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-The Project Gutenberg eBook of »Sie« am Seil, by Eva von Baudissin
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: »Sie« am Seil
-
-Author: Eva von Baudissin
-
-Illustrator: Joseph Engelhardt
-
-Release Date: October 29, 2021 [eBook #66630]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This transcription was produced from
- images generously made available by Bayerische
- Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK »SIE« AM SEIL ***
-
-
-
-
- Eva Gräfin von Baudissin
-
- »Sie« am Seil
-
- [Illustration]
-
- Verlag Walter Schmidkunz
- München und Wien
- 1·9·1·4
-
-
- Druck: Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn
-
-
-
-
- Dem Hochtouristen,
- von dem
- in diesem Buch
- wenig Gutes und viel Böses
- erzählt wird
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- I. »Sie« am Seil.
- Seite
- Wie »Sie« Hochtouristin wurde 3
-
- Hochtour mit allerlei Hindernissen 11
-
- Spätherbst im Wilden Kaiser 25
-
- Auf Deutschlands »Allerhöchstem« 31
-
- Das Matterhorn von Ehrwald 39
-
- Quer durch die Lechtaler Alpen 45
-
- Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz 51
-
- Vom Königspaar des Rhätikon 57
-
- Streifzüge in Südtirol 67
-
- Hüttenleben 81
-
- Eine unterirdische Hochtour 87
-
-
- II. »Sie« auf Ski.
-
- Bei den »Säuglingen« 95
-
- Die erste »Ausfahrt« 101
-
- Aus der Winterfrische 107
-
- Das Talbein 113
-
- Die Erfindung 123
-
-
- III. »Sie« im Süden.
-
- Osterspaziergänge in Latium
-
- I. Der Monte Soracte 135
-
- II. In den Sabinerbergen 139
-
- Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen
-
- I. Locarno 145
-
- II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde 150
-
- III. Hochalpine Spaziergänge 157
-
- IV. Im höchsten Tessin 168
-
-
-
-
-I.
-
-»Sie« am Seil.
-
-
-
-
-Wie »Sie« Hochtouristin wurde.
-
-
-Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken; viele,
-vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt mit dem Menschen ins
-Jenseits hinüber, weil ihnen weder Zeit noch Ort günstig waren, sich
-zu offenbaren. Solch ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung
-einer neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen
-Frühlingstage den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der
-Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die höchste
-Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte. Ich muß das, ohne
-Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht zu haben, ziemlich geschickt
-ausgeführt haben, denn der berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir
-die sieben Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten
-selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging ich auf alle
-Dolomiten --, da braucht' man nichts zu fürchten wegen dem Abstürzen.«
-
-In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste, einfache
-Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen Menschen ging der neue
-Zellkern hervor: Die Hochtouristin!
-
-Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen, gesundes Herz,
-Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren. Rom zu meinen Füßen,
-wurde mir klar, daß ich bisher mein Pfund vergraben hatte, und daß ich
-mich einer schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich
-meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der Schauplatz
-für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken, was mir immer
-schwer fällt, ergibt, nur ein Berg sein; es galt also, einen zu finden,
-der in Gestalt und Art meinen alpinistischen Gaben entgegenkam.
-
-Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«: »Große
-Furchetta (3027 m), der nordwestliche breitere Turm einer kühnen,
-doppelzinkigen Berggestalt im Hintergrunde des Wasserrinnentals.
-Interessante und exponierte, schwierige Kletterei.«
-
-Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis am Kapitol
-wollte ich es nicht unter einer Hochtour tun und möglichst gleich alle
-Eindrücke auf mich wirken lassen, die man bei einer Bergbesteigung haben
-kann. Die äußeren Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen
-Zutaten, Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt, der Rucksack
-mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen, sauber vollgestopft, ein
-mächtiger Eispickel erhandelt und als Letztes -- die Stiefel ausprobiert.
-Sie sind das Wichtigste der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam
-mir auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern in der
-schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße.
-
-»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant, den ich
-betrübt um Rat fragte.
-
-»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«, beharrte
-der berühmte Hochtourist, der auch hier meine ersten Schritte überwachte.
-
-Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht doch de Person nit's
-Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher Philosophie.
-
-Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel waren schuld,
-und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen, ohne mir ernsthaftere
-Verwundungen zuzuziehen.
-
-Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es eigentlich gar
-nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten zu haben«, von der
-Regensburger Hütte aufbrachen, klopfte mir doch das Herz recht. Die
-Wiesen naß und schlüpfrig, das Tal voll Nebel, die näher und näher
-heranzukriechen schienen, ringsum eine atemlose, beklemmende Stille --
-und vor uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und steil
-schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen zu wollen, und
-während ich mich tapfer bemühte, meine Füße mit den Genagelten in die
-weit auseinanderliegenden Spuren des Führers zu setzen, sagte eine laute
-Stimme in meinem Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf -- nie
-hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen Bedenken, um
-das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; ich glaube, die meisten
-Heldentaten werden in solch einem passiven, aus der Furcht vor Anderen
-diktierten Handeln vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die
-Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die grünen Wadenstrümpfe
-des Führers, auf die ich hoffnungsvoll starrte: solange sich die in
-gleichmäßigem Abstand von mir aufwärts bewegten, genügten auch meine
-Kraft und mein Können -- an sie klammerte sich instinktiv mein Blick. --
-
-»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«, gebot die
-Hochtouristenstimme hinter mir.
-
-Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch noch?! Tat ich
-denn noch nicht genug? -- Aber gehorsam spazierten meine Augen nach oben
-und unten, nach rechts und links: Steine, nichts als Steine, große,
-kleine, glatte, bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder
-lose, die treulos unterm Fuß nachgaben -- ein wüstes, ödes, steinernes
-Meer -- --
-
-»Nun?! -- Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit wahr? Diese Größe
--- diese Stille -- heilig ist's wie in der Kirch'.« -- Meine grenzenlose
-Verwunderung setzte sich allmählich in eine Art Wut um, während neben mir
-die Begeisterung immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man kommen, um
-wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is -- da kriegt man wieder an Begriff
-von der Allmacht -- da geht eims Herz auf -- Aber Sie sagen ja nichts, Sie!
-Ja, ja, da verstummen auch Sie einmal -- aber schließlich, wissen möcht'
-i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was Sie nun denken« --
-
-»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale
-Raumverschwendung«.
-
-Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus eigenem Antrieb,
-um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte: »Was könnte man da
-für Korn bauen, wenn's eben wäre und nicht so viel Steine!« --
-
-»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der Naturempfindung
-vor hundert Jahren -- von der Ästhetik des Gebirges haben Sie keine
-Ahnung«, unterbrach mich der Hochtourist im plötzlich angenommenen,
-reinsten Hochdeutsch.
-
-Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe, Aufklärung und
-Naturschönheiten verloren. Aber über meinen Kopf fort floß zwischen
-Führer und Bergsteiger, denen nun Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom
-von Touristengeschichten; von alten Führern, von Erstbesteigungen, von
-Neulingen im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit
-unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten gefahrvollen
-Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren Errettungen, das alles
-gewürzt mit immer wiederkehrenden technischen Ausdrücken, wie: Grat,
-Kamm, Wand, Griffe, Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band --
-dem Jargon der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber von
-dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur und der Erkenntnis,
-daß ich also eigentlich schon hundert Jahre alt sei (nach dem Stand meiner
-Naturempfindung!), wurde mir ganz schwindlig -- zum ersten und einzigen
-Male im Leben.
-
-In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den Einstieg. Ich
-durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in unmittelbarer Nähe wurden
-einige Becher voll klaren Wassers geholt, und außerdem mußten hier
-die Genagelten gegen die Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein
-behagliches Gefühl schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das
-harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die guten,
-nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene Fußbekleidung
-zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit war verflogen. Mit
-Vergnügen ließ ich mir das Seil um die Taille legen, »die moralische
-Hilfe«, wie mir lachend versichert wurde; jedenfalls wohnt diesem
-Zauberband eine merkwürdig beruhigende Wirkung inne.
-
-»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam und erst einen festen
-Tritt für den Fuß und einen sichern Griff für die Hand suchen«, gebot
-der Führer.
-
-Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf auf, und von Zeit
-zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick des allein vorauskletternden
-Hochtouristen. Sonst war ich mir allein überlassen, nur durch einen
-dünnen Faden mit der Menschheit verbunden.
-
-Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe,
-Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier oben, angesichts
-der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen meine hochtouristischen
-Begabungen wieder ans Tageslicht. Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte
--- lagen sie einmal weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher
-über die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß
-genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen, und alle
-turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden sich wieder ein.
-
-»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal.
-
-Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn meine
-Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis und Unfähigkeit
-bitter wurmte. -- Beim »Band« wurde ich ernsthaft verwarnt: ich begriff
-nicht, weshalb. Was für eine einfache Sache, über eine freiliegende
-Stelle, neben der es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch
-aber dem Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts am
-Felsen entlang -- zum erstenmal konnte ich ohne Neid an die Affen im Urwald
-denken, die sich gemächlich von Baum zu Baum schwingen.
-
-»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen bis
-zum Gipfelgrat -- wenige Schritte auf der Höhe selbst, und da waren wir!
-Auf dem höchsten Punkt des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so
-unerschwinglich hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung erfüllte
-mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte mich auf meine
-Kräfte verlassen und allein durch sie mein Ziel erreicht. Aber dann sank
-mein ganzes Selbstbewußtsein in sich zusammen vor der Schönheit und der
-Gewalt des Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier herauf
-mußte man kommen, um sich wieder eins mit der Natur zu fühlen -- mir war,
-als sähe ich zum erstenmal der Welt voll ins Antlitz: so schön also
-war sie, so wunderschön -- »Und er führte ihn auf einen hohen Berg
-und zeigte ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach:
-›Dies alles will ich dir geben‹« --
-
-Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben, besitzt man
-ja alles, was der Blick umfaßt; und in der demutsvollen Erkenntnis der
-eigenen Bedeutungslosigkeit so vieler Größe und Allmacht gegenüber wird
-man wunschlos.
-
-Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er war ganz
-erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer anderen Quelle als
-die meine: er hatte mich ja entdeckt -- auf dem Kapitol -- und mit dem
-sicheren, nie zu täuschenden Blick des Kenners hatte er die verborgenen
-Talente geahnt. Freilich, daß sie so groß sein würden --! Es war
-erstaunlich. Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde --
-
-»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig; wozu jetzt
-noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies würde sie nach dem
-gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand mehr glauben wollen; auch für mich
-traten sie endgültig in verschwimmende Fernen zurück.
-
-Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des leiblichen Menschen
-wuchs mein Mut ins Ungemessene empor -- bis hinauf zu den allerhöchsten
-Gipfeln der allerhöchsten und -schwierigsten Berge! So war ich zur
-»Hochtouristin« geworden.
-
-
-
-
-Hochtouren mit allerlei Hindernissen.
-
-
-Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast alle, die
-es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines Paradies in sich.
-Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite des Sees, diese Berge, die sich
-da aneinander reihen, die stolze Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel
-und Schwarzkopf, Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht
-zu vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee
-trinken läßt -- und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck und Schloß
-Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem angenehmen Bad und der
-Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja, die Leute sind hier glücklich; das sieht
-man ihnen an, wie sie im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz
-der ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld; was
-andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt an diesem Ort, an
-dem sich »fesches« Badeleben mit Primitivität verbindet, das macht mich
-allmählich nervös -- zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so
-ungerecht wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer war, von den
-Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den Schären vom Schwimmen
-ausruhte und sonnte und nachts im Schlaf das ewige Brausen in gleichem
-Rhythmus hörte. Nein, man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt
-einem nicht, die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen -- hinauf
-möchte man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang;
-zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben in den Wolken lache
-über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder. Dann soll's eines Morgens
-losgehen: biegen oder brechen! Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus,
-die Buam noch weniger -- Einsamkeit will man und sich Wege suchen, auf
-die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es biegt sich
-nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte Schlüsselbein meines
-Hochtouristen, der sich mit Grazie über Abgründe schwingt, Kamine
-durchklettert, als handle es sich um Verandatreppen, sich von den
-»unmöglichsten« Punkten selbst abseilt -- und den nun das Schicksal
-ereilt, als er mit kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten
-will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer Aufenthalt;
-neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben. Aber der Bezirksarzt
-tröstet: nach seiner Meinung liegt kein Bruch vor, nur eine Zerrung der
-Muskeln; ein paar Tage Eisumschläge -- dann ist alles wieder gut! Nur
-merkwürdig, daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht -- wozu hat man
-einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet, wird nur
-gelächelt -- und schließlich glaubt man gern, was man glauben möchte.
-Man wandert los; der Hochtourist mit etwas hängender Schulter unterm
-Druck des Rucksacks, aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen.
-Den berühmten »Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit
-und steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal mit
-sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger Berge und
-Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im Hotel Moserboden zum
-Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine gute Leistung für einen Tag --
-besonders die letzten zweieinhalb »steilen« Stunden, vom Moserboden
-empor, werden reichlich sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz
-wieder richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt; dafür
-ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man saß doch nicht
-müßig da -- und morgen, ja morgen geht's auf das lange mit Sehnsucht
-umworbene Große Wiesbachhorn!
-
-Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht -- in der
-Gebirgssprache: der Morgen -- blüht schon der Handel in der Hütte mit
-Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es
-stürmt und die Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den
-Fochezkopf und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat. Die
-Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer voraus,
-um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft aufnimmt. Der Wind wird
-schneidend, die ersten Schneeflocken fallen. Gesicht und Hände prickeln.
-Wir erreichen eben die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los
-mit einer Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann. Keine
-Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine wunderschöne,
-im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung über den
-Bratschenkopf und die Glocknerin zur Franz-Josephs-Höhe zu machen -- und
-mein Hochtourist, der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die
-an und für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil er mich
-wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe halten kann, sagt jetzt
-nichts als: »Nun geht's aber in den Süden -- auf der anderen Seite
-ist das Wetter immer besser!« Wir kehren um; denselben Weg über
-den Kaindlgrat geht's zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei --
-unverrichteter Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen
-Hochtouristen, zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war; dreiviertel
-Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel Moserboden beschließen
-wir diese Episode, und nach kurzer Rast geht's »dolomitenwärts«.
-Allerdings ist sich mein Hochtourist nicht ganz klar, wie's dort mit dem
-Klettern sein wird. Aber die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh
-tut, es schadet nichts -- es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer
-hoffen. Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute noch näher
-zu bringen.
-
-Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom Moserboden aus, am
-Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«, die sich durch den mit
-Recht beliebten Schutt auszeichnet; für Fußsohlen und Knöchel eine
-Extraprobe! Nach fast drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen
-Torkopf und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht auf das
-unerreichte Wiesbachhorn bietet -- ein schmerzlicher Anblick trotzdem!
-Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch auf einer Höhe von über 2600 m,
-tropft es sanft, aber kalt. Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden,
-dazu die nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß,
-vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's hinab zum
-Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei Sprünge über
-Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter ins Tal, über den Bach
-fort und recht mühsam, zum Teil auf in den Fels gehauenen Stufen,
-zur Rudolfshütte hinauf. Die Hütte liegt sehr schön und bietet gute
-Verpflegung -- und Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus
-zurückdenkt! Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen wir
-uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem Ausruhen? Bewahre,
-wir müssen weiter. Erst wieder empor bis zur kreuzgeschmückten Höhe
-des Kalser Tauern, dann hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See
-vorüber, und über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort,
-am Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen, fruchtbaren
-Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll, das wir bis dahin passiert
-haben, wirklich wie eine Oase anmutet. Bald darauf, in der Schutzhütte
-auf der Rumesoi-Ebene, bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich
-auf Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten
-Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot hineinbrocken,
-wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften, das erlaube ich mir im
-Gebirge alle Tage; es hält bei mir Leib und Seele zusammen. Endlich,
-nachdem die »Stiegenwand« überwunden ist, erreicht man in ein paar
-Stunden, über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit
-das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde Wanderung
-jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und Ab dazu -- und in dem
-kleinen, weißgetünchten Zimmer des »Glocknerwirts« schlafe ich so fest
-wie wenig Schritte vom Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen.
-Dafür geht's am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis
-nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden, breiten Isel her
-bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt in diesem an und für sich
-netten Städtchen, dem ich die Erinnerung an mein erstes und einziges
-=collier de chien= verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um
-Stich auf meinen Hals genäht -- anfangs, als ich des Morgens erwachte,
-fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf bekommen zu haben.
-Aber es waren nur Wanzen -- weiter nichts!
-
- * * * * *
-
-Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour. Mein Hochtourist
-klagte über seine Schulter -- bei dem Wetter kamen sicher rheumatische
-Schmerzen hinzu -- sobald der Himmel nur eine kleine Pause in der
-Besprengung der Erde machte, flohen wir auf und davon, zu einem der
-»Unholden« hinauf, wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen
-wegen genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678 m). Der Aufstieg ist
-nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man das Hochstadlhaus,
-und am nächsten Morgen, nach einer sehr kalten Nacht, über die
-Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den Gipfel, der eine wunderbare Aussicht
--- auch uns! -- ins Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen
-schneeglänzenden Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach Süden
-selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick und dünn -- in diesem
-Falle Gestrüpp und Bäche -- mußten, ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben
-einem kühlen Wasserfall und abends gegen sieben Uhr -- also nach einer
-Tagesarbeit von gut vierzehn Stunden -- sahen wir endlich im Gailtal
-Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen.
-
-Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt es von Soldaten;
-sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und Korridoren einquartiert.
-Im Staatszimmer, vor dem Vertikow mit Glas und Porzellan, wird mir eine
-Lagerstatt errichtet. Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung
-mitgebracht, sie ist braun und sehr behende -- meine Nachtruhe ist durchaus
-getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder den
-Rucksack auf die Schultern lege -- mein Hochtourist hat eine seltsame Art
-angenommen, den Riemen auf der rechten Seite um den Oberarm zu schieben.
-
-Der entzückende Weg durch das Valentintal und über das Törl gleichen
-Namens und die Aussicht, morgen den Monte Coglians zu besteigen, tröstet
-über alles hinweg; auch über den Regen -- wir sagen euphemistisch
-»Niederschlag« -- der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am
-kleinen Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin
-ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte heraufschafft, ist
-wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«, sagt der lustige Wirt und
-deutet mit dem Daumen zur nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar
-nicht so dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf. Und
-wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten von Sappada
-und Cadore, auf die Cridola und andere derartige Gipfel, täten wir nicht
-am Ende auch gut, dem Maulesel zu folgen?! -- Zwei Tage belagern wir den
-Coglians von Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet
-noch immer in Italien --, dann steigen auch wir hinab ins Gelobte Land,
-bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf, dessen Männer im Sommer
-auswärts, meistens in Deutschland arbeiten, während die Frauen die
-geringe Feldarbeit auf den Miniaturfeldern -- oft nicht viel größer als
-ein Bettvorleger -- besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute
-spielen Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir wählen
-das größere -- von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend.
-Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine Sache: der Herr Karabiniere
-ist auf Besuch da -- eine wichtige, beliebte Persönlichkeit, natürlich,
-denn man ist der Grenze nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der
-Herr Karabiniere ist viel zu sehr =galant' uomo=, um einer Dame nicht
-Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus dem Zimmer und
-marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll stehen, um das Bettüberziehen zu
-überwachen: es ist schwer, meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich
-zu machen, sie ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr
-Karabiniere -- -- Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß --! Darauf wird
-getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon weit fort, der Herr
-Karabiniere! Da wird gleich die Matratze des Riesenbettes emporgehoben
-und aus den Gurten die zwei Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit
-verstecken mußte! Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen
-geschlafen -- besser als die Prinzessin auf der Erbse.
-
-Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage lang. Es regnet
-so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein gehen können; und zu
-jeder Mahlzeit bekommen wir »=manzo=«, Rindfleisch, mit Salbei gewürzt
--- der Geschmack geht gar nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt
-auch über den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht
-und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes zur Wahl. Heute
-fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei loszuwerden. Der Wirt
-verneigt sich, ergreift Teller und Messer, eilt den Korridor entlang -- wir
-sehen es durch die Glastür unserer =sala da pranzo= -- und verschwindet im
-Zimmer des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick, sehe auch den
-Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse mit Schwung servieren. »Wo
-kommt er her, der Käse?« donnert mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser
-Engel, seit zwei Nächten schlummerst du über den großen, gelben
-Käselaiben, die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte
-keinen Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich
-launenhaft!
-
-Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf den alten
-Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen. Der Kessel
-hängt an langer Kette von der Decke über der glimmenden Asche, alles in
-der Küche, Plafond, Wände, Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder,
-fester Rußdecke überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns
-zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben, »in 'of«
-(Hof) -- er besitzt ein wackliges Häuschen und zwei Ziegen und braucht
-nicht mehr zu arbeiten. »Denn Reichtum«, so philosophiert er, »hängt
-von den Ansprüchen ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei
-Ziegen -- oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden! -- Aber ich
-bin noch weit entfernt von der Abklärung des Collinaschen Rentiers. Der
-Coglians bleibt unsichtbar, hinter Nebeln -- ich dränge zum Aufbruch; vor
-allem, weil unten im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren.
-
-An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an seltsamen Bergnestern
-mit übereinandergeklebten Häusern und winkligen, dunklen Gassen -- oft
-führen nur Stufen von einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone
-hängen an den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine
-Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung und Schmutz
-befremdet selbst den, der Süditalien kennt -- dieser abgelegene Winkel
-von Friaul übertrumpft es! In San Stefano finden wir glücklicherweise
-die Pakete vor -- wir haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen
-Faden mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und Piave gelegenen
-San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische Post; sie führt uns
-über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal, also nach der Versicherung
-glaubwürdiger Reisender durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich
-muß diesen Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit
-gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen Kopf, stellte
-mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst und setzte an meine Seite in der
-engen Viktoria einen italienischen Papa, dessen dickes, blondes Kind als
-blinder Passagier zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich
-auf den Bock gerettet -- er zog die Launen des Wetters denen eines
-Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen gestreiften
-Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen Knöpfen besetzt
-waren, aus dem langsam fahrenden Wagen und stürzte sich mit seinem Gewehr
-ins Dickicht, um womöglich noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen.
-Dann fiel das dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte,
-bis ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas nütze;
-sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu regnen.
-
- * * * * *
-
-Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über Chiusaforte und
-Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare Strecke im engen Felsental
-der Fella, durch Tunnels und über schwebende Brücken in reicher
-Abwechslung. Wir genießen dankbarst die Großartigkeit der sich rechts
-und links bietenden Szenerie; denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht
-darüber zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt,
-blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich --? Vielleicht
-erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender, umsonst sind
-sie wohl nicht so beliebt; auch der König von Sachsen besitzt hier
-Jagdgebiete.
-
-Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen. Wir können
-uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über den Predilpaß, an starken
-Fortifikationen vorüber, steigen wir im »Manhartgraben« aufwärts und
-erreichen nach gut sechs Stunden glücklich den Gipfel (2678 m); seine
-Rundsicht ist weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav
-und der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die
-Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten den
-oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen erreicht --
-mehr noch, als man am unteren die nette Restauration entdeckt und eine
-köstliche Forelle serviert bekommt. Den Manhart, der sich von hier aus
-großartig präsentiert, grüßt man mit dankbarem Blick -- man hat seine
-besondere Beziehung zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man
-ist überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme
-Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von Weißenfels bringt
-uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß von Kanker und Save gelegen.
-Der Ort gilt für die Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst
-deutschfeindlich -- ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige
-Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten Garten
-der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das Gefühl vollkommensten
-Ausgeruhtseins beim Erwachen am nächsten Morgen in dem großen, von Sonne
-durchwärmten Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst
-zufrieden!
-
-Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus«
--- denn Landstraßen geht ein ordentlicher Hochtourist nur ungern! Den
-Steiner Alpen wollen wir einen Besuch abstatten, und zwar dem höchsten
-Gipfel dieser mächtigen Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain,
-Steiermark und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten
-Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus wird Station
-gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die Rückkehr des Wirtes abwarten,
-der zugleich auch als Führer dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack
-meines Hochtouristen zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der
-Arm herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie er
-versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen zu sein!
-
- * * * * *
-
-Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend schwül, und wir
-halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte zu bleiben, zu der
-ein schöner, aussichtsreicher Weg durch den Suhadolnikgraben und unter den
-steilen Wänden des »Greben« entlang über den Kankersattel führt. Die
-Zoishütte, auf 1792 m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter
-treibt uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten Morgen,
-aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir wählen den »neuen
-Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als der alte über den Südkamm,
-uns aber unsern Berg, den »Grintouz«, von seiner schönsten Seite
-zeigt. Durch ein Felsentor betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die
-Markierung ist im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt
-nicht leicht. Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast
-nötiger«, meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein
-Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er und schiebt sich
-langsam an den Felsen empor. Statt der drei Stunden zum Gipfel (2559 m)
-brauchen wir vier -- im übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben
-sind, ist der Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen nicht
-sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die ein Studium der
-Karawanken, des Koschuta-Gebirges und natürlich auch der Steiner Alpen
-gewähren soll. Ein graues Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal
-das Frühstück noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam
-schwül ist uns zumute -- liegt es an der Luft? Der Führer mahnt zum
-Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen den Abstieg;
-vorsichtig, denn er ist recht schwierig, klettern wir von Griff zu Griff;
-ich, als »Ungeübte« voran, habe meine liebe Not, feste Tritte für
-meine Genagelten ausfindig zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir,
-unheimlich starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich
-steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da -- ein furchtbarer
-Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich an den Fels, der Nebel
-zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit erkenne ich die Abstürze --
-»vorwärts, vorwärts«, mahnt der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß
-hinab und versuche Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten
-im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir ins Gesicht,
-die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die Wände, Steine brechen
-los und krachen in die Tiefe -- dabei ist es stockdunkel, nur auf Sekunden
-erfüllt schwefelgelbes Licht den Höllenschlund, in den wir hinab müssen.
-Einmal ducken wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger
-sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der dicht an uns
-vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz gibt's nicht, wir müssen es
-dem Geschick überlassen, wie und ob wir davonkommen. Einmal noch machen
-wir kurzen Aufenthalt, der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der
-mit zusammengebissenen Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm von
-der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen Weg über die
-Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern -- man war »zu sehr
-in Gottes Hand«, wie's sonst vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die
-Böhmische Hütte, die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu
-durchnäßt, um lange zu rasten -- auch der Führer kehrt um: an die Tour
-will er denken sein Lebenlang!
-
-Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500 m Höhe; aus der
-Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen wir durch die Seeländer
-Kotschna, drei Stunden munter bergab bis zum Stuller Wirtshaus in
-Oberseeland, das wir mittags erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe
-geschmeckt -- und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das
-wir nun gemütlich schlendern -- doppelt wohltuend unsern Augen nach den
-Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21 km, die zwischen Oberseeland und
-Bad Vellach liegen, dünken mich eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg«
-(1218 m), der von seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die
-Steiner Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir
-uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig in Grün
-gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas von seinem berühmten
-Eisensäuerling wird probiert, dann ein Wagen bestiegen, der uns nach
-Klagenfurt, Kärntens schöner Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf
-meinen Koffer freue, der dort für mich lagert -- und auf die Bäder im
-Wörther See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu einigen
-Gipfeln verhelfen.
-
-»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist. Über
-meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau: sollte es mit all den
-Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen Bergfahrt noch nicht
-genug sein?
-
-Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs bekommen.
-Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen »Kallus«, der sich an der
-Bruchstelle des Schlüsselbeins gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren
-und andere mit dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen -- vorläufig
-muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen. Klagenfurt
-trägt seinen Namen -- für uns wenigstens -- nicht mit Unrecht.
-
-Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem Schlüsselbein
-Bergtouren zu machen!
-
-
-
-
-Spätherbst im Wilden Kaiser.
-
-
-Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen
-Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an der See die Schäden zu
-reparieren, die achtundvierzig Wochen in der Großstadt seinen Nerven
-zugefügt haben, kommt, wenn die Herbstsonne lacht, noch einmal eine
-unbezwingliche Sehnsucht, sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in
-die stille Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in
-sich das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen Freuden,
-aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte das Gebirge im
-Wechsel der Jahreszeiten -- als Residenz des Herbstes -- kennen lernen. Der
-um diese Möglichkeit vor anderen Großstädtern reichere Münchener darf
-seinen Wunsch in die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein --
-vor ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer
-zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg, steil ansetzend,
-dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf und Ab, führt ihn in wenig
-Stunden ins Herz des »Wilden« -- nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt
-für alle schwierigen und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das
-Totenkirchl, der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze
--- all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten Auf- und Abstiegen
-liegen lockend bereit; und hier und da trifft man noch auf die »Echten«,
-die, im Gras hockend, mit dem Fernglas einen neuen, fast unmöglichen
-Weg ausspionieren und ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen
-möchten.
-
-Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir bescheiden uns
-damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete »Steinerne Rinne«,
-die jetzt auch durch Steiganlagen und Drahtseile gezähmt ist, zur hintern
-Goinger Halt aufzusteigen und den Gratübergang zur vorderen gleichen
-Namens, eine nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt,
-dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten. Der
-milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust besänftigt -- man
-möchte genießen, noch einmal aus tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber
-ohne gewaltige Anstrengungen machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz,
-vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt bereits die
-ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß man wieder und wieder stehen
-bleibt, um den Farbenrausch ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance,
-das Graugrün der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton
-der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und immer neue Bilder der
-in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten und Dörfer, in der klaren Luft
-so nahe gerückt, als könnte man sie mit wenig Schritten erreichen. Und
-welche Prachtaussicht von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich
-Gipfel an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen Ketten
-erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher. Ein Panorama, wie es
-zum Beispiel »die Elmauer Halt« bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von
-nur 2344 m Höhe -- also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! -- kann
-man kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der ganze Höhenzug
-der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis zu den Ötztaler Alpen, die
-Loferer Steinberge, der Karwendel, das Wettersteingebirge, breitet sich vor
-dem Blick aus; der Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal,
-und durch eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet
-in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere
-des Großglockners und des Großvenedigers schließen mit ihrer feierlichen
-Schönheit den Horizont nach Süden -- in lieblichster Anmut und
-bezauberndem Kontrast bauen sich fast am Fuß des Berges mit ihren weißen
-Kirchlein die Dörfer Going und Elmau auf, während weiter draußen in
-der Ebene der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St. Johann
-sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf, ein leises Rollen in
-der Ferne erinnert daran, daß es dort unten Eisenbahnen, Unruhe, Städte
-und -- Pflichten gibt -- seufzend macht man sich daran, wieder in die
-Unterwelt hinabzusteigen.
-
-Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte ist schon
-geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel; die Läden werden
-aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen -- und dann
-beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen! Jeder bekommt sein Amt, der das
-Feueranmachen, jener das Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne
-Gerichte den verschiedenen Rucksäcken entnommen werden, der dritte
-besichtigt oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der
-Trauernachricht zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden tropfe:
-in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß voll! -- Aber wie
-können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven, Zitronenlimonade aus
-Pastillen hergestellt werden ohne das göttliche Naß? Und einmal am Tage
--- wenn auch ohne jede Verbindlichkeit! -- möchte man sich doch wenigstens
-die Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«,
-wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit doppelt
-bemerkbar -- --. Aber allgemeine Redensarten nützen nicht; und die
-beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich neidlos von allen Seiten
-ihre hervorragenden alpinen Qualitäten zuerkannt werden, müssen sich
-entschließen, noch einmal die »Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe
-einzutauschen. Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus --
-wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem prunkvollen Zettel:
-»Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel) vor dem Anfeuern mit Schnee
-zu füllen« -- also! Da man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man
-diese kleine Extratour zur nächsten Schneehalde -- eine gute halbe Stunde
-hin und zurück -- höchst amüsant.
-
-Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen war ja an den
-Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt man sich stolz auf seine
-Produkte! Und die Konkneipanten finden den Tee besonders aromatisch, die
-Zitronenmischung auf der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute
-Bergappetit nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die
-=pièce de résistance=, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach der »Wurst
-ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen gleicht, wird, natürlich nur
-mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis zur letzten Scheibe gewissenhaft
-verteilt. Der enge Küchenraum und die heißen Getränke erwecken noch
-einmal den Wunsch nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen
-kriechen mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll, warm
-und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend, aus der
-Ebene blinken freundlich die Lichter herauf, und auf den Abstürzen des
-Treffauer liegen dunkle Schatten, die sich mehr und mehr verkürzen --
-ein silbernes Leuchten füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich,
-schiebt sich das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze
-Spitze der vorderen Goinger Halt herum -- und alle Berge umstehen das
-kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem, weißem und doch so
-köstlich zartem Lichte.
-
-Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt der Zauber
-des Mondes in der Stadt niemals -- nur auf den Höhen oder über der
-Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den vollen Reiz seiner Schönheit.
-Die einfache Kammer, die man schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er
-in einen Raum mit Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem
-Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich in Silber und
-Gold verwandelt. -- Der Ruf nach Befriedigung der materiellen Bedürfnisse
-erweckt die Schläfer etwas unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der
-Kampf mit dem widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man,
-trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren Krieg da
-draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft durch die azurnen
-Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen auf und bereiten der großen
-Siegerin den purpurnen Triumphesweg -- der ganze Himmel gerät in
-Aufregung beim Nahen seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue
-Nebelschleier über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten
-der Menschen. -- Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen und
-Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand; mit dem Eifer einer
-sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang besinnenden Küchenfee: die
-Nachfolgerin soll ihr nichts Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe
-füllt man wieder voll Petroleum -- es ist rührend! Oder ist man am Ende
-so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich in solch unendlich
-naiver Weise dafür betätigt? -- Doch in diese Abgründe des menschlichen
-Herzens läßt's sich nicht mit einer Petroleumlampe leuchten.
-
-Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder des
-Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die Brombeeren sehen mit
-melancholischen schwarzen Augen auf die Vorwärtshastenden. Was nutzt es?
-Zurück in die Alltäglichkeit, ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen
-die Götter ...«
-
-
-
-
-Auf Deutschlands »Allerhöchstem«.
-
-
-Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur von unten bewundern
-mag, ist es eine gelinde Folterqual, tagelang im Schatten eines prächtigen
-Bergmassivs zu sitzen und wegen andauernder Witterung, worunter in den
-letzten Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen.
-Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn erst einmal bis zu einer
-»Hütte« hinaufgetragen hatten und der sich deshalb nach dem ersten
-Waffengang mit den Felsen sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine
-ehrenhafte Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte.
-Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände sich gut
-vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der Barometer stieg und
-ein hellerer Schein, den man in weniger zweifelhaften Zeiten harmlos für
-Sonne erklärt haben würde, sich über die Matten breitete. Bis dahin war
-ich stets unter der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen -- heute
-traf mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen alten,
-treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille Bergsonne
-gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen einflößendem Wesen und
-im Besitz einer deutschen Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken
-verstand. Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs auch
-nicht ganz gleichgültig zu sein. --
-
-Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo den Aufstieg zur
-Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den zwei traditionellen Plätzen,
-bewunderten die Aussicht auf Biberwier, Ehrwald und Lermoos, die nur ganz
-wenig verschleiert war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen
--- nicht so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen,
-winzigen Felsblock steht -- bewegten uns kühn über die letzten, noch arg
-verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen Wendung dicht
-vor der Hütte -- eine ihrer angenehmsten und bei Hütten seltenen
-Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht man diese heißersehnten Stationen
-schon stundenlang vor sich liegen und scheint ihnen statt näher immer
-ferner zu rücken. -- Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine
-schmale Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für uns
-allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche immer noch als
-störend; heute war es wenigstens so kalt, daß man gern seine Kleider
-anbehielt. Nach warmer Suppe im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns
-ein, uns nach Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer
-bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf den Hütten ist
-es ja selten etwas. Entweder man friert oder man wird durch die leisesten
-Bewegungen des Nachbarn gestört, die sich durch die dünnen Wände
-verraten. Diesmal fror man _und_ hörte rings die Unruhe; und als wir
-eben eindämmerten, brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los, unsere
-Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze -- und dann ein
-Getöse, als sollte die Welt untergehen! Ein geisterbleiches Gesicht erhob
-sich von der Nachbarmatratze, und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott,
-Mutter, was war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine
-eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns mitsamt
-Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend: »Das ist der Wind,
-mein Kind! Das klingt im Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und
-fern hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war froh, als
-um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde -- eine fast überflüssige
-Prozedur!
-
-»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee gegeben.
-Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei begann, und die
-dicken Wollhandschuhe, die ich, die Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen
-hoch zu Ehren. Der Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend -- in
-knapp zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt war,
-daß wir uns am meteorologischen Turm und der Hauswand entlang fühlen
-mußten, um den Eingang zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller
-Hüttenräume, die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so
-überfüllt, daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der
-Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen -- vor
-deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung hege! --, zahlreiche
-Führer, denen der Nebenraum zu kalt war, die beiden Wirtschafterinnen, die
-auf dem winzigen Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet
-wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm und dem Dunst
-feuchter Kleider -- nein, eine Erholung bot der Aufenthalt nicht, noch
-weniger die Speisen, die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber -- bald
-wird ein neues Haus erstehen -- hoffentlich wird damit auf dem beliebtesten
-deutschen Gipfel auch sonst manches anders!
-
-Wir warteten ein paar Stunden -- auf Aussicht. Sie kam nicht. Berge,
-Täler, Ortschaften, Flußläufe -- Nähe wie Ferne -- alles ließ sich
-nur ahnen. Man deutete dort hin und sagte: »Da müssen die Stubaier
-liegen --«, wandte sich und behauptete, in der Richtung nach Partenkirchen
-zu sehen -- es war Jacke wie Hose: Nebel, nichts als Nebel. Stumm saßen
-wir schließlich vor unserer blauen Emaille-Teekanne.
-
-Da erschien in beschleunigterem Schritt unser Führer mit strahlenden
-Bergaugen: es hellte sich auf, der Eibsee sei eben aufgetaucht, kein
-Zweifel mehr, die Nebel verzögen sich und er riete doch nun dringend, da
-das Wetter so günstig sei, zum Abstieg durchs Höllental, von dem wir ja
-gestern bereits gesprochen. »Fein!« sagte mein Junge. -- Ich aber als
-Erfahrene ging nach draußen, sah auf Sekunden den Eibsee aus der Tiefe
-aufschimmern und fand die übrigen Umstände tief verschleiert. Der Führer
-triumphierte: er habe es immer gesagt, es würde ein glorioser Tag. Dennoch
-zögerte ich: ob es denn auch ganz sicher sei --? Mein Junge puffte
-mich; Söhne haben eine besondere Art, ihre Mutter zu puffen: es liegt
-Aufmunterung und zugleich Verachtung darin. Zudem sagte er spöttisch:
-»Und Du willst eine Hochtouristin sein --?« Und dann stellten sie mir
-beide vor, wie amüsant und wie lustig der Abstieg und wie bald wir unten
-sein würden: in drei Stunden schon durchs Tal! -- Ich gab nach. Aber
-während ich die acht Mark für unser Frühstück bezahlte, fragte man
-mich von rechts und links, welchen Abstieg ich wählte. Mit der
-ganzen Überlegenheit der gewiegten Touristin entgegnete ich: »Durchs
-Höllental.« Allgemeines Schweigen -- stille Hochachtung, wie ich annahm.
-Ein liebenswürdiger Tourist, mit dem ich schon vorher gesprochen, trat auf
-mich zu und meinte, ich hätte mir doch eine starke Aufgabe gestellt: bei
-diesen Witterungsverhältnissen. -- Lächelnd widersprach ich: der Führer
-und ich seien ganz überzeugt, daß der Nebel sich verziehen und uns der
-Abstieg keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde -- außerdem wüßte er
-ja, daß es die erste Hochtour meines Sohnes sei. Daraufhin schwieg der
-Warner.
-
-Aber als wir angeseilt vom Ostgipfel herabklommen, durch Schnee, der mir
-bis an die Hüfte reichte -- ich war schon zweimal gefallen und wäre ohne
-das Seil schon zweimal verloren gewesen --, erklang von oben dringendes
-Rufen. Ich wandte mich, erkannte den Warner und winkte ihm einen
-Abschiedsgruß zu -- verstehen konnte ich kein Wort mehr --. Wir kletterten
-abwärts; zuerst in dichtem Nebel, der sich ja bald heben mußte. Wirklich,
-er zerriß ganz plötzlich -- und ein furchtbares Gewitter, ganz unerwartet
-bei der Kälte, setzte mit großer Wucht ein, gerade als wir die ersten,
-ungemütlichen, vereisten »Stifte«, die quer über ein Stückchen
-Unendlichkeit führen, erreichten. Wir duckten uns eine halbe Stunde unter
-einen Felsen, der Blitze wie des schauernden Regens halber. Das Gewitter
-verzog sich; der Regen blieb, stürzend, unaufhörlich. Beim berühmten
-»Brett« -- einer langen Reihe von Stiften über ein größeres Stück
-Unendlichkeit, ein zweites Gewitter; der Regen glich Sturzbächen -- Wasser
-stürzte von allen Seiten auf uns herab. Bei der nicht minder berühmten
-»Leiter« -- eisernen Sprossen, die an einer absolut senkrechten, hohen
-Felswand hinabführen, ein drittes Gewitter; zudem hatte sich gerade
-zwischen den Sprossen ein Wasserfall gebildet, der sich oben in meinen
-Kragen ergoß, um an den Knien wieder seinen Ausweg zu suchen. Ich war
-daher erschöpft und eine Pause willkommen. Sie trat gleich ein: ein
-tüchtiger Wolkenbruch zwang uns zu kurzer Rast -- behaglich war sie nicht!
--- Der Führer tröstete uns: das Ärgste sei überstanden -- jetzt nur
-noch durch die Höllenklamm! Ihre düstere Romantik war mir nie sympathisch
--- jetzt aber war sie zu einer wirklichen Hölle geworden! Der Hammersbach
-in einen reißenden Strom verwandelt, wilde Wasserstürze von rechts und
-links, den Weg überspülend, die zahlreichen Tunnels vereist, ihr Boden
-von Bächen benutzt -- und diese waren es, die den letzten trokkenen Punkt
-an uns fanden und von oben in unsere Stiefel rannen -- von unten waren
-sie längst durchweicht. Nach siebenstündiger Wanderung erreichten wir
-in aufgelöstem Zustand, ohne einen einzigen trockenen Faden am Leibe, das
-Wirtshaus zur Schmölz. Ich telephonierte nach Garmisch, daß das Automobil
-halten und uns aufnehmen möge. Die Antwort lautete unsicher: man wisse
-nicht, ob noch Platz sei. Zähneklappernd warteten wir eine Stunde: nahm
-der Motorwagen uns nicht auf, so blieb noch eine dreistündige Fahrt -- und
-woher vor allem einen Wagen nehmen? --. Aber das Wunder, an das wir kaum zu
-hoffen wagten, geschah. Der Chauffeur sah uns zwar mißbilligend an -- wir
-hinterließen auch kleine Seen auf dem roten Leder der Sitze -- und nur
-mein letztes Geld, das ich noch außer den zwölf Mark für die drei
-Billette besaß, stimmte ihn milder. Unterwegs rechnete ich: in vier
-Stunden hätten wir über den kürzesten Weg unten sein können; statt
-dessen waren wir sieben Stunden bei viel anstrengenderem Abstieg unterwegs
-gewesen, mußten noch zwei Stunden frostdurchschauert im Automobil sitzen
-und hatten für diese Extravergnügungen dem Führer zehn Kronen mehr und
-für die Fahrt zwölf Mark zu bezahlen.
-
-Ich sah zum Führer hin: er unterhielt sich treuherzig mit einem Touristen
-und pries unsere hervorragenden hochtouristischen Befähigungen. Wir aber
-tranken, endlich zu Hause, zwei Liter Glühwein, »um vorzubeugen!«
-
-Am anderen Tage traf ich den Touristen von der Zugspitze. Er eilte auf mich
-zu: »Gnädige Frau,« sagte er, als ahne er unser Geschick, »hätten
-Sie doch nur auf mein Rufen geachtet. Ich hatte nämlich gehört, wie
-die Führer untereinander lachten und sagten: »Der nimmt die Dame nur da
-herunter, weil er zehn Kronen mehr bekommt -- und die merkt fei' nix!«
--- Nein, ich hatte nichts bemerkt, ich gab es zu. Sonst hätte ich es
-vorgezogen, dem »treuherzigen« Führer zehn Kronen zu schenken und den
-kürzesten Weg zu wählen. Und ich, die Erfahrene, die Erprobte! lernte
-einsehen, daß man sich zwar gut auf die Fels- und Eistechnik verstehen
-kann und dennoch nichts von der Technik weiß, mit »treuherzigen«
-Führern umzugehen.
-
-
-
-
-Das Matterhorn von Ehrwald.
-
-
-Marschiert oder fährt man von Partenkirchen hinein in den von hohen Bergen
-umstandenen Kessel von Ehrwald, so fesselt vor allem eine Gipfelgestalt
-den Blick; wenn auch die übrigen Berge des Wettersteins und der Mieminger
-Gruppe höher sind, sie werden doch alle durch die wie ein Dolch in den
-Himmel ragende Sonnenspitze an Kühnheit übertroffen. Durch Gestalt und
-Lage bildet sie den Augenpunkt des ganzen Bergkranzes, der die liebliche,
-grüne, mit Lärchenwäldern durchsetzte Talsohle umgibt; nur mit dem
-Matterhorn oder der =Cimone della Pala=, freilich in verkleinertem
-Maßstab, läßt sich die Form der gebietenden Spitze vergleichen.
-Naturgemäß lockt ihr Gipfel jeden an, der überhaupt Fähigkeit und
-Ehrgeiz hat, auch noch andere Berge als die auf der Reiseroute liegenden
-»Aussichtsmuggel« zu besteigen. Dies Vordrängen in die Landschaft
-drückt förmlich ein »Versuch' es doch 'mal« aus -- und tatsächlich
-ist auch der Gipfel der Sonnenspitze der am meisten besuchte unter den
-schwierigen in der Nachbarschaft. Allerdings wird auch zu ihm wie zu
-vielen andern manch Unberufener mit Hilfe des Seils »hinaufgezogen«.
-»Mehlsacktechnik« nennt sich diese Beförderungsweise, die bei den
-Führern nicht ganz unbeliebt ist; rechnen sie doch nicht mit Unrecht bei
-solchen Opfern des alpinen Ehrgeizes, die sich nachher einbilden, mit Hilfe
-des Führers Ungeheures geleistet zu haben, auf erhöhte Trinkgelder.
-Der Hochtourist allerdings rümpft über diese alpinen Gepäckstücke
-verächtlich die Nase; denn das Seil, der unentbehrlichste Freund des
-Kletterers, soll ihn nur _sichern_, ihm nur »moralische« Hilfe bieten,
-nicht aber, wie es bei Ungeübten der Fall, zur einfachen Beförderung
-durch des Führers Kraft dienen.
-
-Die erste Besteigung der Sonnenspitze vollführte Hermann von Barth, der
-kühne Gipfelstürmer, im Jahre 1873 vom Sebensee aus, während der noch
-lange Zeit für unbezwinglich gehaltene Südgrat erst 1897 den Innsbrucker
-Alpinisten O. Ampferer und W. Hammer erlag.
-
-Wochenlang rief auch uns der Berg seine Mahnung zu; immer und immer wieder
-rüsteten wir uns, ihr zu folgen. Aber da es in diesem Jahr umgekehrt
-wie im Sprichwort ging und auf etwas Sonnenschein wieder tagelanger Regen
-einsetzte, so war's lange ein Katz- und Mausspiel. Bis auch hier die
-Ausdauer siegen sollte! An einem etwas schwülen Nachmittag brachen wir
-von Ehrwald aus auf, mit Rucksack und Pickel, und beschlossen, da wir
-natürlich den Berg »traversieren« wollten, zur Hütte der Sektion Koburg
-aufzusteigen und dort zu übernachten. Der nächste Weg ist der beste --
-also wählten wir den über den »Hohen Gang«, der, nachdem man zuerst
-steil über sumpfige Matten und dann durch schattenspendenden Wald
-gewandert ist, an steiler Felswand emporführt. Nach gut zwei Stunden
-erreicht man den höchsten Punkt der Talstufe; gleichzeitig mit uns
-stieg ein Sohn Ganghofers, begleitet vom Jäger und einem »Bua«, zur
-abendlichen Gamspirsch empor. Ganghofer gehören dort weit und breit
-alle Jagden. Noch ein paar Minuten -- und, dem Blick anfangs durch einen
-Lärchenwald verborgen, breitet sich das Oval des Sebensees aus, dessen
-grünblaues Wasser an Klarheit und Köstlichkeit der Farbe mit dem des
-Achensees wetteifern kann. Jenseits erhebt sich, auf bequem angelegten
-Serpentinen in einer halben Stunde zu erreichen, die Koburger Hütte, einen
-grünen Hang krönend; die Aussicht, die sie über den Sebensee wie über
-den in ihrem Rücken gelegenen blauschwarzen Drachensee bietet, ist einzig
-schön. Und doch wurde der Genuß durch die unruhvolle Frage getrübt:
-»Wird das Wetter halten -- oder ist es auch morgen wieder nichts?!«
-Der Wetterstein lag wie immer von leichten Wolken umhüllt da; und das
-Barometer fiel sanft -- beides untrügliche Zeichen in andern Jahren,
-aber heuer ohne Gewähr! »Heuer« bewies auch zum Glück diesmal seine
-Launenhaftigkeit: ein ganz wundervoller Morgen war uns beschieden, als wir
-in aller Frühe zur Ersteigung des »Südgrats« aufbrachen: rosige Wolken
-als Folie der Gipfel, und der Schnee an den Hängen leuchtend unter den
-ersten Sonnenstrahlen. Also guten Muts vorwärts! Mit der Gewißheit, seine
-Mühen belohnt zu sehen und droben eine klare Aussicht zu finden, klettert
-sich's nochmal so leicht.
-
-Das eklige Geröll wurde in kurzer Zeit überwunden, ebenso die steilen
-Grashänge. Und nun nimmt mich der Führer barmherzig ans Seil, denn
-die eigentliche Kletterei beginnt. Zwar macht mein Hochtourist einige
-höhnische Bemerkungen darüber -- ich nehme an, weil er um die Ehre kommt,
-mich selbst ans Seil zu nehmen! --; aber da er mich auf meine Bitten
-hin photographieren soll -- Frauen können ja nie genug Bilder von sich
-bekommen! --, so vertraue ich mich lieber meinem Führer an, als allein
-auf die eigene Geschicklichkeit zu rechnen. Denn ohne nach dem Maßstab
-der modernen Klettertechnik gerade sehr schwierig zu sein, verlangt dieser
-Aufstieg über den Südgrat dennoch größte Aufmerksamkeit. Steile Kamine
-wechseln mit griffarmen, exponierten Felsbändern ab, und ein Ausgleiten
-würde an den haltlos »plattigen« Abstürzen, mehrere hundert Meter in
-die Tiefe, den sicheren Tod zur Folge haben. Aber bei allem Ernst -- oder
-besser gesagt: aller Schwierigkeit der Situation, fehlt auch das
-heitere Moment nicht. Der Unangeseilte und der Führer sind einen Kamin
-hinangeklettert; ich kann sie beide nicht mehr sehen. Sobald sie oben einen
-sicheren Standpunkt erreicht haben, wird mir zugerufen, ihnen zu folgen.
-Die Stufen sind durchschnittlich für längere Beine berechnet als für
-meine, mit aller Kraft muß ich mich hinaufwinden -- von oben wird mein
-Zögern mißverstanden: das Seil zerrt mich in die Höhe, fort aus der
-eben erreichten Stellung. Ich rufe: »Nicht ziehen!« -- aber Tiroler
-und norddeutscher Dialekt scheinen auch für die einfachsten Dinge
-entgegengesetzte Ausdrücke zu gebrauchen: mit aller Wucht wird
-weitergezogen, ich bin in dem engen Schacht eingeklemmt und zapple in
-der Luft mit beiden Füßen. Ich bin nur froh, daß der Photograph diese
-»vorteilhafte« Pose nicht erwischt hat -- keinenfalls hätte er sie mir
-geschenkt! Ein anderes Mal dagegen, da ich über grausiger Tiefe nur so
-auf den Zehenspitzen schwanke, ruft er gemütvoll: »Einen Augenblick halt,
-wenn ich bitten darf! Und nicht so sorgenvoll aussehen!« Was denn doch
-eine starke Zumutung ist. -- Ganz plötzlich, viel eher, als man bei der
-allmählichen Ermattung zu hoffen wagt, ist man oben. Die Tatsache wird
-durch ein befreiendes »Ah!« ausgelöst -- denn den Bergsteiger, selbst
-den enragiertesten, der schließlich nicht froh wäre, das Ziel erreicht zu
-haben, gibt's noch nicht. Mehr noch als vor alle anderen Erfolge haben die
-Götter vors Bergsteigen den Schweiß gesetzt! Wie köstlich ist es dann,
-sich am Gipfel zu sonnen, in aller Ruhe die wunderbare Aussicht auf die
-benachbarten Riesen und in die warmdurchleuchteten Täler zu genießen --
-und endlich an Kräftigem zu frühstücken, was der Futtersack enthält:
-Speck und derbes Brot, Limonade aus der Aluminiumflasche, zum Schluß die
-»Gipfelzigarre und -zigarette«! Alle Mühsal ist binnen kurzem vergessen,
-man hat ganz das Gefühl eines Siegers; die Erde mit ihren Nöten und
-kleinlichen Sorgen verschwindet -- der große Friede, die köstliche
-Einsamkeit hier oben stempeln diese Stunde zu einer glücklichen und
-heiligen. Bis andere Partien nachrücken, denen man den beengten Platz
-einräumt. -- Man rüstet sich von neuem, ich werde wieder ans Seil
-genommen; aber nun, beim Abwärtssteigen, bilde ich die Tete. Hinüber
-geht's zuerst zu dem nur etwa 50 m entfernten und um ein paar Meter
-niedrigeren Nordgipfel, zu dem ein äußerst exponierter Grat führt, der
-sich an einer Stelle so einschnürt, daß man zum »Reitsitz« gezwungen
-wird. Die Beine baumeln dabei nach beiden Seiten über den viele hundert
-Meter tiefen Abgrund -- für leicht von Schwindel befallene Menschen keine
-empfehlenswerte Stellung! Sonst ist der Abstieg auf der Nordseite technisch
-bedeutend leichter als über den Südgrat, im oberen Teil jedoch über
-geröllbedeckte Platten, sehr steile Schroffen und Grasbänder führend, so
-daß immerhin größte Aufmerksamkeit erforderlich ist.
-
-Zum Schluß geht's durch einige Geröllrinnen, für die ich eine besondere
-Vorliebe besitze!
-
-So sicher ich auch im Fels und beim Klettern bin, die heimtückische
-Nachgiebigkeit des losen Schuttes habe ich immer noch nicht gelernt
-genügend auszunützen. Der Hochtourist dagegen erklärt mir, während er
-in großen Sprüngen durch das Geröll hinabsetzt, des Rätsels einfache
-Lösung bestände darin, schon wieder auf dem _anderen_ Fuß zu stehen,
-wenn der Schutt gerade unter dem _einen_ nachgäbe, so daß man mit
-dem beweglichen Geröll fortwährend in Bewegung sei und gleichsam
-»mitfließe«, wie er sich euphemistisch ausdrückt.
-
-Ich sehe vollständig ein, daß auch dies für Leute, die es können, sehr
-leicht sein muß -- ich dagegen, die ich noch nicht diese Geistesgegenwart
-der unteren Extremitäten erlangt habe, nehme mehrmals »fließend« Platz.
-
-»Solch ein Moment war's --« und mein Hochtourist, der sich aufgestellt
-hatte, um den gerade sehr wirksam beleuchteten Tejakopf aufzunehmen, drehte
-sich flugs um und eignete sich, meiner hilflosen Empörung zum Trotz, meine
-»fließende« Lage auf den spitzigen Steinen an. Sobald man wieder ins
-Tiefland kommt, werden eben die Charaktere wieder schlechter!
-
-Endlich werde ich »abgeknüpft«. -- Man bemerkt sarkastisch, daß doch zu
-hoffen wäre, ich könne die steilen Wiesen ohne Katastrophe überstehen!
-Darauf verschmähe ich jede Antwort -- und sitze gleich darauf wie
-festgeklebt und etwas schmerzhaft auf der klitschigen, von Wurzeln
-durchzogenen Erde eines »Latschengassels«.
-
-Als sich der Hochtourist umdreht, habe ich die Hand voll braunköpfiger,
-nach Vanille duftender Brunellen, und erkläre in stoischer Ruhe, daß ich
-meine Sträuße immer sitzend zusammenstelle. -- Er ist geschlagen! --
-
-Drunten am Sebensee, dicht neben der Jagdhütte von Ganghofer, gibt's noch
-eine letzte Rast, wo dann der letzte Proviant großmütig verteilt wird.
-Rückwärts, voll Befriedigung, wandert der Blick dabei zur Sonnenspitze
-hinauf -- von hier aus erscheint sie als ein breites, doppelt gegipfeltes
-Massiv.
-
-Da oben war man -- ist's zu glauben?!
-
-»Um ganz alpin zu reden,« unterbricht der Hochtourist die stumme
-Selbstbewunderung, die wohl aus meinen Zügen spricht, »müssen Sie sagen:
-ich habe ihr den Fuß auf den stolzen Nacken gesetzt!«
-
-Ich betrachte meine Füße in den derben Nagelschuhen, ohne mich auf das
-Symbolische dieser Ausdrucksweise einzulassen, und nachträglich noch
-überkommt mich eine fromme Scheu, daß ich es wirklich gewagt habe --!
-
-Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn ein anderer
-Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf seinen stolzen Nacken«
-ziehen wird.
-
-Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen« besser
-kann.
-
-
-
-
-Quer durch die Lechtaler Alpen.
-
-
-Auf allen Gebieten des Lebens haben sich die Ansprüche gesteigert -- je
-mehr Freunde und Anhänger die Touristik und die Bergbesteigung im Laufe
-der Jahre gewonnen haben, um so größer sind auch die Anforderungen
-an Bequemlichkeit geworden. Früher war man zufrieden, wenn sich eine
-anständige Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels
-übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des Deutschen
-und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich, wenigstens die
-besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit zuführenden Wegen
-angelegt waren. Aber auch das genügte bald nicht mehr: die neueste
-Errungenschaft auf dem Gebiete der »Erschließung der Alpen« sind die
-»Höhenwege«. Sie führen über die Joche und ermöglichen die Begehung
-steilgefurchter, zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch in
-Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen gestattend, ohne
-daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer können dabei immer
-noch einen oder den anderen Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese
-Höhenwege nicht ganz so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt:
-nämlich, daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend
-dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters auf und ab
-zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung zu queren, dort einen
-Sattel zu erklimmen und dergleichen. In Summa ist die Höhendifferenz, die
-man nach auf- und abwärts zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei
-einer Gipfeltour. Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist,
-daß sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter etwa
-2000 m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend wechselnden
-Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise ist das
-am rationellsten durch Höhenwege erschlossene Gebiet der Alpen das
-der »Lechtaler Alpen«, jener bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der
-Parseierspitze, gänzlich vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit
-alpiner Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers,
-Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte nichts von ihr.
-Diese schönen Berge, im Süden durch die Rosanna und den Arlberg, im
-Westen durch den Flexenpaß, im Norden vom Lech, im Osten durch den
-Fernpaß begrenzt, sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen
-Höhenwege, ein vom großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet.
-Glücklicherweise! Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler, sondern
-nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir sind auf vieltägiger Wanderung
-nur ein paar Leuten, vier oder fünf, begegnet; auch die Hütten waren
-trotz der Hochsaison nur sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die
-Gipfel dieser Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste
-Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen häufig
-tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene Couloirs, in denen
-noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem Jahr die Kalkalpen, die sonst
-um diese Zeit schon »tot« zu sein pflegen, besonders belebt infolge des
-langen Schnees; überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche
-überströmen den Pfad -- und die Flora ist von einem Reichtum, wie ich sie
-noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe. Die Hänge sind noch rot
-von Alpenrosen -- ganz oben sind sie noch in Knospen -- Seidelbast
-und wilder Thymian entsenden ihre Düfte zusammen mit eben erblühten
-Schlüsselblumen, gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben und
-Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen von dunklem Lila,
-Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume, Moose in den verschiedensten
-Schattierungen und Feinheiten, Löwenzahn und Sumpfdotterblumen -- von den
-monumentalen Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder zu den
-lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe zwischen dem Gestein
-oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine wunderbare, stille Welt dort oben,
-die gewiß manchem höchste Wonne bringen würde -- trüge ihn sein Fuß in
-die Einsamkeit!
-
-Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation Pians an der
-Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt ein guter Weg über Grins, dem
-einstigen Sommeraufenthalt der berühmten und berüchtigten Margarete
-Maultasch, das noch alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist,
-bis zur Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung der
-Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«, bildet. Die
-Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen Kalkalpen, der die
-Höhe von 3000 m erreicht. Von der Hütte führt eine erst vor kurzem
-eröffnete kühne Weganlage, an der mehrere Jahre gearbeitet wurde, über
-ewigen Firn und schroffe, wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger
-Wanderung zur Ansbacher Hütte. Der Weg übersteigt den 2972 m hohen
-Dawinkopf, der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen und
-die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta bis zu den
-Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien der
-nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv bleibt immer der herrlich weite
-Blick während der ganzen langen Wanderung. Freilich ist es kein »Weg«
-im Sinne von Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses
-alpines Können dazu, um ihn _mit_ Führer zu begehen. Wer ihn führerlos
-machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile und sonstigen
-Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit und Erfahrung auf Fels
-und Schnee besitzen. Von der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in
-dreiviertel Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann,
-geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee, wobei man das
-Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte zu überwinden hat --
-eine besondere Anforderung an Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben
-glücklich oben, so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und
-jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen »Nachmittagsberg«
-kann man sich von der Hütte aus noch erlauben, den Seekogel, auf den
-man in einer halben Stunde gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf
-hinaufspaziert. Weiter zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier
-»Jöcher«! Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf und
-Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz (2674 m)
-oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees entschädigt für die
-Anstrengung durch eine wundervolle Aussicht auf den östlichen Teil der
-Lechtaler, namentlich auf ihr wildestes Gebiet: das Parzinn.
-
-Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen des Parzinn,
-einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten Zirkus, ganz in Latschen auf
-einem Vorsprung gebettet liegt. Nur ein schmaler Ausweg nach Norden
-zum Lechtal hinunter eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15
-Jahren eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und
-abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen; namentlich reizt
-die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas gelegene ebenmäßige Pyramide der
-Dremelspitze, die, lange als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel
-sich dem Nagelschuh der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker
-Alpinisten =Dr.= Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze Zinne
-1896 in achtstündigem Ringen -- später fand der ungeßliche Purtscheller
-einen etwas verwickelten, aber kurzen und verhältnismäßig unschwierigen
-Aufstieg, so daß man den Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden
-erreichen kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«,
-die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am nächsten Tag übers
-Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder hinauf in fünf Stunden auf den
-Muttekopf, den berühmten Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten
-Kontraste von seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die
-Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel von Imst,
-das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern -- kurzum, ein
-großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte, in fünfviertel Stunden
-erreicht, bietet eine willkommene Verpflegstation -- nun herunter nach Imst
-in drei Stunden! Der Fuß eilt -- man drängt förmlich nach dem Stall --
-denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet der Koffer mit frischer
-Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit und -- frisches Fleisch!
-Welch ein Labsal nach sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man
-mit tausend Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen
-Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete, um sie dann wieder um so
-intensiver zu genießen!
-
-
-
-
-Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz.
-
-
-»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig, der mich eben
-über Stand und Vermehrung seiner graubraunen Kuhherde unterrichtet hatte,
-und zog nach seiner Meinung sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber
-hoffte, daß »Kronprinzens« -- denn sie waren es wirklich und ich in
-ihrem Jagdrevier -- keinen Sinn für die Misere des Alltags haben. Denn
-die kriegt uns unter -- mag man noch so korrekt und vorschriftsmäßig
-ausgerückt sein --, wenn man nacheinander eine Reihe von Hochtouren
-gemacht hat und seinen äußeren Menschen inzwischen nur mit den
-Schätzen aus dem Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten«
-restaurieren konnte. »Kronprinzens« -- jung und schön beide wie der
-Lenz -- zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber; und ich sah am
-heißen Hochsommertag auf meine schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen
-zerrissenen Spitzen meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die
-Fingernägel und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck, das
-ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit entfernt war und
-ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt hatte, unter dem im Tal
-wieder umgeknöpften weiblichen Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo
-gefällt wird, da fliegen Späne -- wer sich in »die Unwirtlichkeit der
-Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß sich ihren
-Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen lassen. Zum Schluß
-siegen wir -- zwar mit zerzausten Federn -- aber wir siegen! Und so ein
-Berg, zu dem man aufblickend sagen kann: »Da oben war ich einmal und
-sah vom Gipfel in die Lande« -- zu dem behält man sein Leben lang ein
-verwandtschaftliches Gefühl.
-
-Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert; wie man weiß und
-ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter Sommeraufenthalt. Mir sind
-solche Orte furchtbar; und für die Maskerade der Städter, die sich als
-»Deandl'n« und »Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein
-recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen schönem,
-klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen Wirtshaus aus jede
-Bewegung der buntfarbigen Frösche -- nein, Schwimmer und Schwimmerinnen --
-verfolgen ließ. Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf
-dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur Seite von der
-stillen Kirche begrenzt -- ein hübsches, idyllisches Kleinstadtbild! Wohin
-ich ginge? frug ein Bekannter. In die Lechtaler; näheres wußte ich
-noch nicht. Das ist sehr glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres
-Programm als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so
-geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge zu geben
-und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von dort aus wollen Sie gehen?
--- Ach, da würde ich Ihnen doch vorschlagen, über den und den Paß und
-lieber von der und der Hütte aus.« -- »Danke schön, ich weiß alles.
-Ich war nämlich schon im vorigen Jahr dort -- auf der ›drübern‹ Seite
-der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. -- »So, Sie wissen? -- Dann
-freilich« --
-
-Ich nicke -- der Hochtourist hatte sich während dieses Gesprächs in
-abweisendes Schweigen gehüllt -- greife nach Rucksack und Pickel und
-entsteige dem Postwagen, der uns die staubige Landstraße entlang geführt
-hat bis nach Spielmannsau. Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie
-beliebte Badeorte. Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von der
-Fahrt erholen, beginnen wir bei 30 Grad im Schatten den sonnigen Anstieg
-zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen Nachmittagsstunden,
-unter der Last meiner beweglichen Habe seufzend, eingefallen, daß Dante
-heutzutage eine andere Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte;
-den Bergsteiger z. B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf
-seine Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern
-lassen -- etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben! Und diese hat noch
-eine besondere Überraschung für den lieben Wanderer bereit: hofft man sie
-nach drei »steilen« Stunden nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen
-verläßt, so liegt sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher
-auf einem Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch
-auszufechten: um 8½ Uhr -- für eine Hütte also zu nachtschlafender Zeit
--- tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf und verlangte, daß die Dame,
-der man das Sektionszimmer eingeräumt habe -- das war ich! -- sofort
-auszöge und sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber wozu
-ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt? Ein Hüttenwart
-ist abends um 8½ Uhr auch nur ein gewöhnlicher Tourist, falls er sich
-ein Zimmer nicht reservieren läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit
-eiserner Stirn; was ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber
-schweigen.
-
-Am nächsten Morgen vorwärts auf dem berühmten »Heilbronner Weg«. Er
-führt hart an der Mädelesgabel vorbei, auf der jeder Tourist im Algäu,
-der etwas auf sich hält, gewesen sein muß; wir überließen sie gutwillig
-der ungezählten Schar dieser Pflichtgetreuen, wanderten den Gletscher
-weiter aufwärts und turnten vorsichtig in die Felsen der Hochfrottspitz
-(2649 m) hinein. Sie bietet eine recht amüsante Kletterei -- für mich das
-Schönste von allem Bergsteigen! -- und oben herrschte köstliche Ruhe und
-Einsamkeit, im Gegensatz zum Gipfel der Mädelesgabel, von dem es lärmte,
-johlte und schrie -- eine besondere Art der Kundgebung von Naturfreude, die
-dem Deutschen im Blute zu liegen scheint. Der Heilbronner Weg geleitet
-noch direkt über den Bockkarkopf (2608 m) und die Steinkarspitz (2653 m),
-gewährt also unter sehr hübschen Gratwanderungen den Ehrgeizigen einige
-Gipfel gratis. Man steigt zur Rappenseehütte ab, die ebenso wie die
-Kemptner Hütte der durch den Höhenweg ungeheuer angewachsenen Frequenz
-durchaus nicht mehr genügt. Ein gewaltiges Zelt, in dem trotz Sturm und
-Regen dreißig Personen Schutz suchen mußten, hilft nur wenig aus
-dem Dilemma; auch der Heuboden war ausverkauft. Die Bauern, denen das
-umliegende Areal gehört, verlangen jedoch solche Großstadtpreise für
-jeden Fuß Land, daß der geplante Um- und Neubau der Hütte schon seit
-Jahren verschoben werden mußte. Ja, die treuherzigen Bauern! In diesem
-Jahr geht's ihnen ohnehin gut -- im Algäu brachten sie das dritte,
-prachtvolle Heu ein und gestanden zu, daß sie wohl seit hundert Jahren
-keine so gute Ernte gehabt hätten. -- Wieder ganz einsam -- denn die
-beliebten Berge dieser Gegend sind das Hohe Licht und der Rappenseekopf --
-zogen wir am anderen Morgen zum Biberkopf (2600 m) hinauf, gut drei
-Stunden von der Hütte aus. Ein merkwürdiger Berg: von einer Seite in
-schauerlichen, unüberwindlichen Platten aufgetürmt, von der anderen Seite
-in abgeschieferter Rinne bis zum Gipfel natürliche Stufen zum
-Klettern bietend. Oben, kaum genoß ich die Aussicht, erreichte uns ein
-Gewittersturm und trieb uns Hals über Kopf zur »Gufel« hinunter, einer
-schutzbietenden Höhle, zwanzig Minuten unterm Gipfel. Dort saßen wir
-klappernd und klatschnaß, bis die liebe Sonne uns befreite und das
-Geschäft des Auftrocknens während des Abstieges übernahm. Über
-Lechleiten ging's dann in glühender Mittagshitze am steilen Hang entlang
-in das hohe, öde Tal von Hochkrumbach, also in den Bregenzer Wald hinein,
-der sich wenigstens hier durch absolute Abwesenheit des Waldes auszeichnet.
-Der »Widderstein« (2536 m), von dem aus sich der Bodensee überschauen
-läßt, und der vom Wirtshaus aus so ein rechter Nachmittagsberg ist,
-versöhnt mit der beklemmenden Einöde des Tals. Aber ich war doch froh,
-nach einem halben Regen- und Rasttag abwärts über Schröcken, der
-»Perle des Bregenzer Waldes«, wandern und über den Schadona-Paß die
-allerliebste, neue Biberacher Hütte erreichen zu können. Ringsum ist
-alles Jagdrevier des Kronprinzen; als Aufenthalt dient ihm und seiner
-Familie das hübsche, kleine Jagdschloß in Hopfreben. Fast überall im
-Bregenzer Wald, allerdings in jedem Tal etwas anders, tragen die Frauen
-noch die alte Tracht. Die Kleider sind von oben bis unten in ganz feine
-Falten gelegt, »plissiert« würde man auf deutsch sagen, die Röcke in
-Kniehöhe mit einem ganz schmalen, hellblauen Streifen besetzt. Um Hals
-und Nacken geht eine reiche Silberstickerei, die Ärmel sind je nach
-Gelegenheit aus Seide, Wolle oder Kattun und von beliebiger Farbe. Die
-früher stets benutzte Pelzhaube wird jetzt im Sommer durch einen einfachen
-Strohhut mit Bandschleife, der aber einheitlich getragen wird, ersetzt; nur
-bei Prozessionen schmücken sich die Mädchen mit dem »Schäpeli«,
-einer flachen Goldkrone. Angelika Kauffmann, deren Vater aus Schwarzenberg
-stammte, und die hier nur ein Jahr als Mädchen verbrachte, bewahrte
-dem Lande größte Anhänglichkeit. Ihrer Jugendarbeit -- sie malte die
-Seitenwände der Schwarzenberger Kirche aus -- ließ sie später als
-Geschenk das schöne Hochaltarblatt folgen, obgleich, wie sie selbst sagte,
-ihr die Kraft fehlte, Gott-Vater so darzustellen, wie er in ihrem Herzen
-wohne. -- Ich fand am herrlichsten vom Land das Große Walsertal. Eine
-befriedigende Expedition unternahmen wir vorher, von der Biberacher Hütte
-aus über das Fürkeln zur Braunarlspitz (2651 m), deren mächtiges Massiv
-uns schon lange lockte, und die eine der gewaltigsten Hochgipfel
-des Bregenzer Waldes ist. Eine herrliche Rundsicht belohnt für die
-Anstrengung, während die Hochkinzelspitze (2307 m), von der Hütte aus
-bequem in knapp zwei Stunden zu erreichen, hübsche Blicke in die nahen
-Täler gewährt. So, nachdem wir von allen Seiten ins Algäu und in den
-Bregenzer Wald geschaut hatten, wollten wir durch das Große Walsertal,
-über Buchboden und das entzückend gelegene, freundliche Sonntag
-absteigend, die Ebene zurückgewinnen. Aber schon in Garsella ging mir nach
-vielstündigem Marsch der Atem aus -- und wir vertrauten uns einem kleinen
-Einspänner an. Denn wer in den Bergen denkt, bergab sei bergab, der irrt
-sich sehr; auch diese Landstraße stieg weiter und weiter empor, all die
-verstreuten Dörfer berührend, die sich auf den Terrassen der sehr steilen
-Talwände angesiedelt haben. Man hielt es für ausgeschlossen, daß man
-je ins Tal kommen würde, so tief unter uns rauschte das Wasser des
-wilden Lutzbaches. Endlich, nach zweistündiger Fahrt, geht es in steilen
-Serpentinen hinab, dem Örtchen Thüringen zu. Seit einer Woche wieder ein
-Postwagen -- zivilisierte Menschen oder solche, die es sein wollen -- ein
-Auto -- Fabriken -- die Bahn -- -- kleinlaut steigt man ein und fährt für
-20 Heller -- gottlob ist der erste Anspruch der Zivilisation an die Börse
-nicht groß! -- bis Bludenz. Hier, in dem alten Städtchen, dessen Burg
-Hermann von Gilm, der bedeutendste Lyriker Tirols, entstammte, wartet man,
-bis sich der Himmel wieder klärt und das Fleisch so willig ist wie der
-Geist zu neuen Eskapaden in die Einöde -- zu neuen, herrlichen Genüssen
-in der Bergwelt!
-
-
-
-
-Vom Königspaar des Rhätikon.
-
-
-Nicht des Reiters, aber des Reisenden »über den Bodensee« Auge wird
-am meisten gefesselt von der schneeschimmernden Scesaplana, dem höchsten
-Gipfel (2967 m) des Rhätikons, dieses zwischen Ill-Rhein-Gargellental und
-dem Prätigau aufragenden Gebirgsstocks, der sich durch die Formschönheit
-und Mannigfaltigkeit seiner Gipfel unter allen Gruppen der nördlichen
-Kalkalpen besonders auszeichnet. Die Königin dieser Kette ist die
-Scesaplana, um deren Schultern sich ein schimmernder Firnmantel als
-Hermelin schmiegt. Durch Weganlagen ist ihre Besteigung erleichtert, und
-ihr Gipfel, der eins der schönsten Panoramen der gesamten Alpen bietet,
-ist das Ziel Tausender von Bergsteigern, die je nach ihrer Befähigung
-leichtere oder minder leichte Aufstiege suchen. Ist hier der Preis der
-Besteigung die unvergleichliche Aussicht, so lockt den Hochtouristen die
-»Zimbaspitze« (2645 m), von den Einheimischen nur »Der Zimba«
-genannt, die kühnste und trotzigste Felszinne des Rhätikons; und ist die
-Scesaplana die liebenswürdige Königin, die den Gast entgegenkommend zu
-den Schönheiten der Hochalpen führt, so ist »Der Zimba« ein ablehnender
-Fürst, und viele, die sich an seinen Wänden und Graten versuchen, treffen
-bei ihm auf schroffe Zurückweisung!
-
-Naturgemäß mußten unter den zahlreichen Gipfeln des Rhätikons diese
-beiden Hochzinnen unser Ziel bilden. Die »Wir« waren für »Den Zimba«,
-mein Hochtourist (den ich großmütigerweise mitnahm!), ein junger Führer
-und ich. Bei gewaltiger Hitze stiegen wir in drei Stunden von Bludenz über
-Bürserberg zur Sarotlahütte empor. Ich kann nicht sagen, daß ich die
-überaus primitiven Hütten wie diese, die nur ein Matratzenlager in einem
-allgemeinen Schlafraum bieten, besonders liebe; schon weil es ja keine
-Möglichkeit gibt, »Toilette« zu machen. Aber nach all den von bessern
-Spaziergängern überlaufenen Hütten der letzten Zeit war es direkt
-wohltuend, sich unter Leuten, die es ernst meinten und ihre ganze
-Expedition nicht bitter bereuten, wenn es kein »Bier vom Faß« gab, zu
-befinden. Jede weltliche Torheit, wie Bier überhaupt, lag dem einfachen
-Senn dort oben fern. Milch von seiner Kuh offerierte er und Eier konnte
-man haben, aus denen ich fürs Allgemeinwohl in einem schwarzgeräucherten
-Tiegel eine wunderbare Speise herstellte; und dann schliefen wir, zwei
-andere Partien, auch jede zu zwei Personen, auf dem Matratzenlager, auf
-dem nur das Gewissen weich war, in einer Reihe -- der junge Führer als
-Paravent zwischen mir und den übrigen! Freilich, das Einschlafen ging
-nicht schnell, das pflegt auf Hütten so zu sein; und neben mir durchs
-Fenster funkelten die Sterne -- und die andern beiden Partien hatten
-»große Sprüch'« geredet: wie schwer es sei -- und wie unbequem eine
-Dame --, denn wegen Steinfalls müßte man größte Rücksicht auf einander
-nehmen! Wenn ich nun diese Probe auf Trittsicherheit usw. nicht bestand?
-Etwas zaghaft war mir zumute, und jedenfalls erleichterte es mich, daß wir
-am nächsten Morgen die Ersten fertig zum Aufbruch waren: so wie der Mensch
-nun einmal ist, mag man lieber der Schuldige sein am Steinfall (wenn es nun
-doch mal sein muß!) als der Unschuldige, den sie am Kopf treffen! Unsere
-Rucksäcke ließen wir, um beim Klettern nicht behindert zu sein, vom
-Sennen zum Zimbajoch hinauftragen, wo wir sie beim Abstieg aufnehmen
-wollten: länger als 5 bis 5½ Stunden rechneten wir nicht, da wir
-bei unserer »Fähigkeit« den Baedeker wie den Purtscheller in ihren
-Zeitangaben gewöhnlich schlagen.
-
-Im gemessenen Schritt »Echter« begannen wir um halb fünf Uhr morgens den
-Aufstieg über sehr steile Gras- und Schutthalden -- Fuß vor Fuß, ohne
-Pause, zwei Stunden lang, bis zum Einstieg in die Felsen. Hier nun wurde
-von dem jungen Führer mit großer Vehemenz der moralische Halt, das Seil,
-um die Stelle meines Körpers geschlungen, wo sonst die Taille sitzt;
-zugleich begann die erste Kontroverse zwischen ihm und dem Hochtouristen,
-der auf Grund seiner »literarischen Kenntnisse« einen andern als den
-vom Führer bezeichneten Weg einschlagen wollte. Doch da der Führer
-versicherte, in diesem Jahr schon mehrmals oben gewesen zu sein und »diese
-neue, leichtere Route« genau zu kennen, so gaben wir nach -- leider!
-Denn das Resultat dieser »neuen, leichteren Route« war vollständiges
-Versteigen, wobei sehr schwierige und gefährliche Platten- und
-Traversierstellen zu bewältigen waren. Und dann überhaupt: dieser Berg!
-Er ist das Niederträchtigste, was man sich denken kann -- »treu und fest
-wie ein Fels« ist ein Hohn auf ihn. Ich klettere gewiß gern, aber ich bin
-für Zuverlässigkeit im Leben. Bietet »Der Zimba« jedoch einen Griff
--- fast nur mit Grasbüscheln locker besetzte Steine -- so rutscht einem
-plötzlich der halbe Berg entgegen -- und bildet man sich ein, man hätte
-einen sichern Tritt, so kommt unterm Fuß sofort die ganze Wand ins Wanken.
-Alles ist brüchig, und dabei eine Steilheit, die oft peinlich wirkt! Bei
-der ersten, sehr schweren Plattenstelle stürzte der Führer beinahe ab
--- ich kann nicht behaupten, daß dies mein ohnehin schon sehr ins Wanken
-geratenes Vertrauen zu ihm erhöhte; denn auch von der Seiltechnik besaß
-er nur eine unbestimmte Ahnung, und gerade bei unbequemsten Stellen
-»vertüderte« es sich ihm, wie man in Schleswig-Holstein sagt, und
-unbekümmert um meine Situation schrie er dann unsichtbar von oben: »Sie,
-Frau, halten's Ihna fest!« Auch sonst richteten sich seine Umgangsformen
-nach Stand und Gefahr; das merkte ich besonders beim Abstieg. Ging es
-leicht, so flocht er ein »Gnädige Frau« in seine Ermahnung -- in
-gefahrvollen Minuten riet er mir schmucklos, in den derbsten Ausdrücken
-unserer in diesem Punkt ja sehr reichen Muttersprache, mich einfach auf den
-mir von Gott dazu gegebenen Teil zu setzen und von dieser breiteren Basis
-aus die Hindernisse zu überwinden. Kurz und gut, der Hochtourist übernahm
-schon von »der« Platte aus die weitere Leitung und gab alle Anweisungen
-zur Seilsicherung usw. Ihm verdankten wir es jedenfalls, daß wir
-überhaupt, und zwar nach unendlich vielen Fährlichkeiten, bei denen ich
-zum Teil zwischen ihm und dem Führer am Seil eingespannt war, nach 2½
-Stunden vom Einstieg aus -- also im ganzen von der Hütte aus in 4½
-Stunden -- den Gipfel erreichten. Trotzdem hatte sich mein Selbstvertrauen
-neu befestigt, denn ich durfte mir sagen, daß das Seil nur zur
-Versicherung und nicht ein einziges Mal dazu gedient hatte, um mich
-»zu ziehen«, wie ein lebloses Paket -- ein bei manchen Touristen nicht
-unbeliebtes Beförderungsmittel.
-
-Die andern beiden Partien mit den »großen Sprüch'« hatten wir einmal
-in unsrer Nähe bei der Platte klappern hören. Die Armen mußten uns
-nachgestiegen sein, hatten das Rennen aber dort schon aufgegeben, denn wir
-hörten und sahen nichts mehr von ihnen, trotzdem wir fast eine Stunde
-am Gipfel rasteten. Eine schöne Fernsicht, wundervolle Talblicke ins
-Montafon, über steilabstürzende Wände hinab ins Rellstal und zu den
-anderen Vasallen des Rhätikons hinüber belohnten uns, gewiß; ich aber
-genoß diesmal besonders die Ruhe -- und das Frühstück und befand mich
-glücklich bei dem Lob von Führer und Hochtourist, »daß ich meine Sache
-brav gemacht habe«. Das Ärgste, meinte ich auch, läge hinter uns. »Ja,
-Schnecken!« Wir nahmen den Abstieg über den Westgrat, »traversierten«
-also den Berg, da wir übern Ostgrat gekommen waren. Ein Versteigen
-war wenigstens unmöglich, da die Route immer am Grat entlangläuft --
-schwindelfrei muß man allerdings sein. Und seine kleinen Überraschungen
-bietet dieser Westgrat auch sonst; da ist z. B. eine schwierige Strecke
-über einen etwa 70° geneigten, von brüchigen Schroffen und lockeren
-Graspacken durchsetzten Hang. Die hat es in sich! Früher konnte man durch
-einen viel sichereren Kamin absteigen; seit dem letzten Winter ist er
-verschwunden, da ein großes Gratstück in die Tiefe gestürzt ist.
-
-»Gengan S' nur zu,« sagte der Führer gerade an dieser Stelle ermutigend,
-viele Meter Seil über mir und durch Felsen versteckt, »der Herr wird Ihna
-schon zurufen, wo S' hintreten müssen!« Der Hochtourist war zu diesem
-löblichen Zwecke vorangeklettert. Aber kein Rat, keine Hilfe kam, und als
-ich endlich hochatmend innehalten mußte, weil des Seiles Länge erschöpft
-war, saß der Hochtourist gerettet und seelenruhig auf einem Vorsprung und
-versuchte den winzigsten Zigarrenstummel in Brand zu setzen, den ich je als
-noch brauchbar gesehen habe! Ja, man macht noch nebenher Charakterstudien
-in den Bergen. Eine ekelhafte, überhängende rote Nase kam; da ich mit
-den Füßen den spannbreiten Grat nicht erreichen konnte, sollte ich mich
-»einfach herunterlassen«. Ich streikte, der Hochtourist stampfte auf dem
-ohnehin schon wackligen Grat, der Führer schrie sinnloses Zeug von oben
--- ich kniete an einem senkrechten Abbruch auf einem Eck so groß wie
-eine Schwefelholzschachtel und wurde noch einmal energisch ersucht, diesen
-hervorragenden Stützpunkt nun »einfach« für die Ellbogen zu nehmen!
-Ich schrie alles zurück, was mir im Moment nur an tötlichen Beleidigungen
-einfiel -- und dann entdeckte »man« -- ich sage »ich«, der Hochtourist
-»er«, der Führer »wegen meiner« -- die Idee eines Trittes an der
-Außenwand der Nase, auf die ich meinen rechten Fuß stemmen konnte --
-gewonnen hatten wir! Der Hochtourist zündete den Stummel frisch an.
-Nach zwei Stunden heißer Arbeit standen wir am Zimbajoch -- die großen
-Schwierigkeiten hatten damit ein Ende. Immerhin aber folgte noch ein
-zweistündiger, zum Teil recht ungemütlicher Abstieg über steilen
-Schroffen und mit Platten durchsetzten Grashänge, die größte
-Aufmerksamkeit und vollständige Trittsicherheit erforderten, da es für
-die Hände so gut wie gar keine »Griffe« gab. Schon vom Joch aus, auf dem
-wir unsere Rucksäcke wieder vorfanden, winkte uns von unten die hübsche
-und allerliebst eingerichtete Heinrich-Hueter-Hütte, in der es wieder eine
-Ruhepause und eine Erfrischung gab.
-
-Auf den grünen Matten, von der diese Hütte umgeben ist, sowie auf dem
-Übergang übers Säulejoch zur Douglas-Hütte habe ich übrigens zum
-erstenmal Murmeltiere nicht nur »pfeifen« hören, sondern spielen sehen
-und Männchen machen.
-
-»Zum Abgewöhnen« kam also noch der »hochalpine Spaziergang« zur
-Douglas-Hütte hinüber, der eigentlich noch gar nicht eröffnet war -- die
-offizielle Eröffnung der wirklich entzückenden Weganlage, die andauernd
-die schönsten Blicke bietet, ist erst einige Tage später erfolgt; in zwei
-Stunden erreicht man den köstlich blauen Lünersee, an dessen Ufer die
-berühmte, höchst originelle Douglas-Hütte »eingegraben« ist, könnte
-man sagen. Denn um sie vor Lawinengefahr zu schützen, ist sie von einer
-langen, festen Mauer bis zum Dach gedeckt, und alle Räume der drei wie
-unterirdisch wirkenden, nach Bedürfnis entstandenen Bauten haben nur
-Fenster zur Seeseite hin. Und hier gab es einbettige Zimmer -- man
-vergißt ganz, daß so was Schönes auf der Welt existiert! -- und schöne
-Waschtische -- und die Möglichkeit, sich ungeniert aus- und anzuziehen!
-Man wird dankbar auf Bergeshöhen. Und wie das Essen schmeckte -- nach
-elfstündiger »Arbeit« inklusive der Freundlichkeiten des »Zimba«.
-
-Um neun Uhr nach notdürftiger Stopfung aller Löcher und Dreiecke in den
-»Unaussprechlichen« fällt man ins Bett. Aber lang wird der Schlummer
-doch nicht sein: »Um vier Uhr bereit -- zur Scesaplana!« =Il faut obéir=
--- mitgegangen, mitgehangen!
-
- * * * * *
-
-»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern des
-Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen
-Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal außergewöhnlicher
-Ausdrucksweise zu bedienen. Warum, weiß ich nicht. Und helfen tat es auch
-durchaus nicht. Der Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist
-weder hervorragend anstrengend noch schwierig -- dafür aber auch nicht
-unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die Beine derer,
-die in unstillbarem Höhendrang lange vor der Sonne ausmarschiert waren,
-tauchten wieder und wieder über unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf.
-Schade, man verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb
-auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin die letzten
--- der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer, der dritte die gegen
-jede Temperatur Immunen, die sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür
-körperlich abzunehmen. Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege
-und meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen in den
-Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei Stunden ans Ende aller Kurven
-gelangt, sahen eine Stange ragen, machten noch einmal: »Rechtsum --
-kehrt!« =Voilà= -- der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel;
-hinter einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne Frau,
-die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist, der mit diesem
-Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen war, was »Bewegung« anbelangt
-nämlich. Sonst -- der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch
-seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen (Tiroler)
-und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze er gerade emporsteigt. Von
-den Ötztalern und der Ortlergruppe im Osten bis zum Monte Rosa im Westen
-schaut man und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die
-blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal verfolgen
-von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee, nickt der alten Bekannten,
-der Silvretta, zu, freut sich an der Bernina-Gruppe -- und immer Neues,
-Fesselndes steigt aus blaudunstiger Ferne auf -- man hat das Gefühl, man
-stände recht im Herzen der Alpen! -- Nichts störte uns am Genießen;
-jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen schon längst
-wieder bergab -- allein in Stille und Schönheit und vor dem immer
-wechselnden Spiel zartester Nebelwolken an den Bergwänden, zu schweigen
-von der Farbenskala, die der Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte.
-»Die Scesaplana ist die Königin des Rhätikons« -- man beuge sich
-ihrer Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«. Über den
-Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle, »sumpfige« Flecken
-wir sorgsam vermieden. Gegen diesen Sommer nützt der beste Gletscher
-nichts! Aber rückwärts schauten wir und bewunderten die steilen,
-merkwürdig geschichteten Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite
-abfällt; und so harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte,
-die direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen ist,
-frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten Wegen, die
-zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber nur ein »alpiner
-Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«, wie der letzte Teil
-des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen und Leitern gesicherten Steiges
-heißt, der ins Gamperdonatal hinabführt. Viel erlebt man an solch einem
-Morgen: öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die
-unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch« seine
-kleine Bahn gegraben hat --, Schutthänge, steile »Wasen«, wie das Gras
-heißt --, schließlich wieder Latschengestrüpp als neueinsetzende Flora,
-allmählich Kiefern, Ahorne -- Matten neben dem zu Tal rauschenden Wildbach
--- und zum Schluß ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der
-»Nenzinger Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt Rochus.
-Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine Menge kleiner Almhütten
--- es sind Sommerhütten der Bauern und Bewohner aus Nenzing, die hier oben
-her ihre Herden auf ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon
-alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint
-hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild gesehen wie
-dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle, dem hübschen Wirtshaus --
-den verstreuten Häuschen und dem Vieh, das sich durchaus als Hauptsache
-empfindet und ungeniert Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm
-paßt. In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur durch
-Sennen -- und Sommerfrischlerinnen, die das grüne Nest auch schon entdeckt
-haben, erscheinen in blauen Leinenhosen, um sich selbst ihre Milch zu
-holen. Aber der fremde Einschlag stört hier nicht -- er ordnet sich der
-Stimmung unter.
-
-Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d. h. in die Ebene, dauert vier
-gute Stunden, vollzieht sich aber auf so schönem Wege, meistens durch Wald
-und höchst romantisch neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man
-Zeit und leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien und
-Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die Luft des Tieflandes
-und möchte wie das mexikanische Tier mit dem schönen Namen Axolotl sich
-auch anpassen können: ein paar Lungen, weit und groß genug haben, um
-unendlich viel reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern,
-und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten vermögen! Ob
-man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?!
-
-
-
-
-Streifzüge in Südtirol.
-
-
-Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn über den Brenner
-gefahren, hatten uns die Tauern aus dem Sinn geschlagen und uns den
-südlichen Alpen zugewandt, wenn nicht in der bestimmten Hoffnung, dort
-Wärme, Sonne, Wohlbehagen zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten
-Schneesturm seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im
-gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das mit echt
-norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet wird, und
-als Unikum einer Hütte eine kleine Kapelle, die höchstgelegene Europas,
-besitzt. Sie ist durch das Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die
-Führer am Sonntag nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe
-gehört haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden sich
-junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und in einer Höhe
-von 3203 m ihres Amtes walten. Aber die Nächte »dicht beim lieben Gott«
-und bei soundsoviel Grad Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer
-sitzt man Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen,
-die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die kleinste
-Nasenspitze sichtbar -- weißes Flockengestiebe ringsum! Da wurde
-schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in die Schönheit der
-Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen zäh wie Bergmoos
-ist, von stiller Raserei ergriffen, die sich gegen den Eigensinn der Natur
-kehrte. Kurz hieß es: »Jetzt wird mir's z'dumm -- jetzt wird gegangen!«
-Also gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am warmen
-Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei Schritte vor sich
-hin sehen konnte; des Morgens um sechs und bei dichtem Schneegestöber und
-einem Sturm, der sich von allen Gletschern in der Runde -- und sie sind
-dort grade nicht selten! -- neuen Atem und frische Kälte zu holen schien.
-Nachdem wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht hatten,
-wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine Proviantstation fürs
-Becherhaus befindet, d. h. Kisten und Fässer lagern frei im tiefen
-Schnee, konnten wir wenigstens über ein paar spaltenlose Gletscher im
-Sitz abfahren, mir eine der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in
-verhältnismäßig kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen,
-in denen gefühlvoll statt des Schnees -- Regen einsetzte. Mit ihm
-plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel frei,
-unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm stand und uns nun
-auszulachen schien, auch die eisgepanzerten Recken des Seebertals. Auf
-der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich Pferde gepflegt werden, gab es am
-rauschenden Bach das übliche Rucksack-Frühstück -- inzwischen war es
-zehn geworden -- und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten
-Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben. Welch
-betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin, durch einförmige
-Talgründe und entschieden in ein südlicheres Klima. Es wird warm, heiß
--- die Sonne brennt, der Wind verstummt, die Wege werden steiler und
-steiniger. Recht erschöpft trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos
-im Passeier diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich
-herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten Wegende geben
-soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen Straße nach Sankt Leonhard
-sind diese zwei Stunden recht bitter -- und dann die Furcht, ob man den
-Autobus, der uns nach Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob
-es noch Freiplätze in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt
-Leonhard an -- und diesmal ist man dem schlechten Wetter von Herzen
-dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder Standquartieren
-festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche Sitze beschert. Eine
-Stunde später bewundert man schon die subtropische Vegetation Merans
-an der Gilfpromenade, genießt den köstlichen Anblick der von Trauben
-behangenen Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast
-zum Morgen -- diese üppige Flora, diese angenehme Wärme -- endlich,
-endlich hat man sie gefunden!
-
-»Nach Meran«, meinte mein Hochtourist verächtlich, »ziehen mich im
-Sommer keine zehn Pferde!« Ein ausgiebiger Schneesturm hat ihn eines
-andern und bessern belehrt. Denn es ist hier einfach himmlisch; die Luft
-andauernd von leichter Brise erfrischt, prangende Fruchtbarkeit ringsum,
-auf den schönen Promenaden keine armen Kranken, sondern stämmige
-Touristen und jauchzende Meraner Kinder, die nun auch einmal die Vorteile
-dieses gesegneten Landes genießen. Die Kurverwaltung tut ihr Möglichstes,
-um die Passanten zum Bleiben zu bewegen; morgens und abends konzertiert
-die Kapelle wie zur Hochsaison, prächtige Waldspaziergänge hinauf zu den
-Schlössern Tirol, Lebenberg, Schönna locken -- selbst das Steigen fällt
-bei der kühlen Temperatur nicht schwer -- und wer dennoch reine Höhenluft
-möchte, fährt mit der im vorigen Herbst eröffneten Vigiljoch-Schwebebahn
-auf das Vigiljoch empor. Das reizende, kleine, im Bauernstil gehaltene
-Hotel dort oben liegt 1468 m hoch und bietet eine wundervolle Aussicht
-ins Etschtal, hinter dem sich die Dolomiten aufbauen. Die Fahrt mit der
-Schwebebahn an und für sich ist schon ein Genuß, da sich die Aussicht mit
-jedem Meter, den man steigt, immer mehr weitet; außerdem ist sie technisch
-in ihrer Länge von 2210 m, die einen Höhenunterschied von über 1150 m
-bewältigt, eine großartige Leistung. -- Uns natürlich konnte das
-stille Rasten am Vigiljoch nicht genügen. Wir wanderten noch am Abend zum
-einsamen Gamplhof, der eine Stunde höher liegt als das Vigiljoch. Und von
-ihm aus beim nächsten Morgengrauen in aussichtsreicher Kammwanderung über
-den Rauhen Bühel und das Hochjoch zum Gipfel des Hochwart (2607 m). Er ist
-ein hervorragend schöner Aussichtspunkt. In gewaltigem Rund streift das
-Auge von den stolzen Eisriesen der Ortler-Gruppe über die Ötztaler
-und Stubaier Alpen zu den wildgezackten Dolomiten, der Presanella- und
-Adamello-Gruppe; selbst die Schweiz schickt durch die blinkenden Gipfel der
-Bernina-Gruppe einen Gruß herüber. Ganz entzückend ist der Tiefblick
-auf das grüne Vinschgau, das in seiner vollen Ausdehnung von Mals bis
-zur Töll tief zu Füßen liegt. -- Den Abstieg, den wir teilweise pfadlos
-über steinige Hänge und kaum erkennbare rauhe Alpenpfade ins Ultental
-nahmen, kann ich nicht recht empfehlen. Er kürzt zwar den Weg zu unserm
-nächsten Ziel, irgendeinem behaglichen Gasthaus in Sankt Waldburg drunten
-nicht unbeträchtlich ab, doch nimmt er keinerlei Rücksicht auf ohnehin
-schon müde Füße und vom Auf und Ab leicht verbogene Glieder. Wer
-plagte sich nicht gern, um einen schönen Gipfel zu erreichen, aber im
-Almen-Terrain überläßt man jeden Ehrgeiz den Kühen und Ziegen. Viele,
-viele bittre Seufzer, bis man endlich, endlich den Rucksack abwerfen kann
-und nach der üblichen Portion »Tiroler Schöps«, unter der sich --
-wie immer -- eine schamhafte Ziege birgt, in sein Bett kriecht. Ein
-vierzehnstündiger Marsch inklusive Berg genügt meinen bescheidenen
-Ansprüchen an Bewegung durchaus! -- Schrecklich lang ist das Ultental,
-das wir am nächsten Tage aufwärts wanderten, und das von der Falschauer
-durchströmt wird. Die höchst romantische, schluchtenartige Mündung des
-Tales und Baches bei Lana heißt die Gaul und wird von einem großartig
-angelegten elektrischen Werk ausgenützt. Im obern Teil aber, der sich
-gegen die Ausläufer der südöstlichen Ortler-Gruppe erstreckt, ist dies
-Tal sehr einsam und von Touristen wenig besucht. Aber grade das zog uns an
--- und die Aussicht, einmal nicht in eine überfüllte, von der Mode, die
-ja leider auch auf die Berge steigt, bevorzugte Hütte zu kommen. Der
-Weg hebt und senkt sich an der Berglehne und durchschneidet bescheidene
-Dörfer: Kuppelwies, Sankt Nikolaus, Sankt Gertraud, und für die Heiligen
-dieser Ortschaften gibt's genug Kapellen und Kapellchen, mit Alpenblumen
-geschmückt; an einem Marienbilde steht der rührende Vers, dessen Original
-sich an der Gnadenbrücke im Etschtal befindet:
-
- »Mein liebes Kind, wo gehst Du hin?
- Weißt nicht, daß ich Dir Mutter bin?
- Daß Keiner Dich liebt so wie ich?
- So steh doch still und grüße mich!«
-
-Nach dreiundeinhalb Stunden -- _sehr_ heiß! Aber »man« ist ja nie
-zufrieden, womit ich gemeint sein soll -- Rast in Sankt Gertraud. Tiroler
-Schöps. Und dann wird's ernst. Mit der Hitze und mit der Steilheit. »Am
-Grünen See (2489 m) in der ›Neuen Welt‹, 3½ Stunden von St. Gertraud,
-oberhalb der Weißbrunner Alm die Höchster Hütte (2500 m) in prächtiger
-Lage,« liest man im Baedeker. Das klingt so einfach und nett, man geht,
-nicht wahr, und plötzlich ist man da! Wasserfälle rauschen neben einem,
-ein idyllisches Bild bietet mit ihrem Viehreichtum auch die große Alm --
-und dann geht man eben immer weiter, immer höher, immer steiler aufwärts.
-Die Hütte ist einzig in ihrer geschmackvollen Einrichtung, ihrer
-glänzenden Bewirtschaftung, und gewiß will ich auch die »prächtige
-Lage« an dem von Gletschern gespeisten See nicht leugnen. Aber ein klein
-wenig weiter hätten gerade die Serpentinen der letzten Strecke angelegt
-werden können -- sie lagen da wie eine fest aufgerollte Schlange und
-mühsam dreht man sich auf ihr und um sich selbst empor. Das Kleinlautsein
-der »bekannten Hochtouristin« nimmt doch bedeutend zu, als sie oben von
-der Perle aller Wirtschafterinnen erfährt, daß der einzige Führer des
-Ultentales, den man vorzufinden hoffte, noch eine Partie macht: Rückkehr
-unbekannt! Und da sollte die Tagesarbeit umsonst gewesen sein, die geplante
-Tour über's Zufrittjoch und die Zufrittspitze hinab ins Martelltal auch in
-den Grünsee fließen --?! Der Hochtourist bewahrt männliche Fassung; aber
-auch er ist entschlossen, seinen Rucksack nicht selbst vier Stunden lang
-über die riesigen, steiglosen Trümmerhalden zum Joch hinauf zu schleppen
--- er studiert um. Und plötzlich tut er, als könne uns nichts Besseres
-passieren, ja, als wäre es schon lange unsere einzige Sehnsucht, eine
-große Gletschertour allein zu machen! »Die Hintere Eggenspitze,« sagt
-er und deutet aus dem Fenster auf den schönen, weißen Gipfel, »das ist
-sogar der höchste Berg in der östlichen Ortlergruppe! Und wie bequem, man
-geht von der Hütte aus hinauf, ohne andres Gepäck als den Proviant, kommt
-hierher zurück, ruht sich aus -- steigt wieder ins Tal --! Dabei der Weg
-so einfach: eine Stunde lang grobes Moränengetrümmer, dann über den
-Weißbrunngletscher ohne jede technische Schwierigkeit empor. Ich seile Sie
-an -- und damit gut!« =Ce que homme veut= -- -- ich ergab mich. Als erstes
-fehlte uns das Seil, das er schlauerweise oder aus Bequemlichkeit unten
-im Koffer gelassen hatte. Die Hüttenwirtin lieh uns das neue Fahnenseil,
-dessen 9-Millimeter-Stärke schlimmstenfalls ja genügt haben würde,
-_mich_ zu halten. Zuerst also die einfachen Moränen, dann der einfache
-Gletscher. »Ist er auch gefahrlos?« fragte ich, als wir vom Fels auf
-den Firn hinübergingen und ich kunstgerecht als erste Fahne des Seils
-angeknüpft wurde. Dabei entdeckte ich, daß mein Hochtourist in die 15 m
-Seillänge, die zwischen uns Distanz halten sollten, eine Schlinge machte.
-»Da hinein,« befahl er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten,
-»stoßen Sie sofort den Pickel bis zur Klinge, wenn ich einbreche, und
-bohren ihn fest in den Schnee, was Sie weiter tun müssen, sage ich Ihnen
-dann schon!« »Gern,« versprach ich mit übertriebener Freundlichkeit,
-plötzlich dessen bewußt, daß ich im Ernstfalle gar nicht die Kraft haben
-würde, ihn herauszuziehen. Verdient hätte er's ja auch keinesfalls -- nur
-daß ich dann eben sanft nachgerutscht wäre! Anderthalb Stunden sondierte
-die Gestalt vor mir mit dem Pickel Schritt für Schritt; denn die Stirn
-dieses müden, alten Gletschers ist von Falten durchfurcht, die
-der tückische Schnee sorgsam zugedeckt hat. Aber wir mußten diese
-Schönheitsmängel aufspüren, Schritt für Schritt, und jeder sank
-dazu tief in die weiche Decke. Ein paarmal drehte sich mein Wegweiser in
-ziemlicher Hast zur Seite und sagte nur: »Dort nicht!« und ich empfand
-schaudernd das Gefühl nachträglich, das einen befällt, wenn der Pickel
-ins Leere, ins Bodenlose stößt; und dann brach er mit dem rechten Bein
-wirklich ein, rief über die Schulter: »Festhalten!« und krabbelte am
-Rand empor, während ich krampfhaft und todesmutig zog. Ich bilde mir auch
-heute noch ein, daß nur ich eine Katastrophe verhütet habe -- bis heute
-habe ich aber weder einen Dank noch eine Rettungsmedaille bekommen! Aber
-dort: waren das nicht Spuren?! Ein Mensch mußte den Gletscher traversiert
-haben und zum Zufrittjoch hinübergewandert sein. Wir hielten tapfer auf
-die Trace los: und dann ergab sie sich als die zierlichen Abdrücke
-von acht Gamsfüßen, die mit untrüglichem Instinkt, wie es sich
-herausstellte, knapp vor jeder Spalte abgebogen waren. Auf meine innere
-Verzweiflung hin, die sich nur in Seufzern und kurzen Verwünschungen alles
-Bergsteigens äußerte, probierten wir einmal, im Fels aufwärts zu
-kommen; aber er war teilweise mit Schnee bedeckt und dazu so plattig und
-zertrümmert, so wenig Halt bietend für Fuß und Hand, daß wir reuig zu
-den immer noch zuverlässigeren Gletscherspalten zurückkehrten. Endlich
-der Grat! Er bietet keine Fährlichkeiten mehr; die anderthalb Stunden in
-seinem Schnee sind zwar noch mühsam und nicht gerade wohltuend, denn trotz
-des tiefblauen Himmels und der nun erscheinenden leuchtenden Sonne pfeift
-ein eiskalter Wind uns ins Gesicht; aber nun haben wir den Berg doch
-besiegt! Und er lohnt uns die Mühe reichlich. In greifbarer Nähe liegen
-die eisgepanzerten Riesen der zentralen Ortler-Gruppe, im Norden die
-Ötztaler, die Stubaier, im Süden die Adamello- und Brenta-Gruppe, in der
-Ferne die Gipfel der Bernina, im Osten die wildgezackten Dolomiten. Ja,
-köstlich ist die weiße Einsamkeit, die glitzernden Schneefelder, die
-große, erhabene Ruhe der Firnhäupter. Umsonst ist man nicht 3437 m hoch,
-der Stolz gibt dem Brot und echten Prager Schinken einen Extrawohlgeschmack
--- wenn nicht, ja wenn nur nicht, der Abstieg noch wäre --! »Sehr
-einfach,« bemerkt der Hochtourist, der sich für seine Anstrengungen durch
-reichliche Nahrungszufuhr selbst belohnt, »wir vermeiden den morschen
-Fels! Wir gehen nur durch den Schnee.« Ich versuche zu streiken; aber eine
-Frau an einem Fahnenseil, nach einer mehrstündigen Gletscherpartie, in
-leicht strapazierter Toilette (Beinkleid und Wollbluse!) mit Schneebrille
-und Fausthandschuhen, hat einiges von ihrer »Allmacht« eingebüßt. Sie
-muß, beim Abstieg vorangehend, den alten Spuren folgen, sinkt in dem
-jetzt noch viel weicheren Schnee bis an die Brust ein, klappt wie ein
-Taschenmesser vornüber, hat Nase, Augen und Ohren voll Schnee, besinnt
-sich, daß sie sich im Fels das rechte Knie verletzt hat, fühlt, daß es
-nun den Dienst versagt, schreit in die Lüfte, daß ihr Bein verrenkt,
-der Hüftknochen gebrochen und sie verloren sei -- und erhält von dem
-in fünfzehn Meter Abstand von ihr gleichgültig ihre Hilflosigkeit
-Beobachtenden mit ruhiger Stimme den Rat: »Zieh'n S' das Bein raus und
-gehen S' weiter!«
-
-Es ist seltsam, welch eine Suggestion in solchen durchdachten,
-feinempfundenen Worten liegt: man zieht das Bein wirklich heraus und geht
-schweigend weiter. Am Schluß des Gletschers wird die Fahne eingezogen,
-d. h. ich abgebunden. Aus den kleinen Wasserrinnen, die in frühester
-Morgenstunde bescheiden zwischen dem Geröll rieselten, hat der schmelzende
-Schnee nun reißende Bäche gemacht, mit großspurigem Auftreten. Und ein
-bißchen gewachsen nach dieser Gletschertour fühlt man sich selbst auch:
-ohne Führer -- und bei der Möglichkeit (oder besser Unmöglichkeit!) im
-Ernstfall den Hochtouristen aus einer Spalte ziehen zu müssen -- gar
-nicht schlecht! Man hat sich gut bewährt. Unten, bei der Hütte, ist man
-überzeugt, daß zwar alle Fähigkeiten zu großen Eistouren vorhanden
-sind, daß man jedoch, um nicht aus der Übung zu kommen, doch noch eine
-rechte, schöne Kletterpartie machen möchte. Und dazu gibt's ja immer nur
-eins: die Dolomiten!
-
-Hinaus zum langen Ultental, das man wirklich gründlichst kennen gelernt
-hat, von Sankt Waltraud in der vollgestopften Post bis Oberlana bei Meran.
-Per Bahn nach Bozen und mit einem der unzähligen Hotelwagen, die täglich
-noch ungezähltere Fremde befördern, durch das Eggental, vorüber an der
-pompösen alten Burg Karneid der Münchener Erzgießerfamilie von Miller,
-von Birchabruck und Welschnofen, den köstlichen Blick auf den Latemar,
-den Rosengarten, die Ortler-Gruppe genießend. Das Wetter scheint etwas
-unsicher, und oben auf der Höhe des Karerpasses, die man vom berühmten
-Karerseehotel durch einen schönen Waldweg erreicht, regnet es sanft.
-Bedenken steigen in einem auf, wie sie nur zu berechtigt sind: setzt etwa
-eine neue Regenperiode ein, müßte man auch tagelang dasitzen in der
-Glasveranda des Karerpaßhotels und Patiencen legen oder Balkannachrichten
-lesen, von denen doch keine einzige wahr ist?! -- Da kommt der Mond über
-den Paß und übersilbert dankbar diesen herrlichen Fleck Erde. In aller
-Frühe lockt der leuchtende Schnee der Gipfel ans Fenster, ein jauchzender
-Tag bricht an, und vorsichtig trappt man mit den Genagelten die Treppe
-hinunter, um ja die Schläfer nicht zu stören, die Armen, die von dem
-Wunder draußen nichts ahnen. Mögen sie nur Patiencen legen, wenn sie
-aufwachen! Viele schöne Wege gibt's in den Alpen; aber der schönste,
-unvergleichlichste, die Krone aller Wege ist der Hirzelweg vom Karerpaß
-zur Kölner Hütte, die am Südwestende der Rosengartenspitze liegt. In
-klarer Morgenluft und immer wechselnder, zarter, wunderbarer Beleuchtung
-lagen sie da in langer, endloser Kette, die göttlichen Gebilde: die
-Latemar-Gruppe, die Presanella, die Brenta, die Ortler-, Ötztaler- und
-Stubaier-Alpen, der Schlern, der Tribulaun; die zweieinhalb Stunden zur
-Hütte (2325 m) verfliegen im Genuß all der Pracht, die sich von der
-Hütte aus noch ebenso bewundern läßt. Und man begreift nur zu gut, daß
-die Sektion Rheinland noch ein Touristenhaus anbauen mußte, das einen Tag
-vor unserm Besuch eröffnet worden war: wer diese Hütte nicht gesehen hat,
-hat nichts gesehen! -- Gleich hinter der Hütte geht's steil empor
-über das Tschaggerjoch (2644 m) und wenig abwärts zur vielbesuchten
-Vajoletthütte, dem Ausgangspunkt für die meisten Touren in der
-Rosengarten-Gruppe und auf die kühnen Vajolettürme. Wir wandern
-am nächsten Morgen zum Grasleitenpaß, deponieren unter Geröll die
-Rucksäcke und steigen auf den höchsten und zugleich aussichtsreichsten
-Gipfel des Rosengartens, den Kesselkogel (3001 m), der einen
-wunderherrlichen Blick über fast ganz Tirol bietet und im übrigen
-bei wenig Kletterei und einem ganz amüsanten Band eine nette
-Vormittagsunterhaltung gewährt. Durch den großartigen Grasleitenkessel,
-wo der Schnee noch eine lustige Abfahrt gestattet, geht's zur
-Grasleitenhütte hinunter, wo der Führer für den nächsten Tag engagiert
-wird. Direkt vor der Hütte, so daß man den unteren Teil des Aufstiegs
-durch die schwierigen Kamine ganz übersehen kann, erhebt sich der
-Grasleitenturm -- ein paar Junge, Führerlose, durchklettern ihn grade, und
-heißes Verlangen nach ihm packt mich! Aber natürlich: der Hochtourist
-ist schon oben gewesen und fand es daher für mich peinlich, von den
-»Hüttenwanzen«, die auch jetzt an der Arbeit waren, kritisiert zu
-werden. Was mich aber im nächsten Jahr durchaus nicht verhindern wird!
--- Für diesmal war die Traversierung der mittleren und östlichen
-Grasleitenspitze beschlossen, »auch eine schwierige Tour mit
-Kletterschuhen«, wie ich getröstet wurde. Tatsächlich hat Gottfried
-Merzbacher, damals schon ein vorzüglicher Kletterer, vor ca. dreißig
-Jahren erklärt, daß die Grasleitenspitzen unersteiglich sein dürften --
-wie hat sich der Maßstab geändert! -- und wirklich erscheinen sie von der
-Hütte aus wie eine geschlossene Mauer, die jeden Angriff abweisen muß.
-In der Nähe löst sich die steile Fläche allerdings auf und bietet
-gute Griffe und Tritte; immer aber ist sie außerordentlich exponiert und
-erfordert in den knapp drei Stunden, die man bis zum überraschend
-großen Gipfelplateau der mittleren und höchsten Spitze (2705 m) braucht,
-strengstes Aufpassen. Die Kletterschuhe legten wir diesmal schon in
-der Hütte an, und kraft ihrer Anschmiegsamkeit an den Fels, und der
-Überlegung, die sich schwierigen Situationen gegenüber plötzlich
-einstellt, ging alles vorzüglich. Meine Zwirnhandschuhe waren zwar
-»hin« -- ich kletterte zum Erstaunen aller geaichten Alpinisten nie ohne
-Handschuhe --, denn die Felsen waren scharf und fest zugreifen mußte man
-schon; aber die Glieder gottlob heil! Ganz so gut ging's uns beim Abstieg
-zur Scharte zwischen der mittleren und östlichen Spitze nicht. Diese Tour
-ist außer Mode -- entthront durch den Grasleitenturm! -- und es fand sich
-deshalb viel brüchiges Gestein vor uns, das sonst von den Kletterern nach
-und nach beseitigt wird. So war bei der großen Exponiertheit doppelte
-Vorsicht geboten. Der Hochtourist entdeckte einen Kamin, der ihn stark
-anlockte, und grade stiegen wir in ihn hinein, er voran, ich in der Mitte,
-der Führer mich von oben bewachend, als ein entsetzliches Getöse über
-uns entstand. Ich blickte zum senkrecht über uns stehenden Gipfel,
-schrie: »Steinschlag!« -- und drückte den Kopf in eine Felsspalte. Ein
-faustgroßer Stein traf mich schmerzhaft auf der Hüfte, und pflichtgemäß
-schrie ich auf; aber es war wohl mehr die Angst vor der Ungewißheit:
-»Kommt noch mehr -- und kommen noch größere?« Recht peinliche
-Augenblicke sind das, die man da zubringen muß, als Spielzeug des Zufalls!
-Rasch wie er gekommen, war der Steinschlag vorüber -- man atmete auf --
-und machte sich wieder an die Arbeit. Es erwies sich, daß meine Beine
-für einen Tritt im Kamin zu kurz waren, und ich hing daher einige Meter
-zwischen Himmel und Erde, was man euphemistisch »abgeseilt werden« nennt.
-Aber wenige Minuten später stand auch ich auf der mit Schnee bedeckten
-Scharte, und kaum eine halbe Stunde später erreichten wir den östlichen
-Gipfel, womit alle Schwierigkeiten ihr Ende gefunden hatten. Denn der
-Abstieg zum Molignonpaß ist nur ein Spaziergang von wenigen Minuten. Dort
-standen allein und in der Mittagsstunde bratend, unsere Genagelten, die ein
-Hüterjunge hinaufgetragen hatte, und die uns nun im Schutt hochwillkommen
-waren. Wirklich, eine schöne _und_ schwierige Tour war's, die man weniger
-wegen der Aussicht -- sie ist nur nach Westen und Norden lohnend, im
-Osten und Süden lagern sich höhere Gipfel vor -- als um der reinen
-Kletterfreude willen macht. Eine Extrabelohnung ist noch der Weg von der
-Grasleitenhütte durchs Tschamintal. Wald und Matten dünken einem zwar
-immer besonders herrlich nach ein paar Tagen in den steinernen oder
-firnenreichen Wüsten des Hochgebirges. Aber der Blick rückwärts vom
-idyllischen Tal auf die von unten überaus kühn und steil aufragenden
-Valbuonköpfe, die Grasleitentürme und die Spitzen, die man nun stolz wie
-alte Bekannte grüßt, ist von einem großen und unvergeßlichen Zauber.
-Und ein letztes Mal noch umfaßt man die verlorene Herrlichkeit vom kleinen
-Kapellchen St. Cyprian aus, bei Weißlahnbad, einem willkommenen, oft
-benutzten Vorwurf für die Maler; und trägt die Erinnerung an so viel
-glückliche, wenn auch mühevolle Tage und Stunden mit sich, wenn man
-auf leise schmerzenden Füßen durchs Tierser Tal in die Welt der
-Alltäglichkeit und Flachheit zurückwandert.
-
-
-
-
-Hüttenleben.
-
-
-Die meisten Menschen, die im Sommer eine Erholung suchen, wollen's
-»gemütlich« haben. Je nach ihren Ansprüchen und Mitteln wählen sie den
-Aufenthalt in einem eleganten Bade, einem bescheidenen Kurorte oder, wie's
-jetzt »Mode« geworden ist, in abgelegenen, primitiven Bauernhäusern;
-Bedingung bleibt immer, daß man es sich eben nach seiner Auffassung
-»gemütlich« machen kann, jede geistige und körperliche Anstrengung
-vermeidet und alle vierundzwanzig Stunden einem Dolcefarniente weiht. Im
-Durchschnitt wird das ja nun das richtige sein, um die Nerven zu beruhigen
--- worauf es den Sommerfrischlern in der Hauptsache ankommt! Der einzige,
-der auf sein Programm nicht mit rosa Lettern und nachlässiger Schrift das
-Wort »Frieden« schreibt, ist der Hochtourist. Zwar bringt sicherlich ihm
-am ehesten die köstliche Bergeinsamkeit allmählich ein inneres Ausruhen
-und eine wirkliche Befriedigung, aber vor seinen Erfolg haben die Götter
-in Wahrheit viel Schweiß gesetzt -- er muß täglich aufs neue kämpfen,
-mit sich selbst, mit der Natur, um den wohlverdienten Lohn zu empfangen.
-Von »Gemütlichkeit« ist bei ihm nicht viel die Rede. Schon seine
-Ausrüstung deutet auf die Anstrengungen, Gefahren und Entbehrungen, die
-seiner warten. Er allein löst sich in den Wochen seiner alpinen Tätigkeit
-von der Zivilisation; noch mehr: auch auf die ihm angeborene oder
-anerzogene Kultur muß er ein wenig verzichten, soweit sie seinen äußeren
-Menschen anbelangt. Das tägliche Bad, frische Wäsche, Kleiderwechsel zu
-jeder Tageszeit oder jedem Witterungsumschlag, das gibt's ebensowenig wie
-pünktliche Mahlzeiten, einen mit Luxus gedeckten und mit reicher Auswahl
-besetzten Tisch. Von vornherein läßt sich also annehmen, daß sich nur
-diejenigen den Bergsport zur Erholung erwählen, die von den elf Monaten
-ihres bürgerlichen Daseins nicht »untergekriegt« sind und einen Vorrat
-an unverbrauchten Nerven und fester Gesundheit besitzen, der sie befähigt,
-den kommenden Strapazen Trotz zu bieten.
-
-Sieht man sich einmal die alljährlich stark anwachsenden Mitgliederlisten
-des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wie der übrigen
-zahlreichen alpinen Klubs und Vereinigungen an, so darf man daraus wohl
-nicht mit Unrecht einen Schluß auf die Volkskraft und -gesundheit ziehen.
-Steigt von all diesen Hunderttausenden jährlich auch nur ein gewisser
-Prozentsatz wirklich auf die Berge, so genügt er doch, um uns nicht ganz
-hoffnungslos in die Zukunft unserer Rasse schauen zu lassen; wir sind
-darnach doch nicht so entnervt, verbraucht und dekadent, wie manche
-Schwarzseher uns in klugen, wissenschaftlichen, aber sehr schmerzenden
-Abhandlungen darzustellen belieben! Leute, die sich wochenlang auf ihre
-eigenen Füße verlassen, ihr Gepäck, oft auch den Proviant für mehrere
-Tage selbst schleppen und mit der einfachsten Lagerstatt und den simpelsten
-Mahlzeiten für die ganze Zeit vorliebnehmen -- alles aus Begeisterung für
-die Natur und ihren Sport --, in denen lebt noch etwas von dem echten, so
-oft verspotteten und angefeindeten deutschen Gemüt und dem Wesen, an
-dem nach des Dichters Wort die Welt genesen sollte. (Was sie vorläufig
-allerdings vorgezogen hat, nicht zu tun!) Uns aber behüte dieser Beweis
-unerschütterter Gesundheit vor dem Verzagen. -- »Aber auf den Hütten,
-nicht wahr, soll es doch so unterhaltend sein?« -- Wie man's nimmt.
-Unterhaltend, ja; für Leute, die eben mit Leib und Seele Alpinisten sind.
-Denn erzählt wird fast nichts als von besonderen neuen Anstiegen, alpinen
-Erfolgen -- oder Katastrophen. Heiter ist es deshalb nicht immer; dafür
-belehrend, auch durch die Art, wie erzählt wird. Man sieht aus ihr, wie
-rasch unter den Kundigen Prahler und Lügner entlarvt werden, wie
-nur wirkliche Energie und Intelligenz anerkannt und der fade, sich
-wiederholende Schwätzer bald zur Ruhe verwiesen oder zur Einsamkeit
-verdammt wird. Auch sonst wirkt das Hüttenleben durchaus erzieherisch.
-Keine Idee von den unsichtbaren Triumphbogen, die unten im Tal der Wirt und
-der Portier für jeden noch so harmlosen Gast in aller Devotion erbauen!
-Man mag von der eigenen Leistung bis zum Mützenrand erfüllt sein oder die
-Brust von den kühnsten Vornahmen für den kommenden Tag geschwellt haben
--- man rückt bescheiden vor der Hütte an, stellt den Pickel, der sich so
-schön ausnimmt, mit seinem vernarbten Stock nach allgemeinem Brauch vor
-der Tür auf, läßt den Rucksack im Gang auf die Erde gleiten und betritt
-möglichst unauffällig und ebensowenig von den Anwesenden irgendwie
-beachtet den inneren Raum. Ein »Grüß Gott!« mit dem Wirtschafter und
-den Gästen, an deren Tisch man Platz nimmt, ausgetauscht -- das ist
-alles. Dann erfährt man so nebenher, daß die Einzelzimmer, falls solche
-überhaupt vorhanden, schon vergeben sind. Daß leider das frische Fleisch
-schon verzehrt wurde und von allen Konserven nur noch Gulasch, was einem
-schon wegen des folgenden Durstes zuwider ist, angeboten werden kann.
-Wasser zum Waschen gibt's schon seit mehreren Tagen nicht mehr -- kein
-Regen und viel Besuch! Aber daß es morgen schlecht Wetter wird -- wo man
-sich seit Jahren gerade auf diesen Gipfel gefreut hat -- ja, das scheint
-Tatsache zu sein. Wie aufrichtig dankbar ist man, daß es doch noch einen
-Teller Erbssuppe gibt -- wie sparsam geht man mit dem Töpfchen warm Wasser
-um, das den ganzen Abend zur Limonade reichen soll! Selten ist man sich
-so erquickt und ausgeruht vorgekommen wie nach einer halben Stunde auf der
-harten Holzbank, im Rauch verschiedensten Tabaks und dem Duft der Küche,
-deren Tür wegen der angenehmen Wärme nicht geschlossen wird. -- Hat man
-dann ein Lager für die Nacht angewiesen bekommen, so wechselt man dort,
-auf der Pritsche sitzend, seine Bergstiefel gegen die Hausschuhe. Das
-Glücksgefühl hierüber kann nur der teilen, der neun bis zehn Stunden
-die Nägelbeschlagenen bergauf und bergab gesetzt hat. Unten findet man
-die Gaststube leer -- alle sind hinausgeeilt, die eben noch todmüde,
-verhungert, unfähig, ein Glied zu rühren, waren, um den Sonnenuntergang
-zu sehen. Niemand spricht. Jeder schaut nur -- ist versunken in den
-erhebenden, heiligen Anblick des langsam in einem Purpurmeer vertauchenden
-Gestirns. Wie noch hier und dort ein Hang in voller Pracht strahlt -- im
-Tal ein Fensterchen wie ein mächtiger Diamant aufblitzt -- die Wolken
-allmählich die stille, sanfte Glut annehmen, die das Herz mit Sehnsucht
-nach den Herrlichkeiten erfüllt, die sie verschleiern -- und dann, von
-der Tiefe aufsteigend, Nacht und Schatten sich um den Fuß der Berge legen,
-höher und höher klimmen und schließlich die Welt ringsum in den Schoß
-der Unendlichkeit aufnehmen. Die Menschen hier oben, die vom Zufall
-zusammengeweht sind, stehen wie auf einer kleinen Insel. Leise streicht der
-Wind durch das magere, kurze Gras -- kein Laut, kein Ton sonst! Ja, jetzt
-ist Friede. Der Friede, um den sie hier heraufgestiegen sind. Die großen
-Schauer der Einsamkeit rütteln an ihrer Seele; hier oben erwacht sie und
-füllt sich mit heiliger Freude, daß sie noch imstande ist, die Wunder
-ringsum bis ins kleinste zu empfinden und zu genießen.
-
-Schweigend kehrt man endlich, wenn das Auge nichts mehr unterscheidet, in
-die Hütte zurück. Und nun kann's eine »gemütliche« Stunde geben --
-vielleicht! Nicht immer. Manche Menschen besinnen sich zu schnell auf die
-nüchterne Wirklichkeit und ihr Naturell zurück; nur wenige haben
-den richtigen »Hüttenton«, der eben einen geraden, harmlosen,
-ungekünstelten Charakter voraussetzt. Alles Gemachte, Unnatürliche hält
-dem schlichten Rahmen der Holzwände und weiter draußen dem der
-starren Felsen nicht stand. Hier ist Natur. Sie fordert unverfälschtes
-Menschentum. »Laß die Berge den Frieden bringen unter das Volk und die
-Hügel die Gerechtigkeit.« Ich glaube nicht, daß König Salomo das war,
-was wir heute einen Alpinisten nennen. Aber den Zauber wie die Allmacht der
-Berge auf das Menschenherz -- die hatte er voll erkannt.
-
-
-
-
-Eine unterirdische Hochtour.
-
-
-Es regnete nicht: es goß. Das beliebte Münchener Schlackerwetter, das die
-Luft in undurchsichtige Rauchschwaden umwandelt und die Straßen mit zähem
-Brei überzieht, so daß man beständig, nur unpoetischer: »Schwan kleb'
-an« spielt, hatte einmal wieder von uns Besitz ergriffen, auch vom Herzen
-und allen Sinnen.
-
-»Und doch ein Wetter, wie geschaffen für eine Bergtour«, sagte mein
-Hochtourist.
-
-Ich sah ihn an: ein Meter Neuschnee wurde von allen Höhen gemeldet, bis
-tief ins Tal lag schon die weiße Decke, das Thermometer zeigte an meinem
-wärmsten Fenster (allerdings Nord-Nord-Ost!) vier Grad um die Mittagszeit
-und sank nachts in nicht zu berechnende Niederungen -- und dann eine
-Hochtour?
-
-»Gewiß -- aber eine unterirdische. Dazu langt's grade. Oder vielmehr,
-da können einem endlich mal alle Wetterprophezeiungen und -nachrichten
-gleichgültig sein, da ist man unabhängig, frei -- also?« Und auf mein
-Zögern und den nachdenklichen Blick in das braune Düster, das sich
-für Tageslicht ausgibt, lockert er mit geschickter Hand den letzten, im
-Bequemlichkeitskamin festgeklemmten Stein:
-
-»Am 24. September haben sie's eröffnet -- und wir waren noch nicht
-draußen!«
-
-Der Stein rollt. So was kann man nicht auf sich sitzen lassen! Aber ich
-versuche am nächsten Morgen doch meine Genagelten recht graziös und
-unhörbar aufzusetzen, um von niemand beim Abstieg von meiner Etage in
-die Ebene überrascht zu werden -- denn ein Badekostüm mit imprägnierter
-Fußbekleidung wäre immerhin noch passender als das Hochtouristenkostüm
-und der Rucksack. Bei der endlos langen Fahrt mit der Tram zum
-Isartalbahnhof hinaus lernt man jedoch einsehen, wie unnötig wichtig man
-sich wieder einmal vorkam, und daß sich der gute Münchener, der an die
-größten Kontraste in der Toilette seiner Mitmenschen gewöhnt ist, wegen
-einer, »die spinnt,« d. h. nicht ganz richtig im Kopf ist, nicht weiter
-aufregt. Der Hochtourist wandert rauchend am Zug auf und ab und ignoriert
-alle bescheidenen Einwürfe: »Ja, wer eben feig' ist, der soll daheim
-›am Stuhl‹ sitzen bleiben.« Ich fahre also mit ihm ab; an den
-entzückenden, heute nur zu ahnenden Villenkolonien und Ortschaften des
-Isartales vorbei. Hinter Wolfratshausen -- nicht eine Minute eher, denn
-von der Geburt bis zum Grabe speist der Münchener um 1 Uhr -- dinieren
-wir kalt aus dem Rucksack. Kalte Gans, kalte Kotelette, kalte Äpfel, kalte
-Limonade -- um uns als moderne Menschen harmonisch der kalten Umgebung
-anzupassen. »Jetzt fahren wir mit 'm Postauto -- das wissen's doch?«
-
-Ich habe es nicht gewußt und hätte nie eingewilligt -- daher schweige
-ich.
-
-In Kochel (sprich: Koh--chel) wartet es auf uns. Der Chauffeur heißt uns
-als einzige Passagiere herzlich willkommen, und -- o Wunder! -- es regnet
-nicht mehr, es sinkt nur noch feucht, aber äußerst durchdringend aus dem
-Nebel nieder. »Koh--chel« am gleichnamigen See durchfliegen wir und in
-ängstlichen Kurven die Landstraße auf und ab, an Obstgärten mit traurig
-leeren Bäumen vorüber -- durch Wald, dem die Sonne fehlt, um seine
-rostbraune Schönheit aufleuchten zu lassen, an steilen Hängen hin, um
-schmale Kehren herum, bei denen es heißt: »Hier könnte man sonst den
-und den Berg sehen« -- »da gäb's eine herrliche Talaussicht« --
-die Phantasie bekommt Spielraum genug -- das hat auch sein Gutes. Den
-Walchensee, an dessen Ufer, in Urfeld, es eine erste Station gibt, sieht
-man wirklich. Und freut sich, daß er noch da ist. »Verschandelt« nach
-Münchener Ansicht soll er nach dem berühmten Projekt, das ihn einerseits
-als Staubecken vorsieht, um den Lauf der Isar zu regulieren, andererseits
-seine Wasserkräfte für elektrische Werke -- man denkt an verschiedene
-Bahnlinien -- ausnutzen will, vom nächsten Jahr an doch schon werden.
-Freilich, zur »Reisezeit« will man ihm seinen früheren Bestand gönnen,
-und tiefer als unter 4.60 m seines gewöhnlichen Standes soll er sowieso
-nie gesetzt werden! Aber es ist wohl leider so: die Poesie und Idylle muß
-der Nützlichkeit weichen; durch einen 1070 m langen Stollen, der durch den
-Kesselberg gebohrt werden wird, soll das Walchenseewasser zum 200 m tiefer
-gelegenen Kochel geleitet werden, wodurch natürlich auch hier große
-Umwälzungen nötig sein werden, um den Bestand des Kochelsees zu
-regulieren. Über Nutzen oder Schaden dieser Riesenpläne ist man sich in
-Bayern noch recht wenig einig -- das Projekt jedoch wird verwirklicht und
-soll 19?? beendet sein. Heute sieht der vergewaltigte See recht friedlich
-aus; wie im Urzustand, ein Chaos von Wolken über ihm, als sei Wasser und
-festes Land um ihn her noch nicht geschieden. Aber unser Fuß fühlt eine
-etwas konsistentere Masse, als wir in Dorf Walchensee von Bord -- nein,
-Verzeihung, es war doch ein Auto! -- gehen. Und dann noch drei Viertel
-Stunden zu Fuß über den Katzenkopf, einen waldbestandenen Hügel, der
-reizend sein soll, wenn man ihn sieht, nicht nur fühlt, nach Einsiedl.
-Ein hübsches Gasthaus am Ende des Sees -- aber sehr einsiedelhaft in der
-jetzigen Saison. Die Autos rasen seitwärts die »Staatsstraße« empor,
-die nur ein paar Meter vom Haus vorbeiführt und es dennoch vom Getriebe
-ausschließt. Zwar, wir sind dankbar für die Ruhe. Und zufrieden, dicht am
-Ziel zu sein.
-
-Am nächsten Morgen segeln die Nebel unter gutem Wind über den See. Es
-hat stark gereift in der Nacht, und die Luft ist von köstlicher Herbe;
-vorläufig kann's uns ja noch egal sein -- aber später! -- Eine gute halbe
-Stunde geht es auf einem schmalen, frischausgehobenen Weg steil bergauf;
-wie ein schwarzes Land hebt sich die fruchtbare, schwere Erde vom Moosboden
-ab. Überall Markierungen, Pfeile, Schilder: »Es ist verboten --« und
-»es wird gebeten --«, ich fürchte, beides ohne viel Erfolg. Der Verein
-der »Naturfreunde«, dessen Arbeit uns diese Tour ermöglicht, wird bald
-sehen, daß es ein undankbares Geschäft ist, an das ästhetische Gefühl
-seiner Mitmenschen zu appellieren -- schon jetzt finden sich genug
-häßliche Spuren des »Kulturmenschen« vor. Dann stehen wir vor
-der Höhle, der Angerhöhle am Simetsberg, der unser Besuch und die
-»Hochtour« gelten soll. Der obengenannte Verein hat sie erschlossen,
-weist aber am Eingang noch einmal darauf hin, daß ihr Besuch nur auf
-eigene Rechnung und Gefahr geschähe; in einem Prospekt, den ich erhielt,
-heißt es außerdem, daß die Höhle nur in Begleitung und mit Reservelicht
-zu betreten und ihre Begehung mit Schwindel behafteten, ungeübten und
-korpulenten Personen nicht zu raten sei. Man macht also wirklich eine
-alpin-touristische Kletterei, eine richtige Hochtour im Innern der Erde!
-
-Wir zündeten unsere Laternen an, mein Stock wurde einem Baum am Eingang
-anvertraut -- dann ging's an! Gleich mit zwei sehr steilen Leitern, dann
-durch einen schmalen Gang, der das Aufrechtgehen nicht erlaubt. Das Auge
-lernt bald, den kleinen Lichtkreis der Laternen auszunützen, denn vom
-Tageslicht dringt kein Strahl in dies unheimliche Dunkel. Man hat auch
-nicht auf »Korpulente und Ungeübte« Rücksicht genommen, man muß
-klettern, sich strecken, über Dutzende von senkrecht stehenden Leitern,
-über große Blöcke, schmale Steige, die über einen Abzugskanal für
-das von den Wänden tropfende Wasser gelegt sind, dann wieder auf eisernen
-Stiften über schaurige Tiefen fort, an gähnenden Spalten vorüber und
-an düsterblinkenden Wassertümpeln -- kurzum, eine echte, rechte Hochtour
-macht man, ehe man nach einer Stunde bei bescheidenem Kerzenlicht das
-vorläufige Ende des Ganges bei einem etwa 15 m langen See erreicht. Hier
-gibt es sogar ein Höhlenbuch wie sonst ein Gipfelbuch, und ganz stolz
-über die Leistung schreibt man seinen Namen ein. Ich muß sagen, daß die
-»Angerhöhle« durch ihren alpinen Charakter von allen Höhlen, die ich je
-gesehen, am interessantesten ist. -- Dann photographierten wir; der Mensch
--- diesmal der Hochtourist -- ist ja nie zufrieden. Blitzlicht hatten wir
-mit; ich mußte es entzünden. Es ist eine empfehlenswerte Einrichtung.
-Abgesehen davon, daß mein »echter« Haselnußstock, an den ich die Tüten
-hängte, verkohlte, meine sämtlichen Fingerspitzen verbrannten, und ich
-mich in irgendeine Ecke nach vollbrachter Tat des Anzündens stürzen
-mußte, um meine Augen zu retten, erstickten wir fast an dem sich
-entwickelnden Rauch, der nirgends entweichen konnte und uns deshalb als
-Wegweiser nahm. Wir photographierten in verschiedenen Gängen -- der neue
-Rauch sammelte sich zum alten, sogar unsere kleinen Kerzen in den Laternen
-starben beinahe. Und das wäre recht unangenehm gewesen! Ob die Bilder
-»etwas« geworden sind, ist fraglich -- daß wir froh sein konnten, den
-»Naturfreunden« nicht zu begegnen, ist außer Zweifel. Als wir wieder
-ans Tageslicht kamen -- es war nicht rosig, sondern blau und golden, von
-strahlender Schönheit! -- zog der übelriechende Rauch noch immer neben
-uns her.
-
-»Macht nix,« sagte der Hochtourist ungerührt, »jetzt ist es erst
-wirklich Fafners Höhle.«
-
-Nun gab's noch einen wirklichen Gipfel, den des Simetsberges, und dann
-eine wunderbare vielstündige Wanderung bis hinunter nach Eschenlohe. Die
-glühenden Fackeln der Buchen zwischen dem Grün der Tannen, die Birken
-und Pappeln im zartesten Gelb -- silberne Herbstfäden über den harten
-Brombeerblättern, wie leichte Wolken das weißballige Jelängerjelieber,
-im Volksmund »Gemsröckl« geheißen, im Buschwerk hängend. Dazu der
-wilde Schrei der Hirsche, die ihre Liebsten vom goldnen Lager aufjagen, die
-Lüfte zerreißend -- im steinernen Bett das sanfte Lied des Waldbaches.
-Und ein Rauschen in den Baumkronen, verheißend, beseligend, daß auch nach
-diesem bunten Todesreigen die Natur zu neuem, ewig-schönem Leben erwachen
-wird.
-
-
-
-
-II.
-
-»Sie« auf Ski.
-
-
-
-
-Bei den »Säuglingen«.
-
-
-»Ausschau'n tun Sie, Säugling, als wenn S' heut' gebor'n wär'n!«
-
-Sehr genau wußte ich, daß sich diese Schmeichelei nicht auf ein unerhört
-jugendliches Aussehen, sondern auf einen glühend roten Teint bezöge.
-Blendender Schnee, starke Anstrengung, scharfe Luft und leuchtende Sonne
-machen in wenig Tagen aus der zartesten Haut -- die ich natürlich sonst
-habe! -- ein Burgunderpergament. »Wie kann man nur,« sagten meine
-Münchener Freunde, »grade zur Faschingszeit! Wo S' am Montag zum
-Bühnenball wollen!«
-
-Ich fürchte, es wird weder etwas mit dem Bühnenball noch mit einem
-andern. Denn außer einem Rote-Grütze-Teint bringe ich ein stark
-lädiertes Bein mit heim, das sich der kräftigste Herr des Kurses als
-Stützpunkt bei einem Fall ausersehen hat. Aber was tut das alles? Können
-die gestörte Schönheit oder ein verrenktes Körperglied ins Gewicht
-fallen gegen diese köstlichen, frohen Tage unter Zdarskys Leitung? Was
-dieser Mann mit 159 Personen, von denen die meisten blutige Anfänger in
-der hohen Kunst des Skifahrens sind, in wenig Tagen macht, wie er vor allem
-aus einer disziplinlosen Masse mit allen bösen Instinkten der Menge, als
-da sind: Ungehorsam, Unbotmäßigkeit, Widerspruch, Besserwissen usw.,
-einen wohlgeschulten, gefügigen Körper ausbildet, der ihm aufs Wort
-gehorcht und immer mehr einsieht, welch ungeheure Nächstenliebe und
-Aufopferung dazu gehört, monatelang in jedem Winter ohne den geringsten
-Entgelt außer dem Dank der »Säuglinge« Hunderte mehr oder minder
-Geschickter anzulernen, das ist erstaunlich. Und scheint mir bei aller
-hohen Achtung vor der Kunst und dem selten vielseitigen Wissen dieses
-Mannes das bewundernswerteste. Es ist geradezu spaßhaft zu sehen, wie zahm
-auch die Kecksten werden; und wie man selbst auch nicht auf den Gedanken
-käme, irgend etwas anderes zu machen, als er es in unermüdlicher Geduld
-»vorturnt«. Dies genaue, schulgemäße Wiederholen aller Übungen tut
-auch dem Vorgeschrittenen gut -- weshalb ich nur jedem raten kann, von Zeit
-zu Zeit einmal wieder an einem Kurs teilzunehmen -- denn nur zu leicht wird
-man bei kürzeren Touren und gutem Schnee gegen viele Regeln gleichgültig
-und hat dafür in Ernstfällen zu leiden. Zdarskys Methode, die ja nur den
-Zweck verfolgt, Bergtouren im Winter zu ermöglichen, verlangt eben eine
-exakte Ausführung ihrer auf gründlichster Erfahrung und Berücksichtigung
-aller vorkommenden alpinen Verhältnisse aufgebauten Gebote. Da darf man
-sich gern einmal wieder als »Säugling« betrachten, wie er seine Schüler
-mit Vorliebe benennt, und sich in Reih und Glied mitaufstellen, um seinen
-militärisch gegebenen Kommandos präzise zu folgen. Für den vierten
-alpinen Ski-Kurs, der »heuer« vom 14. bis zum 21. Januar stattfand,
-war ein herrliches Gelände ausersehen, nämlich das um Oberammergau. Mit
-seinen mäßigen Hügeln, die auch dem Anfänger Mut zum »Stemmfahren«
-und »Stemmbogenfahren« machen, und den schönen Bergen für die üblichen
-Touren der letzten Tage, wäre es »ideal« gewesen -- falls sich ein
-besserer Schnee vorgefunden hätte. Ich muß sagen, daß ich mir recht
-lächerlich vorkam, als ich vor acht Tagen mit voller Skiausrüstung die
-Reise zum Passionsdorf antrat und immer weiter in eine grünende Landschaft
-hineingeriet, über der schon Frühlingshoffnung zu schimmern schien. Von
-Schnee ka Spur! Ein Hamburger, der eigens zum Kurs aus seiner nebligen
-Stadt herunterkam -- es sind übrigens Teilnehmer aus ganz Deutschland
-und Österreich vorhanden -- kehrte schleunigst wieder um, angesichts des
-bißchen Rauhreifs, der da und dort in den Wäldern hing. Der ungläubige
-Thomas mag sich stark ärgern, wenn er nun erfährt, wie schön es
-besonders in den ersten Tagen war: köstlichster Pulverschnee, in dem sich
-die Stemmbögen wie von selbst schlugen. Nun freilich ist der Schnee bei
-starker Sonne am Tage und Frost des Nachts verharscht, und das
-»Abfahren -- marsch!« löst keine reine Freude in der Seele auch des
-charakterfestesten Skifahrers mehr aus. Z. B. gestern, die erste Tagestour
-zum Laber-Joch hinauf. Zdarsky schont seine »Säuglinge« nicht. Mit
-größtem Geschick wählt er seinen Weg so, daß alles, was man gelernt
-hat: Hindernisse nehmen, Zäune überklettern, Bäche durchwaten usw.,
-angewendet werden muß. Dann heißt's plötzlich: »Abschnallen«, und
-über eine Stunde hat man die Skier auf der Schulter einen steilen,
-vereisten Hohlweg emporzutragen. »Das zieht hin«, sagt man bei uns im
-Norden. Dann wieder: »Anschnallen«, und die freundliche Erlaubnis, nun
-eine Viertelstunde auf den Skiern auszuruhen. Aber die Sonne glitzert auf
-dem blauweißen Schnee, die Gipfel ringsum funkeln im Licht, wolkenlos
-spannt sich der Himmel über den Wäldern -- da kommt mit dem ruhigeren
-Atem die Freude an all dem Schönen zurück -- und das Vergnügen, mit
-frischen, gesunden Menschen zusammen zu sein, bei denen die Liebe zur
-Natur und zum Sport einmal glücklich alle kleinlichen eitlen Regungen
-ausgelöscht hat. Darauf geht's tapfer bergauf mit der Devise:
-»Spurhalten«, bis ein schöner, sonnenbeschienener Platz erreicht
-ist: »Eine Stunde Rast«. Ein Rieseneifer entwickelt sich; genau nach
-Vorschrift wird im Schnee ein Platz ausgetreten, die Skier dienen als Sitz,
-die Fäustlinge werden zum Wärmen über die Fußspitzen gezogen -- wer ein
-Zdarsky-Zelt besitzt, zieht es mit zwei Griffen um sich her, andere suchen
-im Freien einen geschützten Punkt, um unter dem mit Schnee gefüllten
-Kochapparat den famosen Zdarsky-Brenner anzünden zu können. Ein lustiges
-Lagerleben entwickelt sich blitzschnell, Obst und Süßigkeiten werden
-ausgetauscht, nach dem alten Grundsatz, daß Fremdes immer besser schmeckt
-als das eigene. »Und die Photographen arbeiten fieberhaft.« Kocher sind
-bekanntlich dazu da, um im letzten Moment umzustürzen. Trotz des Vorwurfes
-meines Hochtouristen, ich hätte den Apparat »natürlich« falsch
-aufgestellt, nämlich nach genauer Vorschrift auf den flachgelegten Skiern,
-kochte mein Teewasser beinahe, und ich verschüttete nur ein Viertel des
-Inhalts. Nun übernahm er die Wacht -- Männer können bekanntlich alles
-besser -- auch kochen! -- tat mit Riesenwichtigkeit gleich Zucker und
-Teekonserven in die schmelzende Masse, und sagte: »Wer mir nun an den
-Skier stößt, den --« Es kochte -- und auf die Sekunde warf er den ganzen
-Apparat um! »Es ist leichter, Tee zu trinken als zu bereiten«, sagte ein
-Nachbar gefühllos und trank die mitgebrachte Flasche leer, während wir
-auf den braunen Teefleck im reinen Schneetischtuch starrten. Ich glaube,
-es ist einerlei, welchen Kocher man besitzt; sie besitzen alle dieselbe
-Eigenschaft, erst umzufallen, sobald es kocht.
-
-»Anschnallen!« Die Rucksäcke werden gepackt und »modelliert«, damit
-sie nicht drücken, und weiter geht's, bis sich die Talmulde vor uns
-weitet. Lawinenstürze durchfurchen die weißen Hänge, und ruhig, von
-Zeit zu Zeit den Schnee prüfend, legt der stets voranschreitende Hirt eine
-flache Spur an, die allmählich, in langen Serpentinen, die Herde empor
-zum Joch führt. Mehrmals kreuzen wir die Lawinen, aber da ist niemand,
-dem auch nur ein Bedenken aufsteigt. Aus den Vorträgen, die Zdarsky
-allabendlich von acht bis zehn Uhr hält, und in denen er alle Themata,
-die dem Skifahrer wichtig sind, berührt, angefangen von der Haut- und
-Körperpflege, der Kleidung bis zu den alpinen Gefahren, weiß man, wie
-vertraut diesem Mann die Schnee- und Eisverhältnisse sind; unbedingt
-überläßt man sich seiner Führung. Eine lange Kolonne, noch immer über
-hundert Personen -- die anderen sind aus irgendeinem Grund von dieser
-Tagespartie abgefallen -- steigt aufwärts, »wendet« an den Kehren, eine
-Prozedur, deren glückliches Gelingen am Hang mehr als sonst irgendein
-menschliches Tun vom Zufall abhängig ist, und blickt sehnsuchtsvoll zum
-Joch hinauf: noch zwei Stunden, bis man jenseits in die Ebene hinabschauen
-kann -- noch anderthalb -- noch eine -- da heißt es: »Halt!« Gute
-Läufer gebrauchen noch dreiviertel Stunden bis »hihnauf« -- mit dem Gros
-der Säuglinge, dem Zeitverlust an den Kehren, würde es noch fünfviertel
-Stunden dauern. Es geht nicht, man käme in die Nacht hinein. Wer sich dazu
-imstande fühlt, mag den Aufstieg versuchen -- für die übrigen heißt es
-»abfahren«. Aber wie?! Der Schnee ist tellerbrüchig, d. h. er bricht
-in großen, harten Stücken bei jedem Tritt ab; deshalb ist Stemmfahren
-unmöglich, ebenso »Reitsitz«. Bleibt nichts übrig, als die Spur einfach
-zurückfahren. Nun, das geht schneller als das Bergauf, ist nicht gerade
-das Ideal der Abfahrt und zeitigt auch noch viele Stürze. Durch den Wald
-geht's schöner als am Berg und gestattet zum Teil sogar Stemmbögen.
-Am Hohlweg wird man zum »Reitsitz« eingeladen. Mir scheint es eine
-vortreffliche, wenn auf die Dauer auch nicht angenehme Massage für den
-ganzen Körper. Am Schluß weiß man, wo jeder Knochen sitzt und jede
-Muskel angewachsen ist. Die von der Kleidung verdeckte Haut sticht
-überhaupt nach diesen Tagen von der roten des hehren Antlitzes ab;
-denn sie ist -- nicht weiß, o nein, sondern blau und grün. Ein rosiger
-Abendhimmel liegt über dem stillen, kleinen Dorf zu unseren Füßen;
-die Glocken läuten schon den Sonntag ein. Man ist daheim; glücklich und
-ziemlich heil. Und morgen geht's fort. Eins hat nur gefehlt: Neuschnee.
-Aber der Mensch darf nicht alles wollen! -- Von niemand besser als von
-Zdarsky, diesem seltsamen, großen Menschen, kann man ja Bescheidenheit
-und Anspruchslosigkeit lernen. Das ist ein Extrageschenk an seine
-»Säuglinge« -- ein größeres noch als seine Kunst, die uns die
-Herrlichkeiten des Wintergebirges erschließt.
-
-
-
-
-Die erste »Ausfahrt«.
-
-
-»Na ja«, sagte ich, zwar nicht ganz überzeugt davon, daß es für mich
-auf dem Übungshügel, zu dem wir täglich einen etwas steileren ausgesucht
-hatten, nichts mehr zu lernen gäbe, und daß ich meine Kenntnisse nun im
-Gelände erproben müsse, aber doch nachgiebig, um nicht in den Geruch
-der Feigheit zu kommen -- dieser Eigenschaft, die jeder Berechtigung zu
-irgendeinem Sport sofort Grund und Boden abgraben soll. Und bis dahin
-hatte ich Mut bewiesen, viel Mut; nicht nur darin, daß ich gleich versucht
-hätte -- was ja alle anderen auch müssen! -- auf den unzuverlässigen
-langen Holzschuhen von einem Abhang in die Tiefe zu gleiten, sondern daß
-ich nach den Tausenden von Stürzen, von denen meine Übungen während
-einer ganzen Woche unterbrochen worden waren, mich immer von neuem erhob,
-meine Glieder einrenkte und unverdrossen wieder bergauf stieg, als sei mir
-nicht das geringste passiert.
-
-Und doch herrschte nur _eine_ Stimme darüber, daß ich im Fallen den
-Rekord erreicht habe! Ich kann nicht behaupten, daß mein Lebensziel:
-irgendwo und bei irgendeiner Leistung einmal die erste zu sein, sich gerade
-auf das Hinfallen konzentriert hätte, aber es scheint, daß man nicht nach
-der Art des Wunsches gefragt wird -- eines Tages wird er einem erfüllt,
-und es bleibt nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. -- Ich konnte
-jetzt aber nicht nur hinstürzen, sondern besaß die hohe Kunst der alpinen
-Technik, d. h. ich konnte »Stemmbogen« fahren, war mithin in der
-Lage, jeden Abgrund nicht von vornherein kopfüber, sondern erst nach
-verschiedenen Bogenlinien hinunterzusausen -- denn daß man zum Schluß
-_nicht_ hinfällt, das soll eigentlich nur Ausnahmemenschen passieren. Zu
-denen gehöre ich in keiner Beziehung.
-
-Den Rucksack auf dem Rücken, den Bambusstock nach Lilienfelder Art (nicht
-die zwei schwedischen Zündhölzer nach Norweger Manier!) in der mit
-dickstem Fausthandschuh versehenen Rechten, so zogen wir also eines
-wirklich schönen Morgens bei 10 Grad Minus und prachtvollem Rauhreif von
-Neuhaus bei Schliersee durchs Josephstal bergauf. Vorläufig zogen wir auch
-die Skier am Tragriemen hinter uns her, denn eine steile, glatt gefahrene
-und -gefrorene Straße mit scharfen Kurven frißt die Kräfte zu sehr; man
-überwindet sie lieber mit Nagelschuhen! Um so schöner muß nachher
-die Abfahrt auf ihr sein. Wenigstens behauptete das mein über die
-Anfangsstadien des Skisports hinausgewachsener Hochtourist; und ich glaubte
-ihm natürlich. Wir Frauen haben trotz aller modernen Regungen noch immer
-viel Respekt vor männlichen Aussprüchen, und eine »blutige Anfängerin«
-tut außerdem am besten, blindlings den Worten eines Erfahrenen zu glauben.
-Das sagte der Hochtourist auch nicht ein-, sondern mehrmals.
-
-Ich wanderte versonnen dahin, zögerte zuweilen an besonders schwierigen
-Stellen und war von Herzen dankbar, daß sie durch Geländer versichert
-seien. Nicht gerade für mich -- aber mancher Unfähige konnte an diesen
-unbehaglichen Kurven doch leicht Schaden nehmen! An anderen Biegungen
-beschloß ich, den sich etwas unverschämt in den Weg drängenden
-Granitfelsen mit graziöser Schlängelung auszuweichen -- kurzum, der Wald,
-der mit uns bis zum Spitzing-Sattel emporstieg, und ich, wir wurden recht
-gute Freunde, und ich empfand wieder einmal tief, daß es mir gegeben ist,
-schnell zu der mich umgebenden Natur ein Verhältnis zu finden.
-
-»Gott sei Dank,« sagte der Hochtourist, als wir oben am zugefrorenen
-Spitzingsee eine kleine Rast machten, »daß die Alm oben bewirtschaftet
-ist! Der Proviant wiegt doch immer tüchtig -- heute fühlt man den
-Rucksack kaum.« -- Ich widersprach nicht, obgleich die Toilettesachen
-einer Frau immer etwas reichhaltiger sind, mag sie auch fast alle
-Ansprüche auf Luxus im Tal gelassen haben, und ich willigte ein, da es von
-nun an doch bedeutend steiler wurde, meinen Kleiderrock und mein Jackett
-mir noch in den Rucksack packen zu lassen. In Beinkleidern bewegt man sich
-bedeutend leichter, und warm genug würde es mir ohnehin schon werden!
-
-Dies ist die einzige Prophezeiung, die eingetroffen ist! Sogar siedend
-heiß wurde mir, als ungefähr nach einer halben Stunde auf einem sehr
-schmalen, am steilen Hang entlang führenden Fußsteig der Schnee unter
-meinem linken Ski nachgab und ich nach meiner Meinung unaufhaltsam in die
-Tiefe kollerte. Ich schrie um Hilfe, ließ meinen Stock fahren, fiel immer
-tiefer in den Schnee, so daß ich weder wußte, wo meine Beine, noch wo
-meine Arme seien und musterte angstvoll die Bäume, um den zu entdecken, an
-dem ich zerschellen würde. Sie sahen alle gleich erwartungsvoll aus, und
-in meine Todesangst hinein sagte von oben die Stimme meines Hochtouristen:
-
-»Erstens läßt man sich nicht hinunterkollern, sondern stemmt sofort den
-Stock vor den Skiern ein; zweitens haben Sie vergessen, sich quer zum Hang
-zu drehen, drittens -- --«
-
-Meine aufwallende Empörung gab mir die Kraft zum Sprechen zurück: gab man
-einem in Todesangst Schwebenden gute Lehren? Durfte noch von irgendwelchen
-Theorien die Rede sein, wenn höchste Gefahr im Verzuge war -- schien
-es christlich oder auch nur menschlich denkbar, einem Verlorenen nicht
-beizuspringen --? -- »Fällt mir gar nicht ein! Sie sind auch nicht in
-Todesgefahr: schauen Sie sich nur um, kaum zwei Meter sind Sie abgerutscht!
-Und das erste Prinzip beim Skifahren ist: niemand zu helfen --«
-
-Selten im Leben habe ich solch eine Verachtung für einen Menschen
-empfunden. Er und seine Worte waren Luft für mich! Entgegen allen Lehren,
-sogar denen, die ich mir schon angeeignet hatte, krabbelte ich nach
-eigenem Ermessen, das natürlich bedeutend mehr anstrengte und mehr Zeit in
-Anspruch nahm, auf den Weg zurück.
-
-Mein Hochtourist ignorierte mein Schweigen; mit der Beredsamkeit, die
-auch dem ruhigsten Sportsmann eigen ist, sobald er auf sein Gebiet kommt,
-schilderte er mir die zahllosen Möglichkeiten und Errettungen bei einem
-Absturz, illustriert durch mehr und minder passende Beispiele. An mir
-prallte alles ab; wie die andern sich retteten, mit welcher Umsicht, mit
-wieviel Energie, das galt mir nichts mehr. Mein Unfall hatte mir jedenfalls
-gestattet, einen Einblick in das alpine Herz meines Begleiters zu tun --
-und ich fand es stark verroht! Wenn der Sport dazu dienen soll --!
-
-»Nun kommt die erste größere Abfahrt im Gelände,« ordentlich
-begeistert klang seine Stimme, »nun sollen Sie mal beweisen, was Sie
-gelernt haben!«
-
-Ich --? Nichts! Ich würde es nicht können, ich bekam Platzfurcht, die
-Tannen mit ihren schneebedeckten Zweigen drehten sich vor mir, der Himmel
-verwandelte sein Kobaltblau in ein giftiges Grün -- -- --
-
-»Wenn's ›Übungshügel‹ hieße, nachher wären Sie schon drunten! Und
-gar, wenn der Herr Lehrer dabei wäre oder die andern Anfänger --! Nur
-weil's eben 'was Neues ist, sind Sie feige --« -- Mein Gott, war ich das
-wirklich?! Ich maß die Höhe ab, sie war geringer als all meine letzten
-Probiergegenden, ich sah auf meine Skier, ich biß die Zähne aufeinander
-und lehnte mich vornüber -- -- es ging nicht.
-
-»Also nachher fahren S' da in die Wiesen 'nein und dann auf mich zu, im
-Bogen! Aber nicht nach links, denn da ist ein tiefes Loch -- -- --«
-
-Ich fuhr geschwind und mit aller Gewalt in das tiefe Loch.
-
-»Das haben Sie ja nur gewollt«, sagte ich zu meinem Hochtouristen. Und
-dann fuhren wir als Todfeinde in ziemlicher Entfernung voneinander zur
-Fürstalm hinunter.
-
-Aber gemeinsames Leid, vor allem gemeinsames Schimpfen verbindet ungeheuer;
-es gab keinen Bissen Brot mehr in der Fürstalm, die Sonntagsgäste hatten
-alles verzehrt, und was noch übrig gewesen war, eine Abteilung Soldaten,
-die von ihren Offizieren im Sport unterrichtet wurden. Wir konnten froh
-sein, eine Tasse dünnen Kaffees und ein paar gesottene Eier zu bekommen --
-dafür saßen wir draußen in der schönsten strahlenden Sonne. Vor uns lag
-der Berg, den wir uns ausersehen hatten: der Stümpfling.
-
-»Nur noch dreiviertel Stunden -- bis dahinauf zu seiner runden Kuppe?!«
-Nein, ich wollte nicht hinauf, ich wollte überhaupt nur abfahren und den
-Sport ein für allemal aufgeben. _Mir_ machte er keinen Spaß, das hatte
-ich heute erfahren, immer nur fallen, abstürzen, sich ängstigen -- -- --
-
-Bis ich meinen Kaffee getrunken hatte. Und die merkwürdig frischen Eier
-gegessen -- Eier, wie sie in München nur noch in alten Märchen vorkommen.
-Aber so dicht vorm Ziel umkehren -- das ist wirklich feige! Und was ich mir
-im Leben vorgenommen und angefangen habe, das führe ich immer durch. _Ein_
-Prinzip muß der Mensch doch haben.
-
-Ich ließ mich nicht auf Erörterungen ein, ich sagte nur: »Ich gehe doch
-hinauf!« und schnallte meine Skier wieder an. Der Hochtourist lachte.
-
-Wir trugen die Rucksäcke hinüber und deponierten sie im Schnee, um sie
-bei der Rückkunft wieder mitzunehmen. Und trotzdem ja meine Last kaum zu
-spüren sein sollte, konnte ich die dreiviertel Stunden überwinden, als
-seien mir Flügel gewachsen.
-
-Der Stümpfling bietet eine ganz schöne Aussicht über die Schlierseer
-Berge, aber übermäßigen Genuß hatte ich nicht davon: Die Abfahrt
--- Herrgott, wenn nur die Abfahrt nicht gewesen wäre! -- Bis zu den
-Rucksäcken ging's; sie leuchteten vertrauensvoll aus dem Schnee wie
-düstere, aber doch Anhaltspunkte gebende Sterne. Auch die für Anfänger
-so berühmte und gute Abfahrt bis zum Spitzingsattel wurde ohne besondere
-Katastrophen überwunden. Ein paarmal Kopfüberstürzen, mit dem Gesicht
-in den Schnee, oder bis an die Schultern einsinken -- das sind nicht
-nennenswerte Kleinigkeiten! -- Die Platzfurcht war merkwürdigerweise auch
-überwunden. Aber dann -- die liebe Straße durch den Wald, mit den Kurven,
-die ich am Morgen schon sorgsam studiert habe -- die hat's in sich! Und
-noch Stemmfahren, d. h. ein Bein im Winkel zum anderen stellen, wenn
-ohnehin die Kniee schon zittern, an dieser Kurve das Geländer zum Absturz,
-an jener ein vorspringender Granitfels zum Kopfzerschellen lockt, wenn
-der Schnee zum größten Teil vereist ist und man gerade, wenn man langsam
-fahren oder sogar bremsen möchte, in rasendste Geschwindigkeit gerät,
-das ist ein Kampf mit dem Objekt, zu dem schon gute Nerven und Ausdauer
-gehören. Ich sah ein, daß die Freundschaft für den Wald nur von meiner
-Seite aus empfunden wurde, und daß die Bäume, die Felsen, die Abhänge
-wie Feinde auf mich lauerten. Aber ich bin ihnen entkommen; zwar mit
-farbigen Merkmalen des Ringens am ganzen Körper, mit einem Teint, als
-hätte ich wochenlange Hochtouren hinter mir und dem Gefühl, als wäre der
-Ausdruck »mit heiler Haut« reichlich optimistisch gewählt. Trotzdem bin
-vorläufig doch ich der Sieger. Und den nächsten Berg, auf den ich mit
-Skiern steige, den habe ich mir schon ausgewählt!
-
-
-
-
-Aus der Winterfrische.
-
-
-Fast mehr noch als im Sommer wird dem zur Natur bekehrten Kulturmenschen
-plötzlich im Winter die Stadt mit ihren tausend Ansprüchen »z'wider«.
-Weihnachten und Silvester haben seinem Magen, seiner Börse und seinen
-Gefühlen den Rest gegeben, in jeder Hinsicht ist er übersättigt. Die
-letzten Krümel Marzipan, wie die mit Dankesworten kunstlos durchwebten
-Neujahrsbriefe bringen ihm einen bittern Geschmack auf die Zunge. Hinterher
-scheint es ihm, »daß es mal wieder nichts war«, wenigstens kein Jungbad
-der Freude, mehr ein Untertauchen im Fango -- und seine Seele zieht aus,
-um einen reinen Sprudel zu suchen. Setze dich in die Bahn und fahre
-von München aus nach Süden, Ost oder West, das Gute, das Schöne, das
-Herzerquickende liegt so nahe, nur eines kleinen Ruckes der Energie bedarf
-es, um dir vorzustellen, daß der Fasching ebenso froh ohne dich sein wird,
-daß man auf Soupers und den berühmten -- bequemen Nachmittagstees kaum
-nach dir fragen wird, daß Konzerte und Theater, die du dir ohne deine
-Gegenwart nicht vorstellen kannst, genau ihren guten oder peinlichen
-Verlauf ohne dich nehmen werden. Ach, lieber Gott! du ahnst nicht, wie
-überflüssig du bist, wie bedeutungslos deine Persönlichkeit -- aber
-diese Erkenntnis, die dich daheim zuweilen heimlich grämt, so daß du
-beflissen bist, sie ängstlich vor dir selbst und anderen zu verstecken,
-hier draußen lächelst du über sie: hier bist du ja noch viel, viel
-weniger, ein Fleckchen, das die Sonne bescheint, ein Atom, das sich preisen
-muß, bescheiden in der Stille zu stehen und die Pracht nicht in ihrer
-Harmonie zu stören!
-
-Einen weltabgelegenen Platz habe ich gefunden, an dem man nichts von der
-Eisenbahn hört noch sieht, vor dem sogar die altmodische Post auf ihren
-Schlittenkufen in einer knappen halben Stunde haltmacht. Im Schatten der
-entzückenden, von Meisterhand bemalten Wallfahrtskirehe von Birkenstein
-liegt das Haus, der Waldbach an seiner Seite murmelt leise in deinen Traum
-hinein. Der Nußhäher klopft mit starkem Schnabel ans Fenster und bittet
-um sein Frühstück, Buchfinken, Goldammer und zierliche Spechtarten
-durchzwitschern schon den Garten, der Zaunkönig lugt vorsichtig aus dem
-Buschwerk. Schlage deine Augen auf, trinke die Sonne ein, die durch die
-glitzernden Scheiben flimmert! -- der Tag ist dein, dein die Welt, die
-Höhen, der Wald, die stillen Marterln am Wegrand, die stolze Majestät der
-makellosen Schneefelder! Schnell deinen Kaffee; der Raum ist erfüllt von
-jungen, gesunden Menschen, die mit Leib und Seele ihrem Sport huldigen,
-und bei deren frohem Anblick man sich sagt: »Gott sei Dank, noch ist
-Deutschland nicht verloren!« -- Dann holst du dir deine Skier, prüfst mit
-geübtem Blick Bindung und Schrauben, trittst hinein, nimmst als einzige
-Last den Bambusstock sorglos unter den Arm, und nun fort, fort. Anfangs
-über glattgefrorene »Ziehwege«, von den schweren Holzschlitten mit ihrer
-nachschleppenden Last schön ausgefahren, dann seitwärts hinauf an
-einem Hang, der dich lockt, und immer weiter hinein in die verschneite
-Einsamkeit. Da oben liegt ein Gipfel, dessen weiche Konturen rosa
-überstrahlt sind, tapfer setzt sich ein Ski vor den andern in die
-Wunderwerke der kristallenen Decke, und ohne Atemnot, leicht und frei die
-kalte, köstliche Luft in die Lungen saugend, stehst du auf der Höhe, die
-Erde mit ihrer Herrlichkeit zu deinen Füßen. Unten im Tal wogt noch der
-Nebelkampf, in weißen Massen schiebt's sich an den Hängen entlang, nur
-blitzartig Dörfer, Kapellen, Wälder entschleiernd. Aber die Sonne
-lacht ob dieser Spielerei wie eine immer geduldige, nachsichtige Mutter,
-schrittweise, als wollte sie niemand wehtun, erobert sie sich das Feld --
-und plötzlich taucht wie neugeboren und unverhüllt das gewaltige Bild
-des Tales vor dir auf. Und du durftest wieder einmal dabei sein bei der
-Offenbarung vollendetster Schönheit -- was kann dich noch treffen, dich
-niederdrücken mit einem Schatz solcher Freuden im Herzen?!
-
-Nicht nur deinen Mut, deine Energie stählst du auf diesen stillen Fahrten
-in das wirkliche Märchenland, wahre Lebensfreude und -fähigkeit nimmst
-du mit fort als besten Teil! Und nun die Abfahrt. Lange Zeit hieß es:
-»Stemmfahren -- stemmfahren -- und nicht verzweifeln!« Endlich löste
-sich das Rätsel, und zwar nach Art der meisten Rätsel auf die einfachste
-Weise: alles Überlegen, alle Theorie erscheint überflüssig, hemmend --
-eben weil sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, und jeder bildet
-sich ein, diese zu alpinen Touren absolut notwendige Technik sich allein
-angeeignet und allein erfunden zu haben. Der »Meister« hier ist längst
-an die Ketzerei der Flüggegewordenen gewöhnt, er lächelt nur darüber.
-Man selbst fühlt sich verwachsen mit den langen, schlanken Eschenhölzern,
-nach Belieben setzt man sich in Bewegung, schlängelt sich in
-Serpentinlinien kreuz und quer durch den Wald hinunter und überläßt sich
-an freien Hängen dem Hochgenuß eleganter Stemmbogen, bald den Stock
-je nach der Wendung rechts oder links einsetzend, bald ihn bei ebenerem
-Terrain unterm Arm haltend. »Wer Stemmbogen fahren kann, beherrscht die
-Welt« -- mindestens die winterliche, alpine; und wer zuerst mal ohne Sturz
-einen Hügel »besiegt« hat, kommt sich wie ein kleiner Napoleon vor.
-Freilich, mehr Mühe, als die Götter sonst vor den Erfolg gesetzt haben,
-braucht man zur vollkommenen Aneignung dieses »Sports des Fallens«, wie
-ich ihn anfangs voll Wut selbst getauft habe. Aber kaum ein anderer löst
-dafür solch eine Befriedigung aus, da er den Genuß sonst verschlossener
-Freuden im Winter ermöglicht.
-
-Wenn Neuschnee fällt und es unaufhörlich vom grauweißen, kaum
-erkennbaren Himmel niederrieselt, gibt's zur Abwechslung frohe
-Rodelpartien. Daß man als Skifahrer dies Vergnügen verachten soll, ist
-ein törichtes Märchen; so einmal gedankenlos, flachliegend, nur an den
-Kurven mechanisch das Gewicht verteilend, in rasender Fahrt bergab zu
-fliegen, das tut außerordentlich wohl, und beim mühseligen Bergaufziehen
-des Schlittens muß man sich stoisch damit trösten, daß dies eben der
-gesündere Teil sei! Eine »Seeschlange« haben wir gemacht und alle
-rodelnden Jungen -- und wer rodelte hier nicht, wo man seine Besorgungen,
-seien es Briefmarken oder Milch, mit dem Schlitten absolviert! -- mit
-ihren Rodeln an den unserigen gebunden und so in langer Kette zu ihrem
-und unserem höchsten Gaudium zu Tal gefahren: »A Hetz' war's«, wie sie
-versicherten. Die kleinsten Kinder fahren hier von Höhen herunter --
-die Hände in den Muffen oder Hosentaschen, gelinde mit den Hacken
-ihrer winzigen, nagelbeschlagenen Schuhen steuernd --, bei deren Anblick
-Stadtmüttern alle Haare, falsche wie echte, zu Berge stehen würden.
-Hier sieht niemand hin, wenn sich ein paar der geborenen Sportsleute
-übereinanderkugeln, aber es weint auch keiner bei einem noch so derben
-Puff.
-
-Wir sind aber nicht nur ländlich: gestern hatten wir einen Ball,
-beim Kramerwirt. Mit einer Musikkapelle auf dem Podium, einem mit
-Tannengirlanden geputzten Saal, und Blumensträußen aus München, die
-sich am seidenen Brusttuch der Vronis und Zenzis nicht schlecht ausnahmen.
-»Geschuhplattelt is worden« -- und mit eisernen Mienen fanden sich die
-Tänzerinnen zu den Armen ihrer stampfenden, mit den Händen klatschenden
-Partner zurück. Der Tanz ist hier etwas sehr Ernstes, Würdevolles --
-niemand lacht, niemand spricht ein Wort dabei. Aber ist die Tour beendet,
-die im Laufe des Abends immer kürzer wurde, so traktiert »er« »sie«
-mit einem Trunk. Ich gestehe, daß ich etwas Kopfschmerzen habe, trotzdem
-ich nicht ein Achtel von den Musikern geleistet habe, die sich schließlich
-als gänzlich unabhängige Menschen entpuppten und nach eigenem Behagen und
-eigenem Takt ihren Part erledigten.
-
-Ja, hier ist Freiheit, Schönheit, Lebensfreude! Es leben die Berge -- es
-lebe der Winter!
-
-
-
-
-Das Talbein.
-
-
-Als Konny Bendemann ihr Fenster öffnete, um in ihr enges Zimmerchen die
-ihr anempfohlene Bergluft hereinzulassen, fesselte sie ein merkwürdiger
-Anblick: die ganze Straße, so weit sie nur sehen konnte, durchwanderte
-ein Zug schweigsamer Menschen, deren Köpfe von je zwei langen Hölzern
-überragt wurden, so daß ihre Erscheinungen aufrecht gestellten
-Riesen-Hirschkäfern glichen. Ach ja, heute begann der berühmte Kurs des
-Schneeschuhlaufens unter der Leitung des noch berühmteren Skiapostels,
-von dessen Künsten, auch den erzieherischen, man sich Wunder erzählte.
-Behaupteten doch seine Anhänger, daß es für die nach seiner Methode
-Fahrenden keinerlei Schwierigkeiten mehr gäbe, und ebenso, daß auch der
-Feigste steile Hänge spielend auf- und absteigen könne. Der Feigste!
-Konny schlug in Gedanken an die eigene Brust.
-
-Nur eine Bergpartie hatte sie im Leben gemacht, zum Wendelstein hinauf;
-aber da sie sich beim Abstieg während eines Gewitters ungeheuer kläglich
-benommen hatte, so hatten ihre Bekannten geschworen, sie nie wieder
-mitzunehmen. Doch im Winter, wo auch Gewitter seltene Erscheinungen waren,
-da mußte es ganz herrlich sein, über den Schnee durch bereifte Wälder
-zu eilen und dann von oben abwärts zu sausen -- z. B. von der Alpspitz
-drüben! Sie hatte ungefähr eine Vorstellung davon, als würde man über
-deren scharf abgeschrägten Rücken entlang geradenwegs zu Tal fahren
-können. Melancholischen Blickes verfolgte sie den Zug weiter: ja, wenn man
-nicht so allein wäre -- wenn irgend jemand ihr zugeredet hätte -- --.
-
-Da rief eine übermütige Stimme zu ihr hinauf: »Geschwind, Fräulein! Sie
-werden ja sonst die Letzte -- man immer vorwärts!«
-
-Natürlich ein Norddeutscher: die hatten für ihre Ebenen ja auch diesen
-Sport besonders nötig, und bemerkbar machen mußten sie sich auch -- wie
-immer! Dennoch freute sie der Gruß; und daß man als selbstverständlich
-annahm, auch sie würde sich beteiligen. -- -- Und weshalb denn nicht?
-Diese Menschen da, die noch immer paarweise an ihr vorüberzogen, kannten
-sich doch auch nicht alle, nur der Wunsch, dasselbe zu lernen, verknüpfte
-sie. Also -- --. Und trug sie nicht auch Wickelgamaschen und Nagelschuhe
-und Mütze und Schleier zum fußfreien Kostüm?! Was fehlte, das waren die
-Skier -- sollte an solcher Kleinigkeit das Unternehmen scheitern?
-
-»Ich komme nicht zu Tisch«, rief sie im Vorbeilaufen ihrer Wirtin zu.
-Und eh' noch die Frau Deixlmair Protest einlegen konnte, weil nun doch das
-schöne »Ohchsenfleisch«, das vorher die köstliche Rindssuppe lieferte,
-umsonst gekauft worden sei, war sie bereits über die drei Steinstufen
-hinuntergesprungen und beim Nachbar, dem Herrn Ludl, in den Laden
-gestürzt. Und da besagter Herr Ludl »überhaupts und ohnehihn« dem
-»Kumité« angehörte und ungefähr tat, als sei er mit Skiern auf die
-Welt gekommen, so machte das Aussuchen eines passenden Paares keinerlei
-Schwierigkeiten, und sie nachträglich anmelden, das konnte er schon
-übernehmen -- er durft's schon wagen!
-
-Atemlos vom Laufen und dem ungewohnten und daher unbequemen Tragen der
-langen Schuhe kam sie als Letzte in der Ebene an, die im engern Kreise
-von niedrigen Hügeln umgeben war, und die sich der Herr Doktor daher als
-Übungsgelände ersehen hatte. Er selbst nahm jetzt einen etwas erhöhten
-Standpunkt ein und erläuterte seinen Zuhörern Zweck und Art des Sports
-und den richtigen Gebrauch und die Ausnutzung des Geräts. Alle schienen
-im Bann seiner Ausführungen zu stehen und sie absolut zu begreifen -- nur
-Konny bemerkte mit Schrecken, welch' ein Chaos in ihrem Gehirn entstand.
-Sie versuchte, sich an einige technische Ausdrücke anzuklammern, aber
-sie war nie stark im Behalten gewesen, -- und da sie ihnen keinen Sinn
-unterlegen konnte, zerstäubten auch diese Wörter wie Schneeflocken in
-ihrem Auffassungsvermögen. Plötzlich gab der Herr Doktor ein Zeichen,
-dessen Sinn er wohl vorher besprochen haben mußte, denn nun begannen alle
-sofort mit emsigen Händen, sich die vor ihnen am Boden liegenden Skier
-anzuschnallen.
-
-Auch Konny versuchte es. Doch ihr waren Glieder und Hände steif vor
-Kälte, von ihren Zehen hatte sie das deutliche Gefühl, sie seien aus
-Glas. Sie riß und zog an den Riemen und endlich stand sie hilflos auf
-den beiden schmalen Brettern da. Inzwischen hatte sich das Unglaubliche
-vollzogen: während sie noch mühsam nach Balance suchte, krabbelte schon
-eine Unzahl von Menschen den Abhang hinauf, dem Doktor folgend, der sie
-in langen, flachen Serpentinlinien aufwärtsführte. Da hinauf sollte sie
-auch --? Die Vorstellung war so überwältigend, daß sie sich erst mal
-rückwärts in den Schnee und zugleich auf die Kante der Skier setzte. Das
-tat weh, und im Gefühl gänzlicher Machtlosigkeit blieb sie liegen.
-
-Da erscholl aus den Lüften eine Stimme, mahnend -- aufmunternd -- ratend
--- und Konny blickte sich um, wem wohl diese sich immer noch steigernde
-Teilnahme gelten mochte.
-
-»Na, Sie da unten, Fräulein, wollen's denn anfrieren?«
-
-Gelächter von nah und fern und dann dicht an ihrem Ohr eine flehende
-Bitte: »Stehen Sie doch endlich auf -- ich helfe Ihnen -- er denkt ja
-sonst, es ist Eigensinn, daß Sie sich nicht rühren -- --.«
-
-Ach Gott, _ihr_ galt diese versuchte Beeinflussung von oben? Aber aus
-Eigensinn, nein wahrhaftig, saß sie hier nicht.
-
-Mühsam rappelte sie sich empor, brachte die Spitzen der Skier
-übereinander und wäre wieder gefallen, wenn die Hand ihres Nachbars sie
-nicht gestützt hätte.
-
-»Lassen Sie die Dame nur gleich das Wenden üben,« erscholl von neuem
-die Stimme, »und nehmen Sie sich ihrer etwas an, Herr Architekt, wir gehen
-inzwischen weiter.«
-
-»Was soll ich?« fragte Konny verzagt. »Wenden? Aber ich habe ja keine
-Ahnung.«
-
-»Der Herr Doktor hat's aber doch erklärt! Also sehen Sie mir einmal zu.«
-
-Diese gewaltsame, ungeheuer schwungvolle Bewegung sollte sie nachmachen?
-
-»Versuchen Sie's doch wenigstens mal!«
-
-Jetzt endlich sah sie ihrem Helfer ins Gesicht -- bis dahin hatte sich ihre
-Aufmerksamkeit nur auf seine Beine konzentriert -- und sie entdeckte,
-daß der Architekt derselbe Herr sei, dessen Zuruf am Morgen sie zu
-dieser Tollkühnheit verlockt hatte. Dann mußte er auch einen Teil der
-Verantwortung tragen.
-
-Halblaut fragte sie: »_Er_ ist ja schon so weit fort -- er merkt es am
-Ende gar nicht, wenn ich nicht übe.«
-
-Der Architekt lachte und antwortete herzlos: »Er sieht alles, Fräulein!«
-
-Und wirklich erscholl es in diesem Augenblick aus den Lüften: »Nun, die
-beiden dort unten -- wollen sich die denn gar nicht hinaufbemühen?«
-
-»Bitte, bitte, einmal versuchen«, drängte der Architekt.
-
-Und Konny, die es einsah, daß es hier kein Schummeln gäbe, schleuderte
-mit letzter Energie ihr rechtes Bein in die Luft, sah ihren gefesselten
-Fuß mitsamt dem senkrecht stehenden Skier unstät hin- und herschwanken,
-fühlte sich in zwei gleiche Portionen gerissen -- und ließ sich auf die
-Seite fallen.
-
-»Aber, aber,« meinte der Architekt, »das war ja alles verkehrt! Und
-da wir doch bergauf wollen, hätten Sie das obere Bein nehmen müssen, um
-gleich an Steigung zu gewinnen -- und nicht das Talbein!«
-
-Konny sah resigniert auf ihre beiden, unter ihr gekreuzten Beine. Sie
-hätte im Moment gewiß nicht angeben können, welches ihr rechtes oder
-welches ihr linkes sei -- und nun sollte sie sogar den Unterschied zwischen
-Tal- und Bergbein wissen?!
-
-Still begann sie sich zu entknäueln, stand endlich wieder aufrecht da und
-sagte zum Architekten: »Ich will es jetzt allein lernen, ohne Theorie. Sie
-stören mich nur -- gehen Sie nur voran.«
-
-Langsam und vorsichtig, dennoch von unendlichen Stürzen unterbrochen,
-begann sie dann bergan zu klimmen -- er in mäßiger Entfernung vor ihr.
-
-Plötzlich kam er zurück: »Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?«
-
-Und ohne ihre Einwilligung abzuwarten, sagte er: »Ihr Rock ist viel
-zu lang, der geniert Sie. Ziehen Sie ihn aus, ich nehme ihn in meinen
-Rucksack.«
-
-Wenn's nur das sein sollte, was sie hinderte!
-
-Sie zögerte eine Sekunde, dann zog sie mit seiner Hilfe den Rock aus, und
-zwar über den Kopf, da es über die Skier doch nicht gegangen wäre. Ganz
-heiß waren sie beide von der mühsamen Arbeit auf dem Hang und Konnys
-Unsicherheit geworden.
-
-Dann stand sie in neumodischen Beinkleidern, aus demselben Stoff wie ihr
-Kleid, vor ihm; um die Hüften herum bildeten sie Tüten, an den Knien
-schlossen sie sich dagegen sehr eng, und er, dem ihre zarte Figur vorher
-so gut gefallen hatte, mußte ein Lächeln unterdrücken: etwas Rundes und
-Komplettes hatte sie angenommen und fast bereute er seinen guten Rat. Denn
-mit oder ohne Rock -- viel Talent zum Sport schien sie nicht zu besitzen.
-
-Endlich, nach mehreren Stunden, erreichten sie die übrige Gesellschaft,
-die sich auf einem Schneefeld zum Frühstück gelagert hatte und schon
-wieder im Aufbruch war. Mit lautem Halloh wurden sie beide begrüßt. Der
-Doktor eilte auf Konny zu und fragte, wie es denn gegangen sei. Und sie,
-im Bestreben, nicht gar so dumm zu erscheinen, besann sich auf die vorhin
-verworfene Theorie und antwortete fröhlich und gänzlich ahnungslos
-über den Sinn der Bezeichnungen: »Danke -- mit dem Bergbein gut, mit dem
-Talbein schlecht!«
-
-In das Gelächter ringsum stimmte sie harmlos mit ein -- nur daß sie einen
-guten Witz gemacht haben sollte, begriff sie nicht. Nach ihrer Meinung
-blieb ein- für allemal das rechte das Talbein, weil der Architekt es beim
-ersten Wenden so genannt hatte. -- Darauf, daß man so perfide sein könne,
-die Bezeichnung je nach der Richtung zum Berg zu wechseln, kam sie gar
-nicht.
-
-Daß sie Humor verstände, schien allen, auch dem Doktor, eine ausgemachte
-Sache zu sein, und darauf bauend, gab er einem seiner Begleiter einen
-Auftrag.
-
-Konny frühstückte inzwischen geschwind von den guten Sachen aus des
-Architekten Rucksack; sie selbst war ja mit nichts versehen und fand es
-schon fast selbstverständlich, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen.
-
-Unten im Tal schied man endlich am späten Nachmittag in vollster Harmonie.
-Am Abend wollte der Doktor in einem einfachen Wirtshaus einen theoretischen
-Vortrag halten, und wenn Konny auch im voraus sicher war, wieder kaum etwas
-zu verstehen, so freute sie sich doch herzlichst auf das Zusammensein
-mit all den frischen, jungen Menschen. Hatte sie bisher als einzige
-Unterhaltung doch nur ihre Wirtin gehabt, deren ausgeprägten Dialekt sie
-überhaupt nur in besonders glücklichen Momenten verstand -- aber seit
-heute war ihr, als trete sie auch in ein besseres Verhältnis zur Natur;
-nichts mehr schien ihr fremd oder überwältigend, wie im Anfang, an dieser
-Hochgebirgsszenerie, und wie sie so zurückwanderte, den geschmähten Rock
-über der Schulter hängend, kam es ihr vor, als habe sie eigentlich ein
-neues Leben begonnen. Der Sport mußte doch von allgewaltiger Macht sein!
-
-Am Abend, neben dem Architekten sitzend, hörte sie gespannt zu. Und da ihr
-Humor nun einmal fest anerkannt worden war, lachte er ungeniert über ihre
-leisen Bemerkungen, die sie in den Vortrag des Doktors einstreute, während
-Konny ein paarmal dachte, daß es, nach dem sinnlosen Lachen ihres Nachbars
-zu urteilen, in seinem Hirn nicht ganz richtig sein müsse.
-
-Dann wurden Lichtbilder angekündigt. Der Doktor wandte sich verbindlich
-lächelnd an Konny, als wolle er ihre Zustimmung einholen -- oder auch
-ihre Verzeihung -- wies auf die weiße Leinwand und sagte unter lautem
-Gelächter ringsum: »Das Talbein«.
-
-Konny lachte mit. Auf der Leinwand stand sie selbst, hilflos und
-schwankend, in einer wenig vorteilhaften Kleidung: einem oben zu weiten und
-unten zu engen Beinkleid. Sachlich konstatierte der Doktor die Fehler ihrer
-Haltung, der Fußstellung, der Handhabung ihres Stockes -- und bewies auf
-allen folgenden Bildern, die immer nur wieder sie zeigten, daß sie ein
-vollkommen typischer Fall des Anfängertums sei. Darnach schien es ihr ja
-wirklich, als habe sie mit besonderem Instinkt alles und jedes verkehrt
-gemacht!
-
-Ja, sie lachte fröhlich mit bei jedem Konterfei; und nur dem Architekten
-kam es ein paarmal vor, als zittere sie leicht. Aber sie mochte wohl
-übermüdet sein.
-
-Wirklich erhob sie sich nach schicklicher Pause, als der Vortrag beendet
-war, und verabschiedete sich. Energisch lehnte sie die Begleitung des
-Architekten ab, doch er gab es nicht zu, daß sie den weiten Weg durchs
-Dorf allein machte. Zum Sprechen unterwegs aber konnte er sie nicht bewegen
--- was fehlte ihr nur?
-
-Erst auf der obersten der drei Steinstufen schien sie wieder Atem zu
-bekommen.
-
-»Haben Sie Dank, Herr Architekt,« sagte sie mit merkwürdig ruhiger
-Stimme, »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben! Durch Sie bin ich
-veranlaßt worden, am Kurs teilzunehmen -- durch Sie, meinen Rock abzulegen
--- und ich irre mich wohl nicht, wenn ich Ihnen auch das hinterlistige
-Photographieren verdanke.«
-
-»Aber ich schwöre ...«, fiel er ein.
-
-»Ach was,« entgegnete sie hastig, »schwören! Nachdem man falsch und
-verräterisch und -- und -- schadenfroh gewesen ist! Sie haben ja gewußt,
-daß ich auch nicht das geringste von allem verstanden habe -- weder vom
-Bergbein noch vom Talbein -- und dennoch haben Sie sich über mich lustig
-gemacht! Pfui!«
-
-Er starrte noch immer Frau Deixlmairs tannene Tür an, als sie schon
-längst hinter ihr verschwunden war. Ein merkwürdiges Mädel, diese
-Pfälzerin! Eigentlich dumm oder doch begriffsstutzig -- und wieder klug
-genug, um das einzusehen und noch mehr: um es sogar zuzugeben! Welche Frau
-tat das wohl sonst?! Gewiß nicht viele. Er pfiff zwischen den Zähnen und
-sah lange, lange die Tür an. Humor, wie sie alle gedacht hatten, besaß
-sie also nicht -- und doch Taktgefühl, ungeheuer viel Taktgefühl. Eine
-andere, der plötzlich über sich selbst und ihre Leistungen so öffentlich
-ein Licht aufgesteckt worden wäre, hätte vielleicht eine Szene gemacht
-oder geheult -- oder sonst irgend etwas. Diese da war sehr tapfer -- das
-hatte sie eigentlich schon den ganzen Tag bewiesen, an dem sie sich so
-redlich mühte und nicht die geringste Hilfe durch Überlegungen gehabt
-hatte -- schade! Denn nun würde sie natürlich nicht mehr wiederkommen!
-Schade! Der ganze Kurs war ihm verleidet.
-
-Aber am andern Morgen stand sie tapfer wieder da, beim Treffpunkt. Und ihm
-nickte sie freundlich und harmlos zu.
-
-»Donnerwetter,« dachte er wieder, »sie ist anders! Die meisten wären
-schmollend zu Hause sitzen geblieben oder hätten den Ärger benutzt, um
-sich zu drücken.«
-
-Sie wurde auch keine Musterschülerin des Doktors. Aber menschlich gute
-Eigenschaften entdeckte der Architekt noch zahlreiche an ihr im Laufe
-des sechstägigen Kurses. Da fragte er sie zum Schluß, ob sie nicht
-auch weiterhin zusammen durchs Leben fahren wollten, sie seien so schön
-eingeübt. Womit er allerdings im stillen wohl meinte, daß sie an seine
-Hilfe beim Aufstehen gewöhnt sei. Ihre Kunst bestand eben -- im Hinfallen.
-
-Aber auch diesmal las sie seine Gedanken und antwortete fröhlich: »Gut!
-Wenn du mich bei schwierigen Fällen nie fragen willst, ob ich nun das
-Talbein oder das Bergbein nehmen muß --! Das könnte ich nämlich nie
-entscheiden: aber Vertrauen mußt du haben, daß ich es schließlich doch
-recht mache.«
-
-Und das Vertrauen besaß er.
-
-
-
-
-Die Erfindung.
-
-
-Immer wenn Frau Ellen Mahder von ihrer Arbeit aufsah, was allerdings nur
-geschah, um die Augen ein wenig vom Mikroskop auszuruhen, bemerkte sie,
-daß sich der Kopf ihres Nachbarn tief über seine Hände beugte -- nicht
-ein einziges Mal seit acht Tagen waren sich ihre Blicke begegnet. Aber
-diese scheinbare Unermüdlichkeit täuschte sie keinen Augenblick: ein
-so wenig ernsthafter Mensch, der wenigstens in ihrer Gegenwart noch kein
-vernünftiges Wort gesagt hatte, war nicht imstande, sich von
-seiner Aufgabe absorbieren zu lassen; sie mißtraute ihm und seinem
-wissenschaftlichen Eifer aufs höchste. Und ebenso ärgerte sie sich über
-sich selbst, daß sie an diesen »faden« Doktor Zerpfang einen Gedanken
-verschwendete -- und kehrte sofort mit aller Inbrunst zu ihren botanischen
-Untersuchungen zurück. Sie mußte ja auch doppelt pflichtgetreu und genau
-sein, um ihre Zulassung in die dunklen Räume der alten Akademie, die
-unter anderen auch der botanischen Station Aufnahme gewährt hatte, zu
-rechtfertigen. Denn die Frage dieses »faden« Doktors, ob sie studiert
-oder wenigstens das Gymnasium absolviert habe, mußte sie verneinen; aber
-sie interessiere sich nun einmal stark für Chemie und Botanik, und sie
-hoffte, ihre mangelnde Vorbildung durch Lerneifer -- --
-
-Er hatte ernsthaft genickt und sie aussprechen lassen, trotzdem sie sich
-vor Verlegenheit ein wenig im Satzbau verwickelte. Als sie endlich fertig
-war, sagte er: »Na, da können S' mir am Ende gleich erklären, was das
-bedeutet: =C, A -- C, A, O=?«
-
-Unsicher und zweifelnd hatte sie erwidert: »=C, A -- C, A, O=? --
-=C= vielleicht Kohlenstoff, =A= -- Argentum, =O= Oxygenium --«
-
-Ringsum war ein lautes Gelächter losgebrochen, so daß sie erschrocken mit
-der Zerlegung der chemischen Formel innehielt.
-
-Mit heuchlerischem Ernst sagte der Doktor: »Ich würd's anders
-übersetzen: =C, A -- C, A, O= -- das ist Cacao.«
-
-Sie brachte es zwar zuwege, über ihren Reinfall zu lachen, aber ganz
-vergeben konnte sie nach Frauenart dem Doktor diese Niederlage doch nicht.
-Und er mußte wohl ihre stille Abneigung fühlen, denn er begrüßte sie
-des Morgens nur mit stummer Verbeugung und verließ mittags den Saal erst
-nach ihr.
-
-Als heute die Präparate für die kommende Woche verteilt wurden, sagte
-sie: »Ich danke, ich gehe auf ein paar Tage ins Gebirge.« Und auf
-den etwas erstaunten Blick des Professors setzte sie hinzu: »Ich bin
-überarbeitet -- ich brauche eine Luftveränderung.«
-
-Ihr Ton klang gereizt. Konnte man sich nicht vorstellen, daß es für
-ihre Arbeit nur vorteilhaft sei, wenn sie mit frischen Kräften an sie
-hinanginge?
-
-»Man« lächelte unmerklich und gab ihr den väterlichen Rat, sich nur
-nicht durch irgendeinen dummen Sport noch mehr herunterzubringen oder
-sich gar eine Herzschwäche zu holen, die bei der jetzigen Unvernunft und
-Übertreibung an der Tagesordnung sei. »Man« redete ihr zu, lange zu
-schlafen, kräftig zu essen und ein wenig in der Sonne zu sitzen.
-
-Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, aber sie arbeitete nicht mehr.
-
-»Geben S' nach -- bleiben S' da?« fragte eine Stimme neben ihr.
-
-Sie schüttelte den Kopf, ehe sie sich noch Rechenschaft darüber gab, wer
-zu ihr spräche: ah, der »fade« Doktor! Mochte er sich ebenso über sie
-lustig machen wie die andern. Aber vorläufig sagte er gar nichts, sondern
-sann vor sich hin. Und dann bat er hastig und scheu: »Mögen S' meine
-Erfindung anschauen, an der ich gebastelt habe alle Tag'?«
-
-Mein Gott, augenblicklich lag ihr die ganze Arbeit hier so fern!
-»Gestohlen werden kann sie mir«, hätte sie am liebsten gesagt. Doch
-zwang sie sich zu einem Lächeln und entgegnete: »Gewiß -- gern!«
-
-Er führte sie an seinen Arbeitstisch, schob Bücher und Hefte beiseite und
-zog ein paar merkwürdige Eisenklammern hervor, deren Teile mit gewachstem
-Bindfaden verbunden waren. Triumphierend hielt er sie ihr hin.
-
-Ratlos stand sie da und sah auf die Dinger. Sein Preisrätsel »Cacao«
-fiel ihr ein, und sie hütete sich wohl, irgend etwas zu äußern, was auch
-diesmal ihre völlige Unkenntnis verraten hätte. Infolgedessen konnte sie
-überhaupt nichts sagen -- denn kein Lichtstrahl machte ihr klar, was diese
-Erfindung bedeute.
-
-Er aber, mit dem blinden Entzücken aller Erfinder über ihr Produkt,
-sagte voll Begeisterung: »Das Ei des Kolumbus, nicht wahr? So einfach, so
-handlich, billig herzustellen, leicht zu transportieren -- sehen S': in dem
-Tascherl da! -- praktisch -- und von einem Erfolg!! Na, den garantier' ich
-Ihnen! Eine großartige Erfindung, gelt? So was kann eben nur einer, der
-die Praxis kennt, der 's ausprobiert hat -- der sich nicht abschrecken
-läßt von scheinbaren Schwierigkeiten! Und ich sag' Ihnen: immer simpler
-ist es worden, geradezu dahingeschmolzen in meine Händ' -- und das werden
-S' zugeben müssen: von einer klassischen Einfachheit ist's worden -- kein
-Hakerl z'viel, kein' Wirtschaft, kein Durcheinand' -- höchste Einfachheit,
-gepaart mit größter Solidität und Sicherheit --.« Das letzte sagte er
-hochdeutsch, es klang wie eine Notiz aus einer Anpreisung. -- Ihr wurde
-heiß und kalt und wieder heiß: wenn er um Gottes willen nur nicht fragen
-würde --! Sie hatte ja keine Ahnung, zu was die Dinger waren, die er nun
-mit einem »Schnapp« zuklappen ließ und wieder öffnete, obgleich ihr
-Geist sich an jedes Instrument klammerte, das ihr je in diesem Saal vor
-Augen gekommen war. Schlicht -- ja, das konnte sie zugeben, das war dieser
-Apparat, fast primitiv in seiner äußeren Gestaltung und beinah roh in
-seinem Material. Aber sein innerer Wert mochte deshalb eminent sein, seine
-Hilfe für die Wissenschaft von unberechenbaren Folgen -- wenn sie nur
-geahnt -- wenn die unscheinbaren Dinger ihr nur einen einzigen Anhaltspunkt
-gewährt hätten! Hilflos starrte sie vor sich nieder und brachte endlich
-ein »Sehr hübsch -- sehr praktisch« über die Lippen.
-
-»Gelt?« fragte er zutraulich. »Das is was! Ja, so werden Meisterwerke
-geboren -- so nebenher, so zufällig! Erst ist der Gedanke in mir gereift,
-dann habe ich mich mit ihm herumgeschlagen, denn eigentlich hab' ich nicht
-recht heranwollen, weil solch eine Idee doch immer etwas ablenkt -- aber
-schließlich: das Erfindungsfieber ist über mich kommen, und kein' Ruh'
-nicht hab' ich gehabt, bis 's nicht da fertig vor mir gelegen ist am
-Tisch!«
-
-Zwar hörte sie heraus, daß er sich ein wenig selbst persiflierte, aber
-stolz war er darum doch. Und konnte es ja auch sein: eine Erfindung machen,
-die Wissenschaft bereichern, das ist immer etwas Großes, fast Heiliges.
-So sagte sie denn auf gut Glück hin: »Die Zeit dürfen Sie doch nicht als
-verloren betrachten -- da Ihnen die Erfindung gelungen ist, hat sich doch
-die sogenannte Untreue gegen Ihre Arbeit reichlich gelohnt.«
-
-Er lachte. »Sogenannte« -- ist gut! Sie haben eine famose Art zu
-trösten, Frau Kollega! Ich hätte Sie gar nicht für so vorurteilsfrei
-gehalten.«
-
-Auch das verstand sie wieder nicht ganz, aber sie war nur froh, daß er
-keine präzisere Antwort von ihr verlangte.
-
-Als er nun vorschlug, für heute die Arbeit aufzugeben und gemeinsam
-zu speisen, willigte sie gern ein. Gewöhnlich aß sie mittags in einer
-Pension mit streng modern denkenden und gekleideten Malerinnen; und
-sie, die noch so wenig leistete und in ihrer Arbeit ja auch kaum je eine
-Eigenart entwickeln konnte, saß recht gedrückt und bescheiden zwischen
-diesen selbstsichern Geschöpfen, die alle mit Bewußtsein auf dem
-richtigen Weg waren, wie sie sagten. Sie selbst sah nur ein stilles Eckchen
-vor sich, einen Tisch in einem Saal, an dem sie unbeachtet bis an ihr
-Lebensende sitzen, bestimmen, zeichnen, höchstens einmal etwas
-würde schreiben dürfen. Da durfte sie sich allerdings nie mit diesen
-Künstlerinnen in einem Atem nennen, die Ruhm und Erfolg in die Höhe
-tragen würden!
-
-Neben des Doktors gutmütiger Art verlor sie ihre Scheu, ja, sie verriet
-ihm sogar von den Zweifeln an sich, die sich täglich am Mittagstisch
-erneuerten. Er lachte sie aus und sagte ein paarmal: »Da -- schauen S'
-mich an! Bin ich hoffärtiger worden -- oder gar stolzer?! Und bin doch ein
-großer Erfinder! Gelt, das bestellen S' Ihre Schwabinger Madeln von mir:
-je größer einer ist, um so bescheidener soll er sein.«
-
-Er brachte sie nach Hause, und vor ihrer Tür sagte er plötzlich: »Wissen
-S', ich begleit' Sie morgen!«
-
-Ja, das wäre nett! Zu zweien mußte es doch viel schöner sein, und so
-sicher war sie übrigens auch gar nicht auf ihren Skiern -- in diesem Jahr
-war sie noch kaum hinausgekommen --.
-
-»Um so besser«, entgegnete er etwas unverständlich. »Und da sprechen
-wir uns deutlich aus über meine Erfindung.«
-
-Ach Gott, wenn er doch draußen nichts weiter wollte, als sich selbst
-bespiegeln und bewundern und von dem klassischen Stück Eisen reden, so
-sollte er nur lieber daheim bleiben! Etwas widerwillig nannte sie ihm Ziel
-und Abfahrtszeit, dann ging er fröhlich, mit richtiger Siegesmiene davon.
-Er schien doch schon auf dem besten Wege zur Hoffahrt zu sein!
-
-Den ganzen Abend, während sich Frau Ellen Mahder die Skiausrüstung
-bereitlegte, die »Lauparstiefel« noch einmal einfettete, die Gamaschen
-fest aufrollte, um sie morgen tadellos binden zu können, und
-schließlich in den Rucksack zu allerlei appetitlichem Proviant den
-Zdarsky-Spirituskocher und den Seidenkragen, der sich zum Zelt gestalten
-ließ, eine andere Erfindung des Lilienfelder Skimeisters, zusammenpackte,
-plagte sie die Vorstellung von Doktor Zerpfangs Schöpfung. Ja, käme sie
-nur dahinter, ob er sie absichtlich hinhielte, sich vielleicht an ihrer
-Angst weidete -- oder ob er sie wirklich für nicht so dumm hielte, als sie
-doch sein mußte! Diese letzteren Zweifel quälten sie besonders, und so
-verbrachte sie keine erquickende Nacht.
-
-Er aber tat bei der Abfahrt gänzlich unbefangen. Seinen Schöpfer lobte
-er, der ihm den guten Einfall gegeben, gleich ihr dem dumpfen Saal zu
-entfliehen und in die Berge zu fahren. Den ganzen Weg vom Bahnhof in
-Schliersee, an Fischhausen vorbei und durchs Josephtal sang er und jubelte
-und konnte sich nicht genug tun, die Weiße des Schnees, die Bläue des
-Himmels -- die wunderbare, in kristallene Reinheit getauchte Landschaft
-zu bewundern. So ein Tag -- so ein leuchtender, jauchzender Tag! Ja, den
-brauchte man -- da wurde man wieder gesund und froh, da fielen alle kleinen
-Erdennöte vom Herzen ab, so wie der stäubende Schnee vom schwankenden
-Ast. Und er schlug gegen die Bäume, daß es in lichten Wolken auf sie
-beide herniederrieselte: das Jungbad der Seele nannte er das. --
-Etwas schweigsam ging Ellen Mahder neben ihm her; sie kam sich selbst
-schwerfällig und »norddeutsch« vor, daß sie nicht aus vollem Herzen
-in sein Glück mit einstimmen konnte. Aber die Furcht vor seiner Erfindung
-fesselte ihr Zunge und Sinn -- und ebenso die wachsende Erkenntnis seines
-Wesens: ein Kind war er, ein echtes, großes Kind wie alle Künstler, alle
-Genies. Hier, in der Sonne, in der belebenden, herben, köstlichen Luft,
-am größten gemessen, das es gibt: an freier Natur, offenbarte sich seine
-Ursprünglichkeit und Lauterkeit. Ein Erfinder -- und doch so primitiv! Die
-Kompliziertheit ihres eignen Charakters wuchtete auf ihr.
-
-Ehe es nun bergauf ging -- sie wollten zur »Rotwand« hinauf -- verlangte
-er, daß das Zelt aufgeschlagen und der Spirituskocher in Tätigkeit
-gesetzt würde. Ellen war noch gar nicht hungrig, aber sie gab nach: Launen
-eines großen Menschen soll man erfüllen, sie gehören zu ihm wie die
-Dornen zu den Rosen.
-
-So hockten sie zu zweien, trotzdem sie beide groß waren, in dem winzigen
-Zelt nieder, kochten sich »einen Tee« und begannen sich von Herzen der
-Kameradschaft zu freuen. Früher, nein, da war diese Ungeniertheit zwischen
-zwei fremden Menschen und noch dazu zwischen Mann und Frau unmöglich
-gewesen -- nur dem nivellierenden, von Vorurteilen befreienden Sport war
-das zu verdanken!
-
-»Er soll leben«, sagte der Doktor mit dem letzten Schluck, und dann
-packten sie wieder zusammen.
-
-Dabei kam eine Unruhe über den jungen Botaniker. Ein paarmal setzte er zum
-Sprechen an, endlich brachte er über die Lippen: »Wann's Ihnen recht ist,
-probieren wir sie nun aus, die Erfindung! Weil's ohnehin bergan geht!«
-
-Hier -- die Erfindung! Im Freien, im Schnee -- auf einer Skitour! Mein
-Gott, er konnte doch nicht plötzlich geistig verwirrt sein. -- Unmerklich
-trat sie einige Schritte von ihm zurück. Er kniete im Schnee hin und
-bastelte an ihren Skiern herum. Sie spähte inzwischen ringsum: sollte sie
-fortlaufen, um Hilfe rufen -- ihre Angst wuchs ins Ungeheure! Eine einzelne
-Frau allein mit einem Mann, nein, es war doch nichts, sie verwünschte im
-Moment die eben noch gepriesene Kameradschaft: die Alten hatten recht, die
-vor ihr warnten, die ihr keine Existenzberechtigung gewährten -- --
-
-Da war er schon fertig und erhob sich mit einem scheuen Lächeln um den
-Mund, mit einem Rot stolzer Verlegenheit auf der Stirn.
-
-»Da sehen S'! Ein Griff -- klapp! Fertig is'! Und nun probieren Sie 's aus
--- Sie sollen die Erste sein -- wie mich das glücklich macht!«
-
-Die Skier lagen vor ihr, und dicht vor der Bindung waren sie umklammert --
-von der neuen Erfindung! Zutraulich erklärte er ihr, woran der Vorteil vor
-den kostspieligen, mühsam anzulegenden Fellen läge und daß, wenigstens
-für kürzere Touren, der gewachste Bindfaden dieselben Dienste leisten
-könne. -- --
-
-Er begriff gar nicht, warum sie nicht in seine Freude mit einstimmte.
-Sie hatte die Farbe gewechselt und sich an einen Baum gelehnt: ihre
-Enttäuschung, ihre Empörung -- der Zorn gegen ihn, gegen sich selbst
-nahm ihr Atem und Besinnung. Also doch -- also doch! Leichtsinnig,
-oberflächlich, unzuverlässig! Nicht an einer ernsten Erfindung hatte
-er all die Wochen intensiv gearbeitet, für diesen Unfug, diese
-Überflüssigkeit -- dieses Nichts hatte er Zeit und Kraft geopfert! Und
-seine Kindlichkeit war kein Beweis seiner Genialität, sie war nichts als
-der Ausfluß seines unreifen, törichten Wesens.
-
-Aber das Ärgste war und blieb, daß sie sich hatte düpieren lassen!
-
-Mechanisch setzte sie die Füße in die Skier, ließ sie sich von ihm
-festschnallen und lief von ihm fort, so schnell es nur eben ging. Sie
-mußte allein sein, nachdenken, versuchen, ihre ungeheure Wut gegen ihn
-niederzukämpfen -- ihn von ihrer schmerzenden Enttäuschung nichts merken
-lassen.
-
-Die schwebende Enttäuschung blieb, als sie endlich die andern Gefühle
-besiegt hatte. Irgendwo in ihrem Herzen saß sie fest und ließ sich nicht
-vertreiben und sagte ihr wieder und immer wieder, daß auch dieser Mann nur
-einer wie alle sei, um kein Deut besser, um kein Lot wahrer -- vielleicht,
-vielleicht auch so wankelmütig wie der andere, der sie nach kurzer Ehe
-verlassen und um dessentwillen sie einen Beruf gewählt hatte -- um zu
-überwinden und zu vergessen. Längst überwunden war das alles; heute
-stiegen ihr dennoch bei der Erinnerung die Tränen in die Augen. Einer wie
-alle -- alle wie der Eine!
-
-Äußerlich wurde sie ruhig. Die gleichmäßige Bewegung bergan, die
-göttliche, kaum von einem Vogelschrei unterbrochene Ruhe, der stille
-Sonnenschein, der Wald und Schnee förmlich durchtränkte, die klare Luft
--- sie taten ihr Werk wie immer. Sie glätteten die hochgehenden Wogen
-ihrer Empfindung und zwangen sie, gerechter zu werden: war es seine Schuld,
-daß er sie enttäuschte? Hatte er sie über sich selbst im Unklaren
-gelassen? Nur sie, sie wollte mehr in ihm sehen; ihr genügte nicht
-der harmlose Mensch, der dennoch seinen Sport ernst nahm und ihm eine
-Verbesserung zur Ausführung wünschte -- ein großer Erfinder, ein Genie
-hatte er sein sollen!
-
-Wie schnell sie auf die Höhe gekommen war, und nicht ein bißchen atemlos
-oder erhitzt wie sonst beim gefürchteten Bergauf -- alle Kraft gespart
-für die frohe, herrliche Abfahrt! Woran lag das nur --? Wahrhaftig: das
-mußte das Verdienst _seiner_ Erfindung sein! Und darüber war sie so böse
-gewesen?! Lächelnd sah sie auf die »klassischen« Eisen hinunter: hatten
-nicht auch sie ihre Berechtigung?
-
-Du lieber Gott, die großen Sachen waren ja schon fast alle erfunden --
-mußte es nicht auch Leute für die kleinen geben, denen man dankbar sein
-konnte für die angenehmen Erleichterungen des Lebens?
-
-Als das Rotwandhaus mit seiner wehenden Flagge in Sicht kam, stand sie
-still. Nicht ein Wort hatte sie ihrem Begleiter auf dem ganzen Weg gegönnt
--- sie mußte es wieder gutmachen.
-
-Aber als er sie erreichte, sagte er: »Famos sind Sie, Frau Kollega! Nicht
-geschwätzt beim Bergauf, das lernen die meisten Frauen nimmer!«
-
-»Ich gebe das Lob zurück«, antwortete sie. »Und Ihre Erfindung ist
-großartig, Herr Doktor -- ich gratuliere.«
-
-Er warf die Mütze in die Luft und jauchzte.
-
-»Famos sind Sie«, wiederholte er. »Nix geschmeichelt, nix schöngetan --
-'s Maul gehalten, Sie verzeihen! still ausprobiert, Erfahrung gesammelt --
-dann erst anerkannt, des nenn' ich gründlich! Ja, die Frauen von heuzutag'
--- des is was!«
-
-Ellen Mahder fand es nicht an der Zeit, ihn aufzuklären, weshalb sie
-so lange geschwiegen. Einmal -- es kam ihr vor, als würde es nicht mehr
-unerträglich lange bis dahin sein -- wollte sie ihm die Wahrheit gestehen:
-ihre Enttäuschung über ihn -- und ihr Zurückfinden. -- Still und
-glücklich glitten sie nebeneinander her, bis sie das Haus mit der
-fröhlich wehenden Flagge erreicht hatten.
-
-
-
-
-III.
-
-»Sie« im Süden.
-
-
-
-
-Osterspaziergänge in Latium.
-
-
-I. Der Monte Soracte.
-
-Die Gabe, Kunst ernsthaft zu studieren und zu genießen, ist recht
-verschieden bei uns armen Sterblichen verteilt; nirgends läßt sich diese
-Behauptung besser und einwandfreier beweisen als in Italien -- und hier
-vor allem wieder in Rom. Florenz gestattet ein stilles, beschauliches
-Genießen, es gibt keine Entfernungen, man braucht fast immer nur von
-Haus zu Haus zu gehen. Rom bringt zu seiner kolossalen Ausdehnung und dem
-Übermaß seiner Sehenswürdigkeiten, die über sein ganzes Areal verstreut
-sind, noch die Unruhe und Hast der Großstadt -- man ist immer auf der
-Eulenflucht, und hätte man auch lange Wochen zum Besuch der »Ewigen«
-vorgesehen. Darum hört man nicht selten -- am häufigsten von unsern
-Landsleuten, die in 10-14 Tagen »alles« sehen möchten -- den
-Stoßseufzer: »Gottlob, daß wir abreisen! Ich kann nicht mehr!«
-
-Ich bemitleide diese Menschen nicht; ich bewundere sie. Denn ich hätte
-schon längst nicht mehr gekonnt! Für meine Aufnahmefähigkeit sind drei
-fleißige Museumsstunden schon ein gerüttelt Maß -- darüber fort versagt
-sie vollständig. »Wie schade, nicht wahr, so viel Zeit zu verlieren --
-und womit füllen Sie sie dann aus?« -- Ich gehe spazieren; ich laufe
-stundenlang durch die Campagna, ich suche zu Fuß all die kleinen
-Ortschaften auf, die wie leuchtende Punkte in der mächtigen Ebene
-verstreut liegen, ich klettere auf die Hügel- und Bergketten, die überall
-den Horizont in weiter Linie umsäumen, und ich entdecke, daß ihre Hänge
-mit Dörfern und Städtchen besetzt sind, grau und monoton, wie der Boden,
-aus dem sie emporwachsen, und doch ein jedes von ihnen stimmungsvoll --
-architektonisch schön -- oder voll geschichtlicher Reminiszenzen, die ihre
-Patina auf verfallene Burgen und Paläste geworfen haben. Das ist meine
-geistige und körperliche Erholung, mein Schutz gegen allmähliches
-Abstumpfen angesichts Roms erdrückendem Reichtum: ein stunden- oder auch
-tagelanger Spaziergang und von Zeit zu Zeit ein weiterer Ausflug, der die
-überreizten Sinne ausruhen läßt und uns das herrliche Land trotzdem
-näher bringt, weil wir seine Natur lieben lernen.
-
-Nördlich von Rom, mit fast geradem Rücken, in schwerem Massiv über die
-lieblichen Hügel dominierend, liegt der Monte Soracte. Wie lange schon zog
-er wieder und wieder meine Blicke und meine Sehnsucht auf sich -- ein wenig
-wegen seiner schwermütigen Gestalt, ein wenig wegen seiner Höhe -- etwa
-700 m, aber direkt aus der Ebene aufsteigend, also doch eine bescheidene
-Bergpartie verheißend! -- Hauptsächlich aber, weil man hoffen durfte,
-dort nicht vielen Menschen zu begegnen! Den Passanten raubt der Ausflug zu
-viel Zeit -- ich bitte Sie, wenn man jede Statue in Rom gesehen haben
-will! -- die andern sind wohl zu bequem. Denn trotz des himmlischen
-Frühlingstages -- o Segen -- sind und bleiben wir allein, mein lustiger
-Begleiter und ich! Und wie wir uns fühlen, einmal wieder mit dem leichten
-Gepäck für eine Nacht im Rucksack -- fernab von Pensionen, Leuten mit
-Baedekern und der Gewißheit, abends beim Diner den Nachbar rechts und
-links und gegenüber seine Tageseindrücke nicht memorieren zu hören --
-nein, ein echter, rechter Ferientag ist es, ein Schuleschwänzen in ewigen
-Vakanzen! »Da kann ich Sie gleich auf Ihre Bedürfnislosigkeit prüfen«,
-meinte der Hochtourist. Denn es war unsere erste »Bergtour«, und der
-Hochtourist, dessen seherischer Blick meine bergsteigerischen Fähigkeiten
-erst wenige Tage vorher am Turm des Kapitols entdeckt hatte, konnte noch
-nicht ahnen, wie glänzend sie sich entwickeln würden.
-
-Nur wir entsteigen in Stimigliano dem Coupé; nur wir zwei laufen
-querfeldein bis hinab zum »=Bionde Tevere=«, dem blonden Tiber, der hier
-so köstlich ländlich aussieht, so recht wie ein gemütlicher Bauernfluß,
-nicht ein bißchen, als trüge er später die Weltstadt auf seinen Ufern;
-und ganz primitiv, außer uns nur von ein paar Frauen und Kindern benutzt,
-ist auch die Fähre, die uns ans jenseitige Gestade befördert.
-
-Die Sonne brennt heiß auf den noch brachliegenden Boden nieder, aber da
-bekanntlich die Götter vor jeden Erfolg den Schweiß gesetzt haben, so
-tragen wir frohen Muts und unverdrossen die göttliche Prüfung -- sind wir
-doch des schönen Erfolges sicher!
-
-Frühstücksstation: San Oreste. Weiten Rundblick gestattet es über
-die Sabiner- und die umbrischen Berge, aber »recht einladend«, wie es
-Gregorovius erschienen ist, der deshalb bedauert, es nicht besucht zu
-haben, ist es wirklich nicht. Ein Haufen eng aneinander gedrängter,
-unmalerischer Steinhäuser ohne die geringste Abwechslung oder
-Ausschmückung; und das Wirtshaus am Dorfeingang wohl noch genau
-so bescheiden wie zu den Zeiten jenes berühmten italienischen
-Spaziergängers. Aber das wenige, das man bekommt: Salami, Eier und Wein,
-so gut wie fast überall in den ländlichen Osterien. Die Befürchtung
-vieler Reisender, abseits der großen Heerstraßen »nichts« zu bekommen,
-ist wirklich überflüssig!
-
-Und dann, nach kurzem Marsch, kommt ein Wald; ein schattenspendender,
-kühler Wald ernster Steineichen. Einmal mag der ganze Berg von ihnen
-bestanden gewesen sein -- aber auch dieser Rest ist noch ehrfurchtgebietend
-genug -- und so märchenhaft still -- man wartet, ob nicht Böcklins
-Einhorn langsam zwischen den dunklen Stämmen hervortrabt.
-
-Wenige Minuten unterhalb des Gipfels taucht das Kloster San Silvestro auf,
-genannt nach dem Papst Silvester, dem der Kaiser Konstantin »das ganze
-Abendland« schenkte -- eine etwas unsichere Gabe! Und eine Zeitlang suchte
-Karlmann, Karl Martells kampflustiger Sohn, in diesen Mauern Ruhe -- bis
-auch ihn die Menge der Besucher, die nach Rom pilgerten, verscheuchten --
-Gott sei Dank haben sie jetzt einen andern Weg gefunden!
-
-Ganz oben auf dem Berge erhebt sich eine kleine Kapelle über einer
-schönen, alten Krypta, in der uns der alte Aufseher auf die Zelle des
-heiligen Silvester aufmerksam macht. Bedürfnislos genug mag er gewesen
-sein, Geschmack besaß er jedenfalls! Denn die Aussicht von diesem
-höchsten Punkt ist einfach superb: die ganze Campagna liegt zu unseren
-Füßen, dem Lauf des Tibers folgt man bis zu Roms Mauern, das Meer
-schimmert stahlblau in der Mittagssonne zu uns herüber, Bracciano und
-den gleichnamigen See glaubt man mit der Hand erreichen zu können -- die
-weichen Linien der Albaner-, Sabiner- und umbrischen Berge umschließen
-das Bild nach Osten und Süden -- kurzum, das Ganze ist so schön, so
-abwechselungsreich, daß man sich schwer losreißen kann. Aber die Schatten
-werden länger, eilig geht es auf der Westseite bergab durch Weinberge und
-Olivenhaine. Von der Haltestelle San Oreste aus benutzten wir die Bahn und
-erreichen im Abenddämmern, nach entzückender Fahrt, unser letztes Ziel:
-Cività Castellana. Die Stadt liegt auf einer Felsplatte, zu der sich die
-Bahn in hübschen Serpentinen hinaufwindet, immer neue Ausblicke in die
-merkwürdig tief einschneidenden Flußtäler gewährend. Die Treja und der
-Rio maggiore umströmen die Stadt von drei Seiten, d. h. wenn man so sagen
-darf: ihr Piedestal. Fast senkrecht, aber mit dichten Schlingpflanzen
-und Gebüsch romantisch geschmückt, steigen die Uferwände empor, eine
-natürliche Verteidigung bildend, wie man sie nicht besser, und vor allem,
-nicht schöner denken kann. Und aus diesem Grunde -- der geschützten Lage
-wegen -- wurde die Stadt immer wieder aufgebaut, trotzdem verschiedene
-Eroberer, zuletzt die Sarazenen, sie zerstört hatten. Aber der Fleck Erde
-ist auch zu verlockend -- die Promenade um die alte Stadtmauer immer wieder
-überraschend an neuen Ausblicken. Freilich, im Hof der einst berühmten
-Zidatelle weiden nur noch ein paar Ochsen, nachdem das Gebäude jetzt
-nicht einmal mehr als Gefängnis benutzt wird. Die Zeit, wo hier mächtige
-Grafengeschlechter hausten und Päpste sich zum Sterben in das überaus
-pittoreske Städtchen zurückzogen, ist vorüber; nicht einmal mehr ein
-Räuberhauptmann, wie seinerzeit Gasparone, lebt in ihr. Ihr einziges,
-sehr sehenswertes Gebäude ist die Kathedrale Santa Maria mit romanischem
-Portal, gotischen Rundfenstern und Cosmatensäulen in der Vorhalle. Auf dem
-Platz vor der Kirche wurde abends ein Ständchen gebracht und am nächsten
-Morgen der Markt abgehalten, als wir auf einem mittelalterlichen Omnibus
-vorüberrumpelten, um uns nach Borghetto bringen zu lassen. Von der
-Bahnstation Cività Castellana, die anderthalb Stunden von der Stadt
-entfernt ist, benutzten wir die Bahn zur Heimfahrt nach Rom.
-
-
-II. In den Sabinerbergen.
-
-Wer hätte nicht von deutschem Besitz auf italienischem Boden gehört --
-von dem berühmten Eichenhain, der Serpentara, der einst von deutschen
-Künstlern vor dem Ausroden bewahrt und schließlich von ihnen mit
-gesammeltem Geld angekauft wurde?! Auch mich lockte dieses kleine
-»Deutschland«.
-
-Ganz früh, im unaufgeräumten Wartesaal des römischen Bahnhofs, tranken
-wir unsere Schokolade. -- Eine kurze Bahnfahrt bis Zagarolo -- von hier
-mit dem Omnibus bis Genazzano. Vorn neben dem Kutscher erwischen wir
-noch Plätze; die Bauern hinter uns unter dem muffigen Verdeck des Wagens
-können nicht begreifen, daß wir die angebotenen Ehrensitze in ihrer Mitte
-verschmähen! Wir aber blicken über den mächtigen Federbusch eines auf
-Urlaub für die Festtage gehenden Bersagliere -- der uns zu Füßen auf der
-Deichsel hockt, nach dem schönen Spruch: Besser schlecht gefahren als gut
-gegangen! -- in das sonnengetränkte, köstliche Land hinaus. Nicht tot
-mehr scheint die Erde -- duftend steigt es aus den braunen Schollen empor,
-in den Zweigen der Kastanien- und Ölbäume regt es sich leise, rötliche
-Augen zeigen sich an den Weinreben, die sich von Ulme zu Ulme ranken.
-
-Und welch eine Volksmenge, je mehr wir uns der kleinen Stadt Genazzano
-nahen! Der Tag irgendeines Heiligen ist es, der zum Jahrmarkt benutzt wird
--- Frühaufsteher kommen uns schon mit ihren Einkäufen entgegen. Rechts
-und links am Stadttor hängen goldglänzende Kupfergeschirre an den Mauern;
-Bettladen, Wiegen und Truhen versetzen den Weg. Wir steigen aus und wandern
-durch den Ort, vorbei an einer Wallfahrtskapelle, die auch heute ihre
-Anziehungskraft beweist, vorbei am alten Palast der Colonna und den
-Überresten ihres Aquädukts, dessen von Efeu umsponnene Bogen malerische
-Rahmen für die Landschaft im Tal bilden. -- Der Weg nach Olevano, nicht
-über die bequeme Landstraße, sondern quer durch die Felder, ist sehr
-schön; auf allen kleinen Anhöhen alte Klöster und Burgen, in weiterer
-Ferne Schneehäupter der Abruzzen und ringsumher ein Land, dessen
-historischen Reichtum man ahnt und fühlt. In der klaren Sonne ist es, als
-könnte man mit einem Schritt zu all den kleinen Ortschaften hinüber,
-die sich nur durch eckige Konturen vom Felsboden, dem sie entwachsen,
-unterscheiden.
-
-Olevano liegt ebenfalls an einem Bergabhang und hat steile und schmutzige
-Straßen; aber überaus malerisch ist es: der Marktplatz mit seinem
-Brunnen, an dem die Esel getränkt werden, und zu dem im Abenddämmern
-prachtvolle Frauengestalten, die kupferne Conca (Krug) auf dem Kopfe,
-heranschreiten. Die Bewohner von Olevano haben überhaupt einen besondern,
-kräftigen und schönen Typ, und sind durch den Umgang mit liebenswürdigen
-Malersleuten zutraulich geworden.
-
-Etwa eine halbe Stunde nördlich von Olevano, am Wege nach Bellagra, liegt
-die Serpentara, der deutsche Eichenhain, ein Künstlerhaus mit deutschem
-Namen am Eingang. Wie merkwürdig das ist: plötzlich auf deutschem Boden
-zu stehen! Die Namen der besten vaterländischen Künstler sind mit
-diesem Fleck Erde verknüpft, unsere größten »Landschafter« haben hier
-studiert und gelernt. Ein Felsblock trägt das Relief unsres Kaisers, neben
-der 1887 gepflanzten »Kaisereiche« -- ein andrer das Viktor Scheffels,
-unter dem seine Worte prangen:
-
- Hier im Zentrum des Gebirges
- Lesen wir die alte Keilschrift,
- Die der Haufe nie versteh'n mag,
- Das Gesetz des Ewigschönen.
-
-Einmal also, durch deutsche Künstler, haben wir im Lande unsrer ewigen
-Sehnsucht ein eignes, wenn auch bescheidenes Besitztum erreicht!
-
-Am nächsten Morgen wanderten wir nach Bellagra, dem unheimlich
-schmutzigsten Ort, der mir in Italien begegnet ist und _vielleicht_ durch
-diese Eigenschaft sehenswert, sonst nicht. Noch einmal steigen wir eine
-steile Anhöhe hinauf: nach Rocca San Stefano, dann geht es lange neben dem
-Anio, dem »immerkalten«, her, und ebenso lange liegt links vor uns auf
-einem Felsen, von einer Burg überragt, Subiaco. Die sechs Stunden von
-Olevano sind, ohne uns im geringsten zu ermüden, »vergangen«; das Land
-und die kleinen Orte, die wir durchschreiten, bieten so viel Reize und
-immer neue Abwechslung, daß man sich der Länge des Weges nicht bewußt
-wird.
-
-Wer nun wirklich mit seiner Zeit geizen muß, lasse sich an dem äußern,
-reizvollen Eindruck Subiacos genügen und kehre eilig mit dem nächsten Zug
-über Tivoli nach Rom zurück. Vielleicht, um dort den Osterfeierlichkeiten
-in Sankt Peter beizuwohnen? Ach Gott, _diese_ Enttäuschung ist ein Kapitel
-für sich! Ich feiere meine Ostern stets draußen, in irgendeinem kleinen
-Nest -- weitab von den hastenden Touristen!
-
-Denn um Subiaco recht zu würdigen, bedarf man der Ruhe. Die drei Klöster
-von Santa Scolastica, »die Wiege des Mönchtums im Abendlande«, sind
-so reich an Schätzen und historischen Erinnerungen, daß es schade und
-nutzlos um einen kurzen Besuch wäre. Zur Zeit der Goten in Italien, als
-das römische Reich sich auflöste, gründete der heilige Benedikt hier
-eine Zuflucht für weltmüde Menschen, während des ganzen Mittelalters
-stand es da, »ein einsamer Leuchtturm der Wissenschaft«, wie Gregorovius
-es nennt, und Deutsche, Arnold Pannartz und Konrad Schweinheim, druckten
-hier im Jahre 1465 das erste Buch in Italien, den Donatus, ehe sie in Rom,
-im Palazzo Massimi alle Colonne, die erste Buchdruckerei errichteten.
-Auch jetzt noch sind die Klöster überreich an Inkunabeln und alten
-Handschriften, trotzdem die Abtei mehrmals, z. B. von den Sarazenen wie von
-den Ungarn, zerstört worden ist. Aber die Macht des Klosters wurde durch
-Schenkungen reicher Barone immer wieder hergestellt, die Stadt Subiaco
-selbst geriet allerdings erst im Jahre 1068, als der Abt Johannes V. die
-Burg erbaute, in den Besitz des Ordens. Seit dieser Zeit rivalisierten die
-Benediktineräbte neben den Orsini und Colonna auch auf dem Kriegsfeld und
-waren leider wegen ihrer erbarmungslosen Justiz berühmt. Deshalb entzog
-Urban VI. im Jahre 1386 den Mönchen das Recht, den Abt selbst zu wählen,
-und setzte zum Teil dadurch ihrem Übermut eine Schranke. Dennoch empörte
-sich, fast hundert Jahre später, das Volk von Subiaco gegen die Mönche,
-die an fünfzehn jungen Leuten eine Art Lynchjustiz ausgeübt hatten,
-verwüsteten das Kloster und mordeten die Mönche. Auch in den ferneren
-Jahrhunderten spiegelt sich in der Geschichte dieser Abtei im kleinen das
-ewige Auf und Ab von Größe und Verfall wieder -- und viel von dem steten
-Kampf zwischen geistlichen und weltlichen Würdenträgern!
-
-Ein steiler Weg von fünfundzwanzig Minuten führt weiter aufwärts nach
-San Benedetto, einer aus Ober- und Unterbau bestehenden Kirche, in deren
-Garten der heilige Franz von Assisi die Dornen, in denen der heilige
-Benedikt sich wälzte, um sich gegen verführerische Vorstellungen
-zu schützen, in Rosen verwandelte. Noch jetzt ist der Garten von
-Rosenbüschen erfüllt. Die Grotte, in der Benedikt lebte, ist mit einer
-Statue des Heiligen aus der Schule Berninis geschmückt.
-
-
-
-
-Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen.
-
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-I. Locarno.
-
-Eins wollen die seit undenklichen Zeiten an Italien-Sehnsucht krankenden
-Deutschen nie lernen: daß sie nämlich dieses Land, das wie kein anderes
-Sonne, Wärme und frisches Grün verlangt, stets viel zu früh aufsuchen
-und es gerade dann verlassen -- wenn es erst anfängt schön zu werden! Den
-früher so viel beklagten Übelständen: schlechten Heizungsmöglichkeiten,
-Steinböden usw., ist zwar längst, wenigstens in den besseren,
-internationalen Hotels und Pensionen, abgeholfen; es gibt überall
-Zentralheizung, Parkettböden, mit Teppichen ausstaffierte Hallen und
-Lifts und Wintergärten, und der Deutsche findet es mit steinerner Stirn:
-»ebenso wie zu Hause« -- aber natürlich, den echten, gemütlichen
-italienischen Albergos muß er aus dem Wege gehen, weil er eben in ihnen
-friert und sie deshalb für »unmöglich« hält. Das ist der zweite
-Nachteil seiner vorzeitigen Erscheinung jenseits der Alpen. Der erste,
-wie gesagt, die tote Natur. Eine nordische Landschaft kann durch schweren,
-bewölkten Himmel Ausdruck und Stimmung erhalten und malerisch wirken, die
-italienische wird ohne Sonne farb- und charakterlos. Und weshalb begnügt
-man sich mit ein paar warmen Mittagsstunden? -- In der Hauptsache wohl,
-weil es diese auch zu Hause nicht gibt. Jetzt dehnt man sich schon morgens
-im Bett mit dem wohligen Gefühl, zu einem echten, rechten Sommertag
-erwacht zu sein; durch das weitoffene Fenster zieht laue Luft, durchsetzt
-vom wundervollen Duft der Glyzinien, deren schwere lila Trauben einen
-undurchdringlichen Baldachin über der Terrasse bilden. Man hat geschlafen,
-gewiß; aber bis in den Traum hinein hat man die Nachtigall gehört, die
-die Nacht durchschluchzte, und von der man ohne weiteres annimmt, daß sie
-poetisch genug war, ihr kleines Nest im Kamelienbaum aufzuschlagen;
-über und über bedeckt ist er mit leuchtenden, roten Blüten -- und die
-Nachtigallenkinder werden ihr Leben lang vollauf zu tun haben, wenn
-sie auch nichts anderes lernen wollen, als ihn würdig zu besingen. Man
-lächelt vor sich hin, wenn man nun ans Fenster tritt und nach stillem
-Blick über den stahlblauen Spiegel des Sees die Wunder in der Nähe
-betrachtet: die Kletterrosen mit ihren Tausenden zartweißen, rosa oder
-gelben Knospen und Blumen, die prangenden Rhododendrons, die köstlich
-gefärbten und duftenden Azaleen, die alle in jeder Nacht an ihrer
-Vervollkommnung weiter arbeiten -- aber mischte sich nicht in die
-langgezogenen Seufzer der Bülbül ein merkwürdig nüchterner Ton?!
-Man erinnert sich plötzlich: der Hahn war es, den die Kunst der grauen
-Sängerin nicht schlafen läßt, und der es in Locarno für nötig hält,
-noch vor Mitternacht die Menschheit an sein Dasein zu mahnen. Aber hier
-versteht man das; in diesem Zauberreich müssen die ältesten Gesetze ihre
-Kraft verlieren und aufgehoben werden. Die Natur befreit sich von allen
-Fesseln, und in ihrer unerhörten Verschwendung verleiht sie auch dem
-bescheidenen Haushahn die Gabe, über seine eigentliche Bestimmung hinaus
-zu krähen.
-
-Drunten pfeift der erste Dampfer, deutlich kann man verfolgen, wie von
-allen Seiten Omnibusse heranrollen, etwas Gepäck verladen wird und einige
-Pärchen Hand in Hand den Weg, der zum Schiff hinüberführt, betreten.
-Der Dampfer gibt ein zweites, wehmütiges Signal: aber niemand kommt mehr.
-Schwerfällig legt er ab. Und der junge blonde Kontrolleur, der seit fünf
-Jahren täglich vom Morgen bis zum Abend die zwölf Dampfer seiner Linie
-kontrolliert, wird keine zu große Arbeit haben. Diese da, die letzten,
-allerletzten deutschen Hochzeitsreisenden haben richtige Billette, sitzen
-in der ihnen zukommenden Klasse, verlassen das Schiff ordnungsgemäß an
-der =Isola bella=, durcheilen Hand in Hand Schloß und Garten und stehen
-nach zwei Stunden Hand in Hand wieder bereit, um die Rückfahrt anzutreten.
-Nicht einen Schritt vom vorgeschriebenen Wege tun diese Leute -- nichts
-sehen sie als die im Reisehandbuch verzeichneten Merkwürdigkeiten, und
-ohne Aufenthalt setzen sie ihre Tour fort: nach Lugano hinüber, oder
-gleich zurück über den Sankt Gotthard -- und ahnen nicht, daß sie an den
-Hauptschönheiten vorübergegangen sind und sich ihnen nur eine Spalte des
-Allerheiligsten geöffnet hat! Nein, ich fahre nicht über den See; ich
-warte, bis auch die letzten Hochzeitsreisenden fort sind und sich die
-braven Italiener, die dann mit schwatzenden, lachenden Kindern Vor-
-und Hinterdeck in Beschlag nehmen, sich nicht mehr über die fabelhafte
-Ungeniertheit der Jungvermählten chokieren. Und abends kehre ich erst
-heim, wenn das Mondlicht ein glitzerndes Netz übers Wasser wirft und
-all die kleinen Uferstädte nur mehr durch die Perlenreihe der Lichter
-erkennbar sind und nach kurzem wieder in mystisches Dunkel zurücksinken.
-Jetzt wandere ich lieber die Höhen hinauf, in der tröstlichen Gewißheit,
-keiner Seele mehr zu begegnen, sobald ich den Stadtrayon verlassen habe. Am
-wilden Garten der Madonna del Sasso, die sich eher wie eine Festung als wie
-eine Kirche auf steilem Fels inmitten einer Schlucht erhebt, schlendere
-ich vorbei, über Orselina Brione und Contra bis zu dem entzückenden,
-weltvergessenen Mergoscia im Tal der Verzasca, die sich nicht genug tun
-kann an größeren und kleineren Fällen; oder zur anderen Seite nach dem
-malerischen Ascona, das noch seinen besonderen Reiz durch die Gruppe der
-»Naturmenschen« erhält, die sich auf der Höhe des Monte Verità in
-verlassenen Bauernhäuschen angesiedelt haben und ihren Individualismus
-durch vegetarische Kost, flatternde Haare, wenig Bekleidung und größte
-Saloppheit dartun. Ich nehme mir aber bestimmt vor, sobald es noch heißer
-wird, mich wenigstens »vegetarisch« zu frisieren und alle künstlichen
-Unterlagen fortzulassen. Ascona ist auf dem Land erbaut, das die Maggia
-angeschwemmt hat; in ihrem langen Tal ist wohl der schönste Punkt bei
-Ponte Brolla, wo der Bach durch schroffe Felsen bedrängt wird, und später
-bei Visletto. In Cevio mündet ein neues Tal ein, das Valle di Campo, von
-der klaren Rovana durchströmt, von dessen verschiedenen Ortschaften aus
-über zahlreiche Pässe leichte und etwas schwierige Touren sich nach
-Gefallen und Wanderlust ausführen lassen. Aber sieh, das Beste liegt so
-nah! Der köstliche Weg von Locarno nach Ronco, hoch überm See, mit stetem
-Blick auf seine Fläche und die anmutigen Inseln bei Brissago, führt durch
-schattenspendenden Wald; nicht durch immergrünen mit hartem, dauerhaftem
-Laub, sondern unter den zartgrünen Zweigen von Ulmen, Buchen und den
-lichten Schleiern der Birken hin. Und über allen Vorbergen, die im
-April noch so plump in ihrem farblosen Massiv dastehen, haben die Birken
-ebenfalls ihr beständig flimmerndes Grün geworfen; auf den höheren
-Gipfeln leuchtet noch der Schnee, von den Abhängen erstrahlen die
-Obstbäume in blendender Pracht, und die Weinreben strecken sich von
-Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum grüne Blättchen auf verlangend
-wachsenden Armen entgegen. Ein reizender Winkel, verfallende, verlassene
-Bauernhäuschen, durch dichten Efeu zu malerischsten Ruinen umgewandelt,
-ist Fontana Martina, noch hinter Ronco gelegen und von Brissago aus über
-einen mörderisch steilen Pfad zu erreichen. Ein Deutscher wohnt hier
-einsam in dem toten Gemäuer, das für jemand, der wirklich Ruhe sucht, ein
-Dorado sein muß. Aber diese Jemande scheinen seltener zu sein, als man im
-allgemeinen annimmt: kein Liebhaber oder Räuber meldete sich bis jetzt,
-und der Deutsche, der ein wenig auf die Eigenbrödelei seiner Landsleute
-gerechnet hat, folgt am Ende eines schönen Tages -- die hier ja nicht
-selten sind! -- dem Beispiel seines Vorgängers und zieht sich mit einer
-reichen Frau in das Weltgetöse Mailands zurück. Die Kontraste liegen im
-Leben ja meistens dicht nebeneinander.
-
-Auch hier. Denn neben den Kindern heißerer Sonne, den hohen Fächerpalmen
-mit ihren kraftstrotzenden, sich eben öffnenden Blütenkolben sendet unser
-nordischer Flieder seine lila und weißen Sternchen im leisen Wind hinüber
-zu dem unendlichen Reichtum der Mimosenbäume; die zarten Kerzen des
-Kirschlorbeers strecken sich neben den derberen der Kastanie vor, die
-Orangenblüten erstrahlen doppelt neben den schwarzen Kugelfrüchten der
-Zypressen, die Iris gesellt sich zum Calicanthus, dem »Erdbeerbaum«
-unserer Kindheit, und zu Füßen des spielerischen Bambus und des
-selbstbewußten Eukalyptus sehen uns unsere Stiefmütterchen mit ernsten
-und etwas größeren Augen als zu Hause an.
-
-Ich will dem deutschen Frühling nicht seine Schönheit bestreiten; er
-hat längere Frist, sich zu entwickeln, und muß heftig genug um die
-hartgefrorene Erde und mit seinem Todfeind, dem Nachtfrost, ringen. Das mag
-seinen Kräften nur förderlich sein. Hier kommen sich Sonne und Erde
-in langem, heißem Kuß entgegen, es gibt kein Verweilen, nur ein
-Vorwärtsdrängen, ein Entfalten, Sprießen und Wachsen von Stunde zu
-Stunde. Und unter den glücklichsten Verhältnissen, vom hehren Rahmen der
-Berge umfaßt, lacht aus betörender Farbenpracht mit tausend Augen der
-Sommertag, und klingt sein Herzschlag aus dem Lied der Amsel und dem
-unablässigen Zirpen der Grillen.
-
-Auf meiner Fensterbank liegt eine smaragdgrüne Eidechse. Sie genießt die
-Wonne ihres Daseins -- sie ist wunschlos glücklich!
-
-
-II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde.
-
-Einen köstlichen »Aussichtsberg« überm Lago Maggiore gibt es, sagte
-man mir, und nachdem ich so lange darauf angewiesen war, allein oder in
-Gesellschaft von weder bergkundigen noch steigelustigen Genossinnen
-über bessere Hügel zu spazieren, wurde der Höhendrang von Tag zu
-Tag mächtiger. Sofort nach Ankunft des »Hochtouristen«, der auf
-Entdeckungsfahrten im »unbekannten Italien« auszog und sich, wie er
-sich bescheiden ausdrückte, »herabließ«, auf der Durchreise dem Lago
-Maggiore ein paar Tage zu »opfern«, wurde eine größere Tour vereinbart.
-Der Dampfer brachte uns nach Stresa, wo ein starker Gewitterregen die
-wichtige Frage nach bequemem Aufstieg, schöner Aussicht usw. zunächst so
-zweifelhaft machte, daß wir uns erst mal zum Bleiben entschlossen, an
-den pompösen Hotels und den noch schlafenden Villen der reichen Milanesen
-vorbeischlenderten und über einen der berühmten, herrlich angelegten
-Spaziergänge Doktor Georg von Siemens' wieder in das engmaschige Netz der
-Straßen des Städtchens zurückgerieten. Hallo, dort ist ein Auflauf vor
-einer Kirche! Wir stellen uns zwischen die anderen Neugierigen, und nach
-ein paar Minuten fährt -- höchst modern! -- ein Bischof im Automobil vor
-und nimmt große Sträuße, von Chiffonschleiern geschmückt, in Empfang.
-Eine Kapelle empfängt ihn mit dröhnender Musik -- leider ist es die
-Marcia Reale, im Jubiläumsjahre römisch-klerikalen Ohren gewiß eine
-doppelt unsympathische Melodie. Aber der geistliche Herr findet sich
-mit Würde in diesen überraschenden Kunstgenuß, verschwindet unter dem
-feuerroten, mit breiten Goldstreifen umsäumten Baldachin und erscheint
-nach kurzem wieder, in voller Amtstracht, die Hand mit dem Hirtenring
-segnend nach links und rechts streckend. Der Zug ordnet sich; als Trägerin
-eines riesenhaften Kreuzes eine jüngere Person wie eine Schar ihr
-folgender, bedeutend älterer in blauem Überwurf und weißen Schleiern,
-dazu haben alle -- sogar die Kreuzträgerin -- trotz der Heiligkeit des
-Moments, ihre mächtigen baumwollenen Regenschirme am Arm, die wohl nur
-im Tode von den Italienern abgelegt werden. In langen Reihen folgen die
-Schulkinder, Knaben wie Mädchen, von Geistlichen und Schwestern geleitet;
-am anderen Tage gibt's eine große Firmelung, obgleich der eigentliche
-Zweck des Signor Vescovo nur eine =visita pastorale= sein soll, der Besuch
-des Hirten bei seinen Schäflein. Armselig genug sehen sie aus, die ihm in
-die nächste Kirche folgen, und sein ernsthafter Blick gleitet über die
-Fremden hin, die abseits stehen. Und in diesem ruhigen Blick und in der
-Bewegung der segnenden Hand liegt so viel Achtunggebietendes, daß sich
-die Köpfe derer, die eben noch über die bescheidene Prozession und den
-modernen Bischof im Auto gelächelt haben, demütig senken und ihren Teil
-an seinem Segen hinnehmen.
-
-Am anderen Morgen hat es sich so weit geklärt, daß man nach Meinung der
-Eingeborenen den Aufstieg wagen darf: schlechtes Wetter hält sich hier ja
-nie länger als einen Tag, der Wind hat gewechselt, Gewitter kommt nicht --
-also! Und was man gerne glauben möchte, glaubt man ja einfach, obwohl der
-Hochtourist behauptet, die Einheimischen verstehen vom Wetter nie etwas.
-Zuerst geht's einen steilen Fosso, eine kleine Schlucht, empor; die
-Sonne brennt wahnsinnig, besonders, da ein fast senkrechter
-Bauern-»=scorciatoio=« zum Abkürzen verlockt hat und man sich mit
-Unterholz und Geröll herumplagen muß. Dann oben auf dem harmlosen Grat,
-zum Teil durch Wald, ist es recht hübsch; dann furchtbar langweilig,
-trotzdem man sich allmählich zur alpinen Flora emporgearbeitet und
-tiefblaue Enziane auf den sumpfigen Wiesen findet -- denn natürlich
-hat man wieder »abgekürzt«, schon um nicht immer neben dem im Bau
-befindlichen Damm der Zahnradbahn herlaufen zu müssen. Im Mai dieses
-Jahres noch soll sie eröffnet werden, dann werden endlich auch die
-Italiener, die mit wenig Ausnahmen ja das Wandern verabscheuen, diesen Berg
-gewinnen, und seine Einsamkeit wird dahin sein. Denn jetzt haben wir in den
-vollen vier Stunden, die wir zum Aufstieg ohne Rast brauchten, nur ein
-paar Bahnarbeiter getroffen, sonst keine Seele. Dicht vorm Albergo lag noch
-Schnee, zugleich setzte ein Hagelschauer ein, dem ein heftiges Gewitter
-folgte; da wir nun doch schon naß waren, erklommen wir gleich den nur zehn
-Minuten vom Restaurant entfernten Gipfel, mußten aber durch meterhohen
-Schnee waten. Oben, unter dem 15 m hohen Kreuz, lagerten wir an einer
-schneefreien, aber leider nicht windfreien Stelle und warteten geduldig,
-bis das Wetter sich verzog und langsam, langsam die liebe Sonne wieder
-durch die schweren Wolken kam. Welch ein Wunder sich dann offenbarte,
-und wie aus der Riesenkette schneebedeckter Häupter allmählich in
-überwältigender Höhe die Gruppe des Monte Rosa emporwuchs, das wäre
-auch mit drei Gewittern und vier Meter hohem Schnee nicht zu teuer bezahlt
-gewesen! Und drüben, über den sieben Seen, die man von oben zählt,
-fuhren die gewitterschwangeren Wolken noch unruhig hin und her, ein ewig
-wechselndes, berauschendes Farbenspiel auf den Wasserspiegeln hervorrufend,
-während der Schnee ihrer Berge in schwefelgelbe Tinten getaucht war.
-Ich glaube kaum, daß es an besonders klaren Tagen, an denen sich in der
-lombardischen und piemontesischen Ebene von hier aus Mailand und Turin
-zeigen sollen, schöner sein kann, als wir es oben hatten. Aber leider
-haben manche Leute ja ein Vorurteil dagegen, bei Gewittern auf Berggipfeln
-zu sein!
-
-Nach einer angenehmen Collazione im vortrefflich geleiteten Albergo, das
-den in Italien als Gastwirte bekannten Guglielminas gehört, stiegen wir
-dem westlichsten der oberitalienischen Seen, dem Lago d'Orta, zu, an der
-Südseite des Mottarone hinunter. Abkürzungswege, auf die wir an diesem
-Tage nun einmal geschworen hatten, brachten uns schneller ins Tal und dazu
-durch Gegenden, die absolut menschenleer waren, und in denen außer anderen
-Vogelstimmen sich sogar auch Nachtigallen hören ließen. Aber diesen
-wundervollen Weg, der allmählich wieder in die Region der immergrünen
-Gewächse hinabführte und zum Schluß an ganzen Narzissenfeldern vorbei,
-beschreibe ich nicht näher; aus Angst, ein Italiener könnte lesen, daß
-es bei ihm noch irgendwo Singvögel gibt! Dann wär's aus mit ihnen!
-
-Nach gut vier Stunden tauchte endlich am Ende der Schlucht wieder der
-vom Gipfel des Mottarone schon begrüßte See auf, entzückend in seiner
-Stille, der malerischen Umrahmung und der Insel San Giulio mit der alten
-Kirche darauf in seiner Mitte. Zwar fielen jetzt wieder große Tropfen,
-während ich noch den imponierenden Sassina-Viadukt bewunderte und
-wiederholt meine Bedenken gegen die Wetterkenntnis der Eingeborenen
-äußerte. Aber weit vom Ziel konnten wir doch nun nicht mehr sein; ich
-verwandelte mich mit meinem Wetterkragen in eine der besonders beliebten
-»Lodendeutschen« und wanderte tapfer fürbaß -- wohl noch fast
-eine Stunde in immer stärker strömendem Regen, unliebenswürdigem
-Donnergrollen und überflüssig häufigen Blitzschlägen. Manchmal ist
-einem doch _ein_ heftiges Gewitter pro Tag genug. Jedenfalls war ich recht
-froh, als wir endlich beim Pranzo auf der kleinen Terrasse des Albergo Orta
-saßen und ich den Regen nicht mehr direkt ins Gesicht und auf den Kopf
-bekam. Übrigens ist die kleine Stadt Orta, die eigentlich nur aus einer
-Piazza und einer einzigen engen Straße, abgesehen von einigen an den
-Hängen verstreuten Villen, besteht, sehr reizvoll, und ihr Sacro Monte, in
-dessen Kapellen das Leben des hl. Franz von Assisi in den in dieser Gegend
-bevorzugten Terrakottafiguren dargestellt wird, bietet eine entzückende
-Aussicht.
-
-Am nächsten Morgen in Frühe und Kühle brachte uns ein emsiger kleiner
-Dampfer in einer Viertelstunde ans andere Ufer, nach Pella hinüber, wo ich
-den Sitz auf dem mich schon im voraus klagend anschauenden Maulesel dankend
-ablehnte und auf einem Weg, den uns die Italiener als gänzlich unmöglich
-für Damenfüße schilderten, sehr bequem, zum Teil durch schattigen
-Wald, nach zwei Stunden den Paß la Colma erreichten. Als gewissenhafte
-Alpinisten -- so ist man nun einmal! -- nahmen wir gleich den Monte Briasco
-von hier aus noch mit, zu dessen Gipfel (1185 m, also fast 300 m weniger
-als der des Mottarone!) man in dreiviertel Stunden gelangt, und der mir
-den Monte Rosa einmal ganz ohne Wolken und durch seine Nähe von
-imponierendstem Eindruck zeigte. Dann ging's von la Colma an recht
-gemütlich hinab, durch prächtige Kastanien- und Nußwälder, an viel
-einsamen, von blühenden Obstbäumen umstandenen Gehöften vorbei. Nur wo
-in Italien immer die Menschen sind, möchte ich trotz meiner Vorliebe
-für ungestörtes Wandern doch oft gern wissen. Bis unten das Sesiatal
-auftauchte, kam es mir vor, als gehörte dies herrliche Land allein uns, so
-wenig wurde es von anderen beansprucht. Alles in allem haben wir vier
-und eine halbe Stunde bis zu dem durch seine Lage und Architektur
-überwältigend schönen Varallo gebraucht -- warum also kennen Deutsche
-die kleine Stadt fast gar nicht und überlassen sie den Engländern
-fast ganz, die allerdings nicht ungeschickt im Aufspüren versteckter
-Kunststätten sind?!
-
-Varallo ist ein altes Städtchen, überaus malerisch mit seinen
-Steinhäusern und dem lichten Grün der Laubbäume, dem dunklen der
-immergrünen Pflanzen dazwischen. Alte Dokumente, zwei Diplome
-Kaiser Konrads II. erzählen, daß es schon 1025 existierte. Zu
-größerer Bedeutung gelangte es aber erst, als Bernardo Caimi, ein
-Franziskanermönch, einer vornehmen milanesischen Familie entstammend,
-im Jahre 1481 nach seiner Rückkehr aus Palästina beschloß, in seinem
-Heimatlande ein Sanktuarium zu errichten, das allen heiligen Orten, die
-er besucht hatte, samt den Begebenheiten, die sich dort zugetragen haben,
-gleichen sollte. Er erwählte sich Varallo zu seinem frommen Werke und
-erhielt im Jahre 1486 vom Papst Innozenz VIII. die Erlaubnis, ein Kloster
-zu errichten. Aber erst nach einer zweiten Reise nach Jerusalem entwarf
-er die Pläne für das Heiligtum, und im Jahre 1491 wurde der Grundstein
-gelegt. Seit dem Besuche des Erzbischofs von Mailand, Karl von Borromeo,
-im Jahre 1578, der das Sanktuarium bedeutend erweiterte und den
-Beschluß faßte, in einzelnen Kapellen alle Mysterien des Lebens Christi
-darzustellen, gewann Varallo seine große Wichtigkeit als Wallfahrtsort.
-In den waldreichen Tälern und auf den kleinen Vorsprüngen des
-Berges verteilen sich 45 Kapellen um die Hauptkirche, vor der sich ein
-architektonisch höchst reizvoller Hof hinbreitet. Das Innere der Kirche
-ist reich, aber modern. In den Kapellen dagegen befinden sich die alten
-Fresken und Terrakottagruppen, die auf Befehl Karl Borromeos hergestellt
-wurden. Fast tausend Statuen, darunter unzählige Tiere, Vögel, Reptilien,
-von 80 Künstlern ausgeführt, veranschaulichen das Leben und Leiden
-Christi und gelten dem italienischen Volke noch heute als wunderbare
-künstlerische Leistung; während unser Geschmack wohl durch die ganze
-Anlage als solche, die Architektur der Kirche und der Kapellen sowie durch
-die entzückende landschaftliche Umgebung des Heiligtums mehr befriedigt
-wird als durch die oft sehr bunt bekleideten und daher unruhig wirkenden
-Gruppen. Einzelne allerdings, wie die »Kreuzigung« aus der Hand Gaudenzio
-Ferraris, werden auf jeden Beschauer eine erschütternde Wirkung ausüben.
-Auch darf man nicht vergessen, daß zur Zeit, als die Terrakotten
-entstanden, die Bauern weder lesen noch schreiben konnten und Bücher
-eine Seltenheit waren. Da mußte die anschauliche Darstellung der heiligen
-Geschichte von größtem Einfluß sein.
-
-Am Fuße des Sacro Monte, zu dem man von der Stadt aus auf sehr steilen
-Wegen in zwanzig Minuten emporsteigt, liegt die äußerlich simple Chiesa
-Santa Maria della Grazie, die dem 15. Jahrhundert entstammt. Eine vornehme
-Familie aus Varallo, die Vincini, ließ auf ihre Kosten das große
-Wandgemälde malen, welches das Prespyterium von der übrigen Kirche
-scheidet. Es darf wohl als schönste Arbeit Gaudenzio Ferraris betrachtet
-werden und stellt in zwanzig Vierecken, in der Mitte als größtes
-die Kreuzigung, Christi Leben dar. Ein anderes Bild desselben großen
-Künstlers, die Vermählung der heiligen Katharina, befindet sich
-hinter dem Hochaltar der auf köstlichen Substruktionen sich erhebenden
-Pfarrkirche San Gaudenzio, zu deren Füßen der Wochenmarkt abgehalten
-wird. Auch über dem Portal der Chiesa della Madonna di Loreto, eine
-Viertelstunde von Varallo entfernt, hat Ferrari die Geburt Christi
-wunderbar =al fresco= gemalt.
-
-Besonders anziehend wird das Stadtbild Varrallos durch die schönen
-Trachten der Frauen aus den naheliegenden Dörfern und Tälern. Die
-aus Fobello tragen breite, leuchtend rote Säume an den schwarzen
-Faltenröcken, während eine schmale rote, hinten grüne Einfassung die
-Rocksäume der Frauen aus dem Mastolonetal umgibt. Alle aber tragen
-sie unter den Jacken und Miedern weiße Hemden mit kostbaren gelblichen
-Macraméeinsätzen und -spitzen und breitgelegte seidene Tücher auf dem
-Kopf, die nur bei der Messe durch Schleier aus Spitzen oder feinem Leinen
-ersetzt werden. Als Beitrag zu einem aktuellen Thema möchte ich erwähnen,
-daß ebenso allen Frauen ein schwarzes Beinkleid gemeinsam ist, das die
-Beine eng bis zu den Knöcheln umhüllt; die nackten Füße stecken in den
-landesüblichen Holzpantoffeln, den »Zoccoli«.
-
-So bringt der kleine Ausflug ins »unbekannte« Italien des Erhebenden,
-Neuen, Anregenden genug. Mir bleibt der Besuch des größten
-Kalvarienberges der Welt eine schöne Erinnerung. Und wer die Mühe scheut
-oder kein flotter Wanderer ist, dem verrate ich einen näheren, bequemeren
-Weg: eine zweistündige Bahnfahrt von Arona am Lago Maggiore aus bringt
-auch ans Ziel. Aber, »wem Gott will rechte Gunst erweisen,« der wandre!
-
-
-III. Hochalpine Spaziergänge.
-
-Für jemand mit der eingeborenen Lust zum Bergsteigen im Herzen ist es
-undenkbar, lange still an einem Platz zu sitzen, dessen nächste Umgebung
-Gebirgszüge sind. Sie locken täglich; und täglich dringender. Und nur
-schlechtes Wetter und die Gewißheit auf »Aussichtslosigkeit« lassen
-die Genagelten im Schrank stehen. Man hat also Zeit genug, sich vorher zu
-orientieren; das ist bei allen Bergen an den oberitalienischen Seen nicht
-leicht. Da gibt's keine schönen Wege wie in den Gebieten des Deutschen und
-Österreichischen Alpenvereins, auch sehr selten Markierungen. Unzählige
-Vieh- und Holzwege kreuzen sich und laufen nach allen Seiten, und erst wenn
-man aus der Waldregion herauskommt, wird es, wenigstens für den, der ein
-Auge fürs Gelände und für Bergformen hat, leicht, die beste Route zu
-finden. Im ganzen bieten die Berge keine Schwierigkeiten; es sei denn, daß
-noch Schnee liegt, der die Aufstiege im letzten Teil ermüdend macht. Denn
-natürlich besteigt man diese Berge am liebsten im Frühjahr, weil die
-Aussichten dann schöner sind als im Herbst, auch grade der Schnee die
-Linien der Gipfel veredelt. Abgesehen von den italienischen Sommergästen,
-die ja auch sehr bequem sind und sich nur selten zu einer Partie aufraffen,
-werden diese Berge fast nie bestiegen. Die Touristen, die alles an den
-Seen besuchen, was sie eben für »alles« halten, sind zu eilig, das
-internationale Reisepublikum bummelt herum, Hochtouristen erscheinen nicht
-auf der Bildfläche. Auf viele Berge, z. B. auf den Monte Generoso, auf
-den Mottarone, auf dem ich vor zwei Jahren noch zu Fuß war, führen jetzt
-Zahnradbahnen, so daß sich die »Faulen, die zu Hause liegen«, ohne
-weitere Anstrengung das Vergnügen einer Aussicht verschaffen können. Was
-ist das aber gegen eine selbst erkämpfte?! Freilich, die Bauern in den
-kleinen, jetzt in köstlichem Grün gebetteten Felsennestern warnen wie
-immer vor dem entsetzlichen Weg, der für eine Dame absolut unmöglich
-sei! und vor dem tiefen Schnee am Gipfel -- Schnee bleibt nun einmal in
-der Vorstellung des Italieners die böseste Naturerscheinung! Trotz der
-gutgemeinten Ratschläge geht man im steten Schritt weiter; schließlich,
-steckte man sich nicht höhere Ziele, könnte man einen Aussichtsberg
-wie die Cimetta von Locarno aus als Morgenspaziergang behandeln, wenn man
-seinen Tag um fünf Uhr begönne. Denn es handelt sich um keine bedeutenden
-Höhen -- die Cimetta z. B. ist nur 1676 m hoch --, da die Seen aber tief
-liegen, ca. auf 200 m, so hat man immerhin recht große Höhendifferenzen
-zu überwinden. Und ist man erst oben, so möchte man gleich mehr
-genießen!
-
-Wir übernachteten daher in dem 1000 m über Locarno gelegenen
-»Alpenheim«, zu dem die Straße mit den berühmten 28 Kehren
-hinaufführt. Sie zeichnet sich durch die Verheißung aus, daß man ab der
-22. den Monte Rosa sieht -- allerdings zuerst in einem Umfang, daß man ihn
-mit der wirklich mitgenommenen Zahnbürste decken könnte -- _und_ durch
-ihre Pflasterung. Oh, diese Pflasterung, die man allen hochgelegenen Orten
-und den zu ihnen leitenden steilen Saumpfaden angedeihen läßt! Hinauf
-geht's noch -- aber hinunter, wenn man ohnehin von seinem Berg-Tagewerk
-schon müde ist, und nun sich die runden, eckigen, immer aber gebuckelten
-Steine mit Vehemenz in die Sohlen drücken! Wozu sie noch niederträchtig
-glatt und rutschig sind, weil sie mit Holzschlitten, die das Holz von oben
-bringen, befahren werden und den Genagelten daher so gut wie keine Reibung
-bieten. Da heißt's bei jedem Schritt achtgeben, will man das Mosaikmuster
-nicht noch andern Körperteilen einpressen. -- Im »Alpenheim« sind noch
-keine Gäste; man eröffnet mit uns die Saison. Die einzige Bedienung,
-der siebenjährige Sohn der Deutsch-Schweizer Wirtin, serviert uns
-die vorhandenen Genüsse: Rühreier, und Salami, in den italienischen
-Bergnestern das Ein-und-Alles! Wahrscheinlich aber bereitet die auch auf
-Höhen steigende Kultur der wohltuenden Primitivität hier oben bald ein
-Ende: die Quelle, aus der man beim Aufstieg ahnungslos trank, soll Radium
-enthalten. Schon naht ein Konsortium -- und in einer Vision sieht man
-statt Hansi mit zu kurzen Hosen und bloßen Füßen befrackte Kellner und
-beknöpfte Liftboys. Fliehe, ehe es zu spät ist!
-
-Um vier Uhr früh tranken wir deshalb den »Tourenkakao«, packten harte
-Eier und Salami in den Rucksack und ließen den zukünftigen Radiumpalast,
-den jetzt noch eine Stearinkerze erhellte, hinter uns. Empor durch Wiesen,
-vorbei an leerstehenden Almhütten. Nach gut zwei Stunden ein recht
-ekelhafter Grasbuckel, auf dem man immer wieder Terrain zu verlieren statt
-zu gewinnen scheint, so rutschig ist er; dann pfadlos zum Gipfel. Schön?!
-Unbeschreiblich! Der Lago Maggiore in lichter Morgensonne, gerade noch
-sieht man das goldene Gegitter des Mondes in den dunklen Fluten vertauchen
--- leichte, lila Wölkchen um die schneebedeckten Gipfel, als Glanzpunkt
-des Gebirgspanoramas der Monte Rosa in strahlender Pracht und jetzt jedem
-banalen Vergleich unerreichbar, dazu die Mischabel, in greifbarer Nähe der
-stolze Basodino -- und dann die Talblicke! Rauschende Ströme, blitzende
-Wasserfälle, duftige Wälder und überall auf Terrassen und Hängen, vom
-Grün der Weinberge umschlossen und von malerischen Kirchen überragt,
-Ortschaften und Dörfer, die immer aus der Ferne wie königliche
-Residenzen wirken und in der Nähe, ach, von solch schmerzlicher Armut
-und Verkommenheit sind. Im Augenblick aber freut einen nur die kostbare
-Schönheit ringsum -- man möchte mehr und mehr von ihr haben! Also
-hinunter zum Sattel -- mühelos gewinnt man ihn -- und wieder aufwärts
-über einen steilen Fels- und Schneegrat zum Gipfel des Poncione di
-Trosa (1874 m). Hier gibt's dieselbe, nur noch erweiterte Aussicht, ein
-Frühstück im Schnee und dann eine Abfahrt, im Sitz, die steilen
-Hänge hinunter im Schnee, höchst amüsant und sehr verwegen über die
-tiefvergrabenen Buchenäste und Alpenrosenbüschen fort -- recht groß
-kommt man sich vor! Ja -- bis man plötzlich bis über die Hüften im
-Schnee feststeckt und das rechte Bein weder rück- noch vorwärts bewegen
-kann, so zäh umklammert es das Gezweig. Es ist zum mindesten ungemütlich,
-und wäre man jetzt allein -- und bis Mittag frören die Zehen ab und vom
-Nachmittag an brauchte man von einem Paar Strümpfen nur noch den linken
--- es nützt nichts, »der« Hochtourist, der unten am Sattel steht und
-schreit und brillante technische Ratschläge gibt, nach denen jedes bessere
-Bein ein Korkenzieher würde, muß noch einmal herauf und mit Pickel und
-freundlichen, auftauenden Worten »der« Bein ausgraben. Es gibt einen
-unvorhergesehenen Ruck und Bein mit Genageltem schnellen dicht am Antlitz
-des Befreiers vorüber ans Tageslicht. Daß man sich nun erst recht noch
-einen Gipfel erkämpfen muß, steht fest. Vom Sattel geht's ziemlich
-bequem -- was man in den Bergen so nennt, wo glitschige Platten, fatales
-Gestrüpp, steiles Gras und schließlich wieder harter Schnee nur angenehme
-Begleiterscheinungen sind -- zum Gipfel des Madone hinauf (2050 m). Dies
-Auf und Ab ist durchaus interessant und wohltätig für die Geschmeidigkeit
-des Körpers, die Aussicht von hier auch noch weiter, noch imposanter, und
-eventuell noch ein halbes Dutzend Gipfel bequem bei Hand und Fuß. Aber ich
-bedeute meinem Hochtouristen ernsthaft, daß ich im Leben nie unbescheiden
-gewesen sei und mir bis vormittags 11 Uhr drei Gipfel genügten, und meine
-Kousine, deren erste Bergtour es war, erklärt, daß sie sich die Sache
-überhaupt ganz anders vorgestellt habe und keinen Schritt mehr aufwärts
-steigen wolle. Darauf fuhren wir froh auf dem Teil, den der liebe Gott zum
-Sitzen eingerichtet hat, über den Schnee, zum Sattel hinunter, trockneten
-an einer noch verlassenen Almhütte einige Kleidungsstücke in der
-mitleidigen, aber doch leis verstimmten Sonne, aßen den Rest der Salami
-und marschierten ab, auf recht miserablen Alpenwegen, zum Tal der Verzasca
-hinunter. Was vorher leichter Nebel war, verdichtete sich zu feuchten
-Niederschlägen; die Feuchtigkeit zu sanftem, starkem -- dann brausendem
-Regen. Bis zum hübschen Mergoscia, das immer noch 735 m hoch liegt,
-triefte es von meinem guten Hut, und aus meinen Handschuhspitzen lief das
-Wasser. Aber nach einer Stärkung an entsetzlichem Kaffee, bei dem einem
-mal wieder klar wurde, _wie_ gut man's hat, daß man den nicht täglich zu
-trinken braucht, besannen wir uns darauf, daß wir schließlich erst gut
-acht Stunden marschiert seien, abgesehen von der durch Rasten und Ausgraben
-verlorenen Zeit, daß die am Nachmittag fahrende Post vielleicht schon
-besetzt wäre und wir inzwischen keinenfalls auf eine Trocknung unseres
-inneren und äußeren Menschen zu rechnen hätten. Ich setzte den guten
-Hut wieder auf und durch das wildromantische Tal, in dem sich die Verzasca
-durch starre Felsen ihre Bahn gräbt -- das also bei schönem Wetter jeden
-Lyriker begeistern würde -- eilten wir mit zusammengebissenen Zähnen
-heimwärts. Zwei volle Stunden lang im alpinen Schritt. Rucksack und Hut
-vermehrten ihr Gewicht bedeutend. Den Regen aber kümmerte das nicht.
-Er tat ganz, als sei er in dieser Umgebung zu Hause und begleitete uns
-gastlich bis zur Schwelle.
-
- * * * * *
-
-Man muß nicht nur die Feste feiern wie sie fallen, sondern in einer
-Periode, in der das Wetter höchst beständig, nämlich: beständig
-schlecht ist, sich zu seinen Unternehmungen sofort auf die auch nur
-einigermaßen guten Tage stürzen. Solch ein »einigermaßener« Tag war's,
-den wir von Locarno aus zur Fahrt nach Bellagio benützten, nicht um die
-Reize dieses Glanzpunktes aller italienischen Seen in gemächlicher Ruhe
-zu genießen, um Spitzen, Intarsien oder »echte« Antiken einzuhandeln
--- etwas »Höheres« lockte uns seit langem, der Monte San Primo, der
-höchste Punkt der Halbinsel, die an ihrer nördlichen Spitze Bellagio
-trägt. Nach einem wohltuenden =pranzo= (Mittagessen) im Freien, auf der
-Terrasse des Hotels Florenz, den herrlichen See zu Füßen, gegenüber im
-wunderbarsten Blumenflor die Villa Carlotta des Herzogs von Meiningen,
-und nach einem ausruhenden Bummel unter den Palmen des Parkes Serbelloni,
-machten wir uns ans Werk, angefeuert vom Studium der Karte, die ungefähr
-verrät, was einen auf diesem Gipfel erwartet. Der Rucksack ist gottlob
-nicht schwer, denn die Luft ist fürs Steigen auf der bequem angelegten
-Straße immerhin schwül. In den Weinbergen schlagen sich schon grüne
-Bogen von einem Maulbeerbaum zum andern, aus dem hohen Gras ihrer Terrassen
-glänzen die weißen Sterne der Narzissen. Man denke: es gibt hier
-Wegweiser! Und so landet man nach dem Durchwandern einiger kleiner
-Ortschaften ohne alle Fährnisse in Guello, das schon 600 m hoch liegt und
-uns zur Nacht beherbergen soll. Im Bädeker steht bei diesem Namen: (Whs.)
--- bedeutet Wirtshaus --, ein »Allogio« dort gäbe es nicht, hatte uns
-der Kellner in Bellagio versichert. Das schien auch fast so; obgleich der
-Ort, in dem es außer einigen übrigens über das ganze Dorf verstreuten
-Villen nur vier Häuser gibt, zwei mit der lockenden Aufschrift
-»Ristorante« und »Birraria«, zu verzeichnen hat. Die Dämmerung war
-hereingebrochen; so konnten wir nicht mehr auf des andern Gesicht lesen,
-was als Hochmut und unberechtigte Anspruchsfülle zu deuten gewesen wäre.
-Ich trat entschlossen auf das wenigst schlechte Haus zu, in dem eine
-=padrona=, die genau so schwarz und so rußig war wie ihr Kupferkessel
-überm offenen Feuer, uns bedeutete, daß wir nicht allein Eier und Salami,
-sondern auch, o Wunder, ein kleines, von uns unbeachtetes Häuschen,
-dass unten eine große, etwas modrig duftende Wirtsstube und, durch eine
-Außentreppe zu erreichen, oben zwei ganz nette Gastzimmer aufwies, haben
-könnten. Die Betten sind in Italien auch im bescheidensten Nest gut,
-auch hier; von der übrigen Einrichtung nenne ich nur einen großen Haufen
-Schafwolle in einer Ecke, in der andern das Sonntagszeug der männlichen
-Hausbewohner. Salami und Eier schmeckten vorzüglich, das Brot mußte man
-sich im herben =vino da pasto= (Landwein) erst aufweichen; serviert
-war, auch wie überall in Italien, auf reinem Tischtuch mit Zugabe von
-tadellosen Servietten. Das bunte Tischtuch bleibt, Gott sei Dank!, eine
-deutsche Erfindung, dafür ist in ähnlichen, elenden Wirtshäusern
-unseres Vaterlandes die Serviette, die der Italiener zum einfachsten
-Imbiß spendiert, z. B. zum Kaffee oder Tee, etwas total Überflüssiges,
-Luxuriöses. Um halb vier Uhr rasselte im Nebengemach die Taschenuhr
-»des« Hochtouristen los, die immer dann geht, wenn man am besten
-schläft; zugleich versicherte die =padrona=, daß das Wetter schön und
-der Kakao fertig sei. Umgekehrt hätte auch nicht gestimmt: das Wetter war
-trübe, der Kakao schlimm. Aber man muß guten Mut haben! Es klärte
-sich auch ziemlich auf, so daß man seine Freude an den hier oben noch
-blühenden Obstbäumen und den sich eben erschließenden, alle Wiesen
-und Hänge bedeckenden Bergschlüsselblumen haben konnte. Da der weite
-Talkessel bis hoch hinauf größere und kleinere Sommerhäuschen der
-Milanesen trägt, geht der Fahrweg am Sasso Lentina, einem berühmten
-eratischen Riesenfelsblock, vorüber, bis zu einem Wäldchen hinauf, von
-dem jenseits die Alpe del Borgo liegt. Nun führt ein rauher Bergsteig
-durch Erikabüsche aufwärts zum östlichen Gipfel des Monte San Primo, den
-man nach gut drei Stunden betrübten Herzens erreicht; denn die Aussicht
-wird, bei diesem Nebel, der zuerst das Tal nach links, dann auch die rechte
-Seite schließt, kaum nennenswert sein. Man konstatiert ärgerlich, daß
-hier oben noch Schnee liegt, die Christrosen noch grün sind, das kleine,
-struppelige Buchengestrüpp kaum Knospen ansetzt -- und dann, am östlichen
-Gipfel, zerreißt der Nebel plötzlich, See, Wald, Halbinsel, Ortschaften,
-Berge tauchen auf, die Wanderung am Grat entlang bis zum Hauptgipfel
-(1685 m), die noch eine gute Stunde beansprucht, wird zu einem wunderbaren
-Genuß! Das Kapellchen oben ist zerfallen, der Schutzraum noch voll Schnee
--- aber der Blick, der wunderbare, unvergleichliche Blick! Die Seearme von
-Lecco und Como umschließen den Bergrücken, auf dem man steht, die ganze
-Halbinsel mit ihrem köstlichen Wechsel von Wald und Hang, Villen, Parks
-und Ortschaften, mit Bellagio und den Städtchen und Dörfern am andern
-Ufer breitet sich aus, umschlossen vom prachtvollsten Bergkranz, in dem
-besonders die nahe Grigna und die herrliche Pyramide des Monte Leone, das
-Wahrzeichen des Comosees, fesselt. Und dieses Bild bleibt, während man
-den langen Rücken des San Primo abschreitet, ungefähr noch zweieinhalb
-Stunden, in stetem Auf und Ab, von einem kleinen Gipfel zum andern. Diese
-gemütliche Gratwanderung mit der großartigen Fern- und Nahsicht ist der
-Hauptreiz dieser Tour. Am aller- allerschönsten Punkt wird gefrühstückt
--- Salami und Eier! Dann geht's vom westlichsten Gipfel zuerst weglos
-hinab. Die großen, blauen Enzianglocken geben den Matten einen
-blauen Schleier, seltene Orchideenarten gesellen sich zu großäugigen
-Vergißmeinnichten und unzähligen, zartgelben Stiefmütterchen. Die
-Nachtigallen können kein Ende finden ihres sehnsüchtigen Gesanges; der
-Kuckuck mahnt aus der Waldesstille. Und Menschen --? Von Guello ab keine
-Seele; beim Abstieg die ersten wieder in Nesso, das anmutig genug am See
-liegt und an dem uns der Dampfer wieder aufnimmt und nach Como trägt. Man
-mag auch diese Menschenleere einen Reiz des Abstiegs nennen, der übrigens
-dreieinhalb Stunden dauerte. Die letzte Stunde aber, auf den gepflasterten
-Wegen nach Nesso hinein -- Damen mit empfindlichen Sohlen oder Zehen ist er
-nicht zu raten! _Diesen_ Reiz des Ausflugs könnte man entbehren.
-
-»Den Monte Nudo,« sagte mein Hochtourist, »ja, den können wir noch
-morgen machen! Zwei so kleine Touren wie die auf den San Primo und den Nudo
-hintereinander dürften Sie kaum anstrengen.«
-
-Über das »Dürfen« sind die Touren selbst gewöhnlich eigener Ansicht.
-Vor einer Höhe aber von 1235 m darf man natürlich die Waffen nicht
-strecken. Also von Como per Bahn nach Laveno am Lago Maggiore, immer auf
-italienischem Gebiet. Und nach der Nacht mit der Schafwolle ein höchst
-kultiviertes Quartier im hübschen Hotel Bellevue von Laveno, das einst
-Kriegshafen der Österreicher war (1849-50) und das gerade der Papa dieses
-meines Hochtouristen seinerzeit befestigt hat. Eine Erinnerung, die
-wir pietätvoll verschwiegen, denn sie hätte hier nicht gerade beliebt
-gemacht, obwohl die Befestigungen schon längst nicht mehr existieren. Wir
-bezeugten nur dem Denkmal zur Erinnerung an Garibaldis Alpenjäger, die
-hier am 31. Mai 1859 beim Angriff auf das Fort gefallen sind, unsere
-Ehrerbietung. Am nächsten Morgen -- ohne Rucksack, nur mit Apfelsinen
-und einem photographischen Apparat -- »besiegten« wir in zweistündigem,
-steilen Marsch die Pflasterwege bis hinauf nach Vararo. Wir waren
-dankbar, daß die Sonne nicht noch heißer brannte und die Steine von
-den Holzschlitten nicht noch glatter gerutscht waren. Man sollte sich
-überhaupt immer die noch schlimmeren Möglichkeiten vorrechnen, als über
-eine nicht ganz bequeme Gegenwart zu nörgeln. Das Dörfchen Vararo ist
-sehr malerisch mit seinen eng ineinander geschachtelten Steinhäusern
-und einer kleinen Kirche, hinter der der Sasso di Ferro einen imposanten
-Hintergrund bildet. Vielleicht waren wir dieser Offenbarung auch besonders
-zugänglich, weil dicht vorm Dorf die Landstraße einsetzte und die Sohlen
-direkt Mutter Erde berühren durften. Die weiteren anderthalb Stunden zum
-Monte Nudo hinan erschienen einem darnach leicht, angenehm -- das Ideal
-eines Morgenspazierganges! Was der Gipfel an Ausblicken über den Luganer
-See, den Lago Maggiore und den See von Varese bietet, ist noch dazu eine
-großartige Belohnung; die Walliser Alpen in ganzer Ausdehnung und weit,
-weit die Ebene. Der helle Punkt im undeutlichen Steinmeer dahinten soll
-der Mailänder Dom sein; das erfüllt zwar mit Ehrfurcht, daß man so weit
-sehen kann, aber für das gewaltige Gesamtbild ist es kaum von Bedeutung.
-Daß der Monte Nudo seinem Ruf als schönster Aussichtspunkt der
-Gegend alle Ehre macht, steht fest; daran konnten auch vorübergehende
-Wolkenschatten nichts ändern. Wäre das letzte Bergab mit seinem horriblen
-Pflaster, das nun in voller Vormittagssonne brannte, nicht gewesen, so
-»dürfte« diese Tour zu den leichtesten und zugleich lohnendsten meines
-Berglebens gehören; so hat sie am Ende einen Stachel der Erinnerung.
-Das Wetter hielt sich noch immer, nämlich mäßig, und ließ alle
-Möglichkeiten zu. Weshalb da nicht noch einmal etwas wagen? Hatten wir
-den Camoghe, den »hervorragendsten Aussichtsberg« des ganzen Tessin nicht
-bereits dreimal umsonst belagert? Das viertemal mußte es glücken! Zurück
-nach Lugano, denn auf der Nordseite gab's noch zuviel Schnee und der Zugang
-vom Süden bietet außerdem noch den Vorteil, den Monte Garzirola und den
-Monte Segor, die man traversieren muß, gleich noch mitzumachen, also drei
-Gipfel auf einen Schlag! Es ließ sich auch alles vorteilhaft genug an: mit
-der Elektrischen von Lugano nach Tesserete, von dort in anderthalb Stunden
-gemächlicher Wanderung nach Maglio di Colla (in der Val di Colla), das
-trotz seiner hohen Lage (850 m) ein sehr mildes Klima hat. Im ganzen Tal
-kommen bis zu 1200 m hinauf noch Kastanien und Wein fort; im übrigen
-gedeihen hier besonders gut die Schmuggler, die zur nahen italienischen
-Grenze hinüberwechseln und sich ihren ehrlichen Lebensunterhalt durch
-inoffiziellen Export von Zucker, Tabak usw. verdienen. Denn in all diesen
-Gebirgsdörfern, auf schweizerischer wie italienischer Seite, gilt
-der Schmuggel als anständiges Gewerbe. Es kommt auch hier nur auf die
-Anschauung an. Die Eisenöfen, die einst dem Orte den Namen gaben -- Maglio
-heißt Hammerwerk -- sind längst eingegangen und haben schuld an der
-Vernichtung des Waldes; was also sollen die armen Leute tun? Genug sind
-auch ausgewandert, die Frauen dominieren in allen Dörfern des Tales.
-Uns berechtigte ein klarer, köstlicher Abend zu den schönsten
-Bergsteigehoffnungen. Der Hochtourist stellte seine liebenswürdige Weckuhr
-auf 3½, in Anbetracht der sehr langen Tour: Garzirola 2119 m, Segor ca.
-2100 m, Camoghe 2296 m und auf 1057 m waren wir erst. Man bereitete seine
-Beine auf drei Gipfel vor. Aber die Rekognoszierung um halb vier ergab
-Nebel um die Bergspitzen, die um fünf Nebel bis zur Talsohle, die um sechs
-strömenden Regen! Der Camoghe wollte zum viertenmal nicht -- es gab wieder
-nichts als heimfahren. Ob er je wollen wird? Wir lesen die Wetterberichte;
-sie lauten aus allen Orten in edler Abwechslung: =coperto= (bedeckt),
-=pioggia= (Regen), =nuvoloso= (bewölkt). Wir haben viel vor den andern
-voraus, bei uns ist alles drei: =coperto=, =pioggia=, =nuvoloso=.
-Und augenblicklich gießt es, wie seit drei Tagen unaufhörlich. Auf
-Wiedersehen, Camoghe!
-
-
-IV. Im höchsten Tessin.
-
-Bei zweimaligen längeren Aufenthalten am Lago Maggiore habe ich fast
-alle Täler, deren brausende, klare Ströme in die Silberschale des Sees
-münden, durchstreift, habe die Höhen erklettert, die seinen
-kostbaren Rahmen bilden, und mich immer wieder an den armen und doch
-so anmutsreichen, in Weinbergen gebetteten Dörfern der Ufer und Hänge
-erfreut. Freilich, das Geschick ihrer Bewohner ist nicht so heiter und
-glücklich, wie man leicht nach der Schönheit der Landschaft und dem
-gesegneten Klima annehmen könnte. Auf wieviele ganz verlassene Weiler
-trifft man nicht, während es in anderen Dörfern nur Frauen, Kinder und
-alte Männer gibt, da die arbeitsfähigen Männer in der Fremde ihr Geld
-verdienen müssen, zum Teil auch nach Amerika ausgewandert sind. Die Arbeit
-auf den Feldern und in den Weinbergen wird daher meist von den Frauen
-verrichtet, die solch ein bescheidenes Leben führen, wie es allerdings
-auch nur in diesem Klima denkbar ist.
-
-Einer meiner interessantesten Ausflüge war nun der ins »höchste
-Tessin«. Die kleine Bahn, die durch die Valle Maggia fährt, brachte mich
-eines frühen Morgens -- Abfahrt von Locarno um 5 Uhr 5 Minuten -- Ankunft
-in Cevio um 6 Uhr 26 Minuten -- (das zeitige Aufstehen lernt man bei diesen
-Gelegenheiten so nebenher!) an die Mündung des Campotales, das vom wilden
-Lauf der Rovana durchströmt wird. Eine schön angelegte Poststraße --
-überhaupt eine Spezialität der Schweiz! -- schlängelt sich in unendlich
-zahlreichen Krümmungen am Abhang des Madone di Camedo hinauf. Die
-Postkutsche, mit zwei starken Pferden bespannt, sah ganz vertrauenerweckend
-aus; aber da ich vor der Abfahrt in unstillbarem Tatendrang noch die =beaux
-restes= irgendeines ehrwürdigen Palazzo besichtigte, hatte ein verbindlich
-lächelnder Pater den begehrten Platz neben dem =postiglione= eingenommen
-und ersuchte mich, wieder verbindlich lächelnd, seinen Hut und sein
-Täschchen zu bewahren. Ich trat diesen Gegenständen, wie meinem Rucksack,
-lieber meinen Sitz auf den heißen Polstern ganz ab und wanderte -- zur
-Abwechslung allein, denn der Hochtourist trieb sich irgendwo in Kalabrien
-herum -- im selben Tempo wie die armen Pferde aufwärts, allerdings häufig
-die steilen =scorciatoi= benutzend, die quer über die Kehren fortführen.
-Nach gut zwei Stunden erreichten die Pferde und ich etwas atemlos
-Cerentino, ein wirklich reizend gelegenes Dörfchen, von grünen Halden und
-Wäldern umgeben. Nun begann erst »programmäßig« meine Arbeit, denn die
-Poststraße und -fahrt endet hier. Geduldig nahm ich meinen Rucksack
-auf die Schultern, frühstückte an der ersten Quelle -- ein Teil des
-Tagewerks, der mir stets sehr lieb ist! -- und wanderte über die Anhöhe,
-auf der die Kirche des römischen Märtyrers San Bonifazio steht, ins
-Tal von Bosco hinein, über eine primitive Holzbrücke das linke Ufer des
-Wildbaches gewinnend und immer seiner Quelle zu, dem schmalen Saumpfad
-folgend, der die einzige Verbindung mit meinem Ziel, dem Dörfchen Bosco,
-bildet. Der Weg war erst seit einigen Tagen schneefrei -- auf der anderen
-Seite lagen sogar noch mächtige, mit Geröll und Baumstämmen durchsetzte
-Lawinen, deren Sturz der Bach aufgehalten hatte und deren unbehaglichen
-Nähe man doch gern auswich! Sonst gleicht dieser gemächliche Aufstieg,
-bis vielleicht auf sein letztes Viertel, das sehr steil durch einen
-schattigen Lärchenwald aufwärts führt, fast einem Parkspaziergang; so
-anmutig, an Wäldchen und blumenbedeckten Halden reich, ist das Tal und die
-wunderbare Luft, von Tannenduft gesättigt, befreit von allen Nöten, unter
-denen man sonst beim Steigen leidet. Der gute Pater hatte mir noch beim
-Abschied freundschaftlich geraten, diese Partie aufzugeben, sie sei für
-eine Dame wirklich unmöglich! Die Italiener haben eben über körperliche
-Leistungsfähigkeiten besondere Begriffe, und ich fürchte, mein Ratgeber
-selbst hat sich noch nie auf diese »=via brutta=« gewagt! Dann und
-wann traf ich auf primitive Sennhütten, von winzigen Kartoffel- und
-Rübenäckern, oft nicht größer als ein Bettvorleger, umgeben. Die
-meisten Hütten standen noch leer, bis ich dicht vorm Walde nach vielen
-Wochen zum ersten Male wieder ein deutsches Wort von einer Bäuerin hörte!
-Zwar mußte ich bei unsrer Unterredung manches erraten, denn es war ein
-»Schwyzer-Dütsch« allerärgster Sorte. Aber es ist rührend, mit welcher
-Treue und Zähigkeit sich die kleine Gemeinde von »Gurin«, wie sie selbst
-ihr Dorf nennen, während die Italiener es nach seinem Waldreichtum »=il
-bosco=« getauft haben, Sprache und Sitte auf fremdem Boden erhält.
-Auch das Dorf selbst, das sogleich jenseits des Lärchenwaldes beginnt,
-unterscheidet sich im Bau der Häuser stark von der sonst im Tessin
-gebräuchlichen Art; es erinnert an Oberwallis, von dem aus ja auch die
-Kolonie hier im zwölften Jahrhundert gegründet wurde. Die heutigen
-Bewohner sind durch ihre Zugehörigkeit zum Tessin wie durch die
-italienische Umgebung gezwungen, italienisch zu lernen; leider bewilligt
-man ihnen auch keinen deutschen Geistlichen. Aber untereinander reden sie
-nur deutsch, und es machte mir viel Spaß, in den engen Gängen zwischen
-den Häusern -- »Straßen« kann man unmöglich sagen! -- die Kinder bei
-ihren deutschen Spielen zu beobachten. Auch Gurin ist sehr arm; und da
-die Männer als Vergolder, Schnitzer und Maurer in die Fremde wandern,
-betreiben die Frauen die Viehzucht, schleppen die Holzlasten auf dem
-Rücken heim und bestellen die Felder, die hier oben einen etwas größeren
-Umfang besitzen. Die Seidenindustrie, die nach den Reisehandbüchern hier
-betrieben werden soll, ist dagegen längst erloschen. Die ziemlich große
-Kirche, dem heiligen Jakob und Christoffel geweiht, enthält als größtes
-Heiligtum die Gebeine des hl. Theodor, von dem sich auch ein ziemlich
-unglückliches Gemälde vorfindet. Die guten Fresken der Kirche scheinen
-dagegen vom Maler Lorynis zu stammen, dessen Arbeiten ich auf diesem
-Ausflug noch mehrmals begegnete. -- Das Wirtshaus »Zum Edelweiß«, das
-ich mir zum Übernachten bestimmt hatte -- ein zweites, von Cevio aus
-gegründetes neues Hotel war leider noch nicht eröffnet -- erwies
-sich selbst für meine auf solchen Ausflügen sehr niedrig geschraubten
-Ansprüche als »einfach unmöglich«. Ich aß dort zwar vorsichtshalber
-nur gekochte Eier, an denen, falls sie frisch sind, ja nicht viel zu
-verderben ist; aber selbst diese frugale Mahlzeit wurde mir leid, als
-ich die verwahrlosten Hühner und die nähere Umgebung, in der dies
-»Edelweiß« wächst, betrachtet hatte. Es blieb mir also nichts übrig,
-als den kleinen alpinen Spaziergang, der hinauf 2½ Stunden gedauert hatte,
-noch einmal nach Cerentino zurückzumachen. Dort hatte ich des Morgens
-ein Wirtshaus mit einer Terrasse gesehen -- eine Seltenheit bei
-Dorfwirtschaften! -- und an diese dachte ich nun, um mich selbst zu
-ermuntern, und mir das »Vernünftige« der Rückkehr klar zu machen.
-Vorher ein Schlaf im Lärchenwald, blaue Enzianen zu Häupten und zu
-Füßen -- und von der Schlucht herauf, denn hier hat der Bach sich
-durch Felsen zu zwängen, das Brausen des Wassers als etwas kriegerische
-Schlafmelodie.
-
-Und die Wanderung im Nachmittagsfrieden war so köstlich, daß ich sie
-wirklich nicht bedauerte und genug zu tun hatte, um nur alle Schönheit
-ringsum, das Lichtspiel auf den von allen Seiten herantosenden Wassern,
-über den Felsen und in den sanft rauschenden Baumwipfeln zu bewundern.
--- In Cerentino fand ich die Terrasse wieder und außerdem vorzüglichen
-Barbara, den mir die schöne französische Wirtin »=della posta=« zu
-ihren höchst schmackhaften Gerichten kredenzte.
-
-Am nächsten Morgen bestieg ich einen kleinen Wagen, den der rundliche
-Gatte der schönen Französin lenkte. Die Break war leider beim Renovieren,
-und ich saß da, wo sonst Kälber und Schweine mutlos ihrem traurigen
-Geschick entgegen zu sehen pflegen. Aber ich bildete mir ein, schlecht
-gefahren sei besser als gut gegangen, wenigstens auf der Landstraße. Wäre
-der Paß nicht noch verschneit gewesen, so hätte ich es natürlich als
-brave Hochtouristin vorgezogen, mein neues Ziel »über die Berge«
-zu erreichen, jetzt vertraute ich mein Leben diesem Wagen an. Es war
-leichtsinnig; solch eine unbehagliche Straße bin ich denn doch selten
-gefahren! Nicht, daß sie in schlechtem Zustande gewesen wäre; aber sie
-geht beharrlich an steilsten Abgründen vorbei, und ist so schmal, daß
-jede ungeschickte Bewegung an den Kehren, an denen sie überreich ist,
-das Gefährt in die Tiefe stürzen muß. Gleich im Anfang schlugen wir,
-trotzdem es stark bergauf ging, ein beschleunigtes Tempo an; und auf
-meine Frage, die einem geängstigten Gemüte entstieg, erhielt ich die
-trostreiche Antwort, es sei Eile geboten, um nicht mit dem Postwagen von
-Campo zu kollidieren, denn Ausweichen sei unmöglich! Ja, das mußte ich
-schaudernd zugeben. Schließlich warteten wir gleich hinter dem Weiler
-Pedigiodi auf einer breiten Kurve, bis oben über uns aus dem Wald der
-kleine Postwagen, durch seine schwarze Plane einem Leichenwagen sehr
-ähnlich, herauskam und vorsichtig an uns vorüberglitt. Er beförderte
-übrigens keine Menschen, sondern nur Pakete und Briefe. Wir ratterten
-weiter -- Kälber und Schweine scheinen unbeschadet jeder Elastizität
-ihres Gefährtes entraten zu können! -- an Riva vorbei, das anmutig auf
-grünen Wiesen am Rande der Rovana gebettet ist und als =vis-à-vis= das
-düstere Campellotal, vom unheimlichen Molineva verriegelt, ertragen muß.
-Nach gut zwei Stunden schwerer Arbeit für das Pferd sowohl wie für die
-eigene Beherrschung, denn ich fand, man sei wie auf dem Meer auch hier
-etwas zu sehr in Gottes Hand, erblickte ich von dem kleinen Dörfchen Piano
-aus: Land! Und zwar zuerst das noch hinter Campo, aber höher gelegene
-Cimalmotto. Und dann nach ein paar Wegbiegungen taucht Campo auf, aus der
-Ferne von ganz großartiger Wirkung mit seinen stattlichen Häusern,
-der schönen Kirche, den saftigen grünen Weiden ringsumher! Aber mein
-liebenswürdiger, dicker Kutscher bittet mich auszusteigen und den Fußweg
-ins Dorf einzuschlagen: -- »Denn sehen Sie, Signora, wie sich die Straße
-schon wieder senkt und verdorben ist!« -- Ja, ich sehe. Und noch mehr
-wehmütiges Bedauern ergreift mich, als ich die von unten so schöne
-St. Bernhardkirche betrete: zahllose Sprünge zerreißen ihre Wände und
-die feinen Fresken Lorynis; die Schwellen unter ihren Türen haben sich
-verschoben, die Fenster stehen schief. Ein Stukkateur ist an der Arbeit,
-die Hauptschäden oberflächlich auszubessern; mit der vollen Pietät des
-Italieners für Kunstwerke beklagt er mit mir den unaufhaltsamen Verfall
-der =chiesa= des Dorfes -- des ganzen =paese=! Es ist verlorenes Land,
-auf dem ich stehe, ein Land, das dem Untergange geweiht ist. Seit der
-furchtbaren Überschwemmung des Jahres 1868 untergraben die Wasser die
-ganze Hochebene, auf der Campo steht, und reißen ein Stück nach dem
-andern ins Tal hinunter. Man kann sagen: der ganze Berg wandert in die
-Tiefe. Da ist kein geradestehendes Haus mehr, keine Wand ohne Riß;
-überall hängen Türen und Fenster in den Angeln, und die Heustadeln sehen
-traurig aus unter den schiefsitzenden Dächern. Eine Tragik liegt über dem
-Dorf trotz seiner heitern Umgebung; und was mag in den Seelen der Menschen
-vorgehen, die unbarmherzig ihren Besitz schwinden sehen? Einmal ist von der
-Regierung für viele Tausend Lire eine Schutzmauer im Tal errichtet worden;
-der erste Frühlingssturm riß sie ein. Ein anderes Projekt eines Berner
-Professors, Abzugskanäle anzulegen, würde Millionen erfordern. Das
-Stückchen Land ist nicht soviel wert -- es muß geopfert werden!
-
-Über einen kleinen Fußweg gelangt man in zwanzig Minuten zum kleinen
-Hochplateau hinauf, das auf seinem Rücken Cimalmotto trägt. Ein Haufen
-recht elendiger Steinhäuser, die auch zum Teil Spuren des Verfalls, wenn
-auch nicht so stark wie in Campo tragen. In der offenen Halle der Kirche
-befindet sich eine sehr schöne »Kreuzigung« von Lorynis, ursprünglich
-=al fresco= gemalt; doch hat man das Bild, um es vorm Untergang zu
-bewahren, durch ein chemisches Verfahren auf Leinwand übertragen. Es weist
-aber auch jetzt schon wieder Sprünge und lädierte Stellen auf. Keinem
-Menschen bin ich in diesem kleinen Dorf begegnet; mir wurde direkt
-unheimlich in dem verlassenen Ruinenhaufen. Galba, der Begründer des
-Ortes, wie eine Tafel an der Kirchhofsmauer erzählt, mag sich mit vollem
-Recht mit seinen Schätzen und seinem Weibe Pulcheria, der Tochter des
-Herzogs von Aquitanien, hierher geflüchtet haben, um allen Verfolgungen
-zu entgehen: man muß schon jemand sehr lieben oder sehr hassen, sonst
-stöbert man ihn hier nicht auf! -- Vor der Kirche in Campo fand ich meinen
-Kälberwagen wieder; knapp vierzig Minuten brauchten wir für die Fahrt
-abwärts bis nach Cerentino zurück. Behaglicher als das Hinauf war sie
-keinesfalls, besonders da ein tüchtiger Gewitterregen einsetzte, wie es
-sich zwar zur Krönung einer richtigen Landpartie gehört, den wir vier:
-Wagen, Pferd, Kutscher und ich aber doch mit verbissenem Grimm erduldeten.
-Bis mir aus einem Weiler hilfreich ein mächtiger roter Regenschirm
-geliehen wurde. So liegen Freude und Leid doch immer nahe beieinander im
-Menschenleben; das bewiesen mir die Ausflüge ins »höchste Tessin« --
-auch Campo liegt noch 1200 m hoch -- aufs neue. Deshalb liebe ich es und
-sage traurig auf gut tessinisch:
-
- »=Ciau Ticino!=« Lebewohl, Tessin!
-
-
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-Aus dem gleichen Verlag zu beziehen:
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-Am Lugenbankl
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-Lustige Tiroler Bauerngeschichten.
-
-Von _Karl Deutsch_. Geheftet M. 2.40.
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-Lodenrock und Wifflingkittel
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-Geschichten aus dem Sarntale.
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-Von _Klara Pölt-Nordheim_. Geheftet M. 2.40.
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-König Laurins' Rosengarten
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-Ein Tiroler Heldenmärchen.
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-Von _Ludwig Scharf_ (Aus dem Mittelhochdeutschen). Gebunden M. 2.--.
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-Außerdem:
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-Reiseführer, alpine und wintersportliche Literatur!
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-Man wolle darüber ausführliche Verzeichnisse verlangen vom
-
- Verlag
- Walter Schmidkunz
-
- Bayerstraße 25 München Bayerstraße 25
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
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-Der Schmutztitel wurde entfernt. Die Nennung der Druckerei wurde von ihrer
-Position hinter dem Schmutztitelblatt verschoben auf eine Position hinter
-dem Titelblatt.
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Textanteile, die abweichend in
-Antiqua gesetzt sind, wurden in dieser Transkription markiert, jedoch
-wurde für Römische Zahlen und die Maßeinheiten "m" und "km" auf eine
-Markierung verzichtet.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 26:
- im Original: "erheben sich die weißen Linie der ewigen Gletscher"
- geändert in: "erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher"
-
- Seite 33:
- im Original: "Leute von der Knorrhüte"
- geändert in: "Leute von der Knorrhütte"
-
- Seite 65:
- im Original: "schon alle, ungegefähr 700 Stück graubrauner Kühe"
- geändert in: "schon alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe"
-
- Seite 74:
- im Original: "noch mühsam und nicht gerade wohltuend"
- geändert in: "noch mühsam und nicht gerade wohtuend"
-
- Seite 84:
- im Original: "in einem Purpurmeer vertautauchenden Gestirns"
- geändert in: "in einem Purpurmeer vertauchenden Gestirns"
-
- Seite 108:
- im Original: "von dem sogar die altmodische Post"
- geändert in: "vor dem sogar die altmodische Post"
-
- Seite 128:
- im Original: "fielen alle kleinen Erdennöten vom Herzen"
- geändert in: "fielen alle kleinen Erdennöte vom Herzen"
-
- Seite 175:
- im Original: "»=Giau Ticino!=« Lebewohl, Tessin!"
- geändert in: "»=Ciau Ticino!=« Lebewohl, Tessin!" ]
-
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK »SIE« AM SEIL ***
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of »Sie« am Seil, by Eva von Baudissin</div>
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-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: »Sie« am Seil</p>
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-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Eva von Baudissin</div>
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-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Illustrator: Joseph Engelhardt</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: October 29, 2021 [eBook #66630]</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
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-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This transcription was produced from images generously made available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)</div>
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-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK »SIE« AM SEIL ***</div>
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-<p class="pb ce mt2 fsl">Eva Gräfin von Baudissin</p>
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-<h1><span class="ge">»Sie« am Seil</span></h1>
-
-<p class="mt4 ce"><img src="images/emblem.png" alt="" /></p>
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-<p class="ce mt2 lh2"><span class="fsl ge">Verlag Walter Schmidkunz<br />
-München und Wien</span><br />
-<span class="ge">1·9·1·4</span></p>
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-<p class="ce mt2 fss">Druck: Münchner Buchgewerbehaus M. Müller &amp; Sohn</p>
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-<p class="pb mt6 ce lh1">Dem Hochtouristen,<br />
-von dem<br />
-in diesem Buch<br />
-wenig Gutes und viel Böses<br />
-erzählt wird</p>
-
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-<h2><span class="ge"><b>Inhalt</b></span></h2>
-
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-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr>
- <td class="tdc" colspan="2"><span class="fs110 ge">I. »Sie« am Seil.</span></td>
- <td class="tdr2 fss">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Wie »Sie« Hochtouristin wurde</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_003">3</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Hochtour mit allerlei Hindernissen</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_011">11</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Spätherbst im Wilden Kaiser</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_025">25</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Auf Deutschlands »Allerhöchstem«</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_031">31</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Das Matterhorn von Ehrwald</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_039">39</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Quer durch die Lechtaler Alpen</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_045">45</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_051">51</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Vom Königspaar des Rhätikon</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_057">57</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Streifzüge in Südtirol</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_067">67</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Hüttenleben</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_081">81</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Eine unterirdische Hochtour</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_087">87</a></td>
- </tr>
-
- <tr><td class="fss">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdc" colspan="2"><span class="fs110 ge">II. »Sie« auf Ski.</span></td></tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Bei den »Säuglingen«</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_095">95</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Die erste »Ausfahrt«</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_101">101</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Aus der Winterfrische</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_107">107</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Das Talbein</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_113">113</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="2">Die Erfindung</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_123">123</a></td>
- </tr>
-
- <tr><td class="fss">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdc" colspan="2"><span class="fs110 ge">III. »Sie« im Süden.</span></td></tr>
- <tr><td class="tdl" colspan="2">Osterspaziergänge in Latium</td></tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">I.</td>
- <td class="tdl">Der Monte Soracte</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_135">135</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">II.</td>
- <td class="tdl">In den Sabinerbergen</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_139">139</a></td>
- </tr>
- <tr><td class="tdl" colspan="2">Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen</td></tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">I.</td>
- <td class="tdl">Locarno</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_145">145</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">II.</td>
- <td class="tdl">Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde&ensp;</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_150">150</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">&emsp;III.</td>
- <td class="tdl">Hochalpine Spaziergänge</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_157">157</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr1">IV.</td>
- <td class="tdl">Im höchsten Tessin</td>
- <td class="tdr2"><a class="ndcbl" href="#page_168">168</a></td>
- </tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-<b>I.<br />
-
-»Sie« am Seil.</b></h2>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-Wie »Sie« Hochtouristin wurde.</h3>
-
-
-<p>Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken;
-viele, vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt
-mit dem Menschen ins Jenseits hinüber, weil ihnen
-weder Zeit noch Ort günstig waren, sich zu offenbaren. Solch
-ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung einer
-neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen Frühlingstage
-den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der
-Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die
-höchste Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte.
-Ich muß das, ohne Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht
-zu haben, ziemlich geschickt ausgeführt haben, denn der
-berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir die sieben
-Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten
-selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging
-ich auf alle Dolomiten&nbsp;&ndash;, da braucht' man nichts zu fürchten
-wegen dem Abstürzen.«</p>
-
-<p>In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste,
-einfache Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen
-Menschen ging der neue Zellkern hervor: Die Hochtouristin!</p>
-
-<p>Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen,
-gesundes Herz, Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren.
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-Rom zu meinen Füßen, wurde mir klar, daß ich bisher
-mein Pfund vergraben hatte, und daß ich mich einer
-schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich
-meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der
-Schauplatz für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken,
-was mir immer schwer fällt, ergibt, nur ein Berg
-sein; es galt also, einen zu finden, der in Gestalt und Art
-meinen alpinistischen Gaben entgegenkam.</p>
-
-<p>Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«:
-»Große Furchetta (3027&nbsp;m), der nordwestliche
-breitere Turm einer kühnen, doppelzinkigen Berggestalt im
-Hintergrunde des Wasserrinnentals. Interessante und exponierte,
-schwierige Kletterei.«</p>
-
-<p>Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis
-am Kapitol wollte ich es nicht unter einer Hochtour
-tun und möglichst gleich alle Eindrücke auf mich wirken lassen,
-die man bei einer Bergbesteigung haben kann. Die äußeren
-Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen Zutaten,
-Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt,
-der Rucksack mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen,
-sauber vollgestopft, ein mächtiger Eispickel erhandelt
-und als Letztes &ndash; die Stiefel ausprobiert. Sie sind das Wichtigste
-der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam mir
-auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern
-in der schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße.</p>
-
-<p>»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant,
-den ich betrübt um Rat fragte.</p>
-
-<p>»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«,
-beharrte der berühmte Hochtourist, der auch hier
-meine ersten Schritte überwachte.</p>
-
-<p>Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht
-doch de Person nit's Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher
-Philosophie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel
-waren schuld, und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen,
-ohne mir ernsthaftere Verwundungen zuzuziehen.</p>
-
-<p>Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es
-eigentlich gar nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten
-zu haben«, von der Regensburger Hütte aufbrachen,
-klopfte mir doch das Herz recht. Die Wiesen naß und schlüpfrig,
-das Tal voll Nebel, die näher und näher heranzukriechen schienen,
-ringsum eine atemlose, beklemmende Stille &ndash; und vor
-uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und
-steil schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen
-zu wollen, und während ich mich tapfer bemühte, meine Füße
-mit den Genagelten in die weit auseinanderliegenden Spuren
-des Führers zu setzen, sagte eine laute Stimme in meinem
-Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf &ndash;
-nie hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen
-Bedenken, um das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen;
-ich glaube, die meisten Heldentaten werden in solch einem
-passiven, aus der Furcht vor Anderen diktierten Handeln
-vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die
-Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die
-grünen Wadenstrümpfe des Führers, auf die ich hoffnungsvoll
-starrte: solange sich die in gleichmäßigem Abstand von
-mir aufwärts bewegten, genügten auch meine Kraft und
-mein Können &ndash; an sie klammerte sich instinktiv mein
-Blick.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«,
-gebot die Hochtouristenstimme hinter mir.</p>
-
-<p>Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch
-noch?! Tat ich denn noch nicht genug? &ndash; Aber gehorsam
-spazierten meine Augen nach oben und unten, nach rechts
-und links: Steine, nichts als Steine, große, kleine, glatte,
-bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-lose, die treulos unterm Fuß nachgaben &ndash; ein wüstes, ödes,
-steinernes Meer&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Nun?! &ndash; Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit
-wahr? Diese Größe &ndash; diese Stille &ndash; heilig ist's wie in der
-Kirch'.« &ndash; Meine grenzenlose Verwunderung setzte sich allmählich
-in eine Art Wut um, während neben mir die Begeisterung
-immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man
-kommen, um wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is &ndash;
-da kriegt man wieder an Begriff von der Allmacht &ndash; da
-geht eims Herz auf &ndash; Aber Sie sagen ja nichts, Sie! Ja, ja,
-da verstummen auch Sie einmal &ndash; aber schließlich, wissen
-möcht' i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was
-Sie nun denken«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale Raumverschwendung«.</p>
-
-<p>Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus
-eigenem Antrieb, um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte:
-»Was könnte man da für Korn bauen, wenn's eben
-wäre und nicht so viel Steine!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der
-Naturempfindung vor hundert Jahren &ndash; von der Ästhetik
-des Gebirges haben Sie keine Ahnung«, unterbrach mich der
-Hochtourist im plötzlich angenommenen, reinsten Hochdeutsch.</p>
-
-<p>Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe,
-Aufklärung und Naturschönheiten verloren. Aber über meinen
-Kopf fort floß zwischen Führer und Bergsteiger, denen nun
-Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom von Touristengeschichten;
-von alten Führern, von Erstbesteigungen, von Neulingen
-im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit
-unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten
-gefahrvollen Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren
-Errettungen, das alles gewürzt mit immer wiederkehrenden
-technischen Ausdrücken, wie: Grat, Kamm, Wand, Griffe,
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band &ndash; dem Jargon
-der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber
-von dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur
-und der Erkenntnis, daß ich also eigentlich schon hundert Jahre
-alt sei (nach dem Stand meiner Naturempfindung!), wurde
-mir ganz schwindlig &ndash; zum ersten und einzigen Male im
-Leben.</p>
-
-<p>In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den
-Einstieg. Ich durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in
-unmittelbarer Nähe wurden einige Becher voll klaren Wassers
-geholt, und außerdem mußten hier die Genagelten gegen die
-Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein behagliches Gefühl
-schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das
-harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die
-guten, nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene
-Fußbekleidung zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit
-war verflogen. Mit Vergnügen ließ ich mir das Seil um
-die Taille legen, »die moralische Hilfe«, wie mir lachend versichert
-wurde; jedenfalls wohnt diesem Zauberband eine merkwürdig
-beruhigende Wirkung inne.</p>
-
-<p>»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam
-und erst einen festen Tritt für den Fuß und einen sichern
-Griff für die Hand suchen«, gebot der Führer.</p>
-
-<p>Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf
-auf, und von Zeit zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick
-des allein vorauskletternden Hochtouristen. Sonst war ich mir
-allein überlassen, nur durch einen dünnen Faden mit der
-Menschheit verbunden.</p>
-
-<p>Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe,
-Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier
-oben, angesichts der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen
-meine hochtouristischen Begabungen wieder ans Tageslicht.
-Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte &ndash; lagen sie einmal
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher über
-die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß
-genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen,
-und alle turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden
-sich wieder ein.</p>
-
-<p>»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal.</p>
-
-<p>Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn
-meine Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis
-und Unfähigkeit bitter wurmte. &ndash; Beim »Band« wurde
-ich ernsthaft verwarnt: ich begriff nicht, weshalb. Was für
-eine einfache Sache, über eine freiliegende Stelle, neben der
-es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch aber dem
-Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts
-am Felsen entlang &ndash; zum erstenmal konnte ich
-ohne Neid an die Affen im Urwald denken, die sich gemächlich
-von Baum zu Baum schwingen.</p>
-
-<p>»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen
-bis zum Gipfelgrat &ndash; wenige Schritte auf der
-Höhe selbst, und da waren wir! Auf dem höchsten Punkt
-des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so unerschwinglich
-hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung
-erfüllte mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte
-mich auf meine Kräfte verlassen und allein durch sie mein
-Ziel erreicht. Aber dann sank mein ganzes Selbstbewußtsein
-in sich zusammen vor der Schönheit und der Gewalt des
-Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier
-herauf mußte man kommen, um sich wieder eins mit der
-Natur zu fühlen &ndash; mir war, als sähe ich zum erstenmal
-der Welt voll ins Antlitz: so schön also war sie, so wunderschön
-&ndash; »Und er führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte
-ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach:
-›Dies alles will ich dir geben‹«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben,
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-besitzt man ja alles, was der Blick umfaßt; und in der
-demutsvollen Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit so
-vieler Größe und Allmacht gegenüber wird man wunschlos.</p>
-
-<p>Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er
-war ganz erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer
-anderen Quelle als die meine: er hatte mich ja entdeckt &ndash; auf
-dem Kapitol &ndash; und mit dem sicheren, nie zu täuschenden
-Blick des Kenners hatte er die verborgenen Talente geahnt.
-Freilich, daß sie so groß sein würden&nbsp;&ndash;! Es war erstaunlich.
-Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig;
-wozu jetzt noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies
-würde sie nach dem gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand
-mehr glauben wollen; auch für mich traten sie endgültig
-in verschwimmende Fernen zurück.</p>
-
-<p>Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des
-leiblichen Menschen wuchs mein Mut ins Ungemessene empor
-&ndash; bis hinauf zu den allerhöchsten Gipfeln der allerhöchsten
-und -schwierigsten Berge! So war ich zur »Hochtouristin«
-geworden.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Hochtouren mit allerlei Hindernissen.</h3>
-
-
-<p>Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast
-alle, die es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines
-Paradies in sich. Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite
-des Sees, diese Berge, die sich da aneinander reihen, die stolze
-Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel und Schwarzkopf,
-Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht zu
-vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee
-trinken läßt &ndash; und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck
-und Schloß Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem
-angenehmen Bad und der Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja,
-die Leute sind hier glücklich; das sieht man ihnen an, wie sie
-im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz der
-ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld;
-was andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt
-an diesem Ort, an dem sich »fesches« Badeleben mit
-Primitivität verbindet, das macht mich allmählich nervös &ndash;
-zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so ungerecht
-wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer
-war, von den Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den
-Schären vom Schwimmen ausruhte und sonnte und nachts im
-Schlaf das ewige Brausen in gleichem Rhythmus hörte. Nein,
-man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt einem nicht,
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen &ndash; hinauf möchte
-man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang;
-zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben
-in den Wolken lache über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder.
-Dann soll's eines Morgens losgehen: biegen oder brechen!
-Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus, die Buam
-noch weniger &ndash; Einsamkeit will man und sich Wege suchen,
-auf die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es
-biegt sich nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte
-Schlüsselbein meines Hochtouristen, der sich mit Grazie über
-Abgründe schwingt, Kamine durchklettert, als handle es sich
-um Verandatreppen, sich von den »unmöglichsten« Punkten
-selbst abseilt &ndash; und den nun das Schicksal ereilt, als er mit
-kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten
-will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer
-Aufenthalt; neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben.
-Aber der Bezirksarzt tröstet: nach seiner Meinung liegt
-kein Bruch vor, nur eine Zerrung der Muskeln; ein paar Tage
-Eisumschläge &ndash; dann ist alles wieder gut! Nur merkwürdig,
-daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht &ndash; wozu hat man
-einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet,
-wird nur gelächelt &ndash; und schließlich glaubt man gern,
-was man glauben möchte. Man wandert los; der Hochtourist
-mit etwas hängender Schulter unterm Druck des Rucksacks,
-aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen. Den berühmten
-»Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit und
-steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal
-mit sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger
-Berge und Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im
-Hotel Moserboden zum Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine
-gute Leistung für einen Tag &ndash; besonders die letzten zweieinhalb
-»steilen« Stunden, vom Moserboden empor, werden reichlich
-sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz wieder
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt;
-dafür ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man
-saß doch nicht müßig da &ndash; und morgen, ja morgen geht's
-auf das lange mit Sehnsucht umworbene Große Wiesbachhorn!</p>
-
-<p>Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht
-&ndash; in der Gebirgssprache: der Morgen &ndash; blüht schon der Handel
-in der Hütte mit Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen
-zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es stürmt und die
-Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den Fochezkopf
-und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat.
-Die Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer
-voraus, um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft
-aufnimmt. Der Wind wird schneidend, die ersten Schneeflocken
-fallen. Gesicht und Hände prickeln. Wir erreichen eben
-die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los mit einer
-Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann.
-Keine Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine
-wunderschöne, im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung
-über den Bratschenkopf und die Glocknerin
-zur Franz-Josephs-Höhe zu machen &ndash; und mein Hochtourist,
-der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die an und
-für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil
-er mich wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe
-halten kann, sagt jetzt nichts als: »Nun geht's aber in den
-Süden &ndash; auf der anderen Seite ist das Wetter immer besser!«
-Wir kehren um; denselben Weg über den Kaindlgrat geht's
-zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei &ndash; unverrichteter
-Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen Hochtouristen,
-zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war;
-dreiviertel Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel
-Moserboden beschließen wir diese Episode, und nach kurzer Rast
-geht's »dolomitenwärts«. Allerdings ist sich mein Hochtourist
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-nicht ganz klar, wie's dort mit dem Klettern sein wird. Aber
-die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh tut, es schadet
-nichts &ndash; es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer hoffen.
-Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute
-noch näher zu bringen.</p>
-
-<p>Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom
-Moserboden aus, am Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«,
-die sich durch den mit Recht beliebten Schutt auszeichnet;
-für Fußsohlen und Knöchel eine Extraprobe! Nach fast
-drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen Torkopf
-und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht
-auf das unerreichte Wiesbachhorn bietet &ndash; ein schmerzlicher
-Anblick trotzdem! Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch
-auf einer Höhe von über 2600&nbsp;m, tropft es sanft, aber kalt.
-Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden, dazu die
-nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß,
-vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's
-hinab zum Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei
-Sprünge über Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter
-ins Tal, über den Bach fort und recht mühsam, zum Teil auf
-in den Fels gehauenen Stufen, zur Rudolfshütte hinauf. Die
-Hütte liegt sehr schön und bietet gute Verpflegung &ndash; und
-Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus zurückdenkt!
-Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen
-wir uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem
-Ausruhen? Bewahre, wir müssen weiter. Erst wieder empor
-bis zur kreuzgeschmückten Höhe des Kalser Tauern, dann
-hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See vorüber, und
-über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort, am
-Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen,
-fruchtbaren Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll,
-das wir bis dahin passiert haben, wirklich wie eine Oase anmutet.
-Bald darauf, in der Schutzhütte auf der Rumesoi-Ebene,
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich auf
-Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten
-Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot
-hineinbrocken, wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften,
-das erlaube ich mir im Gebirge alle Tage; es hält bei mir
-Leib und Seele zusammen. Endlich, nachdem die »Stiegenwand«
-überwunden ist, erreicht man in ein paar Stunden,
-über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit
-das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde
-Wanderung jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und
-Ab dazu &ndash; und in dem kleinen, weißgetünchten Zimmer des
-»Glocknerwirts« schlafe ich so fest wie wenig Schritte vom
-Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen. Dafür geht's
-am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis
-nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden,
-breiten Isel her bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt
-in diesem an und für sich netten Städtchen, dem ich die
-Erinnerung an mein erstes und einziges <i>collier de chien</i>
-verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um Stich
-auf meinen Hals genäht &ndash; anfangs, als ich des Morgens
-erwachte, fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf
-bekommen zu haben. Aber es waren nur Wanzen &ndash; weiter
-nichts!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour.
-Mein Hochtourist klagte über seine Schulter &ndash; bei dem Wetter
-kamen sicher rheumatische Schmerzen hinzu &ndash; sobald der Himmel
-nur eine kleine Pause in der Besprengung der Erde machte,
-flohen wir auf und davon, zu einem der »Unholden« hinauf,
-wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen wegen
-genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678&nbsp;m). Der Aufstieg
-ist nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-das Hochstadlhaus, und am nächsten Morgen, nach einer sehr
-kalten Nacht, über die Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den
-Gipfel, der eine wunderbare Aussicht &ndash; auch uns! &ndash; ins
-Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen schneeglänzenden
-Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach
-Süden selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick
-und dünn &ndash; in diesem Falle Gestrüpp und Bäche &ndash; mußten,
-ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben einem kühlen Wasserfall
-und abends gegen sieben Uhr &ndash; also nach einer Tagesarbeit
-von gut vierzehn Stunden &ndash; sahen wir endlich im Gailtal
-Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen.</p>
-
-<p>Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt
-es von Soldaten; sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und
-Korridoren einquartiert. Im Staatszimmer, vor dem Vertikow
-mit Glas und Porzellan, wird mir eine Lagerstatt errichtet.
-Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung mitgebracht,
-sie ist braun und sehr behende &ndash; meine Nachtruhe ist durchaus
-getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder
-den Rucksack auf die Schultern lege &ndash; mein Hochtourist
-hat eine seltsame Art angenommen, den Riemen auf der rechten
-Seite um den Oberarm zu schieben.</p>
-
-<p>Der entzückende Weg durch das Valentintal und über
-das Törl gleichen Namens und die Aussicht, morgen den
-Monte Coglians zu besteigen, tröstet über alles hinweg; auch
-über den Regen &ndash; wir sagen euphemistisch »Niederschlag« &ndash;
-der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am kleinen
-Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin
-ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte
-heraufschafft, ist wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«,
-sagt der lustige Wirt und deutet mit dem Daumen zur
-nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar nicht so
-dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf.
-Und wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-von Sappada und Cadore, auf die Cridola und andere
-derartige Gipfel, täten wir nicht am Ende auch gut, dem Maulesel
-zu folgen?! &ndash; Zwei Tage belagern wir den Coglians von
-Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet
-noch immer in Italien&nbsp;&ndash;, dann steigen auch wir hinab ins
-Gelobte Land, bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf,
-dessen Männer im Sommer auswärts, meistens in Deutschland
-arbeiten, während die Frauen die geringe Feldarbeit auf den
-Miniaturfeldern &ndash; oft nicht viel größer als ein Bettvorleger
-&ndash; besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute spielen
-Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir
-wählen das größere &ndash; von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend.
-Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine
-Sache: der Herr Karabiniere ist auf Besuch da &ndash; eine wichtige,
-beliebte Persönlichkeit, natürlich, denn man ist der Grenze
-nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der Herr Karabiniere
-ist viel zu sehr <i>galant' uomo</i>, um einer Dame nicht
-Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus
-dem Zimmer und marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll
-stehen, um das Bettüberziehen zu überwachen: es ist schwer,
-meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich zu machen, sie
-ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr Karabiniere&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß&nbsp;&ndash;!
-Darauf wird getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon
-weit fort, der Herr Karabiniere! Da wird gleich die Matratze
-des Riesenbettes emporgehoben und aus den Gurten die zwei
-Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit verstecken mußte!
-Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen geschlafen
-&ndash; besser als die Prinzessin auf der Erbse.</p>
-
-<p>Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage
-lang. Es regnet so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein
-gehen können; und zu jeder Mahlzeit bekommen wir »<i>manzo</i>«,
-Rindfleisch, mit Salbei gewürzt &ndash; der Geschmack geht gar
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt auch über
-den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht
-und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes
-zur Wahl. Heute fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei
-loszuwerden. Der Wirt verneigt sich, ergreift Teller und
-Messer, eilt den Korridor entlang &ndash; wir sehen es durch die
-Glastür unserer <i>sala da pranzo</i> &ndash; und verschwindet im Zimmer
-des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick,
-sehe auch den Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse
-mit Schwung servieren. »Wo kommt er her, der Käse?« donnert
-mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser Engel, seit zwei
-Nächten schlummerst du über den großen, gelben Käselaiben,
-die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte keinen
-Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich
-launenhaft!</p>
-
-<p>Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf
-den alten Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen.
-Der Kessel hängt an langer Kette von der Decke über
-der glimmenden Asche, alles in der Küche, Plafond, Wände,
-Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder, fester Rußdecke
-überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns
-zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben,
-»in 'of« (Hof) &ndash; er besitzt ein wackliges Häuschen und
-zwei Ziegen und braucht nicht mehr zu arbeiten. »Denn
-Reichtum«, so philosophiert er, »hängt von den Ansprüchen
-ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei Ziegen
-&ndash; oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden!
-&ndash; Aber ich bin noch weit entfernt von der Abklärung des
-Collinaschen Rentiers. Der Coglians bleibt unsichtbar, hinter
-Nebeln &ndash; ich dränge zum Aufbruch; vor allem, weil unten
-im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren.</p>
-
-<p>An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an
-seltsamen Bergnestern mit übereinandergeklebten Häusern und
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-winkligen, dunklen Gassen &ndash; oft führen nur Stufen von
-einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone hängen an
-den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine
-Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung
-und Schmutz befremdet selbst den, der Süditalien kennt &ndash;
-dieser abgelegene Winkel von Friaul übertrumpft es! In San
-Stefano finden wir glücklicherweise die Pakete vor &ndash; wir
-haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen Faden
-mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und
-Piave gelegenen San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische
-Post; sie führt uns über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal,
-also nach der Versicherung glaubwürdiger Reisender
-durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich muß diesen
-Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit
-gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen
-Kopf, stellte mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst
-und setzte an meine Seite in der engen Viktoria einen italienischen
-Papa, dessen dickes, blondes Kind als blinder Passagier
-zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich auf
-den Bock gerettet &ndash; er zog die Launen des Wetters denen eines
-Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen
-gestreiften Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen
-Knöpfen besetzt waren, aus dem langsam fahrenden Wagen
-und stürzte sich mit seinem Gewehr ins Dickicht, um womöglich
-noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen. Dann fiel das
-dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte, bis
-ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas
-nütze; sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu
-regnen.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über
-Chiusaforte und Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare
-Strecke im engen Felsental der Fella, durch Tunnels und über
-schwebende Brücken in reicher Abwechslung. Wir genießen dankbarst
-die Großartigkeit der sich rechts und links bietenden Szenerie;
-denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht darüber
-zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt,
-blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich&nbsp;&ndash;? Vielleicht
-erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender,
-umsonst sind sie wohl nicht so beliebt; auch der König von
-Sachsen besitzt hier Jagdgebiete.</p>
-
-<p>Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen.
-Wir können uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über
-den Predilpaß, an starken Fortifikationen vorüber, steigen wir
-im »Manhartgraben« aufwärts und erreichen nach gut sechs
-Stunden glücklich den Gipfel (2678&nbsp;m); seine Rundsicht ist
-weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav und
-der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die
-Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten
-den oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen
-erreicht &ndash; mehr noch, als man am unteren die nette Restauration
-entdeckt und eine köstliche Forelle serviert bekommt. Den
-Manhart, der sich von hier aus großartig präsentiert, grüßt
-man mit dankbarem Blick &ndash; man hat seine besondere Beziehung
-zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man ist
-überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme
-Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von
-Weißenfels bringt uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß
-von Kanker und Save gelegen. Der Ort gilt für die
-Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst deutschfeindlich
-&ndash; ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige
-Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten
-Garten der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-Gefühl vollkommensten Ausgeruhtseins beim Erwachen am
-nächsten Morgen in dem großen, von Sonne durchwärmten
-Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst zufrieden!</p>
-
-<p>Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus«
-&ndash; denn Landstraßen geht ein ordentlicher
-Hochtourist nur ungern! Den Steiner Alpen wollen wir einen
-Besuch abstatten, und zwar dem höchsten Gipfel dieser mächtigen
-Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain, Steiermark
-und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten
-Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus
-wird Station gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die
-Rückkehr des Wirtes abwarten, der zugleich auch als Führer
-dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack meines Hochtouristen
-zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der Arm
-herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie
-er versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen
-zu sein!</p>
-
-<hr />
-
-<p>Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend
-schwül, und wir halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte
-zu bleiben, zu der ein schöner, aussichtsreicher Weg durch
-den Suhadolnikgraben und unter den steilen Wänden des »Greben«
-entlang über den Kankersattel führt. Die Zoishütte, auf
-1792&nbsp;m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter treibt
-uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten
-Morgen, aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir
-wählen den »neuen Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als
-der alte über den Südkamm, uns aber unsern Berg, den »Grintouz«,
-von seiner schönsten Seite zeigt. Durch ein Felsentor
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die Markierung ist
-im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt nicht leicht.
-Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast nötiger«,
-meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein
-Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er
-und schiebt sich langsam an den Felsen empor. Statt der drei
-Stunden zum Gipfel (2559&nbsp;m) brauchen wir vier &ndash; im
-übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben sind, ist der
-Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen
-nicht sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die
-ein Studium der Karawanken, des Koschuta-Gebirges und
-natürlich auch der Steiner Alpen gewähren soll. Ein graues
-Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal das Frühstück
-noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam
-schwül ist uns zumute &ndash; liegt es an der Luft? Der Führer
-mahnt zum Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen
-den Abstieg; vorsichtig, denn er ist recht schwierig,
-klettern wir von Griff zu Griff; ich, als »Ungeübte« voran,
-habe meine liebe Not, feste Tritte für meine Genagelten ausfindig
-zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir, unheimlich
-starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich
-steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da &ndash; ein
-furchtbarer Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich
-an den Fels, der Nebel zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit
-erkenne ich die Abstürze &ndash; »vorwärts, vorwärts«, mahnt
-der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß hinab und versuche
-Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten
-im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir
-ins Gesicht, die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die
-Wände, Steine brechen los und krachen in die Tiefe &ndash; dabei
-ist es stockdunkel, nur auf Sekunden erfüllt schwefelgelbes Licht
-den Höllenschlund, in den wir hinab müssen. Einmal ducken
-wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der
-dicht an uns vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz
-gibt's nicht, wir müssen es dem Geschick überlassen, wie und
-ob wir davonkommen. Einmal noch machen wir kurzen Aufenthalt,
-der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der mit zusammengebissenen
-Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm
-von der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen
-Weg über die Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern
-&ndash; man war »zu sehr in Gottes Hand«, wie's sonst
-vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die Böhmische Hütte,
-die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu durchnäßt,
-um lange zu rasten &ndash; auch der Führer kehrt um: an
-die Tour will er denken sein Lebenlang!</p>
-
-<p>Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500&nbsp;m
-Höhe; aus der Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen
-wir durch die Seeländer Kotschna, drei Stunden munter bergab
-bis zum Stuller Wirtshaus in Oberseeland, das wir mittags
-erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe geschmeckt &ndash;
-und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das wir
-nun gemütlich schlendern &ndash; doppelt wohltuend unsern Augen
-nach den Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21&nbsp;km,
-die zwischen Oberseeland und Bad Vellach liegen, dünken mich
-eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg« (1218&nbsp;m), der von
-seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die Steiner
-Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir
-uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig
-in Grün gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas
-von seinem berühmten Eisensäuerling wird probiert, dann ein
-Wagen bestiegen, der uns nach Klagenfurt, Kärntens schöner
-Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf meinen Koffer
-freue, der dort für mich lagert &ndash; und auf die Bäder im Wörther
-See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu
-einigen Gipfeln verhelfen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist.
-Über meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau:
-sollte es mit all den Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen
-Bergfahrt noch nicht genug sein?</p>
-
-<p>Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs
-bekommen. Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen
-»Kallus«, der sich an der Bruchstelle des Schlüsselbeins
-gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren und andere mit
-dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen &ndash; vorläufig
-muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen.
-Klagenfurt trägt seinen Namen &ndash; für uns wenigstens &ndash;
-nicht mit Unrecht.</p>
-
-<p>Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem
-Schlüsselbein Bergtouren zu machen!</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Spätherbst im Wilden Kaiser.</h3>
-
-
-<p>Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen
-Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an
-der See die Schäden zu reparieren, die achtundvierzig Wochen
-in der Großstadt seinen Nerven zugefügt haben, kommt, wenn
-die Herbstsonne lacht, noch einmal eine unbezwingliche Sehnsucht,
-sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in die stille
-Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in sich
-das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen
-Freuden, aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte
-das Gebirge im Wechsel der Jahreszeiten &ndash; als Residenz des
-Herbstes &ndash; kennen lernen. Der um diese Möglichkeit vor anderen
-Großstädtern reichere Münchener darf seinen Wunsch in
-die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein &ndash; vor
-ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer
-zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg,
-steil ansetzend, dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf
-und Ab, führt ihn in wenig Stunden ins Herz des »Wilden«
-&ndash; nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt für alle schwierigen
-und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das Totenkirchl,
-der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze
-&ndash; all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten
-Auf- und Abstiegen liegen lockend bereit; und hier und da trifft
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-man noch auf die »Echten«, die, im Gras hockend, mit dem
-Fernglas einen neuen, fast unmöglichen Weg ausspionieren und
-ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen möchten.</p>
-
-<p>Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir
-bescheiden uns damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete
-»Steinerne Rinne«, die jetzt auch durch Steiganlagen und
-Drahtseile gezähmt ist, zur hintern Goinger Halt aufzusteigen
-und den Gratübergang zur vorderen gleichen Namens, eine
-nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt,
-dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten.
-Der milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust
-besänftigt &ndash; man möchte genießen, noch einmal aus
-tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber ohne gewaltige Anstrengungen
-machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz,
-vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt
-bereits die ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß
-man wieder und wieder stehen bleibt, um den Farbenrausch
-ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance, das Graugrün
-der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton
-der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und
-immer neue Bilder der in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten
-und Dörfer, in der klaren Luft so nahe gerückt, als könnte man
-sie mit wenig Schritten erreichen. Und welche Prachtaussicht
-von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich Gipfel
-an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen
-Ketten erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher.
-Ein Panorama, wie es zum Beispiel »die Elmauer Halt«
-bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von nur 2344&nbsp;m Höhe &ndash;
-also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! &ndash; kann man
-kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der
-ganze Höhenzug der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis
-zu den Ötztaler Alpen, die Loferer Steinberge, der Karwendel,
-das Wettersteingebirge, breitet sich vor dem Blick aus; der
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal, und durch
-eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet
-in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere
-des Großglockners und des Großvenedigers schließen
-mit ihrer feierlichen Schönheit den Horizont nach Süden &ndash;
-in lieblichster Anmut und bezauberndem Kontrast bauen sich fast
-am Fuß des Berges mit ihren weißen Kirchlein die Dörfer
-Going und Elmau auf, während weiter draußen in der Ebene
-der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St.&nbsp;Johann
-sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf,
-ein leises Rollen in der Ferne erinnert daran, daß es dort unten
-Eisenbahnen, Unruhe, Städte und &ndash; Pflichten gibt &ndash; seufzend
-macht man sich daran, wieder in die Unterwelt hinabzusteigen.</p>
-
-<p>Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte
-ist schon geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel;
-die Läden werden aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen
-&ndash; und dann beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen!
-Jeder bekommt sein Amt, der das Feueranmachen, jener das
-Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne Gerichte den verschiedenen
-Rucksäcken entnommen werden, der dritte besichtigt
-oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der Trauernachricht
-zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden
-tropfe: in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß
-voll! &ndash; Aber wie können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven,
-Zitronenlimonade aus Pastillen hergestellt werden ohne
-das göttliche Naß? Und einmal am Tage &ndash; wenn auch ohne
-jede Verbindlichkeit! &ndash; möchte man sich doch wenigstens die
-Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«,
-wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit
-doppelt bemerkbar&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;. Aber allgemeine Redensarten
-nützen nicht; und die beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich
-neidlos von allen Seiten ihre hervorragenden alpinen Qualitäten
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-zuerkannt werden, müssen sich entschließen, noch einmal die
-»Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe einzutauschen.
-Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus &ndash;
-wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem
-prunkvollen Zettel: »Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel)
-vor dem Anfeuern mit Schnee zu füllen« &ndash; also! Da
-man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man diese kleine
-Extratour zur nächsten Schneehalde &ndash; eine gute halbe Stunde
-hin und zurück &ndash; höchst amüsant.</p>
-
-<p>Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen
-war ja an den Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt
-man sich stolz auf seine Produkte! Und die Konkneipanten
-finden den Tee besonders aromatisch, die Zitronenmischung auf
-der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute Bergappetit
-nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die
-<i>pièce de résistance</i>, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach
-der »Wurst ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen
-gleicht, wird, natürlich nur mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis
-zur letzten Scheibe gewissenhaft verteilt. Der enge Küchenraum
-und die heißen Getränke erwecken noch einmal den Wunsch
-nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen kriechen
-mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll,
-warm und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend,
-aus der Ebene blinken freundlich die Lichter herauf,
-und auf den Abstürzen des Treffauer liegen dunkle Schatten,
-die sich mehr und mehr verkürzen &ndash; ein silbernes Leuchten
-füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich, schiebt sich
-das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze
-Spitze der vorderen Goinger Halt herum &ndash; und alle Berge
-umstehen das kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem,
-weißem und doch so köstlich zartem Lichte.</p>
-
-<p>Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt
-der Zauber des Mondes in der Stadt niemals &ndash; nur auf den
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-Höhen oder über der Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den
-vollen Reiz seiner Schönheit. Die einfache Kammer, die man
-schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er in einen Raum mit
-Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem
-Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich
-in Silber und Gold verwandelt. &ndash; Der Ruf nach Befriedigung
-der materiellen Bedürfnisse erweckt die Schläfer etwas
-unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der Kampf mit dem
-widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man,
-trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren
-Krieg da draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft
-durch die azurnen Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen
-auf und bereiten der großen Siegerin den purpurnen Triumphesweg
-&ndash; der ganze Himmel gerät in Aufregung beim Nahen
-seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue Nebelschleier
-über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten
-der Menschen. &ndash; Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen
-und Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand;
-mit dem Eifer einer sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang
-besinnenden Küchenfee: die Nachfolgerin soll ihr nichts
-Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe füllt man wieder
-voll Petroleum &ndash; es ist rührend! Oder ist man am
-Ende so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich
-in solch unendlich naiver Weise dafür betätigt? &ndash; Doch in
-diese Abgründe des menschlichen Herzens läßt's sich nicht mit
-einer Petroleumlampe leuchten.</p>
-
-<p>Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder
-des Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die
-Brombeeren sehen mit melancholischen schwarzen Augen auf
-die Vorwärtshastenden. Was nutzt es? Zurück in die Alltäglichkeit,
-ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen die
-Götter&nbsp;...«</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Auf Deutschlands »Allerhöchstem«.</h3>
-
-
-<p>Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur
-von unten bewundern mag, ist es eine gelinde Folterqual,
-tagelang im Schatten eines prächtigen Bergmassivs zu sitzen
-und wegen andauernder Witterung, worunter in den letzten
-Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen.
-Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn
-erst einmal bis zu einer »Hütte« hinaufgetragen hatten und
-der sich deshalb nach dem ersten Waffengang mit den Felsen
-sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine ehrenhafte
-Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte.
-Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände
-sich gut vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der
-Barometer stieg und ein hellerer Schein, den man in weniger
-zweifelhaften Zeiten harmlos für Sonne erklärt haben würde,
-sich über die Matten breitete. Bis dahin war ich stets unter
-der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen &ndash; heute traf
-mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen
-alten, treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille
-Bergsonne gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen
-einflößendem Wesen und im Besitz einer deutschen
-Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken verstand.
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs
-auch nicht ganz gleichgültig zu sein.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo
-den Aufstieg zur Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den
-zwei traditionellen Plätzen, bewunderten die Aussicht auf Biberwier,
-Ehrwald und Lermoos, die nur ganz wenig verschleiert
-war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen &ndash; nicht
-so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen,
-winzigen Felsblock steht &ndash; bewegten uns kühn über die letzten,
-noch arg verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen
-Wendung dicht vor der Hütte &ndash; eine ihrer angenehmsten
-und bei Hütten seltenen Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht
-man diese heißersehnten Stationen schon stundenlang vor sich
-liegen und scheint ihnen statt näher immer ferner zu rücken.
-&ndash; Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine schmale
-Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für
-uns allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche
-immer noch als störend; heute war es wenigstens so kalt,
-daß man gern seine Kleider anbehielt. Nach warmer Suppe
-im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns ein, uns nach
-Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer
-bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf
-den Hütten ist es ja selten etwas. Entweder man friert oder
-man wird durch die leisesten Bewegungen des Nachbarn gestört,
-die sich durch die dünnen Wände verraten. Diesmal fror
-man <em class="ge">und</em> hörte rings die Unruhe; und als wir eben eindämmerten,
-brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los,
-unsere Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze
-&ndash; und dann ein Getöse, als sollte die Welt untergehen!
-Ein geisterbleiches Gesicht erhob sich von der Nachbarmatratze,
-und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott, Mutter, was
-war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine
-eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-mitsamt Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend:
-»Das ist der Wind, mein Kind! Das klingt im
-Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und fern
-hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war
-froh, als um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde &ndash;
-eine fast überflüssige Prozedur!</p>
-
-<p>»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee
-gegeben. Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei
-begann, und die dicken Wollhandschuhe, die ich, die
-Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen hoch zu Ehren. Der
-Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend &ndash; in knapp
-zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt
-war, daß wir uns am meteorologischen Turm und
-der Hauswand entlang fühlen mußten, um den Eingang
-zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller Hüttenräume,
-die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so überfüllt,
-daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der
-Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen
-&ndash; vor deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung
-hege!&nbsp;&ndash;, zahlreiche Führer, denen der Nebenraum zu kalt
-war, die beiden Wirtschafterinnen, die auf dem winzigen
-Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet
-wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm
-und dem Dunst feuchter Kleider &ndash; nein, eine Erholung
-bot der Aufenthalt nicht, noch weniger die Speisen,
-die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber &ndash; bald
-wird ein neues Haus erstehen &ndash; hoffentlich wird damit auf
-dem beliebtesten deutschen Gipfel auch sonst manches anders!</p>
-
-<p>Wir warteten ein paar Stunden &ndash; auf Aussicht. Sie
-kam nicht. Berge, Täler, Ortschaften, Flußläufe &ndash; Nähe
-wie Ferne &ndash; alles ließ sich nur ahnen. Man deutete dort
-hin und sagte: »Da müssen die Stubaier liegen&nbsp;&ndash;«, wandte
-sich und behauptete, in der Richtung nach Partenkirchen zu
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-sehen &ndash; es war Jacke wie Hose: Nebel, nichts als Nebel.
-Stumm saßen wir schließlich vor unserer blauen Emaille-Teekanne.</p>
-
-<p>Da erschien in beschleunigterem Schritt unser Führer mit
-strahlenden Bergaugen: es hellte sich auf, der Eibsee sei
-eben aufgetaucht, kein Zweifel mehr, die Nebel verzögen sich
-und er riete doch nun dringend, da das Wetter so günstig
-sei, zum Abstieg durchs Höllental, von dem wir ja gestern
-bereits gesprochen. »Fein!« sagte mein Junge. &ndash; Ich aber
-als Erfahrene ging nach draußen, sah auf Sekunden den
-Eibsee aus der Tiefe aufschimmern und fand die übrigen
-Umstände tief verschleiert. Der Führer triumphierte: er habe
-es immer gesagt, es würde ein glorioser Tag. Dennoch
-zögerte ich: ob es denn auch ganz sicher sei&nbsp;&ndash;? Mein Junge
-puffte mich; Söhne haben eine besondere Art, ihre Mutter
-zu puffen: es liegt Aufmunterung und zugleich Verachtung
-darin. Zudem sagte er spöttisch: »Und Du willst eine Hochtouristin
-sein&nbsp;&ndash;?« Und dann stellten sie mir beide vor,
-wie amüsant und wie lustig der Abstieg und wie bald wir
-unten sein würden: in drei Stunden schon durchs Tal! &ndash;
-Ich gab nach. Aber während ich die acht Mark für unser
-Frühstück bezahlte, fragte man mich von rechts und links,
-welchen Abstieg ich wählte. Mit der ganzen Überlegenheit
-der gewiegten Touristin entgegnete ich: »Durchs Höllental.«
-Allgemeines Schweigen &ndash; stille Hochachtung, wie ich annahm.
-Ein liebenswürdiger Tourist, mit dem ich schon vorher
-gesprochen, trat auf mich zu und meinte, ich hätte mir
-doch eine starke Aufgabe gestellt: bei diesen Witterungsverhältnissen.
-&ndash; Lächelnd widersprach ich: der Führer und ich
-seien ganz überzeugt, daß der Nebel sich verziehen und uns
-der Abstieg keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde &ndash; außerdem
-wüßte er ja, daß es die erste Hochtour meines Sohnes
-sei. Daraufhin schwieg der Warner.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Aber als wir angeseilt vom Ostgipfel herabklommen, durch
-Schnee, der mir bis an die Hüfte reichte &ndash; ich war schon
-zweimal gefallen und wäre ohne das Seil schon zweimal
-verloren gewesen&nbsp;&ndash;, erklang von oben dringendes Rufen.
-Ich wandte mich, erkannte den Warner und winkte ihm
-einen Abschiedsgruß zu &ndash; verstehen konnte ich kein Wort
-mehr&nbsp;&ndash;. Wir kletterten abwärts; zuerst in dichtem Nebel,
-der sich ja bald heben mußte. Wirklich, er zerriß ganz plötzlich
-&ndash; und ein furchtbares Gewitter, ganz unerwartet bei
-der Kälte, setzte mit großer Wucht ein, gerade als wir die
-ersten, ungemütlichen, vereisten »Stifte«, die quer über ein
-Stückchen Unendlichkeit führen, erreichten. Wir duckten uns
-eine halbe Stunde unter einen Felsen, der Blitze wie des
-schauernden Regens halber. Das Gewitter verzog sich; der
-Regen blieb, stürzend, unaufhörlich. Beim berühmten »Brett«
-&ndash; einer langen Reihe von Stiften über ein größeres Stück
-Unendlichkeit, ein zweites Gewitter; der Regen glich Sturzbächen
-&ndash; Wasser stürzte von allen Seiten auf uns herab.
-Bei der nicht minder berühmten »Leiter« &ndash; eisernen Sprossen,
-die an einer absolut senkrechten, hohen Felswand hinabführen,
-ein drittes Gewitter; zudem hatte sich gerade zwischen
-den Sprossen ein Wasserfall gebildet, der sich oben in meinen
-Kragen ergoß, um an den Knien wieder seinen Ausweg zu
-suchen. Ich war daher erschöpft und eine Pause willkommen.
-Sie trat gleich ein: ein tüchtiger Wolkenbruch zwang uns
-zu kurzer Rast &ndash; behaglich war sie nicht! &ndash; Der Führer
-tröstete uns: das Ärgste sei überstanden &ndash; jetzt nur noch durch
-die Höllenklamm! Ihre düstere Romantik war mir nie sympathisch
-&ndash; jetzt aber war sie zu einer wirklichen Hölle geworden!
-Der Hammersbach in einen reißenden Strom verwandelt,
-wilde Wasserstürze von rechts und links, den Weg
-überspülend, die zahlreichen Tunnels vereist, ihr Boden von
-Bächen benutzt &ndash; und diese waren es, die den letzten trokkenen
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-Punkt an uns fanden und von oben in unsere Stiefel
-rannen &ndash; von unten waren sie längst durchweicht. Nach
-siebenstündiger Wanderung erreichten wir in aufgelöstem Zustand,
-ohne einen einzigen trockenen Faden am Leibe, das
-Wirtshaus zur Schmölz. Ich telephonierte nach Garmisch,
-daß das Automobil halten und uns aufnehmen möge. Die
-Antwort lautete unsicher: man wisse nicht, ob noch Platz
-sei. Zähneklappernd warteten wir eine Stunde: nahm der
-Motorwagen uns nicht auf, so blieb noch eine dreistündige
-Fahrt &ndash; und woher vor allem einen Wagen nehmen?&nbsp;&ndash;.
-Aber das Wunder, an das wir kaum zu hoffen wagten,
-geschah. Der Chauffeur sah uns zwar mißbilligend an &ndash;
-wir hinterließen auch kleine Seen auf dem roten Leder der
-Sitze &ndash; und nur mein letztes Geld, das ich noch außer den
-zwölf Mark für die drei Billette besaß, stimmte ihn milder.
-Unterwegs rechnete ich: in vier Stunden hätten wir über den
-kürzesten Weg unten sein können; statt dessen waren wir sieben
-Stunden bei viel anstrengenderem Abstieg unterwegs gewesen,
-mußten noch zwei Stunden frostdurchschauert im Automobil
-sitzen und hatten für diese Extravergnügungen dem Führer
-zehn Kronen mehr und für die Fahrt zwölf Mark zu
-bezahlen.</p>
-
-<p>Ich sah zum Führer hin: er unterhielt sich treuherzig mit
-einem Touristen und pries unsere hervorragenden hochtouristischen
-Befähigungen. Wir aber tranken, endlich zu Hause,
-zwei Liter Glühwein, »um vorzubeugen!«</p>
-
-<p>Am anderen Tage traf ich den Touristen von der Zugspitze.
-Er eilte auf mich zu: »Gnädige Frau,« sagte er, als
-ahne er unser Geschick, »hätten Sie doch nur auf mein Rufen
-geachtet. Ich hatte nämlich gehört, wie die Führer untereinander
-lachten und sagten: »Der nimmt die Dame nur
-da herunter, weil er zehn Kronen mehr bekommt &ndash; und
-die merkt fei' nix!« &ndash; Nein, ich hatte nichts bemerkt, ich
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-gab es zu. Sonst hätte ich es vorgezogen, dem »treuherzigen«
-Führer zehn Kronen zu schenken und den kürzesten
-Weg zu wählen. Und ich, die Erfahrene, die Erprobte! lernte
-einsehen, daß man sich zwar gut auf die Fels- und Eistechnik
-verstehen kann und dennoch nichts von der Technik
-weiß, mit »treuherzigen« Führern umzugehen.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-Das Matterhorn von Ehrwald.</h3>
-
-
-<p>Marschiert oder fährt man von Partenkirchen hinein in den
-von hohen Bergen umstandenen Kessel von Ehrwald, so fesselt
-vor allem eine Gipfelgestalt den Blick; wenn auch die übrigen
-Berge des Wettersteins und der Mieminger Gruppe höher sind,
-sie werden doch alle durch die wie ein Dolch in den Himmel
-ragende Sonnenspitze an Kühnheit übertroffen. Durch Gestalt
-und Lage bildet sie den Augenpunkt des ganzen Bergkranzes,
-der die liebliche, grüne, mit Lärchenwäldern durchsetzte Talsohle
-umgibt; nur mit dem Matterhorn oder der <i>Cimone della
-Pala</i>, freilich in verkleinertem Maßstab, läßt sich die Form
-der gebietenden Spitze vergleichen. Naturgemäß lockt ihr Gipfel
-jeden an, der überhaupt Fähigkeit und Ehrgeiz hat, auch
-noch andere Berge als die auf der Reiseroute liegenden »Aussichtsmuggel«
-zu besteigen. Dies Vordrängen in die Landschaft
-drückt förmlich ein »Versuch' es doch 'mal« aus &ndash; und tatsächlich
-ist auch der Gipfel der Sonnenspitze der am meisten besuchte
-unter den schwierigen in der Nachbarschaft. Allerdings
-wird auch zu ihm wie zu vielen andern manch Unberufener mit
-Hilfe des Seils »hinaufgezogen«. »Mehlsacktechnik« nennt
-sich diese Beförderungsweise, die bei den Führern nicht ganz
-unbeliebt ist; rechnen sie doch nicht mit Unrecht bei solchen
-Opfern des alpinen Ehrgeizes, die sich nachher einbilden, mit
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-Hilfe des Führers Ungeheures geleistet zu haben, auf erhöhte
-Trinkgelder. Der Hochtourist allerdings rümpft über diese
-alpinen Gepäckstücke verächtlich die Nase; denn das Seil, der
-unentbehrlichste Freund des Kletterers, soll ihn nur <em class="ge">sichern</em>,
-ihm nur »moralische« Hilfe bieten, nicht aber, wie es bei Ungeübten
-der Fall, zur einfachen Beförderung durch des Führers
-Kraft dienen.</p>
-
-<p>Die erste Besteigung der Sonnenspitze vollführte Hermann
-von Barth, der kühne Gipfelstürmer, im Jahre 1873 vom
-Sebensee aus, während der noch lange Zeit für unbezwinglich
-gehaltene Südgrat erst 1897 den Innsbrucker Alpinisten
-O.&nbsp;Ampferer und W.&nbsp;Hammer erlag.</p>
-
-<p>Wochenlang rief auch uns der Berg seine Mahnung zu;
-immer und immer wieder rüsteten wir uns, ihr zu folgen. Aber
-da es in diesem Jahr umgekehrt wie im Sprichwort ging und
-auf etwas Sonnenschein wieder tagelanger Regen einsetzte, so
-war's lange ein Katz- und Mausspiel. Bis auch hier die Ausdauer
-siegen sollte! An einem etwas schwülen Nachmittag
-brachen wir von Ehrwald aus auf, mit Rucksack und Pickel,
-und beschlossen, da wir natürlich den Berg »traversieren«
-wollten, zur Hütte der Sektion Koburg aufzusteigen und dort
-zu übernachten. Der nächste Weg ist der beste &ndash; also wählten
-wir den über den »Hohen Gang«, der, nachdem man zuerst
-steil über sumpfige Matten und dann durch schattenspendenden
-Wald gewandert ist, an steiler Felswand emporführt.
-Nach gut zwei Stunden erreicht man den höchsten Punkt der
-Talstufe; gleichzeitig mit uns stieg ein Sohn Ganghofers, begleitet
-vom Jäger und einem »Bua«, zur abendlichen Gamspirsch
-empor. Ganghofer gehören dort weit und breit alle Jagden.
-Noch ein paar Minuten &ndash; und, dem Blick anfangs
-durch einen Lärchenwald verborgen, breitet sich das Oval des
-Sebensees aus, dessen grünblaues Wasser an Klarheit und
-Köstlichkeit der Farbe mit dem des Achensees wetteifern kann.
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-Jenseits erhebt sich, auf bequem angelegten Serpentinen in
-einer halben Stunde zu erreichen, die Koburger Hütte, einen
-grünen Hang krönend; die Aussicht, die sie über den Sebensee
-wie über den in ihrem Rücken gelegenen blauschwarzen Drachensee
-bietet, ist einzig schön. Und doch wurde der Genuß durch die
-unruhvolle Frage getrübt: »Wird das Wetter halten &ndash; oder
-ist es auch morgen wieder nichts?!« Der Wetterstein lag wie
-immer von leichten Wolken umhüllt da; und das Barometer
-fiel sanft &ndash; beides untrügliche Zeichen in andern Jahren,
-aber heuer ohne Gewähr! »Heuer« bewies auch zum Glück
-diesmal seine Launenhaftigkeit: ein ganz wundervoller Morgen
-war uns beschieden, als wir in aller Frühe zur Ersteigung des
-»Südgrats« aufbrachen: rosige Wolken als Folie der Gipfel,
-und der Schnee an den Hängen leuchtend unter den ersten
-Sonnenstrahlen. Also guten Muts vorwärts! Mit der Gewißheit,
-seine Mühen belohnt zu sehen und droben eine klare Aussicht
-zu finden, klettert sich's nochmal so leicht.</p>
-
-<p>Das eklige Geröll wurde in kurzer Zeit überwunden, ebenso
-die steilen Grashänge. Und nun nimmt mich der Führer
-barmherzig ans Seil, denn die eigentliche Kletterei beginnt.
-Zwar macht mein Hochtourist einige höhnische Bemerkungen
-darüber &ndash; ich nehme an, weil er um die Ehre kommt,
-mich selbst ans Seil zu nehmen!&nbsp;&ndash;; aber da er mich auf meine
-Bitten hin photographieren soll &ndash; Frauen können ja nie genug
-Bilder von sich bekommen!&nbsp;&ndash;, so vertraue ich mich lieber meinem
-Führer an, als allein auf die eigene Geschicklichkeit zu
-rechnen. Denn ohne nach dem Maßstab der modernen Klettertechnik
-gerade sehr schwierig zu sein, verlangt dieser Aufstieg
-über den Südgrat dennoch größte Aufmerksamkeit. Steile Kamine
-wechseln mit griffarmen, exponierten Felsbändern ab, und
-ein Ausgleiten würde an den haltlos »plattigen« Abstürzen,
-mehrere hundert Meter in die Tiefe, den sicheren Tod zur Folge
-haben. Aber bei allem Ernst &ndash; oder besser gesagt: aller
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-Schwierigkeit der Situation, fehlt auch das heitere Moment
-nicht. Der Unangeseilte und der Führer sind einen Kamin
-hinangeklettert; ich kann sie beide nicht mehr sehen. Sobald sie
-oben einen sicheren Standpunkt erreicht haben, wird mir zugerufen,
-ihnen zu folgen. Die Stufen sind durchschnittlich für
-längere Beine berechnet als für meine, mit aller Kraft muß ich
-mich hinaufwinden &ndash; von oben wird mein Zögern mißverstanden:
-das Seil zerrt mich in die Höhe, fort aus der eben
-erreichten Stellung. Ich rufe: »Nicht ziehen!« &ndash; aber Tiroler
-und norddeutscher Dialekt scheinen auch für die einfachsten
-Dinge entgegengesetzte Ausdrücke zu gebrauchen: mit aller
-Wucht wird weitergezogen, ich bin in dem engen Schacht eingeklemmt
-und zapple in der Luft mit beiden Füßen. Ich bin nur
-froh, daß der Photograph diese »vorteilhafte« Pose nicht erwischt
-hat &ndash; keinenfalls hätte er sie mir geschenkt! Ein anderes
-Mal dagegen, da ich über grausiger Tiefe nur so auf den
-Zehenspitzen schwanke, ruft er gemütvoll: »Einen Augenblick
-halt, wenn ich bitten darf! Und nicht so sorgenvoll aussehen!«
-Was denn doch eine starke Zumutung ist. &ndash; Ganz plötzlich, viel
-eher, als man bei der allmählichen Ermattung zu hoffen wagt,
-ist man oben. Die Tatsache wird durch ein befreiendes »Ah!«
-ausgelöst &ndash; denn den Bergsteiger, selbst den enragiertesten,
-der schließlich nicht froh wäre, das Ziel erreicht zu haben, gibt's
-noch nicht. Mehr noch als vor alle anderen Erfolge haben die
-Götter vors Bergsteigen den Schweiß gesetzt! Wie köstlich ist es
-dann, sich am Gipfel zu sonnen, in aller Ruhe die wunderbare
-Aussicht auf die benachbarten Riesen und in die warmdurchleuchteten
-Täler zu genießen &ndash; und endlich an Kräftigem zu
-frühstücken, was der Futtersack enthält: Speck und derbes
-Brot, Limonade aus der Aluminiumflasche, zum Schluß die
-»Gipfelzigarre und -zigarette«! Alle Mühsal ist binnen kurzem
-vergessen, man hat ganz das Gefühl eines Siegers; die Erde
-mit ihren Nöten und kleinlichen Sorgen verschwindet &ndash; der
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-große Friede, die köstliche Einsamkeit hier oben stempeln diese
-Stunde zu einer glücklichen und heiligen. Bis andere Partien
-nachrücken, denen man den beengten Platz einräumt. &ndash; Man
-rüstet sich von neuem, ich werde wieder ans Seil genommen;
-aber nun, beim Abwärtssteigen, bilde ich die Tete. Hinüber
-geht's zuerst zu dem nur etwa 50&nbsp;m entfernten und um ein
-paar Meter niedrigeren Nordgipfel, zu dem ein äußerst exponierter
-Grat führt, der sich an einer Stelle so einschnürt, daß
-man zum »Reitsitz« gezwungen wird. Die Beine baumeln dabei
-nach beiden Seiten über den viele hundert Meter tiefen Abgrund
-&ndash; für leicht von Schwindel befallene Menschen keine
-empfehlenswerte Stellung! Sonst ist der Abstieg auf der
-Nordseite technisch bedeutend leichter als über den Südgrat, im
-oberen Teil jedoch über geröllbedeckte Platten, sehr steile
-Schroffen und Grasbänder führend, so daß immerhin größte
-Aufmerksamkeit erforderlich ist.</p>
-
-<p>Zum Schluß geht's durch einige Geröllrinnen, für die ich
-eine besondere Vorliebe besitze!</p>
-
-<p>So sicher ich auch im Fels und beim Klettern bin, die heimtückische
-Nachgiebigkeit des losen Schuttes habe ich immer noch
-nicht gelernt genügend auszunützen. Der Hochtourist dagegen
-erklärt mir, während er in großen Sprüngen durch das Geröll
-hinabsetzt, des Rätsels einfache Lösung bestände darin, schon
-wieder auf dem <em class="ge">anderen</em> Fuß zu stehen, wenn der Schutt
-gerade unter dem <em class="ge">einen</em> nachgäbe, so daß man mit dem beweglichen
-Geröll fortwährend in Bewegung sei und gleichsam
-»mitfließe«, wie er sich euphemistisch ausdrückt.</p>
-
-<p>Ich sehe vollständig ein, daß auch dies für Leute, die es
-können, sehr leicht sein muß &ndash; ich dagegen, die ich noch nicht
-diese Geistesgegenwart der unteren Extremitäten erlangt habe,
-nehme mehrmals »fließend« Platz.</p>
-
-<p>»Solch ein Moment war's&nbsp;&ndash;« und mein Hochtourist, der
-sich aufgestellt hatte, um den gerade sehr wirksam beleuchteten
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-Tejakopf aufzunehmen, drehte sich flugs um und eignete sich,
-meiner hilflosen Empörung zum Trotz, meine »fließende«
-Lage auf den spitzigen Steinen an. Sobald man wieder ins
-Tiefland kommt, werden eben die Charaktere wieder schlechter!</p>
-
-<p>Endlich werde ich »abgeknüpft«. &ndash; Man bemerkt sarkastisch,
-daß doch zu hoffen wäre, ich könne die steilen Wiesen
-ohne Katastrophe überstehen! Darauf verschmähe ich jede
-Antwort &ndash; und sitze gleich darauf wie festgeklebt und etwas
-schmerzhaft auf der klitschigen, von Wurzeln durchzogenen Erde
-eines »Latschengassels«.</p>
-
-<p>Als sich der Hochtourist umdreht, habe ich die Hand voll
-braunköpfiger, nach Vanille duftender Brunellen, und erkläre
-in stoischer Ruhe, daß ich meine Sträuße immer sitzend zusammenstelle.
-&ndash; Er ist geschlagen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Drunten am Sebensee, dicht neben der Jagdhütte von Ganghofer,
-gibt's noch eine letzte Rast, wo dann der letzte Proviant
-großmütig verteilt wird. Rückwärts, voll Befriedigung, wandert
-der Blick dabei zur Sonnenspitze hinauf &ndash; von hier aus
-erscheint sie als ein breites, doppelt gegipfeltes Massiv.</p>
-
-<p>Da oben war man &ndash; ist's zu glauben?!</p>
-
-<p>»Um ganz alpin zu reden,« unterbricht der Hochtourist die
-stumme Selbstbewunderung, die wohl aus meinen Zügen spricht,
-»müssen Sie sagen: ich habe ihr den Fuß auf den stolzen
-Nacken gesetzt!«</p>
-
-<p>Ich betrachte meine Füße in den derben Nagelschuhen, ohne
-mich auf das Symbolische dieser Ausdrucksweise einzulassen,
-und nachträglich noch überkommt mich eine fromme Scheu,
-daß ich es wirklich gewagt habe&nbsp;&ndash;!</p>
-
-<p>Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn
-ein anderer Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf
-seinen stolzen Nacken« ziehen wird.</p>
-
-<p>Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen«
-besser kann.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-Quer durch die Lechtaler Alpen.</h3>
-
-
-<p>Auf allen Gebieten des Lebens haben sich die Ansprüche gesteigert
-&ndash; je mehr Freunde und Anhänger die Touristik und
-die Bergbesteigung im Laufe der Jahre gewonnen haben, um
-so größer sind auch die Anforderungen an Bequemlichkeit geworden.
-Früher war man zufrieden, wenn sich eine anständige
-Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels
-übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des
-Deutschen und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich,
-wenigstens die besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit
-zuführenden Wegen angelegt waren. Aber auch das genügte
-bald nicht mehr: die neueste Errungenschaft auf dem Gebiete
-der »Erschließung der Alpen« sind die »Höhenwege«. Sie
-führen über die Joche und ermöglichen die Begehung steilgefurchter,
-zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch
-in Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen
-gestattend, ohne daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer
-können dabei immer noch einen oder den anderen
-Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese Höhenwege nicht ganz
-so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt: nämlich,
-daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend
-dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters
-auf und ab zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-zu queren, dort einen Sattel zu erklimmen und dergleichen.
-In Summa ist die Höhendifferenz, die man nach auf- und abwärts
-zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei einer Gipfeltour.
-Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist, daß
-sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter
-etwa 2000&nbsp;m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend
-wechselnden Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise
-ist das am rationellsten durch Höhenwege erschlossene
-Gebiet der Alpen das der »Lechtaler Alpen«, jener
-bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der Parseierspitze, gänzlich
-vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit alpiner
-Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers,
-Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte
-nichts von ihr. Diese schönen Berge, im Süden durch die
-Rosanna und den Arlberg, im Westen durch den Flexenpaß,
-im Norden vom Lech, im Osten durch den Fernpaß begrenzt,
-sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen Höhenwege, ein vom
-großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet. Glücklicherweise!
-Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler,
-sondern nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir
-sind auf vieltägiger Wanderung nur ein paar Leuten, vier oder
-fünf, begegnet; auch die Hütten waren trotz der Hochsaison nur
-sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die Gipfel dieser
-Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste
-Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen
-häufig tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene
-Couloirs, in denen noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem
-Jahr die Kalkalpen, die sonst um diese Zeit schon »tot« zu
-sein pflegen, besonders belebt infolge des langen Schnees;
-überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche überströmen
-den Pfad &ndash; und die Flora ist von einem Reichtum,
-wie ich sie noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe.
-Die Hänge sind noch rot von Alpenrosen &ndash; ganz oben sind
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-sie noch in Knospen &ndash; Seidelbast und wilder Thymian entsenden
-ihre Düfte zusammen mit eben erblühten Schlüsselblumen,
-gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben
-und Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen
-von dunklem Lila, Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume,
-Moose in den verschiedensten Schattierungen und Feinheiten,
-Löwenzahn und Sumpfdotterblumen &ndash; von den monumentalen
-Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder
-zu den lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe
-zwischen dem Gestein oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine
-wunderbare, stille Welt dort oben, die gewiß manchem höchste
-Wonne bringen würde &ndash; trüge ihn sein Fuß in die Einsamkeit!</p>
-
-<p>Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation
-Pians an der Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt
-ein guter Weg über Grins, dem einstigen Sommeraufenthalt
-der berühmten und berüchtigten Margarete Maultasch, das noch
-alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist, bis zur
-Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung
-der Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«,
-bildet. Die Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen
-Kalkalpen, der die Höhe von 3000&nbsp;m erreicht. Von der Hütte
-führt eine erst vor kurzem eröffnete kühne Weganlage, an der
-mehrere Jahre gearbeitet wurde, über ewigen Firn und schroffe,
-wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger Wanderung zur Ansbacher
-Hütte. Der Weg übersteigt den 2972&nbsp;m hohen Dawinkopf,
-der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen
-und die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta
-bis zu den Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien
-der nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv
-bleibt immer der herrlich weite Blick während der ganzen langen
-Wanderung. Freilich ist es kein »Weg« im Sinne von
-Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses
-alpines Können dazu, um ihn <em class="ge">mit</em> Führer zu begehen. Wer
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-ihn führerlos machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile
-und sonstigen Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit
-und Erfahrung auf Fels und Schnee besitzen. Von
-der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in dreiviertel
-Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann,
-geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee,
-wobei man das Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte
-zu überwinden hat &ndash; eine besondere Anforderung an
-Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben glücklich oben,
-so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und
-jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen
-»Nachmittagsberg« kann man sich von der Hütte aus noch
-erlauben, den Seekogel, auf den man in einer halben Stunde
-gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf hinaufspaziert. Weiter
-zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier »Jöcher«!
-Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf
-und Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz
-(2674&nbsp;m) oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees
-entschädigt für die Anstrengung durch eine wundervolle
-Aussicht auf den östlichen Teil der Lechtaler, namentlich auf
-ihr wildestes Gebiet: das Parzinn.</p>
-
-<p>Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen
-des Parzinn, einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten
-Zirkus, ganz in Latschen auf einem Vorsprung gebettet liegt.
-Nur ein schmaler Ausweg nach Norden zum Lechtal hinunter
-eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15 Jahren
-eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und
-abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen;
-namentlich reizt die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas
-gelegene ebenmäßige Pyramide der Dremelspitze, die, lange
-als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel sich dem Nagelschuh
-der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker Alpinisten
-<i>Dr.</i>&nbsp;Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Zinne 1896 in achtstündigem Ringen &ndash; später fand der ungeßliche
-Purtscheller einen etwas verwickelten, aber kurzen
-und verhältnismäßig unschwierigen Aufstieg, so daß man den
-Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden erreichen
-kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«,
-die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am
-nächsten Tag übers Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder
-hinauf in fünf Stunden auf den Muttekopf, den berühmten
-Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten Kontraste von
-seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die
-Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel
-von Imst, das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern
-&ndash; kurzum, ein großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte,
-in fünfviertel Stunden erreicht, bietet eine willkommene
-Verpflegstation &ndash; nun herunter nach Imst in drei
-Stunden! Der Fuß eilt &ndash; man drängt förmlich nach dem
-Stall &ndash; denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet
-der Koffer mit frischer Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit
-und &ndash; frisches Fleisch! Welch ein Labsal nach
-sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man mit tausend
-Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen
-Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete,
-um sie dann wieder um so intensiver zu genießen!</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz.</h3>
-
-
-<p>»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig,
-der mich eben über Stand und Vermehrung seiner graubraunen
-Kuhherde unterrichtet hatte, und zog nach seiner Meinung
-sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber hoffte, daß »Kronprinzens«
-&ndash; denn sie waren es wirklich und ich in ihrem
-Jagdrevier &ndash; keinen Sinn für die Misere des Alltags haben.
-Denn die kriegt uns unter &ndash; mag man noch so korrekt
-und vorschriftsmäßig ausgerückt sein&nbsp;&ndash;, wenn man nacheinander
-eine Reihe von Hochtouren gemacht hat und seinen
-äußeren Menschen inzwischen nur mit den Schätzen aus dem
-Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten« restaurieren
-konnte. »Kronprinzens« &ndash; jung und schön beide wie
-der Lenz &ndash; zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber;
-und ich sah am heißen Hochsommertag auf meine
-schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen zerrissenen Spitzen
-meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die Fingernägel
-und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck,
-das ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit
-entfernt war und ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt
-hatte, unter dem im Tal wieder umgeknöpften weiblichen
-Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo gefällt
-wird, da fliegen Späne &ndash; wer sich in »die Unwirtlichkeit der
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß
-sich ihren Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen
-lassen. Zum Schluß siegen wir &ndash; zwar mit zerzausten Federn
-&ndash; aber wir siegen! Und so ein Berg, zu dem man aufblickend
-sagen kann: »Da oben war ich einmal und sah vom Gipfel
-in die Lande« &ndash; zu dem behält man sein Leben lang ein
-verwandtschaftliches Gefühl.</p>
-
-<p>Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert;
-wie man weiß und ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter
-Sommeraufenthalt. Mir sind solche Orte furchtbar; und für
-die Maskerade der Städter, die sich als »Deandl'n« und
-»Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein
-recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen
-schönem, klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen
-Wirtshaus aus jede Bewegung der buntfarbigen Frösche &ndash;
-nein, Schwimmer und Schwimmerinnen &ndash; verfolgen ließ.
-Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf
-dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur
-Seite von der stillen Kirche begrenzt &ndash; ein hübsches, idyllisches
-Kleinstadtbild! Wohin ich ginge? frug ein Bekannter.
-In die Lechtaler; näheres wußte ich noch nicht. Das ist sehr
-glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres Programm
-als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so
-geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge
-zu geben und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von
-dort aus wollen Sie gehen? &ndash; Ach, da würde ich Ihnen
-doch vorschlagen, über den und den Paß und lieber von der und
-der Hütte aus.« &ndash; »Danke schön, ich weiß alles. Ich war
-nämlich schon im vorigen Jahr dort &ndash; auf der ›drübern‹
-Seite der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. &ndash; »So, Sie
-wissen? &ndash; Dann freilich«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich nicke &ndash; der Hochtourist hatte sich während dieses
-Gesprächs in abweisendes Schweigen gehüllt &ndash; greife nach
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-Rucksack und Pickel und entsteige dem Postwagen, der uns die
-staubige Landstraße entlang geführt hat bis nach Spielmannsau.
-Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie beliebte Badeorte.
-Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von
-der Fahrt erholen, beginnen wir bei 30&nbsp;Grad im Schatten den
-sonnigen Anstieg zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen
-Nachmittagsstunden, unter der Last meiner beweglichen
-Habe seufzend, eingefallen, daß Dante heutzutage eine andere
-Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte; den Bergsteiger
-z.&nbsp;B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf seine
-Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern
-lassen &ndash; etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben!
-Und diese hat noch eine besondere Überraschung für den lieben
-Wanderer bereit: hofft man sie nach drei »steilen« Stunden
-nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen verläßt, so liegt
-sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher auf einem
-Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch
-auszufechten: um 8½&nbsp;Uhr &ndash; für eine Hütte also zu nachtschlafender
-Zeit &ndash; tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf
-und verlangte, daß die Dame, der man das Sektionszimmer
-eingeräumt habe &ndash; das war ich! &ndash; sofort auszöge und
-sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber
-wozu ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt?
-Ein Hüttenwart ist abends um 8½&nbsp;Uhr auch nur ein gewöhnlicher
-Tourist, falls er sich ein Zimmer nicht reservieren
-läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit eiserner Stirn; was
-ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber schweigen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen vorwärts auf dem berühmten »Heilbronner
-Weg«. Er führt hart an der Mädelesgabel vorbei,
-auf der jeder Tourist im Algäu, der etwas auf sich hält, gewesen
-sein muß; wir überließen sie gutwillig der ungezählten
-Schar dieser Pflichtgetreuen, wanderten den Gletscher weiter
-aufwärts und turnten vorsichtig in die Felsen der Hochfrottspitz
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-(2649&nbsp;m) hinein. Sie bietet eine recht amüsante
-Kletterei &ndash; für mich das Schönste von allem Bergsteigen!
-&ndash; und oben herrschte köstliche Ruhe und Einsamkeit, im
-Gegensatz zum Gipfel der Mädelesgabel, von dem es lärmte,
-johlte und schrie &ndash; eine besondere Art der Kundgebung von
-Naturfreude, die dem Deutschen im Blute zu liegen scheint.
-Der Heilbronner Weg geleitet noch direkt über den Bockkarkopf
-(2608&nbsp;m) und die Steinkarspitz (2653&nbsp;m), gewährt
-also unter sehr hübschen Gratwanderungen den Ehrgeizigen
-einige Gipfel gratis. Man steigt zur Rappenseehütte ab,
-die ebenso wie die Kemptner Hütte der durch den Höhenweg
-ungeheuer angewachsenen Frequenz durchaus nicht mehr
-genügt. Ein gewaltiges Zelt, in dem trotz Sturm und Regen
-dreißig Personen Schutz suchen mußten, hilft nur wenig
-aus dem Dilemma; auch der Heuboden war ausverkauft. Die
-Bauern, denen das umliegende Areal gehört, verlangen jedoch
-solche Großstadtpreise für jeden Fuß Land, daß der geplante
-Um- und Neubau der Hütte schon seit Jahren verschoben werden
-mußte. Ja, die treuherzigen Bauern! In diesem Jahr
-geht's ihnen ohnehin gut &ndash; im Algäu brachten sie das dritte,
-prachtvolle Heu ein und gestanden zu, daß sie wohl seit hundert
-Jahren keine so gute Ernte gehabt hätten. &ndash; Wieder ganz
-einsam &ndash; denn die beliebten Berge dieser Gegend sind das
-Hohe Licht und der Rappenseekopf &ndash; zogen wir am anderen
-Morgen zum Biberkopf (2600&nbsp;m) hinauf, gut drei Stunden
-von der Hütte aus. Ein merkwürdiger Berg: von einer
-Seite in schauerlichen, unüberwindlichen Platten aufgetürmt,
-von der anderen Seite in abgeschieferter Rinne bis zum Gipfel
-natürliche Stufen zum Klettern bietend. Oben, kaum genoß
-ich die Aussicht, erreichte uns ein Gewittersturm und trieb
-uns Hals über Kopf zur »Gufel« hinunter, einer schutzbietenden
-Höhle, zwanzig Minuten unterm Gipfel. Dort saßen
-wir klappernd und klatschnaß, bis die liebe Sonne uns befreite
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-und das Geschäft des Auftrocknens während des Abstieges
-übernahm. Über Lechleiten ging's dann in glühender
-Mittagshitze am steilen Hang entlang in das hohe, öde Tal
-von Hochkrumbach, also in den Bregenzer Wald hinein, der
-sich wenigstens hier durch absolute Abwesenheit des Waldes
-auszeichnet. Der »Widderstein« (2536&nbsp;m), von dem aus sich
-der Bodensee überschauen läßt, und der vom Wirtshaus aus so
-ein rechter Nachmittagsberg ist, versöhnt mit der beklemmenden
-Einöde des Tals. Aber ich war doch froh, nach einem
-halben Regen- und Rasttag abwärts über Schröcken, der »Perle
-des Bregenzer Waldes«, wandern und über den Schadona-Paß
-die allerliebste, neue Biberacher Hütte erreichen zu können.
-Ringsum ist alles Jagdrevier des Kronprinzen; als Aufenthalt
-dient ihm und seiner Familie das hübsche, kleine Jagdschloß
-in Hopfreben. Fast überall im Bregenzer Wald, allerdings in
-jedem Tal etwas anders, tragen die Frauen noch die alte
-Tracht. Die Kleider sind von oben bis unten in ganz feine
-Falten gelegt, »plissiert« würde man auf deutsch sagen, die
-Röcke in Kniehöhe mit einem ganz schmalen, hellblauen Streifen
-besetzt. Um Hals und Nacken geht eine reiche Silberstickerei,
-die Ärmel sind je nach Gelegenheit aus Seide, Wolle
-oder Kattun und von beliebiger Farbe. Die früher stets benutzte
-Pelzhaube wird jetzt im Sommer durch einen einfachen
-Strohhut mit Bandschleife, der aber einheitlich getragen wird,
-ersetzt; nur bei Prozessionen schmücken sich die Mädchen mit
-dem »Schäpeli«, einer flachen Goldkrone. Angelika Kauffmann,
-deren Vater aus Schwarzenberg stammte, und die
-hier nur ein Jahr als Mädchen verbrachte, bewahrte dem Lande
-größte Anhänglichkeit. Ihrer Jugendarbeit &ndash; sie malte die
-Seitenwände der Schwarzenberger Kirche aus &ndash; ließ sie später
-als Geschenk das schöne Hochaltarblatt folgen, obgleich, wie
-sie selbst sagte, ihr die Kraft fehlte, Gott-Vater so darzustellen,
-wie er in ihrem Herzen wohne. &ndash; Ich fand am herrlichsten
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-vom Land das Große Walsertal. Eine befriedigende
-Expedition unternahmen wir vorher, von der Biberacher Hütte
-aus über das Fürkeln zur Braunarlspitz (2651&nbsp;m), deren
-mächtiges Massiv uns schon lange lockte, und die eine der
-gewaltigsten Hochgipfel des Bregenzer Waldes ist. Eine herrliche
-Rundsicht belohnt für die Anstrengung, während die
-Hochkinzelspitze (2307&nbsp;m), von der Hütte aus bequem in
-knapp zwei Stunden zu erreichen, hübsche Blicke in die nahen
-Täler gewährt. So, nachdem wir von allen Seiten ins Algäu
-und in den Bregenzer Wald geschaut hatten, wollten wir durch
-das Große Walsertal, über Buchboden und das entzückend gelegene,
-freundliche Sonntag absteigend, die Ebene zurückgewinnen.
-Aber schon in Garsella ging mir nach vielstündigem Marsch
-der Atem aus &ndash; und wir vertrauten uns einem kleinen Einspänner
-an. Denn wer in den Bergen denkt, bergab sei bergab,
-der irrt sich sehr; auch diese Landstraße stieg weiter und weiter
-empor, all die verstreuten Dörfer berührend, die sich auf den
-Terrassen der sehr steilen Talwände angesiedelt haben. Man
-hielt es für ausgeschlossen, daß man je ins Tal kommen würde,
-so tief unter uns rauschte das Wasser des wilden Lutzbaches.
-Endlich, nach zweistündiger Fahrt, geht es in steilen Serpentinen
-hinab, dem Örtchen Thüringen zu. Seit einer Woche
-wieder ein Postwagen &ndash; zivilisierte Menschen oder solche, die
-es sein wollen &ndash; ein Auto &ndash; Fabriken &ndash; die Bahn &ndash;&nbsp;&ndash;
-kleinlaut steigt man ein und fährt für 20&nbsp;Heller &ndash; gottlob
-ist der erste Anspruch der Zivilisation an die Börse nicht
-groß! &ndash; bis Bludenz. Hier, in dem alten Städtchen, dessen
-Burg Hermann von Gilm, der bedeutendste Lyriker Tirols,
-entstammte, wartet man, bis sich der Himmel wieder klärt
-und das Fleisch so willig ist wie der Geist zu neuen Eskapaden
-in die Einöde &ndash; zu neuen, herrlichen Genüssen in der
-Bergwelt!</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-Vom Königspaar des Rhätikon.</h3>
-
-
-<p>Nicht des Reiters, aber des Reisenden »über den Bodensee«
-Auge wird am meisten gefesselt von der schneeschimmernden
-Scesaplana, dem höchsten Gipfel (2967&nbsp;m) des Rhätikons,
-dieses zwischen Ill-Rhein-Gargellental und dem Prätigau aufragenden
-Gebirgsstocks, der sich durch die Formschönheit und
-Mannigfaltigkeit seiner Gipfel unter allen Gruppen der nördlichen
-Kalkalpen besonders auszeichnet. Die Königin dieser
-Kette ist die Scesaplana, um deren Schultern sich ein schimmernder
-Firnmantel als Hermelin schmiegt. Durch Weganlagen
-ist ihre Besteigung erleichtert, und ihr Gipfel, der eins
-der schönsten Panoramen der gesamten Alpen bietet, ist das
-Ziel Tausender von Bergsteigern, die je nach ihrer Befähigung
-leichtere oder minder leichte Aufstiege suchen. Ist hier der
-Preis der Besteigung die unvergleichliche Aussicht, so lockt den
-Hochtouristen die »Zimbaspitze« (2645&nbsp;m), von den Einheimischen
-nur »Der Zimba« genannt, die kühnste und trotzigste Felszinne
-des Rhätikons; und ist die Scesaplana die liebenswürdige
-Königin, die den Gast entgegenkommend zu den Schönheiten der
-Hochalpen führt, so ist »Der Zimba« ein ablehnender Fürst, und
-viele, die sich an seinen Wänden und Graten versuchen, treffen
-bei ihm auf schroffe Zurückweisung!</p>
-
-<p>Naturgemäß mußten unter den zahlreichen Gipfeln des
-Rhätikons diese beiden Hochzinnen unser Ziel bilden. Die
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-»Wir« waren für »Den Zimba«, mein Hochtourist (den ich
-großmütigerweise mitnahm!), ein junger Führer und ich.
-Bei gewaltiger Hitze stiegen wir in drei Stunden von Bludenz
-über Bürserberg zur Sarotlahütte empor. Ich kann
-nicht sagen, daß ich die überaus primitiven Hütten wie diese,
-die nur ein Matratzenlager in einem allgemeinen Schlafraum
-bieten, besonders liebe; schon weil es ja keine Möglichkeit gibt,
-»Toilette« zu machen. Aber nach all den von bessern Spaziergängern
-überlaufenen Hütten der letzten Zeit war es direkt
-wohltuend, sich unter Leuten, die es ernst meinten und ihre
-ganze Expedition nicht bitter bereuten, wenn es kein »Bier
-vom Faß« gab, zu befinden. Jede weltliche Torheit, wie
-Bier überhaupt, lag dem einfachen Senn dort oben fern.
-Milch von seiner Kuh offerierte er und Eier konnte man haben,
-aus denen ich fürs Allgemeinwohl in einem schwarzgeräucherten
-Tiegel eine wunderbare Speise herstellte; und dann
-schliefen wir, zwei andere Partien, auch jede zu zwei Personen,
-auf dem Matratzenlager, auf dem nur das Gewissen
-weich war, in einer Reihe &ndash; der junge Führer als Paravent
-zwischen mir und den übrigen! Freilich, das Einschlafen ging
-nicht schnell, das pflegt auf Hütten so zu sein; und neben
-mir durchs Fenster funkelten die Sterne &ndash; und die andern
-beiden Partien hatten »große Sprüch'« geredet: wie schwer
-es sei &ndash; und wie unbequem eine Dame&nbsp;&ndash;, denn wegen
-Steinfalls müßte man größte Rücksicht auf einander nehmen!
-Wenn ich nun diese Probe auf Trittsicherheit usw. nicht bestand?
-Etwas zaghaft war mir zumute, und jedenfalls erleichterte
-es mich, daß wir am nächsten Morgen die Ersten
-fertig zum Aufbruch waren: so wie der Mensch nun einmal
-ist, mag man lieber der Schuldige sein am Steinfall (wenn
-es nun doch mal sein muß!) als der Unschuldige, den sie am
-Kopf treffen! Unsere Rucksäcke ließen wir, um beim Klettern
-nicht behindert zu sein, vom Sennen zum Zimbajoch
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-hinauftragen, wo wir sie beim Abstieg aufnehmen wollten:
-länger als 5 bis 5½ Stunden rechneten wir nicht, da wir
-bei unserer »Fähigkeit« den Baedeker wie den Purtscheller
-in ihren Zeitangaben gewöhnlich schlagen.</p>
-
-<p>Im gemessenen Schritt »Echter« begannen wir um halb
-fünf Uhr morgens den Aufstieg über sehr steile Gras- und
-Schutthalden &ndash; Fuß vor Fuß, ohne Pause, zwei Stunden
-lang, bis zum Einstieg in die Felsen. Hier nun wurde von
-dem jungen Führer mit großer Vehemenz der moralische Halt,
-das Seil, um die Stelle meines Körpers geschlungen, wo sonst
-die Taille sitzt; zugleich begann die erste Kontroverse zwischen
-ihm und dem Hochtouristen, der auf Grund seiner »literarischen
-Kenntnisse« einen andern als den vom Führer bezeichneten
-Weg einschlagen wollte. Doch da der Führer versicherte,
-in diesem Jahr schon mehrmals oben gewesen zu sein
-und »diese neue, leichtere Route« genau zu kennen, so gaben
-wir nach &ndash; leider! Denn das Resultat dieser »neuen, leichteren
-Route« war vollständiges Versteigen, wobei sehr schwierige
-und gefährliche Platten- und Traversierstellen zu bewältigen
-waren. Und dann überhaupt: dieser Berg! Er ist das
-Niederträchtigste, was man sich denken kann &ndash; »treu und
-fest wie ein Fels« ist ein Hohn auf ihn. Ich klettere gewiß
-gern, aber ich bin für Zuverlässigkeit im Leben. Bietet »Der
-Zimba« jedoch einen Griff &ndash; fast nur mit Grasbüscheln
-locker besetzte Steine &ndash; so rutscht einem plötzlich der halbe
-Berg entgegen &ndash; und bildet man sich ein, man hätte
-einen sichern Tritt, so kommt unterm Fuß sofort die ganze
-Wand ins Wanken. Alles ist brüchig, und dabei eine Steilheit,
-die oft peinlich wirkt! Bei der ersten, sehr schweren Plattenstelle
-stürzte der Führer beinahe ab &ndash; ich kann nicht behaupten,
-daß dies mein ohnehin schon sehr ins Wanken geratenes Vertrauen
-zu ihm erhöhte; denn auch von der Seiltechnik besaß
-er nur eine unbestimmte Ahnung, und gerade bei unbequemsten
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-Stellen »vertüderte« es sich ihm, wie man in Schleswig-Holstein
-sagt, und unbekümmert um meine Situation schrie
-er dann unsichtbar von oben: »Sie, Frau, halten's Ihna fest!«
-Auch sonst richteten sich seine Umgangsformen nach Stand
-und Gefahr; das merkte ich besonders beim Abstieg. Ging es
-leicht, so flocht er ein »Gnädige Frau« in seine Ermahnung
-&ndash; in gefahrvollen Minuten riet er mir schmucklos, in den
-derbsten Ausdrücken unserer in diesem Punkt ja sehr reichen
-Muttersprache, mich einfach auf den mir von Gott dazu gegebenen
-Teil zu setzen und von dieser breiteren Basis aus die
-Hindernisse zu überwinden. Kurz und gut, der Hochtourist
-übernahm schon von »der« Platte aus die weitere Leitung und
-gab alle Anweisungen zur Seilsicherung usw. Ihm verdankten
-wir es jedenfalls, daß wir überhaupt, und zwar nach unendlich
-vielen Fährlichkeiten, bei denen ich zum Teil zwischen ihm und
-dem Führer am Seil eingespannt war, nach 2½ Stunden
-vom Einstieg aus &ndash; also im ganzen von der Hütte aus in
-4½ Stunden &ndash; den Gipfel erreichten. Trotzdem hatte sich
-mein Selbstvertrauen neu befestigt, denn ich durfte mir sagen,
-daß das Seil nur zur Versicherung und nicht ein einziges Mal
-dazu gedient hatte, um mich »zu ziehen«, wie ein lebloses
-Paket &ndash; ein bei manchen Touristen nicht unbeliebtes Beförderungsmittel.</p>
-
-<p>Die andern beiden Partien mit den »großen Sprüch'« hatten
-wir einmal in unsrer Nähe bei der Platte klappern hören. Die
-Armen mußten uns nachgestiegen sein, hatten das Rennen aber
-dort schon aufgegeben, denn wir hörten und sahen nichts mehr
-von ihnen, trotzdem wir fast eine Stunde am Gipfel rasteten.
-Eine schöne Fernsicht, wundervolle Talblicke ins Montafon,
-über steilabstürzende Wände hinab ins Rellstal und zu den
-anderen Vasallen des Rhätikons hinüber belohnten uns, gewiß;
-ich aber genoß diesmal besonders die Ruhe &ndash; und das
-Frühstück und befand mich glücklich bei dem Lob von Führer
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-und Hochtourist, »daß ich meine Sache brav gemacht habe«.
-Das Ärgste, meinte ich auch, läge hinter uns. »Ja, Schnecken!«
-Wir nahmen den Abstieg über den Westgrat, »traversierten«
-also den Berg, da wir übern Ostgrat gekommen waren. Ein
-Versteigen war wenigstens unmöglich, da die Route immer
-am Grat entlangläuft &ndash; schwindelfrei muß man allerdings
-sein. Und seine kleinen Überraschungen bietet dieser Westgrat
-auch sonst; da ist z.&nbsp;B. eine schwierige Strecke über einen etwa
-70° geneigten, von brüchigen Schroffen und lockeren Graspacken
-durchsetzten Hang. Die hat es in sich! Früher konnte man
-durch einen viel sichereren Kamin absteigen; seit dem letzten
-Winter ist er verschwunden, da ein großes Gratstück in die Tiefe
-gestürzt ist.</p>
-
-<p>»Gengan S' nur zu,« sagte der Führer gerade an dieser
-Stelle ermutigend, viele Meter Seil über mir und durch Felsen
-versteckt, »der Herr wird Ihna schon zurufen, wo S' hintreten
-müssen!« Der Hochtourist war zu diesem löblichen Zwecke vorangeklettert.
-Aber kein Rat, keine Hilfe kam, und als ich endlich
-hochatmend innehalten mußte, weil des Seiles Länge erschöpft
-war, saß der Hochtourist gerettet und seelenruhig auf
-einem Vorsprung und versuchte den winzigsten Zigarrenstummel
-in Brand zu setzen, den ich je als noch brauchbar gesehen
-habe! Ja, man macht noch nebenher Charakterstudien in den
-Bergen. Eine ekelhafte, überhängende rote Nase kam; da ich
-mit den Füßen den spannbreiten Grat nicht erreichen konnte,
-sollte ich mich »einfach herunterlassen«. Ich streikte, der Hochtourist
-stampfte auf dem ohnehin schon wackligen Grat, der
-Führer schrie sinnloses Zeug von oben &ndash; ich kniete an einem
-senkrechten Abbruch auf einem Eck so groß wie eine Schwefelholzschachtel
-und wurde noch einmal energisch ersucht, diesen
-hervorragenden Stützpunkt nun »einfach« für die Ellbogen zu
-nehmen! Ich schrie alles zurück, was mir im Moment nur an
-tötlichen Beleidigungen einfiel &ndash; und dann entdeckte »man«
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-&ndash; ich sage »ich«, der Hochtourist »er«, der Führer »wegen
-meiner« &ndash; die Idee eines Trittes an der Außenwand der Nase,
-auf die ich meinen rechten Fuß stemmen konnte &ndash; gewonnen
-hatten wir! Der Hochtourist zündete den Stummel frisch an.
-Nach zwei Stunden heißer Arbeit standen wir am Zimbajoch
-&ndash; die großen Schwierigkeiten hatten damit ein Ende. Immerhin
-aber folgte noch ein zweistündiger, zum Teil recht ungemütlicher
-Abstieg über steilen Schroffen und mit Platten durchsetzten
-Grashänge, die größte Aufmerksamkeit und vollständige
-Trittsicherheit erforderten, da es für die Hände so gut wie gar
-keine »Griffe« gab. Schon vom Joch aus, auf dem wir unsere
-Rucksäcke wieder vorfanden, winkte uns von unten die hübsche
-und allerliebst eingerichtete Heinrich-Hueter-Hütte, in der es
-wieder eine Ruhepause und eine Erfrischung gab.</p>
-
-<p>Auf den grünen Matten, von der diese Hütte umgeben ist,
-sowie auf dem Übergang übers Säulejoch zur Douglas-Hütte
-habe ich übrigens zum erstenmal Murmeltiere nicht nur
-»pfeifen« hören, sondern spielen sehen und Männchen
-machen.</p>
-
-<p>»Zum Abgewöhnen« kam also noch der »hochalpine Spaziergang«
-zur Douglas-Hütte hinüber, der eigentlich noch gar nicht
-eröffnet war &ndash; die offizielle Eröffnung der wirklich entzückenden
-Weganlage, die andauernd die schönsten Blicke bietet,
-ist erst einige Tage später erfolgt; in zwei Stunden erreicht man
-den köstlich blauen Lünersee, an dessen Ufer die berühmte, höchst
-originelle Douglas-Hütte »eingegraben« ist, könnte man sagen.
-Denn um sie vor Lawinengefahr zu schützen, ist sie von einer
-langen, festen Mauer bis zum Dach gedeckt, und alle Räume
-der drei wie unterirdisch wirkenden, nach Bedürfnis entstandenen
-Bauten haben nur Fenster zur Seeseite hin. Und hier
-gab es einbettige Zimmer &ndash; man vergißt ganz, daß so was
-Schönes auf der Welt existiert! &ndash; und schöne Waschtische &ndash;
-und die Möglichkeit, sich ungeniert aus- und anzuziehen! Man
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-wird dankbar auf Bergeshöhen. Und wie das Essen schmeckte
-&ndash; nach elfstündiger »Arbeit« inklusive der Freundlichkeiten des
-»Zimba«.</p>
-
-<p>Um neun Uhr nach notdürftiger Stopfung aller Löcher und
-Dreiecke in den »Unaussprechlichen« fällt man ins Bett. Aber
-lang wird der Schlummer doch nicht sein: »Um vier Uhr bereit
-&ndash; zur Scesaplana!« <i>Il faut obéir</i> &ndash; mitgegangen, mitgehangen!</p>
-
-<hr />
-
-<p>»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern
-des Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen
-Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal
-außergewöhnlicher Ausdrucksweise zu bedienen. Warum,
-weiß ich nicht. Und helfen tat es auch durchaus nicht. Der
-Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist weder
-hervorragend anstrengend noch schwierig &ndash; dafür aber auch
-nicht unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die
-Beine derer, die in unstillbarem Höhendrang lange vor der
-Sonne ausmarschiert waren, tauchten wieder und wieder über
-unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf. Schade, man
-verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb
-auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin
-die letzten &ndash; der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer,
-der dritte die gegen jede Temperatur Immunen, die
-sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür körperlich abzunehmen.
-Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege und
-meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen
-in den Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei
-Stunden ans Ende aller Kurven gelangt, sahen eine Stange
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-ragen, machten noch einmal: »Rechtsum &ndash; kehrt!« <i>Voilà</i>
-&ndash; der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel; hinter
-einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne
-Frau, die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist,
-der mit diesem Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen
-war, was »Bewegung« anbelangt nämlich. Sonst
-&ndash; der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch
-seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen
-(Tiroler) und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze
-er gerade emporsteigt. Von den Ötztalern und der Ortlergruppe
-im Osten bis zum Monte Rosa im Westen schaut man
-und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die
-blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal
-verfolgen von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee,
-nickt der alten Bekannten, der Silvretta, zu, freut sich an der
-Bernina-Gruppe &ndash; und immer Neues, Fesselndes steigt aus
-blaudunstiger Ferne auf &ndash; man hat das Gefühl, man stände
-recht im Herzen der Alpen! &ndash; Nichts störte uns am Genießen;
-jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen
-schon längst wieder bergab &ndash; allein in Stille und Schönheit
-und vor dem immer wechselnden Spiel zartester Nebelwolken
-an den Bergwänden, zu schweigen von der Farbenskala, die der
-Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte. »Die Scesaplana
-ist die Königin des Rhätikons« &ndash; man beuge sich ihrer
-Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«.
-Über den Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle,
-»sumpfige« Flecken wir sorgsam vermieden. Gegen diesen
-Sommer nützt der beste Gletscher nichts! Aber rückwärts schauten
-wir und bewunderten die steilen, merkwürdig geschichteten
-Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite abfällt; und so
-harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte, die
-direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen
-ist, frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Wegen, die zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber
-nur ein »alpiner Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«,
-wie der letzte Teil des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen
-und Leitern gesicherten Steiges heißt, der ins Gamperdonatal
-hinabführt. Viel erlebt man an solch einem Morgen:
-öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die
-unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch«
-seine kleine Bahn gegraben hat&nbsp;&ndash;, Schutthänge, steile »Wasen«,
-wie das Gras heißt&nbsp;&ndash;, schließlich wieder Latschengestrüpp
-als neueinsetzende Flora, allmählich Kiefern, Ahorne &ndash; Matten
-neben dem zu Tal rauschenden Wildbach &ndash; und zum Schluß
-ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der »Nenzinger
-Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt
-Rochus. Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine
-Menge kleiner Almhütten &ndash; es sind Sommerhütten der Bauern
-und Bewohner aus Nenzing, die hier oben her ihre Herden auf
-ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon alle, ungefähr
-700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint
-hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild
-gesehen wie dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle,
-dem hübschen Wirtshaus &ndash; den verstreuten Häuschen und dem
-Vieh, das sich durchaus als Hauptsache empfindet und ungeniert
-Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm paßt.
-In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur
-durch Sennen &ndash; und Sommerfrischlerinnen, die das grüne
-Nest auch schon entdeckt haben, erscheinen in blauen Leinenhosen,
-um sich selbst ihre Milch zu holen. Aber der fremde Einschlag
-stört hier nicht &ndash; er ordnet sich der Stimmung unter.</p>
-
-<p>Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d.&nbsp;h. in die
-Ebene, dauert vier gute Stunden, vollzieht sich aber auf so
-schönem Wege, meistens durch Wald und höchst romantisch
-neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man Zeit und
-leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-und Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die
-Luft des Tieflandes und möchte wie das mexikanische Tier mit
-dem schönen Namen Axolotl sich auch anpassen können: ein
-paar Lungen, weit und groß genug haben, um unendlich viel
-reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern,
-und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten
-vermögen! Ob man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?!</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-Streifzüge in Südtirol.</h3>
-
-
-<p>Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn
-über den Brenner gefahren, hatten uns die Tauern aus dem
-Sinn geschlagen und uns den südlichen Alpen zugewandt, wenn
-nicht in der bestimmten Hoffnung, dort Wärme, Sonne, Wohlbehagen
-zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten Schneesturm
-seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im
-gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das
-mit echt norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet
-wird, und als Unikum einer Hütte eine kleine
-Kapelle, die höchstgelegene Europas, besitzt. Sie ist durch das
-Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die Führer am Sonntag
-nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe gehört
-haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden
-sich junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und
-in einer Höhe von 3203&nbsp;m ihres Amtes walten. Aber die
-Nächte »dicht beim lieben Gott« und bei soundsoviel Grad
-Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer sitzt man
-Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen,
-die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die
-kleinste Nasenspitze sichtbar &ndash; weißes Flockengestiebe ringsum!
-Da wurde schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in
-die Schönheit der Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen
-zäh wie Bergmoos ist, von stiller Raserei ergriffen,
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-die sich gegen den Eigensinn der Natur kehrte. Kurz hieß es:
-»Jetzt wird mir's z'dumm &ndash; jetzt wird gegangen!« Also
-gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am
-warmen Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei
-Schritte vor sich hin sehen konnte; des Morgens um sechs und
-bei dichtem Schneegestöber und einem Sturm, der sich von allen
-Gletschern in der Runde &ndash; und sie sind dort grade nicht selten!
-&ndash; neuen Atem und frische Kälte zu holen schien. Nachdem
-wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht
-hatten, wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine
-Proviantstation fürs Becherhaus befindet, d.&nbsp;h. Kisten und
-Fässer lagern frei im tiefen Schnee, konnten wir wenigstens
-über ein paar spaltenlose Gletscher im Sitz abfahren, mir eine
-der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in verhältnismäßig
-kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen, in
-denen gefühlvoll statt des Schnees &ndash; Regen einsetzte. Mit
-ihm plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel
-frei, unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm
-stand und uns nun auszulachen schien, auch die eisgepanzerten
-Recken des Seebertals. Auf der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich
-Pferde gepflegt werden, gab es am rauschenden Bach
-das übliche Rucksack-Frühstück &ndash; inzwischen war es zehn geworden
-&ndash; und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten
-Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben.
-Welch betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin,
-durch einförmige Talgründe und entschieden in ein südlicheres
-Klima. Es wird warm, heiß &ndash; die Sonne brennt, der Wind
-verstummt, die Wege werden steiler und steiniger. Recht erschöpft
-trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos im Passeier
-diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich
-herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten
-Wegende geben soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen
-Straße nach Sankt Leonhard sind diese zwei Stunden recht bitter
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-&ndash; und dann die Furcht, ob man den Autobus, der uns nach
-Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob es noch Freiplätze
-in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt
-Leonhard an &ndash; und diesmal ist man dem schlechten Wetter
-von Herzen dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder
-Standquartieren festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche
-Sitze beschert. Eine Stunde später bewundert man schon
-die subtropische Vegetation Merans an der Gilfpromenade,
-genießt den köstlichen Anblick der von Trauben behangenen
-Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast
-zum Morgen &ndash; diese üppige Flora, diese angenehme
-Wärme &ndash; endlich, endlich hat man sie gefunden!</p>
-
-<p>»Nach Meran«, meinte mein Hochtourist verächtlich, »ziehen
-mich im Sommer keine zehn Pferde!« Ein ausgiebiger Schneesturm
-hat ihn eines andern und bessern belehrt. Denn es ist
-hier einfach himmlisch; die Luft andauernd von leichter Brise
-erfrischt, prangende Fruchtbarkeit ringsum, auf den schönen
-Promenaden keine armen Kranken, sondern stämmige Touristen
-und jauchzende Meraner Kinder, die nun auch einmal die
-Vorteile dieses gesegneten Landes genießen. Die Kurverwaltung
-tut ihr Möglichstes, um die Passanten zum Bleiben zu bewegen;
-morgens und abends konzertiert die Kapelle wie zur
-Hochsaison, prächtige Waldspaziergänge hinauf zu den Schlössern
-Tirol, Lebenberg, Schönna locken &ndash; selbst das Steigen
-fällt bei der kühlen Temperatur nicht schwer &ndash; und wer dennoch
-reine Höhenluft möchte, fährt mit der im vorigen Herbst
-eröffneten Vigiljoch-Schwebebahn auf das Vigiljoch empor.
-Das reizende, kleine, im Bauernstil gehaltene Hotel dort oben
-liegt 1468&nbsp;m hoch und bietet eine wundervolle Aussicht ins
-Etschtal, hinter dem sich die Dolomiten aufbauen. Die Fahrt
-mit der Schwebebahn an und für sich ist schon ein Genuß, da
-sich die Aussicht mit jedem Meter, den man steigt, immer mehr
-weitet; außerdem ist sie technisch in ihrer Länge von 2210&nbsp;m,
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-die einen Höhenunterschied von über 1150&nbsp;m bewältigt, eine
-großartige Leistung. &ndash; Uns natürlich konnte das stille Rasten
-am Vigiljoch nicht genügen. Wir wanderten noch am Abend
-zum einsamen Gamplhof, der eine Stunde höher liegt als das
-Vigiljoch. Und von ihm aus beim nächsten Morgengrauen in
-aussichtsreicher Kammwanderung über den Rauhen Bühel und
-das Hochjoch zum Gipfel des Hochwart (2607&nbsp;m). Er ist
-ein hervorragend schöner Aussichtspunkt. In gewaltigem Rund
-streift das Auge von den stolzen Eisriesen der Ortler-Gruppe
-über die Ötztaler und Stubaier Alpen zu den wildgezackten
-Dolomiten, der Presanella- und Adamello-Gruppe; selbst die
-Schweiz schickt durch die blinkenden Gipfel der Bernina-Gruppe
-einen Gruß herüber. Ganz entzückend ist der Tiefblick
-auf das grüne Vinschgau, das in seiner vollen Ausdehnung
-von Mals bis zur Töll tief zu Füßen liegt. &ndash; Den Abstieg,
-den wir teilweise pfadlos über steinige Hänge und kaum erkennbare
-rauhe Alpenpfade ins Ultental nahmen, kann ich nicht
-recht empfehlen. Er kürzt zwar den Weg zu unserm nächsten
-Ziel, irgendeinem behaglichen Gasthaus in Sankt Waldburg
-drunten nicht unbeträchtlich ab, doch nimmt er keinerlei Rücksicht
-auf ohnehin schon müde Füße und vom Auf und Ab leicht
-verbogene Glieder. Wer plagte sich nicht gern, um einen
-schönen Gipfel zu erreichen, aber im Almen-Terrain überläßt
-man jeden Ehrgeiz den Kühen und Ziegen. Viele, viele bittre
-Seufzer, bis man endlich, endlich den Rucksack abwerfen kann
-und nach der üblichen Portion »Tiroler Schöps«, unter der sich
-&ndash; wie immer &ndash; eine schamhafte Ziege birgt, in sein Bett
-kriecht. Ein vierzehnstündiger Marsch inklusive Berg genügt
-meinen bescheidenen Ansprüchen an Bewegung durchaus! &ndash;
-Schrecklich lang ist das Ultental, das wir am nächsten Tage
-aufwärts wanderten, und das von der Falschauer durchströmt
-wird. Die höchst romantische, schluchtenartige Mündung des
-Tales und Baches bei Lana heißt die Gaul und wird von
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-einem großartig angelegten elektrischen Werk ausgenützt. Im
-obern Teil aber, der sich gegen die Ausläufer der südöstlichen
-Ortler-Gruppe erstreckt, ist dies Tal sehr einsam und von Touristen
-wenig besucht. Aber grade das zog uns an &ndash; und die
-Aussicht, einmal nicht in eine überfüllte, von der Mode, die ja
-leider auch auf die Berge steigt, bevorzugte Hütte zu kommen.
-Der Weg hebt und senkt sich an der Berglehne und durchschneidet
-bescheidene Dörfer: Kuppelwies, Sankt Nikolaus, Sankt
-Gertraud, und für die Heiligen dieser Ortschaften gibt's
-genug Kapellen und Kapellchen, mit Alpenblumen geschmückt;
-an einem Marienbilde steht der rührende Vers, dessen Original
-sich an der Gnadenbrücke im Etschtal befindet:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Mein liebes Kind, wo gehst Du hin?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weißt nicht, daß ich Dir Mutter bin?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß Keiner Dich liebt so wie ich?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So steh doch still und grüße mich!«</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">Nach dreiundeinhalb Stunden &ndash; <em class="ge">sehr</em> heiß! Aber »man«
-ist ja nie zufrieden, womit ich gemeint sein soll &ndash; Rast in Sankt
-Gertraud. Tiroler Schöps. Und dann wird's ernst. Mit der
-Hitze und mit der Steilheit. »Am Grünen See (2489&nbsp;m) in
-der ›Neuen Welt‹, 3½ Stunden von St.&nbsp;Gertraud, oberhalb
-der Weißbrunner Alm die Höchster Hütte (2500&nbsp;m) in prächtiger
-Lage,« liest man im Baedeker. Das klingt so einfach und
-nett, man geht, nicht wahr, und plötzlich ist man da! Wasserfälle
-rauschen neben einem, ein idyllisches Bild bietet mit ihrem
-Viehreichtum auch die große Alm &ndash; und dann geht man eben
-immer weiter, immer höher, immer steiler aufwärts. Die Hütte
-ist einzig in ihrer geschmackvollen Einrichtung, ihrer glänzenden
-Bewirtschaftung, und gewiß will ich auch die »prächtige
-Lage« an dem von Gletschern gespeisten See nicht leugnen.
-Aber ein klein wenig weiter hätten gerade die Serpentinen
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-der letzten Strecke angelegt werden können &ndash; sie lagen da
-wie eine fest aufgerollte Schlange und mühsam dreht man
-sich auf ihr und um sich selbst empor. Das Kleinlautsein der
-»bekannten Hochtouristin« nimmt doch bedeutend zu, als sie
-oben von der Perle aller Wirtschafterinnen erfährt, daß der
-einzige Führer des Ultentales, den man vorzufinden hoffte,
-noch eine Partie macht: Rückkehr unbekannt! Und da sollte
-die Tagesarbeit umsonst gewesen sein, die geplante Tour über's
-Zufrittjoch und die Zufrittspitze hinab ins Martelltal auch in
-den Grünsee fließen&nbsp;&ndash;?! Der Hochtourist bewahrt männliche
-Fassung; aber auch er ist entschlossen, seinen Rucksack nicht
-selbst vier Stunden lang über die riesigen, steiglosen Trümmerhalden
-zum Joch hinauf zu schleppen &ndash; er studiert um.
-Und plötzlich tut er, als könne uns nichts Besseres passieren,
-ja, als wäre es schon lange unsere einzige Sehnsucht, eine
-große Gletschertour allein zu machen! »Die Hintere Eggenspitze,«
-sagt er und deutet aus dem Fenster auf den schönen,
-weißen Gipfel, »das ist sogar der höchste Berg in der östlichen
-Ortlergruppe! Und wie bequem, man geht von der Hütte
-aus hinauf, ohne andres Gepäck als den Proviant, kommt
-hierher zurück, ruht sich aus &ndash; steigt wieder ins Tal&nbsp;&ndash;! Dabei
-der Weg so einfach: eine Stunde lang grobes Moränengetrümmer,
-dann über den Weißbrunngletscher ohne jede technische
-Schwierigkeit empor. Ich seile Sie an &ndash; und damit
-gut!« <i>Ce que homme veut</i> &ndash;&nbsp;&ndash; ich ergab mich. Als erstes
-fehlte uns das Seil, das er schlauerweise oder aus Bequemlichkeit
-unten im Koffer gelassen hatte. Die Hüttenwirtin
-lieh uns das neue Fahnenseil, dessen 9-Millimeter-Stärke
-schlimmstenfalls ja genügt haben würde, <em class="ge">mich</em> zu
-halten. Zuerst also die einfachen Moränen, dann der einfache
-Gletscher. »Ist er auch gefahrlos?« fragte ich, als wir
-vom Fels auf den Firn hinübergingen und ich kunstgerecht als
-erste Fahne des Seils angeknüpft wurde. Dabei entdeckte
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-ich, daß mein Hochtourist in die 15&nbsp;m Seillänge, die zwischen
-uns Distanz halten sollten, eine Schlinge machte. »Da hinein,«
-befahl er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten,
-»stoßen Sie sofort den Pickel bis zur Klinge, wenn ich einbreche,
-und bohren ihn fest in den Schnee, was Sie weiter
-tun müssen, sage ich Ihnen dann schon!« »Gern,« versprach
-ich mit übertriebener Freundlichkeit, plötzlich dessen bewußt,
-daß ich im Ernstfalle gar nicht die Kraft haben würde, ihn
-herauszuziehen. Verdient hätte er's ja auch keinesfalls &ndash;
-nur daß ich dann eben sanft nachgerutscht wäre! Anderthalb
-Stunden sondierte die Gestalt vor mir mit dem Pickel Schritt
-für Schritt; denn die Stirn dieses müden, alten Gletschers ist
-von Falten durchfurcht, die der tückische Schnee sorgsam zugedeckt
-hat. Aber wir mußten diese Schönheitsmängel aufspüren,
-Schritt für Schritt, und jeder sank dazu tief in die
-weiche Decke. Ein paarmal drehte sich mein Wegweiser in ziemlicher
-Hast zur Seite und sagte nur: »Dort nicht!« und ich
-empfand schaudernd das Gefühl nachträglich, das einen befällt,
-wenn der Pickel ins Leere, ins Bodenlose stößt; und dann
-brach er mit dem rechten Bein wirklich ein, rief über die
-Schulter: »Festhalten!« und krabbelte am Rand empor, während
-ich krampfhaft und todesmutig zog. Ich bilde mir auch
-heute noch ein, daß nur ich eine Katastrophe verhütet habe &ndash;
-bis heute habe ich aber weder einen Dank noch eine Rettungsmedaille
-bekommen! Aber dort: waren das nicht Spuren?!
-Ein Mensch mußte den Gletscher traversiert haben und zum
-Zufrittjoch hinübergewandert sein. Wir hielten tapfer auf
-die Trace los: und dann ergab sie sich als die zierlichen Abdrücke
-von acht Gamsfüßen, die mit untrüglichem Instinkt,
-wie es sich herausstellte, knapp vor jeder Spalte abgebogen
-waren. Auf meine innere Verzweiflung hin, die sich nur in
-Seufzern und kurzen Verwünschungen alles Bergsteigens
-äußerte, probierten wir einmal, im Fels aufwärts zu kommen;
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-aber er war teilweise mit Schnee bedeckt und dazu so plattig
-und zertrümmert, so wenig Halt bietend für Fuß und Hand,
-daß wir reuig zu den immer noch zuverlässigeren Gletscherspalten
-zurückkehrten. Endlich der Grat! Er bietet keine
-Fährlichkeiten mehr; die anderthalb Stunden in seinem Schnee
-sind zwar noch mühsam und nicht gerade wohltuend, denn
-trotz des tiefblauen Himmels und der nun erscheinenden leuchtenden
-Sonne pfeift ein eiskalter Wind uns ins Gesicht; aber
-nun haben wir den Berg doch besiegt! Und er lohnt uns
-die Mühe reichlich. In greifbarer Nähe liegen die eisgepanzerten
-Riesen der zentralen Ortler-Gruppe, im Norden die
-Ötztaler, die Stubaier, im Süden die Adamello- und Brenta-Gruppe,
-in der Ferne die Gipfel der Bernina, im Osten die
-wildgezackten Dolomiten. Ja, köstlich ist die weiße Einsamkeit,
-die glitzernden Schneefelder, die große, erhabene Ruhe
-der Firnhäupter. Umsonst ist man nicht 3437&nbsp;m hoch,
-der Stolz gibt dem Brot und echten Prager Schinken einen
-Extrawohlgeschmack &ndash; wenn nicht, ja wenn nur nicht, der
-Abstieg noch wäre&nbsp;&ndash;! »Sehr einfach,« bemerkt der Hochtourist,
-der sich für seine Anstrengungen durch reichliche Nahrungszufuhr
-selbst belohnt, »wir vermeiden den morschen
-Fels! Wir gehen nur durch den Schnee.« Ich versuche zu
-streiken; aber eine Frau an einem Fahnenseil, nach einer mehrstündigen
-Gletscherpartie, in leicht strapazierter Toilette (Beinkleid
-und Wollbluse!) mit Schneebrille und Fausthandschuhen,
-hat einiges von ihrer »Allmacht« eingebüßt. Sie muß, beim
-Abstieg vorangehend, den alten Spuren folgen, sinkt in
-dem jetzt noch viel weicheren Schnee bis an die Brust ein,
-klappt wie ein Taschenmesser vornüber, hat Nase, Augen
-und Ohren voll Schnee, besinnt sich, daß sie sich im Fels
-das rechte Knie verletzt hat, fühlt, daß es nun den Dienst
-versagt, schreit in die Lüfte, daß ihr Bein verrenkt, der
-Hüftknochen gebrochen und sie verloren sei &ndash; und erhält von
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-dem in fünfzehn Meter Abstand von ihr gleichgültig ihre Hilflosigkeit
-Beobachtenden mit ruhiger Stimme den Rat: »Zieh'n
-S' das Bein raus und gehen S' weiter!«</p>
-
-<p>Es ist seltsam, welch eine Suggestion in solchen durchdachten,
-feinempfundenen Worten liegt: man zieht das Bein wirklich
-heraus und geht schweigend weiter. Am Schluß des
-Gletschers wird die Fahne eingezogen, d.&nbsp;h. ich abgebunden.
-Aus den kleinen Wasserrinnen, die in frühester Morgenstunde
-bescheiden zwischen dem Geröll rieselten, hat der schmelzende
-Schnee nun reißende Bäche gemacht, mit großspurigem
-Auftreten. Und ein bißchen gewachsen nach dieser Gletschertour
-fühlt man sich selbst auch: ohne Führer &ndash; und bei
-der Möglichkeit (oder besser Unmöglichkeit!) im Ernstfall
-den Hochtouristen aus einer Spalte ziehen zu müssen &ndash;
-gar nicht schlecht! Man hat sich gut bewährt. Unten, bei der
-Hütte, ist man überzeugt, daß zwar alle Fähigkeiten zu großen
-Eistouren vorhanden sind, daß man jedoch, um nicht aus der
-Übung zu kommen, doch noch eine rechte, schöne Kletterpartie
-machen möchte. Und dazu gibt's ja immer nur eins: die Dolomiten!</p>
-
-<p>Hinaus zum langen Ultental, das man wirklich gründlichst
-kennen gelernt hat, von Sankt Waltraud in der vollgestopften
-Post bis Oberlana bei Meran. Per Bahn nach Bozen und mit
-einem der unzähligen Hotelwagen, die täglich noch ungezähltere
-Fremde befördern, durch das Eggental, vorüber an der
-pompösen alten Burg Karneid der Münchener Erzgießerfamilie
-von Miller, von Birchabruck und Welschnofen, den köstlichen
-Blick auf den Latemar, den Rosengarten, die Ortler-Gruppe
-genießend. Das Wetter scheint etwas unsicher, und oben auf der
-Höhe des Karerpasses, die man vom berühmten Karerseehotel
-durch einen schönen Waldweg erreicht, regnet es sanft. Bedenken
-steigen in einem auf, wie sie nur zu berechtigt sind: setzt
-etwa eine neue Regenperiode ein, müßte man auch tagelang dasitzen
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-in der Glasveranda des Karerpaßhotels und Patiencen
-legen oder Balkannachrichten lesen, von denen doch keine einzige
-wahr ist?! &ndash; Da kommt der Mond über den Paß und
-übersilbert dankbar diesen herrlichen Fleck Erde. In aller Frühe
-lockt der leuchtende Schnee der Gipfel ans Fenster, ein jauchzender
-Tag bricht an, und vorsichtig trappt man mit den Genagelten
-die Treppe hinunter, um ja die Schläfer nicht zu stören, die
-Armen, die von dem Wunder draußen nichts ahnen. Mögen
-sie nur Patiencen legen, wenn sie aufwachen! Viele schöne
-Wege gibt's in den Alpen; aber der schönste, unvergleichlichste,
-die Krone aller Wege ist der Hirzelweg vom Karerpaß zur
-Kölner Hütte, die am Südwestende der Rosengartenspitze liegt.
-In klarer Morgenluft und immer wechselnder, zarter, wunderbarer
-Beleuchtung lagen sie da in langer, endloser Kette, die
-göttlichen Gebilde: die Latemar-Gruppe, die Presanella, die
-Brenta, die Ortler-, Ötztaler- und Stubaier-Alpen, der Schlern,
-der Tribulaun; die zweieinhalb Stunden zur Hütte (2325&nbsp;m)
-verfliegen im Genuß all der Pracht, die sich von der Hütte aus
-noch ebenso bewundern läßt. Und man begreift nur zu gut, daß
-die Sektion Rheinland noch ein Touristenhaus anbauen mußte,
-das einen Tag vor unserm Besuch eröffnet worden war: wer
-diese Hütte nicht gesehen hat, hat nichts gesehen! &ndash; Gleich hinter
-der Hütte geht's steil empor über das Tschaggerjoch (2644&nbsp;m)
-und wenig abwärts zur vielbesuchten Vajoletthütte, dem Ausgangspunkt
-für die meisten Touren in der Rosengarten-Gruppe
-und auf die kühnen Vajolettürme. Wir wandern am nächsten
-Morgen zum Grasleitenpaß, deponieren unter Geröll die Rucksäcke
-und steigen auf den höchsten und zugleich aussichtsreichsten
-Gipfel des Rosengartens, den Kesselkogel (3001&nbsp;m), der einen
-wunderherrlichen Blick über fast ganz Tirol bietet und im übrigen
-bei wenig Kletterei und einem ganz amüsanten Band eine
-nette Vormittagsunterhaltung gewährt. Durch den großartigen
-Grasleitenkessel, wo der Schnee noch eine lustige Abfahrt gestattet,
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-geht's zur Grasleitenhütte hinunter, wo der Führer für
-den nächsten Tag engagiert wird. Direkt vor der Hütte, so daß
-man den unteren Teil des Aufstiegs durch die schwierigen Kamine
-ganz übersehen kann, erhebt sich der Grasleitenturm &ndash;
-ein paar Junge, Führerlose, durchklettern ihn grade, und heißes
-Verlangen nach ihm packt mich! Aber natürlich: der Hochtourist
-ist schon oben gewesen und fand es daher für mich peinlich,
-von den »Hüttenwanzen«, die auch jetzt an der Arbeit waren,
-kritisiert zu werden. Was mich aber im nächsten Jahr durchaus
-nicht verhindern wird! &ndash; Für diesmal war die Traversierung
-der mittleren und östlichen Grasleitenspitze beschlossen,
-»auch eine schwierige Tour mit Kletterschuhen«, wie ich getröstet
-wurde. Tatsächlich hat Gottfried Merzbacher, damals schon
-ein vorzüglicher Kletterer, vor ca. dreißig Jahren erklärt,
-daß die Grasleitenspitzen unersteiglich sein dürften &ndash; wie hat
-sich der Maßstab geändert! &ndash; und wirklich erscheinen sie von
-der Hütte aus wie eine geschlossene Mauer, die jeden Angriff
-abweisen muß. In der Nähe löst sich die steile Fläche allerdings
-auf und bietet gute Griffe und Tritte; immer aber ist sie außerordentlich
-exponiert und erfordert in den knapp drei Stunden,
-die man bis zum überraschend großen Gipfelplateau der mittleren
-und höchsten Spitze (2705&nbsp;m) braucht, strengstes Aufpassen.
-Die Kletterschuhe legten wir diesmal schon in der Hütte
-an, und kraft ihrer Anschmiegsamkeit an den Fels, und der
-Überlegung, die sich schwierigen Situationen gegenüber plötzlich
-einstellt, ging alles vorzüglich. Meine Zwirnhandschuhe waren
-zwar »hin« &ndash; ich kletterte zum Erstaunen aller geaichten Alpinisten
-nie ohne Handschuhe&nbsp;&ndash;, denn die Felsen waren scharf
-und fest zugreifen mußte man schon; aber die Glieder gottlob
-heil! Ganz so gut ging's uns beim Abstieg zur Scharte zwischen
-der mittleren und östlichen Spitze nicht. Diese Tour ist außer
-Mode &ndash; entthront durch den Grasleitenturm! &ndash; und es fand
-sich deshalb viel brüchiges Gestein vor uns, das sonst von den
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-Kletterern nach und nach beseitigt wird. So war bei der großen
-Exponiertheit doppelte Vorsicht geboten. Der Hochtourist entdeckte
-einen Kamin, der ihn stark anlockte, und grade stiegen
-wir in ihn hinein, er voran, ich in der Mitte, der Führer mich von
-oben bewachend, als ein entsetzliches Getöse über uns entstand.
-Ich blickte zum senkrecht über uns stehenden Gipfel, schrie:
-»Steinschlag!« &ndash; und drückte den Kopf in eine Felsspalte.
-Ein faustgroßer Stein traf mich schmerzhaft auf der Hüfte, und
-pflichtgemäß schrie ich auf; aber es war wohl mehr die Angst
-vor der Ungewißheit: »Kommt noch mehr &ndash; und kommen noch
-größere?« Recht peinliche Augenblicke sind das, die man da
-zubringen muß, als Spielzeug des Zufalls! Rasch wie er gekommen,
-war der Steinschlag vorüber &ndash; man atmete auf &ndash;
-und machte sich wieder an die Arbeit. Es erwies sich, daß meine
-Beine für einen Tritt im Kamin zu kurz waren, und ich hing
-daher einige Meter zwischen Himmel und Erde, was man euphemistisch
-»abgeseilt werden« nennt. Aber wenige Minuten
-später stand auch ich auf der mit Schnee bedeckten Scharte, und
-kaum eine halbe Stunde später erreichten wir den östlichen
-Gipfel, womit alle Schwierigkeiten ihr Ende gefunden hatten.
-Denn der Abstieg zum Molignonpaß ist nur ein Spaziergang
-von wenigen Minuten. Dort standen allein und in der Mittagsstunde
-bratend, unsere Genagelten, die ein Hüterjunge hinaufgetragen
-hatte, und die uns nun im Schutt hochwillkommen
-waren. Wirklich, eine schöne <em class="ge">und</em> schwierige Tour war's, die
-man weniger wegen der Aussicht &ndash; sie ist nur nach Westen
-und Norden lohnend, im Osten und Süden lagern sich höhere
-Gipfel vor &ndash; als um der reinen Kletterfreude willen macht.
-Eine Extrabelohnung ist noch der Weg von der Grasleitenhütte
-durchs Tschamintal. Wald und Matten dünken einem zwar
-immer besonders herrlich nach ein paar Tagen in den steinernen
-oder firnenreichen Wüsten des Hochgebirges. Aber der Blick
-rückwärts vom idyllischen Tal auf die von unten überaus kühn
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-und steil aufragenden Valbuonköpfe, die Grasleitentürme und
-die Spitzen, die man nun stolz wie alte Bekannte grüßt, ist von
-einem großen und unvergeßlichen Zauber. Und ein letztes Mal
-noch umfaßt man die verlorene Herrlichkeit vom kleinen Kapellchen
-St.&nbsp;Cyprian aus, bei Weißlahnbad, einem willkommenen,
-oft benutzten Vorwurf für die Maler; und trägt die Erinnerung
-an so viel glückliche, wenn auch mühevolle Tage und
-Stunden mit sich, wenn man auf leise schmerzenden Füßen
-durchs Tierser Tal in die Welt der Alltäglichkeit und Flachheit
-zurückwandert.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Hüttenleben.</h3>
-
-
-<p>Die meisten Menschen, die im Sommer eine Erholung suchen,
-wollen's »gemütlich« haben. Je nach ihren Ansprüchen und
-Mitteln wählen sie den Aufenthalt in einem eleganten Bade,
-einem bescheidenen Kurorte oder, wie's jetzt »Mode« geworden
-ist, in abgelegenen, primitiven Bauernhäusern; Bedingung
-bleibt immer, daß man es sich eben nach seiner Auffassung
-»gemütlich« machen kann, jede geistige und körperliche Anstrengung
-vermeidet und alle vierundzwanzig Stunden einem
-Dolcefarniente weiht. Im Durchschnitt wird das ja nun das
-richtige sein, um die Nerven zu beruhigen &ndash; worauf es den
-Sommerfrischlern in der Hauptsache ankommt! Der einzige,
-der auf sein Programm nicht mit rosa Lettern und nachlässiger
-Schrift das Wort »Frieden« schreibt, ist der Hochtourist. Zwar
-bringt sicherlich ihm am ehesten die köstliche Bergeinsamkeit allmählich
-ein inneres Ausruhen und eine wirkliche Befriedigung,
-aber vor seinen Erfolg haben die Götter in Wahrheit viel
-Schweiß gesetzt &ndash; er muß täglich aufs neue kämpfen, mit sich
-selbst, mit der Natur, um den wohlverdienten Lohn zu empfangen.
-Von »Gemütlichkeit« ist bei ihm nicht viel die Rede.
-Schon seine Ausrüstung deutet auf die Anstrengungen, Gefahren
-und Entbehrungen, die seiner warten. Er allein löst
-sich in den Wochen seiner alpinen Tätigkeit von der Zivilisation;
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-noch mehr: auch auf die ihm angeborene oder anerzogene
-Kultur muß er ein wenig verzichten, soweit sie seinen äußeren
-Menschen anbelangt. Das tägliche Bad, frische Wäsche, Kleiderwechsel
-zu jeder Tageszeit oder jedem Witterungsumschlag, das
-gibt's ebensowenig wie pünktliche Mahlzeiten, einen mit Luxus
-gedeckten und mit reicher Auswahl besetzten Tisch. Von vornherein
-läßt sich also annehmen, daß sich nur diejenigen den
-Bergsport zur Erholung erwählen, die von den elf Monaten
-ihres bürgerlichen Daseins nicht »untergekriegt« sind und einen
-Vorrat an unverbrauchten Nerven und fester Gesundheit besitzen,
-der sie befähigt, den kommenden Strapazen Trotz zu
-bieten.</p>
-
-<p>Sieht man sich einmal die alljährlich stark anwachsenden Mitgliederlisten
-des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wie
-der übrigen zahlreichen alpinen Klubs und Vereinigungen an,
-so darf man daraus wohl nicht mit Unrecht einen Schluß auf
-die Volkskraft und -gesundheit ziehen. Steigt von all diesen
-Hunderttausenden jährlich auch nur ein gewisser Prozentsatz
-wirklich auf die Berge, so genügt er doch, um uns nicht ganz
-hoffnungslos in die Zukunft unserer Rasse schauen zu lassen;
-wir sind darnach doch nicht so entnervt, verbraucht und dekadent,
-wie manche Schwarzseher uns in klugen, wissenschaftlichen,
-aber sehr schmerzenden Abhandlungen darzustellen belieben!
-Leute, die sich wochenlang auf ihre eigenen Füße verlassen,
-ihr Gepäck, oft auch den Proviant für mehrere Tage
-selbst schleppen und mit der einfachsten Lagerstatt und den simpelsten
-Mahlzeiten für die ganze Zeit vorliebnehmen &ndash; alles
-aus Begeisterung für die Natur und ihren Sport&nbsp;&ndash;, in denen
-lebt noch etwas von dem echten, so oft verspotteten und angefeindeten
-deutschen Gemüt und dem Wesen, an dem nach des
-Dichters Wort die Welt genesen sollte. (Was sie vorläufig
-allerdings vorgezogen hat, nicht zu tun!) Uns aber behüte dieser
-Beweis unerschütterter Gesundheit vor dem Verzagen. &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-»Aber auf den Hütten, nicht wahr, soll es doch so unterhaltend
-sein?« &ndash; Wie man's nimmt. Unterhaltend, ja; für
-Leute, die eben mit Leib und Seele Alpinisten sind. Denn
-erzählt wird fast nichts als von besonderen neuen Anstiegen,
-alpinen Erfolgen &ndash; oder Katastrophen. Heiter ist es deshalb
-nicht immer; dafür belehrend, auch durch die Art, wie erzählt
-wird. Man sieht aus ihr, wie rasch unter den Kundigen
-Prahler und Lügner entlarvt werden, wie nur wirkliche Energie
-und Intelligenz anerkannt und der fade, sich wiederholende
-Schwätzer bald zur Ruhe verwiesen oder zur Einsamkeit verdammt
-wird. Auch sonst wirkt das Hüttenleben durchaus erzieherisch.
-Keine Idee von den unsichtbaren Triumphbogen,
-die unten im Tal der Wirt und der Portier für jeden noch so
-harmlosen Gast in aller Devotion erbauen! Man mag von der
-eigenen Leistung bis zum Mützenrand erfüllt sein oder die Brust
-von den kühnsten Vornahmen für den kommenden Tag geschwellt
-haben &ndash; man rückt bescheiden vor der Hütte an, stellt
-den Pickel, der sich so schön ausnimmt, mit seinem vernarbten
-Stock nach allgemeinem Brauch vor der Tür auf, läßt den
-Rucksack im Gang auf die Erde gleiten und betritt möglichst
-unauffällig und ebensowenig von den Anwesenden irgendwie
-beachtet den inneren Raum. Ein »Grüß Gott!« mit dem
-Wirtschafter und den Gästen, an deren Tisch man Platz nimmt,
-ausgetauscht &ndash; das ist alles. Dann erfährt man so nebenher,
-daß die Einzelzimmer, falls solche überhaupt vorhanden, schon
-vergeben sind. Daß leider das frische Fleisch schon verzehrt
-wurde und von allen Konserven nur noch Gulasch, was einem
-schon wegen des folgenden Durstes zuwider ist, angeboten werden
-kann. Wasser zum Waschen gibt's schon seit mehreren
-Tagen nicht mehr &ndash; kein Regen und viel Besuch! Aber daß
-es morgen schlecht Wetter wird &ndash; wo man sich seit Jahren
-gerade auf diesen Gipfel gefreut hat &ndash; ja, das scheint Tatsache
-zu sein. Wie aufrichtig dankbar ist man, daß es doch noch einen
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Teller Erbssuppe gibt &ndash; wie sparsam geht man mit dem
-Töpfchen warm Wasser um, das den ganzen Abend zur Limonade
-reichen soll! Selten ist man sich so erquickt und ausgeruht
-vorgekommen wie nach einer halben Stunde auf der
-harten Holzbank, im Rauch verschiedensten Tabaks und dem
-Duft der Küche, deren Tür wegen der angenehmen Wärme
-nicht geschlossen wird. &ndash; Hat man dann ein Lager für die
-Nacht angewiesen bekommen, so wechselt man dort, auf der
-Pritsche sitzend, seine Bergstiefel gegen die Hausschuhe. Das
-Glücksgefühl hierüber kann nur der teilen, der neun bis zehn
-Stunden die Nägelbeschlagenen bergauf und bergab gesetzt hat.
-Unten findet man die Gaststube leer &ndash; alle sind hinausgeeilt,
-die eben noch todmüde, verhungert, unfähig, ein Glied zu
-rühren, waren, um den Sonnenuntergang zu sehen. Niemand
-spricht. Jeder schaut nur &ndash; ist versunken in den erhebenden,
-heiligen Anblick des langsam in einem Purpurmeer vertauchenden
-Gestirns. Wie noch hier und dort ein Hang in voller
-Pracht strahlt &ndash; im Tal ein Fensterchen wie ein mächtiger
-Diamant aufblitzt &ndash; die Wolken allmählich die stille, sanfte
-Glut annehmen, die das Herz mit Sehnsucht nach den Herrlichkeiten
-erfüllt, die sie verschleiern &ndash; und dann, von der
-Tiefe aufsteigend, Nacht und Schatten sich um den Fuß der
-Berge legen, höher und höher klimmen und schließlich die Welt
-ringsum in den Schoß der Unendlichkeit aufnehmen. Die
-Menschen hier oben, die vom Zufall zusammengeweht sind,
-stehen wie auf einer kleinen Insel. Leise streicht der Wind durch
-das magere, kurze Gras &ndash; kein Laut, kein Ton sonst! Ja,
-jetzt ist Friede. Der Friede, um den sie hier heraufgestiegen
-sind. Die großen Schauer der Einsamkeit rütteln an ihrer
-Seele; hier oben erwacht sie und füllt sich mit heiliger Freude,
-daß sie noch imstande ist, die Wunder ringsum bis ins kleinste
-zu empfinden und zu genießen.</p>
-
-<p>Schweigend kehrt man endlich, wenn das Auge nichts mehr
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-unterscheidet, in die Hütte zurück. Und nun kann's eine »gemütliche«
-Stunde geben &ndash; vielleicht! Nicht immer. Manche
-Menschen besinnen sich zu schnell auf die nüchterne Wirklichkeit
-und ihr Naturell zurück; nur wenige haben den richtigen
-»Hüttenton«, der eben einen geraden, harmlosen, ungekünstelten
-Charakter voraussetzt. Alles Gemachte, Unnatürliche hält
-dem schlichten Rahmen der Holzwände und weiter draußen dem
-der starren Felsen nicht stand. Hier ist Natur. Sie fordert unverfälschtes
-Menschentum. »Laß die Berge den Frieden bringen
-unter das Volk und die Hügel die Gerechtigkeit.« Ich glaube
-nicht, daß König Salomo das war, was wir heute einen Alpinisten
-nennen. Aber den Zauber wie die Allmacht der Berge
-auf das Menschenherz &ndash; die hatte er voll erkannt.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Eine unterirdische Hochtour.</h3>
-
-
-<p>Es regnete nicht: es goß. Das beliebte Münchener Schlackerwetter,
-das die Luft in undurchsichtige Rauchschwaden umwandelt
-und die Straßen mit zähem Brei überzieht, so daß
-man beständig, nur unpoetischer: »Schwan kleb' an« spielt,
-hatte einmal wieder von uns Besitz ergriffen, auch vom Herzen
-und allen Sinnen.</p>
-
-<p>»Und doch ein Wetter, wie geschaffen für eine Bergtour«,
-sagte mein Hochtourist.</p>
-
-<p>Ich sah ihn an: ein Meter Neuschnee wurde von allen
-Höhen gemeldet, bis tief ins Tal lag schon die weiße Decke,
-das Thermometer zeigte an meinem wärmsten Fenster (allerdings
-Nord-Nord-Ost!) vier Grad um die Mittagszeit und
-sank nachts in nicht zu berechnende Niederungen &ndash; und dann
-eine Hochtour?</p>
-
-<p>»Gewiß &ndash; aber eine unterirdische. Dazu langt's grade.
-Oder vielmehr, da können einem endlich mal alle Wetterprophezeiungen
-und -nachrichten gleichgültig sein, da ist man
-unabhängig, frei &ndash; also?« Und auf mein Zögern und den
-nachdenklichen Blick in das braune Düster, das sich für Tageslicht
-ausgibt, lockert er mit geschickter Hand den letzten, im
-Bequemlichkeitskamin festgeklemmten Stein:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-»Am 24.&nbsp;September haben sie's eröffnet &ndash; und wir waren
-noch nicht draußen!«</p>
-
-<p>Der Stein rollt. So was kann man nicht auf sich sitzen
-lassen! Aber ich versuche am nächsten Morgen doch meine Genagelten
-recht graziös und unhörbar aufzusetzen, um von
-niemand beim Abstieg von meiner Etage in die Ebene überrascht
-zu werden &ndash; denn ein Badekostüm mit imprägnierter
-Fußbekleidung wäre immerhin noch passender als das Hochtouristenkostüm
-und der Rucksack. Bei der endlos langen
-Fahrt mit der Tram zum Isartalbahnhof hinaus lernt man
-jedoch einsehen, wie unnötig wichtig man sich wieder einmal
-vorkam, und daß sich der gute Münchener, der an die größten
-Kontraste in der Toilette seiner Mitmenschen gewöhnt ist,
-wegen einer, »die spinnt,« d.&nbsp;h. nicht ganz richtig im Kopf
-ist, nicht weiter aufregt. Der Hochtourist wandert rauchend
-am Zug auf und ab und ignoriert alle bescheidenen Einwürfe:
-»Ja, wer eben feig' ist, der soll daheim ›am Stuhl‹ sitzen
-bleiben.« Ich fahre also mit ihm ab; an den entzückenden,
-heute nur zu ahnenden Villenkolonien und Ortschaften des
-Isartales vorbei. Hinter Wolfratshausen &ndash; nicht eine Minute
-eher, denn von der Geburt bis zum Grabe speist der
-Münchener um 1&nbsp;Uhr &ndash; dinieren wir kalt aus dem Rucksack.
-Kalte Gans, kalte Kotelette, kalte Äpfel, kalte Limonade
-&ndash; um uns als moderne Menschen harmonisch der kalten
-Umgebung anzupassen. »Jetzt fahren wir mit 'm Postauto
-&ndash; das wissen's doch?«</p>
-
-<p>Ich habe es nicht gewußt und hätte nie eingewilligt &ndash; daher
-schweige ich.</p>
-
-<p>In Kochel (sprich: Koh&ndash;chel) wartet es auf uns. Der
-Chauffeur heißt uns als einzige Passagiere herzlich willkommen,
-und &ndash; o Wunder! &ndash; es regnet nicht mehr, es
-sinkt nur noch feucht, aber äußerst durchdringend aus dem
-Nebel nieder. »Koh&ndash;chel« am gleichnamigen See durchfliegen
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-wir und in ängstlichen Kurven die Landstraße auf und ab,
-an Obstgärten mit traurig leeren Bäumen vorüber &ndash; durch
-Wald, dem die Sonne fehlt, um seine rostbraune Schönheit
-aufleuchten zu lassen, an steilen Hängen hin, um schmale
-Kehren herum, bei denen es heißt: »Hier könnte man sonst
-den und den Berg sehen« &ndash; »da gäb's eine herrliche Talaussicht«
-&ndash; die Phantasie bekommt Spielraum genug &ndash;
-das hat auch sein Gutes. Den Walchensee, an dessen Ufer,
-in Urfeld, es eine erste Station gibt, sieht man wirklich.
-Und freut sich, daß er noch da ist. »Verschandelt« nach
-Münchener Ansicht soll er nach dem berühmten Projekt, das
-ihn einerseits als Staubecken vorsieht, um den Lauf der Isar
-zu regulieren, andererseits seine Wasserkräfte für elektrische
-Werke &ndash; man denkt an verschiedene Bahnlinien &ndash; ausnutzen
-will, vom nächsten Jahr an doch schon werden. Freilich,
-zur »Reisezeit« will man ihm seinen früheren Bestand
-gönnen, und tiefer als unter 4.60&nbsp;m seines gewöhnlichen
-Standes soll er sowieso nie gesetzt werden! Aber es ist wohl
-leider so: die Poesie und Idylle muß der Nützlichkeit weichen;
-durch einen 1070&nbsp;m langen Stollen, der durch den Kesselberg
-gebohrt werden wird, soll das Walchenseewasser zum
-200&nbsp;m tiefer gelegenen Kochel geleitet werden, wodurch
-natürlich auch hier große Umwälzungen nötig sein werden,
-um den Bestand des Kochelsees zu regulieren. Über Nutzen
-oder Schaden dieser Riesenpläne ist man sich in Bayern noch
-recht wenig einig &ndash; das Projekt jedoch wird verwirklicht und
-soll 19?? beendet sein. Heute sieht der vergewaltigte See
-recht friedlich aus; wie im Urzustand, ein Chaos von Wolken
-über ihm, als sei Wasser und festes Land um ihn her noch
-nicht geschieden. Aber unser Fuß fühlt eine etwas konsistentere
-Masse, als wir in Dorf Walchensee von Bord &ndash;
-nein, Verzeihung, es war doch ein Auto! &ndash; gehen. Und dann
-noch drei Viertel Stunden zu Fuß über den Katzenkopf, einen
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-waldbestandenen Hügel, der reizend sein soll, wenn man ihn
-sieht, nicht nur fühlt, nach Einsiedl. Ein hübsches Gasthaus
-am Ende des Sees &ndash; aber sehr einsiedelhaft in der jetzigen
-Saison. Die Autos rasen seitwärts die »Staatsstraße« empor,
-die nur ein paar Meter vom Haus vorbeiführt und es dennoch
-vom Getriebe ausschließt. Zwar, wir sind dankbar für
-die Ruhe. Und zufrieden, dicht am Ziel zu sein.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen segeln die Nebel unter gutem Wind
-über den See. Es hat stark gereift in der Nacht, und die Luft
-ist von köstlicher Herbe; vorläufig kann's uns ja noch egal
-sein &ndash; aber später! &ndash; Eine gute halbe Stunde geht es auf
-einem schmalen, frischausgehobenen Weg steil bergauf; wie
-ein schwarzes Land hebt sich die fruchtbare, schwere Erde vom
-Moosboden ab. Überall Markierungen, Pfeile, Schilder: »Es
-ist verboten&nbsp;&ndash;« und »es wird gebeten&nbsp;&ndash;«, ich fürchte, beides
-ohne viel Erfolg. Der Verein der »Naturfreunde«, dessen
-Arbeit uns diese Tour ermöglicht, wird bald sehen, daß es
-ein undankbares Geschäft ist, an das ästhetische Gefühl seiner
-Mitmenschen zu appellieren &ndash; schon jetzt finden sich genug
-häßliche Spuren des »Kulturmenschen« vor. Dann stehen
-wir vor der Höhle, der Angerhöhle am Simetsberg, der unser
-Besuch und die »Hochtour« gelten soll. Der obengenannte
-Verein hat sie erschlossen, weist aber am Eingang noch einmal
-darauf hin, daß ihr Besuch nur auf eigene Rechnung und
-Gefahr geschähe; in einem Prospekt, den ich erhielt, heißt
-es außerdem, daß die Höhle nur in Begleitung und mit
-Reservelicht zu betreten und ihre Begehung mit Schwindel
-behafteten, ungeübten und korpulenten Personen nicht zu raten
-sei. Man macht also wirklich eine alpin-touristische Kletterei,
-eine richtige Hochtour im Innern der Erde!</p>
-
-<p>Wir zündeten unsere Laternen an, mein Stock wurde einem
-Baum am Eingang anvertraut &ndash; dann ging's an! Gleich
-mit zwei sehr steilen Leitern, dann durch einen schmalen Gang,
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-der das Aufrechtgehen nicht erlaubt. Das Auge lernt bald,
-den kleinen Lichtkreis der Laternen auszunützen, denn vom
-Tageslicht dringt kein Strahl in dies unheimliche Dunkel.
-Man hat auch nicht auf »Korpulente und Ungeübte« Rücksicht
-genommen, man muß klettern, sich strecken, über Dutzende
-von senkrecht stehenden Leitern, über große Blöcke, schmale
-Steige, die über einen Abzugskanal für das von den Wänden
-tropfende Wasser gelegt sind, dann wieder auf eisernen Stiften
-über schaurige Tiefen fort, an gähnenden Spalten vorüber
-und an düsterblinkenden Wassertümpeln &ndash; kurzum, eine
-echte, rechte Hochtour macht man, ehe man nach einer Stunde
-bei bescheidenem Kerzenlicht das vorläufige Ende des Ganges
-bei einem etwa 15&nbsp;m langen See erreicht. Hier gibt es
-sogar ein Höhlenbuch wie sonst ein Gipfelbuch, und ganz
-stolz über die Leistung schreibt man seinen Namen ein. Ich
-muß sagen, daß die »Angerhöhle« durch ihren alpinen Charakter
-von allen Höhlen, die ich je gesehen, am interessantesten
-ist. &ndash; Dann photographierten wir; der Mensch &ndash; diesmal
-der Hochtourist &ndash; ist ja nie zufrieden. Blitzlicht hatten wir
-mit; ich mußte es entzünden. Es ist eine empfehlenswerte
-Einrichtung. Abgesehen davon, daß mein »echter« Haselnußstock,
-an den ich die Tüten hängte, verkohlte, meine sämtlichen
-Fingerspitzen verbrannten, und ich mich in irgendeine
-Ecke nach vollbrachter Tat des Anzündens stürzen mußte,
-um meine Augen zu retten, erstickten wir fast an dem sich
-entwickelnden Rauch, der nirgends entweichen konnte und uns
-deshalb als Wegweiser nahm. Wir photographierten in verschiedenen
-Gängen &ndash; der neue Rauch sammelte sich zum alten,
-sogar unsere kleinen Kerzen in den Laternen starben beinahe.
-Und das wäre recht unangenehm gewesen! Ob die Bilder
-»etwas« geworden sind, ist fraglich &ndash; daß wir froh sein
-konnten, den »Naturfreunden« nicht zu begegnen, ist außer
-Zweifel. Als wir wieder ans Tageslicht kamen &ndash; es war
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-nicht rosig, sondern blau und golden, von strahlender Schönheit!
-&ndash; zog der übelriechende Rauch noch immer neben
-uns her.</p>
-
-<p>»Macht nix,« sagte der Hochtourist ungerührt, »jetzt ist
-es erst wirklich Fafners Höhle.«</p>
-
-<p>Nun gab's noch einen wirklichen Gipfel, den des Simetsberges,
-und dann eine wunderbare vielstündige Wanderung bis
-hinunter nach Eschenlohe. Die glühenden Fackeln der Buchen
-zwischen dem Grün der Tannen, die Birken und Pappeln im
-zartesten Gelb &ndash; silberne Herbstfäden über den harten Brombeerblättern,
-wie leichte Wolken das weißballige Jelängerjelieber,
-im Volksmund »Gemsröckl« geheißen, im Buschwerk
-hängend. Dazu der wilde Schrei der Hirsche, die ihre Liebsten
-vom goldnen Lager aufjagen, die Lüfte zerreißend &ndash; im
-steinernen Bett das sanfte Lied des Waldbaches. Und ein
-Rauschen in den Baumkronen, verheißend, beseligend, daß
-auch nach diesem bunten Todesreigen die Natur zu neuem,
-ewig-schönem Leben erwachen wird.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-<b>II.<br />
-
-»Sie« auf Ski.</b></h2>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-Bei den »Säuglingen«.</h3>
-
-
-<p>»Ausschau'n tun Sie, Säugling, als wenn S' heut' gebor'n
-wär'n!«</p>
-
-<p>Sehr genau wußte ich, daß sich diese Schmeichelei nicht auf
-ein unerhört jugendliches Aussehen, sondern auf einen glühend
-roten Teint bezöge. Blendender Schnee, starke Anstrengung,
-scharfe Luft und leuchtende Sonne machen in wenig Tagen aus
-der zartesten Haut &ndash; die ich natürlich sonst habe! &ndash; ein Burgunderpergament.
-»Wie kann man nur,« sagten meine Münchener
-Freunde, »grade zur Faschingszeit! Wo S' am Montag
-zum Bühnenball wollen!«</p>
-
-<p>Ich fürchte, es wird weder etwas mit dem Bühnenball noch
-mit einem andern. Denn außer einem Rote-Grütze-Teint
-bringe ich ein stark lädiertes Bein mit heim, das sich der kräftigste
-Herr des Kurses als Stützpunkt bei einem Fall ausersehen
-hat. Aber was tut das alles? Können die gestörte Schönheit
-oder ein verrenktes Körperglied ins Gewicht fallen gegen
-diese köstlichen, frohen Tage unter Zdarskys Leitung? Was
-dieser Mann mit 159 Personen, von denen die meisten blutige
-Anfänger in der hohen Kunst des Skifahrens sind, in wenig
-Tagen macht, wie er vor allem aus einer disziplinlosen Masse
-mit allen bösen Instinkten der Menge, als da sind: Ungehorsam,
-Unbotmäßigkeit, Widerspruch, Besserwissen usw., einen
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-wohlgeschulten, gefügigen Körper ausbildet, der ihm aufs
-Wort gehorcht und immer mehr einsieht, welch ungeheure
-Nächstenliebe und Aufopferung dazu gehört, monatelang in
-jedem Winter ohne den geringsten Entgelt außer dem Dank der
-»Säuglinge« Hunderte mehr oder minder Geschickter anzulernen,
-das ist erstaunlich. Und scheint mir bei aller hohen
-Achtung vor der Kunst und dem selten vielseitigen Wissen
-dieses Mannes das bewundernswerteste. Es ist geradezu spaßhaft
-zu sehen, wie zahm auch die Kecksten werden; und wie
-man selbst auch nicht auf den Gedanken käme, irgend etwas
-anderes zu machen, als er es in unermüdlicher Geduld »vorturnt«.
-Dies genaue, schulgemäße Wiederholen aller Übungen
-tut auch dem Vorgeschrittenen gut &ndash; weshalb ich nur jedem
-raten kann, von Zeit zu Zeit einmal wieder an einem Kurs
-teilzunehmen &ndash; denn nur zu leicht wird man bei kürzeren
-Touren und gutem Schnee gegen viele Regeln gleichgültig und
-hat dafür in Ernstfällen zu leiden. Zdarskys Methode, die ja
-nur den Zweck verfolgt, Bergtouren im Winter zu ermöglichen,
-verlangt eben eine exakte Ausführung ihrer auf gründlichster
-Erfahrung und Berücksichtigung aller vorkommenden alpinen
-Verhältnisse aufgebauten Gebote. Da darf man sich gern
-einmal wieder als »Säugling« betrachten, wie er seine Schüler
-mit Vorliebe benennt, und sich in Reih und Glied mitaufstellen,
-um seinen militärisch gegebenen Kommandos präzise zu folgen.
-Für den vierten alpinen Ski-Kurs, der »heuer« vom 14. bis
-zum 21. Januar stattfand, war ein herrliches Gelände ausersehen,
-nämlich das um Oberammergau. Mit seinen mäßigen
-Hügeln, die auch dem Anfänger Mut zum »Stemmfahren«
-und »Stemmbogenfahren« machen, und den schönen Bergen
-für die üblichen Touren der letzten Tage, wäre es »ideal« gewesen
-&ndash; falls sich ein besserer Schnee vorgefunden hätte.
-Ich muß sagen, daß ich mir recht lächerlich vorkam, als ich vor
-acht Tagen mit voller Skiausrüstung die Reise zum Passionsdorf
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-antrat und immer weiter in eine grünende Landschaft
-hineingeriet, über der schon Frühlingshoffnung zu schimmern
-schien. Von Schnee ka Spur! Ein Hamburger, der eigens zum
-Kurs aus seiner nebligen Stadt herunterkam &ndash; es sind übrigens
-Teilnehmer aus ganz Deutschland und Österreich vorhanden
-&ndash; kehrte schleunigst wieder um, angesichts des bißchen
-Rauhreifs, der da und dort in den Wäldern hing. Der ungläubige
-Thomas mag sich stark ärgern, wenn er nun erfährt,
-wie schön es besonders in den ersten Tagen war: köstlichster
-Pulverschnee, in dem sich die Stemmbögen wie von selbst
-schlugen. Nun freilich ist der Schnee bei starker Sonne am
-Tage und Frost des Nachts verharscht, und das »Abfahren &ndash;
-marsch!« löst keine reine Freude in der Seele auch des charakterfestesten
-Skifahrers mehr aus. Z.&nbsp;B. gestern, die erste
-Tagestour zum Laber-Joch hinauf. Zdarsky schont seine »Säuglinge«
-nicht. Mit größtem Geschick wählt er seinen Weg so,
-daß alles, was man gelernt hat: Hindernisse nehmen, Zäune
-überklettern, Bäche durchwaten usw., angewendet werden muß.
-Dann heißt's plötzlich: »Abschnallen«, und über eine Stunde
-hat man die Skier auf der Schulter einen steilen, vereisten
-Hohlweg emporzutragen. »Das zieht hin«, sagt man bei uns
-im Norden. Dann wieder: »Anschnallen«, und die freundliche
-Erlaubnis, nun eine Viertelstunde auf den Skiern auszuruhen.
-Aber die Sonne glitzert auf dem blauweißen Schnee,
-die Gipfel ringsum funkeln im Licht, wolkenlos spannt sich der
-Himmel über den Wäldern &ndash; da kommt mit dem ruhigeren
-Atem die Freude an all dem Schönen zurück &ndash; und das Vergnügen,
-mit frischen, gesunden Menschen zusammen zu sein,
-bei denen die Liebe zur Natur und zum Sport einmal glücklich
-alle kleinlichen eitlen Regungen ausgelöscht hat. Darauf geht's
-tapfer bergauf mit der Devise: »Spurhalten«, bis ein schöner,
-sonnenbeschienener Platz erreicht ist: »Eine Stunde Rast«.
-Ein Rieseneifer entwickelt sich; genau nach Vorschrift wird im
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Schnee ein Platz ausgetreten, die Skier dienen als Sitz, die
-Fäustlinge werden zum Wärmen über die Fußspitzen gezogen
-&ndash; wer ein Zdarsky-Zelt besitzt, zieht es mit zwei Griffen um
-sich her, andere suchen im Freien einen geschützten Punkt,
-um unter dem mit Schnee gefüllten Kochapparat den famosen
-Zdarsky-Brenner anzünden zu können. Ein lustiges Lagerleben
-entwickelt sich blitzschnell, Obst und Süßigkeiten werden ausgetauscht,
-nach dem alten Grundsatz, daß Fremdes immer
-besser schmeckt als das eigene. »Und die Photographen arbeiten
-fieberhaft.« Kocher sind bekanntlich dazu da, um im letzten
-Moment umzustürzen. Trotz des Vorwurfes meines Hochtouristen,
-ich hätte den Apparat »natürlich« falsch aufgestellt,
-nämlich nach genauer Vorschrift auf den flachgelegten Skiern,
-kochte mein Teewasser beinahe, und ich verschüttete nur ein
-Viertel des Inhalts. Nun übernahm er die Wacht &ndash; Männer
-können bekanntlich alles besser &ndash; auch kochen! &ndash; tat mit
-Riesenwichtigkeit gleich Zucker und Teekonserven in die schmelzende
-Masse, und sagte: »Wer mir nun an den Skier stößt,
-den&nbsp;&ndash;« Es kochte &ndash; und auf die Sekunde warf er den ganzen
-Apparat um! »Es ist leichter, Tee zu trinken als zu bereiten«,
-sagte ein Nachbar gefühllos und trank die mitgebrachte
-Flasche leer, während wir auf den braunen Teefleck im reinen
-Schneetischtuch starrten. Ich glaube, es ist einerlei, welchen
-Kocher man besitzt; sie besitzen alle dieselbe Eigenschaft, erst
-umzufallen, sobald es kocht.</p>
-
-<p>»Anschnallen!« Die Rucksäcke werden gepackt und »modelliert«,
-damit sie nicht drücken, und weiter geht's, bis sich die
-Talmulde vor uns weitet. Lawinenstürze durchfurchen die
-weißen Hänge, und ruhig, von Zeit zu Zeit den Schnee prüfend,
-legt der stets voranschreitende Hirt eine flache Spur an, die allmählich,
-in langen Serpentinen, die Herde empor zum Joch
-führt. Mehrmals kreuzen wir die Lawinen, aber da ist niemand,
-dem auch nur ein Bedenken aufsteigt. Aus den Vorträgen, die
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-Zdarsky allabendlich von acht bis zehn Uhr hält, und in denen
-er alle Themata, die dem Skifahrer wichtig sind, berührt, angefangen
-von der Haut- und Körperpflege, der Kleidung bis
-zu den alpinen Gefahren, weiß man, wie vertraut diesem
-Mann die Schnee- und Eisverhältnisse sind; unbedingt überläßt
-man sich seiner Führung. Eine lange Kolonne, noch immer
-über hundert Personen &ndash; die anderen sind aus irgendeinem
-Grund von dieser Tagespartie abgefallen &ndash; steigt aufwärts,
-»wendet« an den Kehren, eine Prozedur, deren glückliches
-Gelingen am Hang mehr als sonst irgendein menschliches Tun
-vom Zufall abhängig ist, und blickt sehnsuchtsvoll zum Joch
-hinauf: noch zwei Stunden, bis man jenseits in die Ebene
-hinabschauen kann &ndash; noch anderthalb &ndash; noch eine &ndash; da heißt
-es: »Halt!« Gute Läufer gebrauchen noch dreiviertel Stunden
-bis »hihnauf« &ndash; mit dem Gros der Säuglinge, dem Zeitverlust
-an den Kehren, würde es noch fünfviertel Stunden dauern.
-Es geht nicht, man käme in die Nacht hinein. Wer sich dazu
-imstande fühlt, mag den Aufstieg versuchen &ndash; für die übrigen
-heißt es »abfahren«. Aber wie?! Der Schnee ist tellerbrüchig,
-d.&nbsp;h. er bricht in großen, harten Stücken bei jedem Tritt ab;
-deshalb ist Stemmfahren unmöglich, ebenso »Reitsitz«. Bleibt
-nichts übrig, als die Spur einfach zurückfahren. Nun, das
-geht schneller als das Bergauf, ist nicht gerade das Ideal der
-Abfahrt und zeitigt auch noch viele Stürze. Durch den Wald
-geht's schöner als am Berg und gestattet zum Teil sogar
-Stemmbögen. Am Hohlweg wird man zum »Reitsitz« eingeladen.
-Mir scheint es eine vortreffliche, wenn auf die Dauer
-auch nicht angenehme Massage für den ganzen Körper. Am
-Schluß weiß man, wo jeder Knochen sitzt und jede Muskel
-angewachsen ist. Die von der Kleidung verdeckte Haut sticht
-überhaupt nach diesen Tagen von der roten des hehren Antlitzes
-ab; denn sie ist &ndash; nicht weiß, o nein, sondern blau und
-grün. Ein rosiger Abendhimmel liegt über dem stillen, kleinen
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-Dorf zu unseren Füßen; die Glocken läuten schon den Sonntag
-ein. Man ist daheim; glücklich und ziemlich heil. Und morgen
-geht's fort. Eins hat nur gefehlt: Neuschnee. Aber der Mensch
-darf nicht alles wollen! &ndash; Von niemand besser als von
-Zdarsky, diesem seltsamen, großen Menschen, kann man ja Bescheidenheit
-und Anspruchslosigkeit lernen. Das ist ein Extrageschenk
-an seine »Säuglinge« &ndash; ein größeres noch als seine
-Kunst, die uns die Herrlichkeiten des Wintergebirges erschließt.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-Die erste »Ausfahrt«.</h3>
-
-
-<p>»Na ja«, sagte ich, zwar nicht ganz überzeugt davon, daß es
-für mich auf dem Übungshügel, zu dem wir täglich einen etwas
-steileren ausgesucht hatten, nichts mehr zu lernen gäbe, und
-daß ich meine Kenntnisse nun im Gelände erproben müsse,
-aber doch nachgiebig, um nicht in den Geruch der Feigheit zu
-kommen &ndash; dieser Eigenschaft, die jeder Berechtigung zu irgendeinem
-Sport sofort Grund und Boden abgraben soll. Und
-bis dahin hatte ich Mut bewiesen, viel Mut; nicht nur darin,
-daß ich gleich versucht hätte &ndash; was ja alle anderen auch müssen!
-&ndash; auf den unzuverlässigen langen Holzschuhen von einem
-Abhang in die Tiefe zu gleiten, sondern daß ich nach den Tausenden
-von Stürzen, von denen meine Übungen während einer
-ganzen Woche unterbrochen worden waren, mich immer von
-neuem erhob, meine Glieder einrenkte und unverdrossen wieder
-bergauf stieg, als sei mir nicht das geringste passiert.</p>
-
-<p>Und doch herrschte nur <em class="ge">eine</em> Stimme darüber, daß ich im
-Fallen den Rekord erreicht habe! Ich kann nicht behaupten,
-daß mein Lebensziel: irgendwo und bei irgendeiner Leistung
-einmal die erste zu sein, sich gerade auf das Hinfallen konzentriert
-hätte, aber es scheint, daß man nicht nach der Art des
-Wunsches gefragt wird &ndash; eines Tages wird er einem erfüllt,
-und es bleibt nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Ich konnte jetzt aber nicht nur hinstürzen, sondern besaß die
-hohe Kunst der alpinen Technik, d.&nbsp;h. ich konnte »Stemmbogen«
-fahren, war mithin in der Lage, jeden Abgrund nicht
-von vornherein kopfüber, sondern erst nach verschiedenen Bogenlinien
-hinunterzusausen &ndash; denn daß man zum Schluß
-<em class="ge">nicht</em> hinfällt, das soll eigentlich nur Ausnahmemenschen
-passieren. Zu denen gehöre ich in keiner Beziehung.</p>
-
-<p>Den Rucksack auf dem Rücken, den Bambusstock nach Lilienfelder
-Art (nicht die zwei schwedischen Zündhölzer nach
-Norweger Manier!) in der mit dickstem Fausthandschuh versehenen
-Rechten, so zogen wir also eines wirklich schönen Morgens
-bei 10&nbsp;Grad Minus und prachtvollem Rauhreif von
-Neuhaus bei Schliersee durchs Josephstal bergauf. Vorläufig
-zogen wir auch die Skier am Tragriemen hinter uns her, denn
-eine steile, glatt gefahrene und -gefrorene Straße mit scharfen
-Kurven frißt die Kräfte zu sehr; man überwindet sie lieber
-mit Nagelschuhen! Um so schöner muß nachher die Abfahrt auf
-ihr sein. Wenigstens behauptete das mein über die Anfangsstadien
-des Skisports hinausgewachsener Hochtourist; und
-ich glaubte ihm natürlich. Wir Frauen haben trotz aller
-modernen Regungen noch immer viel Respekt vor männlichen
-Aussprüchen, und eine »blutige Anfängerin« tut außerdem am
-besten, blindlings den Worten eines Erfahrenen zu glauben.
-Das sagte der Hochtourist auch nicht ein-, sondern mehrmals.</p>
-
-<p>Ich wanderte versonnen dahin, zögerte zuweilen an besonders
-schwierigen Stellen und war von Herzen dankbar, daß sie
-durch Geländer versichert seien. Nicht gerade für mich &ndash; aber
-mancher Unfähige konnte an diesen unbehaglichen Kurven doch
-leicht Schaden nehmen! An anderen Biegungen beschloß ich,
-den sich etwas unverschämt in den Weg drängenden Granitfelsen
-mit graziöser Schlängelung auszuweichen &ndash; kurzum,
-der Wald, der mit uns bis zum Spitzing-Sattel emporstieg,
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-und ich, wir wurden recht gute Freunde, und ich empfand wieder
-einmal tief, daß es mir gegeben ist, schnell zu der mich umgebenden
-Natur ein Verhältnis zu finden.</p>
-
-<p>»Gott sei Dank,« sagte der Hochtourist, als wir oben am zugefrorenen
-Spitzingsee eine kleine Rast machten, »daß die
-Alm oben bewirtschaftet ist! Der Proviant wiegt doch immer
-tüchtig &ndash; heute fühlt man den Rucksack kaum.« &ndash; Ich
-widersprach nicht, obgleich die Toilettesachen einer Frau immer
-etwas reichhaltiger sind, mag sie auch fast alle Ansprüche auf
-Luxus im Tal gelassen haben, und ich willigte ein, da es von
-nun an doch bedeutend steiler wurde, meinen Kleiderrock und
-mein Jackett mir noch in den Rucksack packen zu lassen. In
-Beinkleidern bewegt man sich bedeutend leichter, und warm
-genug würde es mir ohnehin schon werden!</p>
-
-<p>Dies ist die einzige Prophezeiung, die eingetroffen ist! Sogar
-siedend heiß wurde mir, als ungefähr nach einer halben
-Stunde auf einem sehr schmalen, am steilen Hang entlang
-führenden Fußsteig der Schnee unter meinem linken Ski
-nachgab und ich nach meiner Meinung unaufhaltsam in die
-Tiefe kollerte. Ich schrie um Hilfe, ließ meinen Stock fahren,
-fiel immer tiefer in den Schnee, so daß ich weder wußte, wo
-meine Beine, noch wo meine Arme seien und musterte angstvoll
-die Bäume, um den zu entdecken, an dem ich zerschellen
-würde. Sie sahen alle gleich erwartungsvoll aus, und in meine
-Todesangst hinein sagte von oben die Stimme meines Hochtouristen:</p>
-
-<p>»Erstens läßt man sich nicht hinunterkollern, sondern
-stemmt sofort den Stock vor den Skiern ein; zweitens haben
-Sie vergessen, sich quer zum Hang zu drehen, drittens&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Meine aufwallende Empörung gab mir die Kraft zum
-Sprechen zurück: gab man einem in Todesangst Schwebenden
-gute Lehren? Durfte noch von irgendwelchen Theorien die
-Rede sein, wenn höchste Gefahr im Verzuge war &ndash; schien es
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-christlich oder auch nur menschlich denkbar, einem Verlorenen
-nicht beizuspringen&nbsp;&ndash;? &ndash; »Fällt mir gar nicht ein! Sie sind
-auch nicht in Todesgefahr: schauen Sie sich nur um, kaum
-zwei Meter sind Sie abgerutscht! Und das erste Prinzip beim
-Skifahren ist: niemand zu helfen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Selten im Leben habe ich solch eine Verachtung für einen
-Menschen empfunden. Er und seine Worte waren Luft für
-mich! Entgegen allen Lehren, sogar denen, die ich mir schon
-angeeignet hatte, krabbelte ich nach eigenem Ermessen, das
-natürlich bedeutend mehr anstrengte und mehr Zeit in Anspruch
-nahm, auf den Weg zurück.</p>
-
-<p>Mein Hochtourist ignorierte mein Schweigen; mit der Beredsamkeit,
-die auch dem ruhigsten Sportsmann eigen ist, sobald
-er auf sein Gebiet kommt, schilderte er mir die zahllosen Möglichkeiten
-und Errettungen bei einem Absturz, illustriert durch
-mehr und minder passende Beispiele. An mir prallte alles ab;
-wie die andern sich retteten, mit welcher Umsicht, mit wieviel
-Energie, das galt mir nichts mehr. Mein Unfall hatte mir jedenfalls
-gestattet, einen Einblick in das alpine Herz meines Begleiters
-zu tun &ndash; und ich fand es stark verroht! Wenn der
-Sport dazu dienen soll&nbsp;&ndash;!</p>
-
-<p>»Nun kommt die erste größere Abfahrt im Gelände,« ordentlich
-begeistert klang seine Stimme, »nun sollen Sie mal
-beweisen, was Sie gelernt haben!«</p>
-
-<p>Ich&nbsp;&ndash;? Nichts! Ich würde es nicht können, ich bekam
-Platzfurcht, die Tannen mit ihren schneebedeckten Zweigen drehten
-sich vor mir, der Himmel verwandelte sein Kobaltblau in
-ein giftiges Grün&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wenn's ›Übungshügel‹ hieße, nachher wären Sie schon
-drunten! Und gar, wenn der Herr Lehrer dabei wäre oder die
-andern Anfänger&nbsp;&ndash;! Nur weil's eben 'was Neues ist, sind
-Sie feige&nbsp;&ndash;« &ndash; Mein Gott, war ich das wirklich?! Ich maß
-die Höhe ab, sie war geringer als all meine letzten Probiergegenden,
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-ich sah auf meine Skier, ich biß die Zähne aufeinander
-und lehnte mich vornüber &ndash;&nbsp;&ndash; es ging nicht.</p>
-
-<p>»Also nachher fahren S' da in die Wiesen 'nein und dann
-auf mich zu, im Bogen! Aber nicht nach links, denn da ist ein
-tiefes Loch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ich fuhr geschwind und mit aller Gewalt in das tiefe Loch.</p>
-
-<p>»Das haben Sie ja nur gewollt«, sagte ich zu meinem
-Hochtouristen. Und dann fuhren wir als Todfeinde in ziemlicher
-Entfernung voneinander zur Fürstalm hinunter.</p>
-
-<p>Aber gemeinsames Leid, vor allem gemeinsames Schimpfen
-verbindet ungeheuer; es gab keinen Bissen Brot mehr in
-der Fürstalm, die Sonntagsgäste hatten alles verzehrt, und
-was noch übrig gewesen war, eine Abteilung Soldaten, die von
-ihren Offizieren im Sport unterrichtet wurden. Wir konnten
-froh sein, eine Tasse dünnen Kaffees und ein paar gesottene
-Eier zu bekommen &ndash; dafür saßen wir draußen in der schönsten
-strahlenden Sonne. Vor uns lag der Berg, den wir uns
-ausersehen hatten: der Stümpfling.</p>
-
-<p>»Nur noch dreiviertel Stunden &ndash; bis dahinauf zu seiner
-runden Kuppe?!« Nein, ich wollte nicht hinauf, ich wollte
-überhaupt nur abfahren und den Sport ein für allemal aufgeben.
-<em class="ge">Mir</em> machte er keinen Spaß, das hatte ich heute erfahren,
-immer nur fallen, abstürzen, sich ängstigen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bis ich meinen Kaffee getrunken hatte. Und die merkwürdig
-frischen Eier gegessen &ndash; Eier, wie sie in München nur
-noch in alten Märchen vorkommen. Aber so dicht vorm Ziel
-umkehren &ndash; das ist wirklich feige! Und was ich mir im
-Leben vorgenommen und angefangen habe, das führe ich
-immer durch. <em class="ge">Ein</em> Prinzip muß der Mensch doch haben.</p>
-
-<p>Ich ließ mich nicht auf Erörterungen ein, ich sagte nur:
-»Ich gehe doch hinauf!« und schnallte meine Skier wieder
-an. Der Hochtourist lachte.</p>
-
-<p>Wir trugen die Rucksäcke hinüber und deponierten sie im
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Schnee, um sie bei der Rückkunft wieder mitzunehmen. Und
-trotzdem ja meine Last kaum zu spüren sein sollte, konnte ich die
-dreiviertel Stunden überwinden, als seien mir Flügel gewachsen.</p>
-
-<p>Der Stümpfling bietet eine ganz schöne Aussicht über die
-Schlierseer Berge, aber übermäßigen Genuß hatte ich nicht davon:
-Die Abfahrt &ndash; Herrgott, wenn nur die Abfahrt nicht gewesen
-wäre! &ndash; Bis zu den Rucksäcken ging's; sie leuchteten
-vertrauensvoll aus dem Schnee wie düstere, aber doch Anhaltspunkte
-gebende Sterne. Auch die für Anfänger so berühmte
-und gute Abfahrt bis zum Spitzingsattel wurde ohne
-besondere Katastrophen überwunden. Ein paarmal Kopfüberstürzen,
-mit dem Gesicht in den Schnee, oder bis an die Schultern
-einsinken &ndash; das sind nicht nennenswerte Kleinigkeiten! &ndash;
-Die Platzfurcht war merkwürdigerweise auch überwunden.
-Aber dann &ndash; die liebe Straße durch den Wald, mit den Kurven,
-die ich am Morgen schon sorgsam studiert habe &ndash; die hat's
-in sich! Und noch Stemmfahren, d.&nbsp;h. ein Bein im Winkel
-zum anderen stellen, wenn ohnehin die Kniee schon zittern, an
-dieser Kurve das Geländer zum Absturz, an jener ein vorspringender
-Granitfels zum Kopfzerschellen lockt, wenn der Schnee
-zum größten Teil vereist ist und man gerade, wenn man langsam
-fahren oder sogar bremsen möchte, in rasendste Geschwindigkeit
-gerät, das ist ein Kampf mit dem Objekt, zu dem schon
-gute Nerven und Ausdauer gehören. Ich sah ein, daß die
-Freundschaft für den Wald nur von meiner Seite aus empfunden
-wurde, und daß die Bäume, die Felsen, die Abhänge
-wie Feinde auf mich lauerten. Aber ich bin ihnen entkommen;
-zwar mit farbigen Merkmalen des Ringens am ganzen Körper,
-mit einem Teint, als hätte ich wochenlange Hochtouren
-hinter mir und dem Gefühl, als wäre der Ausdruck »mit heiler
-Haut« reichlich optimistisch gewählt. Trotzdem bin vorläufig
-doch ich der Sieger. Und den nächsten Berg, auf den ich mit
-Skiern steige, den habe ich mir schon ausgewählt!</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-Aus der Winterfrische.</h3>
-
-
-<p>Fast mehr noch als im Sommer wird dem zur Natur bekehrten
-Kulturmenschen plötzlich im Winter die Stadt mit ihren
-tausend Ansprüchen »z'wider«. Weihnachten und Silvester
-haben seinem Magen, seiner Börse und seinen Gefühlen den
-Rest gegeben, in jeder Hinsicht ist er übersättigt. Die letzten
-Krümel Marzipan, wie die mit Dankesworten kunstlos durchwebten
-Neujahrsbriefe bringen ihm einen bittern Geschmack auf
-die Zunge. Hinterher scheint es ihm, »daß es mal wieder nichts
-war«, wenigstens kein Jungbad der Freude, mehr ein Untertauchen
-im Fango &ndash; und seine Seele zieht aus, um einen
-reinen Sprudel zu suchen. Setze dich in die Bahn und fahre
-von München aus nach Süden, Ost oder West, das Gute,
-das Schöne, das Herzerquickende liegt so nahe, nur eines
-kleinen Ruckes der Energie bedarf es, um dir vorzustellen,
-daß der Fasching ebenso froh ohne dich sein wird, daß man auf
-Soupers und den berühmten &ndash; bequemen Nachmittagstees
-kaum nach dir fragen wird, daß Konzerte und Theater, die du
-dir ohne deine Gegenwart nicht vorstellen kannst, genau ihren
-guten oder peinlichen Verlauf ohne dich nehmen werden. Ach,
-lieber Gott! du ahnst nicht, wie überflüssig du bist, wie bedeutungslos
-deine Persönlichkeit &ndash; aber diese Erkenntnis, die
-dich daheim zuweilen heimlich grämt, so daß du beflissen bist,
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-sie ängstlich vor dir selbst und anderen zu verstecken, hier draußen
-lächelst du über sie: hier bist du ja noch viel, viel weniger,
-ein Fleckchen, das die Sonne bescheint, ein Atom, das sich
-preisen muß, bescheiden in der Stille zu stehen und die Pracht
-nicht in ihrer Harmonie zu stören!</p>
-
-<p>Einen weltabgelegenen Platz habe ich gefunden, an dem man
-nichts von der Eisenbahn hört noch sieht, vor dem sogar die
-altmodische Post auf ihren Schlittenkufen in einer knappen
-halben Stunde haltmacht. Im Schatten der entzückenden, von
-Meisterhand bemalten Wallfahrtskirehe von Birkenstein liegt
-das Haus, der Waldbach an seiner Seite murmelt leise in
-deinen Traum hinein. Der Nußhäher klopft mit starkem
-Schnabel ans Fenster und bittet um sein Frühstück, Buchfinken,
-Goldammer und zierliche Spechtarten durchzwitschern
-schon den Garten, der Zaunkönig lugt vorsichtig aus dem Buschwerk.
-Schlage deine Augen auf, trinke die Sonne ein, die
-durch die glitzernden Scheiben flimmert! &ndash; der Tag ist dein,
-dein die Welt, die Höhen, der Wald, die stillen Marterln am
-Wegrand, die stolze Majestät der makellosen Schneefelder!
-Schnell deinen Kaffee; der Raum ist erfüllt von jungen, gesunden
-Menschen, die mit Leib und Seele ihrem Sport huldigen,
-und bei deren frohem Anblick man sich sagt: »Gott sei
-Dank, noch ist Deutschland nicht verloren!« &ndash; Dann holst
-du dir deine Skier, prüfst mit geübtem Blick Bindung und
-Schrauben, trittst hinein, nimmst als einzige Last den Bambusstock
-sorglos unter den Arm, und nun fort, fort. Anfangs
-über glattgefrorene »Ziehwege«, von den schweren Holzschlitten
-mit ihrer nachschleppenden Last schön ausgefahren, dann
-seitwärts hinauf an einem Hang, der dich lockt, und immer
-weiter hinein in die verschneite Einsamkeit. Da oben liegt
-ein Gipfel, dessen weiche Konturen rosa überstrahlt sind, tapfer
-setzt sich ein Ski vor den andern in die Wunderwerke der kristallenen
-Decke, und ohne Atemnot, leicht und frei die kalte, köstliche
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-Luft in die Lungen saugend, stehst du auf der Höhe, die
-Erde mit ihrer Herrlichkeit zu deinen Füßen. Unten im Tal
-wogt noch der Nebelkampf, in weißen Massen schiebt's sich
-an den Hängen entlang, nur blitzartig Dörfer, Kapellen, Wälder
-entschleiernd. Aber die Sonne lacht ob dieser Spielerei wie
-eine immer geduldige, nachsichtige Mutter, schrittweise, als
-wollte sie niemand wehtun, erobert sie sich das Feld &ndash; und
-plötzlich taucht wie neugeboren und unverhüllt das gewaltige
-Bild des Tales vor dir auf. Und du durftest wieder einmal
-dabei sein bei der Offenbarung vollendetster Schönheit &ndash; was
-kann dich noch treffen, dich niederdrücken mit einem Schatz
-solcher Freuden im Herzen?!</p>
-
-<p>Nicht nur deinen Mut, deine Energie stählst du auf diesen
-stillen Fahrten in das wirkliche Märchenland, wahre Lebensfreude
-und -fähigkeit nimmst du mit fort als besten Teil!
-Und nun die Abfahrt. Lange Zeit hieß es: »Stemmfahren &ndash;
-stemmfahren &ndash; und nicht verzweifeln!« Endlich löste sich
-das Rätsel, und zwar nach Art der meisten Rätsel auf die
-einfachste Weise: alles Überlegen, alle Theorie erscheint überflüssig,
-hemmend &ndash; eben weil sie in Fleisch und Blut übergegangen
-ist, und jeder bildet sich ein, diese zu alpinen Touren
-absolut notwendige Technik sich allein angeeignet und allein
-erfunden zu haben. Der »Meister« hier ist längst an die Ketzerei
-der Flüggegewordenen gewöhnt, er lächelt nur darüber.
-Man selbst fühlt sich verwachsen mit den langen, schlanken
-Eschenhölzern, nach Belieben setzt man sich in Bewegung,
-schlängelt sich in Serpentinlinien kreuz und quer durch den
-Wald hinunter und überläßt sich an freien Hängen dem Hochgenuß
-eleganter Stemmbogen, bald den Stock je nach der
-Wendung rechts oder links einsetzend, bald ihn bei ebenerem
-Terrain unterm Arm haltend. »Wer Stemmbogen fahren
-kann, beherrscht die Welt« &ndash; mindestens die winterliche,
-alpine; und wer zuerst mal ohne Sturz einen Hügel »besiegt«
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-hat, kommt sich wie ein kleiner Napoleon vor. Freilich, mehr
-Mühe, als die Götter sonst vor den Erfolg gesetzt haben,
-braucht man zur vollkommenen Aneignung dieses »Sports
-des Fallens«, wie ich ihn anfangs voll Wut selbst getauft habe.
-Aber kaum ein anderer löst dafür solch eine Befriedigung aus,
-da er den Genuß sonst verschlossener Freuden im Winter ermöglicht.</p>
-
-<p>Wenn Neuschnee fällt und es unaufhörlich vom grauweißen,
-kaum erkennbaren Himmel niederrieselt, gibt's zur Abwechslung
-frohe Rodelpartien. Daß man als Skifahrer dies Vergnügen
-verachten soll, ist ein törichtes Märchen; so einmal gedankenlos,
-flachliegend, nur an den Kurven mechanisch das Gewicht
-verteilend, in rasender Fahrt bergab zu fliegen, das tut außerordentlich
-wohl, und beim mühseligen Bergaufziehen des
-Schlittens muß man sich stoisch damit trösten, daß dies
-eben der gesündere Teil sei! Eine »Seeschlange« haben wir
-gemacht und alle rodelnden Jungen &ndash; und wer rodelte hier
-nicht, wo man seine Besorgungen, seien es Briefmarken oder
-Milch, mit dem Schlitten absolviert! &ndash; mit ihren Rodeln an
-den unserigen gebunden und so in langer Kette zu ihrem und
-unserem höchsten Gaudium zu Tal gefahren: »A Hetz' war's«,
-wie sie versicherten. Die kleinsten Kinder fahren hier von Höhen
-herunter &ndash; die Hände in den Muffen oder Hosentaschen,
-gelinde mit den Hacken ihrer winzigen, nagelbeschlagenen
-Schuhen steuernd&nbsp;&ndash;, bei deren Anblick Stadtmüttern alle
-Haare, falsche wie echte, zu Berge stehen würden. Hier sieht
-niemand hin, wenn sich ein paar der geborenen Sportsleute
-übereinanderkugeln, aber es weint auch keiner bei einem noch
-so derben Puff.</p>
-
-<p>Wir sind aber nicht nur ländlich: gestern hatten wir
-einen Ball, beim Kramerwirt. Mit einer Musikkapelle auf
-dem Podium, einem mit Tannengirlanden geputzten Saal, und
-Blumensträußen aus München, die sich am seidenen Brusttuch
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-der Vronis und Zenzis nicht schlecht ausnahmen. »Geschuhplattelt
-is worden« &ndash; und mit eisernen Mienen fanden
-sich die Tänzerinnen zu den Armen ihrer stampfenden, mit
-den Händen klatschenden Partner zurück. Der Tanz ist hier
-etwas sehr Ernstes, Würdevolles &ndash; niemand lacht, niemand
-spricht ein Wort dabei. Aber ist die Tour beendet, die im
-Laufe des Abends immer kürzer wurde, so traktiert »er« »sie«
-mit einem Trunk. Ich gestehe, daß ich etwas Kopfschmerzen
-habe, trotzdem ich nicht ein Achtel von den Musikern geleistet
-habe, die sich schließlich als gänzlich unabhängige Menschen
-entpuppten und nach eigenem Behagen und eigenem Takt
-ihren Part erledigten.</p>
-
-<p>Ja, hier ist Freiheit, Schönheit, Lebensfreude! Es leben
-die Berge &ndash; es lebe der Winter!</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-Das Talbein.</h3>
-
-
-<p>Als Konny Bendemann ihr Fenster öffnete, um in ihr enges
-Zimmerchen die ihr anempfohlene Bergluft hereinzulassen, fesselte
-sie ein merkwürdiger Anblick: die ganze Straße, so weit
-sie nur sehen konnte, durchwanderte ein Zug schweigsamer
-Menschen, deren Köpfe von je zwei langen Hölzern überragt
-wurden, so daß ihre Erscheinungen aufrecht gestellten Riesen-Hirschkäfern
-glichen. Ach ja, heute begann der berühmte Kurs
-des Schneeschuhlaufens unter der Leitung des noch berühmteren
-Skiapostels, von dessen Künsten, auch den erzieherischen, man
-sich Wunder erzählte. Behaupteten doch seine Anhänger, daß
-es für die nach seiner Methode Fahrenden keinerlei Schwierigkeiten
-mehr gäbe, und ebenso, daß auch der Feigste steile Hänge
-spielend auf- und absteigen könne. Der Feigste! Konny schlug
-in Gedanken an die eigene Brust.</p>
-
-<p>Nur eine Bergpartie hatte sie im Leben gemacht, zum Wendelstein
-hinauf; aber da sie sich beim Abstieg während eines
-Gewitters ungeheuer kläglich benommen hatte, so hatten ihre
-Bekannten geschworen, sie nie wieder mitzunehmen. Doch im
-Winter, wo auch Gewitter seltene Erscheinungen waren, da
-mußte es ganz herrlich sein, über den Schnee durch bereifte
-Wälder zu eilen und dann von oben abwärts zu sausen &ndash;
-z.&nbsp;B. von der Alpspitz drüben! Sie hatte ungefähr eine Vorstellung
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-davon, als würde man über deren scharf abgeschrägten
-Rücken entlang geradenwegs zu Tal fahren können. Melancholischen
-Blickes verfolgte sie den Zug weiter: ja, wenn man
-nicht so allein wäre &ndash; wenn irgend jemand ihr zugeredet
-hätte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.</p>
-
-<p>Da rief eine übermütige Stimme zu ihr hinauf: »Geschwind,
-Fräulein! Sie werden ja sonst die Letzte &ndash; man immer vorwärts!«</p>
-
-<p>Natürlich ein Norddeutscher: die hatten für ihre Ebenen ja
-auch diesen Sport besonders nötig, und bemerkbar machen
-mußten sie sich auch &ndash; wie immer! Dennoch freute sie der
-Gruß; und daß man als selbstverständlich annahm, auch sie
-würde sich beteiligen. &ndash;&nbsp;&ndash; Und weshalb denn nicht? Diese
-Menschen da, die noch immer paarweise an ihr vorüberzogen,
-kannten sich doch auch nicht alle, nur der Wunsch, dasselbe zu
-lernen, verknüpfte sie. Also&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;. Und trug sie nicht auch
-Wickelgamaschen und Nagelschuhe und Mütze und Schleier zum
-fußfreien Kostüm?! Was fehlte, das waren die Skier &ndash; sollte
-an solcher Kleinigkeit das Unternehmen scheitern?</p>
-
-<p>»Ich komme nicht zu Tisch«, rief sie im Vorbeilaufen ihrer
-Wirtin zu. Und eh' noch die Frau Deixlmair Protest einlegen
-konnte, weil nun doch das schöne »Ohchsenfleisch«, das vorher
-die köstliche Rindssuppe lieferte, umsonst gekauft worden sei,
-war sie bereits über die drei Steinstufen hinuntergesprungen
-und beim Nachbar, dem Herrn Ludl, in den Laden gestürzt.
-Und da besagter Herr Ludl »überhaupts und ohnehihn« dem
-»Kumité« angehörte und ungefähr tat, als sei er mit Skiern
-auf die Welt gekommen, so machte das Aussuchen eines passenden
-Paares keinerlei Schwierigkeiten, und sie nachträglich
-anmelden, das konnte er schon übernehmen &ndash; er durft's
-schon wagen!</p>
-
-<p>Atemlos vom Laufen und dem ungewohnten und daher unbequemen
-Tragen der langen Schuhe kam sie als Letzte in der
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Ebene an, die im engern Kreise von niedrigen Hügeln umgeben
-war, und die sich der Herr Doktor daher als Übungsgelände
-ersehen hatte. Er selbst nahm jetzt einen etwas erhöhten Standpunkt
-ein und erläuterte seinen Zuhörern Zweck und Art des
-Sports und den richtigen Gebrauch und die Ausnutzung des
-Geräts. Alle schienen im Bann seiner Ausführungen zu stehen
-und sie absolut zu begreifen &ndash; nur Konny bemerkte mit
-Schrecken, welch' ein Chaos in ihrem Gehirn entstand. Sie
-versuchte, sich an einige technische Ausdrücke anzuklammern,
-aber sie war nie stark im Behalten gewesen, &ndash; und da sie
-ihnen keinen Sinn unterlegen konnte, zerstäubten auch diese
-Wörter wie Schneeflocken in ihrem Auffassungsvermögen.
-Plötzlich gab der Herr Doktor ein Zeichen, dessen Sinn er wohl
-vorher besprochen haben mußte, denn nun begannen alle sofort
-mit emsigen Händen, sich die vor ihnen am Boden liegenden
-Skier anzuschnallen.</p>
-
-<p>Auch Konny versuchte es. Doch ihr waren Glieder und
-Hände steif vor Kälte, von ihren Zehen hatte sie das deutliche
-Gefühl, sie seien aus Glas. Sie riß und zog an den Riemen
-und endlich stand sie hilflos auf den beiden schmalen Brettern
-da. Inzwischen hatte sich das Unglaubliche vollzogen: während
-sie noch mühsam nach Balance suchte, krabbelte schon eine
-Unzahl von Menschen den Abhang hinauf, dem Doktor folgend,
-der sie in langen, flachen Serpentinlinien aufwärtsführte. Da
-hinauf sollte sie auch&nbsp;&ndash;? Die Vorstellung war so überwältigend,
-daß sie sich erst mal rückwärts in den Schnee und zugleich
-auf die Kante der Skier setzte. Das tat weh, und im Gefühl
-gänzlicher Machtlosigkeit blieb sie liegen.</p>
-
-<p>Da erscholl aus den Lüften eine Stimme, mahnend &ndash; aufmunternd
-&ndash; ratend &ndash; und Konny blickte sich um, wem wohl
-diese sich immer noch steigernde Teilnahme gelten mochte.</p>
-
-<p>»Na, Sie da unten, Fräulein, wollen's denn anfrieren?«</p>
-
-<p>Gelächter von nah und fern und dann dicht an ihrem Ohr
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-eine flehende Bitte: »Stehen Sie doch endlich auf &ndash; ich helfe
-Ihnen &ndash; er denkt ja sonst, es ist Eigensinn, daß Sie sich
-nicht rühren&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>Ach Gott, <em class="ge">ihr</em> galt diese versuchte Beeinflussung von oben?
-Aber aus Eigensinn, nein wahrhaftig, saß sie hier nicht.</p>
-
-<p>Mühsam rappelte sie sich empor, brachte die Spitzen der
-Skier übereinander und wäre wieder gefallen, wenn die Hand
-ihres Nachbars sie nicht gestützt hätte.</p>
-
-<p>»Lassen Sie die Dame nur gleich das Wenden üben,« erscholl
-von neuem die Stimme, »und nehmen Sie sich ihrer
-etwas an, Herr Architekt, wir gehen inzwischen weiter.«</p>
-
-<p>»Was soll ich?« fragte Konny verzagt. »Wenden? Aber
-ich habe ja keine Ahnung.«</p>
-
-<p>»Der Herr Doktor hat's aber doch erklärt! Also sehen Sie
-mir einmal zu.«</p>
-
-<p>Diese gewaltsame, ungeheuer schwungvolle Bewegung sollte
-sie nachmachen?</p>
-
-<p>»Versuchen Sie's doch wenigstens mal!«</p>
-
-<p>Jetzt endlich sah sie ihrem Helfer ins Gesicht &ndash; bis dahin
-hatte sich ihre Aufmerksamkeit nur auf seine Beine konzentriert
-&ndash; und sie entdeckte, daß der Architekt derselbe Herr sei,
-dessen Zuruf am Morgen sie zu dieser Tollkühnheit verlockt
-hatte. Dann mußte er auch einen Teil der Verantwortung
-tragen.</p>
-
-<p>Halblaut fragte sie: »<em class="ge">Er</em> ist ja schon so weit fort &ndash; er
-merkt es am Ende gar nicht, wenn ich nicht übe.«</p>
-
-<p>Der Architekt lachte und antwortete herzlos: »Er sieht alles,
-Fräulein!«</p>
-
-<p>Und wirklich erscholl es in diesem Augenblick aus den
-Lüften: »Nun, die beiden dort unten &ndash; wollen sich die denn
-gar nicht hinaufbemühen?«</p>
-
-<p>»Bitte, bitte, einmal versuchen«, drängte der Architekt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Und Konny, die es einsah, daß es hier kein Schummeln
-gäbe, schleuderte mit letzter Energie ihr rechtes Bein in die
-Luft, sah ihren gefesselten Fuß mitsamt dem senkrecht stehenden
-Skier unstät hin- und herschwanken, fühlte sich in zwei
-gleiche Portionen gerissen &ndash; und ließ sich auf die Seite
-fallen.</p>
-
-<p>»Aber, aber,« meinte der Architekt, »das war ja alles verkehrt!
-Und da wir doch bergauf wollen, hätten Sie das obere
-Bein nehmen müssen, um gleich an Steigung zu gewinnen
-&ndash; und nicht das Talbein!«</p>
-
-<p>Konny sah resigniert auf ihre beiden, unter ihr gekreuzten
-Beine. Sie hätte im Moment gewiß nicht angeben können,
-welches ihr rechtes oder welches ihr linkes sei &ndash; und nun sollte
-sie sogar den Unterschied zwischen Tal- und Bergbein wissen?!</p>
-
-<p>Still begann sie sich zu entknäueln, stand endlich wieder
-aufrecht da und sagte zum Architekten: »Ich will es jetzt
-allein lernen, ohne Theorie. Sie stören mich nur &ndash; gehen
-Sie nur voran.«</p>
-
-<p>Langsam und vorsichtig, dennoch von unendlichen Stürzen
-unterbrochen, begann sie dann bergan zu klimmen &ndash; er in
-mäßiger Entfernung vor ihr.</p>
-
-<p>Plötzlich kam er zurück: »Darf ich mir eine Bemerkung
-erlauben?«</p>
-
-<p>Und ohne ihre Einwilligung abzuwarten, sagte er: »Ihr Rock
-ist viel zu lang, der geniert Sie. Ziehen Sie ihn aus, ich nehme
-ihn in meinen Rucksack.«</p>
-
-<p>Wenn's nur das sein sollte, was sie hinderte!</p>
-
-<p>Sie zögerte eine Sekunde, dann zog sie mit seiner Hilfe den
-Rock aus, und zwar über den Kopf, da es über die Skier doch
-nicht gegangen wäre. Ganz heiß waren sie beide von der
-mühsamen Arbeit auf dem Hang und Konnys Unsicherheit
-geworden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-Dann stand sie in neumodischen Beinkleidern, aus demselben
-Stoff wie ihr Kleid, vor ihm; um die Hüften herum bildeten
-sie Tüten, an den Knien schlossen sie sich dagegen sehr eng, und
-er, dem ihre zarte Figur vorher so gut gefallen hatte, mußte
-ein Lächeln unterdrücken: etwas Rundes und Komplettes
-hatte sie angenommen und fast bereute er seinen guten Rat.
-Denn mit oder ohne Rock &ndash; viel Talent zum Sport schien sie
-nicht zu besitzen.</p>
-
-<p>Endlich, nach mehreren Stunden, erreichten sie die übrige
-Gesellschaft, die sich auf einem Schneefeld zum Frühstück gelagert
-hatte und schon wieder im Aufbruch war. Mit lautem
-Halloh wurden sie beide begrüßt. Der Doktor eilte auf Konny
-zu und fragte, wie es denn gegangen sei. Und sie, im Bestreben,
-nicht gar so dumm zu erscheinen, besann sich auf die
-vorhin verworfene Theorie und antwortete fröhlich und gänzlich
-ahnungslos über den Sinn der Bezeichnungen: »Danke &ndash;
-mit dem Bergbein gut, mit dem Talbein schlecht!«</p>
-
-<p>In das Gelächter ringsum stimmte sie harmlos mit ein &ndash; nur
-daß sie einen guten Witz gemacht haben sollte, begriff sie nicht.
-Nach ihrer Meinung blieb ein- für allemal das rechte das
-Talbein, weil der Architekt es beim ersten Wenden so genannt
-hatte. &ndash; Darauf, daß man so perfide sein könne, die Bezeichnung
-je nach der Richtung zum Berg zu wechseln, kam
-sie gar nicht.</p>
-
-<p>Daß sie Humor verstände, schien allen, auch dem Doktor,
-eine ausgemachte Sache zu sein, und darauf bauend, gab er
-einem seiner Begleiter einen Auftrag.</p>
-
-<p>Konny frühstückte inzwischen geschwind von den guten Sachen
-aus des Architekten Rucksack; sie selbst war ja mit nichts versehen
-und fand es schon fast selbstverständlich, seine Hilfe in
-Anspruch zu nehmen.</p>
-
-<p>Unten im Tal schied man endlich am späten Nachmittag in
-vollster Harmonie. Am Abend wollte der Doktor in einem
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-einfachen Wirtshaus einen theoretischen Vortrag halten, und
-wenn Konny auch im voraus sicher war, wieder kaum etwas zu
-verstehen, so freute sie sich doch herzlichst auf das Zusammensein
-mit all den frischen, jungen Menschen. Hatte sie bisher als einzige
-Unterhaltung doch nur ihre Wirtin gehabt, deren ausgeprägten
-Dialekt sie überhaupt nur in besonders glücklichen Momenten
-verstand &ndash; aber seit heute war ihr, als trete sie auch in ein
-besseres Verhältnis zur Natur; nichts mehr schien ihr fremd
-oder überwältigend, wie im Anfang, an dieser Hochgebirgsszenerie,
-und wie sie so zurückwanderte, den geschmähten Rock
-über der Schulter hängend, kam es ihr vor, als habe sie eigentlich
-ein neues Leben begonnen. Der Sport mußte doch von
-allgewaltiger Macht sein!</p>
-
-<p>Am Abend, neben dem Architekten sitzend, hörte sie gespannt
-zu. Und da ihr Humor nun einmal fest anerkannt worden war,
-lachte er ungeniert über ihre leisen Bemerkungen, die sie in
-den Vortrag des Doktors einstreute, während Konny ein paarmal
-dachte, daß es, nach dem sinnlosen Lachen ihres Nachbars
-zu urteilen, in seinem Hirn nicht ganz richtig sein müsse.</p>
-
-<p>Dann wurden Lichtbilder angekündigt. Der Doktor wandte
-sich verbindlich lächelnd an Konny, als wolle er ihre Zustimmung
-einholen &ndash; oder auch ihre Verzeihung &ndash; wies auf die
-weiße Leinwand und sagte unter lautem Gelächter ringsum:
-»Das Talbein«.</p>
-
-<p>Konny lachte mit. Auf der Leinwand stand sie selbst, hilflos
-und schwankend, in einer wenig vorteilhaften Kleidung:
-einem oben zu weiten und unten zu engen Beinkleid. Sachlich
-konstatierte der Doktor die Fehler ihrer Haltung, der Fußstellung,
-der Handhabung ihres Stockes &ndash; und bewies auf
-allen folgenden Bildern, die immer nur wieder sie zeigten, daß
-sie ein vollkommen typischer Fall des Anfängertums sei.
-Darnach schien es ihr ja wirklich, als habe sie mit besonderem
-Instinkt alles und jedes verkehrt gemacht!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-Ja, sie lachte fröhlich mit bei jedem Konterfei; und nur
-dem Architekten kam es ein paarmal vor, als zittere sie leicht.
-Aber sie mochte wohl übermüdet sein.</p>
-
-<p>Wirklich erhob sie sich nach schicklicher Pause, als der Vortrag
-beendet war, und verabschiedete sich. Energisch lehnte sie
-die Begleitung des Architekten ab, doch er gab es nicht zu,
-daß sie den weiten Weg durchs Dorf allein machte. Zum
-Sprechen unterwegs aber konnte er sie nicht bewegen &ndash; was
-fehlte ihr nur?</p>
-
-<p>Erst auf der obersten der drei Steinstufen schien sie wieder
-Atem zu bekommen.</p>
-
-<p>»Haben Sie Dank, Herr Architekt,« sagte sie mit merkwürdig
-ruhiger Stimme, »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben!
-Durch Sie bin ich veranlaßt worden, am Kurs teilzunehmen
-&ndash; durch Sie, meinen Rock abzulegen &ndash; und ich
-irre mich wohl nicht, wenn ich Ihnen auch das hinterlistige
-Photographieren verdanke.«</p>
-
-<p>»Aber ich schwöre&nbsp;...«, fiel er ein.</p>
-
-<p>»Ach was,« entgegnete sie hastig, »schwören! Nachdem man
-falsch und verräterisch und &ndash; und &ndash; schadenfroh gewesen ist!
-Sie haben ja gewußt, daß ich auch nicht das geringste von
-allem verstanden habe &ndash; weder vom Bergbein noch vom Talbein
-&ndash; und dennoch haben Sie sich über mich lustig gemacht!
-Pfui!«</p>
-
-<p>Er starrte noch immer Frau Deixlmairs tannene Tür an,
-als sie schon längst hinter ihr verschwunden war. Ein merkwürdiges
-Mädel, diese Pfälzerin! Eigentlich dumm oder doch
-begriffsstutzig &ndash; und wieder klug genug, um das einzusehen
-und noch mehr: um es sogar zuzugeben! Welche Frau tat das
-wohl sonst?! Gewiß nicht viele. Er pfiff zwischen den Zähnen
-und sah lange, lange die Tür an. Humor, wie sie alle gedacht
-hatten, besaß sie also nicht &ndash; und doch Taktgefühl, ungeheuer
-viel Taktgefühl. Eine andere, der plötzlich über sich selbst und
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-ihre Leistungen so öffentlich ein Licht aufgesteckt worden wäre,
-hätte vielleicht eine Szene gemacht oder geheult &ndash; oder sonst
-irgend etwas. Diese da war sehr tapfer &ndash; das hatte sie eigentlich
-schon den ganzen Tag bewiesen, an dem sie sich so redlich
-mühte und nicht die geringste Hilfe durch Überlegungen gehabt
-hatte &ndash; schade! Denn nun würde sie natürlich nicht mehr
-wiederkommen! Schade! Der ganze Kurs war ihm verleidet.</p>
-
-<p>Aber am andern Morgen stand sie tapfer wieder da, beim
-Treffpunkt. Und ihm nickte sie freundlich und harmlos zu.</p>
-
-<p>»Donnerwetter,« dachte er wieder, »sie ist anders! Die
-meisten wären schmollend zu Hause sitzen geblieben oder hätten
-den Ärger benutzt, um sich zu drücken.«</p>
-
-<p>Sie wurde auch keine Musterschülerin des Doktors. Aber
-menschlich gute Eigenschaften entdeckte der Architekt noch zahlreiche
-an ihr im Laufe des sechstägigen Kurses. Da fragte er
-sie zum Schluß, ob sie nicht auch weiterhin zusammen durchs
-Leben fahren wollten, sie seien so schön eingeübt. Womit er
-allerdings im stillen wohl meinte, daß sie an seine Hilfe beim
-Aufstehen gewöhnt sei. Ihre Kunst bestand eben &ndash; im Hinfallen.</p>
-
-<p>Aber auch diesmal las sie seine Gedanken und antwortete
-fröhlich: »Gut! Wenn du mich bei schwierigen Fällen nie
-fragen willst, ob ich nun das Talbein oder das Bergbein nehmen
-muß&nbsp;&ndash;! Das könnte ich nämlich nie entscheiden: aber
-Vertrauen mußt du haben, daß ich es schließlich doch recht
-mache.«</p>
-
-<p>Und das Vertrauen besaß er.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Die Erfindung.</h3>
-
-
-<p>Immer wenn Frau Ellen Mahder von ihrer Arbeit aufsah,
-was allerdings nur geschah, um die Augen ein wenig vom
-Mikroskop auszuruhen, bemerkte sie, daß sich der Kopf ihres
-Nachbarn tief über seine Hände beugte &ndash; nicht ein einziges
-Mal seit acht Tagen waren sich ihre Blicke begegnet. Aber
-diese scheinbare Unermüdlichkeit täuschte sie keinen Augenblick:
-ein so wenig ernsthafter Mensch, der wenigstens in ihrer Gegenwart
-noch kein vernünftiges Wort gesagt hatte, war nicht imstande,
-sich von seiner Aufgabe absorbieren zu lassen; sie
-mißtraute ihm und seinem wissenschaftlichen Eifer aufs höchste.
-Und ebenso ärgerte sie sich über sich selbst, daß sie an diesen
-»faden« Doktor Zerpfang einen Gedanken verschwendete &ndash;
-und kehrte sofort mit aller Inbrunst zu ihren botanischen Untersuchungen
-zurück. Sie mußte ja auch doppelt pflichtgetreu und
-genau sein, um ihre Zulassung in die dunklen Räume der
-alten Akademie, die unter anderen auch der botanischen Station
-Aufnahme gewährt hatte, zu rechtfertigen. Denn die Frage
-dieses »faden« Doktors, ob sie studiert oder wenigstens das
-Gymnasium absolviert habe, mußte sie verneinen; aber sie
-interessiere sich nun einmal stark für Chemie und Botanik,
-und sie hoffte, ihre mangelnde Vorbildung durch Lerneifer&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er hatte ernsthaft genickt und sie aussprechen lassen, trotzdem
-sie sich vor Verlegenheit ein wenig im Satzbau verwickelte.
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-Als sie endlich fertig war, sagte er: »Na, da können S' mir
-am Ende gleich erklären, was das bedeutet: <i>C,&nbsp;A&nbsp;&ndash;&nbsp;C,&nbsp;A,&nbsp;O</i>?«</p>
-
-<p>Unsicher und zweifelnd hatte sie erwidert: »<i>C,&nbsp;A&nbsp;&ndash;&nbsp;C,&nbsp;A,&nbsp;O</i>?
-&ndash; <i>C</i> vielleicht Kohlenstoff, <i>A</i> &ndash; Argentum, <i>O</i> Oxygenium&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ringsum war ein lautes Gelächter losgebrochen, so daß
-sie erschrocken mit der Zerlegung der chemischen Formel innehielt.</p>
-
-<p>Mit heuchlerischem Ernst sagte der Doktor: »Ich würd's
-anders übersetzen: <i>C,&nbsp;A&nbsp;&ndash;&nbsp;C,&nbsp;A,&nbsp;O</i> &ndash; das ist Cacao.«</p>
-
-<p>Sie brachte es zwar zuwege, über ihren Reinfall zu lachen,
-aber ganz vergeben konnte sie nach Frauenart dem Doktor
-diese Niederlage doch nicht. Und er mußte wohl ihre stille
-Abneigung fühlen, denn er begrüßte sie des Morgens nur mit
-stummer Verbeugung und verließ mittags den Saal erst
-nach ihr.</p>
-
-<p>Als heute die Präparate für die kommende Woche verteilt
-wurden, sagte sie: »Ich danke, ich gehe auf ein paar Tage ins
-Gebirge.« Und auf den etwas erstaunten Blick des Professors
-setzte sie hinzu: »Ich bin überarbeitet &ndash; ich brauche eine Luftveränderung.«</p>
-
-<p>Ihr Ton klang gereizt. Konnte man sich nicht vorstellen,
-daß es für ihre Arbeit nur vorteilhaft sei, wenn sie mit frischen
-Kräften an sie hinanginge?</p>
-
-<p>»Man« lächelte unmerklich und gab ihr den väterlichen Rat,
-sich nur nicht durch irgendeinen dummen Sport noch mehr
-herunterzubringen oder sich gar eine Herzschwäche zu holen,
-die bei der jetzigen Unvernunft und Übertreibung an der Tagesordnung
-sei. »Man« redete ihr zu, lange zu schlafen, kräftig
-zu essen und ein wenig in der Sonne zu sitzen.</p>
-
-<p>Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, aber sie arbeitete nicht
-mehr.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-»Geben S' nach &ndash; bleiben S' da?« fragte eine Stimme
-neben ihr.</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf, ehe sie sich noch Rechenschaft darüber
-gab, wer zu ihr spräche: ah, der »fade« Doktor! Mochte er
-sich ebenso über sie lustig machen wie die andern. Aber vorläufig
-sagte er gar nichts, sondern sann vor sich hin. Und
-dann bat er hastig und scheu: »Mögen S' meine Erfindung
-anschauen, an der ich gebastelt habe alle Tag'?«</p>
-
-<p>Mein Gott, augenblicklich lag ihr die ganze Arbeit hier so
-fern! »Gestohlen werden kann sie mir«, hätte sie am liebsten
-gesagt. Doch zwang sie sich zu einem Lächeln und entgegnete:
-»Gewiß &ndash; gern!«</p>
-
-<p>Er führte sie an seinen Arbeitstisch, schob Bücher und Hefte
-beiseite und zog ein paar merkwürdige Eisenklammern hervor,
-deren Teile mit gewachstem Bindfaden verbunden waren.
-Triumphierend hielt er sie ihr hin.</p>
-
-<p>Ratlos stand sie da und sah auf die Dinger. Sein Preisrätsel
-»Cacao« fiel ihr ein, und sie hütete sich wohl, irgend etwas
-zu äußern, was auch diesmal ihre völlige Unkenntnis verraten
-hätte. Infolgedessen konnte sie überhaupt nichts sagen &ndash; denn
-kein Lichtstrahl machte ihr klar, was diese Erfindung bedeute.</p>
-
-<p>Er aber, mit dem blinden Entzücken aller Erfinder über
-ihr Produkt, sagte voll Begeisterung: »Das Ei des Kolumbus,
-nicht wahr? So einfach, so handlich, billig herzustellen, leicht
-zu transportieren &ndash; sehen S': in dem Tascherl da! &ndash; praktisch
-&ndash; und von einem Erfolg!! Na, den garantier' ich Ihnen!
-Eine großartige Erfindung, gelt? So was kann eben nur einer,
-der die Praxis kennt, der 's ausprobiert hat &ndash; der sich nicht
-abschrecken läßt von scheinbaren Schwierigkeiten! Und ich sag'
-Ihnen: immer simpler ist es worden, geradezu dahingeschmolzen
-in meine Händ' &ndash; und das werden S' zugeben müssen:
-von einer klassischen Einfachheit ist's worden &ndash; kein Hakerl
-z'viel, kein' Wirtschaft, kein Durcheinand' &ndash; höchste Einfachheit,
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-gepaart mit größter Solidität und Sicherheit&nbsp;&ndash;.«
-Das letzte sagte er hochdeutsch, es klang wie eine Notiz aus
-einer Anpreisung. &ndash; Ihr wurde heiß und kalt und wieder heiß:
-wenn er um Gottes willen nur nicht fragen würde&nbsp;&ndash;! Sie
-hatte ja keine Ahnung, zu was die Dinger waren, die er nun
-mit einem »Schnapp« zuklappen ließ und wieder öffnete, obgleich
-ihr Geist sich an jedes Instrument klammerte, das ihr
-je in diesem Saal vor Augen gekommen war. Schlicht &ndash; ja,
-das konnte sie zugeben, das war dieser Apparat, fast primitiv
-in seiner äußeren Gestaltung und beinah roh in seinem Material.
-Aber sein innerer Wert mochte deshalb eminent sein, seine
-Hilfe für die Wissenschaft von unberechenbaren Folgen &ndash;
-wenn sie nur geahnt &ndash; wenn die unscheinbaren Dinger ihr nur
-einen einzigen Anhaltspunkt gewährt hätten! Hilflos starrte sie
-vor sich nieder und brachte endlich ein »Sehr hübsch &ndash; sehr
-praktisch« über die Lippen.</p>
-
-<p>»Gelt?« fragte er zutraulich. »Das is was! Ja, so werden
-Meisterwerke geboren &ndash; so nebenher, so zufällig! Erst ist der
-Gedanke in mir gereift, dann habe ich mich mit ihm herumgeschlagen,
-denn eigentlich hab' ich nicht recht heranwollen, weil
-solch eine Idee doch immer etwas ablenkt &ndash; aber schließlich:
-das Erfindungsfieber ist über mich kommen, und kein' Ruh'
-nicht hab' ich gehabt, bis 's nicht da fertig vor mir gelegen ist
-am Tisch!«</p>
-
-<p>Zwar hörte sie heraus, daß er sich ein wenig selbst persiflierte,
-aber stolz war er darum doch. Und konnte es ja auch sein:
-eine Erfindung machen, die Wissenschaft bereichern, das ist
-immer etwas Großes, fast Heiliges. So sagte sie denn auf
-gut Glück hin: »Die Zeit dürfen Sie doch nicht als verloren
-betrachten &ndash; da Ihnen die Erfindung gelungen ist, hat sich
-doch die sogenannte Untreue gegen Ihre Arbeit reichlich gelohnt.«</p>
-
-<p>Er lachte. »Sogenannte« &ndash; ist gut! Sie haben eine famose
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-Art zu trösten, Frau Kollega! Ich hätte Sie gar nicht für so
-vorurteilsfrei gehalten.«</p>
-
-<p>Auch das verstand sie wieder nicht ganz, aber sie war nur
-froh, daß er keine präzisere Antwort von ihr verlangte.</p>
-
-<p>Als er nun vorschlug, für heute die Arbeit aufzugeben und
-gemeinsam zu speisen, willigte sie gern ein. Gewöhnlich aß
-sie mittags in einer Pension mit streng modern denkenden und
-gekleideten Malerinnen; und sie, die noch so wenig leistete und
-in ihrer Arbeit ja auch kaum je eine Eigenart entwickeln konnte,
-saß recht gedrückt und bescheiden zwischen diesen selbstsichern
-Geschöpfen, die alle mit Bewußtsein auf dem richtigen Weg
-waren, wie sie sagten. Sie selbst sah nur ein stilles Eckchen vor
-sich, einen Tisch in einem Saal, an dem sie unbeachtet bis an
-ihr Lebensende sitzen, bestimmen, zeichnen, höchstens einmal
-etwas würde schreiben dürfen. Da durfte sie sich allerdings
-nie mit diesen Künstlerinnen in einem Atem nennen, die Ruhm
-und Erfolg in die Höhe tragen würden!</p>
-
-<p>Neben des Doktors gutmütiger Art verlor sie ihre Scheu,
-ja, sie verriet ihm sogar von den Zweifeln an sich, die sich täglich
-am Mittagstisch erneuerten. Er lachte sie aus und sagte ein
-paarmal: »Da &ndash; schauen S' mich an! Bin ich hoffärtiger
-worden &ndash; oder gar stolzer?! Und bin doch ein großer Erfinder!
-Gelt, das bestellen S' Ihre Schwabinger Madeln von mir:
-je größer einer ist, um so bescheidener soll er sein.«</p>
-
-<p>Er brachte sie nach Hause, und vor ihrer Tür sagte er plötzlich:
-»Wissen S', ich begleit' Sie morgen!«</p>
-
-<p>Ja, das wäre nett! Zu zweien mußte es doch viel schöner
-sein, und so sicher war sie übrigens auch gar nicht auf ihren
-Skiern &ndash; in diesem Jahr war sie noch kaum hinausgekommen&nbsp;&ndash;.</p>
-
-<p>»Um so besser«, entgegnete er etwas unverständlich. »Und
-da sprechen wir uns deutlich aus über meine Erfindung.«</p>
-
-<p>Ach Gott, wenn er doch draußen nichts weiter wollte, als
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-sich selbst bespiegeln und bewundern und von dem klassischen
-Stück Eisen reden, so sollte er nur lieber daheim bleiben! Etwas
-widerwillig nannte sie ihm Ziel und Abfahrtszeit, dann ging
-er fröhlich, mit richtiger Siegesmiene davon. Er schien doch
-schon auf dem besten Wege zur Hoffahrt zu sein!</p>
-
-<p>Den ganzen Abend, während sich Frau Ellen Mahder
-die Skiausrüstung bereitlegte, die »Lauparstiefel« noch einmal
-einfettete, die Gamaschen fest aufrollte, um sie morgen tadellos
-binden zu können, und schließlich in den Rucksack zu allerlei
-appetitlichem Proviant den Zdarsky-Spirituskocher und den
-Seidenkragen, der sich zum Zelt gestalten ließ, eine andere Erfindung
-des Lilienfelder Skimeisters, zusammenpackte, plagte
-sie die Vorstellung von Doktor Zerpfangs Schöpfung. Ja, käme
-sie nur dahinter, ob er sie absichtlich hinhielte, sich vielleicht
-an ihrer Angst weidete &ndash; oder ob er sie wirklich für nicht so
-dumm hielte, als sie doch sein mußte! Diese letzteren Zweifel
-quälten sie besonders, und so verbrachte sie keine erquickende
-Nacht.</p>
-
-<p>Er aber tat bei der Abfahrt gänzlich unbefangen. Seinen
-Schöpfer lobte er, der ihm den guten Einfall gegeben, gleich
-ihr dem dumpfen Saal zu entfliehen und in die Berge zu
-fahren. Den ganzen Weg vom Bahnhof in Schliersee, an
-Fischhausen vorbei und durchs Josephtal sang er und jubelte
-und konnte sich nicht genug tun, die Weiße des Schnees,
-die Bläue des Himmels &ndash; die wunderbare, in kristallene Reinheit
-getauchte Landschaft zu bewundern. So ein Tag &ndash; so ein
-leuchtender, jauchzender Tag! Ja, den brauchte man &ndash; da
-wurde man wieder gesund und froh, da fielen alle kleinen
-Erdennöte vom Herzen ab, so wie der stäubende Schnee vom
-schwankenden Ast. Und er schlug gegen die Bäume, daß es in
-lichten Wolken auf sie beide herniederrieselte: das Jungbad der
-Seele nannte er das. &ndash; Etwas schweigsam ging Ellen Mahder
-neben ihm her; sie kam sich selbst schwerfällig und »norddeutsch«
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-vor, daß sie nicht aus vollem Herzen in sein Glück
-mit einstimmen konnte. Aber die Furcht vor seiner Erfindung
-fesselte ihr Zunge und Sinn &ndash; und ebenso die wachsende Erkenntnis
-seines Wesens: ein Kind war er, ein echtes, großes
-Kind wie alle Künstler, alle Genies. Hier, in der Sonne, in
-der belebenden, herben, köstlichen Luft, am größten gemessen,
-das es gibt: an freier Natur, offenbarte sich seine Ursprünglichkeit
-und Lauterkeit. Ein Erfinder &ndash; und doch so primitiv!
-Die Kompliziertheit ihres eignen Charakters wuchtete
-auf ihr.</p>
-
-<p>Ehe es nun bergauf ging &ndash; sie wollten zur »Rotwand« hinauf
-&ndash; verlangte er, daß das Zelt aufgeschlagen und der
-Spirituskocher in Tätigkeit gesetzt würde. Ellen war noch
-gar nicht hungrig, aber sie gab nach: Launen eines großen
-Menschen soll man erfüllen, sie gehören zu ihm wie die Dornen
-zu den Rosen.</p>
-
-<p>So hockten sie zu zweien, trotzdem sie beide groß waren, in
-dem winzigen Zelt nieder, kochten sich »einen Tee« und begannen
-sich von Herzen der Kameradschaft zu freuen. Früher, nein,
-da war diese Ungeniertheit zwischen zwei fremden Menschen
-und noch dazu zwischen Mann und Frau unmöglich gewesen &ndash;
-nur dem nivellierenden, von Vorurteilen befreienden Sport war
-das zu verdanken!</p>
-
-<p>»Er soll leben«, sagte der Doktor mit dem letzten Schluck,
-und dann packten sie wieder zusammen.</p>
-
-<p>Dabei kam eine Unruhe über den jungen Botaniker. Ein
-paarmal setzte er zum Sprechen an, endlich brachte er über
-die Lippen: »Wann's Ihnen recht ist, probieren wir sie nun
-aus, die Erfindung! Weil's ohnehin bergan geht!«</p>
-
-<p>Hier &ndash; die Erfindung! Im Freien, im Schnee &ndash; auf
-einer Skitour! Mein Gott, er konnte doch nicht plötzlich geistig
-verwirrt sein. &ndash; Unmerklich trat sie einige Schritte von ihm
-zurück. Er kniete im Schnee hin und bastelte an ihren Skiern
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-herum. Sie spähte inzwischen ringsum: sollte sie fortlaufen,
-um Hilfe rufen &ndash; ihre Angst wuchs ins Ungeheure! Eine
-einzelne Frau allein mit einem Mann, nein, es war doch nichts,
-sie verwünschte im Moment die eben noch gepriesene Kameradschaft:
-die Alten hatten recht, die vor ihr warnten, die ihr keine
-Existenzberechtigung gewährten&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da war er schon fertig und erhob sich mit einem scheuen
-Lächeln um den Mund, mit einem Rot stolzer Verlegenheit
-auf der Stirn.</p>
-
-<p>»Da sehen S'! Ein Griff &ndash; klapp! Fertig is'! Und nun
-probieren Sie 's aus &ndash; Sie sollen die Erste sein &ndash; wie mich
-das glücklich macht!«</p>
-
-<p>Die Skier lagen vor ihr, und dicht vor der Bindung waren
-sie umklammert &ndash; von der neuen Erfindung! Zutraulich erklärte
-er ihr, woran der Vorteil vor den kostspieligen, mühsam
-anzulegenden Fellen läge und daß, wenigstens für kürzere
-Touren, der gewachste Bindfaden dieselben Dienste leisten
-könne.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er begriff gar nicht, warum sie nicht in seine Freude mit
-einstimmte. Sie hatte die Farbe gewechselt und sich an einen
-Baum gelehnt: ihre Enttäuschung, ihre Empörung &ndash; der
-Zorn gegen ihn, gegen sich selbst nahm ihr Atem und Besinnung.
-Also doch &ndash; also doch! Leichtsinnig, oberflächlich, unzuverlässig!
-Nicht an einer ernsten Erfindung hatte er all die
-Wochen intensiv gearbeitet, für diesen Unfug, diese Überflüssigkeit
-&ndash; dieses Nichts hatte er Zeit und Kraft geopfert! Und
-seine Kindlichkeit war kein Beweis seiner Genialität, sie war
-nichts als der Ausfluß seines unreifen, törichten Wesens.</p>
-
-<p>Aber das Ärgste war und blieb, daß sie sich hatte düpieren
-lassen!</p>
-
-<p>Mechanisch setzte sie die Füße in die Skier, ließ sie sich von
-ihm festschnallen und lief von ihm fort, so schnell es nur eben
-ging. Sie mußte allein sein, nachdenken, versuchen, ihre ungeheure
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-Wut gegen ihn niederzukämpfen &ndash; ihn von ihrer
-schmerzenden Enttäuschung nichts merken lassen.</p>
-
-<p>Die schwebende Enttäuschung blieb, als sie endlich die andern
-Gefühle besiegt hatte. Irgendwo in ihrem Herzen saß sie
-fest und ließ sich nicht vertreiben und sagte ihr wieder und
-immer wieder, daß auch dieser Mann nur einer wie alle sei,
-um kein Deut besser, um kein Lot wahrer &ndash; vielleicht, vielleicht
-auch so wankelmütig wie der andere, der sie nach kurzer
-Ehe verlassen und um dessentwillen sie einen Beruf gewählt
-hatte &ndash; um zu überwinden und zu vergessen. Längst überwunden
-war das alles; heute stiegen ihr dennoch bei der Erinnerung
-die Tränen in die Augen. Einer wie alle &ndash; alle wie
-der Eine!</p>
-
-<p>Äußerlich wurde sie ruhig. Die gleichmäßige Bewegung
-bergan, die göttliche, kaum von einem Vogelschrei unterbrochene
-Ruhe, der stille Sonnenschein, der Wald und Schnee förmlich
-durchtränkte, die klare Luft &ndash; sie taten ihr Werk wie immer.
-Sie glätteten die hochgehenden Wogen ihrer Empfindung und
-zwangen sie, gerechter zu werden: war es seine Schuld, daß er
-sie enttäuschte? Hatte er sie über sich selbst im Unklaren gelassen?
-Nur sie, sie wollte mehr in ihm sehen; ihr genügte
-nicht der harmlose Mensch, der dennoch seinen Sport ernst
-nahm und ihm eine Verbesserung zur Ausführung wünschte &ndash;
-ein großer Erfinder, ein Genie hatte er sein sollen!</p>
-
-<p>Wie schnell sie auf die Höhe gekommen war, und nicht ein
-bißchen atemlos oder erhitzt wie sonst beim gefürchteten Bergauf
-&ndash; alle Kraft gespart für die frohe, herrliche Abfahrt!
-Woran lag das nur&nbsp;&ndash;? Wahrhaftig: das mußte das Verdienst
-<em class="ge">seiner</em> Erfindung sein! Und darüber war sie so böse
-gewesen?! Lächelnd sah sie auf die »klassischen« Eisen hinunter:
-hatten nicht auch sie ihre Berechtigung?</p>
-
-<p>Du lieber Gott, die großen Sachen waren ja schon fast alle
-erfunden &ndash; mußte es nicht auch Leute für die kleinen geben,
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-denen man dankbar sein konnte für die angenehmen Erleichterungen
-des Lebens?</p>
-
-<p>Als das Rotwandhaus mit seiner wehenden Flagge in Sicht
-kam, stand sie still. Nicht ein Wort hatte sie ihrem Begleiter
-auf dem ganzen Weg gegönnt &ndash; sie mußte es wieder gutmachen.</p>
-
-<p>Aber als er sie erreichte, sagte er: »Famos sind Sie, Frau
-Kollega! Nicht geschwätzt beim Bergauf, das lernen die meisten
-Frauen nimmer!«</p>
-
-<p>»Ich gebe das Lob zurück«, antwortete sie. »Und Ihre Erfindung
-ist großartig, Herr Doktor &ndash; ich gratuliere.«</p>
-
-<p>Er warf die Mütze in die Luft und jauchzte.</p>
-
-<p>»Famos sind Sie«, wiederholte er. »Nix geschmeichelt, nix
-schöngetan &ndash; 's Maul gehalten, Sie verzeihen! still ausprobiert,
-Erfahrung gesammelt &ndash; dann erst anerkannt, des
-nenn' ich gründlich! Ja, die Frauen von heuzutag' &ndash; des is
-was!«</p>
-
-<p>Ellen Mahder fand es nicht an der Zeit, ihn aufzuklären,
-weshalb sie so lange geschwiegen. Einmal &ndash; es kam ihr vor,
-als würde es nicht mehr unerträglich lange bis dahin sein &ndash;
-wollte sie ihm die Wahrheit gestehen: ihre Enttäuschung über
-ihn &ndash; und ihr Zurückfinden. &ndash; Still und glücklich glitten
-sie nebeneinander her, bis sie das Haus mit der fröhlich wehenden
-Flagge erreicht hatten.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-<b>III.<br />
-
-»Sie« im Süden.</b></h2>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-Osterspaziergänge in Latium.</h3>
-
-
-<h4>I. Der Monte Soracte.</h4>
-
-<p>Die Gabe, Kunst ernsthaft zu studieren und zu genießen,
-ist recht verschieden bei uns armen Sterblichen verteilt; nirgends
-läßt sich diese Behauptung besser und einwandfreier
-beweisen als in Italien &ndash; und hier vor allem wieder in
-Rom. Florenz gestattet ein stilles, beschauliches Genießen, es
-gibt keine Entfernungen, man braucht fast immer nur von
-Haus zu Haus zu gehen. Rom bringt zu seiner kolossalen
-Ausdehnung und dem Übermaß seiner Sehenswürdigkeiten,
-die über sein ganzes Areal verstreut sind, noch die Unruhe und
-Hast der Großstadt &ndash; man ist immer auf der Eulenflucht,
-und hätte man auch lange Wochen zum Besuch der »Ewigen«
-vorgesehen. Darum hört man nicht selten &ndash; am häufigsten
-von unsern Landsleuten, die in 10-14 Tagen »alles« sehen
-möchten &ndash; den Stoßseufzer: »Gottlob, daß wir abreisen!
-Ich kann nicht mehr!«</p>
-
-<p>Ich bemitleide diese Menschen nicht; ich bewundere sie. Denn
-ich hätte schon längst nicht mehr gekonnt! Für meine Aufnahmefähigkeit
-sind drei fleißige Museumsstunden schon ein
-gerüttelt Maß &ndash; darüber fort versagt sie vollständig. »Wie
-schade, nicht wahr, so viel Zeit zu verlieren &ndash; und womit
-füllen Sie sie dann aus?« &ndash; Ich gehe spazieren; ich laufe stundenlang
-durch die Campagna, ich suche zu Fuß all die kleinen
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Ortschaften auf, die wie leuchtende Punkte in der mächtigen
-Ebene verstreut liegen, ich klettere auf die Hügel- und Bergketten,
-die überall den Horizont in weiter Linie umsäumen,
-und ich entdecke, daß ihre Hänge mit Dörfern und Städtchen
-besetzt sind, grau und monoton, wie der Boden, aus dem
-sie emporwachsen, und doch ein jedes von ihnen stimmungsvoll
-&ndash; architektonisch schön &ndash; oder voll geschichtlicher Reminiszenzen,
-die ihre Patina auf verfallene Burgen und Paläste
-geworfen haben. Das ist meine geistige und körperliche Erholung,
-mein Schutz gegen allmähliches Abstumpfen angesichts
-Roms erdrückendem Reichtum: ein stunden- oder auch
-tagelanger Spaziergang und von Zeit zu Zeit ein weiterer
-Ausflug, der die überreizten Sinne ausruhen läßt und uns
-das herrliche Land trotzdem näher bringt, weil wir seine
-Natur lieben lernen.</p>
-
-<p>Nördlich von Rom, mit fast geradem Rücken, in schwerem
-Massiv über die lieblichen Hügel dominierend, liegt der Monte
-Soracte. Wie lange schon zog er wieder und wieder meine
-Blicke und meine Sehnsucht auf sich &ndash; ein wenig wegen
-seiner schwermütigen Gestalt, ein wenig wegen seiner Höhe
-&ndash; etwa 700&nbsp;m, aber direkt aus der Ebene aufsteigend, also
-doch eine bescheidene Bergpartie verheißend! &ndash; Hauptsächlich
-aber, weil man hoffen durfte, dort nicht vielen Menschen
-zu begegnen! Den Passanten raubt der Ausflug zu viel Zeit
-&ndash; ich bitte Sie, wenn man jede Statue in Rom gesehen
-haben will! &ndash; die andern sind wohl zu bequem. Denn trotz
-des himmlischen Frühlingstages &ndash; o Segen &ndash; sind und
-bleiben wir allein, mein lustiger Begleiter und ich! Und
-wie wir uns fühlen, einmal wieder mit dem leichten Gepäck
-für eine Nacht im Rucksack &ndash; fernab von Pensionen, Leuten
-mit Baedekern und der Gewißheit, abends beim Diner den
-Nachbar rechts und links und gegenüber seine Tageseindrücke
-nicht memorieren zu hören &ndash; nein, ein echter, rechter Ferientag
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-ist es, ein Schuleschwänzen in ewigen Vakanzen! »Da kann
-ich Sie gleich auf Ihre Bedürfnislosigkeit prüfen«, meinte
-der Hochtourist. Denn es war unsere erste »Bergtour«, und
-der Hochtourist, dessen seherischer Blick meine bergsteigerischen
-Fähigkeiten erst wenige Tage vorher am Turm des Kapitols
-entdeckt hatte, konnte noch nicht ahnen, wie glänzend sie sich
-entwickeln würden.</p>
-
-<p>Nur wir entsteigen in Stimigliano dem Coupé; nur wir
-zwei laufen querfeldein bis hinab zum »<i>Bionde Tevere</i>«,
-dem blonden Tiber, der hier so köstlich ländlich aussieht, so
-recht wie ein gemütlicher Bauernfluß, nicht ein bißchen, als
-trüge er später die Weltstadt auf seinen Ufern; und ganz
-primitiv, außer uns nur von ein paar Frauen und Kindern benutzt,
-ist auch die Fähre, die uns ans jenseitige Gestade befördert.</p>
-
-<p>Die Sonne brennt heiß auf den noch brachliegenden Boden
-nieder, aber da bekanntlich die Götter vor jeden Erfolg den
-Schweiß gesetzt haben, so tragen wir frohen Muts und unverdrossen
-die göttliche Prüfung &ndash; sind wir doch des schönen
-Erfolges sicher!</p>
-
-<p>Frühstücksstation: San Oreste. Weiten Rundblick gestattet
-es über die Sabiner- und die umbrischen Berge, aber »recht
-einladend«, wie es Gregorovius erschienen ist, der deshalb
-bedauert, es nicht besucht zu haben, ist es wirklich nicht. Ein
-Haufen eng aneinander gedrängter, unmalerischer Steinhäuser
-ohne die geringste Abwechslung oder Ausschmückung; und
-das Wirtshaus am Dorfeingang wohl noch genau so bescheiden
-wie zu den Zeiten jenes berühmten italienischen Spaziergängers.
-Aber das wenige, das man bekommt: Salami, Eier und Wein,
-so gut wie fast überall in den ländlichen Osterien. Die Befürchtung
-vieler Reisender, abseits der großen Heerstraßen
-»nichts« zu bekommen, ist wirklich überflüssig!</p>
-
-<p>Und dann, nach kurzem Marsch, kommt ein Wald; ein
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-schattenspendender, kühler Wald ernster Steineichen. Einmal
-mag der ganze Berg von ihnen bestanden gewesen sein &ndash;
-aber auch dieser Rest ist noch ehrfurchtgebietend genug &ndash;
-und so märchenhaft still &ndash; man wartet, ob nicht Böcklins
-Einhorn langsam zwischen den dunklen Stämmen hervortrabt.</p>
-
-<p>Wenige Minuten unterhalb des Gipfels taucht das Kloster
-San Silvestro auf, genannt nach dem Papst Silvester, dem
-der Kaiser Konstantin »das ganze Abendland« schenkte &ndash;
-eine etwas unsichere Gabe! Und eine Zeitlang suchte Karlmann,
-Karl Martells kampflustiger Sohn, in diesen Mauern
-Ruhe &ndash; bis auch ihn die Menge der Besucher, die nach Rom
-pilgerten, verscheuchten &ndash; Gott sei Dank haben sie jetzt einen
-andern Weg gefunden!</p>
-
-<p>Ganz oben auf dem Berge erhebt sich eine kleine Kapelle
-über einer schönen, alten Krypta, in der uns der alte Aufseher
-auf die Zelle des heiligen Silvester aufmerksam macht.
-Bedürfnislos genug mag er gewesen sein, Geschmack besaß
-er jedenfalls! Denn die Aussicht von diesem höchsten Punkt
-ist einfach superb: die ganze Campagna liegt zu unseren
-Füßen, dem Lauf des Tibers folgt man bis zu Roms Mauern,
-das Meer schimmert stahlblau in der Mittagssonne zu uns
-herüber, Bracciano und den gleichnamigen See glaubt man
-mit der Hand erreichen zu können &ndash; die weichen Linien der
-Albaner-, Sabiner- und umbrischen Berge umschließen das
-Bild nach Osten und Süden &ndash; kurzum, das Ganze ist so
-schön, so abwechselungsreich, daß man sich schwer losreißen
-kann. Aber die Schatten werden länger, eilig geht es auf
-der Westseite bergab durch Weinberge und Olivenhaine. Von
-der Haltestelle San Oreste aus benutzten wir die Bahn und
-erreichen im Abenddämmern, nach entzückender Fahrt, unser
-letztes Ziel: Cività Castellana. Die Stadt liegt auf einer Felsplatte,
-zu der sich die Bahn in hübschen Serpentinen hinaufwindet,
-immer neue Ausblicke in die merkwürdig tief einschneidenden
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Flußtäler gewährend. Die Treja und der Rio
-maggiore umströmen die Stadt von drei Seiten, d.&nbsp;h. wenn
-man so sagen darf: ihr Piedestal. Fast senkrecht, aber mit
-dichten Schlingpflanzen und Gebüsch romantisch geschmückt,
-steigen die Uferwände empor, eine natürliche Verteidigung
-bildend, wie man sie nicht besser, und vor allem, nicht
-schöner denken kann. Und aus diesem Grunde &ndash; der geschützten
-Lage wegen &ndash; wurde die Stadt immer wieder aufgebaut,
-trotzdem verschiedene Eroberer, zuletzt die Sarazenen,
-sie zerstört hatten. Aber der Fleck Erde ist auch zu verlockend &ndash;
-die Promenade um die alte Stadtmauer immer wieder überraschend
-an neuen Ausblicken. Freilich, im Hof der einst berühmten
-Zidatelle weiden nur noch ein paar Ochsen, nachdem das Gebäude
-jetzt nicht einmal mehr als Gefängnis benutzt wird. Die
-Zeit, wo hier mächtige Grafengeschlechter hausten und Päpste
-sich zum Sterben in das überaus pittoreske Städtchen zurückzogen,
-ist vorüber; nicht einmal mehr ein Räuberhauptmann,
-wie seinerzeit Gasparone, lebt in ihr. Ihr einziges, sehr sehenswertes
-Gebäude ist die Kathedrale Santa Maria mit romanischem
-Portal, gotischen Rundfenstern und Cosmatensäulen in
-der Vorhalle. Auf dem Platz vor der Kirche wurde abends
-ein Ständchen gebracht und am nächsten Morgen der Markt
-abgehalten, als wir auf einem mittelalterlichen Omnibus vorüberrumpelten,
-um uns nach Borghetto bringen zu lassen. Von
-der Bahnstation Cività Castellana, die anderthalb Stunden von
-der Stadt entfernt ist, benutzten wir die Bahn zur Heimfahrt
-nach Rom.</p>
-
-
-<h4>II. In den Sabinerbergen.</h4>
-
-<p>Wer hätte nicht von deutschem Besitz auf italienischem Boden
-gehört &ndash; von dem berühmten Eichenhain, der Serpentara, der
-einst von deutschen Künstlern vor dem Ausroden bewahrt und
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-schließlich von ihnen mit gesammeltem Geld angekauft wurde?!
-Auch mich lockte dieses kleine »Deutschland«.</p>
-
-<p>Ganz früh, im unaufgeräumten Wartesaal des römischen
-Bahnhofs, tranken wir unsere Schokolade. &ndash; Eine kurze Bahnfahrt
-bis Zagarolo &ndash; von hier mit dem Omnibus bis Genazzano.
-Vorn neben dem Kutscher erwischen wir noch Plätze;
-die Bauern hinter uns unter dem muffigen Verdeck des Wagens
-können nicht begreifen, daß wir die angebotenen Ehrensitze
-in ihrer Mitte verschmähen! Wir aber blicken über den mächtigen
-Federbusch eines auf Urlaub für die Festtage gehenden
-Bersagliere &ndash; der uns zu Füßen auf der Deichsel hockt, nach
-dem schönen Spruch: Besser schlecht gefahren als gut gegangen!
-&ndash; in das sonnengetränkte, köstliche Land hinaus. Nicht tot
-mehr scheint die Erde &ndash; duftend steigt es aus den braunen
-Schollen empor, in den Zweigen der Kastanien- und Ölbäume
-regt es sich leise, rötliche Augen zeigen sich an den Weinreben,
-die sich von Ulme zu Ulme ranken.</p>
-
-<p>Und welch eine Volksmenge, je mehr wir uns der kleinen
-Stadt Genazzano nahen! Der Tag irgendeines Heiligen ist es,
-der zum Jahrmarkt benutzt wird &ndash; Frühaufsteher kommen
-uns schon mit ihren Einkäufen entgegen. Rechts und links am
-Stadttor hängen goldglänzende Kupfergeschirre an den Mauern;
-Bettladen, Wiegen und Truhen versetzen den Weg. Wir
-steigen aus und wandern durch den Ort, vorbei an einer Wallfahrtskapelle,
-die auch heute ihre Anziehungskraft beweist, vorbei
-am alten Palast der Colonna und den Überresten ihres
-Aquädukts, dessen von Efeu umsponnene Bogen malerische
-Rahmen für die Landschaft im Tal bilden. &ndash; Der Weg nach
-Olevano, nicht über die bequeme Landstraße, sondern quer
-durch die Felder, ist sehr schön; auf allen kleinen Anhöhen alte
-Klöster und Burgen, in weiterer Ferne Schneehäupter der
-Abruzzen und ringsumher ein Land, dessen historischen Reichtum
-man ahnt und fühlt. In der klaren Sonne ist es, als
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-könnte man mit einem Schritt zu all den kleinen Ortschaften
-hinüber, die sich nur durch eckige Konturen vom Felsboden,
-dem sie entwachsen, unterscheiden.</p>
-
-<p>Olevano liegt ebenfalls an einem Bergabhang und hat steile
-und schmutzige Straßen; aber überaus malerisch ist es: der
-Marktplatz mit seinem Brunnen, an dem die Esel getränkt
-werden, und zu dem im Abenddämmern prachtvolle Frauengestalten,
-die kupferne Conca (Krug) auf dem Kopfe, heranschreiten.
-Die Bewohner von Olevano haben überhaupt einen
-besondern, kräftigen und schönen Typ, und sind durch den Umgang
-mit liebenswürdigen Malersleuten zutraulich geworden.</p>
-
-<p>Etwa eine halbe Stunde nördlich von Olevano, am Wege
-nach Bellagra, liegt die Serpentara, der deutsche Eichenhain,
-ein Künstlerhaus mit deutschem Namen am Eingang. Wie
-merkwürdig das ist: plötzlich auf deutschem Boden zu stehen!
-Die Namen der besten vaterländischen Künstler sind mit diesem
-Fleck Erde verknüpft, unsere größten »Landschafter« haben hier
-studiert und gelernt. Ein Felsblock trägt das Relief unsres
-Kaisers, neben der 1887 gepflanzten »Kaisereiche« &ndash; ein
-andrer das Viktor Scheffels, unter dem seine Worte prangen:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">Hier im Zentrum des Gebirges</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Lesen wir die alte Keilschrift,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die der Haufe nie versteh'n mag,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das Gesetz des Ewigschönen.</td></tr>
-</table>
-
-<p>Einmal also, durch deutsche Künstler, haben wir im Lande
-unsrer ewigen Sehnsucht ein eignes, wenn auch bescheidenes
-Besitztum erreicht!</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen wanderten wir nach Bellagra, dem unheimlich
-schmutzigsten Ort, der mir in Italien begegnet ist und
-<em class="ge">vielleicht</em> durch diese Eigenschaft sehenswert, sonst nicht.
-Noch einmal steigen wir eine steile Anhöhe hinauf: nach Rocca
-San Stefano, dann geht es lange neben dem Anio, dem
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-»immerkalten«, her, und ebenso lange liegt links vor uns auf
-einem Felsen, von einer Burg überragt, Subiaco. Die sechs
-Stunden von Olevano sind, ohne uns im geringsten zu ermüden,
-»vergangen«; das Land und die kleinen Orte, die wir
-durchschreiten, bieten so viel Reize und immer neue Abwechslung,
-daß man sich der Länge des Weges nicht bewußt wird.</p>
-
-<p>Wer nun wirklich mit seiner Zeit geizen muß, lasse sich an
-dem äußern, reizvollen Eindruck Subiacos genügen und kehre
-eilig mit dem nächsten Zug über Tivoli nach Rom zurück.
-Vielleicht, um dort den Osterfeierlichkeiten in Sankt Peter beizuwohnen?
-Ach Gott, <em class="ge">diese</em> Enttäuschung ist ein Kapitel für
-sich! Ich feiere meine Ostern stets draußen, in irgendeinem
-kleinen Nest &ndash; weitab von den hastenden Touristen!</p>
-
-<p>Denn um Subiaco recht zu würdigen, bedarf man der Ruhe.
-Die drei Klöster von Santa Scolastica, »die Wiege des Mönchtums
-im Abendlande«, sind so reich an Schätzen und historischen
-Erinnerungen, daß es schade und nutzlos um einen kurzen
-Besuch wäre. Zur Zeit der Goten in Italien, als das römische
-Reich sich auflöste, gründete der heilige Benedikt hier eine Zuflucht
-für weltmüde Menschen, während des ganzen Mittelalters
-stand es da, »ein einsamer Leuchtturm der Wissenschaft«,
-wie Gregorovius es nennt, und Deutsche, Arnold
-Pannartz und Konrad Schweinheim, druckten hier im Jahre
-1465 das erste Buch in Italien, den Donatus, ehe sie in Rom,
-im Palazzo Massimi alle Colonne, die erste Buchdruckerei errichteten.
-Auch jetzt noch sind die Klöster überreich an Inkunabeln
-und alten Handschriften, trotzdem die Abtei mehrmals,
-z.&nbsp;B. von den Sarazenen wie von den Ungarn, zerstört
-worden ist. Aber die Macht des Klosters wurde durch Schenkungen
-reicher Barone immer wieder hergestellt, die Stadt
-Subiaco selbst geriet allerdings erst im Jahre 1068, als der
-Abt Johannes&nbsp;V. die Burg erbaute, in den Besitz des Ordens.
-Seit dieser Zeit rivalisierten die Benediktineräbte neben den
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Orsini und Colonna auch auf dem Kriegsfeld und waren leider
-wegen ihrer erbarmungslosen Justiz berühmt. Deshalb entzog
-Urban&nbsp;VI. im Jahre 1386 den Mönchen das Recht, den Abt
-selbst zu wählen, und setzte zum Teil dadurch ihrem Übermut
-eine Schranke. Dennoch empörte sich, fast hundert Jahre
-später, das Volk von Subiaco gegen die Mönche, die an fünfzehn
-jungen Leuten eine Art Lynchjustiz ausgeübt hatten, verwüsteten
-das Kloster und mordeten die Mönche. Auch in den
-ferneren Jahrhunderten spiegelt sich in der Geschichte dieser
-Abtei im kleinen das ewige Auf und Ab von Größe und Verfall
-wieder &ndash; und viel von dem steten Kampf zwischen geistlichen
-und weltlichen Würdenträgern!</p>
-
-<p>Ein steiler Weg von fünfundzwanzig Minuten führt weiter
-aufwärts nach San Benedetto, einer aus Ober- und Unterbau
-bestehenden Kirche, in deren Garten der heilige Franz von
-Assisi die Dornen, in denen der heilige Benedikt sich wälzte,
-um sich gegen verführerische Vorstellungen zu schützen, in Rosen
-verwandelte. Noch jetzt ist der Garten von Rosenbüschen erfüllt.
-Die Grotte, in der Benedikt lebte, ist mit einer Statue
-des Heiligen aus der Schule Berninis geschmückt.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="pb"><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-Frühlingsfahrten
-im Bereiche der italienischen Seen.</h3>
-
-
-<h4>I. Locarno.</h4>
-
-<p>Eins wollen die seit undenklichen Zeiten an Italien-Sehnsucht
-krankenden Deutschen nie lernen: daß sie nämlich dieses
-Land, das wie kein anderes Sonne, Wärme und frisches Grün
-verlangt, stets viel zu früh aufsuchen und es gerade dann verlassen
-&ndash; wenn es erst anfängt schön zu werden! Den früher
-so viel beklagten Übelständen: schlechten Heizungsmöglichkeiten,
-Steinböden usw., ist zwar längst, wenigstens in den besseren,
-internationalen Hotels und Pensionen, abgeholfen; es gibt
-überall Zentralheizung, Parkettböden, mit Teppichen ausstaffierte
-Hallen und Lifts und Wintergärten, und der Deutsche
-findet es mit steinerner Stirn: »ebenso wie zu Hause« &ndash;
-aber natürlich, den echten, gemütlichen italienischen Albergos
-muß er aus dem Wege gehen, weil er eben in ihnen friert
-und sie deshalb für »unmöglich« hält. Das ist der zweite
-Nachteil seiner vorzeitigen Erscheinung jenseits der Alpen.
-Der erste, wie gesagt, die tote Natur. Eine nordische Landschaft
-kann durch schweren, bewölkten Himmel Ausdruck und
-Stimmung erhalten und malerisch wirken, die italienische wird
-ohne Sonne farb- und charakterlos. Und weshalb begnügt man
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-sich mit ein paar warmen Mittagsstunden? &ndash; In der Hauptsache
-wohl, weil es diese auch zu Hause nicht gibt. Jetzt dehnt
-man sich schon morgens im Bett mit dem wohligen Gefühl,
-zu einem echten, rechten Sommertag erwacht zu sein; durch
-das weitoffene Fenster zieht laue Luft, durchsetzt vom wundervollen
-Duft der Glyzinien, deren schwere lila Trauben einen
-undurchdringlichen Baldachin über der Terrasse bilden. Man
-hat geschlafen, gewiß; aber bis in den Traum hinein hat man
-die Nachtigall gehört, die die Nacht durchschluchzte, und von
-der man ohne weiteres annimmt, daß sie poetisch genug war,
-ihr kleines Nest im Kamelienbaum aufzuschlagen; über und über
-bedeckt ist er mit leuchtenden, roten Blüten &ndash; und die Nachtigallenkinder
-werden ihr Leben lang vollauf zu tun haben, wenn
-sie auch nichts anderes lernen wollen, als ihn würdig zu
-besingen. Man lächelt vor sich hin, wenn man nun ans Fenster
-tritt und nach stillem Blick über den stahlblauen Spiegel
-des Sees die Wunder in der Nähe betrachtet: die Kletterrosen
-mit ihren Tausenden zartweißen, rosa oder gelben
-Knospen und Blumen, die prangenden Rhododendrons, die
-köstlich gefärbten und duftenden Azaleen, die alle in jeder
-Nacht an ihrer Vervollkommnung weiter arbeiten &ndash; aber
-mischte sich nicht in die langgezogenen Seufzer der Bülbül
-ein merkwürdig nüchterner Ton?! Man erinnert sich plötzlich:
-der Hahn war es, den die Kunst der grauen Sängerin nicht
-schlafen läßt, und der es in Locarno für nötig hält, noch vor
-Mitternacht die Menschheit an sein Dasein zu mahnen. Aber
-hier versteht man das; in diesem Zauberreich müssen die ältesten
-Gesetze ihre Kraft verlieren und aufgehoben werden. Die
-Natur befreit sich von allen Fesseln, und in ihrer unerhörten
-Verschwendung verleiht sie auch dem bescheidenen Haushahn
-die Gabe, über seine eigentliche Bestimmung hinaus zu
-krähen.</p>
-
-<p>Drunten pfeift der erste Dampfer, deutlich kann man verfolgen,
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-wie von allen Seiten Omnibusse heranrollen, etwas
-Gepäck verladen wird und einige Pärchen Hand in Hand den
-Weg, der zum Schiff hinüberführt, betreten. Der Dampfer
-gibt ein zweites, wehmütiges Signal: aber niemand kommt
-mehr. Schwerfällig legt er ab. Und der junge blonde Kontrolleur,
-der seit fünf Jahren täglich vom Morgen bis zum Abend
-die zwölf Dampfer seiner Linie kontrolliert, wird keine zu
-große Arbeit haben. Diese da, die letzten, allerletzten deutschen
-Hochzeitsreisenden haben richtige Billette, sitzen in der
-ihnen zukommenden Klasse, verlassen das Schiff ordnungsgemäß
-an der <i>Isola bella</i>, durcheilen Hand in Hand Schloß
-und Garten und stehen nach zwei Stunden Hand in Hand
-wieder bereit, um die Rückfahrt anzutreten. Nicht einen Schritt
-vom vorgeschriebenen Wege tun diese Leute &ndash; nichts sehen
-sie als die im Reisehandbuch verzeichneten Merkwürdigkeiten,
-und ohne Aufenthalt setzen sie ihre Tour fort: nach Lugano
-hinüber, oder gleich zurück über den Sankt Gotthard &ndash; und
-ahnen nicht, daß sie an den Hauptschönheiten vorübergegangen
-sind und sich ihnen nur eine Spalte des Allerheiligsten
-geöffnet hat! Nein, ich fahre nicht über den See; ich warte,
-bis auch die letzten Hochzeitsreisenden fort sind und sich die
-braven Italiener, die dann mit schwatzenden, lachenden Kindern
-Vor- und Hinterdeck in Beschlag nehmen, sich nicht mehr
-über die fabelhafte Ungeniertheit der Jungvermählten chokieren.
-Und abends kehre ich erst heim, wenn das Mondlicht ein
-glitzerndes Netz übers Wasser wirft und all die kleinen Uferstädte
-nur mehr durch die Perlenreihe der Lichter erkennbar
-sind und nach kurzem wieder in mystisches Dunkel zurücksinken.
-Jetzt wandere ich lieber die Höhen hinauf, in der tröstlichen
-Gewißheit, keiner Seele mehr zu begegnen, sobald ich den
-Stadtrayon verlassen habe. Am wilden Garten der Madonna
-del Sasso, die sich eher wie eine Festung als wie eine Kirche
-auf steilem Fels inmitten einer Schlucht erhebt, schlendere ich
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-vorbei, über Orselina Brione und Contra bis zu dem entzückenden,
-weltvergessenen Mergoscia im Tal der Verzasca,
-die sich nicht genug tun kann an größeren und kleineren Fällen;
-oder zur anderen Seite nach dem malerischen Ascona, das
-noch seinen besonderen Reiz durch die Gruppe der »Naturmenschen«
-erhält, die sich auf der Höhe des Monte Verità in
-verlassenen Bauernhäuschen angesiedelt haben und ihren Individualismus
-durch vegetarische Kost, flatternde Haare, wenig
-Bekleidung und größte Saloppheit dartun. Ich nehme mir
-aber bestimmt vor, sobald es noch heißer wird, mich wenigstens
-»vegetarisch« zu frisieren und alle künstlichen Unterlagen fortzulassen.
-Ascona ist auf dem Land erbaut, das die Maggia angeschwemmt
-hat; in ihrem langen Tal ist wohl der schönste
-Punkt bei Ponte Brolla, wo der Bach durch schroffe Felsen
-bedrängt wird, und später bei Visletto. In Cevio mündet ein
-neues Tal ein, das Valle di Campo, von der klaren Rovana
-durchströmt, von dessen verschiedenen Ortschaften aus über
-zahlreiche Pässe leichte und etwas schwierige Touren sich nach
-Gefallen und Wanderlust ausführen lassen. Aber sieh, das
-Beste liegt so nah! Der köstliche Weg von Locarno nach Ronco,
-hoch überm See, mit stetem Blick auf seine Fläche und die
-anmutigen Inseln bei Brissago, führt durch schattenspendenden
-Wald; nicht durch immergrünen mit hartem, dauerhaftem
-Laub, sondern unter den zartgrünen Zweigen von
-Ulmen, Buchen und den lichten Schleiern der Birken hin.
-Und über allen Vorbergen, die im April noch so plump in
-ihrem farblosen Massiv dastehen, haben die Birken ebenfalls
-ihr beständig flimmerndes Grün geworfen; auf den höheren
-Gipfeln leuchtet noch der Schnee, von den Abhängen erstrahlen
-die Obstbäume in blendender Pracht, und die Weinreben strecken
-sich von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum grüne Blättchen
-auf verlangend wachsenden Armen entgegen. Ein reizender
-Winkel, verfallende, verlassene Bauernhäuschen, durch dichten
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-Efeu zu malerischsten Ruinen umgewandelt, ist Fontana Martina,
-noch hinter Ronco gelegen und von Brissago aus über
-einen mörderisch steilen Pfad zu erreichen. Ein Deutscher
-wohnt hier einsam in dem toten Gemäuer, das für jemand,
-der wirklich Ruhe sucht, ein Dorado sein muß. Aber diese
-Jemande scheinen seltener zu sein, als man im allgemeinen
-annimmt: kein Liebhaber oder Räuber meldete sich bis jetzt,
-und der Deutsche, der ein wenig auf die Eigenbrödelei seiner
-Landsleute gerechnet hat, folgt am Ende eines schönen Tages
-&ndash; die hier ja nicht selten sind! &ndash; dem Beispiel seines Vorgängers
-und zieht sich mit einer reichen Frau in das Weltgetöse
-Mailands zurück. Die Kontraste liegen im Leben ja
-meistens dicht nebeneinander.</p>
-
-<p>Auch hier. Denn neben den Kindern heißerer Sonne, den
-hohen Fächerpalmen mit ihren kraftstrotzenden, sich eben
-öffnenden Blütenkolben sendet unser nordischer Flieder seine
-lila und weißen Sternchen im leisen Wind hinüber zu dem
-unendlichen Reichtum der Mimosenbäume; die zarten Kerzen
-des Kirschlorbeers strecken sich neben den derberen der Kastanie
-vor, die Orangenblüten erstrahlen doppelt neben den schwarzen
-Kugelfrüchten der Zypressen, die Iris gesellt sich zum Calicanthus,
-dem »Erdbeerbaum« unserer Kindheit, und zu Füßen
-des spielerischen Bambus und des selbstbewußten Eukalyptus
-sehen uns unsere Stiefmütterchen mit ernsten und etwas
-größeren Augen als zu Hause an.</p>
-
-<p>Ich will dem deutschen Frühling nicht seine Schönheit bestreiten;
-er hat längere Frist, sich zu entwickeln, und muß
-heftig genug um die hartgefrorene Erde und mit seinem Todfeind,
-dem Nachtfrost, ringen. Das mag seinen Kräften
-nur förderlich sein. Hier kommen sich Sonne und Erde in
-langem, heißem Kuß entgegen, es gibt kein Verweilen, nur
-ein Vorwärtsdrängen, ein Entfalten, Sprießen und Wachsen
-von Stunde zu Stunde. Und unter den glücklichsten Verhältnissen,
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-vom hehren Rahmen der Berge umfaßt, lacht aus
-betörender Farbenpracht mit tausend Augen der Sommertag,
-und klingt sein Herzschlag aus dem Lied der Amsel und dem
-unablässigen Zirpen der Grillen.</p>
-
-<p>Auf meiner Fensterbank liegt eine smaragdgrüne Eidechse.
-Sie genießt die Wonne ihres Daseins &ndash; sie ist wunschlos
-glücklich!</p>
-
-
-<h4>II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg
-der Erde.</h4>
-
-<p>Einen köstlichen »Aussichtsberg« überm Lago Maggiore gibt
-es, sagte man mir, und nachdem ich so lange darauf angewiesen
-war, allein oder in Gesellschaft von weder bergkundigen
-noch steigelustigen Genossinnen über bessere Hügel zu spazieren,
-wurde der Höhendrang von Tag zu Tag mächtiger. Sofort
-nach Ankunft des »Hochtouristen«, der auf Entdeckungsfahrten
-im »unbekannten Italien« auszog und sich, wie er sich bescheiden
-ausdrückte, »herabließ«, auf der Durchreise dem Lago
-Maggiore ein paar Tage zu »opfern«, wurde eine größere
-Tour vereinbart. Der Dampfer brachte uns nach Stresa, wo
-ein starker Gewitterregen die wichtige Frage nach bequemem
-Aufstieg, schöner Aussicht usw. zunächst so zweifelhaft machte,
-daß wir uns erst mal zum Bleiben entschlossen, an den pompösen
-Hotels und den noch schlafenden Villen der reichen Milanesen
-vorbeischlenderten und über einen der berühmten, herrlich
-angelegten Spaziergänge Doktor Georg von Siemens' wieder
-in das engmaschige Netz der Straßen des Städtchens zurückgerieten.
-Hallo, dort ist ein Auflauf vor einer Kirche! Wir
-stellen uns zwischen die anderen Neugierigen, und nach ein paar
-Minuten fährt &ndash; höchst modern! &ndash; ein Bischof im Automobil
-vor und nimmt große Sträuße, von Chiffonschleiern geschmückt,
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-in Empfang. Eine Kapelle empfängt ihn mit dröhnender Musik
-&ndash; leider ist es die Marcia Reale, im Jubiläumsjahre römisch-klerikalen
-Ohren gewiß eine doppelt unsympathische Melodie.
-Aber der geistliche Herr findet sich mit Würde in diesen überraschenden
-Kunstgenuß, verschwindet unter dem feuerroten, mit
-breiten Goldstreifen umsäumten Baldachin und erscheint nach
-kurzem wieder, in voller Amtstracht, die Hand mit dem Hirtenring
-segnend nach links und rechts streckend. Der Zug ordnet
-sich; als Trägerin eines riesenhaften Kreuzes eine jüngere Person
-wie eine Schar ihr folgender, bedeutend älterer in blauem
-Überwurf und weißen Schleiern, dazu haben alle &ndash; sogar die
-Kreuzträgerin &ndash; trotz der Heiligkeit des Moments, ihre mächtigen
-baumwollenen Regenschirme am Arm, die wohl nur im
-Tode von den Italienern abgelegt werden. In langen Reihen
-folgen die Schulkinder, Knaben wie Mädchen, von Geistlichen
-und Schwestern geleitet; am anderen Tage gibt's eine große
-Firmelung, obgleich der eigentliche Zweck des Signor Vescovo
-nur eine <i>visita pastorale</i> sein soll, der Besuch des Hirten bei
-seinen Schäflein. Armselig genug sehen sie aus, die ihm in die
-nächste Kirche folgen, und sein ernsthafter Blick gleitet über die
-Fremden hin, die abseits stehen. Und in diesem ruhigen Blick
-und in der Bewegung der segnenden Hand liegt so viel Achtunggebietendes,
-daß sich die Köpfe derer, die eben noch über die bescheidene
-Prozession und den modernen Bischof im Auto gelächelt
-haben, demütig senken und ihren Teil an seinem Segen
-hinnehmen.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen hat es sich so weit geklärt, daß man
-nach Meinung der Eingeborenen den Aufstieg wagen darf:
-schlechtes Wetter hält sich hier ja nie länger als einen Tag, der
-Wind hat gewechselt, Gewitter kommt nicht &ndash; also! Und was
-man gerne glauben möchte, glaubt man ja einfach, obwohl der
-Hochtourist behauptet, die Einheimischen verstehen vom Wetter
-nie etwas. Zuerst geht's einen steilen Fosso, eine kleine
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-Schlucht, empor; die Sonne brennt wahnsinnig, besonders,
-da ein fast senkrechter Bauern-»<i>scorciatoio</i>« zum Abkürzen
-verlockt hat und man sich mit Unterholz und Geröll herumplagen
-muß. Dann oben auf dem harmlosen Grat, zum Teil
-durch Wald, ist es recht hübsch; dann furchtbar langweilig,
-trotzdem man sich allmählich zur alpinen Flora emporgearbeitet
-und tiefblaue Enziane auf den sumpfigen Wiesen findet
-&ndash; denn natürlich hat man wieder »abgekürzt«, schon um nicht
-immer neben dem im Bau befindlichen Damm der Zahnradbahn
-herlaufen zu müssen. Im Mai dieses Jahres noch soll
-sie eröffnet werden, dann werden endlich auch die Italiener,
-die mit wenig Ausnahmen ja das Wandern verabscheuen, diesen
-Berg gewinnen, und seine Einsamkeit wird dahin sein. Denn
-jetzt haben wir in den vollen vier Stunden, die wir zum Aufstieg
-ohne Rast brauchten, nur ein paar Bahnarbeiter getroffen,
-sonst keine Seele. Dicht vorm Albergo lag noch Schnee, zugleich
-setzte ein Hagelschauer ein, dem ein heftiges Gewitter folgte;
-da wir nun doch schon naß waren, erklommen wir gleich den
-nur zehn Minuten vom Restaurant entfernten Gipfel, mußten
-aber durch meterhohen Schnee waten. Oben, unter dem 15&nbsp;m
-hohen Kreuz, lagerten wir an einer schneefreien, aber leider
-nicht windfreien Stelle und warteten geduldig, bis das Wetter
-sich verzog und langsam, langsam die liebe Sonne wieder durch
-die schweren Wolken kam. Welch ein Wunder sich dann offenbarte,
-und wie aus der Riesenkette schneebedeckter Häupter
-allmählich in überwältigender Höhe die Gruppe des Monte
-Rosa emporwuchs, das wäre auch mit drei Gewittern und vier
-Meter hohem Schnee nicht zu teuer bezahlt gewesen! Und
-drüben, über den sieben Seen, die man von oben zählt, fuhren
-die gewitterschwangeren Wolken noch unruhig hin und her, ein
-ewig wechselndes, berauschendes Farbenspiel auf den Wasserspiegeln
-hervorrufend, während der Schnee ihrer Berge in
-schwefelgelbe Tinten getaucht war. Ich glaube kaum, daß es
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-an besonders klaren Tagen, an denen sich in der lombardischen
-und piemontesischen Ebene von hier aus Mailand und Turin
-zeigen sollen, schöner sein kann, als wir es oben hatten. Aber
-leider haben manche Leute ja ein Vorurteil dagegen, bei Gewittern
-auf Berggipfeln zu sein!</p>
-
-<p>Nach einer angenehmen Collazione im vortrefflich geleiteten
-Albergo, das den in Italien als Gastwirte bekannten Guglielminas
-gehört, stiegen wir dem westlichsten der oberitalienischen
-Seen, dem Lago d'Orta, zu, an der Südseite des Mottarone
-hinunter. Abkürzungswege, auf die wir an diesem Tage nun
-einmal geschworen hatten, brachten uns schneller ins Tal und
-dazu durch Gegenden, die absolut menschenleer waren, und in
-denen außer anderen Vogelstimmen sich sogar auch Nachtigallen
-hören ließen. Aber diesen wundervollen Weg, der allmählich
-wieder in die Region der immergrünen Gewächse hinabführte
-und zum Schluß an ganzen Narzissenfeldern vorbei, beschreibe
-ich nicht näher; aus Angst, ein Italiener könnte lesen, daß es
-bei ihm noch irgendwo Singvögel gibt! Dann wär's aus mit
-ihnen!</p>
-
-<p>Nach gut vier Stunden tauchte endlich am Ende der Schlucht
-wieder der vom Gipfel des Mottarone schon begrüßte See auf,
-entzückend in seiner Stille, der malerischen Umrahmung und der
-Insel San Giulio mit der alten Kirche darauf in seiner Mitte.
-Zwar fielen jetzt wieder große Tropfen, während ich noch den
-imponierenden Sassina-Viadukt bewunderte und wiederholt
-meine Bedenken gegen die Wetterkenntnis der Eingeborenen
-äußerte. Aber weit vom Ziel konnten wir doch nun nicht mehr
-sein; ich verwandelte mich mit meinem Wetterkragen in eine der
-besonders beliebten »Lodendeutschen« und wanderte tapfer
-fürbaß &ndash; wohl noch fast eine Stunde in immer stärker strömendem
-Regen, unliebenswürdigem Donnergrollen und überflüssig
-häufigen Blitzschlägen. Manchmal ist einem doch <em class="ge">ein</em>
-heftiges Gewitter pro Tag genug. Jedenfalls war ich recht
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-froh, als wir endlich beim Pranzo auf der kleinen Terrasse
-des Albergo Orta saßen und ich den Regen nicht mehr direkt
-ins Gesicht und auf den Kopf bekam. Übrigens ist die kleine
-Stadt Orta, die eigentlich nur aus einer Piazza und einer einzigen
-engen Straße, abgesehen von einigen an den Hängen
-verstreuten Villen, besteht, sehr reizvoll, und ihr Sacro Monte,
-in dessen Kapellen das Leben des hl.&nbsp;Franz von Assisi in den
-in dieser Gegend bevorzugten Terrakottafiguren dargestellt
-wird, bietet eine entzückende Aussicht.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen in Frühe und Kühle brachte uns ein
-emsiger kleiner Dampfer in einer Viertelstunde ans andere
-Ufer, nach Pella hinüber, wo ich den Sitz auf dem mich schon
-im voraus klagend anschauenden Maulesel dankend ablehnte
-und auf einem Weg, den uns die Italiener als gänzlich unmöglich
-für Damenfüße schilderten, sehr bequem, zum Teil
-durch schattigen Wald, nach zwei Stunden den Paß la Colma
-erreichten. Als gewissenhafte Alpinisten &ndash; so ist man nun
-einmal! &ndash; nahmen wir gleich den Monte Briasco von hier aus
-noch mit, zu dessen Gipfel (1185&nbsp;m, also fast 300&nbsp;m weniger
-als der des Mottarone!) man in dreiviertel Stunden gelangt,
-und der mir den Monte Rosa einmal ganz ohne Wolken und
-durch seine Nähe von imponierendstem Eindruck zeigte. Dann
-ging's von la&nbsp;Colma an recht gemütlich hinab, durch prächtige
-Kastanien- und Nußwälder, an viel einsamen, von blühenden
-Obstbäumen umstandenen Gehöften vorbei. Nur wo in Italien
-immer die Menschen sind, möchte ich trotz meiner Vorliebe für
-ungestörtes Wandern doch oft gern wissen. Bis unten das
-Sesiatal auftauchte, kam es mir vor, als gehörte dies herrliche
-Land allein uns, so wenig wurde es von anderen beansprucht.
-Alles in allem haben wir vier und eine halbe Stunde bis zu
-dem durch seine Lage und Architektur überwältigend schönen
-Varallo gebraucht &ndash; warum also kennen Deutsche die kleine
-Stadt fast gar nicht und überlassen sie den Engländern fast
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-ganz, die allerdings nicht ungeschickt im Aufspüren versteckter
-Kunststätten sind?!</p>
-
-<p>Varallo ist ein altes Städtchen, überaus malerisch mit seinen
-Steinhäusern und dem lichten Grün der Laubbäume, dem
-dunklen der immergrünen Pflanzen dazwischen. Alte Dokumente,
-zwei Diplome Kaiser Konrads&nbsp;II. erzählen, daß es
-schon 1025 existierte. Zu größerer Bedeutung gelangte es aber
-erst, als Bernardo Caimi, ein Franziskanermönch, einer vornehmen
-milanesischen Familie entstammend, im Jahre 1481 nach
-seiner Rückkehr aus Palästina beschloß, in seinem Heimatlande
-ein Sanktuarium zu errichten, das allen heiligen Orten,
-die er besucht hatte, samt den Begebenheiten, die sich dort
-zugetragen haben, gleichen sollte. Er erwählte sich Varallo zu
-seinem frommen Werke und erhielt im Jahre 1486 vom
-Papst Innozenz&nbsp;VIII. die Erlaubnis, ein Kloster zu errichten.
-Aber erst nach einer zweiten Reise nach Jerusalem
-entwarf er die Pläne für das Heiligtum, und im Jahre 1491
-wurde der Grundstein gelegt. Seit dem Besuche des Erzbischofs
-von Mailand, Karl von Borromeo, im Jahre 1578,
-der das Sanktuarium bedeutend erweiterte und den Beschluß
-faßte, in einzelnen Kapellen alle Mysterien des Lebens Christi
-darzustellen, gewann Varallo seine große Wichtigkeit als Wallfahrtsort.
-In den waldreichen Tälern und auf den kleinen
-Vorsprüngen des Berges verteilen sich 45 Kapellen um die
-Hauptkirche, vor der sich ein architektonisch höchst reizvoller
-Hof hinbreitet. Das Innere der Kirche ist reich, aber modern.
-In den Kapellen dagegen befinden sich die alten Fresken und
-Terrakottagruppen, die auf Befehl Karl Borromeos hergestellt
-wurden. Fast tausend Statuen, darunter unzählige
-Tiere, Vögel, Reptilien, von 80 Künstlern ausgeführt, veranschaulichen
-das Leben und Leiden Christi und gelten dem italienischen
-Volke noch heute als wunderbare künstlerische Leistung;
-während unser Geschmack wohl durch die ganze Anlage
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-als solche, die Architektur der Kirche und der Kapellen
-sowie durch die entzückende landschaftliche Umgebung des
-Heiligtums mehr befriedigt wird als durch die oft sehr bunt
-bekleideten und daher unruhig wirkenden Gruppen. Einzelne
-allerdings, wie die »Kreuzigung« aus der Hand Gaudenzio
-Ferraris, werden auf jeden Beschauer eine erschütternde Wirkung
-ausüben. Auch darf man nicht vergessen, daß zur Zeit,
-als die Terrakotten entstanden, die Bauern weder lesen noch
-schreiben konnten und Bücher eine Seltenheit waren. Da
-mußte die anschauliche Darstellung der heiligen Geschichte
-von größtem Einfluß sein.</p>
-
-<p>Am Fuße des Sacro Monte, zu dem man von der Stadt
-aus auf sehr steilen Wegen in zwanzig Minuten emporsteigt,
-liegt die äußerlich simple Chiesa Santa Maria della Grazie,
-die dem 15.&nbsp;Jahrhundert entstammt. Eine vornehme Familie
-aus Varallo, die Vincini, ließ auf ihre Kosten das große
-Wandgemälde malen, welches das Prespyterium von der übrigen
-Kirche scheidet. Es darf wohl als schönste Arbeit Gaudenzio
-Ferraris betrachtet werden und stellt in zwanzig Vierecken,
-in der Mitte als größtes die Kreuzigung, Christi Leben
-dar. Ein anderes Bild desselben großen Künstlers, die Vermählung
-der heiligen Katharina, befindet sich hinter dem
-Hochaltar der auf köstlichen Substruktionen sich erhebenden
-Pfarrkirche San Gaudenzio, zu deren Füßen der Wochenmarkt
-abgehalten wird. Auch über dem Portal der Chiesa
-della Madonna di Loreto, eine Viertelstunde von Varallo
-entfernt, hat Ferrari die Geburt Christi wunderbar <i>al fresco</i>
-gemalt.</p>
-
-<p>Besonders anziehend wird das Stadtbild Varrallos durch
-die schönen Trachten der Frauen aus den naheliegenden
-Dörfern und Tälern. Die aus Fobello tragen breite, leuchtend
-rote Säume an den schwarzen Faltenröcken, während eine
-schmale rote, hinten grüne Einfassung die Rocksäume der
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-Frauen aus dem Mastolonetal umgibt. Alle aber tragen sie
-unter den Jacken und Miedern weiße Hemden mit kostbaren
-gelblichen Macraméeinsätzen und -spitzen und breitgelegte seidene
-Tücher auf dem Kopf, die nur bei der Messe durch
-Schleier aus Spitzen oder feinem Leinen ersetzt werden. Als
-Beitrag zu einem aktuellen Thema möchte ich erwähnen, daß
-ebenso allen Frauen ein schwarzes Beinkleid gemeinsam ist,
-das die Beine eng bis zu den Knöcheln umhüllt; die nackten
-Füße stecken in den landesüblichen Holzpantoffeln, den »Zoccoli«.</p>
-
-<p>So bringt der kleine Ausflug ins »unbekannte« Italien
-des Erhebenden, Neuen, Anregenden genug. Mir bleibt der
-Besuch des größten Kalvarienberges der Welt eine schöne Erinnerung.
-Und wer die Mühe scheut oder kein flotter Wanderer
-ist, dem verrate ich einen näheren, bequemeren Weg:
-eine zweistündige Bahnfahrt von Arona am Lago Maggiore
-aus bringt auch ans Ziel. Aber, »wem Gott will rechte Gunst
-erweisen,« der wandre!</p>
-
-
-<h4>III. Hochalpine Spaziergänge.</h4>
-
-<p>Für jemand mit der eingeborenen Lust zum Bergsteigen im
-Herzen ist es undenkbar, lange still an einem Platz zu sitzen,
-dessen nächste Umgebung Gebirgszüge sind. Sie locken täglich;
-und täglich dringender. Und nur schlechtes Wetter und die Gewißheit
-auf »Aussichtslosigkeit« lassen die Genagelten im Schrank
-stehen. Man hat also Zeit genug, sich vorher zu orientieren; das
-ist bei allen Bergen an den oberitalienischen Seen nicht leicht.
-Da gibt's keine schönen Wege wie in den Gebieten des Deutschen
-und Österreichischen Alpenvereins, auch sehr selten Markierungen.
-Unzählige Vieh- und Holzwege kreuzen sich und laufen nach
-allen Seiten, und erst wenn man aus der Waldregion herauskommt,
-wird es, wenigstens für den, der ein Auge fürs Gelände
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-und für Bergformen hat, leicht, die beste Route zu finden.
-Im ganzen bieten die Berge keine Schwierigkeiten; es
-sei denn, daß noch Schnee liegt, der die Aufstiege im letzten
-Teil ermüdend macht. Denn natürlich besteigt man diese Berge
-am liebsten im Frühjahr, weil die Aussichten dann schöner sind
-als im Herbst, auch grade der Schnee die Linien der Gipfel
-veredelt. Abgesehen von den italienischen Sommergästen, die
-ja auch sehr bequem sind und sich nur selten zu einer Partie
-aufraffen, werden diese Berge fast nie bestiegen. Die Touristen,
-die alles an den Seen besuchen, was sie eben für »alles«
-halten, sind zu eilig, das internationale Reisepublikum bummelt
-herum, Hochtouristen erscheinen nicht auf der Bildfläche. Auf
-viele Berge, z.&nbsp;B. auf den Monte Generoso, auf den Mottarone,
-auf dem ich vor zwei Jahren noch zu Fuß war, führen
-jetzt Zahnradbahnen, so daß sich die »Faulen, die zu Hause
-liegen«, ohne weitere Anstrengung das Vergnügen einer Aussicht
-verschaffen können. Was ist das aber gegen eine selbst erkämpfte?!
-Freilich, die Bauern in den kleinen, jetzt in köstlichem
-Grün gebetteten Felsennestern warnen wie immer vor
-dem entsetzlichen Weg, der für eine Dame absolut unmöglich
-sei! und vor dem tiefen Schnee am Gipfel &ndash; Schnee bleibt
-nun einmal in der Vorstellung des Italieners die böseste Naturerscheinung!
-Trotz der gutgemeinten Ratschläge geht man
-im steten Schritt weiter; schließlich, steckte man sich nicht höhere
-Ziele, könnte man einen Aussichtsberg wie die Cimetta von
-Locarno aus als Morgenspaziergang behandeln, wenn man
-seinen Tag um fünf Uhr begönne. Denn es handelt sich um
-keine bedeutenden Höhen &ndash; die Cimetta z.&nbsp;B. ist nur 1676&nbsp;m
-hoch&nbsp;&ndash;, da die Seen aber tief liegen, ca. auf 200&nbsp;m, so hat
-man immerhin recht große Höhendifferenzen zu überwinden.
-Und ist man erst oben, so möchte man gleich mehr genießen!</p>
-
-<p>Wir übernachteten daher in dem 1000&nbsp;m über Locarno gelegenen
-»Alpenheim«, zu dem die Straße mit den berühmten
-<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-28 Kehren hinaufführt. Sie zeichnet sich durch die Verheißung
-aus, daß man ab der 22. den Monte Rosa sieht &ndash; allerdings
-zuerst in einem Umfang, daß man ihn mit der wirklich mitgenommenen
-Zahnbürste decken könnte &ndash; <em class="ge">und</em> durch ihre Pflasterung.
-Oh, diese Pflasterung, die man allen hochgelegenen
-Orten und den zu ihnen leitenden steilen Saumpfaden angedeihen
-läßt! Hinauf geht's noch &ndash; aber hinunter, wenn man
-ohnehin von seinem Berg-Tagewerk schon müde ist, und nun
-sich die runden, eckigen, immer aber gebuckelten Steine mit
-Vehemenz in die Sohlen drücken! Wozu sie noch niederträchtig
-glatt und rutschig sind, weil sie mit Holzschlitten, die das
-Holz von oben bringen, befahren werden und den Genagelten
-daher so gut wie keine Reibung bieten. Da heißt's bei jedem
-Schritt achtgeben, will man das Mosaikmuster nicht noch andern
-Körperteilen einpressen. &ndash; Im »Alpenheim« sind noch
-keine Gäste; man eröffnet mit uns die Saison. Die einzige Bedienung,
-der siebenjährige Sohn der Deutsch-Schweizer Wirtin,
-serviert uns die vorhandenen Genüsse: Rühreier, und Salami,
-in den italienischen Bergnestern das Ein-und-Alles! Wahrscheinlich
-aber bereitet die auch auf Höhen steigende Kultur der
-wohltuenden Primitivität hier oben bald ein Ende: die Quelle,
-aus der man beim Aufstieg ahnungslos trank, soll Radium
-enthalten. Schon naht ein Konsortium &ndash; und in einer Vision
-sieht man statt Hansi mit zu kurzen Hosen und bloßen
-Füßen befrackte Kellner und beknöpfte Liftboys. Fliehe, ehe
-es zu spät ist!</p>
-
-<p>Um vier Uhr früh tranken wir deshalb den »Tourenkakao«,
-packten harte Eier und Salami in den Rucksack und ließen
-den zukünftigen Radiumpalast, den jetzt noch eine Stearinkerze
-erhellte, hinter uns. Empor durch Wiesen, vorbei an
-leerstehenden Almhütten. Nach gut zwei Stunden ein recht
-ekelhafter Grasbuckel, auf dem man immer wieder Terrain
-zu verlieren statt zu gewinnen scheint, so rutschig ist er; dann
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-pfadlos zum Gipfel. Schön?! Unbeschreiblich! Der Lago
-Maggiore in lichter Morgensonne, gerade noch sieht man
-das goldene Gegitter des Mondes in den dunklen Fluten
-vertauchen &ndash; leichte, lila Wölkchen um die schneebedeckten
-Gipfel, als Glanzpunkt des Gebirgspanoramas der Monte
-Rosa in strahlender Pracht und jetzt jedem banalen Vergleich
-unerreichbar, dazu die Mischabel, in greifbarer Nähe der
-stolze Basodino &ndash; und dann die Talblicke! Rauschende
-Ströme, blitzende Wasserfälle, duftige Wälder und überall
-auf Terrassen und Hängen, vom Grün der Weinberge umschlossen
-und von malerischen Kirchen überragt, Ortschaften und
-Dörfer, die immer aus der Ferne wie königliche Residenzen
-wirken und in der Nähe, ach, von solch schmerzlicher Armut
-und Verkommenheit sind. Im Augenblick aber freut einen
-nur die kostbare Schönheit ringsum &ndash; man möchte mehr
-und mehr von ihr haben! Also hinunter zum Sattel &ndash;
-mühelos gewinnt man ihn &ndash; und wieder aufwärts über
-einen steilen Fels- und Schneegrat zum Gipfel des Poncione
-di Trosa (1874&nbsp;m). Hier gibt's dieselbe, nur noch erweiterte
-Aussicht, ein Frühstück im Schnee und dann eine Abfahrt,
-im Sitz, die steilen Hänge hinunter im Schnee, höchst amüsant
-und sehr verwegen über die tiefvergrabenen Buchenäste
-und Alpenrosenbüschen fort &ndash; recht groß kommt man sich
-vor! Ja &ndash; bis man plötzlich bis über die Hüften im Schnee
-feststeckt und das rechte Bein weder rück- noch vorwärts bewegen
-kann, so zäh umklammert es das Gezweig. Es ist zum
-mindesten ungemütlich, und wäre man jetzt allein &ndash; und
-bis Mittag frören die Zehen ab und vom Nachmittag an
-brauchte man von einem Paar Strümpfen nur noch den
-linken &ndash; es nützt nichts, »der« Hochtourist, der unten am
-Sattel steht und schreit und brillante technische Ratschläge
-gibt, nach denen jedes bessere Bein ein Korkenzieher würde,
-muß noch einmal herauf und mit Pickel und freundlichen, auftauenden
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-Worten »der« Bein ausgraben. Es gibt einen unvorhergesehenen
-Ruck und Bein mit Genageltem schnellen dicht
-am Antlitz des Befreiers vorüber ans Tageslicht. Daß man
-sich nun erst recht noch einen Gipfel erkämpfen muß, steht
-fest. Vom Sattel geht's ziemlich bequem &ndash; was man in
-den Bergen so nennt, wo glitschige Platten, fatales Gestrüpp,
-steiles Gras und schließlich wieder harter Schnee nur angenehme
-Begleiterscheinungen sind &ndash; zum Gipfel des Madone
-hinauf (2050&nbsp;m). Dies Auf und Ab ist durchaus interessant
-und wohltätig für die Geschmeidigkeit des Körpers,
-die Aussicht von hier auch noch weiter, noch imposanter, und
-eventuell noch ein halbes Dutzend Gipfel bequem bei Hand
-und Fuß. Aber ich bedeute meinem Hochtouristen ernsthaft, daß
-ich im Leben nie unbescheiden gewesen sei und mir bis vormittags
-11&nbsp;Uhr drei Gipfel genügten, und meine Kousine, deren erste
-Bergtour es war, erklärt, daß sie sich die Sache überhaupt
-ganz anders vorgestellt habe und keinen Schritt mehr aufwärts
-steigen wolle. Darauf fuhren wir froh auf dem Teil, den
-der liebe Gott zum Sitzen eingerichtet hat, über den Schnee,
-zum Sattel hinunter, trockneten an einer noch verlassenen
-Almhütte einige Kleidungsstücke in der mitleidigen, aber doch
-leis verstimmten Sonne, aßen den Rest der Salami und
-marschierten ab, auf recht miserablen Alpenwegen, zum Tal
-der Verzasca hinunter. Was vorher leichter Nebel war,
-verdichtete sich zu feuchten Niederschlägen; die Feuchtigkeit
-zu sanftem, starkem &ndash; dann brausendem Regen. Bis zum
-hübschen Mergoscia, das immer noch 735&nbsp;m hoch liegt,
-triefte es von meinem guten Hut, und aus meinen Handschuhspitzen
-lief das Wasser. Aber nach einer Stärkung an
-entsetzlichem Kaffee, bei dem einem mal wieder klar wurde,
-<em class="ge">wie</em> gut man's hat, daß man den nicht täglich zu trinken
-braucht, besannen wir uns darauf, daß wir schließlich erst
-gut acht Stunden marschiert seien, abgesehen von der durch
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-Rasten und Ausgraben verlorenen Zeit, daß die am Nachmittag
-fahrende Post vielleicht schon besetzt wäre und wir
-inzwischen keinenfalls auf eine Trocknung unseres inneren
-und äußeren Menschen zu rechnen hätten. Ich setzte den
-guten Hut wieder auf und durch das wildromantische Tal,
-in dem sich die Verzasca durch starre Felsen ihre Bahn gräbt
-&ndash; das also bei schönem Wetter jeden Lyriker begeistern würde &ndash;
-eilten wir mit zusammengebissenen Zähnen heimwärts. Zwei
-volle Stunden lang im alpinen Schritt. Rucksack und Hut
-vermehrten ihr Gewicht bedeutend. Den Regen aber kümmerte
-das nicht. Er tat ganz, als sei er in dieser Umgebung
-zu Hause und begleitete uns gastlich bis zur Schwelle.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Man muß nicht nur die Feste feiern wie sie fallen, sondern
-in einer Periode, in der das Wetter höchst beständig, nämlich:
-beständig schlecht ist, sich zu seinen Unternehmungen sofort
-auf die auch nur einigermaßen guten Tage stürzen. Solch
-ein »einigermaßener« Tag war's, den wir von Locarno aus
-zur Fahrt nach Bellagio benützten, nicht um die Reize dieses
-Glanzpunktes aller italienischen Seen in gemächlicher Ruhe
-zu genießen, um Spitzen, Intarsien oder »echte« Antiken
-einzuhandeln &ndash; etwas »Höheres« lockte uns seit langem,
-der Monte San Primo, der höchste Punkt der Halbinsel, die
-an ihrer nördlichen Spitze Bellagio trägt. Nach einem wohltuenden
-<i>pranzo</i> (Mittagessen) im Freien, auf der Terrasse
-des Hotels Florenz, den herrlichen See zu Füßen, gegenüber
-im wunderbarsten Blumenflor die Villa Carlotta des Herzogs
-von Meiningen, und nach einem ausruhenden Bummel unter
-den Palmen des Parkes Serbelloni, machten wir uns ans
-Werk, angefeuert vom Studium der Karte, die ungefähr
-verrät, was einen auf diesem Gipfel erwartet. Der Rucksack
-ist gottlob nicht schwer, denn die Luft ist fürs Steigen auf
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-der bequem angelegten Straße immerhin schwül. In den
-Weinbergen schlagen sich schon grüne Bogen von einem Maulbeerbaum
-zum andern, aus dem hohen Gras ihrer Terrassen
-glänzen die weißen Sterne der Narzissen. Man denke: es gibt
-hier Wegweiser! Und so landet man nach dem Durchwandern
-einiger kleiner Ortschaften ohne alle Fährnisse in Guello, das
-schon 600&nbsp;m hoch liegt und uns zur Nacht beherbergen soll.
-Im Bädeker steht bei diesem Namen: (Whs.) &ndash; bedeutet
-Wirtshaus&nbsp;&ndash;, ein »Allogio« dort gäbe es nicht, hatte uns
-der Kellner in Bellagio versichert. Das schien auch fast so;
-obgleich der Ort, in dem es außer einigen übrigens über das
-ganze Dorf verstreuten Villen nur vier Häuser gibt, zwei mit
-der lockenden Aufschrift »Ristorante« und »Birraria«, zu
-verzeichnen hat. Die Dämmerung war hereingebrochen; so
-konnten wir nicht mehr auf des andern Gesicht lesen, was als
-Hochmut und unberechtigte Anspruchsfülle zu deuten gewesen
-wäre. Ich trat entschlossen auf das wenigst schlechte Haus zu,
-in dem eine <i>padrona</i>, die genau so schwarz und so rußig
-war wie ihr Kupferkessel überm offenen Feuer, uns bedeutete,
-daß wir nicht allein Eier und Salami, sondern auch,
-o Wunder, ein kleines, von uns unbeachtetes Häuschen, dass
-unten eine große, etwas modrig duftende Wirtsstube und,
-durch eine Außentreppe zu erreichen, oben zwei ganz nette Gastzimmer
-aufwies, haben könnten. Die Betten sind in Italien
-auch im bescheidensten Nest gut, auch hier; von der übrigen
-Einrichtung nenne ich nur einen großen Haufen Schafwolle
-in einer Ecke, in der andern das Sonntagszeug der männlichen
-Hausbewohner. Salami und Eier schmeckten vorzüglich,
-das Brot mußte man sich im herben <i>vino da pasto</i>
-(Landwein) erst aufweichen; serviert war, auch wie überall
-in Italien, auf reinem Tischtuch mit Zugabe von tadellosen
-Servietten. Das bunte Tischtuch bleibt, Gott sei Dank!, eine
-deutsche Erfindung, dafür ist in ähnlichen, elenden Wirtshäusern
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-unseres Vaterlandes die Serviette, die der Italiener zum
-einfachsten Imbiß spendiert, z.&nbsp;B. zum Kaffee oder Tee, etwas
-total Überflüssiges, Luxuriöses. Um halb vier Uhr rasselte im
-Nebengemach die Taschenuhr »des« Hochtouristen los, die
-immer dann geht, wenn man am besten schläft; zugleich versicherte
-die <i>padrona</i>, daß das Wetter schön und der Kakao
-fertig sei. Umgekehrt hätte auch nicht gestimmt: das Wetter
-war trübe, der Kakao schlimm. Aber man muß guten Mut
-haben! Es klärte sich auch ziemlich auf, so daß man seine
-Freude an den hier oben noch blühenden Obstbäumen und den
-sich eben erschließenden, alle Wiesen und Hänge bedeckenden
-Bergschlüsselblumen haben konnte. Da der weite Talkessel bis
-hoch hinauf größere und kleinere Sommerhäuschen der Milanesen
-trägt, geht der Fahrweg am Sasso Lentina, einem berühmten
-eratischen Riesenfelsblock, vorüber, bis zu einem
-Wäldchen hinauf, von dem jenseits die Alpe del Borgo liegt.
-Nun führt ein rauher Bergsteig durch Erikabüsche aufwärts
-zum östlichen Gipfel des Monte San Primo, den man nach
-gut drei Stunden betrübten Herzens erreicht; denn die Aussicht
-wird, bei diesem Nebel, der zuerst das Tal nach links,
-dann auch die rechte Seite schließt, kaum nennenswert sein.
-Man konstatiert ärgerlich, daß hier oben noch Schnee liegt,
-die Christrosen noch grün sind, das kleine, struppelige Buchengestrüpp
-kaum Knospen ansetzt &ndash; und dann, am östlichen
-Gipfel, zerreißt der Nebel plötzlich, See, Wald, Halbinsel,
-Ortschaften, Berge tauchen auf, die Wanderung am Grat entlang
-bis zum Hauptgipfel (1685&nbsp;m), die noch eine gute
-Stunde beansprucht, wird zu einem wunderbaren Genuß! Das
-Kapellchen oben ist zerfallen, der Schutzraum noch voll Schnee
-&ndash; aber der Blick, der wunderbare, unvergleichliche Blick! Die
-Seearme von Lecco und Como umschließen den Bergrücken,
-auf dem man steht, die ganze Halbinsel mit ihrem köstlichen
-Wechsel von Wald und Hang, Villen, Parks und Ortschaften,
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-mit Bellagio und den Städtchen und Dörfern am andern Ufer
-breitet sich aus, umschlossen vom prachtvollsten Bergkranz, in
-dem besonders die nahe Grigna und die herrliche Pyramide
-des Monte Leone, das Wahrzeichen des Comosees, fesselt.
-Und dieses Bild bleibt, während man den langen Rücken des
-San Primo abschreitet, ungefähr noch zweieinhalb Stunden,
-in stetem Auf und Ab, von einem kleinen Gipfel zum andern.
-Diese gemütliche Gratwanderung mit der großartigen Fern-
-und Nahsicht ist der Hauptreiz dieser Tour. Am aller- allerschönsten
-Punkt wird gefrühstückt &ndash; Salami und Eier! Dann
-geht's vom westlichsten Gipfel zuerst weglos hinab. Die
-großen, blauen Enzianglocken geben den Matten einen blauen
-Schleier, seltene Orchideenarten gesellen sich zu großäugigen
-Vergißmeinnichten und unzähligen, zartgelben Stiefmütterchen.
-Die Nachtigallen können kein Ende finden ihres sehnsüchtigen
-Gesanges; der Kuckuck mahnt aus der Waldesstille. Und
-Menschen&nbsp;&ndash;? Von Guello ab keine Seele; beim Abstieg die
-ersten wieder in Nesso, das anmutig genug am See liegt
-und an dem uns der Dampfer wieder aufnimmt und nach
-Como trägt. Man mag auch diese Menschenleere einen Reiz
-des Abstiegs nennen, der übrigens dreieinhalb Stunden dauerte.
-Die letzte Stunde aber, auf den gepflasterten Wegen nach Nesso
-hinein &ndash; Damen mit empfindlichen Sohlen oder Zehen ist
-er nicht zu raten! <em class="ge">Diesen</em> Reiz des Ausflugs könnte man
-entbehren.</p>
-
-<p>»Den Monte Nudo,« sagte mein Hochtourist, »ja, den
-können wir noch morgen machen! Zwei so kleine Touren
-wie die auf den San Primo und den Nudo hintereinander
-dürften Sie kaum anstrengen.«</p>
-
-<p>Über das »Dürfen« sind die Touren selbst gewöhnlich eigener
-Ansicht. Vor einer Höhe aber von 1235&nbsp;m darf man natürlich
-die Waffen nicht strecken. Also von Como per Bahn nach
-Laveno am Lago Maggiore, immer auf italienischem Gebiet.
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-Und nach der Nacht mit der Schafwolle ein höchst kultiviertes
-Quartier im hübschen Hotel Bellevue von Laveno,
-das einst Kriegshafen der Österreicher war (1849-50) und
-das gerade der Papa dieses meines Hochtouristen seinerzeit
-befestigt hat. Eine Erinnerung, die wir pietätvoll verschwiegen,
-denn sie hätte hier nicht gerade beliebt gemacht, obwohl die Befestigungen
-schon längst nicht mehr existieren. Wir bezeugten
-nur dem Denkmal zur Erinnerung an Garibaldis Alpenjäger,
-die hier am 31.&nbsp;Mai 1859 beim Angriff auf das
-Fort gefallen sind, unsere Ehrerbietung. Am nächsten Morgen
-&ndash; ohne Rucksack, nur mit Apfelsinen und einem photographischen
-Apparat &ndash; »besiegten« wir in zweistündigem,
-steilen Marsch die Pflasterwege bis hinauf nach Vararo.
-Wir waren dankbar, daß die Sonne nicht noch heißer brannte
-und die Steine von den Holzschlitten nicht noch glatter
-gerutscht waren. Man sollte sich überhaupt immer die noch
-schlimmeren Möglichkeiten vorrechnen, als über eine nicht
-ganz bequeme Gegenwart zu nörgeln. Das Dörfchen Vararo
-ist sehr malerisch mit seinen eng ineinander geschachtelten Steinhäusern
-und einer kleinen Kirche, hinter der der Sasso di Ferro
-einen imposanten Hintergrund bildet. Vielleicht waren wir
-dieser Offenbarung auch besonders zugänglich, weil dicht vorm
-Dorf die Landstraße einsetzte und die Sohlen direkt Mutter
-Erde berühren durften. Die weiteren anderthalb Stunden zum
-Monte Nudo hinan erschienen einem darnach leicht, angenehm
-&ndash; das Ideal eines Morgenspazierganges! Was der Gipfel an
-Ausblicken über den Luganer See, den Lago Maggiore und
-den See von Varese bietet, ist noch dazu eine großartige Belohnung;
-die Walliser Alpen in ganzer Ausdehnung und weit,
-weit die Ebene. Der helle Punkt im undeutlichen Steinmeer
-dahinten soll der Mailänder Dom sein; das erfüllt zwar mit
-Ehrfurcht, daß man so weit sehen kann, aber für das gewaltige
-Gesamtbild ist es kaum von Bedeutung. Daß der Monte Nudo
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-seinem Ruf als schönster Aussichtspunkt der Gegend alle Ehre
-macht, steht fest; daran konnten auch vorübergehende Wolkenschatten
-nichts ändern. Wäre das letzte Bergab mit seinem
-horriblen Pflaster, das nun in voller Vormittagssonne brannte,
-nicht gewesen, so »dürfte« diese Tour zu den leichtesten und
-zugleich lohnendsten meines Berglebens gehören; so hat sie am
-Ende einen Stachel der Erinnerung. Das Wetter hielt sich
-noch immer, nämlich mäßig, und ließ alle Möglichkeiten zu.
-Weshalb da nicht noch einmal etwas wagen? Hatten wir den
-Camoghe, den »hervorragendsten Aussichtsberg« des ganzen
-Tessin nicht bereits dreimal umsonst belagert? Das viertemal
-mußte es glücken! Zurück nach Lugano, denn auf der Nordseite
-gab's noch zuviel Schnee und der Zugang vom Süden
-bietet außerdem noch den Vorteil, den Monte Garzirola und
-den Monte Segor, die man traversieren muß, gleich noch mitzumachen,
-also drei Gipfel auf einen Schlag! Es ließ sich
-auch alles vorteilhaft genug an: mit der Elektrischen von
-Lugano nach Tesserete, von dort in anderthalb Stunden gemächlicher
-Wanderung nach Maglio di Colla (in der Val di
-Colla), das trotz seiner hohen Lage (850&nbsp;m) ein sehr mildes
-Klima hat. Im ganzen Tal kommen bis zu 1200&nbsp;m hinauf
-noch Kastanien und Wein fort; im übrigen gedeihen hier besonders
-gut die Schmuggler, die zur nahen italienischen Grenze
-hinüberwechseln und sich ihren ehrlichen Lebensunterhalt durch
-inoffiziellen Export von Zucker, Tabak usw. verdienen. Denn
-in all diesen Gebirgsdörfern, auf schweizerischer wie italienischer
-Seite, gilt der Schmuggel als anständiges Gewerbe. Es kommt
-auch hier nur auf die Anschauung an. Die Eisenöfen, die
-einst dem Orte den Namen gaben &ndash; Maglio heißt Hammerwerk
-&ndash; sind längst eingegangen und haben schuld an der
-Vernichtung des Waldes; was also sollen die armen Leute
-tun? Genug sind auch ausgewandert, die Frauen dominieren
-in allen Dörfern des Tales. Uns berechtigte ein klarer, köstlicher
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-Abend zu den schönsten Bergsteigehoffnungen. Der Hochtourist
-stellte seine liebenswürdige Weckuhr auf 3½, in Anbetracht
-der sehr langen Tour: Garzirola 2119&nbsp;m, Segor
-ca. 2100&nbsp;m, Camoghe 2296&nbsp;m und auf 1057&nbsp;m waren wir
-erst. Man bereitete seine Beine auf drei Gipfel vor. Aber
-die Rekognoszierung um halb vier ergab Nebel um die Bergspitzen,
-die um fünf Nebel bis zur Talsohle, die um sechs
-strömenden Regen! Der Camoghe wollte zum viertenmal nicht
-&ndash; es gab wieder nichts als heimfahren. Ob er je wollen wird?
-Wir lesen die Wetterberichte; sie lauten aus allen Orten in edler
-Abwechslung: <i>coperto</i> (bedeckt), <i>pioggia</i> (Regen), <i>nuvoloso</i>
-(bewölkt). Wir haben viel vor den andern voraus, bei
-uns ist alles drei: <i>coperto</i>, <i>pioggia</i>, <i>nuvoloso</i>. Und augenblicklich
-gießt es, wie seit drei Tagen unaufhörlich. Auf Wiedersehen,
-Camoghe!</p>
-
-
-<h4>IV. Im höchsten Tessin.</h4>
-
-<p>Bei zweimaligen längeren Aufenthalten am Lago Maggiore
-habe ich fast alle Täler, deren brausende, klare Ströme in die
-Silberschale des Sees münden, durchstreift, habe die Höhen erklettert,
-die seinen kostbaren Rahmen bilden, und mich immer
-wieder an den armen und doch so anmutsreichen, in Weinbergen
-gebetteten Dörfern der Ufer und Hänge erfreut. Freilich,
-das Geschick ihrer Bewohner ist nicht so heiter und glücklich,
-wie man leicht nach der Schönheit der Landschaft und dem
-gesegneten Klima annehmen könnte. Auf wieviele ganz verlassene
-Weiler trifft man nicht, während es in anderen Dörfern
-nur Frauen, Kinder und alte Männer gibt, da die arbeitsfähigen
-Männer in der Fremde ihr Geld verdienen müssen,
-zum Teil auch nach Amerika ausgewandert sind. Die Arbeit
-auf den Feldern und in den Weinbergen wird daher meist von
-den Frauen verrichtet, die solch ein bescheidenes Leben führen,
-wie es allerdings auch nur in diesem Klima denkbar ist.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-Einer meiner interessantesten Ausflüge war nun der ins
-»höchste Tessin«. Die kleine Bahn, die durch die Valle Maggia
-fährt, brachte mich eines frühen Morgens &ndash; Abfahrt von Locarno
-um 5&nbsp;Uhr 5&nbsp;Minuten &ndash; Ankunft in Cevio um 6&nbsp;Uhr
-26&nbsp;Minuten &ndash; (das zeitige Aufstehen lernt man bei diesen Gelegenheiten
-so nebenher!) an die Mündung des Campotales,
-das vom wilden Lauf der Rovana durchströmt wird. Eine
-schön angelegte Poststraße &ndash; überhaupt eine Spezialität der
-Schweiz! &ndash; schlängelt sich in unendlich zahlreichen Krümmungen
-am Abhang des Madone di Camedo hinauf. Die Postkutsche,
-mit zwei starken Pferden bespannt, sah ganz vertrauenerweckend
-aus; aber da ich vor der Abfahrt in unstillbarem
-Tatendrang noch die <i>beaux restes</i> irgendeines ehrwürdigen
-Palazzo besichtigte, hatte ein verbindlich lächelnder Pater den
-begehrten Platz neben dem <i>postiglione</i> eingenommen und ersuchte
-mich, wieder verbindlich lächelnd, seinen Hut und sein
-Täschchen zu bewahren. Ich trat diesen Gegenständen, wie
-meinem Rucksack, lieber meinen Sitz auf den heißen Polstern
-ganz ab und wanderte &ndash; zur Abwechslung allein, denn der
-Hochtourist trieb sich irgendwo in Kalabrien herum &ndash; im
-selben Tempo wie die armen Pferde aufwärts, allerdings
-häufig die steilen <i>scorciatoi</i> benutzend, die quer über die
-Kehren fortführen. Nach gut zwei Stunden erreichten die
-Pferde und ich etwas atemlos Cerentino, ein wirklich reizend
-gelegenes Dörfchen, von grünen Halden und Wäldern
-umgeben. Nun begann erst »programmäßig« meine Arbeit,
-denn die Poststraße und -fahrt endet hier. Geduldig nahm
-ich meinen Rucksack auf die Schultern, frühstückte an der
-ersten Quelle &ndash; ein Teil des Tagewerks, der mir stets sehr
-lieb ist! &ndash; und wanderte über die Anhöhe, auf der die Kirche
-des römischen Märtyrers San Bonifazio steht, ins Tal von
-Bosco hinein, über eine primitive Holzbrücke das linke Ufer des
-Wildbaches gewinnend und immer seiner Quelle zu, dem schmalen
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-Saumpfad folgend, der die einzige Verbindung mit meinem
-Ziel, dem Dörfchen Bosco, bildet. Der Weg war erst seit einigen
-Tagen schneefrei &ndash; auf der anderen Seite lagen sogar noch
-mächtige, mit Geröll und Baumstämmen durchsetzte Lawinen,
-deren Sturz der Bach aufgehalten hatte und deren unbehaglichen
-Nähe man doch gern auswich! Sonst gleicht dieser gemächliche
-Aufstieg, bis vielleicht auf sein letztes Viertel, das
-sehr steil durch einen schattigen Lärchenwald aufwärts führt,
-fast einem Parkspaziergang; so anmutig, an Wäldchen und
-blumenbedeckten Halden reich, ist das Tal und die wunderbare
-Luft, von Tannenduft gesättigt, befreit von allen Nöten, unter
-denen man sonst beim Steigen leidet. Der gute Pater hatte mir
-noch beim Abschied freundschaftlich geraten, diese Partie aufzugeben,
-sie sei für eine Dame wirklich unmöglich! Die Italiener
-haben eben über körperliche Leistungsfähigkeiten besondere Begriffe,
-und ich fürchte, mein Ratgeber selbst hat sich noch nie
-auf diese »<i>via brutta</i>« gewagt! Dann und wann traf ich auf
-primitive Sennhütten, von winzigen Kartoffel- und Rübenäckern,
-oft nicht größer als ein Bettvorleger, umgeben. Die
-meisten Hütten standen noch leer, bis ich dicht vorm Walde nach
-vielen Wochen zum ersten Male wieder ein deutsches Wort von
-einer Bäuerin hörte! Zwar mußte ich bei unsrer Unterredung
-manches erraten, denn es war ein »Schwyzer-Dütsch« allerärgster
-Sorte. Aber es ist rührend, mit welcher Treue und
-Zähigkeit sich die kleine Gemeinde von »Gurin«, wie sie selbst
-ihr Dorf nennen, während die Italiener es nach seinem Waldreichtum
-»<i>il bosco</i>« getauft haben, Sprache und Sitte auf
-fremdem Boden erhält. Auch das Dorf selbst, das sogleich jenseits
-des Lärchenwaldes beginnt, unterscheidet sich im Bau der
-Häuser stark von der sonst im Tessin gebräuchlichen Art; es
-erinnert an Oberwallis, von dem aus ja auch die Kolonie hier
-im zwölften Jahrhundert gegründet wurde. Die heutigen Bewohner
-sind durch ihre Zugehörigkeit zum Tessin wie durch die
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-italienische Umgebung gezwungen, italienisch zu lernen; leider
-bewilligt man ihnen auch keinen deutschen Geistlichen. Aber
-untereinander reden sie nur deutsch, und es machte mir viel
-Spaß, in den engen Gängen zwischen den Häusern &ndash; »Straßen«
-kann man unmöglich sagen! &ndash; die Kinder bei ihren
-deutschen Spielen zu beobachten. Auch Gurin ist sehr arm; und
-da die Männer als Vergolder, Schnitzer und Maurer in die
-Fremde wandern, betreiben die Frauen die Viehzucht, schleppen
-die Holzlasten auf dem Rücken heim und bestellen die Felder,
-die hier oben einen etwas größeren Umfang besitzen. Die
-Seidenindustrie, die nach den Reisehandbüchern hier betrieben
-werden soll, ist dagegen längst erloschen. Die ziemlich große
-Kirche, dem heiligen Jakob und Christoffel geweiht, enthält als
-größtes Heiligtum die Gebeine des hl.&nbsp;Theodor, von dem sich
-auch ein ziemlich unglückliches Gemälde vorfindet. Die guten
-Fresken der Kirche scheinen dagegen vom Maler Lorynis zu
-stammen, dessen Arbeiten ich auf diesem Ausflug noch mehrmals
-begegnete. &ndash; Das Wirtshaus »Zum Edelweiß«, das ich
-mir zum Übernachten bestimmt hatte &ndash; ein zweites, von Cevio
-aus gegründetes neues Hotel war leider noch nicht eröffnet &ndash;
-erwies sich selbst für meine auf solchen Ausflügen sehr niedrig
-geschraubten Ansprüche als »einfach unmöglich«. Ich aß dort
-zwar vorsichtshalber nur gekochte Eier, an denen, falls sie
-frisch sind, ja nicht viel zu verderben ist; aber selbst diese frugale
-Mahlzeit wurde mir leid, als ich die verwahrlosten Hühner
-und die nähere Umgebung, in der dies »Edelweiß« wächst, betrachtet
-hatte. Es blieb mir also nichts übrig, als den kleinen
-alpinen Spaziergang, der hinauf 2½&nbsp;Stunden gedauert hatte,
-noch einmal nach Cerentino zurückzumachen. Dort hatte ich des
-Morgens ein Wirtshaus mit einer Terrasse gesehen &ndash; eine
-Seltenheit bei Dorfwirtschaften! &ndash; und an diese dachte ich nun,
-um mich selbst zu ermuntern, und mir das »Vernünftige« der
-Rückkehr klar zu machen. Vorher ein Schlaf im Lärchenwald,
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-blaue Enzianen zu Häupten und zu Füßen &ndash; und von der
-Schlucht herauf, denn hier hat der Bach sich durch Felsen zu
-zwängen, das Brausen des Wassers als etwas kriegerische
-Schlafmelodie.</p>
-
-<p>Und die Wanderung im Nachmittagsfrieden war so köstlich,
-daß ich sie wirklich nicht bedauerte und genug zu tun hatte, um
-nur alle Schönheit ringsum, das Lichtspiel auf den von allen
-Seiten herantosenden Wassern, über den Felsen und in den
-sanft rauschenden Baumwipfeln zu bewundern. &ndash; In Cerentino
-fand ich die Terrasse wieder und außerdem vorzüglichen
-Barbara, den mir die schöne französische Wirtin »<i>della posta</i>«
-zu ihren höchst schmackhaften Gerichten kredenzte.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen bestieg ich einen kleinen Wagen, den
-der rundliche Gatte der schönen Französin lenkte. Die Break
-war leider beim Renovieren, und ich saß da, wo sonst Kälber
-und Schweine mutlos ihrem traurigen Geschick entgegen zu
-sehen pflegen. Aber ich bildete mir ein, schlecht gefahren sei
-besser als gut gegangen, wenigstens auf der Landstraße.
-Wäre der Paß nicht noch verschneit gewesen, so hätte ich
-es natürlich als brave Hochtouristin vorgezogen, mein neues
-Ziel »über die Berge« zu erreichen, jetzt vertraute ich mein
-Leben diesem Wagen an. Es war leichtsinnig; solch eine unbehagliche
-Straße bin ich denn doch selten gefahren! Nicht, daß
-sie in schlechtem Zustande gewesen wäre; aber sie geht beharrlich
-an steilsten Abgründen vorbei, und ist so schmal, daß jede
-ungeschickte Bewegung an den Kehren, an denen sie überreich
-ist, das Gefährt in die Tiefe stürzen muß. Gleich im Anfang
-schlugen wir, trotzdem es stark bergauf ging, ein beschleunigtes
-Tempo an; und auf meine Frage, die einem geängstigten Gemüte
-entstieg, erhielt ich die trostreiche Antwort, es sei Eile geboten,
-um nicht mit dem Postwagen von Campo zu kollidieren,
-denn Ausweichen sei unmöglich! Ja, das mußte ich schaudernd
-zugeben. Schließlich warteten wir gleich hinter dem Weiler
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-Pedigiodi auf einer breiten Kurve, bis oben über uns aus dem
-Wald der kleine Postwagen, durch seine schwarze Plane einem
-Leichenwagen sehr ähnlich, herauskam und vorsichtig an uns
-vorüberglitt. Er beförderte übrigens keine Menschen, sondern
-nur Pakete und Briefe. Wir ratterten weiter &ndash; Kälber und
-Schweine scheinen unbeschadet jeder Elastizität ihres Gefährtes
-entraten zu können! &ndash; an Riva vorbei, das anmutig auf
-grünen Wiesen am Rande der Rovana gebettet ist und als
-<i>vis-à-vis</i> das düstere Campellotal, vom unheimlichen Molineva
-verriegelt, ertragen muß. Nach gut zwei Stunden
-schwerer Arbeit für das Pferd sowohl wie für die eigene Beherrschung,
-denn ich fand, man sei wie auf dem Meer auch hier
-etwas zu sehr in Gottes Hand, erblickte ich von dem kleinen
-Dörfchen Piano aus: Land! Und zwar zuerst das noch hinter
-Campo, aber höher gelegene Cimalmotto. Und dann nach ein
-paar Wegbiegungen taucht Campo auf, aus der Ferne von ganz
-großartiger Wirkung mit seinen stattlichen Häusern, der schönen
-Kirche, den saftigen grünen Weiden ringsumher! Aber mein
-liebenswürdiger, dicker Kutscher bittet mich auszusteigen und
-den Fußweg ins Dorf einzuschlagen: &ndash; »Denn sehen Sie,
-Signora, wie sich die Straße schon wieder senkt und verdorben
-ist!« &ndash; Ja, ich sehe. Und noch mehr wehmütiges Bedauern
-ergreift mich, als ich die von unten so schöne St.&nbsp;Bernhardkirche
-betrete: zahllose Sprünge zerreißen ihre Wände und die
-feinen Fresken Lorynis; die Schwellen unter ihren Türen haben
-sich verschoben, die Fenster stehen schief. Ein Stukkateur ist an
-der Arbeit, die Hauptschäden oberflächlich auszubessern; mit
-der vollen Pietät des Italieners für Kunstwerke beklagt er mit
-mir den unaufhaltsamen Verfall der <i>chiesa</i> des Dorfes &ndash;
-des ganzen <i>paese</i>! Es ist verlorenes Land, auf dem ich stehe,
-ein Land, das dem Untergange geweiht ist. Seit der furchtbaren
-Überschwemmung des Jahres 1868 untergraben die Wasser
-die ganze Hochebene, auf der Campo steht, und reißen ein
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-Stück nach dem andern ins Tal hinunter. Man kann sagen:
-der ganze Berg wandert in die Tiefe. Da ist kein geradestehendes
-Haus mehr, keine Wand ohne Riß; überall hängen Türen
-und Fenster in den Angeln, und die Heustadeln sehen traurig
-aus unter den schiefsitzenden Dächern. Eine Tragik liegt über
-dem Dorf trotz seiner heitern Umgebung; und was mag in den
-Seelen der Menschen vorgehen, die unbarmherzig ihren Besitz
-schwinden sehen? Einmal ist von der Regierung für viele Tausend
-Lire eine Schutzmauer im Tal errichtet worden; der erste
-Frühlingssturm riß sie ein. Ein anderes Projekt eines Berner
-Professors, Abzugskanäle anzulegen, würde Millionen erfordern.
-Das Stückchen Land ist nicht soviel wert &ndash; es muß
-geopfert werden!</p>
-
-<p>Über einen kleinen Fußweg gelangt man in zwanzig Minuten
-zum kleinen Hochplateau hinauf, das auf seinem Rücken Cimalmotto
-trägt. Ein Haufen recht elendiger Steinhäuser, die
-auch zum Teil Spuren des Verfalls, wenn auch nicht so stark
-wie in Campo tragen. In der offenen Halle der Kirche befindet
-sich eine sehr schöne »Kreuzigung« von Lorynis, ursprünglich
-<i>al fresco</i> gemalt; doch hat man das Bild, um es vorm Untergang
-zu bewahren, durch ein chemisches Verfahren auf Leinwand
-übertragen. Es weist aber auch jetzt schon wieder Sprünge
-und lädierte Stellen auf. Keinem Menschen bin ich in diesem
-kleinen Dorf begegnet; mir wurde direkt unheimlich in dem
-verlassenen Ruinenhaufen. Galba, der Begründer des Ortes,
-wie eine Tafel an der Kirchhofsmauer erzählt, mag sich mit
-vollem Recht mit seinen Schätzen und seinem Weibe Pulcheria,
-der Tochter des Herzogs von Aquitanien, hierher geflüchtet
-haben, um allen Verfolgungen zu entgehen: man muß schon jemand
-sehr lieben oder sehr hassen, sonst stöbert man ihn hier
-nicht auf! &ndash; Vor der Kirche in Campo fand ich meinen
-Kälberwagen wieder; knapp vierzig Minuten brauchten wir für
-die Fahrt abwärts bis nach Cerentino zurück. Behaglicher als
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-das Hinauf war sie keinesfalls, besonders da ein tüchtiger Gewitterregen
-einsetzte, wie es sich zwar zur Krönung einer richtigen
-Landpartie gehört, den wir vier: Wagen, Pferd, Kutscher
-und ich aber doch mit verbissenem Grimm erduldeten. Bis mir
-aus einem Weiler hilfreich ein mächtiger roter Regenschirm geliehen
-wurde. So liegen Freude und Leid doch immer nahe
-beieinander im Menschenleben; das bewiesen mir die Ausflüge
-ins »höchste Tessin« &ndash; auch Campo liegt noch 1200&nbsp;m hoch
-&ndash; aufs neue. Deshalb liebe ich es und sage traurig auf gut
-tessinisch:</p>
-
-<p class="ce">»<i>Ciau Ticino!</i>« Lebewohl, Tessin!</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2 class="fs125"><a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-Aus dem gleichen Verlag zu beziehen:</h2>
-
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdc fsl" colspan="2">Am Lugenbankl</td></tr>
- <tr><td class="tdc" colspan="2"><span class="ge">Lustige Tiroler Bauerngeschichten.</span></td></tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Von <em class="ge">Karl Deutsch</em>.</td>
- <td class="tdr2">Geheftet M. 2.40.</td>
- </tr>
-
- <tr><td class="fss">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdc fsl" colspan="2">Lodenrock und Wifflingkittel</td></tr>
- <tr><td class="tdc" colspan="2"><span class="ge">Geschichten aus dem Sarntale.</span></td></tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Von <em class="ge">Klara Pölt-Nordheim</em>.</td>
- <td class="tdr2">Geheftet M. 2.40.</td>
- </tr>
-
- <tr><td class="fss">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdc fsl" colspan="2">König Laurins' Rosengarten</td></tr>
- <tr><td class="tdc" colspan="2"><span class="ge">Ein Tiroler Heldenmärchen.</span></td></tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Von <em class="ge">Ludwig Scharf</em> (Aus dem Mittelhochdeutschen).</td>
- <td class="tdr2">Gebunden M. 2.&mdash;.</td>
- </tr>
-
- <tr><td class="fss">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdc" colspan="2">Außerdem:</td></tr>
- <tr><td class="tdc fsl" colspan="2">Reiseführer, alpine und wintersportliche Literatur!</td></tr>
-
- <tr><td class="tdc" colspan="2">Man wolle darüber ausführliche Verzeichnisse
-verlangen vom</td></tr>
-
- <tr><td class="tdc fsl ge" colspan="2">Verlag<br />
-Walter Schmidkunz</td></tr>
-
- <tr><td class="tdc" colspan="2">Bayerstraße 25&emsp;&emsp;München&emsp;&emsp;Bayerstraße 25</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2 class="fs125">Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<div class="mw36">
-<p class="ci">Der Schmutztitel wurde entfernt. Die Nennung der Druckerei wurde von ihrer
-Position hinter dem Schmutztitelblatt verschoben auf eine Position hinter
-dem Titelblatt.</p>
-
-<p class="ci">Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Textanteile, die abweichend
-in Antiqua gesetzt sind, wurden in dieser Transkription markiert, jedoch wurde
-für Römische Zahlen und die Maßeinheiten "m" und "km" auf eine
-Markierung verzichtet.</p>
-
-<p class="ci">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>.</p>
-
-<p class="ci">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_026">26</a>:<br />
-im Original: "erheben sich die weißen Linie der ewigen Gletscher"<br />
-geändert in: "erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_033">33</a>:<br />
-im Original: "Leute von der Knorrhüte"<br />
-geändert in: "Leute von der Knorrhütte"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_065">65</a>:<br />
-im Original: "schon alle, ungegefähr 700 Stück graubrauner Kühe"<br />
-geändert in: "schon alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_074">74</a>:<br />
-im Original: "noch mühsam und nicht gerade wohltuend"<br />
-geändert in: "noch mühsam und nicht gerade wohtuend"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_084">84</a>:<br />
-im Original: "in einem Purpurmeer vertautauchenden Gestirns"<br />
-geändert in: "in einem Purpurmeer vertauchenden Gestirns"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_108">108</a>:<br />
-im Original: "von dem sogar die altmodische Post"<br />
-geändert in: "vor dem sogar die altmodische Post"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_128">128</a>:<br />
-im Original: "fielen alle kleinen Erdennöten vom Herzen"<br />
-geändert in: "fielen alle kleinen Erdennöte vom Herzen"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_175">175</a>:<br />
-im Original: "»<i>Giau Ticino!</i>« Lebewohl, Tessin!"<br />
-geändert in: "»<i>Ciau Ticino!</i>« Lebewohl, Tessin!"</p>
-</div>
-
-<hr />
-
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK »SIE« AM SEIL ***</div>
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-</div>
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
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-</div>
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-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
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-</div>
-
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-
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-
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
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-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
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-</div>
-
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-</div>
-
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