte es nicht auch Leute für die kleinen geben, -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -denen man dankbar sein konnte für die angenehmen Erleichterungen -des Lebens?</p> - -<p>Als das Rotwandhaus mit seiner wehenden Flagge in Sicht -kam, stand sie still. Nicht ein Wort hatte sie ihrem Begleiter -auf dem ganzen Weg gegönnt – sie mußte es wieder gutmachen.</p> - -<p>Aber als er sie erreichte, sagte er: »Famos sind Sie, Frau -Kollega! Nicht geschwätzt beim Bergauf, das lernen die meisten -Frauen nimmer!«</p> - -<p>»Ich gebe das Lob zurück«, antwortete sie. »Und Ihre Erfindung -ist großartig, Herr Doktor – ich gratuliere.«</p> - -<p>Er warf die Mütze in die Luft und jauchzte.</p> - -<p>»Famos sind Sie«, wiederholte er. »Nix geschmeichelt, nix -schöngetan – 's Maul gehalten, Sie verzeihen! still ausprobiert, -Erfahrung gesammelt – dann erst anerkannt, des -nenn' ich gründlich! Ja, die Frauen von heuzutag' – des is -was!«</p> - -<p>Ellen Mahder fand es nicht an der Zeit, ihn aufzuklären, -weshalb sie so lange geschwiegen. Einmal – es kam ihr vor, -als würde es nicht mehr unerträglich lange bis dahin sein – -wollte sie ihm die Wahrheit gestehen: ihre Enttäuschung über -ihn – und ihr Zurückfinden. – Still und glücklich glitten -sie nebeneinander her, bis sie das Haus mit der fröhlich wehenden -Flagge erreicht hatten.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -<b>III.<br /> - -»Sie« im Süden.</b></h2> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -Osterspaziergänge in Latium.</h3> - - -<h4>I. Der Monte Soracte.</h4> - -<p>Die Gabe, Kunst ernsthaft zu studieren und zu genießen, -ist recht verschieden bei uns armen Sterblichen verteilt; nirgends -läßt sich diese Behauptung besser und einwandfreier -beweisen als in Italien – und hier vor allem wieder in -Rom. Florenz gestattet ein stilles, beschauliches Genießen, es -gibt keine Entfernungen, man braucht fast immer nur von -Haus zu Haus zu gehen. Rom bringt zu seiner kolossalen -Ausdehnung und dem Übermaß seiner Sehenswürdigkeiten, -die über sein ganzes Areal verstreut sind, noch die Unruhe und -Hast der Großstadt – man ist immer auf der Eulenflucht, -und hätte man auch lange Wochen zum Besuch der »Ewigen« -vorgesehen. Darum hört man nicht selten – am häufigsten -von unsern Landsleuten, die in 10-14 Tagen »alles« sehen -möchten – den Stoßseufzer: »Gottlob, daß wir abreisen! -Ich kann nicht mehr!«</p> - -<p>Ich bemitleide diese Menschen nicht; ich bewundere sie. Denn -ich hätte schon längst nicht mehr gekonnt! Für meine Aufnahmefähigkeit -sind drei fleißige Museumsstunden schon ein -gerüttelt Maß – darüber fort versagt sie vollständig. »Wie -schade, nicht wahr, so viel Zeit zu verlieren – und womit -füllen Sie sie dann aus?« – Ich gehe spazieren; ich laufe stundenlang -durch die Campagna, ich suche zu Fuß all die kleinen -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Ortschaften auf, die wie leuchtende Punkte in der mächtigen -Ebene verstreut liegen, ich klettere auf die Hügel- und Bergketten, -die überall den Horizont in weiter Linie umsäumen, -und ich entdecke, daß ihre Hänge mit Dörfern und Städtchen -besetzt sind, grau und monoton, wie der Boden, aus dem -sie emporwachsen, und doch ein jedes von ihnen stimmungsvoll -– architektonisch schön – oder voll geschichtlicher Reminiszenzen, -die ihre Patina auf verfallene Burgen und Paläste -geworfen haben. Das ist meine geistige und körperliche Erholung, -mein Schutz gegen allmähliches Abstumpfen angesichts -Roms erdrückendem Reichtum: ein stunden- oder auch -tagelanger Spaziergang und von Zeit zu Zeit ein weiterer -Ausflug, der die überreizten Sinne ausruhen läßt und uns -das herrliche Land trotzdem näher bringt, weil wir seine -Natur lieben lernen.</p> - -<p>Nördlich von Rom, mit fast geradem Rücken, in schwerem -Massiv über die lieblichen Hügel dominierend, liegt der Monte -Soracte. Wie lange schon zog er wieder und wieder meine -Blicke und meine Sehnsucht auf sich – ein wenig wegen -seiner schwermütigen Gestalt, ein wenig wegen seiner Höhe -– etwa 700 m, aber direkt aus der Ebene aufsteigend, also -doch eine bescheidene Bergpartie verheißend! – Hauptsächlich -aber, weil man hoffen durfte, dort nicht vielen Menschen -zu begegnen! Den Passanten raubt der Ausflug zu viel Zeit -– ich bitte Sie, wenn man jede Statue in Rom gesehen -haben will! – die andern sind wohl zu bequem. Denn trotz -des himmlischen Frühlingstages – o Segen – sind und -bleiben wir allein, mein lustiger Begleiter und ich! Und -wie wir uns fühlen, einmal wieder mit dem leichten Gepäck -für eine Nacht im Rucksack – fernab von Pensionen, Leuten -mit Baedekern und der Gewißheit, abends beim Diner den -Nachbar rechts und links und gegenüber seine Tageseindrücke -nicht memorieren zu hören – nein, ein echter, rechter Ferientag -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -ist es, ein Schuleschwänzen in ewigen Vakanzen! »Da kann -ich Sie gleich auf Ihre Bedürfnislosigkeit prüfen«, meinte -der Hochtourist. Denn es war unsere erste »Bergtour«, und -der Hochtourist, dessen seherischer Blick meine bergsteigerischen -Fähigkeiten erst wenige Tage vorher am Turm des Kapitols -entdeckt hatte, konnte noch nicht ahnen, wie glänzend sie sich -entwickeln würden.</p> - -<p>Nur wir entsteigen in Stimigliano dem Coupé; nur wir -zwei laufen querfeldein bis hinab zum »<i>Bionde Tevere</i>«, -dem blonden Tiber, der hier so köstlich ländlich aussieht, so -recht wie ein gemütlicher Bauernfluß, nicht ein bißchen, als -trüge er später die Weltstadt auf seinen Ufern; und ganz -primitiv, außer uns nur von ein paar Frauen und Kindern benutzt, -ist auch die Fähre, die uns ans jenseitige Gestade befördert.</p> - -<p>Die Sonne brennt heiß auf den noch brachliegenden Boden -nieder, aber da bekanntlich die Götter vor jeden Erfolg den -Schweiß gesetzt haben, so tragen wir frohen Muts und unverdrossen -die göttliche Prüfung – sind wir doch des schönen -Erfolges sicher!</p> - -<p>Frühstücksstation: San Oreste. Weiten Rundblick gestattet -es über die Sabiner- und die umbrischen Berge, aber »recht -einladend«, wie es Gregorovius erschienen ist, der deshalb -bedauert, es nicht besucht zu haben, ist es wirklich nicht. Ein -Haufen eng aneinander gedrängter, unmalerischer Steinhäuser -ohne die geringste Abwechslung oder Ausschmückung; und -das Wirtshaus am Dorfeingang wohl noch genau so bescheiden -wie zu den Zeiten jenes berühmten italienischen Spaziergängers. -Aber das wenige, das man bekommt: Salami, Eier und Wein, -so gut wie fast überall in den ländlichen Osterien. Die Befürchtung -vieler Reisender, abseits der großen Heerstraßen -»nichts« zu bekommen, ist wirklich überflüssig!</p> - -<p>Und dann, nach kurzem Marsch, kommt ein Wald; ein -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -schattenspendender, kühler Wald ernster Steineichen. Einmal -mag der ganze Berg von ihnen bestanden gewesen sein – -aber auch dieser Rest ist noch ehrfurchtgebietend genug – -und so märchenhaft still – man wartet, ob nicht Böcklins -Einhorn langsam zwischen den dunklen Stämmen hervortrabt.</p> - -<p>Wenige Minuten unterhalb des Gipfels taucht das Kloster -San Silvestro auf, genannt nach dem Papst Silvester, dem -der Kaiser Konstantin »das ganze Abendland« schenkte – -eine etwas unsichere Gabe! Und eine Zeitlang suchte Karlmann, -Karl Martells kampflustiger Sohn, in diesen Mauern -Ruhe – bis auch ihn die Menge der Besucher, die nach Rom -pilgerten, verscheuchten – Gott sei Dank haben sie jetzt einen -andern Weg gefunden!</p> - -<p>Ganz oben auf dem Berge erhebt sich eine kleine Kapelle -über einer schönen, alten Krypta, in der uns der alte Aufseher -auf die Zelle des heiligen Silvester aufmerksam macht. -Bedürfnislos genug mag er gewesen sein, Geschmack besaß -er jedenfalls! Denn die Aussicht von diesem höchsten Punkt -ist einfach superb: die ganze Campagna liegt zu unseren -Füßen, dem Lauf des Tibers folgt man bis zu Roms Mauern, -das Meer schimmert stahlblau in der Mittagssonne zu uns -herüber, Bracciano und den gleichnamigen See glaubt man -mit der Hand erreichen zu können – die weichen Linien der -Albaner-, Sabiner- und umbrischen Berge umschließen das -Bild nach Osten und Süden – kurzum, das Ganze ist so -schön, so abwechselungsreich, daß man sich schwer losreißen -kann. Aber die Schatten werden länger, eilig geht es auf -der Westseite bergab durch Weinberge und Olivenhaine. Von -der Haltestelle San Oreste aus benutzten wir die Bahn und -erreichen im Abenddämmern, nach entzückender Fahrt, unser -letztes Ziel: Cività Castellana. Die Stadt liegt auf einer Felsplatte, -zu der sich die Bahn in hübschen Serpentinen hinaufwindet, -immer neue Ausblicke in die merkwürdig tief einschneidenden -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Flußtäler gewährend. Die Treja und der Rio -maggiore umströmen die Stadt von drei Seiten, d. h. wenn -man so sagen darf: ihr Piedestal. Fast senkrecht, aber mit -dichten Schlingpflanzen und Gebüsch romantisch geschmückt, -steigen die Uferwände empor, eine natürliche Verteidigung -bildend, wie man sie nicht besser, und vor allem, nicht -schöner denken kann. Und aus diesem Grunde – der geschützten -Lage wegen – wurde die Stadt immer wieder aufgebaut, -trotzdem verschiedene Eroberer, zuletzt die Sarazenen, -sie zerstört hatten. Aber der Fleck Erde ist auch zu verlockend – -die Promenade um die alte Stadtmauer immer wieder überraschend -an neuen Ausblicken. Freilich, im Hof der einst berühmten -Zidatelle weiden nur noch ein paar Ochsen, nachdem das Gebäude -jetzt nicht einmal mehr als Gefängnis benutzt wird. Die -Zeit, wo hier mächtige Grafengeschlechter hausten und Päpste -sich zum Sterben in das überaus pittoreske Städtchen zurückzogen, -ist vorüber; nicht einmal mehr ein Räuberhauptmann, -wie seinerzeit Gasparone, lebt in ihr. Ihr einziges, sehr sehenswertes -Gebäude ist die Kathedrale Santa Maria mit romanischem -Portal, gotischen Rundfenstern und Cosmatensäulen in -der Vorhalle. Auf dem Platz vor der Kirche wurde abends -ein Ständchen gebracht und am nächsten Morgen der Markt -abgehalten, als wir auf einem mittelalterlichen Omnibus vorüberrumpelten, -um uns nach Borghetto bringen zu lassen. Von -der Bahnstation Cività Castellana, die anderthalb Stunden von -der Stadt entfernt ist, benutzten wir die Bahn zur Heimfahrt -nach Rom.</p> - - -<h4>II. In den Sabinerbergen.</h4> - -<p>Wer hätte nicht von deutschem Besitz auf italienischem Boden -gehört – von dem berühmten Eichenhain, der Serpentara, der -einst von deutschen Künstlern vor dem Ausroden bewahrt und -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -schließlich von ihnen mit gesammeltem Geld angekauft wurde?! -Auch mich lockte dieses kleine »Deutschland«.</p> - -<p>Ganz früh, im unaufgeräumten Wartesaal des römischen -Bahnhofs, tranken wir unsere Schokolade. – Eine kurze Bahnfahrt -bis Zagarolo – von hier mit dem Omnibus bis Genazzano. -Vorn neben dem Kutscher erwischen wir noch Plätze; -die Bauern hinter uns unter dem muffigen Verdeck des Wagens -können nicht begreifen, daß wir die angebotenen Ehrensitze -in ihrer Mitte verschmähen! Wir aber blicken über den mächtigen -Federbusch eines auf Urlaub für die Festtage gehenden -Bersagliere – der uns zu Füßen auf der Deichsel hockt, nach -dem schönen Spruch: Besser schlecht gefahren als gut gegangen! -– in das sonnengetränkte, köstliche Land hinaus. Nicht tot -mehr scheint die Erde – duftend steigt es aus den braunen -Schollen empor, in den Zweigen der Kastanien- und Ölbäume -regt es sich leise, rötliche Augen zeigen sich an den Weinreben, -die sich von Ulme zu Ulme ranken.</p> - -<p>Und welch eine Volksmenge, je mehr wir uns der kleinen -Stadt Genazzano nahen! Der Tag irgendeines Heiligen ist es, -der zum Jahrmarkt benutzt wird – Frühaufsteher kommen -uns schon mit ihren Einkäufen entgegen. Rechts und links am -Stadttor hängen goldglänzende Kupfergeschirre an den Mauern; -Bettladen, Wiegen und Truhen versetzen den Weg. Wir -steigen aus und wandern durch den Ort, vorbei an einer Wallfahrtskapelle, -die auch heute ihre Anziehungskraft beweist, vorbei -am alten Palast der Colonna und den Überresten ihres -Aquädukts, dessen von Efeu umsponnene Bogen malerische -Rahmen für die Landschaft im Tal bilden. – Der Weg nach -Olevano, nicht über die bequeme Landstraße, sondern quer -durch die Felder, ist sehr schön; auf allen kleinen Anhöhen alte -Klöster und Burgen, in weiterer Ferne Schneehäupter der -Abruzzen und ringsumher ein Land, dessen historischen Reichtum -man ahnt und fühlt. In der klaren Sonne ist es, als -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -könnte man mit einem Schritt zu all den kleinen Ortschaften -hinüber, die sich nur durch eckige Konturen vom Felsboden, -dem sie entwachsen, unterscheiden.</p> - -<p>Olevano liegt ebenfalls an einem Bergabhang und hat steile -und schmutzige Straßen; aber überaus malerisch ist es: der -Marktplatz mit seinem Brunnen, an dem die Esel getränkt -werden, und zu dem im Abenddämmern prachtvolle Frauengestalten, -die kupferne Conca (Krug) auf dem Kopfe, heranschreiten. -Die Bewohner von Olevano haben überhaupt einen -besondern, kräftigen und schönen Typ, und sind durch den Umgang -mit liebenswürdigen Malersleuten zutraulich geworden.</p> - -<p>Etwa eine halbe Stunde nördlich von Olevano, am Wege -nach Bellagra, liegt die Serpentara, der deutsche Eichenhain, -ein Künstlerhaus mit deutschem Namen am Eingang. Wie -merkwürdig das ist: plötzlich auf deutschem Boden zu stehen! -Die Namen der besten vaterländischen Künstler sind mit diesem -Fleck Erde verknüpft, unsere größten »Landschafter« haben hier -studiert und gelernt. Ein Felsblock trägt das Relief unsres -Kaisers, neben der 1887 gepflanzten »Kaisereiche« – ein -andrer das Viktor Scheffels, unter dem seine Worte prangen:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">Hier im Zentrum des Gebirges</td></tr> - <tr><td class="tdl">Lesen wir die alte Keilschrift,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die der Haufe nie versteh'n mag,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das Gesetz des Ewigschönen.</td></tr> -</table> - -<p>Einmal also, durch deutsche Künstler, haben wir im Lande -unsrer ewigen Sehnsucht ein eignes, wenn auch bescheidenes -Besitztum erreicht!</p> - -<p>Am nächsten Morgen wanderten wir nach Bellagra, dem unheimlich -schmutzigsten Ort, der mir in Italien begegnet ist und -<em class="ge">vielleicht</em> durch diese Eigenschaft sehenswert, sonst nicht. -Noch einmal steigen wir eine steile Anhöhe hinauf: nach Rocca -San Stefano, dann geht es lange neben dem Anio, dem -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -»immerkalten«, her, und ebenso lange liegt links vor uns auf -einem Felsen, von einer Burg überragt, Subiaco. Die sechs -Stunden von Olevano sind, ohne uns im geringsten zu ermüden, -»vergangen«; das Land und die kleinen Orte, die wir -durchschreiten, bieten so viel Reize und immer neue Abwechslung, -daß man sich der Länge des Weges nicht bewußt wird.</p> - -<p>Wer nun wirklich mit seiner Zeit geizen muß, lasse sich an -dem äußern, reizvollen Eindruck Subiacos genügen und kehre -eilig mit dem nächsten Zug über Tivoli nach Rom zurück. -Vielleicht, um dort den Osterfeierlichkeiten in Sankt Peter beizuwohnen? -Ach Gott, <em class="ge">diese</em> Enttäuschung ist ein Kapitel für -sich! Ich feiere meine Ostern stets draußen, in irgendeinem -kleinen Nest – weitab von den hastenden Touristen!</p> - -<p>Denn um Subiaco recht zu würdigen, bedarf man der Ruhe. -Die drei Klöster von Santa Scolastica, »die Wiege des Mönchtums -im Abendlande«, sind so reich an Schätzen und historischen -Erinnerungen, daß es schade und nutzlos um einen kurzen -Besuch wäre. Zur Zeit der Goten in Italien, als das römische -Reich sich auflöste, gründete der heilige Benedikt hier eine Zuflucht -für weltmüde Menschen, während des ganzen Mittelalters -stand es da, »ein einsamer Leuchtturm der Wissenschaft«, -wie Gregorovius es nennt, und Deutsche, Arnold -Pannartz und Konrad Schweinheim, druckten hier im Jahre -1465 das erste Buch in Italien, den Donatus, ehe sie in Rom, -im Palazzo Massimi alle Colonne, die erste Buchdruckerei errichteten. -Auch jetzt noch sind die Klöster überreich an Inkunabeln -und alten Handschriften, trotzdem die Abtei mehrmals, -z. B. von den Sarazenen wie von den Ungarn, zerstört -worden ist. Aber die Macht des Klosters wurde durch Schenkungen -reicher Barone immer wieder hergestellt, die Stadt -Subiaco selbst geriet allerdings erst im Jahre 1068, als der -Abt Johannes V. die Burg erbaute, in den Besitz des Ordens. -Seit dieser Zeit rivalisierten die Benediktineräbte neben den -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Orsini und Colonna auch auf dem Kriegsfeld und waren leider -wegen ihrer erbarmungslosen Justiz berühmt. Deshalb entzog -Urban VI. im Jahre 1386 den Mönchen das Recht, den Abt -selbst zu wählen, und setzte zum Teil dadurch ihrem Übermut -eine Schranke. Dennoch empörte sich, fast hundert Jahre -später, das Volk von Subiaco gegen die Mönche, die an fünfzehn -jungen Leuten eine Art Lynchjustiz ausgeübt hatten, verwüsteten -das Kloster und mordeten die Mönche. Auch in den -ferneren Jahrhunderten spiegelt sich in der Geschichte dieser -Abtei im kleinen das ewige Auf und Ab von Größe und Verfall -wieder – und viel von dem steten Kampf zwischen geistlichen -und weltlichen Würdenträgern!</p> - -<p>Ein steiler Weg von fünfundzwanzig Minuten führt weiter -aufwärts nach San Benedetto, einer aus Ober- und Unterbau -bestehenden Kirche, in deren Garten der heilige Franz von -Assisi die Dornen, in denen der heilige Benedikt sich wälzte, -um sich gegen verführerische Vorstellungen zu schützen, in Rosen -verwandelte. Noch jetzt ist der Garten von Rosenbüschen erfüllt. -Die Grotte, in der Benedikt lebte, ist mit einer Statue -des Heiligen aus der Schule Berninis geschmückt.</p> - - - - -<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -Frühlingsfahrten -im Bereiche der italienischen Seen.</h3> - - -<h4>I. Locarno.</h4> - -<p>Eins wollen die seit undenklichen Zeiten an Italien-Sehnsucht -krankenden Deutschen nie lernen: daß sie nämlich dieses -Land, das wie kein anderes Sonne, Wärme und frisches Grün -verlangt, stets viel zu früh aufsuchen und es gerade dann verlassen -– wenn es erst anfängt schön zu werden! Den früher -so viel beklagten Übelständen: schlechten Heizungsmöglichkeiten, -Steinböden usw., ist zwar längst, wenigstens in den besseren, -internationalen Hotels und Pensionen, abgeholfen; es gibt -überall Zentralheizung, Parkettböden, mit Teppichen ausstaffierte -Hallen und Lifts und Wintergärten, und der Deutsche -findet es mit steinerner Stirn: »ebenso wie zu Hause« – -aber natürlich, den echten, gemütlichen italienischen Albergos -muß er aus dem Wege gehen, weil er eben in ihnen friert -und sie deshalb für »unmöglich« hält. Das ist der zweite -Nachteil seiner vorzeitigen Erscheinung jenseits der Alpen. -Der erste, wie gesagt, die tote Natur. Eine nordische Landschaft -kann durch schweren, bewölkten Himmel Ausdruck und -Stimmung erhalten und malerisch wirken, die italienische wird -ohne Sonne farb- und charakterlos. Und weshalb begnügt man -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -sich mit ein paar warmen Mittagsstunden? – In der Hauptsache -wohl, weil es diese auch zu Hause nicht gibt. Jetzt dehnt -man sich schon morgens im Bett mit dem wohligen Gefühl, -zu einem echten, rechten Sommertag erwacht zu sein; durch -das weitoffene Fenster zieht laue Luft, durchsetzt vom wundervollen -Duft der Glyzinien, deren schwere lila Trauben einen -undurchdringlichen Baldachin über der Terrasse bilden. Man -hat geschlafen, gewiß; aber bis in den Traum hinein hat man -die Nachtigall gehört, die die Nacht durchschluchzte, und von -der man ohne weiteres annimmt, daß sie poetisch genug war, -ihr kleines Nest im Kamelienbaum aufzuschlagen; über und über -bedeckt ist er mit leuchtenden, roten Blüten – und die Nachtigallenkinder -werden ihr Leben lang vollauf zu tun haben, wenn -sie auch nichts anderes lernen wollen, als ihn würdig zu -besingen. Man lächelt vor sich hin, wenn man nun ans Fenster -tritt und nach stillem Blick über den stahlblauen Spiegel -des Sees die Wunder in der Nähe betrachtet: die Kletterrosen -mit ihren Tausenden zartweißen, rosa oder gelben -Knospen und Blumen, die prangenden Rhododendrons, die -köstlich gefärbten und duftenden Azaleen, die alle in jeder -Nacht an ihrer Vervollkommnung weiter arbeiten – aber -mischte sich nicht in die langgezogenen Seufzer der Bülbül -ein merkwürdig nüchterner Ton?! Man erinnert sich plötzlich: -der Hahn war es, den die Kunst der grauen Sängerin nicht -schlafen läßt, und der es in Locarno für nötig hält, noch vor -Mitternacht die Menschheit an sein Dasein zu mahnen. Aber -hier versteht man das; in diesem Zauberreich müssen die ältesten -Gesetze ihre Kraft verlieren und aufgehoben werden. Die -Natur befreit sich von allen Fesseln, und in ihrer unerhörten -Verschwendung verleiht sie auch dem bescheidenen Haushahn -die Gabe, über seine eigentliche Bestimmung hinaus zu -krähen.</p> - -<p>Drunten pfeift der erste Dampfer, deutlich kann man verfolgen, -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -wie von allen Seiten Omnibusse heranrollen, etwas -Gepäck verladen wird und einige Pärchen Hand in Hand den -Weg, der zum Schiff hinüberführt, betreten. Der Dampfer -gibt ein zweites, wehmütiges Signal: aber niemand kommt -mehr. Schwerfällig legt er ab. Und der junge blonde Kontrolleur, -der seit fünf Jahren täglich vom Morgen bis zum Abend -die zwölf Dampfer seiner Linie kontrolliert, wird keine zu -große Arbeit haben. Diese da, die letzten, allerletzten deutschen -Hochzeitsreisenden haben richtige Billette, sitzen in der -ihnen zukommenden Klasse, verlassen das Schiff ordnungsgemäß -an der <i>Isola bella</i>, durcheilen Hand in Hand Schloß -und Garten und stehen nach zwei Stunden Hand in Hand -wieder bereit, um die Rückfahrt anzutreten. Nicht einen Schritt -vom vorgeschriebenen Wege tun diese Leute – nichts sehen -sie als die im Reisehandbuch verzeichneten Merkwürdigkeiten, -und ohne Aufenthalt setzen sie ihre Tour fort: nach Lugano -hinüber, oder gleich zurück über den Sankt Gotthard – und -ahnen nicht, daß sie an den Hauptschönheiten vorübergegangen -sind und sich ihnen nur eine Spalte des Allerheiligsten -geöffnet hat! Nein, ich fahre nicht über den See; ich warte, -bis auch die letzten Hochzeitsreisenden fort sind und sich die -braven Italiener, die dann mit schwatzenden, lachenden Kindern -Vor- und Hinterdeck in Beschlag nehmen, sich nicht mehr -über die fabelhafte Ungeniertheit der Jungvermählten chokieren. -Und abends kehre ich erst heim, wenn das Mondlicht ein -glitzerndes Netz übers Wasser wirft und all die kleinen Uferstädte -nur mehr durch die Perlenreihe der Lichter erkennbar -sind und nach kurzem wieder in mystisches Dunkel zurücksinken. -Jetzt wandere ich lieber die Höhen hinauf, in der tröstlichen -Gewißheit, keiner Seele mehr zu begegnen, sobald ich den -Stadtrayon verlassen habe. Am wilden Garten der Madonna -del Sasso, die sich eher wie eine Festung als wie eine Kirche -auf steilem Fels inmitten einer Schlucht erhebt, schlendere ich -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -vorbei, über Orselina Brione und Contra bis zu dem entzückenden, -weltvergessenen Mergoscia im Tal der Verzasca, -die sich nicht genug tun kann an größeren und kleineren Fällen; -oder zur anderen Seite nach dem malerischen Ascona, das -noch seinen besonderen Reiz durch die Gruppe der »Naturmenschen« -erhält, die sich auf der Höhe des Monte Verità in -verlassenen Bauernhäuschen angesiedelt haben und ihren Individualismus -durch vegetarische Kost, flatternde Haare, wenig -Bekleidung und größte Saloppheit dartun. Ich nehme mir -aber bestimmt vor, sobald es noch heißer wird, mich wenigstens -»vegetarisch« zu frisieren und alle künstlichen Unterlagen fortzulassen. -Ascona ist auf dem Land erbaut, das die Maggia angeschwemmt -hat; in ihrem langen Tal ist wohl der schönste -Punkt bei Ponte Brolla, wo der Bach durch schroffe Felsen -bedrängt wird, und später bei Visletto. In Cevio mündet ein -neues Tal ein, das Valle di Campo, von der klaren Rovana -durchströmt, von dessen verschiedenen Ortschaften aus über -zahlreiche Pässe leichte und etwas schwierige Touren sich nach -Gefallen und Wanderlust ausführen lassen. Aber sieh, das -Beste liegt so nah! Der köstliche Weg von Locarno nach Ronco, -hoch überm See, mit stetem Blick auf seine Fläche und die -anmutigen Inseln bei Brissago, führt durch schattenspendenden -Wald; nicht durch immergrünen mit hartem, dauerhaftem -Laub, sondern unter den zartgrünen Zweigen von -Ulmen, Buchen und den lichten Schleiern der Birken hin. -Und über allen Vorbergen, die im April noch so plump in -ihrem farblosen Massiv dastehen, haben die Birken ebenfalls -ihr beständig flimmerndes Grün geworfen; auf den höheren -Gipfeln leuchtet noch der Schnee, von den Abhängen erstrahlen -die Obstbäume in blendender Pracht, und die Weinreben strecken -sich von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum grüne Blättchen -auf verlangend wachsenden Armen entgegen. Ein reizender -Winkel, verfallende, verlassene Bauernhäuschen, durch dichten -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -Efeu zu malerischsten Ruinen umgewandelt, ist Fontana Martina, -noch hinter Ronco gelegen und von Brissago aus über -einen mörderisch steilen Pfad zu erreichen. Ein Deutscher -wohnt hier einsam in dem toten Gemäuer, das für jemand, -der wirklich Ruhe sucht, ein Dorado sein muß. Aber diese -Jemande scheinen seltener zu sein, als man im allgemeinen -annimmt: kein Liebhaber oder Räuber meldete sich bis jetzt, -und der Deutsche, der ein wenig auf die Eigenbrödelei seiner -Landsleute gerechnet hat, folgt am Ende eines schönen Tages -– die hier ja nicht selten sind! – dem Beispiel seines Vorgängers -und zieht sich mit einer reichen Frau in das Weltgetöse -Mailands zurück. Die Kontraste liegen im Leben ja -meistens dicht nebeneinander.</p> - -<p>Auch hier. Denn neben den Kindern heißerer Sonne, den -hohen Fächerpalmen mit ihren kraftstrotzenden, sich eben -öffnenden Blütenkolben sendet unser nordischer Flieder seine -lila und weißen Sternchen im leisen Wind hinüber zu dem -unendlichen Reichtum der Mimosenbäume; die zarten Kerzen -des Kirschlorbeers strecken sich neben den derberen der Kastanie -vor, die Orangenblüten erstrahlen doppelt neben den schwarzen -Kugelfrüchten der Zypressen, die Iris gesellt sich zum Calicanthus, -dem »Erdbeerbaum« unserer Kindheit, und zu Füßen -des spielerischen Bambus und des selbstbewußten Eukalyptus -sehen uns unsere Stiefmütterchen mit ernsten und etwas -größeren Augen als zu Hause an.</p> - -<p>Ich will dem deutschen Frühling nicht seine Schönheit bestreiten; -er hat längere Frist, sich zu entwickeln, und muß -heftig genug um die hartgefrorene Erde und mit seinem Todfeind, -dem Nachtfrost, ringen. Das mag seinen Kräften -nur förderlich sein. Hier kommen sich Sonne und Erde in -langem, heißem Kuß entgegen, es gibt kein Verweilen, nur -ein Vorwärtsdrängen, ein Entfalten, Sprießen und Wachsen -von Stunde zu Stunde. Und unter den glücklichsten Verhältnissen, -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -vom hehren Rahmen der Berge umfaßt, lacht aus -betörender Farbenpracht mit tausend Augen der Sommertag, -und klingt sein Herzschlag aus dem Lied der Amsel und dem -unablässigen Zirpen der Grillen.</p> - -<p>Auf meiner Fensterbank liegt eine smaragdgrüne Eidechse. -Sie genießt die Wonne ihres Daseins – sie ist wunschlos -glücklich!</p> - - -<h4>II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg -der Erde.</h4> - -<p>Einen köstlichen »Aussichtsberg« überm Lago Maggiore gibt -es, sagte man mir, und nachdem ich so lange darauf angewiesen -war, allein oder in Gesellschaft von weder bergkundigen -noch steigelustigen Genossinnen über bessere Hügel zu spazieren, -wurde der Höhendrang von Tag zu Tag mächtiger. Sofort -nach Ankunft des »Hochtouristen«, der auf Entdeckungsfahrten -im »unbekannten Italien« auszog und sich, wie er sich bescheiden -ausdrückte, »herabließ«, auf der Durchreise dem Lago -Maggiore ein paar Tage zu »opfern«, wurde eine größere -Tour vereinbart. Der Dampfer brachte uns nach Stresa, wo -ein starker Gewitterregen die wichtige Frage nach bequemem -Aufstieg, schöner Aussicht usw. zunächst so zweifelhaft machte, -daß wir uns erst mal zum Bleiben entschlossen, an den pompösen -Hotels und den noch schlafenden Villen der reichen Milanesen -vorbeischlenderten und über einen der berühmten, herrlich -angelegten Spaziergänge Doktor Georg von Siemens' wieder -in das engmaschige Netz der Straßen des Städtchens zurückgerieten. -Hallo, dort ist ein Auflauf vor einer Kirche! Wir -stellen uns zwischen die anderen Neugierigen, und nach ein paar -Minuten fährt – höchst modern! – ein Bischof im Automobil -vor und nimmt große Sträuße, von Chiffonschleiern geschmückt, -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -in Empfang. Eine Kapelle empfängt ihn mit dröhnender Musik -– leider ist es die Marcia Reale, im Jubiläumsjahre römisch-klerikalen -Ohren gewiß eine doppelt unsympathische Melodie. -Aber der geistliche Herr findet sich mit Würde in diesen überraschenden -Kunstgenuß, verschwindet unter dem feuerroten, mit -breiten Goldstreifen umsäumten Baldachin und erscheint nach -kurzem wieder, in voller Amtstracht, die Hand mit dem Hirtenring -segnend nach links und rechts streckend. Der Zug ordnet -sich; als Trägerin eines riesenhaften Kreuzes eine jüngere Person -wie eine Schar ihr folgender, bedeutend älterer in blauem -Überwurf und weißen Schleiern, dazu haben alle – sogar die -Kreuzträgerin – trotz der Heiligkeit des Moments, ihre mächtigen -baumwollenen Regenschirme am Arm, die wohl nur im -Tode von den Italienern abgelegt werden. In langen Reihen -folgen die Schulkinder, Knaben wie Mädchen, von Geistlichen -und Schwestern geleitet; am anderen Tage gibt's eine große -Firmelung, obgleich der eigentliche Zweck des Signor Vescovo -nur eine <i>visita pastorale</i> sein soll, der Besuch des Hirten bei -seinen Schäflein. Armselig genug sehen sie aus, die ihm in die -nächste Kirche folgen, und sein ernsthafter Blick gleitet über die -Fremden hin, die abseits stehen. Und in diesem ruhigen Blick -und in der Bewegung der segnenden Hand liegt so viel Achtunggebietendes, -daß sich die Köpfe derer, die eben noch über die bescheidene -Prozession und den modernen Bischof im Auto gelächelt -haben, demütig senken und ihren Teil an seinem Segen -hinnehmen.</p> - -<p>Am anderen Morgen hat es sich so weit geklärt, daß man -nach Meinung der Eingeborenen den Aufstieg wagen darf: -schlechtes Wetter hält sich hier ja nie länger als einen Tag, der -Wind hat gewechselt, Gewitter kommt nicht – also! Und was -man gerne glauben möchte, glaubt man ja einfach, obwohl der -Hochtourist behauptet, die Einheimischen verstehen vom Wetter -nie etwas. Zuerst geht's einen steilen Fosso, eine kleine -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -Schlucht, empor; die Sonne brennt wahnsinnig, besonders, -da ein fast senkrechter Bauern-»<i>scorciatoio</i>« zum Abkürzen -verlockt hat und man sich mit Unterholz und Geröll herumplagen -muß. Dann oben auf dem harmlosen Grat, zum Teil -durch Wald, ist es recht hübsch; dann furchtbar langweilig, -trotzdem man sich allmählich zur alpinen Flora emporgearbeitet -und tiefblaue Enziane auf den sumpfigen Wiesen findet -– denn natürlich hat man wieder »abgekürzt«, schon um nicht -immer neben dem im Bau befindlichen Damm der Zahnradbahn -herlaufen zu müssen. Im Mai dieses Jahres noch soll -sie eröffnet werden, dann werden endlich auch die Italiener, -die mit wenig Ausnahmen ja das Wandern verabscheuen, diesen -Berg gewinnen, und seine Einsamkeit wird dahin sein. Denn -jetzt haben wir in den vollen vier Stunden, die wir zum Aufstieg -ohne Rast brauchten, nur ein paar Bahnarbeiter getroffen, -sonst keine Seele. Dicht vorm Albergo lag noch Schnee, zugleich -setzte ein Hagelschauer ein, dem ein heftiges Gewitter folgte; -da wir nun doch schon naß waren, erklommen wir gleich den -nur zehn Minuten vom Restaurant entfernten Gipfel, mußten -aber durch meterhohen Schnee waten. Oben, unter dem 15 m -hohen Kreuz, lagerten wir an einer schneefreien, aber leider -nicht windfreien Stelle und warteten geduldig, bis das Wetter -sich verzog und langsam, langsam die liebe Sonne wieder durch -die schweren Wolken kam. Welch ein Wunder sich dann offenbarte, -und wie aus der Riesenkette schneebedeckter Häupter -allmählich in überwältigender Höhe die Gruppe des Monte -Rosa emporwuchs, das wäre auch mit drei Gewittern und vier -Meter hohem Schnee nicht zu teuer bezahlt gewesen! Und -drüben, über den sieben Seen, die man von oben zählt, fuhren -die gewitterschwangeren Wolken noch unruhig hin und her, ein -ewig wechselndes, berauschendes Farbenspiel auf den Wasserspiegeln -hervorrufend, während der Schnee ihrer Berge in -schwefelgelbe Tinten getaucht war. Ich glaube kaum, daß es -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -an besonders klaren Tagen, an denen sich in der lombardischen -und piemontesischen Ebene von hier aus Mailand und Turin -zeigen sollen, schöner sein kann, als wir es oben hatten. Aber -leider haben manche Leute ja ein Vorurteil dagegen, bei Gewittern -auf Berggipfeln zu sein!</p> - -<p>Nach einer angenehmen Collazione im vortrefflich geleiteten -Albergo, das den in Italien als Gastwirte bekannten Guglielminas -gehört, stiegen wir dem westlichsten der oberitalienischen -Seen, dem Lago d'Orta, zu, an der Südseite des Mottarone -hinunter. Abkürzungswege, auf die wir an diesem Tage nun -einmal geschworen hatten, brachten uns schneller ins Tal und -dazu durch Gegenden, die absolut menschenleer waren, und in -denen außer anderen Vogelstimmen sich sogar auch Nachtigallen -hören ließen. Aber diesen wundervollen Weg, der allmählich -wieder in die Region der immergrünen Gewächse hinabführte -und zum Schluß an ganzen Narzissenfeldern vorbei, beschreibe -ich nicht näher; aus Angst, ein Italiener könnte lesen, daß es -bei ihm noch irgendwo Singvögel gibt! Dann wär's aus mit -ihnen!</p> - -<p>Nach gut vier Stunden tauchte endlich am Ende der Schlucht -wieder der vom Gipfel des Mottarone schon begrüßte See auf, -entzückend in seiner Stille, der malerischen Umrahmung und der -Insel San Giulio mit der alten Kirche darauf in seiner Mitte. -Zwar fielen jetzt wieder große Tropfen, während ich noch den -imponierenden Sassina-Viadukt bewunderte und wiederholt -meine Bedenken gegen die Wetterkenntnis der Eingeborenen -äußerte. Aber weit vom Ziel konnten wir doch nun nicht mehr -sein; ich verwandelte mich mit meinem Wetterkragen in eine der -besonders beliebten »Lodendeutschen« und wanderte tapfer -fürbaß – wohl noch fast eine Stunde in immer stärker strömendem -Regen, unliebenswürdigem Donnergrollen und überflüssig -häufigen Blitzschlägen. Manchmal ist einem doch <em class="ge">ein</em> -heftiges Gewitter pro Tag genug. Jedenfalls war ich recht -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -froh, als wir endlich beim Pranzo auf der kleinen Terrasse -des Albergo Orta saßen und ich den Regen nicht mehr direkt -ins Gesicht und auf den Kopf bekam. Übrigens ist die kleine -Stadt Orta, die eigentlich nur aus einer Piazza und einer einzigen -engen Straße, abgesehen von einigen an den Hängen -verstreuten Villen, besteht, sehr reizvoll, und ihr Sacro Monte, -in dessen Kapellen das Leben des hl. Franz von Assisi in den -in dieser Gegend bevorzugten Terrakottafiguren dargestellt -wird, bietet eine entzückende Aussicht.</p> - -<p>Am nächsten Morgen in Frühe und Kühle brachte uns ein -emsiger kleiner Dampfer in einer Viertelstunde ans andere -Ufer, nach Pella hinüber, wo ich den Sitz auf dem mich schon -im voraus klagend anschauenden Maulesel dankend ablehnte -und auf einem Weg, den uns die Italiener als gänzlich unmöglich -für Damenfüße schilderten, sehr bequem, zum Teil -durch schattigen Wald, nach zwei Stunden den Paß la Colma -erreichten. Als gewissenhafte Alpinisten – so ist man nun -einmal! – nahmen wir gleich den Monte Briasco von hier aus -noch mit, zu dessen Gipfel (1185 m, also fast 300 m weniger -als der des Mottarone!) man in dreiviertel Stunden gelangt, -und der mir den Monte Rosa einmal ganz ohne Wolken und -durch seine Nähe von imponierendstem Eindruck zeigte. Dann -ging's von la Colma an recht gemütlich hinab, durch prächtige -Kastanien- und Nußwälder, an viel einsamen, von blühenden -Obstbäumen umstandenen Gehöften vorbei. Nur wo in Italien -immer die Menschen sind, möchte ich trotz meiner Vorliebe für -ungestörtes Wandern doch oft gern wissen. Bis unten das -Sesiatal auftauchte, kam es mir vor, als gehörte dies herrliche -Land allein uns, so wenig wurde es von anderen beansprucht. -Alles in allem haben wir vier und eine halbe Stunde bis zu -dem durch seine Lage und Architektur überwältigend schönen -Varallo gebraucht – warum also kennen Deutsche die kleine -Stadt fast gar nicht und überlassen sie den Engländern fast -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -ganz, die allerdings nicht ungeschickt im Aufspüren versteckter -Kunststätten sind?!</p> - -<p>Varallo ist ein altes Städtchen, überaus malerisch mit seinen -Steinhäusern und dem lichten Grün der Laubbäume, dem -dunklen der immergrünen Pflanzen dazwischen. Alte Dokumente, -zwei Diplome Kaiser Konrads II. erzählen, daß es -schon 1025 existierte. Zu größerer Bedeutung gelangte es aber -erst, als Bernardo Caimi, ein Franziskanermönch, einer vornehmen -milanesischen Familie entstammend, im Jahre 1481 nach -seiner Rückkehr aus Palästina beschloß, in seinem Heimatlande -ein Sanktuarium zu errichten, das allen heiligen Orten, -die er besucht hatte, samt den Begebenheiten, die sich dort -zugetragen haben, gleichen sollte. Er erwählte sich Varallo zu -seinem frommen Werke und erhielt im Jahre 1486 vom -Papst Innozenz VIII. die Erlaubnis, ein Kloster zu errichten. -Aber erst nach einer zweiten Reise nach Jerusalem -entwarf er die Pläne für das Heiligtum, und im Jahre 1491 -wurde der Grundstein gelegt. Seit dem Besuche des Erzbischofs -von Mailand, Karl von Borromeo, im Jahre 1578, -der das Sanktuarium bedeutend erweiterte und den Beschluß -faßte, in einzelnen Kapellen alle Mysterien des Lebens Christi -darzustellen, gewann Varallo seine große Wichtigkeit als Wallfahrtsort. -In den waldreichen Tälern und auf den kleinen -Vorsprüngen des Berges verteilen sich 45 Kapellen um die -Hauptkirche, vor der sich ein architektonisch höchst reizvoller -Hof hinbreitet. Das Innere der Kirche ist reich, aber modern. -In den Kapellen dagegen befinden sich die alten Fresken und -Terrakottagruppen, die auf Befehl Karl Borromeos hergestellt -wurden. Fast tausend Statuen, darunter unzählige -Tiere, Vögel, Reptilien, von 80 Künstlern ausgeführt, veranschaulichen -das Leben und Leiden Christi und gelten dem italienischen -Volke noch heute als wunderbare künstlerische Leistung; -während unser Geschmack wohl durch die ganze Anlage -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -als solche, die Architektur der Kirche und der Kapellen -sowie durch die entzückende landschaftliche Umgebung des -Heiligtums mehr befriedigt wird als durch die oft sehr bunt -bekleideten und daher unruhig wirkenden Gruppen. Einzelne -allerdings, wie die »Kreuzigung« aus der Hand Gaudenzio -Ferraris, werden auf jeden Beschauer eine erschütternde Wirkung -ausüben. Auch darf man nicht vergessen, daß zur Zeit, -als die Terrakotten entstanden, die Bauern weder lesen noch -schreiben konnten und Bücher eine Seltenheit waren. Da -mußte die anschauliche Darstellung der heiligen Geschichte -von größtem Einfluß sein.</p> - -<p>Am Fuße des Sacro Monte, zu dem man von der Stadt -aus auf sehr steilen Wegen in zwanzig Minuten emporsteigt, -liegt die äußerlich simple Chiesa Santa Maria della Grazie, -die dem 15. Jahrhundert entstammt. Eine vornehme Familie -aus Varallo, die Vincini, ließ auf ihre Kosten das große -Wandgemälde malen, welches das Prespyterium von der übrigen -Kirche scheidet. Es darf wohl als schönste Arbeit Gaudenzio -Ferraris betrachtet werden und stellt in zwanzig Vierecken, -in der Mitte als größtes die Kreuzigung, Christi Leben -dar. Ein anderes Bild desselben großen Künstlers, die Vermählung -der heiligen Katharina, befindet sich hinter dem -Hochaltar der auf köstlichen Substruktionen sich erhebenden -Pfarrkirche San Gaudenzio, zu deren Füßen der Wochenmarkt -abgehalten wird. Auch über dem Portal der Chiesa -della Madonna di Loreto, eine Viertelstunde von Varallo -entfernt, hat Ferrari die Geburt Christi wunderbar <i>al fresco</i> -gemalt.</p> - -<p>Besonders anziehend wird das Stadtbild Varrallos durch -die schönen Trachten der Frauen aus den naheliegenden -Dörfern und Tälern. Die aus Fobello tragen breite, leuchtend -rote Säume an den schwarzen Faltenröcken, während eine -schmale rote, hinten grüne Einfassung die Rocksäume der -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -Frauen aus dem Mastolonetal umgibt. Alle aber tragen sie -unter den Jacken und Miedern weiße Hemden mit kostbaren -gelblichen Macraméeinsätzen und -spitzen und breitgelegte seidene -Tücher auf dem Kopf, die nur bei der Messe durch -Schleier aus Spitzen oder feinem Leinen ersetzt werden. Als -Beitrag zu einem aktuellen Thema möchte ich erwähnen, daß -ebenso allen Frauen ein schwarzes Beinkleid gemeinsam ist, -das die Beine eng bis zu den Knöcheln umhüllt; die nackten -Füße stecken in den landesüblichen Holzpantoffeln, den »Zoccoli«.</p> - -<p>So bringt der kleine Ausflug ins »unbekannte« Italien -des Erhebenden, Neuen, Anregenden genug. Mir bleibt der -Besuch des größten Kalvarienberges der Welt eine schöne Erinnerung. -Und wer die Mühe scheut oder kein flotter Wanderer -ist, dem verrate ich einen näheren, bequemeren Weg: -eine zweistündige Bahnfahrt von Arona am Lago Maggiore -aus bringt auch ans Ziel. Aber, »wem Gott will rechte Gunst -erweisen,« der wandre!</p> - - -<h4>III. Hochalpine Spaziergänge.</h4> - -<p>Für jemand mit der eingeborenen Lust zum Bergsteigen im -Herzen ist es undenkbar, lange still an einem Platz zu sitzen, -dessen nächste Umgebung Gebirgszüge sind. Sie locken täglich; -und täglich dringender. Und nur schlechtes Wetter und die Gewißheit -auf »Aussichtslosigkeit« lassen die Genagelten im Schrank -stehen. Man hat also Zeit genug, sich vorher zu orientieren; das -ist bei allen Bergen an den oberitalienischen Seen nicht leicht. -Da gibt's keine schönen Wege wie in den Gebieten des Deutschen -und Österreichischen Alpenvereins, auch sehr selten Markierungen. -Unzählige Vieh- und Holzwege kreuzen sich und laufen nach -allen Seiten, und erst wenn man aus der Waldregion herauskommt, -wird es, wenigstens für den, der ein Auge fürs Gelände -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -und für Bergformen hat, leicht, die beste Route zu finden. -Im ganzen bieten die Berge keine Schwierigkeiten; es -sei denn, daß noch Schnee liegt, der die Aufstiege im letzten -Teil ermüdend macht. Denn natürlich besteigt man diese Berge -am liebsten im Frühjahr, weil die Aussichten dann schöner sind -als im Herbst, auch grade der Schnee die Linien der Gipfel -veredelt. Abgesehen von den italienischen Sommergästen, die -ja auch sehr bequem sind und sich nur selten zu einer Partie -aufraffen, werden diese Berge fast nie bestiegen. Die Touristen, -die alles an den Seen besuchen, was sie eben für »alles« -halten, sind zu eilig, das internationale Reisepublikum bummelt -herum, Hochtouristen erscheinen nicht auf der Bildfläche. Auf -viele Berge, z. B. auf den Monte Generoso, auf den Mottarone, -auf dem ich vor zwei Jahren noch zu Fuß war, führen -jetzt Zahnradbahnen, so daß sich die »Faulen, die zu Hause -liegen«, ohne weitere Anstrengung das Vergnügen einer Aussicht -verschaffen können. Was ist das aber gegen eine selbst erkämpfte?! -Freilich, die Bauern in den kleinen, jetzt in köstlichem -Grün gebetteten Felsennestern warnen wie immer vor -dem entsetzlichen Weg, der für eine Dame absolut unmöglich -sei! und vor dem tiefen Schnee am Gipfel – Schnee bleibt -nun einmal in der Vorstellung des Italieners die böseste Naturerscheinung! -Trotz der gutgemeinten Ratschläge geht man -im steten Schritt weiter; schließlich, steckte man sich nicht höhere -Ziele, könnte man einen Aussichtsberg wie die Cimetta von -Locarno aus als Morgenspaziergang behandeln, wenn man -seinen Tag um fünf Uhr begönne. Denn es handelt sich um -keine bedeutenden Höhen – die Cimetta z. B. ist nur 1676 m -hoch –, da die Seen aber tief liegen, ca. auf 200 m, so hat -man immerhin recht große Höhendifferenzen zu überwinden. -Und ist man erst oben, so möchte man gleich mehr genießen!</p> - -<p>Wir übernachteten daher in dem 1000 m über Locarno gelegenen -»Alpenheim«, zu dem die Straße mit den berühmten -<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -28 Kehren hinaufführt. Sie zeichnet sich durch die Verheißung -aus, daß man ab der 22. den Monte Rosa sieht – allerdings -zuerst in einem Umfang, daß man ihn mit der wirklich mitgenommenen -Zahnbürste decken könnte – <em class="ge">und</em> durch ihre Pflasterung. -Oh, diese Pflasterung, die man allen hochgelegenen -Orten und den zu ihnen leitenden steilen Saumpfaden angedeihen -läßt! Hinauf geht's noch – aber hinunter, wenn man -ohnehin von seinem Berg-Tagewerk schon müde ist, und nun -sich die runden, eckigen, immer aber gebuckelten Steine mit -Vehemenz in die Sohlen drücken! Wozu sie noch niederträchtig -glatt und rutschig sind, weil sie mit Holzschlitten, die das -Holz von oben bringen, befahren werden und den Genagelten -daher so gut wie keine Reibung bieten. Da heißt's bei jedem -Schritt achtgeben, will man das Mosaikmuster nicht noch andern -Körperteilen einpressen. – Im »Alpenheim« sind noch -keine Gäste; man eröffnet mit uns die Saison. Die einzige Bedienung, -der siebenjährige Sohn der Deutsch-Schweizer Wirtin, -serviert uns die vorhandenen Genüsse: Rühreier, und Salami, -in den italienischen Bergnestern das Ein-und-Alles! Wahrscheinlich -aber bereitet die auch auf Höhen steigende Kultur der -wohltuenden Primitivität hier oben bald ein Ende: die Quelle, -aus der man beim Aufstieg ahnungslos trank, soll Radium -enthalten. Schon naht ein Konsortium – und in einer Vision -sieht man statt Hansi mit zu kurzen Hosen und bloßen -Füßen befrackte Kellner und beknöpfte Liftboys. Fliehe, ehe -es zu spät ist!</p> - -<p>Um vier Uhr früh tranken wir deshalb den »Tourenkakao«, -packten harte Eier und Salami in den Rucksack und ließen -den zukünftigen Radiumpalast, den jetzt noch eine Stearinkerze -erhellte, hinter uns. Empor durch Wiesen, vorbei an -leerstehenden Almhütten. Nach gut zwei Stunden ein recht -ekelhafter Grasbuckel, auf dem man immer wieder Terrain -zu verlieren statt zu gewinnen scheint, so rutschig ist er; dann -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -pfadlos zum Gipfel. Schön?! Unbeschreiblich! Der Lago -Maggiore in lichter Morgensonne, gerade noch sieht man -das goldene Gegitter des Mondes in den dunklen Fluten -vertauchen – leichte, lila Wölkchen um die schneebedeckten -Gipfel, als Glanzpunkt des Gebirgspanoramas der Monte -Rosa in strahlender Pracht und jetzt jedem banalen Vergleich -unerreichbar, dazu die Mischabel, in greifbarer Nähe der -stolze Basodino – und dann die Talblicke! Rauschende -Ströme, blitzende Wasserfälle, duftige Wälder und überall -auf Terrassen und Hängen, vom Grün der Weinberge umschlossen -und von malerischen Kirchen überragt, Ortschaften und -Dörfer, die immer aus der Ferne wie königliche Residenzen -wirken und in der Nähe, ach, von solch schmerzlicher Armut -und Verkommenheit sind. Im Augenblick aber freut einen -nur die kostbare Schönheit ringsum – man möchte mehr -und mehr von ihr haben! Also hinunter zum Sattel – -mühelos gewinnt man ihn – und wieder aufwärts über -einen steilen Fels- und Schneegrat zum Gipfel des Poncione -di Trosa (1874 m). Hier gibt's dieselbe, nur noch erweiterte -Aussicht, ein Frühstück im Schnee und dann eine Abfahrt, -im Sitz, die steilen Hänge hinunter im Schnee, höchst amüsant -und sehr verwegen über die tiefvergrabenen Buchenäste -und Alpenrosenbüschen fort – recht groß kommt man sich -vor! Ja – bis man plötzlich bis über die Hüften im Schnee -feststeckt und das rechte Bein weder rück- noch vorwärts bewegen -kann, so zäh umklammert es das Gezweig. Es ist zum -mindesten ungemütlich, und wäre man jetzt allein – und -bis Mittag frören die Zehen ab und vom Nachmittag an -brauchte man von einem Paar Strümpfen nur noch den -linken – es nützt nichts, »der« Hochtourist, der unten am -Sattel steht und schreit und brillante technische Ratschläge -gibt, nach denen jedes bessere Bein ein Korkenzieher würde, -muß noch einmal herauf und mit Pickel und freundlichen, auftauenden -<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -Worten »der« Bein ausgraben. Es gibt einen unvorhergesehenen -Ruck und Bein mit Genageltem schnellen dicht -am Antlitz des Befreiers vorüber ans Tageslicht. Daß man -sich nun erst recht noch einen Gipfel erkämpfen muß, steht -fest. Vom Sattel geht's ziemlich bequem – was man in -den Bergen so nennt, wo glitschige Platten, fatales Gestrüpp, -steiles Gras und schließlich wieder harter Schnee nur angenehme -Begleiterscheinungen sind – zum Gipfel des Madone -hinauf (2050 m). Dies Auf und Ab ist durchaus interessant -und wohltätig für die Geschmeidigkeit des Körpers, -die Aussicht von hier auch noch weiter, noch imposanter, und -eventuell noch ein halbes Dutzend Gipfel bequem bei Hand -und Fuß. Aber ich bedeute meinem Hochtouristen ernsthaft, daß -ich im Leben nie unbescheiden gewesen sei und mir bis vormittags -11 Uhr drei Gipfel genügten, und meine Kousine, deren erste -Bergtour es war, erklärt, daß sie sich die Sache überhaupt -ganz anders vorgestellt habe und keinen Schritt mehr aufwärts -steigen wolle. Darauf fuhren wir froh auf dem Teil, den -der liebe Gott zum Sitzen eingerichtet hat, über den Schnee, -zum Sattel hinunter, trockneten an einer noch verlassenen -Almhütte einige Kleidungsstücke in der mitleidigen, aber doch -leis verstimmten Sonne, aßen den Rest der Salami und -marschierten ab, auf recht miserablen Alpenwegen, zum Tal -der Verzasca hinunter. Was vorher leichter Nebel war, -verdichtete sich zu feuchten Niederschlägen; die Feuchtigkeit -zu sanftem, starkem – dann brausendem Regen. Bis zum -hübschen Mergoscia, das immer noch 735 m hoch liegt, -triefte es von meinem guten Hut, und aus meinen Handschuhspitzen -lief das Wasser. Aber nach einer Stärkung an -entsetzlichem Kaffee, bei dem einem mal wieder klar wurde, -<em class="ge">wie</em> gut man's hat, daß man den nicht täglich zu trinken -braucht, besannen wir uns darauf, daß wir schließlich erst -gut acht Stunden marschiert seien, abgesehen von der durch -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -Rasten und Ausgraben verlorenen Zeit, daß die am Nachmittag -fahrende Post vielleicht schon besetzt wäre und wir -inzwischen keinenfalls auf eine Trocknung unseres inneren -und äußeren Menschen zu rechnen hätten. Ich setzte den -guten Hut wieder auf und durch das wildromantische Tal, -in dem sich die Verzasca durch starre Felsen ihre Bahn gräbt -– das also bei schönem Wetter jeden Lyriker begeistern würde – -eilten wir mit zusammengebissenen Zähnen heimwärts. Zwei -volle Stunden lang im alpinen Schritt. Rucksack und Hut -vermehrten ihr Gewicht bedeutend. Den Regen aber kümmerte -das nicht. Er tat ganz, als sei er in dieser Umgebung -zu Hause und begleitete uns gastlich bis zur Schwelle.</p> - -<hr /> - -<p>Man muß nicht nur die Feste feiern wie sie fallen, sondern -in einer Periode, in der das Wetter höchst beständig, nämlich: -beständig schlecht ist, sich zu seinen Unternehmungen sofort -auf die auch nur einigermaßen guten Tage stürzen. Solch -ein »einigermaßener« Tag war's, den wir von Locarno aus -zur Fahrt nach Bellagio benützten, nicht um die Reize dieses -Glanzpunktes aller italienischen Seen in gemächlicher Ruhe -zu genießen, um Spitzen, Intarsien oder »echte« Antiken -einzuhandeln – etwas »Höheres« lockte uns seit langem, -der Monte San Primo, der höchste Punkt der Halbinsel, die -an ihrer nördlichen Spitze Bellagio trägt. Nach einem wohltuenden -<i>pranzo</i> (Mittagessen) im Freien, auf der Terrasse -des Hotels Florenz, den herrlichen See zu Füßen, gegenüber -im wunderbarsten Blumenflor die Villa Carlotta des Herzogs -von Meiningen, und nach einem ausruhenden Bummel unter -den Palmen des Parkes Serbelloni, machten wir uns ans -Werk, angefeuert vom Studium der Karte, die ungefähr -verrät, was einen auf diesem Gipfel erwartet. Der Rucksack -ist gottlob nicht schwer, denn die Luft ist fürs Steigen auf -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -der bequem angelegten Straße immerhin schwül. In den -Weinbergen schlagen sich schon grüne Bogen von einem Maulbeerbaum -zum andern, aus dem hohen Gras ihrer Terrassen -glänzen die weißen Sterne der Narzissen. Man denke: es gibt -hier Wegweiser! Und so landet man nach dem Durchwandern -einiger kleiner Ortschaften ohne alle Fährnisse in Guello, das -schon 600 m hoch liegt und uns zur Nacht beherbergen soll. -Im Bädeker steht bei diesem Namen: (Whs.) – bedeutet -Wirtshaus –, ein »Allogio« dort gäbe es nicht, hatte uns -der Kellner in Bellagio versichert. Das schien auch fast so; -obgleich der Ort, in dem es außer einigen übrigens über das -ganze Dorf verstreuten Villen nur vier Häuser gibt, zwei mit -der lockenden Aufschrift »Ristorante« und »Birraria«, zu -verzeichnen hat. Die Dämmerung war hereingebrochen; so -konnten wir nicht mehr auf des andern Gesicht lesen, was als -Hochmut und unberechtigte Anspruchsfülle zu deuten gewesen -wäre. Ich trat entschlossen auf das wenigst schlechte Haus zu, -in dem eine <i>padrona</i>, die genau so schwarz und so rußig -war wie ihr Kupferkessel überm offenen Feuer, uns bedeutete, -daß wir nicht allein Eier und Salami, sondern auch, -o Wunder, ein kleines, von uns unbeachtetes Häuschen, dass -unten eine große, etwas modrig duftende Wirtsstube und, -durch eine Außentreppe zu erreichen, oben zwei ganz nette Gastzimmer -aufwies, haben könnten. Die Betten sind in Italien -auch im bescheidensten Nest gut, auch hier; von der übrigen -Einrichtung nenne ich nur einen großen Haufen Schafwolle -in einer Ecke, in der andern das Sonntagszeug der männlichen -Hausbewohner. Salami und Eier schmeckten vorzüglich, -das Brot mußte man sich im herben <i>vino da pasto</i> -(Landwein) erst aufweichen; serviert war, auch wie überall -in Italien, auf reinem Tischtuch mit Zugabe von tadellosen -Servietten. Das bunte Tischtuch bleibt, Gott sei Dank!, eine -deutsche Erfindung, dafür ist in ähnlichen, elenden Wirtshäusern -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -unseres Vaterlandes die Serviette, die der Italiener zum -einfachsten Imbiß spendiert, z. B. zum Kaffee oder Tee, etwas -total Überflüssiges, Luxuriöses. Um halb vier Uhr rasselte im -Nebengemach die Taschenuhr »des« Hochtouristen los, die -immer dann geht, wenn man am besten schläft; zugleich versicherte -die <i>padrona</i>, daß das Wetter schön und der Kakao -fertig sei. Umgekehrt hätte auch nicht gestimmt: das Wetter -war trübe, der Kakao schlimm. Aber man muß guten Mut -haben! Es klärte sich auch ziemlich auf, so daß man seine -Freude an den hier oben noch blühenden Obstbäumen und den -sich eben erschließenden, alle Wiesen und Hänge bedeckenden -Bergschlüsselblumen haben konnte. Da der weite Talkessel bis -hoch hinauf größere und kleinere Sommerhäuschen der Milanesen -trägt, geht der Fahrweg am Sasso Lentina, einem berühmten -eratischen Riesenfelsblock, vorüber, bis zu einem -Wäldchen hinauf, von dem jenseits die Alpe del Borgo liegt. -Nun führt ein rauher Bergsteig durch Erikabüsche aufwärts -zum östlichen Gipfel des Monte San Primo, den man nach -gut drei Stunden betrübten Herzens erreicht; denn die Aussicht -wird, bei diesem Nebel, der zuerst das Tal nach links, -dann auch die rechte Seite schließt, kaum nennenswert sein. -Man konstatiert ärgerlich, daß hier oben noch Schnee liegt, -die Christrosen noch grün sind, das kleine, struppelige Buchengestrüpp -kaum Knospen ansetzt – und dann, am östlichen -Gipfel, zerreißt der Nebel plötzlich, See, Wald, Halbinsel, -Ortschaften, Berge tauchen auf, die Wanderung am Grat entlang -bis zum Hauptgipfel (1685 m), die noch eine gute -Stunde beansprucht, wird zu einem wunderbaren Genuß! Das -Kapellchen oben ist zerfallen, der Schutzraum noch voll Schnee -– aber der Blick, der wunderbare, unvergleichliche Blick! Die -Seearme von Lecco und Como umschließen den Bergrücken, -auf dem man steht, die ganze Halbinsel mit ihrem köstlichen -Wechsel von Wald und Hang, Villen, Parks und Ortschaften, -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -mit Bellagio und den Städtchen und Dörfern am andern Ufer -breitet sich aus, umschlossen vom prachtvollsten Bergkranz, in -dem besonders die nahe Grigna und die herrliche Pyramide -des Monte Leone, das Wahrzeichen des Comosees, fesselt. -Und dieses Bild bleibt, während man den langen Rücken des -San Primo abschreitet, ungefähr noch zweieinhalb Stunden, -in stetem Auf und Ab, von einem kleinen Gipfel zum andern. -Diese gemütliche Gratwanderung mit der großartigen Fern- -und Nahsicht ist der Hauptreiz dieser Tour. Am aller- allerschönsten -Punkt wird gefrühstückt – Salami und Eier! Dann -geht's vom westlichsten Gipfel zuerst weglos hinab. Die -großen, blauen Enzianglocken geben den Matten einen blauen -Schleier, seltene Orchideenarten gesellen sich zu großäugigen -Vergißmeinnichten und unzähligen, zartgelben Stiefmütterchen. -Die Nachtigallen können kein Ende finden ihres sehnsüchtigen -Gesanges; der Kuckuck mahnt aus der Waldesstille. Und -Menschen –? Von Guello ab keine Seele; beim Abstieg die -ersten wieder in Nesso, das anmutig genug am See liegt -und an dem uns der Dampfer wieder aufnimmt und nach -Como trägt. Man mag auch diese Menschenleere einen Reiz -des Abstiegs nennen, der übrigens dreieinhalb Stunden dauerte. -Die letzte Stunde aber, auf den gepflasterten Wegen nach Nesso -hinein – Damen mit empfindlichen Sohlen oder Zehen ist -er nicht zu raten! <em class="ge">Diesen</em> Reiz des Ausflugs könnte man -entbehren.</p> - -<p>»Den Monte Nudo,« sagte mein Hochtourist, »ja, den -können wir noch morgen machen! Zwei so kleine Touren -wie die auf den San Primo und den Nudo hintereinander -dürften Sie kaum anstrengen.«</p> - -<p>Über das »Dürfen« sind die Touren selbst gewöhnlich eigener -Ansicht. Vor einer Höhe aber von 1235 m darf man natürlich -die Waffen nicht strecken. Also von Como per Bahn nach -Laveno am Lago Maggiore, immer auf italienischem Gebiet. -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -Und nach der Nacht mit der Schafwolle ein höchst kultiviertes -Quartier im hübschen Hotel Bellevue von Laveno, -das einst Kriegshafen der Österreicher war (1849-50) und -das gerade der Papa dieses meines Hochtouristen seinerzeit -befestigt hat. Eine Erinnerung, die wir pietätvoll verschwiegen, -denn sie hätte hier nicht gerade beliebt gemacht, obwohl die Befestigungen -schon längst nicht mehr existieren. Wir bezeugten -nur dem Denkmal zur Erinnerung an Garibaldis Alpenjäger, -die hier am 31. Mai 1859 beim Angriff auf das -Fort gefallen sind, unsere Ehrerbietung. Am nächsten Morgen -– ohne Rucksack, nur mit Apfelsinen und einem photographischen -Apparat – »besiegten« wir in zweistündigem, -steilen Marsch die Pflasterwege bis hinauf nach Vararo. -Wir waren dankbar, daß die Sonne nicht noch heißer brannte -und die Steine von den Holzschlitten nicht noch glatter -gerutscht waren. Man sollte sich überhaupt immer die noch -schlimmeren Möglichkeiten vorrechnen, als über eine nicht -ganz bequeme Gegenwart zu nörgeln. Das Dörfchen Vararo -ist sehr malerisch mit seinen eng ineinander geschachtelten Steinhäusern -und einer kleinen Kirche, hinter der der Sasso di Ferro -einen imposanten Hintergrund bildet. Vielleicht waren wir -dieser Offenbarung auch besonders zugänglich, weil dicht vorm -Dorf die Landstraße einsetzte und die Sohlen direkt Mutter -Erde berühren durften. Die weiteren anderthalb Stunden zum -Monte Nudo hinan erschienen einem darnach leicht, angenehm -– das Ideal eines Morgenspazierganges! Was der Gipfel an -Ausblicken über den Luganer See, den Lago Maggiore und -den See von Varese bietet, ist noch dazu eine großartige Belohnung; -die Walliser Alpen in ganzer Ausdehnung und weit, -weit die Ebene. Der helle Punkt im undeutlichen Steinmeer -dahinten soll der Mailänder Dom sein; das erfüllt zwar mit -Ehrfurcht, daß man so weit sehen kann, aber für das gewaltige -Gesamtbild ist es kaum von Bedeutung. Daß der Monte Nudo -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -seinem Ruf als schönster Aussichtspunkt der Gegend alle Ehre -macht, steht fest; daran konnten auch vorübergehende Wolkenschatten -nichts ändern. Wäre das letzte Bergab mit seinem -horriblen Pflaster, das nun in voller Vormittagssonne brannte, -nicht gewesen, so »dürfte« diese Tour zu den leichtesten und -zugleich lohnendsten meines Berglebens gehören; so hat sie am -Ende einen Stachel der Erinnerung. Das Wetter hielt sich -noch immer, nämlich mäßig, und ließ alle Möglichkeiten zu. -Weshalb da nicht noch einmal etwas wagen? Hatten wir den -Camoghe, den »hervorragendsten Aussichtsberg« des ganzen -Tessin nicht bereits dreimal umsonst belagert? Das viertemal -mußte es glücken! Zurück nach Lugano, denn auf der Nordseite -gab's noch zuviel Schnee und der Zugang vom Süden -bietet außerdem noch den Vorteil, den Monte Garzirola und -den Monte Segor, die man traversieren muß, gleich noch mitzumachen, -also drei Gipfel auf einen Schlag! Es ließ sich -auch alles vorteilhaft genug an: mit der Elektrischen von -Lugano nach Tesserete, von dort in anderthalb Stunden gemächlicher -Wanderung nach Maglio di Colla (in der Val di -Colla), das trotz seiner hohen Lage (850 m) ein sehr mildes -Klima hat. Im ganzen Tal kommen bis zu 1200 m hinauf -noch Kastanien und Wein fort; im übrigen gedeihen hier besonders -gut die Schmuggler, die zur nahen italienischen Grenze -hinüberwechseln und sich ihren ehrlichen Lebensunterhalt durch -inoffiziellen Export von Zucker, Tabak usw. verdienen. Denn -in all diesen Gebirgsdörfern, auf schweizerischer wie italienischer -Seite, gilt der Schmuggel als anständiges Gewerbe. Es kommt -auch hier nur auf die Anschauung an. Die Eisenöfen, die -einst dem Orte den Namen gaben – Maglio heißt Hammerwerk -– sind längst eingegangen und haben schuld an der -Vernichtung des Waldes; was also sollen die armen Leute -tun? Genug sind auch ausgewandert, die Frauen dominieren -in allen Dörfern des Tales. Uns berechtigte ein klarer, köstlicher -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -Abend zu den schönsten Bergsteigehoffnungen. Der Hochtourist -stellte seine liebenswürdige Weckuhr auf 3½, in Anbetracht -der sehr langen Tour: Garzirola 2119 m, Segor -ca. 2100 m, Camoghe 2296 m und auf 1057 m waren wir -erst. Man bereitete seine Beine auf drei Gipfel vor. Aber -die Rekognoszierung um halb vier ergab Nebel um die Bergspitzen, -die um fünf Nebel bis zur Talsohle, die um sechs -strömenden Regen! Der Camoghe wollte zum viertenmal nicht -– es gab wieder nichts als heimfahren. Ob er je wollen wird? -Wir lesen die Wetterberichte; sie lauten aus allen Orten in edler -Abwechslung: <i>coperto</i> (bedeckt), <i>pioggia</i> (Regen), <i>nuvoloso</i> -(bewölkt). Wir haben viel vor den andern voraus, bei -uns ist alles drei: <i>coperto</i>, <i>pioggia</i>, <i>nuvoloso</i>. Und augenblicklich -gießt es, wie seit drei Tagen unaufhörlich. Auf Wiedersehen, -Camoghe!</p> - - -<h4>IV. Im höchsten Tessin.</h4> - -<p>Bei zweimaligen längeren Aufenthalten am Lago Maggiore -habe ich fast alle Täler, deren brausende, klare Ströme in die -Silberschale des Sees münden, durchstreift, habe die Höhen erklettert, -die seinen kostbaren Rahmen bilden, und mich immer -wieder an den armen und doch so anmutsreichen, in Weinbergen -gebetteten Dörfern der Ufer und Hänge erfreut. Freilich, -das Geschick ihrer Bewohner ist nicht so heiter und glücklich, -wie man leicht nach der Schönheit der Landschaft und dem -gesegneten Klima annehmen könnte. Auf wieviele ganz verlassene -Weiler trifft man nicht, während es in anderen Dörfern -nur Frauen, Kinder und alte Männer gibt, da die arbeitsfähigen -Männer in der Fremde ihr Geld verdienen müssen, -zum Teil auch nach Amerika ausgewandert sind. Die Arbeit -auf den Feldern und in den Weinbergen wird daher meist von -den Frauen verrichtet, die solch ein bescheidenes Leben führen, -wie es allerdings auch nur in diesem Klima denkbar ist.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -Einer meiner interessantesten Ausflüge war nun der ins -»höchste Tessin«. Die kleine Bahn, die durch die Valle Maggia -fährt, brachte mich eines frühen Morgens – Abfahrt von Locarno -um 5 Uhr 5 Minuten – Ankunft in Cevio um 6 Uhr -26 Minuten – (das zeitige Aufstehen lernt man bei diesen Gelegenheiten -so nebenher!) an die Mündung des Campotales, -das vom wilden Lauf der Rovana durchströmt wird. Eine -schön angelegte Poststraße – überhaupt eine Spezialität der -Schweiz! – schlängelt sich in unendlich zahlreichen Krümmungen -am Abhang des Madone di Camedo hinauf. Die Postkutsche, -mit zwei starken Pferden bespannt, sah ganz vertrauenerweckend -aus; aber da ich vor der Abfahrt in unstillbarem -Tatendrang noch die <i>beaux restes</i> irgendeines ehrwürdigen -Palazzo besichtigte, hatte ein verbindlich lächelnder Pater den -begehrten Platz neben dem <i>postiglione</i> eingenommen und ersuchte -mich, wieder verbindlich lächelnd, seinen Hut und sein -Täschchen zu bewahren. Ich trat diesen Gegenständen, wie -meinem Rucksack, lieber meinen Sitz auf den heißen Polstern -ganz ab und wanderte – zur Abwechslung allein, denn der -Hochtourist trieb sich irgendwo in Kalabrien herum – im -selben Tempo wie die armen Pferde aufwärts, allerdings -häufig die steilen <i>scorciatoi</i> benutzend, die quer über die -Kehren fortführen. Nach gut zwei Stunden erreichten die -Pferde und ich etwas atemlos Cerentino, ein wirklich reizend -gelegenes Dörfchen, von grünen Halden und Wäldern -umgeben. Nun begann erst »programmäßig« meine Arbeit, -denn die Poststraße und -fahrt endet hier. Geduldig nahm -ich meinen Rucksack auf die Schultern, frühstückte an der -ersten Quelle – ein Teil des Tagewerks, der mir stets sehr -lieb ist! – und wanderte über die Anhöhe, auf der die Kirche -des römischen Märtyrers San Bonifazio steht, ins Tal von -Bosco hinein, über eine primitive Holzbrücke das linke Ufer des -Wildbaches gewinnend und immer seiner Quelle zu, dem schmalen -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -Saumpfad folgend, der die einzige Verbindung mit meinem -Ziel, dem Dörfchen Bosco, bildet. Der Weg war erst seit einigen -Tagen schneefrei – auf der anderen Seite lagen sogar noch -mächtige, mit Geröll und Baumstämmen durchsetzte Lawinen, -deren Sturz der Bach aufgehalten hatte und deren unbehaglichen -Nähe man doch gern auswich! Sonst gleicht dieser gemächliche -Aufstieg, bis vielleicht auf sein letztes Viertel, das -sehr steil durch einen schattigen Lärchenwald aufwärts führt, -fast einem Parkspaziergang; so anmutig, an Wäldchen und -blumenbedeckten Halden reich, ist das Tal und die wunderbare -Luft, von Tannenduft gesättigt, befreit von allen Nöten, unter -denen man sonst beim Steigen leidet. Der gute Pater hatte mir -noch beim Abschied freundschaftlich geraten, diese Partie aufzugeben, -sie sei für eine Dame wirklich unmöglich! Die Italiener -haben eben über körperliche Leistungsfähigkeiten besondere Begriffe, -und ich fürchte, mein Ratgeber selbst hat sich noch nie -auf diese »<i>via brutta</i>« gewagt! Dann und wann traf ich auf -primitive Sennhütten, von winzigen Kartoffel- und Rübenäckern, -oft nicht größer als ein Bettvorleger, umgeben. Die -meisten Hütten standen noch leer, bis ich dicht vorm Walde nach -vielen Wochen zum ersten Male wieder ein deutsches Wort von -einer Bäuerin hörte! Zwar mußte ich bei unsrer Unterredung -manches erraten, denn es war ein »Schwyzer-Dütsch« allerärgster -Sorte. Aber es ist rührend, mit welcher Treue und -Zähigkeit sich die kleine Gemeinde von »Gurin«, wie sie selbst -ihr Dorf nennen, während die Italiener es nach seinem Waldreichtum -»<i>il bosco</i>« getauft haben, Sprache und Sitte auf -fremdem Boden erhält. Auch das Dorf selbst, das sogleich jenseits -des Lärchenwaldes beginnt, unterscheidet sich im Bau der -Häuser stark von der sonst im Tessin gebräuchlichen Art; es -erinnert an Oberwallis, von dem aus ja auch die Kolonie hier -im zwölften Jahrhundert gegründet wurde. Die heutigen Bewohner -sind durch ihre Zugehörigkeit zum Tessin wie durch die -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -italienische Umgebung gezwungen, italienisch zu lernen; leider -bewilligt man ihnen auch keinen deutschen Geistlichen. Aber -untereinander reden sie nur deutsch, und es machte mir viel -Spaß, in den engen Gängen zwischen den Häusern – »Straßen« -kann man unmöglich sagen! – die Kinder bei ihren -deutschen Spielen zu beobachten. Auch Gurin ist sehr arm; und -da die Männer als Vergolder, Schnitzer und Maurer in die -Fremde wandern, betreiben die Frauen die Viehzucht, schleppen -die Holzlasten auf dem Rücken heim und bestellen die Felder, -die hier oben einen etwas größeren Umfang besitzen. Die -Seidenindustrie, die nach den Reisehandbüchern hier betrieben -werden soll, ist dagegen längst erloschen. Die ziemlich große -Kirche, dem heiligen Jakob und Christoffel geweiht, enthält als -größtes Heiligtum die Gebeine des hl. Theodor, von dem sich -auch ein ziemlich unglückliches Gemälde vorfindet. Die guten -Fresken der Kirche scheinen dagegen vom Maler Lorynis zu -stammen, dessen Arbeiten ich auf diesem Ausflug noch mehrmals -begegnete. – Das Wirtshaus »Zum Edelweiß«, das ich -mir zum Übernachten bestimmt hatte – ein zweites, von Cevio -aus gegründetes neues Hotel war leider noch nicht eröffnet – -erwies sich selbst für meine auf solchen Ausflügen sehr niedrig -geschraubten Ansprüche als »einfach unmöglich«. Ich aß dort -zwar vorsichtshalber nur gekochte Eier, an denen, falls sie -frisch sind, ja nicht viel zu verderben ist; aber selbst diese frugale -Mahlzeit wurde mir leid, als ich die verwahrlosten Hühner -und die nähere Umgebung, in der dies »Edelweiß« wächst, betrachtet -hatte. Es blieb mir also nichts übrig, als den kleinen -alpinen Spaziergang, der hinauf 2½ Stunden gedauert hatte, -noch einmal nach Cerentino zurückzumachen. Dort hatte ich des -Morgens ein Wirtshaus mit einer Terrasse gesehen – eine -Seltenheit bei Dorfwirtschaften! – und an diese dachte ich nun, -um mich selbst zu ermuntern, und mir das »Vernünftige« der -Rückkehr klar zu machen. Vorher ein Schlaf im Lärchenwald, -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -blaue Enzianen zu Häupten und zu Füßen – und von der -Schlucht herauf, denn hier hat der Bach sich durch Felsen zu -zwängen, das Brausen des Wassers als etwas kriegerische -Schlafmelodie.</p> - -<p>Und die Wanderung im Nachmittagsfrieden war so köstlich, -daß ich sie wirklich nicht bedauerte und genug zu tun hatte, um -nur alle Schönheit ringsum, das Lichtspiel auf den von allen -Seiten herantosenden Wassern, über den Felsen und in den -sanft rauschenden Baumwipfeln zu bewundern. – In Cerentino -fand ich die Terrasse wieder und außerdem vorzüglichen -Barbara, den mir die schöne französische Wirtin »<i>della posta</i>« -zu ihren höchst schmackhaften Gerichten kredenzte.</p> - -<p>Am nächsten Morgen bestieg ich einen kleinen Wagen, den -der rundliche Gatte der schönen Französin lenkte. Die Break -war leider beim Renovieren, und ich saß da, wo sonst Kälber -und Schweine mutlos ihrem traurigen Geschick entgegen zu -sehen pflegen. Aber ich bildete mir ein, schlecht gefahren sei -besser als gut gegangen, wenigstens auf der Landstraße. -Wäre der Paß nicht noch verschneit gewesen, so hätte ich -es natürlich als brave Hochtouristin vorgezogen, mein neues -Ziel »über die Berge« zu erreichen, jetzt vertraute ich mein -Leben diesem Wagen an. Es war leichtsinnig; solch eine unbehagliche -Straße bin ich denn doch selten gefahren! Nicht, daß -sie in schlechtem Zustande gewesen wäre; aber sie geht beharrlich -an steilsten Abgründen vorbei, und ist so schmal, daß jede -ungeschickte Bewegung an den Kehren, an denen sie überreich -ist, das Gefährt in die Tiefe stürzen muß. Gleich im Anfang -schlugen wir, trotzdem es stark bergauf ging, ein beschleunigtes -Tempo an; und auf meine Frage, die einem geängstigten Gemüte -entstieg, erhielt ich die trostreiche Antwort, es sei Eile geboten, -um nicht mit dem Postwagen von Campo zu kollidieren, -denn Ausweichen sei unmöglich! Ja, das mußte ich schaudernd -zugeben. Schließlich warteten wir gleich hinter dem Weiler -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -Pedigiodi auf einer breiten Kurve, bis oben über uns aus dem -Wald der kleine Postwagen, durch seine schwarze Plane einem -Leichenwagen sehr ähnlich, herauskam und vorsichtig an uns -vorüberglitt. Er beförderte übrigens keine Menschen, sondern -nur Pakete und Briefe. Wir ratterten weiter – Kälber und -Schweine scheinen unbeschadet jeder Elastizität ihres Gefährtes -entraten zu können! – an Riva vorbei, das anmutig auf -grünen Wiesen am Rande der Rovana gebettet ist und als -<i>vis-à-vis</i> das düstere Campellotal, vom unheimlichen Molineva -verriegelt, ertragen muß. Nach gut zwei Stunden -schwerer Arbeit für das Pferd sowohl wie für die eigene Beherrschung, -denn ich fand, man sei wie auf dem Meer auch hier -etwas zu sehr in Gottes Hand, erblickte ich von dem kleinen -Dörfchen Piano aus: Land! Und zwar zuerst das noch hinter -Campo, aber höher gelegene Cimalmotto. Und dann nach ein -paar Wegbiegungen taucht Campo auf, aus der Ferne von ganz -großartiger Wirkung mit seinen stattlichen Häusern, der schönen -Kirche, den saftigen grünen Weiden ringsumher! Aber mein -liebenswürdiger, dicker Kutscher bittet mich auszusteigen und -den Fußweg ins Dorf einzuschlagen: – »Denn sehen Sie, -Signora, wie sich die Straße schon wieder senkt und verdorben -ist!« – Ja, ich sehe. Und noch mehr wehmütiges Bedauern -ergreift mich, als ich die von unten so schöne St. Bernhardkirche -betrete: zahllose Sprünge zerreißen ihre Wände und die -feinen Fresken Lorynis; die Schwellen unter ihren Türen haben -sich verschoben, die Fenster stehen schief. Ein Stukkateur ist an -der Arbeit, die Hauptschäden oberflächlich auszubessern; mit -der vollen Pietät des Italieners für Kunstwerke beklagt er mit -mir den unaufhaltsamen Verfall der <i>chiesa</i> des Dorfes – -des ganzen <i>paese</i>! Es ist verlorenes Land, auf dem ich stehe, -ein Land, das dem Untergange geweiht ist. Seit der furchtbaren -Überschwemmung des Jahres 1868 untergraben die Wasser -die ganze Hochebene, auf der Campo steht, und reißen ein -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -Stück nach dem andern ins Tal hinunter. Man kann sagen: -der ganze Berg wandert in die Tiefe. Da ist kein geradestehendes -Haus mehr, keine Wand ohne Riß; überall hängen Türen -und Fenster in den Angeln, und die Heustadeln sehen traurig -aus unter den schiefsitzenden Dächern. Eine Tragik liegt über -dem Dorf trotz seiner heitern Umgebung; und was mag in den -Seelen der Menschen vorgehen, die unbarmherzig ihren Besitz -schwinden sehen? Einmal ist von der Regierung für viele Tausend -Lire eine Schutzmauer im Tal errichtet worden; der erste -Frühlingssturm riß sie ein. Ein anderes Projekt eines Berner -Professors, Abzugskanäle anzulegen, würde Millionen erfordern. -Das Stückchen Land ist nicht soviel wert – es muß -geopfert werden!</p> - -<p>Über einen kleinen Fußweg gelangt man in zwanzig Minuten -zum kleinen Hochplateau hinauf, das auf seinem Rücken Cimalmotto -trägt. Ein Haufen recht elendiger Steinhäuser, die -auch zum Teil Spuren des Verfalls, wenn auch nicht so stark -wie in Campo tragen. In der offenen Halle der Kirche befindet -sich eine sehr schöne »Kreuzigung« von Lorynis, ursprünglich -<i>al fresco</i> gemalt; doch hat man das Bild, um es vorm Untergang -zu bewahren, durch ein chemisches Verfahren auf Leinwand -übertragen. Es weist aber auch jetzt schon wieder Sprünge -und lädierte Stellen auf. Keinem Menschen bin ich in diesem -kleinen Dorf begegnet; mir wurde direkt unheimlich in dem -verlassenen Ruinenhaufen. Galba, der Begründer des Ortes, -wie eine Tafel an der Kirchhofsmauer erzählt, mag sich mit -vollem Recht mit seinen Schätzen und seinem Weibe Pulcheria, -der Tochter des Herzogs von Aquitanien, hierher geflüchtet -haben, um allen Verfolgungen zu entgehen: man muß schon jemand -sehr lieben oder sehr hassen, sonst stöbert man ihn hier -nicht auf! – Vor der Kirche in Campo fand ich meinen -Kälberwagen wieder; knapp vierzig Minuten brauchten wir für -die Fahrt abwärts bis nach Cerentino zurück. Behaglicher als -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -das Hinauf war sie keinesfalls, besonders da ein tüchtiger Gewitterregen -einsetzte, wie es sich zwar zur Krönung einer richtigen -Landpartie gehört, den wir vier: Wagen, Pferd, Kutscher -und ich aber doch mit verbissenem Grimm erduldeten. Bis mir -aus einem Weiler hilfreich ein mächtiger roter Regenschirm geliehen -wurde. So liegen Freude und Leid doch immer nahe -beieinander im Menschenleben; das bewiesen mir die Ausflüge -ins »höchste Tessin« – auch Campo liegt noch 1200 m hoch -– aufs neue. Deshalb liebe ich es und sage traurig auf gut -tessinisch:</p> - -<p class="ce">»<i>Ciau Ticino!</i>« Lebewohl, Tessin!</p> - -<hr /> - - - - -<h2 class="fs125"><a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -Aus dem gleichen Verlag zu beziehen:</h2> - - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdc fsl" colspan="2">Am Lugenbankl</td></tr> - <tr><td class="tdc" colspan="2"><span class="ge">Lustige Tiroler Bauerngeschichten.</span></td></tr> - <tr> - <td class="tdl">Von <em class="ge">Karl Deutsch</em>.</td> - <td class="tdr2">Geheftet M. 2.40.</td> - </tr> - - <tr><td class="fss"> </td></tr> - <tr><td class="tdc fsl" colspan="2">Lodenrock und Wifflingkittel</td></tr> - <tr><td class="tdc" colspan="2"><span class="ge">Geschichten aus dem Sarntale.</span></td></tr> - <tr> - <td class="tdl">Von <em class="ge">Klara Pölt-Nordheim</em>.</td> - <td class="tdr2">Geheftet M. 2.40.</td> - </tr> - - <tr><td class="fss"> </td></tr> - <tr><td class="tdc fsl" colspan="2">König Laurins' Rosengarten</td></tr> - <tr><td class="tdc" colspan="2"><span class="ge">Ein Tiroler Heldenmärchen.</span></td></tr> - <tr> - <td class="tdl">Von <em class="ge">Ludwig Scharf</em> (Aus dem Mittelhochdeutschen).</td> - <td class="tdr2">Gebunden M. 2.—.</td> - </tr> - - <tr><td class="fss"> </td></tr> - <tr><td class="tdc" colspan="2">Außerdem:</td></tr> - <tr><td class="tdc fsl" colspan="2">Reiseführer, alpine und wintersportliche Literatur!</td></tr> - - <tr><td class="tdc" colspan="2">Man wolle darüber ausführliche Verzeichnisse -verlangen vom</td></tr> - - <tr><td class="tdc fsl ge" colspan="2">Verlag<br /> -Walter Schmidkunz</td></tr> - - <tr><td class="tdc" colspan="2">Bayerstraße 25  München  Bayerstraße 25</td></tr> -</table> - - - - -<h2 class="fs125">Hinweise zur Transkription</h2> - - -<div class="mw36"> -<p class="ci">Der Schmutztitel wurde entfernt. Die Nennung der Druckerei wurde von ihrer -Position hinter dem Schmutztitelblatt verschoben auf eine Position hinter -dem Titelblatt.</p> - -<p class="ci">Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Textanteile, die abweichend -in Antiqua gesetzt sind, wurden in dieser Transkription markiert, jedoch wurde -für Römische Zahlen und die Maßeinheiten "m" und "km" auf eine -Markierung verzichtet.</p> - -<p class="ci">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>.</p> - -<p class="ci">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_026">26</a>:<br /> -im Original: "erheben sich die weißen Linie der ewigen Gletscher"<br /> -geändert in: "erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_033">33</a>:<br /> -im Original: "Leute von der Knorrhüte"<br /> -geändert in: "Leute von der Knorrhütte"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_065">65</a>:<br /> -im Original: "schon alle, ungegefähr 700 Stück graubrauner Kühe"<br /> -geändert in: "schon alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_074">74</a>:<br /> -im Original: "noch mühsam und nicht gerade wohltuend"<br /> -geändert in: "noch mühsam und nicht gerade wohtuend"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_084">84</a>:<br /> -im Original: "in einem Purpurmeer vertautauchenden Gestirns"<br /> -geändert in: "in einem Purpurmeer vertauchenden Gestirns"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_108">108</a>:<br /> -im Original: "von dem sogar die altmodische Post"<br /> -geändert in: "vor dem sogar die altmodische Post"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_128">128</a>:<br /> -im Original: "fielen alle kleinen Erdennöten vom Herzen"<br /> -geändert in: "fielen alle kleinen Erdennöte vom Herzen"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_175">175</a>:<br /> -im Original: "»<i>Giau Ticino!</i>« Lebewohl, Tessin!"<br /> -geändert in: "»<i>Ciau Ticino!</i>« Lebewohl, Tessin!"</p> -</div> - -<hr /> - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK »SIE« AM SEIL ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work -on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the -phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: -</div> - -<blockquote> - <div style='display:block; margin:1em 0'> - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most - other parts of the world at no cost and with almost no restrictions - whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms - of the Project Gutenberg License included with this eBook or online - at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/66630-h/images/cover.jpg b/old/66630-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 213dd18..0000000 --- a/old/66630-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/66630-h/images/emblem.png b/old/66630-h/images/emblem.png Binary files differdeleted file mode 100644 index e9e319a..0000000 --- a/old/66630-h/images/emblem.png +++ /dev/null |
