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diff --git a/6638-h/6638-h.htm b/6638-h/6638-h.htm new file mode 100644 index 0000000..d826744 --- /dev/null +++ b/6638-h/6638-h.htm @@ -0,0 +1,5588 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> +<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Märchen-Almanach auf das Jahr 1826, by Wilhelm Hauff</title> + +<style type="text/css"> + +body { margin-left: 20%; + margin-right: 20%; + text-align: justify; } + +h1, h2, h3, h4, h5 {text-align: center; font-style: normal; font-weight: +normal; line-height: 1.5; margin-top: .5em; margin-bottom: .5em;} + +h1 {font-size: 300%; + margin-top: 0.6em; + margin-bottom: 0.6em; + letter-spacing: 0.12em; + word-spacing: 0.2em; + text-indent: 0em;} +h2 {font-size: 150%; margin-top: 2em; margin-bottom: 1em;} +h3 {font-size: 130%; margin-top: 1em;} +h4 {font-size: 120%;} +h5 {font-size: 110%;} + +.no-break {page-break-before: avoid;} /* for epubs */ + +div.chapter {page-break-before: always; margin-top: 4em;} + +hr {width: 80%; margin-top: 2em; margin-bottom: 2em;} + +p {text-indent: 1em; + margin-top: 0.25em; + margin-bottom: 0.25em; } + +p.poem {text-indent: 0%; + margin-left: 10%; + font-size: 90%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; } + +p.noindent {text-indent: 0% } + +p.center {text-align: center; + text-indent: 0em; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; } + +a:link {color:blue; text-decoration:none} +a:visited {color:blue; text-decoration:none} +a:hover {color:red} + +</style> + +</head> + +<body> + +<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Märchen-Almanach auf das Jahr 1826, by Wilhelm Hauff</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'> +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online +at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you +are not located in the United States, you will have to check the laws of the +country where you are located before using this eBook. +</div> +<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Märchen-Almanach auf das Jahr 1826</div> +<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Wilhelm Hauff</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: January 9, 2003 [eBook #6638]<br /> +[Most recently updated: July 31, 2021]</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> +<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Mike Pullen</div> +<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 ***</div> + +<h1>Märchen-Almanach auf das Jahr 1826</h1> + +<h2 class="no-break">Wilhelm Hauff</h2> + +<hr /> + +<h2>Inhalt</h2> + +<table summary="" style=""> + +<tr> +<td> <a href="#chap01">Märchen als Almanach</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap02">Die Karawane (Rahmenerzählung)</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap03">Die Geschichte vom Kalif Storch</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap04">Die Geschichte von dem Gespensterschiff</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap05">Die Geschichte von der abgehauenen Hand</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap06">Die Errettung Fatmes</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap07">Die Geschichte von dem kleinen Muck</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap08">Das Märchen vom falschen Prinzen</a></td> +</tr> + +</table> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap01"></a>Märchen als Almanach</h2> + +<p class="center"> +Wilhelm Hauff +</p> + +<p> +In einem schönen, fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, daß die Sonne in +seinen ewig grünen Gärten niemals untergehe, herrschte von Anfang an bis heute +die Königin Phantasie. Mit vollen Händen spendete diese seit vielen +Jahrhunderten die Fülle des Segens über die Ihrigen und war geliebt, verehrt +von allen, die sie kannten. Das Herz der Königin war aber zu groß, als daß sie +mit ihren Wohltaten bei ihrem Lande stehen geblieben wäre; sie selbst, im +königlichen Schmuck ihrer ewigen Jugend und Schönheit, stieg herab auf die +Erde; denn sie hatte gehört, daß dort Menschen wohnen, die ihr Leben in +traurigem Ernst, unter Mühe und Arbeit hinbringen. Diesen hatte sie die +schönsten Gaben aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die schöne Königin durch +die Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen fröhlich bei der Arbeit, +heiter in ihrem Ernst. +</p> + +<p> +Auch ihre Kinder, nicht minder schön und lieblich als die königliche Mutter, +sandte sie aus, um die Menschen zu beglücken. Einst kam Märchen, die älteste +Tochter der Königin, von der Erde zurück. Die Mutter bemerkte, daß Märchen +traurig sei, ja, hier und da wollte ihr bedünken, als ob sie verweinte Augen +hätte. +</p> + +<p> +„Was hast du, liebes Märchen“, sprach die Königin zu ihr, „du +bist seit deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner Mutter +nicht anvertrauen, was dir fehlt?“ +</p> + +<p> +„Ach, liebe Mutter“, antwortete Märchen, „ich hätte gewiß +nicht so lange geschwiegen, wenn ich nicht wüßte, daß mein Kummer auch der +deinige ist.“ +</p> + +<p> +„Sprich immer, meine Tochter“, bat die schöne Königin, „der +Gram ist ein Stein, der den einzelnen niederdrückt, aber zwei tragen ihn leicht +aus dem Wege.“ +</p> + +<p> +„Du willst es“, antwortete Märchen, „so höre: Du weißt, wie +gerne ich mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch bei dem Ärmsten vor +seiner Hütte sitze, um nach der Arbeit ein Stündchen mit ihm zu verplaudern; +sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum Gruß, wenn ich kam, und +sahen mir lächelnd und zufrieden nach, wenn ich weiterging; aber in diesen +Tagen ist es gar nicht mehr so!“ +</p> + +<p> +„Armes Märchen!“ sprach die Königin und streichelte ihr die Wange, +die von einer Träne feucht war, „aber du bildest dir vielleicht dies +alles nur ein?“ +</p> + +<p> +„Glaube mir, ich fühle es nur zu gut“, entgegnete Märchen, +„sie lieben mich nicht mehr. Überall, wo ich hinkomme, begegnen mir kalte +Blicke; nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder, die ich doch +immer so lieb hatte, lachen über mich und wenden mir altklug den Rücken +zu.“ +</p> + +<p> +Die Königin stützte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend. +</p> + +<p> +„Und woher soll es denn“, fragte die Königin, „kommen, +Märchen, daß sich die Leute da unten so geändert haben?“ +</p> + +<p> +„Sieh, die Menschen haben kluge Wächter aufgestellt, die alles, was aus +deinem Reich kommt, o Königin Phantasie, mit scharfem Blicke mustern und +prüfen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne ist, so erheben sie +ein großes Geschrei, schlagen ihn tot oder verleumden ihn doch so sehr bei den +Menschen, die ihnen aufs Wort glauben, daß man gar keine Liebe, kein Fünkchen +Zutrauen mehr findet. Ach, wie gut haben es meine Brüder, die Träume, fröhlich +und leicht hüpfen sie auf die Erde hinab, fragen nichts nach jenen klugen +Männern, besuchen die schlummernden Menschen und weben und malen ihnen, was das +Herz beglückt und das Auge erfreut!“ +</p> + +<p> +„Deine Brüder sind Leichtfüße“, sagte die Königin, „und du, +mein Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzwächter kenne ich +übrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie aufzustellen; es kam so +mancher windige Geselle und tat, als ob er geradewegs aus meinem Reiche käme, +und doch hatte er höchstens von einem Berge zu uns herübergeschaut.“ +</p> + +<p> +„Aber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten“, +weinte Märchen. „Ach, wenn du wüßtest, wie sie es mit mir gemacht haben; +sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das nächste Mal gar nicht +mehr hereinzulassen.“ „Wie, meine Tochter nicht mehr +einzulassen?“ rief die Königin, und Zorn rötete ihre Wangen. „Aber +ich sehe schon, woher dies kommt; die böse Muhme hat uns verleumdet!“ +</p> + +<p> +„Die Mode? Nicht möglich!“ rief Märchen, „sie tat ja sonst +immer so freundlich.“ +</p> + +<p> +„Oh! Ich kenne sie, die Falsche“, antwortete die Königin, +„aber versuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter, wer Gutes tun +will, darf nicht rasten.“ +</p> + +<p> +„Ach, Mutter! Wenn sie mich dann ganz zurückweisen, oder wenn sie mich +verleumden, daß mich die Menschen nicht ansehen oder einsam und verachtet in +der Ecke stehen lassen?“ +</p> + +<p> +„Wenn die Alten, von der Mode betört, dich geringschätzen, so wende dich +an die Kleinen, wahrlich, sie sind meine Lieblinge, ihnen sende ich meine +lieblichsten Bilder durch deine Brüder, die Träume, ja, ich bin schon oft +selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und geküßt und schöne Spiele +mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch wohl, sie wissen zwar meinen Namen +nicht, aber ich habe schon oft bemerkt, wie sie nachts zu meinen Sternen +herauflächeln und morgens, wenn meine glänzenden Lämmer am Himmel ziehen, vor +Freuden die Hände zusammenschlagen. Auch wenn sie größer werden, lieben sie +mich noch, ich helfe dann den lieblichen Mädchen bunte Kränze flechten, und die +wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu ihnen +setze, aus der Nebelwelt der fernen, blauen Berge hohe Burgen und glänzende +Paläste auftauchen lasse und aus den rötlichen Wolken des Abends kühne +Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszüge bilde.“ +</p> + +<p> +„O die guten Kinder!“ rief Märchen bewegt aus. „Ja, es sei! +Mit ihnen will ich es noch einmal versuchen.“ +</p> + +<p> +„Ja, du gute Tochter“, sprach die Königin, „gehe zu ihnen; +aber ich will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, daß du den Kleinen +gefällst und die Großen dich nicht zurückstoßen; siehe, das Gewand eines +Almanachs will ich dir geben.“ +</p> + +<p> +„Eines Almanachs, Mutter? Ach!—Ich schäme mich, so vor den Leuten +zu prangen.“ +</p> + +<p> +Die Königin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand eines +Almanachs. Es war von glänzenden Farben und schöne Figuren eingewoben. +</p> + +<p> +Die Zofen flochten dem schönen Mädchen das lange Haar; sie banden ihr goldene +Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um. +</p> + +<p> +Das bescheidene Märchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber betrachtete +es mit Wohlgefallen und schloß es in ihre Arme. „Gehe hin“, sprach +sie zu der Kleinen, „mein Segen sei mit dir. Und wenn sie dich verachten +und höhnen, so kehre zurück zu mir, vielleicht, daß spätere Geschlechter, +getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden.“ +</p> + +<p> +Also sprach die Königin Phantasie. Märchen aber stieg hinab auf die Erde. Mit +pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Wächter hauseten; sie senkte +das Köpfchen zur Erde, sie zog das schöne Gewand enger um sich her, und mit +zagendem Schritt nahte sie dem Tor. +</p> + +<p> +„Halt!“ rief eine tiefe, rauhe Stimme. „Wache heraus! Da +kommt ein neuer Almanach!“ +</p> + +<p> +Märchen zitterte, als sie dies hörte; viele ältliche Männer von finsterem +Aussehen stürzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der Faust und hielten +sie dem Märchen entgegen. Einer aus der Schar schritt auf sie zu und packte sie +mit rauher Hand am Kinn. „Nur auch den Kopf aufgerichtet, Herr +Almanach“, schrie er, „daß man Ihm in den Augen ansiehet, ob er was +Rechtes ist oder nicht!“ +</p> + +<p> +Errötend richtete Märchen das Köpfchen in die Höhe und schlug das dunkle Auge +auf. +</p> + +<p> +„Das Märchen!“ riefen die Wächter und lachten aus vollem Hals, +„das Märchen! Haben wunder gemeint, was da käme! Wie kommst du nur in +diesen Rock?“ +</p> + +<p> +„Die Mutter hat ihn mir angezogen“, antwortete Märchen. „So? +Sie will dich bei uns einschwärzen? Nichts da! Hebe dich weg, mach, daß du +fortkommst!“ riefen die Wächter untereinander und erhoben die scharfen +Federn. +</p> + +<p> +„Aber ich will ja nur zu den Kindern“, bat Märchen, „dies +könnt ihr mir ja doch erlauben.“ +</p> + +<p> +„Läuft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?“ rief +einer der Wächter. „Sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug +vor.“ +</p> + +<p> +„Laßt uns sehen, was sie diesmal weiß!“ sprach ein anderer. +</p> + +<p> +„Nun ja“, riefen sie, „sag an, was du weißt, aber beeile +dich, denn wir haben nicht viele Zeit für dich!“ +</p> + +<p> +Märchen streckte die Hand aus und schrieb mit dem Zeigefinger viele Zeichen in +die Luft. Da sah man bunte Gestalten vorüberziehen; Karawanen mit schönen +Rossen, geschmückte Reiter, viele Zelte im Sand der Wüste; Vögel und Schiffe +auf stürmischen Meeren; stille Wälder und volkreiche Plätze und Straßen; +Schlachten und friedliche Nomaden, sie alle schwebten in belebten Bildern, in +buntem Gewimmel vorüber. +</p> + +<p> +Märchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen ließ, nicht +bemerkt, wie die Wächter des Tores nach und nach eingeschlafen waren. Eben +wollte sie neue Zeichen schreiben, als ein freundlicher Mann auf sie zutrat und +ihre Hand ergriff. „Siehe her, gutes Märchen“, sagte er, indem er +auf die Schlafenden zeigte, „für diese sind deine bunten Sachen nichts; +schlüpfe schnell durch das Tor; sie ahnen dann nicht, daß du im Lande bist, und +du kannst friedlich und unbemerkt deine Straße ziehen. Ich will dich zu meinen +Kindern führen; in meinem Hause geb’ ich dir ein stilles, freundliches +Plätzchen; dort kannst du wohnen und für dich leben; wenn dann meine Söhne und +Töchter gut gelernt haben, dürfen sie mit ihren Gespielen zu dir kommen und dir +zuhören. Willst du so?“ +</p> + +<p> +„Oh, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich mich +befleißen, ihnen zuweilen ein heiteres Stündchen zu machen!“ +</p> + +<p> +Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr, über die Füße der +schlafenden Wächter hinüberzusteigen. Lächelnd sah sich Märchen um, als sie +hinüber war, und schlüpfte dann schnell in das Tor. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap02"></a>Die Karawane</h2> + +<p class="center"> +Wilhelm Hauff +</p> + +<p> +Es zog einmal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der ungeheuren Ebene, wo +man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in weiter Ferne die +Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der Pferde, eine dichte +Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre Nähe, und wenn ein Luftzug die +Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen und helleuchtende Gewänder das Auge. +So stellte sich die Karawane einem Manne dar, welcher von der Seite her auf sie +zuritt. Er ritt ein schönes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke behängt, an +dem hochroten Riemenwerk hingen silberne Glöckchen, und auf dem Kopf des +Pferdes wehte ein schöner Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus, und sein +Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein weißer Turban, reich mit Gold +bestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten Beinkleider waren von +brennendem Rot, ein gekrümmtes Schwert mit reichem Griff an seiner Seite. Er +hatte den Turban tief ins Gesicht gedrückt; dies und die schwarzen Augen, die +unter buschigen Brauen hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen +Nase herabhing, gaben ihm ein wildes, kühnes Aussehen. +</p> + +<p> +Als der Reiter ungefähr auf fünfzig Schritt dem Vortrab der Karawane nahe war, +spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an der Spitze des +Zuges angelangt. Es war ein so ungewöhnliches Ereignis, einen einzelnen Reiter +durch die Wüste ziehen zu sehen, daß die Wächter des Zuges, einen Überfall +befürchtend, ihm ihre Lanzen entgegenstreckten. +</p> + +<p> +„Was wollt ihr“, rief der Reiter, als er sich so kriegerisch +empfangen sah, „glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane +angreifen?“ +</p> + +<p> +Beschämt schwangen die Wächter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anführer aber ritt +an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr. +</p> + +<p> +„Wer ist der Herr der Karawane?“ fragte der Reiter. +</p> + +<p> +„Sie gehört nicht einem Herrn“, antwortete der Gefragte, +„sondern es sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen +und die wir durch die Wüste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die Reisenden +beunruhigt.“ +</p> + +<p> +„So führt mich zu den Kaufleuten“, begehrte der Fremde. +</p> + +<p> +„Das kann jetzt nicht geschehen“, antwortete der Führer, +„weil wir ohne Aufenthalt weiterziehen müssen und die Kaufleute +wenigstens eine Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir +weiterreiten, bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem +Wunsch willfahren.“ +</p> + +<p> +Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am Sattel +festgebunden hatte, hervor und fing an in großen Zügen zu rauchen, indem er +neben dem Anführer des Vortrabs weiterritt. Dieser wußte nicht, was er aus dem +Fremden machen sollte; er wagte es nicht, ihn geradezu nach seinem Namen zu +fragen, und so künstlich er auch ein Gespräch anzuknüpfen suchte, der Fremde +hatte auf das: „Ihr raucht da einen guten Tabak“, oder: „Euer +Rapp’ hat einen braven Schritt“, immer nur mit einem kurzen +„Ja, ja!“ geantwortet. +</p> + +<p> +Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten wollte. +Der Anführer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er selbst hielt mit dem +Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen. Dreißig Kamele, schwer beladen, +zogen vorüber, von bewaffneten Führern geleitet. Nach diesen kamen auf schönen +Pferden die fünf Kaufleute, denen die Karawane gehörte. Es waren meistens +Männer von vorgerücktem Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien +viel jünger als die übrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine große Anzahl +Kamele und Packpferde schloß den Zug. +</p> + +<p> +Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings umhergestellt. In +der Mitte war ein großes Zelt von blauem Seidenzeug. Dorthin führte der +Anführer der Wache den Fremden. Als sie durch den Vorhang des Zeltes getreten +waren, sahen sie die fünf Kaufleute auf goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze +Sklaven reichten ihnen Speise und Getränke. „Wen bringt Ihr uns +da?“ rief der junge Kaufmann dem Führer zu. +</p> + +<p> +Ehe noch der Führer antworten konnte, sprach der Fremde: „Ich heiße Selim +Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka von einer +Räuberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich aus der +Gefangenschaft befreit. Der große Prophet ließ mich die Glocken eurer Karawane +in weiter Ferne hören, und so kam ich bei euch an. Erlaubet mir, daß ich in +eurer Gesellschaft reise! Ihr werdet euren Schutz keinem Unwürdigen schenken, +und so ihr nach Bagdad kommet, werde ich eure Güte reichlich belohnen denn ich +bin der Neffe des Großwesirs.“ +</p> + +<p> +Der älteste der Kaufleute nahm das Wort: „Selim Baruch“, sprach er, +„sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude, dir +beizustehen; vor allem aber setze dich und iß und trinke mit uns.“ +</p> + +<p> +Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und aß und trank mit ihnen. Nach dem +Essen räumten die Sklaven die Geschirre hinweg und brachten lange Pfeifen und +türkischen Sorbet. Die Kaufleute saßen lange schweigend, indem sie die +bläulichen Rauchwolken vor sich hinbliesen und zusahen, wie sie sich ringelten +und verzogen und endlich in die Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach +endlich das Stillschweigen: „So sitzen wir seit drei Tagen“, sprach +er, „zu Pferd und am Tisch, ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. +Ich verspüre gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tänzer zu +sehen oder Gesang und Musik zu hören. Wißt ihr gar nichts, meine Freunde, das +uns die Zeit vertreibt?“ +</p> + +<p> +Die vier älteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft nachzusinnen, +der Fremde aber sprach: „Wenn es mir erlaubt ist, will ich euch einen +Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz könnte einer von uns den +anderen etwas erzählen. Dies könnte uns schon die Zeit vertreiben.“ +</p> + +<p> +„Selim Baruch, du hast wahr gesprochen“, sagte Achmet, der älteste +der Kaufleute, „laßt uns den Vorschlag annehmen.“ +</p> + +<p> +„Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt“, sprach Selim, +„damit ihr aber sehet, daß ich nichts Unbilliges verlange, so will ich +den Anfang machen.“ +</p> + +<p> +Vergnügt rückten die fünf Kaufleute näher zusammen und ließen den Fremden in +ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder voll, stopften die +Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten glühende Kohlen zum Anzünden. Selim +aber erfrischte seine Stimme mit einem tüchtigen Zuge Sorbet, strich den langen +Bart über dem Mund weg und sprach: +</p> + +<p> +„So hört denn die Geschichte vom Kalif Storch.“ +</p> + +<p> +Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die Kaufleute +sehr zufrieden damit. „Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns vergangen, ohne +daß wir merkten wie!“ sagte einer derselben, indem er die Decke des +Zeltes zurückschlug. „Der Abendwind wehet kühl, und wir könnten noch eine +gute Strecke Weges zurücklegen.“ Seine Gefährten waren damit +einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die Karawane machte sich in +der nämlichen Ordnung, in welcher sie herangezogen war, auf den Weg. +</p> + +<p> +Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am Tage, die +Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich an einem bequemen +Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich zur Ruhe. Für den Fremden +aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr wertester Gastfreund wäre. Der eine +gab ihm Polster, der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde +so gut bedient, als ob er zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren +schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen +einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist hatten, +rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann wandte sich an den +ältesten und sprach: „Selim Baruch hat uns gestern einen vergnügten +Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzähltet, +sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, +oder sei es auch ein hübsches Märchen.“ Achmet schwieg auf diese Anrede +eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel wäre, ob er dies oder jenes +sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen: +</p> + +<p> +„Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue Gesellen +erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will ich euch etwas aus +meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und nicht jedem erzähle: die +Geschichte von dem Gespensterschiff.“ +</p> + +<p> +Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder gegangen, und +als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley, +dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen: +</p> + +<p> +„Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und wißt +für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er uns erquicke +nach der Hitze des Tages!“ +</p> + +<p> +„Wohl möchte ich euch etwas erzählen“, antwortete Muley, „das +euch Spaß machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen; +darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos ist immer +so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was sein Leben so +ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er solchen hat, lindern +können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens +ist.“ +</p> + +<p> +Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren Jahren, +schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein Ungläubiger (nicht +Muselmann) war, so liebten ihn doch seine Reisegefährten, denn er hatte durch +sein ganzes Wesen Achtung und Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine +Hand, und einige seiner Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn +so ernst stimme. +</p> + +<p> +Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: „Ich bin sehr +geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, von +welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch weil Muley mir +meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch einiges erzählen, was mich +rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als andere Leute. Ihr sehet, daß ich +meine linke Hand verloren habe. Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich +habe sie in den schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die +Schuld davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine +Lage mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt +die Geschichte von der abgehauenen Hand.“ +</p> + +<p> +Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt. Mit großer +Teilnahme hatten ihm die übrigen zugehört, besonders der Fremde schien sehr +davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief geseufzt, und Muley schien es +sogar, als habe er einmal Tränen in den Augen gehabt. Sie besprachen sich noch +lange Zeit über diese Geschichte. +</p> + +<p> +„Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnöd’ um ein so +edles Glied Eures Körpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?“ +fragte der Fremde. +</p> + +<p> +„Wohl gab es in früherer Zeit Stunden“, antwortete der Grieche, +„in denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über +mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem Glauben +meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben; auch ist er wohl +noch unglücklicher als ich.“ +</p> + +<p> +„Ihr seid ein edler Mann!“ rief der Fremde und drückte gerührt dem +Griechen die Hand. +</p> + +<p> +Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat mit +besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der Ruhe +überlassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich die Karawanen +angegriffen würden, auch glaubten seine Wachen, in der Entfernung mehrere +Reiter zu sehen. +</p> + +<p> +Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der Fremde, aber +wunderte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so gut geschätzt wären, +daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu fürchten brauchten. +</p> + +<p> +„Ja, Herr!“ entgegnete ihm der Anführer der Wache. „Wenn es +nur solches Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit +einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es, auf +seiner Hut zu sein.“ +</p> + +<p> +Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte Kaufmann, +antwortete ihm: „Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke über diesen +wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches Wesen, weil er +oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf besteht, andere halten ihn für +einen tapferen Franken, den das Unglück in diese Gegend verschlagen habe; von +allem aber ist nur so viel gewiß, daß er ein verruchter Mörder und Dieb +ist.“ +</p> + +<p> +„Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten“, entgegnete ihm Lezah, +einer der Kaufleute. „Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein +edler Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich Euch +erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen gemacht, und +so lange er die Wüste durchstreift, darf kein anderer Stamm es wagen, sich +sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein +Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet +ungefährdet weiter; denn Orbasan ist der Herr der Wüste.“ +</p> + +<p> +Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die um den +Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein ziemlich +bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der Entfernung einer halben +Stunde; sie schienen gerade auf das Lager zuzureiten. Einer der Männer von der +Wache ging daher in das Zelt, um zu verkünden, daß sie wahrscheinlich +angegriffen würden. Die Kaufleute berieten sich untereinander, was zu tun sei, +ob man ihnen entgegengehen oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei +älteren Kaufleute wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos +verlangten das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog +ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel hervor, band +es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das Zelt zu stecken; er +setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter werden, wenn sie dieses +Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley glaubte nicht an den Erfolg, der +Sklave aber steckte die Lanze auf das Zelt. Inzwischen hatten alle, die im +Lager waren, zu den Waffen gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den +Reitern entgegen. Doch diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu +haben, sie wichen plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in +einem großen Bogen auf der Seite hin. +</p> + +<p> +Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf die +Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie wenn nichts +vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene hin. Endlich brach +Muley das Stillschweigen. „Wer bist du, mächtiger Fremdling“, rief +er aus, „der du die wilden Horden der Wüste durch einen Wink +bezähmst?“ +</p> + +<p> +„Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie ist“, antwortete Selim +Baruch. „Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der +Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht; nur so +viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter mächtigem Schutze +steht.“ +</p> + +<p> +Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter. Wirklich war +auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die Karawane nicht lange +hätte Widerstand leisten können. +</p> + +<p> +Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne zu +sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich, brachen sie auf +und zogen weiter. +</p> + +<p> +Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem Ausgang +der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen Zelt versammelt +hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort: +</p> + +<p> +„Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler Mann +sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der Schicksale +meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er hatte drei Kinder. Ich +war der Älteste, ein Bruder und eine Schwester waren bei weitem jünger als ich. +Als ich zwanzig Jahre alt war, rief mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er +setzte mich zum Erben seiner Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu +seinem Tode bei ihm bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst +vor zwei Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch +schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gütig Allah es +gewendet hatte.“ Die Errettung Fatmes +</p> + +<p> +Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten die +Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren lieblichen +Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen Tale lag eine +Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und obgleich sie wenig +Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch die ganze Gesellschaft +heiterer und zutraulicher als je; denn der Gedanke, den Gefahren und +Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die Wüste mit sich bringt, entronnen +zu sein, hatte alle Herzen geöffnet und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil +gestimmt. Muley, der junge lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und +sang Lieder dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln +entlockten. Aber nicht genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel +erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen +versprochen hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte, +also zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck. +</p> + +<p> +„So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein rohes +Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte mir die andere +Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich erzählte meinen Kameraden +die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und wir gewannen ihn so lieb, daß ihn +keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und +haben uns vor ihm immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebückt.“ +</p> + +<p> +Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu machen, um +sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken. Die gestrige Fröhlichkeit +ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten sich in allerlei Spielen. Nach +dem Essen aber riefen sie dem fünften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine +Schuldigkeit gleich den übrigen zu tun und eine Geschichte zu erzählen. Er +antwortete, sein Leben sei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er +ihnen etwas davon mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes +erzählen, nämlich: Das Märchen vom falschen Prinzen. +</p> + +<p> +Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket el Had +oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges nach Kairo +waren—Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet, und bald hatten die +Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen entgegenkommen zu sehen. Sie +zogen in die Stadt durch das Tor Bebel Falch; denn es wird für eine glückliche +Vorbedeutung gehalten, wenn man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, +weil der Prophet hindurchgezogen ist. +</p> + +<p> +Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier türkischen Kaufleute von dem +Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit ihren Freunden +nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute Karawanserei und lud ihn +ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der Fremde sagte zu und versprach, wenn +er nur vorher sich umgekleidet habe, zu erscheinen. +</p> + +<p> +Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf der +Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und Getränke in +gehöriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen Gast zu erwarten. +</p> + +<p> +Langsam und schweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem Gemach +führte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich entgegenzusehen und ihn +an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll Entsetzen fuhr er zurück, als er +die Türe öffnete; denn jener schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf +noch einen Blick auf ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebietende +Gestalt, die Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote +Mantel mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den +schrecklichsten Stunden seines Lebens. +</p> + +<p> +Widerstreitende Gefühle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit diesem Bild +seiner Erinnerung längst ausgesöhnt und ihm vergeben, und doch riß sein Anblick +alle seine Wunden wieder auf; alle jene qualvollen Stunden der Todesangst, +jener Gram, der die Blüte seines Lebens vergiftete, zogen im Flug eines +Augenblicks an seiner Seele vorüber. +</p> + +<p> +„Was willst du, Schrecklicher?“ rief der Grieche aus, als die +Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. „Weiche schnell +von hinnen, daß ich dir nicht fluche!“ +</p> + +<p> +„Zaleukos!“ sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor. +„Zaleukos! So empfängst du deinen Gastfreund?“ Der Sprechende nahm +die Larve ab, schlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde. +</p> + +<p> +Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden; denn nur +zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte vecchio erkannt; aber +die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte; er winkte schweigend dem +Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen. +</p> + +<p> +„Ich errate deine Gedanken“, nahm dieser das Wort, als sie sich +gesetzt hatten. „Deine Augen sehen fragend auf mich—ich hätte +schweigen und mich deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin dir +Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin, daß du +mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du sagtest einst +zu mir: Der Glaube meiner Väter befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl +unglücklicher als ich; glaube dieses, mein Freund, und höre meine +Rechtfertigung! +</p> + +<p> +Ich muß weit ausholen, um mich dir ganz verständlich zu machen. Ich bin in +Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jüngere Sohn eines +alten, berühmten französischen Hauses, war Konsul seines Landes in Alessandria. +Ich wurde von meinem zehnten Jahre an in Frankreich bei einem Bruder meiner +Mutter erzogen und verließ erst einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution +mein Vaterland, um mit meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr +sicher war, über dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll +Hoffnung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzosen +entrissen, im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber ach! Ich +fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren Stürme +der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt, desto unerwarteter +hatte das Unglück mein Haus im innersten Herzen heimgesucht. Mein Bruder, ein +junger, hoffnungsvoller Mann, erster Sekretär meines Vaters, hatte sich erst +seit kurzem mit einem jungen Mädchen, der Tochter eines florentinischen +Edelmanns, der in unserer Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor +unserer Ankunft war diese auf einmal verschwunden, ohne daß weder unsere +Familie noch ihr Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man +glaubte endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in +Räuberhände gefallen. Beinahe tröstlicher wäre dieser Gedanke für meinen armen +Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde. Die Treulose +hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie im Hause ihres Vaters +kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder, aufs äußerste empört über +diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur Strafe zu ziehen; doch +vergebens; seine Versuche, die in Neapel und Florenz Aufsehen erregt hatten, +dienten nur dazu, sein und unser aller Unglück zu vollenden. Der florentinische +Edelmann reiste in sein Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder +Recht zu verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in +Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknüpft hatte, nieder +und wußte seinen Einfluß, den er auf alle Art sich verschafft hatte, so gut zu +benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer Regierung verdächtig gemacht und +durch die schändlichsten Mittel gefangen, nach Frankreich geführt und dort vom +Beil des Henkers getötet wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und +erst nach zehn langen Monaten erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen +Zustand, der aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewußtsein geworden +war. So stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke +beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer vergessen, es +war jene mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer letzten Stunde in mir +angefacht hatte. +</p> + +<p> +In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewußtsein zurückgekehrt; +sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem Schicksal und ihrem Ende. +Dann aber ließ sie alle aus dem Zimmer gehen, richtete sich mit feierlicher +Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und sagte, ich könne mir ihren Segen +erwerben, wenn ich ihr schwöre, etwas auszuführen, das sie mir auftragen +würde—Ergriffen von den Worten der sterbenden Mutter, gelobte ich mit +einem Eide zu tun, wie sie mir sagen werde. Sie brach nun in Verwünschungen +gegen den Florentiner und seine Tochter aus und legte mir mit den +fürchterlichsten Drohungen ihres Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu +rächen. Sie starb in meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in +meiner Seele geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den +Rest meines väterlichen Vermögens und schwor mir, alles an meine Rache zu +setzen oder selbst mit unterzugehen. +</p> + +<p> +Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt; mein Plan +war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher sich meine Feinde +befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur geworden und hatte so alle Mittel +in der Hand, sobald er das geringste ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam +mir zu Hilfe. Eines Abends sah ich einen Menschen in bekannter Livree durch die +Straßen gehen; sein unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut +herausgestoßene „Santo sacramento“, „Maledetto diavolo“ +ließen mich den alten Pietro, einen Diener des Florentiners, den ich schon in +Alessandria gekannt hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über +seinen Herrn in Zorn geraten sei, und beschloß, seine Stimmung zu benützen. Er +schien sehr überrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, daß er +seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen könne, und +mein Gold, unterstützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das +Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann in meinem Solde, der mir +zu jeder Stunde die Türe meines Feindes öffnete, und nun reifte mein Racheplan +immer schneller heran. Das Leben des alten Florentiners schien mir ein zu +geringes Gewicht, dem Untergang meines Hauses gegenüber, zu haben. Sein +Liebstes mußte er gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja +sie so schändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache +unseres Unglücks. Gar erwünscht kam sogar meinem rachedürstigen Herzen die +Nachricht, daß in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermählen wollte, es +war beschlossen, sie mußte sterben. Aber mir selbst graute vor der Tat, und +auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum spähten wir umher nach einem +Mann, der das Geschäft vollbringen könne. Unter den Florentinern wagte ich +keinen zu dingen, denn gegen den Gouverneur würde keiner etwas Solches +unternommen haben. Da fiel Pietro der Plan ein, den ich nachher ausgeführt +habe; zugleich schlug er dich als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor. +Den Verlauf der Sache weißt du. Nur an deiner großen Vorsicht und Ehrlichkeit +schien mein Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel. +</p> + +<p> +Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gouverneurs; er hätte uns +auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht, durch den +schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte darbot, erschreckt, +entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war ich über zweihundert +Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer Kirche niedersank. Dort erst +sammelte ich mich wieder, und mein erster Gedanke warst du und dein +schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem Hause fände. Ich schlich an den +Palast, aber weder von Pietro noch von dir konnte ich eine Spur entdecken; das +Pförtchen aber war offen, so konnte ich wenigstens hoffen, daß du die +Gelegenheit zur Flucht benützt haben könntest. +</p> + +<p> +Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Entdeckung und ein +unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz. Ich eilte +nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach einigen Tagen +überall diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man habe den Mörder, einen +griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in banger Besorgnis nach Florenz +zurück; denn schien mir meine Rache schon vorher zu stark, so verfluchte ich +sie jetzt, denn sie war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an +demselben Tage an, der dich der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich +fühlte, als ich dich das Schafott besteigen und so heldenmütig leiden sah. Aber +damals, als dein Blut in Strömen aufspritzte, war der Entschluß fest in mir, +dir deine übrigen Lebenstage zu versüßen. Was weiter geschehen ist, weißt du, +nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit dir machte. +</p> + +<p> +Als eine schwere Last drückte mich der Gedanke, daß du mir noch immer nicht +vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu leben und dir +endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir getan.“ +</p> + +<p> +Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehört; mit sanftem Blick bot er +ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. „Ich wußte wohl, daß du +unglücklicher sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie eine dunkle +Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von Herzen. Aber erlaube mir +noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser Gestalt in die Wüste? Was fingst du +an, nachdem du in Konstantinopel mir das Haus gekauft hattest?“ +</p> + +<p> +„Ich ging nach Alessandria zurück“, antwortete der Gefragte. +„Haß gegen alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Haß besonders +gegen jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen +Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria, als jene +Landung meiner Landsleute erfolgte. +</p> + +<p> +Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum +sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und schloß +mich jenen tapferen Mamelucken an, die so oft der Schrecken des französischen +Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich mich nicht +entschließen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren. Ich lebte mit einer +kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unstetes und flüchtiges, dem Kampf +und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die mich +wie ihren Fürsten ehren; denn wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind +wie Eure Europäer, so sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von +Selbstsucht und Ehrgeiz.“ +</p> + +<p> +Zaleukos dankte dem Fremden für seine Mitteilung, aber er verbarg ihm nicht, +daß er es für seinen Stand, für seine Bildung angemessener fände, wenn er in +christlichen, in europäischen Ländern leben und wirken würde. Er faßte seine +Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei ihm zu leben und zu sterben. +</p> + +<p> +Gerührt sah ihn der Gastfreund an. „Daraus erkenne ich“, sagte er, +„daß du mir ganz vergeben hast, daß du mich liebst. Nimm meinen innigsten +Dank dafür!“ Er sprang auf und stand in seiner ganzen Größe vor dem +Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzenden Augen, der +tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. „Dein Vorschlag ist +schön“, sprach jener weiter, „er möchte für jeden andern lockend +sein—ich kann ihn nicht benützen. Schon steht mein Roß gesattelt, +erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!“ Die Freunde, die das +Schicksal so wunderbar zusammengeführt, umarmten sich zum Abschied. „Und +wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gastfreund, der auf ewig in meinem +Gedächtnis leben wird?“ fragte der Grieche. +</p> + +<p> +Der Fremde sah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und sprach: +„Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin der Räuber Orbasan.“ +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap03"></a>Kalif Storch</h2> + +<p class="center"> +Wilhelm Hauff +</p> + +<p> +Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag behaglich auf +seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war ein heißer Tag, und sah +nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Er rauchte aus einer langen Pfeife +von Rosenholz, trank hier und da ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave +einschenkte, und strich sich allemal vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt +hatte. Kurz, man sah dem Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde +konnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig +war, deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor alle Tage um diese Zeit. +An diesem Nachmittage nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich aus, ganz +gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig aus dem Mund und +sprach: „Warum machst du ein so nachdenkliches Gesicht, Großwesir?“ +</p> + +<p> +Der Großwesir schlug seine Arme kreuzweis über die Brust, verneigte sich vor +seinem Herrn und antwortete: „Herr, ob ich ein nachdenkliches Gesicht +mache, weiß ich nicht, aber da drunten am Schloß steht ein Krämer, der hat so +schöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel überflüssiges Geld zu +haben.“ +</p> + +<p> +Der Kalif, der seinem Großwesir schon lange gerne eine Freude gemacht hätte, +schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer heraufzuholen. Bald +kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war ein kleiner, dicker Mann, +schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem Anzug. Er trug einen Kasten, in +welchem er allerhand Waren hatte, Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, +Becher und Kämme. Der Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif +kaufte endlich für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des Wesirs +aber einen Kamm. Als der Krämer seinen Kasten schon wieder zumachen wollte, sah +der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch Waren seien. Der +Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine Dose mit schwärzlichem +Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift, die weder der Kalif noch Mansor +lesen konnte. „Ich bekam einmal diese zwei Stücke von einem Kaufmanne, +der sie in Mekka auf der Straße fand“, sagte der Krämer, „Ich weiß +nicht, was sie enthalten; euch stehen sie um geringen Preis zu Dienst, ich kann +doch nichts damit anfangen.“ +</p> + +<p> +Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte, wenn er sie +auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und entließ den Krämer. Der +Kalif aber dachte, er möchte gerne wissen, was die Schrift enthalte, und, +fragte den Wesir, ob er keinen kenne, der es entziffern könnte. +</p> + +<p> +„Gnädigster Herr und Gebieter“, antwortete dieser, „an der +großen Moschee wohnt ein Mann, er heißt Selim, der Gelehrte, der versteht alle +Sprachen, laß ihn kommen, vielleicht kennt er diese geheimnisvollen +Züge.“ +</p> + +<p> +Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt. „Selim“, sprach zu ihm +der Kalif, „Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein +wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, so +bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so bekommst du +zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fußsohlen, weil man dich dann +umsonst Selim, den Gelehrten, nennt.“ +</p> + +<p> +Selim verneigte sich und sprach: „Dein Wille geschehe, o Herr!“ +Lange betrachtete er die Schrift, plötzlich aber rief er aus: „Das ist +Lateinisch, o Herr, oder ich laß mich hängen.“ „Sag, was +drinsteht“, befahl der Kalif, „wenn es Lateinisch ist.“ +</p> + +<p> +Selim fing an zu übersetzen: „Mensch, der du dieses findest, preise Allah +für seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und dazu spricht: +mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und versteht auch die Sprache +der Tiere. +</p> + +<p> +Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurückkehren, so neige er sich +dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber hüte dich, wenn du verwandelt +bist, daß du nicht lachest, sonst verschwindet das Zauberwort gänzlich aus +deinem Gedächtnis, und du bleibst ein Tier.“ +</p> + +<p> +Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif über die Maßen +vergnügt. Er ließ den Gelehrten schwören, niemandem etwas von dem Geheimnis zu +sagen, schenkte ihm ein schönes Kleid und entließ ihn. Zu seinem Großwesir aber +sagte er: „Das heiß’ ich gut einkaufen, Mansor! Wie freue ich mich, +bis ich ein Tier bin. Morgen früh kommst du zu mir; wir gehen dann miteinander +aufs Feld, schnupfen etwas Weniges aus meiner Dose und belauschen dann, was in +der Luft und im Wasser, im Wald und Feld gesprochen wird!“ +</p> + +<p> +Kaum hatte am anderen Morgen der Kalif Chasid gefrühstückt und sich +angekleidet, als schon der Großwesir erschien, ihn, wie er befohlen, auf dem +Spaziergang zu begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem Zauberpulver in +den Gürtel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen, zurückzubleiben, machte er +sich mit dem Großwesir ganz allein auf den Weg. Sie gingen zuerst durch die +weiten Gärten des Kalifen, spähten aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr +Kunststück zu probieren. Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen +Teich zu gehen, wo er schon oft viele Tiere, namentlich Störche, gesehen habe, +die durch ihr gravitätisches Wesen und ihr Geklapper immer seine Aufmerksamkeit +erregt hatten. +</p> + +<p> +Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem Teich zu. +Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storch ernsthaft auf und ab +gehen, Frösche suchend und hier und da etwas vor sich hinklappernd. Zugleich +sahen sie auch weit oben in der Luft einen anderen Storch dieser Gegend +zuschweben. +</p> + +<p> +„Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr“, sagte der Großwesir, +„wenn nicht diese zwei Langfüßler ein schönes Gespräch miteinander führen +werden. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?“ +</p> + +<p> +„Wohl gesprochen!“ antwortete der Kalif. „Aber vorher wollen +wir noch einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird.—Richtig! Dreimal +gen Osten geneigt und mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif und du Wesir. +Aber nur um Himmels willen nicht gelacht, sonst sind wir verloren!“ +</p> + +<p> +Während der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch über ihrem Haupte +schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die Dose aus dem +Gürtel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Großwesir dar, der gleichfalls +schnupfte, und beide riefen: mutabor! +</p> + +<p> +Da schrumpften ihre Beine ein und wurden dünn und rot, die schönen gelben +Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden unförmliche Storchfüße, die +Arme wurden zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achseln und ward eine Elle lang, +der Bart war verschwunden, und den Körper bedeckten weiche Federn. +</p> + +<p> +„Ihr habt einen hübschen Schnabel, Herr Großwesir“, sprach nach +langem Erstaunen der Kalif. „Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich +in meinem Leben nicht gesehen.“ „Danke untertänigst“, +erwiderte der Großwesir, indem er sich bückte, „aber wenn ich es wagen +darf, möchte ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch hübscher +aus denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefällig ist, daß wir unsere +Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir wirklich Storchisch +können.“ +</p> + +<p> +Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen; er putzte sich mit dem +Schnabel seine Füße, legte seine Federn zurecht und ging auf den ersten Storch +zu. Die beiden neuen Störche aber beeilten sich, in ihre Nähe zu kommen, und +vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes Gespräch: +</p> + +<p> +„Guten Morgen, Frau Langbein, so früh schon auf der Wiese?“ +</p> + +<p> +„Schönen Dank, liebe Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines +Frühstück geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs gefällig oder ein +Froschschenkelein?“ +</p> + +<p> +„Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen +etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines Vaters +tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig üben.“ +</p> + +<p> +Zugleich schritt die junge Störchin in wunderlichen Bewegungen durch das Feld. +Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach; als sie aber in malerischer +Stellung auf einem Fuß stand und mit den Flügeln anmutig dazu wedelte, da +konnten sich die beiden nicht mehr halten; ein unaufhaltsames Gelächter brach +aus ihren Schnäbeln hervor, von dem sie sich erst nach langer Zeit erholten. +Der Kalif faßte sich zuerst wieder: „Das war einmal ein Spaß“, rief +er, „der nicht mit Gold zu bezahlen ist; schade, daß die Tiere durch +unser Gelächter sich haben verscheuchen lassen, sonst hätten sie gewiß auch +noch gesungen!“ +</p> + +<p> +Aber jetzt fiel es dem Großwesir ein, daß das Lachen während der Verwandlung +verboten war. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen mit. „Potz Mekka +und Medina! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein Storch bleiben müßte! +Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich bring’ es nicht heraus.“ +</p> + +<p> +„Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken und dazu sprechen: +mu—mu—mu—“ +</p> + +<p> +Sie stellten sich gegen Osten und bückten sich in einem fort, daß ihre Schnäbel +beinahe die Erde berührten; aber, o Jammer! Das Zauberwort war ihnen entfallen, +und so oft sich auch der Kalif bückte, so sehnlich auch sein Wesir mu—mu +dazu rief, jede Erinnerung daran war verschwunden, und der arme Chasid und sein +Wesir waren und blieben Störche. +</p> + +<p> +Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wußten gar nicht, was +sie in ihrem Elend anfangen sollten. Aus ihrer Storchenhaut konnten sie nicht +heraus, in die Stadt zurück konnten sie auch nicht, um sich zu erkennen zu +geben; denn wer hätte einem Storch geglaubt, daß er der Kalif sei, und wenn man +es auch geglaubt hätte, würden die Einwohner von Bagdad einen Storch zum Kalif +gewollt haben? +</p> + +<p> +So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich von +Feldfrüchten, die sie aber wegen ihrer langen Schnäbel nicht gut verspeisen +konnten. Auf Eidechsen und Frösche hatten sie übrigens keinen Appetit, denn sie +befürchteten, mit solchen Leckerbissen sich den Magen zu verderben. Ihr +einziges Vergnügen in dieser traurigen Lage war, daß sie fliegen konnten, und +so flogen sie oft auf die Dächer von Bagdad, um zu sehen, was darin vorging. +</p> + +<p> +In den ersten Tagen bemerkten sie große Unruhe und Trauer in den Straßen; aber +ungefähr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung saßen sie auf dem Palast des +Kalifen, da sahen sie unten in der Straße einen prächtigen Aufzug; Trommeln und +Pfeifen ertönten, ein Mann in einem goldbestickten Scharlachmantel saß auf +einem geschmückten Pferd, umgeben von glänzenden Dienern, halb Bagdad sprang +ihm nach, und alle schrien: „Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!“ +</p> + +<p> +Da sahen die beiden Störche auf dem Dache des Palastes einander an, und der +Kalif Chasid sprach: „Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin, +Großwesir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des mächtigen Zauberers +Kaschnur, der mir in einer bösen Stunde Rache schwur. Aber noch gebe ich die +Hoffnung nicht auf—Komm mit mir, du treuer Gefährte meines Elends, wir +wollen zum Grabe des Propheten wandern, vielleicht, daß an heiliger Stätte der +Zauber gelöst wird.“ +</p> + +<p> +Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina zu. +</p> + +<p> +Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden Störche +hatten noch wenig Übung. „O Herr“, ächzte nach ein paar Stunden der +Großwesir, „ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr lange aus; Ihr +fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir täten wohl, ein +Unterkommen für die Nacht zu suchen.“ +</p> + +<p> +Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er unten im Tale eine Ruine +erblickte, die ein Obdach zu gewähren schien, so flogen sie dahin. Der Ort, wo +sie sich für diese Nacht niedergelassen hatten, schien ehemals ein Schloß +gewesen zu sein. Schöne Säulen ragten unter den Trümmern hervor, mehrere +Gemächer, die noch ziemlich erhalten waren, zeugten von der ehemaligen Pracht +des Hauses. Chasid und sein Begleiter gingen durch die Gänge umher, um sich ein +trockenes Plätzchen zu suchen; plötzlich blieb der Storch Mansor stehen. +„Herr und Gebieter“, flüsterte er leise, „wenn es nur nicht +töricht für einen Großwesir, noch mehr aber für einen Storch wäre, sich vor +Gespenstern zu fürchten! Mir ist ganz unheimlich zumute; denn hier neben hat es +ganz vernehmlich geseufzt und gestöhnt.“ Der Kalif blieb nun auch stehen +und hörte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher einem Menschen als einem +Tiere anzugehören schien. Voll Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher +die Klagetöne kamen; der Wesir aber packte ihn mit dem Schnabel am Flügel und +bat ihn flehentlich, sich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu stürzen. Doch +vergebens! Der Kalif, dem auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz +schlug, riß sich mit Verlust einiger Federn los und eilte in einen finsteren +Gang. Bald war er an einer Tür angelangt, die nur angelehnt schien und woraus +er deutliche Seufzer mit ein wenig Geheul vernahm. Er stieß mit dem Schnabel +die Türe auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen. In dem verfallenen +Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster spärlich erleuchtet war, sah er +eine große Nachteule am Boden sitzen. Dicke Tränen rollten ihr aus den großen, +runden Augen, und mit heiserer Stimme stieß sie ihre Klagen zu dem krummen +Schnabel heraus. Als sie aber den Kalifen und seinen Wesir, der indes auch +herbeigeschlichen war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei. +Zierlich wischte sie mit dem braungefleckten Flügel die Tränen aus dem Auge, +und zu dem größten Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem +Arabisch: „Willkommen, ihr Störche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner +Errettung; denn durch Störche werde mir ein großes Glück kommen, ist mir einst +prophezeit worden!“ +</p> + +<p> +Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückte er sich mit seinem +langen Hals, brachte seine dünnen Füße in eine zierliche Stellung und sprach: +„Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben, eine Leidensgefährtin in +dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, daß durch uns deine Rettung kommen +werde, ist vergeblich. Du wirst unsere Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du +unsere Geschichte hörst.“ Die Nachteule bat ihn zu erzählen, was der +Kalif sogleich tat. +</p> + +<p> +Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie ihm und +sagte: „Vernimm auch meine Geschichte und höre, wie ich nicht weniger +unglücklich bin als du. Mein Vater ist der König von Indien, ich, seine einzige +unglückliche Tochter, heiße Lusa. Jener Zauberer Kaschnur, der euch +verzauberte, hat auch mich ins Unglück gestürzt. Er kam eines Tages zu meinem +Vater und begehrte mich zur Frau für seinen Sohn Mizra. Mein Vater aber, der +ein hitziger Mann ist, ließ ihn die Treppe hinunterwerfen. Der Elende wußte +sich unter einer anderen Gestalt wieder in meine Nähe zu schleichen, und als +ich einst in meinem Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, +als Sklave verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt +verwandelte. Vor Schrecken ohnmächtig, brachte er mich hierher und rief mir mit +schrecklicher Stimme in die Ohren: +</p> + +<p> +,Da sollst du bleiben, häßlich, selbst von den Tieren verachtet, bis an dein +Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser schrecklichen +Gestalt, zur Gattin begehrt. So räche ich mich an dir und deinem stolzen +Vater.‘ +</p> + +<p> +Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich als +Einsiedlerin in diesem Gemäuer, verabscheut von der Welt, selbst den Tieren ein +Greuel; die schöne Natur ist vor mir verschlossen; denn ich bin blind am Tage, +und nur, wenn der Mond sein bleiches Licht über dies Gemäuer ausgießt, fällt +der verhüllende Schleier von meinem Auge.“ +</p> + +<p> +Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Flügel wieder die Augen aus, +denn die Erzählung ihrer Leiden hatte ihr Tränen entlockt. +</p> + +<p> +Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzessin in tiefes Nachdenken versunken. +„Wenn mich nicht alles täuscht“, sprach er, „so findet +zwischen unserem Unglück ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo finde ich den +Schlüssel zu diesem Rätsel?“ +</p> + +<p> +Die Eule antwortete ihm: „O Herr! Auch mir ahnet dies; denn es ist mir +einst in meiner frühesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit worden, daß +ein Storch mir ein großes Glück bringen werde, und ich wüßte vielleicht, wie +wir uns retten könnten.“ Der Kalif war sehr erstaunt und fragte, auf +welchem Wege sie meine. „Der Zauberer, der uns beide unglücklich gemacht +hat“, sagte sie, „kommt alle Monate einmal in diese Ruinen. Nicht +weit von diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er dann mit vielen Genossen zu +schmausen. Schon oft habe ich sie dort belauscht. Sie erzählen dann einander +ihre schändlichen Werke; vielleicht, daß er dann das Zauberwort, das ihr +vergessen habt, ausspricht.“ +</p> + +<p> +„O, teuerste Prinzessin“, rief der Kalif, „sag an, wann kommt +er, und wo ist der Saal?“ +</p> + +<p> +Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: „Nehmet es nicht +ungütig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch erfüllen.“ +</p> + +<p> +„Sprich aus! Sprich aus!“ schrie Chasid. „Befiehl, es ist mir +jede recht.“ +</p> + +<p> +„Nämlich, ich möchte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur +geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht.“ +</p> + +<p> +Die Störche schienen über den Antrag etwas betroffen zu sein, und der Kalif +winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen. +</p> + +<p> +„Großwesir“, sprach vor der Türe der Kalif, „das ist ein +dummer Handel; aber Ihr könntet sie schon nehmen.“ +</p> + +<p> +„So“, antwortete dieser, „daß mir meine Frau, wenn ich nach +Hause komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid +noch jung und unverheiratet und könnet eher einer jungen, schönen Prinzessin +die Hand geben.“ +</p> + +<p> +„Das ist es eben“, seufzte der Kalif, indem er traurig die Flügel +hängen ließ, „wer sagt dir denn, daß sie jung und schön ist? Das heißt +eine Katze im Sack kaufen!“ +</p> + +<p> +Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der Kalif +sah, daß sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten wollte, +entschloß er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfüllen. Die Eule war +hocherfreut. Sie gestand ihnen, daß sie zu keiner besseren Zeit hätten kommen +können, weil wahrscheinlich in dieser Nacht die Zauberer sich versammeln +würden. +</p> + +<p> +Sie verließ mit den Störchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu führen; sie +gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich strahlte ihnen aus einer +halbverfallenen Mauer ein heller Schein entgegen. Als sie dort angelangt waren, +riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu verhalten. Sie konnten von der Lücke, +an welcher sie standen, einen großen Saal übersehen. Er war ringsum mit Säulen +geschmückt und prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht +des Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, mit vielen und +ausgesuchten Speisen besetzt. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf welchem +acht Männer saßen. In einem dieser Männer erkannten die Störche jenen Krämer +wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein Nebensitzer forderte +ihn auf, ihnen seine neuesten Taten zu erzählen. Er erzählte unter anderen auch +die Geschichte des Kalifen und seines Wesirs. +</p> + +<p> +„Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?“ fragte ihn ein +anderer Zauberer. „Ein recht schweres lateinisches, es heißt +mutabor.“ +</p> + +<p> +Als die Störche an der Mauerlücke dieses hörten, kamen sie vor Freuden beinahe +außer sich. Sie liefen auf ihren langen Füßen so schnell dem Tore der Ruine zu, +daß die Eule kaum folgen konnte. Dort sprach der Kalif gerührt zu der Eule: +„Retterin meines Lebens und des Lebens meines Freundes, nimm zum ewigen +Dank für das, was du an uns getan, mich zum Gemahl an!“ Dann aber wandte +er sich nach Osten. Dreimal bückten die Störche ihre langen Hälse der Sonne +entgegen, die soeben hinter dem Gebirge heraufstieg: „Mutabor!“ +riefen sie, im Nu waren sie verwandelt, und in der hohen Freude des +neugeschenkten Lebens lagen Herr und Diener lachend und weinend einander in den +Armen. +</p> + +<p> +Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen? Eine schöne Dame, +herrlich geschmückt, stand vor ihnen. Lächelnd gab sie dem Kalifen die Hand. +„Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?“ sagte sie. Sie war es; der +Kalif war von ihrer Schönheit und Anmut entzückt. +</p> + +<p> +Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in seinen Kleidern +nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch seinen Geldbeutel. Er kaufte +daher im nächsten Dorfe, was zu ihrer Reise nötig war, und so kamen sie bald an +die Tore von Bagdad. Dort aber erregte die Ankunft des Kalifen großes +Erstaunen. Man hatte ihn für tot ausgegeben, und das Volk war daher +hocherfreut, seinen geliebten Herrscher wiederzuhaben. +</p> + +<p> +Um so mehr aber entbrannte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra. Sie zogen in den +Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen. Den Alten +schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, das die Prinzessin als Eule +bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen. Dem Sohn aber, welcher nichts von +den Künsten des Vaters verstand, ließ der Kalif die Wahl, ob er sterben oder +schnupfen wolle. Als er das letztere wählte, bot ihm der Großwesir die Dose. +Eine tüchtige Prise, und das Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen +Storch. Der Kalif ließ ihn in einen eisernen Käfig sperren und in seinem Garten +aufstellen. +</p> + +<p> +Lange und vergnügt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin; seine +vergnügtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Großwesir nachmittags +besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem Storchabenteuer, und wenn der +Kalif recht heiter war, ließ er sich herab, den Großwesir nachzuahmen, wie er +als Storch aussah. Er stieg dann ernsthaft, mit steifen Füßen im Zimmer auf und +ab, klapperte, wedelte mit den Armen wie mit Flügeln und zeigte, wie jener sich +vergeblich nach Osten geneigt und Mu—Mu—dazu gerufen habe. Für die +Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine große Freude; +wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und +Mu—Mu—schrie, dann drohte ihm lächelnd der Wesir: Er wolle das, was +vor der Türe der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau Kalifin +mitteilen. +</p> + +<p> +Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die Kaufleute +sehr zufrieden damit. „Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns vergangen, ohne +daß wir merkten wie!“ sagte einer derselben, indem er die Decke des +Zeltes zurückschlug. „Der Abendwind wehet kühl, und wir könnten noch eine +gute Strecke Weges zurücklegen.“ Seine Gefährten waren damit +einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die Karawane machte sich in +der nämlichen Ordnung, in welcher sie herangezogen war, auf den Weg. +</p> + +<p> +Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am Tage, die +Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich an einem bequemen +Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich zur Ruhe. Für den Fremden +aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr wertester Gastfreund wäre. Der eine +gab ihm Polster, der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde +so gut bedient, als ob er zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren +schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen +einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist hatten, +rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann wandte sich an den +ältesten und sprach: „Selim Baruch hat uns gestern einen vergnügten +Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzähltet, +sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, +oder sei es auch ein hübsches Märchen.“ Achmet schwieg auf diese Anrede +eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel wäre, ob er dies oder jenes +sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen: +</p> + +<p> +„Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue Gesellen +erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will ich euch etwas aus +meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und nicht jedem erzähle: die +Geschichte von dem Gespensterschiff.“ +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap04"></a>Die Geschichte von dem Gespensterschiff</h2> + +<p class="center"> +Wilhelm Hauff +</p> + +<p> +Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora; er war weder arm noch reich +und einer von jenen Leuten, die nicht gerne etwas wagen, aus Furcht, das Wenige +zu verlieren, das sie haben. Er erzog mich schlicht und recht und brachte es +bald so weit, daß ich ihm an die Hand gehen konnte. Gerade als ich achtzehn +Jahre alt war, als er die erste größere Spekulation machte, starb er, +wahrscheinlich aus Gram, tausend Goldstücke dem Meere anvertraut zu haben. Ich +mußte ihn bald nachher wegen seines Todes glücklich preisen, denn wenige Wochen +hernach lief die Nachricht ein, daß das Schiff, dem mein Vater seine Güter +mitgegeben hatte, versunken sei. Meinen jugendlichen Mut konnte aber dieser +Unfall nicht beugen. Ich machte alles vollends zu Geld, was mein Vater +hinterlassen hatte, und zog aus, um in der Fremde mein Glück zu probieren, nur +von einem alten Diener meines Vaters begleitet. +</p> + +<p> +Im Hafen von Balsora schifften wir uns mit günstigem Winde ein. Das Schiff, auf +dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt. Wir waren schon +fünfzehn Tage auf der gewöhnlichen Straße gefahren, als uns der Kapitän einen +Sturm verkündete. Er machte ein bedenkliches Gesicht, denn es schien, er kenne +in dieser Gegend das Fahrwasser nicht genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen +zu können. Er ließ alle Segel einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die +Nacht war angebrochen, war hell und kalt, und der Kapitän glaubte schon, sich +in den Anzeichen des Sturmes getäuscht zu haben. Auf einmal schwebte ein +Schiff, das wir vorher nicht gesehen hatten, dicht an dem unsrigen vorbei. +Wildes Jauchzen und Geschrei erscholl aus dem Verdeck herüber, worüber ich mich +zu dieser angstvollen Stunde vor einem Sturm nicht wenig wunderte. Aber der +Kapitän an meiner Seite wurde blaß wie der Tod. „Mein Schiff ist +verloren“, rief er, „dort segelt der Tod!“ +</p> + +<p> +Ehe ich ihn noch über diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte, stürzten schon +heulend und schreiend die Matrosen herein. „Habt ihr ihn gesehen?“ +schrien sie. „Jetzt ist’s mit uns vorbei!“ +</p> + +<p> +Der Kapitän aber ließ Trostsprüche aus dem Koran vorlesen und setzte sich +selbst ans Steuerruder. Aber vergebens! Zusehends brauste der Sturm auf, und +ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb sitzen. Die Boote wurden +ausgesetzt, und kaum hatten sich die letzten Matrosen gerettet, so versank das +Schiff vor unseren Augen, und als ein Bettler fuhr ich in die See hinaus. Aber +der Jammer hatte noch kein Ende. Fürchterlicher tobte der Sturm; das Boot war +nicht mehr zu regieren. Ich hatte meinen alten Diener fest umschlungen, und wir +versprachen uns, nie voneinander zu weichen. Endlich brach der Tag an. Aber mit +dem ersten Anblick der Morgenröte faßte der Wind das Boot, in welchem wir +saßen, und stürzte es um. Ich habe keinen meiner Schiffsleute mehr gesehen. Der +Sturz hatte mich betäubt; und als ich aufwachte, befand ich mich in den Armen +meines alten treuen Dieners, der sich auf das umgeschlagene Boot gerettet und +mich nachgezogen hatte. Der Sturm hatte sich gelegt. Von unserem Schiff war +nichts mehr zu sehen, wohl aber entdeckten wir nicht weit von uns ein anderes +Schiff, auf das die Wellen uns hintrieben. Als wir näher hinzukamen, erkannte +ich das Schiff als dasselbe, das in der Nacht an uns vorbeifuhr und welches den +Kapitän so sehr in Schrecken gesetzt hatte. Ich empfand ein sonderbares Grauen +vor diesem Schiffe. Die Äußerung des Kapitäns, die sich so furchtbar bestätigt +hatte, das öde Aussehen des Schiffes, auf dem sich, so nahe wir auch +herankamen, so laut wir schrien, niemand zeigte, erschreckten mich. Doch es war +unser einziges Rettungsmittel; darum priesen wir den Propheten, der uns so +wundervoll erhalten hatte. +</p> + +<p> +Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Händen und Füßen +ruderten wir darauf zu, um es zu erfassen. Endlich glückte es. Noch einmal +erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf dem Schiff. Da klimmten +wir an dem Tau hinauf, ich als der Jüngste voran. Aber Entsetzen! Welches +Schauspiel stellte sich meinem Auge dar, als ich das Verdeck betrat! Der Boden +war mit Blut gerötet, zwanzig bis dreißig Leichname in türkischen Kleidern +lagen auf dem Boden, am mittleren Mastbaum stand ein Mann, reich gekleidet, den +Säbel in der Hand, aber das Gesicht war blaß und verzerrt, durch die Stirn ging +ein großer Nagel, der ihn an den Mastbaum heftete, auch er war tot. Schrecken +fesselte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen. Endlich war auch mein +Begleiter heraufgekommen. Auch ihn überraschte der Anblick des Verdecks, das +gar nichts Lebendiges, sondern nur so viele schreckliche Tote zeigte. Wir +wagten es endlich, nachdem wir in der Seelenangst zum Propheten gefleht hatten, +weiter vorzuschreiten. Bei jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas +Neues, noch Schrecklicheres sich darbiete; aber alles blieb, wie es war; weit +und breit nichts Lebendiges als wir und das Weltmeer. Nicht einmal laut zu +sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am Mast angespießte Kapitano möchte +seine starren Augen nach uns hindrehen oder einer der Getöteten möchte seinen +Kopf umwenden. Endlich waren wir bis an eine Treppe gekommen, die in den +Schiffsraum führte. Unwillkürlich machten wir dort halt und sahen einander an, +denn keiner wagte es recht, seine Gedanken zu äußern. +</p> + +<p> +„O Herr“, sprach mein treuer Diener, „hier ist etwas +Schreckliches geschehen. Doch wenn auch das Schiff da unten voll Mörder steckt, +so will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als längere +Zeit unter diesen Toten zubringen.“ Ich dachte wie er; wir faßten uns ein +Herz und stiegen voll Erwartung hinunter. Totenstille war aber auch hier, und +nur unsere Schritte hallten auf der Treppe. Wir standen an der Türe der Kajüte. +Ich legte mein Ohr an die Türe und lauschte; es war nichts zu hören. Ich machte +auf. Das Gemach bot einen unordentlichen Anblick dar. Kleider, Waffen und +andere Geräte lagen untereinander. Nichts in Ordnung. Die Mannschaft oder +wenigstens der Kapitano mußten vor kurzem gezechet haben; denn es lag alles +noch umher. Wir gingen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu Gemach, überall +fanden wir herrliche Vorräte in Seide, Perlen, Zucker usw. Ich war vor Freude +über diesen Anblick außer mir, denn da niemand auf dem Schiff war, glaubte ich, +alles mir zueignen zu dürfen, Ibrahim aber machte mich aufmerksam darauf, daß +wir wahrscheinlich noch sehr weit vom Lande seien, wohin wir allein und ohne +menschliche Hilfe nicht kommen könnten. +</p> + +<p> +Wir labten uns an den Speisen und Getränken, die wir in reichem Maß vorfanden, +und stiegen endlich wieder aufs Verdeck. Aber hier schauderte uns immer die +Haut ob dem schrecklichen Anblick der Leichen. Wir beschlossen, uns davon zu +befreien und sie über Bord zu werfen; aber wie schauerlich ward uns zumut, als +wir fanden, daß sich keiner aus seiner Lage bewegen ließ. Wie festgebannt lagen +sie am Boden, und man hätte den Boden des Verdecks ausheben müssen, um sie zu +entfernen, und dazu gebrach es uns an Werkzeugen. Auch der Kapitano ließ sich +nicht von seinem Mast losmachen; nicht einmal seinen Säbel konnten wir der +starren Hand entwinden. Wir brachten den Tag in trauriger Betrachtung unserer +Lage zu, und als es Nacht zu werden anfing, erlaubte ich dem alten Ibrahim, +sich schlafen zu legen, ich selbst aber wollte auf dem Verdeck wachen, um nach +Rettung auszuspähen. Als aber der Mond heraufkam und ich nach den Gestirnen +berechnete, daß es wohl um die elfte Stunde sei, überfiel mich ein so +unwiderstehlicher Schlaf, daß ich unwillkürlich hinter ein Faß, das auf dem +Verdeck stand, zurückfiel. Doch war es mehr Betäubung als Schlaf, denn ich +hörte deutlich die See an der Seite des Schiffes anschlagen und die Segel vom +Winde knarren und pfeifen. Auf einmal glaubte ich Stimmen und Männertritte auf +dem Verdeck zu hören. Ich wollte mich aufrichten, um danach zu schauen. Aber +eine unsichtbare Gewalt hielt meine Glieder gefesselt; nicht einmal die Augen +konnte ich aufschlagen. Aber immer deutlicher wurden die Stimmen, es war mir, +als wenn ein fröhliches Schiffsvolk auf dem Verdeck sich umhertriebe; mitunter +glaubte ich, die kräftige Stimme eines Befehlenden zu hören, auch hörte ich +Taue und Segel deutlich auf- und abziehen. Nach und nach aber schwanden mir die +Sinne, ich verfiel in einen tieferen Schlaf, in dem ich nur noch ein Geräusch +von Waffen zu hören glaubte, und erwachte erst, als die Sonne schon hoch stand +und mir aufs Gesicht brannte. Verwundert schaute ich mich um, Sturm, Schiff, +die Toten und was ich in dieser Nacht gehört hatte, kam mir wie ein Traum vor, +aber als ich aufblickte, fand ich alles wie gestern. Unbeweglich lagen die +Toten, unbeweglich war der Kapitano an den Mastbaum geheftet. Ich lachte über +meinen Traum und stand auf, um meinen Alten zu suchen. +</p> + +<p> +Dieser saß ganz nachdenklich in der Kajüte. „O Herr!“ rief er aus, +als ich zu ihm hineintrat, „ich wollte lieber im tiefsten Grund des +Meeres liegen, als in diesem verhexten Schiff noch eine Nacht zubringen.“ +Ich fragte ihn nach der Ursache seines Kummers, und er antwortete mir: +„Als ich einige Stunden geschlafen hatte, wachte ich auf und vernahm, wie +man über meinem Haupt hin und her lief. Ich dachte zuerst, Ihr wäret es, aber +es waren wenigstens zwanzig, die oben umherliefen; auch hörte ich rufen und +schreien. Endlich kamen schwere Tritte die Treppe herab. Da wußte ich nichts +mehr von mir, nur hie und da kehrte auf einige Augenblicke meine Besinnung +zurück, und da sah ich dann denselben Mann, der oben am Mast angenagelt ist, an +jenem Tisch dort sitzen, singend und trinkend; aber der, der in einem roten +Scharlachkleid nicht weit von ihm am Boden liegt, saß neben ihm und half ihm +trinken.“ Also erzählte mir mein alter Diener. +</p> + +<p> +Ihr könnt mir es glauben, meine Freunde, daß mir gar nicht wohl zumute war; +denn es war keine Täuschung, ich hatte ja auch die Toten gar wohl gehört. In +solcher Gesellschaft zu schiffen, war mir greulich. Mein Ibrahim aber versank +wieder in tiefes Nachdenken. „Jetzt hab’ ich’s!“ rief +er endlich aus; es fiel ihm nämlich ein Sprüchlein ein, das ihn sein Großvater, +ein erfahrener, weitgereister Mann, gelehrt hatte und das gegen jeden Geister- +und Zauberspuk helfen sollte; auch behauptete er, jenen unnatürlichen Schlaf, +der uns befiel, in der nächsten Nacht verhindern zu können, wenn wir nämlich +recht eifrig Sprüche aus dem Koran beteten. Der Vorschlag des alten Mannes +gefiel mir wohl. In banger Erwartung sahen wir die Nacht herankommen. Neben der +Kajüte war ein kleines Kämmerchen, dorthin beschlossen wir uns zurückzuziehen. +Wir bohrten mehrere Löcher in die Türe, hinlänglich groß, um durch sie die +ganze Kajüte zu überschauen, dann verschlossen wir die Türe, so gut es ging, +von innen, und Ibrahim schrieb den Namen des Propheten in alle vier Ecken. So +erwarteten wir die Schrecken der Nacht. Es mochte wieder ungefähr elf Uhr sein, +als es mich gewaltig zu schläfern anfing. Mein Gefährte riet mir daher, einige +Sprüche des Korans zu beten, was mir auch half. Mit einem Male schien es oben +lebhaft zu werden; die Taue knarrten, Schritte gingen über das Verdeck, und +mehrere Stimmen waren deutlich zu unterscheiden—Mehrere Minuten hatten +wir so in gespannter Erwartung gesessen, da hörten wir etwas die Treppe der +Kajüte herabkommen. Als dies der Alte hörte, fing er an, den Spruch, den ihn +sein Großvater gegen Spuk und Zauberei gelehrt hatte, herzusagen: +</p> + +<p class="poem"> +„Kommt ihr herab aus der Luft,<br/> +Steigt ihr aus tiefem Meer,<br/> +Schlieft ihr in dunkler Gruft,<br/> +Stammt ihr vom Feuer her:<br/> +Allah ist euer Herr und Meister,<br/> +ihm sind gehorsam alle Geister.“ +</p> + +<p class="noindent"> +Ich muß gestehen, ich glaubte gar nicht recht an diesen Spruch, und mir stieg +das Haar zu Berg, als die Tür aufflog. Herein trat jener große, stattliche +Mann, den ich am Mastbaum angenagelt gesehen hatte. Der Nagel ging ihm auch +jetzt mitten durchs Hirn; das Schwert aber hatte er in die Scheide gesteckt; +hinter ihm trat noch ein anderer herein, weniger kostbar gekleidet; auch ihn +hatte ich oben liegen sehen. Der Kapitano, denn dies war er unverkennbar, hatte +ein bleiches Gesicht, einen großen, schwarzen Bart, wildrollende Augen, mit +denen er sich im ganzen Gemach umsah. Ich konnte ihn ganz deutlich sehen, als +er an unserer Türe vorüberging; er aber schien gar nicht auf die Türe zu +achten, die uns verbarg. Beide setzten sich an den Tisch, der in der Mitte der +Kajüte stand, und sprachen laut und fast schreiend miteinander in einer +unbekannten Sprache. Sie wurden immer lauter und eifriger, bis endlich der +Kapitano mit geballter Faust auf den Tisch hineinschlug, daß das Zimmer +dröhnte. Mit wildem Gelächter sprang der andere auf und winkte dem Kapitano, +ihm zu folgen. Dieser stand auf, riß seinen Säbel aus der Scheide, und beide +verließen das Gemach. Wir atmeten freier, als sie weg waren; aber unsere Angst +hatte noch lange kein Ende. Immer lauter und lauter ward es auf dem Verdeck. +Man hörte eilends hin und her laufen und schreien, lachen und heulen. Endlich +ging ein wahrhaft höllischer Lärm los, so daß wir glaubten, das Verdeck mit +allen Segeln komme zu uns herab, Waffengeklirr und Geschrei—auf einmal +aber tiefe Stille. Als wir es nach vielen Stunden wagten hinaufzugehen, trafen +wir alles wie sonst; nicht einer lag anders als früher. Alle waren steif wie +Holz. +</p> + +<p> +So waren wir mehrere Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Osten, wohin zu, +nach meiner Berechnung, Land liegen mußte; aber wenn es auch bei Tag viele +Meilen zurückgelegt hatte, bei Nacht schien es immer wieder zurückzukehren, +denn wir befanden uns immer wieder am nämlichen Fleck, wenn die Sonne aufging. +Wir konnten uns dies nicht anders erklären, als daß die Toten jede Nacht mit +vollem Winde zurücksegelten. Um nun dies zu verhüten, zogen wir, ehe es Nacht +wurde, alle Segel ein und wandten dasselbe Mittel an wie bei der Türe in der +Kajüte; wir schrieben den Namen des Propheten auf Pergament und auch das +Sprüchlein des Großvaters dazu und banden es um die eingezogenen Segel. +Ängstlich warteten wir in unserem Kämmerchen den Erfolg ab. Der Spuk schien +diesmal noch ärger zu toben, aber siehe, am anderen Morgen waren die Segel noch +aufgerollt, wie wir sie verlassen hatten. Wir spannten den Tag über nur so +viele Segel auf, als nötig waren, das Schiff sanft fortzutreiben, und so legten +wir in fünf Tagen eine gute Strecke zurück. +</p> + +<p> +Endlich, am Morgen des sechsten Tages, entdeckten wir in geringer Ferne Land, +und wir dankten Allah und seinem Propheten für unsere wunderbare Rettung. +Diesen Tag und die folgende Nacht trieben wir an einer Küste hin, und am +siebenten Morgen glaubten wir in geringer Entfernung eine Stadt zu entdecken; +wir ließen mit vieler Mühe einen Anker in die See, der alsobald Grund faßte, +setzten ein kleines Boot, das auf dem Verdeck stand, aus und ruderten mit aller +Macht der Stadt zu. Nach einer halben Stunde liefen wir in einen Fluß ein, der +sich in die See ergoß, und stiegen ans Ufer. Am Stadttor erkundigten wir uns, +wie die Stadt heiße, und erfuhren, daß es eine indische Stadt sei, nicht weit +von der Gegend, wohin ich zuerst zu schiffen willens war. Wir begaben uns in +eine Karawanserei und erfrischten uns von unserer abenteuerlichen Reise. Ich +forschte daselbst auch nach einem weisen und verständigen Manne, indem ich dem +Wirt zu verstehen gab, daß ich einen solchen haben möchte, der sich ein wenig +auf Zauberei verstehe. Er führte mich in eine abgelegene Straße, an ein +unscheinbares Haus, pochte an, und man ließ mich eintreten mit der Weisung, ich +solle nur nach Muley fragen. +</p> + +<p> +In dem Hause kam mir ein altes Männlein mit grauem Bart und langer Nase +entgegen und fragte nach meinem Begehr. Ich sagte ihm, ich suche den weisen +Muley, und er antwortete mir, er sei es selbst. Ich fragte ihn nun um Rat, was +ich mit den Toten machen solle und wie ich es angreifen müsse, um sie aus dem +Schiff zu bringen. Er antwortete mir, die Leute des Schiffes seien +wahrscheinlich wegen irgendeines Frevels auf das Meer verzaubert; er glaube, +der Zauber werde sich lösen, wenn man sie ans Land bringe; dies könne aber +nicht geschehen, als wenn man die Bretter, auf denen sie lägen, losmache. Mir +gehöre von Gott und Rechts wegen das Schiff samt allen Gütern, weil ich es +gleichsam gefunden habe; doch solle ich alles sehr geheimzuhalten trachten und +ihm ein kleines Geschenk von meinem Überfluß machen; er wolle dafür mit seinen +Sklaven mir behilflich sein, die Toten wegzuschaffen. Ich versprach, ihn +reichlich zu belohnen, und wir machten uns mit fünf Sklaven, die mit Sägen und +Beilen versehen waren, auf den Weg. Unterwegs konnte der Zauberer Muley unseren +glücklichen Einfall, die Segel mit den Sprüchen des Korans zu umwinden, nicht +genug loben. Er sagte, es sei dies das einzige Mittel gewesen, uns zu retten. +</p> + +<p> +Es war noch ziemlich früh am Tage, als wir beim Schiff ankamen. Wir machten uns +alle sogleich ans Werk, und in einer Stunde lagen schon vier in dem Nachen. +Einige der Sklaven mußten sie an Land rudern, um sie dort zu verscharren. Sie +erzählten, als sie zurückkamen, die Toten hätten ihnen die Mühe des Begrabens +erspart, indem sie, sowie man sie auf die Erde gelegt habe, in Staub zerfallen +seien. Wir fuhren fort, die Toten abzusägen, und bis vor Abend waren alle an +Land gebracht. Es war endlich keiner mehr an Bord als der, welcher am Mast +angenagelt war. Umsonst suchten wir den Nagel aus dem Holze zu ziehen, keine +Gewalt vermochte ihn auch nur ein Haarbreit zu verrücken. Ich wußte nicht, was +anzufangen war; man konnte doch nicht den Mastbaum abhauen, um ihn ans Land zu +führen. Doch aus dieser Verlegenheit half Muley. Er ließ schnell einen Sklaven +an Land rudern, um einen Topf mit Erde zu bringen. Als dieser herbeigeholt war, +sprach der Zauberer geheimnisvolle Worte darüber aus und schüttete die Erde auf +das Haupt des Toten. Sogleich schlug dieser die Augen auf, holte tief Atem, und +die Wunde des Nagels in seiner Stirne fing an zu bluten. Wir zogen den Nagel +jetzt leicht heraus, und der Verwundete fiel einem Sklaven in die Arme. +</p> + +<p> +„Wer hat mich hierhergeführt?“ sprach er, nachdem er sich ein wenig +erholt zu haben schien. Muley zeigte auf mich, und ich trat zu ihm. „Dank +dir, unbekannter Fremdling, du hast mich von langen Qualen errettet. Seit +fünfzig Jahren schifft mein Leib durch diese Wogen, und mein Geist war +verdammt, jede Nacht in ihn zurückzukehren. Aber jetzt hat mein Haupt die Erde +berührt, und ich kann versöhnt zu meinen Vätern gehen.“ +</p> + +<p> +Ich bat ihn, uns doch zu sagen, wie er zu diesem schrecklichen Zustand gekommen +sei, und er sprach: „Vor fünfzig Jahren war ich ein mächtiger, +angesehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach Gewinn trieb mich, ein +Schiff auszurüsten und Seeraub zu treiben. Ich hatte dieses Geschäft schon +einige Zeit fortgeführt, da nahm ich einmal auf Zante einen Derwisch an Bord, +der umsonst reisen wollte. Ich und meine Gesellen waren rohe Leute und achteten +nicht auf die Heiligkeit des Mannes; vielmehr trieb ich mein Gespött mit ihm. +Als er aber einst in heiligem Eifer mir meinen sündigen Lebenswandel verwiesen +hatte, übermannte mich nachts in meiner Kajüte, als ich mit meinem Steuermann +viel getrunken hatte, der Zorn. Wütend über das, was mir ein Derwisch gesagt +hatte und was ich mir von keinem Sultan hätte sagen lassen, stürzte ich aufs +Verdeck und stieß ihm meinen Dolch in die Brust. Sterbend verwünschte er mich +und meine Mannschaft, nicht sterben und nicht leben zu können, bis wir unser +Haupt auf die Erde legten. Der Derwisch starb, und wir warfen ihn in die See +und verlachten seine Drohungen; aber noch in derselben Nacht erfüllten sich +seine Worte. Ein Teil meiner Mannschaft empörte sich gegen mich—Mit +fürchterlicher Wut wurde gestritten, bis meine Anhänger unterlagen und ich an +den Mast genagelt wurde. Aber auch die Empörer erlagen ihren Wunden, und bald +war mein Schiff nur ein großes Grab. Auch mir brachen die Augen, mein Atem +hielt an, und ich meinte zu sterben. Aber es war nur eine Erstarrung, die mich +gefesselt hielt; in der nächsten Nacht, zur nämlichen Stunde, da wir den +Derwisch in die See geworfen, erwachten ich und alle meine Genossen, das Leben +war zurückgekehrt, aber wir konnten nichts tun und sprechen, als was wir in +jener Nacht gesprochen und getan hatten. So segeln wir seit fünfzig Jahren, +können nicht leben, nicht sterben; denn wie konnten wir das Land erreichen? Mit +toller Freude segelten wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil wir +hofften, endlich an einer Klippe zu zerschellen und das müde Haupt auf dem +Grund des Meeres zur Ruhe zu legen. Es ist uns nicht gelungen. Jetzt aber werde +ich sterben. Noch einmal meinen Dank, unbekannter Retter, wenn Schätze dich +lohnen können, so nimm mein Schiff als Zeichen meiner Dankbarkeit.“ +</p> + +<p> +Der Kapitano ließ sein Haupt sinken, als er so gesprochen hatte, und verschied. +Sogleich zerfiel er auch, wie seine Gefährten, in Staub. Wir sammelten diesen +in ein Kästchen und begruben ihn an Land; aus der Stadt nahm ich aber Arbeiter, +die mir mein Schiff in guten Zustand setzten. Nachdem ich die Waren, die ich an +Bord hatte, gegen andere mit großem Gewinn eingetauscht hatte, mietete ich +Matrosen, beschenkte meinen Freund Muley reichlich und schiffte mich nach +meinem Vaterlande ein. Ich machte aber einen Umweg, indem ich an vielen Inseln +und Ländern landete und meine Waren zu Markt brachte. Der Prophet segnete mein +Unternehmen. Nach dreiviertel Jahren lief ich, noch einmal so reich, als mich +der sterbende Kapitän gemacht hatte, in Balsora ein. Meine Mitbürger waren +erstaunt über meine Reichtümer und mein Glück und glaubten nicht anders, als +daß ich das Diamantental des berühmten Reisenden Sindbad gefunden habe. Ich +ließ sie in ihrem Glauben, von nun an aber mußten die jungen Leute von Balsora, +wenn sie kaum achtzehn Jahre alt waren, in die Welt hinaus, um gleich mir ihr +Glück zu machen. Ich aber lebte ruhig und in Frieden, und alle fünf Jahre mache +ich eine Reise nach Mekka, um dem Herrn an heiliger Stätte für seinen Segen zu +danken und für den Kapitano und seine Leute zu bitten, daß er sie in sein +Paradies aufnehme. +</p> + +<hr /> + +<p> +Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder gegangen, und +als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley, +dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen: +</p> + +<p> +„Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und wißt +für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er uns erquicke +nach der Hitze des Tages!“ +</p> + +<p> +„Wohl möchte ich euch etwas erzählen“, antwortete Muley, „das +euch Spaß machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen; +darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos ist immer +so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was sein Leben so +ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er solchen hat, lindern +können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er auch anderen Glaubens +ist.“ +</p> + +<p> +Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren Jahren, +schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein Ungläubiger (nicht +Muselmann) war, so liebten ihn doch seine Reisegefährten, denn er hatte durch +sein ganzes Wesen Achtung und Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine +Hand, und einige seiner Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn +so ernst stimme. +</p> + +<p> +Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: „Ich bin sehr +geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, von +welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch weil Muley mir +meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch einiges erzählen, was mich +rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als andere Leute. Ihr sehet, daß ich +meine linke Hand verloren habe. Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich +habe sie in den schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die +Schuld davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine +Lage mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt +die Geschichte von der abgehauenen Hand.“ +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap05"></a>Die Geschichte von der abgehauenen Hand</h2> + +<p class="center"> +Wilhelm Hauff +</p> + +<p> +Ich bin in Konstantinopel geboren; mein Vater war ein Dragoman (Dolmetscher) +bei der Pforte (dem türkischen Hof) und trieb nebenbei einen ziemlich +einträglichen Handel mit wohlriechenden Essenzen und seidenen Stoffen. Er gab +mir eine gute Erziehung, indem er mich teils selbst unterrichtete, teils von +einem unserer Priester mir Unterricht geben ließ. Er bestimmte mich anfangs, +seinen Laden einmal zu übernehmen, als ich aber größere Fähigkeiten zeigte, als +er erwartet hatte, bestimmte er mich auf das Anraten seiner Freunde zum Arzt; +weil ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat als die gewöhnlichen +Marktschreier, in Konstantinopel sein Glück machen kann. Es kamen viele Franken +in unser Haus, und einer davon überredete meinen Vater, mich in sein Vaterland, +nach der Stadt Paris, reisen zu lassen, wo man solche Sachen unentgeltlich und +am besten lernen könne. Er selbst aber wolle mich, wenn er zurückreise, umsonst +mitnehmen. Mein Vater, der in seiner Jugend auch gereist war, schlug ein, und +der Franke sagte mir, ich könne mich in drei Monaten bereithalten. Ich war +außer mir vor Freude, fremde Länder zu sehen. +</p> + +<p> +Der Franke hatte endlich seine Geschäfte abgemacht und sich zur Reise bereitet; +am Vorabend der Reise führte mich mein Vater in sein Schlafkämmerlein. Dort sah +ich schöne Kleider und Waffen auf dem Tische liegen. Was meine Blicke aber noch +mehr anzog, war ein großer Haufe Goldes, denn ich hatte noch nie so viel +beieinander gesehen. Mein Vater umarmte mich und sagte: „Siehe, mein +Sohn, ich habe dir Kleider zu der Reise besorgt. Jene Waffen sind dein, es sind +die nämlichen, die mir dein Großvater umhing, als ich in die Fremde auszog. Ich +weiß, du kannst sie führen; gebrauche sie aber nie, als wenn du angegriffen +wirst; dann aber schlage auch tüchtig drauf. Mein Vermögen ist nicht groß; +siehe, ich habe es in drei Teile geteilt, einer davon ist dein; einer davon ist +mein Unterhalt und Notpfennig, der dritte aber sei mir ein heiliges, +unantastbares Gut, er diene dir in der Stunde der Not!“ So sprach mein +alter Vater, und Tränen hingen ihm im Auge, vielleicht aus Ahnung, denn ich +habe ihn nie wieder gesehen. +</p> + +<p> +Die Reise ging gut von Statten; wir waren bald im Lande der Franken angelangt, +und sechs Tagreisen nachher kamen wir in die große Stadt Paris. Hier mietete +mir mein fränkischer Freund ein Zimmer und riet mir, mein Geld, das in allem +zweitausend Taler betrug, vorsichtig anzuwenden. Ich lebte drei Jahre in dieser +Stadt und lernte, was ein tüchtiger Arzt wissen muß; ich müßte aber lügen, wenn +ich sagte, daß ich gerne dort gewesen sei; denn die Sitten dieses Volkes +gefielen mir nicht; auch hatte ich nur wenige gute Freunde dort, diese aber +waren edle, junge Männer. +</p> + +<p> +Die Sehnsucht nach der Heimat wurde endlich mächtig in mir; in der ganzen Zeit +hatte ich nichts von meinem Vater gehört, und ich ergriff daher eine günstige +Gelegenheit, nach Hause zu kommen. +</p> + +<p> +Es ging nämlich eine Gesandtschaft aus Frankenland nach der Hohen Pforte. Ich +verdingte mich als Wundarzt in das Gefolge des Gesandten und kam glücklich +wieder nach Stambul. Das Haus meines Vaters aber fand ich verschlossen, und die +Nachbarn staunten, als sie mich sahen, und sagten mir, mein Vater sei vor zwei +Monaten gestorben. Jener Priester, der mich in meiner Jugend unterrichtet +hatte, brachte nur den Schlüssel; allein und verlassen zog ich in das verödete +Haus ein. Ich fand noch alles, wie es mein Vater verlassen hatte; nur das Gold, +das er mir zu hinterlassen versprach, fehlte. Ich fragte den Priester darüber, +und dieser verneigte sich und sprach: „Euer Vater ist als ein heiliger +Mann gestorben; denn er hat sein Gold der Kirche vermacht.“ Dies war und +blieb mir unbegreiflich; doch was wollte ich machen; ich hatte keine Zeugen +gegen den Priester und mußte froh sein, daß er nicht auch das Haus und die +Waren meines Vaters als Vermächtnis angesehen hatte. +</p> + +<p> +Dies war das erste Unglück, das mich traf. Von jetzt an aber kam es Schlag auf +Schlag. Mein Ruf als Arzt wollte sich gar nicht ausbreiten, weil ich mich +schämte, den Marktschreier zu machen, und überall fehlte mir die Empfehlung +meines Vaters, der mich bei den Reichsten und Vornehmsten eingeführt hätte, die +jetzt nicht mehr an den armen Zaleukos dachten. Auch die Waren meines Vaters +fanden keinen Abgang; denn die Kunden hatten sich nach seinem Tode verlaufen, +und neue bekommt man nur langsam. Als ich einst trostlos über meine Lage +nachdachte, fiel mir ein, daß ich oft in Franken Männer meines Volkes gesehen +hatte, die das Land durchzogen und ihre Waren auf den Märkten der Städte +auslegten; ich erinnerte mich, daß man ihnen gerne abkaufte, weil sie aus der +Fremde kamen, und daß man bei solchem Handel das Hundertfache erwerben könne. +Sogleich war auch mein Entschluß gefaßt. Ich verkaufte mein väterliches Haus, +gab einen Teil des gelösten Geldes einem bewährten Freunde zum Aufbewahren, von +dem übrigen aber kaufte ich, was man in Franken selten hat, wie Schals, seidene +Zeuge, Salben und Öle, mietete einen Platz auf einem Schiff und trat so meine +zweite Reise nach Franken an. +</p> + +<p> +Es schien, als ob das Glück, sobald ich die Schlösser der Dardanellen im Rücken +hatte, mir wieder günstig geworden wäre. Unsere Fahrt war kurz und glücklich. +Ich durchzog die großen und kleinen Städte der Franken und fand überall willige +Käufer meiner Waren. Mein Freund in Stambul sandte mir immer wieder frische +Vorräte, und ich wurde von Tag zu Tag wohlhabender. Als ich endlich so viel +erspart hatte, daß ich glaubte, ein größeres Unternehmen wagen zu können, zog +ich mit meinen Waren nach Italien. Etwas muß ich aber noch gestehen, was mir +auch nicht wenig Geld einbrachte: ich nahm auch meine Arzneikunst zu Hilfe. +Wenn ich in eine Stadt kam, ließ ich durch Zettel verkünden, daß ein +griechischer Arzt da sei, der schon viele geheilt habe; und wahrlich, mein +Balsam und meine Arzneien haben mir manche Zechine eingebracht. +</p> + +<p> +So war ich endlich nach der Stadt Florenz in Italien gekommen. Ich nahm mir +vor, längere Zeit in dieser Stadt zu bleiben, teils weil sie mir so wohl +gefiel, teils auch, weil ich mich von den Strapazen meines Umherziehens erholen +wollte. Ich mietete mir ein Gewölbe in dem Stadtviertel St. Croce und nicht +weit davon ein paar schöne Zimmer, die auf einen Altan führten, in einem +Wirtshaus. Sogleich ließ ich auch meine Zettel umhertragen, die mich als Arzt +und Kaufmann ankündigten. Ich hatte kaum mein Gewölbe eröffnet, so strömten +auch die Käufer herzu, und ob ich gleich ein wenig hohe Preise hatte, so +verkaufte ich doch mehr als andere, weil ich gefällig und freundlich gegen +meine Kunden war. Ich hatte schon vier Tage vergnügt in Florenz verlebt, als +ich eines Abends, da ich schon mein Gewölbe schließen und nur die Vorräte in +meinen Salbenbüchsen nach meiner Gewohnheit noch einmal mustern wollte, in +einer kleinen Büchse einen Zettel fand, den ich mich nicht erinnerte, +hineingetan zu haben. Ich öffnete den Zettel und fand darin eine Einladung, +diese Nacht Punkt zwölf Uhr auf der Brücke, die man Ponte vecchio heißt, mich +einzufinden. Ich sann lange darüber nach, wer es wohl sein könnte, der mich +dorthin einlud, da ich aber keine Seele in Florenz kannte, dachte ich, man +werde mich vielleicht heimlich zu irgendeinem Kranken führen wollen, was schon +öfter geschehen war. Ich beschloß also hinzugehen, doch hing ich zur Vorsicht +den Säbel um, den mir einst mein Vater geschenkt hatte. +</p> + +<p> +Als es stark gegen Mitternacht ging, machte ich mich auf den Weg und kam bald +auf die Ponte vecchio. Ich fand die Brücke verlassen und öde und beschloß zu +warten, bis er erscheinen würde, der mich rief. Es war eine kalte Nacht; der +Mond schien hell, und ich schaute hinab in die Wellen des Arno, die weithin im +Mondlicht schimmerten. Auf den Kirchen der Stadt schlug es jetzt zwölf Uhr; ich +richtete mich auf, und vor mir stand ein großer Mann, ganz in einen roten +Mantel gehüllt, dessen einen Zipfel er vor das Gesicht hielt. +</p> + +<p> +Ich war von Anfang etwas erschrocken, weil er so plötzlich hinter mir stand, +faßte mich aber sogleich wieder und sprach: „Wenn Ihr mich habt hierher +bestellt, so sagt an, was steht zu Eurem Befehl?“ +</p> + +<p> +Der Rotmantel wandte sich um und sagte langsam: „Folge!“ Da ward +mir’s doch etwas unheimlich zumute, mit diesem Unbekannten allein zu +gehen; ich blieb stehen und sprach: „Nicht also, lieber Herr, wollet mir +vorerst sagen, wohin; auch könnet Ihr mir Euer Gesicht ein wenig zeigen, daß +ich sehe, ob Ihr Gutes mit mir vorhabt.“ +</p> + +<p> +Der Rote aber schien sich nicht darum zu kümmern. „Wenn du nicht willst, +Zaleukos, so bleibe!“ antwortete er und ging weiter. +</p> + +<p> +Da entbrannte mein Zorn. „Meinet Ihr“, rief ich aus, „ein +Mann wie ich lasse sich von jedem Narren foppen, und ich werde in dieser kalten +Nacht umsonst gewartet haben?“ In drei Sprüngen hatte ich ihn erreicht, +packte ihn an seinem Mantel und schrie noch lauter, indem ich die andere Hand +an den Säbel legte; aber der Mantel blieb mir in der Hand, und der Unbekannte +war um die nächste Ecke verschwunden. Mein Zorn legte sich nach und nach; ich +hatte doch den Mantel, und dieser sollte mir schon den Schlüssel zu diesem +wunderlichen Abenteuer geben. +</p> + +<p> +Ich hing ihn um und ging meinen Weg weiter nach Hause. Als ich kaum noch +hundert Schritte davon entfernt war, streifte jemand dicht an mir vorüber und +flüsterte in fränkischer Sprache: „Nehmt Euch in acht, Graf, heute nacht +ist nichts zu machen.“ Ehe ich mich aber umsehen konnte, war dieser +Jemand schon vorbei, und ich sah nur noch einen Schatten an den Häusern +hinschweben. Daß dieser Zuruf den Mantel und nicht mich anging, sah ich ein; +doch gab er mir kein Licht über die Sache. Am anderen Morgen überlegte ich, was +zu tun sei. Ich war von Anfang gesonnen, den Mantel ausrufen zu lassen, als +hätte ich ihn gefunden; doch da konnte der Unbekannte ihn durch einen Dritten +holen lassen, und ich hätte dann keinen Aufschluß über die Sache gehabt. Ich +besah, indem ich so nachdachte, den Mantel näher. Er war von schwerem +genuesischem Samt, purpurrot, mit astrachanischem Pelz verbrämt und reich mit +Gold bestickt. Der prachtvolle Anblick des Mantels brachte mich auf einen +Gedanken, den ich auszuführen beschloß. +</p> + +<p> +Ich trug ihn in mein Gewölbe und legte ihn zum Verkauf aus, setzte aber auf ihn +einen so hohen Preis, daß ich gewiß war, keinen Käufer zu finden. Mein Zweck +dabei war, jeden, der nach dem Pelz fragen würde, scharf ins Auge zu fassen; +denn die Gestalt des Unbekannten, die sich mir nach Verlust des Mantels, wenn +auch nur flüchtig, doch bestimmt zeigte, wollte ich aus Tausenden erkennen. Es +fanden sich viele Kauflustige zu dem Mantel, dessen außerordentliche Schönheit +alle Augen auf sich zog; aber keiner glich entfernt dem Unbekannten, keiner +wollte den hohen Preis von zweihundert Zechinen dafür bezahlen. Auffallend war +mir dabei, daß, wenn ich einen oder den anderen fragte, ob denn sonst kein +solcher Mantel in Florenz sei, alle mit „Nein!“ antworteten und +versicherten, eine so kostbare und geschmackvolle Arbeit nie gesehen zu haben. +</p> + +<p> +Es wollte schon Abend werden, da kam endlich ein junger Mann, der schon oft bei +mir gewesen war und auch heute viel auf den Mantel geboten hatte, warf einen +Beutel mit Zechinen auf den Tisch und rief: „Bei Gott! Zaleukos, ich muß +deinen Mantel haben, und sollte ich zum Bettler darüber werden.“ Zugleich +begann er, seine Goldstücke aufzuzählen. Ich kam in große Not; ich hatte den +Mantel nur ausgehängt, um vielleicht die Blicke meines Unbekannten darauf zu +ziehen, und jetzt kam ein junger Tor, um den ungeheuren Preis zu zahlen. Doch +was blieb mir übrig; ich gab nach, denn es tat mir auf der anderen Seite der +Gedanke wohl, für mein nächtliches Abenteuer so schön entschädigt zu werden. +Der Jüngling hing sich den Mantel um und ging; er kehrte aber auf der Schwelle +wieder um, indem er ein Papier, das am Mantel befestigt war, losmachte, mir +zuwarf und sagte: „Hier, Zaleukos, hängt etwas, das wohl nicht zu dem +Mantel gehört.“ +</p> + +<p> +Gleichgültig nahm ich den Zettel; aber siehe da, dort stand geschrieben: +„Bringe heute nacht um die bewußte Stunde den Mantel auf die Ponte +vecchio, vierhundert Zechinen warten deiner.“ +</p> + +<p> +Ich stand wie niedergedonnert. So hatte ich also mein Glück selbst verscherzt +und meinen Zweck gänzlich verfehlt! Doch ich besann mich nicht lange, raffte +die zweihundert Zechinen zusammen, sprang dem, der den Mantel gekauft hatte, +nach und sprach: „Nehmt Eure Zechinen wieder, guter Freund, und laßt mir +den Mantel, ich kann ihn unmöglich hergeben.“ Dieser hielt die Sache von +Anfang für Spaß, als er aber merkte, daß es Ernst war, geriet er in Zorn über +meine Forderung, schalt mich einen Narren, und so kam es endlich zu Schlägen. +Doch ich war so glücklich, im Handgemenge ihm den Mantel zu entreißen, und +wollte schon mit ihm davoneilen, als der junge Mann die Polizei zu Hilfe rief +und mich mit sich vor Gericht zog. Der Richter war sehr erstaunt über die +Anklage und sprach meinem Gegner den Mantel zu. Ich aber bot dem Jünglinge +zwanzig, fünfzig, achtzig, ja hundert Zechinen über seine zweihundert, wenn er +mir den Mantel ließe. Was meine Bitten nicht vermochten, bewirkte mein Gold. Er +nahm meine guten Zechinen, ich aber zog mit dem Mantel triumphierend ab und +mußte mir gefallen lassen, daß man mich in ganz Florenz für einen Wahnsinnigen +hielt. Doch die Meinung der Leute war mir gleichgültig; ich wußte es ja besser +als sie, daß ich an dem Handel noch gewann. +</p> + +<p> +Mit Ungeduld erwartete ich die Nacht. Um dieselbe Zeit wie gestern ging ich, +den Mantel unter dem Arm, auf die Ponte vecchio. Mit dem letzten Glockenschlag +kam die Gestalt aus der Nacht heraus auf mich zu. Es war unverkennbar der Mann +von gestern. „Hast du den Mantel?“ wurde ich gefragt. +</p> + +<p> +„Ja, Herr“, antwortete ich, „aber er kostete mich bar hundert +Zechinen.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es“, entgegnete jener. „Schau auf, hier sind +vierhundert.“ Er trat mit mir an das breite Geländer der Brücke und +zählte die Goldstücke hin. Vierhundert waren es; prächtig blitzten sie im +Mondschein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach! Es ahnete nicht, daß es seine +letzte Freude sein werde. Ich steckte mein Geld in die Tasche und wollte mir +nun auch den gütigen Unbekannten recht betrachten; aber er hatte eine Larve vor +dem Gesicht, aus der mich dunkle Augen furchtbar anblitzten. +</p> + +<p> +„Ich danke Euch, Herr, für Eure Güte“, sprach ich zu ihm, +„was verlangt Ihr jetzt von mir? Das sage ich Euch aber vorher, daß es +nichts Unrechtes sein darf.“ +</p> + +<p> +„Unnötige Sorge“, antwortete er, indem er den Mantel um die +Schultern legte, „ich bedarf Eurer Hilfe als Arzt; doch nicht für einen +Lebenden, sondern für einen Toten.“ +</p> + +<p> +„Wie kann das sein?“ rief ich voll Verwunderung. +</p> + +<p> +„Ich kam mit meiner Schwester aus fernen Landen“, erzählte er und +winkte mir zugleich, ihm zu folgen. „Ich wohnte hier mit ihr bei einem +Freund meines Hauses. Meine Schwester starb gestern schnell an einer Krankheit, +und die Verwandten wollen sie morgen begraben. Nach einer alten Sitte unserer +Familie aber sollen alle in der Gruft der Väter ruhen; viele, die in fremden +Landen starben, ruhen dennoch dort einbalsamiert. Meinen Verwandten gönne ich +nun ihren Körper; meinem Vater aber muß ich wenigstens den Kopf seiner Tochter +bringen, damit er sie noch einmal sehe.“ Diese Sitte, die Köpfe geliebter +Anverwandten abzuschneiden, kam mir zwar etwas schrecklich vor; doch wagte ich +nichts dagegen einzuwenden aus Furcht, den Unbekannten zu beleidigen. Ich sagte +ihm daher, daß ich mit dem Einbalsamieren der Toten wohl umgehen könne, und bat +ihn, mich zu der Verstorbenen zu führen. Doch konnte ich mich nicht enthalten +zu fragen, warum denn dies alles so geheimnisvoll und in der Nacht geschehen +müsse. Er antwortete mir, daß seine Anverwandten, die seine Absicht für grausam +hielten, bei Tage ihn abhalten würden; sei aber nur erst einmal der Kopf +abgenommen, so könnten sie wenig mehr darüber sagen. Er hätte mir zwar den Kopf +bringen können; aber ein natürliches Gefühl halte ihn ab, ihn selbst +abzunehmen. +</p> + +<p> +Wir waren indes bis an ein großes, prachtvolles Haus gekommen. Mein Begleiter +zeigte es mir als das Ziel unseres nächtlichen Spazierganges. Wir gingen an dem +Haupttor des Hauses vorbei, traten in eine kleine Pforte, die der Unbekannte +sorgfältig hinter sich zumachte, und stiegen nun im Finstern eine enge +Wendeltreppe hinan. Sie führte in einen spärlich erleuchteten Gang, aus welchem +wir in ein Zimmer gelangten, das eine Lampe, die an der Decke befestigt war, +erleuchtete. +</p> + +<p> +In diesem Gemach stand ein Bett, in welchem der Leichnam lag. Der Unbekannte +wandte sein Gesicht ab und schien Tränen verbergen zu wollen. Er deutete nach +dem Bett, befahl mir, mein Geschäft gut und schnell zu verrichten, und ging +wieder zur Türe hinaus. +</p> + +<p> +Ich packte meine Messer, die ich als Arzt immer bei mir führte, aus und näherte +mich dem Bett. Nur der Kopf war von der Leiche sichtbar; aber dieser war so +schön, daß mich unwillkürlich das innigste Mitleiden ergriff. In langen +Flechten hing das dunkle Haar herab, das Gesicht war bleich, die Augen +geschlossen. Ich machte zuerst einen Einschnitt in die Haut, nach der Weise der +Ärzte, wenn sie ein Glied abschneiden. Sodann nahm ich mein schärfstes Messer +und schnitt mit einem Zug die Kehle durch. Aber welcher Schrecken! Die Tote +schlug die Augen auf, schloß sie aber gleich wieder, und in einem tiefen +Seufzer schien sie jetzt erst ihr Leben auszuhauchen. Zugleich schoß mir ein +Strahl heißen Blutes aus der Wunde entgegen. Ich überzeugte mich, daß ich erst +die Arme getötet hatte; denn daß sie tot sei, war kein Zweifel, da es von +dieser Wunde keine Rettung gab. Ich stand einige Minuten in banger +Beklommenheit über das, was geschehen war. Hatte der Rotmantel mich betrogen, +oder war die Schwester vielleicht nur scheintot gewesen? Das letztere schien +mir wahrscheinlicher. Aber ich durfte dem Bruder der Verstorbenen nicht sagen, +daß vielleicht ein weniger rascher Schnitt sie erweckt hätte, ohne sie zu +töten, darum wollte ich den Kopf vollends ablösen; aber noch einmal stöhnte die +Sterbende, streckt sich in schmerzhafter Bewegung aus und starb. Da übermannte +mich der Schrecken, und ich stürzte schaudernd aus dem Gemach. Aber draußen im +Gang war es finster; denn die Lampe war verlöscht. Keine Spur von meinem +Begleiter war zu entdecken, und ich mußte aufs ungefähr mich im Finstern an der +Wand fortbewegen, um an die Wendeltreppe zu gelangen. Ich fand sie endlich und +kam halb fallend, halb gleitend hinab. Auch unten war kein Mensch. Die Türe +fand ich nur angelehnt, und ich atmete freier, als ich auf der Straße war; denn +in dem Hause war mir ganz unheimlich geworden. Von Schrecken gespornt, rannte +ich in meine Wohnung und begrub mich in die Polster meines Lagers, um das +Schreckliche zu vergessen, das ich getan hatte. Aber der Schlaf floh mich, und +erst der Morgen ermahnte mich wieder, mich zu fassen. Es war mir +wahrscheinlich, daß der Mann, der mich zu dieser verruchten Tat, wie sie mir +jetzt erschien, verführt hatte, mich nicht angeben würde. Ich entschloß mich, +gleich in mein Gewölbe an mein Geschäft zu gehen und womöglich eine sorglose +Miene anzunehmen. Aber ach! Ein neuer Umstand, den ich jetzt erst bemerkte, +vermehrte noch meinen Kummer. Meine Mütze und mein Gürtel wie auch meine Messer +fehlten mir, und ich war ungewiß, ob ich sie in dem Zimmer der Getöteten +gelassen oder erst auf meiner Flucht verloren hatte. Leider schien das erste +wahrscheinlicher, und man konnte mich also als Mörder entdecken. +</p> + +<p> +Ich öffnete zur gewöhnlichen Zeit mein Gewölbe. Mein Nachbar trat zu mir her, +wie er alle Morgen zu tun pflegte, denn er war ein gesprächiger Mann. +„Ei, was sagt Ihr zu der schrecklichen Geschichte“, hub er an, +„die heute nacht vorgefallen ist?“ Ich tat, als ob ich nichts +wüßte. „Wie, solltet Ihr nicht wissen, von was die ganze Stadt erfüllt +ist? Nicht wissen, daß die schönste Blume von Florenz, Bianka, die Tochter des +Gouverneurs, in dieser Nacht ermordet wurde? Ach! Ich sah sie gestern noch so +heiter durch die Straßen fahren mit ihrem Bräutigam, denn heute hätten sie +Hochzeit gehabt.“ +</p> + +<p> +Jedes Wort des Nachbarn war mir ein Stich ins Herz. Und wie oft kehrte meine +Marter wieder; denn jeder meiner Kunden erzählte mir die Geschichte, immer +einer schrecklicher als der andere, und doch konnte keiner so Schreckliches +sagen, als ich selbst gesehen hatte. Um Mittag ungefähr trat ein Mann vom +Gericht in mein Gewölbe und bat mich, die Leute zu entfernen. „Signore +Zaleukos“, sprach er, indem er die Sachen, die ich vermißte, hervorzog, +„gehören diese Sachen Euch zu?“ Ich besann mich, ob ich sie nicht +gänzlich ableugnen sollte; aber als ich durch die halbgeöffnete Tür meinen Wirt +und mehrere Bekannte, die wohl gegen mich zeugen konnten, erblickte, beschloß +ich, die Sache nicht noch durch eine Lüge zu verschlimmern, und bekannte mich +zu den vorgezeigten Dingen. Der Gerichtsmann bat mich, ihm zu folgen, und +führte mich in ein großes Gebäude, das ich bald für das Gefängnis erkannte. +Dort wies er mir bis auf weiteres ein Gemach an. +</p> + +<p> +Meine Lage war schrecklich, als ich so in der Einsamkeit darüber nachdachte. +Der Gedanke, gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen, kehrte immer wieder. +Auch konnte ich mir nicht verhehlen, daß der Glanz des Goldes meine Sinne +befangen gehalten hatte; sonst hätte ich nicht so blindlings in die Falle gehen +können. Zwei Stunden nach meiner Verhaftung wurde ich aus meinem Gemach +geführt. Mehrere Treppen ging es hinab, dann kam man in einen großen Saal. Um +einen langen, schwarzbehängten Tisch saßen dort zwölf Männer, meistens Greise. +An den Seiten des Saales zogen sich Bänke herab, angefüllt mit den Vornehmsten +von Florenz; auf den Galerien, die in der Höhe angebracht waren, standen dicht +gedrängt die Zuschauer. Als ich bis vor den schwarzen Tisch getreten war, erhob +sich ein Mann mit finsterer, trauriger Miene; es war der Gouverneur. Er sprach +zu den Versammelten, daß er als Vater in dieser Sache nicht richten könne und +daß er seine Stelle für diesmal an den ältesten der Senatoren abtrete. Der +älteste der Senatoren war ein Greis von wenigstens neunzig Jahren. Er stand +gebückt, und seine Schläfen waren mit dünnem, weißem Haar umhängt; aber feurig +brannten noch seine Augen, und seine Stimme war stark und sicher. Er hub an, +mich zu fragen, ob ich den Mord gestehe. Ich bat ihn um Gehör und erzählte +unerschrocken und mit vernehmlichen Stimme, was ich getan hatte und was ich +wußte. Ich bemerkte, daß der Gouverneur während meiner Erzählung bald blaß, +bald rot wurde, und als ich geschlossen, fuhr er wütend auf: „Wie, +Elender!“ rief er mir zu, „so willst du ein Verbrechen, das du aus +Habgier begangen, noch einem anderen aufbürden?“ +</p> + +<p> +Der Senator verwies ihm seine Unterbrechung, da er sich freiwillig seines +Rechtes begeben habe; auch sei es gar nicht so erwiesen, daß ich aus Habgier +gefrevelt; denn nach seiner eigenen Aussage sei ja der Getöteten nichts +gestohlen worden. Ja, er ging noch weiter; er erklärte dem Gouverneur, daß er +über das frühere Leben seiner Tochter Rechenschaft geben müsse; denn nur so +könne man schließen, ob ich die Wahrheit gesagt habe oder nicht. Zugleich hob +er für heute das Gericht auf, um sich, wie er sagte, aus den Papieren der +Verstorbenen, die ihm der Gouverneur übergeben werde, Rat zu holen. Ich wurde +wieder in mein Gefängnis zurückgeführt, wo ich einen schaurigen Tag verlebte, +immer mit dem heißen Wunsch beschäftigt, daß man doch irgendeine Verbindung +zwischen der Toten und dem Rotmantel entdecken möchte. Voll Hoffnung trat ich +den anderen Tag in den Gerichtssaal. Es lagen mehrere Briefe auf dem Tisch. Der +alte Senator fragte mich, ob sie meine Handschrift seien. Ich sah sie an und +fand, daß sie von derselben Hand sein müßten wie jene beiden Zettel, die ich +erhalten. Ich äußerte dies den Senatoren; aber man schien nicht darauf zu +achten und antwortete, daß ich beides geschrieben haben könne und müsse; denn +der Namenszug unter den Briefen sei unverkennbar ein Z, der Anfangsbuchstabe +meines Namens. Die Briefe aber enthielten Drohungen an die Verstorbene und +Warnungen vor der Hochzeit, die sie zu vollziehen im Begriff war. +</p> + +<p> +Der Gouverneur schien sonderbare Aufschlüsse in Hinsicht auf meine Person +gegeben zu haben; denn man behandelte mich an diesem Tage mißtrauischer und +strenger. Ich berief mich zu meiner Rechtfertigung auf meine Papiere, die sich +in meinem Zimmer finden müßten; aber man sagte mir, man habe nachgesucht und +nichts gefunden. So schwand mir am Schlusse dieses Gerichts alle Hoffnung, und +als ich am dritten Tag wieder in den Saal geführt wurde, las man mir das Urteil +vor, daß ich, eines vorsätzlichen Mordes überwiesen, zum Tode verurteilt sei. +Dahin also war es mit mir gekommen. Verlassen von allem, was mir auf Erden noch +teuer war, fern von meiner Heimat, sollte ich unschuldig in der Blüte meiner +Jahre vom Beile sterben. +</p> + +<p> +Ich saß am Abend dieses schrecklichen Tages, der über mein Schicksal +entschieden hatte, in meinem einsamen Kerker; meine Hoffnungen waren dahin, +meine Gedanken ernsthaft auf den Tod gerichtet. Da tat sich die Türe meines +Gefängnisses auf, und ein Mann trat herein, der mich lange schweigend +betrachtete. „So finde ich dich wieder, Zaleukos?“ sagte er; ich +hatte ihn bei dem matten Schein meiner Lampe nicht erkannt, aber der Klang +seiner Stimme erweckte alte Erinnerungen in mir, es war Valetty, einer jener +wenigen Freunde, die ich in der Stadt Paris während meiner Studien kannte. Er +sagte, daß er zufällig nach Florenz gekommen sei, wo sein Vater als angesehener +Mann wohne, er habe von meiner Geschichte gehört und sei gekommen, um mich noch +einmal zu sehen und von mir selbst zu erfahren, wie ich mich so schwer habe +verschulden können. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Er schien darüber +sehr verwundert und beschwor mich, ihm, meinem einzigen Freunde, alles zu +sagen, um nicht mit einer Lüge von hinnen zu gehen. Ich schwor ihm mit dem +teuersten Eid, daß ich wahr gesprochen und daß keine andere Schuld mich drücke, +als daß ich, von dem Glanze des Goldes geblendet, das Unwahrscheinliche der +Erzählung des Unbekannten nicht erkannt habe. „So hast du Bianka nicht +gekannt?“ fragte jener. Ich beteuerte ihm, sie nie gesehen zu haben. +Valetty erzählte mir nun, daß ein tiefes Geheimnis auf der Tat liege, daß der +Gouverneur meine Verurteilung sehr hastig betrieben habe, und es sei nun ein +Gerücht unter die Leute gekommen, daß ich Bianka schon längst gekannt und aus +Rache über ihre Heirat mit einem anderen sie ermordet habe. Ich bemerkte ihm, +daß dies alles ganz auf den Rotmantel passe, daß ich aber seine Teilnahme an +der Tat mit nichts beweisen könne. Valetty umarmte mich weinend und versprach +mir, alles zu tun, um wenigstens mein Leben zu retten. Ich hatte wenig +Hoffnung; doch wußte ich, daß Valetty ein weiser und der Gesetze kundiger Mann +sei und daß er alles tun werde, mich zu retten. Zwei lange Tage war ich in +Ungewißheit: Endlich erschien auch Valetty. „Ich bringe Trost, wenn auch +einen schmerzlichen. Du wirst leben und frei sein; aber mit Verlust einer +Hand.“ Gerührt dankte ich meinem Freunde für mein Leben. Er sagte mir, +daß der Gouverneur unerbittlich gewesen sei, die Sache noch einmal untersuchen +zu lassen; daß er aber endlich, um nicht ungerecht zu erscheinen, bewilligt +habe, wenn man in den Büchern der florentinischen Geschichte einen ähnlichen +Fall finde, so solle meine Strafe sich nach der Strafe, die dort ausgesprochen +sei, richten. Er und sein Vater haben nun Tag und Nacht in den alten Büchern +gelesen und endlich einen ganz dem meinigen ähnlichen Fall gefunden. Dort laute +die Strafe: Es soll ihm die linke Hand abgehauen, seine Güter eingezogen, er +selbst auf ewig verbannt werden. So laute jetzt auch meine Strafe, und ich +solle mich jetzt bereiten zu der schmerzhaften Stunde, die meiner warte. Ich +will euch nicht diese schreckliche Stunde vor das Auge führen, wo ich auf +offenem Markt meine Hand auf den Block legte, wo mein eigenes Blut in weitem +Bogen mich überströmte! +</p> + +<p> +Valetty nahm mich in sein Haus auf, bis ich genesen war, dann versah er mich +edelmütig mit Reisegeld; denn alles, was ich mir so mühsam erworben, war eine +Beute des Gerichts geworden. Ich reiste von Florenz nach Sizilien und von da +mit dem ersten Schiff, das ich fand, nach Konstantinopel. Meine Hoffnung war +auf die Summe gerichtet, die ich meinem Freunde übergeben hatte, auch bat ich +ihn, bei ihm wohnen zu dürfen; aber wie erstaunte ich, als dieser mich fragte, +warum ich denn nicht mein Haus beziehe! Er sagte mir, daß ein fremder Mann +unter meinem Namen ein Haus in dem Quartier der Griechen gekauft habe; derselbe +habe auch den Nachbarn gesagt, daß ich bald selbst kommen werde. Ich ging +sogleich mit meinem Freunde dahin und wurde von allen meinen Bekannten freudig +empfangen. Ein alter Kaufmann gab mir einen Brief, den der Mann, der für mich +gekauft hatte, hiergelassen habe. +</p> + +<p> +Ich las: „Zaleukos! Zwei Hände stehen bereit, rastlos zu schaffen, daß Du +nicht fühlest den Verlust der einen. Das Haus, das Du siehest, und alles, was +darin ist, ist Dein, und alle Jahre wird man Dir so viel reichen, daß Du zu den +Reichen Deines Volkes gehören wirst. Mögest Du dem vergeben, der unglücklicher +ist als Du.“ Ich konnte ahnen, wer es geschrieben, und der Kaufmann sagte +mir auf meine Frage: Es sei ein Mann gewesen, den er für einen Franken +gehalten, er habe einen roten Mantel angehabt. Ich wußte genug, um mir zu +gestehen, daß der Unbekannte doch nicht ganz von aller edlen Gesinnung entblößt +sein müsse. In meinem neuen Haus fand ich alles aufs beste eingerichtet, auch +ein Gewölbe mit Waren, schöner als ich sie je gehabt. Zehn Jahre sind seitdem +verstrichen; mehr aus alter Gewohnheit, als weil ich es nötig habe, setze ich +meine Handelsreisen fort; doch habe ich jenes Land, wo ich so unglücklich +wurde, nie mehr gesehen. Jedes Jahr erhielt ich seitdem tausend Goldstücke; +aber, wenn es mir auch Freude macht, jenen Unglücklichen edel zu wissen, so +kann er mir doch den Kummer meiner Seele nicht abkaufen, denn ewig lebt in mir +das grauenvolle Bild der ermordeten Bianka. +</p> + +<hr /> + +<p> +Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt. Mit großer +Teilnahme hatten ihm die übrigen zugehört, besonders der Fremde schien sehr +davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief geseufzt, und Muley schien es +sogar, als habe er einmal Tränen in den Augen gehabt. Sie besprachen sich noch +lange Zeit über diese Geschichte. +</p> + +<p> +„Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnöd’ um ein so +edles Glied Eures Körpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?“ +fragte der Fremde. +</p> + +<p> +„Wohl gab es in früherer Zeit Stunden“, antwortete der Grieche, +„in denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über +mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem Glauben +meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben; auch ist er wohl +noch unglücklicher als ich.“ +</p> + +<p> +„Ihr seid ein edler Mann!“ rief der Fremde und drückte gerührt dem +Griechen die Hand. +</p> + +<p> +Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat mit +besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der Ruhe +überlassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich die Karawanen +angegriffen würden, auch glaubten seine Wachen, in der Entfernung mehrere +Reiter zu sehen. +</p> + +<p> +Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der Fremde, aber +wunderte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so gut geschätzt wären, +daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu fürchten brauchten. +</p> + +<p> +„Ja, Herr!“ entgegnete ihm der Anführer der Wache. „Wenn es +nur solches Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit +einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es, auf +seiner Hut zu sein.“ +</p> + +<p> +Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte Kaufmann, +antwortete ihm: „Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke über diesen +wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches Wesen, weil er +oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf besteht, andere halten ihn für +einen tapferen Franken, den das Unglück in diese Gegend verschlagen habe; von +allem aber ist nur so viel gewiß, daß er ein verruchter Mörder und Dieb +ist.“ +</p> + +<p> +„Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten“, entgegnete ihm Lezah, +einer der Kaufleute. „Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein +edler Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich Euch +erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen gemacht, und +so lange er die Wüste durchstreift, darf kein anderer Stamm es wagen, sich +sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein +Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet +ungefährdet weiter; denn Orbasan ist der Herr der Wüste.“ +</p> + +<p> +Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die um den +Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein ziemlich +bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der Entfernung einer halben +Stunde; sie schienen gerade auf das Lager zuzureiten. Einer der Männer von der +Wache ging daher in das Zelt, um zu verkünden, daß sie wahrscheinlich +angegriffen würden. Die Kaufleute berieten sich untereinander, was zu tun sei, +ob man ihnen entgegengehen oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei +älteren Kaufleute wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos +verlangten das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog +ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel hervor, band +es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das Zelt zu stecken; er +setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter werden, wenn sie dieses +Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley glaubte nicht an den Erfolg, der +Sklave aber steckte die Lanze auf das Zelt. Inzwischen hatten alle, die im +Lager waren, zu den Waffen gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den +Reitern entgegen. Doch diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu +haben, sie wichen plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in +einem großen Bogen auf der Seite hin. +</p> + +<p> +Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf die +Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie wenn nichts +vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene hin. Endlich brach +Muley das Stillschweigen. „Wer bist du, mächtiger Fremdling“, rief +er aus, „der du die wilden Horden der Wüste durch einen Wink +bezähmst?“ +</p> + +<p> +„Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie ist“, antwortete Selim +Baruch. „Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der +Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht; nur so +viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter mächtigem Schutze +steht.“ +</p> + +<p> +Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter. Wirklich war +auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die Karawane nicht lange +hätte Widerstand leisten können. +</p> + +<p> +Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne zu +sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich, brachen sie auf +und zogen weiter. +</p> + +<p> +Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem Ausgang +der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen Zelt versammelt +hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort: +</p> + +<p> +„Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler Mann +sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der Schicksale +meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er hatte drei Kinder. Ich +war der Älteste, ein Bruder und eine Schwester waren bei weitem jünger als ich. +Als ich zwanzig Jahre alt war, rief mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er +setzte mich zum Erben seiner Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu +seinem Tode bei ihm bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst +vor zwei Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch +schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gütig Allah es +gewendet hatte.“ +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap06"></a>Die Errettung Fatmes</h2> + +<p class="center"> +Wilhelm Hauff +</p> + +<p> +Mein Bruder Mustapha und meine Schwester Fatme waren beinahe in gleichem Alter; +jener hatte höchstens zwei Jahre voraus. Sie liebten einander innig und trugen +vereint alles bei, was unserem kränklichen Vater die Last seines Alters +erleichtern konnte. An Fatmes sechzehntem Geburtstage veranstaltete der Bruder +ein Fest. Er ließ alle ihre Gespielinnen einladen, setzte ihnen in dem Garten +des Vaters ausgesuchte Speisen vor, und als es Abend wurde, lud er sie ein, auf +einer Barke, die er gemietet und festlich geschmückt hatte, ein wenig hinaus in +die See zu fahren. Fatme und ihre Gespielinnen willigten mit Freuden ein; denn +der Abend war schön, und die Stadt gewährte besonders abends, von dem Meere aus +betrachtet, einen herrlichen Anblick. Den Mädchen aber gefiel es so gut auf der +Barke, daß sie meinen Bruder bewogen, immer weiter in die See hinauszufahren. +Mustapha gab aber ungern nach, weil sich vor einigen Tagen ein Korsar hatte +sehen lassen. Nicht weit von der Stadt zieht sich ein Vorgebirge in das Meer. +Dorthin wollten noch die Mädchen, um von da die Sonne in das Meer sinken zu +sehen. Als sie um das Vorgebirg’ herumruderten, sahen sie in geringer +Entfernung eine Barke, die mit Bewaffneten besetzt war. Nichts Gutes ahnend, +befahl mein Bruder den Ruderern, sein Schiff zu drehen und dem Lande +zuzurudern. Wirklich schien sich auch seine Besorgnis zu bestätigen; denn jene +Barke kam der meines Bruders schnell nach, überholte sie, da sie mehr Ruder +hatte, und hielt sich immer zwischen dem Land, und unserer Barke. Die Mädchen +aber, als sie die Gefahr erkannten, in der sie schwebten, sprangen auf und +schrien und klagten; umsonst suchte sie Mustapha zu beruhigen, umsonst stellte +er ihnen vor, ruhig zu bleiben, weil sie durch ihr Hin- und Herrennen die Barke +in Gefahr brächten umzuschlagen. Es half nichts, und da sie sich endlich bei +Annäherung des anderen Bootes alle auf die hintere Seite der Barke stürzten, +schlug diese um. Indessen aber hatte man vom Land aus die Bewegungen des +fremden Bootes beobachtet, und da man schon seit einiger Zeit Besorgnisse wegen +Korsaren hegte, hatte dieses Boot Verdacht erregt, und mehrere Barken stießen +vom Lande, um den Unsrigen beizustehen. Aber sie kamen nur noch zu rechter +Zeit, um die Untersinkenden aufzunehmen. In der Verwirrung war das feindliche +Boot entwischt, auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten aufgenommen +hatten, war man ungewiß, ob alle gerettet seien. Man näherte sich gegenseitig, +und ach! Es fand sich, daß meine Schwester und eine ihrer Gespielinnen fehlten; +zugleich entdeckte man aber einen Fremden in einer der Barken, den niemand +kannte. Auf die Drohungen Mustaphas gestand er, daß er zu dem feindlichen +Schiff, das zwei Meilen ostwärts vor Anker liege, gehöre, und daß ihn seine +Gefährten auf ihrer eiligen Flucht im Stich gelassen hätten, indem er im +Begriff gewesen sei, die Mädchen auffischen zu helfen; auch sagte er aus, daß +er gesehen habe, wie man zwei derselben in das Schiff gezogen. +</p> + +<p> +Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Mustapha war bis zum +Tod betrübt, denn nicht nur, daß seine geliebte Schwester verloren war und daß +er sich anklagte, an ihrem Unglück schuld zu sein—jene Freundin Fatmes, +die ihr Unglück teilte, war von ihren Eltern ihm zur Gattin zugesagt gewesen, +und nur unserem Vater hatte er es noch nicht zu gestehen gewagt, weil ihre +Eltern arm und von geringer Abkunft waren. Mein Vater aber war ein strenger +Mann; als sein Schmerz sich ein wenig gelegt hatte, ließ er Mustapha vor sich +kommen und sprach zu ihm: „Deine Torheit hat mir den Trost meines Alters +und die Freude meiner Augen geraubt. Gehe hin, ich verbanne dich auf ewig von +meinem Angesicht, ich fluche dir und deinen Nachkommen, aber nur, wenn du mir +Fatme wiederbringst, soll dein Haupt rein sein von dem Fluche des +Vaters.“ +</p> + +<p> +Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet; schon vorher hatte er sich +entschlossen gehabt, seine Schwester und ihre Freundin aufzusuchen, und wollte +sich nur noch den Segen des Vaters dazu erbitten, und jetzt schickte er ihn, +mit dem Fluch beladen, in die Welt. Aber hatte ihn jener Jammer vorher gebeugt, +so stählte jetzt die Fülle des Unglücks, das er nicht verdient hatte, seinen +Mut. +</p> + +<p> +Er ging zu dem gefangenen Seeräuber und befragte ihn, wohin die Fahrt seines +Schiffes ginge, und erfuhr, daß sie Sklavenhandel trieben und gewöhnlich in +Balsora großen Markt hielten. +</p> + +<p> +Als er wieder nach Hause kam, um sich zur Reise anzuschicken, schien sich der +Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er sandte ihm einen Beutel mit +Gold zur Unterstützung auf der Reise. Mustapha aber nahm weinend von den Eltern +Zoraides, so hieß seine geliebte Braut, Abschied und machte sich auf den Weg +nach Balsora. +</p> + +<p> +Mustapha machte die Reise zu Land, weil von unserer kleinen Stadt aus nicht +gerade ein Schiff nach Balsora ging. Er mußte daher sehr starke Tagreisen +machen, um nicht zu lange nach den Seeräubern nach Balsora zu kommen; doch da +er ein gutes Roß und kein Gepäck hatte, konnte er hoffen, diese Stadt am Ende +des sechsten Tages zu erreichen. Aber am Abend des vierten Tages, als er ganz +allein seines Weges ritt, fielen ihn plötzlich drei Männer an. Da er merkte, +daß sie gut bewaffnet und stark seien und daß es mehr auf sein Geld und sein +Roß als auf sein Leben abgesehen war, so rief er ihnen zu, daß er sich ihnen +ergeben wolle. Sie stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm die Füße unter +dem Bauch seines Tieres zusammen; ihn selbst aber nahmen sie in die Mitte und +trabten, indem einer den Zügel seines Pferdes ergriff, schnell mit ihm davon, +ohne jedoch ein Wort zu sprechen. +</p> + +<p> +Mustapha gab sich einer dumpfen Verzweiflung hin, der Fluch seines Vaters +schien schon jetzt an dem Unglücklichen in Erfüllung zu gehen, und wie konnte +er hoffen, seine Schwester und Zoraide zu retten, wenn er, aller Mittel +beraubt, nur sein ärmliches Leben zu ihrer Befreiung aufwenden konnte. Mustapha +und seine stummen Begleiter mochten wohl eine Stunde geritten sein, als sie in +ein kleines Seitental einbogen. Das Tälchen war von hohen Bäumen eingefaßt; ein +weicher dunkelgrüner Rasen, ein Bach, der schnell durch seine Mitte hinrollte, +luden zur Ruhe ein. Wirklich sah er auch fünfzehn bis zwanzig Zelte dort +aufgeschlagen; an den Pflöcken der Zelte waren Kamele und schöne Pferde +angebunden, aus einem der Zelte hervor tönte die lustige Weise einer Zither und +zweier schöner Männerstimmen. Meinem Bruder schien es, als ob Leute, die ein so +fröhliches Lagerplätzchen sich erwählt hatten, nichts Böses gegen ihn im Sinne +haben könnten, und er folgte also ohne Bangigkeit dem Ruf seiner Führer, die, +als sie seine Bande gelöst hatten, ihm winkten, abzusteigen. Man führte ihn in +ein Zelt, das größer als die übrigen und im Innern hübsch, fast zierlich +aufgeputzt war. Prächtige, goldbestickte Polster, gewirkte Fußteppiche, +übergoldete Rauchpfannen hätten anderswo Reichtum und Wohlleben verraten; hier +schienen sie nur kühner Raub. Auf einem der Polster saß ein alter kleiner Mann; +sein Gesicht war häßlich, seine Haut schwarzbraun und glänzend, und ein +widriger Zug von tückischer Schlauheit um Augen und Mund machte seinen Anblick +verhaßt. Obgleich sich dieser Mann einiges Ansehen zu geben suchte, so merkte +doch Mustapha bald, daß nicht für ihn das Zelt so reich geschmückt sei, und die +Unterredung seiner Führer schien seine Bemerkung zu bestätigen. „Wo ist +der Starke?“ fragten sie den Kleinen. +</p> + +<p> +„Er ist auf der kleinen Jagd“, antwortete jener, „aber er hat +mir aufgetragen, seine Stelle zu versehen.“ +</p> + +<p> +„Das hat er nicht gescheit gemacht“, entgegnete einer der Räuber, +„denn es muß sich bald entscheiden, ob dieser Hund sterben oder zahlen +soll, und das weiß der Starke besser als du.“ +</p> + +<p> +Der kleine Mann erhob sich im Gefühl seiner Würde, streckte sich lang aus, um +mit der Spitze seiner Hand das Ohr seines Gegners zu erreichen, denn er schien +Lust zu haben, sich durch einen Schlag zu rächen, als er aber sah, daß seine +Bemühung fruchtlos sei, fing er an zu schimpfen (und wahrlich! Die anderen +blieben ihm nichts schuldig), daß das Zelt von ihrem Streit erdröhnte. Da tat +sich auf einmal die Türe des Zeltes auf, und herein trat ein hoher, stattlicher +Mann, jung und schön wie ein Perserprinz; seine Kleidung und seine Waffen +waren, außer einem reichbesetzten Dolch und einem glänzenden Säbel, gering und +einfach; aber sein ernstes Auge, sein ganzer Anstand gebot Achtung, ohne Furcht +einzuflößen. +</p> + +<p> +„Wer ist’s, der es wagt, in meinem Zelte Streit zu beginnen?“ +rief er den Erschrockenen zu. Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille; endlich +erzählte einer von denen, die Mustapha hergebracht hatten, wie es gegangen sei. +Da schien sich das Gesicht „des Starken“, wie sie ihn nannten, vor +Zorn zu röten. „Wann hätte ich dich je an meine Stelle gesetzt, +Hassan?“ schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu. Dieser zog sich +vor Furcht in sich selbst zusammen, daß er noch viel kleiner aussah als zuvor, +und schlich sich der Zelttüre zu. Ein hinlänglicher Tritt des Starken machte, +daß er in einem großen sonderbaren Sprung zur Zelttüre hinausflog. +</p> + +<p> +Als der Kleine verschwunden war, führten die drei Männer Mustapha vor den Herrn +des Zeltes, der sich indes auf die Polster gelegt hatte. „Hier bringen +wir den, welchen du uns zu fangen befohlen hast.“ +</p> + +<p> +Jener blickte den Gefangenen lange an und sprach sodann: „Bassa von +Sulieika! Dein eigenes Gewissen wird dir sagen, warum du vor Orbasan +stehst.“ +</p> + +<p> +Als mein Bruder dies hörte, warf er sich nieder vor jenem und antwortete: +„O Herr! Du scheinst im Irrtum zu sein. Ich bin ein armer Unglücklicher, +aber nicht der Bassa, den du suchst!“ +</p> + +<p> +Alle im Zelt waren über diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes aber sprach: +„Es kann dir wenig helfen, dich zu verstellen; denn ich will die Leute +vorführen, die dich wohl kennen.“ Er befahl, Zuleima vorzufahren. Man +brachte ein altes Weib in das Zelt, das auf die Frage, ob sie in meinem Bruder +nicht den Bassa von Sulieika erkenne, antwortete: „Jawohl!“ Und sie +schwöre es beim Grab des Propheten, es sei der Bassa und kein anderer. +</p> + +<p> +„Siehst du, Erbärmlicher, wie deine List zu Wasser geworden ist!“ +begann zürnend der Starke. „Du bist mir zu elend, als daß ich meinen +guten Dolch mit deinem Blut besudeln sollte, aber an den Schweif meines Rosses +will ich dich binden, morgen, wenn die Sonne aufgeht, und durch die Wälder mit +dir jagen, bis sie scheidet hinter die Hügel von Sulieika!“ +</p> + +<p> +Da sank meinem armen Bruder der Mut. „Das ist der Fluch meines harten +Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt“, rief er weinend, +„und auch du bist verloren, süße Schwester, auch du, Zoraide!“ +</p> + +<p> +„Deine Verstellung hilft dir nichts“, sprach einer der Räuber, +indem er ihm die Hände auf den Rücken band, „mach, daß du aus dem Zelte +kommst! Denn der Starke beißt sich in die Lippen und blickt nach seinem Dolch. +Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!“ +</p> + +<p> +Als die Räuber gerade meinen Bruder aus dem Zelt führen wollten, begegneten sie +drei anderen, die einen Gefangenen vor sich hintrieben. Sie traten mit ihm ein. +„Hier bringen wir den Bassa, wie du uns befohlen hast“, sprachen +sie und führten den Gefangenen vor das Polster des Starken. Als der Gefangene +dorthin geführt wurde, hatte mein Bruder Gelegenheit, ihn zu betrachten, und +ihm selbst fiel die Ähnlichkeit auf, die dieser Mann mit ihm hatte, nur war er +dunkler im Gesicht und hatte einen schwärzeren Bart. +</p> + +<p> +Der Starke schien sehr erstaunt über die Erscheinung des zweiten Gefangenen. +„Wer von euch ist denn der Rechte?“ sprach er, indem er bald meinen +Bruder, bald den anderen Mann ansah. +</p> + +<p> +„Wenn du den Bassa von Sulieika meinst“, antwortete in stolzem Ton +der Gefangene, „der bin ich!“ Der Starke sah ihn lange mit seinem +ernsten, furchtbaren Blick an; dann winkte er schweigend, den Bassa +wegzuführen. +</p> + +<p> +Als dies geschehen war, ging er auf meinen Bruder zu, zerschnitt seine Bande +mit dem Dolch und winkte ihm, sich zu ihm aufs Polster zu setzen. „Es tut +mir leid, Fremdling“, sagte er, „daß ich dich für jenes Ungeheuer +hielt; schreibe es aber einer sonderbaren Fügung des Himmels zu, die dich +gerade in der Stunde, welche dem Untergang jenes Verruchten geweiht war, in die +Hände meiner Brüder führte.“ Mein Bruder bat ihn um die einzige Gunst, +ihn gleich wieder weiterreisen zu lassen, weil jeder Aufschub ihm verderblich +werden könne. Der Starke erkundigte sich nach seinen eiligen Geschäften, und +als ihm Mustapha alles erzählt hatte, überredete ihn jener, diese Nacht in +seinem Zelt zu bleiben, er und sein Roß werden der Ruhe bedürfen; den folgenden +Tag aber wolle er ihm einen Weg zeigen, der ihn in anderthalb Tagen nach +Balsora bringe—Mein Bruder schlug ein, wurde trefflich bewirtet und +schlief sanft bis zum Morgen in dem Zelt des Räubers. +</p> + +<p> +Als er aufgewacht war, sah er sich ganz allein im Zelt; vor dem Vorhang des +Zeltes aber hörte er mehrere Stimmen zusammen sprechen, die dem Herrn des +Zeltes und dem kleinen schwarzbraunen Mann anzugehören schienen. Er lauschte +ein wenig und hörte zu seinem Schrecken, daß der Kleine dringend den anderen +aufforderte, den Fremden zu töten, weil er, wenn er freigelassen würde, sie +alle verraten könnte. +</p> + +<p> +Mustapha merkte gleich, daß der Kleine ihm gram sei, weil er die Ursache war, +daß er gestern so übel behandelt wurde; der Starke schien sich einige +Augenblicke zu besinnen. „Nein“, sprach er, „er ist mein +Gastfreund, und das Gastrecht ist mir heilig; auch sieht er mir nicht aus, als +ob er uns verraten wollte.“ +</p> + +<p> +Als er so gesprochen, schlug er den Vorhang zurück und trat ein. „Friede +sei mit dir, Mustapha!“ sprach er, „laß uns den Morgentrunk kosten, +und rüste dich dann zum Aufbruch!“ Er reichte meinem Bruder einen Becher +Sorbet, und als sie getrunken hatten, zäumten sie die Pferde auf, und wahrlich, +mit leichterem Herzen, als er gekommen war, schwang sich Mustapha aufs Pferd. +Sie hatten bald die Zelte im Rücken und schlugen dann einen breiten Pfad ein, +der in den Wald führte. Der Starke erzählte meinem Bruder, daß jener Bassa, den +sie auf der Jagd gefangen hätten, ihnen versprochen habe, sie ungefährdet in +seinem Gebiete zu dulden; vor einigen Wochen aber habe er einen ihrer +tapfersten Männer aufgefangen und nach den schrecklichsten Martern aufhängen +lassen. Er habe ihm nun lange auflauern lassen, und heute noch müsse er +sterben. Mustapha wagte es nicht, etwas dagegen einzuwenden; denn er war froh, +selbst mit heiler Haut davongekommen zu sein. +</p> + +<p> +Am Ausgang des Waldes hielt der Starke sein Pferd an, beschrieb meinem Bruder +den Weg, bot ihm die Hand zum Abschied und sprach: „Mustapha, du bist auf +sonderbare Weise der Gastfreund des Räubers Orbasan geworden; ich will dich +nicht auffordern, nicht zu verraten, was du gesehen und gehört hast. Du hast +ungerechterweise Todesangst ausgestanden, und ich bin dir Vergütung schuldig. +Nimm diesen Dolch als Andenken, und so du Hilfe brauchst, so sende ihn mir zu, +und ich will eilen, dir beizustehen. Diesen Beutel aber kannst du vielleicht zu +deiner Reise brauchen.“ Mein Bruder dankte ihm für seinen Edelmut; er +nahm den Dolch, den Beutel aber schlug er aus. Doch Orbasan drückte ihm noch +einmal die Hand, ließ den Beutel auf die Erde fallen und sprengte mit +Sturmeseile in den Wald. Als Mustapha sah, daß er ihn doch nicht mehr werde +einholen können, stieg er ab, um den Beutel aufzuheben, und erschrak über die +Größe von seines Gastfreundes Großmut; denn der Beutel enthielt eine Menge +Gold. Er dankte Allah für seine Rettung, empfahl ihm den edlen Räuber in seine +Gnade und zog dann heiteren Mutes weiter auf seinem Wege nach Balsora. +</p> + +<p> +Lezah schwieg und sah Achmet, den alten Kaufmann, fragend an. „Nein, wenn +es so ist“, sprach dieser, „so verbessere ich gern mein Urteil von +Orbasan; denn wahrlich, an deinem Bruder hat er schön gehandelt.“ +</p> + +<p> +„Er hat getan wie ein braver Muselmann“, rief Muley; „aber +ich hoffe, du hast deine Geschichte damit nicht geschlossen; denn wie mich +bedünkt, sind wir alle begierig, weiter zu hören, wie es deinem Bruder erging +und ob er Fatme, deine Schwester, und die schöne Zoraide befreit hat.“ +</p> + +<p> +„Wenn ich euch nicht damit langweile, erzähle ich gerne weiter“, +entgegnete Lezah, „denn die Geschichte meines Bruders ist allerdings +abenteuerlich und wundervoll.“ +</p> + +<p> +Am Mittag des siebenten Tages nach seiner Abreise zog Mustapha in die Tore von +Balsora ein. Sobald er in einer Karawanserei abgestiegen war, fragte er, wann +der Sklavenmarkt, der alljährlich hier gehalten werde, anfange. Aber er erhielt +die Schreckensantwort, daß er zwei Tage zu spät komme. Man bedauerte seine +Verspätung und erzählte ihm, daß er viel verloren habe; denn noch an dem +letzten Tage des Marktes seien zwei Sklavinnen angekommen, von so hoher +Schönheit, daß sie die Augen aller Käufer auf sich gezogen hätten. Man habe +sich ordentlich um sie gerissen und geschlagen, und sie seien freilich auch zu +einem so hohen Preise verkauft worden, daß ihn nur ihr jetziger Herr nicht habe +scheuen können. Er erkundigte sich näher nach diesen beiden, und es blieb ihm +kein Zweifel, daß es die Unglücklichen seien, die er suchte. Auch erfuhr er, +daß der Mann, der sie beide gekauft habe, vierzig Stunden von Balsora wohne und +Thiuli-Kos heiße, ein vornehmer, reicher, aber schon ältlicher Mann, der früher +Kapudan-Bassa des Großherrn gewesen, jetzt aber sich mit seinen gesammelten +Reichtümern zur Ruhe gesetzt habe. +</p> + +<p> +Mustapha wollte von Anfang sich gleich wieder zu Pferd setzen, um dem +Thiuli-Kos, der kaum einen Tag Vorsprung haben konnte, nachzueilen. Als er aber +bedachte, daß er als einzelner Mann dem mächtigen Reisenden doch nichts anhaben +noch weniger seine Beute ihm abjagen konnte, sann er auf einen anderen Plan und +hatte ihn auch bald gefunden. Die Verwechslung mit dem Bassa von Sulieika, die +ihm beinahe so gefährlich geworden wäre, brachte ihn auf den Gedanken, unter +diesem Namen in das Haus des Thiuli-Kos zu gehen und so einen Versuch zur +Rettung der beiden unglücklichen Mädchen zu wagen. Er mietete daher einige +Diener und Pferde, wobei ihm Orbasans Geld trefflich zustatten kam, schaffte +sich und seinen Dienern prächtige Kleider an und machte sich auf den Weg nach +dem Schlosse Thiulis. Nach fünf Tagen war er in die Nähe dieses Schlosses +gekommen. Es lag in einer schönen Ebene und war rings von hohen Mauern +umschlossen, die nur ganz wenig von den Gebäuden überragt wurden. Als Mustapha +dort angekommen war, färbte er Haar und Bart schwarz, sein Gesicht aber +bestrich er mit dem Saft einer Pflanze, die ihm eine bräunliche Farbe gab, ganz +wie sie jener Bassa gehabt hatte. Er schickte hierauf einen seiner Diener in +das Schloß und ließ im Namen des Bassa von Sulieika um ein Nachtlager bitten. +Der Diener kam bald wieder, und mit ihm vier schöngekleidete Sklaven, die +Mustaphas Pferd am Zügel nahmen und in den Schloßhof führten. Dort halfen sie +ihm selbst vom Pferd, und vier andere geleiteten ihn eine breite Marmortreppe +hinauf zu Thiuli. +</p> + +<p> +Dieser, ein alter, lustiger Geselle, empfing meinen Bruder ehrerbietig und ließ +ihm das Beste, was sein Koch zubereiten konnte, aufsetzen. Nach Tisch brachte +Mustapha das Gespräch nach und nach auf die neuen Sklavinnen, und Thiuli rühmte +ihre Schönheit und beklagte nur, daß sie immer so traurig seien; doch er +glaubte, dieses würde sich bald geben. Mein Bruder war sehr vergnügt über +diesen Empfang und legte sich mit den schönsten Hoffnungen zur Ruhe nieder. +</p> + +<p> +Er mochte ungefähr eine Stunde geschlafen haben, da weckte ihn der Schein einer +Lampe, der blendend auf sein Auge fiel. Als er sich aufrichtete, glaubte er +noch zu träumen; denn vor ihm stand jener kleine, schwarzbraune Kerl aus +Orbasans Zelt, eine Lampe in der Hand, sein breites Maul zu einem widrigen +Lächeln verzogen. Mustapha zwickte sich in den Arm, zupfte sich an der Nase, um +sich zu überzeugen, ob er denn wache; aber die Erscheinung blieb wie zuvor. +„Was willst du an meinem Bette?“ rief Mustapha, als er sich von +seinem Erstaunen erholt hatte. +</p> + +<p> +„Bemühet Euch doch nicht so, Herr!“ sprach der Kleine. „Ich +habe wohl erraten, weswegen Ihr hierherkommt. Auch war mir Euer wertes Gesicht +noch wohl erinnerlich; doch wahrlich, wenn ich nicht den Bassa mit eigener Hand +hätte erhängen helfen, so hättet Ihr mich vielleicht getäuscht. Jetzt aber bin +ich da, um eine Frage zu machen.“ +</p> + +<p> +„Vor allem sage, wie du hierherkommst“, entgegnete ihm Mustapha +voll Wut, daß er verraten war. +</p> + +<p> +„Das will ich Euch sagen“, antwortete jener, „ich konnte mich +mit dem Starken nicht länger vertragen, deswegen floh ich; aber du, Mustapha, +warst eigentlich die Ursache unseres Streites, und dafür mußt du mir deine +Schwester zur Frau geben, und ich will Euch zur Flucht behilflich sein; gibst +du sie nicht, so gehe ich zu meinem neuen Herrn und erzähle ihm etwas von dem +neuen Bassa.“ +</p> + +<p> +Mustapha war vor Schrecken und Wut außer sich; jetzt, wo er sich am sicheren +Ziel seiner Wünsche glaubte, sollte dieser Elende kommen und sie vereiteln; es +war nur ein Mittel, das seinen Plan retten konnte: Er mußte das kleine Ungetüm +töten. Mit einem Sprung fuhr er daher aus dem Bette auf den Kleinen zu; doch +dieser, der etwas Solches geahnt haben mochte, ließ die Lampe fallen, daß sie +verlöschte, und entsprang im Dunkeln, indem er mörderisch um Hilfe schrie. +</p> + +<p> +Jetzt war guter Rat teuer; die Mädchen mußte er für den Augenblick aufgeben und +nur auf die eigene Rettung denken; daher ging er an das Fenster, um zu sehen, +ob er nicht entspringen könnte. Es war eine ziemliche Tiefe bis zum Boden, und +auf der anderen Seite stand eine hohe Mauer, die zu übersteigen war. Sinnend +stand er an dem Fenster; da hörte er viele Stimmen sich seinem Zimmer nähern; +schon waren sie an der Türe; da faßte er verzweiflungsvoll seinen Dolch und +seine Kleider und schwang sich zum Fenster hinaus. Der Fall war hart; aber er +fühlte, daß er kein Glied gebrochen hatte; drum sprang er auf und lief der +Mauer zu, die den Hof umschloß, stieg, zum Erstaunen seiner Verfolger, hinauf +und befand sich bald im Freien. Er floh, bis er an einen kleinen Wald kam, wo +er sich erschöpft niederwarf. Hier überlegte er, was zu tun sei. +</p> + +<p> +Seine Pferde und seine Diener hatte er im Stiche lassen müssen; aber sein Geld, +das er in dem Gürtel trug, hatte er gerettet. +</p> + +<p> +Sein erfinderischer Kopf zeigte ihm bald einen anderen Weg zur Rettung. Er ging +in dem Wald weiter, bis er an ein Dorf kam, wo er um geringen Preis ein Pferd +kaufte, das ihn in Bälde in eine Stadt trug. Dort forschte er nach einem Arzt, +und man riet ihm einen alten, erfahrenen Mann. Diesen bewog er durch einige +Goldstücke, daß er ihm eine Arznei mitteilte, die einen todähnlichen Schlaf +herbeiführte, der durch ein anderes Mittel augenblicklich wieder gehoben werden +könnte. Als er im Besitz dieses Mittels war, kaufte er sich einen langen +falschen Bart, einen schwarzen Talar und allerlei Büchsen und Kolben, so daß er +füglich einen reisenden Arzt vorstellen konnte, lud seine Sachen auf einen Esel +und reiste in das Schloß des Thiuli-Kos zurück. Er durfte gewiß sein, diesmal +nicht erkannt zu werden, denn der Bart entstellte ihn so, daß er sich selbst +kaum mehr kannte. Bei Thiuli angekommen, ließ er sich als den Arzt +Chakamankabudibaba anmelden, und, wie er es gedacht hatte, geschah es; der +prachtvolle Namen empfahl ihn bei dem alten Narren ungemein, so daß er ihn +gleich zur Tafel einlud. +</p> + +<p> +Chakamankabudibaba erschien vor Thiuli, und als sie sich kaum eine Stunde +besprochen hatten, beschloß der Alte, alle seine Sklavinnen der Kur des weisen +Arztes zu unterwerfen. Dieser konnte seine Freude kaum verbergen, daß er jetzt +seine geliebte Schwester wiedersehen solle, und folgte mit klopfendem Herzen +Thiuli, der ihn ins Serail führte. Sie waren in ein Zimmer gekommen, das schön +ausgeschmückt war, worin sich aber niemand befand. „Chambaba oder wie du +heißt, lieber Arzt“, sprach Thiuli-Kos, „betrachte einmal jenes +Loch dort in der Mauer, dort wird jede meiner Sklavinnen einen Arm +herausstrecken, und du kannst dann untersuchen, ob der Puls krank oder gesund +ist.“ Mustapha mochte einwenden, was er wollte, zu sehen bekam er sie +nicht; doch willigte Thiuli ein, daß er ihm allemal sagen wolle, wie sie sich +sonst gewöhnlich befänden. Thiuli zog nun einen langen Zettel aus dem Gürtel +und begann mit lauter Stimme seine Sklavinnen einzeln beim Namen zu rufen, +worauf allemal eine Hand aus der Mauer kam und der Arzt den Puls untersuchte. +Sechs waren schon abgelesen und sämtlich für gesund erklärt; da las Thiuli als +die siebente „Fatme“ ab, und eine kleine weiße Hand schlüpfte aus +der Mauer. Zitternd vor Freude, ergreift Mustapha diese Hand und erklärt sie +mit wichtiger Miene für bedeutend krank. Thiuli ward sehr besorgt und befahl +seinem weisen Chakamankabudibaba, schnell eine Arznei für sie zu bereiten. Der +Arzt ging hinaus, schrieb auf einen kleinen Zettel: Fatme! Ich will Dich +retten, wenn Du Dich entschließen kannst, eine Arznei zu nehmen, die Dich auf +zwei Tage tot macht; doch ich besitze das Mittel, Dich wieder zum Leben zu +bringen. Willst Du, so sage nur, dieser Trank habe nicht geholfen, und es soll +mir ein Zeichen sein, daß Du einwilligst. +</p> + +<p> +Bald kam er in das Zimmer zurück, wo Thiuli seiner harrte. Er brachte ein +unschädliches Tränklein mit, fühlte der kranken Fatme noch einmal den Puls und +schob ihr zugleich den Zettel unter ihr Armband; das Tränklein aber reichte er +ihr durch die Öffnung in der Mauer. Thiuli schien in großen Sorgen wegen Fatme +zu sein und schob die Untersuchung der übrigen bis auf eine gelegenere Zeit +auf. Als er mit Mustapha das Zimmer verlassen hatte, sprach er in traurigem +Ton: „Chadibaba, sage aufrichtig, was hältst du von Fatmes +Krankheit?“ +</p> + +<p> +Chakamankabudibaba antwortete mit einem tiefen Seufzer: „Ach Herr, möge +der Prophet dir Trost verleihen! Sie hat ein schleichendes Fieber, das ihr wohl +den Garaus machen kann.“ Da entbrannte der Zorn Thiulis: „Was sagst +du, verfluchter Hund von einem Arzt? Sie, um die ich zweitausend Goldstücke +gab, soll mir sterben wie eine Kuh? Wisse, wenn du sie nicht rettest, so +hau’ ich dir den Kopf ab!“ Da merkte mein Bruder, daß er einen +dummen Streich gemacht habe, und gab Thiuli wieder Hoffnung. Als sie noch so +sprachen, kam ein schwarzer Sklave aus dem Serail, dem Arzt zu sagen, daß das +Tränklein nicht geholfen habe. „Biete deine ganze Kunst auf, +Chakamdababelba, oder wie du dich schreibst, ich zahle dir, was du +willst“, schrie Thiuli-Kos, fast heulend vor Angst, so viel Gold zu +verlieren. +</p> + +<p> +„Ich will ihr ein Säftlein geben, das sie von aller Not befreit“, +antwortete der Arzt. +</p> + +<p> +„Ja! Ja! Gib ihr ein Säftlein“, schluchzte der alte Thiuli. +</p> + +<p> +Frohen Mutes ging Mustapha, seinen Schlaftrunk zu holen, und als er ihn dem +schwarzen Sklaven gegeben und gezeigt hatte, wieviel man auf einmal nehmen +müsse, ging er zu Thiuli und sagte, er müsse noch einige heilsame Kräuter am +See holen, und eilte zum Tor hinaus. An dem See, der nicht weit von dem Schloß +entfernt war, zog er seine falschen Kleider aus und warf sie ins Wasser, daß +sie lustig umherschwammen; er selbst aber verbarg sich im Gesträuch, wartete +die Nacht ab und schlich sich dann in den Begräbnisplatz an dem Schlosse +Thiulis. +</p> + +<p> +Als Mustapha kaum eine Stunde lang aus dem Schloß abwesend sein mochte, brachte +man Thiuli die schreckliche Nachricht, daß seine Sklavin Fatme im Sterben +liege. Er schickte hinaus an den See, um schnell den Arzt zu holen; aber bald +kehrten seine Boten allein zurück und erzählten ihm, daß der arme Arzt ins +Wasser gefallen und ertrunken sei; seinen schwarzen Talar sehe man im See +schwimmen, und hier und da gucke auch sein stattlicher Bart aus den Wellen +hervor. Als Thiuli keine Rettung mehr sah, verwünschte er sich und die ganze +Welt, raufte sich den Bart aus und rannte mit dem Kopf gegen die Mauer. Aber +alles dies konnte nichts helfen; denn Fatme gab bald unter den Händen der +übrigen Weiber den Geist auf. Als Thiuli die Nachricht ihres Todes hörte, +befahl er, schnell einen Sarg zu machen; denn er konnte keinen Toten im Hause +leiden und ließ den Leichnam in das Begräbnishaus tragen. Die Träger brachten +den Sarg dorthin, setzten ihn schnell nieder und entflohen, denn sie hatten +unter den übrigen Särgen Stöhnen und Seufzen gehört. +</p> + +<p> +Mustapha, der sich hinter den Särgen verborgen und von dort aus die Träger des +Sarges in die Flucht gejagt hatte, kam hervor und zündete sich eine Lampe an, +die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Dann zog er ein Glas hervor, das die +erweckende Arznei enthielt, und hob dann den Deckel von Fatmes Sarg. Aber +welches Entsetzen befiel ihn, als sich ihm beim Scheine der Lampe ganz fremde +Züge zeigten! Weder meine Schwester noch Zoraide, sondern eine ganz andere lag +in dem Sarg. Er brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schicksals zu +fassen; endlich überwog doch Mitleid seinen Zorn. Er öffnete sein Glas und +flößte ihr die Arznei ein. Sie atmete, sie schlug die Augen auf und schien sich +lange zu besinnen, wo sie sei. Endlich erinnerte sie sich des Vorgefallenen; +sie stand auf aus dem Sarg und stürzte zu Mustaphas Füßen. „Wie kann ich +dir danken, gütiges Wesen“, rief sie aus, „daß du mich aus meiner +schrecklichen Gefangenschaft befreitest!“ Mustapha unterbrach ihre +Danksagungen mit der Frage, wie es denn geschehen sei, daß sie und nicht Fatme, +seine Schwester, gerettet worden sei? Jene sah ihn staunend an. „Jetzt +wird mir meine Rettung erst klar, die mir vorher unbegreiflich war“, +antwortete sie; „wisse, man hieß mich in jenem Schloß Fatme, und mir hast +du deinen Zettel und den Rettungstrank gegeben.“ Mein Bruder forderte die +Gerettete auf, ihm von seiner Schwester und Zoraide Nachricht zu geben, und +erfuhr, daß sie sich beide im Schloß befanden, aber nach der Gewohnheit Thiulis +andere Namen bekommen hatten; sie hießen jetzt Mirza und Nurmahal.“ +</p> + +<p> +Als Fatme, die gerettete Sklavin, sah, daß mein Bruder durch diesen Fehlgriff +so niedergeschlagen sei, sprach sie ihm Mut ein und versprach, ihm ein Mittel +zu sagen, wie er jene beiden Mädchen dennoch retten könne. Aufgeweckt durch +diesen Gedanken, schöpfte Mustapha von neuem Hoffnung und bat sie, dieses +Mittel ihm zu nennen, und sie sprach: +</p> + +<p> +„Ich bin zwar erst seit fünf Monaten die Sklavin Thiulis, doch habe ich +gleich von Anfang auf Rettung gesonnen; aber für mich allein war sie zu schwer. +In dem inneren Hof des Schlosses wirst du einen Brunnen bemerkt haben, der aus +zehn Röhren Wasser speit; dieser Brunnen fiel mir auf. Ich erinnerte mich, in +dem Hause meines Vaters einen ähnlichen gesehen zu haben, dessen Wasser durch +eine geräumige Wasserleitung herbeiströmt; um nun zu erfahren, ob dieser +Brunnen auch so gebaut ist, rühmte ich eines Tages vor Thiuli seine Pracht und +fragte nach seinem Baumeister. *Ich selbst habe ihn gebaut*, antwortete er, +*und das, was du hier siehst, ist noch das Geringste; aber das Wasser dazu +kommt wenigstens tausend Schritte weit von einem Bach her und geht durch eine +gewölbte Wasserleitung, die wenigstens mannshoch ist; und alles dies habe ich +selbst angegeben.* Als ich dies gehört hatte, wünschte ich mir oft, nur auf +einen Augenblick die Stärke eines Mannes zu haben, um einen Stein an der Seite +des Brunnens ausheben zu können; dann könnte ich fliehen, wohin ich wollte. Die +Wasserleitung nun will ich dir zeigen; durch sie kannst du nachts in das Schloß +gelangen und jene befreien. Aber du mußt wenigstens noch zwei Männer bei dir +haben, um die Sklaven, die das Serail bei Nacht bewachen, zu +überwältigen.“ +</p> + +<p> +So sprach sie; mein Bruder Mustapha aber, obgleich schon zweimal in seinen +Hoffnungen getäuscht, faßte noch einmal Mut und hoffte mit Allahs Hilfe den +Plan der Sklavin auszuführen. Er versprach ihr, für ihr weiteres Fortkommen in +ihre Heimat zu sorgen, wenn sie ihm behilflich sein wollte, ins Schloß zu +gelangen. Aber ein Gedanke machte ihm noch Sorge, nämlich der, woher er zwei +oder drei treue Gehilfen bekommen könnte. Da fiel ihm Orbasans Dolch ein und +das Versprechen, das ihm jener gegeben hatte, ihm, wo er seiner bedürfe, zu +Hilfe zu eilen, und er machte sich daher mit Fatme aus dem Begräbnis auf, um +den Räuber aufzusuchen. +</p> + +<p> +In der nämlichen Stadt, wo er sich zum Arzt umgewandelt hatte, kaufte er um +sein letztes Geld ein Roß und mietete Fatme bei einer armen Frau in der +Vorstadt ein. Er selbst aber eilte dem Gebirge zu, wo er Orbasan zum erstenmal +getroffen hatte, und gelangte in drei Tagen dahin. Er fand bald wieder jene +Zelte und trat unverhofft vor Orbasan, der ihn freundlich bewillkommnete. Er +erzählte ihm seine mißlungenen Versuche, wobei sich der ernsthafte Orbasan +nicht enthalten konnte, hier und da ein wenig zu lachen, besonders, wenn er +sich den Arzt Chakamankabudibaba dachte. Über die Verräterei des Kleinen aber +war er wütend; er schwur, ihn mit eigener Hand aufzuhängen, wo er ihn finde. +Meinem Bruder aber versprach er, sogleich zur Hilfe bereit zu sein, wenn er +sich vorher von der Reise gestärkt haben würde. Mustapha blieb daher diese +Nacht wieder in Orbasans Zelt; mit dem ersten Frührot aber brachen sie auf, und +Orbasan nahm drei seiner tapfersten Männer, wohl beritten und bewaffnet, mit +sich. Sie ritten stark zu und kamen nach zwei Tagen in die kleine Stadt, wo +Mustapha die gerettete Fatme zurückgelassen hatte. Von da aus reisten sie mit +dieser weiter bis zu dem kleinen Wald, von wo aus man das Schloß Thiulis in +geringer Entfernung sehen konnte; dort lagerten sie sich, um die Nacht +abzuwarten. +</p> + +<p> +Sobald es dunkel wurde, schlichen sie sich, von Fatme geführt, an den Bach, wo +die Wasserleitung anfing, und fanden diese bald. Dort ließen sie Fatme und +einen Diener mit den Rossen zurück und schickten sich an, hinabzusteigen; ehe +sie aber hinabstiegen, wiederholte ihnen Fatme noch einmal alles genau, +nämlich: daß sie durch den Brunnen in den inneren Schloßhof kämen, dort seien +rechts und links in der Ecke zwei Türme, in der sechsten Türe, vom Turme rechts +gerechnet, befänden sich Fatme und Zoraide, bewacht von zwei schwarzen Sklaven. +Mit Waffen und Brecheisen wohl versehen, stiegen Mustapha, Orbasan und zwei +andere Männer hinab in die Wasserleitung; sie sanken zwar bis an den Gürtel ins +Wasser; aber nichtsdestoweniger gingen sie rüstig vorwärts. Nach einer halben +Stunde kamen sie an den Brunnen selbst und setzten sogleich ihre Brecheisen an. +Die Mauer war dick und fest; aber den vereinten Kräften der vier Männer konnte +sie nicht lange widerstehen; bald hatten sie eine Öffnung eingebrochen, groß +genug, um bequem durchschlüpfen zu können. Orbasan schlüpfte zuerst durch und +half den anderen nach. Als sie alle im Hof waren, betrachteten sie die Seite +des Schlosses, die vor ihnen lag, um die beschriebene Türe zu erforschen. Aber +sie waren nicht einig, welche es sei; denn als sie von dem rechten Turm zum +linken zählten, fanden sie eine Türe, die zugemauert war, und wußten nun nicht, +ob Fatme diese übersprungen oder mitgezählt habe. Aber Orbasan besann sich +nicht lange. „Mein gutes Schwert wird mir jede Tür öffnen“, rief er +aus, ging auf die sechste Türe zu, und die anderen folgten ihm. +</p> + +<p> +Sie öffneten die Türe und fanden sechs schwarze Sklaven auf dem Boden liegend +und schlafend; sie wollten schon wieder leise sich zurückziehen, weil sie +sahen, daß sie die rechte Türe verfehlt hatten, als eine Gestalt in der Ecke +sich aufrichtete und mit wohlbekannter Stimme um Hilfe rief. Es war der Kleine +aus Orbasans Lager. Aber ehe noch die Schwarzen recht wußten, wie ihnen +geschah, stürzte Orbasan auf den Kleinen zu, riß seinen Gürtel entzwei, +verstopfte ihm den Mund und band ihm die Hände auf den Rücken; dann wandte er +sich an die Sklaven, wovon schon einige von Mustapha und den zwei anderen halb +gebunden waren, und half sie vollends überwältigen. Man setzte den Sklaven den +Dolch auf die Brust und fragte sie, wo Nurmahal und Nürza wären, und sie +gestanden, daß sie im Gemach nebenan seien. Mustapha stürzte in das Gemach und +fand Fatme und Zoraide, die der Lärm erweckt hatte. Schnell rafften diese ihren +Schmuck und ihre Kleider zusammen und folgten Mustapha; die beiden Räuber +schlugen indes Orbasan vor, zu plündern, was man fände; doch dieser verbot es +ihnen und sprach: „Man soll nicht von Orbasan sagen können, daß er nachts +in die Häuser steige, um Gold zu stehlen!“ Mustapha und die Geretteten +schlüpften schnell in die Wasserleitung, wohin ihnen Orbasan sogleich zu folgen +versprach. Als jene in die Wasserleitung hinabgestiegen waren, nahmen Orbasan +und einer der Räuber den Kleinen und führten ihn hinaus in den Hof; dort banden +sie ihm eine seidene Schnur, die sie deshalb mitgenommen hatten, um den Hals +und hingen ihn an der höchsten Spitze des Brunnens auf. Nachdem sie so den +Verrat des Elenden bestraft hatten, stiegen sie selbst hinab in die +Wasserleitung und folgten Mustapha. Mit Tränen dankten die beiden ihrem +edelmütigen Retter Orbasan; doch dieser trieb sie eilends zur Flucht an, denn +es war sehr wahrscheinlich, daß sie Thiuli-Kos nach allen Seiten verfolgen +ließ. Mit tiefer Rührung trennten sich am anderen Tag Mustapha und seine +Geretteten von Orbasan; wahrlich, sie werden ihn nie vergessen. Fatme aber, die +befreite Sklavin, ging verkleidet nach Balsora, um sich dort in ihre Heimat +einzuschiffen. +</p> + +<p> +Nach einer kurzen und vergnügten Reise kamen die Meinigen in die Heimat. Meinen +alten Vater tötete beinahe die Freude des Wiedersehens; den anderen Tag nach +ihrer Ankunft veranstaltete er ein großes Fest, an welchem die ganze Stadt +teilnahm. Vor einer großen Versammlung von Verwandten und Freunden mußte mein +Bruder seine Geschichte erzählen, und einstimmig priesen sie ihn und den edlen +Räuber. +</p> + +<p> +Als aber mein Bruder geschlossen hatte, stand mein Vater auf und führte Zoraide +ihm zu. „So löse ich denn“, sprach er mit feierlicher Stimme, +„den Fluch von deinem Haupte; nimm diese hin als die Belohnung, die du +dir durch deinen rastlosen Eifer erkämpft hast; nimm meinen väterlichen Segen, +und möge es nie unserer Stadt an Männern fehlen, die an brüderlicher Liebe, an +Klugheit und Eifer dir gleichen!“ +</p> + +<p> +Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten die +Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren lieblichen +Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen Tale lag eine +Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und obgleich sie wenig +Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch die ganze Gesellschaft +heiterer und zutraulicher als je; denn der Gedanke, den Gefahren und +Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die Wüste mit sich bringt, entronnen +zu sein, hatte alle Herzen geöffnet und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil +gestimmt. Muley, der junge lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und +sang Lieder dazu, die selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln +entlockten. Aber nicht genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel +erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen +versprochen hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte, +also zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap07"></a>Die Geschichte von dem kleinen Muck</h2> + +<p class="center"> +Wilhelm Hauff +</p> + +<p> +In Nicea, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den kleinen Muck +hieß. Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch sehr jung war, noch recht +wohl denken, besonders weil ich einmal von meinem Vater wegen seiner halbtot +geprügelt wurde. Der kleine Muck nämlich war schon ein alter Geselle, als ich +ihn kannte; doch war er nur drei bis vier Schuh hoch, dabei hatte er eine +sonderbare Gestalt, denn sein Leib, so klein und zierlich er war, mußte einen +Kopf tragen, viel größer und dicker als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz +allein in einem großen Haus und kochte sich sogar selbst, auch hätte man in der +Stadt nicht gewußt, ob er lebe oder gestorben sei, denn er ging nur alle vier +Wochen einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde ein mächtiger Dampf aus dem +Hause aufgestiegen wäre, doch sah man ihn oft abends auf seinem Dache auf und +ab gehen, von der Straße aus glaubte man aber, nur sein großer Kopf allein +laufe auf dem Dache umher. Ich und meine Kameraden waren böse Buben, die +jedermann gerne neckten und belachten, daher war es uns allemal ein Festtag, +wenn der kleine Muck ausging; wir versammelten uns an dem bestimmten Tage vor +seinem Haus und warteten, bis er herauskam; wenn dann die Türe aufging und +zuerst der große Kopf mit dem noch größeren Turban herausguckte, wenn das +übrige Körperlein nachfolgte, angetan mit einem abgeschabten Mäntelein, weiten +Beinkleidern und einem breiten Gürtel, an welchem ein langer Dolch hing, so +lang, daß man nicht wußte, ob Muck an dem Dolch, oder der Dolch an Muck stak, +wenn er so heraustrat, da ertönte die Luft von unserem Freudengeschrei, wir +warfen unsere Mützen in die Höhe und tanzten wie toll um ihn her. Der kleine +Muck aber grüßte uns mit ernsthaftem Kopfnicken und ging mit langsamen +Schritten die Straße hinab. Wir Knaben liefen hinter ihm her und schrien immer: +„Kleiner Muck, kleiner Muck!“ Auch hatten wir ein lustiges +Verslein, das wir ihm zu Ehren hier und da sangen; es hieß: +</p> + +<p class="poem"> +„Kleiner Muck, kleiner Muck,<br/> +Wohnst in einem großen Haus,<br/> +Gehst nur all vier Wochen aus,<br/> +Bist ein braver, kleiner Zwerg,<br/> +Hast ein Köpflein wie ein Berg,<br/> +Schau dich einmal um und guck,<br/> +Lauf und fang uns, kleiner Muck!“ +</p> + +<p> +So hatten wir schon oft unsere Kurzweil getrieben, und zu meiner Schande muß +ich es gestehen, ich trieb’s am ärgsten; denn ich zupfte ihn oft am +Mäntelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die großen Pantoffeln, +daß er hinfiel. Dies kam mir nun höchst lächerlich vor, aber das Lachen verging +mir, als ich den kleinen Muck auf meines Vaters Haus zugehen sah. Er ging +richtig hinein und blieb einige Zeit dort. Ich versteckte mich an der Haustüre +und sah den Muck wieder herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn +ehrerbietig an der Hand hielt und an der Türe unter vielen Bücklingen sich von +ihm verabschiedete. Mir war gar nicht wohl zumute; ich blieb daher lange in +meinem Versteck; endlich aber trieb mich der Hunger, den ich ärger fürchtete +als Schläge, heraus, und demütig und mit gesenktem Kopf trat ich vor meinen +Vater. „Du hast, wie ich höre, den guten Muck beschimpft?“ sprach +er in sehr ernstem Tone. „Ich will dir die Geschichte dieses Muck +erzählen, und du wirst ihn gewiß nicht mehr auslachen; vor- und nachher aber +bekommst du das Gewöhnliche.“ Das Gewöhnliche aber waren fünfundzwanzig +Hiebe, die er nur allzu richtig aufzuzählen pflegte. Er nahm daher sein langes +Pfeifenrohr, schraubte die Bernsteinmundspitze ab und bearbeitete mich ärger +als je zuvor. +</p> + +<p> +Als die Fünfundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und erzählte mir +von dem kleinen Muck: +</p> + +<p> +Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muckrah heißt, war ein angesehener, +aber armer Mann hier in Nicea. Er lebte beinahe so einsiedlerisch wie jetzt +sein Sohn. Diesen konnte er nicht wohl leiden, weil er sich seiner Zwerggestalt +schämte, und ließ ihn daher auch in Unwissenheit aufwachsen. Der kleine Muck +war noch in seinem sechzehnten Jahr ein lustiges Kind, und der Vater, ein +ernster Mann, tadelte ihn immer, daß er, der schon längst die Kinderschuhe +zertreten haben sollte, noch so dumm und läppisch sei. +</p> + +<p> +Der Alte tat aber einmal einen bösen Fall, an welchem er auch starb und den +kleinen Muck arm und unwissend zurückließ. Die harten Verwandten, denen der +Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen konnte, jagten den armen Kleinen +aus dem Hause und rieten ihm, in die Welt hinauszugehen und sein Glück zu +suchen. Der kleine Muck antwortete, er sei schon reisefertig, bat sich aber nur +noch den Anzug seines Vaters aus, und dieser wurde ihm auch bewilligt. Sein +Vater war ein großer, starker Mann gewesen, daher paßten die Kleider nicht. +Muck aber wußte bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und zog dann die +Kleider an. Er schien aber vergessen zu haben, daß er auch in der Weite davon +schneiden müsse, daher sein sonderbarer Aufzug, wie er noch heute zu sehen ist; +der große Turban, der breite Gürtel, die weiten Hosen, das blaue Mäntelein, +alles dies sind Erbstücke seines Vaters, die er seitdem getragen; den langen +Damaszenerdolch seines Vaters aber steckte er in den Gürtel, ergriff ein +Stöcklein und wanderte zum Tor hinaus. +</p> + +<p> +Fröhlich wanderte er den ganzen Tag; denn er war ja ausgezogen, um sein Glück +zu suchen; wenn er eine Scherbe auf der Erde im Sonnenschein glänzen sah, so +steckte er sie gewiß zu sich, im Glauben, daß sie sich in den schönsten +Diamanten verwandeln werde; sah er in der Ferne die Kuppel einer Moschee wie +Feuer strahlen, sah er einen See wie einen Spiegel blinken, so eilte er voll +Freude darauf zu; denn er dachte, in einem Zauberland angekommen zu sein. Aber +ach! Jene Trugbilder verschwanden in der Nähe, und nur allzubald erinnerten ihn +seine Müdigkeit und sein vor Hunger knurrender Magen, daß er noch im Lande der +Sterblichen sich befinde. So war er zwei Tage gereist unter Hunger und Kummer +und verzweifelte, sein Glück zu finden; die Früchte des Feldes waren seine +einzige Nahrung, die harte Erde sein Nachtlager. Am Morgen des dritten Tages +erblickte er von einer Anhöhe eine große Stadt. +</p> + +<p> +Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen schimmerten auf den +Dächern und schienen den kleinen Muck zu sich herzuwinken. Überrascht stand er +stille und betrachtete Stadt und Gegend. „Ja, dort wird Klein-Muck sein +Glück finden“, sprach er zu sich und machte trotz seiner Müdigkeit einen +Luftsprung, „dort oder nirgends.“ Er raffte alle seine Kräfte +zusammen und schritt auf die Stadt zu. Aber obgleich sie ganz nahe schien, +konnte er sie doch erst gegen Mittag erreichen; denn seine kleinen Glieder +versagten ihm beinahe gänzlich ihren Dienst, und er mußte sich oft in den +Schatten einer Palme setzen, um auszuruhen. Endlich war er an dem Tor der Stadt +angelangt. Er legte sein Mäntelein zurecht, band den Turban schöner um, zog den +Gürtel noch breiter an und steckte den langen Dolch schiefer; dann wischte er +den Staub von den Schuhen, ergriff sein Stöcklein und ging mutig zum Tor +hinein. +</p> + +<p> +Er hatte schon einige Straßen durchwandert; aber nirgends öffnete sich ihm die +Türe, nirgends rief man, wie er sich vorgestellt hatte: „Kleiner Muck, +komm herein und iß und trink und laß deine Füßlein ausruhen!“ +</p> + +<p> +Er schaute gerade auch wieder recht sehnsüchtig an einem großen, schönen Haus +hinauf; da öffnete sich ein Fenster, eine alte Frau schaute heraus und rief mit +singender Stimme: +</p> + +<p class="poem"> +„Herbei, herbei!<br/> +Gekocht ist der Brei,<br/> +Den Tisch ließ ich decken,<br/> +Drum laßt es euch schmecken;<br/> +Ihr Nachbarn herbei,<br/> +Gekocht ist der Brei.“ +</p> + +<p> +Die Türe des Hauses öffnete sich, und Muck sah viele Hunde und Katzen +hineingehen. Er stand einige Augenblicke in Zweifel, ob er der Einladung folgen +sollte; endlich aber faßte er sich ein Herz und ging in das Haus. Vor ihm her +gingen ein paar junge Kätzlein, und er beschloß, ihnen zu folgen, weil sie +vielleicht die Küche besser wüßten als er. +</p> + +<p> +Als Muck die Treppe hinaufgestiegen war, begegnete er jener alten Frau, die zum +Fenster herausgeschaut hatte. Sie sah ihn mürrisch an und fragte nach seinem +Begehr. „Du hast ja jedermann zu deinem Brei eingeladen“, +antwortete der kleine Muck, „und weil ich so gar hungrig bin, bin ich +auch gekommen.“ +</p> + +<p> +Die Alte lachte und sprach: „Woher kommst du denn, wunderlicher Gesell? +Die ganze Stadt weiß, daß ich für niemand koche als für meine lieben Katzen, +und hier und da lade ich ihnen Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein, wie du +siehst.“ +</p> + +<p> +Der kleine Muck erzählte der alten Frau, wie es ihm nach seines Vaters Tod so +hart ergangen sei, und bat sie, ihn heute mit ihren Katzen speisen zu lassen. +Die Frau, welcher die treuherzige Erzählung des Kleinen wohl gefiel, erlaubte +ihm, ihr Gast zu sein, und gab ihm reichlich zu essen und zu trinken. Als er +gesättigt und gestärkt war, betrachtete ihn die Frau lange und sagte dann: +„Kleiner Muck, bleibe bei mir in meinem Dienste! Du hast geringe Mühe und +sollst gut gehalten sein.“ +</p> + +<p> +Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geschmeckt hatte, willigte ein und wurde +also der Bedienstete der Frau Ahavzi. Er hatte einen leichten, aber sonderbaren +Dienst. Frau Ahavzi hatte nämlich zwei Kater und vier Katzen, diesen mußte der +kleine Muck alle Morgen den Pelz kämmen und mit köstlichen Salben einreiben; +wenn die Frau ausging, mußte er auf die Katzen Achtung geben, wenn sie aßen, +mußte er ihnen die Schüsseln vorlegen, und nachts mußte er sie auf seidene +Polster legen und sie mit samtenen Decken einhüllen. Auch waren noch einige +kleine Hunde im Haus, die er bedienen mußte, doch wurden mit diesen nicht so +viele Umstände gemacht wie mit den Katzen, welche Frau Ahavzi wie ihre eigenen +Kinder hielt. Übrigens führte Muck ein so einsames Leben wie in seines Vaters +Haus, denn außer der Frau sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen. Eine +Zeitlang ging es dem kleinen Muck ganz gut; er hatte immer zu essen und wenig +zu arbeiten, und die alte Frau schien recht zufrieden mit ihm zu sein, aber +nach und nach wurden die Katzen unartig, wenn die Alte ausgegangen war, +sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher, warfen alles durcheinander und +zerbrachen manches schöne Geschirr, das ihnen im Weg stand. Wenn sie aber die +Frau die Treppe heraufkommen hörten, verkrochen sie sich auf ihre Polster und +wedelten ihr mit den Schwänzen entgegen, wie wenn nichts geschehen wäre. Die +Frau Ahavzi geriet dann in Zorn, wenn sie ihre Zimmer so verwüstet sah, und +schob alles auf Muck, er mochte seine Unschuld beteuern, wie er wollte, sie +glaubte ihren Katzen, die so unschuldig aussahen, mehr als ihrem Diener. +</p> + +<p> +Der kleine Muck war sehr traurig, daß er also auch hier sein Glück nicht +gefunden hatte, und beschloß bei sich, den Dienst der Frau Ahavzi zu verlassen. +Da er aber auf seiner ersten Reise erfahren hatte, wie schlecht man ohne Geld +lebt, so beschloß er, den Lohn, den ihm seine Gebieterin immer versprochen, +aber nie gegeben hatte, sich auf irgendeine Art zu verschaffen. Es befand sich +in dem Hause der Frau Ahavzi ein Zimmer, das immer verschlossen war und dessen +Inneres er nie gesehen hatte. Doch hatte er die Frau oft darin rumoren gehört, +und er hätte oft für sein Leben gern gewußt, was sie dort versteckt habe. Als +er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein, daß dort die Schätze der Frau +versteckt sein könnten. Aber immer war die Tür fest verschlossen, und er konnte +daher den Schätzen nie beikommen. +</p> + +<p> +Eines Morgens, als die Frau Ahavzi ausgegangen war, zupfte ihn eines der +Hundlein, welches von der Frau immer sehr stiefmütterlich behandelt wurde, +dessen Gunst er sich aber durch allerlei Liebesdienste in hohem Grade erworben +hatte, an seinen weiten Beinkleidern und gebärdete sich dabei, wie wenn Muck +ihm folgen sollte. Muck, welcher gerne mit den Hunden spielte, folgte ihm, und +siehe da, das Hundlein führte ihn in die Schlafkammer der Frau Ahavzi vor eine +kleine Türe, die er nie zuvor dort bemerkt hatte. Die Türe war halb offen. Das +Hundlein ging hinein, und Muck folgte ihm, und wie freudig war er überrascht, +als er sah, daß er sich in dem Gemach befand, das schon lange das Ziel seiner +Wünsche war. Er spähte überall umher, ob er kein Geld finden könne, fand aber +nichts. Nur alte Kleider und wunderlich geformte Geschirre standen umher. Eines +dieser Geschirre zog seine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es war von +Kristall, und schöne Figuren waren darauf ausgeschnitten. Er hob es auf und +drehte es nach allen Seiten. Aber, o Schrecken! Er hatte nicht bemerkt, daß es +einen Deckel hatte, der nur leicht darauf hingesetzt war. Der Deckel fiel herab +und zerbrach in tausend Stücke. +</p> + +<p> +Lange stand der kleine Muck vor Schrecken leblos. Jetzt war sein Schicksal +entschieden, jetzt mußte er entfliehen, sonst schlug ihn die Alte tot. Sogleich +war auch seine Reise beschlossen, und nur noch einmal wollte er sich umschauen, +ob er nichts von den Habseligkeiten der Frau Ahavzi zu seinem Marsch brauchen +könnte. Da fielen ihm ein Paar mächtig große Pantoffeln ins Auge; sie waren +zwar nicht schön; aber seine eigenen konnten keine Reise mehr mitmachen; auch +zogen ihn jene wegen ihrer Größe an; denn hatte er diese am Fuß, so mußten ihm +hoffentlich alle Leute ansehen, daß er die Kinderschuhe vertreten habe. Er zog +also schnell seine Töffelein aus und fuhr in die großen hinein. Ein +Spazierstöcklein mit einem schön geschnittenen Löwenkopf schien ihm auch hier +allzu müßig in der Ecke zu stehen; er nahm es also mit und eilte zum Zimmer +hinaus. Schnell ging er jetzt auf seine Kammer, zog sein Mäntelein an, setzte +den väterlichen Turban auf, steckte den Dolch in den Gürtel und lief, so +schnell ihn seine Füße trugen, zum Haus und zur Stadt hinaus. Vor der Stadt +lief er, aus Angst vor der Alten, immer weiter fort, bis er vor Müdigkeit +beinahe nicht mehr konnte. So schnell war er in seinem Leben nicht gegangen; +ja, es schien ihm, als könne er gar nicht aufhören zu rennen; denn eine +unsichtbare Gewalt schien ihn fortzureißen. Endlich bemerkte er, daß es mit den +Pantoffeln eine eigene Bewandtnis haben müsse; denn diese schossen immer fort +und führten ihn mit sich. Er versuchte auf allerlei Weise stillzustehen; aber +es wollte nicht gelingen; da rief er in der höchsten Not, wie man den Pferden +zuruft, sich selbst zu: „Oh—oh, halt, oh!“ Da hielten die +Pantoffeln, und Muck warf sich erschöpft auf die Erde nieder. +</p> + +<p> +Die Pantoffeln freuten ihn ungemein. So hatte er sich denn doch durch seine +Verdienste etwas erworben, das ihm in der Welt auf seinem Weg das Glück zu +suchen, forthelfen konnte. Er schlief trotz seiner Freude vor Erschöpfung ein; +denn das Körperlein des kleinen Muck, das einen so schweren Kopf zu tragen +hatte, konnte nicht viel aushalten. Im Traum erschien ihm das Hundlein, welches +ihm im Hause der Frau Ahavzi zu den Pantoffeln verholfen hatte, und sprach zu +ihm: „Lieber Muck, du verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht +recht; wisse, wenn du dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herumdrehst, so +kannst du hinfliegen, wohin du nur willst, und mit dem Stöcklein kannst du +Schätze finden, denn wo Gold vergraben ist, da wird es dreimal auf die Erde +schlagen, bei Silber zweimal.“ So träumte der kleine Muck. Als er aber +aufwachte, dachte er über den wunderbaren Traum nach und beschloß, alsbald +einen Versuch zu machen. Er zog die Pantoffeln an, lupfte einen Fuß und begann +sich auf dem Absatz umzudrehen. Wer es aber jemals versucht hat, in einem +ungeheuer weiten Pantoffel dieses Kunststück dreimal hintereinander zu machen, +der wird sich nicht wundern, wenn es dem kleinen Muck nicht gleich glückte, +besonders wenn man bedenkt, daß ihn sein schwerer Kopf bald auf diese, bald auf +jene Seite hinüberzog. +</p> + +<p> +Der arme Kleine fiel einigemal tüchtig auf die Nase; doch ließ er sich nicht +abschrecken, den Versuch zu wiederholen, und endlich glückte es. Wie ein Rad +fuhr er auf seinem Absatz herum, wünschte sich in die nächste große Stadt, +und—die Pantoffeln ruderten hinauf in die Lüfte, liefen mit Windeseile +durch die Wolken, und ehe sich der kleine Muck noch besinnen konnte, wie ihm +geschah, befand er sich schon auf einem großen Marktplatz, wo viele Buden +aufgeschlagen waren und unzählige Menschen geschäftig hin und her liefen. Er +ging unter den Leuten hin und her, hielt es aber für ratsamer, sich in eine +einsamere Straße zu begeben; denn auf dem Markt trat ihm bald da einer auf die +Pantoffeln, daß er beinahe umfiel, bald stieß er mit seinem weit +hinausstehenden Dolch einen oder den anderen an, daß er mit Mühe den Schlägen +entging. +</p> + +<p> +Der kleine Muck bedachte nun ernstlich, was er wohl anfangen könnte, um sich +ein Stück Geld zu verdienen; er hatte zwar ein Stäblein, das ihm verborgene +Schätze anzeigte, aber wo sollte er gleich einen Platz finden, wo Gold oder +Silber vergraben wäre? Auch hätte er sich zur Not für Geld sehen lassen können; +aber dazu war er doch zu stolz. Endlich fiel ihm die Schnelligkeit seiner Füße +ein, „vielleicht“, dachte er, „können mir meine Pantoffeln +Unterhalt gewähren“, und er beschloß, sich als Schnelläufer zu verdingen. +Da er aber hoffen durfte, daß der König dieser Stadt solche Dienste am besten +bezahle, so erfragte er den Palast. Unter dem Tor des Palastes stand eine +Wache, die ihn fragte, was er hier zu suchen habe. Auf seine Antwort, daß er +einen Dienst suche, wies man ihn zum Aufseher der Sklaven. Diesem trug er sein +Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter den königlichen Boten zu +besorgen. Der Aufseher maß ihn mit seinen Augen von Kopf bis zu den Füßen und +sprach: „Wie, mit deinen Füßlein, die kaum so lang als eine Spanne sind, +willst du königlicher Schnelläufer werden? Hebe dich weg, ich bin nicht dazu +da, mit jedem Narren Kurzweil zu machen.“ Der kleine Muck versicherte ihm +aber, daß es ihm vollkommen ernst sei mit seinem Antrag und daß er es mit dem +Schnellsten auf eine Wette ankommen lassen wollte. Dem Aufseher kam die Sache +gar lächerlich vor; er befahl ihm, sich bis auf den Abend zu einem Wettlauf +bereitzuhalten, führte ihn in die Küche und sorgte dafür, daß ihm gehörig +Speis’ und Trank gereicht wurde; er selbst aber begab sich zum König und +erzählte ihm vom kleinen Muck und seinem Anerbieten. Der König war ein lustiger +Herr, daher gefiel es ihm wohl, daß der Aufseher der Sklaven den kleinen +Menschen zu einem Spaß behalten habe, er befahl ihm, auf einer großen Wiese +hinter dem Schloß Anstalten zu treffen, daß das Wettlaufen mit Bequemlichkeit +von seinem ganzen Hofstaat könnte gesehen werden, und empfahl ihm nochmals, +große Sorgfalt für den Zwerg zu haben. Der König erzählte seinen Prinzen und +Prinzessinnen, was sie diesen Abend für ein Schauspiel haben würden, diese +erzählten es wieder ihren Dienern, und als der Abend herankam, war man in +gespannter Erwartung, und alles, was Füße hatte, strömte hinaus auf die Wiese, +wo Gerüste aufgeschlagen waren, um den großsprecherischen Zwerg laufen zu +sehen. +</p> + +<p> +Als der König und seine Söhne und Töchter auf dem Gerüst Platz genommen hatten, +trat der kleine Muck heraus auf die Wiese und machte vor den hohen Herrschaften +eine überaus zierliche Verbeugung. Ein allgemeines Freudengeschrei ertönte, als +man des Kleinen ansichtig wurde; eine solche Figur hatte man dort noch nie +gesehen. Das Körperlein mit dem mächtigen Kopf, das Mäntelein und die weiten +Beinkleider, der lange Dolch in dem breiten Gürtel, die kleinen Füßlein in den +weiten Pantoffeln—nein! Es war zu drollig anzusehen, als daß man nicht +hätte laut lachen sollen. Der kleine Muck ließ sich aber durch das Gelächter +nicht irremachen. Er stellte sich stolz, auf sein Stöcklein gestützt, hin und +erwartete seinen Gegner. Der Aufseher der Sklaven hatte nach Mucks eigenem +Wunsche den besten Läufer ausgesucht. Dieser trat nun heraus, stellte sich +neben den Kleinen, und beide harrten auf das Zeichen. Da winkte Prinzessin +Amarza, wie es ausgemacht war, mit ihrem Schleier, und wie zwei Pfeile, auf +dasselbe Ziel abgeschossen, flogen die beiden Wettläufer über die Wiese hin. +</p> + +<p> +Von Anfang hatte Mucks Gegner einen bedeutenden Vorsprung, aber dieser jagte +ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk nach, holte ihn ein, überfing ihn und stand +längst am Ziele, als jener noch, nach Luft schnappend, daherlief. Verwunderung +und Staunen fesselten einige Augenblicke die Zuschauer, als aber der König +zuerst in die Hände klatschte, da jauchzte die Menge, und alle riefen: +„Hoch lebe der kleine Muck, der Sieger im Wettlauf!“ +</p> + +<p> +Man hatte indes den kleinen Muck herbeigebracht; er warf sich vor dem König +nieder und sprach: „Großmächtigster König, ich habe dir hier nur eine +kleine Probe meiner Kunst gegeben; wolle nur gestatten, daß man mir eine Stelle +unter deinen Läufern gebe!“ +</p> + +<p> +Der König aber antwortete ihm: „Nein, du sollst mein Leibläufer und immer +um meine Person sein, lieber Muck, jährlich sollst du hundert Goldstücke +erhalten als Lohn, und an der Tafel meiner ersten Diener sollst du +speisen.“ +</p> + +<p> +So glaubte denn Muck, endlich das Glück gefunden zu haben, das er so lange +suchte, und war fröhlich und wohlgemut in seinem Herzen. Auch erfreute er sich +der besonderen Gnade des Königs, denn dieser gebrauchte ihn zu seinen +schnellsten und geheimsten Sendungen, die er dann mit der größten Genauigkeit +und mit unbegreiflicher Schnelle besorgte. +</p> + +<p> +Aber die übrigen Diener des Königs waren ihm gar nicht zugetan, weil sie sich +ungern durch einen Zwerg, der nichts verstand, als schnell zu laufen, in der +Gunst ihres Herrn zurückgesetzt sahen. Sie veranstalteten daher manche +Verschwörung gegen ihn, um ihn zu stürzen; aber alle schlugen fehl an dem +großen Zutrauen, das der König in seinen geheimen Oberleibläufer (denn zu +dieser Würde hatte er es in so kurzer Zeit gebracht) setzte. +</p> + +<p> +Muck, dem diese Bewegungen gegen ihn nicht entgingen, sann nicht auf Rache, +dazu hatte er ein zu gutes Herz, nein, auf Mittel dachte er, sich bei seinen +Feinden notwendig und beliebt zu machen. Da fiel ihm sein Stäblein, das er in +seinem Glück außer acht gelassen hatte, ein; wenn er Schätze finde, dachte er, +würden ihm die Herren schon geneigter werden. Er hatte schon oft gehört, daß +der Vater des jetzigen Königs viele seiner Schätze vergraben habe, als der +Feind sein Land überfallen; man sagte auch, er sei darüber gestorben, ohne daß +er sein Geheimnis habe seinem Sohn mitteilen können. Von nun an nahm Muck immer +sein Stöcklein mit, in der Hoffnung, einmal an einem Ort vorüberzugehen, wo das +Geld des alten Königs vergraben sei. Eines Abends führte ihn der Zufall in +einen entlegenen Teil des Schloßgartens, den er wenig besuchte, und plötzlich +fühlte er das Stöcklein in seiner Hand zucken, und dreimal schlug es gegen den +Boden. Nun wußte er schon, was dies zu bedeuten hatte. Er zog daher seinen +Dolch heraus, machte Zeichen in die umstellenden Bäume und schlich sich wieder +in das Schloß; dort verschaffte er sich einen Spaten und wartete die Nacht zu +seinem Unternehmen ab. +</p> + +<p> +Das Schatzgraben selbst machte übrigens dem kleinen Muck mehr zu schaffen, als +er geglaubt hatte. +</p> + +<p> +Seine Arme waren gar zu schwach, sein Spaten aber groß und schwer; und er +mochte wohl schon zwei Stunden gearbeitet haben, ehe er ein paar Fuß tief +gegraben hatte. Endlich stieß er auf etwas Hartes, das wie Eisen klang. Er grub +jetzt emsiger, und bald hatte er einen großen eisernen Deckel zutage gefördert; +er stieg selbst in die Grube hinab, um nachzuspähen, was wohl der Deckel könnte +bedeckt haben, und fand richtig einen großen Topf, mit Goldstücken angefüllt. +Aber seine schwachen Kräfte reichten nicht hin, den Topf zu heben, daher +steckte er in seine Beinkleider und seinen Gürtel, so viel er zu tragen +vermochte, und auch sein Mäntelein füllte er damit, bedeckte das übrige wieder +sorgfältig und lud es auf den Rücken. Aber wahrlich, wenn er die Pantoffeln +nicht an den Füßen gehabt hätte, er wäre nicht vom Fleck gekommen, so zog ihn +die Last des Goldes nieder. Doch unbemerkt kam er auf sein Zimmer und verwahrte +dort sein Gold unter den Polstern seines Sofas. +</p> + +<p> +Als der kleine Muck sich im Besitz so vielen Goldes sah, glaubte er, das Blatt +werde sich jetzt wenden und er werde sich unter seinen Feinden am Hofe viele +Gönner und warme Anhänger erwerben. Aber schon daran konnte man erkennen, daß +der gute Muck keine gar sorgfältige Erziehung genossen haben mußte, sonst hätte +er sich wohl nicht einbilden können, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen. Ach, +daß er damals seine Pantoffeln geschmiert und sich mit seinem Mäntelein voll +Gold aus dem Staub gemacht hätte! +</p> + +<p> +Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Händen austeilte, +erweckte den Neid der übrigen Hofbediensteten. Der Küchenmeister Ahuli sagte: +„Er ist ein Falschmünzer.“ +</p> + +<p> +Der Sklavenaufseher Achmet sagte: „Er hat’s dem König +abgeschwatzt.“ +</p> + +<p> +Archaz, der Schatzmeister, aber, sein ärgster Feind, der selbst hier und da +einen Griff in des Königs Kasse tun mochte, sagte geradezu: „Er +hat’s gestohlen.“ +</p> + +<p> +Um nun ihrer Sache gewiß zu sein, verabredeten sie sich, und der Obermundschenk +Korchuz stellte sich eines Tages recht traurig und niedergeschlagen vor die +Augen des Königs. Er machte seine traurigen Gebärden so auffallend, daß ihn der +König fragte, was ihm fehle. +</p> + +<p> +„Ah“, antwortete er, „ich bin traurig, daß ich die Gnade +meines Herrn verloren habe.“ +</p> + +<p> +„Was fabelst du, Freund Korchuz?“ entgegnete ihm der König. +„Seit wann hätte ich die Sonne meiner Gnade nicht über dich leuchten +lassen?“ Der Obermundschenk antwortete ihm, daß er ja den geheimen +Oberleibläufer mit Gold belade, seinen armen, treuen Dienern aber nichts gebe. +</p> + +<p> +Der König war sehr erstaunt über diese Nachricht, ließ sich die +Goldausteilungen des kleinen Muck erzählen, und die Verschworenen brachten ihm +leicht den Verdacht bei, daß Muck auf irgendeine Art das Geld aus der +Schatzkammer gestohlen habe. Sehr lieb war diese Wendung der Sache dem +Schatzmeister, der ohnehin nicht gerne Rechnung ablegte. Der König gab daher +den Befehl, heimlich auf alle Schritte des kleinen Muck achtzugeben, um ihn +womöglich auf der Tat zu ertappen. Als nun in der Nacht, die auf diesen +Unglückstag folgte, der kleine Muck, da er durch seine Freigebigkeit seine +Kasse sehr erschöpft sah, den Spaten nahm und in den Schloßgarten schlich, um +dort von seinem geheimen Schatze neuen Vorrat zu holen, folgten ihm von weitem +die Wachen, von dem Küchenmeister Ahuli und Archaz, dem Schatzmeister, +angeführt, und in dem Augenblick, da er das Gold aus dem Topf in sein Mäntelein +legen wollte, fielen sie über ihn her, banden ihn und führten ihn sogleich vor +den König. Dieser, den ohnehin die Unterbrechung seines Schlafes mürrisch +gemacht hatte, empfing seinen armen Oberleibläufer sehr ungnädig und stellte +sogleich das Verhör über ihn an. Man hatte den Topf vollends aus der Erde +gegraben und mit dem Spaten und mit dem Mäntelein voll Gold vor die Füße des +Königs gesetzt. Der Schatzmeister sagte aus, daß er mit seinen Wachen den Muck +überrascht habe, wie er diesen Topf mit Gold gerade in die Erde gegraben habe. +</p> + +<p> +Der König befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr sei und woher er das +Gold, das er vergraben, bekommen habe. +</p> + +<p> +Der kleine Muck, im Gefühl seiner Unschuld, sagte aus, daß er diesen Topf im +Garten entdeckt habe, daß er ihn habe nicht ein-, sondern ausgraben wollen. +</p> + +<p> +Alle Anwesenden lachten laut über diese Entschuldigung, der König aber, aufs +höchste erzürnt über die vermeintliche Frechheit des Kleinen, rief aus: +„Wie, Elender! Du willst deinen König so dumm und schändlich belügen, +nachdem du ihn bestohlen hast? Schatzmeister Archaz! Ich fordere dich auf, zu +sagen, ob du diese Summe Goldes für die nämliche erkennst, die in meinem +Schatze fehlt.“ +</p> + +<p> +Der Schatzmeister aber antwortete, er sei seiner Sache ganz gewiß, so viel und +noch mehr fehle seit einiger Zeit von dem königlichen Schatz, und er könne +einen Eid darauf ablegen, daß dies das Gestohlene sei. +</p> + +<p> +Da befahl der König, den kleinen Muck in enge Ketten zu legen und in den Turm +zu führen; dem Schatzmeister aber übergab er das Gold, um es wieder in den +Schatz zu tragen. Vergnügt über den glücklichen Ausgang der Sache, zog dieser +ab und zählte zu Haus die blinkenden Goldstücke; aber das hat dieser schlechte +Mann niemals angezeigt, daß unten in dem Topf ein Zettel lag, der sagte: +„Der Feind hat mein Land überschwemmt, daher verberge ich hier einen Teil +meiner Schätze; wer es auch finden mag, den treffe der Fluch seines Königs, +wenn er es nicht sogleich meinem Sohne ausliefert! König Sadi.“ +</p> + +<p> +Der kleine Muck stellte in seinem Kerker traurige Betrachtungen an; er wußte, +daß auf Diebstahl an königlichen Sachen der Tod gesetzt war, und doch mochte er +das Geheimnis mit dem Stäbchen dem König nicht verraten, weil er mit Recht +fürchtete, dieses und seiner Pantoffeln beraubt zu werden. Seine Pantoffeln +konnten ihm leider auch keine Hilfe bringen; denn da er in engen Ketten an die +Mauer geschlossen war, konnte er, so sehr er sich quälte, sich nicht auf dem +Absatz umdrehen. Als ihm aber am anderen Tage sein Tod angekündigt wurde, da +gedachte er doch, es sei besser, ohne das Zauberstäbchen zu leben als mit ihm +zu sterben, ließ den König um geheimes Gehör bitten und entdeckte ihm das +Geheimnis. Der König maß von Anfang an seinem Geständnis keinen Glauben bei; +aber der kleine Muck versprach eine Probe, wenn ihm der König zugestünde, daß +er nicht getötet werden solle. +</p> + +<p> +Der König gab ihm sein Wort darauf und ließ, von Muck ungesehen, einiges Gold +in die Erde graben und befahl diesem, mit seinem Stäbchen zu suchen. In wenigen +Augenblicken hatte er es gefunden; denn das Stäbchen schlug deutlich dreimal +auf die Erde. Da merkte der König, daß ihn sein Schatzmeister betrogen hatte, +und sandte ihm, wie es im Morgenland gebräuchlich ist, eine seidene Schnur, +damit er sich selbst erdroßle. Zum kleinen Muck aber sprach er: „Ich habe +dir zwar dein Leben versprochen; aber es scheint mir, als ob du nicht allein +dieses Geheimnis mit dem Stäbchen besitzest; darum bleibst du in ewiger +Gefangenschaft, wenn du nicht gestehst, was für eine Bewandtnis es mit deinem +Schnellaufen hat.“ Der kleine Muck, den die einzige Nacht im Turm alle +Lust zu längerer Gefangenschaft benommen hatte, bekannte, daß seine ganze Kunst +in den Pantoffeln liege, doch lehrte er den König nicht das Geheimnis von dem +dreimaligen Umdrehen auf dem Absatz. Der König schlüpfte selbst in die +Pantoffeln, um die Probe zu machen, und jagte wie unsinnig im Garten umher; oft +wollte er anhalten; aber er wußte nicht, wie man die Pantoffeln zum Stehen +brachte, und der kleine Muck, der diese kleine Rache sich nicht versagen +konnte, ließ ihn laufen, bis er ohnmächtig niederfiel. +</p> + +<p> +Als der König wieder zur Besinnung zurückgekehrt war, war er schrecklich +aufgebracht über den kleinen Muck, der ihn so ganz außer Atem hatte laufen +lassen. „Ich habe dir mein Wort gegeben, dir Freiheit und Leben zu +schenken; aber innerhalb zwölf Stunden mußt du mein Land verlassen, sonst lasse +ich dich aufknöpfen!“ Die Pantoffeln und das Stäbchen aber ließ er in +seine Schatzkammer legen. +</p> + +<p> +So arm als je wanderte der kleine Muck zum Land hinaus, seine Torheit +verwünschend, die ihm vorgespiegelt hatte, er könne eine bedeutende Rolle am +Hofe spielen. Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum Glück nicht groß, +daher war er schon nach acht Stunden auf der Grenze, obgleich ihn das Gehen, da +er an seine lieben Pantoffeln gewöhnt war, sehr sauer ankam. +</p> + +<p> +Als er über der Grenze war, verließ er die gewöhnliche Straße, um die dichteste +Einöde der Wälder aufzusuchen und dort nur sich zu leben; denn er war allen +Menschen gram. In einem dichten Walde traf er auf einen Platz, der ihm zu dem +Entschluß, den er gefaßt hatte, ganz tauglich schien. Ein klarer Bach, von +großen, schattigen Feigenbäumen umgeben, ein weicher Rasen luden ihn ein; hier +warf er sich nieder mit dem Entschluß, keine Speise mehr zu sich zu nehmen, +sondern hier den Tod zu erwarten. Über traurigen Todesbetrachtungen schlief er +ein; als er aber wieder aufwachte und der Hunger ihn zu quälen anfing, bedachte +er doch, daß der Hungertod eine gefährliche Sache sei, und sah sich um, ob er +nirgends etwas zu essen bekommen könnte. +</p> + +<p> +Köstliche reife Feigen hingen an dem Baume, unter welchem er geschlafen hatte; +er stieg hinauf, um sich einige zu pflücken, ließ es sich trefflich schmecken +und ging dann hinunter an den Bach, um seinen Durst zu löschen. Aber wie groß +war sein Schrecken, als ihm das Wasser seinen Kopf mit zwei gewaltigen Ohren +und einer dicken, langen Nase geschmückt zeigte! Bestürzt griff er mit den +Händen nach den Ohren, und wirklich, sie waren über eine halbe Elle lang. +</p> + +<p> +„Ich verdiene Eselsohren!“ rief er aus; „denn ich habe mein +Glück wie ein Esel mit Füßen getreten.“ Er wanderte unter den Bäumen +umher, und als er wieder Hunger fühlte, mußte er noch einmal zu den Feigen +seine Zuflucht nehmen; denn sonst fand er nichts Eßbares an den Bäumen. Als ihm +über der zweiten Portion Feigen einfiel, ob wohl seine Ohren nicht unter seinem +großen Turban Platz hätten, damit er doch nicht gar zu lächerlich aussehe, +fühlte er, daß seine Ohren verschwunden waren. Er lief gleich an den Bach +zurück, um sich davon zu überzeugen, und wirklich, es war so, seine Ohren +hatten ihre vorige Gestalt, seine lange, unförmliche Nase war nicht mehr. Jetzt +merkte er aber, wie dies gekommen war; von dem ersten Feigenbaum hatte er die +lange Nase und Ohren bekommen, der zweite hatte ihn geheilt; freudig erkannte +er, daß sein gütiges Geschick ihm noch einmal die Mittel in die Hand gebe, +glücklich zu sein. Er pflückte daher von jedem Baum so viel, wie er tragen +konnte, und ging in das Land zurück, das er vor kurzem verlassen hatte. Dort +machte er sich in dem ersten Städtchen durch andere Kleider ganz unkenntlich +und ging dann weiter auf die Stadt zu, die jener König bewohnte, und kam auch +bald dort an. +</p> + +<p> +Es war gerade zu einer Jahreszeit, wo reife Früchte noch ziemlich selten waren; +der kleine Muck setzte sich daher unter das Tor des Palastes; denn ihm war von +früherer Zeit her wohl bekannt, daß hier solche Seltenheiten von dem +Küchenmeister für die königliche Tafel eingekauft wurden. Muck hatte noch nicht +lange gesessen, als er den Küchenmeister über den Hof herüberschreiten sah. Er +musterte die Waren der Verkäufer, die sich am Tor des Palastes eingefunden +hatten; endlich fiel sein Blick auch auf Mucks Körbchen. „Ah, ein +seltener Bissen“, sagte er, „der Ihro Majestät gewiß behagen wird. +Was willst du für den ganzen Korb?“ Der kleine Muck bestimmte einen +mäßigen Preis, und sie waren bald des Handels einig. Der Küchenmeister übergab +den Korb einem Sklaven und ging weiter; der kleine Muck aber macht sich +einstweilen aus dem Staub, weil er befürchtete, wenn sich das Unglück an den +Köpfen des Hofes zeigte, möchte man ihn als Verkäufer aufsuchen und bestrafen. +</p> + +<p> +Der König war über Tisch sehr heiter gestimmt und sagte seinem Küchenmeister +einmal über das andere Lobsprüche wegen seiner guten Küche und der Sorgfalt, +mit der er immer das Seltenste für ihn aussuche; der Küchenmeister aber, +welcher wohl wußte, welchen Leckerbissen er noch im Hintergrund habe, +schmunzelte gar freundlich und ließ nur einzelne Worte fallen, als: „Es +ist noch nicht aller Tage Abend“, oder „Ende gut, alles gut“, +so daß die Prinzessinnen sehr neugierig wurden, was er wohl noch bringen werde. +Als er aber die schönen, einladenden Feigen aufsetzen ließ, da entfloh ein +allgemeines Ah! dem Munde der Anwesenden. +</p> + +<p> +„Wie reif, wie appetitlich!“ rief der König. „Küchenmeister, +du bist ein ganzer Kerl und verdienst unsere ganz besondere Gnade!“ Also +sprechend, teilte der König, der mit solchen Leckerbissen sehr sparsam zu sein +pflegte, mit eigener Hand die Feigen an seiner Tafel aus. Jeder Prinz und jede +Prinzessin bekam zwei, die Hofdamen und die Wesire und Agas eine, die übrigen +stellte er vor sich hin und begann mit großem Behagen sie zu verschlingen. +</p> + +<p> +„Aber, lieber Gott, wie siehst du so wunderlich aus, Vater?“ rief +auf einmal die Prinzessin Amarza. Alle sahen den König erstaunt an; ungeheure +Ohren hingen ihm am Kopf, eine lange Nase zog sich über sein Kinn herunter; +auch sich selbst betrachteten sie untereinander mit Staunen und Schrecken; alle +waren mehr oder minder mit dem sonderbaren Kopfputz geschmeckt. +</p> + +<p> +Man denke sich den Schrecken des Hofes! Man schickte sogleich nach allen Ärzten +der Stadt; sie kamen haufenweise, verordneten Pillen und Mixturen; aber die +Ohren und die Nasen blieben. Man operierte einen der Prinzen; aber die Ohren +wuchsen nach. +</p> + +<p> +Muck hatte die ganze Geschichte in seinem Versteck, wohin er sich zurückgezogen +hatte, gehört und erkannte, daß es jetzt Zeit sei zu handeln. Er hatte sich +schon vorher von dem aus den Feigen gelösten Geld einen Anzug verschafft, der +ihn als Gelehrten darstellen konnte; ein langer Bart aus Ziegenhaaren +vollendete die Täuschung. Mit einem Säckchen voll Feigen wanderte er in den +Palast des Königs und bot als fremder Arzt seine Hilfe an. Man war von Anfang +sehr ungläubig; als aber der kleine Muck eine Feige einem der Prinzen zu essen +gab und Ohren und Nase dadurch in den alten Zustand zurückbrachte, da wollte +alles von dem fremden Arzte geheilt sein. Aber der König nahm ihn schweigend +bei der Hand und führte ihn in sein Gemach; dort schloß er eine Türe auf, die +in die Schatzkammer führte, und winkte Muck, ihm zu folgen. „Hier sind +meine Schätze“, sprach der König, „wähle dir, was es auch sei, es +soll dir gewährt werden, wenn du mich von diesem schmachvollen Übel +befreist.“ +</p> + +<p> +Das war süße Musik in des kleinen Muck Ohren; er hatte gleich beim Eintritt +seine Pantoffeln auf dem Boden stehen sehen, gleich daneben lag auch sein +Stäbchen. Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er die Schätze des Königs +bewundern wollte; kaum aber war er an seine Pantoffeln gekommen, so schlüpfte +er eilends hinein, ergriff sein Stäbchen, riß seinen falschen Bart herab und +zeigte dem erstaunten König das wohlbekannte Gesicht seines verstoßenen Muck. +„Treuloser König“, sprach er, „der du treue Dienste mit +Undank lohnst, nimm als wohlverdiente Strafe die Mißgestalt, die du trägst. Die +Ohren laß ich dir zurück, damit sie dich täglich erinnern an den kleinen +Muck.“ Als er so gesprochen hatte, drehte er sich schnell auf dem Absatz +herum, wünschte sich weit hinweg, und ehe noch der König um Hilfe rufen konnte, +war der kleine Muck entflohen. Seitdem lebt der kleine Muck hier in großem +Wohlstand, aber einsam; denn er verachtet die Menschen. Er ist durch Erfahrung +ein weiser Mann geworden, welcher, wenn auch sein Äußeres etwas Auffallendes +haben mag, deine Bewunderung mehr als deinen Spott verdient. +</p> + +<p> +„So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein rohes +Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte mir die andere +Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich erzählte meinen Kameraden +die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und wir gewannen ihn so lieb, daß ihn +keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und +haben uns vor ihm immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebückt.“ +</p> + +<p> +Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu machen, um +sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken. Die gestrige Fröhlichkeit +ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten sich in allerlei Spielen. Nach +dem Essen aber riefen sie dem fünften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine +Schuldigkeit gleich den übrigen zu tun und eine Geschichte zu erzählen. Er +antwortete, sein Leben sei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er +ihnen etwas davon mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes +erzählen, nämlich: Das Märchen vom falschen Prinzen. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap08"></a>Das Märchen vom falschen Prinzen</h2> + +<p class="center"> +Wilhelm Hauff +</p> + +<p> +Es war einmal ein ehrsamer Schneidergeselle, namens Labakan, der bei einem +geschickten Meister in Alessandria sein Handwerk lernte. Man konnte nicht +sagen, daß Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im Gegenteil, er konnte recht +feine Arbeit machen. Auch tat man ihm unrecht, wenn man ihn geradezu faul +schalt; aber ganz richtig war es doch nicht mit dem Gesellen, denn er konnte +oft stundenweis in einem fort nähen, daß ihm die Nadel in der Hand glühend ward +und der Faden rauchte, da gab es ihm dann ein Stück wie keinem anderen; ein +andermal aber, und dies geschah leider öfters, saß er in tiefen Gedanken, sah +mit starren Augen vor sich hin und hatte dabei in Gesicht und Wesen etwas so +Eigenes, daß sein Meister und die übrigen Gesellen von diesem Zustand nie +anders sprachen als: „Labakan hat wieder sein vornehmes Gesicht.“ +</p> + +<p> +Am Freitag aber, wenn andere Leute vom Gebet ruhig nach Haus an ihre Arbeit +gingen, trat Labakan in einem schönen Kleid, das er sich mit vieler Mühe +zusammengespart hatte, aus der Moschee, ging langsam und stolzen Schrittes +durch die Plätze und Straßen der Stadt, und wenn ihm einer seiner Kameraden ein +„Friede sei mit dir“, oder „Wie geht es, Freund +Labakan?“ bot, so winkte er gnädig mit der Hand oder nickte, wenn es hoch +kam, vornehm mit dem Kopf. Wenn dann sein Meister im Spaß zu ihm sagte: +„An dir ist ein Prinz verlorengegangen, Labakan“, so freute er sich +darüber und antwortete: „Habt Ihr das auch bemerkt?“ oder: +„Ich habe es schon lange gedacht!“ +</p> + +<p> +So trieb es der ehrsame Schneidergeselle Labakan schon eine geraume Zeit, sein +Meister aber duldete seine Narrheit, weil er sonst ein guter Mensch und +geschickter Arbeiter war. Aber eines Tages schickte Selim, der Bruder des +Sultans, der gerade durch Alessandria reiste, ein Festkleid zu dem Meister, um +einiges daran verändern zu lassen, und der Meister gab es Labakan, weil dieser +die feinste Arbeit machte. Als abends der Meister und die Gesellen sich +hinwegbegeben hatten, um nach des Tages Last sich zu erholen, trieb eine +unwiderstehliche Sehnsucht Labakan wieder in die Werkstatt zurück, wo das Kleid +des kaiserlichen Bruders hing. Er stand lange sinnend davor, bald den Glanz der +Stickerei, bald die schillernden Farben des Samts und der Seide an dem Kleide +bewundernd. Er konnte nicht anders, er mußte es anziehen, und siehe da, es +paßte ihm so trefflich, wie wenn es für ihn wäre gemacht worden. „Bin ich +nicht so gut ein Prinz als einer?“ fragte er sich, indem er im Zimmer auf +und ab schritt. „Hat nicht der Meister selbst schon gesagt, daß ich zum +Prinzen geboren sei?“ Mit den Kleidern schien der Geselle eine ganz +königliche Gesinnung angezogen zu haben; er konnte sich nicht anders denken, +als er sei ein unbekannter Königssohn, und als solcher beschloß er, in die Welt +zu reisen und einen Ort zu verlassen, wo die Leute bisher so töricht gewesen +waren, unter der Hülle seines niederen Standes nicht seine angebotene Würde zu +erkennen. Das prachtvolle Kleid schien ihm von einer gütigen Fee geschickt, er +hütete sich daher wohl, ein so teures Geschenk zu verschmähen, steckte seine +geringe Barschaft zu sich und wanderte, begünstigt von dem Dunkel der Nacht, +aus Alessandrias Toren. +</p> + +<p> +Der neue Prinz erregte überall auf seiner Wanderschaft Verwunderung, denn das +prachtvolle Kleid und sein ernstes, majestätisches Wesen wollten gar nicht +passen für einen Fußgänger. Wenn man ihn darüber befragte, pflegte er mit +geheimnisvoller Miene zu antworten, daß das seine eigenen Ursachen habe. Als er +aber merkte, daß er sich durch seine Fußwanderungen lächerlich machte, kaufte +er um geringen Preis ein altes Roß, welches sehr für ihn paßte, da es ihn mit +seiner gesetzten Ruhe und Sanftmut nie in die Verlegenheit brachte, sich als +geschickter Reiter zeigen zu müssen, was gar nicht seine Sache war. +</p> + +<p> +Eines Tages, als er Schritt vor Schritt auf seinem Murva, so hatte er sein Roß +genannt, seine Straße zog, schloß sich ein Reiter an ihn an und bat ihn, in +seiner Gesellschaft reiten zu dürfen, weil ihm der Weg viel kürzer werde im +Gespräch mit einem anderen. Der Reiter war ein fröhlicher, junger Mann, schön +und angenehm im Umgang. Er hatte mit Labakan bald ein Gespräch angeknüpft über +Woher und Wohin, und es traf sich, daß auch er, wie der Schneidergeselle, ohne +Plan in die Welt hinauszog. Er sagte, er heiße Omar, sei der Neffe Elfi Beys, +des unglücklichen Bassas von Kairo, und reise nun umher, um einen Auftrag, den +ihm sein Oheim auf dem Sterbebette erteilt habe, auszurichten. Labakan ließ +sich nicht so offenherzig über seine Verhältnisse aus, er gab ihm zu verstehen, +daß er von hoher Abkunft sei und zu seinem Vergnügen reise. +</p> + +<p> +Die beiden jungen Herren fanden Gefallen aneinander und zogen fürder. Am +zweiten Tage ihrer gemeinschaftlichen Reise fragte Labakan seinen Gefährten +Omar nach den Aufträgen, die er zu besorgen habe, und erfuhr zu seinem +Erstaunen folgendes: Elfi Bey, der Bassa von Kairo, hatte den Omar seit seiner +frühesten Kindheit erzogen, und dieser hatte seine Eltern nie gekannt. Als nun +Elfi Bey von seinen Feinden überfallen worden war und nach drei unglücklichen +Schlachten, tödlich verwundet, fliehen mußte, entdeckte er seinem Zögling, daß +er nicht sein Neffe sei, sondern der Sohn eines mächtigen Herrschers, welcher +aus Furcht vor den Prophezeiungen seiner Sterndeuter den jungen Prinzen von +seinem Hofe entfernt habe, mit dem Schwur, ihn erst an seinem +zweiundzwanzigsten Geburtstage wiedersehen zu wollen. Elfi Bey habe ihm den +Namen seines Vaters nicht genannt, sondern ihm nur aufs bestimmteste +aufgetragen, am fünften Tage des kommenden Monats Ramadan, an welchem Tage er +zweiundzwanzig Jahre alt werde, sich an der berühmten Säule El-Serujah, vier +Tagreisen östlich von Alessandria, einzufinden; dort soll er den Männern, die +an der Säule stehen würden, einen Dolch, den er ihm gab, überreichen mit den +Worten: „Hier bin ich, den ihr suchet“; wenn sie antworteten: +„Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!“, so solle er ihnen +folgen, sie würden ihn zu seinem Vater führen. +</p> + +<p> +Der Schneidergeselle Labakan war sehr erstaunt über diese Mitteilung, er +betrachtete von jetzt an den Prinzen Omar mit neidischen Augen, erzürnt +darüber, daß das Schicksal jenem, obgleich er schon für den Neffen eines +mächtigen Bassa galt, noch die Würde eines Fürstensohnes verliehen, ihm aber, +den es mit allem, was einem Prinzen nottut, ausgerüstet, gleichsam zum Hohn +eine dunkle Geburt und einen gewöhnlichen Lebensweg verliehen habe. Er stellte +Vergleichungen zwischen sich und dem Prinzen an. Er mußte sich gestehen, es sei +jener ein Mann von sehr vorteilhafter Gesichtsbildung; schöne, lebhafte Augen, +eine kühngebogene Nase, ein sanftes, zuvorkommendes Benehmen, kurz, so viele +Vorzüge des Äußeren, die jemand empfehlen können, waren jenem eigen. Aber so +viele Vorzüge er auch an seinem Begleiter fand, so gestand er sich doch bei +diesen Beobachtungen, daß ein Labakan dem fürstlichen Vater wohl noch +willkommener sein dürfte als der wirkliche Prinz. +</p> + +<p> +Diese Betrachtungen verfolgten Labakan den ganzen Tag, mit ihnen schlief er im +nächsten Nachtlager ein, aber als er morgens aufwachte und sein Blick auf den +neben ihm schlafenden Omar fiel, der so ruhig schlafen und von seinem gewissen +Glück träumen konnte, da erwachte in ihm der Gedanke, sich durch List oder +Gewalt zu erstreben, was ihm das ungünstige Schicksal versagt hatte. Der Dolch, +das Erkennungszeichen des heimkehrenden Prinzen, sah aus dem Gürtel des +Schlafenden hervor, leise zog er ihn hervor, um ihn in die Brust des +Eigentümers zu stoßen. Doch vor dem Gedanken des Mordes entsetzte sich die +friedfertige Seele des Gesellen; er begnügte sich, den Dolch zu sich zu +stecken, das schnellere Pferd des Prinzen für sich aufzäumen zu lassen, und ehe +Omar aufwachte und sich aller seiner Hoffnungen beraubt sah, hatte sein +treuloser Gefährte schon einen Vorsprung von mehreren Meilen. +</p> + +<p> +Es war gerade der erste Tag des heiligen Monats Ramadan, an welchem Labakan den +Raub an dem Prinzen begangen hatte, und er hatte also noch vier Tage, um zu der +Säule El Serujah, welche ihm wohlbekannt war, zu gelangen. Obgleich die Gegend, +worin sich diese Säule befand, höchstens noch zwei Tagreisen entfernt sein +konnte, so beeilte er sich doch hinzukommen, weil er immer fürchtete, von dem +wahren Prinzen eingeholt zu werden. +</p> + +<p> +Am Ende des zweiten Tages erblickte Labakan die Säule El-Serujah. Sie stand auf +einer kleinen Anhöhe in einer weiten Ebene und konnte auf zwei bis drei Stunden +gesehen werden. Labakans Herz pochte lauter bei diesem Anblick; obgleich er die +letzten zwei Tage hindurch Zeit genug gehabt, über die Rolle, die er zu spielen +hatte, nachzudenken, so machte ihn doch das böse Gewissen etwas ängstlich, aber +der Gedanke, daß er zum Prinzen geboren sei, stärkte ihn wieder, so daß er +getrösteter seinem Ziele entgegenging. +</p> + +<p> +Die Gegend um die Säule El-Serujah war unbewohnt und öde, und der neue Prinz +wäre wegen seines Unterhalts etwas in Verlegenheit gekommen, wenn er sich nicht +auf mehrere Tage versehen hätte. Er lagerte sich also neben seinem Pferd unter +einigen Palmen und erwartete dort sein ferneres Schicksal. +</p> + +<p> +Gegen die Mitte des anderen Tages sah er einen großen Zug von Pferden und +Kamelen über die Ebene her auf die Säule El-Serujah zuziehen. Der Zug hielt am +Fuße des Hügels, auf welchem die Säule stand, man schlug prächtige Zelte auf, +und das Ganze sah aus wie der Reisezug eines reichen Bassa oder Scheik. Labakan +ahnte, daß die vielen Leute, welche er sah, sich seinetwegen hierher bemüht +hatten, und hätte ihnen gerne schon heute ihren künftigen Gebieter gezeigt; +aber er mäßigte seine Begierde, als Prinz aufzutreten, da ja doch der nächste +Morgen seine kühnsten Wünsche vollkommen befriedigen mußte. +</p> + +<p> +Die Morgensonne weckte den überglücklichen Schneider zu dem wichtigsten +Augenblick seines Lebens, welcher ihn aus einem niederen, unbekannten +Sterblichen an die Seite eines fürstlichen Vaters erheben sollte; zwar fiel +ihm, als er sein Pferd aufzäumte, um zu der Säule hinzureiten, wohl auch das +Unrechtmäßige seines Schrittes ein; zwar führten ihm seine Gedanken den Schmerz +des in seinen schönen Hoffnungen betrogenen Fürstensohnes vor, aber—der +Würfel war geworfen, er konnte nicht mehr ungeschehen machen, was geschehen +war, und seine Eigenliebe flüsterte ihm zu, daß er stattlich genug aussehe, um +dem mächtigsten König sich als Sohn vorzustellen; ermutigt durch diesen +Gedanken, schwang er sich auf sein Roß, nahm alle seine Tapferkeit zusammen, um +es in einen ordentlichen Galopp zu bringen, und in weniger als einer +Viertelstunde war er am Fuße des Hügels angelangt. Er stieg ab von seinem Pferd +und band es an eine Staude, deren mehrere an dem Hügel wuchsen; hierauf zog er +den Dolch des Prinzen Omar hervor und stieg den Hügel hinan. Am Fuß der Säule +standen sechs Männer um einen Greis von hohem, königlichem Ansehen; ein +prachtvoller Kaftan von Goldstoff, mit einem weißen Kaschmirschal umgürtet, der +weiße, mit blitzenden Edelsteinen geschmückte Turban bezeichneten ihn als einen +Mann von Reichtum und Würde. +</p> + +<p> +Auf ihn ging Labakan zu, neigte sich tief vor ihm und sprach, indem er den +Dolch darreichte: „Hier bin ich, den Ihr suchet. „ +</p> + +<p> +„Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!“ antwortete der Greis +mit Freudentränen. „Umarme deinen alten Vater, mein geliebter Sohn +Omar!“ Der gute Schneider war sehr gerührt durch diese feierlichen Worte +und sank mit einem Gemisch von Freude und Scham in die Arme des alten Fürsten. +</p> + +<p> +Aber nur einen Augenblick sollte er ungetrübt die Wonne seines neuen Standes +genießen; als er sich aus den Armen des fürstlichen Greises aufrichtete, sah er +einen Reiter über die Ebene her auf den Hügel zueilen. Der Reiter und sein Roß +gewährten einen sonderbaren Anblick; das Roß schien aus Eigensinn oder +Müdigkeit nicht vorwärts zu wollen, in einem stolpernden Gang, der weder +Schritt noch Trab war, zog es daher, der Reiter aber trieb es mit Händen und +Füßen zu schnellerem Laufe an. Nur zu bald erkannte Labakan sein Roß Murva und +den echten Prinzen Omar, aber der böse Geist der Lüge war einmal in ihn +gefahren, und er beschloß, wie es auch kommen möge, mit eiserner Stirne seine +angemaßten Rechte zu behaupten. +</p> + +<p> +Schon aus der Ferne hatte man den Reiter winken gesehen; jetzt war er trotz des +schlechten Trabes des Rosses Murva am Fuße des Hügels angekommen, warf sich vom +Pferd und stürzte den Hügel hinan. „Haltet ein!“ rief er. +„Wer ihr auch sein möget, haltet ein und laßt euch nicht von dem +schändlichsten Betrüger täuschen; ich heiße Omar, und kein Sterblicher wage es, +meinen Namen zu mißbrauchen!“ +</p> + +<p> +Auf den Gesichtern der Umstehenden malte sich tiefes Erstaunen über diese +Wendung der Dinge; besonders schien der Greis sehr betroffen, indem er bald den +einen, bald den anderen fragend ansah; Labakan aber sprach mit mühsam +errungener Ruhe: „Gnädigster Herr und Vater, laßt Euch nicht irremachen +durch diesen Menschen da! Es ist, soviel ich weiß, ein wahnsinniger +Schneidergeselle aus Alessandria, Labakan geheißen, der mehr unser Mitleid als +unseren Zorn verdient.“ +</p> + +<p> +Bis zur Raserei aber brachten diese Worte den Prinzen; schäumend vor Wut wollte +er auf Labakan eindringen, aber die Umstehenden warfen sich dazwischen und +hielten ihn fest, und der Fürst sprach: „Wahrhaftig, mein lieber Sohn, +der arme Mensch ist verrückt; man binde ihn und setze ihn auf eines unserer +Dromedare, vielleicht, daß wir dem Unglücklichen Hilfe schaffen können.“ +</p> + +<p> +Die Wut des Prinzen hatte sich gelegt, weinend rief er dem Fürsten zu: +„Mein Herz sagt mir, daß Ihr mein Vater seid; bei dem Andenken meiner +Mutter beschwöre ich Euch, hört mich an!“ +</p> + +<p> +„Ei, Gott bewahre uns!“ antwortete dieser, „er fängt schon +wieder an, irre zu reden, wie doch der Mensch auf so tolle Gedanken kommen +kann!“ Damit ergriff er Labakans Arm und ließ sich von ihm den Hügel +hinuntergeleiten; sie setzten sich beide auf schöne, mit reichen Decken +behängte Pferde und ritten an der Spitze des Zuges über die Ebene hin. Dem +unglücklichen Prinzen aber fesselte man die Hände und band ihn auf einem +Dromedar fest, und zwei Reiter waren ihm immer zur Seite, die ein wachsames +Auge auf jede seiner Bewegungen hatten. +</p> + +<p> +Der fürstliche Greis war Saaud, der Sultan der Wechabiten. Er hatte lange ohne +Kinder gelebt, endlich wurde ihm ein Prinz geboren, nach dem er sich so lange +gesehnt hatte; aber die Sterndeuter, welche er um die Vorbedeutungen des Knaben +befragte, taten den Ausspruch, „daß er bis ins zweiundzwanzigste Jahr in +Gefahr stehe, von einem Feinde verdrängt zu werden“, deswegen, um recht +sicherzugehen, hatte der Sultan den Prinzen seinem alten, erprobten Freunde +Elfi-Bey zum Erziehen gegeben und zweiundzwanzig schmerzliche Jahre auf seinen +Anblick geharrt. +</p> + +<p> +Dieses hatte der Sultan seinem (vermeintlichen) Sohne erzählt und sich ihm +außerordentlich zufrieden mit seiner Gestalt und seinem würdevollen Benehmen +gezeigt. +</p> + +<p> +Als sie in das Land des Sultans kamen, wurden sie überall von den Einwohnern +mit Freudengeschrei empfangen; denn das Gerücht von der Ankunft des Prinzen +hatte sich wie ein Lauffeuer durch alle Städte und Dörfer verbreitet. Auf den +Straßen, durch welche sie zogen, waren Bögen von Blumen und Zweigen errichtet, +glänzende Teppiche von allen Farben schmeckten die Häuser, und das Volk pries +laut Gott und seinen Propheten, der ihnen einen so schönen Prinzen gesandt +habe. Alles dies erfüllte das stolze Herz des Schneiders mit Wonne; desto +unglücklicher mußte sich aber der echte Omar fühlen, der, noch immer gefesselt, +in stiller Verzweiflung dem Zuge folgte. Niemand kümmerte sich um ihn bei dem +allgemeinen Jubel, der doch ihm galt; den Namen Omar riefen tausend und wieder +tausend Stimmen, aber ihn, der diesen Namen mit Recht trug, ihn beachtete +keiner; höchstens fragte einer oder der andere, wen man denn so fest gebunden +mit fortfahre, und schrecklich tönte in das Ohr des Prinzen die Antwort seiner +Begleiter, es sei ein wahnsinniger Schneider. +</p> + +<p> +Der Zug war endlich in die Hauptstadt des Sultans gekommen, wo alles noch +glänzender zu ihrem Empfang bereitet war als in den übrigen Städten. Die +Sultanin, eine ältliche, ehrwürdige Frau, erwartete sie mit ihrem ganzen +Hofstaat in dem prachtvollsten Saal des Schlosses. Der Boden dieses Saales war +mit einem ungeheuren Teppich bedeckt, die Wände waren mit hellblauem Tuch +geschmeckt, das in goldenen Quasten und Schnüren an großen, silbernen Haken +hing. +</p> + +<p> +Es war schon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saale viele +kugelrunde, farbige Lampen angezündet, welche die Nacht zum Tag erhellten. Am +klarsten und vielfarbigsten strahlten sie aber im Hintergrund des Saales, wo +die Sultanin auf einem Throne saß. Der Thron stand auf vier Stufen und war von +lauterem Golde und mit großen Amethysten ausgelegt. Die vier vornehmsten Emire +hielten einen Baldachin von roter Seide über dem Haupte der Sultanin, und der +Scheik von Medina fächelte ihr mit einer Windfuchtel von weißen Pfauenfedern +Kühlung zu. +</p> + +<p> +So erwartete die Sultanin ihren Gemahl und ihren Sohn, auch sie hatte ihn seit +seiner Geburt nicht mehr gesehen, aber bedeutsam Träume hatten ihr den +Ersehnten gezeigt, daß sie ihn aus Tausenden erkennen wollte. Jetzt hörte man +das Geräusch des nahenden Zuges, Trompeten und Trommeln mischten sich in das +Zujauchzen der Menge, der Hufschlag der Rosse tönte im Hof des Palastes, näher +und näher rauschten die Tritte der Kommenden, die Türen des Saales flogen auf, +und durch die Reihen der niederfallenden Diener eilte der Sultan an der Hand +seines Sohnes vor den Thron der Mutter. +</p> + +<p> +„Hier“, sprach er, „bringe ich dir den, nach welchem du dich +so lange gesehnet.“ +</p> + +<p> +Die Sultanin aber fiel ihm in die Rede: „Das ist mein Sohn nicht!“ +rief sie aus, „das sind nicht die Züge, die mir der Prophet im Traume +gezeigt hat!“ +</p> + +<p> +Gerade, als ihr der Sultan ihren Aberglauben verweisen wollte, sprang die Türe +des Saales auf. Prinz Omar stürzte herein, verfolgt von seinen Wächtern, denen +er sich mit Anstrengung aller seiner Kraft entrissen hatte, er warf sich +atemlos vor dem Throne nieder: „Hier will ich sterben, laßt mich töten, +grausamer Vater; denn diese Schmach dulde ich nicht länger!“ +</p> + +<p> +Alles war bestürzt über diese Reden; man drängte sich um den Unglücklichen her, +und schon wollten ihn die herbeieilenden Wachen ergreifen und ihm wieder seine +Bande anlegen, als die Sultanin, die in sprachlosem Erstaunen dieses alles mit +angesehen hatte, von dem Throne aufsprang. „Haltet ein!“ rief sie, +„dieser und kein anderer ist der Rechte, dieser ist’s, den meine +Augen nie gesehen und den mein Herz doch gekannt hat!“ +</p> + +<p> +Die Wächter hatten unwillkürlich von Omar abgelassen, aber der Sultan, +entflammt von wütendem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnsinnigen zu binden: +„Ich habe hier zu entscheiden“, sprach er mit gebietender Stimme, +„und hier richtet man nicht nach den Träumen der Weiber, sondern nach +gewissen, untrüglichen Zeichen. Dieser hier (indem er auf Labakan zeigte) ist +mein Sohn; denn er hat mir das Wahrzeichen meines Freundes Elfi, den Dolch, +gebracht.“ +</p> + +<p> +„Gestohlen hat er ihn“, schrie Omar, „mein argloses Vertrauen +hat er zum Verrat mißbraucht!“ Der Sultan aber hörte nicht auf die Stimme +seines Sohnes; denn er war in allen Dingen gewohnt, eigensinnig nur seinem +Urteil zu folgen; daher ließ er den unglücklichen Omar mit Gewalt aus dem Saal +schleppen. Er selbst aber begab sich mit Labakan in sein Gemach, voll Wut über +die Sultanin, seine Gemahlin, mit der er doch seit fünfundzwanzig Jahren in +Frieden gelebt hatte. +</p> + +<p> +Die Sultanin aber war voll Kummer über diese Begebenheiten; sie war vollkommen +überzeugt, daß ein Betrüger sich des Herzens des Sultans bemächtigt hatte, denn +jenen Unglücklichen hatten ihr so viele bedeutsam Träume als ihren Sohn +gezeigt. +</p> + +<p> +Als sich ihr Schmerz ein wenig gelegt hatte, sann sie auf Mittel, um ihren +Gemahl von seinem Unrecht zu überzeugen. Es war dies allerdings schwierig; denn +jener, der sich für ihren Sohn ausgab, hatte das Erkennungszeichen, den Dolch, +überreicht und hatte auch, wie sie erfuhr, so viel von Omars früherem Leben von +diesem selbst sich erzählen lassen, daß er seine Rolle, ohne sich zu verraten, +spielte. +</p> + +<p> +Sie berief die Männer zu sich, die den Sultan zu der Säule El-Serujah begleitet +hatten, um sich alles genau erzählen zu lassen, und hielt dann mit ihren +vertrautesten Sklavinnen Rat. Sie wählten und verwarfen dies und jenes Mittel; +endlich sprach Melechsalah, eine alte, kluge Zierkassierin: „Wenn ich +recht gehört habe, verehrte Gebieterin, so nannte der Überbringer des Dolches +den, welchen du für deinen Sohn hältst, Labakan, einen verwirrten +Schneider?“ +</p> + +<p> +„Ja, so ist es“, antwortete die Sultanin, „aber was willst du +damit?“ +</p> + +<p> +„Was meint Ihr“, fuhr jene fort, „wenn dieser Betrüger Eurem +Sohn seinen eigenen Namen aufgeheftet hätte?—Und wenn dies ist, so gibt +es ein herrliches Mittel, den Betrüger zu fangen, das ich Euch ganz im geheimen +sagen will.“ Die Sultanin bot ihrer Sklavin das Ohr, und diese flüsterte +ihr einen Rat zu, der ihr zu behagen schien, denn sie schickte sich an, +sogleich zum Sultan zu gehen. +</p> + +<p> +Die Sultanin war eine kluge Frau, welche wohl die schwachen Seiten des Sultans +kannte und sie zu benützen verstand. Sie schien daher, ihm nachgeben und den +Sohn anerkennen zu wollen, und bat sich nur eine Bedingung aus; der Sultan, dem +sein Aufbrausen gegen seine Frau leid tat, gestand die Bedingung zu, und sie +sprach: „Ich möchte gerne den beiden eine Probe ihrer Geschicklichkeit +auferlegen; eine andere würde sie vielleicht reiten, fechten oder Speere werfen +lassen, aber das sind Sachen, die ein jeder kann; nein, ich will ihnen etwas +geben, wozu Scharfsinn gehört! Es soll nämlich jeder von ihnen einen Kaftan und +ein Paar Beinkleider verfertigen, und da wollen wir einmal sehen, wer die +schönsten macht.“ +</p> + +<p> +Der Sultan lachte und sprach: „Ei, da hast du ja etwas recht Kluges +ausgesonnen. Mein Sohn sollte mit deinem wahnsinnigen Schneider wetteifern, wer +den besten Kaftan macht? Nein, das ist nichts.“ +</p> + +<p> +Die Sultanin aber berief sich darauf, daß er ihr die Bedingung zum Voraus +zugesagt habe, und der Sultan, welcher ein Mann von Wort war, gab endlich nach, +obgleich er schwor, wenn der wahnsinnige Schneider seinen Kaftan auch noch so +schön mache, könne er ihn doch nicht für seinen Sohn erkennen. +</p> + +<p> +Der Sultan ging selbst zu seinem Sohn und bat ihn, sich in die Grillen seiner +Mutter zu schicken, die nun einmal durchaus einen Kaftan von seiner Hand zu +sehen wünsche. Dem guten Labakan lachte das Herz vor Freude; wenn es nur an dem +fehlt, dachte er bei sich, da soll die Frau Sultanin bald Freude an mir +erleben. +</p> + +<p> +Man hatte zwei Zimmer eingerichtet, eines für den Prinzen, das andere für den +Schneider; dort sollten sie ihre Kunst erproben, und man hatte jedem nur ein +hinlängliches Stück Seidenzeug, Schere, Nadel und Faden gegeben. +</p> + +<p> +Der Sultan war sehr begierig, was für ein Ding von Kaftan wohl sein Sohn zutage +fördern werde, aber auch der Sultanin pochte unruhig das Herz, ob ihre List +wohl gelingen werde oder nicht. Man hatte den beiden zwei Tage zu ihrem +Geschäft ausgesetzt, am dritten ließ der Sultan seine Gemahlin rufen, und als +sie erschienen war, schickte er in jene zwei Zimmer, um die beiden Kaftane und +ihre Verfertiger holen zu lassen. Triumphierend trat Labakan ein und breitete +seinen Kaftan vor den erstaunten Blicken des Sultans aus. „Siehe her, +Vater“, sprach er, „siehe her, verehrte Mutter, ob dies nicht ein +Meisterstück von einem Kaftan ist? Da laß ich es mit dem geschicktesten +Hofschneider auf eine Wette ankommen, ob er einen solchen herausbringt.“ +</p> + +<p> +Die Sultanin lächelte und wandte sich zu Omar: „Und was hast du +herausgebracht, mein Sohn?“ +</p> + +<p> +Unwillig warf dieser den Seidenstoff und die Schere auf den Boden: „Man +hat mich gelehrt, ein Roß zu bändigen und einen Säbel zu schwingen, und meine +Lanze trifft auf sechzig Gänge ihr Ziel—aber die Künste der Nadel sind +mir fremd, sie wären auch unwürdig für einen Zögling Elfi Beys, des +Beherrschers von Kairo.“ +</p> + +<p> +„Oh, du echter Sohn meines Herrn“, rief die Sultanin, „ach, +daß ich dich umarmen, dich Sohn nennen dürfte! Verzeihet, mein Gemahl und +Gebieter“, sprach sie dann, indem sie sich zum Sultan wandte, „daß +ich diese List gegen Euch gebraucht habe; sehet Ihr jetzt noch nicht ein, wer +Prinz und wer Schneider ist; fürwahr, der Kaftan ist köstlich, den Euer Herr +Sohn gemacht hat, und ich möchte ihn gerne fragen, bei welchem Meister er +gelernt habe.“ +</p> + +<p> +Der Sultan saß in tiefen Gedanken, mißtrauisch bald seine Frau, bald Labakan +anschauend, der umsonst sein Erröten und seine Bestürzung, daß er sich so dumm +verraten habe, zu bekämpfen suchte. „Auch dieser Beweis genügt +nicht“, sprach er, „aber ich weiß, Allah sei es gedankt, ein +Mittel, zu erfahren, ob ich betrogen bin oder nicht.“ +</p> + +<p> +Er befahl, sein schnellstes Pferd vorzufahren, schwang sich auf und ritt in +einen Wald, der nicht weit von der Stadt begann. Dort wohnte nach einer alten +Sage eine gütige Fee, Adolzaide geheißen, welche oft schon den Königen seines +Stammes in der Stunde der Not mit ihrem Rat beigestanden war; dorthin eilte der +Sultan. +</p> + +<p> +In der Mitte des Waldes war ein freier Platz, von hohen Zedern umgeben. Dort +wohnte nach der Sage die Fee, und selten betrat ein Sterblicher diesen Platz, +denn eine gewisse Scheu davor hatte sich aus alten Zeiten vom Vater auf den +Sohn vererbt. +</p> + +<p> +Als der Sultan dort angekommen war, stieg er ab, band sein Pferd an einen Baum, +stellte sich in die Mitte des Platzes und sprach mit lauter Stimme: „Wenn +es wahr ist, daß du meinen Vätern gütigen Rat erteiltest in der Stunde der Not, +so verschmähe nicht die Bitte ihres Enkels und rate mir, wo menschlicher +Verstand zu kurzsichtig ist!“ +</p> + +<p> +Er hatte kaum die letzten Worte gesprochen, als sich eine der Zedern öffnete +und eine verschleierte Frau in langen, weißen Gewändern hervortrat. „Ich +weiß, warum du zu mir kommst, Sultan Saaud, dein Wille ist redlich; darum soll +dir auch meine Hilfe werden. Nimm diese zwei Kistchen! Laß jene beiden, welche +deine Söhne sein wollen, wählen! Ich weiß, daß der, welcher der echte ist, das +rechte nicht verfehlen wird.“ So sprach die Verschleierte und reichte ihm +zwei kleine Kistchen von Elfenbein, reich mit Gold und Perlen verziert; auf den +Deckeln, die der Sultan vergebens zu öffnen versuchte, standen Inschriften von +eingesetzten Diamanten. +</p> + +<p> +Der Sultan besann sich, als er nach Hause ritt, hin und her, was wohl in den +Kistchen sein könnte, welche er mit aller Mühe nicht zu öffnen vermochte. Auch +die Aufschrift gab ihm kein Licht in der Sache; denn auf dem einen stand: +„Ehre und Ruhm“, auf dem anderen: „Glück und Reichtum“. +Der Sultan dachte bei sich, da würde auch ihm die Wahl schwer werden unter +diesen beiden Dingen, die gleich anziehend, gleich lockend seien. +</p> + +<p> +Als er in seinen Palast zurückgekommen war, ließ er die Sultanin rufen und +sagte ihr den Ausspruch der Fee, und eine wunderbare Hoffnung erfüllte sie, daß +jener, zu dem ihr Herz sie hinzog, das Kistchen wählen würde, welches seine +königliche Abkunft beweisen sollte. +</p> + +<p> +Vor dem Throne des Sultans wurden zwei Tische aufgestellt; auf sie setzte der +Sultan mit eigener Hand die beiden Kistchen, bestieg dann den Thron und winkte +einem seiner Sklaven, die Pforte des Saales zu öffnen. Eine glänzende +Versammlung von Bassas und Emiren des Reiches, die der Sultan berufen hatte, +strömte durch die geöffnete Pforte. Sie ließen sich auf prachtvollen Polstern +nieder, welche die Wände entlang aufgestellt waren. +</p> + +<p> +Als sie sich alle niedergelassen hatten, winkte der König zum zweitenmal, und +Labakan wurde hereingeführt. Mit stolzem Schritte ging er durch den Saal, warf +sich vor dem Throne nieder und sprach: „Was befiehlt mein Herr und +Vater?“ +</p> + +<p> +Der Sultan erhob sich auf seinem Thron und sprach: „Mein Sohn! Es sind +Zweifel an der Echtheit deiner Ansprüche auf diesen Namen erhoben worden; eines +jener Kistchen enthält die Bestätigung deiner echten Geburt, wähle! Ich zweifle +nicht, du wirst das rechte wählen!“ +</p> + +<p> +Labakan erhob sich und trat vor die Kistchen, er erwog lange, was er wählen +sollte, endlich sprach er: „Verehrter Vater! Was kann es Höheres geben +als das Glück, dein Sohn zu sein, was Edleres als den Reichtum deiner Gnade? +Ich wähle das Kistchen, das die Aufschrift „Glück und Reichtum“ +zeigt.“ +</p> + +<p> +„Wir werden nachher erfahren, ob du recht gewählt hast; einstweilen setze +dich dort auf das Polster zum Bassa von Medina“, sagte der Sultan und +winkte seinen Sklaven. +</p> + +<p> +Omar wurde hereingeführt; sein Blick war düster, seine Miene traurig, und sein +Anblick erregte allgemeine Teilnahme unter den Anwesenden. Er warf sich vor dem +Throne nieder und fragte nach dem Willen des Sultans. +</p> + +<p> +Der Sultan deutete ihm an, daß er eines der Kistchen zu wählen habe, er stand +auf und trat vor den Tisch. +</p> + +<p> +Er las aufmerksam beide Inschriften und sprach: „Die letzten Tage haben +mich gelehrt, wie unsicher das Glück, wie vergänglich der Reichtum ist; sie +haben mich aber auch gelehrt, daß ein unzerstörbares Gut in der Brust des +Tapferen wohnt, die Ehre, und daß der leuchtende Stern des Ruhmes nicht mit dem +Glück zugleich vergeht. Und sollte ich einer Krone entsagen, der Würfel +liegt—Ehre und Ruhm, ich wähle euch!“ +</p> + +<p> +Er setzte seine Hand auf das Kistchen, das er erwählt hatte; aber der Sultan +befahl ihm, einzuhalten; er winkte Labakan, gleichfalls vor seinen Tisch zu +treten, und auch dieser legte seine Hand auf sein Kistchen. +</p> + +<p> +Der Sultan aber ließ sich ein Becken mit Wasser von dem heiligen Brunnen Zemzem +in Mekka bringen, wusch seine Hände zum Gebet, wandte sein Gesicht nach Osten, +warf sich nieder und betete: „Gott meiner Väter! Der du seit +Jahrhunderten unsern Stamm rein und unverfälscht bewahrtest, gib nicht zu, daß +ein Unwürdiger den Namen der Abassiden schände, sei mit deinem Schutze meinem +echten Sohne nahe in dieser Stunde der Prüfung!“ +</p> + +<p> +Der Sultan erhob sich und bestieg seinen Thron wieder; allgemeine Erwartung +fesselte die Anwesenden, man wagte kaum zu atmen, man hätte ein Mäuschen über +den Saal gehen hören können, so still und gespannt waren alle, die hintersten +machten lange Hälse, um über die vorderen nach den Kistchen sehen zu können. +Jetzt sprach der Sultan: „Öffnet die Kistchen“, und diese, die +vorher keine Gewalt zu öffnen vermochte, sprangen von selbst auf. +</p> + +<p> +In dem Kistchen, das Omar gewählt hatte, lagen auf einem samtenen Kissen eine +kleine goldene Krone und ein Zepter; in Labakans Kistchen—eine große +Nadel und ein wenig Zwirn! Der Sultan befahl den beiden, ihre Kistchen vor ihn +zu bringen. Er nahm das Krönchen von dem Kissen in seine Hand, und wunderbar +war es anzusehen, wie er es nahm, wurde es größer und größer, bis es die Größe +einer rechten Krone erreicht hatte. Er setzte die Krone seinem Sohn Omar, der +vor ihm kniete, auf das Haupt, küßte ihn auf die Stirne und hieß ihn zu seiner +Rechten sich niedersetzen. Zu Labakan aber wandte er sich und sprach: „Es +ist ein altes Sprichwort: Der Schuster bleibe bei seinem Leisten! Es scheint, +als solltest du bei der Nadel bleiben. Zwar hast du meine Gnade nicht verdient, +aber es hat jemand für dich gebeten, dem ich heute nichts abschlagen kann; drum +schenke ich dir dein armseliges Leben, aber wenn ich dir guten Rates bin, so +beeile dich, daß du aus meinem Lande kommst!“ +</p> + +<p> +Beschämt, vernichtet, wie er war, vermochte der arme Schneidergeselle nichts zu +erwidern; er warf sich vor dem Prinzen nieder, und Tränen drangen ihm aus den +Augen: „Könnt Ihr mir vergeben, Prinz?“ sagte er. +</p> + +<p> +„Treue gegen den Freund, Großmut gegen den Feind ist des Abassiden +Stolz“, antwortete der Prinz, indem er ihn aufhob, „gehe hin in +Frieden!“ +</p> + +<p> +„O du mein echter Sohn!“ rief gerührt der alte Sultan und sank an +die Brust des Sohnes; die Emire und Bassa und alle Großen des Reiches standen +auf von ihren Sitzen und riefen: „Heil dem neuen Königssohn!“ Und +unter dem allgemeinen Jubel schlich sich Labakan, sein Kistchen unter dem Arm, +aus dem Saal. +</p> + +<p> +Er ging hinunter in die Ställe des Sultans, zäumte sein Roß Murva auf und ritt +zum Tore hinaus, Alessandria zu. Sein ganzes Prinzenleben kam ihm wie ein Traum +vor, und nur das prachtvolle Kistchen, reich mit Perlen und Diamanten +geschmückt, erinnerte ihn, daß er doch nicht geträumt habe. +</p> + +<p> +Als er endlich wieder nach Alessandria kam, ritt er vor das Haus seines alten +Meisters, stieg ab, band sein Rößlein an die Türe und trat in die Werkstatt. +Der Meister, der ihn nicht gleich kannte, machte ein großes Wesen und fragte, +was ihm zu Dienst stehe; als er aber den Gast näher ansah und seinen alten +Labakan erkannte, rief er seine Gesellen und Lehrlinge herbei, und alle +stürzten sich wie wütend auf den armen Labakan, der keines solchen Empfangs +gewärtig war, stießen und schlugen ihn mit Bügeleisen und Ellenmaß, stachen ihn +mit Nadeln und zwickten ihn mit scharfen Scheren, bis er erschöpft auf einen +Haufen alter Kleider niedersank. +</p> + +<p> +Als er nun so dalag, hielt ihm der Meister eine Strafrede über das gestohlene +Kleid; vergebens versicherte Labakan, daß er nur deswegen wiedergekommen sei, +um ihm alles zu ersetzen, vergebens bot er ihm den dreifachen Schadenersatz, +der Meister und seine Gesellen fielen wieder über ihn her, schlugen ihn +weidlich und warfen ihn zur Türe hinaus; zerschlagen und zerfetzt stieg er auf +das Roß Murva und ritt in eine Karawanserei. Dort legte er sein müdes, +zerschlagenes Haupt nieder und stellte Betrachtungen an über die Leiden der +Erde, über das so oft verkannte Verdienst und über die Nichtigkeit und +Flüchtigkeit aller Güter. Er schlief mit dem Entschluß ein, aller Größe zu +entsagen und ein ehrsamer Bürger zu werden. +</p> + +<p> +Und den andere Tag gereute ihn sein Entschluß nicht; denn die schweren Hände +des Meisters und seiner Gesellen schienen alle Hoheit aus ihm herausgeprügelt +zu haben. +</p> + +<p> +Er verkaufte um einen hohen Preis sein Kistchen an einen Juwelenhändler, kaufte +sich ein Haus und richtete sich eine Werkstatt zu seinem Gewerbe ein. Als er +alles eingerichtet und auch ein Schild mit der Aufschrift Labakan, +Kleidermacher vor sein Fenster gehängt hatte, setzte er sich und begann mit +jener Nadel und dem Zwirn, die er in dem Kistchen gefunden, den Rock zu +flicken, welchen ihm sein Meister so grausam zerfetzt hatte. Er wurde von +seinem Geschäft abgerufen, und als er sich wieder an die Arbeit setzen wollte, +welch sonderbarer Anblick bot sich ihm dar! Die Nadel nähte emsig fort, ohne +von jemand geführt zu werden; sie machte feine, zierliche Stiche, wie sie +selbst Labakan in seinen kunstreichsten Augenblicken nicht gemacht hatte! +</p> + +<p> +Wahrlich, auch das geringste Geschenk einer gütigen Fee ist nützlich und von +großem Wert! Noch einen andere Wert hatte aber dies Geschenk, nämlich: Das +Stückchen Zwirn ging nie aus, die Nadel mochte so fleißig sein, als sie wollte. +</p> + +<p> +Labakan bekam viele Kunden und war bald der berühmteste Schneider weit und +breit; er schnitt die Gewänder zu und machte den ersten Stich mit der Nadel +daran, und flugs arbeitete diese weiter ohne Unterlaß, bis das Gewand fertig +war. Meister Labakan hatte bald die ganze Stadt zu Kunden; denn er arbeitete +schön und außerordentlich billig, und nur über eines schüttelten die Leute von +Alessandria den Kopf, nämlich: daß er ganz ohne Gesellen und bei verschlossenen +Türen arbeitete. +</p> + +<p> +So war der Spruch des Kistchens, Glück und Reichtum verheißend, in Erfüllung +gegangen; Glück und Reichtum begleiteten, wenn auch in bescheidenem Maße, die +Schritte des guten Schneiders, und wenn er von dem Ruhm des jungen Sultans +Omar, der in aller Munde lebte, hörte, wenn er hörte, daß dieser Tapfere der +Stolz und die Liebe seines Volkes und der Schrecken seiner Feinde sei, da +dachte der ehemalige Prinz bei sich: „Es ist doch besser, daß ich ein +Schneider geblieben bin; denn um die Ehre und den Ruhm ist es eine gar +gefährliche Sache.“ So lebte Labakan, zufrieden mit sich, geachtet von +seinen Mitbürgern, und wenn die Nadel indes nicht ihre Kraft verloren, so näht +sie noch jetzt mit dem ewigen Zwirn der gütigen Fee Adolzaide. +</p> + +<p> +Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket el Had +oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges nach Kairo +waren—Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet, und bald hatten die +Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen entgegenkommen zu sehen. Sie +zogen in die Stadt durch das Tor Bebel Falch; denn es wird für eine glückliche +Vorbedeutung gehalten, wenn man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, +weil der Prophet hindurchgezogen ist. +</p> + +<p> +Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier türkischen Kaufleute von dem +Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit ihren Freunden +nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute Karawanserei und lud ihn +ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der Fremde sagte zu und versprach, wenn +er nur vorher sich umgekleidet habe, zu erscheinen. +</p> + +<p> +Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf der +Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und Getränke in +gehöriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen Gast zu erwarten. +</p> + +<p> +Langsam und schweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem Gemach +führte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich entgegenzusehen und ihn +an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll Entsetzen fuhr er zurück, als er +die Türe öffnete; denn jener schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf +noch einen Blick auf ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebietende +Gestalt, die Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote +Mantel mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den +schrecklichsten Stunden seines Lebens. +</p> + +<p> +Widerstreitende Gefühle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit diesem Bild +seiner Erinnerung längst ausgesöhnt und ihm vergeben, und doch riß sein Anblick +alle seine Wunden wieder auf; alle jene qualvollen Stunden der Todesangst, +jener Gram, der die Blüte seines Lebens vergiftete, zogen im Flug eines +Augenblicks an seiner Seele vorüber. +</p> + +<p> +„Was willst du, Schrecklicher?“ rief der Grieche aus, als die +Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. „Weiche schnell +von hinnen, daß ich dir nicht fluche!“ +</p> + +<p> +„Zaleukos!“ sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor. +„Zaleukos! So empfängst du deinen Gastfreund?“ Der Sprechende nahm +die Larve ab, schlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde. +</p> + +<p> +Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden; denn nur +zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte vecchio erkannt; aber +die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte; er winkte schweigend dem +Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen. +</p> + +<p> +„Ich errate deine Gedanken“, nahm dieser das Wort, als sie sich +gesetzt hatten. „Deine Augen sehen fragend auf mich—ich hätte +schweigen und mich deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin dir +Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin, daß du +mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du sagtest einst +zu mir: Der Glaube meiner Väter befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl +unglücklicher als ich; glaube dieses, mein Freund, und höre meine +Rechtfertigung! +</p> + +<p> +Ich muß weit ausholen, um mich dir ganz verständlich zu machen. Ich bin in +Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jüngere Sohn eines +alten, berühmten französischen Hauses, war Konsul seines Landes in Alessandria. +Ich wurde von meinem zehnten Jahre an in Frankreich bei einem Bruder meiner +Mutter erzogen und verließ erst einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution +mein Vaterland, um mit meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr +sicher war, über dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll +Hoffnung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzosen +entrissen, im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber ach! Ich +fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren Stürme +der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt, desto unerwarteter +hatte das Unglück mein Haus im innersten Herzen heimgesucht. Mein Bruder, ein +junger, hoffnungsvoller Mann, erster Sekretär meines Vaters, hatte sich erst +seit kurzem mit einem jungen Mädchen, der Tochter eines florentinischen +Edelmanns, der in unserer Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor +unserer Ankunft war diese auf einmal verschwunden, ohne daß weder unsere +Familie noch ihr Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man +glaubte endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in +Räuberhände gefallen. Beinahe tröstlicher wäre dieser Gedanke für meinen armen +Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde. Die Treulose +hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie im Hause ihres Vaters +kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder, aufs äußerste empört über +diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur Strafe zu ziehen; doch +vergebens; seine Versuche, die in Neapel und Florenz Aufsehen erregt hatten, +dienten nur dazu, sein und unser aller Unglück zu vollenden. Der florentinische +Edelmann reiste in sein Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder +Recht zu verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in +Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknüpft hatte, nieder +und wußte seinen Einfluß, den er auf alle Art sich verschafft hatte, so gut zu +benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer Regierung verdächtig gemacht und +durch die schändlichsten Mittel gefangen, nach Frankreich geführt und dort vom +Beil des Henkers getötet wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und +erst nach zehn langen Monaten erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen +Zustand, der aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewußtsein geworden +war. So stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke +beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer vergessen, es +war jene mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer letzten Stunde in mir +angefacht hatte. +</p> + +<p> +In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewußtsein zurückgekehrt; +sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem Schicksal und ihrem Ende. +Dann aber ließ sie alle aus dem Zimmer gehen, richtete sich mit feierlicher +Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und sagte, ich könne mir ihren Segen +erwerben, wenn ich ihr schwöre, etwas auszufahren, das sie mir auftragen +würde—Ergriffen von den Worten der sterbenden Mutter, gelobte ich mit +einem Eide zu tun, wie sie mir sagen werde. Sie brach nun in Verwünschungen +gegen den Florentiner und seine Tochter aus und legte mir mit den +fürchterlichsten Drohungen ihres Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu +rächen. Sie starb in meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in +meiner Seele geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den +Rest meines väterlichen Vermögens und schwor mir, alles an meine Rache zu +setzen oder selbst mit unterzugehen. +</p> + +<p> +Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt; mein Plan +war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher sich meine Feinde +befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur geworden und hatte so alle Mittel +in der Hand, sobald er das geringste ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam +mir zu Hilfe. Eines Abends sah ich einen Menschen in bekannter Livree durch die +Straßen gehen; sein unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut +herausgestoßene „Santo sacramento“, „Maledetto diavolo“ +ließen mich den alten Pietro, einen Diener des Florentiners, den ich schon in +Alessandria gekannt hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über +seinen Herrn in Zorn geraten sei, und beschloß, seine Stimmung zu benützen. Er +schien sehr überrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, daß er +seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen könne, und +mein Gold, unterstützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das +Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann in meinem Solde, der mir +zu jeder Stunde die Türe meines Feindes öffnete, und nun reifte mein Racheplan +immer schneller heran. Das Leben des alten Florentiners schien mir ein zu +geringes Gewicht, dem Untergang meines Hauses gegenüber, zu haben. Sein +Liebstes mußte er gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja +sie so schändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache +unseres Unglücks. Gar erwünscht kam sogar meinem rachedürstigen Herzen die +Nachricht, daß in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermählen wollte, es +war beschlossen, sie mußte sterben. Aber mir selbst graute vor der Tat, und +auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum spähten wir umher nach einem +Mann, der das Geschäft vollbringen könne. Unter den Florentinern wagte ich +keinen zu dingen, denn gegen den Gouverneur würde keiner etwas Solches +unternommen haben. Da fiel Pietro der Plan ein, den ich nachher ausgeführt +habe; zugleich schlug er dich als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor. +Den Verlauf der Sache weißt du. Nur an deiner großen Vorsicht und Ehrlichkeit +schien mein Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel. +</p> + +<p> +Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gouverneurs; er hätte uns +auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht, durch den +schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte darbot, erschreckt, +entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war ich über zweihundert +Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer Kirche niedersank. Dort erst +sammelte ich mich wieder, und mein erster Gedanke warst du und dein +schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem Hause fände. Ich schlich an den +Palast, aber weder von Pietro noch von dir konnte ich eine Spur entdecken; das +Pförtchen aber war offen, so konnte ich wenigstens hoffen, daß du die +Gelegenheit zur Flucht benützt haben könntest. +</p> + +<p> +Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Entdeckung und ein +unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz. Ich eilte +nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach einigen Tagen +überall diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man habe den Mörder, einen +griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in banger Besorgnis nach Florenz +zurück; denn schien mir meine Rache schon vorher zu stark, so verfluchte ich +sie jetzt, denn sie war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an +demselben Tage an, der dich der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich +fühlte, als ich dich das Schafott besteigen und so heldenmütig leiden sah. Aber +damals, als dein Blut in Strömen aufspritzte, war der Entschluß fest in mir, +dir deine übrigen Lebenstage zu versüßen. Was weiter geschehen ist, weißt du, +nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit dir machte. +</p> + +<p> +Als eine schwere Last drückte mich der Gedanke, daß du mir noch immer nicht +vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu leben und dir +endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir getan.“ +</p> + +<p> +Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehört; mit sanftem Blick bot er +ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. „Ich wußte wohl, daß du +unglücklicher sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie eine dunkle +Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von Herzen. Aber erlaube mir +noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser Gestalt in die Wüste? Was fingst du +an, nachdem du in Konstantinopel mir das Haus gekauft hattest?“ +</p> + +<p> +„Ich ging nach Alessandria zurück“, antwortete der Gefragte. +„Haß gegen alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Haß besonders +gegen jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen +Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria, als jene +Landung meiner Landsleute erfolgte. +</p> + +<p> +Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum +sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und schloß +mich jenen tapferen Mamelucken an, die so oft der Schrecken des französischen +Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich mich nicht +entschließen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren. Ich lebte mit einer +kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unstetes und flüchtiges, dem Kampf +und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die mich +wie ihren Fürsten ehren; denn wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind +wie Eure Europäer, so sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von +Selbstsucht und Ehrgeiz.“ +</p> + +<p> +Zaleukos dankte dem Fremden für seine Mitteilung, aber er verbarg ihm nicht, +daß er es für seinen Stand, für seine Bildung angemessener fände, wenn er in +christlichen, in europäischen Ländern leben und wirken würde. Er faßte seine +Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei ihm zu leben und zu sterben. +</p> + +<p> +Gerührt sah ihn der Gastfreund an. „Daraus erkenne ich“, sagte er, +„daß du mir ganz vergeben hast, daß du mich liebst. Nimm meinen innigsten +Dank dafür!“ Er sprang auf und stand in seiner ganzen Größe vor dem +Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzenden Augen, der +tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. „Dein Vorschlag ist +schön“, sprach jener weiter, „er möchte für jeden andern lockend +sein—ich kann ihn nicht benützen. Schon steht mein Roß gesattelt, +erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!“ Die Freunde, die das +Schicksal so wunderbar zusammengeführt, umarmten sich zum Abschied. „Und +wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gastfreund, der auf ewig in meinem +Gedächtnis leben wird?“ fragte der Grieche. +</p> + +<p> +Der Fremde sah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und sprach: +„Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin der Räuber Orbasan.“ +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 ***</div> +<div style='text-align:left'> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Updated editions will replace the previous one—the old editions will +be renamed. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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