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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-23 07:48:27 -0800
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-The Project Gutenberg eBook of Buch und Bildung, by Friedrich Oldenbourg
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Buch und Bildung
- Eine Aufsatzfolge
-
-Author: Friedrich Oldenbourg
-
-Release Date: March 05, 2021 [eBook #64698]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BUCH UND BILDUNG ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Friedrich Oldenbourg
-
- Buch und Bildung
-
- Eine Aufsatzfolge
-
- C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
- München 1925
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Vor einem Fest stellt man sich wohl an einen Spiegel und prüft, ob
-der Anzug sitzt, ob die Binde in Ordnung, ob das Haar richtig liegt.
-Wer aber Feste richtig zu feiern versteht, der bleibt nicht bei
-diesen eitlen Äußerlichkeiten. Er blickt sich richtig ins Gesicht, d.
-h. er prüft auch, ob er als Mensch zu dem bevorstehenden Fest paßt;
-er scheut nicht davor zurück, auch dem inneren Menschen den Spiegel
-vorzuhalten, und wenn er dann manchen Mangel entdeckt, macht er eine
-mehr oder minder große Schublade auf und entnimmt ihr allerlei gute
-Vorsätze, glättet mit ihnen hier eine Falte, deckt damit dort einen
-allzu störenden Fleck, und glücklich, wenn es gelingt, nach solcher
-Arbeit mit dem Bewußtsein vollen Erfolges unter die Festgesellschaft
-zu treten. Er kann wirklich feiern, auch wenn er weiß, daß der Ernst
-seiner guten Vorsätze harten Werktag in Aussicht stellt; denn ein
-wahrer Festtag ist nicht nur der schöne Abschluß nach einer Zeit der
-Arbeit, er ist auch der Auftakt des morgigen Schaffens. Blieben wir
-nicht alle dem Gestern etwas schuldig, daß wir uns des Morgen mit
-seinen Möglichkeiten freuen müssen, wenn wir heute ein Fest wirklich
-feiern wollen?
-
-Der deutsche Buchhandel feiert in diesem Jahr sein großes Fest, und
-nicht nur seine Angehörigen, sondern auch alle Verwandten und Freunde,
-ja auch alle, die mit ihm mehr pflichtmäßig als aus Zuneigung
-verkehren, werden mitfeiern. Der Absicht, ihnen allen, meinen
-Berufsgenossen in erster Linie, zu solcher Spiegelschau zu verhelfen,
-verdankt das vorliegende Buch seine Zusammenfügung aus zunächst
-unabhängig voneinander entstandenen Reden und Aufsätzen.
-
-Ich weiß, es entstand kein Spiegel aus herrlichem Kristallglas, auch
-das Metall der Hinterlegung ist nicht fleckenfrei, und der Rahmen
-ist weder aus edler Bronze noch von kunstvoller Schnitzerei. So mag
-mancher, der vom Spiegelbild nicht entzückt ist, ruhig lieber dem
-Spiegel die Schuld geben, ehe er sich die Laune verderben läßt.
-Bedenken möge aber jeder, daß uns manchmal der bescheidenste Scherben
-gute Dienste leisten kann, wenn Besseres nicht greifbar ist. Würde ich
-nicht den Glauben haben, daß mein unvollkommenes Machwerk doch da und
-dort durch Anregung oder wenigstens durch Widerspruch etwas wirken
-kann, dürfte ich es nicht geschrieben haben. Daß ich es aber nicht nur
-schrieb, sondern auch durch Druck vervielfältigen lasse, entsprang
-nicht meiner Unbescheidenheit, sondern der Liebe zu meinem Beruf, Beruf
-in jenem höheren Sinne des Schaffens zur Erfüllung einer gottgegebenen
-Pflicht. Liebe aber ist am glücklichsten im Schenken, und hat sie
-nichts anderes, so ist ihr auch bescheidene Gabe lieber als leere Hände.
-
- München, April 1925.
-
- _Dr. Friedrich Oldenbourg_
-
-
-
-
-Politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung
-
-
-In Zeiten des politischen Tiefstandes eines Volkes wird gerne nach
-Wegen gesucht, die es ermöglichen, wieder emporzuklimmen. Jede Partei,
-jeder Stand, ja fast jeder Einzelmensch weiß dann irgendein Mittel,
-das zur Gesundung dienen soll. So viele Meinungen das Übel zu bannen
-versprechen, so gewiß ist das eine, daß nur die dahinterstehende gute
-Absicht wirklich wertvoll ist. Sie ist das einzig Zusammenschließende
-in dem Vielerlei und insoferne auch der einzig brauchbare
-Ausgangspunkt; denn alle empfohlenen Mittel, auch wenn sie noch so gut
-sind, müssen richtig und zu passender Zeit angewendet werden, sind also
-nicht an sich gut, sondern nur, wenn ihre Voraussetzungen erfüllt sind.
-
-Soll aber dieser gemeinsame Wille der Hilfsbereitschaft sich auswirken
-zum Segen des Ganzen, so muß die Bahn frei gemacht werden nach der
-Richtung, in der allein politisches Leben zu finden ist, in Richtung
-auf den Staat. Nicht ein Staat ganz bestimmter Form kann hiebei in
-Frage kommen -- die Wege würden da ja gleich auseinanderführen --,
-zunächst handelt es sich nur um das Bewußtsein, daß Politik ohne
-Staat unmöglich ist. Erst dieses Bewußtsein schafft die Möglichkeit,
-weiterzuplanen.
-
-Darum ist der Inhalt der Überschrift dieses Aufsatzes von mir als
-die Frage gedacht: Können politische Bildung und staatsbürgerliche
-Erziehung uns heute helfen, helfen in jenem eindeutigen Sinne?
-
-Nun glaube ich nicht, daß ich allein die richtige Antwort geben kann;
-ich bin aber überzeugt, daß die Aufwerfung der obigen Frage an sich
-schon Wert besitzt. Je mehr das gleiche tun, desto sicherer wird sie
-geklärt, auch wenn die Antworten weit auseinandergehen. Irgendwie wird
-dann der sachlich unantastbare Kern gefunden, losgelöst von den Schalen
-persönlicher Gebundenheiten.
-
-Diese Gebundenheiten eines Buchhändlers, der sich an der Universität
-geisteswissenschaftlichen Studien hingab und dann als Offizier
-den Krieg mitmachte, sind nicht schwer zu erkennen, ja um so
-mehr faßbar, wenn man genau verfolgt, welche Zeugen er für seine
-Begriffsbestimmungen anführt. Diese aber sind die Voraussetzungen für
-alles Weitere; denn der Hauptgrund dafür, daß die Menschen soviel
-aneinander vorbeireden, ist der, daß sie mit den gleichen Worten
-Verschiedenes ausdrücken.
-
-In der von mir gewählten Überschrift sind im ganzen vier Begriffe, die
-verdeutlicht werden müssen.
-
-»Alle _Politik_ ist Kunst.« Mit diesem Wort begann Heinrich von
-Treitschke seine Vorlesungen über Politik, und wenn man ein beliebiges
-Wörterbuch aufschlägt, so findet man als erste verdeutlichende
-Übersetzung des Wortes Politik »Staats_kunst_«. Es ist wohl das Beste,
-daran festzuhalten, daß alle weiteren Worterklärungen vom wahren
-Sinn des Wortes abirren. Es hat schon Leute gegeben, die Politik als
-Wissenschaft hinstellen wollten. Sie wurden dazu verleitet, weil die
-Politik des wissenschaftlichen Rüstzeuges nicht entraten kann. Es
-wird aber wohl niemandem einfallen, die Malerei als Wissenschaft zu
-bezeichnen, weil sie sich bei uns z. B. der Mathematik in Form der
-Perspektive bedient. »Alle Politik ist Kunst« heißt: nur ein Künstler
-kann sie beherrschen. Muß man darüber noch mehr sagen in einer Zeit,
-wo von allen Seiten nach dem Manne gerufen wird, der den politischen
-Knoten unserer Zeit löst, und sei es durch scharfen Hieb? In einer
-Zeit, in der Bismarcks letzter Erinnerungsband die ganze Kümmerlichkeit
-aller jener Politiker zum Bewußtsein bringt, die dem großen Meister
-nicht etwa nachfolgten, sondern genug zu »können« wähnten, um eigene
-Wege zu gehen?
-
-Es läge nun nahe, daß ich an zweiter Stelle erklärte, was ich
-unter einem Staatsbürger verstehe; damit würde ich aber nahezu die
-Hauptsache meiner Ausführungen vorwegnehmen, denn man wird aus der
-Überschrift herausgefühlt haben, daß ich eben der politischen Bildung
-die staatsbürgerliche Erziehung gegenüberstelle. Dazu kommt, daß
-ich mich nicht ohne weiteres an Treitschke anschließen kann, dem
-ich für den Begriff der Politik folgte. »Es ist eine aus Frankreich
-herübergenommene radikale Schrulle, wenn man in dem Worte Untertan
-etwas Ehrenrühriges sieht und dafür Staatsbürger einsetzt. Untertan und
-Staatsbürger sind zwei sich ganz und gar deckende Begriffe, nur daß
-in jenem mehr Verpflichtung, in diesem mehr die Berechtigung betont
-wird.« Aber seit Treitschke dies aussprach, ist das Wort Untertan noch
-mehr in Verruf gekommen; es gibt keine »Regierenden und Regierten«
-mehr wie damals Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.
-Das Volk regiert sich ja selbst! Diese Andeutung, daß gerade der
-Staatsbürgerbegriff die große Frage der Überschrift dieser Ausführungen
-umschließt, muß hier zunächst genügen.
-
-Einer eingehenden Auslegung aber bedürfen noch die Begriffe »Bildung«
-und »Erziehung«. Ich möchte hier geschichtlich vorgehen; wir erhalten
-dadurch, wie sich bald zeigen wird, einen besonders klaren Ausblick auf
-den Weg, der zurückgelegt werden soll.
-
-Das Wort Bildung hat manche Wandlung in seiner Bedeutung erlebt. Es
-wurde zwar häufig in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gebraucht,
-aber immer im Sinne von Gestalt; man sagte z. B. von einer schönen
-Frau, sie sei von ausgezeichneter Bildung. Erst in der klassischen
-Zeit, hervorwachsend aus der Aufklärungsphilosophie, bahnt sich das
-Wort in seiner geistigen Bedeutung den Weg.
-
-Die vielleicht klarste Verwendung in der neuen Bedeutung finden wir bei
-Schiller in den philosophischen Schriften. Er, der ja die ästhetische
-Erziehung als Forderung aufstellt, mußte ja auch am ehesten an den
-ursprünglichen Wortsinn anknüpfen können. Was Plato sich von jedem
-Ding dachte, das Vorhandensein einer Idee, eines idealen Vorbildes in
-einer besseren Welt, das beherrscht Schiller besonders im Hinblick auf
-den Menschen in jeder Hinsicht, vornehmlich aber in geistiger. »Nicht
-der Masse qualvoll abgerungen, schlank und leicht, wie aus dem Nichts
-entsprungen, steht das Bild vor dem entzückten Blick.« Diese Verse
-aus dem Gedicht »Das Ideal und das Leben« verdeutlichen am besten,
-wie Schiller sich jenes Bild der besseren Welt der Gedanken dachte im
-Gegensatz zu dem in Wirklichkeit erscheinenden.
-
-Kurz sei Goethes Persönlichkeitsideal erwähnt. Erst beim alten Goethe
--- in Wilhelm Meisters Wanderjahren und im zweiten Teil des Faust --
-bezieht er Staat und Gesellschaft mit ein, also in jener Zeit, die den
-politisch so entscheidenden Jahren um die Jahrhundertwende erst folgte.
-
-Die Betrachtung gerade dieser Zeit aber ist aus begreiflichen
-Gründen für uns von ausschlaggebender Bedeutung. Es ist die
-Zeit der geistigen Geburt des neuen deutschen Staates: Aus den
-weltbürgerlichen Strebungen der Aufklärungszeit und denen unseres
-klassischen Zeitalters wächst das Ideal des Nationalstaates hervor.
-Am Anfang dieser Entwicklung steht Wilhelm von Humboldt; er wird
-auch in der klassischen Darstellung dieser Entwicklung durch den
-Berliner Historiker _Meinecke_ an die Spitze gestellt. Wohl mutet
-er uns noch allzusehr von weltbürgerlichen Idealen erfüllt an, doch
-werden Sie den Fortschritt, den wir Humboldt hier verdanken, sofort
-erkennen, wenn Sie sich einerseits die Beziehungslosigkeit unserer
-klassischen Dichter zum deutschen Staatsgedanken vergegenwärtigen und
-dann folgende Worte Humboldts in sich aufnehmen: »Die Zivilisation
-ist die Vermenschlichung der Völker in ihren äußeren Einrichtungen
-und Gebräuchen und der darauf Bezug habenden Gesinnung. Die Kultur
-fügt dieser Veredlung des gesellschaftlichen Zustandes Wissenschaft
-und Kunst hinzu. Wenn wir aber in unserer Sprache _Bildung_ sagen, so
-meinen wir damit etwas zugleich Höheres und mehr Innerliches, nämlich
-die Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis und dem Gefühle des gesamten
-geistigen und sittlichen Strebens harmonisch auf die Empfindung und
-den Charakter ergießt.« Selbst noch Weltbürger, hat er mit dieser
-Aufstellung des _deutschen_ Bildungsbegriffes im Gegensatz zu den aus
-der Fremde übernommenen Begriffen »Zivilisation« und »Kultur« für
-das Deutschtum nach meiner Ansicht mehr geleistet als mit all seinen
-staatsphilosophischen Betrachtungen, soviel auch diese sonst in der
-Geschichte des deutschen Nationalstaates eine Rolle spielen mögen.
-
-Indem ich für diese Geschichte hinsichtlich der Einzelheiten auf
-Meinecke verweise, wende ich mich nun zu jener Gestalt, die eben jenen
-deutschen Bildungsbegriff, gedrängt durch das Gefühl für Deutschlands
-tiefste Erniedrigung, aus der Enge der Gedankenwelt einzelner, über
-ihrer Zeit stehender Persönlichkeiten hinaustrug in den Kampf mit der
-Not der Zeit: zu Fichte. Es wäre eine Aufgabe für sich, an der Hand der
-»Reden an die deutsche Nation« im einzelnen der Frage nachzugehen, wie
-Fichte mit diesem Hinaustreten in die Arena des Zeitkampfes nicht nur
-die politische Gleichgültigkeit der »Gebildeten« bekämpfte, sondern
-gerade jenes Bildungsideal der klassischen Zeit zur politischen Waffe
-umschmiedete. Hier kann nur in enger Zusammenfassung das Wesentliche
-herausgehoben werden. Ich schicke zwei Sätze der ersten Rede voraus:
-»So ergibt sich denn also, daß das Rettungsmittel, dessen Anzeige ich
-versprochen, in der Bildung bestehe zu einem durchaus neuen und bisher
-vielleicht als Ausnahme bei einzelnen, niemals aber als allgemeines und
-nationales Selbst dagewesenes Selbst und in der Erziehung der Nation.«
-Und: »Wir wollen durch die neue Erziehung die Deutschen zu einer
-Gesamtheit bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern getrieben
-und belebt sei durch dieselbe eine Angelegenheit.« Aus diesen beiden
-Sätzen läßt sich alles Wesentliche entnehmen: Fichte faßt erstens
-die Nation als ein Wesen auf, das wie die Einzelpersönlichkeit eine
-bestimmte Willensrichtung haben kann, und er fordert, daß dieser Wille
-zur Aufwärtsentwicklung, zur Bildung der nationalen Persönlichkeit
-angespannt werde; zweitens aber ist er sich klar darüber, daß das
-Idealbild zunächst nur bei den schon Gebildeten in reinster Form
-als Ziel erkannt werden kann, und darum ist es Pflicht eben jener
-Gebildeten, an der _Erziehung_ der übrigen Teile der Nation so zu
-arbeiten, daß sie mit richtigem Zielstreben erfüllt werden.
-
-Damit haben wir zum erstenmal eine klare Trennung zwischen »Bildung«
-und »Erziehung«: Bei der Erziehung ist das Bild, zu dem ein Mensch
-herangebildet wird, nicht in ihm selbst, es ist vielmehr das Ideal
-des Erziehers. Wohl dachten ein Schiller oder Humboldt wie auch
-Goethe nicht nur an die »Sichbildung«, wie sie Fichte an einer Stelle
-nennt, auch sie waren sich klar darüber, daß der Mensch in seinem
-Bildungsgang auch von außen beeinflußt wird; allein sie stellen,
-selbst starke Persönlichkeiten, diesen äußeren Einfluß so weit unter
-die »Sichbildung«, daß z. B. Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahren
-nur Wilhelms Bildungsstreben herausarbeitet, alle Personen seiner
-Umwelt erscheinen als von ihm benütztes Mittel zum Zweck, nicht als
-durch bewußte Erziehung wirkende Personen. Erst in den Wanderjahren
-tritt bewußte Erziehungstätigkeit in Erscheinung, und mich dünken
-diese Teile weniger ursprünglich. Humboldt widmet zwar in seinem Buch
-über den Staat das 8. Kapitel der Sittenverbesserung, ist aber weit
-davon entfernt, den Begriff der Erziehung dabei zu berühren; er gibt
-vielmehr fast nur einen Abriß der Philosophie Schillers, in dem er
-die Überwindung des Sinnlichen durch das Schöne im weitesten Sinn des
-Wortes verlangt. Die Not der Zeit, von Fichte tiefinnerlich empfunden,
-brachte die Wendung: Fichte erkannte, daß den Deutschen nur geholfen
-werden kann, wenn die Wirkung der deutschen Bildung, wie wir sie vorhin
-in einem Worte Humboldts kennenlernten, auf die breite Masse des Volkes
-ausgedehnt werde, und dazu bedarf es der Erziehung.
-
-Man sieht, durch meine geschichtliche Betrachtung führte ich längst
-über jene zur Verständigung notwendige Begriffsbestimmung hinaus.
-Wir stehen schon mitten im Kernpunkt der Aufgabe, das Verhältnis
-von »politischer Bildung« und »staatsbürgerlicher Erziehung« zu
-bestimmen. Wir können feststellen, daß von Fichte jedenfalls
-ein Unterschied gemacht wurde zwischen Bildung, Sichbildung und
-Erziehung. Das ist wichtig; denn wenn wir nun in großen Zügen die
-geschichtliche Betrachtung weiterführen, so zeigt sich, daß einerseits
-die Philosophie, ich erinnere besonders an Herbart, andrerseits die
-praktische Erziehungsreform Pestalozzis und seiner Nachfolger die
-Erziehung immer mehr zum Mittelpunkt machten: Wir erhielten dadurch
-eine aufs höchste entwickelte Erziehungswissenschaft -- gewiß eine
-nicht zu unterschätzende Errungenschaft. Allein die Kehrseite von
-dieser Entwicklung ist höchst unerfreulich: Wir verloren jene Bildung
-der Persönlichkeit aus eigenem Streben heraus. Der Idealismus verlor
-dadurch die Bedeutung, die er sich in der klassischen Zeit erobert
-hatte. Es trat eine Versachlichung eben dieses Ideals ein, was man
-vielleicht am besten dadurch bezeichnet: An die Stelle des Ziels trat
-der Zweck. Wir kamen so weit, daß man unter einem gebildeten Menschen
-den verstand, der z. B. wußte, welcher Anzug der jeweils richtige
-ist; wir sanken also bis auf die Stufe jener Zeit zurück, in der
-höfische Etikette die Hauptsorge kleiner verschuldeter Fürstenhöfe
-war. Gewiß war der allgemein zunehmende Materialismus schuld; aber
-es sei nicht vergessen, daß auch die einseitige Entwicklung der
-Erziehungswissenschaft die Verantwortung mit zu tragen hat, wobei
-allerdings zu fragen ist, ob eben diese Entwicklung nicht selbst eine
-Äußerung des Materialismus darstellt.
-
-Der Rückstoß blieb aber nicht aus: Als Nietzsche sozusagen mit
-Posaunentönen das Ideal des »Übermenschen« verkündet hatte, da erlebte
-man bald jene Vertreter des rücksichtslosen Auslebens der eigenen
-Person: Die Erziehung wurde als Schulmeisterei über Bord geworfen, und
-das herrliche Zeitalter des Schwabingertums kam zur Blüte. Die Frucht,
-die folgte, haben wir gekostet und der schlechte Geschmack will nicht
-von der Zunge weichen. Nietzsche selbst trifft für den Kenner keine
-Schuld; er war nur der Auslöser einer naturnotwendigen Bewegung; andere
-Geistesgrößen, die zwar auch den Umschwung forderten, aber nicht mit
-jenem schmetternden Klang, drangen nicht über eine kleine Gemeinde
-hinaus. Ich erinnere nur an Lagarde. Noch stehen wir mitten in dieser
-Revolution des Geistes, und die politische Revolution ist nur ein
-Ausschnitt aus dem Riesenkampf, der jetzt allenthalben tobt.
-
-Es ist nun fesselnd zu beobachten, wie in dem Ringen um neue geistige
-Ziele um die Jahrhundertwende die Forderung nach staatsbürgerlicher
-Erziehung auftauchte, und wie man an ihrer Lösung arbeitete: Man
-forderte, daß jedem Deutschen auf der Schule gelehrt werde, welche
-Rechte und Pflichten er im Staate besitze. Die einen wollten, um mit
-Treitschke zu sprechen, durch starke Betonung der Pflichten gute
-»Untertanen« erziehen und die Umsturzgefahr bannen. Die anderen wollten
-mit Betonung der Rechte die Lust nach mehr erwecken. Ich will hier nur
-in großen Umrissen andeuten. Gemeinsam bleibt den ganzen Bestrebungen
-ein parteipolitisches Gepräge: Von den ganz Rückständigen, die das
-Unmögliche wollten, daß der deutsche Staat immer in der gleichen Form
-erscheinen solle, bis zu jenen Phantasten, die in der Zertrümmerung
-der Form ihr Ziel sehen, konnte man immer den gleichen Grundfehler
-beobachten: Sie setzten die Form für den Staat. Dazu kamen jene, die
-mit geschichtlichen und erdkundlichen _Kenntnissen_ dem deutschen
-Staatsbürger auf die Beine helfen wollten, ganz verkennend, daß nicht
-seine Kenntnisse, sondern die Gesinnung den Menschen zum Staatsbürger
-macht, daß also gerade hier die Steigerung der Kenntnisse zum Erlebnis
-unumgänglich notwendig ist.
-
-Wir befinden uns im Brennpunkt des Fragenkreises, den ich angeschnitten
-habe. Um das empfinden zu lassen, möchte ich zwei kleine Geschichten
-erzählen: Nicht lange vor dem Kriege fuhr ein Deutscher nach
-Ostafrika. Auf dem Schiff reiste auch der Bruder eines in der
-Kolonialgeschichte bekannten Engländers mit. Wie nun die Fahrt durch
-den Suezkanal ging, da fragte der Engländer den Deutschen -- und
-zwar vollkommen im Ernst --, auf welcher Seite Ägypten läge. Dies
-ist die eine Geschichte; nun die andere: Vor einiger Zeit teilte
-ein Buchhändler in Deutschböhmen im Börsenblatt für den deutschen
-Buchhandel die beschämende Tatsache mit, daß viele Reichsdeutsche in
-den Aufschriften der Briefe die deutschen Ortsnamen Böhmens tschechisch
-schrieben, obwohl selbstverständlich nur für den tschechoslowakischen
-Inlandsverkehr tschechische Aufschrift Gesetz sei, weil ja z. B. auch
-Engländer und Franzosen kein Tschechisch können.
-
-In diesen beiden Geschichten hat man die Erläuterung dafür, was ich
-von der deutschen Erziehung zum Staatsbürger halte: Man hat bei uns so
-gute Kenntnisse, daß man z. B. _Praha_ für Prag schreiben kann, aber
-nicht einmal so viel staatsbürgerliche Gesinnung, daß man die unserem
-Staate ferngehaltenen Volksgenossen in ihrem Kampf um die Heimkehr
-zu uns unterstützt; ja, man fällt ihnen sogar in den Rücken! Auf der
-andern Seite sehen Sie den Engländer mit seiner uns unbegreiflichen
-geographischen Unbildung; glauben Sie aber, daß er jemals zu solcher
-staatsbürgerlicher Gesinnungslosigkeit fähig wäre wie jene nochmal so
-gescheiten Deutschen? Dabei handelt es sich bei jenen Deutschen um
-Kaufleute, nicht um bewußt »vaterlandslose Gesellen«.
-
-Ich glaube deutlich gemacht zu haben, was ich unter einem Staatsbürger
-verstehe: _Ich verstehe darunter einen Menschen, der von den
-Lebensnotwendigkeiten seines Staates überzeugt ist._ Der rücksichtslose
-Kriegsgewinnler und der Flaumacher passen sowenig unter diesen
-Begriff wie der Überläufer und der Meuterer. Ich erwähne dies, um
-zu zeigen, daß in Augenblicken der äußeren Gefahr für den Staat
-die Überzeugung von den Lebensnotwendigkeiten gar nicht so große
-Kenntnisse erfordert; je mehr wir uns aber auf das Gebiet der inneren
-Staatsentwicklung begeben, desto größer werden die Anforderungen
-an die Gesinnungstüchtigkeit und naturgemäß müssen deshalb bei der
-Unvollkommenheit der menschlichen Natur die Stützen der Gesinnung hier
-besonders kräftig sein.
-
-Schon vor dem Krieg hatte man erkannt, welche Kräfte man diesem
-Zwecke dienstbar machen könne und müsse; der einschlägige Artikel in
-dem 1912 erschienenen Handbuch der Politik betont, daß man sich an
-den Verstand durch Vermittlung von Kenntnissen, an das Gefühl durch
-Weckung des Gemeinschaftsgefühls und an den Willen durch Stärkung
-des Verantwortungsgefühls wenden müsse. Man beging aber dabei zwei
-Grundfehler: Man dachte viel zu sehr an Menschen, die bis zu einem
-gewissen Grad schon eine günstige Einstellung zum Staatsgedanken
-mitbrachten, und glaubte deshalb der Schule, vor allem dem höheren
-Schulwesen die Hauptaufgabe zuweisen zu können. Zweitens aber war man
-sich nicht genügend klar darüber, daß die Willensbildung eben schon
-über die Erziehung hinausführt. Gehorsam und die Bereitschaft sich
-unterzuordnen sind häufig nur die Folge von Gedankenlosigkeit und
-Bequemlichkeit, werden sie aber von einzelnen schon bewußt und mit
-innerer Überzeugung dem Staate entgegengebracht, so haben wir das
-Gebiet der Erziehung verlassen und stehen mitten in der Selbstbildung.
-
-Damit sind wir an der Stelle angelangt, an der über die politische
-Bildung gesprochen werden muß. Politik ist Kunst und Bildung ist
-nach Humboldt jene »Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis und dem
-Gefühle des gesamten geistigen und sittlichen Strebens harmonisch
-auf die Empfindung und den Charakter ergießt«. Es hieße blind sein,
-wenn man Anforderungen, wie sie nach solcher Deutung die politische
-Bildung erfordert, der Gesamtheit eines Volkes zumuten wollte. Die
-politische Bildung ist Sache der geistig und sittlich Starken; sie
-müssen das Streben haben, über den Untertan- und Staatsbürgerbegriff
-hinauszukommen, wie ihn Treitschke gibt; hier handelt es sich nicht
-mehr nur um Rechte und Pflichten; hier kommt die Bildung des Willens
-zur Einordnung allein nicht mehr in Frage; _gestaltender Wille_,
-der zur politischen Tat befähigt, ist hier die Losung. »Ehrgefühl,
-Pflichtgefühl, Disziplin, Entschlossenheit, das lernt man nicht aus
-Büchern«, sagt Spengler und ich setze hinzu: überhaupt nicht durch
-Worte. »Es wird«, fährt Spengler fort, »im strömenden Dasein geweckt
-durch ein lebendiges Vorbild«[1]. Ja, nur das Vorbild kann hier
-wirken und dieses bildet sich selbst, aus eigenem Willen und eigener
-sittlicher Kraft.
-
-Daß die politische Bildung im Deutschen Reiche fehlte, war unser
-Unglück. Muß das bewiesen werden? Man denke an die Gesinnung des
-Volkes zu Beginn des Krieges und man wird nicht leugnen, daß wir
-damals »Staatsbürger« genug hatten, der Mangel an politischer Bildung
-aber hat dieses Staatsbürgertum zum Weißbluten gebracht, ohne daß es
-zur politischen Tat gekommen wäre; man verzettelte die Kräfte innen-
-und außenpolitisch auf schlecht erdachte Einzelziele, ohne sie so
-umzuformen, daß politische Leistung hätte erzielt werden können.
-Erinnert sei hier an die Polenpolitik und an den Burgfrieden des
-Kanzlers, deren Folgen der Verlust deutschen Landes einerseits, der
-Umsturz andrerseits war.
-
-Nach meiner Meinung mit einem gewissen Recht wird von manchen Seiten
-heute betont, daß alle jene Männer der Kriegszeit, die nun mit großen
-Mitteln Kritik an der politischen Leitung während des Krieges üben, mit
-ihrer Kritik sich selbst treffen. Sie hätten sich durchsetzen müssen,
-wenn in ihrem Innern jenes Bild vom deutschen Staate so klar war. Sie
-taten es nicht und bewiesen eben deshalb, daß sie nicht stark genug
-waren. Das ist die Schuld der Vielen, die das Verhängnis erkannten: Sie
-setzten sich nicht durch.
-
-Gewiß war es ein guter Gedanke, durch staatsbürgerliche Erziehung
-im Heere die Stimmung zu heben, doch fehlte es an den politisch
-Gebildeten, die Kraft genug hatten, dem ausgesogenen Boden neue
-Kraft zu geben, von dem Mangel an lebendigen Kräften gegen die
-unwiederbringlich verlorene Stimmung der Heimat ganz abgesehen. Das
-»schuldig«, das die Weltgeschichte über Deutschland sprach, trifft uns
-alle, nicht nur einen Teil des Volkes.
-
-So erfüllte sich das Schicksal des deutschen Staates; er brach
-zusammen, in dem Augenblick, als auch bei den Feinden die innere Kraft
-trotz der Amerikahilfe im raschen Abnehmen war. Ja, der Staat brach
-so zusammen, daß nicht einmal die Eckpfeiler für den Neubau stehen
-blieben. Man baute aus Dachpappe der Weimarer Fabrik eine Baracke.
-Trotz aller Flickerei weht der geringste Wind durch die Wände und an
-mehr als einer Stelle regnet es herein. Dann lachen immer die, welche
-schon im alten Staatsgebäude keine rechte Wohnung hatten, sondern nur
-im Hofe biwakierten, und die anderen drängen sich scheu in bessere
-Ecken. Das wird so lange dauern, bis Leute aufstehen, die mit klarer
-Zielstrebigkeit die formlosen Haufen zur Arbeit am Neubau treiben. Das
-wird dann sein, wenn das Schicksal und nicht der Schulmeister die Masse
-zu staatsbürgerlicher Gesinnung erzogen hat, so daß politische Bildung
-der geistig Hochstehenden zu klarem Führerwillen aufsteigen kann. Wir
-hoffen auf diese Zeit und glauben nicht, daß unser Volk durch den
-Zusammenbruch des alten, schönen, vielgeliebten Hauses zugrunde geht.
-Wir haben die feste Zuversicht, daß ein geräumiges Gebäude entstehen
-wird, in dem alle Deutsche Platz haben werden, daß die Mauern stark
-sein werden und daß das Haus von jenem Geist erfüllt sein wird, in dem
-so viele draußen ihr Leben geopfert haben.
-
-Aber es wäre kläglich, wenn wir uns darauf beschränken wollten
-zu warten, bis sich das Schicksal, das wir erhoffen, von selbst
-erfüllt. Die Zuversicht muß uns die Kraft geben, selbst gestaltend
-mitzuwirken, jeder an seiner Stelle. Ein »Gebildeter« muß die
-Entschlußkraft haben, sich aus der Menge loszuringen; er darf sich
-nicht treiben lassen, sondern muß sich zu eigenem politischen Wollen
-durchringen. Ein politisch Lied mag ein garstig Leid sein, die wirklich
-staatsgestaltende politische Tat gehört zum Höchsten, was der Mensch
-leisten kann, denn bei ihr spannt er seinen Willen nicht für seine
-persönlichen Zwecke, sondern für die der Gesamtheit an.
-
-Wenn man aber fragt, in welcher Richtung diese Willensanspannung
-nach meiner Meinung zu gehen hat, dann kann ich allen, die der
-staatsbürgerlichen Erziehung entwachsen sind, nur sagen, daß es
-nun heißt, sich politische Bildung zu erwerben. Man frage nicht
-nach einem Programm hiefür, denn »alles Große bildet, sobald wir es
-gewahr werden«, wie Goethe sagt. Wirkliche Bildung kann sich jeder
-nur selbst erwerben, von außen kann er nur Erziehung erhalten.
-Diese hat aber ihr Teil geleistet, wenn sie die staatsbürgerliche
-Gesinnung erreicht hat, die über alles Parteigezänk hinausführt zu der
-Überzeugung von den Lebensnotwendigkeiten des Staates. Heute haben
-wir Deutsche keinen Staat, er ist heute nur Ziel, das jede Partei mit
-anderen Farben ausmalt; die Höhe der politischen Bildung bestimmt,
-welche Form der einst entstehende Staat haben wird. Erinnern wir uns
-nochmals, daß Politik Kunst und daß Bildung ein Begriff von hoher
-sittlicher Größe ist, und wir werden uns durch das Schlagwortgetöse
-der Zeit hindurchfinden, denn noch nicht trat bisher der alle Deutsche
-umfassende Staat, den unsere Besten erhofften, in die Erscheinung, noch
-immer kreisen die Raben um den Berg, obwohl die Zahl der Opfer für
-diese Zukunft ins Riesenhafte gewachsen ist.
-
-Halten wir daran fest, daß Bildung ein Werden aus eigenem Willen ist
-und daß somit wahre Erziehung nichts Besseres leisten kann als eben
-jenen Willen zu stählen, so gewinnen wir auch eine andere Einstellung
-zur Sehnsucht der Zeit, ja nicht nur zur Sehnsucht, sondern auch
-andrerseits zur Furcht der Zeit.
-
-Während der eine Teil unseres Volkes immer und immer wieder nach dem
-»starken Mann« ruft, der in dem Wirrwarr unserer Tage mit sicherer
-Hand Ordnung schafft, fürchtet die andere Seite nichts mehr als eine
-solche Persönlichkeit, die der nun erreichten, doch so lange ersehnten
-Volksherrschaft (Demokratie) ein Ende machen könnte. Wohl möchten
-diese Leute, daß der Fähige regiere, aber diese Fähigkeit soll nur
-Sachkenntnis sein, nicht ein zäher Wille, der auch der Wählermenge
-gegenüber durchgreift, wenn seine sachliche Einsicht es für geboten
-hält. Diese Leute wünschen Führer, die ihnen jede Unannehmlichkeit
-ersparen und die keine Anforderungen an die Willenskraft der Wähler
-stellen. Trotzdem aber sollen sie gut regieren.
-
-Man sollte meinen, daß es nicht schwer zu erkennen wäre, wie unmöglich
-das ist. Und doch gibt es viele »Gebildete«, die das nicht begreifen.
-Ja, jene Sehnsucht nach dem starken Mann ist aufs engste verwandt
-mit dieser Auffassung; denn Sehnsucht allein gibt kein Anrecht auf
-Erfüllung. Wenn du Sehnsucht danach hast, auf der Spitze eines Berges
-den Blick in die Weite zu genießen, so führt das zu nichts: Erst wenn
-du deinen Willen anspannst und im Schweiße deines Angesichts die
-steilen Hänge überwindest, ja vielleicht unter Gefahr deines Lebens
-Felsen erkletterst, kannst du auf Erfüllung deines Wunsches rechnen.
-
-Nicht anders steht es mit einem Volk, das in die Tiefe gestürzt ist:
-es wird aus eigener Kraft mit stärkster Willensanspannung wieder
-emporklettern müssen. Einen »Führer«, der es am Seil hochzieht, gibt
-es nicht. Wie aber dem, der heiß um den Weg sich bemüht, schließlich
-immer klarer die einzuschlagende Richtung in das Bewußtsein tritt, so
-wird dem Volk, das mit Anspannung aller Kraft um seinen Aufstieg ringt,
-schließlich der Führer entstehen, der auf einfachstem Wege zum Ziel
-führt.
-
-Darum verzichte jeder auf den memmenhaften Ruf nach dem starken Mann;
-er kralle sich vielmehr an seinem Platz im Gestein fest und strebe
-nach oben, er bilde sich zu einem Muskel, einem Nerv, einer Sehne des
-Volkskörpers, womit sich dieser Körper emporziehen kann, und er bilde
-sich zu einem Geistesfunken, durch den auch jene Zellen dem Streben
-nach oben nutzbar gemacht werden können, die heute noch aus sinnlichem
-Wohlbehagen in der Mittelmäßigkeit die angenehmste Regierung sehen.
-
-Diejenigen, die bewußt dem deutschen Gedanken dienen wollen, indem sie
-den Staat, den dieser Gedanke erfüllt, mit allen Kräften wollen, werden
-einen dicken Strich ziehen zwischen sich und jenen, die politisch
-unerzogen und ungebildet nur ihrem Vorteil leben. Sie werden mit Goethe
-sprechen:
-
- »Jene machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen!
- Aber unsere Partei, freilich, versteht sich von selbst.«
-
-
-Fußnoten
-
- [1] Harnack sagte 1902 in einem Vortrag vor dem
- evangelisch-sozialen Kongreß das gleiche (vergl. Reden und
- Aufsätze Bd. II, Gießen 1906): »Lernen können wir alles
- mögliche aus Büchern und unpersönlichen Überlieferungen,
- gebildet werden können wir nur durch Bildner, durch
- Persönlichkeiten, deren Kraft und Leben uns ergreift«.
-
-
-
-
-Buch und Religion
-
-
-Harnack sagt einmal in einem seiner Aufsätze[2], daß uns bisher noch
-eine Kulturgeschichte des Buches fehle. Und in der Tat -- soviel
-einzelne Bemerkungen über die Bedeutung des Buches beigebracht werden
-können, eine zusammenfassende Behandlung dieses Themas fehlt, fehlt
-uns, deren Kultur von Spengler eine »Bücher- und Leserkultur« genannt
-wird. Man mag sich zu dieser Bemerkung Spenglers stellen, wie man
-will, eines kann man nicht bestreiten: In keiner Kultur, selbst der
-ägyptischen nicht, spielt das Schrifttum eine solche Rolle wie im
-Abendland.
-
-Will man nun an die Kulturgeschichte des Buches herangehen, so gehört
-eigentlich ein wissenschaftliches Rüstzeug dazu von so unerhörter
-Ausdehnung, daß ein Einzelmensch nicht leicht in seinem Besitz sein
-kann, denn nicht nur die zusammenfassende Darstellung fehlt bisher,
-selbst an Vorarbeiten ist nur sehr wenig geleistet: Wir haben zwar
-eine Geschichte des Buchhandels, eine Menge von Einzelarbeiten
-über verschiedene Abschnitte dieser Geschichte, wir haben eine
-große Reihe von Literaturgeschichten, auch Darstellungen aus der
-Geschichte der Wissenschaften, in allen diesen mag mehr oder weniger
-zu finden sein über den Einfluß des Schrifttums auf die menschliche
-Geistesentwicklung, eine wirklich aufklärende Schrift über das
-Verhältnis des Schrifttums zu den verschiedenen Erscheinungsformen der
-Kultur, zur Wissenschaft, zur Politik, zur Religion, zur Kunst usw.
-gibt es bis heute noch nicht.
-
-Es wäre töricht, aus dieser Tatsache einen Vorwurf zu machen. Denn
-ebensowenig wie die hohe Blüte mittelalterlicher Kunst theoretische
-Schriften über die Kunst als Kulturerscheinung benötigte, um in
-Erscheinung zu treten, ebensowenig hinderte das Fehlen einer solchen
-Schrift über die Bedeutung des Schrifttums, dessen stärkste Entfaltung
-und Verwertung. Ja, ich gehe noch weiter und sage: Wie erst nach
-der letzten großen Stilepoche des Abendlandes, nach dem Barock, die
-theoretische Kunstschriftstellerei -- ich erinnere an Winkelmann
-und Lessing -- wirklich Boden fand, ebenso wird und muß auch die
-abschließende theoretische Betrachtung der Bedeutung des Schrifttums
-nachhinken. Zur Selbsterkenntnis gehört ein gewisser Grad von Reife und
-ein Leben muß gelebt sein, ehe man darüber schreibt.
-
-Darüber aber kann kein Zweifel sein -- auch wenn man den Gedanken des
-Unterganges des Abendlandes ablehnt --; wir haben in Kunst, Literatur,
-Musik, Philosophie, ja selbst der Wissenschaft so große Epochen hinter
-uns, daß wir uns gestehen müssen: Es lohnt sich Kulturgeschichte
-im obigen Sinn zu schreiben, d. h. Rückschau zu halten. Denn wer
-kann hoffen, daß gerade unsere Kultur von der Vorsehung mit ewiger
-Zeugungskraft begabt sei?
-
-Und weiter: Ist nicht gerade jene Rückschau, so sehr sie im
-einzelnen etwas Zersetzendes an sich haben mag, der Nährboden, auf
-dem junge Kräfte erst recht zur Entfaltung kommen? Ist nicht z. B.
-gerade der Same des Christentums da am besten aufgegangen, wo die
-Antike sich gleichsam in sich selbst zurückwandte? Man erinnere sich
-an die Bedeutung des Neuplatonismus für das Christentum, oder an
-die Tatsache, daß Augustin den Weg zum Christentum über Cicero und
-Plato fand. Wer der Zukunft froh werden will, muß einen Summastrich
-unter die Vergangenheit ziehen können und die Soll- und Habenseiten
-zusammenzählen; nur so weiß er, ob und wie weit er in die Zukunft mit
-Verlust oder Gewinn eintritt.
-
-An diesem Vergleich kann man den Kaufmann am Schreiber dieser Zeilen
-erkennen. Wie kann der wagen, in solche Rückschau einzutreten?
-Selbst wenn man berücksichtigt, daß er mit Büchern handelt, scheint
-es vermessen, sich an die Riesenarbeit einer Kulturgeschichte des
-Buches heranzuwagen, noch dazu einen Angriffspunkt zu wählen, der ganz
-besonders fern zu liegen scheint. Doch habe ich darauf zu antworten:
-Ich will gar nicht erschöpfend mein Thema behandeln, ich will vielmehr
-aus Blumen, die ich bisher auf _meinem_ Leserweg pflückte, einen Strauß
-binden. Es wird ein Feld-, Wald- und Wiesenstrauß sein, wie sie eben
-sind: Die eine oder andere Blüte wird unansehnlich sein, manche schon
-etwas welk vielleicht, andere dagegen zu wenig aufgeblüht, trotzdem
-hoffe ich, daß die Farben und der Duft, der solchen Sträußen anhaftet,
-andere auch veranlaßt, solche Sträuße zu pflücken, und vielleicht
-findet sich einmal ein Botaniker, der nach streng wissenschaftlichen
-Grundsätzen seinen Strauß bindet. Zu weiterem Nachdenken und Forschen
-will ich anregen, sonst nichts.
-
-Den ersten Anstoß zu meinen Betrachtungen verdanke ich dem oben
-erwähnten Worte Harnacks. Daß ich aber gerade dem Verhältnis von Buch
-und Religion meine besondere Beachtung schenkte, hat mehrere Gründe.
-Ich war mir von Anfang bewußt, daß die Kulturgeschichte des Buches ein
-wichtiges Kapitel der Gesellschaftslehre bildet. Gerade aber in dieser
-Wissenschaft sind durch die Untersuchungen von Tröltsch und Max Weber
-die religiösen Probleme stark, ja in gewisser Hinsicht vielleicht zu
-stark in den Vordergrund gerückt worden. Dann aber wurde mir immer mehr
-klar, daß von allen Kulturerscheinungen die Religion die bedeutendste
-und bestimmendste ist. Burckhardt sagt in seinen weltgeschichtlichen
-Betrachtungen: »Hohe Ansprüche haben die Religionen auf die
-Mutterschaft über die Kulturen, ja die Religion ist eine Vorbedingung
-jeder Kultur, die den Namen verdient, und kann sogar geradezu mit der
-einzig vorhandenen Kultur zusammenfallen.« Und Spengler sagt: »Alle
-Wissenschaft ist an einer Religion und unter den gesamten seelischen
-Voraussetzungen einer Religion erwachsen.«
-
-Ich durfte also hoffen, daß ich die Kulturgeschichte des Buches in
-ihrem Hauptstück erfasse, wenn ich bei der Religion beginne. Darüber
-hinaus aber ist es für mich, der ich es von Beruf mit dem Buch zu tun
-habe, eine Frage von entscheidender Bedeutung, wie gerade das Höchste
-im Menschenleben vom Schrifttum bestimmt wird.
-
-Ich sage wieder wie oben »Schrifttum«; denn es wäre lächerlich, die
-Untersuchung erst bei der Entstehung des Wortes Buch oder gar erst bei
-der Erfindung der Buchdruckerkunst beginnen zu wollen. Es gilt doch
-Grundsätzliches zu gewinnen, darum muß auf den Grund gegangen werden.
-Dieser aber ist im vorliegenden Fall die »Schrift«.
-
-Man fürchte deshalb nicht eine unnötige Verbreiterung der Fragestellung
-oder gar ein Eingehen auf das religiöse Schrifttum aller Zeiten und
-Völker. Wer etwa Heilers Werk über das Gebet kennt, weiß, wie schwer
-selbst ein Einzelabschnitt wie dieser von einem Menschen allein
-erschöpfend behandelt werden kann. Und doch muß eine soziologische
-Untersuchung wie die von mir gewagte auf völkerkundlichen Tatsachen
-aufbauen. Dies zeigt sich schon, wenn wir uns die Frage vorlegen nach
-den in der Schrift wirksamen Kräften.
-
-Es leuchtet ein, daß die Festhaltung einer Tatsache oder gar eines
-Gedankens durch Schriftzeichen, möge es sich um Runenzeichen oder um
-primitive Bilderschrift handeln, auf den Naturmenschen einen tiefen,
-geheimnisvollen Eindruck macht. Er, der hauptsächlich körperlich,
-sinnlich lebt, macht die Erfahrung, daß es ein Mittel gibt, um zeitlich
-und räumlich in die Ferne zu wirken. »Projektion der Rede in Zeit und
-Raum«[3] muß oft um so zauberhafter anmuten, je mehr die verwendeten
-Zeichen von einer Bildzeichnung abweichen, je größere Kenntnisse dazu
-gehören, das Schriftsystem zu handhaben. Ein Forscher[4] hat das
-Schriftproblem ganz aus dieser magischen Grundlage zu lösen versucht
-und ein anderer betont die Bedeutung der Schrift als Zaubermittel[5].
-In den meisten völkerkundlichen Schriften ist aber wenig davon
-die Rede, daß eben aus jener Besonderheit die enge Verbindung von
-Schrift- und Priestertum zu erklären ist. Wohl fand ich in manchen
-Ausführungen[6] über das Priestertum Andeutungen, wie sehr gerade bei
-den Naturvölkern das Priestertum auf der Überlegenheit in geistiger
-Hinsicht beruht, über seine Bedeutung für das Schrifttum ist aber wenig
-gesagt, und doch läge gerade bei uns in Deutschland ein Hinweis darauf
-so nahe, war doch die Runenschrift ausgesprochen eine Priesterschrift
-und beherbergten im Mittelalter doch die Klöster die Vertreter des
-Schrifttums.
-
-Doch halten wir als geheimnisvolle Kraft der Schrift die Wirkung in
-Zeit und Raum fest. Über die Wirkung in die Zeit wird noch manches
-zu sagen sein, darum sei das wenige, was hier über die Wirkung in
-den Raum zu sagen ist, vorangestellt. Greifen wir hier in unsere
-eigene Geschichte, die des Christentums hinein, so finden wir von
-den Briefen der Apostel angefangen bis in die jüngste Zeit hinein
-Beispiele einer solchen Wirkung der Schrift in den Raum. Ihr ist es
-zu verdanken, daß das Christentum in der antiken Welt trotz des für
-damalige Verkehrsverhältnisse übergroßen Raumes des römischen Reiches
-sich so rasch ausdehnte und zugleich inneren Zusammenhang fand und
-befestigte. Und wie wäre Luthers rasche Wirkung über ganz Deutschland
-und darüber hinaus zu erklären, wäre nicht die Verbreitung seiner
-Schriften, freilich gesteigert durch die Druckkunst, in einem Grade
-möglich gewesen, der nur noch übertroffen wird durch die Verbreitung
-aller Nachrichten mit Hilfe der Elektrizität, die jetzt im Zeichen des
-Radio einen Höhepunkt erreicht zu haben scheint!
-
-Hier darf auch eine Erscheinung nicht unerwähnt bleiben: die
-päpstlichen Hirtenbriefe. Die Anhänger des evangelischen Bekenntnisses
-waren bisher zu sehr geneigt, die Macht des Erfolges zu unterschätzen,
-wenn in allen Kirchen der ganzen katholischen Welt an einem Tage ein-
-und dieselbe Verlautbarung des Kirchenoberhauptes verlesen wird. Bewußt
-wird hier die Überwindung des Raumes durch die Schrift in den Dienst
-der Zusammengehörigkeit gestellt und es ist gut, daß allenthalben die
-Erkenntnis der Bedeutung solcher Verlautbarungen durchbricht.
-
-Doch noch weit mehr als die Wirkung in den Raum hat die in die Zeit
-etwas Zauberhaftes an sich. Dieser Zauber mag bei Naturvölkern, die
-dem Seelenkult dienten, besonders wirksam sein, so daß hier schon eine
-enge Berührung mit dem Religiösen gegeben ist. Und in der Tat scheint
--- wie ich oben schon zeigte -- schon auf niederer Stufe eine enge
-Verbindung zwischen Priesterschaft und Schrifttum zu bestehen. Freilich
-ist das Priestertum nicht gleichbedeutend mit Religion, aber zweifellos
-ist der Priester der Hüter der religiösen Überlieferung. So kommt es,
-daß wohl alle Religionen durch heilige Schriften leben und lebten
-mit Ausnahme der vedischen des alten Indiens[7]. Die Brahmanen, die
-Priesterkaste dieser Religion, kannten nur die mündliche Überlieferung
-der alten heiligen Gesänge. Wie die Christen die Bibel, auf deutsch
--- wie man sich immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen sollte -- das
-»Buch«, der Islam den Koran, die Buddhisten die Reden Buddhas und
-die folgenden kanonischen Schriften als Überlieferung besitzen, so
-schrieb Laotse, der »alte Lehrer«, im Taoteking seinem Volk, das er
-im Zorn über seine sittliche Verworfenheit verließ, die alten Lehren
-seiner Religion nieder, damit es sich wieder daran emporraffe; so
-waren die Schriften Kungfutses nichts anderes als eine Sammlung der
-alten kanonischen Schriften; so besaßen die persischen Anhänger des
-Zarathustra im Avesta ihre heilige Schrift.
-
-Daß in Ägypten das Schrifttum im religiösen Leben eine besonders große
-Rolle spielte, erklärt sich zwanglos aus dem besonders günstigen
-Schreibstoff. So bekam jeder Tote eine Reihe von Papyrusrollen mit ins
-Grab, auf denen Zauberformeln geschrieben waren, um die Gefahren der
-Seele auf dem Weg in den Himmel zu überwinden. In Hermopolis verehrte
-man den Mondgott Thot auch als Erfinder der Schrift.
-
-Aus dem alten Ägypten läßt sich auch ein Beispiel der zeitlichen
-Fernwirkung der Schrift melden, wie es kaum ein ähnliches gibt: Im
-14. Jhdt. v. Chr. machte Amenophis IV. den Versuch, die Vielgötterei
-auszurotten und durch die alleinige Verehrung der Sonnenscheibe,
-Aten, zu ersetzen. Mit Hilfe seiner Theologen wurde der Kult
-systematisch durchgebildet. Er blieb eine Episode. Aber die
-Sonnenspekulationen blieben erhalten, und man wird nicht fehlgehen,
-daß die Logosspekulationen des Ägypters Philo in ihnen wurzeln,
-jene Logosspekulationen, die durch die christlichen Theologen der
-alexandrinischen Schule, Clemens, Origenes und Athanasius, von
-entscheidendem Einfluß auf das christliche Dogma wurden, durch dieses
-bis auf unsere Zeit, also schon im vierten Jahrtausend, wirksam sind.
-
-Lassen Sie mich hier nur kurz erwähnen, daß auch bei den Griechen eine
-reiche mythologische Literatur bestand, daß der auf den Buddhismus
-in Indien folgende Hinduismus unter Zurückgreifen auf die vedische
-Überlieferung eine reiche Literatur bis auf unsere Tage entwickelt hat,
-mit der er in jüngster Zeit durch Vertreter wie Rabindranath Tagore
-auch in das Abendland herüberwirkt.
-
-Eingehendere Behandlung der zeitlichen und räumlichen Fernwirkung
-des Schrifttums erfordert hier aber das Christentum, wenn ich mich
-auch auf eine Reihe von Andeutungen beschränken muß, um mich tiefer
-schürfender Betrachtung zuwenden zu können. Man bedenke, daß heute die
-Bibel allein von der Britischen Bibelgesellschaft in ganzer Ausdehnung
-in 135 Sprachen, das Neue Testament allein in 127, einzelne Teile der
-Bibel in 295, insgesamt also in 537 Sprachen vertrieben wird. Man
-überlege ferner, daß die Britische Bibelgesellschaft bis zum Jahre
-1903 schon gegen 300 Millionen biblische Bücher hinausgab, daß noch
-von unzählig vielen Stellen Bibeln gedruckt werden in unbekannt hohen
-Auflagen, so erhält man eine räumliche Fernwirkung von nie dagewesener
-Ausdehnung, d. h. fast wo ein Mensch des Lesens kundig ist, steht ihm
-eine Bibel zur Verfügung.
-
-Daneben steht die um über 1½ Jahrtausend wirkende zeitliche Fernwirkung
-der Bibel in der von den Kirchenvätern festgelegten Gestalt, der
-die Wirkung der einzelnen Teile des Neuen Testaments um mehrere,
-des Alten Testaments um schwer zählbare Jahrhunderte vorangeht. Man
-denke der vielen fleißigen Hände, die im Altertum und Mittelalter
-durch Abschrift und Übersetzung zur Erhaltung und Verbreitung der
-Bibel beitrugen. Fünfzig Evangelienhandschriften ließ Konstantin für
-seine Stadt Konstantinopel herstellen, und seit dem 4. Jahrhundert
-bürgerte sich der Brauch ein, bei den heiligen Büchern den Schwur
-zu leisten. Vor allem aber betrachten Sie in diesem Zusammenhang
-Luthers Übersetzungstat, die für uns Deutsche im Verein mit der
-Buchdruckerkunst erst den Grund legte zu jener schon erwähnten
-märchenhaften Fernwirkung in alle Teile der Bevölkerung. Hier mag
-erwähnt sein, daß ich bei einer Buchhändlerfamilie, den Nürnberger
-Endter, im 17. und 18. Jahrhundert eine Unzahl von evangelischen
-und katholischen Bibelausgaben feststellen konnte, angefangen von
-den vielen Ausgaben der Kurfürstenbibel im großen Format bis zu
-lateinischen und deutschen Ausgaben der Vulgata, sogar eine ganz auf
-Pergament gedruckte lutherische Ausgabe im Oktavformat ging durch meine
-Hände.
-
-Weiter sei erwähnt die riesenhafte Verbreitung mancher Andachtsbücher.
-Ich erwähne, von den Meßbüchern, Gesang- und Gebetbüchern abgesehen,
-als Beispiele das Buch von der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen,
-das seit dem 15. Jahrhundert in zahllosen Ausgaben und Übersetzungen
-weiterwirkt, weiter des evangelischen Theologen Arnd »Wahres
-Christentum« und sein »Paradiesgärtlein«, letzteres ein Buch, das im
-17. Jahrhundert wohl alle Buchdrucker Deutschlands in ungezählten
-Auflagen druckten. Dies mag an Beispielen und Hinweisen für die äußere
-Machtentfaltung des Schrifttums auf christlich-religiösem Gebiet
-genügen.
-
-Dürfen wir aber nur diese Lichtseite sehen? Gibt es nicht auch
-Nachtseiten des Schrifttums, die auch ihre Schatten auf die Religion
-werfen? Nicht von der Unzahl religionsloser oder religionsfeindlicher
-Schriften soll hier die Rede sein. Nein, in sich selbst birgt das
-Schrifttum einen tödlichen Keim, auch da, wo es edelstes Religionsgut
-vermittelt.
-
-Die Schrift ist nur ein Bild des gesprochenen Wortes. Und wie uns auch
-das beste Bild eines Menschen uns diesen selbst nicht ersetzen kann,
-ebensowenig kann die Schrift das gesprochene Wort ersetzen. Ihr fehlt
-der Ton der Stimme, ihr fehlt die Geste. Selbst wenn das Geschriebene
-noch so lebendig anmutet, man die hinter ihr stehende Persönlichkeit
-greifen zu können meint, die meisten Fäden, die unsichtbar von der
-redenden Person zu den Hörern führen, sind zerschnitten. Man erinnere
-sich, wie manche Rede oder Predigt, die uns im Innersten gepackt hat,
-uns unbegreiflich schal anmutet, wenn wir sie später gedruckt lesen,
-wie mancher Satz als platt erscheint, der unter dem Blick der redenden
-Persönlichkeit erschütternd wirkte. »Ein Ding soll man wissen,« sagt
-Seuse, »so ungleich es ist, wenn man ein süßes Saitenspiel selber hört
-süß erklingen, im Vergleich dazu, daß man nur davon hört sprechen,
-ebenso ungleich sind die Worte, die in der lauteren Gnade empfangen
-werden und aus einem lebendigen Herzen durch einen lebendigen Mund
-ausfließen, im Vergleich zu den selbigen Worten, wenn sie auf das
-tote Pergament kommen. Denn so erkalten sie, ich weiß nicht wie, und
-verbleichen wie die abgebrochenen Rosen.«
-
-Durch die Unzulänglichkeit schriftlicher Übermittlung entsteht eine
-doppelte Gefahr: Der Leser liest aus den Worten mit seiner Phantasie
-das heraus, was ihm entspricht, er ist weniger »gefesselt« als der
-unter dem Bann der Rede Stehende. Das Gespenst der falschen Deutung
-oder auch nur des Mißverständnisses erhebt sich drohend. Da aber,
-wo dem Leser die Phantasie mangelt, fehlt überhaupt das wichtigste
-Organ des Verstehens, das »Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen«. Die
-Folge ist unfruchtbare Kritik, und an Stelle des Lesens, d. h. des
-_Zusammen_lesens der Buchstaben zu Gedanken des Schreibers, tritt ein
-_Zer_lesen und Zerpflücken: Die Schrift ist tot, wenn nicht der Leser
-ihr Leben gibt! Wie eine gepreßte Blume trotz vielleicht gut erhaltener
-Farbe tot ist und erst Leben gewinnt, wenn der Beschauer sie sich auf
-blühender Wiese, vom Wind bewegt, von der Sonne beschienen, umgeben von
-Gras und anderen Blüten, denkt, so hängt bei der Schrift alles davon
-ab, ob ein wirklicher Leser da ist.
-
-Und darum hat Paulus (1. Korinth. 8, 1) recht, wenn er sagt: »Das
-Wissen blähet auf.« Denn Wissen ist nur das Ansammeln der toten
-Tatsachen. Tat_sachen_ sind tot, solange nicht eine schöpferische
-Phantasie aus ihnen Neues baut. Reden die Leute schon viel, so
-schreiben sie noch viel mehr aneinander vorbei. Ein wirklich guter
-Schriftsteller wird daran erkannt, daß er mit seiner Darstellungsweise
-den Leser so anregt, daß mühelos dessen Phantasie in Kraft tritt,
-um das an sich tote Satzgefüge zu beleben. Darum ist ein Buch um so
-toter, je _wissen_schaftlicher es ist; denn um so mehr ist das mit den
-Gedanken des Schreibers eingetreten, was Fendt in seinem Buch über die
-Entwicklung der christlichen Gottesdienstformen »Versachlichung« nennt.
-Nur nebenbei sei bemerkt, daß die fremdwortwütigen deutschen Gelehrten
-ihre Welscherei mit der Wissenschaftlichkeit begründen. Sie haben
-recht; aber sie dienen damit eben jenem Wissen, das aufbläht, weil es
-keine Phantasie gibt, die diesen toten Wortgebilden Leben einhauchen
-kann.
-
-Unter diesen Gesichtspunkten gesehen, gewinnt die Stellung Christi
-zum geschriebenen Wort ihren vollen Sinn. »Weh' euch, Schriftgelehrte
-und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten
-Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller
-Totenbeine und alles Unflats!« (Matth. 23, 27.) Das heißt eben, daß die
-Schriftgelehrten und Pharisäer Buchstabenwissen die Menge hatten, nicht
-aber den Sinn, der hinter der Schrift steht. Matth. 23, 17--22 liest
-sich wie eine Predigt gegen die Versachlichung. Zu den Schriftgelehrten
-und Pharisäern ist Mark. 3, 28--30 das Wort von der Sünde gegen
-den Heiligen Geist gesprochen. An einer Stelle (Luk. 11, 52) tritt
-deutlich hervor, daß Jesus nicht wegen der Versachlichung der
-alttestamentarischen Überlieferung den Schriftgelehrten und Pharisäern
-den Hauptvorwurf macht, sondern deswegen, weil sie diese Versachlichung
-zur Norm erhoben, indem sie für sich allein die Schriftkenntnis
-beanspruchten: »Weh' euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel
-der Erkenntnis weggenommen und wehret denen, die hineinwollen.«
-Dieser Schlüssel der Erkenntnis ist nichts anderes als jene
-unmittelbare Aneignung des eigentlichen Wortinhalts durch das eigene
-Vorstellungsvermögen, durch die ungebrochene Phantasie, wie gewöhnlich
-gesagt wird, d. h. eben durch jenes Organ, das im Gegensatz zur
-Wissenschaft aufs Ganze geht und auf Zergliederung verzichtet. »Nichts
-ist trennender vom Volke als Wissenschaft,« sagt Ricarda Huch[8], »die
-Trennung nach der wissenschaftlichen Ausbildung löst im Volke noch mehr
-auf als die Trennung nach Adel und Reichtum. Solange die Kultur auf der
-Phantasie beruht, ist sie dem ganzen Volke zugänglich; die Wissenschaft
-vereinzelt, ohne irgendeine neue Erkenntnis zu schaffen. Sie zerlegt
-die einheitliche Idee in Begriffe und macht damit eine Sprache, die nur
-von Eingeweihten verstanden werden kann; durch die Vorherrschaft dieser
-bewußten Sprache verkümmert die anschauliche, die aus dem Unbewußten
-quillt, die bewußte wird immer dürrer und lahmer, da sie des Zustroms
-aus der Quelle entbehrt, und putzt sich dementsprechend mit desto
-künstlicheren Lappen auf.« Es ist dies eine Wahrheit, die für unsere
-wissenschaftsfreudige Zeit schmerzlich ist. Daß sie von einer Frau so
-klar ausgesprochen wird, zeigt, daß eben die Frau unberührter von der
-Versachlichung unserer Kultur blieb.
-
-Tritt nun hinsichtlich der religiösen Überlieferung eine Trennung
-zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten ein, so ist die Religion
-in der Wurzel getroffen. Das ist die Erkenntnis, von der Jesus
-durchdrungen war. Denn ausdrücklich betont er ja, daß er nicht
-gekommen sei, um das Gesetz aufzulösen, und Matth. 5, 18 sagt er:
-»Bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht zergehen der kleinste
-Buchstabe, noch ein Tüttel vom Gesetze,« und auch Lukas berichtet
-Kap. 16, 17 das gleiche. Und wie oft beginnt seine Antwort mit
-dem Hinweis: »Es steht geschrieben.« Freilich muß hier auch das
-5. Kapitel des Matthäus herangezogen werden, in dem die mehrfache
-Gegenübersetzung »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist« und
-dann das »Ich aber sage euch« wie ein Bruch mit dem Alten Testament
-erscheint. Dieser soll nicht geleugnet werden, aber gerade aus dieser
-Stelle erkennt man, daß dieser Bruch darin besteht, daß Jesus über
-das Alte Testament hinausgehen will. Er sagt mit kurzen Worten: Es
-genügt nicht, die Verbote des Gesetzes einzuhalten, sondern es gilt,
-die schlechte Handlung durch die gute zu ersetzen. Jesus erkannte
-klar, daß eben jener Bann, in den die Versachlichung der Überlieferung
-seine Zeit geschlagen hatte, nicht nur durch den Hinweis auf den
-Schaden selbst -- er hat es ja mit herben Worten den überheblichen
-Eingeweihten gegenüber oft getan -- gebrochen werden kann und darum
-mußte er über die Gesetzesüberlieferung hinausschreiten in die Welt
-der freien, gottbewußten, sittlichen Tat, die weit entfernt ist von
-jener buchstäblichen Einhaltung geschriebener Gebote, die noch dazu,
-wie er deutlich sah, immer mehr verblaßt waren unter der Einwirkung
-menschlicher Gesetze: »Ihr verlasset Gottes Gebot und haltet der
-Menschen Aufsätze,« sagt er Markus 7, 8.
-
-Alexander von Humboldt sagt wohl einmal, daß die Sprache nicht nur ein
-ἔργον (ergon), ein Werk, sondern auch eine ἐνεργια (energia), eine
-lebendige Kraft sei. Das gilt ebenso vom Schrifttum, und Jesus hat
-das deutlich erkannt und suchte durch seine Lehre eben jene lebendige
-Kraft wirksam zu machen, während die Schriftgelehrten nur das Werk, die
-abgeschlossene Sache, kannten.
-
-So steht die religiöse Persönlichkeit des Christus bewußt einerseits im
-Gegensatz zu dem Schrifttum, das seiner Jugend Religion vermittelte,
-anderseits aber nicht minder bewußt _in ihm_ selbst; nur sieht er es
-mit anderen Augen als seine abgestumpfte Zeit. »Hat euch nicht Moses
-das Gesetz gegeben? Und niemand unter euch tut das Gesetz.« (Joh. 7, 15
-u. ff.) Er reckt sich zur ganzen Größe seiner religiösen Persönlichkeit
-und bringt sich selbst zum Opfer, um dem toten Buchstaben wieder neues
-Leben zu geben. Er fühlt sich von Gott dazu berufen und seines Sieges
-_im Sinne der Schrift_ sicher, darum sagt er: »Wer an mich glaubt, _wie
-die Schrift saget_, von des Leibes werden Ströme des lebendigen Wassers
-fließen.« (Joh. 7, 32.)
-
-So bekommt der Anfang des Johannesevangeliums seinen Sinn: »Im Anfang
-war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Dieses
-Wort hatte höchste Schöpferkraft, es war Gestaltungskraft und »Sinn
-an sich«: »Dasselbige war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch
-dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht
-ist.« Seine Lebenskraft wirkte auch in den Menschen: »In ihm war das
-Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.« Da aber kommt eben
-jene Finsternis der Versachlichung, jene geistlose Buchstabenleserei,
-die am Sinn vorbeigeht, indem sie meint, mit dem buchstäblichen
-Inhalt das Wesen ergriffen zu haben. »Und das Licht scheinet in die
-Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.« Die große
-Wendung bringt der Erlöser: »Und das Wort ward Fleisch.« Das heißt:
-Durch die Person des Heilands bekam das Wort auch für die Umwelt, der
-es toter Buchstabe geworden war, wieder Leben, Sinn und lebendige Kraft.
-
-Ich will mit dieser Deutung nicht etwa das Logosproblem, mit dem sich
-so viele vom frühen Christentum bis heute abgequält haben, ähnlich
-gewaltsam lösen wie Goethes Faust, der da sagt: »Im Anfang war die
-Tat.« Die geheimnisvolle Kraft eben des Wortes, das bei Gott dem
-Schöpfer von Anfang an war und das die Welt hervorrief, kann ich so
-wenig fassen wie alle jene Denker. Meine Erklärung des Anfangs des
-Johannesevangeliums läßt den geheimnisvollen Kern des schöpferischen
-Logos unberührt; sie zeigt aber, wie eben jener Kern den Menschen in
-Vergessenheit kam, weil sie die Schale für die ganze Nuß nahmen. Durch
-die Person Christi wurde diese Schale gesprengt und die Wirksamkeit und
-Keimkraft des Kernes den Menschen zurückgegeben.
-
-Gerade die Einstellung Christi zur schriftlichen Überlieferung ist es,
-was seiner Lehre das Gepräge gibt. Lassen Sie mich hier kurz Vergleiche
-mit dem Buddhismus und dem Islam ziehen.
-
-Wenn Sie die religiöse Gestalt des Buddha betrachten, so -- es ist das
-ja allbekannt -- finden Sie manche Züge, die auch bei Jesus zu finden
-sind: Er entstammt nicht der Priesterkaste, aber er ist hochgebildet
-und setzt wie der zwölfjährige Jesus seine Umwelt durch seine Begabung
-in Erstaunen: »Als er in das Jünglingsalter eintrat -- Lernt er das,
-was seinem Stande zukommt -- Was bei anderen manches Jahr erfordert --
-Leicht und sicher in nur wenigen Tagen«, heißt es in »Buddhas Wandel«,
-einer der ältesten Überlieferungen des Buddhismus. Auch aus anderen
-Stellen dieser Schrift geht deutlich hervor, daß er reiches Wissen hat
-und stolz darauf ist. Nun aber kommt der große Unterschied: Während
-Jesus mit seinem religiösen Schöpfertum der alten Überlieferung ihren
-Sinn zurückgibt, aus totem Wissen lebendige Religion macht, sucht der
-Buddha die alte Lehre seines Landes, die der Seelenwanderung, bewußt
-zu verdrängen. Gewiß tut er dies in an sich tief religiöser, aus
-stärkstem Erleben hervorquellender Gedankenarbeit, aber der Bruch mit
-dem Vorhergehenden ist da, nicht nur äußerlich wie bei Jesus, sondern
-innerlich. Wieweit allerdings auch bei Buddha den Anstoß zu seiner
-Wirksamkeit eine Versachlichung der religiösen Überlieferung seiner
-Zeit gegeben hat, entzieht sich meiner Beurteilung. Bezeichnend für
-diesen großen Religionsstifter Indiens ist aber, daß auch er wie Jesus
-nichts Schriftliches hinterließ; auch er predigte in lebendiger Sprache
-unter Verwendung von vielen Bildern und Vergleichen. Erst seine Jünger
-schreiben seine Reden auf.
-
-Anders Mohammed, der Prophet des Islams, der weit unter dem indischen
-Großen steht, eben gerade deshalb, weil er selbst seine Lehre in
-Schrift erstarren ließ. Eine Menge verschiedenster religiöser
-Überlieferungen hatten auf ihn eingewirkt, und aus ihnen baute er seine
-neue Lehre. Diese war aber eben aus Überlieferung zusammengesetzt;
-sie war keine Auseinandersetzung mit ihr wie bei Buddha oder eine
-Zurückeroberung ihres innersten Kerns wie bei Jesus, und darum wurde
-sie selbst rasch starre Überlieferung, die dann Jahrhunderte als Geißel
-die christliche Welt schlug. Bemerkenswert ist die Erzählung, die
-Mohammed selbst von seiner Berufung in der 96. Sure gibt: Allah selbst
-oder der Engel Gabriel war ihm erschienen und hatte ihn aufgefordert:
-
- »Lies im Namen deines Herrn, der dich schuf
- lies, dein Herr ist's, der dich erkor,
- den Menschen schuf aus zähem Blut
- und unterwies mit dem Schreibrohr
- den Menschen unterwies in dem, was er nicht wußte zuvor,«
-
-da las er, die Erscheinung wich von ihm, er erwachte aus seinem Traum
-und es war ihm, als trüge er die Worte ins Herz geschrieben. Also
-schon in seiner Berufung spielt die Bedeutung der Schreibkunst eine
-besondere Rolle.
-
-Deutlich tritt bei Christus, Buddha und Mohammed das Verhältnis zum
-Schrifttum hervor. Alle drei stehen in einer religiösen Überlieferung,
-nur Mohammed aber schafft selbst schriftliche Überlieferung, während
-der Buddha und Jesus mit der ganzen Wucht des gesprochenen Wortes
-wirken. Jesus allein aber ist der Kämpfer gegen die Versachlichung
-des lebendigen Wortes. Auch in diesem Punkt gibt es eine Nachfolge
-Christi. Das möge jeder bedenken, der mit dem Schrifttum zu tun
-hat, aber auch jeder, der religiöse Persönlichkeiten oder religiöse
-Gemeinschaftsformen auf ihren Wert beurteilen will.
-
-Es liegt nahe, daß man die Gefahr der Versachlichung durch die Schrift
-durch Verwerfung der Schrift überhaupt vermeiden möchte. Abgesehen
-davon aber, daß man damit die Überlieferung hemmungslos der Willkür
-preisgibt, liegt darin doch auch eine Verkennung des Wertes der Schrift
-für die Religion. Man würde damit den Kampf in falscher Front fechten:
-statt gegen die Versachlichung des Wortes für dessen Auslöschung, statt
-für lebendigen Leserwillen für hemmungslose Willkür.
-
-Lebendiger Leserwille! Damit sind wir an dem Punkt, der wenigstens an
-zwei Beispielen aus der Geschichte des Christentums herausgearbeitet
-werden soll, zwei Beispielen, die trotz aller Ähnlichkeit doch von
-größter Verschiedenheit sind: Augustin und Luther.
-
-Verzehrt von der Glut sinnlicher Leidenschaft suchte Augustin durch
-die Philosophie den inneren Seelenfrieden zu erringen. Ciceros
-Hortensius vermochte aber nicht die Bande zu lösen. Es folgte eine
-Zeit, in der Augustin auf philosophischem Wege sich christliche Ideen
-aneignet. Die Predigt des Bischofs Ambrosius von Mailand mag den Weg
-dahin gebahnt haben, daß es Augustin gelang, weiterhin tief beeinflußt
-von Gedankengängen des Neuplatonismus, zu einer verstandesmäßigen
-Erfassung der christlichen Heilslehre vorzudringen. Von dem Einfluß der
-Predigten des Mailänder Bischofs abgesehen, durchlief also Augustin
-im wesentlichen eine ganze Stufenleiter literarischer Eindrücke, und
-auch seine erste Erfassung des Christentums war rein literarisch, wie
-aus seiner Erzählung im 6. Kapitel des 8. Buches seiner Bekenntnisse
-deutlich wird. Vor allem in den Schriften des Apostel Paulus hatte er,
-wie er erzählt, häufig gelesen. Erst aber die Erzählung des Pontidianus
-von jener Bekehrung vor den Toren Triers führte Augustin zu jenem
-Höhepunkt[9] in seinem Leben, in dem auf einmal das literarische Wissen
-Leben gewann, um wie ein Sturzbach die ganze Persönlichkeit mitzureißen.
-
-Um diesen Vorgang zu erfassen, muß ich kurz jene Bekehrungsgeschichte
-an der Hand von Augustins Bekenntnissen ins Gedächtnis zurückrufen:
-Pontidianus hatte sich mit drei Freunden vor den Toren Triers ergangen,
-er und einer der Freunde hatten sich zufällig von den beiden andern
-getrennt. Diese aber waren auf ihrem weiteren Weg zu einer Hütte
-gelangt, die Mönchen gehörte. Sie fanden darin ein Buch über das Leben
-des heiligen Antonius. Der eine las, »Staunen erfaßte ihn, und er
-fing Feuer, und beim Lesen kam ihm der Gedanke, selber so ein Leben
-zu ergreifen«. Sie sehen also, worin bei Augustin das Erlebnis beim
-Hören dieser Geschichte bestanden haben muß: Er erkannte plötzlich,
-daß er bisher nur Buchstaben gelesen hatte, während jener vor Trier
-Bekehrte eben jenen lebendigen Leserwillen aufgebracht hatte, der das
-hinter den Buchstaben verborgene Leben selbst erfaßt; er erkannte, daß
-ihm die eigene Aufgeschlossenheit der Überlieferung gegenüber bisher
-gefehlt hatte. Mit dieser Erkenntnis aber war das Tor aufgestoßen zu
-einem neuen Leben: Er war für das Christentum, das Christentum für ihn
-gewonnen.
-
-Anders bei Luther. Sie wissen alle, wie Luther nach seinem Eintritt
-ins Kloster nicht nur mit Fasten und Beten, sondern auch mit eifrigem
-Studium um den inneren Frieden rang. Gewiß erinnert dieses Ringen
-im gewissen Sinne an jenes philosophische Bemühen Augustins, aber
-für Luther stand von vornherein fest, daß er als Christ, als der er
-aufgewachsen und erzogen war, jenes Heil finden müsse, für ihn kam
-eine Wendung, wie sie Augustin von der sterbenden Antike zum jungen
-Christentum machen mußte, nicht in Frage. Gerade darum aber konnte
-ihm kein solches Erlebnis wie das des Augustin plötzlich das Tor
-öffnen. Mit zähem Fleiß und nüchterner Geduld mußte er jenen Schutt
-der »Versachlichung« hinwegräumen, den die Kirche aufgehäuft hatte.
-Dann aber stand er erst an der Überlieferung, wie sie durch die Bibel
-gegeben war. Augustin hatte die paulinischen Schriften gelesen, mußte
-aber erst noch jenes Erleben haben, um sein Damaskus zu erleben. Luther
-brauchte kein Damaskus in diesem Sinne, gerade darum aber wurden
-für ihn die Schriften des Paulus zum Schlüssel für die biblische
-Überlieferung.
-
-Dadurch war es ihm auch möglich, für das Leben der christlichen
-Überlieferung zu kämpfen, und die größte Tat in diesem Kampf war eben
-die Bibelübersetzung. Mit ihr war der Weg frei für jeden, der eben mit
-seinem lebendigen Leserwillen an die Schrift heranging.
-
-Mit diesem Vergleich der Stellung Augustins und Luthers zum Schrifttum
-ist nichts gesagt über den Wert der religiösen Persönlichkeiten.
-Die hier berührten Vergleichspunkte zeigen gerade, wie verschieden
-der Weg Augustins und der Luthers trotz aller Ähnlichkeiten sind.
-Im Zusammenhang dieser Betrachtungen aber sind sie zwei, wenn auch
-ganz verschiedene Zeugen für den Wert religiöser Überlieferung durch
-die Schrift, gleichzeitig aber auch zwei Zeugen, wenn auch ganz
-verschiedene, für die Notwendigkeit, daß der Leser das Wesentliche dazu
-geben muß, um dem Geschriebenen Leben zu verleihen; denn was bedeutet
-letztlich Luthers »allein durch den Glauben« anderes als die Aneignung
-der Heilsüberlieferung aus innerer Seelenkraft?
-
-Wenn Sie die Galerien Europas durchwandern und die Darstellungen
-der »Verkündigung« betrachten, so werden Sie bei den alten Meistern
-fast immer die gleiche Darstellung der »Verkündigung« finden: Maria
-kniet am Betschemel, auf dem aufgeschlagen das Gebetbuch liegt. Sie
-liest aber nicht mehr darin, sondern sie hat den Blick weggewendet,
-dem Verkündigungsengel zu. Noch deutlicher aber zeigt ein alter
-rheinischer Meister der Münchner Pinakothek, wie der religiöse Mensch
-zum Buch steht: Vor dem noch aufgeschlagenen Buch kniet der heilige
-Franziskus, sein Blick aber richtet sich in die Höhe, wo in den Wolken
-der Gekreuzigte erscheint, von dem die Strahlen ausgehen, die dem
-Heiligen die Wundmale Christi aufdrücken. Im Hintergrund aber sitzt
-ein Genosse des Heiligen, tiefgebeugt über ein Buch. Er liest noch,
-während der Heilige das Gelesene erlebt. Deutlicher kann die Bedeutung
-des Buches für den »religiösen Akt« nicht veranschaulicht werden.
-Dieser aber gehorcht, wie Scheeler sagt, einer Eigengesetzlichkeit. Und
-Otto hat in seinem bekannten Buch über das Heilige deutlich gesagt,
-wie eben dieses Heilige jenseits aller geistiger Arbeit liegt: »Es ist
-nicht lehrbar, nur erweckbar aus dem Geiste. Man behauptet bisweilen
-dasselbe von der Religion überhaupt und im ganzen. Mit Unrecht. In ihr
-ist sehr vieles lehrbar, d. h. _in Begriffen überlieferbar_ und auch in
-schulmäßigen Unterricht überführbar. Nur eben nicht dieser ihr Hinter-
-und Untergrund. Er kann nur angestoßen, angeregt, erweckt werden. Und
-dies am wenigsten durch bloße Worte.«
-
-Luther sagt das gleiche nicht minder deutlich: »Wenn du es im Herzen
-wahrhaft fühlest, so wird dir's ein groß' Ding sein, daß du vielmehr
-stillschweigen wirst, denn etwas davon sagen.« Auch Augustins Größe
-soll hier nochmal sprechen: »Es spricht zu allen,« sagt er, »aber
-die verstehen's nur, die das Vernommene drinn in ihrer Seele mit der
-Wahrheit zu vergleichen wissen.«
-
-Damit stehe ich am Ende meiner Betrachtungen. Deutlich heben sich zwei
-Dinge heraus: Einmal die Kraft der schriftlichen Überlieferung als
-»Reiz und Veranlassung« und damit ihr hoher Wert für den religiösen
-Menschen, zum andern aber ihre Belanglosigkeit für den eigentlichen
-Kern aller Religion. Die Persönlichkeit des Lesers wird darum zur
-entscheidenden Kraft.
-
-Mancherlei Fragen tauchen nun auf, von denen nur zwei berührt seien:
-Ist mit solcher Erkenntnis nur für die Religion die Grenze der
-Wirksamkeit des Buches gegeben? Ich glaube: Nein; auch alle anderen
-Gebiete menschlicher Kultur stehen unter dem gleichen Gesetz, soweit
-die Wirksamkeit des Schrifttums in Frage kommt.
-
-Weiter aber: Was ist die _praktische_ Folgerung für uns? Doch wohl
-nichts anderes als die Prüfung unserer religiösen Literatur daraufhin,
-wieweit sie Versachlichung ist, Sprache, die nicht mehr tönt oder
-vielleicht nie getönt hat. Nur so werden wir die anregende Kraft der
-Überlieferung nutzbar machen, nur so entsteht religiöse Erkenntnis.
-Bescheiden aber sollen wir bekennen, daß über dieser Erkenntnis
-der Glaube steht. Dieser Glaube aber ist, wie ein junger Schweizer
-Theologe[10] schön sagt, »ein Innewerden, daß alle Erkenntnis etwas
-anderes meint, als sie selber gibt, etwas hinter ihr selbst, daß sie
-nur ein Hinweis ist auf etwas Urlebendiges, jenen Ursprung, der unser
-Freiseinkönnen und den Reichtum des Lebens erst möglich macht«. Dieser
-Glaube ist »ehrfürchtige Anschauung des göttlichen Wunders«. Darum läßt
-sich nicht leicht Tieferes über das Verhältnis des religiösen Menschen
-zum Buch sagen als die Schlußworte des Cherubinischen Wandersmanns:
-
- »Freund, es ist immer genug. Im Fall du mehr wilt lesen,
- So geh' und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.«
-
-
-Fußnoten
-
- [2] Über Anmerkungen in Büchern (siehe »Aus Wissenschaft und
- Leben«, Gießen 1911.)
-
- [3] Hoernes, Natur- u. Urgeschichte d. Menschen, Wien u.
- Leipzig 1909
-
- [4] Dawzel, Die Anfänge der Schrift, Leipzig 1912
-
- [5] Weule, Vom Kerbstock zum Alphabet, Stuttgart 1915
-
- [6] Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Leipzig u. Wien 1900,
- Hoernes a. a. O. bringt eine sehr treffende Stelle aus
- Vierkandt, Naturvölker und Kulturvölker
-
- [7] Ich halte mich in der folgenden Darstellung an Richter, Die
- Religionen der Völker, München und Berlin 1923
-
- [8] Der Sinn der heiligen Schrift, Leipzig 1919
-
- [9] Harnack, Aus der Friedens- und Kriegsarbeit, Gießen 1916
-
- [10] Emil Brunner, Erlebnis, Erkenntnis und Glaube, 2. u. 3.
- Aufl., Tübingen 1923
-
-
-
-
-Buchhandel als Beruf
-
-
-In einer Buchhändlerzeitschrift las ich den Satz: »Beruf ist, wozu
-sich einer berufen fühlt.« Das ganze Elend unserer Zeit kann nicht
-besser gekennzeichnet werden, als durch diese Behauptung. Denn ist
-sie richtig, wie viele Menschen haben dann einen Beruf? Fühlt sich
-ein Straßenkehrer zum Straßenkehren berufen? Hat sich nicht manch
-einer, der frei seinen Beruf wählte, einmal berufen gefühlt, merkt
-nun aber, daß er falsch gewählt hat, sei es, weil er den »Beruf«
-falsch beurteilt, sei es, daß er seine Begabung, seine Kräfte falsch
-eingeschätzt, oder, daß er die Zukunftsmöglichkeiten nicht richtig
-erkannt hat? Es ist gar nicht auszudenken, welches Elend der Seele
-mit diesem Satz als unabänderlich festgelegt ist: Die ganze Tragik
-unerfüllter und unerfüllbarer Wünsche dieses Erdenlebens ist in diesem
-Satz, so wie er in jener Zeitschrift gemeint ist, beschlossen.
-
-Es gibt eine Geschichte des Wortes Beruf; sie wurde von dem Berliner
-Theologen Holl in einem Sitzungsbericht der preußischen Akademie der
-Wissenschaften kurz dargestellt von den Anfängen bis zu Luther. Dort
-findet man, daß es anfänglich im Christentum nur eine Berufung gab
-und das war die Berufung des Christenmenschen durch das Evangelium.
-Dann war die Berufung etwas, was nur dem Mönch zuteil wurde, also eine
-Berufung persönlichster Art, die nur die besonders Auserwählten unter
-den Christen erlebten. Im Mittelalter »gerät das Berufsbewußtsein
-in Spannung mit demjenigen Selbstgefühl, das der fortgehende
-wirtschaftliche und politische Aufstieg bei den schaffenden Ständen
-hervorrief.« Noch aber haben diese Stände nur einen Dienst, keinen
-Beruf. Einen entscheidenden Schritt vorwärts hat die Mystik getan:
-Eckart übersetzt 1. Korinth. 7, 20: »Es sind nicht alle Leute in einen
-Weg zu Gott gerufen« und darum ist ihm auch der niederste Stand mit der
-Erlangung des Höchsten vereinbar. Deshalb soll man auch in seinem Stand
-bleiben und Tauler bezeichnet sogar das Amt als eine »Ladung«, einen
-»Ruf«, der an uns ergeht. Das Wort Beruf war aber eine Bezeichnung,
-die auch bei Luther noch anfänglich rein kirchlich-religiöses Gepräge
-hatte. Erst Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum brachte die große
-Wandlung: Die Erfüllung der von einem Stand auferlegten Pflichten ist
-Gehorsam auf einen Befehl Gottes. Und so sagt Luther: »Es ist Gott
-nicht um das Werk zu tun, sondern um den Gehorsam.«
-
-Hier bricht die geschichtliche Betrachtung Holls ab. Hätte er sie
-weitergeführt, so hätte er von solchem Höhepunkt immer mehr, wenn
-auch in Wellenlinien herunterführen müssen bis zu so selbstsüchtigen
-Deutungen, wie die eingangs erwähnte. Immer mehr ist die sittliche
-Größe eines jenseitigen Ziels dem persönlichen Nutzen, der Erfüllung
-diesseitiger Wünsche zum Opfer gefallen. Als einzigen Lichtpunkt sehe
-ich noch jenen Bildungsbegriff der klassischen Zeit und des Idealismus,
-der wenigstens ein jenseitiges Vollkommenheitsbild kennt, wenn ihm auch
-die religiöse Prägung mangelt. Zuletzt aber kommt die fast unverhüllte
-Diesseitigkeit zum Durchbruch, begründet mit »der berüchtigten
-Forderung des Lebens«.
-
-Gewiß regt es sich unter der Kruste solcher Versachlichung und
-angenehmster Broterwerb gilt nicht mehr als die Summe sozialen
-Fortschritts. Man erkennt auch langsam, daß der Kampf etwa zwischen
-humanistischen und realistischen Bildungsanstalten ganz falsche Fronten
-zeigte, denn auf beiden Seiten war das Stoffliche mit drückender
-Schwere über das Sittlich-Geistige gelegt und das Berechtigungswesen
-machte sich auch in diesen Kämpfen mit seiner ganzen Unsittlichkeit
-breit. Ist aber der Bann wirklich schon gebrochen?
-
-Verzichten wir auf eine umfassende Antwort und beschränken wir uns
-darauf, den Buchhandel als Beruf im Rahmen der Zeitlage zu betrachten.
-Es wird gar viel von den Kulturpflichten des Buchhändlers geredet und
-gar mancher ist tatsächlich Buchhändler geworden, weil er damit der
-Kultur näher zu sein glaubte, als beim Handel etwa mit Heringen. In
-Wirklichkeit aber verschrieb er sich im besten Fall einem tragischen
-Konflikt, im schlechteren wurde er zur Possenfigur.
-
-Was ich mit dem tragischen Konflikt meine? Nun, ein tragischer Konflikt
-mehr oder minder ist jedem Beruf gegeben: Der Industriearbeiter leidet
-unter dem Fluch allein vom Marktwert der Ware Arbeitskraft abzuhängen,
-der Kapitalist unter dem, daß er meint, er besitze Kapital, obwohl
-das Kapital von ihm Besitz ergriffen hat; der Bauer stöhnt unter
-der Abhängigkeit vom Wetter, der König unter der Einsamkeit seiner
-Stellung und so fort und fort. Der Buchhändler aber ist mit dem Fluch
-beladen, mit _geistigen_ Gütern _handeln_ zu müssen und darum ist er
-entweder nie ganz ein wirklicher Kaufmann oder es verfolgt ihn der Haß
-der Geistigen, die behaupten, daß er Riemen aus ihrer Haut schneide.
-Es ist eine besondere Tragik: so eingekeilt zwischen erdenschwerer
-wirtschaftlicher Notwendigkeit und aufstrebender Geistigkeit zu leben.
-
-Gewiß gibt es viele, die das nicht fühlen, aber verlieren Einsame
-wie Friedrich der Große an Tragik, weil es eine Menge Fürsten gab,
-die sich nur der Lichtseite ihres Daseins zuwandten? Sind nicht die
-wenigen Arbeiter, die nicht nur gedankenlose Gewerkschaftsmitglieder
-sind, maßgebender für das Elend ihres Standes, als jene Masse, die im
-Grund genommen das Streben nach oben der »Organisation« überlassen? Ist
-nicht _der_ Dichter menschlich der wertvollere, der immer und immer
-wieder empfindet, daß sein Werk aus der Bloßstellung seines Innersten
-entsteht? Und wiederum so fort und fort durch alle Stände und Berufe.
-
-Der Buchhändler aber, der die Schwere seines Amtes nicht nur geistig
-erkennt, sondern auch sittlich fühlt, hat erst das richtige »Gefühl«,
-wozu er berufen ist: Er ist berufen seine Pflicht zu tun, »gehorsam«
-zu sein. Es ist lächerlich, zu glauben, daß uns die Vorsehung beruft,
-mit einer möglichst angenehmen Beschäftigung das Brot zu erwerben.
-Es ist darum im Grunde ganz gleich, ob einer Buchhändler wird ganz
-aus freier Wahl oder als Sohn seines Vaters, wegen seiner Freude an
-Büchern oder weil gerade beim Buchhändler eine Lehrstelle frei war:
-Maßgebend für seine Wertung ist nichts als seine Einstellung zu seiner
-Berufspflicht. Das Gebiet sittlicher Wertung kennt keine Erklärungen
-und Entschuldigungen aus Lust- und Unlustgefühlen.
-
-Will also der Buchhandel auf der Höhe des Sittengesetzes stehen, dann
-muß er alles Kulturgeschwätz zu Hause lassen und klar und deutlich
-Stellung zu seiner Berufung nehmen. Er muß wie der Held in der Tragödie
-über dem Schicksal bleiben, auch wenn er an diesem Schicksal zugrunde
-geht; sonst hat er seinen Beruf nicht richtig erfaßt.
-
-Wie kann er ihn aber richtig erfassen? Es ist so leicht darauf zu
-antworten, wenn man eben jene beiden Spannungspole im Auge behält, die
-ich oben andeutete! Als Kaufmann muß der Buchhändler sachlich handeln,
-muß nüchtern rechnen, muß Angebot und Nachfrage in das richtige
-Verhältnis bringen, muß tun, was rechnerisch Nutzen bringt, und lassen,
-was zum Schaden seiner Wirtschaftskraft dient. Als Mensch aber muß
-er der Herkunft seiner Ware aus den Landen geistiger Sehnsucht Ehre
-erweisen.
-
-Zu beidem muß einiges gesagt werden: Man könnte einwenden, daß die
-harten Notwendigkeiten des Geschäftslebens sich nie mit jenen Idealen
-vertragen können. Und in der Tat, es gibt Buchhändler, denen es ganz
-gleichgültig ist, was sie verkaufen, wenn sie nur verkaufen. Sie
-sehen von jeder Beziehung zum geistigen Inhalt der Bücher ab. Ja,
-ich wage die Behauptung, es ist bei weitem die Mehrzahl. Und doch
-ist das ganz falsch gedacht, gerade kaufmännisch falsch gedacht,
-weil eben dadurch das verloren geht, was der gute Kaufmann braucht,
-die Warenkenntnis. Nur so ist zu erklären, daß der Buchhandel der
-geistigen Produktion so ratlos gegenübersteht. Eine Unmenge Verleger
-und noch mehr Sortimenter quälen sich ab, zwischen 30000 und 40000
-literarische Geistesfrüchte marktfähig zu machen. Ich glaube, daß der
-Teil solcher Ernte, der letzten Endes in die Stampfmühle wandert,
-erschreckend groß ist. Arbeit und Kapital sind daran verloren. Das
-merken aber nur wenige Außenstehende, weil ganz im geheimen jener Weg
-zur Stampfmühle zurückgelegt werden kann. Die beteiligten Buchhändler
-aber könnten das oft bei richtiger Markt- und Warenkenntnis vermeiden:
-Der Verleger ließe manches ungedruckt, der Sortimenter nähme vieles
-nicht auf Lager. Heute meinen aber die meisten, der Wille, bei einem
-kaufmännischen Vermittlungsgeschäft Nutzen herauszuschlagen, mache zum
-Kaufmann. Ich stelle den Satz dagegen, daß kaufmännischer Erfolg, der
-ohne Warenkenntnis erzielt wird, kein »Verdienst« ist, sondern ein
-Glückszufall. Mit Beruf hat das wenigstens gar nichts, aber auch gar
-nichts zu tun.
-
-Anderseits wird man mir entgegenhalten, daß viele trostlos schlechte
-Bücher in Massen verkauft würden, der Buchhändler, Verleger wie
-Sortimenter, kenne also den Markt! Darauf ist zu erwidern, daß -- ich
-werde das noch genauer darlegen -- selbstverständlich die große Menge
-der Bücherkäufer in ihren primitiven Bedürfnissen leicht erkennbar ist.
-Vom Standpunkt des Berufes aber kommt es auch da auf die wertvolle
-Oberschicht an. Wenn diese eben in ihren Bedürfnissen nicht richtig
-erkannt wird, so fehlt jede Möglichkeit, ein Werturteil über die
-kaufmännische Leistung abzugeben, denn zur Befriedigung niederer
-Instinkte gehört kein Können, sondern nur Mangel an Gewissen.
-
-Hier muß aber gesagt werden, daß es auch verfehlt ist, den Buchhandel
-für die Durchschlagskraft minderwertigen Geschreibsels verantwortlich
-zu machen. Er steht zwischen Schreibern, die solches Zeug verbrechen,
-und Lesern, die es nicht nur kaufen, sondern zu kaufen verlangen. Jedes
-Volk hat nicht nur die Regierung, sondern auch den Buchhandel, den es
-verdient. Trösten kann hier nur die Äußerung, die Jakob Burckhardt in
-seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen machte: »Eine einzelne Zeile
-in einem vielleicht sonst wertlosen Autor kann dazu bestimmt sein, daß
-uns ein Licht aufgeht, welches für unsere ganze Entwicklung bestimmend
-ist.« Wenn sich aber einer »berufen fühlt«, durch den Verkauf von
-literarischen Schmarren sein Brot zu verdienen, so kommt der Ruf aus
-diesseitigen Gefilden und hat nichts zu tun mit jenem Beruf, der aus
-dem Jenseits kommt.
-
-Das aber ist das Elend unserer Zeit, daß man eben die Jenseitigkeit
-von Luthers Berufsbegriff wie vom idealistischen Bildungsbegriff
-verloren hat. »Das Neueste in der Welt«, sagt wieder Burckhardt, »ist
-das Verlangen nach Bildung als Menschenrecht, welches ein verhülltes
-Begehren nach Wohlleben ist.« Besser kann gar nicht gekennzeichnet
-werden, wohin wir abgerutscht sind: Jeder fühlt sich »berufen«, so
-angenehm wie möglich zu leben, und auch im Buchhandel ist dieser
-Grundsatz Trumpf. Wir werden vom Schicksal solange auf die Finger
-geklopft werden, bis wir die Abwegigkeit solcher Gesinnung nicht nur
-erkannt haben, sondern auch die Nutzanwendung aus solcher Erkenntnis
-gezogen haben: »Nicht auf das Werk kommt es an, sondern auf den
-Gehorsam.«
-
-Das hat nichts mit frömmelnder Gesinnung oder mit Spenglers Periode
-der zweiten Religiosität zu tun. Im Gegenteil, es ist nur das
-Erwachen aus dem Rausche sinnlicher Diesseitigkeit zur Nüchternheit
-des Geistes. Gerade aber, weil der Buchhandel zwischen geistigem
-Höhenflug und niederziehender Erdenschwere eingespannt ist, könnte er
-»berufen« sein, die Wende zu bringen: Er könnte am ehesten frei sein
-von der Überheblichkeit jener Geistigen, die, weil sie literarisch,
-wissenschaftlich oder künstlerisch arbeiten, nicht fühlen, wie sehr sie
-nur Ausdruck ihrer Zeit sind; er könnte aber auch die Kurzsichtigkeit
-des Wertens nur nach dem wirtschaftlichen Nutzen als das kennzeichnen,
-was sie ist: als den absolutistischen Regierungsfehler des Fürsten
-dieser Welt.
-
-
-
-
-Vom buchhändlerischen Markt oder über Grenzen der Wirksamkeit des
-Buches
-
-
-Zwei geistige Eigenschaften sind es, die den tüchtigen Kaufmann
-auszeichnen: einmal die ausgebildete Begabung, die Beschaffenheit
-seiner Ware zu beurteilen, zum andern aber die Urteilskraft, die den
-Markt für seine Ware richtig einschätzt. Von der ersten Fähigkeit
-hängt die Warenkenntnis ab, die es an sich nur mit der inneren und
-äußeren Eigenschaft der Ware zu tun hat. Aus der zweiten Fähigkeit
-aber entsteht die Marktkenntnis, die, für sich betrachtet, nur die
-absetzbare Masse bestimmt. Auf den Buchhandel angewandt, richtet sich
-also die Warenkenntnis zunächst nur auf die Fragen: Ist der Inhalt des
-Buches gut? ist es gut geschrieben? wie ist das Papier? der Druck?
-der Einband? Die Marktkenntnis aber kann die Fragen beantworten: Wie
-viele Käufer kommen in Frage? wie verhält sich zu dieser Menge die
-zur Verfügung stehende Auflage? Nun ist es aber klar, daß Waren-
-und Marktkenntnis meist in stärkster innerer Wechselwirkung stehen.
-Edelste Ware ist nicht in Masse herstellbar, und Massenware muß auf das
-Hauptkennzeichen der Edelware verzichten: auf die Einzigartigkeit des
-Einzelstücks. Ein wirklicher Massenartikel kann nicht aus edelstem und
-darum seltenem Stoff hergestellt werden. Darum druckt man z. B. ein
-Rechenbuch für Volksschulen nicht auf feinstes Hadernpapier und bindet
-es nicht in Schweinsleder; Luxusdrucke aber werden beziffert, um damit
-ihrer Seltenheit Ausdruck zu geben.
-
-Nun ist es leicht, für ein solches Rechenbuch die mögliche Absatzziffer
-zu bestimmen, weil man die Zahl der dafür in Betracht kommenden Schüler
-feststellen kann, und auch bei manchem wissenschaftlichen Buch kann
-man fast auszählen, wie viele Büchereien, wie viele Institute und wie
-viele private Abnehmer dafür in Frage kommen. Bei der großen Menge des
-allgemeinen Schrifttums ist aber solch leichte Bestimmungsmöglichkeit
-nicht gegeben und die Festsetzung der Auflagenhöhe darum ein
-Glücksspiel. Und doch läßt sich der Zufall in mancher Hinsicht
-einschränken, wenn man die Frage ernstlich prüft: Wer kann alles für
-das Buch in Frage kommen? Wo sind die Grenzen der Wirksamkeit eines
-Buches? Jeder Verleger legt sich diese Frage bei der Bestimmung der
-Auflage, jeder Ladenbuchhändler sich die gleiche beim Einkauf vor.
-Er beantwortet sie aber nur gefühlsmäßig. Und doch muß es trotz der
-Unendlichkeit aller Möglichkeiten wenigstens einige Gesetze geben,
-die den Zufall zwar nicht einschränken, seine Möglichkeiten aber
-gesetzmäßig bestimmen.
-
-Zunächst ist die Frage aufzuwerfen, ob es räumliche Grenzen für die
-Wirksamkeit des Buches gibt. So häufig es vorkommen mag, daß die in
-Frage kommenden Leser eines Buches räumlich geschlossen zusammenwohnen,
-so ist doch damit keine räumliche Grenze für die Wirksamkeit eines
-Buches gegeben, einfach deshalb, weil der Geist keine räumliche Grenzen
-kennt. Ein Buch, das z. B. in dem besonderen Dialekt einer Gegend, ja
-eines Dorfes geschrieben ist, wirkt schon über dessen Raum hinaus,
-wenn ein Forscher von außerhalb sich mit jenem Dorf oder der Gegend, in
-der es liegt, beschäftigt, ganz abgesehen davon, daß ja die Bewohner
-des Dorfes nicht festgebunden sind und den Raum ihrer engeren Heimat
-nicht nur verlassen können, sondern wohl auch häufig verlassen. Warum
-sollte nicht ein Siedler im brasilianischen Urwald mit Freuden ein
-Buch seiner engeren Heimat lesen, auch wenn wenige Kilometer von
-dieser Heimat entfernt die Mehrzahl der Menschen den Inhalt des Buches
-aus sprachlichen oder sonstigen Gründen nicht mehr verstehen oder
-wenigstens nicht mehr würdigen können. Man kann also ruhig sagen:
-Räumliche Grenzen gibt es für die Wirksamkeit des Buches nicht.
-
-Es läge nun nahe, auch die zeitlichen Grenzen für die Wirksamkeit
-des Buches zu leugnen, weil wir jahrtausendalte schriftliche
-Überlieferungen besitzen und lesen können. Und in gewissem Sinne gibt
-es für das Buch eine zeitlich unbegrenzte Wirkung; d. h. solange es
-Menschen gibt, die den Willen haben, schriftliche Überlieferung zu
-lesen, kann ein Buch wirken. Die so gezogene Grenze erscheint uns
-wenigstens ebenso belanglos wie die Tatsache, daß die Wirksamkeit des
-Buches räumlich auf diese Erde beschränkt bleibt.
-
-Wer tiefer eindringt, der fühlt aber doch noch eine andere zeitliche
-Grenze. Er fühlt, daß alte Überlieferungen zwar in gewissem Sinne
-weiterwirken, daß aber ein Teil abstirbt, ich glaube, sogar ein
-wesentlicher. Ich bin z. B. der festen Überzeugung, daß wir der
-Weltanschauung etwa der Zeit, in der das Nibelungenlied geschrieben
-ist, so fremd gegenüberstehen, daß wir zwar die große künstlerische
-Form, gewisse allgemein menschliche Züge der Helden u. a. einigermaßen
-erfassen können, das Lied selbst aber als Persönlichkeitsäußerung
-ist für uns wie eine zersprungene Glocke: Wir sehen die schöne Form,
-wir erkennen das gute Metall der Legierung, sie siegt aber nicht
-mehr. Da hilft keine Nacherzählung, da hilft kein Film, auch wenn er
-künstlerisch höher stünde als unser jetziger Nibelungenfilm mit seinen
-Pappdeckelwäldern, dem auslaufenden Drachenauge und der blutenden
-Siegfriedwunde. Wir müssen uns damit abfinden, daß der Buchstabe das
-Bild eines gestorbenen Lautes, der geschriebene Satz das Bild eines
-Gedankens ist, das nur solange lebendig wirkt, als die Menschen fähig
-sind, ebenso zu denken. Es mag Gedanken geben, die aller Menschheit
-begreiflich sind, solange es eine Menschheit gibt -- ich bin sogar vom
-Bestehen solcher ewiger Wahrheiten überzeugt --, das ändert aber nichts
-an der Tatsache, daß ein Buch, das aus einer Menge Gedanken besteht,
-eben doch in gewissem Sinne mit seiner Zeit stirbt. Mit Spengler glaube
-ich, daß wir z. B. die Antike niemals wirklich verstehen können,
-womit nicht gesagt ist, daß der Einfluß _unserer Auffassung_ einer
-vergangenen Menschheitsepoche nicht von größter Bedeutung sein kann.
-
-Damit ist gezeigt, wo die eigentlichen Grenzen der Wirksamkeit
-des Buches zu suchen sind: auf rein geistigem Gebiet. Ich deutete
-schon oben an, daß die Sprache eine dieser Grenzen ist: Ein Buch in
-französischer Sprache ist einem Deutschen, der nicht Französisch
-gelernt hat, unverständlich. Ich behaupte noch mehr: Wer nicht ganz in
-französischem Wesen aufgewachsen und erzogen ist, dem bleibt vieles
-letzten Endes auch unverständlich, wenn er Französisch gelernt hat.
-Eine restlose Übersetzung einer Dichtung in eine andere Sprache ist
-unmöglich, es bleibt immer ein mehr oder minder wesentlicher Teil
-unübersetzbar.
-
-Es leuchtet auch ein, daß ein Buch über die Relativitätstheorie nur dem
-physikalisch und philosophisch Gebildeten verständlich ist. Bei vielen
-Büchern liegen also gewisse Grenzen ihrer Wirksamkeit offen zutage,
-und doch fehlt auch hier Wesentliches: Es sind nur die Kenntnisse
-gegeben, die Vorbedingung für das Verständnis des Buches sind, nichts
-ist aber über die Fähigkeit ausgesagt, die zur Aufnahme des Inhalts
-unbedingt notwendig sind. Nun wird man zwar einwenden, daß auch die
-Kenntnisse gewisse Fähigkeiten beweisen; beschäftigt man sich aber mit
-der Begabung der Leserwelt überhaupt, so erkennt man, wie nahe das
-Nichtverstehen auch bei den »Gebildeten« liegt. Wir wundern uns oft,
-wie es möglich ist, daß oft eine wichtige Erkenntnis nur langsam und
-mit größten Schwierigkeiten weitere Kreise erfaßt. Stellt man aber
-eine Untersuchung über die Verteilung der Begabung in der menschlichen
-Gesellschaft an, so erklärt sich diese Tatsache leicht.
-
-Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat sich ein Engländer mit
-der Begabung des Volkes befaßt, Francis Galton (Hereditary Genius,
-London 1869). Von einem Deutschen, Otto Ammon, wurde auf diese
-Untersuchungen aufgebaut und freilich mit gar manchem Trugschluß und
-unter der Einwirkung eines einseitigen Darwinismus Wertvolles zur
-Begabungsschichtung einer Bevölkerungsmasse klargestellt. Ich folge
-dem deutschen Buch (Die Gesellschaftsordnung und ihre natürlichen
-Grundlagen, 1. Auflage, Jena 1895), um das Wesentliche herauszuarbeiten.
-
-Jedes Lebewesen vererbt auf seine Nachkommen eine Summe von
-Einzeleigenschaften. Die Gesetzmäßigkeit dieser Vererbung steht nach
-dem Mendelschen Gesetz heute wissenschaftlich fest. Die mögliche
-Mischung der Eigenschaften ist aber bei der Riesenzahl von Einzelwesen,
-die sich zur Zeugung von Nachkommen zusammenfinden können, eine
-sehr große. Auf dieser Tatsache aufbauend, läßt sich eine Rechnung
-aufmachen, deren Grundlagen sich am besten am Würfelspiel verdeutlichen
-lassen.
-
-Man denke sich z. B. die Begabung einer Bevölkerung im wesentlichen
-auf 4 Grundlagen aufgebaut, deren jede in 6 verschiedenen Graden in
-Frage kommt, so kann man jeder sozusagen einen Würfel zuteilen, jedem
-Grad eine Seite dieses Würfels. Nun ergibt sich, daß der günstigste
-Wurf mit 4 mal 6 Augen und der ungünstigste mit 1 mal 1 Auge nur
-je in einer Zusammenstellung möglich ist, die Würfe aber mit der
-Quersumme 2 und 5 sind schon mit je 4, die mit Quersumme 22 und 6
-schon mit je 10 verschiedenen Zusammenstellungen möglich. Die größte
-Zahl von Mischungen liegt in diesem Fall bei der Quersumme 14, die
-146 verschiedene Möglichkeiten der Mischung gibt. Stellt man dieses
-mathematische Ergebnis der verschiedenen Mischungsmöglichkeiten
-zeichnerisch dar, so erhält man die gestrichelte Kurve der Abb. 1:
-
-[Illustration]
-
-Nun ist die Vierteilung der Begabung natürlich durchaus willkürlich,
-denn jede dieser Gruppen läßt sich wieder in eine Unzahl
-Einzelbegabungen auflösen. Fragt man nun, wie die Verhältnisse bei der
-Annahme von mehr Begabungsgruppen liegen, so ergibt sich, daß die Zahl
-der Mittelmäßigkeit zu, die der Spitzenbegabungen, sowohl im guten
-wie im schlechten Sinne, abnimmt; bei Begabungsgruppen gibt es eben
-die günstigste Quersumme von 48 und die ungünstigste von 8 nur einmal
-unter im ganzen 1679616 Möglichkeiten der Begabungsmischung, während im
-obigen Beispiel die Quersumme 24 und 4 einmal unter 1296 möglich war.
-
-Gleiche Einwirkung auf die Kurve ergibt sich, wenn man statt 6 Graden
-der Begabung deren mehr annimmt. Nimmt man z. B. wie Galton in seiner
-Untersuchung über die Begabung von 1 Million Menschen 16 Grade an, so
-erhält man die ausgezogene Kurve der Abb. 1.
-
-Die Zahl der Einzelbegabungen ist zwar ebenso wie deren möglicher
-Stärkegrad in keiner Weise festlegbar, immerhin kann man Galtons
-Einteilung der Begabung als grundlegendes Bild gebrauchen, man
-muß sich nur klar darüber sein, daß eben wegen der Vielzahl der
-möglichen Einzelbegabungen und ihrer Grade in Wirklichkeit der
-Aufstieg der Spitze zum »Talent und Genie« noch viel geringer ist, wie
-natürlich auch die nach unten gerichtete Spitze der Minderbegabung
-weniger abfällt. Die Masse einer Bevölkerung ist also unbedingt der
-Mittelmäßigkeit überantwortet. Aus ihr ragen Talent und Genie in
-jähem Aufstieg hervor, so daß die Absatzmöglichkeit von Büchern, die
-an der Grenze von Mittelmäßigkeit und des Talentes liegen, was die
-von ihnen geforderten Ansprüche von Aufnahmefähigkeit anlangt, in
-einem Fall noch verblüffend groß, im anderen, wo es sich nur um eine
-verhältnismäßig geringe Steigerung der Schwierigkeit handelt, schon
-außerordentlich gering sein kann. Obwohl also die Mittelmäßigkeit
-vorherrscht, besteht ein großer Trost! Er liegt in der Tatsache, daß
-der unter das Mittelmaß der Begabung fallende Mensch sehr wohl in einer
-Richtung Höchstbegabung besitzen kann, die nur durch Minderbegabung in
-anderer Richtung ausgeglichen wird. Und in der Tat können wir bei ganz
-Großen des Geistes oder der Seele ausgeprägte menschliche Schwächen
-feststellen, ja, wir tun dies gerne, weil gerade diese Schwächen uns
-über den Abstand, der uns im entscheidenden Punkt von ihnen trennt,
-hinwegtröstet.
-
-[Illustration:
-
- Genie
-
- Talent
-
- Mittelgut
-
- Schwachbegabt
-
- Grenze der Brauchbarkeit
-]
-
-Es ist also mit dem Bild der allgemeinen Verteilung der Begabung
-nur ein ganz roher Anhaltspunkt gegeben dafür, wo die Grenzen der
-Wirksamkeit eines Buches liegen. Immerhin leuchtet das wohl jedem
-ein, daß eben gerade das belanglose Schrifttum den breitesten Boden
-für Absatz hat. Es hat keinen Sinn, darüber zu jammern, daß etwa
-die Tarzan-Bücher einen Absatzerfolg erzielen, der im schreienden
-Mißverhältnis zum Absatz der Bücher steht, die menschlich wirklich
-wertvoll sind, von den Klassikern gar nicht zu reden.
-
-Man wende nicht ein, daß die Klassiker und auch die Bibel doch in
-unzähligen Ausgaben weit verbreitet seien. Wer nüchtern denkt,
-der weiß, daß mit der Verbreitung eines Buches noch lange nicht
-bewiesen ist, daß dieses Buch auch in dem Umfange gelesen wird,
-der seiner Verbreitung entspricht. In all diesen Fällen handelt es
-sich um Einflüsse der Mode oder gesellschaftlichen Forderung, die
-ein Auseinanderfallen von Markt und Wirkungsmöglichkeit der Bücher
-herbeiführen. Die Wirkung der Mode ist fast immer zufällig und nicht
-vorherbestimmbar, während uns das Beispiel der Klassiker die Beruhigung
-verleiht, daß das wirklich Wertvolle schließlich Allgemeingeltung
-erhält. Ich erinnere an die vielen Bücherschränke mit Klassikern in
-der guten Stube, die nur dastehen, weil es für »ungebildet« gilt, sie
-nicht zu besitzen. Die Zahl derjenigen, die das zur Mode gewordene Buch
-Spenglers, »Untergang des Abendlandes«, wirklich gelesen haben, schätze
-ich im Vergleich zur Zahl der verbreiteten Stücke dieses Werkes ganz
-gering ein. Die meisten können über dieses Buch nur deshalb reden, weil
-sie da und dort einige Äußerungen über seinen Inhalt aufgeschnappt
-haben. Es hat aber keinen Zweck, sich über diese Verlogenheit zu
-wundern; denn für das Mittelmaß sind die höchsten Werke unserer
-Klassiker ebensowenig faßbar, wie es Spenglers schwere Kost ist. Man
-kann auch nur schwer gegen diese Verlogenheit ankämpfen; denn abgesehen
-davon, daß die Menge solch blinder Schatzbesitzer geistig schwer
-erreichbar ist -- sie liest ja nur, was sie erfreut, und Vorwürfe
-erfreuen nicht --, ist es doch auch eine gute Begleiterscheinung
-der häßlichen Tatsache, daß dem hinreichend Begabten eine Unmenge
-Gelegenheit geschaffen wird, in die Welt des hochwertigen Schrifttums
-einzudringen. Und in der Tat! Wie häufig lesen Raffkes Kinder, was
-Raffke nur gekauft hat!
-
-Damit sind wir an einem entscheidenden Punkt: Die Gesamtbegabung
-eines Menschen kommt nämlich nie zur vollen Entwicklung! Das sei
-gerade am Beispiel Raffkes verdeutlicht: Würde nämlich Raffke seine
-Begabung, die er nur seinem wirtschaftlichen Aufstieg widmete, auch
-zur Erfassung wertvollen Schrifttums verwandt haben, so wäre er eben
-nicht vorwiegend wirtschaftlich vorwärtsgekommen. Zum wirtschaftlichen
-Aufstieg gehört nicht nur Gewinnsucht, sondern auch lebendige
-Auffassungsgabe, Entschlußkraft und sonst noch manche Eigenschaft,
-die ebensogut anderen Gebieten zugewandt werden kann. Unerfreulich an
-der echten Raffkegestalt ist ja meistens eben jene Gewinnsucht als
-Haupttriebkraft des Willens und der Mangel an sittlicher Bremskraft
-beim Einsatz der geistigen Begabung. Daraus erklärt sich ohne weiteres
-die Tatsache, daß Raffkes Kinder erfreulichere Gestalten sein können
-und auch oft sind: Sie sind zu satt für eine so starke Entwicklung der
-Gewinnsucht, und ihre Entwicklung in anderen Lebensumständen ist auch
-mehr vor der Überwucherung der Giftpflanze Gewissenlosigkeit geschützt.
-Die Verschiebung in der Verwendungsmöglichkeit der Begabung ist in
-diesem Fall auch entscheidend für die Aufnahmefähigkeit für wertvolles
-Schrifttum.
-
-Gerade darum muß hier eine große Gedankenlosigkeit in dem Ammonschen
-Buche als solche gebrandmarkt werden: Ammon wies nämlich, auf der
-Einkommensverteilung im Königreich Sachsen fußend, darauf hin, daß
-die Bevölkerungspyramide nach dem Einkommen der der Begabung sehr
-ähnlich sei, und er sah darin einen Beweis dafür, wie herrlich alles
-bestellt sei. Das ist natürlich barer Unsinn; denn an der Spitze jener
-Einkommenspyramide kann ein, abgesehen von seinen wirtschaftlichen
-Fähigkeiten, ganz minderwertiger Kerl stehen, während manches Talent,
-ja Genie nicht das zum Leben nötigste Einkommen hat. Ja noch mehr:
-Wer seine ganze Willenskraft, seine geistige Begabung, seine Zeit
-ganz der Wirtschaft widmet, wird eben nur dort seinen Erfolg haben,
-und die Begrenzung seiner sonstigen Begabung ist belanglos, wenn
-man nach seinem _wirtschaftlichen_ Erfolg fragt. Der gleiche Mann
-kann körperlich und seelisch ein Krüppel, auf gewissen geistigen
-Gebieten ein Trottel sein. Auch muß man sich darüber klar sein, daß
-alle Massenuntersuchungen, also auch eine über die Möglichkeiten der
-Einkommensverteilung einer Bevölkerung einen ähnlichen Kurvenverlauf
-wie den der Galtonschen Begabungskurve ergeben müssen. Entsprechen
-also die Tatsachen der Kurve der Möglichkeiten, so ist das nicht
-weiter verwunderlich, im vorliegenden Fall aber auch keineswegs sozial
-befriedigend.
-
-Für die hier einschlägige Frage nach den Grenzen der Wirksamkeit
-des Buches ergibt sich aus dem Gesagten klar, daß wirtschaftliche
-Leistungsfähigkeit und Aufnahmefähigkeit für hochwertiges Schrifttum
-nicht nur nicht zusammenfallen, sondern sich oft geradezu ausschließen.
-Diese Kluft zu überbrücken ist edelste soziale Aufgabe nicht zum
-wenigsten des Buchhandels, der hier durch billiges Angebot ausgleichend
-wirken kann.
-
-Ich zeigte oben, wie die Masse der Bevölkerung hinsichtlich der
-Begabung dem Mittelmaß angehört. Gerade darum aber ist es ein
-Verbrechen, wenn unnötige Schwierigkeiten zu den schon bestehenden
-gehäuft werden. Das geschieht leider häufig, indem die Schwierigkeiten,
-die der Inhalt des Buches an sich bietet, noch um die weitere vermehrt
-wird, daß die Darstellung in einer Sprache gegeben wird, die jede
-lebendige Vorstellung ertötet. Am schlimmsten steht es in dieser
-Hinsicht mit der Gelehrtensprache, die oft in ein für breitere Kreise
-vollkommen unverständliches Kauderwelsch verfällt. Dadurch wird die
-Wissenschaft vom Volke abgesondert, sie wird zur Geheimwissenschaft.
-Die Folgen können nicht schlimmer in Erscheinung treten, als sie bei
-uns in Erscheinung getreten sind: Man vergegenwärtige sich nur einmal
-das geistige Verhältnis der sozialistischen Wähler zum Inhalt der
-sozialistischen Lehre! Die Masse dieser Wählerschaft ist mit der Lehre
-nur durch die Hoffnung verknüpft, daß sie diese Lehre aus ihren Nöten
-herausführen könne. Der eigentliche Inhalt aber ist für sie hinter
-ihrem Sprachschatz fremder Schlagworte verborgen.
-
-Es erscheint mir immer unbegreiflicher, daß gerade von Gelehrten, die
-Großes von ihrem sozialen Gewissen halten, nicht eingesehen wird, daß
-die Lebendigkeit der Wissenschaftssprache nicht weniger soziale Pflicht
-ist wie die des Besitzenden, sein Kapital flüssig zu machen. Es ist die
-Abschließung von der breiten Masse auf Grund des Besitzes von Geld-
-und Sachgütern nicht verwerflicher als die auf Grund von geistigen
-Kenntnissen. Man entgegne nicht, daß die Wissenschaft der starken
-Verwendung von Fremdworten nicht entraten könne, ohne zu verflachen. Es
-gab und gibt bedeutende Gelehrte, die ihre Werke in lebendiger Sprache
-verfaßten.
-
-So komme ich zu meinem ketzerischen Schluß: Die Absatzmöglichkeit
-eines Buches ist nahezu unbeschränkt, wenn es in lebendiger Sprache
-geschrieben ist. Die wenigsten Schriftsteller und Gelehrten haben
-hinsichtlich ihrer Fähigkeiten einen so weiten Abstand vom
-Durchschnitt der Bevölkerung, daß sie die Einsamkeit des Genies für
-sich als Entschuldigung in Anspruch nehmen können, wenn sie nur von
-einem kleinen Kreis verstanden werden. Es gibt Schlemmerlokale, die
-nur Frack, Smoking und Lackschuhe dulden. Möge es auf geistigem Gebiet
-bei uns keine solchen Schlemmerlokale geben, in denen nur der geduldet
-wird, der seinen Geist in volksfremde Sprache kleidet!
-
-
-
-
-Über die Zukunft des Buches
-
-
-Es ist eine gefährliche Sache, sich über die Zukunft des Buches zu
-äußern; denn mit solchen Äußerungen haben schon eine große Menge
-Menschen ihre Unfähigkeit bewiesen, die Zukunft vorherzusagen: Als
-das moderne Zeitungswesen immer mehr anschwoll, hieß es, das sei der
-Tod des Buches; kurz vor dem Krieg konnte man im Börsenblatt für
-den deutschen Buchhandel lange Auseinandersetzungen lesen über die
-Frage, ob das Kino dem Buchabsatz schade oder nütze, und durch diese
-Auseinandersetzungen klang als Unterton die Angst, daß dem Buch schwere
-Gefahr drohe. Trotz Zeitung und trotz Kino wuchs aber die deutsche
-Bucherzeugung jährlich zu immer größerem Umfang an. Dann kam der Krieg,
-und rasch war man mit der Bemerkung zur Hand, nun sei es mit dem
-Buchabsatz zu Ende. Und wie wurde es? Der Stellungskrieg schuf eine
-Menge neuer Leser, und gegen Ende des Kriegs waren die Verlagslager gar
-mancher Verleger nahezu leer. Nun gibt es Leute, die mit ängstlicher
-Miene der Befürchtung Ausdruck gaben, daß das Radiofieber dem Buch den
-Todesstoß versetzen werde. Schon aber kann man hören von Riesenauflagen
-der Radiobücher, von unerwartet großem Absatz von Operntexten der für
-Fernübertragung aufgeführten Opern.
-
-Aber schon das letzte Beispiel kann uns zeigen, daß es wohl überhaupt
-falsch ist, von der Zukunft _des_ Buches zu sprechen. Rein äußerlich
-ist ja gewiß der Begriff Buch etwas Feststehendes: Man denkt an
-gefalzte und zusammengebundene Papierbogen, auf denen mit einer
-Maschine Buchstaben in Druckerschwärze aufgedruckt sind, deren
-Reihenfolge einen mehr oder minder erträglichen Sinn gibt. Es ist aber
-doch wohl eine müßige Frage, ob das Buch unabhängig von seinem Sinn
-Zukunft hat.
-
-Schneidet man aber die Frage nach der Zukunft des Buches unter
-Berücksichtigung des Buchinhaltes an, so zerfällt die Frage in
-Tausende von Einzelfragen. Das würde allen Leuten sofort einleuchten,
-wenn eben jene Naturgeschichte des Buches geschrieben wäre, die
-geistesgeschichtlich aufzeigen müßte, welche Stellung das Buch jeweils
-in den verschiedenen Zweigen des Geisteslebens eingenommen hat. Es
-würde nicht genügen, wenn diese Naturgeschichte des Buches nur den
-Zusammenhang großer geistiger Bewegungen, etwa der des Humanismus oder
-der Aufklärung, mit den im Buch liegenden Möglichkeiten aufzeigen
-würde. In mühevoller Kleinarbeit müßte die Bedeutung des Schrifttums
-an sich für alle Zeiten und Völker, die des gedruckten Buches als
-Massenerzeugnis im besonderen untersucht werden.
-
-Wie auch die Ergebnisse solcher Arbeit sein werden, eines zeigt sich
-schon bei flüchtigem Überblick: Nicht nur die Zeiten wandeln sich,
-sondern auch der Begriff »Buch«, selbstverständlich nach seinem Inhalt
-genommen. Man vergegenwärtige sich nur einmal, welche Wandlung z. B.
-die Zeit der Reformation uns Deutschen für den Buchbegriff brachte:
-Die Bibelübersetzungen, die Luthers voran, ermöglichten dem Volke,
-die schriftliche Überlieferung der Heilslehre selbst zu lesen, der
-Heilslehre, die im Mittelalter trotz mittelbarer Überlieferung das Volk
-mächtig ergriffen hatte. Mit einem Schlage fast bekam damit das Wort
-Buch einen anderen Sinn.
-
-Und heute, in einer Zeit, die nach der klassischen Literaturepoche
-liegt, ist wieder die Bedeutung eine andere für die Allgemeinheit als
-etwa vor 200 Jahren: Wir stellen an das »unterhaltende« Buch andere
-Anforderungen, als sie damals überhaupt gestellt werden konnten.
-
-Und weiter: Welche Wandlungen hat das wissenschaftliche
-Buch durchgemacht! Der Werkzeugcharakter, den ihm das
-naturwissenschaftlich-technische Zeitalter immer mehr gab, wird wohl
-nicht mehr ganz verschwinden, so sehr sich von allen Seiten die
-Versuche mehren, auch der Wissenschaft wieder Werke zu schenken, die
-mehr eine Zusammenschau, eine Eingliederung in ein allgemeines Weltbild
-ermöglichen. Die Zeiten, in denen ein Mensch das Wissen seiner Zeit
-etwa so in sich vereinigen konnte wie noch Alexander von Humboldt, ist
-für uns vorbei, und darum muß auch unser Verfahren, zu einem Weltbild
-zu kommen, ein anderes sein. Das wird besonders deutlich am Werk
-Spenglers, der den Gedanken, den der Titel seines Werkes ausspricht,
-kühn voranstellt, um ihm dann seine wissenschaftlichen Stützen zu
-geben. Gewiß mag er dem Verfasser vom »Untergang des Abendlandes«
-zuerst aufgeblitzt sein, als er auf einem Gebiet, etwa der Geschichte
-der Mathematik, von unten anfangend eine Entwicklungslinie suchte,
-aber alle seine anderen Untersuchungen standen dann unter der Gewalt
-der zunächst einseitig gewonnenen Erkenntnis. So berechtigt vor
-wenigen Jahrzehnten die Ablehnung der Arbeitsweise Spenglers als
-unwissenschaftlich gewesen wäre, so notwendig ist heute gerade als
-wissenschaftliche Forderung eine solche Einseitigkeit, um den toten
-Punkt zu überwinden, den uns das zunehmende Fachgelehrtentum mit seinem
-Zug zur Vereinzelung gebracht hat.
-
-Dies Wenige mag zeigen, daß jede Zeit nicht nur dem Buch allgemein,
-sondern auch seinen verschiedenen Gattungen eine bestimmte
-Geistesrichtung zur Pflicht macht. Ist man sich über diese Tatsache im
-klaren, so ergibt sich notwendig eine andere Einstellung zu der Frage
-über die Zukunft des Buches. Ganz von selbst bleibt man dann nicht mehr
-so an der Oberfläche hängen wie die Vorkriegsbetrachtungen über das
-Kino, die ich erwähnte. Man sucht vielmehr die Regungen des Zeitgeistes
-zu erfassen, die insofern für »das Buch« von entscheidender Bedeutung
-sind, als sie nicht nur geeignet sind, in das Schrifttum einzudringen,
-um dessen Inhalt zu ändern, sondern auch die Wirkung haben, zum
-Schrifttum hin oder von ihm wegzuführen.
-
-Solcher Einstellung fällt es nicht schwer zu zeigen, warum die
-gewaltige Entwicklung der Tagespresse einen Rückgang der Bucherzeugung
-nicht gebracht hat: Diese Entwicklung brachte eine ganz neue Technik
-des Lesens, die im stärksten Gegensatz zu der früherer Zeiten steht.
-Nicht mehr die beschauliche Erfassung der künstlerischen Einheit von
-Stoff und Form steht im Vordergrund, sondern die möglichst rasche
-Erfassung dessen, was der Leser wissen will. Der Leser sucht nur das
-ihm Wesentliche zu erfassen, und wie die Zeitung »überflogen« wird,
-so auch das Buch. Das aber ergibt, daß in wesentlich kürzerer Zeit
-größere Mengen »gelesen« werden können. Ich leugne nicht, daß es auch
-heute noch Leute geben mag, die noch im alten Sinne lesen, die Masse
-der Bücherkäufer aber arbeitet nach jener neuzeitlichen Lesetechnik, in
-der Wissenschaft nicht weniger als in der schönen Literatur. Immer mehr
-prägt sich dies auch auf dem Büchermarkt selbst aus, denn ganz andere
-Mengen können verschlungen werden, und natürlicherweise folgte der so
-entstandenen gesteigerten Nachfrage ein größeres Angebot.
-
-Es hat keinen Zweck, hierüber zu jammern; denn der auflösenden Wirkung,
-die solche Entwicklung haben muß, stehen auch Vorteile gegenüber, vor
-allem der, daß eine viel größere Zahl von Schriftstellern zu Worte
-kommt. Das ist deshalb von Bedeutung, weil wir nicht gut verlangen
-können, daß unser Schrifttum etwa ständig auf der Höhe der klassischen
-Zeit bleibe. Nicht jede Zeit kann Größen wie Goethe und Schiller, Kant
-und Fichte haben.
-
-Eine Folge aber der neuen Lesetechnik ist der immer lauter ertönende
-Ruf nach der Abbildung, die ein viel rascheres Ergreifen des
-Inhalts möglich macht, als es die zu Worten und Sätzen geordneten
-Buchstaben vermögen. Heute ist kein geographisches Lehrbuch ohne
-reichliche Beigabe von Bildern und Skizzen mehr möglich, und das
-medizinische Lehrbuch wird fast in erster Linie nach der Güte der
-gebotenen Abbildungen eingeschätzt. Die Riesenauflagen von bebilderten
-Zeitschriften, ja solchen, in denen das Bild fast allein erzählt,
-beweisen, daß die große Masse der Leser zum Bilderbuch übergegangen ist.
-
-Das Kino ist eine Erscheinung, die ganz in diesen Rahmen paßt: Der
-rein sachliche Inhalt eines Romans kann ja viel rascher im Kino
-erfaßt werden als durch das Lesen eines Buches, und es ist lächerlich
-zu glauben, daß der eifrige Kinobesucher als Romanleser je zu einer
-Erfassung Kellerscher Kunst in dem Sinne kommen kann, wie die Leser
-der Kellerschen Zeit sie als selbstverständlich ansahen. Damit ist
-nicht ausgeschlossen, daß er auf ganz anderem Weg zu einem Genuß der
-Kunst Gottfried Kellers kommen kann; in diesem Fall ist aber eben
-dann der sachliche Inhalt ganz zurücktretend, das Künstlerische und
-Reinmenschliche wird »ohne Spannung« genossen, rein beschaulich, die
-Spannung des modernen Bilderromans ist schon wegen der Raschheit, in
-der sie erzeugt und gelöst wird, so etwas ganz anderes als die des
-alten Romans, daß Vergleiche nicht mehr gezogen werden können.
-
-So kommt es, daß große Teile unseres Schrifttums nur aus
-»geschichtlicher« Einstellung auf einen anderen, vergangenen
-Zeitgeist genossen werden. Man wird einwenden, daß doch viele Bücher
-des schöngeistigen Schrifttums unserer Zeit in keiner Weise dem
-Kinogeschmack entsprechen und doch weite Verbreitung finden. Dem ist
-entgegenzuhalten, daß zweifellos eine große Menge Gebildeter dem Kino
-wenn nicht feindlich, so doch ablehnend auch heute noch gegenübersteht,
-d. h. nicht in dem Maße von der Sucht zu sehen statt zu lesen ergriffen
-sind, daß sie nicht auch noch den guten »literarischen« Roman genießen
-könnten. Darüber hinaus gibt es noch Leute, die mit snobistischer
-Gönnerhaftigkeit die gute Literatur »pflegen«, besonders wenn sie gut
-angezogen ist. Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, daß die
-breite Lesermasse ganz anders geartet ist: Als Beweis nenne ich nur den
-Erfolg von Tarzan und den der Magazine, mit denen wir innerhalb eines
-Jahres beglückt wurden.
-
-Daneben läuft eine andere Erscheinung, die der geistigen Lage unserer
-Zeit ebenso entspricht wie die Freude am Bild: Es ist die Beliebtheit
-seelischer Zerfaserung, wie sie z. B. gerade von den großen Russen
-gepflegt wurde. Sie ist in ihrer Unerbittlichkeit dem Kino verwandt;
-denn wie dieses beschränkt sie die Phantasie des Lesers und bindet
-ihn an eine strenge Eindeutigkeit. Das wird mit einem Schlage klar,
-wenn man sich fragt, ob auch nur eine Person der neuzeitlichen Romane
-in dem Maße als das eigene seelische Abbild betrachtet werden könnte,
-wie das mit Goethes Werther der Fall war. Es ist klar, daß der Leser
-sich um so leichter in einer Romangestalt wiederfinden kann, je mehr
-deren Schilderung mit allgemein menschlichen Zügen aufgebaut ist, je
-weniger Einzelzüge berücksichtigt sind, die der Vorstellung vom eigenen
-Ich widersprechen. So zeigt sich auch hier, daß der Leser unserer
-Zeit beim Lesen viel weniger Anteil nimmt, als er betrachtet. Selbst
-die Form wird mehr kritisch-ästhetisch gewertet, als daß die Seele im
-gleichen Rhythmus mitschwingt. Es ist eine Versachlichung literarischer
-Kunst eingetreten, die der vorwiegend geschichtlich eingestellten
-Kunstbetrachtung entspricht.
-
-Schon aber bahnt sich eine neue Entwicklung an, die in noch
-durchgreifenderer Weise vom Schrifttum wegführt als die Sucht nach
-bildlicher Darstellung: Das gesprochene Wort, der lebendige Klang
-gewinnt wieder mehr Bedeutung. Die junge Lyrik, wie sie mit den
-»Neutönern« begann, suchte zuerst wieder Klang in die Dichtung zu
-bringen, hatten ihre Vertreter doch erkannt, daß der Ton unserer
-Dichtung in vieler Hinsicht stumpf geworden war, daß die Glocke einen
-Sprung hatte, daß das Metall, der Stoff zwar noch Laut gab, aber keinen
-singenden Ton. »Ihr hört mit tauben Ohren, Und sprecht mit stummem
-Mund«, lautete der Vorwurf von Arno Holz an die alten Dichter. Diese
-Erkenntnis aber einer geistigen Oberschicht konnte sich nur in einer
-Bewegung auf schmalster Grundlage auswirken. Die breite Masse des
-Volkes war noch nicht so weit, daß sie unter der Tonlosigkeit der
-Zeitstimme litt. Erst die Aufrüttelung durch Krieg und Revolution
-brachte hier Wandlung, wenn auch gern zugegeben sein soll, daß
-die Jugendbewegung schon vorher bis in die Arbeiterkreise hinein
-die Sehnsucht nach Klang in sich trug. Sie suchte aber mehr unter
-Anknüpfung an geschichtlich Überliefertes das Lied zurückzugewinnen,
-als daß sie ganz allgemein die Stumpfheit unserer Sprache im gesamten
-Schrifttum empfand. Die Erschütterungen seit Kriegsbeginn aber zeigten,
-daß mit dem geschriebenen und gedruckten Wort eben nur der begnadete
-Künstler tief wirken kann. Der aber fehlte und fehlt einstweilen noch,
-und so erklärt sich die Erscheinung, daß der Redner auch da geradezu
-triumphierte, wo sich der geistige Inhalt seiner Rede in keiner Weise
-mit den Leitartikeln der Presse messen konnte: Die Gewalt des mit dem
-Klang der innerlich ergriffenen Persönlichkeit gesprochenen Wortes
-zeigte sich dem feingeschliffenen gedruckten Wort weit überlegen, und
-zwar nicht nur beim »Volk«, sondern auch bei weitesten Kreisen der
-Gebildeten. Ich erlebte es, daß ein ausgewählter Kreis von führenden
-Leuten des Handels und der Industrie, dazu Beamte bis zu Ministern,
-einem bekannten Volksredner über zwei Stunden in atemloser Spannung
-lauschte und die meisten erst hinterher gewahr wurden, daß der Redner
-ja über den Gegenstand, über den er eigentlich sprechen sollte, so gut
-wie nichts gesagt hatte.
-
-Die Entwicklung des Radio wird der Neigung zum gesprochenen Wort wohl
-noch weiter Vorschub leisten, doch glaube ich, daß sehr bald die
-Sehnsucht nach der lebendigen Gebärde auch diese Entwicklung wieder in
-andere Richtung lenken wird; denn das Wesentliche unserer Zeitrichtung
-ist die Flucht vor allem Toten, die Sehnsucht nach dem Ausdruck
-lebendiger Persönlichkeit.
-
-Darum bewegen wir uns in gewissem Sinn vom Buch immer mehr weg trotz
-aller Vergrößerung buchgewerblicher Erzeugung. Diese verdankt ihren
-Aufschwung der Tatsache, daß das Buch zum Werkzeug wurde, nicht nur
-in der Wissenschaft, nicht nur als Schulbuch in weitestem Sinne,
-sondern nicht minder das »schöne« Buch, das in einem Fall Text
-zu einem Kinostück, im anderen zu einem Radiovortrag oder zu der
-beliebten Seelenanatomie ist. Man beachte, wie viele Leute heute
-Goethes Tasso wirklich nur mehr als Text zu einer schauspielerischen
-Leistung eines bestimmten Bühnenkünstlers genießen, wie sehr etwa bei
-Darstellern wie Pallenberg die Frage nach dem Gehalt des Stückes,
-nach seinem künstlerischen Wert zurücktritt gegenüber der Freude an
-der Lebendigkeit der vorgezauberten Bühnenfigur. Man prüfe in diesem
-Zusammenhang den Erfolg eines Buches wie das von Ford. Wurde es von den
-meisten nicht deshalb zur Hand genommen, weil man in ihm brauchbare
-Rezepte vermutete?
-
-Man werfe mir nicht vor, daß ich zu schwarz male. Diese Betrachtungen
-haben nichts zu tun mit Weltschmerz. Würden wir heute in einer Zeit
-blühenden Schrifttums stehen wie etwa zur Zeit Goethes, dann wäre
-uns das Buch eben deshalb etwas, weil es das beste oder eines der
-besten Ausdrucksmittel unserer Zeit wäre. Da wir aber heute kein
-Schrifttum haben, das uns in diesem Sinne bestes Ausdrucksmittel
-unseres Empfindens ist, weil wir keine Vertreter schriftstellerischer
-Kunst haben, die uns ergreifen könnten nicht nur allgemein menschlich,
-sondern gerade als Menschen unserer aufgewühlten Zeit, so können wir
-eben nicht mit Literatur unser seelisches Gleichgewicht herstellen;
-denn sie ist zwar Ausdruck unserer Zeit, nicht mehr aber hat sie die
-künstlerische Kraft, um die Spannung zu lösen, die uns alle in Bann
-hält. Wir können, einzeln genommen, vielleicht durch ein Gedicht
-Mörikes, Kellers oder auch durch das eines neuzeitlichen Dichters
-erschüttert werden, ja gar mancher flieht vielleicht zu Goethe oder
-noch weiter zurück zu einem Großen unseres Schrifttums, das ist aber
-nicht entscheidend für die große Masse, die wie zu allen Zeiten _ihre_
-Kunst haben will, die Kunst, die vollendeter, Spannung lösender
-Ausdruck ihrer Zeit ist, die Stil ist. Ist es schwarz gesehen, wenn
-man gesteht, daß man in einer Zeit lebt, die ihr Innerstes durch
-schriftstellerische Kunst nicht ausdrücken kann? Wäre es nicht
-feige, diesem Geständnis auszuweichen? Ja noch mehr, wäre es nicht
-undankbar gegenüber dem Segen an künstlerischem Schrifttum, den unser
-Volk aufweisen kann, wollte man die Pause nicht wahr haben, die nun
-eingetreten ist auf dem Gebiete des künstlerischen Schrifttums?
-Ebensowenig wie der einzelne Mensch kann auch ein Volk immerzu
-schöpferisch sein auf allen Gebieten. Das ist die traurige, aber doch
-menschlich große Erkenntnis unserer Zeit. Daß sie Spengler mit so
-großem Erfolg aussprach, verdankt er dem Umstand, daß er damit die Zeit
-von dem Druck eines ungewissen Etwas befreite, das man wohl gefühlt,
-aber nicht erkannt hatte.
-
-Am wenigsten ist Grund, mir als Buchhändler Schwarzseherei vorzuwerfen,
-denn der Möglichkeiten des Buches als Werkzeug sind heute noch so
-viele, daß die Notwendigkeit des Rückgangs der Erzeugung solcher Bücher
-weit ab liegt. Ja noch mehr, es ist eine der Aufgaben unserer Zeit, dem
-Buch als Werkzeug einerseits eine immer zweckmäßigere Form, andrerseits
-eine immer größere Verbreitung zu geben.
-
-Man wird nun sagen, daß es doch trostlos wäre, wenn nur diese nüchterne
-Seite des Buches als Wirkungsfeld bliebe. Auch wird man die Frage
-aufwerfen: »Gibt es denn keine Ewigkeitswerte unseres Schrifttums?«
-Beide Einwendungen sind mehr als berechtigt. Aber gerade aus ihrer
-Verbindung läßt sich die Antwort für beide gewinnen. Der Wert, den
-unser klassisches Schrifttum in sich birgt und der als überzeitlich
-bezeichnet werden kann, ist nicht ein Wert, der ohne weiteres erkannt
-noch viel weniger nutzbar gemacht werden kann, denn er wurzelt in
-persönlichstem Künstlertum. Nirgends gilt der Satz, daß das Ererbte
-erworben werden muß, wenn man es besitzen will, mehr als in diesem
-Zusammenhang. Es ist Aufgabe genug, in dieser Richtung alles zu tun,
-was geschehen muß, um diese Quellen offen zu halten. Wir müssen uns
-klar darüber sein, daß jede Zeit eine andere Einstellung zu Goethe z.
-B. hat, daß die Wege, auf denen man ihr die Größe dieser Persönlichkeit
-nahe bringen muß, verschieden sind. Diese Wege zu bahnen durch
-sinnvolle Zusammenstellung und Auswahl sowohl, wie durch entsprechende
-äußere Form, ist eine Pflicht, deren Erfüllung gerade dann am wenigsten
-versäumt werden darf, wenn das Schrifttum der eigenen Zeit die Größe
-nicht erreichen kann, die jenem Erbe entspricht. Man bedenke, daß
-Krieg und Revolution eine vollkommen neue Schicht von Lesern erzeugt
-hat, die zwar Leser im neuzeitlichen Sinne sind, in deren Reihen aber
-viele sind, die für Wertvolleres gewonnen werden können als für den
-Kitsch des Tages. Ihnen unsere Schätze so billig als möglich und doch
-geschmackvoll zu bieten, ist zwar eine in Angriff genommene, aber noch
-nicht erfüllte Aufgabe. Sie beginnt schon beim Lesebuch in der Schule
-und es ist einer der wichtigsten Fortschritte unserer Zeit, daß die
-Schule keine Lesebücher mehr will, die nach dem belehrenden Inhalt
-zusammengestellt sind, daß das literarisch wertvolle Buch die Forderung
-des Tages ist; bedauerlich ist nur die Wegerziehung vom Buch als
-künstlerisch geschlossenes Ganzes, die in dem Augenblick in gewissen
-Schulkreisen einsetzte, wo erste Kräfte bemüht sind, den Erwachsenen
-das Lesebuch als künstlerisch berechtigte Form der Darbietung unseres
-»Erbes« nahezubringen.
-
-Weiterhin gilt es, sich dem Schrifttum unserer Zeit nicht zu
-verschließen. Denn in ihm liegt eine wichtige Möglichkeit, das
-Gesicht unserer Zeit den folgenden Geschlechtern zu bewahren; auch
-diese sollen uns dereinst zu verstehen suchen, wie wir dem Sinn der
-Geschichte nachgraben.
-
-Wir müssen unser Schrifttum dafür gewinnen, daß es in vermehrtem
-Maße dazu hilft, das große Erbe an die neu heranreifenden Schichten
-heranzubringen, denn die Leserschaft ist bestimmend dafür, daß unser
-Schrifttum in seinen wertvollen Teilen als lebendige Kraft erhalten
-bleibt. Ein wesentlicher Teil unseres heutigen schriftstellerischen
-Schaffens gehört aber der Tagespresse und in dieser Tatsache liegen
-bisher nur ganz unvollkommen genützte Möglichkeiten. Der Großteil
-der Presse und des ihm dienenden Schrifttums hat gewiß den guten
-Willen, seine Leser zum guten, wertvollen Buch hinzuführen, aber die
-Planlosigkeit mit der dieser Wille sich auswirkt, bringt sie um den
-Erfolg des Bemühens. Nur mit Hilfe des Schrifttums unserer Zeit können
-wir uns der Geschichte überliefern, aber auch nur mit seiner Hilfe
-können wir das zur Geschichte gewordene Schrifttum unserer großen
-Zeiten als lebendige Kraft erhalten.
-
-Aus der Geschichte heraus wird uns aber auch dereinst ein neuer Morgen
-des Schrifttums anbrechen, der Morgen eines Tages, an dem neue Blüten
-aufbrechen werden an den Sträuchern und Bäumen, die heute vielleicht
-nur buntes Laub tragen.
-
-Wie wir in der Nacht leichter in uns hineinsehen, uns auch der Ewigkeit
-mehr aufschließen können, als im Getriebe des Tages, so gilt es auch
-heute, das Gestern mit prüfendem Sinn zu überdenken, der Möglichkeit,
-ja der unbeschränkten Möglichkeit des Morgen, die Seele zu öffnen auch
-dadurch, daß wir durch Ruhe Kräfte sammeln. Es gibt eine Ruhe, die
-der erste Auftakt zur Leistung ist. Ich höre, wie die deutsche Seele
-in sich hineinhorcht. Sie mag zunächst erschrecken über die Stille,
-die der »Untergang« der Sonne um sie verbreitet. Schon aber hat sie
-begonnen, die Ewigkeit wieder zu vernehmen, die ihr in der Zeit des
-Erfolges von Wissenschaft und Technik zu einem Rechenbegriff geworden
-war. Je tiefer wir in diese Ewigkeit hineintauchen, um so gekräftigter
-wird uns das Morgen finden, denn aller Wert der Persönlichkeit ist
-bestimmt durch die Überwindung toter Versachlichung und durch die
-in die Ewigkeit wirkende Kraft wirklichen Lebens. Der Gehalt an
-Persönlichkeit aber bestimmt auch die Zukunft des Buches.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Vorwort 5
-
- Politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung 7
-
- Buch und Religion 29
-
- Buchhandel als Beruf 59
-
- Vom buchhändlerischen Markt oder über Grenzen
- der Wirksamkeit des Buches 69
-
- Über die Zukunft des Buches 87
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Der
- Schmutztitel wurde entfernt.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BUCH UND BILDUNG ***
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Buch und Bildung, by Friedrich Oldenbourg</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
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-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-
-<table style='min-width:0; padding:0; margin-left:0; border-collapse:collapse'>
- <tr><td>Title:</td><td>Buch und Bildung</td></tr>
- <tr><td></td><td>Eine Aufsatzfolge</td></tr>
-</table>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Friedrich Oldenbourg</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: March 05, 2021 [eBook #64698]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BUCH UND BILDUNG ***</div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Friedrich Oldenbourg</p>
-<h1>Buch und Bildung</h1>
-<p class="center">
-Eine Aufsatzfolge</p>
-<p class="center p2">
-C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung<br />
-München 1925
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Vor einem Fest stellt man sich wohl an einen
-Spiegel und prüft, ob der Anzug sitzt, ob die Binde
-in Ordnung, ob das Haar richtig liegt. Wer aber
-Feste richtig zu feiern versteht, der bleibt nicht bei
-diesen eitlen Äußerlichkeiten. Er blickt sich richtig ins
-Gesicht, d. h. er prüft auch, ob er als Mensch zu
-dem bevorstehenden Fest paßt; er scheut nicht davor
-zurück, auch dem inneren Menschen den Spiegel vorzuhalten,
-und wenn er dann manchen Mangel entdeckt,
-macht er eine mehr oder minder große Schublade
-auf und entnimmt ihr allerlei gute Vorsätze,
-glättet mit ihnen hier eine Falte, deckt damit dort
-einen allzu störenden Fleck, und glücklich, wenn es
-gelingt, nach solcher Arbeit mit dem Bewußtsein vollen
-Erfolges unter die Festgesellschaft zu treten. Er
-kann wirklich feiern, auch wenn er weiß, daß der
-Ernst seiner guten Vorsätze harten Werktag in Aussicht
-stellt; denn ein wahrer Festtag ist nicht nur der
-schöne Abschluß nach einer Zeit der Arbeit, er ist auch
-der Auftakt des morgigen Schaffens. Blieben wir
-nicht alle dem Gestern etwas schuldig, daß wir uns
-des Morgen mit seinen Möglichkeiten freuen müssen,
-wenn wir heute ein Fest wirklich feiern wollen?</p>
-
-<p>Der deutsche Buchhandel feiert in diesem Jahr sein
-großes Fest, und nicht nur seine Angehörigen, sondern
-auch alle Verwandten und Freunde, ja auch alle,
-die mit ihm mehr pflichtmäßig als aus Zuneigung<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[6]</span>
-verkehren, werden mitfeiern. Der Absicht, ihnen
-allen, meinen Berufsgenossen in erster Linie, zu solcher
-Spiegelschau zu verhelfen, verdankt das vorliegende
-Buch seine Zusammenfügung aus zunächst
-unabhängig voneinander entstandenen Reden und Aufsätzen.</p>
-
-<p>Ich weiß, es entstand kein Spiegel aus herrlichem
-Kristallglas, auch das Metall der Hinterlegung ist
-nicht fleckenfrei, und der Rahmen ist weder aus edler
-Bronze noch von kunstvoller Schnitzerei. So mag
-mancher, der vom Spiegelbild nicht entzückt ist, ruhig
-lieber dem Spiegel die Schuld geben, ehe er sich die
-Laune verderben läßt. Bedenken möge aber jeder, daß
-uns manchmal der bescheidenste Scherben gute Dienste
-leisten kann, wenn Besseres nicht greifbar ist. Würde
-ich nicht den Glauben haben, daß mein unvollkommenes
-Machwerk doch da und dort durch Anregung
-oder wenigstens durch Widerspruch etwas wirken
-kann, dürfte ich es nicht geschrieben haben. Daß ich
-es aber nicht nur schrieb, sondern auch durch Druck
-vervielfältigen lasse, entsprang nicht meiner Unbescheidenheit,
-sondern der Liebe zu meinem Beruf, Beruf
-in jenem höheren Sinne des Schaffens zur Erfüllung
-einer gottgegebenen Pflicht. Liebe aber ist am
-glücklichsten im Schenken, und hat sie nichts anderes,
-so ist ihr auch bescheidene Gabe lieber als leere Hände.</p>
-
-<p class="noind p2">
-München, April 1925.</p>
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Dr. Friedrich Oldenbourg</em>
-</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Politische_Bildung">Politische Bildung
-und
-staatsbürgerliche Erziehung</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span></p>
-
-<p class="drop">In Zeiten des politischen Tiefstandes eines Volkes
-wird gerne nach Wegen gesucht, die es ermöglichen,
-wieder emporzuklimmen. Jede Partei, jeder Stand,
-ja fast jeder Einzelmensch weiß dann irgendein Mittel,
-das zur Gesundung dienen soll. So viele Meinungen
-das Übel zu bannen versprechen, so gewiß
-ist das eine, daß nur die dahinterstehende gute Absicht
-wirklich wertvoll ist. Sie ist das einzig Zusammenschließende
-in dem Vielerlei und insoferne
-auch der einzig brauchbare Ausgangspunkt; denn alle
-empfohlenen Mittel, auch wenn sie noch so gut sind,
-müssen richtig und zu passender Zeit angewendet
-werden, sind also nicht an sich gut, sondern nur,
-wenn ihre Voraussetzungen erfüllt sind.</p>
-
-<p>Soll aber dieser gemeinsame Wille der Hilfsbereitschaft
-sich auswirken zum Segen des Ganzen,
-so muß die Bahn frei gemacht werden nach der
-Richtung, in der allein politisches Leben zu finden
-ist, in Richtung auf den Staat. Nicht ein Staat ganz
-bestimmter Form kann hiebei in Frage kommen &ndash;
-die Wege würden da ja gleich auseinanderführen&nbsp;&ndash;,
-zunächst handelt es sich nur um das Bewußtsein,
-daß Politik ohne Staat unmöglich ist. Erst dieses
-Bewußtsein schafft die Möglichkeit, weiterzuplanen.</p>
-
-<p>Darum ist der Inhalt der Überschrift dieses Aufsatzes
-von mir als die Frage gedacht: Können politische
-Bildung und staatsbürgerliche Erziehung uns
-heute helfen, helfen in jenem eindeutigen Sinne?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span></p>
-
-<p>Nun glaube ich nicht, daß ich allein die richtige
-Antwort geben kann; ich bin aber überzeugt, daß die
-Aufwerfung der obigen Frage an sich schon Wert
-besitzt. Je mehr das gleiche tun, desto sicherer wird
-sie geklärt, auch wenn die Antworten weit auseinandergehen.
-Irgendwie wird dann der sachlich unantastbare
-Kern gefunden, losgelöst von den Schalen
-persönlicher Gebundenheiten.</p>
-
-<p>Diese Gebundenheiten eines Buchhändlers, der sich
-an der Universität geisteswissenschaftlichen Studien
-hingab und dann als Offizier den Krieg mitmachte,
-sind nicht schwer zu erkennen, ja um so mehr faßbar,
-wenn man genau verfolgt, welche Zeugen er
-für seine Begriffsbestimmungen anführt. Diese aber
-sind die Voraussetzungen für alles Weitere; denn der
-Hauptgrund dafür, daß die Menschen soviel aneinander
-vorbeireden, ist der, daß sie mit den gleichen
-Worten Verschiedenes ausdrücken.</p>
-
-<p>In der von mir gewählten Überschrift sind im
-ganzen vier Begriffe, die verdeutlicht werden müssen.</p>
-
-<p>»Alle <em class="gesperrt">Politik</em> ist Kunst.« Mit diesem Wort
-begann Heinrich von Treitschke seine Vorlesungen
-über Politik, und wenn man ein beliebiges Wörterbuch
-aufschlägt, so findet man als erste verdeutlichende
-Übersetzung des Wortes Politik »Staats<em class="gesperrt">kunst</em>«.
-Es ist wohl das Beste, daran festzuhalten,
-daß alle weiteren Worterklärungen vom wahren Sinn
-des Wortes abirren. Es hat schon Leute gegeben, die
-Politik als Wissenschaft hinstellen wollten. Sie wurden
-dazu verleitet, weil die Politik des wissenschaftlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span>
-Rüstzeuges nicht entraten kann. Es wird aber
-wohl niemandem einfallen, die Malerei als Wissenschaft
-zu bezeichnen, weil sie sich bei uns z. B. der
-Mathematik in Form der Perspektive bedient. »Alle
-Politik ist Kunst« heißt: nur ein Künstler kann sie
-beherrschen. Muß man darüber noch mehr sagen in
-einer Zeit, wo von allen Seiten nach dem Manne
-gerufen wird, der den politischen Knoten unserer Zeit
-löst, und sei es durch scharfen Hieb? In einer Zeit,
-in der Bismarcks letzter Erinnerungsband die ganze
-Kümmerlichkeit aller jener Politiker zum Bewußtsein
-bringt, die dem großen Meister nicht etwa nachfolgten,
-sondern genug zu »können« wähnten, um
-eigene Wege zu gehen?</p>
-
-<p>Es läge nun nahe, daß ich an zweiter Stelle erklärte,
-was ich unter einem Staatsbürger verstehe;
-damit würde ich aber nahezu die Hauptsache meiner
-Ausführungen vorwegnehmen, denn man wird aus
-der Überschrift herausgefühlt haben, daß ich eben der
-politischen Bildung die staatsbürgerliche Erziehung
-gegenüberstelle. Dazu kommt, daß ich mich nicht
-ohne weiteres an Treitschke anschließen kann, dem ich
-für den Begriff der Politik folgte. »Es ist eine aus
-Frankreich herübergenommene radikale Schrulle, wenn
-man in dem Worte Untertan etwas Ehrenrühriges
-sieht und dafür Staatsbürger einsetzt. Untertan und
-Staatsbürger sind zwei sich ganz und gar deckende
-Begriffe, nur daß in jenem mehr Verpflichtung, in
-diesem mehr die Berechtigung betont wird.« Aber
-seit Treitschke dies aussprach, ist das Wort Untertan<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span>
-noch mehr in Verruf gekommen; es gibt keine »Regierenden
-und Regierten« mehr wie damals Anfang
-der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das
-Volk regiert sich ja selbst! Diese Andeutung, daß gerade
-der Staatsbürgerbegriff die große Frage der
-Überschrift dieser Ausführungen umschließt, muß hier
-zunächst genügen.</p>
-
-<p>Einer eingehenden Auslegung aber bedürfen noch
-die Begriffe »Bildung« und »Erziehung«. Ich
-möchte hier geschichtlich vorgehen; wir erhalten dadurch,
-wie sich bald zeigen wird, einen besonders
-klaren Ausblick auf den Weg, der zurückgelegt werden
-soll.</p>
-
-<p>Das Wort Bildung hat manche Wandlung in seiner
-Bedeutung erlebt. Es wurde zwar häufig in der
-ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gebraucht, aber
-immer im Sinne von Gestalt; man sagte z. B. von
-einer schönen Frau, sie sei von ausgezeichneter Bildung.
-Erst in der klassischen Zeit, hervorwachsend aus
-der Aufklärungsphilosophie, bahnt sich das Wort in
-seiner geistigen Bedeutung den Weg.</p>
-
-<p>Die vielleicht klarste Verwendung in der neuen
-Bedeutung finden wir bei Schiller in den philosophischen
-Schriften. Er, der ja die ästhetische Erziehung
-als Forderung aufstellt, mußte ja auch am
-ehesten an den ursprünglichen Wortsinn anknüpfen
-können. Was Plato sich von jedem Ding dachte, das
-Vorhandensein einer Idee, eines idealen Vorbildes in
-einer besseren Welt, das beherrscht Schiller besonders
-im Hinblick auf den Menschen in jeder Hinsicht, vornehmlich<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span>
-aber in geistiger. »Nicht der Masse qualvoll
-abgerungen, schlank und leicht, wie aus dem Nichts
-entsprungen, steht das Bild vor dem entzückten Blick.«
-Diese Verse aus dem Gedicht »Das Ideal und das
-Leben« verdeutlichen am besten, wie Schiller sich jenes
-Bild der besseren Welt der Gedanken dachte im
-Gegensatz zu dem in Wirklichkeit erscheinenden.</p>
-
-<p>Kurz sei Goethes Persönlichkeitsideal erwähnt. Erst
-beim alten Goethe &ndash; in Wilhelm Meisters Wanderjahren
-und im zweiten Teil des Faust &ndash; bezieht
-er Staat und Gesellschaft mit ein, also in jener
-Zeit, die den politisch so entscheidenden Jahren um
-die Jahrhundertwende erst folgte.</p>
-
-<p>Die Betrachtung gerade dieser Zeit aber ist aus
-begreiflichen Gründen für uns von ausschlaggebender
-Bedeutung. Es ist die Zeit der geistigen Geburt des
-neuen deutschen Staates: Aus den weltbürgerlichen
-Strebungen der Aufklärungszeit und denen unseres
-klassischen Zeitalters wächst das Ideal des Nationalstaates
-hervor. Am Anfang dieser Entwicklung
-steht Wilhelm von Humboldt; er wird auch in der
-klassischen Darstellung dieser Entwicklung durch den
-Berliner Historiker <em class="gesperrt">Meinecke</em> an die Spitze gestellt.
-Wohl mutet er uns noch allzusehr von weltbürgerlichen
-Idealen erfüllt an, doch werden Sie den
-Fortschritt, den wir Humboldt hier verdanken, sofort
-erkennen, wenn Sie sich einerseits die Beziehungslosigkeit
-unserer klassischen Dichter zum deutschen
-Staatsgedanken vergegenwärtigen und dann folgende
-Worte Humboldts in sich aufnehmen: »Die Zivilisation<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span>
-ist die Vermenschlichung der Völker in ihren
-äußeren Einrichtungen und Gebräuchen und der darauf
-Bezug habenden Gesinnung. Die Kultur fügt
-dieser Veredlung des gesellschaftlichen Zustandes Wissenschaft
-und Kunst hinzu. Wenn wir aber in unserer
-Sprache <em class="gesperrt">Bildung</em> sagen, so meinen wir damit
-etwas zugleich Höheres und mehr Innerliches, nämlich
-die Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis und
-dem Gefühle des gesamten geistigen und sittlichen
-Strebens harmonisch auf die Empfindung und den
-Charakter ergießt.« Selbst noch Weltbürger, hat er
-mit dieser Aufstellung des <em class="gesperrt">deutschen</em> Bildungsbegriffes
-im Gegensatz zu den aus der Fremde übernommenen
-Begriffen »Zivilisation« und »Kultur«
-für das Deutschtum nach meiner Ansicht mehr geleistet
-als mit all seinen staatsphilosophischen Betrachtungen,
-soviel auch diese sonst in der Geschichte
-des deutschen Nationalstaates eine Rolle spielen
-mögen.</p>
-
-<p>Indem ich für diese Geschichte hinsichtlich der
-Einzelheiten auf Meinecke verweise, wende ich mich
-nun zu jener Gestalt, die eben jenen deutschen Bildungsbegriff,
-gedrängt durch das Gefühl für Deutschlands
-tiefste Erniedrigung, aus der Enge der Gedankenwelt
-einzelner, über ihrer Zeit stehender Persönlichkeiten
-hinaustrug in den Kampf mit der Not
-der Zeit: zu Fichte. Es wäre eine Aufgabe für sich,
-an der Hand der »Reden an die deutsche Nation«
-im einzelnen der Frage nachzugehen, wie Fichte mit
-diesem Hinaustreten in die Arena des Zeitkampfes<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span>
-nicht nur die politische Gleichgültigkeit der »Gebildeten«
-bekämpfte, sondern gerade jenes Bildungsideal
-der klassischen Zeit zur politischen Waffe umschmiedete.
-Hier kann nur in enger Zusammenfassung
-das Wesentliche herausgehoben werden. Ich schicke
-zwei Sätze der ersten Rede voraus: »So ergibt sich
-denn also, daß das Rettungsmittel, dessen Anzeige
-ich versprochen, in der Bildung bestehe zu einem
-durchaus neuen und bisher vielleicht als Ausnahme
-bei einzelnen, niemals aber als allgemeines und
-nationales Selbst dagewesenes Selbst und in der Erziehung
-der Nation.« Und: »Wir wollen durch die
-neue Erziehung die Deutschen zu einer Gesamtheit
-bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern getrieben
-und belebt sei durch dieselbe eine Angelegenheit.« Aus
-diesen beiden Sätzen läßt sich alles Wesentliche entnehmen:
-Fichte faßt erstens die Nation als ein Wesen
-auf, das wie die Einzelpersönlichkeit eine bestimmte
-Willensrichtung haben kann, und er fordert, daß dieser
-Wille zur Aufwärtsentwicklung, zur Bildung der
-nationalen Persönlichkeit angespannt werde; zweitens
-aber ist er sich klar darüber, daß das Idealbild zunächst
-nur bei den schon Gebildeten in reinster Form
-als Ziel erkannt werden kann, und darum ist es
-Pflicht eben jener Gebildeten, an der <em class="gesperrt">Erziehung</em>
-der übrigen Teile der Nation so zu arbeiten, daß sie
-mit richtigem Zielstreben erfüllt werden.</p>
-
-<p>Damit haben wir zum erstenmal eine klare Trennung
-zwischen »Bildung« und »Erziehung«: Bei der
-Erziehung ist das Bild, zu dem ein Mensch herangebildet<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span>
-wird, nicht in ihm selbst, es ist vielmehr
-das Ideal des Erziehers. Wohl dachten ein Schiller
-oder Humboldt wie auch Goethe nicht nur an die
-»Sichbildung«, wie sie Fichte an einer Stelle nennt,
-auch sie waren sich klar darüber, daß der Mensch
-in seinem Bildungsgang auch von außen beeinflußt
-wird; allein sie stellen, selbst starke Persönlichkeiten,
-diesen äußeren Einfluß so weit unter die »Sichbildung«,
-daß z. B. Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahren
-nur Wilhelms Bildungsstreben herausarbeitet,
-alle Personen seiner Umwelt erscheinen als von ihm
-benütztes Mittel zum Zweck, nicht als durch bewußte
-Erziehung wirkende Personen. Erst in den Wanderjahren
-tritt bewußte Erziehungstätigkeit in Erscheinung,
-und mich dünken diese Teile weniger ursprünglich.
-Humboldt widmet zwar in seinem Buch über
-den Staat das 8. Kapitel der Sittenverbesserung, ist
-aber weit davon entfernt, den Begriff der Erziehung
-dabei zu berühren; er gibt vielmehr fast nur einen
-Abriß der Philosophie Schillers, in dem er die Überwindung
-des Sinnlichen durch das Schöne im weitesten
-Sinn des Wortes verlangt. Die Not der Zeit,
-von Fichte tiefinnerlich empfunden, brachte die Wendung:
-Fichte erkannte, daß den Deutschen nur geholfen
-werden kann, wenn die Wirkung der deutschen
-Bildung, wie wir sie vorhin in einem Worte Humboldts
-kennenlernten, auf die breite Masse des Volkes
-ausgedehnt werde, und dazu bedarf es der Erziehung.</p>
-
-<p>Man sieht, durch meine geschichtliche Betrachtung<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span>
-führte ich längst über jene zur Verständigung notwendige
-Begriffsbestimmung hinaus. Wir stehen schon
-mitten im Kernpunkt der Aufgabe, das Verhältnis
-von »politischer Bildung« und »staatsbürgerlicher
-Erziehung« zu bestimmen. Wir können feststellen,
-daß von Fichte jedenfalls ein Unterschied gemacht
-wurde zwischen Bildung, Sichbildung und Erziehung.
-Das ist wichtig; denn wenn wir nun in großen
-Zügen die geschichtliche Betrachtung weiterführen, so
-zeigt sich, daß einerseits die Philosophie, ich erinnere
-besonders an Herbart, andrerseits die praktische Erziehungsreform
-Pestalozzis und seiner Nachfolger die
-Erziehung immer mehr zum Mittelpunkt machten:
-Wir erhielten dadurch eine aufs höchste entwickelte
-Erziehungswissenschaft &ndash; gewiß eine nicht zu unterschätzende
-Errungenschaft. Allein die Kehrseite von
-dieser Entwicklung ist höchst unerfreulich: Wir verloren
-jene Bildung der Persönlichkeit aus eigenem
-Streben heraus. Der Idealismus verlor dadurch die
-Bedeutung, die er sich in der klassischen Zeit erobert
-hatte. Es trat eine Versachlichung eben dieses Ideals
-ein, was man vielleicht am besten dadurch bezeichnet:
-An die Stelle des Ziels trat der Zweck. Wir kamen
-so weit, daß man unter einem gebildeten Menschen
-den verstand, der z. B. wußte, welcher Anzug der
-jeweils richtige ist; wir sanken also bis auf die Stufe
-jener Zeit zurück, in der höfische Etikette die Hauptsorge
-kleiner verschuldeter Fürstenhöfe war. Gewiß
-war der allgemein zunehmende Materialismus schuld;
-aber es sei nicht vergessen, daß auch die einseitige<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span>
-Entwicklung der Erziehungswissenschaft die Verantwortung
-mit zu tragen hat, wobei allerdings zu fragen
-ist, ob eben diese Entwicklung nicht selbst eine
-Äußerung des Materialismus darstellt.</p>
-
-<p>Der Rückstoß blieb aber nicht aus: Als Nietzsche
-sozusagen mit Posaunentönen das Ideal des »Übermenschen«
-verkündet hatte, da erlebte man bald jene
-Vertreter des rücksichtslosen Auslebens der eigenen
-Person: Die Erziehung wurde als Schulmeisterei
-über Bord geworfen, und das herrliche Zeitalter des
-Schwabingertums kam zur Blüte. Die Frucht, die
-folgte, haben wir gekostet und der schlechte Geschmack
-will nicht von der Zunge weichen. Nietzsche selbst
-trifft für den Kenner keine Schuld; er war nur der
-Auslöser einer naturnotwendigen Bewegung; andere
-Geistesgrößen, die zwar auch den Umschwung forderten,
-aber nicht mit jenem schmetternden Klang,
-drangen nicht über eine kleine Gemeinde hinaus. Ich
-erinnere nur an Lagarde. Noch stehen wir mitten in
-dieser Revolution des Geistes, und die politische Revolution
-ist nur ein Ausschnitt aus dem Riesenkampf,
-der jetzt allenthalben tobt.</p>
-
-<p>Es ist nun fesselnd zu beobachten, wie in dem
-Ringen um neue geistige Ziele um die Jahrhundertwende
-die Forderung nach staatsbürgerlicher Erziehung
-auftauchte, und wie man an ihrer Lösung arbeitete:
-Man forderte, daß jedem Deutschen auf der Schule
-gelehrt werde, welche Rechte und Pflichten er im
-Staate besitze. Die einen wollten, um mit Treitschke
-zu sprechen, durch starke Betonung der Pflichten gute<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span>
-»Untertanen« erziehen und die Umsturzgefahr bannen.
-Die anderen wollten mit Betonung der Rechte die
-Lust nach mehr erwecken. Ich will hier nur in großen
-Umrissen andeuten. Gemeinsam bleibt den ganzen Bestrebungen
-ein parteipolitisches Gepräge: Von den
-ganz Rückständigen, die das Unmögliche wollten, daß
-der deutsche Staat immer in der gleichen Form erscheinen
-solle, bis zu jenen Phantasten, die in der
-Zertrümmerung der Form ihr Ziel sehen, konnte man
-immer den gleichen Grundfehler beobachten: Sie setzten
-die Form für den Staat. Dazu kamen jene, die
-mit geschichtlichen und erdkundlichen <em class="gesperrt">Kenntnissen</em>
-dem deutschen Staatsbürger auf die Beine helfen
-wollten, ganz verkennend, daß nicht seine Kenntnisse,
-sondern die Gesinnung den Menschen zum Staatsbürger
-macht, daß also gerade hier die Steigerung
-der Kenntnisse zum Erlebnis unumgänglich notwendig
-ist.</p>
-
-<p>Wir befinden uns im Brennpunkt des Fragenkreises,
-den ich angeschnitten habe. Um das empfinden
-zu lassen, möchte ich zwei kleine Geschichten erzählen:
-Nicht lange vor dem Kriege fuhr ein Deutscher nach
-Ostafrika. Auf dem Schiff reiste auch der Bruder
-eines in der Kolonialgeschichte bekannten Engländers
-mit. Wie nun die Fahrt durch den Suezkanal ging,
-da fragte der Engländer den Deutschen &ndash; und zwar
-vollkommen im Ernst&nbsp;&ndash;, auf welcher Seite Ägypten
-läge. Dies ist die eine Geschichte; nun die andere: Vor
-einiger Zeit teilte ein Buchhändler in Deutschböhmen
-im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel die<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span>
-beschämende Tatsache mit, daß viele Reichsdeutsche in
-den Aufschriften der Briefe die deutschen Ortsnamen
-Böhmens tschechisch schrieben, obwohl selbstverständlich
-nur für den tschechoslowakischen Inlandsverkehr tschechische
-Aufschrift Gesetz sei, weil ja z. B. auch Engländer
-und Franzosen kein Tschechisch können.</p>
-
-<p>In diesen beiden Geschichten hat man die Erläuterung
-dafür, was ich von der deutschen Erziehung zum
-Staatsbürger halte: Man hat bei uns so gute Kenntnisse,
-daß man z. B. <em class="gesperrt">Praha</em> für Prag schreiben
-kann, aber nicht einmal so viel staatsbürgerliche Gesinnung,
-daß man die unserem Staate ferngehaltenen
-Volksgenossen in ihrem Kampf um die Heimkehr zu
-uns unterstützt; ja, man fällt ihnen sogar in den
-Rücken! Auf der andern Seite sehen Sie den Engländer
-mit seiner uns unbegreiflichen geographischen
-Unbildung; glauben Sie aber, daß er jemals zu solcher
-staatsbürgerlicher Gesinnungslosigkeit fähig wäre
-wie jene nochmal so gescheiten Deutschen? Dabei handelt
-es sich bei jenen Deutschen um Kaufleute, nicht
-um bewußt »vaterlandslose Gesellen«.</p>
-
-<p>Ich glaube deutlich gemacht zu haben, was ich
-unter einem Staatsbürger verstehe: <em class="gesperrt">Ich verstehe
-darunter einen Menschen, der von den
-Lebensnotwendigkeiten seines Staates
-überzeugt ist.</em> Der rücksichtslose Kriegsgewinnler
-und der Flaumacher passen sowenig unter diesen Begriff
-wie der Überläufer und der Meuterer. Ich erwähne
-dies, um zu zeigen, daß in Augenblicken der
-äußeren Gefahr für den Staat die Überzeugung von<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span>
-den Lebensnotwendigkeiten gar nicht so große Kenntnisse
-erfordert; je mehr wir uns aber auf das Gebiet
-der inneren Staatsentwicklung begeben, desto
-größer werden die Anforderungen an die Gesinnungstüchtigkeit
-und naturgemäß müssen deshalb bei der
-Unvollkommenheit der menschlichen Natur die Stützen
-der Gesinnung hier besonders kräftig sein.</p>
-
-<p>Schon vor dem Krieg hatte man erkannt, welche
-Kräfte man diesem Zwecke dienstbar machen könne
-und müsse; der einschlägige Artikel in dem 1912 erschienenen
-Handbuch der Politik betont, daß man sich
-an den Verstand durch Vermittlung von Kenntnissen,
-an das Gefühl durch Weckung des Gemeinschaftsgefühls
-und an den Willen durch Stärkung des Verantwortungsgefühls
-wenden müsse. Man beging aber
-dabei zwei Grundfehler: Man dachte viel zu sehr an
-Menschen, die bis zu einem gewissen Grad schon eine
-günstige Einstellung zum Staatsgedanken mitbrachten,
-und glaubte deshalb der Schule, vor allem dem
-höheren Schulwesen die Hauptaufgabe zuweisen zu
-können. Zweitens aber war man sich nicht genügend
-klar darüber, daß die Willensbildung eben schon über
-die Erziehung hinausführt. Gehorsam und die Bereitschaft
-sich unterzuordnen sind häufig nur die Folge
-von Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit, werden sie
-aber von einzelnen schon bewußt und mit innerer
-Überzeugung dem Staate entgegengebracht, so haben
-wir das Gebiet der Erziehung verlassen und stehen
-mitten in der Selbstbildung.</p>
-
-<p>Damit sind wir an der Stelle angelangt, an der<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span>
-über die politische Bildung gesprochen werden muß.
-Politik ist Kunst und Bildung ist nach Humboldt
-jene »Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis und
-dem Gefühle des gesamten geistigen und sittlichen
-Strebens harmonisch auf die Empfindung und den
-Charakter ergießt«. Es hieße blind sein, wenn man
-Anforderungen, wie sie nach solcher Deutung die politische
-Bildung erfordert, der Gesamtheit eines Volkes
-zumuten wollte. Die politische Bildung ist Sache der
-geistig und sittlich Starken; sie müssen das Streben
-haben, über den Untertan- und Staatsbürgerbegriff
-hinauszukommen, wie ihn Treitschke gibt; hier handelt
-es sich nicht mehr nur um Rechte und Pflichten;
-hier kommt die Bildung des Willens zur Einordnung
-allein nicht mehr in Frage; <em class="gesperrt">gestaltender Wille</em>,
-der zur politischen Tat befähigt, ist hier die Losung.
-»Ehrgefühl, Pflichtgefühl, Disziplin, Entschlossenheit,
-das lernt man nicht aus Büchern«, sagt Spengler
-und ich setze hinzu: überhaupt nicht durch Worte. »Es
-wird«, fährt Spengler fort, »im strömenden Dasein
-geweckt durch ein lebendiges Vorbild«<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>. Ja, nur das
-Vorbild kann hier wirken und dieses bildet sich selbst,
-aus eigenem Willen und eigener sittlicher Kraft.</p>
-
-<p>Daß die politische Bildung im Deutschen Reiche<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span>
-fehlte, war unser Unglück. Muß das bewiesen werden?
-Man denke an die Gesinnung des Volkes zu
-Beginn des Krieges und man wird nicht leugnen,
-daß wir damals »Staatsbürger« genug hatten, der
-Mangel an politischer Bildung aber hat dieses Staatsbürgertum
-zum Weißbluten gebracht, ohne daß es zur
-politischen Tat gekommen wäre; man verzettelte die
-Kräfte innen- und außenpolitisch auf schlecht erdachte
-Einzelziele, ohne sie so umzuformen, daß politische
-Leistung hätte erzielt werden können. Erinnert sei hier
-an die Polenpolitik und an den Burgfrieden des Kanzlers,
-deren Folgen der Verlust deutschen Landes einerseits,
-der Umsturz andrerseits war.</p>
-
-<p>Nach meiner Meinung mit einem gewissen Recht
-wird von manchen Seiten heute betont, daß alle jene
-Männer der Kriegszeit, die nun mit großen Mitteln
-Kritik an der politischen Leitung während des Krieges
-üben, mit ihrer Kritik sich selbst treffen. Sie hätten
-sich durchsetzen müssen, wenn in ihrem Innern jenes
-Bild vom deutschen Staate so klar war. Sie taten
-es nicht und bewiesen eben deshalb, daß sie nicht stark
-genug waren. Das ist die Schuld der Vielen, die das
-Verhängnis erkannten: Sie setzten sich nicht durch.</p>
-
-<p>Gewiß war es ein guter Gedanke, durch staatsbürgerliche
-Erziehung im Heere die Stimmung zu
-heben, doch fehlte es an den politisch Gebildeten, die
-Kraft genug hatten, dem ausgesogenen Boden neue
-Kraft zu geben, von dem Mangel an lebendigen Kräften
-gegen die unwiederbringlich verlorene Stimmung
-der Heimat ganz abgesehen. Das »schuldig«, das die<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span>
-Weltgeschichte über Deutschland sprach, trifft uns alle,
-nicht nur einen Teil des Volkes.</p>
-
-<p>So erfüllte sich das Schicksal des deutschen Staates;
-er brach zusammen, in dem Augenblick, als auch
-bei den Feinden die innere Kraft trotz der Amerikahilfe
-im raschen Abnehmen war. Ja, der Staat brach
-so zusammen, daß nicht einmal die Eckpfeiler für den
-Neubau stehen blieben. Man baute aus Dachpappe der
-Weimarer Fabrik eine Baracke. Trotz aller Flickerei
-weht der geringste Wind durch die Wände und an
-mehr als einer Stelle regnet es herein. Dann lachen
-immer die, welche schon im alten Staatsgebäude keine
-rechte Wohnung hatten, sondern nur im Hofe biwakierten,
-und die anderen drängen sich scheu in bessere
-Ecken. Das wird so lange dauern, bis Leute aufstehen,
-die mit klarer Zielstrebigkeit die formlosen Haufen zur
-Arbeit am Neubau treiben. Das wird dann sein, wenn
-das Schicksal und nicht der Schulmeister die Masse
-zu staatsbürgerlicher Gesinnung erzogen hat, so daß
-politische Bildung der geistig Hochstehenden zu klarem
-Führerwillen aufsteigen kann. Wir hoffen auf diese
-Zeit und glauben nicht, daß unser Volk durch den Zusammenbruch
-des alten, schönen, vielgeliebten Hauses
-zugrunde geht. Wir haben die feste Zuversicht, daß
-ein geräumiges Gebäude entstehen wird, in dem alle
-Deutsche Platz haben werden, daß die Mauern stark sein
-werden und daß das Haus von jenem Geist erfüllt sein
-wird, in dem so viele draußen ihr Leben geopfert haben.</p>
-
-<p>Aber es wäre kläglich, wenn wir uns darauf beschränken
-wollten zu warten, bis sich das Schicksal,<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span>
-das wir erhoffen, von selbst erfüllt. Die Zuversicht
-muß uns die Kraft geben, selbst gestaltend mitzuwirken,
-jeder an seiner Stelle. Ein »Gebildeter« muß
-die Entschlußkraft haben, sich aus der Menge loszuringen;
-er darf sich nicht treiben lassen, sondern
-muß sich zu eigenem politischen Wollen durchringen.
-Ein politisch Lied mag ein garstig Leid sein,
-die wirklich staatsgestaltende politische Tat gehört zum
-Höchsten, was der Mensch leisten kann, denn bei ihr
-spannt er seinen Willen nicht für seine persönlichen
-Zwecke, sondern für die der Gesamtheit an.</p>
-
-<p>Wenn man aber fragt, in welcher Richtung diese
-Willensanspannung nach meiner Meinung zu gehen
-hat, dann kann ich allen, die der staatsbürgerlichen
-Erziehung entwachsen sind, nur sagen, daß es
-nun heißt, sich politische Bildung zu erwerben. Man
-frage nicht nach einem Programm hiefür, denn »alles
-Große bildet, sobald wir es gewahr werden«, wie
-Goethe sagt. Wirkliche Bildung kann sich jeder nur
-selbst erwerben, von außen kann er nur Erziehung erhalten.
-Diese hat aber ihr Teil geleistet, wenn sie die
-staatsbürgerliche Gesinnung erreicht hat, die über alles
-Parteigezänk hinausführt zu der Überzeugung von den
-Lebensnotwendigkeiten des Staates. Heute haben wir
-Deutsche keinen Staat, er ist heute nur Ziel, das jede
-Partei mit anderen Farben ausmalt; die Höhe der
-politischen Bildung bestimmt, welche Form der einst
-entstehende Staat haben wird. Erinnern wir uns nochmals,
-daß Politik Kunst und daß Bildung ein Begriff
-von hoher sittlicher Größe ist, und wir werden<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span>
-uns durch das Schlagwortgetöse der Zeit hindurchfinden,
-denn noch nicht trat bisher der alle Deutsche
-umfassende Staat, den unsere Besten erhofften, in die
-Erscheinung, noch immer kreisen die Raben um den
-Berg, obwohl die Zahl der Opfer für diese Zukunft
-ins Riesenhafte gewachsen ist.</p>
-
-<p>Halten wir daran fest, daß Bildung ein Werden
-aus eigenem Willen ist und daß somit wahre Erziehung
-nichts Besseres leisten kann als eben jenen
-Willen zu stählen, so gewinnen wir auch eine andere
-Einstellung zur Sehnsucht der Zeit, ja nicht nur zur
-Sehnsucht, sondern auch andrerseits zur Furcht der Zeit.</p>
-
-<p>Während der eine Teil unseres Volkes immer und
-immer wieder nach dem »starken Mann« ruft, der
-in dem Wirrwarr unserer Tage mit sicherer Hand
-Ordnung schafft, fürchtet die andere Seite nichts
-mehr als eine solche Persönlichkeit, die der nun erreichten,
-doch so lange ersehnten Volksherrschaft (Demokratie)
-ein Ende machen könnte. Wohl möchten
-diese Leute, daß der Fähige regiere, aber diese Fähigkeit
-soll nur Sachkenntnis sein, nicht ein zäher Wille,
-der auch der Wählermenge gegenüber durchgreift,
-wenn seine sachliche Einsicht es für geboten hält.
-Diese Leute wünschen Führer, die ihnen jede Unannehmlichkeit
-ersparen und die keine Anforderungen an
-die Willenskraft der Wähler stellen. Trotzdem aber
-sollen sie gut regieren.</p>
-
-<p>Man sollte meinen, daß es nicht schwer zu erkennen
-wäre, wie unmöglich das ist. Und doch gibt
-es viele »Gebildete«, die das nicht begreifen. Ja, jene<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span>
-Sehnsucht nach dem starken Mann ist aufs engste
-verwandt mit dieser Auffassung; denn Sehnsucht
-allein gibt kein Anrecht auf Erfüllung. Wenn du
-Sehnsucht danach hast, auf der Spitze eines Berges
-den Blick in die Weite zu genießen, so führt das zu
-nichts: Erst wenn du deinen Willen anspannst und
-im Schweiße deines Angesichts die steilen Hänge
-überwindest, ja vielleicht unter Gefahr deines Lebens
-Felsen erkletterst, kannst du auf Erfüllung deines
-Wunsches rechnen.</p>
-
-<p>Nicht anders steht es mit einem Volk, das in die
-Tiefe gestürzt ist: es wird aus eigener Kraft mit stärkster
-Willensanspannung wieder emporklettern müssen.
-Einen »Führer«, der es am Seil hochzieht, gibt es
-nicht. Wie aber dem, der heiß um den Weg sich bemüht,
-schließlich immer klarer die einzuschlagende
-Richtung in das Bewußtsein tritt, so wird dem Volk,
-das mit Anspannung aller Kraft um seinen Aufstieg
-ringt, schließlich der Führer entstehen, der auf einfachstem
-Wege zum Ziel führt.</p>
-
-<p>Darum verzichte jeder auf den memmenhaften Ruf
-nach dem starken Mann; er kralle sich vielmehr an
-seinem Platz im Gestein fest und strebe nach oben, er
-bilde sich zu einem Muskel, einem Nerv, einer Sehne
-des Volkskörpers, womit sich dieser Körper emporziehen
-kann, und er bilde sich zu einem Geistesfunken,
-durch den auch jene Zellen dem Streben nach oben
-nutzbar gemacht werden können, die heute noch aus
-sinnlichem Wohlbehagen in der Mittelmäßigkeit die
-angenehmste Regierung sehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span></p>
-
-<p>Diejenigen, die bewußt dem deutschen Gedanken
-dienen wollen, indem sie den Staat, den dieser Gedanke
-erfüllt, mit allen Kräften wollen, werden einen
-dicken Strich ziehen zwischen sich und jenen, die politisch
-unerzogen und ungebildet nur ihrem Vorteil
-leben. Sie werden mit Goethe sprechen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Jene machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen!</div>
- <div class="verse indent0">Aber unsere Partei, freilich, versteht sich von selbst.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[29]</span></p>
-
-<div class="footnotes">
-<h3>Fußnoten</h3>
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Harnack sagte 1902 in einem Vortrag vor dem evangelisch-sozialen
-Kongreß das gleiche (vergl. Reden und Aufsätze Bd. II, Gießen 1906):
-»Lernen können wir alles mögliche aus Büchern und unpersönlichen
-Überlieferungen, gebildet werden können wir nur durch Bildner,
-durch Persönlichkeiten, deren Kraft und Leben uns ergreift«.</p>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Buch_und_Religion">Buch und Religion</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[31]</span></p>
-
-<p class="drop">Harnack sagt einmal in einem seiner Aufsätze<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>,
-daß uns bisher noch eine Kulturgeschichte des Buches
-fehle. Und in der Tat &ndash; soviel einzelne Bemerkungen
-über die Bedeutung des Buches beigebracht werden können,
-eine zusammenfassende Behandlung dieses Themas
-fehlt, fehlt uns, deren Kultur von Spengler eine
-»Bücher- und Leserkultur« genannt wird. Man mag
-sich zu dieser Bemerkung Spenglers stellen, wie man
-will, eines kann man nicht bestreiten: In keiner Kultur,
-selbst der ägyptischen nicht, spielt das Schrifttum
-eine solche Rolle wie im Abendland.</p>
-
-<p>Will man nun an die Kulturgeschichte des Buches
-herangehen, so gehört eigentlich ein wissenschaftliches
-Rüstzeug dazu von so unerhörter Ausdehnung, daß
-ein Einzelmensch nicht leicht in seinem Besitz sein kann,
-denn nicht nur die zusammenfassende Darstellung
-fehlt bisher, selbst an Vorarbeiten ist nur sehr wenig
-geleistet: Wir haben zwar eine Geschichte des Buchhandels,
-eine Menge von Einzelarbeiten über verschiedene
-Abschnitte dieser Geschichte, wir haben eine
-große Reihe von Literaturgeschichten, auch Darstellungen
-aus der Geschichte der Wissenschaften, in allen
-diesen mag mehr oder weniger zu finden sein über
-den Einfluß des Schrifttums auf die menschliche
-Geistesentwicklung, eine wirklich aufklärende Schrift<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[32]</span>
-über das Verhältnis des Schrifttums zu den verschiedenen
-Erscheinungsformen der Kultur, zur Wissenschaft,
-zur Politik, zur Religion, zur Kunst usw. gibt
-es bis heute noch nicht.</p>
-
-<p>Es wäre töricht, aus dieser Tatsache einen Vorwurf
-zu machen. Denn ebensowenig wie die hohe
-Blüte mittelalterlicher Kunst theoretische Schriften
-über die Kunst als Kulturerscheinung benötigte, um in
-Erscheinung zu treten, ebensowenig hinderte das Fehlen
-einer solchen Schrift über die Bedeutung des
-Schrifttums, dessen stärkste Entfaltung und Verwertung.
-Ja, ich gehe noch weiter und sage: Wie
-erst nach der letzten großen Stilepoche des Abendlandes,
-nach dem Barock, die theoretische Kunstschriftstellerei
-&ndash; ich erinnere an Winkelmann und Lessing
-&ndash; wirklich Boden fand, ebenso wird und muß auch
-die abschließende theoretische Betrachtung der Bedeutung
-des Schrifttums nachhinken. Zur Selbsterkenntnis
-gehört ein gewisser Grad von Reife und ein Leben
-muß gelebt sein, ehe man darüber schreibt.</p>
-
-<p>Darüber aber kann kein Zweifel sein &ndash; auch wenn
-man den Gedanken des Unterganges des Abendlandes
-ablehnt&nbsp;&ndash;; wir haben in Kunst, Literatur, Musik,
-Philosophie, ja selbst der Wissenschaft so große Epochen
-hinter uns, daß wir uns gestehen müssen: Es
-lohnt sich Kulturgeschichte im obigen Sinn zu schreiben,
-d. h. Rückschau zu halten. Denn wer kann hoffen,
-daß gerade unsere Kultur von der Vorsehung mit
-ewiger Zeugungskraft begabt sei?</p>
-
-<p>Und weiter: Ist nicht gerade jene Rückschau, so sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[33]</span>
-sie im einzelnen etwas Zersetzendes an sich haben mag,
-der Nährboden, auf dem junge Kräfte erst recht zur
-Entfaltung kommen? Ist nicht z. B. gerade der Same
-des Christentums da am besten aufgegangen, wo die
-Antike sich gleichsam in sich selbst zurückwandte? Man
-erinnere sich an die Bedeutung des Neuplatonismus
-für das Christentum, oder an die Tatsache, daß
-Augustin den Weg zum Christentum über Cicero und
-Plato fand. Wer der Zukunft froh werden will, muß
-einen Summastrich unter die Vergangenheit ziehen
-können und die Soll- und Habenseiten zusammenzählen;
-nur so weiß er, ob und wie weit er in die
-Zukunft mit Verlust oder Gewinn eintritt.</p>
-
-<p>An diesem Vergleich kann man den Kaufmann
-am Schreiber dieser Zeilen erkennen. Wie kann der
-wagen, in solche Rückschau einzutreten? Selbst wenn
-man berücksichtigt, daß er mit Büchern handelt,
-scheint es vermessen, sich an die Riesenarbeit einer
-Kulturgeschichte des Buches heranzuwagen, noch dazu
-einen Angriffspunkt zu wählen, der ganz besonders
-fern zu liegen scheint. Doch habe ich darauf zu antworten:
-Ich will gar nicht erschöpfend mein Thema
-behandeln, ich will vielmehr aus Blumen, die ich bisher
-auf <em class="gesperrt">meinem</em> Leserweg pflückte, einen Strauß
-binden. Es wird ein Feld-, Wald- und Wiesenstrauß
-sein, wie sie eben sind: Die eine oder andere Blüte
-wird unansehnlich sein, manche schon etwas welk vielleicht,
-andere dagegen zu wenig aufgeblüht, trotzdem
-hoffe ich, daß die Farben und der Duft, der solchen
-Sträußen anhaftet, andere auch veranlaßt, solche<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[34]</span>
-Sträuße zu pflücken, und vielleicht findet sich einmal
-ein Botaniker, der nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen
-seinen Strauß bindet. Zu weiterem Nachdenken
-und Forschen will ich anregen, sonst nichts.</p>
-
-<p>Den ersten Anstoß zu meinen Betrachtungen verdanke
-ich dem oben erwähnten Worte Harnacks. Daß
-ich aber gerade dem Verhältnis von Buch und Religion
-meine besondere Beachtung schenkte, hat mehrere
-Gründe. Ich war mir von Anfang bewußt, daß die
-Kulturgeschichte des Buches ein wichtiges Kapitel der
-Gesellschaftslehre bildet. Gerade aber in dieser Wissenschaft
-sind durch die Untersuchungen von Tröltsch und
-Max Weber die religiösen Probleme stark, ja in gewisser
-Hinsicht vielleicht zu stark in den Vordergrund
-gerückt worden. Dann aber wurde mir immer mehr
-klar, daß von allen Kulturerscheinungen die Religion
-die bedeutendste und bestimmendste ist. Burckhardt
-sagt in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen: »Hohe
-Ansprüche haben die Religionen auf die Mutterschaft
-über die Kulturen, ja die Religion ist eine Vorbedingung
-jeder Kultur, die den Namen verdient, und kann
-sogar geradezu mit der einzig vorhandenen Kultur zusammenfallen.«
-Und Spengler sagt: »Alle Wissenschaft
-ist an einer Religion und unter den gesamten
-seelischen Voraussetzungen einer Religion erwachsen.«</p>
-
-<p>Ich durfte also hoffen, daß ich die Kulturgeschichte
-des Buches in ihrem Hauptstück erfasse, wenn ich bei
-der Religion beginne. Darüber hinaus aber ist es für
-mich, der ich es von Beruf mit dem Buch zu tun
-habe, eine Frage von entscheidender Bedeutung, wie<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[35]</span>
-gerade das Höchste im Menschenleben vom Schrifttum
-bestimmt wird.</p>
-
-<p>Ich sage wieder wie oben »Schrifttum«; denn es
-wäre lächerlich, die Untersuchung erst bei der Entstehung
-des Wortes Buch oder gar erst bei der Erfindung
-der Buchdruckerkunst beginnen zu wollen. Es
-gilt doch Grundsätzliches zu gewinnen, darum muß
-auf den Grund gegangen werden. Dieser aber ist im
-vorliegenden Fall die »Schrift«.</p>
-
-<p>Man fürchte deshalb nicht eine unnötige Verbreiterung
-der Fragestellung oder gar ein Eingehen auf das
-religiöse Schrifttum aller Zeiten und Völker. Wer
-etwa Heilers Werk über das Gebet kennt, weiß, wie
-schwer selbst ein Einzelabschnitt wie dieser von einem
-Menschen allein erschöpfend behandelt werden kann.
-Und doch muß eine soziologische Untersuchung wie die
-von mir gewagte auf völkerkundlichen Tatsachen aufbauen.
-Dies zeigt sich schon, wenn wir uns die Frage
-vorlegen nach den in der Schrift wirksamen Kräften.</p>
-
-<p>Es leuchtet ein, daß die Festhaltung einer Tatsache
-oder gar eines Gedankens durch Schriftzeichen, möge
-es sich um Runenzeichen oder um primitive Bilderschrift
-handeln, auf den Naturmenschen einen tiefen,
-geheimnisvollen Eindruck macht. Er, der hauptsächlich
-körperlich, sinnlich lebt, macht die Erfahrung,
-daß es ein Mittel gibt, um zeitlich und räumlich in
-die Ferne zu wirken. »Projektion der Rede in Zeit
-und Raum«<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> muß oft um so zauberhafter anmuten,<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[36]</span>
-je mehr die verwendeten Zeichen von einer Bildzeichnung
-abweichen, je größere Kenntnisse dazu gehören,
-das Schriftsystem zu handhaben. Ein Forscher<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> hat
-das Schriftproblem ganz aus dieser magischen Grundlage
-zu lösen versucht und ein anderer betont die Bedeutung
-der Schrift als Zaubermittel<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a>. In den meisten
-völkerkundlichen Schriften ist aber wenig davon
-die Rede, daß eben aus jener Besonderheit die enge
-Verbindung von Schrift- und Priestertum zu erklären
-ist. Wohl fand ich in manchen Ausführungen<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> über
-das Priestertum Andeutungen, wie sehr gerade bei
-den Naturvölkern das Priestertum auf der Überlegenheit
-in geistiger Hinsicht beruht, über seine Bedeutung
-für das Schrifttum ist aber wenig gesagt, und doch
-läge gerade bei uns in Deutschland ein Hinweis darauf
-so nahe, war doch die Runenschrift ausgesprochen
-eine Priesterschrift und beherbergten im Mittelalter
-doch die Klöster die Vertreter des Schrifttums.</p>
-
-<p>Doch halten wir als geheimnisvolle Kraft der
-Schrift die Wirkung in Zeit und Raum fest. Über
-die Wirkung in die Zeit wird noch manches zu sagen
-sein, darum sei das wenige, was hier über die Wirkung
-in den Raum zu sagen ist, vorangestellt. Greifen
-wir hier in unsere eigene Geschichte, die des
-Christentums hinein, so finden wir von den Briefen<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[37]</span>
-der Apostel angefangen bis in die jüngste Zeit hinein
-Beispiele einer solchen Wirkung der Schrift in den
-Raum. Ihr ist es zu verdanken, daß das Christentum
-in der antiken Welt trotz des für damalige Verkehrsverhältnisse
-übergroßen Raumes des römischen Reiches
-sich so rasch ausdehnte und zugleich inneren Zusammenhang
-fand und befestigte. Und wie wäre Luthers
-rasche Wirkung über ganz Deutschland und darüber
-hinaus zu erklären, wäre nicht die Verbreitung seiner
-Schriften, freilich gesteigert durch die Druckkunst, in
-einem Grade möglich gewesen, der nur noch übertroffen
-wird durch die Verbreitung aller Nachrichten
-mit Hilfe der Elektrizität, die jetzt im Zeichen des
-Radio einen Höhepunkt erreicht zu haben scheint!</p>
-
-<p>Hier darf auch eine Erscheinung nicht unerwähnt
-bleiben: die päpstlichen Hirtenbriefe. Die Anhänger
-des evangelischen Bekenntnisses waren bisher zu sehr
-geneigt, die Macht des Erfolges zu unterschätzen,
-wenn in allen Kirchen der ganzen katholischen Welt
-an einem Tage ein- und dieselbe Verlautbarung des
-Kirchenoberhauptes verlesen wird. Bewußt wird hier
-die Überwindung des Raumes durch die Schrift in
-den Dienst der Zusammengehörigkeit gestellt und es
-ist gut, daß allenthalben die Erkenntnis der Bedeutung
-solcher Verlautbarungen durchbricht.</p>
-
-<p>Doch noch weit mehr als die Wirkung in den
-Raum hat die in die Zeit etwas Zauberhaftes an
-sich. Dieser Zauber mag bei Naturvölkern, die dem
-Seelenkult dienten, besonders wirksam sein, so daß
-hier schon eine enge Berührung mit dem Religiösen<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[38]</span>
-gegeben ist. Und in der Tat scheint &ndash; wie ich oben
-schon zeigte &ndash; schon auf niederer Stufe eine enge
-Verbindung zwischen Priesterschaft und Schrifttum zu
-bestehen. Freilich ist das Priestertum nicht gleichbedeutend
-mit Religion, aber zweifellos ist der Priester
-der Hüter der religiösen Überlieferung. So kommt es,
-daß wohl alle Religionen durch heilige Schriften leben
-und lebten mit Ausnahme der vedischen des alten
-Indiens<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a>. Die Brahmanen, die Priesterkaste dieser
-Religion, kannten nur die mündliche Überlieferung
-der alten heiligen Gesänge. Wie die Christen die Bibel,
-auf deutsch &ndash; wie man sich immer wieder ins Gedächtnis
-zurückrufen sollte &ndash; das »Buch«, der Islam
-den Koran, die Buddhisten die Reden Buddhas
-und die folgenden kanonischen Schriften als Überlieferung
-besitzen, so schrieb Laotse, der »alte Lehrer«,
-im Taoteking seinem Volk, das er im Zorn über
-seine sittliche Verworfenheit verließ, die alten Lehren
-seiner Religion nieder, damit es sich wieder daran
-emporraffe; so waren die Schriften Kungfutses nichts
-anderes als eine Sammlung der alten kanonischen
-Schriften; so besaßen die persischen Anhänger des
-Zarathustra im Avesta ihre heilige Schrift.</p>
-
-<p>Daß in Ägypten das Schrifttum im religiösen
-Leben eine besonders große Rolle spielte, erklärt sich
-zwanglos aus dem besonders günstigen Schreibstoff.
-So bekam jeder Tote eine Reihe von Papyrusrollen
-mit ins Grab, auf denen Zauberformeln geschrieben<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[39]</span>
-waren, um die Gefahren der Seele auf dem Weg
-in den Himmel zu überwinden. In Hermopolis verehrte
-man den Mondgott Thot auch als Erfinder der
-Schrift.</p>
-
-<p>Aus dem alten Ägypten läßt sich auch ein Beispiel
-der zeitlichen Fernwirkung der Schrift melden, wie
-es kaum ein ähnliches gibt: Im 14.&nbsp;Jhdt. v.&nbsp;Chr.
-machte Amenophis&nbsp;IV. den Versuch, die Vielgötterei
-auszurotten und durch die alleinige Verehrung der
-Sonnenscheibe, Aten, zu ersetzen. Mit Hilfe seiner
-Theologen wurde der Kult systematisch durchgebildet.
-Er blieb eine Episode. Aber die Sonnenspekulationen
-blieben erhalten, und man wird nicht fehlgehen,
-daß die Logosspekulationen des Ägypters Philo in
-ihnen wurzeln, jene Logosspekulationen, die durch die
-christlichen Theologen der alexandrinischen Schule,
-Clemens, Origenes und Athanasius, von entscheidendem
-Einfluß auf das christliche Dogma wurden,
-durch dieses bis auf unsere Zeit, also schon im vierten
-Jahrtausend, wirksam sind.</p>
-
-<p>Lassen Sie mich hier nur kurz erwähnen, daß
-auch bei den Griechen eine reiche mythologische Literatur
-bestand, daß der auf den Buddhismus in Indien
-folgende Hinduismus unter Zurückgreifen auf
-die vedische Überlieferung eine reiche Literatur bis auf
-unsere Tage entwickelt hat, mit der er in jüngster
-Zeit durch Vertreter wie Rabindranath Tagore auch
-in das Abendland herüberwirkt.</p>
-
-<p>Eingehendere Behandlung der zeitlichen und räumlichen
-Fernwirkung des Schrifttums erfordert hier<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[40]</span>
-aber das Christentum, wenn ich mich auch auf eine
-Reihe von Andeutungen beschränken muß, um mich
-tiefer schürfender Betrachtung zuwenden zu können.
-Man bedenke, daß heute die Bibel allein von der
-Britischen Bibelgesellschaft in ganzer Ausdehnung in
-135 Sprachen, das Neue Testament allein in 127,
-einzelne Teile der Bibel in 295, insgesamt also in
-537 Sprachen vertrieben wird. Man überlege ferner,
-daß die Britische Bibelgesellschaft bis zum Jahre 1903
-schon gegen 300 Millionen biblische Bücher hinausgab,
-daß noch von unzählig vielen Stellen Bibeln
-gedruckt werden in unbekannt hohen Auflagen, so
-erhält man eine räumliche Fernwirkung von nie dagewesener
-Ausdehnung, d. h. fast wo ein Mensch des
-Lesens kundig ist, steht ihm eine Bibel zur Verfügung.</p>
-
-<p>Daneben steht die um über 1½ Jahrtausend wirkende
-zeitliche Fernwirkung der Bibel in der von den
-Kirchenvätern festgelegten Gestalt, der die Wirkung
-der einzelnen Teile des Neuen Testaments um mehrere,
-des Alten Testaments um schwer zählbare Jahrhunderte
-vorangeht. Man denke der vielen fleißigen
-Hände, die im Altertum und Mittelalter durch Abschrift
-und Übersetzung zur Erhaltung und Verbreitung
-der Bibel beitrugen. Fünfzig Evangelienhandschriften
-ließ Konstantin für seine Stadt Konstantinopel
-herstellen, und seit dem 4. Jahrhundert bürgerte
-sich der Brauch ein, bei den heiligen Büchern den
-Schwur zu leisten. Vor allem aber betrachten Sie
-in diesem Zusammenhang Luthers Übersetzungstat, die<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[41]</span>
-für uns Deutsche im Verein mit der Buchdruckerkunst
-erst den Grund legte zu jener schon erwähnten märchenhaften
-Fernwirkung in alle Teile der Bevölkerung.
-Hier mag erwähnt sein, daß ich bei einer Buchhändlerfamilie,
-den Nürnberger Endter, im 17. und
-18. Jahrhundert eine Unzahl von evangelischen und
-katholischen Bibelausgaben feststellen konnte, angefangen
-von den vielen Ausgaben der Kurfürstenbibel
-im großen Format bis zu lateinischen und deutschen
-Ausgaben der Vulgata, sogar eine ganz auf Pergament
-gedruckte lutherische Ausgabe im Oktavformat
-ging durch meine Hände.</p>
-
-<p>Weiter sei erwähnt die riesenhafte Verbreitung
-mancher Andachtsbücher. Ich erwähne, von den Meßbüchern,
-Gesang- und Gebetbüchern abgesehen, als
-Beispiele das Buch von der Nachfolge Christi des
-Thomas von Kempen, das seit dem 15. Jahrhundert
-in zahllosen Ausgaben und Übersetzungen weiterwirkt,
-weiter des evangelischen Theologen Arnd »Wahres
-Christentum« und sein »Paradiesgärtlein«, letzteres
-ein Buch, das im 17. Jahrhundert wohl alle Buchdrucker
-Deutschlands in ungezählten Auflagen druckten.
-Dies mag an Beispielen und Hinweisen für die
-äußere Machtentfaltung des Schrifttums auf christlich-religiösem
-Gebiet genügen.</p>
-
-<p>Dürfen wir aber nur diese Lichtseite sehen? Gibt
-es nicht auch Nachtseiten des Schrifttums, die auch
-ihre Schatten auf die Religion werfen? Nicht von
-der Unzahl religionsloser oder religionsfeindlicher
-Schriften soll hier die Rede sein. Nein, in sich<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[42]</span>
-selbst birgt das Schrifttum einen tödlichen Keim,
-auch da, wo es edelstes Religionsgut vermittelt.</p>
-
-<p>Die Schrift ist nur ein Bild des gesprochenen
-Wortes. Und wie uns auch das beste Bild eines
-Menschen uns diesen selbst nicht ersetzen kann, ebensowenig
-kann die Schrift das gesprochene Wort ersetzen.
-Ihr fehlt der Ton der Stimme, ihr fehlt die
-Geste. Selbst wenn das Geschriebene noch so lebendig
-anmutet, man die hinter ihr stehende Persönlichkeit
-greifen zu können meint, die meisten Fäden, die
-unsichtbar von der redenden Person zu den Hörern
-führen, sind zerschnitten. Man erinnere sich, wie
-manche Rede oder Predigt, die uns im Innersten
-gepackt hat, uns unbegreiflich schal anmutet, wenn
-wir sie später gedruckt lesen, wie mancher Satz als
-platt erscheint, der unter dem Blick der redenden
-Persönlichkeit erschütternd wirkte. »Ein Ding soll
-man wissen,« sagt Seuse, »so ungleich es ist, wenn
-man ein süßes Saitenspiel selber hört süß erklingen,
-im Vergleich dazu, daß man nur davon hört sprechen,
-ebenso ungleich sind die Worte, die in der lauteren
-Gnade empfangen werden und aus einem lebendigen
-Herzen durch einen lebendigen Mund ausfließen, im
-Vergleich zu den selbigen Worten, wenn sie auf das
-tote Pergament kommen. Denn so erkalten sie, ich
-weiß nicht wie, und verbleichen wie die abgebrochenen
-Rosen.«</p>
-
-<p>Durch die Unzulänglichkeit schriftlicher Übermittlung
-entsteht eine doppelte Gefahr: Der Leser liest
-aus den Worten mit seiner Phantasie das heraus,<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[43]</span>
-was ihm entspricht, er ist weniger »gefesselt« als der
-unter dem Bann der Rede Stehende. Das Gespenst
-der falschen Deutung oder auch nur des Mißverständnisses
-erhebt sich drohend. Da aber, wo dem Leser
-die Phantasie mangelt, fehlt überhaupt das wichtigste
-Organ des Verstehens, das »Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen«.
-Die Folge ist unfruchtbare Kritik,
-und an Stelle des Lesens, d. h. des <em class="gesperrt">Zusammen</em>lesens
-der Buchstaben zu Gedanken des Schreibers,
-tritt ein <em class="gesperrt">Zer</em>lesen und Zerpflücken: Die Schrift ist
-tot, wenn nicht der Leser ihr Leben gibt! Wie eine
-gepreßte Blume trotz vielleicht gut erhaltener Farbe
-tot ist und erst Leben gewinnt, wenn der Beschauer
-sie sich auf blühender Wiese, vom Wind bewegt, von
-der Sonne beschienen, umgeben von Gras und anderen
-Blüten, denkt, so hängt bei der Schrift alles
-davon ab, ob ein wirklicher Leser da ist.</p>
-
-<p>Und darum hat Paulus (1.&nbsp;Korinth.&nbsp;8,&nbsp;1) recht,
-wenn er sagt: »Das Wissen blähet auf.« Denn Wissen
-ist nur das Ansammeln der toten Tatsachen. Tat<em class="gesperrt">sachen</em>
-sind tot, solange nicht eine schöpferische
-Phantasie aus ihnen Neues baut. Reden die Leute
-schon viel, so schreiben sie noch viel mehr aneinander
-vorbei. Ein wirklich guter Schriftsteller wird daran
-erkannt, daß er mit seiner Darstellungsweise den
-Leser so anregt, daß mühelos dessen Phantasie in
-Kraft tritt, um das an sich tote Satzgefüge zu beleben.
-Darum ist ein Buch um so toter, je <em class="gesperrt">wissen</em>schaftlicher
-es ist; denn um so mehr ist das mit den
-Gedanken des Schreibers eingetreten, was Fendt in<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[44]</span>
-seinem Buch über die Entwicklung der christlichen
-Gottesdienstformen »Versachlichung« nennt. Nur
-nebenbei sei bemerkt, daß die fremdwortwütigen deutschen
-Gelehrten ihre Welscherei mit der Wissenschaftlichkeit
-begründen. Sie haben recht; aber sie dienen
-damit eben jenem Wissen, das aufbläht, weil es keine
-Phantasie gibt, die diesen toten Wortgebilden Leben
-einhauchen kann.</p>
-
-<p>Unter diesen Gesichtspunkten gesehen, gewinnt die
-Stellung Christi zum geschriebenen Wort ihren vollen
-Sinn. »Weh' euch, Schriftgelehrte und Pharisäer,
-ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten
-Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig
-sind sie voller Totenbeine und alles Unflats!«
-(Matth.&nbsp;23,&nbsp;27.) Das heißt eben, daß die Schriftgelehrten
-und Pharisäer Buchstabenwissen die Menge
-hatten, nicht aber den Sinn, der hinter der Schrift
-steht. Matth.&nbsp;23,&nbsp;17&ndash;22 liest sich wie eine Predigt
-gegen die Versachlichung. Zu den Schriftgelehrten und
-Pharisäern ist Mark.&nbsp;3,&nbsp;28&ndash;30 das Wort von der
-Sünde gegen den Heiligen Geist gesprochen. An einer
-Stelle (Luk.&nbsp;11,&nbsp;52) tritt deutlich hervor, daß Jesus
-nicht wegen der Versachlichung der alttestamentarischen
-Überlieferung den Schriftgelehrten und Pharisäern
-den Hauptvorwurf macht, sondern deswegen,
-weil sie diese Versachlichung zur Norm erhoben, indem
-sie für sich allein die Schriftkenntnis beanspruchten:
-»Weh' euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt
-den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen und
-wehret denen, die hineinwollen.« Dieser Schlüssel<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[45]</span>
-der Erkenntnis ist nichts anderes als jene unmittelbare
-Aneignung des eigentlichen Wortinhalts durch
-das eigene Vorstellungsvermögen, durch die ungebrochene
-Phantasie, wie gewöhnlich gesagt wird, d. h.
-eben durch jenes Organ, das im Gegensatz zur Wissenschaft
-aufs Ganze geht und auf Zergliederung
-verzichtet. »Nichts ist trennender vom Volke als Wissenschaft,«
-sagt Ricarda Huch<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a>, »die Trennung nach
-der wissenschaftlichen Ausbildung löst im Volke noch
-mehr auf als die Trennung nach Adel und Reichtum.
-Solange die Kultur auf der Phantasie beruht,
-ist sie dem ganzen Volke zugänglich; die Wissenschaft
-vereinzelt, ohne irgendeine neue Erkenntnis zu schaffen.
-Sie zerlegt die einheitliche Idee in Begriffe und
-macht damit eine Sprache, die nur von Eingeweihten
-verstanden werden kann; durch die Vorherrschaft dieser
-bewußten Sprache verkümmert die anschauliche,
-die aus dem Unbewußten quillt, die bewußte wird
-immer dürrer und lahmer, da sie des Zustroms aus
-der Quelle entbehrt, und putzt sich dementsprechend
-mit desto künstlicheren Lappen auf.« Es ist dies eine
-Wahrheit, die für unsere wissenschaftsfreudige Zeit
-schmerzlich ist. Daß sie von einer Frau so klar ausgesprochen
-wird, zeigt, daß eben die Frau unberührter
-von der Versachlichung unserer Kultur blieb.</p>
-
-<p>Tritt nun hinsichtlich der religiösen Überlieferung
-eine Trennung zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten
-ein, so ist die Religion in der Wurzel getroffen.
-Das ist die Erkenntnis, von der Jesus durchdrungen<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[46]</span>
-war. Denn ausdrücklich betont er ja, daß
-er nicht gekommen sei, um das Gesetz aufzulösen,
-und Matth.&nbsp;5,&nbsp;18 sagt er: »Bis daß Himmel und
-Erde vergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe,
-noch ein Tüttel vom Gesetze,« und auch Lukas
-berichtet Kap.&nbsp;16,&nbsp;17 das gleiche. Und wie oft beginnt
-seine Antwort mit dem Hinweis: »Es steht
-geschrieben.« Freilich muß hier auch das 5. Kapitel
-des Matthäus herangezogen werden, in dem die mehrfache
-Gegenübersetzung »Ihr habt gehört, daß zu
-den Alten gesagt ist« und dann das »Ich aber sage
-euch« wie ein Bruch mit dem Alten Testament erscheint.
-Dieser soll nicht geleugnet werden, aber gerade
-aus dieser Stelle erkennt man, daß dieser Bruch
-darin besteht, daß Jesus über das Alte Testament
-hinausgehen will. Er sagt mit kurzen Worten: Es
-genügt nicht, die Verbote des Gesetzes einzuhalten,
-sondern es gilt, die schlechte Handlung durch die gute
-zu ersetzen. Jesus erkannte klar, daß eben jener Bann,
-in den die Versachlichung der Überlieferung seine Zeit
-geschlagen hatte, nicht nur durch den Hinweis auf
-den Schaden selbst &ndash; er hat es ja mit herben Worten
-den überheblichen Eingeweihten gegenüber oft getan
-&ndash; gebrochen werden kann und darum mußte er
-über die Gesetzesüberlieferung hinausschreiten in die
-Welt der freien, gottbewußten, sittlichen Tat, die
-weit entfernt ist von jener buchstäblichen Einhaltung
-geschriebener Gebote, die noch dazu, wie er deutlich
-sah, immer mehr verblaßt waren unter der Einwirkung
-menschlicher Gesetze: »Ihr verlasset Gottes Gebot<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[47]</span>
-und haltet der Menschen Aufsätze,« sagt er Markus&nbsp;7,&nbsp;8.</p>
-
-<p>Alexander von Humboldt sagt wohl einmal, daß die
-Sprache nicht nur ein ἔργον (ergon), ein Werk, sondern
-auch eine ἐνεργια (energia), eine lebendige
-Kraft sei. Das gilt ebenso vom Schrifttum, und
-Jesus hat das deutlich erkannt und suchte durch seine
-Lehre eben jene lebendige Kraft wirksam zu machen,
-während die Schriftgelehrten nur das Werk, die abgeschlossene
-Sache, kannten.</p>
-
-<p>So steht die religiöse Persönlichkeit des Christus
-bewußt einerseits im Gegensatz zu dem Schrifttum,
-das seiner Jugend Religion vermittelte, anderseits
-aber nicht minder bewußt <em class="gesperrt">in ihm</em> selbst; nur sieht
-er es mit anderen Augen als seine abgestumpfte Zeit.
-»Hat euch nicht Moses das Gesetz gegeben? Und niemand
-unter euch tut das Gesetz.« (Joh.&nbsp;7,&nbsp;15 u.&nbsp;ff.)
-Er reckt sich zur ganzen Größe seiner religiösen Persönlichkeit
-und bringt sich selbst zum Opfer, um dem
-toten Buchstaben wieder neues Leben zu geben. Er
-fühlt sich von Gott dazu berufen und seines Sieges
-<em class="gesperrt">im Sinne der Schrift</em> sicher, darum sagt er:
-»Wer an mich glaubt, <em class="gesperrt">wie die Schrift saget</em>,
-von des Leibes werden Ströme des lebendigen Wassers
-fließen.« (Joh.&nbsp;7,&nbsp;32.)</p>
-
-<p>So bekommt der Anfang des Johannesevangeliums
-seinen Sinn: »Im Anfang war das Wort, und das
-Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.«
-Dieses Wort hatte höchste Schöpferkraft, es war
-Gestaltungskraft und »Sinn an sich«: »Dasselbige<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[48]</span>
-war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbige
-gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht,
-was gemacht ist.« Seine Lebenskraft wirkte
-auch in den Menschen: »In ihm war das Leben, und
-das Leben war das Licht der Menschen.« Da aber
-kommt eben jene Finsternis der Versachlichung, jene
-geistlose Buchstabenleserei, die am Sinn vorbeigeht,
-indem sie meint, mit dem buchstäblichen Inhalt das
-Wesen ergriffen zu haben. »Und das Licht scheinet in
-die Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.«
-Die große Wendung bringt der Erlöser:
-»Und das Wort ward Fleisch.« Das heißt: Durch
-die Person des Heilands bekam das Wort auch für
-die Umwelt, der es toter Buchstabe geworden war,
-wieder Leben, Sinn und lebendige Kraft.</p>
-
-<p>Ich will mit dieser Deutung nicht etwa das
-Logosproblem, mit dem sich so viele vom frühen
-Christentum bis heute abgequält haben, ähnlich gewaltsam
-lösen wie Goethes Faust, der da sagt: »Im
-Anfang war die Tat.« Die geheimnisvolle Kraft eben
-des Wortes, das bei Gott dem Schöpfer von Anfang
-an war und das die Welt hervorrief, kann ich so
-wenig fassen wie alle jene Denker. Meine Erklärung
-des Anfangs des Johannesevangeliums läßt den geheimnisvollen
-Kern des schöpferischen Logos unberührt;
-sie zeigt aber, wie eben jener Kern den Menschen
-in Vergessenheit kam, weil sie die Schale für
-die ganze Nuß nahmen. Durch die Person Christi
-wurde diese Schale gesprengt und die Wirksamkeit
-und Keimkraft des Kernes den Menschen zurückgegeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[49]</span></p>
-
-<p>Gerade die Einstellung Christi zur schriftlichen
-Überlieferung ist es, was seiner Lehre das Gepräge
-gibt. Lassen Sie mich hier kurz Vergleiche mit dem
-Buddhismus und dem Islam ziehen.</p>
-
-<p>Wenn Sie die religiöse Gestalt des Buddha betrachten,
-so &ndash; es ist das ja allbekannt &ndash; finden Sie
-manche Züge, die auch bei Jesus zu finden sind: Er
-entstammt nicht der Priesterkaste, aber er ist hochgebildet
-und setzt wie der zwölfjährige Jesus seine
-Umwelt durch seine Begabung in Erstaunen: »Als
-er in das Jünglingsalter eintrat &ndash; Lernt er das,
-was seinem Stande zukommt &ndash; Was bei anderen
-manches Jahr erfordert &ndash; Leicht und sicher in nur
-wenigen Tagen«, heißt es in »Buddhas Wandel«,
-einer der ältesten Überlieferungen des Buddhismus.
-Auch aus anderen Stellen dieser Schrift geht deutlich
-hervor, daß er reiches Wissen hat und stolz
-darauf ist. Nun aber kommt der große Unterschied:
-Während Jesus mit seinem religiösen Schöpfertum
-der alten Überlieferung ihren Sinn zurückgibt, aus
-totem Wissen lebendige Religion macht, sucht der
-Buddha die alte Lehre seines Landes, die der Seelenwanderung,
-bewußt zu verdrängen. Gewiß tut er dies
-in an sich tief religiöser, aus stärkstem Erleben hervorquellender
-Gedankenarbeit, aber der Bruch mit
-dem Vorhergehenden ist da, nicht nur äußerlich wie
-bei Jesus, sondern innerlich. Wieweit allerdings auch
-bei Buddha den Anstoß zu seiner Wirksamkeit eine
-Versachlichung der religiösen Überlieferung seiner Zeit
-gegeben hat, entzieht sich meiner Beurteilung. Bezeichnend<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[50]</span>
-für diesen großen Religionsstifter Indiens
-ist aber, daß auch er wie Jesus nichts Schriftliches
-hinterließ; auch er predigte in lebendiger Sprache
-unter Verwendung von vielen Bildern und Vergleichen.
-Erst seine Jünger schreiben seine Reden auf.</p>
-
-<p>Anders Mohammed, der Prophet des Islams, der
-weit unter dem indischen Großen steht, eben gerade
-deshalb, weil er selbst seine Lehre in Schrift erstarren
-ließ. Eine Menge verschiedenster religiöser
-Überlieferungen hatten auf ihn eingewirkt, und aus
-ihnen baute er seine neue Lehre. Diese war aber eben
-aus Überlieferung zusammengesetzt; sie war keine
-Auseinandersetzung mit ihr wie bei Buddha oder eine
-Zurückeroberung ihres innersten Kerns wie bei Jesus,
-und darum wurde sie selbst rasch starre Überlieferung,
-die dann Jahrhunderte als Geißel die christliche Welt
-schlug. Bemerkenswert ist die Erzählung, die Mohammed
-selbst von seiner Berufung in der 96.&nbsp;Sure
-gibt: Allah selbst oder der Engel Gabriel war ihm
-erschienen und hatte ihn aufgefordert:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Lies im Namen deines Herrn, der dich schuf</div>
- <div class="verse indent0">lies, dein Herr ist's, der dich erkor,</div>
- <div class="verse indent0">den Menschen schuf aus zähem Blut</div>
- <div class="verse indent0">und unterwies mit dem Schreibrohr</div>
- <div class="verse indent0">den Menschen unterwies in dem, was er nicht wußte zuvor,«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">da las er, die Erscheinung wich von ihm, er erwachte
-aus seinem Traum und es war ihm, als trüge er
-die Worte ins Herz geschrieben. Also schon in seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[51]</span>
-Berufung spielt die Bedeutung der Schreibkunst eine
-besondere Rolle.</p>
-
-<p>Deutlich tritt bei Christus, Buddha und Mohammed
-das Verhältnis zum Schrifttum hervor. Alle
-drei stehen in einer religiösen Überlieferung, nur Mohammed
-aber schafft selbst schriftliche Überlieferung,
-während der Buddha und Jesus mit der ganzen
-Wucht des gesprochenen Wortes wirken. Jesus allein
-aber ist der Kämpfer gegen die Versachlichung des
-lebendigen Wortes. Auch in diesem Punkt gibt es
-eine Nachfolge Christi. Das möge jeder bedenken, der
-mit dem Schrifttum zu tun hat, aber auch jeder, der
-religiöse Persönlichkeiten oder religiöse Gemeinschaftsformen
-auf ihren Wert beurteilen will.</p>
-
-<p>Es liegt nahe, daß man die Gefahr der Versachlichung
-durch die Schrift durch Verwerfung der
-Schrift überhaupt vermeiden möchte. Abgesehen davon
-aber, daß man damit die Überlieferung hemmungslos
-der Willkür preisgibt, liegt darin doch
-auch eine Verkennung des Wertes der Schrift für
-die Religion. Man würde damit den Kampf in falscher
-Front fechten: statt gegen die Versachlichung des
-Wortes für dessen Auslöschung, statt für lebendigen
-Leserwillen für hemmungslose Willkür.</p>
-
-<p>Lebendiger Leserwille! Damit sind wir an dem
-Punkt, der wenigstens an zwei Beispielen aus der
-Geschichte des Christentums herausgearbeitet werden
-soll, zwei Beispielen, die trotz aller Ähnlichkeit doch
-von größter Verschiedenheit sind: Augustin und Luther.</p>
-
-<p>Verzehrt von der Glut sinnlicher Leidenschaft suchte<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[52]</span>
-Augustin durch die Philosophie den inneren Seelenfrieden
-zu erringen. Ciceros Hortensius vermochte
-aber nicht die Bande zu lösen. Es folgte eine Zeit,
-in der Augustin auf philosophischem Wege sich christliche
-Ideen aneignet. Die Predigt des Bischofs Ambrosius
-von Mailand mag den Weg dahin gebahnt
-haben, daß es Augustin gelang, weiterhin tief beeinflußt
-von Gedankengängen des Neuplatonismus,
-zu einer verstandesmäßigen Erfassung der christlichen
-Heilslehre vorzudringen. Von dem Einfluß der Predigten
-des Mailänder Bischofs abgesehen, durchlief
-also Augustin im wesentlichen eine ganze Stufenleiter
-literarischer Eindrücke, und auch seine erste Erfassung
-des Christentums war rein literarisch, wie
-aus seiner Erzählung im 6. Kapitel des 8. Buches
-seiner Bekenntnisse deutlich wird. Vor allem in den
-Schriften des Apostel Paulus hatte er, wie er erzählt,
-häufig gelesen. Erst aber die Erzählung des
-Pontidianus von jener Bekehrung vor den Toren
-Triers führte Augustin zu jenem Höhepunkt<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> in seinem
-Leben, in dem auf einmal das literarische Wissen
-Leben gewann, um wie ein Sturzbach die ganze Persönlichkeit
-mitzureißen.</p>
-
-<p>Um diesen Vorgang zu erfassen, muß ich kurz
-jene Bekehrungsgeschichte an der Hand von Augustins
-Bekenntnissen ins Gedächtnis zurückrufen: Pontidianus
-hatte sich mit drei Freunden vor den Toren
-Triers ergangen, er und einer der Freunde hatten sich
-zufällig von den beiden andern getrennt. Diese aber<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[53]</span>
-waren auf ihrem weiteren Weg zu einer Hütte gelangt,
-die Mönchen gehörte. Sie fanden darin ein
-Buch über das Leben des heiligen Antonius. Der eine
-las, »Staunen erfaßte ihn, und er fing Feuer, und
-beim Lesen kam ihm der Gedanke, selber so ein Leben
-zu ergreifen«. Sie sehen also, worin bei Augustin
-das Erlebnis beim Hören dieser Geschichte bestanden
-haben muß: Er erkannte plötzlich, daß er bisher nur
-Buchstaben gelesen hatte, während jener vor Trier
-Bekehrte eben jenen lebendigen Leserwillen aufgebracht
-hatte, der das hinter den Buchstaben verborgene Leben
-selbst erfaßt; er erkannte, daß ihm die eigene Aufgeschlossenheit
-der Überlieferung gegenüber bisher gefehlt
-hatte. Mit dieser Erkenntnis aber war das Tor
-aufgestoßen zu einem neuen Leben: Er war für das
-Christentum, das Christentum für ihn gewonnen.</p>
-
-<p>Anders bei Luther. Sie wissen alle, wie Luther
-nach seinem Eintritt ins Kloster nicht nur mit Fasten
-und Beten, sondern auch mit eifrigem Studium um
-den inneren Frieden rang. Gewiß erinnert dieses Ringen
-im gewissen Sinne an jenes philosophische Bemühen
-Augustins, aber für Luther stand von vornherein
-fest, daß er als Christ, als der er aufgewachsen
-und erzogen war, jenes Heil finden müsse, für ihn
-kam eine Wendung, wie sie Augustin von der sterbenden
-Antike zum jungen Christentum machen
-mußte, nicht in Frage. Gerade darum aber konnte
-ihm kein solches Erlebnis wie das des Augustin
-plötzlich das Tor öffnen. Mit zähem Fleiß und nüchterner
-Geduld mußte er jenen Schutt der »Versachlichung«<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[54]</span>
-hinwegräumen, den die Kirche aufgehäuft
-hatte. Dann aber stand er erst an der Überlieferung,
-wie sie durch die Bibel gegeben war. Augustin hatte
-die paulinischen Schriften gelesen, mußte aber erst
-noch jenes Erleben haben, um sein Damaskus zu
-erleben. Luther brauchte kein Damaskus in diesem
-Sinne, gerade darum aber wurden für ihn die Schriften
-des Paulus zum Schlüssel für die biblische Überlieferung.</p>
-
-<p>Dadurch war es ihm auch möglich, für das Leben
-der christlichen Überlieferung zu kämpfen, und die
-größte Tat in diesem Kampf war eben die Bibelübersetzung.
-Mit ihr war der Weg frei für jeden, der eben mit
-seinem lebendigen Leserwillen an die Schrift heranging.</p>
-
-<p>Mit diesem Vergleich der Stellung Augustins und
-Luthers zum Schrifttum ist nichts gesagt über den
-Wert der religiösen Persönlichkeiten. Die hier berührten
-Vergleichspunkte zeigen gerade, wie verschieden
-der Weg Augustins und der Luthers trotz aller
-Ähnlichkeiten sind. Im Zusammenhang dieser Betrachtungen
-aber sind sie zwei, wenn auch ganz verschiedene
-Zeugen für den Wert religiöser Überlieferung
-durch die Schrift, gleichzeitig aber auch zwei
-Zeugen, wenn auch ganz verschiedene, für die Notwendigkeit,
-daß der Leser das Wesentliche dazu geben
-muß, um dem Geschriebenen Leben zu verleihen; denn
-was bedeutet letztlich Luthers »allein durch den Glauben«
-anderes als die Aneignung der Heilsüberlieferung
-aus innerer Seelenkraft?</p>
-
-<p>Wenn Sie die Galerien Europas durchwandern und<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[55]</span>
-die Darstellungen der »Verkündigung« betrachten, so
-werden Sie bei den alten Meistern fast immer die
-gleiche Darstellung der »Verkündigung« finden: Maria
-kniet am Betschemel, auf dem aufgeschlagen das
-Gebetbuch liegt. Sie liest aber nicht mehr darin,
-sondern sie hat den Blick weggewendet, dem Verkündigungsengel
-zu. Noch deutlicher aber zeigt ein
-alter rheinischer Meister der Münchner Pinakothek,
-wie der religiöse Mensch zum Buch steht: Vor dem
-noch aufgeschlagenen Buch kniet der heilige Franziskus,
-sein Blick aber richtet sich in die Höhe, wo in
-den Wolken der Gekreuzigte erscheint, von dem die
-Strahlen ausgehen, die dem Heiligen die Wundmale
-Christi aufdrücken. Im Hintergrund aber sitzt ein
-Genosse des Heiligen, tiefgebeugt über ein Buch. Er
-liest noch, während der Heilige das Gelesene erlebt.
-Deutlicher kann die Bedeutung des Buches für den
-»religiösen Akt« nicht veranschaulicht werden. Dieser
-aber gehorcht, wie Scheeler sagt, einer Eigengesetzlichkeit.
-Und Otto hat in seinem bekannten Buch über
-das Heilige deutlich gesagt, wie eben dieses Heilige
-jenseits aller geistiger Arbeit liegt: »Es ist nicht lehrbar,
-nur erweckbar aus dem Geiste. Man behauptet
-bisweilen dasselbe von der Religion überhaupt und
-im ganzen. Mit Unrecht. In ihr ist sehr vieles lehrbar,
-d. h. <em class="gesperrt">in Begriffen überlieferbar</em> und
-auch in schulmäßigen Unterricht überführbar. Nur
-eben nicht dieser ihr Hinter- und Untergrund. Er kann
-nur angestoßen, angeregt, erweckt werden. Und dies
-am wenigsten durch bloße Worte.«</p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[56]</span></p>
-<p>Luther sagt das gleiche nicht minder deutlich:
-»Wenn du es im Herzen wahrhaft fühlest, so wird
-dir's ein groß' Ding sein, daß du vielmehr stillschweigen
-wirst, denn etwas davon sagen.« Auch
-Augustins Größe soll hier nochmal sprechen: »Es
-spricht zu allen,« sagt er, »aber die verstehen's nur,
-die das Vernommene drinn in ihrer Seele mit der
-Wahrheit zu vergleichen wissen.«</p>
-
-<p>Damit stehe ich am Ende meiner Betrachtungen.
-Deutlich heben sich zwei Dinge heraus: Einmal die
-Kraft der schriftlichen Überlieferung als »Reiz und
-Veranlassung« und damit ihr hoher Wert für den
-religiösen Menschen, zum andern aber ihre Belanglosigkeit
-für den eigentlichen Kern aller Religion.
-Die Persönlichkeit des Lesers wird darum zur entscheidenden
-Kraft.</p>
-
-<p>Mancherlei Fragen tauchen nun auf, von denen
-nur zwei berührt seien: Ist mit solcher Erkenntnis
-nur für die Religion die Grenze der Wirksamkeit
-des Buches gegeben? Ich glaube: Nein; auch alle
-anderen Gebiete menschlicher Kultur stehen unter dem
-gleichen Gesetz, soweit die Wirksamkeit des Schrifttums
-in Frage kommt.</p>
-
-<p>Weiter aber: Was ist die <em class="gesperrt">praktische</em> Folgerung
-für uns? Doch wohl nichts anderes als die Prüfung
-unserer religiösen Literatur daraufhin, wieweit sie
-Versachlichung ist, Sprache, die nicht mehr tönt oder
-vielleicht nie getönt hat. Nur so werden wir die anregende
-Kraft der Überlieferung nutzbar machen, nur
-so entsteht religiöse Erkenntnis. Bescheiden aber sollen<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[57]</span>
-wir bekennen, daß über dieser Erkenntnis der
-Glaube steht. Dieser Glaube aber ist, wie ein junger
-Schweizer Theologe<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> schön sagt, »ein Innewerden,
-daß alle Erkenntnis etwas anderes meint, als sie
-selber gibt, etwas hinter ihr selbst, daß sie nur ein
-Hinweis ist auf etwas Urlebendiges, jenen Ursprung,
-der unser Freiseinkönnen und den Reichtum des
-Lebens erst möglich macht«. Dieser Glaube ist
-»ehrfürchtige Anschauung des göttlichen Wunders«.
-Darum läßt sich nicht leicht Tieferes über das Verhältnis
-des religiösen Menschen zum Buch sagen als
-die Schlußworte des Cherubinischen Wandersmanns:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Freund, es ist immer genug. Im Fall du mehr wilt lesen,</div>
- <div class="verse indent0">So geh' und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<div class="footnotes">
-<h3>Fußnoten</h3>
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Über Anmerkungen in Büchern (siehe »Aus Wissenschaft und
-Leben«, Gießen 1911.)</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Hoernes, Natur- u. Urgeschichte d. Menschen, Wien u. Leipzig 1909</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Dawzel, Die Anfänge der Schrift, Leipzig 1912</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Weule, Vom Kerbstock zum Alphabet, Stuttgart 1915</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Leipzig u. Wien 1900, Hoernes
-a. a. O. bringt eine sehr treffende Stelle aus Vierkandt, Naturvölker
-und Kulturvölker</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Ich halte mich in der folgenden Darstellung an Richter, Die
-Religionen der Völker, München und Berlin 1923</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Der Sinn der heiligen Schrift, Leipzig 1919</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Harnack, Aus der Friedens- und Kriegsarbeit, Gießen 1916</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Emil Brunner, Erlebnis, Erkenntnis und Glaube, 2. u. 3. Aufl.,
-Tübingen 1923</p>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[59]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Buchhandel_als_Beruf">Buchhandel als Beruf</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[61]</span></p>
-
-<p class="drop">In einer Buchhändlerzeitschrift las ich den Satz:
-»Beruf ist, wozu sich einer berufen fühlt.« Das ganze
-Elend unserer Zeit kann nicht besser gekennzeichnet
-werden, als durch diese Behauptung. Denn ist sie
-richtig, wie viele Menschen haben dann einen Beruf?
-Fühlt sich ein Straßenkehrer zum Straßenkehren berufen?
-Hat sich nicht manch einer, der frei seinen
-Beruf wählte, einmal berufen gefühlt, merkt nun
-aber, daß er falsch gewählt hat, sei es, weil er den
-»Beruf« falsch beurteilt, sei es, daß er seine Begabung,
-seine Kräfte falsch eingeschätzt, oder, daß er
-die Zukunftsmöglichkeiten nicht richtig erkannt hat?
-Es ist gar nicht auszudenken, welches Elend der
-Seele mit diesem Satz als unabänderlich festgelegt
-ist: Die ganze Tragik unerfüllter und unerfüllbarer
-Wünsche dieses Erdenlebens ist in diesem Satz, so
-wie er in jener Zeitschrift gemeint ist, beschlossen.</p>
-
-<p>Es gibt eine Geschichte des Wortes Beruf; sie
-wurde von dem Berliner Theologen Holl in einem
-Sitzungsbericht der preußischen Akademie der Wissenschaften
-kurz dargestellt von den Anfängen bis zu
-Luther. Dort findet man, daß es anfänglich im Christentum
-nur eine Berufung gab und das war die
-Berufung des Christenmenschen durch das Evangelium.
-Dann war die Berufung etwas, was nur dem
-Mönch zuteil wurde, also eine Berufung persönlichster
-Art, die nur die besonders Auserwählten unter den
-Christen erlebten. Im Mittelalter »gerät das Berufsbewußtsein<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[62]</span>
-in Spannung mit demjenigen Selbstgefühl,
-das der fortgehende wirtschaftliche und politische
-Aufstieg bei den schaffenden Ständen hervorrief.«
-Noch aber haben diese Stände nur einen Dienst,
-keinen Beruf. Einen entscheidenden Schritt vorwärts
-hat die Mystik getan: Eckart übersetzt 1.&nbsp;Korinth.&nbsp;7,&nbsp;20:
-»Es sind nicht alle Leute in einen Weg zu Gott gerufen«
-und darum ist ihm auch der niederste Stand
-mit der Erlangung des Höchsten vereinbar. Deshalb
-soll man auch in seinem Stand bleiben und Tauler
-bezeichnet sogar das Amt als eine »Ladung«, einen
-»Ruf«, der an uns ergeht. Das Wort Beruf war
-aber eine Bezeichnung, die auch bei Luther noch anfänglich
-rein kirchlich-religiöses Gepräge hatte. Erst
-Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum brachte
-die große Wandlung: Die Erfüllung der von einem
-Stand auferlegten Pflichten ist Gehorsam auf einen
-Befehl Gottes. Und so sagt Luther: »Es ist Gott
-nicht um das Werk zu tun, sondern um den Gehorsam.«</p>
-
-<p>Hier bricht die geschichtliche Betrachtung Holls ab.
-Hätte er sie weitergeführt, so hätte er von solchem
-Höhepunkt immer mehr, wenn auch in Wellenlinien
-herunterführen müssen bis zu so selbstsüchtigen Deutungen,
-wie die eingangs erwähnte. Immer mehr ist
-die sittliche Größe eines jenseitigen Ziels dem persönlichen
-Nutzen, der Erfüllung diesseitiger Wünsche
-zum Opfer gefallen. Als einzigen Lichtpunkt sehe ich
-noch jenen Bildungsbegriff der klassischen Zeit und
-des Idealismus, der wenigstens ein jenseitiges Vollkommenheitsbild
-kennt, wenn ihm auch die religiöse<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[63]</span>
-Prägung mangelt. Zuletzt aber kommt die fast unverhüllte
-Diesseitigkeit zum Durchbruch, begründet
-mit »der berüchtigten Forderung des Lebens«.</p>
-
-<p>Gewiß regt es sich unter der Kruste solcher Versachlichung
-und angenehmster Broterwerb gilt nicht
-mehr als die Summe sozialen Fortschritts. Man erkennt
-auch langsam, daß der Kampf etwa zwischen
-humanistischen und realistischen Bildungsanstalten ganz
-falsche Fronten zeigte, denn auf beiden Seiten war
-das Stoffliche mit drückender Schwere über das Sittlich-Geistige
-gelegt und das Berechtigungswesen machte
-sich auch in diesen Kämpfen mit seiner ganzen Unsittlichkeit
-breit. Ist aber der Bann wirklich schon gebrochen?</p>
-
-<p>Verzichten wir auf eine umfassende Antwort und
-beschränken wir uns darauf, den Buchhandel als
-Beruf im Rahmen der Zeitlage zu betrachten. Es
-wird gar viel von den Kulturpflichten des Buchhändlers
-geredet und gar mancher ist tatsächlich Buchhändler
-geworden, weil er damit der Kultur näher
-zu sein glaubte, als beim Handel etwa mit Heringen.
-In Wirklichkeit aber verschrieb er sich im besten Fall
-einem tragischen Konflikt, im schlechteren wurde er
-zur Possenfigur.</p>
-
-<p>Was ich mit dem tragischen Konflikt meine? Nun,
-ein tragischer Konflikt mehr oder minder ist jedem
-Beruf gegeben: Der Industriearbeiter leidet unter
-dem Fluch allein vom Marktwert der Ware Arbeitskraft
-abzuhängen, der Kapitalist unter dem, daß er
-meint, er besitze Kapital, obwohl das Kapital von<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[64]</span>
-ihm Besitz ergriffen hat; der Bauer stöhnt unter der
-Abhängigkeit vom Wetter, der König unter der Einsamkeit
-seiner Stellung und so fort und fort. Der
-Buchhändler aber ist mit dem Fluch beladen, mit
-<em class="gesperrt">geistigen</em> Gütern <em class="gesperrt">handeln</em> zu müssen und darum
-ist er entweder nie ganz ein wirklicher Kaufmann
-oder es verfolgt ihn der Haß der Geistigen, die
-behaupten, daß er Riemen aus ihrer Haut schneide.
-Es ist eine besondere Tragik: so eingekeilt zwischen
-erdenschwerer wirtschaftlicher Notwendigkeit und aufstrebender
-Geistigkeit zu leben.</p>
-
-<p>Gewiß gibt es viele, die das nicht fühlen, aber
-verlieren Einsame wie Friedrich der Große an Tragik,
-weil es eine Menge Fürsten gab, die sich nur der
-Lichtseite ihres Daseins zuwandten? Sind nicht die
-wenigen Arbeiter, die nicht nur gedankenlose Gewerkschaftsmitglieder
-sind, maßgebender für das Elend
-ihres Standes, als jene Masse, die im Grund genommen
-das Streben nach oben der »Organisation«
-überlassen? Ist nicht <em class="gesperrt">der</em> Dichter menschlich der
-wertvollere, der immer und immer wieder empfindet,
-daß sein Werk aus der Bloßstellung seines Innersten
-entsteht? Und wiederum so fort und fort durch
-alle Stände und Berufe.</p>
-
-<p>Der Buchhändler aber, der die Schwere seines
-Amtes nicht nur geistig erkennt, sondern auch sittlich
-fühlt, hat erst das richtige »Gefühl«, wozu er berufen
-ist: Er ist berufen seine Pflicht zu tun, »gehorsam«
-zu sein. Es ist lächerlich, zu glauben, daß
-uns die Vorsehung beruft, mit einer möglichst angenehmen<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[65]</span>
-Beschäftigung das Brot zu erwerben. Es
-ist darum im Grunde ganz gleich, ob einer Buchhändler
-wird ganz aus freier Wahl oder als Sohn seines
-Vaters, wegen seiner Freude an Büchern oder weil
-gerade beim Buchhändler eine Lehrstelle frei war:
-Maßgebend für seine Wertung ist nichts als seine
-Einstellung zu seiner Berufspflicht. Das Gebiet sittlicher
-Wertung kennt keine Erklärungen und Entschuldigungen
-aus Lust- und Unlustgefühlen.</p>
-
-<p>Will also der Buchhandel auf der Höhe des
-Sittengesetzes stehen, dann muß er alles Kulturgeschwätz
-zu Hause lassen und klar und deutlich
-Stellung zu seiner Berufung nehmen. Er muß wie
-der Held in der Tragödie über dem Schicksal bleiben,
-auch wenn er an diesem Schicksal zugrunde geht;
-sonst hat er seinen Beruf nicht richtig erfaßt.</p>
-
-<p>Wie kann er ihn aber richtig erfassen? Es ist so
-leicht darauf zu antworten, wenn man eben jene
-beiden Spannungspole im Auge behält, die ich oben
-andeutete! Als Kaufmann muß der Buchhändler sachlich
-handeln, muß nüchtern rechnen, muß Angebot
-und Nachfrage in das richtige Verhältnis bringen,
-muß tun, was rechnerisch Nutzen bringt, und lassen,
-was zum Schaden seiner Wirtschaftskraft dient. Als
-Mensch aber muß er der Herkunft seiner Ware aus
-den Landen geistiger Sehnsucht Ehre erweisen.</p>
-
-<p>Zu beidem muß einiges gesagt werden: Man könnte
-einwenden, daß die harten Notwendigkeiten des Geschäftslebens
-sich nie mit jenen Idealen vertragen
-können. Und in der Tat, es gibt Buchhändler, denen<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[66]</span>
-es ganz gleichgültig ist, was sie verkaufen, wenn
-sie nur verkaufen. Sie sehen von jeder Beziehung
-zum geistigen Inhalt der Bücher ab. Ja, ich wage
-die Behauptung, es ist bei weitem die Mehrzahl.
-Und doch ist das ganz falsch gedacht, gerade kaufmännisch
-falsch gedacht, weil eben dadurch das verloren
-geht, was der gute Kaufmann braucht, die
-Warenkenntnis. Nur so ist zu erklären, daß der Buchhandel
-der geistigen Produktion so ratlos gegenübersteht.
-Eine Unmenge Verleger und noch mehr Sortimenter
-quälen sich ab, zwischen 30000 und 40000
-literarische Geistesfrüchte marktfähig zu machen. Ich
-glaube, daß der Teil solcher Ernte, der letzten Endes
-in die Stampfmühle wandert, erschreckend groß ist.
-Arbeit und Kapital sind daran verloren. Das merken
-aber nur wenige Außenstehende, weil ganz im geheimen
-jener Weg zur Stampfmühle zurückgelegt werden
-kann. Die beteiligten Buchhändler aber könnten das
-oft bei richtiger Markt- und Warenkenntnis vermeiden:
-Der Verleger ließe manches ungedruckt, der Sortimenter
-nähme vieles nicht auf Lager. Heute meinen
-aber die meisten, der Wille, bei einem kaufmännischen
-Vermittlungsgeschäft Nutzen herauszuschlagen,
-mache zum Kaufmann. Ich stelle den Satz dagegen,
-daß kaufmännischer Erfolg, der ohne Warenkenntnis
-erzielt wird, kein »Verdienst« ist, sondern ein Glückszufall.
-Mit Beruf hat das wenigstens gar nichts,
-aber auch gar nichts zu tun.</p>
-
-<p>Anderseits wird man mir entgegenhalten, daß viele
-trostlos schlechte Bücher in Massen verkauft würden,<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[67]</span>
-der Buchhändler, Verleger wie Sortimenter, kenne
-also den Markt! Darauf ist zu erwidern, daß &ndash; ich
-werde das noch genauer darlegen &ndash; selbstverständlich
-die große Menge der Bücherkäufer in ihren primitiven
-Bedürfnissen leicht erkennbar ist. Vom Standpunkt
-des Berufes aber kommt es auch da auf die
-wertvolle Oberschicht an. Wenn diese eben in ihren
-Bedürfnissen nicht richtig erkannt wird, so fehlt jede
-Möglichkeit, ein Werturteil über die kaufmännische Leistung
-abzugeben, denn zur Befriedigung niederer Instinkte
-gehört kein Können, sondern nur Mangel an Gewissen.</p>
-
-<p>Hier muß aber gesagt werden, daß es auch verfehlt
-ist, den Buchhandel für die Durchschlagskraft
-minderwertigen Geschreibsels verantwortlich zu machen.
-Er steht zwischen Schreibern, die solches Zeug
-verbrechen, und Lesern, die es nicht nur kaufen,
-sondern zu kaufen verlangen. Jedes Volk hat nicht
-nur die Regierung, sondern auch den Buchhandel, den
-es verdient. Trösten kann hier nur die Äußerung, die
-Jakob Burckhardt in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen
-machte: »Eine einzelne Zeile in einem
-vielleicht sonst wertlosen Autor kann dazu bestimmt
-sein, daß uns ein Licht aufgeht, welches für unsere
-ganze Entwicklung bestimmend ist.« Wenn sich aber
-einer »berufen fühlt«, durch den Verkauf von literarischen
-Schmarren sein Brot zu verdienen, so kommt
-der Ruf aus diesseitigen Gefilden und hat nichts zu
-tun mit jenem Beruf, der aus dem Jenseits kommt.</p>
-
-<p>Das aber ist das Elend unserer Zeit, daß man
-eben die Jenseitigkeit von Luthers Berufsbegriff wie<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[68]</span>
-vom idealistischen Bildungsbegriff verloren hat. »Das
-Neueste in der Welt«, sagt wieder Burckhardt, »ist
-das Verlangen nach Bildung als Menschenrecht, welches
-ein verhülltes Begehren nach Wohlleben ist.«
-Besser kann gar nicht gekennzeichnet werden, wohin
-wir abgerutscht sind: Jeder fühlt sich »berufen«, so
-angenehm wie möglich zu leben, und auch im Buchhandel
-ist dieser Grundsatz Trumpf. Wir werden
-vom Schicksal solange auf die Finger geklopft werden,
-bis wir die Abwegigkeit solcher Gesinnung nicht
-nur erkannt haben, sondern auch die Nutzanwendung
-aus solcher Erkenntnis gezogen haben: »Nicht auf das
-Werk kommt es an, sondern auf den Gehorsam.«</p>
-
-<p>Das hat nichts mit frömmelnder Gesinnung oder
-mit Spenglers Periode der zweiten Religiosität zu
-tun. Im Gegenteil, es ist nur das Erwachen aus
-dem Rausche sinnlicher Diesseitigkeit zur Nüchternheit
-des Geistes. Gerade aber, weil der Buchhandel
-zwischen geistigem Höhenflug und niederziehender Erdenschwere
-eingespannt ist, könnte er »berufen« sein,
-die Wende zu bringen: Er könnte am ehesten frei
-sein von der Überheblichkeit jener Geistigen, die, weil
-sie literarisch, wissenschaftlich oder künstlerisch arbeiten,
-nicht fühlen, wie sehr sie nur Ausdruck ihrer
-Zeit sind; er könnte aber auch die Kurzsichtigkeit des
-Wertens nur nach dem wirtschaftlichen Nutzen als
-das kennzeichnen, was sie ist: als den absolutistischen
-Regierungsfehler des Fürsten dieser Welt.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[69]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vom_buchhaendlerischen_Markt">Vom buchhändlerischen Markt
-oder über Grenzen der Wirksamkeit
-des Buches</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[71]</span></p>
-
-<p class="drop">Zwei geistige Eigenschaften sind es, die den tüchtigen
-Kaufmann auszeichnen: einmal die ausgebildete
-Begabung, die Beschaffenheit seiner Ware zu beurteilen,
-zum andern aber die Urteilskraft, die den
-Markt für seine Ware richtig einschätzt. Von der
-ersten Fähigkeit hängt die Warenkenntnis ab, die es
-an sich nur mit der inneren und äußeren Eigenschaft
-der Ware zu tun hat. Aus der zweiten Fähigkeit aber
-entsteht die Marktkenntnis, die, für sich betrachtet,
-nur die absetzbare Masse bestimmt. Auf den Buchhandel
-angewandt, richtet sich also die Warenkenntnis
-zunächst nur auf die Fragen: Ist der Inhalt des
-Buches gut? ist es gut geschrieben? wie ist das
-Papier? der Druck? der Einband? Die Marktkenntnis
-aber kann die Fragen beantworten: Wie viele
-Käufer kommen in Frage? wie verhält sich zu dieser
-Menge die zur Verfügung stehende Auflage? Nun
-ist es aber klar, daß Waren- und Marktkenntnis
-meist in stärkster innerer Wechselwirkung stehen.
-Edelste Ware ist nicht in Masse herstellbar, und
-Massenware muß auf das Hauptkennzeichen der Edelware
-verzichten: auf die Einzigartigkeit des Einzelstücks.
-Ein wirklicher Massenartikel kann nicht aus
-edelstem und darum seltenem Stoff hergestellt werden.
-Darum druckt man z. B. ein Rechenbuch für
-Volksschulen nicht auf feinstes Hadernpapier und
-bindet es nicht in Schweinsleder; Luxusdrucke aber werden
-beziffert, um damit ihrer Seltenheit Ausdruck zu geben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[72]</span></p>
-
-<p>Nun ist es leicht, für ein solches Rechenbuch die
-mögliche Absatzziffer zu bestimmen, weil man die
-Zahl der dafür in Betracht kommenden Schüler feststellen
-kann, und auch bei manchem wissenschaftlichen
-Buch kann man fast auszählen, wie viele Büchereien,
-wie viele Institute und wie viele private Abnehmer
-dafür in Frage kommen. Bei der großen Menge des
-allgemeinen Schrifttums ist aber solch leichte Bestimmungsmöglichkeit
-nicht gegeben und die Festsetzung
-der Auflagenhöhe darum ein Glücksspiel. Und
-doch läßt sich der Zufall in mancher Hinsicht einschränken,
-wenn man die Frage ernstlich prüft: Wer
-kann alles für das Buch in Frage kommen? Wo sind
-die Grenzen der Wirksamkeit eines Buches? Jeder
-Verleger legt sich diese Frage bei der Bestimmung
-der Auflage, jeder Ladenbuchhändler sich die gleiche
-beim Einkauf vor. Er beantwortet sie aber nur gefühlsmäßig.
-Und doch muß es trotz der Unendlichkeit
-aller Möglichkeiten wenigstens einige Gesetze
-geben, die den Zufall zwar nicht einschränken, seine
-Möglichkeiten aber gesetzmäßig bestimmen.</p>
-
-<p>Zunächst ist die Frage aufzuwerfen, ob es räumliche
-Grenzen für die Wirksamkeit des Buches gibt.
-So häufig es vorkommen mag, daß die in Frage
-kommenden Leser eines Buches räumlich geschlossen
-zusammenwohnen, so ist doch damit keine räumliche
-Grenze für die Wirksamkeit eines Buches gegeben,
-einfach deshalb, weil der Geist keine räumliche Grenzen
-kennt. Ein Buch, das z. B. in dem besonderen
-Dialekt einer Gegend, ja eines Dorfes geschrieben<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[73]</span>
-ist, wirkt schon über dessen Raum hinaus, wenn ein
-Forscher von außerhalb sich mit jenem Dorf oder
-der Gegend, in der es liegt, beschäftigt, ganz abgesehen
-davon, daß ja die Bewohner des Dorfes
-nicht festgebunden sind und den Raum ihrer engeren
-Heimat nicht nur verlassen können, sondern wohl
-auch häufig verlassen. Warum sollte nicht ein Siedler
-im brasilianischen Urwald mit Freuden ein Buch
-seiner engeren Heimat lesen, auch wenn wenige Kilometer
-von dieser Heimat entfernt die Mehrzahl der
-Menschen den Inhalt des Buches aus sprachlichen
-oder sonstigen Gründen nicht mehr verstehen oder
-wenigstens nicht mehr würdigen können. Man kann
-also ruhig sagen: Räumliche Grenzen gibt es für
-die Wirksamkeit des Buches nicht.</p>
-
-<p>Es läge nun nahe, auch die zeitlichen Grenzen für
-die Wirksamkeit des Buches zu leugnen, weil wir
-jahrtausendalte schriftliche Überlieferungen besitzen und
-lesen können. Und in gewissem Sinne gibt es für
-das Buch eine zeitlich unbegrenzte Wirkung; d. h.
-solange es Menschen gibt, die den Willen haben,
-schriftliche Überlieferung zu lesen, kann ein Buch
-wirken. Die so gezogene Grenze erscheint uns wenigstens
-ebenso belanglos wie die Tatsache, daß die
-Wirksamkeit des Buches räumlich auf diese Erde beschränkt
-bleibt.</p>
-
-<p>Wer tiefer eindringt, der fühlt aber doch noch
-eine andere zeitliche Grenze. Er fühlt, daß alte
-Überlieferungen zwar in gewissem Sinne weiterwirken,
-daß aber ein Teil abstirbt, ich glaube, sogar<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[74]</span>
-ein wesentlicher. Ich bin z. B. der festen Überzeugung,
-daß wir der Weltanschauung etwa der Zeit, in der
-das Nibelungenlied geschrieben ist, so fremd gegenüberstehen,
-daß wir zwar die große künstlerische Form,
-gewisse allgemein menschliche Züge der Helden u. a.
-einigermaßen erfassen können, das Lied selbst aber
-als Persönlichkeitsäußerung ist für uns wie eine zersprungene
-Glocke: Wir sehen die schöne Form, wir
-erkennen das gute Metall der Legierung, sie siegt
-aber nicht mehr. Da hilft keine Nacherzählung, da
-hilft kein Film, auch wenn er künstlerisch höher
-stünde als unser jetziger Nibelungenfilm mit seinen
-Pappdeckelwäldern, dem auslaufenden Drachenauge
-und der blutenden Siegfriedwunde. Wir müssen uns
-damit abfinden, daß der Buchstabe das Bild eines
-gestorbenen Lautes, der geschriebene Satz das Bild
-eines Gedankens ist, das nur solange lebendig wirkt,
-als die Menschen fähig sind, ebenso zu denken. Es
-mag Gedanken geben, die aller Menschheit begreiflich
-sind, solange es eine Menschheit gibt &ndash; ich bin sogar
-vom Bestehen solcher ewiger Wahrheiten überzeugt&nbsp;&ndash;,
-das ändert aber nichts an der Tatsache,
-daß ein Buch, das aus einer Menge Gedanken besteht,
-eben doch in gewissem Sinne mit seiner Zeit
-stirbt. Mit Spengler glaube ich, daß wir z. B. die
-Antike niemals wirklich verstehen können, womit nicht
-gesagt ist, daß der Einfluß <em class="gesperrt">unserer Auffassung</em>
-einer vergangenen Menschheitsepoche nicht von
-größter Bedeutung sein kann.</p>
-
-<p>Damit ist gezeigt, wo die eigentlichen Grenzen<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[75]</span>
-der Wirksamkeit des Buches zu suchen sind: auf rein
-geistigem Gebiet. Ich deutete schon oben an, daß die
-Sprache eine dieser Grenzen ist: Ein Buch in französischer
-Sprache ist einem Deutschen, der nicht Französisch
-gelernt hat, unverständlich. Ich behaupte noch
-mehr: Wer nicht ganz in französischem Wesen aufgewachsen
-und erzogen ist, dem bleibt vieles letzten
-Endes auch unverständlich, wenn er Französisch gelernt
-hat. Eine restlose Übersetzung einer Dichtung
-in eine andere Sprache ist unmöglich, es bleibt immer
-ein mehr oder minder wesentlicher Teil unübersetzbar.</p>
-
-<p>Es leuchtet auch ein, daß ein Buch über die Relativitätstheorie
-nur dem physikalisch und philosophisch
-Gebildeten verständlich ist. Bei vielen Büchern liegen
-also gewisse Grenzen ihrer Wirksamkeit offen zutage,
-und doch fehlt auch hier Wesentliches: Es sind
-nur die Kenntnisse gegeben, die Vorbedingung für
-das Verständnis des Buches sind, nichts ist aber über
-die Fähigkeit ausgesagt, die zur Aufnahme des Inhalts
-unbedingt notwendig sind. Nun wird man zwar
-einwenden, daß auch die Kenntnisse gewisse Fähigkeiten
-beweisen; beschäftigt man sich aber mit der
-Begabung der Leserwelt überhaupt, so erkennt man,
-wie nahe das Nichtverstehen auch bei den »Gebildeten«
-liegt. Wir wundern uns oft, wie es möglich
-ist, daß oft eine wichtige Erkenntnis nur langsam
-und mit größten Schwierigkeiten weitere Kreise erfaßt.
-Stellt man aber eine Untersuchung über die
-Verteilung der Begabung in der menschlichen Gesellschaft
-an, so erklärt sich diese Tatsache leicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[76]</span></p>
-
-<p>Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat
-sich ein Engländer mit der Begabung des Volkes
-befaßt, Francis Galton (Hereditary Genius, London
-1869). Von einem Deutschen, Otto Ammon,
-wurde auf diese Untersuchungen aufgebaut und freilich
-mit gar manchem Trugschluß und unter der
-Einwirkung eines einseitigen Darwinismus Wertvolles
-zur Begabungsschichtung einer Bevölkerungsmasse
-klargestellt. Ich folge dem deutschen Buch (Die Gesellschaftsordnung
-und ihre natürlichen Grundlagen,
-1. Auflage, Jena 1895), um das Wesentliche herauszuarbeiten.</p>
-
-<p>Jedes Lebewesen vererbt auf seine Nachkommen
-eine Summe von Einzeleigenschaften. Die Gesetzmäßigkeit
-dieser Vererbung steht nach dem Mendelschen
-Gesetz heute wissenschaftlich fest. Die mögliche
-Mischung der Eigenschaften ist aber bei der Riesenzahl
-von Einzelwesen, die sich zur Zeugung von Nachkommen
-zusammenfinden können, eine sehr große.
-Auf dieser Tatsache aufbauend, läßt sich eine Rechnung
-aufmachen, deren Grundlagen sich am besten
-am Würfelspiel verdeutlichen lassen.</p>
-
-<p>Man denke sich z. B. die Begabung einer Bevölkerung
-im wesentlichen auf 4 Grundlagen aufgebaut,
-deren jede in 6 verschiedenen Graden in
-Frage kommt, so kann man jeder sozusagen einen
-Würfel zuteilen, jedem Grad eine Seite dieses Würfels.
-Nun ergibt sich, daß der günstigste Wurf mit
-4 mal 6 Augen und der ungünstigste mit 1 mal
-1 Auge nur je in einer Zusammenstellung möglich<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[77]</span>
-ist, die Würfe aber mit der Quersumme 2 und 5
-sind schon mit je 4, die mit Quersumme 22 und 6
-schon mit je 10 verschiedenen Zusammenstellungen
-möglich. Die größte Zahl von Mischungen liegt in
-diesem Fall bei der Quersumme 14, die 146 verschiedene
-Möglichkeiten der Mischung gibt. Stellt man
-dieses mathematische Ergebnis der verschiedenen Mischungsmöglichkeiten
-zeichnerisch dar, so erhält man
-die gestrichelte Kurve der Abb. 1:</p>
-
-<div class="figcenter illowp70" id="illu-077">
- <img class="w100" src="images/illu-077.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Nun ist die Vierteilung der Begabung natürlich
-durchaus willkürlich, denn jede dieser Gruppen läßt
-sich wieder in eine Unzahl Einzelbegabungen auflösen.
-Fragt man nun, wie die Verhältnisse bei der Annahme<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[78]</span>
-von mehr Begabungsgruppen liegen, so ergibt
-sich, daß die Zahl der Mittelmäßigkeit zu, die
-der Spitzenbegabungen, sowohl im guten wie im
-schlechten Sinne, abnimmt; bei Begabungsgruppen
-gibt es eben die günstigste Quersumme von 48 und
-die ungünstigste von 8 nur einmal unter im ganzen
-1679616 Möglichkeiten der Begabungsmischung,
-während im obigen Beispiel die Quersumme 24 und
-4 einmal unter 1296 möglich war.</p>
-
-<p>Gleiche Einwirkung auf die Kurve ergibt sich, wenn
-man statt 6 Graden der Begabung deren mehr annimmt.
-Nimmt man z. B. wie Galton in seiner
-Untersuchung über die Begabung von 1 Million
-Menschen 16 Grade an, so erhält man die ausgezogene
-Kurve der Abb. 1.</p>
-
-<p>Die Zahl der Einzelbegabungen ist zwar ebenso wie
-deren möglicher Stärkegrad in keiner Weise festlegbar,
-immerhin kann man Galtons Einteilung der Begabung
-als grundlegendes Bild gebrauchen, man muß sich
-nur klar darüber sein, daß eben wegen der Vielzahl
-der möglichen Einzelbegabungen und ihrer Grade in
-Wirklichkeit der Aufstieg der Spitze zum »Talent
-und Genie« noch viel geringer ist, wie natürlich auch
-die nach unten gerichtete Spitze der Minderbegabung
-weniger abfällt. Die Masse einer Bevölkerung ist
-also unbedingt der Mittelmäßigkeit überantwortet.
-Aus ihr ragen Talent und Genie in jähem Aufstieg
-hervor, so daß die Absatzmöglichkeit von Büchern,
-die an der Grenze von Mittelmäßigkeit und des Talentes
-liegen, was die von ihnen geforderten Ansprüche<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[79]</span>
-von Aufnahmefähigkeit anlangt, in einem
-Fall noch verblüffend groß, im anderen, wo es sich
-nur um eine verhältnismäßig geringe Steigerung der
-Schwierigkeit handelt, schon außerordentlich gering
-sein kann. Obwohl also die Mittelmäßigkeit vorherrscht,
-besteht ein großer Trost! Er liegt in der
-Tatsache, daß der unter das Mittelmaß der Begabung
-fallende Mensch sehr wohl in einer Richtung
-Höchstbegabung besitzen kann, die nur durch Minderbegabung
-in anderer Richtung ausgeglichen wird. Und
-in der Tat können wir bei ganz Großen des Geistes
-oder der Seele ausgeprägte menschliche Schwächen
-feststellen, ja, wir tun dies gerne, weil gerade diese
-Schwächen uns über den Abstand, der uns im entscheidenden
-Punkt von ihnen trennt, hinwegtröstet.</p>
-
-<div class="figcenter illowp70" id="illu-079">
- <img class="w100" src="images/illu-079.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Es ist also mit dem Bild der allgemeinen Verteilung<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[80]</span>
-der Begabung nur ein ganz roher Anhaltspunkt
-gegeben dafür, wo die Grenzen der Wirksamkeit
-eines Buches liegen. Immerhin leuchtet das wohl
-jedem ein, daß eben gerade das belanglose Schrifttum
-den breitesten Boden für Absatz hat. Es hat
-keinen Sinn, darüber zu jammern, daß etwa die
-Tarzan-Bücher einen Absatzerfolg erzielen, der im
-schreienden Mißverhältnis zum Absatz der Bücher
-steht, die menschlich wirklich wertvoll sind, von den
-Klassikern gar nicht zu reden.</p>
-
-<p>Man wende nicht ein, daß die Klassiker und auch
-die Bibel doch in unzähligen Ausgaben weit verbreitet
-seien. Wer nüchtern denkt, der weiß, daß mit
-der Verbreitung eines Buches noch lange nicht bewiesen
-ist, daß dieses Buch auch in dem Umfange gelesen
-wird, der seiner Verbreitung entspricht. In all
-diesen Fällen handelt es sich um Einflüsse der Mode
-oder gesellschaftlichen Forderung, die ein Auseinanderfallen
-von Markt und Wirkungsmöglichkeit der Bücher
-herbeiführen. Die Wirkung der Mode ist fast
-immer zufällig und nicht vorherbestimmbar, während
-uns das Beispiel der Klassiker die Beruhigung verleiht,
-daß das wirklich Wertvolle schließlich Allgemeingeltung
-erhält. Ich erinnere an die vielen Bücherschränke
-mit Klassikern in der guten Stube, die nur
-dastehen, weil es für »ungebildet« gilt, sie nicht zu
-besitzen. Die Zahl derjenigen, die das zur Mode gewordene
-Buch Spenglers, »Untergang des Abendlandes«,
-wirklich gelesen haben, schätze ich im Vergleich
-zur Zahl der verbreiteten Stücke dieses Werkes<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[81]</span>
-ganz gering ein. Die meisten können über dieses Buch
-nur deshalb reden, weil sie da und dort einige Äußerungen
-über seinen Inhalt aufgeschnappt haben. Es
-hat aber keinen Zweck, sich über diese Verlogenheit
-zu wundern; denn für das Mittelmaß sind die höchsten
-Werke unserer Klassiker ebensowenig faßbar, wie
-es Spenglers schwere Kost ist. Man kann auch nur
-schwer gegen diese Verlogenheit ankämpfen; denn abgesehen
-davon, daß die Menge solch blinder Schatzbesitzer
-geistig schwer erreichbar ist &ndash; sie liest ja nur,
-was sie erfreut, und Vorwürfe erfreuen nicht&nbsp;&ndash;,
-ist es doch auch eine gute Begleiterscheinung der
-häßlichen Tatsache, daß dem hinreichend Begabten
-eine Unmenge Gelegenheit geschaffen wird, in die
-Welt des hochwertigen Schrifttums einzudringen. Und
-in der Tat! Wie häufig lesen Raffkes Kinder, was
-Raffke nur gekauft hat!</p>
-
-<p>Damit sind wir an einem entscheidenden Punkt:
-Die Gesamtbegabung eines Menschen kommt nämlich
-nie zur vollen Entwicklung! Das sei gerade am Beispiel
-Raffkes verdeutlicht: Würde nämlich Raffke
-seine Begabung, die er nur seinem wirtschaftlichen
-Aufstieg widmete, auch zur Erfassung wertvollen
-Schrifttums verwandt haben, so wäre er eben nicht
-vorwiegend wirtschaftlich vorwärtsgekommen. Zum
-wirtschaftlichen Aufstieg gehört nicht nur Gewinnsucht,
-sondern auch lebendige Auffassungsgabe, Entschlußkraft
-und sonst noch manche Eigenschaft, die
-ebensogut anderen Gebieten zugewandt werden kann.
-Unerfreulich an der echten Raffkegestalt ist ja meistens<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[82]</span>
-eben jene Gewinnsucht als Haupttriebkraft des
-Willens und der Mangel an sittlicher Bremskraft
-beim Einsatz der geistigen Begabung. Daraus erklärt
-sich ohne weiteres die Tatsache, daß Raffkes Kinder
-erfreulichere Gestalten sein können und auch oft sind:
-Sie sind zu satt für eine so starke Entwicklung der
-Gewinnsucht, und ihre Entwicklung in anderen Lebensumständen
-ist auch mehr vor der Überwucherung
-der Giftpflanze Gewissenlosigkeit geschützt. Die Verschiebung
-in der Verwendungsmöglichkeit der Begabung
-ist in diesem Fall auch entscheidend für die
-Aufnahmefähigkeit für wertvolles Schrifttum.</p>
-
-<p>Gerade darum muß hier eine große Gedankenlosigkeit
-in dem Ammonschen Buche als solche gebrandmarkt
-werden: Ammon wies nämlich, auf der
-Einkommensverteilung im Königreich Sachsen fußend,
-darauf hin, daß die Bevölkerungspyramide nach dem
-Einkommen der der Begabung sehr ähnlich sei, und
-er sah darin einen Beweis dafür, wie herrlich alles
-bestellt sei. Das ist natürlich barer Unsinn; denn an
-der Spitze jener Einkommenspyramide kann ein, abgesehen
-von seinen wirtschaftlichen Fähigkeiten, ganz
-minderwertiger Kerl stehen, während manches Talent,
-ja Genie nicht das zum Leben nötigste Einkommen
-hat. Ja noch mehr: Wer seine ganze Willenskraft,
-seine geistige Begabung, seine Zeit ganz der Wirtschaft
-widmet, wird eben nur dort seinen Erfolg
-haben, und die Begrenzung seiner sonstigen Begabung
-ist belanglos, wenn man nach seinem <em class="gesperrt">wirtschaftlichen</em>
-Erfolg fragt. Der gleiche Mann kann körperlich<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[83]</span>
-und seelisch ein Krüppel, auf gewissen geistigen
-Gebieten ein Trottel sein. Auch muß man sich darüber
-klar sein, daß alle Massenuntersuchungen, also
-auch eine über die Möglichkeiten der Einkommensverteilung
-einer Bevölkerung einen ähnlichen Kurvenverlauf
-wie den der Galtonschen Begabungskurve ergeben
-müssen. Entsprechen also die Tatsachen der
-Kurve der Möglichkeiten, so ist das nicht weiter
-verwunderlich, im vorliegenden Fall aber auch keineswegs
-sozial befriedigend.</p>
-
-<p>Für die hier einschlägige Frage nach den Grenzen
-der Wirksamkeit des Buches ergibt sich aus dem
-Gesagten klar, daß wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
-und Aufnahmefähigkeit für hochwertiges Schrifttum
-nicht nur nicht zusammenfallen, sondern sich oft
-geradezu ausschließen. Diese Kluft zu überbrücken ist
-edelste soziale Aufgabe nicht zum wenigsten des Buchhandels,
-der hier durch billiges Angebot ausgleichend
-wirken kann.</p>
-
-<p>Ich zeigte oben, wie die Masse der Bevölkerung
-hinsichtlich der Begabung dem Mittelmaß angehört.
-Gerade darum aber ist es ein Verbrechen, wenn unnötige
-Schwierigkeiten zu den schon bestehenden gehäuft
-werden. Das geschieht leider häufig, indem die
-Schwierigkeiten, die der Inhalt des Buches an sich
-bietet, noch um die weitere vermehrt wird, daß die
-Darstellung in einer Sprache gegeben wird, die jede
-lebendige Vorstellung ertötet. Am schlimmsten steht
-es in dieser Hinsicht mit der Gelehrtensprache, die
-oft in ein für breitere Kreise vollkommen unverständliches<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[84]</span>
-Kauderwelsch verfällt. Dadurch wird die Wissenschaft
-vom Volke abgesondert, sie wird zur Geheimwissenschaft.
-Die Folgen können nicht schlimmer
-in Erscheinung treten, als sie bei uns in Erscheinung
-getreten sind: Man vergegenwärtige sich nur einmal
-das geistige Verhältnis der sozialistischen Wähler zum
-Inhalt der sozialistischen Lehre! Die Masse dieser
-Wählerschaft ist mit der Lehre nur durch die Hoffnung
-verknüpft, daß sie diese Lehre aus ihren Nöten
-herausführen könne. Der eigentliche Inhalt aber ist
-für sie hinter ihrem Sprachschatz fremder Schlagworte
-verborgen.</p>
-
-<p>Es erscheint mir immer unbegreiflicher, daß gerade
-von Gelehrten, die Großes von ihrem sozialen
-Gewissen halten, nicht eingesehen wird, daß die
-Lebendigkeit der Wissenschaftssprache nicht weniger
-soziale Pflicht ist wie die des Besitzenden, sein Kapital
-flüssig zu machen. Es ist die Abschließung von
-der breiten Masse auf Grund des Besitzes von Geld-
-und Sachgütern nicht verwerflicher als die auf Grund
-von geistigen Kenntnissen. Man entgegne nicht, daß
-die Wissenschaft der starken Verwendung von Fremdworten
-nicht entraten könne, ohne zu verflachen. Es
-gab und gibt bedeutende Gelehrte, die ihre Werke
-in lebendiger Sprache verfaßten.</p>
-
-<p>So komme ich zu meinem ketzerischen Schluß:
-Die Absatzmöglichkeit eines Buches ist nahezu unbeschränkt,
-wenn es in lebendiger Sprache geschrieben
-ist. Die wenigsten Schriftsteller und Gelehrten
-haben hinsichtlich ihrer Fähigkeiten einen so weiten<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[85]</span>
-Abstand vom Durchschnitt der Bevölkerung, daß sie
-die Einsamkeit des Genies für sich als Entschuldigung
-in Anspruch nehmen können, wenn sie nur von
-einem kleinen Kreis verstanden werden. Es gibt
-Schlemmerlokale, die nur Frack, Smoking und Lackschuhe
-dulden. Möge es auf geistigem Gebiet bei uns
-keine solchen Schlemmerlokale geben, in denen nur
-der geduldet wird, der seinen Geist in volksfremde
-Sprache kleidet!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[87]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="UEber_die_Zukunft_des_Buches">Über die Zukunft des Buches</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[89]</span></p>
-
-<p class="drop">Es ist eine gefährliche Sache, sich über die Zukunft
-des Buches zu äußern; denn mit solchen Äußerungen
-haben schon eine große Menge Menschen ihre
-Unfähigkeit bewiesen, die Zukunft vorherzusagen: Als
-das moderne Zeitungswesen immer mehr anschwoll,
-hieß es, das sei der Tod des Buches; kurz vor dem
-Krieg konnte man im Börsenblatt für den deutschen
-Buchhandel lange Auseinandersetzungen lesen über die
-Frage, ob das Kino dem Buchabsatz schade oder nütze,
-und durch diese Auseinandersetzungen klang als Unterton
-die Angst, daß dem Buch schwere Gefahr drohe.
-Trotz Zeitung und trotz Kino wuchs aber die deutsche
-Bucherzeugung jährlich zu immer größerem Umfang
-an. Dann kam der Krieg, und rasch war man mit
-der Bemerkung zur Hand, nun sei es mit dem Buchabsatz
-zu Ende. Und wie wurde es? Der Stellungskrieg
-schuf eine Menge neuer Leser, und gegen Ende
-des Kriegs waren die Verlagslager gar mancher Verleger
-nahezu leer. Nun gibt es Leute, die mit ängstlicher
-Miene der Befürchtung Ausdruck gaben, daß
-das Radiofieber dem Buch den Todesstoß versetzen
-werde. Schon aber kann man hören von Riesenauflagen
-der Radiobücher, von unerwartet großem
-Absatz von Operntexten der für Fernübertragung aufgeführten
-Opern.</p>
-
-<p>Aber schon das letzte Beispiel kann uns zeigen, daß
-es wohl überhaupt falsch ist, von der Zukunft <em class="gesperrt">des</em>
-Buches zu sprechen. Rein äußerlich ist ja gewiß der<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[90]</span>
-Begriff Buch etwas Feststehendes: Man denkt an
-gefalzte und zusammengebundene Papierbogen, auf
-denen mit einer Maschine Buchstaben in Druckerschwärze
-aufgedruckt sind, deren Reihenfolge einen
-mehr oder minder erträglichen Sinn gibt. Es ist aber
-doch wohl eine müßige Frage, ob das Buch unabhängig
-von seinem Sinn Zukunft hat.</p>
-
-<p>Schneidet man aber die Frage nach der Zukunft
-des Buches unter Berücksichtigung des Buchinhaltes
-an, so zerfällt die Frage in Tausende von Einzelfragen.
-Das würde allen Leuten sofort einleuchten,
-wenn eben jene Naturgeschichte des Buches geschrieben
-wäre, die geistesgeschichtlich aufzeigen müßte,
-welche Stellung das Buch jeweils in den verschiedenen
-Zweigen des Geisteslebens eingenommen hat. Es
-würde nicht genügen, wenn diese Naturgeschichte des
-Buches nur den Zusammenhang großer geistiger Bewegungen,
-etwa der des Humanismus oder der Aufklärung,
-mit den im Buch liegenden Möglichkeiten
-aufzeigen würde. In mühevoller Kleinarbeit müßte
-die Bedeutung des Schrifttums an sich für alle
-Zeiten und Völker, die des gedruckten Buches als
-Massenerzeugnis im besonderen untersucht werden.</p>
-
-<p>Wie auch die Ergebnisse solcher Arbeit sein werden,
-eines zeigt sich schon bei flüchtigem Überblick:
-Nicht nur die Zeiten wandeln sich, sondern auch der
-Begriff »Buch«, selbstverständlich nach seinem Inhalt
-genommen. Man vergegenwärtige sich nur einmal,
-welche Wandlung z. B. die Zeit der Reformation
-uns Deutschen für den Buchbegriff brachte:<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[91]</span>
-Die Bibelübersetzungen, die Luthers voran, ermöglichten
-dem Volke, die schriftliche Überlieferung der
-Heilslehre selbst zu lesen, der Heilslehre, die im
-Mittelalter trotz mittelbarer Überlieferung das Volk
-mächtig ergriffen hatte. Mit einem Schlage fast bekam
-damit das Wort Buch einen anderen Sinn.</p>
-
-<p>Und heute, in einer Zeit, die nach der klassischen
-Literaturepoche liegt, ist wieder die Bedeutung eine
-andere für die Allgemeinheit als etwa vor 200 Jahren:
-Wir stellen an das »unterhaltende« Buch andere
-Anforderungen, als sie damals überhaupt gestellt
-werden konnten.</p>
-
-<p>Und weiter: Welche Wandlungen hat das wissenschaftliche
-Buch durchgemacht! Der Werkzeugcharakter,
-den ihm das naturwissenschaftlich-technische Zeitalter
-immer mehr gab, wird wohl nicht mehr ganz
-verschwinden, so sehr sich von allen Seiten die Versuche
-mehren, auch der Wissenschaft wieder Werke
-zu schenken, die mehr eine Zusammenschau, eine Eingliederung
-in ein allgemeines Weltbild ermöglichen.
-Die Zeiten, in denen ein Mensch das Wissen seiner
-Zeit etwa so in sich vereinigen konnte wie noch Alexander
-von Humboldt, ist für uns vorbei, und darum
-muß auch unser Verfahren, zu einem Weltbild zu
-kommen, ein anderes sein. Das wird besonders deutlich
-am Werk Spenglers, der den Gedanken, den
-der Titel seines Werkes ausspricht, kühn voranstellt,
-um ihm dann seine wissenschaftlichen Stützen zu
-geben. Gewiß mag er dem Verfasser vom »Untergang
-des Abendlandes« zuerst aufgeblitzt sein, als er auf<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[92]</span>
-einem Gebiet, etwa der Geschichte der Mathematik,
-von unten anfangend eine Entwicklungslinie suchte,
-aber alle seine anderen Untersuchungen standen dann
-unter der Gewalt der zunächst einseitig gewonnenen
-Erkenntnis. So berechtigt vor wenigen Jahrzehnten
-die Ablehnung der Arbeitsweise Spenglers als unwissenschaftlich
-gewesen wäre, so notwendig ist heute
-gerade als wissenschaftliche Forderung eine solche Einseitigkeit,
-um den toten Punkt zu überwinden, den
-uns das zunehmende Fachgelehrtentum mit seinem
-Zug zur Vereinzelung gebracht hat.</p>
-
-<p>Dies Wenige mag zeigen, daß jede Zeit nicht nur
-dem Buch allgemein, sondern auch seinen verschiedenen
-Gattungen eine bestimmte Geistesrichtung zur
-Pflicht macht. Ist man sich über diese Tatsache im
-klaren, so ergibt sich notwendig eine andere Einstellung
-zu der Frage über die Zukunft des Buches. Ganz
-von selbst bleibt man dann nicht mehr so an der
-Oberfläche hängen wie die Vorkriegsbetrachtungen
-über das Kino, die ich erwähnte. Man sucht vielmehr
-die Regungen des Zeitgeistes zu erfassen, die insofern
-für »das Buch« von entscheidender Bedeutung sind,
-als sie nicht nur geeignet sind, in das Schrifttum
-einzudringen, um dessen Inhalt zu ändern, sondern
-auch die Wirkung haben, zum Schrifttum hin oder
-von ihm wegzuführen.</p>
-
-<p>Solcher Einstellung fällt es nicht schwer zu zeigen,
-warum die gewaltige Entwicklung der Tagespresse
-einen Rückgang der Bucherzeugung nicht gebracht
-hat: Diese Entwicklung brachte eine ganz neue<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[93]</span>
-Technik des Lesens, die im stärksten Gegensatz zu
-der früherer Zeiten steht. Nicht mehr die beschauliche
-Erfassung der künstlerischen Einheit von Stoff
-und Form steht im Vordergrund, sondern die möglichst
-rasche Erfassung dessen, was der Leser wissen
-will. Der Leser sucht nur das ihm Wesentliche zu
-erfassen, und wie die Zeitung »überflogen« wird, so
-auch das Buch. Das aber ergibt, daß in wesentlich
-kürzerer Zeit größere Mengen »gelesen« werden können.
-Ich leugne nicht, daß es auch heute noch Leute
-geben mag, die noch im alten Sinne lesen, die Masse
-der Bücherkäufer aber arbeitet nach jener neuzeitlichen
-Lesetechnik, in der Wissenschaft nicht weniger
-als in der schönen Literatur. Immer mehr prägt sich
-dies auch auf dem Büchermarkt selbst aus, denn
-ganz andere Mengen können verschlungen werden,
-und natürlicherweise folgte der so entstandenen gesteigerten
-Nachfrage ein größeres Angebot.</p>
-
-<p>Es hat keinen Zweck, hierüber zu jammern; denn
-der auflösenden Wirkung, die solche Entwicklung
-haben muß, stehen auch Vorteile gegenüber, vor
-allem der, daß eine viel größere Zahl von Schriftstellern
-zu Worte kommt. Das ist deshalb von Bedeutung,
-weil wir nicht gut verlangen können, daß
-unser Schrifttum etwa ständig auf der Höhe der
-klassischen Zeit bleibe. Nicht jede Zeit kann Größen
-wie Goethe und Schiller, Kant und Fichte haben.</p>
-
-<p>Eine Folge aber der neuen Lesetechnik ist der
-immer lauter ertönende Ruf nach der Abbildung, die
-ein viel rascheres Ergreifen des Inhalts möglich<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[94]</span>
-macht, als es die zu Worten und Sätzen geordneten
-Buchstaben vermögen. Heute ist kein geographisches
-Lehrbuch ohne reichliche Beigabe von Bildern und
-Skizzen mehr möglich, und das medizinische Lehrbuch
-wird fast in erster Linie nach der Güte der
-gebotenen Abbildungen eingeschätzt. Die Riesenauflagen
-von bebilderten Zeitschriften, ja solchen, in
-denen das Bild fast allein erzählt, beweisen, daß die
-große Masse der Leser zum Bilderbuch übergegangen
-ist.</p>
-
-<p>Das Kino ist eine Erscheinung, die ganz in diesen
-Rahmen paßt: Der rein sachliche Inhalt eines Romans
-kann ja viel rascher im Kino erfaßt werden
-als durch das Lesen eines Buches, und es ist lächerlich
-zu glauben, daß der eifrige Kinobesucher als
-Romanleser je zu einer Erfassung Kellerscher Kunst
-in dem Sinne kommen kann, wie die Leser der Kellerschen
-Zeit sie als selbstverständlich ansahen. Damit
-ist nicht ausgeschlossen, daß er auf ganz anderem
-Weg zu einem Genuß der Kunst Gottfried Kellers
-kommen kann; in diesem Fall ist aber eben dann der
-sachliche Inhalt ganz zurücktretend, das Künstlerische
-und Reinmenschliche wird »ohne Spannung« genossen,
-rein beschaulich, die Spannung des modernen
-Bilderromans ist schon wegen der Raschheit, in der
-sie erzeugt und gelöst wird, so etwas ganz anderes
-als die des alten Romans, daß Vergleiche nicht mehr
-gezogen werden können.</p>
-
-<p>So kommt es, daß große Teile unseres Schrifttums
-nur aus »geschichtlicher« Einstellung auf einen<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[95]</span>
-anderen, vergangenen Zeitgeist genossen werden. Man
-wird einwenden, daß doch viele Bücher des schöngeistigen
-Schrifttums unserer Zeit in keiner Weise
-dem Kinogeschmack entsprechen und doch weite Verbreitung
-finden. Dem ist entgegenzuhalten, daß zweifellos
-eine große Menge Gebildeter dem Kino wenn
-nicht feindlich, so doch ablehnend auch heute noch
-gegenübersteht, d. h. nicht in dem Maße von der
-Sucht zu sehen statt zu lesen ergriffen sind, daß
-sie nicht auch noch den guten »literarischen« Roman
-genießen könnten. Darüber hinaus gibt es noch Leute,
-die mit snobistischer Gönnerhaftigkeit die gute Literatur
-»pflegen«, besonders wenn sie gut angezogen
-ist. Das alles ändert aber nichts an der Tatsache,
-daß die breite Lesermasse ganz anders geartet ist: Als
-Beweis nenne ich nur den Erfolg von Tarzan und
-den der Magazine, mit denen wir innerhalb eines
-Jahres beglückt wurden.</p>
-
-<p>Daneben läuft eine andere Erscheinung, die der
-geistigen Lage unserer Zeit ebenso entspricht wie die
-Freude am Bild: Es ist die Beliebtheit seelischer Zerfaserung,
-wie sie z. B. gerade von den großen Russen
-gepflegt wurde. Sie ist in ihrer Unerbittlichkeit dem
-Kino verwandt; denn wie dieses beschränkt sie die
-Phantasie des Lesers und bindet ihn an eine strenge
-Eindeutigkeit. Das wird mit einem Schlage klar,
-wenn man sich fragt, ob auch nur eine Person der
-neuzeitlichen Romane in dem Maße als das eigene
-seelische Abbild betrachtet werden könnte, wie das
-mit Goethes Werther der Fall war. Es ist klar, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[96]</span>
-der Leser sich um so leichter in einer Romangestalt
-wiederfinden kann, je mehr deren Schilderung mit
-allgemein menschlichen Zügen aufgebaut ist, je weniger
-Einzelzüge berücksichtigt sind, die der Vorstellung
-vom eigenen Ich widersprechen. So zeigt sich auch
-hier, daß der Leser unserer Zeit beim Lesen viel weniger
-Anteil nimmt, als er betrachtet. Selbst die Form
-wird mehr kritisch-ästhetisch gewertet, als daß die
-Seele im gleichen Rhythmus mitschwingt. Es ist
-eine Versachlichung literarischer Kunst eingetreten, die
-der vorwiegend geschichtlich eingestellten Kunstbetrachtung
-entspricht.</p>
-
-<p>Schon aber bahnt sich eine neue Entwicklung an,
-die in noch durchgreifenderer Weise vom Schrifttum
-wegführt als die Sucht nach bildlicher Darstellung:
-Das gesprochene Wort, der lebendige Klang
-gewinnt wieder mehr Bedeutung. Die junge Lyrik,
-wie sie mit den »Neutönern« begann, suchte zuerst
-wieder Klang in die Dichtung zu bringen, hatten ihre
-Vertreter doch erkannt, daß der Ton unserer Dichtung
-in vieler Hinsicht stumpf geworden war, daß die
-Glocke einen Sprung hatte, daß das Metall, der
-Stoff zwar noch Laut gab, aber keinen singenden Ton.
-»Ihr hört mit tauben Ohren, Und sprecht mit stummem
-Mund«, lautete der Vorwurf von Arno Holz
-an die alten Dichter. Diese Erkenntnis aber einer geistigen
-Oberschicht konnte sich nur in einer Bewegung
-auf schmalster Grundlage auswirken. Die breite Masse
-des Volkes war noch nicht so weit, daß sie unter der
-Tonlosigkeit der Zeitstimme litt. Erst die Aufrüttelung<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[97]</span>
-durch Krieg und Revolution brachte hier Wandlung,
-wenn auch gern zugegeben sein soll, daß die Jugendbewegung
-schon vorher bis in die Arbeiterkreise hinein
-die Sehnsucht nach Klang in sich trug. Sie suchte
-aber mehr unter Anknüpfung an geschichtlich Überliefertes
-das Lied zurückzugewinnen, als daß sie ganz
-allgemein die Stumpfheit unserer Sprache im gesamten
-Schrifttum empfand. Die Erschütterungen seit
-Kriegsbeginn aber zeigten, daß mit dem geschriebenen
-und gedruckten Wort eben nur der begnadete Künstler
-tief wirken kann. Der aber fehlte und fehlt einstweilen
-noch, und so erklärt sich die Erscheinung, daß der Redner
-auch da geradezu triumphierte, wo sich der geistige
-Inhalt seiner Rede in keiner Weise mit den Leitartikeln
-der Presse messen konnte: Die Gewalt des
-mit dem Klang der innerlich ergriffenen Persönlichkeit
-gesprochenen Wortes zeigte sich dem feingeschliffenen
-gedruckten Wort weit überlegen, und zwar nicht
-nur beim »Volk«, sondern auch bei weitesten Kreisen
-der Gebildeten. Ich erlebte es, daß ein ausgewählter
-Kreis von führenden Leuten des Handels und der
-Industrie, dazu Beamte bis zu Ministern, einem bekannten
-Volksredner über zwei Stunden in atemloser
-Spannung lauschte und die meisten erst hinterher
-gewahr wurden, daß der Redner ja über den Gegenstand,
-über den er eigentlich sprechen sollte, so gut
-wie nichts gesagt hatte.</p>
-
-<p>Die Entwicklung des Radio wird der Neigung zum
-gesprochenen Wort wohl noch weiter Vorschub leisten,
-doch glaube ich, daß sehr bald die Sehnsucht nach der<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[98]</span>
-lebendigen Gebärde auch diese Entwicklung wieder in
-andere Richtung lenken wird; denn das Wesentliche
-unserer Zeitrichtung ist die Flucht vor allem Toten,
-die Sehnsucht nach dem Ausdruck lebendiger Persönlichkeit.</p>
-
-<p>Darum bewegen wir uns in gewissem Sinn vom
-Buch immer mehr weg trotz aller Vergrößerung buchgewerblicher
-Erzeugung. Diese verdankt ihren Aufschwung
-der Tatsache, daß das Buch zum Werkzeug
-wurde, nicht nur in der Wissenschaft, nicht nur als
-Schulbuch in weitestem Sinne, sondern nicht minder
-das »schöne« Buch, das in einem Fall Text zu einem
-Kinostück, im anderen zu einem Radiovortrag oder
-zu der beliebten Seelenanatomie ist. Man beachte,
-wie viele Leute heute Goethes Tasso wirklich nur mehr
-als Text zu einer schauspielerischen Leistung eines bestimmten
-Bühnenkünstlers genießen, wie sehr etwa
-bei Darstellern wie Pallenberg die Frage nach dem
-Gehalt des Stückes, nach seinem künstlerischen Wert
-zurücktritt gegenüber der Freude an der Lebendigkeit
-der vorgezauberten Bühnenfigur. Man prüfe in diesem
-Zusammenhang den Erfolg eines Buches wie das von
-Ford. Wurde es von den meisten nicht deshalb zur
-Hand genommen, weil man in ihm brauchbare Rezepte
-vermutete?</p>
-
-<p>Man werfe mir nicht vor, daß ich zu schwarz male.
-Diese Betrachtungen haben nichts zu tun mit Weltschmerz.
-Würden wir heute in einer Zeit blühenden
-Schrifttums stehen wie etwa zur Zeit Goethes, dann
-wäre uns das Buch eben deshalb etwas, weil es das<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[99]</span>
-beste oder eines der besten Ausdrucksmittel unserer
-Zeit wäre. Da wir aber heute kein Schrifttum haben,
-das uns in diesem Sinne bestes Ausdrucksmittel unseres
-Empfindens ist, weil wir keine Vertreter schriftstellerischer
-Kunst haben, die uns ergreifen könnten
-nicht nur allgemein menschlich, sondern gerade als
-Menschen unserer aufgewühlten Zeit, so können wir
-eben nicht mit Literatur unser seelisches Gleichgewicht
-herstellen; denn sie ist zwar Ausdruck unserer Zeit,
-nicht mehr aber hat sie die künstlerische Kraft, um
-die Spannung zu lösen, die uns alle in Bann hält.
-Wir können, einzeln genommen, vielleicht durch ein
-Gedicht Mörikes, Kellers oder auch durch das eines
-neuzeitlichen Dichters erschüttert werden, ja gar mancher
-flieht vielleicht zu Goethe oder noch weiter zurück
-zu einem Großen unseres Schrifttums, das ist aber
-nicht entscheidend für die große Masse, die wie zu
-allen Zeiten <em class="gesperrt">ihre</em> Kunst haben will, die Kunst, die
-vollendeter, Spannung lösender Ausdruck ihrer Zeit
-ist, die Stil ist. Ist es schwarz gesehen, wenn man
-gesteht, daß man in einer Zeit lebt, die ihr Innerstes
-durch schriftstellerische Kunst nicht ausdrücken kann?
-Wäre es nicht feige, diesem Geständnis auszuweichen?
-Ja noch mehr, wäre es nicht undankbar gegenüber
-dem Segen an künstlerischem Schrifttum, den unser
-Volk aufweisen kann, wollte man die Pause nicht
-wahr haben, die nun eingetreten ist auf dem Gebiete
-des künstlerischen Schrifttums? Ebensowenig wie
-der einzelne Mensch kann auch ein Volk immerzu
-schöpferisch sein auf allen Gebieten. Das ist die traurige,<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[100]</span>
-aber doch menschlich große Erkenntnis unserer
-Zeit. Daß sie Spengler mit so großem Erfolg aussprach,
-verdankt er dem Umstand, daß er damit die
-Zeit von dem Druck eines ungewissen Etwas befreite,
-das man wohl gefühlt, aber nicht erkannt hatte.</p>
-
-<p>Am wenigsten ist Grund, mir als Buchhändler
-Schwarzseherei vorzuwerfen, denn der Möglichkeiten
-des Buches als Werkzeug sind heute noch so viele,
-daß die Notwendigkeit des Rückgangs der Erzeugung
-solcher Bücher weit ab liegt. Ja noch mehr, es ist
-eine der Aufgaben unserer Zeit, dem Buch als Werkzeug
-einerseits eine immer zweckmäßigere Form, andrerseits
-eine immer größere Verbreitung zu geben.</p>
-
-<p>Man wird nun sagen, daß es doch trostlos wäre,
-wenn nur diese nüchterne Seite des Buches als Wirkungsfeld
-bliebe. Auch wird man die Frage aufwerfen:
-»Gibt es denn keine Ewigkeitswerte unseres
-Schrifttums?« Beide Einwendungen sind mehr als
-berechtigt. Aber gerade aus ihrer Verbindung läßt
-sich die Antwort für beide gewinnen. Der Wert, den
-unser klassisches Schrifttum in sich birgt und der
-als überzeitlich bezeichnet werden kann, ist nicht ein
-Wert, der ohne weiteres erkannt noch viel weniger
-nutzbar gemacht werden kann, denn er wurzelt in persönlichstem
-Künstlertum. Nirgends gilt der Satz, daß
-das Ererbte erworben werden muß, wenn man es besitzen
-will, mehr als in diesem Zusammenhang. Es ist
-Aufgabe genug, in dieser Richtung alles zu tun, was
-geschehen muß, um diese Quellen offen zu halten. Wir
-müssen uns klar darüber sein, daß jede Zeit eine andere<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[101]</span>
-Einstellung zu Goethe z. B. hat, daß die Wege,
-auf denen man ihr die Größe dieser Persönlichkeit
-nahe bringen muß, verschieden sind. Diese Wege zu
-bahnen durch sinnvolle Zusammenstellung und Auswahl
-sowohl, wie durch entsprechende äußere Form,
-ist eine Pflicht, deren Erfüllung gerade dann am
-wenigsten versäumt werden darf, wenn das Schrifttum
-der eigenen Zeit die Größe nicht erreichen kann,
-die jenem Erbe entspricht. Man bedenke, daß Krieg
-und Revolution eine vollkommen neue Schicht von
-Lesern erzeugt hat, die zwar Leser im neuzeitlichen
-Sinne sind, in deren Reihen aber viele sind, die für
-Wertvolleres gewonnen werden können als für den
-Kitsch des Tages. Ihnen unsere Schätze so billig als
-möglich und doch geschmackvoll zu bieten, ist zwar
-eine in Angriff genommene, aber noch nicht erfüllte
-Aufgabe. Sie beginnt schon beim Lesebuch in der
-Schule und es ist einer der wichtigsten Fortschritte
-unserer Zeit, daß die Schule keine Lesebücher mehr
-will, die nach dem belehrenden Inhalt zusammengestellt
-sind, daß das literarisch wertvolle Buch die Forderung
-des Tages ist; bedauerlich ist nur die Wegerziehung
-vom Buch als künstlerisch geschlossenes Ganzes,
-die in dem Augenblick in gewissen Schulkreisen
-einsetzte, wo erste Kräfte bemüht sind, den Erwachsenen
-das Lesebuch als künstlerisch berechtigte Form
-der Darbietung unseres »Erbes« nahezubringen.</p>
-
-<p>Weiterhin gilt es, sich dem Schrifttum unserer Zeit
-nicht zu verschließen. Denn in ihm liegt eine wichtige
-Möglichkeit, das Gesicht unserer Zeit den folgenden<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[102]</span>
-Geschlechtern zu bewahren; auch diese sollen uns dereinst
-zu verstehen suchen, wie wir dem Sinn der Geschichte
-nachgraben.</p>
-
-<p>Wir müssen unser Schrifttum dafür gewinnen, daß
-es in vermehrtem Maße dazu hilft, das große Erbe
-an die neu heranreifenden Schichten heranzubringen,
-denn die Leserschaft ist bestimmend dafür, daß unser
-Schrifttum in seinen wertvollen Teilen als lebendige
-Kraft erhalten bleibt. Ein wesentlicher Teil unseres
-heutigen schriftstellerischen Schaffens gehört aber der
-Tagespresse und in dieser Tatsache liegen bisher nur
-ganz unvollkommen genützte Möglichkeiten. Der
-Großteil der Presse und des ihm dienenden Schrifttums
-hat gewiß den guten Willen, seine Leser zum
-guten, wertvollen Buch hinzuführen, aber die Planlosigkeit
-mit der dieser Wille sich auswirkt, bringt sie
-um den Erfolg des Bemühens. Nur mit Hilfe des
-Schrifttums unserer Zeit können wir uns der Geschichte
-überliefern, aber auch nur mit seiner Hilfe
-können wir das zur Geschichte gewordene Schrifttum
-unserer großen Zeiten als lebendige Kraft erhalten.</p>
-
-<p>Aus der Geschichte heraus wird uns aber auch dereinst
-ein neuer Morgen des Schrifttums anbrechen,
-der Morgen eines Tages, an dem neue Blüten aufbrechen
-werden an den Sträuchern und Bäumen, die
-heute vielleicht nur buntes Laub tragen.</p>
-
-<p>Wie wir in der Nacht leichter in uns hineinsehen,
-uns auch der Ewigkeit mehr aufschließen können, als
-im Getriebe des Tages, so gilt es auch heute, das
-Gestern mit prüfendem Sinn zu überdenken, der<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[103]</span>
-Möglichkeit, ja der unbeschränkten Möglichkeit des
-Morgen, die Seele zu öffnen auch dadurch, daß wir
-durch Ruhe Kräfte sammeln. Es gibt eine Ruhe, die
-der erste Auftakt zur Leistung ist. Ich höre, wie die
-deutsche Seele in sich hineinhorcht. Sie mag zunächst
-erschrecken über die Stille, die der »Untergang« der
-Sonne um sie verbreitet. Schon aber hat sie begonnen,
-die Ewigkeit wieder zu vernehmen, die ihr in der Zeit
-des Erfolges von Wissenschaft und Technik zu einem
-Rechenbegriff geworden war. Je tiefer wir in diese
-Ewigkeit hineintauchen, um so gekräftigter wird uns
-das Morgen finden, denn aller Wert der Persönlichkeit
-ist bestimmt durch die Überwindung toter Versachlichung
-und durch die in die Ewigkeit wirkende Kraft
-wirklichen Lebens. Der Gehalt an Persönlichkeit aber
-bestimmt auch die Zukunft des Buches.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[104]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td>Vorwort</td>
- <td class="tdr tdb"><a href="#Vorwort">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung</td>
- <td class="tdr tdb"><a href="#Politische_Bildung">7</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Buch und Religion</td>
- <td class="tdr tdb"><a href="#Buch_und_Religion">29</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Buchhandel als Beruf</td>
- <td class="tdr tdb"><a href="#Buchhandel_als_Beruf">59</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Vom buchhändlerischen Markt oder über Grenzen
-der Wirksamkeit des Buches</td>
- <td class="tdr tdb"><a href="#Vom_buchhaendlerischen_Markt">69</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Über die Zukunft des Buches</td>
- <td class="tdr tdb"><a href="#UEber_die_Zukunft_des_Buches">87</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Der Schmutztitel wurde entfernt.</p>
-</div>
-
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BUCH UND BILDUNG ***</div>
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-additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
-Defect you cause.
-</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
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-</div>
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-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
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-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
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-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
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-edition.
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