diff options
Diffstat (limited to 'old/64417-0.txt')
| -rw-r--r-- | old/64417-0.txt | 10076 |
1 files changed, 0 insertions, 10076 deletions
diff --git a/old/64417-0.txt b/old/64417-0.txt deleted file mode 100644 index d3740bb..0000000 --- a/old/64417-0.txt +++ /dev/null @@ -1,10076 +0,0 @@ -The Project Gutenberg eBook of Tom Sawyers Abenteuer und Streiche, by Mark -Twain - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Tom Sawyers Abenteuer und Streiche - -Author: Mark Twain - -Illustrator: H. Schrödter - -Release Date: January 29, 2021 [eBook #64417] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOM SAWYERS ABENTEUER UND -STREICHE *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Mark Twains - - ausgewählte - - humoristische Schriften - - Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter= - - Erster Band: - - Tom Sawyers Abenteuer und Streiche - - [Illustration] - - Stuttgart - - Verlag von Robert Lutz - 1908 - - - - - Tom Sawyers - - Abenteuer und Streiche - - Von - - Mark Twain - - Illustriert von =H. Schrödter= - - [Illustration] - - Stuttgart - - Verlag von Robert Lutz - 1908 - - - - -Alle Rechte vorbehalten. - - -Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart. - -[Illustration: Mark Twain] - - - - -Mark Twain. - - -Der amerikanische Humor ist eine eigenartige Pflanze, von der viele -glauben, daß sie nicht in fremden Boden versetzt werden kann. -Dennoch giebt es unter den Humoristen des Westens _einen_ Namen, der -weltbekannt ist: _Mark Twain_. Mark Twain ist durch die im Jahre 1892 -in meinem Verlag erschienene Gesamtausgabe seiner besten humoristischen -Schriften auch in Deutschland in weitesten Kreisen bekannt geworden. -Es ist nur ein Zeichen seiner zunehmenden Volkstümlichkeit bei uns, -daß zur Herausgabe der vorliegenden illustrierten Ausgabe geschritten -werden konnte. - -Daß es sich bei einer deutschen Ausgabe von Mark Twains humoristischen -Werken nur um eine, mit möglichster Sorgfalt getroffene Auswahl -handeln kann, versteht sich von selbst. Was sich ausschließlich auf -lokale Verhältnisse bezieht oder vergangene Zustände behandelt, -die für den Leser auch kein genügendes historisches Interesse mehr -haben, mußte ausgeschlossen werden. Dies ist auch der Grund, warum -gerade das umfangreiche Werk, durch welches Mark Twain zuerst seinen -Ruf begründete, »~Innocents Abroad~« (»Die Harmlosen auf Reisen«), -worin der Verfasser seine erste Reise nach Europa und in's Morgenland -schildert, nur durch die Wiedergabe einiger, besonders gelungener, -heiterer Scenen und Skizzen in unserer Sammlung[1] vertreten ist. - - [1] Band 6 derselben. - -Der Humor des berühmten Amerikaners hat seitdem vieles von bleibenderem -Werte gezeugt. Er hat Typen geschaffen, die so ganz aus dem Leben -gegriffen sind, daß wir meinen, sie verkörpert vor uns zu sehen. Es -liegt etwas unwiderstehlich Packendes und Naturwahres in der harmlosen -Art, mit der er den Ernst des Lebens zu parodieren weiß und uns zwingt, -über die menschlichen Schwächen und Erbärmlichkeiten, die er uns -vorführt, zu lachen. Wir thun dies um so lieber, da wir Mark Twain, bei -allem Scherz, stets auf der Seite der Wahrheit und des Rechtes sehen, -wo es gilt, für echte Menschenwürde und Menschenliebe einzutreten und -jeden trügerischen und falschen Schimmer zu verachten. Dennoch werden -seine Schriften nie lehrhaft. Wenn sie auch häufig stark auftragen -und sich in Uebertreibungen gefallen, so ist doch jede Unnatur darin -vermieden, und es ist gerade das Ungesuchte in der Ausdrucksweise, was -ihnen die erquickende Frische und Ursprünglichkeit verleiht. - -Mark Twains Lebenslauf spiegelt sich am besten in seinen Büchern -wieder, die zum großen Teil Selbstbiographie sind. Er hat sich, lange -bevor er Schriftsteller wurde, als praktisch brauchbares Glied der -Gesellschaft bewährt, und verschiedene Berufsarten, die er von Grund -aus kennen lernte, haben ihn in die engste Beziehung zum Volksleben -gebracht. Aber mitten in harter Arbeit, in Armut und Entbehrung -betrachtet Mark Twain schon von frühe auf die Menschen und Dinge mit -dem Auge des Dichters und Humoristen und bleibt dabei seiner Kernnatur -stets treu, selbst unter den wechselndsten Schicksalen. - -Der Leser findet am Schluß des letzten (6.) Bandes eine eingehende -Lebensbeschreibung Mark Twains; an dieser einleitenden Stelle mag es -genügen, unseren Meister durch eine kleine Skizze einzuführen. - -Samuel L. Clemens -- der sich als Schriftsteller Mark Twain nennt, -- -wurde am 30. November 1835 in dem Städtchen Florida im gleichnamigen -Staate der Union geboren. Bald darauf zog sein Vater, ein strenger, -äußerst rechtschaffener Geschäftsmann, nach Hannibal am Mississippi, -wo der junge Clemens seine Knabenjahre verlebte. Er war kaum zwölf -Jahre alt, als der Vater starb; die Familie blieb in drückenden -Verhältnissen zurück, und der Knabe sah sich darauf angewiesen, für -sein eigenes Fortkommen zu sorgen. Trotz mangelhafter Schulbildung war -in ihm schon frühzeitig ein litterarischer Hang erwacht, den er, wie -so mancher seiner Landsleute, der später berühmt geworden ist, dadurch -zu befriedigen suchte, daß er als Lehrling in eine Druckerei eintrat. -Hierauf folgten nun mehrere Wanderjahre als Setzer und Buchdrucker, die -ihn bis nach New York und Philadelphia führten. - -Siebzehn Jahre alt kehrte Clemens nach Hannibal zurück und begann nach -kurzer Frist ein Reisen auf andere Art. Das Leben auf dem Mississippi -zog ihn mächtig an, er ging zu Schiffe und erlernte den Lotsendienst -auf einem Dampfer zwischen St. Louis und New Orleans. Als jedoch durch -den zunehmenden Eisenbahnverkehr und den Ausbruch des Bürgerkrieges -die Stromfahrten in's Stocken gerieten, mußte sich der junge Mann nach -einem andern Beruf umsehen. Im 4. Bande dieser Sammlung findet sich -eine anschauliche Schilderung seiner Erlebnisse während jener Zeit. - -Mehr durch die Umstände gezwungen als aus innerem Antrieb, schloß sich -Clemens nun den Rebellionstruppen an, doch nur auf wenige Wochen, denn -die unorganisierte Schar, zu welcher er gehörte, löste sich wieder auf. - -Kurze Zeit nachher begleitete er seinen Bruder, der zum Vizegouverneur -von Nevada ernannt worden war, als dessen Privatsekretär nach -diesem Territorium; doch legte er dies Amt bald nieder und ging als -Goldgräber in die Bergwerke. Mark Twain hat uns die Wanderung nach -dem Felsengebirge und sein Leben unter den Bergleuten mit Meisterhand -beschrieben. Schätze fand er dort aber nicht. Er mußte endlich -einsehen, daß das Glück ihm abhold sei und war froh, eine Stelle als -Zeitungsredakteur in Virginia City zu erhalten. Seine Artikel im -»Enterprise« unterzeichnete er zum erstenmal mit »Mark Twain«, dem -Schriftstellernamen, welchen er sich gewählt hatte. Auf dem Mississippi -pflegen nämlich die Matrosen beim Handhaben des Senkbleis in ihrer -Seemannssprache »~Mark twain~« zu rufen, anstatt »~Mark two~«, und das -lag ihm noch von seiner Lotsenzeit her in der Erinnerung. - -Im Jahre 1864 ging Clemens, gleichfalls als Redakteur, nach -San Francisco. Hier erschienen seine humoristischen Skizzen in -verschiedenen Blättern; bald ward sein Name an der Küste des Stillen -Ozeans allgemein bekannt, und zwei Jahre später schickte man ihn als -Zeitungskorrespondenten nach den Sandwichinseln. Von seinen Erlebnissen -im fernen Westen giebt uns das Buch »~Roughing It~«[2] eine ergötzliche -Beschreibung. - - [2] Band 4 und 5 der vorliegenden Ausgabe. - -Nach San Francisco zurückgekehrt, trat Mark Twain als öffentlicher -Vorleser in Kalifornien und Nevada auf, wo dergleichen damals noch -etwas Neues war. In das Jahr 1867 fällt seine erste Reise nach Europa -und dem Orient, welche die »~Innocents Abroad~« schildern. Bald nach -seiner Heimkehr trat er in die Ehe und ließ sich nun zuerst in Buffalo -und darauf in Hartford nieder, welches seitdem der dauernde Wohnsitz -der Familie geblieben ist. - -Sein Stillleben unterbricht Mark Twain zuweilen durch Vorlesungen -oder Reisen. Er ist in den letzten Jahrzehnten wiederholt in Europa -gewesen und hat jedesmal mit Vorliebe deutsche Lande zu einem längeren -Aufenthalt gewählt. Während er 1892 in Berlin weilte, wo er u. a. mit -dem deutschen Kaiser eine Begegnung hatte, ließ er sich im Herbst 1897 -in Wien nieder, um da ein Jahr zu verbringen. Der Leser wird im letzten -Band dieser Sammlung eine Anzahl ergötzliche Skizzen finden, in welchen -sich die Reiseeindrücke wiederspiegeln, die Mark Twain auf seinen -verschiedenen Reisen in Deutschland, der Schweiz und sonst in Europa -empfangen hat. - - =Stuttgart=, Januar 1898. - - =Die Verlagshandlung Robert Lutz.= - - - - -Tom Sawyers - -Abenteuer und Streiche. - -[Illustration] - - - - - Die meisten der im Tom Sawyer erzählten Abenteuer sind wirklich - vorgekommen. Eines oder zwei habe ich selbst erlebt, die - anderen meine Schulkameraden. Huck Finn ist nach dem Leben - gezeichnet, Tom Sawyer ebenfalls, jedoch mit dem Unterschied, - daß in ihm die Charaktereigenschaften mehrerer Knaben vereinigt - sind. - - _Hartford_, 1876. - - =Der Verfasser.= - - - - -Erstes Kapitel. - - -»Tom!« - -Keine Antwort. - -»Tom!« - -Tiefes Schweigen. - -»Wo der Junge nun wieder steckt, möcht' ich wissen. Du -- Tom!« - -Die alte Dame zog ihre Brille gegen die Nasenspitze herunter und -starrte drüber weg im Zimmer herum, dann schob sie sie rasch wieder -empor und spähte drunter her nach allen Seiten aus. Nun und nimmer -würde sie dieselbe so entweiht haben, daß sie durch die geheiligten -Gläser hindurch nach solchem geringfügigen Gegenstand geschaut hätte, -wie ein kleiner Junge einer ist. War es doch ihre Staatsbrille, der -Stolz ihres Herzens, welche sie sich nur der Zierde und Würde halber -zugelegt, keineswegs zur Benutzung, -- ebenso gut hätte sie durch -ein paar Kochherdringe sehen können. Einen Moment lang schien sie -verblüfft, da sie nichts entdecken konnte, dann ertönte wiederum -ihre Stimme, nicht gerade ärgerlich, aber doch laut genug, um von der -Umgebung, dem Zimmergerät nämlich, gehört zu werden: »Wart', wenn ich -dich kriege, ich -- --« - -Sie beendete den Satz nicht, denn sie war inzwischen ans Bett -herangetreten, unter welchem sie energisch mit dem Besen herumstöberte, -was ihre ganze Kraft, all ihren Atem in Anspruch nahm. Trotz der -Anstrengung förderte sie jedoch nichts zu Tage, als die alte Katze, die -ob der Störung sehr entrüstet schien. - -»So was wie den Jungen giebt's nicht wieder!« - -Sie trat unter die offene Hausthüre und ließ den Blick über die Tomaten -und Kartoffeln schweifen, welche den Garten vorstellten. Kein Tom zu -sehen! Jetzt erhob sich ihre Stimme zu einem Schall, der für eine -ziemlich beträchtliche Entfernung berechnet war: - -»Holla -- du -- To--om!« - -Ein schwaches Geräusch hinter ihr veranlaßte sie, sich umzudrehen und -zwar eben noch zu rechter Zeit, um einen kleinen, schmächtigen Jungen -mit raschem Griff am Zipfel seiner Jacke zu erwischen und eine offenbar -geplante Flucht zu verhindern. - -»Na, natürlich! An die Speisekammer hätte ich denken müssen! Was hast -du drinnen wieder angestellt?« - -»Nichts.« - -»Nichts? Na, seh' mal einer! Betracht' mal deine Hände, he, und was -klebt denn da um deinen Mund?« - -»Das weiß _ich_ doch nicht, Tante!« - -»So, aber _ich_ weiß es. Marmelade ist's, du Schlingel, und gar nichts -anderes. Hab' ich dir nicht schon hundertmal gesagt, wenn du mir _die_ -nicht in Ruhe ließest, wollt' ich dich ordentlich gerben? Was? Hast -du's vergessen? Reich' mir mal das Stöckchen da!« - -Schon schwebte die Gerte in der Luft, die Gefahr war dringend. - -»Himmel, sieh doch mal hinter dich, Tante!« - -Die alte Dame fuhr herum, wie von der Tarantel gestochen, und packte -instinktiv ihre Röcke, um sie in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig -war der Junge mit einem Satz aus ihrem Bereich, kletterte wie ein -Eichkätzchen über den hohen Bretterzaun und war im nächsten Moment -verschwunden. Tante Polly sah ihm einen Augenblick verdutzt, wortlos -nach, dann brach sie in leises Lachen aus. - -[Illustration] - -»Hol' den Jungen der und jener! Kann ich denn nie gescheit werden? Hat -er mir nicht schon Streiche genug gespielt, daß ich mich endlich einmal -vor ihm in acht nehmen könnte! Aber, wahr ist's, alte Narren sind -die schlimmsten, die's giebt, und ein alter Pudel lernt keine neuen -Kunststückchen mehr, heißt's schon im Sprichwort. Wie soll man aber -auch wissen, was der Junge im Schild führt, wenn's jeden Tag was andres -ist! Weiß der Bengel doch genau, wie weit er bei mir gehen kann, bis -ich wild werde, und ebenso gut weiß er, daß, wenn er mich durch irgend -einen Kniff dazu bringen kann, eine Minute zu zögern, ehe ich zuhaue, -oder wenn ich gar lachen muß, es aus und vorbei ist mit den Prügeln. -Weiß Gott, ich thu' meine Pflicht nicht an dem Jungen. ›Wer sein Kind -lieb hat, der züchtiget es‹, heißt's in der Bibel. Ich aber, ich -- -Sünde und Schande wird über uns kommen, über meinen Tom und mich, ich -seh's voraus, Herr, du mein Gott, ich seh's kommen! Er steckt voller -Satanspossen, aber, lieber Gott, er ist meiner toten Schwester einziger -Junge, und ich hab' nicht das Herz ihn zu hauen. Jedesmal, wenn ich ihn -durchlasse, zwickt mich mein Gewissen ganz grimmig, und hab' ich ihn -einmal tüchtig vorgenommen, dann -- ja dann will mir das alte, dumme -Herz beinahe brechen. Ja, ja, der vom Weibe geborene Mensch ist arm -und schwach, kurz nur währen seine Tage und sind voll Müh und Trübsal, -so sagt die hl. Schrift und wahrhaftig, es ist so! Heut' wird sich der -Bengel nun wohl nicht mehr blicken lassen, wird die Schule schwänzen, -denk' ich, und ich werd' ihm wohl für morgen irgend eine Strafarbeit -geben müssen. Ihn am Sonnabend,[3] wenn alle Jungen frei haben, -arbeiten zu lassen, ist fürchterlich hart, namentlich für Tom, der die -Arbeit mehr scheut, als irgend was sonst, aber ich muß meine Pflicht -thun an dem Jungen, wenigstens einigermaßen, ich _muß_, sonst bin ich -sein Verderben!« - - [3] In Amerika, sowie in England, ist stets der Sonnabend ein - schulfreier Tag. - -Tom, der, wie Tante Polly sehr richtig geraten, die Schule schwänzte, -ließ sich am Nachmittag nicht mehr blicken, sondern trieb sich draußen -herum und vergnügte sich königlich dabei. Gegen Abend erschien er dann -wieder, kaum zur rechten Zeit vor dem Abendessen, um Jim, dem kleinen -Niggerjungen, helfen zu können, das nötige Holz für den nächsten Tag -klein zu machen. Dabei blieb ihm aber Zeit genug, Jim sein Abenteuer zu -erzählen, während dieser neun Zehntel der Arbeit that. Toms jüngerer -Bruder, oder besser Halbbruder, Sid,[4] hatte seinen Teil am Werke, -das Zusammenlesen der Holzspäne, schon besorgt. Er war ein fleißiger, -ruhiger Junge, nicht so unbändig und abenteuerlustig wie Tom. Während -dieser sich das Abendessen schmecken ließ und dazwischen bei günstiger -Gelegenheit Zuckerstückchen stibitzte, stellte Tante Polly ein, wie sie -glaubte äußerst schlaues und scharfes Kreuzverhör mit ihm an, um ihn zu -verderbenbringenden Geständnissen zu verlocken. Wie so manche andere -arglos-schlichte Seele glaubte sie an ihr Talent für die schwarze, -geheimnisvolle Kunst der Diplomatie. Es war der stolzeste Traum ihres -kindlichen Herzens, und die allerdurchsichtigsten kleinen Kniffe, deren -sie sich bediente, schienen ihr wahre Wunder an Schlauheit und List. So -fragte sie jetzt: - - [4] Abkürzung von Sidney. - -»Tom, es war wohl ziemlich warm in der Schule?« - -»Ja, Tante.« - -»Sehr warm, nicht?« - -»Ja, Tante.« - -»Hast du nicht Lust gehabt schwimmen zu gehen?« - -Wie ein warnender Blitz durchzuckte es Tom, -- hatte sie Verdacht? Er -suchte in ihrem Gesichte zu lesen, das verriet nichts. So sagte er: - -»N--nein, Tante -- das heißt nicht viel.« - -Die alte Dame streckte die Hand nach Toms Hemdkragen aus, befühlte den -und meinte: - -»Jetzt ist dir's doch nicht mehr zu warm, oder?« - -Und dabei bildete sie sich ein, bildete sich wirklich und wahrhaftig -ein, sie habe den trockenen Zustand besagten Hemdes entdeckt, ohne daß -eine menschliche Seele ahne, worauf sie ziele. Tom aber wußte genau, -woher der Wind wehte, so kam er der mutmaßlich nächsten Wendung zuvor. - -»Ein paar von uns haben die Köpfe unter die Pumpe gehalten -- meiner -ist noch naß, sieh!« - -Tante Polly empfand es sehr unangenehm, daß sie diesen belastenden -Beweis übersehen und sich so im voraus aus dem Felde hatte schlagen -lassen. Ihr kam eine neue Eingebung. - -»Tom, du hast doch wohl nicht deinen Hemdkragen abnehmen müssen, den -ich dir angenäht habe, um dir auf den Kopf pumpen zu lassen, oder? -Knöpf doch mal deine Jacke auf!« - -Aus Toms Antlitz war jede Spur von Sorge verschwunden. Er öffnete die -Jacke, der Kragen war fest und sicher angenäht. - -»Daß dich --! Na, mach' dich fort. Ich hätte Gift drauf genommen, daß -du heut' mittag schwimmen gegangen bist. Wollen's gut sein lassen. -Dir geht's diesmal wie der verbrühten Katze, du bist besser, als du -aussiehst -- aber nur diesmal, Tom, nur diesmal!« - -Halb war's ihr leid, daß alle ihre angewandte Schlauheit so ganz -umsonst gewesen, und halb freute sie sich, daß Tom doch einmal -wenigstens, gleichsam unversehens, in den Gehorsam hinein gestolpert -war. - -Da sagte Sidney: - -»Ja aber, Tante, hast du denn den Kragen mit schwarzem Zwirn aufgenäht?« - -»Schwarz? Nein, er war weiß, so viel ich mich erinnere, Tom!« - -Tom aber wartete das Ende der Unterredung nicht ab. Wie der Wind war er -an der Thüre, rief beim Abgehen Sid noch ein freundschaftliches ›wart', -das sollst du mir büßen‹ zu und war verschwunden. - -An sicherem Orte untersuchte er darauf zwei eingefädelte Nähnadeln, die -er in das Futter seiner Jacke gesteckt trug, die eine mit weißem, die -andere mit schwarzem Zwirn, und brummte vor sich hin: - -»Sie hätt's nie gemerkt, wenn's der dumme Kerl, der Sid, nicht verraten -hätte. Zum Kuckuck! Einmal nimmt sie weißen und einmal schwarzen Zwirn, -wer kann das behalten. Aber Sid soll seine Keile schon kriegen; der -soll mir nur kommen!« - -Tom war mit nichten der Musterjunge seines Heimatortes, -- es gab aber -einen solchen, und Tom kannte und verabscheute ihn rechtschaffen. - -Zwei Minuten später, oder in noch kürzerer Zeit, hatte er alle seine -Sorgen vergessen. Nicht, daß sie weniger schwer waren oder weniger -auf ihm lasteten, wie eines Mannes Sorgen auf eines Mannes Schultern, -nein durchaus nicht, aber ein neues mächtiges Interesse zog seine -Gedanken ab, gerade wie ein Mann die alte Last und Not in der Erregung -eines neuen Unternehmens vergessen kann. Dieses starke und mächtige -Interesse war eine eben errungene, neue Methode im Pfeifen, die ihm -ein befreundeter Nigger kürzlich beigebracht hatte, und die er nun -ungestört üben wollte. Die Kunst bestand darin, daß man einen hellen, -schmetternden Vogeltriller hervorzubringen sucht, indem man in kurzen -Zwischenpausen während des Pfeifens mit der Zunge den Gaumen berührt. -Wer von den Lesern jemals ein Junge gewesen ist, wird genau wissen, -was ich meine. Tom hatte sich mit Fleiß und Aufmerksamkeit das Ding -baldigst zu eigen gemacht und schritt nun die Hauptstraße hinunter, -den Mund voll tönenden Wohllauts, die Seele voll stolzer Genugthuung. -Ihm war ungefähr zu Mute, wie einem Astronomen, der einen neuen Stern -entdeckt hat, doch glaube ich kaum, daß die Freude des glücklichen -Entdeckers der seinen an Größe, Tiefe und ungetrübter Reinheit gleich -kommt. - -Die Sommerabende waren lang. Noch war's nicht dunkel geworden. Toms -Pfeifen verstummte plötzlich. Ein Fremder stand vor ihm, ein Junge, -nur vielleicht einen Zoll größer als er selbst. Die Erscheinung eines -Fremden irgend welchen Alters oder Geschlechtes war ein Ereignis in -dem armen, kleinen Städtchen St. Petersburg. Und dieser Junge war -noch dazu sauber gekleidet, -- sauber gekleidet an einem Wochentage! -Das war einfach geradezu unfaßlich, überwältigend! Seine Mütze war -ein niedliches, zierliches Ding, seine dunkelblaue, dicht zugeknöpfte -Tuchjacke nett und tadellos: auch die Hosen waren ohne Flecken. Schuhe -hatte er an, Schuhe, und es war doch heute erst Freitag, noch zwei -ganze Tage bis zum Sonntag! Um den Hals trug er ein seidenes Tuch -geschlungen. Er hatte so etwas Zivilisiertes, so etwas Städtisches -an sich, das Tom in die innerste Seele schnitt. Je mehr er dieses -Wunder von Eleganz anstarrte, je mehr er die Nase rümpfte über den -›erbärmlichen Schwindel‹, wie er sich innerlich ausdrückte, desto -schäbiger und ruppiger dünkte ihm seine eigene Ausstattung. Keiner -der Jungen sprach. Wenn der eine sich bewegte, bewegte sich auch der -andere, aber immer nur seitwärts im Kreise herum. So standen sie -einander gegenüber, Angesicht zu Angesicht, Auge in Auge. Schließlich -sagte Tom: - -»Ich kann dich unter kriegen!« - -»Probier's einmal!« - -»N -- ja, ich kann.« - -»Nein, du kannst nicht.« - -»Und doch!« - -»Und doch nicht!« - -»Ich kann's.« - -»Du kannst's nicht.« - -»Kann's.« - -»Kannst's nicht.« - -Ungemütliche Pause. Dann fängt Tom wieder an: - -»Wie heißt du?« - -»Geht dich nichts an.« - -»Will dir schon zeigen, daß mich's angeht.« - -»Nun, so zeig's doch.« - -»Wenn du noch viel sagst, thu' ich's.« - -»Viel -- viel -- _viel_! Da! Nun komm 'ran!« - -»Ach, du hältst dich wohl für furchtbar gescheit, gelt du! Du Putzaff'! -Ich könnt' dich ja unterkriegen, mit einer Hand auf den Rücken -gebunden, -- wenn ich nur wollt'!« - -»Na, warum _thust_ du's denn nicht? Du _sagst's_ doch immer nur!« - -»Wart', ich thu's, wenn du dich mausig machst!« - -»Ja, ja, sagen kann das jeder, aber thun -- thun ist was andres.« - -»Aff' du! Gelt du meinst, du seist was Rechtes? -- Puh, was für ein -Hut!« - -»Guck' wo anders hin, wenn er dir nicht gefällt. Schlag' ihn doch -runter! Der aber, der's thut, wird den Himmel für 'ne Baßgeig' ansehen!« - -»Lügner, Prahlhans!« - -»Selber!« - -»Maulheld! Gelt, du willst dir die Hände schonen?« - -»O -- geh' heim!« - -»Wart', wenn du noch mehr von deinem Blödsinn verzapfst, so nehm' ich -einen Stein und schmeiß' ihn dir an deinem Kopf entzwei.« - -»Ei, natürlich, -- schmeiß' nur!« - -»Ja, ich thu's!« - -»Na, warum denn nicht gleich? Warum wartst du denn noch? Warum _thust_ -du's nicht? Ätsch, du hast Angst!« - -»Ich hab' keine Angst.« - -»Doch, doch!« - -»Nein, ich hab' keine.« - -»Du hast welche!« - -Erneute Pause, verstärktes Anstarren und langsames Umkreisen. Plötzlich -stehen sie Schulter an Schulter. Tom sagt: - -»Mach' dich weg von hier!« - -»Mach' dich selber weg!« - -»Ich nicht!« - -»_Ich_ gewiß nicht!« - -So stehen sie nun fest gegeneinander gepreßt, jeder als Stütze ein -Bein im Winkel vor sich gegen den Boden stemmend, und schieben, -stoßen und drängen sich gegenseitig mit aller Gewalt, einander mit -wutschnaubenden, haßerfüllten Augen anstarrend. Keiner aber vermag dem -andern einen Vorteil abzugewinnen. Nachdem sie so schweigend gerungen, -bis beide ganz heiß und glühendrot geworden, lassen sie wie auf -Verabredung langsam und vorsichtig nach und Tom sagt: - -»Du bist ein Feigling und ein Aff' dazu. Ich sag's meinem großen -Bruder, der haut dich mit seinem kleinen Finger krumm und lahm, wart' -nur!« - -»Was liegt mir an deinem großen Bruder! Meiner ist noch viel größer, -wenn der ihn nur anbläst, fliegt er über den Zaun, ohne daß er weiß -wie!« (Beide Brüder existierten nur in der Einbildung.) - -»Das ist gelogen!« - -»Was weißt denn du?« - -Tom zieht nun mit seiner großen Zehe eine Linie in den Staub und sagt: - -»Da spring' 'rüber und ich hau' dich, daß du deinen Vater nicht von -einem Kirchturm unterscheiden kannst!« - -Der neue Junge springt sofort, ohne sich zu besinnen, hinüber und ruft: - -»Jetzt komm endlich 'ran und thu's und hau', aber prahl' nicht länger!« - -»Reiz' mich nicht, nimm dich in acht!« - -»Na, nun mach' aber, jetzt bin ich's müde! Warum kommst du nicht!« - -»Weiß Gott, jetzt thu' ich's für zwei Pfennig!« - -Flink zieht der fremde Junge zwei Pfennige aus der Tasche und hält sie -Tom herausfordernd unter die Nase. - -Tom schlägt sie zu Boden. - -Im nächsten Moment wälzen sich die Jungen fest umschlungen im Staube, -krallen einander wie Katzen, reißen und zerren sich an den Haaren -und Kleidern, bläuen und zerkratzen sich die Gesichter und Nasen und -bedecken sich mit Schmutz und Ruhm. Nach ein paar Minuten etwa nimmt -der sich wälzende Klumpen Gestalt an, und in dem Staub des Kampfes wird -Tom sichtbar, der rittlings auf dem neuen Jungen sitzt und denselben -mit den Fäusten bearbeitet. - -[Illustration] - -»Schrei ›genug‹,« mahnt er. - -Der Junge ringt nur stumm, sich zu befreien, er weint vor Zorn und Wut. - -»Schrei ›genug‹,« mahnt Tom noch einmal und drischt lustig weiter. - -Endlich stößt der Fremde ein halb ersticktes »genug« hervor, Tom läßt -ihn alsbald los und sagt: »Jetzt hast du's, das nächste Mal paß' auf, -mit wem du anbindst!« - -Der fremde Junge rannte heulend davon, sich den Staub von den Kleidern -klopfend. Gelegentlich sah er sich um, ballte wütend die Faust und -drohte, was er Tom alles thun wolle, »wenn er ihn wieder erwische.« Tom -antwortete darauf nur mit Hohngelächter und machte sich, wonnetrunken -ob der vollbrachten Heldenthat, in entgegengesetzter Richtung auf. -Sobald er aber den Rücken gewandt hatte, hob der besiegte Junge -einen Stein, schleuderte ihn Tom nach und traf ihn gerade zwischen -den Schultern, dann gab er schleunigst Fersengeld und lief davon wie -ein Hase. Tom wandte sich und setzte hinter dem Verräter her, bis zu -dessen Hause, wodurch er herausfand, wo dieser wohnte. Er pflanzte -sich vor das Gitter hin und forderte den Feind auf, heraus zu kommen -und den Streit aufzunehmen, der aber weigerte sich und schnitt ihm nur -Grimassen durch das Fenster. Endlich kam die Mutter des Feindes zum -Vorschein, schalt Tom einen bösen, ungezogenen, gemeinen Buben und hieß -ihn sich fort machen. Tom trollte sich also, brummte aber, er wollte es -dem Affen schon noch zeigen. - -Erst sehr spät kam er nach Hause, und als er vorsichtig zum Fenster -hineinklettern wollte, stieß er auf einen Hinterhalt in Gestalt der -Tante. Als diese dann den Zustand seiner Kleider gewahrte, gedieh ihr -Entschluß, seinen freien Sonnabend in einen Sträflingstag bei harter -Arbeit zu verwandeln, zu eiserner Festigkeit. - -[Illustration] - - - - -Zweites Kapitel. - - -Der Sonnabend-Morgen tagte, die ganze sommerliche Welt draußen war -sonnig und klar, sprudelnd von Leben und Bewegung. In jedem Herzen -schien's zu klingen und zu singen, und wenn das Herz jung war, trat der -Klang unversehens auf die Lippen. Freude und Lust malte sich in jedem -Antlitz, jeder Schritt war beflügelt. Die Akazien blühten und erfüllten -mit ihrem köstlichen Duft rings alle Lüfte. - -Tom erschien auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Tünche und einem -langstieligen Pinsel. Er stand vor dem Zaun, besah sich das zukünftige -Feld seiner Thätigkeit, und es war ihm, als schwände mit einem Schlag -alle Freude aus der Natur. Eine tiefe Schwermut bemächtigte sich seines -ahnungsvollen Geistes. Dreißig Meter lang und neun Fuß hoch war der -unglückliche Zaun! Das Leben schien ihm öde, das Dasein eine Last. -Seufzend tauchte er den Pinsel ein und fuhr damit über die oberste -Planke, wiederholte das Manöver einmal und noch einmal. Dann verglich -er die unbedeutende, übertünchte Strecke mit der Riesenausdehnung -des noch ungetünchten Zaunes und ließ sich entmutigt auf ein paar -knorrigen Baumwurzeln nieder. Jim, der kleine Nigger, trat singend -und springend aus dem Hofthor mit einem Holzeimer in der Hand. Wasser -an der Dorfpumpe holen zu müssen, war Tom bis jetzt immer gründlich -verhaßt gewesen, in diesem Augenblick dünkte es ihm die höchste Wonne. -Er erinnerte sich, daß man dort immer Gesellschaft traf; Weiße, -Mulatten und Nigger-Jungen und -Mädchen waren da stets zu finden, die -warteten, bis die Reihe an sie kam und sich inzwischen ausruhten, mit -allerlei handelten oder tauschten, sich zankten, rauften, prügelten -und dergleichen Kurzweil trieben. Auch durfte man Jim mit seinem Eimer -Wasser nie vor Ablauf einer Stunde zurückerwarten, obgleich die Pumpe -kaum einige hundert Schritte vom Hause entfernt war und selbst dann -mußte gewöhnlich noch nach ihm geschickt werden. Ruft also Tom: - -»Hör', Jim, ich will das Wasser holen, streich' du hier ein bißchen an.« - -Jim schüttelte den Dickkopf und sagte: - -»Nix das können, junge Herr Tom. Alte Tante sagen, Jim sollen nix thun -andres als Wasser holen, sollen ja nix anstreichen. Sie sagen, junge -Herr Tom wohl werden fragen Jim, ob er wollen anstreichen, aber er nix -sollen es thun -- ja nix sollen es thun.« - -»Ach was, Jim, laß dir nichts weis machen, so redet sie immer. Her mit -dem Eimer, ich bin gleich wieder da. Sie merkt's doch gar nicht.« - -»Jim sein so bange, er's nix wollen thun. Alte Tante sagen, sie ihm -reißen Kopf ab, wenn er's thun.« - -»Sie! O Herr Jemine, die kann ja gar niemand ordentlich durchhauen, --- die fährt einem ja nur mit der Hand über den Kopf, als ob sie -streicheln wollte, und ich möcht' wissen, wer sich daraus was macht. -Ja, schwatzen thut sie von durchhauen und allem, aber schwatzen thut -nicht weh, -- das heißt, so lang sie nicht weint dazu. Jim, da, ich -schenk' dir auch 'ne große Murmel, -- da und noch 'nen Gummi dazu!« - -Jim schwankte. - -»'nen Gummi, Jim, und was für ein Stück, sieh mal her!« - -»O, du mein alles! Sein das prachtvoll Stück Gummi. Aber, junge Herr -Tom, Jim sein so ganz furchtbar bange vor alte Tante!« - -Jim aber war auch nur ein schwacher Mensch, -- diese Versuchung erwies -sich als zu stark für ihn. Er stellte seinen Eimer hin und streckte -die Hand nach dem verlockenden Gummi aus. Im nächsten Moment flog er -jedoch, laut aufheulend, samt seinem Eimer die Straße hinunter, Tom -tünchte mit Todesverachtung drauf los, und Tante Polly zog sich stolz -vom Schlachtfeld zurück, Pantoffel in der Hand, Triumph im Auge. - -[Illustration] - -Toms Eifer hielt nicht lange an. Ihm fiel all das Schöne ein, das -er für diesen Tag geplant, und sein Kummer wuchs immer mehr. Bald -würden sie vorüber schwärmen, die glücklichen Jungen, die heute frei -waren, auf die Berge, in den Wald, zum Fluß, überall hin, wo's schön -und herrlich war. Und wie würden sie ihn höhnen und auslachen und -verspotten, daß er dableiben und arbeiten mußte, -- schon der Gedanke -allein brannte ihn wie Feuer. Er leerte seine Taschen und musterte -seine weltlichen Güter, -- alte Federn, Glas- und Steinkugeln, Marken -und sonst allerlei Kram. Da war wohl genug, um sich dafür einen -Arbeitstausch zu verschaffen, aber keineswegs genug, um sich auch -nur eine knappe halbe Stunde voller Freiheit zu erkaufen. Seufzend -wanderten die beschränkten Mittel wieder in die Tasche zurück, und Tom -mußte wohl oder übel die Idee fahren lassen, einen oder den andern der -Jungen zur Beihilfe zu bestechen. In diesem dunkeln, hoffnungslosen -Moment kam ihm eine Eingebung! Eine große, eine herrliche Eingebung! -Er nahm seinen Pinsel wieder auf und machte sich still und emsig an -die Arbeit. Da tauchte Ben Rogers in der Entfernung auf, Ben Rogers, -dessen Spott er gerade am meisten gefürchtet hatte. Ben's Gang, als -er so daher kam, war ein springender, hüpfender, kurzer Trab, Beweis -genug, daß sein Herz leicht und seine Erwartungen hoch gespannt waren. -Er biß lustig in einen Apfel und ließ dazu in kurzen Zwischenpausen ein -langes, melodisches Geheul ertönen, dem allemal ein tiefes gezogenes -ding--dong--dang, ding--dong--dang folgte. Er stellte nämlich einen -Dampfer vor. Als er sich Tom näherte, gab er Halbdampf, hielt sich -in der Mitte der Straße, wandte sich stark nach Steuerbord und glitt -drauf in stolzem Bogen dem Ufer zu, mit allem Aufwand von Pomp und -Umständlichkeit, denn er stellte nichts Geringeres vor als den ›Großen -Missouri‹ mit neun Fuß Tiefgang. Er war Schiff, Kapitän, Mannschaft, -Dampfmaschine, Glocke, alles in allem, stand also auf seiner eigenen -Schiffsbrücke, erteilte Befehle und führte sie aus. - -»Halt, stoppen! Klinge--linge--ling.« Der Hauptweg war zu Ende, -und der Dampfer wandte sich langsam dem Seitenweg zu. »Wenden! -Klingelingeling!« Steif ließ er die Arme an den Seiten niederfallen. -»Wenden Steuerbord! Klingelingeling! Tschu! tsch--tschu--u--tschu!« - -Nun beschrieb der rechte Arm große Kreise, denn er stellte ein -vierzig Fuß großes Rad vor. »Zurück, Backbord! Klingelingeling! -Tschu--tsch--tschu--u--sch!« Der linke Arm begann nun Kreise zu -beschreiben. - -»Steuerbord stoppen! Lustig, Jungens! Anker auf -- nieder! -Klingeling! Tsch--tschuu--tschtu! Los! Maschine stoppen! He, Sie da! -Scht--sch--tscht!« (Ausströmen des Dampfes.) - -Tom tünchte währenddessen und ließ den Dampfer Dampfer sein. Ben -starrte ihn einen Augenblick an und grinste dann: - -»Hi--hi! Festgenagelt -- äh?« - -Keine Antwort. Tom schien seinen letzten Strich mit dem Auge eines -Künstlers zu prüfen, dann fuhr er zart mit dem Pinsel noch einmal -drüber und übersah das Resultat in derselben kritischen Weise wie -zuvor. Ben marschierte nun neben ihm auf. Toms Mund wässerte nach dem -Apfel, er hielt sich aber tapfer an die Arbeit. Sagt Ben: - -»Hallo, alter Junge, Strafarbeit, ja?« - -»Ach, du bist's, Ben, ich hab' gar nicht aufgepaßt!« - -»Hör' du, ich geh' schwimmen, willst du vielleicht mit? Aber gelt, du -arbeitst lieber, natürlich, du bleibst viel lieber da, gelt?« - -Tom maß ihn erstaunt von oben bis unten. - -»Was nennst du eigentlich arbeiten?« - -»W--was? Ist das keine Arbeit?« - -Tom tauchte seinen Pinsel wieder ein und bemerkte gleichgültig: - -»Vielleicht -- vielleicht auch nicht! Ich weiß nur soviel, daß das dem -Tom Sawyer paßt.« - -»Na, du willst mir doch nicht weis machen, daß du's zum Vergnügen -thust?« - -Der Pinsel strich und strich. - -»Zum Vergnügen? Na, seh' nicht ein, warum nicht. Kann unser einer denn -alle Tag 'nen Zaun anstreichen?« - -Das warf nun ein neues Licht auf die Sache. Ben überlegte und -knupperte an seinem Apfel. Tom fuhr sachte mit seinem Pinsel hin und -her, trat dann zurück, um die Wirkung zu prüfen, besserte hie und da -noch etwas nach, prüfte wieder, alles ohne sich im geringsten um Ben -zu kümmern. Dieser verfolgte jede Bewegung, eifriger und eifriger mit -steigendem Interesse. Sagt er plötzlich: - -»Du, Tom, laß mich ein bißchen streichen!« - -Tom überlegte, schien nachgeben zu wollen, gab aber diese Absicht -wieder auf: »Nein, nein, das würde nicht gehen, Ben, wahrhaftig nicht. -Weißt du, Tante Polly nimmt's besonders genau mit diesem Zaun, so dicht -bei der Straße, siehst du. Ja, wenns irgendwo dahinten wär', da läg -nichts dran, -- mir nicht und ihr nicht -- so aber! Ja, sie nimmt's -ganz ungeheuer genau mit diesem Zaun, der muß ganz besonders vorsichtig -gestrichen werden, -- einer von hundert Jungen vielleicht, oder noch -weniger, kann's so machen, wie's gemacht werden muß.« - -»Nein, wirklich? Na, komm, Tom, laß mich's probieren, nur ein ganz -klein bißchen. Ich ließ dich auch dran, Tom, wenn ich's zu thun hätte!« - -»Ben, wahrhaftig, ich thät's ja gern, aber Tante Polly -- Jim hat's -thun wollen und Sid, aber die haben's beide nicht gedurft. Siehst du -nicht, wie ich in der Klemme stecke? Wenn du nun anstreichst, und 's -passiert was, und der Zaun ist verdorben, dann --« - -»Ach, Unsinn, ich will's schon recht machen. Na, gieb her, -- wart', du -kriegst auch den Rest von meinem Apfel; 's ist freilich nur noch der -Butzen, aber etwas Fleisch sitzt doch noch drum.« - -»Na, denn los! Nein, Ben, doch nicht, ich hab' Angst, du --« - -»Da hast du noch 'nen ganzen Apfel dazu!« - -Tom gab nun den Pinsel ab, Widerstreben im Antlitz, Freude im Herzen. -Und während der frühere Dampfer ›Großer Missouri‹ im Schweiße seines -Angesichts drauf los strich, saß der zurückgetretene Künstler auf einem -Fäßchen im Schatten dicht dabei, baumelte mit den Beinen, verschlang -seinen Apfel und brütete über dem Gedanken, wie er noch mehr Opfer -in sein Netz zöge. An Material dazu war kein Mangel. Jungen kamen in -Menge vorüber. Sie kamen um zu spotten und blieben um zu tünchen! Als -Ben müde war, hatte Tom schon Kontrakt gemacht mit Billy Fischer, der -ihm einen fast neuen, nur wenig geflickten Drachen bot. Dann trat -Johnny Miller gegen eine tote Ratte ein, die an einer Schnur zum Hin- -und Herschwingen befestigt war. So gings weiter und weiter, Stunde um -Stunde. Und als der Nachmittag zur Hälfte verstrichen, war aus Tom, dem -mit Armut geschlagenen Jungen mit leeren Taschen und leeren Händen, -ein im Reichtum förmlich schwelgender Glücklicher geworden. Er besaß -außer den Dingen, die ich oben angeführt, noch zwölf Steinkugeln, eine -freilich schon etwas stark beschädigte Mundharmonika, ein Stück blaues -Glas, um die Welt dadurch zu betrachten, ein halbes Blasrohr, einen -alten Schlüssel, um nichts damit aufzuschließen, ein Stück Kreide, -einen halb zerbrochenen Glasstöpsel von einer Wasserflasche, einen -Bleisoldaten, ein Stück Seil, sechs Zündhütchen, ein junges Kätzchen -mit nur einem Auge, einen alten messingnen Thürgriff, ein Hundehalsband -ohne Hund, eine Messerklinge, vier Orangenschalen und ein altes, -wackeliges Stück Fensterrahmen. Dazu war er lustig und guter Dinge, -brauchte sich gar nicht weiter anzustrengen die ganze Zeit über und -hatte mehr Gesellschaft beinahe, als ihm lieb war. Der Zaun wurde nicht -weniger als dreimal vollständig überpinselt, und wenn die Tünche im -Eimer nicht ausgegangen wäre, hätte er zum Schluß noch jeden einzelnen -Jungen des Dorfes bankerott gemacht. - -Unserm Tom kam die Welt gar nicht mehr so traurig und öde vor. Ohne -es zu wissen, hatte er ein tief in der menschlichen Natur wurzelndes -Gesetz entdeckt, die Triebfeder zu vielen, vielen Handlungen. Um das -Begehren eines Menschen, sei er nun erwachsen oder nicht, -- das -Alter macht in dem Fall keinen Unterschied -- also, um eines Menschen -Begehren nach irgend etwas zu erwecken, braucht man ihm nur das -Erlangen dieses ›etwas‹ schwierig erscheinen zu lassen. Wäre Tom ein -gewiegter, ein großer Philosoph gewesen, wie zum Beispiel der Schreiber -dieses Buches, er hätte daraus gelernt, wie der Begriff von _Arbeit_ -einfach darin besteht, daß man etwas thun _muß_, daß dagegen Vergnügen -das ist, was man freiwillig thut. Er würde verstanden haben, warum -künstliche Blumen machen oder in einer Tretmühle gehen ›Arbeit‹ heißt, -während Kegel schieben im Schweiße des Angesichts oder den Mont-Blanc -erklettern lediglich als Vergnügen gilt. Ja, ja, wer erklärt diese -Widersprüche in der menschlichen Natur! -- - -[Illustration] - - - - -Drittes Kapitel. - - -Tom erschien vor Tante Polly, die am offnen Fenster eines -Hinterzimmers saß, das Schlaf-, Wohn-, Eßzimmer, Bibliothek, alles -in sich vereinigte. Die balsamische Sommerluft, die friedliche Ruhe, -der Blumenduft, das einschläfernde Summen der Bienen, alles hatte -seine Wirkung auf sie ausgeübt, -- sie war über ihrem Strickstrumpf -eingenickt in Gesellschaft der Katze, die auf ihrem Schoße friedlich -schlummerte. Die Brille war zur Sicherheit ganz auf den alten, grauen -Kopf geschoben. Sie war fest überzeugt gewesen, daß Tom längst -durchgebrannt sei und wunderte sich nun nicht wenig, als er sich jetzt -so furchtlos ihrer Macht überlieferte. - -»Darf ich jetzt gehen und spielen, Tante?« fragte er. - -»Was -- schon? Ei, wie weit bist du denn?« - -»Fertig, Tante.« - -»Tom, schwindle nicht, du weißt, das kann ich nicht vertragen.« - -»Gewiß und wahrhaftig, Tante, ich bin fertig.« - -Tante Polly schien nur wenig Zutrauen zu der Angabe zu hegen, denn sie -erhob sich, um selbst nachzusehen; sie wäre froh und dankbar gewesen, -hätte sie nur zwanzig Prozent von Toms Aussage bestätigt gefunden. Als -sie aber nun den ganzen Zaun getüncht fand und nicht nur so einmal -leicht überstrichen, sondern sorgsam mit einer festen, tadellosen Lage -Tünche versehen, da kannte ihr Erstaunen, ihre freudige Ver- und -Bewunderung keine Grenzen. - -»Na, so was!« stieß sie fast atemlos hervor. »Arbeiten _kannst_ du, -wenn du willst, Tom, das muß dir dein Feind lassen. Selten genug -freilich willst du einmal,« schwächte sie ihr Kompliment ab. »Aber nun -geh' und spiel', mach' dich flink fort. Daß du mir aber vor Ablauf -einer Woche wieder kommst, hörst du, sonst gerb' ich dir das Fell doch -noch durch!« - -Sie war aber so gerührt von seiner Heldenthat, daß sie ihn zuerst noch -mit in die Speisekammer nahm und einen herrlichen, dicken, rotbackigen -Apfel auslas, den sie ihm einhändigte, daran den salbungsvollen -Hinweis knüpfend, wie Verdienst und ehrliche Anstrengung den Genuß -einer Gabe erhöhe, die man als Lohn der Tugend erworben, nicht durch -sündige Tücke. Und während sie die Predigt mit einer ebenso passend -als glücklich gewählten Schriftstelle schloß, hatte Tom hinterrücks -ein Stückchen Kuchen stibitzt, um sich den Lohn der Tugend wie die -Errungenschaft sündiger Tücke ganz gleich gut schmecken zu lassen. - -Dann schlüpfte er hinaus und sah gerade, wie Sid die Außentreppe, -die zu dem Hinterzimmer des zweiten Stocks führte, hinauf huschte. -Erdklumpen waren zur Hand und im Moment war die Luft voll davon. Sie -flogen um Sid wie ein Hagelwetter, und ehe noch Tante Polly ihre -überraschten Lebensgeister sammelte oder zu Hilfe kommen konnte, hatten -sechs oder sieben ihr Ziel getroffen, Sid brüllte, und Tom war über -den Zaun gesetzt und verschwunden. Es gab freilich auch ein Thor, aber -für gewöhnlich konnte es Tom aus Mangel an Zeit nicht benutzen. Nun -hatte seine Seele Ruhe, jetzt hatte er abgerechnet mit Sid und ihm die -Verräterei mit dem schwarzen Zwirn heimgezahlt. Der würde ihn nicht so -bald wieder in Ungelegenheiten zu bringen wagen! - -Tom schlich auf Umwegen hinter dem Stalle, um Haus und Hof herum, -bis er außer dem Bereich der Gefangennahme und Abstrafung war, dann -setzte er sich eiligst nach dem Hauptplatz des Dorfes in Trab, wo der -Verabredung gemäß zwei feindliche Heere sich eine Schlacht liefern -sollten. Tom war General der einen Armee, Joe Harper, sein Busenfreund, -General der zweiten. Die beiden ruhmgekrönten, großen Anführer ließen -sich aber nicht zum Fechten in Person herbei; bewahre, ganz nach -berühmten Mustern sahen sie nur von ferne zu, von irgend einer Erhöhung -herab, und leiteten die Bewegungen der kämpfenden Heere durch Befehle, -welche Adjutanten überbringen mußten. Nach langem, heißem Kampfe trug -Toms Schar den Sieg davon. Nun wurden die Toten gezählt, Gefangene -ausgetauscht, die Bedingungen zum nächsten Streit vereinbart und der -Tag für die daraus notwendig sich ergebende Schlacht festgesetzt, die -Armeen lösten sich auf, und Tom marschierte allein heimwärts. - -Als er am Hause des Bürgermeisters vorüber kam, sah er ein fremdes, -kleines Mädchen im Garten, ein liebliches, zartes, blauäugiges Geschöpf -mit langen gelben, in zwei dicke Schwänze geflochtenen Haaren, weißem -Sommerkleid und gestickten Höschen. Der ruhmgekrönte Held fiel ohne -Schuß und Streich. Eine gewisse Anny Lorenz verschwand aus seinem -Herzen, ohne auch nur einen Schatten ihrer selbst zurück zu lassen. Tom -hatte seine Liebe zu besagter Anny für verzehrende Feuersglut gehalten, -und nun war es nur noch ein leise flackerndes, verlöschendes Flämmchen. -Monatelang hatte er um sie geworben, vor einer Woche erst hatte sie -ihm ihre Gegenliebe gestanden, sieben Tage lang war er der stolzeste, -glücklichste Junge des Städtchens gewesen und jetzt -- im Umdrehen -hatte sie sich empfohlen aus seinem Herzen, wie irgend ein fremder -Besuch, dessen Zeit um ist. - -[Illustration] - -Mit verstohlenen Blicken verfolgte Tom den neu auftauchenden Engel, bis -er bemerkte, daß sie ihn entdeckt hatte. Jetzt that er, als ob er sie -gar nicht sähe und begann nach echter Jungenart ›sich zu zeigen‹, in -der Absicht, ihre Bewunderung zu erringen. Eine Zeitlang trieb er es -so fort, aber mitten in irgend einer halsbrecherischen, gymnastischen -Leistung schielte er seitwärts und bemerkte, daß die Holde sich dem -Hause zuwandte. Er brach ab und sprang auf den Zaun zu, voller Bedauern -und in der Hoffnung, daß sie doch noch ein wenig länger verweilen -werde. Einen Moment blieb sie auf den Stufen stehen, näherte sich dann -aber schnell der Thüre. Tom stieß einen schweren, schallenden Seufzer -aus, als ihr Fuß die Schwelle berührte, im selben Moment aber erhellte -sich sein melancholisches Antlitz, -- sie hatte ein Stiefmütterchen -über den Zaun geworfen im Augenblick, da sie verschwand. Der Junge -rannte drauf los, blieb aber einen oder zwei Fuß von der Blume entfernt -stehen, beschattete die Augen mit der Hand und that, als habe er, weit -da unten in der Straße, etwas von großem Interesse entdeckt. Gleich -danach raffte er einen Strohhalm vom Boden auf, um ihn auf der Nase zu -balancieren, indem er den Kopf weit zurück warf, und als er sich dabei -hin und her bewegte, rückte er der Blume immer näher. Schließlich -berührte er sie mit seinem nackten Fuße, seine geschmeidigen Zehen -umschlossen dieselbe, auf einem Bein hüpfte er fort mit dem eroberten -Schatze und verschwand um die nächste Ecke. Aber nur für eine Minute, --- nur bis er die Blume an seinem Herzen geborgen hatte oder auch -an seinem Magen vielleicht, -- Tom war nicht sehr bewandert in der -Anatomie und jedenfalls nicht allzu kritisch. - -Jetzt kehrte er zu seinem früheren Standorte zurück und trieb sich am -Zaun herum, bis die Nacht hereinbrach, immer von Zeit zu Zeit seine -Kunststücke loslassend. Die blonde Schöne aber zeigte sich nicht -wieder, und Tom tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie sicher hinter -irgend einem der Fenster gestanden habe, und seine Aufmerksamkeiten -also nicht auf dürren Boden gefallen seien. Endlich bequemte er sich -widerstrebend zum Abzug, Kopf und Sinn voll wunderbarer Visionen. - -Während des ganzen Abendessens war er in solch gehobener Stimmung, -daß seine Tante nicht klug draus wurde, ›was zum Kuckuck in den -Jungen gefahren sei!‹ Den Ausputzer, den er für Sids Beschießung mit -Erdklumpen erhielt, nahm er mit Lammesgeduld entgegen und schüttelte -ihn ebenso schnell wieder ab. Er probierte, der Tante vor der Nase -weg Zucker zu stibitzen, und kriegte dafür ordentlich auf die Pfoten. -Vorwurfsvoll meinte er: - -»Tante, du klopfst doch den Sid nicht, wenn er Zucker nascht.« - -»Der quält mich auch nicht so wie du. Was, ei wenn ich dir nicht -aufpaßte, du stecktest den ganzen Tag in der Zuckerdose!« - -Gleich danach wollte sie in der Küche etwas holen und ging hinaus. -Sid, im Gefühl seiner Unstrafbarkeit, langte nach der Zuckerdose mit -einer Überhebung, die Tom unerträglich dünkte. Aber weh! -- Sids Hand -zitterte, die Dose entglitt den haltenden Fingern, fiel zu Boden und -zerbrach. Tom triumphierte, -- triumphierte _so_, daß er sich bezwang, -seine Zunge im Zaum hielt und atemlos, erwartungsvoll schwieg. Er -gelobte sich innerlich, kein Wort zu sagen, selbst wenn die Tante -wieder herein käme, sondern sich ganz stille zu verhalten, bis sie -frage, wer das Unheil angestellt, dann würde er berichten und welche -Wonne, wenn der geliebte ›Musterjunge‹ auch einmal was Ordentliches -abkriegte. Er platzte beinahe vor Ungeduld und konnte sich kaum auf dem -Stuhl halten, als nun die alte Dame hereintrat und sprachlos, Wutblitze -unter ihrer Brille hervor schleudernd, vor den Trümmern stand. »Jetzt -kommt's, jetzt geht's los,« frohlockte er. Im nächsten Moment fühlte er -sich gepackt, zu Boden geworfen, und schon hob sich die strafende Faust -zum zweiten- und drittenmal über seinem südlichen Rückenende, ehe er, -sprachlos vor Ueberraschung und Entrüstung, Worte fand: - -»Laß los, Tante, was haust du _mich_ denn? Sid hat's ja gethan!« - -Tante Pollys erhobene Faust sank noch einmal mechanisch mit -klatschendem Schlag, dann hielt sie ein, erstaunt, verwirrt, während -Tom, eines Ausbruchs tröstenden, selbstanklagenden Mitleids gewärtig, -vorwurfsvoll zu ihr emporstarrte. Aber alles, was sie sagte, als sie zu -Atem kam, war: - -»Na, Gott weiß, an dir ist kein Schlag verloren, das ist mein Trost. -Nimm's einstweilen als Abschlagszahlung, hörst du!« - -Danach aber empfand sie doch Gewissensbisse, und ihr gutes, weiches -Herz sehnte sich, dem armen, unschuldig Gezüchtigten ein liebevolles -Wort zu sagen. Aus Rücksichten der Disziplin aber enthielt sie sich -jeder Zusprache, die ihr doch nur als ein Eingeständnis des Unrechts -ausgelegt worden wäre. So schwieg sie denn und ging bekümmerten Herzens -ihrer Arbeit nach. Tom schmollte in einem Winkel und steigerte seine -Leiden ins Unendliche. Er wußte, daß die Tante innerlich vor ihm auf -den Knieen lag, und dies Bewußtsein that ihm wohl bis in die kleine -Zehe. Er wollte sich um niemanden, niemanden mehr kümmern. Er fühlte, -wie ihn von Zeit zu Zeit ein sehnsüchtiger, thränenverschleierter Blick -traf, er aber that, als merke er nichts und brütete nur stumm vor sich -hin. Er sah sich krank, sterbend auf seinem Bette hingestreckt. Die -Tante beugte sich über ihn und flehte händeringend um ein einziges, -kleines, armes Wort der Vergebung. Er aber wandte das Gesicht ab, -stumm, thränenlos und starb, -- starb, und das Wort der Vergebung -blieb ungesagt. Was würde sie dann thun? -- Oder er sah sich, wie man -ihn vom Fluß zurück brachte, tot, mit triefenden Haaren, blassem, -stillem Antlitz, endlich Ruhe und Frieden im armen, gequälten Herzen --- für immer. Wie würde sie sich über ihn werfen, wie würden ihre -Thränen stromweise fließen und sie Gott anrufen, ihren armen Jungen -wieder lebendig zu machen, den sie auch nie, nie wieder mißhandeln -wolle. Er aber läge da, kalt und still, ein armer Märtyrer, dessen -Leiden zu Ende. -- So arbeitete er sich dermaßen in Jammer und -Elend hinein, daß er beinahe in Schluchzen ausgebrochen wäre und am -Zurückdrängen desselben fast erstickte. Thränen standen in seinen -Augen, und alles erschien ihm in einem wässerigen Nebel. Wenn er mit -den Augen zwinkerte, kamen die Tropfen langsam die Nase herab und -träufelten von der Spitze hernieder. Dabei fühlte er sich so wohl in -seinem Schmerz, daß er denselben ängstlich vor der profanen Lust, dem -lärmenden Getriebe der Welt da draußen behütete. Als sein Bäschen Mary, -die acht Tage auf dem Lande zu Besuch gewesen war, glückselig nach der -›langen Abwesenheit‹ zur einen Thür herein tanzte, wie lauter Licht -und Sonnenschein, entschlüpfte Tom in Nebel und Wolken gehüllt durch -die andere. Weit in die Einsamkeit wanderte er hinweg. Ein Floß lockte -ihn; er setzte sich darauf und starrte in die Wellen des Stromes. Wenn -er nur auf einmal tot und ertrunken sein könnte, ohne etwas davon zu -wissen, ohne erst all das viele Wasser zu schlucken! Dann dachte er -an seine Blume, entnahm sie seinem Busen, verwelkt, zerknittert, und -ihr Anblick erhöhte noch sein wonniges Schmerzgefühl. Ob _sie_ ihn wohl -bemitleiden würde, wenn sie es wüßte? Oder würde auch sie sich abwenden -wie die übrige schnöde Welt? Wieder verlor er sich in einem Labyrinth -von Träumen und erhob sich zuletzt seufzend, um in die Dunkelheit -hinein zu wandern. Um zehn, halb elf schlich er die stille Straße -hinunter, in der die vergötterte Unbekannte wohnte. An ihrer Thüre -hielt er an. Kein Laut traf sein lauschendes Ohr, nur aus einem Fenster -des zweiten Stockes kam der trübe Schein eines einsamen Talglichts. -War dort der geheiligte Raum, der sie umschloß? Er kletterte über den -Zaun und stahl sich lautlos bis unter jenes Fenster. Voll Rührung -schaute er hinan, dann streckte er sich der Länge lang auf den Boden -aus, die Hände, welche die verwelkte Blume umschlossen, auf der Brust -faltend. So wollte er sterben, -- draußen in der kalten Welt, kein -Dach über seinem heimatlosen Haupte, keine Freundeshand, die ihm den -Todesschweiß von der Stirne wischte, kein liebendes Antlitz, das sich -mitleidsvoll über ihn beugte, wenn der letzte, große Kampf nahte. So -sollte _sie_ ihn sehen, wenn sie das Fenster öffnete, um dem jungen -Morgen zuzulächeln und ach -- würde sie wohl dem Toten eine Thräne -weihen, einen Seufzer hauchen über den leblosen stillen Rest, der alles -war, was von dem frohen, jugendfrischen, vor der Zeit in der Wurzel -geknickten, jungen Leben geblieben? - -[Illustration] - -Das Fenster öffnete sich. Die schrille Stimme einer Magd entweihte -die geheiligte Stille, und eine Sündflut von Wasser durchtränkte die -Gebeine des dahingestreckten Märtyrers. - -Prustend und keuchend sprang unser Held auf und schüttelte sich -heftig. Ein Wurfgeschoß durchschwirrte die Luft, untermischt mit einem -halblauten Fluche, worauf ein klirrendes Splittern von Glas folgte. -Eine kleine, undeutliche Gestalt kletterte eiligst über den Zaun und -schoß in die Dunkelheit hinein. - -Nicht lange danach, als Tom beim Schein eines Lichtstümpchens seine -durchnäßten Kleider besichtigte, erwachte Sid. Wenn der nun vorher die -Absicht gehabt hatte, allerlei unliebsame Anspielungen zu machen, so -besann er sich jetzt wohlweislich eines besseren und hielt Frieden, -- -es blitzte Gefahr in Toms Auge. Dieser aber kroch ins Bett ohne weitere -unangenehme Förmlichkeiten wie Waschen oder Beten, wovon sich Sid im -Geiste getreulich Notiz machte, und die Stille der Nacht umfing das -Brüderpaar. - -[Illustration] - - - - -Viertes Kapitel. - - -Die Sonne ging auf über der sonntäglich ruhigen Welt und strahlte -nieder auf das friedliche Städtchen, wie ein Segen von oben. Als das -Frühstück vorüber war, hielt Tante Polly Familienandacht. Sie begann -mit einem Gebete, das sich ganz und gar aus festen Schichten biblischer -Kraftstellen aufbaute, die nur durch einen dünnen, spärlichen Mörtel -eigener Gedanken zusammen gehalten wurden. Auf den Zinnen dieses -stolzen Baues angelangt, krönte sie das Ganze mit einem dräuenden -Kapitel des Mosaischen Gesetzes, als stünde sie auf dem Berge Sinai -selber. - -Danach gürtete Tom seine Lenden sozusagen und ging ans Werk, sich die -Bibelsprüche ›einzupauken‹. Sid, der Musterknabe, hatte seine Lektion -schon vor mehreren Tagen gelernt. Tom warf sich mit ganzer Energie auf -die Erlernung von fünf Versen und wählte dieselben aus der Bergpredigt, -da er keine kürzeren finden konnte. - -Nach Verlauf einer halben Stunde hatte er denn auch glücklich einen -schwachen, allgemeinen Begriff von seiner Lektion, aber nichts weiter, -denn seine Gedanken reisten dabei mit Blitzesschnelle durch die ganze -weite, unbegrenzte Welt, die im engen Hirne schlummert, und seine -Finger waren rastlos thätig in allerhand angenehmen, ablenkenden -Zerstreuungen. Endlich erbarmte sich Bäschen Mary seiner und nahm -das Buch, um ihn zu überhören, während er sich durch den die Sprüche -verhüllenden Nebel mühsam seinen Weg zu bahnen suchte. - -»Selig sind die -- ä -- ä --« - -»Da geistig --« - -»Richtig -- die da geistig ä -- ä --« - -»Arm --« - -»Arm sind. Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie sollen -- -sollen --« - -»Denn ihrer --« - -»Ja so! Selig sind, die da geistig arm sind, denn ihrer ist das -Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie -- sie --« - -»S --« - -»Denn sie -- ä --« - -»S -- o --« - -»Denn sie s -- s --, weiß der Kuckuck, wie das heißt!« - -»Sollen!« - -»Ach so -- sollen! Denn sie sollen -- denn sie sollen -- ä -- ä -- -sollen Leid tragen. Selig sind, die da sollen -- die da sollen -- ä -- -Leid tragen, denn sie sollen -- ä -- sollen was? Warum hilfst du mir -denn nicht, Mary, schäm' dich, so schlecht zu sein und am Sonntag noch -dazu!« - -[Illustration] - -»O, Tom, armer, dummer, dickköpfiger Kerl, ich will dich ja nicht -necken, Gott behüte. Ich mein's nur gut mit dir. Geh' und lern's -noch einmal und verlier' den Mut nicht, du wirst's schon in den Kopf -kriegen, und dann, Tom, dann schenk' ich dir auch was Schönes! Geh' und -sei ein guter Junge!« - -»Schon recht. Aber was ist's, Mary, sag' mir erst, was es ist.« - -»Das brauchst du nicht vorher zu wissen, Tom, du weißt, wenn ich sag', -es ist schön, so ist's wirklich was Schönes.« - -»Ja, das weiß ich. Also vorwärts, gieb das Buch wieder her, Mary, -wollen's schon kriegen.« - -Und er ›kriegte‹ es wirklich und zwar mit Glanz unter dem Doppeldruck -von Neugierde und voraussichtlichem Gewinn. - -Mary gab ihm nach bestandener Probe ein funkelnagelneues Taschenmesser, -das mindestens eine Mark wert war unter Brüdern. Eine feine -Damaszenerklinge hatte es ja wohl nicht, auch keinen schön verzierten -eingelegten Griff von Elfenbein, aber um den Tisch anzuschnitzen -war's gerade recht, was Tom sofort probierte, und als er sich darauf -seelenvergnügt eben an den Schrank machen wollte, wurde er abgerufen, -um sich zur Sonntagsschule in den Staat zu werfen. - -Mary reichte ihm eine Blechschüssel mit Wasser und ein Stück Seife, -womit er sich in den Hof begab. Hier stellte er die Schüssel auf eine -Bank, tauchte die Seife ins Wasser, legte solche dann zur Seite, goß -das Wasser aus, stülpte die Aermel auf und kam wieder zur Küche herein, -um sich eiligst sein trockenes Gesicht am Handtuch hinter der Thür -abzuwischen. Mary aber riß ihm das Tuch weg und sagte: - -»Schämst du dich nicht, Tom? Das heiß' ich betrügen! Wasser wird dir -nichts schaden!« - -Tom war ein wenig aus der Fassung gebracht. Die Schüssel wurde wieder -gefüllt und diesmal stand er eine kleine Weile davor, um sich Mut -zu machen, schöpfte dann tief Atem und begann das große Werk der -wöchentlichen Reinigung. Wie er nun zum zweitenmal die Küche betrat, -sich mit krampfhaft geschlossenen Augen und ausgestreckten Händen -nach dem Tuche hin tastend, bewiesen Seifenschaum und Wasser, die von -seinem Antlitz niederströmten, seine Ehrlichkeit glänzend. Als er dann -aber hinter dem Tuche hervor tauchte, war die schwere Prozedur noch -nicht zur Zufriedenheit ausgefallen. Das reine Gebiet erstreckte sich -nur bis zum Rande der Kinnlade, wo es ein Ende hatte, gleich einer -Maske. Außerhalb dieser Linie zeigte sich die ganze Partie um Hals -und Ohren in unberührt schwärzlichem Zustand. Nun legte Mary Hand an, -und als sie fertig war, bot Tom das Bild eines reinlichen, ehrlichen -Christenmenschen, ohne Unterschied der Farbe. Sein feuchtes Haar war -schön gebürstet, und die sonst so widerspenstigen Locken kräuselten -sich in ordentlich rührender Ergebung. Diese Locken waren Toms Qual, er -hielt sie für weibisch, schämte sich ihrer und that sein Möglichstes, -sie mit Hilfe von Fett und Wasser fest am Kopf anzukleben. Daß ihm -dies nur teilweise und unbefriedigend gelang, erfüllte sein Herz mit -Bitternis. Jetzt holte Mary seinen Sonntagsanzug, den er während zweier -Jahre nur an diesem geheiligten Tage getragen. Man sprach davon einfach -nur als von ›den andern Kleidern‹, und daraus läßt sich leicht auf den -Umfang von Toms Garderobe schließen. Als er sich dann hinein gestreckt -in diese ›anderen Kleider‹, legte Mary die letzte, verbessernde -Hand an, knöpfte die Jacke zu, zog ihm den riesigen, weißen Kragen -an, bürstete ihn aus und krönte das Ganze mit einem braunen, gelb -gefleckten Strohhut. Tom sah nun ungemein ehrbar und unbehaglich aus -und fühlte sich auch nicht minder unbehaglich, als er aussah. Für ihn -lag ein fast unerträglicher Zwang in ganzen und sauberen Kleidern, ein -Zwang, der ihn fortwährend reizte. Er hoffte, Mary würde wenigstens -seine Schuhe vergessen, aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch; -ehe er sich's versah, standen die Marterwerkzeuge, ordentlich mit Talg -eingeschmiert, wie es so Sitte war, lieblich lockend vor ihm. Jetzt -verlor er völlig die Geduld und schalt und brummte, er solle immer -alles thun, was er absolut nicht möge. Mary aber bat und schmeichelte: - -»Bitte, Tom, sei so gut, bitte!« - -So fuhr er denn brummend hinein in die schwarzen Plagegeister, blieb -aber bei sehr gereizter, übler Laune. Mary war auch bald fertig und die -drei Kinder machten sich zusammen auf nach der Sonntagsschule, einem -Ort, den Tom ebensosehr haßte, wie ihn Sid und Mary liebten. - -Die Sonntagsschule dauerte von neun bis halb elf, danach kam noch der -Gottesdienst. Bei diesem blieben immer zwei unsrer kleinen Freunde -freiwillig zugegen, der dritte auch, aber ihn lockte etwas anderes, als -die Predigt. Die Kirche selbst war klein und schmucklos, sie mochte -in ihren geraden, hochlehnigen Bänken vielleicht dreihundert Menschen -fassen. An der Thüre zögerte Tom und ließ die andern vorgehen, während -er einen sonntäglich herausgeputzten Kameraden anredete: - -»Sag' mal, Bill, hast du 'nen gelben Zettel?« - -»Ja!« - -»Was willst du dafür haben?« - -»Was giebst du mir?« - -»Ein Stück Süßholz und einen Angelhaken.« - -»Zeig' mal her.« - -Tom zeigte her, Bill prüfte und fand das Gebotene des Zettels wert, -so tauschten sie das Eigentum. Danach handelte Tom noch drei rote und -zwei blaue Zettel gegen einige ähnliche, kostbare Artikel ein. Zehn, -fünfzehn Minuten lang fuhr er in dieser Beschäftigung fort, jagte -allen möglichen Jungen Zettel in allen möglichen Farben ab und hatte -nach Verlauf dieser Zeit eine recht stattliche Anzahl zusammen, die er -schmunzelnd in die Tasche schob. Nun endlich betrat er inmitten eines -Schwarms sonntäglich gesäuberter, aber etwas geräuschvoller Jungen und -Mädchen die Kirche, setzte sich auf seinen Platz und begann sofort mit -dem ersten besten Streit. Der Lehrer, ein ernster, gutmütig aussehender -Herr, trat dazwischen, wandte dann aber für einen Moment den Rücken, -was Tom sofort dazu benutzte, einem Jungen auf der vorderen Bank in -die Haare zu fahren und einen anderen mit einer Nadel in den Arm zu -stechen. Der Getroffene fuhr drauf mit einem zornigen ›autsch‹ herum, -was ihm, da Tom mit Unschuldsmiene in sein Buch starrte, einen strengen -Verweis des Lehrers zuzog. Toms ganze Klasse schien nach seinem Muster -zugeschnitten -- unruhig, unaufmerksam, voller Tollheiten. Als sie -an's Aufsagen kamen, wußte nicht einer seine Verse vollständig, doch -stolperten sie durch mit Hängen und Würgen, so gut es eben ging. Die -Belohnung für zwei fehlerlos aufgesagte Verse bestand in einem kleinen, -blauen Zettel, auf den ein Bibelvers gedruckt war. Zehn blaue Zettel -konnten für einen roten eingetauscht werden, zehn rote wiederum für -einen gelben. Für zehn gelbe erhielt man dann vom Herrn Vikar eine -kleine, sehr einfach gebundene Bibel, die unter Brüdern vielleicht -vierzig Cents wert war. Wer unter meinen Lesern besäße wohl den Fleiß -und die Ausdauer, zweitausend Bibelverse auswendig zu lernen, und wenn -man ihm eine Prachtbibel von Doré böte? Und doch hatte sich Mary zwei -solcher Bibeln erobert, es war die geduldige, mühsame Arbeit zweier -Jahre. Nur die älteren, vernünftigen und ernsten Schüler brachten es -fertig, ihre Zettel zu sammeln und dieses langwierige und langweilige -Werk so lange durchzuführen, bis sie eine Bibel erhalten konnten. Eben -durch dies mühsame Erringen aber wurde die Auslieferung des hohen -Preises jedesmal zu einer feierlichen, denkwürdigen Begebenheit. Der -also Gefeierte erschien so groß und erhaben an einem solchen Ehrentage, -daß sich beim Anblick seiner Größe in der Brust jeglichen Zuschauers -ein heiliger Eifer und Ehrgeiz entzündete, der oftmals sogar viele -Wochen anhielt. Auch Toms glühendster Wunsch war es, einmal auf diese -Weise ausgezeichnet zu werden; nicht der Bibel halber, bewahre, ihm -ging's um die Ehre und den Ruhm, den Glanz, der die ganze Zeremonie -umstrahlte. - -Nun trat der Herr Vikar, der die Sonntagsschule leitete, vor, ein -kleines Testament zugeklappt in der Hand haltend, zwischen dessen -Blättern sich der eine Zeigefinger barg, und bat um Aufmerksamkeit. -Wenn ein Sonntagsschul-Vikar seine herkömmliche kleine Ansprache -hält, so ist ihm ein Testament in der Hand so notwendig, wie das -unvermeidliche Notenblatt dem Sänger, der das Podium betritt, um das -Konzertpublikum mit einem Solo zu beglücken, -- das Warum bleibt -freilich ein Rätsel, denn weder Testament, noch Notenblatt wird von -dem betreffenden Dulder je eines Blickes gewürdigt werden. Dieser Herr -Vikar nun war eine etwas schmächtige, überschlanke Figur von etwa -fünfundzwanzig Jahren, mit sandgelbem Bocksbart und sandgelben Haaren. -Seine Miene war ernst, und feierlich war auch der Ton seiner Stimme, -als er nach dem Muster der gewöhnlichen Sonntagsschulredner begann: - -»Jetzt, Kinder, paßt auf; setzt euch alle so gerade und ruhig, wie -ihr könnt und hört mir einmal ein paar Minuten lang recht aufmerksam -zu. So, jetzt ist's recht! So müssen 's gute, kleine Knaben und -Mädchen machen! Da sehe ich noch ein kleines Mädchen, das zum Fenster -hinausguckt. Kleine, du denkst wohl, ich säße dort auf dem Baum und -wolle den kleinen Vögelein da draußen etwas von unserm lieben Heiland -erzählen, was? (Unterdrücktes Kichern.) Zuerst also möchte ich euch -sagen, wie wohl es mir thut, so viele saubre, frohe, kleine Gesichter -an einem Ort, wie diesem, versammelt zu sehen, an dem sie lernen -sollen, gut und brav zu sein und das Rechte zu thun. --« - -Und so weiter und so fort. Den Rest der Rede zu verzeichnen ist nicht -nötig, sie hielt sich ganz an bekannte Muster, die jeder von uns schon -tausendfältig gehört hat. - -Das letzte Drittel der rednerischen Leistung wurde etwas gestört durch -Wiederaufnahme der Püffe und Stöße und anderen Zeitvertreibs unter -den schwarzen Schafen der kleinen Gemeinde. Ein Raunen und Flüstern -begann, das sich mehr und mehr ausbreitete, ja selbst die Grundfesten -solch unerschütterlicher Felsen wie Sid und Mary zu umspülen versuchte. -Mit dem schlußandeutenden Sinken des Tons in des Redners Stimme ließ -auch das Summen nach und der Schluß selbst wurde mit dem Ausbruch -allgemeinsten, dankbaren Schweigens begrüßt. - -Ein großer Teil der Unruhe war durch einen ebenso erstaunlichen als -seltenen Zwischenfall verursacht worden -- es waren Fremde gekommen! -Der Bürgermeister erschien, begleitet von zwei Herren, einem alten, -schwächlich aussehenden und einem jüngeren, stattlichen mit schon -stark ergrauten Haaren. Voran ging eine Dame, offenbar die Frau des -letzteren, die ein Mädchen an der Hand führte. Tom war bis dahin -rastlos und unruhig gewesen, er hatte Gewissensbisse und konnte Anny -Lorenz nicht ansehen, deren Auge mit liebendem Blick das seine suchte. -Als er nun aber die Kleine erscheinen sah, fühlte er sich wie trunken -vor Wonne. Im nächsten Augenblick begann er mit Macht ›sich zu zeigen‹, --- puffte seine Nachbarn, riß sie an den Haaren, schnitt Gesichter, -kurz bediente sich aller jener Künste, die imstande sind, ein kleines -Schulmädchenherz zu bezaubern und ihm Beifall abzugewinnen. Seiner -Wonne wurde nur ein Dämpfer aufgesetzt durch den Gedanken an die -Demütigung, welche er in jenes Engels Garten hatte erdulden müssen, -aber die Erinnerung hieran war doch nur in den Sand verzeichnet, -den schon jetzt die hochgehenden Wogen des Glücks, die seine Seele -überfluteten, wegzuschwemmen begannen. Den Fremden wurde der beste -Ehrenplatz angewiesen, und als des Vikars Rede zu Ende war, stellte -sich heraus, wer sie seien. Der stattliche, ergraute Herr in mittleren -Jahren entpuppte sich als eine große Persönlichkeit. Er war nichts -mehr und nichts weniger, als der oberste Richter des Kreises, das -erhabenste Produkt der Schöpfung, das die Kinder je geschaut, und sie -sannen drüber nach, aus welchem Stoff der wohl gemacht sein möge; halb -sehnten sie sich danach, seine Donnerstimme zu vernehmen, und halb -fürchteten sie sich davor. Er war aus Konstantinopel, zwölf Meilen -flußabwärts, also ein weitgereister Mann, der die Welt kannte. Was der -wohl alles schon gesehen hatte? Am Ende gar Washington und das ›Weiße -Haus‹, das sich die Kinder wie eine blendende, leuchtende, flimmernde -Masse von Eis und Schnee vorstellten, so weiß und so glänzend. Die -durch solche Gedanken erweckte ehrfurchtsvolle Scheu prägte sich in dem -atemlosen Schweigen, in den großen, runden, erstaunt drein starrenden -Augen aus. Das also war der große, gewaltige Kreisrichter Thatcher, der -Bruder ihres eignen Bürgermeisters, der Onkel von Willy Thatcher, der -da eben vortrat aus ihren Reihen und dem großen Mann die Hand bot, als -sei das nichts. Hätte Willy gewußt, was das Flüstern bedeutete, das -sich erhob, es hätte ihm wie Sphärenmusik in den Ohren geklungen! - -»Sieh doch, Jim, Tom sieh doch! Er geht ja wahrhaftig hin und giebt ihm -die Hand! Und der schüttelt sie. Weiß Gott, ich gäb' drei Steinkugeln -drum, wenn ich der Willy wäre!« - -Der Vikar begann sich nun ›zu zeigen‹, rannte hier hin, dort hin, -erteilte Befehle, Lob, Tadel, wie's gerade kam, und wo er nur -irgend was anbringen konnte. Der Bücherausteiler ›zeigte‹ sich in -übermäßigem Wichtigthun und Amtseifer, indem er mit den Armen voll -Bücher hin und her rannte. Die jungen Damen, welche die verschiedenen -Klassen unterrichteten, wollten gleichfalls nicht zurückbleiben, süß -lächelnd neigten sie sich über kleine Schülerinnen, die sie kurz -zuvor gescholten, hoben lieblich drohende Fingerlein gegen schlimme, -kleine Jungen und streichelten andre zärtlich und milde. Die jungen -Herren, welche als Lehrer wirkten, ›zeigten‹ sich in kleinen, ernsten -Strafreden, die sie ihren betreffenden Klassen hielten, und andern -ähnlichen Beweisen ihrer Autorität. Dabei hatten fast alle jugendlichen -Lehrer beiderlei Geschlechts ganz erstaunlich viel mit Bücherwechseln -zu thun in der Nähe der Kanzel, irrten sich erstaunlich oft in dem, was -sie holten, mußten wieder und wieder gehen, zwei-, dreimal und schienen -sich gewaltig darüber zu ärgern. Auch die kleinen Mädchen ›zeigten -sich‹ auf die verschiedenste Weise und die kleinen Jungen ›zeigten -sich‹ in ihrer Art, indem sie sich heimlich schubsten und die Luft -mit emporgeschleuderten Papierpfropfen erfüllten. Und über dem allem -thronte majestätisch der große Mann, ließ die Sonne seines Lächelns -erstrahlen und wärmte sich an seiner eigenen Größe, denn er selbst, --- er ›zeigte‹ sich erst recht. Eines nur fehlte, um des Herrn Vikars -Glück vollständig zu machen in dieser erhabenen Stunde, und das war die -Möglichkeit der Erteilung eines Bibelpreises. Einige Schüler konnten -ein paar gelbe Zettel aufweisen, keiner aber hatte die genügende Zahl, -wie er sich bei einem Umfragen unter den ersten ›Gestirnen‹ leider -überzeugen mußte. - -Da, im letzten Moment, als er schon jede Hoffnung fahren ließ, trat -Tom Sawyer vor mit neun gelben, neun roten und zehn blauen Zetteln, -- -trat vor und verlangte eine Bibel! Das war ein Blitzschlag aus heiterem -Himmel! Der Herr Vikar hatte auf ein solches Ansinnen aus dieser -Himmelsrichtung jede Hoffnung aufgegeben gehabt, für die nächsten -zwanzig Jahre mindestens. Aber die unglaubliche Thatsache ließ sich -nicht wegleugnen, -- hier stand Tom und da waren die Zettel und sie -stimmten auf's Haar. Tom wurde also nach dem Ehrenplatze geleitet zu -dem Kreisrichter und den andern Auserlesenen, und die erstaunliche -Thatsache allen kund und zu wissen gethan. Das wirkte nun förmlich -versteinernd, war die außerordentlichste Begebenheit des Jahrzehnts, -und so nachhaltig und tief war der Eindruck derselben, daß er den -neuen Helden noch beinahe über den alten erhob und die Schule nun zwei -Wunder statt des einen zu bestaunen hatte. Die Jungen verzehrten sich -in Neid, zumeist aber diejenigen, die sich nun zu spät klar machten, -daß sie selbst zu diesem verhaßten Ruhme beigetragen, indem sie ihre -Zettel an Tom verhandelten für die Reichtümer, die er durch zeitweilige -Ablassung seiner Tünchungsprivilegien aufgerafft. Sie verachteten und -verdammten sich selbst als überlistete Opfer eines schwarzen Betrügers, -einer kriechenden, verräterischen Schlange. - -Inzwischen wurde der Preis an Tom ausgeliefert mit so viel Pomp, -als der Vikar nur irgend bei der Gelegenheit anbringen konnte. -Der volle, richtige Schwung aber schien doch dabei zu fehlen; ihm -sagte der Instinkt, daß hier ein Geheimnis verborgen liege, welches -das Licht nicht vertrage, ja es scheuen müsse. Es war einfach ein -Ding der Unmöglichkeit, daß _dieser_ Junge zweitausend Körner der -Schriftweisheit in die Scheunen seines Geistes eingeheimst haben -sollte, dieser Junge, dessen Fähigkeiten nicht hinreichend schienen, -sich auch nur ein Dutzend solch köstlicher Früchte zu eigen zu machen. -Anny Lorenz war stolz und glücklich und bemühte sich, es Tom in ihren -Augen lesen zu lassen, der aber wollte nicht hersehen. Sie verwunderte -und grämte sich darüber; dann faßte sie Verdacht und paßte auf; ein -verstohlener Blick, den sie auffing, sagte ihr Welten und brach ihr -armes Herz. Sie war eifersüchtig, zornig, Thränen kamen, sie haßte alle -Welt, Tom aber zu allermeist, in ihrem Herzen. - -Tom wurde dem Kreisrichter vorgestellt, aber die Zunge schien ihm wie -gelähmt, sein Atem stockte, sein Herz klopfte zum Zerspringen, teils -wegen der furchterregenden Größe des gewaltigen Mannes, hauptsächlich -aber, weil er _ihr_ Vater war. Er wäre gerne vor ihm niedergesunken, -wenn's nur dunkel gewesen wäre. Der große Mann legte die Hand auf Toms -Haupt, nannte ihn einen tüchtigen, kleinen Burschen und fragte ihn wie -er heiße. Der Junge stammelte, stotterte und stieß endlich hervor: - -»Tom.« - -»Nun, doch nicht nur Tom, sondern --« - -»Thomas.« - -»So ist's recht, ich dachte mir wohl, es gehöre noch etwas dazu. Du -hast aber doch wohl noch einen andern Namen, denke ich, und den wirst -du mir doch auch sagen, nicht?« - -»Nenne dem Herrn deinen vollen Namen, Thomas,« mahnte der Vikar, »und -sage auch ›mein Herr‹, oder ›Herr Kreisrichter‹, du mußt doch wissen, -was sich schickt!« - -[Illustration] - -»Thomas Sawyer, -- Herr Kreisrichter!« - -»So, so ist's recht, das nenn' ich einen guten Jungen. Prächtiger -Bursche! Wirklich prächtiger Kerl! Zweitausend Verse ist viel, -- -sehr viel! Aber, mein Kleiner, du wirst es gewiß nie bereuen, daß du -dir so viel Mühe drum gegeben. Wissen ist mehr wert, als alles in der -Welt, lernen und etwas wissen macht die großen und die guten Männer im -Leben. Auch du wirst wohl einmal ein guter, vielleicht ein großer Mann, -Thomas, und dann wirst du auf die Tage deiner Kindheit zurück sehen -und sagen: das alles verdanke ich den unbezahlbaren Wohlthaten, die ich -durch die Sonntagsschule genossen, verdanke es meinen guten Lehrern, -die mich zum Lernen anhielten, dem Herrn Vikar, der mich anfeuerte, -mich leitete, mir die schöne Bibel schenkte, eine wundervolle, fein -gebundene Bibel, die ich behalten durfte und ganz für mich allein -besitzen, -- alles, alles verdanke ich meiner guten, ausgezeichneten -Erziehung. So wirst du sprechen, Thomas, und du ließest dir dann für -kein Geld der Welt diese zweitausend Verse abkaufen, -- für kein Geld -der Welt, niemals! Und jetzt wirst du gewiß dieser Dame und mir etwas -mitteilen, was du weißt, was du gelernt hast, nicht wahr? Denn sieh, -wir sind stolz auf kleine Jungen, die etwas wissen. Ohne Zweifel -kannst du uns doch die Namen der Jünger des Herrn sagen? Du kennst sie -gewiß alle zwölf. Sag' uns einmal, wer waren die zwei ersten, die ihm -nachfolgten?« - -Tom hatte während dessen immerzu an einem Knopf seiner Jacke herum -gedreht und möglichst dumm und einfältig dazu ausgesehen. Jetzt wurde -er glühend rot und bohrte die Augen beinahe in den Boden. Dem Vikar -sank das Herz in die Stiefel. Er wußte, daß der Junge unmöglich die -allereinfachste Frage beantworten konnte, warum auch mußte der Herr -Kreisrichter ihn fragen! Trotzdem fühlte er sich gedrungen, gleichsam -ermunternd zu sagen: - -»Antworte dem Herrn, Thomas, -- fürchte dich doch nicht!« - -Tom that nichts als rot und röter werden. - -»Mir wirst du's doch sagen,« begann nun auch die Dame, »also die Namen -der beiden ersten Jünger waren --« - -»_David_ und _Goliath_!« - -Laßt uns den Schleier christlicher Barmherzigkeit über den Rest der -Scene breiten. Auch was Tante Polly später zu der Bibel sagte und wie -sie sich drüber freute, erwähnen wir besser nicht. - - - - -Fünftes Kapitel. - - -Der Montagmorgen fand Tom sehr niedergeschlagen. Das war eigentlich an -jedem Montagmorgen der Fall, denn damit begann ja eine neue Woche der -Plage und des Leidens in der Schule. Gewöhnlich begrüßte er diesen Tag -mit dem Wunsche, daß es lieber gar keine Feiertage geben möchte, denn -das machte die nun wieder aufzunehmenden Ketten der Sklaverei nur um so -drückender und fühlbarer. - -Tom lag da und dachte nach. Plötzlich kam ihm die leuchtende Idee: -wenn er nun krank wäre, dann brauchte er doch nicht zur Schule. Das -war die einzige Möglichkeit. Er untersuchte und prüfte sein ganzes -Körpersystem. Nirgends fand sich auch nur das geringste Schadhafte. Von -neuem prüfte er. Diesmal meinte er leise Anzeichen von kolikartigen -Schmerzen zu verspüren, die er mit rasch aufkeimender Hoffnung liebend -zu beobachten begann. Trotzdem verringerten sich dieselben aber bei -näherer Betrachtung mehr und mehr und waren bald gänzlich verschwunden. -Wieder überlegte Tom. Plötzlich entdeckte er etwas. Einer seiner -oberen Zähne wackelte bedenklich. Er frohlockte. Schon begann er sich -zu einem tiefen Stöhnen vorzubereiten, das er als Einleitung voraus -schicken wollte, als ihm noch zur richtigen Zeit der Gedanke kam, daß, -wenn er diesen Beweis von Krankheit ins Feld führe, die Tante ihm -einfach den Zahn ausreißen würde, und das that weh. Damit wollte er -also nur im Notfall herausrücken und jetzt erst noch ein bischen weiter -herum denken. Eine Weile war alles Sinnen umsonst, dann erinnerte er -sich, wie der Doktor einmal von einem Manne erzählt hatte, dem irgend -etwas, Tom wußte nicht mehr genau was, etwas wie kalter Brand oder -dergleichen, bei einem schlimmen Finger hinzugetreten sei, daß derselbe -zwei bis drei Wochen damit zu thun gehabt und schließlich beinahe -den Finger verloren habe. Zum Glück war Tom imstande, eine schlimme -Zehe aufzuweisen, die er sich vor ein paar Tagen einmal irgendwo -verletzt hatte. Die zog er nun eiligst unter der Decke vor, um sie -aufs eingehendste zu prüfen. Damit ließ sich was machen! Leider kannte -er die nötigen Symptome nicht, über die er sich beklagen mußte, aber -probieren wollte er's doch auf jeden Fall und so begann er denn laut -und tief aufzustöhnen. - -Sid aber schlief ruhig und sorglos weiter. - -Tom stöhnte lauter und meinte auf einmal wirklich Schmerz in der Zehe -zu spüren. - -Sid gab kein Zeichen. - -Tom keuchte schon förmlich vor Anstrengung. Einen Moment sammelte -er neue Kraft, hielt den Atem an und stieß dann eine ordentlich -fortlaufende Tonleiter von wunderbar echtem Stöhnen aus. - -Sid schnarchte weiter. - -Nun wurde Tom ärgerlich. Er begann den hartnäckigen Schläfer zu rütteln -und ›Sid, Sid‹ zu rufen. Das wirkte besser und nun begann das Stöhnen -von neuem. Sid gähnte, streckte sich, stützte sich dann mit einem -letzten Schnarcher auf seinen Ellbogen und starrte nach Tom hin. Tom -stöhnte weiter. Endlich ruft Sid: - -»Tom, so hör' doch, Tom!« - -Keine Antwort. - -»Du, Tom, Tom, was ist los?« und er rüttelte ihn und starrte ihm voll -Angst ins Gesicht. - -Tom stöhnte: - -»Ach, Sid, laß los, du thust mir weh!« - -»Herr Gott, was giebts, Tom? Ich muß die Tante rufen.« - -»Nein, laß sein. Es wird schon vorüber gehen. Ruf' niemand.« - -»Doch, natürlich, das muß ich. Stöhn' doch nicht so, Tom, das ist ja -schrecklich. Wie lang thut dir's denn schon weh?« - -»Ach, Stunden lang. Autsch, autsch! Sei doch still, Sid, und laß mich -in Ruhe.« - -»Warum hast du mich denn nicht früher geweckt? Herr Gott, Tom, hör' -auf, es macht einen ja elend, dich so stöhnen zu hören. Wo thut dir's -denn weh?« - -»Ich verzeih' dir alles, Sid, was du mir je gethan hast. (Stöhnen.) -Alles, alles, Sid! Wenn ich tot bin --« - -»O, Tom, du wirst doch nicht sterben? Sag' nein, Tom, komm, sag' nein. -Vielleicht --« - -»Ich vergebe allen Menschen, Sid. (Tiefes Stöhnen.) Sag's allen. -Und, Sid, gieb du die schöne gelbe Thürklinke, die ich habe, und die -einäugige Katze dem Mädchen, das neulich erst gekommen ist und sag' -ihr --« - -Aber Sid hatte schon seine Kleider aufgerafft und war verschwunden. Tom -litt nun in Wahrheit, so lebhaft arbeitete seine Einbildungskraft und -sein Stöhnen fing an erschreckend natürlich zu klingen. - -Sid flog die Treppe hinunter und rief atemlos: - -»Tante Polly, Tante Polly, komm schnell, Tom stirbt!« - -»Stirbt?« - -»Ja, ja, eil' dich doch, frag' nicht lang.« - -»Dummheiten! Ich glaub's nicht.« - -Trotzdem aber stürzte sie die Treppe hinauf, so schnell sie ihre alten -Beine tragen wollten, und Mary hinter ihr her. Blaß war auch sie -geworden und ihre Lippen zitterten. Am Bett angelangt, keuchte sie nur -so: - -»Tom, Tom, was giebt's, was ist los?« - -»Ach, Tante, ich --« - -»Was giebt's -- was ist's, Kind, was fehlt dir?« - -»Ach, Tante, ich -- ich hab' furchtbare Schmerzen da an meiner Zehe, -- -ich hab' -- ja ich hab', glaub' ich -- den kalten Brand!« - -Erleichtert aufseufzend sank jetzt die arme Tante auf einen Stuhl, -lachte ein wenig, weinte ein wenig, that dann beides zusammen, was sie -wieder so weit herstellte, daß sie Worte fand: - -»Tom, Bengel, wie hast du mich erschreckt! Jetzt hör' aber auf mit -dem Unsinn und mach', daß du aus dem Bett kommst. Es ist Zeit zum -Aufstehen! Vorwärts -- oder ich geb' dir was, um deinen kalten Brand zu -wärmen!« - -Das Stöhnen hörte auf und der Schmerz verschwand aus der Zehe. -Kleinlaut und niedergedrückt ob des verunglückten Experiments meinte -der Junge: - -»Tante, wahrhaftig, ich glaubte, es müsse der kalte Brand sein, es that -so furchtbar weh, daß ich gar nicht mehr an meinen Zahn dachte.« - -»An deinen Zahn? Was ist denn mit dem Zahn los?« - -»Ach, der wackelt und thut gar schrecklich weh.« - -»Na, na, nur nicht wieder stöhnen, ist ganz unnötig! Mund auf! Ja, der -wackelt richtig, daran stirbst du aber noch lange nicht! Mary, gieb -mir einen Seidenfaden und hol' ein Stück glühende Kohle aus der Küche!« - -Eiligst rief Tom, der plötzlich ganz munter wurde: - -»Bitte, bitte, Tantchen, zieh' ihn mir nicht aus, er thut schon -gar nicht mehr weh. Ei, ich will des Todes sein, wenn ich noch das -geringste spüre! Bitte, bitte, nicht, Tantchen, ich will ja doch -wahrhaftig nicht zu Hause und von der Schule wegbleiben.« - -»So, du willst nicht zu Hause bleiben, mein Junge, willst durchaus -nicht, was? Also deshalb all der Lärm! Wärst wohl gern aus der Schule -weggeblieben und dafür fischen gegangen, gelt? Na, ich kenn' dich, Tom, -durch und durch, mir machst du keine Flausen vor, du Bengel! Tom, Tom, -und ich hab' dich doch so lieb und du, -- du denkst nur dran, wie du -deiner alten Tante das Herz brechen kannst. Geh, schäm' dich in deine -schwarze Seele hinein!« - -Mittlerweile waren die zahnärztlichen Instrumente zur Stelle geschafft -worden. Ein Ende des Seidenfadens befestigte die Tante mit einer -Schlinge an Toms Zahn, während sie das andere um den Bettpfosten -schlang, so daß der Faden straff angespannt war. Dann ergriff sie -mit einer Zange die glühende Kohle und fuhr damit geschwind auf Toms -Gesicht los. Ein Ruck -- und der Zahn hing baumelnd am Bettpfosten. - -Wie aber jede überstandene Prüfung ihren Lohn in sich trägt, so auch -diese. Als sich Tom später mit der neuerworbenen Zahnlücke auf der -Straße zeigte, war er ein Gegenstand des Neides für alle Kameraden, -denn keiner von ihnen war imstande, auf solch' neue, noch nie -dagewesene Weise auszuspucken, wie es nun Tom, durch die Lücke in der -Zahnreihe, that. Er zog ein ganzes Gefolge von Bewunderern hinter sich -her, die sich für die Schaustellung interessierten, und ein anderer -Junge, der bis dahin wegen eines verletzten Fingers der Mittelpunkt -der Verehrung und Bewunderung gewesen, sah sich plötzlich all seines -Ruhmes beraubt, er mußte ohne Erbarmen dem neu aufstrahlenden Gestirne -weichen und zurücktreten in den Schatten des Nichts. Sein Herz war ihm -drob schwer, und eine Verachtung heuchelnd, die ihm fern lag, meinte -er: das sei auch was Rechtes, so auszuspucken, wie Tom Sawyer. Da -schallte ihm ein höhnendes: saure Trauben, saure Trauben! entgegen und -beschämt schlich er zur Seite, ein entthronter Held. - -Auf dem Weg zur Schule traf Tom den jugendlichen Paria des Ortes, -Huckleberry Finn, den Sohn des bekanntesten Stadt-Trunkenboldes. -Huckleberry war der Gegenstand des Abscheus und Hasses aller -Mütter der Stadt, die ihn fürchteten wie die Pest, weil er faul -und zuchtlos, roh und böse war, wie sie dachten, und weil -- ihre -eigenen Jungen ihn anstaunten und vergötterten, sich förmlich um -seine verbotene Gesellschaft rissen und alles drum gegeben haben -würden, wenn sie hätten sein dürfen, wie er. Tom, wie alle die andern, -›ordentlichen, anständigen Jungen‹, beneidete Huckleberry um seine -verlockende Existenz, und es war ihm streng untersagt worden, je mit -dem ›schlechten Kerl‹ zu spielen. Gerade darum that er es denn auch -gewissenhaft, wenn sich nur irgend Gelegenheit dazu fand -- und that -es mit Wonne. Huckleberry steckte immer in alten, abgelegten Kleidern -von Erwachsenen, deren Fetzen und Lumpen nur so um ihn herum hingen. -Sein Hut war nur die Ruine einer vormaligen Kopfbedeckung, deren Rand -zerfetzt auf die Schultern niederbaumelte. Sein Rock, wenn er überhaupt -einen trug, hing ihm bis auf die Füße und zeigte die hinteren Knöpfe -etwa in der Gegend der Kniekehlen. Nur _ein_ Träger hielt seine Hosen -an Ort und Stelle, Hosen, deren geräumige Sitzpartie zu leer war und -sich nur zuweilen im Winde blähte, während die ausgefransten Enden im -Schmutz nachschleiften, wenn sie nicht zufällig aufgekrempelt waren. -Huckleberry kam und ging, wie es ihm beliebte. Bei schönem Wetter -schlief er auf Treppenstufen oder sonst wo, bei schlechtem in leeren -Fässern, alten Kisten, oder wo er eben unterkriechen konnte, wählerisch -war er keineswegs. Er brauchte nicht zur Schule, nicht zur Kirche, -brauchte niemanden als Herrn anzuerkennen, brauchte keiner lebenden -Seele zu gehorchen. Er konnte schwimmen und fischen gehen, wann und -wo er wollte, konnte bleiben, so lang es ihm behagte. Niemand verbot -ihm, sich mit andern zu prügeln, und abends konnte er aufbleiben bis -Mitternacht und länger, ihn zankte keiner. Er war der erste, der -barfuß lief im Frühling und der letzte, der im Herbste wieder in das -lästige Leder kroch. Zu waschen brauchte er sich nie, zu kämmen auch -nicht, noch frische Wäsche anzuziehen, und fluchen konnte er wie ein -Alter, wundervoll. Mit einem Wort alles, alles, was das Leben schön -und angenehm macht, besaß dieser beneidete Huckleberry im reichsten -Maße. So dachte und fühlte jeder einzelne der armen, geplagten, -›anständigen‹ Jungen in St. Petersburg. Tom rief natürlich diesen für -ihn romantischsten aller Helden sofort an: - -[Illustration] - -»Holla, Huckleberry!« - -»Holla, du selber!« - -»Was hast du da?« - -»Tote Katze.« - -»Zeig' her, Huck. Herrgott, wie steif! Woher hast du's?« - -»Gekauft von 'nem Jungen.« - -»Was hast du dafür gegeben?« - -»'ne Schweinsblase und 'nen blauen Zettel.« - -»Woher war denn der blaue Zettel?« - -»Von Ben Rogers, dem hab' ich vor vierzehn Tagen 'ne prachtvolle Gerte -dafür gegeben.« - -»Zu was kann man denn tote Katzen brauchen, Huck?« - -»Zu was? Ei, um Warzen zu vertreiben.« - -»Nein! Wahrhaftig? Ich weiß noch was Besseres.« - -»Du? Wird was recht's sein! Was denn?« - -»Wasser aus faulem Holz!« - -»Wasser aus faulem Holz! Ist den Kuckuck nix wert.« - -»Nichts wert? Hast du's probiert?« - -»Ich nicht, aber Bob Tanner.« - -»Wer hat dir's gesagt?« - -»Wer? Ei er hat's dem Willy Thatcher gesagt und der dem Johnny Baker -und der dem Jim Hollis und der dem Ben und der Ben 'nem alten Nigger -und der mir. Da, nun weißt du's!« - -»Na und was weiter? 's ist ja doch nur gelogen! Die lügen alle -miteinander, bis auf den Nigger, den kenn' ich nicht. Aber ich kenn' -auch keinen Nigger, der nicht lügt, oder du? Jetzt aber erzähl', wie's -der Bob Tanner gemacht hat mit den Warzen, Huck!« - -»Na, der hat seine Hand in 'nen alten Baumstumpf gesteckt, in dem -Regenwasser war.« - -»Am Tag?« - -»Natürlich.« - -»Mit dem Gesicht nach dem Baum zu?« - -»Gewiß, ich glaub' wenigstens.« - -»Hat er was dazu gesagt?« - -»Was weiß ich? -- wahrscheinlich nicht!« - -»Aha! Da haben wir's! Und dann will der Kerl Warzen mit faulem Wasser -kurieren und stellt sich so an! Da kann's natürlich nichts nützen. Ich -will dir sagen, wie man's macht. Erst geht man ganz mutterseelenallein -mitten in den Wald, wo man einen alten Baumstumpf mit Wasser weiß und -dann, wenn's Mitternacht ist, stellt man sich mit dem Rücken nach dem -Stumpf zu, tunkt die Hand ins Wasser und sagt: - - Schreit die Eule, quakt der Frosch, scheint der Mond darauf, - Faules Wasser, Zauberwasser zehr' die Warzen auf! - -»Danach tritt man rasch mit geschlossenen Augen elf Schritt vor, dreht -sich dreimal um sich selbst und geht heim, ohne mit jemand ein Wort zu -reden. Denn wenn man das thut, ist der Zauber gebrochen!« - -»Na, das läßt sich hören, so aber hat's der Bob nicht gemacht, das weiß -ich gewiß!« - -»Ja, da hast du wahrlich recht, denn der ist jetzt noch der warzigste -Jung' in der Schule und wenn er sich mit dem faulen Wasser nicht dumm -angestellt hätte, so brauchte er keine einzige mehr zu haben. Ich bin -so schon über tausend Warzen los geworden, Huck. Ich greif' so viele -Frösche an, daß ich immer ein paar Dutzend Warzen an den Händen habe. -Manchmal nehm' ich auch eine Bohne.« - -»Ja, Bohnen sind gut. Das hab' ich schon selbst probiert.« - -»Wirklich? Wie machst du's?« - -»Ei, ich nehm' die Bohne und schneid' sie in zwei Stücke, ritz' dann -die Warze blutig und tröpfle das Blut auf das eine Stück der Bohne und -vergrab' das um Mitternacht beim Vollmond am Kreuzweg. Das andre Stück -wird verbrannt. Jetzt zieht und zieht das blutige Stück und will das -andre nachziehn, und das Blut zieht mit und zieht, bis die Warze fort -ist. So mach' ich's.« - -»Und das ist auch ganz richtig, Huck, nur hilft's noch mehr, wenn du -beim Vergraben sagst: ›Fort die Bohne, Warze fort, komm' nicht mehr zum -alten Ort.‹ Das ist ausgezeichnet, sag' ich dir. So macht's Joe Harper -und der war schon beinahe in Cronville und fast überall. Aber das mit -der toten Katze, das weiß ich nicht.« - -»Na, das ist einfach. Du nimmst die tote Katze und gehst auf den -Kirchhof, so um Mitternacht herum, auf das Grab von irgend einem -schlechten Kerl. Schlag zwölf kommt dann der Teufel, vielleicht auch -zwei oder drei, man sieht sie nur nicht und hören thut man nur so was -wie Wind. Und wenn sie dann den Kerl mit sich fort nehmen, schmeißt man -ihnen die Katze nach und ruft: - - Will der Deubel sich versehn, - Muß die Katze noch drein gehn, - Warze fliegt auch hinterdrein, - Werd' alle drei los dann sein! - -»Das vertreibt dir jede Warze noch vor der Geburt.« - -»Klingt nicht übel. Hast du's mal probiert, Huck?« - -»Nee, aber die alte Mutter Josephine hat's mir gesagt.« - -»Na, die muß es wissen, das soll ja 'ne Hexe sein.« - -»Soll sein! Ist's, Tom, ist's, das weiß ich genau. Die hat meinen Alten -behext, das sagt der immer. Wie der einmal an ihr vorbeigegangen ist, -hat er grad' gesehen, wie sie ihn behext hat und da hat er einen Stein -genommen und den nach ihr geschmissen; wenn die sich nicht gebückt -hätt', wär' sie längst keine Hex' mehr. Na und in derselbigen Nacht -ist mein Alter von einer Mauer gefallen, auf der er gelegen hat und -geschlafen, weil er betrunken war und hat den Arm gebrochen.« - -»Puh, das ist ja gräßlich! Woran hat er denn gemerkt, daß sie ihn -behext?« - -»Woran? Ei, das weiß mein Alter ganz genau. Er sagt, wenn sie einen -immerzu anstarren und was dazu brummen, dann behexen sie einen, -besonders, wenn sie brummen und was vor sich hin murmeln. Dann sagen -sie das Vaterunser rückwärts.« - -»Sag' mal, Huck, wann willst du denn das mit der Katze probieren?« - -»Heut' nacht. Ich denk', da werden sie den alten Williams holen kommen.« - -»Der ist aber schon am Sonnabend begraben worden, Huck, warum haben sie -ihn da nicht schon in der Nacht geholt?« - -»Na, du redst auch, wie du's verstehst! Sonnabend mitternacht ist doch -schon Sonntag und da hat kein Teufel mehr was zu suchen hier oben. Der -wird sich schwer hüten, sich am Sonntag blicken zu lassen.« - -»Daran hab' ich freilich nicht gedacht. Wahrhaftig, so ist's. Darf ich -mitgehen?« - -»Meinethalben, wenn du dich nicht fürchtest.« - -»Fürchten? Na, auch noch! Wirst du miauen vor unsrem Haus, wenn's Zeit -ist?« - -»Ja, wenn du mich nicht warten läßt. Das letzte Mal hab' ich so lang -miauen müssen, bis euer alter Nachbar mit Steinen nach mir warf und -auf den Kater fluchte, der ihm keine leibliche Ruhe lasse. Zum Dank -hab' ich ihm 'nen Backstein durchs Fenster geschmissen, der wird an den -Kater denken! Aber verrat' du mich nicht.« - -»Wo werd' ich! Damals hab' ich nicht kommen können, weil mir die Tante -immer auf den Hacken saß. Heut' aber komm' ich und wenn's Feuer und -Pech regnet. -- Was ist denn das, Huck?« - -»Ach, nur 'ne Baumwanze.« - -»Woher denn?« - -»Aus dem Wald.« - -»Was willst du dafür?« - -»Ich -- ich weiß nicht, ich geb's gar nicht her.« - -»Gut. 's ist auch nur 'ne ganz lumpig kleine Wanze.« - -»Na, das kann jeder sagen, der keine hat. Mir ist sie groß genug, mir -ist sie lang gut.« - -»Pah, ist auch was Rares! Ich könnt' tausend haben, wenn ich nur -wollte.« - -»Na, warum willst du nicht? Gelt, du weißt warum, Alterchen! Die -Baumwanze hier ist was Seltenes, denn 's ist noch früh für Baumwanzen. -Wenigstens ist's die erste, die ich dies Jahr sehe!« - -»Hör' du, Huck, ich geb' dir meinen schönen Zahn dafür.« - -»Zeig' her.« - -Tom zog ein Stückchen Papier hervor, das er sorgfältig aufrollte. Huck -sah prüfend hinein. Die Versuchung war groß. Zuletzt fragte er: - -»Ist der auch echt?« - -Ohne jede weitere Beteuerung öffnete Tom den Mund, um die Lücke zu -zeigen. - -»Na, gut,« meinte Huck, »also abgemacht, schlag' ein!« - -Tom barg die Wanze vorsichtig in einer kleinen Schachtel, die ähnlichem -Gewürm schon öfter zum Gefängnis gedient und immer für vorkommende -Fälle in Toms Tasche bereit war. Huck sackte den Zahn ein und beide -Jungen trennten sich, jeder in dem erhebenden Bewußtsein, einen sehr -guten Tausch gemacht zu haben. - -Als Tom das kleine, einzeln gelegene Schulhaus erreichte, öffnete -er hastig die Thüre und eilte auf seinen Platz, als käme er eben -mit größtmöglicher Geschwindigkeit direkt von zu Hause angestürzt. -Geschäftig hing er seinen Hut an den Nagel, warf die Bücher auf den -Tisch, sich selbst auf die Bank und machte Miene, sich Hals über Kopf -in die Arbeit zu stürzen. Der Lehrer, der hoch oben hinter dem Katheder -auf einem hochlehnigen Rohrsessel thronte, und der bei der Stille, -die das eifrige Summen der lernenden Kinder nur noch einschläfernder -machte, ein klein wenig eingenickt war, erwachte von der Unterbrechung: - -»Thomas Sawyer!« - -Als Tom diesen seinen Namen in unverkürzter Schönheit an sein Ohr -schlagen hörte, wußte er, daß es nichts Gutes bedeute. - -»Herr Lehrer!« - -»Komm einmal hierher zu mir. Warum bist du wie gewöhnlich wieder zu -spät dran?« - -Eben wollte Tom irgend eine kleine Notlüge zu Hilfe nehmen, als er zwei -lange, blonde Schwänze gewahrte, die an einem Rücken niederbaumelten, -den er sofort mit dem elektrischen Instinkt der Liebe erkannte. Und -neben jenem Rücken war der _einzig leere Platz_, bei den Mädchen -drüben. Schnell gefaßt sagte er daher: - -»_Ich mußte noch etwas mit Huckleberry Finn verabreden!_« - -Dem Lehrer stand der Atem still; hilflos, ungewiß, starrte er den -kecken Sünder an. Das Summen der Lernenden verstummte, die Kinder -trauten ihren Ohren nicht ob dieser offenen Sprache, dachten, Tom müsse -verrückt geworden sein. Endlich, nach atemloser Pause, fand der Lehrer -Worte: - -»Was -- was hast du gesagt?« - -»Mußte noch etwas mit Huckleberry Finn verabreden,« wiederholte Tom -sorglos. - -Ein Mißverständnis war hier nicht möglich. - -»Thomas Sawyer, auf dieses ganz außerordentlich erstaunliche Bekenntnis -kann nur die Rute antworten. Jacke herunter!« - -Und nun tanzte des Lehrers Rute auf Toms Rücken, bis Hand und Arm fast -lahm waren und die Rute sich in Wohlgefallen auflöste. Dann folgte der -Befehl: - -»Jetzt gehst du und setzest dich zur Strafe zu den Mädchen! Und laß dir -das als Warnung dienen! Marsch!« - -Das Kichern, welches nun das Zimmer durchlief, schien den Jungen -sehr verlegen zu machen, in Wahrheit war es aber nur das Bewußtsein, -erreicht zu haben, wonach er gestrebt, nämlich sich seiner Gottheit -nahen zu dürfen. Standhaft wie ein Märtyrer, hatte er die Prügel -ertragen, die gleichsam die dunkle Pforte bildeten, durch die er nun -zu seinem Paradiese eingehen sollte. Vorsichtig ließ er sich ganz am -äußersten Ende der Bank nieder. Mit einem verächtlichen Zurückwerfen -des Kopfes rückte das Mädchen so weit als möglich von ihm weg. Das -Flüstern, Köpfezusammenstecken, Kichern und das bedeutungsvolle -Anstarren des armen Sünders dauerte noch eine Weile fort, Tom aber -schien keine Notiz davon zu nehmen. Still saß er da, hatte die -Arme über den Tisch gelegt und sah mit großer Aufmerksamkeit in -sein geöffnetes Buch. Allmählich hörte er auf, der Gegenstand der -allgemeinen Beachtung und Heiterkeit zu sein, und wieder füllte das -gewöhnliche Summen der Schule die sommerlich stille Luft. Jetzt begann -Tom verstohlene Blicke nach seiner Göttin zu werfen. Sie bemerkte -es, rümpfte das Näschen und wandte eine volle Minute lang den Kopf -ab. Als sie verstohlen wieder nach ihrem Banknachbar hinblinzelte, -lag ein Pfirsich vor ihr. Sie stieß ihn weg, Tom legte ihn sorgsam -wieder vor sie; wieder stieß sie ihn fort, aber schon mit weniger -Heftigkeit. Geduldig schob Tom ihn zurück, da ließ sie ihn liegen. -Jetzt kritzelte Tom auf seine Tafel: »Bitte, behalt' ihn -- ich habe -noch mehr.« Sie las die Worte, gab aber kein Zeichen von sich, weder -zustimmend, noch verneinend. Jetzt begann der Junge etwas auf seine -Tafel zu zeichnen, das er mit der linken Hand vor ihren Blicken barg. -Eine Weile lang schien sie sich gar nicht darum zu kümmern, bald aber -begann sich menschliche Neugier in ihr zu regen, die sich in allerlei, -kaum bemerkbaren Zeichen kund gab. Tom zeichnete weiter, anscheinend -ganz in sein Werk versunken. Das Mädchen suchte auf unverfängliche -Art sich einen Blick auf die Zeichnung zu verschaffen, der Junge aber -verriet mit keiner Miene, daß er dies bemerkte. Endlich gab sie nach -und flüsterte zögernd: - -»Du, laß mich doch mal sehen!« - -Tom enthüllte nun das traurige Zerrbild eines Hauses mit zwei -windschiefen Giebeln, aus dessen Schornstein ein korkzieherartiges -Rauchwölkchen aufschwebte. Jetzt war des Mädchens ganzes Interesse -wach, und alles darüber vergessend, folgte sie mit Eifer der Vollendung -des Meisterwerks. Als es fertig war, bestaunte sie es einen Moment und -flüsterte dann: - -»Wundervoll -- jetzt noch 'nen Mann!« - -Der Künstler stellte einen Mann in den Vordergrund, lang wie ein -Mastbaum; mit einem Schritt hätte er über das Haus wegsteigen können. -Die Zuschauerin aber war nicht kritisch, ihr gefiel das Ungetüm und sie -wisperte: - -»Der Mann ist prächtig -- nun mach' mich, wie ich daherkomme!« - -Tom malte eine Art Achter mit einem kreisrunden Vollmond oben und vier -dünnen Streifen als Arme und Beine. Die sich weit spreizenden Finger -bedachte er mit einem ungeheuren Fächer. Das Original des Gemäldes -fühlte sich geschmeichelt und meinte: - -»Nein, wie nett -- wenn ich doch zeichnen könnte!« - -»Das ist leicht,« flüsterte Tom, »ich will dich's lehren!« - -»O willst du? Wann?« - -»Am Mittag. Gehst du zum Essen heim?« - -»Wenn du bleibst, bleib' ich auch.« - -»Gut, das ist also abgemacht. Wie heißt du?« - -»Becky Thatcher. Und du? Ach, ich weiß, Thomas Sawyer.« - -»So heiß ich nur, wenn ich Schelte oder Prügel krieg', sonst heiß' ich -Tom. Du rufst mich Tom, gelt?« - -»Ja.« - -Jetzt kritzelt Tom was auf die Tafel, mit der linken Hand das -Geschriebene zuhaltend. Diesmal wollte sie's gleich sehen. Tom sagte: - -»O, 's ist nichts.« - -»Doch, doch.« - -»Nein, 's ist nichts, es liegt dir gar nichts dran, ob du's siehst.« - -[Illustration] - -»Doch, nein wirklich, bitte, laß mich sehen.« - -»Du wirst's weitersagen.« - -»Nein, nein und dreimal nein, gewiß und wahrhaftig nicht.« - -»Wirst du's aber auch keinem Menschen sagen, so lang du lebst?« - -»Nie im Leben, niemand! Nun zeig' aber auch.« - -»Ach, dir liegt doch nichts dran!« - -»Jetzt, wenn du so bist, Tom, da muß ich's sehen --« und sie legte ihre -kleine Hand auf die seine, worauf sich ein kleiner Kampf entspann. Tom -schien im Ernst widerstreben zu wollen, zog aber seine Hand allmählich -doch so weit zurück, daß die Worte sichtbar wurden: »_Ich liebe dich._« - -»O, du Abscheulicher!« Und sie gab ihm einen tüchtigen Klapps auf die -Hand, wurde aber rot und schien gar nicht ungehalten. - -Im selben Moment fühlte der Junge einen schicksalsschweren Griff an -seinem Ohr, dazu einen unwiderstehlich nach oben ziehenden Drang, -und ehe er wußte wie, befand er sich an seinem eigenen Platz unter -dem Feuer gewaltiger Lachsalven der ganzen Schule. Unerbittlich, wie -das Schicksal, starrte der Lehrer noch während einiger schrecklicher -Momente auf ihn nieder, begab sich aber dann schließlich feierlich -zurück nach seinem Thron, ohne ein Wort zu sagen. Und obgleich Toms Ohr -brannte, triumphierte sein Herz. - -Als der Sturm in der Schule sich wieder gelegt hatte, machte Tom den -ernsten Versuch, zu lernen, aber der Sturm in seinem Innern war zu -gewaltig. Jetzt sollte er lesen, die Reihe war an ihm, er brachte -aber vor Stammeln und Stottern keinen Satz zusammen; dann kam die -Geographiestunde. Bei Tom wurden Seen zu Bergen, Berge zu Flüssen und -Flüsse zu Inseln, bis das Chaos wieder über die Welt hereingebrochen -zu sein schien. Beim Diktatschreiben, in dem er sonst einer der -Besten war, stolperte er über die kinderleichtesten Wörter, hatte in -einem Diktat von zehn Linien fünfzig Fehler und mußte die bleierne -Verdienstmedaille, die er bis dahin für diese seine erste und einzige -Kunst mit so viel Stolz getragen, ohne alle Gnade einer würdigeren -Brust überliefern. - -[Illustration] - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Je eifriger Tom sich bemühte, seine Gedanken fest auf das Buch zu -heften, um so rastloser schweiften sie rings in der Weite herum. So -gab er es denn zuletzt mit einem Seufzer und Gähnen auf. Ihm schien -die erlösende Mittagsstunde heute niemals schlagen zu wollen. Die -Luft draußen war vollständig regungslos, nicht der kleinste Hauch -belebte die Stille. Es war der schläfrigste aller schläfrigen Tage. -Das eintönige Gemurmel der fünfundzwanzig eifrig studierenden Schüler -umspann die Seele mit demselben einschläfernden Zauber, der in dem -Gesumm der Bienen liegt. Hoch oben am blauen Sommerhimmel schwebten -zwei Vögel auf trägen Schwingen, sonst war draußen kein lebendes Wesen -zu erblicken, außer einigen Kühen, welche schliefen. - -Toms Herz sehnte sich nach Freiheit, oder doch wenigstens darnach, -irgend etwas von Interesse zu haben, das ihm die schreckliche -Langeweile vertreiben helfe. Mechanisch wanderte seine Hand zur Tasche -und, siehe da, sein Antlitz erhellte ein Strahl dankbarer Rührung. -Verstohlen kam die kleine Schachtel zum Vorschein, die Baumwanze -wurde befreit und auf den langen schmalen Schultisch gesetzt. Die -unvernünftige Kreatur erglühte in diesem Augenblick wohl gleichfalls in -tiefster Dankbarkeit, doch diese Wonne kam verfrüht, denn kaum hatte -sie sich jubelnden Herzens marschfertig gemacht, als das grausame -Schicksal, in Gestalt einer Stecknadel in Toms Hand, ihrem Laufe eine -andere Richtung gab. - -Toms Busenfreund saß neben ihm, leidend, wie dieser soeben noch -gelitten, und zeigte sich augenblicklich von tiefstem, dankbarstem -Interesse erfüllt für die neue Unterhaltung. Dieser Busenfreund war Joe -Harper. Die ganze Woche hindurch waren die beiden Jungen geschworene -Freunde, der Sonnabend nur sah sie regelmäßig als Gegner auf dem -Schlachtfelde. Joe zog sofort eine Stecknadel aus seinem Jackenfutter -und begann sich mit Lust und Liebe am Einexerzieren der gefangenen -Wanze zu beteiligen. Von Minute zu Minute nahm die Sache an Interesse -zu. Bald meinte Tom, daß sie sich gegenseitig nur hinderten und somit -keiner den vollen Genuß an der Wanze haben könne. So nahm er denn Joes -Tafel vor sich hin auf den Tisch und zog von oben bis unten eine Linie -genau durch die Mitte derselben. - -»Jetzt,« sagte er, »paß auf! So lang die Wanze auf deiner Seite ist, -darfst du sie treiben mit der Nadel und ich laß' sie in Ruhe. Brennt -sie dir aber durch und kommt zu mir herüber, dann siehst du zu, so -lang, bis sie mir wieder durchgeht. Hast du verstanden?« - -»Schon gut, nur vorwärts,« trieb der ungeduldige Joe, -- »kitzle sie -mal ein bißchen!« - -Die Wanze entwischte Tom schleunigst und passierte die Linie, nun war -die Reihe des ›Kitzelns‹ an Joe, gleich danach hatte sie wiederum den -Aequator gekreuzt. Dieser Wechsel wiederholte sich des öfteren. Während -nun der eine Junge die unglückselige Baumwanze mit der Nadel anspornte, -in nimmer erlahmendem Eifer, schaute der andere in atemloser Spannung -zu, die beiden Köpfe waren tief über die Tafel gebeugt, die beiden -Seelen schienen der ganzen übrigen Welt wie abgestorben. Endlich wollte -sich das launenhafte Glück für Joe entscheiden, an seine Fersen heften. -Die Wanze versuchte auf allen möglichen Wegen zu entwischen und wurde -bei der Jagd so lebhaft und erregt, wie die Jungen selber. Aber wieder -und wieder, gerade als sie den Sieg schon, so zu sagen, in Händen -hielt und Toms Finger juckten und zappelten vor Begier, in die Aktion -eingreifen zu können, gerade im entscheidenden Moment lenkte Joes Nadel -geschickt den Flüchtling nach seiner Seite zurück und wahrte sich den -Besitz dieses köstlichen Guts. Endlich konnte es Tom nicht länger mehr -aushalten, die Versuchung war zu groß. So streckte er denn die Hand aus -und begann mit seiner Nadel nachzuhelfen. Da aber wurde Joe zornig und -rief drohend: - -»Tom, laß das bleiben!« - -»Ich will dir ja nur ein klein bißchen helfen, Joe.« - -»Ach was, helfen! Brauch' dich nicht, laß bleiben, sag' ich.« - -»Kuckuck, noch einmal. Ich werd' doch auch ein bißchen helfen dürfen!« - -»Laß bleiben, sag' ich dir!« - -»Ich will aber nicht.« - -»Du mußt -- die Wanze ist auf meiner Seite.« - -»Hör' mal zu, Joe Harper. Wem gehört die Wanze denn eigentlich, dir -oder mir?« - -»Das ist mir ganz einerlei. Eben ist sie auf meiner Seite der Linie und -du sollst sie nicht anrühren, oder --« - -»Na, wettst du, daß ich's thu'? Die Wanze ist mein und ich kann mit ihr -machen, was ich will -- hol' mich der und jener! Her damit, sag' ich!« - -Ein saftiger Hieb sauste hernieder auf Toms Schultern, ein -Zwillingsbruder desselben traf Joes Rücken; zwei Minuten lang waren die -Jungen in eine Staubwolke gehüllt, die aus ihren Jacken aufwirbelte, -zum ungeheuren Gaudium der ganzen Schule. Die beiden Sünder waren -zu versunken gewesen in ihre Beschäftigung, um das verhängnisvolle -Schweigen zu bemerken, das eingetreten war, als der Lehrer auf den -Fußspitzen nach ihnen hinschlich und dann hinter ihnen stehen blieb. -Er hatte eine hübsche Weile der seltenen Beschäftigung zugeschaut, ehe -er sich erlaubte, seinen Teil zur Mehrung des Vergnügens beizutragen. - -Als die Schule dann um Mittag aus war, flog Tom auf Becky Thatcher zu -und wisperte ihr ins Ohr: - -»Setz' deinen Hut auf und thu' als ob du heim wolltest. Wenn du an der -Ecke bist, laß die andern laufen und komm durch's Heckengäßchen zurück. -Ich mach's grad' auch so.« - -So ging also jedes der beiden mit einem andern Haufen Kinder ab, am -Ende des Heckenpfads trafen sie einander und als sie dann zusammen -die Schule erreichten, hatten sie dieselbe ganz für sich allein. Sie -setzten sich neben einander, nahmen eine Tafel vor und Tom führte -Beckys mit dem Griffel bewaffnete Hand sorgsam mit der seinen und schuf -ein neues erstaunliches Wunder von Haus. Als das Interesse an der Kunst -etwas zu erlahmen begann, machten sich die zwei ans Plaudern. Tom -schwamm in einem Meer von Wonne. Jetzt fragte er: - -»Magst du Ratten?« - -»Puh nein, ich kann sie nicht ausstehen.« - -»Ich auch nicht -- lebendige wenigstens. Aber tote, mein' ich, die man -an eine Schnur bindet und um seinen Kopf schwingt.« - -»Nee, ich mach' mir überhaupt nicht viel aus Ratten, so oder so. Was -ich gern mag, ist Süßholz!« - -»Das glaub' ich. Wollt', ich hätt' ein Stück!« - -»Wirklich? Ich hab' eins. Da, du kannst ein bißchen dran kauen, mußt -mir's aber dann wiedergeben, gelt?« - -Das war nun eine wundervolle Beschäftigung. So kauten sie denn -abwechselnd und baumelten dazu mit den Beinen gegen die Bank im -Uebermaß wonnigsten Behagens. - -»Warst du schon einmal im Zirkus?« fragte Tom. - -»Ja, und ich darf wieder hin, hat Papa versprochen, wenn ich sehr brav -bin.« - -»Ich war schon drei- oder viermal -- nee noch viel, viel öfter dort. -Die Kirche ist gar nichts dagegen! Im Zirkus ist immer was los. Wenn -ich mal groß bin, werd' ich Hanswurst!« - -»Wahrhaftig? Das wird reizend! Die sind immer so wunderhübsch gefleckt, -Hosen und Jacke und alles.« - -»Das ist wahr. Und sie verdienen Haufen von Geld -- beinahe 'nen Dollar -im Tag, meint Ben Rogers. Sag' mal, Becky, warst du schon mal verlobt?« - -»Was ist denn das?« - -»Na, verlobt -- wenn man sich heiraten will.« - -»Nein, nie.« - -»Möchtest du's gern?« - -»Vielleicht, ich weiß nicht. Wie ist's denn ungefähr?« - -»Wie's ist? Ja, wie gar nichts eigentlich. Du brauchst nur 'nem Jungen -zu sagen, du wolltst keinen andern haben als ihn, nie, nie und nimmer, -dann giebst du ihm 'nen Kuß und die Geschichte ist fertig. Das kann -doch ein kleines Kind -- nicht?« - -»'nen Kuß? Warum denn den?« - -»Ja, das muß man, weil, -- kurz, sie thun's eben alle, das gehört dazu.« - -»Alle thun's?« - -»Ja, alle die in einander verliebt sind. Weißt du noch, was ich dir auf -die Tafel geschrieben habe?« - -»J--ja.« - -»Was denn?« - -»_Ich_ sag's nicht.« - -»Soll _ich's_ sagen?« - -»J--ja -- aber ein andermal.« - -»Nein, jetzt.« - -»Nein, nicht jetzt -- morgen.« - -»Ach nein, jetzt, bitte, bitte, Becky. Ich will's auch nur ganz, ganz -leise sagen. Soll ich?« - -Da Becky zögerte, nahm Tom ihr Schweigen für Zustimmung, schlang den -Arm um sie, legte den Mund dicht an ihr Ohr und flüsterte ihr leise, -leise die uralte Zauberformel zu. Dann fuhr er ermunternd fort: - -»Jetzt bist du dran. Nun mußt du's sagen -- ganz dasselbe.« - -Eine Weile widerstand sie, und bat dann: - -»Du mußt dein Gesicht dorthin drehen, daß du mich nicht sehen kannst, -dann sag' ich's. Du darfst's aber keinem, keinem Menschen wieder sagen, -gelt Tom, das versprichst du, gelt?« - -»Nie im Leben, Becky, gewiß und wahrhaftig. Na -- denn los!« - -Er wandte den Kopf ab, sie beugte sich schüchtern zu ihm, bis ihr Atem -seine Wange streifte und seine Locken bewegte, und flüsterte: »Ich -- -liebe -- dich.« - -Dann sprang sie auf, rannte um Bänke und Tische, Tom immer hinterdrein, -nahm zuletzt Zuflucht in einer Ecke des Zimmers und drückte ihr -Gesichtchen fest in die weiße kleine Schürze. Tom schlang die Arme um -ihren Hals und bat: - -»Jetzt, Becky, ist's ja beinahe vorbei -- nur noch der Kuß. Du brauchst -dich doch davor nicht zu fürchten, das ist ja gar nichts. Bitte, Becky.« - -Und er versuchte Schürze und Hände vom kleinen Gesicht zu lösen. - -Allmählich gab sie nach und ließ die Hände sinken. Das Gesichtchen, -ganz rot und erhitzt von der Anstrengung, kam zum Vorschein und -unterwarf sich der Prozedur. Tom küßte die roten Lippen und sagte: - -»So, jetzt ist's geschehen, Becky. Und von jetzt an, weißt du, darfst -du nur mich lieben und heiraten und gar, gar keinen andern, nie, -niemals, in alle Ewigkeit nicht. Willst du?« - -»Nein, ich will nie 'nen andern lieben, Tom, und nie 'nen andern -heiraten als dich, aber du darfst's auch nicht thun, Tom, darfst auch -nie 'ne andere heiraten wollen.« - -»Gewiß! Natürlich, das gehört auch dazu. Und immer auf dem Weg zur -Schule oder nach Hause mußt du mit mir gehen, wenn's niemand sieht, und -bei Gesellschaften wähl' ich dich und du mich zum Spiel, denn so macht -man's, wenn man verlobt ist.« - -[Illustration] - -»Nein, wie hübsch! Davon hab' ich noch gar nichts gewußt.« - -»Ja, 's ist schrecklich lustig. Ei, ich und Anny Lorenz --« - -Beckys große, erschreckte Augen verrieten Tom sofort seinen Mißgriff. -Verwirrt hielt er ein. - -»O, Tom. Ich bin also nicht die erste, mit der du verlobt bist?« - -Ihre Thränen flossen. Tom tröstete: - -»Wein' nicht, Becky. Ich mach' mir gar nichts mehr aus der.« - -»Doch, Tom, doch -- du weißt selbst, daß du dir noch was aus ihr -machst ...« - -Tom versuchte den Arm um ihren Hals zu legen, sie aber stieß ihn fort, -wandte das Gesicht der Wand zu und schluchzte herzbrechend weiter. Tom -versuchte es noch einmal mit sanft zuredenden Worten und wurde wieder -zurückgewiesen. Nun regte sich sein Stolz, stumm schritt er der Thüre -zu und ging hinaus. Draußen drückte er sich eine Weile herum, rastlos -und unbehaglich, von Zeit zu Zeit nach der Thüre schielend, in der -Hoffnung, sie würde bereuen und kommen, ihn zurück zu holen. Sie aber -kam nicht. Nun wurde ihm schlecht zu Mute und er begann zu fürchten, -daß er selber im Unrecht sei. Es kostete ihn einen harten Kampf, noch -einmal Annäherungsversuche zu machen, doch wappnete er sich schließlich -mit Mannesmut und ging hinein. Dort stand Becky noch in ihrem Winkel -und weinte, das Gesicht gegen die Wand gepreßt. Toms Herz krampfte sich -zusammen bei dem Anblick. Er trat zu ihr, im Moment ratlos, wie er die -Verhandlungen einleiten sollte. Endlich stieß er zögernd hervor: - -»Becky, ich -- ich mag keine andre mehr sehen, als dich.« - -(Keine Antwort -- nur erneutes Schluchzen.) - -»Becky,« -- (bittend.) - -»Becky, willst du mir gar nichts sagen?« - -(Heftiges Schluchzen.) - -Tom grub in seinen Taschen und brachte endlich das Kleinod seines -Herzens, den Messingknopf irgend eines alten Deckels, zum Vorschein, -hielt ihr denselben vor, so daß sie ihn sehen konnte und sagte in -einladendem Tone: - -»Bitte, Becky, nimm doch das da, sieh mal her!« - -Sie aber schlug's unbesehen zu Boden. Nun wandte sich Tom wortlos, -schritt aus dem Hause und suchte das Weite, um für diesen Tag nicht zur -Schule zurück zu kehren. Bald ward es Becky klar, was sie verscherzt -hatte. Sie rannte nach der Thüre, auf den Hof, flog um die Ecke des -Hauses -- er war nicht mehr zu sehen. Nun erhob sie die Stimme: - -»Tom, Tom, komm zurück, Tom!« - -Atemlos lauschte sie, keine Antwort. Ihre einzigen Gefährten waren -Schweigen und Einsamkeit. Wieder setzte sie sich, um zu weinen, und als -dann die Schüler zu den Nachmittagsstunden herbei zu strömen begannen, -mußte sie ihre Trauer bergen, ihr gebrochenes Herz zur Ruhe bringen -und das Kreuz eines langen, trübseligen, schmerzvollen Nachmittags auf -sich nehmen, ohne unter diesen Fremden auch nur eine fühlende Brust zu -haben, die ihren Schmerz hätte teilen können. -- - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Tom schlich sich fort auf Seitenpfaden bald zur Rechten und bald -zur Linken, um dem Späherauge der zur Schule zurück pilgernden -Kinder zu entgehen. Er setzte einigemale über einen kleinen Bach, da -kreuzweises Ueberschreiten von Wasser ein gutes Mittel sein sollte, -sich geplanter Verfolgung sicher zu entziehen. Eine halbe Stunde später -sah man ihn oben hinter dem letzten hochgelegenen Haus des Städtchens -verschwinden, die Schule lag wie im Nebel weit hinter ihm. Nun kam er -in einen dichten Wald, bahnte sich mühsam einen Weg recht ins Dickicht -hinein und warf sich ins weiche Moos unter einer breitästigen Eiche -nieder. Nicht ein Lüftchen regte sich, die brütende Mittagsglut hatte -selbst den Sang der Vöglein verstummen machen. Die ganze Natur lag -regungslos, wie in Verzückung, nur das gelegentliche, wie aus weiter -Ferne ertönende Hämmern eines Spechtes unterbrach die lautlose Stille -und schien die ringsum herrschende Einsamkeit nur noch lastender -und fühlbarer zu machen. Des Knaben Seele badete sich gleichsam in -Schwermut, seine Gefühle befanden sich im glücklichsten Einklang mit -der Umgebung. Lange saß er so, die Ellbogen auf die Kniee, das Gesicht -in die Hände gestützt und dachte nach. Ihm schien das Leben im besten -Falle nur eine Last zu sein und er beneidete beinahe den Jimmy Hodges, -der kürzlich von dieser Last erlöst worden war. So friedlich und schön -dachte er's sich, da unten zu liegen, zu schlummern und zu träumen -für immer und immer, während der Wind in den Bäumen spielte und mit -den Blumen und Gräsern koste, die auf dem Grabe standen. Da gab es -dann nichts mehr, über das man sich zu quälen und zu grämen brauchte. -Wenn nur sein Sonntagsschul-Gewissen rein wäre, wie gerne würde er der -ganzen Welt Valet sagen. Und was jenes Mädchen betraf -- was hatte -er eigentlich gethan? Nichts. Er hatte es so gut gemeint, wie nur -einer in der Welt und war behandelt worden, wie ein Hund, -- wie ein -elender Hund. Sie würde es bereuen eines Tages -- wenn es zu spät wäre -vielleicht. Ach, wenn er nur sterben könnte, nur für _einige Zeit_! - -Das elastische Herz der Jugend aber läßt sich nicht lange in ein und -dieselbe Form zusammenpressen. Tom glitt alsbald wieder ganz unmerklich -in die Interessen dieses Lebens zurück. Wie, wenn er allem den Rücken -kehrte und geheimnisvoll verschwände? Oder wenn er davon wanderte, -weit, weit, ewig weit fort, in ferne fremde Länder jenseits der See -und niemals wieder käme? Wie würde Becky zu Mute sein? Der Gedanke, -ein Hanswurst zu werden, stieg auch wieder in ihm auf, aber er wies -ihn mit Ekel von sich. Tollheit und Witze nebst gesprenkelten Trikots -waren jetzt förmlich eine Beleidigung für seinen Geist, der sich in das -nebelhafte, hehre Gebiet der Romantik aufgeschwungen hatte. Nein, ein -Soldat wollte er werden und nach langen, langen Jahren wiederkehren, -kriegsmüde, ruhmbedeckt. Oder, noch besser! Er wollte zu den Indianern -gehen, Büffel jagen, den Kriegspfad beschreiten in den wilden Bergen -und unermeßlich weiten Ebenen des ›Fernen Westens‹, und dann einmal -in grauer Zukunft zurückkehren als großer Häuptling, starrend von -Federn, scheußlich bemalt, und an einem schläfrigen Sommermorgen mit -gellendem Kriegsgeheul, welches das Blut gerinnen machte, in die -Sonntagsschule einbrechen, wo die Herzen und Augen seiner Kameraden -ihn förmlich verzehren würden vor sengendem Neid. Halt, es gab noch -etwas Größeres als selbst dieses! Ein Seeräuber wollte er werden! Das -war's. Jetzt lag seine Zukunft klar vor ihm, strahlend in unsagbar -blendendem Glanze. Wie würde sein Name die Welt erfüllen und alle -Menschen schaudern und erbeben machen! Wie glorreich würde er auf -seinem langen, niedrigen, kohlschwarzen Schnellsegler ›Sturmesfittich‹ -die wogenden Wellen der See durchfurchen, während die düstere Flagge -vom Vordermast wehte, ein gefürchtetes Zeichen auf allen Meeren. Und, -auf dem Gipfel seines Ruhmes angelangt, wie wollte er plötzlich im -alten Städtchen erscheinen, in die Kirche treten, braun und verwettert, -in seinem schwarzen Sammtwams und der faltigen Pluderhose, seinen -hohen Stulpstiefeln, der roten Schärpe und dem mit wallenden Federn -besteckten Schlapphut, den Gürtel starrend von Reiterpistolen, das in -blutigen Metzeleien eingerostete Schwert an der Seite; sodann wollte er -die schwarze Flagge mit dem Totenschädel und den gekreuzten Gebeinen -darauf entfalten und mit einem das Herz zum Zerbersten schwellenden -Entzücken das Raunen und Flüstern hören: »Seht, das ist Tom Sawyer, der -Pirat! Der schwarze Würger der spanischen Meere!« - -Ja, nun war's entschieden, seine Laufbahn festgestellt. Er wollte von -Hause weglaufen und dieselbe sofort antreten. Gleich am nächsten Morgen -wollte er's thun! Drum mußte er aber auch sofort an die Vorbereitungen -gehen. Es galt zunächst, all seine Reichtümer zusammen zu tragen. So -ging er denn zu einem verfaulten Baumstamm in der Nähe und begann an -einem Ende desselben mit seinem Messer den Boden aufzuwühlen. Bald -kam er auf Holz, das hohl klang. Er legte die Hand darauf und sprach -andächtig die Beschwörungsformel: - - »_Erscheine_, was nicht hier, - Und was schon hier war, _bleibe_!« - -Danach kratzte er die Erde vollends weg und legte eine fichtene -Schindel bloß. Diese hob er empor und nun zeigte sich eine schmucke, -kleine Schatzkammer, deren Boden und Wände ebenfalls aus Schindeln -bestanden. Eine _einzige_ Glaskugel lag darinnen. Toms Erstaunen war -grenzenlos. Verblüfft kratzte er sich am Kopfe und sagte: - -»Na, das übersteigt denn doch alles!« - -Drauf schleuderte er die Kugel zornig von sich und überlegte die Sache, -tief in Brüten versunken. Einer seiner festesten Glaubenssätze, die bis -jetzt ihm und seinen Kameraden für unfehlbar gegolten, war soeben ins -Wanken geraten. Wenn man eine solche Kugel vergrub, so hieß es, und die -nötigen Formalitäten dabei streng befolgte, dann nach vierzehn Tagen -an dem Platz wieder nachsah mit eben der Formel, die Tom gesprochen, -so würde man alle Kugeln, die man jemals im Leben verloren, um die -eingegrabene versammelt finden, einerlei, wie weit zerstreut sie -gewesen. So lautete der Satz. Und nun war das Ding fehlgeschlagen, -fraglos, zweifellos fehlgeschlagen. Toms ganzes Glaubensgebäude wankte -in seinen Grundfesten. Immer nur hatte er von dem Erfolg, niemals von -dem Mißglücken dieses Verfahrens gehört. Er selbst hatte es schon -einigemale probiert, und nur keinen Erfolg gehabt, weil er nie das -Versteck wieder auffinden konnte. Ratlos brütete er eine Zeitlang über -der Sache und kam schließlich zu der Einsicht, daß irgend eine Hexe die -Hand im Spiel gehabt und den Zauber gebrochen haben müsse. Davon wollte -er sich nun überzeugen. So suchte er denn herum, bis er einen kleinen -sandigen Fleck entdeckte, mit einer trichterförmigen Vertiefung in der -Mitte. Er legte sich flach auf den Boden, hielt den Mund dicht an diese -kleine Höhlung und rief: - - »Faulpelzkäfer, Faulpelz du, - Sag' mir, was du weißt, im Nu!« - -Da begann es im Sande zu arbeiten, und gleich danach erschien auf einen -Augenblick ein kleiner, schwarzer Käfer an der Oberfläche, der sich -aber alsbald erschreckt wieder zurückzog. - -»Haha! Der wagt's nicht, was zu sagen. 's war also richtig eine Hexe! -Hab' mir's doch gedacht!« - -Da er die Fruchtlosigkeit eines Versuchs, es mit Hexen und Dämonen -irgend welcher Art aufnehmen zu wollen, kannte, so gab er dies sofort -entmutigt auf. Dann fiel ihm ein, daß er doch wenigstens die Kugel -nehmen sollte, die er weggeworfen im ersten Zorn, und er begab sich -geduldig an's Suchen, konnte sie aber nicht finden. Nun ging er zur -Schatzkammer zurück, stellte sich sorgfältig wieder gerade so hin, wie -er zuvor gestanden, als er die Kugel weggeschleudert, nahm eine zweite -Kugel aus der Tasche, warf diese nach derselben Richtung und sagte: - -»Bruder, such' den Bruder flink!« - -Genau paßte er auf, wo sie hinflog, ging dann hin und sah nach. -Entweder war sie zu kurz oder zu weit geflogen, noch zweimal mußte -er dasselbe Experiment wiederholen. Das letztemal war es von Erfolg -begleitet. Die beiden Kugeln lagen nur einen Fuß weit von einander -entfernt. - -Gerade im selben Moment ertönte von fern der schwache Klang einer -Blechtrompete durch die grünen Bogengänge des Waldes. Im Nu hatte -sich Tom seiner Jacke und Hosen entledigt, einen Hosenträger in einen -Gürtel verwandelt, einen Haufen Gestrüpp hinter dem faulenden Holzstamm -beiseite geschoben, sich eines Bogens samt Pfeilen, eines hölzernen -Schwertes und einer Blechtrompete bemächtigt und stürzte nun davon, -barfuß, in flatterndem Hemde. Bald darauf machte er Halt unter einer -großen Ulme, stieß antwortend seinerseits ins Horn, begann dann sich zu -recken und kriegerisch nach allen Seiten auszuspähen. Vorsichtig mahnte -er eine, nur im Geist vorhandene Schar von Getreuen: - -»Haltet euch still, meine Tapferen! Versteckt euch, bis ich blase!« - -[Illustration] - -Jetzt erschien Joe Harper auf der Bildfläche, ebenso luftig gekleidet -und ebenso furchtbar gewappnet wie Tom. Da rief dieser: - -»Halt! Wer wagt es den Sherwood-Forst zu betreten ohne meine -Erlaubnis?« - -»Guy von Guisborne bedarf keines Sterblichen Erlaubnis. Wer bist du, -der du -- der du --« - -»Es wagst eine solche Sprache zu führen,« fiel Tom schnell ein, denn -sie sprachen ›nach dem Buche‹ aus dem Gedächtnisse. - -»Wer bist du, der du es wagst eine solche Sprache zu führen?« - -»Ich, fragst du, wer ich sei? Ich bin Robin Hood, was dein klapperndes -Gebein alsbald erfahren soll.« - -»Du wärest in der That jener berühmte Geächtete? Mit Freuden will ich -mit dir um das Recht der Herrschaft in diesem fröhlichen Forst ringen. -Sieh dich vor!« - -Beide zogen ihre Lattenschwerter und ließen die andern Waffen zu Boden -fallen, nahmen Fechterstellung ein, Fuß an Fuß, und begannen einen -ernsten, regelrechten Kampf: »zwei Hiebe oben, zwei unten.« Alsbald -rief Tom: - -»So, wenn du's los hast, laß' uns mal schneller 'rin gehen!« - -Und sie gingen ›schneller 'rin‹ bis sie keuchten und schwitzten vor -Anstrengung. Nun brüllt Tom: - -»Fall' doch, fall', warum fällst du nicht?« - -»Ich? Fall' du selber. Du kriegst die dicksten Hiebe.« - -»Darauf kommt's gar nicht an. _Ich_ kann nicht fallen. So steht's nicht -im Buch. Dort heißt's: ›Und mit einem gewaltigen Streiche von rückwärts -fällte er den armen Guy von Guisborne!‹ Du mußt dich also umdrehen und -ich hau' dich von hinten nieder.« - -Um diese Autorität war nun nicht herum zu kommen, Joe drehte sich, -erhielt seinen Streich und fiel. - -»Jetzt aber,« rief Joe, der ebenso flink wieder empor schnellte, »ist -die Reihe an mir, dich tot zu hauen. Los also, dreh' dich um -- was dem -einen recht ist, ist dem anderen billig. Nun, wird's bald?« - -»Ja, aber, Joe, das kann ich doch nicht, so steht's ja gar nicht im -Buch.« - -»Na, das ist dann einfach eine Gemeinheit, weiter sag' ich gar nichts.« - -»Du, hör' mal, Joe, du könntest ja der Bruder Tuck sein oder Much, der -Müllerssohn, und mich mit einem Prügel für Zeit meines Lebens lahm -hauen. Oder, wart', ich weiß noch was Besseres. Du bist Robin Hood für -ein Weilchen und ich der Sheriff von Nottingham und du haust mich tot.« - -Damit war nun Joe zufrieden, und so wurden denn beide Abenteuer mit -der nötigen Feierlichkeit in Scene gesetzt. Dann verwandelte sich Tom -wieder in Robin Hood und Joe, der die verräterische Nonne vorstellte, -ließ ihn sich an seiner Wunde zu Tode bluten. Zuletzt schleifte ihn der -vielseitige Joe, der nun eine ganze Bande trauernder Räuber darstellte, -nach vorn, legte Bogen und Pfeil in die zitternden Hände des Sterbenden -und dieser hauchte: »Wo dieser Pfeil niedersinken wird, da verscharret -die Reste des armen Robin Hood unter den Bäumen des Waldes.« Der Pfeil -entschwirrte der Sehne, Tom fiel zurück und würde gestorben sein, wenn -er nicht zufällig in einen Nesselbusch gesunken und für eine Leiche -etwas allzu lebhaft emporgesprungen wäre. - -Drauf steckten sich die Jungen wieder in ihre Kleider, verbargen ihre -Waffenausrüstung und zogen von dannen, in Trauer versunken darüber, daß -das Zeitalter der Geächteten und Räuber entschwunden war. Vergeblich -fragten sie sich, welche Errungenschaft moderner Gesittung wohl diesen -Verlust aufzuwiegen vermöchte. Ihrem eigenen Gefühl nach wären die -beiden weit lieber ein einziges kurzes Jahr lang Räuber, vervehmte, -geächtete Räuber im Sherwood-Forste gewesen, als Präsident der -Vereinigten Staaten auf Lebenszeit. - -[Illustration] - - - - -Achtes Kapitel. - - -Um halb zehn Uhr an jenem Abend wurden Tom und Sid wie gewöhnlich zu -Bette geschickt. Sie sprachen ihr Gebet und Sid war bald eingeschlafen. -Tom lag wach und wartete in rastloser Ungeduld. Als er schon meinte, -es müsse beinahe Morgen sein, schlug die Uhr zehn -- es war rein zum -Verzweifeln. Er würde sich im Bette herum geworfen haben, unaufhörlich -von einer Seite zur andern, wie es seine Nerven gebieterisch -verlangten, hätte er nicht gefürchtet, Sid dadurch zu wecken. So -lag er denn krampfhaft ruhig und starrte hinein in die Finsternis. -Allmählich begannen sich in der beinahe greifbaren Stille kleine, kaum -zu unterscheidende Geräusche bemerkbar zu machen. Erst drängte sich ihm -der Laut der tickenden Uhr auf. Alte Balken krachten geheimnisvoll. -Die Treppe knisterte leise. Augenscheinlich waren die Geister munter. -Ein taktmäßiges, gedämpftes Schnarchen klang aus Tante Pollys Zimmer. -Und jetzt begann auch noch einer Grille ermüdendes Zirpen, das mit -Genauigkeit zu lokalisieren kein menschlicher Scharfsinn je imstande -ist. Dann machte das unheimliche Ticken einer Totenuhr in der Wand, -am Kopfende des Bettes, Tom zusammenschaudern, -- bedeutete es doch, -daß jemands Tage gezählt seien. Nun erhob sich das klagende Geheul -eines Hundes in die Nachtluft, dem leiseres Gewinsel aus der Ferne -antwortete. Tom lag in reiner Todesangst da. Er war fest überzeugt, -daß die Zeit aufgehört, die Ewigkeit begonnen habe. Trotz allem -Bemühen, sich wach zu halten, begann er leise einzudämmern. Die Uhr -schlug elf, er aber hörte es nicht mehr. Auf einmal tönte mitten in -seine noch gestaltlosen Träume hinein das langgezogene, schwermütige -Miauen eines Katers. Das Oeffnen eines benachbarten Fensters, der Ruf: -›Verfluchtes Katzenpack!‹ und das Zersplittern einer gegen die Mauer -geschleuderten leeren Flasche ließ ihn entsetzt und urplötzlich wach -in die Höhe fahren. Eine Sekunde später war er angezogen, zum Fenster -hinaus und kroch auf allen Vieren auf dem Dache des Vorbaues entlang. -Dabei miaute er ein- oder zweimal mit großer Vorsicht, sprang dann auf -das Dach des Holzschuppens und von dort zu Boden. Huckleberry Finn -mit seiner toten Katze erwartete ihn. Die Jungen entfernten sich und -verschwanden im Dunkel. Eine halbe Stunde später wateten sie durch das -hohe Gras des Friedhofs. - -Es war ein Friedhof nach der altmodischen Art des Westens und lag -auf einem Hügel, etwa eine halbe Stunde vom Städtchen entfernt. Ihn -umgrenzte ein wackeliger Bretterzaun, der sich abwechselnd bald nach -innen, bald nach außen lehnte, nirgends aber gerade stand. Gras und -Unkraut wucherten üppig über den ganzen Begräbnisplatz hin. Die alten -Gräber waren sämtlich eingesunken. Kein Grabstein war zu erblicken. -Wurmstichige Bretter schwankten statt dessen lose und schief auf den -verfallenen Hügeln, schienen nach einer Stütze zu suchen und keine -zu finden. ›Zum Gedächtnis an -- so -- und so‹ war einst auf ihnen -zu lesen gewesen, jetzt aber war's nicht mehr zu entziffern, auf den -meisten wenigstens nicht, selbst im hellsten Tageslicht. - -Ein schwacher Windzug ächzte in den Bäumen; Tom war's, als müßte es das -Seufzen der Toten sein, die sich über die Störung beklagten. Die Jungen -sprachen nur wenig und nur im Flüsterton, denn Zeit und Ort, sowie -das feierliche, tiefe Schweigen versetzte sie in gedrückte Stimmung. -Bald fanden sie den frisch aufgeworfenen Haufen, den sie suchten, und -verschanzten sich in dem Schutze von drei großen Ulmen, die in einer -dichten Gruppe, wenige Fuß vom Grabe entfernt, wuchsen. - -Dort warteten sie schweigend eine Zeitlang, die ihnen eine Ewigkeit -schien. Das Geschrei einer fernen Eule war alles, was die Totenstille -unterbrach. Toms Gedanken wurden niederdrückend, er mußte ein Gespräch -erzwingen um jeden Preis. So flüsterte er denn: - -»Huckchen, meinst du, daß die toten Leute da drunten etwas dagegen -haben, daß wir hier sind?« - -Worauf Huckleberry zurück flüsterte: - -»Möcht's selber wissen. Aber gelt, 's ist furchtbar feierlich, nicht?« - -»Weiß Gott, das ist's -- uff!« - -Lange Pause, während die Jungen noch einmal innerlich der Sache -nachgrübelten. Wieder wisperte Tom: - -»Du, Huckchen, glaubst du, daß der alte Williams uns hören kann?« - -»Natürlich kann er, wenigstens sein Geist.« - -Tom, nach einer Pause: - -»Hätt' ich doch _Herr_ Williams gesagt! Ich hab's aber nicht bös -gemeint. Jedermann nennt ihn doch den alten Williams.« - -»Ja, man kann nicht vorsichtig genug sein in dem, was man über die -Leute da drunten sagt, Tom.« - -Dies war ein warnender Dämpfer und das Gespräch erstarb von neuem. -Plötzlich ergriff Tom den Arm seines Kameraden: - -»Scht!« - -»Was giebt's, Tom?« Und die zwei umklammerten sich gegenseitig, -atemlos, wild pochenden Herzens. - -»Scht! Da ist's wieder. Hast du denn nichts gehört?« - -»Ich --« - -»Da, noch einmal! Jetzt mußt du's doch hören!« - -»Herr Gott, Tom, da kommen sie! Gewiß und wahrhaftig, da kommen die -Teufel! Was sollen wir anfangen?« - -»Ich weiß nicht. Ob sie uns sehen?« - -»O, Tom, Tom, die sehen im Dunkeln, grad' wie die Katzen. Ach, wär' ich -doch nicht hierher gegangen.« - -»Na, alter Waschlappen, fürcht' dich doch nicht so! Ich glaub' nicht, -daß die sich viel um uns kümmern. Wir thun ja niemand nichts Böses. -Wenn wir uns ganz mucks-mäuschenstill verhalten, merken sie vielleicht -gar nicht, daß wir da sind.« - -»Ich will mich ja nicht fürchten, Tom, aber ich -- ich -- ach Gott, ich -klapper' nur so in meiner Haut.« - -»Horch doch!« - -Die Jungen steckten die Köpfe zusammen und atmeten kaum. Ein -unterdrücktes Geräusch wie von Stimmen ertönte vom andern Ende des -Friedhofs. - -»Sieh, sieh dort!« hauchte Tom. »Was ist das?« - -»'s ist Hexenfeuer. Ach Tom, das ist grausig.« - -Einige undeutlich nebelhafte Gestalten näherten sich in dem Dunkel. Sie -schwangen eine altmodische Blechlaterne, die den Boden mit unzähligen -kleinen Lichtfleckchen besäete. Alsbald flüstert Huck schaudernd: - -»Da, das sind die Teufel, gewiß und wahrhaftig! Und gleich drei auf -einmal! Herr Gott, Tom, wir sind hin! Kannst du beten?« - -»Ich will's mal probieren. Aber fürcht' du dich doch nicht so, die thun -uns sicher nichts. Wart', ich bet'! ›Müde bin ich, geh zur Ruh, schließ -die beiden Augen zu, Vater laß --‹« - -»Scht!« - -»Was giebt's, Huck?« - -»'s sind Menschen! Einer davon mal gewiß! Die eine Stimme kenn' ich, -die gehört dem alten Muff Potter.« - -»Nee, wahrhaftig?« - -»Na, ich wett' mein' Seel'. Rühr' du dich aber nicht, der merkt nichts -von uns. Ist natürlich wieder voll, wie gewöhnlich -- verflixter alter -Saufaus!« - -»Schon gut, ich muckse mich nicht. Da, sie bleiben stehen, können's -nicht finden. Jetzt geht's wieder vorwärts, -- es wird heiß[5] -- kalt --- ganz kalt -- jetzt lau -- da warm -- puh, nun wird's aber heiß -- -heißer, glühend! Scht -- da sind sie! Huck, ich kenn' noch einen, 's -ist der Indianer-Joe.« - - [5] Dem Leser ist wohl das Spiel ›kalt oder warm‹ bekannt. - - Der Uebers. - -»Der mörderische Lump! Teufel wären mir fast lieber! Auf was die wohl -aus sind?« - -Letztere Worte waren bloß noch gehaucht, denn die drei Männer hatten -nun das Grab erreicht und standen kaum ein paar Fuß von dem Versteck -der Jungen entfernt. - -»Hier ist's!« sagte die dritte Stimme; der, welcher gesprochen hatte, -hielt die Laterne in die Höhe und zeigte im Strahl des Lichtes das -Antlitz des jungen Doktors Robinson. - -Potter und der Indianer-Joe schleppten eine Trage mit einem Seil und -ein paar Schaufeln drauf. Sie setzten ihre Last nieder und begannen das -Grab zu öffnen. Der Doktor stellte die Laterne zu Häupten desselben, -ging und setzte sich, mit dem Rücken gegen einen der Ulmenbäume -gelehnt. Er war so dicht bei den Jungen, daß diese ihn hätten berühren -können. - -»Eilt euch, Leute!« sagte er mit leiser Stimme. »Der Mond kann jeden -Augenblick heraus kommen.« - -Die brummten eine Antwort und fuhren fort zu graben. Eine Zeit lang -hörte man kein anderes Geräusch, als das Knirschen der sich ihrer -Last von Erde und Sand entladenden Schaufeln. Es klang unsäglich -eintönig. Endlich stieß ein Spaten mit dumpfem, hohlem Laut auf den -Sarg und in der nächsten Minute hatten die Männer diesen empor an die -Oberfläche gehoben. Sie brachen den Deckel mit ihren Schaufeln auf, -rissen den Leichnam heraus und warfen ihn roh zur Erde. Eben trat der -Mond hinter den Wolken vor und beleuchtete das starre, weiße Antlitz. -Die Trage wurde herbeigebracht, die Leiche darauf gelegt, mit einer -Decke verhüllt und mit dem Seile festgebunden. Potter holte ein großes -Klappmesser aus der Tasche, schnitt das niederhängende Ende des Seiles -ab und sagte: - -»Jetzt ist das verfluchte Ding abgethan, Knochensäger, jetzt rückst du -mit noch 'nem Fünfer heraus, oder die Bescherung bleibt hier.« - -»Recht gesprochen, beim Schinder!« bekräftigte der Indianer-Joe mit -einem Fluche. - -»Hört mal, Leute, was soll das heißen?« sagte der Doktor. »Ihr habt -Vorausbezahlung verlangt und sie auch gekriegt und damit basta!« - -»Jawohl, basta,« zischte der Indianer-Joe und sprang auf den Doktor zu, -der nun aufrecht stand. »Wir zwei sind noch lang' nicht fertig, daß -du's nur weißt. Vor fünf Jahren jagtest du mich wie einen Hund von der -Thüre deines Vaters weg, als ich um etwas zu essen bat; ›der Kerl ist -wegen ganz was andrem da‹, hieß es. Als ich dann sagte, das solltest -du mir ausfressen, und wenn's erst nach hundert Jahren wäre, da ließ -mich der Herr Vater als Strolch einsperren. Meinst du, das hätt' ich -vergessen? Ich hab' nicht umsonst Indianerblut in mir. Jetzt hab' ich -dich und jetzt kommt die Abrechnung, merk' dir's!« - -Er fuchtelte dem Doktor dabei mit der geballten Faust unter der Nase -herum. Dieser schlug plötzlich aus und streckte den Schurken zu Boden. -Da ließ Potter sein Messer fallen und rief: - -[Illustration] - -»Was da! Ich laß meinen Kameraden nicht hauen.« Im nächsten Moment -hatte er den Doktor umklammert und die beiden rangen mit Macht und -Gewalt, Gras und Boden dabei wild zerstampfend. Der Indianer-Joe -sprang auf die Füße, seine Augen glühten und flammten vor Wut, er hob -Potters Messer vom Boden auf und umkreiste unheimlich, katzenartig -die Ringenden, nach einer Gelegenheit spähend. Plötzlich gelang es -dem Doktor, seinen Gegner abzuschütteln. Mit einem Griff riß er das -schwere, breite Brett, das auf Williams' Grabe gestanden, an sich und -schlug Potter damit zu Boden. Im selben Moment aber hatte auch der -Indianer-Joe die günstige Gelegenheit ersehen; bis zum Heft stieß er -das Messer in des jungen Mannes Brust. Der wankte und fiel teilweise -auf Potter, den er mit seinem Blute überströmte, -- da verkroch sich -der Mond hinter Wolken und entzog das gräßliche Schauspiel den Augen -der entsetzten Knaben, die in dem Dunkel sich eiligst davon machten. - -Als der Mond wieder hervor trat, stand der Indianer-Joe vor den beiden -hingestreckten Gestalten und betrachtete sie. Der Doktor murmelte etwas -Unverständliches, holte ein- oder zweimal tief Atem und -- war still. -Der Mörder brummte: - -»Jetzt ist's abgerechnet -- fahr' zur Hölle!« - -Dann beraubte er die Leiche, wonach er das verhängnisvolle Messer -in Potters geöffnete rechte Hand steckte, sich selbst aber auf den -zertrümmerten Sarg setzte. Drei -- vier -- fünf Minuten verflossen, da -begann Potter zu stöhnen und sich zu bewegen. Seine Hand umschloß das -Messer, er hob's empor, warf einen Blick drauf und ließ es mit einem -Schauder fallen. Dann richtete er sich auf, schob den toten Körper -zurück, starrte drauf nieder und dann verwirrt in die Runde. Seine -Augen begegneten denen Joes. - -»Herrgott, wie kam's denn, Joe?« fragte er. - -»Ja, das ist 'ne faule Sache, Potter,« versetzte dieser, ohne sich zu -rühren. »Daß du aber auch gleich so drauf losgehen mußt!« - -»Ich? Ich hab's doch nicht gethan!« - -»Hör' mal, du, das Geschwätz wäscht dich noch lang' nicht weiß.« - -Potter zitterte und wurde leichenblaß. - -»Hab' ich doch gemeint, ich wär' nüchtern gewesen, was hab' ich auch -am Abend so trinken müssen, ich alter Esel. Ich hab's noch im Kopf, -das spür' ich -- schlimmer als im Anfang, wie wir kamen. Ich bin rein -wie im Dusel -- kann mich auf nichts besinnen. Sag' doch, Joe -- aber -ehrlich, alter Kerl, -- hab' ich's wirklich gethan, Joe? Ich hab's ja -gewiß und wahrhaftig nicht gewollt, auf Ehr' und Seligkeit, ich hab's -nicht thun wollen, Joe. Wie ist's denn eigentlich gewesen, Joe? Ach, 's -ist gräßlich -- und er so jung und hoch begabt!« - -»Na, ihr beiden balgtet euch und er hieb dir eins mit dem Brett dort -über und du fielst um wie ein Sack. Dann rappeltest du dich wieder auf, -ganz taumelig und wackelig, griffst nach dem Messer und bohrtest es ihm -in die Rippen, gerade als er dir einen zweiten gewaltigen Klapps mit -dem Dings da versetzte. Seitdem lagst du da wie ein Klotz und hast dich -nicht gerührt.« - -»O, ich hab' nicht gewußt, was ich thue. Will auf der Stelle tot -hinfallen, wenn ich's gewußt hab'. Daran ist nur der verdammte -Branntwein und die Aufregung schuld. Nie im Leben hab' ich's Messer -gezogen, Joe. Gerauft hab' ich, aber nie gestochen. Das kannst du von -jedem hören. Joe, verrat' mich nicht! Sag's, daß du mich nicht verraten -willst, Joe, bist auch 'n guter Kerl. Ich hab' dich immer gern gehabt, -Joe, und hab' dir's Wort geredet. Weißt du's nicht mehr? Gelt, du sagst -nichts, Joe?« Und der arme, geängstigte Kerl warf sich auf die Kniee -vor dem vertierten Mörder und faltete flehend die Hände. - -»'s ist wahr, du hast immer zu mir gehalten, Muff Potter, und das will -ich dir jetzt gedenken. -- Das nenn' ich doch wie 'n ehrlicher Kerl -gesprochen, was?« - -»O, Joe, du bist ein Engel. Ich will dich segnen, so lange ich lebe.« -Und Potter begann zu weinen. - -»Na, komm, laß gut sein. Jetzt ist keine Zeit zum heulen und greinen. -Mach' dich fort, dort hinaus, ich geh' den Weg. Flink, los -- und daß -du mir keine Spuren zurücklässest!« - -Potter schlug einen gelinden Trab an, der bald in ein Rennen ausartete. -Sein Geselle sah ihm nach und murmelte: - -»Wenn er so benebelt ist vom Schnaps und vom Hieb, wie er aussieht, so -wird er nicht mehr an das Messer denken, bis er so weit weg ist, daß er -sich fürchtet allein hierher zurück zu kommen -- der Hasenfuß!« - -Zwei oder drei Minuten später sah nur noch der Mond nieder auf den -Gemordeten, auf die verhüllte Leiche, den deckellosen Sarg und das -offene Grab. Lautlose Stille herrschte aufs neue. - -[Illustration] - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Die beiden Jungen flohen keuchend, sprachlos vor Entsetzen, dem -Städtchen zu. Von Zeit zu Zeit warfen sie angstvolle Blicke über die -Schultern zurück, als ob sie fürchteten, man könne sie verfolgen. Jeder -Baumstumpf, der sich am Wege erhob, schien ein Mensch und ein Feind, -dessen Anblick ihnen beinahe den Atem raubte. Als sie an einigen frei -gelegenen Häusern vorüber jagten, schien das Bellen der aufgestörten -Hofhunde ihren Sohlen Flügel zu verleihen. - -»Wenn wir nur die alte Gerberei erreichen, ehe wir zusammenbrechen,« -keuchte Tom stoßweise zwischen das mühsame Atemholen hinein. »Ich kann -kaum mehr länger!« - -Hucks Keuchen war seine einzige Antwort; die Jungen hefteten die Augen -fest auf das ersehnte Ziel ihrer Wünsche und strebten mit aller Macht, -es zu erreichen. Es rückte näher und näher und endlich stürzten sie, -Schulter an Schulter, durch die offene Thür und fielen atemlos in die -schirmenden Schatten des Raumes. Nach und nach mäßigten die jagenden -Pulse ihr Tempo und Tom flüsterte: - -»Huckleberry, was denkst du, was draus werden wird?« - -»Wenn der Doktor stirbt, wird einer baumeln.« - -»Glaubst du?« - -»Glauben? Das ist sicher!« - -Tom dachte eine Weile nach, dann sagte er: - -»Wer soll's denn sagen? -- Wir?« - -»Unsinn! Wenn was dazwischen kommt und der Indianer-Joe doch nicht -baumeln muß, der würd' uns schön an den Kragen gehen, so gewiß ich hier -lieg'.« - -[Illustration] - -»Das hab' ich eben auch gedacht, Huck.« - -»Wenn's einer sagen muß, so kann's ja der Muff Potter thun, dumm genug -ist er dazu. Beduselt ist er auch meistens.« - -Tom sagte nichts, -- dachte weiter. Bald drauf flüsterte er: - -»Huck, Muff Potter weiß ja von nichts. Wie kann der's sagen?« - -»Warum weiß er von nichts?« - -»Der hatte ja gerade den Hieb abgekriegt, als der andre zustach. -Glaubst du, daß der noch etwas gesehen haben kann, daß er noch was -weiß?« - -»Allerdings mein' ich das, Tom!« - -»Hör' du, der Hieb hat ihm am End' auch noch den Rest gegeben!« - -»Das glaub' ich nicht, Tom. Der hatt' Branntwein im Kopf, ich hab's -gesehen. Wenn mein Alter voll ist, dürft' man ihm ohne Schaden mit 'nem -Kirchturm über den Kopf hauen, er würd's nicht spüren. Das sagt er -selber. Grad' so ist's mit Muff Potter natürlich. Wenn einer nüchtern -wäre, könnte er freilich am End' mit so 'nem Klapps genug haben.« - -Nach einer anderen gedankenvollen Pause fragte Tom: - -»Huckchen, bist du sicher, daß du reinen Mund halten kannst?« - -»'s bleibt uns einfach gar nichts andres übrig, Tom. Das siehst du doch -selbst. Der Teufel von Indianerbrut schmisse uns ins Wasser, wie ein -paar Katzen, wenn wir nur davon mucksen wollten und er nicht richtig -drauf gehenkt würde. Hör' mal zu, Tom, wir müssen's uns gegenseitig -zuschwören, das müssen wir thun, schwören, daß wir nichts ausplappern!« - -»Ist mir recht, Huck. 's wird wohl das beste sein. Heb' die Hand auf -und schwör' --« - -»Nee, Tom, so leicht geht das nicht! Das ist freilich gut genug -für kleine, lumpige Sachen, -- besonders, wenn man was mit Mädchen -hat, die dummen Dinger verklatschen einen doch immer, wenn sie mal -in der Patsche sitzen, -- bei so was Großem aber, wie das, muß was -Schriftliches dabei sein -- und Blut!« - -Tom war mit Leib und Seele bei dieser Idee. Sie war tief, düster, -unheimlich, -- mit der Zeit, dem Ort, den Umständen im Einklang. Er -hob eine reine Holzschindel auf, die dort im Mondlicht lag, nahm ein -Endchen Rotstift aus der Tasche, setzte sich so, daß der Mond die -Schindel beleuchtete und kritzelte darauf folgende Zeilen, jeden -Grundstrich mit einem krampfhaften Druck der Zunge gegen die Zähne -betonend, der bei den Haarstrichen mechanisch nachließ: - -»_Huck Finn und Tom Sawyer, die schwören, daß sie hierüber den Mund -halden wollen und wollen auf der stelle tot umfallen, wann sie's -jehmals ausblautern._« - -Huckleberry war voll Staunen und Bewunderung ob Toms Gewandtheit -im Schreiben und der Erhabenheit seines Stils. Flink zog er eine -Stecknadel aus seinem Jackenfutter und wollte sich eben sein Fleisch -ritzen, als Tom rief: - -»Wart', thu's nicht. So 'ne Nadel ist von Messing und da könnt' -Grünspan dran sein.« - -»Grünspan? Was ist das für 'n Span?« - -»Gift ist's, -- weiter nichts. Schluck's nur mal runter, wirst schon -sehen!« - -Tom langte dann eine von seinen Nähnadeln vor, wickelte den Faden -ab und jeder der Jungen stach sich damit in den Ballen der Hand und -quetschte einen Tropfen Blut hervor. - -Mit Geduld, nach oftmaligem Quetschen, brachte denn auch Tom seine -Initialen zustande, wozu er die Spitze des kleinen Fingers als Feder -gebrauchte. Dann zeigte er Huckleberry, wie dieser ein ~H~ und ein -~F~ zu machen habe und der Eidschwur war gültig. Sie vergruben die -Schindel dicht an der Mauer, unter Anwendung von allerlei unheimlichen -Zeremonien und Zauberformeln, und die Fesseln, die ihre Zungen banden, -wurden als fest geschlossen, der Schlüssel dazu als weggeworfen -betrachtet. - -Eine Gestalt schob sich in dem Moment verstohlen durch eine Lücke am -andern Ende des verfallenen Gebäudes, die Jungen aber bemerkten sie -nicht. - -»Tom,« flüsterte Huckleberry, »werden wir nun niemals nichts von der -Geschichte sagen können, niemals?« - -»Natürlich nicht. Was auch kommen mag, wir müssen den Mund halten. -Sonst fielen wir ja gleich tot um, hast du das schon vergessen?« - -»Nee, -- aber -- ja, du hast recht.« - -Eine Zeit lang flüsterten sie noch leise zusammen. Plötzlich schlug -ein Hund ein langgezogenes, unheimliches Geheul an, dicht vor ihrem -Schlupfwinkel, vielleicht zehn Schritte von ihnen entfernt. Die Jungen -umklammerten einander in Todesangst. Ihr Aberglaube hatte wieder die -Oberhand. - -»Wen von uns meint er wohl?« ächzte Huckleberry. - -»Weiß ich's? -- guck' durch den Ritz, schnell!« - -»Guck' du, Tom!« - -»Ich kann nicht -- kann's nicht, Huck!« - -»Bitte, Tom, bitte! Da -- da ist's wieder!« - -»Ach, Gottchen, wie dank' ich dir,« flüsterte Tom. »Ich kenn' die -Stimme, 's ist Harbisons Tyras seine.« - -»Das ist 'n Glück, Tom, ich sag' dir, ich war halb tot vor Schreck; -dacht' schon, 's sei ein fremder Hund.« - -Wieder heulte der Hund. Den Jungen sank das Herz abermals bis in die -unterste Zehenspitze. - -»Ach, du mein alles,« stöhnte Huck, »das ist nicht Harbisons Tyras. -Guck' doch mal, Tom.« - -Tom gab nach, obgleich er mit den Zähnen klapperte vor Furcht, und -legte sein Auge an die Ritze. Sein Flüstern war kaum verständlich, als -er zurück fuhr mit einem: - -»Huck, 's ist _ein fremder Hund_!« - -»Schnell, schnell, Tom, wen meint er von uns?« - -»Er muß uns beide meinen, -- wir stehen dicht zusammen.« - -»Tom, dann sind wir hin, ich sag' dir's. Wo ich hinkommen werde, für -mein Teil, weiß ich nur zu gut. Ich bin so oft gottlos gewesen.« - -»Ach Huck, das kommt davon, wenn man die Schule schwänzt und immer -thut, was verboten ist. Ich hätt' grad' so gut und brav sein können -wie Sid, -- aber natürlich, das paßt mir nicht. Wenn ich noch mal mit -heiler Haut davon komme, so schwör' ich, daß ich mein Lebenlang in die -Sonntagsschule gehen will, -- ich Elender!« - -Und Tom begann ein wenig zu schluchzen und sich die Augen zu reiben. - -»Du, schlecht?« Auch Huckleberry schluchzte nun. »Ach was, Tom Sawyer, -du bist Gold, reines Gold, sag' ich dir, gegen mich. Ach, Gottchen, -Gottchen, Gottchen, -- ja, wenn ich nur halb die Gelegenheit gehabt -hätt', gut zu sein, wie du, Tom, ich --« - -Tom brach plötzlich im Schluchzen ab und flüsterte freudig: - -»Sieh' doch, Huck, sieh'! Er kehrt uns ja den _Rücken zu_!« - -Nun schielte auch Huck durch die Ritze, Wonne im Herzen. - -»Weiß Gott, so ist's! Hat er denn vorher das auch schon gethan?« - -»Ei, freilich; ich Esel hab' aber gar nicht drauf acht gegeben. Na, das -ist herrlich! Jetzt aber, wen kann er meinen?« - -Das Geheul verstummte. Tom spitzte die Ohren. - -»Scht, -- was ist das?« flüsterte er. - -»'s klingt wie -- na, wie Schweinegrunzen. Doch nein, -- da schnarcht -einer, Tom!« - -»Wahrhaftig, so ist's! Woher kommt's wohl, Huck?« - -»Ich glaub' von dort, vom anderen Ende. 's klingt wenigstens so. -Mein Alter hat dort manchmal geschlafen, aber, Herrgott, wenn _der_ -schnarcht, fallen die Mauern ein. Ich glaub' auch nicht, daß der je -wieder hierher kommt.« - -Noch einmal regte sich der Unternehmungsgeist in der Seele der Knaben. - -»Huckchen, getraust du dir mitzukommen, wenn ich voran gehe?« - -»Viel Lust hab' ich nicht, Tom. Wenn's nun der Indianer-Joe wäre?« - -Tom fuhr zusammen und zögerte. Bald aber erhob sich die Versuchung -wieder mit aller Macht und die Jungen kamen überein, die Sache zu -untersuchen, aber Fersengeld zu geben, sowie das Schnarchen aufhöre. So -stahlen sie sich denn auf den Zehenspitzen, einer hinter dem andern, -dem Orte zu, von wo der Laut kam. Fünf Schritte etwa vom Schnarcher -entfernt, trat Tom auf einen Stock, der mit scharfem Knack zerbrach. -Der Mann stöhnte und wandte sich ein wenig, so daß sein Gesicht sich -dem Mondschein zukehrte. Es war Muff Potter. Den Jungen hatte das -Herz still gestanden, als der Mann sich regte, nun aber schwand ihre -Angst. Auf den Zehen schlichen sie hinaus durch die geborstene Mauer -und blieben in geringer Entfernung stehen, um ein Abschiedswort zu -tauschen. Wieder erhob sich jenes langgezogene, klägliche Geheul in die -Nachtluft hinein. Sie wandten sich und sahen den fremden Hund, nur ein -paar Schritte entfernt von dem Ort, an dem Potter lag, diesem den Kopf -zuwendend, mit der Schnauze gen Himmel deuten. - -»Herr Jemine, den meint er!« riefen die beiden in einem Atem. - -»Sag' mal, Tom, 's hat mir einer erzählt, daß um dem Johnny Miller sein -Haus 'n fremder Hund herumgeheult hätt' vor 'n paar Wochen und daß 'ne -Eule sich auf dem Dach gezeigt hat, und doch ist noch keiner tot dort.« - -»Weiß ich. Das beweist aber gar nichts! Ist nicht am selben Sonnabend -die Grace Miller auf den Herd gefallen und hat sich schrecklich -verbrannt?« - -»Wohl, aber tot ist sie doch nicht -- im Gegenteil viel besser.« - -»Na, paß du nur auf, die muß sterben, so gewiß, wie der Muff Potter -dort sterben muß. So sagen die Nigger und die wissen Bescheid in den -Geschichten, Huck!« - -Die Jungen trennten sich, in tiefes Nachdenken versunken. - -Als Tom durch sein Schlafzimmerfenster zurückkroch, war die Nacht -beinahe vorüber. Er entkleidete sich mit der äußersten Vorsicht und -fiel in Schlaf, indem er sich selbst von Herzen Glück dazu wünschte, -daß niemand von seinem nächtlichen Ausflug etwas gemerkt habe. Armer, -blinder Tom! Er selbst hatte nichts gemerkt; er wußte nicht, daß der -sanft schnarchende Sid wachte, wach gewesen war seit einer Stunde. - -Als Tom am andern Morgen die Augen aufschlug, war Sid angekleidet und -fort. Das Tageslicht draußen hatte ordentlich einen späten Schein, es -lag was Spätes in der ganzen Atmosphäre. Tom erschrak. Warum hat man -ihn nicht gerufen, -- ihn nicht geplagt wie gewöhnlich, bis er auf war? - -Dieser Gedanke erfüllte ihn mit schlimmen Ahnungen. Innerhalb fünf -Minuten war er in den Kleidern und die Treppe hinunter, noch ganz -schwindelig und müde. Ihm war nicht wohl zu Mute. Die Familie saß noch -um den Tisch, das Frühstück war beendet. Keine Stimme des Vorwurfs -erhob sich, aber die abgewandten Augen aller, die Stille und so eine -Art Feierlichkeit, die das ganze Zimmer zu erfüllen schien, ließen des -armen Sünders Herz in ahnender Sorge erbeben. Er setzte sich nieder, -versuchte munter und unbefangen zu erscheinen, das aber war verlorne -Liebesmüh'. Kein Lächeln, keine Antwort kam; auch er verfiel in -Schweigen und sein Herz sank in die tiefsten Tiefen der Verzweiflung -und Bekümmernis. - -Nach dem Frühstück nahm ihn die Tante beiseite und Tom lebte sichtlich -auf in der Erwartung, daß nun die wohlverdiente Züchtigung vom Stapel -laufen würde. Dem aber war nicht so. Tante Polly fing an zu weinen, -fragte, wie er es über sich gewänne, sie so zu betrüben, ihr altes Herz -beinahe zu brechen, und schloß damit, daß sie ihm sagte, er möge nur -hingehen, sich zu Grunde richten und ihre grauen Haare mit Schande in -die Grube bringen, sie könne ihn nicht mehr aufhalten, wolle es auch -gar nicht mehr probieren, es sei doch alles nutzlos und vergebens. -Das war schlimmer als die schlimmsten Prügel und Toms Herz war nun -noch matter und elender als sein Körper. Er weinte, bat um Verzeihung, -gelobte Besserung wieder und wieder und wurde schließlich entlassen mit -dem beschämenden Gefühl, doch nur halb und halb Vergebung und Vertrauen -in seine Gelöbnisse gefunden zu haben. - -Er schlich aus dem Zimmer, zu elend selbst, um Rachegelüste gegen Sid, -den Verräter, zu spüren, und so war des letzteren hastige Flucht durch -die Hinterthüre unnötig. Trübselig und traurig machte er sich nach der -Schule auf und nahm mit Joe Harper zusammen seine Tracht Prügel für das -Schulschwänzen entgegen, mit der Miene eines Menschen, dessen Seele -schlimmeres Leid kennt und tot ist für die kleinen Kümmernisse dieser -Welt. Dann verfügte er sich nach seinem Platz, stützte die Ellenbogen -auf den Tisch, das Kinn auf die Hände, bohrte den Blick in die Wand -und saß da, ein Bild starrer Verzweiflung, die ihre Grenzen erreicht -hat und nicht weiter zu gehen vermag. Sein Ellenbogen ruhte auf irgend -etwas Hartem. Nach einer geraumen Zeit änderte er langsam und traurig -seine Stellung und nahm dies Etwas mit einem Seufzer zur Hand. Es -war in Papier eingeschlagen. Er entfaltete es. Ein langgezogener, -ungeheurer Seufzer folgte ... Es war jener Messingknopf, den er Becky -gestern geboten. Dieser letzte bittere Tropfen brachte den Becher -seiner Trübsal zum Ueberfließen. - -[Illustration] - - - - -Zehntes Kapitel. - - -Kurz vor der Mittagsstunde durchzuckte das ganze Städtchen plötzlich -wie ein elektrischer Schlag die grausige Kunde. Es bedurfte nicht des -Telegraphen, von dem man sich damals überhaupt noch nichts träumen -ließ; die Nachricht flog von Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe, von -Haus zu Haus, mit kaum geringerer Schnelle, als der elektrische Funke. -Natürlich gab der Lehrer für den Nachmittag frei, man würde ihm das -Gegenteil sehr verdacht haben. Ein blutiges Messer war dicht bei dem -Gemordeten gefunden worden und jemand hatte es als dem Muff Potter -gehörig erkannt, so lautete die Erzählung. Auch sollte ein Bürger, -der sich verspätet hatte, auf Potter gestoßen sein, wie er sich im -Bache wusch, gegen ein oder zwei Uhr morgens, und als er sich bemerkt -sah, eiligst davon schlich, -- lauter verdächtige Momente, namentlich -das Waschen, was für gewöhnlich sehr gegen Potters Art war. Die ganze -Stadt, so sagte man, sei schon abgesucht worden nach dem ›Mörder‹ (das -Publikum ist schnell bei der Hand mit Beweis und Urteilsspruch), er sei -aber nirgends zu finden. Reiter waren nach jeder Richtung abgesandt -und der Sheriff war überzeugt, daß man ihn noch vor Einbruch der Nacht -einfangen werde. - -Die ganze Stadt wallfahrtete nach dem Friedhof. Toms Herzensnot -schwand; er schloß sich dem Zuge an, nicht, daß er nicht tausendmal -lieber wo anders gewesen wäre -- aber eine unheimliche, unerklärliche -Zauberkraft lockte und zog ihn dorthin. Am Schreckensorte angekommen, -schob und zwängte er seine kleine Person durch die dichte Menge -und stand bald vor dem gräßlichen Schauspiel. Es schien ihm ein -Menschenalter her, seit sein Blick zuletzt darauf geruht. Jemand -zwickte ihn am Arm. Er wandte sich und seine Augen trafen die -Huckleberrys. Wie auf Kommando sahen dann beide nach entgegengesetzter -Richtung, voll Angst, jemand könne den Blick bemerkt haben, den sie -sich zugeworfen. Jedermann aber schwatzte in unterdrücktem Flüsterton -und hatte genug zu thun mit dem furchtbar-schauerlichen Ereignis, -dessen Schauplatz man umstand. - -[Illustration] - -»Armer Bursche!« »Armer, junger Mensch!« »Dies sollten alle -Leichenräuber sich zur Lehre dienen lassen!« »Muff Potter muß baumeln -dafür, wenn sie ihn erwischen!« So etwa lauteten die Bemerkungen, die -fielen. Der Geistliche aber sagte: »Das war ein Gottesgericht, -- hier -sehen wir die Hand des Herrn.« - -Tom zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, denn sein Blick war auf das -stumpfsinnige Gesicht des Indianer-Joe gefallen. Im selben Moment -begann die Menge zu schwanken und zu drängen und einzelne Stimmen -riefen: »Da ist er, da ist er, dort kommt er selber!« - -»Wer? Wer?« fragten zwanzig andere dagegen. - -»Muff Potter!« - -»Da, jetzt halten sie ihn an! Er dreht sich um -- haltet, haltet fest, -laßt ihn nicht durchbrennen!« - -Leute, die in den Aesten der Bäume saßen, über Toms Kopf, meinten, Muff -versuche gar nicht zu entrinnen, -- er sähe nur ganz dumm und verblüfft -aus. - -»Verdammte Frechheit das!« sagte einer, »wollte sich wohl noch mal in -Ruhe sein Werk beschauen; dachte nicht, Gesellschaft zu finden!« - -Die Menge teilte sich nun und der Sheriff schritt mit großartiger -Wichtigkeit in Blick und Miene hindurch, Muff Potter am Arme haltend. -Des armen Burschen Gesicht sah ordentlich eingefallen aus und aus -den Augen starrte das Entsetzen, das ihn gebannt hielt. Als er vor -dem Gemordeten stand, schüttelte es ihn, wie ein Krampf, er barg das -Gesicht in den Händen und brach in Thränen aus. - -»Ich hab's wahrhaftig nicht gethan, Freunde,« schluchzte er, »auf mein -Ehrenwort, ich hab's nicht gethan.« - -»Wer hat dich denn beschuldigt?« schrie eine Stimme. - -Der Schuß traf. Potter erhob die Augen und ließ sie in die Runde gehen, -qualvollste Hoffnungslosigkeit im Blick. Da sah er den Indianer-Joe und -rief: - -»Ach, Joe, und du hast doch versprochen, daß du nie --« - -»Ist dies hier Euer Messer?« Damit schob ihm der Sheriff das -Mordwerkzeug unter die Nase. - -Potter wäre gefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen und sachte zu -Boden hätte gleiten lassen. Dann stöhnte er: - -»Hab's mir doch gedacht, wenn ich nicht käme und das -- Messer --« Ein -Schauder überlief ihn, dann winkte er mit der kraftlosen Hand dem -Indianer-Joe und flüsterte tonlos: - -»Sag's ihnen, Joe, sag's ihnen, alles -- 's ist ja doch umsonst.« - -Huckleberry und Tom hörten nun stumm und starr, wie der hartherzige -Mörder in heiterster Ruhe Zeugnis ablegte. Mit jedem Moment erwarteten -sie, daß der klare Himmel sich öffnen und der gerechte Gott seine -Zornesblitze auf das Haupt des ruchlosen Lügners schleudern müsse; -jeder weitere Moment der Verzögerung des Gerichtes erregte ihr größtes -Staunen. Und als er geendet hatte und noch lebend und unversehrt vor -ihnen stand, schwand der leise in ihrer Seele flackernde Trieb wieder, -den geschworenen Eid zu brechen und des armen Gefangenen Leben zu -retten. Solch ein Missethäter, wie Joe, mußte sich ja, das war ihnen -jetzt gänzlich klar, dem Teufel verschrieben haben. Sich mit dieser -Macht aber in einen Kampf um deren berechtigtes Eigentum einzulassen, -konnte allzu verhängnisvoll werden. - -»Warum machtest du dich nicht davon? Weshalb kamst du hierher zurück?« -fragte einer den mutmaßlichen Mörder. - -»Ich konnt' nicht anders, konnt' nicht anders,« stöhnte dieser. »Ich -hab' ja durchgehen wollen, aber 's hat mich immer wieder hierher -getrieben.« Und wieder schluchzte er herzbrechend. - -Nochmals wiederholte der Indianer-Joe seine Aussage ebenso ruhig -und bekräftigte dieselbe endlich ein paar Minuten später bei der -Totenschau. Da immer noch keine Blitze herniederfuhren, sahen die -Jungen ihren Glauben bestätigt, daß Joe sich dem leibhaftigen -Gottseibeiuns verkauft habe. Er wurde ihnen nun zum Gegenstand des -schauerlichsten, unheimlichsten Interesses, wie sie es bis dahin -noch niemals empfunden, und ihre Blicke hingen wie gebannt an seinem -Antlitz. Sie beschlossen innerlich, ihm nachzuspüren, des Nachts -namentlich, wenn sich ihnen Gelegenheit dazu böte, in der stillen -Hoffnung, einen verstohlenen Blick auf seinen schauerlichen Herrn und -Meister thun zu können. - -Der Indianer-Joe half die Leiche des Gemordeten auf einen Wagen heben, -der dieselbe wegbringen sollte, und es ging ein Flüstern durch die -Menge, daß die Wunde dabei leicht zu bluten begonnen. Huck und Tom -hofften schon, dieser glückliche Umstand möchte den Verdacht auf die -richtige Fährte lenken und fühlten sich daher sehr enttäuscht, als -einer der Zuschauer bemerkte: - -»Kein Wunder! Drei Schritt davon war ja der Potter, da hat's freilich -bluten müssen!« -- - -Toms schreckliches Geheimnis und sein nagendes Gewissen störten ihm den -Schlaf für länger als eine Woche nach diesem Vorfall. Eines Morgens -beim Frühstück sagte Sid: - -»Tom, du wirfst dich immer so herum und schwatzest so laut im Traum, -daß ich die halbe Nacht nicht schlafen kann.« - -Tom erbleichte und senkte die Augen. - -»Das ist ein schlimmes Zeichen,« meinte Tante Polly ernst. »Was hast du -auf dem Herzen, Tom?« - -»Nichts, Tante, ich weiß von nichts.« Aber des Jungen Hand zitterte so, -daß er den Kaffee verschüttete. - -»Und so dummes Zeug redst du,« fuhr Sid fort. »Heute nacht hast du -gesagt: ›Blut ist's, Blut und gar nichts andres!‹ Und das hast du immer -und immer wieder gesagt. Und dann hast du auch gesagt: ›Quäl' mich doch -nicht so -- ich will's ja gestehen.‹ Was gestehen? Was willst du denn -gestehen?« - -Vor Toms Augen schwamm alles. Es läßt sich kaum ausdenken, was nun -hätte geschehen können, wäre nicht plötzlich der forschende Blick aus -Tante Pollys Auge geschwunden und sie Tom, ohne es zu wissen, zu Hilfe -gekommen, indem sie ausrief: - -»Na, natürlich! 's ist der grausige Mord, der ihm zu schaffen macht. -Mir geht's grad' auch so. Ich träume jede Nacht davon. Ich hab' schon -geträumt, ich wär's selber gewesen!« - -Mary sagte, ihr ginge es gerade auch so und Sid schien damit zufrieden -gestellt. Tom entzog sich den Blicken der Seinen, sobald er irgend -konnte, beklagte sich danach über Zahnweh eine Woche lang und band -sich ein dickes Tuch um Mund und Kinnlade jede Nacht. Er wußte -nicht, daß Sid ihn allnächtlich belauerte, zuweilen selbst die Binde -lockerte, sich auf die Ellenbogen stützte, über ihn beugte und lange, -lange lauschte, worauf er vorsichtig das Tuch an die alte Stelle -zurück schob. Toms Furcht und Angst verlor sich allmählich, der -ewige Zahnschmerz wurde langweilig und daher fallen gelassen. Wenn -es Sid wirklich gelungen war, aus Toms unzusammenhängendem Gemurmel -sich einen Vers zu machen, so behielt er alles für sich. -- Es war -Tom, als ob seine Schulkameraden es niemals satt bekommen könnten, -gerichtliche Totenschau zu halten über tote Katzen und dergleichen. Sid -fiel es dabei auf, daß Tom niemals die Rolle des Leichenbeschauers zu -übernehmen trachtete, obgleich er sonst gewohnt war, Anführer bei jeder -neuen Unternehmung zu sein. Er bemerkte auch, daß Tom auffallenderweise -niemals als Zeuge auftrat, ja sogar eine entschiedene Abneigung gegen -diese Art von Zeitvertreib an den Tag legte und sie mied, wo er nur -irgend konnte. Sid wunderte sich, wie gesagt, darüber, erwähnte aber -nichts. Endlich kamen denn auch die Totenschauen aus der Mode und -hörten auf, Toms Gewissen zu beunruhigen. - -Jeden Tag, oder einen Tag um den andern, während dieser Zeit der -Trübsal, nahm Tom die Gelegenheit wahr, sich an das kleine, vergitterte -Kerkerfenster zu schleichen und dem ›Mörder‹ allerlei kleine -Trostgegenstände, deren er habhaft werden konnte, zuzuschmuggeln. -Das Gefängnis war ein winzig kleiner Backsteinbau, der am Ende des -Städtchens mitten in einem Sumpf stand. Wächter gab's keine, Gefangene -waren selten. Diese Opfergaben trugen sehr dazu bei, Toms Gewissen zu -erleichtern. - -Die Einwohner des Städtchens hatten große Lust, auch dem Indianer-Joe -zu Leibe zu gehen wegen des Leichenraubes. So furchtbar war aber -sein Ruf, daß sich keiner fand, der sich dazu verstehen wollte, die -Leitung der Sache zu übernehmen, und so ließ man es denn bleiben. -Vorsichtigerweise hatte er in seinen beiden Aussagen gleich bei -der Rauferei begonnen, ohne erst den beabsichtigten Leichenraub -einzugestehen, der dieser voran gegangen war, und so hielt man es für -das Klügste, die Sache, einstweilen wenigstens, nicht vor Gericht zu -bringen. - -[Illustration] - - - - -Elftes Kapitel. - - -Eine der Ursachen, weshalb Toms innerer Mensch begann, sich von seinen -geheimen Sorgen und Leiden abzuwenden, lag darin, daß ein neues und -wichtiges Interesse alle seine Gedanken in Beschlag nahm. Becky -Thatcher war aus der Schule fortgeblieben. Tom rang mit seinem Stolze -ein paar Tage lang, versuchte, sich die Gedanken an _sie_ aus dem -Kopf zu schlagen; aber umsonst. Zu seinem eigenen Erstaunen betraf -er sich selbst auf nächtlichen Streifereien um ihres Vaters Haus -herum, wobei ihm ganz elend zu Mute war. _Sie_ war krank. Wenn sie nun -sterben müßte? Verzweiflung, Wahnsinn lag in dem Gedanken. Ihn lockte -nichts mehr hienieden, kein Krieg, kein Seeräubertum. Die Sonne des -Lebens war entschwunden, nur die qualvollste Finsternis geblieben. Er -stellte seinen Reifen zur Seite zusamt dem Stock, an keinem Spielzeug -konnte er mehr Freude haben. Tante Polly begann sich zu grämen, zu -beunruhigen ob dieser Zeichen und setzte ihm mit allerhand Arzneien zu. -Sie war eine von denen, die auf Patent-Medizinen jeder Art schwören, -die jegliche neue Methode, unfehlbare Gesundheit zu verleihen, oder -die schadhaft gewordene auszuflicken, mit Enthusiasmus und nimmer -wankendem Vertrauen begrüßen. Alles neu Auftauchende dieser Art -mußte sofort probiert werden, es ließ ihr keine Ruhe, bis sie irgend -jemanden entdeckt hatte, an dem das Experiment gemacht werden konnte, -denn ihr selbst fehlte zu ihrem größten Leidwesen niemals etwas, das -solchen Eingriff erfordert hätte. Sie war auf alle Zeitschriften -für Gesundheitspflege abonniert und ihre harmlose Seele ergab sich -gläubig dem krassesten Unsinn, der schwarz auf weiß, mit dem nötigen -feierlichen Ernst vorgetragen, darin stand. All der theoretische -Schnickschnack, den sie enthielten darüber, wie man zu Bett gehen -müsse, wie aufstehen, was essen, was trinken, wie oft lüften, wie viel -und welcher Art sich Bewegung schaffen, welcher Gemütsverfassung sich -befleißigen, in was für Kleidung den äußeren Menschen stecken, all -dieser Schwindel war ihr Evangelium und niemals fiel es ihr auf, daß -die neuesten Nummern in der Regel das Gegenteil von dem empfahlen, was -die früheren angepriesen hatten. Sie war so arglos und leichtgläubig -wie ein Kind und ging ohne Zögern auf jeden Leim. So mit ihren -Quacksalberschriften und Mittelchen bewaffnet, saß sie, -- um ein -bekanntes Bild zu gebrauchen -- mit dem Sensenmann im Sattel auf dem -fahlen Rosse, während dicht hinter ihr die Hölle einhertrabte. In ihrer -schlichten Einfalt kam es ihr jedoch niemals in den Sinn, sie könne der -leidenden Menschheit etwas anderes sein als ein heilender Engel des -Trostes, der Balsam des Herrn in Person. - -Kaltwasserkuren waren neu dazumal, und Toms leidender Zustand war -Wasser auf ihre Mühle. Morgens mit Tagesgrauen holte sie ihn aus seinem -Bett, schleppte ihn nach dem Holzschuppen und ertränkte ihn hier fast -in einer Sintflut kalten Wassers, das sie über ihn ergoß. Dann raspelte -sie ihn mit einem rauhen Tuche wie mit einer Feile ab, wobei er wieder -zu sich selbst kam, rollte ihn in ein nasses Betttuch und stopfte ihn -unter einen Berg von wollenen Decken, bis er sich die Seele fast aus -dem Leibe geschwitzt hatte, so daß »deren gelbe Flecken zu den Poren -heraus kamen,« wie Tom sagte. - -Aber all dieser gründlichen Behandlung zum Trotz wurde der Junge -täglich schwermütiger, blasser, niedergeschlagener. Tante Polly fügte -nun heiße Bäder bei, Sitzbäder, Douchen und Sturzbäder. Der Junge -aber verharrte in seiner trübseligen Stimmung. Sie verstärkte nun die -Wasserkur durch strenge Diät und Zugpflaster und füllte ihn, als ob er -ein Krug gewesen wäre, alltäglich mit Wundertränken jeglicher Art bis -zum Rande. - -Tom ließ alles mit sich beginnen, er war gleichgültig geworden -gegen jede Quälerei. Diese Phase seines Leidens erfüllte die Seele -der alten Dame mit Bestürzung. Die beängstigende Gleichgültigkeit -mußte gebrochen werden um jeden Preis. In dieser Krise hörte sie zum -erstenmal von einem Universal-Wundermittel, ›Schmerzenstöter‹ genannt. -Sie bestellte sofort einige Dutzend Flaschen, kostete und war von -Dankbarkeit durchglüht, es schien einfach Feuer in flüssiger Form. -Die Wasserbehandlung wurde nun eingestellt, zusamt allem andern und -›Schmerzenstöter‹ war hinfort die Losung. Tom bekam den ersten Löffel -voll, und seine Tante erwartete in tiefster Seelenangst das Resultat. -Ihrer Sorgen war sie augenblicklich ledig, Frieden zog in ihre Seele -ein, der Bann der ›Gleichgültigkeit‹ war gebrochen. Hätte sie ein Feuer -unter ihm angezündet, der Junge hätte kein tolleres, kein urkräftigeres -Interesse zeigen können. - -Tom sah, daß die Zeit gekommen sei, sich aufzuraffen. Diese Art -von Leben mochte ja ganz romantisch sein, war auf die Dauer aber -nicht auszuhalten. Bei allem Ueberfluß an Abwechslung wurde es am -Ende doch monoton. Er sann daher auf Aenderung seiner Lage und -verfiel schließlich darauf, eine leidenschaftliche Neigung für den -›Schmerzenstöter‹ vorzugeben. Er verlangte so oft nach dem Wundertrank, -daß er damit förmlich zur Plage wurde und seine Tante ihn schließlich -anfuhr, er möge sich selber bedienen und sie in Ruhe lassen. Wäre -es nun Sid gewesen, so hätte kein Schatten ihr Entzücken ob solch -ungeahnten Erfolges getrübt, da es aber Tom war, beobachtete sie -verstohlen die Flasche. Die Flüssigkeit verminderte sich in der That, -ihr aber kam es niemals in den Sinn, daß der Junge die Gesundheit einer -Spalte des Fußbodens im Eßzimmer damit kuriere. - -Eines Tages war Tom eben wieder damit beschäftigt, der Spalte die -gewohnte Dosis zu verabfolgen, als seiner Tante gelbe Katze daher -kam, einen Buckel machte, schnurrte, und, gierigen Blicks den Löffel -beäugelnd, um ein Pröbchen bettelte. Tom warnte: - -»Bitt' nicht drum, Peter, wenn du's nicht brauchst.« - -Peter deutete an, daß er's brauche. - -»Ueberleg's nochmal, Peter.« - -Peter hatte überlegt und war seiner Sache gewiß. - -»Also, Peter, du willst's und du sollst's auch haben, denn _so_ bin ich -nicht. Wenn's dir aber nachher nicht schmeckt, so mach' niemand 'nen -Vorwurf, außer dir selber.« - -Peter war einverstanden und so sperrte ihm Tom das Maul auf und goß den -›Schmerzenstöter‹ hinunter. Peter sprang ein paar Meter hoch in die -Luft, stieß dann ein gellendes Kriegsgeheul aus, setzte wie toll im -Zimmer herum, stieß gegen Möbelkanten, schmiß Blumentöpfe u. dergl. um -und richtete eine allgemeine Verwüstung an. Zunächst erhob er sich auf -die Hinterfüße, begann in wahnwitziger Verzücktheit zu tanzen, wobei -er den Kopf über die Schultern zurückwarf und der Welt in schallenden -Tönen seine Glückseligkeit kund und zu wissen that. Dann fing der tolle -Kreislauf von vorne an, Chaos und Verwüstung folgte seinen Spuren. -Tante Polly trat eben noch zur Zeit durch die Thüre, um zu sehen, -wie Peter ein paar doppelte Purzelbäume schlug und, ein gewaltiges -Schluß-Hurrah ausstoßend, durch das offne Fenster segelte, wobei er -den Rest der Blumentöpfe mit sich riß. Starr vor Staunen, stand die -alte Dame und sah ihm über ihre Brillengläser weg nach, Tom aber lag am -Boden und wollte sich ausschütten vor Lachen. - -[Illustration] - -»Tom, was zum Kuckuck fehlt der Katze?« - -»Weiß ich doch nicht, Tante,« stieß der Junge, nach Luft schnappend, -hervor. - -»So was hab' ich ja im Leben noch nicht gesehen. Was ist denn der Katze -in den Leib gefahren?« - -»Weiß ich wahrhaftig nicht, Tante. Die Katzen machen's immer so, wenn's -ihnen wohl in der Haut ist.« - -»So? Machen sie's immer so?« Es war etwas in ihrem Ton, das Tom mit -bangem Ahnen erfüllte. - -»Ja, Tante, das heißt, ich -- ich glaub' wenigstens, daß sie's so -machen.« - -»Du glaubst?« - -»Ja--a -- Tante.« - -Die alte Dame bückte sich nieder, Tom beobachtete sie mit von Furcht -geschärftem Interesse. Zu spät erriet er, wo sie hinaus wollte. Der -Stiel des verräterischen Löffels war eben noch sichtbar unter den -Fransen der Tischdecke. Tante Polly griff darnach und hielt ihn empor. -Tom schien verlegen und senkte die Augen. Tante Polly hob ihn ohne -Umstände an dem gewöhnlichen Henkel, -- seinem Ohr, -- zu sich herauf -und gab ihm mit der freien Hand einen gesunden Klapps. - -»Jetzt, Junge, gesteh', warum hast du der armen, unvernünftigen Kreatur -so mitgespielt?« - -»Ich -- ich hab's nur aus Mitleid gethan, -- Peter hat ja keine Tante.« - -»Hat keine Tante! -- du Dummkopf. Was hat denn das damit zu schaffen?« - -»Alles. Denn wenn Peter 'ne Tante hätte, so hätt' ihn die gewiß -ausgebrannt, hätt' ihm die Eingeweide geröstet bei lebendigem Leib, -ohne sich mehr dabei zu denken, als wenn er ein Mensch gewesen wäre.« - -Tante Polly fühlte plötzliche Gewissensbisse. Das zeigte die Sache in -einem neuen Lichte. Was Grausamkeit gegen eine Katze war, konnte doch -vielleicht auch Grausamkeit gegen einen Jungen sein. Sie begann weich -zu werden, es that ihr leid. Die Augen wurden ihr feucht, sie legte die -Hand auf Toms Kopf und sagte sanft: - -»Tom, ich hab's nur gut gemeint und -- es hat dir auch gut gethan, Tom.« - -Dieser sah ihr treuherzig ins Gesicht und nur ganz leise blitzte der -Schelm ihm aus den Augen, als er im höchsten Ernste erwiderte: - -»Ich weiß, daß du's nur gut gemeint hast, Tantchen, ich hab's aber -_auch_ mit dem Peter nur gut gemeint und dem hat's auch gut gethan, im -Leben ist er noch nicht so hübsch herumgefahren --« - -»Ach, heb' dich fort, Tom, eh' du mich wieder bös' machst. Und -probier's doch mal, ob du nicht einmal ein braver Junge sein kannst; -und -- Medizin brauchst du keine mehr zu nehmen.« - - * * * * * - -Tom kam vor der Zeit zur Schule. Man wollte beobachtet haben, daß dies -Außergewöhnliche in der letzten Zeit ganz regelmäßig stattgefunden. -Auch heute wieder, wie gewöhnlich seit kurzem, trieb er sich am Thore -des Schulhofes herum, anstatt wie sonst mit seinen Kameraden zu -spielen. Er sei krank, sagte er und sah auch so aus. Er versuchte den -Anschein zu erwecken, als schaue er überall anders hin, als gerade da, -wohin er wirklich schaute, -- den Schulweg hinunter. Jetzt tauchte Jeff -Thatcher am Horizonte auf, und Toms Antlitz erhellte sich. Einen Moment -starrte er hin, um sich dann voll Trauer abzuwenden. Als Jeff herankam, -redete ihn Tom an, suchte listig das Gespräch auf Becky zu lenken, Jeff -aber, der einfältige Kerl, wollte niemals den Köder sehen und anbeißen. - -Tom schaute und schaute, -- voller Hoffnung, wenn wieder ein wehender -Mädchenrock auftauchte und voll Grimm, wenn dann die Eigentümerin -desselben die Erwartete nicht war. Zuletzt kamen keine Röcke mehr und -hoffnungslos sank er in sein dumpfes Brüten zurück. Er betrat allein, -vor den andern, das leere Schulhaus und setzte sich nieder, um weiter -zu dulden. Da trat noch ein verspäteter Rock durchs Thor, hoch auf -schlug Toms Herz in Wonne und Entzücken. Im nächsten Moment war er -draußen und geberdete sich wie ein Indianer, johlte, lachte, jagte -die Jungen vor sich her, setzte über den Zaun mit Gefahr für Leib und -Leben, schlug ein Rad, stellte sich auf den Kopf, kurz, er verrichtete -unzählige Heldenthaten und hielt dabei immer sein wachsames Auge auf -Becky geheftet, um zu sehen, ob sie Notiz davon nähme. Sie aber schien -sich seiner Gegenwart völlig unbewußt, sah gar nicht nach ihm hin. -Konnte es möglich sein, daß sie gar nicht wisse, er sei in der Nähe? -Nun begann er seine Heldenthaten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft -auszuführen. Er umkreiste sie mit wildem Geheul, riß einem Jungen die -Mütze vom Kopf und schleuderte diese auf das Dach des Schulhauses, -brach dann gewaltsam durch einen Haufen Jungen hindurch, die nach -allen Richtungen umpurzelten, fiel dabei selber zappelnd dicht vor die -Nase Beckys hin, diese beinahe mit sich zu Boden reißend. Sie aber -wandte sich, hob das Näschen in die Luft und er hörte sie sagen: - -»Ph -- ph! 's giebt Jungens, die sich für furchtbar interessant halten, --- immer müssen sie sich zeigen!« - -Toms Wangen brannten. Er rappelte sich auf und schlich davon, -gedemütigt, vernichtet. - -[Illustration] - - - - -Zwölftes Kapitel. - - -Tom war nun fest entschlossen. Er war finsterer, verzweifelter Gedanken -voll. Er kam sich als verlassener, freundloser Knabe vor, den niemand -liebte. Wenn sie erst merkten, zu was ihre Lieblosigkeit ihn getrieben, -würde es ihnen vielleicht leid sein. Er hatte versucht, das Rechte zu -thun, gut zu sein, sie ließen's ja nicht zu. Da sie ihn denn durchaus -los sein wollten, so sollten sie ihren Willen haben; natürlich würden -sie ihn allein für die Folgen verantwortlich machen, -- aber so -ist's immer! Hat ein Freudloser und Verstoßener das Recht zu klagen? -Jetzt, da sie ihn zum Aeußersten getrieben, wollte er das Leben eines -Verbrechers führen. Ihm blieb keine Wahl. Unter solchen Betrachtungen -war er weit über die Wiesen geschritten und die Schulglocke, welche -die Säumigen mahnte, klang ihm nur noch schwach ins Ohr. Er schluchzte -jetzt bei'm Gedanken, daß er nie, nie wieder diesen altvertrauten -Ton vernehmen solle, -- es war hart, so furchtbar hart, aber -- sie -zwangen ihn ja dazu. Da sie ihn vertrieben hatten, hinausgestoßen in -die kalte, unbarmherzige Welt, so mußte er sich drein ergeben, -- aber -er verzieh ihnen, verzieh ihnen allen. Das Schluchzen wurde stärker, -erschütternder. - -In diesem Moment stieß er auf seines Herzens innigsten Freund -- Joe -Harper, der finster blickend daher trottete, augenscheinlich einen -schrecklichen, schwerwiegenden Entschluß in seiner Seele herumwälzend. -Hier waren offenbar ›zwei Seelen und ein Gedanke!‹ Tom, der sich die -Augen mit seinem Aermel wischte, fing an, etwas Unzusammenhängendes -hervor zu stottern, von einem Entschluß, sich den Mißhandlungen und dem -Mangel an Verständnis daheim durch seine Flucht in die weite Welt zu -entziehen, nie, niemals wiederzukehren, und schloß damit, daß er Joe -bat, ihm ein treues Gedenken zu bewahren. - -Da zeigte sich aber, daß Joe just eben um ganz dasselbe hatte bitten -wollen und gerade zu dem Zweck gekommen war, Tom aufzuspüren. Seine -Mutter hatte ihn geprügelt, weil er Rahm getrunken haben sollte, von -dem er doch rein gar nichts wußte. Es sei klar, sie wolle nichts -mehr von ihm wissen und ihn los sein. Solchen Empfindungen gegenüber --- was bleibe ihm da anders übrig, als sich darein zu ergeben? Möge -es ihr wohl ergehen und sie niemals bereuen, ihren armen Jungen -hinausgetrieben zu haben in die kalte, gefühllose Welt, um da zu leiden -und schließlich zu sterben. - -Wie nun die zwei trauernden Jünglinge so dahin wandelten, schlossen -sie einen Pakt, fest zusammenzustehen wie Brüder, nicht voneinander zu -lassen, bis der Tod sie einst scheide und sie erlöse von ihrem Jammer. -Dann begannen sie Pläne zu schmieden. Joe war dafür, ein Eremit zu -werden, von harten Brotkrusten und Wasser in einer finstern Höhle zu -leben und eines Tages aus Not, Kälte und Kummer zu sterben. Nachdem er -aber Toms Plan gehört, gab er zu, daß das Leben eines Verbrechers doch -einige hervorragende Vorteile böte und willigte ein, als Seeräuber sein -Heil zu probieren. - -Drei Meilen unterhalb St. Petersburg, an einer Stelle, wo der -Mississippi etwas mehr als eine Meile breit war, lag eine lange, -schmale, bewaldete Insel mit einer seichten Sandbank an der Spitze. -Diese Insel war nicht bewohnt, lag weit drüben gegen das andere Ufer -zu, das mit einem ausgedehnten, menschenleeren, fast undurchdringlichen -Walde bestanden war. Das schien ein Ort wie gemacht für das -Unternehmen, und so wurde denn die Jackson-Insel gewählt. Welches die -Opfer sein sollten für ihr Seeräubertum, das kam den Jungen nicht in -den Sinn. Vor allem trieben sie nun Huckleberry Finn irgendwo auf, -der sich ihnen sofort anschloß. Jegliche Laufbahn war ihm recht, er -war nicht wählerisch. Nachdem sie alles verabredet hatten, trennten -sie sich, um sich an einer einsamen Stelle des Flußufers, zwei Meilen -oberhalb des Städtchens, wieder zu treffen, um Mitternacht, zu ihrer -Lieblingsstunde. Dort wußten sie von einem kleinen Holzfloß, das -sie sich anzueignen gedachten. Jeder von den dreien wollte eine -Angelrute und Haken mitbringen, dazu solche Eßvorräte, deren er sich -auf möglichst versteckte und geheimnisvolle Weise bemächtigen konnte, -wie es Ausgestoßenen und Geächteten ihrer Art zukam. Bevor noch der -Nachmittag verflossen, war es ihnen gelungen, heimlicher Wonne voll, -im ganzen Städtchen das Gerücht zu verbreiten, es werde sich in Bälde -etwas sehr Merkwürdiges ereignen. Alle, die diesen Wink erhielten, -bekamen zugleich die Mahnung, zu schweigen und abzuwarten. - -Um Mitternacht erschien Tom mit einem gekochten Schinken und noch -sonstigen Kleinigkeiten in dem dichten Untergehölz des steilen -Uferabhangs, das zum Sammelplatz bestimmt worden. Es war sternklar und -totenstill. Der mächtige Strom lag, ozeangleich, in friedlicher Ruhe -da. Tom lauschte einen Moment, kein Laut unterbrach die feierliche -Stille. Er ließ ein leises, langgezogenes Pfeifen ertönen, das von -unten erwidert wurde; zweimal noch pfiff Tom, beidemale wurde das -Signal in derselben Weise beantwortet. Nun fragte eine leise Stimme: - -»Wer naht sich dort?« - -»Tom Sawyer, der Schwarze, Rächer der spanischen Meere. Nennt Eure -Namen!« - -»Huck Finn, die ›blutige Hand‹ und Joe Harper, der ›Schrecken der -See‹.« Tom hatte diese Titel aus seiner Lieblings-Litteratur geschöpft. - -»Gebt das Feldgeschrei!« - -In dumpfem, grauenvoll durchdringendem Flüsterton erklang von zwei -Stimmen zugleich dasselbe schreckliche Wort in die brütende Nacht -hinein: - -»_Blut!_« - -Nun kollerte Tom seinen Schinken über den Abhang und ließ sich selber -nachgleiten, wobei er Haut und Kleider empfindlich verletzte. Wohl -gab's einen leichten, bequemen Pfad, den Abhang hinunter und am -Ufer entlang, dem aber fehlten jene unerläßlichen Eigenschaften von -Schwierigkeit und Gefahr, die ein Seeräuber vor allen andern schätzt. - -Der ›Schrecken der See‹ hatte eine riesige Speckseite geliefert und -sich halb krumm und lahm geschleppt, um sie herbeizubringen. Finn, der -›Blut-Händige‹, hatte einen Kochkessel gestohlen, dazu eine Portion -halbgetrocknete Tabaksblätter und einige Maiskolben, um Pfeifen draus -zu machen. Keiner der Piraten freilich rauchte oder kaute Tabak, als -nur er selber. Der ›Schwarze Rächer der spanischen Meere‹ meinte, man -könnte nimmermehr das Unternehmen ins Werk setzen, ohne Feuer an Bord -zu haben. Der Gedanke war weise, auch schritt man sofort zur That. -In der Entfernung glimmte ein Feuer auf einem großen Floße, dahin -schlichen sie nun und verschafften sich einen Holzbrand. Aus dieser -Expedition machten sie sich mit Wonne und umständlicher Wichtigkeit ein -gefährliches Abenteuer zurecht. Unterwegs hielten sie fast jede Minute -an, sagten ›Pst‹ und legten den Finger auf die Lippen. Ihre Hände -umfaßten eingebildete Schwertergriffe, leise Befehle wurden geflüstert, -daß, wenn der ›Feind‹ sich rege, er ›kalt gemacht‹ werden müsse, denn -›tote Menschen plaudern nichts mehr aus!‹ Die Jungen wußten freilich -mit Bestimmtheit, daß die Flößer unten in der Stadt waren, entweder -um Vorräte einzukaufen, oder um zu zechen, das war aber für sie kein -Grund, sich weniger piratenmäßig bei der Sache zu benehmen. - -Glücklich zurückgekehrt von dem gefahrvollen Feuer-Raubzug, stießen -sie alsbald vom Lande. Tom hatte den Oberbefehl, Huck saß am hinteren -Ruder, Joe vorn. Tom stand mitten auf dem Floße. Finster blickend, mit -über der Brust gekreuzten Armen, erteilte er seine Befehle in leisem, -strengem Flüsterton. - -»Luven! Vor den Wind!« - -»Geluvt ist, Kap'tän.« - -»Stet, Jungens, ste--e--et!« - -»Stet ist's, Kap'tän.« - -»Einen Strich rechts abgehen!« - -»Ein Strich ist's!« - -Während die Jungen das Floß unverweilt gegen die Mitte des Stromes -zutreiben ließen, verstand es sich von selbst, daß alle diese Befehle -nur der Form halber erteilt wurden und weiter gar nichts zu bedeuten -hatten. - -»Welche Segel führt das Boot?« - -»Hauptsegel, Topsegel und fliegenden Klüver, Kap'tän.« - -»Oberbramsegel auf! Ihr dort flink, 'n halb' Dutzend an die -Fockmarsleesegel! Lustig, Jungens, rührt euch!« - -»Eh, eh, Kap'tän!« - -»Marssegel vom Hauptmast! Schoten und Brassen! Vorwärts, Jungens.« - -»Eh, Kap'tän!« - -»Ruder nach Lee -- hart an Backbord. Backbord -- Backbord! Nun Leute, -frisch drauf los. Stet -- ste--e--et!« - -»Stet ist's, Kap'tän!« - -Das Floß begann die Mitte des Stromes zu kreuzen und auf das andere -Ufer zuzuhalten. Die Jungen gaben der Spitze desselben die rechte -Richtung und zogen dann die Ruder ein. Kaum ein Wort wurde gewechselt -während der nächsten halben Stunde. Jetzt trieb das Floß am fernen -Städtchen vorüber. Zwei oder drei schimmernde Lichter zeigten, wo -dasselbe lag, in süßem, friedlichem Schlummer, jenseits dieser -endlosen, ungeheuren, sternbeschienenen Wasserflut, ohne Ahnung von -dem tief eingreifenden Ereignis, das soeben im Begriff war sich -abzuspielen. Der ›Schwarze Rächer‹ stand da mit gekreuzten Armen, -einen letzten Blick werfend auf den Schauplatz seiner früheren Freuden -und späteren Leiden, und wünschte sehnlichst, ›Sie‹ könnte ihn jetzt -sehen, da draußen auf der wilden See, der Gefahr und dem Tode ins -Antlitz schauend, unverzagten Herzens, mit einem grimmigen Lächeln auf -den Lippen seinem Untergang entgegengehend. Seiner Einbildungskraft -war es ein Geringes, die Jackson-Insel aus der Gesichtsweite des -Städtchens weg zu versetzen, und so sandte er demselben denn seinen -›letzten Blick‹, zufriedenen, wenngleich gebrochenen Herzens. Die -andern Piraten sandten desgleichen ihre letzten Blicke und blickten so -anhaltend und so lange, daß die Strömung sie beinahe aus dem Bereich -der Insel fortgetrieben hätte. Diese Gefahr aber wurde noch beizeiten -entdeckt und derselben mit Erfolg Einhalt gethan. Etwa um zwei Uhr -morgens trieb das Floß an der Sandbank auf, ungefähr hundert Meter -oberhalb der Spitze der Insel, und die Jungen wateten nun durch das -Wasser hin und zurück, bis sie ihre Ladung glücklich gelandet und in -Sicherheit gebracht hatten. Zu dem kleinen Floß gehörte auch ein altes -Segel, welches sie an einem heimlichen Plätzchen im Gebüsch als Zelt -ausspannten, um die Vorräte darunter zu bergen. Sie selbst aber wollten -unter freiem Himmel schlafen, in Wind und Wetter, wie es solchen -Ausgestoßenen der Menschheit zukam. - -[Illustration] - -Sie schichteten Holz zu einem Feuer auf neben einem dicken, alten, -abgestorbenen Baumstamm, der etwa zwanzig bis dreißig Schritte weit in -der düstern Tiefe des Waldes stand, brieten sich Speck zum Abendessen -und ließen sich's köstlich munden. Herrlich, unbeschreiblich schön -war das wilde, freie Leben im jungfräulichen Walde einer unbekannten, -unbewohnten Insel, weitab vom Getriebe der Menschen, und sie schwuren -sich, nimmermehr zurückzukehren in die Fesseln der Zivilisation. Das -aufglimmende Feuer beleuchtete ihre Gesichter und warf seinen roten -Schein auf die säulenartigen Baumstämme dieses grünen Waldtempels, auf -das schimmernde Laub und die alles umrankenden, wilden Reben. Als die -letzte knusperige Speckschnitte verschwunden, die letzte Brotkrume -aufgezehrt war, streckten sich die Jungen auf dem Moose aus, erfüllt -von köstlichstem Behagen. Wohl hätten sie ein kühleres Plätzchen finden -können, aber sie mochten sich das romantische Gefühl nicht versagen, am -leise flackernden Lager-Feuer zu rösten. - -»Ist das nun nicht lustig?« fragte Joe. - -»Famos,« bestätigte Tom. - -»Was würden die Jungen sagen, wenn sie uns so sehen könnten!« - -»Sagen? Ei, die ließen sich tot schlagen, wenn sie nur hier sein -könnten, -- he, Huckchen?« - -»Das will ich meinen!« brummte Huckleberry, »mir wenigstens gefällt's -und ich wünsch' mir nichts anderes. Für gewöhnlich krieg' ich nicht -satt -- hier kann mich auch keiner herumstoßen und seine Stiefel an mir -abputzen, danke!« - -»Das ist just ein Leben für mich,« jubelte Tom, »morgens braucht man -nicht aufzustehen, braucht nicht in die Schule, sich nicht zu waschen -und all den andern dummen Firlefanz. Siehst du nun, Joe, ein Pirat hat -gar nichts zu thun, so lang er am Lande ist, ein Eremit aber, der muß -beten, beten, beten bis er schwarz wird, und hat nie ein Vergnügen, -immer so allein für sich.« - -»Das ist auch wahr,« meinte Joe, »ich hab' eben nicht weiter drüber -nachgedacht. Jetzt will ich selber viel lieber Seeräuber sein, seit -ich's probiert hab'.« - -»Außerdem,« belehrte Tom, »giebt man heutzutage nicht mehr so viel -auf Eremiten, wie früher in alten Zeiten, während ein Pirat überall -geachtet ist. Ein Eremit muß auch immer auf dem allerhärtesten Platz -schlafen, den er finden kann, muß Asche auf sein Haupt streuen und --« - -»Asche? Zu was denn die Asche auf den Kopf?« fragte Huck. - -»Das weiß ich selber nicht. Aber das müssen sie -- alle Eremiten -thun's. Du hättst's auch zu thun, wenn du einer wärst.« - -»Die sollten mir kommen,« versetzte Huck. - -»Na, was thät'st du denn?« - -»Das weiß ich noch nicht. Aber Asche auf den Kopf sicher nicht.« - -»Aber Huck, das müßtest du einfach. Wie wolltest du da drum herum -kommen?« - -»Ei, ich würd's eben nicht leiden. Ich risse aus!« - -»Ausreißen! Na, du wärst ein nettes altes Gestell von einem Eremiten, -weiß Gott, ein wahrer Schandfleck für die andern!« - -Der ›Blut-Händige‹ gab keine Antwort, da er Besseres zu thun hatte. Er -war soeben damit fertig geworden, einen Maiskolben auszuhöhlen; nun -befestigte er einen Binsenhalm dran, stopfte den Kolben mit Tabak, -legte eine glühende Kohle darauf und hüllte sich in eine Wolke lieblich -duftenden Dampfes. Man sah ihm ordentlich an, wie er sich im höchsten -Stadium wollüstigen Behagens befand. Die andern Piraten neideten -ihm den Besitz solch imponierend lasterhafter Kunst und beschlossen -heimlich, dieselbe in kürzester Frist sich anzueignen. Nach einer Weile -fragte Huck: - -»Was haben denn Seeräuber eigentlich zu thun?« - -Worauf Tom erwiderte: - -»O, die haben Zeitvertreib genug. Die kapern Schiffe und verbrennen -sie, nehmen alles Geld weg und vergraben's an ganz schrecklich -gruseligen Plätzen auf ihrer Insel, wo's Geister und solche Wesen -giebt, die den Schatz bewachen. Dann töten sie jedermann auf den -Schiffen -- lassen alle über die Planken springen --« - -»Und die Frauen schleppen sie ans Land,« vervollständigte Joe, »die -töten sie nicht.« - -»Nein,« stimmte Tom bei, »Frauen töten sie nicht, dazu sind sie zu -edel. Die Frauen sind auch immer sehr schön.« - -»Und was für Kleider sie tragen! 's ist 'ne wahre Pracht; alles voll -Gold und Silber und Diamanten,« fiel Joe ganz begeistert ein. - -»Wer?« fragte Huck. - -»Nun die Piraten doch!« - -Huck sah nachdenklich an seiner Gewandung hinunter. - -»Na, meine Kleider sind dann schwerlich für einen Piraten geschaffen,« -bemerkte er mit einer gewissen erhabenen Trauer in der Stimme, »ich -habe aber keine anderen nicht!« - -Seine beiden Kameraden trösteten ihn, die schönen Kleider würden -schnell genug kommen, wenn man nur erst auf Abenteuer auszöge. Sie -gaben ihm zu verstehen, daß seine ärmlichen Lumpen für den Anfang -genügen sollten, obgleich gut gestellte Seeräuber für gewöhnlich in -passender Garderobe auszögen. - -Allmählich erstarb das Geplauder, Müdigkeit begann die Lider der -kleinen Strolche schwer zu machen. Die Pfeife entglitt den Fingern -des ›Blut-Händigen‹ und er schlief den tiefen Schlaf des Gerechten -und -- Müden. Der ›Schrecken der See,‹ ebenso auch der ›Schwarze -Rächer der Spanischen Meere‹ hatten größere Schwierigkeit im Erlangen -des Schlafes. Sie sagten ihre Gebete nur innerlich her, da keine -Autorität zugegen war, die sie zum Knieen und lauten Aufsagen -angehalten hätte. Zuerst hatten sie vorgehabt, gar nicht zu beten, -vor solchem Wagnis aber schreckten sie schließlich doch zurück, aus -Furcht, es könne ein ganz besonderer Donnerkeil vom Himmel auf ihre -schuldigen Häupter niedersausen. Als sie endlich, endlich, ganz nahe -am Rande des tiefen Abgrunds, Schlaf genannt, lagen und schon darein -zu versinken dachten, da nahte wiederum ein Etwas, ein Störenfried, -der sich nicht abweisen lassen wollte. Es war das Gewissen! Es überkam -sie eine unbestimmte Ahnung des Unrechts, das sie begangen mit ihrem -Davonlaufen, dann tauchte das gestohlene Fleisch auf und die Tortur -begann. Sie versuchten dem Gewissen vorzuhalten, wie sie oft und oft -Anlehen an die Speisekammer der Ihren gemacht in Aepfeln und andern -Süßigkeiten, das Gewissen aber gab sich mit solch durchsichtigen -Ausflüchten nicht zufrieden. Es bewies ihnen klar und unbestreitbar, -wie sich die Thatsache nicht umgehen lasse, daß das Einstecken von -Aepfeln, Süßigkeiten etc. nur ›krippsen‹ heiße, während das Wegnehmen -von Speckseiten, Schinken und ähnlichen wertvolleren Gegenständen, -einfacher, gewöhnlicher Diebstahl genannt werden müsse, -- wogegen -es ein dräuendes Gebot in der Bibel gab. Demzufolge beschlossen sie -innerlich, daß, solange sie das Piratengeschäft betrieben, ihre -Raubzüge nicht wieder mit dem Verbrechen des Diebstahls besudelt werden -dürften. Das Gewissen gab sich denn auch damit zufrieden, schloß einen -Waffenstillstand und unsre merkwürdig inkonsequenten ›Seeräuber‹ -versanken in einen friedlichen, ungestörten Schlummer. - -[Illustration] - - - - -Dreizehntes Kapitel. - - -Als Tom am Morgen erwachte, konnte er sich kaum besinnen, wo er -eigentlich sei. Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und blickte um -sich, dann überkam ihn die Erinnerung. Der Tag begann eben zu grauen, -kühl und wonnig. Es lag ein köstliches Gefühl der Ruhe und des Friedens -in der tiefen, alles umfangenden Stille, dem Schweigen des Waldes. Kein -Blatt rührte sich, kein Ton unterbrach das sinnende Nachdenken der -großen Natur. Tautropfen perlten auf Blättern und Gräsern. Eine Schicht -weißer Asche bedeckte das Feuer, von dem sich ein dünnes, bläuliches -Rauchwölkchen in die stille Luft emporkräuselte. Joe und Huck schliefen -noch. Jetzt erklang, weit drüben im Walde, der Ruf eines Vogels, -ein andrer antwortete, dann hörte man das Hämmern eines Spechtes. -Allmählich lüftete sich das kühle, fahle Grau der Morgendämmerung, -ebenso allmählich vermehrten sich die Töne, das neu erwachte Leben -begann sich allenthalben kund zu thun. Das große Wunder, wie die Natur -den Schlaf abschüttelt und ihr Tagewerk aufnimmt, entfaltete sich vor -den Augen des staunenden Knaben. Eine kleine, grüne Raupe kam über ein -taufrisches Blatt daher gekrochen, von Zeit zu Zeit dreiviertel ihres -Körperchens in die Luft hebend und herum schnüffelnd, dann wieder -vorwärts strebend. »Aha, die kommt zum Anmessen,« dachte Tom und als -das Tierchen aus freien Stücken sich ihm näherte, saß er stockstill, -hoffend und bangend, je nachdem das Geschöpf die Richtung auf ihn zu -nehmen oder sich anderswo hinzuwenden schien. Als es aber zuletzt, nach -einem bangen Moment des Zweifels, während dessen es den gekrümmten -Körper in der Luft hin und her bewegte, sich ganz entschieden auf Toms -Bein gleiten ließ und die Reise längs desselben begann, da füllte -Freude Toms Herz, denn das bedeutete, daß er einen neuen Anzug bekommen -würde, -- ohne Zweifel eine glänzende Piratenuniform. Jetzt erschien -ein Zug von Ameisen, man wußte nicht woher, sie gingen auf Arbeit aus. -Eine derselben schleppte sich mutig mit einer toten Spinne, fünfmal -so groß als sie selber, und lootste dieselbe direkt einen Baumstamm -hinauf. Ein schwarzgeflecktes Johanniskäferchen erklomm die steile Höhe -eines Grashalms, Tom beugte sich dicht zu demselben nieder und sang: - - »Johanniskäferchen flieg', - Der Vater ist im Krieg; - Flieg, flieg, dein Häuschen brennt, - 's sitzen sieben Kinderchen drin!« - -Und Johanniskäferchen entfaltete die kleinen Schwingen und flog davon, -um zu Hause nachzusehen, was den Jungen keineswegs verwunderte, wußte -er doch aus Erfahrung, wie leichtgläubig das dumme Ding sei, namentlich -in Betreff der Feuersbrünste, und er hatte der kleinen Einfalt schon -oftmals denselben Streich gespielt. Die Vögel lärmten nun förmlich im -Gezweige der Bäume. Ein Rotkehlchen saß in einem Aste über Toms Kopf -und schmetterte seine Triller aus voller Brust hinaus in den lichten -Morgen. Ein blauschwarzer Häher schoß nieder, gleich dem Strahl einer -blauen Flamme, setzte sich auf einen Busch, ganz dicht im Bereich -des Knaben, legte den Kopf auf die Seite und beäugelte die Fremden -mit lebhafter Neugierde. Ein graues Eichhörnchen und ein stämmiger -Bursch aus der Fuchs-Familie kamen angerannt, setzten sich auf die -Hinterbeine und betrachteten furchtlos die Eindringlinge. Die harmlosen -Geschöpfe hatten wohl noch niemals ein menschliches Wesen gesehen und -wußten offenbar nicht, ob man sich fürchten müsse oder freuen. Die -ganze Natur war jetzt völlig wach und in Bewegung. Gleich blitzenden -Lanzen drangen die goldenen Strahlen des Sonnenlichtes durch das dichte -Laubwerk nah und fern, auch kleine buntfarbige Schmetterlinge kamen -herbeigeflogen. - -Tom ermunterte nun die beiden andern Piraten und eine Minute später -trabten sie mit einem Freudengeheul dem Ufer zu, warfen die Kleider ab -und jagten und überpurzelten sich in dem seichten, lauen Wasser bei der -Sandbank. Keine Spur von Sehnsucht empfanden sie nach dem Städtchen da -drüben, das jenseits der endlosen, majestätischen Wasserfläche noch im -Schlafe lag. Eine verirrte Welle, oder auch eine leichte Schwellung des -Stroms, hatte ihr Floß entführt, dies aber diente den Jungen nur zur -Befriedigung, denn durch sein Verschwinden waren gleichsam die Brücken -zwischen ihnen und der Zivilisation abgebrochen. - -Wunderbar erfrischt kehrten sie in ihr Lager zurück, sorglos, -glückstrahlend und mit einem Wolfshunger. Bald flackerte das Feuer auf -in hellen Flammen; Huck entdeckte eine Quelle frischen, kalten Wassers -dicht beim Lager. Die Jungen machten sich Becher aus großen Eichen- -und Ahornblättern und fanden, daß Wasser, durch solch eigenartigen, -wilden Waldeszauber versüßt, der beste Ersatz für Kaffee sei. Während -Joe sich eben anschickte, Speckschnitten zum Frühstück abzuschneiden, -riefen ihm Huck und Tom zu, er möge eine Minute warten, griffen zur -Angel, liefen zum Flusse, warfen die Leine aus und ehe noch Joe Zeit -hatte, ungeduldig zu werden, waren sie schon zurück mit einem Vorrat -an Fischen, der für eine ganze Familie ausgereicht haben würde. Sie -brieten nun Fische zusamt dem Speck und noch nie hatte ihnen ein Fisch -so köstlich geschmeckt. Sie wußten ja nicht, daß ein Süßwasserfisch um -so besser ist, je schneller er in die Pfanne kommt, auch dachten sie -nicht daran, welche treffliche Würze Schlaf und Bewegung im Freien, das -Bad und ein gehöriger Hunger abgaben. - -Nach dem Frühstück lagen sie im Schatten herum, während Huck sein -Pfeifchen schmauchte, und dann rüsteten sie sich, eine Entdeckungsreise -auf der Insel vorzunehmen. Lustig trabten sie dahin, über modernde -Baumstämme, durch wirres Unterholz, zu Füßen der erhabenen Fürsten der -Wälder, die von den Kronen bis zur Wurzel, als Zeichen ihrer Würde, -mit dem Wundergerank der Reben gleich einem duftenden Krönungsmantel -behangen waren. Hie und da trafen sie auf saftiggrüne, lauschige -Plätzchen, die mit weichem Grase und Blumen wie ausgepolstert waren. - -Massenhaft fanden sie Dinge, die sie entzückten, nichts, das ihnen -seltsam vorkam. Sie entdeckten, daß die Insel vielleicht drei Meilen -lang und eine Viertelstunde breit sei und daß das Ufer, dem sie -zunächst lag, nur durch einen schmalen Kanal von etwa hundert Meter -Breite von derselben geschieden war. Jede Stunde einmal erfrischten -sie sich durch eine kleine Schwimmexkursion und so war der Nachmittag -schon weit vorgerückt, als sie zum Lager zurückkehrten. Sie waren zu -hungrig, um noch erst lange zu fischen, erquickten sich dagegen aufs -beste am kalten Schinken und warfen sich dann in den Schatten auf das -Moos, um zu plaudern. Das Gespräch erlahmte bald und hörte dann ganz -auf. Die Stille, die Feierlichkeit, die über dem Walde lag, begann, -zusamt dem Gefühl der Einsamkeit, die Gemüter der Knaben zu bedrücken. -Sie verfielen in Nachdenken. Eine Art unbestimmter Sehnsucht beschlich -sie, die alsbald leise Gestalt annahm, -- es war aufkeimendes Heimweh. -Selbst Finn, der ›Blut-Händige‹, träumte von seinen heimatlichen -Treppenstufen und leeren Schweineställen. Alle drei aber schämten sie -sich ihrer Schwäche und keiner hatte das Herz, seinen Gedanken Worte zu -geben. - -Schon seit ein paar Minuten waren die Jungen sich undeutlich bewußt, -daß ein eigentümlicher Ton aus der Ferne zu ihnen herüberklang, gerade -wie man das Ticken einer Uhr hört, ohne sich davon Rechenschaft zu -geben. Jetzt aber gewann der geheimnisvolle Ton an Kraft und drängte -sich förmlich der Wahrnehmung auf. Die Jungen fuhren zusammen, sahen -sich an und richteten sich in lauschender Stellung empor. Ein langes -Schweigen folgte, tief und ununterbrochen, dann ertönte ein dumpfes, -dröhnendes ›Bum‹ aus der Entfernung über das Wasser herüber. - -»Was ist das?« rief Joe mit unterdrückter Stimme. - -»Möcht's selber wissen,« flüsterte Tom. - -»Donner ist's keiner,« meinte Huck in ängstlichem Ton, »denn Donner --« - -»Still,« gebot Tom, »schwätz' nicht; horch lieber!« - -Wieder warteten sie eine Zeit lang, die eine Ewigkeit schien, dann -unterbrach dasselbe dumpfe ›Bum‹ die feierliche Stille. - -»Laßt uns doch sehen, ob wir was entdecken können.« - -Damit sprangen sie auf die Füße und rannten dem der Stadt gegenüber -liegenden Ufer zu. Vorsichtig teilten sie die Büsche und lugten hinter -denselben hervor auf das Wasser hinaus. Die kleine Dampffähre trieb, -vielleicht eine Meile unterhalb der Stadt, mit der Strömung daher. -Das breite Deck wimmelte von Menschen. Eine Menge Boote ruderten um -dieselbe herum oder ließen sich von den Wellen der Fähre treiben, die -Jungen aber konnten nicht sehen, was die Männer in den Booten thaten. -Alsbald brach eine dicke Wolke weißen Rauchs aus der einen Seite der -Fähre hervor und als sie sich zu erheben und zerstreuen begann, erklang -derselbe dumpfe Ton in den Ohren der lauschenden Knaben. - -»Jetzt weiß ich's,« rief Tom, »da ist einer ertrunken.« - -[Illustration] - -»Das ist's, weiß Gott,« stimmte Huck bei, »so haben sie's vorigen -Sommer grad' auch gemacht, als der Bill Turner ertrunken war. Da haben -sie 'ne Kanone losgefeuert und da kommt dann der Tote herauf auf's -Wasser. Ja, und sie nehmen auch große Brote und stecken Quecksilber -hinein und lassen die schwimmen, und die schwimmen dann grad' drauf -los, wo ein Ertrunkener liegt und halten da an, damit man ihn findet.« - -»Ja, davon hab' ich auch gehört,« bestätigte Joe, »woher das Brot das -wohl thut?« - -»Na, das Brot selber thut's weniger, als das, was sie vorher drüber -sprechen, den Zauber, mein' ich,« sagte Tom. - -»Aber sie sprechen gar nichts drüber,« versicherte Huck, »ich war ja -ganz nah' dabei und hab' alles gesehen.« - -»Das wär' sonderbar,« meinte Tom, »vielleicht sagen sie's nur -leise. Natürlich ist's so, das könnt' ein Kind wissen,« fügte er -geringschätzend bei. - -Die andern beiden gaben denn auch zu, daß Tom recht haben könne. -Von einem unvernünftigen Brot, das, unbelehrt durch irgend einen -Zauberspruch, mit solch ernster, wichtiger Sendung betraut werde, könne -man doch unmöglich viel Verstand erwarten. - -»Weiß Gott, ich wollt', ich wär' drüben dabei,« rief Joe. - -»Ich auch,« bekräftigte Huck, »ich gäb' alles drum, wenn ich wüßt', wer -da gesucht wird.« - -Wieder lauschten die Jungen und beobachteten. Plötzlich tauchte ein -erleuchtender Gedanke blitzartig in Toms Hirn auf und er rief: - -»Jungens, ich weiß, wer dort ertrunken ist -- wir sind's!« - -Und sie fühlten sich als Helden im nächsten Augenblick. Das war -ein glorreicher Triumph! Sie wurden vermißt, betrauert, Herzen -brachen ihretwegen, Thränen flossen. Anklagende Erinnerungen an -Unfreundlichkeiten gegen diese armen, nun verlorenen Knaben tauchten -auf, Bedauern und Reue beschlich die betreffenden Herzen, und was noch -das Beste von allem war, die Verschwundenen bildeten das Gespräch der -ganzen Stadt. Alle andern Jungen mußten sie glühend beneiden um diese -glänzende, öffentliche Berühmtheit. Das war herrlich! Dafür lohnte es -sich wahrhaftig, Pirat zu sein! - -Die Dämmerung begann, die Dampffähre kehrte zu ihrer gewöhnlichen -Beschäftigung zurück, die Boote verschwanden und die Piraten begaben -sich nach ihrem Lager. Sie strahlten förmlich vor Wonne und Eitelkeit -über ihre neue Größe und die glorreiche Unruhe, die sie verursachten. -Sie fingen Fische, bereiteten ihr Abendessen, verzehrten es und -vertrieben sich dann die Zeit damit, sich vorzustellen, was man zu -Hause wohl über sie sagte und dachte. Sich die Bilder der allgemeinen -Kümmernis, die ihretwegen herrschte, auszumalen und von ihrem -Standpunkt zu betrachten, gewährte ihnen die höchste Befriedigung. -Als aber die Schatten der Nacht sie zu umhüllen begannen, verstummte -allmählich das Gespräch. Sie saßen und starrten ins Feuer, während -ihre Gedanken offenbar ganz wo anders herumstreiften. Die Erregung -war verflogen und Tom und Joe konnten sich der leise mahnenden -Ueberzeugung nicht erwehren, daß gewisse Leute zu Hause weit weniger -Vergnügen haben würden an dem lustigen Abenteuer, als sie selber. Böse -Ahnungen tauchten auf, sie fühlten sich unruhig und unglücklich, ein -Seufzer nach dem andern entschlüpfte ihnen, ohne daß sie selber es -merkten. Dann streckte Joe schüchtern einen tastenden ›Fühler‹ vor, wie -wohl die andern dächten über eine Rückkehr zur Zivilisation, -- nicht -jetzt natürlich, aber -- - -Tom schmetterte ihn mit Verachtung nieder! Huck, der bis jetzt noch -keine Anwandlung von Schwäche empfand, stimmte Tom bei und der -Schwankende suchte sich alsbald heraus zu reden, um sich mit einem -möglichst geringen Makel mattherzigen Heimwehs aus der Sache zu ziehen. -Die Meuterei war für den Augenblick mit Erfolg unterdrückt. - -Als die Nacht vollends hereinbrach, begann Huck einzunicken und -schnarchte sofort, dann kam die Reihe an Joe. Regungslos lag Tom, -auf seine Ellenbogen gestützt, und beobachtete die zwei aufmerksam. -Dann erhob er sich vorsichtig auf die Kniee und kroch im Gras umher, -beim schwach flackernden Schein des Feuers nach etwas suchend. Er las -ein Stück weißer, cylinderförmiger Sykomorenrinde nach dem andern -auf, untersuchte sie und wählte schließlich zwei derselben, die ihm -die besten schienen. Dann kniete er am Feuer nieder, kritzelte voll -Anstrengung etwas mit seinem Rotstift auf jedes der Stücke, rollte -eines zusammen, steckte es in seine Tasche und schob das andre in Joes -Hut, den er etwas entfernt von dem Eigentümer hinlegte. Demselben -Hut vertraute er dann noch einige Schuljungen-Kostbarkeiten von fast -unschätzbarem Werte an, als da sind ein Klumpen Kreide, ein Gummiball, -drei Fischhaken und eine kleine Glaskugel, die überall für ›echtes -Kristall‹ ging. Dann schlich er sich auf den Zehenspitzen unter den -Bäumen hin, bis er außer Hörweite war, worauf er sich geradeswegs nach -der Sandbank in Trab setzte. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - - -Ein paar Minuten später befand sich Tom im seichten Wasser der Sandbank -und watete dem Illinois-Ufer zu. Noch reichte ihm das Wasser kaum bis -zur Brust, als er schon die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatte. Jetzt -aber erlaubte die Strömung kein weiteres Vordringen und kühn begab -er sich dran, die übrigen hundert Meter schwimmend zurückzulegen. Er -ließ sich von der Strömung treiben, die ihn rascher beförderte, als er -selber dachte. Doch gelang es ihm endlich, das Ufer zu erreichen und an -einer niederen Stelle desselben zu landen. Er fühlte in seiner Tasche -nach dem Rindenstück, fand es sicher an seinem Platz und schritt nun -mit triefenden Kleidern waldeinwärts am Ufer entlang. Kurz vor zehn -Uhr kam er an einen freien Platz, gerade dem heimatlichen Städtchen -gegenüber, und sah die Fähre im Schatten der Bäume am hohen Ufer -angekettet. Alles war still unter den funkelnden Sternen. Er kroch am -Ufer hinab, mit vorsichtigen Blicken ausspähend, glitt ins Wasser und -schwamm mit drei oder vier Stößen nach dem Boot, das an der Seite der -Fähre befestigt war. Dort streckte er sich unter die Ruderbank und -wartete atemlos. Alsbald ertönte eine heisere Glocke und eine Stimme -gab den Befehl zum Abstoßen. Eine bis zwei Minuten später wurde das -Boot von der Fähre scharf angezogen und die Fahrt hatte begonnen. -Tom beglückwünschte sich selber zu seinem Erfolg, er wußte, es war -die letzte Fahrt diesen Abend. Nach Verlauf von endlosen zwölf oder -fünfzehn Minuten standen die Räder still, Tom schlüpfte über Bord -und schwamm ans Ufer in der Dunkelheit, etwa fünfzig Meter unterhalb -des Städtchens landend, aus Furcht, noch späten Herumschwärmern zu -begegnen. Er flog durch einsame Gäßchen und befand sich nach kurzem am -hintern Zaun von seiner Tante Hof. Der Zaun war schnell überstiegen, er -näherte sich dem Hause und blickte durch das Fenster des Wohnzimmers, -in dem noch Licht brannte. Dort saßen Tante Polly, Sid, Mary und Joe -Harpers Mutter dicht zusammen und redeten. Sie saßen vor dem Bett und -das Bett befand sich zwischen ihnen und der Thüre, welche direkt auf -den Hof führte. Tom trat auf den Zehen heran und begann leise auf die -Klinke zu drücken. Die Thüre gab nach und öffnete sich ein klein wenig -mit sanftem Knarren. Vorsichtig erweiterte Tom den Spalt, bis er ihn -für groß genug hielt, um sich auf den Knieen durchzuschieben. Dann -steckte er den Kopf durch und begann mutig vorwärts zu kriechen. - -»Warum das Licht nur so flackert?« sagte Tante Polly. -- Tom beeilte -sich mit dem Hereinkriechen. »Herrgott, die Thür ist ja offen, so viel -ich seh'! Freilich ist sie's. Nehmen die Schrecknisse gar kein Ende! -Geh', Sid, mach' die Thür zu!« - -Gerade zur rechten Zeit verschwand Tom unter dem Bett. Da lag er -mäuschenstill, um nur erst zu Atem zu kommen, dann kroch er weiter vor, -bis dahin, wo er fast seiner Tante Füße berühren konnte. - -»Ja, wie ich gesagt hab',« fuhr diese fort, »schlecht war er nicht, was -man so schlecht heißt, -- nur immer voller Tollheiten, voller Unsinn -und immer oben hinaus, wißt ihr. Ihm konnte man's aber so wenig übel -nehmen wie einem Füllen; er dachte sich weiter nichts dabei, war weiß -Gott der gutherzigste Junge der lebte und --« sie begann zu weinen. - -[Illustration] - -»Grad' so war mein Joe, -- immer voller Teufeleien und zu jedem tollen -Streich aufgelegt, aber so selbstlos und gut dabei, wie nur möglich. -Und, der Himmel verzeih' mir's, ich, ich, seine eigene Mutter, geh' hin -und hau' ihn durch, weil ich mein', er hat den alten Rahm genommen, -denk' nicht dran, daß ich den doch selber fortgeschüttet hab', weil er -sauer geworden war. Und jetzt soll ich ihn nie wieder sehen in dieser -Welt, den armen, mißhandelten Jungen, nie, niemals wieder!« Und Frau -Harper schluchzte, als wolle ihr das Herz brechen. - -»Ich hoffe, Tom ist besser dran, wo er ist,« begann Sid, »wenn er aber -hier in manchem besser --« - -»_Sid!_« -- Tom fühlte ordentlich den strengen Mahnblick, das drohende -Funkeln in den Augen der alten Dame, obgleich er's nicht sehen konnte. - -»Kein Wort weiter gegen meinen armen Tom, der nun von uns gegangen ist. -Der allmächtige Gott wird sich seiner schon annehmen, da brauchst du -dich nichts drum zu kümmern. O, Frau Nachbarin, ich weiß nicht, wie -ich's überleben soll, weiß nicht, wie ich's überleben soll! Er war mein -ganzer Trost, obgleich er mir mein altes Herz fast aus dem Leib heraus -quälte!« - -»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn -sei gelobt! Aber hart ist's, so arg hart! Erst vorigen Sonntag ließ mir -mein Joe einen Schwärmer grad' unter der Nase platzen, worauf ich ihm -eins versetzte, daß er umfiel. Da dacht' ich nicht, daß er so bald -- -ach, Herr du meines Lebens, wenn ich wieder in derselben Lage wäre, ich -würde ihn an mein Herz drücken und küssen.« - -»Ja, ja, ja, Nachbarin, ich weiß, wie Ihnen zu Mut sein muß, weiß es -ganz genau. Gestern nachmittag erst hat mein Tom dem unvernünftigen -Vieh, dem Peter, ›Schmerzenstöter‹ eingegossen, den er selber hat -nehmen sollen. Na, ich denk' die Katze reißt's Haus ein, so tobt die -herum. Und ich, Gott verzeih mir, geb' dem Jungen einen Klapps auf den -Kopf mit meinem Fingerhut; armer Junge, armer, armer, toter Junge! Er -hat's überstanden jetzt. Und die letzten Worte, die ich von ihm gehört -hab', waren, daß er mir vorwarf --« - -Diese Erinnerung aber war zu viel für die alte Dame, sie brach -vollständig darunter zusammen. Tom schluchzte jetzt selber, mehr aus -Mitleid mit sich, als aus irgend einem andern Grund. Er hörte, daß Mary -weinte und von Zeit zu Zeit ein freundliches Wort über ihn dazwischen -warf. Seine eigene Meinung von sich stieg um ein Beträchtliches. Der -Kummer seiner Tante rührte ihn aber doch sehr und kaum konnte er -der Versuchung widerstehen, hervorzubrechen aus seinem Hinterhalt -und ihren Jammer in Freude zu verwandeln. Der theatralische Effekt, -den solche Scene notwendig hervorrufen mußte, reizte ihn gewaltig, -doch er erwehrte sich dessen tapfer und blieb still. Er fuhr fort -zu lauschen und merkte aus allerlei Bruchstücken der Reden, die er -zusammensetzte, daß man zuerst geglaubt hatte, er und die Kameraden -seien beim Schwimmen verunglückt. Dann wurde das kleine Floß vermißt. -Verschiedene Jungen gaben nun an, daß die Vermißten gesagt hätten, die -ganze Stadt solle bald was Neues erfahren. Die ›weisen Häupter‹ der -Gemeinde reimten sich nun verschiedenes zusammen und waren schließlich -darin einig, daß die Jungen auf dem Floß davon gegangen und baldigst in -der nächsten Stadt flußabwärts auftauchen dürften. Gegen Mittag aber -war das leere Floß aufgefunden worden, das etwa vier Meilen unterhalb -des Städtchens ans Ufer getrieben war, und da schwand jede Hoffnung. -Sie mußten ertrunken sein, sonst hätte sie der Hunger vor Nacht nach -Hause gejagt, wenn nicht noch früher. Man glaubte, die Suche nach -den Leichen sei hauptsächlich deshalb erfolglos geblieben, weil die -Ertrunkenen wohl mitten im tiefsten Wasser umgekommen sein mußten, denn -die Jungen waren flotte Schwimmer und hätten sich sonst sicherlich ans -Ufer gerettet. Das war am Mittwochabend. Wenn es nun nicht gelang, bis -Sonntag die Leichen aufzufinden, so mußte man jeder Hoffnung entsagen, -und es sollte an dem Tage ein Trauergottesdienst in der Kirche -abgehalten werden. Tom schauderte. - -Frau Harper schluchzte ein ›Gutenacht‹ und erhob sich zum Gehen. Von -einem gemeinsamen Antrieb ergriffen, flogen die beiden verwaisten -Frauen einander in die Arme, weinten sich ein paar Minuten aus und -nahmen darauf Abschied. Tante Polly sagte Sid und Mary mit besonderer -Zärtlichkeit ›Gutenacht‹, Sid schluchzte ein bißchen, Mary aber weinte -aus Herzensgrund. - -Jetzt kniete Tante Polly nieder und betete für Tom, so rührend, so -eindringlich, mit solch maßloser Liebe in jedem Wort, jedem Ton ihrer -alten, zitternden Stimme, daß der Missethäter unter dem Bett wieder -förmlich zerfloß in Thränen, lange ehe sie geendet hatte. - -Er mußte sich sehr ruhig verhalten, eine ganze Zeit, nachdem sie zu -Bett gegangen war, denn wieder und wieder warf sie sich ruhelos von -einer Seite zur andern und stöhnte und jammerte vor sich hin. Endlich -aber wurde sie still, nur noch zuweilen schluchzte sie leise im -Schlafe auf. Jetzt stahl sich Tom unter dem Bett vor, richtete sich -ganz allmählich in die Höhe, beschattete das Licht mit seiner Hand -und betrachtete sie. Sein Herz floß über vor Mitleid. Er nahm die -Sykomorenrinde aus der Tasche und legte sie neben dem Lichte nieder. Da -schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf und er zögerte überlegend. Sein -Gesicht verklärte sich förmlich im Widerschein der erleuchteten Idee, -die ihm gekommen. Hastig nahm er die Rinde wieder an sich, beugte sich -über das alte Antlitz, hauchte einen Kuß auf ihre Lippen und stahl -sich, leise wie er gekommen, durch die Thüre, die er hinter sich schloß. - -Er schlich den gleichen Weg zurück nach der Fähre, fand dort niemanden -und betrat kühn das Deck. Wußte er doch, daß sich um diese Zeit -nur ein Wächter dort befand und der zog sich für gewöhnlich in die -Kajüte zurück und schlief wie ein Sack. Er löste den Nachen von der -Seite, schlüpfte hinein und glitt bald darnach, vorsichtig rudernd, -stromaufwärts dahin. Als er eine Meile oberhalb der Stadt war, schlug -er die Richtung quer über den Fluß ein und legte sich tüchtig ins -Zeug. Er traf genau auf die Landungsstelle an der andern Seite. Diese -Leistung war für ihn nicht neu. Nun überlegte Tom, ob er nicht den -Nachen mitnehmen sollte, der doch sozusagen ganz legitime Beute für -einen Seeräuber wäre. Doch wußte er, daß man genaue Nachforschungen -nach dem Verbleib anstellen würde und die hätten am Ende zu unliebsamen -Entdeckungen führen können. So sprang er denn ans Ufer und begab sich -sofort in den Wald. Dort setzte er sich hin, ruhte lange, lange aus und -quälte sich dabei namenlos ab, um sich wach zu erhalten. Dann machte er -sich müde, matt und schläfrig auf den Heimweg. Die Nacht war schon weit -vorgerückt. Es wurde heller Tag, ehe er sich wieder am Ufer gegenüber -der Sandbank befand. Er ruhte sich nochmals aus, bis die Sonne ganz -aufgegangen war und den Strom mit ihrem Glanze übergoldete, dann warf -er sich ins Wasser und bald darauf stand er triefend am Eingang des -Lagers und hörte Joe sagen: - -»Nein, Tom ist treu wie Gold, Huck, der kommt wieder, der kneift nicht -aus! Er weiß, daß das eine Ehrlosigkeit für einen Piraten wäre, und Tom -ist viel zu stolz, um so was zu thun. Er führt irgend etwas im Schilde, -das ist sicher, möcht' nur wissen was!« - -»Na, aber die Sachen dort im Hut sind doch unser, nicht?« - -»Beinahe, Huck, noch nicht ganz. Hier die Schrift auf der Rinde sagt: -›Die Sachen gehören euch, sollte ich nicht bis zum Frühstück zurück -sein --‹« - -»Was hiemit der Fall ist,« rief Tom und betrat mit großartigem, -dramatischem Effekt die Scene. - -Ein üppiges Frühstück, aus Speck und Fisch zusammengesetzt, war bald -zur Stelle. Die Jungen machten sich drüber her, Tom erzählte dabei -seine Abenteuer mit entsprechender Ausschmückung. Sein Ruhm warf einen -strahlenden Abglanz auf die andern. Die Erzählung verwandelte sie -alsbald in eine eitle, prahlerische, lärmende Heldenschar. Dann suchte -sich Tom ein stilles, verborgenes Winkelchen zum Schlafen, während die -andern Piraten sich fertig machten, um zu fischen und auf Entdeckungen -auszugehen. - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - - -Nach dem Mittagessen begab sich die ganze Bande zur Sandbank auf die -Suche nach Schildkröten-Eiern. Mit Stöcken durchwühlten sie den Sand -und wo sie eine hohle Stelle fanden, gruben sie mit den Händen nach und -entdeckten oft fünfzig bis sechzig Eier in einem Loch, runde, weiße, -nußgroße Dinger. Am Abend bereiteten sie sich aus den gebackenen Eiern -ein köstliches Mahl, ebenso ein leckeres Frühstück am nächsten Morgen, -einem Freitag. Danach gingen sie zur Sandbank, schwammen und tollten -im Wasser herum und wälzten sich zur Abwechslung im heißen Sande, in -dem sie sich förmlich eingruben. Plötzlich kam ihnen der Gedanke, daß -der kleiderlose Zustand, in welchem sie sich befanden, die größte -Aehnlichkeit habe mit den Trikots der Zirkushelden. Augenblicklich -wurde ein Kreis in den Sand gezogen, der einen Zirkus vorstellen mußte, -einen Zirkus mit drei Clowns in demselben, denn keiner der Jungen -konnte sich entschließen, diesen stolzesten, begehrtesten aller Posten -einem andern zu überlassen. - -Als dies Vergnügen bis zur Neige ausgekostet war, sprangen Huck und Joe -nochmals ins Wasser. Tom getraute sich nicht hinein, da er entdeckte, -daß er beim Ausziehen der Hosen seine Klapperschlangen-Klappern -verloren habe. Nur durch ein Wunder konnte er bis jetzt der Gefahr -eines Krampfes beim Schwimmen entgangen sein ohne den geheimnisvoll -wirkenden Schutz dieses Zaubermittels. Eifrig suchte er danach und als -er sie schließlich fand, die Zauber-Klappern, waren die andern des -Schwimmens müde und ruhebedürftig. Sie schlenderten nun am Ufer hin, -wurden schweigsam, verfielen in Brüten, blieben einer hinter dem andern -zurück und jeder ertappte sich darauf, daß er sehnsüchtig in die Weite -starrte, dorthin, wo das heimatliche Nest schläfrig im Sonnenbrande -dalag. Tom wurde sich mit einem Male bewußt, daß er mit der großen Zehe -›Becky‹ in den Sand schrieb. Aergerlich über seine unmännliche Schwäche -wischte er's aus, zog aber im nächsten Moment nichtsdestoweniger -dieselben magischen Linien auf's neue, fast gegen seinen Willen; er -konnte nicht anders. Wieder löschte er dieselben und entzog sich -dann der Versuchung, indem er den beiden Kameraden nachjagte und sie -zusammentrieb. - -Joes Lebensgeister aber waren mittlerweile so gesunken, daß ein -Aufraffen derselben fast unmöglich schien. Er hatte solches Heimweh, -daß er es vor Elend kaum mehr aushalten konnte. Verräterische Thränen -waren dicht am Ueberfließen. Auch Huck war melancholisch geworden. -Tom war gleichfalls sehr niedergeschlagen, bemühte sich aber redlich, -es nicht zu zeigen. Seine Brust barg ein Geheimnis, das ihm aber zur -Mitteilung noch nicht reif schien. Sollte sich jedoch diese rebellische -Niedergeschlagenheit nicht bannen lassen, so mußte er am Ende doch -damit herausrücken. Mit erkünstelter Heiterkeit rief er plötzlich: - -»Ich wett', Jungens, auf der Insel hier waren schon vor uns Piraten. -Laßt uns noch mal genau alles durchforschen. Vielleicht haben sie -irgendwo 'nen Schatz versteckt. Das wär' doch ein Hauptspaß, wenn wir -plötzlich auf eine verfaulte Kiste voll Gold und Silber stießen, was?« - -Diese Aussicht vermochte indessen nur eine schwache Begeisterung zu -erregen, die alsbald erstarb, ohne ein Echo erweckt zu haben. Tom -versuchte es mit zwei oder drei anderen lockenden Vorschlägen, -- es -war verlorne Liebesmüh. Joe saß und bohrte mit einem Stock im Sand -herum und sah sehr brummig aus. Schließlich rief er ungestüm: - -»Jungens, wir wollen's sein lassen. Ich will heim, hier ist's so -einsam.« - -»Ach, Joe, wart' doch,« beruhigte Tom, »bald denkst du ganz anders -drüber. Denk' doch nur allein ans Fischen!« - -»Was liegt mir am Fischen. Ich will heim!« - -»Aber, Joe, wo findest du wieder einen Platz zum Schwimmen wie hier?« - -»Schwimmen ist mir ganz egal. Ich mach' mir gar nichts mehr draus, seit -keiner da ist um's zu verbieten. Ich will heim.« - -»Ach Papperlapapp! Wickelkind! Will seine Mama sehen, was?« - -»Ja, das will ich auch! Ich will meine Mutter sehen, und wenn du eine -hättest, wolltest du's auch. Ich bin kein größeres Wickelkind als du!« -Und Joe schluchzte ein bißchen vor sich hin. - -»Schön, schön! Laß das Kindchen zu seiner Mama gehen, gelt Huck? Armes, -kleines Wickelkind will die Mama sehen. Soll's haben, armes, kleines -Ding. Dir gefällt's hier, Huck, gelt? Wir zwei bleiben, nicht?« - -Huck ließ ein sehr zweifelhaftes, gedehntes ›Ja--a--a‹ hören. - -»So lang ich leb', red' ich mit dir nie wieder,« damit erhob sich Joe -und begann sich anzukleiden. - -»Als ob mir daran was läge!« versetzte Tom geringschätzig, »wir -brauchen dich nicht. Geh heim und laß dich auslachen. Du bist ein -schöner Pirat, du! Huck und ich, wir sind keine Schreikinder, wir -bleiben hier, gelt Huck? Der mag laufen wohin er will, wollen schon -fertig werden ohne ihn!« - -Tom war es aber doch nicht recht geheuer bei der Sache und -unruhig sah er zu, wie Joe wortlos und halsstarrig fortfuhr sich -anzukleiden. Es ängstigte ihn auch zu sehen, daß Huck aufmerksam den -Vorbereitungen Joes folgte, während er ein gefahrdrohendes Schweigen -beobachtete. Alsbald, ohne ein Wort des Abschiedes, begann Joe nach -dem Illinois-Ufer zuzuwaten. Tom sank das Herz bis in die äußerste -Zehenspitze. Er warf einen forschenden Blick auf Huck. Dieser vermochte -den Blick nicht auszuhalten und schlug die Augen nieder. Dann sagte er: - -»Ich will auch fort, Tom! 's war vorher schon einsam und jetzt wird's -noch schlimmer. Komm, wir gehen mit!« - -»Ich geh' nicht. Ihr könnt alle weg, wenn ihr wollt. Ich will bleiben.« - -»Ich, ich denk', ich geh'!« - -»Immerzu, wer hält dich denn?« - -Huck begann seine Kleider aufzuraffen. Dabei sagte er: - -»Tom, ich wollt', du gingst mit. Denk' mal drüber nach. Drüben am Ufer -wollen wir 'ne Zeit lang auf dich warten.« - -»Na, da könnt ihr warten bis ihr schwarz werdet, das kann ich dir -sagen!« - -Kummervoll wandte sich Huck ab und Tom stand und sah ihm nach, während -ihm das glühendste Verlangen, den beiden zu folgen, fast das Herz -abdrückte. Sein Stolz wollte das aber nicht zulassen. Von Augenblick -zu Augenblick hoffte Tom, die Jungen würden stehen bleiben, die -aber wateten entschlossen vorwärts, ohne sich umzusehen. Plötzlich -überfiel ihn das Bewußtsein, wie still und einsam es um ihn geworden, -mit niederschmetternder Gewalt. Einen letzten Strauß bestand er mit -seinem Stolze, dann stürzte er hinter den Kameraden her, denselben -nachbrüllend: - -»Wartet, so wartet doch, ich muß euch etwas sagen!« - -Die standen still und wandten sich. Als er sie erreichte, teilte er -ihnen sein Geheimnis mit. Sie hörten mürrisch zu; als ihnen aber klar -wurde, worauf er loszielte, stießen sie ein gellendes Kriegsgeheul aus -und erklärten den Plan für einen Kapitalspaß. Wenn er das gleich gesagt -hätte, wären sie niemals weggelaufen, versicherten sie. Tom redete sich -heraus, so gut er konnte. In Wahrheit aber hatte er gefürchtet, selbst -die Enthüllung dieses geheimnisvollen Plans vermöchte nicht, sie für -die Länge der Zeit auf der Insel festzuhalten, und darum hatte er sich -dies als letztes Lockmittel für den äußersten Notfall aufsparen wollen. - -Lustig wanderten nun die Jungen zurück und warfen sich mit erneuter -Energie auf's Spiel, die ganze Zeit über Toms großartigen Plan -besprechend und dessen Genialität bewundernd. Nach einem leckeren -Mittagsmahl, aus Fisch und Eiern bestehend, erklärte Tom, daß er -nun rauchen lernen wolle. Joe gefiel der Gedanke, er wollte es auch -probieren. Huck machte also zwei Pfeifen zurecht und stopfte dieselben. -Die beiden neuesten Jünger in der Kunst des Rauchens hatten bis jetzt -ihr Talent nur an Schokolade-Zigarren erprobt, und das war keineswegs -ein Beweis von gereifter Männlichkeit. - -Nun streckten sie sich ins Moos und begannen, freilich etwas zögernd, -drauf los zu dampfen, mit offenbar nicht allzu großer Zuversicht in -ihre Fähigkeiten, ganz gegen ihre sonstige Art und Weise. Der Rauch -hatte aber auch einen gar zu unangenehmen Geschmack, sie mußten sich -immerzu räuspern, doch Tom meinte: - -»Ach, das ist ja ganz leicht; wenn ich das früher gewußt hätte, ei, ich -hätt's längst gelernt.« - -»Ich auch,« bekräftigte Joe, »das ist ja rein gar nichts.« - -»Na, wie oft hab' ich einem zugesehen, der geraucht hat, und mir -gewünscht, wenn du's doch nur auch könntest, hab' aber nie gedacht, daß -das möglich wär',« sagte Tom. »Aber so bin ich. Nicht Huck? Trau' mir -nichts zu! Hundertmal ist mir's schon so gegangen, gelt, Huck?« - -»Weiß Gott, hab's auch schon gedacht,« bestätigte dieser. - -»Grad' wie bei mir,« rief Joe, »tausendmal ist mir das schon passiert. -Erinnerst du dich, Huck, damals beim Schlachthaus, die andern waren -alle dabei, der Bob und der Johnny und der Jeff auch, da --« - -»Ja, so ist's,« fiel Huck ein, ohne weiteres abzuwarten, »'s war just -an dem Tag, an dem ich meine schöne weiße Steinkugel verloren hatt' -- -oder auch am Tag vorher.« - -»Siehst du wohl,« rief Joe, »der Huck erinnert sich. -- Ich glaub', die -Pfeife hier könnt' ich den ganzen Tag lang rauchen, es ist mir kein -bißchen übel.« - -»O, mir auch nicht,« fiel Tom ein, »ich könnt' auch den ganzen Tag -weiter rauchen. Der Jeff Thatcher aber, da wollt' ich alles wetten, der -könnt's nicht.« - -»Jeff Thatcher! Herrgott, der wär' nach zwei Zügen geliefert. Der -sollt's nur mal probieren, der würd' was Schönes zu sehen kriegen!« - -»Das glaub' ich auch -- und der Johnny Miller, -- na, den möcht' ich -mal dabei sehen.« - -»Na und ich!« lachte Joe, »ei der, der könnt' das nicht besser, als -alles andre was er kann -- und er kann nichts! Der braucht's nur zu -riechen, dann wär' er schon hin!« - -»Weiß Gott, so ist's. Ich wollt' nur eins, Joe, ich wollt', die Jungens -könnten uns so sehen!« - -»Und ich erst!« - -»Sagt mal, Jungens, wir reden gar nichts drüber und wenn wir dann mal -alle zusammen sind, geh' ich auf dich zu, Joe, und frag': ›Hast du 'ne -Pfeife da, Joe? Ich möcht' gern mal rauchen.‹ Und du sagst dann, so -ganz nachlässig, als ob's gar nichts wär: ›Ja, die alte hab' ich und -auch meine neue, aber mein Tabak ist nicht sehr gut.‹ -- ›Ach, macht -nichts‹, sag' ich dann, ›wenn er nur stark genug ist‹. Dann du heraus -mit den Pfeifen und angesteckt, -- Herrgott, die werden Augen machen!« - -»Das wird wundervoll, Tom, wär's nur schon so weit.« - -»Ja und dann sagen wir, das haben wir alles gelernt, wie wir als -Piraten ausgezogen sind und dann platzen sie erst recht vor Neid.« - -»Na und ob! 's wird prächtig, Tom!« - -[Illustration] - -So plauderten sie und bramarbasierten, aber allmählich wurden sie -stiller und warfen nur noch gelegentlich eine Bemerkung hin. Die -Pausen wurden häufiger, im selben Maße, wie ein sonderbares Ausspucken -zunahm. Jede Pore innerhalb ihres Mundes schien zum rieselnden Brunnen -geworden. Sie waren kaum imstande, die Höhlungen unter der Zunge -schnell genug zu leeren, um eine Ueberschwemmung zu verhüten. Kleine -Ergüsse den Hals hinunter kamen trotz aller Eile vor, denen jedesmal -ein leichter Würganfall folgte. Beide Helden sahen nun recht blaß und -elend aus. Joes kraftlosen Fingern entsank die Pfeife, Toms Pfeife -folgte. Die Wasserwerke und Pumpen arbeiteten mit Macht. Endlich sagte -Joe mit schwacher Stimme: - -»Hab' da irgendwo mein Messer verloren. Will lieber mal gehen und -suchen.« - -Mit zitternden Lippen keuchte Tom: - -»Ich helf' dir. Geh' du dorthin, ich mach' mich nach der Quelle. Nein, -Huck, bleib', du brauchst nicht zu kommen, wir werden's schon finden!« - -Huck setzte sich also nieder und wartete ungefähr eine Stunde. Dann -fand er's langweilig und ging die Kameraden suchen. - -Er fand sie auch, weit voneinander entfernt, mitten im Walde, beide -sehr blaß, beide schlafend. Etwas aber in ihrer Umgebung bewies ihm, -daß, falls sie Unannehmlichkeiten gehabt, sie sich derselben endgültig -entledigt hatten. - -Beim Abendessen waren sie nicht allzu redselig, hatten eine etwas -niedergeschlagene Miene und als Huck zum Nachtisch seine Pfeife -hervorzog und sich bereit zeigte, auch die ihren zu stopfen, da dankten -sie, sagten, sie fühlten sich nicht ganz wohl, beim Mittagessen müsse -ihnen etwas nicht gut bekommen sein. - -[Illustration] - - - - -Sechzehntes Kapitel. - - -Um Mitternacht ungefähr erwachte Joe und weckte die andern. Es lag -eine drückende Schwüle in der Luft, die nichts Gutes zu bedeuten -schien. Die Jungen schmiegten sich eng aneinander und suchten die -freundliche Nähe des Feuers, obgleich die brütende, lastende Hitze der -bewegungslosen Atmosphäre nahezu erstickend war. Stille saßen sie da, -atemlos wartend. Außerhalb des Lichtkreises, den das Feuer warf, schien -alles wie in schwarzer Nacht begraben. Alsbald erglomm ein zitternder -Schein, der für einen Moment das Laub der Bäume sichtbar hervortreten -ließ, um ebenso plötzlich zu erlöschen. Dann tauchte ein zweiter, schon -stärkerer Strahl auf. Ein dritter folgte. Wie leises Stöhnen zog's nun -durch das Geäste der Waldbäume, ein schwacher Lufthauch streifte die -Wangen der Knaben und diese erschauerten in dem Gedanken, der Geist -der Nacht habe sie mit seinem Fittiche berührt. Wieder folgte eine -Pause. Jetzt verwandelte ein unheimlicher Blitz die Nacht zum Tage -und ließ jeden kleinen Grashalm zu ihren Füßen deutlich hervortreten. -Zugleich enthüllte der Strahl aber auch drei weiße, bange, erschrockene -Gesichter. Ein dumpfer Donner stürzte rollend und krachend vom Himmel -nieder, um sich in leisem Grollen in der Ferne zu verlieren. Ein kühler -Luftstoß folgte, raschelte in den Blättern und jagte die Aschenflocken -des Feuers auf. Ein andrer zuckender, flammender Strahl fuhr nieder, -unmittelbar gefolgt von einem schmetternden Krach, der die Kronen der -Bäume zu Häupten der Knaben zerreißen zu wollen schien. In sprachlosem -Schreck umklammerten sich die Kinder in der trostlosen Finsternis, die -der Lichtflut folgte. Schwere, große Regentropfen fielen klatschend auf -die Blätter. - -[Illustration] - -»Schnell, Jungens, nach dem Zelt,« schrie Tom. - -Sie sprangen in der Richtung desselben davon, stolperten über Wurzeln, -verfingen sich in den Rebenranken und waren in der Finsternis nicht -imstande, zusammen zu bleiben. Ein wütender Sturm raste in den Wipfeln -und verschlang jeden andern Laut. Die Blitze jagten einander, Schlag -auf Schlag folgte ohrenbetäubender Donner. Stromweise stürzte der -Regen nieder, vom Sturm flutartig am Boden hingefegt. Die Jungen -schrieen einander zu, aber der heulende Sturm und der dröhnende -Donner übertönten die schwachen Kinderstimmen vollständig. Doch -gelang es den Knaben allmählich, sich einer nach dem andern zum Zelte -durchzuschlagen, wo sie durchnäßt und zu Tode geängstigt Obdach zu -finden hofften. Daß ihr Leid ein geteiltes war, machte es leichter zu -tragen. Reden konnten sie nicht, das alte Segel klatschte wie rasend -im Sturm und erstickte jeden Laut. Stärker und stärker brauste der -Orkan, das Segel riß sich los und flog dahin auf Sturmesfittichen. Die -Jungen ergriffen sich bei den Händen und flohen, oftmals stolpernd und -sich wund fallend, dem Ufer zu, wo eine große, alte Eiche ihnen Schutz -bieten konnte. Der Kampf der Elemente hatte jetzt seinen Höhepunkt -erreicht. Am Himmel bildeten die unaufhörlich zuckenden Blitze ein -einziges großes Lichtmeer, so daß alles ringsum, grell beleuchtet, -in klaren, scharfen Umrissen hervortrat, die sturmgebeugten Bäume, -der aufgewühlte Strom mit den weißen Schaumköpfen, der treibende -Sprühregen. Die verschwommenen Zackenlinien der hohen Klippen am -jenseitigen Ufer lugten ab und zu aus dem Wolken-Vorhang, aus dem -zerstiebenden und sich wieder verdichtenden Regenschleier. Von Zeit zu -Zeit unterlag einer der alten Riesen des Waldes in dem gewaltigen Kampf -und stürzte krachend in das Unterholz zu seinen Füßen. Die furchtbaren -Donnerschläge folgten jetzt ununterbrochen mit ohrzerreißendem -Geknatter. Das Gewitter steigerte sich zu solcher Wucht, daß es schien, -als wolle es die Insel in Stücke reißen, sie verzehren in Feuersglut, -sie versenken in den Wellen des Stromes bis zu den Kronen der Bäume, -sie vom Erdboden weg fegen und jede lebende Kreatur auf derselben -vernichten in einem Augenblick. Entsetzlich, trostlos war die Nacht für -die jungen Herzen, die sich obdachlos der Wut der Elemente preisgegeben -sahen. - -Endlich aber ließ der Kampf nach, die Schlacht war geschlagen, die -feindlichen Mächte zogen sich zurück, schwächer und schwächer wurde das -Drohen, das Grollen, Friede zog ein in die erregte Natur. Die Jungen -schlichen zum Lager zurück, noch ordentlich scheu und zitternd, und -fanden dort, daß sie alle Ursache hatten dem Himmel dankbar zu sein. -Die große Sykomore, die ihr Lager beschattete, lag vom Blitze gefällt, --- sie wären verloren gewesen, hätten sie zur Zeit der Katastrophe -darunter geweilt. - -Alles im Lager war durchnäßt, der Feuerherd mit einbegriffen. -Leichtsinnig wie ihr ganzes Geschlecht hatten die Jungen keinerlei -Vorsichtsmaßregeln gegen den Regen getroffen. Der Verlust des Feuers -war ein höchst beklagenswerter Umstand, denn unsere armen Seehelden -waren kalt und naß durch und durch. Wortreich beklagten sie ihre -mißliche Lage. Bald aber entdeckten sie, daß das Feuer sich an dem -alten Baumstamm, gegen den sie es geschichtet, aufwärts gefressen -hatte, daß ein Streifen desselben, ungefähr eine Hand breit, der -allgemeinen Ueberschwemmung entgangen war und, wenn auch schwach, -weiter glimmte. Mit Geduld und Ausdauer gelang es ihnen denn auch, -vermittelst kleiner Rindenstückchen und dürrer Zweige allmählich -ein lustig prasselndes Feuerlein zu entflammen, das Licht und Wärme -ausstrahlte und ihre Geister zu neuem Leben erweckte. Sie trockneten -sich und ihren gekochten Schinken, stärkten sich mit demselben -und saßen dann um's Feuer bis zum lichten Morgen, unter lebhafter -Erörterung ihrer nächtlichen Abenteuer, da es ringsum kein trockenes -Plätzchen gab, das ein Ausstrecken zum Schlafen erlaubt hätte. - -Als die Sonne sich dann zeigte, wurden die Jungen von unwiderstehlicher -Müdigkeit befallen. Sie gingen nach der Sandbank, gruben sich dort tief -in den Sand und schliefen, bis die höher steigende Sonne sie allmählich -gelinde zu rösten begann. Müde und verschlafen rafften sie sich auf, um -nach dem Frühstück zu sehen und saßen dann verdrossen, wortkarg und mit -steifen Gliedern bei der Mahlzeit. Vorboten wiederkehrenden Heimwehs -begannen sich zu melden. Tom sah diese verhängnisvollen Zeichen und gab -sich alle Mühe, die Piraten aufzumuntern. Diese aber kümmerten sich -weder um Steinkugeln, noch um Zirkus oder Schwimmen, nichts vermochte -ihnen Interesse abzugewinnen. Da erinnerte er sie an den verlockenden, -geheimnisvollen Plan und es gelang ihm, einen Strahl der Freude auf -den vergrämten Gesichtern hervorzurufen. Den günstigen Moment benutzte -er schleunigst, um sie für ein neues Spiel zu begeistern, das er -ausgedacht. Sie wollten das Piratentum einmal beiseite werfen und zur -Abwechslung Indianer sein. Die neue Idee leuchtete ihnen ein und nach -kurzer Zeit hatten sie sich ihrer zivilisierten Kleidung entledigt und -in Indianer-Kostüm geworfen, das heißt, sich den ganzen Körper, vom -Scheitel bis zur Sohle, zebraartig mit dunkeln Schmutzstreifen bemalt. -Jeder der Jungen stellte natürlich einen Häuptling vor und so stürmten -sie in das Dickicht des Waldes zum Angriff auf irgend eine eingebildete -englische Niederlassung. - -Dann trennten sie sich in drei verschiedene feindliche Stämme, gingen -aus ihrem Hinterhalt unter gellendem Kriegsgeheul aufeinander los und -töteten und skalpierten sich gegenseitig dem Tausend nach. Es war ein -blutiger Tag, mithin befriedigend für die Gemüter der Helden. - -Als sie sich darnach mit tüchtigem Appetit und frohem Mut im Lager -sammelten, entstand eine neue und unvorhergesehene Schwierigkeit. -Feindliche Indianer konnten unmöglich das Brot der Gastfreundschaft -zusammen brechen, ohne zuvor Frieden zu schließen, und dies war -hinwiederum unmöglich ohne die unerläßliche Friedenspfeife. Wer hatte -je gehört, daß es ohne diese gegangen wäre? Zwei der Wilden wünschten -jetzt, sie wären Seeräuber geblieben. Es gab aber keinen andern Ausweg -aus der Klemme; so riefen sie denn mit möglichst heiterer Miene nach -der Pfeife und jeder that einen vollen Zug, als die Reihe an ihn kam. - -Und siehe da, sie verdankten ihren Indianerspielen die Offenbarung -eines neuen Talentes: sie fanden, daß sie nun rauchen konnten, -wenigstens für kurze Zeit, ohne gezwungen zu sein, -- nach einem -verlorenen Messer oder dergl. zu suchen. Dies machte sie unsagbar stolz -und glücklich, und um die neuerworbene Kunst aus Mangel an Uebung -nicht zu verlernen, machten sie sich nach dem Abendessen sofort wieder -vorsichtig dahinter und beschlossen damit frohlockend den Abend. Sie -strahlten vor Glück und Stolz im Bewußtsein der großen Errungenschaft. -Diese ihre neueste Heldenthat dünkte ihnen glorreicher, als wenn sie so -und so viele Indianerstämme unterworfen und skalpiert hätten. Lassen -wir sie also nur ruhig rauchen und schwatzen und prahlen, da wir im -Augenblick keine weitere Verwendung für sie haben. - -[Illustration] - - - - -Siebzehntes Kapitel. - - -In der kleinen Stadt herrschte inzwischen an jenem ruhigen -Sonnabend-Nachmittag durchaus keine Fröhlichkeit. Die Familie Harper -und Tante Polly samt den Ihren steckten sich in Trauerkleider unter -vielen Thränen. Eine ungewöhnliche Stille lag über dem Städtchen, in -welchem man sich im allgemeinen schon nicht über allzuviel Lärm und -Getriebe beklagen konnte. Mit zerstreuter Miene gingen die Leute ihren -Geschäften nach, redeten wenig dabei und seufzten oftmals. Selbst den -Kindern schien dieser Sonnabend der Schulfreiheit nicht die gewohnte -Freude zu gewähren. Es lag kein Zug in ihren Spielen und bald gaben sie -dieselben ganz auf. - -Am Nachmittag schlich Becky Thatcher um das verlassene Schulhaus herum, -ihr war ganz melancholisch zu Mute. Doch auch dort fand sie keinen -Trost. Leise sprach sie vor sich hin: - -»Könnt' ich doch nur seinen Messingknopf wieder finden! Jetzt hab' ich -gar kein Erinnerungszeichen mehr an ihn,« und sie unterdrückte ein -leises Schluchzen. - -Dann blieb sie stehen und meinte sinnend: - -»Grad' hier war's. O, wenn's noch einmal wäre, das würde ich nie mehr -sagen -- nie mehr, nicht für alle Welt. Jetzt aber ist er fort und ich -werde ihn nie, nie, niemals wieder sehen!« - -Dieser Gedanke raubte ihr die letzte Fassung und unter strömenden -Thränen schlich sie davon. Nun erschien eine ganze Gruppe von Jungen -und Mädchen, Spielkameraden von Tom und Joe, auf dem Schulhof; sie -sprachen in leisem, bedrücktem Ton von den beiden Verlorenen, was Tom -gethan und gesagt das letzte Mal, als sie ihn gesehen, und wie Joe -gelächelt und was er gesagt; jede geringste Kleinigkeit erschien nun -von ahnungsschwerer Vorbedeutung. Dabei bezeichnete jeder Sprecher -den genauen Platz, an dem die Vermißten damals gestanden und dann -folgte jedesmal: »und ich stand da, grad' wie eben und der da, wo du -stehst, grad' so nah' und er lächelte -- so -- und mir lief's ganz kalt -über den Rücken -- ordentlich schauerlich -- warum, wußt' ich damals -freilich nicht, aber jetzt ist mir's klar.« - -Nun entspann sich ein Streit darüber, wer die beiden zuletzt gesehen -im Leben, und viele rissen sich um diese traurige Auszeichnung, für -die sie Beweise vorbrachten, welche die Zeugen mehr oder weniger -glaubwürdig fanden. Schließlich, nach langer Debatte, war's endgültig -entschieden, wer die letzten Worte mit den Verschwundenen gewechselt -hatte, und die glücklichen Sieger erhielten dadurch eine Würde und -Wichtigkeit, welche die Bewunderung und den Neid der andern erregte. -Ein armer, kleiner Bursche, der sonst keine Auszeichnung irgend welcher -Art aufweisen konnte, sagte mit sichtlichem Stolze bei der bloßen -Erinnerung: - -»Mich, mich hat der Tom Sawyer einmal tüchtig durchgeprügelt.« - -Dieser Versuch aber, zu Ruhm zu gelangen, erwies sich als gänzlich -erfolglos. Die meisten Jungen konnten sich dessen rühmen, und dadurch -sank die Auszeichnung doch allzu sehr im Werte. Die Gruppe trollte von -dannen, halblauten Tones immer neue Erinnerungen an die verlorenen -Helden austauschend. - -Am nächsten Morgen, als die Sonntagsschulstunde vorüber war, begann -die Glocke mit hohlem, dumpfem Klang anzuschlagen, anstatt wie sonst -feierlich zu läuten. Es war ein ungewöhnlich stiller Sabbat und der -klagende Ton stimmte zu der nachdenklichen, feierlichen Ruhe, die über -der ganzen Natur lag. Die Einwohner des Städtchens gingen zur Kirche -und verweilten einen Augenblick in der Vorhalle, um sich flüsternd -über das traurige Ereignis zu unterhalten. In der Kirche selbst aber -war's totenstill, nur das Rauschen der Frauengewänder unterbrach das -Schweigen. Keiner konnte sich erinnern, die kleine Kirche jemals so -voll gesehen zu haben. Eine tiefe, erwartungsvolle Pause entstand -und dann trat Tante Polly ein, gefolgt von Sid und Mary und der -Familie Harper, alle in tiefstem Schwarz. Die ganze Gemeinde zusamt -dem Geistlichen erhob sich achtungsvoll von ihren Plätzen, bis die -Trauernden durch ihre Reihen geschritten waren und in der vordersten -Bank Platz genommen hatten. Wiederum folgte tiefe Stille, nur hie und -da durch ersticktes Schluchzen unterbrochen, dann erhob der Geistliche -seine Stimme und betete. Ein ergreifendes Lied wurde gesungen, dann -folgte die Predigt. - -In seiner Predigt entwarf der Geistliche ein solch glänzendes Bild von -den Tugenden, der Liebenswürdigkeit und den vielversprechenden Talenten -der Verlorenen, daß jeder der Zuhörer in der ehrlichen Meinung, dies -getreue Abbild wieder zu erkennen, einen Stich im Herzen fühlte, bei -dem Gedanken, wie beharrlich blind er selber gegen alle diese Vorzüge -gewesen und wie er ebenso beharrlich nur Fehler und Mängel in den armen -Jungen zu entdecken vermocht. Nun folgte manch rührender, hochherziger -Zug aus dem Leben der Dahingeschiedenen, der das Vorhergesagte -bekräftigen und beweisen sollte, und jedermann gingen nun erst die -Augen und das Verständnis auf dafür, wie groß und erhaben eigentlich -jene kleinen Vorkommnisse gewesen waren, die ihnen zur Zeit als die -ärgsten Schelmenstreiche und Teufeleien einer tüchtigen Tracht Prügel -wert erschienen. Die Versammlung wurde immer bewegter, je weiter der -Geistliche in seiner pathetischen Rede vorrückte, bis schließlich die -ganze Gesellschaft jegliche Fassung und Haltung verlor und sich in -vollem Chor dem Schluchzen und Seufzen der trauernden Hinterbliebenen -anschloß. Ja, den Geistlichen selbst übermannten seine Gefühle, er -verstummte und weinte auf offener Kanzel. - -Ein Rascheln ertönte von der Emporkirche, auf das niemand achtete. -Einen Moment später knarrte eine Thüre, der Geistliche erhob seine -strömenden Augen über das verhüllende Taschentuch und -- stand und -starrte wie versteinert! Erst folgte ein Paar Augen der Richtung der -seinen, dann ein zweites, und plötzlich erhob sich, wie von einem -gemeinsamen Antrieb beseelt, die ganze Gemeinde und starrte auf -die drei ›toten‹ Jungen, welche gemächlich den Mittelgang herauf -marschierten, Tom voran, Joe hinter ihm, zuletzt Huck, eine wandelnde -Ruine in Lumpen. Die drei waren in jener unbenutzten Emporgalerie -verborgen gewesen und hatten ihre eigene Grabrede mit angehört! - -Tante Polly, Mary und die Harpers stürzten sich auf die -wiedergeschenkten Ihrigen und erstickten dieselben fast mit Küssen und -Umarmungen. Der arme Huck aber stand daneben, blöde und verschüchtert, -wußte nicht, was er thun oder wo er sich bergen sollte vor so viel -starrenden Augen, von denen nicht eines ihm einen Willkommgruß bot. Er -wandte sich halb und versuchte fortzuschleichen, Tom aber faßte ihn und -rief: - -»Tante Polly, das ist nicht recht und nicht schön. Es muß sich auch -jemand freuen, daß Huck wieder da ist.« - -»Das müssen wir, Tom, mein Junge, und wollen's auch, armes, elternloses -Kind!« Wenn aber etwas das Gefühl des Mißbehagens bei Huck noch -vermehren konnte, so waren es die Zärtlichkeiten, mit denen Tante Polly -ihn überhäufte. - -[Illustration] - -Plötzlich rief der Geistliche mit aller Kraft seiner Lunge in den Lärm -hinein: - -»Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren! -- Nun singt! -- Aber -herzhaft!« - -Und sie sangen. Triumphierend, mit gewaltigem Klang erscholl das alte, -hehre Lob- und Danklied, die Töne stiegen und schwollen und schienen -die Grundfesten des Gebäudes zu erschüttern. Tom Sawyer, der Pirat, -blickte um sich, sah aller Augen auf sich gerichtet und fühlte, daß -dies der stolzeste Moment seines Lebens sei. - -Als die Gemeinde die Kirche verließ, meinten alle, von Herzen gerne -würden sie sich noch einmal zum besten haben lassen, nur um ›Lobet den -Herren‹ wieder so erhebend singen zu hören. - - * * * * * - -Das also war Toms großes Geheimnis gewesen: der Plan, mit seinen -Spießgesellen heimzukehren und ihrem eigenen Trauergottesdienst -beizuwohnen. -- Auf einem alten Baumstamm waren sie abends nach dem -Missouri-Ufer geschwommen, fünf oder sechs Meilen unterhalb des -Städtchens gelandet, hatten in dem Walde, der die Stadt begrenzte, -beinahe bis Tagesanbruch geschlafen, dann sich durch einige -Seitengäßchen zur Kirche geschlichen, wo sie in der Empore ihren Schlaf -vollendeten, inmitten eines Chaos von wackligen alten Kirchen-Bänken. - - * * * * * - -Beim Frühstück am Montagmorgen waren Tante Polly und Mary besonders -zärtlich gegen Tom und voll Aufmerksamkeit gegen seine Wünsche. Man -sprach ungewöhnlich viel. Im Laufe der Unterhaltung äußerte Tante Polly: - -»Na, Tom, ich will nicht sagen, daß es für euch Jungens nicht ein -Kapitalspaß gewesen sein muß, uns hier alle in Sorge und Kummer zu -wissen, während ihr's euch da draußen wohl sein ließet. Daß du aber -so hartherzig sein konntest, Tom, und mich so zappeln und mich grämen -lassen, das, Tom, das hätt' ich doch nicht von dir gedacht! Wenn du -hast herüber kommen können, um deine eigne Leichenrede zu hören, so -hättest du mir vorher wohl auch 'nen kleinen Wink geben dürfen, daß du -nicht tot seiest, sondern nur davongelaufen.« - -»Ja, Tom, das ist wahr, das hättest du thun müssen,« stimmte Mary -bei, »und du würdest es wohl auch gethan haben, wenn du dran gedacht -hättest, -- gelt?« - -»Ja, Tom?« fragte nun Tante Polly, deren Antlitz sich bei Marys Worten -bedeutend aufgeklärt, »sag' mal, hättest du's wirklich gethan, wenn du -dran gedacht hättest?« - -»Ich -- ja, ich weiß nicht, ich -- ei, das hätt' ja alles verdorben.« - -»Tom, ich dachte immer, so lieb würdest du mich doch wenigstens haben,« -sagte Tante Polly ganz vorwurfsvollen, betrübten Tones, wobei es dem -Jungen gar nicht wohl war. »'s wär schon was gewesen, wenn du nur dran -_gedacht_ hättest, auch ohne es zu thun.« - -»Na, Tantchen,« beruhigte Mary, »das ist nun mal so Toms flüchtige Art --- der ist immer so in der Hast und im Eifer, daß er nie an irgend -etwas denkt.« - -»Um so schlimmer. Sid hätt' dran gedacht und Sid wär' auch gekommen und -hätt's gethan. Tom, du wirst nochmal dran zurückdenken, wenn's zu spät -ist, und wünschen, daß du besser gegen deine alte Tante gewesen wärst, -wo doch so wenig dazu gehört, mich --« - -»Komm, Tantchen, du weißt, daß ich dich lieb hab', du mußt's ja wissen, -gelt?« schmeichelte Tom. - -»Würd's besser wissen, wenn du's besser zeigtest.« - -»Ich wollt', ich hätt' dran gedacht,« meinte Tom sinnend und mit -reuigem Ton, »jedenfalls aber hab' ich von dir geträumt. Das ist doch -schon etwas, nicht? Ei, in der Nacht vom Mittwoch träumte mir, ihr -säßet alle dort beim Bett, Sid saß auf dem Holzkasten und Mary dicht -daneben.« - -»Ja und so war's auch, -- wie gewöhnlich. Ich bin froh, daß du dir in -deinem Traum wenigstens die Mühe gabst, an uns zu denken.« - -»Ja und Joe Harpers Mutter war auch da, träumte ich.« - -»Das war sie wirklich, Herr du mein, -- na und was weiter, Tom, was -weiter?« - -»Viel noch, aber jetzt ist alles so verworren.« - -»Na, besinn dich doch, probier's mal, kannst du nicht?« - -»Wart' mal, ich mein' der Wind -- der Wind hätt' was ausgeblasen --« - -»Ausgeblasen, nee Tom, besinn dich besser, der Wind --« - -»Richtig, wart', jetzt hab' ich's. Der Wind hat das Licht flackern -machen und --« - -»Herr, erbarm' dich! -- Weiter Tom, weiter!« - -»Na und ich glaub' du sagtest: ›Was, seht doch mal die Thür' die --‹« - -»Weiter Tom!« - -»Wart' 'nen Moment, nur 'nen Moment! O ja, jetzt hab' ich's -- du -sagtest, sie sollten nach der Thüre sehen, die sei offen --« - -»So wahr ich hier sitze, so sagt' ich, gelt Mary? Weiter!« - -»Dann -- dann -- ja gewiß weiß ich's nicht mehr, aber ich meine, du -hätt'st Sid geheißen, sie zuzumachen und -- und --« - -»So was lebt nicht mehr! Herr du mein Gott. Komm' mir nur keiner mehr -damit, daß Träume Schäume seien. Das soll die Harpern hören, eh' ich -'ne Stunde älter bin! Möcht' wissen, wie sie sich da 'raus reden wird -mit ihrem Unsinn von Aberglauben, über den sie so wohlweise schwatzt. -Weiter, Tom!« - -»Na, jetzt ist mir alles klar wie Sonnenschein! Dann hast du gesagt, -ich wär' nicht schlecht, nur toll und voll Teufeleien und Unsinn, wüßt' -nicht mehr was ich thät' als wie ein -- ein -- ein Füllen, mein' ich, -war's, oder so etwas.« - -»Richtig, richtig. Großer, allmächtiger Gott! Weiter, Tom!« - -»Dann hast du geweint --« - -»Weiß Gott, weiß Gott und nicht zum erstenmal. Dann --« - -»Dann fing Joes Mutter auch an zu weinen und sagte, mit ihrem Joe sei's -grad' so und sie wollt' nur, sie hätt' ihn nicht durchgewichst um den -alten Rahm, den sie doch selber weggeschüttet --« - -»Tom, Tom! Der Geist war über dir! Das ist ja die reine Eingebung, gar -nichts anderes! Gott sei mir gnädig! -- Weiter, Tom!« - -»Dann kam Sid, der sagte --« - -»Ich glaub', daß ich gar nichts gesagt hab',« warf Sid rasch ein. - -»Doch, Sid, doch,« berichtigte Mary. - -»Schweigt still und laßt Tom reden! Was hat Sid gesagt, Tom?« - -»Der sagte -- na, ja, er hoffe, mir gehe es besser wo ich sei, wenn ich -aber manchmal besser --« - -»Na, was sagt ihr nun?« triumphierte Tante Polly. »Seine eignen Worte!« - -»Und du, Tantchen, du bist ihm eklich über den Mund gefahren, du --« - -»Das bin ich, weiß Gott, das bin ich! Ein Engel muß uns belauscht -haben: Ein heiliger Himmelsengel muß irgendwo verborgen gewesen sein!« - -»Und dann erzählte Frau Harper, wie Joe ihr einen Schwärmer -unter der Nase losgebrannt, und du erzähltest von Peter und dem -›Schmerzenstöter‹.« - -»So wahr ich lebe!« - -»Und dann redetet ihr alle durcheinander, wie man den Fluß abgesucht -nach uns und daß am Sonntag der Trauergottesdienst sein solle, und dann -habt ihr euch umarmt, die Frau Harper und du, und geweint und dann ging -sie weg.« - -»Grad' so war's, grad' so! So wahr ich hier auf meinem Stuhl sitze! -Tom, du hättest es nicht besser erzählen können, wenn du dabei gewesen -wärest. Und dann was? Weiter, Tom!« - -»Und dann hast du für mich gebetet, ich hab' dich gesehen und jedes -Wort gehört. Dann hast du dich ins Bett gelegt und ich war so betrübt, -daß ich ein Stück Rinde nahm und drauf schrieb: ›Wir sind nicht tot, -wir sind nur davon gegangen, um Seeräuber zu werden.‹ Das hab' ich auf -den Tisch zum Licht hingelegt, und du hast so gut ausgesehen und so -betrübt, wie du da gelegen hast und geschlafen, daß ich mich über dich -beugen mußte und dich küssen.« - -»Hast du das gethan, Tom, wirklich und wahrhaftig? -- _Darum_ will ich -dir alles, alles verzeihen!« Und sie riß den Jungen in einer ihn fast -erstickenden Umarmung an sich und Tom hatte dabei das Bewußtsein eines -elenden, erbärmlichen Schurken. - -»Freundlich und lieb war's ja,« murmelte Sid, den andern hörbar, vor -sich hin, »aber -- doch nur im Traum!« - -»Halt den Mund, Sid, man thut im Traum immer doch nur das, was man auch -wachend thun würde. Hier hast du einen schönen Goldreinetten-Apfel, -Tom, den hab' ich dir aufgehoben, falls du je wieder gefunden werden -solltest, -- jetzt macht euch fort in die Schule! Wie dankbar bin ich -unserm Gott und Vater, daß ich dich wieder hab'. Er ist barmherzig und -gnädig mit denen, die an ihn glauben und seine Gebote halten, obgleich -ich, weiß Gott, ein unwürdiges Gefäß seiner Güte bin. Wenn er aber nur -denen, die's verdienen, seinen Segen geben wollte und ihnen helfen in -der Not und der Trübsal, so würde man hier unten keinen frohen Ton mehr -hören, und wenige würden zu seiner Ruhe eingehen, wenn die lange Nacht -einst kommt. So, und nun hebt euch fort, Sid, Mary, Tom -- ihr habt -mich lang genug aufgehalten.« - -Die Kinder trollten zur Schule und die alte Dame machte sich fertig, um -Frau Harper aufzusuchen und ihren Unglauben mit Toms wunderbarem Traum -zu besiegen. Sid war zu klug, um den Gedanken laut werden zu lassen, -der ihn beseelte, als er das Haus verließ. Dieser Gedanke war: - -»Ziemlich durchsichtig -- ein so ellenlanger Traum und ohne den -winzigsten, kleinsten Irrtum! Wenn das nicht --« - -[Illustration] - -Welch ein Held war Tom geworden! Er hüpfte und galoppierte jetzt nicht -mehr, wenn er auf der Straße ging, sondern mit würdevoller Haltung, -wie sie einem gewesenen Piraten geziemte, stolzierte er einher in dem -Bewußtsein, daß das Auge der Oeffentlichkeit auf ihm ruhe. Das war in -der That der Fall. Wohl versuchte er sich zu stellen, als sähe er die -Blicke nicht, als höre er die Bemerkungen nicht, während er so dahin -schritt, und doch waren sie Nektar und Ambrosia für ihn. Kleinere -Jungen folgten truppweise seinen Spuren, stolz darauf, mit ihm gesehen, -von ihm geduldet zu werden, der an ihrer Spitze einher marschierte wie -der Tambourmajor an der Spitze seiner Kompagnie. Jungen seines Alters -thaten als wüßten sie gar nichts davon, daß er überhaupt weg gewesen, -verzehrten sich aber trotzdem beinahe vor Neid. Sie würden alles drum -gegeben haben, seine gebräunte, sonnverbrannte Haut, seine glänzende, -weltkundige Berühmtheit zu besitzen, Tom aber hätte keinen dieser -beiden Faktoren hergegeben, nicht für alles -- nicht für einen Zirkus! - -In der Schule machte man so viel Aufhebens von ihm und Joe, -solches Staunen, solche Bewunderung strahlte den Beiden aus aller -Augen entgegen, daß die zwei Helden gar bald eine unerträgliche -Aufgeblasenheit zeigten. Sie begannen den eifrig lauschenden Hörern -ihre Abenteuer zu schildern, -- ohne aber je über den Anfang -hinauszukommen, denn eine solche Erzählung konnte kein Ende haben, wenn -eine Einbildungskraft wie die ihre stets unerschöpfliches Material -lieferte. Als sie dann schließlich ihre Pfeifen hervorzogen und mit -größter Unbefangenheit zu schmauchen begannen, da war der Gipfel des -Ruhms erklommen. - -Tom beschloß, sich unabhängig zu machen von Becky Thatcher. Ruhm war -ihm genügend, nach Liebe fragte er nichts mehr. Er wollte sein Leben -dem Ruhme weihen. Jetzt, da er ein berühmter Held geworden, werde sie -wohl versuchen, Frieden zu schließen, dachte er. Aber sie sollte sehen, -daß er mindestens so gleichgültig sein könne wie andre Leute. Dort kam -sie eben. Tom that, als bemerke er sie nicht. Er wandte sich ab und -einer Gruppe von Jungen und Mädchen zu, mit denen er eifrig zu plaudern -begann. Bald sah er, daß sie mit glühenden Wangen und glänzenden Augen -umhertrippelte, ihre Gefährtinnen neckte, sie herumjagte und vor Lachen -aufkreischte, wenn es ihr gelang, eine zu erhaschen. Auch bemerkte -er, daß dies meistens in seiner unmittelbaren Nachbarschaft der Fall -war und daß ihn dann jedesmal ihr Blick streifte. Das schmeichelte -seiner sündlichen Eitelkeit und anstatt sich dadurch versöhnen zu -lassen, stellte er sich nur noch mehr, als ob er von ihrer Existenz -überhaupt nichts wisse. Alsbald gab sie das Herumtollen auf, drückte -sich unentschlossen von einer Gruppe zur andern, seufzte ein-, zweimal -und sah verstohlen und bedeutungsvoll nach Tom hin. Jetzt bemerkte -sie, daß dieser sich angelegentlich mit Anny Lorenz zu thun machte. Ein -jäher Schmerz durchzuckte sie, ihr ahnte nichts Gutes. Sie versuchte -sich fortzustehlen, ihre Füße aber wurden zu Verrätern und trugen sie -statt dessen gerade zu der Gruppe hin. Einem Mädchen, das dicht neben -Tom stand, rief sie mit übertriebener Lebhaftigkeit zu: - -»Ei, Mary Austin, du böses Mädchen, warum warst du gestern nicht in der -Sonntagsschule?« - -»Ich war ja dort -- hast du mich nicht gesehen?« - -»Nein! Warst du wirklich dort? Wo hast du denn gesessen?« - -»In der Klasse von Fräulein Peters, wo ich immer sitze. Ich hab' dich -gesehen.« - -»Wirklich? Nein, wie komisch, daß ich dich nicht gesehen habe, ich -wollte dir von dem Picknick erzählen.« - -»O, das ist lustig! Wer will eins geben?« - -»Meine Mama will mir erlauben eins zu halten.« - -»Das ist ja prächtig, -- hoffentlich darf ich auch kommen?« - -»Natürlich. Es ist ja _mein_ Picknick. Es darf jeder kommen, den ich -haben will, und dich will ich.« - -»Nein wie reizend! Wann soll's denn sein?« - -»Bald. Vielleicht noch vor den Ferien.« - -»Wird das lustig werden! Wirst du alle einladen?« - -»Gewiß, alle die meine Freunde sind -- oder sein wollen,« ein -verstohlener Blick traf Tom; der aber schwatzte mit Anny Lorenz vom -Sturm auf der Insel und wie der Blitz die große Sykomore gefällt und in -Splitter gerissen hatte, ›keine drei Schritte von ihm entfernt‹. - -»Darf ich auch kommen?« fragte Grace Miller. - -»Ja.« - -»Und ich?« fragte Sally Rogers. - -»Gewiß!« - -»Ich auch?« fiel Susanne Harper ein, »und mein Joe auch?« - -»Natürlich.« - -Und mit Jubel und Händeklatschen hatte jedes in der Gruppe um Erlaubnis -gefragt, bis auf Tom und Anny. Immer weiter plaudernd wandte er sich -kühl ab und nahm Anny mit sich. Beckys Lippen zitterten, Thränen -traten in ihre Augen. Mühsam barg sie diese Zeichen des Herzeleids -unter erzwungener Lebhaftigkeit, fuhr fort zu plappern und zu lachen, -aber das Picknick hatte jetzt jeden Reiz für sie verloren und alles -übrige dazu. Sobald sie konnte, schlich sie davon, versteckte sich -und weinte sich einmal ordentlich aus. Dann saß sie mürrisch und -tiefgekränkt da, bis die Schulglocke läutete. Das rüttelte sie auf und -mit rachedurstigem Blick sprang sie empor, schüttelte die langen Zöpfe -zurecht und war jetzt mit sich darüber im reinen, was sie zu thun habe. - -[Illustration] - -In der Pause setzte Tom sein Scharmuzieren mit Anny fort, voll -jubelnder Selbstzufriedenheit. Er versuchte sich dabei stets in Beckys -Nähe zu halten, um sie mit dem Anblick zu foltern. Erst fand er sie -nicht; endlich erspähte er sie und siehe da -- sein Thermometer sank, -sank bis ins Bodenlose hinein. Da saß sie ganz behaglich auf einem -Bänkchen hinter dem Schulhause, saß und schaute mit Alfred Tempel -zusammen in ein Bilderbuch. Und so versunken waren die beiden und -so dicht hatten sie die Köpfe über dem Buch zusammengesteckt, daß -sie nichts zu bemerken schienen von dem, was um sie her vorging in -der weiten Welt. Eifersucht rieselte glühend heiß durch Toms Adern. -Er haßte sich selber, daß er die Gelegenheit verpaßt, die Becky ihm -geboten, um wieder gut Freund zu werden. Er nannte sich einen Narren, -einen Dummkopf und was dergleichen liebenswürdige Titel mehr sind. -Beinahe hätte er geweint vor Aerger. Anny schnatterte inzwischen lustig -weiter, denn ihr Herz frohlockte und jubilierte, während Toms Zunge ihm -beinahe den Dienst versagte. Kaum hörte er, was Anny plauderte, und -jedesmal, wenn sie, seine Antwort erwartend, innehielt, brachte er nur -ein zerstreutes ›ja‹ oder ›nein‹ heraus und zwar meist am verkehrten -Platze. Immer wieder lenkte er seine Schritte nach der Hinterseite -des Schulhauses, als würden seine Augen von dem verhaßten Schauspiel -angezogen. Gegen seinen Willen zog es ihn hin, und es machte ihn -beinahe toll, daß Becky Thatcher anscheinend nicht im entferntesten -dran dachte, daß er auch noch unter den Lebenden weile. Sie aber sah -ihn recht wohl, wußte, daß sie Siegerin blieb im Kampfe, freute sich, -daß er litt und zwar schlimmer, als sie zuvor hatte leiden müssen. -Annys ahnungsloses, fröhliches Geplauder wurde unerträglich. Tom -deutete an, daß er etwas zu thun habe und fort müsse, daß die Zeit -verrinne -- umsonst, das Mädel schwatzte weiter. Tom dachte: ›Hol' sie -der Kuckuck; soll ich sie denn heut' gar nicht wieder los werden?‹ -Zuletzt, als es ihn nicht länger hielt, gab ihm die arglose Seele das -Versprechen, nach der Schule auf ihn zu warten. Er eilte ganz wütend -davon. - -»Jeder andere Junge,« dachte Tom zähneknirschend, »jeder andere Junge -in der ganzen Stadt, nur nicht _der_. So 'n geschniegelter Aff', der -sich für Gott weiß was hält, und meint, er sei viel besser als unser -einer. Na, gut! Hab' ich dich am ersten Tag durchgedroschen, als du -kaum in die Stadt hereingerochen hattest, du Tugendspiegel, werd' -ich's auch jetzt noch fertig bringen. Wart', wenn ich dich mal allein -erwisch', dann setzt's was!« - -Im Eifer hieb er um sich, als ob er den Feind jetzt schon unter den -Fäusten hätte, -- fuchtelte in der Luft umher und schlug mit Händen und -Füßen aus. - -»Na, bist du nun zufrieden, Kerl, he? Schrei ›genug, genug‹ sag' ich -dir! Da lauf' und das nächste Mal hüt' dich!« - -Damit endete die eingebildete Züchtigung sehr zur Zufriedenheit Toms. - -In der Mittagspause flüchtete sich Tom nach Hause. Er konnte Annys -Glückseligkeit nicht mehr mit ansehen und die Qualen der Eifersucht -nicht länger ertragen. Becky hatte sich von neuem an das Bilderbesehen -mit Alfred gemacht, als aber Minute auf Minute verrann und kein Tom -sich zeigte, um sich ärgern zu lassen, da verringerte sich ihr Triumph -und es lag ihr nichts mehr an der Sache. Erst wurde sie ernst und -zerstreut, dann tief niedergeschlagen. Zwei- oder dreimal spitzte -sie die Ohren, als sich ein Schritt näherte, jedesmal aber war's -vergebliches Hoffen. Zuletzt wurde ihr ganz erbärmlich zu Mute und sie -wünschte innigst, es nicht so weit getrieben zu haben. Der arme Alfred, -welcher sah, daß sie sich ihm unmerklich entzog, munterte sie fort und -fort auf: »Sieh' mal, hier ist 'was Schönes, sieh' doch nur her,« bis -ihr zuletzt die Geduld ausging und sie mit dem unwilligen Rufe: »Was -liegt mir dran, laß mich in Ruhe,« in Thränen ausbrach und davonrannte. - -Alfred hielt sich ritterlich an ihrer Seite und versuchte sie zu -trösten. Sie aber schleuderte ihm entgegen: - -»Laß mich in Frieden; ich kann dich nicht ausstehen!« - -So blieb denn der Junge zurück und sann hin und her, was er ihr wohl -gethan haben könne, denn vorher hatte sie ihm doch versprochen, -während der ganzen Mittagspause Bilder mit ihm anzusehen. Sie aber -rannte weiter, immerzu weinend. Alfred schlich sich nachdenklich in -das einsame Schulzimmer zurück; er war sehr gedemütigt und ärgerlich, -denn jetzt ging ihm ein Licht auf, daß das Mädel ihn nur benutzt habe, -um ihren Aerger an Tom Sawyer auszulassen. Diese Ueberzeugung trug -nicht dazu bei, ihm Tom lieber zu machen. Er sehnte sich nach einer -Gelegenheit, diesem etwas einzubrocken, natürlich ohne sich selber -bloßzustellen. Da fiel ihm Toms Lesebuch ins Auge und ein Gedanke schoß -ihm plötzlich durch den Kopf. Er schlug das Buch an der Stelle auf, die -sie am Nachmittag brauchen würden, und goß Tinte drüber. Becky, die im -selben Moment hinter ihm zum Fenster hereinlugte, sah alles mit an, -verriet sich aber nicht. Sie wandte sich heimwärts in der Absicht, Tom -aufzusuchen und ihm alles zu erzählen, dann würden sie schnell wieder -gut Freund sein. Ehe sie aber halbwegs zu Hause war, hatte sie sich -anders besonnen. Der Gedanke daran, wie Tom sie behandelt, als sie von -ihrem Picknick gesprochen, überfiel sie plötzlich wieder mit glühender -Beschämung. Sie beschloß, ihm seine Prügel für das verschmierte Buch zu -gönnen und ihn obendrein von Herzen zu hassen und zu verabscheuen für -immer und ewig. - -[Illustration] - - - - -Achtzehntes Kapitel. - - -Tom kam sehr verdrießlich zu Hause an, und die ersten Worte, mit denen -ihn seine Tante begrüßte, zeigten ihm, daß hier nicht viel Trost für -seinen Kummer zu holen sein werde. - -»Tom, ich möchte dir wahrhaftig das Fell über die Ohren ziehen.« - -»Ei, Tante, was hab' ich denn gethan?« - -»Meiner Treu! Fragt der Bursch' auch noch! Geh' ich da hin zu der -Harpern, der alten Einfaltspinselin, will ihr von deinem Traum erzählen -und ihr beweisen, daß Träume gar kein Unsinn sind, und seh' mir einer, -lacht sie mir grad' ins Gesicht und sagt, sie hab's aus dem Joe -herausgekriegt, daß du hier gewesen seist und alles selber gehört und -gesehen habest an dem Abend. Ich denk' mich rührt der Schlag! Tom, was -soll denn aus 'nem Jungen werden, der so was thun kann? Ich könnt' mir -meine letzten paar grauen Haare ausreißen, wenn ich dran denk', daß du -mich hast hingehen lassen zu der Harpern, um mich lächerlich zu machen, -ohne auch nur ein Wort zu verlieren.« - -Das zeigte Tom die Sache allerdings in einem anderen Lichte. Seine -Pfiffigkeit vom Morgen war ihm wie ein guter Scherz erschienen, wie -ein Geniestreich sogar. Jetzt kam ihm sein Verhalten erbärmlich und -gemein vor. Er hing den Kopf, kein Wort der Entschuldigung wollte ihm -einfallen. Endlich stammelte er: - -»Tantchen, ich wollt', ich hätt's nicht gethan -- ich hab' aber -wirklich nicht so dran gedacht.« - -»Ach, Kind, du denkst ja nie. Denkst nie an die andern, immer nur an -dich und dein Vergnügen. Daran hast du wohl gedacht, den ganzen Weg von -der Jackson-Insel hierher zu machen, nur um über uns und unsern Jammer -zu lachen. Und daran hast du auch gedacht, deine alte Tante mit dem -verlogenen Traum zum Narren zu machen, _daran_ aber denkst du nicht, -wie du uns Spott und Schande und Kummer ersparen kannst.« - -»Tantchen, jetzt weiß ich, wie erbärmlich es von mir war, aber so hab' -ich's nicht gemeint, weiß Gott, wahrhaftig nicht! Und dann bin ich auch -nicht herüber geschwommen, um mich über euch lustig zu machen.« - -»Warum sonst?« - -»Nur um dir zu sagen, daß du dich nicht um uns sorgen solltest, da wir -nicht ertrunken seien.« - -»Tom, Tom, ich wäre die dankbarste alte Seele in der weiten Welt, wenn -ich wirklich glauben könnte, du hättest _den_ guten Gedanken gehabt. -Aber so war's gewiß nicht, Tom, so war's nicht, und das weißt du auch -selber, Tom.« - -»Weiß Gott, Tante, so war's, weiß Gott! Ei, ich will gleich tot -umfallen, wenn's anders war.« - -»O, Tom, lüg' nicht, -- thu's nicht, Kind. Es macht ja nur alles -tausendmal schlimmer.« - -»Es ist nicht gelogen, Tante, es ist die reine Wahrheit. Ich wollte nur -nicht, daß du dich so grämen solltest, einzig und allein deshalb kam -ich.« - -»Ich gäb' die ganze Welt drum, wenn ich das glauben könnte, -- es -würde fast alle deine Dummheiten aufwiegen, Tom. Ei, ich wollte gar -nichts davon sagen, daß du so schlecht gewesen und davongelaufen bist, -wenn ich _das_ nur glauben könnte. Aber, Kind, Kind, es kann ja nicht -sein, 's geht gegen alle Vernunft; warum hättest du's mir dann damals -doch nicht gesagt und wärst so davongeschlichen?« - -»Warum? Ja, siehst du, Tantchen, als ihr vom Trauergottesdienst und all -dem spracht, da schoß mir der Gedanke durch den Kopf, zu kommen und -uns unterdessen in der Kirche zu verstecken und ich war so voll davon, -daß ich mir's nicht verderben wollte. 's war doch auch kapital, gelt? -So drückte ich mich denn heimlich davon und steckte meine Rinde wieder -ein.« - -»Welche Rinde?« - -»Ei, die Rinde, auf die ich geschrieben hab', daß wir als Piraten -davongelaufen seien. Ich wollt' jetzt, du wärst wach geworden, wie ich -dich geküßt hab', wahrhaftig ich wollt's!« - -Der strenge Ausdruck im Gesicht der Tante ließ etwas nach, plötzliche -Zärtlichkeit strahlte warm aus den treuen Augen. - -»_Hast_ du mich geküßt, Tom?« - -»Natürlich.« - -»Hast du's wirklich gethan, Tom?« - -»Gewiß, Tante, gewiß und wahrhaftig!« - -»Warum hast du mich geküßt, Tom?« - -»Weil ich dich lieb hab' und weil du da gelegen hast und geseufzt und -gestöhnt, und das hat mir leid gethan.« - -Die Worte klangen wahr. Die alte Dame konnte ein Zittern in ihrer -Stimme nicht ganz unterdrücken als sie sagte: - -»Küß mich noch einmal, Tom -- und mach', daß du weg kommst, 's ist Zeit -zur Schule, du hast mich genug geärgert.« - -Im Moment, da er weg war, stürzte sie zum Schrank und riß die traurigen -Ueberreste der Jacke hervor, in der er Seeräuber gewesen. Dann stand -sie still, drückte die Lumpen an ihre Brust und flüsterte: - -»Nein, ich wag's nicht. Armer Kerl, ich glaub' er hat gelogen, aber --- es war so gut und lieb gelogen, ordentlich tröstlich für mein -altes Herz. Ich hoffe, der Herr, -- nein, ich _weiß_, der Herr wird -ihm verzeihen, denn weiß Gott, diesmal hat mein Tom aus Gutherzigkeit -geflunkert. Ich will auch gar nicht wissen, daß es geflunkert war, -lieber seh' ich gar nicht nach.« - -So legte sie die Jacke weg und stand noch eine Minute sinnend davor. -Zweimal streckte sie die Hand nach dem Kleidungsstück aus und zweimal -zog sie dieselbe wieder zurück. Noch einmal wagte sie sich vor und -sprach sich selber Mut zu mit dem Gedanken: Die Lüge war ja gut -gemeint, von Herzen gut gemeint, es soll mich weiter nicht kümmern. -Damit hatte sie die Hand in die Jackentasche versenkt. Einen Moment -später las sie unter strömenden Thränen, was Tom auf jenes bewußte -Rindenstück gekritzelt hatte und stammelte schluchzend: - -»Jetzt könnt' ich dem Jungen verzeihen, und wenn er eine Million Sünden -auf dem Gewissen hätte.« - -[Illustration] - - - - -Neunzehntes Kapitel. - - -In der Art und Weise, wie ihn Tante Polly küßte, lag etwas, das Tom -wunderbar wohlthat. Seine Niedergeschlagenheit war wie weggeblasen und -er fühlte sich urplötzlich wieder leichtherzig und froh. Er stürmte der -Schule zu und hatte das Glück unterwegs auf Becky zu stoßen. Da er sich -immer von seiner augenblicklichen Stimmung leiten ließ, so rannte er -ohne einen Moment der Ueberlegung auf sie zu und rief treuherzig: - -»Becky, ich war heute morgen ganz abscheulich gegen dich, ich will nie, -nie wieder so sein, so lang ich lebe, nur sei wieder gut, willst du?« - -Das Mädchen blieb stehen und sah ihm verächtlich in's Gesicht: - -»Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Thomas Sawyer, wenn Sie mich -in Zukunft mit Ihrer Gesellschaft verschonen wollten, ich werde nie -wieder mit Ihnen reden.« - -Sprach's, warf den Kopf zurück und schritt stolz von dannen. -›Herr‹ Thomas Sawyer war starr vor Staunen, daß er nicht einmal -Geistesgegenwart genug hatte zu einem ›Wie Sie wünschen, Jungfer -Patzig‹, und erst dran dachte, als es zu spät war. So sagte er denn -kein Wort, war aber nichtsdestoweniger in heller Wut. Er schlich nach -dem Schulhof und wünschte nur, sie wäre ein Junge und er könnte sie -durchbläuen für diese unerhörte Beleidigung. Als er gerade in ihre -Nähe kam, schleuderte er ihr eine beißende Bemerkung ins Gesicht. Sie -entgegnete im selben Ton und der Bruch war vollständig. Becky konnte in -ihrem Racheeifer kaum den Beginn des Unterrichts erwarten, so brannte -sie darauf, Tom seine Prügel für das verschmierte Buch erhalten zu -sehen. Wenn sie je noch den Schatten eines Zweifels in sich verspürt -hatte, ob sie Alfred Tempel nicht doch angeben wolle, so war derselbe -durch Toms letzte Liebenswürdigkeit auf Nimmerwiederkehr verscheucht. - -Das arme Ding -- sie ahnte nicht, welch' drohendes Unheil über ihrem -eignen Haupte schwebte. Der Lehrer, Herr Dobson, ein Mann in mittleren -Jahren, hegte einen übertriebenen, unerfüllbaren Ehrgeiz in der Brust. -Der Traum seines Lebens war gewesen, ein Arzt zu werden, seine Armut -aber hatte es gefügt, daß nur ein Volksschullehrer aus ihm wurde. Jeden -Tag griff er, wenn die verschiedenen Klassen beschäftigt waren, zu -einem geheimnisvollen Buche, in das er sich eifrig vertiefte. Dasselbe -hielt er strenge unter Schloß und Riegel. Jedes seiner Schulkinder -brannte vor Neugierde, einmal einen Blick hineinwerfen zu können, nie -aber wollte sich die Gelegenheit hiezu bieten. Jedes der Kinder, Knaben -und Mädchen, hatte seine eigene Ansicht über das Buch, aber niemals war -es gelungen, Näheres zu erfahren. Als eben Becky an der offenen Thür -des Zimmers vorüberhuschte, bemerkte sie, daß der Schlüssel des Pultes -steckte. Das war ein köstlicher Moment, der ausgenutzt werden mußte. -Sie blickte sich rasch um und sah sich ganz unbeobachtet; im nächsten -Augenblick hielt sie das Buch in Händen. Das Titelblatt: ›Anatomie von -Professor Soundso‹, diente nicht dazu, sie über den Inhalt aufzuklären, -so begann sie denn hastig die Blätter umzuwenden. Gleich zu Anfang kam -sie auf ein wundervoll koloriertes Bild, -- eine menschliche Figur. -- -Im selben Moment fiel ein Schatten auf das Buch, Tom Sawyer trat zur -Thüre herein und erhaschte noch einen Blick auf das Bild. Hastig wollte -Becky das Buch schließen, hatte aber in ihrer Aufregung das Unglück, -das Bild von oben bis beinahe zur Mitte durchzureißen. Das Buch flog -ins Pult, sie drehte den Schlüssel um und brach in bittres Schluchzen -aus vor Scham und Aerger. - -»Tom Sawyer,« rief sie, »du bist doch so gemein wie du nur sein kannst. -Einen so zu überfallen und auszuspionieren, was man thut!« - -»Wie konnt' ich denn wissen, was du dir zu schaffen machst?« - -»Du solltest dich vor dir selber schämen, Tom Sawyer; jetzt wirst du -hingehen und mich verklatschen beim Lehrer und -- Herr du mein Gott, -was fang' ich an? Ich bin noch niemals geschlagen worden in der Schule -und heut' -- heut' haut mich der Lehrer sicherlich durch.« - -Dann, als Tom nichts antwortete, stampfte sie mit dem kleinen Fuße auf -und rief: - -»Na, dann sei so gemein und verrat' mich, wenn dir's Spaß macht. Aber -wart', dir blüht auch nichts Gutes, denk' nur an mich -- niederträchtig --- niederträchtig!« Und mit einem erneuten Strom von Thränen stürzte -sie davon. - -Tom stand ordentlich betäubt ob solch vulkanischen Ausbruchs. Dann -sagte er zu sich selber: - -»Was so'n Mädel für eine Närrin ist! Noch niemals Prügel gekriegt! -Herrgott, was liegt mir an einer Tracht mehr oder weniger? So sind aber -die Mädels, so dünnfellig und hasenfüßig. Es fällt mir gar nicht ein, -sie zu verklatschen, aber 's kommt doch heraus. Der alte Dobson wird -natürlich fragen, wer's war, und wenn keiner antwortet, fragt er einen -nach dem andern, dann merkt er's schon am Gesicht. So'n Mädel verrät -sich immer selber, da ist keine Schneid drin. Die Sache ist kritisch -für das arme Ding, die Becky, kriegen thut sie's, da ist kein Zweifel. -Na, mir kann's recht sein, die säh' mich auch von Herzen gern in -derselben Klemme. Mag sie zusehen, wie sie's ausbadet!« - -Tom gesellte sich dem Haufen der lärmenden Kameraden draußen wieder zu; -bald drauf erschien der Lehrer und der Unterricht begann. Die Studien -zogen Tom nicht sehr an. Jedesmal, wenn er zu den Mädchen hinüber sah, -beunruhigte ihn Beckys Gesichtchen. Genau genommen hatte er gar keine -Ursache, sie zu bemitleiden, und doch, mochte er thun was er wollte, -er konnte sich des Mitleids nicht erwehren. Jetzt entdeckte der Lehrer -das besudelte Lesebuch, wodurch Toms ganze Aufmerksamkeit für seine -eigenen Angelegenheiten in Anspruch genommen wurde. Das rüttelte auch -Becky aus ihrer Gramversunkenheit auf und sie folgte den Vorgängen mit -großer Aufmerksamkeit. Sie glaubte nicht, daß Tom imstande sein werde, -sich herauszulügen, und sie hatte recht. Sein Leugnen schien die Dinge -für ihn nur zu verschlimmern. Als dann die Verhandlung den Höhepunkt -erreichte, trieb es sie förmlich, aufzuspringen und Alfred Tempel -anzugeben, doch zwang sie sich zur Ruhe, denn sie sagte sich: »Tom -klatscht doch, daß ich das Bild zerrissen hab'. Ich sag' kein Wort, und -wenn's ihm an's Leben geht.« - -Tom steckte seine Prügel ein und schritt auf seinen Platz zurück, -durchaus nicht niedergeschlagen. Er dachte selber, es sei möglich, daß -er die Tinte über's Buch geschüttet, ohne es zu wissen, dergleichen -konnte ja passieren. Geleugnet hatte er's überhaupt nur der Form halber -und weil's so Sitte war; dann hatte er aus Prinzip dabei beharrt. - -Eine ganze Stunde verstrich; nickend saß der Lehrer auf seinem Throne, -das Summen der vor sich hin murmelnden, lernenden Kinder wirkte -einschläfernd. Allmählich rappelte sich Herr Dobson in die Höhe, -gähnte, schloß sein Pult auf, griff nach seinem Buch und fingerte dran -herum, unentschieden, ob er es nehmen solle oder nicht. Schläfrig sahen -die Schüler nach ihm hin, zwei derselben verfolgten sein Thun mit -gespannten Blicken. Noch immer schien Herr Dobson nicht entschieden; -endlich nahm er das Buch zur Hand und lehnte sich in seinen Stuhl -zurück, um zu lesen. - -Tom warf einen raschen Blick auf Becky. Diese starrte um sich wie ein -gehetztes Reh, das den todbringenden Lauf auf sich gerichtet sieht, so -hilflos, so verzweifelt. Im Moment war aller Groll dahin. Etwas mußte -geschehen, aber sofort, mit Blitzesschnelle, sonst war's zu spät. -Doch die dringende Nähe der Gefahr schien seine Erfindungsgabe völlig -zu lähmen. Wenn er nun hinstürzte, dem Lehrer das Buch entriß, damit -die Flucht ergriff? Eine einzige Sekunde überlegte er und -- hin war -die Gelegenheit, der Lehrer öffnete das Buch. Wäre nur der verlorene -Moment noch einmal zu erhaschen, Tom fühlte sich jetzt zu allem fähig. -Zu spät! Becky war nicht mehr zu helfen. Im nächsten Moment traf des -Lehrers Auge die aufschauenden Schüler, die Augen senkten sich vor -seinem Blick, es lag ein Etwas drin, das selbst den Unschuldigsten -unter ihnen mit Scheu und Furcht erfüllte. Eine Pause entstand, während -welcher man wohl bis zehn zählen konnte. Der Lehrer schien Kraft -sammeln zu müssen. Dann kam's: - -»Wer hat dieses Buch zerrissen?« - -Kein Laut. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Die -beängstigende Stille dauerte an. Auf einem Gesicht nach dem andern -suchte der Lehrer die Zeichen der Schuld. - -»Benjamin Rogers, hast du das Buch zerrissen?« - -Verneinung. Eine weitere Pause. - -»Joe Harper, du?« - -Erneute Verneinung. Toms Unbehagen stieg und stieg unter der langsamen -Qual dieses Verfahrens. Der Lehrer ließ den Blick über die Reihen der -Knaben schweifen, überlegte eine Weile und wandte sich dann den Mädchen -zu: - -»Anny Lorenz?« - -Ein Schütteln des Kopfes. - -»Grace Miller?« - -Dasselbe Zeichen. - -»Susanne Harper?« - -Erneute Verneinung. Das nächste Mädchen war Becky. Tom zitterte -vom Kopf bis zu den Füßen vor Aufregung; er empfand die ganze -Hoffnungslosigkeit der Lage. - -»Rebekka Thatcher« -- (Tom sah, daß ihr Gesicht vor Entsetzen blaß war -wie der Tod) -- »hast du -- nein, sieh' mich an -- (sie hob die Hände -in stummem Flehen) hast du dies Buch zerrissen?« - -Ein Gedanke schoß wie ein Blitz durch Toms Gehirn. Er sprang auf und -rief laut in die herrschende Stille hinein: - -»_Ich hab's gethan._« - -Sprachlos ob solcher unerhörten, unglaublichen Tollheit starrten ihn -aller Augen an. Tom stand einen Moment regungslos da, um seine etwas -aus der Fassung geratenen Lebensgeister zu sammeln, und als er dann -nach dem Katheder schritt, seine Strafe in Empfang zu nehmen, strahlten -ihm aus Beckys Augen Ueberraschung, Dankbarkeit, Anbetung in solch' -reichem Maße entgegen, daß sie ihn für hundert vollwichtiger Trachten -Prügel hätten entschädigen können. Begeistert durch den Edelmut seiner -eignen That entschlüpfte ihm auch nicht der leiseste Schrei bei der nun -folgenden Züchtigung, der unbarmherzigsten, die Herr Dobson in seinem -Leben austeilte. Ja, als der Lehrer die Strafe noch durch zwei Stunden -Nachsitzen verschärfte, nahm Tom auch dies mit dem äußersten Gleichmut -hin, wußte er doch, wer außerhalb der Schulmauern auf ihn warten und -jede Minute bis zu seiner Befreiung aus der Gefangenschaft zählen würde. - -Am Abend desselben Tages ging Tom zu Bett, von finsteren Racheplänen -gegen Alfred Tempel erfüllt. Becky hatte ihm voller Reue und Scham -alles eingestanden, ja selbst ihre eigne Verräterei nicht verschwiegen. -Der Durst nach Rache aber wich bald milderen Gefühlen, lieblicheren -Bildern, und Tom fiel in Schlaf, während ihm Beckys letzte Worte noch -träumerisch süß im Ohre nachklangen: - -»Tom, wie _konntest_ du so edel sein?« - -[Illustration] - - - - -Zwanzigstes Kapitel. - - -[Illustration] - -Die großen Ferien rückten immer näher. Der Lehrer, ernst von Natur, -wurde strenger und anspruchsvoller von Tag zu Tag, sollte doch seine -Schule Ehre einlegen am verhängnisvollen, großen Tag der Prüfung. Seine -Rute und sein Lineal kamen gar nicht mehr zur Ruhe, zum wenigsten bei -den kleineren Schülern. Nur die großen Knaben und die jungen Damen -von der Sonntagsschule entgingen einer Züchtigung. Und Herrn Dobsons -Prügel waren was wert unter Brüdern, denn obgleich er unter seiner -Perücke einen vollständig kahlen und glänzenden Schädel barg, so -stand er doch noch im kräftigsten Mannesalter und die Stärke seiner -Muskeln ließ nichts zu wünschen übrig. Als der große Tag näher und -näher rückte, kam alle die Tyrannei, die in ihm schlummerte, an's -Tageslicht. Mit grausamer Lust ahndete er die geringsten Versäumnisse -und Fehler. Die Folge davon war, daß die Kinder ihre Tage in Schreck -und Qual, ihre Nächte mit Schmieden finstrer Rachepläne verbrachten. -Sie ließen sich keine Gelegenheit entgehen, dem Lehrer einen Streich -zu spielen, der aber blieb immer Meister. Die Strafe, die jedem -solchen kleinen Racheakt auf dem Fuße folgte, war so großartig, so -niederschmetternd, daß die Jungen den Kampfplatz jedesmal vollständig -›geschlagen‹ verließen. Zuletzt entstand eine Verschwörung und ein Plan -wurde ausgeheckt, der den glänzendsten Sieg versprach. Die Verschwörer -zogen den Sohn des Anstreichers in's Vertrauen, welcher Lehrling bei -seinem Vater war, setzten ihm den Plan auseinander und baten um seine -Hilfe. Der hatte nun wieder seine eignen Gründe, sich dem Racheplan -anzuschließen, denn der Lehrer wohnte im Hause des Anstreichers und -hatte dem Jungen genügend Ursache zum gründlichsten Hasse gegeben. Die -Frau des Lehrers wollte in den nächsten Tagen zu einem Besuche auf's -Land gehen und so stand der Ausführung des Planes nichts im Wege. Der -Lehrer pflegte sich zur würdigen Vorbereitung bei großen Gelegenheiten -aus der Flasche nachhaltig Mut zuzusprechen, und der Anstreicherjunge -versprach, am Prüfungsabend, wenn der Lehrer das nötige Stadium des -›Mutes‹ erreicht habe und in seinem Stuhle ein Stärkungsschläfchen -halte, ›die Sache schon besorgen zu wollen.‹ Knapp zur rechten Zeit -wolle er ihn dann schleunigst wecken und in aller Eile zur Schule -spedieren. - -Als die Zeit erfüllet war, trat dann das große Ereignis ein. Um acht -Uhr abends erstrahlte das Schulhaus im Glanz der Kerzen und im Schmuck -der Gewinde aus Laub und Blumen. Majestätisch thronte der Lehrer auf -seinem Katheder, die schwarze Tafel hinter sich. Auf Bänken zu beiden -Seiten saßen die Eltern der Kinder und die Würdenträger der Stadt, vor -dem Katheder dehnten sich die Reihen der Schüler, hier die Knaben, -die dermaßen gewaschen und herausgeputzt waren, daß man ihnen das -Unbehagen ansah, dort die Mädchen, in schneeweißem Musselin, sichtbar -durchdrungen von dem erhebenden Bewußtsein, in bloßen Armen, blau -und roten Bändern und mit Blumen im Haar zu glänzen. Den Hintergrund -bildete ›das Volk‹. - -Die Prüfung begann. Ein winzig kleiner Junge erhob sich und rezitierte -mit einem Schafsgesicht: - - »Kaum glaubt ihr, daß solch' kleiner Wicht, - Wie ich, es wagt und zu euch spricht,« etc. - -wobei er seinen Vortrag mit den peinlich genauen, stoßweisen Bewegungen -einer Maschine begleitete, noch dazu einer Maschine, die etwas aus der -Ordnung geraten zu sein schien. Doch stolperte er sicher, wenn auch -zu Tode geängstigt, bis zum Schluß hindurch, klappte den Oberkörper -verbeugend nach unten, bekam einen wahren Beifallssturm von dem -dankbaren Publikum und zog sich aufatmend zurück. - -Ein kleines, verschüchtertes Mädchen lispelte ihr: - - »Ein kleines Lämmchen, weiß wie Schnee, - Ging einstens auf die Weide,« - -machte einen mitleiderregenden Knix, erhielt ihren Anteil an Applaus -und setzte sich glühend rot und glückselig wieder hin. - -Tom Sawyer trat nun vor, voll stolzer aber trügerischer Zuversicht, -und begann mit donnerndem Pathos und verzückten Gebärden die berühmte -Ode an die ›Freiheit‹ zu deklamieren. Aber wehe! In der Mitte etwa -angelangt, -- verließ ihn just das Gedächtnis, das ›Lampenfieber‹ -ergriff ihn, seine Kniee zitterten, er drohte zusammenzusinken oder zu -ersticken. Wohl hatte er des Hauses Mitleid für sich, aber auch des -Hauses Schweigen. Finster blickte der Lehrer, drohend zog er die Stirne -in Falten; dies machte das Unheil vollständig. Tom stammelte, stotterte -noch eine Weile, gab's dann auf und zog sich zurück, jeder Zoll ein -geschlagener Held! Ein schwacher Beifallsversuch, der sich erheben -wollte, wurde im Keime erstickt. - -Jetzt folgten: - - »Auf brennendem Deck der Knabe stand.« - -Dann: - - »Hernieder kam einst Assurs Macht« - -und andre dergleichen deklamatorische Kleinodien. Nun kamen Leseübungen -und ein regelrechtes Kreuzfeuer in der Kunst des Buchstabierens. Die -magere Lateinklasse bestand ihre Sache mit Ehren. Dann nahte der -Hauptakt des ganzen Abends, -- der Vortrag von selbstgefertigten -Aufsätzen und Gedichten der ›jungen Damen‹. Der Reihe nach trat jede an -den Rand der Estrade, räusperte sich, erhob ihr von einem zierlichen -Band umschlungenes Manuskript, und begann zu lesen mit dem nötigen -Aufwand von Ausdruck und Gefühl. Die Themata waren dieselben, wie -sie ihre Mütter, Großmütter und zweifellos alle weiblichen Vorfahren -der Familie bis zurück zu den Kreuzzügen schon bearbeitet hatten: -›Freundschaft‹ -- ›Erinnerungen früherer Tage‹ -- ›Die Religion in der -Geschichte‹ -- ›Das Land der Träume‹ -- ›Die Vorteile der Kultur‹ -- -›Vergleiche und Verschiedenheiten der politischen Regierungsformen‹ -- -›Melancholie‹ -- ›Kindliche Liebe‹ -- ›Herzenswünsche‹ -- u. s. w., u. -s. w. - -Die meisten dieser Ergüsse zeichneten sich durch eine starke Vorliebe -für das Gefühlvolle aus. Die großartigste Verschwendung erhabener -Ausdrücke und Redewendungen war ebenfalls ein gemeinsamer Zug, ebenso -das gewaltsame Herbeiziehen allgemein bekannter und beliebter Phrasen -und Zitate. Den Schluß bildete hier wie dort unweigerlich eine -möglichst stark aufgetragene moralische Nutzanwendung. Einerlei, was -der behandelte Gegenstand gewesen, mit kühnem Sprung lief das Ende ohne -Unterschied in eine äußerst erbauliche Betrachtung aus, die sich nicht -ohne Rührung anhören ließ und einen schmeichelhaften Rückschluß auf die -Tugenden der schönen Mahnerin gestattete. - -Der erste Aufsatz, der vorgetragen wurde, betitelte sich: »_Dies also -ist das Leben?_« Vielleicht hat der Leser Geduld genug, einen Auszug -hieraus nachzulesen: - - »Trunkenen Auges, mit wonnebebendem Herzen schaut der - jugendliche Geist den zu erwartenden Freuden des Lebens - entgegen. Geschäftig malt ihm die Einbildungskraft - rosenfarbene Bilder der Wonne vor. Im Geiste sieht sich - die jugendliche Schöne als ›Dame von Welt‹, inmitten des - wogenden, festlichen Getriebes, scherzend, lachend, umkost, - umworben, gefeiert, ›schauend und geschaut‹! Ihre anmutige - Gestalt gleitet in wehenden, weißen Gewändern auf den - Wellen des wirbelnden Tanzes dahin, ihr Auge strahlt am - hellsten, ihr Schritt ist der elastischste in der ganzen - heiteren Gesellschaft. Unter solch' gaukelnden, lockenden - Phantasiegebilden schwindet schnell die Zeit und die ersehnte - Stunde erscheint, die Stunde, welche Einlaß bringen soll - in jene elysische Welt, die solche Wonneträume zu wecken - vermag. Wie zauberisch erscheint dem geblendeten Auge Alles - und Jedes! Jede neue Scene ist reizender, lockender als die - vorhergegangene. Doch kurze Zeit nur währt der Rausch! Bald - zeigt es sich, daß unter der glänzenden Außenseite Hohlheit - sich birgt. Die Schmeichelei, die einst die Seele fesselte, - verletzt nun das Ohr mit schrillem Klang, der Ballsaal verliert - seine Reize. Mit zerrütteter Gesundheit, verbitterten Herzens - wendet sich das ›Kind der Welt‹ ab, die Ueberzeugung tief - im Busen bergend, daß irdische Freuden das Verlangen der - unsterblichen Seele nicht zu befriedigen imstande sind!« - - Und so weiter. - -Ein beifälliges Gemurmel unterbrach von Zeit zu Zeit den Vortrag. -Ein: ›wie schön‹! ›gut gesagt‹! oder ›wie wahr‹! ließ sich deutlich -unterscheiden, und nachdem das Ding mit einer besonders erhebenden -Schlußbetrachtung geendet, wurde der Beifall ordentlich enthusiastisch. - -Dann erhob sich ein schlankes, melancholisch aussehendes Mädchen, -dessen Gesicht jene interessante Blässe zeigte, die von Pillen und -schlechter Verdauung herrührt, und las ein ›Gedicht‹ vor. Folgende -Verse desselben mögen genügen: - - -Lebewohl einer Missouri-Maid an Alabama. - - »Leb' wohl, Alabama, dich liebe ich, - Und doch muß lassen, muß meiden ich dich. - Es naget die Trauer am Herzen mein, - In heißer Sehnsucht gedenk' ich dein. - Wie hab' ich die blum'gen Wälder durchstreift, - Längs den Ufern deiner Gewässer geschweift, - Dem Murmeln der Wellen träumend gelauscht, - In Aurorens Strahl mich wonnig berauscht. - Nicht scheu verberg' ich mein übervoll Herz, - Erröt' nicht, zu zeigen den brennenden Schmerz. - Er gilt ja nicht Fremden im fernen Land, - Den Freunden, den Lieben nur, die ich gekannt. - Sie waren mein Trost mir, mein ganzes Glück; - Alabamas Thäler ersehn' ich zurück. - Ach, nun ich's verloren, erkenn' ich's zu spät: - Dort wurzelt mein Leben, mein Herz, -- zu spät!« - -Zunächst erschien eine schwarzäugige und schwarzhaarige junge Dame auf -dem Podium, machte eine wirkungsvolle Kunstpause, nahm eine tragische -Haltung an und begann gemessenen, ausdrucksvollen Tones vorzulesen: - - -Eine Vision. - - »Dunkel und stürmisch war die Nacht. Am Himmelszelte oben - flimmerte nicht ein einziger Stern, nur das dumpfe Dröhnen - des Donners vibrierte beständig im geängstigt lauschenden - Ohre, während grelle Blitze in entfesselter Wildheit die - wolkigen Himmelskammern durchrasten und der Macht zu spotten - schienen, die der große Franklin sich über sie angemaßt. - Selbst die stürmischen Winde kamen einmütig hervor aus ihrer - geheimnisvollen Höhle und schnaubten und tosten einher, als - wollten sie durch ihre Gegenwart die tolle Scene noch toller - machen. Zu eben solcher Stunde, gleich dunkel, gleich trostlos - und entsetzungsvoll, schrie einst mein ganzes Sein nach dem - Balsam menschlichen Mitgefühls. Umsonst! Da plötzlich: - - ›Erschien sie, die mein Trost, mein Führer und mein Rat, - Mein Glück im Gram, mein All' an meine Seite trat.‹ - - Sie schwebte daher, wie eines jener glänzenden, - anmutbeschwingten Wesen, mit denen Jugend und Romantik sich - die sonnigen Fluren ihres Eden bevölkern, eine Königin der - Schönheit, nur mit ihrer eignen, unvergleichlichen Lieblichkeit - angethan und geschmückt. So leise war ihr Schritt, keinen Laut - rief er hervor und nur der magische Wonneschauer, der mein - ganzes Sein bei ihrer sanften Berührung durchrieselte, verriet - mir ihre Gegenwart, sonst wäre sie entschwebt gleich andern - sich dem Auge nicht selbstbewußt aufdrängenden Schönheiten, - unbemerkt und ungesucht. Gleich eisigen Thränen auf dem - Gewande des Dezembers lag eine eigentümliche Traurigkeit - auf den geliebten Zügen, als sie, ernst auf die draußen - kämpfenden Elemente hinweisend, mich die beiden durch dieselben - dargestellten Wesen betrachten hieß.« -- - -Dieser nächtliche Gespensterspuk füllte zehn Seiten des Manuskripts -und endete in einer Predigt von solch niederschmetternder, -hoffnungraubender Wirkung auf alle Nichtgläubigen, daß der Aufsatz -den ersten Preis gewann und einstimmig für die beste Leistung des -Abends erklärt wurde. Der Bürgermeister des Städtchens überreichte der -glückstrahlenden Verfasserin in feierlicher Ansprache den Preis, indem -er sagte, es sei bei weitem ›das Beredteste, Pathetischste‹, was er je -gehört, ja daß der große Daniel Webster selber hätte stolz drauf sein -dürfen. - -Beiläufig mag noch bemerkt werden, daß die Zahl der Aufsätze, in denen -das Wort ›wunderbar‹ mit Vorliebe angewendet und der menschlichen -Erfahrung als ›einer Seite im Buche des Lebens‹ erwähnt wurde, den -üblichen Durchschnitt erreichte. - -[Illustration] - -Nun erhob sich der Lehrer, der durch den Erfolg des Abends so -sanftmütig und weich geworden war, daß sein Wesen beinahe an -Liebenswürdigkeit streifte, schob seinen Stuhl zurück, wandte dem -Publikum den Rücken und begann auf der schwarzen Tafel eine Karte -von Amerika zu entwerfen, um die Geographie-Uebungen daran vornehmen -zu können. Seine unstäte Hand aber wollte ihm nicht parieren bei der -Sache, ein unterdrücktes Gekicher lief durch das Haus. Er wußte, -was es bedeutete und nahm alle Kraft zusammen, um sich mit Ehren -herauszuziehen. Er fuhr mit dem Schwamm über die mißlungenen Linien -und machte sich geduldig auf's neue dran, nur um sie mehr und mehr -zu verrenken, und das Gekicher wurde immer deutlicher. Mit Macht und -ganzer Aufmerksamkeit warf er sich nun auf sein Werk, entschlossen, -sich durch die augenscheinliche Heiterkeit nicht aus der Fassung -bringen zu lassen. Er fühlte, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren; -er glaubte nun endlich im richtigen Fahrwasser zu sein und doch dauerte -das Gekicher fort, ja es nahm sogar noch zu. Und Grund genug dazu -war vorhanden. Im oberen Stock befand sich eine Dachkammer, in deren -Fußboden eine Klappe angebracht war, unter der just eben der Lehrer -stand. Durch diese Klappe nun erschien eine Katze, die an einem um -die Hinterbeine geschlungenen Seile hing und der man um Kopf und Maul -einen dicken Lappen gewickelt hatte, um sie am Schreien zu hindern. Als -sie so langsam niedersank, krümmte sie sich nach oben und versuchte -sich mit den Pfoten am Seil festzuklammern, umsonst! Sie griff mit den -Pfoten nur in die unfaßbare, haltlose Luft. Das Gekicher schwoll und -schwoll. Die Katze war jetzt nur noch sechs Zoll von dem Haupte des -ahnungslosen Lehrers entfernt. Sie sank tiefer und tiefer; noch eine -Spanne und nun schlug sie die verzweifelten Krallen in die Perücke des -schulmeisterlichen Hauptes, klammerte sich fest an dem willkommenen -Halte und wurde im selben Moment zurückgezogen zur Klappe, die -Siegestrophäe fest in den räuberischen Klauen! Des Schulmeisters kahler -Schädel aber erstrahlte in ungeahnter, zauberischer Pracht, -- der Sohn -des Anstreichers hatte denselben _vergoldet_! - -Dies bereitete der Festlichkeit ein jähes Ende. Die Jungen waren -gerächt, -- die Ferien da! - - _Anmerkung._ Die oben angeführten sog. ›Aufsätze‹ sind ohne - Veränderung einem Buche entnommen, das den Titel führt: »Prosa - und Poesie von einer Dame des Westens.« Als genaue Studien nach - dem bekannten ›Schulmädchen-Muster‹ sind sie infolgedessen weit - glücklichere Beispiele, als bloße Nachbildungen hätten sein - können. - -[Illustration] - - - - -Einundzwanzigstes Kapitel. - - -Tom fand, daß die ersehnten Ferien schon acht Tage nach dem Beginn sich -in endloser, öder Weise vor ihm zu dehnen begannen. Er wußte kaum, -was er mit sich anfangen sollte in dieser langen, langen Zeit. Becky -Thatcher war mit ihren Eltern auf ihr Landgut gereist, um die Wochen -der Freiheit dort zu verbringen, und hatte den letzten Lichtstrahl -in dieser endlosen Nacht der Langeweile mit sich genommen. Ein paar -Kindergesellschaften dienten nur dazu, die klaffende Lücke von Beckys -Abwesenheit um so fühlbarer zu machen. Eine mitleidige Masernepidemie -erbarmte sich der gelangweilten Jugend, bot aber in ihrem milden -Charakter nicht einmal die Aussicht, daß man zur Abwechslung hie und da -um das gefährdete Leben irgend eines Kameraden zittern konnte. Auch sie -verlief langweilig und eintönig wie alles andre. - -Endlich kam Leben in die schläfrige Atmosphäre. Der Mordprozeß kam -vor Gericht und wurde sofort zum Thema jeglichen Stadtgespräches. Er -benahm Tom alle Ruhe. Jede neue Erwähnung der Mordthat sandte ihm -einen Schauder zum Herzen. Sein böses Gewissen und seine Angst ließen -ihn in jeder darauf bezüglichen Bemerkung einen ›Fühler‹ wittern, den -man ausgestreckt, um ihn zu sondieren. Freilich erschien es ihm bei -näherer Ueberlegung gar nicht möglich, daß man in ihm einen Mitwisser -der That vermuten könne, gleichwohl war ihm nicht wohl bei der Sache; -fortwährend überlief es ihn, bald heiß, bald kalt. An einsamem Ort -nahm er Huck beiseite, um sich mit diesem zu besprechen. Welche -Erleichterung mußte es gewähren, das Siegel auf den Lippen nur für eine -kleine Weile zu lösen, die Hälfte der Bürde auf die Schultern eines -Mitfühlenden, eines Leidensgefährten zu wälzen. Außerdem lag Tom daran, -sich Gewißheit über Hucks unverbrüchliches Schweigen zu verschaffen. - -»Huck, hast du jemals irgend einem Menschen davon erzählt?« - -»Von was?« - -»Du weißt schon selber.« - -»Ach so! Na, natürlich nicht.« - -»Kein Wort?« - -»Nicht ein einziges Wörtchen, nee, weiß Gott! Was fragst du?« - -»Na ich -- ich hatte Angst.« - -»Weißt's ja doch selber, Tom Sawyer, wir zwei wären kalt nach drei -Tagen, wenn das heraus käme!« - -Tom fühlte sich etwas beruhigter. Nach einer Pause: - -»Huck, gelt, 's kann dich keiner zwingen, was zu sagen, oder?« - -»Mich zwingen! Na, wenn ich Lust hätte, daß mich der Indianer-Hund -ersäufte, ja, dann wär's möglich, daß ich's sage -- sonst nicht!« - -»Na, dann ist's gut! Ich denk', wir sind sicher, so lang wir reinen -Mund halten. Laß uns aber noch mal schwören. Ich mein', 's ist -sicherer!« - -»Meinethalben.« - -Und wieder schwuren die Jungen einen grausig feierlichen Eid. - -»Worüber schwatzen sie gerade hauptsächlich in der Stadt, Huck? Ich -hab' alles durcheinander gehört!« - -»Schwatzen? Ei, Muff Potter, Muff Potter und nichts als Muff Potter, -immer und ewig. Mir treibt's den kalten Schweiß aus, wenn ich nur den -Namen höre. Am liebsten steckt' ich mir Baumwolle in die Löffel!« - -»Gerad' so geht's bei mir, grad' so! Ich glaub' der ist verloren. -Dauert er dich nicht auch manchmal?« - -»Ei immer, beinahe immerzu. Viel wert ist er ja nicht, aber er hat doch -keinem 'was zuleid' gethan. Stibitzt wohl mal 'nen Fisch, um Geld für -Schnaps zu kriegen und sich zu besaufen, und bummelt den ganzen Tag -herum, aber -- Herrgott, -- das thut ja jeder -- wenigstens beinah' -jeder. Aber er ist doch ein guter Kerl. Einmal hat er mir 'nen halben -Fisch gegeben und sich selber an der andren Hälfte hungrig gegessen, -und oft und oft hat er mir geholfen, wenn ich irgendwo in der Patsche -saß.« - -»Und mir hat er Drachen geflickt, Huck, und Angelhaken an der Leine -festgemacht. Weiß Gott, ich wollt', wir könnten ihn freimachen! Ich -gäb' was drum!« - -»Du lieber Himmel, das würde doch nicht viel helfen, Tom, den hätten -sie gleich wieder fest!« - -»Das ist ja wahr, aber ich kann's gar nicht mit anhören, wenn sie so -über ihn losziehen, als wär' er der leibhaftige Gottseibeiuns, und er's -doch gar nicht gethan hat.« - -»So geht's mir grad', Tom. Herrgott, da schwatzen sie daher, als sei er -der blutdürstigste Hund im Land und nur aus Versehen nicht schon längst -irgendwo aufgeknüpft.« - -»Ja, weiß Gott, ich hab' sogar gehört, wie einer sagte, wenn sie den -freiließen, dann sollte er sofort gelyncht werden. O, du meine Güte!« - -»Und das thäten sie auch, so wahr ich hier steh'!« - -Lange noch schwatzten die Jungen so zusammen, aber Trost brachte -es ihnen nicht. Mittlerweile brach die Dämmerung herein und sie -befanden sich plötzlich vor dem kleinen, einsamen Gefängnis, in der -uneingestandenen Hoffnung, ein gütiges Geschick könne irgend eine -Wendung zum Besseren herbeiführen, wodurch sie von ihrer Qual befreit -würden. Es geschah aber nichts. Die Engel und alle guten Geister -schienen ihre Hände von dem unglücklichen Gefangenen abgezogen zu haben. - -[Illustration] - -Wie oftmals zuvor schon traten die Jungen zu dem kleinen Gitter heran -und reichten Potter Tabak und Feuerzeug hindurch. Der lag am Boden und -Wächter waren keine da. - -Seine rührende Dankbarkeit hatte ihnen zuvor schon tief in's Herz -geschnitten und that's diesmal mehr als je. Als feige, elende Verräter -der schlimmsten Art aber fühlten sie sich, wie Potter sagte: - -»Ihr seid ungeheuer gut gewesen gegen mich, Jungens, -- besser als -irgend wer in der Stadt. Und ich gedenk's euch, weiß Gott, ich thu's. -Oft sag' ich zu mir selber: ›hast doch all deiner Lebtag den Jungen -nur Guts gethan, hast den Schlingeln die Drachen geflickt und die -besten Fischplätze gewiesen, aber nee, Dankbarkeit giebt's nicht, alle -haben den alten Muff vergessen, der jetzt so tief in der Tinte sitzt, -alle -- nur der Tom nicht und der Huck nicht, die haben ihn nicht -vergessen,‹ sag' ich, ›und der alte Muff, der vergißt sie auch nicht.‹ -Seht, Jungens, ich hab' ja was Furchtbares gethan, so betrunken und -verrückt wie ich war, nur so kann ich's mir erklären, jetzt soll ich -baumeln dafür und geschieht mir schon recht. Es geschieht mir recht, -sag' ich, und 's wird wohl auch das Beste für mich sein, glaub' ich. -Na, wollen's gut sein lassen, nicht weiter davon schwatzen. Möcht' -nicht, daß euch schwer um's Herz wird, weil ihr so gut gegen mich -gewesen seid. Was ich nur sagen wollt', Jungens, betrinkt euch nie, -wenn ihr groß seid, dann müßt ihr auch niemals hier sitzen, in dem -schrecklichen Loch. Wie, stellt euch doch mal 'n bißchen so her, 's ist -ein Gottestrost, freundliche Gesichter zu sehen, wenn man so in der -Patsche sitzt, und ich seh' weiter keine, als eure. Gute, freundliche -Gesichter -- gute, liebe Gesichter! Stellt euch doch mal so, steig' -mal einer auf den andern, daß ich euch auch berühren kann, -- so! So -ist's recht! Nun gebt mir die Hände, so, eure kleinen Pfoten können ja -durch's Gitter durch, meine Tatzen sind zu breit dazu. Kleine Hände, --- kleine, schwache Hände, haben dem alten Muff Potter 'ne Masse Gutes -gethan und würden's noch mehr thun, wenn sie könnten, gelt Jungens? So, -und nun trollt euch, sonst wird der alte Muff weich wie ein Waschlappen -und das taugt nichts.« - -Tom schlich sich elend und zerschlagen nach Hause und seine nächtlichen -Träume waren aller Schrecken voll. Am folgenden Tag und den Tag -darnach trieb er sich um den Gerichtssaal herum. Es zog ihn fast -unwiderstehlich hinein, und er mußte sich mit aller Macht bezwingen, -draußen zu bleiben. Huck ging es gerade so. Sie mieden einander nun -geflissentlich. Sie liefen von Zeit zu Zeit hinweg, um sich alsbald -von derselben unheimlichen Anziehungskraft zurückgetrieben zu sehen. -Tom spitzte die Ohren, sobald eine Gruppe Neugieriger den Saal -verließ, hörte aber nur Schlimmes und Schlimmeres, die Kette der -Beweise schloß sich von Minute zu Minute eherner und unerbittlicher -um den armen Potter. Am Schluß der zweiten Tagessitzung hieß es, daß -des Indianer-Joe Aussage fest und unerschütterlich gleich einer Mauer -stünde, und darüber, wie das Verdikt der Geschworenen ausfiele, könne -kaum noch ein Zweifel bestehen. - -An diesem Abend trieb sich Tom noch sehr spät draußen herum, kam -durch's Fenster heim und befand sich in einem Zustand furchtbarster -Aufregung. Stundenlang wälzte er sich auf seinem Lager, ehe er -einschlafen konnte. - -[Illustration] - -Des andern Morgens strömte die ganze Stadt dem Gerichtssaal zu, denn -heute war ja der große Tag, an dem die Entscheidung fallen sollte. -Beide Geschlechter waren zahlreich vertreten unter der dicht gedrängten -Zuhörerschaft. Nach langer Pause des Wartens traten die Geschworenen -in den Saal und nahmen ihre Plätze ein. Kurz danach brachte man Potter -herein, bleich, hohlwangig, in Ketten. Verschüchtert und hoffnungslos -saß er da, während all die neugierigen Augen ihn erbarmungslos -anstarrten. Ebenso fiel der Indianer-Joe auf, der stumpfsinnig -dreinstierte, wie gewöhnlich. Eine neue Pause folgte, dann erschien -der Richter, und der Sheriff verkündete den Beginn der Verhandlung. -Das übliche Köpfe-Zusammenstecken und Geflüster der Advokaten und -das Rascheln und Zurechtkramen der Papiere folgte. Alles dies, in -Verbindung mit den daraus entstehenden Verzögerungen, bildete eine -ebenso eindrucksvolle als unheimliche Einleitung zu dem folgenden -Drama. - -Nunmehr wurde ein Zeuge aufgerufen, welcher aussagte, daß er Muff -Potter in frühester Morgenstunde des Tages, der die Entdeckung der -Mordthat brachte, gesehen habe, wie sich derselbe am Bach wusch und -sich sofort heimlich davon schlich, als er sich beobachtet sah. Nach -einigen weiteren Fragen überwies der Staatsanwalt den Zeugen der -beklagten Partei: »Der Herr Verteidiger hat das Wort.« - -Für einen Moment erhob der Angeklagte die Augen, senkte sie aber sofort -nieder, als sein Verteidiger sagte: - -»Ich verzichte darauf.« - -Der nächste Zeuge beschwor, daß man das Messer in der Nähe der Leiche -gefunden. Wieder wies der Staatsanwalt den Zeugen dem Verteidiger zu, -und abermals verzichtete dieser auf jede Frage. - -Ein dritter Zeuge gab an, das Messer in dem Besitz Potters gesehen zu -haben. Der Staatsanwalt überweist denselben zum dritten Mal an den -Verteidiger: - -»Der Herr Verteidiger hat das Wort.« - -Und zum dritten Mal erwiderte dieser ruhig und kalt: - -»Ich verzichte!« - -Eine leise Unruhe begann sich im Publikum bemerkbar zu machen. Wollte -dieser Verteidiger denn das Leben seines Klienten ohne jeglichen -Versuch zur Rettung preisgeben? - -Mehrere Zeugen sagten aus, wie sich Potter unverkennbar schuldbewußt -benommen, da man ihn zum Schauplatz der That gebracht. Auch sie konnten -den Zeugenstand ohne weiteres Kreuzverhör verlassen. - -Jede Einzelheit der äußerst gravierenden Vorfälle, die an jenem -denkwürdigen Morgen auf dem Friedhofe stattgefunden und deren sich -jeder Anwesende erinnerte, wurde von glaubwürdigen Zeugen erhärtet, -nicht einen dieser Zeugen aber unterwarf Potters Verteidiger auch -nur dem kleinsten Verhör. Die Verblüffung und Unzufriedenheit des -Publikums hierüber gab sich in lautem Murren kund, was von Seiten des -Vorsitzenden einen Tadel und einen Verweis zur Folge hatte. Jetzt nahm -der Staatsanwalt das Wort: - -»Durch den Eid ehrenwerter Männer erhärtet, deren einfaches Wort über -jeden Verdacht erhaben ist, sehen wir uns gezwungen, das Verbrechen, -um das es sich hier handelt, dem unglücklichen Beklagten zur Last zu -legen. Wir halten den Fall hiemit für erwiesen.« - -Ein Stöhnen entrang sich des armen Potters gequälter Brust, er schlug -die Hände vor's Gesicht und wiegte den Oberkörper hin und her, im -Uebermaß des Schmerzes. Tiefes, lautloses, peinliches Schweigen -herrschte im Hause. Manch hartes Mannesherz war bewegt, und der Frauen -Mitleid bezeugte sich in Strömen von Thränen. Endlich ergriff der -Verteidiger das Wort: - -»Meine Herren Richter und Geschworenen. -- Bei Beginn dieser -Verhandlungen gaben wir unsre Absicht kund, zu Gunsten unseres Klienten -geltend zu machen, daß er die furchtbare That in dem Zustand eines -durch Uebermaß geistiger Getränke herbeigeführten sinnlosen Deliriums -beging, ein Zustand, der an sich schon jede Verantwortung ausschließen -sollte. Wir haben diese Absicht aufgegeben, wir werden uns hierauf -nicht weiter berufen.« - -Sich zum Gerichtsdiener wendend rief er dann: - -»Man führe Thomas Sawyer vor!« - -Verwundertes Staunen zeigte sich auf jedem Antlitz, dasjenige Potters -nicht ausgenommen. Jedes Auge haftete in steigendem Interesse an Tom, -als dieser sich nun erhob und dem Zeugenstand zuschritt. Verwirrt genug -sah der Knabe aus und war dabei augenscheinlich in höchster Angst. Das -Verhör begann: - -»Thomas Sawyer, wo befanden Sie sich am siebzehnten Juni um die -Mitternachtsstunde?« - -Tom streifte flüchtig mit seinem Blick die eiserne Stirn des -Indianer-Joe, und die Zunge versagte ihm den Dienst. Atemlos lauschte -die Menge, die Worte wollten nicht kommen. Nach ein paar Augenblicken -jedoch raffte sich der Junge zusammen, es gelang ihm, Gewalt über seine -Stimme zu bekommen, soweit wenigstens, daß er einem Teil des Hauses -verständlich wurde: - -»Auf dem Friedhofe.« - -»Ein wenig lauter, bitte. Nur keine Angst! Sie waren also --« - -»Auf dem Friedhofe.« - -Ein verächtliches Lächeln zuckte über das Gesicht des Indianer-Joe. - -»Befanden Sie sich irgendwo in der Nähe vom Grabe des alten William?« - -»Ja, Herr Anwalt.« - -»Könnten Sie nicht ein klein wenig lauter reden? Wie nahe ungefähr -waren Sie wohl?« - -»So nahe, wie ich hier bei Ihnen stehe.« - -»Hielten Sie sich versteckt oder nicht?« - -»Ich war versteckt.« - -»Wo?« - -»Hinter den Ulmen, die dort dicht beim Grabe stehen.« - -Der Indianer-Joe fuhr fast unmerklich zusammen. - -»War noch sonst jemand mit Ihnen?« - -»Ja, ich war dorthin gegangen mit --« - -»Halt, einen Augenblick. Wir wollen den Namen noch nicht hören, darauf -kommen wir später zurück. Hatten Sie etwas mitgebracht?« - -Tom zögerte und sah verwirrt vor sich nieder. - -»Heraus damit, mein Junge, nur nicht ängstlich. Die Wahrheit zu reden -ist immer ehrenhaft. Also, was hattest du bei dir?« - -Unbewußt war der Frager von dem förmlichen Ton eines öffentlichen -Inquirenten in den aufmunternden, väterlichen verfallen, der unsrem -Helden gegenüber weit mehr am Platze war. Dadurch ermutigt stammelte -dieser zögernd: - -»Nur -- nur -- nur 'ne tote Katze!« - -Ein leises Gekicher ließ sich vernehmen, dem sofort Einhalt geboten -wurde. - -»Wir werden uns späterhin erlauben, das betreffende Gerippe den Herrn -Geschworenen als Beweis vorzulegen. Und jetzt, mein Sohn, erzähl' du -mir alles, was du gesehen hast, erzähl's ganz schön auf deine Art, -verbirg uns nichts, vergiß nichts und vor allem fürcht' dich nicht.« - -Tom begann -- stotternd, zögernd im Anfang, da er sich aber mit seinem -Thema erwärmte, flossen ihm die Worte leichter und leichter. Nach ein -paar Momenten erstarb jedes andere Geräusch im ganzen, weiten Saale, -nur der Laut der klaren, hellen Knabenstimme war hörbar. Jedes Auge -war auf den Jungen gerichtet, offnen Mundes, mit verhaltenem Atem -folgte man seinen Worten, Richter, Geschworene, Publikum schienen der -Welt entrückt, so gefesselt waren sie von der drastischen Schilderung -der grausigen That. Die atemlose Erregung der Versammlung hatte ihren -Höhepunkt erreicht, als der Junge sagte: »Und wie der Doktor mit -dem Brett auf den Muff Potter einhieb und der umfiel, da sprang der -Indianer-Joe mit dem Messer auf und --« - -Krach! Rasch wie der Blitz war der Indianer-Joe mit einem Sprung -emporgeschnellt, dem Fenster zugestürzt, die ihm im Weg Stehenden -zur Seite schleudernd, und ehe man zur Besinnung kam, hatte er sich -hindurchgeschwungen und -- war verschwunden! - - - - -Zweiundzwanzigstes Kapitel. - - -Wiederum war Tom zum strahlenden Helden der Stadt geworden, -- ein -Liebling der Alten, der Neid der Jugend. Sein Name wurde sogar durch -den Druck unsterblich gemacht, das Blättchen der Stadt erging sich in -vielen Lobpreisungen seiner Heldenthat. Einige seiner Mitbürger dachten -allen Ernstes dran, daß er Aussicht haben könne, einstmals Präsident zu -werden -- d. h., wenn er nicht zuvor gehenkt würde. - -Wie gewöhnlich schloß die unbeständige, gedankenlose Welt Muff Potter -jetzt an ihr Herz, schmeichelte ihm und hätschelte ihn so ausgiebig, -wie sie ihn zuvor beschimpft hatte. Da ihr dies Verfahren im Grund aber -zur Ehre gereicht, wollen wir's nicht weiter tadeln. - -Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Entzückens, seine Nächte -dagegen Zeiten des Grauens. Der Indianer-Joe spukte in all seinen -Träumen, Tod und Vernichtung standen ihm im Gesichte geschrieben. Keine -Versuchung, noch so groß, gab es nun, die den Jungen hätte bewegen -können, nach Einbruch der Nacht sich hinaus zu wagen. Der arme Huck -befand sich ganz im selben Zustand des Schreckens und Entsetzens, denn -Tom hatte am Abend vor der letzten Gerichtsverhandlung dem Verteidiger -von Muff Potter die ganze Sache haarklein gebeichtet und Huck -zitterte davor, daß sein Anteil an der Geschichte doch noch ruchbar -werden könnte, trotzdem ihm des Indianer-Joe Flucht die Qual eines -öffentlichen Erscheinens vor Gericht erspart hatte. Der arme Bursche -hatte freilich den Herrn Verteidiger beschworen, reinen Mund zu halten, -und dieser hatte es ihm auch versprochen; aber welche Sicherheit bot -ihm das? Seit die Gewissensqual Tom dazu getrieben, dem Verteidiger -bei Nacht und Nebel jenes grause Geheimnis zu enthüllen, das ihm mit -schauerlichen, unheimlichen Eiden für ewig auf die Lippen gesiegelt -schien, war Hucks Vertrauen in das menschliche Geschlecht erschüttert, -ja vernichtet. Alltäglich erfüllten Muff Potters rührende Dankesbeweise -Tom mit Freude und Stolz, daß er geredet, und allnächtlich wünschte -er inständig, das Geheimnis bewahrt zu haben. Einmal fürchtete Tom, -man möchte den Indianer-Joe niemals erwischen, dann wieder entsetzte -ihn der Gedanke, daß man ihn doch später finden könne. Er fühlte mit -Bestimmtheit, daß er keinen ruhigen Atemzug mehr thun könne, ehe dieser -Mensch nicht tot sei und er seine Leiche gesehen habe. - -Belohnungen waren ausgesetzt, die ganze Gegend durchsucht worden, aber -kein Indianer-Joe wurde gefunden. Man hatte eines jener allwissenden, -scheue Ehrfurcht einflößenden Wunderwesen, einen Detektiv aus St. -Louis, verschrieben. Der schnüffelte umher, schüttelte sein weises -Haupt, sah geheimnisvoll aus, und hatte denselben erstaunlichen Erfolg, -den die meisten Angehörigen seines Berufes erringen, das heißt, er -entdeckte, wie er sagte, ›den Schlüssel zum Rätsel‹. Da man aber -besagten Schlüssel nicht des Mordes verklagen und henken konnte, fühlte -sich Tom, nachdem der weise Mann gegangen, ebenso unsicher als zuvor. - -Die Tage schleppten sich langsam dahin, zum Glück aber nahm ein jeder -neue Tag ein klein wenig von der Seelenangst mit sich hinweg, die auf -dem armen Knaben lastete. - - - - -Dreiundzwanzigstes Kapitel. - - -[Illustration] - -Es naht einmal eine Zeit in dem Leben eines jeden Jungen von echtem -Schrot und Korn, wo er ein rasendes Verlangen empfindet, nach -verborgenen Schätzen zu graben. Dies Verlangen nun überfiel eines Tages -unsern Tom mit Allgewalt. Er wollte sich gleich mit Joe Harper in -Verbindung setzen; dieser war jedoch nicht zu finden. Dann schaute er -sich nach Ben Rogers um, und der war fischen gegangen. Zufällig stieß -er auf Huck Finn, den ›Rot-Händigen‹, und in Ermangelung der andern war -ihm dieser auch recht. Tom zog ihn beiseite an einen geheimen Ort und -teilte ihm im Vertrauen den Plan mit. Huck war einverstanden. Huck war -immer bereit, die Hand zu irgend einem Unternehmen zu bieten, welches -Vergnügen versprach und kein Kapital erforderte, denn er hatte einen -Ueberfluß von der Zeit, die _kein_ Geld ist. - -»Wo sollen wir graben?« fragte Huck. - -»Na, so 'n bißchen überall.« - -»Was? giebt's denn überall 'nen Schatz?« - -»Wie du nur so fragen magst! Die sind immer nur an ganz besonderen -Plätzen. Mal auf 'ner Insel, dann in 'ner alten, verfaulten Kiste, die -unter einem alten, vermoderten Baumstamm verscharrt ist, grad' da, wo -der Schatten um Mitternacht hinfällt; gewöhnlich aber steckt der Schatz -unter'm Boden eines Hauses, in dem's spukt.« - -»Wer steckt 'n denn da hin?« - -»Wer? Ei, Räuber natürlich, wer denn sonst? Etwa 'n Vikar, der die -Sonntagsschule hält, was?« - -»Was weiß ich? Das weiß ich aber gewiß, ich würd' den Schatz nicht -irgendwo vergraben, wenn er mein wär', sondern nehmen und ausgeben und -lustig damit leben.« - -»Ich auch. Räuber aber machen's anders, die vergraben ihn immer und -lassen ihn liegen.« - -»Und gucken gar nie mal danach?« - -»Nee. Sie wollen wohl, aber dann haben sie die Zeichen vergessen, oder -sterben gewöhnlich. Na, auf jeden Fall liegt der Schatz da 'ne Ewigkeit -und wird rostig. Und dann nach einiger Zeit entdeckt mal einer ein -altes, gelbes Papier, auf dem steht, wie man die Zeichen finden kann, -ein Papier, an dem man 'ne Woche lang und länger 'rum buchstabieren und -entziffern muß, denn 's steht nichts weiter drauf, als geheimnisvolle -Krakelfüße und Hieroglyphen.« - -»Hiero -- was?« - -»Hieroglyphen -- Bilder und Gekritzel und solches Zeug, von dem man -meint, es habe keinen Sinn.« - -»Hast _du_ denn so 'n Papier, Tom?« - -»Nee.« - -»Na, und wo willst du denn da die Zeichen finden?« - -»Zeichen? Ich brauch' keine Zeichen. Ich weiß ja genau, daß der Schatz -immer unter 'nem Spukhaus, oder auf 'ner Insel, oder unter 'nem alten, -abgestorbenen Baum liegt, der noch einen Ast in die Höhe streckt. Na, -wir haben ja die Jackson-Insel schon mal 'n bißchen abgesucht, dort -können wir's noch mal probieren. Dann haben wir ja das alte, verfallene -Spuknest, droben am Stillhausbach, und Haufen von alten, abgestorbenen -Bäumen überall, -- Haufen, sag' ich dir!« - -»Na, und unter allen liegt einer vergraben?« - -»Unsinn! Du fragst wie du's verstehst. Natürlich nicht.« - -»Wie willst du dann aber wissen, welches der rechte ist?« - -»Ei, wir probieren's eben überall.« - -»Herrgott, Tom, da geht ja der ganze Sommer drauf.« - -»Das wohl! Gelt, wenn du dann aber 'nen alten Topf mit hundert -blitzeblanken Dollars drin kriegst, oder 'ne Kiste voll Diamanten, dann -wärst du nicht böse?« - -Hucks Augen glühten. - -»Das -- das wär' 'n Fressen für mich; das Geld genügte mir, die -Diamanten ließ ich dir!« - -»Schon recht. Ich werf' sie nicht weg, sag' ich dir, Dummkopf! Ei, -einer davon ist oft mehr wert, als zwanzig Dollars, 's giebt keinen, -der nicht zum wenigsten sechzig, siebzig Cents oder 'nen Dollar gilt.« - -»Nee! Wahrhaftig?« - -»Na, das kann dir 'n Wickelkind sagen! Hast du denn nie mal einen -gesehen, Huck?« - -»Nee. Nicht daß ich wüßte!« - -»O, Könige haben ganze Haufen davon.« - -»Na, ich kenn' aber keine Könige, Tom.« - -»Glaub's wohl! Nee, wenn du mal nach Europa gingst, könnt'st du sie in -Scharen 'rumhopsen sehen.« - -»Hopsen die denn?« - -»Hopsen? -- Bist wohl verrückt? Nein, hopsen thun sie nicht.« - -»Na, was sagst du's denn?« - -»Däsbartel! Ich wollt' ja nur sagen, dann könnt'st du sie _sehen_, -- -nicht hopsen, natürlich, -- weshalb sollten sie denn hopsen? Ich meinte -nur, so im allgemeinen würdest du 'ne Menge davon sehen, überall 'rum. -Zum Beispiel den alten, buckeligen Richard.« - -»Richard -- wie heißt er weiter?« - -»Ei, Richard bloß, hat keinen anderen Namen. Könige haben nur einen -Rufnamen.« - -»Wahrhaftig?« - -»Weiß Gott, sie haben nur einen.« - -»Na, wenn's ihnen recht ist, Tom, mir kann's eins sein. Ich möcht' aber -kein König sein und nur so einen lumpigen Namen haben, grad' wie 'n -elender Nigger. Aber sag' mal, wo wollen wir denn zuerst graben?« - -»Weiß selber nicht. Wie wär's, wenn wir uns mal zuerst an den alten -Baum machten, da drüben auf dem Hügel über'm Stillhausbach?« - -»Mir recht!« - -So verschafften sie sich denn eine alte, ausgediente Hacke und Schaufel -und machten sich auf ihren Marsch von drei Meilen. Heiß und außer -Atem kamen sie an und warfen sich zum Ausruhen in den Schatten einer -benachbarten Ulme, holten ihre Pfeifen hervor und dampften wacker drauf -los. - -»So mag ich's,« sagte Tom. - -»Ich auch.« - -»Sag' mal, Huck, wenn wir hier 'nen Schatz finden, was willst du dann -mit deinem Teil anfangen?« - -»Ich? Ei, ich eß' jeden Tag Kuchen und Pasteten, und trink' Wein und -Sodawasser dazu. Und dann geh' ich in jeden Zirkus, der kommt und -- -na, ich will mir schon ein vergnügtes Leben machen!« - -»Und sparen willst du dir gar nichts?« - -»Sparen? Zu was?« - -»Ei, um später was zum Leben zu haben.« - -»Würd' mir nichts helfen, Tom. Mein Alter kommt gewiß mal wieder zum -Vorschein, und wenn ich's nicht vorher thät', hätt' der bald genug mit -allem aufgeräumt, darauf wett' ich. Was willst du denn mit deinem Teil -anfangen, Tom?« - -»Ich? ich kauf' mir erst mal eine neue Trommel und ein richtiges -Schwert und eine rote Krawatte und 'ne junge Bulldogge und dann -- dann -verheirat' ich mich.« - -»Verheirat'st dich?« - -»Jawohl.« - -»Tom, du -- bist wohl übergeschnappt?« - -»Wart' nur -- dann sollst du's erleben.« - -»Na, Tom, das ist einfach das Dümmste, was du thun kannst. Nimm nur -mal meinen Alten und meine Mutter an. Nichts als Keilerei! Die haben -immerzu aufeinander losgedroschen, das weiß ich noch ganz gut.« - -»Das will gar nichts sagen. Das Mädchen, das ich heirat', prügelt sich -nicht herum.« - -»Tom, glaub's nicht, die sind alle gleich. Das Zuhauen versteht 'ne -jede. Ueberleg' dir's noch ein Weilchen, sag' ich dir -- überleg' -dir's. Wie heißt denn das Mädel?« - -»'s ist kein Mädel -- es ist ein Mädchen.« - -»Na, das kommt auf eins heraus. Mädel oder Mädchen, 's ist ganz -dasselbe, gehupft wie gesprungen. Na also, wie heißt sie, Tom?« - -»Will dir's vielleicht später mal sagen. Jetzt nicht.« - -»Mir auch recht. Nur werd' ich, wenn du dich verheirat'st, noch viel -alleiner sein als je.« - -»Nein, das sollst du nicht. Du kommst und wohnst bei mir. Na, jetzt laß -uns aber vorwärts machen und an die Arbeit gehen.« - -Eine halbe Stunde lang gruben und schwitzten sie. Kein Erfolg. Noch -eine halbe Stunde der Mühe und des Schweißes. Derselbe Erfolg. Jetzt -sagte Huck: - -»Liegt so 'n Schatz immer so tief drunten?« - -»Manchmal, -- nicht immer. Gewöhnlich nicht. Wir haben eben vermutlich -nicht den richt'gen Platz getroffen.« - -[Illustration] - -Sie wählten eine andere Stelle und fingen von neuem an. Etwas weniger -rasch als im Anfang ging die Arbeit von statten, doch machten -sie Fortschritte. Stillschweigend mühten sie sich eine Weile ab. -Schließlich stützte sich Huck auf seine Schaufel, wischte sich mit -seinem Aermel die Schweißtropfen von der Stirn und fragte: - -»Wo gehen wir nachher hin, wenn wir hier fertig sind?« - -»Ei, an den alten Baum, denk' ich, der dort auf dem Cardiff-Hügel -hinter dem Haus der Witwe Douglas steht.« - -»Einverstanden! Wird uns aber die Witwe den Schatz nicht wegnehmen? Der -Baum steht doch auf ihrem Boden.« - -»_Die_ uns wegnehmen? Sollt's mal probieren! Wer so 'nen Schatz findet, -dem gehört er auch. 's kommt gar nicht drauf an, wo er gefunden wird.« - -Das lautete beruhigend. Die Arbeit schritt voran. Endlich sagte Huck: - -»Hol's der Geier! 's muß wieder der falsche Platz sein. Was meinst du?« - -»Sonderbar ist's, Huck, ich versteh's nicht recht. Manchmal steckt -Hexerei dahinter. Vielleicht ist's jetzt auch hier so.« - -»Dummes Zeug! Hexen haben am Tag keine Macht.« - -»Wahr ist's, daran hab' ich nicht gedacht. Ach, jetzt weiß ich, was -schuld ist! Was wir für einfältige Narren sind! Man muß ja doch erst -wissen, wo der Schatten des Baumes um Mitternacht hinfällt, und da -liegt der Schatz.« - -»Na, dann hol's der Teufel! Dann ist ja die ganze Graberei umsonst -gewesen. Hol's der Henker, alles mit'nander, müssen also in der Nacht -den scheußlich weiten Weg noch einmal machen! Kannst du los kommen?« - -»Freilich kann ich. Heut' nacht muß es jedenfalls sein, denn wenn einer -kommt, und sieht die Wühlerei und die Löcher, dann weiß er gleich, -was los ist, macht sich selber dahinter und schnappt uns am Ende die -Bescherung vor der Nase weg.« - -»Gut also. Ich werd' diese Nacht kommen und miauen.« - -»Schön. Komm her, wir verstecken unsre Hacke und Schaufel im -Gebüsch.« -- - -Zur festgesetzten Zeit waren denn auch die Jungen in der Nacht an -Ort und Stelle. Wartend saßen sie im Schatten. Es war ein einsamer -Ort und eine von Alters her feierliche Stunde. Geister flüsterten im -raschelnden Laube, Gespenster lauerten in dunkeln Ecken und Winkeln, -das dumpfe, tiefe Gebell eines Hundes erscholl aus der Ferne, dem -eine Eule mit hohler Grabesstimme antwortete. Diese ahnungsvolle -Feierlichkeit der Stunde lastete auf den beiden Jungen, sie sprachen -wenig. Nach einer Weile, als sie dachten, nun müsse Mitternacht da -sein, machten sie einen Strich, wo der Mondschein den Schatten des -Baumes hinwarf, und begannen zu graben. Ihre Hoffnungen stiegen. -Das Interesse wuchs, und der Fleiß hielt ehrlich Schritt. Das Loch -wurde tiefer und tiefer, aber jedesmal, wenn sie die Hacke auf etwas -Festes aufklingen hörten und ihnen das Herz voll freudiger Erwartung -laut klopfte, war's nichts als erneute Enttäuschung. Ein Stein war's -gewesen, oder ein alter Holzknüppel! Endlich sagte Tom: - -»Es nutzt nichts, Huck, 's ist wieder der falsche Platz.« - -»'s kann nicht sein, Tom, wir haben ja den Schatten auf's Haar -abgezirkelt.« - -»Weiß ich. Aber da ist noch was anderes.« - -»Was denn?« - -»Ja sieh'. Wir haben doch die Zeit nur so ungefähr erraten. Am Ende -war's zu spät oder zu früh.« - -Huck ließ die Schaufel sinken. - -»Das ist's, weiß Gott!« sagte er. »Da liegt der Hund begraben! Ich -meine, wir lassen die Sache bleiben. Wie sollen wir je die richtige -Zeit herausfinden, und außerdem -- 's ist so gruselig hier um die Zeit -in der Nacht mit all den Geistern und Gespenstern, die nur so in der -Luft herum flattern. Ich mein' immerzu, 's stünd' einer hinter mir, -aber ich fürcht' mich herumzuschauen, weil ja auch einer vor mir sein -könnt', der nur auf die Gelegenheit wartet, bis ich den Kopf dreh'. -Seit ich hier bin, läuft's mir fortwährend eiskalt über den Rücken!« - -»Mir geht's beinah' ebenso, Huck. Weißt du, meistens liegt auch bei so -'nem Schatz irgend ein toter Mensch vergraben, der Wache halten soll.« - -»Herr, du mein Gott!« - -»Ja, so ist's, das hab' ich oft gehört.« - -»Tom, ich befaß' mich nicht gern mit den Toten. Die machen einem immer -nur Ungelegenheiten.« - -»Ich hab' auch keine Lust, sie aufzuwecken. Denk' mal, wenn der hier -plötzlich seinen Schädel 'raus streckte und was sagen wollte.« - -»Tom, Tom, hör' auf. 's ist schauerlich!« - -»Das ist's, Huck. Mir ist auch kein bißchen wohl dabei, sag' ich dir.« - -»Komm, Tom, wir stecken's auf und graben mal wo anders.« - -»Gut, 's ist am End' besser.« - -Tom dachte ein Weilchen nach und sagte dann: - -»Im Gespensterhaus. Das ist der richt'ge Ort!« - -»Hol's der Geier. Ich mag keine Häuser, in denen's spukt, Tom. Weiß -Gott, Gespenster sind fast noch schlimmer als tote Menschen. Die mögen -meinethalben mal plötzlich, ohne daß man dran denkt, den Mund aufthun -und einen erschrecken, aber die kriechen doch nicht herum in ihren -Leichentüchern wie die Gespenster, und sehen einem plötzlich über die -Schulter, wenn man gar nicht an sie denkt, und klappern mit den Zähnen -und Beinern. Das könnt' ich nicht aushalten, Tom, -- kein Mensch könnt' -so was.« - -»Ja, aber, Huck, Gespenster spuken doch nur in der Nacht. Am Tag werden -sie uns dort am Graben nicht hindern.« - -»Das ist wohl wahr. Aber du weißt selber, daß keiner hier gern dem -Gespensterhaus nah' geht, bei Tag nicht und nicht bei Nacht!« - -»Na, das ist doch auch nur, weil mal einer da ermordet worden ist. -Aber gesehen hat man nie was Unheimliches in der Nacht um das Haus -herum, höchstens mal 'n blaues Licht am Fenster vorbeihuschen, -- keine -richtigen Gespenster.« - -»Na, wo du aber so 'n blaues Flämmchen siehst, Tom, kannst du Gift -drauf nehmen, daß 'n Geist dicht dahinter ist. Das ist doch so klar wie -was! Denn wer anders als Geister braucht so'n Licht?« - -»Das kann sein. Aber auf keinen Fall kommen sie bei Tag heraus. Also -brauchen wir uns gar nicht zu fürchten.« - -»Gut, mir soll's recht sein. Wir wollen das Gespensterhaus vornehmen. -Aber -- aber ich glaub' riskiert ist's doch!« - -Unter diesem Geplauder waren sie am Fuß des Hügels angelangt. Dort, -inmitten des mondbeglänzten Thales, stand das ›Gespensterhaus‹, -gänzlich vereinsamt, mit längst verfallener Umzäunung. Ueppig rankendes -Unkraut überzog Treppenstufen und Thürschwelle, der Schornstein war -in Trümmer zerfallen; leer starrten die Fensterhöhlen, ein Teil des -Daches war eingesunken. Eine Weile blickten die Jungen unverwandt -auf den gespenstischen Ort, immer halb in Erwartung, die blauen -Flämmchen hinter den Fenstern vorbeihuschen zu sehen. Sie sprachen im -Flüstertone, wie es zu Zeit und Umständen paßte. Dann rissen sie sich -los von der unheimlichen Stätte, die sie in weitem Bogen umkreisten, -und schlugen sich heimwärts durch die Wälder, welche die Rückseite des -Cardiff-Hügels mit ihrem Grün schmückten. - -[Illustration] - - - - -Vierundzwanzigstes Kapitel. - - -Um die Mittagsstunde des nächsten Tages fanden sich die Jungen wiederum -am Schauplatz ihrer nächtlichen Thaten ein, um ihr Werkzeug zu holen. -Tom war sehr ungeduldig und konnte gar nicht schnell genug nach dem -›Gespensterhaus‹ kommen. Huck, etwas gemäßigter in seinem Eifer, sagte -plötzlich: - -»Sag' mal, Tom, weißt du, was heut' für 'n Tag ist?« - -Tom ließ im Geiste die Wochentage an sich vorüber ziehen und hob dann -den Kopf erschreckten Blickes: - -»Ei, der Tausend, daran hab' ich gar nicht gedacht, Huck.« - -»Na, ich zuerst auch nicht. Mit einem Male aber fiel's mir siedend heiß -ein, daß heut' Freitag sei.« - -»Potz Blitz! man kann doch nie vorsichtig genug sein, Huck. Wir hätten -schön in die Patsche geraten können, wenn wir mit so was am Freitag -angefangen hätten.« - -»Hätten geraten können? Ich sag' _wären_ geraten! 's giebt Glückstage, -aber der Freitag ist keiner!« - -»Das weiß jeder Narr. Du denkst doch nicht, daß du der erste bist, der -das herausgefunden, Huck?« - -»Hab' ich das vielleicht gesagt? Und der Freitag allein ist noch nicht -alles, -- hab' 'nen scheußlich schlechten Traum gehabt, heut' nacht -- -hab' von Ratten geträumt.« - -»Ist's möglich? Na, 'n sichres Zeichen von Pech. Bissen sie sich -herum?« - -»Nein.« - -»Na, dann ist's gut, Huck. Wenn sie sich nicht herumbeißen, soll's nur -bedeuten, daß irgendwo Unheil lauert, weißt du. Da brauchen wir einfach -nur die Augen gut aufzumachen und dem Pech aus dem Weg zu gehen. Auf -jeden Fall aber wollen wir's heut' sein lassen und lieber spielen. -Kennst du Robin Hood, Huck?« - -»Nee, wer ist's?« - -»O, der war einer der größten Männer, die je in England lebten, und der -Beste dazu. Er war ein Räuber.« - -»Patent! Wollt' ich wär's. Wen hat er denn beraubt?« - -»Ei, nur Sheriffs und Bischöfe und reiche Leute und Könige und -dergleichen. Die Armen aber ließ er ganz in Ruhe, die hatte er lieb. -Mit denen hat er immer alles ganz brüderlich geteilt.« - -»Das muß ja 'n Staatskerl gewesen sein.« - -»Das war er, weiß Gott, Huck. Das war einfach der beste Mensch, der je -gelebt hat. So giebt's jetzt gar keine Menschen mehr, sag' ich dir. Der -konnte jeden Mann in England zwingen mit _einer_ Hand, man durfte ihm -die andere festbinden. Und dann nahm er seinen Eiben-Bogen und traf -jedes Zehn-Centstück auf anderthalb Meilen Entfernung.« - -»Was ist denn ein Eiben-Bogen?« - -»Was weiß ich? Eben irgend ein Bogen natürlich. Und wenn er dann das -Geldstück nur am Rande traf, statt in der Mitte, da setzte er sich hin -und weinte -- und fluchte. Komm', laß uns Robin Hood spielen, 's ist -fein, sag' ich dir. Ich zeig's dir, wie.« - -»Mir recht.« - -So spielten sie denn Robin Hood den ganzen Nachmittag, hie und da einen -sehnsüchtigen Blick nach dem alten ›Gespensterhaus‹ da unten werfend -und sich über die Aussichten und Möglichkeiten des folgenden Tages -unterhaltend. Als die Sonne bedenklich gen Westen sich neigte, schlugen -sie den Heimweg ein, quer durch die langen Schatten, welche die Bäume -nun warfen, und waren bald in den Wäldern des Cardiff-Hügels dem Auge -entschwunden. -- - -Am Sonnabend, kurz nach der Mittagsstunde, stellten sich die Jungen -wieder an jenem bewußten alten Baume ein. Erst rauchten und schwatzten -sie ein Weilchen im Schatten desselben, dann wühlten sie noch ein wenig -in ihrem letzten Loch herum, nicht sehr hoffnungsvoll allerdings, -sondern nur, weil Tom meinte, es sei schon so oft vorgekommen, daß -man beim Schatzgraben dem gesuchten Schatz auf sechs Zoll Entfernung -nahe gekommen und das Ding darnach mutlos aufgegeben habe, nur damit -ein anderer dann mit einem einzigen Spatenstich die ganze Herrlichkeit -entdecke. Die Sache schlug indes wieder fehl, und so schulterten die -Jungen ihr Werkzeug und gingen davon, in dem erhebenden Bewußtsein, -mit dem Glück nicht gespielt zu haben, sondern im Gegenteil jedes -Erfordernis getreulich erfüllt zu haben, das zu dem Geschäft des -Schatzgrabens gehört. - -Als sie das Gespensterhaus erreichten, lag etwas so Schauerliches -und Unheimliches in der Totenstille, die dort unter der sengenden -Sonnenglut herrschte, etwas so Bedrückendes in der Einsamkeit und -Verlassenheit des Ortes, daß die Jungen einen Moment lang sich nicht -getrauten hinein zu gehen. Dann schlichen sie nach der Thür und -hielten zitternd Umschau. Sie sahen eine mit Unkraut überwucherte -Stube vor sich, den Boden ohne Dielen, die Wände ohne Bewurf, mit -einem eingesunkenen Kamin, mit leeren Fensterhöhlen und einer halb -verfallenen Treppe. Allenthalben hingen Fetzen von verstäubten, -verlassenen Spinngeweben herum. Vorsichtig, zögernd traten die Jungen -ein, beschleunigten Pulses, im Flüsterton redend, gespitzten Ohres, -bereit, den geringsten Laut aufzufangen, die Muskeln gespannt, um -jeden Moment zum Rückzug bereit zu sein. - -[Illustration] - -Bei näherer Bekanntschaft mit dem Ort verringerte sich allmählich -ihre Furcht, und unsere beiden Helden unterwarfen die Lokalität einer -genauen und eingehenden Prüfung, nicht ohne dabei im stillen ihre -eigene Kühnheit zu bewundern und zugleich darob zu erstaunen. Unten -fertig, wollten sie sich nun auch oben umsehen. Das hieß so viel, als -sich den Rückzug abschneiden, aber sie waren nun einmal im Zuge, sich -gegenseitig im Herausfordern der Gefahr zu überbieten, und so warfen -sie denn ihr Werkzeug in einen Winkel und stiegen hinauf. Oben fanden -sie dieselben Zeichen des Verfalls. In einem Winkel entdeckten sie -einen Wandschrank, der irgend ein Geheimnis zu bergen versprach, -- -dies Versprechen war aber Täuschung und Betrug: der Schrank war leer. -Der Mut schien ihnen nun voll und ganz wiedergekehrt, und eben waren -sie im Begriff, hinunter und an die Arbeit zu gehen, als -- - -»Sscht!« sagte Tom. - -»Was giebt's?« flüsterte Huck, vor Schreck erbleichend. - -»Sscht! Da! Hörst du?« - -»Ja! O, du meine Güte! Laß uns rennen!« - -»Still, halt dich ruhig und muckse dich nicht. Sie kommen grad' auf die -Thür los.« - -Die Jungen streckten sich auf dem Boden aus, spähten mit den Augen -durch die Astlöcher in den Dielen und warteten zitternd vor verhaltener -Furcht und Erregung. - -»Sie bleiben stehen -- nein -- sie kommen -- da -- da sind sie. Kein -Wort mehr, Huck. Herrgott, wären wir doch mit heiler Haut aus der -Patsche!« - -Zwei Männer traten ein. Jeder der Jungen sagte zu sich selber: - -»Der eine ist der alte, taubstumme Spanier, den man in der letzten Zeit -ein- oder zweimal in der Stadt gesehen hat, -- den andern kenn' ich -nicht.« - -›Der andere‹ war ein zerlumpter, ungekämmter Kerl, dessen Gesicht nicht -eben einnehmend war. Der Spanier war in seine ›Serape‹ gehüllt, er -hatte einen buschigen, weißen Schnauzbart; langes, weißes, wehendes -Haar stahl sich unter seinem breiträndigen Hute vor, dazu trug er grüne -Augengläser. Als sie herein kamen, redete eben ›der andere‹ mit leiser -Stimme auf ihn ein. Sie ließen sich auf dem Boden nieder, das Gesicht -der Thüre zugewandt und mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt. Der -Sprechende fuhr in seinen Bemerkungen fort. Je länger er sprach, desto -mehr verlor sich sein vorsichtiges Wesen und desto lauter wurden seine -Worte. - -»Nein,« sagte er, »ich hab's mir überlegt, aber ich mag nicht. 's ist -mir viel zu gefährlich.« - -»Gefährlich,« brummte der ›taubstumme‹ Spanier, zum größten Erstaunen -der lauschenden Jungen, »Hasenfuß!« - -Diese Stimme ließ die Jungen voll Entsetzen erbeben und nach Atem -ringen. Es war die Stimme des Indianer-Joe. - -Ein Schweigen folgte, dann sagte dieser: - -»Was giebt's wohl Gefährlicheres, als das letzte Stückchen, das ich -dort drüben geliefert, -- damit wies er mit dem Finger nach der -Richtung der Stadt, -- und ist da vielleicht was 'raus gekommen dabei?« - -»Das ist was anderes! Soweit flußaufwärts und kein anderes Haus in der -Nähe! Wie soll überhaupt etwas 'raus kommen, wenn wir keinen Erfolg -gehabt haben.« - -»Na, und was ist gefährlicher, als bei Tag hierher kommen? Ei jedem, -der uns sähe, müßten wir doch verdächtig scheinen.« - -»Das weiß ich. Aber nach dem dummen Stückchen von neulich war kein -Platz so gelegen. Ich muß weg aus der Bude hier! Hab's gestern schon -gewollt, nur nutzte es nichts, da die verteufelten Jungens da oben beim -alten Baum vor unserer Nase ihr Spiel trieben.« - -Die ›verteufelten Jungens‹ erbebten bei dieser Bemerkung und -beglückwünschten sich innerlich, daß sie sich des Freitags erinnert und -beschlossen hatten, einen Tag zu warten. Wie wünschten sie jetzt, statt -eines Tages ein Jahr gewartet zu haben! Die zwei Männer kramten nun -Nahrungsmittel aus und machten sich eine Mahlzeit zurecht. Nach einer -langen, gedankenvollen Pause sagte der Indianer-Joe: - -»Will dir mal was sagen, Kamerad. Du machst dich wieder flußaufwärts, -wo du hingehörst, und bleibst dort, bis du von mir Nachricht hast. -Ich schleich' mich noch mal in die Stadt, geh's wie's will, und halt' -Umschau. An das ›gefährliche Stückchen‹ gehen wir dann erst, wenn ich -die Zeit dazu für gekommen halte. Dann auf und davon nach Texas!« - -Dieser Plan ließ sich hören und fand keinen Widerspruch. Die Männer -begannen zu gähnen und Joe sagte: - -»Ich bin todmüde! An dir ist die Reihe zu wachen!« - -Er kauerte sich zusammen und begann alsbald zu schnarchen. Sein -Kamerad stieß ihn ein paarmal an, worauf er stille ward. Alsbald -begann der Wächter zu nicken, sein Kopf sank tiefer und tiefer, nun -schnarchten beide Männer. - -Die Jungen holten tief und dankerfüllt Atem. Tom wisperte: - -»Jetzt gilt's, komm!« - -Huck erwiderte: - -»Ich kann nicht. Ich fiel' geradeswegs tot hin, wenn sie aufwachen.« - -Tom trieb, Huck zögerte. Schließlich erhob sich Tom vorsichtig und -leise und schickte sich an, allein sein Heil zu probieren. Beim ersten -Schritt aber, den er vorwärts that, krachte die alte, morsche Diele so -laut und drohend, daß er plötzlich halbtot vor Schreck wieder umsank. -Einen zweiten Versuch wagte er nicht. So lagen denn die Jungen und -zählten die träge sich dahinschleppenden Sekunden, bis sie meinten, -alle Zeit müsse aufgehört haben, ja die Ewigkeit schon grau geworden -sein, und sie waren heißen Dankes voll, als sie bemerkten, daß die -Sonne sich zu neigen begann. - -Einer der Schlafenden hörte jetzt auf zu schnarchen. Der Indianer-Joe -richtete sich empor, starrte um sich, lächelte grimmig über seinen -Kameraden, dessen Kopf auf die Kniee gesunken war, stieß ihn mit dem -Fuße an und sagte: - -»Na, du bist ein Wächter, das muß ich sagen! Uebrigens einerlei, 's ist -ja nichts passiert.« - -»Meiner Treu, -- ich hab' doch nicht -- hab' ich wirklich geschlafen?« - -»So 'n bißchen, sollt' ich denken. Na, Zeit zum Abzug für uns, Kamerad! -Was thun wir mit dem bißchen Baren, das wir noch haben?« - -»Weiß ich's? Hier lassen, wie wir's immer gemacht haben, das wird wohl -am besten sein. Können's doch nicht herumschleppen, bis wir nach dem -Süden gehen. Sechshundertundfünfzig Dollars ist 'ne ordentliche Last!« - -»Na gut, -- schon recht! Liegt ja auch nichts dran, wenn wir noch mal -hierher müssen.« - -»Nee, aber dann möcht' ich doch raten in der Nacht zu kommen, wie -früher, 's ist doch besser für alle Fälle!« - -»Ganz gut, aber hör' mal zu. Es kann 'ne gute Weile dauern, eh' sich -die rechte Gelegenheit findet zu dem Stückchen, das wir vorhaben. 's -könnt' uns was zustoßen. 's ist an gar keinem so sehr guten Orte hier. -Wir wollen's ordentlich vergraben, -- tief vergraben.« - -»Das ist 'ne gute Idee,« meinte der Kamerad, ging quer durch den Raum -auf's Kamin zu, kniete nieder, hob einen von den hinteren Steinen -desselben in die Höhe und nahm einen Beutel heraus, worin es bei der -Berührung vielversprechend klang. Dem entnahm er zwanzig oder dreißig -Dollars für sich selber, ebensoviel für den Indianer-Joe, und reichte -dann den Beutel dem Letzteren, der in einer Ecke auf den Knieen lag und -mit seinem langen und breiten Messer den Grund aufwühlte. - -Die Jungen vergaßen ihre ganze Angst und all ihr Elend in einem -Augenblick. Mit glänzenden, gierigen Blicken folgten sie jeder -Bewegung. Solches Glück! Der Strahlenglanz desselben überstieg jede -Einbildungskraft! Sechshundert Dollars waren ja Geld genug, um ein -halbes Dutzend Jungen reich zu machen. Das nannte man Schatzgraben -unter den glücklichsten Umständen, da gab's keine hindernde -Ungewißheit, wo man eigentlich nachzugraben habe. Sie stießen einander -beständig an, mit beredten, leicht verständlichen Rippenstößen, die -einfach bedeuten sollten: »Herrgott, bist du nun nicht froh, daß wir -hier sind?« - -Joes Messer stieß auf etwas Hartes. - -»Holla,« sagte er. - -»Was giebt's?« fragte der andre. - -»Eine verfaulte Diele, -- nee 's ist 'ne Kiste, glaub' ich. Schnell, -pack' an und wir wollen bald dahinter kommen, was die hier soll. Laß -gut sein, ich hab' 'n Loch hinein gebrochen.« - -Er griff in die Kiste und zog die Hand sofort wieder heraus. - -[Illustration] - -»Mensch, 's ist Geld!« - -Die beiden Männer untersuchten nun die Handvoll Münzen. Es war Gold. -Die Jungen oben waren ebenso entzückt, wie die zwei Strolche unten. - -Joes Kamerad sagte: - -»Damit wollen wir kurzen Prozeß machen. Dort liegt 'ne alte, rostige -Hacke in der Ecke, drüben auf der andern Seite des Kamins. Ich hab's -eben gesehen.« - -Er sprang hin und brachte die Hacke und Schaufel der Jungen herbei. -Der Indianer-Joe nahm die Hacke, besah sie kritisch, schüttelte den -Kopf, murmelte etwas in sich hinein und machte sich dann an die Arbeit. - -Die Kiste war bald bloßgelegt. Sie war nicht sehr groß, mit eisernen -Bändern beschlagen und schien sehr stark gewesen zu sein, ehe der -Zahn der Zeit sie benagt hatte. Die Männer starrten in glückseligem -Schweigen nieder auf den gleißenden Schatz. - -Endlich flüsterte Joe: - -»Kamerad, das sind Tausende von Dollars.« - -»Man hat immer gemunkelt, daß Murrells Bande sich mal 'nen Sommer hier -herumgetrieben hätte,« bemerkte der Fremde. - -»Weiß wohl,« bestätigte Joe, »und dies hier sieht, meiner Treu, ganz -danach aus.« - -»Jetzt können wir auch das andre Stückchen aufgeben, was!« - -Der Halbindianer runzelte finster die Stirn. Dann sagte er: - -»Du verstehst mich nicht, wenigstens die Sache nicht, um die sich's -handelt. 's ist mir diesmal nicht um's Stehlen, -- 's ist Rache, die -ich haben will.« Dabei flammten seine Augen in grellem Feuer auf. »Dazu -brauch' ich dich und deine Hilfe. Wenn wir das hinter uns haben -- dann -auf nach Texas! Und jetzt mach' dich heim zu deiner Hanne und deinen -Bälgern und wart' bis ich dich rufe.« - -»Soll mir recht sein! Was aber fangen wir mit dem da an -- vergraben's -wieder?« - -»Ja. (Ueberwältigendes Entzücken oben.) Nein! Beim Henker, nein! -(Tiefste Niedergeschlagenheit eine Treppe hoch.) Beinah' hätt' ich's -vergessen. An der Hacke war ja frische Erde! (Den Jungen wurde wind -und weh vor Schreck und Angst.) Was hat 'ne Hacke und Schaufel hier zu -thun? Gar mit frischer Erde dran? Wer hat sie hergebracht -- und wo -sind die Kerls hin? Hast du was gehört -- jemand gesehen? Was! Wieder -vergraben, damit die Kerls nachher kommen und sehen, daß der Grund -frisch aufgewühlt ist? Nee, so dumm sind wir nicht. Wir schleppen's in -meine Höhle!« - -»Na, natürlich. Hätt' früher daran denken können. Meinst du Nummer -Eins?« - -»Nein, Nummer Zwei, unter dem Kreuz. Der andre Platz ist nichts wert, --- zu gewöhnlich.« - -»Mir auch recht! Bald wird's dunkel genug sein, um abziehen zu können.« - -Der Indianer-Joe erhob sich und ging von Fenster zu Fenster, immer -vorsichtig hindurchspähend. Bald darauf sagte er: - -»Wer kann wohl das Werkzeug hergeschleppt haben? Am End' sind sie oben!« - -Den Jungen versagte der Atem. Der Indianer-Joe legte die Hand an das -dolchartige Messer, das in seinem Gürtel steckte, hielt einen Moment -überlegend inne, und wandte sich dann der Treppe zu. Die Jungen dachten -an den Wandschrank, aber ihre Kraft hatte sie vollständig verlassen. -Schon krachten die Tritte auf der Treppe, -- die fast unerträgliche Not -ihrer Lage weckte die erlahmte Entschlossenheit der Jungen, -- eben -wollten sie dem rettenden Schranke zufliehen, als sich ein Splittern -und Krachen der morschen Balken vernehmen ließ und der Indianer-Joe -inmitten der Treppentrümmer schleunigst wieder unten landete. Fluchend -raffte er sich auf, und sein Kamerad sagte: - -»Zu was all den Umstand. Wenn's wirklich jemand ist und sich einige da -droben versteckt halten, gut, laß ihnen ihr Vergnügen, was liegt dran? -Wenn sie 'runter springen wollen und mit uns anbinden, so mögen sie nur -kommen. In fünfzehn Minuten ist's dunkel, laß sie uns folgen, wenn sie -wollen, mir sollt's recht sein. Meiner Meinung nach haben die Kerls, -welche die Sachen hier ablegten, wer's nun immer gewesen sein mag, uns -erblickt, uns für Geister, Teufel oder sonst was gehalten und sind -davon gerannt. Die rennen noch, ich möcht' fast wetten.« - -Joe brummte noch eine Weile vor sich hin, dann stimmte er seinem -Gefährten bei, daß sie das noch übrig bleibende Tageslicht benutzen -müßten, um zur Flucht alles in Bereitschaft zu setzen. Kurz danach -schlüpften sie im tiefsten Dämmerlicht aus dem Hause und schlugen mit -ihrer kostbaren Last die Richtung nach dem Flusse ein. - -Tom und Huck erhoben sich, noch ganz zitternd, aber wie erlöst, und -starrten den Männern durch die Spalten nach, die sich in den Wänden -des Hauses befanden. Ihnen folgen? Das fiel ihnen nicht ein. Sie -waren zufrieden, ohne gebrochenen Hals den sicheren Boden wieder zu -erreichen, und wandten sich ohne Zögern dem über den Hügel nach der -Stadt führenden Pfade zu. Sie redeten nicht viel zusammen, waren zu -beschäftigt damit, sich selber gründlich Vorwürfe zu machen über die -bodenlose Dummheit, Hacke und Spaten mit dorthin zu nehmen und liegen -zu lassen. Ohne das hätte der Indianer-Joe niemals Verdacht gefaßt. -Er hätte gewiß das Silber bei dem Golde verscharrt, bis er seine -›Rachepläne‹ ausgeführt gehabt, und dann wäre ihm die überraschende -Entdeckung geworden, daß beides verschwunden: Silber wie Gold! -Schweres, bittres Verhängnis, daß sie die Werkzeuge mit dahin schleppen -mußten! Sie beschlossen, diesem Spanier gut aufzupassen, wenn er sich, -um eine Gelegenheit für seinen Racheakt auszukundschaften, wieder in -der Stadt sehen ließe, und ihm dann nach ›Nummer Zwei‹ zu folgen, wo es -auch sein möge. Plötzlich überkam Tom ein entsetzensvoller Gedanke: - -»Rache? Wenn er uns damit meint, Huck!« - -»Red' nicht so!« bat dieser, der bei der bloßen Idee vor Schreck -beinahe umfiel. - -Dann besprachen sie den Gedanken hin und her, und als sie daheim -anlangten, waren sie übereingekommen, daß er vielleicht sonst irgend -jemand im Auge haben, oder wenigstens doch nur Tom meinen könne, da ja -Tom allein gegen ihn gezeugt hatte. - -Ein schwacher, sehr schwacher Trost war es für Tom, allein in Gefahr -zu sein. Einen Kameraden auch hierin zu besitzen, würde die Sache -wesentlich erleichtert haben, so dachte er bei sich in seiner Unschuld; -Huck aber schien andrer Meinung zu sein. - -[Illustration] - - - - -Fünfundzwanzigstes Kapitel. - - -Am nächsten Morgen beim Erwachen erschienen Tom die Erlebnisse des -verflossenen Tages wie ein böser, schwerer Traum. Er grübelte und sann, -und je mehr er nachdachte und überlegte, desto mehr kam es ihm vor, daß -er geträumt habe. So viel Geld auf einmal beisammen zu sehen konnte ja -gar nicht Wirklichkeit sein. In seinem bisherigen Leben hatte er nie -mehr als fünfzig Dollars auf einem Brett vor sich gesehen. Tausende von -Dollars aber auf einem Haufen, das überstieg seine ausschweifendsten -Vorstellungen, selbst von verborgenen Schätzen. - -Noch ganz benommen von seinen Hirngespinsten kleidete er sich an, -schlang wie geistesabwesend sein Frühstück hinunter und machte sich -alsbald auf, Huck zu suchen und sich von ihm die Bestätigung zu holen, -daß alles nur Traum und Schaum gewesen. Er fand diesen am Ufer des -Flusses in einem Nachen, mit den Beinen über den Bootrand baumelnd und -mürrisch vor sich hin starrend. - -»Morr'n, Huck.« - -»Morr'n, Tom. Verdammtes Pech, das, mit der Hacke und Schaufel!« - -Also war's doch kein Traum, sondern greifbare, wirkliche Wirklichkeit! -Tom erzählte Huck von seinen Gedanken diesen Morgen. - -»Schöner Traum!« brummte der als Antwort, »hätt' was Niedliches werden -können, wenn die Stiege nicht zusammengekracht wär'. Mir hat's auch -die ganze Nacht geträumt, aber nur von dem Teufel von Spanier und von -seiner ›Nummer Zwei‹.« - -In Bezug auf diese rätselhafte Nummer ergingen sich die Jungen in -allerhand Vermutungen. Schließlich kamen sie überein, es solle wohl die -Nummer des Zimmers in irgend einer Herberge bedeuten, und Tom machte -sich auf den Weg, es auszukundschaften. - -Nach einer halben Stunde kam er zu Huck zurück und erzählte diesem, -daß von den beiden Wirtshäusern der Stadt wohl nur eins in Frage -kommen könne, denn in Nummer Zwei des einen wohne schon seit lange ein -allgemein bekannter und geachteter junger Mann. Nummer Zwei des andren -Wirtshauses dagegen sei selbst dem Sohn des Hauses ein Geheimnis. Der -sage, es werde immer geschlossen gehalten und nur bei Nacht höre er -zuweilen Geräusch und sehe Licht darin. Er habe immer gedacht, es müsse -dort spuken. - -»Das hab' ich entdeckt, Huck,« schloß Tom ganz erregt seinen Bericht. -»Das ist so gewiß die Nummer Zwei, die wir suchen, so gewiß, wie ich -hier vor dir steh'!« - -»Wird wohl so sein, Tom. Was sollen wir aber thun?« - -»Laß mich 'n bissel nachdenken.« - -Und Tom dachte eine lange Weile nach, dann sagte er: - -»Paß mal auf. Siehst du, die Hinterthür von der Nummer Zwei führt in -den kleinen, engen Gang zwischen dem Wirtshaus und der alten Mausefalle -von Ziegelbrennerei. Du kaperst nun alle Thürschlüssel, die du irgend -erwischen kannst, und ich nehm' meiner Tante ihre, und in der ersten -dunklen Nacht schleichen wir hin und probieren ob einer paßt. Daß du -dich fein nach dem Spanier umsiehst! Der sagt ja, er wolle kommen -und herumschnüffeln wegen seiner Rache. Und wenn du ihn entdeckst, -dann folgst du ihm und siehst, ob er nach meiner Nummer Zwei geht, -wenn nicht, ist's natürlich Essig! Also, heut' abend! Bring' nur brav -Schlüssel mit!« - -Am Abend waren Huck und Tom bereit zu ihrem Abenteuer. Sie trieben sich -in der Nachbarschaft der Herberge herum, konnten aber nirgends etwas -Verdächtiges erspähen. Um ungesehen das Experiment mit den Schlüsseln -vornehmen zu können, war die Nacht viel zu hell, und so zog sich denn -Tom bald nach zehn Uhr zurück, heimwärts, dem warmen Neste zu, während -Huck, der etwas länger aushielt, gegen zwölf in einem leeren Zuckerfaß -für die Nacht unterkroch. - -Dienstag nacht verfolgte die Jungen derselbe Unstern, ebenso Mittwoch. -Donnerstag endlich standen dicke Wolken am Himmel und versprachen eine -schöne, dunkle Nacht. Beizeiten stellte sich Tom ein, bewaffnet mit der -alten Blechlaterne seiner Tante und einem großen Handtuch, um dieselbe -zu verhüllen. Er barg die Laterne in Hucks Zuckerfaß, und die Wacht -begann. Eine Stunde vor Mitternacht wurde die Herberge geschlossen -und ihre Lichter, die einzigen in der Nachbarschaft, ausgelöscht. -Kein Spanier war gesehen worden. Niemand hatte den schmalen Gang auf -der Rückseite des Hauses betreten oder verlassen. Alles schien dem -Unternehmen günstig. Die schwärzeste Finsternis herrschte, und die -Totenstille ringsum wurde nur hie und da durch fernes Donnerrollen -unterbrochen. - -Tom lief nach seiner Laterne, zündete sie an, hüllte sie fest in das -Handtuch und die beiden Abenteurer tasteten sich durch die Finsternis -nach dem Wirtshaus hin. Huck stand Schildwache und Tom schlich sich in -den dunklen Gang hinein. Nun kam eine Pause unerträglich heimlichen, -angstvollen Wartens, die auf Hucks Gemüt lastete, gleich einem -erdrückenden Berge. Er begann sich heiß nach einem wieder auftauchenden -Strahl der Laterne zu sehnen, der ihm zeigte, daß Tom noch am Leben -sei. - -Stunden schienen verflossen, seit Tom verschwunden war. Gewiß hatte -er irgendwo das Bewußtsein verloren, war am Ende gar tot, vielleicht -war ihm das Herz gebrochen vor Schreck und Aufregung. In seiner Angst -rückte Huck dem Gäßchen näher und näher, den Kopf voll schrecklicher -Befürchtungen und jeden Augenblick auf eine Katastrophe gefaßt, die -ihm den Atem vollends benehmen würde. Viel Atem zum Wegnehmen blieb -nicht übrig; er war kaum noch imstande, denselben fingerhutvollweise -einzuziehen, und sein Herz mußte bei dem Tempo, in dem es schlug, -baldigst ganz den Dienst versagen. Plötzlich blitzte ein Lichtstrahl -auf, und Tom schoß keuchend an ihm vorüber. - -»Fort,« schrie er, »fort, wenn dir dein Leben lieb ist.« - -Ein Wiederholen der Warnung war unnötig, einmal genügte. Huck -rannte mit Riesenschritten davon, als ob es hinter ihm brenne, Tom -hinterdrein. So stürzten die Jungen unaufhaltsam davon, bis sie den -Schuppen eines alten, unbenutzten Schlachthauses erreichten, am unteren -Ende des Ortes. Gerade als sie unter dies Obdach geschlüpft waren, -brach das Gewitter los und der Regen strömte nieder. Nachdem Tom zu -Atem gekommen war, stöhnte er: - -»Ach, Huck, 's war gräßlich. Ich probierte erst zwei von den -Schlüsseln, so leise ich konnte, die machten aber 'n solchen Lärm, daß -mir übel und weh wurde vor Angst. Ich konnte sie auch gar nicht im -Schloß umdrehen. Dann, ohne selber zu wissen, was ich thu', faß' ich -nach der Klinke, drücke und -- auf springt die Thür. Sie war gar nicht -verschlossen gewesen! Ich hinein, werf' das Tuch von der Laterne und -- -Heiliger Gott!« - -»Was -- was war's, Tom?« - -»Huck! Ich trat fast auf 'ne Hand, und wie ich näher hin seh', ist's -dem Indianer-Joe seine.« - -»Puh!« stöhnte Huck wortlos. - -»Weiß Gott! Da lag er am Boden und schlief ganz fest, mit dem alten -Pflaster über dem einen Aug' und weit ausgestreckten Armen.« - -»Um alles in der Welt, sprich, -- was hast du denn da gemacht? Ist er -aufgewacht?« - -»Nee, der rührt sich nicht. Er muß betrunken gewesen sein. Ich greif' -nur flink nach meinem Tuch und stürz' davon.« - -[Illustration] - -»Ich hätt' nicht mehr an das Tuch gedacht, das wett' ich.« - -»Na, aber ich! Tante Polly hätt' mir 'nen feinen Tanz aufgespielt, wenn -ich's verloren hätt'!« - -»Hör' du, Tom, hast du die Kiste gesehen?« - -»Huck, nach der hab' ich mich gar nicht umgeschaut. Hab' keine Kiste -und hab' auch kein Kreuz gesehen. Nichts hab' ich gesehen, als 'ne -Flasche und 'nen Zinnbecher am Boden neben dem Indianer-Joe! Ja, zwei -Fäßchen und viele Flaschen hab' ich noch außerdem im Zimmer gesehen. -Weißt du jetzt, was in dem Zimmer spukt?« - -»Wieso?« - -»Dickkopf! Schnaps spukt drin, Schnaps! Und der Wirt dort gehört zum -Mäßigkeitsverein! Ob wohl alle die Mäßigkeitsvereinler so 'n Spukzimmer -haben? he, Huck?« - -»Wird wohl so sein! Wer hätt' aber so was gedacht? Sag' mal, du, -Tom, wär' denn das nicht jetzt grad' die richt'ge Zeit, um die Kiste -auszuführen? Wenn der Indianer-Joe doch betrunken ist.« - -»Ei, so versuch's doch!« - -Huck schauderte. - -»Nee, lieber nicht!« - -»Ich auch lieber nicht, Huck. Nur _eine_ Flasche leer neben dem Kerl, -das ist nicht genug. Ja, wenn's drei gewesen wären, dann ließe sich -weiter drüber reden!« - -Eine lange Pause des Nachdenkens folgte. Dann sagte Tom: - -»Paß mal auf, Huck. Ich mein', wir sollten das Ding gar nicht mehr -probieren, bis wir sicher wissen, daß der Joe nicht drin ist. 's ist zu -gruselig! Wir passen jede Nacht auf, und einmal muß er doch 'raus aus -seinem Loch, dann wollen wir die Kiste schon kriegen, schneller als der -Blitz.« - -»Mir recht. Ich will jede Nacht wachen, die ganze Nacht durch, wenn du -nur den Rest besorgen willst.« - -»Gut, wollen's so machen. Du brauchst dann nur zu kommen und vor unsrem -Haus zu miauen, und wenn ich schlaf', wirfst du mir 'ne Hand voll Kies -ans Fenster, das wird mich schon wach kriegen!« - -»Topp, 's gilt!« - -»Jetzt ist's da draußen auch besser geworden, Huck, der Sturm hat -aufgehört und ich muß heim. 's muß schon bald Morgen sein. Du gehst -noch mal hin und wachst, willst du?« - -»Ich hab's gesagt, Tom, daß ich's thu', und ich thu's auch! Und wenns -'n Jahr lang dauert, ich spuk' jede Nacht in dem Gäßchen dort herum. -Bei Tag schlaf' ich und bei Nacht wach' ich.« - -»Schön. Aber wo wirst du schlafen?« - -»Auf Ben Rogers Heuboden. Der hat nichts dagegen und Onkel Jakob, -- -weißt du, der alte Nigger, der im Hause ist -- auch nicht. Dem hab' ich -schon oft 's Wasser geschleppt, und er giebt mir manchmal was zu essen, -wenn er selber was hat. 's ist 'n guter Nigger, Tom. Der hat mich gern, -weil ich nie thu', als ob ich was Besseres wär'. Manchmal hab' ich -mich, weiß Gott, schon hingesetzt und mit ihm gegessen. Das brauchst du -aber niemand zu sagen, Tom. Wenn einer so gräßlich hungrig ist, thut er -manches, was er sonst für gewöhnlich nicht thät'!«[6] - - [6] Unsere Geschichte spielt in der Zeit vor Aufhebung der - Sklaverei. - -»Na, also Huck, wenn ich dich bei Tag nicht brauch', laß ich dich -schlafen und stör' dich nicht weiter. Und wenn in der Nacht was los -ist, springst du zu mir 'rüber und miaust.« - -[Illustration] - - - - -Sechsundzwanzigstes Kapitel. - - -Das erste, was Tom am Freitagmorgen hörte, war eine sehr angenehme -Neuigkeit, -- Becky Thatcher war mit den Ihren am Abend vorher -zurückgekehrt. Vor diesem Ereignis mußte der Indianer-Joe zusamt seinem -Schatze in den Hintergrund treten, und Becky, die einzige Becky, nahm -das ganze Interesse des Knaben ein. Er sah sie wieder, und die beiden -verbrachten einen köstlichen Tag in Gesellschaft der Schulkameraden bei -›Blindekuh‹ und ›Verstecken‹. Um das Glück des Tages voll zu machen -hatte Becky von ihrer Mutter die Erlaubnis erwirkt, am folgenden Tage -das längst geplante und immer wieder verschobene Picknick halten -zu dürfen, was ungeheuren Enthusiasmus und Jubel erregte. Becky -insbesondere war außer sich vor Entzücken, und Tom nicht minder. Vor -Sonnenuntergang noch wurden die Einladungen herumgeschickt, und die -sämtliche jugendliche Bevölkerung des Städtchens war in einem Fieber -der Erwartung und der emsigen Vorbereitung. Toms Erregung hielt ihn bis -zu später Stunde wach, wobei er immer auf Hucks Miau-Signal wartete. -Wie herrlich wäre es gewesen, die Gesellschaft folgenden Tages mit dem -aufgefundenen Schatze zu verblüffen! Diese Hoffnung aber trog, -- kein -Signal störte die Ruhe der Nacht. - -Endlich tagte der Morgen, und um zehn oder elf Uhr sammelte sich -eine lärmende, wonnetrunkene Gesellschaft vor dem Hause der Familie -Thatcher. Alles war zum Aufbruch bereit. Aeltere Leute pflegten die -Picknicks niemals durch ihre Gegenwart zu stören, die Kinder hielt man -unter den Fittigen einiger junger Damen von achtzehn und einiger junger -Herren von ungefähr vierundzwanzig Jahren für genügend beschützt. Man -hatte für diese Gelegenheit die alte Dampffähre gemietet, und alsbald -setzte sich die heitre, bunte Menge, beladen mit vielversprechenden -Vorratskörben, die Hauptstraße hinunter in Bewegung. Sid war unwohl -und mußte dem Vergnügen entsagen; Mary war ihm zum Trost und zur -Gesellschaft zurückgeblieben. Das letzte, was Frau Thatcher zu Becky -sagte, war: - -»Ihr werdet wohl spät zurückkommen, Kind, am Ende thust du besser, für -diese Nacht bei einer deiner Freundinnen zu bleiben, die nahe beim -Landungsplatz der Fähre wohnen.« - -»Dann bleib' ich bei Suschen Harper, Mama.« - -»Meinetwegen; und hörst du, daß du dich hübsch ordentlich beträgst und -niemand zur Last fällst.« - -Als sie dann zusammen die Straße hinunter trabten, sagte Tom zu Becky: - -»Du -- paß' mal auf, was wir thun wollen. Anstatt daß wir mit Joe -Harper heimgehen, steigen wir den Berg hinauf und bleiben die Nacht bei -der Witwe Douglas. Die hat gewiß Gefrorenes, -- sie hat immer welches, -ganze Haufen davon, und wird sich schrecklich freuen, wenn wir zu ihr -kommen.« - -»O, das wird aber köstlich!« - -Danach überlegte sich's Becky aber doch einen Moment und meinte: - -»Was wird aber meine Mama dazu sagen?« - -»Ei, wie soll denn die's erfahren?« - -Wieder sann Becky ein Weilchen nach und sagte dann zögernd: - -»Recht ist's ja nicht -- aber --« - -»Aber, -- Unsinn! Deine Mutter erfährt's nicht, und was ist denn -weiter Schlimmes dabei! Alles, was sie will, ist, daß du für die Nacht -gut aufgehoben bist, und ich wette, sie hätt' dich ebensogut dorthin -geschickt, wenn sie nur dran gedacht hätte. Das weiß ich ganz gewiß!« -- - -Frau Douglas, die das größte und schönste Haus des Städtchens besaß -und deren glänzende Gastfreundschaft die Wonne aller bildete, die sie -je genießen durften, bewies sich als allzu verlockender Köder. Dieser -und Toms Beredsamkeit trugen denn auch den Sieg davon und es wurde -beschlossen, gegen niemanden etwas über das Programm für die Nacht -verlauten zu lassen. - -Auf einmal fiel es Tom ein, daß Huck am Ende gerade in derselben -Nacht kommen könne, um ihm das verabredete Zeichen zu geben. Dieser -Gedanke trübte seine freudigen Erwartungen um ein Beträchtliches, aber -er konnte sich doch nicht entschließen, den Plan mit Frau Douglas -aufzugeben. Warum sollte er auch? Er dachte bei sich, in der Nacht -zuvor sei ja auch alles ruhig geblieben, warum sollte das Signal gerade -diese Nacht ertönen? Das sichere Vergnügen, das er sich vom Abend -versprach, überwog bei weitem die unsichere Aussicht auf den Schatz, -und recht wie ein Junge beschloß er, der stärkeren Neigung nachzugeben -und sich für den Rest des Tages jeden Gedanken an die Geldkiste aus dem -Kopf zu schlagen. - -Drei Meilen unterhalb der Stadt landete die Fähre in einer rings mit -Wald umstandenen Bucht. Die fröhliche Gesellschaft schwärmte aus dem -Boote, und bald tönten die Wälder und felsigen Höhen von Geschrei und -Gelächter wieder. Alle die verschiedenen Methoden, sich heiß und müde -zu machen, wurden der Reihe nach durchgegangen, bis allmählich einer -nach dem andern von den Herumschwärmenden sich im Lager einstellte, -ausgerüstet mit dem nötigen Appetit, und nun die Vertilgung der -mitgebrachten leckeren Sachen beginnen konnte. Nach der Mahlzeit -folgte ein erquickendes Ruhe- und Plauderstündchen im Schatten der -breitästigen Eichen, bis dann jemand rief: - -»Wer kommt mit zur Höhle?« - -Alle waren sofort bereit, ganze Bündel von Kerzen wurden ausgekramt -und es folgte ein allgemeines Erklettern des Hügels. Hoch oben lag -die Mündung der Höhle, eine schwarze, gähnende Oeffnung, geformt wie -der lateinische Buchstabe ~A~. Die massive, eichene Thür stand weit -offen. Im Innern sah man zunächst eine schmale, kleine Kammer, kalt -wie ein Eiskeller, von der Natur mit festen Kalkmauern umgeben, die -viel Feuchtigkeit ausschwitzten. Etwas romantisch Geheimnisvolles lag -darin, von diesem finstren, kalten Orte aus hineinzuschauen in das -sonnbeglänzte, grüne Land. Der Zauber aber, der die Geister zuerst -gefangen hielt, verlor bald seinen Reiz und das Herumtollen begann -von neuem. Sobald irgend jemand versuchte, eine Kerze anzuzünden, -stürzte sich alles darauf los und es entspann sich ein Kampf gegen den -tapferen Verteidiger. Das Licht wurde ihm schließlich entrissen, zu -Boden geworfen und ausgelöscht, worauf eine neue Hetzjagd mit demselben -Ausgang folgte. Da aber jedes Ding sein Ende hat, so ordnete sich -allmählich der Zug und bewegte sich vorsichtig den steilen Abstieg -des Hauptgangs der Höhle hinunter. Mit düsterem, unruhigem Schein -bestrahlte die flackernde Reihe der Lichter die mächtigen Felswände -zu beiden Seiten, fast bis hinauf zu dem Punkte, wo sie in einer Höhe -von etwa sechzig Fuß zusammenstießen. Dieser Hauptgang war nicht -mehr als acht oder zehn Fuß breit. Alle paar Schritte zweigten andre -hochgewölbte und noch engere Felsspalten nach beiden Seiten ab, denn -die Mc. Douglas-Höhle war eigentlich nur ein ungeheures Labyrinth -gewundener Gänge, die ineinander und wieder auseinander liefen und -nirgends ein Ziel oder Ende hatten. Es hieß, daß man Tage und Nächte -lang durch dies krause, verschlungene Gewirr von Spalten und Klüften -wandern könne, ohne jemals ein Ende der Höhle zu finden; daß man -hinunter und hinunter, tiefer und immer tiefer bis in's Innerste der -Erde steigen könne und doch immer dasselbe finden würde -- Labyrinth -unter Labyrinth in endloser Folge. Keiner kannte die Höhle ganz, das -war ein Ding der Unmöglichkeit. Die meisten der jungen Leute kannten -einen Teil derselben, und für gewöhnlich wagte sich niemand über diesen -allgemein begangenen Teil hinaus. Tom Sawyer kannte von der Höhle nicht -mehr als die andern. - -[Illustration] - -Der ganze Zug bewegte sich noch immer geschlossen den Haupteingang -entlang, allmählich aber begannen sich Gruppen und Paare zu lösen und -in den Seitengängen zu verschwinden. Hier flogen sie lautlos dahin -durch die unheimlichen Gänge, uneingestandenen Grausens voll, und -überraschten und erschreckten andere an Punkten, wo die einzelnen Gänge -sich kreuzten oder auch zusammenliefen. Halbe Stunden lang konnte man -sich so meiden oder finden, ohne sich jemals aus dem bekannten Teil der -Höhle zu entfernen. - -Allmählich fand sich ein Teil der Gesellschaft nach dem andern wieder -an der Mündung der Höhle ein, atemlos, fröhlich, glückselig, vom -Kopf bis zu den Füßen mit Talg betröpfelt, mit Lehm beschmiert, aber -entzückt, berauscht von dem genossenen Vergnügen des Tages. Man war -erstaunt, daß es da draußen mittlerweile schon beinahe Nacht geworden -war. Die Glocke der Fähre mahnte seit beinahe einer halben Stunde -schrill zur Heimkehr. Dieser Schluß der Abenteuer des Tages war aber -ganz nach dem Sinn der jugendlichen Gesellschaft, die gewohnt war, -jeden Freudenkelch bis zur Neige zu schlürfen. Als die Fähre mit ihrer -tollen Fracht in den Strom hinaus stieß, bedauerte nur einer an Bord -die verschwendete Zeit der letzten Stunde, und das war der Kapitän. - -Huck war bereits auf seinem allnächtlichen Lauscherposten, als die -Lichter der Fähre am Ufer vorüber glitten. Er hörte kein Geräusch -an Bord, denn die jungen Leute waren zahm und still geworden, so -zahm und still, wie man zu werden pflegt, wenn man sich in Lust und -Uebermut totmüde getobt hat. Huck sann nach, was für ein Boot dies -sein könne, und warum es nicht am gewöhnlichen Halteplatze anlege; -dann wanderten seine Gedanken weiter, um sich voll und ganz auf sein -Vorhaben zu richten. Die Nacht war wolkig und dunkel. Zehn Uhr kam, das -Geräusch der Wagen erstarb, einzelne Lichter begannen zu erlöschen, -der Fußgänger wurden weniger und weniger, das Städtchen bereitete -sich zum nächtlichen Schlummer vor und überließ den kleinen Lauscher -sich selber, dem rings herrschenden Schweigen und den Geistern der -Finsternis. Elf Uhr nahte, auch die Lichter der Herberge erloschen, -Dunkel überall. Huck harrte und lauschte, eine lange, bange Zeit, wie -ihm schien. Nichts erfolgte. Sein Vertrauen begann zu wanken. Hatte -dies geduldige Ausharren wohl irgend einen Wert? Würde es irgend einen -Nutzen haben? Ob er's nicht viel besser ganz sein ließe und sich gar -nicht weiter um die Sache kümmerte? - -Da schlug ein Geräusch an sein Ohr. Im Moment war er ganz atemlose -Aufmerksamkeit. Eine Thüre schloß sich leise und sacht. Er sprang an -die Ecke der kleinen Gasse, und fast gleichzeitig huschten zwei dunkle -Gestalten an ihm vorüber, deren eine irgend etwas Gewichtiges unter dem -Arme zu tragen schien. Das mußte die Geldkiste sein! Der Schatz wurde -also fortgeschleppt! Sollte er nach Tom rufen? Das wäre hirnverbrannt -gewesen, denn einstweilen konnten die Kerle mit der Beute Gott weiß -wohin verschwinden -- auf Nimmerwiedersehen. Behüte, er wollte sich an -ihre Sohlen heften und im sicheren Schutz der Dunkelheit ihrer Spur -folgen. Während er so mit sich selber in's reine kam, war er behende -hinter den Männern her geglitten, katzenartig, barfuß, denselben gerade -genügend Vorsprung lassend, um sie noch im Auge behalten zu können. - -Eine Strecke weit gingen sie der Flußstraße entlang und bogen dann -zur Linken in ein Seitengäßchen ein. Diese verfolgten sie bis dahin, -wo ein Fußpfad nach dem Cardiff-Berge abzweigte, welchen sie nun -einschlugen, dann ging's an des Wallisers Haus vorbei, höher und immer -höher den Berg hinan. Schön, dachte Huck, die gehen zum Steinbruch und -verscharren dort ihren Schatz. Nein weiter, immer weiter ging's, vorbei -am Steinbruch, ohne Aufenthalt. Nun war die Höhe des Berges erreicht. -Jetzt drangen sie auf schmalem Pfad in das dichte Sumachgehölz ein und -waren auf einmal in der Dunkelheit verschwunden. Huck folgte rasch -nach und verkürzte seinen Abstand, denn hier war eine Entdeckung -ganz unmöglich. So trabte er eine Weile dahin, um dann doch wieder -langsamere Schritte zu machen, aus Furcht, zu rasch vorwärts zu kommen. -Noch ein paar Schritte, dann hielt er an, lauschte, -- kein Ton, -keiner, außer dem Klopfen seines eignen Herzens! Der Schrei einer Eule -klang aus dem Thal empor, -- unheilvoller Laut! Aber kein Fußtritt, -kein noch so leises Knistern der Zweige! Großer Gott, war denn alles -verloren? Eben wollte er sich in beschleunigtem Tempo vorwärts stürzen, -als sich jemand, keine vier Fuß von ihm entfernt, räusperte. Sein Herz -schien ihm in die Kehle zu fahren, doch entschlossen schluckte er's -wieder hinab. Da stand er, zitternd wie Espenlaub, als ob ihn ein -Dutzend kalter Fieber auf einmal gepackt hätte und schüttelte, bis ihm -Hören und Sehen verging und er dachte, zu Boden sinken zu müssen vor -Angst und Schwäche. Er wußte nun, wo er war. In der Entfernung von -wenigen Schritten mußte sich der Zaun befinden, der das Eigentum der -Witwe Douglas umzog. ›Um so besser,‹ überlegte er, ›wenn sie's hier -verscharren, wird's 'ne kleine Mühe sein, es wieder aufzufinden.‹ - -Jetzt hörte er eine leise Stimme, eine sehr leise Stimme, die er -trotzdem erkannte, es war die des Indianer-Joe. - -»Hol' sie der Henker, hat sicher wieder Leute bei sich -- seh' noch -Lichter, so spät's auch ist!« - -»Ich seh' gar nichts.« - -Es war jenes Fremden Stimme, -- des Fremden aus dem Geisterhause. -Eiseskälte durchzuckte Hucks Herz. Das also war jener geplante -›Racheakt‹. Sein erster Gedanke war Flucht. Dann dachte er daran, -wie gütig die Witwe Douglas, die freundliche, schöne Dame, mehr als -einmal gegen ihn, den armen Strolch, gewesen, und daß diese Schurken -vielleicht im Sinn hätten, sie zu morden. Ach, wenn er nur den Mut -hätte, sie zu warnen; aber das getraute er sich doch nicht, -- konnten -die Kerle doch kommen und ihn abfangen. All dies und mehr noch schoß -ihm durch's Hirn in dem einen Moment, welcher zwischen der Bemerkung -des Fremden und der darauf folgenden Antwort des Indianer-Joe verfloß. - -»Na, der Busch steht dir im Weg, da schau mal hier hinaus, -- so -- -gelt, jetzt siehst du's?« - -»Jawohl, werden wohl Leute dort sein -- geben's besser auf, denk' ich.« - -»Aufgeben, eben, wo ich dem verdammten Land für immer den Rücken kehren -will, aufgeben, um vielleicht nie wieder Gelegenheit zur Rache zu -haben? Ich sag' dir's noch mal, wie ich's schon gesagt hab', keinen -Pfifferling frag' ich nach ihrem Geld -- das kannst du haben. Aber ihr -Mann war hart gegen mich, nicht einmal, nein, oft und oft, und vor -allem war er der Hund von einem Richter, der mich wegen Landstreicherei -immer wieder in's Loch steckte. Und das ist noch lang' nicht alles! -Millionenmal nicht alles! _Durchpeitschen_ hat er mich lassen, -durchpeitschen vor dem Gefängnis, wie einen Hund oder einen Nigger! Die -ganze Stadt konnt's sehen! Durchpeitschen -- begreifst du das! Er kam -meiner Rache zuvor und starb, -- sie aber soll's büßen!« - -»Du wirst sie doch nicht umbringen wollen? Das wirst du doch nicht -thun, so'n hübsches, stattliches Frauenzimmer, und 'n gutes Herz hat -sie auch für die Armen!« - -»Umbringen? Wer denkt daran? Ihn würd' ich abschlachten, wenn er da -wär' -- sie nicht! Ein Frauenzimmer bringt man nicht um, wenn man sich -rächen will -- Unsinn! Der geht's an die geliebte Fratze, man schlitzt -ihr die Nasenflügel und stutzt ihr die Ohren!« - -»Herrgott, das ist --« - -»Behalt' deine Meinung für dich, bis du gefragt wirst, rat' dir's im -Guten, 's wird wohl das beste für dich sein. Ich bind' sie auf ihr Bett -fest; wenn sie sich hinterher verblutet, ist's meine Schuld nicht. Ich -wein' ihr nicht nach! Du, Kamerad, wirst mir dabei helfen -- mir zulieb --- deshalb hab' ich dich mitgenommen, denn allein brächt' ich's am Ende -nicht fertig. Probierst du auszukneifen, so hau' ich dich nieder, das -merk' dir! Und wenn ich dir den Rest geben muß, so kriegt sie auch -eins, daß sie das Aufstehen vergißt, und dann soll mir einer dahinter -kommen, wer das Geschäft besorgt hat.« - -»Na, wenn's denn sein muß, so muß es eben sein, dann los und dran! Je -schneller, desto besser -- mir läuft's jetzt schon kalt über den Leib!« - -»Jetzt dran? -- wo die Leute auf sind? Du, paß mal auf, sonst trau' ich -dir nicht mehr. Nichts da! -- gewartet wird, bis die Lichter aus sind, -'s hat ohnehin keine Eile!« - -Huck wußte, daß nun ein Schweigen folgen müsse, -- ein Schweigen, -schauerlicher und gefährlicher als die mörderischsten Reden. So hielt -er denn seinen Atem an und trat behutsam und verstohlen einen Schritt -zurück, den Fuß vorsichtig und fest niedersetzend, nachdem er zuvor auf -einem Bein balancierte, sodaß er beinahe das Gleichgewicht verloren -hätte. Noch einen Schritt rückwärts mit derselben Umständlichkeit, -denselben Gefahren, einen und noch einen! Jetzt krachte ein Aestchen -unter seinem Fuße. Der Atem blieb ihm beinahe aus, er lauschte. Kein -Laut -- tiefstes Schweigen! Grenzenlos war seine Dankbarkeit. Jetzt -drehte er sich lautlos und mit der äußersten Vorsicht um und verfolgte -seinen früheren Pfad zwischen den hohen Sumachbüschen zurück. Schnell -und behutsam glitt er dahin. Als er dann am Steinbruch aus dem Gehölz -hervortrat, fühlte er sich geborgen. Nun lieh er seinen Sohlen -Schwingen und flog den Berg hinunter, weiter, immer weiter bergab, bis -er das Haus des alten Wallisers erreichte. Er trommelte an die Thüre -und alsbald erschienen der Alte und seine beiden handfesten Söhne am -Fenster. - -»Was zum Teufel ist denn los? Wer drischt dort an der Thüre? He, was -wollt ihr?« - -»Schnell, macht auf -- ich sag' euch dann ja alles!« - -»Wer ist der Ich?« - -»Ei ich, der Huckleberry Finn. Schnell -- um Gottes willen macht auf!« - -»Sieh' mal einer, der Huckleberry Finn! Ist 'n Name, dem sich -eigentlich nicht viele Thüren öffnen. Laßt ihn aber nur immer 'rein, -Jungens, wollen mal hören, was er zu sagen hat.« - -»Sagt's um Gottes willen keinem Menschen, daß ich's euch gesagt hab',« -waren Hucks erste Worte, als er ins Haus trat, »bitte, bitte, verratet -mich nicht, sie würden mich ja umbringen, so gewiß ich hier steh', -- -aber die Witwe da oben ist schon oft und oft gut gegen mich gewesen, -und ich will's sagen, wenn ihr versprecht, nicht zu verraten, daß ich's -gewesen bin!« - -»Bei Gott, da muß was passiert sein, oder der Junge stellte sich nicht -so an,« rief der alte Mann, »heraus damit, mein Sohn, und niemand soll -je ein Sterbenswörtchen davon zu hören kriegen.« - - * * * * * - -Drei Minuten später stiegen der Alte und seine Söhne wohlbewaffnet -den Berg hinan und drangen auf den Zehenspitzen vorsichtig in das -Gehölz ein, die Flinten in der Hand. Huck begleitete sie nicht weiter. -Er barg sich hinter einem großen Felsblock und lauschte. Zuerst ein -drückendes, angstvolles Schweigen, das dann urplötzlich durch mehrere -Schüsse und einen gellenden Aufschrei unterbrochen wurde. Näheres zu -erfahren drängte es Huck nicht. Auf sprang er und fort und flog den -Berg hinunter, so schnell ihn seine Füße zu tragen vermochten. - -[Illustration] - - - - -Siebenundzwanzigstes Kapitel. - - -[Illustration] - -Als am Morgen des folgenden Tages, eines Sonntags, die ersten leisen -Spuren der Dämmerung erschienen, tastete sich Huck durch das Halbdunkel -den Berg hinauf und klopfte mit schüchterner Hand leise an die Thür des -alten Wallisers. Die Hausbewohner schliefen noch, aber ihr Schlaf war -infolge der aufregenden nächtlichen Abenteuer ein äußerst leiser und so -ertönte alsbald eine Stimme vom Fenster: - -»Wer ist da?« - -Hucks ängstliche Stimme antwortete leise: - -»Laßt mich, bitte, ein -- ich bin's nur, Huck Finn!« - -»Ist 'n Name, dem sich diese Thür bei Nacht und bei Tag öffnet. Mein -Junge, sei willkommen!« - -Das waren seltsam klingende Worte in den Ohren des kleinen Vagabunden, -die angenehmsten, die er je gehört. Er konnte sich nicht erinnern, daß -das Schlußwort des alten Mannes je zuvor in Bezug auf ihn angewandt -worden wäre. - -Schnell wurde nun die Thüre geöffnet und er trat ein. Man bot Huck -einen Stuhl und der Alte mit seinen Riesensöhnen kleideten sich in Eile -an. - -»Und jetzt, mein Junge, hoff' ich, daß du einen ordentlichen Hunger -mitgebracht hast, denn das Frühstück soll noch vor der Sonne auf dem -Tisch stehen, und zwar ein gehöriges, das laß meine Sorge sein. Haben -immer gedacht, ich und meine Jungens, du zeigtest dich gestern abend -nochmal, hättest die Nacht bei uns bleiben müssen.« - -»Ich kriegte solche Angst,« sagte Huck, »daß ich den Berg hinunter -stürzte. Ich fing an zu rennen, als die Schüsse krachten und rannte -drei Meilen so weiter. Jetzt bin ich nur gekommen, weil ich gern was -drüber gehört hätte, und vor Tag komm' ich, weil ich nicht gern den -Teufeln in den Weg laufen möchte, -- selbst wenn sie tot wären.« - -»Armer Kerl, man sieht dir's weiß Gott an, was das für 'ne Nacht für -dich war, aber wart' nur, du sollst 'n Bett haben, wenn du gefrühstückt -hast. Nee, tot sind die Halunken leider nicht, mein Junge, und leid -genug thut's uns. Deiner Beschreibung nach wußten wir den Ort ziemlich -genau, an dem sie zu finden waren, wir schleichen also auf den -Zehenspitzen 'ran, bis vielleicht auf fünfzehn Fuß Entfernung, und -dunkel wie 'n Loch war's in den Büschen drin, da, auf einmal merk' ich, -daß mich das Niesen ankommt. Ob das nicht Pech war! Will's natürlich -zurückhalten, aber nee, keine Möglichkeit, 's wollt' kommen und 's kam -auch mit Macht. So pust' ich denn los mit aller Gewalt. Ich war der -Vorderste von uns, mit meiner Pistole in der Hand, und als nun das -Niesen losging, entstand ein Rascheln vor uns im Gebüsch. Ich schrei: -›Feuer, Jungens‹, und wir drei feuern denn auch nach der Richtung hin. -Ja, prost die Mahlzeit! Die Kerle waren flinker als der Wind, wir aber -hinterher wie die wilde Jagd, in die Wälder hinein. Gekriegt aber haben -wir sie nicht. Ehe sie auskniffen, hat jeder von ihnen noch mal seine -blaue Bohne abgeknallt, aber die sausten an uns vorbei und thaten -keinen Schaden. Als sich das Geräusch ihrer Schritte verlor, gaben wir -die Jagd auf und gingen hinunter in's Städtchen, um die Konstabler -zu wecken. Die machten sich denn auch gleich auf und wollten am Ufer -rekognoszieren, und sobald es Tag ist, sollen die Wälder abgesucht -werden. Meine Jungens werden auch dabei sein. Wollt', einer könnt' uns -die Kerle beschreiben, 's wär dann viel leichter für uns. Du wirst wohl -nicht viel von den Schuften gesehen haben, dort oben in der Dunkelheit, -was?« - -»Nee, aber unten in der Stadt hab' ich sie schon gesehen und bin ihnen -von dort nachgegangen.« - -»Kapital! Na, dann los, mein Junge, wie sehen sie aus? Beschreib' sie -mal so'n bißchen genau!« - -»Ei, einer davon ist der taubstumme Spanier, der seit 'n paar Tagen -hier herum streicht, und der andre ist 'n gemein aussehender, -zerlumpter --« - -»Schon genug, Junge, kenn' die Kerle! Hab' sie neulich mal da oben -im Wald hinter der Witwe Douglas ihrem Haus gesehen, schoben ab, als -ich in Sicht kam. Nun aber schnell fort mit euch, Jungens, sagt's -fein dem Sheriff, was ihr da vom Huck gehört habt, könnt' morgen früh -frühstücken!« - -Beide Söhne machten sich ohne Widerrede alsbald marschfertig. Als sie -eben das Zimmer verlassen wollten, sprang Huck auf und rief flehend: - -»O, bitte, bitte, sagt's aber niemand, daß ich die Kerle angegeben, -bitte, bitte!« - -»Gut, wenn du's nicht willst, Huck, aber eigentlich solltest du die -Ehre haben von dem, was du gethan hast.« - -»O nein, nein. Bitte, verratet mich nicht!« - -Als die jungen Leute weg waren, sagte der Alte: - -»Sie verraten's nicht und ich thu's auch nicht. Aber sag' mal, warum -willst du denn nicht, daß man's weiß?« - -Huck ließ sich auf keine weitere Erklärung ein, sondern sagte nur, er -wisse schon mehr als zuviel von dem einen der Kerle und wolle um keinen -Preis, daß der dahinter komme, sonst sei er, Huck, keinen Moment seines -Lebens sicher. - -Noch einmal gelobte der alte Mann Verschwiegenheit und fragte dann: - -»Wie kamst du drauf, den Kerlen nachzuschleichen, Junge? Sahen sie dir -verdächtig aus?« - -Einen Moment war Huck still und überlegte sich die Antwort, dann sagte -er: - -»Ja, seht ihr, ich bin so 'ne Art Landstreicher, wenigstens sagen die -Leute so, und da muß es wohl wahr sein. Na, da simulier' ich denn -manchmal drüber nach in der Nacht und das läßt mich nicht schlafen, und -ich denk' und denk', wie ich wohl anders werden könnt'. So war's wieder -mal gestern nacht. Schlafen konnt' ich nicht und so bummel' ich denn in -den Straßen herum, und als ich da in der Nähe von der Herberge an den -alten Schuppen komm', lehn' ich mich mit dem Rücken dran, um nochmal -besser nachzudenken. Na, da streichen dann plötzlich die zwei Kerls -an mir vorbei, tragen etwas unterm Arm. Halt, denk' ich, die haben -gestohlen. Einer rauchte und der andre wollte Feuer haben, so blieben -sie nicht weit von mir stehen, und die Cigarren warfen einen Strahl auf -die Gesichter und ich sah, daß der eine der taubstumme Spanier ist und -der andre ein ruppiger, zerlumpter --« - -»Was, die Lumpen hast du auch gesehen beim Schein der Cigarren?« - -Das machte Huck für einen Moment unsicher, dann aber sagte er: - -»Nun ich weiß nicht -- aber es kommt mir vor, als ob ich sie gesehen -hätte.« -- - -»Dann liefen sie also weiter und du --« - -»Ich hinterher, ja, so macht' ich's. Wollt' mal sehen, was los sei, -sie schlichen so verdächtig an den Häusern hin. Oben bei der Witwe -Garten standen sie dann still, ich auch, und da hört' ich denn, wie der -eine für die Frau bat und der andre, der Spanier, schwor, er wollte -ihr schon die Fratze verderben, grad' wie ich's euch und euren Söhnen -gestern abend --« - -»Was, der Taubstumme hat das gesagt?« - -Da! Nun saß Huck von neuem in der Patsche! Er hatte sein Bestes thun -wollen, um den alten Mann abzulenken von der Spur, wer eigentlich der -Taubstumme sei, und trotz aller Mühe und Vorsicht schien seine Zunge -entschlossen, ihn wieder und wieder in Verlegenheit zu bringen. Umsonst -versuchte er, sich aus der Klemme zu ziehen. Des Alten Auge ruhte so -durchdringend auf ihm, daß er Versehen über Versehen machte. Da nahm -der Alte das Wort: - -»Mein Junge,« sagte er, »vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten, -mit meinem Willen soll dir keiner was zu leide thun; ich will dir schon -helfen, kannst dich darauf verlassen! Der Spanier ist nicht taubstumm, -soviel hast du nun schon verraten, ohne es zu wollen, das kannst du -nicht mehr zurücknehmen. Du weißt aber noch mehr über den Kerl, was du -nicht sagen willst. Komm mal her, Junge, vertrau mir, sag's, hab' keine -Angst, du kannst mir trauen, ich verrat' dich keinem.« - -Huck starrte einen Moment in die ehrlichen Augen des alten Mannes, dann -beugte er sich über den Tisch und flüsterte ihm ins Ohr: - -»'s ist ja gar kein Spanier, -- 's ist der Indianer-Joe!« - -Der Walliser sprang fast von seinem Stuhl auf vor Erstaunen, dann sagte -er: - -»Jetzt ist mir alles klar. Als du gestern abend von Nasenschlitzen und -Ohrenabschneiden sprachst, dacht' ich, 's sei 'ne Erfindung von dir, -ein Weißer rächt sich nicht auf solche Art. Ein Indianer aber! Das -ändert die ganze Sache!« - -Während des Frühstücks wurde die Unterhaltung fortgesetzt und im -Verlauf derselben erzählte der alte Mann, er und seine Söhne hätten, -ehe sie zu Bett gingen, eine Laterne angezündet und die Stelle dort -oben am Zaun gründlich nach Blutspuren untersucht. Die hätten sie zwar -nicht gefunden, aber dafür ein dickes Bündel -- - -»_Ein Bündel?_« - -Wenn diese Worte Blitze gewesen wären, sie hätten nicht mit größerer -Plötzlichkeit Hucks erblaßten Lippen entfahren können. Seine Augen -starrten weit geöffnet, sein Atem kam stoßweise, während er mit Zittern -der weiteren Rede des alten Mannes harrte. Dieser stockte, starrte -hinwiederum Huck an, drei, fünf, zehn Sekunden lang und sagte dann: - -»Ja, ein Bündel Einbrecherwerkzeuge! Na, nu sag' aber mal, was mit dir -los ist, Junge!« - -Huck war in seinen Stuhl zurückgesunken, erleichtert und dankbar -aufatmend. Der Walliser sah ihn lange aufmerksam an, dann bestätigte er -nochmals: - -»Ja, Diebswerkzeuge. Dir scheint ein Stein dabei vom Herzen zu fallen. -Was hat dich aber denn so in Aufregung gebracht? Was hätten wir denn -sonst finden sollen?« - -Wieder saß Huck in der Klemme! Das forschende Auge ruhte auf ihm, -- er -hätte irgend etwas um eine annehmbare Ausrede gegeben. Nichts wollte -ihm einfallen; der forschende Blick drang tiefer und tiefer, -- eine -sinnlose Antwort stieg in ihm auf und da keine Zeit zum Ueberlegen war, -so stieß er denn schwach hervor: - -»Sonntagsschulbücher, -- vielleicht.« - -Der arme Huck war zu befangen, um auch nur lächeln zu können, der alte -Mann aber lachte, lachte aus vollem Halse, laut und herzlich, so daß -alles an ihm vom Kopf bis zu den Füßen wackelte, und als er wieder -zu Atem kam, meinte er, solch' ein Lachen sei wie bares Geld in der -Tasche, denn es erspare einem lange Doktorsrechnungen. Dann fügte er -bei: - -»Armer, kleiner Kerl, siehst ganz blaß und angegriffen aus, 's scheint -dir gar nicht wohl zu sein. Kein Wunder, daß du ein wenig faselig -geworden und aus dem Gleichgewicht geraten bist. Wird schon wieder -besser werden. Ruhe und Schlaf sollen dich schon auskurieren, denk' -ich.« - -Huck ärgerte sich schwer bei dem Gedanken, solch verräterische -Erregung gezeigt zu haben, denn es waren ihm schon damals, als er die -Schurken bei dem Zaun der Witwe belauschte, Zweifel gekommen, ob das -mitgebrachte Paket der Schatz sei. Doch war dies immerhin nur Vermutung -gewesen, die jetzt erst zur Gewißheit wurde. Die Kiste war also noch -an ihrem alten Platz, und nun war's eine Kleinigkeit für Tom, wenn die -beiden Halunken unter tags eingefangen wurden, am Abend nach jener -bewußten Nummer zwei zu gehen und sich des Schatzes zu versichern. -Alles schien herrlich im Zuge! - -Gerade als das Frühstück beendet war, klopfte es an die Thüre. Huck -versteckte sich geschwind, denn es lag ihm gar nichts daran, mit dem -letzten Ereignis in Zusammenhang gebracht zu werden. Der Walliser -öffnete und ließ mehrere Herren und Damen herein, unter denen sich auch -die Witwe Douglas befand. Dabei bemerkte er, daß noch andre Einwohner -des Ortes truppweise den Hügel erstiegen, um sich den Schauplatz der -nächtlichen Ereignisse zu besehen. Die Kunde von dem Vorgefallenen -hatte sich also schon verbreitet. - -Nun mußte der Alte den Besuchern die Geschichte der Nacht bis in's -kleinste berichten. Die Dankbarkeit der Witwe Douglas für ihre Rettung -machte sich in warmen Worten Luft. - -»Verlieren Sie kein Wort weiter, Madam,« wehrte der Alte ab, »'s giebt -einen, dem Sie zu viel größerem Danke verpflichtet sind, als mir und -meinen Jungens, der will aber seinen Namen nicht genannt haben. Ohne -den, sag' ich Ihnen, wären wir niemals dazu gekommen, die Halunken zu -verjagen.« - -Dies erregte natürlich die allgemeine Neugierde in so hohem Grade, daß -man darüber beinahe die Hauptsache vergaß. Der Walliser aber ließ sich -durch die brennende Neugierde seiner Zuhörer, die sich durch deren -Vermittlung nach und nach dem ganzen Städtchen mitteilte, nicht irre -machen, sondern behielt sein Geheimnis wohlverwahrt bei sich. Als die -Leute alles übrige in Erfahrung gebracht hatten, sagte die Witwe: - -»Gestern abend las ich noch im Bett und schlief ein, so fest, daß ich -von dem ganzen Spektakel gar nichts hörte. Warum haben Sie mich denn -nicht aufgeweckt?« - -»Na, das hielten wir für unnötig. Die Kerls kamen schwerlich wieder, -das war so gut wie gewiß. Weshalb also Lärm schlagen und Sie -unnötigerweise zu Tod erschrecken? Außerdem hab' ich meine drei Nigger -für den Rest der Nacht als Wächter um Ihr Haus gestellt, Madam, die -sind eben zurückgekommen.« - -Immermehr Leute kamen, und die Geschichte mußte nochmals erzählt und -wieder erzählt werden, und immer so weiter, einige Stunden lang. - -Wie gewöhnlich an ereignisvollen Tagen war die Kirche -- es war gerade -Sonntag -- frühzeitig und stark besucht. Das aufregende Ereignis wurde -gehörig besprochen. Man erzählte sich, daß bis jetzt noch nicht die -geringste Spur der Schurken aufgefunden worden sei. - -Nach dem Gottesdienst ging Frau Kreisrichter Thatcher auf Frau Harper -zu, als diese mit der Menge den Hauptgang der Kirche hinabschritt, und -fragte: - -»Meine Becky will heute wohl den ganzen Tag durch schlafen? Habe mir's -doch gedacht, daß sie todmüde sein würde!« - -»Ihre Becky?« - -»Nun ja,« bestätigte die Frau Kreisrichter mit erschrockenem Blick. -»Die ist doch diese Nacht bei Ihnen geblieben?« - -»Bewahre -- nein.« - -[Illustration] - -Frau Thatcher wurde blaß und sank in den nächststehenden Stuhl, gerade -als eben Tante Polly, mit einer Freundin sich lebhaft unterhaltend, -daher schritt. - -»Guten Morgen Frau Kreisrichter, Morgen Sally Harper, hab' da wieder -mal 'nen Schlingel, der nicht heimgekommen ist. Denk' mir, er wird über -Nacht bei Ihnen geblieben sein, bei der einen oder der andern. Fürchtet -sich drum wohl in die Kirche zu kommen, hat ohnedies noch was bei mir -im Salz liegen -- ha, ha!« - -Frau Thatcher, blässer als je, konnte nur leise verneinend den Kopf -bewegen. - -»Bei uns ist er nicht,« sagte Frau Harper zögernd, sie fing auch an -ängstlich zu werden. Eine plötzliche Furcht malte sich in Tante Pollys -Antlitz. - -»Joe Harper, hast du meinen Tom heute morgen schon gesehen?« - -»Nein.« - -»Wann hast du ihn zuletzt gesehen?« - -Joe versuchte sich zu besinnen, konnte aber nicht ganz klar darüber -werden. - -Man war allmählich auf die bestürzte Gruppe aufmerksam geworden. Die -Leute blieben stehen, ein Flüstern ging durch die Menge, Unruhe und -Sorge zeigte sich in jedem Gesichte. Kinder und junge Leute wurden -ängstlich ausgefragt. Alle stimmten darin überein, daß niemand acht -gegeben hätte, ob Tom und Becky bei der Heimfahrt dabei gewesen. Es sei -dunkel geworden und man habe nicht nachgesehen, ob irgend jemand fehle. -Ein junger Mann platzte endlich mit der Vermutung heraus, sie seien am -Ende noch in der Höhle. - -Die Frau Kreisrichter wurde daraufhin ohnmächtig, Tante Polly weinte -und rang die Hände. - -Die Schreckenskunde flog von Lippe zu Lippe, von Gruppe zu Gruppe, von -Straße zu Straße, und innerhalb fünf Minuten tönte wildes Glockenläuten -vom Turme und die ganze Stadt war in Bewegung. Die nächtlichen -Ereignisse verloren jegliches Interesse, Räuber und Mörder waren -vergessen, Pferde wurden gesattelt, Boote bemannt, die Fähre flott -gemacht, und ehe die Schreckensmäre eine halbe Stunde alt war, befanden -sich zweihundert Mann zu Wasser und zu Lande auf dem Wege nach der -Höhle. - -Den ganzen langen Nachmittag hindurch schien das Städtchen wie -ausgestorben. Viele Frauen besuchten Frau Thatcher und Tante Polly, um -sie zu trösten oder mit ihnen zu weinen, was besser war als alle Worte. - -Die ganze lange Nacht hindurch wartete man im Städtchen auf -Nachrichten, und als endlich der Morgen tagte, war nur zu hören: -Schickt mehr Kerzen und schickt Lebensmittel! - -Frau Thatcher war fast von Sinnen, Tante Polly desgleichen. Der -Kreisrichter sandte von Zeit zu Zeit ein Wort der Hoffnung und -Ermutigung aus der Höhle, Trost aber brachte das nicht. - -Der alte Walliser kam gegen Morgen heim, mit Kerzentalg bespritzt, -mit Lehm beschmiert, zu Tode erschöpft. Er fand Huck noch immer auf -dem Lager, das er ihm angewiesen; dessen Geist erging sich in wilden -Fieberphantasieen. Da die Aerzte mit in der Höhle waren, so wußte er -keinen besseren Rat, als die Witwe Douglas zu holen, die denn auch -sofort kam und sich des Patienten liebreich annahm. - -Im Laufe des Vormittags begannen sich allmählich truppweise die -erschöpften Männer im Städtchen wieder einzufinden, während die -Stärkeren draußen blieben, um weiter zu suchen. Alles was man erfahren -konnte war, daß die entlegensten Strecken der Höhle, die bis jetzt -noch kein menschlicher Fuß betreten, abgesucht worden waren, daß jeder -Winkel, jeder Spalt durchforscht werde, daß man überall, wohin der -Fuß sich auch wende, im Gewirr der Gänge, Lichter hin und her huschen -sehe, und daß fortwährend Rufe und Pistolenschüsse in dumpfem Widerhall -gegen die düsteren Felsenwände anschlügen. An einer Stelle, weit von -dem gewöhnlich begangenen Teil der Höhle entfernt, hatte man die Namen -›Becky‹ und ›Tom‹ mit Kerzenrauch auf der Felswand eingeschwärzt -gefunden und dicht dabei ein mit Talg beschmutztes Stückchen Band. -Frau Thatcher erkannte das letztere als ihrem Kinde gehörig und weinte -heiße Thränen darauf. Sie sagte, es sei dies das letzte Zeichen, das -sie jemals von ihrem Kinde erhalten werde, daß kein Andenken ihr so -kostbar und teuer sein könne, als dies kleine Stückchen Band, denn dies -sei das letzte, was sich von dem geliebten, lebendigen Körper gelöst, -ehe der grausame Tod gekommen. Man erzählte, wie einzelne hie und da in -der Höhle ein fernes Lichtfünkchen entdeckten, um mit Jubel und Hallo -und voller Hoffnungsfreudigkeit drauf los zu stürzen, aber stets folgte -bittere Enttäuschung: es waren nicht die vermißten Kinder, sondern nur -das Licht irgend eines andren Mitsuchenden. - -Drei schreckliche Tage und Nächte schleppten ihre endlosen Stunden -über das Städtchen hin, und dieses versank in hoffnungslose, starre -Betäubung. Niemand hatte Lust zu irgend etwas. Die eben erfolgte -zufällige Entdeckung, daß der Besitzer der Mäßigkeitsvereins-Herberge -Spirituosen hielt, machte kaum Eindruck, so furchtbar diese Thatsache -auch sein mochte. In einem lichten Moment suchte Huck die Rede auf -Gasthöfe im allgemeinen und diese Mäßigkeitsvereins-Herberge im -besonderen zu lenken, und fragte zuletzt zaghaft, das Schlimmste -befürchtend, ob irgend etwas dort entdeckt worden sei, während er krank -gewesen. - -»Ja,« bestätigte die Witwe. - -Mit wild starrenden Augen fuhr Huck im Bett in die Höhe: - -»Was -- was denn?« - -»Branntwein! -- man hat die Herberge geschlossen. Leg' dich doch, Kind, --- wie hast du mich erschreckt!« - -»Sagen Sie mir nur noch eines, -- nur noch eins, bitte, hat's Tom -Sawyer gefunden?« - -Die Witwe brach in Thränen aus. - -»Still, still, Kind, still. Ich habe dir's doch schon gesagt, du darfst -nicht reden. Du bist sehr, sehr krank.« -- - -Also nur Branntwein war gefunden worden; hätte man das Gold entdeckt, -wäre ein andres Hallo entstanden. Der Schatz war also verloren, -- -verloren für immer. Warum aber weinte die Frau? Sonderbar, was hatte -sie zu weinen? - -Dunkel bahnten sich solche Gedanken ihren Weg durch Hucks mattes Gehirn -und machten ihn so müde, daß er drüber in Schlaf sank. Die treue -Pflegerin beobachtete ihn und flüsterte leise: - -»Da -- nun schläft er wieder, armer, kleiner Kerl. Ob Tom Sawyer den -Branntwein gefunden hat! Großer Gott, wenn doch nur einer den Tom -Sawyer selber finden wollte! Viele giebt's nicht mehr, die noch Kraft -genug oder auch Hoffnung genug haben, um weiter zu suchen.« - -[Illustration] - - - - -Achtundzwanzigstes Kapitel. - - -Kehren wir jetzt zu Toms und Beckys Anteil am Picknick zurück. -Sie wanderten mit der übrigen Gesellschaft durch die düsteren -Gänge, um die bekannten Wunder der Höhle zu besuchen, -- Wunder -mit vielversprechenden, prunkenden Namen, wie der ›große Saal‹, -›die Kathedrale‹, ›Aladdins Palast‹, und so weiter. Dann kam das -Versteckspiel an die Reihe und Tom und Becky beteiligten sich mit -Eifer daran, bis das Vergnügen anfing, etwas ermüdend zu wirken. Dann -schlenderten sie durch die verzweigten Gänge, hielten die Kerzen hoch -und lasen das Gewirr von Namen, Daten, Adressen und Reimen, welche -mit Kerzenrauch gemalt, die Felswände gleich Fresken bedeckten. -Immer weiter schreitend und plaudernd merkten sie kaum, daß sie sich -nun in einem Teil der Höhle befanden, wo die Wände noch unbefleckt -waren. Sie schwärzten ihre eigenen Namen an einer geeigneten Stelle -ein und schritten dann weiter. Nun kamen sie an einen Ort, wo ein -kleines Wässerchen, das von einer Wand niederträufelte und einen -Bodensatz von Kalk mit sich führte, im Laufe endloser Zeiträume einen -ganzen Wasserfall aus Spitzen und Schnörkelwerk in schimmerndem, -unvergänglichem Gestein gebildet hatte. Tom zwängte seinen schmächtigen -Körper dahinter, um den spitzenartigen Ueberhang zu Beckys Vergnügen -zu beleuchten und entdeckte, daß derselbe eine steile, von der -Natur geschaffene Treppe verbarg, die zwischen engen Wänden abwärts -führte. Jetzt kam der Ehrgeiz des Entdeckers über ihn. Becky folgte -seinem Ruf, sie machten sich mit Rauch ein Zeichen an die Wand, um -sich später wieder zurecht zu finden und traten dann wohlgemut die -Entdeckungsreise an. Sie schlugen bald diesen, bald jenen Weg ein und -gelangten nach und nach in die geheimsten Tiefen der Höhle; sie machten -sich dann ein zweites Zeichen und zweigten ab, um nach neuen Wundern -zu suchen, von denen sie der staunenden Oberwelt mit Stolz berichten -könnten. Sie kamen zu einem hallenartigen Raume, von dessen Decke -Massen von riesigen, schimmernden Tropfsteingebilden niederhingen. -Staunend durchwanderten sie die Halle nach allen Seiten und verließen -dieselbe dann, immer kühner werdend, durch einen der zahlreichen, hier -einmündenden Seitengänge. Dieser brachte sie nach kurzer Frist zu -einer entzückenden, kleinen Quelle, deren Becken mit einer wunderbar -glitzernden Kruste phantastisch geformter Kristalle überzogen war. -Dieser Zauberborn befand sich inmitten eines neuen Gewölbes, dessen -Decke durch eine Menge schlank aufstrebender Pfeiler gestützt wurde, -welche durch das allmähliche Zusammenwachsen großer Tropfsteingebilde -im Laufe vieler Jahrhunderte entstanden waren. Unter der Wölbung -hatten sich riesige Klumpen von Fledermäusen zusammengeballt, Tausende -auf einem Knäuel. Das Licht störte die nächtlichen Wesen auf, so daß -sie zu Hunderten hernieder flatterten und mit tollem Gequieke gegen -die Lichter schossen. Mit dem Wesen dieser Tiere vertraut, erkannte -Tom sofort das Gebahren und die Gefahr, die für sie beide darin lag. -Er ergriff Beckys Hand und stürzte mit ihr in den ersten besten -Seitengang, der sich ihnen zeigte; keinen Augenblick zu frühe, denn -eben huschte eine Fledermaus mit ihrem Flügel so dicht an Beckys Kerze -vorüber, daß die kleine Flamme erlosch. Tom gelang es, die seine mit -Erfolg zu hüten, obgleich die aufgescheuchten Tiere die Kinder noch -weit durch die verschiedensten Gänge verfolgten, welche diese in -blinder Hast durcheilten, nur darauf bedacht, der Gefahr möglichst -rasch zu entgehen. Kurz darauf fand Tom einen unterirdischen See, -dessen nächtliche Fluten sich weit in die schwarzen Schatten hinein -verloren. Ihn gelüstete, das Ufer ringsum zu erforschen, doch zuvor -beschlossen die Kinder, sich ein Weilchen zu setzen, auszuruhen und -frische Kräfte zu sammeln. Jetzt, zum erstenmal, legte sich die -schauerlich tiefe Stille der Umgebung wie eine feuchtkalte Hand auf die -mutig und fröhlich pochenden Herzen der Kinder. Becky meinte: - -»Ich hab' gar nicht acht gegeben, aber mir kommt's wie eine Ewigkeit -vor, seit wir die andern nicht mehr gehört haben.« - -»Denk' doch 'mal 'n bißchen nach, Becky, wir sind ja tief unter ihnen -und weiß Gott wie viel weiter nördlich oder südlich oder östlich oder -was es ist. 's ist ja einfach unmöglich, 'was zu hören.« - -Becky wurde ängstlich. - -»Möcht' wissen, wie lang wir schon hier unten sind, Tom. Laß uns lieber -umkehren.« - -»Ja, 's wird wohl besser sein, denk' ich, s' wird besser sein.« - -»Weißt du den Weg, Tom? Mir ist's das reine Wirrsal.« - -»Finden könnt' ich ihn am End', aber denk' doch mal, die Fledermäuse! -Wenn die uns beide Lichter ausmachen, kann's 'ne böse Geschichte für -uns werden. Müssen eben probieren, 'nen andern Weg zu finden, der nicht -dort durchführt.« - -»Gut, aber hoffentlich verirren wir uns nicht. Das wäre zu gräßlich!« -Und das Kind schauderte bei dem Gedanken an die bloße Möglichkeit. - -Sie wandten sich nun durch einen langen Gang zurück und durchschritten -denselben schweigend eine lange, lange Zeit, starrten dabei in jeden -Seitengang, um irgend ein bekanntes Zeichen zu entdecken, aber alles, -alles war neu und fremd. Jedesmal, wenn Tom prüfte und untersuchte, -beobachtete Becky ängstlich sein Gesicht, um eine Spur der Entmutigung -zu finden, und er sagte regelmäßig ganz heiter: - -»Oho, ganz recht. Hier ist's noch nicht, wird wohl gleich kommen!« -Aber mit jedem Fehlschlagen fühlte er weniger und weniger Hoffnung im -Herzen und begann allmählich auf's Geratewohl die abzweigenden Gänge -zu durchwandern, sich in der Verzweiflung damit tröstend, er werde -am Ende durch Zufall den richtigen Weg finden. Wohl sagte er immer -noch: ›Schon recht!‹ aber allmählich hatte sich die Angst wie ein -Bleigewicht auf seine Seele gelegt, die Worte hatten den Klang der -Ueberzeugung verloren und lauteten, als ob sie bedeuten sollten: ›Alles -ist verloren‹. Becky drängte sich in lautlosem Entsetzen dicht an seine -Seite und preßte mit Gewalt die Thränen zurück. Endlich sagte sie: - -»O, Tom, was liegt an den Fledermäusen, laß uns doch den alten Weg -gehen. Hier scheint's, als ob wir weiter und weiter abkämen.« - -Tom blieb stehen. - -»Horch!« sagte er. - -Tiefes Schweigen, ein Schweigen so tief, daß die Kinder in der -Stille ihre eigenen Atemzüge hören konnten. Tom rief laut hinaus in -das Dunkel. Der Ruf tönte widerhallend die einsamen Gänge entlang -und erstarb in der Ferne in einem schwachen Laute, der fast wie -Hohngelächter klang. - -»O, thu's nicht wieder, Tom, thu's nicht wieder. Es ist gräßlich,« -flehte Becky. - -»Gräßlich ist's, aber 's ist doch besser, wenn ich's thue, Becky, sie -_könnten_ uns doch am Ende hören,« und er schrie noch einmal. - -Dieses ›könnten‹ war beinahe noch gräßlicher, als jenes geisterhafte -Lachen, es lag eine solch' verzweifelte Hoffnungslosigkeit drin! -Wieder lauschten die Kinder mit aller Anstrengung, aber kein Ton -ließ sich hören. Tom wandte sich sofort zurück und beeilte seine -Schritte. Es dauerte nur eine kleine Weile, bis eine gewisse Unruhe und -Unschlüssigkeit in seinem Benehmen Becky die furchtbare Thatsache ahnen -ließ, daß er den Rückweg nicht zu finden vermochte! - -»Tom, o Tom, du hast dir ja gar keine Zeichen mehr gemacht!« - -»Ja, Becky, ich war ein Narr, ein elender, blinder, dummer Narr! Ich -hab' gar nicht dran gedacht, daß wir wieder zurück müssen! Nein, ich -kann den Weg nicht finden, 's läuft ja hier alles kreuz und quer.« - -»Tom, Tom, wir sind verloren! Wir können nie, nie wieder aus dieser -gräßlichen Höhle heraus. O, warum sind wir von den andern fortgegangen!« - -Sie sank zu Boden und brach in so krampfhaftes Weinen aus, daß Tom -angst und bange wurde, sie möchte sterben oder den Verstand verlieren. -Er beugte sich zu ihr und schlang seine Arme um sie, sie barg ihr -Gesichtchen an seiner Brust, schmiegte sich fest an ihn und strömte -ihr Entsetzen und ihre Reue in Wehklagen aus, das in dem fernen Echo -wie spöttisches Gelächter verklang. Vergebens flehte Tom sie an, Mut -zu fassen. Nun begann er sich selber Vorwürfe zu machen und sich -anzuklagen, daß er sie in so gräßliche Lage gebracht. Das hatte bessere -Wirkung. Sie wollte mit bestem Willen versuchen, wieder zu hoffen, und -erklärte sich bereit, ihm zu folgen, wohin er sie führe, nur dürfe er -nicht wieder so reden, denn er sei nicht mehr zu tadeln als sie selber. - -So schritten sie also wieder dahin, ziellos, planlos, auf gutes Glück. -Das einzige, was sie thun konnten, war vorwärts zu gehen, sich in -Bewegung zu erhalten. Ein kleines Weilchen schien die Hoffnung wieder -aufleben zu wollen; nicht daß ein besonderer Grund dazu vorhanden -gewesen wäre; allein es ist eben einmal die Natur der Hoffnung, sich -leicht wieder zu beleben, wo ihr die Schwungkraft noch nicht durch -Alter und stetes Mißlingen geraubt worden ist. - -Bald darauf nahm Tom Beckys Licht und blies es aus. Dieser Akt der -Sparsamkeit war vielsagend. Da bedurfte es keiner Worte. Becky verstand -seine Bedeutung, und die Hoffnung erstarb ihr wieder. Sie wußte, daß -Tom eine ganze Kerze und noch drei oder vier Stümpfchen dazu in seiner -Tasche trug, -- und doch sparte er! - -Allmählich machte die Müdigkeit ihre Rechte geltend, allein die Kinder -wollten nicht darauf achten; sie konnten unmöglich an Niedersitzen -und Rast denken, wo die Zeit so kostbar war. Sich vorwärts bewegen -in irgend einer Richtung bedeutete doch einen Fortschritt und konnte -möglicherweise ein Gelingen zur Folge haben; sich niedersetzen hieß den -Tod herbeirufen und sein Kommen beschleunigen. - -Zuletzt versagten Beckys zarte Glieder jeden weiteren Dienst, sie mußte -sich setzen. Tom ließ sich neben ihr nieder und sie sprachen von zu -Hause, von ihren Angehörigen, von ihren behaglichen Betten und vor -allem vom lieben, goldnen Tageslicht! Becky weinte leise vor sich hin -und Tom zerbrach sich den Kopf, wie er sie trösten könne; aber jedes -Trostwort war schon längst verbraucht und klang beinahe wie Hohn und -Spott. Bleierne Müdigkeit lastete auf Becky und drückte ihr zuletzt die -Augen zu. Wie froh war Tom. Er saß und starrte in ihr gramverzogenes -Gesichtchen, das nach und nach unter dem Einfluß heiterer Träume hell -und heller wurde, bis sich allmählich ein verklärendes Lächeln darüber -ergoß. Die friedvollen Züge warfen einen Strahl von Frieden und Ruhe in -seine eigene Seele und seine Gedanken wanderten zurück zu vergangenen -Tagen, träumerischer Erinnerung voll. Während er noch tief in -Nachsinnen versunken war, erwachte Becky mit einem kurzen, fröhlichen -Lachen, das ihr jedoch alsbald auf den Lippen erstarb und einem Stöhnen -Platz machte. - -»O, wie konnte ich nur schlafen! Wär' ich doch nie, nie mehr -aufgewacht! Aber Tom, was hast du? -- Ich will's ja nie wieder sagen, -nur sieh' mich nicht so an!« - -»Ich bin froh, daß du geschlafen hast, Becky, nun bist du wieder munter -und wir finden sicher den Weg hinaus.« - -»Wir wollen's versuchen! Ach, ich hab' im Traum so 'n schönes, -herrliches Land gesehen, -- ich glaub', wir kommen dorthin!« - -»Noch nicht, Becky, vielleicht noch nicht. Mutig vorwärts, laß uns -weiter suchen!« - -Sie erhoben sich und wanderten weiter, Hand in Hand, hoffnungslos. Sie -versuchten zu schätzen, wie lange sie schon in der Höhle herumirrten, -es kam ihnen vor, als seien es Tage und Wochen, aber es konnte -unmöglich sein, denn noch waren ihre Kerzen nicht ausgegangen. - -Lange Zeit hernach, wie lange wußten sie nicht, sagte Tom, sie müßten -nun leise gehen und lauschen, ob sie nicht das Rieseln von Wasser -hörten, -- sie müßten eine Quelle finden. Bald darauf fanden sie -wirklich eine, und Tom hielt es an der Zeit, wieder auszuruhen. Beide -waren furchtbar müde, aber Becky meinte trotzdem, sie könne noch ein -wenig weiter gehen. Zu ihrer Ueberraschung war Tom anderer Meinung; sie -konnte nicht verstehen warum. So setzten sie sich denn nieder und Tom -befestigte die Kerze mit etwas Lehm an der gegenüber liegenden Wand. -Gedanken kamen und gingen, gesprochen wurde lange Zeit nichts. Endlich -brach Becky das Schweigen: - -»Tom, ich bin so hungrig.« - -Tom zog etwas aus seiner Tasche. - -»Kennst du das?« - -Becky lächelte beinahe. Es war ein Stückchen Kuchen, das er ihr aus -Scherz während des Picknicks abgejagt hatte, worüber sie damals sehr -ungehalten schien. Nun war es zum letzten Hoffnungsanker in der Not -geworden. - -»Wollt' es wär' hundertmal so groß,« brummte Tom, »könnten's jetzt -brauchen!« - -»O, Tom, wo hätt' ich gedacht, daß dies unser letztes --« - -Sie vollendete den Satz jedoch nicht. Tom brach das Stück entzwei und -Becky aß ihr Teil mit gutem Appetit, während er an dem seinen nur so -herum knapperte. Frisches, klares Wasser hatten sie im Ueberfluß, um -ihr Mahl zu vollenden. Nach einiger Zeit schlug Becky vor, weiter zu -gehen. Tom schwieg einen Moment, dann sagte er: - -»Becky, kannst du's ertragen, wenn ich dir etwas sage?« - -Becky erbleichte, bat ihn aber, tapfer zu reden. - -»Nun denn, Becky, wir müssen hier bleiben, wo wir Wasser zum Trinken -haben. Dies kleine Stümpfchen ist unser letzter Rest von Kerze.« - -Becky brach in Weinen und Jammern aus. Tom that was er konnte, um sie -zu trösten, aber mit wenig Erfolg. Zuletzt sagte sie: - -»Tom!« - -»Ja, Becky?« - -»Man wird uns doch zu Hause vermissen und sie werden nach uns suchen!« - -»Natürlich, natürlich thun sie das!« - -»Vielleicht sucht man uns jetzt schon, Tom!« - -»Na, vielleicht, -- hoffentlich.« - -»Wann können sie uns wohl vermißt haben, Tom?« - -»Vermutlich als sie im Boot waren.« - -»Da war's vielleicht schon dunkel, -- 's wird wohl keiner bemerkt -haben, daß wir fehlen.« - -»Na, aber dann wird dich doch deine Mutter jedenfalls vermissen, wenn -die anderen heimkommen.« - -[Illustration] - -Ein erschrockener Blick in Beckys Augen belehrte Tom über seinen -Irrtum. Becky hatte ja am Abend gar nicht nach Hause kommen sollen. -Die Kinder wurden still und nachdenklich. Einen Moment später sah Tom -aus einem erneuten Schmerzensausbruch Beckys, daß sie derselbe Gedanke -bewege wie ihn, -- nämlich, daß noch der halbe Sonntagmorgen vergehen -könne, bevor Beckys Mutter erfuhr, daß diese nicht bei Harpers über -Nacht gewesen. Die Kinder hefteten ihre Augen wortlos auf das kleine -Stückchen Kerze und beobachteten angsterfüllt, wie es langsam und -unerbittlich dahinschmolz, sahen den halben Zoll Docht zuletzt noch -allein dastehen, sahen das schwache Flämmchen steigen und fallen, -fallen und steigen, jetzt die dünne Rauchsäule erklettern, einen Moment -auf deren Spitze verweilen und dann -- herrschten die Schrecken -schwärzester Finsternis. - -Wie lange danach Becky zu dem dämmernden Bewußtsein kam, daß sie -weinend in Toms Armen lag, hätte keines von beiden zu sagen vermocht. -Sie wußten nur soviel, daß sie nach einer endlosen Zeit aus einer -schlummerartigen Betäubung, zu dem erneuten, niederdrückenden Gefühl -ihres Elends erwachten. Tom meinte, es könne Sonntag, vielleicht schon -Montag sein. Er versuchte, Becky zum Reden zu bewegen, aber der Jammer -lastete zu gewaltig auf ihr, alle Hoffnung war dahin. Tom behauptete, -nun müsse man sie daheim längst vermißt haben und das Nachsuchen -sei jedenfalls schon in vollem Gange. Er wolle schreien, sagte er, -vielleicht höre man ihn doch und folge der Spur. Er versuchte es -denn auch, aber in der tiefen Finsternis klangen die fernen Echos so -schauerlich, daß er es bald entsetzt sein ließ. - -Die Stunden schwanden dahin und der Hunger kam, um die armen kleinen -Verlorenen auf's neue zu quälen. Ein Teil von Toms Hälfte des Kuchens -war noch übrig, sie teilten den Rest und aßen. Danach schienen sie -hungriger als zuvor. Dies arme bißchen Nahrung erweckte nur den Wunsch -nach mehr. - -Plötzlich rief Tom: - -»Scht! Hörst du nicht was?« - -Beide hielten den Atem an und lauschten. Ein Laut drang an ihr Ohr, -der wie ein schwacher Ruf aus weitester Ferne klang. Augenblicklich -antwortete Tom, und Becky an der Hand führend tastete er sich den Gang -entlang, der Richtung des Tones nach. Dann lauschte er wieder atemlos. -Wieder erklang der Ruf und diesmal zweifellos ein wenig näher. - -»Sie sind's!« jubelte Tom, »sie kommen! Vorwärts, Becky -- nun ist -alles gut!« - -Die Freude, das Entzücken der Kinder war beinahe überwältigend. Sie -kamen indes nur langsam voran, denn die Höhle war reich an Spalten -im Boden, und diese mußten sie nun in der Dunkelheit doppelt meiden. -Alsbald standen sie vor einer solchen und konnten nicht weiter. Die -Spalte mochte nur drei Fuß, konnte aber auch hundert tief sein, wer -konnte das wissen? -- jedenfalls war an kein Hinüberkommen zu denken. -Tom legte sich nieder und versuchte so weit als möglich hinunter zu -reichen, -- kein Grund zu fühlen. Sie mußten also bleiben und warten, -bis die Retter erschienen. Sie lauschten -- die fernen Rufe klangen -augenscheinlich ferner und ferner. Einen Moment oder zwei noch, und sie -erstarben gänzlich. O, diese herzbrechende Verzweiflung! Tom schrie, -tobte, brüllte, bis er vollständig heiser war, ohne jeden Erfolg. -Hoffnungsvoll redete er Becky zu, aber eine Ewigkeit ängstlichen -Harrens schwand dahin, kein Ton war zu vernehmen. - -Die Kinder tasteten sich nach der Quelle zurück; lange, schwere Stunden -schleppten sich dahin; die Verirrten schliefen ein und erwachten halb -verhungert und voll Herzeleid. Tom meinte, nun müsse es wohl Dienstag -sein. - -Jetzt kam ihm ein Gedanke. Ganz in der Nähe befanden sich ein paar -Seitengänge. Es war immerhin noch besser, diese zu untersuchen, als -das lastende Gewicht der Zeit müßig zu tragen. Er nahm eine Leine aus -der Tasche, an der er einstmals seinen Drachen hatte steigen lassen, -befestigte dieselbe an einem Felsvorsprung und schritt dann, indem -er die Leine abwickelte, vorwärts. Becky folgte ihm. Nach ungefähr -zwanzig Schritten fiel der Gang plötzlich steil ab. Tom ließ sich auf -die Kniee nieder, fühlte nach unten und dann so weit um die Ecke, als -er bequem mit den Händen reichen konnte. Eben war er im Begriff, mit -größter Anstrengung noch einmal weiter nach rechts zu tasten, als im -selben Augenblick, keine zwanzig Meter entfernt, hinter einem Felsen -hervor eine menschliche Hand erschien, die ein Licht hielt. Tom stieß -einen laut hallenden Jubelschrei aus und alsbald folgte der Hand auch -der Körper, zu dem sie gehörte, -- der Körper des Indianer-Joe. Tom -war wie gelähmt, er konnte kein Glied rühren. Wie erlöst von einem -Banne atmete er auf, als er sah, daß der ›Spanier‹ augenblicklich sich -umwandte und schleunigst Fersengeld gab. Er konnte es kaum begreifen, -daß Joe seine Stimme nicht erkannte und ihm für seine Aussage vor -Gericht nicht den Garaus machte. Das Echo mußte sicherlich die Stimme -unkenntlich gemacht haben, anders konnte er sich's nicht erklären. Die -Furcht lähmte jede Muskel in Toms Körper. Er nahm sich bestimmt vor, -zur Quelle zurückzukehren, wenn er noch Kraft genug dazu besitze, und -dort zu bleiben; nichts in der Welt könne ihn bewegen, sich noch einmal -der Gefahr auszusetzen, dem Indianer-Joe in die Hände zu laufen. So -kroch er denn zurück und hütete sich wohl, Becky etwas von dem merken -zu lassen, was er gesehen hatte. Den Schrei vorhin -- sagte er ihr -- -habe er nur noch einmal auf's Geratewohl ausgestoßen. - -Hunger und Elend aber trugen auf die Länge der Zeit den Sieg davon. -Eine erneute, schreckliche Zeit des Harrens und Bangens, ein -nochmaliger langer Schlaf änderten Toms Entschluß. Die Kinder erwachten -von rasendem Hunger gepeinigt. Tom meinte, es müsse nun schon Mittwoch -oder Donnerstag, vielleicht gar Freitag oder Samstag sein und die -Suche nach ihnen sei wohl schon längst aufgegeben. Er schlug vor, -einen andern Gang zu durchforschen. Er war nun entschlossen, es mit -dem Indianer-Joe und allen sonstigen Schrecken aufzunehmen. Becky aber -fühlte sich sehr schwach. Sie war in eine traurige Teilnahmlosigkeit -versunken, aus der nichts sie aufrütteln konnte. Sie für ihr Teil wolle -bleiben wo sie sei, hauchte sie matt, wolle hier sterben, es daure nun -doch nicht mehr lange. Tom solle nur gehen und mit der Drachenleine -weiter suchen: nur bat sie ihn flehentlich, doch ja von Zeit zu -Zeit zurückzukommen und mit ihr zu reden. Sie ließ ihn feierlich -versprechen, daß, wenn die letzte bange Stunde käme, er bei ihr bleiben -und ihre Hand halten wolle, bis alles vorüber sei. Tom küßte sie mit -einem erstickenden Gefühl in der Kehle und that, als sei er fest davon -überzeugt, entweder die Suchenden oder einen Ausweg aus der Höhle zu -finden. Dann nahm er seine Drachenleine zur Hand und kroch auf Händen -und Knieen einen der Gänge hinunter, von Hunger gequält, von den -trübsten Ahnungen des nahenden Schicksals gepeinigt. - -[Illustration] - - - - -Neunundzwanzigstes Kapitel. - - -Der Dienstag-Nachmittag kam und schwand, die Dämmerung setzte ein. Das -Städtchen St. Petersburg trauerte noch tief. Die verlorenen Kinder -waren immer noch nicht aufgefunden. In der Kirche war öffentlich für -sie gebetet worden, und wieviele Gebete mochten im stillen Kämmerlein -zum Himmel aufgestiegen sein! aber noch immer kam keine bessere -Kunde aus der Höhle. Die Mehrzahl der Suchenden hatte die weitere -Nachforschung aufgegeben und war zu ihren täglichen Beschäftigungen -zurückgekehrt; sie meinten, die Kinder würden doch niemals wieder -gefunden werden. Frau Thatcher war ernstlich erkrankt und lag meist in -Fieberphantasieen. Die Leute sagten, es sei herzbrechend anzuhören, wie -sie nach ihrem Kinde riefe, den Kopf hebe, um wohl eine Minute lang -zu lauschen, und ihn dann ermattet und seufzend wieder niedersinken -zu lassen. Tante Polly war in tiefste Schwermut verfallen, ihr graues -Haar war beinahe schneeweiß geworden. Am Dienstag abend ging alles im -Städtchen traurig und hoffnungslos zur Ruhe. - -Etwa gegen Mitternacht brachen die Glocken in ein wildes Geläute aus -und im nächsten Augenblick waren die Straßen voll von Gruppen halb -angekleideter Gestalten, welche wie wahnsinnig: ›heraus, heraus, sie -kommen, sie kommen!‹ in die Nacht hinein schrieen. Blechpfannen und -Hörner halfen das Getöse noch vermehren. Die Bevölkerung drängte sich -in Massen dem Flusse zu, den wiedergefundenen Kindern entgegen, welche -in einem offenen Wagen daher kamen, der von jubelnden, jauchzenden -Männern gezogen wurde. Im Nu war der Wagen dicht umringt und mit Jubel -und Hurrahruf bewegte sich der Triumphzug die Hauptstraße hinauf. - -Alle Häuser waren festlich beleuchtet, niemand fiel es ein, nochmals -zu Bette zu gehen, es war der größte Moment, den das Städtchen je -erlebt hatte. Während der ersten halben Stunde bewegte sich die -Einwohnerschaft in langem Zug durch Richter Thatchers Haus. Die -geretteten Kinder wurden mit Fragen und Küssen überschüttet, der armen -Mutter Hand vor Mitgefühl fast ausgerenkt und dabei das ganze Haus mit -Thränen förmlich überschwemmt. - -Tante Pollys Seligkeit war vollkommen, und bei Frau Thatcher fehlte -nicht viel dazu. Ihr Glück konnte jedoch erst vollständig sein, wenn -der Bote, den man alsbald mit der großen Neuigkeit nach der Höhle -gesandt, dem armen, trostlos weiter suchenden Vater die Freudenkunde -überbracht haben würde. - -Tom lag auf dem Sofa. Einer atemlos lauschenden Zuhörerschaft, die -um ihn herum stand, erzählte er die Geschichte seiner wunderbaren -Abenteuer, wobei er nicht verfehlte, aus freier Erfindung manch -wirkungsvollen Zug zur weiteren Ausschmückung anzubringen. Zum Schlusse -gab er eine besonders anschauliche Beschreibung davon, wie er Becky -verlassen, um eine erneute Entdeckungsreise anzutreten, wie er mit der -Drachenleine in der Hand durch zwei Gänge gekrochen, wie er eben im -Begriff gewesen, dem dritten, den er der ganzen Länge der Schnur nach -durchmessen, hoffnungslos und verzweifelnd den Rücken zu kehren, als -er plötzlich in weitester Entfernung einen hellen Fleck gewahrte, der -wie Tageslicht aussah. Da habe er die Leine fahren lassen, sei auf den -Knieen dem verheißenden Fleck zugekrochen, habe Kopf und Schultern -durch ein enges Loch gezwängt, habe frische, freie Gottesluft geatmet -und den Mississippi seine breiten Wogen an sich vorüber wälzen sehen. -Wäre es zufällig Nacht gewesen, so daß kein heller Fleck zu sehen war, -dann würde er den Gang nicht weiter untersucht haben! Er erzählte, wie -er dann zu Becky zurückkroch, um ihr die Freudenkunde zu bringen, wie -sie ihn bat, sie mit solchem Unsinn zu verschonen, sie sei müde, wisse, -daß sie sterben müsse und wolle sterben. Er beschrieb, welche Mühe -es ihn gekostet, sie zu überzeugen und wie sie dann beinahe wirklich -gestorben sei vor Glück, als sie sich nun mühsam dahingeschleppt, wo -sie das Fleckchen wirkliches und wahrhaftiges Tageslicht sehen konnte. -Wie er zuerst durch das Loch gekrochen und ihr sodann herausgeholfen, -worauf sie beide sich niedergesetzt und vor Freude und Glück geweint -hätten. Dann, sagte er, seien ein paar Männer in einem Boot den Fluß -daher gekommen, er habe sie angerufen und von seiner und Beckys Lage -und von ihrem halb verhungerten Zustande erzählt. Wie ihm die Leute -zuerst nicht hatten glauben wollen, weil es ihnen wie ein tolles -Märchen geklungen, »denn«, sagten sie, »ihr seid ja fünf Meilen -unterhalb der Bucht, in der die Höhle ist,« sich aber dann doch eines -anderen besonnen und sie an Bord genommen hätten. Dann seien sie nach -einem Hause gerudert, hätten ihnen ein Abendessen gegeben, sie ein paar -Stunden lang ausruhen lassen und sie dann endlich nach Hause gebracht. - -Vor Tagesgrauen wurden denn auch der Kreisrichter und die Handvoll -Leute, die ihm noch immer treulich suchen halfen, vermittels des -Leitfadens, den sie hinter sich herlaufen ließen, aufgesucht und ihnen -die freudige Botschaft überbracht. Alles war eitel Glück und Freude! - -Drei Tage und drei Nächte der Trübsal und des Hungers lassen sich -jedoch nicht mit einem Male abschütteln, das sollten auch Tom und -Becky erfahren. Mittwoch und Donnerstag mußten sie das Bett hüten -und schienen nur immer elender und müder zu werden. Tom freilich -fing schon am Donnerstag an, ein wenig herum zu kriechen, zeigte sich -Freitag auf der Straße und war Sonnabend fast wieder er selber. Becky -aber konnte vor Sonntag das Zimmer nicht verlassen und dann sah sie -aus, als ob sie eine lange, zehrende Krankheit durchgemacht hätte. - -Tom hörte von Hucks Kranksein und ging am Freitag ihn zu besuchen, -wurde aber nicht zu ihm gelassen, ebensowenig an den beiden folgenden -Tagen. Nachher durfte er ihn täglich sehen, mußte aber versprechen, -über sein Abenteuer in der Höhle zu schweigen und auch sonst nichts -Aufregendes zu berühren. Frau Douglas, die treue Pflegerin, war immer -zugegen und paßte auf. Zu Hause hörte Tom von dem nächtlichen Abenteuer -hinter dem Douglasschen Besitztum, auch, daß man den Körper des einen -Halunken im Fluß, nahe an dem Landungsplatze der Dampffähre gefunden -habe; er war sicherlich bei dem Fluchtversuch ertrunken. - -Etwa vierzehn Tage nach Toms Befreiung aus der Höhle machte dieser -wieder einmal einen Besuch bei Huck, welcher mittlerweile genügend -zu Kräften gekommen war, um ein aufregendes Gespräch ertragen zu -können. An Stoff dazu fehlte es Tom nicht. Sein Weg führte ihn an des -Kreisrichters Haus vorüber und er trat ein, um nach Becky zu sehen. -Deren Vater und ein paar Freunde fingen ein Gespräch mit ihm an und man -fragte ihn scherzweise, ob es ihn gelüste, noch einmal in die Höhle zu -gehen. Tom meinte, warum nicht -- das würde ihm nichts ausmachen. - -Da sagte der Kreisrichter: - -»Tollköpfe wie du einer bist, giebt's noch mehr, Tom, daran zweifle ich -keinen Augenblick. Aber wir haben der Sache ein Ende gemacht. In der -Höhle soll von nun an keiner mehr verloren gehen.« - -»Wieso?« - -»Weil ich die große Eichenthüre mit Eisen habe beschlagen und dreifach -verschließen lassen, und weil ich die Schlüssel dazu selber verwahre.« - -Tom wurde weiß wie ein Leintuch. - -»Herrgott, was giebt's, Junge? Schnell, bring' mal einer ein Glas -Wasser!« - -Das Wasser wurde gebracht und Tom damit bespritzt. »So, mein Junge, ist -dir nun besser? Sag' doch nur mal um Himmels willen, was mit dir los -ist, Tom?« - -»Ach, Herr Kreisrichter, in -- _der Höhle war ja der -- der -Indianer-Joe_!« - -[Illustration] - - - - -Dreißigstes Kapitel. - - -Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Neuigkeit im Städtchen -verbreitet und bald war ein Dutzend Boote voll Menschen unterwegs nach -der Höhle, denen kurz nachher die vollgedrängte Dampffähre folgte. Tom -Sawyer befand sich mit dem Kreisrichter in einem Boote. Als man die -schwere Thüre der Höhle öffnete, bot sich in der düstern Dämmerung -des Ortes ein trauriger Anblick dar. Da lag der Indianer-Joe zur Erde -hingestreckt, tot, mit dem Antlitz dicht am Spalt der Thüre, als ob -seine Augen bis zum letzten Moment sehnsüchtig auf das Licht und die -Lust der schönen Gotteswelt da draußen geheftet gewesen wären. Tom war -tief ergriffen, wußte er doch aus eigener Erfahrung, was der Schurke -hatte leiden müssen. Aber obgleich sein Mitleid rege war, empfand -er doch zugleich ein überquellendes Gefühl der Begeisterung und -Erleichterung, welches ihm nun erst offenbarte, bis zu welchem Grade -Furcht und Angst auf ihm lasteten und ihn bedrückten, seit jenem Tage, -an welchem er vor Gericht seine Stimme gegen den blutgierigen Mörder -erhoben hatte. - -[Illustration] - -Das Dolchmesser des Indianer-Joe lag dicht bei ihm; die Klinge war -entzwei gebrochen. Der große Grundbalken der Thüre war mit unsäglicher -Mühe von dem Messer bearbeitet und schließlich durchschnitten worden; -aber es war vergebliche Arbeit, denn der Felsen bildete von außen -eine natürliche Schwelle, an der das schwache Messer zerschellen -mußte. Selbst ohne dies steinerne Hindernis würde die Arbeit umsonst -gewesen sein, denn er hätte seinen Körper doch nimmermehr unter der -Thüre durchzwängen können, und das wußte der Indianer-Joe wohl. -Trotzdem hatte er weiter geschnitzt und gebohrt, nur um etwas zu -thun, nur um die gräßlich langsam hinschleichende Zeit hinzubringen, -um seine gemarterten Lebensgeister zu irgend einer Thätigkeit zu -zwingen. Gewöhnlich konnte man eine Anzahl Lichtstümpfchen, welche von -den jeweiligen Besuchern zurückgelassen worden waren, in den Rissen -und Spalten dieser Vorhalle stecken sehen. Heute war nichts davon -zu erblicken. Der Eingesperrte hatte sie wohl alle zusammengesucht -und gegessen. Einiger Fledermäuse mußte er sich zu demselben Zwecke -bemächtigt haben, wie aus den herumliegenden Flügeln ersichtlich -war. Der Unglückliche war buchstäblich Hungers gestorben. Nicht -weit von ihm war im Lauf der Jahrhunderte ein Tropfsteingebilde vom -Boden aufgewachsen, genährt von dem fallenden Tropfen eines oben -niederhängenden Stalaktiten. Der Indianer-Joe hatte den Tropfstein -abgebrochen und auf den Stumpf einen Stein gelegt, in den er eine -kleine Vertiefung gehöhlt, um den kostbaren Tropfen aufzufangen, der -einmal in zwanzig Minuten mit der Regelmäßigkeit eines Uhrpendels -herabfiel -- im ganzen ein Theelöffel voll in vierundzwanzig Stunden. -Jener Tropfen fiel schon, da die Pyramiden neu waren, er fiel, als -Troja sank, als Rom gegründet wurde, als man Christum kreuzigte, -als Wilhelm der Eroberer das britische Reich schuf, als Columbus -segelte, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach. Jener Tropfen fällt -noch jetzt und er wird weiter fallen, wenn alle diese Dinge durch das -Tageslicht der Geschichte in die Dämmerung der Sage, in die tiefe -Nacht der Vergessenheit gesunken sein werden. Ob alles hienieden -seinen Zweck, seine Bestimmung hat? Mußte jener Tropfen so geduldig -fallen, fünftausend Jahre hindurch, um zur betreffenden Stunde für -das Bedürfnis jener vergänglichen, menschlichen Eintagsfliege bereit -zu sein? Wird er in zehntausend Jahren irgend eine andere Mission zu -erfüllen haben? Wer das wissen könnte! Doch, was liegt daran? -- Viele, -viele Jahre sind verflossen, seit jener Unglückliche den Stein höhlte, -um den kostbaren Tropfen aufzufangen, doch bis zum heutigen Tage -betrachtet jeder Besucher der Höhle am längsten diesen Stein und den -niederfallenden Tropfen. Der ›Becher des Indianer-Joe‹ nimmt unter den -Wundern der Höhle die erste Stelle ein; selbst ›Aladdins Palast‹ kann -nicht damit konkurrieren. - -Dicht beim Ausgang der Höhle wurde der Indianer-Joe beerdigt. Zu dem -Begräbnis strömten die Leute aus allen Himmelsgegenden, auf sieben -Meilen in die Runde, zu Boot und zu Wagen herbei. Sie hatten ihre -Kinder und allerlei Lebensmittel mitgenommen, und gingen schließlich so -befriedigt von dannen, als ob Joe gehängt worden wäre. - -Am darauffolgenden Morgen nahm Tom seinen Freund Huck an einen -heimlichen Ort, um etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen. Huck hatte -inzwischen Toms Abenteuer erfahren, dieser meinte aber, es sei noch -etwas dabei, was er sicher nicht gehört hätte und darüber eben wolle -er reden. Hucks Gesicht nahm eine betrübte Miene an; er sagte: »Weiß -schon, was du willst, Tom! Bist in Nummer Zwei gewesen und hast nur -Schnaps gefunden, gelt? Es hat mir's niemand gesagt, aber wie ich von -der Schnapsgeschichte hörte, wußte ich gleich, daß du es gewesen bist. -Geld hast du keins gefunden, das weiß ich, hättst's mich sonst wissen -lassen. Na, Tom, ich hatte immer so eine Ahnung, daß wir am Ende mit -leeren Händen ausgehen.« - -»Aber, Huck, ich hab' kein Wort über den Gastwirt gesagt! In seiner -Schenke war ja noch alles in Ordnung, als ich am Samstag zum Picknick -ging. Weißt du's nicht mehr? Du hast ja die Nacht dort wachen sollen!« - -»Weiß Gott, ja. Mir kommt's wie 'ne Ewigkeit vor. 's war in derselben -Nacht, als ich dem Indianer-Joe da hinauf hinter den Gartenzaun der -Frau Douglas nachgeschlichen bin.« - -»Du bist ihm nachgeschlichen?« - -»Ja, aber du hältst reinen Mund drüber, hörst du? Der Kerl könnte gute -Freunde hinterlassen haben, und die möcht' ich nicht auf mich hetzen. -Wenn ich nicht gewesen wär', wär' der Schuft jetzt in Texas oder Gott -weiß wo.« - -Huck teilte nun Tom im Vertrauen sein ganzes Abenteuer mit, von dem -dieser nur ein Bruchstück durch den alten Walliser gehört hatte. - -»Na,« schloß dann Huck, zur Hauptfrage zurückkommend, »und wer den -Schnaps in Nummer Zwei ausgehoben hat, der hat auch das Geld, soviel -ist sicher! Wir können uns den Mund wischen!« - -»Huck, das Geld war gar nie in Nummer Zwei.« - -»_Was?_« Huck starrte Tom in's Gesicht, »Tom, bist du am End' gar dem -Schatz nochmals auf der Spur?« - -»Huck, -- er ist in der Höhle!« - -Hucks Augen glänzten. - -»Sag's noch einmal, Tom.« - -»Das Geld ist in der Höhle!« - -»Tom, -- Herrgott im Himmel noch einmal, -- ist's Scherz oder Ernst?« - -»Ernst, Huck, so ernst, wie nur was sein kann im Leben. Willst du -mitkommen und 's heraus holen?« - -»Na und ob! Das heißt -- wenn's wo liegt, wo wir's holen können und den -Weg wieder heraus finden.« - -»Dafür steh' ich dir!« - -»Woher glaubst du aber, daß das Geld --« - -»Wart' nur bis du dort bist. Finden wir es nicht, dann schenk' ich dir -meine Trommel und alles, was ich sonst noch hab', so gewiß wie --« - -»Ist 'n Wort. Wann also?« - -»Gleich jetzt, wenn du willst. Bist du stark genug?« - -»Ist's weit drin in der Höhle? Bin jetzt erst drei Tage wieder ein -wenig auf meinen Spazierhölzern; ich glaub', weiter als 'ne Meile thun -sie's noch nicht, Tom.« - -»Auf dem gewöhnlichen Weg sind's freilich ungefähr fünf Meilen, aber -man kann gewaltig abschneiden, auf einem Weg, den ich allein weiß. Ich -bringe dich im Boot an die Stelle und du sollst keinen Finger dabei -rühren.« - -»Na, dann gleich los, Tom.« - -»Schon recht, wir brauchen aber erst Brot und Fleisch und unsre -Pfeifen, ein paar kleine Säcke und einen Knäuel Schnur, dann 'n paar -von den neumodischen Dingern, die sie Zündhölzer nennen. Ich sag' dir, -ich wäre gottfroh gewesen, wenn ich neulich einige gehabt hätte, als -ich so in der Klemme saß.« - -Kurz nach Mittag ›liehen‹ sich die Jungen ein kleines Boot von einem -Manne, der gerade nicht daheim war, und machten sich alsbald auf den -Weg. Als sie ein paar Meilen unterhalb der ›Höhlen-Bucht‹ waren, sagte -Tom: - -»Siehst du, Huck, die ganze steile Uferstrecke von der ›Höhlenbucht‹ an -bis hierher, ist überall gleich -- kein Haus, kein Wald, nur Gestrüppe; -aber sieh, dort oben der helle Fleck, wo ein Erdrutsch gewesen sein -muß, das ist mein Merkzeichen. Jetzt landen wir.« - -Und sie landeten. - -»Wo wir jetzt stehen, Huck, könntest du mit 'ner Angelrute das Loch -berühren, durch das wir herausgekrochen sind. Such' mal, ob du's finden -kannst.« - -Huck suchte überall herum, fand aber nichts. Stolz schritt Tom auf ein -dichtes Gesträuch von Sumachbüschen zu und sagte: - -»Hier ist's! Sieh' dir's an, Huck, 's ist das nettste Loch im ganzen -Lande. Daß du aber den Mund hältst drüber. Lang schon hab' ich mal 'n -Räuber sein wollen, hab' aber dazu so was gebraucht wie das Loch hier, -nur wollt' sich's eben nicht finden lassen. Jetzt hab' ich's und wir -sind fein still davon, sagen's nur dem Joe Harper und dem Ben Rogers, -denn wir müssen doch 'ne ganze Bande haben, sonst hat das Ding keinen -Schick. Tom Sawyers Bande, 's lautet famos, gelt Huck?« - -»Das thut's, Tom, das thut's weiß Gott! Und wer wird beraubt?« - -»Na, jeder. Wir lauern eben den Leuten auf, so macht man's.« - -»Und töten sie?« - -»Nee -- immer nicht! Sperren sie in die Höhle, bis sie sich -ranzionieren.« - -»Ranzion -- was? Was heißt denn das?« - -»Na, Geld geben! Ihre Freunde müssen alles zusammenkratzen, was sie -können, und wenn die Summe, die man verlangt, nach Jahresfrist nicht -beisammen ist, dann bringt man die Gefangenen um. So wird's gewöhnlich -gemacht. Nur die Weiber läßt man leben. Die sperrt man ein, aber -man tötet sie nicht. Die sind immer schön und reich und entsetzlich -furchtsam. Man nimmt ihnen die Uhren und ihre andern Sachen, zieht -aber immer den Hut vor ihnen und ist höflich. Niemand ist so höflich, -wie die Räuber, das kannst du in jedem Buch lesen. Na die Weiber, die -lieben einen dann, und wenn sie erst mal zwei, drei Wochen in der Höhle -gewesen sind, hören sie auf zu weinen und man kann sie schließlich -nicht wieder los werden. Wenn man sie hinaustreiben wollte, würden sie -flugs Kehrt machen und zurückkommen. So steht's in allen Büchern.« - -»Na, das laß ich mir gefallen. 's ist noch besser als Seeräuber sein.« - -»In einer Art ist's freilich besser, 's ist nicht so weit von Hause und -näher beim Zirkus und all den Sachen.« - -Jetzt war alles bereit und die Jungen schlüpften in das Loch, Tom -voran. Sie krochen mühsam bis zum andern Ende des kleinen Stollens, -befestigten dann ihre Leine und drangen weiter vor. Wenige Schritte -brachten sie zu der Quelle, und Tom fühlte sich von einem kalten -Schauder überrieselt. Er zeigte Huck das übriggebliebene Dochtrestchen, -das mit einem Klümpchen Lehm an der Felswand befestigt war, und -beschrieb, wie er und Becky verzweifelnd dem letzten Aufflackern und -Erlöschen der Flamme zugesehen. - -Die Jungen sprachen jetzt nur noch im Flüsterton, denn die Stille und -Trostlosigkeit des Orts bedrückte ihre Stimmung. Sie schritten weiter -und kamen an jenen andern Gang, der an dem vermeintlichen ›Abgrund‹ -endete. Beim Kerzenschein stellte sich indessen heraus, daß hier kein -unergründlicher Abgrund, sondern nur eine steile Lehmwand von zwanzig -bis dreißig Fuß Tiefe war. Tom flüsterte: - -»Jetzt will ich dir was zeigen, Huck.« - -Er hob die Kerze hoch und sagte: - -»Sieh' mal so weit um jene Ecke als du kannst. Siehst du was? Dort, an -dem großen Felsblock drüben, -- mit Kerzenrauch geschwärzt?« - -»Tom, 's ist ein _Kreuz_!« - -»Nun, und wo ist die Nummer Zwei? _Unter dem Kreuz_, he? Grad' dort -hab' ich den Indianer-Joe gesehen, wie er seine Kerze in die Höhe hob, -Huck!« - -Huck starrte eine Weile auf das geheimnisvolle Zeichen und hauchte dann -mit zitternder Stimme: - -»Tom, laß uns machen, daß wir fort kommen!« - -»Was, und den Schatz im Stich lassen?« - -»Ja, lieber. Dem Indianer-Joe sein Geist treibt sich gewiß hier herum.« - -»Bewahre, Huck, hier nicht! Der spukt an der Stelle, wo der Kerl -gestorben ist, am Ausgang drüben -- fünf Meilen von hier!« - -»Nee, Tom, das glaub' ich nicht. Der spukt bei seinem Geld herum. Ich -weiß, wie's Geister machen, und du weißt's auch!« - -Tom begann zu überlegen, daß Huck am Ende recht haben könne. Böse -Ahnungen stiegen in ihm auf. Plötzlich kam ihm ein erlösender Gedanke. - -»Denk' doch nach, Huck, wir sind alle beide Narren! Wie kann denn ein -Geist da herumspuken, wo ein Kreuz ist!« - -Das war ins Schwarze getroffen. - -»Tom, daran hab' ich gar nicht gedacht. Aber so ist's. Das Kreuz ist -'n Glück für uns. Wir wollen mal da hinab klettern und nach der Kiste -schauen.« - -Tom ging voraus, indem er während des Hinabsteigens rohe Stufen in -die Lehmwand schnitt. Huck folgte. Vier Gänge führten aus der kleinen -Höhle, in welcher der Felsblock stand. Drei davon untersuchten die -Jungen ohne jeden Erfolg. Sie fanden einen kleinen Schlupfwinkel, in -dem ein Bündel wollener Decken lag, dazu ein alter Hosenträger, ein -Stück Schinkenschwarte und die rein abgenagten Knochen von zwei oder -drei Hühnern. Die Goldkiste aber war nirgends zu erblicken. Die Jungen -durchsuchten alles und durchsuchten 's noch einmal, umsonst! -- Tom -sagte: - -»Es hieß _unter_ dem Kreuz. Hier stehen wir am nächsten darunter. 's -kann doch nicht unter dem Felsen selber sein, der sitzt fest auf dem -Grunde auf, was nun?« - -Wieder suchten sie überall herum und setzten sich dann entmutigt -nieder. Huck wußte nichts weiter vorzuschlagen. Nach einer Weile sagte -Tom: - -»Sieh' mal her, Huck, da sind Fußspuren und Talgtropfen im Lehm auf -dieser Seite des Felsens und zwar nur hier. Das hat was zu bedeuten, am -Ende liegt das Geld doch _unter_ dem Felsen. Ich grab' mal hier im Lehm -nach.« - -»'s ist kein dummer Gedanke, Tom,« erwiderte Huck lebhaft. - -Toms Messer war im Augenblick zur Hand und er hatte kaum vier Zoll tief -gegraben, als er auf Holz stieß. - -»Na, Huck! Hörst du das?« - -Huck begann jetzt ebenfalls zu wühlen und zu kratzen. Bald waren ein -paar Bretter bloßgelegt und weggenommen. Diese hatten eine natürliche -Spalte verborgen, die unter den Felsen führte. Tom kroch hinein und -hielt seine Kerze so weit hinunter, als er konnte, vermochte aber -das Ende des Spaltes nicht zu sehen. Er schlug daher vor, weiter zu -forschen, bückte sich und kroch vorwärts; der schmale Spalt führte -allmählich nach unten. Tom folgte dem sich windenden Lauf erst nach -rechts und dann nach links, Huck auf seinen Fersen. Als Tom wieder um -eine scharfe Wendung bog, rief er plötzlich: - -»Herr, du meine Güte, Huck sieh hier!« - -Es war die Goldkiste, die da stand, gewiß und wahrhaftig, in einer -schmucken, kleinen Höhle, zusamt einem leeren Pulverbeutel, ein paar -Gewehren in Lederhülsen und einem alten Gürtel, alles durchnäßt von -niedersickernden Wassertropfen. - -»Gefunden, endlich gefunden!« jubelte Huck, indem er mit den Händen in -den funkelnden Münzen wühlte. »Jetzt sind wir aber reich, Tom!« - -»Ich hab' sicher drauf gezählt, Huck, und doch ist's fast zu schön, um -wahr zu sein. Aber haben thun wir den Schatz, soviel ist sicher. Laß -uns weiter keine Zeit verlieren jetzt, sondern die Geschichte flink in -Sicherheit bringen. Zeig' mal her, ob ich die Kiste heben kann.« - -Diese wog vielleicht fünfzig Pfund. Tom konnte sie nur mit Mühe heben, -an ein Fortschaffen war nicht zu denken. - -»Dacht' mir's wohl,« sagte er, »damals im Gespensterhaus trugen die -Kerle ziemlich schwer dran, -- hab's gleich bemerkt. Gut, daß ich die -kleinen Säcke mitgenommen habe.« - -Das Geld war bald in die Säckchen verteilt und die Jungen trugen es -hinauf nach dem Felsblock mit dem Kreuze. - -»Jetzt wollen wir die Gewehre und das andre Zeug noch holen,« schlug -Huck vor. - -[Illustration] - -»Bewahre, die lassen wir schön dort. Das können wir alles wundervoll -brauchen, wenn wir erst Räuber sind. In der Höhle feiern wir dann unsre -Orgien, 's ist dort grad' wie gemacht für Orgien!« - -»Was ist denn das -- Orgien?« - -»Was weiß ich? Aber Räuber halten immer Orgien und das müssen wir -natürlich auch thun. Vorwärts, Huck, wir müssen schnell machen, sind -schon zu lange hier gewesen. 's wird wohl schon spät sein, hungrig bin -ich auch; aber wir wollen doch erst essen und rauchen, wenn wir im -Boot sind.« - -Kurz danach traten sie aus den Sumachbüschen hervor, schauten -vorsichtig nach allen Seiten aus, sahen, daß die Luft rein war und -saßen bald kauend und rauchend im Boote. Als eben die Sonne im -Begriff stand unterzugehen, stießen sie ab. Tom ruderte in der stetig -zunehmenden Dämmerung längs des Ufers hin, und lustig plaudernd -landeten sie kurz nach Einbruch der Nacht. - -»Jetzt, Huck,« rief Tom, »verstecken wir das Geld im Holzschuppen der -Witwe Douglas, und morgen früh komm' ich dann und wir zählen und teilen -den Kram und suchen dann im Wald nach einem Platz, wo wir ihn sicher -vergraben können. Du bleibst jetzt hier ruhig liegen und bewachst die -Herrlichkeit, ich hol' indessen geschwind Meister Taylors Handkarren. -Bin gleich wieder da!« - -Er verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Karren zurück, in -welchen er die beiden Geldsäcke legte, ein paar alte Lumpen drauf warf -und sich dann mit seiner Last auf den Weg machte. Am Haus des alten -Wallisers blieben die Jungen stehen, um einmal auszuruhen. Als sie eben -weiter wollten, trat der Alte heraus und rief: - -»Holla, wer ist da?« - -»Huck und Tom Sawyer.« - -»Schön, und nun schnell vorwärts, Jungens, alles wartet auf euch. Na, -los, flink, lauft zu, ich will den Karren schon ziehen, her damit. -Meiner Treu, der ist nicht so leicht, als er sein könnte. Backsteine -drauf oder altes Eisen?« - -»Altes Metall,« sagte Tom lakonisch. - -»Dacht' mir's doch, dacht' mir's doch. Die hiesigen Jungens machen -sich viel Arbeit und vertrödeln viel Zeit, um so altes Eisenzeug -aufzutreiben, für das sie doch nur ein paar Pfennige bekommen in -der Gießerei, viel mehr Zeit und Mühe, als sie brauchen würden, um -ebensoviel mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. Na, liegt mal so in der -menschlichen Natur, läßt sich nicht ändern. Na nur flink, vorwärts, -vorwärts!« - -Die Jungen wollten wissen, weshalb solche Eile nötig sei. - -»Fragt jetzt nicht lang, -- nur zu, werdet's schon sehen, wenn wir zur -Witwe kommen.« - -Huck fühlte böse Ahnungen in sich aufsteigen. Er war gewohnt, daß man -ihn fälschlicherweise dummer Streiche bezichtigte. - -»Herr Jones, ganz gewiß, wir haben nichts gethan,« beteuerte er zaghaft. - -Der Alte lachte herzlich. - -»Wer weiß, Huck, mein Junge, wer weiß? Bist du denn nicht gut Freund -mit der Witwe?« - -»O ja, jedenfalls ist sie freundlich mit mir gewesen!« - -»Na -- also! Weshalb hast du dann Angst?« - -Huck war sich über die Frage noch nicht ganz klar geworden, als er sich -schon mit Tom in den Salon der Frau Douglas hineingeschoben fühlte. -Jones ließ den Karren an der Thüre stehen und folgte ihnen. - -Das Haus war strahlend hell erleuchtet, und jeder, der im Städtchen -irgend etwas zu bedeuten hatte, war zugegen. Thatchers waren da und -Harpers, Rogers, Tante Polly, Sid, Mary, der Pfarrer, der Redakteur und -noch viele andere, und alle in festlichem Gewande. Frau Douglas empfing -die Jungen so herzlich, wie man zwei _so_ aussehende Menschenkinder -empfangen konnte. Sie waren mit Lehm und Talgtropfen förmlich -überzogen. Tante Polly wurde feuerrot vor Verlegenheit, legte die Stirn -in drohende Falten und schüttelte vorwurfsvoll und mißbilligend ihr -graues Haupt gegen Tom. Niemand aber konnte verlegener, beschämter -sein, als die Jungen selber. Herr Jones sagte: - -»Tom war noch nicht zu Hause; ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, -ihn herbei zu bringen, aber just vor meiner Hausthüre stolpere ich dann -über die beiden, und da hab' ich sie eben mitgebracht, wie sie gingen -und standen.« - -»Und das war sehr recht,« bekräftigte die Witwe. »Kommt mit mir, -Jungens!« - -Sie nahm sie mit sich in ein Schlafzimmer und sagte: - -»Jetzt wascht euch und zieht euch an. Hier sind zwei neue Anzüge, -Hemden, Socken, alles vollständig. Die gehören dir, Huck, -- nein, -keinen Dank weiter, -- Herr Jones hat den einen gekauft und ich den -andern. Leihst Tom den einen heut' abend, werden ja wohl beiden passen. -Flink also hinein. Wir warten so lange. Kommt schnell herunter, wenn -ihr euch genug gestriegelt habt.« - -Und sie ging. - -[Illustration] - - - - -Einunddreißigstes Kapitel. - - -Kaum war sie weg, so stürzte Huck zum Fenster, riß es auf und flüsterte -drängend: - -»Tom, wir können zum Fenster hinaus, wenn wir einen Strick finden, es -geht nicht hoch hinunter.« - -»Dummes Zeug! Weshalb sollten wir zum Fenster hinaus?« - -»Ich -- ich kann so 'nen Haufen Menschen nicht vertragen, bin nicht -dran gewöhnt. Ich geh' nicht wieder hinunter, Tom.« - -»Dummheit! Ist auch 'was Rechtes. Mir ist's ganz einerlei. Wart', ich -geb' acht auf dich und helf' dir!« - -Sid erschien. - -»Tom«, sagte er, »die Tante hat den ganzen Nachmittag auf dich -gewartet. Mary hat deine Sonntagskleider zurecht gelegt und jeder hat -sich deinethalben abgeängstigt. Sag' mal, ist das nicht Lehm und Talg -auf deinen Kleidern?« - -»Na, junger Mann, ich rat' dir, kümmre dich nur um deine Sachen. -Weshalb ist denn der ganze Lärm?« - -»Ei, 's ist 'ne Gesellschaft, wie sie die Witwe oft hat, und diesmal zu -Ehren vom alten Jones und seinen Söhnen, weil sie ihr neulich nachts so -aus der Patsche geholfen haben. Na und hör' mal, ich weiß noch 'was, -wenn du's wissen willst.« - -»Na und was?« - -»Ei, der alte Jones will die Gesellschaft noch mit etwas überraschen, -hab's gehört, wie er's heut' mittag der Tante erzählte, als 'n -Geheimnis natürlich, ist aber kein großes Geheimnis mehr. Jeder weiß -es, -- die Witwe auch, obgleich die sich stellt, als wisse sie nichts. -Herrgott, hat sich der alte Jones abgesorgt, ob auch der Huck gewiß da -sei, heut' abend, -- ohne den wär' ja sein großes Geheimnis keine Bohne -wert gewesen, weißt du!« - -»Geheimnis -- wieso, Sid?« - -»Ei einfach, daß Huck damals hinter den Kerlen hergeschlichen ist bis -zum Zaun hier, weiter gar nichts. Der Alte wollt' 'nen großen Hopphei -draus machen heut' abend, 's wird aber wohl 'en bißchen schwach -ausfallen.« - -Und Sid lachte hämisch und selbstzufrieden in sich hinein. - -»Sid, hast du's verraten?« - -»Was liegt dran, wer's verraten hat? -- einer hat's gethan, soviel ist -sicher.« - -»Sid, ich weiß nur einen solchen Kerl im Städtchen, der elend genug -ist, so was zu thun, und der bist du! Wenn du Huck gewesen wärst, du -hättst dich heim in's warme Nest geschlichen und die Räuber Räuber -sein lassen. Du kannst immer nur was Gemeines thun, und kannst's nicht -hören, wenn andre gelobt werden, weil sie was Schönes und was Gutes -gethan haben. So, da hast du was -- ›keinen Dank‹, wie Frau Douglas -unten sagt.« - -Dabei schlug Tom Sid eins hinter die Ohren und beförderte ihn mit -einigen Fußtritten zur Thüre hinaus. »Lauf' doch hin und sag's der -Tante, wenn du's Herz dazu hast, will dir's dann morgen gedenken.« - -Einige Minuten später waren die Gäste um den Eßtisch der Witwe -versammelt. Zur gegebenen Zeit hielt dann Herr Jones seine Rede, in -welcher er der gütigen Wirtin dankte für die Ehre, die sie ihm und -seinen Söhnen erwiesen, daß aber ein andrer, der auch anwesend sei, -weit mehr Dank -- - -Und so weiter und so fort. Nun brachte er das große Geheimnis über -Hucks Anteil an der Sache ans Licht und that's in der dramatischesten -Weise, die ihm zu Gebote stand. Die Ueberraschung aber, die das -Mitgeteilte hervorrief, war etwas künstlicher Natur und lange nicht -so lebhaft und herzlich, wie sie unter glücklicheren Umständen hätte -sein können. Die Witwe selber freilich verstand es sehr gut, das -größte Erstaunen zur Schau zu tragen, und überhäufte Huck mit einem -solchen Uebermaß von Dank und Lobsprüchen, daß dieser das _nahezu_ -unerträgliche Mißbehagen, welches ihm die neuen Kleider bereiteten, -über dem _völlig_ unerträglichen Mißbehagen, die Zielscheibe von -jedermanns Blicken und jedermanns Beifallsbezeugungen zu sein, ganz -vergaß. - -Witwe Douglas erbot sich, Huck ein Heim in ihrem Hause zu bieten, ihn -erziehen zu lassen und ihn später, soviel in ihren Kräften stehe, zu -unterstützen. Jetzt blühte Toms Weizen, und er löste seine Zunge: - -»Huck braucht das gar nicht, Huck ist reich genug!« - -Nur der Zwang, den die gute Lebensart der Gesellschaft auferlegte, -war im stande, einen Ausbruch des Gelächters über diesen vermeintlich -guten Witz zurückzuhalten; das herrschende Schweigen war aber etwas -unbehaglich. Tom brach es alsbald. - -»Huck ist reich, sag' ich, er hat Geld. Ihr glaubt's vielleicht nicht, -aber er hat Haufen von Geld. Braucht gar nicht zu lachen, werd's euch -gleich beweisen. Wartet nur 'ne Minute!« - -Er rannte zur Thür hinaus. Die Anwesenden blickten zuerst einander voll -ungläubigen Staunens an und dann fragend auf Huck, der wortlos dasaß. - -»Sid, was hat wohl der Tom?« fragte Tante Polly ängstlich -- »er -- na -da werd' mal einer klug aus dem Bengel. Ich --« - -Da trat Tom wieder ein, gebeugt unter der Last seiner Geldsäcke, und -Tante Polly mußte den Satz unbeendet lassen. Tom leerte den Haufen -blinkenden Goldes auf den Tisch und rief triumphierend: - -»Da -- was hab' ich euch gesagt? Die Hälfte davon gehört Huck und die -andere Hälfte mir!« - -[Illustration] - -Der Anblick des Geldes benahm allen den Atem. Alles starrte auf die -glänzenden Goldstücke und niemand fand Worte im ersten Augenblick. -Dann erhob sich ein allgemeiner Ruf nach Aufklärung. Tom sagte, die -könne er geben, und er that's. Die Geschichte war lang, aber unsagbar -interessant, nur ab und zu kärglich eingestreute Bemerkungen der -atemlos lauschenden Zuhörer unterbrachen den fesselnden Reiz derselben. -Als Tom zu Ende war, meinte der alte Jones: - -»Hab' _ich_ da vorhin der Gesellschaft 'ne kleine Ueberraschung -bereiten wollen, -- 's ist aber rein nichts gegen das da. Tom, der -Teufelskerl, hat mich schön übertrumpft, das muß ich sagen! Geb's aber -gern zu, weiß Gott, geb's gern zu!« - -Das Geld wurde nun gezählt. Die Summe belief sich auf etwas über -zwölftausend Dollars. Es war mehr, als irgend einer der Anwesenden -jemals beisammen gesehen, obgleich sich einige darunter befanden, die -weit mehr als das an Grundbesitz ihr eigen nannten. - -[Illustration] - - - - -Zweiunddreißigstes Kapitel. - - -Wie man sich denken kann, machte dieser Fund der beiden Knaben in dem -armen, kleinen Städtchen St. Petersburg das ungeheuerste Aufsehen. -Solch' eine Riesensumme in barer Münze erschien den guten Leuten -beinahe unglaublich. Man redete von nichts anderem, schielte gierig -nach dem Schatze, pries die Finder glücklich, und die Vernunft manchen -Bürgers drohte bei der ungesunden Erregung ins Wanken zu geraten. Jedes -Haus, in dem es nur irgend spuken sollte, im Städtchen wie in der -Umgegend, wurde sozusagen anatomisch zerlegt: Stein für Stein, Balken -für Balken, die Grundmauern unterwühlt und nach verborgenen Schätzen -durchforscht, und zwar nicht von Knaben, sondern von Männern, ernsten, -verständigen, im gewöhnlichen Leben blutwenig romantisch angelegten -Männern. Wo sich Tom und Huck nur blicken ließen, wurden sie gefeiert, -bewundert und begafft. Die Jungen konnten sich nicht erinnern, daß -ihre Worte je zuvor solches Gewicht besaßen, jetzt wurde der kleinste -Ausspruch ihrerseits wie ein Ausfluß höchster Weisheit bewahrt und -ehrfurchtsvoll wiederholt. Alles, was sie thaten, was sie redeten, -erschien bemerkens- und bewundernswert, sie hatten augenscheinlich -die Fähigkeit verloren, irgend etwas Alltägliches, Unbedeutendes zu -sagen oder zu thun. Außerdem wurde ihre Vergangenheit durchforscht und -man fand darin die unleugbaren Spuren hervorragendster Begabung. Die -Zeitung des Städtchens brachte biographische Notizen über die beiden. - -Die Witwe Douglas legte das Geld zu sechs Prozent an und der Herr -Kreisrichter that auf Tante Pollys Bitte dasselbe mit Toms Anteil. -Jeder der Jungen hatte nun ein geradezu ungeheures Einkommen -- einen -Dollar für jeden Tag des Jahres! Das war ja gerade soviel, wie der -Pastor bekam, das heißt, wie er bekommen sollte, denn meistens kam -nicht so viel zusammen. Ein und ein viertel Dollar die Woche war -genügend für Kost, Wohnung und Schulgeld eines Jungen in jener alten, -einfachen, anspruchslosen Zeit, und man konnte ihn dafür noch kleiden -und waschen obendrein. - -Der Herr Kreisrichter hatte eine sehr hohe Meinung von Tom gefaßt. Er -sagte, ein gewöhnlicher Junge würde nie imstande gewesen sein, seine -Tochter aus der Höhle zu befreien. Als Becky ihrem Vater einmal im -strengsten Vertrauen mitteilte, wie Tom ihre Prügel in der Schule -damals auf sich genommen, war dieser sichtlich gerührt. Und als sie die -Lüge zu entschuldigen suchte, vermittelst welcher es dem edlen Freunde -gelungen war, die Züchtigung auf seine Schultern zu wälzen, meinte -der Vater enthusiastisch, das sei eine edle, eine großmütige, eine -hochherzige Lüge gewesen, eine Lüge, die wert sei, in der Geschichte -dicht neben Washingtons vielgerühmter Wahrheitsliebe zu glänzen. Becky -kam es vor, als habe sie ihren Vater noch nie so hoch aufgerichtet und -so stolz gesehen, wie bei diesen Worten. Sie lief davon und berichtete -Tom haarklein was vorgefallen. - -Herr Thatcher hoffte, Tom einmal als berühmten Rechtsgelehrten oder -auch als großen Kriegsmann zu sehen. Er wolle Sorge tragen, sagte er, -daß Tom Einlaß fände in die große National-Militär-Akademie und danach -in der besten Juristen-Schule des Landes ausgebildet werde, so daß er -vollständig befähigt sei für die eine oder die andere Laufbahn, oder -auch für beide. - -Huck Finn sah sich durch diesen Reichtum und die Thatsache, daß er -unter dem Schutze der hochangesehenen Witwe Douglas stand, plötzlich -in die gute Gesellschaft eingeführt, nein -- hineingeschleppt oder -vielmehr geschleudert -- seine Leiden steigerten sich dadurch fast -ins Unerträgliche. Die Dienstboten der Witwe hielten ihn sauber und -rein, wuschen, kämmten, bürsteten ihn alltäglich und betteten ihn -allnächtlich mitleidslos zwischen reine Tücher, die nicht einen -einzigen, kleinen Flecken oder Makel hatten, den er hätte an sein Herz -drücken und als alten, teuren Bekannten begrüßen können. Er mußte mit -Messer und Gabel essen, mußte Serviette, Tasse und Teller benutzen, -mußte seine Aufgabe lernen, zur Kirche gehen, dabei so gewählt und -anständig reden, daß ihm die Sprache ordentlich saft- und kraftlos in -seinem Munde vorkam; kurz, wohin er sich wandte, engten ihn überall die -Schranken und Fesseln der Zivilisation von allen Seiten ein und banden -ihm Hände und Füße. - -Drei Wochen hindurch trug er sein Elend wie ein tapfrer Held, dann -war er plötzlich verschwunden. Achtundvierzig Stunden lang ließ -die Witwe in Herzensangst überall nach ihm suchen. Jedermann nahm -innigsten Anteil; man suchte hier und dort, in Höhen und Tiefen, -man durchforschte den Strom nach seiner Leiche. Frühe am dritten -Morgen schlich sich Tom Sawyer in aller Stille zu einem Haufen alter, -leerer Fässer, die hinter dem jetzt unbenutzten, halb verfallenen -Schlachthause lagen. In einem derselben entdeckte er richtig den -Flüchtling. Huck hatte die Nacht dort zugebracht, hatte eben sein -Frühstück, aus allerlei zusammengekripsten Kleinigkeiten bestehend, -verzehrt und lag nun da und rauchte in glücklicher Behaglichkeit seine -Pfeife. Er war ungewaschen, ungekämmt und in dieselben alten, malerisch -an ihm hängenden Lumpen gehüllt, wie in jenen Tagen, da er noch frei -und glücklich war. Sobald Tom ihn aufgestöbert hatte, warf er ihm -vor, in welche Angst er alle Leute versetzt habe, und forderte ihn -auf, nach Hause zurückzukommen. Hucks Antlitz verlor urplötzlich den -Ausdruck wohligen Behagens und legte sich in melancholische Falten. -Aengstlich bat er: - -»Sprich mir davon nicht, Tom, hab's ja probiert, aber 's thut kein -gut, Tom, 's thut kein gut. 's taugt nichts für mich, ich bin an so -was nicht gewöhnt. Die Witwe selber ist gut und freundlich, aber dies -Leben halt' der Kuckuck aus. Soll ich da jeden Morgen zur selben Zeit -'raus aus dem Nest, dann waschen und scheuern sie mich, daß die Fetzen -fliegen, und kämmen mich zu Schanden. Im Holzschuppen darf ich nicht -schlafen, muß die verflixten Kleider tragen, in denen ich immer nach -Luft schnappen muß, Tom, 's ist als ginge gar keine Luft durch, und -dabei sind sie so verteufelt fein und vornehm, daß ich da drin nicht -sitzen, nicht liegen, viel weniger mich wälzen kann. Weiß nicht, wie -lang' ich auf keiner Kellerthür mehr hinuntergerutscht bin, aber 's -kommt mir wie viele Jahre vor. Ich muß in die Kirche gehen und dort -steif und gerade sitzen, -- und erst die langweiligen Predigten! Nicht -einmal eine Fliege darf man drin fangen, und den ganzen Sonntag muß -man die Schuhe anhaben. -- Herrgott! Wenn die Witwe ißt, dann bimmelt -eine Glocke, geht sie schlafen, bimmelt's wieder, und ebenso, wenn sie -aufsteht -- 's geht alles so gräßlich nach der Schnur, das halt' der -Kuckuck aus!« - -[Illustration] - -»Huck, so macht's aber doch jeder anständige Mensch!« - -»Ist mir ganz egal, Tom, ich bin kein anständiger Mensch und ich -halt's nicht aus. 's ist gräßlich, wenn man so festgenagelt ist. 's -Futter wächst einem auch nur so in den Mund, -- macht einem gar keine -Freude so. Soll fragen, wenn ich fischen gehen will, fragen, wenn -ich baden möcht' -- hol's der Henker, wenn man um jeden Dreck fragen -soll. Und sprechen hab' ich müssen wie 'n feiner Herr, bin beinah dran -erstickt. Ei, wenn ich nicht jeden Tag 'nauf auf den Boden wär' und -hätt' meinem Herzen dort Luft gemacht, so wie _ich's_ versteh', mit 'n -paar herzhaften Redensarten, nur um mal wieder den Geschmack davon in -den Mund zu kriegen, ich wär' gestorben, Tom, rein gestorben. Rauchen -wollten sie mich auch nicht lassen, nicht mal ordentlich brüllen, -nicht gähnen, nicht räkeln, nicht am Kopf kratzen, wenn jemand dabei -war. Und« -- fuhr er mit einem verdoppelten Ausbruch des Widerwillens -und der Gereiztheit fort -- »den ganzen Tag hat sie gebetet. So 'ne -Frau ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen! Ich _mußt'_ mich -drücken, Tom, es war nicht zum Aushalten. Dann wär' auch bald die -Schule angegangen und ich hätte hin gemußt, was mir das Leben vollends -entleidet hätte. Weißt was, Tom, 's Reichsein ist nicht halb so viel -wert, als man meint. Man hat eine Plage und Schinderei davon, daß -man lieber tot sein möchte. In diesen Kleidern hier und in dieser -Sonne aber ist's mir wohl und ich will mich begraben lassen, wenn ich -da je wieder 'rauskrieche. Tom, ich wär' nie in diese unselige Lage -hineingeraten, wenn das verflixte Geld nicht gewesen wär'! Weißt was? -Geh hin und nimm du auch meinen Teil und schenk' mir hie und da mal -zehn Cents, aber nicht oft, denn mir liegt blutwenig an dem Geld, so -schwer es auch zu kriegen war, und dann -- geh' hin und bitt' mich von -der Witwe los, Tom, thu's doch, hörst du!« - -»O, Huck, das kann ich ja nicht, dein Geld nehmen, das wär' gar nicht -recht, und paß auf, wenn du's erst mal länger probierst bei der Witwe, -wird's dir schon behagen.« - -»Behagen? Ja, so ungefähr wie einem ein heißer Ofen behagt, wenn man -drauf sitzen soll. Nee, Tom, ich will nicht reich sein und ich will -nicht in den verfluchten stickigen Häusern leben. Ich brauch' den Wald -und den Fluß und 'n leeres Faß und dabei will ich bleiben. Hol' der -Henker alles! Grad' wie wir Flinten und 'ne Höhle hatten und alles -schön fertig war, um Räuber zu werden, da -- da muß die verflixte, -dumme Schatzgeschichte kommen und alles verderben!« - -Tom ersah seine Gelegenheit: - -»Paß mal auf, Huck, das Reichsein hält uns noch lange nicht ab, Räuber -zu werden.« - -»Herrgott! Ist das wirklich dein voller Ernst, Tom?« - -»So gewiß als ich hier sitze. Aber Huck, du kannst nicht in die Bande -aufgenommen werden, wenn du kein anständiger Mensch bist, siehst du.« - -Hucks aufwallende Freude bekam einen Dämpfer. - -»Kann nicht aufgenommen werden, Tom? War ich denn nicht Seeräuber?« - -»Ja, aber das ist ganz was andres. Ein Räuber ist für gewöhnlich viel -vornehmer als so'n Pirat. In manchen Ländern sind sie vom höchsten Adel --- Herzöge oder so.« - -»Tom, du bist doch immer gut mit mir gewesen! Wirst mich doch nicht -ausschließen, Tom? Wirst mir doch so was nicht anthun, oder?« - -»Huck, ich thät's ja nicht und ich thu's auch nicht gern, aber was -würden die Leute sagen? Ei, die werden die Nase rümpfen und ›Pf!‹ -- -würden sie sagen, -- Tom Sawyers Bande! Schöne Kerle da drin! Und damit -wärst du gemeint, Huck. Das wär' dir doch nicht recht und mir auch -nicht.« - -Für eine Weile war Huck still, sichtlich kämpfte er innerlich einen -schweren Kampf. Schließlich sagte er: - -»Na, für 'nen Monat oder so könnt' ich ja am Ende zur Witwe zurückgehen -und sehen, wie ich mich durchschlage und ob ich's aushalten kann. Ja, -das könnt' ich, -- wenn ich bei der Bande eintreten darf, Tom.« - -»Gut also, Huck, das ist 'n Wort! Und nun vorwärts, alter Kerl, will -mal mit der Witwe reden, daß sie dich 'n bißchen mehr in Ruhe läßt.« - -»Willst du, Tom, willst du? Das ist schön von dir. Wenn die 'n bißchen -weniger streng sein will, dann will ich dafür nur noch heimlich rauchen -und fluchen und mich wohl oder übel durchdrücken oder platzen. Aber bis -wann willst du denn die Bande aufthun und Räuber werden?« - -»Ei gleich! Wollen nur erst die Jungens zusammen trommeln, dann kann -die Einschwörung gleich heut' nacht vor sich gehen.« - -»Die -- was?« - -»Die Einschwörung.« - -»Was ist denn das?« - -»Ei, da schwört man, daß man zusammen stehen und fallen wolle und -niemals die Geheimnisse der Bande verraten, und sollte man auch in -Stücke zerrissen werden: daß man jeden umbringen wolle samt seiner -ganzen Familie, der irgend einem der Bande was zu leide thut.« - -»Das ist lustig, Tom, arg lustig, sag' ich dir.« - -»Ja, das ist's. Und der ganze Schwur muß um Mitternacht geschehen, am -einsamsten, schauerlichsten Ort, den man finden kann, -- in einem Haus, -wo's spukt, wär's am besten, aber die sind jetzt alle abgebrochen.« - -»Um Mitternacht ist gut, Tom, -- irgendwo.« - -»Ja, das ist wahr. Und man muß über einem Sarge schwören und alles mit -Blut unterzeichnen.« - -»Das klingt doch nach etwas! Weiß Gott, das ist millionenmal besser, -als Seeräuber sein. Ich will mich an die Witwe kleben, bis ich schwarz -werd', Tom, und wenn ich mal so 'n richtiger Hauptkerl von 'nem -vornehmen Räuber bin, Tom, und alle Welt von mir redet, dann wird sie -wohl, denk' ich, sich auch freuen und stolz sein, daß sie mich aus dem -Sumpf gezogen hat!« - - * * * * * - -So endet denn diese Chronik. Da es nur die Geschichte eines Knaben -ist, so _muß_ sie hier enden; ließe sie sich doch nicht viel weiter -fortspinnen, ohne zur Geschichte eines Mannes zu werden. Wer einen -Roman über erwachsene Leute schreibt, weiß ganz genau, wo er aufzuhören -hat, nämlich -- bei der Heirat. Wer aber von Kindern und sehr -jugendlichen Helden erzählt, der muß eben aufhören, wo es sich am -besten fügt.[7] - - [7] Der Verfasser hat in seinem ›_Huckleberry Finn_‹ -- siehe - den nächsten Band der ausgewählten Schriften -- eine - prächtige Fortsetzung der Knabenstreiche Tom Sawyers - geschrieben, wobei ›Huck‹ der Held ist. - -[Illustration] - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - Korrekturen: - - S. 96: daß → was - was denkst du, {was} draus werden wird - - S. 297: Ausdruck → Ausbruch - war im stande, einen {Ausbruch} des Gelächters - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOM SAWYERS ABENTEUER UND -STREICHE *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country other than the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you will have to check the laws of the country where - you are located before using this eBook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that: - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's website -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
