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+The Project Gutenberg eBook of Märchen-Almanach auf das Jahr 1826, by Wilhelm Hauff
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Märchen-Almanach auf das Jahr 1826
+
+Author: Wilhelm Hauff
+
+Release Date: January 9, 2003 [eBook #6638]
+[Most recently updated: July 31, 2021]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Mike Pullen
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 ***
+
+
+
+
+Märchen-Almanach auf das Jahr 1826
+
+Wilhelm Hauff
+
+
+Inhalt
+
+ Märchen als Almanach
+ Die Karawane (Rahmenerzählung)
+ Die Geschichte vom Kalif Storch
+ Die Geschichte von dem Gespensterschiff
+ Die Geschichte von der abgehauenen Hand
+ Die Errettung Fatmes
+ Die Geschichte von dem kleinen Muck
+ Das Märchen vom falschen Prinzen
+
+
+
+
+Märchen als Almanach
+
+Wilhelm Hauff
+
+
+In einem schönen, fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, daß die
+Sonne in seinen ewig grünen Gärten niemals untergehe, herrschte von
+Anfang an bis heute die Königin Phantasie. Mit vollen Händen spendete
+diese seit vielen Jahrhunderten die Fülle des Segens über die Ihrigen
+und war geliebt, verehrt von allen, die sie kannten. Das Herz der
+Königin war aber zu groß, als daß sie mit ihren Wohltaten bei ihrem
+Lande stehen geblieben wäre; sie selbst, im königlichen Schmuck ihrer
+ewigen Jugend und Schönheit, stieg herab auf die Erde; denn sie hatte
+gehört, daß dort Menschen wohnen, die ihr Leben in traurigem Ernst,
+unter Mühe und Arbeit hinbringen. Diesen hatte sie die schönsten Gaben
+aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die schöne Königin durch die
+Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen fröhlich bei der
+Arbeit, heiter in ihrem Ernst.
+
+Auch ihre Kinder, nicht minder schön und lieblich als die königliche
+Mutter, sandte sie aus, um die Menschen zu beglücken. Einst kam
+Märchen, die älteste Tochter der Königin, von der Erde zurück. Die
+Mutter bemerkte, daß Märchen traurig sei, ja, hier und da wollte ihr
+bedünken, als ob sie verweinte Augen hätte.
+
+„Was hast du, liebes Märchen“, sprach die Königin zu ihr, „du bist seit
+deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner Mutter
+nicht anvertrauen, was dir fehlt?“
+
+„Ach, liebe Mutter“, antwortete Märchen, „ich hätte gewiß nicht so
+lange geschwiegen, wenn ich nicht wüßte, daß mein Kummer auch der
+deinige ist.“
+
+„Sprich immer, meine Tochter“, bat die schöne Königin, „der Gram ist
+ein Stein, der den einzelnen niederdrückt, aber zwei tragen ihn leicht
+aus dem Wege.“
+
+„Du willst es“, antwortete Märchen, „so höre: Du weißt, wie gerne ich
+mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch bei dem Ärmsten vor
+seiner Hütte sitze, um nach der Arbeit ein Stündchen mit ihm zu
+verplaudern; sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum
+Gruß, wenn ich kam, und sahen mir lächelnd und zufrieden nach, wenn ich
+weiterging; aber in diesen Tagen ist es gar nicht mehr so!“
+
+„Armes Märchen!“ sprach die Königin und streichelte ihr die Wange, die
+von einer Träne feucht war, „aber du bildest dir vielleicht dies alles
+nur ein?“
+
+„Glaube mir, ich fühle es nur zu gut“, entgegnete Märchen, „sie lieben
+mich nicht mehr. Überall, wo ich hinkomme, begegnen mir kalte Blicke;
+nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder, die ich doch
+immer so lieb hatte, lachen über mich und wenden mir altklug den Rücken
+zu.“
+
+Die Königin stützte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend.
+
+„Und woher soll es denn“, fragte die Königin, „kommen, Märchen, daß
+sich die Leute da unten so geändert haben?“
+
+„Sieh, die Menschen haben kluge Wächter aufgestellt, die alles, was aus
+deinem Reich kommt, o Königin Phantasie, mit scharfem Blicke mustern
+und prüfen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne ist, so
+erheben sie ein großes Geschrei, schlagen ihn tot oder verleumden ihn
+doch so sehr bei den Menschen, die ihnen aufs Wort glauben, daß man gar
+keine Liebe, kein Fünkchen Zutrauen mehr findet. Ach, wie gut haben es
+meine Brüder, die Träume, fröhlich und leicht hüpfen sie auf die Erde
+hinab, fragen nichts nach jenen klugen Männern, besuchen die
+schlummernden Menschen und weben und malen ihnen, was das Herz beglückt
+und das Auge erfreut!“
+
+„Deine Brüder sind Leichtfüße“, sagte die Königin, „und du, mein
+Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzwächter kenne
+ich übrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie
+aufzustellen; es kam so mancher windige Geselle und tat, als ob er
+geradewegs aus meinem Reiche käme, und doch hatte er höchstens von
+einem Berge zu uns herübergeschaut.“
+
+„Aber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten“,
+weinte Märchen. „Ach, wenn du wüßtest, wie sie es mit mir gemacht
+haben; sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das
+nächste Mal gar nicht mehr hereinzulassen.“ „Wie, meine Tochter nicht
+mehr einzulassen?“ rief die Königin, und Zorn rötete ihre Wangen. „Aber
+ich sehe schon, woher dies kommt; die böse Muhme hat uns verleumdet!“
+
+„Die Mode? Nicht möglich!“ rief Märchen, „sie tat ja sonst immer so
+freundlich.“
+
+„Oh! Ich kenne sie, die Falsche“, antwortete die Königin, „aber
+versuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter, wer Gutes tun will,
+darf nicht rasten.“
+
+„Ach, Mutter! Wenn sie mich dann ganz zurückweisen, oder wenn sie mich
+verleumden, daß mich die Menschen nicht ansehen oder einsam und
+verachtet in der Ecke stehen lassen?“
+
+„Wenn die Alten, von der Mode betört, dich geringschätzen, so wende
+dich an die Kleinen, wahrlich, sie sind meine Lieblinge, ihnen sende
+ich meine lieblichsten Bilder durch deine Brüder, die Träume, ja, ich
+bin schon oft selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und
+geküßt und schöne Spiele mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch wohl,
+sie wissen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe schon oft bemerkt,
+wie sie nachts zu meinen Sternen herauflächeln und morgens, wenn meine
+glänzenden Lämmer am Himmel ziehen, vor Freuden die Hände
+zusammenschlagen. Auch wenn sie größer werden, lieben sie mich noch,
+ich helfe dann den lieblichen Mädchen bunte Kränze flechten, und die
+wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu
+ihnen setze, aus der Nebelwelt der fernen, blauen Berge hohe Burgen und
+glänzende Paläste auftauchen lasse und aus den rötlichen Wolken des
+Abends kühne Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszüge bilde.“
+
+„O die guten Kinder!“ rief Märchen bewegt aus. „Ja, es sei! Mit ihnen
+will ich es noch einmal versuchen.“
+
+„Ja, du gute Tochter“, sprach die Königin, „gehe zu ihnen; aber ich
+will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, daß du den Kleinen
+gefällst und die Großen dich nicht zurückstoßen; siehe, das Gewand
+eines Almanachs will ich dir geben.“
+
+„Eines Almanachs, Mutter? Ach!—Ich schäme mich, so vor den Leuten zu
+prangen.“
+
+Die Königin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand
+eines Almanachs. Es war von glänzenden Farben und schöne Figuren
+eingewoben.
+
+Die Zofen flochten dem schönen Mädchen das lange Haar; sie banden ihr
+goldene Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um.
+
+Das bescheidene Märchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber
+betrachtete es mit Wohlgefallen und schloß es in ihre Arme. „Gehe hin“,
+sprach sie zu der Kleinen, „mein Segen sei mit dir. Und wenn sie dich
+verachten und höhnen, so kehre zurück zu mir, vielleicht, daß spätere
+Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden.“
+
+Also sprach die Königin Phantasie. Märchen aber stieg hinab auf die
+Erde. Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Wächter
+hauseten; sie senkte das Köpfchen zur Erde, sie zog das schöne Gewand
+enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Tor.
+
+„Halt!“ rief eine tiefe, rauhe Stimme. „Wache heraus! Da kommt ein
+neuer Almanach!“
+
+Märchen zitterte, als sie dies hörte; viele ältliche Männer von
+finsterem Aussehen stürzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der
+Faust und hielten sie dem Märchen entgegen. Einer aus der Schar schritt
+auf sie zu und packte sie mit rauher Hand am Kinn. „Nur auch den Kopf
+aufgerichtet, Herr Almanach“, schrie er, „daß man Ihm in den Augen
+ansiehet, ob er was Rechtes ist oder nicht!“
+
+Errötend richtete Märchen das Köpfchen in die Höhe und schlug das
+dunkle Auge auf.
+
+„Das Märchen!“ riefen die Wächter und lachten aus vollem Hals, „das
+Märchen! Haben wunder gemeint, was da käme! Wie kommst du nur in diesen
+Rock?“
+
+„Die Mutter hat ihn mir angezogen“, antwortete Märchen. „So? Sie will
+dich bei uns einschwärzen? Nichts da! Hebe dich weg, mach, daß du
+fortkommst!“ riefen die Wächter untereinander und erhoben die scharfen
+Federn.
+
+„Aber ich will ja nur zu den Kindern“, bat Märchen, „dies könnt ihr mir
+ja doch erlauben.“
+
+„Läuft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?“ rief einer
+der Wächter. „Sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug vor.“
+
+„Laßt uns sehen, was sie diesmal weiß!“ sprach ein anderer.
+
+„Nun ja“, riefen sie, „sag an, was du weißt, aber beeile dich, denn wir
+haben nicht viele Zeit für dich!“
+
+Märchen streckte die Hand aus und schrieb mit dem Zeigefinger viele
+Zeichen in die Luft. Da sah man bunte Gestalten vorüberziehen;
+Karawanen mit schönen Rossen, geschmückte Reiter, viele Zelte im Sand
+der Wüste; Vögel und Schiffe auf stürmischen Meeren; stille Wälder und
+volkreiche Plätze und Straßen; Schlachten und friedliche Nomaden, sie
+alle schwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vorüber.
+
+Märchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen ließ,
+nicht bemerkt, wie die Wächter des Tores nach und nach eingeschlafen
+waren. Eben wollte sie neue Zeichen schreiben, als ein freundlicher
+Mann auf sie zutrat und ihre Hand ergriff. „Siehe her, gutes Märchen“,
+sagte er, indem er auf die Schlafenden zeigte, „für diese sind deine
+bunten Sachen nichts; schlüpfe schnell durch das Tor; sie ahnen dann
+nicht, daß du im Lande bist, und du kannst friedlich und unbemerkt
+deine Straße ziehen. Ich will dich zu meinen Kindern führen; in meinem
+Hause geb’ ich dir ein stilles, freundliches Plätzchen; dort kannst du
+wohnen und für dich leben; wenn dann meine Söhne und Töchter gut
+gelernt haben, dürfen sie mit ihren Gespielen zu dir kommen und dir
+zuhören. Willst du so?“
+
+„Oh, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich
+mich befleißen, ihnen zuweilen ein heiteres Stündchen zu machen!“
+
+Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr, über die Füße der
+schlafenden Wächter hinüberzusteigen. Lächelnd sah sich Märchen um, als
+sie hinüber war, und schlüpfte dann schnell in das Tor.
+
+
+
+
+Die Karawane
+
+Wilhelm Hauff
+
+
+Es zog einmal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der ungeheuren
+Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in
+weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der
+Pferde, eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre
+Nähe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen
+und helleuchtende Gewänder das Auge. So stellte sich die Karawane einem
+Manne dar, welcher von der Seite her auf sie zuritt. Er ritt ein
+schönes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke behängt, an dem
+hochroten Riemenwerk hingen silberne Glöckchen, und auf dem Kopf des
+Pferdes wehte ein schöner Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus,
+und sein Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein weißer Turban,
+reich mit Gold bestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten
+Beinkleider waren von brennendem Rot, ein gekrümmtes Schwert mit
+reichem Griff an seiner Seite. Er hatte den Turban tief ins Gesicht
+gedrückt; dies und die schwarzen Augen, die unter buschigen Brauen
+hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen Nase herabhing,
+gaben ihm ein wildes, kühnes Aussehen.
+
+Als der Reiter ungefähr auf fünfzig Schritt dem Vortrab der Karawane
+nahe war, spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an
+der Spitze des Zuges angelangt. Es war ein so ungewöhnliches Ereignis,
+einen einzelnen Reiter durch die Wüste ziehen zu sehen, daß die Wächter
+des Zuges, einen Überfall befürchtend, ihm ihre Lanzen
+entgegenstreckten.
+
+„Was wollt ihr“, rief der Reiter, als er sich so kriegerisch empfangen
+sah, „glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane angreifen?“
+
+Beschämt schwangen die Wächter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anführer
+aber ritt an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr.
+
+„Wer ist der Herr der Karawane?“ fragte der Reiter.
+
+„Sie gehört nicht einem Herrn“, antwortete der Gefragte, „sondern es
+sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen und die wir
+durch die Wüste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die Reisenden
+beunruhigt.“
+
+„So führt mich zu den Kaufleuten“, begehrte der Fremde.
+
+„Das kann jetzt nicht geschehen“, antwortete der Führer, „weil wir ohne
+Aufenthalt weiterziehen müssen und die Kaufleute wenigstens eine
+Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir weiterreiten,
+bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem Wunsch
+willfahren.“
+
+Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am
+Sattel festgebunden hatte, hervor und fing an in großen Zügen zu
+rauchen, indem er neben dem Anführer des Vortrabs weiterritt. Dieser
+wußte nicht, was er aus dem Fremden machen sollte; er wagte es nicht,
+ihn geradezu nach seinem Namen zu fragen, und so künstlich er auch ein
+Gespräch anzuknüpfen suchte, der Fremde hatte auf das: „Ihr raucht da
+einen guten Tabak“, oder: „Euer Rapp’ hat einen braven Schritt“, immer
+nur mit einem kurzen „Ja, ja!“ geantwortet.
+
+Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten
+wollte. Der Anführer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er
+selbst hielt mit dem Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen.
+Dreißig Kamele, schwer beladen, zogen vorüber, von bewaffneten Führern
+geleitet. Nach diesen kamen auf schönen Pferden die fünf Kaufleute,
+denen die Karawane gehörte. Es waren meistens Männer von vorgerücktem
+Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien viel jünger als
+die übrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine große Anzahl Kamele
+und Packpferde schloß den Zug.
+
+Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings
+umhergestellt. In der Mitte war ein großes Zelt von blauem Seidenzeug.
+Dorthin führte der Anführer der Wache den Fremden. Als sie durch den
+Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die fünf Kaufleute auf
+goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze Sklaven reichten ihnen Speise
+und Getränke. „Wen bringt Ihr uns da?“ rief der junge Kaufmann dem
+Führer zu.
+
+Ehe noch der Führer antworten konnte, sprach der Fremde: „Ich heiße
+Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka
+von einer Räuberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich
+aus der Gefangenschaft befreit. Der große Prophet ließ mich die Glocken
+eurer Karawane in weiter Ferne hören, und so kam ich bei euch an.
+Erlaubet mir, daß ich in eurer Gesellschaft reise! Ihr werdet euren
+Schutz keinem Unwürdigen schenken, und so ihr nach Bagdad kommet, werde
+ich eure Güte reichlich belohnen denn ich bin der Neffe des
+Großwesirs.“
+
+Der älteste der Kaufleute nahm das Wort: „Selim Baruch“, sprach er,
+„sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude, dir
+beizustehen; vor allem aber setze dich und iß und trinke mit uns.“
+
+Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und aß und trank mit ihnen.
+Nach dem Essen räumten die Sklaven die Geschirre hinweg und brachten
+lange Pfeifen und türkischen Sorbet. Die Kaufleute saßen lange
+schweigend, indem sie die bläulichen Rauchwolken vor sich hinbliesen
+und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und endlich in die
+Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach endlich das Stillschweigen:
+„So sitzen wir seit drei Tagen“, sprach er, „zu Pferd und am Tisch,
+ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. Ich verspüre gewaltig
+Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tänzer zu sehen oder
+Gesang und Musik zu hören. Wißt ihr gar nichts, meine Freunde, das uns
+die Zeit vertreibt?“
+
+Die vier älteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft
+nachzusinnen, der Fremde aber sprach: „Wenn es mir erlaubt ist, will
+ich euch einen Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz könnte
+einer von uns den anderen etwas erzählen. Dies könnte uns schon die
+Zeit vertreiben.“
+
+„Selim Baruch, du hast wahr gesprochen“, sagte Achmet, der älteste der
+Kaufleute, „laßt uns den Vorschlag annehmen.“
+
+„Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt“, sprach Selim, „damit
+ihr aber sehet, daß ich nichts Unbilliges verlange, so will ich den
+Anfang machen.“
+
+Vergnügt rückten die fünf Kaufleute näher zusammen und ließen den
+Fremden in ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder
+voll, stopften die Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten glühende
+Kohlen zum Anzünden. Selim aber erfrischte seine Stimme mit einem
+tüchtigen Zuge Sorbet, strich den langen Bart über dem Mund weg und
+sprach:
+
+„So hört denn die Geschichte vom Kalif Storch.“
+
+Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die
+Kaufleute sehr zufrieden damit. „Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns
+vergangen, ohne daß wir merkten wie!“ sagte einer derselben, indem er
+die Decke des Zeltes zurückschlug. „Der Abendwind wehet kühl, und wir
+könnten noch eine gute Strecke Weges zurücklegen.“ Seine Gefährten
+waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die
+Karawane machte sich in der nämlichen Ordnung, in welcher sie
+herangezogen war, auf den Weg.
+
+Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am
+Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich
+an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich
+zur Ruhe. Für den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr
+wertester Gastfreund wäre. Der eine gab ihm Polster, der andere Decken,
+ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient, als ob er
+zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren schon
+heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen
+einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist
+hatten, rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann
+wandte sich an den ältesten und sprach: „Selim Baruch hat uns gestern
+einen vergnügten Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns
+auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele
+Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hübsches Märchen.“
+Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im
+Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich
+fing er an zu sprechen:
+
+„Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue
+Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will
+ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und
+nicht jedem erzähle: die Geschichte von dem Gespensterschiff.“
+
+Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder
+gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim,
+der Fremde, zu Muley, dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen:
+
+„Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und
+wißt für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er
+uns erquicke nach der Hitze des Tages!“
+
+„Wohl möchte ich euch etwas erzählen“, antwortete Muley, „das euch Spaß
+machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen;
+darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos
+ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was
+sein Leben so ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er
+solchen hat, lindern können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er
+auch anderen Glaubens ist.“
+
+Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren
+Jahren, schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein
+Ungläubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine
+Reisegefährten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und
+Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine Hand, und einige seiner
+Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn so ernst
+stimme.
+
+Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: „Ich bin sehr
+geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen,
+von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch
+weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch
+einiges erzählen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als
+andere Leute. Ihr sehet, daß ich meine linke Hand verloren habe. Sie
+fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den
+schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die Schuld davon
+trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine Lage
+mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt
+die Geschichte von der abgehauenen Hand.“
+
+Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt.
+Mit großer Teilnahme hatten ihm die übrigen zugehört, besonders der
+Fremde schien sehr davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief
+geseufzt, und Muley schien es sogar, als habe er einmal Tränen in den
+Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit über diese
+Geschichte.
+
+„Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnöd’ um ein so
+edles Glied Eures Körpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?“
+fragte der Fremde.
+
+„Wohl gab es in früherer Zeit Stunden“, antwortete der Grieche, „in
+denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über mich
+gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem
+Glauben meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben;
+auch ist er wohl noch unglücklicher als ich.“
+
+„Ihr seid ein edler Mann!“ rief der Fremde und drückte gerührt dem
+Griechen die Hand.
+
+Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat
+mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der
+Ruhe überlassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich die
+Karawanen angegriffen würden, auch glaubten seine Wachen, in der
+Entfernung mehrere Reiter zu sehen.
+
+Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der
+Fremde, aber wunderte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so
+gut geschätzt wären, daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu
+fürchten brauchten.
+
+„Ja, Herr!“ entgegnete ihm der Anführer der Wache. „Wenn es nur solches
+Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit
+einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es,
+auf seiner Hut zu sein.“
+
+Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte
+Kaufmann, antwortete ihm: „Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke über
+diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches
+Wesen, weil er oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf
+besteht, andere halten ihn für einen tapferen Franken, den das Unglück
+in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist nur so viel gewiß,
+daß er ein verruchter Mörder und Dieb ist.“
+
+„Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten“, entgegnete ihm Lezah, einer
+der Kaufleute. „Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein edler
+Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich
+Euch erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen
+gemacht, und so lange er die Wüste durchstreift, darf kein anderer
+Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere,
+sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm
+dieses willig bezahlt, der ziehet ungefährdet weiter; denn Orbasan ist
+der Herr der Wüste.“
+
+Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die
+um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein
+ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der
+Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager
+zuzureiten. Einer der Männer von der Wache ging daher in das Zelt, um
+zu verkünden, daß sie wahrscheinlich angegriffen würden. Die Kaufleute
+berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen entgegengehen
+oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei älteren Kaufleute
+wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos verlangten
+das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog
+ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel
+hervor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das
+Zelt zu stecken; er setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter
+werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley
+glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steckte die Lanze auf das
+Zelt. Inzwischen hatten alle, die im Lager waren, zu den Waffen
+gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den Reitern entgegen. Doch
+diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen
+plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in einem großen
+Bogen auf der Seite hin.
+
+Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf
+die Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie
+wenn nichts vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene
+hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. „Wer bist du, mächtiger
+Fremdling“, rief er aus, „der du die wilden Horden der Wüste durch
+einen Wink bezähmst?“
+
+„Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie ist“, antwortete Selim
+Baruch. „Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der
+Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht;
+nur so viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter
+mächtigem Schutze steht.“
+
+Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter.
+Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die
+Karawane nicht lange hätte Widerstand leisten können.
+
+Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne
+zu sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich,
+brachen sie auf und zogen weiter.
+
+Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem
+Ausgang der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen
+Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort:
+
+„Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler
+Mann sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der
+Schicksale meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er
+hatte drei Kinder. Ich war der Älteste, ein Bruder und eine Schwester
+waren bei weitem jünger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt war, rief
+mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er setzte mich zum Erben seiner
+Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu seinem Tode bei ihm
+bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst vor zwei
+Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch
+schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gütig Allah
+es gewendet hatte.“ Die Errettung Fatmes
+
+Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten
+die Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren
+lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen
+Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und
+obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch
+die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; denn der
+Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die
+Wüste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen geöffnet
+und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der junge
+lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder dazu, die
+selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln entlockten. Aber nicht
+genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel erheitert hatte, er
+gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen versprochen
+hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte, also
+zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck.
+
+„So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein
+rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte
+mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich
+erzählte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und
+wir gewannen ihn so lieb, daß ihn keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil,
+wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm immer so tief
+wie vor Kadi und Mufti gebückt.“
+
+Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu
+machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken. Die
+gestrige Fröhlichkeit ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten
+sich in allerlei Spielen. Nach dem Essen aber riefen sie dem fünften
+Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich den übrigen zu
+tun und eine Geschichte zu erzählen. Er antwortete, sein Leben sei zu
+arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er ihnen etwas davon
+mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzählen, nämlich:
+Das Märchen vom falschen Prinzen.
+
+Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket
+el Had oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges
+nach Kairo waren—Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet, und
+bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen
+entgegenkommen zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch das Tor Bebel
+Falch; denn es wird für eine glückliche Vorbedeutung gehalten, wenn man
+von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, weil der Prophet
+hindurchgezogen ist.
+
+Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier türkischen Kaufleute von
+dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit ihren
+Freunden nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute
+Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der
+Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher sich umgekleidet
+habe, zu erscheinen.
+
+Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf
+der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und
+Getränke in gehöriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen
+Gast zu erwarten.
+
+Langsam und schweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem
+Gemach führte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich
+entgegenzusehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll
+Entsetzen fuhr er zurück, als er die Türe öffnete; denn jener
+schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick auf
+ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt, die
+Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote Mantel
+mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den
+schrecklichsten Stunden seines Lebens.
+
+Widerstreitende Gefühle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit
+diesem Bild seiner Erinnerung längst ausgesöhnt und ihm vergeben, und
+doch riß sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene
+qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Blüte seines
+Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele
+vorüber.
+
+„Was willst du, Schrecklicher?“ rief der Grieche aus, als die
+Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. „Weiche
+schnell von hinnen, daß ich dir nicht fluche!“
+
+„Zaleukos!“ sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor.
+„Zaleukos! So empfängst du deinen Gastfreund?“ Der Sprechende nahm die
+Larve ab, schlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde.
+
+Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden;
+denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte
+vecchio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte;
+er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.
+
+„Ich errate deine Gedanken“, nahm dieser das Wort, als sie sich gesetzt
+hatten. „Deine Augen sehen fragend auf mich—ich hätte schweigen und
+mich deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin dir
+Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin,
+daß du mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du
+sagtest einst zu mir: Der Glaube meiner Väter befiehlt mir, ihn zu
+lieben, auch ist er wohl unglücklicher als ich; glaube dieses, mein
+Freund, und höre meine Rechtfertigung!
+
+Ich muß weit ausholen, um mich dir ganz verständlich zu machen. Ich bin
+in Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jüngere
+Sohn eines alten, berühmten französischen Hauses, war Konsul seines
+Landes in Alessandria. Ich wurde von meinem zehnten Jahre an in
+Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verließ erst
+einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit
+meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war, über
+dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll Hoffnung, die
+Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzosen entrissen,
+im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber ach! Ich fand
+nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren
+Stürme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt,
+desto unerwarteter hatte das Unglück mein Haus im innersten Herzen
+heimgesucht. Mein Bruder, ein junger, hoffnungsvoller Mann, erster
+Sekretär meines Vaters, hatte sich erst seit kurzem mit einem jungen
+Mädchen, der Tochter eines florentinischen Edelmanns, der in unserer
+Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war
+diese auf einmal verschwunden, ohne daß weder unsere Familie noch ihr
+Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man glaubte
+endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in
+Räuberhände gefallen. Beinahe tröstlicher wäre dieser Gedanke für
+meinen armen Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund
+wurde. Die Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie
+im Hause ihres Vaters kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder,
+aufs äußerste empört über diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige
+zur Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Versuche, die in Neapel und
+Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und unser aller
+Unglück zu vollenden. Der florentinische Edelmann reiste in sein
+Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu
+verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in
+Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknüpft hatte,
+nieder und wußte seinen Einfluß, den er auf alle Art sich verschafft
+hatte, so gut zu benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer
+Regierung verdächtig gemacht und durch die schändlichsten Mittel
+gefangen, nach Frankreich geführt und dort vom Beil des Henkers getötet
+wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach zehn
+langen Monaten erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen Zustand, der
+aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewußtsein geworden war. So
+stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke
+beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer
+vergessen, es war jene mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer
+letzten Stunde in mir angefacht hatte.
+
+In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewußtsein
+zurückgekehrt; sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem
+Schicksal und ihrem Ende. Dann aber ließ sie alle aus dem Zimmer gehen,
+richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und
+sagte, ich könne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr schwöre, etwas
+auszuführen, das sie mir auftragen würde—Ergriffen von den Worten der
+sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide zu tun, wie sie mir sagen
+werde. Sie brach nun in Verwünschungen gegen den Florentiner und seine
+Tochter aus und legte mir mit den fürchterlichsten Drohungen ihres
+Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu rächen. Sie starb in
+meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in meiner Seele
+geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den Rest
+meines väterlichen Vermögens und schwor mir, alles an meine Rache zu
+setzen oder selbst mit unterzugehen.
+
+Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt;
+mein Plan war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher
+sich meine Feinde befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur
+geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das geringste
+ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Eines Abends sah
+ich einen Menschen in bekannter Livree durch die Straßen gehen; sein
+unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut herausgestoßene
+„Santo sacramento“, „Maledetto diavolo“ ließen mich den alten Pietro,
+einen Diener des Florentiners, den ich schon in Alessandria gekannt
+hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über seinen Herrn in
+Zorn geraten sei, und beschloß, seine Stimmung zu benützen. Er schien
+sehr überrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, daß er
+seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen
+könne, und mein Gold, unterstützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf
+meine Seite. Das Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann
+in meinem Solde, der mir zu jeder Stunde die Türe meines Feindes
+öffnete, und nun reifte mein Racheplan immer schneller heran. Das Leben
+des alten Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem
+Untergang meines Hauses gegenüber, zu haben. Sein Liebstes mußte er
+gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja sie so
+schändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache
+unseres Unglücks. Gar erwünscht kam sogar meinem rachedürstigen Herzen
+die Nachricht, daß in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermählen
+wollte, es war beschlossen, sie mußte sterben. Aber mir selbst graute
+vor der Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum
+spähten wir umher nach einem Mann, der das Geschäft vollbringen könne.
+Unter den Florentinern wagte ich keinen zu dingen, denn gegen den
+Gouverneur würde keiner etwas Solches unternommen haben. Da fiel Pietro
+der Plan ein, den ich nachher ausgeführt habe; zugleich schlug er dich
+als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor. Den Verlauf der Sache
+weißt du. Nur an deiner großen Vorsicht und Ehrlichkeit schien mein
+Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel.
+
+Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gouverneurs; er
+hätte uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht,
+durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte
+darbot, erschreckt, entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war
+ich über zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer
+Kirche niedersank. Dort erst sammelte ich mich wieder, und mein erster
+Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem
+Hause fände. Ich schlich an den Palast, aber weder von Pietro noch von
+dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pförtchen aber war offen, so
+konnte ich wenigstens hoffen, daß du die Gelegenheit zur Flucht benützt
+haben könntest.
+
+Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Entdeckung und
+ein unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz.
+Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach
+einigen Tagen überall diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man
+habe den Mörder, einen griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in
+banger Besorgnis nach Florenz zurück; denn schien mir meine Rache schon
+vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie war mir durch
+dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an demselben Tage an, der dich
+der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich fühlte, als ich dich
+das Schafott besteigen und so heldenmütig leiden sah. Aber damals, als
+dein Blut in Strömen aufspritzte, war der Entschluß fest in mir, dir
+deine übrigen Lebenstage zu versüßen. Was weiter geschehen ist, weißt
+du, nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit
+dir machte.
+
+Als eine schwere Last drückte mich der Gedanke, daß du mir noch immer
+nicht vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu
+leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir
+getan.“
+
+Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehört; mit sanftem Blick
+bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. „Ich wußte wohl, daß du
+unglücklicher sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie
+eine dunkle Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von
+Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser
+Gestalt in die Wüste? Was fingst du an, nachdem du in Konstantinopel
+mir das Haus gekauft hattest?“
+
+„Ich ging nach Alessandria zurück“, antwortete der Gefragte. „Haß gegen
+alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Haß besonders gegen
+jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen
+Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria,
+als jene Landung meiner Landsleute erfolgte.
+
+Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum
+sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und
+schloß mich jenen tapferen Mamelucken an, die so oft der Schrecken des
+französischen Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich
+mich nicht entschließen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren.
+Ich lebte mit einer kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unstetes
+und flüchtiges, dem Kampf und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe
+zufrieden unter diesen Leuten, die mich wie ihren Fürsten ehren; denn
+wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind wie Eure Europäer, so
+sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von Selbstsucht
+und Ehrgeiz.“
+
+Zaleukos dankte dem Fremden für seine Mitteilung, aber er verbarg ihm
+nicht, daß er es für seinen Stand, für seine Bildung angemessener
+fände, wenn er in christlichen, in europäischen Ländern leben und
+wirken würde. Er faßte seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei
+ihm zu leben und zu sterben.
+
+Gerührt sah ihn der Gastfreund an. „Daraus erkenne ich“, sagte er, „daß
+du mir ganz vergeben hast, daß du mich liebst. Nimm meinen innigsten
+Dank dafür!“ Er sprang auf und stand in seiner ganzen Größe vor dem
+Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzenden
+Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. „Dein Vorschlag
+ist schön“, sprach jener weiter, „er möchte für jeden andern lockend
+sein—ich kann ihn nicht benützen. Schon steht mein Roß gesattelt,
+erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!“ Die Freunde, die das
+Schicksal so wunderbar zusammengeführt, umarmten sich zum Abschied.
+„Und wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gastfreund, der auf ewig in
+meinem Gedächtnis leben wird?“ fragte der Grieche.
+
+Der Fremde sah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und
+sprach: „Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin der Räuber
+Orbasan.“
+
+
+
+
+Kalif Storch
+
+Wilhelm Hauff
+
+
+Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag
+behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war
+ein heißer Tag, und sah nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Er
+rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hier und da ein
+wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich allemal
+vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Kurz, man sah dem
+Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde konnte man gar
+gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig war,
+deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor alle Tage um diese
+Zeit. An diesem Nachmittage nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich
+aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig
+aus dem Mund und sprach: „Warum machst du ein so nachdenkliches
+Gesicht, Großwesir?“
+
+Der Großwesir schlug seine Arme kreuzweis über die Brust, verneigte
+sich vor seinem Herrn und antwortete: „Herr, ob ich ein nachdenkliches
+Gesicht mache, weiß ich nicht, aber da drunten am Schloß steht ein
+Krämer, der hat so schöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel
+überflüssiges Geld zu haben.“
+
+Der Kalif, der seinem Großwesir schon lange gerne eine Freude gemacht
+hätte, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer
+heraufzuholen. Bald kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war
+ein kleiner, dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem
+Anzug. Er trug einen Kasten, in welchem er allerhand Waren hatte,
+Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und Kämme. Der
+Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif kaufte
+endlich für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des Wesirs
+aber einen Kamm. Als der Krämer seinen Kasten schon wieder zumachen
+wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch
+Waren seien. Der Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine
+Dose mit schwärzlichem Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift,
+die weder der Kalif noch Mansor lesen konnte. „Ich bekam einmal diese
+zwei Stücke von einem Kaufmanne, der sie in Mekka auf der Straße fand“,
+sagte der Krämer, „Ich weiß nicht, was sie enthalten; euch stehen sie
+um geringen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts damit anfangen.“
+
+Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte, wenn
+er sie auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und entließ den
+Krämer. Der Kalif aber dachte, er möchte gerne wissen, was die Schrift
+enthalte, und, fragte den Wesir, ob er keinen kenne, der es entziffern
+könnte.
+
+„Gnädigster Herr und Gebieter“, antwortete dieser, „an der großen
+Moschee wohnt ein Mann, er heißt Selim, der Gelehrte, der versteht alle
+Sprachen, laß ihn kommen, vielleicht kennt er diese geheimnisvollen
+Züge.“
+
+Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt. „Selim“, sprach zu ihm der
+Kalif, „Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein wenig
+in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, so
+bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so
+bekommst du zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fußsohlen,
+weil man dich dann umsonst Selim, den Gelehrten, nennt.“
+
+Selim verneigte sich und sprach: „Dein Wille geschehe, o Herr!“ Lange
+betrachtete er die Schrift, plötzlich aber rief er aus: „Das ist
+Lateinisch, o Herr, oder ich laß mich hängen.“ „Sag, was drinsteht“,
+befahl der Kalif, „wenn es Lateinisch ist.“
+
+Selim fing an zu übersetzen: „Mensch, der du dieses findest, preise
+Allah für seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und
+dazu spricht: mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und
+versteht auch die Sprache der Tiere.
+
+Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurückkehren, so neige er
+sich dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber hüte dich, wenn du
+verwandelt bist, daß du nicht lachest, sonst verschwindet das
+Zauberwort gänzlich aus deinem Gedächtnis, und du bleibst ein Tier.“
+
+Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif über die
+Maßen vergnügt. Er ließ den Gelehrten schwören, niemandem etwas von dem
+Geheimnis zu sagen, schenkte ihm ein schönes Kleid und entließ ihn. Zu
+seinem Großwesir aber sagte er: „Das heiß’ ich gut einkaufen, Mansor!
+Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin. Morgen früh kommst du zu mir;
+wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen etwas Weniges aus
+meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft und im Wasser, im Wald
+und Feld gesprochen wird!“
+
+Kaum hatte am anderen Morgen der Kalif Chasid gefrühstückt und sich
+angekleidet, als schon der Großwesir erschien, ihn, wie er befohlen,
+auf dem Spaziergang zu begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem
+Zauberpulver in den Gürtel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen,
+zurückzubleiben, machte er sich mit dem Großwesir ganz allein auf den
+Weg. Sie gingen zuerst durch die weiten Gärten des Kalifen, spähten
+aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststück zu probieren.
+Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen, wo
+er schon oft viele Tiere, namentlich Störche, gesehen habe, die durch
+ihr gravitätisches Wesen und ihr Geklapper immer seine Aufmerksamkeit
+erregt hatten.
+
+Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem
+Teich zu. Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storch
+ernsthaft auf und ab gehen, Frösche suchend und hier und da etwas vor
+sich hinklappernd. Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft einen
+anderen Storch dieser Gegend zuschweben.
+
+„Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr“, sagte der Großwesir, „wenn
+nicht diese zwei Langfüßler ein schönes Gespräch miteinander führen
+werden. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?“
+
+„Wohl gesprochen!“ antwortete der Kalif. „Aber vorher wollen wir noch
+einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird.—Richtig! Dreimal gen
+Osten geneigt und mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif und du Wesir.
+Aber nur um Himmels willen nicht gelacht, sonst sind wir verloren!“
+
+Während der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch über ihrem
+Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die
+Dose aus dem Gürtel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Großwesir dar,
+der gleichfalls schnupfte, und beide riefen: mutabor!
+
+Da schrumpften ihre Beine ein und wurden dünn und rot, die schönen
+gelben Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden unförmliche
+Storchfüße, die Arme wurden zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achseln
+und ward eine Elle lang, der Bart war verschwunden, und den Körper
+bedeckten weiche Federn.
+
+„Ihr habt einen hübschen Schnabel, Herr Großwesir“, sprach nach langem
+Erstaunen der Kalif. „Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich in
+meinem Leben nicht gesehen.“ „Danke untertänigst“, erwiderte der
+Großwesir, indem er sich bückte, „aber wenn ich es wagen darf, möchte
+ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch hübscher aus
+denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefällig ist, daß wir unsere
+Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir wirklich Storchisch
+können.“
+
+Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen; er putzte sich mit
+dem Schnabel seine Füße, legte seine Federn zurecht und ging auf den
+ersten Storch zu. Die beiden neuen Störche aber beeilten sich, in ihre
+Nähe zu kommen, und vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes Gespräch:
+
+„Guten Morgen, Frau Langbein, so früh schon auf der Wiese?“
+
+„Schönen Dank, liebe Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines
+Frühstück geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs gefällig
+oder ein Froschschenkelein?“
+
+„Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen
+etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines
+Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig üben.“
+
+Zugleich schritt die junge Störchin in wunderlichen Bewegungen durch
+das Feld. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach; als sie aber
+in malerischer Stellung auf einem Fuß stand und mit den Flügeln anmutig
+dazu wedelte, da konnten sich die beiden nicht mehr halten; ein
+unaufhaltsames Gelächter brach aus ihren Schnäbeln hervor, von dem sie
+sich erst nach langer Zeit erholten. Der Kalif faßte sich zuerst
+wieder: „Das war einmal ein Spaß“, rief er, „der nicht mit Gold zu
+bezahlen ist; schade, daß die Tiere durch unser Gelächter sich haben
+verscheuchen lassen, sonst hätten sie gewiß auch noch gesungen!“
+
+Aber jetzt fiel es dem Großwesir ein, daß das Lachen während der
+Verwandlung verboten war. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen
+mit. „Potz Mekka und Medina! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein
+Storch bleiben müßte! Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich bring’
+es nicht heraus.“
+
+„Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken und dazu sprechen: mu—mu—mu—“
+
+Sie stellten sich gegen Osten und bückten sich in einem fort, daß ihre
+Schnäbel beinahe die Erde berührten; aber, o Jammer! Das Zauberwort war
+ihnen entfallen, und so oft sich auch der Kalif bückte, so sehnlich
+auch sein Wesir mu—mu dazu rief, jede Erinnerung daran war
+verschwunden, und der arme Chasid und sein Wesir waren und blieben
+Störche.
+
+Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wußten gar
+nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten. Aus ihrer Storchenhaut
+konnten sie nicht heraus, in die Stadt zurück konnten sie auch nicht,
+um sich zu erkennen zu geben; denn wer hätte einem Storch geglaubt, daß
+er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt hätte, würden die
+Einwohner von Bagdad einen Storch zum Kalif gewollt haben?
+
+So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich von
+Feldfrüchten, die sie aber wegen ihrer langen Schnäbel nicht gut
+verspeisen konnten. Auf Eidechsen und Frösche hatten sie übrigens
+keinen Appetit, denn sie befürchteten, mit solchen Leckerbissen sich
+den Magen zu verderben. Ihr einziges Vergnügen in dieser traurigen Lage
+war, daß sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die Dächer von
+Bagdad, um zu sehen, was darin vorging.
+
+In den ersten Tagen bemerkten sie große Unruhe und Trauer in den
+Straßen; aber ungefähr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung saßen sie
+auf dem Palast des Kalifen, da sahen sie unten in der Straße einen
+prächtigen Aufzug; Trommeln und Pfeifen ertönten, ein Mann in einem
+goldbestickten Scharlachmantel saß auf einem geschmückten Pferd,
+umgeben von glänzenden Dienern, halb Bagdad sprang ihm nach, und alle
+schrien: „Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!“
+
+Da sahen die beiden Störche auf dem Dache des Palastes einander an, und
+der Kalif Chasid sprach: „Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin,
+Großwesir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des mächtigen
+Zauberers Kaschnur, der mir in einer bösen Stunde Rache schwur. Aber
+noch gebe ich die Hoffnung nicht auf—Komm mit mir, du treuer Gefährte
+meines Elends, wir wollen zum Grabe des Propheten wandern, vielleicht,
+daß an heiliger Stätte der Zauber gelöst wird.“
+
+Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina
+zu.
+
+Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden
+Störche hatten noch wenig Übung. „O Herr“, ächzte nach ein paar Stunden
+der Großwesir, „ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr lange aus;
+Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir täten wohl,
+ein Unterkommen für die Nacht zu suchen.“
+
+Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er unten im Tale eine
+Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewähren schien, so flogen sie
+dahin. Der Ort, wo sie sich für diese Nacht niedergelassen hatten,
+schien ehemals ein Schloß gewesen zu sein. Schöne Säulen ragten unter
+den Trümmern hervor, mehrere Gemächer, die noch ziemlich erhalten
+waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses. Chasid und sein
+Begleiter gingen durch die Gänge umher, um sich ein trockenes Plätzchen
+zu suchen; plötzlich blieb der Storch Mansor stehen. „Herr und
+Gebieter“, flüsterte er leise, „wenn es nur nicht töricht für einen
+Großwesir, noch mehr aber für einen Storch wäre, sich vor Gespenstern
+zu fürchten! Mir ist ganz unheimlich zumute; denn hier neben hat es
+ganz vernehmlich geseufzt und gestöhnt.“ Der Kalif blieb nun auch
+stehen und hörte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher einem
+Menschen als einem Tiere anzugehören schien. Voll Erwartung wollte er
+der Gegend zugehen, woher die Klagetöne kamen; der Wesir aber packte
+ihn mit dem Schnabel am Flügel und bat ihn flehentlich, sich nicht in
+neue, unbekannte Gefahren zu stürzen. Doch vergebens! Der Kalif, dem
+auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz schlug, riß sich mit
+Verlust einiger Federn los und eilte in einen finsteren Gang. Bald war
+er an einer Tür angelangt, die nur angelehnt schien und woraus er
+deutliche Seufzer mit ein wenig Geheul vernahm. Er stieß mit dem
+Schnabel die Türe auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen.
+In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster
+spärlich erleuchtet war, sah er eine große Nachteule am Boden sitzen.
+Dicke Tränen rollten ihr aus den großen, runden Augen, und mit heiserer
+Stimme stieß sie ihre Klagen zu dem krummen Schnabel heraus. Als sie
+aber den Kalifen und seinen Wesir, der indes auch herbeigeschlichen
+war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei. Zierlich wischte
+sie mit dem braungefleckten Flügel die Tränen aus dem Auge, und zu dem
+größten Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem Arabisch:
+„Willkommen, ihr Störche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner
+Errettung; denn durch Störche werde mir ein großes Glück kommen, ist
+mir einst prophezeit worden!“
+
+Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückte er sich
+mit seinem langen Hals, brachte seine dünnen Füße in eine zierliche
+Stellung und sprach: „Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben,
+eine Leidensgefährtin in dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, daß
+durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich. Du wirst unsere
+Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hörst.“ Die
+Nachteule bat ihn zu erzählen, was der Kalif sogleich tat.
+
+Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie
+ihm und sagte: „Vernimm auch meine Geschichte und höre, wie ich nicht
+weniger unglücklich bin als du. Mein Vater ist der König von Indien,
+ich, seine einzige unglückliche Tochter, heiße Lusa. Jener Zauberer
+Kaschnur, der euch verzauberte, hat auch mich ins Unglück gestürzt. Er
+kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau für seinen
+Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, ließ ihn die
+Treppe hinunterwerfen. Der Elende wußte sich unter einer anderen
+Gestalt wieder in meine Nähe zu schleichen, und als ich einst in meinem
+Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave
+verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt
+verwandelte. Vor Schrecken ohnmächtig, brachte er mich hierher und rief
+mir mit schrecklicher Stimme in die Ohren:
+
+,Da sollst du bleiben, häßlich, selbst von den Tieren verachtet, bis an
+dein Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser
+schrecklichen Gestalt, zur Gattin begehrt. So räche ich mich an dir und
+deinem stolzen Vater.‘
+
+Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich als
+Einsiedlerin in diesem Gemäuer, verabscheut von der Welt, selbst den
+Tieren ein Greuel; die schöne Natur ist vor mir verschlossen; denn ich
+bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein bleiches Licht über dies
+Gemäuer ausgießt, fällt der verhüllende Schleier von meinem Auge.“
+
+Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Flügel wieder die Augen
+aus, denn die Erzählung ihrer Leiden hatte ihr Tränen entlockt.
+
+Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzessin in tiefes Nachdenken
+versunken. „Wenn mich nicht alles täuscht“, sprach er, „so findet
+zwischen unserem Unglück ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo finde
+ich den Schlüssel zu diesem Rätsel?“
+
+Die Eule antwortete ihm: „O Herr! Auch mir ahnet dies; denn es ist mir
+einst in meiner frühesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit
+worden, daß ein Storch mir ein großes Glück bringen werde, und ich
+wüßte vielleicht, wie wir uns retten könnten.“ Der Kalif war sehr
+erstaunt und fragte, auf welchem Wege sie meine. „Der Zauberer, der uns
+beide unglücklich gemacht hat“, sagte sie, „kommt alle Monate einmal in
+diese Ruinen. Nicht weit von diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er
+dann mit vielen Genossen zu schmausen. Schon oft habe ich sie dort
+belauscht. Sie erzählen dann einander ihre schändlichen Werke;
+vielleicht, daß er dann das Zauberwort, das ihr vergessen habt,
+ausspricht.“
+
+„O, teuerste Prinzessin“, rief der Kalif, „sag an, wann kommt er, und
+wo ist der Saal?“
+
+Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: „Nehmet es nicht
+ungütig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch
+erfüllen.“
+
+„Sprich aus! Sprich aus!“ schrie Chasid. „Befiehl, es ist mir jede
+recht.“
+
+„Nämlich, ich möchte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur
+geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht.“
+
+Die Störche schienen über den Antrag etwas betroffen zu sein, und der
+Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen.
+
+„Großwesir“, sprach vor der Türe der Kalif, „das ist ein dummer Handel;
+aber Ihr könntet sie schon nehmen.“
+
+„So“, antwortete dieser, „daß mir meine Frau, wenn ich nach Hause
+komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid
+noch jung und unverheiratet und könnet eher einer jungen, schönen
+Prinzessin die Hand geben.“
+
+„Das ist es eben“, seufzte der Kalif, indem er traurig die Flügel
+hängen ließ, „wer sagt dir denn, daß sie jung und schön ist? Das heißt
+eine Katze im Sack kaufen!“
+
+Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der
+Kalif sah, daß sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten
+wollte, entschloß er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfüllen. Die
+Eule war hocherfreut. Sie gestand ihnen, daß sie zu keiner besseren
+Zeit hätten kommen können, weil wahrscheinlich in dieser Nacht die
+Zauberer sich versammeln würden.
+
+Sie verließ mit den Störchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu
+führen; sie gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich strahlte
+ihnen aus einer halbverfallenen Mauer ein heller Schein entgegen. Als
+sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu
+verhalten. Sie konnten von der Lücke, an welcher sie standen, einen
+großen Saal übersehen. Er war ringsum mit Säulen geschmückt und
+prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht des
+Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, mit vielen und
+ausgesuchten Speisen besetzt. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf
+welchem acht Männer saßen. In einem dieser Männer erkannten die Störche
+jenen Krämer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein
+Nebensitzer forderte ihn auf, ihnen seine neuesten Taten zu erzählen.
+Er erzählte unter anderen auch die Geschichte des Kalifen und seines
+Wesirs.
+
+„Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?“ fragte ihn ein
+anderer Zauberer. „Ein recht schweres lateinisches, es heißt mutabor.“
+
+Als die Störche an der Mauerlücke dieses hörten, kamen sie vor Freuden
+beinahe außer sich. Sie liefen auf ihren langen Füßen so schnell dem
+Tore der Ruine zu, daß die Eule kaum folgen konnte. Dort sprach der
+Kalif gerührt zu der Eule: „Retterin meines Lebens und des Lebens
+meines Freundes, nimm zum ewigen Dank für das, was du an uns getan,
+mich zum Gemahl an!“ Dann aber wandte er sich nach Osten. Dreimal
+bückten die Störche ihre langen Hälse der Sonne entgegen, die soeben
+hinter dem Gebirge heraufstieg: „Mutabor!“ riefen sie, im Nu waren sie
+verwandelt, und in der hohen Freude des neugeschenkten Lebens lagen
+Herr und Diener lachend und weinend einander in den Armen.
+
+Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen? Eine schöne
+Dame, herrlich geschmückt, stand vor ihnen. Lächelnd gab sie dem
+Kalifen die Hand. „Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?“ sagte sie.
+Sie war es; der Kalif war von ihrer Schönheit und Anmut entzückt.
+
+Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in seinen
+Kleidern nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch seinen
+Geldbeutel. Er kaufte daher im nächsten Dorfe, was zu ihrer Reise nötig
+war, und so kamen sie bald an die Tore von Bagdad. Dort aber erregte
+die Ankunft des Kalifen großes Erstaunen. Man hatte ihn für tot
+ausgegeben, und das Volk war daher hocherfreut, seinen geliebten
+Herrscher wiederzuhaben.
+
+Um so mehr aber entbrannte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra. Sie zogen
+in den Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen.
+Den Alten schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, das die
+Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen. Dem
+Sohn aber, welcher nichts von den Künsten des Vaters verstand, ließ der
+Kalif die Wahl, ob er sterben oder schnupfen wolle. Als er das letztere
+wählte, bot ihm der Großwesir die Dose. Eine tüchtige Prise, und das
+Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen Storch. Der Kalif ließ
+ihn in einen eisernen Käfig sperren und in seinem Garten aufstellen.
+
+Lange und vergnügt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin;
+seine vergnügtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Großwesir
+nachmittags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem
+Storchabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, ließ er sich
+herab, den Großwesir nachzuahmen, wie er als Storch aussah. Er stieg
+dann ernsthaft, mit steifen Füßen im Zimmer auf und ab, klapperte,
+wedelte mit den Armen wie mit Flügeln und zeigte, wie jener sich
+vergeblich nach Osten geneigt und Mu—Mu—dazu gerufen habe. Für die Frau
+Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine große
+Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und
+Mu—Mu—schrie, dann drohte ihm lächelnd der Wesir: Er wolle das, was vor
+der Türe der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau
+Kalifin mitteilen.
+
+Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die
+Kaufleute sehr zufrieden damit. „Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns
+vergangen, ohne daß wir merkten wie!“ sagte einer derselben, indem er
+die Decke des Zeltes zurückschlug. „Der Abendwind wehet kühl, und wir
+könnten noch eine gute Strecke Weges zurücklegen.“ Seine Gefährten
+waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die
+Karawane machte sich in der nämlichen Ordnung, in welcher sie
+herangezogen war, auf den Weg.
+
+Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am
+Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich
+an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich
+zur Ruhe. Für den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr
+wertester Gastfreund wäre. Der eine gab ihm Polster, der andere Decken,
+ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient, als ob er
+zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren schon
+heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen
+einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist
+hatten, rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann
+wandte sich an den ältesten und sprach: „Selim Baruch hat uns gestern
+einen vergnügten Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns
+auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele
+Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hübsches Märchen.“
+Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im
+Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich
+fing er an zu sprechen:
+
+„Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue
+Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will
+ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und
+nicht jedem erzähle: die Geschichte von dem Gespensterschiff.“
+
+
+
+
+Die Geschichte von dem Gespensterschiff
+
+Wilhelm Hauff
+
+
+Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora; er war weder arm noch
+reich und einer von jenen Leuten, die nicht gerne etwas wagen, aus
+Furcht, das Wenige zu verlieren, das sie haben. Er erzog mich schlicht
+und recht und brachte es bald so weit, daß ich ihm an die Hand gehen
+konnte. Gerade als ich achtzehn Jahre alt war, als er die erste größere
+Spekulation machte, starb er, wahrscheinlich aus Gram, tausend
+Goldstücke dem Meere anvertraut zu haben. Ich mußte ihn bald nachher
+wegen seines Todes glücklich preisen, denn wenige Wochen hernach lief
+die Nachricht ein, daß das Schiff, dem mein Vater seine Güter
+mitgegeben hatte, versunken sei. Meinen jugendlichen Mut konnte aber
+dieser Unfall nicht beugen. Ich machte alles vollends zu Geld, was mein
+Vater hinterlassen hatte, und zog aus, um in der Fremde mein Glück zu
+probieren, nur von einem alten Diener meines Vaters begleitet.
+
+Im Hafen von Balsora schifften wir uns mit günstigem Winde ein. Das
+Schiff, auf dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt.
+Wir waren schon fünfzehn Tage auf der gewöhnlichen Straße gefahren, als
+uns der Kapitän einen Sturm verkündete. Er machte ein bedenkliches
+Gesicht, denn es schien, er kenne in dieser Gegend das Fahrwasser nicht
+genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen zu können. Er ließ alle Segel
+einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die Nacht war angebrochen,
+war hell und kalt, und der Kapitän glaubte schon, sich in den Anzeichen
+des Sturmes getäuscht zu haben. Auf einmal schwebte ein Schiff, das wir
+vorher nicht gesehen hatten, dicht an dem unsrigen vorbei. Wildes
+Jauchzen und Geschrei erscholl aus dem Verdeck herüber, worüber ich
+mich zu dieser angstvollen Stunde vor einem Sturm nicht wenig wunderte.
+Aber der Kapitän an meiner Seite wurde blaß wie der Tod. „Mein Schiff
+ist verloren“, rief er, „dort segelt der Tod!“
+
+Ehe ich ihn noch über diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte,
+stürzten schon heulend und schreiend die Matrosen herein. „Habt ihr ihn
+gesehen?“ schrien sie. „Jetzt ist’s mit uns vorbei!“
+
+Der Kapitän aber ließ Trostsprüche aus dem Koran vorlesen und setzte
+sich selbst ans Steuerruder. Aber vergebens! Zusehends brauste der
+Sturm auf, und ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb
+sitzen. Die Boote wurden ausgesetzt, und kaum hatten sich die letzten
+Matrosen gerettet, so versank das Schiff vor unseren Augen, und als ein
+Bettler fuhr ich in die See hinaus. Aber der Jammer hatte noch kein
+Ende. Fürchterlicher tobte der Sturm; das Boot war nicht mehr zu
+regieren. Ich hatte meinen alten Diener fest umschlungen, und wir
+versprachen uns, nie voneinander zu weichen. Endlich brach der Tag an.
+Aber mit dem ersten Anblick der Morgenröte faßte der Wind das Boot, in
+welchem wir saßen, und stürzte es um. Ich habe keinen meiner
+Schiffsleute mehr gesehen. Der Sturz hatte mich betäubt; und als ich
+aufwachte, befand ich mich in den Armen meines alten treuen Dieners,
+der sich auf das umgeschlagene Boot gerettet und mich nachgezogen
+hatte. Der Sturm hatte sich gelegt. Von unserem Schiff war nichts mehr
+zu sehen, wohl aber entdeckten wir nicht weit von uns ein anderes
+Schiff, auf das die Wellen uns hintrieben. Als wir näher hinzukamen,
+erkannte ich das Schiff als dasselbe, das in der Nacht an uns
+vorbeifuhr und welches den Kapitän so sehr in Schrecken gesetzt hatte.
+Ich empfand ein sonderbares Grauen vor diesem Schiffe. Die Äußerung des
+Kapitäns, die sich so furchtbar bestätigt hatte, das öde Aussehen des
+Schiffes, auf dem sich, so nahe wir auch herankamen, so laut wir
+schrien, niemand zeigte, erschreckten mich. Doch es war unser einziges
+Rettungsmittel; darum priesen wir den Propheten, der uns so wundervoll
+erhalten hatte.
+
+Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Händen und
+Füßen ruderten wir darauf zu, um es zu erfassen. Endlich glückte es.
+Noch einmal erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf dem
+Schiff. Da klimmten wir an dem Tau hinauf, ich als der Jüngste voran.
+Aber Entsetzen! Welches Schauspiel stellte sich meinem Auge dar, als
+ich das Verdeck betrat! Der Boden war mit Blut gerötet, zwanzig bis
+dreißig Leichname in türkischen Kleidern lagen auf dem Boden, am
+mittleren Mastbaum stand ein Mann, reich gekleidet, den Säbel in der
+Hand, aber das Gesicht war blaß und verzerrt, durch die Stirn ging ein
+großer Nagel, der ihn an den Mastbaum heftete, auch er war tot.
+Schrecken fesselte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen. Endlich war
+auch mein Begleiter heraufgekommen. Auch ihn überraschte der Anblick
+des Verdecks, das gar nichts Lebendiges, sondern nur so viele
+schreckliche Tote zeigte. Wir wagten es endlich, nachdem wir in der
+Seelenangst zum Propheten gefleht hatten, weiter vorzuschreiten. Bei
+jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas Neues, noch
+Schrecklicheres sich darbiete; aber alles blieb, wie es war; weit und
+breit nichts Lebendiges als wir und das Weltmeer. Nicht einmal laut zu
+sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am Mast angespießte Kapitano
+möchte seine starren Augen nach uns hindrehen oder einer der Getöteten
+möchte seinen Kopf umwenden. Endlich waren wir bis an eine Treppe
+gekommen, die in den Schiffsraum führte. Unwillkürlich machten wir dort
+halt und sahen einander an, denn keiner wagte es recht, seine Gedanken
+zu äußern.
+
+„O Herr“, sprach mein treuer Diener, „hier ist etwas Schreckliches
+geschehen. Doch wenn auch das Schiff da unten voll Mörder steckt, so
+will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als
+längere Zeit unter diesen Toten zubringen.“ Ich dachte wie er; wir
+faßten uns ein Herz und stiegen voll Erwartung hinunter. Totenstille
+war aber auch hier, und nur unsere Schritte hallten auf der Treppe. Wir
+standen an der Türe der Kajüte. Ich legte mein Ohr an die Türe und
+lauschte; es war nichts zu hören. Ich machte auf. Das Gemach bot einen
+unordentlichen Anblick dar. Kleider, Waffen und andere Geräte lagen
+untereinander. Nichts in Ordnung. Die Mannschaft oder wenigstens der
+Kapitano mußten vor kurzem gezechet haben; denn es lag alles noch
+umher. Wir gingen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu Gemach,
+überall fanden wir herrliche Vorräte in Seide, Perlen, Zucker usw. Ich
+war vor Freude über diesen Anblick außer mir, denn da niemand auf dem
+Schiff war, glaubte ich, alles mir zueignen zu dürfen, Ibrahim aber
+machte mich aufmerksam darauf, daß wir wahrscheinlich noch sehr weit
+vom Lande seien, wohin wir allein und ohne menschliche Hilfe nicht
+kommen könnten.
+
+Wir labten uns an den Speisen und Getränken, die wir in reichem Maß
+vorfanden, und stiegen endlich wieder aufs Verdeck. Aber hier
+schauderte uns immer die Haut ob dem schrecklichen Anblick der Leichen.
+Wir beschlossen, uns davon zu befreien und sie über Bord zu werfen;
+aber wie schauerlich ward uns zumut, als wir fanden, daß sich keiner
+aus seiner Lage bewegen ließ. Wie festgebannt lagen sie am Boden, und
+man hätte den Boden des Verdecks ausheben müssen, um sie zu entfernen,
+und dazu gebrach es uns an Werkzeugen. Auch der Kapitano ließ sich
+nicht von seinem Mast losmachen; nicht einmal seinen Säbel konnten wir
+der starren Hand entwinden. Wir brachten den Tag in trauriger
+Betrachtung unserer Lage zu, und als es Nacht zu werden anfing,
+erlaubte ich dem alten Ibrahim, sich schlafen zu legen, ich selbst aber
+wollte auf dem Verdeck wachen, um nach Rettung auszuspähen. Als aber
+der Mond heraufkam und ich nach den Gestirnen berechnete, daß es wohl
+um die elfte Stunde sei, überfiel mich ein so unwiderstehlicher Schlaf,
+daß ich unwillkürlich hinter ein Faß, das auf dem Verdeck stand,
+zurückfiel. Doch war es mehr Betäubung als Schlaf, denn ich hörte
+deutlich die See an der Seite des Schiffes anschlagen und die Segel vom
+Winde knarren und pfeifen. Auf einmal glaubte ich Stimmen und
+Männertritte auf dem Verdeck zu hören. Ich wollte mich aufrichten, um
+danach zu schauen. Aber eine unsichtbare Gewalt hielt meine Glieder
+gefesselt; nicht einmal die Augen konnte ich aufschlagen. Aber immer
+deutlicher wurden die Stimmen, es war mir, als wenn ein fröhliches
+Schiffsvolk auf dem Verdeck sich umhertriebe; mitunter glaubte ich, die
+kräftige Stimme eines Befehlenden zu hören, auch hörte ich Taue und
+Segel deutlich auf- und abziehen. Nach und nach aber schwanden mir die
+Sinne, ich verfiel in einen tieferen Schlaf, in dem ich nur noch ein
+Geräusch von Waffen zu hören glaubte, und erwachte erst, als die Sonne
+schon hoch stand und mir aufs Gesicht brannte. Verwundert schaute ich
+mich um, Sturm, Schiff, die Toten und was ich in dieser Nacht gehört
+hatte, kam mir wie ein Traum vor, aber als ich aufblickte, fand ich
+alles wie gestern. Unbeweglich lagen die Toten, unbeweglich war der
+Kapitano an den Mastbaum geheftet. Ich lachte über meinen Traum und
+stand auf, um meinen Alten zu suchen.
+
+Dieser saß ganz nachdenklich in der Kajüte. „O Herr!“ rief er aus, als
+ich zu ihm hineintrat, „ich wollte lieber im tiefsten Grund des Meeres
+liegen, als in diesem verhexten Schiff noch eine Nacht zubringen.“ Ich
+fragte ihn nach der Ursache seines Kummers, und er antwortete mir: „Als
+ich einige Stunden geschlafen hatte, wachte ich auf und vernahm, wie
+man über meinem Haupt hin und her lief. Ich dachte zuerst, Ihr wäret
+es, aber es waren wenigstens zwanzig, die oben umherliefen; auch hörte
+ich rufen und schreien. Endlich kamen schwere Tritte die Treppe herab.
+Da wußte ich nichts mehr von mir, nur hie und da kehrte auf einige
+Augenblicke meine Besinnung zurück, und da sah ich dann denselben Mann,
+der oben am Mast angenagelt ist, an jenem Tisch dort sitzen, singend
+und trinkend; aber der, der in einem roten Scharlachkleid nicht weit
+von ihm am Boden liegt, saß neben ihm und half ihm trinken.“ Also
+erzählte mir mein alter Diener.
+
+Ihr könnt mir es glauben, meine Freunde, daß mir gar nicht wohl zumute
+war; denn es war keine Täuschung, ich hatte ja auch die Toten gar wohl
+gehört. In solcher Gesellschaft zu schiffen, war mir greulich. Mein
+Ibrahim aber versank wieder in tiefes Nachdenken. „Jetzt hab’ ich’s!“
+rief er endlich aus; es fiel ihm nämlich ein Sprüchlein ein, das ihn
+sein Großvater, ein erfahrener, weitgereister Mann, gelehrt hatte und
+das gegen jeden Geister- und Zauberspuk helfen sollte; auch behauptete
+er, jenen unnatürlichen Schlaf, der uns befiel, in der nächsten Nacht
+verhindern zu können, wenn wir nämlich recht eifrig Sprüche aus dem
+Koran beteten. Der Vorschlag des alten Mannes gefiel mir wohl. In
+banger Erwartung sahen wir die Nacht herankommen. Neben der Kajüte war
+ein kleines Kämmerchen, dorthin beschlossen wir uns zurückzuziehen. Wir
+bohrten mehrere Löcher in die Türe, hinlänglich groß, um durch sie die
+ganze Kajüte zu überschauen, dann verschlossen wir die Türe, so gut es
+ging, von innen, und Ibrahim schrieb den Namen des Propheten in alle
+vier Ecken. So erwarteten wir die Schrecken der Nacht. Es mochte wieder
+ungefähr elf Uhr sein, als es mich gewaltig zu schläfern anfing. Mein
+Gefährte riet mir daher, einige Sprüche des Korans zu beten, was mir
+auch half. Mit einem Male schien es oben lebhaft zu werden; die Taue
+knarrten, Schritte gingen über das Verdeck, und mehrere Stimmen waren
+deutlich zu unterscheiden—Mehrere Minuten hatten wir so in gespannter
+Erwartung gesessen, da hörten wir etwas die Treppe der Kajüte
+herabkommen. Als dies der Alte hörte, fing er an, den Spruch, den ihn
+sein Großvater gegen Spuk und Zauberei gelehrt hatte, herzusagen:
+
+„Kommt ihr herab aus der Luft,
+Steigt ihr aus tiefem Meer,
+Schlieft ihr in dunkler Gruft,
+Stammt ihr vom Feuer her:
+Allah ist euer Herr und Meister,
+ihm sind gehorsam alle Geister.“
+
+
+Ich muß gestehen, ich glaubte gar nicht recht an diesen Spruch, und mir
+stieg das Haar zu Berg, als die Tür aufflog. Herein trat jener große,
+stattliche Mann, den ich am Mastbaum angenagelt gesehen hatte. Der
+Nagel ging ihm auch jetzt mitten durchs Hirn; das Schwert aber hatte er
+in die Scheide gesteckt; hinter ihm trat noch ein anderer herein,
+weniger kostbar gekleidet; auch ihn hatte ich oben liegen sehen. Der
+Kapitano, denn dies war er unverkennbar, hatte ein bleiches Gesicht,
+einen großen, schwarzen Bart, wildrollende Augen, mit denen er sich im
+ganzen Gemach umsah. Ich konnte ihn ganz deutlich sehen, als er an
+unserer Türe vorüberging; er aber schien gar nicht auf die Türe zu
+achten, die uns verbarg. Beide setzten sich an den Tisch, der in der
+Mitte der Kajüte stand, und sprachen laut und fast schreiend
+miteinander in einer unbekannten Sprache. Sie wurden immer lauter und
+eifriger, bis endlich der Kapitano mit geballter Faust auf den Tisch
+hineinschlug, daß das Zimmer dröhnte. Mit wildem Gelächter sprang der
+andere auf und winkte dem Kapitano, ihm zu folgen. Dieser stand auf,
+riß seinen Säbel aus der Scheide, und beide verließen das Gemach. Wir
+atmeten freier, als sie weg waren; aber unsere Angst hatte noch lange
+kein Ende. Immer lauter und lauter ward es auf dem Verdeck. Man hörte
+eilends hin und her laufen und schreien, lachen und heulen. Endlich
+ging ein wahrhaft höllischer Lärm los, so daß wir glaubten, das Verdeck
+mit allen Segeln komme zu uns herab, Waffengeklirr und Geschrei—auf
+einmal aber tiefe Stille. Als wir es nach vielen Stunden wagten
+hinaufzugehen, trafen wir alles wie sonst; nicht einer lag anders als
+früher. Alle waren steif wie Holz.
+
+So waren wir mehrere Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Osten,
+wohin zu, nach meiner Berechnung, Land liegen mußte; aber wenn es auch
+bei Tag viele Meilen zurückgelegt hatte, bei Nacht schien es immer
+wieder zurückzukehren, denn wir befanden uns immer wieder am nämlichen
+Fleck, wenn die Sonne aufging. Wir konnten uns dies nicht anders
+erklären, als daß die Toten jede Nacht mit vollem Winde zurücksegelten.
+Um nun dies zu verhüten, zogen wir, ehe es Nacht wurde, alle Segel ein
+und wandten dasselbe Mittel an wie bei der Türe in der Kajüte; wir
+schrieben den Namen des Propheten auf Pergament und auch das Sprüchlein
+des Großvaters dazu und banden es um die eingezogenen Segel. Ängstlich
+warteten wir in unserem Kämmerchen den Erfolg ab. Der Spuk schien
+diesmal noch ärger zu toben, aber siehe, am anderen Morgen waren die
+Segel noch aufgerollt, wie wir sie verlassen hatten. Wir spannten den
+Tag über nur so viele Segel auf, als nötig waren, das Schiff sanft
+fortzutreiben, und so legten wir in fünf Tagen eine gute Strecke
+zurück.
+
+Endlich, am Morgen des sechsten Tages, entdeckten wir in geringer Ferne
+Land, und wir dankten Allah und seinem Propheten für unsere wunderbare
+Rettung. Diesen Tag und die folgende Nacht trieben wir an einer Küste
+hin, und am siebenten Morgen glaubten wir in geringer Entfernung eine
+Stadt zu entdecken; wir ließen mit vieler Mühe einen Anker in die See,
+der alsobald Grund faßte, setzten ein kleines Boot, das auf dem Verdeck
+stand, aus und ruderten mit aller Macht der Stadt zu. Nach einer halben
+Stunde liefen wir in einen Fluß ein, der sich in die See ergoß, und
+stiegen ans Ufer. Am Stadttor erkundigten wir uns, wie die Stadt heiße,
+und erfuhren, daß es eine indische Stadt sei, nicht weit von der
+Gegend, wohin ich zuerst zu schiffen willens war. Wir begaben uns in
+eine Karawanserei und erfrischten uns von unserer abenteuerlichen
+Reise. Ich forschte daselbst auch nach einem weisen und verständigen
+Manne, indem ich dem Wirt zu verstehen gab, daß ich einen solchen haben
+möchte, der sich ein wenig auf Zauberei verstehe. Er führte mich in
+eine abgelegene Straße, an ein unscheinbares Haus, pochte an, und man
+ließ mich eintreten mit der Weisung, ich solle nur nach Muley fragen.
+
+In dem Hause kam mir ein altes Männlein mit grauem Bart und langer Nase
+entgegen und fragte nach meinem Begehr. Ich sagte ihm, ich suche den
+weisen Muley, und er antwortete mir, er sei es selbst. Ich fragte ihn
+nun um Rat, was ich mit den Toten machen solle und wie ich es angreifen
+müsse, um sie aus dem Schiff zu bringen. Er antwortete mir, die Leute
+des Schiffes seien wahrscheinlich wegen irgendeines Frevels auf das
+Meer verzaubert; er glaube, der Zauber werde sich lösen, wenn man sie
+ans Land bringe; dies könne aber nicht geschehen, als wenn man die
+Bretter, auf denen sie lägen, losmache. Mir gehöre von Gott und Rechts
+wegen das Schiff samt allen Gütern, weil ich es gleichsam gefunden
+habe; doch solle ich alles sehr geheimzuhalten trachten und ihm ein
+kleines Geschenk von meinem Überfluß machen; er wolle dafür mit seinen
+Sklaven mir behilflich sein, die Toten wegzuschaffen. Ich versprach,
+ihn reichlich zu belohnen, und wir machten uns mit fünf Sklaven, die
+mit Sägen und Beilen versehen waren, auf den Weg. Unterwegs konnte der
+Zauberer Muley unseren glücklichen Einfall, die Segel mit den Sprüchen
+des Korans zu umwinden, nicht genug loben. Er sagte, es sei dies das
+einzige Mittel gewesen, uns zu retten.
+
+Es war noch ziemlich früh am Tage, als wir beim Schiff ankamen. Wir
+machten uns alle sogleich ans Werk, und in einer Stunde lagen schon
+vier in dem Nachen. Einige der Sklaven mußten sie an Land rudern, um
+sie dort zu verscharren. Sie erzählten, als sie zurückkamen, die Toten
+hätten ihnen die Mühe des Begrabens erspart, indem sie, sowie man sie
+auf die Erde gelegt habe, in Staub zerfallen seien. Wir fuhren fort,
+die Toten abzusägen, und bis vor Abend waren alle an Land gebracht. Es
+war endlich keiner mehr an Bord als der, welcher am Mast angenagelt
+war. Umsonst suchten wir den Nagel aus dem Holze zu ziehen, keine
+Gewalt vermochte ihn auch nur ein Haarbreit zu verrücken. Ich wußte
+nicht, was anzufangen war; man konnte doch nicht den Mastbaum abhauen,
+um ihn ans Land zu führen. Doch aus dieser Verlegenheit half Muley. Er
+ließ schnell einen Sklaven an Land rudern, um einen Topf mit Erde zu
+bringen. Als dieser herbeigeholt war, sprach der Zauberer
+geheimnisvolle Worte darüber aus und schüttete die Erde auf das Haupt
+des Toten. Sogleich schlug dieser die Augen auf, holte tief Atem, und
+die Wunde des Nagels in seiner Stirne fing an zu bluten. Wir zogen den
+Nagel jetzt leicht heraus, und der Verwundete fiel einem Sklaven in die
+Arme.
+
+„Wer hat mich hierhergeführt?“ sprach er, nachdem er sich ein wenig
+erholt zu haben schien. Muley zeigte auf mich, und ich trat zu ihm.
+„Dank dir, unbekannter Fremdling, du hast mich von langen Qualen
+errettet. Seit fünfzig Jahren schifft mein Leib durch diese Wogen, und
+mein Geist war verdammt, jede Nacht in ihn zurückzukehren. Aber jetzt
+hat mein Haupt die Erde berührt, und ich kann versöhnt zu meinen Vätern
+gehen.“
+
+Ich bat ihn, uns doch zu sagen, wie er zu diesem schrecklichen Zustand
+gekommen sei, und er sprach: „Vor fünfzig Jahren war ich ein mächtiger,
+angesehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach Gewinn trieb
+mich, ein Schiff auszurüsten und Seeraub zu treiben. Ich hatte dieses
+Geschäft schon einige Zeit fortgeführt, da nahm ich einmal auf Zante
+einen Derwisch an Bord, der umsonst reisen wollte. Ich und meine
+Gesellen waren rohe Leute und achteten nicht auf die Heiligkeit des
+Mannes; vielmehr trieb ich mein Gespött mit ihm. Als er aber einst in
+heiligem Eifer mir meinen sündigen Lebenswandel verwiesen hatte,
+übermannte mich nachts in meiner Kajüte, als ich mit meinem Steuermann
+viel getrunken hatte, der Zorn. Wütend über das, was mir ein Derwisch
+gesagt hatte und was ich mir von keinem Sultan hätte sagen lassen,
+stürzte ich aufs Verdeck und stieß ihm meinen Dolch in die Brust.
+Sterbend verwünschte er mich und meine Mannschaft, nicht sterben und
+nicht leben zu können, bis wir unser Haupt auf die Erde legten. Der
+Derwisch starb, und wir warfen ihn in die See und verlachten seine
+Drohungen; aber noch in derselben Nacht erfüllten sich seine Worte. Ein
+Teil meiner Mannschaft empörte sich gegen mich—Mit fürchterlicher Wut
+wurde gestritten, bis meine Anhänger unterlagen und ich an den Mast
+genagelt wurde. Aber auch die Empörer erlagen ihren Wunden, und bald
+war mein Schiff nur ein großes Grab. Auch mir brachen die Augen, mein
+Atem hielt an, und ich meinte zu sterben. Aber es war nur eine
+Erstarrung, die mich gefesselt hielt; in der nächsten Nacht, zur
+nämlichen Stunde, da wir den Derwisch in die See geworfen, erwachten
+ich und alle meine Genossen, das Leben war zurückgekehrt, aber wir
+konnten nichts tun und sprechen, als was wir in jener Nacht gesprochen
+und getan hatten. So segeln wir seit fünfzig Jahren, können nicht
+leben, nicht sterben; denn wie konnten wir das Land erreichen? Mit
+toller Freude segelten wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil
+wir hofften, endlich an einer Klippe zu zerschellen und das müde Haupt
+auf dem Grund des Meeres zur Ruhe zu legen. Es ist uns nicht gelungen.
+Jetzt aber werde ich sterben. Noch einmal meinen Dank, unbekannter
+Retter, wenn Schätze dich lohnen können, so nimm mein Schiff als
+Zeichen meiner Dankbarkeit.“
+
+Der Kapitano ließ sein Haupt sinken, als er so gesprochen hatte, und
+verschied. Sogleich zerfiel er auch, wie seine Gefährten, in Staub. Wir
+sammelten diesen in ein Kästchen und begruben ihn an Land; aus der
+Stadt nahm ich aber Arbeiter, die mir mein Schiff in guten Zustand
+setzten. Nachdem ich die Waren, die ich an Bord hatte, gegen andere mit
+großem Gewinn eingetauscht hatte, mietete ich Matrosen, beschenkte
+meinen Freund Muley reichlich und schiffte mich nach meinem Vaterlande
+ein. Ich machte aber einen Umweg, indem ich an vielen Inseln und
+Ländern landete und meine Waren zu Markt brachte. Der Prophet segnete
+mein Unternehmen. Nach dreiviertel Jahren lief ich, noch einmal so
+reich, als mich der sterbende Kapitän gemacht hatte, in Balsora ein.
+Meine Mitbürger waren erstaunt über meine Reichtümer und mein Glück und
+glaubten nicht anders, als daß ich das Diamantental des berühmten
+Reisenden Sindbad gefunden habe. Ich ließ sie in ihrem Glauben, von nun
+an aber mußten die jungen Leute von Balsora, wenn sie kaum achtzehn
+Jahre alt waren, in die Welt hinaus, um gleich mir ihr Glück zu machen.
+Ich aber lebte ruhig und in Frieden, und alle fünf Jahre mache ich eine
+Reise nach Mekka, um dem Herrn an heiliger Stätte für seinen Segen zu
+danken und für den Kapitano und seine Leute zu bitten, daß er sie in
+sein Paradies aufnehme.
+
+
+Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder
+gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim,
+der Fremde, zu Muley, dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen:
+
+„Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und
+wißt für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er
+uns erquicke nach der Hitze des Tages!“
+
+„Wohl möchte ich euch etwas erzählen“, antwortete Muley, „das euch Spaß
+machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen;
+darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos
+ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was
+sein Leben so ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er
+solchen hat, lindern können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er
+auch anderen Glaubens ist.“
+
+Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren
+Jahren, schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein
+Ungläubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine
+Reisegefährten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und
+Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine Hand, und einige seiner
+Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn so ernst
+stimme.
+
+Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: „Ich bin sehr
+geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen,
+von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch
+weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch
+einiges erzählen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als
+andere Leute. Ihr sehet, daß ich meine linke Hand verloren habe. Sie
+fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den
+schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die Schuld davon
+trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine Lage
+mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt
+die Geschichte von der abgehauenen Hand.“
+
+
+
+
+Die Geschichte von der abgehauenen Hand
+
+Wilhelm Hauff
+
+
+Ich bin in Konstantinopel geboren; mein Vater war ein Dragoman
+(Dolmetscher) bei der Pforte (dem türkischen Hof) und trieb nebenbei
+einen ziemlich einträglichen Handel mit wohlriechenden Essenzen und
+seidenen Stoffen. Er gab mir eine gute Erziehung, indem er mich teils
+selbst unterrichtete, teils von einem unserer Priester mir Unterricht
+geben ließ. Er bestimmte mich anfangs, seinen Laden einmal zu
+übernehmen, als ich aber größere Fähigkeiten zeigte, als er erwartet
+hatte, bestimmte er mich auf das Anraten seiner Freunde zum Arzt; weil
+ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat als die gewöhnlichen
+Marktschreier, in Konstantinopel sein Glück machen kann. Es kamen viele
+Franken in unser Haus, und einer davon überredete meinen Vater, mich in
+sein Vaterland, nach der Stadt Paris, reisen zu lassen, wo man solche
+Sachen unentgeltlich und am besten lernen könne. Er selbst aber wolle
+mich, wenn er zurückreise, umsonst mitnehmen. Mein Vater, der in seiner
+Jugend auch gereist war, schlug ein, und der Franke sagte mir, ich
+könne mich in drei Monaten bereithalten. Ich war außer mir vor Freude,
+fremde Länder zu sehen.
+
+Der Franke hatte endlich seine Geschäfte abgemacht und sich zur Reise
+bereitet; am Vorabend der Reise führte mich mein Vater in sein
+Schlafkämmerlein. Dort sah ich schöne Kleider und Waffen auf dem Tische
+liegen. Was meine Blicke aber noch mehr anzog, war ein großer Haufe
+Goldes, denn ich hatte noch nie so viel beieinander gesehen. Mein Vater
+umarmte mich und sagte: „Siehe, mein Sohn, ich habe dir Kleider zu der
+Reise besorgt. Jene Waffen sind dein, es sind die nämlichen, die mir
+dein Großvater umhing, als ich in die Fremde auszog. Ich weiß, du
+kannst sie führen; gebrauche sie aber nie, als wenn du angegriffen
+wirst; dann aber schlage auch tüchtig drauf. Mein Vermögen ist nicht
+groß; siehe, ich habe es in drei Teile geteilt, einer davon ist dein;
+einer davon ist mein Unterhalt und Notpfennig, der dritte aber sei mir
+ein heiliges, unantastbares Gut, er diene dir in der Stunde der Not!“
+So sprach mein alter Vater, und Tränen hingen ihm im Auge, vielleicht
+aus Ahnung, denn ich habe ihn nie wieder gesehen.
+
+Die Reise ging gut von Statten; wir waren bald im Lande der Franken
+angelangt, und sechs Tagreisen nachher kamen wir in die große Stadt
+Paris. Hier mietete mir mein fränkischer Freund ein Zimmer und riet
+mir, mein Geld, das in allem zweitausend Taler betrug, vorsichtig
+anzuwenden. Ich lebte drei Jahre in dieser Stadt und lernte, was ein
+tüchtiger Arzt wissen muß; ich müßte aber lügen, wenn ich sagte, daß
+ich gerne dort gewesen sei; denn die Sitten dieses Volkes gefielen mir
+nicht; auch hatte ich nur wenige gute Freunde dort, diese aber waren
+edle, junge Männer.
+
+Die Sehnsucht nach der Heimat wurde endlich mächtig in mir; in der
+ganzen Zeit hatte ich nichts von meinem Vater gehört, und ich ergriff
+daher eine günstige Gelegenheit, nach Hause zu kommen.
+
+Es ging nämlich eine Gesandtschaft aus Frankenland nach der Hohen
+Pforte. Ich verdingte mich als Wundarzt in das Gefolge des Gesandten
+und kam glücklich wieder nach Stambul. Das Haus meines Vaters aber fand
+ich verschlossen, und die Nachbarn staunten, als sie mich sahen, und
+sagten mir, mein Vater sei vor zwei Monaten gestorben. Jener Priester,
+der mich in meiner Jugend unterrichtet hatte, brachte nur den
+Schlüssel; allein und verlassen zog ich in das verödete Haus ein. Ich
+fand noch alles, wie es mein Vater verlassen hatte; nur das Gold, das
+er mir zu hinterlassen versprach, fehlte. Ich fragte den Priester
+darüber, und dieser verneigte sich und sprach: „Euer Vater ist als ein
+heiliger Mann gestorben; denn er hat sein Gold der Kirche vermacht.“
+Dies war und blieb mir unbegreiflich; doch was wollte ich machen; ich
+hatte keine Zeugen gegen den Priester und mußte froh sein, daß er nicht
+auch das Haus und die Waren meines Vaters als Vermächtnis angesehen
+hatte.
+
+Dies war das erste Unglück, das mich traf. Von jetzt an aber kam es
+Schlag auf Schlag. Mein Ruf als Arzt wollte sich gar nicht ausbreiten,
+weil ich mich schämte, den Marktschreier zu machen, und überall fehlte
+mir die Empfehlung meines Vaters, der mich bei den Reichsten und
+Vornehmsten eingeführt hätte, die jetzt nicht mehr an den armen
+Zaleukos dachten. Auch die Waren meines Vaters fanden keinen Abgang;
+denn die Kunden hatten sich nach seinem Tode verlaufen, und neue
+bekommt man nur langsam. Als ich einst trostlos über meine Lage
+nachdachte, fiel mir ein, daß ich oft in Franken Männer meines Volkes
+gesehen hatte, die das Land durchzogen und ihre Waren auf den Märkten
+der Städte auslegten; ich erinnerte mich, daß man ihnen gerne abkaufte,
+weil sie aus der Fremde kamen, und daß man bei solchem Handel das
+Hundertfache erwerben könne. Sogleich war auch mein Entschluß gefaßt.
+Ich verkaufte mein väterliches Haus, gab einen Teil des gelösten Geldes
+einem bewährten Freunde zum Aufbewahren, von dem übrigen aber kaufte
+ich, was man in Franken selten hat, wie Schals, seidene Zeuge, Salben
+und Öle, mietete einen Platz auf einem Schiff und trat so meine zweite
+Reise nach Franken an.
+
+Es schien, als ob das Glück, sobald ich die Schlösser der Dardanellen
+im Rücken hatte, mir wieder günstig geworden wäre. Unsere Fahrt war
+kurz und glücklich. Ich durchzog die großen und kleinen Städte der
+Franken und fand überall willige Käufer meiner Waren. Mein Freund in
+Stambul sandte mir immer wieder frische Vorräte, und ich wurde von Tag
+zu Tag wohlhabender. Als ich endlich so viel erspart hatte, daß ich
+glaubte, ein größeres Unternehmen wagen zu können, zog ich mit meinen
+Waren nach Italien. Etwas muß ich aber noch gestehen, was mir auch
+nicht wenig Geld einbrachte: ich nahm auch meine Arzneikunst zu Hilfe.
+Wenn ich in eine Stadt kam, ließ ich durch Zettel verkünden, daß ein
+griechischer Arzt da sei, der schon viele geheilt habe; und wahrlich,
+mein Balsam und meine Arzneien haben mir manche Zechine eingebracht.
+
+So war ich endlich nach der Stadt Florenz in Italien gekommen. Ich nahm
+mir vor, längere Zeit in dieser Stadt zu bleiben, teils weil sie mir so
+wohl gefiel, teils auch, weil ich mich von den Strapazen meines
+Umherziehens erholen wollte. Ich mietete mir ein Gewölbe in dem
+Stadtviertel St. Croce und nicht weit davon ein paar schöne Zimmer, die
+auf einen Altan führten, in einem Wirtshaus. Sogleich ließ ich auch
+meine Zettel umhertragen, die mich als Arzt und Kaufmann ankündigten.
+Ich hatte kaum mein Gewölbe eröffnet, so strömten auch die Käufer
+herzu, und ob ich gleich ein wenig hohe Preise hatte, so verkaufte ich
+doch mehr als andere, weil ich gefällig und freundlich gegen meine
+Kunden war. Ich hatte schon vier Tage vergnügt in Florenz verlebt, als
+ich eines Abends, da ich schon mein Gewölbe schließen und nur die
+Vorräte in meinen Salbenbüchsen nach meiner Gewohnheit noch einmal
+mustern wollte, in einer kleinen Büchse einen Zettel fand, den ich mich
+nicht erinnerte, hineingetan zu haben. Ich öffnete den Zettel und fand
+darin eine Einladung, diese Nacht Punkt zwölf Uhr auf der Brücke, die
+man Ponte vecchio heißt, mich einzufinden. Ich sann lange darüber nach,
+wer es wohl sein könnte, der mich dorthin einlud, da ich aber keine
+Seele in Florenz kannte, dachte ich, man werde mich vielleicht heimlich
+zu irgendeinem Kranken führen wollen, was schon öfter geschehen war.
+Ich beschloß also hinzugehen, doch hing ich zur Vorsicht den Säbel um,
+den mir einst mein Vater geschenkt hatte.
+
+Als es stark gegen Mitternacht ging, machte ich mich auf den Weg und
+kam bald auf die Ponte vecchio. Ich fand die Brücke verlassen und öde
+und beschloß zu warten, bis er erscheinen würde, der mich rief. Es war
+eine kalte Nacht; der Mond schien hell, und ich schaute hinab in die
+Wellen des Arno, die weithin im Mondlicht schimmerten. Auf den Kirchen
+der Stadt schlug es jetzt zwölf Uhr; ich richtete mich auf, und vor mir
+stand ein großer Mann, ganz in einen roten Mantel gehüllt, dessen einen
+Zipfel er vor das Gesicht hielt.
+
+Ich war von Anfang etwas erschrocken, weil er so plötzlich hinter mir
+stand, faßte mich aber sogleich wieder und sprach: „Wenn Ihr mich habt
+hierher bestellt, so sagt an, was steht zu Eurem Befehl?“
+
+Der Rotmantel wandte sich um und sagte langsam: „Folge!“ Da ward mir’s
+doch etwas unheimlich zumute, mit diesem Unbekannten allein zu gehen;
+ich blieb stehen und sprach: „Nicht also, lieber Herr, wollet mir
+vorerst sagen, wohin; auch könnet Ihr mir Euer Gesicht ein wenig
+zeigen, daß ich sehe, ob Ihr Gutes mit mir vorhabt.“
+
+Der Rote aber schien sich nicht darum zu kümmern. „Wenn du nicht
+willst, Zaleukos, so bleibe!“ antwortete er und ging weiter.
+
+Da entbrannte mein Zorn. „Meinet Ihr“, rief ich aus, „ein Mann wie ich
+lasse sich von jedem Narren foppen, und ich werde in dieser kalten
+Nacht umsonst gewartet haben?“ In drei Sprüngen hatte ich ihn erreicht,
+packte ihn an seinem Mantel und schrie noch lauter, indem ich die
+andere Hand an den Säbel legte; aber der Mantel blieb mir in der Hand,
+und der Unbekannte war um die nächste Ecke verschwunden. Mein Zorn
+legte sich nach und nach; ich hatte doch den Mantel, und dieser sollte
+mir schon den Schlüssel zu diesem wunderlichen Abenteuer geben.
+
+Ich hing ihn um und ging meinen Weg weiter nach Hause. Als ich kaum
+noch hundert Schritte davon entfernt war, streifte jemand dicht an mir
+vorüber und flüsterte in fränkischer Sprache: „Nehmt Euch in acht,
+Graf, heute nacht ist nichts zu machen.“ Ehe ich mich aber umsehen
+konnte, war dieser Jemand schon vorbei, und ich sah nur noch einen
+Schatten an den Häusern hinschweben. Daß dieser Zuruf den Mantel und
+nicht mich anging, sah ich ein; doch gab er mir kein Licht über die
+Sache. Am anderen Morgen überlegte ich, was zu tun sei. Ich war von
+Anfang gesonnen, den Mantel ausrufen zu lassen, als hätte ich ihn
+gefunden; doch da konnte der Unbekannte ihn durch einen Dritten holen
+lassen, und ich hätte dann keinen Aufschluß über die Sache gehabt. Ich
+besah, indem ich so nachdachte, den Mantel näher. Er war von schwerem
+genuesischem Samt, purpurrot, mit astrachanischem Pelz verbrämt und
+reich mit Gold bestickt. Der prachtvolle Anblick des Mantels brachte
+mich auf einen Gedanken, den ich auszuführen beschloß.
+
+Ich trug ihn in mein Gewölbe und legte ihn zum Verkauf aus, setzte aber
+auf ihn einen so hohen Preis, daß ich gewiß war, keinen Käufer zu
+finden. Mein Zweck dabei war, jeden, der nach dem Pelz fragen würde,
+scharf ins Auge zu fassen; denn die Gestalt des Unbekannten, die sich
+mir nach Verlust des Mantels, wenn auch nur flüchtig, doch bestimmt
+zeigte, wollte ich aus Tausenden erkennen. Es fanden sich viele
+Kauflustige zu dem Mantel, dessen außerordentliche Schönheit alle Augen
+auf sich zog; aber keiner glich entfernt dem Unbekannten, keiner wollte
+den hohen Preis von zweihundert Zechinen dafür bezahlen. Auffallend war
+mir dabei, daß, wenn ich einen oder den anderen fragte, ob denn sonst
+kein solcher Mantel in Florenz sei, alle mit „Nein!“ antworteten und
+versicherten, eine so kostbare und geschmackvolle Arbeit nie gesehen zu
+haben.
+
+Es wollte schon Abend werden, da kam endlich ein junger Mann, der schon
+oft bei mir gewesen war und auch heute viel auf den Mantel geboten
+hatte, warf einen Beutel mit Zechinen auf den Tisch und rief: „Bei
+Gott! Zaleukos, ich muß deinen Mantel haben, und sollte ich zum Bettler
+darüber werden.“ Zugleich begann er, seine Goldstücke aufzuzählen. Ich
+kam in große Not; ich hatte den Mantel nur ausgehängt, um vielleicht
+die Blicke meines Unbekannten darauf zu ziehen, und jetzt kam ein
+junger Tor, um den ungeheuren Preis zu zahlen. Doch was blieb mir
+übrig; ich gab nach, denn es tat mir auf der anderen Seite der Gedanke
+wohl, für mein nächtliches Abenteuer so schön entschädigt zu werden.
+Der Jüngling hing sich den Mantel um und ging; er kehrte aber auf der
+Schwelle wieder um, indem er ein Papier, das am Mantel befestigt war,
+losmachte, mir zuwarf und sagte: „Hier, Zaleukos, hängt etwas, das wohl
+nicht zu dem Mantel gehört.“
+
+Gleichgültig nahm ich den Zettel; aber siehe da, dort stand
+geschrieben: „Bringe heute nacht um die bewußte Stunde den Mantel auf
+die Ponte vecchio, vierhundert Zechinen warten deiner.“
+
+Ich stand wie niedergedonnert. So hatte ich also mein Glück selbst
+verscherzt und meinen Zweck gänzlich verfehlt! Doch ich besann mich
+nicht lange, raffte die zweihundert Zechinen zusammen, sprang dem, der
+den Mantel gekauft hatte, nach und sprach: „Nehmt Eure Zechinen wieder,
+guter Freund, und laßt mir den Mantel, ich kann ihn unmöglich
+hergeben.“ Dieser hielt die Sache von Anfang für Spaß, als er aber
+merkte, daß es Ernst war, geriet er in Zorn über meine Forderung,
+schalt mich einen Narren, und so kam es endlich zu Schlägen. Doch ich
+war so glücklich, im Handgemenge ihm den Mantel zu entreißen, und
+wollte schon mit ihm davoneilen, als der junge Mann die Polizei zu
+Hilfe rief und mich mit sich vor Gericht zog. Der Richter war sehr
+erstaunt über die Anklage und sprach meinem Gegner den Mantel zu. Ich
+aber bot dem Jünglinge zwanzig, fünfzig, achtzig, ja hundert Zechinen
+über seine zweihundert, wenn er mir den Mantel ließe. Was meine Bitten
+nicht vermochten, bewirkte mein Gold. Er nahm meine guten Zechinen, ich
+aber zog mit dem Mantel triumphierend ab und mußte mir gefallen lassen,
+daß man mich in ganz Florenz für einen Wahnsinnigen hielt. Doch die
+Meinung der Leute war mir gleichgültig; ich wußte es ja besser als sie,
+daß ich an dem Handel noch gewann.
+
+Mit Ungeduld erwartete ich die Nacht. Um dieselbe Zeit wie gestern ging
+ich, den Mantel unter dem Arm, auf die Ponte vecchio. Mit dem letzten
+Glockenschlag kam die Gestalt aus der Nacht heraus auf mich zu. Es war
+unverkennbar der Mann von gestern. „Hast du den Mantel?“ wurde ich
+gefragt.
+
+„Ja, Herr“, antwortete ich, „aber er kostete mich bar hundert
+Zechinen.“
+
+„Ich weiß es“, entgegnete jener. „Schau auf, hier sind vierhundert.“ Er
+trat mit mir an das breite Geländer der Brücke und zählte die
+Goldstücke hin. Vierhundert waren es; prächtig blitzten sie im
+Mondschein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach! Es ahnete nicht, daß es
+seine letzte Freude sein werde. Ich steckte mein Geld in die Tasche und
+wollte mir nun auch den gütigen Unbekannten recht betrachten; aber er
+hatte eine Larve vor dem Gesicht, aus der mich dunkle Augen furchtbar
+anblitzten.
+
+„Ich danke Euch, Herr, für Eure Güte“, sprach ich zu ihm, „was verlangt
+Ihr jetzt von mir? Das sage ich Euch aber vorher, daß es nichts
+Unrechtes sein darf.“
+
+„Unnötige Sorge“, antwortete er, indem er den Mantel um die Schultern
+legte, „ich bedarf Eurer Hilfe als Arzt; doch nicht für einen Lebenden,
+sondern für einen Toten.“
+
+„Wie kann das sein?“ rief ich voll Verwunderung.
+
+„Ich kam mit meiner Schwester aus fernen Landen“, erzählte er und
+winkte mir zugleich, ihm zu folgen. „Ich wohnte hier mit ihr bei einem
+Freund meines Hauses. Meine Schwester starb gestern schnell an einer
+Krankheit, und die Verwandten wollen sie morgen begraben. Nach einer
+alten Sitte unserer Familie aber sollen alle in der Gruft der Väter
+ruhen; viele, die in fremden Landen starben, ruhen dennoch dort
+einbalsamiert. Meinen Verwandten gönne ich nun ihren Körper; meinem
+Vater aber muß ich wenigstens den Kopf seiner Tochter bringen, damit er
+sie noch einmal sehe.“ Diese Sitte, die Köpfe geliebter Anverwandten
+abzuschneiden, kam mir zwar etwas schrecklich vor; doch wagte ich
+nichts dagegen einzuwenden aus Furcht, den Unbekannten zu beleidigen.
+Ich sagte ihm daher, daß ich mit dem Einbalsamieren der Toten wohl
+umgehen könne, und bat ihn, mich zu der Verstorbenen zu führen. Doch
+konnte ich mich nicht enthalten zu fragen, warum denn dies alles so
+geheimnisvoll und in der Nacht geschehen müsse. Er antwortete mir, daß
+seine Anverwandten, die seine Absicht für grausam hielten, bei Tage ihn
+abhalten würden; sei aber nur erst einmal der Kopf abgenommen, so
+könnten sie wenig mehr darüber sagen. Er hätte mir zwar den Kopf
+bringen können; aber ein natürliches Gefühl halte ihn ab, ihn selbst
+abzunehmen.
+
+Wir waren indes bis an ein großes, prachtvolles Haus gekommen. Mein
+Begleiter zeigte es mir als das Ziel unseres nächtlichen Spazierganges.
+Wir gingen an dem Haupttor des Hauses vorbei, traten in eine kleine
+Pforte, die der Unbekannte sorgfältig hinter sich zumachte, und stiegen
+nun im Finstern eine enge Wendeltreppe hinan. Sie führte in einen
+spärlich erleuchteten Gang, aus welchem wir in ein Zimmer gelangten,
+das eine Lampe, die an der Decke befestigt war, erleuchtete.
+
+In diesem Gemach stand ein Bett, in welchem der Leichnam lag. Der
+Unbekannte wandte sein Gesicht ab und schien Tränen verbergen zu
+wollen. Er deutete nach dem Bett, befahl mir, mein Geschäft gut und
+schnell zu verrichten, und ging wieder zur Türe hinaus.
+
+Ich packte meine Messer, die ich als Arzt immer bei mir führte, aus und
+näherte mich dem Bett. Nur der Kopf war von der Leiche sichtbar; aber
+dieser war so schön, daß mich unwillkürlich das innigste Mitleiden
+ergriff. In langen Flechten hing das dunkle Haar herab, das Gesicht war
+bleich, die Augen geschlossen. Ich machte zuerst einen Einschnitt in
+die Haut, nach der Weise der Ärzte, wenn sie ein Glied abschneiden.
+Sodann nahm ich mein schärfstes Messer und schnitt mit einem Zug die
+Kehle durch. Aber welcher Schrecken! Die Tote schlug die Augen auf,
+schloß sie aber gleich wieder, und in einem tiefen Seufzer schien sie
+jetzt erst ihr Leben auszuhauchen. Zugleich schoß mir ein Strahl heißen
+Blutes aus der Wunde entgegen. Ich überzeugte mich, daß ich erst die
+Arme getötet hatte; denn daß sie tot sei, war kein Zweifel, da es von
+dieser Wunde keine Rettung gab. Ich stand einige Minuten in banger
+Beklommenheit über das, was geschehen war. Hatte der Rotmantel mich
+betrogen, oder war die Schwester vielleicht nur scheintot gewesen? Das
+letztere schien mir wahrscheinlicher. Aber ich durfte dem Bruder der
+Verstorbenen nicht sagen, daß vielleicht ein weniger rascher Schnitt
+sie erweckt hätte, ohne sie zu töten, darum wollte ich den Kopf
+vollends ablösen; aber noch einmal stöhnte die Sterbende, streckt sich
+in schmerzhafter Bewegung aus und starb. Da übermannte mich der
+Schrecken, und ich stürzte schaudernd aus dem Gemach. Aber draußen im
+Gang war es finster; denn die Lampe war verlöscht. Keine Spur von
+meinem Begleiter war zu entdecken, und ich mußte aufs ungefähr mich im
+Finstern an der Wand fortbewegen, um an die Wendeltreppe zu gelangen.
+Ich fand sie endlich und kam halb fallend, halb gleitend hinab. Auch
+unten war kein Mensch. Die Türe fand ich nur angelehnt, und ich atmete
+freier, als ich auf der Straße war; denn in dem Hause war mir ganz
+unheimlich geworden. Von Schrecken gespornt, rannte ich in meine
+Wohnung und begrub mich in die Polster meines Lagers, um das
+Schreckliche zu vergessen, das ich getan hatte. Aber der Schlaf floh
+mich, und erst der Morgen ermahnte mich wieder, mich zu fassen. Es war
+mir wahrscheinlich, daß der Mann, der mich zu dieser verruchten Tat,
+wie sie mir jetzt erschien, verführt hatte, mich nicht angeben würde.
+Ich entschloß mich, gleich in mein Gewölbe an mein Geschäft zu gehen
+und womöglich eine sorglose Miene anzunehmen. Aber ach! Ein neuer
+Umstand, den ich jetzt erst bemerkte, vermehrte noch meinen Kummer.
+Meine Mütze und mein Gürtel wie auch meine Messer fehlten mir, und ich
+war ungewiß, ob ich sie in dem Zimmer der Getöteten gelassen oder erst
+auf meiner Flucht verloren hatte. Leider schien das erste
+wahrscheinlicher, und man konnte mich also als Mörder entdecken.
+
+Ich öffnete zur gewöhnlichen Zeit mein Gewölbe. Mein Nachbar trat zu
+mir her, wie er alle Morgen zu tun pflegte, denn er war ein
+gesprächiger Mann. „Ei, was sagt Ihr zu der schrecklichen Geschichte“,
+hub er an, „die heute nacht vorgefallen ist?“ Ich tat, als ob ich
+nichts wüßte. „Wie, solltet Ihr nicht wissen, von was die ganze Stadt
+erfüllt ist? Nicht wissen, daß die schönste Blume von Florenz, Bianka,
+die Tochter des Gouverneurs, in dieser Nacht ermordet wurde? Ach! Ich
+sah sie gestern noch so heiter durch die Straßen fahren mit ihrem
+Bräutigam, denn heute hätten sie Hochzeit gehabt.“
+
+Jedes Wort des Nachbarn war mir ein Stich ins Herz. Und wie oft kehrte
+meine Marter wieder; denn jeder meiner Kunden erzählte mir die
+Geschichte, immer einer schrecklicher als der andere, und doch konnte
+keiner so Schreckliches sagen, als ich selbst gesehen hatte. Um Mittag
+ungefähr trat ein Mann vom Gericht in mein Gewölbe und bat mich, die
+Leute zu entfernen. „Signore Zaleukos“, sprach er, indem er die Sachen,
+die ich vermißte, hervorzog, „gehören diese Sachen Euch zu?“ Ich besann
+mich, ob ich sie nicht gänzlich ableugnen sollte; aber als ich durch
+die halbgeöffnete Tür meinen Wirt und mehrere Bekannte, die wohl gegen
+mich zeugen konnten, erblickte, beschloß ich, die Sache nicht noch
+durch eine Lüge zu verschlimmern, und bekannte mich zu den vorgezeigten
+Dingen. Der Gerichtsmann bat mich, ihm zu folgen, und führte mich in
+ein großes Gebäude, das ich bald für das Gefängnis erkannte. Dort wies
+er mir bis auf weiteres ein Gemach an.
+
+Meine Lage war schrecklich, als ich so in der Einsamkeit darüber
+nachdachte. Der Gedanke, gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen,
+kehrte immer wieder. Auch konnte ich mir nicht verhehlen, daß der Glanz
+des Goldes meine Sinne befangen gehalten hatte; sonst hätte ich nicht
+so blindlings in die Falle gehen können. Zwei Stunden nach meiner
+Verhaftung wurde ich aus meinem Gemach geführt. Mehrere Treppen ging es
+hinab, dann kam man in einen großen Saal. Um einen langen,
+schwarzbehängten Tisch saßen dort zwölf Männer, meistens Greise. An den
+Seiten des Saales zogen sich Bänke herab, angefüllt mit den Vornehmsten
+von Florenz; auf den Galerien, die in der Höhe angebracht waren,
+standen dicht gedrängt die Zuschauer. Als ich bis vor den schwarzen
+Tisch getreten war, erhob sich ein Mann mit finsterer, trauriger Miene;
+es war der Gouverneur. Er sprach zu den Versammelten, daß er als Vater
+in dieser Sache nicht richten könne und daß er seine Stelle für diesmal
+an den ältesten der Senatoren abtrete. Der älteste der Senatoren war
+ein Greis von wenigstens neunzig Jahren. Er stand gebückt, und seine
+Schläfen waren mit dünnem, weißem Haar umhängt; aber feurig brannten
+noch seine Augen, und seine Stimme war stark und sicher. Er hub an,
+mich zu fragen, ob ich den Mord gestehe. Ich bat ihn um Gehör und
+erzählte unerschrocken und mit vernehmlichen Stimme, was ich getan
+hatte und was ich wußte. Ich bemerkte, daß der Gouverneur während
+meiner Erzählung bald blaß, bald rot wurde, und als ich geschlossen,
+fuhr er wütend auf: „Wie, Elender!“ rief er mir zu, „so willst du ein
+Verbrechen, das du aus Habgier begangen, noch einem anderen aufbürden?“
+
+Der Senator verwies ihm seine Unterbrechung, da er sich freiwillig
+seines Rechtes begeben habe; auch sei es gar nicht so erwiesen, daß ich
+aus Habgier gefrevelt; denn nach seiner eigenen Aussage sei ja der
+Getöteten nichts gestohlen worden. Ja, er ging noch weiter; er erklärte
+dem Gouverneur, daß er über das frühere Leben seiner Tochter
+Rechenschaft geben müsse; denn nur so könne man schließen, ob ich die
+Wahrheit gesagt habe oder nicht. Zugleich hob er für heute das Gericht
+auf, um sich, wie er sagte, aus den Papieren der Verstorbenen, die ihm
+der Gouverneur übergeben werde, Rat zu holen. Ich wurde wieder in mein
+Gefängnis zurückgeführt, wo ich einen schaurigen Tag verlebte, immer
+mit dem heißen Wunsch beschäftigt, daß man doch irgendeine Verbindung
+zwischen der Toten und dem Rotmantel entdecken möchte. Voll Hoffnung
+trat ich den anderen Tag in den Gerichtssaal. Es lagen mehrere Briefe
+auf dem Tisch. Der alte Senator fragte mich, ob sie meine Handschrift
+seien. Ich sah sie an und fand, daß sie von derselben Hand sein müßten
+wie jene beiden Zettel, die ich erhalten. Ich äußerte dies den
+Senatoren; aber man schien nicht darauf zu achten und antwortete, daß
+ich beides geschrieben haben könne und müsse; denn der Namenszug unter
+den Briefen sei unverkennbar ein Z, der Anfangsbuchstabe meines Namens.
+Die Briefe aber enthielten Drohungen an die Verstorbene und Warnungen
+vor der Hochzeit, die sie zu vollziehen im Begriff war.
+
+Der Gouverneur schien sonderbare Aufschlüsse in Hinsicht auf meine
+Person gegeben zu haben; denn man behandelte mich an diesem Tage
+mißtrauischer und strenger. Ich berief mich zu meiner Rechtfertigung
+auf meine Papiere, die sich in meinem Zimmer finden müßten; aber man
+sagte mir, man habe nachgesucht und nichts gefunden. So schwand mir am
+Schlusse dieses Gerichts alle Hoffnung, und als ich am dritten Tag
+wieder in den Saal geführt wurde, las man mir das Urteil vor, daß ich,
+eines vorsätzlichen Mordes überwiesen, zum Tode verurteilt sei. Dahin
+also war es mit mir gekommen. Verlassen von allem, was mir auf Erden
+noch teuer war, fern von meiner Heimat, sollte ich unschuldig in der
+Blüte meiner Jahre vom Beile sterben.
+
+Ich saß am Abend dieses schrecklichen Tages, der über mein Schicksal
+entschieden hatte, in meinem einsamen Kerker; meine Hoffnungen waren
+dahin, meine Gedanken ernsthaft auf den Tod gerichtet. Da tat sich die
+Türe meines Gefängnisses auf, und ein Mann trat herein, der mich lange
+schweigend betrachtete. „So finde ich dich wieder, Zaleukos?“ sagte er;
+ich hatte ihn bei dem matten Schein meiner Lampe nicht erkannt, aber
+der Klang seiner Stimme erweckte alte Erinnerungen in mir, es war
+Valetty, einer jener wenigen Freunde, die ich in der Stadt Paris
+während meiner Studien kannte. Er sagte, daß er zufällig nach Florenz
+gekommen sei, wo sein Vater als angesehener Mann wohne, er habe von
+meiner Geschichte gehört und sei gekommen, um mich noch einmal zu sehen
+und von mir selbst zu erfahren, wie ich mich so schwer habe verschulden
+können. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Er schien darüber sehr
+verwundert und beschwor mich, ihm, meinem einzigen Freunde, alles zu
+sagen, um nicht mit einer Lüge von hinnen zu gehen. Ich schwor ihm mit
+dem teuersten Eid, daß ich wahr gesprochen und daß keine andere Schuld
+mich drücke, als daß ich, von dem Glanze des Goldes geblendet, das
+Unwahrscheinliche der Erzählung des Unbekannten nicht erkannt habe. „So
+hast du Bianka nicht gekannt?“ fragte jener. Ich beteuerte ihm, sie nie
+gesehen zu haben. Valetty erzählte mir nun, daß ein tiefes Geheimnis
+auf der Tat liege, daß der Gouverneur meine Verurteilung sehr hastig
+betrieben habe, und es sei nun ein Gerücht unter die Leute gekommen,
+daß ich Bianka schon längst gekannt und aus Rache über ihre Heirat mit
+einem anderen sie ermordet habe. Ich bemerkte ihm, daß dies alles ganz
+auf den Rotmantel passe, daß ich aber seine Teilnahme an der Tat mit
+nichts beweisen könne. Valetty umarmte mich weinend und versprach mir,
+alles zu tun, um wenigstens mein Leben zu retten. Ich hatte wenig
+Hoffnung; doch wußte ich, daß Valetty ein weiser und der Gesetze
+kundiger Mann sei und daß er alles tun werde, mich zu retten. Zwei
+lange Tage war ich in Ungewißheit: Endlich erschien auch Valetty. „Ich
+bringe Trost, wenn auch einen schmerzlichen. Du wirst leben und frei
+sein; aber mit Verlust einer Hand.“ Gerührt dankte ich meinem Freunde
+für mein Leben. Er sagte mir, daß der Gouverneur unerbittlich gewesen
+sei, die Sache noch einmal untersuchen zu lassen; daß er aber endlich,
+um nicht ungerecht zu erscheinen, bewilligt habe, wenn man in den
+Büchern der florentinischen Geschichte einen ähnlichen Fall finde, so
+solle meine Strafe sich nach der Strafe, die dort ausgesprochen sei,
+richten. Er und sein Vater haben nun Tag und Nacht in den alten Büchern
+gelesen und endlich einen ganz dem meinigen ähnlichen Fall gefunden.
+Dort laute die Strafe: Es soll ihm die linke Hand abgehauen, seine
+Güter eingezogen, er selbst auf ewig verbannt werden. So laute jetzt
+auch meine Strafe, und ich solle mich jetzt bereiten zu der
+schmerzhaften Stunde, die meiner warte. Ich will euch nicht diese
+schreckliche Stunde vor das Auge führen, wo ich auf offenem Markt meine
+Hand auf den Block legte, wo mein eigenes Blut in weitem Bogen mich
+überströmte!
+
+Valetty nahm mich in sein Haus auf, bis ich genesen war, dann versah er
+mich edelmütig mit Reisegeld; denn alles, was ich mir so mühsam
+erworben, war eine Beute des Gerichts geworden. Ich reiste von Florenz
+nach Sizilien und von da mit dem ersten Schiff, das ich fand, nach
+Konstantinopel. Meine Hoffnung war auf die Summe gerichtet, die ich
+meinem Freunde übergeben hatte, auch bat ich ihn, bei ihm wohnen zu
+dürfen; aber wie erstaunte ich, als dieser mich fragte, warum ich denn
+nicht mein Haus beziehe! Er sagte mir, daß ein fremder Mann unter
+meinem Namen ein Haus in dem Quartier der Griechen gekauft habe;
+derselbe habe auch den Nachbarn gesagt, daß ich bald selbst kommen
+werde. Ich ging sogleich mit meinem Freunde dahin und wurde von allen
+meinen Bekannten freudig empfangen. Ein alter Kaufmann gab mir einen
+Brief, den der Mann, der für mich gekauft hatte, hiergelassen habe.
+
+Ich las: „Zaleukos! Zwei Hände stehen bereit, rastlos zu schaffen, daß
+Du nicht fühlest den Verlust der einen. Das Haus, das Du siehest, und
+alles, was darin ist, ist Dein, und alle Jahre wird man Dir so viel
+reichen, daß Du zu den Reichen Deines Volkes gehören wirst. Mögest Du
+dem vergeben, der unglücklicher ist als Du.“ Ich konnte ahnen, wer es
+geschrieben, und der Kaufmann sagte mir auf meine Frage: Es sei ein
+Mann gewesen, den er für einen Franken gehalten, er habe einen roten
+Mantel angehabt. Ich wußte genug, um mir zu gestehen, daß der
+Unbekannte doch nicht ganz von aller edlen Gesinnung entblößt sein
+müsse. In meinem neuen Haus fand ich alles aufs beste eingerichtet,
+auch ein Gewölbe mit Waren, schöner als ich sie je gehabt. Zehn Jahre
+sind seitdem verstrichen; mehr aus alter Gewohnheit, als weil ich es
+nötig habe, setze ich meine Handelsreisen fort; doch habe ich jenes
+Land, wo ich so unglücklich wurde, nie mehr gesehen. Jedes Jahr erhielt
+ich seitdem tausend Goldstücke; aber, wenn es mir auch Freude macht,
+jenen Unglücklichen edel zu wissen, so kann er mir doch den Kummer
+meiner Seele nicht abkaufen, denn ewig lebt in mir das grauenvolle Bild
+der ermordeten Bianka.
+
+
+Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt.
+Mit großer Teilnahme hatten ihm die übrigen zugehört, besonders der
+Fremde schien sehr davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief
+geseufzt, und Muley schien es sogar, als habe er einmal Tränen in den
+Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit über diese
+Geschichte.
+
+„Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnöd’ um ein so
+edles Glied Eures Körpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?“
+fragte der Fremde.
+
+„Wohl gab es in früherer Zeit Stunden“, antwortete der Grieche, „in
+denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über mich
+gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem
+Glauben meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben;
+auch ist er wohl noch unglücklicher als ich.“
+
+„Ihr seid ein edler Mann!“ rief der Fremde und drückte gerührt dem
+Griechen die Hand.
+
+Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat
+mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der
+Ruhe überlassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich die
+Karawanen angegriffen würden, auch glaubten seine Wachen, in der
+Entfernung mehrere Reiter zu sehen.
+
+Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der
+Fremde, aber wunderte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so
+gut geschätzt wären, daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu
+fürchten brauchten.
+
+„Ja, Herr!“ entgegnete ihm der Anführer der Wache. „Wenn es nur solches
+Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit
+einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es,
+auf seiner Hut zu sein.“
+
+Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte
+Kaufmann, antwortete ihm: „Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke über
+diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches
+Wesen, weil er oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf
+besteht, andere halten ihn für einen tapferen Franken, den das Unglück
+in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist nur so viel gewiß,
+daß er ein verruchter Mörder und Dieb ist.“
+
+„Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten“, entgegnete ihm Lezah, einer
+der Kaufleute. „Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein edler
+Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich
+Euch erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen
+gemacht, und so lange er die Wüste durchstreift, darf kein anderer
+Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere,
+sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm
+dieses willig bezahlt, der ziehet ungefährdet weiter; denn Orbasan ist
+der Herr der Wüste.“
+
+Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die
+um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein
+ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der
+Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager
+zuzureiten. Einer der Männer von der Wache ging daher in das Zelt, um
+zu verkünden, daß sie wahrscheinlich angegriffen würden. Die Kaufleute
+berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen entgegengehen
+oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei älteren Kaufleute
+wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos verlangten
+das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog
+ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel
+hervor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das
+Zelt zu stecken; er setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter
+werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley
+glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steckte die Lanze auf das
+Zelt. Inzwischen hatten alle, die im Lager waren, zu den Waffen
+gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den Reitern entgegen. Doch
+diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen
+plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in einem großen
+Bogen auf der Seite hin.
+
+Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf
+die Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie
+wenn nichts vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene
+hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. „Wer bist du, mächtiger
+Fremdling“, rief er aus, „der du die wilden Horden der Wüste durch
+einen Wink bezähmst?“
+
+„Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie ist“, antwortete Selim
+Baruch. „Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der
+Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht;
+nur so viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter
+mächtigem Schutze steht.“
+
+Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter.
+Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die
+Karawane nicht lange hätte Widerstand leisten können.
+
+Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne
+zu sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich,
+brachen sie auf und zogen weiter.
+
+Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem
+Ausgang der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen
+Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort:
+
+„Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler
+Mann sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der
+Schicksale meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er
+hatte drei Kinder. Ich war der Älteste, ein Bruder und eine Schwester
+waren bei weitem jünger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt war, rief
+mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er setzte mich zum Erben seiner
+Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu seinem Tode bei ihm
+bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst vor zwei
+Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch
+schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gütig Allah
+es gewendet hatte.“
+
+
+
+
+Die Errettung Fatmes
+
+Wilhelm Hauff
+
+
+Mein Bruder Mustapha und meine Schwester Fatme waren beinahe in
+gleichem Alter; jener hatte höchstens zwei Jahre voraus. Sie liebten
+einander innig und trugen vereint alles bei, was unserem kränklichen
+Vater die Last seines Alters erleichtern konnte. An Fatmes sechzehntem
+Geburtstage veranstaltete der Bruder ein Fest. Er ließ alle ihre
+Gespielinnen einladen, setzte ihnen in dem Garten des Vaters
+ausgesuchte Speisen vor, und als es Abend wurde, lud er sie ein, auf
+einer Barke, die er gemietet und festlich geschmückt hatte, ein wenig
+hinaus in die See zu fahren. Fatme und ihre Gespielinnen willigten mit
+Freuden ein; denn der Abend war schön, und die Stadt gewährte besonders
+abends, von dem Meere aus betrachtet, einen herrlichen Anblick. Den
+Mädchen aber gefiel es so gut auf der Barke, daß sie meinen Bruder
+bewogen, immer weiter in die See hinauszufahren. Mustapha gab aber
+ungern nach, weil sich vor einigen Tagen ein Korsar hatte sehen lassen.
+Nicht weit von der Stadt zieht sich ein Vorgebirge in das Meer. Dorthin
+wollten noch die Mädchen, um von da die Sonne in das Meer sinken zu
+sehen. Als sie um das Vorgebirg’ herumruderten, sahen sie in geringer
+Entfernung eine Barke, die mit Bewaffneten besetzt war. Nichts Gutes
+ahnend, befahl mein Bruder den Ruderern, sein Schiff zu drehen und dem
+Lande zuzurudern. Wirklich schien sich auch seine Besorgnis zu
+bestätigen; denn jene Barke kam der meines Bruders schnell nach,
+überholte sie, da sie mehr Ruder hatte, und hielt sich immer zwischen
+dem Land, und unserer Barke. Die Mädchen aber, als sie die Gefahr
+erkannten, in der sie schwebten, sprangen auf und schrien und klagten;
+umsonst suchte sie Mustapha zu beruhigen, umsonst stellte er ihnen vor,
+ruhig zu bleiben, weil sie durch ihr Hin- und Herrennen die Barke in
+Gefahr brächten umzuschlagen. Es half nichts, und da sie sich endlich
+bei Annäherung des anderen Bootes alle auf die hintere Seite der Barke
+stürzten, schlug diese um. Indessen aber hatte man vom Land aus die
+Bewegungen des fremden Bootes beobachtet, und da man schon seit einiger
+Zeit Besorgnisse wegen Korsaren hegte, hatte dieses Boot Verdacht
+erregt, und mehrere Barken stießen vom Lande, um den Unsrigen
+beizustehen. Aber sie kamen nur noch zu rechter Zeit, um die
+Untersinkenden aufzunehmen. In der Verwirrung war das feindliche Boot
+entwischt, auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten
+aufgenommen hatten, war man ungewiß, ob alle gerettet seien. Man
+näherte sich gegenseitig, und ach! Es fand sich, daß meine Schwester
+und eine ihrer Gespielinnen fehlten; zugleich entdeckte man aber einen
+Fremden in einer der Barken, den niemand kannte. Auf die Drohungen
+Mustaphas gestand er, daß er zu dem feindlichen Schiff, das zwei Meilen
+ostwärts vor Anker liege, gehöre, und daß ihn seine Gefährten auf ihrer
+eiligen Flucht im Stich gelassen hätten, indem er im Begriff gewesen
+sei, die Mädchen auffischen zu helfen; auch sagte er aus, daß er
+gesehen habe, wie man zwei derselben in das Schiff gezogen.
+
+Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Mustapha war
+bis zum Tod betrübt, denn nicht nur, daß seine geliebte Schwester
+verloren war und daß er sich anklagte, an ihrem Unglück schuld zu
+sein—jene Freundin Fatmes, die ihr Unglück teilte, war von ihren Eltern
+ihm zur Gattin zugesagt gewesen, und nur unserem Vater hatte er es noch
+nicht zu gestehen gewagt, weil ihre Eltern arm und von geringer Abkunft
+waren. Mein Vater aber war ein strenger Mann; als sein Schmerz sich ein
+wenig gelegt hatte, ließ er Mustapha vor sich kommen und sprach zu ihm:
+„Deine Torheit hat mir den Trost meines Alters und die Freude meiner
+Augen geraubt. Gehe hin, ich verbanne dich auf ewig von meinem
+Angesicht, ich fluche dir und deinen Nachkommen, aber nur, wenn du mir
+Fatme wiederbringst, soll dein Haupt rein sein von dem Fluche des
+Vaters.“
+
+Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet; schon vorher hatte er sich
+entschlossen gehabt, seine Schwester und ihre Freundin aufzusuchen, und
+wollte sich nur noch den Segen des Vaters dazu erbitten, und jetzt
+schickte er ihn, mit dem Fluch beladen, in die Welt. Aber hatte ihn
+jener Jammer vorher gebeugt, so stählte jetzt die Fülle des Unglücks,
+das er nicht verdient hatte, seinen Mut.
+
+Er ging zu dem gefangenen Seeräuber und befragte ihn, wohin die Fahrt
+seines Schiffes ginge, und erfuhr, daß sie Sklavenhandel trieben und
+gewöhnlich in Balsora großen Markt hielten.
+
+Als er wieder nach Hause kam, um sich zur Reise anzuschicken, schien
+sich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er sandte ihm
+einen Beutel mit Gold zur Unterstützung auf der Reise. Mustapha aber
+nahm weinend von den Eltern Zoraides, so hieß seine geliebte Braut,
+Abschied und machte sich auf den Weg nach Balsora.
+
+Mustapha machte die Reise zu Land, weil von unserer kleinen Stadt aus
+nicht gerade ein Schiff nach Balsora ging. Er mußte daher sehr starke
+Tagreisen machen, um nicht zu lange nach den Seeräubern nach Balsora zu
+kommen; doch da er ein gutes Roß und kein Gepäck hatte, konnte er
+hoffen, diese Stadt am Ende des sechsten Tages zu erreichen. Aber am
+Abend des vierten Tages, als er ganz allein seines Weges ritt, fielen
+ihn plötzlich drei Männer an. Da er merkte, daß sie gut bewaffnet und
+stark seien und daß es mehr auf sein Geld und sein Roß als auf sein
+Leben abgesehen war, so rief er ihnen zu, daß er sich ihnen ergeben
+wolle. Sie stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm die Füße unter
+dem Bauch seines Tieres zusammen; ihn selbst aber nahmen sie in die
+Mitte und trabten, indem einer den Zügel seines Pferdes ergriff,
+schnell mit ihm davon, ohne jedoch ein Wort zu sprechen.
+
+Mustapha gab sich einer dumpfen Verzweiflung hin, der Fluch seines
+Vaters schien schon jetzt an dem Unglücklichen in Erfüllung zu gehen,
+und wie konnte er hoffen, seine Schwester und Zoraide zu retten, wenn
+er, aller Mittel beraubt, nur sein ärmliches Leben zu ihrer Befreiung
+aufwenden konnte. Mustapha und seine stummen Begleiter mochten wohl
+eine Stunde geritten sein, als sie in ein kleines Seitental einbogen.
+Das Tälchen war von hohen Bäumen eingefaßt; ein weicher dunkelgrüner
+Rasen, ein Bach, der schnell durch seine Mitte hinrollte, luden zur
+Ruhe ein. Wirklich sah er auch fünfzehn bis zwanzig Zelte dort
+aufgeschlagen; an den Pflöcken der Zelte waren Kamele und schöne Pferde
+angebunden, aus einem der Zelte hervor tönte die lustige Weise einer
+Zither und zweier schöner Männerstimmen. Meinem Bruder schien es, als
+ob Leute, die ein so fröhliches Lagerplätzchen sich erwählt hatten,
+nichts Böses gegen ihn im Sinne haben könnten, und er folgte also ohne
+Bangigkeit dem Ruf seiner Führer, die, als sie seine Bande gelöst
+hatten, ihm winkten, abzusteigen. Man führte ihn in ein Zelt, das
+größer als die übrigen und im Innern hübsch, fast zierlich aufgeputzt
+war. Prächtige, goldbestickte Polster, gewirkte Fußteppiche,
+übergoldete Rauchpfannen hätten anderswo Reichtum und Wohlleben
+verraten; hier schienen sie nur kühner Raub. Auf einem der Polster saß
+ein alter kleiner Mann; sein Gesicht war häßlich, seine Haut
+schwarzbraun und glänzend, und ein widriger Zug von tückischer
+Schlauheit um Augen und Mund machte seinen Anblick verhaßt. Obgleich
+sich dieser Mann einiges Ansehen zu geben suchte, so merkte doch
+Mustapha bald, daß nicht für ihn das Zelt so reich geschmückt sei, und
+die Unterredung seiner Führer schien seine Bemerkung zu bestätigen. „Wo
+ist der Starke?“ fragten sie den Kleinen.
+
+„Er ist auf der kleinen Jagd“, antwortete jener, „aber er hat mir
+aufgetragen, seine Stelle zu versehen.“
+
+„Das hat er nicht gescheit gemacht“, entgegnete einer der Räuber, „denn
+es muß sich bald entscheiden, ob dieser Hund sterben oder zahlen soll,
+und das weiß der Starke besser als du.“
+
+Der kleine Mann erhob sich im Gefühl seiner Würde, streckte sich lang
+aus, um mit der Spitze seiner Hand das Ohr seines Gegners zu erreichen,
+denn er schien Lust zu haben, sich durch einen Schlag zu rächen, als er
+aber sah, daß seine Bemühung fruchtlos sei, fing er an zu schimpfen
+(und wahrlich! Die anderen blieben ihm nichts schuldig), daß das Zelt
+von ihrem Streit erdröhnte. Da tat sich auf einmal die Türe des Zeltes
+auf, und herein trat ein hoher, stattlicher Mann, jung und schön wie
+ein Perserprinz; seine Kleidung und seine Waffen waren, außer einem
+reichbesetzten Dolch und einem glänzenden Säbel, gering und einfach;
+aber sein ernstes Auge, sein ganzer Anstand gebot Achtung, ohne Furcht
+einzuflößen.
+
+„Wer ist’s, der es wagt, in meinem Zelte Streit zu beginnen?“ rief er
+den Erschrockenen zu. Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille; endlich
+erzählte einer von denen, die Mustapha hergebracht hatten, wie es
+gegangen sei. Da schien sich das Gesicht „des Starken“, wie sie ihn
+nannten, vor Zorn zu röten. „Wann hätte ich dich je an meine Stelle
+gesetzt, Hassan?“ schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu.
+Dieser zog sich vor Furcht in sich selbst zusammen, daß er noch viel
+kleiner aussah als zuvor, und schlich sich der Zelttüre zu. Ein
+hinlänglicher Tritt des Starken machte, daß er in einem großen
+sonderbaren Sprung zur Zelttüre hinausflog.
+
+Als der Kleine verschwunden war, führten die drei Männer Mustapha vor
+den Herrn des Zeltes, der sich indes auf die Polster gelegt hatte.
+„Hier bringen wir den, welchen du uns zu fangen befohlen hast.“
+
+Jener blickte den Gefangenen lange an und sprach sodann: „Bassa von
+Sulieika! Dein eigenes Gewissen wird dir sagen, warum du vor Orbasan
+stehst.“
+
+Als mein Bruder dies hörte, warf er sich nieder vor jenem und
+antwortete: „O Herr! Du scheinst im Irrtum zu sein. Ich bin ein armer
+Unglücklicher, aber nicht der Bassa, den du suchst!“
+
+Alle im Zelt waren über diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes aber
+sprach: „Es kann dir wenig helfen, dich zu verstellen; denn ich will
+die Leute vorführen, die dich wohl kennen.“ Er befahl, Zuleima
+vorzufahren. Man brachte ein altes Weib in das Zelt, das auf die Frage,
+ob sie in meinem Bruder nicht den Bassa von Sulieika erkenne,
+antwortete: „Jawohl!“ Und sie schwöre es beim Grab des Propheten, es
+sei der Bassa und kein anderer.
+
+„Siehst du, Erbärmlicher, wie deine List zu Wasser geworden ist!“
+begann zürnend der Starke. „Du bist mir zu elend, als daß ich meinen
+guten Dolch mit deinem Blut besudeln sollte, aber an den Schweif meines
+Rosses will ich dich binden, morgen, wenn die Sonne aufgeht, und durch
+die Wälder mit dir jagen, bis sie scheidet hinter die Hügel von
+Sulieika!“
+
+Da sank meinem armen Bruder der Mut. „Das ist der Fluch meines harten
+Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt“, rief er weinend, „und
+auch du bist verloren, süße Schwester, auch du, Zoraide!“
+
+„Deine Verstellung hilft dir nichts“, sprach einer der Räuber, indem er
+ihm die Hände auf den Rücken band, „mach, daß du aus dem Zelte kommst!
+Denn der Starke beißt sich in die Lippen und blickt nach seinem Dolch.
+Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!“
+
+Als die Räuber gerade meinen Bruder aus dem Zelt führen wollten,
+begegneten sie drei anderen, die einen Gefangenen vor sich hintrieben.
+Sie traten mit ihm ein. „Hier bringen wir den Bassa, wie du uns
+befohlen hast“, sprachen sie und führten den Gefangenen vor das Polster
+des Starken. Als der Gefangene dorthin geführt wurde, hatte mein Bruder
+Gelegenheit, ihn zu betrachten, und ihm selbst fiel die Ähnlichkeit
+auf, die dieser Mann mit ihm hatte, nur war er dunkler im Gesicht und
+hatte einen schwärzeren Bart.
+
+Der Starke schien sehr erstaunt über die Erscheinung des zweiten
+Gefangenen. „Wer von euch ist denn der Rechte?“ sprach er, indem er
+bald meinen Bruder, bald den anderen Mann ansah.
+
+„Wenn du den Bassa von Sulieika meinst“, antwortete in stolzem Ton der
+Gefangene, „der bin ich!“ Der Starke sah ihn lange mit seinem ernsten,
+furchtbaren Blick an; dann winkte er schweigend, den Bassa wegzuführen.
+
+Als dies geschehen war, ging er auf meinen Bruder zu, zerschnitt seine
+Bande mit dem Dolch und winkte ihm, sich zu ihm aufs Polster zu setzen.
+„Es tut mir leid, Fremdling“, sagte er, „daß ich dich für jenes
+Ungeheuer hielt; schreibe es aber einer sonderbaren Fügung des Himmels
+zu, die dich gerade in der Stunde, welche dem Untergang jenes
+Verruchten geweiht war, in die Hände meiner Brüder führte.“ Mein Bruder
+bat ihn um die einzige Gunst, ihn gleich wieder weiterreisen zu lassen,
+weil jeder Aufschub ihm verderblich werden könne. Der Starke erkundigte
+sich nach seinen eiligen Geschäften, und als ihm Mustapha alles erzählt
+hatte, überredete ihn jener, diese Nacht in seinem Zelt zu bleiben, er
+und sein Roß werden der Ruhe bedürfen; den folgenden Tag aber wolle er
+ihm einen Weg zeigen, der ihn in anderthalb Tagen nach Balsora
+bringe—Mein Bruder schlug ein, wurde trefflich bewirtet und schlief
+sanft bis zum Morgen in dem Zelt des Räubers.
+
+Als er aufgewacht war, sah er sich ganz allein im Zelt; vor dem Vorhang
+des Zeltes aber hörte er mehrere Stimmen zusammen sprechen, die dem
+Herrn des Zeltes und dem kleinen schwarzbraunen Mann anzugehören
+schienen. Er lauschte ein wenig und hörte zu seinem Schrecken, daß der
+Kleine dringend den anderen aufforderte, den Fremden zu töten, weil er,
+wenn er freigelassen würde, sie alle verraten könnte.
+
+Mustapha merkte gleich, daß der Kleine ihm gram sei, weil er die
+Ursache war, daß er gestern so übel behandelt wurde; der Starke schien
+sich einige Augenblicke zu besinnen. „Nein“, sprach er, „er ist mein
+Gastfreund, und das Gastrecht ist mir heilig; auch sieht er mir nicht
+aus, als ob er uns verraten wollte.“
+
+Als er so gesprochen, schlug er den Vorhang zurück und trat ein.
+„Friede sei mit dir, Mustapha!“ sprach er, „laß uns den Morgentrunk
+kosten, und rüste dich dann zum Aufbruch!“ Er reichte meinem Bruder
+einen Becher Sorbet, und als sie getrunken hatten, zäumten sie die
+Pferde auf, und wahrlich, mit leichterem Herzen, als er gekommen war,
+schwang sich Mustapha aufs Pferd. Sie hatten bald die Zelte im Rücken
+und schlugen dann einen breiten Pfad ein, der in den Wald führte. Der
+Starke erzählte meinem Bruder, daß jener Bassa, den sie auf der Jagd
+gefangen hätten, ihnen versprochen habe, sie ungefährdet in seinem
+Gebiete zu dulden; vor einigen Wochen aber habe er einen ihrer
+tapfersten Männer aufgefangen und nach den schrecklichsten Martern
+aufhängen lassen. Er habe ihm nun lange auflauern lassen, und heute
+noch müsse er sterben. Mustapha wagte es nicht, etwas dagegen
+einzuwenden; denn er war froh, selbst mit heiler Haut davongekommen zu
+sein.
+
+Am Ausgang des Waldes hielt der Starke sein Pferd an, beschrieb meinem
+Bruder den Weg, bot ihm die Hand zum Abschied und sprach: „Mustapha, du
+bist auf sonderbare Weise der Gastfreund des Räubers Orbasan geworden;
+ich will dich nicht auffordern, nicht zu verraten, was du gesehen und
+gehört hast. Du hast ungerechterweise Todesangst ausgestanden, und ich
+bin dir Vergütung schuldig. Nimm diesen Dolch als Andenken, und so du
+Hilfe brauchst, so sende ihn mir zu, und ich will eilen, dir
+beizustehen. Diesen Beutel aber kannst du vielleicht zu deiner Reise
+brauchen.“ Mein Bruder dankte ihm für seinen Edelmut; er nahm den
+Dolch, den Beutel aber schlug er aus. Doch Orbasan drückte ihm noch
+einmal die Hand, ließ den Beutel auf die Erde fallen und sprengte mit
+Sturmeseile in den Wald. Als Mustapha sah, daß er ihn doch nicht mehr
+werde einholen können, stieg er ab, um den Beutel aufzuheben, und
+erschrak über die Größe von seines Gastfreundes Großmut; denn der
+Beutel enthielt eine Menge Gold. Er dankte Allah für seine Rettung,
+empfahl ihm den edlen Räuber in seine Gnade und zog dann heiteren Mutes
+weiter auf seinem Wege nach Balsora.
+
+Lezah schwieg und sah Achmet, den alten Kaufmann, fragend an. „Nein,
+wenn es so ist“, sprach dieser, „so verbessere ich gern mein Urteil von
+Orbasan; denn wahrlich, an deinem Bruder hat er schön gehandelt.“
+
+„Er hat getan wie ein braver Muselmann“, rief Muley; „aber ich hoffe,
+du hast deine Geschichte damit nicht geschlossen; denn wie mich
+bedünkt, sind wir alle begierig, weiter zu hören, wie es deinem Bruder
+erging und ob er Fatme, deine Schwester, und die schöne Zoraide befreit
+hat.“
+
+„Wenn ich euch nicht damit langweile, erzähle ich gerne weiter“,
+entgegnete Lezah, „denn die Geschichte meines Bruders ist allerdings
+abenteuerlich und wundervoll.“
+
+Am Mittag des siebenten Tages nach seiner Abreise zog Mustapha in die
+Tore von Balsora ein. Sobald er in einer Karawanserei abgestiegen war,
+fragte er, wann der Sklavenmarkt, der alljährlich hier gehalten werde,
+anfange. Aber er erhielt die Schreckensantwort, daß er zwei Tage zu
+spät komme. Man bedauerte seine Verspätung und erzählte ihm, daß er
+viel verloren habe; denn noch an dem letzten Tage des Marktes seien
+zwei Sklavinnen angekommen, von so hoher Schönheit, daß sie die Augen
+aller Käufer auf sich gezogen hätten. Man habe sich ordentlich um sie
+gerissen und geschlagen, und sie seien freilich auch zu einem so hohen
+Preise verkauft worden, daß ihn nur ihr jetziger Herr nicht habe
+scheuen können. Er erkundigte sich näher nach diesen beiden, und es
+blieb ihm kein Zweifel, daß es die Unglücklichen seien, die er suchte.
+Auch erfuhr er, daß der Mann, der sie beide gekauft habe, vierzig
+Stunden von Balsora wohne und Thiuli-Kos heiße, ein vornehmer, reicher,
+aber schon ältlicher Mann, der früher Kapudan-Bassa des Großherrn
+gewesen, jetzt aber sich mit seinen gesammelten Reichtümern zur Ruhe
+gesetzt habe.
+
+Mustapha wollte von Anfang sich gleich wieder zu Pferd setzen, um dem
+Thiuli-Kos, der kaum einen Tag Vorsprung haben konnte, nachzueilen. Als
+er aber bedachte, daß er als einzelner Mann dem mächtigen Reisenden
+doch nichts anhaben noch weniger seine Beute ihm abjagen konnte, sann
+er auf einen anderen Plan und hatte ihn auch bald gefunden. Die
+Verwechslung mit dem Bassa von Sulieika, die ihm beinahe so gefährlich
+geworden wäre, brachte ihn auf den Gedanken, unter diesem Namen in das
+Haus des Thiuli-Kos zu gehen und so einen Versuch zur Rettung der
+beiden unglücklichen Mädchen zu wagen. Er mietete daher einige Diener
+und Pferde, wobei ihm Orbasans Geld trefflich zustatten kam, schaffte
+sich und seinen Dienern prächtige Kleider an und machte sich auf den
+Weg nach dem Schlosse Thiulis. Nach fünf Tagen war er in die Nähe
+dieses Schlosses gekommen. Es lag in einer schönen Ebene und war rings
+von hohen Mauern umschlossen, die nur ganz wenig von den Gebäuden
+überragt wurden. Als Mustapha dort angekommen war, färbte er Haar und
+Bart schwarz, sein Gesicht aber bestrich er mit dem Saft einer Pflanze,
+die ihm eine bräunliche Farbe gab, ganz wie sie jener Bassa gehabt
+hatte. Er schickte hierauf einen seiner Diener in das Schloß und ließ
+im Namen des Bassa von Sulieika um ein Nachtlager bitten. Der Diener
+kam bald wieder, und mit ihm vier schöngekleidete Sklaven, die
+Mustaphas Pferd am Zügel nahmen und in den Schloßhof führten. Dort
+halfen sie ihm selbst vom Pferd, und vier andere geleiteten ihn eine
+breite Marmortreppe hinauf zu Thiuli.
+
+Dieser, ein alter, lustiger Geselle, empfing meinen Bruder ehrerbietig
+und ließ ihm das Beste, was sein Koch zubereiten konnte, aufsetzen.
+Nach Tisch brachte Mustapha das Gespräch nach und nach auf die neuen
+Sklavinnen, und Thiuli rühmte ihre Schönheit und beklagte nur, daß sie
+immer so traurig seien; doch er glaubte, dieses würde sich bald geben.
+Mein Bruder war sehr vergnügt über diesen Empfang und legte sich mit
+den schönsten Hoffnungen zur Ruhe nieder.
+
+Er mochte ungefähr eine Stunde geschlafen haben, da weckte ihn der
+Schein einer Lampe, der blendend auf sein Auge fiel. Als er sich
+aufrichtete, glaubte er noch zu träumen; denn vor ihm stand jener
+kleine, schwarzbraune Kerl aus Orbasans Zelt, eine Lampe in der Hand,
+sein breites Maul zu einem widrigen Lächeln verzogen. Mustapha zwickte
+sich in den Arm, zupfte sich an der Nase, um sich zu überzeugen, ob er
+denn wache; aber die Erscheinung blieb wie zuvor. „Was willst du an
+meinem Bette?“ rief Mustapha, als er sich von seinem Erstaunen erholt
+hatte.
+
+„Bemühet Euch doch nicht so, Herr!“ sprach der Kleine. „Ich habe wohl
+erraten, weswegen Ihr hierherkommt. Auch war mir Euer wertes Gesicht
+noch wohl erinnerlich; doch wahrlich, wenn ich nicht den Bassa mit
+eigener Hand hätte erhängen helfen, so hättet Ihr mich vielleicht
+getäuscht. Jetzt aber bin ich da, um eine Frage zu machen.“
+
+„Vor allem sage, wie du hierherkommst“, entgegnete ihm Mustapha voll
+Wut, daß er verraten war.
+
+„Das will ich Euch sagen“, antwortete jener, „ich konnte mich mit dem
+Starken nicht länger vertragen, deswegen floh ich; aber du, Mustapha,
+warst eigentlich die Ursache unseres Streites, und dafür mußt du mir
+deine Schwester zur Frau geben, und ich will Euch zur Flucht behilflich
+sein; gibst du sie nicht, so gehe ich zu meinem neuen Herrn und erzähle
+ihm etwas von dem neuen Bassa.“
+
+Mustapha war vor Schrecken und Wut außer sich; jetzt, wo er sich am
+sicheren Ziel seiner Wünsche glaubte, sollte dieser Elende kommen und
+sie vereiteln; es war nur ein Mittel, das seinen Plan retten konnte: Er
+mußte das kleine Ungetüm töten. Mit einem Sprung fuhr er daher aus dem
+Bette auf den Kleinen zu; doch dieser, der etwas Solches geahnt haben
+mochte, ließ die Lampe fallen, daß sie verlöschte, und entsprang im
+Dunkeln, indem er mörderisch um Hilfe schrie.
+
+Jetzt war guter Rat teuer; die Mädchen mußte er für den Augenblick
+aufgeben und nur auf die eigene Rettung denken; daher ging er an das
+Fenster, um zu sehen, ob er nicht entspringen könnte. Es war eine
+ziemliche Tiefe bis zum Boden, und auf der anderen Seite stand eine
+hohe Mauer, die zu übersteigen war. Sinnend stand er an dem Fenster; da
+hörte er viele Stimmen sich seinem Zimmer nähern; schon waren sie an
+der Türe; da faßte er verzweiflungsvoll seinen Dolch und seine Kleider
+und schwang sich zum Fenster hinaus. Der Fall war hart; aber er fühlte,
+daß er kein Glied gebrochen hatte; drum sprang er auf und lief der
+Mauer zu, die den Hof umschloß, stieg, zum Erstaunen seiner Verfolger,
+hinauf und befand sich bald im Freien. Er floh, bis er an einen kleinen
+Wald kam, wo er sich erschöpft niederwarf. Hier überlegte er, was zu
+tun sei.
+
+Seine Pferde und seine Diener hatte er im Stiche lassen müssen; aber
+sein Geld, das er in dem Gürtel trug, hatte er gerettet.
+
+Sein erfinderischer Kopf zeigte ihm bald einen anderen Weg zur Rettung.
+Er ging in dem Wald weiter, bis er an ein Dorf kam, wo er um geringen
+Preis ein Pferd kaufte, das ihn in Bälde in eine Stadt trug. Dort
+forschte er nach einem Arzt, und man riet ihm einen alten, erfahrenen
+Mann. Diesen bewog er durch einige Goldstücke, daß er ihm eine Arznei
+mitteilte, die einen todähnlichen Schlaf herbeiführte, der durch ein
+anderes Mittel augenblicklich wieder gehoben werden könnte. Als er im
+Besitz dieses Mittels war, kaufte er sich einen langen falschen Bart,
+einen schwarzen Talar und allerlei Büchsen und Kolben, so daß er
+füglich einen reisenden Arzt vorstellen konnte, lud seine Sachen auf
+einen Esel und reiste in das Schloß des Thiuli-Kos zurück. Er durfte
+gewiß sein, diesmal nicht erkannt zu werden, denn der Bart entstellte
+ihn so, daß er sich selbst kaum mehr kannte. Bei Thiuli angekommen,
+ließ er sich als den Arzt Chakamankabudibaba anmelden, und, wie er es
+gedacht hatte, geschah es; der prachtvolle Namen empfahl ihn bei dem
+alten Narren ungemein, so daß er ihn gleich zur Tafel einlud.
+
+Chakamankabudibaba erschien vor Thiuli, und als sie sich kaum eine
+Stunde besprochen hatten, beschloß der Alte, alle seine Sklavinnen der
+Kur des weisen Arztes zu unterwerfen. Dieser konnte seine Freude kaum
+verbergen, daß er jetzt seine geliebte Schwester wiedersehen solle, und
+folgte mit klopfendem Herzen Thiuli, der ihn ins Serail führte. Sie
+waren in ein Zimmer gekommen, das schön ausgeschmückt war, worin sich
+aber niemand befand. „Chambaba oder wie du heißt, lieber Arzt“, sprach
+Thiuli-Kos, „betrachte einmal jenes Loch dort in der Mauer, dort wird
+jede meiner Sklavinnen einen Arm herausstrecken, und du kannst dann
+untersuchen, ob der Puls krank oder gesund ist.“ Mustapha mochte
+einwenden, was er wollte, zu sehen bekam er sie nicht; doch willigte
+Thiuli ein, daß er ihm allemal sagen wolle, wie sie sich sonst
+gewöhnlich befänden. Thiuli zog nun einen langen Zettel aus dem Gürtel
+und begann mit lauter Stimme seine Sklavinnen einzeln beim Namen zu
+rufen, worauf allemal eine Hand aus der Mauer kam und der Arzt den Puls
+untersuchte. Sechs waren schon abgelesen und sämtlich für gesund
+erklärt; da las Thiuli als die siebente „Fatme“ ab, und eine kleine
+weiße Hand schlüpfte aus der Mauer. Zitternd vor Freude, ergreift
+Mustapha diese Hand und erklärt sie mit wichtiger Miene für bedeutend
+krank. Thiuli ward sehr besorgt und befahl seinem weisen
+Chakamankabudibaba, schnell eine Arznei für sie zu bereiten. Der Arzt
+ging hinaus, schrieb auf einen kleinen Zettel: Fatme! Ich will Dich
+retten, wenn Du Dich entschließen kannst, eine Arznei zu nehmen, die
+Dich auf zwei Tage tot macht; doch ich besitze das Mittel, Dich wieder
+zum Leben zu bringen. Willst Du, so sage nur, dieser Trank habe nicht
+geholfen, und es soll mir ein Zeichen sein, daß Du einwilligst.
+
+Bald kam er in das Zimmer zurück, wo Thiuli seiner harrte. Er brachte
+ein unschädliches Tränklein mit, fühlte der kranken Fatme noch einmal
+den Puls und schob ihr zugleich den Zettel unter ihr Armband; das
+Tränklein aber reichte er ihr durch die Öffnung in der Mauer. Thiuli
+schien in großen Sorgen wegen Fatme zu sein und schob die Untersuchung
+der übrigen bis auf eine gelegenere Zeit auf. Als er mit Mustapha das
+Zimmer verlassen hatte, sprach er in traurigem Ton: „Chadibaba, sage
+aufrichtig, was hältst du von Fatmes Krankheit?“
+
+Chakamankabudibaba antwortete mit einem tiefen Seufzer: „Ach Herr, möge
+der Prophet dir Trost verleihen! Sie hat ein schleichendes Fieber, das
+ihr wohl den Garaus machen kann.“ Da entbrannte der Zorn Thiulis: „Was
+sagst du, verfluchter Hund von einem Arzt? Sie, um die ich zweitausend
+Goldstücke gab, soll mir sterben wie eine Kuh? Wisse, wenn du sie nicht
+rettest, so hau’ ich dir den Kopf ab!“ Da merkte mein Bruder, daß er
+einen dummen Streich gemacht habe, und gab Thiuli wieder Hoffnung. Als
+sie noch so sprachen, kam ein schwarzer Sklave aus dem Serail, dem Arzt
+zu sagen, daß das Tränklein nicht geholfen habe. „Biete deine ganze
+Kunst auf, Chakamdababelba, oder wie du dich schreibst, ich zahle dir,
+was du willst“, schrie Thiuli-Kos, fast heulend vor Angst, so viel Gold
+zu verlieren.
+
+„Ich will ihr ein Säftlein geben, das sie von aller Not befreit“,
+antwortete der Arzt.
+
+„Ja! Ja! Gib ihr ein Säftlein“, schluchzte der alte Thiuli.
+
+Frohen Mutes ging Mustapha, seinen Schlaftrunk zu holen, und als er ihn
+dem schwarzen Sklaven gegeben und gezeigt hatte, wieviel man auf einmal
+nehmen müsse, ging er zu Thiuli und sagte, er müsse noch einige
+heilsame Kräuter am See holen, und eilte zum Tor hinaus. An dem See,
+der nicht weit von dem Schloß entfernt war, zog er seine falschen
+Kleider aus und warf sie ins Wasser, daß sie lustig umherschwammen; er
+selbst aber verbarg sich im Gesträuch, wartete die Nacht ab und schlich
+sich dann in den Begräbnisplatz an dem Schlosse Thiulis.
+
+Als Mustapha kaum eine Stunde lang aus dem Schloß abwesend sein mochte,
+brachte man Thiuli die schreckliche Nachricht, daß seine Sklavin Fatme
+im Sterben liege. Er schickte hinaus an den See, um schnell den Arzt zu
+holen; aber bald kehrten seine Boten allein zurück und erzählten ihm,
+daß der arme Arzt ins Wasser gefallen und ertrunken sei; seinen
+schwarzen Talar sehe man im See schwimmen, und hier und da gucke auch
+sein stattlicher Bart aus den Wellen hervor. Als Thiuli keine Rettung
+mehr sah, verwünschte er sich und die ganze Welt, raufte sich den Bart
+aus und rannte mit dem Kopf gegen die Mauer. Aber alles dies konnte
+nichts helfen; denn Fatme gab bald unter den Händen der übrigen Weiber
+den Geist auf. Als Thiuli die Nachricht ihres Todes hörte, befahl er,
+schnell einen Sarg zu machen; denn er konnte keinen Toten im Hause
+leiden und ließ den Leichnam in das Begräbnishaus tragen. Die Träger
+brachten den Sarg dorthin, setzten ihn schnell nieder und entflohen,
+denn sie hatten unter den übrigen Särgen Stöhnen und Seufzen gehört.
+
+Mustapha, der sich hinter den Särgen verborgen und von dort aus die
+Träger des Sarges in die Flucht gejagt hatte, kam hervor und zündete
+sich eine Lampe an, die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Dann zog
+er ein Glas hervor, das die erweckende Arznei enthielt, und hob dann
+den Deckel von Fatmes Sarg. Aber welches Entsetzen befiel ihn, als sich
+ihm beim Scheine der Lampe ganz fremde Züge zeigten! Weder meine
+Schwester noch Zoraide, sondern eine ganz andere lag in dem Sarg. Er
+brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schicksals zu fassen;
+endlich überwog doch Mitleid seinen Zorn. Er öffnete sein Glas und
+flößte ihr die Arznei ein. Sie atmete, sie schlug die Augen auf und
+schien sich lange zu besinnen, wo sie sei. Endlich erinnerte sie sich
+des Vorgefallenen; sie stand auf aus dem Sarg und stürzte zu Mustaphas
+Füßen. „Wie kann ich dir danken, gütiges Wesen“, rief sie aus, „daß du
+mich aus meiner schrecklichen Gefangenschaft befreitest!“ Mustapha
+unterbrach ihre Danksagungen mit der Frage, wie es denn geschehen sei,
+daß sie und nicht Fatme, seine Schwester, gerettet worden sei? Jene sah
+ihn staunend an. „Jetzt wird mir meine Rettung erst klar, die mir
+vorher unbegreiflich war“, antwortete sie; „wisse, man hieß mich in
+jenem Schloß Fatme, und mir hast du deinen Zettel und den Rettungstrank
+gegeben.“ Mein Bruder forderte die Gerettete auf, ihm von seiner
+Schwester und Zoraide Nachricht zu geben, und erfuhr, daß sie sich
+beide im Schloß befanden, aber nach der Gewohnheit Thiulis andere Namen
+bekommen hatten; sie hießen jetzt Mirza und Nurmahal.“
+
+Als Fatme, die gerettete Sklavin, sah, daß mein Bruder durch diesen
+Fehlgriff so niedergeschlagen sei, sprach sie ihm Mut ein und
+versprach, ihm ein Mittel zu sagen, wie er jene beiden Mädchen dennoch
+retten könne. Aufgeweckt durch diesen Gedanken, schöpfte Mustapha von
+neuem Hoffnung und bat sie, dieses Mittel ihm zu nennen, und sie
+sprach:
+
+„Ich bin zwar erst seit fünf Monaten die Sklavin Thiulis, doch habe ich
+gleich von Anfang auf Rettung gesonnen; aber für mich allein war sie zu
+schwer. In dem inneren Hof des Schlosses wirst du einen Brunnen bemerkt
+haben, der aus zehn Röhren Wasser speit; dieser Brunnen fiel mir auf.
+Ich erinnerte mich, in dem Hause meines Vaters einen ähnlichen gesehen
+zu haben, dessen Wasser durch eine geräumige Wasserleitung
+herbeiströmt; um nun zu erfahren, ob dieser Brunnen auch so gebaut ist,
+rühmte ich eines Tages vor Thiuli seine Pracht und fragte nach seinem
+Baumeister. *Ich selbst habe ihn gebaut*, antwortete er, *und das, was
+du hier siehst, ist noch das Geringste; aber das Wasser dazu kommt
+wenigstens tausend Schritte weit von einem Bach her und geht durch eine
+gewölbte Wasserleitung, die wenigstens mannshoch ist; und alles dies
+habe ich selbst angegeben.* Als ich dies gehört hatte, wünschte ich mir
+oft, nur auf einen Augenblick die Stärke eines Mannes zu haben, um
+einen Stein an der Seite des Brunnens ausheben zu können; dann könnte
+ich fliehen, wohin ich wollte. Die Wasserleitung nun will ich dir
+zeigen; durch sie kannst du nachts in das Schloß gelangen und jene
+befreien. Aber du mußt wenigstens noch zwei Männer bei dir haben, um
+die Sklaven, die das Serail bei Nacht bewachen, zu überwältigen.“
+
+So sprach sie; mein Bruder Mustapha aber, obgleich schon zweimal in
+seinen Hoffnungen getäuscht, faßte noch einmal Mut und hoffte mit
+Allahs Hilfe den Plan der Sklavin auszuführen. Er versprach ihr, für
+ihr weiteres Fortkommen in ihre Heimat zu sorgen, wenn sie ihm
+behilflich sein wollte, ins Schloß zu gelangen. Aber ein Gedanke machte
+ihm noch Sorge, nämlich der, woher er zwei oder drei treue Gehilfen
+bekommen könnte. Da fiel ihm Orbasans Dolch ein und das Versprechen,
+das ihm jener gegeben hatte, ihm, wo er seiner bedürfe, zu Hilfe zu
+eilen, und er machte sich daher mit Fatme aus dem Begräbnis auf, um den
+Räuber aufzusuchen.
+
+In der nämlichen Stadt, wo er sich zum Arzt umgewandelt hatte, kaufte
+er um sein letztes Geld ein Roß und mietete Fatme bei einer armen Frau
+in der Vorstadt ein. Er selbst aber eilte dem Gebirge zu, wo er Orbasan
+zum erstenmal getroffen hatte, und gelangte in drei Tagen dahin. Er
+fand bald wieder jene Zelte und trat unverhofft vor Orbasan, der ihn
+freundlich bewillkommnete. Er erzählte ihm seine mißlungenen Versuche,
+wobei sich der ernsthafte Orbasan nicht enthalten konnte, hier und da
+ein wenig zu lachen, besonders, wenn er sich den Arzt
+Chakamankabudibaba dachte. Über die Verräterei des Kleinen aber war er
+wütend; er schwur, ihn mit eigener Hand aufzuhängen, wo er ihn finde.
+Meinem Bruder aber versprach er, sogleich zur Hilfe bereit zu sein,
+wenn er sich vorher von der Reise gestärkt haben würde. Mustapha blieb
+daher diese Nacht wieder in Orbasans Zelt; mit dem ersten Frührot aber
+brachen sie auf, und Orbasan nahm drei seiner tapfersten Männer, wohl
+beritten und bewaffnet, mit sich. Sie ritten stark zu und kamen nach
+zwei Tagen in die kleine Stadt, wo Mustapha die gerettete Fatme
+zurückgelassen hatte. Von da aus reisten sie mit dieser weiter bis zu
+dem kleinen Wald, von wo aus man das Schloß Thiulis in geringer
+Entfernung sehen konnte; dort lagerten sie sich, um die Nacht
+abzuwarten.
+
+Sobald es dunkel wurde, schlichen sie sich, von Fatme geführt, an den
+Bach, wo die Wasserleitung anfing, und fanden diese bald. Dort ließen
+sie Fatme und einen Diener mit den Rossen zurück und schickten sich an,
+hinabzusteigen; ehe sie aber hinabstiegen, wiederholte ihnen Fatme noch
+einmal alles genau, nämlich: daß sie durch den Brunnen in den inneren
+Schloßhof kämen, dort seien rechts und links in der Ecke zwei Türme, in
+der sechsten Türe, vom Turme rechts gerechnet, befänden sich Fatme und
+Zoraide, bewacht von zwei schwarzen Sklaven. Mit Waffen und Brecheisen
+wohl versehen, stiegen Mustapha, Orbasan und zwei andere Männer hinab
+in die Wasserleitung; sie sanken zwar bis an den Gürtel ins Wasser;
+aber nichtsdestoweniger gingen sie rüstig vorwärts. Nach einer halben
+Stunde kamen sie an den Brunnen selbst und setzten sogleich ihre
+Brecheisen an. Die Mauer war dick und fest; aber den vereinten Kräften
+der vier Männer konnte sie nicht lange widerstehen; bald hatten sie
+eine Öffnung eingebrochen, groß genug, um bequem durchschlüpfen zu
+können. Orbasan schlüpfte zuerst durch und half den anderen nach. Als
+sie alle im Hof waren, betrachteten sie die Seite des Schlosses, die
+vor ihnen lag, um die beschriebene Türe zu erforschen. Aber sie waren
+nicht einig, welche es sei; denn als sie von dem rechten Turm zum
+linken zählten, fanden sie eine Türe, die zugemauert war, und wußten
+nun nicht, ob Fatme diese übersprungen oder mitgezählt habe. Aber
+Orbasan besann sich nicht lange. „Mein gutes Schwert wird mir jede Tür
+öffnen“, rief er aus, ging auf die sechste Türe zu, und die anderen
+folgten ihm.
+
+Sie öffneten die Türe und fanden sechs schwarze Sklaven auf dem Boden
+liegend und schlafend; sie wollten schon wieder leise sich
+zurückziehen, weil sie sahen, daß sie die rechte Türe verfehlt hatten,
+als eine Gestalt in der Ecke sich aufrichtete und mit wohlbekannter
+Stimme um Hilfe rief. Es war der Kleine aus Orbasans Lager. Aber ehe
+noch die Schwarzen recht wußten, wie ihnen geschah, stürzte Orbasan auf
+den Kleinen zu, riß seinen Gürtel entzwei, verstopfte ihm den Mund und
+band ihm die Hände auf den Rücken; dann wandte er sich an die Sklaven,
+wovon schon einige von Mustapha und den zwei anderen halb gebunden
+waren, und half sie vollends überwältigen. Man setzte den Sklaven den
+Dolch auf die Brust und fragte sie, wo Nurmahal und Nürza wären, und
+sie gestanden, daß sie im Gemach nebenan seien. Mustapha stürzte in das
+Gemach und fand Fatme und Zoraide, die der Lärm erweckt hatte. Schnell
+rafften diese ihren Schmuck und ihre Kleider zusammen und folgten
+Mustapha; die beiden Räuber schlugen indes Orbasan vor, zu plündern,
+was man fände; doch dieser verbot es ihnen und sprach: „Man soll nicht
+von Orbasan sagen können, daß er nachts in die Häuser steige, um Gold
+zu stehlen!“ Mustapha und die Geretteten schlüpften schnell in die
+Wasserleitung, wohin ihnen Orbasan sogleich zu folgen versprach. Als
+jene in die Wasserleitung hinabgestiegen waren, nahmen Orbasan und
+einer der Räuber den Kleinen und führten ihn hinaus in den Hof; dort
+banden sie ihm eine seidene Schnur, die sie deshalb mitgenommen hatten,
+um den Hals und hingen ihn an der höchsten Spitze des Brunnens auf.
+Nachdem sie so den Verrat des Elenden bestraft hatten, stiegen sie
+selbst hinab in die Wasserleitung und folgten Mustapha. Mit Tränen
+dankten die beiden ihrem edelmütigen Retter Orbasan; doch dieser trieb
+sie eilends zur Flucht an, denn es war sehr wahrscheinlich, daß sie
+Thiuli-Kos nach allen Seiten verfolgen ließ. Mit tiefer Rührung
+trennten sich am anderen Tag Mustapha und seine Geretteten von Orbasan;
+wahrlich, sie werden ihn nie vergessen. Fatme aber, die befreite
+Sklavin, ging verkleidet nach Balsora, um sich dort in ihre Heimat
+einzuschiffen.
+
+Nach einer kurzen und vergnügten Reise kamen die Meinigen in die
+Heimat. Meinen alten Vater tötete beinahe die Freude des Wiedersehens;
+den anderen Tag nach ihrer Ankunft veranstaltete er ein großes Fest, an
+welchem die ganze Stadt teilnahm. Vor einer großen Versammlung von
+Verwandten und Freunden mußte mein Bruder seine Geschichte erzählen,
+und einstimmig priesen sie ihn und den edlen Räuber.
+
+Als aber mein Bruder geschlossen hatte, stand mein Vater auf und führte
+Zoraide ihm zu. „So löse ich denn“, sprach er mit feierlicher Stimme,
+„den Fluch von deinem Haupte; nimm diese hin als die Belohnung, die du
+dir durch deinen rastlosen Eifer erkämpft hast; nimm meinen väterlichen
+Segen, und möge es nie unserer Stadt an Männern fehlen, die an
+brüderlicher Liebe, an Klugheit und Eifer dir gleichen!“
+
+Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten
+die Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren
+lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen
+Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und
+obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch
+die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; denn der
+Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die
+Wüste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen geöffnet
+und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der junge
+lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder dazu, die
+selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln entlockten. Aber nicht
+genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel erheitert hatte, er
+gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen versprochen
+hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte, also
+zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck.
+
+
+
+
+Die Geschichte von dem kleinen Muck
+
+Wilhelm Hauff
+
+
+In Nicea, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den
+kleinen Muck hieß. Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch sehr
+jung war, noch recht wohl denken, besonders weil ich einmal von meinem
+Vater wegen seiner halbtot geprügelt wurde. Der kleine Muck nämlich war
+schon ein alter Geselle, als ich ihn kannte; doch war er nur drei bis
+vier Schuh hoch, dabei hatte er eine sonderbare Gestalt, denn sein
+Leib, so klein und zierlich er war, mußte einen Kopf tragen, viel
+größer und dicker als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz allein in
+einem großen Haus und kochte sich sogar selbst, auch hätte man in der
+Stadt nicht gewußt, ob er lebe oder gestorben sei, denn er ging nur
+alle vier Wochen einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde ein
+mächtiger Dampf aus dem Hause aufgestiegen wäre, doch sah man ihn oft
+abends auf seinem Dache auf und ab gehen, von der Straße aus glaubte
+man aber, nur sein großer Kopf allein laufe auf dem Dache umher. Ich
+und meine Kameraden waren böse Buben, die jedermann gerne neckten und
+belachten, daher war es uns allemal ein Festtag, wenn der kleine Muck
+ausging; wir versammelten uns an dem bestimmten Tage vor seinem Haus
+und warteten, bis er herauskam; wenn dann die Türe aufging und zuerst
+der große Kopf mit dem noch größeren Turban herausguckte, wenn das
+übrige Körperlein nachfolgte, angetan mit einem abgeschabten Mäntelein,
+weiten Beinkleidern und einem breiten Gürtel, an welchem ein langer
+Dolch hing, so lang, daß man nicht wußte, ob Muck an dem Dolch, oder
+der Dolch an Muck stak, wenn er so heraustrat, da ertönte die Luft von
+unserem Freudengeschrei, wir warfen unsere Mützen in die Höhe und
+tanzten wie toll um ihn her. Der kleine Muck aber grüßte uns mit
+ernsthaftem Kopfnicken und ging mit langsamen Schritten die Straße
+hinab. Wir Knaben liefen hinter ihm her und schrien immer: „Kleiner
+Muck, kleiner Muck!“ Auch hatten wir ein lustiges Verslein, das wir ihm
+zu Ehren hier und da sangen; es hieß:
+
+„Kleiner Muck, kleiner Muck,
+Wohnst in einem großen Haus,
+Gehst nur all vier Wochen aus,
+Bist ein braver, kleiner Zwerg,
+Hast ein Köpflein wie ein Berg,
+Schau dich einmal um und guck,
+Lauf und fang uns, kleiner Muck!“
+
+
+So hatten wir schon oft unsere Kurzweil getrieben, und zu meiner
+Schande muß ich es gestehen, ich trieb’s am ärgsten; denn ich zupfte
+ihn oft am Mäntelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die
+großen Pantoffeln, daß er hinfiel. Dies kam mir nun höchst lächerlich
+vor, aber das Lachen verging mir, als ich den kleinen Muck auf meines
+Vaters Haus zugehen sah. Er ging richtig hinein und blieb einige Zeit
+dort. Ich versteckte mich an der Haustüre und sah den Muck wieder
+herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn ehrerbietig an der
+Hand hielt und an der Türe unter vielen Bücklingen sich von ihm
+verabschiedete. Mir war gar nicht wohl zumute; ich blieb daher lange in
+meinem Versteck; endlich aber trieb mich der Hunger, den ich ärger
+fürchtete als Schläge, heraus, und demütig und mit gesenktem Kopf trat
+ich vor meinen Vater. „Du hast, wie ich höre, den guten Muck
+beschimpft?“ sprach er in sehr ernstem Tone. „Ich will dir die
+Geschichte dieses Muck erzählen, und du wirst ihn gewiß nicht mehr
+auslachen; vor- und nachher aber bekommst du das Gewöhnliche.“ Das
+Gewöhnliche aber waren fünfundzwanzig Hiebe, die er nur allzu richtig
+aufzuzählen pflegte. Er nahm daher sein langes Pfeifenrohr, schraubte
+die Bernsteinmundspitze ab und bearbeitete mich ärger als je zuvor.
+
+Als die Fünfundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und
+erzählte mir von dem kleinen Muck:
+
+Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muckrah heißt, war ein
+angesehener, aber armer Mann hier in Nicea. Er lebte beinahe so
+einsiedlerisch wie jetzt sein Sohn. Diesen konnte er nicht wohl leiden,
+weil er sich seiner Zwerggestalt schämte, und ließ ihn daher auch in
+Unwissenheit aufwachsen. Der kleine Muck war noch in seinem sechzehnten
+Jahr ein lustiges Kind, und der Vater, ein ernster Mann, tadelte ihn
+immer, daß er, der schon längst die Kinderschuhe zertreten haben
+sollte, noch so dumm und läppisch sei.
+
+Der Alte tat aber einmal einen bösen Fall, an welchem er auch starb und
+den kleinen Muck arm und unwissend zurückließ. Die harten Verwandten,
+denen der Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen konnte, jagten
+den armen Kleinen aus dem Hause und rieten ihm, in die Welt
+hinauszugehen und sein Glück zu suchen. Der kleine Muck antwortete, er
+sei schon reisefertig, bat sich aber nur noch den Anzug seines Vaters
+aus, und dieser wurde ihm auch bewilligt. Sein Vater war ein großer,
+starker Mann gewesen, daher paßten die Kleider nicht. Muck aber wußte
+bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und zog dann die Kleider an.
+Er schien aber vergessen zu haben, daß er auch in der Weite davon
+schneiden müsse, daher sein sonderbarer Aufzug, wie er noch heute zu
+sehen ist; der große Turban, der breite Gürtel, die weiten Hosen, das
+blaue Mäntelein, alles dies sind Erbstücke seines Vaters, die er
+seitdem getragen; den langen Damaszenerdolch seines Vaters aber steckte
+er in den Gürtel, ergriff ein Stöcklein und wanderte zum Tor hinaus.
+
+Fröhlich wanderte er den ganzen Tag; denn er war ja ausgezogen, um sein
+Glück zu suchen; wenn er eine Scherbe auf der Erde im Sonnenschein
+glänzen sah, so steckte er sie gewiß zu sich, im Glauben, daß sie sich
+in den schönsten Diamanten verwandeln werde; sah er in der Ferne die
+Kuppel einer Moschee wie Feuer strahlen, sah er einen See wie einen
+Spiegel blinken, so eilte er voll Freude darauf zu; denn er dachte, in
+einem Zauberland angekommen zu sein. Aber ach! Jene Trugbilder
+verschwanden in der Nähe, und nur allzubald erinnerten ihn seine
+Müdigkeit und sein vor Hunger knurrender Magen, daß er noch im Lande
+der Sterblichen sich befinde. So war er zwei Tage gereist unter Hunger
+und Kummer und verzweifelte, sein Glück zu finden; die Früchte des
+Feldes waren seine einzige Nahrung, die harte Erde sein Nachtlager. Am
+Morgen des dritten Tages erblickte er von einer Anhöhe eine große
+Stadt.
+
+Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen schimmerten
+auf den Dächern und schienen den kleinen Muck zu sich herzuwinken.
+Überrascht stand er stille und betrachtete Stadt und Gegend. „Ja, dort
+wird Klein-Muck sein Glück finden“, sprach er zu sich und machte trotz
+seiner Müdigkeit einen Luftsprung, „dort oder nirgends.“ Er raffte alle
+seine Kräfte zusammen und schritt auf die Stadt zu. Aber obgleich sie
+ganz nahe schien, konnte er sie doch erst gegen Mittag erreichen; denn
+seine kleinen Glieder versagten ihm beinahe gänzlich ihren Dienst, und
+er mußte sich oft in den Schatten einer Palme setzen, um auszuruhen.
+Endlich war er an dem Tor der Stadt angelangt. Er legte sein Mäntelein
+zurecht, band den Turban schöner um, zog den Gürtel noch breiter an und
+steckte den langen Dolch schiefer; dann wischte er den Staub von den
+Schuhen, ergriff sein Stöcklein und ging mutig zum Tor hinein.
+
+Er hatte schon einige Straßen durchwandert; aber nirgends öffnete sich
+ihm die Türe, nirgends rief man, wie er sich vorgestellt hatte:
+„Kleiner Muck, komm herein und iß und trink und laß deine Füßlein
+ausruhen!“
+
+Er schaute gerade auch wieder recht sehnsüchtig an einem großen,
+schönen Haus hinauf; da öffnete sich ein Fenster, eine alte Frau
+schaute heraus und rief mit singender Stimme:
+
+„Herbei, herbei!
+Gekocht ist der Brei,
+Den Tisch ließ ich decken,
+Drum laßt es euch schmecken;
+Ihr Nachbarn herbei,
+Gekocht ist der Brei.“
+
+
+Die Türe des Hauses öffnete sich, und Muck sah viele Hunde und Katzen
+hineingehen. Er stand einige Augenblicke in Zweifel, ob er der
+Einladung folgen sollte; endlich aber faßte er sich ein Herz und ging
+in das Haus. Vor ihm her gingen ein paar junge Kätzlein, und er
+beschloß, ihnen zu folgen, weil sie vielleicht die Küche besser wüßten
+als er.
+
+Als Muck die Treppe hinaufgestiegen war, begegnete er jener alten Frau,
+die zum Fenster herausgeschaut hatte. Sie sah ihn mürrisch an und
+fragte nach seinem Begehr. „Du hast ja jedermann zu deinem Brei
+eingeladen“, antwortete der kleine Muck, „und weil ich so gar hungrig
+bin, bin ich auch gekommen.“
+
+Die Alte lachte und sprach: „Woher kommst du denn, wunderlicher Gesell?
+Die ganze Stadt weiß, daß ich für niemand koche als für meine lieben
+Katzen, und hier und da lade ich ihnen Gesellschaft aus der
+Nachbarschaft ein, wie du siehst.“
+
+Der kleine Muck erzählte der alten Frau, wie es ihm nach seines Vaters
+Tod so hart ergangen sei, und bat sie, ihn heute mit ihren Katzen
+speisen zu lassen. Die Frau, welcher die treuherzige Erzählung des
+Kleinen wohl gefiel, erlaubte ihm, ihr Gast zu sein, und gab ihm
+reichlich zu essen und zu trinken. Als er gesättigt und gestärkt war,
+betrachtete ihn die Frau lange und sagte dann: „Kleiner Muck, bleibe
+bei mir in meinem Dienste! Du hast geringe Mühe und sollst gut gehalten
+sein.“
+
+Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geschmeckt hatte, willigte ein und
+wurde also der Bedienstete der Frau Ahavzi. Er hatte einen leichten,
+aber sonderbaren Dienst. Frau Ahavzi hatte nämlich zwei Kater und vier
+Katzen, diesen mußte der kleine Muck alle Morgen den Pelz kämmen und
+mit köstlichen Salben einreiben; wenn die Frau ausging, mußte er auf
+die Katzen Achtung geben, wenn sie aßen, mußte er ihnen die Schüsseln
+vorlegen, und nachts mußte er sie auf seidene Polster legen und sie mit
+samtenen Decken einhüllen. Auch waren noch einige kleine Hunde im Haus,
+die er bedienen mußte, doch wurden mit diesen nicht so viele Umstände
+gemacht wie mit den Katzen, welche Frau Ahavzi wie ihre eigenen Kinder
+hielt. Übrigens führte Muck ein so einsames Leben wie in seines Vaters
+Haus, denn außer der Frau sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen.
+Eine Zeitlang ging es dem kleinen Muck ganz gut; er hatte immer zu
+essen und wenig zu arbeiten, und die alte Frau schien recht zufrieden
+mit ihm zu sein, aber nach und nach wurden die Katzen unartig, wenn die
+Alte ausgegangen war, sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher,
+warfen alles durcheinander und zerbrachen manches schöne Geschirr, das
+ihnen im Weg stand. Wenn sie aber die Frau die Treppe heraufkommen
+hörten, verkrochen sie sich auf ihre Polster und wedelten ihr mit den
+Schwänzen entgegen, wie wenn nichts geschehen wäre. Die Frau Ahavzi
+geriet dann in Zorn, wenn sie ihre Zimmer so verwüstet sah, und schob
+alles auf Muck, er mochte seine Unschuld beteuern, wie er wollte, sie
+glaubte ihren Katzen, die so unschuldig aussahen, mehr als ihrem
+Diener.
+
+Der kleine Muck war sehr traurig, daß er also auch hier sein Glück
+nicht gefunden hatte, und beschloß bei sich, den Dienst der Frau Ahavzi
+zu verlassen. Da er aber auf seiner ersten Reise erfahren hatte, wie
+schlecht man ohne Geld lebt, so beschloß er, den Lohn, den ihm seine
+Gebieterin immer versprochen, aber nie gegeben hatte, sich auf
+irgendeine Art zu verschaffen. Es befand sich in dem Hause der Frau
+Ahavzi ein Zimmer, das immer verschlossen war und dessen Inneres er nie
+gesehen hatte. Doch hatte er die Frau oft darin rumoren gehört, und er
+hätte oft für sein Leben gern gewußt, was sie dort versteckt habe. Als
+er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein, daß dort die Schätze der
+Frau versteckt sein könnten. Aber immer war die Tür fest verschlossen,
+und er konnte daher den Schätzen nie beikommen.
+
+Eines Morgens, als die Frau Ahavzi ausgegangen war, zupfte ihn eines
+der Hundlein, welches von der Frau immer sehr stiefmütterlich behandelt
+wurde, dessen Gunst er sich aber durch allerlei Liebesdienste in hohem
+Grade erworben hatte, an seinen weiten Beinkleidern und gebärdete sich
+dabei, wie wenn Muck ihm folgen sollte. Muck, welcher gerne mit den
+Hunden spielte, folgte ihm, und siehe da, das Hundlein führte ihn in
+die Schlafkammer der Frau Ahavzi vor eine kleine Türe, die er nie zuvor
+dort bemerkt hatte. Die Türe war halb offen. Das Hundlein ging hinein,
+und Muck folgte ihm, und wie freudig war er überrascht, als er sah, daß
+er sich in dem Gemach befand, das schon lange das Ziel seiner Wünsche
+war. Er spähte überall umher, ob er kein Geld finden könne, fand aber
+nichts. Nur alte Kleider und wunderlich geformte Geschirre standen
+umher. Eines dieser Geschirre zog seine besondere Aufmerksamkeit auf
+sich. Es war von Kristall, und schöne Figuren waren darauf
+ausgeschnitten. Er hob es auf und drehte es nach allen Seiten. Aber, o
+Schrecken! Er hatte nicht bemerkt, daß es einen Deckel hatte, der nur
+leicht darauf hingesetzt war. Der Deckel fiel herab und zerbrach in
+tausend Stücke.
+
+Lange stand der kleine Muck vor Schrecken leblos. Jetzt war sein
+Schicksal entschieden, jetzt mußte er entfliehen, sonst schlug ihn die
+Alte tot. Sogleich war auch seine Reise beschlossen, und nur noch
+einmal wollte er sich umschauen, ob er nichts von den Habseligkeiten
+der Frau Ahavzi zu seinem Marsch brauchen könnte. Da fielen ihm ein
+Paar mächtig große Pantoffeln ins Auge; sie waren zwar nicht schön;
+aber seine eigenen konnten keine Reise mehr mitmachen; auch zogen ihn
+jene wegen ihrer Größe an; denn hatte er diese am Fuß, so mußten ihm
+hoffentlich alle Leute ansehen, daß er die Kinderschuhe vertreten habe.
+Er zog also schnell seine Töffelein aus und fuhr in die großen hinein.
+Ein Spazierstöcklein mit einem schön geschnittenen Löwenkopf schien ihm
+auch hier allzu müßig in der Ecke zu stehen; er nahm es also mit und
+eilte zum Zimmer hinaus. Schnell ging er jetzt auf seine Kammer, zog
+sein Mäntelein an, setzte den väterlichen Turban auf, steckte den Dolch
+in den Gürtel und lief, so schnell ihn seine Füße trugen, zum Haus und
+zur Stadt hinaus. Vor der Stadt lief er, aus Angst vor der Alten, immer
+weiter fort, bis er vor Müdigkeit beinahe nicht mehr konnte. So schnell
+war er in seinem Leben nicht gegangen; ja, es schien ihm, als könne er
+gar nicht aufhören zu rennen; denn eine unsichtbare Gewalt schien ihn
+fortzureißen. Endlich bemerkte er, daß es mit den Pantoffeln eine
+eigene Bewandtnis haben müsse; denn diese schossen immer fort und
+führten ihn mit sich. Er versuchte auf allerlei Weise stillzustehen;
+aber es wollte nicht gelingen; da rief er in der höchsten Not, wie man
+den Pferden zuruft, sich selbst zu: „Oh—oh, halt, oh!“ Da hielten die
+Pantoffeln, und Muck warf sich erschöpft auf die Erde nieder.
+
+Die Pantoffeln freuten ihn ungemein. So hatte er sich denn doch durch
+seine Verdienste etwas erworben, das ihm in der Welt auf seinem Weg das
+Glück zu suchen, forthelfen konnte. Er schlief trotz seiner Freude vor
+Erschöpfung ein; denn das Körperlein des kleinen Muck, das einen so
+schweren Kopf zu tragen hatte, konnte nicht viel aushalten. Im Traum
+erschien ihm das Hundlein, welches ihm im Hause der Frau Ahavzi zu den
+Pantoffeln verholfen hatte, und sprach zu ihm: „Lieber Muck, du
+verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht recht; wisse, wenn du
+dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herumdrehst, so kannst du
+hinfliegen, wohin du nur willst, und mit dem Stöcklein kannst du
+Schätze finden, denn wo Gold vergraben ist, da wird es dreimal auf die
+Erde schlagen, bei Silber zweimal.“ So träumte der kleine Muck. Als er
+aber aufwachte, dachte er über den wunderbaren Traum nach und beschloß,
+alsbald einen Versuch zu machen. Er zog die Pantoffeln an, lupfte einen
+Fuß und begann sich auf dem Absatz umzudrehen. Wer es aber jemals
+versucht hat, in einem ungeheuer weiten Pantoffel dieses Kunststück
+dreimal hintereinander zu machen, der wird sich nicht wundern, wenn es
+dem kleinen Muck nicht gleich glückte, besonders wenn man bedenkt, daß
+ihn sein schwerer Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite hinüberzog.
+
+Der arme Kleine fiel einigemal tüchtig auf die Nase; doch ließ er sich
+nicht abschrecken, den Versuch zu wiederholen, und endlich glückte es.
+Wie ein Rad fuhr er auf seinem Absatz herum, wünschte sich in die
+nächste große Stadt, und—die Pantoffeln ruderten hinauf in die Lüfte,
+liefen mit Windeseile durch die Wolken, und ehe sich der kleine Muck
+noch besinnen konnte, wie ihm geschah, befand er sich schon auf einem
+großen Marktplatz, wo viele Buden aufgeschlagen waren und unzählige
+Menschen geschäftig hin und her liefen. Er ging unter den Leuten hin
+und her, hielt es aber für ratsamer, sich in eine einsamere Straße zu
+begeben; denn auf dem Markt trat ihm bald da einer auf die Pantoffeln,
+daß er beinahe umfiel, bald stieß er mit seinem weit hinausstehenden
+Dolch einen oder den anderen an, daß er mit Mühe den Schlägen entging.
+
+Der kleine Muck bedachte nun ernstlich, was er wohl anfangen könnte, um
+sich ein Stück Geld zu verdienen; er hatte zwar ein Stäblein, das ihm
+verborgene Schätze anzeigte, aber wo sollte er gleich einen Platz
+finden, wo Gold oder Silber vergraben wäre? Auch hätte er sich zur Not
+für Geld sehen lassen können; aber dazu war er doch zu stolz. Endlich
+fiel ihm die Schnelligkeit seiner Füße ein, „vielleicht“, dachte er,
+„können mir meine Pantoffeln Unterhalt gewähren“, und er beschloß, sich
+als Schnelläufer zu verdingen. Da er aber hoffen durfte, daß der König
+dieser Stadt solche Dienste am besten bezahle, so erfragte er den
+Palast. Unter dem Tor des Palastes stand eine Wache, die ihn fragte,
+was er hier zu suchen habe. Auf seine Antwort, daß er einen Dienst
+suche, wies man ihn zum Aufseher der Sklaven. Diesem trug er sein
+Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter den königlichen Boten
+zu besorgen. Der Aufseher maß ihn mit seinen Augen von Kopf bis zu den
+Füßen und sprach: „Wie, mit deinen Füßlein, die kaum so lang als eine
+Spanne sind, willst du königlicher Schnelläufer werden? Hebe dich weg,
+ich bin nicht dazu da, mit jedem Narren Kurzweil zu machen.“ Der kleine
+Muck versicherte ihm aber, daß es ihm vollkommen ernst sei mit seinem
+Antrag und daß er es mit dem Schnellsten auf eine Wette ankommen lassen
+wollte. Dem Aufseher kam die Sache gar lächerlich vor; er befahl ihm,
+sich bis auf den Abend zu einem Wettlauf bereitzuhalten, führte ihn in
+die Küche und sorgte dafür, daß ihm gehörig Speis’ und Trank gereicht
+wurde; er selbst aber begab sich zum König und erzählte ihm vom kleinen
+Muck und seinem Anerbieten. Der König war ein lustiger Herr, daher
+gefiel es ihm wohl, daß der Aufseher der Sklaven den kleinen Menschen
+zu einem Spaß behalten habe, er befahl ihm, auf einer großen Wiese
+hinter dem Schloß Anstalten zu treffen, daß das Wettlaufen mit
+Bequemlichkeit von seinem ganzen Hofstaat könnte gesehen werden, und
+empfahl ihm nochmals, große Sorgfalt für den Zwerg zu haben. Der König
+erzählte seinen Prinzen und Prinzessinnen, was sie diesen Abend für ein
+Schauspiel haben würden, diese erzählten es wieder ihren Dienern, und
+als der Abend herankam, war man in gespannter Erwartung, und alles, was
+Füße hatte, strömte hinaus auf die Wiese, wo Gerüste aufgeschlagen
+waren, um den großsprecherischen Zwerg laufen zu sehen.
+
+Als der König und seine Söhne und Töchter auf dem Gerüst Platz genommen
+hatten, trat der kleine Muck heraus auf die Wiese und machte vor den
+hohen Herrschaften eine überaus zierliche Verbeugung. Ein allgemeines
+Freudengeschrei ertönte, als man des Kleinen ansichtig wurde; eine
+solche Figur hatte man dort noch nie gesehen. Das Körperlein mit dem
+mächtigen Kopf, das Mäntelein und die weiten Beinkleider, der lange
+Dolch in dem breiten Gürtel, die kleinen Füßlein in den weiten
+Pantoffeln—nein! Es war zu drollig anzusehen, als daß man nicht hätte
+laut lachen sollen. Der kleine Muck ließ sich aber durch das Gelächter
+nicht irremachen. Er stellte sich stolz, auf sein Stöcklein gestützt,
+hin und erwartete seinen Gegner. Der Aufseher der Sklaven hatte nach
+Mucks eigenem Wunsche den besten Läufer ausgesucht. Dieser trat nun
+heraus, stellte sich neben den Kleinen, und beide harrten auf das
+Zeichen. Da winkte Prinzessin Amarza, wie es ausgemacht war, mit ihrem
+Schleier, und wie zwei Pfeile, auf dasselbe Ziel abgeschossen, flogen
+die beiden Wettläufer über die Wiese hin.
+
+Von Anfang hatte Mucks Gegner einen bedeutenden Vorsprung, aber dieser
+jagte ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk nach, holte ihn ein, überfing
+ihn und stand längst am Ziele, als jener noch, nach Luft schnappend,
+daherlief. Verwunderung und Staunen fesselten einige Augenblicke die
+Zuschauer, als aber der König zuerst in die Hände klatschte, da
+jauchzte die Menge, und alle riefen: „Hoch lebe der kleine Muck, der
+Sieger im Wettlauf!“
+
+Man hatte indes den kleinen Muck herbeigebracht; er warf sich vor dem
+König nieder und sprach: „Großmächtigster König, ich habe dir hier nur
+eine kleine Probe meiner Kunst gegeben; wolle nur gestatten, daß man
+mir eine Stelle unter deinen Läufern gebe!“
+
+Der König aber antwortete ihm: „Nein, du sollst mein Leibläufer und
+immer um meine Person sein, lieber Muck, jährlich sollst du hundert
+Goldstücke erhalten als Lohn, und an der Tafel meiner ersten Diener
+sollst du speisen.“
+
+So glaubte denn Muck, endlich das Glück gefunden zu haben, das er so
+lange suchte, und war fröhlich und wohlgemut in seinem Herzen. Auch
+erfreute er sich der besonderen Gnade des Königs, denn dieser
+gebrauchte ihn zu seinen schnellsten und geheimsten Sendungen, die er
+dann mit der größten Genauigkeit und mit unbegreiflicher Schnelle
+besorgte.
+
+Aber die übrigen Diener des Königs waren ihm gar nicht zugetan, weil
+sie sich ungern durch einen Zwerg, der nichts verstand, als schnell zu
+laufen, in der Gunst ihres Herrn zurückgesetzt sahen. Sie
+veranstalteten daher manche Verschwörung gegen ihn, um ihn zu stürzen;
+aber alle schlugen fehl an dem großen Zutrauen, das der König in seinen
+geheimen Oberleibläufer (denn zu dieser Würde hatte er es in so kurzer
+Zeit gebracht) setzte.
+
+Muck, dem diese Bewegungen gegen ihn nicht entgingen, sann nicht auf
+Rache, dazu hatte er ein zu gutes Herz, nein, auf Mittel dachte er,
+sich bei seinen Feinden notwendig und beliebt zu machen. Da fiel ihm
+sein Stäblein, das er in seinem Glück außer acht gelassen hatte, ein;
+wenn er Schätze finde, dachte er, würden ihm die Herren schon geneigter
+werden. Er hatte schon oft gehört, daß der Vater des jetzigen Königs
+viele seiner Schätze vergraben habe, als der Feind sein Land
+überfallen; man sagte auch, er sei darüber gestorben, ohne daß er sein
+Geheimnis habe seinem Sohn mitteilen können. Von nun an nahm Muck immer
+sein Stöcklein mit, in der Hoffnung, einmal an einem Ort
+vorüberzugehen, wo das Geld des alten Königs vergraben sei. Eines
+Abends führte ihn der Zufall in einen entlegenen Teil des
+Schloßgartens, den er wenig besuchte, und plötzlich fühlte er das
+Stöcklein in seiner Hand zucken, und dreimal schlug es gegen den Boden.
+Nun wußte er schon, was dies zu bedeuten hatte. Er zog daher seinen
+Dolch heraus, machte Zeichen in die umstellenden Bäume und schlich sich
+wieder in das Schloß; dort verschaffte er sich einen Spaten und wartete
+die Nacht zu seinem Unternehmen ab.
+
+Das Schatzgraben selbst machte übrigens dem kleinen Muck mehr zu
+schaffen, als er geglaubt hatte.
+
+Seine Arme waren gar zu schwach, sein Spaten aber groß und schwer; und
+er mochte wohl schon zwei Stunden gearbeitet haben, ehe er ein paar Fuß
+tief gegraben hatte. Endlich stieß er auf etwas Hartes, das wie Eisen
+klang. Er grub jetzt emsiger, und bald hatte er einen großen eisernen
+Deckel zutage gefördert; er stieg selbst in die Grube hinab, um
+nachzuspähen, was wohl der Deckel könnte bedeckt haben, und fand
+richtig einen großen Topf, mit Goldstücken angefüllt. Aber seine
+schwachen Kräfte reichten nicht hin, den Topf zu heben, daher steckte
+er in seine Beinkleider und seinen Gürtel, so viel er zu tragen
+vermochte, und auch sein Mäntelein füllte er damit, bedeckte das übrige
+wieder sorgfältig und lud es auf den Rücken. Aber wahrlich, wenn er die
+Pantoffeln nicht an den Füßen gehabt hätte, er wäre nicht vom Fleck
+gekommen, so zog ihn die Last des Goldes nieder. Doch unbemerkt kam er
+auf sein Zimmer und verwahrte dort sein Gold unter den Polstern seines
+Sofas.
+
+Als der kleine Muck sich im Besitz so vielen Goldes sah, glaubte er,
+das Blatt werde sich jetzt wenden und er werde sich unter seinen
+Feinden am Hofe viele Gönner und warme Anhänger erwerben. Aber schon
+daran konnte man erkennen, daß der gute Muck keine gar sorgfältige
+Erziehung genossen haben mußte, sonst hätte er sich wohl nicht
+einbilden können, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen. Ach, daß er
+damals seine Pantoffeln geschmiert und sich mit seinem Mäntelein voll
+Gold aus dem Staub gemacht hätte!
+
+Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Händen austeilte,
+erweckte den Neid der übrigen Hofbediensteten. Der Küchenmeister Ahuli
+sagte: „Er ist ein Falschmünzer.“
+
+Der Sklavenaufseher Achmet sagte: „Er hat’s dem König abgeschwatzt.“
+
+Archaz, der Schatzmeister, aber, sein ärgster Feind, der selbst hier
+und da einen Griff in des Königs Kasse tun mochte, sagte geradezu: „Er
+hat’s gestohlen.“
+
+Um nun ihrer Sache gewiß zu sein, verabredeten sie sich, und der
+Obermundschenk Korchuz stellte sich eines Tages recht traurig und
+niedergeschlagen vor die Augen des Königs. Er machte seine traurigen
+Gebärden so auffallend, daß ihn der König fragte, was ihm fehle.
+
+„Ah“, antwortete er, „ich bin traurig, daß ich die Gnade meines Herrn
+verloren habe.“
+
+„Was fabelst du, Freund Korchuz?“ entgegnete ihm der König. „Seit wann
+hätte ich die Sonne meiner Gnade nicht über dich leuchten lassen?“ Der
+Obermundschenk antwortete ihm, daß er ja den geheimen Oberleibläufer
+mit Gold belade, seinen armen, treuen Dienern aber nichts gebe.
+
+Der König war sehr erstaunt über diese Nachricht, ließ sich die
+Goldausteilungen des kleinen Muck erzählen, und die Verschworenen
+brachten ihm leicht den Verdacht bei, daß Muck auf irgendeine Art das
+Geld aus der Schatzkammer gestohlen habe. Sehr lieb war diese Wendung
+der Sache dem Schatzmeister, der ohnehin nicht gerne Rechnung ablegte.
+Der König gab daher den Befehl, heimlich auf alle Schritte des kleinen
+Muck achtzugeben, um ihn womöglich auf der Tat zu ertappen. Als nun in
+der Nacht, die auf diesen Unglückstag folgte, der kleine Muck, da er
+durch seine Freigebigkeit seine Kasse sehr erschöpft sah, den Spaten
+nahm und in den Schloßgarten schlich, um dort von seinem geheimen
+Schatze neuen Vorrat zu holen, folgten ihm von weitem die Wachen, von
+dem Küchenmeister Ahuli und Archaz, dem Schatzmeister, angeführt, und
+in dem Augenblick, da er das Gold aus dem Topf in sein Mäntelein legen
+wollte, fielen sie über ihn her, banden ihn und führten ihn sogleich
+vor den König. Dieser, den ohnehin die Unterbrechung seines Schlafes
+mürrisch gemacht hatte, empfing seinen armen Oberleibläufer sehr
+ungnädig und stellte sogleich das Verhör über ihn an. Man hatte den
+Topf vollends aus der Erde gegraben und mit dem Spaten und mit dem
+Mäntelein voll Gold vor die Füße des Königs gesetzt. Der Schatzmeister
+sagte aus, daß er mit seinen Wachen den Muck überrascht habe, wie er
+diesen Topf mit Gold gerade in die Erde gegraben habe.
+
+Der König befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr sei und woher er
+das Gold, das er vergraben, bekommen habe.
+
+Der kleine Muck, im Gefühl seiner Unschuld, sagte aus, daß er diesen
+Topf im Garten entdeckt habe, daß er ihn habe nicht ein-, sondern
+ausgraben wollen.
+
+Alle Anwesenden lachten laut über diese Entschuldigung, der König aber,
+aufs höchste erzürnt über die vermeintliche Frechheit des Kleinen, rief
+aus: „Wie, Elender! Du willst deinen König so dumm und schändlich
+belügen, nachdem du ihn bestohlen hast? Schatzmeister Archaz! Ich
+fordere dich auf, zu sagen, ob du diese Summe Goldes für die nämliche
+erkennst, die in meinem Schatze fehlt.“
+
+Der Schatzmeister aber antwortete, er sei seiner Sache ganz gewiß, so
+viel und noch mehr fehle seit einiger Zeit von dem königlichen Schatz,
+und er könne einen Eid darauf ablegen, daß dies das Gestohlene sei.
+
+Da befahl der König, den kleinen Muck in enge Ketten zu legen und in
+den Turm zu führen; dem Schatzmeister aber übergab er das Gold, um es
+wieder in den Schatz zu tragen. Vergnügt über den glücklichen Ausgang
+der Sache, zog dieser ab und zählte zu Haus die blinkenden Goldstücke;
+aber das hat dieser schlechte Mann niemals angezeigt, daß unten in dem
+Topf ein Zettel lag, der sagte: „Der Feind hat mein Land überschwemmt,
+daher verberge ich hier einen Teil meiner Schätze; wer es auch finden
+mag, den treffe der Fluch seines Königs, wenn er es nicht sogleich
+meinem Sohne ausliefert! König Sadi.“
+
+Der kleine Muck stellte in seinem Kerker traurige Betrachtungen an; er
+wußte, daß auf Diebstahl an königlichen Sachen der Tod gesetzt war, und
+doch mochte er das Geheimnis mit dem Stäbchen dem König nicht verraten,
+weil er mit Recht fürchtete, dieses und seiner Pantoffeln beraubt zu
+werden. Seine Pantoffeln konnten ihm leider auch keine Hilfe bringen;
+denn da er in engen Ketten an die Mauer geschlossen war, konnte er, so
+sehr er sich quälte, sich nicht auf dem Absatz umdrehen. Als ihm aber
+am anderen Tage sein Tod angekündigt wurde, da gedachte er doch, es sei
+besser, ohne das Zauberstäbchen zu leben als mit ihm zu sterben, ließ
+den König um geheimes Gehör bitten und entdeckte ihm das Geheimnis. Der
+König maß von Anfang an seinem Geständnis keinen Glauben bei; aber der
+kleine Muck versprach eine Probe, wenn ihm der König zugestünde, daß er
+nicht getötet werden solle.
+
+Der König gab ihm sein Wort darauf und ließ, von Muck ungesehen,
+einiges Gold in die Erde graben und befahl diesem, mit seinem Stäbchen
+zu suchen. In wenigen Augenblicken hatte er es gefunden; denn das
+Stäbchen schlug deutlich dreimal auf die Erde. Da merkte der König, daß
+ihn sein Schatzmeister betrogen hatte, und sandte ihm, wie es im
+Morgenland gebräuchlich ist, eine seidene Schnur, damit er sich selbst
+erdroßle. Zum kleinen Muck aber sprach er: „Ich habe dir zwar dein
+Leben versprochen; aber es scheint mir, als ob du nicht allein dieses
+Geheimnis mit dem Stäbchen besitzest; darum bleibst du in ewiger
+Gefangenschaft, wenn du nicht gestehst, was für eine Bewandtnis es mit
+deinem Schnellaufen hat.“ Der kleine Muck, den die einzige Nacht im
+Turm alle Lust zu längerer Gefangenschaft benommen hatte, bekannte, daß
+seine ganze Kunst in den Pantoffeln liege, doch lehrte er den König
+nicht das Geheimnis von dem dreimaligen Umdrehen auf dem Absatz. Der
+König schlüpfte selbst in die Pantoffeln, um die Probe zu machen, und
+jagte wie unsinnig im Garten umher; oft wollte er anhalten; aber er
+wußte nicht, wie man die Pantoffeln zum Stehen brachte, und der kleine
+Muck, der diese kleine Rache sich nicht versagen konnte, ließ ihn
+laufen, bis er ohnmächtig niederfiel.
+
+Als der König wieder zur Besinnung zurückgekehrt war, war er
+schrecklich aufgebracht über den kleinen Muck, der ihn so ganz außer
+Atem hatte laufen lassen. „Ich habe dir mein Wort gegeben, dir Freiheit
+und Leben zu schenken; aber innerhalb zwölf Stunden mußt du mein Land
+verlassen, sonst lasse ich dich aufknöpfen!“ Die Pantoffeln und das
+Stäbchen aber ließ er in seine Schatzkammer legen.
+
+So arm als je wanderte der kleine Muck zum Land hinaus, seine Torheit
+verwünschend, die ihm vorgespiegelt hatte, er könne eine bedeutende
+Rolle am Hofe spielen. Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum Glück
+nicht groß, daher war er schon nach acht Stunden auf der Grenze,
+obgleich ihn das Gehen, da er an seine lieben Pantoffeln gewöhnt war,
+sehr sauer ankam.
+
+Als er über der Grenze war, verließ er die gewöhnliche Straße, um die
+dichteste Einöde der Wälder aufzusuchen und dort nur sich zu leben;
+denn er war allen Menschen gram. In einem dichten Walde traf er auf
+einen Platz, der ihm zu dem Entschluß, den er gefaßt hatte, ganz
+tauglich schien. Ein klarer Bach, von großen, schattigen Feigenbäumen
+umgeben, ein weicher Rasen luden ihn ein; hier warf er sich nieder mit
+dem Entschluß, keine Speise mehr zu sich zu nehmen, sondern hier den
+Tod zu erwarten. Über traurigen Todesbetrachtungen schlief er ein; als
+er aber wieder aufwachte und der Hunger ihn zu quälen anfing, bedachte
+er doch, daß der Hungertod eine gefährliche Sache sei, und sah sich um,
+ob er nirgends etwas zu essen bekommen könnte.
+
+Köstliche reife Feigen hingen an dem Baume, unter welchem er geschlafen
+hatte; er stieg hinauf, um sich einige zu pflücken, ließ es sich
+trefflich schmecken und ging dann hinunter an den Bach, um seinen Durst
+zu löschen. Aber wie groß war sein Schrecken, als ihm das Wasser seinen
+Kopf mit zwei gewaltigen Ohren und einer dicken, langen Nase geschmückt
+zeigte! Bestürzt griff er mit den Händen nach den Ohren, und wirklich,
+sie waren über eine halbe Elle lang.
+
+„Ich verdiene Eselsohren!“ rief er aus; „denn ich habe mein Glück wie
+ein Esel mit Füßen getreten.“ Er wanderte unter den Bäumen umher, und
+als er wieder Hunger fühlte, mußte er noch einmal zu den Feigen seine
+Zuflucht nehmen; denn sonst fand er nichts Eßbares an den Bäumen. Als
+ihm über der zweiten Portion Feigen einfiel, ob wohl seine Ohren nicht
+unter seinem großen Turban Platz hätten, damit er doch nicht gar zu
+lächerlich aussehe, fühlte er, daß seine Ohren verschwunden waren. Er
+lief gleich an den Bach zurück, um sich davon zu überzeugen, und
+wirklich, es war so, seine Ohren hatten ihre vorige Gestalt, seine
+lange, unförmliche Nase war nicht mehr. Jetzt merkte er aber, wie dies
+gekommen war; von dem ersten Feigenbaum hatte er die lange Nase und
+Ohren bekommen, der zweite hatte ihn geheilt; freudig erkannte er, daß
+sein gütiges Geschick ihm noch einmal die Mittel in die Hand gebe,
+glücklich zu sein. Er pflückte daher von jedem Baum so viel, wie er
+tragen konnte, und ging in das Land zurück, das er vor kurzem verlassen
+hatte. Dort machte er sich in dem ersten Städtchen durch andere Kleider
+ganz unkenntlich und ging dann weiter auf die Stadt zu, die jener König
+bewohnte, und kam auch bald dort an.
+
+Es war gerade zu einer Jahreszeit, wo reife Früchte noch ziemlich
+selten waren; der kleine Muck setzte sich daher unter das Tor des
+Palastes; denn ihm war von früherer Zeit her wohl bekannt, daß hier
+solche Seltenheiten von dem Küchenmeister für die königliche Tafel
+eingekauft wurden. Muck hatte noch nicht lange gesessen, als er den
+Küchenmeister über den Hof herüberschreiten sah. Er musterte die Waren
+der Verkäufer, die sich am Tor des Palastes eingefunden hatten; endlich
+fiel sein Blick auch auf Mucks Körbchen. „Ah, ein seltener Bissen“,
+sagte er, „der Ihro Majestät gewiß behagen wird. Was willst du für den
+ganzen Korb?“ Der kleine Muck bestimmte einen mäßigen Preis, und sie
+waren bald des Handels einig. Der Küchenmeister übergab den Korb einem
+Sklaven und ging weiter; der kleine Muck aber macht sich einstweilen
+aus dem Staub, weil er befürchtete, wenn sich das Unglück an den Köpfen
+des Hofes zeigte, möchte man ihn als Verkäufer aufsuchen und bestrafen.
+
+Der König war über Tisch sehr heiter gestimmt und sagte seinem
+Küchenmeister einmal über das andere Lobsprüche wegen seiner guten
+Küche und der Sorgfalt, mit der er immer das Seltenste für ihn
+aussuche; der Küchenmeister aber, welcher wohl wußte, welchen
+Leckerbissen er noch im Hintergrund habe, schmunzelte gar freundlich
+und ließ nur einzelne Worte fallen, als: „Es ist noch nicht aller Tage
+Abend“, oder „Ende gut, alles gut“, so daß die Prinzessinnen sehr
+neugierig wurden, was er wohl noch bringen werde. Als er aber die
+schönen, einladenden Feigen aufsetzen ließ, da entfloh ein allgemeines
+Ah! dem Munde der Anwesenden.
+
+„Wie reif, wie appetitlich!“ rief der König. „Küchenmeister, du bist
+ein ganzer Kerl und verdienst unsere ganz besondere Gnade!“ Also
+sprechend, teilte der König, der mit solchen Leckerbissen sehr sparsam
+zu sein pflegte, mit eigener Hand die Feigen an seiner Tafel aus. Jeder
+Prinz und jede Prinzessin bekam zwei, die Hofdamen und die Wesire und
+Agas eine, die übrigen stellte er vor sich hin und begann mit großem
+Behagen sie zu verschlingen.
+
+„Aber, lieber Gott, wie siehst du so wunderlich aus, Vater?“ rief auf
+einmal die Prinzessin Amarza. Alle sahen den König erstaunt an;
+ungeheure Ohren hingen ihm am Kopf, eine lange Nase zog sich über sein
+Kinn herunter; auch sich selbst betrachteten sie untereinander mit
+Staunen und Schrecken; alle waren mehr oder minder mit dem sonderbaren
+Kopfputz geschmeckt.
+
+Man denke sich den Schrecken des Hofes! Man schickte sogleich nach
+allen Ärzten der Stadt; sie kamen haufenweise, verordneten Pillen und
+Mixturen; aber die Ohren und die Nasen blieben. Man operierte einen der
+Prinzen; aber die Ohren wuchsen nach.
+
+Muck hatte die ganze Geschichte in seinem Versteck, wohin er sich
+zurückgezogen hatte, gehört und erkannte, daß es jetzt Zeit sei zu
+handeln. Er hatte sich schon vorher von dem aus den Feigen gelösten
+Geld einen Anzug verschafft, der ihn als Gelehrten darstellen konnte;
+ein langer Bart aus Ziegenhaaren vollendete die Täuschung. Mit einem
+Säckchen voll Feigen wanderte er in den Palast des Königs und bot als
+fremder Arzt seine Hilfe an. Man war von Anfang sehr ungläubig; als
+aber der kleine Muck eine Feige einem der Prinzen zu essen gab und
+Ohren und Nase dadurch in den alten Zustand zurückbrachte, da wollte
+alles von dem fremden Arzte geheilt sein. Aber der König nahm ihn
+schweigend bei der Hand und führte ihn in sein Gemach; dort schloß er
+eine Türe auf, die in die Schatzkammer führte, und winkte Muck, ihm zu
+folgen. „Hier sind meine Schätze“, sprach der König, „wähle dir, was es
+auch sei, es soll dir gewährt werden, wenn du mich von diesem
+schmachvollen Übel befreist.“
+
+Das war süße Musik in des kleinen Muck Ohren; er hatte gleich beim
+Eintritt seine Pantoffeln auf dem Boden stehen sehen, gleich daneben
+lag auch sein Stäbchen. Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er die
+Schätze des Königs bewundern wollte; kaum aber war er an seine
+Pantoffeln gekommen, so schlüpfte er eilends hinein, ergriff sein
+Stäbchen, riß seinen falschen Bart herab und zeigte dem erstaunten
+König das wohlbekannte Gesicht seines verstoßenen Muck. „Treuloser
+König“, sprach er, „der du treue Dienste mit Undank lohnst, nimm als
+wohlverdiente Strafe die Mißgestalt, die du trägst. Die Ohren laß ich
+dir zurück, damit sie dich täglich erinnern an den kleinen Muck.“ Als
+er so gesprochen hatte, drehte er sich schnell auf dem Absatz herum,
+wünschte sich weit hinweg, und ehe noch der König um Hilfe rufen
+konnte, war der kleine Muck entflohen. Seitdem lebt der kleine Muck
+hier in großem Wohlstand, aber einsam; denn er verachtet die Menschen.
+Er ist durch Erfahrung ein weiser Mann geworden, welcher, wenn auch
+sein Äußeres etwas Auffallendes haben mag, deine Bewunderung mehr als
+deinen Spott verdient.
+
+„So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein
+rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte
+mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich
+erzählte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und
+wir gewannen ihn so lieb, daß ihn keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil,
+wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm immer so tief
+wie vor Kadi und Mufti gebückt.“
+
+Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu
+machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken. Die
+gestrige Fröhlichkeit ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten
+sich in allerlei Spielen. Nach dem Essen aber riefen sie dem fünften
+Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich den übrigen zu
+tun und eine Geschichte zu erzählen. Er antwortete, sein Leben sei zu
+arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er ihnen etwas davon
+mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzählen, nämlich:
+Das Märchen vom falschen Prinzen.
+
+
+
+
+Das Märchen vom falschen Prinzen
+
+Wilhelm Hauff
+
+
+Es war einmal ein ehrsamer Schneidergeselle, namens Labakan, der bei
+einem geschickten Meister in Alessandria sein Handwerk lernte. Man
+konnte nicht sagen, daß Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im
+Gegenteil, er konnte recht feine Arbeit machen. Auch tat man ihm
+unrecht, wenn man ihn geradezu faul schalt; aber ganz richtig war es
+doch nicht mit dem Gesellen, denn er konnte oft stundenweis in einem
+fort nähen, daß ihm die Nadel in der Hand glühend ward und der Faden
+rauchte, da gab es ihm dann ein Stück wie keinem anderen; ein andermal
+aber, und dies geschah leider öfters, saß er in tiefen Gedanken, sah
+mit starren Augen vor sich hin und hatte dabei in Gesicht und Wesen
+etwas so Eigenes, daß sein Meister und die übrigen Gesellen von diesem
+Zustand nie anders sprachen als: „Labakan hat wieder sein vornehmes
+Gesicht.“
+
+Am Freitag aber, wenn andere Leute vom Gebet ruhig nach Haus an ihre
+Arbeit gingen, trat Labakan in einem schönen Kleid, das er sich mit
+vieler Mühe zusammengespart hatte, aus der Moschee, ging langsam und
+stolzen Schrittes durch die Plätze und Straßen der Stadt, und wenn ihm
+einer seiner Kameraden ein „Friede sei mit dir“, oder „Wie geht es,
+Freund Labakan?“ bot, so winkte er gnädig mit der Hand oder nickte,
+wenn es hoch kam, vornehm mit dem Kopf. Wenn dann sein Meister im Spaß
+zu ihm sagte: „An dir ist ein Prinz verlorengegangen, Labakan“, so
+freute er sich darüber und antwortete: „Habt Ihr das auch bemerkt?“
+oder: „Ich habe es schon lange gedacht!“
+
+So trieb es der ehrsame Schneidergeselle Labakan schon eine geraume
+Zeit, sein Meister aber duldete seine Narrheit, weil er sonst ein guter
+Mensch und geschickter Arbeiter war. Aber eines Tages schickte Selim,
+der Bruder des Sultans, der gerade durch Alessandria reiste, ein
+Festkleid zu dem Meister, um einiges daran verändern zu lassen, und der
+Meister gab es Labakan, weil dieser die feinste Arbeit machte. Als
+abends der Meister und die Gesellen sich hinwegbegeben hatten, um nach
+des Tages Last sich zu erholen, trieb eine unwiderstehliche Sehnsucht
+Labakan wieder in die Werkstatt zurück, wo das Kleid des kaiserlichen
+Bruders hing. Er stand lange sinnend davor, bald den Glanz der
+Stickerei, bald die schillernden Farben des Samts und der Seide an dem
+Kleide bewundernd. Er konnte nicht anders, er mußte es anziehen, und
+siehe da, es paßte ihm so trefflich, wie wenn es für ihn wäre gemacht
+worden. „Bin ich nicht so gut ein Prinz als einer?“ fragte er sich,
+indem er im Zimmer auf und ab schritt. „Hat nicht der Meister selbst
+schon gesagt, daß ich zum Prinzen geboren sei?“ Mit den Kleidern schien
+der Geselle eine ganz königliche Gesinnung angezogen zu haben; er
+konnte sich nicht anders denken, als er sei ein unbekannter Königssohn,
+und als solcher beschloß er, in die Welt zu reisen und einen Ort zu
+verlassen, wo die Leute bisher so töricht gewesen waren, unter der
+Hülle seines niederen Standes nicht seine angebotene Würde zu erkennen.
+Das prachtvolle Kleid schien ihm von einer gütigen Fee geschickt, er
+hütete sich daher wohl, ein so teures Geschenk zu verschmähen, steckte
+seine geringe Barschaft zu sich und wanderte, begünstigt von dem Dunkel
+der Nacht, aus Alessandrias Toren.
+
+Der neue Prinz erregte überall auf seiner Wanderschaft Verwunderung,
+denn das prachtvolle Kleid und sein ernstes, majestätisches Wesen
+wollten gar nicht passen für einen Fußgänger. Wenn man ihn darüber
+befragte, pflegte er mit geheimnisvoller Miene zu antworten, daß das
+seine eigenen Ursachen habe. Als er aber merkte, daß er sich durch
+seine Fußwanderungen lächerlich machte, kaufte er um geringen Preis ein
+altes Roß, welches sehr für ihn paßte, da es ihn mit seiner gesetzten
+Ruhe und Sanftmut nie in die Verlegenheit brachte, sich als geschickter
+Reiter zeigen zu müssen, was gar nicht seine Sache war.
+
+Eines Tages, als er Schritt vor Schritt auf seinem Murva, so hatte er
+sein Roß genannt, seine Straße zog, schloß sich ein Reiter an ihn an
+und bat ihn, in seiner Gesellschaft reiten zu dürfen, weil ihm der Weg
+viel kürzer werde im Gespräch mit einem anderen. Der Reiter war ein
+fröhlicher, junger Mann, schön und angenehm im Umgang. Er hatte mit
+Labakan bald ein Gespräch angeknüpft über Woher und Wohin, und es traf
+sich, daß auch er, wie der Schneidergeselle, ohne Plan in die Welt
+hinauszog. Er sagte, er heiße Omar, sei der Neffe Elfi Beys, des
+unglücklichen Bassas von Kairo, und reise nun umher, um einen Auftrag,
+den ihm sein Oheim auf dem Sterbebette erteilt habe, auszurichten.
+Labakan ließ sich nicht so offenherzig über seine Verhältnisse aus, er
+gab ihm zu verstehen, daß er von hoher Abkunft sei und zu seinem
+Vergnügen reise.
+
+Die beiden jungen Herren fanden Gefallen aneinander und zogen fürder.
+Am zweiten Tage ihrer gemeinschaftlichen Reise fragte Labakan seinen
+Gefährten Omar nach den Aufträgen, die er zu besorgen habe, und erfuhr
+zu seinem Erstaunen folgendes: Elfi Bey, der Bassa von Kairo, hatte den
+Omar seit seiner frühesten Kindheit erzogen, und dieser hatte seine
+Eltern nie gekannt. Als nun Elfi Bey von seinen Feinden überfallen
+worden war und nach drei unglücklichen Schlachten, tödlich verwundet,
+fliehen mußte, entdeckte er seinem Zögling, daß er nicht sein Neffe
+sei, sondern der Sohn eines mächtigen Herrschers, welcher aus Furcht
+vor den Prophezeiungen seiner Sterndeuter den jungen Prinzen von seinem
+Hofe entfernt habe, mit dem Schwur, ihn erst an seinem
+zweiundzwanzigsten Geburtstage wiedersehen zu wollen. Elfi Bey habe ihm
+den Namen seines Vaters nicht genannt, sondern ihm nur aufs
+bestimmteste aufgetragen, am fünften Tage des kommenden Monats Ramadan,
+an welchem Tage er zweiundzwanzig Jahre alt werde, sich an der
+berühmten Säule El-Serujah, vier Tagreisen östlich von Alessandria,
+einzufinden; dort soll er den Männern, die an der Säule stehen würden,
+einen Dolch, den er ihm gab, überreichen mit den Worten: „Hier bin ich,
+den ihr suchet“; wenn sie antworteten: „Gelobt sei der Prophet, der
+dich erhielt!“, so solle er ihnen folgen, sie würden ihn zu seinem
+Vater führen.
+
+Der Schneidergeselle Labakan war sehr erstaunt über diese Mitteilung,
+er betrachtete von jetzt an den Prinzen Omar mit neidischen Augen,
+erzürnt darüber, daß das Schicksal jenem, obgleich er schon für den
+Neffen eines mächtigen Bassa galt, noch die Würde eines Fürstensohnes
+verliehen, ihm aber, den es mit allem, was einem Prinzen nottut,
+ausgerüstet, gleichsam zum Hohn eine dunkle Geburt und einen
+gewöhnlichen Lebensweg verliehen habe. Er stellte Vergleichungen
+zwischen sich und dem Prinzen an. Er mußte sich gestehen, es sei jener
+ein Mann von sehr vorteilhafter Gesichtsbildung; schöne, lebhafte
+Augen, eine kühngebogene Nase, ein sanftes, zuvorkommendes Benehmen,
+kurz, so viele Vorzüge des Äußeren, die jemand empfehlen können, waren
+jenem eigen. Aber so viele Vorzüge er auch an seinem Begleiter fand, so
+gestand er sich doch bei diesen Beobachtungen, daß ein Labakan dem
+fürstlichen Vater wohl noch willkommener sein dürfte als der wirkliche
+Prinz.
+
+Diese Betrachtungen verfolgten Labakan den ganzen Tag, mit ihnen
+schlief er im nächsten Nachtlager ein, aber als er morgens aufwachte
+und sein Blick auf den neben ihm schlafenden Omar fiel, der so ruhig
+schlafen und von seinem gewissen Glück träumen konnte, da erwachte in
+ihm der Gedanke, sich durch List oder Gewalt zu erstreben, was ihm das
+ungünstige Schicksal versagt hatte. Der Dolch, das Erkennungszeichen
+des heimkehrenden Prinzen, sah aus dem Gürtel des Schlafenden hervor,
+leise zog er ihn hervor, um ihn in die Brust des Eigentümers zu stoßen.
+Doch vor dem Gedanken des Mordes entsetzte sich die friedfertige Seele
+des Gesellen; er begnügte sich, den Dolch zu sich zu stecken, das
+schnellere Pferd des Prinzen für sich aufzäumen zu lassen, und ehe Omar
+aufwachte und sich aller seiner Hoffnungen beraubt sah, hatte sein
+treuloser Gefährte schon einen Vorsprung von mehreren Meilen.
+
+Es war gerade der erste Tag des heiligen Monats Ramadan, an welchem
+Labakan den Raub an dem Prinzen begangen hatte, und er hatte also noch
+vier Tage, um zu der Säule El Serujah, welche ihm wohlbekannt war, zu
+gelangen. Obgleich die Gegend, worin sich diese Säule befand, höchstens
+noch zwei Tagreisen entfernt sein konnte, so beeilte er sich doch
+hinzukommen, weil er immer fürchtete, von dem wahren Prinzen eingeholt
+zu werden.
+
+Am Ende des zweiten Tages erblickte Labakan die Säule El-Serujah. Sie
+stand auf einer kleinen Anhöhe in einer weiten Ebene und konnte auf
+zwei bis drei Stunden gesehen werden. Labakans Herz pochte lauter bei
+diesem Anblick; obgleich er die letzten zwei Tage hindurch Zeit genug
+gehabt, über die Rolle, die er zu spielen hatte, nachzudenken, so
+machte ihn doch das böse Gewissen etwas ängstlich, aber der Gedanke,
+daß er zum Prinzen geboren sei, stärkte ihn wieder, so daß er
+getrösteter seinem Ziele entgegenging.
+
+Die Gegend um die Säule El-Serujah war unbewohnt und öde, und der neue
+Prinz wäre wegen seines Unterhalts etwas in Verlegenheit gekommen, wenn
+er sich nicht auf mehrere Tage versehen hätte. Er lagerte sich also
+neben seinem Pferd unter einigen Palmen und erwartete dort sein
+ferneres Schicksal.
+
+Gegen die Mitte des anderen Tages sah er einen großen Zug von Pferden
+und Kamelen über die Ebene her auf die Säule El-Serujah zuziehen. Der
+Zug hielt am Fuße des Hügels, auf welchem die Säule stand, man schlug
+prächtige Zelte auf, und das Ganze sah aus wie der Reisezug eines
+reichen Bassa oder Scheik. Labakan ahnte, daß die vielen Leute, welche
+er sah, sich seinetwegen hierher bemüht hatten, und hätte ihnen gerne
+schon heute ihren künftigen Gebieter gezeigt; aber er mäßigte seine
+Begierde, als Prinz aufzutreten, da ja doch der nächste Morgen seine
+kühnsten Wünsche vollkommen befriedigen mußte.
+
+Die Morgensonne weckte den überglücklichen Schneider zu dem wichtigsten
+Augenblick seines Lebens, welcher ihn aus einem niederen, unbekannten
+Sterblichen an die Seite eines fürstlichen Vaters erheben sollte; zwar
+fiel ihm, als er sein Pferd aufzäumte, um zu der Säule hinzureiten,
+wohl auch das Unrechtmäßige seines Schrittes ein; zwar führten ihm
+seine Gedanken den Schmerz des in seinen schönen Hoffnungen betrogenen
+Fürstensohnes vor, aber—der Würfel war geworfen, er konnte nicht mehr
+ungeschehen machen, was geschehen war, und seine Eigenliebe flüsterte
+ihm zu, daß er stattlich genug aussehe, um dem mächtigsten König sich
+als Sohn vorzustellen; ermutigt durch diesen Gedanken, schwang er sich
+auf sein Roß, nahm alle seine Tapferkeit zusammen, um es in einen
+ordentlichen Galopp zu bringen, und in weniger als einer Viertelstunde
+war er am Fuße des Hügels angelangt. Er stieg ab von seinem Pferd und
+band es an eine Staude, deren mehrere an dem Hügel wuchsen; hierauf zog
+er den Dolch des Prinzen Omar hervor und stieg den Hügel hinan. Am Fuß
+der Säule standen sechs Männer um einen Greis von hohem, königlichem
+Ansehen; ein prachtvoller Kaftan von Goldstoff, mit einem weißen
+Kaschmirschal umgürtet, der weiße, mit blitzenden Edelsteinen
+geschmückte Turban bezeichneten ihn als einen Mann von Reichtum und
+Würde.
+
+Auf ihn ging Labakan zu, neigte sich tief vor ihm und sprach, indem er
+den Dolch darreichte: „Hier bin ich, den Ihr suchet. „
+
+„Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!“ antwortete der Greis mit
+Freudentränen. „Umarme deinen alten Vater, mein geliebter Sohn Omar!“
+Der gute Schneider war sehr gerührt durch diese feierlichen Worte und
+sank mit einem Gemisch von Freude und Scham in die Arme des alten
+Fürsten.
+
+Aber nur einen Augenblick sollte er ungetrübt die Wonne seines neuen
+Standes genießen; als er sich aus den Armen des fürstlichen Greises
+aufrichtete, sah er einen Reiter über die Ebene her auf den Hügel
+zueilen. Der Reiter und sein Roß gewährten einen sonderbaren Anblick;
+das Roß schien aus Eigensinn oder Müdigkeit nicht vorwärts zu wollen,
+in einem stolpernden Gang, der weder Schritt noch Trab war, zog es
+daher, der Reiter aber trieb es mit Händen und Füßen zu schnellerem
+Laufe an. Nur zu bald erkannte Labakan sein Roß Murva und den echten
+Prinzen Omar, aber der böse Geist der Lüge war einmal in ihn gefahren,
+und er beschloß, wie es auch kommen möge, mit eiserner Stirne seine
+angemaßten Rechte zu behaupten.
+
+Schon aus der Ferne hatte man den Reiter winken gesehen; jetzt war er
+trotz des schlechten Trabes des Rosses Murva am Fuße des Hügels
+angekommen, warf sich vom Pferd und stürzte den Hügel hinan. „Haltet
+ein!“ rief er. „Wer ihr auch sein möget, haltet ein und laßt euch nicht
+von dem schändlichsten Betrüger täuschen; ich heiße Omar, und kein
+Sterblicher wage es, meinen Namen zu mißbrauchen!“
+
+Auf den Gesichtern der Umstehenden malte sich tiefes Erstaunen über
+diese Wendung der Dinge; besonders schien der Greis sehr betroffen,
+indem er bald den einen, bald den anderen fragend ansah; Labakan aber
+sprach mit mühsam errungener Ruhe: „Gnädigster Herr und Vater, laßt
+Euch nicht irremachen durch diesen Menschen da! Es ist, soviel ich
+weiß, ein wahnsinniger Schneidergeselle aus Alessandria, Labakan
+geheißen, der mehr unser Mitleid als unseren Zorn verdient.“
+
+Bis zur Raserei aber brachten diese Worte den Prinzen; schäumend vor
+Wut wollte er auf Labakan eindringen, aber die Umstehenden warfen sich
+dazwischen und hielten ihn fest, und der Fürst sprach: „Wahrhaftig,
+mein lieber Sohn, der arme Mensch ist verrückt; man binde ihn und setze
+ihn auf eines unserer Dromedare, vielleicht, daß wir dem Unglücklichen
+Hilfe schaffen können.“
+
+Die Wut des Prinzen hatte sich gelegt, weinend rief er dem Fürsten zu:
+„Mein Herz sagt mir, daß Ihr mein Vater seid; bei dem Andenken meiner
+Mutter beschwöre ich Euch, hört mich an!“
+
+„Ei, Gott bewahre uns!“ antwortete dieser, „er fängt schon wieder an,
+irre zu reden, wie doch der Mensch auf so tolle Gedanken kommen kann!“
+Damit ergriff er Labakans Arm und ließ sich von ihm den Hügel
+hinuntergeleiten; sie setzten sich beide auf schöne, mit reichen Decken
+behängte Pferde und ritten an der Spitze des Zuges über die Ebene hin.
+Dem unglücklichen Prinzen aber fesselte man die Hände und band ihn auf
+einem Dromedar fest, und zwei Reiter waren ihm immer zur Seite, die ein
+wachsames Auge auf jede seiner Bewegungen hatten.
+
+Der fürstliche Greis war Saaud, der Sultan der Wechabiten. Er hatte
+lange ohne Kinder gelebt, endlich wurde ihm ein Prinz geboren, nach dem
+er sich so lange gesehnt hatte; aber die Sterndeuter, welche er um die
+Vorbedeutungen des Knaben befragte, taten den Ausspruch, „daß er bis
+ins zweiundzwanzigste Jahr in Gefahr stehe, von einem Feinde verdrängt
+zu werden“, deswegen, um recht sicherzugehen, hatte der Sultan den
+Prinzen seinem alten, erprobten Freunde Elfi-Bey zum Erziehen gegeben
+und zweiundzwanzig schmerzliche Jahre auf seinen Anblick geharrt.
+
+Dieses hatte der Sultan seinem (vermeintlichen) Sohne erzählt und sich
+ihm außerordentlich zufrieden mit seiner Gestalt und seinem würdevollen
+Benehmen gezeigt.
+
+Als sie in das Land des Sultans kamen, wurden sie überall von den
+Einwohnern mit Freudengeschrei empfangen; denn das Gerücht von der
+Ankunft des Prinzen hatte sich wie ein Lauffeuer durch alle Städte und
+Dörfer verbreitet. Auf den Straßen, durch welche sie zogen, waren Bögen
+von Blumen und Zweigen errichtet, glänzende Teppiche von allen Farben
+schmeckten die Häuser, und das Volk pries laut Gott und seinen
+Propheten, der ihnen einen so schönen Prinzen gesandt habe. Alles dies
+erfüllte das stolze Herz des Schneiders mit Wonne; desto unglücklicher
+mußte sich aber der echte Omar fühlen, der, noch immer gefesselt, in
+stiller Verzweiflung dem Zuge folgte. Niemand kümmerte sich um ihn bei
+dem allgemeinen Jubel, der doch ihm galt; den Namen Omar riefen tausend
+und wieder tausend Stimmen, aber ihn, der diesen Namen mit Recht trug,
+ihn beachtete keiner; höchstens fragte einer oder der andere, wen man
+denn so fest gebunden mit fortfahre, und schrecklich tönte in das Ohr
+des Prinzen die Antwort seiner Begleiter, es sei ein wahnsinniger
+Schneider.
+
+Der Zug war endlich in die Hauptstadt des Sultans gekommen, wo alles
+noch glänzender zu ihrem Empfang bereitet war als in den übrigen
+Städten. Die Sultanin, eine ältliche, ehrwürdige Frau, erwartete sie
+mit ihrem ganzen Hofstaat in dem prachtvollsten Saal des Schlosses. Der
+Boden dieses Saales war mit einem ungeheuren Teppich bedeckt, die Wände
+waren mit hellblauem Tuch geschmeckt, das in goldenen Quasten und
+Schnüren an großen, silbernen Haken hing.
+
+Es war schon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saale viele
+kugelrunde, farbige Lampen angezündet, welche die Nacht zum Tag
+erhellten. Am klarsten und vielfarbigsten strahlten sie aber im
+Hintergrund des Saales, wo die Sultanin auf einem Throne saß. Der Thron
+stand auf vier Stufen und war von lauterem Golde und mit großen
+Amethysten ausgelegt. Die vier vornehmsten Emire hielten einen
+Baldachin von roter Seide über dem Haupte der Sultanin, und der Scheik
+von Medina fächelte ihr mit einer Windfuchtel von weißen Pfauenfedern
+Kühlung zu.
+
+So erwartete die Sultanin ihren Gemahl und ihren Sohn, auch sie hatte
+ihn seit seiner Geburt nicht mehr gesehen, aber bedeutsam Träume hatten
+ihr den Ersehnten gezeigt, daß sie ihn aus Tausenden erkennen wollte.
+Jetzt hörte man das Geräusch des nahenden Zuges, Trompeten und Trommeln
+mischten sich in das Zujauchzen der Menge, der Hufschlag der Rosse
+tönte im Hof des Palastes, näher und näher rauschten die Tritte der
+Kommenden, die Türen des Saales flogen auf, und durch die Reihen der
+niederfallenden Diener eilte der Sultan an der Hand seines Sohnes vor
+den Thron der Mutter.
+
+„Hier“, sprach er, „bringe ich dir den, nach welchem du dich so lange
+gesehnet.“
+
+Die Sultanin aber fiel ihm in die Rede: „Das ist mein Sohn nicht!“ rief
+sie aus, „das sind nicht die Züge, die mir der Prophet im Traume
+gezeigt hat!“
+
+Gerade, als ihr der Sultan ihren Aberglauben verweisen wollte, sprang
+die Türe des Saales auf. Prinz Omar stürzte herein, verfolgt von seinen
+Wächtern, denen er sich mit Anstrengung aller seiner Kraft entrissen
+hatte, er warf sich atemlos vor dem Throne nieder: „Hier will ich
+sterben, laßt mich töten, grausamer Vater; denn diese Schmach dulde ich
+nicht länger!“
+
+Alles war bestürzt über diese Reden; man drängte sich um den
+Unglücklichen her, und schon wollten ihn die herbeieilenden Wachen
+ergreifen und ihm wieder seine Bande anlegen, als die Sultanin, die in
+sprachlosem Erstaunen dieses alles mit angesehen hatte, von dem Throne
+aufsprang. „Haltet ein!“ rief sie, „dieser und kein anderer ist der
+Rechte, dieser ist’s, den meine Augen nie gesehen und den mein Herz
+doch gekannt hat!“
+
+Die Wächter hatten unwillkürlich von Omar abgelassen, aber der Sultan,
+entflammt von wütendem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnsinnigen zu binden:
+„Ich habe hier zu entscheiden“, sprach er mit gebietender Stimme, „und
+hier richtet man nicht nach den Träumen der Weiber, sondern nach
+gewissen, untrüglichen Zeichen. Dieser hier (indem er auf Labakan
+zeigte) ist mein Sohn; denn er hat mir das Wahrzeichen meines Freundes
+Elfi, den Dolch, gebracht.“
+
+„Gestohlen hat er ihn“, schrie Omar, „mein argloses Vertrauen hat er
+zum Verrat mißbraucht!“ Der Sultan aber hörte nicht auf die Stimme
+seines Sohnes; denn er war in allen Dingen gewohnt, eigensinnig nur
+seinem Urteil zu folgen; daher ließ er den unglücklichen Omar mit
+Gewalt aus dem Saal schleppen. Er selbst aber begab sich mit Labakan in
+sein Gemach, voll Wut über die Sultanin, seine Gemahlin, mit der er
+doch seit fünfundzwanzig Jahren in Frieden gelebt hatte.
+
+Die Sultanin aber war voll Kummer über diese Begebenheiten; sie war
+vollkommen überzeugt, daß ein Betrüger sich des Herzens des Sultans
+bemächtigt hatte, denn jenen Unglücklichen hatten ihr so viele
+bedeutsam Träume als ihren Sohn gezeigt.
+
+Als sich ihr Schmerz ein wenig gelegt hatte, sann sie auf Mittel, um
+ihren Gemahl von seinem Unrecht zu überzeugen. Es war dies allerdings
+schwierig; denn jener, der sich für ihren Sohn ausgab, hatte das
+Erkennungszeichen, den Dolch, überreicht und hatte auch, wie sie
+erfuhr, so viel von Omars früherem Leben von diesem selbst sich
+erzählen lassen, daß er seine Rolle, ohne sich zu verraten, spielte.
+
+Sie berief die Männer zu sich, die den Sultan zu der Säule El-Serujah
+begleitet hatten, um sich alles genau erzählen zu lassen, und hielt
+dann mit ihren vertrautesten Sklavinnen Rat. Sie wählten und verwarfen
+dies und jenes Mittel; endlich sprach Melechsalah, eine alte, kluge
+Zierkassierin: „Wenn ich recht gehört habe, verehrte Gebieterin, so
+nannte der Überbringer des Dolches den, welchen du für deinen Sohn
+hältst, Labakan, einen verwirrten Schneider?“
+
+„Ja, so ist es“, antwortete die Sultanin, „aber was willst du damit?“
+
+„Was meint Ihr“, fuhr jene fort, „wenn dieser Betrüger Eurem Sohn
+seinen eigenen Namen aufgeheftet hätte?—Und wenn dies ist, so gibt es
+ein herrliches Mittel, den Betrüger zu fangen, das ich Euch ganz im
+geheimen sagen will.“ Die Sultanin bot ihrer Sklavin das Ohr, und diese
+flüsterte ihr einen Rat zu, der ihr zu behagen schien, denn sie
+schickte sich an, sogleich zum Sultan zu gehen.
+
+Die Sultanin war eine kluge Frau, welche wohl die schwachen Seiten des
+Sultans kannte und sie zu benützen verstand. Sie schien daher, ihm
+nachgeben und den Sohn anerkennen zu wollen, und bat sich nur eine
+Bedingung aus; der Sultan, dem sein Aufbrausen gegen seine Frau leid
+tat, gestand die Bedingung zu, und sie sprach: „Ich möchte gerne den
+beiden eine Probe ihrer Geschicklichkeit auferlegen; eine andere würde
+sie vielleicht reiten, fechten oder Speere werfen lassen, aber das sind
+Sachen, die ein jeder kann; nein, ich will ihnen etwas geben, wozu
+Scharfsinn gehört! Es soll nämlich jeder von ihnen einen Kaftan und ein
+Paar Beinkleider verfertigen, und da wollen wir einmal sehen, wer die
+schönsten macht.“
+
+Der Sultan lachte und sprach: „Ei, da hast du ja etwas recht Kluges
+ausgesonnen. Mein Sohn sollte mit deinem wahnsinnigen Schneider
+wetteifern, wer den besten Kaftan macht? Nein, das ist nichts.“
+
+Die Sultanin aber berief sich darauf, daß er ihr die Bedingung zum
+Voraus zugesagt habe, und der Sultan, welcher ein Mann von Wort war,
+gab endlich nach, obgleich er schwor, wenn der wahnsinnige Schneider
+seinen Kaftan auch noch so schön mache, könne er ihn doch nicht für
+seinen Sohn erkennen.
+
+Der Sultan ging selbst zu seinem Sohn und bat ihn, sich in die Grillen
+seiner Mutter zu schicken, die nun einmal durchaus einen Kaftan von
+seiner Hand zu sehen wünsche. Dem guten Labakan lachte das Herz vor
+Freude; wenn es nur an dem fehlt, dachte er bei sich, da soll die Frau
+Sultanin bald Freude an mir erleben.
+
+Man hatte zwei Zimmer eingerichtet, eines für den Prinzen, das andere
+für den Schneider; dort sollten sie ihre Kunst erproben, und man hatte
+jedem nur ein hinlängliches Stück Seidenzeug, Schere, Nadel und Faden
+gegeben.
+
+Der Sultan war sehr begierig, was für ein Ding von Kaftan wohl sein
+Sohn zutage fördern werde, aber auch der Sultanin pochte unruhig das
+Herz, ob ihre List wohl gelingen werde oder nicht. Man hatte den beiden
+zwei Tage zu ihrem Geschäft ausgesetzt, am dritten ließ der Sultan
+seine Gemahlin rufen, und als sie erschienen war, schickte er in jene
+zwei Zimmer, um die beiden Kaftane und ihre Verfertiger holen zu
+lassen. Triumphierend trat Labakan ein und breitete seinen Kaftan vor
+den erstaunten Blicken des Sultans aus. „Siehe her, Vater“, sprach er,
+„siehe her, verehrte Mutter, ob dies nicht ein Meisterstück von einem
+Kaftan ist? Da laß ich es mit dem geschicktesten Hofschneider auf eine
+Wette ankommen, ob er einen solchen herausbringt.“
+
+Die Sultanin lächelte und wandte sich zu Omar: „Und was hast du
+herausgebracht, mein Sohn?“
+
+Unwillig warf dieser den Seidenstoff und die Schere auf den Boden: „Man
+hat mich gelehrt, ein Roß zu bändigen und einen Säbel zu schwingen, und
+meine Lanze trifft auf sechzig Gänge ihr Ziel—aber die Künste der Nadel
+sind mir fremd, sie wären auch unwürdig für einen Zögling Elfi Beys,
+des Beherrschers von Kairo.“
+
+„Oh, du echter Sohn meines Herrn“, rief die Sultanin, „ach, daß ich
+dich umarmen, dich Sohn nennen dürfte! Verzeihet, mein Gemahl und
+Gebieter“, sprach sie dann, indem sie sich zum Sultan wandte, „daß ich
+diese List gegen Euch gebraucht habe; sehet Ihr jetzt noch nicht ein,
+wer Prinz und wer Schneider ist; fürwahr, der Kaftan ist köstlich, den
+Euer Herr Sohn gemacht hat, und ich möchte ihn gerne fragen, bei
+welchem Meister er gelernt habe.“
+
+Der Sultan saß in tiefen Gedanken, mißtrauisch bald seine Frau, bald
+Labakan anschauend, der umsonst sein Erröten und seine Bestürzung, daß
+er sich so dumm verraten habe, zu bekämpfen suchte. „Auch dieser Beweis
+genügt nicht“, sprach er, „aber ich weiß, Allah sei es gedankt, ein
+Mittel, zu erfahren, ob ich betrogen bin oder nicht.“
+
+Er befahl, sein schnellstes Pferd vorzufahren, schwang sich auf und
+ritt in einen Wald, der nicht weit von der Stadt begann. Dort wohnte
+nach einer alten Sage eine gütige Fee, Adolzaide geheißen, welche oft
+schon den Königen seines Stammes in der Stunde der Not mit ihrem Rat
+beigestanden war; dorthin eilte der Sultan.
+
+In der Mitte des Waldes war ein freier Platz, von hohen Zedern umgeben.
+Dort wohnte nach der Sage die Fee, und selten betrat ein Sterblicher
+diesen Platz, denn eine gewisse Scheu davor hatte sich aus alten Zeiten
+vom Vater auf den Sohn vererbt.
+
+Als der Sultan dort angekommen war, stieg er ab, band sein Pferd an
+einen Baum, stellte sich in die Mitte des Platzes und sprach mit lauter
+Stimme: „Wenn es wahr ist, daß du meinen Vätern gütigen Rat erteiltest
+in der Stunde der Not, so verschmähe nicht die Bitte ihres Enkels und
+rate mir, wo menschlicher Verstand zu kurzsichtig ist!“
+
+Er hatte kaum die letzten Worte gesprochen, als sich eine der Zedern
+öffnete und eine verschleierte Frau in langen, weißen Gewändern
+hervortrat. „Ich weiß, warum du zu mir kommst, Sultan Saaud, dein Wille
+ist redlich; darum soll dir auch meine Hilfe werden. Nimm diese zwei
+Kistchen! Laß jene beiden, welche deine Söhne sein wollen, wählen! Ich
+weiß, daß der, welcher der echte ist, das rechte nicht verfehlen wird.“
+So sprach die Verschleierte und reichte ihm zwei kleine Kistchen von
+Elfenbein, reich mit Gold und Perlen verziert; auf den Deckeln, die der
+Sultan vergebens zu öffnen versuchte, standen Inschriften von
+eingesetzten Diamanten.
+
+Der Sultan besann sich, als er nach Hause ritt, hin und her, was wohl
+in den Kistchen sein könnte, welche er mit aller Mühe nicht zu öffnen
+vermochte. Auch die Aufschrift gab ihm kein Licht in der Sache; denn
+auf dem einen stand: „Ehre und Ruhm“, auf dem anderen: „Glück und
+Reichtum“. Der Sultan dachte bei sich, da würde auch ihm die Wahl
+schwer werden unter diesen beiden Dingen, die gleich anziehend, gleich
+lockend seien.
+
+Als er in seinen Palast zurückgekommen war, ließ er die Sultanin rufen
+und sagte ihr den Ausspruch der Fee, und eine wunderbare Hoffnung
+erfüllte sie, daß jener, zu dem ihr Herz sie hinzog, das Kistchen
+wählen würde, welches seine königliche Abkunft beweisen sollte.
+
+Vor dem Throne des Sultans wurden zwei Tische aufgestellt; auf sie
+setzte der Sultan mit eigener Hand die beiden Kistchen, bestieg dann
+den Thron und winkte einem seiner Sklaven, die Pforte des Saales zu
+öffnen. Eine glänzende Versammlung von Bassas und Emiren des Reiches,
+die der Sultan berufen hatte, strömte durch die geöffnete Pforte. Sie
+ließen sich auf prachtvollen Polstern nieder, welche die Wände entlang
+aufgestellt waren.
+
+Als sie sich alle niedergelassen hatten, winkte der König zum
+zweitenmal, und Labakan wurde hereingeführt. Mit stolzem Schritte ging
+er durch den Saal, warf sich vor dem Throne nieder und sprach: „Was
+befiehlt mein Herr und Vater?“
+
+Der Sultan erhob sich auf seinem Thron und sprach: „Mein Sohn! Es sind
+Zweifel an der Echtheit deiner Ansprüche auf diesen Namen erhoben
+worden; eines jener Kistchen enthält die Bestätigung deiner echten
+Geburt, wähle! Ich zweifle nicht, du wirst das rechte wählen!“
+
+Labakan erhob sich und trat vor die Kistchen, er erwog lange, was er
+wählen sollte, endlich sprach er: „Verehrter Vater! Was kann es Höheres
+geben als das Glück, dein Sohn zu sein, was Edleres als den Reichtum
+deiner Gnade? Ich wähle das Kistchen, das die Aufschrift „Glück und
+Reichtum“ zeigt.“
+
+„Wir werden nachher erfahren, ob du recht gewählt hast; einstweilen
+setze dich dort auf das Polster zum Bassa von Medina“, sagte der Sultan
+und winkte seinen Sklaven.
+
+Omar wurde hereingeführt; sein Blick war düster, seine Miene traurig,
+und sein Anblick erregte allgemeine Teilnahme unter den Anwesenden. Er
+warf sich vor dem Throne nieder und fragte nach dem Willen des Sultans.
+
+Der Sultan deutete ihm an, daß er eines der Kistchen zu wählen habe, er
+stand auf und trat vor den Tisch.
+
+Er las aufmerksam beide Inschriften und sprach: „Die letzten Tage haben
+mich gelehrt, wie unsicher das Glück, wie vergänglich der Reichtum ist;
+sie haben mich aber auch gelehrt, daß ein unzerstörbares Gut in der
+Brust des Tapferen wohnt, die Ehre, und daß der leuchtende Stern des
+Ruhmes nicht mit dem Glück zugleich vergeht. Und sollte ich einer Krone
+entsagen, der Würfel liegt—Ehre und Ruhm, ich wähle euch!“
+
+Er setzte seine Hand auf das Kistchen, das er erwählt hatte; aber der
+Sultan befahl ihm, einzuhalten; er winkte Labakan, gleichfalls vor
+seinen Tisch zu treten, und auch dieser legte seine Hand auf sein
+Kistchen.
+
+Der Sultan aber ließ sich ein Becken mit Wasser von dem heiligen
+Brunnen Zemzem in Mekka bringen, wusch seine Hände zum Gebet, wandte
+sein Gesicht nach Osten, warf sich nieder und betete: „Gott meiner
+Väter! Der du seit Jahrhunderten unsern Stamm rein und unverfälscht
+bewahrtest, gib nicht zu, daß ein Unwürdiger den Namen der Abassiden
+schände, sei mit deinem Schutze meinem echten Sohne nahe in dieser
+Stunde der Prüfung!“
+
+Der Sultan erhob sich und bestieg seinen Thron wieder; allgemeine
+Erwartung fesselte die Anwesenden, man wagte kaum zu atmen, man hätte
+ein Mäuschen über den Saal gehen hören können, so still und gespannt
+waren alle, die hintersten machten lange Hälse, um über die vorderen
+nach den Kistchen sehen zu können. Jetzt sprach der Sultan: „Öffnet die
+Kistchen“, und diese, die vorher keine Gewalt zu öffnen vermochte,
+sprangen von selbst auf.
+
+In dem Kistchen, das Omar gewählt hatte, lagen auf einem samtenen
+Kissen eine kleine goldene Krone und ein Zepter; in Labakans
+Kistchen—eine große Nadel und ein wenig Zwirn! Der Sultan befahl den
+beiden, ihre Kistchen vor ihn zu bringen. Er nahm das Krönchen von dem
+Kissen in seine Hand, und wunderbar war es anzusehen, wie er es nahm,
+wurde es größer und größer, bis es die Größe einer rechten Krone
+erreicht hatte. Er setzte die Krone seinem Sohn Omar, der vor ihm
+kniete, auf das Haupt, küßte ihn auf die Stirne und hieß ihn zu seiner
+Rechten sich niedersetzen. Zu Labakan aber wandte er sich und sprach:
+„Es ist ein altes Sprichwort: Der Schuster bleibe bei seinem Leisten!
+Es scheint, als solltest du bei der Nadel bleiben. Zwar hast du meine
+Gnade nicht verdient, aber es hat jemand für dich gebeten, dem ich
+heute nichts abschlagen kann; drum schenke ich dir dein armseliges
+Leben, aber wenn ich dir guten Rates bin, so beeile dich, daß du aus
+meinem Lande kommst!“
+
+Beschämt, vernichtet, wie er war, vermochte der arme Schneidergeselle
+nichts zu erwidern; er warf sich vor dem Prinzen nieder, und Tränen
+drangen ihm aus den Augen: „Könnt Ihr mir vergeben, Prinz?“ sagte er.
+
+„Treue gegen den Freund, Großmut gegen den Feind ist des Abassiden
+Stolz“, antwortete der Prinz, indem er ihn aufhob, „gehe hin in
+Frieden!“
+
+„O du mein echter Sohn!“ rief gerührt der alte Sultan und sank an die
+Brust des Sohnes; die Emire und Bassa und alle Großen des Reiches
+standen auf von ihren Sitzen und riefen: „Heil dem neuen Königssohn!“
+Und unter dem allgemeinen Jubel schlich sich Labakan, sein Kistchen
+unter dem Arm, aus dem Saal.
+
+Er ging hinunter in die Ställe des Sultans, zäumte sein Roß Murva auf
+und ritt zum Tore hinaus, Alessandria zu. Sein ganzes Prinzenleben kam
+ihm wie ein Traum vor, und nur das prachtvolle Kistchen, reich mit
+Perlen und Diamanten geschmückt, erinnerte ihn, daß er doch nicht
+geträumt habe.
+
+Als er endlich wieder nach Alessandria kam, ritt er vor das Haus seines
+alten Meisters, stieg ab, band sein Rößlein an die Türe und trat in die
+Werkstatt. Der Meister, der ihn nicht gleich kannte, machte ein großes
+Wesen und fragte, was ihm zu Dienst stehe; als er aber den Gast näher
+ansah und seinen alten Labakan erkannte, rief er seine Gesellen und
+Lehrlinge herbei, und alle stürzten sich wie wütend auf den armen
+Labakan, der keines solchen Empfangs gewärtig war, stießen und schlugen
+ihn mit Bügeleisen und Ellenmaß, stachen ihn mit Nadeln und zwickten
+ihn mit scharfen Scheren, bis er erschöpft auf einen Haufen alter
+Kleider niedersank.
+
+Als er nun so dalag, hielt ihm der Meister eine Strafrede über das
+gestohlene Kleid; vergebens versicherte Labakan, daß er nur deswegen
+wiedergekommen sei, um ihm alles zu ersetzen, vergebens bot er ihm den
+dreifachen Schadenersatz, der Meister und seine Gesellen fielen wieder
+über ihn her, schlugen ihn weidlich und warfen ihn zur Türe hinaus;
+zerschlagen und zerfetzt stieg er auf das Roß Murva und ritt in eine
+Karawanserei. Dort legte er sein müdes, zerschlagenes Haupt nieder und
+stellte Betrachtungen an über die Leiden der Erde, über das so oft
+verkannte Verdienst und über die Nichtigkeit und Flüchtigkeit aller
+Güter. Er schlief mit dem Entschluß ein, aller Größe zu entsagen und
+ein ehrsamer Bürger zu werden.
+
+Und den andere Tag gereute ihn sein Entschluß nicht; denn die schweren
+Hände des Meisters und seiner Gesellen schienen alle Hoheit aus ihm
+herausgeprügelt zu haben.
+
+Er verkaufte um einen hohen Preis sein Kistchen an einen
+Juwelenhändler, kaufte sich ein Haus und richtete sich eine Werkstatt
+zu seinem Gewerbe ein. Als er alles eingerichtet und auch ein Schild
+mit der Aufschrift Labakan, Kleidermacher vor sein Fenster gehängt
+hatte, setzte er sich und begann mit jener Nadel und dem Zwirn, die er
+in dem Kistchen gefunden, den Rock zu flicken, welchen ihm sein Meister
+so grausam zerfetzt hatte. Er wurde von seinem Geschäft abgerufen, und
+als er sich wieder an die Arbeit setzen wollte, welch sonderbarer
+Anblick bot sich ihm dar! Die Nadel nähte emsig fort, ohne von jemand
+geführt zu werden; sie machte feine, zierliche Stiche, wie sie selbst
+Labakan in seinen kunstreichsten Augenblicken nicht gemacht hatte!
+
+Wahrlich, auch das geringste Geschenk einer gütigen Fee ist nützlich
+und von großem Wert! Noch einen andere Wert hatte aber dies Geschenk,
+nämlich: Das Stückchen Zwirn ging nie aus, die Nadel mochte so fleißig
+sein, als sie wollte.
+
+Labakan bekam viele Kunden und war bald der berühmteste Schneider weit
+und breit; er schnitt die Gewänder zu und machte den ersten Stich mit
+der Nadel daran, und flugs arbeitete diese weiter ohne Unterlaß, bis
+das Gewand fertig war. Meister Labakan hatte bald die ganze Stadt zu
+Kunden; denn er arbeitete schön und außerordentlich billig, und nur
+über eines schüttelten die Leute von Alessandria den Kopf, nämlich: daß
+er ganz ohne Gesellen und bei verschlossenen Türen arbeitete.
+
+So war der Spruch des Kistchens, Glück und Reichtum verheißend, in
+Erfüllung gegangen; Glück und Reichtum begleiteten, wenn auch in
+bescheidenem Maße, die Schritte des guten Schneiders, und wenn er von
+dem Ruhm des jungen Sultans Omar, der in aller Munde lebte, hörte, wenn
+er hörte, daß dieser Tapfere der Stolz und die Liebe seines Volkes und
+der Schrecken seiner Feinde sei, da dachte der ehemalige Prinz bei
+sich: „Es ist doch besser, daß ich ein Schneider geblieben bin; denn um
+die Ehre und den Ruhm ist es eine gar gefährliche Sache.“ So lebte
+Labakan, zufrieden mit sich, geachtet von seinen Mitbürgern, und wenn
+die Nadel indes nicht ihre Kraft verloren, so näht sie noch jetzt mit
+dem ewigen Zwirn der gütigen Fee Adolzaide.
+
+Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket
+el Had oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges
+nach Kairo waren—Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet, und
+bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen
+entgegenkommen zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch das Tor Bebel
+Falch; denn es wird für eine glückliche Vorbedeutung gehalten, wenn man
+von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, weil der Prophet
+hindurchgezogen ist.
+
+Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier türkischen Kaufleute von
+dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit ihren
+Freunden nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute
+Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der
+Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher sich umgekleidet
+habe, zu erscheinen.
+
+Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf
+der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und
+Getränke in gehöriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen
+Gast zu erwarten.
+
+Langsam und schweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem
+Gemach führte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich
+entgegenzusehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll
+Entsetzen fuhr er zurück, als er die Türe öffnete; denn jener
+schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick auf
+ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt, die
+Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote Mantel
+mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den
+schrecklichsten Stunden seines Lebens.
+
+Widerstreitende Gefühle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit
+diesem Bild seiner Erinnerung längst ausgesöhnt und ihm vergeben, und
+doch riß sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene
+qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Blüte seines
+Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele
+vorüber.
+
+„Was willst du, Schrecklicher?“ rief der Grieche aus, als die
+Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. „Weiche
+schnell von hinnen, daß ich dir nicht fluche!“
+
+„Zaleukos!“ sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor.
+„Zaleukos! So empfängst du deinen Gastfreund?“ Der Sprechende nahm die
+Larve ab, schlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde.
+
+Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden;
+denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte
+vecchio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte;
+er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.
+
+„Ich errate deine Gedanken“, nahm dieser das Wort, als sie sich gesetzt
+hatten. „Deine Augen sehen fragend auf mich—ich hätte schweigen und
+mich deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin dir
+Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin,
+daß du mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du
+sagtest einst zu mir: Der Glaube meiner Väter befiehlt mir, ihn zu
+lieben, auch ist er wohl unglücklicher als ich; glaube dieses, mein
+Freund, und höre meine Rechtfertigung!
+
+Ich muß weit ausholen, um mich dir ganz verständlich zu machen. Ich bin
+in Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jüngere
+Sohn eines alten, berühmten französischen Hauses, war Konsul seines
+Landes in Alessandria. Ich wurde von meinem zehnten Jahre an in
+Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verließ erst
+einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit
+meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war, über
+dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll Hoffnung, die
+Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzosen entrissen,
+im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber ach! Ich fand
+nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren
+Stürme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt,
+desto unerwarteter hatte das Unglück mein Haus im innersten Herzen
+heimgesucht. Mein Bruder, ein junger, hoffnungsvoller Mann, erster
+Sekretär meines Vaters, hatte sich erst seit kurzem mit einem jungen
+Mädchen, der Tochter eines florentinischen Edelmanns, der in unserer
+Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war
+diese auf einmal verschwunden, ohne daß weder unsere Familie noch ihr
+Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man glaubte
+endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in
+Räuberhände gefallen. Beinahe tröstlicher wäre dieser Gedanke für
+meinen armen Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund
+wurde. Die Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie
+im Hause ihres Vaters kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder,
+aufs äußerste empört über diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige
+zur Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Versuche, die in Neapel und
+Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und unser aller
+Unglück zu vollenden. Der florentinische Edelmann reiste in sein
+Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu
+verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in
+Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknüpft hatte,
+nieder und wußte seinen Einfluß, den er auf alle Art sich verschafft
+hatte, so gut zu benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer
+Regierung verdächtig gemacht und durch die schändlichsten Mittel
+gefangen, nach Frankreich geführt und dort vom Beil des Henkers getötet
+wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach zehn
+langen Monaten erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen Zustand, der
+aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewußtsein geworden war. So
+stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke
+beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer
+vergessen, es war jene mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer
+letzten Stunde in mir angefacht hatte.
+
+In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewußtsein
+zurückgekehrt; sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem
+Schicksal und ihrem Ende. Dann aber ließ sie alle aus dem Zimmer gehen,
+richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und
+sagte, ich könne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr schwöre, etwas
+auszufahren, das sie mir auftragen würde—Ergriffen von den Worten der
+sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide zu tun, wie sie mir sagen
+werde. Sie brach nun in Verwünschungen gegen den Florentiner und seine
+Tochter aus und legte mir mit den fürchterlichsten Drohungen ihres
+Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu rächen. Sie starb in
+meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in meiner Seele
+geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den Rest
+meines väterlichen Vermögens und schwor mir, alles an meine Rache zu
+setzen oder selbst mit unterzugehen.
+
+Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt;
+mein Plan war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher
+sich meine Feinde befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur
+geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das geringste
+ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Eines Abends sah
+ich einen Menschen in bekannter Livree durch die Straßen gehen; sein
+unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut herausgestoßene
+„Santo sacramento“, „Maledetto diavolo“ ließen mich den alten Pietro,
+einen Diener des Florentiners, den ich schon in Alessandria gekannt
+hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über seinen Herrn in
+Zorn geraten sei, und beschloß, seine Stimmung zu benützen. Er schien
+sehr überrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, daß er
+seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen
+könne, und mein Gold, unterstützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf
+meine Seite. Das Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann
+in meinem Solde, der mir zu jeder Stunde die Türe meines Feindes
+öffnete, und nun reifte mein Racheplan immer schneller heran. Das Leben
+des alten Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem
+Untergang meines Hauses gegenüber, zu haben. Sein Liebstes mußte er
+gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja sie so
+schändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache
+unseres Unglücks. Gar erwünscht kam sogar meinem rachedürstigen Herzen
+die Nachricht, daß in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermählen
+wollte, es war beschlossen, sie mußte sterben. Aber mir selbst graute
+vor der Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum
+spähten wir umher nach einem Mann, der das Geschäft vollbringen könne.
+Unter den Florentinern wagte ich keinen zu dingen, denn gegen den
+Gouverneur würde keiner etwas Solches unternommen haben. Da fiel Pietro
+der Plan ein, den ich nachher ausgeführt habe; zugleich schlug er dich
+als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor. Den Verlauf der Sache
+weißt du. Nur an deiner großen Vorsicht und Ehrlichkeit schien mein
+Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel.
+
+Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gouverneurs; er
+hätte uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht,
+durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte
+darbot, erschreckt, entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war
+ich über zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer
+Kirche niedersank. Dort erst sammelte ich mich wieder, und mein erster
+Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem
+Hause fände. Ich schlich an den Palast, aber weder von Pietro noch von
+dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pförtchen aber war offen, so
+konnte ich wenigstens hoffen, daß du die Gelegenheit zur Flucht benützt
+haben könntest.
+
+Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Entdeckung und
+ein unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz.
+Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach
+einigen Tagen überall diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man
+habe den Mörder, einen griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in
+banger Besorgnis nach Florenz zurück; denn schien mir meine Rache schon
+vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie war mir durch
+dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an demselben Tage an, der dich
+der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich fühlte, als ich dich
+das Schafott besteigen und so heldenmütig leiden sah. Aber damals, als
+dein Blut in Strömen aufspritzte, war der Entschluß fest in mir, dir
+deine übrigen Lebenstage zu versüßen. Was weiter geschehen ist, weißt
+du, nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit
+dir machte.
+
+Als eine schwere Last drückte mich der Gedanke, daß du mir noch immer
+nicht vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu
+leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir
+getan.“
+
+Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehört; mit sanftem Blick
+bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. „Ich wußte wohl, daß du
+unglücklicher sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie
+eine dunkle Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von
+Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser
+Gestalt in die Wüste? Was fingst du an, nachdem du in Konstantinopel
+mir das Haus gekauft hattest?“
+
+„Ich ging nach Alessandria zurück“, antwortete der Gefragte. „Haß gegen
+alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Haß besonders gegen
+jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen
+Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria,
+als jene Landung meiner Landsleute erfolgte.
+
+Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum
+sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und
+schloß mich jenen tapferen Mamelucken an, die so oft der Schrecken des
+französischen Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich
+mich nicht entschließen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren.
+Ich lebte mit einer kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unstetes
+und flüchtiges, dem Kampf und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe
+zufrieden unter diesen Leuten, die mich wie ihren Fürsten ehren; denn
+wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind wie Eure Europäer, so
+sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von Selbstsucht
+und Ehrgeiz.“
+
+Zaleukos dankte dem Fremden für seine Mitteilung, aber er verbarg ihm
+nicht, daß er es für seinen Stand, für seine Bildung angemessener
+fände, wenn er in christlichen, in europäischen Ländern leben und
+wirken würde. Er faßte seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei
+ihm zu leben und zu sterben.
+
+Gerührt sah ihn der Gastfreund an. „Daraus erkenne ich“, sagte er, „daß
+du mir ganz vergeben hast, daß du mich liebst. Nimm meinen innigsten
+Dank dafür!“ Er sprang auf und stand in seiner ganzen Größe vor dem
+Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzenden
+Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. „Dein Vorschlag
+ist schön“, sprach jener weiter, „er möchte für jeden andern lockend
+sein—ich kann ihn nicht benützen. Schon steht mein Roß gesattelt,
+erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!“ Die Freunde, die das
+Schicksal so wunderbar zusammengeführt, umarmten sich zum Abschied.
+„Und wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gastfreund, der auf ewig in
+meinem Gedächtnis leben wird?“ fragte der Grieche.
+
+Der Fremde sah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und
+sprach: „Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin der Räuber
+Orbasan.“
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 ***
+
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+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
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+
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+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
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+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
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+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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+and official page at www.gutenberg.org/contact
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+Literary Archive Foundation
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
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+
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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