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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/6496-8.txt b/6496-8.txt new file mode 100644 index 0000000..d4cfc59 --- /dev/null +++ b/6496-8.txt @@ -0,0 +1,4791 @@ + +The Project Gutenberg EBook of Die Braut von Messina +by Johann Christoph Friedrich von Schiller + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + + +Die Braut von Messina + +oder + +die feindlichen Brüder. + + + +Friedrich Schiller + +Ein Trauerspiel mit Chören. + + + +Personen. + +Donna Isabella, Fürstin von Messina. +Don Manuel und Don Cesar, ihre Söhne. +Beatrice. +Diego. +Boten. +Chor, bestehend aus dem Gefolge der Brüder. +Die Ältesten von Messina, reden nicht. + +Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie + +1. Aufzug +2. Aufzug +3. Aufzug +4. Aufzug + + + + +Erster Aufzug. (1) + +------------------------------------------------------ +(1) Die Eintheilung in Aufzüge und Auftritte, die sich in der ersten +und in allen bisherigen Ausgaben nicht findet, ist dem von Schiller +revidirten Hamburger Bühnenmanuscript entnommen. +------------------------------------------------------ + +Die Scene ist eine geräumige Säulenhalle, auf beiden Seiten sind Eingänge, +eine große Flügelthüre in der Tiefe führt zu einer Kapelle. + + + +Erster Auftritt. + + +Donna Isabella in tiefer Trauer, die Ältesten von Messina stehen um sie her. + +Isabella. + Der Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb, + Tret' ich, ihr greisen Häupter dieser Stadt, + Heraus zu euch aus den verschwiegenen + Gemächern meines Frauensaals, das Antlitz + Vor euren Männerblicken zu entschleiern. + Denn es geziemt der Wittwe, die den Gatten + Verloren, ihres Lebens Licht und Ruhm, + Die schwarz umflorte Nachtgestalt dem Aug + Der Welt in stillen Mauern zu verbergen; + Doch unerbittlich allgewaltig treibt + Des Augenblicks Gebieterstimme mich + An das entwohnte Licht der Welt hervor. + + Nicht zweimal hat der Mond die Lichtgestalt + Erneut, seit ich den fürstlichen Gemahl + Zu seiner letzten Ruhestätte trug, + Der mächtigwaltend dieser Stadt gebot, + Mit starkem Arme gegen eine Welt + Euch schützend, die euch feindlich rings umlagert. + Er selber ist dahin, doch lebt sein Geist + In einem tapfern Heldenpaare fort + Glorreicher Söhne, dieses Landes Stolz. + Ihr habt sie unter euch in freud'ger Kraft + Aufwachsen sehen, doch mit ihnen wuchs + Aus unbekannt verhängnißvollem Samen + Auch ein unsel'ger Bruderhaß empor, + Der Kindheit frohe Einigkeit zerreißend, + Und reifte furchtbar mit dem Ernst der Jahre. + Nie hab' ich ihrer Eintracht mich erfreut; + An diesen Brüsten nährt' ich beide gleich, + Gleich unter sie vertheil' ich Lieb' und Sorge, + Und beide weiß ich kindlich mir geneigt. + In diesem einz'gen Triebe sind sie Eins, + In allem Andern trennt sie blut'ger Streit. + + Zwar, weil der Vater noch gefürchtet herrschte, + Hielt er durch gleiche Strenge furchtbare + Gerechtigkeit die Heftigbrausenden im Zügel, + Und unter eines Joches Eisenschwere + Bog er vereinend ihren starren Sinn. + Nicht waffentragend durften sie sich nahn, + Nicht in denselben Mauern übernachten. + So hemmt' er zwar mit strengem Machtgebot + Den rohen Ausbruch ihres wilden Triebs; + Doch ungebessert in der tiefen Brust + Ließ er den Haß--der Starke achtet es + Gering, die leise Quelle zu verstopfen, + Weil er dem Strome mächtig wehren kann. + + Was kommen mußte, kam. Als er die Augen + Im Tode schloß und seine starke Hand + Sie nicht mehr bändigt, bricht der alte Groll + Gleichwie des Feuers eingepreßte Gluth, + Zur offnen Flamme sich entzündend, los. + Ich sag' euch, was ihr Alle selbst bezeugt: + Messina theilte sich, die Bruderfehde + Löst' alle heil'gen Bande der Natur, + Dem allgemeinen Streit die Losung gebend, + Schwert traf auf Schwert, zum Schlachtfeld ward die Stadt. + Ja, diese Hallen selbst bespritzte Blut. + + Des Staates Bande sahet ihr zerreißen, + Doch mir zerriß im Innersten das Herz-- + Ihr fühltet nur das öffentliche Leiden + Und fragtet wenig nach der Mutter Schmerz. + Ihr kamt zu mir und spracht dies harte Wort: + "Du siehst, daß deiner Söhne Bruderzwist + "Die Stadt empört in bürgerlichem Streit, + "Die, von dem bösen Nachbarn rings umgarnt, + "Durch Eintracht nur dem Feinde widersteht. + "--Du bist die Mutter! Wohl, so siehe zu, + "Wie du der Söhne blut'gen Hader stillst. + "Was kümmert uns, die Friedlichen, der Zank + "Der Herrscher? Sollen wir zu Grunde gehn, + "Weil deine Söhne wüthend sich befehden? + "Wir wollen uns selbst rathen ohne sie + "Und einem andern Herrn uns übergeben, + "Der unser Bestes will und schaffen kann!" + + So spracht ihr rauhen Männer, mitleidlos + Für euch nur sorgend und für eure Stadt, + Und wälztet noch die öffentliche Noth + Auf dieses Herz, das von der Mutter Angst + Und Sorgen schwer genug belastet war. + Ich unternahm das nicht zu Hoffende, + Ich warf mit dem zerrißnen Mutterherzen + Mich zwischen die Ergrimmten, Frieden rufend-- + Unabgeschreckt, geschäftig, unermüdlich + Beschickt' ich sie, den Einen um den Andern, + Bis ich erhielt durch mütterliches Flehn, + Das sie's zufrieden sind, in dieser Stadt + Messina, in dem väterlichen Schloß + Unfeindlich sich von Angesicht zu sehn, + Was nie geschah, seitdem der Fürst verschied. + + Dies ist der Tag! Des Boten harr' ich stündlich, + Der mir die Kunde bringt von ihrem Anzug. + --Seid denn bereit, die Herrscher zu empfangen + Mit Ehrfurcht, wie's dem Unterthanen ziemt. + Nur eure Pflicht zu leisten seid bedacht, + Für's Andre laßt uns Andere gewähren. + Verderblich diesem Land und ihnen selbst + Verderbenbringend war der Söhne Streit; + Versöhnt, vereinigt, sind sie mächtig gnug, + Euch zu beschützen gegen eine Welt + Und Recht sich zu verschaffen--gegen euch! + +(Die Ältesten entfernen sich schweigend, die Hand auf der Brust. +Sie winkt einem alten Diener, der zurückbleibt.) + + + +Zweiter Auftritt. + + +Isabella. Diego. + +Isabella. + Diego! + +Diego. + Was gebietet meine Fürstin? + +Isabella. + Bewährter Diener! Redlich Herz! Tritt näher! + Mein Leiden hast du, meinen Schmerz getheilt, + So theil' auch jetzt das Glück der Glücklichen. + Verpfändet hab' ich deiner treuen Brust + Mein schmerzlich süßes, heiliges Geheimniß. + Der Augenblick ist da, wo es ans Licht + Des Tages soll hervorgezogen werden. + Zu lange schon erstickt' ich der Natur + Gewalt'ge Regung, weil noch über mich + Ein fremder Wille herrisch waltete. + Jetzt darf sich ihre Stimme frei erheben, + Noch heute soll dies Herz befriedigt sein, + Und dieses Haus, das lang verödet war, + Versammle Alles, was mir theuer ist. + + So lenke denn die alterschweren Tritte + Nach jenem wohlbekannten Kloster hin, + Das einen theuren Schatz mir aufbewahrt. + Du warst es, treue Seele, der ihn mir + Dorthin geflüchtet hat auf beßre Tage, + Den traur'gen Dienst der Traurigen erzeigend. + Du bringe fröhlich jetzt der Glücklichen + Das theure Pfand zurück. +(Man hört in der Ferne blasen.) + O eile, eile + Und laß die Freude deinen Schritt verjüngen! + Ich höre kriegerischer Hörner Schall, + Der meiner Söhne Einzug mir verkündigt. + +(Diego geht ab. Die Musik läßt sich noch von einer entgegengesetzten +Seite immer näher und näher hören.) + +Isabella. + Erregt ist ganz Messina--Horch! ein Strom + Verworrner Stimmen wälzt sich brausend her-- + Sie sind's! Das Herz der Mutter, mächtig schlagend, + Empfindet ihrer Nähe Kraft und Zug. + Sie sind's! O meine Kinder, meine Kinder! (Sie eilt hinaus.) + + + +Dritter Auftritt. + + +Chor tritt auf. + +Er besteht aus zwei Halbchören, welche zu gleicher Zeit, von zwei +entgegengesetzten Seiten, der eine aus der Tiefe, der andere aus +dem Vordergrund eintreten, rund um die Bühne gehen und sich alsdann +auf derselben Seite, wo jeder eingetreten, in eine Reihe stellen. +Den einen Halbchor bilden die ältern, den andern die jüngern Ritter; +beide sind durch Farbe und Abzeichen verschieden. Wenn beide Chöre +einander gegenüber stehen, schweigt der Marsch, und die beiden +Chorführer reden. (2) + +------------------------------------------------------ +(2) Anmerkung. Der Verfasser hat bei Übersendung des Manuscripts an +das Theater zu Wien einen Vorschlag beigefügt, wie die Reden des Chors +unter einzelne Personen vertheilt werden könnten. Der erste Chor sollte +nämlich aus Cajetan, Berengar, Manfred, Tristan und acht Rittern Don +Manuels, der zweite aus Bohemund, Roger, Hippolit und neun Rittern +Don Cesars bestehen. Was jede dieser Personen nach des Verfassers +Plane zu sagen haben würde, ist bei dieser Ausgabe angedeutet worden. +------------------------------------------------------ + +Erster Chor. (Cajetan.) + Dich begrüß' ich in Ehrfurcht, + Prangende Halle, + Dich, meiner Herrscher + Fürstliche Wiege, + Säulengetragenes herrliches Dach. + + Tief in der Scheide + Ruhe das Schwert, + Vor den Thoren gefesselt + Liege des Streits schlangenhaarigtes Scheusal. + Denn des gastlichen Hauses + Unverletzliche Schwelle + Hütet der Eid, der Erinyen Sohn, + Der furchtbarste unter den Göttern der Hölle! + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen, + Zu dem Kampf ist die Faust geballt, + Denn ich sehe das Haupt der Medusen, + Meines Feindes verhaßte Gestalt. + Kaum gebiet' ich dem kochenden Blute. + Gönn' ich ihm die Ehre des Worts? + Oder gehorch' ich dem zürnenden Muthe? + Aber mich schreckt die Eumenide, + Die Beschirmerin dieses Orts, + Und der waltende Gottesfriede. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Weisere Fassung + Ziemet dem Alter, + Ich, der Vernünftige, grüße zuerst. (Zu dem zweiten Chor.) + + Sei mir willkommen, + Der du mit mir + Gleiche Gefühle + Brüderlich theilend, + Dieses Palastes + Schützende Götter + Fürchtend verehrst! + Weil sich die Fürsten gütlich besprechen, + Wollen auch wir jetzt Worte des Friedens + Harmlos wechseln mit ruhigem Blut, + Denn auch das Wort ist, das heilende, gut. + Aber treff' ich dich draußen im Freien, + Da mag der blutige Kampf sich erneuen, + Da erprobe das Eisen den Muth. + +Der ganze Chor. + Aber treff ich dich draußen im Freien, + Da mag der blutige Kampf sich erneuen, + Da erprobe das Eisen den Muth. + +Erster Chor. (Berengar.) + Dich nicht hass' ich! Nicht du bist mein Feind! + Eine Stadt ja hat uns geboren, + Jene sind ein fremdes Geschlecht. + Aber wenn sich die Fürsten befehden, + Müssen die Diener sich morden und tödten, + Das ist die Ordnung, so will es das Recht. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Mögen sie's wissen, + Warum sie sich blutig + Hassend bekämpfen! Mich ficht es nicht an. + Aber wir fechten ihre Schlachten; + Der ist kein Tapfrer, kein Ehrenmann, + Der den Gebieter läßt verachten. + +Der ganze Chor. + Aber wir fechten ihre Schlachten; + Der ist kein Tapfrer, kein Ehrenmann, + Der den Gebieter läßt verachten. + +Einer aus dem Chor. (Berengar.) + Hört, was ich bei mir selbst erwogen, + Als ich müßig daher gezogen, + Durch des Korus hochwallende Gassen, + Meinen Gedanken überlassen. + + Wir haben uns in des Kampfes Wuth + Nicht besonnen und nicht berathen, + Denn uns bethörte das brausende Blut. + + Sind sie nicht unser, diese Saaten? + Diese Ulmen, mit Reben umsponnen, + Sind sie nicht Kinder unsrer Sonnen? + Könnten wir nicht in frohem Genuß + Harmlos vergnügliche Tage spinnen, + Lustig das leichte Leben gewinnen? + Warum ziehn wir mit rasendem Beginnen + Unser Schwert für das fremde Geschlecht? + Es hat an diesem Boden kein Recht. + Auf dem Meerschiff ist es gekommen + Von der Sonne röthlichem Untergang; + Gastlich haben wir's aufgenommen + (Unsre Väter! Die Zeit ist lang), + Und jetzt sehen wir uns als Knechte, + Unterthan diesem fremden Geschlechte! + +Ein Zweiter. (Manfred.) + Wohl! Wir bewohnen ein glückliches Land, + Das die himmelumwandelnde Sonne + Ansieht mit immer freundlicher Helle, + Und wir können es fröhlich genießen; + Aber es läßt sich nicht sperren und schließen, + Und des Meers rings umgebende Welle, + Sie verräth uns dem kühnen Corsaren, + Die die Küste verwegen durchkreuzt. + Einen Segen haben wir zu bewahren, + Der das Schwert nur des Fremdlings reizt. + Sklaven sind wir in den eigenen Sitzen, + Das Land kann seine Kinder nicht schützen. + Nicht, wo die goldene Ceres lacht + Und der friedliche Pan, der Flurenbehüter, + Wo das Eisen wächst in der Berge Schacht, + Da entspringen der Erde Gebieter. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Ungleich vertheilt sind des Lebens Güter + Unter der Menschen flücht'gem Geschlecht; + Aber die Natur, sie ist ewig gerecht. + Uns verlieh sie das Mark und die Fülle, + Die sich immer erneuend erschafft, + Jenen ward der gewaltige Wille + Und die unzerbrechliche Kraft. + Mit der furchtbaren Stärke gerüstet, + Führen sie aus, was dem Herzen gelüstet, + Füllen die Erde mit mächtigem Schall; + Aber hinter den großen Höhen + Folgt auf der tiefe, der donnernde Fall. + + Darum lob' ich mir niedrig zu stehen, + Mich verbergend in meiner Schwäche. + Jene gewaltigen Wetterbäche, + Aus des Hagels unendlichen Schlossen, + Aus den Wolkenbrüchen zusammen geflossen, + Kommen finster gerauscht und geschossen, + Reißen die Brücken und reißen die Dämme + Donnernd mit fort im Wogengeschwemme, + Nichts ist, das die Gewaltigen hemme. + Doch nur der Augenblick hat sie geboren, + Ihres Laufes furchtbare Spur + Geht verrinnend im Sande verloren, + Die Zerstörung verkündigt sie nur. + --Die fremden Eroberer kommen und gehen; + Wir gehorchen, aber wir bleiben stehen. + +Die hintere Thüre öffnet sich; Donna Isabella erscheint zwischen +ihren Söhnen Don Manuel und Don Cesar. + +Beide Chöre. (Cajetan.) + Preis ihr und Ehre, + Die uns dort aufgeht, + Eine glänzende Sonne! + Knieend verehr' ich dein herrliches Haupt. + +Erster Chor. (Berengar.) + Schön ist des Mondes + Mildere Klarheit + Unter der Sterne blitzendem Glanz, + Schön ist der Mutter + Liebliche Hoheit + Zwischen der Söhne feuriger Kraft; + Nicht auf der Erden + Ist ihr Bild und ihr Gleichniß zu sehn. + + Hoch auf des Lebens (3) + +------------------------------------------------------ + +(3) Anmerkung. Nach der Absicht des Verf. sollte die Stelle: "Hoch +auf des Lebens--ihrem Sohn" auf dem Theater wegbleiben. + +------------------------------------------------------ + + Gipfel gestellt, + Schließt sie blühend den Kreis des Schönen, + Mit der Mutter und ihren Söhnen + Krönt sich die herrlich vollendete Welt. + + Selber die Kirche, die göttliche, stellt nicht + Schöneres dar auf dem himmlischen Thron; + Höheres bildet + Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne, + Als die Mutter mit ihrem Sohne. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Freudig sieht sie aus ihrem Schooße + Einen blühenden Baum sich erheben, + Der sich ewig sprossend erneut. + Denn sie hat ein Geschlecht geboren, + Welches wandeln wird mit der Sonne + Und den Namen geben der rollenden Zeit. +(Roger.) + Völker verrauschen, + Namen verklingen, + Finstre Vergessenheit + Breitet die dunkelnachtenden Schwingen + Über ganzen Geschlechtern aus. + + Aber der Fürsten + Einsame Häupter + Glänzen erhellt, + Und Aurora berührt sie + Mit den ewigen Strahlen + Als die ragenden Gipfel der Welt. + + + +Vierter Auftritt. + + +Isabella (mit ihren Söhnen hervortretend). + Blick' nieder, hohe Königin des Himmels, + Und halte deine Hand auf dieses Herz, + Daß es der Übermuth nicht schwellend hebe; + denn leicht vergäße sich der Mutter Freude, + Wenn sie sich spiegelt in der Söhne Glanz, + Zum Erstenmal, seitdem ich sie geboren, + Umfass' ich meines Glückes Fülle ganz. + Denn bis auf diesen Tag mußt' ich gewaltsam + Des Herzens fröhliche Ergießung theilen; + Vergessen ganz mußt' ich den einen Sohn, + Wenn ich der Nähe mich des andern freute. + O, meine Mutterliebe ist nur eine, + Und meine Söhne waren ewig zwei! + --Sagt, darf ich ohne Zittern mich der süßen + Gewalt des trunknen Herzens überlassen? (Zu Don Manuel.) + Wenn ich die Hand des Bruders freundlich drücke, + Stoß' ich den Stachen nicht in deine Brust? (Zu Don Cesar.) + Wenn ich das Herz an seinem Anblick weide, + Ist's nicht ein Raub an Dir?--O, ich muß zittern, + Daß meine Liebe selbst, die ich euch zeige, + Nur eures Hasses Flammen heft'ger schüre. + +(Nachdem sie Beide fragend angesehen.) + + Was darf ich mir von euch versprechen? Redet! + Mit welchem Herzen kamet ihr hieher? + Ist's noch der alte unversöhnte Haß, + Den ihr mit herbringt in des Vaters Haus, + Und wartet draußen vor des Schlosses Thoren + Der Krieg, auf Augenblicke nur gebändigt + Und knirschend in das eherne Gebiß, + Um alsobald, wenn ihr den Rücken mir + Gekehrt, mit neuer Wuth sich zu entfesseln? + +Chor. (Bohemund.) + Krieg oder Frieden! Noch liegen die Loose + Dunkel verhüllt in der Zukunft Schooße! + Doch es wird sich noch, eh wir uns trennen, entscheiden; + Wir sein bereit und gerüstet zu beiden. + +Isabella (im ganzen Kreis umherschauend.) + Und welcher furchtbar kriegerische Anblick! + Was sollen Diese hier? Ist's eine Schlacht, + Die sich in diesen Sälen zubereitet? + Wozu die fremde Schaar, wenn eine Mutter + Das Herz aufschließen will vor ihren Kindern? + Bis in den Schooß der Mutter fürchtet ihr + Der Arglist Schlingen, tückischen Verrath, + Daß ihr den Rücken euch besorglich deckt? + --O diese wilden Banden, die euch folgen, + Die raschen Diener eures Zorns--sie sind + Nicht eure Freunde! Glaubet nimmermehr, + Daß sie euch wohlgesinnt zum Besten rathen! + Wie könnten sie's von Herzen mit euch meinen, + Den Fremdlingen, dem eingedrungnen Stamm, + Der aus dem eignen Erbe sie vertrieben, + Sich über die der Herrschaft angemaßt? + Glaubt mir! Es liebt ein Jeder, frei sich selbst + Zu leben nach dem eigenen Gesetz; + Die fremde Herrschaft wird mit Neid ertragen. + Von eurer Macht allein und ihrer Furcht + Erhaltet ihr den gern versagten Dienst. + Lernt dies Geschlecht, das herzlos falsche, kennen! + Die Schadenfreude ist's, wodurch sie sich + An eurem Glück, an eurer Größe rächen. + Der Herrscher Fall, der hohen Häupter Sturz + Ist ihrer Lieder Stoff und ihr Gespräch, + Was sich vom Sohn zum Enkel forterzählt, + Womit sie sich die Winternächte kürzen. + --O meine Söhne! Feindlich ist die Welt + Und falsch gesinnt! Es liebt ein Jeder nur + Sich selbst; unsicher, los und wandelbar + Sind alle Bande, die das leichte Glück + Geflochten--Laune löst, was Laune knüpft-- + Nur die Natur ist redlich! Sie allein + Liegt an dem ew'gen Ankergrunde fest, + Wenn alles Andre auf den sturmbewegten Wellen + Des Lebens unstet treibt--Die Neigung gibt + Den Freund, es gibt der Vortheil den Gefährten; + Wohl Dem, dem die Geburt den Bruder gab! + Ihn kann das Glück nicht geben! Anerschaffen + Ist ihm der Freund, und gegen eine Welt + Voll Kriegs und Truges steht er zweifach da! + +Chor. (Cajetan.) + Ja, es ist etwas Großes, ich muß es verehren, + Um einer Herrscherin fürstlichen Sinn, + Über der Menschen Thun und Verkehren + Blickt sie mit ruhiger Klarheit hin. + Uns aber treibt das verworrene Streben + Blind und sinnlos durchs wüste Leben. + +Isabella. (zu Don Cesar). + Du, der das Schwert auf seinen Bruder zückt, + Sieh dich umher in dieser ganzen Schaar, + Wo ist ein edler Bild als deines Bruders? (Zu Don Manuel.) + Wer unter Diesen, die du Freunde nennst, + Darf deinem Bruder sich zur Seite stellen? + Ein Jeder ist ein Muster seines Alters, + Und Keiner gleicht, und Keiner weicht dem Andern. + Wagt es, euch in das Angesicht zu sehn! + O Raserei der Eifersucht, des Neides! + Ihn würdest du aus Tausenden heraus + Zum Freunde dir gewählt, ihn an das Herz + Geschlossen haben als den Einzigen; + Und jetzt, da ihn die heilige Natur + Dir gab, dir in der Wiege schon ihn schenkte, + Trittst du, ein Frevler an dem eignen Blut, + Mit stolzer Willkür ihr Geschenk mit Füßen, + Dich wegzuwerfen an den schlechtern Mann, + Dich an den Feind und Fremdling anzuschließen! + +Don Manuel. + Höre mich, Mutter! + +Don Cesar. + Mutter, höre mich! + +Isabella. + Nicht Worte sind's, die diesen traur'gen Streit + Erledigen--Hier ist das Mein und Dein, + Die Rache von der Schuld nicht mehr zu sondern. + --Wer möchte noch das alte Bette finden + Des Schwefelstroms, der glühend sich ergoß? + Des unterird'schen Feuers schreckliche + Geburt ist Alles, eine Lavarinde + Liegt aufgeschichtet über dem Gesunden, + Und jeder Fußtritt wandelt auf Zerstörung. + --Nur dieses Eine leg' ich euch ans Herz: + Das Böse, das der Mann, der mündige, + Dem Manne zufügt, das, ich will es glauben, + Vergibt sich und versöhnt sich schwer. Der Mann + Will seinen Haß, und keine Zeit verändert + Den Rathschluß, den er wohl besonnen faßt. + Doch eures Haders Ursprung steigt hinauf + In unverständ'ger Kindheit frühe Zeit, + Sein Alter ist's, was ihn entwaffnen sollte. + Fragte zurück, was euch zuerst entzweite; + Ihr wißt es nicht, ja, fändet ihr's auch aus, + Ihr würdet auch des kind'schen Haders schämen. + Und dennoch ist's der erste Kinderstreit, + Der, fortgezeugt in unglücksel'ger Kette, + Die neuste Unbill dieses Tags geboren. + Denn alle schweren Thaten, die bis jetzt geschahn, + Sind nur des Argwohns und der Rache Kinder. + --Und jene Knabenfehde wolltet ihr + Nicht jetzt fortkämpfen, da ihr Männer seid? (Beider Hände fassend.) + O, meine Söhne! Kommt, entschließet euch, + Die Rechnung gegenseitig zu vertilgen, + Denn gleich auf beiden Seiten ist das Unrecht. + Seid edel, und großherzig schenkt einander + Die unabtragbar ungeheure Schuld. + Der Siege göttlichster ist das Vergeben! + In eueres Vaters Gruft werft ihn hinab, + Den alten Haß der frühen Kinderzeit! + Der schönen Liebe sei das neue Leben, + Der Eintracht, der Versöhnung sei's geweiht. + +(Sie tritt einen Schritt zwischen beiden zurück, als wollte sie ihnen +Raum geben, sich einander zu nähern. Beide blicken zur Erde, ohne +einander anzusehen.) + +Chor. (Cajetan.) + Höret der Mutter vermahnende Rede, + Wahrlich, sie spricht ein gewichtiges Wort! + Laßt es genug sein und endet die Fehde, + Oder gefällt's euch, so setzet sie fort. + Was auch genehm ist, das ist mir gerecht, + Ihr seid die Herrscher, und ich bin der Knecht. + +Isabella. (nachdem sie einige Zeit innegehalten und vergebens eine +Äußerung der Brüder erwartet, mit unterdrücktem Schmerz.) + Jetzt weiß ich nichts mehr. Ausgeleert hab' ich + Der Worte Köcher und erschöpft der Bitten Kraft. + Im Grabe ruht, der euch gewaltsam bändigte, + Und machtlos steht die Mutter zwischen euch. + --Vollendet! Ihr habt freie Macht! Gehorcht + Dem Dämon, der euch sinnlos wüthend treibt, + Ehrt nicht des Hausgotts heiligen Altar, + Laßt diese Halle selbst, die euch geboren, + Den Schauplatz werden eines Wechselmords. + Vor eurer Mutter Aug zerstöret euch + Mit euren eignen, nicht durch fremde Hände. + Leib gegen Leib, wie das thebanische Paar, + Rückt auf einander an, und wuthvoll ringend, + Umfanget euch mit eherner Umarmung. + Leben um Leben tauschend siege Jeder, + Den Dolch einbohrend nicht des Andern Brust, + Daß selbst der Tod nicht eure Zwietracht heile, + Die Flamme selbst, des Feuers rothe Säule, + Die sich von eurem Scheiterhaufen hebt, + Sich zweigespalten von einander theile, + Ein schaudernd Bild, wie ihr gestorben und gelebt. + +(Sie geht ab. Die Brüder bleiben noch in der vorigen Entfernung von +einander stehen.) + + + +Fünfter Auftritt. + + +Beide Brüder. Beide Chöre. + +Chor. (Cajetan.) + Es sind nur Worte, die sie gesprochen, + Aber sie haben den fröhlichen Muth + In der felsigten Brust mir gebrochen! + Ich nicht vergoß das verwandte Blut. + Nein zum Himmel erheb' ich die Hände: + Ihr seid Brüder! Bedenket das Ende! + +Don Cesar (ohne Don Manuel anzusehen). + Du bist der ältre Bruder, rede du! + Dem Erstgebornen weich' ich ohne Schande. + +Don Manuel (in derselben Stellung). + Sag' etwas Gutes, und ich folge gern + Dem edeln Beispiel, das der jüngre gibt. + +Don Cesar. + Nicht, weil ich für den Schuldigeren mich + Erkenne oder schwächer gar mich fühle-- + +Don Manuel. + Nicht Kleinmuths zeiht Don Cesarn, wer ihn kennt, + Fühlt' er sich schwächer, würd' er stolzer reden. + +Don Cesar. + Denkst du von deinem Bruder nicht geringer? + +Don Manuel. + Du bist zu stolz zur Demuth, ich zur Lüge. + +Don Cesar. + Verachtung nicht erträgt mein edles Herz. + Doch in des Kampfes heftigster Erbittrung + Gedachtest du mit Würde deines Bruders. + +Don Manuel. + Du willst nicht meinen Tod, ich habe Proben. + Ein Mönch erbot sich dir, mich meuchlerisch + Zu morden; du bestraftest den Verräther. + +Don Cesar (tritt etwas näher). + Hätt' ich dich früher so gerecht erkannt, + Es wäre Vieles ungeschehn geblieben. + +Don Manuel. + Und hätt' ich dir ein so versöhnlich Herz + Gewußt, viel Mühe spart' ich dann der Mutter. + +Don Cesar. + Du wurdest mir viel stolzer abgeschildert. + +Don Manuel. + Es ist der Fluch der Hohen, daß die Niedern + Sich ihres offnen Ohrs bemächtigen. + +Don Cesar (lebhaft). + So ist's, die Diener tragen alle Schuld. + +Don Manuel. + Die unser Herz in bitterm Haß entfremdet. + +Don Cesar. + Die böse Worte hin und wieder trugen. + +Don Manuel. + Mit falscher Deutung jede That vergiftet. + +Don Cesar. + Die Wunde nährten, die sie heilen sollten. + +Don Manuel. + Die Flamme schürten, die sie löschen konnten. + +Don Cesar. + Wir waren die Verführer, die Betrogenen! + +Don Manuel. + Das blinde Werkzeug fremder Leidenschaft! + +Don Cesar. + Ist's wahr, daß alles Andre treulos ist-- + +Don Manuel. + Und falsch! Die Mutter sagt's, du darfst es glauben! + +Don Cesar. + So will ich diese Bruderhand ergreifen-- + +(Er reicht ihm die Hand hin.) + +Don Manuel. (ergreift sie lebhaft). + Die mir die nächste ist auf dieser Welt. + +(Beide stehen Hand in Hand und betrachten einander eine Zeitlang +schweigend.) + +Don Cesar. + Ich seh' dich an, und überrascht, erstaunt + Find' ich in dir der Mutter theure Züge. + +Don Manuel. + Und eine Ähnlichkeit entdeckt sich mir + In dir, die mich noch wunderbarer rühret. + +Don Cesar. + Bist du es wirklich, der dem jüngern Bruder + So hold begegnet und so gütig spricht? + +Don Manuel. + Ist dieser freundlich sanftgesinnte Jüngling + Der übelwollend mir gehäß'ge Bruder? + +(Wiederum Stillschweigen; Jeder steht in den Anblick des Andern verloren.) + +Don Cesar. + Du nahmst die Pferde von arab'scher Zucht + In Anspruch aus dem Nachlaß unsers Vaters. + Den Rittern, die du schicktest, schlug ich's ab. + +Don Manuel. + Sie sind dir lieb, ich denke nicht mehr dran. + +Don Cesar. + Nein, nimm die Rosse, nimm den Wagen auch + Des Vaters, nimm sie, ich beschwöre dich! + +Don Manuel. + Ich will es thun, wenn du das Schloß am Meere + Beziehen willst, um das wir heftig stritten. + +Don Cesar. + Ich nehm' es nicht, doch bin ich's wohl zufrieden, + Daß wir's gemeinsam brüderlich bewohnen. + +Don Manuel. + So sei's! Warum ausschließend Eigenthum + Besitzen, da die Herzen einig sind? + +Don Cesar. + Warum noch länger abgesondert leben, + Da wir, vereinigt, jeder reicher werden? + +Don Manuel. + Wir sind nicht mehr getrennt, wir sind vereinigt. + +(Er eilt in seine Arme.) + +Erster Chor (zum zweiten.) (Cajetan.) + Was stehen wir hier noch feindlich geschieden, + Da die Fürsten liebend sich umfassen? + Ihrem Beispiel folg' ich und biete dir Frieden, + Wollen wir einander denn ewig hassen? + Sind sie Brüder durch Blutes Bande, + Sind wir Bürger und Söhne von einem Lande. + +(Beide Chöre umarmen sich.) + + + +Sechster Auftritt. + + +Ein Bote tritt auf. + +Zweiter Chor (Zu Don Cesar.) (Bohemund.) + Den Späher, den du ausgesendet, Herr, + Erblick' ich wiederkehrend. Freue dich, + Don Cesar! Gute Botschaft harret dein, + Denn fröhlich strahlt der Blick des Kommenden. + +Bote. + Heil mir und Heil der fluchbefreiten Stadt! + Des schönsten Anblicks wird mein Auge froh. + Die Söhne meines Herrn, die Fürsten seh' ich + In friedlichem Gespräche, Hand in Hand, + Die ich in heißer Kampfes Wuth verlassen. + +Don Cesar. + Du siehst die Liebe aus des Hasses Flammen + Wie einen neu verjüngten Phönix steigen. + +Bote. + Ein zweites leg' ich zu dem ersten Glück! + Mein Botenstab ergrünt von frischen Zweiten! + +Don Cesar. (ihn bei Seite führend). + Laß hören, was du bringst. + +Bote. + Ein einz'ger Tag + Will Alles, was erfreulich ist, versammeln. + Auch die Verlorene, nach der wir suchten, + Sie ist gefunden, Herr, sie ist nicht weit. + +Don Cesar. + Sie ist gefunden! O, wo ist sie? Sprich! + +Bote. + Hier in Messina, Herr, verbirgt sie sich. + +Don Manuel (zu dem ersten Halbchor gewendet). + Von hoher Röthe Gluth seh' ich die Wangen + Des Bruders glänzen, und sein Auge blitzt. + Ich weiß nicht, was es ist; doch ist's die Farbe + Der Freude, und mitfreuend theil' ich sie. + +Don Cesar (zu dem Boten). + Komm, führe mich!--Leb wohl, Don Manuel! + Im Arm der Mutter finden wir uns wieder; + Jetzt fordert mich ein dringend Werk von hier. (Er will gehen.) + +Don Manuel. + Verschieb' es nicht. Das Glück begleite dich. + +Don Cesar (besinnt sich und kommt zurück). + Don Manuel! Mehr, als ich sagen kann, + Freut mich dein Anblick--ja, mir ahnet schon, + Wir werden uns wie Herzensfreunde lieben, + Der langgebundne Trieb wird freud'ger nur + Und mächt'ger streben in der neuen Sonne. + Nachholen werd' ich das verlorne Leben. + +Don Manuel. + Die Blüthe deutet auf die schöne Frucht. + +Don Cesar. + Es ist nicht recht, ich fühl's und tadle mich, + Daß ich mich jetzt aus deinen Armen reiße. + Denk' nicht, ich fühle weniger, als du, + Weil ich die festlich schöne Stunde rasch zerschneide. + +Don Manuel (mit sichtbarer Zerstreuung). + Gehorche du dem Augenblick! Der Liebe + Gehört von heute an das ganze Leben. + +Don Cesar. + Entdeckt' ich dir, was mich von hinnen ruft-- + +Don Manuel. + Laß mir dein Herz! Dir bleibe dein Geheimniß. + +Don Cesar. + Auch kein Geheimniß trenn' uns ferner mehr, + Bald soll die letzte dunkle Falte schwinden! +(Zu dem Chor gewendet.) + Euch künd' ich's an, damit ihr's Alle wisset! + Der Streit ist abgeschlossen zwischen mir + Und dem geliebten Bruder! Den erklär' ich + Für meinen Todfeind und Beleidiger + Und werd' ihn hassen wie der Hölle Pforten, + Der den erloschnen Funken unsers Streits + Aufbläst zu neuen Flammen--Hoffe Keiner + Mir zu gefallen oder Dank zu ernten, + Der von dem Bruder Böses mir berichtet, + Mit falscher Dienstbegier den bittern Pfeil + Des raschen Worts geschäftig weiter sendet. + --Nicht Wurzeln auf der Lippe schlägt das Wort, + Das unbedacht dem schnellen Zorn entflohen; + Doch, von dem Ohr des Argwohns aufgefangen, + Kriecht es wie Schlingkraut endlos treibend fort + Und hängt ans Herz sich an mit tausend Ästen: + So trennen endlich in Verworrenheit + Unheilbar sich die Guten und die Besten! + +(Er umarmt den Bruder noch einmal und geht ab, von dem zweiten +Chor begleitet.) + + + +Siebenter Auftritt. + + +Don Manuel und der erste Chor. + +Chor. (Cajetan.) + Verwundrungsvoll, o Herr, betracht' ich dich, + Und fast muß ich dich heute ganz verkennen. + Mit karger Rede kaum erwiederst du + Des Bruders Liebesworte, der gutmeinend + Mit offnem Herzen dir entgegen kommt. + Versunken in dich selber stehst du da, + Gleich einem Träumenden, als wäre nur + Dein Leib zugegen, und die Seele fern. + Wer so dich sähe, möchte leicht der Kälte + Dich zeihn und stolz unfreundlichen Gemüths; + Ich aber will dich drum nicht fühllos schelten, + Denn heiter blickst du, wie ein Glücklicher + Um dich, und Lächeln spielt um deine Wangen. + +Don Manuel. + Was soll ich sagen? was erwiedern? Mag + Der Bruder Worte finden! Ihn ergreift + Ein überraschend neu Gefühl; er sieht + Den alten Haß aus seinem Busen schwinden, + Und wundernd fühlt er sein verwandtes Herz. + Ich--habe keinen Haß mehr mitgebracht, + Kaum weiß ich noch, warum wir blutig stritten. + Denn über allen ird'schen Dingen hoch + Schwebt mir auf Freudenfittigen die Seele, + Und in dem Glanzesmeer, das mich umfängt, + Sind alle Wolken mir und finstre Falten + Des Lebens ausgeglättet und verschwunden. + --Ich sehe diese Hallen, diese Säle, + Und denke mir das freudige Erschrecken + Der überraschten, hoch erstaunten Braut, + Wenn ich als Fürstin sie und Herrscherin + Durch dieses Hauses Pforten führen werde. + --Noch liebt sie nur den Liebenden! Dem Fremdling, + Dem Namenlosen hat sie sich gegeben. + Nicht ahnet sie, daß es Don Manuel, + Messina's Fürst ist, der die goldne Binde + Ihr um die schöne Stirne flechten wird. + Wie süß ist's, das Geliebte zu beglücken + Mit ungehoffter Größe Glanz und Schein! + Längst spart' ich mir dies höchste der Entzücken, + Wohl bleibt es stets sein höchster Schmuck allein; + Doch auch die Hoheit darf das Schöne schmücken, + Der goldne Reif erhebt den Edelstein. + +Chor. (Cajetan.) + Ich höre dich, o Herr, vom langen Schweigen + Zum erstenmal den stummen Mund entsiegeln. + Mit Späheraugen folgt' ich dir schon längst, + Ein seltsam wunderbar Geheimniß ahnend; + Doch nicht erkühnt' ich mich, was du vor mir + In tiefes Dunkel hüllst, dir abzufragen. + Dich reizt nicht mehr der Jagden muntre Lust, + Der Rosse Wettlauf und des Falken Sieg. + Aus der Gefährten Aug verschwindest du, + So oft die Sonne sinkt zum Himmelsrande, + Und Keiner unsers Chors, die wir dich sonst + In jeder Kriegs--und Jagdgefahr begleiten, + Mag deines stillen Pfads Gefährte sein. + Warum verschleierst du bis diesen Tag + Dein Liebesglück mit dieser neid'schen Hülle? + Was zwingt den Mächtigen, daß er verhehle? + Denn Furcht ist fern von deiner großen Seele. + +Don Manuel. + Geflügelt ist das Glück und schwer zu binden, + Nur in verschloßner Lade wird's bewahrt. + Das Schweigen ist zum Hüter ihm gesetzt, + Und rasch entfliegt es, wenn Geschwätzigkeit + Voreilig wagt, die Decke zu erheben. + Doch jetzt, dem Ziel so nahe, darf ich wohl + Das lange Schweigen brechen, und ich will's. + Denn mit der nächsten Morgensonne Strahl + Ist sie die Meine, und des Dämons Neid + Wird keine Macht mehr haben über mich. + Nicht mehr verstohlen werd' ich zu ihr schleichen, + Nicht rauben mehr der Liebe goldne Frucht, + Nicht mehr die Freude haschen auf der Flucht, + Das Morgen wird dem schönen Heute gleichen, + Nicht Blitzen gleich, die schnell vorüber schießen + Und plötzlich von der Nacht verschlungen sind, + Mein Glück wird sein, gleichwie des Baches Fließen, + Gleichwie der Sand des Stundenglases rinnt. + +Chor. (Cajetan.) + So nenne sie uns, Herr, die dich im Stillen + Beglückt, daß wir dein Loos beneidend rühmen + Und würdig ehren unsers Fürsten Braut. + Sag' an, wo du sie fandest, wo verbirgst, + In welches Orts verschwiegner Heimlichkeit? + Denn wir durchziehen schwärmend weit und breit + Die Insel auf der Jagd verschlungnen Pfaden, + Doch keine Spur hat uns dein Glück verrathen, + So daß ich bald mich überreden möchte, + Es hülle sie ein Zaubernebel ein. + +Don Manuel. + Den Zauber lös' ich auf, denn heute noch + Soll, was verborgen war, die Sonne schauen. + Vernehmet denn und hört, wie mir geschah. + Fünf Monde sind's, es herrschte noch im Lande + Des Vaters Macht und beugete gewaltsam + Der Jugend starren Nacken in das Joch-- + Nichts kannt' ich als der Waffen wilde Freuden + Und als des Waidwerks kriegerische Lust. + --Wir hatten schon den ganzen Tag gejagt + Entlang des Waldgebirges--da geschah's, + Daß die Verfolgung einer weißen Hindin + Mich weit hinweg aus eurem Haufen riß. + Das scheue Thier floh durch des Thales Krümmen, + Durch Busch und Kluft und bahnenlos Gestrüpp, + Auf Wurfes Weite sah ich's stets vor mir, + Doch konnt' ich's nicht erreichen, noch erzielen, + Bis es zuletzt an eines Gartens Pforte mir + Verschwand. Schnell von dem Roß herab mich werfend + Dring' ich ihm nach, schon mit dem Speere zielend, + Da seh' ich wundern das erschrockne Thier + Zu einer Nonne Füßen zitternd liegen, + Die selbst mit zarten Händen schmeichelnd kost. + Bewegungslos starr' ich das Wunder an, + Den Jagdspieß in der Hand, zum Wurf ausholend-- + Sie aber blickt mit großen Augen flehend + Mich an. So stehn wir schweigend gegen einander-- + Wie lange Frist, das kann ich nicht ermessen, + Denn alles Maß der Zeiten war vergessen. + Tief in die Seele drückt sie mir den Blick, + Und umgewandelt schnell ist mir das Herz. + --Was ich nun sprach, was die Holdsel'ge mir + Erwiedert, möge Niemand mich befragen, + Denn wie ein Traumbild liegt es hinter mir + Aus früher Kindheit dämmerhellen Tagen, + An meiner Brust fühlt' ich die ihre schlagen, + Als die Besinnungskraft mir wieder kam. + Da hört' ich einer Glocke helles Läuten, + Den Ruf zur Hora schien es zu bedeuten, + Und schnell, wie Geister in die Luft verwehen, + Entschwand sie mir und ward nicht mehr gesehen. + +Chor. (Cajetan.) + Mit Furcht, o Herr, erfüllt mich dein Bericht. + Raub hast du an dem Göttlichen begangen, + Des Himmels Braut berührt mit sündigem Verlangen, + Denn furchtbar heilig ist des Klosters Pflicht. + +Don Manuel. + Jetzt hatt' ich eine Straße nur zu wandeln, + Das unstet schwanke Sehnen war gebunden, + Dem Leben war sein Inhalt ausgefunden. + Und wie der Pilger sich nach Osten wendet, + Wo ihm die Sonne der Verheißung glänzt, + So kehrte sich mein Hoffen und mein Sehnen + Dem einen hellen Himmelspunkte zu. + Kein Tag entstieg dem Meer und sank hinunter, + Der nicht zwei glücklich Liebende vereinte. + Geflochten still war unsrer Herzen Bund, + Nur der allsehnde Äther über uns + War des verschwiegnen Glücks vertrauter Zeuge, + Es brauchte weiter keines Menschen Dienst. + Das waren goldne Stunden, sel'ge Tage! + --Nicht Raub am Himmel war mein Glück, denn noch + Durch kein Gelübde war das Herz gefesselt, + Das sich auf ewig mir zu eigen gab. + +Chor. (Cajetan.) + So war das Kloster eine Freistatt nur + Der zarten Jugend, nicht des Lebens Grab? + +Don Manuel. + Ein heilig Pfand ward sie dem Gotteshaus + Vertraut, das man zurück einst werde fordern. + +Chor. (Cajetan.) + Doch welches Blutes rühmt sie sich zu sein? + Denn nur vom Edeln kann das Edle stammen. + +Don Manuel. + Sich selber ein Geheimniß wuchs sie auf, + Nicht kennt sie ihr Geschlecht, noch Vaterland. + +Chor. (Cajetan.) + Und leitet keine dunkle Spur zurück + Zu ihres Daseins unbekannten Quellen? + +Don Manuel. + Daß sie von edelm Blut, gesteht der Mann, + Der einz'ge, der um ihre Herkunft weiß. + +Chor. (Cajetan.) + Wer ist der Mann? Nichts halte mir zurück, + Denn wissend nur kann ich dir nützlich rathen. + +Don Manuel. + Ein alter Diener naht von Zeit zu Zeit, + Der einz'ge Bote zwischen Kind und Mutter. + +Chor. (Cajetan.) + Von diesem Alten hast du nichts erforscht? + Feigherzig und geschwätzig ist das Alter. + +Don Manuel. + Nie wagt' ich's, einer Neugier nachzugeben, + Die mein verschwiegnes Glück gefährden könnte. + +Chor. (Cajetan.) + Was aber war der Inhalt seiner Worte, + Wenn er die Jungfrau zu besuchen kam? + +Don Manuel. + Auf eine Zeit, die Alles lösen werde, + Hat er von Jahr zu Jahren sie vertröstet. + +Chor. (Cajetan.) + Und diese Zeit, die Alles lösen soll, + Hat er sie näher deutend nicht bezeichnet? + +Don Manuel. + Seit wenig Monden drohete der Greis + Mit einer nahen Ändrung ihres Schicksals. + +Chor. (Cajetan.) + Er drohte, sagst du? Also fürchtest du + Ein Licht zu schöpfen das dich nicht erfreut? + +Don Manuel. + Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen, + Wo kein Gewinn zu hoffen, droht Verlust. + +Chor. (Cajetan.) + Doch konnte die Entdeckung, die du fürchtest, + Auch deiner Liebe günst'ge Zeichen bringen. + +Don Manuel. + Auch stürzen konnte sie mein Glück; drum wählt' ich + Das Sicherste, ihr schnell zuvor zu kommen. + +Chor. (Cajetan.) + Wie das, o Herr? Mit Furcht erfüllt du mich, + Und eine rasche That muß ich besorgen. + +Don Manuel. + Schon seit den letzten Monden ließ der Greis + Geheimnißvolle Winke sich entfallen, + Daß nicht mehr ferne sei der Tag, der sie + Den Ihrigen zurücke geben werde. + Seit gestern aber sprach er's deutlich aus, + Daß mit der nächsten Morgensonne Strahl-- + Dies aber ist der Tag, der heute leuchtet-- + Ihr Schicksal sich entscheidend werde lösen. + Kein Augenblick war zu verlieren, schnell + War mein Entschluß gefaßt und schnell vollstreckt. + In dieser Nacht raubt' ich die Jungfrau weg + Und brachte sie verborgen nach Messina. + +Chor. (Cajetan.) + Welch kühn verwegen-räuberische That! + --Verzeih, o Herr, die freie Tadelrede! + Doch Solches ist des weisern Alters Recht, + Wenn sich die rasche Jugend kühn vergißt. + +Don Manuel. + Unfern vom Kloster der Barmherzigen, + In eines Gartens abgeschiedner Stille, + Der von der Neugier nicht betreten wird, + Trennt' ich mich eben jetzt von ihr, hieher + Zu der Versöhnung mit dem Bruder eilend. + In banger Furcht ließ ich sie dort allein + Zurück, die sich nichts weniger erwartet, + Als in dem Glanz der Fürstin eingeholt + Und auf erhabnem Fußgestell des Ruhms + Vor ganz Messina ausgestellt zu werden. + Denn anders nicht soll sie mich wiedersehn, + Als in der Größe Schmuck und Staat und festlich + Von eurem ritterlichen Chor umgeben. + Nicht will ich, daß Don Manuels Verlobte + Als eine Heimathlose, Flüchtige + Der Mutter nahen soll, die ich ihr gebe; + Als eine Fürstin fürstlich will ich sie + Einführen in die Hofburg meiner Väter. + +Chor. (Cajetan.) + Gebiete, Herr! Wir harren deines Winks. + +Don Manuel. + Ich habe mich aus ihrem Arm gerissen, + Doch nur mit ihr werd' ich beschäftigt sein. + Denn nach dem Bazar sollt ihr mich anjetzt + Begleiten, wo die Mohren zum Verkauf + Ausstellen, was das Morgenland erzeugt + An edelm Stoff und feinem Kunstgebild. + Erst wählet aus die zierlichen Sandalen, + Der zartgeformten Füße Schutz und Zier; + Dann zum Gewande wählt das Kunstgewebe + Des Indiers, hellglänzend, wie der Schnee + Des Ätna, der der Nächste ist dem Licht-- + Und leicht umfließ' es, wie der Morgenduft, + Den zarten Bau der jugendlichen Glieder. + Von Purpur sei, mit zarten Fäden Goldes + Durchwirkt, der Gürtel, der die Tunica + Unter dem zücht'gen Busen reizend knüpft. + Dazu den Mantel wählt, von glänzender + Seide gewebt, in bleichem Purpur schimmernd, + Über der Achsel heft' ihn eine goldne + Cicade--Auch die Spangen nicht vergeßt, + Die schönen Arme reizend zu umzirken, + Auch nicht der Perlen und Korallen Schmuck, + Der Meeresgöttin wundersame Gaben, + Um die Locken winde sich ein Diadem, + Gefüget aus dem köstlichsten Gestein, + Worin der feurig glühende Rubin + Mit dem Smaragd die Farbenblitze kreuze. + Oben im Haarschmuck sei der lange Schleier + Gleich einem hellen Lichtgewölk, umfließe, + Und mit der Myrte jungfräulichem Kranze + Vollende krönend sich das schöne Ganze. + +Chor. (Cajetan.) + Es soll geschehen, Herr, wie du gebietest, + Denn fertig und vollendet findet sich + Dies alles auf dem Bazar ausgestellt. + +Don Manuel. + Den schönsten Zelter führet dann hervor + Aus meinen Ställen; seine Farbe sei + Lichtweiß, gleichwie des Sonnengottes Pferde, + Von Purpur sei die Decke, und Geschirr + Und Zügel reich besetzt mit edeln Steinen, + Denn tragen soll er meine Königin. + Ihr selber haltet euch bereit, im Glanz + Des Ritterstaates, unterm freud'gen Schall + Der Hörner, eure Fürstin heimzuführen. + Dies alles zu besorgen, geh' ich jetzt, + Zwei unter euch erwähl' ich zu Begleitern, + Ihr andern wartet mein--was ihr vernahmt, + Bewahrt's in eures Busens tiefem Grunde, + Bis ich das Band gelöst von eurem Munde. + +(Er geht ab, von Zweien aus dem Chor begleitet.) + + + +Achter Auftritt. + + +Chor. (Cajetan.) + Sage, was werden wir jetzt beginnen, + Da die Fürsten ruhen vom Streit, + Auszufüllen die Leere der Stunden + Und die lange unendliche Zeit? + Etwas fürchten und hoffen und sorgen + Muß der Mensch für den kommenden Morgen, + Daß er die Schwere des Daseins ertrage + Und das ermüdende Gleichmaß der Tage, + Und mit erfrischendem Windesweben + Kräuselnd bewege das stockende Leben. + +Einer aus dem Chor. (Manfred.) + Schön ist der Friede! Ein lieblicher Knabe + Liegt er gelagert am ruhigen Bach, + Und die hüpfenden Lämmer grasen + Lustig um ihn auf dem sonnigten Rasen, + Süßes Tönen entlockt er der Flöte, + Und das Echo des Berges wird wach, + Oder im Schimmer der Abendröthe + Wiegt ihn in Schlummer der murmelnde Bach-- + Aber der Krieg auch hat seine Ehre, + Der Beweger des Menschengeschicks; + Mir gefällt ein lebendiges Leben, + Mir ein ewiges Schwanken und Schwingen und Schweben + Auf der steigenden, fallenden Welle des Glücks. + + Denn der Mensch verkümmert im Frieden, + Müßige Ruh' ist das Grab des Muths. + Das Gesetz ist der Freund des Schwachen, + Alles will es nur eben machen, + Möchte gerne die Welt verflachen; + Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen, + Alles erhebt er zum Ungemeinen, + Selber dem Feigen erzeugt er den Muth. + +Ein Zweiter. (Berengar.) + Stehen nicht Amors Tempel offen? + Wallet nicht zu dem Schönen die Welt? + Da ist das Fürchten! Da ist das Hoffen! + König ist hier, wer den Augen gefällt! + Auch die Liebe beweget das Leben, + Daß sich die graulichten Farben erheben. + Reizend betrügt sie die glücklichen Jahre, + Die gefällige Tochter des Schaums; + In das Gemeine und Traurigwahre + Webt sie die Bilder des goldenen Traums. + +Ein Dritter. (Cajetan.) + Bleibe die Blume dem blühenden Lenze, + Scheine das Schöne, und flechte sich Kränze, + Wem die Locken noch jugendlich grünen; + Aber dem männlichen Alter ziemt's, + Einem ernsteren Gott zu dienen. + +Erster. (Manfred.) + Der strengen Diana, der Freundin der Jagden, + Lasset uns folgen ins wilde Gehölz, + Wo die Wälder am dunkelsten nachten, + Und den Springbock stürzen vom Fels. + Denn die Jagd ist ein Gleichniß der Schlachten, + Des ernsten Kriegsgotts lustige Braut-- + Man ist auf mit dem Morgenstrahl, + Wenn die schmetternden Hörner laden + Lustig hinaus in das dampfende Thal, + Über Berge, über Klüfte, + Die ermatteten Glieder zu baden + In den erfrischenden Strömen der Lüfte! + +Zweiter. (Berengar.) + Oder wollen wir uns der blauen + Göttin, der ewig bewegten, vertrauen, + Die uns mit freundlicher Spiegelhelle + Ladet in ihren unendlichen Schooß? + Bauen wir auf der tanzenden Welle + Uns ein lustig schwimmendes Schloß? + Wer das grüne, krystallene Feld + Pflügt mit des Schiffes eilendem Kiele, + Der vermählt sich das Glück, dem gehört die Welt, + Ohne die Saat erblüht ihm die Ernte! + Denn das Meer ist der Raum der Hoffnung + Und der Zufälle launisch Reich: + Hier wird der Reiche schnell zum Armen, + Und der Ärmste dem Fürsten gleich. + Wie der Wind mit Gedankenschnelle + Läuft um die ganze Windesrose, + Wechseln hier des Geschickes Loose, + Dreht das Glück seine Kugel um, + Auf den Wellen ist Alles Welle, + Auf dem Meer ist kein Eigenthum. + +Dritter. (Cajetan.) + Aber nicht bloß im Wellenreiche, + Auf der wogenden Meeresfluth, + Auch auf der Erde, so fest sie ruht + Auf den ewigen, alten Säulen, + Wanket das Glück und will nicht weilen. + --Sorge gibt mir dieser neue Frieden, + Und nicht fröhlich mag ich ihm vertrauen; + Auf der Lava, die der Berg geschieden, + Möcht' ich nimmer meine Hütte bauen. + Denn zu tief schon hat der Haß gefressen, + Und zu schwere Thaten sind geschehn, + Die sich nie vergeben und vergessen; + Noch hab' ich das Ende nicht gesehn. + Und mich schrecken ahnungsvolle Träume! + Nicht Wahrsagung reden soll mein Mund; + Aber sehr mißfällt mir dies Geheime, + Dieser Ehe segenloser Bund, + Diese lichtscheu krummen Liebespfade, + Dieses Klosterraubs verwegne That; + Denn das Gute liebt sich das Gerade, + Böse Früchte trägt die böse Saat. + +(Berengar.) + Auch ein Raub war's, wie wir alle wissen, + Der des alten Fürsten ehliches Gemahl + In ein frevelnd Ehebett gerissen, + Denn sie war des Vaters Wahl. + Und der Ahnherr schüttete im Zorne + Grauenvoller Flüche schrecklichen Samen + Auf das sündige Ehebett aus. + Gräuelthaten ohne Namen, + Schwarze Verbrechen verbirgt dies Haus. + +Chor. (Cajetan.) + Ja, es hat nicht gut begonnen, + Glaubt mir, und es endet nicht gut; + Denn gebüßt wird unter der Sonnen + Jede That der verblendeten Wuth. + Es ist kein Zufall und blindes Loos, + Daß die Brüder sich wüthend selbst zerstören; + Denn verflucht ward der Mutter Schooß, + Sie sollte den Haß und den Streit gebären. + --Aber ich will es schweigend verhüllen. + Denn die Rachgötter schaffen im Stillen; + Zeit ist's, die Unfälle zu beweinen, + Wenn sie nahen und wirklich erscheinen. (Der Chor geht ab.) + + + + +Zweiter Aufzug. + + + +Erster Auftritt. + + +Die Scene verwandelt sich in einen Garten, der die Aussicht auf +das Meer eröffnet. Aus einem anstoßenden Gartensaale tritt +Beatrice, geht unruhig auf und nieder, nach allen Seiten +Umherspähend. Plötzlich steht sie still und horcht. + + Es ist es nicht--Es war der Winde Spiel, + Die durch der Pinie Wipfel sausend streichen; + Schon neigt die Sonne sich zu ihrem Ziel, + Mit trägem Schritt seh' ich die Stunden schleichen, + Und mich ergreift ein schauderndes Gefühl, + Es schreckt mich selbst das wesenlose Schweigen. + Nichts zeigt sich mir, wie weit die Blicke tragen; + Er läßt mich hier in meiner Angst verzagen. + + Und nahe hör' ich, wie ein rauschend Wehr, + Die Stadt, die völkerwimmelnde, ertosen; + Ich höre fern das ungeheure Meer + An seine Ufer dumpferbrandend stoßen. + Es stürmen alle Schrecken auf mich her, + Klein fühl' ich mich in diesem Furchtbargroßen, + Und fortgeschleudert, wie das Blatt vom Baume, + Verlier' ich mich im grenzenlosen Raume. + + Warum verließ ich meine stille Zelle? + Da lebt' ich ohne Sehnsucht, ohne Harm! + Das Herz war ruhig, wie die Wiesenquelle, + An Wünschen leer, doch nicht an Freuden arm. + Ergriffen jetzt hat mich des Lebens Welle, + Mich faßt die Welt in ihren Riesenarm; + Zerrissen hab' ich alle frühern Bande, + Vertrauend eines Schwures leichtem Pfande. + + Wo waren die Sinne? + Was hab' ich gethan? + Ergriff mich bethörend + Ein rasender Wahn? + + Den Schleier zerriß ich + Jungfräulicher Zucht, + Die Pforten durchbrach ich der heiligen Zelle! + Umstrickte mich blendend ein Zauber der Hölle? + Dem Manne folgt' ich, + Dem kühnen Entführer, in sträflicher Flucht. + + O, komm, mein Geliebter! + Wo bleibst du und säumest? Befreie, befreie + Die kämpfende Seele! Mich naget die Reue, + Es faßt mich der Schmerz; + Mit liebender Nähe versichre mein Herz. + + Und sollt' ich mich dem Manne nicht ergeben, + Der in der Welt allein sich an mich schloß? + Denn ausgesetzt ward ich ins fremde Leben, + Und frühe schon hat ich ein strenges Loos + (Ich darf den dunkeln Schleier nicht erheben) + Gerissen von dem mütterlichen Schooß. + Nur einmal sah ich sie, die mich geboren, + Doch wie ein Traum ging mir das Bild verloren. + + Und so erwuchs ich still am stillen Orte, + In Lebens Gluth den Schatten beigesellt, + --Da stand er plötzlich an des Klosters Pforte, + Schön, wie ein Gott, und männlich, wie ein Held. + O, mein Empfinden nennen keine Worte! + Fremd kam er mir aus einer fremden Welt, + Und schnell, als wär' es ewig so gewesen, + Schloß sich der Bund, den keine Menschen lösen. + + Vergib, du Herrliche, die mich geboren, + Daß ich, vorgreifend den verhängten Stunden, + Mir eigenmächtig mein Geschick erkoren. + Nicht frei erwählt' ich's, es hat mich gefunden; + Ein dringt der Gott auch zu verschloßnen Thoren, + Zu Perseus' Thurm hat er den Weg gefunden, + Dem Dämon ist sein Opfer unverloren. + Wär' es an öde Klippen angebunden + Und an des Atlas himmeltragende Säulen, + So wird ein Flügelroß es dort ereilen. + + Nicht hinter mich begehr' ich mehr zu schauen, + In keine Heimath sehn' ich mich zurück; + Der Liebe will ich liebend mich vertrauen, + Gibt es ein schönres als der Liebe Glück? + Mit meinem Loos will ich mich gern bescheiden, + Ich kenne nicht des Lebens andre Freuden. + + Nicht kenn' ich sie und will sie nimmer kennen, + Die sich die Stifter meiner Tage nennen, + Wenn sie von dir mich, mein Geliebter, trennen. + Ein ewig Räthsel bleiben will ich mir; + Ich weiß genug, ich lebe dir! (Aufmerkend.) + Horch, der lieben Stimme Schall! + --Nein, es war der Wiederhall + Und des Meeres dumpfes Brausen, + Das sich an den Ufern bricht, + Der Geliebte ist es nicht! + Weh mir! Weh mir! Wo er weilet? + Mich umschlingt ein kaltes Grausen! + Immer tiefer + Singt die Sonne! Immer öder + Wird die Öde! Immer schwerer + Wird das Herz--Wo zögert er? (Sie geht unruhig umher.) + + Aus des Gartens sichern Mauern + Wag' ich meinen Schritt nicht mehr. + Kalt ergriff mich das Entsetzen, + Als ich in die nahe Kirche + Wagte meinen Fuß zu setzen; + Denn mich trieb's mit mächt'gem Drang + Aus der Seele tiefsten Tiefen, + Als sie zu der Hora riefen, + Hinzuknien an heil'ger Stätte, + Zu der Göttlichen zu flehn, + Nimmer konnt' ich widerstehn. + Wenn ein Lauscher mich erspähte? + Voll von Feinden ist die Welt, + Arglist hat auf allen Pfaden, + Fromme Unschuld zu verrathen, + Ihr betrüglich Netz gestellt. + Grauend hab' ich's schon erfahren, + Als ich aus des Klosters Hut + In die fremden Menschenschaaren + Mich gewagt mit frevelm Muth. + Dort, bei jenes Festes Feier, + Da der Fürst begraben ward, + Mein Erkühnen büßt' ich theuer, + Nur ein Gott hat mich bewahrt-- + Da der Jüngling mir, der fremde, + Nahte, mit dem Flammenauge, + Und mit Blicken, die mich schreckten, + Mir das Innerste durchzuckten, + In das tiefste Herz mir schaute-- + Noch durchschauert kaltes Grauen, + Da ich's denke, mir die Brust! + Nimmer, nimmer kann ich schauen + In die Augen des Geliebten, + Dieser stillen Schuld bewußt! (Aufhorchend.) + Stimmen im Garten! + Er ist's, der Geliebte! + Er selber! Jetzt täuschte + Kein Blendwerk mein Ohr. + Es naht, es vermehrt sich! + In seine Arme! + An seine Brust! + +(Sie eilt mit ausgebreiteten Armen nach der Tiefe des Gartens. +Don Cesar tritt ihr entgegen.) + + + +Zweiter Auftritt. + + +Don Cesar. Beatrice. Der Chor. + +Beatrice (mit Schrecken zurückfliehend.) + Weh mir! Was seh' ich! + +(In demselben Augenblick tritt auch der Chor ein.) + +Don Cesar. + Holde Schönheit, fürchte nichts! +(Zu dem Chor.) + Der rauhe Anblick eurer Waffen schreckt + Die zarte Jungfrau--Weicht zurück und bleibt + In ehrerbiet'ger Ferne! +(Zu Beatricen.) + Fürchte nichts! + Die holde Scham, die Schönheit ist mir heilig. + +(Der Chor hat sich zurückgezogen. Er tritt ihr näher und ergreift +ihre Hand.) + + Wo warst du? Welches Gottes Macht entrückte, + Verbarg dich diese lange Zeit? Dich hab' ich + Gesucht, nach dir geforschet; wachend, träumend + Warst du des Herzens einziges Gefühl, + Seit ich bei jenem Leichenfest des Fürsten, + Wie eines Engels Lichterscheinung, dich + Zum erstenmal erblickte--Nicht verborgen + Blieb dir die Macht, mit der du mich bezwangst. + Der Blicke Feuer und der Lippe Stammeln, + Die Hand, die in der deinen zitternd lag, + Verrieth sie dir--ein kühneres Geständniß + Verbot des Ortes ernste Majestät. + --Der Messe Hochamt rief mich zum Gebet, + Und da ich von den Knieen jetzt erstanden, + Die ersten Blicke schnell auf dich sich heften, + Warst du aus meinen Augen weggerückt; + Doch nachgezogen mit allmächt'gen Zaubers Banden + Hast du mein Herz mit allen seinen Kräften. + Seit diesem Tage such' ich rastlos dich + An aller Kirchen und Paläste Pforten, + An allen offnen und verborgnen Orten, + Wo sich die schöne Unschuld zeigen kann, + Hab' ich das Netz der Späher ausgebreitet; + Doch meiner Mühe sah ich keine Frucht, + Bis endlich heut, von einem Gott geleitet, + Des Spähers glückbekrönte Wachsamkeit + In dieser nächsten Kirche sich entdeckte. + +(Hier macht Beatrice, welche in dieser ganzen Zeit zitternd und +abgewandt gestanden, eine Bewegung des Schreckens.) + + Ich habe dich wieder, und der Geist verlasse + Eher die Glieder, eh' ich von dir scheide! + Und daß ich fest sogleich den Zufall fasse + Und mich verwahre vor des Dämons Neide, + So red' ich dich vor diesen Zeugen allen + Als meine Gattin an und reiche dir + Zum Pfande deß die ritterliche Rechte. (Er stellt sie dem Chor dar.) + + Nicht forschen will ich, wer du bist--Ich will + Nur dich von dir, nichts frag' ich nach dem Andern + Daß deine Seele, wie dein Ursprung, rein, + Hat mir dein erster Blick verbürget und beschworen, + Und wärst du selbst die Niedrigste geboren, + Du müßtest dennoch meine Liebe sein, + Die Freiheit hab' ich und die Wahl verloren. + + Und daß du wissen mögest, ob ich auch + Herr meiner Thaten sei und hoch genug + Gestellt auf dieser Welt, auch das Geliebte + Mit starkem Arm zu mir emporzuheben, + Bedarf's nur, meinen Namen dir zu nennen. + --Ich bin Don Cesar, und in dieser Stadt + Messina ist kein Größrer über mir. + +(Beatrice schaudert zurück; er bemerkt es und fährt nach einer +kleinen Weile fort.) + + Dein Staunen lob' ich und dein sittsam Schweigen, + Schamhafte Demuth ist der Reize Krone, + Denn ein Verborgenes ist sich das Schöne, + Und es erschrickt vor seiner eignen Macht. + --Ich geh' und überlasse dich dir selbst, + Daß sich dein Geist von seinem Schrecken löse, + Denn jedes Neue, auch das Glück, erschreckt. (Zu dem Chor.) + Gebt ihr--sie ist's von diesem Augenblick-- + Die Ehre meiner Braut und eurer Fürstin! + Belehret sie von ihres Standes Größe. + Bald kehr' ich selbst zurück, sie heimzuführen, + Wie's meiner würdig ist und ihr gebührt. (Er geht ab.) + + + +Dritter Auftritt. + + +Beatrice und der Chor. + +Chor. (Bohemund.) + Heil dir, o Jungfrau, + Liebliche Herrscherin! + Dein ist die Krone, + Dein ist der Sieg! + + Als die Erhalterin + Dieses Geschlechtes, + Künftiger Helden + Blühende Mutter begrüß' ich dich! + +(Roger.) + Dreifaches Heil dir! + Mit glücklichen Zeichen, + Glückliche, trittst du + In ein götterbegünstigtes, glückliches Haus, + Wo die Kränze des Ruhmes hängen, + Und das goldene Scepter in stetiger Reihe + Wandert vom Ahnherrn zum Enkel hinab. + +(Bohemund.) + Deines lieblichen Eintritts + Werden sich freuen + Die Penaten des Hauses, + Die hohen, die ernsten, + Verehrten Alten. + Au den Schwelle empfangen + Wird dich die immer blühende Hebe + Und die goldne Victoria, + Die geflügelte Göttin, + Die auf der Hand schwebt des ewigen Vaters, + Ewig die Schwingen zum Siege gespannt. + +(Roger.) + Nimmer entweicht + Die Krone der Schönheit + Aus diesem Geschlechte; + Scheidend reicht + Eine Fürstin der andern + Den Gürtel der Anmuth + Und den Schleier der züchtigen Scham. + Aber das Schönste + Erlebt mein Auge, + Denn ich sehe die Blume der Tochter, + Ehe die Blume der Mutter verblüht. + +Beatrice (aus ihrem Schrecken erwachend). + Wehe mir! In welche Hand + Hat das Unglück mich gegeben! + Unter allen, + Welche leben, + Nicht in diese sollt' ich fallen! + + Jetzt versteh' ich das Entsetzen, + Das geheimnißvolle Grauen, + Das mich schaudernd stets gefaßt, + Wenn man mir den Namen nannte + Dieses furchtbaren Geschlechtes, + Das sich selbst vertilgend haßt, + Gegen seine eignen Glieder + Wüthend mit Erbittrung rast! + Schaudernd hört' ich oft und wieder + Von dem Schlangenhaß der Brüder, + Und jetzt reiße mein Schreckenschicksal + Mich, die Arme, Rettungslose, + In den Strudel dieses Hasses, + Diese Unglücks mich hinein! (Sie flieht in den Gartensaal.) + + + +Vierter Auftritt. + + +Chor. (Bohemund.) + Den begünstigten Sohn der Götter beneid' ich, + Den beglückten Besitzer der Macht! + Immer das Köstlichste ist sein Antheil, + Und von Allem, was hoch und herrlich + Von den Sterblichen wird gepriesen, + Bricht er die Blume sich ab. + +(Roger.) + Von den Perlen, welche der tauchender Fischer + Auffängt, wählt er die reinsten für sich. + Für den Herrscher legt man zurück das Beste, + Was gewonnen ward mit gemeinsamer Arbeit, + Wenn sich die Diener durchs Loos vergleichen, + Ihm ist das Schönste gewiß. + +(Bohemund.) + Aber eines doch ist sein köstlichstes Kleinod, + Jeder andre Vorzug sei ihm gegönnt, + Dieses beneid' ich ihm unter allem, + Daß er heimführt die Blume der Frauen, + Die das Entzücken ist aller Augen, + Daß er sie eigen besitzt. + +(Roger.) + Mit dem Schwerte springt der Corsar an die Küste + In dem nächtlich ergreifenden Überfall; + Männer führt er davon und Frauen + Und ersättigt die wilde Begierde. + Nur die schönste Gestalt darf er nicht berühren, + Die ist des Königes Gut. + +(Bohemund.) + Aber jetzt folgt mir, zu bewachen den Eingang + Und die Schwelle des heiligen Raums, + Daß kein Ungeweihter in dieses Geheimniß + Dringe und der Herrscher uns lobe, + Der das Köstlichste, was er besitzet, + Unsrer Bewahrung vertraut. +(Der Chor entfernt sich nach dem Hintergrunde.) + + +Die Scene verwandelt sich in ein Zimmer im Innern des Palastes. + + + +Fünfter Auftritt. + + +Donna Isabella steht zwischen Don Manuel und Don Cesar. + +Isabella. + Nun endlich ist mir der erwünschte Tag, + Der langersehnte, festliche, erschienen-- + Vereint seh' ich die Herzen meiner Kinder, + Wie ich die Hände leicht zusammenfüge, + Und im vertrauten Kreis zum erstenmal + Kann sich das Herz der Mutter freudig öffnen. + Fern ist der fremden Zeugen rohe Schaar, + Die zwischen uns sich kampfgerüstet stellte-- + Der Waffen Klang erschreckt mein Ohr nicht mehr, + Und wie der Eulen nachtgewohnte Brut + Von der zerstörten Brandstatt, wo sie lang + Mit altverjährtem Eigenthum genistet, + Auffliegt in düsterm Schwarm, den Tag verdunkelnd, + Wenn sich die lang vertriebenen Bewohner + Heimkehrend nahen mit der Freude Schall, + Den neuen Bau lebendig zu beginnen: + So flieht der alte Haß mit seinem nächtlichen + Gefolge, dem hohläugigten Verdacht, + Der schellen Mißgunst und dem bleichen Neide, + Aus diesen Thoren murrend zu der Hölle, + Und mit dem Frieden zieht geselliges + Vertraun und holde Eintracht lächelnd ein. (Sie hält inne.) + --Doch nicht genug, daß dieser heut'ge Tag + Jedem von beiden einen Bruder schenkt, + Auch eine Schwester hat er euch geboren. + --Ihr staunt? Ihr seht mich mir Verwundrung an? + Ja, meine Söhne! Es ist Zeit, daß ich + Das Siegel breche und das Siegel löse + Von einem lang verschlossenen Geheimniß. + --Auch eine Tochter hat' ich Eurem Vater + Geboren--eine jüngre Schwester lebt + Euch noch--Ihr sollt noch heute sie umarmen. + +Don Cesar. + Was sagst du, Mutter? Eine Schwester lebt uns, + Und nie vernahmen wir von dieser Schwester! + +Don Manuel. + Wohl hörten wir in früher Kinderzeit, + Daß eine Schwester uns geboren worden; + Doch in der Wiege schon, so ging die Sage, + Nahm sie der Tod hinweg. + +Isabella. Die Sage lügt! + Sie lebt! + +Don Cesar. + Sie lebt, und du verschwiegest uns? + +Isabella. + Von meinem Schweigen geb' ich Rechenschaft. + Hört, was gesäet ward in frührer Zeit + Und jetzt zur frohen Ernte reifen soll. + --Ihr wart noch zarte Knaben, aber schon + Entzweite euch der jammervolle Zwist, + Der ewig nie mehr wiederkehren möge, + Und häufte Gram auf eurer Eltern Herz. + Da wurde eurem Vater eines Tages + Ein seltsam wunderbarer Traum. Ihm däuchte, + Er säh' aus seinem hochzeitlichen Bette + Zwei Lorbeerbäume wachsen, ihr Gezweig + Dicht in einander flechtend--zwischen beiden + Wuchs eine Lilie empor--Sie ward + Zur Flamme, die, der Bäume dicht Gezweig + Und das Gebälk ergreifend, prasseln aufschlug + Und, um sich wüthend, schnell das ganze Haus + In ungeheurer Feuerfluth verschlang. + + Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte, + Befragt' der Vater einen sternekundigen + Arabier, der sein Orakel war, + An dem sein Herz mehr hing, als mir gefiel, + Um die Bedeutung. Der Arabier + Erklärte: wenn mein Schooß von einer Tochter + Entbunden würde, tödten würde sie ihm + Die beiden Söhne und sein ganzer Stamm + Durch sie vergehn--Und ich ward Mutter einer Tochter; + Der Vater aber gab den grausamen + Befehl, die neugeborene alsbald + Ins Meer zu werfen. Ich vereitelte + Den blut'gen Vorsatz und erhielt die Tochter + Durch eines treuen Knechts verschwiegnen Dienst. + +Don Cesar. + Gesegnet sei er, der dir hilfreich war! + O, nicht an Rath gebricht's der Mutterliebe! + +Isabella. + Der Mutterliebe mächt'ge Stimme nicht + Allein trieb mich, das Kindlein zu verschonen. + Auch mir ward eines Traumes seltsames + Orakel, als mein Schooß mit dieser Tochter + Gesegnet war: Ein Kind, wie Liebesgötter schön, + Sah ich im Grase spielen, und ein Löwe + Kam aus dem Wald, der in dem blut'gen Rachen + Die frisch gejagte Beute trug, und ließ + Sie schmeichelnd in den Schooß des Kindes fallen. + Und aus den Lüften schwang ein Adler sich + Herab, ein zitternd Reh in seinen Fängen, + Und legt es schmeichelnd in den Schooß des Kindes, + Und beide, Löw' und Adler, legen, fromm + Gepaart, sich zu des Kindes Füßen nieder. + --Des Traums Verständniß löste mir ein Mönch, + Ein gottgeliebter Mann, bei dem das Herz + Rath fand und Trost in jeder ird'schen Noth. + Der sprach: "Genesen würd' ich einer Tochter, + "Die mir der Söhne streitende Gemüther + "In heißer Liebesgluth vereinen würde." + --Im Innersten bewahrt' ich mir dies Wort; + Dem Gott der Wahrheit mehr als dem der Lüge + Vertrauend, rettet' ich die Gott verheißne, + Des Segens Tochter, meiner Hoffnung Pfand, + Die mir des Friedens Werkzeug sollte sein, + Als euer Haß sich wachsend stets vermehrte. + +Don Manuel (seinen Bruder umarmend). + Nicht mehr der Schwester braucht's, der Liebe Band + Zu flechten, aber fester soll sie's knüpfen. + +Isabella. + So ließ ich an verborgner Stelle sie, + Von meinen Augen fern, geheimnißvoll + Durch fremde Hand erziehn--der Anblick selbst + Des lieben Angesichts, den heißerflehten, + Versagt' ich mir, den strengen Vater scheuend, + Der, von des Argwohns ruheloser Pein + Und finster grübelndem Verdacht genagt, + Auf allen Schritten mir die Späher pflanzte. + +Don Cesar. + Drei Monde aber deckt den Vater schon + Das stille Grab--Was wehrte dir, o Mutter, + Die lang Verborgne an das Licht hervor + Zu ziehn und unsre Herzen zu erfreuen? + +Isabella. + Was sonst, als euer unglücksel'ger Streit, + Der, unauslöschlich wüthend, auf dem Grab + Des kaum entseelten Vaters sich entflammte, + Nicht Raum noch Stätte der Versöhnung gab? + Konnt' ich die Schwester zwischen eure wild + Entblößten Schwerter stellen? Konntet ihr + In diesem Sturm die Mutterstimme hören? + Und sollt' ich sie, des Friedens theures Pfand, + Den letzten heil'gen Anker meiner Hoffnung, + An eures Hasses Wuth unzeitig wagen? + --Erst mußtet ihr's ertragen, euch als Brüder + Zu sehn, eh' ich die Schwester zwischen euch + Als einen Friedensengel stellen konnte. + Jetzt kann ich's, und ich führe sie euch zu. + Den alten Diener hab' ich ausgesendet, + Und stündlich harr' ich seiner Wiederkehr, + Der, ihrer stillen Zuflucht sie entreißend, + Zurück an meine mütterliche Brust + Sie führt und in die brüderlichen Arme. + +Don Manuel. + Und sie ist nicht die Einz'ge, die du heut + In deine Mutterarme schließen wirst. + Es zieht die Freude ein durch alle Pforten, + Es füllt sich der verödete Palast + Und wird der Sitz der blühnden Anmuth werden. + --Vernimm, o Mutter, jetzt auch mein Geheimniß. + Eine Schwester gibst du mir--Ich will dafür + Dir eine zweite liebe Tochter schenken. + Ja, Mutter! Segne deinen Sohn!--Dies Herz, + Es hat gewählt; gefunden hab' ich sie, + Die mir durchs Leben soll Gefährtin sein. + Eh dieses Tages Sonne sinkt, führ' ich + Die Gattin dir Don Manuels zu Füßen. + +Isabella. + An meine Brust will ich sie freudig schließen, + Die meinen Erstgebornen mir beglückt; + Auf ihren Pfaden soll die Freude sprießen, + Und jede Blume, die das Leben schmückt, + Und jedes Glück soll mir den Sohn belohnen, + Der mir die schönste reicht der Mutterkronen! + +Don Cesar. + Verschwende, Mutter, deines Segens Fülle + Nicht an den einen erstgebornen Sohn! + Wenn Liebe Segen gibt, so bring' auch ich + Dir eine Tochter, solcher Mutter werth, + Die mich der Liebe neu Gefühl gelehrt. + Eh dieses Tages Sonne sinkt, führt auch + Don Cesar seine Gattin dir entgegen. + +Don Manuel. + Allmächt'ge Liebe! Göttliche! Wohl nennt + Man dich mit Recht die Königin der Seelen! + Dir unterwirft sich jedes Element, + Du kannst das Feindlichstreitende vermählen; + Nichts lebt, was deine Hoheit nicht erkennt, + Und auch des Bruders wilden Sinn hast du + Besiegt, der unbezwungen stets geblieben. (Don Cesar umarmend.) + Jetzt glaub' ich an dein Herz und schließe dich + Mit Hoffnung an die brüderliche Brust; + Nicht zweifl' ich mehr an dir, denn du kannst lieben. + +Isabella. + Dreimal gesegnet sei mir dieser Tag, + Der mir auf einmal jede bange Sorge + Vom schwer beladnen Busen hebt--Gegründet + Auf festen Säulen seh' ich mein Geschlecht, + Und in der Zeiten Unermeßlichkeit + Kann ich hinabsehn mit zufriednem Geist. + Noch gestern sah ich mich im Wittwenschleier, + Gleich einer Abgeschiednen, kinderlos, + In diesen öden Sälen ganz allein, + Und heute werden in der Jugend Glanz + Drei blühnde Töchter mir zur Seite stehen. + Die Mutter zeige sich, die glückliche, + Von allen Weibern, die geboren haben, + Die sich mit mir an Herrlichkeit vergleicht! + --Doch welcher Fürsten königliche Töchter + Erblühen denn an dieses Landes Grenzen, + Davon ich Kunde nie vernahm?--denn nicht + Unwürdig wählen konnten meine Söhne! + +Don Manuel. + Nur heute, Mutter, fordre nicht, den Schleier + Hinwegzuheben, der mein Glück bedeckt. + Es kommt der Tag, der Alles lösen wird, + Am besten mag die Braut sich selbst verkünden, + Deß sei gewiß, du wirst sie würdig finden. + +Isabella. + Des Vaters eignen Sinn und Geist erkenn' ich + In meinem erstgebornen Sohn! Der liebte + Von jeher, sich verborgen in sich selbst + Zu spinnen und den Rathschluß zu bewahren + Um unzugangbar fest verschlossenen Gemüth! + Gern mag ich dir die kurze Frist vergönnen; + Doch mein Sohn Cesar, deß bin ich gewiß, + Wird jetzt mir eine Königstochter nennen. + +Don Cesar. + Nicht meine Weise ist's, geheimnißvoll + Mich zu verhüllen, Mutter. Frei und offen, + Wie meine Stirne, trag' ich mein Gemüth; + Doch, was du jetzt von mir begehrst zu wissen, + Das, Mutter--laß mich's redlich dir gestehn, + Hab' ich mich selbst noch nicht gefragt. Fragt man, + Woher der Sonne Himmelsfeuer flamme? + Die alle Welt verklärt, erklärt sich selbst, + Ihr Licht bezeugt, daß sie vom Lichte stamme. + Ins klare Auge sah ich meiner Braut, + Ins Herz des Herzens hab' ich ihr geschaut, + Am reinen Glanz will ich die Perle kennen; + Doch ihren Namen kann ich dir nicht nennen. + +Isabella. + Wie, mein Sohn Cesar? Kläre mir das auf. + Zu gern dem ersten mächtigen Gefühl + Vertrautest du, wie einer Götterstimme. + Auf rascher Jugendthat erwart' ich dich, + Doch nicht auf thöricht kindischer--Laß hören, + Was deine Wahl gelenkt. + +Don Cesar. + Wahl, meine Mutter? + Ist's Wahl, wenn des Gestirnes Macht den Menschen + Ereilt in der verhängnißvollen Stunde? + Nicht, eine Braut zu suchen, ging ich aus, + Nicht wahrlich solches Eitle konnte mir + Zu Sinne kommen in dem Haus des Todes, + Denn dorten fand ich, die ich nicht gesucht. + Gleichgültig war und nichts bedeutend mir + Der Frauen leer geschwätziges Geschlecht, + Denn eine zweite sah ich nicht, wie dich, + Die ich gleich wie ein Götterbild verehre. + Es war des Vaters ernste Todtenfeier; + Im Volksgedräng verborgen, wohnten wir + Ihr bei, du weißt's, in unbekannter Kleidung; + So hattest du's mit Weisheit angeordnet, + Daß unsers Haders wild ausbrechende + Gewalt des Festes Würde nicht verletze. + --Mit schwarzem Flor behangen war das Schiff + Der Kirche, zwanzig Genien umstanden, + Mit Fackeln in den Händen, den Altar, + Vor dem der Todtensarg erhaben ruhte, + Mit weißbekreuztem Grabestuch bedeckt. + Und auf dem Grabtuch sahe man den Stab + Der Herrschaft liegen und die Fürstenkrone, + Den ritterlichen Schmuck der goldnen Sporen, + Das Schwert mit diamantenem Gehäng. + --Und Alles lag in stiller Andacht knieend, + Als ungesehen jetzt vom hohen Chor + Herab die Orgel anfing sich zu regen, + Und hundertstimmig der Gesang begann-- + Und als der Chor noch fortklung, stieg der Sarg + Mit sammt dem Boden, der ihn trug, allmählich + Versinkend in die Unterwelt hinab, + Das Grabtuch aber überschleierte, + Weit ausgebreitet, die verborgne Mündung, + Und auf der Erde blieb der ird'sche Schmuck + Zurück, dem Niederfahrenden nicht folgend-- + Doch auf den Seraphsflügeln des Gesangs + Schwang die befreite Seele sich nach oben, + Den Himmel suchend und den Schooß der Gnade. + --Dies alles, Mutter, ruf' ich dir, genau + Beschreibend, ins Gedächtniß jetzt zurück, + Daß du erkennest, ob zu jener Stunde + Ein weltlich Wünschen mir im Herzen war. + Und diesen festlich ernsten Augenblick + Erwählte sich der Lenker meines Lebens, + Mich zu berühren mit der Liebe Strahl. + Wie es geschah, frag' ich mich selbst vergebens. + +Isabella. + Vollende dennoch! Laß mich Alles hören! + +Don Cesar. + Woher sie kam, und wie sie sich zu mir + Gefunden, dieses frage nicht--Als ich + Die Augen wandte, stand sie mir zur Seite, + Und dunkel mächtig, wunderbar ergriff + Im tiefsten Innersten mich ihre Nähe. + Nicht ihres Wesens schöner Außenschein, + Nicht ihres Lächelns holder Zauber war's, + Die Reize nicht, die auf der Wange schweben, + Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt-- + Es war ihr tiefste und geheimstes Leben, + Was mich ergriff mit heiliger Gewalt, + Wie Zaubers Kräfte unbegreiflich weben-- + Die Seelen schienen ohne Worteslaut + Sich ohne Mittel geistig zu berühren, + Als sich mein Athem mischte mit dem ihren; + Fremd war sie mir und innig doch vertraut, + Und klar auf einmal fühlt' ich's in mir werden, + Die ist es oder Keine sonst auf Erden! + +Don Manuel (mit Feuer einfallend). + Das ist der Liebe heil'ger Götterstrahl, + Der in die Seele schlägt und trifft und zündet, + Wenn sich Verwandtes zum Verwandten findet, + Da ist kein Widerstand und keine Wahl, + Es löst der Mensch nicht, was der Himmel bindet. + --Dem Bruder fall' ich bei, ich muß ihn loben, + Mein eigen Schicksal ist's, was er erzählt, + Den Schleier hat er glücklich aufgehoben + Von dem Gefühl, das dunkel mich beseelt. + +Isabella. + Den eignen freien Weg, ich seh' es wohl, + Will das Verhängniß gehn mit meinen Kindern. + Vom Berge stürzt der ungeheure Strom, + Wühlt sich sein Bette selbst und bricht sich Bahn, + Nicht des gemeßnen Pfades achtet er, + Den ihm die Klugheit vorbedächtig baut. + So unterwerf' ich mich--wie kann ich's ändern?-- + Der unregiersam stärkern Götterhand, + Die meines Hauses Schicksal dunkel spinnt. + Der Söhne Herz ist meiner Hoffnung Pfand, + Sie denken groß, wie sie geboren sind. + + + +Sechster Auftritt. + + +Donna Isabella. Don Manuel. Don Cesar. Diego zeigt sich an der Thüre. + +Isabella. + Doch, sieh, da kommt mein treuer Knecht zurück! + Nur näher, näher, redlicher Diego! + Wo ist mein Kind?--Sie wissen Alles! Hier + Ist kein Geheimniß mehr--Wo ist sie? Sprich! + Verbirg sie länger nicht! Wir sind gefaßt, + Die höchste Freude zu ertragen. Komm! + +(Sie will mit ihm nach der Thüre gehen.) + + Was ist das? Wie? Du zögerst? Du verstummst? + Das ist kein Blick, der Gutes mir verkündet! + Was ist dir? Sprich! Ein Schauder faßt mich an. + Wo ist sie? Wo ist Beatrice? +(Will hinaus.) + +Don Manuel. (für sich betroffen). + Beatrice! + +Diego. (hält sie zurück). + Bleib! + +Isabella. + Wo ist sie? Mich entseelt die Angst. + +Diego. + Sie folgt + Mir nicht. Ich bringe dir die Tochter nicht. + +Isabella. + Was ist geschehn? Bei allen Heil'gen, rede! + +Don Cesar. + Wo ist die Schwester? Unglücksel'ger, rede! + +Diego. + Sie ist geraubt! Gestohlen von Corsaren! + O, hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn! + +Don Manuel. + Faß dich, o Mutter! + +Don Cesar. + Mutter, sei gefaßt! + Bezwinge dich, bis du ihn ganz vernommen! + +Diego. + Ich machte schnell mich auf, wie du befohlen, + Die oft betretne Straße nach dem Kloster + Zum letztenmal zu gehn--Die Freude trug mich + Auf leichten Flügeln fort. + +Don Cesar. + Zur Sache! + +Don Manuel. + Rede! + +Diego. + Und da ich in die wohlbekannten Höfe + Des Klosters trete, die ich oft betrat, + Nach deiner Tochter ungeduldig frage, + Seh' ich des Schreckens Bild in jedem Auge, + Entsetzt vernehm' ich das Entsetzliche. + +(Isabella sinkt bleich und zitternd auf einen Sessel, Don Manuel +ist um sie beschäftigt.) + +Don Cesar. + Und Mauren, sagst du, raubten sie hinweg? + Sah man die Mauren? Wer bezeugte dies? + +Diego. + Ein maurisch Räuberschiff gewahrte man + In einer Bucht, unfern dem Kloster ankernd. + +Don Cesar. + Manch Segel rettet sich in diese Buchten + Vor des Orkanes Wuth--Wo ist das Schiff? + +Diego. + Heut frühe sah man es in hoher See + Mit voller Segel Kraft das Weite suchen. + +Don Cesar. + Hört man von anderm Raub noch, der geschehn? + Dem Mauren gnügt einfache Beute nicht. + +Diego. + Hinweg getrieben wurde mit Gewalt + Die Rinderheerde, die dort weidete. + +Don Cesar. + Wie konnten Räuber aus des Klosters Mitte + Die Wohlverschloßne heimlich raubend stehlen? + +Diego. + Des Klostergartens Mauern waren leicht + Auf hoher Leiter Sprossen überstiegen. + +Don Cesar. + Wie brachen sie ins Innerste der Zellen? + Denn fromme Nonnen hält der strenge Zwang. + +Diego. + Die noch durch kein Gelübde sich gebunden, + Sie durfte frei im Freien sich ergehen. + +Don Cesar. + Und pflegte sie des freien Rechtes oft + Sich zu bedienen? Dieses sage mir. + +Diego. + Oft sah man sie des Gartens Stille suchen; + Der Wiederkehr vergaß sie heute nur. + +Don Cesar (nachdem er sich eine Weile bedacht). + Raub, sagst du? War sie frei genug dem Räuber, + So konnte sie in Freiheit auch entfliehen. + +Isabella (steht auf). + Es ist Gewalt! Es ist verwegner Raub! + Nicht pflichtvergessen konnte meine Tochter + Aus freier Neigung dem Entführer folgen! + --Don Manuel! Don Cesar! Eine Schwester + Dacht' ich euch zuzuführen; doch ich selbst + Soll jetzt sie eurem Heldenarm verdanken. + In eurer Kraft erhebt euch, meine Söhne! + Nicht ruhig duldet es, daß eure Schwester + Des frechen Diebes Beute sei--Ergreift + Die Waffen! Rüstet Schiffe aus! Durchforscht + Die ganze Küste! Durch alle Meere setzt + Dem Räuber nach! Erobert euch die Schwester! + +Don Cesar. + Leb wohl! Zur Rache flieg' ich, zur Entdeckung! + +(Er geht ab. Don Manuel aus einer tiefen Zerstreuung erwachend, +wendet sich beunruhigt zu Diego.) + +Don Manuel. + Wann, sagst du, sei sie unsichtbar geworden? + +Diego. + Seit diesem Morgen erst ward sie vermißt. + +Don Manuel. (zu Donna Isabella). + Und Beatrice nennt sich deine Tochter? + +Isabella. + Dies ist ihr Name! Eile! Frage nicht! + +Don Manuel. + Nur Eines noch, o Mutter, laß mich wissen-- + +Isabella. + Fliege zur That! Des Bruders Beispiel folge! + +Don Manuel. + In welcher Gegend, ich beschwöre dich-- + +Isabella (ihn forttreibend). + Sieh meine Thränen, meine Todesangst + +Don Manuel. + In welcher Gegend hieltst du sie verborgen? + +Isabella. + Verborgner nicht war sie im Schooß der Erde! + +Diego. + O, jetzt ergreift mich plötzlich bange Furcht. + +Don Manuel. + Furcht, und worüber? Sage, was du weißt. + +Diego. + Daß ich des Raubs unschuldig Ursach sei. + +Isabella. + Unglücklicher, entdecke, was geschehn! + +Diego. + Ich habe dir's verhehlt, Gebieterin, + Dein Mutterherz mit Sorgen zu verschonen. + Am Tage, als der Fürst beerdigt ward, + Und alle Welt, begierig nach dem Neuen, + Der ernsten Feier sich entgegendrängte, + Lag deine Tochter--denn die Kunde war + Auch in des Klosters Mauern eingedrungen-- + Lag sie mir an mit unabläß'gem Flehn, + Ihr dieses Festes Anblick zu gewähren. + Ich Unglückseliger ließ mich bewegen, + Verhüllte sie in ernste Trauertracht, + Und also war sie Zeugin jenes Festes. + Und dort, befürcht' ich, in des Volks Gewühl, + Das sich herbeigedrängt von allen Enden, + Ward sie vom Aug des Räubers ausgespäht, + Denn ihrer Schönheit Glanz birgt keine Hülle. + +Don Manuel (vor sich, erleichtert). + Glücksel'ges Wort, das mir das Herz befreit! + Das gleicht ihr nicht! Dies Zeichen triff nicht zu. + +Isabella. + Wahnsinn'ger Alter! So verriethst du mich! + +Diego. + Gebieterin! Ich dacht' es gut zu machen. + Die Stimme der Natur, die Macht des Bluts + Glaubt' ich in diesem Wunsche zu erkennen; + Ich hielt es für des Himmels eignes Werk, + Der mit verborgen ahnungsvollem Zuge + Die Tochter hintrieb zu des Vaters Grab! + Der frommen Pflicht wollt' ich ihr Recht erzeigen, + Und so, aus guter Meinung, schafft' ich Böses! + +Don Manuel (vor sich). + Was steh' ich hier in Furcht und Zweifelsqualen? + Schnell will ich Licht mir schaffen und Gewißheit. (Will gehen.) + +Don Cesar (der zurückkommt). + Verzieh, Don Manuel; gleich folg' ich dir. + +Don Manuel. + Folge mir nicht! Hinweg! Mir folge Niemand! (Er geht ab.) + +Don Cesar (sieht ihm verwundert nach). + Was ist dem Bruder? Mutter, sage mir's. + +Isabella. + Ich kenn' ihn nicht mehr. Ganz verkenn' ich ihn. + +Don Cesar. + Du siehst mich wiederkehren, meine Mutter; + Denn in des Eifers heftiger Begier + Vergaß ich, um ein Zeichen dich zu fragen, + Woran man die verlorne Schwester kennt. + Wie find' ich ihre Spuren, eh' ich weiß, + Aus welchem Ort die Räuber sie gerissen? + Das Kloster nenne mir, das sie verbarg. + +Isabella. + Der heiligen Cecilia ist's gewidmet, + Und hinterm Waldgebirge, das zum Ätna + Sich langsam steigend hebt, liegt es versteckt; + Wie ein verschwiegner Aufenthalt der Seelen. + +Don Cesar. + Sei guten Muths! Vertraue deinen Söhnen! + Die Schwester bring' ich dir zurück, müßt' ich + Durch alle Länder sie und Meere suchen. + Doch eines, Mutter, ist es, was mich kümmert: + Die Braut verließ ich unter fremdem Schutz. + Nur dir kann ich das theure Pfand vertrauen, + Ich sende sie dir her, du wirst sie schauen; + An ihrer Brust, an ihrem lieben Herzen + Wirst du des Grams vergessen und der Schmerzen. (Er geht ab.) + +Isabella. + Wann endlich wird der Fluch sich lösen, + Der über diesem Hause lastend ruht? + Mit meiner Hoffnung spielt ein tückisch Wesen, + Und nimmer stillt sich seines Neides Wuth. + So nahe glaubt ich mich dem sichern Hafen, + So fest vertraut' ich auf des Glückes Pfand, + Und alle Stürme glaubt' ich eingeschlafen, + Und freudig winkend sah ich schon das Land + Im Abendglanz der Sonne sich erhellen; + Da kommt ein Sturm, aus heitrer Luft gesandt, + Und reißt mich wieder in den Kampf der Wellen! + +(Sie geht nach dem innern Hause, wohin ihr Diego folgt.) + + + + +Dritter Aufzug. + +Die Scene verwandelt sich in den Garten. + + + +Erster Auftritt. + + +Beide Chöre. Zuletzt Beatrice. +(Der Chor des Don Manuel kommt in festlichem Aufzug, mit Kränzen +geschmückt und die oben beschriebnen Brautgeschenke begleitend; +der Chor de Don Cesar will ihm den Eintritt verwehren.) + +Erster Chor. (Cajetan.) + Du würdest wohl thun, diesen Platz zu leeren. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Ich will's, wenn beßre Männer es begehren. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Du könntest merken, daß du lästig bist. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Deßwegen bleib' ich, weil es dich verdrießt. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Hier ist mein Platz. Wer darf zurück mich halten? + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Ich darf es thun, ich habe hier zu walten. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Mein Herrscher sendet mich, Don Manuel! + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Ich stehe hier auf meines Herrn Befehl. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Dem ältern Bruder muß der jüngre weichen. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Dem Erstbesitzenden gehört die Welt. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Verhaßter, geh und räume mir das Feld. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Nicht, bis sich unsre Schwerter erst vergleichen. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Find' ich dich überall in meinen Wegen? + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Wo mir's gefällt, da tret' ich dir entgegen. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Was hast du hier zu horchen und zu hüten? + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Was hast du hier zu fragen, zu verbieten? + +Erster Chor. (Cajetan.) + Dir steh' ich nicht zur Red und Antwort hier. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Und nicht des Wortes Ehre gönn' ich dir. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Ehrfurcht gebührt, o Jüngling, meinen Jahren. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + In Tapferkeit bin ich, wie du, erfahren! + +Beatrice (stürzt heraus). + Weh mir! Was wollen diese wilden Schaaren? + +Erster Chor. (Cajetan.) zum zweiten + Nichts acht' ich dich und deine stolze Miene! + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Ein beßrer ist der Herrscher, dem ich diene. + +Beatrice. + O, weh mir, weh mir, wenn er jetzt erschiene! + +Erster Chor. (Cajetan.) + Du lügst! Don Manuel besiegt ihn weit! + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Den Preis gewinnt mein Herr in jedem Streit. + +Beatrice. + Jetzt wird er kommen, dies ist seine Zeit. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Wäre nicht Friede, Recht verschafft' ich mir! + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Wär's nicht die Furcht, kein Friede wehrte dir. + +Beatrice. + O, wär' er tausend Meilen weit von hier! + +Erster Chor. (Cajetan.) + Das Gesetz fürcht' ich, nicht deiner Blicke Trutz. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Wohl thust du dran, es ist des Feigen Schutz. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Fang' an, ich folge! + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Mein Schwert ist heraus! + +Beatrice (in der heftigsten Beängstigung). + Sie werden handgemein, die Degen blitzen! + Ihr Himmelsmächte, haltet ihn zurück! + Werft euch in seinen Weg, ihr Hindernisse, + Eine Schlinge legt, ein Netz um seine Füße, + Daß er verfehle diesen Augenblick! + Ihr Engel alle, die ich flehend bat, + Ihn herzuführen, täuschet meine Bitte, + Weit, weit von hier entfernet seine Schritte! + +(Sie eilt hinein. Indem die Chöre einander anfallen, erscheint Don Manuel.) + + + +Zweiter Auftritt. + + +Don Manuel. Der Chor. + +Don Manuel. + Was seh' ich! Haltet ein! + +Erster Chor (Cajetan, Berengar, Manfred) zum zweiten. + Komm an! Komm an! + +Zweiter Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt.) + Nieder mit ihnen! Nieder! + +Don Manuel (tritt zwischen sie, mit gezogenem Schwert). + Haltet ein! + +Erster Chor. (Cajetan.) + Es ist der Fürst. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Der Bruder! Haltet Friede! + +Don Manuel. + Den streck' ich todt auf dieses Rasens Grund, + Der mit gezuckter Augenwimper nur + Die Fehde fortsetzt und dem Gegner droht! + Rast ihr? Was für ein Dämon reizt euch an, + Des alten Zwistes Flammen aufzublasen, + Der zwischen uns, den Fürsten abgethan + Und ausgeglichen ist auf immerdar? + --Wer fing den Streit an? Redet! Ich will's wissen. + +Erster Chor. (Cajetan, Berengar.) + Sie standen hier-- + +Zweiter Chor (Roger, Bohemund unterbrechend). + Sie kamen-- + +Don Manuel (zum ersten Chor). + Rede du! + +Erster Chor. (Cajetan.) + Wir kamen her, mein Fürst, die Hochzeitgaben + Zu überreichen, wie du uns befahlst. + Geschmückt zu einem Feste, keineswegs + Zum Krieg bereit, du siehst es, zogen wir + In Frieden unsern Weg, nichts Arges denkend + Und trauend dem beschworenen Vertrag; + Da fanden wir sie feindlich hier gelagert + Und uns den Eingang sperrend mit Gewalt. + +Don Manuel. + Unsinnige, ist keine Freistatt sicher + Genug vor eurer blinden, tollen Wuth? + Auch in der Unschuld still verborgnen Sitz + Bricht euer Hader friedestörend ein? (Zum zweiten Chor.) + Weiche zurück! Hier sind Geheimnisse, + Die deine kühne Gegenwart nicht dulden. (Da derselbe zögert.) + Zurück Dein Herr gebietet dir's durch mich, + Denn wir sind jetzt ein Haupt und ein Gemüth, + Und mein Befehl ist auch der seine. Geh! (Zum ersten Chor.) + Du bleibst und wahrst des Eingangs. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Was beginnen? + Die Fürsten sind versöhnt, das ist die Wahrheit, + Und in der hohen Häupter Spahn und Streit + Sich unberufen, vielgeschäftig drängen, + Bringt wenig Dank und öfterer Gefahr. + Denn wenn der Mächtige des Streits ermüdet, + Wirft er behend auf den geringen Mann, + Der arglos ihm gedient, den blut'gen Mantel + Der Schuld, und leicht gereinigt steht er da. + Drum mögen sich die Fürsten selbst vergleichen, + Ich acht' es für gerathner, wir gehorchen. + +(Der zweite Chor geht ab, der erste zieht sich nach dem Hintergrund +der Scene zurück. In demselben Augenblicke stürzt Beatrice heraus +und wirft sich in Don Manuels Arme.) + + + +Dritter Auftritt. + + +Beatrice. Don Manuel. + +Beatrice. + Du bist's. Ich habe dich wieder--Grausamer! + Du hast mich lange, lange schmachten lassen, + Der Furcht und allen Schrecknissen zum Raub + Dahin gegeben--Doch nichts mehr davon! + Ich habe dich--in deinen lieben Armen + Ist Schutz und Schirm vor jeglicher Gefahr. + Komm! Sie sind weg! Wir haben Raum zur Flucht, + Fort, laß uns keinen Augenblick verlieren! + (Sie will ihn mit sich fortziehen und sieht ihn jetzt erst genau an.) + Was ist dir? So verschlossen feierlich + Empfängst du mich--entziehst dich meinen Armen, + Als wolltest du mich lieber ganz verstoßen? + Ich kenne dich nicht mehr--Ist dies Don Manuel, + Mein Gatte, mein Geliebter? + +Don Manuel. Beatrice! + +Beatrice. + Nein, rede nicht! Jetzt ist nicht Zeit zu Worten! + Fort laß uns eilen, schnell der Augenblick + Ist kostbar-- + +Don Manuel. + Bleib! Antworte mir! + +Beatrice. + Fort, Fort! + Eh diese wilden Männer wiederkehren! + +Don Manuel. + Bleib! Jene Männer werden uns nicht schaden. + +Beatrice. + Doch, doch! Du kennst sie nicht. O, komm! Entfliehe! + +Don Manuel. + Von meinem Arm beschützt, was kannst du fürchten? + +Beatrice. + O, glaube mir, es gibt hier mächt'ge Menschen! + +Don Manuel. + Geliebte, keinen mächtiger als mich. + +Beatrice. + Du, gegen diese Vielen ganz allein? + +Don Manuel. + Ich ganz allein! Die Männer, die du fürchtest-- + +Beatrice. + Du kennst sie nicht, du weißt nicht, wem sie dienen. + +Don Manuel. + Mir dienen sie, und ich bin ihr Gebieter. + +Beatrice. + Du bist--Ein Schrecken fliegt durch meine Seele! + +Don Manuel. + Lerne mich endlich kennen, Beatrice! + Ich bin nicht Der, der ich dir schien zu sein, + Der arme Ritter nicht, der unbekannte, + Der liebend nur um deine Liebe warb. + Wer ich wahrhaftig bin, was ich vermag, + Woher ich stamme, hab' ich dir verborgen. + +Beatrice. + Du bist Don Manuel nicht! Weh mir, wer bist du? + +Don Manuel. + Don Manuel heiß' ich--doch ich bin der Höchste, + Der diesen Namen führt in dieser Stadt, + Ich bin Don Manuel, Fürst von Messina. + +Beatrice. + Du wärst Don Manuel, Don Cesars Bruder? + +Don Manuel. + Don Cesar ist mein Bruder. + +Beatrice. + Ist dein Bruder! + +Don Manuel. + Wie? Dies erschreckt dich? Kennst du den Don Cesar? + Kennst du noch sonsten Jemand meines Bluts? + +Beatrice. + Du bist Don Manuel, der mit dem Bruder + In Hasse lebt und unversöhnter Fehde? + +Don Manuel. Wir sind versöhnt, seit heute sind wir Brüder, + Nicht von Geburt nur, nein! von Herzen auch! + +Beatrice. + Versöhnt, seit heute! + +Don Manuel. + Sage mir, was ist das? + Was bringt dich so in Aufruhr? Kennst du mehr + Als nur den Namen bloß von meinem Hause? + Weiß ich dein ganz Geheimniß? Hast du nichts, + Nichts mir verschwiegen oder vorenthalten? + +Beatrice. + Was denkst du? Wie? Was hätt' ich zu gestehen? + +Don Manuel. + Von deiner Mutter hast du mir noch nichts + Gesagt. Wer ist sie? Würdest du sie kennen, + Wenn ich sie dir beschriebe--dir sie zeigte? + +Beatrice. + Du kennst sie--kennst sie und verbargst sie mir? + +Don Manuel. + Weh dir und wehe mir, wenn ich sie kenne! + +Beatrice. + O, sie ist gütig, wie das Licht der Sonne! + Ich seh' sie vor mir, die Erinnerung + Belebt sich wieder, aus der Seele Tiefen + Erhebt sich mir die göttliche Gestalt. + Der braunen Locken dunkle Ringe seh' ich + Des weißen Halses edle Form beschatten, + Ich seh' der Stirne rein gewölbten Bogen, + Des großen Auges dunkelhellen Glanz, + Auch ihrer Stimme seelenvolle Töne + Erwachen mir-- + +Don Manuel. + Weh mir! Du schilderst sie! + +Beatrice. + Und ich entfloh ihr! Konnte sie verlassen, + Vielleicht am Morgen eben dieses Tags, + Der mich auf ewig ihr vereinen sollte! + O, selbst die Mutter gab ich hin für dich! + +Don Manuel. + Messinas Fürstin wird dir Mutter sein. + Zu ihr bring' ich dich jetzt; sie wartet deiner. + +Beatrice. + Was sagst du? Deine Mutter und Don Cesars? + Zu ihr mich bringen? Nimmer, nimmermehr! + +Don Manuel. + Du schauderst? Was bedeutet dies Entsetzen? + Ist meine Mutter keine Fremde dir? + +Beatrice. + O unglückselig traurige Entdeckung! + O, hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn! + +Don Manuel. + Was kann dich ängstigen, nun du mich kennst, + Den Fürsten findest in dem Unbekannten? + +Beatrice. + O, gib mir diesen Unbekannten wieder, + Mit ihm auf dem Eiland wär' ich selig! + +Don Cesar (hinter der Scene). + Zurück! Welch vieles Volk ist hier versammelt? + +Beatrice. + Gott! Diese Stimme! Wo verberg' ich mich? + +Don Manuel. + Erkennst du diese Stimme? Nein, du hast + Sie nie gehört und kannst sie nicht erkennen! + +Beatrice. + O, laß uns fliehen! Komm und weile nicht! + +Don Manuel. + Was fliehn? Es ist des Bruders Stimme, der + Mich sucht; zwar wundert mich, wie er entdeckte-- + +Beatrice. + Bei allen Heiligen des Himmels, meid' ihn! + Begegne nicht dem heftig Stürmenden, + Laß dich von ihm an diesem Ort nicht finden. + +Don Manuel. + Geliebte Seele, dich verwirrt die Furcht! + Du hörst mich nicht, wir sind versöhnte Brüder! + +Beatrice. + O Himmel, rette mich aus dieser Stunde! + +Don Manuel. + Was ahnt mir! Welch ein Gedanke faßt + Mich schaudernd?--Wär es möglich--Wäre dir + Die Stimme keine fremde?--Beatrice, + Du warst?--Mir grauet, weiter fort zu fragen! + Du warst--bei meines Vaters Leichenfeier? + +Beatrice. + Wer mir! + +Don Manuel. + Du warst zugegen? + +Beatrice. + Zürne nicht! + +Don Manuel. + Unglückliche, du warst? + +Beatrice. + Ich war zugegen. + +Don Manuel. + Entsetzen! + +Beatrice. + Die Begierde war zu mächtig! + Vergib mir! Ich gestand dir meinen Wunsch; + Doch, plötzlich ernst und finster, ließest du + Die Bitte fallen, und so schwieg auch ich. + Doch weiß ich nicht, welch böses Sternes Macht + Mich trieb mit unbezwinglichem Gelüsten. + Des Herzens heißen Drang mußt' ich vergnügen; + Der alte Diener lieh mir seinen Beistand, + Ich war dir ungehorsam, und ich ging. + +(Sie schmiegt sich an ihn, indem tritt Don Cesar herein, von dem +ganzen Chor begleitet.) + + + +Vierter Auftritt. + + +Beide Brüder. Beide Chöre. Beatrice. + +Zweiter Chor (Bohemund) zu Don Cesar. + Du glaubst uns nicht--Glaub deinen eignen Augen! + +Don Cesar (tritt heftig ein und fährt beim Anblick seines Bruders +mit Entsetzen zurück.) + Blendwerk der Hölle! Was? In seinen Armen! +(Näher tretend, zu Don Manuel.) + Giftvolle Schlange! Das ist deine Liebe! + Deßwegen logst du tückisch mir Versöhnung! + O, eine Stimme Gottes war mein Haß! + Fahre zur Hölle, falsche Schlangenseele! (Er ersticht ihn.) + +Don Manuel. + Ich bin des Todes--Beatrice--Bruder! + +(Er sinkt und stirbt. Beatrice fällt neben ihm ohnmächtig nieder.) + +Erster Chor. (Cajetan.) + Mord! Mord! Herbei! Greift zu den Waffen alle! + Mit Blut gerächet sei die blut'ge That! (Alle ziehen den Degen.) + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Heil uns! Der lange Zwiespalt ist geendigt. + Nur einem Herrscher jetzt gehorcht Messina. + +Erster Chor. (Cajetan, Berengar, Manfred.) + Rache! Rache! Der Mörder falle! falle, + Ein sühnend Opfer dem Gemordeten! + +Zweiter Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt.) + Herr, fürchte nichts, wir stehen treu zu dir. + +Don Cesar (mit Ansehen zwischen sie tretend). + Zurück--Ich habe meinen Feind getödtet, + Der mein vertrauend redlich Herz betrog, + Die Bruderliebe mir zum Fallstrick legte. + Ein furchtbar gräßlich Ansehn hat die That, + Doch der gerechte Himmel hat gerichtet. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Weh die, Messina! Wehe! Wehe! Wehe! + Das gräßlich Ungeheure ist geschehn + In deinen Mauern--Wehe deinen Müttern + Und Kindern, deinen Jünglingen und Greisen! + Und wehe der noch ungebornen Frucht! + +Don Cesar. + Die Klage kommt zu spät--Hier schaffet Hilfe! +(Auf Beatricen zeigend.) + Ruft sie ins Leben! Schnell entfernet sie + Von diesem Ort des Schreckens und des Todes. + --Ich kann nicht länger weilen, denn mich ruft + Die Sorge fort um die geraubte Schwester. + --Bringt sie in meiner Mutter Schloß und sprecht: + Es sei ihr Sohn Don Cesar, der sie sende! + +(Er geht ab; die ohnmächtige Beatrice wird von dem zweiten Chor +auf eine Bank gesetzt und so hinweg getragen; der erste Chor bleibt +bei dem Leichnam zurück, um welchen auch die Knaben, die die +Brautgeschenke tragen, in einem Halbkreis herumstehen.) + + + +Fünfter Auftritt. + + +Chor. (Cajetan.) + Sagt mir! Ich kann's nicht fassen und deuten, + Wie es so schnell sich erfüllend genaht. + Längst wohl sah ich im Geist mit weiten + Schritten das Schreckensgespenst herschreiten + Dieser entsetzlichen, blutigen That. + Dennoch übergießt mich ein Grauen, + Da sie vorhanden ist und geschehen, + Da ich erfüllt muß vor Augen schauen, + Was ich in ahnender Furcht nur gesehen. + All mein Blut in den Adern erstarrt + Vor der gräßlich entschiedenen Gegenwart. + +Einer aus dem Chor. (Manfred.) + Lasset erschallen die Stimme der Klage! + Holder Jüngling! + Da liegt er entseelt, + Hingestreckt in der Blüthe der Tage, + Schwer umfangen von Todesnacht, + An der Schwelle der bräutlichen Kammer! + Aber über dem Stummen erwacht + Lauter, unermeßlicher Jammer. + +Ein Zweiter. (Cajetan.) + Wir kommen, wir kommen + Mit festlichem Prangen + Die Braut zu empfangen, + Es bringen die Knaben + Die reichen Gewande, die bräutlichen Gaben, + Das Fest ist bereitet, es warten die Zeugen; + Aber der Bräutigam höret nicht mehr, + Nimmer erweckt ihn der fröhliche Reigen, + Denn der Schlummer der Todten ist schwer. + +Ganzer Chor. + Schwer und tief ist der Schlummer der Todten, + Nummer erweckt ihn die Stimme der Braut, + Nimmer des Hifthorns fröhlicher Laut, + Starr und fühllos liegt er am Boden! + +Ein Dritter. (Cajetan.) + Was sind die Hoffnungen, was sind Entwürfe, + Die der Mensch, der vergängliche, baut? + Heute umarmtet ihr euch als Brüder, + Einig gestimmt mit Herzen und Munde, + Diese Sonne, die jetzo nieder + Geht, sie leuchtete eurem Bunde! + Und jetzt liegst du, dem Staube vermählt, + Von des Brudermords Händen entseelt, + In dem Busen die gräßliche Wunde! + Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, + Die der Mensch, der flüchtige Sohn der Stunde, + Aufbaut auf dem betrüglichen Grunde? + +Chor. (Berengar.) + Zu der Mutter will ich dich tragen, + Eine unbeglückende Last! + Diese Cypresse laßt uns zerschlagen + Mit der mörderischen Schneide der Axt, + Eine Bahre zu flechten aus ihren Zweigen, + Nimmer soll sie Lebendiges zeugen, + Die die tödtliche Frucht getragen, + Nimmer in fröhlichem Wuchs sich erheben, + Keinem Wandrer mehr Schatten geben; + Die sich genährt auf des Mordes Boden, + Soll verflucht sein zum Dienst der Todten! + +Erster. (Cajetan.) + Aber wehe dem Mörder, wehe, + Der dahin geht in thörichtem Muth! + Hinab, hinab in der Erde Ritzen + Rinnet, rinnet, rinnet sein Blut. + Drunten aber im Tiefen sitzen + Lichtlos, ohne Gesang und Sprache, + Der Themis Töchter, die nie vergessen, + Die Untrüglichen, die mit Gerechtigkeit messen, + Fangen es auf in schwarzen Gefäßen, + Rühren und mengen die schreckliche Rache. + +Zweiter. (Berengar.) + Leicht verschwindet der Thaten Spur + Von der sonnenbeleuchteten Erde, + Wie aus dem Antlitz die leichte Geberde-- + Aber nichts ist verloren und verschwunden, + Was die geheimnißvoll waltenden Stunden + In den dunkel schaffenden Schooß aufnahmen-- + Die Zeit ist eine blühende Flur, + Ein großes Lebendiges ist die Natur, + Und alles ist Frucht, und alles ist Samen. + +Dritter. (Cajetan.) + Wehe, wehe dem Mörder, wehe, + Der sich gesät die tödtliche Saat! + Ein andres Antlitz, eh sie geschehen, + Ein anderes zeigt die vollbrachte That. + Muthvoll blickt sie und kühn dir entgegen, + Wenn der Rache Gefühle den Busen bewegen; + Aber ist sie geschehn und begangen, + Blickt sie dich an mit erbleichenden Wangen. + Selber die schrecklichen Furien schwangen + Gegen Orestes die höllischen Schlangen, + Reizten den Sohn zu dem Muttermord an; + Mit der Gerechtigkeit heiligen Zügen + Wußte sie listig sein Herz zu betrügen, + Bis er die tödtliche That nun gethan-- + Aber, da er den Schooß jetzt geschlagen, + Der ihn empfangen und liebend getragen, + Siehe, da kehrten sie + Gegen ihn selber + Schrecklich sich um-- + Und er erkannte die furchtbaren Jungfraun + Die den Mörder ergreifend fassen, + Die von jetzt an ihn nimmer lassen, + Die ihn mit ewigem Schlangenbiß nagen, + Die von Meer zu Meer ihn ruhelos jagen + Bis in das delphische Heiligthum. + +(Der Chor geht ab, den Leichnam Don Manuels auf einer Bahre tragend.) + + + + +Vierter Aufzug. + +Die Säulenhalle.--Es ist Nacht; die Scene ist von oben herab durch +eine große Lampe erleuchtet. + + + +Erster Auftritt. + + +Donna Isabella und Diego treten auf. + +Isabella. + Noch keine Kunde kam von meinen Söhnen, + Ob eine Spur sich fand von der Verlornen? + +Diego. + Noch nichts, Gebieterin!--doch hoffe Alles + Von deiner Söhne Ernst und Emsigkeit. + +Isabella. + Wie ist mein Herz geängstiget, Diego! + Es stand bei mir, dies Unglück zu verhüten. + +Diego. + Drück' nicht des Vorwurfs Stachel in dein Herz. + An welcher Vorsicht ließest du's ermangeln? + +Isabella. + Hätt' ich sie früher an das Licht gezogen, + Wie mich des Herzens Stimme mächtig trieb! + +Diego. + Die Klugheit wehrte dir's, du thatest weise; + Doch der Erfolg ruht in des Himmels Hand. + +Isabella. + Ach, so ist keine Freude rein! Mein Glück + Wär' ein vollkommnes ohne diesen Zufall. + +Diego. + Dies Glück ist nur verzögert, nicht zerstört; + Genieße du jetzt deiner Söhne Frieden. + +Isabella. + Ich habe sie einander Herz an Herz + Umarmen sehn--ein nie erlebter Anblick! + +Diego. + Und nicht ein Schauspiel bloß, es ging von Herzen, + Denn ihr Geradsinn haßt der Lüge Zwang. + +Isabella. + Ich seh' auch, daß sie zärtlicher Gefühle, + Der schönen Neigung fähig sind; mit Wonne + Entdeck' ich, daß sie ehren, was sie lieben. + Der ungebundnen Freiheit wollen sie + Entsagen, nicht dem Zügel des Gesetzes + Entzieht sich ihre brausend wilde Jugend, + Und sittlich selbst blieb ihre Leidenschaft. + --Und will dir's jetzo gern gestehn, Diego, + Daß ich mit Sorge diesem Augenblick, + Der aufgeschloßnen Blume des Gefühls + Mit banger Furcht entgegen sah--Die Liebe + Wird leicht zur Wuth in heftigen Naturen. + Wenn in den aufgehäuften Feuerzunder + Des alten Hasses auch noch dieser Blitz, + Der Eifersucht feindsel'ge Flamme schlug-- + Mir schaudert, es zu denken--ihr Gefühl, + Das niemals einig war, gerade hier + Zum erstenmal unselig sich begegnet-- + Wohl mir! Auch diese donnerschwere Wolke, + Die über mir schwarz drohend niederhing, + Sie führte mir ein Engel still vorüber, + Und leicht nun athmet die befreite Brust. + +Diego. + Ja, freue deines Werkes dich. Du hast + Mit zartem Sinn und ruhigem Verstand + Vollendet, was der Vater nicht vermochte + Mit aller seiner Herrscher Macht--Dein ist + Der Ruhm; doch auch dein Glücksstern ist zu loben! + +Isabella. + Vieles gelang mir! Viel auch that das Glück! + Nichts Kleines war es, solche Heimlichkeit + Verhüllt zu tragen diese langen Jahre, + Der Mann zu täuschen, den umsichtigsten + Der Menschen, und ins Herz zurückzudrängen + Den Trieb des Bluts, der mächtig, wie des Feuers + Verschloßner Gott, aus seinen Banden strebte! + +Diego. + Ein Pfand ist mir des Glückes lange Gunst, + Daß Alles sich erfreulich lösen wird. + +Isabella. + Ich will nicht eher meine Sterne loben, + Bis ich das Ende dieser Thaten sah. + Daß mir der böse Genius nicht schlummert, + Erinnert warnen mich der Tochter Flucht. + --Schilt oder lobe meine That, Diego! + Doch dem Getreuen will ich nichts verbergen. + Nicht tragen konnt' ich's, hier in müß'ger Ruh + Zu harren des Erfolgs, indeß die Söhne + Geschäftig forschen nach der Tochter Spur. + Gehandelt hab' auch ich--Wo Menschenkunst + Nicht zureicht, hat der Himmel oft gerathen. + +Diego. + Entdecke mir, was mir zu wissen ziemt. + +Isabella. + Einsiedelnd auf des Ätna Höhen haust + Ein frommer Klausner, von Uralters her + Der Greis genannt des Berges, welcher, näher + Dem Himmel wohnend, als der andern Menschen + Tief wandelndes Geschlecht, den ird'schen Sinn + In leichter, reiner Ätherluft geläutert + Und von dem Berg der aufgewälzten Jahre + Hinabsieht in das aufgelöste Spiel + Des unverständlich krummgewundnen Lebens. + Nicht fremd ist ihm das Schicksal meines Hauses, + Oft hat der heil'ge Mann für uns den Himmel + Gefragt und manchen Fluch hinweggebetet. + Zu ihm hinauf gesandt hab' ich alsbald + Des raschen Boten jugendliche Kraft, + Daß er mir Kunde von der Tochter gebe, + Und stündlich harr' ich dessen Wiederkehr. + +Diego. + Trügt mich mein Auge nicht, Gebieterin, + So ist's derselbe, der dort eilend naht, + Und Lob fürwahr verdient der Emsige! + + + +Zweiter Auftritt. + + +Bote. Die Vorigen. + +Isabella. + Sag' an und weder Schlimmes hehle mir + Noch Gutes, sondern schöpfe rein die Wahrheit! + Was gab der Greis des Bergs dir zum Bescheide? + +Bote. + Ich soll mich schnell zurückbegeben, war + Die Antwort, die Verlorne sei gefunden. + +Isabella. + Glücksel'ger Mund, erfreulich Himmelswort, + Stets hast du das Erwünschte mir verkündet! + Und welchem meiner Söhne war's verliehn, + Die Spur zu finden der Verlornen? + +Bote. + Die Tiefverborgne fand dein ältster Sohn. + +Isabella. + Don Manuel ist es, dem ich sie verdanke! + Ach, stets war dieser mir ein Kind des Segens! + --Hast du dem Greis auch die geweihte Kerze + Gebracht, die zum Geschenk ich ihm gesendet, + Sie anzuzünden seinem Heiligen? + Denn, was von Gaben sonst der Menschen Herzen + Erfreut, verschmäht der fromme Gottesdiener. + +Bote. + Die Kerze nahm er schweigend von mir an, + Und zum Altar hintretend, wo die Lampe + Dem Heil'gen brannte, zündet' er sie flugs + Dort an, und schnell in Brand steckt' er die Hütte, + Worin er Gott verehrt seit neunzig Jahren. + +Isabella. + Was sagst du? Welches Schreckniß nennst du mir? + +Bote. + Und dreimal Wehe! Wehe! rufend, stieg er + Herab vom Berg; mir aber winkt' er schweigend, + Ihm nicht zu folgen, noch zurückzuschauen. + Und so, gejagt von Grausen, eilt' ich her! + +Isabella. + In neuer Zweifel wogende Bewegung + Und ängstlich schwankende Verworrenheit + Stürzt mich das Widersprechende zurück. + Gefunden sei mir die verlorne Tochter + Von meinem ältsten Sohn, Don Manuel? + Die gute Rede kann mir nicht gedeihen, + Begleitet von der unglücksel'gen That. + +Bote. + Blick' hinter dich, Gebieterin! Du siehst + Des Klausners Wort erfüllt vor deinen Augen; + Denn Alles müßt' mich trügen, oder dies + Ist die verlorne Tochter, die du suchst, + Von deiner Söhne Ritterschaar begleitet. + +(Beatrice wird von dem zweiten Halbchor auf einem Tragsessel +gebracht und auf der vordern Bühne niedergesetzt. Sie ist noch +ohne Leben und Bewegung.) + + + +Dritter Auftritt. + + +Isabella. Diego. Bote. Beatrice. Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt +und die neun andern Ritter Don Cesars.) + +Chor. (Bohemund.) + Des Herrn Geheiß erfüllend, setzen wir + Die Jungfrau hier zu deinen Füßen nieder, + Gebieterin--Also befahl er uns + Zu thun und dir zu melden dieses Wort: + Es sei dein Sohn Don Cesar, der sie sendet. + +Isabella (ist mit ausgebreiteten Armen auf sie zugeeilt und tritt +mit Schrecken zurück.) + O Himmel! Sie ist bleich und ohne Leben! + +Chor. (Bohemund.) + Sie lebt! Sie wird erwachen! Gönn' ihr Zeit, + Von dem Erstaunlichen sich zu erholen, + Das ihre Geister noch gebunden hält. + +Isabella. + Mein Kind! Kind meiner Schmerzen, meiner Sorgen! + So sehen wir uns wieder! So mußt du + Den Einzug halten in des Vaters Haus! + O, laß an meinem Leben mich das deinige + Anzünden! An die mütterliche Brust + Will ich dich pressen, bis, vom Todesfrost + Gelöst, die warmen Adern wieder schlagen! (Zum Chor.) + O, sprich! Welch Schreckliches ist hier geschehn? + Wo fandst du sie? Wie kam das theure Kind + In diesen kläglich jammervollen Zustand? + +Chor. (Bohemund.) + Erfahr' es nicht von mir, mein Mund ist stumm. + Dein Sohn Don Cesar wird dir Alles deutlich + Verkündigen, denn er ist's, der sie sendet. + +Isabella. + Mein Sohn Don Manuel, so willst du sagen? + +Chor. (Bohemund.) + Dein Sohn Don Cesar sendet sie dir zu. + +Isabella (zu dem Boten). + War's nicht Don Manuel, den der Seher nannte? + +Bote. + So ist es, Herrin, das war seine Rede. + +Isabella. + Welcher es sei, er hat mein Herz erfreut; + Die Tochter dank' ich ihm, er sei gesegnet! + O, muß ein neid'scher Dämon mir die Wonne + Des heiß erflehten Augenblicks verbittern! + Ankämpfen muß ich gegen mein Entzücken! + Die Tochter seh' ich in des Vaters Haus, + Sie aber sieht nicht mich, vernimmt mich nicht, + Sie kann der Mutter Freude nicht erwiedern. + O, öffnet euch, ihr lieben Augenlichter! + Erwärmet euch, ihr Hände! Hebe dich, + Lebloser Busen, und schlage der Lust! + Diego! Das ist meine Tochter--Das + Die Langverborgne, die Gerettete, + Vor aller Welt kann ich sie jetzt erkennen! + +Chor. (Bohemund.) + Ein seltsam neues Schreckniß glaub' ich ahnend + Vor mir zu sehn und stehe wundernd, wie + Das Irrsal sich entwirren soll und lösen. + +Isabella (zum Chor, der Bestürzung und Verlegenheit ausdrückt). + O, seid ihr undurchdringlich harte Herzen! + Vom ehrnen Harnisch eurer Brust, gleichwie + Von einem schroffen Meeresfelsen, schlägt + Die Freude meines Herzens mir zurück! + Umsonst in diesem ganzen Kreis umher + Späh' ich nach einem Auge, das empfindet. + Wo weilen meine Söhne, daß ich Antheil + In einem Auge lese; denn mir ist, + Als ob der Wüste unmitleid'ge Schaaren, + Des Meeres Ungeheuer mich umständen! + +Diego. + Sie schlägt die Augen auf! Sie regt sich, lebt! + +Isabella. + Sie lebt! Ihr erster Blick sei auf die Mutter! + +Diego. + Das Auge schließt sie schaudernd wieder zu. + +Isabella (zum Chor). + Weichet zurück! Sie schreckt der fremde Anblick! + +Chor (tritt zurück). (Bohemund.) + Gern meid' ich's, ihrem Blicke zu begegnen. + +Diego. + Mit großen Augen mißt sie staunend dich. + +Beatrice. + Wo bin ich? Diese Züge sollt' ich kennen. + +Isabella. + Langsam kehrt die Besinnung ihr zurück. + +Diego. + Was macht sie? Auf die Kniee senkt sie sich. + +Beatrice. + Ich, schönes Engelsantlitz meiner Mutter! + +Isabella. + Kind meines Herzens! Komm in meine Arme! + +Beatrice. + Zu deinen Füßen sieh die Schuldige. + +Isabella. + Ich habe dich wieder! Alles sei vergessen! + +Diego. + Betracht' auch mich! Erkennst du meine Züge? + +Beatrice. + Des redlichen Diego greises Haupt! + +Isabella. + Der treue Wächter deiner Kinderjahre. + +Beatrice. + So bin ich wieder in dem Schooß der Meinen? + +Isabella. + Und nichts soll uns mehr scheiden, als der Tod. + +Beatrice. + Du willst mich nicht mehr in die Fremde stoßen? + +Isabella. + Nichts trennt uns mehr, das Schicksal ist befriedigt. + +Beatrice (sinkt an ihre Brust). + Und find' ich wirklich mich an deinem Herzen? + Und Alles war ein Traum, was ich erlebt? + Ein schwerer, fürchterlicher Traum--O Mutter! + Ich sah ihn todt zu meinen Füßen fallen! + --Wie komm' ich aber hieher? Ich besinne + Mich nicht--Ach, wohl mir, wohl, daß ich gerettet + In deinen Armen bin! Sie wollten mich + Zur Fürstin Mutter von Messina bringen. + Eher ins Grab! + +Isabella. + Komm zu dir, meine Tochter! + Messinas Fürstin-- + + Beatrice. + Nenne sie nicht mehr! + Mir gießt sich bei dem unglücksel'gen Namen + Ein Frost des Todes durch die Glieder. + +Isabella. + Höre mich. + +Beatrice. + Sie hat zwei Söhne, die sich tödtlich hassen; + Don Manuel, Don Cesar nennt man sie. + +Isabella. + Ich bin's ja selbst! Erkenne deine Mutter! + +Beatrice. + Was sagst du? Welches Wort hast du geredet? + +Isabella. + Ich, deine Mutter, bin Messinas Fürstin. + +Beatrice. + Du bist Don Manuels Mutter und Don Cesars? + +Isabella. + Und deine Mutter! Deine Brüder nennst du! + +Beatrice. + Weh, weh mir! O, entsetzensvolles Licht! + +Isabella. + Was ist dir? Was erschüttert dich so seltsam? + +Beatrice (wild um sich her schauend, erblickt den Chor). + Das sind sie, ja! Jetzt, jetzt erkenn' ich sie. + Mich hat kein Traum getäuscht--Die sind's, Die waren + Zugegen--Es ist fürchterliche Wahrheit! + Unglückliche, wo habt ihr ihn verborgen? + +(Sie geht mit heftigem Schritt auf den Chor zu, der sich von ihr +abwendet. Ein Trauermarsch läßt sich in der Ferne hören.) + +Chor. + Weh! Wehe! + +Isabella. + Wen verborgen? Was ist wahr? + Ihr schweigt bestürzt--Ihr scheint sie zu verstehn. + Ich les' in euren Augen, eurer Stimme + Gebrochnen Tönen etwas Unglücksel'ges, + Das mir zurückgehalten wird--Was ist's? + Ich will es wissen. Warum heftet ihr + So schreckensvolle Blicke nach der Thüre? + Und was für Töne hör' ich da erschallen? + +Chor. (Bohemund.) + Es naht sich! Es wird sich mit Schrecken klären. + Sei stark, Gebieterin, stähle dein Herz! + Mit Fassung ertrage, was dich erwartet, + Mit männlicher Seele den tödtlichen Schmerz! + +Isabella. + Was naht sich? Was erwartet mich?--Ich höre + Der Todtenklage fürchterlichen Ton + Das Haus durchdringen--Wo sind meine Söhne? + +(Der erste Halbchor bringt den Leichnam Don Manuels auf einer +Bahre getragen, die er auf der leer gelassenen Seite der Scene +niedersetzt. Ein schwarzes Tuch ist darüber gebreitet.) + + + +Vierter Auftritt. + + +Isabella. Beatrice. Diego. Beide Chöre. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Durch die Straßen der Städte, + Vom Jammer gefolget, + Schreitet das Unglück-- + Lauernd umschleicht es + Die Häuser der Menschen, + Heute an dieser + Pforte pocht es, + Morgen an jener, + Aber noch keinen hat es verschont. + Die unerwünschte + Schmerzliche Botschaft, + Früher oder später, + Bestellt es an jeder + Schwelle, wo ein Lebendiger wohnt. + +(Berengar.) + Wenn die Blätter fallen + In des Jahres Kreise, + Wenn zum Grabe wallen + Entnervte Greise, + Da gehorcht die Natur + Ruhig nur + Ihrem alten Gesetze, + Ihrem ewigen Brauch, + Da ist nichts, was den Menschen entsetze! + + Aber das Ungeheure auch + Lerne erwarten im irdischen Leben! + Mit gewaltsamer Hand + Löst der Mord auch das heiligste Band, + In sein stygisches Boot + Raffet der Tod + Auch der Jugend blühendes Leben! + +(Cajetan.) + Wenn die Wolken gethürmt den Himmel schwärzen, + Wenn dumpftosend der Donner hallt, + Da, da fühlen sich alle Herzen + In des furchtbaren Schicksals Gewalt. + Aber auch aus entwölkter Höhe + Kann der zündende Donner schlagen + Darum in deinen fröhlichen Tagen + Fürchte des Unglücks tückische Nähe! + Nicht an die Güter hänge dein Herz, + Die das Leben vergänglich zieren! + Wer besitzt, der lerne verlieren, + Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz. + +Isabella. + Was soll ich hören? Was verhüllt dies Tuch? +(Sie macht einen Schritt gegen die Bahre, bleibt aber unschlüssig +zaudernd stehen.) + Es zieht mich grausend hin und zieht mich schaudernd + Mit dunkler, kalter Schreckenshand zurück. +(Zu Beatrice, welche sich zwischen sie und die Bahre geworfen.) + Laß mich! Was es auch sei, ich will's enthüllen! +(Sie hebt das Tuch auf und entdeckt Don Manuels Leichnam.) + O himmlische Mächte, es ist mein Sohn! + +(Sie bleibt mit starrem Entsetzen stehen--Beatrice sinkt mit einem +Schrei des Schmerzens neben der Bahre nieder.) + +Chor. (Cajetan, Berengar, Manfred.) + Unglückliche Mutter! Es ist dein Sohn! + Du hast es gesprochen, das Wort des Jammers, + Nicht meinen Lippen ist es entflohn. + +Isabella. + Mein Sohn! Mein Manuel!--O, ewige + Erbarmung--So muß ich dich wieder finden! + Mit deinem Leben mußtest du die Schwester + Erkaufen aus des Räubers Hand!--Wo war + Dein Bruder, daß sein Arm dich nicht beschützte? + --O, Fluch der Hand, die diese Wunde grub! + Fluch ihr, die den Verderblichen geboren, + Der mir den Sohn erschlug! Fluch seinem ganzen + Geschlecht! + +Chor. + Wehe! Wehe! Wehe! Wehe! + +Isabella. + So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmächte? + Das, das ist eure Wahrheit? Wehe Dem, + Der euch vertraut mit redlichem Gemüth! + Worauf hab' ich gehofft, wovor gezittert, + Wenn dies der Ausgang ist!--O, die ihr hier + Mich schreckenvoll umsteht, an meinem Schmerz + Die Blicke weidend, lernt die Lügen kennen, + Womit die Träume uns, die Seher täuschen! + Glaube noch einer an der Götter Mund! + --Als ich mich Mutter fühlte dieser Tochter, + Da träumte ihrem Vater eines Tages, + Er säh' aus seinem hochzeitlichen Bette + Zwei Lorbeerbäume wachsen--Zwischen ihnen + Wuchs eine Lilie empor; sie ward + Zur Flamme, die der Bäume dicht Gezweig ergriff + Und, um sich wüthend, schnell das ganze Haus + In ungeheurer Feuersfluth verschlang. + Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte, + Befrug der Vater einen Vogelschauer + Und schwarzen Magier um die Bedeutung. + Der Magier erklärte: wenn mein Schooß + Von einer Tochter sich entbinden würde, + So würde sie die beiden Söhne ihm + Ermorden und vertilgen seinen Stamm! + +Chor. (Cajetan und Bohemund.) + Gebieterin, was sagst du? Wehe! Wehe! + +Isabella. + Darum befahlt der Vater, sie zu tödten; + Doch ich entrückte sie dem Jammerschicksal. + --Die arme Unglückselige! Verstoßen + Ward sie als Kind aus ihrer Mutter Schooß, + Daß sie, erwachsen, nicht die Brüder morde! + Und jetzt durch Räubershände fällt der Bruder, + Nicht die Unschuldige hat ihn getödtet! + +Chor. + Wehe! Wehe! Wehe! Wehe! + +Isabella. + Keinen Glauben + Verdiente mir des Götzendieners Spruch, + Ein beßres Hoffen stärkte meine Seele. + Denn mir verkündigte ein andrer Mund, + Den ich für wahrhaft hielt, von dieser Tochter: + "In heißer Liebe würde sie dereinst + "Der Söhne Herzen mir vereinigen." + --So widersprachen die Orakel sich, + Den Fluch zugleich und Segen auf das Haupt + Der Tochter legend--Nicht den Fluch hat sie + Verschuldet, die Unglückliche! Nicht Zeit + Ward ihr gegönnt, den Segen zu vollziehen. + Ein Mund hat, wie der andere, gelogen! + Die Kunst der Seher ist ein eitles Nichts, + Betrüger sind sie oder sind betrogen. + Nichts Wahres läßt sich von der Zukunft wissen, + Du schöpfest drunten an der Hölle Flüssen, + Du schöpfest droben an dem Quell des Lichts. + +Erster Chor. (Cajetan.) + Wehe! Wehe! Was sagst du? Halt ein, halt ein! + Bezähme der Zunge verwegenes Toben! + Die Orakel sehen und treffen ein, + Der Ausgang wird die Wahrhaftigen loben! + +Isabella. + Nicht zähmen will ich meine Zunge, laut, + Wie mir das Herz gebietet, will ich reden. + Warum besuchen wir die heil'gen Häuser + Und heben zu dem Himmel fromme Hände? + Gutmüth'ge Thoren, was gewinnen wir + Mit unserm Glauben? So unmöglich ist's, + Die Götter, die hochwohnenden, zu treffen, + Als in den Mond mit einem Pfeil zu schießen. + Vermauert ist dem Sterblichen die Zukunft, + Und kein Gebet durchbohrt den ehrnen Himmel. + Ob rechts die Vögel fliegen oder links, + Die Sterns so sich oder anders fügen, + Nicht Sinn ist in dem Buche der Natur, + Die Traumkunst träumt, und alle Zeichen trügen. + +Zweiter Chor. (Bohemund.) + Halt ein, Unglückliche! Wehe! Wehe! + Du leugnest der Sonne leuchtendes Licht + Mit blinden Augen! Die Götter leben, + Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben! +(Alle Ritter.) + Die Götter leben, die Götter leben, + Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben! + +Beatrice. + O Mutter! Mutter! Warum hast du mich + Gerettet! Warum warfst du mich nicht hin + Dem Fluch, der, eh' ich war, mich schon verfolgte? + Blödsicht'ge Mutter! Warum dünktest du + Dich weiser, als die Alles Schauenden, + Die Nah' und Fernes an einander knüpfen + Und in der Zukunft späte Saaten sehn? + Dir selbst und mir, uns allen zum Verderben + Hast du den Todesgöttern ihren Raub, + Den sie gefordert, frevelnd vorenthalten! + Jetzt nehmen sie ihn zweifach, dreifach selbst. + Nicht dank' ich dir das traurige Geschenk, + Dem Schmerz, dem Jammer hast du mich erhalten! + +Erster Chor (Cajetan.) (in heftiger Bewegung nach der Thüre sehend). + Brechet auf, ihr Wunden, + Fließet, fließet! + In schwarzen Güssen + Stürzet hervor, ihr Bäche des Bluts! + +(Berengar.) + Eherner Füße + Rauschen vernehm' ich, + Höllischer Schlangen + Zischendes Tönen, + Ich erkenne der Furien Schritt! + +(Cajetan.) + Stürzet ein, ihr Wände! + Versink, o Schwelle, + Unter der schrecklichen Füße Tritt! + Schwarze Dämpfe, entsteiget, entsteiget + Qualmend dem Abgrund! Verschlinget des Tages + Lieblichen Schein! + Schützende Götter des Hauses, entweichet! + Lasst die rächenden Göttinnen ein! + + + +Fünfter Auftritt. + + +Don Cesar. Isabella. Beatrice. Der Chor. + +Beim Eintritt des Don Cesar zertheilt sich der Chor in fliehender +Bewegung vor ihm; er bleibt allein in der Mitte der Scene stehen. + +Beatrice. + Weh mir, er ist's! + +Isabella (tritt ihm entgegen). + O mein Sohn Cesar! Muß ich so + Dich wiedersehen--O, blick her und sieh + Den Frevel einer gottverfluchten Hand! +(Führt ihn zu dem Leichnam.) + +Don Cesar (tritt mit Entsetzen zurück, das Gesicht verhüllend). + +Erster Chor. (Cajetan, Berengar.) + Brechet auf, ihr Wunden! + Fließet, fließet! + In schwarzen Güssen + Strömet hervor, ihr Bäche des Bluts! + +Isabella. + Du schauderst und erstarrst!--Ja, das ist Alles + Was dir noch übrig ist von deinem Bruder! + Da liegen meine Hoffnungen--Sie stirbt + Im Keim, die junge Blume eures Friedens, + Und keine schöne Früchte sollt' ich schauen. + +Don Cesar. + Tröste dich, Mutter! Redlich wollten wir + Den Frieden, aber Blut beschloß der Himmel. + +Isabella. + O, ich weiß, du liebtest ihn, ich sah entzückt + Die schönen Bande zwischen euch sich flechten! + An deinem Herzen wolltest du ihn tragen, + Ihm reich ersetzen die verlornen Jahre. + Der blut'ge Mord kam deiner schönen Liebe + Zuvor--Jetzt kannst du nichts mehr, als ihn rächen. + +Don Cesar. + Komm, Mutter, komm! Hier ist kein Ort für dich, + Entreiß dich diesem unglücksel'gen Anblick! (Er will sie fortziehen.) + +Isabella (fällt ihm um den Hals). + Du lebst mir noch! Du, jetzt mein Einziger! + +Beatrice. + Weh, Mutter! Was beginnst du? + +Don Cesar. + Weine dich aus + An diesem treuen Busen! Unverloren + Ist dir der Sohn, denn seine Liebe lebt + Unsterblich fort in deines Cesars Brust. + +Erster Chor. (Cajetan, Berengar, Manfred.) + Brechet auf, ihr Wunden! + Redet, ihr stummen! + In schwarzen Fluthen + Stürzet hervor, ihr Bäche des Bluts! + +Isabella (Beider Hände fassend). + O meine Kinder! + +Don Cesar. + Wie entzückt es mich, + In deinen Armen sie zu sehen, Mutter! + Ja, laß sie deine Tochter sein! Die Schwester-- + +Isabella (unterbricht ihn). + Dir dank' ich die Gerettete, mein Sohn! + Du hieltest Wort, du hast sie mir gesendet. + +Don Cesar (erstaunt). + Wen, Mutter, sagst du, hab' ich dir gesendet? + +Isabella. + Sie mein' ich, die du vor dir siehst, die Schwester. + +Don Cesar. + Sie meine Schwester? + +Isabella. + Welche andre sonst? + +Don Cesar. + Meine Schwester? + +Isabella. + Die du selber mir gesendet. + +Don Cesar. + Und seine Schwester! + +Chor. + Wehe! Wehe! Wehe! + +Beatrice. + O, meine Mutter! + +Isabella. + Ich erstaune--Redet! + +Don Cesar. + So ist der Tag verflucht, der mich geboren! + +Isabella. + Was ist dir? Gott! + +Don Cesar. + Verflucht der Schooß, der mich + Getragen!--Und verflucht sei deine Heimlichkeit, + Die all dies Gräßliche verschuldet! Falle + Der Donner nieder, der dein Herz zerschmettert, + Nicht länger halt' ich schonen ihn zurück-- + Ich selber, wiss' es, ich erschlug den Bruder, + In ihren Armen überrascht' ich ihn; + Sie ist es, die ich liebe, die zur Braut + Ich mir gewählt--den Bruder aber fand ich + In ihren Armen--Alles weißt du nun! + --Ist sie wahrhaftig seine, meine Schwester, + So bin ich schuldig einer Gräuelthat, + Die keine Reu' und Büßung kann versöhnen! + +Chor. (Bohemund.) + Es ist gesprochen, du hast es vernommen, + Das Schlimmste weißt du, nichts ist mehr zurück! + Wie die Seher verkündet, so ist es gekommen, + Denn noch Niemand entfloh dem verhängten Geschick. + Und wer sich vermißt, es klüglich zu wenden, + Der muß es selber erbauend vollenden. + +Isabella. + Was kümmert's mich noch, ob die Götter sich + Als Lügner zeigen, oder sich als wahr + Bestätigen? Mir haben sie das Ärgste + Gethan--Trotz biet' ich ihnen, mich noch härter + Zu treffen, als sie trafen--Wer für nichts mehr + Zu zittern hat, der fürchtet sie nicht mehr. + Ermordet liegt mir der geliebte Sohn, + Und von dem lebenden scheid' ich mich selbst. + Er ist mein Sohn nicht--Einen Basilisken + Hab' ich erzeugt, genährt an meiner Brust, + Der mir den bessern Sohn zu Tode stach. + --Komm, meine Tochter! Hier ist unsers Bleibens + Nicht mehr--den Rachegeistern überlass' ich + Dies Haus--ein Frevel führte mich herein, + Ein Frevel treibt mich aus--Mit Widerwillen + Hab' ich's betreten und mit Furcht bewohnt, + Und in Verzweiflung räum' ich's--Alles dies + Erleid' ich schuldlos; doch bei Ehren bleiben + Die Orakel, und gerettet sind die Götter. +(Sie geht ab. Diego folgt ihr.) + + + +Sechster Auftritt. + + +Beatrice. Don Cesar. Der Chor. + +Don Cesar (Beatricen zurückhaltend). + Bleib, Schwester! Scheide du nicht so von mir! + Mag mir die Mutter fluchen, mag dies Blut + Anklagend gegen mich zum Himmel rufen, + Mich alle Welt verdammen! Aber du + Fluche mir nicht! Von dir kann ich's nicht tragen! + +Beatrice (zeigt mit abgewandtem Gesicht auf den Leichnam). + +Don Cesar. + Nicht den Geliebten hab' ich dir getödtet! + Den Bruder hab' ich dir und hab' ihn mir + Gemordet--Dir gehört der Abgeschiedne jetzt + Nicht näher an, als ich, der Lebende, + Und ich bin mitleidswürdiger, als er, + Denn er schied rein hinweg, und ich bin schuldig. + +Beatrice (bricht in heftige Thränen aus). + +Don Cesar. + Weine um den Bruder, ich will mit dir weinen, + Und mehr noch--rächen will ich ihn! Doch nicht + Um den Geliebten weine! Diesen Vorzug, + Den du dem Todten gibst, ertrag' ich nicht. + Den einz'gen Trost, den letzten, laß mich schöpfen + Aus unsers Jammers bodenloser Tiefe, + Daß er dir näher nicht gehört, als ich-- + Denn unser furchtbar aufgelöstes Schicksal + Macht unsre Rechte gleich, wie unser Unglück. + In einen Fall verstrickt, drei liebende + Geschwister, gehen wir vereinigt unter + Und theilen gleich der Thränen traurig Recht. + Doch wenn ich denken muß, daß deine Trauer + Mehr dem Geliebten als dem Bruder gilt, + Dann mischt sich Wuth und Neid in meinen Schmerz, + Und mich verläßt der Wehmuth letzter Trost. + Nicht freudig, wie ich gerne will, kann ich + Das letzte Opfer seinen Manen bringen; + Doch sanft nachsenden will ich ihm die Seele, + Weiß ich nur, daß du meinen Staub mit seinem + In einem Aschenkruge sammeln wirst. + +(Den Arm um sie schlingend, mit einer leidenschaftlich zärtlichen Heftigkeit.) + + Dich liebt' ich, wie ich nichts zuvor geliebt, + Da du noch eine Fremde für mich warst. + Weil ich dich liebte über alle Grenzen, + Trag' ich den schweren Fluch des Brudermords, + Liebe zu dir war meine ganze Schuld. + --Jetzt bist du meine Schwester, und dein Mitleid + Fordr' ich von dir als einen heil'gen Zoll. + +(Er sieht sie mit ausforschenden Blicken und schmerzlicher +Erwartung an, dann wendet er sich mit Heftigkeit von ihr.) + + Nein, nein, nicht sehen kann ich diese Thränen-- + In dieses Todten Gegenwart verläßt + Der Muth mich, und die Brust zerreißt der Zweifel-- + --Laß mich im Irrthum! Weine im Verborgnen! + Sieh nie mich wieder--niemals mehr--Nicht dich, + Nicht deine Mutter will ich wieder sehen, + Sie hat mich nie geliebt! Verrathen endlich + Hat sich ihr Herz, der Schmerz hat es geöffnet. + Sie nannt' ihn ihren bessern Sohn!--So hat sie + Verstellung ausgeübt ihr ganzes Leben! + --Und du bist falsch, wie sie! Zwinge dich nicht! + Zeig' deinen Abscheu! Mein verhaßtes Antlitz + Sollst du nicht wieder sehn! Geh hin auf ewig! + +(Er geht ab. Sie steht unschlüssig, im Kampf widersprechender +Gefühle, dann reißt sie sich los und geht.) + + + +Siebenter Auftritt. + + +Chor. (Cajetan.) -- -- -- -- -- -- -- + Wohl Dem! Selig muß ich ihn preisen, + Der in der Stille der ländlichen Flur, + Fern von des Lebens verworrenen Kreisen, + Kindlich liegt an der Brust der Natur. + Denn das Herz wird mir schwer in der Fürsten Palästen, + Wenn ich herab vom Gipfel des Glücks + Stürzen sehe die Höchsten, die Besten + In der Schnelle des Augenblicks! + + Und auch Der hast sich wohl gebettet, + Der aus der stürmischen Lebenswelle, + Zeitig gewarnt, sich heraus gerettet + In des Klosters friedliche Zelle, + Der die stachelnde Sucht der Ehren + Von sich warf und die eitle Lust + Und die Wünsche, die ewig begehren, + Eingeschläfert in ruhiger Brust. + Ihn ergreift in dem Lebensgewühle + Nicht der Leidenschaft wilde Gewalt, + Nimmer in seinem stillen Asyle + Sieht er der Menschheit traur'ge Gestalt. + Nur in bestimmter Höhe ziehet + Das Verbrechen hin und das Ungemach, + Wie die Pest die erhabnen Orte fliehet, + Dem Qualm der Städte wälzt es sich nach. + +(Berengar, Bohemund und Manfred.) + Auf den Bergen ist Freiheit! Der Hauch der Grüfte + Steigt nicht hinauf in die reinen Lüfte; + Die Welt ist vollkommen überall, + Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual. + +(Der ganze Chor wiederholt.) + Auf den Bergen u. s. w. + + + +Achter Auftritt. + + +Don Cesar. Der Chor. + +Don Cesar (gefaßter). + Das Recht des Herrschers üb' ich aus zum letzten Mal, + Dem Grab zu übergeben diesen theuren Leib, + Denn dieses ist der Todten letzte Herrlichkeit. + Vernehmt denn meines Willens ernstlichen Beschluß, + Und wie ich's euch gebiete, also übt es aus + Genau--Euch ist in frischem Angedenken noch + Das ernste Amt, denn nicht von langen Zeiten ist's, + Daß ihr zur Gruft begleitet eures Fürsten Leib. + Die Todtenklage ist in diesen Mauern kaum + Verhallt, und eine Leiche drängt die andre fort + Ins Grab, daß eine Fackel ander andern sich + Anzünden, auf der Treppe Stufen sich der Zug + Der Klagemänner fast begegnen mag. + So ordnet denn ein feierlich Begräbnißfest + In dieses Schlosses Kirche, die des Vaters Staub + Verwahrt, geräuschlos bei verschloßnen Pforten an, + Und Alles werde, wie es damals war, vollbracht. + +Chor. (Bohemund.) + Mit schnellen Händen soll dies Werk bereitet sein, + O Herr--denn aufgerichtet steht der Katafalk, + Ein Denkmal jener ernsten Festlichkeit, noch da, + Und an den Bau des Todes rührte keine Hand. + +Don Cesar. + Das war kein glücklich Zeichen, daß des Grabes Mund + Geöffnet blieb im Hause der Lebendigen. + Wie kam's, daß man das unglückselige Gerüst + Nicht nach vollbrachtem Dienste alsobald zerbrach? + +Chor. (Bohemund.) + Die Noth der Zeiten und der jammervolle Zwist, + Der gleich nachher, Messina feindlich theilend, sich + Entflammt, zog unsre Augen von den Todten ab, + Und öde blieb, verschlossen dieses Heiligthum. + +Don Cesar. + Ans Werk denn eilet ungesäumt! Noch diese Nacht + Vollende sich das mitternächtliche Geschäft! + Die nächste Sonne finde von Verbrechen rein + Das Haus und leuchte einem fröhlichen Geschlecht. + +(Der zweite Chor entfernt sich mit Don Manuels Leichnam.) + +Erster Chor. (Cajetan.) + Soll ich der Mönche fromme Brüderschaft hieher + Berufen, daß sie nach der Kirche altem Brauch + Das Seelenamt verwalte und mit heil'gem Lied + Zur ew'gen Ruh einsegne den Begrabenen? + +Don Cesar. + Ihr frommes Lied mag fort und fort an unserm Grab + Auf ew'ge Zeiten schallen bei der Kerze Schein; + Doch heute nicht bedarf es ihres reinen Amts, + Der blut'ge Mord verscheucht das Heilige. + +Chor. (Cajetan.) + Beschließe nichts gewaltsam Blutiges, o Herr, + Wider sich selber wüthend mit Verzweiflungsthat; + Denn auf der Welt lebt Niemand, der dich strafen kann, + Und fromme Büßung kauft den Zorn des Himmels ab. + +Don Cesar. + Nicht auf der Welt lebt, wer mich richten strafen kann, + Drum muß ich selber an mir selber es vollziehn. + Bußfert'ge Sühne, weiß ich, nimmt der Himmel an; + Doch nur mit Blut büßt sich ab der blut'ge Mord. + +Chor. (Cajetan.) + Des Jammers Fluthen, die auf dieses Haus gestürmt, + Ziemt dir zu brechen, nicht zu häufen Leid auf Leid. + +Don Cesar. + Den alten Fluch des Hauses lös' ich sterbend auf, + Der freie Tod nur bricht die Kette des Geschicks. + +Chor. (Cajetan.) + Zum Herrn bist du dich schuldig dem verwaisten Land, + Weil du des andern Herrscherhauptes uns beraubt. + +Don Cesar. + Zuerst den Todesgöttern zahl' ich meine Schuld, + Ein andrer Gott mag sorgen für die Lebenden. + +Chor. (Cajetan.) + So weit die Sonne leuchtet, ist die Hoffnung auch, + Nur von dem Tod gewinnt sich nichts! Bedenk' es wohl! + +Don Cesar. + Du selbst bedenke schweigend deine Dienerpflicht! + Mich laß dem Geist gehorchend, der mich furchtbar treibt, + Denn in das Innre kann kein Glücklicher mir schaun. + Und ehrst du fürchtend auch den Herrscher nicht in mir, + Den Verbrecher fürchte, den der Flüche schwerster drückt! + Das Haupt verehre des Unglücklichen, + Das auch den Göttern heilig ist--Wer das erfuhr, + Was ist erleide und im Busen fühle, + Gibt keinem Irdischen mehr Rechenschaft. + + + +Neunter Auftritt. + + +Donna Isabella. Don Cesar. Der Chor. + +Isabella (kommt mit zögernden Schritten und wirft unschlüssige +Blicke auf Don Cesar. Endlich tritt sie ihm näher und spricht +mit gefaßtem Ton). + Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen, + So hatt' ich mir's in meinem Schmerz gelobt; + Doch in die Luft verwehen die Entschlüsse, + Die eine Mutter, unnatürlich wüthend, + Wider des Herzens Stimme faßt--Mein Sohn! + Mich treibt ein unglückseliges Gerücht + Aus meines Schmerzens öden Wohnungen + Hervor--Soll ich ihm glauben? Ist es wahr, + Daß mir ein Tag zwei Söhne rauben soll? + +Chor. (Cajetan.) + Entschlossen siehst du ihn, festen Muths, + Hinab zu gehen mit freiem Schritte + Zu des Todes traurigen Thoren. + Erprobe du jetzt die Kraft des Blutes, + Die Gewalt der rührenden Mutterbitte! + Meine Worte hab' ich umsonst verloren. + +Isabella. + Ich rufe die Verwünschungen zurück, + Die ich im blinden Wahnsinn der Verzweiflung + Auf dein geliebtes Haupt herunter rief. + Eine Mutter kann des eignen Busens Kind, + Das sie mit Schmerz geboren, nicht verfluchen. + Nicht hört der Himmel solche sündige + Gebete; schwer von Thränen, fallen sie + Zurück von seinem leuchtenden Gewölbe. + --Lebe, mein Sohn! Ich will den Mörder lieber sehn + Des einen Kindes, als um beide weinen. + +Don Cesar. + Nicht wohl bedenkst du, Mutter, was du wünschest + Dir selbst und mir--Mein Pfad kann nicht mehr sein + Bei den Lebendigen--Ja, könntest du + Des Mörders gottverhaßtes Antlitz auch + Ertragen, Mutter, ich ertrüge nicht + Den stummen Vorwurf deines ew'gen Grams. + +Isabella. + Kein Vorwurf soll dich kränken, keine laute, + Noch stumme Klage in das Herz dir schneiden. + In milder Wehmuth wird der Schmerz sich lösen, + Gemeinsam trauernd, wollen wir das Unglück + Beweinen und bedecken das Verbrechen. + +Don Cesar (faßt ihre Hand, mit sanfter Stimme). + Das wirst du, Mutter. Also wird's geschehn. + In milder Wehmuth wird dein Schmerz sich lösen-- + Dann, Mutter, wenn ein Todtenmal den Mörder + Zugleich mit dem Gemordeten umschließt, + Ein Stein sich wölbet über beider Staube, + Dann wird der Fluch entwaffnet sein--Dann wirst + Du deine Söhne nicht mehr unterscheiden, + Die Thränen, die dein schönes Auge weint, + Sie werden einem wie dem andern gelten, + Ein mächtiger Vermittler ist der Tod. + Da löschen alle Zornesflammen aus, + Der Haß versöhnt sich, und das schöne Mitleid + Neigt sich, ein weinend Schwesterbild, mit sanft + Anschmiegender Umarmung auf die Urne. + Drum, Mutter, wehre du mir nicht, daß ich + Hinuntersteige und den Fluch versöhne. + +Isabella. + Reich ist die Christenheit an Gnadenbildern, + Zu denen wallend ein gequältes Herz + Kann Ruhe finden. Manche schwere Bürde + Ward abgeworfen in Lorettos Haus, + Und segensvolle Himmelskraft umweht + Das heil'ge Grab, das alle Welt entsündigt. + Vielkräftig auch ist das Gebet der Frommen, + Sie haben reichen Vorrath an Verdienst, + Und auf der Stelle, wo ein Mord geschah, + Kann sich ein Tempel reinigend erheben. + +Don Cesar. + Wohl läßt der Pfeil sich aus dem Herzen ziehn, + Doch nie wird das verletzte mehr gesunden. + Lebe, wer's kann, ein Leben der Zerknirschung, + Mit strengen Bußkasteiungen allmählich + Abschöpfend eine ew'ge Schuld--Ich kann + Nicht leben, Mutter, mit gebrochnem Herzen. + Aufblicken muß ich freudig zu den Frohen + Und in den Äther greifen über mir + Mit freiem Geist--Der Neid vergiftete mein Leben, + Da wir noch deine Liebe gleich getheilt. + Denkst du, daß ich den Vorzug werde tragen, + Den ihm dein Schmerz gegeben über mich? + Der Tod hat eine reinigende Kraft, + In seinem unvergänglichen Palaste + Zu echter Tugend reinem Diamant + Das Sterbliche zu läutern und die Flecken + Der mangelhaften Menschheit zu verzehren. + Weit, wie die Sterne abstehn von der Erde, + Wird er erhaben stehen über mir, + Und hat der alte Neid uns in dem Leben + Getrennt, da wir noch gleich Brüder waren, + So wurd er rastlos mir das Herz zernagen, + Nun er das Ewige mir abgewann + Und, jenseits alles Wettstreits, wie ein Gott + In der Erinnerung der Menschen wandelt. + +Isabella. + O, hab' ich euch nur darum nach Messina + Gerufen, um euch Beide zu begraben! + Euch zu versöhnen, rief ich euch hieher, + Und ein verderblich Schicksal kehret all + Mein Hoffen in sein Gegentheil mir um! + +Don Cesar. + Schilt nicht den Ausgang, Mutter! Es erfüllt + Sich Alles, was versprochen ward. Wir zogen ein + Mit Friedenshoffnungen in diese Thore, + Und friedlich werden wir zusammen ruhn, + Versöhnt auf ewig, in dem Haus des Todes. + +Isabella. + Lebe, mein Sohn! Laß deine Mutter nicht + Freundlos im Land der Fremdlinge zurück, + Rohherziger Verhöhnung preisgegeben, + Weil sie der Söhne Kraft nicht mehr beschützt. + +Don Cesar. + Wenn alle Welt dich herzlos kalt verhöhnt + So flüchte du dich hin zu unserm Grabe + Und rufe deiner Söhne Gottheit an; + Denn Götter sind wir dann, wir hören dich, + Und wie des Himmels Zwillinge, dem Schiffer + Ein leuchtend Sternbild, wollen wir mit Trost + Die nahe sein und deine Seele stärken. + +Isabella. + Lebe, mein Sohn! Für deine Mutter lebe! + Ich kann's nicht tragen, Alles zu verlieren! + +(Sie schlingt ihre Arme mit leidenschaftlicher Heftigkeit um ihn; +er macht sich sanft von ihr los und reicht ihr die Hand mit +abgewandtem Gesicht.) + +Don Cesar. + Leb wohl! + +Isabella. + Ach, wohl erfahr' ich's schmerzlich fühlend nun, + Daß nichts die Mutter über dich vermag! + Gibt's keine andre Stimme, welche dir + Zum Herzen mächt'ger als die meine dringt? +(Sie sieht nach dem Eingang der Scene.) + Komm, meine Tochter! Wenn der todte Bruder + Ihn so gewaltig nachzieht in die Gruft, + So mag vielleicht die Schwester, die geliebte, + Mit schöner Lebenshoffnung Zauberschein + Zurück ihn locken in das Licht der Sonne. + + + +Letzter Auftritt. + + +Beatrice erscheint am Eingang der Scene. Donna Isabella. Don Cesar +und der Chor. + +Don Cesar (bei ihrem Anblick heftig bewegt sich verhüllend). + O Mutter! Mutter! Was ersannest du? + +Isabella (führt sie vorwärts). + Die Mutter hat umsonst zu ihm gefleht, + Beschwöre du, erfleh' ihn, daß er lebe! + +Don Cesar. + Arglist'ge Mutter! Also prüfst du mich! + In neuen Kampf willst du zurück mich stürzen? + Das Licht der Sonne mir noch theurer machen + Auf meinem Wege zu der ew'gen Nacht? + --Da steht der holde Lebensengel mächtig + Vor mir, und tausend Blumen schüttet er + Und tausend goldne Früchte lebenduftend + Aus reichem Füllhorn strömend vor mir aus, + Das Herz geht auf im warmen Strahl der Sonne, + Und neu erwacht in der erstorbnen Brust + Die Hoffnung wieder und die Lebenslust. + +Isabella. + Fleh' ihn, dich oder Niemand wird er hören, + Daß er den Stab nicht raube dir und mir. + +Beatrice. + Ein Opfer fordert der geliebte Todte; + Es soll ihm werden, Mutter--Aber mich + Laß dieses Opfer sein! Dem Tode war ich + Geweiht, eh' ich das Leben sah. Mich fordert + Der Fluch, der dieses Haus verfolgt, und Raub + Am Himmel ist das Leben, das ich lebe. + Ich bin's, die ihn gemordet, eures Streits + Entschlafne Furien geweckte--Mir + Gebührt es, seine Manen zu versöhnen! + +Chor. (Cajetan.) + O jammervolle Mutter! Hin zum Tod + Drängen sich eifernd alle deine Kinder + Und lassen dich allein, verlassen stehen + Um freudlos öden, liebeleeren Leben. + +Beatrice. + Du, Bruder, rette dein geliebtes Haupt! + Für deine Mutter lebe! Sie bedarf + Des Sohnes; erst heute fand sie eine Tochter, + Und leicht entbehrt sie, was sie nie besaß. + +Don Cesar (mit tief verwundeter Seele). + Wir mögen leben, Mutter, oder sterben, + Wenn sie nur dem Geliebten sich vereinigt! + +Beatrice. + Beneidest du des Bruders todten Staub? + +Don Cesar. + Er lebt in deinem Schmerz ein selig Leben, + Ich werde ewig todt sein bei den Todten. + +Beatrice. + O Bruder! + +Don Cesar (mit dem Ausdruck der heftigsten Leidenschaft). + Schwester, weinest du um mich? + +Beatrice. + Lebe für unsre Mutter! + +Don Cesar (läßt ihre Hand los, zurücktretend). + Für die Mutter? + +Beatrice (neigt sich an seine Brust). + Lebe für sie und tröste deine Schwester. + +Chor. (Bohemund.) + Sie hat gesiegt! Dem rührenden Flehen + Der Schwester konnt' er nicht widerstehen. + Trostlose Mutter! Gieb Raum der Hoffnung, + Er erwählt das Leben, die bleibt dein Sohn! + +(In diesem Augenblick läßt sich ein Chorgesang hören, die Flügelthüre +wird geöffnet, man sieht in der Kirche den Katafalk aufgerichtet und +den Sarg von Candelabern umgeben.) + +Don Cesar (gegen den Sarg gewendet). + Nein, Bruder! Nicht dein Opfer will ich dir + Entziehen--deine Stimme aus dem Sarg + Ruft mächt'ger dringend als der Mutter Thränen + Und mächt'ger als der Liebe Flehn--Ich halte + In meinen Armen, was das ird'sche Leben + Zu einem Loos der Götter machen kann-- + Doch ich, der Mörder, sollte glücklich sein, + Und deine heil'ge Unschuld ungerächet + Im tiefen Grabe liegen?--Das verhüte + Der allgerechte Lenker unsrer Tage, + Daß solche Theilung sei in seiner Welt-- + --Die Thränen sah ich, die auch mir geflossen, + Befriedigt ist mein Herz, ich folge dir. + +(Er durchsticht sich mit einem Dolch und gleitet sterbend an seiner +Schwester nieder, die sich der Mutter in die Arme wirft.) + +Chor (Cajetan.) (nach einem tiefen Schweigen). + Erschüttert steh' ich, weiß nicht, ob ich ihn + Bejammern oder preisen soll sein Loos. + Dies Eine fühl' ich und erkenn' es klar: + Das Leben ist der Güter höchstes nicht, + Der Übel größtes aber ist die Schuld. + + + + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE BRAUT VON MESSINA *** + +This file should be named 6496-8.txt or 6496-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04 + +Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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