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+<title>The Project Gutenberg eBook of Märchen-Almanach auf das Jahr 1826, by Wilhelm Hauff</title>
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+<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Märchen-Almanach auf das Jahr 1826, by Wilhelm Hauff</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
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+are not located in the United States, you will have to check the laws of the
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+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Märchen-Almanach auf das Jahr 1826</div>
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Wilhelm Hauff</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: January 9, 2003 [eBook #6638]<br />
+[Most recently updated: July 31, 2021]</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
+<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Mike Pullen</div>
+<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 ***</div>
+
+<h1>Märchen-Almanach auf das Jahr 1826</h1>
+
+<h2 class="no-break">Wilhelm Hauff</h2>
+
+<hr />
+
+<h2>Inhalt</h2>
+
+<table summary="" style="">
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap01">Märchen als Almanach</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap02">Die Karawane (Rahmenerzählung)</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap03">Die Geschichte vom Kalif Storch</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap04">Die Geschichte von dem Gespensterschiff</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap05">Die Geschichte von der abgehauenen Hand</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap06">Die Errettung Fatmes</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap07">Die Geschichte von dem kleinen Muck</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap08">Das Märchen vom falschen Prinzen</a></td>
+</tr>
+
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap01"></a>Märchen als Almanach</h2>
+
+<p class="center">
+Wilhelm Hauff
+</p>
+
+<p>
+In einem schönen, fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, daß die Sonne in
+seinen ewig grünen Gärten niemals untergehe, herrschte von Anfang an bis heute
+die Königin Phantasie. Mit vollen Händen spendete diese seit vielen
+Jahrhunderten die Fülle des Segens über die Ihrigen und war geliebt, verehrt
+von allen, die sie kannten. Das Herz der Königin war aber zu groß, als daß sie
+mit ihren Wohltaten bei ihrem Lande stehen geblieben wäre; sie selbst, im
+königlichen Schmuck ihrer ewigen Jugend und Schönheit, stieg herab auf die
+Erde; denn sie hatte gehört, daß dort Menschen wohnen, die ihr Leben in
+traurigem Ernst, unter Mühe und Arbeit hinbringen. Diesen hatte sie die
+schönsten Gaben aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die schöne Königin durch
+die Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen fröhlich bei der Arbeit,
+heiter in ihrem Ernst.
+</p>
+
+<p>
+Auch ihre Kinder, nicht minder schön und lieblich als die königliche Mutter,
+sandte sie aus, um die Menschen zu beglücken. Einst kam Märchen, die älteste
+Tochter der Königin, von der Erde zurück. Die Mutter bemerkte, daß Märchen
+traurig sei, ja, hier und da wollte ihr bedünken, als ob sie verweinte Augen
+hätte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was hast du, liebes Märchen&ldquo;, sprach die Königin zu ihr, &bdquo;du
+bist seit deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner Mutter
+nicht anvertrauen, was dir fehlt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, liebe Mutter&ldquo;, antwortete Märchen, &bdquo;ich hätte gewiß
+nicht so lange geschwiegen, wenn ich nicht wüßte, daß mein Kummer auch der
+deinige ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sprich immer, meine Tochter&ldquo;, bat die schöne Königin, &bdquo;der
+Gram ist ein Stein, der den einzelnen niederdrückt, aber zwei tragen ihn leicht
+aus dem Wege.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du willst es&ldquo;, antwortete Märchen, &bdquo;so höre: Du weißt, wie
+gerne ich mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch bei dem Ärmsten vor
+seiner Hütte sitze, um nach der Arbeit ein Stündchen mit ihm zu verplaudern;
+sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum Gruß, wenn ich kam, und
+sahen mir lächelnd und zufrieden nach, wenn ich weiterging; aber in diesen
+Tagen ist es gar nicht mehr so!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Armes Märchen!&ldquo; sprach die Königin und streichelte ihr die Wange,
+die von einer Träne feucht war, &bdquo;aber du bildest dir vielleicht dies
+alles nur ein?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Glaube mir, ich fühle es nur zu gut&ldquo;, entgegnete Märchen,
+&bdquo;sie lieben mich nicht mehr. Überall, wo ich hinkomme, begegnen mir kalte
+Blicke; nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder, die ich doch
+immer so lieb hatte, lachen über mich und wenden mir altklug den Rücken
+zu.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Königin stützte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und woher soll es denn&ldquo;, fragte die Königin, &bdquo;kommen,
+Märchen, daß sich die Leute da unten so geändert haben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sieh, die Menschen haben kluge Wächter aufgestellt, die alles, was aus
+deinem Reich kommt, o Königin Phantasie, mit scharfem Blicke mustern und
+prüfen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne ist, so erheben sie
+ein großes Geschrei, schlagen ihn tot oder verleumden ihn doch so sehr bei den
+Menschen, die ihnen aufs Wort glauben, daß man gar keine Liebe, kein Fünkchen
+Zutrauen mehr findet. Ach, wie gut haben es meine Brüder, die Träume, fröhlich
+und leicht hüpfen sie auf die Erde hinab, fragen nichts nach jenen klugen
+Männern, besuchen die schlummernden Menschen und weben und malen ihnen, was das
+Herz beglückt und das Auge erfreut!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Deine Brüder sind Leichtfüße&ldquo;, sagte die Königin, &bdquo;und du,
+mein Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzwächter kenne ich
+übrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie aufzustellen; es kam so
+mancher windige Geselle und tat, als ob er geradewegs aus meinem Reiche käme,
+und doch hatte er höchstens von einem Berge zu uns herübergeschaut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten&ldquo;,
+weinte Märchen. &bdquo;Ach, wenn du wüßtest, wie sie es mit mir gemacht haben;
+sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das nächste Mal gar nicht
+mehr hereinzulassen.&ldquo; &bdquo;Wie, meine Tochter nicht mehr
+einzulassen?&ldquo; rief die Königin, und Zorn rötete ihre Wangen. &bdquo;Aber
+ich sehe schon, woher dies kommt; die böse Muhme hat uns verleumdet!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Mode? Nicht möglich!&ldquo; rief Märchen, &bdquo;sie tat ja sonst
+immer so freundlich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh! Ich kenne sie, die Falsche&ldquo;, antwortete die Königin,
+&bdquo;aber versuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter, wer Gutes tun
+will, darf nicht rasten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, Mutter! Wenn sie mich dann ganz zurückweisen, oder wenn sie mich
+verleumden, daß mich die Menschen nicht ansehen oder einsam und verachtet in
+der Ecke stehen lassen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn die Alten, von der Mode betört, dich geringschätzen, so wende dich
+an die Kleinen, wahrlich, sie sind meine Lieblinge, ihnen sende ich meine
+lieblichsten Bilder durch deine Brüder, die Träume, ja, ich bin schon oft
+selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und geküßt und schöne Spiele
+mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch wohl, sie wissen zwar meinen Namen
+nicht, aber ich habe schon oft bemerkt, wie sie nachts zu meinen Sternen
+herauflächeln und morgens, wenn meine glänzenden Lämmer am Himmel ziehen, vor
+Freuden die Hände zusammenschlagen. Auch wenn sie größer werden, lieben sie
+mich noch, ich helfe dann den lieblichen Mädchen bunte Kränze flechten, und die
+wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu ihnen
+setze, aus der Nebelwelt der fernen, blauen Berge hohe Burgen und glänzende
+Paläste auftauchen lasse und aus den rötlichen Wolken des Abends kühne
+Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszüge bilde.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O die guten Kinder!&ldquo; rief Märchen bewegt aus. &bdquo;Ja, es sei!
+Mit ihnen will ich es noch einmal versuchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, du gute Tochter&ldquo;, sprach die Königin, &bdquo;gehe zu ihnen;
+aber ich will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, daß du den Kleinen
+gefällst und die Großen dich nicht zurückstoßen; siehe, das Gewand eines
+Almanachs will ich dir geben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eines Almanachs, Mutter? Ach!&mdash;Ich schäme mich, so vor den Leuten
+zu prangen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Königin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand eines
+Almanachs. Es war von glänzenden Farben und schöne Figuren eingewoben.
+</p>
+
+<p>
+Die Zofen flochten dem schönen Mädchen das lange Haar; sie banden ihr goldene
+Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um.
+</p>
+
+<p>
+Das bescheidene Märchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber betrachtete
+es mit Wohlgefallen und schloß es in ihre Arme. &bdquo;Gehe hin&ldquo;, sprach
+sie zu der Kleinen, &bdquo;mein Segen sei mit dir. Und wenn sie dich verachten
+und höhnen, so kehre zurück zu mir, vielleicht, daß spätere Geschlechter,
+getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Also sprach die Königin Phantasie. Märchen aber stieg hinab auf die Erde. Mit
+pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Wächter hauseten; sie senkte
+das Köpfchen zur Erde, sie zog das schöne Gewand enger um sich her, und mit
+zagendem Schritt nahte sie dem Tor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Halt!&ldquo; rief eine tiefe, rauhe Stimme. &bdquo;Wache heraus! Da
+kommt ein neuer Almanach!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Märchen zitterte, als sie dies hörte; viele ältliche Männer von finsterem
+Aussehen stürzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der Faust und hielten
+sie dem Märchen entgegen. Einer aus der Schar schritt auf sie zu und packte sie
+mit rauher Hand am Kinn. &bdquo;Nur auch den Kopf aufgerichtet, Herr
+Almanach&ldquo;, schrie er, &bdquo;daß man Ihm in den Augen ansiehet, ob er was
+Rechtes ist oder nicht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Errötend richtete Märchen das Köpfchen in die Höhe und schlug das dunkle Auge
+auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Märchen!&ldquo; riefen die Wächter und lachten aus vollem Hals,
+&bdquo;das Märchen! Haben wunder gemeint, was da käme! Wie kommst du nur in
+diesen Rock?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Mutter hat ihn mir angezogen&ldquo;, antwortete Märchen. &bdquo;So?
+Sie will dich bei uns einschwärzen? Nichts da! Hebe dich weg, mach, daß du
+fortkommst!&ldquo; riefen die Wächter untereinander und erhoben die scharfen
+Federn.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber ich will ja nur zu den Kindern&ldquo;, bat Märchen, &bdquo;dies
+könnt ihr mir ja doch erlauben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Läuft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?&ldquo; rief
+einer der Wächter. &bdquo;Sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug
+vor.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laßt uns sehen, was sie diesmal weiß!&ldquo; sprach ein anderer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun ja&ldquo;, riefen sie, &bdquo;sag an, was du weißt, aber beeile
+dich, denn wir haben nicht viele Zeit für dich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Märchen streckte die Hand aus und schrieb mit dem Zeigefinger viele Zeichen in
+die Luft. Da sah man bunte Gestalten vorüberziehen; Karawanen mit schönen
+Rossen, geschmückte Reiter, viele Zelte im Sand der Wüste; Vögel und Schiffe
+auf stürmischen Meeren; stille Wälder und volkreiche Plätze und Straßen;
+Schlachten und friedliche Nomaden, sie alle schwebten in belebten Bildern, in
+buntem Gewimmel vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Märchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen ließ, nicht
+bemerkt, wie die Wächter des Tores nach und nach eingeschlafen waren. Eben
+wollte sie neue Zeichen schreiben, als ein freundlicher Mann auf sie zutrat und
+ihre Hand ergriff. &bdquo;Siehe her, gutes Märchen&ldquo;, sagte er, indem er
+auf die Schlafenden zeigte, &bdquo;für diese sind deine bunten Sachen nichts;
+schlüpfe schnell durch das Tor; sie ahnen dann nicht, daß du im Lande bist, und
+du kannst friedlich und unbemerkt deine Straße ziehen. Ich will dich zu meinen
+Kindern führen; in meinem Hause geb&rsquo; ich dir ein stilles, freundliches
+Plätzchen; dort kannst du wohnen und für dich leben; wenn dann meine Söhne und
+Töchter gut gelernt haben, dürfen sie mit ihren Gespielen zu dir kommen und dir
+zuhören. Willst du so?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich mich
+befleißen, ihnen zuweilen ein heiteres Stündchen zu machen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr, über die Füße der
+schlafenden Wächter hinüberzusteigen. Lächelnd sah sich Märchen um, als sie
+hinüber war, und schlüpfte dann schnell in das Tor.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap02"></a>Die Karawane</h2>
+
+<p class="center">
+Wilhelm Hauff
+</p>
+
+<p>
+Es zog einmal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der ungeheuren Ebene, wo
+man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in weiter Ferne die
+Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der Pferde, eine dichte
+Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre Nähe, und wenn ein Luftzug die
+Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen und helleuchtende Gewänder das Auge.
+So stellte sich die Karawane einem Manne dar, welcher von der Seite her auf sie
+zuritt. Er ritt ein schönes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke behängt, an
+dem hochroten Riemenwerk hingen silberne Glöckchen, und auf dem Kopf des
+Pferdes wehte ein schöner Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus, und sein
+Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein weißer Turban, reich mit Gold
+bestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten Beinkleider waren von
+brennendem Rot, ein gekrümmtes Schwert mit reichem Griff an seiner Seite. Er
+hatte den Turban tief ins Gesicht gedrückt; dies und die schwarzen Augen, die
+unter buschigen Brauen hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen
+Nase herabhing, gaben ihm ein wildes, kühnes Aussehen.
+</p>
+
+<p>
+Als der Reiter ungefähr auf fünfzig Schritt dem Vortrab der Karawane nahe war,
+spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an der Spitze des
+Zuges angelangt. Es war ein so ungewöhnliches Ereignis, einen einzelnen Reiter
+durch die Wüste ziehen zu sehen, daß die Wächter des Zuges, einen Überfall
+befürchtend, ihm ihre Lanzen entgegenstreckten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was wollt ihr&ldquo;, rief der Reiter, als er sich so kriegerisch
+empfangen sah, &bdquo;glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane
+angreifen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Beschämt schwangen die Wächter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anführer aber ritt
+an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wer ist der Herr der Karawane?&ldquo; fragte der Reiter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie gehört nicht einem Herrn&ldquo;, antwortete der Gefragte,
+&bdquo;sondern es sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen
+und die wir durch die Wüste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die Reisenden
+beunruhigt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So führt mich zu den Kaufleuten&ldquo;, begehrte der Fremde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das kann jetzt nicht geschehen&ldquo;, antwortete der Führer,
+&bdquo;weil wir ohne Aufenthalt weiterziehen müssen und die Kaufleute
+wenigstens eine Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir
+weiterreiten, bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem
+Wunsch willfahren.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am Sattel
+festgebunden hatte, hervor und fing an in großen Zügen zu rauchen, indem er
+neben dem Anführer des Vortrabs weiterritt. Dieser wußte nicht, was er aus dem
+Fremden machen sollte; er wagte es nicht, ihn geradezu nach seinem Namen zu
+fragen, und so künstlich er auch ein Gespräch anzuknüpfen suchte, der Fremde
+hatte auf das: &bdquo;Ihr raucht da einen guten Tabak&ldquo;, oder: &bdquo;Euer
+Rapp&rsquo; hat einen braven Schritt&ldquo;, immer nur mit einem kurzen
+&bdquo;Ja, ja!&ldquo; geantwortet.
+</p>
+
+<p>
+Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten wollte.
+Der Anführer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er selbst hielt mit dem
+Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen. Dreißig Kamele, schwer beladen,
+zogen vorüber, von bewaffneten Führern geleitet. Nach diesen kamen auf schönen
+Pferden die fünf Kaufleute, denen die Karawane gehörte. Es waren meistens
+Männer von vorgerücktem Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien
+viel jünger als die übrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine große Anzahl
+Kamele und Packpferde schloß den Zug.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings umhergestellt. In
+der Mitte war ein großes Zelt von blauem Seidenzeug. Dorthin führte der
+Anführer der Wache den Fremden. Als sie durch den Vorhang des Zeltes getreten
+waren, sahen sie die fünf Kaufleute auf goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze
+Sklaven reichten ihnen Speise und Getränke. &bdquo;Wen bringt Ihr uns
+da?&ldquo; rief der junge Kaufmann dem Führer zu.
+</p>
+
+<p>
+Ehe noch der Führer antworten konnte, sprach der Fremde: &bdquo;Ich heiße Selim
+Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka von einer
+Räuberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich aus der
+Gefangenschaft befreit. Der große Prophet ließ mich die Glocken eurer Karawane
+in weiter Ferne hören, und so kam ich bei euch an. Erlaubet mir, daß ich in
+eurer Gesellschaft reise! Ihr werdet euren Schutz keinem Unwürdigen schenken,
+und so ihr nach Bagdad kommet, werde ich eure Güte reichlich belohnen denn ich
+bin der Neffe des Großwesirs.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der älteste der Kaufleute nahm das Wort: &bdquo;Selim Baruch&ldquo;, sprach er,
+&bdquo;sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude, dir
+beizustehen; vor allem aber setze dich und iß und trinke mit uns.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und aß und trank mit ihnen. Nach dem
+Essen räumten die Sklaven die Geschirre hinweg und brachten lange Pfeifen und
+türkischen Sorbet. Die Kaufleute saßen lange schweigend, indem sie die
+bläulichen Rauchwolken vor sich hinbliesen und zusahen, wie sie sich ringelten
+und verzogen und endlich in die Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach
+endlich das Stillschweigen: &bdquo;So sitzen wir seit drei Tagen&ldquo;, sprach
+er, &bdquo;zu Pferd und am Tisch, ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben.
+Ich verspüre gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tänzer zu
+sehen oder Gesang und Musik zu hören. Wißt ihr gar nichts, meine Freunde, das
+uns die Zeit vertreibt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die vier älteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft nachzusinnen,
+der Fremde aber sprach: &bdquo;Wenn es mir erlaubt ist, will ich euch einen
+Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz könnte einer von uns den
+anderen etwas erzählen. Dies könnte uns schon die Zeit vertreiben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Selim Baruch, du hast wahr gesprochen&ldquo;, sagte Achmet, der älteste
+der Kaufleute, &bdquo;laßt uns den Vorschlag annehmen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt&ldquo;, sprach Selim,
+&bdquo;damit ihr aber sehet, daß ich nichts Unbilliges verlange, so will ich
+den Anfang machen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vergnügt rückten die fünf Kaufleute näher zusammen und ließen den Fremden in
+ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder voll, stopften die
+Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten glühende Kohlen zum Anzünden. Selim
+aber erfrischte seine Stimme mit einem tüchtigen Zuge Sorbet, strich den langen
+Bart über dem Mund weg und sprach:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So hört denn die Geschichte vom Kalif Storch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die Kaufleute
+sehr zufrieden damit. &bdquo;Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns vergangen, ohne
+daß wir merkten wie!&ldquo; sagte einer derselben, indem er die Decke des
+Zeltes zurückschlug. &bdquo;Der Abendwind wehet kühl, und wir könnten noch eine
+gute Strecke Weges zurücklegen.&ldquo; Seine Gefährten waren damit
+einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die Karawane machte sich in
+der nämlichen Ordnung, in welcher sie herangezogen war, auf den Weg.
+</p>
+
+<p>
+Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am Tage, die
+Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich an einem bequemen
+Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich zur Ruhe. Für den Fremden
+aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr wertester Gastfreund wäre. Der eine
+gab ihm Polster, der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde
+so gut bedient, als ob er zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren
+schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen
+einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist hatten,
+rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann wandte sich an den
+ältesten und sprach: &bdquo;Selim Baruch hat uns gestern einen vergnügten
+Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzähltet,
+sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat,
+oder sei es auch ein hübsches Märchen.&ldquo; Achmet schwieg auf diese Anrede
+eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel wäre, ob er dies oder jenes
+sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue Gesellen
+erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will ich euch etwas aus
+meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und nicht jedem erzähle: die
+Geschichte von dem Gespensterschiff.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder gegangen, und
+als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley,
+dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und wißt
+für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er uns erquicke
+nach der Hitze des Tages!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wohl möchte ich euch etwas erzählen&ldquo;, antwortete Muley, &bdquo;das
+euch Spaß machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen;
+darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos ist immer
+so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was sein Leben so
+ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er solchen hat, lindern
+können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens
+ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren Jahren,
+schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein Ungläubiger (nicht
+Muselmann) war, so liebten ihn doch seine Reisegefährten, denn er hatte durch
+sein ganzes Wesen Achtung und Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine
+Hand, und einige seiner Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn
+so ernst stimme.
+</p>
+
+<p>
+Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: &bdquo;Ich bin sehr
+geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, von
+welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch weil Muley mir
+meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch einiges erzählen, was mich
+rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als andere Leute. Ihr sehet, daß ich
+meine linke Hand verloren habe. Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich
+habe sie in den schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die
+Schuld davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine
+Lage mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt
+die Geschichte von der abgehauenen Hand.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt. Mit großer
+Teilnahme hatten ihm die übrigen zugehört, besonders der Fremde schien sehr
+davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief geseufzt, und Muley schien es
+sogar, als habe er einmal Tränen in den Augen gehabt. Sie besprachen sich noch
+lange Zeit über diese Geschichte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnöd&rsquo; um ein so
+edles Glied Eures Körpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?&ldquo;
+fragte der Fremde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wohl gab es in früherer Zeit Stunden&ldquo;, antwortete der Grieche,
+&bdquo;in denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über
+mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem Glauben
+meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben; auch ist er wohl
+noch unglücklicher als ich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr seid ein edler Mann!&ldquo; rief der Fremde und drückte gerührt dem
+Griechen die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat mit
+besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der Ruhe
+überlassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich die Karawanen
+angegriffen würden, auch glaubten seine Wachen, in der Entfernung mehrere
+Reiter zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der Fremde, aber
+wunderte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so gut geschätzt wären,
+daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu fürchten brauchten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, Herr!&ldquo; entgegnete ihm der Anführer der Wache. &bdquo;Wenn es
+nur solches Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit
+einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es, auf
+seiner Hut zu sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte Kaufmann,
+antwortete ihm: &bdquo;Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke über diesen
+wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches Wesen, weil er
+oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf besteht, andere halten ihn für
+einen tapferen Franken, den das Unglück in diese Gegend verschlagen habe; von
+allem aber ist nur so viel gewiß, daß er ein verruchter Mörder und Dieb
+ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten&ldquo;, entgegnete ihm Lezah,
+einer der Kaufleute. &bdquo;Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein
+edler Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich Euch
+erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen gemacht, und
+so lange er die Wüste durchstreift, darf kein anderer Stamm es wagen, sich
+sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein
+Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet
+ungefährdet weiter; denn Orbasan ist der Herr der Wüste.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die um den
+Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein ziemlich
+bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der Entfernung einer halben
+Stunde; sie schienen gerade auf das Lager zuzureiten. Einer der Männer von der
+Wache ging daher in das Zelt, um zu verkünden, daß sie wahrscheinlich
+angegriffen würden. Die Kaufleute berieten sich untereinander, was zu tun sei,
+ob man ihnen entgegengehen oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei
+älteren Kaufleute wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos
+verlangten das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog
+ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel hervor, band
+es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das Zelt zu stecken; er
+setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter werden, wenn sie dieses
+Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley glaubte nicht an den Erfolg, der
+Sklave aber steckte die Lanze auf das Zelt. Inzwischen hatten alle, die im
+Lager waren, zu den Waffen gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den
+Reitern entgegen. Doch diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu
+haben, sie wichen plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in
+einem großen Bogen auf der Seite hin.
+</p>
+
+<p>
+Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf die
+Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie wenn nichts
+vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene hin. Endlich brach
+Muley das Stillschweigen. &bdquo;Wer bist du, mächtiger Fremdling&ldquo;, rief
+er aus, &bdquo;der du die wilden Horden der Wüste durch einen Wink
+bezähmst?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie ist&ldquo;, antwortete Selim
+Baruch. &bdquo;Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der
+Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht; nur so
+viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter mächtigem Schutze
+steht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter. Wirklich war
+auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die Karawane nicht lange
+hätte Widerstand leisten können.
+</p>
+
+<p>
+Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne zu
+sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich, brachen sie auf
+und zogen weiter.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem Ausgang
+der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen Zelt versammelt
+hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler Mann
+sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der Schicksale
+meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er hatte drei Kinder. Ich
+war der Älteste, ein Bruder und eine Schwester waren bei weitem jünger als ich.
+Als ich zwanzig Jahre alt war, rief mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er
+setzte mich zum Erben seiner Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu
+seinem Tode bei ihm bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst
+vor zwei Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch
+schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gütig Allah es
+gewendet hatte.&ldquo; Die Errettung Fatmes
+</p>
+
+<p>
+Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten die
+Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren lieblichen
+Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen Tale lag eine
+Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und obgleich sie wenig
+Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch die ganze Gesellschaft
+heiterer und zutraulicher als je; denn der Gedanke, den Gefahren und
+Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die Wüste mit sich bringt, entronnen
+zu sein, hatte alle Herzen geöffnet und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil
+gestimmt. Muley, der junge lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und
+sang Lieder dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln
+entlockten. Aber nicht genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel
+erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen
+versprochen hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte,
+also zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein rohes
+Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte mir die andere
+Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich erzählte meinen Kameraden
+die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und wir gewannen ihn so lieb, daß ihn
+keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und
+haben uns vor ihm immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebückt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu machen, um
+sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken. Die gestrige Fröhlichkeit
+ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten sich in allerlei Spielen. Nach
+dem Essen aber riefen sie dem fünften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine
+Schuldigkeit gleich den übrigen zu tun und eine Geschichte zu erzählen. Er
+antwortete, sein Leben sei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er
+ihnen etwas davon mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes
+erzählen, nämlich: Das Märchen vom falschen Prinzen.
+</p>
+
+<p>
+Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket el Had
+oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges nach Kairo
+waren&mdash;Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet, und bald hatten die
+Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen entgegenkommen zu sehen. Sie
+zogen in die Stadt durch das Tor Bebel Falch; denn es wird für eine glückliche
+Vorbedeutung gehalten, wenn man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen,
+weil der Prophet hindurchgezogen ist.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier türkischen Kaufleute von dem
+Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit ihren Freunden
+nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute Karawanserei und lud ihn
+ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der Fremde sagte zu und versprach, wenn
+er nur vorher sich umgekleidet habe, zu erscheinen.
+</p>
+
+<p>
+Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf der
+Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und Getränke in
+gehöriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen Gast zu erwarten.
+</p>
+
+<p>
+Langsam und schweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem Gemach
+führte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich entgegenzusehen und ihn
+an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll Entsetzen fuhr er zurück, als er
+die Türe öffnete; denn jener schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf
+noch einen Blick auf ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebietende
+Gestalt, die Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote
+Mantel mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den
+schrecklichsten Stunden seines Lebens.
+</p>
+
+<p>
+Widerstreitende Gefühle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit diesem Bild
+seiner Erinnerung längst ausgesöhnt und ihm vergeben, und doch riß sein Anblick
+alle seine Wunden wieder auf; alle jene qualvollen Stunden der Todesangst,
+jener Gram, der die Blüte seines Lebens vergiftete, zogen im Flug eines
+Augenblicks an seiner Seele vorüber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was willst du, Schrecklicher?&ldquo; rief der Grieche aus, als die
+Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. &bdquo;Weiche schnell
+von hinnen, daß ich dir nicht fluche!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zaleukos!&ldquo; sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor.
+&bdquo;Zaleukos! So empfängst du deinen Gastfreund?&ldquo; Der Sprechende nahm
+die Larve ab, schlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde.
+</p>
+
+<p>
+Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden; denn nur
+zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte vecchio erkannt; aber
+die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte; er winkte schweigend dem
+Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich errate deine Gedanken&ldquo;, nahm dieser das Wort, als sie sich
+gesetzt hatten. &bdquo;Deine Augen sehen fragend auf mich&mdash;ich hätte
+schweigen und mich deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin dir
+Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin, daß du
+mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du sagtest einst
+zu mir: Der Glaube meiner Väter befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl
+unglücklicher als ich; glaube dieses, mein Freund, und höre meine
+Rechtfertigung!
+</p>
+
+<p>
+Ich muß weit ausholen, um mich dir ganz verständlich zu machen. Ich bin in
+Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jüngere Sohn eines
+alten, berühmten französischen Hauses, war Konsul seines Landes in Alessandria.
+Ich wurde von meinem zehnten Jahre an in Frankreich bei einem Bruder meiner
+Mutter erzogen und verließ erst einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution
+mein Vaterland, um mit meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr
+sicher war, über dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll
+Hoffnung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzosen
+entrissen, im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber ach! Ich
+fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren Stürme
+der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt, desto unerwarteter
+hatte das Unglück mein Haus im innersten Herzen heimgesucht. Mein Bruder, ein
+junger, hoffnungsvoller Mann, erster Sekretär meines Vaters, hatte sich erst
+seit kurzem mit einem jungen Mädchen, der Tochter eines florentinischen
+Edelmanns, der in unserer Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor
+unserer Ankunft war diese auf einmal verschwunden, ohne daß weder unsere
+Familie noch ihr Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man
+glaubte endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in
+Räuberhände gefallen. Beinahe tröstlicher wäre dieser Gedanke für meinen armen
+Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde. Die Treulose
+hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie im Hause ihres Vaters
+kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder, aufs äußerste empört über
+diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur Strafe zu ziehen; doch
+vergebens; seine Versuche, die in Neapel und Florenz Aufsehen erregt hatten,
+dienten nur dazu, sein und unser aller Unglück zu vollenden. Der florentinische
+Edelmann reiste in sein Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder
+Recht zu verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in
+Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknüpft hatte, nieder
+und wußte seinen Einfluß, den er auf alle Art sich verschafft hatte, so gut zu
+benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer Regierung verdächtig gemacht und
+durch die schändlichsten Mittel gefangen, nach Frankreich geführt und dort vom
+Beil des Henkers getötet wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und
+erst nach zehn langen Monaten erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen
+Zustand, der aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewußtsein geworden
+war. So stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke
+beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer vergessen, es
+war jene mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer letzten Stunde in mir
+angefacht hatte.
+</p>
+
+<p>
+In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewußtsein zurückgekehrt;
+sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem Schicksal und ihrem Ende.
+Dann aber ließ sie alle aus dem Zimmer gehen, richtete sich mit feierlicher
+Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und sagte, ich könne mir ihren Segen
+erwerben, wenn ich ihr schwöre, etwas auszuführen, das sie mir auftragen
+würde&mdash;Ergriffen von den Worten der sterbenden Mutter, gelobte ich mit
+einem Eide zu tun, wie sie mir sagen werde. Sie brach nun in Verwünschungen
+gegen den Florentiner und seine Tochter aus und legte mir mit den
+fürchterlichsten Drohungen ihres Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu
+rächen. Sie starb in meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in
+meiner Seele geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den
+Rest meines väterlichen Vermögens und schwor mir, alles an meine Rache zu
+setzen oder selbst mit unterzugehen.
+</p>
+
+<p>
+Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt; mein Plan
+war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher sich meine Feinde
+befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur geworden und hatte so alle Mittel
+in der Hand, sobald er das geringste ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam
+mir zu Hilfe. Eines Abends sah ich einen Menschen in bekannter Livree durch die
+Straßen gehen; sein unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut
+herausgestoßene &bdquo;Santo sacramento&ldquo;, &bdquo;Maledetto diavolo&ldquo;
+ließen mich den alten Pietro, einen Diener des Florentiners, den ich schon in
+Alessandria gekannt hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über
+seinen Herrn in Zorn geraten sei, und beschloß, seine Stimmung zu benützen. Er
+schien sehr überrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, daß er
+seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen könne, und
+mein Gold, unterstützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das
+Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann in meinem Solde, der mir
+zu jeder Stunde die Türe meines Feindes öffnete, und nun reifte mein Racheplan
+immer schneller heran. Das Leben des alten Florentiners schien mir ein zu
+geringes Gewicht, dem Untergang meines Hauses gegenüber, zu haben. Sein
+Liebstes mußte er gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja
+sie so schändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache
+unseres Unglücks. Gar erwünscht kam sogar meinem rachedürstigen Herzen die
+Nachricht, daß in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermählen wollte, es
+war beschlossen, sie mußte sterben. Aber mir selbst graute vor der Tat, und
+auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum spähten wir umher nach einem
+Mann, der das Geschäft vollbringen könne. Unter den Florentinern wagte ich
+keinen zu dingen, denn gegen den Gouverneur würde keiner etwas Solches
+unternommen haben. Da fiel Pietro der Plan ein, den ich nachher ausgeführt
+habe; zugleich schlug er dich als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor.
+Den Verlauf der Sache weißt du. Nur an deiner großen Vorsicht und Ehrlichkeit
+schien mein Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel.
+</p>
+
+<p>
+Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gouverneurs; er hätte uns
+auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht, durch den
+schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte darbot, erschreckt,
+entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war ich über zweihundert
+Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer Kirche niedersank. Dort erst
+sammelte ich mich wieder, und mein erster Gedanke warst du und dein
+schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem Hause fände. Ich schlich an den
+Palast, aber weder von Pietro noch von dir konnte ich eine Spur entdecken; das
+Pförtchen aber war offen, so konnte ich wenigstens hoffen, daß du die
+Gelegenheit zur Flucht benützt haben könntest.
+</p>
+
+<p>
+Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Entdeckung und ein
+unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz. Ich eilte
+nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach einigen Tagen
+überall diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man habe den Mörder, einen
+griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in banger Besorgnis nach Florenz
+zurück; denn schien mir meine Rache schon vorher zu stark, so verfluchte ich
+sie jetzt, denn sie war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an
+demselben Tage an, der dich der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich
+fühlte, als ich dich das Schafott besteigen und so heldenmütig leiden sah. Aber
+damals, als dein Blut in Strömen aufspritzte, war der Entschluß fest in mir,
+dir deine übrigen Lebenstage zu versüßen. Was weiter geschehen ist, weißt du,
+nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit dir machte.
+</p>
+
+<p>
+Als eine schwere Last drückte mich der Gedanke, daß du mir noch immer nicht
+vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu leben und dir
+endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir getan.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehört; mit sanftem Blick bot er
+ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. &bdquo;Ich wußte wohl, daß du
+unglücklicher sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie eine dunkle
+Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von Herzen. Aber erlaube mir
+noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser Gestalt in die Wüste? Was fingst du
+an, nachdem du in Konstantinopel mir das Haus gekauft hattest?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich ging nach Alessandria zurück&ldquo;, antwortete der Gefragte.
+&bdquo;Haß gegen alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Haß besonders
+gegen jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen
+Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria, als jene
+Landung meiner Landsleute erfolgte.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum
+sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und schloß
+mich jenen tapferen Mamelucken an, die so oft der Schrecken des französischen
+Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich mich nicht
+entschließen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren. Ich lebte mit einer
+kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unstetes und flüchtiges, dem Kampf
+und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die mich
+wie ihren Fürsten ehren; denn wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind
+wie Eure Europäer, so sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von
+Selbstsucht und Ehrgeiz.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zaleukos dankte dem Fremden für seine Mitteilung, aber er verbarg ihm nicht,
+daß er es für seinen Stand, für seine Bildung angemessener fände, wenn er in
+christlichen, in europäischen Ländern leben und wirken würde. Er faßte seine
+Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei ihm zu leben und zu sterben.
+</p>
+
+<p>
+Gerührt sah ihn der Gastfreund an. &bdquo;Daraus erkenne ich&ldquo;, sagte er,
+&bdquo;daß du mir ganz vergeben hast, daß du mich liebst. Nimm meinen innigsten
+Dank dafür!&ldquo; Er sprang auf und stand in seiner ganzen Größe vor dem
+Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzenden Augen, der
+tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. &bdquo;Dein Vorschlag ist
+schön&ldquo;, sprach jener weiter, &bdquo;er möchte für jeden andern lockend
+sein&mdash;ich kann ihn nicht benützen. Schon steht mein Roß gesattelt,
+erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!&ldquo; Die Freunde, die das
+Schicksal so wunderbar zusammengeführt, umarmten sich zum Abschied. &bdquo;Und
+wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gastfreund, der auf ewig in meinem
+Gedächtnis leben wird?&ldquo; fragte der Grieche.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde sah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und sprach:
+&bdquo;Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin der Räuber Orbasan.&ldquo;
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap03"></a>Kalif Storch</h2>
+
+<p class="center">
+Wilhelm Hauff
+</p>
+
+<p>
+Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag behaglich auf
+seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war ein heißer Tag, und sah
+nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Er rauchte aus einer langen Pfeife
+von Rosenholz, trank hier und da ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave
+einschenkte, und strich sich allemal vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt
+hatte. Kurz, man sah dem Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde
+konnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig
+war, deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor alle Tage um diese Zeit.
+An diesem Nachmittage nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich aus, ganz
+gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig aus dem Mund und
+sprach: &bdquo;Warum machst du ein so nachdenkliches Gesicht, Großwesir?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Großwesir schlug seine Arme kreuzweis über die Brust, verneigte sich vor
+seinem Herrn und antwortete: &bdquo;Herr, ob ich ein nachdenkliches Gesicht
+mache, weiß ich nicht, aber da drunten am Schloß steht ein Krämer, der hat so
+schöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel überflüssiges Geld zu
+haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Kalif, der seinem Großwesir schon lange gerne eine Freude gemacht hätte,
+schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer heraufzuholen. Bald
+kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war ein kleiner, dicker Mann,
+schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem Anzug. Er trug einen Kasten, in
+welchem er allerhand Waren hatte, Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen,
+Becher und Kämme. Der Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif
+kaufte endlich für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des Wesirs
+aber einen Kamm. Als der Krämer seinen Kasten schon wieder zumachen wollte, sah
+der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch Waren seien. Der
+Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine Dose mit schwärzlichem
+Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift, die weder der Kalif noch Mansor
+lesen konnte. &bdquo;Ich bekam einmal diese zwei Stücke von einem Kaufmanne,
+der sie in Mekka auf der Straße fand&ldquo;, sagte der Krämer, &bdquo;Ich weiß
+nicht, was sie enthalten; euch stehen sie um geringen Preis zu Dienst, ich kann
+doch nichts damit anfangen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte, wenn er sie
+auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und entließ den Krämer. Der
+Kalif aber dachte, er möchte gerne wissen, was die Schrift enthalte, und,
+fragte den Wesir, ob er keinen kenne, der es entziffern könnte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gnädigster Herr und Gebieter&ldquo;, antwortete dieser, &bdquo;an der
+großen Moschee wohnt ein Mann, er heißt Selim, der Gelehrte, der versteht alle
+Sprachen, laß ihn kommen, vielleicht kennt er diese geheimnisvollen
+Züge.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt. &bdquo;Selim&ldquo;, sprach zu ihm
+der Kalif, &bdquo;Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein
+wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, so
+bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so bekommst du
+zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fußsohlen, weil man dich dann
+umsonst Selim, den Gelehrten, nennt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Selim verneigte sich und sprach: &bdquo;Dein Wille geschehe, o Herr!&ldquo;
+Lange betrachtete er die Schrift, plötzlich aber rief er aus: &bdquo;Das ist
+Lateinisch, o Herr, oder ich laß mich hängen.&ldquo; &bdquo;Sag, was
+drinsteht&ldquo;, befahl der Kalif, &bdquo;wenn es Lateinisch ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Selim fing an zu übersetzen: &bdquo;Mensch, der du dieses findest, preise Allah
+für seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und dazu spricht:
+mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und versteht auch die Sprache
+der Tiere.
+</p>
+
+<p>
+Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurückkehren, so neige er sich
+dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber hüte dich, wenn du verwandelt
+bist, daß du nicht lachest, sonst verschwindet das Zauberwort gänzlich aus
+deinem Gedächtnis, und du bleibst ein Tier.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif über die Maßen
+vergnügt. Er ließ den Gelehrten schwören, niemandem etwas von dem Geheimnis zu
+sagen, schenkte ihm ein schönes Kleid und entließ ihn. Zu seinem Großwesir aber
+sagte er: &bdquo;Das heiß&rsquo; ich gut einkaufen, Mansor! Wie freue ich mich,
+bis ich ein Tier bin. Morgen früh kommst du zu mir; wir gehen dann miteinander
+aufs Feld, schnupfen etwas Weniges aus meiner Dose und belauschen dann, was in
+der Luft und im Wasser, im Wald und Feld gesprochen wird!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte am anderen Morgen der Kalif Chasid gefrühstückt und sich
+angekleidet, als schon der Großwesir erschien, ihn, wie er befohlen, auf dem
+Spaziergang zu begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem Zauberpulver in
+den Gürtel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen, zurückzubleiben, machte er
+sich mit dem Großwesir ganz allein auf den Weg. Sie gingen zuerst durch die
+weiten Gärten des Kalifen, spähten aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr
+Kunststück zu probieren. Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen
+Teich zu gehen, wo er schon oft viele Tiere, namentlich Störche, gesehen habe,
+die durch ihr gravitätisches Wesen und ihr Geklapper immer seine Aufmerksamkeit
+erregt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem Teich zu.
+Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storch ernsthaft auf und ab
+gehen, Frösche suchend und hier und da etwas vor sich hinklappernd. Zugleich
+sahen sie auch weit oben in der Luft einen anderen Storch dieser Gegend
+zuschweben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr&ldquo;, sagte der Großwesir,
+&bdquo;wenn nicht diese zwei Langfüßler ein schönes Gespräch miteinander führen
+werden. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wohl gesprochen!&ldquo; antwortete der Kalif. &bdquo;Aber vorher wollen
+wir noch einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird.&mdash;Richtig! Dreimal
+gen Osten geneigt und mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif und du Wesir.
+Aber nur um Himmels willen nicht gelacht, sonst sind wir verloren!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Während der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch über ihrem Haupte
+schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die Dose aus dem
+Gürtel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Großwesir dar, der gleichfalls
+schnupfte, und beide riefen: mutabor!
+</p>
+
+<p>
+Da schrumpften ihre Beine ein und wurden dünn und rot, die schönen gelben
+Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden unförmliche Storchfüße, die
+Arme wurden zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achseln und ward eine Elle lang,
+der Bart war verschwunden, und den Körper bedeckten weiche Federn.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr habt einen hübschen Schnabel, Herr Großwesir&ldquo;, sprach nach
+langem Erstaunen der Kalif. &bdquo;Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich
+in meinem Leben nicht gesehen.&ldquo; &bdquo;Danke untertänigst&ldquo;,
+erwiderte der Großwesir, indem er sich bückte, &bdquo;aber wenn ich es wagen
+darf, möchte ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch hübscher
+aus denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefällig ist, daß wir unsere
+Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir wirklich Storchisch
+können.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen; er putzte sich mit dem
+Schnabel seine Füße, legte seine Federn zurecht und ging auf den ersten Storch
+zu. Die beiden neuen Störche aber beeilten sich, in ihre Nähe zu kommen, und
+vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes Gespräch:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Guten Morgen, Frau Langbein, so früh schon auf der Wiese?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schönen Dank, liebe Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines
+Frühstück geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs gefällig oder ein
+Froschschenkelein?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen
+etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines Vaters
+tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig üben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zugleich schritt die junge Störchin in wunderlichen Bewegungen durch das Feld.
+Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach; als sie aber in malerischer
+Stellung auf einem Fuß stand und mit den Flügeln anmutig dazu wedelte, da
+konnten sich die beiden nicht mehr halten; ein unaufhaltsames Gelächter brach
+aus ihren Schnäbeln hervor, von dem sie sich erst nach langer Zeit erholten.
+Der Kalif faßte sich zuerst wieder: &bdquo;Das war einmal ein Spaß&ldquo;, rief
+er, &bdquo;der nicht mit Gold zu bezahlen ist; schade, daß die Tiere durch
+unser Gelächter sich haben verscheuchen lassen, sonst hätten sie gewiß auch
+noch gesungen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber jetzt fiel es dem Großwesir ein, daß das Lachen während der Verwandlung
+verboten war. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen mit. &bdquo;Potz Mekka
+und Medina! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein Storch bleiben müßte!
+Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich bring&rsquo; es nicht heraus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken und dazu sprechen:
+mu&mdash;mu&mdash;mu&mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie stellten sich gegen Osten und bückten sich in einem fort, daß ihre Schnäbel
+beinahe die Erde berührten; aber, o Jammer! Das Zauberwort war ihnen entfallen,
+und so oft sich auch der Kalif bückte, so sehnlich auch sein Wesir mu&mdash;mu
+dazu rief, jede Erinnerung daran war verschwunden, und der arme Chasid und sein
+Wesir waren und blieben Störche.
+</p>
+
+<p>
+Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wußten gar nicht, was
+sie in ihrem Elend anfangen sollten. Aus ihrer Storchenhaut konnten sie nicht
+heraus, in die Stadt zurück konnten sie auch nicht, um sich zu erkennen zu
+geben; denn wer hätte einem Storch geglaubt, daß er der Kalif sei, und wenn man
+es auch geglaubt hätte, würden die Einwohner von Bagdad einen Storch zum Kalif
+gewollt haben?
+</p>
+
+<p>
+So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich von
+Feldfrüchten, die sie aber wegen ihrer langen Schnäbel nicht gut verspeisen
+konnten. Auf Eidechsen und Frösche hatten sie übrigens keinen Appetit, denn sie
+befürchteten, mit solchen Leckerbissen sich den Magen zu verderben. Ihr
+einziges Vergnügen in dieser traurigen Lage war, daß sie fliegen konnten, und
+so flogen sie oft auf die Dächer von Bagdad, um zu sehen, was darin vorging.
+</p>
+
+<p>
+In den ersten Tagen bemerkten sie große Unruhe und Trauer in den Straßen; aber
+ungefähr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung saßen sie auf dem Palast des
+Kalifen, da sahen sie unten in der Straße einen prächtigen Aufzug; Trommeln und
+Pfeifen ertönten, ein Mann in einem goldbestickten Scharlachmantel saß auf
+einem geschmückten Pferd, umgeben von glänzenden Dienern, halb Bagdad sprang
+ihm nach, und alle schrien: &bdquo;Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da sahen die beiden Störche auf dem Dache des Palastes einander an, und der
+Kalif Chasid sprach: &bdquo;Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin,
+Großwesir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des mächtigen Zauberers
+Kaschnur, der mir in einer bösen Stunde Rache schwur. Aber noch gebe ich die
+Hoffnung nicht auf&mdash;Komm mit mir, du treuer Gefährte meines Elends, wir
+wollen zum Grabe des Propheten wandern, vielleicht, daß an heiliger Stätte der
+Zauber gelöst wird.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina zu.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden Störche
+hatten noch wenig Übung. &bdquo;O Herr&ldquo;, ächzte nach ein paar Stunden der
+Großwesir, &bdquo;ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr lange aus; Ihr
+fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir täten wohl, ein
+Unterkommen für die Nacht zu suchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er unten im Tale eine Ruine
+erblickte, die ein Obdach zu gewähren schien, so flogen sie dahin. Der Ort, wo
+sie sich für diese Nacht niedergelassen hatten, schien ehemals ein Schloß
+gewesen zu sein. Schöne Säulen ragten unter den Trümmern hervor, mehrere
+Gemächer, die noch ziemlich erhalten waren, zeugten von der ehemaligen Pracht
+des Hauses. Chasid und sein Begleiter gingen durch die Gänge umher, um sich ein
+trockenes Plätzchen zu suchen; plötzlich blieb der Storch Mansor stehen.
+&bdquo;Herr und Gebieter&ldquo;, flüsterte er leise, &bdquo;wenn es nur nicht
+töricht für einen Großwesir, noch mehr aber für einen Storch wäre, sich vor
+Gespenstern zu fürchten! Mir ist ganz unheimlich zumute; denn hier neben hat es
+ganz vernehmlich geseufzt und gestöhnt.&ldquo; Der Kalif blieb nun auch stehen
+und hörte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher einem Menschen als einem
+Tiere anzugehören schien. Voll Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher
+die Klagetöne kamen; der Wesir aber packte ihn mit dem Schnabel am Flügel und
+bat ihn flehentlich, sich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu stürzen. Doch
+vergebens! Der Kalif, dem auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz
+schlug, riß sich mit Verlust einiger Federn los und eilte in einen finsteren
+Gang. Bald war er an einer Tür angelangt, die nur angelehnt schien und woraus
+er deutliche Seufzer mit ein wenig Geheul vernahm. Er stieß mit dem Schnabel
+die Türe auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen. In dem verfallenen
+Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster spärlich erleuchtet war, sah er
+eine große Nachteule am Boden sitzen. Dicke Tränen rollten ihr aus den großen,
+runden Augen, und mit heiserer Stimme stieß sie ihre Klagen zu dem krummen
+Schnabel heraus. Als sie aber den Kalifen und seinen Wesir, der indes auch
+herbeigeschlichen war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei.
+Zierlich wischte sie mit dem braungefleckten Flügel die Tränen aus dem Auge,
+und zu dem größten Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem
+Arabisch: &bdquo;Willkommen, ihr Störche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner
+Errettung; denn durch Störche werde mir ein großes Glück kommen, ist mir einst
+prophezeit worden!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückte er sich mit seinem
+langen Hals, brachte seine dünnen Füße in eine zierliche Stellung und sprach:
+&bdquo;Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben, eine Leidensgefährtin in
+dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, daß durch uns deine Rettung kommen
+werde, ist vergeblich. Du wirst unsere Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du
+unsere Geschichte hörst.&ldquo; Die Nachteule bat ihn zu erzählen, was der
+Kalif sogleich tat.
+</p>
+
+<p>
+Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie ihm und
+sagte: &bdquo;Vernimm auch meine Geschichte und höre, wie ich nicht weniger
+unglücklich bin als du. Mein Vater ist der König von Indien, ich, seine einzige
+unglückliche Tochter, heiße Lusa. Jener Zauberer Kaschnur, der euch
+verzauberte, hat auch mich ins Unglück gestürzt. Er kam eines Tages zu meinem
+Vater und begehrte mich zur Frau für seinen Sohn Mizra. Mein Vater aber, der
+ein hitziger Mann ist, ließ ihn die Treppe hinunterwerfen. Der Elende wußte
+sich unter einer anderen Gestalt wieder in meine Nähe zu schleichen, und als
+ich einst in meinem Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir,
+als Sklave verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt
+verwandelte. Vor Schrecken ohnmächtig, brachte er mich hierher und rief mir mit
+schrecklicher Stimme in die Ohren:
+</p>
+
+<p>
+,Da sollst du bleiben, häßlich, selbst von den Tieren verachtet, bis an dein
+Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser schrecklichen
+Gestalt, zur Gattin begehrt. So räche ich mich an dir und deinem stolzen
+Vater.&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich als
+Einsiedlerin in diesem Gemäuer, verabscheut von der Welt, selbst den Tieren ein
+Greuel; die schöne Natur ist vor mir verschlossen; denn ich bin blind am Tage,
+und nur, wenn der Mond sein bleiches Licht über dies Gemäuer ausgießt, fällt
+der verhüllende Schleier von meinem Auge.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Flügel wieder die Augen aus,
+denn die Erzählung ihrer Leiden hatte ihr Tränen entlockt.
+</p>
+
+<p>
+Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzessin in tiefes Nachdenken versunken.
+&bdquo;Wenn mich nicht alles täuscht&ldquo;, sprach er, &bdquo;so findet
+zwischen unserem Unglück ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo finde ich den
+Schlüssel zu diesem Rätsel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Eule antwortete ihm: &bdquo;O Herr! Auch mir ahnet dies; denn es ist mir
+einst in meiner frühesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit worden, daß
+ein Storch mir ein großes Glück bringen werde, und ich wüßte vielleicht, wie
+wir uns retten könnten.&ldquo; Der Kalif war sehr erstaunt und fragte, auf
+welchem Wege sie meine. &bdquo;Der Zauberer, der uns beide unglücklich gemacht
+hat&ldquo;, sagte sie, &bdquo;kommt alle Monate einmal in diese Ruinen. Nicht
+weit von diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er dann mit vielen Genossen zu
+schmausen. Schon oft habe ich sie dort belauscht. Sie erzählen dann einander
+ihre schändlichen Werke; vielleicht, daß er dann das Zauberwort, das ihr
+vergessen habt, ausspricht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O, teuerste Prinzessin&ldquo;, rief der Kalif, &bdquo;sag an, wann kommt
+er, und wo ist der Saal?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: &bdquo;Nehmet es nicht
+ungütig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch erfüllen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sprich aus! Sprich aus!&ldquo; schrie Chasid. &bdquo;Befiehl, es ist mir
+jede recht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nämlich, ich möchte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur
+geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Störche schienen über den Antrag etwas betroffen zu sein, und der Kalif
+winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Großwesir&ldquo;, sprach vor der Türe der Kalif, &bdquo;das ist ein
+dummer Handel; aber Ihr könntet sie schon nehmen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So&ldquo;, antwortete dieser, &bdquo;daß mir meine Frau, wenn ich nach
+Hause komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid
+noch jung und unverheiratet und könnet eher einer jungen, schönen Prinzessin
+die Hand geben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist es eben&ldquo;, seufzte der Kalif, indem er traurig die Flügel
+hängen ließ, &bdquo;wer sagt dir denn, daß sie jung und schön ist? Das heißt
+eine Katze im Sack kaufen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der Kalif
+sah, daß sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten wollte,
+entschloß er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfüllen. Die Eule war
+hocherfreut. Sie gestand ihnen, daß sie zu keiner besseren Zeit hätten kommen
+können, weil wahrscheinlich in dieser Nacht die Zauberer sich versammeln
+würden.
+</p>
+
+<p>
+Sie verließ mit den Störchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu führen; sie
+gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich strahlte ihnen aus einer
+halbverfallenen Mauer ein heller Schein entgegen. Als sie dort angelangt waren,
+riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu verhalten. Sie konnten von der Lücke,
+an welcher sie standen, einen großen Saal übersehen. Er war ringsum mit Säulen
+geschmückt und prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht
+des Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, mit vielen und
+ausgesuchten Speisen besetzt. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf welchem
+acht Männer saßen. In einem dieser Männer erkannten die Störche jenen Krämer
+wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein Nebensitzer forderte
+ihn auf, ihnen seine neuesten Taten zu erzählen. Er erzählte unter anderen auch
+die Geschichte des Kalifen und seines Wesirs.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?&ldquo; fragte ihn ein
+anderer Zauberer. &bdquo;Ein recht schweres lateinisches, es heißt
+mutabor.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als die Störche an der Mauerlücke dieses hörten, kamen sie vor Freuden beinahe
+außer sich. Sie liefen auf ihren langen Füßen so schnell dem Tore der Ruine zu,
+daß die Eule kaum folgen konnte. Dort sprach der Kalif gerührt zu der Eule:
+&bdquo;Retterin meines Lebens und des Lebens meines Freundes, nimm zum ewigen
+Dank für das, was du an uns getan, mich zum Gemahl an!&ldquo; Dann aber wandte
+er sich nach Osten. Dreimal bückten die Störche ihre langen Hälse der Sonne
+entgegen, die soeben hinter dem Gebirge heraufstieg: &bdquo;Mutabor!&ldquo;
+riefen sie, im Nu waren sie verwandelt, und in der hohen Freude des
+neugeschenkten Lebens lagen Herr und Diener lachend und weinend einander in den
+Armen.
+</p>
+
+<p>
+Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen? Eine schöne Dame,
+herrlich geschmückt, stand vor ihnen. Lächelnd gab sie dem Kalifen die Hand.
+&bdquo;Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?&ldquo; sagte sie. Sie war es; der
+Kalif war von ihrer Schönheit und Anmut entzückt.
+</p>
+
+<p>
+Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in seinen Kleidern
+nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch seinen Geldbeutel. Er kaufte
+daher im nächsten Dorfe, was zu ihrer Reise nötig war, und so kamen sie bald an
+die Tore von Bagdad. Dort aber erregte die Ankunft des Kalifen großes
+Erstaunen. Man hatte ihn für tot ausgegeben, und das Volk war daher
+hocherfreut, seinen geliebten Herrscher wiederzuhaben.
+</p>
+
+<p>
+Um so mehr aber entbrannte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra. Sie zogen in den
+Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen. Den Alten
+schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, das die Prinzessin als Eule
+bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen. Dem Sohn aber, welcher nichts von
+den Künsten des Vaters verstand, ließ der Kalif die Wahl, ob er sterben oder
+schnupfen wolle. Als er das letztere wählte, bot ihm der Großwesir die Dose.
+Eine tüchtige Prise, und das Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen
+Storch. Der Kalif ließ ihn in einen eisernen Käfig sperren und in seinem Garten
+aufstellen.
+</p>
+
+<p>
+Lange und vergnügt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin; seine
+vergnügtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Großwesir nachmittags
+besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem Storchabenteuer, und wenn der
+Kalif recht heiter war, ließ er sich herab, den Großwesir nachzuahmen, wie er
+als Storch aussah. Er stieg dann ernsthaft, mit steifen Füßen im Zimmer auf und
+ab, klapperte, wedelte mit den Armen wie mit Flügeln und zeigte, wie jener sich
+vergeblich nach Osten geneigt und Mu&mdash;Mu&mdash;dazu gerufen habe. Für die
+Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine große Freude;
+wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und
+Mu&mdash;Mu&mdash;schrie, dann drohte ihm lächelnd der Wesir: Er wolle das, was
+vor der Türe der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau Kalifin
+mitteilen.
+</p>
+
+<p>
+Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die Kaufleute
+sehr zufrieden damit. &bdquo;Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns vergangen, ohne
+daß wir merkten wie!&ldquo; sagte einer derselben, indem er die Decke des
+Zeltes zurückschlug. &bdquo;Der Abendwind wehet kühl, und wir könnten noch eine
+gute Strecke Weges zurücklegen.&ldquo; Seine Gefährten waren damit
+einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die Karawane machte sich in
+der nämlichen Ordnung, in welcher sie herangezogen war, auf den Weg.
+</p>
+
+<p>
+Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am Tage, die
+Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich an einem bequemen
+Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich zur Ruhe. Für den Fremden
+aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr wertester Gastfreund wäre. Der eine
+gab ihm Polster, der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde
+so gut bedient, als ob er zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren
+schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen
+einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist hatten,
+rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann wandte sich an den
+ältesten und sprach: &bdquo;Selim Baruch hat uns gestern einen vergnügten
+Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzähltet,
+sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat,
+oder sei es auch ein hübsches Märchen.&ldquo; Achmet schwieg auf diese Anrede
+eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel wäre, ob er dies oder jenes
+sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue Gesellen
+erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will ich euch etwas aus
+meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und nicht jedem erzähle: die
+Geschichte von dem Gespensterschiff.&ldquo;
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap04"></a>Die Geschichte von dem Gespensterschiff</h2>
+
+<p class="center">
+Wilhelm Hauff
+</p>
+
+<p>
+Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora; er war weder arm noch reich
+und einer von jenen Leuten, die nicht gerne etwas wagen, aus Furcht, das Wenige
+zu verlieren, das sie haben. Er erzog mich schlicht und recht und brachte es
+bald so weit, daß ich ihm an die Hand gehen konnte. Gerade als ich achtzehn
+Jahre alt war, als er die erste größere Spekulation machte, starb er,
+wahrscheinlich aus Gram, tausend Goldstücke dem Meere anvertraut zu haben. Ich
+mußte ihn bald nachher wegen seines Todes glücklich preisen, denn wenige Wochen
+hernach lief die Nachricht ein, daß das Schiff, dem mein Vater seine Güter
+mitgegeben hatte, versunken sei. Meinen jugendlichen Mut konnte aber dieser
+Unfall nicht beugen. Ich machte alles vollends zu Geld, was mein Vater
+hinterlassen hatte, und zog aus, um in der Fremde mein Glück zu probieren, nur
+von einem alten Diener meines Vaters begleitet.
+</p>
+
+<p>
+Im Hafen von Balsora schifften wir uns mit günstigem Winde ein. Das Schiff, auf
+dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt. Wir waren schon
+fünfzehn Tage auf der gewöhnlichen Straße gefahren, als uns der Kapitän einen
+Sturm verkündete. Er machte ein bedenkliches Gesicht, denn es schien, er kenne
+in dieser Gegend das Fahrwasser nicht genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen
+zu können. Er ließ alle Segel einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die
+Nacht war angebrochen, war hell und kalt, und der Kapitän glaubte schon, sich
+in den Anzeichen des Sturmes getäuscht zu haben. Auf einmal schwebte ein
+Schiff, das wir vorher nicht gesehen hatten, dicht an dem unsrigen vorbei.
+Wildes Jauchzen und Geschrei erscholl aus dem Verdeck herüber, worüber ich mich
+zu dieser angstvollen Stunde vor einem Sturm nicht wenig wunderte. Aber der
+Kapitän an meiner Seite wurde blaß wie der Tod. &bdquo;Mein Schiff ist
+verloren&ldquo;, rief er, &bdquo;dort segelt der Tod!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ehe ich ihn noch über diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte, stürzten schon
+heulend und schreiend die Matrosen herein. &bdquo;Habt ihr ihn gesehen?&ldquo;
+schrien sie. &bdquo;Jetzt ist&rsquo;s mit uns vorbei!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Kapitän aber ließ Trostsprüche aus dem Koran vorlesen und setzte sich
+selbst ans Steuerruder. Aber vergebens! Zusehends brauste der Sturm auf, und
+ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb sitzen. Die Boote wurden
+ausgesetzt, und kaum hatten sich die letzten Matrosen gerettet, so versank das
+Schiff vor unseren Augen, und als ein Bettler fuhr ich in die See hinaus. Aber
+der Jammer hatte noch kein Ende. Fürchterlicher tobte der Sturm; das Boot war
+nicht mehr zu regieren. Ich hatte meinen alten Diener fest umschlungen, und wir
+versprachen uns, nie voneinander zu weichen. Endlich brach der Tag an. Aber mit
+dem ersten Anblick der Morgenröte faßte der Wind das Boot, in welchem wir
+saßen, und stürzte es um. Ich habe keinen meiner Schiffsleute mehr gesehen. Der
+Sturz hatte mich betäubt; und als ich aufwachte, befand ich mich in den Armen
+meines alten treuen Dieners, der sich auf das umgeschlagene Boot gerettet und
+mich nachgezogen hatte. Der Sturm hatte sich gelegt. Von unserem Schiff war
+nichts mehr zu sehen, wohl aber entdeckten wir nicht weit von uns ein anderes
+Schiff, auf das die Wellen uns hintrieben. Als wir näher hinzukamen, erkannte
+ich das Schiff als dasselbe, das in der Nacht an uns vorbeifuhr und welches den
+Kapitän so sehr in Schrecken gesetzt hatte. Ich empfand ein sonderbares Grauen
+vor diesem Schiffe. Die Äußerung des Kapitäns, die sich so furchtbar bestätigt
+hatte, das öde Aussehen des Schiffes, auf dem sich, so nahe wir auch
+herankamen, so laut wir schrien, niemand zeigte, erschreckten mich. Doch es war
+unser einziges Rettungsmittel; darum priesen wir den Propheten, der uns so
+wundervoll erhalten hatte.
+</p>
+
+<p>
+Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Händen und Füßen
+ruderten wir darauf zu, um es zu erfassen. Endlich glückte es. Noch einmal
+erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf dem Schiff. Da klimmten
+wir an dem Tau hinauf, ich als der Jüngste voran. Aber Entsetzen! Welches
+Schauspiel stellte sich meinem Auge dar, als ich das Verdeck betrat! Der Boden
+war mit Blut gerötet, zwanzig bis dreißig Leichname in türkischen Kleidern
+lagen auf dem Boden, am mittleren Mastbaum stand ein Mann, reich gekleidet, den
+Säbel in der Hand, aber das Gesicht war blaß und verzerrt, durch die Stirn ging
+ein großer Nagel, der ihn an den Mastbaum heftete, auch er war tot. Schrecken
+fesselte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen. Endlich war auch mein
+Begleiter heraufgekommen. Auch ihn überraschte der Anblick des Verdecks, das
+gar nichts Lebendiges, sondern nur so viele schreckliche Tote zeigte. Wir
+wagten es endlich, nachdem wir in der Seelenangst zum Propheten gefleht hatten,
+weiter vorzuschreiten. Bei jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas
+Neues, noch Schrecklicheres sich darbiete; aber alles blieb, wie es war; weit
+und breit nichts Lebendiges als wir und das Weltmeer. Nicht einmal laut zu
+sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am Mast angespießte Kapitano möchte
+seine starren Augen nach uns hindrehen oder einer der Getöteten möchte seinen
+Kopf umwenden. Endlich waren wir bis an eine Treppe gekommen, die in den
+Schiffsraum führte. Unwillkürlich machten wir dort halt und sahen einander an,
+denn keiner wagte es recht, seine Gedanken zu äußern.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Herr&ldquo;, sprach mein treuer Diener, &bdquo;hier ist etwas
+Schreckliches geschehen. Doch wenn auch das Schiff da unten voll Mörder steckt,
+so will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als längere
+Zeit unter diesen Toten zubringen.&ldquo; Ich dachte wie er; wir faßten uns ein
+Herz und stiegen voll Erwartung hinunter. Totenstille war aber auch hier, und
+nur unsere Schritte hallten auf der Treppe. Wir standen an der Türe der Kajüte.
+Ich legte mein Ohr an die Türe und lauschte; es war nichts zu hören. Ich machte
+auf. Das Gemach bot einen unordentlichen Anblick dar. Kleider, Waffen und
+andere Geräte lagen untereinander. Nichts in Ordnung. Die Mannschaft oder
+wenigstens der Kapitano mußten vor kurzem gezechet haben; denn es lag alles
+noch umher. Wir gingen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu Gemach, überall
+fanden wir herrliche Vorräte in Seide, Perlen, Zucker usw. Ich war vor Freude
+über diesen Anblick außer mir, denn da niemand auf dem Schiff war, glaubte ich,
+alles mir zueignen zu dürfen, Ibrahim aber machte mich aufmerksam darauf, daß
+wir wahrscheinlich noch sehr weit vom Lande seien, wohin wir allein und ohne
+menschliche Hilfe nicht kommen könnten.
+</p>
+
+<p>
+Wir labten uns an den Speisen und Getränken, die wir in reichem Maß vorfanden,
+und stiegen endlich wieder aufs Verdeck. Aber hier schauderte uns immer die
+Haut ob dem schrecklichen Anblick der Leichen. Wir beschlossen, uns davon zu
+befreien und sie über Bord zu werfen; aber wie schauerlich ward uns zumut, als
+wir fanden, daß sich keiner aus seiner Lage bewegen ließ. Wie festgebannt lagen
+sie am Boden, und man hätte den Boden des Verdecks ausheben müssen, um sie zu
+entfernen, und dazu gebrach es uns an Werkzeugen. Auch der Kapitano ließ sich
+nicht von seinem Mast losmachen; nicht einmal seinen Säbel konnten wir der
+starren Hand entwinden. Wir brachten den Tag in trauriger Betrachtung unserer
+Lage zu, und als es Nacht zu werden anfing, erlaubte ich dem alten Ibrahim,
+sich schlafen zu legen, ich selbst aber wollte auf dem Verdeck wachen, um nach
+Rettung auszuspähen. Als aber der Mond heraufkam und ich nach den Gestirnen
+berechnete, daß es wohl um die elfte Stunde sei, überfiel mich ein so
+unwiderstehlicher Schlaf, daß ich unwillkürlich hinter ein Faß, das auf dem
+Verdeck stand, zurückfiel. Doch war es mehr Betäubung als Schlaf, denn ich
+hörte deutlich die See an der Seite des Schiffes anschlagen und die Segel vom
+Winde knarren und pfeifen. Auf einmal glaubte ich Stimmen und Männertritte auf
+dem Verdeck zu hören. Ich wollte mich aufrichten, um danach zu schauen. Aber
+eine unsichtbare Gewalt hielt meine Glieder gefesselt; nicht einmal die Augen
+konnte ich aufschlagen. Aber immer deutlicher wurden die Stimmen, es war mir,
+als wenn ein fröhliches Schiffsvolk auf dem Verdeck sich umhertriebe; mitunter
+glaubte ich, die kräftige Stimme eines Befehlenden zu hören, auch hörte ich
+Taue und Segel deutlich auf- und abziehen. Nach und nach aber schwanden mir die
+Sinne, ich verfiel in einen tieferen Schlaf, in dem ich nur noch ein Geräusch
+von Waffen zu hören glaubte, und erwachte erst, als die Sonne schon hoch stand
+und mir aufs Gesicht brannte. Verwundert schaute ich mich um, Sturm, Schiff,
+die Toten und was ich in dieser Nacht gehört hatte, kam mir wie ein Traum vor,
+aber als ich aufblickte, fand ich alles wie gestern. Unbeweglich lagen die
+Toten, unbeweglich war der Kapitano an den Mastbaum geheftet. Ich lachte über
+meinen Traum und stand auf, um meinen Alten zu suchen.
+</p>
+
+<p>
+Dieser saß ganz nachdenklich in der Kajüte. &bdquo;O Herr!&ldquo; rief er aus,
+als ich zu ihm hineintrat, &bdquo;ich wollte lieber im tiefsten Grund des
+Meeres liegen, als in diesem verhexten Schiff noch eine Nacht zubringen.&ldquo;
+Ich fragte ihn nach der Ursache seines Kummers, und er antwortete mir:
+&bdquo;Als ich einige Stunden geschlafen hatte, wachte ich auf und vernahm, wie
+man über meinem Haupt hin und her lief. Ich dachte zuerst, Ihr wäret es, aber
+es waren wenigstens zwanzig, die oben umherliefen; auch hörte ich rufen und
+schreien. Endlich kamen schwere Tritte die Treppe herab. Da wußte ich nichts
+mehr von mir, nur hie und da kehrte auf einige Augenblicke meine Besinnung
+zurück, und da sah ich dann denselben Mann, der oben am Mast angenagelt ist, an
+jenem Tisch dort sitzen, singend und trinkend; aber der, der in einem roten
+Scharlachkleid nicht weit von ihm am Boden liegt, saß neben ihm und half ihm
+trinken.&ldquo; Also erzählte mir mein alter Diener.
+</p>
+
+<p>
+Ihr könnt mir es glauben, meine Freunde, daß mir gar nicht wohl zumute war;
+denn es war keine Täuschung, ich hatte ja auch die Toten gar wohl gehört. In
+solcher Gesellschaft zu schiffen, war mir greulich. Mein Ibrahim aber versank
+wieder in tiefes Nachdenken. &bdquo;Jetzt hab&rsquo; ich&rsquo;s!&ldquo; rief
+er endlich aus; es fiel ihm nämlich ein Sprüchlein ein, das ihn sein Großvater,
+ein erfahrener, weitgereister Mann, gelehrt hatte und das gegen jeden Geister-
+und Zauberspuk helfen sollte; auch behauptete er, jenen unnatürlichen Schlaf,
+der uns befiel, in der nächsten Nacht verhindern zu können, wenn wir nämlich
+recht eifrig Sprüche aus dem Koran beteten. Der Vorschlag des alten Mannes
+gefiel mir wohl. In banger Erwartung sahen wir die Nacht herankommen. Neben der
+Kajüte war ein kleines Kämmerchen, dorthin beschlossen wir uns zurückzuziehen.
+Wir bohrten mehrere Löcher in die Türe, hinlänglich groß, um durch sie die
+ganze Kajüte zu überschauen, dann verschlossen wir die Türe, so gut es ging,
+von innen, und Ibrahim schrieb den Namen des Propheten in alle vier Ecken. So
+erwarteten wir die Schrecken der Nacht. Es mochte wieder ungefähr elf Uhr sein,
+als es mich gewaltig zu schläfern anfing. Mein Gefährte riet mir daher, einige
+Sprüche des Korans zu beten, was mir auch half. Mit einem Male schien es oben
+lebhaft zu werden; die Taue knarrten, Schritte gingen über das Verdeck, und
+mehrere Stimmen waren deutlich zu unterscheiden&mdash;Mehrere Minuten hatten
+wir so in gespannter Erwartung gesessen, da hörten wir etwas die Treppe der
+Kajüte herabkommen. Als dies der Alte hörte, fing er an, den Spruch, den ihn
+sein Großvater gegen Spuk und Zauberei gelehrt hatte, herzusagen:
+</p>
+
+<p class="poem">
+&bdquo;Kommt ihr herab aus der Luft,<br/>
+Steigt ihr aus tiefem Meer,<br/>
+Schlieft ihr in dunkler Gruft,<br/>
+Stammt ihr vom Feuer her:<br/>
+Allah ist euer Herr und Meister,<br/>
+ihm sind gehorsam alle Geister.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich muß gestehen, ich glaubte gar nicht recht an diesen Spruch, und mir stieg
+das Haar zu Berg, als die Tür aufflog. Herein trat jener große, stattliche
+Mann, den ich am Mastbaum angenagelt gesehen hatte. Der Nagel ging ihm auch
+jetzt mitten durchs Hirn; das Schwert aber hatte er in die Scheide gesteckt;
+hinter ihm trat noch ein anderer herein, weniger kostbar gekleidet; auch ihn
+hatte ich oben liegen sehen. Der Kapitano, denn dies war er unverkennbar, hatte
+ein bleiches Gesicht, einen großen, schwarzen Bart, wildrollende Augen, mit
+denen er sich im ganzen Gemach umsah. Ich konnte ihn ganz deutlich sehen, als
+er an unserer Türe vorüberging; er aber schien gar nicht auf die Türe zu
+achten, die uns verbarg. Beide setzten sich an den Tisch, der in der Mitte der
+Kajüte stand, und sprachen laut und fast schreiend miteinander in einer
+unbekannten Sprache. Sie wurden immer lauter und eifriger, bis endlich der
+Kapitano mit geballter Faust auf den Tisch hineinschlug, daß das Zimmer
+dröhnte. Mit wildem Gelächter sprang der andere auf und winkte dem Kapitano,
+ihm zu folgen. Dieser stand auf, riß seinen Säbel aus der Scheide, und beide
+verließen das Gemach. Wir atmeten freier, als sie weg waren; aber unsere Angst
+hatte noch lange kein Ende. Immer lauter und lauter ward es auf dem Verdeck.
+Man hörte eilends hin und her laufen und schreien, lachen und heulen. Endlich
+ging ein wahrhaft höllischer Lärm los, so daß wir glaubten, das Verdeck mit
+allen Segeln komme zu uns herab, Waffengeklirr und Geschrei&mdash;auf einmal
+aber tiefe Stille. Als wir es nach vielen Stunden wagten hinaufzugehen, trafen
+wir alles wie sonst; nicht einer lag anders als früher. Alle waren steif wie
+Holz.
+</p>
+
+<p>
+So waren wir mehrere Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Osten, wohin zu,
+nach meiner Berechnung, Land liegen mußte; aber wenn es auch bei Tag viele
+Meilen zurückgelegt hatte, bei Nacht schien es immer wieder zurückzukehren,
+denn wir befanden uns immer wieder am nämlichen Fleck, wenn die Sonne aufging.
+Wir konnten uns dies nicht anders erklären, als daß die Toten jede Nacht mit
+vollem Winde zurücksegelten. Um nun dies zu verhüten, zogen wir, ehe es Nacht
+wurde, alle Segel ein und wandten dasselbe Mittel an wie bei der Türe in der
+Kajüte; wir schrieben den Namen des Propheten auf Pergament und auch das
+Sprüchlein des Großvaters dazu und banden es um die eingezogenen Segel.
+Ängstlich warteten wir in unserem Kämmerchen den Erfolg ab. Der Spuk schien
+diesmal noch ärger zu toben, aber siehe, am anderen Morgen waren die Segel noch
+aufgerollt, wie wir sie verlassen hatten. Wir spannten den Tag über nur so
+viele Segel auf, als nötig waren, das Schiff sanft fortzutreiben, und so legten
+wir in fünf Tagen eine gute Strecke zurück.
+</p>
+
+<p>
+Endlich, am Morgen des sechsten Tages, entdeckten wir in geringer Ferne Land,
+und wir dankten Allah und seinem Propheten für unsere wunderbare Rettung.
+Diesen Tag und die folgende Nacht trieben wir an einer Küste hin, und am
+siebenten Morgen glaubten wir in geringer Entfernung eine Stadt zu entdecken;
+wir ließen mit vieler Mühe einen Anker in die See, der alsobald Grund faßte,
+setzten ein kleines Boot, das auf dem Verdeck stand, aus und ruderten mit aller
+Macht der Stadt zu. Nach einer halben Stunde liefen wir in einen Fluß ein, der
+sich in die See ergoß, und stiegen ans Ufer. Am Stadttor erkundigten wir uns,
+wie die Stadt heiße, und erfuhren, daß es eine indische Stadt sei, nicht weit
+von der Gegend, wohin ich zuerst zu schiffen willens war. Wir begaben uns in
+eine Karawanserei und erfrischten uns von unserer abenteuerlichen Reise. Ich
+forschte daselbst auch nach einem weisen und verständigen Manne, indem ich dem
+Wirt zu verstehen gab, daß ich einen solchen haben möchte, der sich ein wenig
+auf Zauberei verstehe. Er führte mich in eine abgelegene Straße, an ein
+unscheinbares Haus, pochte an, und man ließ mich eintreten mit der Weisung, ich
+solle nur nach Muley fragen.
+</p>
+
+<p>
+In dem Hause kam mir ein altes Männlein mit grauem Bart und langer Nase
+entgegen und fragte nach meinem Begehr. Ich sagte ihm, ich suche den weisen
+Muley, und er antwortete mir, er sei es selbst. Ich fragte ihn nun um Rat, was
+ich mit den Toten machen solle und wie ich es angreifen müsse, um sie aus dem
+Schiff zu bringen. Er antwortete mir, die Leute des Schiffes seien
+wahrscheinlich wegen irgendeines Frevels auf das Meer verzaubert; er glaube,
+der Zauber werde sich lösen, wenn man sie ans Land bringe; dies könne aber
+nicht geschehen, als wenn man die Bretter, auf denen sie lägen, losmache. Mir
+gehöre von Gott und Rechts wegen das Schiff samt allen Gütern, weil ich es
+gleichsam gefunden habe; doch solle ich alles sehr geheimzuhalten trachten und
+ihm ein kleines Geschenk von meinem Überfluß machen; er wolle dafür mit seinen
+Sklaven mir behilflich sein, die Toten wegzuschaffen. Ich versprach, ihn
+reichlich zu belohnen, und wir machten uns mit fünf Sklaven, die mit Sägen und
+Beilen versehen waren, auf den Weg. Unterwegs konnte der Zauberer Muley unseren
+glücklichen Einfall, die Segel mit den Sprüchen des Korans zu umwinden, nicht
+genug loben. Er sagte, es sei dies das einzige Mittel gewesen, uns zu retten.
+</p>
+
+<p>
+Es war noch ziemlich früh am Tage, als wir beim Schiff ankamen. Wir machten uns
+alle sogleich ans Werk, und in einer Stunde lagen schon vier in dem Nachen.
+Einige der Sklaven mußten sie an Land rudern, um sie dort zu verscharren. Sie
+erzählten, als sie zurückkamen, die Toten hätten ihnen die Mühe des Begrabens
+erspart, indem sie, sowie man sie auf die Erde gelegt habe, in Staub zerfallen
+seien. Wir fuhren fort, die Toten abzusägen, und bis vor Abend waren alle an
+Land gebracht. Es war endlich keiner mehr an Bord als der, welcher am Mast
+angenagelt war. Umsonst suchten wir den Nagel aus dem Holze zu ziehen, keine
+Gewalt vermochte ihn auch nur ein Haarbreit zu verrücken. Ich wußte nicht, was
+anzufangen war; man konnte doch nicht den Mastbaum abhauen, um ihn ans Land zu
+führen. Doch aus dieser Verlegenheit half Muley. Er ließ schnell einen Sklaven
+an Land rudern, um einen Topf mit Erde zu bringen. Als dieser herbeigeholt war,
+sprach der Zauberer geheimnisvolle Worte darüber aus und schüttete die Erde auf
+das Haupt des Toten. Sogleich schlug dieser die Augen auf, holte tief Atem, und
+die Wunde des Nagels in seiner Stirne fing an zu bluten. Wir zogen den Nagel
+jetzt leicht heraus, und der Verwundete fiel einem Sklaven in die Arme.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wer hat mich hierhergeführt?&ldquo; sprach er, nachdem er sich ein wenig
+erholt zu haben schien. Muley zeigte auf mich, und ich trat zu ihm. &bdquo;Dank
+dir, unbekannter Fremdling, du hast mich von langen Qualen errettet. Seit
+fünfzig Jahren schifft mein Leib durch diese Wogen, und mein Geist war
+verdammt, jede Nacht in ihn zurückzukehren. Aber jetzt hat mein Haupt die Erde
+berührt, und ich kann versöhnt zu meinen Vätern gehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich bat ihn, uns doch zu sagen, wie er zu diesem schrecklichen Zustand gekommen
+sei, und er sprach: &bdquo;Vor fünfzig Jahren war ich ein mächtiger,
+angesehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach Gewinn trieb mich, ein
+Schiff auszurüsten und Seeraub zu treiben. Ich hatte dieses Geschäft schon
+einige Zeit fortgeführt, da nahm ich einmal auf Zante einen Derwisch an Bord,
+der umsonst reisen wollte. Ich und meine Gesellen waren rohe Leute und achteten
+nicht auf die Heiligkeit des Mannes; vielmehr trieb ich mein Gespött mit ihm.
+Als er aber einst in heiligem Eifer mir meinen sündigen Lebenswandel verwiesen
+hatte, übermannte mich nachts in meiner Kajüte, als ich mit meinem Steuermann
+viel getrunken hatte, der Zorn. Wütend über das, was mir ein Derwisch gesagt
+hatte und was ich mir von keinem Sultan hätte sagen lassen, stürzte ich aufs
+Verdeck und stieß ihm meinen Dolch in die Brust. Sterbend verwünschte er mich
+und meine Mannschaft, nicht sterben und nicht leben zu können, bis wir unser
+Haupt auf die Erde legten. Der Derwisch starb, und wir warfen ihn in die See
+und verlachten seine Drohungen; aber noch in derselben Nacht erfüllten sich
+seine Worte. Ein Teil meiner Mannschaft empörte sich gegen mich&mdash;Mit
+fürchterlicher Wut wurde gestritten, bis meine Anhänger unterlagen und ich an
+den Mast genagelt wurde. Aber auch die Empörer erlagen ihren Wunden, und bald
+war mein Schiff nur ein großes Grab. Auch mir brachen die Augen, mein Atem
+hielt an, und ich meinte zu sterben. Aber es war nur eine Erstarrung, die mich
+gefesselt hielt; in der nächsten Nacht, zur nämlichen Stunde, da wir den
+Derwisch in die See geworfen, erwachten ich und alle meine Genossen, das Leben
+war zurückgekehrt, aber wir konnten nichts tun und sprechen, als was wir in
+jener Nacht gesprochen und getan hatten. So segeln wir seit fünfzig Jahren,
+können nicht leben, nicht sterben; denn wie konnten wir das Land erreichen? Mit
+toller Freude segelten wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil wir
+hofften, endlich an einer Klippe zu zerschellen und das müde Haupt auf dem
+Grund des Meeres zur Ruhe zu legen. Es ist uns nicht gelungen. Jetzt aber werde
+ich sterben. Noch einmal meinen Dank, unbekannter Retter, wenn Schätze dich
+lohnen können, so nimm mein Schiff als Zeichen meiner Dankbarkeit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Kapitano ließ sein Haupt sinken, als er so gesprochen hatte, und verschied.
+Sogleich zerfiel er auch, wie seine Gefährten, in Staub. Wir sammelten diesen
+in ein Kästchen und begruben ihn an Land; aus der Stadt nahm ich aber Arbeiter,
+die mir mein Schiff in guten Zustand setzten. Nachdem ich die Waren, die ich an
+Bord hatte, gegen andere mit großem Gewinn eingetauscht hatte, mietete ich
+Matrosen, beschenkte meinen Freund Muley reichlich und schiffte mich nach
+meinem Vaterlande ein. Ich machte aber einen Umweg, indem ich an vielen Inseln
+und Ländern landete und meine Waren zu Markt brachte. Der Prophet segnete mein
+Unternehmen. Nach dreiviertel Jahren lief ich, noch einmal so reich, als mich
+der sterbende Kapitän gemacht hatte, in Balsora ein. Meine Mitbürger waren
+erstaunt über meine Reichtümer und mein Glück und glaubten nicht anders, als
+daß ich das Diamantental des berühmten Reisenden Sindbad gefunden habe. Ich
+ließ sie in ihrem Glauben, von nun an aber mußten die jungen Leute von Balsora,
+wenn sie kaum achtzehn Jahre alt waren, in die Welt hinaus, um gleich mir ihr
+Glück zu machen. Ich aber lebte ruhig und in Frieden, und alle fünf Jahre mache
+ich eine Reise nach Mekka, um dem Herrn an heiliger Stätte für seinen Segen zu
+danken und für den Kapitano und seine Leute zu bitten, daß er sie in sein
+Paradies aufnehme.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder gegangen, und
+als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley,
+dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und wißt
+für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er uns erquicke
+nach der Hitze des Tages!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wohl möchte ich euch etwas erzählen&ldquo;, antwortete Muley, &bdquo;das
+euch Spaß machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen;
+darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos ist immer
+so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was sein Leben so
+ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er solchen hat, lindern
+können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens
+ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren Jahren,
+schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein Ungläubiger (nicht
+Muselmann) war, so liebten ihn doch seine Reisegefährten, denn er hatte durch
+sein ganzes Wesen Achtung und Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine
+Hand, und einige seiner Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn
+so ernst stimme.
+</p>
+
+<p>
+Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: &bdquo;Ich bin sehr
+geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, von
+welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch weil Muley mir
+meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch einiges erzählen, was mich
+rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als andere Leute. Ihr sehet, daß ich
+meine linke Hand verloren habe. Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich
+habe sie in den schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die
+Schuld davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine
+Lage mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt
+die Geschichte von der abgehauenen Hand.&ldquo;
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap05"></a>Die Geschichte von der abgehauenen Hand</h2>
+
+<p class="center">
+Wilhelm Hauff
+</p>
+
+<p>
+Ich bin in Konstantinopel geboren; mein Vater war ein Dragoman (Dolmetscher)
+bei der Pforte (dem türkischen Hof) und trieb nebenbei einen ziemlich
+einträglichen Handel mit wohlriechenden Essenzen und seidenen Stoffen. Er gab
+mir eine gute Erziehung, indem er mich teils selbst unterrichtete, teils von
+einem unserer Priester mir Unterricht geben ließ. Er bestimmte mich anfangs,
+seinen Laden einmal zu übernehmen, als ich aber größere Fähigkeiten zeigte, als
+er erwartet hatte, bestimmte er mich auf das Anraten seiner Freunde zum Arzt;
+weil ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat als die gewöhnlichen
+Marktschreier, in Konstantinopel sein Glück machen kann. Es kamen viele Franken
+in unser Haus, und einer davon überredete meinen Vater, mich in sein Vaterland,
+nach der Stadt Paris, reisen zu lassen, wo man solche Sachen unentgeltlich und
+am besten lernen könne. Er selbst aber wolle mich, wenn er zurückreise, umsonst
+mitnehmen. Mein Vater, der in seiner Jugend auch gereist war, schlug ein, und
+der Franke sagte mir, ich könne mich in drei Monaten bereithalten. Ich war
+außer mir vor Freude, fremde Länder zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Franke hatte endlich seine Geschäfte abgemacht und sich zur Reise bereitet;
+am Vorabend der Reise führte mich mein Vater in sein Schlafkämmerlein. Dort sah
+ich schöne Kleider und Waffen auf dem Tische liegen. Was meine Blicke aber noch
+mehr anzog, war ein großer Haufe Goldes, denn ich hatte noch nie so viel
+beieinander gesehen. Mein Vater umarmte mich und sagte: &bdquo;Siehe, mein
+Sohn, ich habe dir Kleider zu der Reise besorgt. Jene Waffen sind dein, es sind
+die nämlichen, die mir dein Großvater umhing, als ich in die Fremde auszog. Ich
+weiß, du kannst sie führen; gebrauche sie aber nie, als wenn du angegriffen
+wirst; dann aber schlage auch tüchtig drauf. Mein Vermögen ist nicht groß;
+siehe, ich habe es in drei Teile geteilt, einer davon ist dein; einer davon ist
+mein Unterhalt und Notpfennig, der dritte aber sei mir ein heiliges,
+unantastbares Gut, er diene dir in der Stunde der Not!&ldquo; So sprach mein
+alter Vater, und Tränen hingen ihm im Auge, vielleicht aus Ahnung, denn ich
+habe ihn nie wieder gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Reise ging gut von Statten; wir waren bald im Lande der Franken angelangt,
+und sechs Tagreisen nachher kamen wir in die große Stadt Paris. Hier mietete
+mir mein fränkischer Freund ein Zimmer und riet mir, mein Geld, das in allem
+zweitausend Taler betrug, vorsichtig anzuwenden. Ich lebte drei Jahre in dieser
+Stadt und lernte, was ein tüchtiger Arzt wissen muß; ich müßte aber lügen, wenn
+ich sagte, daß ich gerne dort gewesen sei; denn die Sitten dieses Volkes
+gefielen mir nicht; auch hatte ich nur wenige gute Freunde dort, diese aber
+waren edle, junge Männer.
+</p>
+
+<p>
+Die Sehnsucht nach der Heimat wurde endlich mächtig in mir; in der ganzen Zeit
+hatte ich nichts von meinem Vater gehört, und ich ergriff daher eine günstige
+Gelegenheit, nach Hause zu kommen.
+</p>
+
+<p>
+Es ging nämlich eine Gesandtschaft aus Frankenland nach der Hohen Pforte. Ich
+verdingte mich als Wundarzt in das Gefolge des Gesandten und kam glücklich
+wieder nach Stambul. Das Haus meines Vaters aber fand ich verschlossen, und die
+Nachbarn staunten, als sie mich sahen, und sagten mir, mein Vater sei vor zwei
+Monaten gestorben. Jener Priester, der mich in meiner Jugend unterrichtet
+hatte, brachte nur den Schlüssel; allein und verlassen zog ich in das verödete
+Haus ein. Ich fand noch alles, wie es mein Vater verlassen hatte; nur das Gold,
+das er mir zu hinterlassen versprach, fehlte. Ich fragte den Priester darüber,
+und dieser verneigte sich und sprach: &bdquo;Euer Vater ist als ein heiliger
+Mann gestorben; denn er hat sein Gold der Kirche vermacht.&ldquo; Dies war und
+blieb mir unbegreiflich; doch was wollte ich machen; ich hatte keine Zeugen
+gegen den Priester und mußte froh sein, daß er nicht auch das Haus und die
+Waren meines Vaters als Vermächtnis angesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Dies war das erste Unglück, das mich traf. Von jetzt an aber kam es Schlag auf
+Schlag. Mein Ruf als Arzt wollte sich gar nicht ausbreiten, weil ich mich
+schämte, den Marktschreier zu machen, und überall fehlte mir die Empfehlung
+meines Vaters, der mich bei den Reichsten und Vornehmsten eingeführt hätte, die
+jetzt nicht mehr an den armen Zaleukos dachten. Auch die Waren meines Vaters
+fanden keinen Abgang; denn die Kunden hatten sich nach seinem Tode verlaufen,
+und neue bekommt man nur langsam. Als ich einst trostlos über meine Lage
+nachdachte, fiel mir ein, daß ich oft in Franken Männer meines Volkes gesehen
+hatte, die das Land durchzogen und ihre Waren auf den Märkten der Städte
+auslegten; ich erinnerte mich, daß man ihnen gerne abkaufte, weil sie aus der
+Fremde kamen, und daß man bei solchem Handel das Hundertfache erwerben könne.
+Sogleich war auch mein Entschluß gefaßt. Ich verkaufte mein väterliches Haus,
+gab einen Teil des gelösten Geldes einem bewährten Freunde zum Aufbewahren, von
+dem übrigen aber kaufte ich, was man in Franken selten hat, wie Schals, seidene
+Zeuge, Salben und Öle, mietete einen Platz auf einem Schiff und trat so meine
+zweite Reise nach Franken an.
+</p>
+
+<p>
+Es schien, als ob das Glück, sobald ich die Schlösser der Dardanellen im Rücken
+hatte, mir wieder günstig geworden wäre. Unsere Fahrt war kurz und glücklich.
+Ich durchzog die großen und kleinen Städte der Franken und fand überall willige
+Käufer meiner Waren. Mein Freund in Stambul sandte mir immer wieder frische
+Vorräte, und ich wurde von Tag zu Tag wohlhabender. Als ich endlich so viel
+erspart hatte, daß ich glaubte, ein größeres Unternehmen wagen zu können, zog
+ich mit meinen Waren nach Italien. Etwas muß ich aber noch gestehen, was mir
+auch nicht wenig Geld einbrachte: ich nahm auch meine Arzneikunst zu Hilfe.
+Wenn ich in eine Stadt kam, ließ ich durch Zettel verkünden, daß ein
+griechischer Arzt da sei, der schon viele geheilt habe; und wahrlich, mein
+Balsam und meine Arzneien haben mir manche Zechine eingebracht.
+</p>
+
+<p>
+So war ich endlich nach der Stadt Florenz in Italien gekommen. Ich nahm mir
+vor, längere Zeit in dieser Stadt zu bleiben, teils weil sie mir so wohl
+gefiel, teils auch, weil ich mich von den Strapazen meines Umherziehens erholen
+wollte. Ich mietete mir ein Gewölbe in dem Stadtviertel St. Croce und nicht
+weit davon ein paar schöne Zimmer, die auf einen Altan führten, in einem
+Wirtshaus. Sogleich ließ ich auch meine Zettel umhertragen, die mich als Arzt
+und Kaufmann ankündigten. Ich hatte kaum mein Gewölbe eröffnet, so strömten
+auch die Käufer herzu, und ob ich gleich ein wenig hohe Preise hatte, so
+verkaufte ich doch mehr als andere, weil ich gefällig und freundlich gegen
+meine Kunden war. Ich hatte schon vier Tage vergnügt in Florenz verlebt, als
+ich eines Abends, da ich schon mein Gewölbe schließen und nur die Vorräte in
+meinen Salbenbüchsen nach meiner Gewohnheit noch einmal mustern wollte, in
+einer kleinen Büchse einen Zettel fand, den ich mich nicht erinnerte,
+hineingetan zu haben. Ich öffnete den Zettel und fand darin eine Einladung,
+diese Nacht Punkt zwölf Uhr auf der Brücke, die man Ponte vecchio heißt, mich
+einzufinden. Ich sann lange darüber nach, wer es wohl sein könnte, der mich
+dorthin einlud, da ich aber keine Seele in Florenz kannte, dachte ich, man
+werde mich vielleicht heimlich zu irgendeinem Kranken führen wollen, was schon
+öfter geschehen war. Ich beschloß also hinzugehen, doch hing ich zur Vorsicht
+den Säbel um, den mir einst mein Vater geschenkt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Als es stark gegen Mitternacht ging, machte ich mich auf den Weg und kam bald
+auf die Ponte vecchio. Ich fand die Brücke verlassen und öde und beschloß zu
+warten, bis er erscheinen würde, der mich rief. Es war eine kalte Nacht; der
+Mond schien hell, und ich schaute hinab in die Wellen des Arno, die weithin im
+Mondlicht schimmerten. Auf den Kirchen der Stadt schlug es jetzt zwölf Uhr; ich
+richtete mich auf, und vor mir stand ein großer Mann, ganz in einen roten
+Mantel gehüllt, dessen einen Zipfel er vor das Gesicht hielt.
+</p>
+
+<p>
+Ich war von Anfang etwas erschrocken, weil er so plötzlich hinter mir stand,
+faßte mich aber sogleich wieder und sprach: &bdquo;Wenn Ihr mich habt hierher
+bestellt, so sagt an, was steht zu Eurem Befehl?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Rotmantel wandte sich um und sagte langsam: &bdquo;Folge!&ldquo; Da ward
+mir&rsquo;s doch etwas unheimlich zumute, mit diesem Unbekannten allein zu
+gehen; ich blieb stehen und sprach: &bdquo;Nicht also, lieber Herr, wollet mir
+vorerst sagen, wohin; auch könnet Ihr mir Euer Gesicht ein wenig zeigen, daß
+ich sehe, ob Ihr Gutes mit mir vorhabt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Rote aber schien sich nicht darum zu kümmern. &bdquo;Wenn du nicht willst,
+Zaleukos, so bleibe!&ldquo; antwortete er und ging weiter.
+</p>
+
+<p>
+Da entbrannte mein Zorn. &bdquo;Meinet Ihr&ldquo;, rief ich aus, &bdquo;ein
+Mann wie ich lasse sich von jedem Narren foppen, und ich werde in dieser kalten
+Nacht umsonst gewartet haben?&ldquo; In drei Sprüngen hatte ich ihn erreicht,
+packte ihn an seinem Mantel und schrie noch lauter, indem ich die andere Hand
+an den Säbel legte; aber der Mantel blieb mir in der Hand, und der Unbekannte
+war um die nächste Ecke verschwunden. Mein Zorn legte sich nach und nach; ich
+hatte doch den Mantel, und dieser sollte mir schon den Schlüssel zu diesem
+wunderlichen Abenteuer geben.
+</p>
+
+<p>
+Ich hing ihn um und ging meinen Weg weiter nach Hause. Als ich kaum noch
+hundert Schritte davon entfernt war, streifte jemand dicht an mir vorüber und
+flüsterte in fränkischer Sprache: &bdquo;Nehmt Euch in acht, Graf, heute nacht
+ist nichts zu machen.&ldquo; Ehe ich mich aber umsehen konnte, war dieser
+Jemand schon vorbei, und ich sah nur noch einen Schatten an den Häusern
+hinschweben. Daß dieser Zuruf den Mantel und nicht mich anging, sah ich ein;
+doch gab er mir kein Licht über die Sache. Am anderen Morgen überlegte ich, was
+zu tun sei. Ich war von Anfang gesonnen, den Mantel ausrufen zu lassen, als
+hätte ich ihn gefunden; doch da konnte der Unbekannte ihn durch einen Dritten
+holen lassen, und ich hätte dann keinen Aufschluß über die Sache gehabt. Ich
+besah, indem ich so nachdachte, den Mantel näher. Er war von schwerem
+genuesischem Samt, purpurrot, mit astrachanischem Pelz verbrämt und reich mit
+Gold bestickt. Der prachtvolle Anblick des Mantels brachte mich auf einen
+Gedanken, den ich auszuführen beschloß.
+</p>
+
+<p>
+Ich trug ihn in mein Gewölbe und legte ihn zum Verkauf aus, setzte aber auf ihn
+einen so hohen Preis, daß ich gewiß war, keinen Käufer zu finden. Mein Zweck
+dabei war, jeden, der nach dem Pelz fragen würde, scharf ins Auge zu fassen;
+denn die Gestalt des Unbekannten, die sich mir nach Verlust des Mantels, wenn
+auch nur flüchtig, doch bestimmt zeigte, wollte ich aus Tausenden erkennen. Es
+fanden sich viele Kauflustige zu dem Mantel, dessen außerordentliche Schönheit
+alle Augen auf sich zog; aber keiner glich entfernt dem Unbekannten, keiner
+wollte den hohen Preis von zweihundert Zechinen dafür bezahlen. Auffallend war
+mir dabei, daß, wenn ich einen oder den anderen fragte, ob denn sonst kein
+solcher Mantel in Florenz sei, alle mit &bdquo;Nein!&ldquo; antworteten und
+versicherten, eine so kostbare und geschmackvolle Arbeit nie gesehen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Es wollte schon Abend werden, da kam endlich ein junger Mann, der schon oft bei
+mir gewesen war und auch heute viel auf den Mantel geboten hatte, warf einen
+Beutel mit Zechinen auf den Tisch und rief: &bdquo;Bei Gott! Zaleukos, ich muß
+deinen Mantel haben, und sollte ich zum Bettler darüber werden.&ldquo; Zugleich
+begann er, seine Goldstücke aufzuzählen. Ich kam in große Not; ich hatte den
+Mantel nur ausgehängt, um vielleicht die Blicke meines Unbekannten darauf zu
+ziehen, und jetzt kam ein junger Tor, um den ungeheuren Preis zu zahlen. Doch
+was blieb mir übrig; ich gab nach, denn es tat mir auf der anderen Seite der
+Gedanke wohl, für mein nächtliches Abenteuer so schön entschädigt zu werden.
+Der Jüngling hing sich den Mantel um und ging; er kehrte aber auf der Schwelle
+wieder um, indem er ein Papier, das am Mantel befestigt war, losmachte, mir
+zuwarf und sagte: &bdquo;Hier, Zaleukos, hängt etwas, das wohl nicht zu dem
+Mantel gehört.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Gleichgültig nahm ich den Zettel; aber siehe da, dort stand geschrieben:
+&bdquo;Bringe heute nacht um die bewußte Stunde den Mantel auf die Ponte
+vecchio, vierhundert Zechinen warten deiner.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich stand wie niedergedonnert. So hatte ich also mein Glück selbst verscherzt
+und meinen Zweck gänzlich verfehlt! Doch ich besann mich nicht lange, raffte
+die zweihundert Zechinen zusammen, sprang dem, der den Mantel gekauft hatte,
+nach und sprach: &bdquo;Nehmt Eure Zechinen wieder, guter Freund, und laßt mir
+den Mantel, ich kann ihn unmöglich hergeben.&ldquo; Dieser hielt die Sache von
+Anfang für Spaß, als er aber merkte, daß es Ernst war, geriet er in Zorn über
+meine Forderung, schalt mich einen Narren, und so kam es endlich zu Schlägen.
+Doch ich war so glücklich, im Handgemenge ihm den Mantel zu entreißen, und
+wollte schon mit ihm davoneilen, als der junge Mann die Polizei zu Hilfe rief
+und mich mit sich vor Gericht zog. Der Richter war sehr erstaunt über die
+Anklage und sprach meinem Gegner den Mantel zu. Ich aber bot dem Jünglinge
+zwanzig, fünfzig, achtzig, ja hundert Zechinen über seine zweihundert, wenn er
+mir den Mantel ließe. Was meine Bitten nicht vermochten, bewirkte mein Gold. Er
+nahm meine guten Zechinen, ich aber zog mit dem Mantel triumphierend ab und
+mußte mir gefallen lassen, daß man mich in ganz Florenz für einen Wahnsinnigen
+hielt. Doch die Meinung der Leute war mir gleichgültig; ich wußte es ja besser
+als sie, daß ich an dem Handel noch gewann.
+</p>
+
+<p>
+Mit Ungeduld erwartete ich die Nacht. Um dieselbe Zeit wie gestern ging ich,
+den Mantel unter dem Arm, auf die Ponte vecchio. Mit dem letzten Glockenschlag
+kam die Gestalt aus der Nacht heraus auf mich zu. Es war unverkennbar der Mann
+von gestern. &bdquo;Hast du den Mantel?&ldquo; wurde ich gefragt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, Herr&ldquo;, antwortete ich, &bdquo;aber er kostete mich bar hundert
+Zechinen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß es&ldquo;, entgegnete jener. &bdquo;Schau auf, hier sind
+vierhundert.&ldquo; Er trat mit mir an das breite Geländer der Brücke und
+zählte die Goldstücke hin. Vierhundert waren es; prächtig blitzten sie im
+Mondschein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach! Es ahnete nicht, daß es seine
+letzte Freude sein werde. Ich steckte mein Geld in die Tasche und wollte mir
+nun auch den gütigen Unbekannten recht betrachten; aber er hatte eine Larve vor
+dem Gesicht, aus der mich dunkle Augen furchtbar anblitzten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich danke Euch, Herr, für Eure Güte&ldquo;, sprach ich zu ihm,
+&bdquo;was verlangt Ihr jetzt von mir? Das sage ich Euch aber vorher, daß es
+nichts Unrechtes sein darf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Unnötige Sorge&ldquo;, antwortete er, indem er den Mantel um die
+Schultern legte, &bdquo;ich bedarf Eurer Hilfe als Arzt; doch nicht für einen
+Lebenden, sondern für einen Toten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie kann das sein?&ldquo; rief ich voll Verwunderung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich kam mit meiner Schwester aus fernen Landen&ldquo;, erzählte er und
+winkte mir zugleich, ihm zu folgen. &bdquo;Ich wohnte hier mit ihr bei einem
+Freund meines Hauses. Meine Schwester starb gestern schnell an einer Krankheit,
+und die Verwandten wollen sie morgen begraben. Nach einer alten Sitte unserer
+Familie aber sollen alle in der Gruft der Väter ruhen; viele, die in fremden
+Landen starben, ruhen dennoch dort einbalsamiert. Meinen Verwandten gönne ich
+nun ihren Körper; meinem Vater aber muß ich wenigstens den Kopf seiner Tochter
+bringen, damit er sie noch einmal sehe.&ldquo; Diese Sitte, die Köpfe geliebter
+Anverwandten abzuschneiden, kam mir zwar etwas schrecklich vor; doch wagte ich
+nichts dagegen einzuwenden aus Furcht, den Unbekannten zu beleidigen. Ich sagte
+ihm daher, daß ich mit dem Einbalsamieren der Toten wohl umgehen könne, und bat
+ihn, mich zu der Verstorbenen zu führen. Doch konnte ich mich nicht enthalten
+zu fragen, warum denn dies alles so geheimnisvoll und in der Nacht geschehen
+müsse. Er antwortete mir, daß seine Anverwandten, die seine Absicht für grausam
+hielten, bei Tage ihn abhalten würden; sei aber nur erst einmal der Kopf
+abgenommen, so könnten sie wenig mehr darüber sagen. Er hätte mir zwar den Kopf
+bringen können; aber ein natürliches Gefühl halte ihn ab, ihn selbst
+abzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Wir waren indes bis an ein großes, prachtvolles Haus gekommen. Mein Begleiter
+zeigte es mir als das Ziel unseres nächtlichen Spazierganges. Wir gingen an dem
+Haupttor des Hauses vorbei, traten in eine kleine Pforte, die der Unbekannte
+sorgfältig hinter sich zumachte, und stiegen nun im Finstern eine enge
+Wendeltreppe hinan. Sie führte in einen spärlich erleuchteten Gang, aus welchem
+wir in ein Zimmer gelangten, das eine Lampe, die an der Decke befestigt war,
+erleuchtete.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Gemach stand ein Bett, in welchem der Leichnam lag. Der Unbekannte
+wandte sein Gesicht ab und schien Tränen verbergen zu wollen. Er deutete nach
+dem Bett, befahl mir, mein Geschäft gut und schnell zu verrichten, und ging
+wieder zur Türe hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Ich packte meine Messer, die ich als Arzt immer bei mir führte, aus und näherte
+mich dem Bett. Nur der Kopf war von der Leiche sichtbar; aber dieser war so
+schön, daß mich unwillkürlich das innigste Mitleiden ergriff. In langen
+Flechten hing das dunkle Haar herab, das Gesicht war bleich, die Augen
+geschlossen. Ich machte zuerst einen Einschnitt in die Haut, nach der Weise der
+Ärzte, wenn sie ein Glied abschneiden. Sodann nahm ich mein schärfstes Messer
+und schnitt mit einem Zug die Kehle durch. Aber welcher Schrecken! Die Tote
+schlug die Augen auf, schloß sie aber gleich wieder, und in einem tiefen
+Seufzer schien sie jetzt erst ihr Leben auszuhauchen. Zugleich schoß mir ein
+Strahl heißen Blutes aus der Wunde entgegen. Ich überzeugte mich, daß ich erst
+die Arme getötet hatte; denn daß sie tot sei, war kein Zweifel, da es von
+dieser Wunde keine Rettung gab. Ich stand einige Minuten in banger
+Beklommenheit über das, was geschehen war. Hatte der Rotmantel mich betrogen,
+oder war die Schwester vielleicht nur scheintot gewesen? Das letztere schien
+mir wahrscheinlicher. Aber ich durfte dem Bruder der Verstorbenen nicht sagen,
+daß vielleicht ein weniger rascher Schnitt sie erweckt hätte, ohne sie zu
+töten, darum wollte ich den Kopf vollends ablösen; aber noch einmal stöhnte die
+Sterbende, streckt sich in schmerzhafter Bewegung aus und starb. Da übermannte
+mich der Schrecken, und ich stürzte schaudernd aus dem Gemach. Aber draußen im
+Gang war es finster; denn die Lampe war verlöscht. Keine Spur von meinem
+Begleiter war zu entdecken, und ich mußte aufs ungefähr mich im Finstern an der
+Wand fortbewegen, um an die Wendeltreppe zu gelangen. Ich fand sie endlich und
+kam halb fallend, halb gleitend hinab. Auch unten war kein Mensch. Die Türe
+fand ich nur angelehnt, und ich atmete freier, als ich auf der Straße war; denn
+in dem Hause war mir ganz unheimlich geworden. Von Schrecken gespornt, rannte
+ich in meine Wohnung und begrub mich in die Polster meines Lagers, um das
+Schreckliche zu vergessen, das ich getan hatte. Aber der Schlaf floh mich, und
+erst der Morgen ermahnte mich wieder, mich zu fassen. Es war mir
+wahrscheinlich, daß der Mann, der mich zu dieser verruchten Tat, wie sie mir
+jetzt erschien, verführt hatte, mich nicht angeben würde. Ich entschloß mich,
+gleich in mein Gewölbe an mein Geschäft zu gehen und womöglich eine sorglose
+Miene anzunehmen. Aber ach! Ein neuer Umstand, den ich jetzt erst bemerkte,
+vermehrte noch meinen Kummer. Meine Mütze und mein Gürtel wie auch meine Messer
+fehlten mir, und ich war ungewiß, ob ich sie in dem Zimmer der Getöteten
+gelassen oder erst auf meiner Flucht verloren hatte. Leider schien das erste
+wahrscheinlicher, und man konnte mich also als Mörder entdecken.
+</p>
+
+<p>
+Ich öffnete zur gewöhnlichen Zeit mein Gewölbe. Mein Nachbar trat zu mir her,
+wie er alle Morgen zu tun pflegte, denn er war ein gesprächiger Mann.
+&bdquo;Ei, was sagt Ihr zu der schrecklichen Geschichte&ldquo;, hub er an,
+&bdquo;die heute nacht vorgefallen ist?&ldquo; Ich tat, als ob ich nichts
+wüßte. &bdquo;Wie, solltet Ihr nicht wissen, von was die ganze Stadt erfüllt
+ist? Nicht wissen, daß die schönste Blume von Florenz, Bianka, die Tochter des
+Gouverneurs, in dieser Nacht ermordet wurde? Ach! Ich sah sie gestern noch so
+heiter durch die Straßen fahren mit ihrem Bräutigam, denn heute hätten sie
+Hochzeit gehabt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Jedes Wort des Nachbarn war mir ein Stich ins Herz. Und wie oft kehrte meine
+Marter wieder; denn jeder meiner Kunden erzählte mir die Geschichte, immer
+einer schrecklicher als der andere, und doch konnte keiner so Schreckliches
+sagen, als ich selbst gesehen hatte. Um Mittag ungefähr trat ein Mann vom
+Gericht in mein Gewölbe und bat mich, die Leute zu entfernen. &bdquo;Signore
+Zaleukos&ldquo;, sprach er, indem er die Sachen, die ich vermißte, hervorzog,
+&bdquo;gehören diese Sachen Euch zu?&ldquo; Ich besann mich, ob ich sie nicht
+gänzlich ableugnen sollte; aber als ich durch die halbgeöffnete Tür meinen Wirt
+und mehrere Bekannte, die wohl gegen mich zeugen konnten, erblickte, beschloß
+ich, die Sache nicht noch durch eine Lüge zu verschlimmern, und bekannte mich
+zu den vorgezeigten Dingen. Der Gerichtsmann bat mich, ihm zu folgen, und
+führte mich in ein großes Gebäude, das ich bald für das Gefängnis erkannte.
+Dort wies er mir bis auf weiteres ein Gemach an.
+</p>
+
+<p>
+Meine Lage war schrecklich, als ich so in der Einsamkeit darüber nachdachte.
+Der Gedanke, gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen, kehrte immer wieder.
+Auch konnte ich mir nicht verhehlen, daß der Glanz des Goldes meine Sinne
+befangen gehalten hatte; sonst hätte ich nicht so blindlings in die Falle gehen
+können. Zwei Stunden nach meiner Verhaftung wurde ich aus meinem Gemach
+geführt. Mehrere Treppen ging es hinab, dann kam man in einen großen Saal. Um
+einen langen, schwarzbehängten Tisch saßen dort zwölf Männer, meistens Greise.
+An den Seiten des Saales zogen sich Bänke herab, angefüllt mit den Vornehmsten
+von Florenz; auf den Galerien, die in der Höhe angebracht waren, standen dicht
+gedrängt die Zuschauer. Als ich bis vor den schwarzen Tisch getreten war, erhob
+sich ein Mann mit finsterer, trauriger Miene; es war der Gouverneur. Er sprach
+zu den Versammelten, daß er als Vater in dieser Sache nicht richten könne und
+daß er seine Stelle für diesmal an den ältesten der Senatoren abtrete. Der
+älteste der Senatoren war ein Greis von wenigstens neunzig Jahren. Er stand
+gebückt, und seine Schläfen waren mit dünnem, weißem Haar umhängt; aber feurig
+brannten noch seine Augen, und seine Stimme war stark und sicher. Er hub an,
+mich zu fragen, ob ich den Mord gestehe. Ich bat ihn um Gehör und erzählte
+unerschrocken und mit vernehmlichen Stimme, was ich getan hatte und was ich
+wußte. Ich bemerkte, daß der Gouverneur während meiner Erzählung bald blaß,
+bald rot wurde, und als ich geschlossen, fuhr er wütend auf: &bdquo;Wie,
+Elender!&ldquo; rief er mir zu, &bdquo;so willst du ein Verbrechen, das du aus
+Habgier begangen, noch einem anderen aufbürden?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Senator verwies ihm seine Unterbrechung, da er sich freiwillig seines
+Rechtes begeben habe; auch sei es gar nicht so erwiesen, daß ich aus Habgier
+gefrevelt; denn nach seiner eigenen Aussage sei ja der Getöteten nichts
+gestohlen worden. Ja, er ging noch weiter; er erklärte dem Gouverneur, daß er
+über das frühere Leben seiner Tochter Rechenschaft geben müsse; denn nur so
+könne man schließen, ob ich die Wahrheit gesagt habe oder nicht. Zugleich hob
+er für heute das Gericht auf, um sich, wie er sagte, aus den Papieren der
+Verstorbenen, die ihm der Gouverneur übergeben werde, Rat zu holen. Ich wurde
+wieder in mein Gefängnis zurückgeführt, wo ich einen schaurigen Tag verlebte,
+immer mit dem heißen Wunsch beschäftigt, daß man doch irgendeine Verbindung
+zwischen der Toten und dem Rotmantel entdecken möchte. Voll Hoffnung trat ich
+den anderen Tag in den Gerichtssaal. Es lagen mehrere Briefe auf dem Tisch. Der
+alte Senator fragte mich, ob sie meine Handschrift seien. Ich sah sie an und
+fand, daß sie von derselben Hand sein müßten wie jene beiden Zettel, die ich
+erhalten. Ich äußerte dies den Senatoren; aber man schien nicht darauf zu
+achten und antwortete, daß ich beides geschrieben haben könne und müsse; denn
+der Namenszug unter den Briefen sei unverkennbar ein Z, der Anfangsbuchstabe
+meines Namens. Die Briefe aber enthielten Drohungen an die Verstorbene und
+Warnungen vor der Hochzeit, die sie zu vollziehen im Begriff war.
+</p>
+
+<p>
+Der Gouverneur schien sonderbare Aufschlüsse in Hinsicht auf meine Person
+gegeben zu haben; denn man behandelte mich an diesem Tage mißtrauischer und
+strenger. Ich berief mich zu meiner Rechtfertigung auf meine Papiere, die sich
+in meinem Zimmer finden müßten; aber man sagte mir, man habe nachgesucht und
+nichts gefunden. So schwand mir am Schlusse dieses Gerichts alle Hoffnung, und
+als ich am dritten Tag wieder in den Saal geführt wurde, las man mir das Urteil
+vor, daß ich, eines vorsätzlichen Mordes überwiesen, zum Tode verurteilt sei.
+Dahin also war es mit mir gekommen. Verlassen von allem, was mir auf Erden noch
+teuer war, fern von meiner Heimat, sollte ich unschuldig in der Blüte meiner
+Jahre vom Beile sterben.
+</p>
+
+<p>
+Ich saß am Abend dieses schrecklichen Tages, der über mein Schicksal
+entschieden hatte, in meinem einsamen Kerker; meine Hoffnungen waren dahin,
+meine Gedanken ernsthaft auf den Tod gerichtet. Da tat sich die Türe meines
+Gefängnisses auf, und ein Mann trat herein, der mich lange schweigend
+betrachtete. &bdquo;So finde ich dich wieder, Zaleukos?&ldquo; sagte er; ich
+hatte ihn bei dem matten Schein meiner Lampe nicht erkannt, aber der Klang
+seiner Stimme erweckte alte Erinnerungen in mir, es war Valetty, einer jener
+wenigen Freunde, die ich in der Stadt Paris während meiner Studien kannte. Er
+sagte, daß er zufällig nach Florenz gekommen sei, wo sein Vater als angesehener
+Mann wohne, er habe von meiner Geschichte gehört und sei gekommen, um mich noch
+einmal zu sehen und von mir selbst zu erfahren, wie ich mich so schwer habe
+verschulden können. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Er schien darüber
+sehr verwundert und beschwor mich, ihm, meinem einzigen Freunde, alles zu
+sagen, um nicht mit einer Lüge von hinnen zu gehen. Ich schwor ihm mit dem
+teuersten Eid, daß ich wahr gesprochen und daß keine andere Schuld mich drücke,
+als daß ich, von dem Glanze des Goldes geblendet, das Unwahrscheinliche der
+Erzählung des Unbekannten nicht erkannt habe. &bdquo;So hast du Bianka nicht
+gekannt?&ldquo; fragte jener. Ich beteuerte ihm, sie nie gesehen zu haben.
+Valetty erzählte mir nun, daß ein tiefes Geheimnis auf der Tat liege, daß der
+Gouverneur meine Verurteilung sehr hastig betrieben habe, und es sei nun ein
+Gerücht unter die Leute gekommen, daß ich Bianka schon längst gekannt und aus
+Rache über ihre Heirat mit einem anderen sie ermordet habe. Ich bemerkte ihm,
+daß dies alles ganz auf den Rotmantel passe, daß ich aber seine Teilnahme an
+der Tat mit nichts beweisen könne. Valetty umarmte mich weinend und versprach
+mir, alles zu tun, um wenigstens mein Leben zu retten. Ich hatte wenig
+Hoffnung; doch wußte ich, daß Valetty ein weiser und der Gesetze kundiger Mann
+sei und daß er alles tun werde, mich zu retten. Zwei lange Tage war ich in
+Ungewißheit: Endlich erschien auch Valetty. &bdquo;Ich bringe Trost, wenn auch
+einen schmerzlichen. Du wirst leben und frei sein; aber mit Verlust einer
+Hand.&ldquo; Gerührt dankte ich meinem Freunde für mein Leben. Er sagte mir,
+daß der Gouverneur unerbittlich gewesen sei, die Sache noch einmal untersuchen
+zu lassen; daß er aber endlich, um nicht ungerecht zu erscheinen, bewilligt
+habe, wenn man in den Büchern der florentinischen Geschichte einen ähnlichen
+Fall finde, so solle meine Strafe sich nach der Strafe, die dort ausgesprochen
+sei, richten. Er und sein Vater haben nun Tag und Nacht in den alten Büchern
+gelesen und endlich einen ganz dem meinigen ähnlichen Fall gefunden. Dort laute
+die Strafe: Es soll ihm die linke Hand abgehauen, seine Güter eingezogen, er
+selbst auf ewig verbannt werden. So laute jetzt auch meine Strafe, und ich
+solle mich jetzt bereiten zu der schmerzhaften Stunde, die meiner warte. Ich
+will euch nicht diese schreckliche Stunde vor das Auge führen, wo ich auf
+offenem Markt meine Hand auf den Block legte, wo mein eigenes Blut in weitem
+Bogen mich überströmte!
+</p>
+
+<p>
+Valetty nahm mich in sein Haus auf, bis ich genesen war, dann versah er mich
+edelmütig mit Reisegeld; denn alles, was ich mir so mühsam erworben, war eine
+Beute des Gerichts geworden. Ich reiste von Florenz nach Sizilien und von da
+mit dem ersten Schiff, das ich fand, nach Konstantinopel. Meine Hoffnung war
+auf die Summe gerichtet, die ich meinem Freunde übergeben hatte, auch bat ich
+ihn, bei ihm wohnen zu dürfen; aber wie erstaunte ich, als dieser mich fragte,
+warum ich denn nicht mein Haus beziehe! Er sagte mir, daß ein fremder Mann
+unter meinem Namen ein Haus in dem Quartier der Griechen gekauft habe; derselbe
+habe auch den Nachbarn gesagt, daß ich bald selbst kommen werde. Ich ging
+sogleich mit meinem Freunde dahin und wurde von allen meinen Bekannten freudig
+empfangen. Ein alter Kaufmann gab mir einen Brief, den der Mann, der für mich
+gekauft hatte, hiergelassen habe.
+</p>
+
+<p>
+Ich las: &bdquo;Zaleukos! Zwei Hände stehen bereit, rastlos zu schaffen, daß Du
+nicht fühlest den Verlust der einen. Das Haus, das Du siehest, und alles, was
+darin ist, ist Dein, und alle Jahre wird man Dir so viel reichen, daß Du zu den
+Reichen Deines Volkes gehören wirst. Mögest Du dem vergeben, der unglücklicher
+ist als Du.&ldquo; Ich konnte ahnen, wer es geschrieben, und der Kaufmann sagte
+mir auf meine Frage: Es sei ein Mann gewesen, den er für einen Franken
+gehalten, er habe einen roten Mantel angehabt. Ich wußte genug, um mir zu
+gestehen, daß der Unbekannte doch nicht ganz von aller edlen Gesinnung entblößt
+sein müsse. In meinem neuen Haus fand ich alles aufs beste eingerichtet, auch
+ein Gewölbe mit Waren, schöner als ich sie je gehabt. Zehn Jahre sind seitdem
+verstrichen; mehr aus alter Gewohnheit, als weil ich es nötig habe, setze ich
+meine Handelsreisen fort; doch habe ich jenes Land, wo ich so unglücklich
+wurde, nie mehr gesehen. Jedes Jahr erhielt ich seitdem tausend Goldstücke;
+aber, wenn es mir auch Freude macht, jenen Unglücklichen edel zu wissen, so
+kann er mir doch den Kummer meiner Seele nicht abkaufen, denn ewig lebt in mir
+das grauenvolle Bild der ermordeten Bianka.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt. Mit großer
+Teilnahme hatten ihm die übrigen zugehört, besonders der Fremde schien sehr
+davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief geseufzt, und Muley schien es
+sogar, als habe er einmal Tränen in den Augen gehabt. Sie besprachen sich noch
+lange Zeit über diese Geschichte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnöd&rsquo; um ein so
+edles Glied Eures Körpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?&ldquo;
+fragte der Fremde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wohl gab es in früherer Zeit Stunden&ldquo;, antwortete der Grieche,
+&bdquo;in denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über
+mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem Glauben
+meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben; auch ist er wohl
+noch unglücklicher als ich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr seid ein edler Mann!&ldquo; rief der Fremde und drückte gerührt dem
+Griechen die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat mit
+besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der Ruhe
+überlassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich die Karawanen
+angegriffen würden, auch glaubten seine Wachen, in der Entfernung mehrere
+Reiter zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der Fremde, aber
+wunderte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so gut geschätzt wären,
+daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu fürchten brauchten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, Herr!&ldquo; entgegnete ihm der Anführer der Wache. &bdquo;Wenn es
+nur solches Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit
+einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es, auf
+seiner Hut zu sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte Kaufmann,
+antwortete ihm: &bdquo;Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke über diesen
+wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches Wesen, weil er
+oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf besteht, andere halten ihn für
+einen tapferen Franken, den das Unglück in diese Gegend verschlagen habe; von
+allem aber ist nur so viel gewiß, daß er ein verruchter Mörder und Dieb
+ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten&ldquo;, entgegnete ihm Lezah,
+einer der Kaufleute. &bdquo;Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein
+edler Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich Euch
+erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen gemacht, und
+so lange er die Wüste durchstreift, darf kein anderer Stamm es wagen, sich
+sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein
+Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet
+ungefährdet weiter; denn Orbasan ist der Herr der Wüste.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die um den
+Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein ziemlich
+bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der Entfernung einer halben
+Stunde; sie schienen gerade auf das Lager zuzureiten. Einer der Männer von der
+Wache ging daher in das Zelt, um zu verkünden, daß sie wahrscheinlich
+angegriffen würden. Die Kaufleute berieten sich untereinander, was zu tun sei,
+ob man ihnen entgegengehen oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei
+älteren Kaufleute wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos
+verlangten das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog
+ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel hervor, band
+es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das Zelt zu stecken; er
+setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter werden, wenn sie dieses
+Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley glaubte nicht an den Erfolg, der
+Sklave aber steckte die Lanze auf das Zelt. Inzwischen hatten alle, die im
+Lager waren, zu den Waffen gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den
+Reitern entgegen. Doch diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu
+haben, sie wichen plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in
+einem großen Bogen auf der Seite hin.
+</p>
+
+<p>
+Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf die
+Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie wenn nichts
+vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene hin. Endlich brach
+Muley das Stillschweigen. &bdquo;Wer bist du, mächtiger Fremdling&ldquo;, rief
+er aus, &bdquo;der du die wilden Horden der Wüste durch einen Wink
+bezähmst?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie ist&ldquo;, antwortete Selim
+Baruch. &bdquo;Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der
+Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht; nur so
+viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter mächtigem Schutze
+steht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter. Wirklich war
+auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die Karawane nicht lange
+hätte Widerstand leisten können.
+</p>
+
+<p>
+Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne zu
+sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich, brachen sie auf
+und zogen weiter.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem Ausgang
+der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen Zelt versammelt
+hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler Mann
+sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der Schicksale
+meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er hatte drei Kinder. Ich
+war der Älteste, ein Bruder und eine Schwester waren bei weitem jünger als ich.
+Als ich zwanzig Jahre alt war, rief mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er
+setzte mich zum Erben seiner Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu
+seinem Tode bei ihm bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst
+vor zwei Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch
+schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gütig Allah es
+gewendet hatte.&ldquo;
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap06"></a>Die Errettung Fatmes</h2>
+
+<p class="center">
+Wilhelm Hauff
+</p>
+
+<p>
+Mein Bruder Mustapha und meine Schwester Fatme waren beinahe in gleichem Alter;
+jener hatte höchstens zwei Jahre voraus. Sie liebten einander innig und trugen
+vereint alles bei, was unserem kränklichen Vater die Last seines Alters
+erleichtern konnte. An Fatmes sechzehntem Geburtstage veranstaltete der Bruder
+ein Fest. Er ließ alle ihre Gespielinnen einladen, setzte ihnen in dem Garten
+des Vaters ausgesuchte Speisen vor, und als es Abend wurde, lud er sie ein, auf
+einer Barke, die er gemietet und festlich geschmückt hatte, ein wenig hinaus in
+die See zu fahren. Fatme und ihre Gespielinnen willigten mit Freuden ein; denn
+der Abend war schön, und die Stadt gewährte besonders abends, von dem Meere aus
+betrachtet, einen herrlichen Anblick. Den Mädchen aber gefiel es so gut auf der
+Barke, daß sie meinen Bruder bewogen, immer weiter in die See hinauszufahren.
+Mustapha gab aber ungern nach, weil sich vor einigen Tagen ein Korsar hatte
+sehen lassen. Nicht weit von der Stadt zieht sich ein Vorgebirge in das Meer.
+Dorthin wollten noch die Mädchen, um von da die Sonne in das Meer sinken zu
+sehen. Als sie um das Vorgebirg&rsquo; herumruderten, sahen sie in geringer
+Entfernung eine Barke, die mit Bewaffneten besetzt war. Nichts Gutes ahnend,
+befahl mein Bruder den Ruderern, sein Schiff zu drehen und dem Lande
+zuzurudern. Wirklich schien sich auch seine Besorgnis zu bestätigen; denn jene
+Barke kam der meines Bruders schnell nach, überholte sie, da sie mehr Ruder
+hatte, und hielt sich immer zwischen dem Land, und unserer Barke. Die Mädchen
+aber, als sie die Gefahr erkannten, in der sie schwebten, sprangen auf und
+schrien und klagten; umsonst suchte sie Mustapha zu beruhigen, umsonst stellte
+er ihnen vor, ruhig zu bleiben, weil sie durch ihr Hin- und Herrennen die Barke
+in Gefahr brächten umzuschlagen. Es half nichts, und da sie sich endlich bei
+Annäherung des anderen Bootes alle auf die hintere Seite der Barke stürzten,
+schlug diese um. Indessen aber hatte man vom Land aus die Bewegungen des
+fremden Bootes beobachtet, und da man schon seit einiger Zeit Besorgnisse wegen
+Korsaren hegte, hatte dieses Boot Verdacht erregt, und mehrere Barken stießen
+vom Lande, um den Unsrigen beizustehen. Aber sie kamen nur noch zu rechter
+Zeit, um die Untersinkenden aufzunehmen. In der Verwirrung war das feindliche
+Boot entwischt, auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten aufgenommen
+hatten, war man ungewiß, ob alle gerettet seien. Man näherte sich gegenseitig,
+und ach! Es fand sich, daß meine Schwester und eine ihrer Gespielinnen fehlten;
+zugleich entdeckte man aber einen Fremden in einer der Barken, den niemand
+kannte. Auf die Drohungen Mustaphas gestand er, daß er zu dem feindlichen
+Schiff, das zwei Meilen ostwärts vor Anker liege, gehöre, und daß ihn seine
+Gefährten auf ihrer eiligen Flucht im Stich gelassen hätten, indem er im
+Begriff gewesen sei, die Mädchen auffischen zu helfen; auch sagte er aus, daß
+er gesehen habe, wie man zwei derselben in das Schiff gezogen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Mustapha war bis zum
+Tod betrübt, denn nicht nur, daß seine geliebte Schwester verloren war und daß
+er sich anklagte, an ihrem Unglück schuld zu sein&mdash;jene Freundin Fatmes,
+die ihr Unglück teilte, war von ihren Eltern ihm zur Gattin zugesagt gewesen,
+und nur unserem Vater hatte er es noch nicht zu gestehen gewagt, weil ihre
+Eltern arm und von geringer Abkunft waren. Mein Vater aber war ein strenger
+Mann; als sein Schmerz sich ein wenig gelegt hatte, ließ er Mustapha vor sich
+kommen und sprach zu ihm: &bdquo;Deine Torheit hat mir den Trost meines Alters
+und die Freude meiner Augen geraubt. Gehe hin, ich verbanne dich auf ewig von
+meinem Angesicht, ich fluche dir und deinen Nachkommen, aber nur, wenn du mir
+Fatme wiederbringst, soll dein Haupt rein sein von dem Fluche des
+Vaters.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet; schon vorher hatte er sich
+entschlossen gehabt, seine Schwester und ihre Freundin aufzusuchen, und wollte
+sich nur noch den Segen des Vaters dazu erbitten, und jetzt schickte er ihn,
+mit dem Fluch beladen, in die Welt. Aber hatte ihn jener Jammer vorher gebeugt,
+so stählte jetzt die Fülle des Unglücks, das er nicht verdient hatte, seinen
+Mut.
+</p>
+
+<p>
+Er ging zu dem gefangenen Seeräuber und befragte ihn, wohin die Fahrt seines
+Schiffes ginge, und erfuhr, daß sie Sklavenhandel trieben und gewöhnlich in
+Balsora großen Markt hielten.
+</p>
+
+<p>
+Als er wieder nach Hause kam, um sich zur Reise anzuschicken, schien sich der
+Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er sandte ihm einen Beutel mit
+Gold zur Unterstützung auf der Reise. Mustapha aber nahm weinend von den Eltern
+Zoraides, so hieß seine geliebte Braut, Abschied und machte sich auf den Weg
+nach Balsora.
+</p>
+
+<p>
+Mustapha machte die Reise zu Land, weil von unserer kleinen Stadt aus nicht
+gerade ein Schiff nach Balsora ging. Er mußte daher sehr starke Tagreisen
+machen, um nicht zu lange nach den Seeräubern nach Balsora zu kommen; doch da
+er ein gutes Roß und kein Gepäck hatte, konnte er hoffen, diese Stadt am Ende
+des sechsten Tages zu erreichen. Aber am Abend des vierten Tages, als er ganz
+allein seines Weges ritt, fielen ihn plötzlich drei Männer an. Da er merkte,
+daß sie gut bewaffnet und stark seien und daß es mehr auf sein Geld und sein
+Roß als auf sein Leben abgesehen war, so rief er ihnen zu, daß er sich ihnen
+ergeben wolle. Sie stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm die Füße unter
+dem Bauch seines Tieres zusammen; ihn selbst aber nahmen sie in die Mitte und
+trabten, indem einer den Zügel seines Pferdes ergriff, schnell mit ihm davon,
+ohne jedoch ein Wort zu sprechen.
+</p>
+
+<p>
+Mustapha gab sich einer dumpfen Verzweiflung hin, der Fluch seines Vaters
+schien schon jetzt an dem Unglücklichen in Erfüllung zu gehen, und wie konnte
+er hoffen, seine Schwester und Zoraide zu retten, wenn er, aller Mittel
+beraubt, nur sein ärmliches Leben zu ihrer Befreiung aufwenden konnte. Mustapha
+und seine stummen Begleiter mochten wohl eine Stunde geritten sein, als sie in
+ein kleines Seitental einbogen. Das Tälchen war von hohen Bäumen eingefaßt; ein
+weicher dunkelgrüner Rasen, ein Bach, der schnell durch seine Mitte hinrollte,
+luden zur Ruhe ein. Wirklich sah er auch fünfzehn bis zwanzig Zelte dort
+aufgeschlagen; an den Pflöcken der Zelte waren Kamele und schöne Pferde
+angebunden, aus einem der Zelte hervor tönte die lustige Weise einer Zither und
+zweier schöner Männerstimmen. Meinem Bruder schien es, als ob Leute, die ein so
+fröhliches Lagerplätzchen sich erwählt hatten, nichts Böses gegen ihn im Sinne
+haben könnten, und er folgte also ohne Bangigkeit dem Ruf seiner Führer, die,
+als sie seine Bande gelöst hatten, ihm winkten, abzusteigen. Man führte ihn in
+ein Zelt, das größer als die übrigen und im Innern hübsch, fast zierlich
+aufgeputzt war. Prächtige, goldbestickte Polster, gewirkte Fußteppiche,
+übergoldete Rauchpfannen hätten anderswo Reichtum und Wohlleben verraten; hier
+schienen sie nur kühner Raub. Auf einem der Polster saß ein alter kleiner Mann;
+sein Gesicht war häßlich, seine Haut schwarzbraun und glänzend, und ein
+widriger Zug von tückischer Schlauheit um Augen und Mund machte seinen Anblick
+verhaßt. Obgleich sich dieser Mann einiges Ansehen zu geben suchte, so merkte
+doch Mustapha bald, daß nicht für ihn das Zelt so reich geschmückt sei, und die
+Unterredung seiner Führer schien seine Bemerkung zu bestätigen. &bdquo;Wo ist
+der Starke?&ldquo; fragten sie den Kleinen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er ist auf der kleinen Jagd&ldquo;, antwortete jener, &bdquo;aber er hat
+mir aufgetragen, seine Stelle zu versehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das hat er nicht gescheit gemacht&ldquo;, entgegnete einer der Räuber,
+&bdquo;denn es muß sich bald entscheiden, ob dieser Hund sterben oder zahlen
+soll, und das weiß der Starke besser als du.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der kleine Mann erhob sich im Gefühl seiner Würde, streckte sich lang aus, um
+mit der Spitze seiner Hand das Ohr seines Gegners zu erreichen, denn er schien
+Lust zu haben, sich durch einen Schlag zu rächen, als er aber sah, daß seine
+Bemühung fruchtlos sei, fing er an zu schimpfen (und wahrlich! Die anderen
+blieben ihm nichts schuldig), daß das Zelt von ihrem Streit erdröhnte. Da tat
+sich auf einmal die Türe des Zeltes auf, und herein trat ein hoher, stattlicher
+Mann, jung und schön wie ein Perserprinz; seine Kleidung und seine Waffen
+waren, außer einem reichbesetzten Dolch und einem glänzenden Säbel, gering und
+einfach; aber sein ernstes Auge, sein ganzer Anstand gebot Achtung, ohne Furcht
+einzuflößen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wer ist&rsquo;s, der es wagt, in meinem Zelte Streit zu beginnen?&ldquo;
+rief er den Erschrockenen zu. Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille; endlich
+erzählte einer von denen, die Mustapha hergebracht hatten, wie es gegangen sei.
+Da schien sich das Gesicht &bdquo;des Starken&ldquo;, wie sie ihn nannten, vor
+Zorn zu röten. &bdquo;Wann hätte ich dich je an meine Stelle gesetzt,
+Hassan?&ldquo; schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu. Dieser zog sich
+vor Furcht in sich selbst zusammen, daß er noch viel kleiner aussah als zuvor,
+und schlich sich der Zelttüre zu. Ein hinlänglicher Tritt des Starken machte,
+daß er in einem großen sonderbaren Sprung zur Zelttüre hinausflog.
+</p>
+
+<p>
+Als der Kleine verschwunden war, führten die drei Männer Mustapha vor den Herrn
+des Zeltes, der sich indes auf die Polster gelegt hatte. &bdquo;Hier bringen
+wir den, welchen du uns zu fangen befohlen hast.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Jener blickte den Gefangenen lange an und sprach sodann: &bdquo;Bassa von
+Sulieika! Dein eigenes Gewissen wird dir sagen, warum du vor Orbasan
+stehst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als mein Bruder dies hörte, warf er sich nieder vor jenem und antwortete:
+&bdquo;O Herr! Du scheinst im Irrtum zu sein. Ich bin ein armer Unglücklicher,
+aber nicht der Bassa, den du suchst!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Alle im Zelt waren über diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes aber sprach:
+&bdquo;Es kann dir wenig helfen, dich zu verstellen; denn ich will die Leute
+vorführen, die dich wohl kennen.&ldquo; Er befahl, Zuleima vorzufahren. Man
+brachte ein altes Weib in das Zelt, das auf die Frage, ob sie in meinem Bruder
+nicht den Bassa von Sulieika erkenne, antwortete: &bdquo;Jawohl!&ldquo; Und sie
+schwöre es beim Grab des Propheten, es sei der Bassa und kein anderer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Siehst du, Erbärmlicher, wie deine List zu Wasser geworden ist!&ldquo;
+begann zürnend der Starke. &bdquo;Du bist mir zu elend, als daß ich meinen
+guten Dolch mit deinem Blut besudeln sollte, aber an den Schweif meines Rosses
+will ich dich binden, morgen, wenn die Sonne aufgeht, und durch die Wälder mit
+dir jagen, bis sie scheidet hinter die Hügel von Sulieika!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da sank meinem armen Bruder der Mut. &bdquo;Das ist der Fluch meines harten
+Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt&ldquo;, rief er weinend,
+&bdquo;und auch du bist verloren, süße Schwester, auch du, Zoraide!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Deine Verstellung hilft dir nichts&ldquo;, sprach einer der Räuber,
+indem er ihm die Hände auf den Rücken band, &bdquo;mach, daß du aus dem Zelte
+kommst! Denn der Starke beißt sich in die Lippen und blickt nach seinem Dolch.
+Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als die Räuber gerade meinen Bruder aus dem Zelt führen wollten, begegneten sie
+drei anderen, die einen Gefangenen vor sich hintrieben. Sie traten mit ihm ein.
+&bdquo;Hier bringen wir den Bassa, wie du uns befohlen hast&ldquo;, sprachen
+sie und führten den Gefangenen vor das Polster des Starken. Als der Gefangene
+dorthin geführt wurde, hatte mein Bruder Gelegenheit, ihn zu betrachten, und
+ihm selbst fiel die Ähnlichkeit auf, die dieser Mann mit ihm hatte, nur war er
+dunkler im Gesicht und hatte einen schwärzeren Bart.
+</p>
+
+<p>
+Der Starke schien sehr erstaunt über die Erscheinung des zweiten Gefangenen.
+&bdquo;Wer von euch ist denn der Rechte?&ldquo; sprach er, indem er bald meinen
+Bruder, bald den anderen Mann ansah.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn du den Bassa von Sulieika meinst&ldquo;, antwortete in stolzem Ton
+der Gefangene, &bdquo;der bin ich!&ldquo; Der Starke sah ihn lange mit seinem
+ernsten, furchtbaren Blick an; dann winkte er schweigend, den Bassa
+wegzuführen.
+</p>
+
+<p>
+Als dies geschehen war, ging er auf meinen Bruder zu, zerschnitt seine Bande
+mit dem Dolch und winkte ihm, sich zu ihm aufs Polster zu setzen. &bdquo;Es tut
+mir leid, Fremdling&ldquo;, sagte er, &bdquo;daß ich dich für jenes Ungeheuer
+hielt; schreibe es aber einer sonderbaren Fügung des Himmels zu, die dich
+gerade in der Stunde, welche dem Untergang jenes Verruchten geweiht war, in die
+Hände meiner Brüder führte.&ldquo; Mein Bruder bat ihn um die einzige Gunst,
+ihn gleich wieder weiterreisen zu lassen, weil jeder Aufschub ihm verderblich
+werden könne. Der Starke erkundigte sich nach seinen eiligen Geschäften, und
+als ihm Mustapha alles erzählt hatte, überredete ihn jener, diese Nacht in
+seinem Zelt zu bleiben, er und sein Roß werden der Ruhe bedürfen; den folgenden
+Tag aber wolle er ihm einen Weg zeigen, der ihn in anderthalb Tagen nach
+Balsora bringe&mdash;Mein Bruder schlug ein, wurde trefflich bewirtet und
+schlief sanft bis zum Morgen in dem Zelt des Räubers.
+</p>
+
+<p>
+Als er aufgewacht war, sah er sich ganz allein im Zelt; vor dem Vorhang des
+Zeltes aber hörte er mehrere Stimmen zusammen sprechen, die dem Herrn des
+Zeltes und dem kleinen schwarzbraunen Mann anzugehören schienen. Er lauschte
+ein wenig und hörte zu seinem Schrecken, daß der Kleine dringend den anderen
+aufforderte, den Fremden zu töten, weil er, wenn er freigelassen würde, sie
+alle verraten könnte.
+</p>
+
+<p>
+Mustapha merkte gleich, daß der Kleine ihm gram sei, weil er die Ursache war,
+daß er gestern so übel behandelt wurde; der Starke schien sich einige
+Augenblicke zu besinnen. &bdquo;Nein&ldquo;, sprach er, &bdquo;er ist mein
+Gastfreund, und das Gastrecht ist mir heilig; auch sieht er mir nicht aus, als
+ob er uns verraten wollte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als er so gesprochen, schlug er den Vorhang zurück und trat ein. &bdquo;Friede
+sei mit dir, Mustapha!&ldquo; sprach er, &bdquo;laß uns den Morgentrunk kosten,
+und rüste dich dann zum Aufbruch!&ldquo; Er reichte meinem Bruder einen Becher
+Sorbet, und als sie getrunken hatten, zäumten sie die Pferde auf, und wahrlich,
+mit leichterem Herzen, als er gekommen war, schwang sich Mustapha aufs Pferd.
+Sie hatten bald die Zelte im Rücken und schlugen dann einen breiten Pfad ein,
+der in den Wald führte. Der Starke erzählte meinem Bruder, daß jener Bassa, den
+sie auf der Jagd gefangen hätten, ihnen versprochen habe, sie ungefährdet in
+seinem Gebiete zu dulden; vor einigen Wochen aber habe er einen ihrer
+tapfersten Männer aufgefangen und nach den schrecklichsten Martern aufhängen
+lassen. Er habe ihm nun lange auflauern lassen, und heute noch müsse er
+sterben. Mustapha wagte es nicht, etwas dagegen einzuwenden; denn er war froh,
+selbst mit heiler Haut davongekommen zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Am Ausgang des Waldes hielt der Starke sein Pferd an, beschrieb meinem Bruder
+den Weg, bot ihm die Hand zum Abschied und sprach: &bdquo;Mustapha, du bist auf
+sonderbare Weise der Gastfreund des Räubers Orbasan geworden; ich will dich
+nicht auffordern, nicht zu verraten, was du gesehen und gehört hast. Du hast
+ungerechterweise Todesangst ausgestanden, und ich bin dir Vergütung schuldig.
+Nimm diesen Dolch als Andenken, und so du Hilfe brauchst, so sende ihn mir zu,
+und ich will eilen, dir beizustehen. Diesen Beutel aber kannst du vielleicht zu
+deiner Reise brauchen.&ldquo; Mein Bruder dankte ihm für seinen Edelmut; er
+nahm den Dolch, den Beutel aber schlug er aus. Doch Orbasan drückte ihm noch
+einmal die Hand, ließ den Beutel auf die Erde fallen und sprengte mit
+Sturmeseile in den Wald. Als Mustapha sah, daß er ihn doch nicht mehr werde
+einholen können, stieg er ab, um den Beutel aufzuheben, und erschrak über die
+Größe von seines Gastfreundes Großmut; denn der Beutel enthielt eine Menge
+Gold. Er dankte Allah für seine Rettung, empfahl ihm den edlen Räuber in seine
+Gnade und zog dann heiteren Mutes weiter auf seinem Wege nach Balsora.
+</p>
+
+<p>
+Lezah schwieg und sah Achmet, den alten Kaufmann, fragend an. &bdquo;Nein, wenn
+es so ist&ldquo;, sprach dieser, &bdquo;so verbessere ich gern mein Urteil von
+Orbasan; denn wahrlich, an deinem Bruder hat er schön gehandelt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er hat getan wie ein braver Muselmann&ldquo;, rief Muley; &bdquo;aber
+ich hoffe, du hast deine Geschichte damit nicht geschlossen; denn wie mich
+bedünkt, sind wir alle begierig, weiter zu hören, wie es deinem Bruder erging
+und ob er Fatme, deine Schwester, und die schöne Zoraide befreit hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn ich euch nicht damit langweile, erzähle ich gerne weiter&ldquo;,
+entgegnete Lezah, &bdquo;denn die Geschichte meines Bruders ist allerdings
+abenteuerlich und wundervoll.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Am Mittag des siebenten Tages nach seiner Abreise zog Mustapha in die Tore von
+Balsora ein. Sobald er in einer Karawanserei abgestiegen war, fragte er, wann
+der Sklavenmarkt, der alljährlich hier gehalten werde, anfange. Aber er erhielt
+die Schreckensantwort, daß er zwei Tage zu spät komme. Man bedauerte seine
+Verspätung und erzählte ihm, daß er viel verloren habe; denn noch an dem
+letzten Tage des Marktes seien zwei Sklavinnen angekommen, von so hoher
+Schönheit, daß sie die Augen aller Käufer auf sich gezogen hätten. Man habe
+sich ordentlich um sie gerissen und geschlagen, und sie seien freilich auch zu
+einem so hohen Preise verkauft worden, daß ihn nur ihr jetziger Herr nicht habe
+scheuen können. Er erkundigte sich näher nach diesen beiden, und es blieb ihm
+kein Zweifel, daß es die Unglücklichen seien, die er suchte. Auch erfuhr er,
+daß der Mann, der sie beide gekauft habe, vierzig Stunden von Balsora wohne und
+Thiuli-Kos heiße, ein vornehmer, reicher, aber schon ältlicher Mann, der früher
+Kapudan-Bassa des Großherrn gewesen, jetzt aber sich mit seinen gesammelten
+Reichtümern zur Ruhe gesetzt habe.
+</p>
+
+<p>
+Mustapha wollte von Anfang sich gleich wieder zu Pferd setzen, um dem
+Thiuli-Kos, der kaum einen Tag Vorsprung haben konnte, nachzueilen. Als er aber
+bedachte, daß er als einzelner Mann dem mächtigen Reisenden doch nichts anhaben
+noch weniger seine Beute ihm abjagen konnte, sann er auf einen anderen Plan und
+hatte ihn auch bald gefunden. Die Verwechslung mit dem Bassa von Sulieika, die
+ihm beinahe so gefährlich geworden wäre, brachte ihn auf den Gedanken, unter
+diesem Namen in das Haus des Thiuli-Kos zu gehen und so einen Versuch zur
+Rettung der beiden unglücklichen Mädchen zu wagen. Er mietete daher einige
+Diener und Pferde, wobei ihm Orbasans Geld trefflich zustatten kam, schaffte
+sich und seinen Dienern prächtige Kleider an und machte sich auf den Weg nach
+dem Schlosse Thiulis. Nach fünf Tagen war er in die Nähe dieses Schlosses
+gekommen. Es lag in einer schönen Ebene und war rings von hohen Mauern
+umschlossen, die nur ganz wenig von den Gebäuden überragt wurden. Als Mustapha
+dort angekommen war, färbte er Haar und Bart schwarz, sein Gesicht aber
+bestrich er mit dem Saft einer Pflanze, die ihm eine bräunliche Farbe gab, ganz
+wie sie jener Bassa gehabt hatte. Er schickte hierauf einen seiner Diener in
+das Schloß und ließ im Namen des Bassa von Sulieika um ein Nachtlager bitten.
+Der Diener kam bald wieder, und mit ihm vier schöngekleidete Sklaven, die
+Mustaphas Pferd am Zügel nahmen und in den Schloßhof führten. Dort halfen sie
+ihm selbst vom Pferd, und vier andere geleiteten ihn eine breite Marmortreppe
+hinauf zu Thiuli.
+</p>
+
+<p>
+Dieser, ein alter, lustiger Geselle, empfing meinen Bruder ehrerbietig und ließ
+ihm das Beste, was sein Koch zubereiten konnte, aufsetzen. Nach Tisch brachte
+Mustapha das Gespräch nach und nach auf die neuen Sklavinnen, und Thiuli rühmte
+ihre Schönheit und beklagte nur, daß sie immer so traurig seien; doch er
+glaubte, dieses würde sich bald geben. Mein Bruder war sehr vergnügt über
+diesen Empfang und legte sich mit den schönsten Hoffnungen zur Ruhe nieder.
+</p>
+
+<p>
+Er mochte ungefähr eine Stunde geschlafen haben, da weckte ihn der Schein einer
+Lampe, der blendend auf sein Auge fiel. Als er sich aufrichtete, glaubte er
+noch zu träumen; denn vor ihm stand jener kleine, schwarzbraune Kerl aus
+Orbasans Zelt, eine Lampe in der Hand, sein breites Maul zu einem widrigen
+Lächeln verzogen. Mustapha zwickte sich in den Arm, zupfte sich an der Nase, um
+sich zu überzeugen, ob er denn wache; aber die Erscheinung blieb wie zuvor.
+&bdquo;Was willst du an meinem Bette?&ldquo; rief Mustapha, als er sich von
+seinem Erstaunen erholt hatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bemühet Euch doch nicht so, Herr!&ldquo; sprach der Kleine. &bdquo;Ich
+habe wohl erraten, weswegen Ihr hierherkommt. Auch war mir Euer wertes Gesicht
+noch wohl erinnerlich; doch wahrlich, wenn ich nicht den Bassa mit eigener Hand
+hätte erhängen helfen, so hättet Ihr mich vielleicht getäuscht. Jetzt aber bin
+ich da, um eine Frage zu machen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Vor allem sage, wie du hierherkommst&ldquo;, entgegnete ihm Mustapha
+voll Wut, daß er verraten war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das will ich Euch sagen&ldquo;, antwortete jener, &bdquo;ich konnte mich
+mit dem Starken nicht länger vertragen, deswegen floh ich; aber du, Mustapha,
+warst eigentlich die Ursache unseres Streites, und dafür mußt du mir deine
+Schwester zur Frau geben, und ich will Euch zur Flucht behilflich sein; gibst
+du sie nicht, so gehe ich zu meinem neuen Herrn und erzähle ihm etwas von dem
+neuen Bassa.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mustapha war vor Schrecken und Wut außer sich; jetzt, wo er sich am sicheren
+Ziel seiner Wünsche glaubte, sollte dieser Elende kommen und sie vereiteln; es
+war nur ein Mittel, das seinen Plan retten konnte: Er mußte das kleine Ungetüm
+töten. Mit einem Sprung fuhr er daher aus dem Bette auf den Kleinen zu; doch
+dieser, der etwas Solches geahnt haben mochte, ließ die Lampe fallen, daß sie
+verlöschte, und entsprang im Dunkeln, indem er mörderisch um Hilfe schrie.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt war guter Rat teuer; die Mädchen mußte er für den Augenblick aufgeben und
+nur auf die eigene Rettung denken; daher ging er an das Fenster, um zu sehen,
+ob er nicht entspringen könnte. Es war eine ziemliche Tiefe bis zum Boden, und
+auf der anderen Seite stand eine hohe Mauer, die zu übersteigen war. Sinnend
+stand er an dem Fenster; da hörte er viele Stimmen sich seinem Zimmer nähern;
+schon waren sie an der Türe; da faßte er verzweiflungsvoll seinen Dolch und
+seine Kleider und schwang sich zum Fenster hinaus. Der Fall war hart; aber er
+fühlte, daß er kein Glied gebrochen hatte; drum sprang er auf und lief der
+Mauer zu, die den Hof umschloß, stieg, zum Erstaunen seiner Verfolger, hinauf
+und befand sich bald im Freien. Er floh, bis er an einen kleinen Wald kam, wo
+er sich erschöpft niederwarf. Hier überlegte er, was zu tun sei.
+</p>
+
+<p>
+Seine Pferde und seine Diener hatte er im Stiche lassen müssen; aber sein Geld,
+das er in dem Gürtel trug, hatte er gerettet.
+</p>
+
+<p>
+Sein erfinderischer Kopf zeigte ihm bald einen anderen Weg zur Rettung. Er ging
+in dem Wald weiter, bis er an ein Dorf kam, wo er um geringen Preis ein Pferd
+kaufte, das ihn in Bälde in eine Stadt trug. Dort forschte er nach einem Arzt,
+und man riet ihm einen alten, erfahrenen Mann. Diesen bewog er durch einige
+Goldstücke, daß er ihm eine Arznei mitteilte, die einen todähnlichen Schlaf
+herbeiführte, der durch ein anderes Mittel augenblicklich wieder gehoben werden
+könnte. Als er im Besitz dieses Mittels war, kaufte er sich einen langen
+falschen Bart, einen schwarzen Talar und allerlei Büchsen und Kolben, so daß er
+füglich einen reisenden Arzt vorstellen konnte, lud seine Sachen auf einen Esel
+und reiste in das Schloß des Thiuli-Kos zurück. Er durfte gewiß sein, diesmal
+nicht erkannt zu werden, denn der Bart entstellte ihn so, daß er sich selbst
+kaum mehr kannte. Bei Thiuli angekommen, ließ er sich als den Arzt
+Chakamankabudibaba anmelden, und, wie er es gedacht hatte, geschah es; der
+prachtvolle Namen empfahl ihn bei dem alten Narren ungemein, so daß er ihn
+gleich zur Tafel einlud.
+</p>
+
+<p>
+Chakamankabudibaba erschien vor Thiuli, und als sie sich kaum eine Stunde
+besprochen hatten, beschloß der Alte, alle seine Sklavinnen der Kur des weisen
+Arztes zu unterwerfen. Dieser konnte seine Freude kaum verbergen, daß er jetzt
+seine geliebte Schwester wiedersehen solle, und folgte mit klopfendem Herzen
+Thiuli, der ihn ins Serail führte. Sie waren in ein Zimmer gekommen, das schön
+ausgeschmückt war, worin sich aber niemand befand. &bdquo;Chambaba oder wie du
+heißt, lieber Arzt&ldquo;, sprach Thiuli-Kos, &bdquo;betrachte einmal jenes
+Loch dort in der Mauer, dort wird jede meiner Sklavinnen einen Arm
+herausstrecken, und du kannst dann untersuchen, ob der Puls krank oder gesund
+ist.&ldquo; Mustapha mochte einwenden, was er wollte, zu sehen bekam er sie
+nicht; doch willigte Thiuli ein, daß er ihm allemal sagen wolle, wie sie sich
+sonst gewöhnlich befänden. Thiuli zog nun einen langen Zettel aus dem Gürtel
+und begann mit lauter Stimme seine Sklavinnen einzeln beim Namen zu rufen,
+worauf allemal eine Hand aus der Mauer kam und der Arzt den Puls untersuchte.
+Sechs waren schon abgelesen und sämtlich für gesund erklärt; da las Thiuli als
+die siebente &bdquo;Fatme&ldquo; ab, und eine kleine weiße Hand schlüpfte aus
+der Mauer. Zitternd vor Freude, ergreift Mustapha diese Hand und erklärt sie
+mit wichtiger Miene für bedeutend krank. Thiuli ward sehr besorgt und befahl
+seinem weisen Chakamankabudibaba, schnell eine Arznei für sie zu bereiten. Der
+Arzt ging hinaus, schrieb auf einen kleinen Zettel: Fatme! Ich will Dich
+retten, wenn Du Dich entschließen kannst, eine Arznei zu nehmen, die Dich auf
+zwei Tage tot macht; doch ich besitze das Mittel, Dich wieder zum Leben zu
+bringen. Willst Du, so sage nur, dieser Trank habe nicht geholfen, und es soll
+mir ein Zeichen sein, daß Du einwilligst.
+</p>
+
+<p>
+Bald kam er in das Zimmer zurück, wo Thiuli seiner harrte. Er brachte ein
+unschädliches Tränklein mit, fühlte der kranken Fatme noch einmal den Puls und
+schob ihr zugleich den Zettel unter ihr Armband; das Tränklein aber reichte er
+ihr durch die Öffnung in der Mauer. Thiuli schien in großen Sorgen wegen Fatme
+zu sein und schob die Untersuchung der übrigen bis auf eine gelegenere Zeit
+auf. Als er mit Mustapha das Zimmer verlassen hatte, sprach er in traurigem
+Ton: &bdquo;Chadibaba, sage aufrichtig, was hältst du von Fatmes
+Krankheit?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Chakamankabudibaba antwortete mit einem tiefen Seufzer: &bdquo;Ach Herr, möge
+der Prophet dir Trost verleihen! Sie hat ein schleichendes Fieber, das ihr wohl
+den Garaus machen kann.&ldquo; Da entbrannte der Zorn Thiulis: &bdquo;Was sagst
+du, verfluchter Hund von einem Arzt? Sie, um die ich zweitausend Goldstücke
+gab, soll mir sterben wie eine Kuh? Wisse, wenn du sie nicht rettest, so
+hau&rsquo; ich dir den Kopf ab!&ldquo; Da merkte mein Bruder, daß er einen
+dummen Streich gemacht habe, und gab Thiuli wieder Hoffnung. Als sie noch so
+sprachen, kam ein schwarzer Sklave aus dem Serail, dem Arzt zu sagen, daß das
+Tränklein nicht geholfen habe. &bdquo;Biete deine ganze Kunst auf,
+Chakamdababelba, oder wie du dich schreibst, ich zahle dir, was du
+willst&ldquo;, schrie Thiuli-Kos, fast heulend vor Angst, so viel Gold zu
+verlieren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich will ihr ein Säftlein geben, das sie von aller Not befreit&ldquo;,
+antwortete der Arzt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja! Ja! Gib ihr ein Säftlein&ldquo;, schluchzte der alte Thiuli.
+</p>
+
+<p>
+Frohen Mutes ging Mustapha, seinen Schlaftrunk zu holen, und als er ihn dem
+schwarzen Sklaven gegeben und gezeigt hatte, wieviel man auf einmal nehmen
+müsse, ging er zu Thiuli und sagte, er müsse noch einige heilsame Kräuter am
+See holen, und eilte zum Tor hinaus. An dem See, der nicht weit von dem Schloß
+entfernt war, zog er seine falschen Kleider aus und warf sie ins Wasser, daß
+sie lustig umherschwammen; er selbst aber verbarg sich im Gesträuch, wartete
+die Nacht ab und schlich sich dann in den Begräbnisplatz an dem Schlosse
+Thiulis.
+</p>
+
+<p>
+Als Mustapha kaum eine Stunde lang aus dem Schloß abwesend sein mochte, brachte
+man Thiuli die schreckliche Nachricht, daß seine Sklavin Fatme im Sterben
+liege. Er schickte hinaus an den See, um schnell den Arzt zu holen; aber bald
+kehrten seine Boten allein zurück und erzählten ihm, daß der arme Arzt ins
+Wasser gefallen und ertrunken sei; seinen schwarzen Talar sehe man im See
+schwimmen, und hier und da gucke auch sein stattlicher Bart aus den Wellen
+hervor. Als Thiuli keine Rettung mehr sah, verwünschte er sich und die ganze
+Welt, raufte sich den Bart aus und rannte mit dem Kopf gegen die Mauer. Aber
+alles dies konnte nichts helfen; denn Fatme gab bald unter den Händen der
+übrigen Weiber den Geist auf. Als Thiuli die Nachricht ihres Todes hörte,
+befahl er, schnell einen Sarg zu machen; denn er konnte keinen Toten im Hause
+leiden und ließ den Leichnam in das Begräbnishaus tragen. Die Träger brachten
+den Sarg dorthin, setzten ihn schnell nieder und entflohen, denn sie hatten
+unter den übrigen Särgen Stöhnen und Seufzen gehört.
+</p>
+
+<p>
+Mustapha, der sich hinter den Särgen verborgen und von dort aus die Träger des
+Sarges in die Flucht gejagt hatte, kam hervor und zündete sich eine Lampe an,
+die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Dann zog er ein Glas hervor, das die
+erweckende Arznei enthielt, und hob dann den Deckel von Fatmes Sarg. Aber
+welches Entsetzen befiel ihn, als sich ihm beim Scheine der Lampe ganz fremde
+Züge zeigten! Weder meine Schwester noch Zoraide, sondern eine ganz andere lag
+in dem Sarg. Er brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schicksals zu
+fassen; endlich überwog doch Mitleid seinen Zorn. Er öffnete sein Glas und
+flößte ihr die Arznei ein. Sie atmete, sie schlug die Augen auf und schien sich
+lange zu besinnen, wo sie sei. Endlich erinnerte sie sich des Vorgefallenen;
+sie stand auf aus dem Sarg und stürzte zu Mustaphas Füßen. &bdquo;Wie kann ich
+dir danken, gütiges Wesen&ldquo;, rief sie aus, &bdquo;daß du mich aus meiner
+schrecklichen Gefangenschaft befreitest!&ldquo; Mustapha unterbrach ihre
+Danksagungen mit der Frage, wie es denn geschehen sei, daß sie und nicht Fatme,
+seine Schwester, gerettet worden sei? Jene sah ihn staunend an. &bdquo;Jetzt
+wird mir meine Rettung erst klar, die mir vorher unbegreiflich war&ldquo;,
+antwortete sie; &bdquo;wisse, man hieß mich in jenem Schloß Fatme, und mir hast
+du deinen Zettel und den Rettungstrank gegeben.&ldquo; Mein Bruder forderte die
+Gerettete auf, ihm von seiner Schwester und Zoraide Nachricht zu geben, und
+erfuhr, daß sie sich beide im Schloß befanden, aber nach der Gewohnheit Thiulis
+andere Namen bekommen hatten; sie hießen jetzt Mirza und Nurmahal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als Fatme, die gerettete Sklavin, sah, daß mein Bruder durch diesen Fehlgriff
+so niedergeschlagen sei, sprach sie ihm Mut ein und versprach, ihm ein Mittel
+zu sagen, wie er jene beiden Mädchen dennoch retten könne. Aufgeweckt durch
+diesen Gedanken, schöpfte Mustapha von neuem Hoffnung und bat sie, dieses
+Mittel ihm zu nennen, und sie sprach:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich bin zwar erst seit fünf Monaten die Sklavin Thiulis, doch habe ich
+gleich von Anfang auf Rettung gesonnen; aber für mich allein war sie zu schwer.
+In dem inneren Hof des Schlosses wirst du einen Brunnen bemerkt haben, der aus
+zehn Röhren Wasser speit; dieser Brunnen fiel mir auf. Ich erinnerte mich, in
+dem Hause meines Vaters einen ähnlichen gesehen zu haben, dessen Wasser durch
+eine geräumige Wasserleitung herbeiströmt; um nun zu erfahren, ob dieser
+Brunnen auch so gebaut ist, rühmte ich eines Tages vor Thiuli seine Pracht und
+fragte nach seinem Baumeister. *Ich selbst habe ihn gebaut*, antwortete er,
+*und das, was du hier siehst, ist noch das Geringste; aber das Wasser dazu
+kommt wenigstens tausend Schritte weit von einem Bach her und geht durch eine
+gewölbte Wasserleitung, die wenigstens mannshoch ist; und alles dies habe ich
+selbst angegeben.* Als ich dies gehört hatte, wünschte ich mir oft, nur auf
+einen Augenblick die Stärke eines Mannes zu haben, um einen Stein an der Seite
+des Brunnens ausheben zu können; dann könnte ich fliehen, wohin ich wollte. Die
+Wasserleitung nun will ich dir zeigen; durch sie kannst du nachts in das Schloß
+gelangen und jene befreien. Aber du mußt wenigstens noch zwei Männer bei dir
+haben, um die Sklaven, die das Serail bei Nacht bewachen, zu
+überwältigen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+So sprach sie; mein Bruder Mustapha aber, obgleich schon zweimal in seinen
+Hoffnungen getäuscht, faßte noch einmal Mut und hoffte mit Allahs Hilfe den
+Plan der Sklavin auszuführen. Er versprach ihr, für ihr weiteres Fortkommen in
+ihre Heimat zu sorgen, wenn sie ihm behilflich sein wollte, ins Schloß zu
+gelangen. Aber ein Gedanke machte ihm noch Sorge, nämlich der, woher er zwei
+oder drei treue Gehilfen bekommen könnte. Da fiel ihm Orbasans Dolch ein und
+das Versprechen, das ihm jener gegeben hatte, ihm, wo er seiner bedürfe, zu
+Hilfe zu eilen, und er machte sich daher mit Fatme aus dem Begräbnis auf, um
+den Räuber aufzusuchen.
+</p>
+
+<p>
+In der nämlichen Stadt, wo er sich zum Arzt umgewandelt hatte, kaufte er um
+sein letztes Geld ein Roß und mietete Fatme bei einer armen Frau in der
+Vorstadt ein. Er selbst aber eilte dem Gebirge zu, wo er Orbasan zum erstenmal
+getroffen hatte, und gelangte in drei Tagen dahin. Er fand bald wieder jene
+Zelte und trat unverhofft vor Orbasan, der ihn freundlich bewillkommnete. Er
+erzählte ihm seine mißlungenen Versuche, wobei sich der ernsthafte Orbasan
+nicht enthalten konnte, hier und da ein wenig zu lachen, besonders, wenn er
+sich den Arzt Chakamankabudibaba dachte. Über die Verräterei des Kleinen aber
+war er wütend; er schwur, ihn mit eigener Hand aufzuhängen, wo er ihn finde.
+Meinem Bruder aber versprach er, sogleich zur Hilfe bereit zu sein, wenn er
+sich vorher von der Reise gestärkt haben würde. Mustapha blieb daher diese
+Nacht wieder in Orbasans Zelt; mit dem ersten Frührot aber brachen sie auf, und
+Orbasan nahm drei seiner tapfersten Männer, wohl beritten und bewaffnet, mit
+sich. Sie ritten stark zu und kamen nach zwei Tagen in die kleine Stadt, wo
+Mustapha die gerettete Fatme zurückgelassen hatte. Von da aus reisten sie mit
+dieser weiter bis zu dem kleinen Wald, von wo aus man das Schloß Thiulis in
+geringer Entfernung sehen konnte; dort lagerten sie sich, um die Nacht
+abzuwarten.
+</p>
+
+<p>
+Sobald es dunkel wurde, schlichen sie sich, von Fatme geführt, an den Bach, wo
+die Wasserleitung anfing, und fanden diese bald. Dort ließen sie Fatme und
+einen Diener mit den Rossen zurück und schickten sich an, hinabzusteigen; ehe
+sie aber hinabstiegen, wiederholte ihnen Fatme noch einmal alles genau,
+nämlich: daß sie durch den Brunnen in den inneren Schloßhof kämen, dort seien
+rechts und links in der Ecke zwei Türme, in der sechsten Türe, vom Turme rechts
+gerechnet, befänden sich Fatme und Zoraide, bewacht von zwei schwarzen Sklaven.
+Mit Waffen und Brecheisen wohl versehen, stiegen Mustapha, Orbasan und zwei
+andere Männer hinab in die Wasserleitung; sie sanken zwar bis an den Gürtel ins
+Wasser; aber nichtsdestoweniger gingen sie rüstig vorwärts. Nach einer halben
+Stunde kamen sie an den Brunnen selbst und setzten sogleich ihre Brecheisen an.
+Die Mauer war dick und fest; aber den vereinten Kräften der vier Männer konnte
+sie nicht lange widerstehen; bald hatten sie eine Öffnung eingebrochen, groß
+genug, um bequem durchschlüpfen zu können. Orbasan schlüpfte zuerst durch und
+half den anderen nach. Als sie alle im Hof waren, betrachteten sie die Seite
+des Schlosses, die vor ihnen lag, um die beschriebene Türe zu erforschen. Aber
+sie waren nicht einig, welche es sei; denn als sie von dem rechten Turm zum
+linken zählten, fanden sie eine Türe, die zugemauert war, und wußten nun nicht,
+ob Fatme diese übersprungen oder mitgezählt habe. Aber Orbasan besann sich
+nicht lange. &bdquo;Mein gutes Schwert wird mir jede Tür öffnen&ldquo;, rief er
+aus, ging auf die sechste Türe zu, und die anderen folgten ihm.
+</p>
+
+<p>
+Sie öffneten die Türe und fanden sechs schwarze Sklaven auf dem Boden liegend
+und schlafend; sie wollten schon wieder leise sich zurückziehen, weil sie
+sahen, daß sie die rechte Türe verfehlt hatten, als eine Gestalt in der Ecke
+sich aufrichtete und mit wohlbekannter Stimme um Hilfe rief. Es war der Kleine
+aus Orbasans Lager. Aber ehe noch die Schwarzen recht wußten, wie ihnen
+geschah, stürzte Orbasan auf den Kleinen zu, riß seinen Gürtel entzwei,
+verstopfte ihm den Mund und band ihm die Hände auf den Rücken; dann wandte er
+sich an die Sklaven, wovon schon einige von Mustapha und den zwei anderen halb
+gebunden waren, und half sie vollends überwältigen. Man setzte den Sklaven den
+Dolch auf die Brust und fragte sie, wo Nurmahal und Nürza wären, und sie
+gestanden, daß sie im Gemach nebenan seien. Mustapha stürzte in das Gemach und
+fand Fatme und Zoraide, die der Lärm erweckt hatte. Schnell rafften diese ihren
+Schmuck und ihre Kleider zusammen und folgten Mustapha; die beiden Räuber
+schlugen indes Orbasan vor, zu plündern, was man fände; doch dieser verbot es
+ihnen und sprach: &bdquo;Man soll nicht von Orbasan sagen können, daß er nachts
+in die Häuser steige, um Gold zu stehlen!&ldquo; Mustapha und die Geretteten
+schlüpften schnell in die Wasserleitung, wohin ihnen Orbasan sogleich zu folgen
+versprach. Als jene in die Wasserleitung hinabgestiegen waren, nahmen Orbasan
+und einer der Räuber den Kleinen und führten ihn hinaus in den Hof; dort banden
+sie ihm eine seidene Schnur, die sie deshalb mitgenommen hatten, um den Hals
+und hingen ihn an der höchsten Spitze des Brunnens auf. Nachdem sie so den
+Verrat des Elenden bestraft hatten, stiegen sie selbst hinab in die
+Wasserleitung und folgten Mustapha. Mit Tränen dankten die beiden ihrem
+edelmütigen Retter Orbasan; doch dieser trieb sie eilends zur Flucht an, denn
+es war sehr wahrscheinlich, daß sie Thiuli-Kos nach allen Seiten verfolgen
+ließ. Mit tiefer Rührung trennten sich am anderen Tag Mustapha und seine
+Geretteten von Orbasan; wahrlich, sie werden ihn nie vergessen. Fatme aber, die
+befreite Sklavin, ging verkleidet nach Balsora, um sich dort in ihre Heimat
+einzuschiffen.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer kurzen und vergnügten Reise kamen die Meinigen in die Heimat. Meinen
+alten Vater tötete beinahe die Freude des Wiedersehens; den anderen Tag nach
+ihrer Ankunft veranstaltete er ein großes Fest, an welchem die ganze Stadt
+teilnahm. Vor einer großen Versammlung von Verwandten und Freunden mußte mein
+Bruder seine Geschichte erzählen, und einstimmig priesen sie ihn und den edlen
+Räuber.
+</p>
+
+<p>
+Als aber mein Bruder geschlossen hatte, stand mein Vater auf und führte Zoraide
+ihm zu. &bdquo;So löse ich denn&ldquo;, sprach er mit feierlicher Stimme,
+&bdquo;den Fluch von deinem Haupte; nimm diese hin als die Belohnung, die du
+dir durch deinen rastlosen Eifer erkämpft hast; nimm meinen väterlichen Segen,
+und möge es nie unserer Stadt an Männern fehlen, die an brüderlicher Liebe, an
+Klugheit und Eifer dir gleichen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten die
+Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren lieblichen
+Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen Tale lag eine
+Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und obgleich sie wenig
+Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch die ganze Gesellschaft
+heiterer und zutraulicher als je; denn der Gedanke, den Gefahren und
+Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die Wüste mit sich bringt, entronnen
+zu sein, hatte alle Herzen geöffnet und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil
+gestimmt. Muley, der junge lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und
+sang Lieder dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln
+entlockten. Aber nicht genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel
+erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen
+versprochen hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte,
+also zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap07"></a>Die Geschichte von dem kleinen Muck</h2>
+
+<p class="center">
+Wilhelm Hauff
+</p>
+
+<p>
+In Nicea, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den kleinen Muck
+hieß. Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch sehr jung war, noch recht
+wohl denken, besonders weil ich einmal von meinem Vater wegen seiner halbtot
+geprügelt wurde. Der kleine Muck nämlich war schon ein alter Geselle, als ich
+ihn kannte; doch war er nur drei bis vier Schuh hoch, dabei hatte er eine
+sonderbare Gestalt, denn sein Leib, so klein und zierlich er war, mußte einen
+Kopf tragen, viel größer und dicker als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz
+allein in einem großen Haus und kochte sich sogar selbst, auch hätte man in der
+Stadt nicht gewußt, ob er lebe oder gestorben sei, denn er ging nur alle vier
+Wochen einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde ein mächtiger Dampf aus dem
+Hause aufgestiegen wäre, doch sah man ihn oft abends auf seinem Dache auf und
+ab gehen, von der Straße aus glaubte man aber, nur sein großer Kopf allein
+laufe auf dem Dache umher. Ich und meine Kameraden waren böse Buben, die
+jedermann gerne neckten und belachten, daher war es uns allemal ein Festtag,
+wenn der kleine Muck ausging; wir versammelten uns an dem bestimmten Tage vor
+seinem Haus und warteten, bis er herauskam; wenn dann die Türe aufging und
+zuerst der große Kopf mit dem noch größeren Turban herausguckte, wenn das
+übrige Körperlein nachfolgte, angetan mit einem abgeschabten Mäntelein, weiten
+Beinkleidern und einem breiten Gürtel, an welchem ein langer Dolch hing, so
+lang, daß man nicht wußte, ob Muck an dem Dolch, oder der Dolch an Muck stak,
+wenn er so heraustrat, da ertönte die Luft von unserem Freudengeschrei, wir
+warfen unsere Mützen in die Höhe und tanzten wie toll um ihn her. Der kleine
+Muck aber grüßte uns mit ernsthaftem Kopfnicken und ging mit langsamen
+Schritten die Straße hinab. Wir Knaben liefen hinter ihm her und schrien immer:
+&bdquo;Kleiner Muck, kleiner Muck!&ldquo; Auch hatten wir ein lustiges
+Verslein, das wir ihm zu Ehren hier und da sangen; es hieß:
+</p>
+
+<p class="poem">
+&bdquo;Kleiner Muck, kleiner Muck,<br/>
+Wohnst in einem großen Haus,<br/>
+Gehst nur all vier Wochen aus,<br/>
+Bist ein braver, kleiner Zwerg,<br/>
+Hast ein Köpflein wie ein Berg,<br/>
+Schau dich einmal um und guck,<br/>
+Lauf und fang uns, kleiner Muck!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+So hatten wir schon oft unsere Kurzweil getrieben, und zu meiner Schande muß
+ich es gestehen, ich trieb&rsquo;s am ärgsten; denn ich zupfte ihn oft am
+Mäntelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die großen Pantoffeln,
+daß er hinfiel. Dies kam mir nun höchst lächerlich vor, aber das Lachen verging
+mir, als ich den kleinen Muck auf meines Vaters Haus zugehen sah. Er ging
+richtig hinein und blieb einige Zeit dort. Ich versteckte mich an der Haustüre
+und sah den Muck wieder herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn
+ehrerbietig an der Hand hielt und an der Türe unter vielen Bücklingen sich von
+ihm verabschiedete. Mir war gar nicht wohl zumute; ich blieb daher lange in
+meinem Versteck; endlich aber trieb mich der Hunger, den ich ärger fürchtete
+als Schläge, heraus, und demütig und mit gesenktem Kopf trat ich vor meinen
+Vater. &bdquo;Du hast, wie ich höre, den guten Muck beschimpft?&ldquo; sprach
+er in sehr ernstem Tone. &bdquo;Ich will dir die Geschichte dieses Muck
+erzählen, und du wirst ihn gewiß nicht mehr auslachen; vor- und nachher aber
+bekommst du das Gewöhnliche.&ldquo; Das Gewöhnliche aber waren fünfundzwanzig
+Hiebe, die er nur allzu richtig aufzuzählen pflegte. Er nahm daher sein langes
+Pfeifenrohr, schraubte die Bernsteinmundspitze ab und bearbeitete mich ärger
+als je zuvor.
+</p>
+
+<p>
+Als die Fünfundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und erzählte mir
+von dem kleinen Muck:
+</p>
+
+<p>
+Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muckrah heißt, war ein angesehener,
+aber armer Mann hier in Nicea. Er lebte beinahe so einsiedlerisch wie jetzt
+sein Sohn. Diesen konnte er nicht wohl leiden, weil er sich seiner Zwerggestalt
+schämte, und ließ ihn daher auch in Unwissenheit aufwachsen. Der kleine Muck
+war noch in seinem sechzehnten Jahr ein lustiges Kind, und der Vater, ein
+ernster Mann, tadelte ihn immer, daß er, der schon längst die Kinderschuhe
+zertreten haben sollte, noch so dumm und läppisch sei.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte tat aber einmal einen bösen Fall, an welchem er auch starb und den
+kleinen Muck arm und unwissend zurückließ. Die harten Verwandten, denen der
+Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen konnte, jagten den armen Kleinen
+aus dem Hause und rieten ihm, in die Welt hinauszugehen und sein Glück zu
+suchen. Der kleine Muck antwortete, er sei schon reisefertig, bat sich aber nur
+noch den Anzug seines Vaters aus, und dieser wurde ihm auch bewilligt. Sein
+Vater war ein großer, starker Mann gewesen, daher paßten die Kleider nicht.
+Muck aber wußte bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und zog dann die
+Kleider an. Er schien aber vergessen zu haben, daß er auch in der Weite davon
+schneiden müsse, daher sein sonderbarer Aufzug, wie er noch heute zu sehen ist;
+der große Turban, der breite Gürtel, die weiten Hosen, das blaue Mäntelein,
+alles dies sind Erbstücke seines Vaters, die er seitdem getragen; den langen
+Damaszenerdolch seines Vaters aber steckte er in den Gürtel, ergriff ein
+Stöcklein und wanderte zum Tor hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Fröhlich wanderte er den ganzen Tag; denn er war ja ausgezogen, um sein Glück
+zu suchen; wenn er eine Scherbe auf der Erde im Sonnenschein glänzen sah, so
+steckte er sie gewiß zu sich, im Glauben, daß sie sich in den schönsten
+Diamanten verwandeln werde; sah er in der Ferne die Kuppel einer Moschee wie
+Feuer strahlen, sah er einen See wie einen Spiegel blinken, so eilte er voll
+Freude darauf zu; denn er dachte, in einem Zauberland angekommen zu sein. Aber
+ach! Jene Trugbilder verschwanden in der Nähe, und nur allzubald erinnerten ihn
+seine Müdigkeit und sein vor Hunger knurrender Magen, daß er noch im Lande der
+Sterblichen sich befinde. So war er zwei Tage gereist unter Hunger und Kummer
+und verzweifelte, sein Glück zu finden; die Früchte des Feldes waren seine
+einzige Nahrung, die harte Erde sein Nachtlager. Am Morgen des dritten Tages
+erblickte er von einer Anhöhe eine große Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen schimmerten auf den
+Dächern und schienen den kleinen Muck zu sich herzuwinken. Überrascht stand er
+stille und betrachtete Stadt und Gegend. &bdquo;Ja, dort wird Klein-Muck sein
+Glück finden&ldquo;, sprach er zu sich und machte trotz seiner Müdigkeit einen
+Luftsprung, &bdquo;dort oder nirgends.&ldquo; Er raffte alle seine Kräfte
+zusammen und schritt auf die Stadt zu. Aber obgleich sie ganz nahe schien,
+konnte er sie doch erst gegen Mittag erreichen; denn seine kleinen Glieder
+versagten ihm beinahe gänzlich ihren Dienst, und er mußte sich oft in den
+Schatten einer Palme setzen, um auszuruhen. Endlich war er an dem Tor der Stadt
+angelangt. Er legte sein Mäntelein zurecht, band den Turban schöner um, zog den
+Gürtel noch breiter an und steckte den langen Dolch schiefer; dann wischte er
+den Staub von den Schuhen, ergriff sein Stöcklein und ging mutig zum Tor
+hinein.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte schon einige Straßen durchwandert; aber nirgends öffnete sich ihm die
+Türe, nirgends rief man, wie er sich vorgestellt hatte: &bdquo;Kleiner Muck,
+komm herein und iß und trink und laß deine Füßlein ausruhen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er schaute gerade auch wieder recht sehnsüchtig an einem großen, schönen Haus
+hinauf; da öffnete sich ein Fenster, eine alte Frau schaute heraus und rief mit
+singender Stimme:
+</p>
+
+<p class="poem">
+&bdquo;Herbei, herbei!<br/>
+Gekocht ist der Brei,<br/>
+Den Tisch ließ ich decken,<br/>
+Drum laßt es euch schmecken;<br/>
+Ihr Nachbarn herbei,<br/>
+Gekocht ist der Brei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Türe des Hauses öffnete sich, und Muck sah viele Hunde und Katzen
+hineingehen. Er stand einige Augenblicke in Zweifel, ob er der Einladung folgen
+sollte; endlich aber faßte er sich ein Herz und ging in das Haus. Vor ihm her
+gingen ein paar junge Kätzlein, und er beschloß, ihnen zu folgen, weil sie
+vielleicht die Küche besser wüßten als er.
+</p>
+
+<p>
+Als Muck die Treppe hinaufgestiegen war, begegnete er jener alten Frau, die zum
+Fenster herausgeschaut hatte. Sie sah ihn mürrisch an und fragte nach seinem
+Begehr. &bdquo;Du hast ja jedermann zu deinem Brei eingeladen&ldquo;,
+antwortete der kleine Muck, &bdquo;und weil ich so gar hungrig bin, bin ich
+auch gekommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Alte lachte und sprach: &bdquo;Woher kommst du denn, wunderlicher Gesell?
+Die ganze Stadt weiß, daß ich für niemand koche als für meine lieben Katzen,
+und hier und da lade ich ihnen Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein, wie du
+siehst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der kleine Muck erzählte der alten Frau, wie es ihm nach seines Vaters Tod so
+hart ergangen sei, und bat sie, ihn heute mit ihren Katzen speisen zu lassen.
+Die Frau, welcher die treuherzige Erzählung des Kleinen wohl gefiel, erlaubte
+ihm, ihr Gast zu sein, und gab ihm reichlich zu essen und zu trinken. Als er
+gesättigt und gestärkt war, betrachtete ihn die Frau lange und sagte dann:
+&bdquo;Kleiner Muck, bleibe bei mir in meinem Dienste! Du hast geringe Mühe und
+sollst gut gehalten sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geschmeckt hatte, willigte ein und wurde
+also der Bedienstete der Frau Ahavzi. Er hatte einen leichten, aber sonderbaren
+Dienst. Frau Ahavzi hatte nämlich zwei Kater und vier Katzen, diesen mußte der
+kleine Muck alle Morgen den Pelz kämmen und mit köstlichen Salben einreiben;
+wenn die Frau ausging, mußte er auf die Katzen Achtung geben, wenn sie aßen,
+mußte er ihnen die Schüsseln vorlegen, und nachts mußte er sie auf seidene
+Polster legen und sie mit samtenen Decken einhüllen. Auch waren noch einige
+kleine Hunde im Haus, die er bedienen mußte, doch wurden mit diesen nicht so
+viele Umstände gemacht wie mit den Katzen, welche Frau Ahavzi wie ihre eigenen
+Kinder hielt. Übrigens führte Muck ein so einsames Leben wie in seines Vaters
+Haus, denn außer der Frau sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen. Eine
+Zeitlang ging es dem kleinen Muck ganz gut; er hatte immer zu essen und wenig
+zu arbeiten, und die alte Frau schien recht zufrieden mit ihm zu sein, aber
+nach und nach wurden die Katzen unartig, wenn die Alte ausgegangen war,
+sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher, warfen alles durcheinander und
+zerbrachen manches schöne Geschirr, das ihnen im Weg stand. Wenn sie aber die
+Frau die Treppe heraufkommen hörten, verkrochen sie sich auf ihre Polster und
+wedelten ihr mit den Schwänzen entgegen, wie wenn nichts geschehen wäre. Die
+Frau Ahavzi geriet dann in Zorn, wenn sie ihre Zimmer so verwüstet sah, und
+schob alles auf Muck, er mochte seine Unschuld beteuern, wie er wollte, sie
+glaubte ihren Katzen, die so unschuldig aussahen, mehr als ihrem Diener.
+</p>
+
+<p>
+Der kleine Muck war sehr traurig, daß er also auch hier sein Glück nicht
+gefunden hatte, und beschloß bei sich, den Dienst der Frau Ahavzi zu verlassen.
+Da er aber auf seiner ersten Reise erfahren hatte, wie schlecht man ohne Geld
+lebt, so beschloß er, den Lohn, den ihm seine Gebieterin immer versprochen,
+aber nie gegeben hatte, sich auf irgendeine Art zu verschaffen. Es befand sich
+in dem Hause der Frau Ahavzi ein Zimmer, das immer verschlossen war und dessen
+Inneres er nie gesehen hatte. Doch hatte er die Frau oft darin rumoren gehört,
+und er hätte oft für sein Leben gern gewußt, was sie dort versteckt habe. Als
+er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein, daß dort die Schätze der Frau
+versteckt sein könnten. Aber immer war die Tür fest verschlossen, und er konnte
+daher den Schätzen nie beikommen.
+</p>
+
+<p>
+Eines Morgens, als die Frau Ahavzi ausgegangen war, zupfte ihn eines der
+Hundlein, welches von der Frau immer sehr stiefmütterlich behandelt wurde,
+dessen Gunst er sich aber durch allerlei Liebesdienste in hohem Grade erworben
+hatte, an seinen weiten Beinkleidern und gebärdete sich dabei, wie wenn Muck
+ihm folgen sollte. Muck, welcher gerne mit den Hunden spielte, folgte ihm, und
+siehe da, das Hundlein führte ihn in die Schlafkammer der Frau Ahavzi vor eine
+kleine Türe, die er nie zuvor dort bemerkt hatte. Die Türe war halb offen. Das
+Hundlein ging hinein, und Muck folgte ihm, und wie freudig war er überrascht,
+als er sah, daß er sich in dem Gemach befand, das schon lange das Ziel seiner
+Wünsche war. Er spähte überall umher, ob er kein Geld finden könne, fand aber
+nichts. Nur alte Kleider und wunderlich geformte Geschirre standen umher. Eines
+dieser Geschirre zog seine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es war von
+Kristall, und schöne Figuren waren darauf ausgeschnitten. Er hob es auf und
+drehte es nach allen Seiten. Aber, o Schrecken! Er hatte nicht bemerkt, daß es
+einen Deckel hatte, der nur leicht darauf hingesetzt war. Der Deckel fiel herab
+und zerbrach in tausend Stücke.
+</p>
+
+<p>
+Lange stand der kleine Muck vor Schrecken leblos. Jetzt war sein Schicksal
+entschieden, jetzt mußte er entfliehen, sonst schlug ihn die Alte tot. Sogleich
+war auch seine Reise beschlossen, und nur noch einmal wollte er sich umschauen,
+ob er nichts von den Habseligkeiten der Frau Ahavzi zu seinem Marsch brauchen
+könnte. Da fielen ihm ein Paar mächtig große Pantoffeln ins Auge; sie waren
+zwar nicht schön; aber seine eigenen konnten keine Reise mehr mitmachen; auch
+zogen ihn jene wegen ihrer Größe an; denn hatte er diese am Fuß, so mußten ihm
+hoffentlich alle Leute ansehen, daß er die Kinderschuhe vertreten habe. Er zog
+also schnell seine Töffelein aus und fuhr in die großen hinein. Ein
+Spazierstöcklein mit einem schön geschnittenen Löwenkopf schien ihm auch hier
+allzu müßig in der Ecke zu stehen; er nahm es also mit und eilte zum Zimmer
+hinaus. Schnell ging er jetzt auf seine Kammer, zog sein Mäntelein an, setzte
+den väterlichen Turban auf, steckte den Dolch in den Gürtel und lief, so
+schnell ihn seine Füße trugen, zum Haus und zur Stadt hinaus. Vor der Stadt
+lief er, aus Angst vor der Alten, immer weiter fort, bis er vor Müdigkeit
+beinahe nicht mehr konnte. So schnell war er in seinem Leben nicht gegangen;
+ja, es schien ihm, als könne er gar nicht aufhören zu rennen; denn eine
+unsichtbare Gewalt schien ihn fortzureißen. Endlich bemerkte er, daß es mit den
+Pantoffeln eine eigene Bewandtnis haben müsse; denn diese schossen immer fort
+und führten ihn mit sich. Er versuchte auf allerlei Weise stillzustehen; aber
+es wollte nicht gelingen; da rief er in der höchsten Not, wie man den Pferden
+zuruft, sich selbst zu: &bdquo;Oh&mdash;oh, halt, oh!&ldquo; Da hielten die
+Pantoffeln, und Muck warf sich erschöpft auf die Erde nieder.
+</p>
+
+<p>
+Die Pantoffeln freuten ihn ungemein. So hatte er sich denn doch durch seine
+Verdienste etwas erworben, das ihm in der Welt auf seinem Weg das Glück zu
+suchen, forthelfen konnte. Er schlief trotz seiner Freude vor Erschöpfung ein;
+denn das Körperlein des kleinen Muck, das einen so schweren Kopf zu tragen
+hatte, konnte nicht viel aushalten. Im Traum erschien ihm das Hundlein, welches
+ihm im Hause der Frau Ahavzi zu den Pantoffeln verholfen hatte, und sprach zu
+ihm: &bdquo;Lieber Muck, du verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht
+recht; wisse, wenn du dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herumdrehst, so
+kannst du hinfliegen, wohin du nur willst, und mit dem Stöcklein kannst du
+Schätze finden, denn wo Gold vergraben ist, da wird es dreimal auf die Erde
+schlagen, bei Silber zweimal.&ldquo; So träumte der kleine Muck. Als er aber
+aufwachte, dachte er über den wunderbaren Traum nach und beschloß, alsbald
+einen Versuch zu machen. Er zog die Pantoffeln an, lupfte einen Fuß und begann
+sich auf dem Absatz umzudrehen. Wer es aber jemals versucht hat, in einem
+ungeheuer weiten Pantoffel dieses Kunststück dreimal hintereinander zu machen,
+der wird sich nicht wundern, wenn es dem kleinen Muck nicht gleich glückte,
+besonders wenn man bedenkt, daß ihn sein schwerer Kopf bald auf diese, bald auf
+jene Seite hinüberzog.
+</p>
+
+<p>
+Der arme Kleine fiel einigemal tüchtig auf die Nase; doch ließ er sich nicht
+abschrecken, den Versuch zu wiederholen, und endlich glückte es. Wie ein Rad
+fuhr er auf seinem Absatz herum, wünschte sich in die nächste große Stadt,
+und&mdash;die Pantoffeln ruderten hinauf in die Lüfte, liefen mit Windeseile
+durch die Wolken, und ehe sich der kleine Muck noch besinnen konnte, wie ihm
+geschah, befand er sich schon auf einem großen Marktplatz, wo viele Buden
+aufgeschlagen waren und unzählige Menschen geschäftig hin und her liefen. Er
+ging unter den Leuten hin und her, hielt es aber für ratsamer, sich in eine
+einsamere Straße zu begeben; denn auf dem Markt trat ihm bald da einer auf die
+Pantoffeln, daß er beinahe umfiel, bald stieß er mit seinem weit
+hinausstehenden Dolch einen oder den anderen an, daß er mit Mühe den Schlägen
+entging.
+</p>
+
+<p>
+Der kleine Muck bedachte nun ernstlich, was er wohl anfangen könnte, um sich
+ein Stück Geld zu verdienen; er hatte zwar ein Stäblein, das ihm verborgene
+Schätze anzeigte, aber wo sollte er gleich einen Platz finden, wo Gold oder
+Silber vergraben wäre? Auch hätte er sich zur Not für Geld sehen lassen können;
+aber dazu war er doch zu stolz. Endlich fiel ihm die Schnelligkeit seiner Füße
+ein, &bdquo;vielleicht&ldquo;, dachte er, &bdquo;können mir meine Pantoffeln
+Unterhalt gewähren&ldquo;, und er beschloß, sich als Schnelläufer zu verdingen.
+Da er aber hoffen durfte, daß der König dieser Stadt solche Dienste am besten
+bezahle, so erfragte er den Palast. Unter dem Tor des Palastes stand eine
+Wache, die ihn fragte, was er hier zu suchen habe. Auf seine Antwort, daß er
+einen Dienst suche, wies man ihn zum Aufseher der Sklaven. Diesem trug er sein
+Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter den königlichen Boten zu
+besorgen. Der Aufseher maß ihn mit seinen Augen von Kopf bis zu den Füßen und
+sprach: &bdquo;Wie, mit deinen Füßlein, die kaum so lang als eine Spanne sind,
+willst du königlicher Schnelläufer werden? Hebe dich weg, ich bin nicht dazu
+da, mit jedem Narren Kurzweil zu machen.&ldquo; Der kleine Muck versicherte ihm
+aber, daß es ihm vollkommen ernst sei mit seinem Antrag und daß er es mit dem
+Schnellsten auf eine Wette ankommen lassen wollte. Dem Aufseher kam die Sache
+gar lächerlich vor; er befahl ihm, sich bis auf den Abend zu einem Wettlauf
+bereitzuhalten, führte ihn in die Küche und sorgte dafür, daß ihm gehörig
+Speis&rsquo; und Trank gereicht wurde; er selbst aber begab sich zum König und
+erzählte ihm vom kleinen Muck und seinem Anerbieten. Der König war ein lustiger
+Herr, daher gefiel es ihm wohl, daß der Aufseher der Sklaven den kleinen
+Menschen zu einem Spaß behalten habe, er befahl ihm, auf einer großen Wiese
+hinter dem Schloß Anstalten zu treffen, daß das Wettlaufen mit Bequemlichkeit
+von seinem ganzen Hofstaat könnte gesehen werden, und empfahl ihm nochmals,
+große Sorgfalt für den Zwerg zu haben. Der König erzählte seinen Prinzen und
+Prinzessinnen, was sie diesen Abend für ein Schauspiel haben würden, diese
+erzählten es wieder ihren Dienern, und als der Abend herankam, war man in
+gespannter Erwartung, und alles, was Füße hatte, strömte hinaus auf die Wiese,
+wo Gerüste aufgeschlagen waren, um den großsprecherischen Zwerg laufen zu
+sehen.
+</p>
+
+<p>
+Als der König und seine Söhne und Töchter auf dem Gerüst Platz genommen hatten,
+trat der kleine Muck heraus auf die Wiese und machte vor den hohen Herrschaften
+eine überaus zierliche Verbeugung. Ein allgemeines Freudengeschrei ertönte, als
+man des Kleinen ansichtig wurde; eine solche Figur hatte man dort noch nie
+gesehen. Das Körperlein mit dem mächtigen Kopf, das Mäntelein und die weiten
+Beinkleider, der lange Dolch in dem breiten Gürtel, die kleinen Füßlein in den
+weiten Pantoffeln&mdash;nein! Es war zu drollig anzusehen, als daß man nicht
+hätte laut lachen sollen. Der kleine Muck ließ sich aber durch das Gelächter
+nicht irremachen. Er stellte sich stolz, auf sein Stöcklein gestützt, hin und
+erwartete seinen Gegner. Der Aufseher der Sklaven hatte nach Mucks eigenem
+Wunsche den besten Läufer ausgesucht. Dieser trat nun heraus, stellte sich
+neben den Kleinen, und beide harrten auf das Zeichen. Da winkte Prinzessin
+Amarza, wie es ausgemacht war, mit ihrem Schleier, und wie zwei Pfeile, auf
+dasselbe Ziel abgeschossen, flogen die beiden Wettläufer über die Wiese hin.
+</p>
+
+<p>
+Von Anfang hatte Mucks Gegner einen bedeutenden Vorsprung, aber dieser jagte
+ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk nach, holte ihn ein, überfing ihn und stand
+längst am Ziele, als jener noch, nach Luft schnappend, daherlief. Verwunderung
+und Staunen fesselten einige Augenblicke die Zuschauer, als aber der König
+zuerst in die Hände klatschte, da jauchzte die Menge, und alle riefen:
+&bdquo;Hoch lebe der kleine Muck, der Sieger im Wettlauf!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Man hatte indes den kleinen Muck herbeigebracht; er warf sich vor dem König
+nieder und sprach: &bdquo;Großmächtigster König, ich habe dir hier nur eine
+kleine Probe meiner Kunst gegeben; wolle nur gestatten, daß man mir eine Stelle
+unter deinen Läufern gebe!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der König aber antwortete ihm: &bdquo;Nein, du sollst mein Leibläufer und immer
+um meine Person sein, lieber Muck, jährlich sollst du hundert Goldstücke
+erhalten als Lohn, und an der Tafel meiner ersten Diener sollst du
+speisen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+So glaubte denn Muck, endlich das Glück gefunden zu haben, das er so lange
+suchte, und war fröhlich und wohlgemut in seinem Herzen. Auch erfreute er sich
+der besonderen Gnade des Königs, denn dieser gebrauchte ihn zu seinen
+schnellsten und geheimsten Sendungen, die er dann mit der größten Genauigkeit
+und mit unbegreiflicher Schnelle besorgte.
+</p>
+
+<p>
+Aber die übrigen Diener des Königs waren ihm gar nicht zugetan, weil sie sich
+ungern durch einen Zwerg, der nichts verstand, als schnell zu laufen, in der
+Gunst ihres Herrn zurückgesetzt sahen. Sie veranstalteten daher manche
+Verschwörung gegen ihn, um ihn zu stürzen; aber alle schlugen fehl an dem
+großen Zutrauen, das der König in seinen geheimen Oberleibläufer (denn zu
+dieser Würde hatte er es in so kurzer Zeit gebracht) setzte.
+</p>
+
+<p>
+Muck, dem diese Bewegungen gegen ihn nicht entgingen, sann nicht auf Rache,
+dazu hatte er ein zu gutes Herz, nein, auf Mittel dachte er, sich bei seinen
+Feinden notwendig und beliebt zu machen. Da fiel ihm sein Stäblein, das er in
+seinem Glück außer acht gelassen hatte, ein; wenn er Schätze finde, dachte er,
+würden ihm die Herren schon geneigter werden. Er hatte schon oft gehört, daß
+der Vater des jetzigen Königs viele seiner Schätze vergraben habe, als der
+Feind sein Land überfallen; man sagte auch, er sei darüber gestorben, ohne daß
+er sein Geheimnis habe seinem Sohn mitteilen können. Von nun an nahm Muck immer
+sein Stöcklein mit, in der Hoffnung, einmal an einem Ort vorüberzugehen, wo das
+Geld des alten Königs vergraben sei. Eines Abends führte ihn der Zufall in
+einen entlegenen Teil des Schloßgartens, den er wenig besuchte, und plötzlich
+fühlte er das Stöcklein in seiner Hand zucken, und dreimal schlug es gegen den
+Boden. Nun wußte er schon, was dies zu bedeuten hatte. Er zog daher seinen
+Dolch heraus, machte Zeichen in die umstellenden Bäume und schlich sich wieder
+in das Schloß; dort verschaffte er sich einen Spaten und wartete die Nacht zu
+seinem Unternehmen ab.
+</p>
+
+<p>
+Das Schatzgraben selbst machte übrigens dem kleinen Muck mehr zu schaffen, als
+er geglaubt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Seine Arme waren gar zu schwach, sein Spaten aber groß und schwer; und er
+mochte wohl schon zwei Stunden gearbeitet haben, ehe er ein paar Fuß tief
+gegraben hatte. Endlich stieß er auf etwas Hartes, das wie Eisen klang. Er grub
+jetzt emsiger, und bald hatte er einen großen eisernen Deckel zutage gefördert;
+er stieg selbst in die Grube hinab, um nachzuspähen, was wohl der Deckel könnte
+bedeckt haben, und fand richtig einen großen Topf, mit Goldstücken angefüllt.
+Aber seine schwachen Kräfte reichten nicht hin, den Topf zu heben, daher
+steckte er in seine Beinkleider und seinen Gürtel, so viel er zu tragen
+vermochte, und auch sein Mäntelein füllte er damit, bedeckte das übrige wieder
+sorgfältig und lud es auf den Rücken. Aber wahrlich, wenn er die Pantoffeln
+nicht an den Füßen gehabt hätte, er wäre nicht vom Fleck gekommen, so zog ihn
+die Last des Goldes nieder. Doch unbemerkt kam er auf sein Zimmer und verwahrte
+dort sein Gold unter den Polstern seines Sofas.
+</p>
+
+<p>
+Als der kleine Muck sich im Besitz so vielen Goldes sah, glaubte er, das Blatt
+werde sich jetzt wenden und er werde sich unter seinen Feinden am Hofe viele
+Gönner und warme Anhänger erwerben. Aber schon daran konnte man erkennen, daß
+der gute Muck keine gar sorgfältige Erziehung genossen haben mußte, sonst hätte
+er sich wohl nicht einbilden können, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen. Ach,
+daß er damals seine Pantoffeln geschmiert und sich mit seinem Mäntelein voll
+Gold aus dem Staub gemacht hätte!
+</p>
+
+<p>
+Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Händen austeilte,
+erweckte den Neid der übrigen Hofbediensteten. Der Küchenmeister Ahuli sagte:
+&bdquo;Er ist ein Falschmünzer.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Sklavenaufseher Achmet sagte: &bdquo;Er hat&rsquo;s dem König
+abgeschwatzt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Archaz, der Schatzmeister, aber, sein ärgster Feind, der selbst hier und da
+einen Griff in des Königs Kasse tun mochte, sagte geradezu: &bdquo;Er
+hat&rsquo;s gestohlen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Um nun ihrer Sache gewiß zu sein, verabredeten sie sich, und der Obermundschenk
+Korchuz stellte sich eines Tages recht traurig und niedergeschlagen vor die
+Augen des Königs. Er machte seine traurigen Gebärden so auffallend, daß ihn der
+König fragte, was ihm fehle.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ah&ldquo;, antwortete er, &bdquo;ich bin traurig, daß ich die Gnade
+meines Herrn verloren habe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was fabelst du, Freund Korchuz?&ldquo; entgegnete ihm der König.
+&bdquo;Seit wann hätte ich die Sonne meiner Gnade nicht über dich leuchten
+lassen?&ldquo; Der Obermundschenk antwortete ihm, daß er ja den geheimen
+Oberleibläufer mit Gold belade, seinen armen, treuen Dienern aber nichts gebe.
+</p>
+
+<p>
+Der König war sehr erstaunt über diese Nachricht, ließ sich die
+Goldausteilungen des kleinen Muck erzählen, und die Verschworenen brachten ihm
+leicht den Verdacht bei, daß Muck auf irgendeine Art das Geld aus der
+Schatzkammer gestohlen habe. Sehr lieb war diese Wendung der Sache dem
+Schatzmeister, der ohnehin nicht gerne Rechnung ablegte. Der König gab daher
+den Befehl, heimlich auf alle Schritte des kleinen Muck achtzugeben, um ihn
+womöglich auf der Tat zu ertappen. Als nun in der Nacht, die auf diesen
+Unglückstag folgte, der kleine Muck, da er durch seine Freigebigkeit seine
+Kasse sehr erschöpft sah, den Spaten nahm und in den Schloßgarten schlich, um
+dort von seinem geheimen Schatze neuen Vorrat zu holen, folgten ihm von weitem
+die Wachen, von dem Küchenmeister Ahuli und Archaz, dem Schatzmeister,
+angeführt, und in dem Augenblick, da er das Gold aus dem Topf in sein Mäntelein
+legen wollte, fielen sie über ihn her, banden ihn und führten ihn sogleich vor
+den König. Dieser, den ohnehin die Unterbrechung seines Schlafes mürrisch
+gemacht hatte, empfing seinen armen Oberleibläufer sehr ungnädig und stellte
+sogleich das Verhör über ihn an. Man hatte den Topf vollends aus der Erde
+gegraben und mit dem Spaten und mit dem Mäntelein voll Gold vor die Füße des
+Königs gesetzt. Der Schatzmeister sagte aus, daß er mit seinen Wachen den Muck
+überrascht habe, wie er diesen Topf mit Gold gerade in die Erde gegraben habe.
+</p>
+
+<p>
+Der König befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr sei und woher er das
+Gold, das er vergraben, bekommen habe.
+</p>
+
+<p>
+Der kleine Muck, im Gefühl seiner Unschuld, sagte aus, daß er diesen Topf im
+Garten entdeckt habe, daß er ihn habe nicht ein-, sondern ausgraben wollen.
+</p>
+
+<p>
+Alle Anwesenden lachten laut über diese Entschuldigung, der König aber, aufs
+höchste erzürnt über die vermeintliche Frechheit des Kleinen, rief aus:
+&bdquo;Wie, Elender! Du willst deinen König so dumm und schändlich belügen,
+nachdem du ihn bestohlen hast? Schatzmeister Archaz! Ich fordere dich auf, zu
+sagen, ob du diese Summe Goldes für die nämliche erkennst, die in meinem
+Schatze fehlt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schatzmeister aber antwortete, er sei seiner Sache ganz gewiß, so viel und
+noch mehr fehle seit einiger Zeit von dem königlichen Schatz, und er könne
+einen Eid darauf ablegen, daß dies das Gestohlene sei.
+</p>
+
+<p>
+Da befahl der König, den kleinen Muck in enge Ketten zu legen und in den Turm
+zu führen; dem Schatzmeister aber übergab er das Gold, um es wieder in den
+Schatz zu tragen. Vergnügt über den glücklichen Ausgang der Sache, zog dieser
+ab und zählte zu Haus die blinkenden Goldstücke; aber das hat dieser schlechte
+Mann niemals angezeigt, daß unten in dem Topf ein Zettel lag, der sagte:
+&bdquo;Der Feind hat mein Land überschwemmt, daher verberge ich hier einen Teil
+meiner Schätze; wer es auch finden mag, den treffe der Fluch seines Königs,
+wenn er es nicht sogleich meinem Sohne ausliefert! König Sadi.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der kleine Muck stellte in seinem Kerker traurige Betrachtungen an; er wußte,
+daß auf Diebstahl an königlichen Sachen der Tod gesetzt war, und doch mochte er
+das Geheimnis mit dem Stäbchen dem König nicht verraten, weil er mit Recht
+fürchtete, dieses und seiner Pantoffeln beraubt zu werden. Seine Pantoffeln
+konnten ihm leider auch keine Hilfe bringen; denn da er in engen Ketten an die
+Mauer geschlossen war, konnte er, so sehr er sich quälte, sich nicht auf dem
+Absatz umdrehen. Als ihm aber am anderen Tage sein Tod angekündigt wurde, da
+gedachte er doch, es sei besser, ohne das Zauberstäbchen zu leben als mit ihm
+zu sterben, ließ den König um geheimes Gehör bitten und entdeckte ihm das
+Geheimnis. Der König maß von Anfang an seinem Geständnis keinen Glauben bei;
+aber der kleine Muck versprach eine Probe, wenn ihm der König zugestünde, daß
+er nicht getötet werden solle.
+</p>
+
+<p>
+Der König gab ihm sein Wort darauf und ließ, von Muck ungesehen, einiges Gold
+in die Erde graben und befahl diesem, mit seinem Stäbchen zu suchen. In wenigen
+Augenblicken hatte er es gefunden; denn das Stäbchen schlug deutlich dreimal
+auf die Erde. Da merkte der König, daß ihn sein Schatzmeister betrogen hatte,
+und sandte ihm, wie es im Morgenland gebräuchlich ist, eine seidene Schnur,
+damit er sich selbst erdroßle. Zum kleinen Muck aber sprach er: &bdquo;Ich habe
+dir zwar dein Leben versprochen; aber es scheint mir, als ob du nicht allein
+dieses Geheimnis mit dem Stäbchen besitzest; darum bleibst du in ewiger
+Gefangenschaft, wenn du nicht gestehst, was für eine Bewandtnis es mit deinem
+Schnellaufen hat.&ldquo; Der kleine Muck, den die einzige Nacht im Turm alle
+Lust zu längerer Gefangenschaft benommen hatte, bekannte, daß seine ganze Kunst
+in den Pantoffeln liege, doch lehrte er den König nicht das Geheimnis von dem
+dreimaligen Umdrehen auf dem Absatz. Der König schlüpfte selbst in die
+Pantoffeln, um die Probe zu machen, und jagte wie unsinnig im Garten umher; oft
+wollte er anhalten; aber er wußte nicht, wie man die Pantoffeln zum Stehen
+brachte, und der kleine Muck, der diese kleine Rache sich nicht versagen
+konnte, ließ ihn laufen, bis er ohnmächtig niederfiel.
+</p>
+
+<p>
+Als der König wieder zur Besinnung zurückgekehrt war, war er schrecklich
+aufgebracht über den kleinen Muck, der ihn so ganz außer Atem hatte laufen
+lassen. &bdquo;Ich habe dir mein Wort gegeben, dir Freiheit und Leben zu
+schenken; aber innerhalb zwölf Stunden mußt du mein Land verlassen, sonst lasse
+ich dich aufknöpfen!&ldquo; Die Pantoffeln und das Stäbchen aber ließ er in
+seine Schatzkammer legen.
+</p>
+
+<p>
+So arm als je wanderte der kleine Muck zum Land hinaus, seine Torheit
+verwünschend, die ihm vorgespiegelt hatte, er könne eine bedeutende Rolle am
+Hofe spielen. Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum Glück nicht groß,
+daher war er schon nach acht Stunden auf der Grenze, obgleich ihn das Gehen, da
+er an seine lieben Pantoffeln gewöhnt war, sehr sauer ankam.
+</p>
+
+<p>
+Als er über der Grenze war, verließ er die gewöhnliche Straße, um die dichteste
+Einöde der Wälder aufzusuchen und dort nur sich zu leben; denn er war allen
+Menschen gram. In einem dichten Walde traf er auf einen Platz, der ihm zu dem
+Entschluß, den er gefaßt hatte, ganz tauglich schien. Ein klarer Bach, von
+großen, schattigen Feigenbäumen umgeben, ein weicher Rasen luden ihn ein; hier
+warf er sich nieder mit dem Entschluß, keine Speise mehr zu sich zu nehmen,
+sondern hier den Tod zu erwarten. Über traurigen Todesbetrachtungen schlief er
+ein; als er aber wieder aufwachte und der Hunger ihn zu quälen anfing, bedachte
+er doch, daß der Hungertod eine gefährliche Sache sei, und sah sich um, ob er
+nirgends etwas zu essen bekommen könnte.
+</p>
+
+<p>
+Köstliche reife Feigen hingen an dem Baume, unter welchem er geschlafen hatte;
+er stieg hinauf, um sich einige zu pflücken, ließ es sich trefflich schmecken
+und ging dann hinunter an den Bach, um seinen Durst zu löschen. Aber wie groß
+war sein Schrecken, als ihm das Wasser seinen Kopf mit zwei gewaltigen Ohren
+und einer dicken, langen Nase geschmückt zeigte! Bestürzt griff er mit den
+Händen nach den Ohren, und wirklich, sie waren über eine halbe Elle lang.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich verdiene Eselsohren!&ldquo; rief er aus; &bdquo;denn ich habe mein
+Glück wie ein Esel mit Füßen getreten.&ldquo; Er wanderte unter den Bäumen
+umher, und als er wieder Hunger fühlte, mußte er noch einmal zu den Feigen
+seine Zuflucht nehmen; denn sonst fand er nichts Eßbares an den Bäumen. Als ihm
+über der zweiten Portion Feigen einfiel, ob wohl seine Ohren nicht unter seinem
+großen Turban Platz hätten, damit er doch nicht gar zu lächerlich aussehe,
+fühlte er, daß seine Ohren verschwunden waren. Er lief gleich an den Bach
+zurück, um sich davon zu überzeugen, und wirklich, es war so, seine Ohren
+hatten ihre vorige Gestalt, seine lange, unförmliche Nase war nicht mehr. Jetzt
+merkte er aber, wie dies gekommen war; von dem ersten Feigenbaum hatte er die
+lange Nase und Ohren bekommen, der zweite hatte ihn geheilt; freudig erkannte
+er, daß sein gütiges Geschick ihm noch einmal die Mittel in die Hand gebe,
+glücklich zu sein. Er pflückte daher von jedem Baum so viel, wie er tragen
+konnte, und ging in das Land zurück, das er vor kurzem verlassen hatte. Dort
+machte er sich in dem ersten Städtchen durch andere Kleider ganz unkenntlich
+und ging dann weiter auf die Stadt zu, die jener König bewohnte, und kam auch
+bald dort an.
+</p>
+
+<p>
+Es war gerade zu einer Jahreszeit, wo reife Früchte noch ziemlich selten waren;
+der kleine Muck setzte sich daher unter das Tor des Palastes; denn ihm war von
+früherer Zeit her wohl bekannt, daß hier solche Seltenheiten von dem
+Küchenmeister für die königliche Tafel eingekauft wurden. Muck hatte noch nicht
+lange gesessen, als er den Küchenmeister über den Hof herüberschreiten sah. Er
+musterte die Waren der Verkäufer, die sich am Tor des Palastes eingefunden
+hatten; endlich fiel sein Blick auch auf Mucks Körbchen. &bdquo;Ah, ein
+seltener Bissen&ldquo;, sagte er, &bdquo;der Ihro Majestät gewiß behagen wird.
+Was willst du für den ganzen Korb?&ldquo; Der kleine Muck bestimmte einen
+mäßigen Preis, und sie waren bald des Handels einig. Der Küchenmeister übergab
+den Korb einem Sklaven und ging weiter; der kleine Muck aber macht sich
+einstweilen aus dem Staub, weil er befürchtete, wenn sich das Unglück an den
+Köpfen des Hofes zeigte, möchte man ihn als Verkäufer aufsuchen und bestrafen.
+</p>
+
+<p>
+Der König war über Tisch sehr heiter gestimmt und sagte seinem Küchenmeister
+einmal über das andere Lobsprüche wegen seiner guten Küche und der Sorgfalt,
+mit der er immer das Seltenste für ihn aussuche; der Küchenmeister aber,
+welcher wohl wußte, welchen Leckerbissen er noch im Hintergrund habe,
+schmunzelte gar freundlich und ließ nur einzelne Worte fallen, als: &bdquo;Es
+ist noch nicht aller Tage Abend&ldquo;, oder &bdquo;Ende gut, alles gut&ldquo;,
+so daß die Prinzessinnen sehr neugierig wurden, was er wohl noch bringen werde.
+Als er aber die schönen, einladenden Feigen aufsetzen ließ, da entfloh ein
+allgemeines Ah! dem Munde der Anwesenden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie reif, wie appetitlich!&ldquo; rief der König. &bdquo;Küchenmeister,
+du bist ein ganzer Kerl und verdienst unsere ganz besondere Gnade!&ldquo; Also
+sprechend, teilte der König, der mit solchen Leckerbissen sehr sparsam zu sein
+pflegte, mit eigener Hand die Feigen an seiner Tafel aus. Jeder Prinz und jede
+Prinzessin bekam zwei, die Hofdamen und die Wesire und Agas eine, die übrigen
+stellte er vor sich hin und begann mit großem Behagen sie zu verschlingen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber, lieber Gott, wie siehst du so wunderlich aus, Vater?&ldquo; rief
+auf einmal die Prinzessin Amarza. Alle sahen den König erstaunt an; ungeheure
+Ohren hingen ihm am Kopf, eine lange Nase zog sich über sein Kinn herunter;
+auch sich selbst betrachteten sie untereinander mit Staunen und Schrecken; alle
+waren mehr oder minder mit dem sonderbaren Kopfputz geschmeckt.
+</p>
+
+<p>
+Man denke sich den Schrecken des Hofes! Man schickte sogleich nach allen Ärzten
+der Stadt; sie kamen haufenweise, verordneten Pillen und Mixturen; aber die
+Ohren und die Nasen blieben. Man operierte einen der Prinzen; aber die Ohren
+wuchsen nach.
+</p>
+
+<p>
+Muck hatte die ganze Geschichte in seinem Versteck, wohin er sich zurückgezogen
+hatte, gehört und erkannte, daß es jetzt Zeit sei zu handeln. Er hatte sich
+schon vorher von dem aus den Feigen gelösten Geld einen Anzug verschafft, der
+ihn als Gelehrten darstellen konnte; ein langer Bart aus Ziegenhaaren
+vollendete die Täuschung. Mit einem Säckchen voll Feigen wanderte er in den
+Palast des Königs und bot als fremder Arzt seine Hilfe an. Man war von Anfang
+sehr ungläubig; als aber der kleine Muck eine Feige einem der Prinzen zu essen
+gab und Ohren und Nase dadurch in den alten Zustand zurückbrachte, da wollte
+alles von dem fremden Arzte geheilt sein. Aber der König nahm ihn schweigend
+bei der Hand und führte ihn in sein Gemach; dort schloß er eine Türe auf, die
+in die Schatzkammer führte, und winkte Muck, ihm zu folgen. &bdquo;Hier sind
+meine Schätze&ldquo;, sprach der König, &bdquo;wähle dir, was es auch sei, es
+soll dir gewährt werden, wenn du mich von diesem schmachvollen Übel
+befreist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das war süße Musik in des kleinen Muck Ohren; er hatte gleich beim Eintritt
+seine Pantoffeln auf dem Boden stehen sehen, gleich daneben lag auch sein
+Stäbchen. Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er die Schätze des Königs
+bewundern wollte; kaum aber war er an seine Pantoffeln gekommen, so schlüpfte
+er eilends hinein, ergriff sein Stäbchen, riß seinen falschen Bart herab und
+zeigte dem erstaunten König das wohlbekannte Gesicht seines verstoßenen Muck.
+&bdquo;Treuloser König&ldquo;, sprach er, &bdquo;der du treue Dienste mit
+Undank lohnst, nimm als wohlverdiente Strafe die Mißgestalt, die du trägst. Die
+Ohren laß ich dir zurück, damit sie dich täglich erinnern an den kleinen
+Muck.&ldquo; Als er so gesprochen hatte, drehte er sich schnell auf dem Absatz
+herum, wünschte sich weit hinweg, und ehe noch der König um Hilfe rufen konnte,
+war der kleine Muck entflohen. Seitdem lebt der kleine Muck hier in großem
+Wohlstand, aber einsam; denn er verachtet die Menschen. Er ist durch Erfahrung
+ein weiser Mann geworden, welcher, wenn auch sein Äußeres etwas Auffallendes
+haben mag, deine Bewunderung mehr als deinen Spott verdient.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein rohes
+Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte mir die andere
+Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich erzählte meinen Kameraden
+die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und wir gewannen ihn so lieb, daß ihn
+keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und
+haben uns vor ihm immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebückt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu machen, um
+sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken. Die gestrige Fröhlichkeit
+ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten sich in allerlei Spielen. Nach
+dem Essen aber riefen sie dem fünften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine
+Schuldigkeit gleich den übrigen zu tun und eine Geschichte zu erzählen. Er
+antwortete, sein Leben sei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er
+ihnen etwas davon mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes
+erzählen, nämlich: Das Märchen vom falschen Prinzen.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap08"></a>Das Märchen vom falschen Prinzen</h2>
+
+<p class="center">
+Wilhelm Hauff
+</p>
+
+<p>
+Es war einmal ein ehrsamer Schneidergeselle, namens Labakan, der bei einem
+geschickten Meister in Alessandria sein Handwerk lernte. Man konnte nicht
+sagen, daß Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im Gegenteil, er konnte recht
+feine Arbeit machen. Auch tat man ihm unrecht, wenn man ihn geradezu faul
+schalt; aber ganz richtig war es doch nicht mit dem Gesellen, denn er konnte
+oft stundenweis in einem fort nähen, daß ihm die Nadel in der Hand glühend ward
+und der Faden rauchte, da gab es ihm dann ein Stück wie keinem anderen; ein
+andermal aber, und dies geschah leider öfters, saß er in tiefen Gedanken, sah
+mit starren Augen vor sich hin und hatte dabei in Gesicht und Wesen etwas so
+Eigenes, daß sein Meister und die übrigen Gesellen von diesem Zustand nie
+anders sprachen als: &bdquo;Labakan hat wieder sein vornehmes Gesicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Am Freitag aber, wenn andere Leute vom Gebet ruhig nach Haus an ihre Arbeit
+gingen, trat Labakan in einem schönen Kleid, das er sich mit vieler Mühe
+zusammengespart hatte, aus der Moschee, ging langsam und stolzen Schrittes
+durch die Plätze und Straßen der Stadt, und wenn ihm einer seiner Kameraden ein
+&bdquo;Friede sei mit dir&ldquo;, oder &bdquo;Wie geht es, Freund
+Labakan?&ldquo; bot, so winkte er gnädig mit der Hand oder nickte, wenn es hoch
+kam, vornehm mit dem Kopf. Wenn dann sein Meister im Spaß zu ihm sagte:
+&bdquo;An dir ist ein Prinz verlorengegangen, Labakan&ldquo;, so freute er sich
+darüber und antwortete: &bdquo;Habt Ihr das auch bemerkt?&ldquo; oder:
+&bdquo;Ich habe es schon lange gedacht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+So trieb es der ehrsame Schneidergeselle Labakan schon eine geraume Zeit, sein
+Meister aber duldete seine Narrheit, weil er sonst ein guter Mensch und
+geschickter Arbeiter war. Aber eines Tages schickte Selim, der Bruder des
+Sultans, der gerade durch Alessandria reiste, ein Festkleid zu dem Meister, um
+einiges daran verändern zu lassen, und der Meister gab es Labakan, weil dieser
+die feinste Arbeit machte. Als abends der Meister und die Gesellen sich
+hinwegbegeben hatten, um nach des Tages Last sich zu erholen, trieb eine
+unwiderstehliche Sehnsucht Labakan wieder in die Werkstatt zurück, wo das Kleid
+des kaiserlichen Bruders hing. Er stand lange sinnend davor, bald den Glanz der
+Stickerei, bald die schillernden Farben des Samts und der Seide an dem Kleide
+bewundernd. Er konnte nicht anders, er mußte es anziehen, und siehe da, es
+paßte ihm so trefflich, wie wenn es für ihn wäre gemacht worden. &bdquo;Bin ich
+nicht so gut ein Prinz als einer?&ldquo; fragte er sich, indem er im Zimmer auf
+und ab schritt. &bdquo;Hat nicht der Meister selbst schon gesagt, daß ich zum
+Prinzen geboren sei?&ldquo; Mit den Kleidern schien der Geselle eine ganz
+königliche Gesinnung angezogen zu haben; er konnte sich nicht anders denken,
+als er sei ein unbekannter Königssohn, und als solcher beschloß er, in die Welt
+zu reisen und einen Ort zu verlassen, wo die Leute bisher so töricht gewesen
+waren, unter der Hülle seines niederen Standes nicht seine angebotene Würde zu
+erkennen. Das prachtvolle Kleid schien ihm von einer gütigen Fee geschickt, er
+hütete sich daher wohl, ein so teures Geschenk zu verschmähen, steckte seine
+geringe Barschaft zu sich und wanderte, begünstigt von dem Dunkel der Nacht,
+aus Alessandrias Toren.
+</p>
+
+<p>
+Der neue Prinz erregte überall auf seiner Wanderschaft Verwunderung, denn das
+prachtvolle Kleid und sein ernstes, majestätisches Wesen wollten gar nicht
+passen für einen Fußgänger. Wenn man ihn darüber befragte, pflegte er mit
+geheimnisvoller Miene zu antworten, daß das seine eigenen Ursachen habe. Als er
+aber merkte, daß er sich durch seine Fußwanderungen lächerlich machte, kaufte
+er um geringen Preis ein altes Roß, welches sehr für ihn paßte, da es ihn mit
+seiner gesetzten Ruhe und Sanftmut nie in die Verlegenheit brachte, sich als
+geschickter Reiter zeigen zu müssen, was gar nicht seine Sache war.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages, als er Schritt vor Schritt auf seinem Murva, so hatte er sein Roß
+genannt, seine Straße zog, schloß sich ein Reiter an ihn an und bat ihn, in
+seiner Gesellschaft reiten zu dürfen, weil ihm der Weg viel kürzer werde im
+Gespräch mit einem anderen. Der Reiter war ein fröhlicher, junger Mann, schön
+und angenehm im Umgang. Er hatte mit Labakan bald ein Gespräch angeknüpft über
+Woher und Wohin, und es traf sich, daß auch er, wie der Schneidergeselle, ohne
+Plan in die Welt hinauszog. Er sagte, er heiße Omar, sei der Neffe Elfi Beys,
+des unglücklichen Bassas von Kairo, und reise nun umher, um einen Auftrag, den
+ihm sein Oheim auf dem Sterbebette erteilt habe, auszurichten. Labakan ließ
+sich nicht so offenherzig über seine Verhältnisse aus, er gab ihm zu verstehen,
+daß er von hoher Abkunft sei und zu seinem Vergnügen reise.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden jungen Herren fanden Gefallen aneinander und zogen fürder. Am
+zweiten Tage ihrer gemeinschaftlichen Reise fragte Labakan seinen Gefährten
+Omar nach den Aufträgen, die er zu besorgen habe, und erfuhr zu seinem
+Erstaunen folgendes: Elfi Bey, der Bassa von Kairo, hatte den Omar seit seiner
+frühesten Kindheit erzogen, und dieser hatte seine Eltern nie gekannt. Als nun
+Elfi Bey von seinen Feinden überfallen worden war und nach drei unglücklichen
+Schlachten, tödlich verwundet, fliehen mußte, entdeckte er seinem Zögling, daß
+er nicht sein Neffe sei, sondern der Sohn eines mächtigen Herrschers, welcher
+aus Furcht vor den Prophezeiungen seiner Sterndeuter den jungen Prinzen von
+seinem Hofe entfernt habe, mit dem Schwur, ihn erst an seinem
+zweiundzwanzigsten Geburtstage wiedersehen zu wollen. Elfi Bey habe ihm den
+Namen seines Vaters nicht genannt, sondern ihm nur aufs bestimmteste
+aufgetragen, am fünften Tage des kommenden Monats Ramadan, an welchem Tage er
+zweiundzwanzig Jahre alt werde, sich an der berühmten Säule El-Serujah, vier
+Tagreisen östlich von Alessandria, einzufinden; dort soll er den Männern, die
+an der Säule stehen würden, einen Dolch, den er ihm gab, überreichen mit den
+Worten: &bdquo;Hier bin ich, den ihr suchet&ldquo;; wenn sie antworteten:
+&bdquo;Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!&ldquo;, so solle er ihnen
+folgen, sie würden ihn zu seinem Vater führen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schneidergeselle Labakan war sehr erstaunt über diese Mitteilung, er
+betrachtete von jetzt an den Prinzen Omar mit neidischen Augen, erzürnt
+darüber, daß das Schicksal jenem, obgleich er schon für den Neffen eines
+mächtigen Bassa galt, noch die Würde eines Fürstensohnes verliehen, ihm aber,
+den es mit allem, was einem Prinzen nottut, ausgerüstet, gleichsam zum Hohn
+eine dunkle Geburt und einen gewöhnlichen Lebensweg verliehen habe. Er stellte
+Vergleichungen zwischen sich und dem Prinzen an. Er mußte sich gestehen, es sei
+jener ein Mann von sehr vorteilhafter Gesichtsbildung; schöne, lebhafte Augen,
+eine kühngebogene Nase, ein sanftes, zuvorkommendes Benehmen, kurz, so viele
+Vorzüge des Äußeren, die jemand empfehlen können, waren jenem eigen. Aber so
+viele Vorzüge er auch an seinem Begleiter fand, so gestand er sich doch bei
+diesen Beobachtungen, daß ein Labakan dem fürstlichen Vater wohl noch
+willkommener sein dürfte als der wirkliche Prinz.
+</p>
+
+<p>
+Diese Betrachtungen verfolgten Labakan den ganzen Tag, mit ihnen schlief er im
+nächsten Nachtlager ein, aber als er morgens aufwachte und sein Blick auf den
+neben ihm schlafenden Omar fiel, der so ruhig schlafen und von seinem gewissen
+Glück träumen konnte, da erwachte in ihm der Gedanke, sich durch List oder
+Gewalt zu erstreben, was ihm das ungünstige Schicksal versagt hatte. Der Dolch,
+das Erkennungszeichen des heimkehrenden Prinzen, sah aus dem Gürtel des
+Schlafenden hervor, leise zog er ihn hervor, um ihn in die Brust des
+Eigentümers zu stoßen. Doch vor dem Gedanken des Mordes entsetzte sich die
+friedfertige Seele des Gesellen; er begnügte sich, den Dolch zu sich zu
+stecken, das schnellere Pferd des Prinzen für sich aufzäumen zu lassen, und ehe
+Omar aufwachte und sich aller seiner Hoffnungen beraubt sah, hatte sein
+treuloser Gefährte schon einen Vorsprung von mehreren Meilen.
+</p>
+
+<p>
+Es war gerade der erste Tag des heiligen Monats Ramadan, an welchem Labakan den
+Raub an dem Prinzen begangen hatte, und er hatte also noch vier Tage, um zu der
+Säule El Serujah, welche ihm wohlbekannt war, zu gelangen. Obgleich die Gegend,
+worin sich diese Säule befand, höchstens noch zwei Tagreisen entfernt sein
+konnte, so beeilte er sich doch hinzukommen, weil er immer fürchtete, von dem
+wahren Prinzen eingeholt zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende des zweiten Tages erblickte Labakan die Säule El-Serujah. Sie stand auf
+einer kleinen Anhöhe in einer weiten Ebene und konnte auf zwei bis drei Stunden
+gesehen werden. Labakans Herz pochte lauter bei diesem Anblick; obgleich er die
+letzten zwei Tage hindurch Zeit genug gehabt, über die Rolle, die er zu spielen
+hatte, nachzudenken, so machte ihn doch das böse Gewissen etwas ängstlich, aber
+der Gedanke, daß er zum Prinzen geboren sei, stärkte ihn wieder, so daß er
+getrösteter seinem Ziele entgegenging.
+</p>
+
+<p>
+Die Gegend um die Säule El-Serujah war unbewohnt und öde, und der neue Prinz
+wäre wegen seines Unterhalts etwas in Verlegenheit gekommen, wenn er sich nicht
+auf mehrere Tage versehen hätte. Er lagerte sich also neben seinem Pferd unter
+einigen Palmen und erwartete dort sein ferneres Schicksal.
+</p>
+
+<p>
+Gegen die Mitte des anderen Tages sah er einen großen Zug von Pferden und
+Kamelen über die Ebene her auf die Säule El-Serujah zuziehen. Der Zug hielt am
+Fuße des Hügels, auf welchem die Säule stand, man schlug prächtige Zelte auf,
+und das Ganze sah aus wie der Reisezug eines reichen Bassa oder Scheik. Labakan
+ahnte, daß die vielen Leute, welche er sah, sich seinetwegen hierher bemüht
+hatten, und hätte ihnen gerne schon heute ihren künftigen Gebieter gezeigt;
+aber er mäßigte seine Begierde, als Prinz aufzutreten, da ja doch der nächste
+Morgen seine kühnsten Wünsche vollkommen befriedigen mußte.
+</p>
+
+<p>
+Die Morgensonne weckte den überglücklichen Schneider zu dem wichtigsten
+Augenblick seines Lebens, welcher ihn aus einem niederen, unbekannten
+Sterblichen an die Seite eines fürstlichen Vaters erheben sollte; zwar fiel
+ihm, als er sein Pferd aufzäumte, um zu der Säule hinzureiten, wohl auch das
+Unrechtmäßige seines Schrittes ein; zwar führten ihm seine Gedanken den Schmerz
+des in seinen schönen Hoffnungen betrogenen Fürstensohnes vor, aber&mdash;der
+Würfel war geworfen, er konnte nicht mehr ungeschehen machen, was geschehen
+war, und seine Eigenliebe flüsterte ihm zu, daß er stattlich genug aussehe, um
+dem mächtigsten König sich als Sohn vorzustellen; ermutigt durch diesen
+Gedanken, schwang er sich auf sein Roß, nahm alle seine Tapferkeit zusammen, um
+es in einen ordentlichen Galopp zu bringen, und in weniger als einer
+Viertelstunde war er am Fuße des Hügels angelangt. Er stieg ab von seinem Pferd
+und band es an eine Staude, deren mehrere an dem Hügel wuchsen; hierauf zog er
+den Dolch des Prinzen Omar hervor und stieg den Hügel hinan. Am Fuß der Säule
+standen sechs Männer um einen Greis von hohem, königlichem Ansehen; ein
+prachtvoller Kaftan von Goldstoff, mit einem weißen Kaschmirschal umgürtet, der
+weiße, mit blitzenden Edelsteinen geschmückte Turban bezeichneten ihn als einen
+Mann von Reichtum und Würde.
+</p>
+
+<p>
+Auf ihn ging Labakan zu, neigte sich tief vor ihm und sprach, indem er den
+Dolch darreichte: &bdquo;Hier bin ich, den Ihr suchet. &bdquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!&ldquo; antwortete der Greis
+mit Freudentränen. &bdquo;Umarme deinen alten Vater, mein geliebter Sohn
+Omar!&ldquo; Der gute Schneider war sehr gerührt durch diese feierlichen Worte
+und sank mit einem Gemisch von Freude und Scham in die Arme des alten Fürsten.
+</p>
+
+<p>
+Aber nur einen Augenblick sollte er ungetrübt die Wonne seines neuen Standes
+genießen; als er sich aus den Armen des fürstlichen Greises aufrichtete, sah er
+einen Reiter über die Ebene her auf den Hügel zueilen. Der Reiter und sein Roß
+gewährten einen sonderbaren Anblick; das Roß schien aus Eigensinn oder
+Müdigkeit nicht vorwärts zu wollen, in einem stolpernden Gang, der weder
+Schritt noch Trab war, zog es daher, der Reiter aber trieb es mit Händen und
+Füßen zu schnellerem Laufe an. Nur zu bald erkannte Labakan sein Roß Murva und
+den echten Prinzen Omar, aber der böse Geist der Lüge war einmal in ihn
+gefahren, und er beschloß, wie es auch kommen möge, mit eiserner Stirne seine
+angemaßten Rechte zu behaupten.
+</p>
+
+<p>
+Schon aus der Ferne hatte man den Reiter winken gesehen; jetzt war er trotz des
+schlechten Trabes des Rosses Murva am Fuße des Hügels angekommen, warf sich vom
+Pferd und stürzte den Hügel hinan. &bdquo;Haltet ein!&ldquo; rief er.
+&bdquo;Wer ihr auch sein möget, haltet ein und laßt euch nicht von dem
+schändlichsten Betrüger täuschen; ich heiße Omar, und kein Sterblicher wage es,
+meinen Namen zu mißbrauchen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auf den Gesichtern der Umstehenden malte sich tiefes Erstaunen über diese
+Wendung der Dinge; besonders schien der Greis sehr betroffen, indem er bald den
+einen, bald den anderen fragend ansah; Labakan aber sprach mit mühsam
+errungener Ruhe: &bdquo;Gnädigster Herr und Vater, laßt Euch nicht irremachen
+durch diesen Menschen da! Es ist, soviel ich weiß, ein wahnsinniger
+Schneidergeselle aus Alessandria, Labakan geheißen, der mehr unser Mitleid als
+unseren Zorn verdient.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Bis zur Raserei aber brachten diese Worte den Prinzen; schäumend vor Wut wollte
+er auf Labakan eindringen, aber die Umstehenden warfen sich dazwischen und
+hielten ihn fest, und der Fürst sprach: &bdquo;Wahrhaftig, mein lieber Sohn,
+der arme Mensch ist verrückt; man binde ihn und setze ihn auf eines unserer
+Dromedare, vielleicht, daß wir dem Unglücklichen Hilfe schaffen können.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Wut des Prinzen hatte sich gelegt, weinend rief er dem Fürsten zu:
+&bdquo;Mein Herz sagt mir, daß Ihr mein Vater seid; bei dem Andenken meiner
+Mutter beschwöre ich Euch, hört mich an!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ei, Gott bewahre uns!&ldquo; antwortete dieser, &bdquo;er fängt schon
+wieder an, irre zu reden, wie doch der Mensch auf so tolle Gedanken kommen
+kann!&ldquo; Damit ergriff er Labakans Arm und ließ sich von ihm den Hügel
+hinuntergeleiten; sie setzten sich beide auf schöne, mit reichen Decken
+behängte Pferde und ritten an der Spitze des Zuges über die Ebene hin. Dem
+unglücklichen Prinzen aber fesselte man die Hände und band ihn auf einem
+Dromedar fest, und zwei Reiter waren ihm immer zur Seite, die ein wachsames
+Auge auf jede seiner Bewegungen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Der fürstliche Greis war Saaud, der Sultan der Wechabiten. Er hatte lange ohne
+Kinder gelebt, endlich wurde ihm ein Prinz geboren, nach dem er sich so lange
+gesehnt hatte; aber die Sterndeuter, welche er um die Vorbedeutungen des Knaben
+befragte, taten den Ausspruch, &bdquo;daß er bis ins zweiundzwanzigste Jahr in
+Gefahr stehe, von einem Feinde verdrängt zu werden&ldquo;, deswegen, um recht
+sicherzugehen, hatte der Sultan den Prinzen seinem alten, erprobten Freunde
+Elfi-Bey zum Erziehen gegeben und zweiundzwanzig schmerzliche Jahre auf seinen
+Anblick geharrt.
+</p>
+
+<p>
+Dieses hatte der Sultan seinem (vermeintlichen) Sohne erzählt und sich ihm
+außerordentlich zufrieden mit seiner Gestalt und seinem würdevollen Benehmen
+gezeigt.
+</p>
+
+<p>
+Als sie in das Land des Sultans kamen, wurden sie überall von den Einwohnern
+mit Freudengeschrei empfangen; denn das Gerücht von der Ankunft des Prinzen
+hatte sich wie ein Lauffeuer durch alle Städte und Dörfer verbreitet. Auf den
+Straßen, durch welche sie zogen, waren Bögen von Blumen und Zweigen errichtet,
+glänzende Teppiche von allen Farben schmeckten die Häuser, und das Volk pries
+laut Gott und seinen Propheten, der ihnen einen so schönen Prinzen gesandt
+habe. Alles dies erfüllte das stolze Herz des Schneiders mit Wonne; desto
+unglücklicher mußte sich aber der echte Omar fühlen, der, noch immer gefesselt,
+in stiller Verzweiflung dem Zuge folgte. Niemand kümmerte sich um ihn bei dem
+allgemeinen Jubel, der doch ihm galt; den Namen Omar riefen tausend und wieder
+tausend Stimmen, aber ihn, der diesen Namen mit Recht trug, ihn beachtete
+keiner; höchstens fragte einer oder der andere, wen man denn so fest gebunden
+mit fortfahre, und schrecklich tönte in das Ohr des Prinzen die Antwort seiner
+Begleiter, es sei ein wahnsinniger Schneider.
+</p>
+
+<p>
+Der Zug war endlich in die Hauptstadt des Sultans gekommen, wo alles noch
+glänzender zu ihrem Empfang bereitet war als in den übrigen Städten. Die
+Sultanin, eine ältliche, ehrwürdige Frau, erwartete sie mit ihrem ganzen
+Hofstaat in dem prachtvollsten Saal des Schlosses. Der Boden dieses Saales war
+mit einem ungeheuren Teppich bedeckt, die Wände waren mit hellblauem Tuch
+geschmeckt, das in goldenen Quasten und Schnüren an großen, silbernen Haken
+hing.
+</p>
+
+<p>
+Es war schon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saale viele
+kugelrunde, farbige Lampen angezündet, welche die Nacht zum Tag erhellten. Am
+klarsten und vielfarbigsten strahlten sie aber im Hintergrund des Saales, wo
+die Sultanin auf einem Throne saß. Der Thron stand auf vier Stufen und war von
+lauterem Golde und mit großen Amethysten ausgelegt. Die vier vornehmsten Emire
+hielten einen Baldachin von roter Seide über dem Haupte der Sultanin, und der
+Scheik von Medina fächelte ihr mit einer Windfuchtel von weißen Pfauenfedern
+Kühlung zu.
+</p>
+
+<p>
+So erwartete die Sultanin ihren Gemahl und ihren Sohn, auch sie hatte ihn seit
+seiner Geburt nicht mehr gesehen, aber bedeutsam Träume hatten ihr den
+Ersehnten gezeigt, daß sie ihn aus Tausenden erkennen wollte. Jetzt hörte man
+das Geräusch des nahenden Zuges, Trompeten und Trommeln mischten sich in das
+Zujauchzen der Menge, der Hufschlag der Rosse tönte im Hof des Palastes, näher
+und näher rauschten die Tritte der Kommenden, die Türen des Saales flogen auf,
+und durch die Reihen der niederfallenden Diener eilte der Sultan an der Hand
+seines Sohnes vor den Thron der Mutter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hier&ldquo;, sprach er, &bdquo;bringe ich dir den, nach welchem du dich
+so lange gesehnet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Sultanin aber fiel ihm in die Rede: &bdquo;Das ist mein Sohn nicht!&ldquo;
+rief sie aus, &bdquo;das sind nicht die Züge, die mir der Prophet im Traume
+gezeigt hat!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Gerade, als ihr der Sultan ihren Aberglauben verweisen wollte, sprang die Türe
+des Saales auf. Prinz Omar stürzte herein, verfolgt von seinen Wächtern, denen
+er sich mit Anstrengung aller seiner Kraft entrissen hatte, er warf sich
+atemlos vor dem Throne nieder: &bdquo;Hier will ich sterben, laßt mich töten,
+grausamer Vater; denn diese Schmach dulde ich nicht länger!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Alles war bestürzt über diese Reden; man drängte sich um den Unglücklichen her,
+und schon wollten ihn die herbeieilenden Wachen ergreifen und ihm wieder seine
+Bande anlegen, als die Sultanin, die in sprachlosem Erstaunen dieses alles mit
+angesehen hatte, von dem Throne aufsprang. &bdquo;Haltet ein!&ldquo; rief sie,
+&bdquo;dieser und kein anderer ist der Rechte, dieser ist&rsquo;s, den meine
+Augen nie gesehen und den mein Herz doch gekannt hat!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Wächter hatten unwillkürlich von Omar abgelassen, aber der Sultan,
+entflammt von wütendem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnsinnigen zu binden:
+&bdquo;Ich habe hier zu entscheiden&ldquo;, sprach er mit gebietender Stimme,
+&bdquo;und hier richtet man nicht nach den Träumen der Weiber, sondern nach
+gewissen, untrüglichen Zeichen. Dieser hier (indem er auf Labakan zeigte) ist
+mein Sohn; denn er hat mir das Wahrzeichen meines Freundes Elfi, den Dolch,
+gebracht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gestohlen hat er ihn&ldquo;, schrie Omar, &bdquo;mein argloses Vertrauen
+hat er zum Verrat mißbraucht!&ldquo; Der Sultan aber hörte nicht auf die Stimme
+seines Sohnes; denn er war in allen Dingen gewohnt, eigensinnig nur seinem
+Urteil zu folgen; daher ließ er den unglücklichen Omar mit Gewalt aus dem Saal
+schleppen. Er selbst aber begab sich mit Labakan in sein Gemach, voll Wut über
+die Sultanin, seine Gemahlin, mit der er doch seit fünfundzwanzig Jahren in
+Frieden gelebt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die Sultanin aber war voll Kummer über diese Begebenheiten; sie war vollkommen
+überzeugt, daß ein Betrüger sich des Herzens des Sultans bemächtigt hatte, denn
+jenen Unglücklichen hatten ihr so viele bedeutsam Träume als ihren Sohn
+gezeigt.
+</p>
+
+<p>
+Als sich ihr Schmerz ein wenig gelegt hatte, sann sie auf Mittel, um ihren
+Gemahl von seinem Unrecht zu überzeugen. Es war dies allerdings schwierig; denn
+jener, der sich für ihren Sohn ausgab, hatte das Erkennungszeichen, den Dolch,
+überreicht und hatte auch, wie sie erfuhr, so viel von Omars früherem Leben von
+diesem selbst sich erzählen lassen, daß er seine Rolle, ohne sich zu verraten,
+spielte.
+</p>
+
+<p>
+Sie berief die Männer zu sich, die den Sultan zu der Säule El-Serujah begleitet
+hatten, um sich alles genau erzählen zu lassen, und hielt dann mit ihren
+vertrautesten Sklavinnen Rat. Sie wählten und verwarfen dies und jenes Mittel;
+endlich sprach Melechsalah, eine alte, kluge Zierkassierin: &bdquo;Wenn ich
+recht gehört habe, verehrte Gebieterin, so nannte der Überbringer des Dolches
+den, welchen du für deinen Sohn hältst, Labakan, einen verwirrten
+Schneider?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, so ist es&ldquo;, antwortete die Sultanin, &bdquo;aber was willst du
+damit?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was meint Ihr&ldquo;, fuhr jene fort, &bdquo;wenn dieser Betrüger Eurem
+Sohn seinen eigenen Namen aufgeheftet hätte?&mdash;Und wenn dies ist, so gibt
+es ein herrliches Mittel, den Betrüger zu fangen, das ich Euch ganz im geheimen
+sagen will.&ldquo; Die Sultanin bot ihrer Sklavin das Ohr, und diese flüsterte
+ihr einen Rat zu, der ihr zu behagen schien, denn sie schickte sich an,
+sogleich zum Sultan zu gehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Sultanin war eine kluge Frau, welche wohl die schwachen Seiten des Sultans
+kannte und sie zu benützen verstand. Sie schien daher, ihm nachgeben und den
+Sohn anerkennen zu wollen, und bat sich nur eine Bedingung aus; der Sultan, dem
+sein Aufbrausen gegen seine Frau leid tat, gestand die Bedingung zu, und sie
+sprach: &bdquo;Ich möchte gerne den beiden eine Probe ihrer Geschicklichkeit
+auferlegen; eine andere würde sie vielleicht reiten, fechten oder Speere werfen
+lassen, aber das sind Sachen, die ein jeder kann; nein, ich will ihnen etwas
+geben, wozu Scharfsinn gehört! Es soll nämlich jeder von ihnen einen Kaftan und
+ein Paar Beinkleider verfertigen, und da wollen wir einmal sehen, wer die
+schönsten macht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Sultan lachte und sprach: &bdquo;Ei, da hast du ja etwas recht Kluges
+ausgesonnen. Mein Sohn sollte mit deinem wahnsinnigen Schneider wetteifern, wer
+den besten Kaftan macht? Nein, das ist nichts.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Sultanin aber berief sich darauf, daß er ihr die Bedingung zum Voraus
+zugesagt habe, und der Sultan, welcher ein Mann von Wort war, gab endlich nach,
+obgleich er schwor, wenn der wahnsinnige Schneider seinen Kaftan auch noch so
+schön mache, könne er ihn doch nicht für seinen Sohn erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Der Sultan ging selbst zu seinem Sohn und bat ihn, sich in die Grillen seiner
+Mutter zu schicken, die nun einmal durchaus einen Kaftan von seiner Hand zu
+sehen wünsche. Dem guten Labakan lachte das Herz vor Freude; wenn es nur an dem
+fehlt, dachte er bei sich, da soll die Frau Sultanin bald Freude an mir
+erleben.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte zwei Zimmer eingerichtet, eines für den Prinzen, das andere für den
+Schneider; dort sollten sie ihre Kunst erproben, und man hatte jedem nur ein
+hinlängliches Stück Seidenzeug, Schere, Nadel und Faden gegeben.
+</p>
+
+<p>
+Der Sultan war sehr begierig, was für ein Ding von Kaftan wohl sein Sohn zutage
+fördern werde, aber auch der Sultanin pochte unruhig das Herz, ob ihre List
+wohl gelingen werde oder nicht. Man hatte den beiden zwei Tage zu ihrem
+Geschäft ausgesetzt, am dritten ließ der Sultan seine Gemahlin rufen, und als
+sie erschienen war, schickte er in jene zwei Zimmer, um die beiden Kaftane und
+ihre Verfertiger holen zu lassen. Triumphierend trat Labakan ein und breitete
+seinen Kaftan vor den erstaunten Blicken des Sultans aus. &bdquo;Siehe her,
+Vater&ldquo;, sprach er, &bdquo;siehe her, verehrte Mutter, ob dies nicht ein
+Meisterstück von einem Kaftan ist? Da laß ich es mit dem geschicktesten
+Hofschneider auf eine Wette ankommen, ob er einen solchen herausbringt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Sultanin lächelte und wandte sich zu Omar: &bdquo;Und was hast du
+herausgebracht, mein Sohn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Unwillig warf dieser den Seidenstoff und die Schere auf den Boden: &bdquo;Man
+hat mich gelehrt, ein Roß zu bändigen und einen Säbel zu schwingen, und meine
+Lanze trifft auf sechzig Gänge ihr Ziel&mdash;aber die Künste der Nadel sind
+mir fremd, sie wären auch unwürdig für einen Zögling Elfi Beys, des
+Beherrschers von Kairo.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, du echter Sohn meines Herrn&ldquo;, rief die Sultanin, &bdquo;ach,
+daß ich dich umarmen, dich Sohn nennen dürfte! Verzeihet, mein Gemahl und
+Gebieter&ldquo;, sprach sie dann, indem sie sich zum Sultan wandte, &bdquo;daß
+ich diese List gegen Euch gebraucht habe; sehet Ihr jetzt noch nicht ein, wer
+Prinz und wer Schneider ist; fürwahr, der Kaftan ist köstlich, den Euer Herr
+Sohn gemacht hat, und ich möchte ihn gerne fragen, bei welchem Meister er
+gelernt habe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Sultan saß in tiefen Gedanken, mißtrauisch bald seine Frau, bald Labakan
+anschauend, der umsonst sein Erröten und seine Bestürzung, daß er sich so dumm
+verraten habe, zu bekämpfen suchte. &bdquo;Auch dieser Beweis genügt
+nicht&ldquo;, sprach er, &bdquo;aber ich weiß, Allah sei es gedankt, ein
+Mittel, zu erfahren, ob ich betrogen bin oder nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er befahl, sein schnellstes Pferd vorzufahren, schwang sich auf und ritt in
+einen Wald, der nicht weit von der Stadt begann. Dort wohnte nach einer alten
+Sage eine gütige Fee, Adolzaide geheißen, welche oft schon den Königen seines
+Stammes in der Stunde der Not mit ihrem Rat beigestanden war; dorthin eilte der
+Sultan.
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte des Waldes war ein freier Platz, von hohen Zedern umgeben. Dort
+wohnte nach der Sage die Fee, und selten betrat ein Sterblicher diesen Platz,
+denn eine gewisse Scheu davor hatte sich aus alten Zeiten vom Vater auf den
+Sohn vererbt.
+</p>
+
+<p>
+Als der Sultan dort angekommen war, stieg er ab, band sein Pferd an einen Baum,
+stellte sich in die Mitte des Platzes und sprach mit lauter Stimme: &bdquo;Wenn
+es wahr ist, daß du meinen Vätern gütigen Rat erteiltest in der Stunde der Not,
+so verschmähe nicht die Bitte ihres Enkels und rate mir, wo menschlicher
+Verstand zu kurzsichtig ist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er hatte kaum die letzten Worte gesprochen, als sich eine der Zedern öffnete
+und eine verschleierte Frau in langen, weißen Gewändern hervortrat. &bdquo;Ich
+weiß, warum du zu mir kommst, Sultan Saaud, dein Wille ist redlich; darum soll
+dir auch meine Hilfe werden. Nimm diese zwei Kistchen! Laß jene beiden, welche
+deine Söhne sein wollen, wählen! Ich weiß, daß der, welcher der echte ist, das
+rechte nicht verfehlen wird.&ldquo; So sprach die Verschleierte und reichte ihm
+zwei kleine Kistchen von Elfenbein, reich mit Gold und Perlen verziert; auf den
+Deckeln, die der Sultan vergebens zu öffnen versuchte, standen Inschriften von
+eingesetzten Diamanten.
+</p>
+
+<p>
+Der Sultan besann sich, als er nach Hause ritt, hin und her, was wohl in den
+Kistchen sein könnte, welche er mit aller Mühe nicht zu öffnen vermochte. Auch
+die Aufschrift gab ihm kein Licht in der Sache; denn auf dem einen stand:
+&bdquo;Ehre und Ruhm&ldquo;, auf dem anderen: &bdquo;Glück und Reichtum&ldquo;.
+Der Sultan dachte bei sich, da würde auch ihm die Wahl schwer werden unter
+diesen beiden Dingen, die gleich anziehend, gleich lockend seien.
+</p>
+
+<p>
+Als er in seinen Palast zurückgekommen war, ließ er die Sultanin rufen und
+sagte ihr den Ausspruch der Fee, und eine wunderbare Hoffnung erfüllte sie, daß
+jener, zu dem ihr Herz sie hinzog, das Kistchen wählen würde, welches seine
+königliche Abkunft beweisen sollte.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Throne des Sultans wurden zwei Tische aufgestellt; auf sie setzte der
+Sultan mit eigener Hand die beiden Kistchen, bestieg dann den Thron und winkte
+einem seiner Sklaven, die Pforte des Saales zu öffnen. Eine glänzende
+Versammlung von Bassas und Emiren des Reiches, die der Sultan berufen hatte,
+strömte durch die geöffnete Pforte. Sie ließen sich auf prachtvollen Polstern
+nieder, welche die Wände entlang aufgestellt waren.
+</p>
+
+<p>
+Als sie sich alle niedergelassen hatten, winkte der König zum zweitenmal, und
+Labakan wurde hereingeführt. Mit stolzem Schritte ging er durch den Saal, warf
+sich vor dem Throne nieder und sprach: &bdquo;Was befiehlt mein Herr und
+Vater?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Sultan erhob sich auf seinem Thron und sprach: &bdquo;Mein Sohn! Es sind
+Zweifel an der Echtheit deiner Ansprüche auf diesen Namen erhoben worden; eines
+jener Kistchen enthält die Bestätigung deiner echten Geburt, wähle! Ich zweifle
+nicht, du wirst das rechte wählen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Labakan erhob sich und trat vor die Kistchen, er erwog lange, was er wählen
+sollte, endlich sprach er: &bdquo;Verehrter Vater! Was kann es Höheres geben
+als das Glück, dein Sohn zu sein, was Edleres als den Reichtum deiner Gnade?
+Ich wähle das Kistchen, das die Aufschrift &bdquo;Glück und Reichtum&ldquo;
+zeigt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir werden nachher erfahren, ob du recht gewählt hast; einstweilen setze
+dich dort auf das Polster zum Bassa von Medina&ldquo;, sagte der Sultan und
+winkte seinen Sklaven.
+</p>
+
+<p>
+Omar wurde hereingeführt; sein Blick war düster, seine Miene traurig, und sein
+Anblick erregte allgemeine Teilnahme unter den Anwesenden. Er warf sich vor dem
+Throne nieder und fragte nach dem Willen des Sultans.
+</p>
+
+<p>
+Der Sultan deutete ihm an, daß er eines der Kistchen zu wählen habe, er stand
+auf und trat vor den Tisch.
+</p>
+
+<p>
+Er las aufmerksam beide Inschriften und sprach: &bdquo;Die letzten Tage haben
+mich gelehrt, wie unsicher das Glück, wie vergänglich der Reichtum ist; sie
+haben mich aber auch gelehrt, daß ein unzerstörbares Gut in der Brust des
+Tapferen wohnt, die Ehre, und daß der leuchtende Stern des Ruhmes nicht mit dem
+Glück zugleich vergeht. Und sollte ich einer Krone entsagen, der Würfel
+liegt&mdash;Ehre und Ruhm, ich wähle euch!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er setzte seine Hand auf das Kistchen, das er erwählt hatte; aber der Sultan
+befahl ihm, einzuhalten; er winkte Labakan, gleichfalls vor seinen Tisch zu
+treten, und auch dieser legte seine Hand auf sein Kistchen.
+</p>
+
+<p>
+Der Sultan aber ließ sich ein Becken mit Wasser von dem heiligen Brunnen Zemzem
+in Mekka bringen, wusch seine Hände zum Gebet, wandte sein Gesicht nach Osten,
+warf sich nieder und betete: &bdquo;Gott meiner Väter! Der du seit
+Jahrhunderten unsern Stamm rein und unverfälscht bewahrtest, gib nicht zu, daß
+ein Unwürdiger den Namen der Abassiden schände, sei mit deinem Schutze meinem
+echten Sohne nahe in dieser Stunde der Prüfung!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Sultan erhob sich und bestieg seinen Thron wieder; allgemeine Erwartung
+fesselte die Anwesenden, man wagte kaum zu atmen, man hätte ein Mäuschen über
+den Saal gehen hören können, so still und gespannt waren alle, die hintersten
+machten lange Hälse, um über die vorderen nach den Kistchen sehen zu können.
+Jetzt sprach der Sultan: &bdquo;Öffnet die Kistchen&ldquo;, und diese, die
+vorher keine Gewalt zu öffnen vermochte, sprangen von selbst auf.
+</p>
+
+<p>
+In dem Kistchen, das Omar gewählt hatte, lagen auf einem samtenen Kissen eine
+kleine goldene Krone und ein Zepter; in Labakans Kistchen&mdash;eine große
+Nadel und ein wenig Zwirn! Der Sultan befahl den beiden, ihre Kistchen vor ihn
+zu bringen. Er nahm das Krönchen von dem Kissen in seine Hand, und wunderbar
+war es anzusehen, wie er es nahm, wurde es größer und größer, bis es die Größe
+einer rechten Krone erreicht hatte. Er setzte die Krone seinem Sohn Omar, der
+vor ihm kniete, auf das Haupt, küßte ihn auf die Stirne und hieß ihn zu seiner
+Rechten sich niedersetzen. Zu Labakan aber wandte er sich und sprach: &bdquo;Es
+ist ein altes Sprichwort: Der Schuster bleibe bei seinem Leisten! Es scheint,
+als solltest du bei der Nadel bleiben. Zwar hast du meine Gnade nicht verdient,
+aber es hat jemand für dich gebeten, dem ich heute nichts abschlagen kann; drum
+schenke ich dir dein armseliges Leben, aber wenn ich dir guten Rates bin, so
+beeile dich, daß du aus meinem Lande kommst!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Beschämt, vernichtet, wie er war, vermochte der arme Schneidergeselle nichts zu
+erwidern; er warf sich vor dem Prinzen nieder, und Tränen drangen ihm aus den
+Augen: &bdquo;Könnt Ihr mir vergeben, Prinz?&ldquo; sagte er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Treue gegen den Freund, Großmut gegen den Feind ist des Abassiden
+Stolz&ldquo;, antwortete der Prinz, indem er ihn aufhob, &bdquo;gehe hin in
+Frieden!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O du mein echter Sohn!&ldquo; rief gerührt der alte Sultan und sank an
+die Brust des Sohnes; die Emire und Bassa und alle Großen des Reiches standen
+auf von ihren Sitzen und riefen: &bdquo;Heil dem neuen Königssohn!&ldquo; Und
+unter dem allgemeinen Jubel schlich sich Labakan, sein Kistchen unter dem Arm,
+aus dem Saal.
+</p>
+
+<p>
+Er ging hinunter in die Ställe des Sultans, zäumte sein Roß Murva auf und ritt
+zum Tore hinaus, Alessandria zu. Sein ganzes Prinzenleben kam ihm wie ein Traum
+vor, und nur das prachtvolle Kistchen, reich mit Perlen und Diamanten
+geschmückt, erinnerte ihn, daß er doch nicht geträumt habe.
+</p>
+
+<p>
+Als er endlich wieder nach Alessandria kam, ritt er vor das Haus seines alten
+Meisters, stieg ab, band sein Rößlein an die Türe und trat in die Werkstatt.
+Der Meister, der ihn nicht gleich kannte, machte ein großes Wesen und fragte,
+was ihm zu Dienst stehe; als er aber den Gast näher ansah und seinen alten
+Labakan erkannte, rief er seine Gesellen und Lehrlinge herbei, und alle
+stürzten sich wie wütend auf den armen Labakan, der keines solchen Empfangs
+gewärtig war, stießen und schlugen ihn mit Bügeleisen und Ellenmaß, stachen ihn
+mit Nadeln und zwickten ihn mit scharfen Scheren, bis er erschöpft auf einen
+Haufen alter Kleider niedersank.
+</p>
+
+<p>
+Als er nun so dalag, hielt ihm der Meister eine Strafrede über das gestohlene
+Kleid; vergebens versicherte Labakan, daß er nur deswegen wiedergekommen sei,
+um ihm alles zu ersetzen, vergebens bot er ihm den dreifachen Schadenersatz,
+der Meister und seine Gesellen fielen wieder über ihn her, schlugen ihn
+weidlich und warfen ihn zur Türe hinaus; zerschlagen und zerfetzt stieg er auf
+das Roß Murva und ritt in eine Karawanserei. Dort legte er sein müdes,
+zerschlagenes Haupt nieder und stellte Betrachtungen an über die Leiden der
+Erde, über das so oft verkannte Verdienst und über die Nichtigkeit und
+Flüchtigkeit aller Güter. Er schlief mit dem Entschluß ein, aller Größe zu
+entsagen und ein ehrsamer Bürger zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Und den andere Tag gereute ihn sein Entschluß nicht; denn die schweren Hände
+des Meisters und seiner Gesellen schienen alle Hoheit aus ihm herausgeprügelt
+zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Er verkaufte um einen hohen Preis sein Kistchen an einen Juwelenhändler, kaufte
+sich ein Haus und richtete sich eine Werkstatt zu seinem Gewerbe ein. Als er
+alles eingerichtet und auch ein Schild mit der Aufschrift Labakan,
+Kleidermacher vor sein Fenster gehängt hatte, setzte er sich und begann mit
+jener Nadel und dem Zwirn, die er in dem Kistchen gefunden, den Rock zu
+flicken, welchen ihm sein Meister so grausam zerfetzt hatte. Er wurde von
+seinem Geschäft abgerufen, und als er sich wieder an die Arbeit setzen wollte,
+welch sonderbarer Anblick bot sich ihm dar! Die Nadel nähte emsig fort, ohne
+von jemand geführt zu werden; sie machte feine, zierliche Stiche, wie sie
+selbst Labakan in seinen kunstreichsten Augenblicken nicht gemacht hatte!
+</p>
+
+<p>
+Wahrlich, auch das geringste Geschenk einer gütigen Fee ist nützlich und von
+großem Wert! Noch einen andere Wert hatte aber dies Geschenk, nämlich: Das
+Stückchen Zwirn ging nie aus, die Nadel mochte so fleißig sein, als sie wollte.
+</p>
+
+<p>
+Labakan bekam viele Kunden und war bald der berühmteste Schneider weit und
+breit; er schnitt die Gewänder zu und machte den ersten Stich mit der Nadel
+daran, und flugs arbeitete diese weiter ohne Unterlaß, bis das Gewand fertig
+war. Meister Labakan hatte bald die ganze Stadt zu Kunden; denn er arbeitete
+schön und außerordentlich billig, und nur über eines schüttelten die Leute von
+Alessandria den Kopf, nämlich: daß er ganz ohne Gesellen und bei verschlossenen
+Türen arbeitete.
+</p>
+
+<p>
+So war der Spruch des Kistchens, Glück und Reichtum verheißend, in Erfüllung
+gegangen; Glück und Reichtum begleiteten, wenn auch in bescheidenem Maße, die
+Schritte des guten Schneiders, und wenn er von dem Ruhm des jungen Sultans
+Omar, der in aller Munde lebte, hörte, wenn er hörte, daß dieser Tapfere der
+Stolz und die Liebe seines Volkes und der Schrecken seiner Feinde sei, da
+dachte der ehemalige Prinz bei sich: &bdquo;Es ist doch besser, daß ich ein
+Schneider geblieben bin; denn um die Ehre und den Ruhm ist es eine gar
+gefährliche Sache.&ldquo; So lebte Labakan, zufrieden mit sich, geachtet von
+seinen Mitbürgern, und wenn die Nadel indes nicht ihre Kraft verloren, so näht
+sie noch jetzt mit dem ewigen Zwirn der gütigen Fee Adolzaide.
+</p>
+
+<p>
+Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket el Had
+oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges nach Kairo
+waren&mdash;Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet, und bald hatten die
+Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen entgegenkommen zu sehen. Sie
+zogen in die Stadt durch das Tor Bebel Falch; denn es wird für eine glückliche
+Vorbedeutung gehalten, wenn man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen,
+weil der Prophet hindurchgezogen ist.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier türkischen Kaufleute von dem
+Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit ihren Freunden
+nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute Karawanserei und lud ihn
+ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der Fremde sagte zu und versprach, wenn
+er nur vorher sich umgekleidet habe, zu erscheinen.
+</p>
+
+<p>
+Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf der
+Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und Getränke in
+gehöriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen Gast zu erwarten.
+</p>
+
+<p>
+Langsam und schweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem Gemach
+führte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich entgegenzusehen und ihn
+an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll Entsetzen fuhr er zurück, als er
+die Türe öffnete; denn jener schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf
+noch einen Blick auf ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebietende
+Gestalt, die Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote
+Mantel mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den
+schrecklichsten Stunden seines Lebens.
+</p>
+
+<p>
+Widerstreitende Gefühle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit diesem Bild
+seiner Erinnerung längst ausgesöhnt und ihm vergeben, und doch riß sein Anblick
+alle seine Wunden wieder auf; alle jene qualvollen Stunden der Todesangst,
+jener Gram, der die Blüte seines Lebens vergiftete, zogen im Flug eines
+Augenblicks an seiner Seele vorüber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was willst du, Schrecklicher?&ldquo; rief der Grieche aus, als die
+Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. &bdquo;Weiche schnell
+von hinnen, daß ich dir nicht fluche!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zaleukos!&ldquo; sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor.
+&bdquo;Zaleukos! So empfängst du deinen Gastfreund?&ldquo; Der Sprechende nahm
+die Larve ab, schlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde.
+</p>
+
+<p>
+Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden; denn nur
+zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte vecchio erkannt; aber
+die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte; er winkte schweigend dem
+Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich errate deine Gedanken&ldquo;, nahm dieser das Wort, als sie sich
+gesetzt hatten. &bdquo;Deine Augen sehen fragend auf mich&mdash;ich hätte
+schweigen und mich deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin dir
+Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin, daß du
+mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du sagtest einst
+zu mir: Der Glaube meiner Väter befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl
+unglücklicher als ich; glaube dieses, mein Freund, und höre meine
+Rechtfertigung!
+</p>
+
+<p>
+Ich muß weit ausholen, um mich dir ganz verständlich zu machen. Ich bin in
+Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jüngere Sohn eines
+alten, berühmten französischen Hauses, war Konsul seines Landes in Alessandria.
+Ich wurde von meinem zehnten Jahre an in Frankreich bei einem Bruder meiner
+Mutter erzogen und verließ erst einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution
+mein Vaterland, um mit meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr
+sicher war, über dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll
+Hoffnung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzosen
+entrissen, im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber ach! Ich
+fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren Stürme
+der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt, desto unerwarteter
+hatte das Unglück mein Haus im innersten Herzen heimgesucht. Mein Bruder, ein
+junger, hoffnungsvoller Mann, erster Sekretär meines Vaters, hatte sich erst
+seit kurzem mit einem jungen Mädchen, der Tochter eines florentinischen
+Edelmanns, der in unserer Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor
+unserer Ankunft war diese auf einmal verschwunden, ohne daß weder unsere
+Familie noch ihr Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man
+glaubte endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in
+Räuberhände gefallen. Beinahe tröstlicher wäre dieser Gedanke für meinen armen
+Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde. Die Treulose
+hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie im Hause ihres Vaters
+kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder, aufs äußerste empört über
+diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur Strafe zu ziehen; doch
+vergebens; seine Versuche, die in Neapel und Florenz Aufsehen erregt hatten,
+dienten nur dazu, sein und unser aller Unglück zu vollenden. Der florentinische
+Edelmann reiste in sein Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder
+Recht zu verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in
+Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknüpft hatte, nieder
+und wußte seinen Einfluß, den er auf alle Art sich verschafft hatte, so gut zu
+benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer Regierung verdächtig gemacht und
+durch die schändlichsten Mittel gefangen, nach Frankreich geführt und dort vom
+Beil des Henkers getötet wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und
+erst nach zehn langen Monaten erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen
+Zustand, der aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewußtsein geworden
+war. So stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke
+beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer vergessen, es
+war jene mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer letzten Stunde in mir
+angefacht hatte.
+</p>
+
+<p>
+In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewußtsein zurückgekehrt;
+sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem Schicksal und ihrem Ende.
+Dann aber ließ sie alle aus dem Zimmer gehen, richtete sich mit feierlicher
+Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und sagte, ich könne mir ihren Segen
+erwerben, wenn ich ihr schwöre, etwas auszufahren, das sie mir auftragen
+würde&mdash;Ergriffen von den Worten der sterbenden Mutter, gelobte ich mit
+einem Eide zu tun, wie sie mir sagen werde. Sie brach nun in Verwünschungen
+gegen den Florentiner und seine Tochter aus und legte mir mit den
+fürchterlichsten Drohungen ihres Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu
+rächen. Sie starb in meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in
+meiner Seele geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den
+Rest meines väterlichen Vermögens und schwor mir, alles an meine Rache zu
+setzen oder selbst mit unterzugehen.
+</p>
+
+<p>
+Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt; mein Plan
+war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher sich meine Feinde
+befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur geworden und hatte so alle Mittel
+in der Hand, sobald er das geringste ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam
+mir zu Hilfe. Eines Abends sah ich einen Menschen in bekannter Livree durch die
+Straßen gehen; sein unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut
+herausgestoßene &bdquo;Santo sacramento&ldquo;, &bdquo;Maledetto diavolo&ldquo;
+ließen mich den alten Pietro, einen Diener des Florentiners, den ich schon in
+Alessandria gekannt hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über
+seinen Herrn in Zorn geraten sei, und beschloß, seine Stimmung zu benützen. Er
+schien sehr überrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, daß er
+seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen könne, und
+mein Gold, unterstützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das
+Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann in meinem Solde, der mir
+zu jeder Stunde die Türe meines Feindes öffnete, und nun reifte mein Racheplan
+immer schneller heran. Das Leben des alten Florentiners schien mir ein zu
+geringes Gewicht, dem Untergang meines Hauses gegenüber, zu haben. Sein
+Liebstes mußte er gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja
+sie so schändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache
+unseres Unglücks. Gar erwünscht kam sogar meinem rachedürstigen Herzen die
+Nachricht, daß in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermählen wollte, es
+war beschlossen, sie mußte sterben. Aber mir selbst graute vor der Tat, und
+auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum spähten wir umher nach einem
+Mann, der das Geschäft vollbringen könne. Unter den Florentinern wagte ich
+keinen zu dingen, denn gegen den Gouverneur würde keiner etwas Solches
+unternommen haben. Da fiel Pietro der Plan ein, den ich nachher ausgeführt
+habe; zugleich schlug er dich als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor.
+Den Verlauf der Sache weißt du. Nur an deiner großen Vorsicht und Ehrlichkeit
+schien mein Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel.
+</p>
+
+<p>
+Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gouverneurs; er hätte uns
+auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht, durch den
+schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte darbot, erschreckt,
+entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war ich über zweihundert
+Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer Kirche niedersank. Dort erst
+sammelte ich mich wieder, und mein erster Gedanke warst du und dein
+schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem Hause fände. Ich schlich an den
+Palast, aber weder von Pietro noch von dir konnte ich eine Spur entdecken; das
+Pförtchen aber war offen, so konnte ich wenigstens hoffen, daß du die
+Gelegenheit zur Flucht benützt haben könntest.
+</p>
+
+<p>
+Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Entdeckung und ein
+unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz. Ich eilte
+nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach einigen Tagen
+überall diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man habe den Mörder, einen
+griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in banger Besorgnis nach Florenz
+zurück; denn schien mir meine Rache schon vorher zu stark, so verfluchte ich
+sie jetzt, denn sie war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an
+demselben Tage an, der dich der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich
+fühlte, als ich dich das Schafott besteigen und so heldenmütig leiden sah. Aber
+damals, als dein Blut in Strömen aufspritzte, war der Entschluß fest in mir,
+dir deine übrigen Lebenstage zu versüßen. Was weiter geschehen ist, weißt du,
+nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit dir machte.
+</p>
+
+<p>
+Als eine schwere Last drückte mich der Gedanke, daß du mir noch immer nicht
+vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu leben und dir
+endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir getan.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehört; mit sanftem Blick bot er
+ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. &bdquo;Ich wußte wohl, daß du
+unglücklicher sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie eine dunkle
+Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von Herzen. Aber erlaube mir
+noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser Gestalt in die Wüste? Was fingst du
+an, nachdem du in Konstantinopel mir das Haus gekauft hattest?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich ging nach Alessandria zurück&ldquo;, antwortete der Gefragte.
+&bdquo;Haß gegen alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Haß besonders
+gegen jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen
+Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria, als jene
+Landung meiner Landsleute erfolgte.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum
+sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und schloß
+mich jenen tapferen Mamelucken an, die so oft der Schrecken des französischen
+Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich mich nicht
+entschließen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren. Ich lebte mit einer
+kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unstetes und flüchtiges, dem Kampf
+und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die mich
+wie ihren Fürsten ehren; denn wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind
+wie Eure Europäer, so sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von
+Selbstsucht und Ehrgeiz.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zaleukos dankte dem Fremden für seine Mitteilung, aber er verbarg ihm nicht,
+daß er es für seinen Stand, für seine Bildung angemessener fände, wenn er in
+christlichen, in europäischen Ländern leben und wirken würde. Er faßte seine
+Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei ihm zu leben und zu sterben.
+</p>
+
+<p>
+Gerührt sah ihn der Gastfreund an. &bdquo;Daraus erkenne ich&ldquo;, sagte er,
+&bdquo;daß du mir ganz vergeben hast, daß du mich liebst. Nimm meinen innigsten
+Dank dafür!&ldquo; Er sprang auf und stand in seiner ganzen Größe vor dem
+Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzenden Augen, der
+tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. &bdquo;Dein Vorschlag ist
+schön&ldquo;, sprach jener weiter, &bdquo;er möchte für jeden andern lockend
+sein&mdash;ich kann ihn nicht benützen. Schon steht mein Roß gesattelt,
+erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!&ldquo; Die Freunde, die das
+Schicksal so wunderbar zusammengeführt, umarmten sich zum Abschied. &bdquo;Und
+wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gastfreund, der auf ewig in meinem
+Gedächtnis leben wird?&ldquo; fragte der Grieche.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde sah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und sprach:
+&bdquo;Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin der Räuber Orbasan.&ldquo;
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 ***</div>
+<div style='text-align:left'>
+
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+law means that no one owns a United States copyright in these works,
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you &#8216;AS-IS&#8217;, WITH NO
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+</div>
+
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+remaining provisions.
+</div>
+
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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+providing copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in
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+production, promotion and distribution of Project Gutenberg&#8482;
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+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
+Defect you cause.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
+goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
+and official page at www.gutenberg.org/contact
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
+public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
+visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
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