diff options
Diffstat (limited to '6638-0.txt')
| -rw-r--r-- | 6638-0.txt | 4807 |
1 files changed, 4807 insertions, 0 deletions
diff --git a/6638-0.txt b/6638-0.txt new file mode 100644 index 0000000..ab312d9 --- /dev/null +++ b/6638-0.txt @@ -0,0 +1,4807 @@ +The Project Gutenberg eBook of Märchen-Almanach auf das Jahr 1826, by Wilhelm Hauff + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 + +Author: Wilhelm Hauff + +Release Date: January 9, 2003 [eBook #6638] +[Most recently updated: July 31, 2021] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Mike Pullen + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 *** + + + + +Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 + +Wilhelm Hauff + + +Inhalt + + Märchen als Almanach + Die Karawane (Rahmenerzählung) + Die Geschichte vom Kalif Storch + Die Geschichte von dem Gespensterschiff + Die Geschichte von der abgehauenen Hand + Die Errettung Fatmes + Die Geschichte von dem kleinen Muck + Das Märchen vom falschen Prinzen + + + + +Märchen als Almanach + +Wilhelm Hauff + + +In einem schönen, fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, daß die +Sonne in seinen ewig grünen Gärten niemals untergehe, herrschte von +Anfang an bis heute die Königin Phantasie. Mit vollen Händen spendete +diese seit vielen Jahrhunderten die Fülle des Segens über die Ihrigen +und war geliebt, verehrt von allen, die sie kannten. Das Herz der +Königin war aber zu groß, als daß sie mit ihren Wohltaten bei ihrem +Lande stehen geblieben wäre; sie selbst, im königlichen Schmuck ihrer +ewigen Jugend und Schönheit, stieg herab auf die Erde; denn sie hatte +gehört, daß dort Menschen wohnen, die ihr Leben in traurigem Ernst, +unter Mühe und Arbeit hinbringen. Diesen hatte sie die schönsten Gaben +aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die schöne Königin durch die +Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen fröhlich bei der +Arbeit, heiter in ihrem Ernst. + +Auch ihre Kinder, nicht minder schön und lieblich als die königliche +Mutter, sandte sie aus, um die Menschen zu beglücken. Einst kam +Märchen, die älteste Tochter der Königin, von der Erde zurück. Die +Mutter bemerkte, daß Märchen traurig sei, ja, hier und da wollte ihr +bedünken, als ob sie verweinte Augen hätte. + +„Was hast du, liebes Märchen“, sprach die Königin zu ihr, „du bist seit +deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner Mutter +nicht anvertrauen, was dir fehlt?“ + +„Ach, liebe Mutter“, antwortete Märchen, „ich hätte gewiß nicht so +lange geschwiegen, wenn ich nicht wüßte, daß mein Kummer auch der +deinige ist.“ + +„Sprich immer, meine Tochter“, bat die schöne Königin, „der Gram ist +ein Stein, der den einzelnen niederdrückt, aber zwei tragen ihn leicht +aus dem Wege.“ + +„Du willst es“, antwortete Märchen, „so höre: Du weißt, wie gerne ich +mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch bei dem Ärmsten vor +seiner Hütte sitze, um nach der Arbeit ein Stündchen mit ihm zu +verplaudern; sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum +Gruß, wenn ich kam, und sahen mir lächelnd und zufrieden nach, wenn ich +weiterging; aber in diesen Tagen ist es gar nicht mehr so!“ + +„Armes Märchen!“ sprach die Königin und streichelte ihr die Wange, die +von einer Träne feucht war, „aber du bildest dir vielleicht dies alles +nur ein?“ + +„Glaube mir, ich fühle es nur zu gut“, entgegnete Märchen, „sie lieben +mich nicht mehr. Überall, wo ich hinkomme, begegnen mir kalte Blicke; +nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder, die ich doch +immer so lieb hatte, lachen über mich und wenden mir altklug den Rücken +zu.“ + +Die Königin stützte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend. + +„Und woher soll es denn“, fragte die Königin, „kommen, Märchen, daß +sich die Leute da unten so geändert haben?“ + +„Sieh, die Menschen haben kluge Wächter aufgestellt, die alles, was aus +deinem Reich kommt, o Königin Phantasie, mit scharfem Blicke mustern +und prüfen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne ist, so +erheben sie ein großes Geschrei, schlagen ihn tot oder verleumden ihn +doch so sehr bei den Menschen, die ihnen aufs Wort glauben, daß man gar +keine Liebe, kein Fünkchen Zutrauen mehr findet. Ach, wie gut haben es +meine Brüder, die Träume, fröhlich und leicht hüpfen sie auf die Erde +hinab, fragen nichts nach jenen klugen Männern, besuchen die +schlummernden Menschen und weben und malen ihnen, was das Herz beglückt +und das Auge erfreut!“ + +„Deine Brüder sind Leichtfüße“, sagte die Königin, „und du, mein +Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzwächter kenne +ich übrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie +aufzustellen; es kam so mancher windige Geselle und tat, als ob er +geradewegs aus meinem Reiche käme, und doch hatte er höchstens von +einem Berge zu uns herübergeschaut.“ + +„Aber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten“, +weinte Märchen. „Ach, wenn du wüßtest, wie sie es mit mir gemacht +haben; sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das +nächste Mal gar nicht mehr hereinzulassen.“ „Wie, meine Tochter nicht +mehr einzulassen?“ rief die Königin, und Zorn rötete ihre Wangen. „Aber +ich sehe schon, woher dies kommt; die böse Muhme hat uns verleumdet!“ + +„Die Mode? Nicht möglich!“ rief Märchen, „sie tat ja sonst immer so +freundlich.“ + +„Oh! Ich kenne sie, die Falsche“, antwortete die Königin, „aber +versuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter, wer Gutes tun will, +darf nicht rasten.“ + +„Ach, Mutter! Wenn sie mich dann ganz zurückweisen, oder wenn sie mich +verleumden, daß mich die Menschen nicht ansehen oder einsam und +verachtet in der Ecke stehen lassen?“ + +„Wenn die Alten, von der Mode betört, dich geringschätzen, so wende +dich an die Kleinen, wahrlich, sie sind meine Lieblinge, ihnen sende +ich meine lieblichsten Bilder durch deine Brüder, die Träume, ja, ich +bin schon oft selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und +geküßt und schöne Spiele mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch wohl, +sie wissen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe schon oft bemerkt, +wie sie nachts zu meinen Sternen herauflächeln und morgens, wenn meine +glänzenden Lämmer am Himmel ziehen, vor Freuden die Hände +zusammenschlagen. Auch wenn sie größer werden, lieben sie mich noch, +ich helfe dann den lieblichen Mädchen bunte Kränze flechten, und die +wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu +ihnen setze, aus der Nebelwelt der fernen, blauen Berge hohe Burgen und +glänzende Paläste auftauchen lasse und aus den rötlichen Wolken des +Abends kühne Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszüge bilde.“ + +„O die guten Kinder!“ rief Märchen bewegt aus. „Ja, es sei! Mit ihnen +will ich es noch einmal versuchen.“ + +„Ja, du gute Tochter“, sprach die Königin, „gehe zu ihnen; aber ich +will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, daß du den Kleinen +gefällst und die Großen dich nicht zurückstoßen; siehe, das Gewand +eines Almanachs will ich dir geben.“ + +„Eines Almanachs, Mutter? Ach!—Ich schäme mich, so vor den Leuten zu +prangen.“ + +Die Königin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand +eines Almanachs. Es war von glänzenden Farben und schöne Figuren +eingewoben. + +Die Zofen flochten dem schönen Mädchen das lange Haar; sie banden ihr +goldene Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um. + +Das bescheidene Märchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber +betrachtete es mit Wohlgefallen und schloß es in ihre Arme. „Gehe hin“, +sprach sie zu der Kleinen, „mein Segen sei mit dir. Und wenn sie dich +verachten und höhnen, so kehre zurück zu mir, vielleicht, daß spätere +Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden.“ + +Also sprach die Königin Phantasie. Märchen aber stieg hinab auf die +Erde. Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Wächter +hauseten; sie senkte das Köpfchen zur Erde, sie zog das schöne Gewand +enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Tor. + +„Halt!“ rief eine tiefe, rauhe Stimme. „Wache heraus! Da kommt ein +neuer Almanach!“ + +Märchen zitterte, als sie dies hörte; viele ältliche Männer von +finsterem Aussehen stürzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der +Faust und hielten sie dem Märchen entgegen. Einer aus der Schar schritt +auf sie zu und packte sie mit rauher Hand am Kinn. „Nur auch den Kopf +aufgerichtet, Herr Almanach“, schrie er, „daß man Ihm in den Augen +ansiehet, ob er was Rechtes ist oder nicht!“ + +Errötend richtete Märchen das Köpfchen in die Höhe und schlug das +dunkle Auge auf. + +„Das Märchen!“ riefen die Wächter und lachten aus vollem Hals, „das +Märchen! Haben wunder gemeint, was da käme! Wie kommst du nur in diesen +Rock?“ + +„Die Mutter hat ihn mir angezogen“, antwortete Märchen. „So? Sie will +dich bei uns einschwärzen? Nichts da! Hebe dich weg, mach, daß du +fortkommst!“ riefen die Wächter untereinander und erhoben die scharfen +Federn. + +„Aber ich will ja nur zu den Kindern“, bat Märchen, „dies könnt ihr mir +ja doch erlauben.“ + +„Läuft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?“ rief einer +der Wächter. „Sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug vor.“ + +„Laßt uns sehen, was sie diesmal weiß!“ sprach ein anderer. + +„Nun ja“, riefen sie, „sag an, was du weißt, aber beeile dich, denn wir +haben nicht viele Zeit für dich!“ + +Märchen streckte die Hand aus und schrieb mit dem Zeigefinger viele +Zeichen in die Luft. Da sah man bunte Gestalten vorüberziehen; +Karawanen mit schönen Rossen, geschmückte Reiter, viele Zelte im Sand +der Wüste; Vögel und Schiffe auf stürmischen Meeren; stille Wälder und +volkreiche Plätze und Straßen; Schlachten und friedliche Nomaden, sie +alle schwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vorüber. + +Märchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen ließ, +nicht bemerkt, wie die Wächter des Tores nach und nach eingeschlafen +waren. Eben wollte sie neue Zeichen schreiben, als ein freundlicher +Mann auf sie zutrat und ihre Hand ergriff. „Siehe her, gutes Märchen“, +sagte er, indem er auf die Schlafenden zeigte, „für diese sind deine +bunten Sachen nichts; schlüpfe schnell durch das Tor; sie ahnen dann +nicht, daß du im Lande bist, und du kannst friedlich und unbemerkt +deine Straße ziehen. Ich will dich zu meinen Kindern führen; in meinem +Hause geb’ ich dir ein stilles, freundliches Plätzchen; dort kannst du +wohnen und für dich leben; wenn dann meine Söhne und Töchter gut +gelernt haben, dürfen sie mit ihren Gespielen zu dir kommen und dir +zuhören. Willst du so?“ + +„Oh, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich +mich befleißen, ihnen zuweilen ein heiteres Stündchen zu machen!“ + +Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr, über die Füße der +schlafenden Wächter hinüberzusteigen. Lächelnd sah sich Märchen um, als +sie hinüber war, und schlüpfte dann schnell in das Tor. + + + + +Die Karawane + +Wilhelm Hauff + + +Es zog einmal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der ungeheuren +Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in +weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der +Pferde, eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre +Nähe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen +und helleuchtende Gewänder das Auge. So stellte sich die Karawane einem +Manne dar, welcher von der Seite her auf sie zuritt. Er ritt ein +schönes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke behängt, an dem +hochroten Riemenwerk hingen silberne Glöckchen, und auf dem Kopf des +Pferdes wehte ein schöner Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus, +und sein Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein weißer Turban, +reich mit Gold bestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten +Beinkleider waren von brennendem Rot, ein gekrümmtes Schwert mit +reichem Griff an seiner Seite. Er hatte den Turban tief ins Gesicht +gedrückt; dies und die schwarzen Augen, die unter buschigen Brauen +hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen Nase herabhing, +gaben ihm ein wildes, kühnes Aussehen. + +Als der Reiter ungefähr auf fünfzig Schritt dem Vortrab der Karawane +nahe war, spornte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an +der Spitze des Zuges angelangt. Es war ein so ungewöhnliches Ereignis, +einen einzelnen Reiter durch die Wüste ziehen zu sehen, daß die Wächter +des Zuges, einen Überfall befürchtend, ihm ihre Lanzen +entgegenstreckten. + +„Was wollt ihr“, rief der Reiter, als er sich so kriegerisch empfangen +sah, „glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane angreifen?“ + +Beschämt schwangen die Wächter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anführer +aber ritt an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr. + +„Wer ist der Herr der Karawane?“ fragte der Reiter. + +„Sie gehört nicht einem Herrn“, antwortete der Gefragte, „sondern es +sind mehrere Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen und die wir +durch die Wüste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die Reisenden +beunruhigt.“ + +„So führt mich zu den Kaufleuten“, begehrte der Fremde. + +„Das kann jetzt nicht geschehen“, antwortete der Führer, „weil wir ohne +Aufenthalt weiterziehen müssen und die Kaufleute wenigstens eine +Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir weiterreiten, +bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem Wunsch +willfahren.“ + +Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am +Sattel festgebunden hatte, hervor und fing an in großen Zügen zu +rauchen, indem er neben dem Anführer des Vortrabs weiterritt. Dieser +wußte nicht, was er aus dem Fremden machen sollte; er wagte es nicht, +ihn geradezu nach seinem Namen zu fragen, und so künstlich er auch ein +Gespräch anzuknüpfen suchte, der Fremde hatte auf das: „Ihr raucht da +einen guten Tabak“, oder: „Euer Rapp’ hat einen braven Schritt“, immer +nur mit einem kurzen „Ja, ja!“ geantwortet. + +Endlich waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten +wollte. Der Anführer hatte seine Leute als Wachen aufgestellt; er +selbst hielt mit dem Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen. +Dreißig Kamele, schwer beladen, zogen vorüber, von bewaffneten Führern +geleitet. Nach diesen kamen auf schönen Pferden die fünf Kaufleute, +denen die Karawane gehörte. Es waren meistens Männer von vorgerücktem +Alter, ernst und gesetzt aussehend, nur einer schien viel jünger als +die übrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine große Anzahl Kamele +und Packpferde schloß den Zug. + +Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde rings +umhergestellt. In der Mitte war ein großes Zelt von blauem Seidenzeug. +Dorthin führte der Anführer der Wache den Fremden. Als sie durch den +Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die fünf Kaufleute auf +goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze Sklaven reichten ihnen Speise +und Getränke. „Wen bringt Ihr uns da?“ rief der junge Kaufmann dem +Führer zu. + +Ehe noch der Führer antworten konnte, sprach der Fremde: „Ich heiße +Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise nach Mekka +von einer Räuberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen heimlich +aus der Gefangenschaft befreit. Der große Prophet ließ mich die Glocken +eurer Karawane in weiter Ferne hören, und so kam ich bei euch an. +Erlaubet mir, daß ich in eurer Gesellschaft reise! Ihr werdet euren +Schutz keinem Unwürdigen schenken, und so ihr nach Bagdad kommet, werde +ich eure Güte reichlich belohnen denn ich bin der Neffe des +Großwesirs.“ + +Der älteste der Kaufleute nahm das Wort: „Selim Baruch“, sprach er, +„sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude, dir +beizustehen; vor allem aber setze dich und iß und trinke mit uns.“ + +Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und aß und trank mit ihnen. +Nach dem Essen räumten die Sklaven die Geschirre hinweg und brachten +lange Pfeifen und türkischen Sorbet. Die Kaufleute saßen lange +schweigend, indem sie die bläulichen Rauchwolken vor sich hinbliesen +und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und endlich in die +Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach endlich das Stillschweigen: +„So sitzen wir seit drei Tagen“, sprach er, „zu Pferd und am Tisch, +ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. Ich verspüre gewaltig +Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tänzer zu sehen oder +Gesang und Musik zu hören. Wißt ihr gar nichts, meine Freunde, das uns +die Zeit vertreibt?“ + +Die vier älteren Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft +nachzusinnen, der Fremde aber sprach: „Wenn es mir erlaubt ist, will +ich euch einen Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz könnte +einer von uns den anderen etwas erzählen. Dies könnte uns schon die +Zeit vertreiben.“ + +„Selim Baruch, du hast wahr gesprochen“, sagte Achmet, der älteste der +Kaufleute, „laßt uns den Vorschlag annehmen.“ + +„Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt“, sprach Selim, „damit +ihr aber sehet, daß ich nichts Unbilliges verlange, so will ich den +Anfang machen.“ + +Vergnügt rückten die fünf Kaufleute näher zusammen und ließen den +Fremden in ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder +voll, stopften die Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten glühende +Kohlen zum Anzünden. Selim aber erfrischte seine Stimme mit einem +tüchtigen Zuge Sorbet, strich den langen Bart über dem Mund weg und +sprach: + +„So hört denn die Geschichte vom Kalif Storch.“ + +Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die +Kaufleute sehr zufrieden damit. „Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns +vergangen, ohne daß wir merkten wie!“ sagte einer derselben, indem er +die Decke des Zeltes zurückschlug. „Der Abendwind wehet kühl, und wir +könnten noch eine gute Strecke Weges zurücklegen.“ Seine Gefährten +waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die +Karawane machte sich in der nämlichen Ordnung, in welcher sie +herangezogen war, auf den Weg. + +Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am +Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich +an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich +zur Ruhe. Für den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr +wertester Gastfreund wäre. Der eine gab ihm Polster, der andere Decken, +ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient, als ob er +zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren schon +heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen +einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist +hatten, rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann +wandte sich an den ältesten und sprach: „Selim Baruch hat uns gestern +einen vergnügten Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns +auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele +Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hübsches Märchen.“ +Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im +Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich +fing er an zu sprechen: + +„Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue +Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will +ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und +nicht jedem erzähle: die Geschichte von dem Gespensterschiff.“ + +Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder +gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, +der Fremde, zu Muley, dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen: + +„Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und +wißt für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er +uns erquicke nach der Hitze des Tages!“ + +„Wohl möchte ich euch etwas erzählen“, antwortete Muley, „das euch Spaß +machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen; +darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos +ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was +sein Leben so ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er +solchen hat, lindern können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er +auch anderen Glaubens ist.“ + +Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren +Jahren, schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein +Ungläubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine +Reisegefährten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und +Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine Hand, und einige seiner +Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn so ernst +stimme. + +Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: „Ich bin sehr +geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, +von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch +weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch +einiges erzählen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als +andere Leute. Ihr sehet, daß ich meine linke Hand verloren habe. Sie +fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den +schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die Schuld davon +trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine Lage +mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt +die Geschichte von der abgehauenen Hand.“ + +Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt. +Mit großer Teilnahme hatten ihm die übrigen zugehört, besonders der +Fremde schien sehr davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief +geseufzt, und Muley schien es sogar, als habe er einmal Tränen in den +Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit über diese +Geschichte. + +„Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnöd’ um ein so +edles Glied Eures Körpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?“ +fragte der Fremde. + +„Wohl gab es in früherer Zeit Stunden“, antwortete der Grieche, „in +denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über mich +gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem +Glauben meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben; +auch ist er wohl noch unglücklicher als ich.“ + +„Ihr seid ein edler Mann!“ rief der Fremde und drückte gerührt dem +Griechen die Hand. + +Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat +mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der +Ruhe überlassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich die +Karawanen angegriffen würden, auch glaubten seine Wachen, in der +Entfernung mehrere Reiter zu sehen. + +Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der +Fremde, aber wunderte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so +gut geschätzt wären, daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu +fürchten brauchten. + +„Ja, Herr!“ entgegnete ihm der Anführer der Wache. „Wenn es nur solches +Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit +einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es, +auf seiner Hut zu sein.“ + +Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte +Kaufmann, antwortete ihm: „Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke über +diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches +Wesen, weil er oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf +besteht, andere halten ihn für einen tapferen Franken, den das Unglück +in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist nur so viel gewiß, +daß er ein verruchter Mörder und Dieb ist.“ + +„Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten“, entgegnete ihm Lezah, einer +der Kaufleute. „Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein edler +Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich +Euch erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen +gemacht, und so lange er die Wüste durchstreift, darf kein anderer +Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere, +sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm +dieses willig bezahlt, der ziehet ungefährdet weiter; denn Orbasan ist +der Herr der Wüste.“ + +Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die +um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein +ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der +Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager +zuzureiten. Einer der Männer von der Wache ging daher in das Zelt, um +zu verkünden, daß sie wahrscheinlich angegriffen würden. Die Kaufleute +berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen entgegengehen +oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei älteren Kaufleute +wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos verlangten +das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog +ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel +hervor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das +Zelt zu stecken; er setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter +werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley +glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steckte die Lanze auf das +Zelt. Inzwischen hatten alle, die im Lager waren, zu den Waffen +gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den Reitern entgegen. Doch +diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen +plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in einem großen +Bogen auf der Seite hin. + +Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf +die Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie +wenn nichts vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene +hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. „Wer bist du, mächtiger +Fremdling“, rief er aus, „der du die wilden Horden der Wüste durch +einen Wink bezähmst?“ + +„Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie ist“, antwortete Selim +Baruch. „Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der +Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht; +nur so viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter +mächtigem Schutze steht.“ + +Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter. +Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die +Karawane nicht lange hätte Widerstand leisten können. + +Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne +zu sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich, +brachen sie auf und zogen weiter. + +Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem +Ausgang der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen +Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort: + +„Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler +Mann sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der +Schicksale meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er +hatte drei Kinder. Ich war der Älteste, ein Bruder und eine Schwester +waren bei weitem jünger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt war, rief +mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er setzte mich zum Erben seiner +Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu seinem Tode bei ihm +bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst vor zwei +Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch +schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gütig Allah +es gewendet hatte.“ Die Errettung Fatmes + +Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten +die Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren +lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen +Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und +obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch +die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; denn der +Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die +Wüste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen geöffnet +und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der junge +lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder dazu, die +selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln entlockten. Aber nicht +genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel erheitert hatte, er +gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen versprochen +hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte, also +zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck. + +„So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein +rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte +mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich +erzählte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und +wir gewannen ihn so lieb, daß ihn keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil, +wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm immer so tief +wie vor Kadi und Mufti gebückt.“ + +Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu +machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken. Die +gestrige Fröhlichkeit ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten +sich in allerlei Spielen. Nach dem Essen aber riefen sie dem fünften +Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich den übrigen zu +tun und eine Geschichte zu erzählen. Er antwortete, sein Leben sei zu +arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er ihnen etwas davon +mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzählen, nämlich: +Das Märchen vom falschen Prinzen. + +Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket +el Had oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges +nach Kairo waren—Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet, und +bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen +entgegenkommen zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch das Tor Bebel +Falch; denn es wird für eine glückliche Vorbedeutung gehalten, wenn man +von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, weil der Prophet +hindurchgezogen ist. + +Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier türkischen Kaufleute von +dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit ihren +Freunden nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute +Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der +Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher sich umgekleidet +habe, zu erscheinen. + +Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf +der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und +Getränke in gehöriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen +Gast zu erwarten. + +Langsam und schweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem +Gemach führte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich +entgegenzusehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll +Entsetzen fuhr er zurück, als er die Türe öffnete; denn jener +schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick auf +ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt, die +Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote Mantel +mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den +schrecklichsten Stunden seines Lebens. + +Widerstreitende Gefühle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit +diesem Bild seiner Erinnerung längst ausgesöhnt und ihm vergeben, und +doch riß sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene +qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Blüte seines +Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele +vorüber. + +„Was willst du, Schrecklicher?“ rief der Grieche aus, als die +Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. „Weiche +schnell von hinnen, daß ich dir nicht fluche!“ + +„Zaleukos!“ sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor. +„Zaleukos! So empfängst du deinen Gastfreund?“ Der Sprechende nahm die +Larve ab, schlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde. + +Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden; +denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte +vecchio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte; +er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen. + +„Ich errate deine Gedanken“, nahm dieser das Wort, als sie sich gesetzt +hatten. „Deine Augen sehen fragend auf mich—ich hätte schweigen und +mich deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin dir +Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin, +daß du mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du +sagtest einst zu mir: Der Glaube meiner Väter befiehlt mir, ihn zu +lieben, auch ist er wohl unglücklicher als ich; glaube dieses, mein +Freund, und höre meine Rechtfertigung! + +Ich muß weit ausholen, um mich dir ganz verständlich zu machen. Ich bin +in Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jüngere +Sohn eines alten, berühmten französischen Hauses, war Konsul seines +Landes in Alessandria. Ich wurde von meinem zehnten Jahre an in +Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verließ erst +einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit +meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war, über +dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll Hoffnung, die +Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzosen entrissen, +im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber ach! Ich fand +nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren +Stürme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt, +desto unerwarteter hatte das Unglück mein Haus im innersten Herzen +heimgesucht. Mein Bruder, ein junger, hoffnungsvoller Mann, erster +Sekretär meines Vaters, hatte sich erst seit kurzem mit einem jungen +Mädchen, der Tochter eines florentinischen Edelmanns, der in unserer +Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war +diese auf einmal verschwunden, ohne daß weder unsere Familie noch ihr +Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man glaubte +endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in +Räuberhände gefallen. Beinahe tröstlicher wäre dieser Gedanke für +meinen armen Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund +wurde. Die Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie +im Hause ihres Vaters kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder, +aufs äußerste empört über diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige +zur Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Versuche, die in Neapel und +Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und unser aller +Unglück zu vollenden. Der florentinische Edelmann reiste in sein +Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu +verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in +Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknüpft hatte, +nieder und wußte seinen Einfluß, den er auf alle Art sich verschafft +hatte, so gut zu benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer +Regierung verdächtig gemacht und durch die schändlichsten Mittel +gefangen, nach Frankreich geführt und dort vom Beil des Henkers getötet +wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach zehn +langen Monaten erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen Zustand, der +aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewußtsein geworden war. So +stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke +beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer +vergessen, es war jene mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer +letzten Stunde in mir angefacht hatte. + +In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewußtsein +zurückgekehrt; sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem +Schicksal und ihrem Ende. Dann aber ließ sie alle aus dem Zimmer gehen, +richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und +sagte, ich könne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr schwöre, etwas +auszuführen, das sie mir auftragen würde—Ergriffen von den Worten der +sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide zu tun, wie sie mir sagen +werde. Sie brach nun in Verwünschungen gegen den Florentiner und seine +Tochter aus und legte mir mit den fürchterlichsten Drohungen ihres +Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu rächen. Sie starb in +meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in meiner Seele +geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den Rest +meines väterlichen Vermögens und schwor mir, alles an meine Rache zu +setzen oder selbst mit unterzugehen. + +Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt; +mein Plan war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher +sich meine Feinde befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur +geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das geringste +ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Eines Abends sah +ich einen Menschen in bekannter Livree durch die Straßen gehen; sein +unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut herausgestoßene +„Santo sacramento“, „Maledetto diavolo“ ließen mich den alten Pietro, +einen Diener des Florentiners, den ich schon in Alessandria gekannt +hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über seinen Herrn in +Zorn geraten sei, und beschloß, seine Stimmung zu benützen. Er schien +sehr überrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, daß er +seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen +könne, und mein Gold, unterstützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf +meine Seite. Das Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann +in meinem Solde, der mir zu jeder Stunde die Türe meines Feindes +öffnete, und nun reifte mein Racheplan immer schneller heran. Das Leben +des alten Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem +Untergang meines Hauses gegenüber, zu haben. Sein Liebstes mußte er +gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja sie so +schändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache +unseres Unglücks. Gar erwünscht kam sogar meinem rachedürstigen Herzen +die Nachricht, daß in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermählen +wollte, es war beschlossen, sie mußte sterben. Aber mir selbst graute +vor der Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum +spähten wir umher nach einem Mann, der das Geschäft vollbringen könne. +Unter den Florentinern wagte ich keinen zu dingen, denn gegen den +Gouverneur würde keiner etwas Solches unternommen haben. Da fiel Pietro +der Plan ein, den ich nachher ausgeführt habe; zugleich schlug er dich +als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor. Den Verlauf der Sache +weißt du. Nur an deiner großen Vorsicht und Ehrlichkeit schien mein +Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel. + +Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gouverneurs; er +hätte uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht, +durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte +darbot, erschreckt, entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war +ich über zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer +Kirche niedersank. Dort erst sammelte ich mich wieder, und mein erster +Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem +Hause fände. Ich schlich an den Palast, aber weder von Pietro noch von +dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pförtchen aber war offen, so +konnte ich wenigstens hoffen, daß du die Gelegenheit zur Flucht benützt +haben könntest. + +Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Entdeckung und +ein unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz. +Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach +einigen Tagen überall diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man +habe den Mörder, einen griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in +banger Besorgnis nach Florenz zurück; denn schien mir meine Rache schon +vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie war mir durch +dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an demselben Tage an, der dich +der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich fühlte, als ich dich +das Schafott besteigen und so heldenmütig leiden sah. Aber damals, als +dein Blut in Strömen aufspritzte, war der Entschluß fest in mir, dir +deine übrigen Lebenstage zu versüßen. Was weiter geschehen ist, weißt +du, nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit +dir machte. + +Als eine schwere Last drückte mich der Gedanke, daß du mir noch immer +nicht vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu +leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir +getan.“ + +Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehört; mit sanftem Blick +bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. „Ich wußte wohl, daß du +unglücklicher sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie +eine dunkle Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von +Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser +Gestalt in die Wüste? Was fingst du an, nachdem du in Konstantinopel +mir das Haus gekauft hattest?“ + +„Ich ging nach Alessandria zurück“, antwortete der Gefragte. „Haß gegen +alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Haß besonders gegen +jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen +Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria, +als jene Landung meiner Landsleute erfolgte. + +Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum +sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und +schloß mich jenen tapferen Mamelucken an, die so oft der Schrecken des +französischen Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich +mich nicht entschließen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren. +Ich lebte mit einer kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unstetes +und flüchtiges, dem Kampf und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe +zufrieden unter diesen Leuten, die mich wie ihren Fürsten ehren; denn +wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind wie Eure Europäer, so +sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von Selbstsucht +und Ehrgeiz.“ + +Zaleukos dankte dem Fremden für seine Mitteilung, aber er verbarg ihm +nicht, daß er es für seinen Stand, für seine Bildung angemessener +fände, wenn er in christlichen, in europäischen Ländern leben und +wirken würde. Er faßte seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei +ihm zu leben und zu sterben. + +Gerührt sah ihn der Gastfreund an. „Daraus erkenne ich“, sagte er, „daß +du mir ganz vergeben hast, daß du mich liebst. Nimm meinen innigsten +Dank dafür!“ Er sprang auf und stand in seiner ganzen Größe vor dem +Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzenden +Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. „Dein Vorschlag +ist schön“, sprach jener weiter, „er möchte für jeden andern lockend +sein—ich kann ihn nicht benützen. Schon steht mein Roß gesattelt, +erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!“ Die Freunde, die das +Schicksal so wunderbar zusammengeführt, umarmten sich zum Abschied. +„Und wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gastfreund, der auf ewig in +meinem Gedächtnis leben wird?“ fragte der Grieche. + +Der Fremde sah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und +sprach: „Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin der Räuber +Orbasan.“ + + + + +Kalif Storch + +Wilhelm Hauff + + +Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag +behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war +ein heißer Tag, und sah nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Er +rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hier und da ein +wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich allemal +vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Kurz, man sah dem +Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde konnte man gar +gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig war, +deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor alle Tage um diese +Zeit. An diesem Nachmittage nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich +aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig +aus dem Mund und sprach: „Warum machst du ein so nachdenkliches +Gesicht, Großwesir?“ + +Der Großwesir schlug seine Arme kreuzweis über die Brust, verneigte +sich vor seinem Herrn und antwortete: „Herr, ob ich ein nachdenkliches +Gesicht mache, weiß ich nicht, aber da drunten am Schloß steht ein +Krämer, der hat so schöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel +überflüssiges Geld zu haben.“ + +Der Kalif, der seinem Großwesir schon lange gerne eine Freude gemacht +hätte, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer +heraufzuholen. Bald kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war +ein kleiner, dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem +Anzug. Er trug einen Kasten, in welchem er allerhand Waren hatte, +Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und Kämme. Der +Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif kaufte +endlich für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des Wesirs +aber einen Kamm. Als der Krämer seinen Kasten schon wieder zumachen +wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch +Waren seien. Der Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine +Dose mit schwärzlichem Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift, +die weder der Kalif noch Mansor lesen konnte. „Ich bekam einmal diese +zwei Stücke von einem Kaufmanne, der sie in Mekka auf der Straße fand“, +sagte der Krämer, „Ich weiß nicht, was sie enthalten; euch stehen sie +um geringen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts damit anfangen.“ + +Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte, wenn +er sie auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und entließ den +Krämer. Der Kalif aber dachte, er möchte gerne wissen, was die Schrift +enthalte, und, fragte den Wesir, ob er keinen kenne, der es entziffern +könnte. + +„Gnädigster Herr und Gebieter“, antwortete dieser, „an der großen +Moschee wohnt ein Mann, er heißt Selim, der Gelehrte, der versteht alle +Sprachen, laß ihn kommen, vielleicht kennt er diese geheimnisvollen +Züge.“ + +Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt. „Selim“, sprach zu ihm der +Kalif, „Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein wenig +in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, so +bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so +bekommst du zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fußsohlen, +weil man dich dann umsonst Selim, den Gelehrten, nennt.“ + +Selim verneigte sich und sprach: „Dein Wille geschehe, o Herr!“ Lange +betrachtete er die Schrift, plötzlich aber rief er aus: „Das ist +Lateinisch, o Herr, oder ich laß mich hängen.“ „Sag, was drinsteht“, +befahl der Kalif, „wenn es Lateinisch ist.“ + +Selim fing an zu übersetzen: „Mensch, der du dieses findest, preise +Allah für seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und +dazu spricht: mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und +versteht auch die Sprache der Tiere. + +Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurückkehren, so neige er +sich dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber hüte dich, wenn du +verwandelt bist, daß du nicht lachest, sonst verschwindet das +Zauberwort gänzlich aus deinem Gedächtnis, und du bleibst ein Tier.“ + +Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif über die +Maßen vergnügt. Er ließ den Gelehrten schwören, niemandem etwas von dem +Geheimnis zu sagen, schenkte ihm ein schönes Kleid und entließ ihn. Zu +seinem Großwesir aber sagte er: „Das heiß’ ich gut einkaufen, Mansor! +Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin. Morgen früh kommst du zu mir; +wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen etwas Weniges aus +meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft und im Wasser, im Wald +und Feld gesprochen wird!“ + +Kaum hatte am anderen Morgen der Kalif Chasid gefrühstückt und sich +angekleidet, als schon der Großwesir erschien, ihn, wie er befohlen, +auf dem Spaziergang zu begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem +Zauberpulver in den Gürtel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen, +zurückzubleiben, machte er sich mit dem Großwesir ganz allein auf den +Weg. Sie gingen zuerst durch die weiten Gärten des Kalifen, spähten +aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststück zu probieren. +Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen, wo +er schon oft viele Tiere, namentlich Störche, gesehen habe, die durch +ihr gravitätisches Wesen und ihr Geklapper immer seine Aufmerksamkeit +erregt hatten. + +Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem +Teich zu. Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storch +ernsthaft auf und ab gehen, Frösche suchend und hier und da etwas vor +sich hinklappernd. Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft einen +anderen Storch dieser Gegend zuschweben. + +„Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr“, sagte der Großwesir, „wenn +nicht diese zwei Langfüßler ein schönes Gespräch miteinander führen +werden. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?“ + +„Wohl gesprochen!“ antwortete der Kalif. „Aber vorher wollen wir noch +einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird.—Richtig! Dreimal gen +Osten geneigt und mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif und du Wesir. +Aber nur um Himmels willen nicht gelacht, sonst sind wir verloren!“ + +Während der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch über ihrem +Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die +Dose aus dem Gürtel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Großwesir dar, +der gleichfalls schnupfte, und beide riefen: mutabor! + +Da schrumpften ihre Beine ein und wurden dünn und rot, die schönen +gelben Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden unförmliche +Storchfüße, die Arme wurden zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achseln +und ward eine Elle lang, der Bart war verschwunden, und den Körper +bedeckten weiche Federn. + +„Ihr habt einen hübschen Schnabel, Herr Großwesir“, sprach nach langem +Erstaunen der Kalif. „Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich in +meinem Leben nicht gesehen.“ „Danke untertänigst“, erwiderte der +Großwesir, indem er sich bückte, „aber wenn ich es wagen darf, möchte +ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch hübscher aus +denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefällig ist, daß wir unsere +Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir wirklich Storchisch +können.“ + +Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen; er putzte sich mit +dem Schnabel seine Füße, legte seine Federn zurecht und ging auf den +ersten Storch zu. Die beiden neuen Störche aber beeilten sich, in ihre +Nähe zu kommen, und vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes Gespräch: + +„Guten Morgen, Frau Langbein, so früh schon auf der Wiese?“ + +„Schönen Dank, liebe Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines +Frühstück geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs gefällig +oder ein Froschschenkelein?“ + +„Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen +etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines +Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig üben.“ + +Zugleich schritt die junge Störchin in wunderlichen Bewegungen durch +das Feld. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach; als sie aber +in malerischer Stellung auf einem Fuß stand und mit den Flügeln anmutig +dazu wedelte, da konnten sich die beiden nicht mehr halten; ein +unaufhaltsames Gelächter brach aus ihren Schnäbeln hervor, von dem sie +sich erst nach langer Zeit erholten. Der Kalif faßte sich zuerst +wieder: „Das war einmal ein Spaß“, rief er, „der nicht mit Gold zu +bezahlen ist; schade, daß die Tiere durch unser Gelächter sich haben +verscheuchen lassen, sonst hätten sie gewiß auch noch gesungen!“ + +Aber jetzt fiel es dem Großwesir ein, daß das Lachen während der +Verwandlung verboten war. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen +mit. „Potz Mekka und Medina! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein +Storch bleiben müßte! Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich bring’ +es nicht heraus.“ + +„Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken und dazu sprechen: mu—mu—mu—“ + +Sie stellten sich gegen Osten und bückten sich in einem fort, daß ihre +Schnäbel beinahe die Erde berührten; aber, o Jammer! Das Zauberwort war +ihnen entfallen, und so oft sich auch der Kalif bückte, so sehnlich +auch sein Wesir mu—mu dazu rief, jede Erinnerung daran war +verschwunden, und der arme Chasid und sein Wesir waren und blieben +Störche. + +Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wußten gar +nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten. Aus ihrer Storchenhaut +konnten sie nicht heraus, in die Stadt zurück konnten sie auch nicht, +um sich zu erkennen zu geben; denn wer hätte einem Storch geglaubt, daß +er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt hätte, würden die +Einwohner von Bagdad einen Storch zum Kalif gewollt haben? + +So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich von +Feldfrüchten, die sie aber wegen ihrer langen Schnäbel nicht gut +verspeisen konnten. Auf Eidechsen und Frösche hatten sie übrigens +keinen Appetit, denn sie befürchteten, mit solchen Leckerbissen sich +den Magen zu verderben. Ihr einziges Vergnügen in dieser traurigen Lage +war, daß sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die Dächer von +Bagdad, um zu sehen, was darin vorging. + +In den ersten Tagen bemerkten sie große Unruhe und Trauer in den +Straßen; aber ungefähr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung saßen sie +auf dem Palast des Kalifen, da sahen sie unten in der Straße einen +prächtigen Aufzug; Trommeln und Pfeifen ertönten, ein Mann in einem +goldbestickten Scharlachmantel saß auf einem geschmückten Pferd, +umgeben von glänzenden Dienern, halb Bagdad sprang ihm nach, und alle +schrien: „Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!“ + +Da sahen die beiden Störche auf dem Dache des Palastes einander an, und +der Kalif Chasid sprach: „Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin, +Großwesir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des mächtigen +Zauberers Kaschnur, der mir in einer bösen Stunde Rache schwur. Aber +noch gebe ich die Hoffnung nicht auf—Komm mit mir, du treuer Gefährte +meines Elends, wir wollen zum Grabe des Propheten wandern, vielleicht, +daß an heiliger Stätte der Zauber gelöst wird.“ + +Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina +zu. + +Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden +Störche hatten noch wenig Übung. „O Herr“, ächzte nach ein paar Stunden +der Großwesir, „ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr lange aus; +Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir täten wohl, +ein Unterkommen für die Nacht zu suchen.“ + +Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er unten im Tale eine +Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewähren schien, so flogen sie +dahin. Der Ort, wo sie sich für diese Nacht niedergelassen hatten, +schien ehemals ein Schloß gewesen zu sein. Schöne Säulen ragten unter +den Trümmern hervor, mehrere Gemächer, die noch ziemlich erhalten +waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses. Chasid und sein +Begleiter gingen durch die Gänge umher, um sich ein trockenes Plätzchen +zu suchen; plötzlich blieb der Storch Mansor stehen. „Herr und +Gebieter“, flüsterte er leise, „wenn es nur nicht töricht für einen +Großwesir, noch mehr aber für einen Storch wäre, sich vor Gespenstern +zu fürchten! Mir ist ganz unheimlich zumute; denn hier neben hat es +ganz vernehmlich geseufzt und gestöhnt.“ Der Kalif blieb nun auch +stehen und hörte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher einem +Menschen als einem Tiere anzugehören schien. Voll Erwartung wollte er +der Gegend zugehen, woher die Klagetöne kamen; der Wesir aber packte +ihn mit dem Schnabel am Flügel und bat ihn flehentlich, sich nicht in +neue, unbekannte Gefahren zu stürzen. Doch vergebens! Der Kalif, dem +auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz schlug, riß sich mit +Verlust einiger Federn los und eilte in einen finsteren Gang. Bald war +er an einer Tür angelangt, die nur angelehnt schien und woraus er +deutliche Seufzer mit ein wenig Geheul vernahm. Er stieß mit dem +Schnabel die Türe auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen. +In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster +spärlich erleuchtet war, sah er eine große Nachteule am Boden sitzen. +Dicke Tränen rollten ihr aus den großen, runden Augen, und mit heiserer +Stimme stieß sie ihre Klagen zu dem krummen Schnabel heraus. Als sie +aber den Kalifen und seinen Wesir, der indes auch herbeigeschlichen +war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei. Zierlich wischte +sie mit dem braungefleckten Flügel die Tränen aus dem Auge, und zu dem +größten Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem Arabisch: +„Willkommen, ihr Störche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner +Errettung; denn durch Störche werde mir ein großes Glück kommen, ist +mir einst prophezeit worden!“ + +Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückte er sich +mit seinem langen Hals, brachte seine dünnen Füße in eine zierliche +Stellung und sprach: „Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben, +eine Leidensgefährtin in dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, daß +durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich. Du wirst unsere +Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hörst.“ Die +Nachteule bat ihn zu erzählen, was der Kalif sogleich tat. + +Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie +ihm und sagte: „Vernimm auch meine Geschichte und höre, wie ich nicht +weniger unglücklich bin als du. Mein Vater ist der König von Indien, +ich, seine einzige unglückliche Tochter, heiße Lusa. Jener Zauberer +Kaschnur, der euch verzauberte, hat auch mich ins Unglück gestürzt. Er +kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau für seinen +Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, ließ ihn die +Treppe hinunterwerfen. Der Elende wußte sich unter einer anderen +Gestalt wieder in meine Nähe zu schleichen, und als ich einst in meinem +Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave +verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt +verwandelte. Vor Schrecken ohnmächtig, brachte er mich hierher und rief +mir mit schrecklicher Stimme in die Ohren: + +,Da sollst du bleiben, häßlich, selbst von den Tieren verachtet, bis an +dein Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser +schrecklichen Gestalt, zur Gattin begehrt. So räche ich mich an dir und +deinem stolzen Vater.‘ + +Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich als +Einsiedlerin in diesem Gemäuer, verabscheut von der Welt, selbst den +Tieren ein Greuel; die schöne Natur ist vor mir verschlossen; denn ich +bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein bleiches Licht über dies +Gemäuer ausgießt, fällt der verhüllende Schleier von meinem Auge.“ + +Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Flügel wieder die Augen +aus, denn die Erzählung ihrer Leiden hatte ihr Tränen entlockt. + +Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzessin in tiefes Nachdenken +versunken. „Wenn mich nicht alles täuscht“, sprach er, „so findet +zwischen unserem Unglück ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo finde +ich den Schlüssel zu diesem Rätsel?“ + +Die Eule antwortete ihm: „O Herr! Auch mir ahnet dies; denn es ist mir +einst in meiner frühesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit +worden, daß ein Storch mir ein großes Glück bringen werde, und ich +wüßte vielleicht, wie wir uns retten könnten.“ Der Kalif war sehr +erstaunt und fragte, auf welchem Wege sie meine. „Der Zauberer, der uns +beide unglücklich gemacht hat“, sagte sie, „kommt alle Monate einmal in +diese Ruinen. Nicht weit von diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er +dann mit vielen Genossen zu schmausen. Schon oft habe ich sie dort +belauscht. Sie erzählen dann einander ihre schändlichen Werke; +vielleicht, daß er dann das Zauberwort, das ihr vergessen habt, +ausspricht.“ + +„O, teuerste Prinzessin“, rief der Kalif, „sag an, wann kommt er, und +wo ist der Saal?“ + +Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: „Nehmet es nicht +ungütig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch +erfüllen.“ + +„Sprich aus! Sprich aus!“ schrie Chasid. „Befiehl, es ist mir jede +recht.“ + +„Nämlich, ich möchte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur +geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht.“ + +Die Störche schienen über den Antrag etwas betroffen zu sein, und der +Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen. + +„Großwesir“, sprach vor der Türe der Kalif, „das ist ein dummer Handel; +aber Ihr könntet sie schon nehmen.“ + +„So“, antwortete dieser, „daß mir meine Frau, wenn ich nach Hause +komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid +noch jung und unverheiratet und könnet eher einer jungen, schönen +Prinzessin die Hand geben.“ + +„Das ist es eben“, seufzte der Kalif, indem er traurig die Flügel +hängen ließ, „wer sagt dir denn, daß sie jung und schön ist? Das heißt +eine Katze im Sack kaufen!“ + +Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der +Kalif sah, daß sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten +wollte, entschloß er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfüllen. Die +Eule war hocherfreut. Sie gestand ihnen, daß sie zu keiner besseren +Zeit hätten kommen können, weil wahrscheinlich in dieser Nacht die +Zauberer sich versammeln würden. + +Sie verließ mit den Störchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu +führen; sie gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich strahlte +ihnen aus einer halbverfallenen Mauer ein heller Schein entgegen. Als +sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu +verhalten. Sie konnten von der Lücke, an welcher sie standen, einen +großen Saal übersehen. Er war ringsum mit Säulen geschmückt und +prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht des +Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, mit vielen und +ausgesuchten Speisen besetzt. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf +welchem acht Männer saßen. In einem dieser Männer erkannten die Störche +jenen Krämer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein +Nebensitzer forderte ihn auf, ihnen seine neuesten Taten zu erzählen. +Er erzählte unter anderen auch die Geschichte des Kalifen und seines +Wesirs. + +„Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?“ fragte ihn ein +anderer Zauberer. „Ein recht schweres lateinisches, es heißt mutabor.“ + +Als die Störche an der Mauerlücke dieses hörten, kamen sie vor Freuden +beinahe außer sich. Sie liefen auf ihren langen Füßen so schnell dem +Tore der Ruine zu, daß die Eule kaum folgen konnte. Dort sprach der +Kalif gerührt zu der Eule: „Retterin meines Lebens und des Lebens +meines Freundes, nimm zum ewigen Dank für das, was du an uns getan, +mich zum Gemahl an!“ Dann aber wandte er sich nach Osten. Dreimal +bückten die Störche ihre langen Hälse der Sonne entgegen, die soeben +hinter dem Gebirge heraufstieg: „Mutabor!“ riefen sie, im Nu waren sie +verwandelt, und in der hohen Freude des neugeschenkten Lebens lagen +Herr und Diener lachend und weinend einander in den Armen. + +Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen? Eine schöne +Dame, herrlich geschmückt, stand vor ihnen. Lächelnd gab sie dem +Kalifen die Hand. „Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?“ sagte sie. +Sie war es; der Kalif war von ihrer Schönheit und Anmut entzückt. + +Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in seinen +Kleidern nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch seinen +Geldbeutel. Er kaufte daher im nächsten Dorfe, was zu ihrer Reise nötig +war, und so kamen sie bald an die Tore von Bagdad. Dort aber erregte +die Ankunft des Kalifen großes Erstaunen. Man hatte ihn für tot +ausgegeben, und das Volk war daher hocherfreut, seinen geliebten +Herrscher wiederzuhaben. + +Um so mehr aber entbrannte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra. Sie zogen +in den Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen. +Den Alten schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, das die +Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen. Dem +Sohn aber, welcher nichts von den Künsten des Vaters verstand, ließ der +Kalif die Wahl, ob er sterben oder schnupfen wolle. Als er das letztere +wählte, bot ihm der Großwesir die Dose. Eine tüchtige Prise, und das +Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen Storch. Der Kalif ließ +ihn in einen eisernen Käfig sperren und in seinem Garten aufstellen. + +Lange und vergnügt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin; +seine vergnügtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Großwesir +nachmittags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem +Storchabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, ließ er sich +herab, den Großwesir nachzuahmen, wie er als Storch aussah. Er stieg +dann ernsthaft, mit steifen Füßen im Zimmer auf und ab, klapperte, +wedelte mit den Armen wie mit Flügeln und zeigte, wie jener sich +vergeblich nach Osten geneigt und Mu—Mu—dazu gerufen habe. Für die Frau +Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine große +Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und +Mu—Mu—schrie, dann drohte ihm lächelnd der Wesir: Er wolle das, was vor +der Türe der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau +Kalifin mitteilen. + +Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die +Kaufleute sehr zufrieden damit. „Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns +vergangen, ohne daß wir merkten wie!“ sagte einer derselben, indem er +die Decke des Zeltes zurückschlug. „Der Abendwind wehet kühl, und wir +könnten noch eine gute Strecke Weges zurücklegen.“ Seine Gefährten +waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die +Karawane machte sich in der nämlichen Ordnung, in welcher sie +herangezogen war, auf den Weg. + +Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am +Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich +an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich +zur Ruhe. Für den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr +wertester Gastfreund wäre. Der eine gab ihm Polster, der andere Decken, +ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient, als ob er +zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren schon +heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen +einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist +hatten, rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann +wandte sich an den ältesten und sprach: „Selim Baruch hat uns gestern +einen vergnügten Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns +auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele +Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hübsches Märchen.“ +Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im +Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich +fing er an zu sprechen: + +„Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue +Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will +ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und +nicht jedem erzähle: die Geschichte von dem Gespensterschiff.“ + + + + +Die Geschichte von dem Gespensterschiff + +Wilhelm Hauff + + +Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora; er war weder arm noch +reich und einer von jenen Leuten, die nicht gerne etwas wagen, aus +Furcht, das Wenige zu verlieren, das sie haben. Er erzog mich schlicht +und recht und brachte es bald so weit, daß ich ihm an die Hand gehen +konnte. Gerade als ich achtzehn Jahre alt war, als er die erste größere +Spekulation machte, starb er, wahrscheinlich aus Gram, tausend +Goldstücke dem Meere anvertraut zu haben. Ich mußte ihn bald nachher +wegen seines Todes glücklich preisen, denn wenige Wochen hernach lief +die Nachricht ein, daß das Schiff, dem mein Vater seine Güter +mitgegeben hatte, versunken sei. Meinen jugendlichen Mut konnte aber +dieser Unfall nicht beugen. Ich machte alles vollends zu Geld, was mein +Vater hinterlassen hatte, und zog aus, um in der Fremde mein Glück zu +probieren, nur von einem alten Diener meines Vaters begleitet. + +Im Hafen von Balsora schifften wir uns mit günstigem Winde ein. Das +Schiff, auf dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt. +Wir waren schon fünfzehn Tage auf der gewöhnlichen Straße gefahren, als +uns der Kapitän einen Sturm verkündete. Er machte ein bedenkliches +Gesicht, denn es schien, er kenne in dieser Gegend das Fahrwasser nicht +genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen zu können. Er ließ alle Segel +einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die Nacht war angebrochen, +war hell und kalt, und der Kapitän glaubte schon, sich in den Anzeichen +des Sturmes getäuscht zu haben. Auf einmal schwebte ein Schiff, das wir +vorher nicht gesehen hatten, dicht an dem unsrigen vorbei. Wildes +Jauchzen und Geschrei erscholl aus dem Verdeck herüber, worüber ich +mich zu dieser angstvollen Stunde vor einem Sturm nicht wenig wunderte. +Aber der Kapitän an meiner Seite wurde blaß wie der Tod. „Mein Schiff +ist verloren“, rief er, „dort segelt der Tod!“ + +Ehe ich ihn noch über diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte, +stürzten schon heulend und schreiend die Matrosen herein. „Habt ihr ihn +gesehen?“ schrien sie. „Jetzt ist’s mit uns vorbei!“ + +Der Kapitän aber ließ Trostsprüche aus dem Koran vorlesen und setzte +sich selbst ans Steuerruder. Aber vergebens! Zusehends brauste der +Sturm auf, und ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb +sitzen. Die Boote wurden ausgesetzt, und kaum hatten sich die letzten +Matrosen gerettet, so versank das Schiff vor unseren Augen, und als ein +Bettler fuhr ich in die See hinaus. Aber der Jammer hatte noch kein +Ende. Fürchterlicher tobte der Sturm; das Boot war nicht mehr zu +regieren. Ich hatte meinen alten Diener fest umschlungen, und wir +versprachen uns, nie voneinander zu weichen. Endlich brach der Tag an. +Aber mit dem ersten Anblick der Morgenröte faßte der Wind das Boot, in +welchem wir saßen, und stürzte es um. Ich habe keinen meiner +Schiffsleute mehr gesehen. Der Sturz hatte mich betäubt; und als ich +aufwachte, befand ich mich in den Armen meines alten treuen Dieners, +der sich auf das umgeschlagene Boot gerettet und mich nachgezogen +hatte. Der Sturm hatte sich gelegt. Von unserem Schiff war nichts mehr +zu sehen, wohl aber entdeckten wir nicht weit von uns ein anderes +Schiff, auf das die Wellen uns hintrieben. Als wir näher hinzukamen, +erkannte ich das Schiff als dasselbe, das in der Nacht an uns +vorbeifuhr und welches den Kapitän so sehr in Schrecken gesetzt hatte. +Ich empfand ein sonderbares Grauen vor diesem Schiffe. Die Äußerung des +Kapitäns, die sich so furchtbar bestätigt hatte, das öde Aussehen des +Schiffes, auf dem sich, so nahe wir auch herankamen, so laut wir +schrien, niemand zeigte, erschreckten mich. Doch es war unser einziges +Rettungsmittel; darum priesen wir den Propheten, der uns so wundervoll +erhalten hatte. + +Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Händen und +Füßen ruderten wir darauf zu, um es zu erfassen. Endlich glückte es. +Noch einmal erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf dem +Schiff. Da klimmten wir an dem Tau hinauf, ich als der Jüngste voran. +Aber Entsetzen! Welches Schauspiel stellte sich meinem Auge dar, als +ich das Verdeck betrat! Der Boden war mit Blut gerötet, zwanzig bis +dreißig Leichname in türkischen Kleidern lagen auf dem Boden, am +mittleren Mastbaum stand ein Mann, reich gekleidet, den Säbel in der +Hand, aber das Gesicht war blaß und verzerrt, durch die Stirn ging ein +großer Nagel, der ihn an den Mastbaum heftete, auch er war tot. +Schrecken fesselte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen. Endlich war +auch mein Begleiter heraufgekommen. Auch ihn überraschte der Anblick +des Verdecks, das gar nichts Lebendiges, sondern nur so viele +schreckliche Tote zeigte. Wir wagten es endlich, nachdem wir in der +Seelenangst zum Propheten gefleht hatten, weiter vorzuschreiten. Bei +jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas Neues, noch +Schrecklicheres sich darbiete; aber alles blieb, wie es war; weit und +breit nichts Lebendiges als wir und das Weltmeer. Nicht einmal laut zu +sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am Mast angespießte Kapitano +möchte seine starren Augen nach uns hindrehen oder einer der Getöteten +möchte seinen Kopf umwenden. Endlich waren wir bis an eine Treppe +gekommen, die in den Schiffsraum führte. Unwillkürlich machten wir dort +halt und sahen einander an, denn keiner wagte es recht, seine Gedanken +zu äußern. + +„O Herr“, sprach mein treuer Diener, „hier ist etwas Schreckliches +geschehen. Doch wenn auch das Schiff da unten voll Mörder steckt, so +will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als +längere Zeit unter diesen Toten zubringen.“ Ich dachte wie er; wir +faßten uns ein Herz und stiegen voll Erwartung hinunter. Totenstille +war aber auch hier, und nur unsere Schritte hallten auf der Treppe. Wir +standen an der Türe der Kajüte. Ich legte mein Ohr an die Türe und +lauschte; es war nichts zu hören. Ich machte auf. Das Gemach bot einen +unordentlichen Anblick dar. Kleider, Waffen und andere Geräte lagen +untereinander. Nichts in Ordnung. Die Mannschaft oder wenigstens der +Kapitano mußten vor kurzem gezechet haben; denn es lag alles noch +umher. Wir gingen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu Gemach, +überall fanden wir herrliche Vorräte in Seide, Perlen, Zucker usw. Ich +war vor Freude über diesen Anblick außer mir, denn da niemand auf dem +Schiff war, glaubte ich, alles mir zueignen zu dürfen, Ibrahim aber +machte mich aufmerksam darauf, daß wir wahrscheinlich noch sehr weit +vom Lande seien, wohin wir allein und ohne menschliche Hilfe nicht +kommen könnten. + +Wir labten uns an den Speisen und Getränken, die wir in reichem Maß +vorfanden, und stiegen endlich wieder aufs Verdeck. Aber hier +schauderte uns immer die Haut ob dem schrecklichen Anblick der Leichen. +Wir beschlossen, uns davon zu befreien und sie über Bord zu werfen; +aber wie schauerlich ward uns zumut, als wir fanden, daß sich keiner +aus seiner Lage bewegen ließ. Wie festgebannt lagen sie am Boden, und +man hätte den Boden des Verdecks ausheben müssen, um sie zu entfernen, +und dazu gebrach es uns an Werkzeugen. Auch der Kapitano ließ sich +nicht von seinem Mast losmachen; nicht einmal seinen Säbel konnten wir +der starren Hand entwinden. Wir brachten den Tag in trauriger +Betrachtung unserer Lage zu, und als es Nacht zu werden anfing, +erlaubte ich dem alten Ibrahim, sich schlafen zu legen, ich selbst aber +wollte auf dem Verdeck wachen, um nach Rettung auszuspähen. Als aber +der Mond heraufkam und ich nach den Gestirnen berechnete, daß es wohl +um die elfte Stunde sei, überfiel mich ein so unwiderstehlicher Schlaf, +daß ich unwillkürlich hinter ein Faß, das auf dem Verdeck stand, +zurückfiel. Doch war es mehr Betäubung als Schlaf, denn ich hörte +deutlich die See an der Seite des Schiffes anschlagen und die Segel vom +Winde knarren und pfeifen. Auf einmal glaubte ich Stimmen und +Männertritte auf dem Verdeck zu hören. Ich wollte mich aufrichten, um +danach zu schauen. Aber eine unsichtbare Gewalt hielt meine Glieder +gefesselt; nicht einmal die Augen konnte ich aufschlagen. Aber immer +deutlicher wurden die Stimmen, es war mir, als wenn ein fröhliches +Schiffsvolk auf dem Verdeck sich umhertriebe; mitunter glaubte ich, die +kräftige Stimme eines Befehlenden zu hören, auch hörte ich Taue und +Segel deutlich auf- und abziehen. Nach und nach aber schwanden mir die +Sinne, ich verfiel in einen tieferen Schlaf, in dem ich nur noch ein +Geräusch von Waffen zu hören glaubte, und erwachte erst, als die Sonne +schon hoch stand und mir aufs Gesicht brannte. Verwundert schaute ich +mich um, Sturm, Schiff, die Toten und was ich in dieser Nacht gehört +hatte, kam mir wie ein Traum vor, aber als ich aufblickte, fand ich +alles wie gestern. Unbeweglich lagen die Toten, unbeweglich war der +Kapitano an den Mastbaum geheftet. Ich lachte über meinen Traum und +stand auf, um meinen Alten zu suchen. + +Dieser saß ganz nachdenklich in der Kajüte. „O Herr!“ rief er aus, als +ich zu ihm hineintrat, „ich wollte lieber im tiefsten Grund des Meeres +liegen, als in diesem verhexten Schiff noch eine Nacht zubringen.“ Ich +fragte ihn nach der Ursache seines Kummers, und er antwortete mir: „Als +ich einige Stunden geschlafen hatte, wachte ich auf und vernahm, wie +man über meinem Haupt hin und her lief. Ich dachte zuerst, Ihr wäret +es, aber es waren wenigstens zwanzig, die oben umherliefen; auch hörte +ich rufen und schreien. Endlich kamen schwere Tritte die Treppe herab. +Da wußte ich nichts mehr von mir, nur hie und da kehrte auf einige +Augenblicke meine Besinnung zurück, und da sah ich dann denselben Mann, +der oben am Mast angenagelt ist, an jenem Tisch dort sitzen, singend +und trinkend; aber der, der in einem roten Scharlachkleid nicht weit +von ihm am Boden liegt, saß neben ihm und half ihm trinken.“ Also +erzählte mir mein alter Diener. + +Ihr könnt mir es glauben, meine Freunde, daß mir gar nicht wohl zumute +war; denn es war keine Täuschung, ich hatte ja auch die Toten gar wohl +gehört. In solcher Gesellschaft zu schiffen, war mir greulich. Mein +Ibrahim aber versank wieder in tiefes Nachdenken. „Jetzt hab’ ich’s!“ +rief er endlich aus; es fiel ihm nämlich ein Sprüchlein ein, das ihn +sein Großvater, ein erfahrener, weitgereister Mann, gelehrt hatte und +das gegen jeden Geister- und Zauberspuk helfen sollte; auch behauptete +er, jenen unnatürlichen Schlaf, der uns befiel, in der nächsten Nacht +verhindern zu können, wenn wir nämlich recht eifrig Sprüche aus dem +Koran beteten. Der Vorschlag des alten Mannes gefiel mir wohl. In +banger Erwartung sahen wir die Nacht herankommen. Neben der Kajüte war +ein kleines Kämmerchen, dorthin beschlossen wir uns zurückzuziehen. Wir +bohrten mehrere Löcher in die Türe, hinlänglich groß, um durch sie die +ganze Kajüte zu überschauen, dann verschlossen wir die Türe, so gut es +ging, von innen, und Ibrahim schrieb den Namen des Propheten in alle +vier Ecken. So erwarteten wir die Schrecken der Nacht. Es mochte wieder +ungefähr elf Uhr sein, als es mich gewaltig zu schläfern anfing. Mein +Gefährte riet mir daher, einige Sprüche des Korans zu beten, was mir +auch half. Mit einem Male schien es oben lebhaft zu werden; die Taue +knarrten, Schritte gingen über das Verdeck, und mehrere Stimmen waren +deutlich zu unterscheiden—Mehrere Minuten hatten wir so in gespannter +Erwartung gesessen, da hörten wir etwas die Treppe der Kajüte +herabkommen. Als dies der Alte hörte, fing er an, den Spruch, den ihn +sein Großvater gegen Spuk und Zauberei gelehrt hatte, herzusagen: + +„Kommt ihr herab aus der Luft, +Steigt ihr aus tiefem Meer, +Schlieft ihr in dunkler Gruft, +Stammt ihr vom Feuer her: +Allah ist euer Herr und Meister, +ihm sind gehorsam alle Geister.“ + + +Ich muß gestehen, ich glaubte gar nicht recht an diesen Spruch, und mir +stieg das Haar zu Berg, als die Tür aufflog. Herein trat jener große, +stattliche Mann, den ich am Mastbaum angenagelt gesehen hatte. Der +Nagel ging ihm auch jetzt mitten durchs Hirn; das Schwert aber hatte er +in die Scheide gesteckt; hinter ihm trat noch ein anderer herein, +weniger kostbar gekleidet; auch ihn hatte ich oben liegen sehen. Der +Kapitano, denn dies war er unverkennbar, hatte ein bleiches Gesicht, +einen großen, schwarzen Bart, wildrollende Augen, mit denen er sich im +ganzen Gemach umsah. Ich konnte ihn ganz deutlich sehen, als er an +unserer Türe vorüberging; er aber schien gar nicht auf die Türe zu +achten, die uns verbarg. Beide setzten sich an den Tisch, der in der +Mitte der Kajüte stand, und sprachen laut und fast schreiend +miteinander in einer unbekannten Sprache. Sie wurden immer lauter und +eifriger, bis endlich der Kapitano mit geballter Faust auf den Tisch +hineinschlug, daß das Zimmer dröhnte. Mit wildem Gelächter sprang der +andere auf und winkte dem Kapitano, ihm zu folgen. Dieser stand auf, +riß seinen Säbel aus der Scheide, und beide verließen das Gemach. Wir +atmeten freier, als sie weg waren; aber unsere Angst hatte noch lange +kein Ende. Immer lauter und lauter ward es auf dem Verdeck. Man hörte +eilends hin und her laufen und schreien, lachen und heulen. Endlich +ging ein wahrhaft höllischer Lärm los, so daß wir glaubten, das Verdeck +mit allen Segeln komme zu uns herab, Waffengeklirr und Geschrei—auf +einmal aber tiefe Stille. Als wir es nach vielen Stunden wagten +hinaufzugehen, trafen wir alles wie sonst; nicht einer lag anders als +früher. Alle waren steif wie Holz. + +So waren wir mehrere Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Osten, +wohin zu, nach meiner Berechnung, Land liegen mußte; aber wenn es auch +bei Tag viele Meilen zurückgelegt hatte, bei Nacht schien es immer +wieder zurückzukehren, denn wir befanden uns immer wieder am nämlichen +Fleck, wenn die Sonne aufging. Wir konnten uns dies nicht anders +erklären, als daß die Toten jede Nacht mit vollem Winde zurücksegelten. +Um nun dies zu verhüten, zogen wir, ehe es Nacht wurde, alle Segel ein +und wandten dasselbe Mittel an wie bei der Türe in der Kajüte; wir +schrieben den Namen des Propheten auf Pergament und auch das Sprüchlein +des Großvaters dazu und banden es um die eingezogenen Segel. Ängstlich +warteten wir in unserem Kämmerchen den Erfolg ab. Der Spuk schien +diesmal noch ärger zu toben, aber siehe, am anderen Morgen waren die +Segel noch aufgerollt, wie wir sie verlassen hatten. Wir spannten den +Tag über nur so viele Segel auf, als nötig waren, das Schiff sanft +fortzutreiben, und so legten wir in fünf Tagen eine gute Strecke +zurück. + +Endlich, am Morgen des sechsten Tages, entdeckten wir in geringer Ferne +Land, und wir dankten Allah und seinem Propheten für unsere wunderbare +Rettung. Diesen Tag und die folgende Nacht trieben wir an einer Küste +hin, und am siebenten Morgen glaubten wir in geringer Entfernung eine +Stadt zu entdecken; wir ließen mit vieler Mühe einen Anker in die See, +der alsobald Grund faßte, setzten ein kleines Boot, das auf dem Verdeck +stand, aus und ruderten mit aller Macht der Stadt zu. Nach einer halben +Stunde liefen wir in einen Fluß ein, der sich in die See ergoß, und +stiegen ans Ufer. Am Stadttor erkundigten wir uns, wie die Stadt heiße, +und erfuhren, daß es eine indische Stadt sei, nicht weit von der +Gegend, wohin ich zuerst zu schiffen willens war. Wir begaben uns in +eine Karawanserei und erfrischten uns von unserer abenteuerlichen +Reise. Ich forschte daselbst auch nach einem weisen und verständigen +Manne, indem ich dem Wirt zu verstehen gab, daß ich einen solchen haben +möchte, der sich ein wenig auf Zauberei verstehe. Er führte mich in +eine abgelegene Straße, an ein unscheinbares Haus, pochte an, und man +ließ mich eintreten mit der Weisung, ich solle nur nach Muley fragen. + +In dem Hause kam mir ein altes Männlein mit grauem Bart und langer Nase +entgegen und fragte nach meinem Begehr. Ich sagte ihm, ich suche den +weisen Muley, und er antwortete mir, er sei es selbst. Ich fragte ihn +nun um Rat, was ich mit den Toten machen solle und wie ich es angreifen +müsse, um sie aus dem Schiff zu bringen. Er antwortete mir, die Leute +des Schiffes seien wahrscheinlich wegen irgendeines Frevels auf das +Meer verzaubert; er glaube, der Zauber werde sich lösen, wenn man sie +ans Land bringe; dies könne aber nicht geschehen, als wenn man die +Bretter, auf denen sie lägen, losmache. Mir gehöre von Gott und Rechts +wegen das Schiff samt allen Gütern, weil ich es gleichsam gefunden +habe; doch solle ich alles sehr geheimzuhalten trachten und ihm ein +kleines Geschenk von meinem Überfluß machen; er wolle dafür mit seinen +Sklaven mir behilflich sein, die Toten wegzuschaffen. Ich versprach, +ihn reichlich zu belohnen, und wir machten uns mit fünf Sklaven, die +mit Sägen und Beilen versehen waren, auf den Weg. Unterwegs konnte der +Zauberer Muley unseren glücklichen Einfall, die Segel mit den Sprüchen +des Korans zu umwinden, nicht genug loben. Er sagte, es sei dies das +einzige Mittel gewesen, uns zu retten. + +Es war noch ziemlich früh am Tage, als wir beim Schiff ankamen. Wir +machten uns alle sogleich ans Werk, und in einer Stunde lagen schon +vier in dem Nachen. Einige der Sklaven mußten sie an Land rudern, um +sie dort zu verscharren. Sie erzählten, als sie zurückkamen, die Toten +hätten ihnen die Mühe des Begrabens erspart, indem sie, sowie man sie +auf die Erde gelegt habe, in Staub zerfallen seien. Wir fuhren fort, +die Toten abzusägen, und bis vor Abend waren alle an Land gebracht. Es +war endlich keiner mehr an Bord als der, welcher am Mast angenagelt +war. Umsonst suchten wir den Nagel aus dem Holze zu ziehen, keine +Gewalt vermochte ihn auch nur ein Haarbreit zu verrücken. Ich wußte +nicht, was anzufangen war; man konnte doch nicht den Mastbaum abhauen, +um ihn ans Land zu führen. Doch aus dieser Verlegenheit half Muley. Er +ließ schnell einen Sklaven an Land rudern, um einen Topf mit Erde zu +bringen. Als dieser herbeigeholt war, sprach der Zauberer +geheimnisvolle Worte darüber aus und schüttete die Erde auf das Haupt +des Toten. Sogleich schlug dieser die Augen auf, holte tief Atem, und +die Wunde des Nagels in seiner Stirne fing an zu bluten. Wir zogen den +Nagel jetzt leicht heraus, und der Verwundete fiel einem Sklaven in die +Arme. + +„Wer hat mich hierhergeführt?“ sprach er, nachdem er sich ein wenig +erholt zu haben schien. Muley zeigte auf mich, und ich trat zu ihm. +„Dank dir, unbekannter Fremdling, du hast mich von langen Qualen +errettet. Seit fünfzig Jahren schifft mein Leib durch diese Wogen, und +mein Geist war verdammt, jede Nacht in ihn zurückzukehren. Aber jetzt +hat mein Haupt die Erde berührt, und ich kann versöhnt zu meinen Vätern +gehen.“ + +Ich bat ihn, uns doch zu sagen, wie er zu diesem schrecklichen Zustand +gekommen sei, und er sprach: „Vor fünfzig Jahren war ich ein mächtiger, +angesehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach Gewinn trieb +mich, ein Schiff auszurüsten und Seeraub zu treiben. Ich hatte dieses +Geschäft schon einige Zeit fortgeführt, da nahm ich einmal auf Zante +einen Derwisch an Bord, der umsonst reisen wollte. Ich und meine +Gesellen waren rohe Leute und achteten nicht auf die Heiligkeit des +Mannes; vielmehr trieb ich mein Gespött mit ihm. Als er aber einst in +heiligem Eifer mir meinen sündigen Lebenswandel verwiesen hatte, +übermannte mich nachts in meiner Kajüte, als ich mit meinem Steuermann +viel getrunken hatte, der Zorn. Wütend über das, was mir ein Derwisch +gesagt hatte und was ich mir von keinem Sultan hätte sagen lassen, +stürzte ich aufs Verdeck und stieß ihm meinen Dolch in die Brust. +Sterbend verwünschte er mich und meine Mannschaft, nicht sterben und +nicht leben zu können, bis wir unser Haupt auf die Erde legten. Der +Derwisch starb, und wir warfen ihn in die See und verlachten seine +Drohungen; aber noch in derselben Nacht erfüllten sich seine Worte. Ein +Teil meiner Mannschaft empörte sich gegen mich—Mit fürchterlicher Wut +wurde gestritten, bis meine Anhänger unterlagen und ich an den Mast +genagelt wurde. Aber auch die Empörer erlagen ihren Wunden, und bald +war mein Schiff nur ein großes Grab. Auch mir brachen die Augen, mein +Atem hielt an, und ich meinte zu sterben. Aber es war nur eine +Erstarrung, die mich gefesselt hielt; in der nächsten Nacht, zur +nämlichen Stunde, da wir den Derwisch in die See geworfen, erwachten +ich und alle meine Genossen, das Leben war zurückgekehrt, aber wir +konnten nichts tun und sprechen, als was wir in jener Nacht gesprochen +und getan hatten. So segeln wir seit fünfzig Jahren, können nicht +leben, nicht sterben; denn wie konnten wir das Land erreichen? Mit +toller Freude segelten wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil +wir hofften, endlich an einer Klippe zu zerschellen und das müde Haupt +auf dem Grund des Meeres zur Ruhe zu legen. Es ist uns nicht gelungen. +Jetzt aber werde ich sterben. Noch einmal meinen Dank, unbekannter +Retter, wenn Schätze dich lohnen können, so nimm mein Schiff als +Zeichen meiner Dankbarkeit.“ + +Der Kapitano ließ sein Haupt sinken, als er so gesprochen hatte, und +verschied. Sogleich zerfiel er auch, wie seine Gefährten, in Staub. Wir +sammelten diesen in ein Kästchen und begruben ihn an Land; aus der +Stadt nahm ich aber Arbeiter, die mir mein Schiff in guten Zustand +setzten. Nachdem ich die Waren, die ich an Bord hatte, gegen andere mit +großem Gewinn eingetauscht hatte, mietete ich Matrosen, beschenkte +meinen Freund Muley reichlich und schiffte mich nach meinem Vaterlande +ein. Ich machte aber einen Umweg, indem ich an vielen Inseln und +Ländern landete und meine Waren zu Markt brachte. Der Prophet segnete +mein Unternehmen. Nach dreiviertel Jahren lief ich, noch einmal so +reich, als mich der sterbende Kapitän gemacht hatte, in Balsora ein. +Meine Mitbürger waren erstaunt über meine Reichtümer und mein Glück und +glaubten nicht anders, als daß ich das Diamantental des berühmten +Reisenden Sindbad gefunden habe. Ich ließ sie in ihrem Glauben, von nun +an aber mußten die jungen Leute von Balsora, wenn sie kaum achtzehn +Jahre alt waren, in die Welt hinaus, um gleich mir ihr Glück zu machen. +Ich aber lebte ruhig und in Frieden, und alle fünf Jahre mache ich eine +Reise nach Mekka, um dem Herrn an heiliger Stätte für seinen Segen zu +danken und für den Kapitano und seine Leute zu bitten, daß er sie in +sein Paradies aufnehme. + + +Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder +gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, +der Fremde, zu Muley, dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen: + +„Ihr seid zwar der Jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und +wißt für uns gewiß irgendeinen guten Schwank. Tischet ihn auf, daß er +uns erquicke nach der Hitze des Tages!“ + +„Wohl möchte ich euch etwas erzählen“, antwortete Muley, „das euch Spaß +machen könnte, doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen; +darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos +ist immer so ernst und verschlossen, sollte er uns nicht erzählen, was +sein Leben so ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er +solchen hat, lindern können; denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er +auch anderen Glaubens ist.“ + +Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren +Jahren, schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein +Ungläubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine +Reisegefährten, denn er hatte durch sein ganzes Wesen Achtung und +Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine Hand, und einige seiner +Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn so ernst +stimme. + +Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: „Ich bin sehr +geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, +von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könntet. Doch +weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch +einiges erzählen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als +andere Leute. Ihr sehet, daß ich meine linke Hand verloren habe. Sie +fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den +schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die Schuld davon +trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine Lage +mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt +die Geschichte von der abgehauenen Hand.“ + + + + +Die Geschichte von der abgehauenen Hand + +Wilhelm Hauff + + +Ich bin in Konstantinopel geboren; mein Vater war ein Dragoman +(Dolmetscher) bei der Pforte (dem türkischen Hof) und trieb nebenbei +einen ziemlich einträglichen Handel mit wohlriechenden Essenzen und +seidenen Stoffen. Er gab mir eine gute Erziehung, indem er mich teils +selbst unterrichtete, teils von einem unserer Priester mir Unterricht +geben ließ. Er bestimmte mich anfangs, seinen Laden einmal zu +übernehmen, als ich aber größere Fähigkeiten zeigte, als er erwartet +hatte, bestimmte er mich auf das Anraten seiner Freunde zum Arzt; weil +ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat als die gewöhnlichen +Marktschreier, in Konstantinopel sein Glück machen kann. Es kamen viele +Franken in unser Haus, und einer davon überredete meinen Vater, mich in +sein Vaterland, nach der Stadt Paris, reisen zu lassen, wo man solche +Sachen unentgeltlich und am besten lernen könne. Er selbst aber wolle +mich, wenn er zurückreise, umsonst mitnehmen. Mein Vater, der in seiner +Jugend auch gereist war, schlug ein, und der Franke sagte mir, ich +könne mich in drei Monaten bereithalten. Ich war außer mir vor Freude, +fremde Länder zu sehen. + +Der Franke hatte endlich seine Geschäfte abgemacht und sich zur Reise +bereitet; am Vorabend der Reise führte mich mein Vater in sein +Schlafkämmerlein. Dort sah ich schöne Kleider und Waffen auf dem Tische +liegen. Was meine Blicke aber noch mehr anzog, war ein großer Haufe +Goldes, denn ich hatte noch nie so viel beieinander gesehen. Mein Vater +umarmte mich und sagte: „Siehe, mein Sohn, ich habe dir Kleider zu der +Reise besorgt. Jene Waffen sind dein, es sind die nämlichen, die mir +dein Großvater umhing, als ich in die Fremde auszog. Ich weiß, du +kannst sie führen; gebrauche sie aber nie, als wenn du angegriffen +wirst; dann aber schlage auch tüchtig drauf. Mein Vermögen ist nicht +groß; siehe, ich habe es in drei Teile geteilt, einer davon ist dein; +einer davon ist mein Unterhalt und Notpfennig, der dritte aber sei mir +ein heiliges, unantastbares Gut, er diene dir in der Stunde der Not!“ +So sprach mein alter Vater, und Tränen hingen ihm im Auge, vielleicht +aus Ahnung, denn ich habe ihn nie wieder gesehen. + +Die Reise ging gut von Statten; wir waren bald im Lande der Franken +angelangt, und sechs Tagreisen nachher kamen wir in die große Stadt +Paris. Hier mietete mir mein fränkischer Freund ein Zimmer und riet +mir, mein Geld, das in allem zweitausend Taler betrug, vorsichtig +anzuwenden. Ich lebte drei Jahre in dieser Stadt und lernte, was ein +tüchtiger Arzt wissen muß; ich müßte aber lügen, wenn ich sagte, daß +ich gerne dort gewesen sei; denn die Sitten dieses Volkes gefielen mir +nicht; auch hatte ich nur wenige gute Freunde dort, diese aber waren +edle, junge Männer. + +Die Sehnsucht nach der Heimat wurde endlich mächtig in mir; in der +ganzen Zeit hatte ich nichts von meinem Vater gehört, und ich ergriff +daher eine günstige Gelegenheit, nach Hause zu kommen. + +Es ging nämlich eine Gesandtschaft aus Frankenland nach der Hohen +Pforte. Ich verdingte mich als Wundarzt in das Gefolge des Gesandten +und kam glücklich wieder nach Stambul. Das Haus meines Vaters aber fand +ich verschlossen, und die Nachbarn staunten, als sie mich sahen, und +sagten mir, mein Vater sei vor zwei Monaten gestorben. Jener Priester, +der mich in meiner Jugend unterrichtet hatte, brachte nur den +Schlüssel; allein und verlassen zog ich in das verödete Haus ein. Ich +fand noch alles, wie es mein Vater verlassen hatte; nur das Gold, das +er mir zu hinterlassen versprach, fehlte. Ich fragte den Priester +darüber, und dieser verneigte sich und sprach: „Euer Vater ist als ein +heiliger Mann gestorben; denn er hat sein Gold der Kirche vermacht.“ +Dies war und blieb mir unbegreiflich; doch was wollte ich machen; ich +hatte keine Zeugen gegen den Priester und mußte froh sein, daß er nicht +auch das Haus und die Waren meines Vaters als Vermächtnis angesehen +hatte. + +Dies war das erste Unglück, das mich traf. Von jetzt an aber kam es +Schlag auf Schlag. Mein Ruf als Arzt wollte sich gar nicht ausbreiten, +weil ich mich schämte, den Marktschreier zu machen, und überall fehlte +mir die Empfehlung meines Vaters, der mich bei den Reichsten und +Vornehmsten eingeführt hätte, die jetzt nicht mehr an den armen +Zaleukos dachten. Auch die Waren meines Vaters fanden keinen Abgang; +denn die Kunden hatten sich nach seinem Tode verlaufen, und neue +bekommt man nur langsam. Als ich einst trostlos über meine Lage +nachdachte, fiel mir ein, daß ich oft in Franken Männer meines Volkes +gesehen hatte, die das Land durchzogen und ihre Waren auf den Märkten +der Städte auslegten; ich erinnerte mich, daß man ihnen gerne abkaufte, +weil sie aus der Fremde kamen, und daß man bei solchem Handel das +Hundertfache erwerben könne. Sogleich war auch mein Entschluß gefaßt. +Ich verkaufte mein väterliches Haus, gab einen Teil des gelösten Geldes +einem bewährten Freunde zum Aufbewahren, von dem übrigen aber kaufte +ich, was man in Franken selten hat, wie Schals, seidene Zeuge, Salben +und Öle, mietete einen Platz auf einem Schiff und trat so meine zweite +Reise nach Franken an. + +Es schien, als ob das Glück, sobald ich die Schlösser der Dardanellen +im Rücken hatte, mir wieder günstig geworden wäre. Unsere Fahrt war +kurz und glücklich. Ich durchzog die großen und kleinen Städte der +Franken und fand überall willige Käufer meiner Waren. Mein Freund in +Stambul sandte mir immer wieder frische Vorräte, und ich wurde von Tag +zu Tag wohlhabender. Als ich endlich so viel erspart hatte, daß ich +glaubte, ein größeres Unternehmen wagen zu können, zog ich mit meinen +Waren nach Italien. Etwas muß ich aber noch gestehen, was mir auch +nicht wenig Geld einbrachte: ich nahm auch meine Arzneikunst zu Hilfe. +Wenn ich in eine Stadt kam, ließ ich durch Zettel verkünden, daß ein +griechischer Arzt da sei, der schon viele geheilt habe; und wahrlich, +mein Balsam und meine Arzneien haben mir manche Zechine eingebracht. + +So war ich endlich nach der Stadt Florenz in Italien gekommen. Ich nahm +mir vor, längere Zeit in dieser Stadt zu bleiben, teils weil sie mir so +wohl gefiel, teils auch, weil ich mich von den Strapazen meines +Umherziehens erholen wollte. Ich mietete mir ein Gewölbe in dem +Stadtviertel St. Croce und nicht weit davon ein paar schöne Zimmer, die +auf einen Altan führten, in einem Wirtshaus. Sogleich ließ ich auch +meine Zettel umhertragen, die mich als Arzt und Kaufmann ankündigten. +Ich hatte kaum mein Gewölbe eröffnet, so strömten auch die Käufer +herzu, und ob ich gleich ein wenig hohe Preise hatte, so verkaufte ich +doch mehr als andere, weil ich gefällig und freundlich gegen meine +Kunden war. Ich hatte schon vier Tage vergnügt in Florenz verlebt, als +ich eines Abends, da ich schon mein Gewölbe schließen und nur die +Vorräte in meinen Salbenbüchsen nach meiner Gewohnheit noch einmal +mustern wollte, in einer kleinen Büchse einen Zettel fand, den ich mich +nicht erinnerte, hineingetan zu haben. Ich öffnete den Zettel und fand +darin eine Einladung, diese Nacht Punkt zwölf Uhr auf der Brücke, die +man Ponte vecchio heißt, mich einzufinden. Ich sann lange darüber nach, +wer es wohl sein könnte, der mich dorthin einlud, da ich aber keine +Seele in Florenz kannte, dachte ich, man werde mich vielleicht heimlich +zu irgendeinem Kranken führen wollen, was schon öfter geschehen war. +Ich beschloß also hinzugehen, doch hing ich zur Vorsicht den Säbel um, +den mir einst mein Vater geschenkt hatte. + +Als es stark gegen Mitternacht ging, machte ich mich auf den Weg und +kam bald auf die Ponte vecchio. Ich fand die Brücke verlassen und öde +und beschloß zu warten, bis er erscheinen würde, der mich rief. Es war +eine kalte Nacht; der Mond schien hell, und ich schaute hinab in die +Wellen des Arno, die weithin im Mondlicht schimmerten. Auf den Kirchen +der Stadt schlug es jetzt zwölf Uhr; ich richtete mich auf, und vor mir +stand ein großer Mann, ganz in einen roten Mantel gehüllt, dessen einen +Zipfel er vor das Gesicht hielt. + +Ich war von Anfang etwas erschrocken, weil er so plötzlich hinter mir +stand, faßte mich aber sogleich wieder und sprach: „Wenn Ihr mich habt +hierher bestellt, so sagt an, was steht zu Eurem Befehl?“ + +Der Rotmantel wandte sich um und sagte langsam: „Folge!“ Da ward mir’s +doch etwas unheimlich zumute, mit diesem Unbekannten allein zu gehen; +ich blieb stehen und sprach: „Nicht also, lieber Herr, wollet mir +vorerst sagen, wohin; auch könnet Ihr mir Euer Gesicht ein wenig +zeigen, daß ich sehe, ob Ihr Gutes mit mir vorhabt.“ + +Der Rote aber schien sich nicht darum zu kümmern. „Wenn du nicht +willst, Zaleukos, so bleibe!“ antwortete er und ging weiter. + +Da entbrannte mein Zorn. „Meinet Ihr“, rief ich aus, „ein Mann wie ich +lasse sich von jedem Narren foppen, und ich werde in dieser kalten +Nacht umsonst gewartet haben?“ In drei Sprüngen hatte ich ihn erreicht, +packte ihn an seinem Mantel und schrie noch lauter, indem ich die +andere Hand an den Säbel legte; aber der Mantel blieb mir in der Hand, +und der Unbekannte war um die nächste Ecke verschwunden. Mein Zorn +legte sich nach und nach; ich hatte doch den Mantel, und dieser sollte +mir schon den Schlüssel zu diesem wunderlichen Abenteuer geben. + +Ich hing ihn um und ging meinen Weg weiter nach Hause. Als ich kaum +noch hundert Schritte davon entfernt war, streifte jemand dicht an mir +vorüber und flüsterte in fränkischer Sprache: „Nehmt Euch in acht, +Graf, heute nacht ist nichts zu machen.“ Ehe ich mich aber umsehen +konnte, war dieser Jemand schon vorbei, und ich sah nur noch einen +Schatten an den Häusern hinschweben. Daß dieser Zuruf den Mantel und +nicht mich anging, sah ich ein; doch gab er mir kein Licht über die +Sache. Am anderen Morgen überlegte ich, was zu tun sei. Ich war von +Anfang gesonnen, den Mantel ausrufen zu lassen, als hätte ich ihn +gefunden; doch da konnte der Unbekannte ihn durch einen Dritten holen +lassen, und ich hätte dann keinen Aufschluß über die Sache gehabt. Ich +besah, indem ich so nachdachte, den Mantel näher. Er war von schwerem +genuesischem Samt, purpurrot, mit astrachanischem Pelz verbrämt und +reich mit Gold bestickt. Der prachtvolle Anblick des Mantels brachte +mich auf einen Gedanken, den ich auszuführen beschloß. + +Ich trug ihn in mein Gewölbe und legte ihn zum Verkauf aus, setzte aber +auf ihn einen so hohen Preis, daß ich gewiß war, keinen Käufer zu +finden. Mein Zweck dabei war, jeden, der nach dem Pelz fragen würde, +scharf ins Auge zu fassen; denn die Gestalt des Unbekannten, die sich +mir nach Verlust des Mantels, wenn auch nur flüchtig, doch bestimmt +zeigte, wollte ich aus Tausenden erkennen. Es fanden sich viele +Kauflustige zu dem Mantel, dessen außerordentliche Schönheit alle Augen +auf sich zog; aber keiner glich entfernt dem Unbekannten, keiner wollte +den hohen Preis von zweihundert Zechinen dafür bezahlen. Auffallend war +mir dabei, daß, wenn ich einen oder den anderen fragte, ob denn sonst +kein solcher Mantel in Florenz sei, alle mit „Nein!“ antworteten und +versicherten, eine so kostbare und geschmackvolle Arbeit nie gesehen zu +haben. + +Es wollte schon Abend werden, da kam endlich ein junger Mann, der schon +oft bei mir gewesen war und auch heute viel auf den Mantel geboten +hatte, warf einen Beutel mit Zechinen auf den Tisch und rief: „Bei +Gott! Zaleukos, ich muß deinen Mantel haben, und sollte ich zum Bettler +darüber werden.“ Zugleich begann er, seine Goldstücke aufzuzählen. Ich +kam in große Not; ich hatte den Mantel nur ausgehängt, um vielleicht +die Blicke meines Unbekannten darauf zu ziehen, und jetzt kam ein +junger Tor, um den ungeheuren Preis zu zahlen. Doch was blieb mir +übrig; ich gab nach, denn es tat mir auf der anderen Seite der Gedanke +wohl, für mein nächtliches Abenteuer so schön entschädigt zu werden. +Der Jüngling hing sich den Mantel um und ging; er kehrte aber auf der +Schwelle wieder um, indem er ein Papier, das am Mantel befestigt war, +losmachte, mir zuwarf und sagte: „Hier, Zaleukos, hängt etwas, das wohl +nicht zu dem Mantel gehört.“ + +Gleichgültig nahm ich den Zettel; aber siehe da, dort stand +geschrieben: „Bringe heute nacht um die bewußte Stunde den Mantel auf +die Ponte vecchio, vierhundert Zechinen warten deiner.“ + +Ich stand wie niedergedonnert. So hatte ich also mein Glück selbst +verscherzt und meinen Zweck gänzlich verfehlt! Doch ich besann mich +nicht lange, raffte die zweihundert Zechinen zusammen, sprang dem, der +den Mantel gekauft hatte, nach und sprach: „Nehmt Eure Zechinen wieder, +guter Freund, und laßt mir den Mantel, ich kann ihn unmöglich +hergeben.“ Dieser hielt die Sache von Anfang für Spaß, als er aber +merkte, daß es Ernst war, geriet er in Zorn über meine Forderung, +schalt mich einen Narren, und so kam es endlich zu Schlägen. Doch ich +war so glücklich, im Handgemenge ihm den Mantel zu entreißen, und +wollte schon mit ihm davoneilen, als der junge Mann die Polizei zu +Hilfe rief und mich mit sich vor Gericht zog. Der Richter war sehr +erstaunt über die Anklage und sprach meinem Gegner den Mantel zu. Ich +aber bot dem Jünglinge zwanzig, fünfzig, achtzig, ja hundert Zechinen +über seine zweihundert, wenn er mir den Mantel ließe. Was meine Bitten +nicht vermochten, bewirkte mein Gold. Er nahm meine guten Zechinen, ich +aber zog mit dem Mantel triumphierend ab und mußte mir gefallen lassen, +daß man mich in ganz Florenz für einen Wahnsinnigen hielt. Doch die +Meinung der Leute war mir gleichgültig; ich wußte es ja besser als sie, +daß ich an dem Handel noch gewann. + +Mit Ungeduld erwartete ich die Nacht. Um dieselbe Zeit wie gestern ging +ich, den Mantel unter dem Arm, auf die Ponte vecchio. Mit dem letzten +Glockenschlag kam die Gestalt aus der Nacht heraus auf mich zu. Es war +unverkennbar der Mann von gestern. „Hast du den Mantel?“ wurde ich +gefragt. + +„Ja, Herr“, antwortete ich, „aber er kostete mich bar hundert +Zechinen.“ + +„Ich weiß es“, entgegnete jener. „Schau auf, hier sind vierhundert.“ Er +trat mit mir an das breite Geländer der Brücke und zählte die +Goldstücke hin. Vierhundert waren es; prächtig blitzten sie im +Mondschein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach! Es ahnete nicht, daß es +seine letzte Freude sein werde. Ich steckte mein Geld in die Tasche und +wollte mir nun auch den gütigen Unbekannten recht betrachten; aber er +hatte eine Larve vor dem Gesicht, aus der mich dunkle Augen furchtbar +anblitzten. + +„Ich danke Euch, Herr, für Eure Güte“, sprach ich zu ihm, „was verlangt +Ihr jetzt von mir? Das sage ich Euch aber vorher, daß es nichts +Unrechtes sein darf.“ + +„Unnötige Sorge“, antwortete er, indem er den Mantel um die Schultern +legte, „ich bedarf Eurer Hilfe als Arzt; doch nicht für einen Lebenden, +sondern für einen Toten.“ + +„Wie kann das sein?“ rief ich voll Verwunderung. + +„Ich kam mit meiner Schwester aus fernen Landen“, erzählte er und +winkte mir zugleich, ihm zu folgen. „Ich wohnte hier mit ihr bei einem +Freund meines Hauses. Meine Schwester starb gestern schnell an einer +Krankheit, und die Verwandten wollen sie morgen begraben. Nach einer +alten Sitte unserer Familie aber sollen alle in der Gruft der Väter +ruhen; viele, die in fremden Landen starben, ruhen dennoch dort +einbalsamiert. Meinen Verwandten gönne ich nun ihren Körper; meinem +Vater aber muß ich wenigstens den Kopf seiner Tochter bringen, damit er +sie noch einmal sehe.“ Diese Sitte, die Köpfe geliebter Anverwandten +abzuschneiden, kam mir zwar etwas schrecklich vor; doch wagte ich +nichts dagegen einzuwenden aus Furcht, den Unbekannten zu beleidigen. +Ich sagte ihm daher, daß ich mit dem Einbalsamieren der Toten wohl +umgehen könne, und bat ihn, mich zu der Verstorbenen zu führen. Doch +konnte ich mich nicht enthalten zu fragen, warum denn dies alles so +geheimnisvoll und in der Nacht geschehen müsse. Er antwortete mir, daß +seine Anverwandten, die seine Absicht für grausam hielten, bei Tage ihn +abhalten würden; sei aber nur erst einmal der Kopf abgenommen, so +könnten sie wenig mehr darüber sagen. Er hätte mir zwar den Kopf +bringen können; aber ein natürliches Gefühl halte ihn ab, ihn selbst +abzunehmen. + +Wir waren indes bis an ein großes, prachtvolles Haus gekommen. Mein +Begleiter zeigte es mir als das Ziel unseres nächtlichen Spazierganges. +Wir gingen an dem Haupttor des Hauses vorbei, traten in eine kleine +Pforte, die der Unbekannte sorgfältig hinter sich zumachte, und stiegen +nun im Finstern eine enge Wendeltreppe hinan. Sie führte in einen +spärlich erleuchteten Gang, aus welchem wir in ein Zimmer gelangten, +das eine Lampe, die an der Decke befestigt war, erleuchtete. + +In diesem Gemach stand ein Bett, in welchem der Leichnam lag. Der +Unbekannte wandte sein Gesicht ab und schien Tränen verbergen zu +wollen. Er deutete nach dem Bett, befahl mir, mein Geschäft gut und +schnell zu verrichten, und ging wieder zur Türe hinaus. + +Ich packte meine Messer, die ich als Arzt immer bei mir führte, aus und +näherte mich dem Bett. Nur der Kopf war von der Leiche sichtbar; aber +dieser war so schön, daß mich unwillkürlich das innigste Mitleiden +ergriff. In langen Flechten hing das dunkle Haar herab, das Gesicht war +bleich, die Augen geschlossen. Ich machte zuerst einen Einschnitt in +die Haut, nach der Weise der Ärzte, wenn sie ein Glied abschneiden. +Sodann nahm ich mein schärfstes Messer und schnitt mit einem Zug die +Kehle durch. Aber welcher Schrecken! Die Tote schlug die Augen auf, +schloß sie aber gleich wieder, und in einem tiefen Seufzer schien sie +jetzt erst ihr Leben auszuhauchen. Zugleich schoß mir ein Strahl heißen +Blutes aus der Wunde entgegen. Ich überzeugte mich, daß ich erst die +Arme getötet hatte; denn daß sie tot sei, war kein Zweifel, da es von +dieser Wunde keine Rettung gab. Ich stand einige Minuten in banger +Beklommenheit über das, was geschehen war. Hatte der Rotmantel mich +betrogen, oder war die Schwester vielleicht nur scheintot gewesen? Das +letztere schien mir wahrscheinlicher. Aber ich durfte dem Bruder der +Verstorbenen nicht sagen, daß vielleicht ein weniger rascher Schnitt +sie erweckt hätte, ohne sie zu töten, darum wollte ich den Kopf +vollends ablösen; aber noch einmal stöhnte die Sterbende, streckt sich +in schmerzhafter Bewegung aus und starb. Da übermannte mich der +Schrecken, und ich stürzte schaudernd aus dem Gemach. Aber draußen im +Gang war es finster; denn die Lampe war verlöscht. Keine Spur von +meinem Begleiter war zu entdecken, und ich mußte aufs ungefähr mich im +Finstern an der Wand fortbewegen, um an die Wendeltreppe zu gelangen. +Ich fand sie endlich und kam halb fallend, halb gleitend hinab. Auch +unten war kein Mensch. Die Türe fand ich nur angelehnt, und ich atmete +freier, als ich auf der Straße war; denn in dem Hause war mir ganz +unheimlich geworden. Von Schrecken gespornt, rannte ich in meine +Wohnung und begrub mich in die Polster meines Lagers, um das +Schreckliche zu vergessen, das ich getan hatte. Aber der Schlaf floh +mich, und erst der Morgen ermahnte mich wieder, mich zu fassen. Es war +mir wahrscheinlich, daß der Mann, der mich zu dieser verruchten Tat, +wie sie mir jetzt erschien, verführt hatte, mich nicht angeben würde. +Ich entschloß mich, gleich in mein Gewölbe an mein Geschäft zu gehen +und womöglich eine sorglose Miene anzunehmen. Aber ach! Ein neuer +Umstand, den ich jetzt erst bemerkte, vermehrte noch meinen Kummer. +Meine Mütze und mein Gürtel wie auch meine Messer fehlten mir, und ich +war ungewiß, ob ich sie in dem Zimmer der Getöteten gelassen oder erst +auf meiner Flucht verloren hatte. Leider schien das erste +wahrscheinlicher, und man konnte mich also als Mörder entdecken. + +Ich öffnete zur gewöhnlichen Zeit mein Gewölbe. Mein Nachbar trat zu +mir her, wie er alle Morgen zu tun pflegte, denn er war ein +gesprächiger Mann. „Ei, was sagt Ihr zu der schrecklichen Geschichte“, +hub er an, „die heute nacht vorgefallen ist?“ Ich tat, als ob ich +nichts wüßte. „Wie, solltet Ihr nicht wissen, von was die ganze Stadt +erfüllt ist? Nicht wissen, daß die schönste Blume von Florenz, Bianka, +die Tochter des Gouverneurs, in dieser Nacht ermordet wurde? Ach! Ich +sah sie gestern noch so heiter durch die Straßen fahren mit ihrem +Bräutigam, denn heute hätten sie Hochzeit gehabt.“ + +Jedes Wort des Nachbarn war mir ein Stich ins Herz. Und wie oft kehrte +meine Marter wieder; denn jeder meiner Kunden erzählte mir die +Geschichte, immer einer schrecklicher als der andere, und doch konnte +keiner so Schreckliches sagen, als ich selbst gesehen hatte. Um Mittag +ungefähr trat ein Mann vom Gericht in mein Gewölbe und bat mich, die +Leute zu entfernen. „Signore Zaleukos“, sprach er, indem er die Sachen, +die ich vermißte, hervorzog, „gehören diese Sachen Euch zu?“ Ich besann +mich, ob ich sie nicht gänzlich ableugnen sollte; aber als ich durch +die halbgeöffnete Tür meinen Wirt und mehrere Bekannte, die wohl gegen +mich zeugen konnten, erblickte, beschloß ich, die Sache nicht noch +durch eine Lüge zu verschlimmern, und bekannte mich zu den vorgezeigten +Dingen. Der Gerichtsmann bat mich, ihm zu folgen, und führte mich in +ein großes Gebäude, das ich bald für das Gefängnis erkannte. Dort wies +er mir bis auf weiteres ein Gemach an. + +Meine Lage war schrecklich, als ich so in der Einsamkeit darüber +nachdachte. Der Gedanke, gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen, +kehrte immer wieder. Auch konnte ich mir nicht verhehlen, daß der Glanz +des Goldes meine Sinne befangen gehalten hatte; sonst hätte ich nicht +so blindlings in die Falle gehen können. Zwei Stunden nach meiner +Verhaftung wurde ich aus meinem Gemach geführt. Mehrere Treppen ging es +hinab, dann kam man in einen großen Saal. Um einen langen, +schwarzbehängten Tisch saßen dort zwölf Männer, meistens Greise. An den +Seiten des Saales zogen sich Bänke herab, angefüllt mit den Vornehmsten +von Florenz; auf den Galerien, die in der Höhe angebracht waren, +standen dicht gedrängt die Zuschauer. Als ich bis vor den schwarzen +Tisch getreten war, erhob sich ein Mann mit finsterer, trauriger Miene; +es war der Gouverneur. Er sprach zu den Versammelten, daß er als Vater +in dieser Sache nicht richten könne und daß er seine Stelle für diesmal +an den ältesten der Senatoren abtrete. Der älteste der Senatoren war +ein Greis von wenigstens neunzig Jahren. Er stand gebückt, und seine +Schläfen waren mit dünnem, weißem Haar umhängt; aber feurig brannten +noch seine Augen, und seine Stimme war stark und sicher. Er hub an, +mich zu fragen, ob ich den Mord gestehe. Ich bat ihn um Gehör und +erzählte unerschrocken und mit vernehmlichen Stimme, was ich getan +hatte und was ich wußte. Ich bemerkte, daß der Gouverneur während +meiner Erzählung bald blaß, bald rot wurde, und als ich geschlossen, +fuhr er wütend auf: „Wie, Elender!“ rief er mir zu, „so willst du ein +Verbrechen, das du aus Habgier begangen, noch einem anderen aufbürden?“ + +Der Senator verwies ihm seine Unterbrechung, da er sich freiwillig +seines Rechtes begeben habe; auch sei es gar nicht so erwiesen, daß ich +aus Habgier gefrevelt; denn nach seiner eigenen Aussage sei ja der +Getöteten nichts gestohlen worden. Ja, er ging noch weiter; er erklärte +dem Gouverneur, daß er über das frühere Leben seiner Tochter +Rechenschaft geben müsse; denn nur so könne man schließen, ob ich die +Wahrheit gesagt habe oder nicht. Zugleich hob er für heute das Gericht +auf, um sich, wie er sagte, aus den Papieren der Verstorbenen, die ihm +der Gouverneur übergeben werde, Rat zu holen. Ich wurde wieder in mein +Gefängnis zurückgeführt, wo ich einen schaurigen Tag verlebte, immer +mit dem heißen Wunsch beschäftigt, daß man doch irgendeine Verbindung +zwischen der Toten und dem Rotmantel entdecken möchte. Voll Hoffnung +trat ich den anderen Tag in den Gerichtssaal. Es lagen mehrere Briefe +auf dem Tisch. Der alte Senator fragte mich, ob sie meine Handschrift +seien. Ich sah sie an und fand, daß sie von derselben Hand sein müßten +wie jene beiden Zettel, die ich erhalten. Ich äußerte dies den +Senatoren; aber man schien nicht darauf zu achten und antwortete, daß +ich beides geschrieben haben könne und müsse; denn der Namenszug unter +den Briefen sei unverkennbar ein Z, der Anfangsbuchstabe meines Namens. +Die Briefe aber enthielten Drohungen an die Verstorbene und Warnungen +vor der Hochzeit, die sie zu vollziehen im Begriff war. + +Der Gouverneur schien sonderbare Aufschlüsse in Hinsicht auf meine +Person gegeben zu haben; denn man behandelte mich an diesem Tage +mißtrauischer und strenger. Ich berief mich zu meiner Rechtfertigung +auf meine Papiere, die sich in meinem Zimmer finden müßten; aber man +sagte mir, man habe nachgesucht und nichts gefunden. So schwand mir am +Schlusse dieses Gerichts alle Hoffnung, und als ich am dritten Tag +wieder in den Saal geführt wurde, las man mir das Urteil vor, daß ich, +eines vorsätzlichen Mordes überwiesen, zum Tode verurteilt sei. Dahin +also war es mit mir gekommen. Verlassen von allem, was mir auf Erden +noch teuer war, fern von meiner Heimat, sollte ich unschuldig in der +Blüte meiner Jahre vom Beile sterben. + +Ich saß am Abend dieses schrecklichen Tages, der über mein Schicksal +entschieden hatte, in meinem einsamen Kerker; meine Hoffnungen waren +dahin, meine Gedanken ernsthaft auf den Tod gerichtet. Da tat sich die +Türe meines Gefängnisses auf, und ein Mann trat herein, der mich lange +schweigend betrachtete. „So finde ich dich wieder, Zaleukos?“ sagte er; +ich hatte ihn bei dem matten Schein meiner Lampe nicht erkannt, aber +der Klang seiner Stimme erweckte alte Erinnerungen in mir, es war +Valetty, einer jener wenigen Freunde, die ich in der Stadt Paris +während meiner Studien kannte. Er sagte, daß er zufällig nach Florenz +gekommen sei, wo sein Vater als angesehener Mann wohne, er habe von +meiner Geschichte gehört und sei gekommen, um mich noch einmal zu sehen +und von mir selbst zu erfahren, wie ich mich so schwer habe verschulden +können. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Er schien darüber sehr +verwundert und beschwor mich, ihm, meinem einzigen Freunde, alles zu +sagen, um nicht mit einer Lüge von hinnen zu gehen. Ich schwor ihm mit +dem teuersten Eid, daß ich wahr gesprochen und daß keine andere Schuld +mich drücke, als daß ich, von dem Glanze des Goldes geblendet, das +Unwahrscheinliche der Erzählung des Unbekannten nicht erkannt habe. „So +hast du Bianka nicht gekannt?“ fragte jener. Ich beteuerte ihm, sie nie +gesehen zu haben. Valetty erzählte mir nun, daß ein tiefes Geheimnis +auf der Tat liege, daß der Gouverneur meine Verurteilung sehr hastig +betrieben habe, und es sei nun ein Gerücht unter die Leute gekommen, +daß ich Bianka schon längst gekannt und aus Rache über ihre Heirat mit +einem anderen sie ermordet habe. Ich bemerkte ihm, daß dies alles ganz +auf den Rotmantel passe, daß ich aber seine Teilnahme an der Tat mit +nichts beweisen könne. Valetty umarmte mich weinend und versprach mir, +alles zu tun, um wenigstens mein Leben zu retten. Ich hatte wenig +Hoffnung; doch wußte ich, daß Valetty ein weiser und der Gesetze +kundiger Mann sei und daß er alles tun werde, mich zu retten. Zwei +lange Tage war ich in Ungewißheit: Endlich erschien auch Valetty. „Ich +bringe Trost, wenn auch einen schmerzlichen. Du wirst leben und frei +sein; aber mit Verlust einer Hand.“ Gerührt dankte ich meinem Freunde +für mein Leben. Er sagte mir, daß der Gouverneur unerbittlich gewesen +sei, die Sache noch einmal untersuchen zu lassen; daß er aber endlich, +um nicht ungerecht zu erscheinen, bewilligt habe, wenn man in den +Büchern der florentinischen Geschichte einen ähnlichen Fall finde, so +solle meine Strafe sich nach der Strafe, die dort ausgesprochen sei, +richten. Er und sein Vater haben nun Tag und Nacht in den alten Büchern +gelesen und endlich einen ganz dem meinigen ähnlichen Fall gefunden. +Dort laute die Strafe: Es soll ihm die linke Hand abgehauen, seine +Güter eingezogen, er selbst auf ewig verbannt werden. So laute jetzt +auch meine Strafe, und ich solle mich jetzt bereiten zu der +schmerzhaften Stunde, die meiner warte. Ich will euch nicht diese +schreckliche Stunde vor das Auge führen, wo ich auf offenem Markt meine +Hand auf den Block legte, wo mein eigenes Blut in weitem Bogen mich +überströmte! + +Valetty nahm mich in sein Haus auf, bis ich genesen war, dann versah er +mich edelmütig mit Reisegeld; denn alles, was ich mir so mühsam +erworben, war eine Beute des Gerichts geworden. Ich reiste von Florenz +nach Sizilien und von da mit dem ersten Schiff, das ich fand, nach +Konstantinopel. Meine Hoffnung war auf die Summe gerichtet, die ich +meinem Freunde übergeben hatte, auch bat ich ihn, bei ihm wohnen zu +dürfen; aber wie erstaunte ich, als dieser mich fragte, warum ich denn +nicht mein Haus beziehe! Er sagte mir, daß ein fremder Mann unter +meinem Namen ein Haus in dem Quartier der Griechen gekauft habe; +derselbe habe auch den Nachbarn gesagt, daß ich bald selbst kommen +werde. Ich ging sogleich mit meinem Freunde dahin und wurde von allen +meinen Bekannten freudig empfangen. Ein alter Kaufmann gab mir einen +Brief, den der Mann, der für mich gekauft hatte, hiergelassen habe. + +Ich las: „Zaleukos! Zwei Hände stehen bereit, rastlos zu schaffen, daß +Du nicht fühlest den Verlust der einen. Das Haus, das Du siehest, und +alles, was darin ist, ist Dein, und alle Jahre wird man Dir so viel +reichen, daß Du zu den Reichen Deines Volkes gehören wirst. Mögest Du +dem vergeben, der unglücklicher ist als Du.“ Ich konnte ahnen, wer es +geschrieben, und der Kaufmann sagte mir auf meine Frage: Es sei ein +Mann gewesen, den er für einen Franken gehalten, er habe einen roten +Mantel angehabt. Ich wußte genug, um mir zu gestehen, daß der +Unbekannte doch nicht ganz von aller edlen Gesinnung entblößt sein +müsse. In meinem neuen Haus fand ich alles aufs beste eingerichtet, +auch ein Gewölbe mit Waren, schöner als ich sie je gehabt. Zehn Jahre +sind seitdem verstrichen; mehr aus alter Gewohnheit, als weil ich es +nötig habe, setze ich meine Handelsreisen fort; doch habe ich jenes +Land, wo ich so unglücklich wurde, nie mehr gesehen. Jedes Jahr erhielt +ich seitdem tausend Goldstücke; aber, wenn es mir auch Freude macht, +jenen Unglücklichen edel zu wissen, so kann er mir doch den Kummer +meiner Seele nicht abkaufen, denn ewig lebt in mir das grauenvolle Bild +der ermordeten Bianka. + + +Zaleukos, der griechische Kaufmann, hatte seine Geschichte geendigt. +Mit großer Teilnahme hatten ihm die übrigen zugehört, besonders der +Fremde schien sehr davon ergriffen zu sein; er hatte einigemal tief +geseufzt, und Muley schien es sogar, als habe er einmal Tränen in den +Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit über diese +Geschichte. + +„Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch so schnöd’ um ein so +edles Glied Eures Körpers, der selbst Euer Leben in Gefahr brachte?“ +fragte der Fremde. + +„Wohl gab es in früherer Zeit Stunden“, antwortete der Grieche, „in +denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über mich +gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem +Glauben meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben; +auch ist er wohl noch unglücklicher als ich.“ + +„Ihr seid ein edler Mann!“ rief der Fremde und drückte gerührt dem +Griechen die Hand. + +Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat +mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der +Ruhe überlassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich die +Karawanen angegriffen würden, auch glaubten seine Wachen, in der +Entfernung mehrere Reiter zu sehen. + +Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der +Fremde, aber wunderte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so +gut geschätzt wären, daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu +fürchten brauchten. + +„Ja, Herr!“ entgegnete ihm der Anführer der Wache. „Wenn es nur solches +Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen; aber seit +einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es, +auf seiner Hut zu sein.“ + +Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte +Kaufmann, antwortete ihm: „Es gehen allerlei Sagen unter dem Volke über +diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches +Wesen, weil er oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf +besteht, andere halten ihn für einen tapferen Franken, den das Unglück +in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist nur so viel gewiß, +daß er ein verruchter Mörder und Dieb ist.“ + +„Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten“, entgegnete ihm Lezah, einer +der Kaufleute. „Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein edler +Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich +Euch erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geordneten Menschen +gemacht, und so lange er die Wüste durchstreift, darf kein anderer +Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere, +sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karawanen, und wer ihm +dieses willig bezahlt, der ziehet ungefährdet weiter; denn Orbasan ist +der Herr der Wüste.“ + +Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die +um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein +ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der +Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager +zuzureiten. Einer der Männer von der Wache ging daher in das Zelt, um +zu verkünden, daß sie wahrscheinlich angegriffen würden. Die Kaufleute +berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen entgegengehen +oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei älteren Kaufleute +wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos verlangten +das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser zog +ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel +hervor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das +Zelt zu stecken; er setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter +werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley +glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steckte die Lanze auf das +Zelt. Inzwischen hatten alle, die im Lager waren, zu den Waffen +gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den Reitern entgegen. Doch +diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen +plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in einem großen +Bogen auf der Seite hin. + +Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf +die Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie +wenn nichts vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene +hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. „Wer bist du, mächtiger +Fremdling“, rief er aus, „der du die wilden Horden der Wüste durch +einen Wink bezähmst?“ + +„Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie ist“, antwortete Selim +Baruch. „Ich habe mich mit diesem Zeichen versehen, als ich der +Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht; +nur so viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter +mächtigem Schutze steht.“ + +Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter. +Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die +Karawane nicht lange hätte Widerstand leisten können. + +Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne +zu sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich, +brachen sie auf und zogen weiter. + +Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem +Ausgang der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen +Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort: + +„Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler +Mann sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der +Schicksale meines Bruders beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er +hatte drei Kinder. Ich war der Älteste, ein Bruder und eine Schwester +waren bei weitem jünger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt war, rief +mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er setzte mich zum Erben seiner +Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu seinem Tode bei ihm +bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst vor zwei +Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch +schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen und wie gütig Allah +es gewendet hatte.“ + + + + +Die Errettung Fatmes + +Wilhelm Hauff + + +Mein Bruder Mustapha und meine Schwester Fatme waren beinahe in +gleichem Alter; jener hatte höchstens zwei Jahre voraus. Sie liebten +einander innig und trugen vereint alles bei, was unserem kränklichen +Vater die Last seines Alters erleichtern konnte. An Fatmes sechzehntem +Geburtstage veranstaltete der Bruder ein Fest. Er ließ alle ihre +Gespielinnen einladen, setzte ihnen in dem Garten des Vaters +ausgesuchte Speisen vor, und als es Abend wurde, lud er sie ein, auf +einer Barke, die er gemietet und festlich geschmückt hatte, ein wenig +hinaus in die See zu fahren. Fatme und ihre Gespielinnen willigten mit +Freuden ein; denn der Abend war schön, und die Stadt gewährte besonders +abends, von dem Meere aus betrachtet, einen herrlichen Anblick. Den +Mädchen aber gefiel es so gut auf der Barke, daß sie meinen Bruder +bewogen, immer weiter in die See hinauszufahren. Mustapha gab aber +ungern nach, weil sich vor einigen Tagen ein Korsar hatte sehen lassen. +Nicht weit von der Stadt zieht sich ein Vorgebirge in das Meer. Dorthin +wollten noch die Mädchen, um von da die Sonne in das Meer sinken zu +sehen. Als sie um das Vorgebirg’ herumruderten, sahen sie in geringer +Entfernung eine Barke, die mit Bewaffneten besetzt war. Nichts Gutes +ahnend, befahl mein Bruder den Ruderern, sein Schiff zu drehen und dem +Lande zuzurudern. Wirklich schien sich auch seine Besorgnis zu +bestätigen; denn jene Barke kam der meines Bruders schnell nach, +überholte sie, da sie mehr Ruder hatte, und hielt sich immer zwischen +dem Land, und unserer Barke. Die Mädchen aber, als sie die Gefahr +erkannten, in der sie schwebten, sprangen auf und schrien und klagten; +umsonst suchte sie Mustapha zu beruhigen, umsonst stellte er ihnen vor, +ruhig zu bleiben, weil sie durch ihr Hin- und Herrennen die Barke in +Gefahr brächten umzuschlagen. Es half nichts, und da sie sich endlich +bei Annäherung des anderen Bootes alle auf die hintere Seite der Barke +stürzten, schlug diese um. Indessen aber hatte man vom Land aus die +Bewegungen des fremden Bootes beobachtet, und da man schon seit einiger +Zeit Besorgnisse wegen Korsaren hegte, hatte dieses Boot Verdacht +erregt, und mehrere Barken stießen vom Lande, um den Unsrigen +beizustehen. Aber sie kamen nur noch zu rechter Zeit, um die +Untersinkenden aufzunehmen. In der Verwirrung war das feindliche Boot +entwischt, auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten +aufgenommen hatten, war man ungewiß, ob alle gerettet seien. Man +näherte sich gegenseitig, und ach! Es fand sich, daß meine Schwester +und eine ihrer Gespielinnen fehlten; zugleich entdeckte man aber einen +Fremden in einer der Barken, den niemand kannte. Auf die Drohungen +Mustaphas gestand er, daß er zu dem feindlichen Schiff, das zwei Meilen +ostwärts vor Anker liege, gehöre, und daß ihn seine Gefährten auf ihrer +eiligen Flucht im Stich gelassen hätten, indem er im Begriff gewesen +sei, die Mädchen auffischen zu helfen; auch sagte er aus, daß er +gesehen habe, wie man zwei derselben in das Schiff gezogen. + +Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Mustapha war +bis zum Tod betrübt, denn nicht nur, daß seine geliebte Schwester +verloren war und daß er sich anklagte, an ihrem Unglück schuld zu +sein—jene Freundin Fatmes, die ihr Unglück teilte, war von ihren Eltern +ihm zur Gattin zugesagt gewesen, und nur unserem Vater hatte er es noch +nicht zu gestehen gewagt, weil ihre Eltern arm und von geringer Abkunft +waren. Mein Vater aber war ein strenger Mann; als sein Schmerz sich ein +wenig gelegt hatte, ließ er Mustapha vor sich kommen und sprach zu ihm: +„Deine Torheit hat mir den Trost meines Alters und die Freude meiner +Augen geraubt. Gehe hin, ich verbanne dich auf ewig von meinem +Angesicht, ich fluche dir und deinen Nachkommen, aber nur, wenn du mir +Fatme wiederbringst, soll dein Haupt rein sein von dem Fluche des +Vaters.“ + +Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet; schon vorher hatte er sich +entschlossen gehabt, seine Schwester und ihre Freundin aufzusuchen, und +wollte sich nur noch den Segen des Vaters dazu erbitten, und jetzt +schickte er ihn, mit dem Fluch beladen, in die Welt. Aber hatte ihn +jener Jammer vorher gebeugt, so stählte jetzt die Fülle des Unglücks, +das er nicht verdient hatte, seinen Mut. + +Er ging zu dem gefangenen Seeräuber und befragte ihn, wohin die Fahrt +seines Schiffes ginge, und erfuhr, daß sie Sklavenhandel trieben und +gewöhnlich in Balsora großen Markt hielten. + +Als er wieder nach Hause kam, um sich zur Reise anzuschicken, schien +sich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er sandte ihm +einen Beutel mit Gold zur Unterstützung auf der Reise. Mustapha aber +nahm weinend von den Eltern Zoraides, so hieß seine geliebte Braut, +Abschied und machte sich auf den Weg nach Balsora. + +Mustapha machte die Reise zu Land, weil von unserer kleinen Stadt aus +nicht gerade ein Schiff nach Balsora ging. Er mußte daher sehr starke +Tagreisen machen, um nicht zu lange nach den Seeräubern nach Balsora zu +kommen; doch da er ein gutes Roß und kein Gepäck hatte, konnte er +hoffen, diese Stadt am Ende des sechsten Tages zu erreichen. Aber am +Abend des vierten Tages, als er ganz allein seines Weges ritt, fielen +ihn plötzlich drei Männer an. Da er merkte, daß sie gut bewaffnet und +stark seien und daß es mehr auf sein Geld und sein Roß als auf sein +Leben abgesehen war, so rief er ihnen zu, daß er sich ihnen ergeben +wolle. Sie stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm die Füße unter +dem Bauch seines Tieres zusammen; ihn selbst aber nahmen sie in die +Mitte und trabten, indem einer den Zügel seines Pferdes ergriff, +schnell mit ihm davon, ohne jedoch ein Wort zu sprechen. + +Mustapha gab sich einer dumpfen Verzweiflung hin, der Fluch seines +Vaters schien schon jetzt an dem Unglücklichen in Erfüllung zu gehen, +und wie konnte er hoffen, seine Schwester und Zoraide zu retten, wenn +er, aller Mittel beraubt, nur sein ärmliches Leben zu ihrer Befreiung +aufwenden konnte. Mustapha und seine stummen Begleiter mochten wohl +eine Stunde geritten sein, als sie in ein kleines Seitental einbogen. +Das Tälchen war von hohen Bäumen eingefaßt; ein weicher dunkelgrüner +Rasen, ein Bach, der schnell durch seine Mitte hinrollte, luden zur +Ruhe ein. Wirklich sah er auch fünfzehn bis zwanzig Zelte dort +aufgeschlagen; an den Pflöcken der Zelte waren Kamele und schöne Pferde +angebunden, aus einem der Zelte hervor tönte die lustige Weise einer +Zither und zweier schöner Männerstimmen. Meinem Bruder schien es, als +ob Leute, die ein so fröhliches Lagerplätzchen sich erwählt hatten, +nichts Böses gegen ihn im Sinne haben könnten, und er folgte also ohne +Bangigkeit dem Ruf seiner Führer, die, als sie seine Bande gelöst +hatten, ihm winkten, abzusteigen. Man führte ihn in ein Zelt, das +größer als die übrigen und im Innern hübsch, fast zierlich aufgeputzt +war. Prächtige, goldbestickte Polster, gewirkte Fußteppiche, +übergoldete Rauchpfannen hätten anderswo Reichtum und Wohlleben +verraten; hier schienen sie nur kühner Raub. Auf einem der Polster saß +ein alter kleiner Mann; sein Gesicht war häßlich, seine Haut +schwarzbraun und glänzend, und ein widriger Zug von tückischer +Schlauheit um Augen und Mund machte seinen Anblick verhaßt. Obgleich +sich dieser Mann einiges Ansehen zu geben suchte, so merkte doch +Mustapha bald, daß nicht für ihn das Zelt so reich geschmückt sei, und +die Unterredung seiner Führer schien seine Bemerkung zu bestätigen. „Wo +ist der Starke?“ fragten sie den Kleinen. + +„Er ist auf der kleinen Jagd“, antwortete jener, „aber er hat mir +aufgetragen, seine Stelle zu versehen.“ + +„Das hat er nicht gescheit gemacht“, entgegnete einer der Räuber, „denn +es muß sich bald entscheiden, ob dieser Hund sterben oder zahlen soll, +und das weiß der Starke besser als du.“ + +Der kleine Mann erhob sich im Gefühl seiner Würde, streckte sich lang +aus, um mit der Spitze seiner Hand das Ohr seines Gegners zu erreichen, +denn er schien Lust zu haben, sich durch einen Schlag zu rächen, als er +aber sah, daß seine Bemühung fruchtlos sei, fing er an zu schimpfen +(und wahrlich! Die anderen blieben ihm nichts schuldig), daß das Zelt +von ihrem Streit erdröhnte. Da tat sich auf einmal die Türe des Zeltes +auf, und herein trat ein hoher, stattlicher Mann, jung und schön wie +ein Perserprinz; seine Kleidung und seine Waffen waren, außer einem +reichbesetzten Dolch und einem glänzenden Säbel, gering und einfach; +aber sein ernstes Auge, sein ganzer Anstand gebot Achtung, ohne Furcht +einzuflößen. + +„Wer ist’s, der es wagt, in meinem Zelte Streit zu beginnen?“ rief er +den Erschrockenen zu. Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille; endlich +erzählte einer von denen, die Mustapha hergebracht hatten, wie es +gegangen sei. Da schien sich das Gesicht „des Starken“, wie sie ihn +nannten, vor Zorn zu röten. „Wann hätte ich dich je an meine Stelle +gesetzt, Hassan?“ schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu. +Dieser zog sich vor Furcht in sich selbst zusammen, daß er noch viel +kleiner aussah als zuvor, und schlich sich der Zelttüre zu. Ein +hinlänglicher Tritt des Starken machte, daß er in einem großen +sonderbaren Sprung zur Zelttüre hinausflog. + +Als der Kleine verschwunden war, führten die drei Männer Mustapha vor +den Herrn des Zeltes, der sich indes auf die Polster gelegt hatte. +„Hier bringen wir den, welchen du uns zu fangen befohlen hast.“ + +Jener blickte den Gefangenen lange an und sprach sodann: „Bassa von +Sulieika! Dein eigenes Gewissen wird dir sagen, warum du vor Orbasan +stehst.“ + +Als mein Bruder dies hörte, warf er sich nieder vor jenem und +antwortete: „O Herr! Du scheinst im Irrtum zu sein. Ich bin ein armer +Unglücklicher, aber nicht der Bassa, den du suchst!“ + +Alle im Zelt waren über diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes aber +sprach: „Es kann dir wenig helfen, dich zu verstellen; denn ich will +die Leute vorführen, die dich wohl kennen.“ Er befahl, Zuleima +vorzufahren. Man brachte ein altes Weib in das Zelt, das auf die Frage, +ob sie in meinem Bruder nicht den Bassa von Sulieika erkenne, +antwortete: „Jawohl!“ Und sie schwöre es beim Grab des Propheten, es +sei der Bassa und kein anderer. + +„Siehst du, Erbärmlicher, wie deine List zu Wasser geworden ist!“ +begann zürnend der Starke. „Du bist mir zu elend, als daß ich meinen +guten Dolch mit deinem Blut besudeln sollte, aber an den Schweif meines +Rosses will ich dich binden, morgen, wenn die Sonne aufgeht, und durch +die Wälder mit dir jagen, bis sie scheidet hinter die Hügel von +Sulieika!“ + +Da sank meinem armen Bruder der Mut. „Das ist der Fluch meines harten +Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt“, rief er weinend, „und +auch du bist verloren, süße Schwester, auch du, Zoraide!“ + +„Deine Verstellung hilft dir nichts“, sprach einer der Räuber, indem er +ihm die Hände auf den Rücken band, „mach, daß du aus dem Zelte kommst! +Denn der Starke beißt sich in die Lippen und blickt nach seinem Dolch. +Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!“ + +Als die Räuber gerade meinen Bruder aus dem Zelt führen wollten, +begegneten sie drei anderen, die einen Gefangenen vor sich hintrieben. +Sie traten mit ihm ein. „Hier bringen wir den Bassa, wie du uns +befohlen hast“, sprachen sie und führten den Gefangenen vor das Polster +des Starken. Als der Gefangene dorthin geführt wurde, hatte mein Bruder +Gelegenheit, ihn zu betrachten, und ihm selbst fiel die Ähnlichkeit +auf, die dieser Mann mit ihm hatte, nur war er dunkler im Gesicht und +hatte einen schwärzeren Bart. + +Der Starke schien sehr erstaunt über die Erscheinung des zweiten +Gefangenen. „Wer von euch ist denn der Rechte?“ sprach er, indem er +bald meinen Bruder, bald den anderen Mann ansah. + +„Wenn du den Bassa von Sulieika meinst“, antwortete in stolzem Ton der +Gefangene, „der bin ich!“ Der Starke sah ihn lange mit seinem ernsten, +furchtbaren Blick an; dann winkte er schweigend, den Bassa wegzuführen. + +Als dies geschehen war, ging er auf meinen Bruder zu, zerschnitt seine +Bande mit dem Dolch und winkte ihm, sich zu ihm aufs Polster zu setzen. +„Es tut mir leid, Fremdling“, sagte er, „daß ich dich für jenes +Ungeheuer hielt; schreibe es aber einer sonderbaren Fügung des Himmels +zu, die dich gerade in der Stunde, welche dem Untergang jenes +Verruchten geweiht war, in die Hände meiner Brüder führte.“ Mein Bruder +bat ihn um die einzige Gunst, ihn gleich wieder weiterreisen zu lassen, +weil jeder Aufschub ihm verderblich werden könne. Der Starke erkundigte +sich nach seinen eiligen Geschäften, und als ihm Mustapha alles erzählt +hatte, überredete ihn jener, diese Nacht in seinem Zelt zu bleiben, er +und sein Roß werden der Ruhe bedürfen; den folgenden Tag aber wolle er +ihm einen Weg zeigen, der ihn in anderthalb Tagen nach Balsora +bringe—Mein Bruder schlug ein, wurde trefflich bewirtet und schlief +sanft bis zum Morgen in dem Zelt des Räubers. + +Als er aufgewacht war, sah er sich ganz allein im Zelt; vor dem Vorhang +des Zeltes aber hörte er mehrere Stimmen zusammen sprechen, die dem +Herrn des Zeltes und dem kleinen schwarzbraunen Mann anzugehören +schienen. Er lauschte ein wenig und hörte zu seinem Schrecken, daß der +Kleine dringend den anderen aufforderte, den Fremden zu töten, weil er, +wenn er freigelassen würde, sie alle verraten könnte. + +Mustapha merkte gleich, daß der Kleine ihm gram sei, weil er die +Ursache war, daß er gestern so übel behandelt wurde; der Starke schien +sich einige Augenblicke zu besinnen. „Nein“, sprach er, „er ist mein +Gastfreund, und das Gastrecht ist mir heilig; auch sieht er mir nicht +aus, als ob er uns verraten wollte.“ + +Als er so gesprochen, schlug er den Vorhang zurück und trat ein. +„Friede sei mit dir, Mustapha!“ sprach er, „laß uns den Morgentrunk +kosten, und rüste dich dann zum Aufbruch!“ Er reichte meinem Bruder +einen Becher Sorbet, und als sie getrunken hatten, zäumten sie die +Pferde auf, und wahrlich, mit leichterem Herzen, als er gekommen war, +schwang sich Mustapha aufs Pferd. Sie hatten bald die Zelte im Rücken +und schlugen dann einen breiten Pfad ein, der in den Wald führte. Der +Starke erzählte meinem Bruder, daß jener Bassa, den sie auf der Jagd +gefangen hätten, ihnen versprochen habe, sie ungefährdet in seinem +Gebiete zu dulden; vor einigen Wochen aber habe er einen ihrer +tapfersten Männer aufgefangen und nach den schrecklichsten Martern +aufhängen lassen. Er habe ihm nun lange auflauern lassen, und heute +noch müsse er sterben. Mustapha wagte es nicht, etwas dagegen +einzuwenden; denn er war froh, selbst mit heiler Haut davongekommen zu +sein. + +Am Ausgang des Waldes hielt der Starke sein Pferd an, beschrieb meinem +Bruder den Weg, bot ihm die Hand zum Abschied und sprach: „Mustapha, du +bist auf sonderbare Weise der Gastfreund des Räubers Orbasan geworden; +ich will dich nicht auffordern, nicht zu verraten, was du gesehen und +gehört hast. Du hast ungerechterweise Todesangst ausgestanden, und ich +bin dir Vergütung schuldig. Nimm diesen Dolch als Andenken, und so du +Hilfe brauchst, so sende ihn mir zu, und ich will eilen, dir +beizustehen. Diesen Beutel aber kannst du vielleicht zu deiner Reise +brauchen.“ Mein Bruder dankte ihm für seinen Edelmut; er nahm den +Dolch, den Beutel aber schlug er aus. Doch Orbasan drückte ihm noch +einmal die Hand, ließ den Beutel auf die Erde fallen und sprengte mit +Sturmeseile in den Wald. Als Mustapha sah, daß er ihn doch nicht mehr +werde einholen können, stieg er ab, um den Beutel aufzuheben, und +erschrak über die Größe von seines Gastfreundes Großmut; denn der +Beutel enthielt eine Menge Gold. Er dankte Allah für seine Rettung, +empfahl ihm den edlen Räuber in seine Gnade und zog dann heiteren Mutes +weiter auf seinem Wege nach Balsora. + +Lezah schwieg und sah Achmet, den alten Kaufmann, fragend an. „Nein, +wenn es so ist“, sprach dieser, „so verbessere ich gern mein Urteil von +Orbasan; denn wahrlich, an deinem Bruder hat er schön gehandelt.“ + +„Er hat getan wie ein braver Muselmann“, rief Muley; „aber ich hoffe, +du hast deine Geschichte damit nicht geschlossen; denn wie mich +bedünkt, sind wir alle begierig, weiter zu hören, wie es deinem Bruder +erging und ob er Fatme, deine Schwester, und die schöne Zoraide befreit +hat.“ + +„Wenn ich euch nicht damit langweile, erzähle ich gerne weiter“, +entgegnete Lezah, „denn die Geschichte meines Bruders ist allerdings +abenteuerlich und wundervoll.“ + +Am Mittag des siebenten Tages nach seiner Abreise zog Mustapha in die +Tore von Balsora ein. Sobald er in einer Karawanserei abgestiegen war, +fragte er, wann der Sklavenmarkt, der alljährlich hier gehalten werde, +anfange. Aber er erhielt die Schreckensantwort, daß er zwei Tage zu +spät komme. Man bedauerte seine Verspätung und erzählte ihm, daß er +viel verloren habe; denn noch an dem letzten Tage des Marktes seien +zwei Sklavinnen angekommen, von so hoher Schönheit, daß sie die Augen +aller Käufer auf sich gezogen hätten. Man habe sich ordentlich um sie +gerissen und geschlagen, und sie seien freilich auch zu einem so hohen +Preise verkauft worden, daß ihn nur ihr jetziger Herr nicht habe +scheuen können. Er erkundigte sich näher nach diesen beiden, und es +blieb ihm kein Zweifel, daß es die Unglücklichen seien, die er suchte. +Auch erfuhr er, daß der Mann, der sie beide gekauft habe, vierzig +Stunden von Balsora wohne und Thiuli-Kos heiße, ein vornehmer, reicher, +aber schon ältlicher Mann, der früher Kapudan-Bassa des Großherrn +gewesen, jetzt aber sich mit seinen gesammelten Reichtümern zur Ruhe +gesetzt habe. + +Mustapha wollte von Anfang sich gleich wieder zu Pferd setzen, um dem +Thiuli-Kos, der kaum einen Tag Vorsprung haben konnte, nachzueilen. Als +er aber bedachte, daß er als einzelner Mann dem mächtigen Reisenden +doch nichts anhaben noch weniger seine Beute ihm abjagen konnte, sann +er auf einen anderen Plan und hatte ihn auch bald gefunden. Die +Verwechslung mit dem Bassa von Sulieika, die ihm beinahe so gefährlich +geworden wäre, brachte ihn auf den Gedanken, unter diesem Namen in das +Haus des Thiuli-Kos zu gehen und so einen Versuch zur Rettung der +beiden unglücklichen Mädchen zu wagen. Er mietete daher einige Diener +und Pferde, wobei ihm Orbasans Geld trefflich zustatten kam, schaffte +sich und seinen Dienern prächtige Kleider an und machte sich auf den +Weg nach dem Schlosse Thiulis. Nach fünf Tagen war er in die Nähe +dieses Schlosses gekommen. Es lag in einer schönen Ebene und war rings +von hohen Mauern umschlossen, die nur ganz wenig von den Gebäuden +überragt wurden. Als Mustapha dort angekommen war, färbte er Haar und +Bart schwarz, sein Gesicht aber bestrich er mit dem Saft einer Pflanze, +die ihm eine bräunliche Farbe gab, ganz wie sie jener Bassa gehabt +hatte. Er schickte hierauf einen seiner Diener in das Schloß und ließ +im Namen des Bassa von Sulieika um ein Nachtlager bitten. Der Diener +kam bald wieder, und mit ihm vier schöngekleidete Sklaven, die +Mustaphas Pferd am Zügel nahmen und in den Schloßhof führten. Dort +halfen sie ihm selbst vom Pferd, und vier andere geleiteten ihn eine +breite Marmortreppe hinauf zu Thiuli. + +Dieser, ein alter, lustiger Geselle, empfing meinen Bruder ehrerbietig +und ließ ihm das Beste, was sein Koch zubereiten konnte, aufsetzen. +Nach Tisch brachte Mustapha das Gespräch nach und nach auf die neuen +Sklavinnen, und Thiuli rühmte ihre Schönheit und beklagte nur, daß sie +immer so traurig seien; doch er glaubte, dieses würde sich bald geben. +Mein Bruder war sehr vergnügt über diesen Empfang und legte sich mit +den schönsten Hoffnungen zur Ruhe nieder. + +Er mochte ungefähr eine Stunde geschlafen haben, da weckte ihn der +Schein einer Lampe, der blendend auf sein Auge fiel. Als er sich +aufrichtete, glaubte er noch zu träumen; denn vor ihm stand jener +kleine, schwarzbraune Kerl aus Orbasans Zelt, eine Lampe in der Hand, +sein breites Maul zu einem widrigen Lächeln verzogen. Mustapha zwickte +sich in den Arm, zupfte sich an der Nase, um sich zu überzeugen, ob er +denn wache; aber die Erscheinung blieb wie zuvor. „Was willst du an +meinem Bette?“ rief Mustapha, als er sich von seinem Erstaunen erholt +hatte. + +„Bemühet Euch doch nicht so, Herr!“ sprach der Kleine. „Ich habe wohl +erraten, weswegen Ihr hierherkommt. Auch war mir Euer wertes Gesicht +noch wohl erinnerlich; doch wahrlich, wenn ich nicht den Bassa mit +eigener Hand hätte erhängen helfen, so hättet Ihr mich vielleicht +getäuscht. Jetzt aber bin ich da, um eine Frage zu machen.“ + +„Vor allem sage, wie du hierherkommst“, entgegnete ihm Mustapha voll +Wut, daß er verraten war. + +„Das will ich Euch sagen“, antwortete jener, „ich konnte mich mit dem +Starken nicht länger vertragen, deswegen floh ich; aber du, Mustapha, +warst eigentlich die Ursache unseres Streites, und dafür mußt du mir +deine Schwester zur Frau geben, und ich will Euch zur Flucht behilflich +sein; gibst du sie nicht, so gehe ich zu meinem neuen Herrn und erzähle +ihm etwas von dem neuen Bassa.“ + +Mustapha war vor Schrecken und Wut außer sich; jetzt, wo er sich am +sicheren Ziel seiner Wünsche glaubte, sollte dieser Elende kommen und +sie vereiteln; es war nur ein Mittel, das seinen Plan retten konnte: Er +mußte das kleine Ungetüm töten. Mit einem Sprung fuhr er daher aus dem +Bette auf den Kleinen zu; doch dieser, der etwas Solches geahnt haben +mochte, ließ die Lampe fallen, daß sie verlöschte, und entsprang im +Dunkeln, indem er mörderisch um Hilfe schrie. + +Jetzt war guter Rat teuer; die Mädchen mußte er für den Augenblick +aufgeben und nur auf die eigene Rettung denken; daher ging er an das +Fenster, um zu sehen, ob er nicht entspringen könnte. Es war eine +ziemliche Tiefe bis zum Boden, und auf der anderen Seite stand eine +hohe Mauer, die zu übersteigen war. Sinnend stand er an dem Fenster; da +hörte er viele Stimmen sich seinem Zimmer nähern; schon waren sie an +der Türe; da faßte er verzweiflungsvoll seinen Dolch und seine Kleider +und schwang sich zum Fenster hinaus. Der Fall war hart; aber er fühlte, +daß er kein Glied gebrochen hatte; drum sprang er auf und lief der +Mauer zu, die den Hof umschloß, stieg, zum Erstaunen seiner Verfolger, +hinauf und befand sich bald im Freien. Er floh, bis er an einen kleinen +Wald kam, wo er sich erschöpft niederwarf. Hier überlegte er, was zu +tun sei. + +Seine Pferde und seine Diener hatte er im Stiche lassen müssen; aber +sein Geld, das er in dem Gürtel trug, hatte er gerettet. + +Sein erfinderischer Kopf zeigte ihm bald einen anderen Weg zur Rettung. +Er ging in dem Wald weiter, bis er an ein Dorf kam, wo er um geringen +Preis ein Pferd kaufte, das ihn in Bälde in eine Stadt trug. Dort +forschte er nach einem Arzt, und man riet ihm einen alten, erfahrenen +Mann. Diesen bewog er durch einige Goldstücke, daß er ihm eine Arznei +mitteilte, die einen todähnlichen Schlaf herbeiführte, der durch ein +anderes Mittel augenblicklich wieder gehoben werden könnte. Als er im +Besitz dieses Mittels war, kaufte er sich einen langen falschen Bart, +einen schwarzen Talar und allerlei Büchsen und Kolben, so daß er +füglich einen reisenden Arzt vorstellen konnte, lud seine Sachen auf +einen Esel und reiste in das Schloß des Thiuli-Kos zurück. Er durfte +gewiß sein, diesmal nicht erkannt zu werden, denn der Bart entstellte +ihn so, daß er sich selbst kaum mehr kannte. Bei Thiuli angekommen, +ließ er sich als den Arzt Chakamankabudibaba anmelden, und, wie er es +gedacht hatte, geschah es; der prachtvolle Namen empfahl ihn bei dem +alten Narren ungemein, so daß er ihn gleich zur Tafel einlud. + +Chakamankabudibaba erschien vor Thiuli, und als sie sich kaum eine +Stunde besprochen hatten, beschloß der Alte, alle seine Sklavinnen der +Kur des weisen Arztes zu unterwerfen. Dieser konnte seine Freude kaum +verbergen, daß er jetzt seine geliebte Schwester wiedersehen solle, und +folgte mit klopfendem Herzen Thiuli, der ihn ins Serail führte. Sie +waren in ein Zimmer gekommen, das schön ausgeschmückt war, worin sich +aber niemand befand. „Chambaba oder wie du heißt, lieber Arzt“, sprach +Thiuli-Kos, „betrachte einmal jenes Loch dort in der Mauer, dort wird +jede meiner Sklavinnen einen Arm herausstrecken, und du kannst dann +untersuchen, ob der Puls krank oder gesund ist.“ Mustapha mochte +einwenden, was er wollte, zu sehen bekam er sie nicht; doch willigte +Thiuli ein, daß er ihm allemal sagen wolle, wie sie sich sonst +gewöhnlich befänden. Thiuli zog nun einen langen Zettel aus dem Gürtel +und begann mit lauter Stimme seine Sklavinnen einzeln beim Namen zu +rufen, worauf allemal eine Hand aus der Mauer kam und der Arzt den Puls +untersuchte. Sechs waren schon abgelesen und sämtlich für gesund +erklärt; da las Thiuli als die siebente „Fatme“ ab, und eine kleine +weiße Hand schlüpfte aus der Mauer. Zitternd vor Freude, ergreift +Mustapha diese Hand und erklärt sie mit wichtiger Miene für bedeutend +krank. Thiuli ward sehr besorgt und befahl seinem weisen +Chakamankabudibaba, schnell eine Arznei für sie zu bereiten. Der Arzt +ging hinaus, schrieb auf einen kleinen Zettel: Fatme! Ich will Dich +retten, wenn Du Dich entschließen kannst, eine Arznei zu nehmen, die +Dich auf zwei Tage tot macht; doch ich besitze das Mittel, Dich wieder +zum Leben zu bringen. Willst Du, so sage nur, dieser Trank habe nicht +geholfen, und es soll mir ein Zeichen sein, daß Du einwilligst. + +Bald kam er in das Zimmer zurück, wo Thiuli seiner harrte. Er brachte +ein unschädliches Tränklein mit, fühlte der kranken Fatme noch einmal +den Puls und schob ihr zugleich den Zettel unter ihr Armband; das +Tränklein aber reichte er ihr durch die Öffnung in der Mauer. Thiuli +schien in großen Sorgen wegen Fatme zu sein und schob die Untersuchung +der übrigen bis auf eine gelegenere Zeit auf. Als er mit Mustapha das +Zimmer verlassen hatte, sprach er in traurigem Ton: „Chadibaba, sage +aufrichtig, was hältst du von Fatmes Krankheit?“ + +Chakamankabudibaba antwortete mit einem tiefen Seufzer: „Ach Herr, möge +der Prophet dir Trost verleihen! Sie hat ein schleichendes Fieber, das +ihr wohl den Garaus machen kann.“ Da entbrannte der Zorn Thiulis: „Was +sagst du, verfluchter Hund von einem Arzt? Sie, um die ich zweitausend +Goldstücke gab, soll mir sterben wie eine Kuh? Wisse, wenn du sie nicht +rettest, so hau’ ich dir den Kopf ab!“ Da merkte mein Bruder, daß er +einen dummen Streich gemacht habe, und gab Thiuli wieder Hoffnung. Als +sie noch so sprachen, kam ein schwarzer Sklave aus dem Serail, dem Arzt +zu sagen, daß das Tränklein nicht geholfen habe. „Biete deine ganze +Kunst auf, Chakamdababelba, oder wie du dich schreibst, ich zahle dir, +was du willst“, schrie Thiuli-Kos, fast heulend vor Angst, so viel Gold +zu verlieren. + +„Ich will ihr ein Säftlein geben, das sie von aller Not befreit“, +antwortete der Arzt. + +„Ja! Ja! Gib ihr ein Säftlein“, schluchzte der alte Thiuli. + +Frohen Mutes ging Mustapha, seinen Schlaftrunk zu holen, und als er ihn +dem schwarzen Sklaven gegeben und gezeigt hatte, wieviel man auf einmal +nehmen müsse, ging er zu Thiuli und sagte, er müsse noch einige +heilsame Kräuter am See holen, und eilte zum Tor hinaus. An dem See, +der nicht weit von dem Schloß entfernt war, zog er seine falschen +Kleider aus und warf sie ins Wasser, daß sie lustig umherschwammen; er +selbst aber verbarg sich im Gesträuch, wartete die Nacht ab und schlich +sich dann in den Begräbnisplatz an dem Schlosse Thiulis. + +Als Mustapha kaum eine Stunde lang aus dem Schloß abwesend sein mochte, +brachte man Thiuli die schreckliche Nachricht, daß seine Sklavin Fatme +im Sterben liege. Er schickte hinaus an den See, um schnell den Arzt zu +holen; aber bald kehrten seine Boten allein zurück und erzählten ihm, +daß der arme Arzt ins Wasser gefallen und ertrunken sei; seinen +schwarzen Talar sehe man im See schwimmen, und hier und da gucke auch +sein stattlicher Bart aus den Wellen hervor. Als Thiuli keine Rettung +mehr sah, verwünschte er sich und die ganze Welt, raufte sich den Bart +aus und rannte mit dem Kopf gegen die Mauer. Aber alles dies konnte +nichts helfen; denn Fatme gab bald unter den Händen der übrigen Weiber +den Geist auf. Als Thiuli die Nachricht ihres Todes hörte, befahl er, +schnell einen Sarg zu machen; denn er konnte keinen Toten im Hause +leiden und ließ den Leichnam in das Begräbnishaus tragen. Die Träger +brachten den Sarg dorthin, setzten ihn schnell nieder und entflohen, +denn sie hatten unter den übrigen Särgen Stöhnen und Seufzen gehört. + +Mustapha, der sich hinter den Särgen verborgen und von dort aus die +Träger des Sarges in die Flucht gejagt hatte, kam hervor und zündete +sich eine Lampe an, die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Dann zog +er ein Glas hervor, das die erweckende Arznei enthielt, und hob dann +den Deckel von Fatmes Sarg. Aber welches Entsetzen befiel ihn, als sich +ihm beim Scheine der Lampe ganz fremde Züge zeigten! Weder meine +Schwester noch Zoraide, sondern eine ganz andere lag in dem Sarg. Er +brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schicksals zu fassen; +endlich überwog doch Mitleid seinen Zorn. Er öffnete sein Glas und +flößte ihr die Arznei ein. Sie atmete, sie schlug die Augen auf und +schien sich lange zu besinnen, wo sie sei. Endlich erinnerte sie sich +des Vorgefallenen; sie stand auf aus dem Sarg und stürzte zu Mustaphas +Füßen. „Wie kann ich dir danken, gütiges Wesen“, rief sie aus, „daß du +mich aus meiner schrecklichen Gefangenschaft befreitest!“ Mustapha +unterbrach ihre Danksagungen mit der Frage, wie es denn geschehen sei, +daß sie und nicht Fatme, seine Schwester, gerettet worden sei? Jene sah +ihn staunend an. „Jetzt wird mir meine Rettung erst klar, die mir +vorher unbegreiflich war“, antwortete sie; „wisse, man hieß mich in +jenem Schloß Fatme, und mir hast du deinen Zettel und den Rettungstrank +gegeben.“ Mein Bruder forderte die Gerettete auf, ihm von seiner +Schwester und Zoraide Nachricht zu geben, und erfuhr, daß sie sich +beide im Schloß befanden, aber nach der Gewohnheit Thiulis andere Namen +bekommen hatten; sie hießen jetzt Mirza und Nurmahal.“ + +Als Fatme, die gerettete Sklavin, sah, daß mein Bruder durch diesen +Fehlgriff so niedergeschlagen sei, sprach sie ihm Mut ein und +versprach, ihm ein Mittel zu sagen, wie er jene beiden Mädchen dennoch +retten könne. Aufgeweckt durch diesen Gedanken, schöpfte Mustapha von +neuem Hoffnung und bat sie, dieses Mittel ihm zu nennen, und sie +sprach: + +„Ich bin zwar erst seit fünf Monaten die Sklavin Thiulis, doch habe ich +gleich von Anfang auf Rettung gesonnen; aber für mich allein war sie zu +schwer. In dem inneren Hof des Schlosses wirst du einen Brunnen bemerkt +haben, der aus zehn Röhren Wasser speit; dieser Brunnen fiel mir auf. +Ich erinnerte mich, in dem Hause meines Vaters einen ähnlichen gesehen +zu haben, dessen Wasser durch eine geräumige Wasserleitung +herbeiströmt; um nun zu erfahren, ob dieser Brunnen auch so gebaut ist, +rühmte ich eines Tages vor Thiuli seine Pracht und fragte nach seinem +Baumeister. *Ich selbst habe ihn gebaut*, antwortete er, *und das, was +du hier siehst, ist noch das Geringste; aber das Wasser dazu kommt +wenigstens tausend Schritte weit von einem Bach her und geht durch eine +gewölbte Wasserleitung, die wenigstens mannshoch ist; und alles dies +habe ich selbst angegeben.* Als ich dies gehört hatte, wünschte ich mir +oft, nur auf einen Augenblick die Stärke eines Mannes zu haben, um +einen Stein an der Seite des Brunnens ausheben zu können; dann könnte +ich fliehen, wohin ich wollte. Die Wasserleitung nun will ich dir +zeigen; durch sie kannst du nachts in das Schloß gelangen und jene +befreien. Aber du mußt wenigstens noch zwei Männer bei dir haben, um +die Sklaven, die das Serail bei Nacht bewachen, zu überwältigen.“ + +So sprach sie; mein Bruder Mustapha aber, obgleich schon zweimal in +seinen Hoffnungen getäuscht, faßte noch einmal Mut und hoffte mit +Allahs Hilfe den Plan der Sklavin auszuführen. Er versprach ihr, für +ihr weiteres Fortkommen in ihre Heimat zu sorgen, wenn sie ihm +behilflich sein wollte, ins Schloß zu gelangen. Aber ein Gedanke machte +ihm noch Sorge, nämlich der, woher er zwei oder drei treue Gehilfen +bekommen könnte. Da fiel ihm Orbasans Dolch ein und das Versprechen, +das ihm jener gegeben hatte, ihm, wo er seiner bedürfe, zu Hilfe zu +eilen, und er machte sich daher mit Fatme aus dem Begräbnis auf, um den +Räuber aufzusuchen. + +In der nämlichen Stadt, wo er sich zum Arzt umgewandelt hatte, kaufte +er um sein letztes Geld ein Roß und mietete Fatme bei einer armen Frau +in der Vorstadt ein. Er selbst aber eilte dem Gebirge zu, wo er Orbasan +zum erstenmal getroffen hatte, und gelangte in drei Tagen dahin. Er +fand bald wieder jene Zelte und trat unverhofft vor Orbasan, der ihn +freundlich bewillkommnete. Er erzählte ihm seine mißlungenen Versuche, +wobei sich der ernsthafte Orbasan nicht enthalten konnte, hier und da +ein wenig zu lachen, besonders, wenn er sich den Arzt +Chakamankabudibaba dachte. Über die Verräterei des Kleinen aber war er +wütend; er schwur, ihn mit eigener Hand aufzuhängen, wo er ihn finde. +Meinem Bruder aber versprach er, sogleich zur Hilfe bereit zu sein, +wenn er sich vorher von der Reise gestärkt haben würde. Mustapha blieb +daher diese Nacht wieder in Orbasans Zelt; mit dem ersten Frührot aber +brachen sie auf, und Orbasan nahm drei seiner tapfersten Männer, wohl +beritten und bewaffnet, mit sich. Sie ritten stark zu und kamen nach +zwei Tagen in die kleine Stadt, wo Mustapha die gerettete Fatme +zurückgelassen hatte. Von da aus reisten sie mit dieser weiter bis zu +dem kleinen Wald, von wo aus man das Schloß Thiulis in geringer +Entfernung sehen konnte; dort lagerten sie sich, um die Nacht +abzuwarten. + +Sobald es dunkel wurde, schlichen sie sich, von Fatme geführt, an den +Bach, wo die Wasserleitung anfing, und fanden diese bald. Dort ließen +sie Fatme und einen Diener mit den Rossen zurück und schickten sich an, +hinabzusteigen; ehe sie aber hinabstiegen, wiederholte ihnen Fatme noch +einmal alles genau, nämlich: daß sie durch den Brunnen in den inneren +Schloßhof kämen, dort seien rechts und links in der Ecke zwei Türme, in +der sechsten Türe, vom Turme rechts gerechnet, befänden sich Fatme und +Zoraide, bewacht von zwei schwarzen Sklaven. Mit Waffen und Brecheisen +wohl versehen, stiegen Mustapha, Orbasan und zwei andere Männer hinab +in die Wasserleitung; sie sanken zwar bis an den Gürtel ins Wasser; +aber nichtsdestoweniger gingen sie rüstig vorwärts. Nach einer halben +Stunde kamen sie an den Brunnen selbst und setzten sogleich ihre +Brecheisen an. Die Mauer war dick und fest; aber den vereinten Kräften +der vier Männer konnte sie nicht lange widerstehen; bald hatten sie +eine Öffnung eingebrochen, groß genug, um bequem durchschlüpfen zu +können. Orbasan schlüpfte zuerst durch und half den anderen nach. Als +sie alle im Hof waren, betrachteten sie die Seite des Schlosses, die +vor ihnen lag, um die beschriebene Türe zu erforschen. Aber sie waren +nicht einig, welche es sei; denn als sie von dem rechten Turm zum +linken zählten, fanden sie eine Türe, die zugemauert war, und wußten +nun nicht, ob Fatme diese übersprungen oder mitgezählt habe. Aber +Orbasan besann sich nicht lange. „Mein gutes Schwert wird mir jede Tür +öffnen“, rief er aus, ging auf die sechste Türe zu, und die anderen +folgten ihm. + +Sie öffneten die Türe und fanden sechs schwarze Sklaven auf dem Boden +liegend und schlafend; sie wollten schon wieder leise sich +zurückziehen, weil sie sahen, daß sie die rechte Türe verfehlt hatten, +als eine Gestalt in der Ecke sich aufrichtete und mit wohlbekannter +Stimme um Hilfe rief. Es war der Kleine aus Orbasans Lager. Aber ehe +noch die Schwarzen recht wußten, wie ihnen geschah, stürzte Orbasan auf +den Kleinen zu, riß seinen Gürtel entzwei, verstopfte ihm den Mund und +band ihm die Hände auf den Rücken; dann wandte er sich an die Sklaven, +wovon schon einige von Mustapha und den zwei anderen halb gebunden +waren, und half sie vollends überwältigen. Man setzte den Sklaven den +Dolch auf die Brust und fragte sie, wo Nurmahal und Nürza wären, und +sie gestanden, daß sie im Gemach nebenan seien. Mustapha stürzte in das +Gemach und fand Fatme und Zoraide, die der Lärm erweckt hatte. Schnell +rafften diese ihren Schmuck und ihre Kleider zusammen und folgten +Mustapha; die beiden Räuber schlugen indes Orbasan vor, zu plündern, +was man fände; doch dieser verbot es ihnen und sprach: „Man soll nicht +von Orbasan sagen können, daß er nachts in die Häuser steige, um Gold +zu stehlen!“ Mustapha und die Geretteten schlüpften schnell in die +Wasserleitung, wohin ihnen Orbasan sogleich zu folgen versprach. Als +jene in die Wasserleitung hinabgestiegen waren, nahmen Orbasan und +einer der Räuber den Kleinen und führten ihn hinaus in den Hof; dort +banden sie ihm eine seidene Schnur, die sie deshalb mitgenommen hatten, +um den Hals und hingen ihn an der höchsten Spitze des Brunnens auf. +Nachdem sie so den Verrat des Elenden bestraft hatten, stiegen sie +selbst hinab in die Wasserleitung und folgten Mustapha. Mit Tränen +dankten die beiden ihrem edelmütigen Retter Orbasan; doch dieser trieb +sie eilends zur Flucht an, denn es war sehr wahrscheinlich, daß sie +Thiuli-Kos nach allen Seiten verfolgen ließ. Mit tiefer Rührung +trennten sich am anderen Tag Mustapha und seine Geretteten von Orbasan; +wahrlich, sie werden ihn nie vergessen. Fatme aber, die befreite +Sklavin, ging verkleidet nach Balsora, um sich dort in ihre Heimat +einzuschiffen. + +Nach einer kurzen und vergnügten Reise kamen die Meinigen in die +Heimat. Meinen alten Vater tötete beinahe die Freude des Wiedersehens; +den anderen Tag nach ihrer Ankunft veranstaltete er ein großes Fest, an +welchem die ganze Stadt teilnahm. Vor einer großen Versammlung von +Verwandten und Freunden mußte mein Bruder seine Geschichte erzählen, +und einstimmig priesen sie ihn und den edlen Räuber. + +Als aber mein Bruder geschlossen hatte, stand mein Vater auf und führte +Zoraide ihm zu. „So löse ich denn“, sprach er mit feierlicher Stimme, +„den Fluch von deinem Haupte; nimm diese hin als die Belohnung, die du +dir durch deinen rastlosen Eifer erkämpft hast; nimm meinen väterlichen +Segen, und möge es nie unserer Stadt an Männern fehlen, die an +brüderlicher Liebe, an Klugheit und Eifer dir gleichen!“ + +Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten +die Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren +lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen +Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und +obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch +die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; denn der +Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die +Wüste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen geöffnet +und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der junge +lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder dazu, die +selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln entlockten. Aber nicht +genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel erheitert hatte, er +gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen versprochen +hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte, also +zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck. + + + + +Die Geschichte von dem kleinen Muck + +Wilhelm Hauff + + +In Nicea, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den +kleinen Muck hieß. Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch sehr +jung war, noch recht wohl denken, besonders weil ich einmal von meinem +Vater wegen seiner halbtot geprügelt wurde. Der kleine Muck nämlich war +schon ein alter Geselle, als ich ihn kannte; doch war er nur drei bis +vier Schuh hoch, dabei hatte er eine sonderbare Gestalt, denn sein +Leib, so klein und zierlich er war, mußte einen Kopf tragen, viel +größer und dicker als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz allein in +einem großen Haus und kochte sich sogar selbst, auch hätte man in der +Stadt nicht gewußt, ob er lebe oder gestorben sei, denn er ging nur +alle vier Wochen einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde ein +mächtiger Dampf aus dem Hause aufgestiegen wäre, doch sah man ihn oft +abends auf seinem Dache auf und ab gehen, von der Straße aus glaubte +man aber, nur sein großer Kopf allein laufe auf dem Dache umher. Ich +und meine Kameraden waren böse Buben, die jedermann gerne neckten und +belachten, daher war es uns allemal ein Festtag, wenn der kleine Muck +ausging; wir versammelten uns an dem bestimmten Tage vor seinem Haus +und warteten, bis er herauskam; wenn dann die Türe aufging und zuerst +der große Kopf mit dem noch größeren Turban herausguckte, wenn das +übrige Körperlein nachfolgte, angetan mit einem abgeschabten Mäntelein, +weiten Beinkleidern und einem breiten Gürtel, an welchem ein langer +Dolch hing, so lang, daß man nicht wußte, ob Muck an dem Dolch, oder +der Dolch an Muck stak, wenn er so heraustrat, da ertönte die Luft von +unserem Freudengeschrei, wir warfen unsere Mützen in die Höhe und +tanzten wie toll um ihn her. Der kleine Muck aber grüßte uns mit +ernsthaftem Kopfnicken und ging mit langsamen Schritten die Straße +hinab. Wir Knaben liefen hinter ihm her und schrien immer: „Kleiner +Muck, kleiner Muck!“ Auch hatten wir ein lustiges Verslein, das wir ihm +zu Ehren hier und da sangen; es hieß: + +„Kleiner Muck, kleiner Muck, +Wohnst in einem großen Haus, +Gehst nur all vier Wochen aus, +Bist ein braver, kleiner Zwerg, +Hast ein Köpflein wie ein Berg, +Schau dich einmal um und guck, +Lauf und fang uns, kleiner Muck!“ + + +So hatten wir schon oft unsere Kurzweil getrieben, und zu meiner +Schande muß ich es gestehen, ich trieb’s am ärgsten; denn ich zupfte +ihn oft am Mäntelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die +großen Pantoffeln, daß er hinfiel. Dies kam mir nun höchst lächerlich +vor, aber das Lachen verging mir, als ich den kleinen Muck auf meines +Vaters Haus zugehen sah. Er ging richtig hinein und blieb einige Zeit +dort. Ich versteckte mich an der Haustüre und sah den Muck wieder +herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn ehrerbietig an der +Hand hielt und an der Türe unter vielen Bücklingen sich von ihm +verabschiedete. Mir war gar nicht wohl zumute; ich blieb daher lange in +meinem Versteck; endlich aber trieb mich der Hunger, den ich ärger +fürchtete als Schläge, heraus, und demütig und mit gesenktem Kopf trat +ich vor meinen Vater. „Du hast, wie ich höre, den guten Muck +beschimpft?“ sprach er in sehr ernstem Tone. „Ich will dir die +Geschichte dieses Muck erzählen, und du wirst ihn gewiß nicht mehr +auslachen; vor- und nachher aber bekommst du das Gewöhnliche.“ Das +Gewöhnliche aber waren fünfundzwanzig Hiebe, die er nur allzu richtig +aufzuzählen pflegte. Er nahm daher sein langes Pfeifenrohr, schraubte +die Bernsteinmundspitze ab und bearbeitete mich ärger als je zuvor. + +Als die Fünfundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und +erzählte mir von dem kleinen Muck: + +Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muckrah heißt, war ein +angesehener, aber armer Mann hier in Nicea. Er lebte beinahe so +einsiedlerisch wie jetzt sein Sohn. Diesen konnte er nicht wohl leiden, +weil er sich seiner Zwerggestalt schämte, und ließ ihn daher auch in +Unwissenheit aufwachsen. Der kleine Muck war noch in seinem sechzehnten +Jahr ein lustiges Kind, und der Vater, ein ernster Mann, tadelte ihn +immer, daß er, der schon längst die Kinderschuhe zertreten haben +sollte, noch so dumm und läppisch sei. + +Der Alte tat aber einmal einen bösen Fall, an welchem er auch starb und +den kleinen Muck arm und unwissend zurückließ. Die harten Verwandten, +denen der Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen konnte, jagten +den armen Kleinen aus dem Hause und rieten ihm, in die Welt +hinauszugehen und sein Glück zu suchen. Der kleine Muck antwortete, er +sei schon reisefertig, bat sich aber nur noch den Anzug seines Vaters +aus, und dieser wurde ihm auch bewilligt. Sein Vater war ein großer, +starker Mann gewesen, daher paßten die Kleider nicht. Muck aber wußte +bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und zog dann die Kleider an. +Er schien aber vergessen zu haben, daß er auch in der Weite davon +schneiden müsse, daher sein sonderbarer Aufzug, wie er noch heute zu +sehen ist; der große Turban, der breite Gürtel, die weiten Hosen, das +blaue Mäntelein, alles dies sind Erbstücke seines Vaters, die er +seitdem getragen; den langen Damaszenerdolch seines Vaters aber steckte +er in den Gürtel, ergriff ein Stöcklein und wanderte zum Tor hinaus. + +Fröhlich wanderte er den ganzen Tag; denn er war ja ausgezogen, um sein +Glück zu suchen; wenn er eine Scherbe auf der Erde im Sonnenschein +glänzen sah, so steckte er sie gewiß zu sich, im Glauben, daß sie sich +in den schönsten Diamanten verwandeln werde; sah er in der Ferne die +Kuppel einer Moschee wie Feuer strahlen, sah er einen See wie einen +Spiegel blinken, so eilte er voll Freude darauf zu; denn er dachte, in +einem Zauberland angekommen zu sein. Aber ach! Jene Trugbilder +verschwanden in der Nähe, und nur allzubald erinnerten ihn seine +Müdigkeit und sein vor Hunger knurrender Magen, daß er noch im Lande +der Sterblichen sich befinde. So war er zwei Tage gereist unter Hunger +und Kummer und verzweifelte, sein Glück zu finden; die Früchte des +Feldes waren seine einzige Nahrung, die harte Erde sein Nachtlager. Am +Morgen des dritten Tages erblickte er von einer Anhöhe eine große +Stadt. + +Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen schimmerten +auf den Dächern und schienen den kleinen Muck zu sich herzuwinken. +Überrascht stand er stille und betrachtete Stadt und Gegend. „Ja, dort +wird Klein-Muck sein Glück finden“, sprach er zu sich und machte trotz +seiner Müdigkeit einen Luftsprung, „dort oder nirgends.“ Er raffte alle +seine Kräfte zusammen und schritt auf die Stadt zu. Aber obgleich sie +ganz nahe schien, konnte er sie doch erst gegen Mittag erreichen; denn +seine kleinen Glieder versagten ihm beinahe gänzlich ihren Dienst, und +er mußte sich oft in den Schatten einer Palme setzen, um auszuruhen. +Endlich war er an dem Tor der Stadt angelangt. Er legte sein Mäntelein +zurecht, band den Turban schöner um, zog den Gürtel noch breiter an und +steckte den langen Dolch schiefer; dann wischte er den Staub von den +Schuhen, ergriff sein Stöcklein und ging mutig zum Tor hinein. + +Er hatte schon einige Straßen durchwandert; aber nirgends öffnete sich +ihm die Türe, nirgends rief man, wie er sich vorgestellt hatte: +„Kleiner Muck, komm herein und iß und trink und laß deine Füßlein +ausruhen!“ + +Er schaute gerade auch wieder recht sehnsüchtig an einem großen, +schönen Haus hinauf; da öffnete sich ein Fenster, eine alte Frau +schaute heraus und rief mit singender Stimme: + +„Herbei, herbei! +Gekocht ist der Brei, +Den Tisch ließ ich decken, +Drum laßt es euch schmecken; +Ihr Nachbarn herbei, +Gekocht ist der Brei.“ + + +Die Türe des Hauses öffnete sich, und Muck sah viele Hunde und Katzen +hineingehen. Er stand einige Augenblicke in Zweifel, ob er der +Einladung folgen sollte; endlich aber faßte er sich ein Herz und ging +in das Haus. Vor ihm her gingen ein paar junge Kätzlein, und er +beschloß, ihnen zu folgen, weil sie vielleicht die Küche besser wüßten +als er. + +Als Muck die Treppe hinaufgestiegen war, begegnete er jener alten Frau, +die zum Fenster herausgeschaut hatte. Sie sah ihn mürrisch an und +fragte nach seinem Begehr. „Du hast ja jedermann zu deinem Brei +eingeladen“, antwortete der kleine Muck, „und weil ich so gar hungrig +bin, bin ich auch gekommen.“ + +Die Alte lachte und sprach: „Woher kommst du denn, wunderlicher Gesell? +Die ganze Stadt weiß, daß ich für niemand koche als für meine lieben +Katzen, und hier und da lade ich ihnen Gesellschaft aus der +Nachbarschaft ein, wie du siehst.“ + +Der kleine Muck erzählte der alten Frau, wie es ihm nach seines Vaters +Tod so hart ergangen sei, und bat sie, ihn heute mit ihren Katzen +speisen zu lassen. Die Frau, welcher die treuherzige Erzählung des +Kleinen wohl gefiel, erlaubte ihm, ihr Gast zu sein, und gab ihm +reichlich zu essen und zu trinken. Als er gesättigt und gestärkt war, +betrachtete ihn die Frau lange und sagte dann: „Kleiner Muck, bleibe +bei mir in meinem Dienste! Du hast geringe Mühe und sollst gut gehalten +sein.“ + +Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geschmeckt hatte, willigte ein und +wurde also der Bedienstete der Frau Ahavzi. Er hatte einen leichten, +aber sonderbaren Dienst. Frau Ahavzi hatte nämlich zwei Kater und vier +Katzen, diesen mußte der kleine Muck alle Morgen den Pelz kämmen und +mit köstlichen Salben einreiben; wenn die Frau ausging, mußte er auf +die Katzen Achtung geben, wenn sie aßen, mußte er ihnen die Schüsseln +vorlegen, und nachts mußte er sie auf seidene Polster legen und sie mit +samtenen Decken einhüllen. Auch waren noch einige kleine Hunde im Haus, +die er bedienen mußte, doch wurden mit diesen nicht so viele Umstände +gemacht wie mit den Katzen, welche Frau Ahavzi wie ihre eigenen Kinder +hielt. Übrigens führte Muck ein so einsames Leben wie in seines Vaters +Haus, denn außer der Frau sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen. +Eine Zeitlang ging es dem kleinen Muck ganz gut; er hatte immer zu +essen und wenig zu arbeiten, und die alte Frau schien recht zufrieden +mit ihm zu sein, aber nach und nach wurden die Katzen unartig, wenn die +Alte ausgegangen war, sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher, +warfen alles durcheinander und zerbrachen manches schöne Geschirr, das +ihnen im Weg stand. Wenn sie aber die Frau die Treppe heraufkommen +hörten, verkrochen sie sich auf ihre Polster und wedelten ihr mit den +Schwänzen entgegen, wie wenn nichts geschehen wäre. Die Frau Ahavzi +geriet dann in Zorn, wenn sie ihre Zimmer so verwüstet sah, und schob +alles auf Muck, er mochte seine Unschuld beteuern, wie er wollte, sie +glaubte ihren Katzen, die so unschuldig aussahen, mehr als ihrem +Diener. + +Der kleine Muck war sehr traurig, daß er also auch hier sein Glück +nicht gefunden hatte, und beschloß bei sich, den Dienst der Frau Ahavzi +zu verlassen. Da er aber auf seiner ersten Reise erfahren hatte, wie +schlecht man ohne Geld lebt, so beschloß er, den Lohn, den ihm seine +Gebieterin immer versprochen, aber nie gegeben hatte, sich auf +irgendeine Art zu verschaffen. Es befand sich in dem Hause der Frau +Ahavzi ein Zimmer, das immer verschlossen war und dessen Inneres er nie +gesehen hatte. Doch hatte er die Frau oft darin rumoren gehört, und er +hätte oft für sein Leben gern gewußt, was sie dort versteckt habe. Als +er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein, daß dort die Schätze der +Frau versteckt sein könnten. Aber immer war die Tür fest verschlossen, +und er konnte daher den Schätzen nie beikommen. + +Eines Morgens, als die Frau Ahavzi ausgegangen war, zupfte ihn eines +der Hundlein, welches von der Frau immer sehr stiefmütterlich behandelt +wurde, dessen Gunst er sich aber durch allerlei Liebesdienste in hohem +Grade erworben hatte, an seinen weiten Beinkleidern und gebärdete sich +dabei, wie wenn Muck ihm folgen sollte. Muck, welcher gerne mit den +Hunden spielte, folgte ihm, und siehe da, das Hundlein führte ihn in +die Schlafkammer der Frau Ahavzi vor eine kleine Türe, die er nie zuvor +dort bemerkt hatte. Die Türe war halb offen. Das Hundlein ging hinein, +und Muck folgte ihm, und wie freudig war er überrascht, als er sah, daß +er sich in dem Gemach befand, das schon lange das Ziel seiner Wünsche +war. Er spähte überall umher, ob er kein Geld finden könne, fand aber +nichts. Nur alte Kleider und wunderlich geformte Geschirre standen +umher. Eines dieser Geschirre zog seine besondere Aufmerksamkeit auf +sich. Es war von Kristall, und schöne Figuren waren darauf +ausgeschnitten. Er hob es auf und drehte es nach allen Seiten. Aber, o +Schrecken! Er hatte nicht bemerkt, daß es einen Deckel hatte, der nur +leicht darauf hingesetzt war. Der Deckel fiel herab und zerbrach in +tausend Stücke. + +Lange stand der kleine Muck vor Schrecken leblos. Jetzt war sein +Schicksal entschieden, jetzt mußte er entfliehen, sonst schlug ihn die +Alte tot. Sogleich war auch seine Reise beschlossen, und nur noch +einmal wollte er sich umschauen, ob er nichts von den Habseligkeiten +der Frau Ahavzi zu seinem Marsch brauchen könnte. Da fielen ihm ein +Paar mächtig große Pantoffeln ins Auge; sie waren zwar nicht schön; +aber seine eigenen konnten keine Reise mehr mitmachen; auch zogen ihn +jene wegen ihrer Größe an; denn hatte er diese am Fuß, so mußten ihm +hoffentlich alle Leute ansehen, daß er die Kinderschuhe vertreten habe. +Er zog also schnell seine Töffelein aus und fuhr in die großen hinein. +Ein Spazierstöcklein mit einem schön geschnittenen Löwenkopf schien ihm +auch hier allzu müßig in der Ecke zu stehen; er nahm es also mit und +eilte zum Zimmer hinaus. Schnell ging er jetzt auf seine Kammer, zog +sein Mäntelein an, setzte den väterlichen Turban auf, steckte den Dolch +in den Gürtel und lief, so schnell ihn seine Füße trugen, zum Haus und +zur Stadt hinaus. Vor der Stadt lief er, aus Angst vor der Alten, immer +weiter fort, bis er vor Müdigkeit beinahe nicht mehr konnte. So schnell +war er in seinem Leben nicht gegangen; ja, es schien ihm, als könne er +gar nicht aufhören zu rennen; denn eine unsichtbare Gewalt schien ihn +fortzureißen. Endlich bemerkte er, daß es mit den Pantoffeln eine +eigene Bewandtnis haben müsse; denn diese schossen immer fort und +führten ihn mit sich. Er versuchte auf allerlei Weise stillzustehen; +aber es wollte nicht gelingen; da rief er in der höchsten Not, wie man +den Pferden zuruft, sich selbst zu: „Oh—oh, halt, oh!“ Da hielten die +Pantoffeln, und Muck warf sich erschöpft auf die Erde nieder. + +Die Pantoffeln freuten ihn ungemein. So hatte er sich denn doch durch +seine Verdienste etwas erworben, das ihm in der Welt auf seinem Weg das +Glück zu suchen, forthelfen konnte. Er schlief trotz seiner Freude vor +Erschöpfung ein; denn das Körperlein des kleinen Muck, das einen so +schweren Kopf zu tragen hatte, konnte nicht viel aushalten. Im Traum +erschien ihm das Hundlein, welches ihm im Hause der Frau Ahavzi zu den +Pantoffeln verholfen hatte, und sprach zu ihm: „Lieber Muck, du +verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht recht; wisse, wenn du +dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herumdrehst, so kannst du +hinfliegen, wohin du nur willst, und mit dem Stöcklein kannst du +Schätze finden, denn wo Gold vergraben ist, da wird es dreimal auf die +Erde schlagen, bei Silber zweimal.“ So träumte der kleine Muck. Als er +aber aufwachte, dachte er über den wunderbaren Traum nach und beschloß, +alsbald einen Versuch zu machen. Er zog die Pantoffeln an, lupfte einen +Fuß und begann sich auf dem Absatz umzudrehen. Wer es aber jemals +versucht hat, in einem ungeheuer weiten Pantoffel dieses Kunststück +dreimal hintereinander zu machen, der wird sich nicht wundern, wenn es +dem kleinen Muck nicht gleich glückte, besonders wenn man bedenkt, daß +ihn sein schwerer Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite hinüberzog. + +Der arme Kleine fiel einigemal tüchtig auf die Nase; doch ließ er sich +nicht abschrecken, den Versuch zu wiederholen, und endlich glückte es. +Wie ein Rad fuhr er auf seinem Absatz herum, wünschte sich in die +nächste große Stadt, und—die Pantoffeln ruderten hinauf in die Lüfte, +liefen mit Windeseile durch die Wolken, und ehe sich der kleine Muck +noch besinnen konnte, wie ihm geschah, befand er sich schon auf einem +großen Marktplatz, wo viele Buden aufgeschlagen waren und unzählige +Menschen geschäftig hin und her liefen. Er ging unter den Leuten hin +und her, hielt es aber für ratsamer, sich in eine einsamere Straße zu +begeben; denn auf dem Markt trat ihm bald da einer auf die Pantoffeln, +daß er beinahe umfiel, bald stieß er mit seinem weit hinausstehenden +Dolch einen oder den anderen an, daß er mit Mühe den Schlägen entging. + +Der kleine Muck bedachte nun ernstlich, was er wohl anfangen könnte, um +sich ein Stück Geld zu verdienen; er hatte zwar ein Stäblein, das ihm +verborgene Schätze anzeigte, aber wo sollte er gleich einen Platz +finden, wo Gold oder Silber vergraben wäre? Auch hätte er sich zur Not +für Geld sehen lassen können; aber dazu war er doch zu stolz. Endlich +fiel ihm die Schnelligkeit seiner Füße ein, „vielleicht“, dachte er, +„können mir meine Pantoffeln Unterhalt gewähren“, und er beschloß, sich +als Schnelläufer zu verdingen. Da er aber hoffen durfte, daß der König +dieser Stadt solche Dienste am besten bezahle, so erfragte er den +Palast. Unter dem Tor des Palastes stand eine Wache, die ihn fragte, +was er hier zu suchen habe. Auf seine Antwort, daß er einen Dienst +suche, wies man ihn zum Aufseher der Sklaven. Diesem trug er sein +Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter den königlichen Boten +zu besorgen. Der Aufseher maß ihn mit seinen Augen von Kopf bis zu den +Füßen und sprach: „Wie, mit deinen Füßlein, die kaum so lang als eine +Spanne sind, willst du königlicher Schnelläufer werden? Hebe dich weg, +ich bin nicht dazu da, mit jedem Narren Kurzweil zu machen.“ Der kleine +Muck versicherte ihm aber, daß es ihm vollkommen ernst sei mit seinem +Antrag und daß er es mit dem Schnellsten auf eine Wette ankommen lassen +wollte. Dem Aufseher kam die Sache gar lächerlich vor; er befahl ihm, +sich bis auf den Abend zu einem Wettlauf bereitzuhalten, führte ihn in +die Küche und sorgte dafür, daß ihm gehörig Speis’ und Trank gereicht +wurde; er selbst aber begab sich zum König und erzählte ihm vom kleinen +Muck und seinem Anerbieten. Der König war ein lustiger Herr, daher +gefiel es ihm wohl, daß der Aufseher der Sklaven den kleinen Menschen +zu einem Spaß behalten habe, er befahl ihm, auf einer großen Wiese +hinter dem Schloß Anstalten zu treffen, daß das Wettlaufen mit +Bequemlichkeit von seinem ganzen Hofstaat könnte gesehen werden, und +empfahl ihm nochmals, große Sorgfalt für den Zwerg zu haben. Der König +erzählte seinen Prinzen und Prinzessinnen, was sie diesen Abend für ein +Schauspiel haben würden, diese erzählten es wieder ihren Dienern, und +als der Abend herankam, war man in gespannter Erwartung, und alles, was +Füße hatte, strömte hinaus auf die Wiese, wo Gerüste aufgeschlagen +waren, um den großsprecherischen Zwerg laufen zu sehen. + +Als der König und seine Söhne und Töchter auf dem Gerüst Platz genommen +hatten, trat der kleine Muck heraus auf die Wiese und machte vor den +hohen Herrschaften eine überaus zierliche Verbeugung. Ein allgemeines +Freudengeschrei ertönte, als man des Kleinen ansichtig wurde; eine +solche Figur hatte man dort noch nie gesehen. Das Körperlein mit dem +mächtigen Kopf, das Mäntelein und die weiten Beinkleider, der lange +Dolch in dem breiten Gürtel, die kleinen Füßlein in den weiten +Pantoffeln—nein! Es war zu drollig anzusehen, als daß man nicht hätte +laut lachen sollen. Der kleine Muck ließ sich aber durch das Gelächter +nicht irremachen. Er stellte sich stolz, auf sein Stöcklein gestützt, +hin und erwartete seinen Gegner. Der Aufseher der Sklaven hatte nach +Mucks eigenem Wunsche den besten Läufer ausgesucht. Dieser trat nun +heraus, stellte sich neben den Kleinen, und beide harrten auf das +Zeichen. Da winkte Prinzessin Amarza, wie es ausgemacht war, mit ihrem +Schleier, und wie zwei Pfeile, auf dasselbe Ziel abgeschossen, flogen +die beiden Wettläufer über die Wiese hin. + +Von Anfang hatte Mucks Gegner einen bedeutenden Vorsprung, aber dieser +jagte ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk nach, holte ihn ein, überfing +ihn und stand längst am Ziele, als jener noch, nach Luft schnappend, +daherlief. Verwunderung und Staunen fesselten einige Augenblicke die +Zuschauer, als aber der König zuerst in die Hände klatschte, da +jauchzte die Menge, und alle riefen: „Hoch lebe der kleine Muck, der +Sieger im Wettlauf!“ + +Man hatte indes den kleinen Muck herbeigebracht; er warf sich vor dem +König nieder und sprach: „Großmächtigster König, ich habe dir hier nur +eine kleine Probe meiner Kunst gegeben; wolle nur gestatten, daß man +mir eine Stelle unter deinen Läufern gebe!“ + +Der König aber antwortete ihm: „Nein, du sollst mein Leibläufer und +immer um meine Person sein, lieber Muck, jährlich sollst du hundert +Goldstücke erhalten als Lohn, und an der Tafel meiner ersten Diener +sollst du speisen.“ + +So glaubte denn Muck, endlich das Glück gefunden zu haben, das er so +lange suchte, und war fröhlich und wohlgemut in seinem Herzen. Auch +erfreute er sich der besonderen Gnade des Königs, denn dieser +gebrauchte ihn zu seinen schnellsten und geheimsten Sendungen, die er +dann mit der größten Genauigkeit und mit unbegreiflicher Schnelle +besorgte. + +Aber die übrigen Diener des Königs waren ihm gar nicht zugetan, weil +sie sich ungern durch einen Zwerg, der nichts verstand, als schnell zu +laufen, in der Gunst ihres Herrn zurückgesetzt sahen. Sie +veranstalteten daher manche Verschwörung gegen ihn, um ihn zu stürzen; +aber alle schlugen fehl an dem großen Zutrauen, das der König in seinen +geheimen Oberleibläufer (denn zu dieser Würde hatte er es in so kurzer +Zeit gebracht) setzte. + +Muck, dem diese Bewegungen gegen ihn nicht entgingen, sann nicht auf +Rache, dazu hatte er ein zu gutes Herz, nein, auf Mittel dachte er, +sich bei seinen Feinden notwendig und beliebt zu machen. Da fiel ihm +sein Stäblein, das er in seinem Glück außer acht gelassen hatte, ein; +wenn er Schätze finde, dachte er, würden ihm die Herren schon geneigter +werden. Er hatte schon oft gehört, daß der Vater des jetzigen Königs +viele seiner Schätze vergraben habe, als der Feind sein Land +überfallen; man sagte auch, er sei darüber gestorben, ohne daß er sein +Geheimnis habe seinem Sohn mitteilen können. Von nun an nahm Muck immer +sein Stöcklein mit, in der Hoffnung, einmal an einem Ort +vorüberzugehen, wo das Geld des alten Königs vergraben sei. Eines +Abends führte ihn der Zufall in einen entlegenen Teil des +Schloßgartens, den er wenig besuchte, und plötzlich fühlte er das +Stöcklein in seiner Hand zucken, und dreimal schlug es gegen den Boden. +Nun wußte er schon, was dies zu bedeuten hatte. Er zog daher seinen +Dolch heraus, machte Zeichen in die umstellenden Bäume und schlich sich +wieder in das Schloß; dort verschaffte er sich einen Spaten und wartete +die Nacht zu seinem Unternehmen ab. + +Das Schatzgraben selbst machte übrigens dem kleinen Muck mehr zu +schaffen, als er geglaubt hatte. + +Seine Arme waren gar zu schwach, sein Spaten aber groß und schwer; und +er mochte wohl schon zwei Stunden gearbeitet haben, ehe er ein paar Fuß +tief gegraben hatte. Endlich stieß er auf etwas Hartes, das wie Eisen +klang. Er grub jetzt emsiger, und bald hatte er einen großen eisernen +Deckel zutage gefördert; er stieg selbst in die Grube hinab, um +nachzuspähen, was wohl der Deckel könnte bedeckt haben, und fand +richtig einen großen Topf, mit Goldstücken angefüllt. Aber seine +schwachen Kräfte reichten nicht hin, den Topf zu heben, daher steckte +er in seine Beinkleider und seinen Gürtel, so viel er zu tragen +vermochte, und auch sein Mäntelein füllte er damit, bedeckte das übrige +wieder sorgfältig und lud es auf den Rücken. Aber wahrlich, wenn er die +Pantoffeln nicht an den Füßen gehabt hätte, er wäre nicht vom Fleck +gekommen, so zog ihn die Last des Goldes nieder. Doch unbemerkt kam er +auf sein Zimmer und verwahrte dort sein Gold unter den Polstern seines +Sofas. + +Als der kleine Muck sich im Besitz so vielen Goldes sah, glaubte er, +das Blatt werde sich jetzt wenden und er werde sich unter seinen +Feinden am Hofe viele Gönner und warme Anhänger erwerben. Aber schon +daran konnte man erkennen, daß der gute Muck keine gar sorgfältige +Erziehung genossen haben mußte, sonst hätte er sich wohl nicht +einbilden können, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen. Ach, daß er +damals seine Pantoffeln geschmiert und sich mit seinem Mäntelein voll +Gold aus dem Staub gemacht hätte! + +Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Händen austeilte, +erweckte den Neid der übrigen Hofbediensteten. Der Küchenmeister Ahuli +sagte: „Er ist ein Falschmünzer.“ + +Der Sklavenaufseher Achmet sagte: „Er hat’s dem König abgeschwatzt.“ + +Archaz, der Schatzmeister, aber, sein ärgster Feind, der selbst hier +und da einen Griff in des Königs Kasse tun mochte, sagte geradezu: „Er +hat’s gestohlen.“ + +Um nun ihrer Sache gewiß zu sein, verabredeten sie sich, und der +Obermundschenk Korchuz stellte sich eines Tages recht traurig und +niedergeschlagen vor die Augen des Königs. Er machte seine traurigen +Gebärden so auffallend, daß ihn der König fragte, was ihm fehle. + +„Ah“, antwortete er, „ich bin traurig, daß ich die Gnade meines Herrn +verloren habe.“ + +„Was fabelst du, Freund Korchuz?“ entgegnete ihm der König. „Seit wann +hätte ich die Sonne meiner Gnade nicht über dich leuchten lassen?“ Der +Obermundschenk antwortete ihm, daß er ja den geheimen Oberleibläufer +mit Gold belade, seinen armen, treuen Dienern aber nichts gebe. + +Der König war sehr erstaunt über diese Nachricht, ließ sich die +Goldausteilungen des kleinen Muck erzählen, und die Verschworenen +brachten ihm leicht den Verdacht bei, daß Muck auf irgendeine Art das +Geld aus der Schatzkammer gestohlen habe. Sehr lieb war diese Wendung +der Sache dem Schatzmeister, der ohnehin nicht gerne Rechnung ablegte. +Der König gab daher den Befehl, heimlich auf alle Schritte des kleinen +Muck achtzugeben, um ihn womöglich auf der Tat zu ertappen. Als nun in +der Nacht, die auf diesen Unglückstag folgte, der kleine Muck, da er +durch seine Freigebigkeit seine Kasse sehr erschöpft sah, den Spaten +nahm und in den Schloßgarten schlich, um dort von seinem geheimen +Schatze neuen Vorrat zu holen, folgten ihm von weitem die Wachen, von +dem Küchenmeister Ahuli und Archaz, dem Schatzmeister, angeführt, und +in dem Augenblick, da er das Gold aus dem Topf in sein Mäntelein legen +wollte, fielen sie über ihn her, banden ihn und führten ihn sogleich +vor den König. Dieser, den ohnehin die Unterbrechung seines Schlafes +mürrisch gemacht hatte, empfing seinen armen Oberleibläufer sehr +ungnädig und stellte sogleich das Verhör über ihn an. Man hatte den +Topf vollends aus der Erde gegraben und mit dem Spaten und mit dem +Mäntelein voll Gold vor die Füße des Königs gesetzt. Der Schatzmeister +sagte aus, daß er mit seinen Wachen den Muck überrascht habe, wie er +diesen Topf mit Gold gerade in die Erde gegraben habe. + +Der König befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr sei und woher er +das Gold, das er vergraben, bekommen habe. + +Der kleine Muck, im Gefühl seiner Unschuld, sagte aus, daß er diesen +Topf im Garten entdeckt habe, daß er ihn habe nicht ein-, sondern +ausgraben wollen. + +Alle Anwesenden lachten laut über diese Entschuldigung, der König aber, +aufs höchste erzürnt über die vermeintliche Frechheit des Kleinen, rief +aus: „Wie, Elender! Du willst deinen König so dumm und schändlich +belügen, nachdem du ihn bestohlen hast? Schatzmeister Archaz! Ich +fordere dich auf, zu sagen, ob du diese Summe Goldes für die nämliche +erkennst, die in meinem Schatze fehlt.“ + +Der Schatzmeister aber antwortete, er sei seiner Sache ganz gewiß, so +viel und noch mehr fehle seit einiger Zeit von dem königlichen Schatz, +und er könne einen Eid darauf ablegen, daß dies das Gestohlene sei. + +Da befahl der König, den kleinen Muck in enge Ketten zu legen und in +den Turm zu führen; dem Schatzmeister aber übergab er das Gold, um es +wieder in den Schatz zu tragen. Vergnügt über den glücklichen Ausgang +der Sache, zog dieser ab und zählte zu Haus die blinkenden Goldstücke; +aber das hat dieser schlechte Mann niemals angezeigt, daß unten in dem +Topf ein Zettel lag, der sagte: „Der Feind hat mein Land überschwemmt, +daher verberge ich hier einen Teil meiner Schätze; wer es auch finden +mag, den treffe der Fluch seines Königs, wenn er es nicht sogleich +meinem Sohne ausliefert! König Sadi.“ + +Der kleine Muck stellte in seinem Kerker traurige Betrachtungen an; er +wußte, daß auf Diebstahl an königlichen Sachen der Tod gesetzt war, und +doch mochte er das Geheimnis mit dem Stäbchen dem König nicht verraten, +weil er mit Recht fürchtete, dieses und seiner Pantoffeln beraubt zu +werden. Seine Pantoffeln konnten ihm leider auch keine Hilfe bringen; +denn da er in engen Ketten an die Mauer geschlossen war, konnte er, so +sehr er sich quälte, sich nicht auf dem Absatz umdrehen. Als ihm aber +am anderen Tage sein Tod angekündigt wurde, da gedachte er doch, es sei +besser, ohne das Zauberstäbchen zu leben als mit ihm zu sterben, ließ +den König um geheimes Gehör bitten und entdeckte ihm das Geheimnis. Der +König maß von Anfang an seinem Geständnis keinen Glauben bei; aber der +kleine Muck versprach eine Probe, wenn ihm der König zugestünde, daß er +nicht getötet werden solle. + +Der König gab ihm sein Wort darauf und ließ, von Muck ungesehen, +einiges Gold in die Erde graben und befahl diesem, mit seinem Stäbchen +zu suchen. In wenigen Augenblicken hatte er es gefunden; denn das +Stäbchen schlug deutlich dreimal auf die Erde. Da merkte der König, daß +ihn sein Schatzmeister betrogen hatte, und sandte ihm, wie es im +Morgenland gebräuchlich ist, eine seidene Schnur, damit er sich selbst +erdroßle. Zum kleinen Muck aber sprach er: „Ich habe dir zwar dein +Leben versprochen; aber es scheint mir, als ob du nicht allein dieses +Geheimnis mit dem Stäbchen besitzest; darum bleibst du in ewiger +Gefangenschaft, wenn du nicht gestehst, was für eine Bewandtnis es mit +deinem Schnellaufen hat.“ Der kleine Muck, den die einzige Nacht im +Turm alle Lust zu längerer Gefangenschaft benommen hatte, bekannte, daß +seine ganze Kunst in den Pantoffeln liege, doch lehrte er den König +nicht das Geheimnis von dem dreimaligen Umdrehen auf dem Absatz. Der +König schlüpfte selbst in die Pantoffeln, um die Probe zu machen, und +jagte wie unsinnig im Garten umher; oft wollte er anhalten; aber er +wußte nicht, wie man die Pantoffeln zum Stehen brachte, und der kleine +Muck, der diese kleine Rache sich nicht versagen konnte, ließ ihn +laufen, bis er ohnmächtig niederfiel. + +Als der König wieder zur Besinnung zurückgekehrt war, war er +schrecklich aufgebracht über den kleinen Muck, der ihn so ganz außer +Atem hatte laufen lassen. „Ich habe dir mein Wort gegeben, dir Freiheit +und Leben zu schenken; aber innerhalb zwölf Stunden mußt du mein Land +verlassen, sonst lasse ich dich aufknöpfen!“ Die Pantoffeln und das +Stäbchen aber ließ er in seine Schatzkammer legen. + +So arm als je wanderte der kleine Muck zum Land hinaus, seine Torheit +verwünschend, die ihm vorgespiegelt hatte, er könne eine bedeutende +Rolle am Hofe spielen. Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum Glück +nicht groß, daher war er schon nach acht Stunden auf der Grenze, +obgleich ihn das Gehen, da er an seine lieben Pantoffeln gewöhnt war, +sehr sauer ankam. + +Als er über der Grenze war, verließ er die gewöhnliche Straße, um die +dichteste Einöde der Wälder aufzusuchen und dort nur sich zu leben; +denn er war allen Menschen gram. In einem dichten Walde traf er auf +einen Platz, der ihm zu dem Entschluß, den er gefaßt hatte, ganz +tauglich schien. Ein klarer Bach, von großen, schattigen Feigenbäumen +umgeben, ein weicher Rasen luden ihn ein; hier warf er sich nieder mit +dem Entschluß, keine Speise mehr zu sich zu nehmen, sondern hier den +Tod zu erwarten. Über traurigen Todesbetrachtungen schlief er ein; als +er aber wieder aufwachte und der Hunger ihn zu quälen anfing, bedachte +er doch, daß der Hungertod eine gefährliche Sache sei, und sah sich um, +ob er nirgends etwas zu essen bekommen könnte. + +Köstliche reife Feigen hingen an dem Baume, unter welchem er geschlafen +hatte; er stieg hinauf, um sich einige zu pflücken, ließ es sich +trefflich schmecken und ging dann hinunter an den Bach, um seinen Durst +zu löschen. Aber wie groß war sein Schrecken, als ihm das Wasser seinen +Kopf mit zwei gewaltigen Ohren und einer dicken, langen Nase geschmückt +zeigte! Bestürzt griff er mit den Händen nach den Ohren, und wirklich, +sie waren über eine halbe Elle lang. + +„Ich verdiene Eselsohren!“ rief er aus; „denn ich habe mein Glück wie +ein Esel mit Füßen getreten.“ Er wanderte unter den Bäumen umher, und +als er wieder Hunger fühlte, mußte er noch einmal zu den Feigen seine +Zuflucht nehmen; denn sonst fand er nichts Eßbares an den Bäumen. Als +ihm über der zweiten Portion Feigen einfiel, ob wohl seine Ohren nicht +unter seinem großen Turban Platz hätten, damit er doch nicht gar zu +lächerlich aussehe, fühlte er, daß seine Ohren verschwunden waren. Er +lief gleich an den Bach zurück, um sich davon zu überzeugen, und +wirklich, es war so, seine Ohren hatten ihre vorige Gestalt, seine +lange, unförmliche Nase war nicht mehr. Jetzt merkte er aber, wie dies +gekommen war; von dem ersten Feigenbaum hatte er die lange Nase und +Ohren bekommen, der zweite hatte ihn geheilt; freudig erkannte er, daß +sein gütiges Geschick ihm noch einmal die Mittel in die Hand gebe, +glücklich zu sein. Er pflückte daher von jedem Baum so viel, wie er +tragen konnte, und ging in das Land zurück, das er vor kurzem verlassen +hatte. Dort machte er sich in dem ersten Städtchen durch andere Kleider +ganz unkenntlich und ging dann weiter auf die Stadt zu, die jener König +bewohnte, und kam auch bald dort an. + +Es war gerade zu einer Jahreszeit, wo reife Früchte noch ziemlich +selten waren; der kleine Muck setzte sich daher unter das Tor des +Palastes; denn ihm war von früherer Zeit her wohl bekannt, daß hier +solche Seltenheiten von dem Küchenmeister für die königliche Tafel +eingekauft wurden. Muck hatte noch nicht lange gesessen, als er den +Küchenmeister über den Hof herüberschreiten sah. Er musterte die Waren +der Verkäufer, die sich am Tor des Palastes eingefunden hatten; endlich +fiel sein Blick auch auf Mucks Körbchen. „Ah, ein seltener Bissen“, +sagte er, „der Ihro Majestät gewiß behagen wird. Was willst du für den +ganzen Korb?“ Der kleine Muck bestimmte einen mäßigen Preis, und sie +waren bald des Handels einig. Der Küchenmeister übergab den Korb einem +Sklaven und ging weiter; der kleine Muck aber macht sich einstweilen +aus dem Staub, weil er befürchtete, wenn sich das Unglück an den Köpfen +des Hofes zeigte, möchte man ihn als Verkäufer aufsuchen und bestrafen. + +Der König war über Tisch sehr heiter gestimmt und sagte seinem +Küchenmeister einmal über das andere Lobsprüche wegen seiner guten +Küche und der Sorgfalt, mit der er immer das Seltenste für ihn +aussuche; der Küchenmeister aber, welcher wohl wußte, welchen +Leckerbissen er noch im Hintergrund habe, schmunzelte gar freundlich +und ließ nur einzelne Worte fallen, als: „Es ist noch nicht aller Tage +Abend“, oder „Ende gut, alles gut“, so daß die Prinzessinnen sehr +neugierig wurden, was er wohl noch bringen werde. Als er aber die +schönen, einladenden Feigen aufsetzen ließ, da entfloh ein allgemeines +Ah! dem Munde der Anwesenden. + +„Wie reif, wie appetitlich!“ rief der König. „Küchenmeister, du bist +ein ganzer Kerl und verdienst unsere ganz besondere Gnade!“ Also +sprechend, teilte der König, der mit solchen Leckerbissen sehr sparsam +zu sein pflegte, mit eigener Hand die Feigen an seiner Tafel aus. Jeder +Prinz und jede Prinzessin bekam zwei, die Hofdamen und die Wesire und +Agas eine, die übrigen stellte er vor sich hin und begann mit großem +Behagen sie zu verschlingen. + +„Aber, lieber Gott, wie siehst du so wunderlich aus, Vater?“ rief auf +einmal die Prinzessin Amarza. Alle sahen den König erstaunt an; +ungeheure Ohren hingen ihm am Kopf, eine lange Nase zog sich über sein +Kinn herunter; auch sich selbst betrachteten sie untereinander mit +Staunen und Schrecken; alle waren mehr oder minder mit dem sonderbaren +Kopfputz geschmeckt. + +Man denke sich den Schrecken des Hofes! Man schickte sogleich nach +allen Ärzten der Stadt; sie kamen haufenweise, verordneten Pillen und +Mixturen; aber die Ohren und die Nasen blieben. Man operierte einen der +Prinzen; aber die Ohren wuchsen nach. + +Muck hatte die ganze Geschichte in seinem Versteck, wohin er sich +zurückgezogen hatte, gehört und erkannte, daß es jetzt Zeit sei zu +handeln. Er hatte sich schon vorher von dem aus den Feigen gelösten +Geld einen Anzug verschafft, der ihn als Gelehrten darstellen konnte; +ein langer Bart aus Ziegenhaaren vollendete die Täuschung. Mit einem +Säckchen voll Feigen wanderte er in den Palast des Königs und bot als +fremder Arzt seine Hilfe an. Man war von Anfang sehr ungläubig; als +aber der kleine Muck eine Feige einem der Prinzen zu essen gab und +Ohren und Nase dadurch in den alten Zustand zurückbrachte, da wollte +alles von dem fremden Arzte geheilt sein. Aber der König nahm ihn +schweigend bei der Hand und führte ihn in sein Gemach; dort schloß er +eine Türe auf, die in die Schatzkammer führte, und winkte Muck, ihm zu +folgen. „Hier sind meine Schätze“, sprach der König, „wähle dir, was es +auch sei, es soll dir gewährt werden, wenn du mich von diesem +schmachvollen Übel befreist.“ + +Das war süße Musik in des kleinen Muck Ohren; er hatte gleich beim +Eintritt seine Pantoffeln auf dem Boden stehen sehen, gleich daneben +lag auch sein Stäbchen. Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er die +Schätze des Königs bewundern wollte; kaum aber war er an seine +Pantoffeln gekommen, so schlüpfte er eilends hinein, ergriff sein +Stäbchen, riß seinen falschen Bart herab und zeigte dem erstaunten +König das wohlbekannte Gesicht seines verstoßenen Muck. „Treuloser +König“, sprach er, „der du treue Dienste mit Undank lohnst, nimm als +wohlverdiente Strafe die Mißgestalt, die du trägst. Die Ohren laß ich +dir zurück, damit sie dich täglich erinnern an den kleinen Muck.“ Als +er so gesprochen hatte, drehte er sich schnell auf dem Absatz herum, +wünschte sich weit hinweg, und ehe noch der König um Hilfe rufen +konnte, war der kleine Muck entflohen. Seitdem lebt der kleine Muck +hier in großem Wohlstand, aber einsam; denn er verachtet die Menschen. +Er ist durch Erfahrung ein weiser Mann geworden, welcher, wenn auch +sein Äußeres etwas Auffallendes haben mag, deine Bewunderung mehr als +deinen Spott verdient. + +„So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein +rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte +mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich +erzählte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und +wir gewannen ihn so lieb, daß ihn keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil, +wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm immer so tief +wie vor Kadi und Mufti gebückt.“ + +Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu +machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken. Die +gestrige Fröhlichkeit ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten +sich in allerlei Spielen. Nach dem Essen aber riefen sie dem fünften +Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich den übrigen zu +tun und eine Geschichte zu erzählen. Er antwortete, sein Leben sei zu +arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er ihnen etwas davon +mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzählen, nämlich: +Das Märchen vom falschen Prinzen. + + + + +Das Märchen vom falschen Prinzen + +Wilhelm Hauff + + +Es war einmal ein ehrsamer Schneidergeselle, namens Labakan, der bei +einem geschickten Meister in Alessandria sein Handwerk lernte. Man +konnte nicht sagen, daß Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im +Gegenteil, er konnte recht feine Arbeit machen. Auch tat man ihm +unrecht, wenn man ihn geradezu faul schalt; aber ganz richtig war es +doch nicht mit dem Gesellen, denn er konnte oft stundenweis in einem +fort nähen, daß ihm die Nadel in der Hand glühend ward und der Faden +rauchte, da gab es ihm dann ein Stück wie keinem anderen; ein andermal +aber, und dies geschah leider öfters, saß er in tiefen Gedanken, sah +mit starren Augen vor sich hin und hatte dabei in Gesicht und Wesen +etwas so Eigenes, daß sein Meister und die übrigen Gesellen von diesem +Zustand nie anders sprachen als: „Labakan hat wieder sein vornehmes +Gesicht.“ + +Am Freitag aber, wenn andere Leute vom Gebet ruhig nach Haus an ihre +Arbeit gingen, trat Labakan in einem schönen Kleid, das er sich mit +vieler Mühe zusammengespart hatte, aus der Moschee, ging langsam und +stolzen Schrittes durch die Plätze und Straßen der Stadt, und wenn ihm +einer seiner Kameraden ein „Friede sei mit dir“, oder „Wie geht es, +Freund Labakan?“ bot, so winkte er gnädig mit der Hand oder nickte, +wenn es hoch kam, vornehm mit dem Kopf. Wenn dann sein Meister im Spaß +zu ihm sagte: „An dir ist ein Prinz verlorengegangen, Labakan“, so +freute er sich darüber und antwortete: „Habt Ihr das auch bemerkt?“ +oder: „Ich habe es schon lange gedacht!“ + +So trieb es der ehrsame Schneidergeselle Labakan schon eine geraume +Zeit, sein Meister aber duldete seine Narrheit, weil er sonst ein guter +Mensch und geschickter Arbeiter war. Aber eines Tages schickte Selim, +der Bruder des Sultans, der gerade durch Alessandria reiste, ein +Festkleid zu dem Meister, um einiges daran verändern zu lassen, und der +Meister gab es Labakan, weil dieser die feinste Arbeit machte. Als +abends der Meister und die Gesellen sich hinwegbegeben hatten, um nach +des Tages Last sich zu erholen, trieb eine unwiderstehliche Sehnsucht +Labakan wieder in die Werkstatt zurück, wo das Kleid des kaiserlichen +Bruders hing. Er stand lange sinnend davor, bald den Glanz der +Stickerei, bald die schillernden Farben des Samts und der Seide an dem +Kleide bewundernd. Er konnte nicht anders, er mußte es anziehen, und +siehe da, es paßte ihm so trefflich, wie wenn es für ihn wäre gemacht +worden. „Bin ich nicht so gut ein Prinz als einer?“ fragte er sich, +indem er im Zimmer auf und ab schritt. „Hat nicht der Meister selbst +schon gesagt, daß ich zum Prinzen geboren sei?“ Mit den Kleidern schien +der Geselle eine ganz königliche Gesinnung angezogen zu haben; er +konnte sich nicht anders denken, als er sei ein unbekannter Königssohn, +und als solcher beschloß er, in die Welt zu reisen und einen Ort zu +verlassen, wo die Leute bisher so töricht gewesen waren, unter der +Hülle seines niederen Standes nicht seine angebotene Würde zu erkennen. +Das prachtvolle Kleid schien ihm von einer gütigen Fee geschickt, er +hütete sich daher wohl, ein so teures Geschenk zu verschmähen, steckte +seine geringe Barschaft zu sich und wanderte, begünstigt von dem Dunkel +der Nacht, aus Alessandrias Toren. + +Der neue Prinz erregte überall auf seiner Wanderschaft Verwunderung, +denn das prachtvolle Kleid und sein ernstes, majestätisches Wesen +wollten gar nicht passen für einen Fußgänger. Wenn man ihn darüber +befragte, pflegte er mit geheimnisvoller Miene zu antworten, daß das +seine eigenen Ursachen habe. Als er aber merkte, daß er sich durch +seine Fußwanderungen lächerlich machte, kaufte er um geringen Preis ein +altes Roß, welches sehr für ihn paßte, da es ihn mit seiner gesetzten +Ruhe und Sanftmut nie in die Verlegenheit brachte, sich als geschickter +Reiter zeigen zu müssen, was gar nicht seine Sache war. + +Eines Tages, als er Schritt vor Schritt auf seinem Murva, so hatte er +sein Roß genannt, seine Straße zog, schloß sich ein Reiter an ihn an +und bat ihn, in seiner Gesellschaft reiten zu dürfen, weil ihm der Weg +viel kürzer werde im Gespräch mit einem anderen. Der Reiter war ein +fröhlicher, junger Mann, schön und angenehm im Umgang. Er hatte mit +Labakan bald ein Gespräch angeknüpft über Woher und Wohin, und es traf +sich, daß auch er, wie der Schneidergeselle, ohne Plan in die Welt +hinauszog. Er sagte, er heiße Omar, sei der Neffe Elfi Beys, des +unglücklichen Bassas von Kairo, und reise nun umher, um einen Auftrag, +den ihm sein Oheim auf dem Sterbebette erteilt habe, auszurichten. +Labakan ließ sich nicht so offenherzig über seine Verhältnisse aus, er +gab ihm zu verstehen, daß er von hoher Abkunft sei und zu seinem +Vergnügen reise. + +Die beiden jungen Herren fanden Gefallen aneinander und zogen fürder. +Am zweiten Tage ihrer gemeinschaftlichen Reise fragte Labakan seinen +Gefährten Omar nach den Aufträgen, die er zu besorgen habe, und erfuhr +zu seinem Erstaunen folgendes: Elfi Bey, der Bassa von Kairo, hatte den +Omar seit seiner frühesten Kindheit erzogen, und dieser hatte seine +Eltern nie gekannt. Als nun Elfi Bey von seinen Feinden überfallen +worden war und nach drei unglücklichen Schlachten, tödlich verwundet, +fliehen mußte, entdeckte er seinem Zögling, daß er nicht sein Neffe +sei, sondern der Sohn eines mächtigen Herrschers, welcher aus Furcht +vor den Prophezeiungen seiner Sterndeuter den jungen Prinzen von seinem +Hofe entfernt habe, mit dem Schwur, ihn erst an seinem +zweiundzwanzigsten Geburtstage wiedersehen zu wollen. Elfi Bey habe ihm +den Namen seines Vaters nicht genannt, sondern ihm nur aufs +bestimmteste aufgetragen, am fünften Tage des kommenden Monats Ramadan, +an welchem Tage er zweiundzwanzig Jahre alt werde, sich an der +berühmten Säule El-Serujah, vier Tagreisen östlich von Alessandria, +einzufinden; dort soll er den Männern, die an der Säule stehen würden, +einen Dolch, den er ihm gab, überreichen mit den Worten: „Hier bin ich, +den ihr suchet“; wenn sie antworteten: „Gelobt sei der Prophet, der +dich erhielt!“, so solle er ihnen folgen, sie würden ihn zu seinem +Vater führen. + +Der Schneidergeselle Labakan war sehr erstaunt über diese Mitteilung, +er betrachtete von jetzt an den Prinzen Omar mit neidischen Augen, +erzürnt darüber, daß das Schicksal jenem, obgleich er schon für den +Neffen eines mächtigen Bassa galt, noch die Würde eines Fürstensohnes +verliehen, ihm aber, den es mit allem, was einem Prinzen nottut, +ausgerüstet, gleichsam zum Hohn eine dunkle Geburt und einen +gewöhnlichen Lebensweg verliehen habe. Er stellte Vergleichungen +zwischen sich und dem Prinzen an. Er mußte sich gestehen, es sei jener +ein Mann von sehr vorteilhafter Gesichtsbildung; schöne, lebhafte +Augen, eine kühngebogene Nase, ein sanftes, zuvorkommendes Benehmen, +kurz, so viele Vorzüge des Äußeren, die jemand empfehlen können, waren +jenem eigen. Aber so viele Vorzüge er auch an seinem Begleiter fand, so +gestand er sich doch bei diesen Beobachtungen, daß ein Labakan dem +fürstlichen Vater wohl noch willkommener sein dürfte als der wirkliche +Prinz. + +Diese Betrachtungen verfolgten Labakan den ganzen Tag, mit ihnen +schlief er im nächsten Nachtlager ein, aber als er morgens aufwachte +und sein Blick auf den neben ihm schlafenden Omar fiel, der so ruhig +schlafen und von seinem gewissen Glück träumen konnte, da erwachte in +ihm der Gedanke, sich durch List oder Gewalt zu erstreben, was ihm das +ungünstige Schicksal versagt hatte. Der Dolch, das Erkennungszeichen +des heimkehrenden Prinzen, sah aus dem Gürtel des Schlafenden hervor, +leise zog er ihn hervor, um ihn in die Brust des Eigentümers zu stoßen. +Doch vor dem Gedanken des Mordes entsetzte sich die friedfertige Seele +des Gesellen; er begnügte sich, den Dolch zu sich zu stecken, das +schnellere Pferd des Prinzen für sich aufzäumen zu lassen, und ehe Omar +aufwachte und sich aller seiner Hoffnungen beraubt sah, hatte sein +treuloser Gefährte schon einen Vorsprung von mehreren Meilen. + +Es war gerade der erste Tag des heiligen Monats Ramadan, an welchem +Labakan den Raub an dem Prinzen begangen hatte, und er hatte also noch +vier Tage, um zu der Säule El Serujah, welche ihm wohlbekannt war, zu +gelangen. Obgleich die Gegend, worin sich diese Säule befand, höchstens +noch zwei Tagreisen entfernt sein konnte, so beeilte er sich doch +hinzukommen, weil er immer fürchtete, von dem wahren Prinzen eingeholt +zu werden. + +Am Ende des zweiten Tages erblickte Labakan die Säule El-Serujah. Sie +stand auf einer kleinen Anhöhe in einer weiten Ebene und konnte auf +zwei bis drei Stunden gesehen werden. Labakans Herz pochte lauter bei +diesem Anblick; obgleich er die letzten zwei Tage hindurch Zeit genug +gehabt, über die Rolle, die er zu spielen hatte, nachzudenken, so +machte ihn doch das böse Gewissen etwas ängstlich, aber der Gedanke, +daß er zum Prinzen geboren sei, stärkte ihn wieder, so daß er +getrösteter seinem Ziele entgegenging. + +Die Gegend um die Säule El-Serujah war unbewohnt und öde, und der neue +Prinz wäre wegen seines Unterhalts etwas in Verlegenheit gekommen, wenn +er sich nicht auf mehrere Tage versehen hätte. Er lagerte sich also +neben seinem Pferd unter einigen Palmen und erwartete dort sein +ferneres Schicksal. + +Gegen die Mitte des anderen Tages sah er einen großen Zug von Pferden +und Kamelen über die Ebene her auf die Säule El-Serujah zuziehen. Der +Zug hielt am Fuße des Hügels, auf welchem die Säule stand, man schlug +prächtige Zelte auf, und das Ganze sah aus wie der Reisezug eines +reichen Bassa oder Scheik. Labakan ahnte, daß die vielen Leute, welche +er sah, sich seinetwegen hierher bemüht hatten, und hätte ihnen gerne +schon heute ihren künftigen Gebieter gezeigt; aber er mäßigte seine +Begierde, als Prinz aufzutreten, da ja doch der nächste Morgen seine +kühnsten Wünsche vollkommen befriedigen mußte. + +Die Morgensonne weckte den überglücklichen Schneider zu dem wichtigsten +Augenblick seines Lebens, welcher ihn aus einem niederen, unbekannten +Sterblichen an die Seite eines fürstlichen Vaters erheben sollte; zwar +fiel ihm, als er sein Pferd aufzäumte, um zu der Säule hinzureiten, +wohl auch das Unrechtmäßige seines Schrittes ein; zwar führten ihm +seine Gedanken den Schmerz des in seinen schönen Hoffnungen betrogenen +Fürstensohnes vor, aber—der Würfel war geworfen, er konnte nicht mehr +ungeschehen machen, was geschehen war, und seine Eigenliebe flüsterte +ihm zu, daß er stattlich genug aussehe, um dem mächtigsten König sich +als Sohn vorzustellen; ermutigt durch diesen Gedanken, schwang er sich +auf sein Roß, nahm alle seine Tapferkeit zusammen, um es in einen +ordentlichen Galopp zu bringen, und in weniger als einer Viertelstunde +war er am Fuße des Hügels angelangt. Er stieg ab von seinem Pferd und +band es an eine Staude, deren mehrere an dem Hügel wuchsen; hierauf zog +er den Dolch des Prinzen Omar hervor und stieg den Hügel hinan. Am Fuß +der Säule standen sechs Männer um einen Greis von hohem, königlichem +Ansehen; ein prachtvoller Kaftan von Goldstoff, mit einem weißen +Kaschmirschal umgürtet, der weiße, mit blitzenden Edelsteinen +geschmückte Turban bezeichneten ihn als einen Mann von Reichtum und +Würde. + +Auf ihn ging Labakan zu, neigte sich tief vor ihm und sprach, indem er +den Dolch darreichte: „Hier bin ich, den Ihr suchet. „ + +„Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!“ antwortete der Greis mit +Freudentränen. „Umarme deinen alten Vater, mein geliebter Sohn Omar!“ +Der gute Schneider war sehr gerührt durch diese feierlichen Worte und +sank mit einem Gemisch von Freude und Scham in die Arme des alten +Fürsten. + +Aber nur einen Augenblick sollte er ungetrübt die Wonne seines neuen +Standes genießen; als er sich aus den Armen des fürstlichen Greises +aufrichtete, sah er einen Reiter über die Ebene her auf den Hügel +zueilen. Der Reiter und sein Roß gewährten einen sonderbaren Anblick; +das Roß schien aus Eigensinn oder Müdigkeit nicht vorwärts zu wollen, +in einem stolpernden Gang, der weder Schritt noch Trab war, zog es +daher, der Reiter aber trieb es mit Händen und Füßen zu schnellerem +Laufe an. Nur zu bald erkannte Labakan sein Roß Murva und den echten +Prinzen Omar, aber der böse Geist der Lüge war einmal in ihn gefahren, +und er beschloß, wie es auch kommen möge, mit eiserner Stirne seine +angemaßten Rechte zu behaupten. + +Schon aus der Ferne hatte man den Reiter winken gesehen; jetzt war er +trotz des schlechten Trabes des Rosses Murva am Fuße des Hügels +angekommen, warf sich vom Pferd und stürzte den Hügel hinan. „Haltet +ein!“ rief er. „Wer ihr auch sein möget, haltet ein und laßt euch nicht +von dem schändlichsten Betrüger täuschen; ich heiße Omar, und kein +Sterblicher wage es, meinen Namen zu mißbrauchen!“ + +Auf den Gesichtern der Umstehenden malte sich tiefes Erstaunen über +diese Wendung der Dinge; besonders schien der Greis sehr betroffen, +indem er bald den einen, bald den anderen fragend ansah; Labakan aber +sprach mit mühsam errungener Ruhe: „Gnädigster Herr und Vater, laßt +Euch nicht irremachen durch diesen Menschen da! Es ist, soviel ich +weiß, ein wahnsinniger Schneidergeselle aus Alessandria, Labakan +geheißen, der mehr unser Mitleid als unseren Zorn verdient.“ + +Bis zur Raserei aber brachten diese Worte den Prinzen; schäumend vor +Wut wollte er auf Labakan eindringen, aber die Umstehenden warfen sich +dazwischen und hielten ihn fest, und der Fürst sprach: „Wahrhaftig, +mein lieber Sohn, der arme Mensch ist verrückt; man binde ihn und setze +ihn auf eines unserer Dromedare, vielleicht, daß wir dem Unglücklichen +Hilfe schaffen können.“ + +Die Wut des Prinzen hatte sich gelegt, weinend rief er dem Fürsten zu: +„Mein Herz sagt mir, daß Ihr mein Vater seid; bei dem Andenken meiner +Mutter beschwöre ich Euch, hört mich an!“ + +„Ei, Gott bewahre uns!“ antwortete dieser, „er fängt schon wieder an, +irre zu reden, wie doch der Mensch auf so tolle Gedanken kommen kann!“ +Damit ergriff er Labakans Arm und ließ sich von ihm den Hügel +hinuntergeleiten; sie setzten sich beide auf schöne, mit reichen Decken +behängte Pferde und ritten an der Spitze des Zuges über die Ebene hin. +Dem unglücklichen Prinzen aber fesselte man die Hände und band ihn auf +einem Dromedar fest, und zwei Reiter waren ihm immer zur Seite, die ein +wachsames Auge auf jede seiner Bewegungen hatten. + +Der fürstliche Greis war Saaud, der Sultan der Wechabiten. Er hatte +lange ohne Kinder gelebt, endlich wurde ihm ein Prinz geboren, nach dem +er sich so lange gesehnt hatte; aber die Sterndeuter, welche er um die +Vorbedeutungen des Knaben befragte, taten den Ausspruch, „daß er bis +ins zweiundzwanzigste Jahr in Gefahr stehe, von einem Feinde verdrängt +zu werden“, deswegen, um recht sicherzugehen, hatte der Sultan den +Prinzen seinem alten, erprobten Freunde Elfi-Bey zum Erziehen gegeben +und zweiundzwanzig schmerzliche Jahre auf seinen Anblick geharrt. + +Dieses hatte der Sultan seinem (vermeintlichen) Sohne erzählt und sich +ihm außerordentlich zufrieden mit seiner Gestalt und seinem würdevollen +Benehmen gezeigt. + +Als sie in das Land des Sultans kamen, wurden sie überall von den +Einwohnern mit Freudengeschrei empfangen; denn das Gerücht von der +Ankunft des Prinzen hatte sich wie ein Lauffeuer durch alle Städte und +Dörfer verbreitet. Auf den Straßen, durch welche sie zogen, waren Bögen +von Blumen und Zweigen errichtet, glänzende Teppiche von allen Farben +schmeckten die Häuser, und das Volk pries laut Gott und seinen +Propheten, der ihnen einen so schönen Prinzen gesandt habe. Alles dies +erfüllte das stolze Herz des Schneiders mit Wonne; desto unglücklicher +mußte sich aber der echte Omar fühlen, der, noch immer gefesselt, in +stiller Verzweiflung dem Zuge folgte. Niemand kümmerte sich um ihn bei +dem allgemeinen Jubel, der doch ihm galt; den Namen Omar riefen tausend +und wieder tausend Stimmen, aber ihn, der diesen Namen mit Recht trug, +ihn beachtete keiner; höchstens fragte einer oder der andere, wen man +denn so fest gebunden mit fortfahre, und schrecklich tönte in das Ohr +des Prinzen die Antwort seiner Begleiter, es sei ein wahnsinniger +Schneider. + +Der Zug war endlich in die Hauptstadt des Sultans gekommen, wo alles +noch glänzender zu ihrem Empfang bereitet war als in den übrigen +Städten. Die Sultanin, eine ältliche, ehrwürdige Frau, erwartete sie +mit ihrem ganzen Hofstaat in dem prachtvollsten Saal des Schlosses. Der +Boden dieses Saales war mit einem ungeheuren Teppich bedeckt, die Wände +waren mit hellblauem Tuch geschmeckt, das in goldenen Quasten und +Schnüren an großen, silbernen Haken hing. + +Es war schon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saale viele +kugelrunde, farbige Lampen angezündet, welche die Nacht zum Tag +erhellten. Am klarsten und vielfarbigsten strahlten sie aber im +Hintergrund des Saales, wo die Sultanin auf einem Throne saß. Der Thron +stand auf vier Stufen und war von lauterem Golde und mit großen +Amethysten ausgelegt. Die vier vornehmsten Emire hielten einen +Baldachin von roter Seide über dem Haupte der Sultanin, und der Scheik +von Medina fächelte ihr mit einer Windfuchtel von weißen Pfauenfedern +Kühlung zu. + +So erwartete die Sultanin ihren Gemahl und ihren Sohn, auch sie hatte +ihn seit seiner Geburt nicht mehr gesehen, aber bedeutsam Träume hatten +ihr den Ersehnten gezeigt, daß sie ihn aus Tausenden erkennen wollte. +Jetzt hörte man das Geräusch des nahenden Zuges, Trompeten und Trommeln +mischten sich in das Zujauchzen der Menge, der Hufschlag der Rosse +tönte im Hof des Palastes, näher und näher rauschten die Tritte der +Kommenden, die Türen des Saales flogen auf, und durch die Reihen der +niederfallenden Diener eilte der Sultan an der Hand seines Sohnes vor +den Thron der Mutter. + +„Hier“, sprach er, „bringe ich dir den, nach welchem du dich so lange +gesehnet.“ + +Die Sultanin aber fiel ihm in die Rede: „Das ist mein Sohn nicht!“ rief +sie aus, „das sind nicht die Züge, die mir der Prophet im Traume +gezeigt hat!“ + +Gerade, als ihr der Sultan ihren Aberglauben verweisen wollte, sprang +die Türe des Saales auf. Prinz Omar stürzte herein, verfolgt von seinen +Wächtern, denen er sich mit Anstrengung aller seiner Kraft entrissen +hatte, er warf sich atemlos vor dem Throne nieder: „Hier will ich +sterben, laßt mich töten, grausamer Vater; denn diese Schmach dulde ich +nicht länger!“ + +Alles war bestürzt über diese Reden; man drängte sich um den +Unglücklichen her, und schon wollten ihn die herbeieilenden Wachen +ergreifen und ihm wieder seine Bande anlegen, als die Sultanin, die in +sprachlosem Erstaunen dieses alles mit angesehen hatte, von dem Throne +aufsprang. „Haltet ein!“ rief sie, „dieser und kein anderer ist der +Rechte, dieser ist’s, den meine Augen nie gesehen und den mein Herz +doch gekannt hat!“ + +Die Wächter hatten unwillkürlich von Omar abgelassen, aber der Sultan, +entflammt von wütendem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnsinnigen zu binden: +„Ich habe hier zu entscheiden“, sprach er mit gebietender Stimme, „und +hier richtet man nicht nach den Träumen der Weiber, sondern nach +gewissen, untrüglichen Zeichen. Dieser hier (indem er auf Labakan +zeigte) ist mein Sohn; denn er hat mir das Wahrzeichen meines Freundes +Elfi, den Dolch, gebracht.“ + +„Gestohlen hat er ihn“, schrie Omar, „mein argloses Vertrauen hat er +zum Verrat mißbraucht!“ Der Sultan aber hörte nicht auf die Stimme +seines Sohnes; denn er war in allen Dingen gewohnt, eigensinnig nur +seinem Urteil zu folgen; daher ließ er den unglücklichen Omar mit +Gewalt aus dem Saal schleppen. Er selbst aber begab sich mit Labakan in +sein Gemach, voll Wut über die Sultanin, seine Gemahlin, mit der er +doch seit fünfundzwanzig Jahren in Frieden gelebt hatte. + +Die Sultanin aber war voll Kummer über diese Begebenheiten; sie war +vollkommen überzeugt, daß ein Betrüger sich des Herzens des Sultans +bemächtigt hatte, denn jenen Unglücklichen hatten ihr so viele +bedeutsam Träume als ihren Sohn gezeigt. + +Als sich ihr Schmerz ein wenig gelegt hatte, sann sie auf Mittel, um +ihren Gemahl von seinem Unrecht zu überzeugen. Es war dies allerdings +schwierig; denn jener, der sich für ihren Sohn ausgab, hatte das +Erkennungszeichen, den Dolch, überreicht und hatte auch, wie sie +erfuhr, so viel von Omars früherem Leben von diesem selbst sich +erzählen lassen, daß er seine Rolle, ohne sich zu verraten, spielte. + +Sie berief die Männer zu sich, die den Sultan zu der Säule El-Serujah +begleitet hatten, um sich alles genau erzählen zu lassen, und hielt +dann mit ihren vertrautesten Sklavinnen Rat. Sie wählten und verwarfen +dies und jenes Mittel; endlich sprach Melechsalah, eine alte, kluge +Zierkassierin: „Wenn ich recht gehört habe, verehrte Gebieterin, so +nannte der Überbringer des Dolches den, welchen du für deinen Sohn +hältst, Labakan, einen verwirrten Schneider?“ + +„Ja, so ist es“, antwortete die Sultanin, „aber was willst du damit?“ + +„Was meint Ihr“, fuhr jene fort, „wenn dieser Betrüger Eurem Sohn +seinen eigenen Namen aufgeheftet hätte?—Und wenn dies ist, so gibt es +ein herrliches Mittel, den Betrüger zu fangen, das ich Euch ganz im +geheimen sagen will.“ Die Sultanin bot ihrer Sklavin das Ohr, und diese +flüsterte ihr einen Rat zu, der ihr zu behagen schien, denn sie +schickte sich an, sogleich zum Sultan zu gehen. + +Die Sultanin war eine kluge Frau, welche wohl die schwachen Seiten des +Sultans kannte und sie zu benützen verstand. Sie schien daher, ihm +nachgeben und den Sohn anerkennen zu wollen, und bat sich nur eine +Bedingung aus; der Sultan, dem sein Aufbrausen gegen seine Frau leid +tat, gestand die Bedingung zu, und sie sprach: „Ich möchte gerne den +beiden eine Probe ihrer Geschicklichkeit auferlegen; eine andere würde +sie vielleicht reiten, fechten oder Speere werfen lassen, aber das sind +Sachen, die ein jeder kann; nein, ich will ihnen etwas geben, wozu +Scharfsinn gehört! Es soll nämlich jeder von ihnen einen Kaftan und ein +Paar Beinkleider verfertigen, und da wollen wir einmal sehen, wer die +schönsten macht.“ + +Der Sultan lachte und sprach: „Ei, da hast du ja etwas recht Kluges +ausgesonnen. Mein Sohn sollte mit deinem wahnsinnigen Schneider +wetteifern, wer den besten Kaftan macht? Nein, das ist nichts.“ + +Die Sultanin aber berief sich darauf, daß er ihr die Bedingung zum +Voraus zugesagt habe, und der Sultan, welcher ein Mann von Wort war, +gab endlich nach, obgleich er schwor, wenn der wahnsinnige Schneider +seinen Kaftan auch noch so schön mache, könne er ihn doch nicht für +seinen Sohn erkennen. + +Der Sultan ging selbst zu seinem Sohn und bat ihn, sich in die Grillen +seiner Mutter zu schicken, die nun einmal durchaus einen Kaftan von +seiner Hand zu sehen wünsche. Dem guten Labakan lachte das Herz vor +Freude; wenn es nur an dem fehlt, dachte er bei sich, da soll die Frau +Sultanin bald Freude an mir erleben. + +Man hatte zwei Zimmer eingerichtet, eines für den Prinzen, das andere +für den Schneider; dort sollten sie ihre Kunst erproben, und man hatte +jedem nur ein hinlängliches Stück Seidenzeug, Schere, Nadel und Faden +gegeben. + +Der Sultan war sehr begierig, was für ein Ding von Kaftan wohl sein +Sohn zutage fördern werde, aber auch der Sultanin pochte unruhig das +Herz, ob ihre List wohl gelingen werde oder nicht. Man hatte den beiden +zwei Tage zu ihrem Geschäft ausgesetzt, am dritten ließ der Sultan +seine Gemahlin rufen, und als sie erschienen war, schickte er in jene +zwei Zimmer, um die beiden Kaftane und ihre Verfertiger holen zu +lassen. Triumphierend trat Labakan ein und breitete seinen Kaftan vor +den erstaunten Blicken des Sultans aus. „Siehe her, Vater“, sprach er, +„siehe her, verehrte Mutter, ob dies nicht ein Meisterstück von einem +Kaftan ist? Da laß ich es mit dem geschicktesten Hofschneider auf eine +Wette ankommen, ob er einen solchen herausbringt.“ + +Die Sultanin lächelte und wandte sich zu Omar: „Und was hast du +herausgebracht, mein Sohn?“ + +Unwillig warf dieser den Seidenstoff und die Schere auf den Boden: „Man +hat mich gelehrt, ein Roß zu bändigen und einen Säbel zu schwingen, und +meine Lanze trifft auf sechzig Gänge ihr Ziel—aber die Künste der Nadel +sind mir fremd, sie wären auch unwürdig für einen Zögling Elfi Beys, +des Beherrschers von Kairo.“ + +„Oh, du echter Sohn meines Herrn“, rief die Sultanin, „ach, daß ich +dich umarmen, dich Sohn nennen dürfte! Verzeihet, mein Gemahl und +Gebieter“, sprach sie dann, indem sie sich zum Sultan wandte, „daß ich +diese List gegen Euch gebraucht habe; sehet Ihr jetzt noch nicht ein, +wer Prinz und wer Schneider ist; fürwahr, der Kaftan ist köstlich, den +Euer Herr Sohn gemacht hat, und ich möchte ihn gerne fragen, bei +welchem Meister er gelernt habe.“ + +Der Sultan saß in tiefen Gedanken, mißtrauisch bald seine Frau, bald +Labakan anschauend, der umsonst sein Erröten und seine Bestürzung, daß +er sich so dumm verraten habe, zu bekämpfen suchte. „Auch dieser Beweis +genügt nicht“, sprach er, „aber ich weiß, Allah sei es gedankt, ein +Mittel, zu erfahren, ob ich betrogen bin oder nicht.“ + +Er befahl, sein schnellstes Pferd vorzufahren, schwang sich auf und +ritt in einen Wald, der nicht weit von der Stadt begann. Dort wohnte +nach einer alten Sage eine gütige Fee, Adolzaide geheißen, welche oft +schon den Königen seines Stammes in der Stunde der Not mit ihrem Rat +beigestanden war; dorthin eilte der Sultan. + +In der Mitte des Waldes war ein freier Platz, von hohen Zedern umgeben. +Dort wohnte nach der Sage die Fee, und selten betrat ein Sterblicher +diesen Platz, denn eine gewisse Scheu davor hatte sich aus alten Zeiten +vom Vater auf den Sohn vererbt. + +Als der Sultan dort angekommen war, stieg er ab, band sein Pferd an +einen Baum, stellte sich in die Mitte des Platzes und sprach mit lauter +Stimme: „Wenn es wahr ist, daß du meinen Vätern gütigen Rat erteiltest +in der Stunde der Not, so verschmähe nicht die Bitte ihres Enkels und +rate mir, wo menschlicher Verstand zu kurzsichtig ist!“ + +Er hatte kaum die letzten Worte gesprochen, als sich eine der Zedern +öffnete und eine verschleierte Frau in langen, weißen Gewändern +hervortrat. „Ich weiß, warum du zu mir kommst, Sultan Saaud, dein Wille +ist redlich; darum soll dir auch meine Hilfe werden. Nimm diese zwei +Kistchen! Laß jene beiden, welche deine Söhne sein wollen, wählen! Ich +weiß, daß der, welcher der echte ist, das rechte nicht verfehlen wird.“ +So sprach die Verschleierte und reichte ihm zwei kleine Kistchen von +Elfenbein, reich mit Gold und Perlen verziert; auf den Deckeln, die der +Sultan vergebens zu öffnen versuchte, standen Inschriften von +eingesetzten Diamanten. + +Der Sultan besann sich, als er nach Hause ritt, hin und her, was wohl +in den Kistchen sein könnte, welche er mit aller Mühe nicht zu öffnen +vermochte. Auch die Aufschrift gab ihm kein Licht in der Sache; denn +auf dem einen stand: „Ehre und Ruhm“, auf dem anderen: „Glück und +Reichtum“. Der Sultan dachte bei sich, da würde auch ihm die Wahl +schwer werden unter diesen beiden Dingen, die gleich anziehend, gleich +lockend seien. + +Als er in seinen Palast zurückgekommen war, ließ er die Sultanin rufen +und sagte ihr den Ausspruch der Fee, und eine wunderbare Hoffnung +erfüllte sie, daß jener, zu dem ihr Herz sie hinzog, das Kistchen +wählen würde, welches seine königliche Abkunft beweisen sollte. + +Vor dem Throne des Sultans wurden zwei Tische aufgestellt; auf sie +setzte der Sultan mit eigener Hand die beiden Kistchen, bestieg dann +den Thron und winkte einem seiner Sklaven, die Pforte des Saales zu +öffnen. Eine glänzende Versammlung von Bassas und Emiren des Reiches, +die der Sultan berufen hatte, strömte durch die geöffnete Pforte. Sie +ließen sich auf prachtvollen Polstern nieder, welche die Wände entlang +aufgestellt waren. + +Als sie sich alle niedergelassen hatten, winkte der König zum +zweitenmal, und Labakan wurde hereingeführt. Mit stolzem Schritte ging +er durch den Saal, warf sich vor dem Throne nieder und sprach: „Was +befiehlt mein Herr und Vater?“ + +Der Sultan erhob sich auf seinem Thron und sprach: „Mein Sohn! Es sind +Zweifel an der Echtheit deiner Ansprüche auf diesen Namen erhoben +worden; eines jener Kistchen enthält die Bestätigung deiner echten +Geburt, wähle! Ich zweifle nicht, du wirst das rechte wählen!“ + +Labakan erhob sich und trat vor die Kistchen, er erwog lange, was er +wählen sollte, endlich sprach er: „Verehrter Vater! Was kann es Höheres +geben als das Glück, dein Sohn zu sein, was Edleres als den Reichtum +deiner Gnade? Ich wähle das Kistchen, das die Aufschrift „Glück und +Reichtum“ zeigt.“ + +„Wir werden nachher erfahren, ob du recht gewählt hast; einstweilen +setze dich dort auf das Polster zum Bassa von Medina“, sagte der Sultan +und winkte seinen Sklaven. + +Omar wurde hereingeführt; sein Blick war düster, seine Miene traurig, +und sein Anblick erregte allgemeine Teilnahme unter den Anwesenden. Er +warf sich vor dem Throne nieder und fragte nach dem Willen des Sultans. + +Der Sultan deutete ihm an, daß er eines der Kistchen zu wählen habe, er +stand auf und trat vor den Tisch. + +Er las aufmerksam beide Inschriften und sprach: „Die letzten Tage haben +mich gelehrt, wie unsicher das Glück, wie vergänglich der Reichtum ist; +sie haben mich aber auch gelehrt, daß ein unzerstörbares Gut in der +Brust des Tapferen wohnt, die Ehre, und daß der leuchtende Stern des +Ruhmes nicht mit dem Glück zugleich vergeht. Und sollte ich einer Krone +entsagen, der Würfel liegt—Ehre und Ruhm, ich wähle euch!“ + +Er setzte seine Hand auf das Kistchen, das er erwählt hatte; aber der +Sultan befahl ihm, einzuhalten; er winkte Labakan, gleichfalls vor +seinen Tisch zu treten, und auch dieser legte seine Hand auf sein +Kistchen. + +Der Sultan aber ließ sich ein Becken mit Wasser von dem heiligen +Brunnen Zemzem in Mekka bringen, wusch seine Hände zum Gebet, wandte +sein Gesicht nach Osten, warf sich nieder und betete: „Gott meiner +Väter! Der du seit Jahrhunderten unsern Stamm rein und unverfälscht +bewahrtest, gib nicht zu, daß ein Unwürdiger den Namen der Abassiden +schände, sei mit deinem Schutze meinem echten Sohne nahe in dieser +Stunde der Prüfung!“ + +Der Sultan erhob sich und bestieg seinen Thron wieder; allgemeine +Erwartung fesselte die Anwesenden, man wagte kaum zu atmen, man hätte +ein Mäuschen über den Saal gehen hören können, so still und gespannt +waren alle, die hintersten machten lange Hälse, um über die vorderen +nach den Kistchen sehen zu können. Jetzt sprach der Sultan: „Öffnet die +Kistchen“, und diese, die vorher keine Gewalt zu öffnen vermochte, +sprangen von selbst auf. + +In dem Kistchen, das Omar gewählt hatte, lagen auf einem samtenen +Kissen eine kleine goldene Krone und ein Zepter; in Labakans +Kistchen—eine große Nadel und ein wenig Zwirn! Der Sultan befahl den +beiden, ihre Kistchen vor ihn zu bringen. Er nahm das Krönchen von dem +Kissen in seine Hand, und wunderbar war es anzusehen, wie er es nahm, +wurde es größer und größer, bis es die Größe einer rechten Krone +erreicht hatte. Er setzte die Krone seinem Sohn Omar, der vor ihm +kniete, auf das Haupt, küßte ihn auf die Stirne und hieß ihn zu seiner +Rechten sich niedersetzen. Zu Labakan aber wandte er sich und sprach: +„Es ist ein altes Sprichwort: Der Schuster bleibe bei seinem Leisten! +Es scheint, als solltest du bei der Nadel bleiben. Zwar hast du meine +Gnade nicht verdient, aber es hat jemand für dich gebeten, dem ich +heute nichts abschlagen kann; drum schenke ich dir dein armseliges +Leben, aber wenn ich dir guten Rates bin, so beeile dich, daß du aus +meinem Lande kommst!“ + +Beschämt, vernichtet, wie er war, vermochte der arme Schneidergeselle +nichts zu erwidern; er warf sich vor dem Prinzen nieder, und Tränen +drangen ihm aus den Augen: „Könnt Ihr mir vergeben, Prinz?“ sagte er. + +„Treue gegen den Freund, Großmut gegen den Feind ist des Abassiden +Stolz“, antwortete der Prinz, indem er ihn aufhob, „gehe hin in +Frieden!“ + +„O du mein echter Sohn!“ rief gerührt der alte Sultan und sank an die +Brust des Sohnes; die Emire und Bassa und alle Großen des Reiches +standen auf von ihren Sitzen und riefen: „Heil dem neuen Königssohn!“ +Und unter dem allgemeinen Jubel schlich sich Labakan, sein Kistchen +unter dem Arm, aus dem Saal. + +Er ging hinunter in die Ställe des Sultans, zäumte sein Roß Murva auf +und ritt zum Tore hinaus, Alessandria zu. Sein ganzes Prinzenleben kam +ihm wie ein Traum vor, und nur das prachtvolle Kistchen, reich mit +Perlen und Diamanten geschmückt, erinnerte ihn, daß er doch nicht +geträumt habe. + +Als er endlich wieder nach Alessandria kam, ritt er vor das Haus seines +alten Meisters, stieg ab, band sein Rößlein an die Türe und trat in die +Werkstatt. Der Meister, der ihn nicht gleich kannte, machte ein großes +Wesen und fragte, was ihm zu Dienst stehe; als er aber den Gast näher +ansah und seinen alten Labakan erkannte, rief er seine Gesellen und +Lehrlinge herbei, und alle stürzten sich wie wütend auf den armen +Labakan, der keines solchen Empfangs gewärtig war, stießen und schlugen +ihn mit Bügeleisen und Ellenmaß, stachen ihn mit Nadeln und zwickten +ihn mit scharfen Scheren, bis er erschöpft auf einen Haufen alter +Kleider niedersank. + +Als er nun so dalag, hielt ihm der Meister eine Strafrede über das +gestohlene Kleid; vergebens versicherte Labakan, daß er nur deswegen +wiedergekommen sei, um ihm alles zu ersetzen, vergebens bot er ihm den +dreifachen Schadenersatz, der Meister und seine Gesellen fielen wieder +über ihn her, schlugen ihn weidlich und warfen ihn zur Türe hinaus; +zerschlagen und zerfetzt stieg er auf das Roß Murva und ritt in eine +Karawanserei. Dort legte er sein müdes, zerschlagenes Haupt nieder und +stellte Betrachtungen an über die Leiden der Erde, über das so oft +verkannte Verdienst und über die Nichtigkeit und Flüchtigkeit aller +Güter. Er schlief mit dem Entschluß ein, aller Größe zu entsagen und +ein ehrsamer Bürger zu werden. + +Und den andere Tag gereute ihn sein Entschluß nicht; denn die schweren +Hände des Meisters und seiner Gesellen schienen alle Hoheit aus ihm +herausgeprügelt zu haben. + +Er verkaufte um einen hohen Preis sein Kistchen an einen +Juwelenhändler, kaufte sich ein Haus und richtete sich eine Werkstatt +zu seinem Gewerbe ein. Als er alles eingerichtet und auch ein Schild +mit der Aufschrift Labakan, Kleidermacher vor sein Fenster gehängt +hatte, setzte er sich und begann mit jener Nadel und dem Zwirn, die er +in dem Kistchen gefunden, den Rock zu flicken, welchen ihm sein Meister +so grausam zerfetzt hatte. Er wurde von seinem Geschäft abgerufen, und +als er sich wieder an die Arbeit setzen wollte, welch sonderbarer +Anblick bot sich ihm dar! Die Nadel nähte emsig fort, ohne von jemand +geführt zu werden; sie machte feine, zierliche Stiche, wie sie selbst +Labakan in seinen kunstreichsten Augenblicken nicht gemacht hatte! + +Wahrlich, auch das geringste Geschenk einer gütigen Fee ist nützlich +und von großem Wert! Noch einen andere Wert hatte aber dies Geschenk, +nämlich: Das Stückchen Zwirn ging nie aus, die Nadel mochte so fleißig +sein, als sie wollte. + +Labakan bekam viele Kunden und war bald der berühmteste Schneider weit +und breit; er schnitt die Gewänder zu und machte den ersten Stich mit +der Nadel daran, und flugs arbeitete diese weiter ohne Unterlaß, bis +das Gewand fertig war. Meister Labakan hatte bald die ganze Stadt zu +Kunden; denn er arbeitete schön und außerordentlich billig, und nur +über eines schüttelten die Leute von Alessandria den Kopf, nämlich: daß +er ganz ohne Gesellen und bei verschlossenen Türen arbeitete. + +So war der Spruch des Kistchens, Glück und Reichtum verheißend, in +Erfüllung gegangen; Glück und Reichtum begleiteten, wenn auch in +bescheidenem Maße, die Schritte des guten Schneiders, und wenn er von +dem Ruhm des jungen Sultans Omar, der in aller Munde lebte, hörte, wenn +er hörte, daß dieser Tapfere der Stolz und die Liebe seines Volkes und +der Schrecken seiner Feinde sei, da dachte der ehemalige Prinz bei +sich: „Es ist doch besser, daß ich ein Schneider geblieben bin; denn um +die Ehre und den Ruhm ist es eine gar gefährliche Sache.“ So lebte +Labakan, zufrieden mit sich, geachtet von seinen Mitbürgern, und wenn +die Nadel indes nicht ihre Kraft verloren, so näht sie noch jetzt mit +dem ewigen Zwirn der gütigen Fee Adolzaide. + +Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket +el Had oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges +nach Kairo waren—Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet, und +bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen +entgegenkommen zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch das Tor Bebel +Falch; denn es wird für eine glückliche Vorbedeutung gehalten, wenn man +von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, weil der Prophet +hindurchgezogen ist. + +Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier türkischen Kaufleute von +dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit ihren +Freunden nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute +Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der +Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher sich umgekleidet +habe, zu erscheinen. + +Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf +der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und +Getränke in gehöriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen +Gast zu erwarten. + +Langsam und schweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem +Gemach führte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich +entgegenzusehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll +Entsetzen fuhr er zurück, als er die Türe öffnete; denn jener +schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick auf +ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt, die +Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote Mantel +mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den +schrecklichsten Stunden seines Lebens. + +Widerstreitende Gefühle wogten in Zaleukos Brust; er hatte sich mit +diesem Bild seiner Erinnerung längst ausgesöhnt und ihm vergeben, und +doch riß sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene +qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Blüte seines +Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele +vorüber. + +„Was willst du, Schrecklicher?“ rief der Grieche aus, als die +Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. „Weiche +schnell von hinnen, daß ich dir nicht fluche!“ + +„Zaleukos!“ sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor. +„Zaleukos! So empfängst du deinen Gastfreund?“ Der Sprechende nahm die +Larve ab, schlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde. + +Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Fremden; +denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der Ponte +vecchio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte; +er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen. + +„Ich errate deine Gedanken“, nahm dieser das Wort, als sie sich gesetzt +hatten. „Deine Augen sehen fragend auf mich—ich hätte schweigen und +mich deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin dir +Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin, +daß du mir fluchtest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du +sagtest einst zu mir: Der Glaube meiner Väter befiehlt mir, ihn zu +lieben, auch ist er wohl unglücklicher als ich; glaube dieses, mein +Freund, und höre meine Rechtfertigung! + +Ich muß weit ausholen, um mich dir ganz verständlich zu machen. Ich bin +in Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jüngere +Sohn eines alten, berühmten französischen Hauses, war Konsul seines +Landes in Alessandria. Ich wurde von meinem zehnten Jahre an in +Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verließ erst +einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit +meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war, über +dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll Hoffnung, die +Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzosen entrissen, +im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber ach! Ich fand +nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren +Stürme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt, +desto unerwarteter hatte das Unglück mein Haus im innersten Herzen +heimgesucht. Mein Bruder, ein junger, hoffnungsvoller Mann, erster +Sekretär meines Vaters, hatte sich erst seit kurzem mit einem jungen +Mädchen, der Tochter eines florentinischen Edelmanns, der in unserer +Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war +diese auf einmal verschwunden, ohne daß weder unsere Familie noch ihr +Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man glaubte +endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei in +Räuberhände gefallen. Beinahe tröstlicher wäre dieser Gedanke für +meinen armen Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur bald kund +wurde. Die Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie +im Hause ihres Vaters kennengelernt hatte, eingeschifft. Mein Bruder, +aufs äußerste empört über diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige +zur Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Versuche, die in Neapel und +Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und unser aller +Unglück zu vollenden. Der florentinische Edelmann reiste in sein +Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu +verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in +Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknüpft hatte, +nieder und wußte seinen Einfluß, den er auf alle Art sich verschafft +hatte, so gut zu benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer +Regierung verdächtig gemacht und durch die schändlichsten Mittel +gefangen, nach Frankreich geführt und dort vom Beil des Henkers getötet +wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach zehn +langen Monaten erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen Zustand, der +aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewußtsein geworden war. So +stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke +beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer +vergessen, es war jene mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer +letzten Stunde in mir angefacht hatte. + +In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewußtsein +zurückgekehrt; sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem +Schicksal und ihrem Ende. Dann aber ließ sie alle aus dem Zimmer gehen, +richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und +sagte, ich könne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr schwöre, etwas +auszufahren, das sie mir auftragen würde—Ergriffen von den Worten der +sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide zu tun, wie sie mir sagen +werde. Sie brach nun in Verwünschungen gegen den Florentiner und seine +Tochter aus und legte mir mit den fürchterlichsten Drohungen ihres +Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu rächen. Sie starb in +meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in meiner Seele +geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den Rest +meines väterlichen Vermögens und schwor mir, alles an meine Rache zu +setzen oder selbst mit unterzugehen. + +Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt; +mein Plan war um vieles erschwert worden durch die Lage, in welcher +sich meine Feinde befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur +geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das geringste +ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Eines Abends sah +ich einen Menschen in bekannter Livree durch die Straßen gehen; sein +unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut herausgestoßene +„Santo sacramento“, „Maledetto diavolo“ ließen mich den alten Pietro, +einen Diener des Florentiners, den ich schon in Alessandria gekannt +hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über seinen Herrn in +Zorn geraten sei, und beschloß, seine Stimmung zu benützen. Er schien +sehr überrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, daß er +seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen +könne, und mein Gold, unterstützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf +meine Seite. Das Schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen Mann +in meinem Solde, der mir zu jeder Stunde die Türe meines Feindes +öffnete, und nun reifte mein Racheplan immer schneller heran. Das Leben +des alten Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem +Untergang meines Hauses gegenüber, zu haben. Sein Liebstes mußte er +gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja sie so +schändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja doch sie die Ursache +unseres Unglücks. Gar erwünscht kam sogar meinem rachedürstigen Herzen +die Nachricht, daß in dieser Zeit Bianka zum zweitenmal sich vermählen +wollte, es war beschlossen, sie mußte sterben. Aber mir selbst graute +vor der Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum +spähten wir umher nach einem Mann, der das Geschäft vollbringen könne. +Unter den Florentinern wagte ich keinen zu dingen, denn gegen den +Gouverneur würde keiner etwas Solches unternommen haben. Da fiel Pietro +der Plan ein, den ich nachher ausgeführt habe; zugleich schlug er dich +als Fremden und Arzt als den Tauglichsten vor. Den Verlauf der Sache +weißt du. Nur an deiner großen Vorsicht und Ehrlichkeit schien mein +Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit dem Mantel. + +Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gouverneurs; er +hätte uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht, +durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte +darbot, erschreckt, entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war +ich über zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer +Kirche niedersank. Dort erst sammelte ich mich wieder, und mein erster +Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem +Hause fände. Ich schlich an den Palast, aber weder von Pietro noch von +dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pförtchen aber war offen, so +konnte ich wenigstens hoffen, daß du die Gelegenheit zur Flucht benützt +haben könntest. + +Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Entdeckung und +ein unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz. +Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach +einigen Tagen überall diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man +habe den Mörder, einen griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in +banger Besorgnis nach Florenz zurück; denn schien mir meine Rache schon +vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie war mir durch +dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an demselben Tage an, der dich +der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich fühlte, als ich dich +das Schafott besteigen und so heldenmütig leiden sah. Aber damals, als +dein Blut in Strömen aufspritzte, war der Entschluß fest in mir, dir +deine übrigen Lebenstage zu versüßen. Was weiter geschehen ist, weißt +du, nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit +dir machte. + +Als eine schwere Last drückte mich der Gedanke, daß du mir noch immer +nicht vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu +leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir +getan.“ + +Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehört; mit sanftem Blick +bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. „Ich wußte wohl, daß du +unglücklicher sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie +eine dunkle Wolke ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von +Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser +Gestalt in die Wüste? Was fingst du an, nachdem du in Konstantinopel +mir das Haus gekauft hattest?“ + +„Ich ging nach Alessandria zurück“, antwortete der Gefragte. „Haß gegen +alle Menschen tobte in meiner Brust, brennender Haß besonders gegen +jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen +Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria, +als jene Landung meiner Landsleute erfolgte. + +Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum +sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und +schloß mich jenen tapferen Mamelucken an, die so oft der Schrecken des +französischen Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich +mich nicht entschließen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren. +Ich lebte mit einer kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unstetes +und flüchtiges, dem Kampf und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe +zufrieden unter diesen Leuten, die mich wie ihren Fürsten ehren; denn +wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind wie Eure Europäer, so +sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von Selbstsucht +und Ehrgeiz.“ + +Zaleukos dankte dem Fremden für seine Mitteilung, aber er verbarg ihm +nicht, daß er es für seinen Stand, für seine Bildung angemessener +fände, wenn er in christlichen, in europäischen Ländern leben und +wirken würde. Er faßte seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei +ihm zu leben und zu sterben. + +Gerührt sah ihn der Gastfreund an. „Daraus erkenne ich“, sagte er, „daß +du mir ganz vergeben hast, daß du mich liebst. Nimm meinen innigsten +Dank dafür!“ Er sprang auf und stand in seiner ganzen Größe vor dem +Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzenden +Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beinahe graute. „Dein Vorschlag +ist schön“, sprach jener weiter, „er möchte für jeden andern lockend +sein—ich kann ihn nicht benützen. Schon steht mein Roß gesattelt, +erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!“ Die Freunde, die das +Schicksal so wunderbar zusammengeführt, umarmten sich zum Abschied. +„Und wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gastfreund, der auf ewig in +meinem Gedächtnis leben wird?“ fragte der Grieche. + +Der Fremde sah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und +sprach: „Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin der Räuber +Orbasan.“ + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1826 *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for an eBook, except by following +the terms of the trademark license, including paying royalties for use +of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for +copies of this eBook, complying with the trademark license is very +easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation +of derivative works, reports, performances and research. Project +Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may +do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected +by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark +license, especially commercial redistribution. + +START: FULL LICENSE + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg-tm License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project +Gutenberg-tm electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or +destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your +possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a +Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound +by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the +person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph +1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm +electronic works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the +Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. If an individual work is unprotected by copyright law in the +United States and you are located in the United States, we do not +claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, +displaying or creating derivative works based on the work as long as +all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope +that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting +free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm +works in compliance with the terms of this agreement for keeping the +Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily +comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when +you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are +in a constant state of change. If you are outside the United States, +check the laws of your country in addition to the terms of this +agreement before downloading, copying, displaying, performing, +distributing or creating derivative works based on this work or any +other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no +representations concerning the copyright status of any work in any +country other than the United States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other +immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear +prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work +on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the +phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, +performed, viewed, copied or distributed: + + This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and + most other parts of the world at no cost and with almost no + restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it + under the terms of the Project Gutenberg License included with this + eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the + United States, you will have to check the laws of the country where + you are located before using this eBook. + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is +derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not +contain a notice indicating that it is posted with permission of the +copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in +the United States without paying any fees or charges. If you are +redistributing or providing access to a work with the phrase "Project +Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply +either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or +obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any +additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms +will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works +posted with the permission of the copyright holder found at the +beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including +any word processing or hypertext form. However, if you provide access +to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format +other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official +version posted on the official Project Gutenberg-tm website +(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense +to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means +of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain +Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the +full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works +provided that: + +* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed + to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has + agreed to donate royalties under this paragraph to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid + within 60 days following each date on which you prepare (or are + legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty + payments should be clearly marked as such and sent to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in + Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation." + +* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or destroy all + copies of the works possessed in a physical medium and discontinue + all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm + works. + +* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + +* You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project +Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than +are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing +from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of +the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set +forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +works not protected by U.S. copyright law in creating the Project +Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm +electronic works, and the medium on which they may be stored, may +contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate +or corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged disk or +other medium, a computer virus, or computer codes that damage or +cannot be read by your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium +with your written explanation. The person or entity that provided you +with the defective work may elect to provide a replacement copy in +lieu of a refund. If you received the work electronically, the person +or entity providing it to you may choose to give you a second +opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If +the second copy is also defective, you may demand a refund in writing +without further opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO +OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of +damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement +violates the law of the state applicable to this agreement, the +agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or +limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or +unenforceability of any provision of this agreement shall not void the +remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in +accordance with this agreement, and any volunteers associated with the +production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm +electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, +including legal fees, that arise directly or indirectly from any of +the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this +or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any +Defect you cause. + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of +computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, +Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up +to date contact information can be found at the Foundation's website +and official page at www.gutenberg.org/contact + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without +widespread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine-readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To SEND +DONATIONS or determine the status of compliance for any particular +state visit www.gutenberg.org/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our website which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This website includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + |
