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-The Project Gutenberg eBook of Tom Sawyers Abenteuer und Streiche, by Mark
-Twain
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-using this eBook.
-
-Title: Tom Sawyers Abenteuer und Streiche
-
-Author: Mark Twain
-
-Illustrator: H. Schrödter
-
-Release Date: January 29, 2021 [eBook #64417]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOM SAWYERS ABENTEUER UND
-STREICHE ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Mark Twains
-
- ausgewählte
-
- humoristische Schriften
-
- Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter=
-
- Erster Band:
-
- Tom Sawyers Abenteuer und Streiche
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart
-
- Verlag von Robert Lutz
- 1908
-
-
-
-
- Tom Sawyers
-
- Abenteuer und Streiche
-
- Von
-
- Mark Twain
-
- Illustriert von =H. Schrödter=
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart
-
- Verlag von Robert Lutz
- 1908
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.
-
-[Illustration: Mark Twain]
-
-
-
-
-Mark Twain.
-
-
-Der amerikanische Humor ist eine eigenartige Pflanze, von der viele
-glauben, daß sie nicht in fremden Boden versetzt werden kann.
-Dennoch giebt es unter den Humoristen des Westens _einen_ Namen, der
-weltbekannt ist: _Mark Twain_. Mark Twain ist durch die im Jahre 1892
-in meinem Verlag erschienene Gesamtausgabe seiner besten humoristischen
-Schriften auch in Deutschland in weitesten Kreisen bekannt geworden.
-Es ist nur ein Zeichen seiner zunehmenden Volkstümlichkeit bei uns,
-daß zur Herausgabe der vorliegenden illustrierten Ausgabe geschritten
-werden konnte.
-
-Daß es sich bei einer deutschen Ausgabe von Mark Twains humoristischen
-Werken nur um eine, mit möglichster Sorgfalt getroffene Auswahl
-handeln kann, versteht sich von selbst. Was sich ausschließlich auf
-lokale Verhältnisse bezieht oder vergangene Zustände behandelt,
-die für den Leser auch kein genügendes historisches Interesse mehr
-haben, mußte ausgeschlossen werden. Dies ist auch der Grund, warum
-gerade das umfangreiche Werk, durch welches Mark Twain zuerst seinen
-Ruf begründete, »~Innocents Abroad~« (»Die Harmlosen auf Reisen«),
-worin der Verfasser seine erste Reise nach Europa und in's Morgenland
-schildert, nur durch die Wiedergabe einiger, besonders gelungener,
-heiterer Scenen und Skizzen in unserer Sammlung[1] vertreten ist.
-
- [1] Band 6 derselben.
-
-Der Humor des berühmten Amerikaners hat seitdem vieles von bleibenderem
-Werte gezeugt. Er hat Typen geschaffen, die so ganz aus dem Leben
-gegriffen sind, daß wir meinen, sie verkörpert vor uns zu sehen. Es
-liegt etwas unwiderstehlich Packendes und Naturwahres in der harmlosen
-Art, mit der er den Ernst des Lebens zu parodieren weiß und uns zwingt,
-über die menschlichen Schwächen und Erbärmlichkeiten, die er uns
-vorführt, zu lachen. Wir thun dies um so lieber, da wir Mark Twain, bei
-allem Scherz, stets auf der Seite der Wahrheit und des Rechtes sehen,
-wo es gilt, für echte Menschenwürde und Menschenliebe einzutreten und
-jeden trügerischen und falschen Schimmer zu verachten. Dennoch werden
-seine Schriften nie lehrhaft. Wenn sie auch häufig stark auftragen
-und sich in Uebertreibungen gefallen, so ist doch jede Unnatur darin
-vermieden, und es ist gerade das Ungesuchte in der Ausdrucksweise, was
-ihnen die erquickende Frische und Ursprünglichkeit verleiht.
-
-Mark Twains Lebenslauf spiegelt sich am besten in seinen Büchern
-wieder, die zum großen Teil Selbstbiographie sind. Er hat sich, lange
-bevor er Schriftsteller wurde, als praktisch brauchbares Glied der
-Gesellschaft bewährt, und verschiedene Berufsarten, die er von Grund
-aus kennen lernte, haben ihn in die engste Beziehung zum Volksleben
-gebracht. Aber mitten in harter Arbeit, in Armut und Entbehrung
-betrachtet Mark Twain schon von frühe auf die Menschen und Dinge mit
-dem Auge des Dichters und Humoristen und bleibt dabei seiner Kernnatur
-stets treu, selbst unter den wechselndsten Schicksalen.
-
-Der Leser findet am Schluß des letzten (6.) Bandes eine eingehende
-Lebensbeschreibung Mark Twains; an dieser einleitenden Stelle mag es
-genügen, unseren Meister durch eine kleine Skizze einzuführen.
-
-Samuel L. Clemens -- der sich als Schriftsteller Mark Twain nennt, --
-wurde am 30. November 1835 in dem Städtchen Florida im gleichnamigen
-Staate der Union geboren. Bald darauf zog sein Vater, ein strenger,
-äußerst rechtschaffener Geschäftsmann, nach Hannibal am Mississippi,
-wo der junge Clemens seine Knabenjahre verlebte. Er war kaum zwölf
-Jahre alt, als der Vater starb; die Familie blieb in drückenden
-Verhältnissen zurück, und der Knabe sah sich darauf angewiesen, für
-sein eigenes Fortkommen zu sorgen. Trotz mangelhafter Schulbildung war
-in ihm schon frühzeitig ein litterarischer Hang erwacht, den er, wie
-so mancher seiner Landsleute, der später berühmt geworden ist, dadurch
-zu befriedigen suchte, daß er als Lehrling in eine Druckerei eintrat.
-Hierauf folgten nun mehrere Wanderjahre als Setzer und Buchdrucker, die
-ihn bis nach New York und Philadelphia führten.
-
-Siebzehn Jahre alt kehrte Clemens nach Hannibal zurück und begann nach
-kurzer Frist ein Reisen auf andere Art. Das Leben auf dem Mississippi
-zog ihn mächtig an, er ging zu Schiffe und erlernte den Lotsendienst
-auf einem Dampfer zwischen St. Louis und New Orleans. Als jedoch durch
-den zunehmenden Eisenbahnverkehr und den Ausbruch des Bürgerkrieges
-die Stromfahrten in's Stocken gerieten, mußte sich der junge Mann nach
-einem andern Beruf umsehen. Im 4. Bande dieser Sammlung findet sich
-eine anschauliche Schilderung seiner Erlebnisse während jener Zeit.
-
-Mehr durch die Umstände gezwungen als aus innerem Antrieb, schloß sich
-Clemens nun den Rebellionstruppen an, doch nur auf wenige Wochen, denn
-die unorganisierte Schar, zu welcher er gehörte, löste sich wieder auf.
-
-Kurze Zeit nachher begleitete er seinen Bruder, der zum Vizegouverneur
-von Nevada ernannt worden war, als dessen Privatsekretär nach
-diesem Territorium; doch legte er dies Amt bald nieder und ging als
-Goldgräber in die Bergwerke. Mark Twain hat uns die Wanderung nach
-dem Felsengebirge und sein Leben unter den Bergleuten mit Meisterhand
-beschrieben. Schätze fand er dort aber nicht. Er mußte endlich
-einsehen, daß das Glück ihm abhold sei und war froh, eine Stelle als
-Zeitungsredakteur in Virginia City zu erhalten. Seine Artikel im
-»Enterprise« unterzeichnete er zum erstenmal mit »Mark Twain«, dem
-Schriftstellernamen, welchen er sich gewählt hatte. Auf dem Mississippi
-pflegen nämlich die Matrosen beim Handhaben des Senkbleis in ihrer
-Seemannssprache »~Mark twain~« zu rufen, anstatt »~Mark two~«, und das
-lag ihm noch von seiner Lotsenzeit her in der Erinnerung.
-
-Im Jahre 1864 ging Clemens, gleichfalls als Redakteur, nach
-San Francisco. Hier erschienen seine humoristischen Skizzen in
-verschiedenen Blättern; bald ward sein Name an der Küste des Stillen
-Ozeans allgemein bekannt, und zwei Jahre später schickte man ihn als
-Zeitungskorrespondenten nach den Sandwichinseln. Von seinen Erlebnissen
-im fernen Westen giebt uns das Buch »~Roughing It~«[2] eine ergötzliche
-Beschreibung.
-
- [2] Band 4 und 5 der vorliegenden Ausgabe.
-
-Nach San Francisco zurückgekehrt, trat Mark Twain als öffentlicher
-Vorleser in Kalifornien und Nevada auf, wo dergleichen damals noch
-etwas Neues war. In das Jahr 1867 fällt seine erste Reise nach Europa
-und dem Orient, welche die »~Innocents Abroad~« schildern. Bald nach
-seiner Heimkehr trat er in die Ehe und ließ sich nun zuerst in Buffalo
-und darauf in Hartford nieder, welches seitdem der dauernde Wohnsitz
-der Familie geblieben ist.
-
-Sein Stillleben unterbricht Mark Twain zuweilen durch Vorlesungen
-oder Reisen. Er ist in den letzten Jahrzehnten wiederholt in Europa
-gewesen und hat jedesmal mit Vorliebe deutsche Lande zu einem längeren
-Aufenthalt gewählt. Während er 1892 in Berlin weilte, wo er u. a. mit
-dem deutschen Kaiser eine Begegnung hatte, ließ er sich im Herbst 1897
-in Wien nieder, um da ein Jahr zu verbringen. Der Leser wird im letzten
-Band dieser Sammlung eine Anzahl ergötzliche Skizzen finden, in welchen
-sich die Reiseeindrücke wiederspiegeln, die Mark Twain auf seinen
-verschiedenen Reisen in Deutschland, der Schweiz und sonst in Europa
-empfangen hat.
-
- =Stuttgart=, Januar 1898.
-
- =Die Verlagshandlung Robert Lutz.=
-
-
-
-
-Tom Sawyers
-
-Abenteuer und Streiche.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Die meisten der im Tom Sawyer erzählten Abenteuer sind wirklich
- vorgekommen. Eines oder zwei habe ich selbst erlebt, die
- anderen meine Schulkameraden. Huck Finn ist nach dem Leben
- gezeichnet, Tom Sawyer ebenfalls, jedoch mit dem Unterschied,
- daß in ihm die Charaktereigenschaften mehrerer Knaben vereinigt
- sind.
-
- _Hartford_, 1876.
-
- =Der Verfasser.=
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-
-»Tom!«
-
-Keine Antwort.
-
-»Tom!«
-
-Tiefes Schweigen.
-
-»Wo der Junge nun wieder steckt, möcht' ich wissen. Du -- Tom!«
-
-Die alte Dame zog ihre Brille gegen die Nasenspitze herunter und
-starrte drüber weg im Zimmer herum, dann schob sie sie rasch wieder
-empor und spähte drunter her nach allen Seiten aus. Nun und nimmer
-würde sie dieselbe so entweiht haben, daß sie durch die geheiligten
-Gläser hindurch nach solchem geringfügigen Gegenstand geschaut hätte,
-wie ein kleiner Junge einer ist. War es doch ihre Staatsbrille, der
-Stolz ihres Herzens, welche sie sich nur der Zierde und Würde halber
-zugelegt, keineswegs zur Benutzung, -- ebenso gut hätte sie durch
-ein paar Kochherdringe sehen können. Einen Moment lang schien sie
-verblüfft, da sie nichts entdecken konnte, dann ertönte wiederum
-ihre Stimme, nicht gerade ärgerlich, aber doch laut genug, um von der
-Umgebung, dem Zimmergerät nämlich, gehört zu werden: »Wart', wenn ich
-dich kriege, ich -- --«
-
-Sie beendete den Satz nicht, denn sie war inzwischen ans Bett
-herangetreten, unter welchem sie energisch mit dem Besen herumstöberte,
-was ihre ganze Kraft, all ihren Atem in Anspruch nahm. Trotz der
-Anstrengung förderte sie jedoch nichts zu Tage, als die alte Katze, die
-ob der Störung sehr entrüstet schien.
-
-»So was wie den Jungen giebt's nicht wieder!«
-
-Sie trat unter die offene Hausthüre und ließ den Blick über die Tomaten
-und Kartoffeln schweifen, welche den Garten vorstellten. Kein Tom zu
-sehen! Jetzt erhob sich ihre Stimme zu einem Schall, der für eine
-ziemlich beträchtliche Entfernung berechnet war:
-
-»Holla -- du -- To--om!«
-
-Ein schwaches Geräusch hinter ihr veranlaßte sie, sich umzudrehen und
-zwar eben noch zu rechter Zeit, um einen kleinen, schmächtigen Jungen
-mit raschem Griff am Zipfel seiner Jacke zu erwischen und eine offenbar
-geplante Flucht zu verhindern.
-
-»Na, natürlich! An die Speisekammer hätte ich denken müssen! Was hast
-du drinnen wieder angestellt?«
-
-»Nichts.«
-
-»Nichts? Na, seh' mal einer! Betracht' mal deine Hände, he, und was
-klebt denn da um deinen Mund?«
-
-»Das weiß _ich_ doch nicht, Tante!«
-
-»So, aber _ich_ weiß es. Marmelade ist's, du Schlingel, und gar nichts
-anderes. Hab' ich dir nicht schon hundertmal gesagt, wenn du mir _die_
-nicht in Ruhe ließest, wollt' ich dich ordentlich gerben? Was? Hast
-du's vergessen? Reich' mir mal das Stöckchen da!«
-
-Schon schwebte die Gerte in der Luft, die Gefahr war dringend.
-
-»Himmel, sieh doch mal hinter dich, Tante!«
-
-Die alte Dame fuhr herum, wie von der Tarantel gestochen, und packte
-instinktiv ihre Röcke, um sie in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig
-war der Junge mit einem Satz aus ihrem Bereich, kletterte wie ein
-Eichkätzchen über den hohen Bretterzaun und war im nächsten Moment
-verschwunden. Tante Polly sah ihm einen Augenblick verdutzt, wortlos
-nach, dann brach sie in leises Lachen aus.
-
-[Illustration]
-
-»Hol' den Jungen der und jener! Kann ich denn nie gescheit werden? Hat
-er mir nicht schon Streiche genug gespielt, daß ich mich endlich einmal
-vor ihm in acht nehmen könnte! Aber, wahr ist's, alte Narren sind
-die schlimmsten, die's giebt, und ein alter Pudel lernt keine neuen
-Kunststückchen mehr, heißt's schon im Sprichwort. Wie soll man aber
-auch wissen, was der Junge im Schild führt, wenn's jeden Tag was andres
-ist! Weiß der Bengel doch genau, wie weit er bei mir gehen kann, bis
-ich wild werde, und ebenso gut weiß er, daß, wenn er mich durch irgend
-einen Kniff dazu bringen kann, eine Minute zu zögern, ehe ich zuhaue,
-oder wenn ich gar lachen muß, es aus und vorbei ist mit den Prügeln.
-Weiß Gott, ich thu' meine Pflicht nicht an dem Jungen. ›Wer sein Kind
-lieb hat, der züchtiget es‹, heißt's in der Bibel. Ich aber, ich --
-Sünde und Schande wird über uns kommen, über meinen Tom und mich, ich
-seh's voraus, Herr, du mein Gott, ich seh's kommen! Er steckt voller
-Satanspossen, aber, lieber Gott, er ist meiner toten Schwester einziger
-Junge, und ich hab' nicht das Herz ihn zu hauen. Jedesmal, wenn ich ihn
-durchlasse, zwickt mich mein Gewissen ganz grimmig, und hab' ich ihn
-einmal tüchtig vorgenommen, dann -- ja dann will mir das alte, dumme
-Herz beinahe brechen. Ja, ja, der vom Weibe geborene Mensch ist arm
-und schwach, kurz nur währen seine Tage und sind voll Müh und Trübsal,
-so sagt die hl. Schrift und wahrhaftig, es ist so! Heut' wird sich der
-Bengel nun wohl nicht mehr blicken lassen, wird die Schule schwänzen,
-denk' ich, und ich werd' ihm wohl für morgen irgend eine Strafarbeit
-geben müssen. Ihn am Sonnabend,[3] wenn alle Jungen frei haben,
-arbeiten zu lassen, ist fürchterlich hart, namentlich für Tom, der die
-Arbeit mehr scheut, als irgend was sonst, aber ich muß meine Pflicht
-thun an dem Jungen, wenigstens einigermaßen, ich _muß_, sonst bin ich
-sein Verderben!«
-
- [3] In Amerika, sowie in England, ist stets der Sonnabend ein
- schulfreier Tag.
-
-Tom, der, wie Tante Polly sehr richtig geraten, die Schule schwänzte,
-ließ sich am Nachmittag nicht mehr blicken, sondern trieb sich draußen
-herum und vergnügte sich königlich dabei. Gegen Abend erschien er dann
-wieder, kaum zur rechten Zeit vor dem Abendessen, um Jim, dem kleinen
-Niggerjungen, helfen zu können, das nötige Holz für den nächsten Tag
-klein zu machen. Dabei blieb ihm aber Zeit genug, Jim sein Abenteuer zu
-erzählen, während dieser neun Zehntel der Arbeit that. Toms jüngerer
-Bruder, oder besser Halbbruder, Sid,[4] hatte seinen Teil am Werke,
-das Zusammenlesen der Holzspäne, schon besorgt. Er war ein fleißiger,
-ruhiger Junge, nicht so unbändig und abenteuerlustig wie Tom. Während
-dieser sich das Abendessen schmecken ließ und dazwischen bei günstiger
-Gelegenheit Zuckerstückchen stibitzte, stellte Tante Polly ein, wie sie
-glaubte äußerst schlaues und scharfes Kreuzverhör mit ihm an, um ihn zu
-verderbenbringenden Geständnissen zu verlocken. Wie so manche andere
-arglos-schlichte Seele glaubte sie an ihr Talent für die schwarze,
-geheimnisvolle Kunst der Diplomatie. Es war der stolzeste Traum ihres
-kindlichen Herzens, und die allerdurchsichtigsten kleinen Kniffe, deren
-sie sich bediente, schienen ihr wahre Wunder an Schlauheit und List. So
-fragte sie jetzt:
-
- [4] Abkürzung von Sidney.
-
-»Tom, es war wohl ziemlich warm in der Schule?«
-
-»Ja, Tante.«
-
-»Sehr warm, nicht?«
-
-»Ja, Tante.«
-
-»Hast du nicht Lust gehabt schwimmen zu gehen?«
-
-Wie ein warnender Blitz durchzuckte es Tom, -- hatte sie Verdacht? Er
-suchte in ihrem Gesichte zu lesen, das verriet nichts. So sagte er:
-
-»N--nein, Tante -- das heißt nicht viel.«
-
-Die alte Dame streckte die Hand nach Toms Hemdkragen aus, befühlte den
-und meinte:
-
-»Jetzt ist dir's doch nicht mehr zu warm, oder?«
-
-Und dabei bildete sie sich ein, bildete sich wirklich und wahrhaftig
-ein, sie habe den trockenen Zustand besagten Hemdes entdeckt, ohne daß
-eine menschliche Seele ahne, worauf sie ziele. Tom aber wußte genau,
-woher der Wind wehte, so kam er der mutmaßlich nächsten Wendung zuvor.
-
-»Ein paar von uns haben die Köpfe unter die Pumpe gehalten -- meiner
-ist noch naß, sieh!«
-
-Tante Polly empfand es sehr unangenehm, daß sie diesen belastenden
-Beweis übersehen und sich so im voraus aus dem Felde hatte schlagen
-lassen. Ihr kam eine neue Eingebung.
-
-»Tom, du hast doch wohl nicht deinen Hemdkragen abnehmen müssen, den
-ich dir angenäht habe, um dir auf den Kopf pumpen zu lassen, oder?
-Knöpf doch mal deine Jacke auf!«
-
-Aus Toms Antlitz war jede Spur von Sorge verschwunden. Er öffnete die
-Jacke, der Kragen war fest und sicher angenäht.
-
-»Daß dich --! Na, mach' dich fort. Ich hätte Gift drauf genommen, daß
-du heut' mittag schwimmen gegangen bist. Wollen's gut sein lassen.
-Dir geht's diesmal wie der verbrühten Katze, du bist besser, als du
-aussiehst -- aber nur diesmal, Tom, nur diesmal!«
-
-Halb war's ihr leid, daß alle ihre angewandte Schlauheit so ganz
-umsonst gewesen, und halb freute sie sich, daß Tom doch einmal
-wenigstens, gleichsam unversehens, in den Gehorsam hinein gestolpert
-war.
-
-Da sagte Sidney:
-
-»Ja aber, Tante, hast du denn den Kragen mit schwarzem Zwirn aufgenäht?«
-
-»Schwarz? Nein, er war weiß, so viel ich mich erinnere, Tom!«
-
-Tom aber wartete das Ende der Unterredung nicht ab. Wie der Wind war er
-an der Thüre, rief beim Abgehen Sid noch ein freundschaftliches ›wart',
-das sollst du mir büßen‹ zu und war verschwunden.
-
-An sicherem Orte untersuchte er darauf zwei eingefädelte Nähnadeln, die
-er in das Futter seiner Jacke gesteckt trug, die eine mit weißem, die
-andere mit schwarzem Zwirn, und brummte vor sich hin:
-
-»Sie hätt's nie gemerkt, wenn's der dumme Kerl, der Sid, nicht verraten
-hätte. Zum Kuckuck! Einmal nimmt sie weißen und einmal schwarzen Zwirn,
-wer kann das behalten. Aber Sid soll seine Keile schon kriegen; der
-soll mir nur kommen!«
-
-Tom war mit nichten der Musterjunge seines Heimatortes, -- es gab aber
-einen solchen, und Tom kannte und verabscheute ihn rechtschaffen.
-
-Zwei Minuten später, oder in noch kürzerer Zeit, hatte er alle seine
-Sorgen vergessen. Nicht, daß sie weniger schwer waren oder weniger
-auf ihm lasteten, wie eines Mannes Sorgen auf eines Mannes Schultern,
-nein durchaus nicht, aber ein neues mächtiges Interesse zog seine
-Gedanken ab, gerade wie ein Mann die alte Last und Not in der Erregung
-eines neuen Unternehmens vergessen kann. Dieses starke und mächtige
-Interesse war eine eben errungene, neue Methode im Pfeifen, die ihm
-ein befreundeter Nigger kürzlich beigebracht hatte, und die er nun
-ungestört üben wollte. Die Kunst bestand darin, daß man einen hellen,
-schmetternden Vogeltriller hervorzubringen sucht, indem man in kurzen
-Zwischenpausen während des Pfeifens mit der Zunge den Gaumen berührt.
-Wer von den Lesern jemals ein Junge gewesen ist, wird genau wissen,
-was ich meine. Tom hatte sich mit Fleiß und Aufmerksamkeit das Ding
-baldigst zu eigen gemacht und schritt nun die Hauptstraße hinunter,
-den Mund voll tönenden Wohllauts, die Seele voll stolzer Genugthuung.
-Ihm war ungefähr zu Mute, wie einem Astronomen, der einen neuen Stern
-entdeckt hat, doch glaube ich kaum, daß die Freude des glücklichen
-Entdeckers der seinen an Größe, Tiefe und ungetrübter Reinheit gleich
-kommt.
-
-Die Sommerabende waren lang. Noch war's nicht dunkel geworden. Toms
-Pfeifen verstummte plötzlich. Ein Fremder stand vor ihm, ein Junge,
-nur vielleicht einen Zoll größer als er selbst. Die Erscheinung eines
-Fremden irgend welchen Alters oder Geschlechtes war ein Ereignis in
-dem armen, kleinen Städtchen St. Petersburg. Und dieser Junge war
-noch dazu sauber gekleidet, -- sauber gekleidet an einem Wochentage!
-Das war einfach geradezu unfaßlich, überwältigend! Seine Mütze war
-ein niedliches, zierliches Ding, seine dunkelblaue, dicht zugeknöpfte
-Tuchjacke nett und tadellos: auch die Hosen waren ohne Flecken. Schuhe
-hatte er an, Schuhe, und es war doch heute erst Freitag, noch zwei
-ganze Tage bis zum Sonntag! Um den Hals trug er ein seidenes Tuch
-geschlungen. Er hatte so etwas Zivilisiertes, so etwas Städtisches
-an sich, das Tom in die innerste Seele schnitt. Je mehr er dieses
-Wunder von Eleganz anstarrte, je mehr er die Nase rümpfte über den
-›erbärmlichen Schwindel‹, wie er sich innerlich ausdrückte, desto
-schäbiger und ruppiger dünkte ihm seine eigene Ausstattung. Keiner
-der Jungen sprach. Wenn der eine sich bewegte, bewegte sich auch der
-andere, aber immer nur seitwärts im Kreise herum. So standen sie
-einander gegenüber, Angesicht zu Angesicht, Auge in Auge. Schließlich
-sagte Tom:
-
-»Ich kann dich unter kriegen!«
-
-»Probier's einmal!«
-
-»N -- ja, ich kann.«
-
-»Nein, du kannst nicht.«
-
-»Und doch!«
-
-»Und doch nicht!«
-
-»Ich kann's.«
-
-»Du kannst's nicht.«
-
-»Kann's.«
-
-»Kannst's nicht.«
-
-Ungemütliche Pause. Dann fängt Tom wieder an:
-
-»Wie heißt du?«
-
-»Geht dich nichts an.«
-
-»Will dir schon zeigen, daß mich's angeht.«
-
-»Nun, so zeig's doch.«
-
-»Wenn du noch viel sagst, thu' ich's.«
-
-»Viel -- viel -- _viel_! Da! Nun komm 'ran!«
-
-»Ach, du hältst dich wohl für furchtbar gescheit, gelt du! Du Putzaff'!
-Ich könnt' dich ja unterkriegen, mit einer Hand auf den Rücken
-gebunden, -- wenn ich nur wollt'!«
-
-»Na, warum _thust_ du's denn nicht? Du _sagst's_ doch immer nur!«
-
-»Wart', ich thu's, wenn du dich mausig machst!«
-
-»Ja, ja, sagen kann das jeder, aber thun -- thun ist was andres.«
-
-»Aff' du! Gelt du meinst, du seist was Rechtes? -- Puh, was für ein
-Hut!«
-
-»Guck' wo anders hin, wenn er dir nicht gefällt. Schlag' ihn doch
-runter! Der aber, der's thut, wird den Himmel für 'ne Baßgeig' ansehen!«
-
-»Lügner, Prahlhans!«
-
-»Selber!«
-
-»Maulheld! Gelt, du willst dir die Hände schonen?«
-
-»O -- geh' heim!«
-
-»Wart', wenn du noch mehr von deinem Blödsinn verzapfst, so nehm' ich
-einen Stein und schmeiß' ihn dir an deinem Kopf entzwei.«
-
-»Ei, natürlich, -- schmeiß' nur!«
-
-»Ja, ich thu's!«
-
-»Na, warum denn nicht gleich? Warum wartst du denn noch? Warum _thust_
-du's nicht? Ätsch, du hast Angst!«
-
-»Ich hab' keine Angst.«
-
-»Doch, doch!«
-
-»Nein, ich hab' keine.«
-
-»Du hast welche!«
-
-Erneute Pause, verstärktes Anstarren und langsames Umkreisen. Plötzlich
-stehen sie Schulter an Schulter. Tom sagt:
-
-»Mach' dich weg von hier!«
-
-»Mach' dich selber weg!«
-
-»Ich nicht!«
-
-»_Ich_ gewiß nicht!«
-
-So stehen sie nun fest gegeneinander gepreßt, jeder als Stütze ein
-Bein im Winkel vor sich gegen den Boden stemmend, und schieben,
-stoßen und drängen sich gegenseitig mit aller Gewalt, einander mit
-wutschnaubenden, haßerfüllten Augen anstarrend. Keiner aber vermag dem
-andern einen Vorteil abzugewinnen. Nachdem sie so schweigend gerungen,
-bis beide ganz heiß und glühendrot geworden, lassen sie wie auf
-Verabredung langsam und vorsichtig nach und Tom sagt:
-
-»Du bist ein Feigling und ein Aff' dazu. Ich sag's meinem großen
-Bruder, der haut dich mit seinem kleinen Finger krumm und lahm, wart'
-nur!«
-
-»Was liegt mir an deinem großen Bruder! Meiner ist noch viel größer,
-wenn der ihn nur anbläst, fliegt er über den Zaun, ohne daß er weiß
-wie!« (Beide Brüder existierten nur in der Einbildung.)
-
-»Das ist gelogen!«
-
-»Was weißt denn du?«
-
-Tom zieht nun mit seiner großen Zehe eine Linie in den Staub und sagt:
-
-»Da spring' 'rüber und ich hau' dich, daß du deinen Vater nicht von
-einem Kirchturm unterscheiden kannst!«
-
-Der neue Junge springt sofort, ohne sich zu besinnen, hinüber und ruft:
-
-»Jetzt komm endlich 'ran und thu's und hau', aber prahl' nicht länger!«
-
-»Reiz' mich nicht, nimm dich in acht!«
-
-»Na, nun mach' aber, jetzt bin ich's müde! Warum kommst du nicht!«
-
-»Weiß Gott, jetzt thu' ich's für zwei Pfennig!«
-
-Flink zieht der fremde Junge zwei Pfennige aus der Tasche und hält sie
-Tom herausfordernd unter die Nase.
-
-Tom schlägt sie zu Boden.
-
-Im nächsten Moment wälzen sich die Jungen fest umschlungen im Staube,
-krallen einander wie Katzen, reißen und zerren sich an den Haaren
-und Kleidern, bläuen und zerkratzen sich die Gesichter und Nasen und
-bedecken sich mit Schmutz und Ruhm. Nach ein paar Minuten etwa nimmt
-der sich wälzende Klumpen Gestalt an, und in dem Staub des Kampfes wird
-Tom sichtbar, der rittlings auf dem neuen Jungen sitzt und denselben
-mit den Fäusten bearbeitet.
-
-[Illustration]
-
-»Schrei ›genug‹,« mahnt er.
-
-Der Junge ringt nur stumm, sich zu befreien, er weint vor Zorn und Wut.
-
-»Schrei ›genug‹,« mahnt Tom noch einmal und drischt lustig weiter.
-
-Endlich stößt der Fremde ein halb ersticktes »genug« hervor, Tom läßt
-ihn alsbald los und sagt: »Jetzt hast du's, das nächste Mal paß' auf,
-mit wem du anbindst!«
-
-Der fremde Junge rannte heulend davon, sich den Staub von den Kleidern
-klopfend. Gelegentlich sah er sich um, ballte wütend die Faust und
-drohte, was er Tom alles thun wolle, »wenn er ihn wieder erwische.« Tom
-antwortete darauf nur mit Hohngelächter und machte sich, wonnetrunken
-ob der vollbrachten Heldenthat, in entgegengesetzter Richtung auf.
-Sobald er aber den Rücken gewandt hatte, hob der besiegte Junge
-einen Stein, schleuderte ihn Tom nach und traf ihn gerade zwischen
-den Schultern, dann gab er schleunigst Fersengeld und lief davon wie
-ein Hase. Tom wandte sich und setzte hinter dem Verräter her, bis zu
-dessen Hause, wodurch er herausfand, wo dieser wohnte. Er pflanzte
-sich vor das Gitter hin und forderte den Feind auf, heraus zu kommen
-und den Streit aufzunehmen, der aber weigerte sich und schnitt ihm nur
-Grimassen durch das Fenster. Endlich kam die Mutter des Feindes zum
-Vorschein, schalt Tom einen bösen, ungezogenen, gemeinen Buben und hieß
-ihn sich fort machen. Tom trollte sich also, brummte aber, er wollte es
-dem Affen schon noch zeigen.
-
-Erst sehr spät kam er nach Hause, und als er vorsichtig zum Fenster
-hineinklettern wollte, stieß er auf einen Hinterhalt in Gestalt der
-Tante. Als diese dann den Zustand seiner Kleider gewahrte, gedieh ihr
-Entschluß, seinen freien Sonnabend in einen Sträflingstag bei harter
-Arbeit zu verwandeln, zu eiserner Festigkeit.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-
-Der Sonnabend-Morgen tagte, die ganze sommerliche Welt draußen war
-sonnig und klar, sprudelnd von Leben und Bewegung. In jedem Herzen
-schien's zu klingen und zu singen, und wenn das Herz jung war, trat der
-Klang unversehens auf die Lippen. Freude und Lust malte sich in jedem
-Antlitz, jeder Schritt war beflügelt. Die Akazien blühten und erfüllten
-mit ihrem köstlichen Duft rings alle Lüfte.
-
-Tom erschien auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Tünche und einem
-langstieligen Pinsel. Er stand vor dem Zaun, besah sich das zukünftige
-Feld seiner Thätigkeit, und es war ihm, als schwände mit einem Schlag
-alle Freude aus der Natur. Eine tiefe Schwermut bemächtigte sich seines
-ahnungsvollen Geistes. Dreißig Meter lang und neun Fuß hoch war der
-unglückliche Zaun! Das Leben schien ihm öde, das Dasein eine Last.
-Seufzend tauchte er den Pinsel ein und fuhr damit über die oberste
-Planke, wiederholte das Manöver einmal und noch einmal. Dann verglich
-er die unbedeutende, übertünchte Strecke mit der Riesenausdehnung
-des noch ungetünchten Zaunes und ließ sich entmutigt auf ein paar
-knorrigen Baumwurzeln nieder. Jim, der kleine Nigger, trat singend
-und springend aus dem Hofthor mit einem Holzeimer in der Hand. Wasser
-an der Dorfpumpe holen zu müssen, war Tom bis jetzt immer gründlich
-verhaßt gewesen, in diesem Augenblick dünkte es ihm die höchste Wonne.
-Er erinnerte sich, daß man dort immer Gesellschaft traf; Weiße,
-Mulatten und Nigger-Jungen und -Mädchen waren da stets zu finden, die
-warteten, bis die Reihe an sie kam und sich inzwischen ausruhten, mit
-allerlei handelten oder tauschten, sich zankten, rauften, prügelten
-und dergleichen Kurzweil trieben. Auch durfte man Jim mit seinem Eimer
-Wasser nie vor Ablauf einer Stunde zurückerwarten, obgleich die Pumpe
-kaum einige hundert Schritte vom Hause entfernt war und selbst dann
-mußte gewöhnlich noch nach ihm geschickt werden. Ruft also Tom:
-
-»Hör', Jim, ich will das Wasser holen, streich' du hier ein bißchen an.«
-
-Jim schüttelte den Dickkopf und sagte:
-
-»Nix das können, junge Herr Tom. Alte Tante sagen, Jim sollen nix thun
-andres als Wasser holen, sollen ja nix anstreichen. Sie sagen, junge
-Herr Tom wohl werden fragen Jim, ob er wollen anstreichen, aber er nix
-sollen es thun -- ja nix sollen es thun.«
-
-»Ach was, Jim, laß dir nichts weis machen, so redet sie immer. Her mit
-dem Eimer, ich bin gleich wieder da. Sie merkt's doch gar nicht.«
-
-»Jim sein so bange, er's nix wollen thun. Alte Tante sagen, sie ihm
-reißen Kopf ab, wenn er's thun.«
-
-»Sie! O Herr Jemine, die kann ja gar niemand ordentlich durchhauen,
--- die fährt einem ja nur mit der Hand über den Kopf, als ob sie
-streicheln wollte, und ich möcht' wissen, wer sich daraus was macht.
-Ja, schwatzen thut sie von durchhauen und allem, aber schwatzen thut
-nicht weh, -- das heißt, so lang sie nicht weint dazu. Jim, da, ich
-schenk' dir auch 'ne große Murmel, -- da und noch 'nen Gummi dazu!«
-
-Jim schwankte.
-
-»'nen Gummi, Jim, und was für ein Stück, sieh mal her!«
-
-»O, du mein alles! Sein das prachtvoll Stück Gummi. Aber, junge Herr
-Tom, Jim sein so ganz furchtbar bange vor alte Tante!«
-
-Jim aber war auch nur ein schwacher Mensch, -- diese Versuchung erwies
-sich als zu stark für ihn. Er stellte seinen Eimer hin und streckte
-die Hand nach dem verlockenden Gummi aus. Im nächsten Moment flog er
-jedoch, laut aufheulend, samt seinem Eimer die Straße hinunter, Tom
-tünchte mit Todesverachtung drauf los, und Tante Polly zog sich stolz
-vom Schlachtfeld zurück, Pantoffel in der Hand, Triumph im Auge.
-
-[Illustration]
-
-Toms Eifer hielt nicht lange an. Ihm fiel all das Schöne ein, das
-er für diesen Tag geplant, und sein Kummer wuchs immer mehr. Bald
-würden sie vorüber schwärmen, die glücklichen Jungen, die heute frei
-waren, auf die Berge, in den Wald, zum Fluß, überall hin, wo's schön
-und herrlich war. Und wie würden sie ihn höhnen und auslachen und
-verspotten, daß er dableiben und arbeiten mußte, -- schon der Gedanke
-allein brannte ihn wie Feuer. Er leerte seine Taschen und musterte
-seine weltlichen Güter, -- alte Federn, Glas- und Steinkugeln, Marken
-und sonst allerlei Kram. Da war wohl genug, um sich dafür einen
-Arbeitstausch zu verschaffen, aber keineswegs genug, um sich auch
-nur eine knappe halbe Stunde voller Freiheit zu erkaufen. Seufzend
-wanderten die beschränkten Mittel wieder in die Tasche zurück, und Tom
-mußte wohl oder übel die Idee fahren lassen, einen oder den andern der
-Jungen zur Beihilfe zu bestechen. In diesem dunkeln, hoffnungslosen
-Moment kam ihm eine Eingebung! Eine große, eine herrliche Eingebung!
-Er nahm seinen Pinsel wieder auf und machte sich still und emsig an
-die Arbeit. Da tauchte Ben Rogers in der Entfernung auf, Ben Rogers,
-dessen Spott er gerade am meisten gefürchtet hatte. Ben's Gang, als
-er so daher kam, war ein springender, hüpfender, kurzer Trab, Beweis
-genug, daß sein Herz leicht und seine Erwartungen hoch gespannt waren.
-Er biß lustig in einen Apfel und ließ dazu in kurzen Zwischenpausen ein
-langes, melodisches Geheul ertönen, dem allemal ein tiefes gezogenes
-ding--dong--dang, ding--dong--dang folgte. Er stellte nämlich einen
-Dampfer vor. Als er sich Tom näherte, gab er Halbdampf, hielt sich
-in der Mitte der Straße, wandte sich stark nach Steuerbord und glitt
-drauf in stolzem Bogen dem Ufer zu, mit allem Aufwand von Pomp und
-Umständlichkeit, denn er stellte nichts Geringeres vor als den ›Großen
-Missouri‹ mit neun Fuß Tiefgang. Er war Schiff, Kapitän, Mannschaft,
-Dampfmaschine, Glocke, alles in allem, stand also auf seiner eigenen
-Schiffsbrücke, erteilte Befehle und führte sie aus.
-
-»Halt, stoppen! Klinge--linge--ling.« Der Hauptweg war zu Ende,
-und der Dampfer wandte sich langsam dem Seitenweg zu. »Wenden!
-Klingelingeling!« Steif ließ er die Arme an den Seiten niederfallen.
-»Wenden Steuerbord! Klingelingeling! Tschu! tsch--tschu--u--tschu!«
-
-Nun beschrieb der rechte Arm große Kreise, denn er stellte ein
-vierzig Fuß großes Rad vor. »Zurück, Backbord! Klingelingeling!
-Tschu--tsch--tschu--u--sch!« Der linke Arm begann nun Kreise zu
-beschreiben.
-
-»Steuerbord stoppen! Lustig, Jungens! Anker auf -- nieder!
-Klingeling! Tsch--tschuu--tschtu! Los! Maschine stoppen! He, Sie da!
-Scht--sch--tscht!« (Ausströmen des Dampfes.)
-
-Tom tünchte währenddessen und ließ den Dampfer Dampfer sein. Ben
-starrte ihn einen Augenblick an und grinste dann:
-
-»Hi--hi! Festgenagelt -- äh?«
-
-Keine Antwort. Tom schien seinen letzten Strich mit dem Auge eines
-Künstlers zu prüfen, dann fuhr er zart mit dem Pinsel noch einmal
-drüber und übersah das Resultat in derselben kritischen Weise wie
-zuvor. Ben marschierte nun neben ihm auf. Toms Mund wässerte nach dem
-Apfel, er hielt sich aber tapfer an die Arbeit. Sagt Ben:
-
-»Hallo, alter Junge, Strafarbeit, ja?«
-
-»Ach, du bist's, Ben, ich hab' gar nicht aufgepaßt!«
-
-»Hör' du, ich geh' schwimmen, willst du vielleicht mit? Aber gelt, du
-arbeitst lieber, natürlich, du bleibst viel lieber da, gelt?«
-
-Tom maß ihn erstaunt von oben bis unten.
-
-»Was nennst du eigentlich arbeiten?«
-
-»W--was? Ist das keine Arbeit?«
-
-Tom tauchte seinen Pinsel wieder ein und bemerkte gleichgültig:
-
-»Vielleicht -- vielleicht auch nicht! Ich weiß nur soviel, daß das dem
-Tom Sawyer paßt.«
-
-»Na, du willst mir doch nicht weis machen, daß du's zum Vergnügen
-thust?«
-
-Der Pinsel strich und strich.
-
-»Zum Vergnügen? Na, seh' nicht ein, warum nicht. Kann unser einer denn
-alle Tag 'nen Zaun anstreichen?«
-
-Das warf nun ein neues Licht auf die Sache. Ben überlegte und
-knupperte an seinem Apfel. Tom fuhr sachte mit seinem Pinsel hin und
-her, trat dann zurück, um die Wirkung zu prüfen, besserte hie und da
-noch etwas nach, prüfte wieder, alles ohne sich im geringsten um Ben
-zu kümmern. Dieser verfolgte jede Bewegung, eifriger und eifriger mit
-steigendem Interesse. Sagt er plötzlich:
-
-»Du, Tom, laß mich ein bißchen streichen!«
-
-Tom überlegte, schien nachgeben zu wollen, gab aber diese Absicht
-wieder auf: »Nein, nein, das würde nicht gehen, Ben, wahrhaftig nicht.
-Weißt du, Tante Polly nimmt's besonders genau mit diesem Zaun, so dicht
-bei der Straße, siehst du. Ja, wenns irgendwo dahinten wär', da läg
-nichts dran, -- mir nicht und ihr nicht -- so aber! Ja, sie nimmt's
-ganz ungeheuer genau mit diesem Zaun, der muß ganz besonders vorsichtig
-gestrichen werden, -- einer von hundert Jungen vielleicht, oder noch
-weniger, kann's so machen, wie's gemacht werden muß.«
-
-»Nein, wirklich? Na, komm, Tom, laß mich's probieren, nur ein ganz
-klein bißchen. Ich ließ dich auch dran, Tom, wenn ich's zu thun hätte!«
-
-»Ben, wahrhaftig, ich thät's ja gern, aber Tante Polly -- Jim hat's
-thun wollen und Sid, aber die haben's beide nicht gedurft. Siehst du
-nicht, wie ich in der Klemme stecke? Wenn du nun anstreichst, und 's
-passiert was, und der Zaun ist verdorben, dann --«
-
-»Ach, Unsinn, ich will's schon recht machen. Na, gieb her, -- wart', du
-kriegst auch den Rest von meinem Apfel; 's ist freilich nur noch der
-Butzen, aber etwas Fleisch sitzt doch noch drum.«
-
-»Na, denn los! Nein, Ben, doch nicht, ich hab' Angst, du --«
-
-»Da hast du noch 'nen ganzen Apfel dazu!«
-
-Tom gab nun den Pinsel ab, Widerstreben im Antlitz, Freude im Herzen.
-Und während der frühere Dampfer ›Großer Missouri‹ im Schweiße seines
-Angesichts drauf los strich, saß der zurückgetretene Künstler auf einem
-Fäßchen im Schatten dicht dabei, baumelte mit den Beinen, verschlang
-seinen Apfel und brütete über dem Gedanken, wie er noch mehr Opfer
-in sein Netz zöge. An Material dazu war kein Mangel. Jungen kamen in
-Menge vorüber. Sie kamen um zu spotten und blieben um zu tünchen! Als
-Ben müde war, hatte Tom schon Kontrakt gemacht mit Billy Fischer, der
-ihm einen fast neuen, nur wenig geflickten Drachen bot. Dann trat
-Johnny Miller gegen eine tote Ratte ein, die an einer Schnur zum Hin-
-und Herschwingen befestigt war. So gings weiter und weiter, Stunde um
-Stunde. Und als der Nachmittag zur Hälfte verstrichen, war aus Tom, dem
-mit Armut geschlagenen Jungen mit leeren Taschen und leeren Händen,
-ein im Reichtum förmlich schwelgender Glücklicher geworden. Er besaß
-außer den Dingen, die ich oben angeführt, noch zwölf Steinkugeln, eine
-freilich schon etwas stark beschädigte Mundharmonika, ein Stück blaues
-Glas, um die Welt dadurch zu betrachten, ein halbes Blasrohr, einen
-alten Schlüssel, um nichts damit aufzuschließen, ein Stück Kreide,
-einen halb zerbrochenen Glasstöpsel von einer Wasserflasche, einen
-Bleisoldaten, ein Stück Seil, sechs Zündhütchen, ein junges Kätzchen
-mit nur einem Auge, einen alten messingnen Thürgriff, ein Hundehalsband
-ohne Hund, eine Messerklinge, vier Orangenschalen und ein altes,
-wackeliges Stück Fensterrahmen. Dazu war er lustig und guter Dinge,
-brauchte sich gar nicht weiter anzustrengen die ganze Zeit über und
-hatte mehr Gesellschaft beinahe, als ihm lieb war. Der Zaun wurde nicht
-weniger als dreimal vollständig überpinselt, und wenn die Tünche im
-Eimer nicht ausgegangen wäre, hätte er zum Schluß noch jeden einzelnen
-Jungen des Dorfes bankerott gemacht.
-
-Unserm Tom kam die Welt gar nicht mehr so traurig und öde vor. Ohne
-es zu wissen, hatte er ein tief in der menschlichen Natur wurzelndes
-Gesetz entdeckt, die Triebfeder zu vielen, vielen Handlungen. Um das
-Begehren eines Menschen, sei er nun erwachsen oder nicht, -- das
-Alter macht in dem Fall keinen Unterschied -- also, um eines Menschen
-Begehren nach irgend etwas zu erwecken, braucht man ihm nur das
-Erlangen dieses ›etwas‹ schwierig erscheinen zu lassen. Wäre Tom ein
-gewiegter, ein großer Philosoph gewesen, wie zum Beispiel der Schreiber
-dieses Buches, er hätte daraus gelernt, wie der Begriff von _Arbeit_
-einfach darin besteht, daß man etwas thun _muß_, daß dagegen Vergnügen
-das ist, was man freiwillig thut. Er würde verstanden haben, warum
-künstliche Blumen machen oder in einer Tretmühle gehen ›Arbeit‹ heißt,
-während Kegel schieben im Schweiße des Angesichts oder den Mont-Blanc
-erklettern lediglich als Vergnügen gilt. Ja, ja, wer erklärt diese
-Widersprüche in der menschlichen Natur! --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-
-Tom erschien vor Tante Polly, die am offnen Fenster eines
-Hinterzimmers saß, das Schlaf-, Wohn-, Eßzimmer, Bibliothek, alles
-in sich vereinigte. Die balsamische Sommerluft, die friedliche Ruhe,
-der Blumenduft, das einschläfernde Summen der Bienen, alles hatte
-seine Wirkung auf sie ausgeübt, -- sie war über ihrem Strickstrumpf
-eingenickt in Gesellschaft der Katze, die auf ihrem Schoße friedlich
-schlummerte. Die Brille war zur Sicherheit ganz auf den alten, grauen
-Kopf geschoben. Sie war fest überzeugt gewesen, daß Tom längst
-durchgebrannt sei und wunderte sich nun nicht wenig, als er sich jetzt
-so furchtlos ihrer Macht überlieferte.
-
-»Darf ich jetzt gehen und spielen, Tante?« fragte er.
-
-»Was -- schon? Ei, wie weit bist du denn?«
-
-»Fertig, Tante.«
-
-»Tom, schwindle nicht, du weißt, das kann ich nicht vertragen.«
-
-»Gewiß und wahrhaftig, Tante, ich bin fertig.«
-
-Tante Polly schien nur wenig Zutrauen zu der Angabe zu hegen, denn sie
-erhob sich, um selbst nachzusehen; sie wäre froh und dankbar gewesen,
-hätte sie nur zwanzig Prozent von Toms Aussage bestätigt gefunden. Als
-sie aber nun den ganzen Zaun getüncht fand und nicht nur so einmal
-leicht überstrichen, sondern sorgsam mit einer festen, tadellosen Lage
-Tünche versehen, da kannte ihr Erstaunen, ihre freudige Ver- und
-Bewunderung keine Grenzen.
-
-»Na, so was!« stieß sie fast atemlos hervor. »Arbeiten _kannst_ du,
-wenn du willst, Tom, das muß dir dein Feind lassen. Selten genug
-freilich willst du einmal,« schwächte sie ihr Kompliment ab. »Aber nun
-geh' und spiel', mach' dich flink fort. Daß du mir aber vor Ablauf
-einer Woche wieder kommst, hörst du, sonst gerb' ich dir das Fell doch
-noch durch!«
-
-Sie war aber so gerührt von seiner Heldenthat, daß sie ihn zuerst noch
-mit in die Speisekammer nahm und einen herrlichen, dicken, rotbackigen
-Apfel auslas, den sie ihm einhändigte, daran den salbungsvollen
-Hinweis knüpfend, wie Verdienst und ehrliche Anstrengung den Genuß
-einer Gabe erhöhe, die man als Lohn der Tugend erworben, nicht durch
-sündige Tücke. Und während sie die Predigt mit einer ebenso passend
-als glücklich gewählten Schriftstelle schloß, hatte Tom hinterrücks
-ein Stückchen Kuchen stibitzt, um sich den Lohn der Tugend wie die
-Errungenschaft sündiger Tücke ganz gleich gut schmecken zu lassen.
-
-Dann schlüpfte er hinaus und sah gerade, wie Sid die Außentreppe,
-die zu dem Hinterzimmer des zweiten Stocks führte, hinauf huschte.
-Erdklumpen waren zur Hand und im Moment war die Luft voll davon. Sie
-flogen um Sid wie ein Hagelwetter, und ehe noch Tante Polly ihre
-überraschten Lebensgeister sammelte oder zu Hilfe kommen konnte, hatten
-sechs oder sieben ihr Ziel getroffen, Sid brüllte, und Tom war über
-den Zaun gesetzt und verschwunden. Es gab freilich auch ein Thor, aber
-für gewöhnlich konnte es Tom aus Mangel an Zeit nicht benutzen. Nun
-hatte seine Seele Ruhe, jetzt hatte er abgerechnet mit Sid und ihm die
-Verräterei mit dem schwarzen Zwirn heimgezahlt. Der würde ihn nicht so
-bald wieder in Ungelegenheiten zu bringen wagen!
-
-Tom schlich auf Umwegen hinter dem Stalle, um Haus und Hof herum,
-bis er außer dem Bereich der Gefangennahme und Abstrafung war, dann
-setzte er sich eiligst nach dem Hauptplatz des Dorfes in Trab, wo der
-Verabredung gemäß zwei feindliche Heere sich eine Schlacht liefern
-sollten. Tom war General der einen Armee, Joe Harper, sein Busenfreund,
-General der zweiten. Die beiden ruhmgekrönten, großen Anführer ließen
-sich aber nicht zum Fechten in Person herbei; bewahre, ganz nach
-berühmten Mustern sahen sie nur von ferne zu, von irgend einer Erhöhung
-herab, und leiteten die Bewegungen der kämpfenden Heere durch Befehle,
-welche Adjutanten überbringen mußten. Nach langem, heißem Kampfe trug
-Toms Schar den Sieg davon. Nun wurden die Toten gezählt, Gefangene
-ausgetauscht, die Bedingungen zum nächsten Streit vereinbart und der
-Tag für die daraus notwendig sich ergebende Schlacht festgesetzt, die
-Armeen lösten sich auf, und Tom marschierte allein heimwärts.
-
-Als er am Hause des Bürgermeisters vorüber kam, sah er ein fremdes,
-kleines Mädchen im Garten, ein liebliches, zartes, blauäugiges Geschöpf
-mit langen gelben, in zwei dicke Schwänze geflochtenen Haaren, weißem
-Sommerkleid und gestickten Höschen. Der ruhmgekrönte Held fiel ohne
-Schuß und Streich. Eine gewisse Anny Lorenz verschwand aus seinem
-Herzen, ohne auch nur einen Schatten ihrer selbst zurück zu lassen. Tom
-hatte seine Liebe zu besagter Anny für verzehrende Feuersglut gehalten,
-und nun war es nur noch ein leise flackerndes, verlöschendes Flämmchen.
-Monatelang hatte er um sie geworben, vor einer Woche erst hatte sie
-ihm ihre Gegenliebe gestanden, sieben Tage lang war er der stolzeste,
-glücklichste Junge des Städtchens gewesen und jetzt -- im Umdrehen
-hatte sie sich empfohlen aus seinem Herzen, wie irgend ein fremder
-Besuch, dessen Zeit um ist.
-
-[Illustration]
-
-Mit verstohlenen Blicken verfolgte Tom den neu auftauchenden Engel, bis
-er bemerkte, daß sie ihn entdeckt hatte. Jetzt that er, als ob er sie
-gar nicht sähe und begann nach echter Jungenart ›sich zu zeigen‹, in
-der Absicht, ihre Bewunderung zu erringen. Eine Zeitlang trieb er es
-so fort, aber mitten in irgend einer halsbrecherischen, gymnastischen
-Leistung schielte er seitwärts und bemerkte, daß die Holde sich dem
-Hause zuwandte. Er brach ab und sprang auf den Zaun zu, voller Bedauern
-und in der Hoffnung, daß sie doch noch ein wenig länger verweilen
-werde. Einen Moment blieb sie auf den Stufen stehen, näherte sich dann
-aber schnell der Thüre. Tom stieß einen schweren, schallenden Seufzer
-aus, als ihr Fuß die Schwelle berührte, im selben Moment aber erhellte
-sich sein melancholisches Antlitz, -- sie hatte ein Stiefmütterchen
-über den Zaun geworfen im Augenblick, da sie verschwand. Der Junge
-rannte drauf los, blieb aber einen oder zwei Fuß von der Blume entfernt
-stehen, beschattete die Augen mit der Hand und that, als habe er, weit
-da unten in der Straße, etwas von großem Interesse entdeckt. Gleich
-danach raffte er einen Strohhalm vom Boden auf, um ihn auf der Nase zu
-balancieren, indem er den Kopf weit zurück warf, und als er sich dabei
-hin und her bewegte, rückte er der Blume immer näher. Schließlich
-berührte er sie mit seinem nackten Fuße, seine geschmeidigen Zehen
-umschlossen dieselbe, auf einem Bein hüpfte er fort mit dem eroberten
-Schatze und verschwand um die nächste Ecke. Aber nur für eine Minute,
--- nur bis er die Blume an seinem Herzen geborgen hatte oder auch
-an seinem Magen vielleicht, -- Tom war nicht sehr bewandert in der
-Anatomie und jedenfalls nicht allzu kritisch.
-
-Jetzt kehrte er zu seinem früheren Standorte zurück und trieb sich am
-Zaun herum, bis die Nacht hereinbrach, immer von Zeit zu Zeit seine
-Kunststücke loslassend. Die blonde Schöne aber zeigte sich nicht
-wieder, und Tom tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie sicher hinter
-irgend einem der Fenster gestanden habe, und seine Aufmerksamkeiten
-also nicht auf dürren Boden gefallen seien. Endlich bequemte er sich
-widerstrebend zum Abzug, Kopf und Sinn voll wunderbarer Visionen.
-
-Während des ganzen Abendessens war er in solch gehobener Stimmung,
-daß seine Tante nicht klug draus wurde, ›was zum Kuckuck in den
-Jungen gefahren sei!‹ Den Ausputzer, den er für Sids Beschießung mit
-Erdklumpen erhielt, nahm er mit Lammesgeduld entgegen und schüttelte
-ihn ebenso schnell wieder ab. Er probierte, der Tante vor der Nase
-weg Zucker zu stibitzen, und kriegte dafür ordentlich auf die Pfoten.
-Vorwurfsvoll meinte er:
-
-»Tante, du klopfst doch den Sid nicht, wenn er Zucker nascht.«
-
-»Der quält mich auch nicht so wie du. Was, ei wenn ich dir nicht
-aufpaßte, du stecktest den ganzen Tag in der Zuckerdose!«
-
-Gleich danach wollte sie in der Küche etwas holen und ging hinaus.
-Sid, im Gefühl seiner Unstrafbarkeit, langte nach der Zuckerdose mit
-einer Überhebung, die Tom unerträglich dünkte. Aber weh! -- Sids Hand
-zitterte, die Dose entglitt den haltenden Fingern, fiel zu Boden und
-zerbrach. Tom triumphierte, -- triumphierte _so_, daß er sich bezwang,
-seine Zunge im Zaum hielt und atemlos, erwartungsvoll schwieg. Er
-gelobte sich innerlich, kein Wort zu sagen, selbst wenn die Tante
-wieder herein käme, sondern sich ganz stille zu verhalten, bis sie
-frage, wer das Unheil angestellt, dann würde er berichten und welche
-Wonne, wenn der geliebte ›Musterjunge‹ auch einmal was Ordentliches
-abkriegte. Er platzte beinahe vor Ungeduld und konnte sich kaum auf dem
-Stuhl halten, als nun die alte Dame hereintrat und sprachlos, Wutblitze
-unter ihrer Brille hervor schleudernd, vor den Trümmern stand. »Jetzt
-kommt's, jetzt geht's los,« frohlockte er. Im nächsten Moment fühlte er
-sich gepackt, zu Boden geworfen, und schon hob sich die strafende Faust
-zum zweiten- und drittenmal über seinem südlichen Rückenende, ehe er,
-sprachlos vor Ueberraschung und Entrüstung, Worte fand:
-
-»Laß los, Tante, was haust du _mich_ denn? Sid hat's ja gethan!«
-
-Tante Pollys erhobene Faust sank noch einmal mechanisch mit
-klatschendem Schlag, dann hielt sie ein, erstaunt, verwirrt, während
-Tom, eines Ausbruchs tröstenden, selbstanklagenden Mitleids gewärtig,
-vorwurfsvoll zu ihr emporstarrte. Aber alles, was sie sagte, als sie zu
-Atem kam, war:
-
-»Na, Gott weiß, an dir ist kein Schlag verloren, das ist mein Trost.
-Nimm's einstweilen als Abschlagszahlung, hörst du!«
-
-Danach aber empfand sie doch Gewissensbisse, und ihr gutes, weiches
-Herz sehnte sich, dem armen, unschuldig Gezüchtigten ein liebevolles
-Wort zu sagen. Aus Rücksichten der Disziplin aber enthielt sie sich
-jeder Zusprache, die ihr doch nur als ein Eingeständnis des Unrechts
-ausgelegt worden wäre. So schwieg sie denn und ging bekümmerten Herzens
-ihrer Arbeit nach. Tom schmollte in einem Winkel und steigerte seine
-Leiden ins Unendliche. Er wußte, daß die Tante innerlich vor ihm auf
-den Knieen lag, und dies Bewußtsein that ihm wohl bis in die kleine
-Zehe. Er wollte sich um niemanden, niemanden mehr kümmern. Er fühlte,
-wie ihn von Zeit zu Zeit ein sehnsüchtiger, thränenverschleierter Blick
-traf, er aber that, als merke er nichts und brütete nur stumm vor sich
-hin. Er sah sich krank, sterbend auf seinem Bette hingestreckt. Die
-Tante beugte sich über ihn und flehte händeringend um ein einziges,
-kleines, armes Wort der Vergebung. Er aber wandte das Gesicht ab,
-stumm, thränenlos und starb, -- starb, und das Wort der Vergebung
-blieb ungesagt. Was würde sie dann thun? -- Oder er sah sich, wie man
-ihn vom Fluß zurück brachte, tot, mit triefenden Haaren, blassem,
-stillem Antlitz, endlich Ruhe und Frieden im armen, gequälten Herzen
--- für immer. Wie würde sie sich über ihn werfen, wie würden ihre
-Thränen stromweise fließen und sie Gott anrufen, ihren armen Jungen
-wieder lebendig zu machen, den sie auch nie, nie wieder mißhandeln
-wolle. Er aber läge da, kalt und still, ein armer Märtyrer, dessen
-Leiden zu Ende. -- So arbeitete er sich dermaßen in Jammer und
-Elend hinein, daß er beinahe in Schluchzen ausgebrochen wäre und am
-Zurückdrängen desselben fast erstickte. Thränen standen in seinen
-Augen, und alles erschien ihm in einem wässerigen Nebel. Wenn er mit
-den Augen zwinkerte, kamen die Tropfen langsam die Nase herab und
-träufelten von der Spitze hernieder. Dabei fühlte er sich so wohl in
-seinem Schmerz, daß er denselben ängstlich vor der profanen Lust, dem
-lärmenden Getriebe der Welt da draußen behütete. Als sein Bäschen Mary,
-die acht Tage auf dem Lande zu Besuch gewesen war, glückselig nach der
-›langen Abwesenheit‹ zur einen Thür herein tanzte, wie lauter Licht
-und Sonnenschein, entschlüpfte Tom in Nebel und Wolken gehüllt durch
-die andere. Weit in die Einsamkeit wanderte er hinweg. Ein Floß lockte
-ihn; er setzte sich darauf und starrte in die Wellen des Stromes. Wenn
-er nur auf einmal tot und ertrunken sein könnte, ohne etwas davon zu
-wissen, ohne erst all das viele Wasser zu schlucken! Dann dachte er
-an seine Blume, entnahm sie seinem Busen, verwelkt, zerknittert, und
-ihr Anblick erhöhte noch sein wonniges Schmerzgefühl. Ob _sie_ ihn wohl
-bemitleiden würde, wenn sie es wüßte? Oder würde auch sie sich abwenden
-wie die übrige schnöde Welt? Wieder verlor er sich in einem Labyrinth
-von Träumen und erhob sich zuletzt seufzend, um in die Dunkelheit
-hinein zu wandern. Um zehn, halb elf schlich er die stille Straße
-hinunter, in der die vergötterte Unbekannte wohnte. An ihrer Thüre
-hielt er an. Kein Laut traf sein lauschendes Ohr, nur aus einem Fenster
-des zweiten Stockes kam der trübe Schein eines einsamen Talglichts.
-War dort der geheiligte Raum, der sie umschloß? Er kletterte über den
-Zaun und stahl sich lautlos bis unter jenes Fenster. Voll Rührung
-schaute er hinan, dann streckte er sich der Länge lang auf den Boden
-aus, die Hände, welche die verwelkte Blume umschlossen, auf der Brust
-faltend. So wollte er sterben, -- draußen in der kalten Welt, kein
-Dach über seinem heimatlosen Haupte, keine Freundeshand, die ihm den
-Todesschweiß von der Stirne wischte, kein liebendes Antlitz, das sich
-mitleidsvoll über ihn beugte, wenn der letzte, große Kampf nahte. So
-sollte _sie_ ihn sehen, wenn sie das Fenster öffnete, um dem jungen
-Morgen zuzulächeln und ach -- würde sie wohl dem Toten eine Thräne
-weihen, einen Seufzer hauchen über den leblosen stillen Rest, der alles
-war, was von dem frohen, jugendfrischen, vor der Zeit in der Wurzel
-geknickten, jungen Leben geblieben?
-
-[Illustration]
-
-Das Fenster öffnete sich. Die schrille Stimme einer Magd entweihte
-die geheiligte Stille, und eine Sündflut von Wasser durchtränkte die
-Gebeine des dahingestreckten Märtyrers.
-
-Prustend und keuchend sprang unser Held auf und schüttelte sich
-heftig. Ein Wurfgeschoß durchschwirrte die Luft, untermischt mit einem
-halblauten Fluche, worauf ein klirrendes Splittern von Glas folgte.
-Eine kleine, undeutliche Gestalt kletterte eiligst über den Zaun und
-schoß in die Dunkelheit hinein.
-
-Nicht lange danach, als Tom beim Schein eines Lichtstümpchens seine
-durchnäßten Kleider besichtigte, erwachte Sid. Wenn der nun vorher die
-Absicht gehabt hatte, allerlei unliebsame Anspielungen zu machen, so
-besann er sich jetzt wohlweislich eines besseren und hielt Frieden, --
-es blitzte Gefahr in Toms Auge. Dieser aber kroch ins Bett ohne weitere
-unangenehme Förmlichkeiten wie Waschen oder Beten, wovon sich Sid im
-Geiste getreulich Notiz machte, und die Stille der Nacht umfing das
-Brüderpaar.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-
-Die Sonne ging auf über der sonntäglich ruhigen Welt und strahlte
-nieder auf das friedliche Städtchen, wie ein Segen von oben. Als das
-Frühstück vorüber war, hielt Tante Polly Familienandacht. Sie begann
-mit einem Gebete, das sich ganz und gar aus festen Schichten biblischer
-Kraftstellen aufbaute, die nur durch einen dünnen, spärlichen Mörtel
-eigener Gedanken zusammen gehalten wurden. Auf den Zinnen dieses
-stolzen Baues angelangt, krönte sie das Ganze mit einem dräuenden
-Kapitel des Mosaischen Gesetzes, als stünde sie auf dem Berge Sinai
-selber.
-
-Danach gürtete Tom seine Lenden sozusagen und ging ans Werk, sich die
-Bibelsprüche ›einzupauken‹. Sid, der Musterknabe, hatte seine Lektion
-schon vor mehreren Tagen gelernt. Tom warf sich mit ganzer Energie auf
-die Erlernung von fünf Versen und wählte dieselben aus der Bergpredigt,
-da er keine kürzeren finden konnte.
-
-Nach Verlauf einer halben Stunde hatte er denn auch glücklich einen
-schwachen, allgemeinen Begriff von seiner Lektion, aber nichts weiter,
-denn seine Gedanken reisten dabei mit Blitzesschnelle durch die ganze
-weite, unbegrenzte Welt, die im engen Hirne schlummert, und seine
-Finger waren rastlos thätig in allerhand angenehmen, ablenkenden
-Zerstreuungen. Endlich erbarmte sich Bäschen Mary seiner und nahm
-das Buch, um ihn zu überhören, während er sich durch den die Sprüche
-verhüllenden Nebel mühsam seinen Weg zu bahnen suchte.
-
-»Selig sind die -- ä -- ä --«
-
-»Da geistig --«
-
-»Richtig -- die da geistig ä -- ä --«
-
-»Arm --«
-
-»Arm sind. Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie sollen --
-sollen --«
-
-»Denn ihrer --«
-
-»Ja so! Selig sind, die da geistig arm sind, denn ihrer ist das
-Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie -- sie --«
-
-»S --«
-
-»Denn sie -- ä --«
-
-»S -- o --«
-
-»Denn sie s -- s --, weiß der Kuckuck, wie das heißt!«
-
-»Sollen!«
-
-»Ach so -- sollen! Denn sie sollen -- denn sie sollen -- ä -- ä --
-sollen Leid tragen. Selig sind, die da sollen -- die da sollen -- ä --
-Leid tragen, denn sie sollen -- ä -- sollen was? Warum hilfst du mir
-denn nicht, Mary, schäm' dich, so schlecht zu sein und am Sonntag noch
-dazu!«
-
-[Illustration]
-
-»O, Tom, armer, dummer, dickköpfiger Kerl, ich will dich ja nicht
-necken, Gott behüte. Ich mein's nur gut mit dir. Geh' und lern's
-noch einmal und verlier' den Mut nicht, du wirst's schon in den Kopf
-kriegen, und dann, Tom, dann schenk' ich dir auch was Schönes! Geh' und
-sei ein guter Junge!«
-
-»Schon recht. Aber was ist's, Mary, sag' mir erst, was es ist.«
-
-»Das brauchst du nicht vorher zu wissen, Tom, du weißt, wenn ich sag',
-es ist schön, so ist's wirklich was Schönes.«
-
-»Ja, das weiß ich. Also vorwärts, gieb das Buch wieder her, Mary,
-wollen's schon kriegen.«
-
-Und er ›kriegte‹ es wirklich und zwar mit Glanz unter dem Doppeldruck
-von Neugierde und voraussichtlichem Gewinn.
-
-Mary gab ihm nach bestandener Probe ein funkelnagelneues Taschenmesser,
-das mindestens eine Mark wert war unter Brüdern. Eine feine
-Damaszenerklinge hatte es ja wohl nicht, auch keinen schön verzierten
-eingelegten Griff von Elfenbein, aber um den Tisch anzuschnitzen
-war's gerade recht, was Tom sofort probierte, und als er sich darauf
-seelenvergnügt eben an den Schrank machen wollte, wurde er abgerufen,
-um sich zur Sonntagsschule in den Staat zu werfen.
-
-Mary reichte ihm eine Blechschüssel mit Wasser und ein Stück Seife,
-womit er sich in den Hof begab. Hier stellte er die Schüssel auf eine
-Bank, tauchte die Seife ins Wasser, legte solche dann zur Seite, goß
-das Wasser aus, stülpte die Aermel auf und kam wieder zur Küche herein,
-um sich eiligst sein trockenes Gesicht am Handtuch hinter der Thür
-abzuwischen. Mary aber riß ihm das Tuch weg und sagte:
-
-»Schämst du dich nicht, Tom? Das heiß' ich betrügen! Wasser wird dir
-nichts schaden!«
-
-Tom war ein wenig aus der Fassung gebracht. Die Schüssel wurde wieder
-gefüllt und diesmal stand er eine kleine Weile davor, um sich Mut
-zu machen, schöpfte dann tief Atem und begann das große Werk der
-wöchentlichen Reinigung. Wie er nun zum zweitenmal die Küche betrat,
-sich mit krampfhaft geschlossenen Augen und ausgestreckten Händen
-nach dem Tuche hin tastend, bewiesen Seifenschaum und Wasser, die von
-seinem Antlitz niederströmten, seine Ehrlichkeit glänzend. Als er dann
-aber hinter dem Tuche hervor tauchte, war die schwere Prozedur noch
-nicht zur Zufriedenheit ausgefallen. Das reine Gebiet erstreckte sich
-nur bis zum Rande der Kinnlade, wo es ein Ende hatte, gleich einer
-Maske. Außerhalb dieser Linie zeigte sich die ganze Partie um Hals
-und Ohren in unberührt schwärzlichem Zustand. Nun legte Mary Hand an,
-und als sie fertig war, bot Tom das Bild eines reinlichen, ehrlichen
-Christenmenschen, ohne Unterschied der Farbe. Sein feuchtes Haar war
-schön gebürstet, und die sonst so widerspenstigen Locken kräuselten
-sich in ordentlich rührender Ergebung. Diese Locken waren Toms Qual, er
-hielt sie für weibisch, schämte sich ihrer und that sein Möglichstes,
-sie mit Hilfe von Fett und Wasser fest am Kopf anzukleben. Daß ihm
-dies nur teilweise und unbefriedigend gelang, erfüllte sein Herz mit
-Bitternis. Jetzt holte Mary seinen Sonntagsanzug, den er während zweier
-Jahre nur an diesem geheiligten Tage getragen. Man sprach davon einfach
-nur als von ›den andern Kleidern‹, und daraus läßt sich leicht auf den
-Umfang von Toms Garderobe schließen. Als er sich dann hinein gestreckt
-in diese ›anderen Kleider‹, legte Mary die letzte, verbessernde
-Hand an, knöpfte die Jacke zu, zog ihm den riesigen, weißen Kragen
-an, bürstete ihn aus und krönte das Ganze mit einem braunen, gelb
-gefleckten Strohhut. Tom sah nun ungemein ehrbar und unbehaglich aus
-und fühlte sich auch nicht minder unbehaglich, als er aussah. Für ihn
-lag ein fast unerträglicher Zwang in ganzen und sauberen Kleidern, ein
-Zwang, der ihn fortwährend reizte. Er hoffte, Mary würde wenigstens
-seine Schuhe vergessen, aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch;
-ehe er sich's versah, standen die Marterwerkzeuge, ordentlich mit Talg
-eingeschmiert, wie es so Sitte war, lieblich lockend vor ihm. Jetzt
-verlor er völlig die Geduld und schalt und brummte, er solle immer
-alles thun, was er absolut nicht möge. Mary aber bat und schmeichelte:
-
-»Bitte, Tom, sei so gut, bitte!«
-
-So fuhr er denn brummend hinein in die schwarzen Plagegeister, blieb
-aber bei sehr gereizter, übler Laune. Mary war auch bald fertig und die
-drei Kinder machten sich zusammen auf nach der Sonntagsschule, einem
-Ort, den Tom ebensosehr haßte, wie ihn Sid und Mary liebten.
-
-Die Sonntagsschule dauerte von neun bis halb elf, danach kam noch der
-Gottesdienst. Bei diesem blieben immer zwei unsrer kleinen Freunde
-freiwillig zugegen, der dritte auch, aber ihn lockte etwas anderes, als
-die Predigt. Die Kirche selbst war klein und schmucklos, sie mochte
-in ihren geraden, hochlehnigen Bänken vielleicht dreihundert Menschen
-fassen. An der Thüre zögerte Tom und ließ die andern vorgehen, während
-er einen sonntäglich herausgeputzten Kameraden anredete:
-
-»Sag' mal, Bill, hast du 'nen gelben Zettel?«
-
-»Ja!«
-
-»Was willst du dafür haben?«
-
-»Was giebst du mir?«
-
-»Ein Stück Süßholz und einen Angelhaken.«
-
-»Zeig' mal her.«
-
-Tom zeigte her, Bill prüfte und fand das Gebotene des Zettels wert,
-so tauschten sie das Eigentum. Danach handelte Tom noch drei rote und
-zwei blaue Zettel gegen einige ähnliche, kostbare Artikel ein. Zehn,
-fünfzehn Minuten lang fuhr er in dieser Beschäftigung fort, jagte
-allen möglichen Jungen Zettel in allen möglichen Farben ab und hatte
-nach Verlauf dieser Zeit eine recht stattliche Anzahl zusammen, die er
-schmunzelnd in die Tasche schob. Nun endlich betrat er inmitten eines
-Schwarms sonntäglich gesäuberter, aber etwas geräuschvoller Jungen und
-Mädchen die Kirche, setzte sich auf seinen Platz und begann sofort mit
-dem ersten besten Streit. Der Lehrer, ein ernster, gutmütig aussehender
-Herr, trat dazwischen, wandte dann aber für einen Moment den Rücken,
-was Tom sofort dazu benutzte, einem Jungen auf der vorderen Bank in
-die Haare zu fahren und einen anderen mit einer Nadel in den Arm zu
-stechen. Der Getroffene fuhr drauf mit einem zornigen ›autsch‹ herum,
-was ihm, da Tom mit Unschuldsmiene in sein Buch starrte, einen strengen
-Verweis des Lehrers zuzog. Toms ganze Klasse schien nach seinem Muster
-zugeschnitten -- unruhig, unaufmerksam, voller Tollheiten. Als sie
-an's Aufsagen kamen, wußte nicht einer seine Verse vollständig, doch
-stolperten sie durch mit Hängen und Würgen, so gut es eben ging. Die
-Belohnung für zwei fehlerlos aufgesagte Verse bestand in einem kleinen,
-blauen Zettel, auf den ein Bibelvers gedruckt war. Zehn blaue Zettel
-konnten für einen roten eingetauscht werden, zehn rote wiederum für
-einen gelben. Für zehn gelbe erhielt man dann vom Herrn Vikar eine
-kleine, sehr einfach gebundene Bibel, die unter Brüdern vielleicht
-vierzig Cents wert war. Wer unter meinen Lesern besäße wohl den Fleiß
-und die Ausdauer, zweitausend Bibelverse auswendig zu lernen, und wenn
-man ihm eine Prachtbibel von Doré böte? Und doch hatte sich Mary zwei
-solcher Bibeln erobert, es war die geduldige, mühsame Arbeit zweier
-Jahre. Nur die älteren, vernünftigen und ernsten Schüler brachten es
-fertig, ihre Zettel zu sammeln und dieses langwierige und langweilige
-Werk so lange durchzuführen, bis sie eine Bibel erhalten konnten. Eben
-durch dies mühsame Erringen aber wurde die Auslieferung des hohen
-Preises jedesmal zu einer feierlichen, denkwürdigen Begebenheit. Der
-also Gefeierte erschien so groß und erhaben an einem solchen Ehrentage,
-daß sich beim Anblick seiner Größe in der Brust jeglichen Zuschauers
-ein heiliger Eifer und Ehrgeiz entzündete, der oftmals sogar viele
-Wochen anhielt. Auch Toms glühendster Wunsch war es, einmal auf diese
-Weise ausgezeichnet zu werden; nicht der Bibel halber, bewahre, ihm
-ging's um die Ehre und den Ruhm, den Glanz, der die ganze Zeremonie
-umstrahlte.
-
-Nun trat der Herr Vikar, der die Sonntagsschule leitete, vor, ein
-kleines Testament zugeklappt in der Hand haltend, zwischen dessen
-Blättern sich der eine Zeigefinger barg, und bat um Aufmerksamkeit.
-Wenn ein Sonntagsschul-Vikar seine herkömmliche kleine Ansprache
-hält, so ist ihm ein Testament in der Hand so notwendig, wie das
-unvermeidliche Notenblatt dem Sänger, der das Podium betritt, um das
-Konzertpublikum mit einem Solo zu beglücken, -- das Warum bleibt
-freilich ein Rätsel, denn weder Testament, noch Notenblatt wird von
-dem betreffenden Dulder je eines Blickes gewürdigt werden. Dieser Herr
-Vikar nun war eine etwas schmächtige, überschlanke Figur von etwa
-fünfundzwanzig Jahren, mit sandgelbem Bocksbart und sandgelben Haaren.
-Seine Miene war ernst, und feierlich war auch der Ton seiner Stimme,
-als er nach dem Muster der gewöhnlichen Sonntagsschulredner begann:
-
-»Jetzt, Kinder, paßt auf; setzt euch alle so gerade und ruhig, wie
-ihr könnt und hört mir einmal ein paar Minuten lang recht aufmerksam
-zu. So, jetzt ist's recht! So müssen 's gute, kleine Knaben und
-Mädchen machen! Da sehe ich noch ein kleines Mädchen, das zum Fenster
-hinausguckt. Kleine, du denkst wohl, ich säße dort auf dem Baum und
-wolle den kleinen Vögelein da draußen etwas von unserm lieben Heiland
-erzählen, was? (Unterdrücktes Kichern.) Zuerst also möchte ich euch
-sagen, wie wohl es mir thut, so viele saubre, frohe, kleine Gesichter
-an einem Ort, wie diesem, versammelt zu sehen, an dem sie lernen
-sollen, gut und brav zu sein und das Rechte zu thun. --«
-
-Und so weiter und so fort. Den Rest der Rede zu verzeichnen ist nicht
-nötig, sie hielt sich ganz an bekannte Muster, die jeder von uns schon
-tausendfältig gehört hat.
-
-Das letzte Drittel der rednerischen Leistung wurde etwas gestört durch
-Wiederaufnahme der Püffe und Stöße und anderen Zeitvertreibs unter
-den schwarzen Schafen der kleinen Gemeinde. Ein Raunen und Flüstern
-begann, das sich mehr und mehr ausbreitete, ja selbst die Grundfesten
-solch unerschütterlicher Felsen wie Sid und Mary zu umspülen versuchte.
-Mit dem schlußandeutenden Sinken des Tons in des Redners Stimme ließ
-auch das Summen nach und der Schluß selbst wurde mit dem Ausbruch
-allgemeinsten, dankbaren Schweigens begrüßt.
-
-Ein großer Teil der Unruhe war durch einen ebenso erstaunlichen als
-seltenen Zwischenfall verursacht worden -- es waren Fremde gekommen!
-Der Bürgermeister erschien, begleitet von zwei Herren, einem alten,
-schwächlich aussehenden und einem jüngeren, stattlichen mit schon
-stark ergrauten Haaren. Voran ging eine Dame, offenbar die Frau des
-letzteren, die ein Mädchen an der Hand führte. Tom war bis dahin
-rastlos und unruhig gewesen, er hatte Gewissensbisse und konnte Anny
-Lorenz nicht ansehen, deren Auge mit liebendem Blick das seine suchte.
-Als er nun aber die Kleine erscheinen sah, fühlte er sich wie trunken
-vor Wonne. Im nächsten Augenblick begann er mit Macht ›sich zu zeigen‹,
--- puffte seine Nachbarn, riß sie an den Haaren, schnitt Gesichter,
-kurz bediente sich aller jener Künste, die imstande sind, ein kleines
-Schulmädchenherz zu bezaubern und ihm Beifall abzugewinnen. Seiner
-Wonne wurde nur ein Dämpfer aufgesetzt durch den Gedanken an die
-Demütigung, welche er in jenes Engels Garten hatte erdulden müssen,
-aber die Erinnerung hieran war doch nur in den Sand verzeichnet,
-den schon jetzt die hochgehenden Wogen des Glücks, die seine Seele
-überfluteten, wegzuschwemmen begannen. Den Fremden wurde der beste
-Ehrenplatz angewiesen, und als des Vikars Rede zu Ende war, stellte
-sich heraus, wer sie seien. Der stattliche, ergraute Herr in mittleren
-Jahren entpuppte sich als eine große Persönlichkeit. Er war nichts
-mehr und nichts weniger, als der oberste Richter des Kreises, das
-erhabenste Produkt der Schöpfung, das die Kinder je geschaut, und sie
-sannen drüber nach, aus welchem Stoff der wohl gemacht sein möge; halb
-sehnten sie sich danach, seine Donnerstimme zu vernehmen, und halb
-fürchteten sie sich davor. Er war aus Konstantinopel, zwölf Meilen
-flußabwärts, also ein weitgereister Mann, der die Welt kannte. Was der
-wohl alles schon gesehen hatte? Am Ende gar Washington und das ›Weiße
-Haus‹, das sich die Kinder wie eine blendende, leuchtende, flimmernde
-Masse von Eis und Schnee vorstellten, so weiß und so glänzend. Die
-durch solche Gedanken erweckte ehrfurchtsvolle Scheu prägte sich in dem
-atemlosen Schweigen, in den großen, runden, erstaunt drein starrenden
-Augen aus. Das also war der große, gewaltige Kreisrichter Thatcher, der
-Bruder ihres eignen Bürgermeisters, der Onkel von Willy Thatcher, der
-da eben vortrat aus ihren Reihen und dem großen Mann die Hand bot, als
-sei das nichts. Hätte Willy gewußt, was das Flüstern bedeutete, das
-sich erhob, es hätte ihm wie Sphärenmusik in den Ohren geklungen!
-
-»Sieh doch, Jim, Tom sieh doch! Er geht ja wahrhaftig hin und giebt ihm
-die Hand! Und der schüttelt sie. Weiß Gott, ich gäb' drei Steinkugeln
-drum, wenn ich der Willy wäre!«
-
-Der Vikar begann sich nun ›zu zeigen‹, rannte hier hin, dort hin,
-erteilte Befehle, Lob, Tadel, wie's gerade kam, und wo er nur
-irgend was anbringen konnte. Der Bücherausteiler ›zeigte‹ sich in
-übermäßigem Wichtigthun und Amtseifer, indem er mit den Armen voll
-Bücher hin und her rannte. Die jungen Damen, welche die verschiedenen
-Klassen unterrichteten, wollten gleichfalls nicht zurückbleiben, süß
-lächelnd neigten sie sich über kleine Schülerinnen, die sie kurz
-zuvor gescholten, hoben lieblich drohende Fingerlein gegen schlimme,
-kleine Jungen und streichelten andre zärtlich und milde. Die jungen
-Herren, welche als Lehrer wirkten, ›zeigten‹ sich in kleinen, ernsten
-Strafreden, die sie ihren betreffenden Klassen hielten, und andern
-ähnlichen Beweisen ihrer Autorität. Dabei hatten fast alle jugendlichen
-Lehrer beiderlei Geschlechts ganz erstaunlich viel mit Bücherwechseln
-zu thun in der Nähe der Kanzel, irrten sich erstaunlich oft in dem, was
-sie holten, mußten wieder und wieder gehen, zwei-, dreimal und schienen
-sich gewaltig darüber zu ärgern. Auch die kleinen Mädchen ›zeigten
-sich‹ auf die verschiedenste Weise und die kleinen Jungen ›zeigten
-sich‹ in ihrer Art, indem sie sich heimlich schubsten und die Luft
-mit emporgeschleuderten Papierpfropfen erfüllten. Und über dem allem
-thronte majestätisch der große Mann, ließ die Sonne seines Lächelns
-erstrahlen und wärmte sich an seiner eigenen Größe, denn er selbst,
--- er ›zeigte‹ sich erst recht. Eines nur fehlte, um des Herrn Vikars
-Glück vollständig zu machen in dieser erhabenen Stunde, und das war die
-Möglichkeit der Erteilung eines Bibelpreises. Einige Schüler konnten
-ein paar gelbe Zettel aufweisen, keiner aber hatte die genügende Zahl,
-wie er sich bei einem Umfragen unter den ersten ›Gestirnen‹ leider
-überzeugen mußte.
-
-Da, im letzten Moment, als er schon jede Hoffnung fahren ließ, trat
-Tom Sawyer vor mit neun gelben, neun roten und zehn blauen Zetteln, --
-trat vor und verlangte eine Bibel! Das war ein Blitzschlag aus heiterem
-Himmel! Der Herr Vikar hatte auf ein solches Ansinnen aus dieser
-Himmelsrichtung jede Hoffnung aufgegeben gehabt, für die nächsten
-zwanzig Jahre mindestens. Aber die unglaubliche Thatsache ließ sich
-nicht wegleugnen, -- hier stand Tom und da waren die Zettel und sie
-stimmten auf's Haar. Tom wurde also nach dem Ehrenplatze geleitet zu
-dem Kreisrichter und den andern Auserlesenen, und die erstaunliche
-Thatsache allen kund und zu wissen gethan. Das wirkte nun förmlich
-versteinernd, war die außerordentlichste Begebenheit des Jahrzehnts,
-und so nachhaltig und tief war der Eindruck derselben, daß er den
-neuen Helden noch beinahe über den alten erhob und die Schule nun zwei
-Wunder statt des einen zu bestaunen hatte. Die Jungen verzehrten sich
-in Neid, zumeist aber diejenigen, die sich nun zu spät klar machten,
-daß sie selbst zu diesem verhaßten Ruhme beigetragen, indem sie ihre
-Zettel an Tom verhandelten für die Reichtümer, die er durch zeitweilige
-Ablassung seiner Tünchungsprivilegien aufgerafft. Sie verachteten und
-verdammten sich selbst als überlistete Opfer eines schwarzen Betrügers,
-einer kriechenden, verräterischen Schlange.
-
-Inzwischen wurde der Preis an Tom ausgeliefert mit so viel Pomp,
-als der Vikar nur irgend bei der Gelegenheit anbringen konnte.
-Der volle, richtige Schwung aber schien doch dabei zu fehlen; ihm
-sagte der Instinkt, daß hier ein Geheimnis verborgen liege, welches
-das Licht nicht vertrage, ja es scheuen müsse. Es war einfach ein
-Ding der Unmöglichkeit, daß _dieser_ Junge zweitausend Körner der
-Schriftweisheit in die Scheunen seines Geistes eingeheimst haben
-sollte, dieser Junge, dessen Fähigkeiten nicht hinreichend schienen,
-sich auch nur ein Dutzend solch köstlicher Früchte zu eigen zu machen.
-Anny Lorenz war stolz und glücklich und bemühte sich, es Tom in ihren
-Augen lesen zu lassen, der aber wollte nicht hersehen. Sie verwunderte
-und grämte sich darüber; dann faßte sie Verdacht und paßte auf; ein
-verstohlener Blick, den sie auffing, sagte ihr Welten und brach ihr
-armes Herz. Sie war eifersüchtig, zornig, Thränen kamen, sie haßte alle
-Welt, Tom aber zu allermeist, in ihrem Herzen.
-
-Tom wurde dem Kreisrichter vorgestellt, aber die Zunge schien ihm wie
-gelähmt, sein Atem stockte, sein Herz klopfte zum Zerspringen, teils
-wegen der furchterregenden Größe des gewaltigen Mannes, hauptsächlich
-aber, weil er _ihr_ Vater war. Er wäre gerne vor ihm niedergesunken,
-wenn's nur dunkel gewesen wäre. Der große Mann legte die Hand auf Toms
-Haupt, nannte ihn einen tüchtigen, kleinen Burschen und fragte ihn wie
-er heiße. Der Junge stammelte, stotterte und stieß endlich hervor:
-
-»Tom.«
-
-»Nun, doch nicht nur Tom, sondern --«
-
-»Thomas.«
-
-»So ist's recht, ich dachte mir wohl, es gehöre noch etwas dazu. Du
-hast aber doch wohl noch einen andern Namen, denke ich, und den wirst
-du mir doch auch sagen, nicht?«
-
-»Nenne dem Herrn deinen vollen Namen, Thomas,« mahnte der Vikar, »und
-sage auch ›mein Herr‹, oder ›Herr Kreisrichter‹, du mußt doch wissen,
-was sich schickt!«
-
-[Illustration]
-
-»Thomas Sawyer, -- Herr Kreisrichter!«
-
-»So, so ist's recht, das nenn' ich einen guten Jungen. Prächtiger
-Bursche! Wirklich prächtiger Kerl! Zweitausend Verse ist viel, --
-sehr viel! Aber, mein Kleiner, du wirst es gewiß nie bereuen, daß du
-dir so viel Mühe drum gegeben. Wissen ist mehr wert, als alles in der
-Welt, lernen und etwas wissen macht die großen und die guten Männer im
-Leben. Auch du wirst wohl einmal ein guter, vielleicht ein großer Mann,
-Thomas, und dann wirst du auf die Tage deiner Kindheit zurück sehen
-und sagen: das alles verdanke ich den unbezahlbaren Wohlthaten, die ich
-durch die Sonntagsschule genossen, verdanke es meinen guten Lehrern,
-die mich zum Lernen anhielten, dem Herrn Vikar, der mich anfeuerte,
-mich leitete, mir die schöne Bibel schenkte, eine wundervolle, fein
-gebundene Bibel, die ich behalten durfte und ganz für mich allein
-besitzen, -- alles, alles verdanke ich meiner guten, ausgezeichneten
-Erziehung. So wirst du sprechen, Thomas, und du ließest dir dann für
-kein Geld der Welt diese zweitausend Verse abkaufen, -- für kein Geld
-der Welt, niemals! Und jetzt wirst du gewiß dieser Dame und mir etwas
-mitteilen, was du weißt, was du gelernt hast, nicht wahr? Denn sieh,
-wir sind stolz auf kleine Jungen, die etwas wissen. Ohne Zweifel
-kannst du uns doch die Namen der Jünger des Herrn sagen? Du kennst sie
-gewiß alle zwölf. Sag' uns einmal, wer waren die zwei ersten, die ihm
-nachfolgten?«
-
-Tom hatte während dessen immerzu an einem Knopf seiner Jacke herum
-gedreht und möglichst dumm und einfältig dazu ausgesehen. Jetzt wurde
-er glühend rot und bohrte die Augen beinahe in den Boden. Dem Vikar
-sank das Herz in die Stiefel. Er wußte, daß der Junge unmöglich die
-allereinfachste Frage beantworten konnte, warum auch mußte der Herr
-Kreisrichter ihn fragen! Trotzdem fühlte er sich gedrungen, gleichsam
-ermunternd zu sagen:
-
-»Antworte dem Herrn, Thomas, -- fürchte dich doch nicht!«
-
-Tom that nichts als rot und röter werden.
-
-»Mir wirst du's doch sagen,« begann nun auch die Dame, »also die Namen
-der beiden ersten Jünger waren --«
-
-»_David_ und _Goliath_!«
-
-Laßt uns den Schleier christlicher Barmherzigkeit über den Rest der
-Scene breiten. Auch was Tante Polly später zu der Bibel sagte und wie
-sie sich drüber freute, erwähnen wir besser nicht.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-
-Der Montagmorgen fand Tom sehr niedergeschlagen. Das war eigentlich an
-jedem Montagmorgen der Fall, denn damit begann ja eine neue Woche der
-Plage und des Leidens in der Schule. Gewöhnlich begrüßte er diesen Tag
-mit dem Wunsche, daß es lieber gar keine Feiertage geben möchte, denn
-das machte die nun wieder aufzunehmenden Ketten der Sklaverei nur um so
-drückender und fühlbarer.
-
-Tom lag da und dachte nach. Plötzlich kam ihm die leuchtende Idee:
-wenn er nun krank wäre, dann brauchte er doch nicht zur Schule. Das
-war die einzige Möglichkeit. Er untersuchte und prüfte sein ganzes
-Körpersystem. Nirgends fand sich auch nur das geringste Schadhafte. Von
-neuem prüfte er. Diesmal meinte er leise Anzeichen von kolikartigen
-Schmerzen zu verspüren, die er mit rasch aufkeimender Hoffnung liebend
-zu beobachten begann. Trotzdem verringerten sich dieselben aber bei
-näherer Betrachtung mehr und mehr und waren bald gänzlich verschwunden.
-Wieder überlegte Tom. Plötzlich entdeckte er etwas. Einer seiner
-oberen Zähne wackelte bedenklich. Er frohlockte. Schon begann er sich
-zu einem tiefen Stöhnen vorzubereiten, das er als Einleitung voraus
-schicken wollte, als ihm noch zur richtigen Zeit der Gedanke kam, daß,
-wenn er diesen Beweis von Krankheit ins Feld führe, die Tante ihm
-einfach den Zahn ausreißen würde, und das that weh. Damit wollte er
-also nur im Notfall herausrücken und jetzt erst noch ein bischen weiter
-herum denken. Eine Weile war alles Sinnen umsonst, dann erinnerte er
-sich, wie der Doktor einmal von einem Manne erzählt hatte, dem irgend
-etwas, Tom wußte nicht mehr genau was, etwas wie kalter Brand oder
-dergleichen, bei einem schlimmen Finger hinzugetreten sei, daß derselbe
-zwei bis drei Wochen damit zu thun gehabt und schließlich beinahe
-den Finger verloren habe. Zum Glück war Tom imstande, eine schlimme
-Zehe aufzuweisen, die er sich vor ein paar Tagen einmal irgendwo
-verletzt hatte. Die zog er nun eiligst unter der Decke vor, um sie
-aufs eingehendste zu prüfen. Damit ließ sich was machen! Leider kannte
-er die nötigen Symptome nicht, über die er sich beklagen mußte, aber
-probieren wollte er's doch auf jeden Fall und so begann er denn laut
-und tief aufzustöhnen.
-
-Sid aber schlief ruhig und sorglos weiter.
-
-Tom stöhnte lauter und meinte auf einmal wirklich Schmerz in der Zehe
-zu spüren.
-
-Sid gab kein Zeichen.
-
-Tom keuchte schon förmlich vor Anstrengung. Einen Moment sammelte
-er neue Kraft, hielt den Atem an und stieß dann eine ordentlich
-fortlaufende Tonleiter von wunderbar echtem Stöhnen aus.
-
-Sid schnarchte weiter.
-
-Nun wurde Tom ärgerlich. Er begann den hartnäckigen Schläfer zu rütteln
-und ›Sid, Sid‹ zu rufen. Das wirkte besser und nun begann das Stöhnen
-von neuem. Sid gähnte, streckte sich, stützte sich dann mit einem
-letzten Schnarcher auf seinen Ellbogen und starrte nach Tom hin. Tom
-stöhnte weiter. Endlich ruft Sid:
-
-»Tom, so hör' doch, Tom!«
-
-Keine Antwort.
-
-»Du, Tom, Tom, was ist los?« und er rüttelte ihn und starrte ihm voll
-Angst ins Gesicht.
-
-Tom stöhnte:
-
-»Ach, Sid, laß los, du thust mir weh!«
-
-»Herr Gott, was giebts, Tom? Ich muß die Tante rufen.«
-
-»Nein, laß sein. Es wird schon vorüber gehen. Ruf' niemand.«
-
-»Doch, natürlich, das muß ich. Stöhn' doch nicht so, Tom, das ist ja
-schrecklich. Wie lang thut dir's denn schon weh?«
-
-»Ach, Stunden lang. Autsch, autsch! Sei doch still, Sid, und laß mich
-in Ruhe.«
-
-»Warum hast du mich denn nicht früher geweckt? Herr Gott, Tom, hör'
-auf, es macht einen ja elend, dich so stöhnen zu hören. Wo thut dir's
-denn weh?«
-
-»Ich verzeih' dir alles, Sid, was du mir je gethan hast. (Stöhnen.)
-Alles, alles, Sid! Wenn ich tot bin --«
-
-»O, Tom, du wirst doch nicht sterben? Sag' nein, Tom, komm, sag' nein.
-Vielleicht --«
-
-»Ich vergebe allen Menschen, Sid. (Tiefes Stöhnen.) Sag's allen.
-Und, Sid, gieb du die schöne gelbe Thürklinke, die ich habe, und die
-einäugige Katze dem Mädchen, das neulich erst gekommen ist und sag'
-ihr --«
-
-Aber Sid hatte schon seine Kleider aufgerafft und war verschwunden. Tom
-litt nun in Wahrheit, so lebhaft arbeitete seine Einbildungskraft und
-sein Stöhnen fing an erschreckend natürlich zu klingen.
-
-Sid flog die Treppe hinunter und rief atemlos:
-
-»Tante Polly, Tante Polly, komm schnell, Tom stirbt!«
-
-»Stirbt?«
-
-»Ja, ja, eil' dich doch, frag' nicht lang.«
-
-»Dummheiten! Ich glaub's nicht.«
-
-Trotzdem aber stürzte sie die Treppe hinauf, so schnell sie ihre alten
-Beine tragen wollten, und Mary hinter ihr her. Blaß war auch sie
-geworden und ihre Lippen zitterten. Am Bett angelangt, keuchte sie nur
-so:
-
-»Tom, Tom, was giebt's, was ist los?«
-
-»Ach, Tante, ich --«
-
-»Was giebt's -- was ist's, Kind, was fehlt dir?«
-
-»Ach, Tante, ich -- ich hab' furchtbare Schmerzen da an meiner Zehe, --
-ich hab' -- ja ich hab', glaub' ich -- den kalten Brand!«
-
-Erleichtert aufseufzend sank jetzt die arme Tante auf einen Stuhl,
-lachte ein wenig, weinte ein wenig, that dann beides zusammen, was sie
-wieder so weit herstellte, daß sie Worte fand:
-
-»Tom, Bengel, wie hast du mich erschreckt! Jetzt hör' aber auf mit
-dem Unsinn und mach', daß du aus dem Bett kommst. Es ist Zeit zum
-Aufstehen! Vorwärts -- oder ich geb' dir was, um deinen kalten Brand zu
-wärmen!«
-
-Das Stöhnen hörte auf und der Schmerz verschwand aus der Zehe.
-Kleinlaut und niedergedrückt ob des verunglückten Experiments meinte
-der Junge:
-
-»Tante, wahrhaftig, ich glaubte, es müsse der kalte Brand sein, es that
-so furchtbar weh, daß ich gar nicht mehr an meinen Zahn dachte.«
-
-»An deinen Zahn? Was ist denn mit dem Zahn los?«
-
-»Ach, der wackelt und thut gar schrecklich weh.«
-
-»Na, na, nur nicht wieder stöhnen, ist ganz unnötig! Mund auf! Ja, der
-wackelt richtig, daran stirbst du aber noch lange nicht! Mary, gieb
-mir einen Seidenfaden und hol' ein Stück glühende Kohle aus der Küche!«
-
-Eiligst rief Tom, der plötzlich ganz munter wurde:
-
-»Bitte, bitte, Tantchen, zieh' ihn mir nicht aus, er thut schon
-gar nicht mehr weh. Ei, ich will des Todes sein, wenn ich noch das
-geringste spüre! Bitte, bitte, nicht, Tantchen, ich will ja doch
-wahrhaftig nicht zu Hause und von der Schule wegbleiben.«
-
-»So, du willst nicht zu Hause bleiben, mein Junge, willst durchaus
-nicht, was? Also deshalb all der Lärm! Wärst wohl gern aus der Schule
-weggeblieben und dafür fischen gegangen, gelt? Na, ich kenn' dich, Tom,
-durch und durch, mir machst du keine Flausen vor, du Bengel! Tom, Tom,
-und ich hab' dich doch so lieb und du, -- du denkst nur dran, wie du
-deiner alten Tante das Herz brechen kannst. Geh, schäm' dich in deine
-schwarze Seele hinein!«
-
-Mittlerweile waren die zahnärztlichen Instrumente zur Stelle geschafft
-worden. Ein Ende des Seidenfadens befestigte die Tante mit einer
-Schlinge an Toms Zahn, während sie das andere um den Bettpfosten
-schlang, so daß der Faden straff angespannt war. Dann ergriff sie
-mit einer Zange die glühende Kohle und fuhr damit geschwind auf Toms
-Gesicht los. Ein Ruck -- und der Zahn hing baumelnd am Bettpfosten.
-
-Wie aber jede überstandene Prüfung ihren Lohn in sich trägt, so auch
-diese. Als sich Tom später mit der neuerworbenen Zahnlücke auf der
-Straße zeigte, war er ein Gegenstand des Neides für alle Kameraden,
-denn keiner von ihnen war imstande, auf solch' neue, noch nie
-dagewesene Weise auszuspucken, wie es nun Tom, durch die Lücke in der
-Zahnreihe, that. Er zog ein ganzes Gefolge von Bewunderern hinter sich
-her, die sich für die Schaustellung interessierten, und ein anderer
-Junge, der bis dahin wegen eines verletzten Fingers der Mittelpunkt
-der Verehrung und Bewunderung gewesen, sah sich plötzlich all seines
-Ruhmes beraubt, er mußte ohne Erbarmen dem neu aufstrahlenden Gestirne
-weichen und zurücktreten in den Schatten des Nichts. Sein Herz war ihm
-drob schwer, und eine Verachtung heuchelnd, die ihm fern lag, meinte
-er: das sei auch was Rechtes, so auszuspucken, wie Tom Sawyer. Da
-schallte ihm ein höhnendes: saure Trauben, saure Trauben! entgegen und
-beschämt schlich er zur Seite, ein entthronter Held.
-
-Auf dem Weg zur Schule traf Tom den jugendlichen Paria des Ortes,
-Huckleberry Finn, den Sohn des bekanntesten Stadt-Trunkenboldes.
-Huckleberry war der Gegenstand des Abscheus und Hasses aller
-Mütter der Stadt, die ihn fürchteten wie die Pest, weil er faul
-und zuchtlos, roh und böse war, wie sie dachten, und weil -- ihre
-eigenen Jungen ihn anstaunten und vergötterten, sich förmlich um
-seine verbotene Gesellschaft rissen und alles drum gegeben haben
-würden, wenn sie hätten sein dürfen, wie er. Tom, wie alle die andern,
-›ordentlichen, anständigen Jungen‹, beneidete Huckleberry um seine
-verlockende Existenz, und es war ihm streng untersagt worden, je mit
-dem ›schlechten Kerl‹ zu spielen. Gerade darum that er es denn auch
-gewissenhaft, wenn sich nur irgend Gelegenheit dazu fand -- und that
-es mit Wonne. Huckleberry steckte immer in alten, abgelegten Kleidern
-von Erwachsenen, deren Fetzen und Lumpen nur so um ihn herum hingen.
-Sein Hut war nur die Ruine einer vormaligen Kopfbedeckung, deren Rand
-zerfetzt auf die Schultern niederbaumelte. Sein Rock, wenn er überhaupt
-einen trug, hing ihm bis auf die Füße und zeigte die hinteren Knöpfe
-etwa in der Gegend der Kniekehlen. Nur _ein_ Träger hielt seine Hosen
-an Ort und Stelle, Hosen, deren geräumige Sitzpartie zu leer war und
-sich nur zuweilen im Winde blähte, während die ausgefransten Enden im
-Schmutz nachschleiften, wenn sie nicht zufällig aufgekrempelt waren.
-Huckleberry kam und ging, wie es ihm beliebte. Bei schönem Wetter
-schlief er auf Treppenstufen oder sonst wo, bei schlechtem in leeren
-Fässern, alten Kisten, oder wo er eben unterkriechen konnte, wählerisch
-war er keineswegs. Er brauchte nicht zur Schule, nicht zur Kirche,
-brauchte niemanden als Herrn anzuerkennen, brauchte keiner lebenden
-Seele zu gehorchen. Er konnte schwimmen und fischen gehen, wann und
-wo er wollte, konnte bleiben, so lang es ihm behagte. Niemand verbot
-ihm, sich mit andern zu prügeln, und abends konnte er aufbleiben bis
-Mitternacht und länger, ihn zankte keiner. Er war der erste, der
-barfuß lief im Frühling und der letzte, der im Herbste wieder in das
-lästige Leder kroch. Zu waschen brauchte er sich nie, zu kämmen auch
-nicht, noch frische Wäsche anzuziehen, und fluchen konnte er wie ein
-Alter, wundervoll. Mit einem Wort alles, alles, was das Leben schön
-und angenehm macht, besaß dieser beneidete Huckleberry im reichsten
-Maße. So dachte und fühlte jeder einzelne der armen, geplagten,
-›anständigen‹ Jungen in St. Petersburg. Tom rief natürlich diesen für
-ihn romantischsten aller Helden sofort an:
-
-[Illustration]
-
-»Holla, Huckleberry!«
-
-»Holla, du selber!«
-
-»Was hast du da?«
-
-»Tote Katze.«
-
-»Zeig' her, Huck. Herrgott, wie steif! Woher hast du's?«
-
-»Gekauft von 'nem Jungen.«
-
-»Was hast du dafür gegeben?«
-
-»'ne Schweinsblase und 'nen blauen Zettel.«
-
-»Woher war denn der blaue Zettel?«
-
-»Von Ben Rogers, dem hab' ich vor vierzehn Tagen 'ne prachtvolle Gerte
-dafür gegeben.«
-
-»Zu was kann man denn tote Katzen brauchen, Huck?«
-
-»Zu was? Ei, um Warzen zu vertreiben.«
-
-»Nein! Wahrhaftig? Ich weiß noch was Besseres.«
-
-»Du? Wird was recht's sein! Was denn?«
-
-»Wasser aus faulem Holz!«
-
-»Wasser aus faulem Holz! Ist den Kuckuck nix wert.«
-
-»Nichts wert? Hast du's probiert?«
-
-»Ich nicht, aber Bob Tanner.«
-
-»Wer hat dir's gesagt?«
-
-»Wer? Ei er hat's dem Willy Thatcher gesagt und der dem Johnny Baker
-und der dem Jim Hollis und der dem Ben und der Ben 'nem alten Nigger
-und der mir. Da, nun weißt du's!«
-
-»Na und was weiter? 's ist ja doch nur gelogen! Die lügen alle
-miteinander, bis auf den Nigger, den kenn' ich nicht. Aber ich kenn'
-auch keinen Nigger, der nicht lügt, oder du? Jetzt aber erzähl', wie's
-der Bob Tanner gemacht hat mit den Warzen, Huck!«
-
-»Na, der hat seine Hand in 'nen alten Baumstumpf gesteckt, in dem
-Regenwasser war.«
-
-»Am Tag?«
-
-»Natürlich.«
-
-»Mit dem Gesicht nach dem Baum zu?«
-
-»Gewiß, ich glaub' wenigstens.«
-
-»Hat er was dazu gesagt?«
-
-»Was weiß ich? -- wahrscheinlich nicht!«
-
-»Aha! Da haben wir's! Und dann will der Kerl Warzen mit faulem Wasser
-kurieren und stellt sich so an! Da kann's natürlich nichts nützen. Ich
-will dir sagen, wie man's macht. Erst geht man ganz mutterseelenallein
-mitten in den Wald, wo man einen alten Baumstumpf mit Wasser weiß und
-dann, wenn's Mitternacht ist, stellt man sich mit dem Rücken nach dem
-Stumpf zu, tunkt die Hand ins Wasser und sagt:
-
- Schreit die Eule, quakt der Frosch, scheint der Mond darauf,
- Faules Wasser, Zauberwasser zehr' die Warzen auf!
-
-»Danach tritt man rasch mit geschlossenen Augen elf Schritt vor, dreht
-sich dreimal um sich selbst und geht heim, ohne mit jemand ein Wort zu
-reden. Denn wenn man das thut, ist der Zauber gebrochen!«
-
-»Na, das läßt sich hören, so aber hat's der Bob nicht gemacht, das weiß
-ich gewiß!«
-
-»Ja, da hast du wahrlich recht, denn der ist jetzt noch der warzigste
-Jung' in der Schule und wenn er sich mit dem faulen Wasser nicht dumm
-angestellt hätte, so brauchte er keine einzige mehr zu haben. Ich bin
-so schon über tausend Warzen los geworden, Huck. Ich greif' so viele
-Frösche an, daß ich immer ein paar Dutzend Warzen an den Händen habe.
-Manchmal nehm' ich auch eine Bohne.«
-
-»Ja, Bohnen sind gut. Das hab' ich schon selbst probiert.«
-
-»Wirklich? Wie machst du's?«
-
-»Ei, ich nehm' die Bohne und schneid' sie in zwei Stücke, ritz' dann
-die Warze blutig und tröpfle das Blut auf das eine Stück der Bohne und
-vergrab' das um Mitternacht beim Vollmond am Kreuzweg. Das andre Stück
-wird verbrannt. Jetzt zieht und zieht das blutige Stück und will das
-andre nachziehn, und das Blut zieht mit und zieht, bis die Warze fort
-ist. So mach' ich's.«
-
-»Und das ist auch ganz richtig, Huck, nur hilft's noch mehr, wenn du
-beim Vergraben sagst: ›Fort die Bohne, Warze fort, komm' nicht mehr zum
-alten Ort.‹ Das ist ausgezeichnet, sag' ich dir. So macht's Joe Harper
-und der war schon beinahe in Cronville und fast überall. Aber das mit
-der toten Katze, das weiß ich nicht.«
-
-»Na, das ist einfach. Du nimmst die tote Katze und gehst auf den
-Kirchhof, so um Mitternacht herum, auf das Grab von irgend einem
-schlechten Kerl. Schlag zwölf kommt dann der Teufel, vielleicht auch
-zwei oder drei, man sieht sie nur nicht und hören thut man nur so was
-wie Wind. Und wenn sie dann den Kerl mit sich fort nehmen, schmeißt man
-ihnen die Katze nach und ruft:
-
- Will der Deubel sich versehn,
- Muß die Katze noch drein gehn,
- Warze fliegt auch hinterdrein,
- Werd' alle drei los dann sein!
-
-»Das vertreibt dir jede Warze noch vor der Geburt.«
-
-»Klingt nicht übel. Hast du's mal probiert, Huck?«
-
-»Nee, aber die alte Mutter Josephine hat's mir gesagt.«
-
-»Na, die muß es wissen, das soll ja 'ne Hexe sein.«
-
-»Soll sein! Ist's, Tom, ist's, das weiß ich genau. Die hat meinen Alten
-behext, das sagt der immer. Wie der einmal an ihr vorbeigegangen ist,
-hat er grad' gesehen, wie sie ihn behext hat und da hat er einen Stein
-genommen und den nach ihr geschmissen; wenn die sich nicht gebückt
-hätt', wär' sie längst keine Hex' mehr. Na und in derselbigen Nacht
-ist mein Alter von einer Mauer gefallen, auf der er gelegen hat und
-geschlafen, weil er betrunken war und hat den Arm gebrochen.«
-
-»Puh, das ist ja gräßlich! Woran hat er denn gemerkt, daß sie ihn
-behext?«
-
-»Woran? Ei, das weiß mein Alter ganz genau. Er sagt, wenn sie einen
-immerzu anstarren und was dazu brummen, dann behexen sie einen,
-besonders, wenn sie brummen und was vor sich hin murmeln. Dann sagen
-sie das Vaterunser rückwärts.«
-
-»Sag' mal, Huck, wann willst du denn das mit der Katze probieren?«
-
-»Heut' nacht. Ich denk', da werden sie den alten Williams holen kommen.«
-
-»Der ist aber schon am Sonnabend begraben worden, Huck, warum haben sie
-ihn da nicht schon in der Nacht geholt?«
-
-»Na, du redst auch, wie du's verstehst! Sonnabend mitternacht ist doch
-schon Sonntag und da hat kein Teufel mehr was zu suchen hier oben. Der
-wird sich schwer hüten, sich am Sonntag blicken zu lassen.«
-
-»Daran hab' ich freilich nicht gedacht. Wahrhaftig, so ist's. Darf ich
-mitgehen?«
-
-»Meinethalben, wenn du dich nicht fürchtest.«
-
-»Fürchten? Na, auch noch! Wirst du miauen vor unsrem Haus, wenn's Zeit
-ist?«
-
-»Ja, wenn du mich nicht warten läßt. Das letzte Mal hab' ich so lang
-miauen müssen, bis euer alter Nachbar mit Steinen nach mir warf und
-auf den Kater fluchte, der ihm keine leibliche Ruhe lasse. Zum Dank
-hab' ich ihm 'nen Backstein durchs Fenster geschmissen, der wird an den
-Kater denken! Aber verrat' du mich nicht.«
-
-»Wo werd' ich! Damals hab' ich nicht kommen können, weil mir die Tante
-immer auf den Hacken saß. Heut' aber komm' ich und wenn's Feuer und
-Pech regnet. -- Was ist denn das, Huck?«
-
-»Ach, nur 'ne Baumwanze.«
-
-»Woher denn?«
-
-»Aus dem Wald.«
-
-»Was willst du dafür?«
-
-»Ich -- ich weiß nicht, ich geb's gar nicht her.«
-
-»Gut. 's ist auch nur 'ne ganz lumpig kleine Wanze.«
-
-»Na, das kann jeder sagen, der keine hat. Mir ist sie groß genug, mir
-ist sie lang gut.«
-
-»Pah, ist auch was Rares! Ich könnt' tausend haben, wenn ich nur
-wollte.«
-
-»Na, warum willst du nicht? Gelt, du weißt warum, Alterchen! Die
-Baumwanze hier ist was Seltenes, denn 's ist noch früh für Baumwanzen.
-Wenigstens ist's die erste, die ich dies Jahr sehe!«
-
-»Hör' du, Huck, ich geb' dir meinen schönen Zahn dafür.«
-
-»Zeig' her.«
-
-Tom zog ein Stückchen Papier hervor, das er sorgfältig aufrollte. Huck
-sah prüfend hinein. Die Versuchung war groß. Zuletzt fragte er:
-
-»Ist der auch echt?«
-
-Ohne jede weitere Beteuerung öffnete Tom den Mund, um die Lücke zu
-zeigen.
-
-»Na, gut,« meinte Huck, »also abgemacht, schlag' ein!«
-
-Tom barg die Wanze vorsichtig in einer kleinen Schachtel, die ähnlichem
-Gewürm schon öfter zum Gefängnis gedient und immer für vorkommende
-Fälle in Toms Tasche bereit war. Huck sackte den Zahn ein und beide
-Jungen trennten sich, jeder in dem erhebenden Bewußtsein, einen sehr
-guten Tausch gemacht zu haben.
-
-Als Tom das kleine, einzeln gelegene Schulhaus erreichte, öffnete
-er hastig die Thüre und eilte auf seinen Platz, als käme er eben
-mit größtmöglicher Geschwindigkeit direkt von zu Hause angestürzt.
-Geschäftig hing er seinen Hut an den Nagel, warf die Bücher auf den
-Tisch, sich selbst auf die Bank und machte Miene, sich Hals über Kopf
-in die Arbeit zu stürzen. Der Lehrer, der hoch oben hinter dem Katheder
-auf einem hochlehnigen Rohrsessel thronte, und der bei der Stille,
-die das eifrige Summen der lernenden Kinder nur noch einschläfernder
-machte, ein klein wenig eingenickt war, erwachte von der Unterbrechung:
-
-»Thomas Sawyer!«
-
-Als Tom diesen seinen Namen in unverkürzter Schönheit an sein Ohr
-schlagen hörte, wußte er, daß es nichts Gutes bedeute.
-
-»Herr Lehrer!«
-
-»Komm einmal hierher zu mir. Warum bist du wie gewöhnlich wieder zu
-spät dran?«
-
-Eben wollte Tom irgend eine kleine Notlüge zu Hilfe nehmen, als er zwei
-lange, blonde Schwänze gewahrte, die an einem Rücken niederbaumelten,
-den er sofort mit dem elektrischen Instinkt der Liebe erkannte. Und
-neben jenem Rücken war der _einzig leere Platz_, bei den Mädchen
-drüben. Schnell gefaßt sagte er daher:
-
-»_Ich mußte noch etwas mit Huckleberry Finn verabreden!_«
-
-Dem Lehrer stand der Atem still; hilflos, ungewiß, starrte er den
-kecken Sünder an. Das Summen der Lernenden verstummte, die Kinder
-trauten ihren Ohren nicht ob dieser offenen Sprache, dachten, Tom müsse
-verrückt geworden sein. Endlich, nach atemloser Pause, fand der Lehrer
-Worte:
-
-»Was -- was hast du gesagt?«
-
-»Mußte noch etwas mit Huckleberry Finn verabreden,« wiederholte Tom
-sorglos.
-
-Ein Mißverständnis war hier nicht möglich.
-
-»Thomas Sawyer, auf dieses ganz außerordentlich erstaunliche Bekenntnis
-kann nur die Rute antworten. Jacke herunter!«
-
-Und nun tanzte des Lehrers Rute auf Toms Rücken, bis Hand und Arm fast
-lahm waren und die Rute sich in Wohlgefallen auflöste. Dann folgte der
-Befehl:
-
-»Jetzt gehst du und setzest dich zur Strafe zu den Mädchen! Und laß dir
-das als Warnung dienen! Marsch!«
-
-Das Kichern, welches nun das Zimmer durchlief, schien den Jungen
-sehr verlegen zu machen, in Wahrheit war es aber nur das Bewußtsein,
-erreicht zu haben, wonach er gestrebt, nämlich sich seiner Gottheit
-nahen zu dürfen. Standhaft wie ein Märtyrer, hatte er die Prügel
-ertragen, die gleichsam die dunkle Pforte bildeten, durch die er nun
-zu seinem Paradiese eingehen sollte. Vorsichtig ließ er sich ganz am
-äußersten Ende der Bank nieder. Mit einem verächtlichen Zurückwerfen
-des Kopfes rückte das Mädchen so weit als möglich von ihm weg. Das
-Flüstern, Köpfezusammenstecken, Kichern und das bedeutungsvolle
-Anstarren des armen Sünders dauerte noch eine Weile fort, Tom aber
-schien keine Notiz davon zu nehmen. Still saß er da, hatte die
-Arme über den Tisch gelegt und sah mit großer Aufmerksamkeit in
-sein geöffnetes Buch. Allmählich hörte er auf, der Gegenstand der
-allgemeinen Beachtung und Heiterkeit zu sein, und wieder füllte das
-gewöhnliche Summen der Schule die sommerlich stille Luft. Jetzt begann
-Tom verstohlene Blicke nach seiner Göttin zu werfen. Sie bemerkte
-es, rümpfte das Näschen und wandte eine volle Minute lang den Kopf
-ab. Als sie verstohlen wieder nach ihrem Banknachbar hinblinzelte,
-lag ein Pfirsich vor ihr. Sie stieß ihn weg, Tom legte ihn sorgsam
-wieder vor sie; wieder stieß sie ihn fort, aber schon mit weniger
-Heftigkeit. Geduldig schob Tom ihn zurück, da ließ sie ihn liegen.
-Jetzt kritzelte Tom auf seine Tafel: »Bitte, behalt' ihn -- ich habe
-noch mehr.« Sie las die Worte, gab aber kein Zeichen von sich, weder
-zustimmend, noch verneinend. Jetzt begann der Junge etwas auf seine
-Tafel zu zeichnen, das er mit der linken Hand vor ihren Blicken barg.
-Eine Weile lang schien sie sich gar nicht darum zu kümmern, bald aber
-begann sich menschliche Neugier in ihr zu regen, die sich in allerlei,
-kaum bemerkbaren Zeichen kund gab. Tom zeichnete weiter, anscheinend
-ganz in sein Werk versunken. Das Mädchen suchte auf unverfängliche
-Art sich einen Blick auf die Zeichnung zu verschaffen, der Junge aber
-verriet mit keiner Miene, daß er dies bemerkte. Endlich gab sie nach
-und flüsterte zögernd:
-
-»Du, laß mich doch mal sehen!«
-
-Tom enthüllte nun das traurige Zerrbild eines Hauses mit zwei
-windschiefen Giebeln, aus dessen Schornstein ein korkzieherartiges
-Rauchwölkchen aufschwebte. Jetzt war des Mädchens ganzes Interesse
-wach, und alles darüber vergessend, folgte sie mit Eifer der Vollendung
-des Meisterwerks. Als es fertig war, bestaunte sie es einen Moment und
-flüsterte dann:
-
-»Wundervoll -- jetzt noch 'nen Mann!«
-
-Der Künstler stellte einen Mann in den Vordergrund, lang wie ein
-Mastbaum; mit einem Schritt hätte er über das Haus wegsteigen können.
-Die Zuschauerin aber war nicht kritisch, ihr gefiel das Ungetüm und sie
-wisperte:
-
-»Der Mann ist prächtig -- nun mach' mich, wie ich daherkomme!«
-
-Tom malte eine Art Achter mit einem kreisrunden Vollmond oben und vier
-dünnen Streifen als Arme und Beine. Die sich weit spreizenden Finger
-bedachte er mit einem ungeheuren Fächer. Das Original des Gemäldes
-fühlte sich geschmeichelt und meinte:
-
-»Nein, wie nett -- wenn ich doch zeichnen könnte!«
-
-»Das ist leicht,« flüsterte Tom, »ich will dich's lehren!«
-
-»O willst du? Wann?«
-
-»Am Mittag. Gehst du zum Essen heim?«
-
-»Wenn du bleibst, bleib' ich auch.«
-
-»Gut, das ist also abgemacht. Wie heißt du?«
-
-»Becky Thatcher. Und du? Ach, ich weiß, Thomas Sawyer.«
-
-»So heiß ich nur, wenn ich Schelte oder Prügel krieg', sonst heiß' ich
-Tom. Du rufst mich Tom, gelt?«
-
-»Ja.«
-
-Jetzt kritzelt Tom was auf die Tafel, mit der linken Hand das
-Geschriebene zuhaltend. Diesmal wollte sie's gleich sehen. Tom sagte:
-
-»O, 's ist nichts.«
-
-»Doch, doch.«
-
-»Nein, 's ist nichts, es liegt dir gar nichts dran, ob du's siehst.«
-
-[Illustration]
-
-»Doch, nein wirklich, bitte, laß mich sehen.«
-
-»Du wirst's weitersagen.«
-
-»Nein, nein und dreimal nein, gewiß und wahrhaftig nicht.«
-
-»Wirst du's aber auch keinem Menschen sagen, so lang du lebst?«
-
-»Nie im Leben, niemand! Nun zeig' aber auch.«
-
-»Ach, dir liegt doch nichts dran!«
-
-»Jetzt, wenn du so bist, Tom, da muß ich's sehen --« und sie legte ihre
-kleine Hand auf die seine, worauf sich ein kleiner Kampf entspann. Tom
-schien im Ernst widerstreben zu wollen, zog aber seine Hand allmählich
-doch so weit zurück, daß die Worte sichtbar wurden: »_Ich liebe dich._«
-
-»O, du Abscheulicher!« Und sie gab ihm einen tüchtigen Klapps auf die
-Hand, wurde aber rot und schien gar nicht ungehalten.
-
-Im selben Moment fühlte der Junge einen schicksalsschweren Griff an
-seinem Ohr, dazu einen unwiderstehlich nach oben ziehenden Drang,
-und ehe er wußte wie, befand er sich an seinem eigenen Platz unter
-dem Feuer gewaltiger Lachsalven der ganzen Schule. Unerbittlich, wie
-das Schicksal, starrte der Lehrer noch während einiger schrecklicher
-Momente auf ihn nieder, begab sich aber dann schließlich feierlich
-zurück nach seinem Thron, ohne ein Wort zu sagen. Und obgleich Toms Ohr
-brannte, triumphierte sein Herz.
-
-Als der Sturm in der Schule sich wieder gelegt hatte, machte Tom den
-ernsten Versuch, zu lernen, aber der Sturm in seinem Innern war zu
-gewaltig. Jetzt sollte er lesen, die Reihe war an ihm, er brachte
-aber vor Stammeln und Stottern keinen Satz zusammen; dann kam die
-Geographiestunde. Bei Tom wurden Seen zu Bergen, Berge zu Flüssen und
-Flüsse zu Inseln, bis das Chaos wieder über die Welt hereingebrochen
-zu sein schien. Beim Diktatschreiben, in dem er sonst einer der
-Besten war, stolperte er über die kinderleichtesten Wörter, hatte in
-einem Diktat von zehn Linien fünfzig Fehler und mußte die bleierne
-Verdienstmedaille, die er bis dahin für diese seine erste und einzige
-Kunst mit so viel Stolz getragen, ohne alle Gnade einer würdigeren
-Brust überliefern.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-
-Je eifriger Tom sich bemühte, seine Gedanken fest auf das Buch zu
-heften, um so rastloser schweiften sie rings in der Weite herum. So
-gab er es denn zuletzt mit einem Seufzer und Gähnen auf. Ihm schien
-die erlösende Mittagsstunde heute niemals schlagen zu wollen. Die
-Luft draußen war vollständig regungslos, nicht der kleinste Hauch
-belebte die Stille. Es war der schläfrigste aller schläfrigen Tage.
-Das eintönige Gemurmel der fünfundzwanzig eifrig studierenden Schüler
-umspann die Seele mit demselben einschläfernden Zauber, der in dem
-Gesumm der Bienen liegt. Hoch oben am blauen Sommerhimmel schwebten
-zwei Vögel auf trägen Schwingen, sonst war draußen kein lebendes Wesen
-zu erblicken, außer einigen Kühen, welche schliefen.
-
-Toms Herz sehnte sich nach Freiheit, oder doch wenigstens darnach,
-irgend etwas von Interesse zu haben, das ihm die schreckliche
-Langeweile vertreiben helfe. Mechanisch wanderte seine Hand zur Tasche
-und, siehe da, sein Antlitz erhellte ein Strahl dankbarer Rührung.
-Verstohlen kam die kleine Schachtel zum Vorschein, die Baumwanze
-wurde befreit und auf den langen schmalen Schultisch gesetzt. Die
-unvernünftige Kreatur erglühte in diesem Augenblick wohl gleichfalls in
-tiefster Dankbarkeit, doch diese Wonne kam verfrüht, denn kaum hatte
-sie sich jubelnden Herzens marschfertig gemacht, als das grausame
-Schicksal, in Gestalt einer Stecknadel in Toms Hand, ihrem Laufe eine
-andere Richtung gab.
-
-Toms Busenfreund saß neben ihm, leidend, wie dieser soeben noch
-gelitten, und zeigte sich augenblicklich von tiefstem, dankbarstem
-Interesse erfüllt für die neue Unterhaltung. Dieser Busenfreund war Joe
-Harper. Die ganze Woche hindurch waren die beiden Jungen geschworene
-Freunde, der Sonnabend nur sah sie regelmäßig als Gegner auf dem
-Schlachtfelde. Joe zog sofort eine Stecknadel aus seinem Jackenfutter
-und begann sich mit Lust und Liebe am Einexerzieren der gefangenen
-Wanze zu beteiligen. Von Minute zu Minute nahm die Sache an Interesse
-zu. Bald meinte Tom, daß sie sich gegenseitig nur hinderten und somit
-keiner den vollen Genuß an der Wanze haben könne. So nahm er denn Joes
-Tafel vor sich hin auf den Tisch und zog von oben bis unten eine Linie
-genau durch die Mitte derselben.
-
-»Jetzt,« sagte er, »paß auf! So lang die Wanze auf deiner Seite ist,
-darfst du sie treiben mit der Nadel und ich laß' sie in Ruhe. Brennt
-sie dir aber durch und kommt zu mir herüber, dann siehst du zu, so
-lang, bis sie mir wieder durchgeht. Hast du verstanden?«
-
-»Schon gut, nur vorwärts,« trieb der ungeduldige Joe, -- »kitzle sie
-mal ein bißchen!«
-
-Die Wanze entwischte Tom schleunigst und passierte die Linie, nun war
-die Reihe des ›Kitzelns‹ an Joe, gleich danach hatte sie wiederum den
-Aequator gekreuzt. Dieser Wechsel wiederholte sich des öfteren. Während
-nun der eine Junge die unglückselige Baumwanze mit der Nadel anspornte,
-in nimmer erlahmendem Eifer, schaute der andere in atemloser Spannung
-zu, die beiden Köpfe waren tief über die Tafel gebeugt, die beiden
-Seelen schienen der ganzen übrigen Welt wie abgestorben. Endlich wollte
-sich das launenhafte Glück für Joe entscheiden, an seine Fersen heften.
-Die Wanze versuchte auf allen möglichen Wegen zu entwischen und wurde
-bei der Jagd so lebhaft und erregt, wie die Jungen selber. Aber wieder
-und wieder, gerade als sie den Sieg schon, so zu sagen, in Händen
-hielt und Toms Finger juckten und zappelten vor Begier, in die Aktion
-eingreifen zu können, gerade im entscheidenden Moment lenkte Joes Nadel
-geschickt den Flüchtling nach seiner Seite zurück und wahrte sich den
-Besitz dieses köstlichen Guts. Endlich konnte es Tom nicht länger mehr
-aushalten, die Versuchung war zu groß. So streckte er denn die Hand aus
-und begann mit seiner Nadel nachzuhelfen. Da aber wurde Joe zornig und
-rief drohend:
-
-»Tom, laß das bleiben!«
-
-»Ich will dir ja nur ein klein bißchen helfen, Joe.«
-
-»Ach was, helfen! Brauch' dich nicht, laß bleiben, sag' ich.«
-
-»Kuckuck, noch einmal. Ich werd' doch auch ein bißchen helfen dürfen!«
-
-»Laß bleiben, sag' ich dir!«
-
-»Ich will aber nicht.«
-
-»Du mußt -- die Wanze ist auf meiner Seite.«
-
-»Hör' mal zu, Joe Harper. Wem gehört die Wanze denn eigentlich, dir
-oder mir?«
-
-»Das ist mir ganz einerlei. Eben ist sie auf meiner Seite der Linie und
-du sollst sie nicht anrühren, oder --«
-
-»Na, wettst du, daß ich's thu'? Die Wanze ist mein und ich kann mit ihr
-machen, was ich will -- hol' mich der und jener! Her damit, sag' ich!«
-
-Ein saftiger Hieb sauste hernieder auf Toms Schultern, ein
-Zwillingsbruder desselben traf Joes Rücken; zwei Minuten lang waren die
-Jungen in eine Staubwolke gehüllt, die aus ihren Jacken aufwirbelte,
-zum ungeheuren Gaudium der ganzen Schule. Die beiden Sünder waren
-zu versunken gewesen in ihre Beschäftigung, um das verhängnisvolle
-Schweigen zu bemerken, das eingetreten war, als der Lehrer auf den
-Fußspitzen nach ihnen hinschlich und dann hinter ihnen stehen blieb.
-Er hatte eine hübsche Weile der seltenen Beschäftigung zugeschaut, ehe
-er sich erlaubte, seinen Teil zur Mehrung des Vergnügens beizutragen.
-
-Als die Schule dann um Mittag aus war, flog Tom auf Becky Thatcher zu
-und wisperte ihr ins Ohr:
-
-»Setz' deinen Hut auf und thu' als ob du heim wolltest. Wenn du an der
-Ecke bist, laß die andern laufen und komm durch's Heckengäßchen zurück.
-Ich mach's grad' auch so.«
-
-So ging also jedes der beiden mit einem andern Haufen Kinder ab, am
-Ende des Heckenpfads trafen sie einander und als sie dann zusammen
-die Schule erreichten, hatten sie dieselbe ganz für sich allein. Sie
-setzten sich neben einander, nahmen eine Tafel vor und Tom führte
-Beckys mit dem Griffel bewaffnete Hand sorgsam mit der seinen und schuf
-ein neues erstaunliches Wunder von Haus. Als das Interesse an der Kunst
-etwas zu erlahmen begann, machten sich die zwei ans Plaudern. Tom
-schwamm in einem Meer von Wonne. Jetzt fragte er:
-
-»Magst du Ratten?«
-
-»Puh nein, ich kann sie nicht ausstehen.«
-
-»Ich auch nicht -- lebendige wenigstens. Aber tote, mein' ich, die man
-an eine Schnur bindet und um seinen Kopf schwingt.«
-
-»Nee, ich mach' mir überhaupt nicht viel aus Ratten, so oder so. Was
-ich gern mag, ist Süßholz!«
-
-»Das glaub' ich. Wollt', ich hätt' ein Stück!«
-
-»Wirklich? Ich hab' eins. Da, du kannst ein bißchen dran kauen, mußt
-mir's aber dann wiedergeben, gelt?«
-
-Das war nun eine wundervolle Beschäftigung. So kauten sie denn
-abwechselnd und baumelten dazu mit den Beinen gegen die Bank im
-Uebermaß wonnigsten Behagens.
-
-»Warst du schon einmal im Zirkus?« fragte Tom.
-
-»Ja, und ich darf wieder hin, hat Papa versprochen, wenn ich sehr brav
-bin.«
-
-»Ich war schon drei- oder viermal -- nee noch viel, viel öfter dort.
-Die Kirche ist gar nichts dagegen! Im Zirkus ist immer was los. Wenn
-ich mal groß bin, werd' ich Hanswurst!«
-
-»Wahrhaftig? Das wird reizend! Die sind immer so wunderhübsch gefleckt,
-Hosen und Jacke und alles.«
-
-»Das ist wahr. Und sie verdienen Haufen von Geld -- beinahe 'nen Dollar
-im Tag, meint Ben Rogers. Sag' mal, Becky, warst du schon mal verlobt?«
-
-»Was ist denn das?«
-
-»Na, verlobt -- wenn man sich heiraten will.«
-
-»Nein, nie.«
-
-»Möchtest du's gern?«
-
-»Vielleicht, ich weiß nicht. Wie ist's denn ungefähr?«
-
-»Wie's ist? Ja, wie gar nichts eigentlich. Du brauchst nur 'nem Jungen
-zu sagen, du wolltst keinen andern haben als ihn, nie, nie und nimmer,
-dann giebst du ihm 'nen Kuß und die Geschichte ist fertig. Das kann
-doch ein kleines Kind -- nicht?«
-
-»'nen Kuß? Warum denn den?«
-
-»Ja, das muß man, weil, -- kurz, sie thun's eben alle, das gehört dazu.«
-
-»Alle thun's?«
-
-»Ja, alle die in einander verliebt sind. Weißt du noch, was ich dir auf
-die Tafel geschrieben habe?«
-
-»J--ja.«
-
-»Was denn?«
-
-»_Ich_ sag's nicht.«
-
-»Soll _ich's_ sagen?«
-
-»J--ja -- aber ein andermal.«
-
-»Nein, jetzt.«
-
-»Nein, nicht jetzt -- morgen.«
-
-»Ach nein, jetzt, bitte, bitte, Becky. Ich will's auch nur ganz, ganz
-leise sagen. Soll ich?«
-
-Da Becky zögerte, nahm Tom ihr Schweigen für Zustimmung, schlang den
-Arm um sie, legte den Mund dicht an ihr Ohr und flüsterte ihr leise,
-leise die uralte Zauberformel zu. Dann fuhr er ermunternd fort:
-
-»Jetzt bist du dran. Nun mußt du's sagen -- ganz dasselbe.«
-
-Eine Weile widerstand sie, und bat dann:
-
-»Du mußt dein Gesicht dorthin drehen, daß du mich nicht sehen kannst,
-dann sag' ich's. Du darfst's aber keinem, keinem Menschen wieder sagen,
-gelt Tom, das versprichst du, gelt?«
-
-»Nie im Leben, Becky, gewiß und wahrhaftig. Na -- denn los!«
-
-Er wandte den Kopf ab, sie beugte sich schüchtern zu ihm, bis ihr Atem
-seine Wange streifte und seine Locken bewegte, und flüsterte: »Ich --
-liebe -- dich.«
-
-Dann sprang sie auf, rannte um Bänke und Tische, Tom immer hinterdrein,
-nahm zuletzt Zuflucht in einer Ecke des Zimmers und drückte ihr
-Gesichtchen fest in die weiße kleine Schürze. Tom schlang die Arme um
-ihren Hals und bat:
-
-»Jetzt, Becky, ist's ja beinahe vorbei -- nur noch der Kuß. Du brauchst
-dich doch davor nicht zu fürchten, das ist ja gar nichts. Bitte, Becky.«
-
-Und er versuchte Schürze und Hände vom kleinen Gesicht zu lösen.
-
-Allmählich gab sie nach und ließ die Hände sinken. Das Gesichtchen,
-ganz rot und erhitzt von der Anstrengung, kam zum Vorschein und
-unterwarf sich der Prozedur. Tom küßte die roten Lippen und sagte:
-
-»So, jetzt ist's geschehen, Becky. Und von jetzt an, weißt du, darfst
-du nur mich lieben und heiraten und gar, gar keinen andern, nie,
-niemals, in alle Ewigkeit nicht. Willst du?«
-
-»Nein, ich will nie 'nen andern lieben, Tom, und nie 'nen andern
-heiraten als dich, aber du darfst's auch nicht thun, Tom, darfst auch
-nie 'ne andere heiraten wollen.«
-
-»Gewiß! Natürlich, das gehört auch dazu. Und immer auf dem Weg zur
-Schule oder nach Hause mußt du mit mir gehen, wenn's niemand sieht, und
-bei Gesellschaften wähl' ich dich und du mich zum Spiel, denn so macht
-man's, wenn man verlobt ist.«
-
-[Illustration]
-
-»Nein, wie hübsch! Davon hab' ich noch gar nichts gewußt.«
-
-»Ja, 's ist schrecklich lustig. Ei, ich und Anny Lorenz --«
-
-Beckys große, erschreckte Augen verrieten Tom sofort seinen Mißgriff.
-Verwirrt hielt er ein.
-
-»O, Tom. Ich bin also nicht die erste, mit der du verlobt bist?«
-
-Ihre Thränen flossen. Tom tröstete:
-
-»Wein' nicht, Becky. Ich mach' mir gar nichts mehr aus der.«
-
-»Doch, Tom, doch -- du weißt selbst, daß du dir noch was aus ihr
-machst ...«
-
-Tom versuchte den Arm um ihren Hals zu legen, sie aber stieß ihn fort,
-wandte das Gesicht der Wand zu und schluchzte herzbrechend weiter. Tom
-versuchte es noch einmal mit sanft zuredenden Worten und wurde wieder
-zurückgewiesen. Nun regte sich sein Stolz, stumm schritt er der Thüre
-zu und ging hinaus. Draußen drückte er sich eine Weile herum, rastlos
-und unbehaglich, von Zeit zu Zeit nach der Thüre schielend, in der
-Hoffnung, sie würde bereuen und kommen, ihn zurück zu holen. Sie aber
-kam nicht. Nun wurde ihm schlecht zu Mute und er begann zu fürchten,
-daß er selber im Unrecht sei. Es kostete ihn einen harten Kampf, noch
-einmal Annäherungsversuche zu machen, doch wappnete er sich schließlich
-mit Mannesmut und ging hinein. Dort stand Becky noch in ihrem Winkel
-und weinte, das Gesicht gegen die Wand gepreßt. Toms Herz krampfte sich
-zusammen bei dem Anblick. Er trat zu ihr, im Moment ratlos, wie er die
-Verhandlungen einleiten sollte. Endlich stieß er zögernd hervor:
-
-»Becky, ich -- ich mag keine andre mehr sehen, als dich.«
-
-(Keine Antwort -- nur erneutes Schluchzen.)
-
-»Becky,« -- (bittend.)
-
-»Becky, willst du mir gar nichts sagen?«
-
-(Heftiges Schluchzen.)
-
-Tom grub in seinen Taschen und brachte endlich das Kleinod seines
-Herzens, den Messingknopf irgend eines alten Deckels, zum Vorschein,
-hielt ihr denselben vor, so daß sie ihn sehen konnte und sagte in
-einladendem Tone:
-
-»Bitte, Becky, nimm doch das da, sieh mal her!«
-
-Sie aber schlug's unbesehen zu Boden. Nun wandte sich Tom wortlos,
-schritt aus dem Hause und suchte das Weite, um für diesen Tag nicht zur
-Schule zurück zu kehren. Bald ward es Becky klar, was sie verscherzt
-hatte. Sie rannte nach der Thüre, auf den Hof, flog um die Ecke des
-Hauses -- er war nicht mehr zu sehen. Nun erhob sie die Stimme:
-
-»Tom, Tom, komm zurück, Tom!«
-
-Atemlos lauschte sie, keine Antwort. Ihre einzigen Gefährten waren
-Schweigen und Einsamkeit. Wieder setzte sie sich, um zu weinen, und als
-dann die Schüler zu den Nachmittagsstunden herbei zu strömen begannen,
-mußte sie ihre Trauer bergen, ihr gebrochenes Herz zur Ruhe bringen
-und das Kreuz eines langen, trübseligen, schmerzvollen Nachmittags auf
-sich nehmen, ohne unter diesen Fremden auch nur eine fühlende Brust zu
-haben, die ihren Schmerz hätte teilen können. --
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-
-Tom schlich sich fort auf Seitenpfaden bald zur Rechten und bald
-zur Linken, um dem Späherauge der zur Schule zurück pilgernden
-Kinder zu entgehen. Er setzte einigemale über einen kleinen Bach, da
-kreuzweises Ueberschreiten von Wasser ein gutes Mittel sein sollte,
-sich geplanter Verfolgung sicher zu entziehen. Eine halbe Stunde später
-sah man ihn oben hinter dem letzten hochgelegenen Haus des Städtchens
-verschwinden, die Schule lag wie im Nebel weit hinter ihm. Nun kam er
-in einen dichten Wald, bahnte sich mühsam einen Weg recht ins Dickicht
-hinein und warf sich ins weiche Moos unter einer breitästigen Eiche
-nieder. Nicht ein Lüftchen regte sich, die brütende Mittagsglut hatte
-selbst den Sang der Vöglein verstummen machen. Die ganze Natur lag
-regungslos, wie in Verzückung, nur das gelegentliche, wie aus weiter
-Ferne ertönende Hämmern eines Spechtes unterbrach die lautlose Stille
-und schien die ringsum herrschende Einsamkeit nur noch lastender
-und fühlbarer zu machen. Des Knaben Seele badete sich gleichsam in
-Schwermut, seine Gefühle befanden sich im glücklichsten Einklang mit
-der Umgebung. Lange saß er so, die Ellbogen auf die Kniee, das Gesicht
-in die Hände gestützt und dachte nach. Ihm schien das Leben im besten
-Falle nur eine Last zu sein und er beneidete beinahe den Jimmy Hodges,
-der kürzlich von dieser Last erlöst worden war. So friedlich und schön
-dachte er's sich, da unten zu liegen, zu schlummern und zu träumen
-für immer und immer, während der Wind in den Bäumen spielte und mit
-den Blumen und Gräsern koste, die auf dem Grabe standen. Da gab es
-dann nichts mehr, über das man sich zu quälen und zu grämen brauchte.
-Wenn nur sein Sonntagsschul-Gewissen rein wäre, wie gerne würde er der
-ganzen Welt Valet sagen. Und was jenes Mädchen betraf -- was hatte
-er eigentlich gethan? Nichts. Er hatte es so gut gemeint, wie nur
-einer in der Welt und war behandelt worden, wie ein Hund, -- wie ein
-elender Hund. Sie würde es bereuen eines Tages -- wenn es zu spät wäre
-vielleicht. Ach, wenn er nur sterben könnte, nur für _einige Zeit_!
-
-Das elastische Herz der Jugend aber läßt sich nicht lange in ein und
-dieselbe Form zusammenpressen. Tom glitt alsbald wieder ganz unmerklich
-in die Interessen dieses Lebens zurück. Wie, wenn er allem den Rücken
-kehrte und geheimnisvoll verschwände? Oder wenn er davon wanderte,
-weit, weit, ewig weit fort, in ferne fremde Länder jenseits der See
-und niemals wieder käme? Wie würde Becky zu Mute sein? Der Gedanke,
-ein Hanswurst zu werden, stieg auch wieder in ihm auf, aber er wies
-ihn mit Ekel von sich. Tollheit und Witze nebst gesprenkelten Trikots
-waren jetzt förmlich eine Beleidigung für seinen Geist, der sich in das
-nebelhafte, hehre Gebiet der Romantik aufgeschwungen hatte. Nein, ein
-Soldat wollte er werden und nach langen, langen Jahren wiederkehren,
-kriegsmüde, ruhmbedeckt. Oder, noch besser! Er wollte zu den Indianern
-gehen, Büffel jagen, den Kriegspfad beschreiten in den wilden Bergen
-und unermeßlich weiten Ebenen des ›Fernen Westens‹, und dann einmal
-in grauer Zukunft zurückkehren als großer Häuptling, starrend von
-Federn, scheußlich bemalt, und an einem schläfrigen Sommermorgen mit
-gellendem Kriegsgeheul, welches das Blut gerinnen machte, in die
-Sonntagsschule einbrechen, wo die Herzen und Augen seiner Kameraden
-ihn förmlich verzehren würden vor sengendem Neid. Halt, es gab noch
-etwas Größeres als selbst dieses! Ein Seeräuber wollte er werden! Das
-war's. Jetzt lag seine Zukunft klar vor ihm, strahlend in unsagbar
-blendendem Glanze. Wie würde sein Name die Welt erfüllen und alle
-Menschen schaudern und erbeben machen! Wie glorreich würde er auf
-seinem langen, niedrigen, kohlschwarzen Schnellsegler ›Sturmesfittich‹
-die wogenden Wellen der See durchfurchen, während die düstere Flagge
-vom Vordermast wehte, ein gefürchtetes Zeichen auf allen Meeren. Und,
-auf dem Gipfel seines Ruhmes angelangt, wie wollte er plötzlich im
-alten Städtchen erscheinen, in die Kirche treten, braun und verwettert,
-in seinem schwarzen Sammtwams und der faltigen Pluderhose, seinen
-hohen Stulpstiefeln, der roten Schärpe und dem mit wallenden Federn
-besteckten Schlapphut, den Gürtel starrend von Reiterpistolen, das in
-blutigen Metzeleien eingerostete Schwert an der Seite; sodann wollte er
-die schwarze Flagge mit dem Totenschädel und den gekreuzten Gebeinen
-darauf entfalten und mit einem das Herz zum Zerbersten schwellenden
-Entzücken das Raunen und Flüstern hören: »Seht, das ist Tom Sawyer, der
-Pirat! Der schwarze Würger der spanischen Meere!«
-
-Ja, nun war's entschieden, seine Laufbahn festgestellt. Er wollte von
-Hause weglaufen und dieselbe sofort antreten. Gleich am nächsten Morgen
-wollte er's thun! Drum mußte er aber auch sofort an die Vorbereitungen
-gehen. Es galt zunächst, all seine Reichtümer zusammen zu tragen. So
-ging er denn zu einem verfaulten Baumstamm in der Nähe und begann an
-einem Ende desselben mit seinem Messer den Boden aufzuwühlen. Bald
-kam er auf Holz, das hohl klang. Er legte die Hand darauf und sprach
-andächtig die Beschwörungsformel:
-
- »_Erscheine_, was nicht hier,
- Und was schon hier war, _bleibe_!«
-
-Danach kratzte er die Erde vollends weg und legte eine fichtene
-Schindel bloß. Diese hob er empor und nun zeigte sich eine schmucke,
-kleine Schatzkammer, deren Boden und Wände ebenfalls aus Schindeln
-bestanden. Eine _einzige_ Glaskugel lag darinnen. Toms Erstaunen war
-grenzenlos. Verblüfft kratzte er sich am Kopfe und sagte:
-
-»Na, das übersteigt denn doch alles!«
-
-Drauf schleuderte er die Kugel zornig von sich und überlegte die Sache,
-tief in Brüten versunken. Einer seiner festesten Glaubenssätze, die bis
-jetzt ihm und seinen Kameraden für unfehlbar gegolten, war soeben ins
-Wanken geraten. Wenn man eine solche Kugel vergrub, so hieß es, und die
-nötigen Formalitäten dabei streng befolgte, dann nach vierzehn Tagen
-an dem Platz wieder nachsah mit eben der Formel, die Tom gesprochen,
-so würde man alle Kugeln, die man jemals im Leben verloren, um die
-eingegrabene versammelt finden, einerlei, wie weit zerstreut sie
-gewesen. So lautete der Satz. Und nun war das Ding fehlgeschlagen,
-fraglos, zweifellos fehlgeschlagen. Toms ganzes Glaubensgebäude wankte
-in seinen Grundfesten. Immer nur hatte er von dem Erfolg, niemals von
-dem Mißglücken dieses Verfahrens gehört. Er selbst hatte es schon
-einigemale probiert, und nur keinen Erfolg gehabt, weil er nie das
-Versteck wieder auffinden konnte. Ratlos brütete er eine Zeitlang über
-der Sache und kam schließlich zu der Einsicht, daß irgend eine Hexe die
-Hand im Spiel gehabt und den Zauber gebrochen haben müsse. Davon wollte
-er sich nun überzeugen. So suchte er denn herum, bis er einen kleinen
-sandigen Fleck entdeckte, mit einer trichterförmigen Vertiefung in der
-Mitte. Er legte sich flach auf den Boden, hielt den Mund dicht an diese
-kleine Höhlung und rief:
-
- »Faulpelzkäfer, Faulpelz du,
- Sag' mir, was du weißt, im Nu!«
-
-Da begann es im Sande zu arbeiten, und gleich danach erschien auf einen
-Augenblick ein kleiner, schwarzer Käfer an der Oberfläche, der sich
-aber alsbald erschreckt wieder zurückzog.
-
-»Haha! Der wagt's nicht, was zu sagen. 's war also richtig eine Hexe!
-Hab' mir's doch gedacht!«
-
-Da er die Fruchtlosigkeit eines Versuchs, es mit Hexen und Dämonen
-irgend welcher Art aufnehmen zu wollen, kannte, so gab er dies sofort
-entmutigt auf. Dann fiel ihm ein, daß er doch wenigstens die Kugel
-nehmen sollte, die er weggeworfen im ersten Zorn, und er begab sich
-geduldig an's Suchen, konnte sie aber nicht finden. Nun ging er zur
-Schatzkammer zurück, stellte sich sorgfältig wieder gerade so hin, wie
-er zuvor gestanden, als er die Kugel weggeschleudert, nahm eine zweite
-Kugel aus der Tasche, warf diese nach derselben Richtung und sagte:
-
-»Bruder, such' den Bruder flink!«
-
-Genau paßte er auf, wo sie hinflog, ging dann hin und sah nach.
-Entweder war sie zu kurz oder zu weit geflogen, noch zweimal mußte
-er dasselbe Experiment wiederholen. Das letztemal war es von Erfolg
-begleitet. Die beiden Kugeln lagen nur einen Fuß weit von einander
-entfernt.
-
-Gerade im selben Moment ertönte von fern der schwache Klang einer
-Blechtrompete durch die grünen Bogengänge des Waldes. Im Nu hatte
-sich Tom seiner Jacke und Hosen entledigt, einen Hosenträger in einen
-Gürtel verwandelt, einen Haufen Gestrüpp hinter dem faulenden Holzstamm
-beiseite geschoben, sich eines Bogens samt Pfeilen, eines hölzernen
-Schwertes und einer Blechtrompete bemächtigt und stürzte nun davon,
-barfuß, in flatterndem Hemde. Bald darauf machte er Halt unter einer
-großen Ulme, stieß antwortend seinerseits ins Horn, begann dann sich zu
-recken und kriegerisch nach allen Seiten auszuspähen. Vorsichtig mahnte
-er eine, nur im Geist vorhandene Schar von Getreuen:
-
-»Haltet euch still, meine Tapferen! Versteckt euch, bis ich blase!«
-
-[Illustration]
-
-Jetzt erschien Joe Harper auf der Bildfläche, ebenso luftig gekleidet
-und ebenso furchtbar gewappnet wie Tom. Da rief dieser:
-
-»Halt! Wer wagt es den Sherwood-Forst zu betreten ohne meine
-Erlaubnis?«
-
-»Guy von Guisborne bedarf keines Sterblichen Erlaubnis. Wer bist du,
-der du -- der du --«
-
-»Es wagst eine solche Sprache zu führen,« fiel Tom schnell ein, denn
-sie sprachen ›nach dem Buche‹ aus dem Gedächtnisse.
-
-»Wer bist du, der du es wagst eine solche Sprache zu führen?«
-
-»Ich, fragst du, wer ich sei? Ich bin Robin Hood, was dein klapperndes
-Gebein alsbald erfahren soll.«
-
-»Du wärest in der That jener berühmte Geächtete? Mit Freuden will ich
-mit dir um das Recht der Herrschaft in diesem fröhlichen Forst ringen.
-Sieh dich vor!«
-
-Beide zogen ihre Lattenschwerter und ließen die andern Waffen zu Boden
-fallen, nahmen Fechterstellung ein, Fuß an Fuß, und begannen einen
-ernsten, regelrechten Kampf: »zwei Hiebe oben, zwei unten.« Alsbald
-rief Tom:
-
-»So, wenn du's los hast, laß' uns mal schneller 'rin gehen!«
-
-Und sie gingen ›schneller 'rin‹ bis sie keuchten und schwitzten vor
-Anstrengung. Nun brüllt Tom:
-
-»Fall' doch, fall', warum fällst du nicht?«
-
-»Ich? Fall' du selber. Du kriegst die dicksten Hiebe.«
-
-»Darauf kommt's gar nicht an. _Ich_ kann nicht fallen. So steht's nicht
-im Buch. Dort heißt's: ›Und mit einem gewaltigen Streiche von rückwärts
-fällte er den armen Guy von Guisborne!‹ Du mußt dich also umdrehen und
-ich hau' dich von hinten nieder.«
-
-Um diese Autorität war nun nicht herum zu kommen, Joe drehte sich,
-erhielt seinen Streich und fiel.
-
-»Jetzt aber,« rief Joe, der ebenso flink wieder empor schnellte, »ist
-die Reihe an mir, dich tot zu hauen. Los also, dreh' dich um -- was dem
-einen recht ist, ist dem anderen billig. Nun, wird's bald?«
-
-»Ja, aber, Joe, das kann ich doch nicht, so steht's ja gar nicht im
-Buch.«
-
-»Na, das ist dann einfach eine Gemeinheit, weiter sag' ich gar nichts.«
-
-»Du, hör' mal, Joe, du könntest ja der Bruder Tuck sein oder Much, der
-Müllerssohn, und mich mit einem Prügel für Zeit meines Lebens lahm
-hauen. Oder, wart', ich weiß noch was Besseres. Du bist Robin Hood für
-ein Weilchen und ich der Sheriff von Nottingham und du haust mich tot.«
-
-Damit war nun Joe zufrieden, und so wurden denn beide Abenteuer mit
-der nötigen Feierlichkeit in Scene gesetzt. Dann verwandelte sich Tom
-wieder in Robin Hood und Joe, der die verräterische Nonne vorstellte,
-ließ ihn sich an seiner Wunde zu Tode bluten. Zuletzt schleifte ihn der
-vielseitige Joe, der nun eine ganze Bande trauernder Räuber darstellte,
-nach vorn, legte Bogen und Pfeil in die zitternden Hände des Sterbenden
-und dieser hauchte: »Wo dieser Pfeil niedersinken wird, da verscharret
-die Reste des armen Robin Hood unter den Bäumen des Waldes.« Der Pfeil
-entschwirrte der Sehne, Tom fiel zurück und würde gestorben sein, wenn
-er nicht zufällig in einen Nesselbusch gesunken und für eine Leiche
-etwas allzu lebhaft emporgesprungen wäre.
-
-Drauf steckten sich die Jungen wieder in ihre Kleider, verbargen ihre
-Waffenausrüstung und zogen von dannen, in Trauer versunken darüber, daß
-das Zeitalter der Geächteten und Räuber entschwunden war. Vergeblich
-fragten sie sich, welche Errungenschaft moderner Gesittung wohl diesen
-Verlust aufzuwiegen vermöchte. Ihrem eigenen Gefühl nach wären die
-beiden weit lieber ein einziges kurzes Jahr lang Räuber, vervehmte,
-geächtete Räuber im Sherwood-Forste gewesen, als Präsident der
-Vereinigten Staaten auf Lebenszeit.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-
-Um halb zehn Uhr an jenem Abend wurden Tom und Sid wie gewöhnlich zu
-Bette geschickt. Sie sprachen ihr Gebet und Sid war bald eingeschlafen.
-Tom lag wach und wartete in rastloser Ungeduld. Als er schon meinte,
-es müsse beinahe Morgen sein, schlug die Uhr zehn -- es war rein zum
-Verzweifeln. Er würde sich im Bette herum geworfen haben, unaufhörlich
-von einer Seite zur andern, wie es seine Nerven gebieterisch
-verlangten, hätte er nicht gefürchtet, Sid dadurch zu wecken. So
-lag er denn krampfhaft ruhig und starrte hinein in die Finsternis.
-Allmählich begannen sich in der beinahe greifbaren Stille kleine, kaum
-zu unterscheidende Geräusche bemerkbar zu machen. Erst drängte sich ihm
-der Laut der tickenden Uhr auf. Alte Balken krachten geheimnisvoll.
-Die Treppe knisterte leise. Augenscheinlich waren die Geister munter.
-Ein taktmäßiges, gedämpftes Schnarchen klang aus Tante Pollys Zimmer.
-Und jetzt begann auch noch einer Grille ermüdendes Zirpen, das mit
-Genauigkeit zu lokalisieren kein menschlicher Scharfsinn je imstande
-ist. Dann machte das unheimliche Ticken einer Totenuhr in der Wand,
-am Kopfende des Bettes, Tom zusammenschaudern, -- bedeutete es doch,
-daß jemands Tage gezählt seien. Nun erhob sich das klagende Geheul
-eines Hundes in die Nachtluft, dem leiseres Gewinsel aus der Ferne
-antwortete. Tom lag in reiner Todesangst da. Er war fest überzeugt,
-daß die Zeit aufgehört, die Ewigkeit begonnen habe. Trotz allem
-Bemühen, sich wach zu halten, begann er leise einzudämmern. Die Uhr
-schlug elf, er aber hörte es nicht mehr. Auf einmal tönte mitten in
-seine noch gestaltlosen Träume hinein das langgezogene, schwermütige
-Miauen eines Katers. Das Oeffnen eines benachbarten Fensters, der Ruf:
-›Verfluchtes Katzenpack!‹ und das Zersplittern einer gegen die Mauer
-geschleuderten leeren Flasche ließ ihn entsetzt und urplötzlich wach
-in die Höhe fahren. Eine Sekunde später war er angezogen, zum Fenster
-hinaus und kroch auf allen Vieren auf dem Dache des Vorbaues entlang.
-Dabei miaute er ein- oder zweimal mit großer Vorsicht, sprang dann auf
-das Dach des Holzschuppens und von dort zu Boden. Huckleberry Finn
-mit seiner toten Katze erwartete ihn. Die Jungen entfernten sich und
-verschwanden im Dunkel. Eine halbe Stunde später wateten sie durch das
-hohe Gras des Friedhofs.
-
-Es war ein Friedhof nach der altmodischen Art des Westens und lag
-auf einem Hügel, etwa eine halbe Stunde vom Städtchen entfernt. Ihn
-umgrenzte ein wackeliger Bretterzaun, der sich abwechselnd bald nach
-innen, bald nach außen lehnte, nirgends aber gerade stand. Gras und
-Unkraut wucherten üppig über den ganzen Begräbnisplatz hin. Die alten
-Gräber waren sämtlich eingesunken. Kein Grabstein war zu erblicken.
-Wurmstichige Bretter schwankten statt dessen lose und schief auf den
-verfallenen Hügeln, schienen nach einer Stütze zu suchen und keine
-zu finden. ›Zum Gedächtnis an -- so -- und so‹ war einst auf ihnen
-zu lesen gewesen, jetzt aber war's nicht mehr zu entziffern, auf den
-meisten wenigstens nicht, selbst im hellsten Tageslicht.
-
-Ein schwacher Windzug ächzte in den Bäumen; Tom war's, als müßte es das
-Seufzen der Toten sein, die sich über die Störung beklagten. Die Jungen
-sprachen nur wenig und nur im Flüsterton, denn Zeit und Ort, sowie
-das feierliche, tiefe Schweigen versetzte sie in gedrückte Stimmung.
-Bald fanden sie den frisch aufgeworfenen Haufen, den sie suchten, und
-verschanzten sich in dem Schutze von drei großen Ulmen, die in einer
-dichten Gruppe, wenige Fuß vom Grabe entfernt, wuchsen.
-
-Dort warteten sie schweigend eine Zeitlang, die ihnen eine Ewigkeit
-schien. Das Geschrei einer fernen Eule war alles, was die Totenstille
-unterbrach. Toms Gedanken wurden niederdrückend, er mußte ein Gespräch
-erzwingen um jeden Preis. So flüsterte er denn:
-
-»Huckchen, meinst du, daß die toten Leute da drunten etwas dagegen
-haben, daß wir hier sind?«
-
-Worauf Huckleberry zurück flüsterte:
-
-»Möcht's selber wissen. Aber gelt, 's ist furchtbar feierlich, nicht?«
-
-»Weiß Gott, das ist's -- uff!«
-
-Lange Pause, während die Jungen noch einmal innerlich der Sache
-nachgrübelten. Wieder wisperte Tom:
-
-»Du, Huckchen, glaubst du, daß der alte Williams uns hören kann?«
-
-»Natürlich kann er, wenigstens sein Geist.«
-
-Tom, nach einer Pause:
-
-»Hätt' ich doch _Herr_ Williams gesagt! Ich hab's aber nicht bös
-gemeint. Jedermann nennt ihn doch den alten Williams.«
-
-»Ja, man kann nicht vorsichtig genug sein in dem, was man über die
-Leute da drunten sagt, Tom.«
-
-Dies war ein warnender Dämpfer und das Gespräch erstarb von neuem.
-Plötzlich ergriff Tom den Arm seines Kameraden:
-
-»Scht!«
-
-»Was giebt's, Tom?« Und die zwei umklammerten sich gegenseitig,
-atemlos, wild pochenden Herzens.
-
-»Scht! Da ist's wieder. Hast du denn nichts gehört?«
-
-»Ich --«
-
-»Da, noch einmal! Jetzt mußt du's doch hören!«
-
-»Herr Gott, Tom, da kommen sie! Gewiß und wahrhaftig, da kommen die
-Teufel! Was sollen wir anfangen?«
-
-»Ich weiß nicht. Ob sie uns sehen?«
-
-»O, Tom, Tom, die sehen im Dunkeln, grad' wie die Katzen. Ach, wär' ich
-doch nicht hierher gegangen.«
-
-»Na, alter Waschlappen, fürcht' dich doch nicht so! Ich glaub' nicht,
-daß die sich viel um uns kümmern. Wir thun ja niemand nichts Böses.
-Wenn wir uns ganz mucks-mäuschenstill verhalten, merken sie vielleicht
-gar nicht, daß wir da sind.«
-
-»Ich will mich ja nicht fürchten, Tom, aber ich -- ich -- ach Gott, ich
-klapper' nur so in meiner Haut.«
-
-»Horch doch!«
-
-Die Jungen steckten die Köpfe zusammen und atmeten kaum. Ein
-unterdrücktes Geräusch wie von Stimmen ertönte vom andern Ende des
-Friedhofs.
-
-»Sieh, sieh dort!« hauchte Tom. »Was ist das?«
-
-»'s ist Hexenfeuer. Ach Tom, das ist grausig.«
-
-Einige undeutlich nebelhafte Gestalten näherten sich in dem Dunkel. Sie
-schwangen eine altmodische Blechlaterne, die den Boden mit unzähligen
-kleinen Lichtfleckchen besäete. Alsbald flüstert Huck schaudernd:
-
-»Da, das sind die Teufel, gewiß und wahrhaftig! Und gleich drei auf
-einmal! Herr Gott, Tom, wir sind hin! Kannst du beten?«
-
-»Ich will's mal probieren. Aber fürcht' du dich doch nicht so, die thun
-uns sicher nichts. Wart', ich bet'! ›Müde bin ich, geh zur Ruh, schließ
-die beiden Augen zu, Vater laß --‹«
-
-»Scht!«
-
-»Was giebt's, Huck?«
-
-»'s sind Menschen! Einer davon mal gewiß! Die eine Stimme kenn' ich,
-die gehört dem alten Muff Potter.«
-
-»Nee, wahrhaftig?«
-
-»Na, ich wett' mein' Seel'. Rühr' du dich aber nicht, der merkt nichts
-von uns. Ist natürlich wieder voll, wie gewöhnlich -- verflixter alter
-Saufaus!«
-
-»Schon gut, ich muckse mich nicht. Da, sie bleiben stehen, können's
-nicht finden. Jetzt geht's wieder vorwärts, -- es wird heiß[5] -- kalt
--- ganz kalt -- jetzt lau -- da warm -- puh, nun wird's aber heiß --
-heißer, glühend! Scht -- da sind sie! Huck, ich kenn' noch einen, 's
-ist der Indianer-Joe.«
-
- [5] Dem Leser ist wohl das Spiel ›kalt oder warm‹ bekannt.
-
- Der Uebers.
-
-»Der mörderische Lump! Teufel wären mir fast lieber! Auf was die wohl
-aus sind?«
-
-Letztere Worte waren bloß noch gehaucht, denn die drei Männer hatten
-nun das Grab erreicht und standen kaum ein paar Fuß von dem Versteck
-der Jungen entfernt.
-
-»Hier ist's!« sagte die dritte Stimme; der, welcher gesprochen hatte,
-hielt die Laterne in die Höhe und zeigte im Strahl des Lichtes das
-Antlitz des jungen Doktors Robinson.
-
-Potter und der Indianer-Joe schleppten eine Trage mit einem Seil und
-ein paar Schaufeln drauf. Sie setzten ihre Last nieder und begannen das
-Grab zu öffnen. Der Doktor stellte die Laterne zu Häupten desselben,
-ging und setzte sich, mit dem Rücken gegen einen der Ulmenbäume
-gelehnt. Er war so dicht bei den Jungen, daß diese ihn hätten berühren
-können.
-
-»Eilt euch, Leute!« sagte er mit leiser Stimme. »Der Mond kann jeden
-Augenblick heraus kommen.«
-
-Die brummten eine Antwort und fuhren fort zu graben. Eine Zeit lang
-hörte man kein anderes Geräusch, als das Knirschen der sich ihrer
-Last von Erde und Sand entladenden Schaufeln. Es klang unsäglich
-eintönig. Endlich stieß ein Spaten mit dumpfem, hohlem Laut auf den
-Sarg und in der nächsten Minute hatten die Männer diesen empor an die
-Oberfläche gehoben. Sie brachen den Deckel mit ihren Schaufeln auf,
-rissen den Leichnam heraus und warfen ihn roh zur Erde. Eben trat der
-Mond hinter den Wolken vor und beleuchtete das starre, weiße Antlitz.
-Die Trage wurde herbeigebracht, die Leiche darauf gelegt, mit einer
-Decke verhüllt und mit dem Seile festgebunden. Potter holte ein großes
-Klappmesser aus der Tasche, schnitt das niederhängende Ende des Seiles
-ab und sagte:
-
-»Jetzt ist das verfluchte Ding abgethan, Knochensäger, jetzt rückst du
-mit noch 'nem Fünfer heraus, oder die Bescherung bleibt hier.«
-
-»Recht gesprochen, beim Schinder!« bekräftigte der Indianer-Joe mit
-einem Fluche.
-
-»Hört mal, Leute, was soll das heißen?« sagte der Doktor. »Ihr habt
-Vorausbezahlung verlangt und sie auch gekriegt und damit basta!«
-
-»Jawohl, basta,« zischte der Indianer-Joe und sprang auf den Doktor zu,
-der nun aufrecht stand. »Wir zwei sind noch lang' nicht fertig, daß
-du's nur weißt. Vor fünf Jahren jagtest du mich wie einen Hund von der
-Thüre deines Vaters weg, als ich um etwas zu essen bat; ›der Kerl ist
-wegen ganz was andrem da‹, hieß es. Als ich dann sagte, das solltest
-du mir ausfressen, und wenn's erst nach hundert Jahren wäre, da ließ
-mich der Herr Vater als Strolch einsperren. Meinst du, das hätt' ich
-vergessen? Ich hab' nicht umsonst Indianerblut in mir. Jetzt hab' ich
-dich und jetzt kommt die Abrechnung, merk' dir's!«
-
-Er fuchtelte dem Doktor dabei mit der geballten Faust unter der Nase
-herum. Dieser schlug plötzlich aus und streckte den Schurken zu Boden.
-Da ließ Potter sein Messer fallen und rief:
-
-[Illustration]
-
-»Was da! Ich laß meinen Kameraden nicht hauen.« Im nächsten Moment
-hatte er den Doktor umklammert und die beiden rangen mit Macht und
-Gewalt, Gras und Boden dabei wild zerstampfend. Der Indianer-Joe
-sprang auf die Füße, seine Augen glühten und flammten vor Wut, er hob
-Potters Messer vom Boden auf und umkreiste unheimlich, katzenartig
-die Ringenden, nach einer Gelegenheit spähend. Plötzlich gelang es
-dem Doktor, seinen Gegner abzuschütteln. Mit einem Griff riß er das
-schwere, breite Brett, das auf Williams' Grabe gestanden, an sich und
-schlug Potter damit zu Boden. Im selben Moment aber hatte auch der
-Indianer-Joe die günstige Gelegenheit ersehen; bis zum Heft stieß er
-das Messer in des jungen Mannes Brust. Der wankte und fiel teilweise
-auf Potter, den er mit seinem Blute überströmte, -- da verkroch sich
-der Mond hinter Wolken und entzog das gräßliche Schauspiel den Augen
-der entsetzten Knaben, die in dem Dunkel sich eiligst davon machten.
-
-Als der Mond wieder hervor trat, stand der Indianer-Joe vor den beiden
-hingestreckten Gestalten und betrachtete sie. Der Doktor murmelte etwas
-Unverständliches, holte ein- oder zweimal tief Atem und -- war still.
-Der Mörder brummte:
-
-»Jetzt ist's abgerechnet -- fahr' zur Hölle!«
-
-Dann beraubte er die Leiche, wonach er das verhängnisvolle Messer
-in Potters geöffnete rechte Hand steckte, sich selbst aber auf den
-zertrümmerten Sarg setzte. Drei -- vier -- fünf Minuten verflossen, da
-begann Potter zu stöhnen und sich zu bewegen. Seine Hand umschloß das
-Messer, er hob's empor, warf einen Blick drauf und ließ es mit einem
-Schauder fallen. Dann richtete er sich auf, schob den toten Körper
-zurück, starrte drauf nieder und dann verwirrt in die Runde. Seine
-Augen begegneten denen Joes.
-
-»Herrgott, wie kam's denn, Joe?« fragte er.
-
-»Ja, das ist 'ne faule Sache, Potter,« versetzte dieser, ohne sich zu
-rühren. »Daß du aber auch gleich so drauf losgehen mußt!«
-
-»Ich? Ich hab's doch nicht gethan!«
-
-»Hör' mal, du, das Geschwätz wäscht dich noch lang' nicht weiß.«
-
-Potter zitterte und wurde leichenblaß.
-
-»Hab' ich doch gemeint, ich wär' nüchtern gewesen, was hab' ich auch
-am Abend so trinken müssen, ich alter Esel. Ich hab's noch im Kopf,
-das spür' ich -- schlimmer als im Anfang, wie wir kamen. Ich bin rein
-wie im Dusel -- kann mich auf nichts besinnen. Sag' doch, Joe -- aber
-ehrlich, alter Kerl, -- hab' ich's wirklich gethan, Joe? Ich hab's ja
-gewiß und wahrhaftig nicht gewollt, auf Ehr' und Seligkeit, ich hab's
-nicht thun wollen, Joe. Wie ist's denn eigentlich gewesen, Joe? Ach, 's
-ist gräßlich -- und er so jung und hoch begabt!«
-
-»Na, ihr beiden balgtet euch und er hieb dir eins mit dem Brett dort
-über und du fielst um wie ein Sack. Dann rappeltest du dich wieder auf,
-ganz taumelig und wackelig, griffst nach dem Messer und bohrtest es ihm
-in die Rippen, gerade als er dir einen zweiten gewaltigen Klapps mit
-dem Dings da versetzte. Seitdem lagst du da wie ein Klotz und hast dich
-nicht gerührt.«
-
-»O, ich hab' nicht gewußt, was ich thue. Will auf der Stelle tot
-hinfallen, wenn ich's gewußt hab'. Daran ist nur der verdammte
-Branntwein und die Aufregung schuld. Nie im Leben hab' ich's Messer
-gezogen, Joe. Gerauft hab' ich, aber nie gestochen. Das kannst du von
-jedem hören. Joe, verrat' mich nicht! Sag's, daß du mich nicht verraten
-willst, Joe, bist auch 'n guter Kerl. Ich hab' dich immer gern gehabt,
-Joe, und hab' dir's Wort geredet. Weißt du's nicht mehr? Gelt, du sagst
-nichts, Joe?« Und der arme, geängstigte Kerl warf sich auf die Kniee
-vor dem vertierten Mörder und faltete flehend die Hände.
-
-»'s ist wahr, du hast immer zu mir gehalten, Muff Potter, und das will
-ich dir jetzt gedenken. -- Das nenn' ich doch wie 'n ehrlicher Kerl
-gesprochen, was?«
-
-»O, Joe, du bist ein Engel. Ich will dich segnen, so lange ich lebe.«
-Und Potter begann zu weinen.
-
-»Na, komm, laß gut sein. Jetzt ist keine Zeit zum heulen und greinen.
-Mach' dich fort, dort hinaus, ich geh' den Weg. Flink, los -- und daß
-du mir keine Spuren zurücklässest!«
-
-Potter schlug einen gelinden Trab an, der bald in ein Rennen ausartete.
-Sein Geselle sah ihm nach und murmelte:
-
-»Wenn er so benebelt ist vom Schnaps und vom Hieb, wie er aussieht, so
-wird er nicht mehr an das Messer denken, bis er so weit weg ist, daß er
-sich fürchtet allein hierher zurück zu kommen -- der Hasenfuß!«
-
-Zwei oder drei Minuten später sah nur noch der Mond nieder auf den
-Gemordeten, auf die verhüllte Leiche, den deckellosen Sarg und das
-offene Grab. Lautlose Stille herrschte aufs neue.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-
-Die beiden Jungen flohen keuchend, sprachlos vor Entsetzen, dem
-Städtchen zu. Von Zeit zu Zeit warfen sie angstvolle Blicke über die
-Schultern zurück, als ob sie fürchteten, man könne sie verfolgen. Jeder
-Baumstumpf, der sich am Wege erhob, schien ein Mensch und ein Feind,
-dessen Anblick ihnen beinahe den Atem raubte. Als sie an einigen frei
-gelegenen Häusern vorüber jagten, schien das Bellen der aufgestörten
-Hofhunde ihren Sohlen Flügel zu verleihen.
-
-»Wenn wir nur die alte Gerberei erreichen, ehe wir zusammenbrechen,«
-keuchte Tom stoßweise zwischen das mühsame Atemholen hinein. »Ich kann
-kaum mehr länger!«
-
-Hucks Keuchen war seine einzige Antwort; die Jungen hefteten die Augen
-fest auf das ersehnte Ziel ihrer Wünsche und strebten mit aller Macht,
-es zu erreichen. Es rückte näher und näher und endlich stürzten sie,
-Schulter an Schulter, durch die offene Thür und fielen atemlos in die
-schirmenden Schatten des Raumes. Nach und nach mäßigten die jagenden
-Pulse ihr Tempo und Tom flüsterte:
-
-»Huckleberry, was denkst du, was draus werden wird?«
-
-»Wenn der Doktor stirbt, wird einer baumeln.«
-
-»Glaubst du?«
-
-»Glauben? Das ist sicher!«
-
-Tom dachte eine Weile nach, dann sagte er:
-
-»Wer soll's denn sagen? -- Wir?«
-
-»Unsinn! Wenn was dazwischen kommt und der Indianer-Joe doch nicht
-baumeln muß, der würd' uns schön an den Kragen gehen, so gewiß ich hier
-lieg'.«
-
-[Illustration]
-
-»Das hab' ich eben auch gedacht, Huck.«
-
-»Wenn's einer sagen muß, so kann's ja der Muff Potter thun, dumm genug
-ist er dazu. Beduselt ist er auch meistens.«
-
-Tom sagte nichts, -- dachte weiter. Bald drauf flüsterte er:
-
-»Huck, Muff Potter weiß ja von nichts. Wie kann der's sagen?«
-
-»Warum weiß er von nichts?«
-
-»Der hatte ja gerade den Hieb abgekriegt, als der andre zustach.
-Glaubst du, daß der noch etwas gesehen haben kann, daß er noch was
-weiß?«
-
-»Allerdings mein' ich das, Tom!«
-
-»Hör' du, der Hieb hat ihm am End' auch noch den Rest gegeben!«
-
-»Das glaub' ich nicht, Tom. Der hatt' Branntwein im Kopf, ich hab's
-gesehen. Wenn mein Alter voll ist, dürft' man ihm ohne Schaden mit 'nem
-Kirchturm über den Kopf hauen, er würd's nicht spüren. Das sagt er
-selber. Grad' so ist's mit Muff Potter natürlich. Wenn einer nüchtern
-wäre, könnte er freilich am End' mit so 'nem Klapps genug haben.«
-
-Nach einer anderen gedankenvollen Pause fragte Tom:
-
-»Huckchen, bist du sicher, daß du reinen Mund halten kannst?«
-
-»'s bleibt uns einfach gar nichts andres übrig, Tom. Das siehst du doch
-selbst. Der Teufel von Indianerbrut schmisse uns ins Wasser, wie ein
-paar Katzen, wenn wir nur davon mucksen wollten und er nicht richtig
-drauf gehenkt würde. Hör' mal zu, Tom, wir müssen's uns gegenseitig
-zuschwören, das müssen wir thun, schwören, daß wir nichts ausplappern!«
-
-»Ist mir recht, Huck. 's wird wohl das beste sein. Heb' die Hand auf
-und schwör' --«
-
-»Nee, Tom, so leicht geht das nicht! Das ist freilich gut genug
-für kleine, lumpige Sachen, -- besonders, wenn man was mit Mädchen
-hat, die dummen Dinger verklatschen einen doch immer, wenn sie mal
-in der Patsche sitzen, -- bei so was Großem aber, wie das, muß was
-Schriftliches dabei sein -- und Blut!«
-
-Tom war mit Leib und Seele bei dieser Idee. Sie war tief, düster,
-unheimlich, -- mit der Zeit, dem Ort, den Umständen im Einklang. Er
-hob eine reine Holzschindel auf, die dort im Mondlicht lag, nahm ein
-Endchen Rotstift aus der Tasche, setzte sich so, daß der Mond die
-Schindel beleuchtete und kritzelte darauf folgende Zeilen, jeden
-Grundstrich mit einem krampfhaften Druck der Zunge gegen die Zähne
-betonend, der bei den Haarstrichen mechanisch nachließ:
-
-»_Huck Finn und Tom Sawyer, die schwören, daß sie hierüber den Mund
-halden wollen und wollen auf der stelle tot umfallen, wann sie's
-jehmals ausblautern._«
-
-Huckleberry war voll Staunen und Bewunderung ob Toms Gewandtheit
-im Schreiben und der Erhabenheit seines Stils. Flink zog er eine
-Stecknadel aus seinem Jackenfutter und wollte sich eben sein Fleisch
-ritzen, als Tom rief:
-
-»Wart', thu's nicht. So 'ne Nadel ist von Messing und da könnt'
-Grünspan dran sein.«
-
-»Grünspan? Was ist das für 'n Span?«
-
-»Gift ist's, -- weiter nichts. Schluck's nur mal runter, wirst schon
-sehen!«
-
-Tom langte dann eine von seinen Nähnadeln vor, wickelte den Faden
-ab und jeder der Jungen stach sich damit in den Ballen der Hand und
-quetschte einen Tropfen Blut hervor.
-
-Mit Geduld, nach oftmaligem Quetschen, brachte denn auch Tom seine
-Initialen zustande, wozu er die Spitze des kleinen Fingers als Feder
-gebrauchte. Dann zeigte er Huckleberry, wie dieser ein ~H~ und ein
-~F~ zu machen habe und der Eidschwur war gültig. Sie vergruben die
-Schindel dicht an der Mauer, unter Anwendung von allerlei unheimlichen
-Zeremonien und Zauberformeln, und die Fesseln, die ihre Zungen banden,
-wurden als fest geschlossen, der Schlüssel dazu als weggeworfen
-betrachtet.
-
-Eine Gestalt schob sich in dem Moment verstohlen durch eine Lücke am
-andern Ende des verfallenen Gebäudes, die Jungen aber bemerkten sie
-nicht.
-
-»Tom,« flüsterte Huckleberry, »werden wir nun niemals nichts von der
-Geschichte sagen können, niemals?«
-
-»Natürlich nicht. Was auch kommen mag, wir müssen den Mund halten.
-Sonst fielen wir ja gleich tot um, hast du das schon vergessen?«
-
-»Nee, -- aber -- ja, du hast recht.«
-
-Eine Zeit lang flüsterten sie noch leise zusammen. Plötzlich schlug
-ein Hund ein langgezogenes, unheimliches Geheul an, dicht vor ihrem
-Schlupfwinkel, vielleicht zehn Schritte von ihnen entfernt. Die Jungen
-umklammerten einander in Todesangst. Ihr Aberglaube hatte wieder die
-Oberhand.
-
-»Wen von uns meint er wohl?« ächzte Huckleberry.
-
-»Weiß ich's? -- guck' durch den Ritz, schnell!«
-
-»Guck' du, Tom!«
-
-»Ich kann nicht -- kann's nicht, Huck!«
-
-»Bitte, Tom, bitte! Da -- da ist's wieder!«
-
-»Ach, Gottchen, wie dank' ich dir,« flüsterte Tom. »Ich kenn' die
-Stimme, 's ist Harbisons Tyras seine.«
-
-»Das ist 'n Glück, Tom, ich sag' dir, ich war halb tot vor Schreck;
-dacht' schon, 's sei ein fremder Hund.«
-
-Wieder heulte der Hund. Den Jungen sank das Herz abermals bis in die
-unterste Zehenspitze.
-
-»Ach, du mein alles,« stöhnte Huck, »das ist nicht Harbisons Tyras.
-Guck' doch mal, Tom.«
-
-Tom gab nach, obgleich er mit den Zähnen klapperte vor Furcht, und
-legte sein Auge an die Ritze. Sein Flüstern war kaum verständlich, als
-er zurück fuhr mit einem:
-
-»Huck, 's ist _ein fremder Hund_!«
-
-»Schnell, schnell, Tom, wen meint er von uns?«
-
-»Er muß uns beide meinen, -- wir stehen dicht zusammen.«
-
-»Tom, dann sind wir hin, ich sag' dir's. Wo ich hinkommen werde, für
-mein Teil, weiß ich nur zu gut. Ich bin so oft gottlos gewesen.«
-
-»Ach Huck, das kommt davon, wenn man die Schule schwänzt und immer
-thut, was verboten ist. Ich hätt' grad' so gut und brav sein können
-wie Sid, -- aber natürlich, das paßt mir nicht. Wenn ich noch mal mit
-heiler Haut davon komme, so schwör' ich, daß ich mein Lebenlang in die
-Sonntagsschule gehen will, -- ich Elender!«
-
-Und Tom begann ein wenig zu schluchzen und sich die Augen zu reiben.
-
-»Du, schlecht?« Auch Huckleberry schluchzte nun. »Ach was, Tom Sawyer,
-du bist Gold, reines Gold, sag' ich dir, gegen mich. Ach, Gottchen,
-Gottchen, Gottchen, -- ja, wenn ich nur halb die Gelegenheit gehabt
-hätt', gut zu sein, wie du, Tom, ich --«
-
-Tom brach plötzlich im Schluchzen ab und flüsterte freudig:
-
-»Sieh' doch, Huck, sieh'! Er kehrt uns ja den _Rücken zu_!«
-
-Nun schielte auch Huck durch die Ritze, Wonne im Herzen.
-
-»Weiß Gott, so ist's! Hat er denn vorher das auch schon gethan?«
-
-»Ei, freilich; ich Esel hab' aber gar nicht drauf acht gegeben. Na, das
-ist herrlich! Jetzt aber, wen kann er meinen?«
-
-Das Geheul verstummte. Tom spitzte die Ohren.
-
-»Scht, -- was ist das?« flüsterte er.
-
-»'s klingt wie -- na, wie Schweinegrunzen. Doch nein, -- da schnarcht
-einer, Tom!«
-
-»Wahrhaftig, so ist's! Woher kommt's wohl, Huck?«
-
-»Ich glaub' von dort, vom anderen Ende. 's klingt wenigstens so.
-Mein Alter hat dort manchmal geschlafen, aber, Herrgott, wenn _der_
-schnarcht, fallen die Mauern ein. Ich glaub' auch nicht, daß der je
-wieder hierher kommt.«
-
-Noch einmal regte sich der Unternehmungsgeist in der Seele der Knaben.
-
-»Huckchen, getraust du dir mitzukommen, wenn ich voran gehe?«
-
-»Viel Lust hab' ich nicht, Tom. Wenn's nun der Indianer-Joe wäre?«
-
-Tom fuhr zusammen und zögerte. Bald aber erhob sich die Versuchung
-wieder mit aller Macht und die Jungen kamen überein, die Sache zu
-untersuchen, aber Fersengeld zu geben, sowie das Schnarchen aufhöre. So
-stahlen sie sich denn auf den Zehenspitzen, einer hinter dem andern,
-dem Orte zu, von wo der Laut kam. Fünf Schritte etwa vom Schnarcher
-entfernt, trat Tom auf einen Stock, der mit scharfem Knack zerbrach.
-Der Mann stöhnte und wandte sich ein wenig, so daß sein Gesicht sich
-dem Mondschein zukehrte. Es war Muff Potter. Den Jungen hatte das
-Herz still gestanden, als der Mann sich regte, nun aber schwand ihre
-Angst. Auf den Zehen schlichen sie hinaus durch die geborstene Mauer
-und blieben in geringer Entfernung stehen, um ein Abschiedswort zu
-tauschen. Wieder erhob sich jenes langgezogene, klägliche Geheul in die
-Nachtluft hinein. Sie wandten sich und sahen den fremden Hund, nur ein
-paar Schritte entfernt von dem Ort, an dem Potter lag, diesem den Kopf
-zuwendend, mit der Schnauze gen Himmel deuten.
-
-»Herr Jemine, den meint er!« riefen die beiden in einem Atem.
-
-»Sag' mal, Tom, 's hat mir einer erzählt, daß um dem Johnny Miller sein
-Haus 'n fremder Hund herumgeheult hätt' vor 'n paar Wochen und daß 'ne
-Eule sich auf dem Dach gezeigt hat, und doch ist noch keiner tot dort.«
-
-»Weiß ich. Das beweist aber gar nichts! Ist nicht am selben Sonnabend
-die Grace Miller auf den Herd gefallen und hat sich schrecklich
-verbrannt?«
-
-»Wohl, aber tot ist sie doch nicht -- im Gegenteil viel besser.«
-
-»Na, paß du nur auf, die muß sterben, so gewiß, wie der Muff Potter
-dort sterben muß. So sagen die Nigger und die wissen Bescheid in den
-Geschichten, Huck!«
-
-Die Jungen trennten sich, in tiefes Nachdenken versunken.
-
-Als Tom durch sein Schlafzimmerfenster zurückkroch, war die Nacht
-beinahe vorüber. Er entkleidete sich mit der äußersten Vorsicht und
-fiel in Schlaf, indem er sich selbst von Herzen Glück dazu wünschte,
-daß niemand von seinem nächtlichen Ausflug etwas gemerkt habe. Armer,
-blinder Tom! Er selbst hatte nichts gemerkt; er wußte nicht, daß der
-sanft schnarchende Sid wachte, wach gewesen war seit einer Stunde.
-
-Als Tom am andern Morgen die Augen aufschlug, war Sid angekleidet und
-fort. Das Tageslicht draußen hatte ordentlich einen späten Schein, es
-lag was Spätes in der ganzen Atmosphäre. Tom erschrak. Warum hat man
-ihn nicht gerufen, -- ihn nicht geplagt wie gewöhnlich, bis er auf war?
-
-Dieser Gedanke erfüllte ihn mit schlimmen Ahnungen. Innerhalb fünf
-Minuten war er in den Kleidern und die Treppe hinunter, noch ganz
-schwindelig und müde. Ihm war nicht wohl zu Mute. Die Familie saß noch
-um den Tisch, das Frühstück war beendet. Keine Stimme des Vorwurfs
-erhob sich, aber die abgewandten Augen aller, die Stille und so eine
-Art Feierlichkeit, die das ganze Zimmer zu erfüllen schien, ließen des
-armen Sünders Herz in ahnender Sorge erbeben. Er setzte sich nieder,
-versuchte munter und unbefangen zu erscheinen, das aber war verlorne
-Liebesmüh'. Kein Lächeln, keine Antwort kam; auch er verfiel in
-Schweigen und sein Herz sank in die tiefsten Tiefen der Verzweiflung
-und Bekümmernis.
-
-Nach dem Frühstück nahm ihn die Tante beiseite und Tom lebte sichtlich
-auf in der Erwartung, daß nun die wohlverdiente Züchtigung vom Stapel
-laufen würde. Dem aber war nicht so. Tante Polly fing an zu weinen,
-fragte, wie er es über sich gewänne, sie so zu betrüben, ihr altes Herz
-beinahe zu brechen, und schloß damit, daß sie ihm sagte, er möge nur
-hingehen, sich zu Grunde richten und ihre grauen Haare mit Schande in
-die Grube bringen, sie könne ihn nicht mehr aufhalten, wolle es auch
-gar nicht mehr probieren, es sei doch alles nutzlos und vergebens.
-Das war schlimmer als die schlimmsten Prügel und Toms Herz war nun
-noch matter und elender als sein Körper. Er weinte, bat um Verzeihung,
-gelobte Besserung wieder und wieder und wurde schließlich entlassen mit
-dem beschämenden Gefühl, doch nur halb und halb Vergebung und Vertrauen
-in seine Gelöbnisse gefunden zu haben.
-
-Er schlich aus dem Zimmer, zu elend selbst, um Rachegelüste gegen Sid,
-den Verräter, zu spüren, und so war des letzteren hastige Flucht durch
-die Hinterthüre unnötig. Trübselig und traurig machte er sich nach der
-Schule auf und nahm mit Joe Harper zusammen seine Tracht Prügel für das
-Schulschwänzen entgegen, mit der Miene eines Menschen, dessen Seele
-schlimmeres Leid kennt und tot ist für die kleinen Kümmernisse dieser
-Welt. Dann verfügte er sich nach seinem Platz, stützte die Ellenbogen
-auf den Tisch, das Kinn auf die Hände, bohrte den Blick in die Wand
-und saß da, ein Bild starrer Verzweiflung, die ihre Grenzen erreicht
-hat und nicht weiter zu gehen vermag. Sein Ellenbogen ruhte auf irgend
-etwas Hartem. Nach einer geraumen Zeit änderte er langsam und traurig
-seine Stellung und nahm dies Etwas mit einem Seufzer zur Hand. Es
-war in Papier eingeschlagen. Er entfaltete es. Ein langgezogener,
-ungeheurer Seufzer folgte ... Es war jener Messingknopf, den er Becky
-gestern geboten. Dieser letzte bittere Tropfen brachte den Becher
-seiner Trübsal zum Ueberfließen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-
-Kurz vor der Mittagsstunde durchzuckte das ganze Städtchen plötzlich
-wie ein elektrischer Schlag die grausige Kunde. Es bedurfte nicht des
-Telegraphen, von dem man sich damals überhaupt noch nichts träumen
-ließ; die Nachricht flog von Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe, von
-Haus zu Haus, mit kaum geringerer Schnelle, als der elektrische Funke.
-Natürlich gab der Lehrer für den Nachmittag frei, man würde ihm das
-Gegenteil sehr verdacht haben. Ein blutiges Messer war dicht bei dem
-Gemordeten gefunden worden und jemand hatte es als dem Muff Potter
-gehörig erkannt, so lautete die Erzählung. Auch sollte ein Bürger,
-der sich verspätet hatte, auf Potter gestoßen sein, wie er sich im
-Bache wusch, gegen ein oder zwei Uhr morgens, und als er sich bemerkt
-sah, eiligst davon schlich, -- lauter verdächtige Momente, namentlich
-das Waschen, was für gewöhnlich sehr gegen Potters Art war. Die ganze
-Stadt, so sagte man, sei schon abgesucht worden nach dem ›Mörder‹ (das
-Publikum ist schnell bei der Hand mit Beweis und Urteilsspruch), er sei
-aber nirgends zu finden. Reiter waren nach jeder Richtung abgesandt
-und der Sheriff war überzeugt, daß man ihn noch vor Einbruch der Nacht
-einfangen werde.
-
-Die ganze Stadt wallfahrtete nach dem Friedhof. Toms Herzensnot
-schwand; er schloß sich dem Zuge an, nicht, daß er nicht tausendmal
-lieber wo anders gewesen wäre -- aber eine unheimliche, unerklärliche
-Zauberkraft lockte und zog ihn dorthin. Am Schreckensorte angekommen,
-schob und zwängte er seine kleine Person durch die dichte Menge
-und stand bald vor dem gräßlichen Schauspiel. Es schien ihm ein
-Menschenalter her, seit sein Blick zuletzt darauf geruht. Jemand
-zwickte ihn am Arm. Er wandte sich und seine Augen trafen die
-Huckleberrys. Wie auf Kommando sahen dann beide nach entgegengesetzter
-Richtung, voll Angst, jemand könne den Blick bemerkt haben, den sie
-sich zugeworfen. Jedermann aber schwatzte in unterdrücktem Flüsterton
-und hatte genug zu thun mit dem furchtbar-schauerlichen Ereignis,
-dessen Schauplatz man umstand.
-
-[Illustration]
-
-»Armer Bursche!« »Armer, junger Mensch!« »Dies sollten alle
-Leichenräuber sich zur Lehre dienen lassen!« »Muff Potter muß baumeln
-dafür, wenn sie ihn erwischen!« So etwa lauteten die Bemerkungen, die
-fielen. Der Geistliche aber sagte: »Das war ein Gottesgericht, -- hier
-sehen wir die Hand des Herrn.«
-
-Tom zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, denn sein Blick war auf das
-stumpfsinnige Gesicht des Indianer-Joe gefallen. Im selben Moment
-begann die Menge zu schwanken und zu drängen und einzelne Stimmen
-riefen: »Da ist er, da ist er, dort kommt er selber!«
-
-»Wer? Wer?« fragten zwanzig andere dagegen.
-
-»Muff Potter!«
-
-»Da, jetzt halten sie ihn an! Er dreht sich um -- haltet, haltet fest,
-laßt ihn nicht durchbrennen!«
-
-Leute, die in den Aesten der Bäume saßen, über Toms Kopf, meinten, Muff
-versuche gar nicht zu entrinnen, -- er sähe nur ganz dumm und verblüfft
-aus.
-
-»Verdammte Frechheit das!« sagte einer, »wollte sich wohl noch mal in
-Ruhe sein Werk beschauen; dachte nicht, Gesellschaft zu finden!«
-
-Die Menge teilte sich nun und der Sheriff schritt mit großartiger
-Wichtigkeit in Blick und Miene hindurch, Muff Potter am Arme haltend.
-Des armen Burschen Gesicht sah ordentlich eingefallen aus und aus
-den Augen starrte das Entsetzen, das ihn gebannt hielt. Als er vor
-dem Gemordeten stand, schüttelte es ihn, wie ein Krampf, er barg das
-Gesicht in den Händen und brach in Thränen aus.
-
-»Ich hab's wahrhaftig nicht gethan, Freunde,« schluchzte er, »auf mein
-Ehrenwort, ich hab's nicht gethan.«
-
-»Wer hat dich denn beschuldigt?« schrie eine Stimme.
-
-Der Schuß traf. Potter erhob die Augen und ließ sie in die Runde gehen,
-qualvollste Hoffnungslosigkeit im Blick. Da sah er den Indianer-Joe und
-rief:
-
-»Ach, Joe, und du hast doch versprochen, daß du nie --«
-
-»Ist dies hier Euer Messer?« Damit schob ihm der Sheriff das
-Mordwerkzeug unter die Nase.
-
-Potter wäre gefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen und sachte zu
-Boden hätte gleiten lassen. Dann stöhnte er:
-
-»Hab's mir doch gedacht, wenn ich nicht käme und das -- Messer --« Ein
-Schauder überlief ihn, dann winkte er mit der kraftlosen Hand dem
-Indianer-Joe und flüsterte tonlos:
-
-»Sag's ihnen, Joe, sag's ihnen, alles -- 's ist ja doch umsonst.«
-
-Huckleberry und Tom hörten nun stumm und starr, wie der hartherzige
-Mörder in heiterster Ruhe Zeugnis ablegte. Mit jedem Moment erwarteten
-sie, daß der klare Himmel sich öffnen und der gerechte Gott seine
-Zornesblitze auf das Haupt des ruchlosen Lügners schleudern müsse;
-jeder weitere Moment der Verzögerung des Gerichtes erregte ihr größtes
-Staunen. Und als er geendet hatte und noch lebend und unversehrt vor
-ihnen stand, schwand der leise in ihrer Seele flackernde Trieb wieder,
-den geschworenen Eid zu brechen und des armen Gefangenen Leben zu
-retten. Solch ein Missethäter, wie Joe, mußte sich ja, das war ihnen
-jetzt gänzlich klar, dem Teufel verschrieben haben. Sich mit dieser
-Macht aber in einen Kampf um deren berechtigtes Eigentum einzulassen,
-konnte allzu verhängnisvoll werden.
-
-»Warum machtest du dich nicht davon? Weshalb kamst du hierher zurück?«
-fragte einer den mutmaßlichen Mörder.
-
-»Ich konnt' nicht anders, konnt' nicht anders,« stöhnte dieser. »Ich
-hab' ja durchgehen wollen, aber 's hat mich immer wieder hierher
-getrieben.« Und wieder schluchzte er herzbrechend.
-
-Nochmals wiederholte der Indianer-Joe seine Aussage ebenso ruhig
-und bekräftigte dieselbe endlich ein paar Minuten später bei der
-Totenschau. Da immer noch keine Blitze herniederfuhren, sahen die
-Jungen ihren Glauben bestätigt, daß Joe sich dem leibhaftigen
-Gottseibeiuns verkauft habe. Er wurde ihnen nun zum Gegenstand des
-schauerlichsten, unheimlichsten Interesses, wie sie es bis dahin
-noch niemals empfunden, und ihre Blicke hingen wie gebannt an seinem
-Antlitz. Sie beschlossen innerlich, ihm nachzuspüren, des Nachts
-namentlich, wenn sich ihnen Gelegenheit dazu böte, in der stillen
-Hoffnung, einen verstohlenen Blick auf seinen schauerlichen Herrn und
-Meister thun zu können.
-
-Der Indianer-Joe half die Leiche des Gemordeten auf einen Wagen heben,
-der dieselbe wegbringen sollte, und es ging ein Flüstern durch die
-Menge, daß die Wunde dabei leicht zu bluten begonnen. Huck und Tom
-hofften schon, dieser glückliche Umstand möchte den Verdacht auf die
-richtige Fährte lenken und fühlten sich daher sehr enttäuscht, als
-einer der Zuschauer bemerkte:
-
-»Kein Wunder! Drei Schritt davon war ja der Potter, da hat's freilich
-bluten müssen!« --
-
-Toms schreckliches Geheimnis und sein nagendes Gewissen störten ihm den
-Schlaf für länger als eine Woche nach diesem Vorfall. Eines Morgens
-beim Frühstück sagte Sid:
-
-»Tom, du wirfst dich immer so herum und schwatzest so laut im Traum,
-daß ich die halbe Nacht nicht schlafen kann.«
-
-Tom erbleichte und senkte die Augen.
-
-»Das ist ein schlimmes Zeichen,« meinte Tante Polly ernst. »Was hast du
-auf dem Herzen, Tom?«
-
-»Nichts, Tante, ich weiß von nichts.« Aber des Jungen Hand zitterte so,
-daß er den Kaffee verschüttete.
-
-»Und so dummes Zeug redst du,« fuhr Sid fort. »Heute nacht hast du
-gesagt: ›Blut ist's, Blut und gar nichts andres!‹ Und das hast du immer
-und immer wieder gesagt. Und dann hast du auch gesagt: ›Quäl' mich doch
-nicht so -- ich will's ja gestehen.‹ Was gestehen? Was willst du denn
-gestehen?«
-
-Vor Toms Augen schwamm alles. Es läßt sich kaum ausdenken, was nun
-hätte geschehen können, wäre nicht plötzlich der forschende Blick aus
-Tante Pollys Auge geschwunden und sie Tom, ohne es zu wissen, zu Hilfe
-gekommen, indem sie ausrief:
-
-»Na, natürlich! 's ist der grausige Mord, der ihm zu schaffen macht.
-Mir geht's grad' auch so. Ich träume jede Nacht davon. Ich hab' schon
-geträumt, ich wär's selber gewesen!«
-
-Mary sagte, ihr ginge es gerade auch so und Sid schien damit zufrieden
-gestellt. Tom entzog sich den Blicken der Seinen, sobald er irgend
-konnte, beklagte sich danach über Zahnweh eine Woche lang und band
-sich ein dickes Tuch um Mund und Kinnlade jede Nacht. Er wußte
-nicht, daß Sid ihn allnächtlich belauerte, zuweilen selbst die Binde
-lockerte, sich auf die Ellenbogen stützte, über ihn beugte und lange,
-lange lauschte, worauf er vorsichtig das Tuch an die alte Stelle
-zurück schob. Toms Furcht und Angst verlor sich allmählich, der
-ewige Zahnschmerz wurde langweilig und daher fallen gelassen. Wenn
-es Sid wirklich gelungen war, aus Toms unzusammenhängendem Gemurmel
-sich einen Vers zu machen, so behielt er alles für sich. -- Es war
-Tom, als ob seine Schulkameraden es niemals satt bekommen könnten,
-gerichtliche Totenschau zu halten über tote Katzen und dergleichen. Sid
-fiel es dabei auf, daß Tom niemals die Rolle des Leichenbeschauers zu
-übernehmen trachtete, obgleich er sonst gewohnt war, Anführer bei jeder
-neuen Unternehmung zu sein. Er bemerkte auch, daß Tom auffallenderweise
-niemals als Zeuge auftrat, ja sogar eine entschiedene Abneigung gegen
-diese Art von Zeitvertreib an den Tag legte und sie mied, wo er nur
-irgend konnte. Sid wunderte sich, wie gesagt, darüber, erwähnte aber
-nichts. Endlich kamen denn auch die Totenschauen aus der Mode und
-hörten auf, Toms Gewissen zu beunruhigen.
-
-Jeden Tag, oder einen Tag um den andern, während dieser Zeit der
-Trübsal, nahm Tom die Gelegenheit wahr, sich an das kleine, vergitterte
-Kerkerfenster zu schleichen und dem ›Mörder‹ allerlei kleine
-Trostgegenstände, deren er habhaft werden konnte, zuzuschmuggeln.
-Das Gefängnis war ein winzig kleiner Backsteinbau, der am Ende des
-Städtchens mitten in einem Sumpf stand. Wächter gab's keine, Gefangene
-waren selten. Diese Opfergaben trugen sehr dazu bei, Toms Gewissen zu
-erleichtern.
-
-Die Einwohner des Städtchens hatten große Lust, auch dem Indianer-Joe
-zu Leibe zu gehen wegen des Leichenraubes. So furchtbar war aber
-sein Ruf, daß sich keiner fand, der sich dazu verstehen wollte, die
-Leitung der Sache zu übernehmen, und so ließ man es denn bleiben.
-Vorsichtigerweise hatte er in seinen beiden Aussagen gleich bei
-der Rauferei begonnen, ohne erst den beabsichtigten Leichenraub
-einzugestehen, der dieser voran gegangen war, und so hielt man es für
-das Klügste, die Sache, einstweilen wenigstens, nicht vor Gericht zu
-bringen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-
-Eine der Ursachen, weshalb Toms innerer Mensch begann, sich von seinen
-geheimen Sorgen und Leiden abzuwenden, lag darin, daß ein neues und
-wichtiges Interesse alle seine Gedanken in Beschlag nahm. Becky
-Thatcher war aus der Schule fortgeblieben. Tom rang mit seinem Stolze
-ein paar Tage lang, versuchte, sich die Gedanken an _sie_ aus dem
-Kopf zu schlagen; aber umsonst. Zu seinem eigenen Erstaunen betraf
-er sich selbst auf nächtlichen Streifereien um ihres Vaters Haus
-herum, wobei ihm ganz elend zu Mute war. _Sie_ war krank. Wenn sie nun
-sterben müßte? Verzweiflung, Wahnsinn lag in dem Gedanken. Ihn lockte
-nichts mehr hienieden, kein Krieg, kein Seeräubertum. Die Sonne des
-Lebens war entschwunden, nur die qualvollste Finsternis geblieben. Er
-stellte seinen Reifen zur Seite zusamt dem Stock, an keinem Spielzeug
-konnte er mehr Freude haben. Tante Polly begann sich zu grämen, zu
-beunruhigen ob dieser Zeichen und setzte ihm mit allerhand Arzneien zu.
-Sie war eine von denen, die auf Patent-Medizinen jeder Art schwören,
-die jegliche neue Methode, unfehlbare Gesundheit zu verleihen, oder
-die schadhaft gewordene auszuflicken, mit Enthusiasmus und nimmer
-wankendem Vertrauen begrüßen. Alles neu Auftauchende dieser Art
-mußte sofort probiert werden, es ließ ihr keine Ruhe, bis sie irgend
-jemanden entdeckt hatte, an dem das Experiment gemacht werden konnte,
-denn ihr selbst fehlte zu ihrem größten Leidwesen niemals etwas, das
-solchen Eingriff erfordert hätte. Sie war auf alle Zeitschriften
-für Gesundheitspflege abonniert und ihre harmlose Seele ergab sich
-gläubig dem krassesten Unsinn, der schwarz auf weiß, mit dem nötigen
-feierlichen Ernst vorgetragen, darin stand. All der theoretische
-Schnickschnack, den sie enthielten darüber, wie man zu Bett gehen
-müsse, wie aufstehen, was essen, was trinken, wie oft lüften, wie viel
-und welcher Art sich Bewegung schaffen, welcher Gemütsverfassung sich
-befleißigen, in was für Kleidung den äußeren Menschen stecken, all
-dieser Schwindel war ihr Evangelium und niemals fiel es ihr auf, daß
-die neuesten Nummern in der Regel das Gegenteil von dem empfahlen, was
-die früheren angepriesen hatten. Sie war so arglos und leichtgläubig
-wie ein Kind und ging ohne Zögern auf jeden Leim. So mit ihren
-Quacksalberschriften und Mittelchen bewaffnet, saß sie, -- um ein
-bekanntes Bild zu gebrauchen -- mit dem Sensenmann im Sattel auf dem
-fahlen Rosse, während dicht hinter ihr die Hölle einhertrabte. In ihrer
-schlichten Einfalt kam es ihr jedoch niemals in den Sinn, sie könne der
-leidenden Menschheit etwas anderes sein als ein heilender Engel des
-Trostes, der Balsam des Herrn in Person.
-
-Kaltwasserkuren waren neu dazumal, und Toms leidender Zustand war
-Wasser auf ihre Mühle. Morgens mit Tagesgrauen holte sie ihn aus seinem
-Bett, schleppte ihn nach dem Holzschuppen und ertränkte ihn hier fast
-in einer Sintflut kalten Wassers, das sie über ihn ergoß. Dann raspelte
-sie ihn mit einem rauhen Tuche wie mit einer Feile ab, wobei er wieder
-zu sich selbst kam, rollte ihn in ein nasses Betttuch und stopfte ihn
-unter einen Berg von wollenen Decken, bis er sich die Seele fast aus
-dem Leibe geschwitzt hatte, so daß »deren gelbe Flecken zu den Poren
-heraus kamen,« wie Tom sagte.
-
-Aber all dieser gründlichen Behandlung zum Trotz wurde der Junge
-täglich schwermütiger, blasser, niedergeschlagener. Tante Polly fügte
-nun heiße Bäder bei, Sitzbäder, Douchen und Sturzbäder. Der Junge
-aber verharrte in seiner trübseligen Stimmung. Sie verstärkte nun die
-Wasserkur durch strenge Diät und Zugpflaster und füllte ihn, als ob er
-ein Krug gewesen wäre, alltäglich mit Wundertränken jeglicher Art bis
-zum Rande.
-
-Tom ließ alles mit sich beginnen, er war gleichgültig geworden
-gegen jede Quälerei. Diese Phase seines Leidens erfüllte die Seele
-der alten Dame mit Bestürzung. Die beängstigende Gleichgültigkeit
-mußte gebrochen werden um jeden Preis. In dieser Krise hörte sie zum
-erstenmal von einem Universal-Wundermittel, ›Schmerzenstöter‹ genannt.
-Sie bestellte sofort einige Dutzend Flaschen, kostete und war von
-Dankbarkeit durchglüht, es schien einfach Feuer in flüssiger Form.
-Die Wasserbehandlung wurde nun eingestellt, zusamt allem andern und
-›Schmerzenstöter‹ war hinfort die Losung. Tom bekam den ersten Löffel
-voll, und seine Tante erwartete in tiefster Seelenangst das Resultat.
-Ihrer Sorgen war sie augenblicklich ledig, Frieden zog in ihre Seele
-ein, der Bann der ›Gleichgültigkeit‹ war gebrochen. Hätte sie ein Feuer
-unter ihm angezündet, der Junge hätte kein tolleres, kein urkräftigeres
-Interesse zeigen können.
-
-Tom sah, daß die Zeit gekommen sei, sich aufzuraffen. Diese Art
-von Leben mochte ja ganz romantisch sein, war auf die Dauer aber
-nicht auszuhalten. Bei allem Ueberfluß an Abwechslung wurde es am
-Ende doch monoton. Er sann daher auf Aenderung seiner Lage und
-verfiel schließlich darauf, eine leidenschaftliche Neigung für den
-›Schmerzenstöter‹ vorzugeben. Er verlangte so oft nach dem Wundertrank,
-daß er damit förmlich zur Plage wurde und seine Tante ihn schließlich
-anfuhr, er möge sich selber bedienen und sie in Ruhe lassen. Wäre
-es nun Sid gewesen, so hätte kein Schatten ihr Entzücken ob solch
-ungeahnten Erfolges getrübt, da es aber Tom war, beobachtete sie
-verstohlen die Flasche. Die Flüssigkeit verminderte sich in der That,
-ihr aber kam es niemals in den Sinn, daß der Junge die Gesundheit einer
-Spalte des Fußbodens im Eßzimmer damit kuriere.
-
-Eines Tages war Tom eben wieder damit beschäftigt, der Spalte die
-gewohnte Dosis zu verabfolgen, als seiner Tante gelbe Katze daher
-kam, einen Buckel machte, schnurrte, und, gierigen Blicks den Löffel
-beäugelnd, um ein Pröbchen bettelte. Tom warnte:
-
-»Bitt' nicht drum, Peter, wenn du's nicht brauchst.«
-
-Peter deutete an, daß er's brauche.
-
-»Ueberleg's nochmal, Peter.«
-
-Peter hatte überlegt und war seiner Sache gewiß.
-
-»Also, Peter, du willst's und du sollst's auch haben, denn _so_ bin ich
-nicht. Wenn's dir aber nachher nicht schmeckt, so mach' niemand 'nen
-Vorwurf, außer dir selber.«
-
-Peter war einverstanden und so sperrte ihm Tom das Maul auf und goß den
-›Schmerzenstöter‹ hinunter. Peter sprang ein paar Meter hoch in die
-Luft, stieß dann ein gellendes Kriegsgeheul aus, setzte wie toll im
-Zimmer herum, stieß gegen Möbelkanten, schmiß Blumentöpfe u. dergl. um
-und richtete eine allgemeine Verwüstung an. Zunächst erhob er sich auf
-die Hinterfüße, begann in wahnwitziger Verzücktheit zu tanzen, wobei
-er den Kopf über die Schultern zurückwarf und der Welt in schallenden
-Tönen seine Glückseligkeit kund und zu wissen that. Dann fing der tolle
-Kreislauf von vorne an, Chaos und Verwüstung folgte seinen Spuren.
-Tante Polly trat eben noch zur Zeit durch die Thüre, um zu sehen,
-wie Peter ein paar doppelte Purzelbäume schlug und, ein gewaltiges
-Schluß-Hurrah ausstoßend, durch das offne Fenster segelte, wobei er
-den Rest der Blumentöpfe mit sich riß. Starr vor Staunen, stand die
-alte Dame und sah ihm über ihre Brillengläser weg nach, Tom aber lag am
-Boden und wollte sich ausschütten vor Lachen.
-
-[Illustration]
-
-»Tom, was zum Kuckuck fehlt der Katze?«
-
-»Weiß ich doch nicht, Tante,« stieß der Junge, nach Luft schnappend,
-hervor.
-
-»So was hab' ich ja im Leben noch nicht gesehen. Was ist denn der Katze
-in den Leib gefahren?«
-
-»Weiß ich wahrhaftig nicht, Tante. Die Katzen machen's immer so, wenn's
-ihnen wohl in der Haut ist.«
-
-»So? Machen sie's immer so?« Es war etwas in ihrem Ton, das Tom mit
-bangem Ahnen erfüllte.
-
-»Ja, Tante, das heißt, ich -- ich glaub' wenigstens, daß sie's so
-machen.«
-
-»Du glaubst?«
-
-»Ja--a -- Tante.«
-
-Die alte Dame bückte sich nieder, Tom beobachtete sie mit von Furcht
-geschärftem Interesse. Zu spät erriet er, wo sie hinaus wollte. Der
-Stiel des verräterischen Löffels war eben noch sichtbar unter den
-Fransen der Tischdecke. Tante Polly griff darnach und hielt ihn empor.
-Tom schien verlegen und senkte die Augen. Tante Polly hob ihn ohne
-Umstände an dem gewöhnlichen Henkel, -- seinem Ohr, -- zu sich herauf
-und gab ihm mit der freien Hand einen gesunden Klapps.
-
-»Jetzt, Junge, gesteh', warum hast du der armen, unvernünftigen Kreatur
-so mitgespielt?«
-
-»Ich -- ich hab's nur aus Mitleid gethan, -- Peter hat ja keine Tante.«
-
-»Hat keine Tante! -- du Dummkopf. Was hat denn das damit zu schaffen?«
-
-»Alles. Denn wenn Peter 'ne Tante hätte, so hätt' ihn die gewiß
-ausgebrannt, hätt' ihm die Eingeweide geröstet bei lebendigem Leib,
-ohne sich mehr dabei zu denken, als wenn er ein Mensch gewesen wäre.«
-
-Tante Polly fühlte plötzliche Gewissensbisse. Das zeigte die Sache in
-einem neuen Lichte. Was Grausamkeit gegen eine Katze war, konnte doch
-vielleicht auch Grausamkeit gegen einen Jungen sein. Sie begann weich
-zu werden, es that ihr leid. Die Augen wurden ihr feucht, sie legte die
-Hand auf Toms Kopf und sagte sanft:
-
-»Tom, ich hab's nur gut gemeint und -- es hat dir auch gut gethan, Tom.«
-
-Dieser sah ihr treuherzig ins Gesicht und nur ganz leise blitzte der
-Schelm ihm aus den Augen, als er im höchsten Ernste erwiderte:
-
-»Ich weiß, daß du's nur gut gemeint hast, Tantchen, ich hab's aber
-_auch_ mit dem Peter nur gut gemeint und dem hat's auch gut gethan, im
-Leben ist er noch nicht so hübsch herumgefahren --«
-
-»Ach, heb' dich fort, Tom, eh' du mich wieder bös' machst. Und
-probier's doch mal, ob du nicht einmal ein braver Junge sein kannst;
-und -- Medizin brauchst du keine mehr zu nehmen.«
-
- * * * * *
-
-Tom kam vor der Zeit zur Schule. Man wollte beobachtet haben, daß dies
-Außergewöhnliche in der letzten Zeit ganz regelmäßig stattgefunden.
-Auch heute wieder, wie gewöhnlich seit kurzem, trieb er sich am Thore
-des Schulhofes herum, anstatt wie sonst mit seinen Kameraden zu
-spielen. Er sei krank, sagte er und sah auch so aus. Er versuchte den
-Anschein zu erwecken, als schaue er überall anders hin, als gerade da,
-wohin er wirklich schaute, -- den Schulweg hinunter. Jetzt tauchte Jeff
-Thatcher am Horizonte auf, und Toms Antlitz erhellte sich. Einen Moment
-starrte er hin, um sich dann voll Trauer abzuwenden. Als Jeff herankam,
-redete ihn Tom an, suchte listig das Gespräch auf Becky zu lenken, Jeff
-aber, der einfältige Kerl, wollte niemals den Köder sehen und anbeißen.
-
-Tom schaute und schaute, -- voller Hoffnung, wenn wieder ein wehender
-Mädchenrock auftauchte und voll Grimm, wenn dann die Eigentümerin
-desselben die Erwartete nicht war. Zuletzt kamen keine Röcke mehr und
-hoffnungslos sank er in sein dumpfes Brüten zurück. Er betrat allein,
-vor den andern, das leere Schulhaus und setzte sich nieder, um weiter
-zu dulden. Da trat noch ein verspäteter Rock durchs Thor, hoch auf
-schlug Toms Herz in Wonne und Entzücken. Im nächsten Moment war er
-draußen und geberdete sich wie ein Indianer, johlte, lachte, jagte
-die Jungen vor sich her, setzte über den Zaun mit Gefahr für Leib und
-Leben, schlug ein Rad, stellte sich auf den Kopf, kurz, er verrichtete
-unzählige Heldenthaten und hielt dabei immer sein wachsames Auge auf
-Becky geheftet, um zu sehen, ob sie Notiz davon nähme. Sie aber schien
-sich seiner Gegenwart völlig unbewußt, sah gar nicht nach ihm hin.
-Konnte es möglich sein, daß sie gar nicht wisse, er sei in der Nähe?
-Nun begann er seine Heldenthaten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft
-auszuführen. Er umkreiste sie mit wildem Geheul, riß einem Jungen die
-Mütze vom Kopf und schleuderte diese auf das Dach des Schulhauses,
-brach dann gewaltsam durch einen Haufen Jungen hindurch, die nach
-allen Richtungen umpurzelten, fiel dabei selber zappelnd dicht vor die
-Nase Beckys hin, diese beinahe mit sich zu Boden reißend. Sie aber
-wandte sich, hob das Näschen in die Luft und er hörte sie sagen:
-
-»Ph -- ph! 's giebt Jungens, die sich für furchtbar interessant halten,
--- immer müssen sie sich zeigen!«
-
-Toms Wangen brannten. Er rappelte sich auf und schlich davon,
-gedemütigt, vernichtet.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-
-Tom war nun fest entschlossen. Er war finsterer, verzweifelter Gedanken
-voll. Er kam sich als verlassener, freundloser Knabe vor, den niemand
-liebte. Wenn sie erst merkten, zu was ihre Lieblosigkeit ihn getrieben,
-würde es ihnen vielleicht leid sein. Er hatte versucht, das Rechte zu
-thun, gut zu sein, sie ließen's ja nicht zu. Da sie ihn denn durchaus
-los sein wollten, so sollten sie ihren Willen haben; natürlich würden
-sie ihn allein für die Folgen verantwortlich machen, -- aber so
-ist's immer! Hat ein Freudloser und Verstoßener das Recht zu klagen?
-Jetzt, da sie ihn zum Aeußersten getrieben, wollte er das Leben eines
-Verbrechers führen. Ihm blieb keine Wahl. Unter solchen Betrachtungen
-war er weit über die Wiesen geschritten und die Schulglocke, welche
-die Säumigen mahnte, klang ihm nur noch schwach ins Ohr. Er schluchzte
-jetzt bei'm Gedanken, daß er nie, nie wieder diesen altvertrauten
-Ton vernehmen solle, -- es war hart, so furchtbar hart, aber -- sie
-zwangen ihn ja dazu. Da sie ihn vertrieben hatten, hinausgestoßen in
-die kalte, unbarmherzige Welt, so mußte er sich drein ergeben, -- aber
-er verzieh ihnen, verzieh ihnen allen. Das Schluchzen wurde stärker,
-erschütternder.
-
-In diesem Moment stieß er auf seines Herzens innigsten Freund -- Joe
-Harper, der finster blickend daher trottete, augenscheinlich einen
-schrecklichen, schwerwiegenden Entschluß in seiner Seele herumwälzend.
-Hier waren offenbar ›zwei Seelen und ein Gedanke!‹ Tom, der sich die
-Augen mit seinem Aermel wischte, fing an, etwas Unzusammenhängendes
-hervor zu stottern, von einem Entschluß, sich den Mißhandlungen und dem
-Mangel an Verständnis daheim durch seine Flucht in die weite Welt zu
-entziehen, nie, niemals wiederzukehren, und schloß damit, daß er Joe
-bat, ihm ein treues Gedenken zu bewahren.
-
-Da zeigte sich aber, daß Joe just eben um ganz dasselbe hatte bitten
-wollen und gerade zu dem Zweck gekommen war, Tom aufzuspüren. Seine
-Mutter hatte ihn geprügelt, weil er Rahm getrunken haben sollte, von
-dem er doch rein gar nichts wußte. Es sei klar, sie wolle nichts
-mehr von ihm wissen und ihn los sein. Solchen Empfindungen gegenüber
--- was bleibe ihm da anders übrig, als sich darein zu ergeben? Möge
-es ihr wohl ergehen und sie niemals bereuen, ihren armen Jungen
-hinausgetrieben zu haben in die kalte, gefühllose Welt, um da zu leiden
-und schließlich zu sterben.
-
-Wie nun die zwei trauernden Jünglinge so dahin wandelten, schlossen
-sie einen Pakt, fest zusammenzustehen wie Brüder, nicht voneinander zu
-lassen, bis der Tod sie einst scheide und sie erlöse von ihrem Jammer.
-Dann begannen sie Pläne zu schmieden. Joe war dafür, ein Eremit zu
-werden, von harten Brotkrusten und Wasser in einer finstern Höhle zu
-leben und eines Tages aus Not, Kälte und Kummer zu sterben. Nachdem er
-aber Toms Plan gehört, gab er zu, daß das Leben eines Verbrechers doch
-einige hervorragende Vorteile böte und willigte ein, als Seeräuber sein
-Heil zu probieren.
-
-Drei Meilen unterhalb St. Petersburg, an einer Stelle, wo der
-Mississippi etwas mehr als eine Meile breit war, lag eine lange,
-schmale, bewaldete Insel mit einer seichten Sandbank an der Spitze.
-Diese Insel war nicht bewohnt, lag weit drüben gegen das andere Ufer
-zu, das mit einem ausgedehnten, menschenleeren, fast undurchdringlichen
-Walde bestanden war. Das schien ein Ort wie gemacht für das
-Unternehmen, und so wurde denn die Jackson-Insel gewählt. Welches die
-Opfer sein sollten für ihr Seeräubertum, das kam den Jungen nicht in
-den Sinn. Vor allem trieben sie nun Huckleberry Finn irgendwo auf,
-der sich ihnen sofort anschloß. Jegliche Laufbahn war ihm recht, er
-war nicht wählerisch. Nachdem sie alles verabredet hatten, trennten
-sie sich, um sich an einer einsamen Stelle des Flußufers, zwei Meilen
-oberhalb des Städtchens, wieder zu treffen, um Mitternacht, zu ihrer
-Lieblingsstunde. Dort wußten sie von einem kleinen Holzfloß, das
-sie sich anzueignen gedachten. Jeder von den dreien wollte eine
-Angelrute und Haken mitbringen, dazu solche Eßvorräte, deren er sich
-auf möglichst versteckte und geheimnisvolle Weise bemächtigen konnte,
-wie es Ausgestoßenen und Geächteten ihrer Art zukam. Bevor noch der
-Nachmittag verflossen, war es ihnen gelungen, heimlicher Wonne voll,
-im ganzen Städtchen das Gerücht zu verbreiten, es werde sich in Bälde
-etwas sehr Merkwürdiges ereignen. Alle, die diesen Wink erhielten,
-bekamen zugleich die Mahnung, zu schweigen und abzuwarten.
-
-Um Mitternacht erschien Tom mit einem gekochten Schinken und noch
-sonstigen Kleinigkeiten in dem dichten Untergehölz des steilen
-Uferabhangs, das zum Sammelplatz bestimmt worden. Es war sternklar und
-totenstill. Der mächtige Strom lag, ozeangleich, in friedlicher Ruhe
-da. Tom lauschte einen Moment, kein Laut unterbrach die feierliche
-Stille. Er ließ ein leises, langgezogenes Pfeifen ertönen, das von
-unten erwidert wurde; zweimal noch pfiff Tom, beidemale wurde das
-Signal in derselben Weise beantwortet. Nun fragte eine leise Stimme:
-
-»Wer naht sich dort?«
-
-»Tom Sawyer, der Schwarze, Rächer der spanischen Meere. Nennt Eure
-Namen!«
-
-»Huck Finn, die ›blutige Hand‹ und Joe Harper, der ›Schrecken der
-See‹.« Tom hatte diese Titel aus seiner Lieblings-Litteratur geschöpft.
-
-»Gebt das Feldgeschrei!«
-
-In dumpfem, grauenvoll durchdringendem Flüsterton erklang von zwei
-Stimmen zugleich dasselbe schreckliche Wort in die brütende Nacht
-hinein:
-
-»_Blut!_«
-
-Nun kollerte Tom seinen Schinken über den Abhang und ließ sich selber
-nachgleiten, wobei er Haut und Kleider empfindlich verletzte. Wohl
-gab's einen leichten, bequemen Pfad, den Abhang hinunter und am
-Ufer entlang, dem aber fehlten jene unerläßlichen Eigenschaften von
-Schwierigkeit und Gefahr, die ein Seeräuber vor allen andern schätzt.
-
-Der ›Schrecken der See‹ hatte eine riesige Speckseite geliefert und
-sich halb krumm und lahm geschleppt, um sie herbeizubringen. Finn, der
-›Blut-Händige‹, hatte einen Kochkessel gestohlen, dazu eine Portion
-halbgetrocknete Tabaksblätter und einige Maiskolben, um Pfeifen draus
-zu machen. Keiner der Piraten freilich rauchte oder kaute Tabak, als
-nur er selber. Der ›Schwarze Rächer der spanischen Meere‹ meinte, man
-könnte nimmermehr das Unternehmen ins Werk setzen, ohne Feuer an Bord
-zu haben. Der Gedanke war weise, auch schritt man sofort zur That.
-In der Entfernung glimmte ein Feuer auf einem großen Floße, dahin
-schlichen sie nun und verschafften sich einen Holzbrand. Aus dieser
-Expedition machten sie sich mit Wonne und umständlicher Wichtigkeit ein
-gefährliches Abenteuer zurecht. Unterwegs hielten sie fast jede Minute
-an, sagten ›Pst‹ und legten den Finger auf die Lippen. Ihre Hände
-umfaßten eingebildete Schwertergriffe, leise Befehle wurden geflüstert,
-daß, wenn der ›Feind‹ sich rege, er ›kalt gemacht‹ werden müsse, denn
-›tote Menschen plaudern nichts mehr aus!‹ Die Jungen wußten freilich
-mit Bestimmtheit, daß die Flößer unten in der Stadt waren, entweder
-um Vorräte einzukaufen, oder um zu zechen, das war aber für sie kein
-Grund, sich weniger piratenmäßig bei der Sache zu benehmen.
-
-Glücklich zurückgekehrt von dem gefahrvollen Feuer-Raubzug, stießen
-sie alsbald vom Lande. Tom hatte den Oberbefehl, Huck saß am hinteren
-Ruder, Joe vorn. Tom stand mitten auf dem Floße. Finster blickend, mit
-über der Brust gekreuzten Armen, erteilte er seine Befehle in leisem,
-strengem Flüsterton.
-
-»Luven! Vor den Wind!«
-
-»Geluvt ist, Kap'tän.«
-
-»Stet, Jungens, ste--e--et!«
-
-»Stet ist's, Kap'tän.«
-
-»Einen Strich rechts abgehen!«
-
-»Ein Strich ist's!«
-
-Während die Jungen das Floß unverweilt gegen die Mitte des Stromes
-zutreiben ließen, verstand es sich von selbst, daß alle diese Befehle
-nur der Form halber erteilt wurden und weiter gar nichts zu bedeuten
-hatten.
-
-»Welche Segel führt das Boot?«
-
-»Hauptsegel, Topsegel und fliegenden Klüver, Kap'tän.«
-
-»Oberbramsegel auf! Ihr dort flink, 'n halb' Dutzend an die
-Fockmarsleesegel! Lustig, Jungens, rührt euch!«
-
-»Eh, eh, Kap'tän!«
-
-»Marssegel vom Hauptmast! Schoten und Brassen! Vorwärts, Jungens.«
-
-»Eh, Kap'tän!«
-
-»Ruder nach Lee -- hart an Backbord. Backbord -- Backbord! Nun Leute,
-frisch drauf los. Stet -- ste--e--et!«
-
-»Stet ist's, Kap'tän!«
-
-Das Floß begann die Mitte des Stromes zu kreuzen und auf das andere
-Ufer zuzuhalten. Die Jungen gaben der Spitze desselben die rechte
-Richtung und zogen dann die Ruder ein. Kaum ein Wort wurde gewechselt
-während der nächsten halben Stunde. Jetzt trieb das Floß am fernen
-Städtchen vorüber. Zwei oder drei schimmernde Lichter zeigten, wo
-dasselbe lag, in süßem, friedlichem Schlummer, jenseits dieser
-endlosen, ungeheuren, sternbeschienenen Wasserflut, ohne Ahnung von
-dem tief eingreifenden Ereignis, das soeben im Begriff war sich
-abzuspielen. Der ›Schwarze Rächer‹ stand da mit gekreuzten Armen,
-einen letzten Blick werfend auf den Schauplatz seiner früheren Freuden
-und späteren Leiden, und wünschte sehnlichst, ›Sie‹ könnte ihn jetzt
-sehen, da draußen auf der wilden See, der Gefahr und dem Tode ins
-Antlitz schauend, unverzagten Herzens, mit einem grimmigen Lächeln auf
-den Lippen seinem Untergang entgegengehend. Seiner Einbildungskraft
-war es ein Geringes, die Jackson-Insel aus der Gesichtsweite des
-Städtchens weg zu versetzen, und so sandte er demselben denn seinen
-›letzten Blick‹, zufriedenen, wenngleich gebrochenen Herzens. Die
-andern Piraten sandten desgleichen ihre letzten Blicke und blickten so
-anhaltend und so lange, daß die Strömung sie beinahe aus dem Bereich
-der Insel fortgetrieben hätte. Diese Gefahr aber wurde noch beizeiten
-entdeckt und derselben mit Erfolg Einhalt gethan. Etwa um zwei Uhr
-morgens trieb das Floß an der Sandbank auf, ungefähr hundert Meter
-oberhalb der Spitze der Insel, und die Jungen wateten nun durch das
-Wasser hin und zurück, bis sie ihre Ladung glücklich gelandet und in
-Sicherheit gebracht hatten. Zu dem kleinen Floß gehörte auch ein altes
-Segel, welches sie an einem heimlichen Plätzchen im Gebüsch als Zelt
-ausspannten, um die Vorräte darunter zu bergen. Sie selbst aber wollten
-unter freiem Himmel schlafen, in Wind und Wetter, wie es solchen
-Ausgestoßenen der Menschheit zukam.
-
-[Illustration]
-
-Sie schichteten Holz zu einem Feuer auf neben einem dicken, alten,
-abgestorbenen Baumstamm, der etwa zwanzig bis dreißig Schritte weit in
-der düstern Tiefe des Waldes stand, brieten sich Speck zum Abendessen
-und ließen sich's köstlich munden. Herrlich, unbeschreiblich schön
-war das wilde, freie Leben im jungfräulichen Walde einer unbekannten,
-unbewohnten Insel, weitab vom Getriebe der Menschen, und sie schwuren
-sich, nimmermehr zurückzukehren in die Fesseln der Zivilisation. Das
-aufglimmende Feuer beleuchtete ihre Gesichter und warf seinen roten
-Schein auf die säulenartigen Baumstämme dieses grünen Waldtempels, auf
-das schimmernde Laub und die alles umrankenden, wilden Reben. Als die
-letzte knusperige Speckschnitte verschwunden, die letzte Brotkrume
-aufgezehrt war, streckten sich die Jungen auf dem Moose aus, erfüllt
-von köstlichstem Behagen. Wohl hätten sie ein kühleres Plätzchen finden
-können, aber sie mochten sich das romantische Gefühl nicht versagen, am
-leise flackernden Lager-Feuer zu rösten.
-
-»Ist das nun nicht lustig?« fragte Joe.
-
-»Famos,« bestätigte Tom.
-
-»Was würden die Jungen sagen, wenn sie uns so sehen könnten!«
-
-»Sagen? Ei, die ließen sich tot schlagen, wenn sie nur hier sein
-könnten, -- he, Huckchen?«
-
-»Das will ich meinen!« brummte Huckleberry, »mir wenigstens gefällt's
-und ich wünsch' mir nichts anderes. Für gewöhnlich krieg' ich nicht
-satt -- hier kann mich auch keiner herumstoßen und seine Stiefel an mir
-abputzen, danke!«
-
-»Das ist just ein Leben für mich,« jubelte Tom, »morgens braucht man
-nicht aufzustehen, braucht nicht in die Schule, sich nicht zu waschen
-und all den andern dummen Firlefanz. Siehst du nun, Joe, ein Pirat hat
-gar nichts zu thun, so lang er am Lande ist, ein Eremit aber, der muß
-beten, beten, beten bis er schwarz wird, und hat nie ein Vergnügen,
-immer so allein für sich.«
-
-»Das ist auch wahr,« meinte Joe, »ich hab' eben nicht weiter drüber
-nachgedacht. Jetzt will ich selber viel lieber Seeräuber sein, seit
-ich's probiert hab'.«
-
-»Außerdem,« belehrte Tom, »giebt man heutzutage nicht mehr so viel
-auf Eremiten, wie früher in alten Zeiten, während ein Pirat überall
-geachtet ist. Ein Eremit muß auch immer auf dem allerhärtesten Platz
-schlafen, den er finden kann, muß Asche auf sein Haupt streuen und --«
-
-»Asche? Zu was denn die Asche auf den Kopf?« fragte Huck.
-
-»Das weiß ich selber nicht. Aber das müssen sie -- alle Eremiten
-thun's. Du hättst's auch zu thun, wenn du einer wärst.«
-
-»Die sollten mir kommen,« versetzte Huck.
-
-»Na, was thät'st du denn?«
-
-»Das weiß ich noch nicht. Aber Asche auf den Kopf sicher nicht.«
-
-»Aber Huck, das müßtest du einfach. Wie wolltest du da drum herum
-kommen?«
-
-»Ei, ich würd's eben nicht leiden. Ich risse aus!«
-
-»Ausreißen! Na, du wärst ein nettes altes Gestell von einem Eremiten,
-weiß Gott, ein wahrer Schandfleck für die andern!«
-
-Der ›Blut-Händige‹ gab keine Antwort, da er Besseres zu thun hatte. Er
-war soeben damit fertig geworden, einen Maiskolben auszuhöhlen; nun
-befestigte er einen Binsenhalm dran, stopfte den Kolben mit Tabak,
-legte eine glühende Kohle darauf und hüllte sich in eine Wolke lieblich
-duftenden Dampfes. Man sah ihm ordentlich an, wie er sich im höchsten
-Stadium wollüstigen Behagens befand. Die andern Piraten neideten
-ihm den Besitz solch imponierend lasterhafter Kunst und beschlossen
-heimlich, dieselbe in kürzester Frist sich anzueignen. Nach einer Weile
-fragte Huck:
-
-»Was haben denn Seeräuber eigentlich zu thun?«
-
-Worauf Tom erwiderte:
-
-»O, die haben Zeitvertreib genug. Die kapern Schiffe und verbrennen
-sie, nehmen alles Geld weg und vergraben's an ganz schrecklich
-gruseligen Plätzen auf ihrer Insel, wo's Geister und solche Wesen
-giebt, die den Schatz bewachen. Dann töten sie jedermann auf den
-Schiffen -- lassen alle über die Planken springen --«
-
-»Und die Frauen schleppen sie ans Land,« vervollständigte Joe, »die
-töten sie nicht.«
-
-»Nein,« stimmte Tom bei, »Frauen töten sie nicht, dazu sind sie zu
-edel. Die Frauen sind auch immer sehr schön.«
-
-»Und was für Kleider sie tragen! 's ist 'ne wahre Pracht; alles voll
-Gold und Silber und Diamanten,« fiel Joe ganz begeistert ein.
-
-»Wer?« fragte Huck.
-
-»Nun die Piraten doch!«
-
-Huck sah nachdenklich an seiner Gewandung hinunter.
-
-»Na, meine Kleider sind dann schwerlich für einen Piraten geschaffen,«
-bemerkte er mit einer gewissen erhabenen Trauer in der Stimme, »ich
-habe aber keine anderen nicht!«
-
-Seine beiden Kameraden trösteten ihn, die schönen Kleider würden
-schnell genug kommen, wenn man nur erst auf Abenteuer auszöge. Sie
-gaben ihm zu verstehen, daß seine ärmlichen Lumpen für den Anfang
-genügen sollten, obgleich gut gestellte Seeräuber für gewöhnlich in
-passender Garderobe auszögen.
-
-Allmählich erstarb das Geplauder, Müdigkeit begann die Lider der
-kleinen Strolche schwer zu machen. Die Pfeife entglitt den Fingern
-des ›Blut-Händigen‹ und er schlief den tiefen Schlaf des Gerechten
-und -- Müden. Der ›Schrecken der See,‹ ebenso auch der ›Schwarze
-Rächer der Spanischen Meere‹ hatten größere Schwierigkeit im Erlangen
-des Schlafes. Sie sagten ihre Gebete nur innerlich her, da keine
-Autorität zugegen war, die sie zum Knieen und lauten Aufsagen
-angehalten hätte. Zuerst hatten sie vorgehabt, gar nicht zu beten,
-vor solchem Wagnis aber schreckten sie schließlich doch zurück, aus
-Furcht, es könne ein ganz besonderer Donnerkeil vom Himmel auf ihre
-schuldigen Häupter niedersausen. Als sie endlich, endlich, ganz nahe
-am Rande des tiefen Abgrunds, Schlaf genannt, lagen und schon darein
-zu versinken dachten, da nahte wiederum ein Etwas, ein Störenfried,
-der sich nicht abweisen lassen wollte. Es war das Gewissen! Es überkam
-sie eine unbestimmte Ahnung des Unrechts, das sie begangen mit ihrem
-Davonlaufen, dann tauchte das gestohlene Fleisch auf und die Tortur
-begann. Sie versuchten dem Gewissen vorzuhalten, wie sie oft und oft
-Anlehen an die Speisekammer der Ihren gemacht in Aepfeln und andern
-Süßigkeiten, das Gewissen aber gab sich mit solch durchsichtigen
-Ausflüchten nicht zufrieden. Es bewies ihnen klar und unbestreitbar,
-wie sich die Thatsache nicht umgehen lasse, daß das Einstecken von
-Aepfeln, Süßigkeiten etc. nur ›krippsen‹ heiße, während das Wegnehmen
-von Speckseiten, Schinken und ähnlichen wertvolleren Gegenständen,
-einfacher, gewöhnlicher Diebstahl genannt werden müsse, -- wogegen
-es ein dräuendes Gebot in der Bibel gab. Demzufolge beschlossen sie
-innerlich, daß, solange sie das Piratengeschäft betrieben, ihre
-Raubzüge nicht wieder mit dem Verbrechen des Diebstahls besudelt werden
-dürften. Das Gewissen gab sich denn auch damit zufrieden, schloß einen
-Waffenstillstand und unsre merkwürdig inkonsequenten ›Seeräuber‹
-versanken in einen friedlichen, ungestörten Schlummer.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-
-Als Tom am Morgen erwachte, konnte er sich kaum besinnen, wo er
-eigentlich sei. Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und blickte um
-sich, dann überkam ihn die Erinnerung. Der Tag begann eben zu grauen,
-kühl und wonnig. Es lag ein köstliches Gefühl der Ruhe und des Friedens
-in der tiefen, alles umfangenden Stille, dem Schweigen des Waldes. Kein
-Blatt rührte sich, kein Ton unterbrach das sinnende Nachdenken der
-großen Natur. Tautropfen perlten auf Blättern und Gräsern. Eine Schicht
-weißer Asche bedeckte das Feuer, von dem sich ein dünnes, bläuliches
-Rauchwölkchen in die stille Luft emporkräuselte. Joe und Huck schliefen
-noch. Jetzt erklang, weit drüben im Walde, der Ruf eines Vogels,
-ein andrer antwortete, dann hörte man das Hämmern eines Spechtes.
-Allmählich lüftete sich das kühle, fahle Grau der Morgendämmerung,
-ebenso allmählich vermehrten sich die Töne, das neu erwachte Leben
-begann sich allenthalben kund zu thun. Das große Wunder, wie die Natur
-den Schlaf abschüttelt und ihr Tagewerk aufnimmt, entfaltete sich vor
-den Augen des staunenden Knaben. Eine kleine, grüne Raupe kam über ein
-taufrisches Blatt daher gekrochen, von Zeit zu Zeit dreiviertel ihres
-Körperchens in die Luft hebend und herum schnüffelnd, dann wieder
-vorwärts strebend. »Aha, die kommt zum Anmessen,« dachte Tom und als
-das Tierchen aus freien Stücken sich ihm näherte, saß er stockstill,
-hoffend und bangend, je nachdem das Geschöpf die Richtung auf ihn zu
-nehmen oder sich anderswo hinzuwenden schien. Als es aber zuletzt, nach
-einem bangen Moment des Zweifels, während dessen es den gekrümmten
-Körper in der Luft hin und her bewegte, sich ganz entschieden auf Toms
-Bein gleiten ließ und die Reise längs desselben begann, da füllte
-Freude Toms Herz, denn das bedeutete, daß er einen neuen Anzug bekommen
-würde, -- ohne Zweifel eine glänzende Piratenuniform. Jetzt erschien
-ein Zug von Ameisen, man wußte nicht woher, sie gingen auf Arbeit aus.
-Eine derselben schleppte sich mutig mit einer toten Spinne, fünfmal
-so groß als sie selber, und lootste dieselbe direkt einen Baumstamm
-hinauf. Ein schwarzgeflecktes Johanniskäferchen erklomm die steile Höhe
-eines Grashalms, Tom beugte sich dicht zu demselben nieder und sang:
-
- »Johanniskäferchen flieg',
- Der Vater ist im Krieg;
- Flieg, flieg, dein Häuschen brennt,
- 's sitzen sieben Kinderchen drin!«
-
-Und Johanniskäferchen entfaltete die kleinen Schwingen und flog davon,
-um zu Hause nachzusehen, was den Jungen keineswegs verwunderte, wußte
-er doch aus Erfahrung, wie leichtgläubig das dumme Ding sei, namentlich
-in Betreff der Feuersbrünste, und er hatte der kleinen Einfalt schon
-oftmals denselben Streich gespielt. Die Vögel lärmten nun förmlich im
-Gezweige der Bäume. Ein Rotkehlchen saß in einem Aste über Toms Kopf
-und schmetterte seine Triller aus voller Brust hinaus in den lichten
-Morgen. Ein blauschwarzer Häher schoß nieder, gleich dem Strahl einer
-blauen Flamme, setzte sich auf einen Busch, ganz dicht im Bereich
-des Knaben, legte den Kopf auf die Seite und beäugelte die Fremden
-mit lebhafter Neugierde. Ein graues Eichhörnchen und ein stämmiger
-Bursch aus der Fuchs-Familie kamen angerannt, setzten sich auf die
-Hinterbeine und betrachteten furchtlos die Eindringlinge. Die harmlosen
-Geschöpfe hatten wohl noch niemals ein menschliches Wesen gesehen und
-wußten offenbar nicht, ob man sich fürchten müsse oder freuen. Die
-ganze Natur war jetzt völlig wach und in Bewegung. Gleich blitzenden
-Lanzen drangen die goldenen Strahlen des Sonnenlichtes durch das dichte
-Laubwerk nah und fern, auch kleine buntfarbige Schmetterlinge kamen
-herbeigeflogen.
-
-Tom ermunterte nun die beiden andern Piraten und eine Minute später
-trabten sie mit einem Freudengeheul dem Ufer zu, warfen die Kleider ab
-und jagten und überpurzelten sich in dem seichten, lauen Wasser bei der
-Sandbank. Keine Spur von Sehnsucht empfanden sie nach dem Städtchen da
-drüben, das jenseits der endlosen, majestätischen Wasserfläche noch im
-Schlafe lag. Eine verirrte Welle, oder auch eine leichte Schwellung des
-Stroms, hatte ihr Floß entführt, dies aber diente den Jungen nur zur
-Befriedigung, denn durch sein Verschwinden waren gleichsam die Brücken
-zwischen ihnen und der Zivilisation abgebrochen.
-
-Wunderbar erfrischt kehrten sie in ihr Lager zurück, sorglos,
-glückstrahlend und mit einem Wolfshunger. Bald flackerte das Feuer auf
-in hellen Flammen; Huck entdeckte eine Quelle frischen, kalten Wassers
-dicht beim Lager. Die Jungen machten sich Becher aus großen Eichen-
-und Ahornblättern und fanden, daß Wasser, durch solch eigenartigen,
-wilden Waldeszauber versüßt, der beste Ersatz für Kaffee sei. Während
-Joe sich eben anschickte, Speckschnitten zum Frühstück abzuschneiden,
-riefen ihm Huck und Tom zu, er möge eine Minute warten, griffen zur
-Angel, liefen zum Flusse, warfen die Leine aus und ehe noch Joe Zeit
-hatte, ungeduldig zu werden, waren sie schon zurück mit einem Vorrat
-an Fischen, der für eine ganze Familie ausgereicht haben würde. Sie
-brieten nun Fische zusamt dem Speck und noch nie hatte ihnen ein Fisch
-so köstlich geschmeckt. Sie wußten ja nicht, daß ein Süßwasserfisch um
-so besser ist, je schneller er in die Pfanne kommt, auch dachten sie
-nicht daran, welche treffliche Würze Schlaf und Bewegung im Freien, das
-Bad und ein gehöriger Hunger abgaben.
-
-Nach dem Frühstück lagen sie im Schatten herum, während Huck sein
-Pfeifchen schmauchte, und dann rüsteten sie sich, eine Entdeckungsreise
-auf der Insel vorzunehmen. Lustig trabten sie dahin, über modernde
-Baumstämme, durch wirres Unterholz, zu Füßen der erhabenen Fürsten der
-Wälder, die von den Kronen bis zur Wurzel, als Zeichen ihrer Würde,
-mit dem Wundergerank der Reben gleich einem duftenden Krönungsmantel
-behangen waren. Hie und da trafen sie auf saftiggrüne, lauschige
-Plätzchen, die mit weichem Grase und Blumen wie ausgepolstert waren.
-
-Massenhaft fanden sie Dinge, die sie entzückten, nichts, das ihnen
-seltsam vorkam. Sie entdeckten, daß die Insel vielleicht drei Meilen
-lang und eine Viertelstunde breit sei und daß das Ufer, dem sie
-zunächst lag, nur durch einen schmalen Kanal von etwa hundert Meter
-Breite von derselben geschieden war. Jede Stunde einmal erfrischten
-sie sich durch eine kleine Schwimmexkursion und so war der Nachmittag
-schon weit vorgerückt, als sie zum Lager zurückkehrten. Sie waren zu
-hungrig, um noch erst lange zu fischen, erquickten sich dagegen aufs
-beste am kalten Schinken und warfen sich dann in den Schatten auf das
-Moos, um zu plaudern. Das Gespräch erlahmte bald und hörte dann ganz
-auf. Die Stille, die Feierlichkeit, die über dem Walde lag, begann,
-zusamt dem Gefühl der Einsamkeit, die Gemüter der Knaben zu bedrücken.
-Sie verfielen in Nachdenken. Eine Art unbestimmter Sehnsucht beschlich
-sie, die alsbald leise Gestalt annahm, -- es war aufkeimendes Heimweh.
-Selbst Finn, der ›Blut-Händige‹, träumte von seinen heimatlichen
-Treppenstufen und leeren Schweineställen. Alle drei aber schämten sie
-sich ihrer Schwäche und keiner hatte das Herz, seinen Gedanken Worte zu
-geben.
-
-Schon seit ein paar Minuten waren die Jungen sich undeutlich bewußt,
-daß ein eigentümlicher Ton aus der Ferne zu ihnen herüberklang, gerade
-wie man das Ticken einer Uhr hört, ohne sich davon Rechenschaft zu
-geben. Jetzt aber gewann der geheimnisvolle Ton an Kraft und drängte
-sich förmlich der Wahrnehmung auf. Die Jungen fuhren zusammen, sahen
-sich an und richteten sich in lauschender Stellung empor. Ein langes
-Schweigen folgte, tief und ununterbrochen, dann ertönte ein dumpfes,
-dröhnendes ›Bum‹ aus der Entfernung über das Wasser herüber.
-
-»Was ist das?« rief Joe mit unterdrückter Stimme.
-
-»Möcht's selber wissen,« flüsterte Tom.
-
-»Donner ist's keiner,« meinte Huck in ängstlichem Ton, »denn Donner --«
-
-»Still,« gebot Tom, »schwätz' nicht; horch lieber!«
-
-Wieder warteten sie eine Zeit lang, die eine Ewigkeit schien, dann
-unterbrach dasselbe dumpfe ›Bum‹ die feierliche Stille.
-
-»Laßt uns doch sehen, ob wir was entdecken können.«
-
-Damit sprangen sie auf die Füße und rannten dem der Stadt gegenüber
-liegenden Ufer zu. Vorsichtig teilten sie die Büsche und lugten hinter
-denselben hervor auf das Wasser hinaus. Die kleine Dampffähre trieb,
-vielleicht eine Meile unterhalb der Stadt, mit der Strömung daher.
-Das breite Deck wimmelte von Menschen. Eine Menge Boote ruderten um
-dieselbe herum oder ließen sich von den Wellen der Fähre treiben, die
-Jungen aber konnten nicht sehen, was die Männer in den Booten thaten.
-Alsbald brach eine dicke Wolke weißen Rauchs aus der einen Seite der
-Fähre hervor und als sie sich zu erheben und zerstreuen begann, erklang
-derselbe dumpfe Ton in den Ohren der lauschenden Knaben.
-
-»Jetzt weiß ich's,« rief Tom, »da ist einer ertrunken.«
-
-[Illustration]
-
-»Das ist's, weiß Gott,« stimmte Huck bei, »so haben sie's vorigen
-Sommer grad' auch gemacht, als der Bill Turner ertrunken war. Da haben
-sie 'ne Kanone losgefeuert und da kommt dann der Tote herauf auf's
-Wasser. Ja, und sie nehmen auch große Brote und stecken Quecksilber
-hinein und lassen die schwimmen, und die schwimmen dann grad' drauf
-los, wo ein Ertrunkener liegt und halten da an, damit man ihn findet.«
-
-»Ja, davon hab' ich auch gehört,« bestätigte Joe, »woher das Brot das
-wohl thut?«
-
-»Na, das Brot selber thut's weniger, als das, was sie vorher drüber
-sprechen, den Zauber, mein' ich,« sagte Tom.
-
-»Aber sie sprechen gar nichts drüber,« versicherte Huck, »ich war ja
-ganz nah' dabei und hab' alles gesehen.«
-
-»Das wär' sonderbar,« meinte Tom, »vielleicht sagen sie's nur
-leise. Natürlich ist's so, das könnt' ein Kind wissen,« fügte er
-geringschätzend bei.
-
-Die andern beiden gaben denn auch zu, daß Tom recht haben könne.
-Von einem unvernünftigen Brot, das, unbelehrt durch irgend einen
-Zauberspruch, mit solch ernster, wichtiger Sendung betraut werde, könne
-man doch unmöglich viel Verstand erwarten.
-
-»Weiß Gott, ich wollt', ich wär' drüben dabei,« rief Joe.
-
-»Ich auch,« bekräftigte Huck, »ich gäb' alles drum, wenn ich wüßt', wer
-da gesucht wird.«
-
-Wieder lauschten die Jungen und beobachteten. Plötzlich tauchte ein
-erleuchtender Gedanke blitzartig in Toms Hirn auf und er rief:
-
-»Jungens, ich weiß, wer dort ertrunken ist -- wir sind's!«
-
-Und sie fühlten sich als Helden im nächsten Augenblick. Das war
-ein glorreicher Triumph! Sie wurden vermißt, betrauert, Herzen
-brachen ihretwegen, Thränen flossen. Anklagende Erinnerungen an
-Unfreundlichkeiten gegen diese armen, nun verlorenen Knaben tauchten
-auf, Bedauern und Reue beschlich die betreffenden Herzen, und was noch
-das Beste von allem war, die Verschwundenen bildeten das Gespräch der
-ganzen Stadt. Alle andern Jungen mußten sie glühend beneiden um diese
-glänzende, öffentliche Berühmtheit. Das war herrlich! Dafür lohnte es
-sich wahrhaftig, Pirat zu sein!
-
-Die Dämmerung begann, die Dampffähre kehrte zu ihrer gewöhnlichen
-Beschäftigung zurück, die Boote verschwanden und die Piraten begaben
-sich nach ihrem Lager. Sie strahlten förmlich vor Wonne und Eitelkeit
-über ihre neue Größe und die glorreiche Unruhe, die sie verursachten.
-Sie fingen Fische, bereiteten ihr Abendessen, verzehrten es und
-vertrieben sich dann die Zeit damit, sich vorzustellen, was man zu
-Hause wohl über sie sagte und dachte. Sich die Bilder der allgemeinen
-Kümmernis, die ihretwegen herrschte, auszumalen und von ihrem
-Standpunkt zu betrachten, gewährte ihnen die höchste Befriedigung.
-Als aber die Schatten der Nacht sie zu umhüllen begannen, verstummte
-allmählich das Gespräch. Sie saßen und starrten ins Feuer, während
-ihre Gedanken offenbar ganz wo anders herumstreiften. Die Erregung
-war verflogen und Tom und Joe konnten sich der leise mahnenden
-Ueberzeugung nicht erwehren, daß gewisse Leute zu Hause weit weniger
-Vergnügen haben würden an dem lustigen Abenteuer, als sie selber. Böse
-Ahnungen tauchten auf, sie fühlten sich unruhig und unglücklich, ein
-Seufzer nach dem andern entschlüpfte ihnen, ohne daß sie selber es
-merkten. Dann streckte Joe schüchtern einen tastenden ›Fühler‹ vor, wie
-wohl die andern dächten über eine Rückkehr zur Zivilisation, -- nicht
-jetzt natürlich, aber --
-
-Tom schmetterte ihn mit Verachtung nieder! Huck, der bis jetzt noch
-keine Anwandlung von Schwäche empfand, stimmte Tom bei und der
-Schwankende suchte sich alsbald heraus zu reden, um sich mit einem
-möglichst geringen Makel mattherzigen Heimwehs aus der Sache zu ziehen.
-Die Meuterei war für den Augenblick mit Erfolg unterdrückt.
-
-Als die Nacht vollends hereinbrach, begann Huck einzunicken und
-schnarchte sofort, dann kam die Reihe an Joe. Regungslos lag Tom,
-auf seine Ellenbogen gestützt, und beobachtete die zwei aufmerksam.
-Dann erhob er sich vorsichtig auf die Kniee und kroch im Gras umher,
-beim schwach flackernden Schein des Feuers nach etwas suchend. Er las
-ein Stück weißer, cylinderförmiger Sykomorenrinde nach dem andern
-auf, untersuchte sie und wählte schließlich zwei derselben, die ihm
-die besten schienen. Dann kniete er am Feuer nieder, kritzelte voll
-Anstrengung etwas mit seinem Rotstift auf jedes der Stücke, rollte
-eines zusammen, steckte es in seine Tasche und schob das andre in Joes
-Hut, den er etwas entfernt von dem Eigentümer hinlegte. Demselben
-Hut vertraute er dann noch einige Schuljungen-Kostbarkeiten von fast
-unschätzbarem Werte an, als da sind ein Klumpen Kreide, ein Gummiball,
-drei Fischhaken und eine kleine Glaskugel, die überall für ›echtes
-Kristall‹ ging. Dann schlich er sich auf den Zehenspitzen unter den
-Bäumen hin, bis er außer Hörweite war, worauf er sich geradeswegs nach
-der Sandbank in Trab setzte.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-
-Ein paar Minuten später befand sich Tom im seichten Wasser der Sandbank
-und watete dem Illinois-Ufer zu. Noch reichte ihm das Wasser kaum bis
-zur Brust, als er schon die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatte. Jetzt
-aber erlaubte die Strömung kein weiteres Vordringen und kühn begab
-er sich dran, die übrigen hundert Meter schwimmend zurückzulegen. Er
-ließ sich von der Strömung treiben, die ihn rascher beförderte, als er
-selber dachte. Doch gelang es ihm endlich, das Ufer zu erreichen und an
-einer niederen Stelle desselben zu landen. Er fühlte in seiner Tasche
-nach dem Rindenstück, fand es sicher an seinem Platz und schritt nun
-mit triefenden Kleidern waldeinwärts am Ufer entlang. Kurz vor zehn
-Uhr kam er an einen freien Platz, gerade dem heimatlichen Städtchen
-gegenüber, und sah die Fähre im Schatten der Bäume am hohen Ufer
-angekettet. Alles war still unter den funkelnden Sternen. Er kroch am
-Ufer hinab, mit vorsichtigen Blicken ausspähend, glitt ins Wasser und
-schwamm mit drei oder vier Stößen nach dem Boot, das an der Seite der
-Fähre befestigt war. Dort streckte er sich unter die Ruderbank und
-wartete atemlos. Alsbald ertönte eine heisere Glocke und eine Stimme
-gab den Befehl zum Abstoßen. Eine bis zwei Minuten später wurde das
-Boot von der Fähre scharf angezogen und die Fahrt hatte begonnen.
-Tom beglückwünschte sich selber zu seinem Erfolg, er wußte, es war
-die letzte Fahrt diesen Abend. Nach Verlauf von endlosen zwölf oder
-fünfzehn Minuten standen die Räder still, Tom schlüpfte über Bord
-und schwamm ans Ufer in der Dunkelheit, etwa fünfzig Meter unterhalb
-des Städtchens landend, aus Furcht, noch späten Herumschwärmern zu
-begegnen. Er flog durch einsame Gäßchen und befand sich nach kurzem am
-hintern Zaun von seiner Tante Hof. Der Zaun war schnell überstiegen, er
-näherte sich dem Hause und blickte durch das Fenster des Wohnzimmers,
-in dem noch Licht brannte. Dort saßen Tante Polly, Sid, Mary und Joe
-Harpers Mutter dicht zusammen und redeten. Sie saßen vor dem Bett und
-das Bett befand sich zwischen ihnen und der Thüre, welche direkt auf
-den Hof führte. Tom trat auf den Zehen heran und begann leise auf die
-Klinke zu drücken. Die Thüre gab nach und öffnete sich ein klein wenig
-mit sanftem Knarren. Vorsichtig erweiterte Tom den Spalt, bis er ihn
-für groß genug hielt, um sich auf den Knieen durchzuschieben. Dann
-steckte er den Kopf durch und begann mutig vorwärts zu kriechen.
-
-»Warum das Licht nur so flackert?« sagte Tante Polly. -- Tom beeilte
-sich mit dem Hereinkriechen. »Herrgott, die Thür ist ja offen, so viel
-ich seh'! Freilich ist sie's. Nehmen die Schrecknisse gar kein Ende!
-Geh', Sid, mach' die Thür zu!«
-
-Gerade zur rechten Zeit verschwand Tom unter dem Bett. Da lag er
-mäuschenstill, um nur erst zu Atem zu kommen, dann kroch er weiter vor,
-bis dahin, wo er fast seiner Tante Füße berühren konnte.
-
-»Ja, wie ich gesagt hab',« fuhr diese fort, »schlecht war er nicht, was
-man so schlecht heißt, -- nur immer voller Tollheiten, voller Unsinn
-und immer oben hinaus, wißt ihr. Ihm konnte man's aber so wenig übel
-nehmen wie einem Füllen; er dachte sich weiter nichts dabei, war weiß
-Gott der gutherzigste Junge der lebte und --« sie begann zu weinen.
-
-[Illustration]
-
-»Grad' so war mein Joe, -- immer voller Teufeleien und zu jedem tollen
-Streich aufgelegt, aber so selbstlos und gut dabei, wie nur möglich.
-Und, der Himmel verzeih' mir's, ich, ich, seine eigene Mutter, geh' hin
-und hau' ihn durch, weil ich mein', er hat den alten Rahm genommen,
-denk' nicht dran, daß ich den doch selber fortgeschüttet hab', weil er
-sauer geworden war. Und jetzt soll ich ihn nie wieder sehen in dieser
-Welt, den armen, mißhandelten Jungen, nie, niemals wieder!« Und Frau
-Harper schluchzte, als wolle ihr das Herz brechen.
-
-»Ich hoffe, Tom ist besser dran, wo er ist,« begann Sid, »wenn er aber
-hier in manchem besser --«
-
-»_Sid!_« -- Tom fühlte ordentlich den strengen Mahnblick, das drohende
-Funkeln in den Augen der alten Dame, obgleich er's nicht sehen konnte.
-
-»Kein Wort weiter gegen meinen armen Tom, der nun von uns gegangen ist.
-Der allmächtige Gott wird sich seiner schon annehmen, da brauchst du
-dich nichts drum zu kümmern. O, Frau Nachbarin, ich weiß nicht, wie
-ich's überleben soll, weiß nicht, wie ich's überleben soll! Er war mein
-ganzer Trost, obgleich er mir mein altes Herz fast aus dem Leib heraus
-quälte!«
-
-»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn
-sei gelobt! Aber hart ist's, so arg hart! Erst vorigen Sonntag ließ mir
-mein Joe einen Schwärmer grad' unter der Nase platzen, worauf ich ihm
-eins versetzte, daß er umfiel. Da dacht' ich nicht, daß er so bald --
-ach, Herr du meines Lebens, wenn ich wieder in derselben Lage wäre, ich
-würde ihn an mein Herz drücken und küssen.«
-
-»Ja, ja, ja, Nachbarin, ich weiß, wie Ihnen zu Mut sein muß, weiß es
-ganz genau. Gestern nachmittag erst hat mein Tom dem unvernünftigen
-Vieh, dem Peter, ›Schmerzenstöter‹ eingegossen, den er selber hat
-nehmen sollen. Na, ich denk' die Katze reißt's Haus ein, so tobt die
-herum. Und ich, Gott verzeih mir, geb' dem Jungen einen Klapps auf den
-Kopf mit meinem Fingerhut; armer Junge, armer, armer, toter Junge! Er
-hat's überstanden jetzt. Und die letzten Worte, die ich von ihm gehört
-hab', waren, daß er mir vorwarf --«
-
-Diese Erinnerung aber war zu viel für die alte Dame, sie brach
-vollständig darunter zusammen. Tom schluchzte jetzt selber, mehr aus
-Mitleid mit sich, als aus irgend einem andern Grund. Er hörte, daß Mary
-weinte und von Zeit zu Zeit ein freundliches Wort über ihn dazwischen
-warf. Seine eigene Meinung von sich stieg um ein Beträchtliches. Der
-Kummer seiner Tante rührte ihn aber doch sehr und kaum konnte er
-der Versuchung widerstehen, hervorzubrechen aus seinem Hinterhalt
-und ihren Jammer in Freude zu verwandeln. Der theatralische Effekt,
-den solche Scene notwendig hervorrufen mußte, reizte ihn gewaltig,
-doch er erwehrte sich dessen tapfer und blieb still. Er fuhr fort
-zu lauschen und merkte aus allerlei Bruchstücken der Reden, die er
-zusammensetzte, daß man zuerst geglaubt hatte, er und die Kameraden
-seien beim Schwimmen verunglückt. Dann wurde das kleine Floß vermißt.
-Verschiedene Jungen gaben nun an, daß die Vermißten gesagt hätten, die
-ganze Stadt solle bald was Neues erfahren. Die ›weisen Häupter‹ der
-Gemeinde reimten sich nun verschiedenes zusammen und waren schließlich
-darin einig, daß die Jungen auf dem Floß davon gegangen und baldigst in
-der nächsten Stadt flußabwärts auftauchen dürften. Gegen Mittag aber
-war das leere Floß aufgefunden worden, das etwa vier Meilen unterhalb
-des Städtchens ans Ufer getrieben war, und da schwand jede Hoffnung.
-Sie mußten ertrunken sein, sonst hätte sie der Hunger vor Nacht nach
-Hause gejagt, wenn nicht noch früher. Man glaubte, die Suche nach
-den Leichen sei hauptsächlich deshalb erfolglos geblieben, weil die
-Ertrunkenen wohl mitten im tiefsten Wasser umgekommen sein mußten, denn
-die Jungen waren flotte Schwimmer und hätten sich sonst sicherlich ans
-Ufer gerettet. Das war am Mittwochabend. Wenn es nun nicht gelang, bis
-Sonntag die Leichen aufzufinden, so mußte man jeder Hoffnung entsagen,
-und es sollte an dem Tage ein Trauergottesdienst in der Kirche
-abgehalten werden. Tom schauderte.
-
-Frau Harper schluchzte ein ›Gutenacht‹ und erhob sich zum Gehen. Von
-einem gemeinsamen Antrieb ergriffen, flogen die beiden verwaisten
-Frauen einander in die Arme, weinten sich ein paar Minuten aus und
-nahmen darauf Abschied. Tante Polly sagte Sid und Mary mit besonderer
-Zärtlichkeit ›Gutenacht‹, Sid schluchzte ein bißchen, Mary aber weinte
-aus Herzensgrund.
-
-Jetzt kniete Tante Polly nieder und betete für Tom, so rührend, so
-eindringlich, mit solch maßloser Liebe in jedem Wort, jedem Ton ihrer
-alten, zitternden Stimme, daß der Missethäter unter dem Bett wieder
-förmlich zerfloß in Thränen, lange ehe sie geendet hatte.
-
-Er mußte sich sehr ruhig verhalten, eine ganze Zeit, nachdem sie zu
-Bett gegangen war, denn wieder und wieder warf sie sich ruhelos von
-einer Seite zur andern und stöhnte und jammerte vor sich hin. Endlich
-aber wurde sie still, nur noch zuweilen schluchzte sie leise im
-Schlafe auf. Jetzt stahl sich Tom unter dem Bett vor, richtete sich
-ganz allmählich in die Höhe, beschattete das Licht mit seiner Hand
-und betrachtete sie. Sein Herz floß über vor Mitleid. Er nahm die
-Sykomorenrinde aus der Tasche und legte sie neben dem Lichte nieder. Da
-schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf und er zögerte überlegend. Sein
-Gesicht verklärte sich förmlich im Widerschein der erleuchteten Idee,
-die ihm gekommen. Hastig nahm er die Rinde wieder an sich, beugte sich
-über das alte Antlitz, hauchte einen Kuß auf ihre Lippen und stahl
-sich, leise wie er gekommen, durch die Thüre, die er hinter sich schloß.
-
-Er schlich den gleichen Weg zurück nach der Fähre, fand dort niemanden
-und betrat kühn das Deck. Wußte er doch, daß sich um diese Zeit
-nur ein Wächter dort befand und der zog sich für gewöhnlich in die
-Kajüte zurück und schlief wie ein Sack. Er löste den Nachen von der
-Seite, schlüpfte hinein und glitt bald darnach, vorsichtig rudernd,
-stromaufwärts dahin. Als er eine Meile oberhalb der Stadt war, schlug
-er die Richtung quer über den Fluß ein und legte sich tüchtig ins
-Zeug. Er traf genau auf die Landungsstelle an der andern Seite. Diese
-Leistung war für ihn nicht neu. Nun überlegte Tom, ob er nicht den
-Nachen mitnehmen sollte, der doch sozusagen ganz legitime Beute für
-einen Seeräuber wäre. Doch wußte er, daß man genaue Nachforschungen
-nach dem Verbleib anstellen würde und die hätten am Ende zu unliebsamen
-Entdeckungen führen können. So sprang er denn ans Ufer und begab sich
-sofort in den Wald. Dort setzte er sich hin, ruhte lange, lange aus und
-quälte sich dabei namenlos ab, um sich wach zu erhalten. Dann machte er
-sich müde, matt und schläfrig auf den Heimweg. Die Nacht war schon weit
-vorgerückt. Es wurde heller Tag, ehe er sich wieder am Ufer gegenüber
-der Sandbank befand. Er ruhte sich nochmals aus, bis die Sonne ganz
-aufgegangen war und den Strom mit ihrem Glanze übergoldete, dann warf
-er sich ins Wasser und bald darauf stand er triefend am Eingang des
-Lagers und hörte Joe sagen:
-
-»Nein, Tom ist treu wie Gold, Huck, der kommt wieder, der kneift nicht
-aus! Er weiß, daß das eine Ehrlosigkeit für einen Piraten wäre, und Tom
-ist viel zu stolz, um so was zu thun. Er führt irgend etwas im Schilde,
-das ist sicher, möcht' nur wissen was!«
-
-»Na, aber die Sachen dort im Hut sind doch unser, nicht?«
-
-»Beinahe, Huck, noch nicht ganz. Hier die Schrift auf der Rinde sagt:
-›Die Sachen gehören euch, sollte ich nicht bis zum Frühstück zurück
-sein --‹«
-
-»Was hiemit der Fall ist,« rief Tom und betrat mit großartigem,
-dramatischem Effekt die Scene.
-
-Ein üppiges Frühstück, aus Speck und Fisch zusammengesetzt, war bald
-zur Stelle. Die Jungen machten sich drüber her, Tom erzählte dabei
-seine Abenteuer mit entsprechender Ausschmückung. Sein Ruhm warf einen
-strahlenden Abglanz auf die andern. Die Erzählung verwandelte sie
-alsbald in eine eitle, prahlerische, lärmende Heldenschar. Dann suchte
-sich Tom ein stilles, verborgenes Winkelchen zum Schlafen, während die
-andern Piraten sich fertig machten, um zu fischen und auf Entdeckungen
-auszugehen.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
-
-Nach dem Mittagessen begab sich die ganze Bande zur Sandbank auf die
-Suche nach Schildkröten-Eiern. Mit Stöcken durchwühlten sie den Sand
-und wo sie eine hohle Stelle fanden, gruben sie mit den Händen nach und
-entdeckten oft fünfzig bis sechzig Eier in einem Loch, runde, weiße,
-nußgroße Dinger. Am Abend bereiteten sie sich aus den gebackenen Eiern
-ein köstliches Mahl, ebenso ein leckeres Frühstück am nächsten Morgen,
-einem Freitag. Danach gingen sie zur Sandbank, schwammen und tollten
-im Wasser herum und wälzten sich zur Abwechslung im heißen Sande, in
-dem sie sich förmlich eingruben. Plötzlich kam ihnen der Gedanke, daß
-der kleiderlose Zustand, in welchem sie sich befanden, die größte
-Aehnlichkeit habe mit den Trikots der Zirkushelden. Augenblicklich
-wurde ein Kreis in den Sand gezogen, der einen Zirkus vorstellen mußte,
-einen Zirkus mit drei Clowns in demselben, denn keiner der Jungen
-konnte sich entschließen, diesen stolzesten, begehrtesten aller Posten
-einem andern zu überlassen.
-
-Als dies Vergnügen bis zur Neige ausgekostet war, sprangen Huck und Joe
-nochmals ins Wasser. Tom getraute sich nicht hinein, da er entdeckte,
-daß er beim Ausziehen der Hosen seine Klapperschlangen-Klappern
-verloren habe. Nur durch ein Wunder konnte er bis jetzt der Gefahr
-eines Krampfes beim Schwimmen entgangen sein ohne den geheimnisvoll
-wirkenden Schutz dieses Zaubermittels. Eifrig suchte er danach und als
-er sie schließlich fand, die Zauber-Klappern, waren die andern des
-Schwimmens müde und ruhebedürftig. Sie schlenderten nun am Ufer hin,
-wurden schweigsam, verfielen in Brüten, blieben einer hinter dem andern
-zurück und jeder ertappte sich darauf, daß er sehnsüchtig in die Weite
-starrte, dorthin, wo das heimatliche Nest schläfrig im Sonnenbrande
-dalag. Tom wurde sich mit einem Male bewußt, daß er mit der großen Zehe
-›Becky‹ in den Sand schrieb. Aergerlich über seine unmännliche Schwäche
-wischte er's aus, zog aber im nächsten Moment nichtsdestoweniger
-dieselben magischen Linien auf's neue, fast gegen seinen Willen; er
-konnte nicht anders. Wieder löschte er dieselben und entzog sich
-dann der Versuchung, indem er den beiden Kameraden nachjagte und sie
-zusammentrieb.
-
-Joes Lebensgeister aber waren mittlerweile so gesunken, daß ein
-Aufraffen derselben fast unmöglich schien. Er hatte solches Heimweh,
-daß er es vor Elend kaum mehr aushalten konnte. Verräterische Thränen
-waren dicht am Ueberfließen. Auch Huck war melancholisch geworden.
-Tom war gleichfalls sehr niedergeschlagen, bemühte sich aber redlich,
-es nicht zu zeigen. Seine Brust barg ein Geheimnis, das ihm aber zur
-Mitteilung noch nicht reif schien. Sollte sich jedoch diese rebellische
-Niedergeschlagenheit nicht bannen lassen, so mußte er am Ende doch
-damit herausrücken. Mit erkünstelter Heiterkeit rief er plötzlich:
-
-»Ich wett', Jungens, auf der Insel hier waren schon vor uns Piraten.
-Laßt uns noch mal genau alles durchforschen. Vielleicht haben sie
-irgendwo 'nen Schatz versteckt. Das wär' doch ein Hauptspaß, wenn wir
-plötzlich auf eine verfaulte Kiste voll Gold und Silber stießen, was?«
-
-Diese Aussicht vermochte indessen nur eine schwache Begeisterung zu
-erregen, die alsbald erstarb, ohne ein Echo erweckt zu haben. Tom
-versuchte es mit zwei oder drei anderen lockenden Vorschlägen, -- es
-war verlorne Liebesmüh. Joe saß und bohrte mit einem Stock im Sand
-herum und sah sehr brummig aus. Schließlich rief er ungestüm:
-
-»Jungens, wir wollen's sein lassen. Ich will heim, hier ist's so
-einsam.«
-
-»Ach, Joe, wart' doch,« beruhigte Tom, »bald denkst du ganz anders
-drüber. Denk' doch nur allein ans Fischen!«
-
-»Was liegt mir am Fischen. Ich will heim!«
-
-»Aber, Joe, wo findest du wieder einen Platz zum Schwimmen wie hier?«
-
-»Schwimmen ist mir ganz egal. Ich mach' mir gar nichts mehr draus, seit
-keiner da ist um's zu verbieten. Ich will heim.«
-
-»Ach Papperlapapp! Wickelkind! Will seine Mama sehen, was?«
-
-»Ja, das will ich auch! Ich will meine Mutter sehen, und wenn du eine
-hättest, wolltest du's auch. Ich bin kein größeres Wickelkind als du!«
-Und Joe schluchzte ein bißchen vor sich hin.
-
-»Schön, schön! Laß das Kindchen zu seiner Mama gehen, gelt Huck? Armes,
-kleines Wickelkind will die Mama sehen. Soll's haben, armes, kleines
-Ding. Dir gefällt's hier, Huck, gelt? Wir zwei bleiben, nicht?«
-
-Huck ließ ein sehr zweifelhaftes, gedehntes ›Ja--a--a‹ hören.
-
-»So lang ich leb', red' ich mit dir nie wieder,« damit erhob sich Joe
-und begann sich anzukleiden.
-
-»Als ob mir daran was läge!« versetzte Tom geringschätzig, »wir
-brauchen dich nicht. Geh heim und laß dich auslachen. Du bist ein
-schöner Pirat, du! Huck und ich, wir sind keine Schreikinder, wir
-bleiben hier, gelt Huck? Der mag laufen wohin er will, wollen schon
-fertig werden ohne ihn!«
-
-Tom war es aber doch nicht recht geheuer bei der Sache und
-unruhig sah er zu, wie Joe wortlos und halsstarrig fortfuhr sich
-anzukleiden. Es ängstigte ihn auch zu sehen, daß Huck aufmerksam den
-Vorbereitungen Joes folgte, während er ein gefahrdrohendes Schweigen
-beobachtete. Alsbald, ohne ein Wort des Abschiedes, begann Joe nach
-dem Illinois-Ufer zuzuwaten. Tom sank das Herz bis in die äußerste
-Zehenspitze. Er warf einen forschenden Blick auf Huck. Dieser vermochte
-den Blick nicht auszuhalten und schlug die Augen nieder. Dann sagte er:
-
-»Ich will auch fort, Tom! 's war vorher schon einsam und jetzt wird's
-noch schlimmer. Komm, wir gehen mit!«
-
-»Ich geh' nicht. Ihr könnt alle weg, wenn ihr wollt. Ich will bleiben.«
-
-»Ich, ich denk', ich geh'!«
-
-»Immerzu, wer hält dich denn?«
-
-Huck begann seine Kleider aufzuraffen. Dabei sagte er:
-
-»Tom, ich wollt', du gingst mit. Denk' mal drüber nach. Drüben am Ufer
-wollen wir 'ne Zeit lang auf dich warten.«
-
-»Na, da könnt ihr warten bis ihr schwarz werdet, das kann ich dir
-sagen!«
-
-Kummervoll wandte sich Huck ab und Tom stand und sah ihm nach, während
-ihm das glühendste Verlangen, den beiden zu folgen, fast das Herz
-abdrückte. Sein Stolz wollte das aber nicht zulassen. Von Augenblick
-zu Augenblick hoffte Tom, die Jungen würden stehen bleiben, die
-aber wateten entschlossen vorwärts, ohne sich umzusehen. Plötzlich
-überfiel ihn das Bewußtsein, wie still und einsam es um ihn geworden,
-mit niederschmetternder Gewalt. Einen letzten Strauß bestand er mit
-seinem Stolze, dann stürzte er hinter den Kameraden her, denselben
-nachbrüllend:
-
-»Wartet, so wartet doch, ich muß euch etwas sagen!«
-
-Die standen still und wandten sich. Als er sie erreichte, teilte er
-ihnen sein Geheimnis mit. Sie hörten mürrisch zu; als ihnen aber klar
-wurde, worauf er loszielte, stießen sie ein gellendes Kriegsgeheul aus
-und erklärten den Plan für einen Kapitalspaß. Wenn er das gleich gesagt
-hätte, wären sie niemals weggelaufen, versicherten sie. Tom redete sich
-heraus, so gut er konnte. In Wahrheit aber hatte er gefürchtet, selbst
-die Enthüllung dieses geheimnisvollen Plans vermöchte nicht, sie für
-die Länge der Zeit auf der Insel festzuhalten, und darum hatte er sich
-dies als letztes Lockmittel für den äußersten Notfall aufsparen wollen.
-
-Lustig wanderten nun die Jungen zurück und warfen sich mit erneuter
-Energie auf's Spiel, die ganze Zeit über Toms großartigen Plan
-besprechend und dessen Genialität bewundernd. Nach einem leckeren
-Mittagsmahl, aus Fisch und Eiern bestehend, erklärte Tom, daß er
-nun rauchen lernen wolle. Joe gefiel der Gedanke, er wollte es auch
-probieren. Huck machte also zwei Pfeifen zurecht und stopfte dieselben.
-Die beiden neuesten Jünger in der Kunst des Rauchens hatten bis jetzt
-ihr Talent nur an Schokolade-Zigarren erprobt, und das war keineswegs
-ein Beweis von gereifter Männlichkeit.
-
-Nun streckten sie sich ins Moos und begannen, freilich etwas zögernd,
-drauf los zu dampfen, mit offenbar nicht allzu großer Zuversicht in
-ihre Fähigkeiten, ganz gegen ihre sonstige Art und Weise. Der Rauch
-hatte aber auch einen gar zu unangenehmen Geschmack, sie mußten sich
-immerzu räuspern, doch Tom meinte:
-
-»Ach, das ist ja ganz leicht; wenn ich das früher gewußt hätte, ei, ich
-hätt's längst gelernt.«
-
-»Ich auch,« bekräftigte Joe, »das ist ja rein gar nichts.«
-
-»Na, wie oft hab' ich einem zugesehen, der geraucht hat, und mir
-gewünscht, wenn du's doch nur auch könntest, hab' aber nie gedacht, daß
-das möglich wär',« sagte Tom. »Aber so bin ich. Nicht Huck? Trau' mir
-nichts zu! Hundertmal ist mir's schon so gegangen, gelt, Huck?«
-
-»Weiß Gott, hab's auch schon gedacht,« bestätigte dieser.
-
-»Grad' wie bei mir,« rief Joe, »tausendmal ist mir das schon passiert.
-Erinnerst du dich, Huck, damals beim Schlachthaus, die andern waren
-alle dabei, der Bob und der Johnny und der Jeff auch, da --«
-
-»Ja, so ist's,« fiel Huck ein, ohne weiteres abzuwarten, »'s war just
-an dem Tag, an dem ich meine schöne weiße Steinkugel verloren hatt' --
-oder auch am Tag vorher.«
-
-»Siehst du wohl,« rief Joe, »der Huck erinnert sich. -- Ich glaub', die
-Pfeife hier könnt' ich den ganzen Tag lang rauchen, es ist mir kein
-bißchen übel.«
-
-»O, mir auch nicht,« fiel Tom ein, »ich könnt' auch den ganzen Tag
-weiter rauchen. Der Jeff Thatcher aber, da wollt' ich alles wetten, der
-könnt's nicht.«
-
-»Jeff Thatcher! Herrgott, der wär' nach zwei Zügen geliefert. Der
-sollt's nur mal probieren, der würd' was Schönes zu sehen kriegen!«
-
-»Das glaub' ich auch -- und der Johnny Miller, -- na, den möcht' ich
-mal dabei sehen.«
-
-»Na und ich!« lachte Joe, »ei der, der könnt' das nicht besser, als
-alles andre was er kann -- und er kann nichts! Der braucht's nur zu
-riechen, dann wär' er schon hin!«
-
-»Weiß Gott, so ist's. Ich wollt' nur eins, Joe, ich wollt', die Jungens
-könnten uns so sehen!«
-
-»Und ich erst!«
-
-»Sagt mal, Jungens, wir reden gar nichts drüber und wenn wir dann mal
-alle zusammen sind, geh' ich auf dich zu, Joe, und frag': ›Hast du 'ne
-Pfeife da, Joe? Ich möcht' gern mal rauchen.‹ Und du sagst dann, so
-ganz nachlässig, als ob's gar nichts wär: ›Ja, die alte hab' ich und
-auch meine neue, aber mein Tabak ist nicht sehr gut.‹ -- ›Ach, macht
-nichts‹, sag' ich dann, ›wenn er nur stark genug ist‹. Dann du heraus
-mit den Pfeifen und angesteckt, -- Herrgott, die werden Augen machen!«
-
-»Das wird wundervoll, Tom, wär's nur schon so weit.«
-
-»Ja und dann sagen wir, das haben wir alles gelernt, wie wir als
-Piraten ausgezogen sind und dann platzen sie erst recht vor Neid.«
-
-»Na und ob! 's wird prächtig, Tom!«
-
-[Illustration]
-
-So plauderten sie und bramarbasierten, aber allmählich wurden sie
-stiller und warfen nur noch gelegentlich eine Bemerkung hin. Die
-Pausen wurden häufiger, im selben Maße, wie ein sonderbares Ausspucken
-zunahm. Jede Pore innerhalb ihres Mundes schien zum rieselnden Brunnen
-geworden. Sie waren kaum imstande, die Höhlungen unter der Zunge
-schnell genug zu leeren, um eine Ueberschwemmung zu verhüten. Kleine
-Ergüsse den Hals hinunter kamen trotz aller Eile vor, denen jedesmal
-ein leichter Würganfall folgte. Beide Helden sahen nun recht blaß und
-elend aus. Joes kraftlosen Fingern entsank die Pfeife, Toms Pfeife
-folgte. Die Wasserwerke und Pumpen arbeiteten mit Macht. Endlich sagte
-Joe mit schwacher Stimme:
-
-»Hab' da irgendwo mein Messer verloren. Will lieber mal gehen und
-suchen.«
-
-Mit zitternden Lippen keuchte Tom:
-
-»Ich helf' dir. Geh' du dorthin, ich mach' mich nach der Quelle. Nein,
-Huck, bleib', du brauchst nicht zu kommen, wir werden's schon finden!«
-
-Huck setzte sich also nieder und wartete ungefähr eine Stunde. Dann
-fand er's langweilig und ging die Kameraden suchen.
-
-Er fand sie auch, weit voneinander entfernt, mitten im Walde, beide
-sehr blaß, beide schlafend. Etwas aber in ihrer Umgebung bewies ihm,
-daß, falls sie Unannehmlichkeiten gehabt, sie sich derselben endgültig
-entledigt hatten.
-
-Beim Abendessen waren sie nicht allzu redselig, hatten eine etwas
-niedergeschlagene Miene und als Huck zum Nachtisch seine Pfeife
-hervorzog und sich bereit zeigte, auch die ihren zu stopfen, da dankten
-sie, sagten, sie fühlten sich nicht ganz wohl, beim Mittagessen müsse
-ihnen etwas nicht gut bekommen sein.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel.
-
-
-Um Mitternacht ungefähr erwachte Joe und weckte die andern. Es lag
-eine drückende Schwüle in der Luft, die nichts Gutes zu bedeuten
-schien. Die Jungen schmiegten sich eng aneinander und suchten die
-freundliche Nähe des Feuers, obgleich die brütende, lastende Hitze der
-bewegungslosen Atmosphäre nahezu erstickend war. Stille saßen sie da,
-atemlos wartend. Außerhalb des Lichtkreises, den das Feuer warf, schien
-alles wie in schwarzer Nacht begraben. Alsbald erglomm ein zitternder
-Schein, der für einen Moment das Laub der Bäume sichtbar hervortreten
-ließ, um ebenso plötzlich zu erlöschen. Dann tauchte ein zweiter, schon
-stärkerer Strahl auf. Ein dritter folgte. Wie leises Stöhnen zog's nun
-durch das Geäste der Waldbäume, ein schwacher Lufthauch streifte die
-Wangen der Knaben und diese erschauerten in dem Gedanken, der Geist
-der Nacht habe sie mit seinem Fittiche berührt. Wieder folgte eine
-Pause. Jetzt verwandelte ein unheimlicher Blitz die Nacht zum Tage
-und ließ jeden kleinen Grashalm zu ihren Füßen deutlich hervortreten.
-Zugleich enthüllte der Strahl aber auch drei weiße, bange, erschrockene
-Gesichter. Ein dumpfer Donner stürzte rollend und krachend vom Himmel
-nieder, um sich in leisem Grollen in der Ferne zu verlieren. Ein kühler
-Luftstoß folgte, raschelte in den Blättern und jagte die Aschenflocken
-des Feuers auf. Ein andrer zuckender, flammender Strahl fuhr nieder,
-unmittelbar gefolgt von einem schmetternden Krach, der die Kronen der
-Bäume zu Häupten der Knaben zerreißen zu wollen schien. In sprachlosem
-Schreck umklammerten sich die Kinder in der trostlosen Finsternis, die
-der Lichtflut folgte. Schwere, große Regentropfen fielen klatschend auf
-die Blätter.
-
-[Illustration]
-
-»Schnell, Jungens, nach dem Zelt,« schrie Tom.
-
-Sie sprangen in der Richtung desselben davon, stolperten über Wurzeln,
-verfingen sich in den Rebenranken und waren in der Finsternis nicht
-imstande, zusammen zu bleiben. Ein wütender Sturm raste in den Wipfeln
-und verschlang jeden andern Laut. Die Blitze jagten einander, Schlag
-auf Schlag folgte ohrenbetäubender Donner. Stromweise stürzte der
-Regen nieder, vom Sturm flutartig am Boden hingefegt. Die Jungen
-schrieen einander zu, aber der heulende Sturm und der dröhnende
-Donner übertönten die schwachen Kinderstimmen vollständig. Doch
-gelang es den Knaben allmählich, sich einer nach dem andern zum Zelte
-durchzuschlagen, wo sie durchnäßt und zu Tode geängstigt Obdach zu
-finden hofften. Daß ihr Leid ein geteiltes war, machte es leichter zu
-tragen. Reden konnten sie nicht, das alte Segel klatschte wie rasend
-im Sturm und erstickte jeden Laut. Stärker und stärker brauste der
-Orkan, das Segel riß sich los und flog dahin auf Sturmesfittichen. Die
-Jungen ergriffen sich bei den Händen und flohen, oftmals stolpernd und
-sich wund fallend, dem Ufer zu, wo eine große, alte Eiche ihnen Schutz
-bieten konnte. Der Kampf der Elemente hatte jetzt seinen Höhepunkt
-erreicht. Am Himmel bildeten die unaufhörlich zuckenden Blitze ein
-einziges großes Lichtmeer, so daß alles ringsum, grell beleuchtet,
-in klaren, scharfen Umrissen hervortrat, die sturmgebeugten Bäume,
-der aufgewühlte Strom mit den weißen Schaumköpfen, der treibende
-Sprühregen. Die verschwommenen Zackenlinien der hohen Klippen am
-jenseitigen Ufer lugten ab und zu aus dem Wolken-Vorhang, aus dem
-zerstiebenden und sich wieder verdichtenden Regenschleier. Von Zeit zu
-Zeit unterlag einer der alten Riesen des Waldes in dem gewaltigen Kampf
-und stürzte krachend in das Unterholz zu seinen Füßen. Die furchtbaren
-Donnerschläge folgten jetzt ununterbrochen mit ohrzerreißendem
-Geknatter. Das Gewitter steigerte sich zu solcher Wucht, daß es schien,
-als wolle es die Insel in Stücke reißen, sie verzehren in Feuersglut,
-sie versenken in den Wellen des Stromes bis zu den Kronen der Bäume,
-sie vom Erdboden weg fegen und jede lebende Kreatur auf derselben
-vernichten in einem Augenblick. Entsetzlich, trostlos war die Nacht für
-die jungen Herzen, die sich obdachlos der Wut der Elemente preisgegeben
-sahen.
-
-Endlich aber ließ der Kampf nach, die Schlacht war geschlagen, die
-feindlichen Mächte zogen sich zurück, schwächer und schwächer wurde das
-Drohen, das Grollen, Friede zog ein in die erregte Natur. Die Jungen
-schlichen zum Lager zurück, noch ordentlich scheu und zitternd, und
-fanden dort, daß sie alle Ursache hatten dem Himmel dankbar zu sein.
-Die große Sykomore, die ihr Lager beschattete, lag vom Blitze gefällt,
--- sie wären verloren gewesen, hätten sie zur Zeit der Katastrophe
-darunter geweilt.
-
-Alles im Lager war durchnäßt, der Feuerherd mit einbegriffen.
-Leichtsinnig wie ihr ganzes Geschlecht hatten die Jungen keinerlei
-Vorsichtsmaßregeln gegen den Regen getroffen. Der Verlust des Feuers
-war ein höchst beklagenswerter Umstand, denn unsere armen Seehelden
-waren kalt und naß durch und durch. Wortreich beklagten sie ihre
-mißliche Lage. Bald aber entdeckten sie, daß das Feuer sich an dem
-alten Baumstamm, gegen den sie es geschichtet, aufwärts gefressen
-hatte, daß ein Streifen desselben, ungefähr eine Hand breit, der
-allgemeinen Ueberschwemmung entgangen war und, wenn auch schwach,
-weiter glimmte. Mit Geduld und Ausdauer gelang es ihnen denn auch,
-vermittelst kleiner Rindenstückchen und dürrer Zweige allmählich
-ein lustig prasselndes Feuerlein zu entflammen, das Licht und Wärme
-ausstrahlte und ihre Geister zu neuem Leben erweckte. Sie trockneten
-sich und ihren gekochten Schinken, stärkten sich mit demselben
-und saßen dann um's Feuer bis zum lichten Morgen, unter lebhafter
-Erörterung ihrer nächtlichen Abenteuer, da es ringsum kein trockenes
-Plätzchen gab, das ein Ausstrecken zum Schlafen erlaubt hätte.
-
-Als die Sonne sich dann zeigte, wurden die Jungen von unwiderstehlicher
-Müdigkeit befallen. Sie gingen nach der Sandbank, gruben sich dort tief
-in den Sand und schliefen, bis die höher steigende Sonne sie allmählich
-gelinde zu rösten begann. Müde und verschlafen rafften sie sich auf, um
-nach dem Frühstück zu sehen und saßen dann verdrossen, wortkarg und mit
-steifen Gliedern bei der Mahlzeit. Vorboten wiederkehrenden Heimwehs
-begannen sich zu melden. Tom sah diese verhängnisvollen Zeichen und gab
-sich alle Mühe, die Piraten aufzumuntern. Diese aber kümmerten sich
-weder um Steinkugeln, noch um Zirkus oder Schwimmen, nichts vermochte
-ihnen Interesse abzugewinnen. Da erinnerte er sie an den verlockenden,
-geheimnisvollen Plan und es gelang ihm, einen Strahl der Freude auf
-den vergrämten Gesichtern hervorzurufen. Den günstigen Moment benutzte
-er schleunigst, um sie für ein neues Spiel zu begeistern, das er
-ausgedacht. Sie wollten das Piratentum einmal beiseite werfen und zur
-Abwechslung Indianer sein. Die neue Idee leuchtete ihnen ein und nach
-kurzer Zeit hatten sie sich ihrer zivilisierten Kleidung entledigt und
-in Indianer-Kostüm geworfen, das heißt, sich den ganzen Körper, vom
-Scheitel bis zur Sohle, zebraartig mit dunkeln Schmutzstreifen bemalt.
-Jeder der Jungen stellte natürlich einen Häuptling vor und so stürmten
-sie in das Dickicht des Waldes zum Angriff auf irgend eine eingebildete
-englische Niederlassung.
-
-Dann trennten sie sich in drei verschiedene feindliche Stämme, gingen
-aus ihrem Hinterhalt unter gellendem Kriegsgeheul aufeinander los und
-töteten und skalpierten sich gegenseitig dem Tausend nach. Es war ein
-blutiger Tag, mithin befriedigend für die Gemüter der Helden.
-
-Als sie sich darnach mit tüchtigem Appetit und frohem Mut im Lager
-sammelten, entstand eine neue und unvorhergesehene Schwierigkeit.
-Feindliche Indianer konnten unmöglich das Brot der Gastfreundschaft
-zusammen brechen, ohne zuvor Frieden zu schließen, und dies war
-hinwiederum unmöglich ohne die unerläßliche Friedenspfeife. Wer hatte
-je gehört, daß es ohne diese gegangen wäre? Zwei der Wilden wünschten
-jetzt, sie wären Seeräuber geblieben. Es gab aber keinen andern Ausweg
-aus der Klemme; so riefen sie denn mit möglichst heiterer Miene nach
-der Pfeife und jeder that einen vollen Zug, als die Reihe an ihn kam.
-
-Und siehe da, sie verdankten ihren Indianerspielen die Offenbarung
-eines neuen Talentes: sie fanden, daß sie nun rauchen konnten,
-wenigstens für kurze Zeit, ohne gezwungen zu sein, -- nach einem
-verlorenen Messer oder dergl. zu suchen. Dies machte sie unsagbar stolz
-und glücklich, und um die neuerworbene Kunst aus Mangel an Uebung
-nicht zu verlernen, machten sie sich nach dem Abendessen sofort wieder
-vorsichtig dahinter und beschlossen damit frohlockend den Abend. Sie
-strahlten vor Glück und Stolz im Bewußtsein der großen Errungenschaft.
-Diese ihre neueste Heldenthat dünkte ihnen glorreicher, als wenn sie so
-und so viele Indianerstämme unterworfen und skalpiert hätten. Lassen
-wir sie also nur ruhig rauchen und schwatzen und prahlen, da wir im
-Augenblick keine weitere Verwendung für sie haben.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel.
-
-
-In der kleinen Stadt herrschte inzwischen an jenem ruhigen
-Sonnabend-Nachmittag durchaus keine Fröhlichkeit. Die Familie Harper
-und Tante Polly samt den Ihren steckten sich in Trauerkleider unter
-vielen Thränen. Eine ungewöhnliche Stille lag über dem Städtchen, in
-welchem man sich im allgemeinen schon nicht über allzuviel Lärm und
-Getriebe beklagen konnte. Mit zerstreuter Miene gingen die Leute ihren
-Geschäften nach, redeten wenig dabei und seufzten oftmals. Selbst den
-Kindern schien dieser Sonnabend der Schulfreiheit nicht die gewohnte
-Freude zu gewähren. Es lag kein Zug in ihren Spielen und bald gaben sie
-dieselben ganz auf.
-
-Am Nachmittag schlich Becky Thatcher um das verlassene Schulhaus herum,
-ihr war ganz melancholisch zu Mute. Doch auch dort fand sie keinen
-Trost. Leise sprach sie vor sich hin:
-
-»Könnt' ich doch nur seinen Messingknopf wieder finden! Jetzt hab' ich
-gar kein Erinnerungszeichen mehr an ihn,« und sie unterdrückte ein
-leises Schluchzen.
-
-Dann blieb sie stehen und meinte sinnend:
-
-»Grad' hier war's. O, wenn's noch einmal wäre, das würde ich nie mehr
-sagen -- nie mehr, nicht für alle Welt. Jetzt aber ist er fort und ich
-werde ihn nie, nie, niemals wieder sehen!«
-
-Dieser Gedanke raubte ihr die letzte Fassung und unter strömenden
-Thränen schlich sie davon. Nun erschien eine ganze Gruppe von Jungen
-und Mädchen, Spielkameraden von Tom und Joe, auf dem Schulhof; sie
-sprachen in leisem, bedrücktem Ton von den beiden Verlorenen, was Tom
-gethan und gesagt das letzte Mal, als sie ihn gesehen, und wie Joe
-gelächelt und was er gesagt; jede geringste Kleinigkeit erschien nun
-von ahnungsschwerer Vorbedeutung. Dabei bezeichnete jeder Sprecher
-den genauen Platz, an dem die Vermißten damals gestanden und dann
-folgte jedesmal: »und ich stand da, grad' wie eben und der da, wo du
-stehst, grad' so nah' und er lächelte -- so -- und mir lief's ganz kalt
-über den Rücken -- ordentlich schauerlich -- warum, wußt' ich damals
-freilich nicht, aber jetzt ist mir's klar.«
-
-Nun entspann sich ein Streit darüber, wer die beiden zuletzt gesehen
-im Leben, und viele rissen sich um diese traurige Auszeichnung, für
-die sie Beweise vorbrachten, welche die Zeugen mehr oder weniger
-glaubwürdig fanden. Schließlich, nach langer Debatte, war's endgültig
-entschieden, wer die letzten Worte mit den Verschwundenen gewechselt
-hatte, und die glücklichen Sieger erhielten dadurch eine Würde und
-Wichtigkeit, welche die Bewunderung und den Neid der andern erregte.
-Ein armer, kleiner Bursche, der sonst keine Auszeichnung irgend welcher
-Art aufweisen konnte, sagte mit sichtlichem Stolze bei der bloßen
-Erinnerung:
-
-»Mich, mich hat der Tom Sawyer einmal tüchtig durchgeprügelt.«
-
-Dieser Versuch aber, zu Ruhm zu gelangen, erwies sich als gänzlich
-erfolglos. Die meisten Jungen konnten sich dessen rühmen, und dadurch
-sank die Auszeichnung doch allzu sehr im Werte. Die Gruppe trollte von
-dannen, halblauten Tones immer neue Erinnerungen an die verlorenen
-Helden austauschend.
-
-Am nächsten Morgen, als die Sonntagsschulstunde vorüber war, begann
-die Glocke mit hohlem, dumpfem Klang anzuschlagen, anstatt wie sonst
-feierlich zu läuten. Es war ein ungewöhnlich stiller Sabbat und der
-klagende Ton stimmte zu der nachdenklichen, feierlichen Ruhe, die über
-der ganzen Natur lag. Die Einwohner des Städtchens gingen zur Kirche
-und verweilten einen Augenblick in der Vorhalle, um sich flüsternd
-über das traurige Ereignis zu unterhalten. In der Kirche selbst aber
-war's totenstill, nur das Rauschen der Frauengewänder unterbrach das
-Schweigen. Keiner konnte sich erinnern, die kleine Kirche jemals so
-voll gesehen zu haben. Eine tiefe, erwartungsvolle Pause entstand
-und dann trat Tante Polly ein, gefolgt von Sid und Mary und der
-Familie Harper, alle in tiefstem Schwarz. Die ganze Gemeinde zusamt
-dem Geistlichen erhob sich achtungsvoll von ihren Plätzen, bis die
-Trauernden durch ihre Reihen geschritten waren und in der vordersten
-Bank Platz genommen hatten. Wiederum folgte tiefe Stille, nur hie und
-da durch ersticktes Schluchzen unterbrochen, dann erhob der Geistliche
-seine Stimme und betete. Ein ergreifendes Lied wurde gesungen, dann
-folgte die Predigt.
-
-In seiner Predigt entwarf der Geistliche ein solch glänzendes Bild von
-den Tugenden, der Liebenswürdigkeit und den vielversprechenden Talenten
-der Verlorenen, daß jeder der Zuhörer in der ehrlichen Meinung, dies
-getreue Abbild wieder zu erkennen, einen Stich im Herzen fühlte, bei
-dem Gedanken, wie beharrlich blind er selber gegen alle diese Vorzüge
-gewesen und wie er ebenso beharrlich nur Fehler und Mängel in den armen
-Jungen zu entdecken vermocht. Nun folgte manch rührender, hochherziger
-Zug aus dem Leben der Dahingeschiedenen, der das Vorhergesagte
-bekräftigen und beweisen sollte, und jedermann gingen nun erst die
-Augen und das Verständnis auf dafür, wie groß und erhaben eigentlich
-jene kleinen Vorkommnisse gewesen waren, die ihnen zur Zeit als die
-ärgsten Schelmenstreiche und Teufeleien einer tüchtigen Tracht Prügel
-wert erschienen. Die Versammlung wurde immer bewegter, je weiter der
-Geistliche in seiner pathetischen Rede vorrückte, bis schließlich die
-ganze Gesellschaft jegliche Fassung und Haltung verlor und sich in
-vollem Chor dem Schluchzen und Seufzen der trauernden Hinterbliebenen
-anschloß. Ja, den Geistlichen selbst übermannten seine Gefühle, er
-verstummte und weinte auf offener Kanzel.
-
-Ein Rascheln ertönte von der Emporkirche, auf das niemand achtete.
-Einen Moment später knarrte eine Thüre, der Geistliche erhob seine
-strömenden Augen über das verhüllende Taschentuch und -- stand und
-starrte wie versteinert! Erst folgte ein Paar Augen der Richtung der
-seinen, dann ein zweites, und plötzlich erhob sich, wie von einem
-gemeinsamen Antrieb beseelt, die ganze Gemeinde und starrte auf
-die drei ›toten‹ Jungen, welche gemächlich den Mittelgang herauf
-marschierten, Tom voran, Joe hinter ihm, zuletzt Huck, eine wandelnde
-Ruine in Lumpen. Die drei waren in jener unbenutzten Emporgalerie
-verborgen gewesen und hatten ihre eigene Grabrede mit angehört!
-
-Tante Polly, Mary und die Harpers stürzten sich auf die
-wiedergeschenkten Ihrigen und erstickten dieselben fast mit Küssen und
-Umarmungen. Der arme Huck aber stand daneben, blöde und verschüchtert,
-wußte nicht, was er thun oder wo er sich bergen sollte vor so viel
-starrenden Augen, von denen nicht eines ihm einen Willkommgruß bot. Er
-wandte sich halb und versuchte fortzuschleichen, Tom aber faßte ihn und
-rief:
-
-»Tante Polly, das ist nicht recht und nicht schön. Es muß sich auch
-jemand freuen, daß Huck wieder da ist.«
-
-»Das müssen wir, Tom, mein Junge, und wollen's auch, armes, elternloses
-Kind!« Wenn aber etwas das Gefühl des Mißbehagens bei Huck noch
-vermehren konnte, so waren es die Zärtlichkeiten, mit denen Tante Polly
-ihn überhäufte.
-
-[Illustration]
-
-Plötzlich rief der Geistliche mit aller Kraft seiner Lunge in den Lärm
-hinein:
-
-»Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren! -- Nun singt! -- Aber
-herzhaft!«
-
-Und sie sangen. Triumphierend, mit gewaltigem Klang erscholl das alte,
-hehre Lob- und Danklied, die Töne stiegen und schwollen und schienen
-die Grundfesten des Gebäudes zu erschüttern. Tom Sawyer, der Pirat,
-blickte um sich, sah aller Augen auf sich gerichtet und fühlte, daß
-dies der stolzeste Moment seines Lebens sei.
-
-Als die Gemeinde die Kirche verließ, meinten alle, von Herzen gerne
-würden sie sich noch einmal zum besten haben lassen, nur um ›Lobet den
-Herren‹ wieder so erhebend singen zu hören.
-
- * * * * *
-
-Das also war Toms großes Geheimnis gewesen: der Plan, mit seinen
-Spießgesellen heimzukehren und ihrem eigenen Trauergottesdienst
-beizuwohnen. -- Auf einem alten Baumstamm waren sie abends nach dem
-Missouri-Ufer geschwommen, fünf oder sechs Meilen unterhalb des
-Städtchens gelandet, hatten in dem Walde, der die Stadt begrenzte,
-beinahe bis Tagesanbruch geschlafen, dann sich durch einige
-Seitengäßchen zur Kirche geschlichen, wo sie in der Empore ihren Schlaf
-vollendeten, inmitten eines Chaos von wackligen alten Kirchen-Bänken.
-
- * * * * *
-
-Beim Frühstück am Montagmorgen waren Tante Polly und Mary besonders
-zärtlich gegen Tom und voll Aufmerksamkeit gegen seine Wünsche. Man
-sprach ungewöhnlich viel. Im Laufe der Unterhaltung äußerte Tante Polly:
-
-»Na, Tom, ich will nicht sagen, daß es für euch Jungens nicht ein
-Kapitalspaß gewesen sein muß, uns hier alle in Sorge und Kummer zu
-wissen, während ihr's euch da draußen wohl sein ließet. Daß du aber
-so hartherzig sein konntest, Tom, und mich so zappeln und mich grämen
-lassen, das, Tom, das hätt' ich doch nicht von dir gedacht! Wenn du
-hast herüber kommen können, um deine eigne Leichenrede zu hören, so
-hättest du mir vorher wohl auch 'nen kleinen Wink geben dürfen, daß du
-nicht tot seiest, sondern nur davongelaufen.«
-
-»Ja, Tom, das ist wahr, das hättest du thun müssen,« stimmte Mary
-bei, »und du würdest es wohl auch gethan haben, wenn du dran gedacht
-hättest, -- gelt?«
-
-»Ja, Tom?« fragte nun Tante Polly, deren Antlitz sich bei Marys Worten
-bedeutend aufgeklärt, »sag' mal, hättest du's wirklich gethan, wenn du
-dran gedacht hättest?«
-
-»Ich -- ja, ich weiß nicht, ich -- ei, das hätt' ja alles verdorben.«
-
-»Tom, ich dachte immer, so lieb würdest du mich doch wenigstens haben,«
-sagte Tante Polly ganz vorwurfsvollen, betrübten Tones, wobei es dem
-Jungen gar nicht wohl war. »'s wär schon was gewesen, wenn du nur dran
-_gedacht_ hättest, auch ohne es zu thun.«
-
-»Na, Tantchen,« beruhigte Mary, »das ist nun mal so Toms flüchtige Art
--- der ist immer so in der Hast und im Eifer, daß er nie an irgend
-etwas denkt.«
-
-»Um so schlimmer. Sid hätt' dran gedacht und Sid wär' auch gekommen und
-hätt's gethan. Tom, du wirst nochmal dran zurückdenken, wenn's zu spät
-ist, und wünschen, daß du besser gegen deine alte Tante gewesen wärst,
-wo doch so wenig dazu gehört, mich --«
-
-»Komm, Tantchen, du weißt, daß ich dich lieb hab', du mußt's ja wissen,
-gelt?« schmeichelte Tom.
-
-»Würd's besser wissen, wenn du's besser zeigtest.«
-
-»Ich wollt', ich hätt' dran gedacht,« meinte Tom sinnend und mit
-reuigem Ton, »jedenfalls aber hab' ich von dir geträumt. Das ist doch
-schon etwas, nicht? Ei, in der Nacht vom Mittwoch träumte mir, ihr
-säßet alle dort beim Bett, Sid saß auf dem Holzkasten und Mary dicht
-daneben.«
-
-»Ja und so war's auch, -- wie gewöhnlich. Ich bin froh, daß du dir in
-deinem Traum wenigstens die Mühe gabst, an uns zu denken.«
-
-»Ja und Joe Harpers Mutter war auch da, träumte ich.«
-
-»Das war sie wirklich, Herr du mein, -- na und was weiter, Tom, was
-weiter?«
-
-»Viel noch, aber jetzt ist alles so verworren.«
-
-»Na, besinn dich doch, probier's mal, kannst du nicht?«
-
-»Wart' mal, ich mein' der Wind -- der Wind hätt' was ausgeblasen --«
-
-»Ausgeblasen, nee Tom, besinn dich besser, der Wind --«
-
-»Richtig, wart', jetzt hab' ich's. Der Wind hat das Licht flackern
-machen und --«
-
-»Herr, erbarm' dich! -- Weiter Tom, weiter!«
-
-»Na und ich glaub' du sagtest: ›Was, seht doch mal die Thür' die --‹«
-
-»Weiter Tom!«
-
-»Wart' 'nen Moment, nur 'nen Moment! O ja, jetzt hab' ich's -- du
-sagtest, sie sollten nach der Thüre sehen, die sei offen --«
-
-»So wahr ich hier sitze, so sagt' ich, gelt Mary? Weiter!«
-
-»Dann -- dann -- ja gewiß weiß ich's nicht mehr, aber ich meine, du
-hätt'st Sid geheißen, sie zuzumachen und -- und --«
-
-»So was lebt nicht mehr! Herr du mein Gott. Komm' mir nur keiner mehr
-damit, daß Träume Schäume seien. Das soll die Harpern hören, eh' ich
-'ne Stunde älter bin! Möcht' wissen, wie sie sich da 'raus reden wird
-mit ihrem Unsinn von Aberglauben, über den sie so wohlweise schwatzt.
-Weiter, Tom!«
-
-»Na, jetzt ist mir alles klar wie Sonnenschein! Dann hast du gesagt,
-ich wär' nicht schlecht, nur toll und voll Teufeleien und Unsinn, wüßt'
-nicht mehr was ich thät' als wie ein -- ein -- ein Füllen, mein' ich,
-war's, oder so etwas.«
-
-»Richtig, richtig. Großer, allmächtiger Gott! Weiter, Tom!«
-
-»Dann hast du geweint --«
-
-»Weiß Gott, weiß Gott und nicht zum erstenmal. Dann --«
-
-»Dann fing Joes Mutter auch an zu weinen und sagte, mit ihrem Joe sei's
-grad' so und sie wollt' nur, sie hätt' ihn nicht durchgewichst um den
-alten Rahm, den sie doch selber weggeschüttet --«
-
-»Tom, Tom! Der Geist war über dir! Das ist ja die reine Eingebung, gar
-nichts anderes! Gott sei mir gnädig! -- Weiter, Tom!«
-
-»Dann kam Sid, der sagte --«
-
-»Ich glaub', daß ich gar nichts gesagt hab',« warf Sid rasch ein.
-
-»Doch, Sid, doch,« berichtigte Mary.
-
-»Schweigt still und laßt Tom reden! Was hat Sid gesagt, Tom?«
-
-»Der sagte -- na, ja, er hoffe, mir gehe es besser wo ich sei, wenn ich
-aber manchmal besser --«
-
-»Na, was sagt ihr nun?« triumphierte Tante Polly. »Seine eignen Worte!«
-
-»Und du, Tantchen, du bist ihm eklich über den Mund gefahren, du --«
-
-»Das bin ich, weiß Gott, das bin ich! Ein Engel muß uns belauscht
-haben: Ein heiliger Himmelsengel muß irgendwo verborgen gewesen sein!«
-
-»Und dann erzählte Frau Harper, wie Joe ihr einen Schwärmer
-unter der Nase losgebrannt, und du erzähltest von Peter und dem
-›Schmerzenstöter‹.«
-
-»So wahr ich lebe!«
-
-»Und dann redetet ihr alle durcheinander, wie man den Fluß abgesucht
-nach uns und daß am Sonntag der Trauergottesdienst sein solle, und dann
-habt ihr euch umarmt, die Frau Harper und du, und geweint und dann ging
-sie weg.«
-
-»Grad' so war's, grad' so! So wahr ich hier auf meinem Stuhl sitze!
-Tom, du hättest es nicht besser erzählen können, wenn du dabei gewesen
-wärest. Und dann was? Weiter, Tom!«
-
-»Und dann hast du für mich gebetet, ich hab' dich gesehen und jedes
-Wort gehört. Dann hast du dich ins Bett gelegt und ich war so betrübt,
-daß ich ein Stück Rinde nahm und drauf schrieb: ›Wir sind nicht tot,
-wir sind nur davon gegangen, um Seeräuber zu werden.‹ Das hab' ich auf
-den Tisch zum Licht hingelegt, und du hast so gut ausgesehen und so
-betrübt, wie du da gelegen hast und geschlafen, daß ich mich über dich
-beugen mußte und dich küssen.«
-
-»Hast du das gethan, Tom, wirklich und wahrhaftig? -- _Darum_ will ich
-dir alles, alles verzeihen!« Und sie riß den Jungen in einer ihn fast
-erstickenden Umarmung an sich und Tom hatte dabei das Bewußtsein eines
-elenden, erbärmlichen Schurken.
-
-»Freundlich und lieb war's ja,« murmelte Sid, den andern hörbar, vor
-sich hin, »aber -- doch nur im Traum!«
-
-»Halt den Mund, Sid, man thut im Traum immer doch nur das, was man auch
-wachend thun würde. Hier hast du einen schönen Goldreinetten-Apfel,
-Tom, den hab' ich dir aufgehoben, falls du je wieder gefunden werden
-solltest, -- jetzt macht euch fort in die Schule! Wie dankbar bin ich
-unserm Gott und Vater, daß ich dich wieder hab'. Er ist barmherzig und
-gnädig mit denen, die an ihn glauben und seine Gebote halten, obgleich
-ich, weiß Gott, ein unwürdiges Gefäß seiner Güte bin. Wenn er aber nur
-denen, die's verdienen, seinen Segen geben wollte und ihnen helfen in
-der Not und der Trübsal, so würde man hier unten keinen frohen Ton mehr
-hören, und wenige würden zu seiner Ruhe eingehen, wenn die lange Nacht
-einst kommt. So, und nun hebt euch fort, Sid, Mary, Tom -- ihr habt
-mich lang genug aufgehalten.«
-
-Die Kinder trollten zur Schule und die alte Dame machte sich fertig, um
-Frau Harper aufzusuchen und ihren Unglauben mit Toms wunderbarem Traum
-zu besiegen. Sid war zu klug, um den Gedanken laut werden zu lassen,
-der ihn beseelte, als er das Haus verließ. Dieser Gedanke war:
-
-»Ziemlich durchsichtig -- ein so ellenlanger Traum und ohne den
-winzigsten, kleinsten Irrtum! Wenn das nicht --«
-
-[Illustration]
-
-Welch ein Held war Tom geworden! Er hüpfte und galoppierte jetzt nicht
-mehr, wenn er auf der Straße ging, sondern mit würdevoller Haltung,
-wie sie einem gewesenen Piraten geziemte, stolzierte er einher in dem
-Bewußtsein, daß das Auge der Oeffentlichkeit auf ihm ruhe. Das war in
-der That der Fall. Wohl versuchte er sich zu stellen, als sähe er die
-Blicke nicht, als höre er die Bemerkungen nicht, während er so dahin
-schritt, und doch waren sie Nektar und Ambrosia für ihn. Kleinere
-Jungen folgten truppweise seinen Spuren, stolz darauf, mit ihm gesehen,
-von ihm geduldet zu werden, der an ihrer Spitze einher marschierte wie
-der Tambourmajor an der Spitze seiner Kompagnie. Jungen seines Alters
-thaten als wüßten sie gar nichts davon, daß er überhaupt weg gewesen,
-verzehrten sich aber trotzdem beinahe vor Neid. Sie würden alles drum
-gegeben haben, seine gebräunte, sonnverbrannte Haut, seine glänzende,
-weltkundige Berühmtheit zu besitzen, Tom aber hätte keinen dieser
-beiden Faktoren hergegeben, nicht für alles -- nicht für einen Zirkus!
-
-In der Schule machte man so viel Aufhebens von ihm und Joe,
-solches Staunen, solche Bewunderung strahlte den Beiden aus aller
-Augen entgegen, daß die zwei Helden gar bald eine unerträgliche
-Aufgeblasenheit zeigten. Sie begannen den eifrig lauschenden Hörern
-ihre Abenteuer zu schildern, -- ohne aber je über den Anfang
-hinauszukommen, denn eine solche Erzählung konnte kein Ende haben, wenn
-eine Einbildungskraft wie die ihre stets unerschöpfliches Material
-lieferte. Als sie dann schließlich ihre Pfeifen hervorzogen und mit
-größter Unbefangenheit zu schmauchen begannen, da war der Gipfel des
-Ruhms erklommen.
-
-Tom beschloß, sich unabhängig zu machen von Becky Thatcher. Ruhm war
-ihm genügend, nach Liebe fragte er nichts mehr. Er wollte sein Leben
-dem Ruhme weihen. Jetzt, da er ein berühmter Held geworden, werde sie
-wohl versuchen, Frieden zu schließen, dachte er. Aber sie sollte sehen,
-daß er mindestens so gleichgültig sein könne wie andre Leute. Dort kam
-sie eben. Tom that, als bemerke er sie nicht. Er wandte sich ab und
-einer Gruppe von Jungen und Mädchen zu, mit denen er eifrig zu plaudern
-begann. Bald sah er, daß sie mit glühenden Wangen und glänzenden Augen
-umhertrippelte, ihre Gefährtinnen neckte, sie herumjagte und vor Lachen
-aufkreischte, wenn es ihr gelang, eine zu erhaschen. Auch bemerkte
-er, daß dies meistens in seiner unmittelbaren Nachbarschaft der Fall
-war und daß ihn dann jedesmal ihr Blick streifte. Das schmeichelte
-seiner sündlichen Eitelkeit und anstatt sich dadurch versöhnen zu
-lassen, stellte er sich nur noch mehr, als ob er von ihrer Existenz
-überhaupt nichts wisse. Alsbald gab sie das Herumtollen auf, drückte
-sich unentschlossen von einer Gruppe zur andern, seufzte ein-, zweimal
-und sah verstohlen und bedeutungsvoll nach Tom hin. Jetzt bemerkte
-sie, daß dieser sich angelegentlich mit Anny Lorenz zu thun machte. Ein
-jäher Schmerz durchzuckte sie, ihr ahnte nichts Gutes. Sie versuchte
-sich fortzustehlen, ihre Füße aber wurden zu Verrätern und trugen sie
-statt dessen gerade zu der Gruppe hin. Einem Mädchen, das dicht neben
-Tom stand, rief sie mit übertriebener Lebhaftigkeit zu:
-
-»Ei, Mary Austin, du böses Mädchen, warum warst du gestern nicht in der
-Sonntagsschule?«
-
-»Ich war ja dort -- hast du mich nicht gesehen?«
-
-»Nein! Warst du wirklich dort? Wo hast du denn gesessen?«
-
-»In der Klasse von Fräulein Peters, wo ich immer sitze. Ich hab' dich
-gesehen.«
-
-»Wirklich? Nein, wie komisch, daß ich dich nicht gesehen habe, ich
-wollte dir von dem Picknick erzählen.«
-
-»O, das ist lustig! Wer will eins geben?«
-
-»Meine Mama will mir erlauben eins zu halten.«
-
-»Das ist ja prächtig, -- hoffentlich darf ich auch kommen?«
-
-»Natürlich. Es ist ja _mein_ Picknick. Es darf jeder kommen, den ich
-haben will, und dich will ich.«
-
-»Nein wie reizend! Wann soll's denn sein?«
-
-»Bald. Vielleicht noch vor den Ferien.«
-
-»Wird das lustig werden! Wirst du alle einladen?«
-
-»Gewiß, alle die meine Freunde sind -- oder sein wollen,« ein
-verstohlener Blick traf Tom; der aber schwatzte mit Anny Lorenz vom
-Sturm auf der Insel und wie der Blitz die große Sykomore gefällt und in
-Splitter gerissen hatte, ›keine drei Schritte von ihm entfernt‹.
-
-»Darf ich auch kommen?« fragte Grace Miller.
-
-»Ja.«
-
-»Und ich?« fragte Sally Rogers.
-
-»Gewiß!«
-
-»Ich auch?« fiel Susanne Harper ein, »und mein Joe auch?«
-
-»Natürlich.«
-
-Und mit Jubel und Händeklatschen hatte jedes in der Gruppe um Erlaubnis
-gefragt, bis auf Tom und Anny. Immer weiter plaudernd wandte er sich
-kühl ab und nahm Anny mit sich. Beckys Lippen zitterten, Thränen
-traten in ihre Augen. Mühsam barg sie diese Zeichen des Herzeleids
-unter erzwungener Lebhaftigkeit, fuhr fort zu plappern und zu lachen,
-aber das Picknick hatte jetzt jeden Reiz für sie verloren und alles
-übrige dazu. Sobald sie konnte, schlich sie davon, versteckte sich
-und weinte sich einmal ordentlich aus. Dann saß sie mürrisch und
-tiefgekränkt da, bis die Schulglocke läutete. Das rüttelte sie auf und
-mit rachedurstigem Blick sprang sie empor, schüttelte die langen Zöpfe
-zurecht und war jetzt mit sich darüber im reinen, was sie zu thun habe.
-
-[Illustration]
-
-In der Pause setzte Tom sein Scharmuzieren mit Anny fort, voll
-jubelnder Selbstzufriedenheit. Er versuchte sich dabei stets in Beckys
-Nähe zu halten, um sie mit dem Anblick zu foltern. Erst fand er sie
-nicht; endlich erspähte er sie und siehe da -- sein Thermometer sank,
-sank bis ins Bodenlose hinein. Da saß sie ganz behaglich auf einem
-Bänkchen hinter dem Schulhause, saß und schaute mit Alfred Tempel
-zusammen in ein Bilderbuch. Und so versunken waren die beiden und
-so dicht hatten sie die Köpfe über dem Buch zusammengesteckt, daß
-sie nichts zu bemerken schienen von dem, was um sie her vorging in
-der weiten Welt. Eifersucht rieselte glühend heiß durch Toms Adern.
-Er haßte sich selber, daß er die Gelegenheit verpaßt, die Becky ihm
-geboten, um wieder gut Freund zu werden. Er nannte sich einen Narren,
-einen Dummkopf und was dergleichen liebenswürdige Titel mehr sind.
-Beinahe hätte er geweint vor Aerger. Anny schnatterte inzwischen lustig
-weiter, denn ihr Herz frohlockte und jubilierte, während Toms Zunge ihm
-beinahe den Dienst versagte. Kaum hörte er, was Anny plauderte, und
-jedesmal, wenn sie, seine Antwort erwartend, innehielt, brachte er nur
-ein zerstreutes ›ja‹ oder ›nein‹ heraus und zwar meist am verkehrten
-Platze. Immer wieder lenkte er seine Schritte nach der Hinterseite
-des Schulhauses, als würden seine Augen von dem verhaßten Schauspiel
-angezogen. Gegen seinen Willen zog es ihn hin, und es machte ihn
-beinahe toll, daß Becky Thatcher anscheinend nicht im entferntesten
-dran dachte, daß er auch noch unter den Lebenden weile. Sie aber sah
-ihn recht wohl, wußte, daß sie Siegerin blieb im Kampfe, freute sich,
-daß er litt und zwar schlimmer, als sie zuvor hatte leiden müssen.
-Annys ahnungsloses, fröhliches Geplauder wurde unerträglich. Tom
-deutete an, daß er etwas zu thun habe und fort müsse, daß die Zeit
-verrinne -- umsonst, das Mädel schwatzte weiter. Tom dachte: ›Hol' sie
-der Kuckuck; soll ich sie denn heut' gar nicht wieder los werden?‹
-Zuletzt, als es ihn nicht länger hielt, gab ihm die arglose Seele das
-Versprechen, nach der Schule auf ihn zu warten. Er eilte ganz wütend
-davon.
-
-»Jeder andere Junge,« dachte Tom zähneknirschend, »jeder andere Junge
-in der ganzen Stadt, nur nicht _der_. So 'n geschniegelter Aff', der
-sich für Gott weiß was hält, und meint, er sei viel besser als unser
-einer. Na, gut! Hab' ich dich am ersten Tag durchgedroschen, als du
-kaum in die Stadt hereingerochen hattest, du Tugendspiegel, werd'
-ich's auch jetzt noch fertig bringen. Wart', wenn ich dich mal allein
-erwisch', dann setzt's was!«
-
-Im Eifer hieb er um sich, als ob er den Feind jetzt schon unter den
-Fäusten hätte, -- fuchtelte in der Luft umher und schlug mit Händen und
-Füßen aus.
-
-»Na, bist du nun zufrieden, Kerl, he? Schrei ›genug, genug‹ sag' ich
-dir! Da lauf' und das nächste Mal hüt' dich!«
-
-Damit endete die eingebildete Züchtigung sehr zur Zufriedenheit Toms.
-
-In der Mittagspause flüchtete sich Tom nach Hause. Er konnte Annys
-Glückseligkeit nicht mehr mit ansehen und die Qualen der Eifersucht
-nicht länger ertragen. Becky hatte sich von neuem an das Bilderbesehen
-mit Alfred gemacht, als aber Minute auf Minute verrann und kein Tom
-sich zeigte, um sich ärgern zu lassen, da verringerte sich ihr Triumph
-und es lag ihr nichts mehr an der Sache. Erst wurde sie ernst und
-zerstreut, dann tief niedergeschlagen. Zwei- oder dreimal spitzte
-sie die Ohren, als sich ein Schritt näherte, jedesmal aber war's
-vergebliches Hoffen. Zuletzt wurde ihr ganz erbärmlich zu Mute und sie
-wünschte innigst, es nicht so weit getrieben zu haben. Der arme Alfred,
-welcher sah, daß sie sich ihm unmerklich entzog, munterte sie fort und
-fort auf: »Sieh' mal, hier ist 'was Schönes, sieh' doch nur her,« bis
-ihr zuletzt die Geduld ausging und sie mit dem unwilligen Rufe: »Was
-liegt mir dran, laß mich in Ruhe,« in Thränen ausbrach und davonrannte.
-
-Alfred hielt sich ritterlich an ihrer Seite und versuchte sie zu
-trösten. Sie aber schleuderte ihm entgegen:
-
-»Laß mich in Frieden; ich kann dich nicht ausstehen!«
-
-So blieb denn der Junge zurück und sann hin und her, was er ihr wohl
-gethan haben könne, denn vorher hatte sie ihm doch versprochen,
-während der ganzen Mittagspause Bilder mit ihm anzusehen. Sie aber
-rannte weiter, immerzu weinend. Alfred schlich sich nachdenklich in
-das einsame Schulzimmer zurück; er war sehr gedemütigt und ärgerlich,
-denn jetzt ging ihm ein Licht auf, daß das Mädel ihn nur benutzt habe,
-um ihren Aerger an Tom Sawyer auszulassen. Diese Ueberzeugung trug
-nicht dazu bei, ihm Tom lieber zu machen. Er sehnte sich nach einer
-Gelegenheit, diesem etwas einzubrocken, natürlich ohne sich selber
-bloßzustellen. Da fiel ihm Toms Lesebuch ins Auge und ein Gedanke schoß
-ihm plötzlich durch den Kopf. Er schlug das Buch an der Stelle auf, die
-sie am Nachmittag brauchen würden, und goß Tinte drüber. Becky, die im
-selben Moment hinter ihm zum Fenster hereinlugte, sah alles mit an,
-verriet sich aber nicht. Sie wandte sich heimwärts in der Absicht, Tom
-aufzusuchen und ihm alles zu erzählen, dann würden sie schnell wieder
-gut Freund sein. Ehe sie aber halbwegs zu Hause war, hatte sie sich
-anders besonnen. Der Gedanke daran, wie Tom sie behandelt, als sie von
-ihrem Picknick gesprochen, überfiel sie plötzlich wieder mit glühender
-Beschämung. Sie beschloß, ihm seine Prügel für das verschmierte Buch zu
-gönnen und ihn obendrein von Herzen zu hassen und zu verabscheuen für
-immer und ewig.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel.
-
-
-Tom kam sehr verdrießlich zu Hause an, und die ersten Worte, mit denen
-ihn seine Tante begrüßte, zeigten ihm, daß hier nicht viel Trost für
-seinen Kummer zu holen sein werde.
-
-»Tom, ich möchte dir wahrhaftig das Fell über die Ohren ziehen.«
-
-»Ei, Tante, was hab' ich denn gethan?«
-
-»Meiner Treu! Fragt der Bursch' auch noch! Geh' ich da hin zu der
-Harpern, der alten Einfaltspinselin, will ihr von deinem Traum erzählen
-und ihr beweisen, daß Träume gar kein Unsinn sind, und seh' mir einer,
-lacht sie mir grad' ins Gesicht und sagt, sie hab's aus dem Joe
-herausgekriegt, daß du hier gewesen seist und alles selber gehört und
-gesehen habest an dem Abend. Ich denk' mich rührt der Schlag! Tom, was
-soll denn aus 'nem Jungen werden, der so was thun kann? Ich könnt' mir
-meine letzten paar grauen Haare ausreißen, wenn ich dran denk', daß du
-mich hast hingehen lassen zu der Harpern, um mich lächerlich zu machen,
-ohne auch nur ein Wort zu verlieren.«
-
-Das zeigte Tom die Sache allerdings in einem anderen Lichte. Seine
-Pfiffigkeit vom Morgen war ihm wie ein guter Scherz erschienen, wie
-ein Geniestreich sogar. Jetzt kam ihm sein Verhalten erbärmlich und
-gemein vor. Er hing den Kopf, kein Wort der Entschuldigung wollte ihm
-einfallen. Endlich stammelte er:
-
-»Tantchen, ich wollt', ich hätt's nicht gethan -- ich hab' aber
-wirklich nicht so dran gedacht.«
-
-»Ach, Kind, du denkst ja nie. Denkst nie an die andern, immer nur an
-dich und dein Vergnügen. Daran hast du wohl gedacht, den ganzen Weg von
-der Jackson-Insel hierher zu machen, nur um über uns und unsern Jammer
-zu lachen. Und daran hast du auch gedacht, deine alte Tante mit dem
-verlogenen Traum zum Narren zu machen, _daran_ aber denkst du nicht,
-wie du uns Spott und Schande und Kummer ersparen kannst.«
-
-»Tantchen, jetzt weiß ich, wie erbärmlich es von mir war, aber so hab'
-ich's nicht gemeint, weiß Gott, wahrhaftig nicht! Und dann bin ich auch
-nicht herüber geschwommen, um mich über euch lustig zu machen.«
-
-»Warum sonst?«
-
-»Nur um dir zu sagen, daß du dich nicht um uns sorgen solltest, da wir
-nicht ertrunken seien.«
-
-»Tom, Tom, ich wäre die dankbarste alte Seele in der weiten Welt, wenn
-ich wirklich glauben könnte, du hättest _den_ guten Gedanken gehabt.
-Aber so war's gewiß nicht, Tom, so war's nicht, und das weißt du auch
-selber, Tom.«
-
-»Weiß Gott, Tante, so war's, weiß Gott! Ei, ich will gleich tot
-umfallen, wenn's anders war.«
-
-»O, Tom, lüg' nicht, -- thu's nicht, Kind. Es macht ja nur alles
-tausendmal schlimmer.«
-
-»Es ist nicht gelogen, Tante, es ist die reine Wahrheit. Ich wollte nur
-nicht, daß du dich so grämen solltest, einzig und allein deshalb kam
-ich.«
-
-»Ich gäb' die ganze Welt drum, wenn ich das glauben könnte, -- es
-würde fast alle deine Dummheiten aufwiegen, Tom. Ei, ich wollte gar
-nichts davon sagen, daß du so schlecht gewesen und davongelaufen bist,
-wenn ich _das_ nur glauben könnte. Aber, Kind, Kind, es kann ja nicht
-sein, 's geht gegen alle Vernunft; warum hättest du's mir dann damals
-doch nicht gesagt und wärst so davongeschlichen?«
-
-»Warum? Ja, siehst du, Tantchen, als ihr vom Trauergottesdienst und all
-dem spracht, da schoß mir der Gedanke durch den Kopf, zu kommen und
-uns unterdessen in der Kirche zu verstecken und ich war so voll davon,
-daß ich mir's nicht verderben wollte. 's war doch auch kapital, gelt?
-So drückte ich mich denn heimlich davon und steckte meine Rinde wieder
-ein.«
-
-»Welche Rinde?«
-
-»Ei, die Rinde, auf die ich geschrieben hab', daß wir als Piraten
-davongelaufen seien. Ich wollt' jetzt, du wärst wach geworden, wie ich
-dich geküßt hab', wahrhaftig ich wollt's!«
-
-Der strenge Ausdruck im Gesicht der Tante ließ etwas nach, plötzliche
-Zärtlichkeit strahlte warm aus den treuen Augen.
-
-»_Hast_ du mich geküßt, Tom?«
-
-»Natürlich.«
-
-»Hast du's wirklich gethan, Tom?«
-
-»Gewiß, Tante, gewiß und wahrhaftig!«
-
-»Warum hast du mich geküßt, Tom?«
-
-»Weil ich dich lieb hab' und weil du da gelegen hast und geseufzt und
-gestöhnt, und das hat mir leid gethan.«
-
-Die Worte klangen wahr. Die alte Dame konnte ein Zittern in ihrer
-Stimme nicht ganz unterdrücken als sie sagte:
-
-»Küß mich noch einmal, Tom -- und mach', daß du weg kommst, 's ist Zeit
-zur Schule, du hast mich genug geärgert.«
-
-Im Moment, da er weg war, stürzte sie zum Schrank und riß die traurigen
-Ueberreste der Jacke hervor, in der er Seeräuber gewesen. Dann stand
-sie still, drückte die Lumpen an ihre Brust und flüsterte:
-
-»Nein, ich wag's nicht. Armer Kerl, ich glaub' er hat gelogen, aber
--- es war so gut und lieb gelogen, ordentlich tröstlich für mein
-altes Herz. Ich hoffe, der Herr, -- nein, ich _weiß_, der Herr wird
-ihm verzeihen, denn weiß Gott, diesmal hat mein Tom aus Gutherzigkeit
-geflunkert. Ich will auch gar nicht wissen, daß es geflunkert war,
-lieber seh' ich gar nicht nach.«
-
-So legte sie die Jacke weg und stand noch eine Minute sinnend davor.
-Zweimal streckte sie die Hand nach dem Kleidungsstück aus und zweimal
-zog sie dieselbe wieder zurück. Noch einmal wagte sie sich vor und
-sprach sich selber Mut zu mit dem Gedanken: Die Lüge war ja gut
-gemeint, von Herzen gut gemeint, es soll mich weiter nicht kümmern.
-Damit hatte sie die Hand in die Jackentasche versenkt. Einen Moment
-später las sie unter strömenden Thränen, was Tom auf jenes bewußte
-Rindenstück gekritzelt hatte und stammelte schluchzend:
-
-»Jetzt könnt' ich dem Jungen verzeihen, und wenn er eine Million Sünden
-auf dem Gewissen hätte.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel.
-
-
-In der Art und Weise, wie ihn Tante Polly küßte, lag etwas, das Tom
-wunderbar wohlthat. Seine Niedergeschlagenheit war wie weggeblasen und
-er fühlte sich urplötzlich wieder leichtherzig und froh. Er stürmte der
-Schule zu und hatte das Glück unterwegs auf Becky zu stoßen. Da er sich
-immer von seiner augenblicklichen Stimmung leiten ließ, so rannte er
-ohne einen Moment der Ueberlegung auf sie zu und rief treuherzig:
-
-»Becky, ich war heute morgen ganz abscheulich gegen dich, ich will nie,
-nie wieder so sein, so lang ich lebe, nur sei wieder gut, willst du?«
-
-Das Mädchen blieb stehen und sah ihm verächtlich in's Gesicht:
-
-»Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Thomas Sawyer, wenn Sie mich
-in Zukunft mit Ihrer Gesellschaft verschonen wollten, ich werde nie
-wieder mit Ihnen reden.«
-
-Sprach's, warf den Kopf zurück und schritt stolz von dannen.
-›Herr‹ Thomas Sawyer war starr vor Staunen, daß er nicht einmal
-Geistesgegenwart genug hatte zu einem ›Wie Sie wünschen, Jungfer
-Patzig‹, und erst dran dachte, als es zu spät war. So sagte er denn
-kein Wort, war aber nichtsdestoweniger in heller Wut. Er schlich nach
-dem Schulhof und wünschte nur, sie wäre ein Junge und er könnte sie
-durchbläuen für diese unerhörte Beleidigung. Als er gerade in ihre
-Nähe kam, schleuderte er ihr eine beißende Bemerkung ins Gesicht. Sie
-entgegnete im selben Ton und der Bruch war vollständig. Becky konnte in
-ihrem Racheeifer kaum den Beginn des Unterrichts erwarten, so brannte
-sie darauf, Tom seine Prügel für das verschmierte Buch erhalten zu
-sehen. Wenn sie je noch den Schatten eines Zweifels in sich verspürt
-hatte, ob sie Alfred Tempel nicht doch angeben wolle, so war derselbe
-durch Toms letzte Liebenswürdigkeit auf Nimmerwiederkehr verscheucht.
-
-Das arme Ding -- sie ahnte nicht, welch' drohendes Unheil über ihrem
-eignen Haupte schwebte. Der Lehrer, Herr Dobson, ein Mann in mittleren
-Jahren, hegte einen übertriebenen, unerfüllbaren Ehrgeiz in der Brust.
-Der Traum seines Lebens war gewesen, ein Arzt zu werden, seine Armut
-aber hatte es gefügt, daß nur ein Volksschullehrer aus ihm wurde. Jeden
-Tag griff er, wenn die verschiedenen Klassen beschäftigt waren, zu
-einem geheimnisvollen Buche, in das er sich eifrig vertiefte. Dasselbe
-hielt er strenge unter Schloß und Riegel. Jedes seiner Schulkinder
-brannte vor Neugierde, einmal einen Blick hineinwerfen zu können, nie
-aber wollte sich die Gelegenheit hiezu bieten. Jedes der Kinder, Knaben
-und Mädchen, hatte seine eigene Ansicht über das Buch, aber niemals war
-es gelungen, Näheres zu erfahren. Als eben Becky an der offenen Thür
-des Zimmers vorüberhuschte, bemerkte sie, daß der Schlüssel des Pultes
-steckte. Das war ein köstlicher Moment, der ausgenutzt werden mußte.
-Sie blickte sich rasch um und sah sich ganz unbeobachtet; im nächsten
-Augenblick hielt sie das Buch in Händen. Das Titelblatt: ›Anatomie von
-Professor Soundso‹, diente nicht dazu, sie über den Inhalt aufzuklären,
-so begann sie denn hastig die Blätter umzuwenden. Gleich zu Anfang kam
-sie auf ein wundervoll koloriertes Bild, -- eine menschliche Figur. --
-Im selben Moment fiel ein Schatten auf das Buch, Tom Sawyer trat zur
-Thüre herein und erhaschte noch einen Blick auf das Bild. Hastig wollte
-Becky das Buch schließen, hatte aber in ihrer Aufregung das Unglück,
-das Bild von oben bis beinahe zur Mitte durchzureißen. Das Buch flog
-ins Pult, sie drehte den Schlüssel um und brach in bittres Schluchzen
-aus vor Scham und Aerger.
-
-»Tom Sawyer,« rief sie, »du bist doch so gemein wie du nur sein kannst.
-Einen so zu überfallen und auszuspionieren, was man thut!«
-
-»Wie konnt' ich denn wissen, was du dir zu schaffen machst?«
-
-»Du solltest dich vor dir selber schämen, Tom Sawyer; jetzt wirst du
-hingehen und mich verklatschen beim Lehrer und -- Herr du mein Gott,
-was fang' ich an? Ich bin noch niemals geschlagen worden in der Schule
-und heut' -- heut' haut mich der Lehrer sicherlich durch.«
-
-Dann, als Tom nichts antwortete, stampfte sie mit dem kleinen Fuße auf
-und rief:
-
-»Na, dann sei so gemein und verrat' mich, wenn dir's Spaß macht. Aber
-wart', dir blüht auch nichts Gutes, denk' nur an mich -- niederträchtig
--- niederträchtig!« Und mit einem erneuten Strom von Thränen stürzte
-sie davon.
-
-Tom stand ordentlich betäubt ob solch vulkanischen Ausbruchs. Dann
-sagte er zu sich selber:
-
-»Was so'n Mädel für eine Närrin ist! Noch niemals Prügel gekriegt!
-Herrgott, was liegt mir an einer Tracht mehr oder weniger? So sind aber
-die Mädels, so dünnfellig und hasenfüßig. Es fällt mir gar nicht ein,
-sie zu verklatschen, aber 's kommt doch heraus. Der alte Dobson wird
-natürlich fragen, wer's war, und wenn keiner antwortet, fragt er einen
-nach dem andern, dann merkt er's schon am Gesicht. So'n Mädel verrät
-sich immer selber, da ist keine Schneid drin. Die Sache ist kritisch
-für das arme Ding, die Becky, kriegen thut sie's, da ist kein Zweifel.
-Na, mir kann's recht sein, die säh' mich auch von Herzen gern in
-derselben Klemme. Mag sie zusehen, wie sie's ausbadet!«
-
-Tom gesellte sich dem Haufen der lärmenden Kameraden draußen wieder zu;
-bald drauf erschien der Lehrer und der Unterricht begann. Die Studien
-zogen Tom nicht sehr an. Jedesmal, wenn er zu den Mädchen hinüber sah,
-beunruhigte ihn Beckys Gesichtchen. Genau genommen hatte er gar keine
-Ursache, sie zu bemitleiden, und doch, mochte er thun was er wollte,
-er konnte sich des Mitleids nicht erwehren. Jetzt entdeckte der Lehrer
-das besudelte Lesebuch, wodurch Toms ganze Aufmerksamkeit für seine
-eigenen Angelegenheiten in Anspruch genommen wurde. Das rüttelte auch
-Becky aus ihrer Gramversunkenheit auf und sie folgte den Vorgängen mit
-großer Aufmerksamkeit. Sie glaubte nicht, daß Tom imstande sein werde,
-sich herauszulügen, und sie hatte recht. Sein Leugnen schien die Dinge
-für ihn nur zu verschlimmern. Als dann die Verhandlung den Höhepunkt
-erreichte, trieb es sie förmlich, aufzuspringen und Alfred Tempel
-anzugeben, doch zwang sie sich zur Ruhe, denn sie sagte sich: »Tom
-klatscht doch, daß ich das Bild zerrissen hab'. Ich sag' kein Wort, und
-wenn's ihm an's Leben geht.«
-
-Tom steckte seine Prügel ein und schritt auf seinen Platz zurück,
-durchaus nicht niedergeschlagen. Er dachte selber, es sei möglich, daß
-er die Tinte über's Buch geschüttet, ohne es zu wissen, dergleichen
-konnte ja passieren. Geleugnet hatte er's überhaupt nur der Form halber
-und weil's so Sitte war; dann hatte er aus Prinzip dabei beharrt.
-
-Eine ganze Stunde verstrich; nickend saß der Lehrer auf seinem Throne,
-das Summen der vor sich hin murmelnden, lernenden Kinder wirkte
-einschläfernd. Allmählich rappelte sich Herr Dobson in die Höhe,
-gähnte, schloß sein Pult auf, griff nach seinem Buch und fingerte dran
-herum, unentschieden, ob er es nehmen solle oder nicht. Schläfrig sahen
-die Schüler nach ihm hin, zwei derselben verfolgten sein Thun mit
-gespannten Blicken. Noch immer schien Herr Dobson nicht entschieden;
-endlich nahm er das Buch zur Hand und lehnte sich in seinen Stuhl
-zurück, um zu lesen.
-
-Tom warf einen raschen Blick auf Becky. Diese starrte um sich wie ein
-gehetztes Reh, das den todbringenden Lauf auf sich gerichtet sieht, so
-hilflos, so verzweifelt. Im Moment war aller Groll dahin. Etwas mußte
-geschehen, aber sofort, mit Blitzesschnelle, sonst war's zu spät.
-Doch die dringende Nähe der Gefahr schien seine Erfindungsgabe völlig
-zu lähmen. Wenn er nun hinstürzte, dem Lehrer das Buch entriß, damit
-die Flucht ergriff? Eine einzige Sekunde überlegte er und -- hin war
-die Gelegenheit, der Lehrer öffnete das Buch. Wäre nur der verlorene
-Moment noch einmal zu erhaschen, Tom fühlte sich jetzt zu allem fähig.
-Zu spät! Becky war nicht mehr zu helfen. Im nächsten Moment traf des
-Lehrers Auge die aufschauenden Schüler, die Augen senkten sich vor
-seinem Blick, es lag ein Etwas drin, das selbst den Unschuldigsten
-unter ihnen mit Scheu und Furcht erfüllte. Eine Pause entstand, während
-welcher man wohl bis zehn zählen konnte. Der Lehrer schien Kraft
-sammeln zu müssen. Dann kam's:
-
-»Wer hat dieses Buch zerrissen?«
-
-Kein Laut. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Die
-beängstigende Stille dauerte an. Auf einem Gesicht nach dem andern
-suchte der Lehrer die Zeichen der Schuld.
-
-»Benjamin Rogers, hast du das Buch zerrissen?«
-
-Verneinung. Eine weitere Pause.
-
-»Joe Harper, du?«
-
-Erneute Verneinung. Toms Unbehagen stieg und stieg unter der langsamen
-Qual dieses Verfahrens. Der Lehrer ließ den Blick über die Reihen der
-Knaben schweifen, überlegte eine Weile und wandte sich dann den Mädchen
-zu:
-
-»Anny Lorenz?«
-
-Ein Schütteln des Kopfes.
-
-»Grace Miller?«
-
-Dasselbe Zeichen.
-
-»Susanne Harper?«
-
-Erneute Verneinung. Das nächste Mädchen war Becky. Tom zitterte
-vom Kopf bis zu den Füßen vor Aufregung; er empfand die ganze
-Hoffnungslosigkeit der Lage.
-
-»Rebekka Thatcher« -- (Tom sah, daß ihr Gesicht vor Entsetzen blaß war
-wie der Tod) -- »hast du -- nein, sieh' mich an -- (sie hob die Hände
-in stummem Flehen) hast du dies Buch zerrissen?«
-
-Ein Gedanke schoß wie ein Blitz durch Toms Gehirn. Er sprang auf und
-rief laut in die herrschende Stille hinein:
-
-»_Ich hab's gethan._«
-
-Sprachlos ob solcher unerhörten, unglaublichen Tollheit starrten ihn
-aller Augen an. Tom stand einen Moment regungslos da, um seine etwas
-aus der Fassung geratenen Lebensgeister zu sammeln, und als er dann
-nach dem Katheder schritt, seine Strafe in Empfang zu nehmen, strahlten
-ihm aus Beckys Augen Ueberraschung, Dankbarkeit, Anbetung in solch'
-reichem Maße entgegen, daß sie ihn für hundert vollwichtiger Trachten
-Prügel hätten entschädigen können. Begeistert durch den Edelmut seiner
-eignen That entschlüpfte ihm auch nicht der leiseste Schrei bei der nun
-folgenden Züchtigung, der unbarmherzigsten, die Herr Dobson in seinem
-Leben austeilte. Ja, als der Lehrer die Strafe noch durch zwei Stunden
-Nachsitzen verschärfte, nahm Tom auch dies mit dem äußersten Gleichmut
-hin, wußte er doch, wer außerhalb der Schulmauern auf ihn warten und
-jede Minute bis zu seiner Befreiung aus der Gefangenschaft zählen würde.
-
-Am Abend desselben Tages ging Tom zu Bett, von finsteren Racheplänen
-gegen Alfred Tempel erfüllt. Becky hatte ihm voller Reue und Scham
-alles eingestanden, ja selbst ihre eigne Verräterei nicht verschwiegen.
-Der Durst nach Rache aber wich bald milderen Gefühlen, lieblicheren
-Bildern, und Tom fiel in Schlaf, während ihm Beckys letzte Worte noch
-träumerisch süß im Ohre nachklangen:
-
-»Tom, wie _konntest_ du so edel sein?«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zwanzigstes Kapitel.
-
-
-[Illustration]
-
-Die großen Ferien rückten immer näher. Der Lehrer, ernst von Natur,
-wurde strenger und anspruchsvoller von Tag zu Tag, sollte doch seine
-Schule Ehre einlegen am verhängnisvollen, großen Tag der Prüfung. Seine
-Rute und sein Lineal kamen gar nicht mehr zur Ruhe, zum wenigsten bei
-den kleineren Schülern. Nur die großen Knaben und die jungen Damen
-von der Sonntagsschule entgingen einer Züchtigung. Und Herrn Dobsons
-Prügel waren was wert unter Brüdern, denn obgleich er unter seiner
-Perücke einen vollständig kahlen und glänzenden Schädel barg, so
-stand er doch noch im kräftigsten Mannesalter und die Stärke seiner
-Muskeln ließ nichts zu wünschen übrig. Als der große Tag näher und
-näher rückte, kam alle die Tyrannei, die in ihm schlummerte, an's
-Tageslicht. Mit grausamer Lust ahndete er die geringsten Versäumnisse
-und Fehler. Die Folge davon war, daß die Kinder ihre Tage in Schreck
-und Qual, ihre Nächte mit Schmieden finstrer Rachepläne verbrachten.
-Sie ließen sich keine Gelegenheit entgehen, dem Lehrer einen Streich
-zu spielen, der aber blieb immer Meister. Die Strafe, die jedem
-solchen kleinen Racheakt auf dem Fuße folgte, war so großartig, so
-niederschmetternd, daß die Jungen den Kampfplatz jedesmal vollständig
-›geschlagen‹ verließen. Zuletzt entstand eine Verschwörung und ein Plan
-wurde ausgeheckt, der den glänzendsten Sieg versprach. Die Verschwörer
-zogen den Sohn des Anstreichers in's Vertrauen, welcher Lehrling bei
-seinem Vater war, setzten ihm den Plan auseinander und baten um seine
-Hilfe. Der hatte nun wieder seine eignen Gründe, sich dem Racheplan
-anzuschließen, denn der Lehrer wohnte im Hause des Anstreichers und
-hatte dem Jungen genügend Ursache zum gründlichsten Hasse gegeben. Die
-Frau des Lehrers wollte in den nächsten Tagen zu einem Besuche auf's
-Land gehen und so stand der Ausführung des Planes nichts im Wege. Der
-Lehrer pflegte sich zur würdigen Vorbereitung bei großen Gelegenheiten
-aus der Flasche nachhaltig Mut zuzusprechen, und der Anstreicherjunge
-versprach, am Prüfungsabend, wenn der Lehrer das nötige Stadium des
-›Mutes‹ erreicht habe und in seinem Stuhle ein Stärkungsschläfchen
-halte, ›die Sache schon besorgen zu wollen.‹ Knapp zur rechten Zeit
-wolle er ihn dann schleunigst wecken und in aller Eile zur Schule
-spedieren.
-
-Als die Zeit erfüllet war, trat dann das große Ereignis ein. Um acht
-Uhr abends erstrahlte das Schulhaus im Glanz der Kerzen und im Schmuck
-der Gewinde aus Laub und Blumen. Majestätisch thronte der Lehrer auf
-seinem Katheder, die schwarze Tafel hinter sich. Auf Bänken zu beiden
-Seiten saßen die Eltern der Kinder und die Würdenträger der Stadt, vor
-dem Katheder dehnten sich die Reihen der Schüler, hier die Knaben,
-die dermaßen gewaschen und herausgeputzt waren, daß man ihnen das
-Unbehagen ansah, dort die Mädchen, in schneeweißem Musselin, sichtbar
-durchdrungen von dem erhebenden Bewußtsein, in bloßen Armen, blau
-und roten Bändern und mit Blumen im Haar zu glänzen. Den Hintergrund
-bildete ›das Volk‹.
-
-Die Prüfung begann. Ein winzig kleiner Junge erhob sich und rezitierte
-mit einem Schafsgesicht:
-
- »Kaum glaubt ihr, daß solch' kleiner Wicht,
- Wie ich, es wagt und zu euch spricht,« etc.
-
-wobei er seinen Vortrag mit den peinlich genauen, stoßweisen Bewegungen
-einer Maschine begleitete, noch dazu einer Maschine, die etwas aus der
-Ordnung geraten zu sein schien. Doch stolperte er sicher, wenn auch
-zu Tode geängstigt, bis zum Schluß hindurch, klappte den Oberkörper
-verbeugend nach unten, bekam einen wahren Beifallssturm von dem
-dankbaren Publikum und zog sich aufatmend zurück.
-
-Ein kleines, verschüchtertes Mädchen lispelte ihr:
-
- »Ein kleines Lämmchen, weiß wie Schnee,
- Ging einstens auf die Weide,«
-
-machte einen mitleiderregenden Knix, erhielt ihren Anteil an Applaus
-und setzte sich glühend rot und glückselig wieder hin.
-
-Tom Sawyer trat nun vor, voll stolzer aber trügerischer Zuversicht,
-und begann mit donnerndem Pathos und verzückten Gebärden die berühmte
-Ode an die ›Freiheit‹ zu deklamieren. Aber wehe! In der Mitte etwa
-angelangt, -- verließ ihn just das Gedächtnis, das ›Lampenfieber‹
-ergriff ihn, seine Kniee zitterten, er drohte zusammenzusinken oder zu
-ersticken. Wohl hatte er des Hauses Mitleid für sich, aber auch des
-Hauses Schweigen. Finster blickte der Lehrer, drohend zog er die Stirne
-in Falten; dies machte das Unheil vollständig. Tom stammelte, stotterte
-noch eine Weile, gab's dann auf und zog sich zurück, jeder Zoll ein
-geschlagener Held! Ein schwacher Beifallsversuch, der sich erheben
-wollte, wurde im Keime erstickt.
-
-Jetzt folgten:
-
- »Auf brennendem Deck der Knabe stand.«
-
-Dann:
-
- »Hernieder kam einst Assurs Macht«
-
-und andre dergleichen deklamatorische Kleinodien. Nun kamen Leseübungen
-und ein regelrechtes Kreuzfeuer in der Kunst des Buchstabierens. Die
-magere Lateinklasse bestand ihre Sache mit Ehren. Dann nahte der
-Hauptakt des ganzen Abends, -- der Vortrag von selbstgefertigten
-Aufsätzen und Gedichten der ›jungen Damen‹. Der Reihe nach trat jede an
-den Rand der Estrade, räusperte sich, erhob ihr von einem zierlichen
-Band umschlungenes Manuskript, und begann zu lesen mit dem nötigen
-Aufwand von Ausdruck und Gefühl. Die Themata waren dieselben, wie
-sie ihre Mütter, Großmütter und zweifellos alle weiblichen Vorfahren
-der Familie bis zurück zu den Kreuzzügen schon bearbeitet hatten:
-›Freundschaft‹ -- ›Erinnerungen früherer Tage‹ -- ›Die Religion in der
-Geschichte‹ -- ›Das Land der Träume‹ -- ›Die Vorteile der Kultur‹ --
-›Vergleiche und Verschiedenheiten der politischen Regierungsformen‹ --
-›Melancholie‹ -- ›Kindliche Liebe‹ -- ›Herzenswünsche‹ -- u. s. w., u.
-s. w.
-
-Die meisten dieser Ergüsse zeichneten sich durch eine starke Vorliebe
-für das Gefühlvolle aus. Die großartigste Verschwendung erhabener
-Ausdrücke und Redewendungen war ebenfalls ein gemeinsamer Zug, ebenso
-das gewaltsame Herbeiziehen allgemein bekannter und beliebter Phrasen
-und Zitate. Den Schluß bildete hier wie dort unweigerlich eine
-möglichst stark aufgetragene moralische Nutzanwendung. Einerlei, was
-der behandelte Gegenstand gewesen, mit kühnem Sprung lief das Ende ohne
-Unterschied in eine äußerst erbauliche Betrachtung aus, die sich nicht
-ohne Rührung anhören ließ und einen schmeichelhaften Rückschluß auf die
-Tugenden der schönen Mahnerin gestattete.
-
-Der erste Aufsatz, der vorgetragen wurde, betitelte sich: »_Dies also
-ist das Leben?_« Vielleicht hat der Leser Geduld genug, einen Auszug
-hieraus nachzulesen:
-
- »Trunkenen Auges, mit wonnebebendem Herzen schaut der
- jugendliche Geist den zu erwartenden Freuden des Lebens
- entgegen. Geschäftig malt ihm die Einbildungskraft
- rosenfarbene Bilder der Wonne vor. Im Geiste sieht sich
- die jugendliche Schöne als ›Dame von Welt‹, inmitten des
- wogenden, festlichen Getriebes, scherzend, lachend, umkost,
- umworben, gefeiert, ›schauend und geschaut‹! Ihre anmutige
- Gestalt gleitet in wehenden, weißen Gewändern auf den
- Wellen des wirbelnden Tanzes dahin, ihr Auge strahlt am
- hellsten, ihr Schritt ist der elastischste in der ganzen
- heiteren Gesellschaft. Unter solch' gaukelnden, lockenden
- Phantasiegebilden schwindet schnell die Zeit und die ersehnte
- Stunde erscheint, die Stunde, welche Einlaß bringen soll
- in jene elysische Welt, die solche Wonneträume zu wecken
- vermag. Wie zauberisch erscheint dem geblendeten Auge Alles
- und Jedes! Jede neue Scene ist reizender, lockender als die
- vorhergegangene. Doch kurze Zeit nur währt der Rausch! Bald
- zeigt es sich, daß unter der glänzenden Außenseite Hohlheit
- sich birgt. Die Schmeichelei, die einst die Seele fesselte,
- verletzt nun das Ohr mit schrillem Klang, der Ballsaal verliert
- seine Reize. Mit zerrütteter Gesundheit, verbitterten Herzens
- wendet sich das ›Kind der Welt‹ ab, die Ueberzeugung tief
- im Busen bergend, daß irdische Freuden das Verlangen der
- unsterblichen Seele nicht zu befriedigen imstande sind!«
-
- Und so weiter.
-
-Ein beifälliges Gemurmel unterbrach von Zeit zu Zeit den Vortrag.
-Ein: ›wie schön‹! ›gut gesagt‹! oder ›wie wahr‹! ließ sich deutlich
-unterscheiden, und nachdem das Ding mit einer besonders erhebenden
-Schlußbetrachtung geendet, wurde der Beifall ordentlich enthusiastisch.
-
-Dann erhob sich ein schlankes, melancholisch aussehendes Mädchen,
-dessen Gesicht jene interessante Blässe zeigte, die von Pillen und
-schlechter Verdauung herrührt, und las ein ›Gedicht‹ vor. Folgende
-Verse desselben mögen genügen:
-
-
-Lebewohl einer Missouri-Maid an Alabama.
-
- »Leb' wohl, Alabama, dich liebe ich,
- Und doch muß lassen, muß meiden ich dich.
- Es naget die Trauer am Herzen mein,
- In heißer Sehnsucht gedenk' ich dein.
- Wie hab' ich die blum'gen Wälder durchstreift,
- Längs den Ufern deiner Gewässer geschweift,
- Dem Murmeln der Wellen träumend gelauscht,
- In Aurorens Strahl mich wonnig berauscht.
- Nicht scheu verberg' ich mein übervoll Herz,
- Erröt' nicht, zu zeigen den brennenden Schmerz.
- Er gilt ja nicht Fremden im fernen Land,
- Den Freunden, den Lieben nur, die ich gekannt.
- Sie waren mein Trost mir, mein ganzes Glück;
- Alabamas Thäler ersehn' ich zurück.
- Ach, nun ich's verloren, erkenn' ich's zu spät:
- Dort wurzelt mein Leben, mein Herz, -- zu spät!«
-
-Zunächst erschien eine schwarzäugige und schwarzhaarige junge Dame auf
-dem Podium, machte eine wirkungsvolle Kunstpause, nahm eine tragische
-Haltung an und begann gemessenen, ausdrucksvollen Tones vorzulesen:
-
-
-Eine Vision.
-
- »Dunkel und stürmisch war die Nacht. Am Himmelszelte oben
- flimmerte nicht ein einziger Stern, nur das dumpfe Dröhnen
- des Donners vibrierte beständig im geängstigt lauschenden
- Ohre, während grelle Blitze in entfesselter Wildheit die
- wolkigen Himmelskammern durchrasten und der Macht zu spotten
- schienen, die der große Franklin sich über sie angemaßt.
- Selbst die stürmischen Winde kamen einmütig hervor aus ihrer
- geheimnisvollen Höhle und schnaubten und tosten einher, als
- wollten sie durch ihre Gegenwart die tolle Scene noch toller
- machen. Zu eben solcher Stunde, gleich dunkel, gleich trostlos
- und entsetzungsvoll, schrie einst mein ganzes Sein nach dem
- Balsam menschlichen Mitgefühls. Umsonst! Da plötzlich:
-
- ›Erschien sie, die mein Trost, mein Führer und mein Rat,
- Mein Glück im Gram, mein All' an meine Seite trat.‹
-
- Sie schwebte daher, wie eines jener glänzenden,
- anmutbeschwingten Wesen, mit denen Jugend und Romantik sich
- die sonnigen Fluren ihres Eden bevölkern, eine Königin der
- Schönheit, nur mit ihrer eignen, unvergleichlichen Lieblichkeit
- angethan und geschmückt. So leise war ihr Schritt, keinen Laut
- rief er hervor und nur der magische Wonneschauer, der mein
- ganzes Sein bei ihrer sanften Berührung durchrieselte, verriet
- mir ihre Gegenwart, sonst wäre sie entschwebt gleich andern
- sich dem Auge nicht selbstbewußt aufdrängenden Schönheiten,
- unbemerkt und ungesucht. Gleich eisigen Thränen auf dem
- Gewande des Dezembers lag eine eigentümliche Traurigkeit
- auf den geliebten Zügen, als sie, ernst auf die draußen
- kämpfenden Elemente hinweisend, mich die beiden durch dieselben
- dargestellten Wesen betrachten hieß.« --
-
-Dieser nächtliche Gespensterspuk füllte zehn Seiten des Manuskripts
-und endete in einer Predigt von solch niederschmetternder,
-hoffnungraubender Wirkung auf alle Nichtgläubigen, daß der Aufsatz
-den ersten Preis gewann und einstimmig für die beste Leistung des
-Abends erklärt wurde. Der Bürgermeister des Städtchens überreichte der
-glückstrahlenden Verfasserin in feierlicher Ansprache den Preis, indem
-er sagte, es sei bei weitem ›das Beredteste, Pathetischste‹, was er je
-gehört, ja daß der große Daniel Webster selber hätte stolz drauf sein
-dürfen.
-
-Beiläufig mag noch bemerkt werden, daß die Zahl der Aufsätze, in denen
-das Wort ›wunderbar‹ mit Vorliebe angewendet und der menschlichen
-Erfahrung als ›einer Seite im Buche des Lebens‹ erwähnt wurde, den
-üblichen Durchschnitt erreichte.
-
-[Illustration]
-
-Nun erhob sich der Lehrer, der durch den Erfolg des Abends so
-sanftmütig und weich geworden war, daß sein Wesen beinahe an
-Liebenswürdigkeit streifte, schob seinen Stuhl zurück, wandte dem
-Publikum den Rücken und begann auf der schwarzen Tafel eine Karte
-von Amerika zu entwerfen, um die Geographie-Uebungen daran vornehmen
-zu können. Seine unstäte Hand aber wollte ihm nicht parieren bei der
-Sache, ein unterdrücktes Gekicher lief durch das Haus. Er wußte,
-was es bedeutete und nahm alle Kraft zusammen, um sich mit Ehren
-herauszuziehen. Er fuhr mit dem Schwamm über die mißlungenen Linien
-und machte sich geduldig auf's neue dran, nur um sie mehr und mehr
-zu verrenken, und das Gekicher wurde immer deutlicher. Mit Macht und
-ganzer Aufmerksamkeit warf er sich nun auf sein Werk, entschlossen,
-sich durch die augenscheinliche Heiterkeit nicht aus der Fassung
-bringen zu lassen. Er fühlte, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren;
-er glaubte nun endlich im richtigen Fahrwasser zu sein und doch dauerte
-das Gekicher fort, ja es nahm sogar noch zu. Und Grund genug dazu
-war vorhanden. Im oberen Stock befand sich eine Dachkammer, in deren
-Fußboden eine Klappe angebracht war, unter der just eben der Lehrer
-stand. Durch diese Klappe nun erschien eine Katze, die an einem um
-die Hinterbeine geschlungenen Seile hing und der man um Kopf und Maul
-einen dicken Lappen gewickelt hatte, um sie am Schreien zu hindern. Als
-sie so langsam niedersank, krümmte sie sich nach oben und versuchte
-sich mit den Pfoten am Seil festzuklammern, umsonst! Sie griff mit den
-Pfoten nur in die unfaßbare, haltlose Luft. Das Gekicher schwoll und
-schwoll. Die Katze war jetzt nur noch sechs Zoll von dem Haupte des
-ahnungslosen Lehrers entfernt. Sie sank tiefer und tiefer; noch eine
-Spanne und nun schlug sie die verzweifelten Krallen in die Perücke des
-schulmeisterlichen Hauptes, klammerte sich fest an dem willkommenen
-Halte und wurde im selben Moment zurückgezogen zur Klappe, die
-Siegestrophäe fest in den räuberischen Klauen! Des Schulmeisters kahler
-Schädel aber erstrahlte in ungeahnter, zauberischer Pracht, -- der Sohn
-des Anstreichers hatte denselben _vergoldet_!
-
-Dies bereitete der Festlichkeit ein jähes Ende. Die Jungen waren
-gerächt, -- die Ferien da!
-
- _Anmerkung._ Die oben angeführten sog. ›Aufsätze‹ sind ohne
- Veränderung einem Buche entnommen, das den Titel führt: »Prosa
- und Poesie von einer Dame des Westens.« Als genaue Studien nach
- dem bekannten ›Schulmädchen-Muster‹ sind sie infolgedessen weit
- glücklichere Beispiele, als bloße Nachbildungen hätten sein
- können.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Einundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Tom fand, daß die ersehnten Ferien schon acht Tage nach dem Beginn sich
-in endloser, öder Weise vor ihm zu dehnen begannen. Er wußte kaum,
-was er mit sich anfangen sollte in dieser langen, langen Zeit. Becky
-Thatcher war mit ihren Eltern auf ihr Landgut gereist, um die Wochen
-der Freiheit dort zu verbringen, und hatte den letzten Lichtstrahl
-in dieser endlosen Nacht der Langeweile mit sich genommen. Ein paar
-Kindergesellschaften dienten nur dazu, die klaffende Lücke von Beckys
-Abwesenheit um so fühlbarer zu machen. Eine mitleidige Masernepidemie
-erbarmte sich der gelangweilten Jugend, bot aber in ihrem milden
-Charakter nicht einmal die Aussicht, daß man zur Abwechslung hie und da
-um das gefährdete Leben irgend eines Kameraden zittern konnte. Auch sie
-verlief langweilig und eintönig wie alles andre.
-
-Endlich kam Leben in die schläfrige Atmosphäre. Der Mordprozeß kam
-vor Gericht und wurde sofort zum Thema jeglichen Stadtgespräches. Er
-benahm Tom alle Ruhe. Jede neue Erwähnung der Mordthat sandte ihm
-einen Schauder zum Herzen. Sein böses Gewissen und seine Angst ließen
-ihn in jeder darauf bezüglichen Bemerkung einen ›Fühler‹ wittern, den
-man ausgestreckt, um ihn zu sondieren. Freilich erschien es ihm bei
-näherer Ueberlegung gar nicht möglich, daß man in ihm einen Mitwisser
-der That vermuten könne, gleichwohl war ihm nicht wohl bei der Sache;
-fortwährend überlief es ihn, bald heiß, bald kalt. An einsamem Ort
-nahm er Huck beiseite, um sich mit diesem zu besprechen. Welche
-Erleichterung mußte es gewähren, das Siegel auf den Lippen nur für eine
-kleine Weile zu lösen, die Hälfte der Bürde auf die Schultern eines
-Mitfühlenden, eines Leidensgefährten zu wälzen. Außerdem lag Tom daran,
-sich Gewißheit über Hucks unverbrüchliches Schweigen zu verschaffen.
-
-»Huck, hast du jemals irgend einem Menschen davon erzählt?«
-
-»Von was?«
-
-»Du weißt schon selber.«
-
-»Ach so! Na, natürlich nicht.«
-
-»Kein Wort?«
-
-»Nicht ein einziges Wörtchen, nee, weiß Gott! Was fragst du?«
-
-»Na ich -- ich hatte Angst.«
-
-»Weißt's ja doch selber, Tom Sawyer, wir zwei wären kalt nach drei
-Tagen, wenn das heraus käme!«
-
-Tom fühlte sich etwas beruhigter. Nach einer Pause:
-
-»Huck, gelt, 's kann dich keiner zwingen, was zu sagen, oder?«
-
-»Mich zwingen! Na, wenn ich Lust hätte, daß mich der Indianer-Hund
-ersäufte, ja, dann wär's möglich, daß ich's sage -- sonst nicht!«
-
-»Na, dann ist's gut! Ich denk', wir sind sicher, so lang wir reinen
-Mund halten. Laß uns aber noch mal schwören. Ich mein', 's ist
-sicherer!«
-
-»Meinethalben.«
-
-Und wieder schwuren die Jungen einen grausig feierlichen Eid.
-
-»Worüber schwatzen sie gerade hauptsächlich in der Stadt, Huck? Ich
-hab' alles durcheinander gehört!«
-
-»Schwatzen? Ei, Muff Potter, Muff Potter und nichts als Muff Potter,
-immer und ewig. Mir treibt's den kalten Schweiß aus, wenn ich nur den
-Namen höre. Am liebsten steckt' ich mir Baumwolle in die Löffel!«
-
-»Gerad' so geht's bei mir, grad' so! Ich glaub' der ist verloren.
-Dauert er dich nicht auch manchmal?«
-
-»Ei immer, beinahe immerzu. Viel wert ist er ja nicht, aber er hat doch
-keinem 'was zuleid' gethan. Stibitzt wohl mal 'nen Fisch, um Geld für
-Schnaps zu kriegen und sich zu besaufen, und bummelt den ganzen Tag
-herum, aber -- Herrgott, -- das thut ja jeder -- wenigstens beinah'
-jeder. Aber er ist doch ein guter Kerl. Einmal hat er mir 'nen halben
-Fisch gegeben und sich selber an der andren Hälfte hungrig gegessen,
-und oft und oft hat er mir geholfen, wenn ich irgendwo in der Patsche
-saß.«
-
-»Und mir hat er Drachen geflickt, Huck, und Angelhaken an der Leine
-festgemacht. Weiß Gott, ich wollt', wir könnten ihn freimachen! Ich
-gäb' was drum!«
-
-»Du lieber Himmel, das würde doch nicht viel helfen, Tom, den hätten
-sie gleich wieder fest!«
-
-»Das ist ja wahr, aber ich kann's gar nicht mit anhören, wenn sie so
-über ihn losziehen, als wär' er der leibhaftige Gottseibeiuns, und er's
-doch gar nicht gethan hat.«
-
-»So geht's mir grad', Tom. Herrgott, da schwatzen sie daher, als sei er
-der blutdürstigste Hund im Land und nur aus Versehen nicht schon längst
-irgendwo aufgeknüpft.«
-
-»Ja, weiß Gott, ich hab' sogar gehört, wie einer sagte, wenn sie den
-freiließen, dann sollte er sofort gelyncht werden. O, du meine Güte!«
-
-»Und das thäten sie auch, so wahr ich hier steh'!«
-
-Lange noch schwatzten die Jungen so zusammen, aber Trost brachte
-es ihnen nicht. Mittlerweile brach die Dämmerung herein und sie
-befanden sich plötzlich vor dem kleinen, einsamen Gefängnis, in der
-uneingestandenen Hoffnung, ein gütiges Geschick könne irgend eine
-Wendung zum Besseren herbeiführen, wodurch sie von ihrer Qual befreit
-würden. Es geschah aber nichts. Die Engel und alle guten Geister
-schienen ihre Hände von dem unglücklichen Gefangenen abgezogen zu haben.
-
-[Illustration]
-
-Wie oftmals zuvor schon traten die Jungen zu dem kleinen Gitter heran
-und reichten Potter Tabak und Feuerzeug hindurch. Der lag am Boden und
-Wächter waren keine da.
-
-Seine rührende Dankbarkeit hatte ihnen zuvor schon tief in's Herz
-geschnitten und that's diesmal mehr als je. Als feige, elende Verräter
-der schlimmsten Art aber fühlten sie sich, wie Potter sagte:
-
-»Ihr seid ungeheuer gut gewesen gegen mich, Jungens, -- besser als
-irgend wer in der Stadt. Und ich gedenk's euch, weiß Gott, ich thu's.
-Oft sag' ich zu mir selber: ›hast doch all deiner Lebtag den Jungen
-nur Guts gethan, hast den Schlingeln die Drachen geflickt und die
-besten Fischplätze gewiesen, aber nee, Dankbarkeit giebt's nicht, alle
-haben den alten Muff vergessen, der jetzt so tief in der Tinte sitzt,
-alle -- nur der Tom nicht und der Huck nicht, die haben ihn nicht
-vergessen,‹ sag' ich, ›und der alte Muff, der vergißt sie auch nicht.‹
-Seht, Jungens, ich hab' ja was Furchtbares gethan, so betrunken und
-verrückt wie ich war, nur so kann ich's mir erklären, jetzt soll ich
-baumeln dafür und geschieht mir schon recht. Es geschieht mir recht,
-sag' ich, und 's wird wohl auch das Beste für mich sein, glaub' ich.
-Na, wollen's gut sein lassen, nicht weiter davon schwatzen. Möcht'
-nicht, daß euch schwer um's Herz wird, weil ihr so gut gegen mich
-gewesen seid. Was ich nur sagen wollt', Jungens, betrinkt euch nie,
-wenn ihr groß seid, dann müßt ihr auch niemals hier sitzen, in dem
-schrecklichen Loch. Wie, stellt euch doch mal 'n bißchen so her, 's ist
-ein Gottestrost, freundliche Gesichter zu sehen, wenn man so in der
-Patsche sitzt, und ich seh' weiter keine, als eure. Gute, freundliche
-Gesichter -- gute, liebe Gesichter! Stellt euch doch mal so, steig'
-mal einer auf den andern, daß ich euch auch berühren kann, -- so! So
-ist's recht! Nun gebt mir die Hände, so, eure kleinen Pfoten können ja
-durch's Gitter durch, meine Tatzen sind zu breit dazu. Kleine Hände,
--- kleine, schwache Hände, haben dem alten Muff Potter 'ne Masse Gutes
-gethan und würden's noch mehr thun, wenn sie könnten, gelt Jungens? So,
-und nun trollt euch, sonst wird der alte Muff weich wie ein Waschlappen
-und das taugt nichts.«
-
-Tom schlich sich elend und zerschlagen nach Hause und seine nächtlichen
-Träume waren aller Schrecken voll. Am folgenden Tag und den Tag
-darnach trieb er sich um den Gerichtssaal herum. Es zog ihn fast
-unwiderstehlich hinein, und er mußte sich mit aller Macht bezwingen,
-draußen zu bleiben. Huck ging es gerade so. Sie mieden einander nun
-geflissentlich. Sie liefen von Zeit zu Zeit hinweg, um sich alsbald
-von derselben unheimlichen Anziehungskraft zurückgetrieben zu sehen.
-Tom spitzte die Ohren, sobald eine Gruppe Neugieriger den Saal
-verließ, hörte aber nur Schlimmes und Schlimmeres, die Kette der
-Beweise schloß sich von Minute zu Minute eherner und unerbittlicher
-um den armen Potter. Am Schluß der zweiten Tagessitzung hieß es, daß
-des Indianer-Joe Aussage fest und unerschütterlich gleich einer Mauer
-stünde, und darüber, wie das Verdikt der Geschworenen ausfiele, könne
-kaum noch ein Zweifel bestehen.
-
-An diesem Abend trieb sich Tom noch sehr spät draußen herum, kam
-durch's Fenster heim und befand sich in einem Zustand furchtbarster
-Aufregung. Stundenlang wälzte er sich auf seinem Lager, ehe er
-einschlafen konnte.
-
-[Illustration]
-
-Des andern Morgens strömte die ganze Stadt dem Gerichtssaal zu, denn
-heute war ja der große Tag, an dem die Entscheidung fallen sollte.
-Beide Geschlechter waren zahlreich vertreten unter der dicht gedrängten
-Zuhörerschaft. Nach langer Pause des Wartens traten die Geschworenen
-in den Saal und nahmen ihre Plätze ein. Kurz danach brachte man Potter
-herein, bleich, hohlwangig, in Ketten. Verschüchtert und hoffnungslos
-saß er da, während all die neugierigen Augen ihn erbarmungslos
-anstarrten. Ebenso fiel der Indianer-Joe auf, der stumpfsinnig
-dreinstierte, wie gewöhnlich. Eine neue Pause folgte, dann erschien
-der Richter, und der Sheriff verkündete den Beginn der Verhandlung.
-Das übliche Köpfe-Zusammenstecken und Geflüster der Advokaten und
-das Rascheln und Zurechtkramen der Papiere folgte. Alles dies, in
-Verbindung mit den daraus entstehenden Verzögerungen, bildete eine
-ebenso eindrucksvolle als unheimliche Einleitung zu dem folgenden
-Drama.
-
-Nunmehr wurde ein Zeuge aufgerufen, welcher aussagte, daß er Muff
-Potter in frühester Morgenstunde des Tages, der die Entdeckung der
-Mordthat brachte, gesehen habe, wie sich derselbe am Bach wusch und
-sich sofort heimlich davon schlich, als er sich beobachtet sah. Nach
-einigen weiteren Fragen überwies der Staatsanwalt den Zeugen der
-beklagten Partei: »Der Herr Verteidiger hat das Wort.«
-
-Für einen Moment erhob der Angeklagte die Augen, senkte sie aber sofort
-nieder, als sein Verteidiger sagte:
-
-»Ich verzichte darauf.«
-
-Der nächste Zeuge beschwor, daß man das Messer in der Nähe der Leiche
-gefunden. Wieder wies der Staatsanwalt den Zeugen dem Verteidiger zu,
-und abermals verzichtete dieser auf jede Frage.
-
-Ein dritter Zeuge gab an, das Messer in dem Besitz Potters gesehen zu
-haben. Der Staatsanwalt überweist denselben zum dritten Mal an den
-Verteidiger:
-
-»Der Herr Verteidiger hat das Wort.«
-
-Und zum dritten Mal erwiderte dieser ruhig und kalt:
-
-»Ich verzichte!«
-
-Eine leise Unruhe begann sich im Publikum bemerkbar zu machen. Wollte
-dieser Verteidiger denn das Leben seines Klienten ohne jeglichen
-Versuch zur Rettung preisgeben?
-
-Mehrere Zeugen sagten aus, wie sich Potter unverkennbar schuldbewußt
-benommen, da man ihn zum Schauplatz der That gebracht. Auch sie konnten
-den Zeugenstand ohne weiteres Kreuzverhör verlassen.
-
-Jede Einzelheit der äußerst gravierenden Vorfälle, die an jenem
-denkwürdigen Morgen auf dem Friedhofe stattgefunden und deren sich
-jeder Anwesende erinnerte, wurde von glaubwürdigen Zeugen erhärtet,
-nicht einen dieser Zeugen aber unterwarf Potters Verteidiger auch
-nur dem kleinsten Verhör. Die Verblüffung und Unzufriedenheit des
-Publikums hierüber gab sich in lautem Murren kund, was von Seiten des
-Vorsitzenden einen Tadel und einen Verweis zur Folge hatte. Jetzt nahm
-der Staatsanwalt das Wort:
-
-»Durch den Eid ehrenwerter Männer erhärtet, deren einfaches Wort über
-jeden Verdacht erhaben ist, sehen wir uns gezwungen, das Verbrechen,
-um das es sich hier handelt, dem unglücklichen Beklagten zur Last zu
-legen. Wir halten den Fall hiemit für erwiesen.«
-
-Ein Stöhnen entrang sich des armen Potters gequälter Brust, er schlug
-die Hände vor's Gesicht und wiegte den Oberkörper hin und her, im
-Uebermaß des Schmerzes. Tiefes, lautloses, peinliches Schweigen
-herrschte im Hause. Manch hartes Mannesherz war bewegt, und der Frauen
-Mitleid bezeugte sich in Strömen von Thränen. Endlich ergriff der
-Verteidiger das Wort:
-
-»Meine Herren Richter und Geschworenen. -- Bei Beginn dieser
-Verhandlungen gaben wir unsre Absicht kund, zu Gunsten unseres Klienten
-geltend zu machen, daß er die furchtbare That in dem Zustand eines
-durch Uebermaß geistiger Getränke herbeigeführten sinnlosen Deliriums
-beging, ein Zustand, der an sich schon jede Verantwortung ausschließen
-sollte. Wir haben diese Absicht aufgegeben, wir werden uns hierauf
-nicht weiter berufen.«
-
-Sich zum Gerichtsdiener wendend rief er dann:
-
-»Man führe Thomas Sawyer vor!«
-
-Verwundertes Staunen zeigte sich auf jedem Antlitz, dasjenige Potters
-nicht ausgenommen. Jedes Auge haftete in steigendem Interesse an Tom,
-als dieser sich nun erhob und dem Zeugenstand zuschritt. Verwirrt genug
-sah der Knabe aus und war dabei augenscheinlich in höchster Angst. Das
-Verhör begann:
-
-»Thomas Sawyer, wo befanden Sie sich am siebzehnten Juni um die
-Mitternachtsstunde?«
-
-Tom streifte flüchtig mit seinem Blick die eiserne Stirn des
-Indianer-Joe, und die Zunge versagte ihm den Dienst. Atemlos lauschte
-die Menge, die Worte wollten nicht kommen. Nach ein paar Augenblicken
-jedoch raffte sich der Junge zusammen, es gelang ihm, Gewalt über seine
-Stimme zu bekommen, soweit wenigstens, daß er einem Teil des Hauses
-verständlich wurde:
-
-»Auf dem Friedhofe.«
-
-»Ein wenig lauter, bitte. Nur keine Angst! Sie waren also --«
-
-»Auf dem Friedhofe.«
-
-Ein verächtliches Lächeln zuckte über das Gesicht des Indianer-Joe.
-
-»Befanden Sie sich irgendwo in der Nähe vom Grabe des alten William?«
-
-»Ja, Herr Anwalt.«
-
-»Könnten Sie nicht ein klein wenig lauter reden? Wie nahe ungefähr
-waren Sie wohl?«
-
-»So nahe, wie ich hier bei Ihnen stehe.«
-
-»Hielten Sie sich versteckt oder nicht?«
-
-»Ich war versteckt.«
-
-»Wo?«
-
-»Hinter den Ulmen, die dort dicht beim Grabe stehen.«
-
-Der Indianer-Joe fuhr fast unmerklich zusammen.
-
-»War noch sonst jemand mit Ihnen?«
-
-»Ja, ich war dorthin gegangen mit --«
-
-»Halt, einen Augenblick. Wir wollen den Namen noch nicht hören, darauf
-kommen wir später zurück. Hatten Sie etwas mitgebracht?«
-
-Tom zögerte und sah verwirrt vor sich nieder.
-
-»Heraus damit, mein Junge, nur nicht ängstlich. Die Wahrheit zu reden
-ist immer ehrenhaft. Also, was hattest du bei dir?«
-
-Unbewußt war der Frager von dem förmlichen Ton eines öffentlichen
-Inquirenten in den aufmunternden, väterlichen verfallen, der unsrem
-Helden gegenüber weit mehr am Platze war. Dadurch ermutigt stammelte
-dieser zögernd:
-
-»Nur -- nur -- nur 'ne tote Katze!«
-
-Ein leises Gekicher ließ sich vernehmen, dem sofort Einhalt geboten
-wurde.
-
-»Wir werden uns späterhin erlauben, das betreffende Gerippe den Herrn
-Geschworenen als Beweis vorzulegen. Und jetzt, mein Sohn, erzähl' du
-mir alles, was du gesehen hast, erzähl's ganz schön auf deine Art,
-verbirg uns nichts, vergiß nichts und vor allem fürcht' dich nicht.«
-
-Tom begann -- stotternd, zögernd im Anfang, da er sich aber mit seinem
-Thema erwärmte, flossen ihm die Worte leichter und leichter. Nach ein
-paar Momenten erstarb jedes andere Geräusch im ganzen, weiten Saale,
-nur der Laut der klaren, hellen Knabenstimme war hörbar. Jedes Auge
-war auf den Jungen gerichtet, offnen Mundes, mit verhaltenem Atem
-folgte man seinen Worten, Richter, Geschworene, Publikum schienen der
-Welt entrückt, so gefesselt waren sie von der drastischen Schilderung
-der grausigen That. Die atemlose Erregung der Versammlung hatte ihren
-Höhepunkt erreicht, als der Junge sagte: »Und wie der Doktor mit
-dem Brett auf den Muff Potter einhieb und der umfiel, da sprang der
-Indianer-Joe mit dem Messer auf und --«
-
-Krach! Rasch wie der Blitz war der Indianer-Joe mit einem Sprung
-emporgeschnellt, dem Fenster zugestürzt, die ihm im Weg Stehenden
-zur Seite schleudernd, und ehe man zur Besinnung kam, hatte er sich
-hindurchgeschwungen und -- war verschwunden!
-
-
-
-
-Zweiundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Wiederum war Tom zum strahlenden Helden der Stadt geworden, -- ein
-Liebling der Alten, der Neid der Jugend. Sein Name wurde sogar durch
-den Druck unsterblich gemacht, das Blättchen der Stadt erging sich in
-vielen Lobpreisungen seiner Heldenthat. Einige seiner Mitbürger dachten
-allen Ernstes dran, daß er Aussicht haben könne, einstmals Präsident zu
-werden -- d. h., wenn er nicht zuvor gehenkt würde.
-
-Wie gewöhnlich schloß die unbeständige, gedankenlose Welt Muff Potter
-jetzt an ihr Herz, schmeichelte ihm und hätschelte ihn so ausgiebig,
-wie sie ihn zuvor beschimpft hatte. Da ihr dies Verfahren im Grund aber
-zur Ehre gereicht, wollen wir's nicht weiter tadeln.
-
-Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Entzückens, seine Nächte
-dagegen Zeiten des Grauens. Der Indianer-Joe spukte in all seinen
-Träumen, Tod und Vernichtung standen ihm im Gesichte geschrieben. Keine
-Versuchung, noch so groß, gab es nun, die den Jungen hätte bewegen
-können, nach Einbruch der Nacht sich hinaus zu wagen. Der arme Huck
-befand sich ganz im selben Zustand des Schreckens und Entsetzens, denn
-Tom hatte am Abend vor der letzten Gerichtsverhandlung dem Verteidiger
-von Muff Potter die ganze Sache haarklein gebeichtet und Huck
-zitterte davor, daß sein Anteil an der Geschichte doch noch ruchbar
-werden könnte, trotzdem ihm des Indianer-Joe Flucht die Qual eines
-öffentlichen Erscheinens vor Gericht erspart hatte. Der arme Bursche
-hatte freilich den Herrn Verteidiger beschworen, reinen Mund zu halten,
-und dieser hatte es ihm auch versprochen; aber welche Sicherheit bot
-ihm das? Seit die Gewissensqual Tom dazu getrieben, dem Verteidiger
-bei Nacht und Nebel jenes grause Geheimnis zu enthüllen, das ihm mit
-schauerlichen, unheimlichen Eiden für ewig auf die Lippen gesiegelt
-schien, war Hucks Vertrauen in das menschliche Geschlecht erschüttert,
-ja vernichtet. Alltäglich erfüllten Muff Potters rührende Dankesbeweise
-Tom mit Freude und Stolz, daß er geredet, und allnächtlich wünschte
-er inständig, das Geheimnis bewahrt zu haben. Einmal fürchtete Tom,
-man möchte den Indianer-Joe niemals erwischen, dann wieder entsetzte
-ihn der Gedanke, daß man ihn doch später finden könne. Er fühlte mit
-Bestimmtheit, daß er keinen ruhigen Atemzug mehr thun könne, ehe dieser
-Mensch nicht tot sei und er seine Leiche gesehen habe.
-
-Belohnungen waren ausgesetzt, die ganze Gegend durchsucht worden, aber
-kein Indianer-Joe wurde gefunden. Man hatte eines jener allwissenden,
-scheue Ehrfurcht einflößenden Wunderwesen, einen Detektiv aus St.
-Louis, verschrieben. Der schnüffelte umher, schüttelte sein weises
-Haupt, sah geheimnisvoll aus, und hatte denselben erstaunlichen Erfolg,
-den die meisten Angehörigen seines Berufes erringen, das heißt, er
-entdeckte, wie er sagte, ›den Schlüssel zum Rätsel‹. Da man aber
-besagten Schlüssel nicht des Mordes verklagen und henken konnte, fühlte
-sich Tom, nachdem der weise Mann gegangen, ebenso unsicher als zuvor.
-
-Die Tage schleppten sich langsam dahin, zum Glück aber nahm ein jeder
-neue Tag ein klein wenig von der Seelenangst mit sich hinweg, die auf
-dem armen Knaben lastete.
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-Dreiundzwanzigstes Kapitel.
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-[Illustration]
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-Es naht einmal eine Zeit in dem Leben eines jeden Jungen von echtem
-Schrot und Korn, wo er ein rasendes Verlangen empfindet, nach
-verborgenen Schätzen zu graben. Dies Verlangen nun überfiel eines Tages
-unsern Tom mit Allgewalt. Er wollte sich gleich mit Joe Harper in
-Verbindung setzen; dieser war jedoch nicht zu finden. Dann schaute er
-sich nach Ben Rogers um, und der war fischen gegangen. Zufällig stieß
-er auf Huck Finn, den ›Rot-Händigen‹, und in Ermangelung der andern war
-ihm dieser auch recht. Tom zog ihn beiseite an einen geheimen Ort und
-teilte ihm im Vertrauen den Plan mit. Huck war einverstanden. Huck war
-immer bereit, die Hand zu irgend einem Unternehmen zu bieten, welches
-Vergnügen versprach und kein Kapital erforderte, denn er hatte einen
-Ueberfluß von der Zeit, die _kein_ Geld ist.
-
-»Wo sollen wir graben?« fragte Huck.
-
-»Na, so 'n bißchen überall.«
-
-»Was? giebt's denn überall 'nen Schatz?«
-
-»Wie du nur so fragen magst! Die sind immer nur an ganz besonderen
-Plätzen. Mal auf 'ner Insel, dann in 'ner alten, verfaulten Kiste, die
-unter einem alten, vermoderten Baumstamm verscharrt ist, grad' da, wo
-der Schatten um Mitternacht hinfällt; gewöhnlich aber steckt der Schatz
-unter'm Boden eines Hauses, in dem's spukt.«
-
-»Wer steckt 'n denn da hin?«
-
-»Wer? Ei, Räuber natürlich, wer denn sonst? Etwa 'n Vikar, der die
-Sonntagsschule hält, was?«
-
-»Was weiß ich? Das weiß ich aber gewiß, ich würd' den Schatz nicht
-irgendwo vergraben, wenn er mein wär', sondern nehmen und ausgeben und
-lustig damit leben.«
-
-»Ich auch. Räuber aber machen's anders, die vergraben ihn immer und
-lassen ihn liegen.«
-
-»Und gucken gar nie mal danach?«
-
-»Nee. Sie wollen wohl, aber dann haben sie die Zeichen vergessen, oder
-sterben gewöhnlich. Na, auf jeden Fall liegt der Schatz da 'ne Ewigkeit
-und wird rostig. Und dann nach einiger Zeit entdeckt mal einer ein
-altes, gelbes Papier, auf dem steht, wie man die Zeichen finden kann,
-ein Papier, an dem man 'ne Woche lang und länger 'rum buchstabieren und
-entziffern muß, denn 's steht nichts weiter drauf, als geheimnisvolle
-Krakelfüße und Hieroglyphen.«
-
-»Hiero -- was?«
-
-»Hieroglyphen -- Bilder und Gekritzel und solches Zeug, von dem man
-meint, es habe keinen Sinn.«
-
-»Hast _du_ denn so 'n Papier, Tom?«
-
-»Nee.«
-
-»Na, und wo willst du denn da die Zeichen finden?«
-
-»Zeichen? Ich brauch' keine Zeichen. Ich weiß ja genau, daß der Schatz
-immer unter 'nem Spukhaus, oder auf 'ner Insel, oder unter 'nem alten,
-abgestorbenen Baum liegt, der noch einen Ast in die Höhe streckt. Na,
-wir haben ja die Jackson-Insel schon mal 'n bißchen abgesucht, dort
-können wir's noch mal probieren. Dann haben wir ja das alte, verfallene
-Spuknest, droben am Stillhausbach, und Haufen von alten, abgestorbenen
-Bäumen überall, -- Haufen, sag' ich dir!«
-
-»Na, und unter allen liegt einer vergraben?«
-
-»Unsinn! Du fragst wie du's verstehst. Natürlich nicht.«
-
-»Wie willst du dann aber wissen, welches der rechte ist?«
-
-»Ei, wir probieren's eben überall.«
-
-»Herrgott, Tom, da geht ja der ganze Sommer drauf.«
-
-»Das wohl! Gelt, wenn du dann aber 'nen alten Topf mit hundert
-blitzeblanken Dollars drin kriegst, oder 'ne Kiste voll Diamanten, dann
-wärst du nicht böse?«
-
-Hucks Augen glühten.
-
-»Das -- das wär' 'n Fressen für mich; das Geld genügte mir, die
-Diamanten ließ ich dir!«
-
-»Schon recht. Ich werf' sie nicht weg, sag' ich dir, Dummkopf! Ei,
-einer davon ist oft mehr wert, als zwanzig Dollars, 's giebt keinen,
-der nicht zum wenigsten sechzig, siebzig Cents oder 'nen Dollar gilt.«
-
-»Nee! Wahrhaftig?«
-
-»Na, das kann dir 'n Wickelkind sagen! Hast du denn nie mal einen
-gesehen, Huck?«
-
-»Nee. Nicht daß ich wüßte!«
-
-»O, Könige haben ganze Haufen davon.«
-
-»Na, ich kenn' aber keine Könige, Tom.«
-
-»Glaub's wohl! Nee, wenn du mal nach Europa gingst, könnt'st du sie in
-Scharen 'rumhopsen sehen.«
-
-»Hopsen die denn?«
-
-»Hopsen? -- Bist wohl verrückt? Nein, hopsen thun sie nicht.«
-
-»Na, was sagst du's denn?«
-
-»Däsbartel! Ich wollt' ja nur sagen, dann könnt'st du sie _sehen_, --
-nicht hopsen, natürlich, -- weshalb sollten sie denn hopsen? Ich meinte
-nur, so im allgemeinen würdest du 'ne Menge davon sehen, überall 'rum.
-Zum Beispiel den alten, buckeligen Richard.«
-
-»Richard -- wie heißt er weiter?«
-
-»Ei, Richard bloß, hat keinen anderen Namen. Könige haben nur einen
-Rufnamen.«
-
-»Wahrhaftig?«
-
-»Weiß Gott, sie haben nur einen.«
-
-»Na, wenn's ihnen recht ist, Tom, mir kann's eins sein. Ich möcht' aber
-kein König sein und nur so einen lumpigen Namen haben, grad' wie 'n
-elender Nigger. Aber sag' mal, wo wollen wir denn zuerst graben?«
-
-»Weiß selber nicht. Wie wär's, wenn wir uns mal zuerst an den alten
-Baum machten, da drüben auf dem Hügel über'm Stillhausbach?«
-
-»Mir recht!«
-
-So verschafften sie sich denn eine alte, ausgediente Hacke und Schaufel
-und machten sich auf ihren Marsch von drei Meilen. Heiß und außer
-Atem kamen sie an und warfen sich zum Ausruhen in den Schatten einer
-benachbarten Ulme, holten ihre Pfeifen hervor und dampften wacker drauf
-los.
-
-»So mag ich's,« sagte Tom.
-
-»Ich auch.«
-
-»Sag' mal, Huck, wenn wir hier 'nen Schatz finden, was willst du dann
-mit deinem Teil anfangen?«
-
-»Ich? Ei, ich eß' jeden Tag Kuchen und Pasteten, und trink' Wein und
-Sodawasser dazu. Und dann geh' ich in jeden Zirkus, der kommt und --
-na, ich will mir schon ein vergnügtes Leben machen!«
-
-»Und sparen willst du dir gar nichts?«
-
-»Sparen? Zu was?«
-
-»Ei, um später was zum Leben zu haben.«
-
-»Würd' mir nichts helfen, Tom. Mein Alter kommt gewiß mal wieder zum
-Vorschein, und wenn ich's nicht vorher thät', hätt' der bald genug mit
-allem aufgeräumt, darauf wett' ich. Was willst du denn mit deinem Teil
-anfangen, Tom?«
-
-»Ich? ich kauf' mir erst mal eine neue Trommel und ein richtiges
-Schwert und eine rote Krawatte und 'ne junge Bulldogge und dann -- dann
-verheirat' ich mich.«
-
-»Verheirat'st dich?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Tom, du -- bist wohl übergeschnappt?«
-
-»Wart' nur -- dann sollst du's erleben.«
-
-»Na, Tom, das ist einfach das Dümmste, was du thun kannst. Nimm nur
-mal meinen Alten und meine Mutter an. Nichts als Keilerei! Die haben
-immerzu aufeinander losgedroschen, das weiß ich noch ganz gut.«
-
-»Das will gar nichts sagen. Das Mädchen, das ich heirat', prügelt sich
-nicht herum.«
-
-»Tom, glaub's nicht, die sind alle gleich. Das Zuhauen versteht 'ne
-jede. Ueberleg' dir's noch ein Weilchen, sag' ich dir -- überleg'
-dir's. Wie heißt denn das Mädel?«
-
-»'s ist kein Mädel -- es ist ein Mädchen.«
-
-»Na, das kommt auf eins heraus. Mädel oder Mädchen, 's ist ganz
-dasselbe, gehupft wie gesprungen. Na also, wie heißt sie, Tom?«
-
-»Will dir's vielleicht später mal sagen. Jetzt nicht.«
-
-»Mir auch recht. Nur werd' ich, wenn du dich verheirat'st, noch viel
-alleiner sein als je.«
-
-»Nein, das sollst du nicht. Du kommst und wohnst bei mir. Na, jetzt laß
-uns aber vorwärts machen und an die Arbeit gehen.«
-
-Eine halbe Stunde lang gruben und schwitzten sie. Kein Erfolg. Noch
-eine halbe Stunde der Mühe und des Schweißes. Derselbe Erfolg. Jetzt
-sagte Huck:
-
-»Liegt so 'n Schatz immer so tief drunten?«
-
-»Manchmal, -- nicht immer. Gewöhnlich nicht. Wir haben eben vermutlich
-nicht den richt'gen Platz getroffen.«
-
-[Illustration]
-
-Sie wählten eine andere Stelle und fingen von neuem an. Etwas weniger
-rasch als im Anfang ging die Arbeit von statten, doch machten
-sie Fortschritte. Stillschweigend mühten sie sich eine Weile ab.
-Schließlich stützte sich Huck auf seine Schaufel, wischte sich mit
-seinem Aermel die Schweißtropfen von der Stirn und fragte:
-
-»Wo gehen wir nachher hin, wenn wir hier fertig sind?«
-
-»Ei, an den alten Baum, denk' ich, der dort auf dem Cardiff-Hügel
-hinter dem Haus der Witwe Douglas steht.«
-
-»Einverstanden! Wird uns aber die Witwe den Schatz nicht wegnehmen? Der
-Baum steht doch auf ihrem Boden.«
-
-»_Die_ uns wegnehmen? Sollt's mal probieren! Wer so 'nen Schatz findet,
-dem gehört er auch. 's kommt gar nicht drauf an, wo er gefunden wird.«
-
-Das lautete beruhigend. Die Arbeit schritt voran. Endlich sagte Huck:
-
-»Hol's der Geier! 's muß wieder der falsche Platz sein. Was meinst du?«
-
-»Sonderbar ist's, Huck, ich versteh's nicht recht. Manchmal steckt
-Hexerei dahinter. Vielleicht ist's jetzt auch hier so.«
-
-»Dummes Zeug! Hexen haben am Tag keine Macht.«
-
-»Wahr ist's, daran hab' ich nicht gedacht. Ach, jetzt weiß ich, was
-schuld ist! Was wir für einfältige Narren sind! Man muß ja doch erst
-wissen, wo der Schatten des Baumes um Mitternacht hinfällt, und da
-liegt der Schatz.«
-
-»Na, dann hol's der Teufel! Dann ist ja die ganze Graberei umsonst
-gewesen. Hol's der Henker, alles mit'nander, müssen also in der Nacht
-den scheußlich weiten Weg noch einmal machen! Kannst du los kommen?«
-
-»Freilich kann ich. Heut' nacht muß es jedenfalls sein, denn wenn einer
-kommt, und sieht die Wühlerei und die Löcher, dann weiß er gleich,
-was los ist, macht sich selber dahinter und schnappt uns am Ende die
-Bescherung vor der Nase weg.«
-
-»Gut also. Ich werd' diese Nacht kommen und miauen.«
-
-»Schön. Komm her, wir verstecken unsre Hacke und Schaufel im
-Gebüsch.« --
-
-Zur festgesetzten Zeit waren denn auch die Jungen in der Nacht an
-Ort und Stelle. Wartend saßen sie im Schatten. Es war ein einsamer
-Ort und eine von Alters her feierliche Stunde. Geister flüsterten im
-raschelnden Laube, Gespenster lauerten in dunkeln Ecken und Winkeln,
-das dumpfe, tiefe Gebell eines Hundes erscholl aus der Ferne, dem
-eine Eule mit hohler Grabesstimme antwortete. Diese ahnungsvolle
-Feierlichkeit der Stunde lastete auf den beiden Jungen, sie sprachen
-wenig. Nach einer Weile, als sie dachten, nun müsse Mitternacht da
-sein, machten sie einen Strich, wo der Mondschein den Schatten des
-Baumes hinwarf, und begannen zu graben. Ihre Hoffnungen stiegen.
-Das Interesse wuchs, und der Fleiß hielt ehrlich Schritt. Das Loch
-wurde tiefer und tiefer, aber jedesmal, wenn sie die Hacke auf etwas
-Festes aufklingen hörten und ihnen das Herz voll freudiger Erwartung
-laut klopfte, war's nichts als erneute Enttäuschung. Ein Stein war's
-gewesen, oder ein alter Holzknüppel! Endlich sagte Tom:
-
-»Es nutzt nichts, Huck, 's ist wieder der falsche Platz.«
-
-»'s kann nicht sein, Tom, wir haben ja den Schatten auf's Haar
-abgezirkelt.«
-
-»Weiß ich. Aber da ist noch was anderes.«
-
-»Was denn?«
-
-»Ja sieh'. Wir haben doch die Zeit nur so ungefähr erraten. Am Ende
-war's zu spät oder zu früh.«
-
-Huck ließ die Schaufel sinken.
-
-»Das ist's, weiß Gott!« sagte er. »Da liegt der Hund begraben! Ich
-meine, wir lassen die Sache bleiben. Wie sollen wir je die richtige
-Zeit herausfinden, und außerdem -- 's ist so gruselig hier um die Zeit
-in der Nacht mit all den Geistern und Gespenstern, die nur so in der
-Luft herum flattern. Ich mein' immerzu, 's stünd' einer hinter mir,
-aber ich fürcht' mich herumzuschauen, weil ja auch einer vor mir sein
-könnt', der nur auf die Gelegenheit wartet, bis ich den Kopf dreh'.
-Seit ich hier bin, läuft's mir fortwährend eiskalt über den Rücken!«
-
-»Mir geht's beinah' ebenso, Huck. Weißt du, meistens liegt auch bei so
-'nem Schatz irgend ein toter Mensch vergraben, der Wache halten soll.«
-
-»Herr, du mein Gott!«
-
-»Ja, so ist's, das hab' ich oft gehört.«
-
-»Tom, ich befaß' mich nicht gern mit den Toten. Die machen einem immer
-nur Ungelegenheiten.«
-
-»Ich hab' auch keine Lust, sie aufzuwecken. Denk' mal, wenn der hier
-plötzlich seinen Schädel 'raus streckte und was sagen wollte.«
-
-»Tom, Tom, hör' auf. 's ist schauerlich!«
-
-»Das ist's, Huck. Mir ist auch kein bißchen wohl dabei, sag' ich dir.«
-
-»Komm, Tom, wir stecken's auf und graben mal wo anders.«
-
-»Gut, 's ist am End' besser.«
-
-Tom dachte ein Weilchen nach und sagte dann:
-
-»Im Gespensterhaus. Das ist der richt'ge Ort!«
-
-»Hol's der Geier. Ich mag keine Häuser, in denen's spukt, Tom. Weiß
-Gott, Gespenster sind fast noch schlimmer als tote Menschen. Die mögen
-meinethalben mal plötzlich, ohne daß man dran denkt, den Mund aufthun
-und einen erschrecken, aber die kriechen doch nicht herum in ihren
-Leichentüchern wie die Gespenster, und sehen einem plötzlich über die
-Schulter, wenn man gar nicht an sie denkt, und klappern mit den Zähnen
-und Beinern. Das könnt' ich nicht aushalten, Tom, -- kein Mensch könnt'
-so was.«
-
-»Ja, aber, Huck, Gespenster spuken doch nur in der Nacht. Am Tag werden
-sie uns dort am Graben nicht hindern.«
-
-»Das ist wohl wahr. Aber du weißt selber, daß keiner hier gern dem
-Gespensterhaus nah' geht, bei Tag nicht und nicht bei Nacht!«
-
-»Na, das ist doch auch nur, weil mal einer da ermordet worden ist.
-Aber gesehen hat man nie was Unheimliches in der Nacht um das Haus
-herum, höchstens mal 'n blaues Licht am Fenster vorbeihuschen, -- keine
-richtigen Gespenster.«
-
-»Na, wo du aber so 'n blaues Flämmchen siehst, Tom, kannst du Gift
-drauf nehmen, daß 'n Geist dicht dahinter ist. Das ist doch so klar wie
-was! Denn wer anders als Geister braucht so'n Licht?«
-
-»Das kann sein. Aber auf keinen Fall kommen sie bei Tag heraus. Also
-brauchen wir uns gar nicht zu fürchten.«
-
-»Gut, mir soll's recht sein. Wir wollen das Gespensterhaus vornehmen.
-Aber -- aber ich glaub' riskiert ist's doch!«
-
-Unter diesem Geplauder waren sie am Fuß des Hügels angelangt. Dort,
-inmitten des mondbeglänzten Thales, stand das ›Gespensterhaus‹,
-gänzlich vereinsamt, mit längst verfallener Umzäunung. Ueppig rankendes
-Unkraut überzog Treppenstufen und Thürschwelle, der Schornstein war
-in Trümmer zerfallen; leer starrten die Fensterhöhlen, ein Teil des
-Daches war eingesunken. Eine Weile blickten die Jungen unverwandt
-auf den gespenstischen Ort, immer halb in Erwartung, die blauen
-Flämmchen hinter den Fenstern vorbeihuschen zu sehen. Sie sprachen im
-Flüstertone, wie es zu Zeit und Umständen paßte. Dann rissen sie sich
-los von der unheimlichen Stätte, die sie in weitem Bogen umkreisten,
-und schlugen sich heimwärts durch die Wälder, welche die Rückseite des
-Cardiff-Hügels mit ihrem Grün schmückten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vierundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Um die Mittagsstunde des nächsten Tages fanden sich die Jungen wiederum
-am Schauplatz ihrer nächtlichen Thaten ein, um ihr Werkzeug zu holen.
-Tom war sehr ungeduldig und konnte gar nicht schnell genug nach dem
-›Gespensterhaus‹ kommen. Huck, etwas gemäßigter in seinem Eifer, sagte
-plötzlich:
-
-»Sag' mal, Tom, weißt du, was heut' für 'n Tag ist?«
-
-Tom ließ im Geiste die Wochentage an sich vorüber ziehen und hob dann
-den Kopf erschreckten Blickes:
-
-»Ei, der Tausend, daran hab' ich gar nicht gedacht, Huck.«
-
-»Na, ich zuerst auch nicht. Mit einem Male aber fiel's mir siedend heiß
-ein, daß heut' Freitag sei.«
-
-»Potz Blitz! man kann doch nie vorsichtig genug sein, Huck. Wir hätten
-schön in die Patsche geraten können, wenn wir mit so was am Freitag
-angefangen hätten.«
-
-»Hätten geraten können? Ich sag' _wären_ geraten! 's giebt Glückstage,
-aber der Freitag ist keiner!«
-
-»Das weiß jeder Narr. Du denkst doch nicht, daß du der erste bist, der
-das herausgefunden, Huck?«
-
-»Hab' ich das vielleicht gesagt? Und der Freitag allein ist noch nicht
-alles, -- hab' 'nen scheußlich schlechten Traum gehabt, heut' nacht --
-hab' von Ratten geträumt.«
-
-»Ist's möglich? Na, 'n sichres Zeichen von Pech. Bissen sie sich
-herum?«
-
-»Nein.«
-
-»Na, dann ist's gut, Huck. Wenn sie sich nicht herumbeißen, soll's nur
-bedeuten, daß irgendwo Unheil lauert, weißt du. Da brauchen wir einfach
-nur die Augen gut aufzumachen und dem Pech aus dem Weg zu gehen. Auf
-jeden Fall aber wollen wir's heut' sein lassen und lieber spielen.
-Kennst du Robin Hood, Huck?«
-
-»Nee, wer ist's?«
-
-»O, der war einer der größten Männer, die je in England lebten, und der
-Beste dazu. Er war ein Räuber.«
-
-»Patent! Wollt' ich wär's. Wen hat er denn beraubt?«
-
-»Ei, nur Sheriffs und Bischöfe und reiche Leute und Könige und
-dergleichen. Die Armen aber ließ er ganz in Ruhe, die hatte er lieb.
-Mit denen hat er immer alles ganz brüderlich geteilt.«
-
-»Das muß ja 'n Staatskerl gewesen sein.«
-
-»Das war er, weiß Gott, Huck. Das war einfach der beste Mensch, der je
-gelebt hat. So giebt's jetzt gar keine Menschen mehr, sag' ich dir. Der
-konnte jeden Mann in England zwingen mit _einer_ Hand, man durfte ihm
-die andere festbinden. Und dann nahm er seinen Eiben-Bogen und traf
-jedes Zehn-Centstück auf anderthalb Meilen Entfernung.«
-
-»Was ist denn ein Eiben-Bogen?«
-
-»Was weiß ich? Eben irgend ein Bogen natürlich. Und wenn er dann das
-Geldstück nur am Rande traf, statt in der Mitte, da setzte er sich hin
-und weinte -- und fluchte. Komm', laß uns Robin Hood spielen, 's ist
-fein, sag' ich dir. Ich zeig's dir, wie.«
-
-»Mir recht.«
-
-So spielten sie denn Robin Hood den ganzen Nachmittag, hie und da einen
-sehnsüchtigen Blick nach dem alten ›Gespensterhaus‹ da unten werfend
-und sich über die Aussichten und Möglichkeiten des folgenden Tages
-unterhaltend. Als die Sonne bedenklich gen Westen sich neigte, schlugen
-sie den Heimweg ein, quer durch die langen Schatten, welche die Bäume
-nun warfen, und waren bald in den Wäldern des Cardiff-Hügels dem Auge
-entschwunden. --
-
-Am Sonnabend, kurz nach der Mittagsstunde, stellten sich die Jungen
-wieder an jenem bewußten alten Baume ein. Erst rauchten und schwatzten
-sie ein Weilchen im Schatten desselben, dann wühlten sie noch ein wenig
-in ihrem letzten Loch herum, nicht sehr hoffnungsvoll allerdings,
-sondern nur, weil Tom meinte, es sei schon so oft vorgekommen, daß
-man beim Schatzgraben dem gesuchten Schatz auf sechs Zoll Entfernung
-nahe gekommen und das Ding darnach mutlos aufgegeben habe, nur damit
-ein anderer dann mit einem einzigen Spatenstich die ganze Herrlichkeit
-entdecke. Die Sache schlug indes wieder fehl, und so schulterten die
-Jungen ihr Werkzeug und gingen davon, in dem erhebenden Bewußtsein,
-mit dem Glück nicht gespielt zu haben, sondern im Gegenteil jedes
-Erfordernis getreulich erfüllt zu haben, das zu dem Geschäft des
-Schatzgrabens gehört.
-
-Als sie das Gespensterhaus erreichten, lag etwas so Schauerliches
-und Unheimliches in der Totenstille, die dort unter der sengenden
-Sonnenglut herrschte, etwas so Bedrückendes in der Einsamkeit und
-Verlassenheit des Ortes, daß die Jungen einen Moment lang sich nicht
-getrauten hinein zu gehen. Dann schlichen sie nach der Thür und
-hielten zitternd Umschau. Sie sahen eine mit Unkraut überwucherte
-Stube vor sich, den Boden ohne Dielen, die Wände ohne Bewurf, mit
-einem eingesunkenen Kamin, mit leeren Fensterhöhlen und einer halb
-verfallenen Treppe. Allenthalben hingen Fetzen von verstäubten,
-verlassenen Spinngeweben herum. Vorsichtig, zögernd traten die Jungen
-ein, beschleunigten Pulses, im Flüsterton redend, gespitzten Ohres,
-bereit, den geringsten Laut aufzufangen, die Muskeln gespannt, um
-jeden Moment zum Rückzug bereit zu sein.
-
-[Illustration]
-
-Bei näherer Bekanntschaft mit dem Ort verringerte sich allmählich
-ihre Furcht, und unsere beiden Helden unterwarfen die Lokalität einer
-genauen und eingehenden Prüfung, nicht ohne dabei im stillen ihre
-eigene Kühnheit zu bewundern und zugleich darob zu erstaunen. Unten
-fertig, wollten sie sich nun auch oben umsehen. Das hieß so viel, als
-sich den Rückzug abschneiden, aber sie waren nun einmal im Zuge, sich
-gegenseitig im Herausfordern der Gefahr zu überbieten, und so warfen
-sie denn ihr Werkzeug in einen Winkel und stiegen hinauf. Oben fanden
-sie dieselben Zeichen des Verfalls. In einem Winkel entdeckten sie
-einen Wandschrank, der irgend ein Geheimnis zu bergen versprach, --
-dies Versprechen war aber Täuschung und Betrug: der Schrank war leer.
-Der Mut schien ihnen nun voll und ganz wiedergekehrt, und eben waren
-sie im Begriff, hinunter und an die Arbeit zu gehen, als --
-
-»Sscht!« sagte Tom.
-
-»Was giebt's?« flüsterte Huck, vor Schreck erbleichend.
-
-»Sscht! Da! Hörst du?«
-
-»Ja! O, du meine Güte! Laß uns rennen!«
-
-»Still, halt dich ruhig und muckse dich nicht. Sie kommen grad' auf die
-Thür los.«
-
-Die Jungen streckten sich auf dem Boden aus, spähten mit den Augen
-durch die Astlöcher in den Dielen und warteten zitternd vor verhaltener
-Furcht und Erregung.
-
-»Sie bleiben stehen -- nein -- sie kommen -- da -- da sind sie. Kein
-Wort mehr, Huck. Herrgott, wären wir doch mit heiler Haut aus der
-Patsche!«
-
-Zwei Männer traten ein. Jeder der Jungen sagte zu sich selber:
-
-»Der eine ist der alte, taubstumme Spanier, den man in der letzten Zeit
-ein- oder zweimal in der Stadt gesehen hat, -- den andern kenn' ich
-nicht.«
-
-›Der andere‹ war ein zerlumpter, ungekämmter Kerl, dessen Gesicht nicht
-eben einnehmend war. Der Spanier war in seine ›Serape‹ gehüllt, er
-hatte einen buschigen, weißen Schnauzbart; langes, weißes, wehendes
-Haar stahl sich unter seinem breiträndigen Hute vor, dazu trug er grüne
-Augengläser. Als sie herein kamen, redete eben ›der andere‹ mit leiser
-Stimme auf ihn ein. Sie ließen sich auf dem Boden nieder, das Gesicht
-der Thüre zugewandt und mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt. Der
-Sprechende fuhr in seinen Bemerkungen fort. Je länger er sprach, desto
-mehr verlor sich sein vorsichtiges Wesen und desto lauter wurden seine
-Worte.
-
-»Nein,« sagte er, »ich hab's mir überlegt, aber ich mag nicht. 's ist
-mir viel zu gefährlich.«
-
-»Gefährlich,« brummte der ›taubstumme‹ Spanier, zum größten Erstaunen
-der lauschenden Jungen, »Hasenfuß!«
-
-Diese Stimme ließ die Jungen voll Entsetzen erbeben und nach Atem
-ringen. Es war die Stimme des Indianer-Joe.
-
-Ein Schweigen folgte, dann sagte dieser:
-
-»Was giebt's wohl Gefährlicheres, als das letzte Stückchen, das ich
-dort drüben geliefert, -- damit wies er mit dem Finger nach der
-Richtung der Stadt, -- und ist da vielleicht was 'raus gekommen dabei?«
-
-»Das ist was anderes! Soweit flußaufwärts und kein anderes Haus in der
-Nähe! Wie soll überhaupt etwas 'raus kommen, wenn wir keinen Erfolg
-gehabt haben.«
-
-»Na, und was ist gefährlicher, als bei Tag hierher kommen? Ei jedem,
-der uns sähe, müßten wir doch verdächtig scheinen.«
-
-»Das weiß ich. Aber nach dem dummen Stückchen von neulich war kein
-Platz so gelegen. Ich muß weg aus der Bude hier! Hab's gestern schon
-gewollt, nur nutzte es nichts, da die verteufelten Jungens da oben beim
-alten Baum vor unserer Nase ihr Spiel trieben.«
-
-Die ›verteufelten Jungens‹ erbebten bei dieser Bemerkung und
-beglückwünschten sich innerlich, daß sie sich des Freitags erinnert und
-beschlossen hatten, einen Tag zu warten. Wie wünschten sie jetzt, statt
-eines Tages ein Jahr gewartet zu haben! Die zwei Männer kramten nun
-Nahrungsmittel aus und machten sich eine Mahlzeit zurecht. Nach einer
-langen, gedankenvollen Pause sagte der Indianer-Joe:
-
-»Will dir mal was sagen, Kamerad. Du machst dich wieder flußaufwärts,
-wo du hingehörst, und bleibst dort, bis du von mir Nachricht hast.
-Ich schleich' mich noch mal in die Stadt, geh's wie's will, und halt'
-Umschau. An das ›gefährliche Stückchen‹ gehen wir dann erst, wenn ich
-die Zeit dazu für gekommen halte. Dann auf und davon nach Texas!«
-
-Dieser Plan ließ sich hören und fand keinen Widerspruch. Die Männer
-begannen zu gähnen und Joe sagte:
-
-»Ich bin todmüde! An dir ist die Reihe zu wachen!«
-
-Er kauerte sich zusammen und begann alsbald zu schnarchen. Sein
-Kamerad stieß ihn ein paarmal an, worauf er stille ward. Alsbald
-begann der Wächter zu nicken, sein Kopf sank tiefer und tiefer, nun
-schnarchten beide Männer.
-
-Die Jungen holten tief und dankerfüllt Atem. Tom wisperte:
-
-»Jetzt gilt's, komm!«
-
-Huck erwiderte:
-
-»Ich kann nicht. Ich fiel' geradeswegs tot hin, wenn sie aufwachen.«
-
-Tom trieb, Huck zögerte. Schließlich erhob sich Tom vorsichtig und
-leise und schickte sich an, allein sein Heil zu probieren. Beim ersten
-Schritt aber, den er vorwärts that, krachte die alte, morsche Diele so
-laut und drohend, daß er plötzlich halbtot vor Schreck wieder umsank.
-Einen zweiten Versuch wagte er nicht. So lagen denn die Jungen und
-zählten die träge sich dahinschleppenden Sekunden, bis sie meinten,
-alle Zeit müsse aufgehört haben, ja die Ewigkeit schon grau geworden
-sein, und sie waren heißen Dankes voll, als sie bemerkten, daß die
-Sonne sich zu neigen begann.
-
-Einer der Schlafenden hörte jetzt auf zu schnarchen. Der Indianer-Joe
-richtete sich empor, starrte um sich, lächelte grimmig über seinen
-Kameraden, dessen Kopf auf die Kniee gesunken war, stieß ihn mit dem
-Fuße an und sagte:
-
-»Na, du bist ein Wächter, das muß ich sagen! Uebrigens einerlei, 's ist
-ja nichts passiert.«
-
-»Meiner Treu, -- ich hab' doch nicht -- hab' ich wirklich geschlafen?«
-
-»So 'n bißchen, sollt' ich denken. Na, Zeit zum Abzug für uns, Kamerad!
-Was thun wir mit dem bißchen Baren, das wir noch haben?«
-
-»Weiß ich's? Hier lassen, wie wir's immer gemacht haben, das wird wohl
-am besten sein. Können's doch nicht herumschleppen, bis wir nach dem
-Süden gehen. Sechshundertundfünfzig Dollars ist 'ne ordentliche Last!«
-
-»Na gut, -- schon recht! Liegt ja auch nichts dran, wenn wir noch mal
-hierher müssen.«
-
-»Nee, aber dann möcht' ich doch raten in der Nacht zu kommen, wie
-früher, 's ist doch besser für alle Fälle!«
-
-»Ganz gut, aber hör' mal zu. Es kann 'ne gute Weile dauern, eh' sich
-die rechte Gelegenheit findet zu dem Stückchen, das wir vorhaben. 's
-könnt' uns was zustoßen. 's ist an gar keinem so sehr guten Orte hier.
-Wir wollen's ordentlich vergraben, -- tief vergraben.«
-
-»Das ist 'ne gute Idee,« meinte der Kamerad, ging quer durch den Raum
-auf's Kamin zu, kniete nieder, hob einen von den hinteren Steinen
-desselben in die Höhe und nahm einen Beutel heraus, worin es bei der
-Berührung vielversprechend klang. Dem entnahm er zwanzig oder dreißig
-Dollars für sich selber, ebensoviel für den Indianer-Joe, und reichte
-dann den Beutel dem Letzteren, der in einer Ecke auf den Knieen lag und
-mit seinem langen und breiten Messer den Grund aufwühlte.
-
-Die Jungen vergaßen ihre ganze Angst und all ihr Elend in einem
-Augenblick. Mit glänzenden, gierigen Blicken folgten sie jeder
-Bewegung. Solches Glück! Der Strahlenglanz desselben überstieg jede
-Einbildungskraft! Sechshundert Dollars waren ja Geld genug, um ein
-halbes Dutzend Jungen reich zu machen. Das nannte man Schatzgraben
-unter den glücklichsten Umständen, da gab's keine hindernde
-Ungewißheit, wo man eigentlich nachzugraben habe. Sie stießen einander
-beständig an, mit beredten, leicht verständlichen Rippenstößen, die
-einfach bedeuten sollten: »Herrgott, bist du nun nicht froh, daß wir
-hier sind?«
-
-Joes Messer stieß auf etwas Hartes.
-
-»Holla,« sagte er.
-
-»Was giebt's?« fragte der andre.
-
-»Eine verfaulte Diele, -- nee 's ist 'ne Kiste, glaub' ich. Schnell,
-pack' an und wir wollen bald dahinter kommen, was die hier soll. Laß
-gut sein, ich hab' 'n Loch hinein gebrochen.«
-
-Er griff in die Kiste und zog die Hand sofort wieder heraus.
-
-[Illustration]
-
-»Mensch, 's ist Geld!«
-
-Die beiden Männer untersuchten nun die Handvoll Münzen. Es war Gold.
-Die Jungen oben waren ebenso entzückt, wie die zwei Strolche unten.
-
-Joes Kamerad sagte:
-
-»Damit wollen wir kurzen Prozeß machen. Dort liegt 'ne alte, rostige
-Hacke in der Ecke, drüben auf der andern Seite des Kamins. Ich hab's
-eben gesehen.«
-
-Er sprang hin und brachte die Hacke und Schaufel der Jungen herbei.
-Der Indianer-Joe nahm die Hacke, besah sie kritisch, schüttelte den
-Kopf, murmelte etwas in sich hinein und machte sich dann an die Arbeit.
-
-Die Kiste war bald bloßgelegt. Sie war nicht sehr groß, mit eisernen
-Bändern beschlagen und schien sehr stark gewesen zu sein, ehe der
-Zahn der Zeit sie benagt hatte. Die Männer starrten in glückseligem
-Schweigen nieder auf den gleißenden Schatz.
-
-Endlich flüsterte Joe:
-
-»Kamerad, das sind Tausende von Dollars.«
-
-»Man hat immer gemunkelt, daß Murrells Bande sich mal 'nen Sommer hier
-herumgetrieben hätte,« bemerkte der Fremde.
-
-»Weiß wohl,« bestätigte Joe, »und dies hier sieht, meiner Treu, ganz
-danach aus.«
-
-»Jetzt können wir auch das andre Stückchen aufgeben, was!«
-
-Der Halbindianer runzelte finster die Stirn. Dann sagte er:
-
-»Du verstehst mich nicht, wenigstens die Sache nicht, um die sich's
-handelt. 's ist mir diesmal nicht um's Stehlen, -- 's ist Rache, die
-ich haben will.« Dabei flammten seine Augen in grellem Feuer auf. »Dazu
-brauch' ich dich und deine Hilfe. Wenn wir das hinter uns haben -- dann
-auf nach Texas! Und jetzt mach' dich heim zu deiner Hanne und deinen
-Bälgern und wart' bis ich dich rufe.«
-
-»Soll mir recht sein! Was aber fangen wir mit dem da an -- vergraben's
-wieder?«
-
-»Ja. (Ueberwältigendes Entzücken oben.) Nein! Beim Henker, nein!
-(Tiefste Niedergeschlagenheit eine Treppe hoch.) Beinah' hätt' ich's
-vergessen. An der Hacke war ja frische Erde! (Den Jungen wurde wind
-und weh vor Schreck und Angst.) Was hat 'ne Hacke und Schaufel hier zu
-thun? Gar mit frischer Erde dran? Wer hat sie hergebracht -- und wo
-sind die Kerls hin? Hast du was gehört -- jemand gesehen? Was! Wieder
-vergraben, damit die Kerls nachher kommen und sehen, daß der Grund
-frisch aufgewühlt ist? Nee, so dumm sind wir nicht. Wir schleppen's in
-meine Höhle!«
-
-»Na, natürlich. Hätt' früher daran denken können. Meinst du Nummer
-Eins?«
-
-»Nein, Nummer Zwei, unter dem Kreuz. Der andre Platz ist nichts wert,
--- zu gewöhnlich.«
-
-»Mir auch recht! Bald wird's dunkel genug sein, um abziehen zu können.«
-
-Der Indianer-Joe erhob sich und ging von Fenster zu Fenster, immer
-vorsichtig hindurchspähend. Bald darauf sagte er:
-
-»Wer kann wohl das Werkzeug hergeschleppt haben? Am End' sind sie oben!«
-
-Den Jungen versagte der Atem. Der Indianer-Joe legte die Hand an das
-dolchartige Messer, das in seinem Gürtel steckte, hielt einen Moment
-überlegend inne, und wandte sich dann der Treppe zu. Die Jungen dachten
-an den Wandschrank, aber ihre Kraft hatte sie vollständig verlassen.
-Schon krachten die Tritte auf der Treppe, -- die fast unerträgliche Not
-ihrer Lage weckte die erlahmte Entschlossenheit der Jungen, -- eben
-wollten sie dem rettenden Schranke zufliehen, als sich ein Splittern
-und Krachen der morschen Balken vernehmen ließ und der Indianer-Joe
-inmitten der Treppentrümmer schleunigst wieder unten landete. Fluchend
-raffte er sich auf, und sein Kamerad sagte:
-
-»Zu was all den Umstand. Wenn's wirklich jemand ist und sich einige da
-droben versteckt halten, gut, laß ihnen ihr Vergnügen, was liegt dran?
-Wenn sie 'runter springen wollen und mit uns anbinden, so mögen sie nur
-kommen. In fünfzehn Minuten ist's dunkel, laß sie uns folgen, wenn sie
-wollen, mir sollt's recht sein. Meiner Meinung nach haben die Kerls,
-welche die Sachen hier ablegten, wer's nun immer gewesen sein mag, uns
-erblickt, uns für Geister, Teufel oder sonst was gehalten und sind
-davon gerannt. Die rennen noch, ich möcht' fast wetten.«
-
-Joe brummte noch eine Weile vor sich hin, dann stimmte er seinem
-Gefährten bei, daß sie das noch übrig bleibende Tageslicht benutzen
-müßten, um zur Flucht alles in Bereitschaft zu setzen. Kurz danach
-schlüpften sie im tiefsten Dämmerlicht aus dem Hause und schlugen mit
-ihrer kostbaren Last die Richtung nach dem Flusse ein.
-
-Tom und Huck erhoben sich, noch ganz zitternd, aber wie erlöst, und
-starrten den Männern durch die Spalten nach, die sich in den Wänden
-des Hauses befanden. Ihnen folgen? Das fiel ihnen nicht ein. Sie
-waren zufrieden, ohne gebrochenen Hals den sicheren Boden wieder zu
-erreichen, und wandten sich ohne Zögern dem über den Hügel nach der
-Stadt führenden Pfade zu. Sie redeten nicht viel zusammen, waren zu
-beschäftigt damit, sich selber gründlich Vorwürfe zu machen über die
-bodenlose Dummheit, Hacke und Spaten mit dorthin zu nehmen und liegen
-zu lassen. Ohne das hätte der Indianer-Joe niemals Verdacht gefaßt.
-Er hätte gewiß das Silber bei dem Golde verscharrt, bis er seine
-›Rachepläne‹ ausgeführt gehabt, und dann wäre ihm die überraschende
-Entdeckung geworden, daß beides verschwunden: Silber wie Gold!
-Schweres, bittres Verhängnis, daß sie die Werkzeuge mit dahin schleppen
-mußten! Sie beschlossen, diesem Spanier gut aufzupassen, wenn er sich,
-um eine Gelegenheit für seinen Racheakt auszukundschaften, wieder in
-der Stadt sehen ließe, und ihm dann nach ›Nummer Zwei‹ zu folgen, wo es
-auch sein möge. Plötzlich überkam Tom ein entsetzensvoller Gedanke:
-
-»Rache? Wenn er uns damit meint, Huck!«
-
-»Red' nicht so!« bat dieser, der bei der bloßen Idee vor Schreck
-beinahe umfiel.
-
-Dann besprachen sie den Gedanken hin und her, und als sie daheim
-anlangten, waren sie übereingekommen, daß er vielleicht sonst irgend
-jemand im Auge haben, oder wenigstens doch nur Tom meinen könne, da ja
-Tom allein gegen ihn gezeugt hatte.
-
-Ein schwacher, sehr schwacher Trost war es für Tom, allein in Gefahr
-zu sein. Einen Kameraden auch hierin zu besitzen, würde die Sache
-wesentlich erleichtert haben, so dachte er bei sich in seiner Unschuld;
-Huck aber schien andrer Meinung zu sein.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Fünfundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Am nächsten Morgen beim Erwachen erschienen Tom die Erlebnisse des
-verflossenen Tages wie ein böser, schwerer Traum. Er grübelte und sann,
-und je mehr er nachdachte und überlegte, desto mehr kam es ihm vor, daß
-er geträumt habe. So viel Geld auf einmal beisammen zu sehen konnte ja
-gar nicht Wirklichkeit sein. In seinem bisherigen Leben hatte er nie
-mehr als fünfzig Dollars auf einem Brett vor sich gesehen. Tausende von
-Dollars aber auf einem Haufen, das überstieg seine ausschweifendsten
-Vorstellungen, selbst von verborgenen Schätzen.
-
-Noch ganz benommen von seinen Hirngespinsten kleidete er sich an,
-schlang wie geistesabwesend sein Frühstück hinunter und machte sich
-alsbald auf, Huck zu suchen und sich von ihm die Bestätigung zu holen,
-daß alles nur Traum und Schaum gewesen. Er fand diesen am Ufer des
-Flusses in einem Nachen, mit den Beinen über den Bootrand baumelnd und
-mürrisch vor sich hin starrend.
-
-»Morr'n, Huck.«
-
-»Morr'n, Tom. Verdammtes Pech, das, mit der Hacke und Schaufel!«
-
-Also war's doch kein Traum, sondern greifbare, wirkliche Wirklichkeit!
-Tom erzählte Huck von seinen Gedanken diesen Morgen.
-
-»Schöner Traum!« brummte der als Antwort, »hätt' was Niedliches werden
-können, wenn die Stiege nicht zusammengekracht wär'. Mir hat's auch
-die ganze Nacht geträumt, aber nur von dem Teufel von Spanier und von
-seiner ›Nummer Zwei‹.«
-
-In Bezug auf diese rätselhafte Nummer ergingen sich die Jungen in
-allerhand Vermutungen. Schließlich kamen sie überein, es solle wohl die
-Nummer des Zimmers in irgend einer Herberge bedeuten, und Tom machte
-sich auf den Weg, es auszukundschaften.
-
-Nach einer halben Stunde kam er zu Huck zurück und erzählte diesem,
-daß von den beiden Wirtshäusern der Stadt wohl nur eins in Frage
-kommen könne, denn in Nummer Zwei des einen wohne schon seit lange ein
-allgemein bekannter und geachteter junger Mann. Nummer Zwei des andren
-Wirtshauses dagegen sei selbst dem Sohn des Hauses ein Geheimnis. Der
-sage, es werde immer geschlossen gehalten und nur bei Nacht höre er
-zuweilen Geräusch und sehe Licht darin. Er habe immer gedacht, es müsse
-dort spuken.
-
-»Das hab' ich entdeckt, Huck,« schloß Tom ganz erregt seinen Bericht.
-»Das ist so gewiß die Nummer Zwei, die wir suchen, so gewiß, wie ich
-hier vor dir steh'!«
-
-»Wird wohl so sein, Tom. Was sollen wir aber thun?«
-
-»Laß mich 'n bissel nachdenken.«
-
-Und Tom dachte eine lange Weile nach, dann sagte er:
-
-»Paß mal auf. Siehst du, die Hinterthür von der Nummer Zwei führt in
-den kleinen, engen Gang zwischen dem Wirtshaus und der alten Mausefalle
-von Ziegelbrennerei. Du kaperst nun alle Thürschlüssel, die du irgend
-erwischen kannst, und ich nehm' meiner Tante ihre, und in der ersten
-dunklen Nacht schleichen wir hin und probieren ob einer paßt. Daß du
-dich fein nach dem Spanier umsiehst! Der sagt ja, er wolle kommen
-und herumschnüffeln wegen seiner Rache. Und wenn du ihn entdeckst,
-dann folgst du ihm und siehst, ob er nach meiner Nummer Zwei geht,
-wenn nicht, ist's natürlich Essig! Also, heut' abend! Bring' nur brav
-Schlüssel mit!«
-
-Am Abend waren Huck und Tom bereit zu ihrem Abenteuer. Sie trieben sich
-in der Nachbarschaft der Herberge herum, konnten aber nirgends etwas
-Verdächtiges erspähen. Um ungesehen das Experiment mit den Schlüsseln
-vornehmen zu können, war die Nacht viel zu hell, und so zog sich denn
-Tom bald nach zehn Uhr zurück, heimwärts, dem warmen Neste zu, während
-Huck, der etwas länger aushielt, gegen zwölf in einem leeren Zuckerfaß
-für die Nacht unterkroch.
-
-Dienstag nacht verfolgte die Jungen derselbe Unstern, ebenso Mittwoch.
-Donnerstag endlich standen dicke Wolken am Himmel und versprachen eine
-schöne, dunkle Nacht. Beizeiten stellte sich Tom ein, bewaffnet mit der
-alten Blechlaterne seiner Tante und einem großen Handtuch, um dieselbe
-zu verhüllen. Er barg die Laterne in Hucks Zuckerfaß, und die Wacht
-begann. Eine Stunde vor Mitternacht wurde die Herberge geschlossen
-und ihre Lichter, die einzigen in der Nachbarschaft, ausgelöscht.
-Kein Spanier war gesehen worden. Niemand hatte den schmalen Gang auf
-der Rückseite des Hauses betreten oder verlassen. Alles schien dem
-Unternehmen günstig. Die schwärzeste Finsternis herrschte, und die
-Totenstille ringsum wurde nur hie und da durch fernes Donnerrollen
-unterbrochen.
-
-Tom lief nach seiner Laterne, zündete sie an, hüllte sie fest in das
-Handtuch und die beiden Abenteurer tasteten sich durch die Finsternis
-nach dem Wirtshaus hin. Huck stand Schildwache und Tom schlich sich in
-den dunklen Gang hinein. Nun kam eine Pause unerträglich heimlichen,
-angstvollen Wartens, die auf Hucks Gemüt lastete, gleich einem
-erdrückenden Berge. Er begann sich heiß nach einem wieder auftauchenden
-Strahl der Laterne zu sehnen, der ihm zeigte, daß Tom noch am Leben
-sei.
-
-Stunden schienen verflossen, seit Tom verschwunden war. Gewiß hatte
-er irgendwo das Bewußtsein verloren, war am Ende gar tot, vielleicht
-war ihm das Herz gebrochen vor Schreck und Aufregung. In seiner Angst
-rückte Huck dem Gäßchen näher und näher, den Kopf voll schrecklicher
-Befürchtungen und jeden Augenblick auf eine Katastrophe gefaßt, die
-ihm den Atem vollends benehmen würde. Viel Atem zum Wegnehmen blieb
-nicht übrig; er war kaum noch imstande, denselben fingerhutvollweise
-einzuziehen, und sein Herz mußte bei dem Tempo, in dem es schlug,
-baldigst ganz den Dienst versagen. Plötzlich blitzte ein Lichtstrahl
-auf, und Tom schoß keuchend an ihm vorüber.
-
-»Fort,« schrie er, »fort, wenn dir dein Leben lieb ist.«
-
-Ein Wiederholen der Warnung war unnötig, einmal genügte. Huck
-rannte mit Riesenschritten davon, als ob es hinter ihm brenne, Tom
-hinterdrein. So stürzten die Jungen unaufhaltsam davon, bis sie den
-Schuppen eines alten, unbenutzten Schlachthauses erreichten, am unteren
-Ende des Ortes. Gerade als sie unter dies Obdach geschlüpft waren,
-brach das Gewitter los und der Regen strömte nieder. Nachdem Tom zu
-Atem gekommen war, stöhnte er:
-
-»Ach, Huck, 's war gräßlich. Ich probierte erst zwei von den
-Schlüsseln, so leise ich konnte, die machten aber 'n solchen Lärm, daß
-mir übel und weh wurde vor Angst. Ich konnte sie auch gar nicht im
-Schloß umdrehen. Dann, ohne selber zu wissen, was ich thu', faß' ich
-nach der Klinke, drücke und -- auf springt die Thür. Sie war gar nicht
-verschlossen gewesen! Ich hinein, werf' das Tuch von der Laterne und --
-Heiliger Gott!«
-
-»Was -- was war's, Tom?«
-
-»Huck! Ich trat fast auf 'ne Hand, und wie ich näher hin seh', ist's
-dem Indianer-Joe seine.«
-
-»Puh!« stöhnte Huck wortlos.
-
-»Weiß Gott! Da lag er am Boden und schlief ganz fest, mit dem alten
-Pflaster über dem einen Aug' und weit ausgestreckten Armen.«
-
-»Um alles in der Welt, sprich, -- was hast du denn da gemacht? Ist er
-aufgewacht?«
-
-»Nee, der rührt sich nicht. Er muß betrunken gewesen sein. Ich greif'
-nur flink nach meinem Tuch und stürz' davon.«
-
-[Illustration]
-
-»Ich hätt' nicht mehr an das Tuch gedacht, das wett' ich.«
-
-»Na, aber ich! Tante Polly hätt' mir 'nen feinen Tanz aufgespielt, wenn
-ich's verloren hätt'!«
-
-»Hör' du, Tom, hast du die Kiste gesehen?«
-
-»Huck, nach der hab' ich mich gar nicht umgeschaut. Hab' keine Kiste
-und hab' auch kein Kreuz gesehen. Nichts hab' ich gesehen, als 'ne
-Flasche und 'nen Zinnbecher am Boden neben dem Indianer-Joe! Ja, zwei
-Fäßchen und viele Flaschen hab' ich noch außerdem im Zimmer gesehen.
-Weißt du jetzt, was in dem Zimmer spukt?«
-
-»Wieso?«
-
-»Dickkopf! Schnaps spukt drin, Schnaps! Und der Wirt dort gehört zum
-Mäßigkeitsverein! Ob wohl alle die Mäßigkeitsvereinler so 'n Spukzimmer
-haben? he, Huck?«
-
-»Wird wohl so sein! Wer hätt' aber so was gedacht? Sag' mal, du,
-Tom, wär' denn das nicht jetzt grad' die richt'ge Zeit, um die Kiste
-auszuführen? Wenn der Indianer-Joe doch betrunken ist.«
-
-»Ei, so versuch's doch!«
-
-Huck schauderte.
-
-»Nee, lieber nicht!«
-
-»Ich auch lieber nicht, Huck. Nur _eine_ Flasche leer neben dem Kerl,
-das ist nicht genug. Ja, wenn's drei gewesen wären, dann ließe sich
-weiter drüber reden!«
-
-Eine lange Pause des Nachdenkens folgte. Dann sagte Tom:
-
-»Paß mal auf, Huck. Ich mein', wir sollten das Ding gar nicht mehr
-probieren, bis wir sicher wissen, daß der Joe nicht drin ist. 's ist zu
-gruselig! Wir passen jede Nacht auf, und einmal muß er doch 'raus aus
-seinem Loch, dann wollen wir die Kiste schon kriegen, schneller als der
-Blitz.«
-
-»Mir recht. Ich will jede Nacht wachen, die ganze Nacht durch, wenn du
-nur den Rest besorgen willst.«
-
-»Gut, wollen's so machen. Du brauchst dann nur zu kommen und vor unsrem
-Haus zu miauen, und wenn ich schlaf', wirfst du mir 'ne Hand voll Kies
-ans Fenster, das wird mich schon wach kriegen!«
-
-»Topp, 's gilt!«
-
-»Jetzt ist's da draußen auch besser geworden, Huck, der Sturm hat
-aufgehört und ich muß heim. 's muß schon bald Morgen sein. Du gehst
-noch mal hin und wachst, willst du?«
-
-»Ich hab's gesagt, Tom, daß ich's thu', und ich thu's auch! Und wenns
-'n Jahr lang dauert, ich spuk' jede Nacht in dem Gäßchen dort herum.
-Bei Tag schlaf' ich und bei Nacht wach' ich.«
-
-»Schön. Aber wo wirst du schlafen?«
-
-»Auf Ben Rogers Heuboden. Der hat nichts dagegen und Onkel Jakob, --
-weißt du, der alte Nigger, der im Hause ist -- auch nicht. Dem hab' ich
-schon oft 's Wasser geschleppt, und er giebt mir manchmal was zu essen,
-wenn er selber was hat. 's ist 'n guter Nigger, Tom. Der hat mich gern,
-weil ich nie thu', als ob ich was Besseres wär'. Manchmal hab' ich
-mich, weiß Gott, schon hingesetzt und mit ihm gegessen. Das brauchst du
-aber niemand zu sagen, Tom. Wenn einer so gräßlich hungrig ist, thut er
-manches, was er sonst für gewöhnlich nicht thät'!«[6]
-
- [6] Unsere Geschichte spielt in der Zeit vor Aufhebung der
- Sklaverei.
-
-»Na, also Huck, wenn ich dich bei Tag nicht brauch', laß ich dich
-schlafen und stör' dich nicht weiter. Und wenn in der Nacht was los
-ist, springst du zu mir 'rüber und miaust.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Sechsundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Das erste, was Tom am Freitagmorgen hörte, war eine sehr angenehme
-Neuigkeit, -- Becky Thatcher war mit den Ihren am Abend vorher
-zurückgekehrt. Vor diesem Ereignis mußte der Indianer-Joe zusamt seinem
-Schatze in den Hintergrund treten, und Becky, die einzige Becky, nahm
-das ganze Interesse des Knaben ein. Er sah sie wieder, und die beiden
-verbrachten einen köstlichen Tag in Gesellschaft der Schulkameraden bei
-›Blindekuh‹ und ›Verstecken‹. Um das Glück des Tages voll zu machen
-hatte Becky von ihrer Mutter die Erlaubnis erwirkt, am folgenden Tage
-das längst geplante und immer wieder verschobene Picknick halten
-zu dürfen, was ungeheuren Enthusiasmus und Jubel erregte. Becky
-insbesondere war außer sich vor Entzücken, und Tom nicht minder. Vor
-Sonnenuntergang noch wurden die Einladungen herumgeschickt, und die
-sämtliche jugendliche Bevölkerung des Städtchens war in einem Fieber
-der Erwartung und der emsigen Vorbereitung. Toms Erregung hielt ihn bis
-zu später Stunde wach, wobei er immer auf Hucks Miau-Signal wartete.
-Wie herrlich wäre es gewesen, die Gesellschaft folgenden Tages mit dem
-aufgefundenen Schatze zu verblüffen! Diese Hoffnung aber trog, -- kein
-Signal störte die Ruhe der Nacht.
-
-Endlich tagte der Morgen, und um zehn oder elf Uhr sammelte sich
-eine lärmende, wonnetrunkene Gesellschaft vor dem Hause der Familie
-Thatcher. Alles war zum Aufbruch bereit. Aeltere Leute pflegten die
-Picknicks niemals durch ihre Gegenwart zu stören, die Kinder hielt man
-unter den Fittigen einiger junger Damen von achtzehn und einiger junger
-Herren von ungefähr vierundzwanzig Jahren für genügend beschützt. Man
-hatte für diese Gelegenheit die alte Dampffähre gemietet, und alsbald
-setzte sich die heitre, bunte Menge, beladen mit vielversprechenden
-Vorratskörben, die Hauptstraße hinunter in Bewegung. Sid war unwohl
-und mußte dem Vergnügen entsagen; Mary war ihm zum Trost und zur
-Gesellschaft zurückgeblieben. Das letzte, was Frau Thatcher zu Becky
-sagte, war:
-
-»Ihr werdet wohl spät zurückkommen, Kind, am Ende thust du besser, für
-diese Nacht bei einer deiner Freundinnen zu bleiben, die nahe beim
-Landungsplatz der Fähre wohnen.«
-
-»Dann bleib' ich bei Suschen Harper, Mama.«
-
-»Meinetwegen; und hörst du, daß du dich hübsch ordentlich beträgst und
-niemand zur Last fällst.«
-
-Als sie dann zusammen die Straße hinunter trabten, sagte Tom zu Becky:
-
-»Du -- paß' mal auf, was wir thun wollen. Anstatt daß wir mit Joe
-Harper heimgehen, steigen wir den Berg hinauf und bleiben die Nacht bei
-der Witwe Douglas. Die hat gewiß Gefrorenes, -- sie hat immer welches,
-ganze Haufen davon, und wird sich schrecklich freuen, wenn wir zu ihr
-kommen.«
-
-»O, das wird aber köstlich!«
-
-Danach überlegte sich's Becky aber doch einen Moment und meinte:
-
-»Was wird aber meine Mama dazu sagen?«
-
-»Ei, wie soll denn die's erfahren?«
-
-Wieder sann Becky ein Weilchen nach und sagte dann zögernd:
-
-»Recht ist's ja nicht -- aber --«
-
-»Aber, -- Unsinn! Deine Mutter erfährt's nicht, und was ist denn
-weiter Schlimmes dabei! Alles, was sie will, ist, daß du für die Nacht
-gut aufgehoben bist, und ich wette, sie hätt' dich ebensogut dorthin
-geschickt, wenn sie nur dran gedacht hätte. Das weiß ich ganz gewiß!« --
-
-Frau Douglas, die das größte und schönste Haus des Städtchens besaß
-und deren glänzende Gastfreundschaft die Wonne aller bildete, die sie
-je genießen durften, bewies sich als allzu verlockender Köder. Dieser
-und Toms Beredsamkeit trugen denn auch den Sieg davon und es wurde
-beschlossen, gegen niemanden etwas über das Programm für die Nacht
-verlauten zu lassen.
-
-Auf einmal fiel es Tom ein, daß Huck am Ende gerade in derselben
-Nacht kommen könne, um ihm das verabredete Zeichen zu geben. Dieser
-Gedanke trübte seine freudigen Erwartungen um ein Beträchtliches, aber
-er konnte sich doch nicht entschließen, den Plan mit Frau Douglas
-aufzugeben. Warum sollte er auch? Er dachte bei sich, in der Nacht
-zuvor sei ja auch alles ruhig geblieben, warum sollte das Signal gerade
-diese Nacht ertönen? Das sichere Vergnügen, das er sich vom Abend
-versprach, überwog bei weitem die unsichere Aussicht auf den Schatz,
-und recht wie ein Junge beschloß er, der stärkeren Neigung nachzugeben
-und sich für den Rest des Tages jeden Gedanken an die Geldkiste aus dem
-Kopf zu schlagen.
-
-Drei Meilen unterhalb der Stadt landete die Fähre in einer rings mit
-Wald umstandenen Bucht. Die fröhliche Gesellschaft schwärmte aus dem
-Boote, und bald tönten die Wälder und felsigen Höhen von Geschrei und
-Gelächter wieder. Alle die verschiedenen Methoden, sich heiß und müde
-zu machen, wurden der Reihe nach durchgegangen, bis allmählich einer
-nach dem andern von den Herumschwärmenden sich im Lager einstellte,
-ausgerüstet mit dem nötigen Appetit, und nun die Vertilgung der
-mitgebrachten leckeren Sachen beginnen konnte. Nach der Mahlzeit
-folgte ein erquickendes Ruhe- und Plauderstündchen im Schatten der
-breitästigen Eichen, bis dann jemand rief:
-
-»Wer kommt mit zur Höhle?«
-
-Alle waren sofort bereit, ganze Bündel von Kerzen wurden ausgekramt
-und es folgte ein allgemeines Erklettern des Hügels. Hoch oben lag
-die Mündung der Höhle, eine schwarze, gähnende Oeffnung, geformt wie
-der lateinische Buchstabe ~A~. Die massive, eichene Thür stand weit
-offen. Im Innern sah man zunächst eine schmale, kleine Kammer, kalt
-wie ein Eiskeller, von der Natur mit festen Kalkmauern umgeben, die
-viel Feuchtigkeit ausschwitzten. Etwas romantisch Geheimnisvolles lag
-darin, von diesem finstren, kalten Orte aus hineinzuschauen in das
-sonnbeglänzte, grüne Land. Der Zauber aber, der die Geister zuerst
-gefangen hielt, verlor bald seinen Reiz und das Herumtollen begann
-von neuem. Sobald irgend jemand versuchte, eine Kerze anzuzünden,
-stürzte sich alles darauf los und es entspann sich ein Kampf gegen den
-tapferen Verteidiger. Das Licht wurde ihm schließlich entrissen, zu
-Boden geworfen und ausgelöscht, worauf eine neue Hetzjagd mit demselben
-Ausgang folgte. Da aber jedes Ding sein Ende hat, so ordnete sich
-allmählich der Zug und bewegte sich vorsichtig den steilen Abstieg
-des Hauptgangs der Höhle hinunter. Mit düsterem, unruhigem Schein
-bestrahlte die flackernde Reihe der Lichter die mächtigen Felswände
-zu beiden Seiten, fast bis hinauf zu dem Punkte, wo sie in einer Höhe
-von etwa sechzig Fuß zusammenstießen. Dieser Hauptgang war nicht
-mehr als acht oder zehn Fuß breit. Alle paar Schritte zweigten andre
-hochgewölbte und noch engere Felsspalten nach beiden Seiten ab, denn
-die Mc. Douglas-Höhle war eigentlich nur ein ungeheures Labyrinth
-gewundener Gänge, die ineinander und wieder auseinander liefen und
-nirgends ein Ziel oder Ende hatten. Es hieß, daß man Tage und Nächte
-lang durch dies krause, verschlungene Gewirr von Spalten und Klüften
-wandern könne, ohne jemals ein Ende der Höhle zu finden; daß man
-hinunter und hinunter, tiefer und immer tiefer bis in's Innerste der
-Erde steigen könne und doch immer dasselbe finden würde -- Labyrinth
-unter Labyrinth in endloser Folge. Keiner kannte die Höhle ganz, das
-war ein Ding der Unmöglichkeit. Die meisten der jungen Leute kannten
-einen Teil derselben, und für gewöhnlich wagte sich niemand über diesen
-allgemein begangenen Teil hinaus. Tom Sawyer kannte von der Höhle nicht
-mehr als die andern.
-
-[Illustration]
-
-Der ganze Zug bewegte sich noch immer geschlossen den Haupteingang
-entlang, allmählich aber begannen sich Gruppen und Paare zu lösen und
-in den Seitengängen zu verschwinden. Hier flogen sie lautlos dahin
-durch die unheimlichen Gänge, uneingestandenen Grausens voll, und
-überraschten und erschreckten andere an Punkten, wo die einzelnen Gänge
-sich kreuzten oder auch zusammenliefen. Halbe Stunden lang konnte man
-sich so meiden oder finden, ohne sich jemals aus dem bekannten Teil der
-Höhle zu entfernen.
-
-Allmählich fand sich ein Teil der Gesellschaft nach dem andern wieder
-an der Mündung der Höhle ein, atemlos, fröhlich, glückselig, vom
-Kopf bis zu den Füßen mit Talg betröpfelt, mit Lehm beschmiert, aber
-entzückt, berauscht von dem genossenen Vergnügen des Tages. Man war
-erstaunt, daß es da draußen mittlerweile schon beinahe Nacht geworden
-war. Die Glocke der Fähre mahnte seit beinahe einer halben Stunde
-schrill zur Heimkehr. Dieser Schluß der Abenteuer des Tages war aber
-ganz nach dem Sinn der jugendlichen Gesellschaft, die gewohnt war,
-jeden Freudenkelch bis zur Neige zu schlürfen. Als die Fähre mit ihrer
-tollen Fracht in den Strom hinaus stieß, bedauerte nur einer an Bord
-die verschwendete Zeit der letzten Stunde, und das war der Kapitän.
-
-Huck war bereits auf seinem allnächtlichen Lauscherposten, als die
-Lichter der Fähre am Ufer vorüber glitten. Er hörte kein Geräusch
-an Bord, denn die jungen Leute waren zahm und still geworden, so
-zahm und still, wie man zu werden pflegt, wenn man sich in Lust und
-Uebermut totmüde getobt hat. Huck sann nach, was für ein Boot dies
-sein könne, und warum es nicht am gewöhnlichen Halteplatze anlege;
-dann wanderten seine Gedanken weiter, um sich voll und ganz auf sein
-Vorhaben zu richten. Die Nacht war wolkig und dunkel. Zehn Uhr kam, das
-Geräusch der Wagen erstarb, einzelne Lichter begannen zu erlöschen,
-der Fußgänger wurden weniger und weniger, das Städtchen bereitete
-sich zum nächtlichen Schlummer vor und überließ den kleinen Lauscher
-sich selber, dem rings herrschenden Schweigen und den Geistern der
-Finsternis. Elf Uhr nahte, auch die Lichter der Herberge erloschen,
-Dunkel überall. Huck harrte und lauschte, eine lange, bange Zeit, wie
-ihm schien. Nichts erfolgte. Sein Vertrauen begann zu wanken. Hatte
-dies geduldige Ausharren wohl irgend einen Wert? Würde es irgend einen
-Nutzen haben? Ob er's nicht viel besser ganz sein ließe und sich gar
-nicht weiter um die Sache kümmerte?
-
-Da schlug ein Geräusch an sein Ohr. Im Moment war er ganz atemlose
-Aufmerksamkeit. Eine Thüre schloß sich leise und sacht. Er sprang an
-die Ecke der kleinen Gasse, und fast gleichzeitig huschten zwei dunkle
-Gestalten an ihm vorüber, deren eine irgend etwas Gewichtiges unter dem
-Arme zu tragen schien. Das mußte die Geldkiste sein! Der Schatz wurde
-also fortgeschleppt! Sollte er nach Tom rufen? Das wäre hirnverbrannt
-gewesen, denn einstweilen konnten die Kerle mit der Beute Gott weiß
-wohin verschwinden -- auf Nimmerwiedersehen. Behüte, er wollte sich an
-ihre Sohlen heften und im sicheren Schutz der Dunkelheit ihrer Spur
-folgen. Während er so mit sich selber in's reine kam, war er behende
-hinter den Männern her geglitten, katzenartig, barfuß, denselben gerade
-genügend Vorsprung lassend, um sie noch im Auge behalten zu können.
-
-Eine Strecke weit gingen sie der Flußstraße entlang und bogen dann
-zur Linken in ein Seitengäßchen ein. Diese verfolgten sie bis dahin,
-wo ein Fußpfad nach dem Cardiff-Berge abzweigte, welchen sie nun
-einschlugen, dann ging's an des Wallisers Haus vorbei, höher und immer
-höher den Berg hinan. Schön, dachte Huck, die gehen zum Steinbruch und
-verscharren dort ihren Schatz. Nein weiter, immer weiter ging's, vorbei
-am Steinbruch, ohne Aufenthalt. Nun war die Höhe des Berges erreicht.
-Jetzt drangen sie auf schmalem Pfad in das dichte Sumachgehölz ein und
-waren auf einmal in der Dunkelheit verschwunden. Huck folgte rasch
-nach und verkürzte seinen Abstand, denn hier war eine Entdeckung
-ganz unmöglich. So trabte er eine Weile dahin, um dann doch wieder
-langsamere Schritte zu machen, aus Furcht, zu rasch vorwärts zu kommen.
-Noch ein paar Schritte, dann hielt er an, lauschte, -- kein Ton,
-keiner, außer dem Klopfen seines eignen Herzens! Der Schrei einer Eule
-klang aus dem Thal empor, -- unheilvoller Laut! Aber kein Fußtritt,
-kein noch so leises Knistern der Zweige! Großer Gott, war denn alles
-verloren? Eben wollte er sich in beschleunigtem Tempo vorwärts stürzen,
-als sich jemand, keine vier Fuß von ihm entfernt, räusperte. Sein Herz
-schien ihm in die Kehle zu fahren, doch entschlossen schluckte er's
-wieder hinab. Da stand er, zitternd wie Espenlaub, als ob ihn ein
-Dutzend kalter Fieber auf einmal gepackt hätte und schüttelte, bis ihm
-Hören und Sehen verging und er dachte, zu Boden sinken zu müssen vor
-Angst und Schwäche. Er wußte nun, wo er war. In der Entfernung von
-wenigen Schritten mußte sich der Zaun befinden, der das Eigentum der
-Witwe Douglas umzog. ›Um so besser,‹ überlegte er, ›wenn sie's hier
-verscharren, wird's 'ne kleine Mühe sein, es wieder aufzufinden.‹
-
-Jetzt hörte er eine leise Stimme, eine sehr leise Stimme, die er
-trotzdem erkannte, es war die des Indianer-Joe.
-
-»Hol' sie der Henker, hat sicher wieder Leute bei sich -- seh' noch
-Lichter, so spät's auch ist!«
-
-»Ich seh' gar nichts.«
-
-Es war jenes Fremden Stimme, -- des Fremden aus dem Geisterhause.
-Eiseskälte durchzuckte Hucks Herz. Das also war jener geplante
-›Racheakt‹. Sein erster Gedanke war Flucht. Dann dachte er daran,
-wie gütig die Witwe Douglas, die freundliche, schöne Dame, mehr als
-einmal gegen ihn, den armen Strolch, gewesen, und daß diese Schurken
-vielleicht im Sinn hätten, sie zu morden. Ach, wenn er nur den Mut
-hätte, sie zu warnen; aber das getraute er sich doch nicht, -- konnten
-die Kerle doch kommen und ihn abfangen. All dies und mehr noch schoß
-ihm durch's Hirn in dem einen Moment, welcher zwischen der Bemerkung
-des Fremden und der darauf folgenden Antwort des Indianer-Joe verfloß.
-
-»Na, der Busch steht dir im Weg, da schau mal hier hinaus, -- so --
-gelt, jetzt siehst du's?«
-
-»Jawohl, werden wohl Leute dort sein -- geben's besser auf, denk' ich.«
-
-»Aufgeben, eben, wo ich dem verdammten Land für immer den Rücken kehren
-will, aufgeben, um vielleicht nie wieder Gelegenheit zur Rache zu
-haben? Ich sag' dir's noch mal, wie ich's schon gesagt hab', keinen
-Pfifferling frag' ich nach ihrem Geld -- das kannst du haben. Aber ihr
-Mann war hart gegen mich, nicht einmal, nein, oft und oft, und vor
-allem war er der Hund von einem Richter, der mich wegen Landstreicherei
-immer wieder in's Loch steckte. Und das ist noch lang' nicht alles!
-Millionenmal nicht alles! _Durchpeitschen_ hat er mich lassen,
-durchpeitschen vor dem Gefängnis, wie einen Hund oder einen Nigger! Die
-ganze Stadt konnt's sehen! Durchpeitschen -- begreifst du das! Er kam
-meiner Rache zuvor und starb, -- sie aber soll's büßen!«
-
-»Du wirst sie doch nicht umbringen wollen? Das wirst du doch nicht
-thun, so'n hübsches, stattliches Frauenzimmer, und 'n gutes Herz hat
-sie auch für die Armen!«
-
-»Umbringen? Wer denkt daran? Ihn würd' ich abschlachten, wenn er da
-wär' -- sie nicht! Ein Frauenzimmer bringt man nicht um, wenn man sich
-rächen will -- Unsinn! Der geht's an die geliebte Fratze, man schlitzt
-ihr die Nasenflügel und stutzt ihr die Ohren!«
-
-»Herrgott, das ist --«
-
-»Behalt' deine Meinung für dich, bis du gefragt wirst, rat' dir's im
-Guten, 's wird wohl das beste für dich sein. Ich bind' sie auf ihr Bett
-fest; wenn sie sich hinterher verblutet, ist's meine Schuld nicht. Ich
-wein' ihr nicht nach! Du, Kamerad, wirst mir dabei helfen -- mir zulieb
--- deshalb hab' ich dich mitgenommen, denn allein brächt' ich's am Ende
-nicht fertig. Probierst du auszukneifen, so hau' ich dich nieder, das
-merk' dir! Und wenn ich dir den Rest geben muß, so kriegt sie auch
-eins, daß sie das Aufstehen vergißt, und dann soll mir einer dahinter
-kommen, wer das Geschäft besorgt hat.«
-
-»Na, wenn's denn sein muß, so muß es eben sein, dann los und dran! Je
-schneller, desto besser -- mir läuft's jetzt schon kalt über den Leib!«
-
-»Jetzt dran? -- wo die Leute auf sind? Du, paß mal auf, sonst trau' ich
-dir nicht mehr. Nichts da! -- gewartet wird, bis die Lichter aus sind,
-'s hat ohnehin keine Eile!«
-
-Huck wußte, daß nun ein Schweigen folgen müsse, -- ein Schweigen,
-schauerlicher und gefährlicher als die mörderischsten Reden. So hielt
-er denn seinen Atem an und trat behutsam und verstohlen einen Schritt
-zurück, den Fuß vorsichtig und fest niedersetzend, nachdem er zuvor auf
-einem Bein balancierte, sodaß er beinahe das Gleichgewicht verloren
-hätte. Noch einen Schritt rückwärts mit derselben Umständlichkeit,
-denselben Gefahren, einen und noch einen! Jetzt krachte ein Aestchen
-unter seinem Fuße. Der Atem blieb ihm beinahe aus, er lauschte. Kein
-Laut -- tiefstes Schweigen! Grenzenlos war seine Dankbarkeit. Jetzt
-drehte er sich lautlos und mit der äußersten Vorsicht um und verfolgte
-seinen früheren Pfad zwischen den hohen Sumachbüschen zurück. Schnell
-und behutsam glitt er dahin. Als er dann am Steinbruch aus dem Gehölz
-hervortrat, fühlte er sich geborgen. Nun lieh er seinen Sohlen
-Schwingen und flog den Berg hinunter, weiter, immer weiter bergab, bis
-er das Haus des alten Wallisers erreichte. Er trommelte an die Thüre
-und alsbald erschienen der Alte und seine beiden handfesten Söhne am
-Fenster.
-
-»Was zum Teufel ist denn los? Wer drischt dort an der Thüre? He, was
-wollt ihr?«
-
-»Schnell, macht auf -- ich sag' euch dann ja alles!«
-
-»Wer ist der Ich?«
-
-»Ei ich, der Huckleberry Finn. Schnell -- um Gottes willen macht auf!«
-
-»Sieh' mal einer, der Huckleberry Finn! Ist 'n Name, dem sich
-eigentlich nicht viele Thüren öffnen. Laßt ihn aber nur immer 'rein,
-Jungens, wollen mal hören, was er zu sagen hat.«
-
-»Sagt's um Gottes willen keinem Menschen, daß ich's euch gesagt hab',«
-waren Hucks erste Worte, als er ins Haus trat, »bitte, bitte, verratet
-mich nicht, sie würden mich ja umbringen, so gewiß ich hier steh', --
-aber die Witwe da oben ist schon oft und oft gut gegen mich gewesen,
-und ich will's sagen, wenn ihr versprecht, nicht zu verraten, daß ich's
-gewesen bin!«
-
-»Bei Gott, da muß was passiert sein, oder der Junge stellte sich nicht
-so an,« rief der alte Mann, »heraus damit, mein Sohn, und niemand soll
-je ein Sterbenswörtchen davon zu hören kriegen.«
-
- * * * * *
-
-Drei Minuten später stiegen der Alte und seine Söhne wohlbewaffnet
-den Berg hinan und drangen auf den Zehenspitzen vorsichtig in das
-Gehölz ein, die Flinten in der Hand. Huck begleitete sie nicht weiter.
-Er barg sich hinter einem großen Felsblock und lauschte. Zuerst ein
-drückendes, angstvolles Schweigen, das dann urplötzlich durch mehrere
-Schüsse und einen gellenden Aufschrei unterbrochen wurde. Näheres zu
-erfahren drängte es Huck nicht. Auf sprang er und fort und flog den
-Berg hinunter, so schnell ihn seine Füße zu tragen vermochten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Siebenundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-[Illustration]
-
-Als am Morgen des folgenden Tages, eines Sonntags, die ersten leisen
-Spuren der Dämmerung erschienen, tastete sich Huck durch das Halbdunkel
-den Berg hinauf und klopfte mit schüchterner Hand leise an die Thür des
-alten Wallisers. Die Hausbewohner schliefen noch, aber ihr Schlaf war
-infolge der aufregenden nächtlichen Abenteuer ein äußerst leiser und so
-ertönte alsbald eine Stimme vom Fenster:
-
-»Wer ist da?«
-
-Hucks ängstliche Stimme antwortete leise:
-
-»Laßt mich, bitte, ein -- ich bin's nur, Huck Finn!«
-
-»Ist 'n Name, dem sich diese Thür bei Nacht und bei Tag öffnet. Mein
-Junge, sei willkommen!«
-
-Das waren seltsam klingende Worte in den Ohren des kleinen Vagabunden,
-die angenehmsten, die er je gehört. Er konnte sich nicht erinnern, daß
-das Schlußwort des alten Mannes je zuvor in Bezug auf ihn angewandt
-worden wäre.
-
-Schnell wurde nun die Thüre geöffnet und er trat ein. Man bot Huck
-einen Stuhl und der Alte mit seinen Riesensöhnen kleideten sich in Eile
-an.
-
-»Und jetzt, mein Junge, hoff' ich, daß du einen ordentlichen Hunger
-mitgebracht hast, denn das Frühstück soll noch vor der Sonne auf dem
-Tisch stehen, und zwar ein gehöriges, das laß meine Sorge sein. Haben
-immer gedacht, ich und meine Jungens, du zeigtest dich gestern abend
-nochmal, hättest die Nacht bei uns bleiben müssen.«
-
-»Ich kriegte solche Angst,« sagte Huck, »daß ich den Berg hinunter
-stürzte. Ich fing an zu rennen, als die Schüsse krachten und rannte
-drei Meilen so weiter. Jetzt bin ich nur gekommen, weil ich gern was
-drüber gehört hätte, und vor Tag komm' ich, weil ich nicht gern den
-Teufeln in den Weg laufen möchte, -- selbst wenn sie tot wären.«
-
-»Armer Kerl, man sieht dir's weiß Gott an, was das für 'ne Nacht für
-dich war, aber wart' nur, du sollst 'n Bett haben, wenn du gefrühstückt
-hast. Nee, tot sind die Halunken leider nicht, mein Junge, und leid
-genug thut's uns. Deiner Beschreibung nach wußten wir den Ort ziemlich
-genau, an dem sie zu finden waren, wir schleichen also auf den
-Zehenspitzen 'ran, bis vielleicht auf fünfzehn Fuß Entfernung, und
-dunkel wie 'n Loch war's in den Büschen drin, da, auf einmal merk' ich,
-daß mich das Niesen ankommt. Ob das nicht Pech war! Will's natürlich
-zurückhalten, aber nee, keine Möglichkeit, 's wollt' kommen und 's kam
-auch mit Macht. So pust' ich denn los mit aller Gewalt. Ich war der
-Vorderste von uns, mit meiner Pistole in der Hand, und als nun das
-Niesen losging, entstand ein Rascheln vor uns im Gebüsch. Ich schrei:
-›Feuer, Jungens‹, und wir drei feuern denn auch nach der Richtung hin.
-Ja, prost die Mahlzeit! Die Kerle waren flinker als der Wind, wir aber
-hinterher wie die wilde Jagd, in die Wälder hinein. Gekriegt aber haben
-wir sie nicht. Ehe sie auskniffen, hat jeder von ihnen noch mal seine
-blaue Bohne abgeknallt, aber die sausten an uns vorbei und thaten
-keinen Schaden. Als sich das Geräusch ihrer Schritte verlor, gaben wir
-die Jagd auf und gingen hinunter in's Städtchen, um die Konstabler
-zu wecken. Die machten sich denn auch gleich auf und wollten am Ufer
-rekognoszieren, und sobald es Tag ist, sollen die Wälder abgesucht
-werden. Meine Jungens werden auch dabei sein. Wollt', einer könnt' uns
-die Kerle beschreiben, 's wär dann viel leichter für uns. Du wirst wohl
-nicht viel von den Schuften gesehen haben, dort oben in der Dunkelheit,
-was?«
-
-»Nee, aber unten in der Stadt hab' ich sie schon gesehen und bin ihnen
-von dort nachgegangen.«
-
-»Kapital! Na, dann los, mein Junge, wie sehen sie aus? Beschreib' sie
-mal so'n bißchen genau!«
-
-»Ei, einer davon ist der taubstumme Spanier, der seit 'n paar Tagen
-hier herum streicht, und der andre ist 'n gemein aussehender,
-zerlumpter --«
-
-»Schon genug, Junge, kenn' die Kerle! Hab' sie neulich mal da oben
-im Wald hinter der Witwe Douglas ihrem Haus gesehen, schoben ab, als
-ich in Sicht kam. Nun aber schnell fort mit euch, Jungens, sagt's
-fein dem Sheriff, was ihr da vom Huck gehört habt, könnt' morgen früh
-frühstücken!«
-
-Beide Söhne machten sich ohne Widerrede alsbald marschfertig. Als sie
-eben das Zimmer verlassen wollten, sprang Huck auf und rief flehend:
-
-»O, bitte, bitte, sagt's aber niemand, daß ich die Kerle angegeben,
-bitte, bitte!«
-
-»Gut, wenn du's nicht willst, Huck, aber eigentlich solltest du die
-Ehre haben von dem, was du gethan hast.«
-
-»O nein, nein. Bitte, verratet mich nicht!«
-
-Als die jungen Leute weg waren, sagte der Alte:
-
-»Sie verraten's nicht und ich thu's auch nicht. Aber sag' mal, warum
-willst du denn nicht, daß man's weiß?«
-
-Huck ließ sich auf keine weitere Erklärung ein, sondern sagte nur, er
-wisse schon mehr als zuviel von dem einen der Kerle und wolle um keinen
-Preis, daß der dahinter komme, sonst sei er, Huck, keinen Moment seines
-Lebens sicher.
-
-Noch einmal gelobte der alte Mann Verschwiegenheit und fragte dann:
-
-»Wie kamst du drauf, den Kerlen nachzuschleichen, Junge? Sahen sie dir
-verdächtig aus?«
-
-Einen Moment war Huck still und überlegte sich die Antwort, dann sagte
-er:
-
-»Ja, seht ihr, ich bin so 'ne Art Landstreicher, wenigstens sagen die
-Leute so, und da muß es wohl wahr sein. Na, da simulier' ich denn
-manchmal drüber nach in der Nacht und das läßt mich nicht schlafen, und
-ich denk' und denk', wie ich wohl anders werden könnt'. So war's wieder
-mal gestern nacht. Schlafen konnt' ich nicht und so bummel' ich denn in
-den Straßen herum, und als ich da in der Nähe von der Herberge an den
-alten Schuppen komm', lehn' ich mich mit dem Rücken dran, um nochmal
-besser nachzudenken. Na, da streichen dann plötzlich die zwei Kerls
-an mir vorbei, tragen etwas unterm Arm. Halt, denk' ich, die haben
-gestohlen. Einer rauchte und der andre wollte Feuer haben, so blieben
-sie nicht weit von mir stehen, und die Cigarren warfen einen Strahl auf
-die Gesichter und ich sah, daß der eine der taubstumme Spanier ist und
-der andre ein ruppiger, zerlumpter --«
-
-»Was, die Lumpen hast du auch gesehen beim Schein der Cigarren?«
-
-Das machte Huck für einen Moment unsicher, dann aber sagte er:
-
-»Nun ich weiß nicht -- aber es kommt mir vor, als ob ich sie gesehen
-hätte.« --
-
-»Dann liefen sie also weiter und du --«
-
-»Ich hinterher, ja, so macht' ich's. Wollt' mal sehen, was los sei,
-sie schlichen so verdächtig an den Häusern hin. Oben bei der Witwe
-Garten standen sie dann still, ich auch, und da hört' ich denn, wie der
-eine für die Frau bat und der andre, der Spanier, schwor, er wollte
-ihr schon die Fratze verderben, grad' wie ich's euch und euren Söhnen
-gestern abend --«
-
-»Was, der Taubstumme hat das gesagt?«
-
-Da! Nun saß Huck von neuem in der Patsche! Er hatte sein Bestes thun
-wollen, um den alten Mann abzulenken von der Spur, wer eigentlich der
-Taubstumme sei, und trotz aller Mühe und Vorsicht schien seine Zunge
-entschlossen, ihn wieder und wieder in Verlegenheit zu bringen. Umsonst
-versuchte er, sich aus der Klemme zu ziehen. Des Alten Auge ruhte so
-durchdringend auf ihm, daß er Versehen über Versehen machte. Da nahm
-der Alte das Wort:
-
-»Mein Junge,« sagte er, »vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten,
-mit meinem Willen soll dir keiner was zu leide thun; ich will dir schon
-helfen, kannst dich darauf verlassen! Der Spanier ist nicht taubstumm,
-soviel hast du nun schon verraten, ohne es zu wollen, das kannst du
-nicht mehr zurücknehmen. Du weißt aber noch mehr über den Kerl, was du
-nicht sagen willst. Komm mal her, Junge, vertrau mir, sag's, hab' keine
-Angst, du kannst mir trauen, ich verrat' dich keinem.«
-
-Huck starrte einen Moment in die ehrlichen Augen des alten Mannes, dann
-beugte er sich über den Tisch und flüsterte ihm ins Ohr:
-
-»'s ist ja gar kein Spanier, -- 's ist der Indianer-Joe!«
-
-Der Walliser sprang fast von seinem Stuhl auf vor Erstaunen, dann sagte
-er:
-
-»Jetzt ist mir alles klar. Als du gestern abend von Nasenschlitzen und
-Ohrenabschneiden sprachst, dacht' ich, 's sei 'ne Erfindung von dir,
-ein Weißer rächt sich nicht auf solche Art. Ein Indianer aber! Das
-ändert die ganze Sache!«
-
-Während des Frühstücks wurde die Unterhaltung fortgesetzt und im
-Verlauf derselben erzählte der alte Mann, er und seine Söhne hätten,
-ehe sie zu Bett gingen, eine Laterne angezündet und die Stelle dort
-oben am Zaun gründlich nach Blutspuren untersucht. Die hätten sie zwar
-nicht gefunden, aber dafür ein dickes Bündel --
-
-»_Ein Bündel?_«
-
-Wenn diese Worte Blitze gewesen wären, sie hätten nicht mit größerer
-Plötzlichkeit Hucks erblaßten Lippen entfahren können. Seine Augen
-starrten weit geöffnet, sein Atem kam stoßweise, während er mit Zittern
-der weiteren Rede des alten Mannes harrte. Dieser stockte, starrte
-hinwiederum Huck an, drei, fünf, zehn Sekunden lang und sagte dann:
-
-»Ja, ein Bündel Einbrecherwerkzeuge! Na, nu sag' aber mal, was mit dir
-los ist, Junge!«
-
-Huck war in seinen Stuhl zurückgesunken, erleichtert und dankbar
-aufatmend. Der Walliser sah ihn lange aufmerksam an, dann bestätigte er
-nochmals:
-
-»Ja, Diebswerkzeuge. Dir scheint ein Stein dabei vom Herzen zu fallen.
-Was hat dich aber denn so in Aufregung gebracht? Was hätten wir denn
-sonst finden sollen?«
-
-Wieder saß Huck in der Klemme! Das forschende Auge ruhte auf ihm, -- er
-hätte irgend etwas um eine annehmbare Ausrede gegeben. Nichts wollte
-ihm einfallen; der forschende Blick drang tiefer und tiefer, -- eine
-sinnlose Antwort stieg in ihm auf und da keine Zeit zum Ueberlegen war,
-so stieß er denn schwach hervor:
-
-»Sonntagsschulbücher, -- vielleicht.«
-
-Der arme Huck war zu befangen, um auch nur lächeln zu können, der alte
-Mann aber lachte, lachte aus vollem Halse, laut und herzlich, so daß
-alles an ihm vom Kopf bis zu den Füßen wackelte, und als er wieder
-zu Atem kam, meinte er, solch' ein Lachen sei wie bares Geld in der
-Tasche, denn es erspare einem lange Doktorsrechnungen. Dann fügte er
-bei:
-
-»Armer, kleiner Kerl, siehst ganz blaß und angegriffen aus, 's scheint
-dir gar nicht wohl zu sein. Kein Wunder, daß du ein wenig faselig
-geworden und aus dem Gleichgewicht geraten bist. Wird schon wieder
-besser werden. Ruhe und Schlaf sollen dich schon auskurieren, denk'
-ich.«
-
-Huck ärgerte sich schwer bei dem Gedanken, solch verräterische
-Erregung gezeigt zu haben, denn es waren ihm schon damals, als er die
-Schurken bei dem Zaun der Witwe belauschte, Zweifel gekommen, ob das
-mitgebrachte Paket der Schatz sei. Doch war dies immerhin nur Vermutung
-gewesen, die jetzt erst zur Gewißheit wurde. Die Kiste war also noch
-an ihrem alten Platz, und nun war's eine Kleinigkeit für Tom, wenn die
-beiden Halunken unter tags eingefangen wurden, am Abend nach jener
-bewußten Nummer zwei zu gehen und sich des Schatzes zu versichern.
-Alles schien herrlich im Zuge!
-
-Gerade als das Frühstück beendet war, klopfte es an die Thüre. Huck
-versteckte sich geschwind, denn es lag ihm gar nichts daran, mit dem
-letzten Ereignis in Zusammenhang gebracht zu werden. Der Walliser
-öffnete und ließ mehrere Herren und Damen herein, unter denen sich auch
-die Witwe Douglas befand. Dabei bemerkte er, daß noch andre Einwohner
-des Ortes truppweise den Hügel erstiegen, um sich den Schauplatz der
-nächtlichen Ereignisse zu besehen. Die Kunde von dem Vorgefallenen
-hatte sich also schon verbreitet.
-
-Nun mußte der Alte den Besuchern die Geschichte der Nacht bis in's
-kleinste berichten. Die Dankbarkeit der Witwe Douglas für ihre Rettung
-machte sich in warmen Worten Luft.
-
-»Verlieren Sie kein Wort weiter, Madam,« wehrte der Alte ab, »'s giebt
-einen, dem Sie zu viel größerem Danke verpflichtet sind, als mir und
-meinen Jungens, der will aber seinen Namen nicht genannt haben. Ohne
-den, sag' ich Ihnen, wären wir niemals dazu gekommen, die Halunken zu
-verjagen.«
-
-Dies erregte natürlich die allgemeine Neugierde in so hohem Grade, daß
-man darüber beinahe die Hauptsache vergaß. Der Walliser aber ließ sich
-durch die brennende Neugierde seiner Zuhörer, die sich durch deren
-Vermittlung nach und nach dem ganzen Städtchen mitteilte, nicht irre
-machen, sondern behielt sein Geheimnis wohlverwahrt bei sich. Als die
-Leute alles übrige in Erfahrung gebracht hatten, sagte die Witwe:
-
-»Gestern abend las ich noch im Bett und schlief ein, so fest, daß ich
-von dem ganzen Spektakel gar nichts hörte. Warum haben Sie mich denn
-nicht aufgeweckt?«
-
-»Na, das hielten wir für unnötig. Die Kerls kamen schwerlich wieder,
-das war so gut wie gewiß. Weshalb also Lärm schlagen und Sie
-unnötigerweise zu Tod erschrecken? Außerdem hab' ich meine drei Nigger
-für den Rest der Nacht als Wächter um Ihr Haus gestellt, Madam, die
-sind eben zurückgekommen.«
-
-Immermehr Leute kamen, und die Geschichte mußte nochmals erzählt und
-wieder erzählt werden, und immer so weiter, einige Stunden lang.
-
-Wie gewöhnlich an ereignisvollen Tagen war die Kirche -- es war gerade
-Sonntag -- frühzeitig und stark besucht. Das aufregende Ereignis wurde
-gehörig besprochen. Man erzählte sich, daß bis jetzt noch nicht die
-geringste Spur der Schurken aufgefunden worden sei.
-
-Nach dem Gottesdienst ging Frau Kreisrichter Thatcher auf Frau Harper
-zu, als diese mit der Menge den Hauptgang der Kirche hinabschritt, und
-fragte:
-
-»Meine Becky will heute wohl den ganzen Tag durch schlafen? Habe mir's
-doch gedacht, daß sie todmüde sein würde!«
-
-»Ihre Becky?«
-
-»Nun ja,« bestätigte die Frau Kreisrichter mit erschrockenem Blick.
-»Die ist doch diese Nacht bei Ihnen geblieben?«
-
-»Bewahre -- nein.«
-
-[Illustration]
-
-Frau Thatcher wurde blaß und sank in den nächststehenden Stuhl, gerade
-als eben Tante Polly, mit einer Freundin sich lebhaft unterhaltend,
-daher schritt.
-
-»Guten Morgen Frau Kreisrichter, Morgen Sally Harper, hab' da wieder
-mal 'nen Schlingel, der nicht heimgekommen ist. Denk' mir, er wird über
-Nacht bei Ihnen geblieben sein, bei der einen oder der andern. Fürchtet
-sich drum wohl in die Kirche zu kommen, hat ohnedies noch was bei mir
-im Salz liegen -- ha, ha!«
-
-Frau Thatcher, blässer als je, konnte nur leise verneinend den Kopf
-bewegen.
-
-»Bei uns ist er nicht,« sagte Frau Harper zögernd, sie fing auch an
-ängstlich zu werden. Eine plötzliche Furcht malte sich in Tante Pollys
-Antlitz.
-
-»Joe Harper, hast du meinen Tom heute morgen schon gesehen?«
-
-»Nein.«
-
-»Wann hast du ihn zuletzt gesehen?«
-
-Joe versuchte sich zu besinnen, konnte aber nicht ganz klar darüber
-werden.
-
-Man war allmählich auf die bestürzte Gruppe aufmerksam geworden. Die
-Leute blieben stehen, ein Flüstern ging durch die Menge, Unruhe und
-Sorge zeigte sich in jedem Gesichte. Kinder und junge Leute wurden
-ängstlich ausgefragt. Alle stimmten darin überein, daß niemand acht
-gegeben hätte, ob Tom und Becky bei der Heimfahrt dabei gewesen. Es sei
-dunkel geworden und man habe nicht nachgesehen, ob irgend jemand fehle.
-Ein junger Mann platzte endlich mit der Vermutung heraus, sie seien am
-Ende noch in der Höhle.
-
-Die Frau Kreisrichter wurde daraufhin ohnmächtig, Tante Polly weinte
-und rang die Hände.
-
-Die Schreckenskunde flog von Lippe zu Lippe, von Gruppe zu Gruppe, von
-Straße zu Straße, und innerhalb fünf Minuten tönte wildes Glockenläuten
-vom Turme und die ganze Stadt war in Bewegung. Die nächtlichen
-Ereignisse verloren jegliches Interesse, Räuber und Mörder waren
-vergessen, Pferde wurden gesattelt, Boote bemannt, die Fähre flott
-gemacht, und ehe die Schreckensmäre eine halbe Stunde alt war, befanden
-sich zweihundert Mann zu Wasser und zu Lande auf dem Wege nach der
-Höhle.
-
-Den ganzen langen Nachmittag hindurch schien das Städtchen wie
-ausgestorben. Viele Frauen besuchten Frau Thatcher und Tante Polly, um
-sie zu trösten oder mit ihnen zu weinen, was besser war als alle Worte.
-
-Die ganze lange Nacht hindurch wartete man im Städtchen auf
-Nachrichten, und als endlich der Morgen tagte, war nur zu hören:
-Schickt mehr Kerzen und schickt Lebensmittel!
-
-Frau Thatcher war fast von Sinnen, Tante Polly desgleichen. Der
-Kreisrichter sandte von Zeit zu Zeit ein Wort der Hoffnung und
-Ermutigung aus der Höhle, Trost aber brachte das nicht.
-
-Der alte Walliser kam gegen Morgen heim, mit Kerzentalg bespritzt,
-mit Lehm beschmiert, zu Tode erschöpft. Er fand Huck noch immer auf
-dem Lager, das er ihm angewiesen; dessen Geist erging sich in wilden
-Fieberphantasieen. Da die Aerzte mit in der Höhle waren, so wußte er
-keinen besseren Rat, als die Witwe Douglas zu holen, die denn auch
-sofort kam und sich des Patienten liebreich annahm.
-
-Im Laufe des Vormittags begannen sich allmählich truppweise die
-erschöpften Männer im Städtchen wieder einzufinden, während die
-Stärkeren draußen blieben, um weiter zu suchen. Alles was man erfahren
-konnte war, daß die entlegensten Strecken der Höhle, die bis jetzt
-noch kein menschlicher Fuß betreten, abgesucht worden waren, daß jeder
-Winkel, jeder Spalt durchforscht werde, daß man überall, wohin der
-Fuß sich auch wende, im Gewirr der Gänge, Lichter hin und her huschen
-sehe, und daß fortwährend Rufe und Pistolenschüsse in dumpfem Widerhall
-gegen die düsteren Felsenwände anschlügen. An einer Stelle, weit von
-dem gewöhnlich begangenen Teil der Höhle entfernt, hatte man die Namen
-›Becky‹ und ›Tom‹ mit Kerzenrauch auf der Felswand eingeschwärzt
-gefunden und dicht dabei ein mit Talg beschmutztes Stückchen Band.
-Frau Thatcher erkannte das letztere als ihrem Kinde gehörig und weinte
-heiße Thränen darauf. Sie sagte, es sei dies das letzte Zeichen, das
-sie jemals von ihrem Kinde erhalten werde, daß kein Andenken ihr so
-kostbar und teuer sein könne, als dies kleine Stückchen Band, denn dies
-sei das letzte, was sich von dem geliebten, lebendigen Körper gelöst,
-ehe der grausame Tod gekommen. Man erzählte, wie einzelne hie und da in
-der Höhle ein fernes Lichtfünkchen entdeckten, um mit Jubel und Hallo
-und voller Hoffnungsfreudigkeit drauf los zu stürzen, aber stets folgte
-bittere Enttäuschung: es waren nicht die vermißten Kinder, sondern nur
-das Licht irgend eines andren Mitsuchenden.
-
-Drei schreckliche Tage und Nächte schleppten ihre endlosen Stunden
-über das Städtchen hin, und dieses versank in hoffnungslose, starre
-Betäubung. Niemand hatte Lust zu irgend etwas. Die eben erfolgte
-zufällige Entdeckung, daß der Besitzer der Mäßigkeitsvereins-Herberge
-Spirituosen hielt, machte kaum Eindruck, so furchtbar diese Thatsache
-auch sein mochte. In einem lichten Moment suchte Huck die Rede auf
-Gasthöfe im allgemeinen und diese Mäßigkeitsvereins-Herberge im
-besonderen zu lenken, und fragte zuletzt zaghaft, das Schlimmste
-befürchtend, ob irgend etwas dort entdeckt worden sei, während er krank
-gewesen.
-
-»Ja,« bestätigte die Witwe.
-
-Mit wild starrenden Augen fuhr Huck im Bett in die Höhe:
-
-»Was -- was denn?«
-
-»Branntwein! -- man hat die Herberge geschlossen. Leg' dich doch, Kind,
--- wie hast du mich erschreckt!«
-
-»Sagen Sie mir nur noch eines, -- nur noch eins, bitte, hat's Tom
-Sawyer gefunden?«
-
-Die Witwe brach in Thränen aus.
-
-»Still, still, Kind, still. Ich habe dir's doch schon gesagt, du darfst
-nicht reden. Du bist sehr, sehr krank.« --
-
-Also nur Branntwein war gefunden worden; hätte man das Gold entdeckt,
-wäre ein andres Hallo entstanden. Der Schatz war also verloren, --
-verloren für immer. Warum aber weinte die Frau? Sonderbar, was hatte
-sie zu weinen?
-
-Dunkel bahnten sich solche Gedanken ihren Weg durch Hucks mattes Gehirn
-und machten ihn so müde, daß er drüber in Schlaf sank. Die treue
-Pflegerin beobachtete ihn und flüsterte leise:
-
-»Da -- nun schläft er wieder, armer, kleiner Kerl. Ob Tom Sawyer den
-Branntwein gefunden hat! Großer Gott, wenn doch nur einer den Tom
-Sawyer selber finden wollte! Viele giebt's nicht mehr, die noch Kraft
-genug oder auch Hoffnung genug haben, um weiter zu suchen.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Achtundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Kehren wir jetzt zu Toms und Beckys Anteil am Picknick zurück.
-Sie wanderten mit der übrigen Gesellschaft durch die düsteren
-Gänge, um die bekannten Wunder der Höhle zu besuchen, -- Wunder
-mit vielversprechenden, prunkenden Namen, wie der ›große Saal‹,
-›die Kathedrale‹, ›Aladdins Palast‹, und so weiter. Dann kam das
-Versteckspiel an die Reihe und Tom und Becky beteiligten sich mit
-Eifer daran, bis das Vergnügen anfing, etwas ermüdend zu wirken. Dann
-schlenderten sie durch die verzweigten Gänge, hielten die Kerzen hoch
-und lasen das Gewirr von Namen, Daten, Adressen und Reimen, welche
-mit Kerzenrauch gemalt, die Felswände gleich Fresken bedeckten.
-Immer weiter schreitend und plaudernd merkten sie kaum, daß sie sich
-nun in einem Teil der Höhle befanden, wo die Wände noch unbefleckt
-waren. Sie schwärzten ihre eigenen Namen an einer geeigneten Stelle
-ein und schritten dann weiter. Nun kamen sie an einen Ort, wo ein
-kleines Wässerchen, das von einer Wand niederträufelte und einen
-Bodensatz von Kalk mit sich führte, im Laufe endloser Zeiträume einen
-ganzen Wasserfall aus Spitzen und Schnörkelwerk in schimmerndem,
-unvergänglichem Gestein gebildet hatte. Tom zwängte seinen schmächtigen
-Körper dahinter, um den spitzenartigen Ueberhang zu Beckys Vergnügen
-zu beleuchten und entdeckte, daß derselbe eine steile, von der
-Natur geschaffene Treppe verbarg, die zwischen engen Wänden abwärts
-führte. Jetzt kam der Ehrgeiz des Entdeckers über ihn. Becky folgte
-seinem Ruf, sie machten sich mit Rauch ein Zeichen an die Wand, um
-sich später wieder zurecht zu finden und traten dann wohlgemut die
-Entdeckungsreise an. Sie schlugen bald diesen, bald jenen Weg ein und
-gelangten nach und nach in die geheimsten Tiefen der Höhle; sie machten
-sich dann ein zweites Zeichen und zweigten ab, um nach neuen Wundern
-zu suchen, von denen sie der staunenden Oberwelt mit Stolz berichten
-könnten. Sie kamen zu einem hallenartigen Raume, von dessen Decke
-Massen von riesigen, schimmernden Tropfsteingebilden niederhingen.
-Staunend durchwanderten sie die Halle nach allen Seiten und verließen
-dieselbe dann, immer kühner werdend, durch einen der zahlreichen, hier
-einmündenden Seitengänge. Dieser brachte sie nach kurzer Frist zu
-einer entzückenden, kleinen Quelle, deren Becken mit einer wunderbar
-glitzernden Kruste phantastisch geformter Kristalle überzogen war.
-Dieser Zauberborn befand sich inmitten eines neuen Gewölbes, dessen
-Decke durch eine Menge schlank aufstrebender Pfeiler gestützt wurde,
-welche durch das allmähliche Zusammenwachsen großer Tropfsteingebilde
-im Laufe vieler Jahrhunderte entstanden waren. Unter der Wölbung
-hatten sich riesige Klumpen von Fledermäusen zusammengeballt, Tausende
-auf einem Knäuel. Das Licht störte die nächtlichen Wesen auf, so daß
-sie zu Hunderten hernieder flatterten und mit tollem Gequieke gegen
-die Lichter schossen. Mit dem Wesen dieser Tiere vertraut, erkannte
-Tom sofort das Gebahren und die Gefahr, die für sie beide darin lag.
-Er ergriff Beckys Hand und stürzte mit ihr in den ersten besten
-Seitengang, der sich ihnen zeigte; keinen Augenblick zu frühe, denn
-eben huschte eine Fledermaus mit ihrem Flügel so dicht an Beckys Kerze
-vorüber, daß die kleine Flamme erlosch. Tom gelang es, die seine mit
-Erfolg zu hüten, obgleich die aufgescheuchten Tiere die Kinder noch
-weit durch die verschiedensten Gänge verfolgten, welche diese in
-blinder Hast durcheilten, nur darauf bedacht, der Gefahr möglichst
-rasch zu entgehen. Kurz darauf fand Tom einen unterirdischen See,
-dessen nächtliche Fluten sich weit in die schwarzen Schatten hinein
-verloren. Ihn gelüstete, das Ufer ringsum zu erforschen, doch zuvor
-beschlossen die Kinder, sich ein Weilchen zu setzen, auszuruhen und
-frische Kräfte zu sammeln. Jetzt, zum erstenmal, legte sich die
-schauerlich tiefe Stille der Umgebung wie eine feuchtkalte Hand auf die
-mutig und fröhlich pochenden Herzen der Kinder. Becky meinte:
-
-»Ich hab' gar nicht acht gegeben, aber mir kommt's wie eine Ewigkeit
-vor, seit wir die andern nicht mehr gehört haben.«
-
-»Denk' doch 'mal 'n bißchen nach, Becky, wir sind ja tief unter ihnen
-und weiß Gott wie viel weiter nördlich oder südlich oder östlich oder
-was es ist. 's ist ja einfach unmöglich, 'was zu hören.«
-
-Becky wurde ängstlich.
-
-»Möcht' wissen, wie lang wir schon hier unten sind, Tom. Laß uns lieber
-umkehren.«
-
-»Ja, 's wird wohl besser sein, denk' ich, s' wird besser sein.«
-
-»Weißt du den Weg, Tom? Mir ist's das reine Wirrsal.«
-
-»Finden könnt' ich ihn am End', aber denk' doch mal, die Fledermäuse!
-Wenn die uns beide Lichter ausmachen, kann's 'ne böse Geschichte für
-uns werden. Müssen eben probieren, 'nen andern Weg zu finden, der nicht
-dort durchführt.«
-
-»Gut, aber hoffentlich verirren wir uns nicht. Das wäre zu gräßlich!«
-Und das Kind schauderte bei dem Gedanken an die bloße Möglichkeit.
-
-Sie wandten sich nun durch einen langen Gang zurück und durchschritten
-denselben schweigend eine lange, lange Zeit, starrten dabei in jeden
-Seitengang, um irgend ein bekanntes Zeichen zu entdecken, aber alles,
-alles war neu und fremd. Jedesmal, wenn Tom prüfte und untersuchte,
-beobachtete Becky ängstlich sein Gesicht, um eine Spur der Entmutigung
-zu finden, und er sagte regelmäßig ganz heiter:
-
-»Oho, ganz recht. Hier ist's noch nicht, wird wohl gleich kommen!«
-Aber mit jedem Fehlschlagen fühlte er weniger und weniger Hoffnung im
-Herzen und begann allmählich auf's Geratewohl die abzweigenden Gänge
-zu durchwandern, sich in der Verzweiflung damit tröstend, er werde
-am Ende durch Zufall den richtigen Weg finden. Wohl sagte er immer
-noch: ›Schon recht!‹ aber allmählich hatte sich die Angst wie ein
-Bleigewicht auf seine Seele gelegt, die Worte hatten den Klang der
-Ueberzeugung verloren und lauteten, als ob sie bedeuten sollten: ›Alles
-ist verloren‹. Becky drängte sich in lautlosem Entsetzen dicht an seine
-Seite und preßte mit Gewalt die Thränen zurück. Endlich sagte sie:
-
-»O, Tom, was liegt an den Fledermäusen, laß uns doch den alten Weg
-gehen. Hier scheint's, als ob wir weiter und weiter abkämen.«
-
-Tom blieb stehen.
-
-»Horch!« sagte er.
-
-Tiefes Schweigen, ein Schweigen so tief, daß die Kinder in der
-Stille ihre eigenen Atemzüge hören konnten. Tom rief laut hinaus in
-das Dunkel. Der Ruf tönte widerhallend die einsamen Gänge entlang
-und erstarb in der Ferne in einem schwachen Laute, der fast wie
-Hohngelächter klang.
-
-»O, thu's nicht wieder, Tom, thu's nicht wieder. Es ist gräßlich,«
-flehte Becky.
-
-»Gräßlich ist's, aber 's ist doch besser, wenn ich's thue, Becky, sie
-_könnten_ uns doch am Ende hören,« und er schrie noch einmal.
-
-Dieses ›könnten‹ war beinahe noch gräßlicher, als jenes geisterhafte
-Lachen, es lag eine solch' verzweifelte Hoffnungslosigkeit drin!
-Wieder lauschten die Kinder mit aller Anstrengung, aber kein Ton
-ließ sich hören. Tom wandte sich sofort zurück und beeilte seine
-Schritte. Es dauerte nur eine kleine Weile, bis eine gewisse Unruhe und
-Unschlüssigkeit in seinem Benehmen Becky die furchtbare Thatsache ahnen
-ließ, daß er den Rückweg nicht zu finden vermochte!
-
-»Tom, o Tom, du hast dir ja gar keine Zeichen mehr gemacht!«
-
-»Ja, Becky, ich war ein Narr, ein elender, blinder, dummer Narr! Ich
-hab' gar nicht dran gedacht, daß wir wieder zurück müssen! Nein, ich
-kann den Weg nicht finden, 's läuft ja hier alles kreuz und quer.«
-
-»Tom, Tom, wir sind verloren! Wir können nie, nie wieder aus dieser
-gräßlichen Höhle heraus. O, warum sind wir von den andern fortgegangen!«
-
-Sie sank zu Boden und brach in so krampfhaftes Weinen aus, daß Tom
-angst und bange wurde, sie möchte sterben oder den Verstand verlieren.
-Er beugte sich zu ihr und schlang seine Arme um sie, sie barg ihr
-Gesichtchen an seiner Brust, schmiegte sich fest an ihn und strömte
-ihr Entsetzen und ihre Reue in Wehklagen aus, das in dem fernen Echo
-wie spöttisches Gelächter verklang. Vergebens flehte Tom sie an, Mut
-zu fassen. Nun begann er sich selber Vorwürfe zu machen und sich
-anzuklagen, daß er sie in so gräßliche Lage gebracht. Das hatte bessere
-Wirkung. Sie wollte mit bestem Willen versuchen, wieder zu hoffen, und
-erklärte sich bereit, ihm zu folgen, wohin er sie führe, nur dürfe er
-nicht wieder so reden, denn er sei nicht mehr zu tadeln als sie selber.
-
-So schritten sie also wieder dahin, ziellos, planlos, auf gutes Glück.
-Das einzige, was sie thun konnten, war vorwärts zu gehen, sich in
-Bewegung zu erhalten. Ein kleines Weilchen schien die Hoffnung wieder
-aufleben zu wollen; nicht daß ein besonderer Grund dazu vorhanden
-gewesen wäre; allein es ist eben einmal die Natur der Hoffnung, sich
-leicht wieder zu beleben, wo ihr die Schwungkraft noch nicht durch
-Alter und stetes Mißlingen geraubt worden ist.
-
-Bald darauf nahm Tom Beckys Licht und blies es aus. Dieser Akt der
-Sparsamkeit war vielsagend. Da bedurfte es keiner Worte. Becky verstand
-seine Bedeutung, und die Hoffnung erstarb ihr wieder. Sie wußte, daß
-Tom eine ganze Kerze und noch drei oder vier Stümpfchen dazu in seiner
-Tasche trug, -- und doch sparte er!
-
-Allmählich machte die Müdigkeit ihre Rechte geltend, allein die Kinder
-wollten nicht darauf achten; sie konnten unmöglich an Niedersitzen
-und Rast denken, wo die Zeit so kostbar war. Sich vorwärts bewegen
-in irgend einer Richtung bedeutete doch einen Fortschritt und konnte
-möglicherweise ein Gelingen zur Folge haben; sich niedersetzen hieß den
-Tod herbeirufen und sein Kommen beschleunigen.
-
-Zuletzt versagten Beckys zarte Glieder jeden weiteren Dienst, sie mußte
-sich setzen. Tom ließ sich neben ihr nieder und sie sprachen von zu
-Hause, von ihren Angehörigen, von ihren behaglichen Betten und vor
-allem vom lieben, goldnen Tageslicht! Becky weinte leise vor sich hin
-und Tom zerbrach sich den Kopf, wie er sie trösten könne; aber jedes
-Trostwort war schon längst verbraucht und klang beinahe wie Hohn und
-Spott. Bleierne Müdigkeit lastete auf Becky und drückte ihr zuletzt die
-Augen zu. Wie froh war Tom. Er saß und starrte in ihr gramverzogenes
-Gesichtchen, das nach und nach unter dem Einfluß heiterer Träume hell
-und heller wurde, bis sich allmählich ein verklärendes Lächeln darüber
-ergoß. Die friedvollen Züge warfen einen Strahl von Frieden und Ruhe in
-seine eigene Seele und seine Gedanken wanderten zurück zu vergangenen
-Tagen, träumerischer Erinnerung voll. Während er noch tief in
-Nachsinnen versunken war, erwachte Becky mit einem kurzen, fröhlichen
-Lachen, das ihr jedoch alsbald auf den Lippen erstarb und einem Stöhnen
-Platz machte.
-
-»O, wie konnte ich nur schlafen! Wär' ich doch nie, nie mehr
-aufgewacht! Aber Tom, was hast du? -- Ich will's ja nie wieder sagen,
-nur sieh' mich nicht so an!«
-
-»Ich bin froh, daß du geschlafen hast, Becky, nun bist du wieder munter
-und wir finden sicher den Weg hinaus.«
-
-»Wir wollen's versuchen! Ach, ich hab' im Traum so 'n schönes,
-herrliches Land gesehen, -- ich glaub', wir kommen dorthin!«
-
-»Noch nicht, Becky, vielleicht noch nicht. Mutig vorwärts, laß uns
-weiter suchen!«
-
-Sie erhoben sich und wanderten weiter, Hand in Hand, hoffnungslos. Sie
-versuchten zu schätzen, wie lange sie schon in der Höhle herumirrten,
-es kam ihnen vor, als seien es Tage und Wochen, aber es konnte
-unmöglich sein, denn noch waren ihre Kerzen nicht ausgegangen.
-
-Lange Zeit hernach, wie lange wußten sie nicht, sagte Tom, sie müßten
-nun leise gehen und lauschen, ob sie nicht das Rieseln von Wasser
-hörten, -- sie müßten eine Quelle finden. Bald darauf fanden sie
-wirklich eine, und Tom hielt es an der Zeit, wieder auszuruhen. Beide
-waren furchtbar müde, aber Becky meinte trotzdem, sie könne noch ein
-wenig weiter gehen. Zu ihrer Ueberraschung war Tom anderer Meinung; sie
-konnte nicht verstehen warum. So setzten sie sich denn nieder und Tom
-befestigte die Kerze mit etwas Lehm an der gegenüber liegenden Wand.
-Gedanken kamen und gingen, gesprochen wurde lange Zeit nichts. Endlich
-brach Becky das Schweigen:
-
-»Tom, ich bin so hungrig.«
-
-Tom zog etwas aus seiner Tasche.
-
-»Kennst du das?«
-
-Becky lächelte beinahe. Es war ein Stückchen Kuchen, das er ihr aus
-Scherz während des Picknicks abgejagt hatte, worüber sie damals sehr
-ungehalten schien. Nun war es zum letzten Hoffnungsanker in der Not
-geworden.
-
-»Wollt' es wär' hundertmal so groß,« brummte Tom, »könnten's jetzt
-brauchen!«
-
-»O, Tom, wo hätt' ich gedacht, daß dies unser letztes --«
-
-Sie vollendete den Satz jedoch nicht. Tom brach das Stück entzwei und
-Becky aß ihr Teil mit gutem Appetit, während er an dem seinen nur so
-herum knapperte. Frisches, klares Wasser hatten sie im Ueberfluß, um
-ihr Mahl zu vollenden. Nach einiger Zeit schlug Becky vor, weiter zu
-gehen. Tom schwieg einen Moment, dann sagte er:
-
-»Becky, kannst du's ertragen, wenn ich dir etwas sage?«
-
-Becky erbleichte, bat ihn aber, tapfer zu reden.
-
-»Nun denn, Becky, wir müssen hier bleiben, wo wir Wasser zum Trinken
-haben. Dies kleine Stümpfchen ist unser letzter Rest von Kerze.«
-
-Becky brach in Weinen und Jammern aus. Tom that was er konnte, um sie
-zu trösten, aber mit wenig Erfolg. Zuletzt sagte sie:
-
-»Tom!«
-
-»Ja, Becky?«
-
-»Man wird uns doch zu Hause vermissen und sie werden nach uns suchen!«
-
-»Natürlich, natürlich thun sie das!«
-
-»Vielleicht sucht man uns jetzt schon, Tom!«
-
-»Na, vielleicht, -- hoffentlich.«
-
-»Wann können sie uns wohl vermißt haben, Tom?«
-
-»Vermutlich als sie im Boot waren.«
-
-»Da war's vielleicht schon dunkel, -- 's wird wohl keiner bemerkt
-haben, daß wir fehlen.«
-
-»Na, aber dann wird dich doch deine Mutter jedenfalls vermissen, wenn
-die anderen heimkommen.«
-
-[Illustration]
-
-Ein erschrockener Blick in Beckys Augen belehrte Tom über seinen
-Irrtum. Becky hatte ja am Abend gar nicht nach Hause kommen sollen.
-Die Kinder wurden still und nachdenklich. Einen Moment später sah Tom
-aus einem erneuten Schmerzensausbruch Beckys, daß sie derselbe Gedanke
-bewege wie ihn, -- nämlich, daß noch der halbe Sonntagmorgen vergehen
-könne, bevor Beckys Mutter erfuhr, daß diese nicht bei Harpers über
-Nacht gewesen. Die Kinder hefteten ihre Augen wortlos auf das kleine
-Stückchen Kerze und beobachteten angsterfüllt, wie es langsam und
-unerbittlich dahinschmolz, sahen den halben Zoll Docht zuletzt noch
-allein dastehen, sahen das schwache Flämmchen steigen und fallen,
-fallen und steigen, jetzt die dünne Rauchsäule erklettern, einen Moment
-auf deren Spitze verweilen und dann -- herrschten die Schrecken
-schwärzester Finsternis.
-
-Wie lange danach Becky zu dem dämmernden Bewußtsein kam, daß sie
-weinend in Toms Armen lag, hätte keines von beiden zu sagen vermocht.
-Sie wußten nur soviel, daß sie nach einer endlosen Zeit aus einer
-schlummerartigen Betäubung, zu dem erneuten, niederdrückenden Gefühl
-ihres Elends erwachten. Tom meinte, es könne Sonntag, vielleicht schon
-Montag sein. Er versuchte, Becky zum Reden zu bewegen, aber der Jammer
-lastete zu gewaltig auf ihr, alle Hoffnung war dahin. Tom behauptete,
-nun müsse man sie daheim längst vermißt haben und das Nachsuchen
-sei jedenfalls schon in vollem Gange. Er wolle schreien, sagte er,
-vielleicht höre man ihn doch und folge der Spur. Er versuchte es
-denn auch, aber in der tiefen Finsternis klangen die fernen Echos so
-schauerlich, daß er es bald entsetzt sein ließ.
-
-Die Stunden schwanden dahin und der Hunger kam, um die armen kleinen
-Verlorenen auf's neue zu quälen. Ein Teil von Toms Hälfte des Kuchens
-war noch übrig, sie teilten den Rest und aßen. Danach schienen sie
-hungriger als zuvor. Dies arme bißchen Nahrung erweckte nur den Wunsch
-nach mehr.
-
-Plötzlich rief Tom:
-
-»Scht! Hörst du nicht was?«
-
-Beide hielten den Atem an und lauschten. Ein Laut drang an ihr Ohr,
-der wie ein schwacher Ruf aus weitester Ferne klang. Augenblicklich
-antwortete Tom, und Becky an der Hand führend tastete er sich den Gang
-entlang, der Richtung des Tones nach. Dann lauschte er wieder atemlos.
-Wieder erklang der Ruf und diesmal zweifellos ein wenig näher.
-
-»Sie sind's!« jubelte Tom, »sie kommen! Vorwärts, Becky -- nun ist
-alles gut!«
-
-Die Freude, das Entzücken der Kinder war beinahe überwältigend. Sie
-kamen indes nur langsam voran, denn die Höhle war reich an Spalten
-im Boden, und diese mußten sie nun in der Dunkelheit doppelt meiden.
-Alsbald standen sie vor einer solchen und konnten nicht weiter. Die
-Spalte mochte nur drei Fuß, konnte aber auch hundert tief sein, wer
-konnte das wissen? -- jedenfalls war an kein Hinüberkommen zu denken.
-Tom legte sich nieder und versuchte so weit als möglich hinunter zu
-reichen, -- kein Grund zu fühlen. Sie mußten also bleiben und warten,
-bis die Retter erschienen. Sie lauschten -- die fernen Rufe klangen
-augenscheinlich ferner und ferner. Einen Moment oder zwei noch, und sie
-erstarben gänzlich. O, diese herzbrechende Verzweiflung! Tom schrie,
-tobte, brüllte, bis er vollständig heiser war, ohne jeden Erfolg.
-Hoffnungsvoll redete er Becky zu, aber eine Ewigkeit ängstlichen
-Harrens schwand dahin, kein Ton war zu vernehmen.
-
-Die Kinder tasteten sich nach der Quelle zurück; lange, schwere Stunden
-schleppten sich dahin; die Verirrten schliefen ein und erwachten halb
-verhungert und voll Herzeleid. Tom meinte, nun müsse es wohl Dienstag
-sein.
-
-Jetzt kam ihm ein Gedanke. Ganz in der Nähe befanden sich ein paar
-Seitengänge. Es war immerhin noch besser, diese zu untersuchen, als
-das lastende Gewicht der Zeit müßig zu tragen. Er nahm eine Leine aus
-der Tasche, an der er einstmals seinen Drachen hatte steigen lassen,
-befestigte dieselbe an einem Felsvorsprung und schritt dann, indem
-er die Leine abwickelte, vorwärts. Becky folgte ihm. Nach ungefähr
-zwanzig Schritten fiel der Gang plötzlich steil ab. Tom ließ sich auf
-die Kniee nieder, fühlte nach unten und dann so weit um die Ecke, als
-er bequem mit den Händen reichen konnte. Eben war er im Begriff, mit
-größter Anstrengung noch einmal weiter nach rechts zu tasten, als im
-selben Augenblick, keine zwanzig Meter entfernt, hinter einem Felsen
-hervor eine menschliche Hand erschien, die ein Licht hielt. Tom stieß
-einen laut hallenden Jubelschrei aus und alsbald folgte der Hand auch
-der Körper, zu dem sie gehörte, -- der Körper des Indianer-Joe. Tom
-war wie gelähmt, er konnte kein Glied rühren. Wie erlöst von einem
-Banne atmete er auf, als er sah, daß der ›Spanier‹ augenblicklich sich
-umwandte und schleunigst Fersengeld gab. Er konnte es kaum begreifen,
-daß Joe seine Stimme nicht erkannte und ihm für seine Aussage vor
-Gericht nicht den Garaus machte. Das Echo mußte sicherlich die Stimme
-unkenntlich gemacht haben, anders konnte er sich's nicht erklären. Die
-Furcht lähmte jede Muskel in Toms Körper. Er nahm sich bestimmt vor,
-zur Quelle zurückzukehren, wenn er noch Kraft genug dazu besitze, und
-dort zu bleiben; nichts in der Welt könne ihn bewegen, sich noch einmal
-der Gefahr auszusetzen, dem Indianer-Joe in die Hände zu laufen. So
-kroch er denn zurück und hütete sich wohl, Becky etwas von dem merken
-zu lassen, was er gesehen hatte. Den Schrei vorhin -- sagte er ihr --
-habe er nur noch einmal auf's Geratewohl ausgestoßen.
-
-Hunger und Elend aber trugen auf die Länge der Zeit den Sieg davon.
-Eine erneute, schreckliche Zeit des Harrens und Bangens, ein
-nochmaliger langer Schlaf änderten Toms Entschluß. Die Kinder erwachten
-von rasendem Hunger gepeinigt. Tom meinte, es müsse nun schon Mittwoch
-oder Donnerstag, vielleicht gar Freitag oder Samstag sein und die
-Suche nach ihnen sei wohl schon längst aufgegeben. Er schlug vor,
-einen andern Gang zu durchforschen. Er war nun entschlossen, es mit
-dem Indianer-Joe und allen sonstigen Schrecken aufzunehmen. Becky aber
-fühlte sich sehr schwach. Sie war in eine traurige Teilnahmlosigkeit
-versunken, aus der nichts sie aufrütteln konnte. Sie für ihr Teil wolle
-bleiben wo sie sei, hauchte sie matt, wolle hier sterben, es daure nun
-doch nicht mehr lange. Tom solle nur gehen und mit der Drachenleine
-weiter suchen: nur bat sie ihn flehentlich, doch ja von Zeit zu
-Zeit zurückzukommen und mit ihr zu reden. Sie ließ ihn feierlich
-versprechen, daß, wenn die letzte bange Stunde käme, er bei ihr bleiben
-und ihre Hand halten wolle, bis alles vorüber sei. Tom küßte sie mit
-einem erstickenden Gefühl in der Kehle und that, als sei er fest davon
-überzeugt, entweder die Suchenden oder einen Ausweg aus der Höhle zu
-finden. Dann nahm er seine Drachenleine zur Hand und kroch auf Händen
-und Knieen einen der Gänge hinunter, von Hunger gequält, von den
-trübsten Ahnungen des nahenden Schicksals gepeinigt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Neunundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Der Dienstag-Nachmittag kam und schwand, die Dämmerung setzte ein. Das
-Städtchen St. Petersburg trauerte noch tief. Die verlorenen Kinder
-waren immer noch nicht aufgefunden. In der Kirche war öffentlich für
-sie gebetet worden, und wieviele Gebete mochten im stillen Kämmerlein
-zum Himmel aufgestiegen sein! aber noch immer kam keine bessere
-Kunde aus der Höhle. Die Mehrzahl der Suchenden hatte die weitere
-Nachforschung aufgegeben und war zu ihren täglichen Beschäftigungen
-zurückgekehrt; sie meinten, die Kinder würden doch niemals wieder
-gefunden werden. Frau Thatcher war ernstlich erkrankt und lag meist in
-Fieberphantasieen. Die Leute sagten, es sei herzbrechend anzuhören, wie
-sie nach ihrem Kinde riefe, den Kopf hebe, um wohl eine Minute lang
-zu lauschen, und ihn dann ermattet und seufzend wieder niedersinken
-zu lassen. Tante Polly war in tiefste Schwermut verfallen, ihr graues
-Haar war beinahe schneeweiß geworden. Am Dienstag abend ging alles im
-Städtchen traurig und hoffnungslos zur Ruhe.
-
-Etwa gegen Mitternacht brachen die Glocken in ein wildes Geläute aus
-und im nächsten Augenblick waren die Straßen voll von Gruppen halb
-angekleideter Gestalten, welche wie wahnsinnig: ›heraus, heraus, sie
-kommen, sie kommen!‹ in die Nacht hinein schrieen. Blechpfannen und
-Hörner halfen das Getöse noch vermehren. Die Bevölkerung drängte sich
-in Massen dem Flusse zu, den wiedergefundenen Kindern entgegen, welche
-in einem offenen Wagen daher kamen, der von jubelnden, jauchzenden
-Männern gezogen wurde. Im Nu war der Wagen dicht umringt und mit Jubel
-und Hurrahruf bewegte sich der Triumphzug die Hauptstraße hinauf.
-
-Alle Häuser waren festlich beleuchtet, niemand fiel es ein, nochmals
-zu Bette zu gehen, es war der größte Moment, den das Städtchen je
-erlebt hatte. Während der ersten halben Stunde bewegte sich die
-Einwohnerschaft in langem Zug durch Richter Thatchers Haus. Die
-geretteten Kinder wurden mit Fragen und Küssen überschüttet, der armen
-Mutter Hand vor Mitgefühl fast ausgerenkt und dabei das ganze Haus mit
-Thränen förmlich überschwemmt.
-
-Tante Pollys Seligkeit war vollkommen, und bei Frau Thatcher fehlte
-nicht viel dazu. Ihr Glück konnte jedoch erst vollständig sein, wenn
-der Bote, den man alsbald mit der großen Neuigkeit nach der Höhle
-gesandt, dem armen, trostlos weiter suchenden Vater die Freudenkunde
-überbracht haben würde.
-
-Tom lag auf dem Sofa. Einer atemlos lauschenden Zuhörerschaft, die
-um ihn herum stand, erzählte er die Geschichte seiner wunderbaren
-Abenteuer, wobei er nicht verfehlte, aus freier Erfindung manch
-wirkungsvollen Zug zur weiteren Ausschmückung anzubringen. Zum Schlusse
-gab er eine besonders anschauliche Beschreibung davon, wie er Becky
-verlassen, um eine erneute Entdeckungsreise anzutreten, wie er mit der
-Drachenleine in der Hand durch zwei Gänge gekrochen, wie er eben im
-Begriff gewesen, dem dritten, den er der ganzen Länge der Schnur nach
-durchmessen, hoffnungslos und verzweifelnd den Rücken zu kehren, als
-er plötzlich in weitester Entfernung einen hellen Fleck gewahrte, der
-wie Tageslicht aussah. Da habe er die Leine fahren lassen, sei auf den
-Knieen dem verheißenden Fleck zugekrochen, habe Kopf und Schultern
-durch ein enges Loch gezwängt, habe frische, freie Gottesluft geatmet
-und den Mississippi seine breiten Wogen an sich vorüber wälzen sehen.
-Wäre es zufällig Nacht gewesen, so daß kein heller Fleck zu sehen war,
-dann würde er den Gang nicht weiter untersucht haben! Er erzählte, wie
-er dann zu Becky zurückkroch, um ihr die Freudenkunde zu bringen, wie
-sie ihn bat, sie mit solchem Unsinn zu verschonen, sie sei müde, wisse,
-daß sie sterben müsse und wolle sterben. Er beschrieb, welche Mühe
-es ihn gekostet, sie zu überzeugen und wie sie dann beinahe wirklich
-gestorben sei vor Glück, als sie sich nun mühsam dahingeschleppt, wo
-sie das Fleckchen wirkliches und wahrhaftiges Tageslicht sehen konnte.
-Wie er zuerst durch das Loch gekrochen und ihr sodann herausgeholfen,
-worauf sie beide sich niedergesetzt und vor Freude und Glück geweint
-hätten. Dann, sagte er, seien ein paar Männer in einem Boot den Fluß
-daher gekommen, er habe sie angerufen und von seiner und Beckys Lage
-und von ihrem halb verhungerten Zustande erzählt. Wie ihm die Leute
-zuerst nicht hatten glauben wollen, weil es ihnen wie ein tolles
-Märchen geklungen, »denn«, sagten sie, »ihr seid ja fünf Meilen
-unterhalb der Bucht, in der die Höhle ist,« sich aber dann doch eines
-anderen besonnen und sie an Bord genommen hätten. Dann seien sie nach
-einem Hause gerudert, hätten ihnen ein Abendessen gegeben, sie ein paar
-Stunden lang ausruhen lassen und sie dann endlich nach Hause gebracht.
-
-Vor Tagesgrauen wurden denn auch der Kreisrichter und die Handvoll
-Leute, die ihm noch immer treulich suchen halfen, vermittels des
-Leitfadens, den sie hinter sich herlaufen ließen, aufgesucht und ihnen
-die freudige Botschaft überbracht. Alles war eitel Glück und Freude!
-
-Drei Tage und drei Nächte der Trübsal und des Hungers lassen sich
-jedoch nicht mit einem Male abschütteln, das sollten auch Tom und
-Becky erfahren. Mittwoch und Donnerstag mußten sie das Bett hüten
-und schienen nur immer elender und müder zu werden. Tom freilich
-fing schon am Donnerstag an, ein wenig herum zu kriechen, zeigte sich
-Freitag auf der Straße und war Sonnabend fast wieder er selber. Becky
-aber konnte vor Sonntag das Zimmer nicht verlassen und dann sah sie
-aus, als ob sie eine lange, zehrende Krankheit durchgemacht hätte.
-
-Tom hörte von Hucks Kranksein und ging am Freitag ihn zu besuchen,
-wurde aber nicht zu ihm gelassen, ebensowenig an den beiden folgenden
-Tagen. Nachher durfte er ihn täglich sehen, mußte aber versprechen,
-über sein Abenteuer in der Höhle zu schweigen und auch sonst nichts
-Aufregendes zu berühren. Frau Douglas, die treue Pflegerin, war immer
-zugegen und paßte auf. Zu Hause hörte Tom von dem nächtlichen Abenteuer
-hinter dem Douglasschen Besitztum, auch, daß man den Körper des einen
-Halunken im Fluß, nahe an dem Landungsplatze der Dampffähre gefunden
-habe; er war sicherlich bei dem Fluchtversuch ertrunken.
-
-Etwa vierzehn Tage nach Toms Befreiung aus der Höhle machte dieser
-wieder einmal einen Besuch bei Huck, welcher mittlerweile genügend
-zu Kräften gekommen war, um ein aufregendes Gespräch ertragen zu
-können. An Stoff dazu fehlte es Tom nicht. Sein Weg führte ihn an des
-Kreisrichters Haus vorüber und er trat ein, um nach Becky zu sehen.
-Deren Vater und ein paar Freunde fingen ein Gespräch mit ihm an und man
-fragte ihn scherzweise, ob es ihn gelüste, noch einmal in die Höhle zu
-gehen. Tom meinte, warum nicht -- das würde ihm nichts ausmachen.
-
-Da sagte der Kreisrichter:
-
-»Tollköpfe wie du einer bist, giebt's noch mehr, Tom, daran zweifle ich
-keinen Augenblick. Aber wir haben der Sache ein Ende gemacht. In der
-Höhle soll von nun an keiner mehr verloren gehen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Weil ich die große Eichenthüre mit Eisen habe beschlagen und dreifach
-verschließen lassen, und weil ich die Schlüssel dazu selber verwahre.«
-
-Tom wurde weiß wie ein Leintuch.
-
-»Herrgott, was giebt's, Junge? Schnell, bring' mal einer ein Glas
-Wasser!«
-
-Das Wasser wurde gebracht und Tom damit bespritzt. »So, mein Junge, ist
-dir nun besser? Sag' doch nur mal um Himmels willen, was mit dir los
-ist, Tom?«
-
-»Ach, Herr Kreisrichter, in -- _der Höhle war ja der -- der
-Indianer-Joe_!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Dreißigstes Kapitel.
-
-
-Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Neuigkeit im Städtchen
-verbreitet und bald war ein Dutzend Boote voll Menschen unterwegs nach
-der Höhle, denen kurz nachher die vollgedrängte Dampffähre folgte. Tom
-Sawyer befand sich mit dem Kreisrichter in einem Boote. Als man die
-schwere Thüre der Höhle öffnete, bot sich in der düstern Dämmerung
-des Ortes ein trauriger Anblick dar. Da lag der Indianer-Joe zur Erde
-hingestreckt, tot, mit dem Antlitz dicht am Spalt der Thüre, als ob
-seine Augen bis zum letzten Moment sehnsüchtig auf das Licht und die
-Lust der schönen Gotteswelt da draußen geheftet gewesen wären. Tom war
-tief ergriffen, wußte er doch aus eigener Erfahrung, was der Schurke
-hatte leiden müssen. Aber obgleich sein Mitleid rege war, empfand
-er doch zugleich ein überquellendes Gefühl der Begeisterung und
-Erleichterung, welches ihm nun erst offenbarte, bis zu welchem Grade
-Furcht und Angst auf ihm lasteten und ihn bedrückten, seit jenem Tage,
-an welchem er vor Gericht seine Stimme gegen den blutgierigen Mörder
-erhoben hatte.
-
-[Illustration]
-
-Das Dolchmesser des Indianer-Joe lag dicht bei ihm; die Klinge war
-entzwei gebrochen. Der große Grundbalken der Thüre war mit unsäglicher
-Mühe von dem Messer bearbeitet und schließlich durchschnitten worden;
-aber es war vergebliche Arbeit, denn der Felsen bildete von außen
-eine natürliche Schwelle, an der das schwache Messer zerschellen
-mußte. Selbst ohne dies steinerne Hindernis würde die Arbeit umsonst
-gewesen sein, denn er hätte seinen Körper doch nimmermehr unter der
-Thüre durchzwängen können, und das wußte der Indianer-Joe wohl.
-Trotzdem hatte er weiter geschnitzt und gebohrt, nur um etwas zu
-thun, nur um die gräßlich langsam hinschleichende Zeit hinzubringen,
-um seine gemarterten Lebensgeister zu irgend einer Thätigkeit zu
-zwingen. Gewöhnlich konnte man eine Anzahl Lichtstümpfchen, welche von
-den jeweiligen Besuchern zurückgelassen worden waren, in den Rissen
-und Spalten dieser Vorhalle stecken sehen. Heute war nichts davon
-zu erblicken. Der Eingesperrte hatte sie wohl alle zusammengesucht
-und gegessen. Einiger Fledermäuse mußte er sich zu demselben Zwecke
-bemächtigt haben, wie aus den herumliegenden Flügeln ersichtlich
-war. Der Unglückliche war buchstäblich Hungers gestorben. Nicht
-weit von ihm war im Lauf der Jahrhunderte ein Tropfsteingebilde vom
-Boden aufgewachsen, genährt von dem fallenden Tropfen eines oben
-niederhängenden Stalaktiten. Der Indianer-Joe hatte den Tropfstein
-abgebrochen und auf den Stumpf einen Stein gelegt, in den er eine
-kleine Vertiefung gehöhlt, um den kostbaren Tropfen aufzufangen, der
-einmal in zwanzig Minuten mit der Regelmäßigkeit eines Uhrpendels
-herabfiel -- im ganzen ein Theelöffel voll in vierundzwanzig Stunden.
-Jener Tropfen fiel schon, da die Pyramiden neu waren, er fiel, als
-Troja sank, als Rom gegründet wurde, als man Christum kreuzigte,
-als Wilhelm der Eroberer das britische Reich schuf, als Columbus
-segelte, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach. Jener Tropfen fällt
-noch jetzt und er wird weiter fallen, wenn alle diese Dinge durch das
-Tageslicht der Geschichte in die Dämmerung der Sage, in die tiefe
-Nacht der Vergessenheit gesunken sein werden. Ob alles hienieden
-seinen Zweck, seine Bestimmung hat? Mußte jener Tropfen so geduldig
-fallen, fünftausend Jahre hindurch, um zur betreffenden Stunde für
-das Bedürfnis jener vergänglichen, menschlichen Eintagsfliege bereit
-zu sein? Wird er in zehntausend Jahren irgend eine andere Mission zu
-erfüllen haben? Wer das wissen könnte! Doch, was liegt daran? -- Viele,
-viele Jahre sind verflossen, seit jener Unglückliche den Stein höhlte,
-um den kostbaren Tropfen aufzufangen, doch bis zum heutigen Tage
-betrachtet jeder Besucher der Höhle am längsten diesen Stein und den
-niederfallenden Tropfen. Der ›Becher des Indianer-Joe‹ nimmt unter den
-Wundern der Höhle die erste Stelle ein; selbst ›Aladdins Palast‹ kann
-nicht damit konkurrieren.
-
-Dicht beim Ausgang der Höhle wurde der Indianer-Joe beerdigt. Zu dem
-Begräbnis strömten die Leute aus allen Himmelsgegenden, auf sieben
-Meilen in die Runde, zu Boot und zu Wagen herbei. Sie hatten ihre
-Kinder und allerlei Lebensmittel mitgenommen, und gingen schließlich so
-befriedigt von dannen, als ob Joe gehängt worden wäre.
-
-Am darauffolgenden Morgen nahm Tom seinen Freund Huck an einen
-heimlichen Ort, um etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen. Huck hatte
-inzwischen Toms Abenteuer erfahren, dieser meinte aber, es sei noch
-etwas dabei, was er sicher nicht gehört hätte und darüber eben wolle
-er reden. Hucks Gesicht nahm eine betrübte Miene an; er sagte: »Weiß
-schon, was du willst, Tom! Bist in Nummer Zwei gewesen und hast nur
-Schnaps gefunden, gelt? Es hat mir's niemand gesagt, aber wie ich von
-der Schnapsgeschichte hörte, wußte ich gleich, daß du es gewesen bist.
-Geld hast du keins gefunden, das weiß ich, hättst's mich sonst wissen
-lassen. Na, Tom, ich hatte immer so eine Ahnung, daß wir am Ende mit
-leeren Händen ausgehen.«
-
-»Aber, Huck, ich hab' kein Wort über den Gastwirt gesagt! In seiner
-Schenke war ja noch alles in Ordnung, als ich am Samstag zum Picknick
-ging. Weißt du's nicht mehr? Du hast ja die Nacht dort wachen sollen!«
-
-»Weiß Gott, ja. Mir kommt's wie 'ne Ewigkeit vor. 's war in derselben
-Nacht, als ich dem Indianer-Joe da hinauf hinter den Gartenzaun der
-Frau Douglas nachgeschlichen bin.«
-
-»Du bist ihm nachgeschlichen?«
-
-»Ja, aber du hältst reinen Mund drüber, hörst du? Der Kerl könnte gute
-Freunde hinterlassen haben, und die möcht' ich nicht auf mich hetzen.
-Wenn ich nicht gewesen wär', wär' der Schuft jetzt in Texas oder Gott
-weiß wo.«
-
-Huck teilte nun Tom im Vertrauen sein ganzes Abenteuer mit, von dem
-dieser nur ein Bruchstück durch den alten Walliser gehört hatte.
-
-»Na,« schloß dann Huck, zur Hauptfrage zurückkommend, »und wer den
-Schnaps in Nummer Zwei ausgehoben hat, der hat auch das Geld, soviel
-ist sicher! Wir können uns den Mund wischen!«
-
-»Huck, das Geld war gar nie in Nummer Zwei.«
-
-»_Was?_« Huck starrte Tom in's Gesicht, »Tom, bist du am End' gar dem
-Schatz nochmals auf der Spur?«
-
-»Huck, -- er ist in der Höhle!«
-
-Hucks Augen glänzten.
-
-»Sag's noch einmal, Tom.«
-
-»Das Geld ist in der Höhle!«
-
-»Tom, -- Herrgott im Himmel noch einmal, -- ist's Scherz oder Ernst?«
-
-»Ernst, Huck, so ernst, wie nur was sein kann im Leben. Willst du
-mitkommen und 's heraus holen?«
-
-»Na und ob! Das heißt -- wenn's wo liegt, wo wir's holen können und den
-Weg wieder heraus finden.«
-
-»Dafür steh' ich dir!«
-
-»Woher glaubst du aber, daß das Geld --«
-
-»Wart' nur bis du dort bist. Finden wir es nicht, dann schenk' ich dir
-meine Trommel und alles, was ich sonst noch hab', so gewiß wie --«
-
-»Ist 'n Wort. Wann also?«
-
-»Gleich jetzt, wenn du willst. Bist du stark genug?«
-
-»Ist's weit drin in der Höhle? Bin jetzt erst drei Tage wieder ein
-wenig auf meinen Spazierhölzern; ich glaub', weiter als 'ne Meile thun
-sie's noch nicht, Tom.«
-
-»Auf dem gewöhnlichen Weg sind's freilich ungefähr fünf Meilen, aber
-man kann gewaltig abschneiden, auf einem Weg, den ich allein weiß. Ich
-bringe dich im Boot an die Stelle und du sollst keinen Finger dabei
-rühren.«
-
-»Na, dann gleich los, Tom.«
-
-»Schon recht, wir brauchen aber erst Brot und Fleisch und unsre
-Pfeifen, ein paar kleine Säcke und einen Knäuel Schnur, dann 'n paar
-von den neumodischen Dingern, die sie Zündhölzer nennen. Ich sag' dir,
-ich wäre gottfroh gewesen, wenn ich neulich einige gehabt hätte, als
-ich so in der Klemme saß.«
-
-Kurz nach Mittag ›liehen‹ sich die Jungen ein kleines Boot von einem
-Manne, der gerade nicht daheim war, und machten sich alsbald auf den
-Weg. Als sie ein paar Meilen unterhalb der ›Höhlen-Bucht‹ waren, sagte
-Tom:
-
-»Siehst du, Huck, die ganze steile Uferstrecke von der ›Höhlenbucht‹ an
-bis hierher, ist überall gleich -- kein Haus, kein Wald, nur Gestrüppe;
-aber sieh, dort oben der helle Fleck, wo ein Erdrutsch gewesen sein
-muß, das ist mein Merkzeichen. Jetzt landen wir.«
-
-Und sie landeten.
-
-»Wo wir jetzt stehen, Huck, könntest du mit 'ner Angelrute das Loch
-berühren, durch das wir herausgekrochen sind. Such' mal, ob du's finden
-kannst.«
-
-Huck suchte überall herum, fand aber nichts. Stolz schritt Tom auf ein
-dichtes Gesträuch von Sumachbüschen zu und sagte:
-
-»Hier ist's! Sieh' dir's an, Huck, 's ist das nettste Loch im ganzen
-Lande. Daß du aber den Mund hältst drüber. Lang schon hab' ich mal 'n
-Räuber sein wollen, hab' aber dazu so was gebraucht wie das Loch hier,
-nur wollt' sich's eben nicht finden lassen. Jetzt hab' ich's und wir
-sind fein still davon, sagen's nur dem Joe Harper und dem Ben Rogers,
-denn wir müssen doch 'ne ganze Bande haben, sonst hat das Ding keinen
-Schick. Tom Sawyers Bande, 's lautet famos, gelt Huck?«
-
-»Das thut's, Tom, das thut's weiß Gott! Und wer wird beraubt?«
-
-»Na, jeder. Wir lauern eben den Leuten auf, so macht man's.«
-
-»Und töten sie?«
-
-»Nee -- immer nicht! Sperren sie in die Höhle, bis sie sich
-ranzionieren.«
-
-»Ranzion -- was? Was heißt denn das?«
-
-»Na, Geld geben! Ihre Freunde müssen alles zusammenkratzen, was sie
-können, und wenn die Summe, die man verlangt, nach Jahresfrist nicht
-beisammen ist, dann bringt man die Gefangenen um. So wird's gewöhnlich
-gemacht. Nur die Weiber läßt man leben. Die sperrt man ein, aber
-man tötet sie nicht. Die sind immer schön und reich und entsetzlich
-furchtsam. Man nimmt ihnen die Uhren und ihre andern Sachen, zieht
-aber immer den Hut vor ihnen und ist höflich. Niemand ist so höflich,
-wie die Räuber, das kannst du in jedem Buch lesen. Na die Weiber, die
-lieben einen dann, und wenn sie erst mal zwei, drei Wochen in der Höhle
-gewesen sind, hören sie auf zu weinen und man kann sie schließlich
-nicht wieder los werden. Wenn man sie hinaustreiben wollte, würden sie
-flugs Kehrt machen und zurückkommen. So steht's in allen Büchern.«
-
-»Na, das laß ich mir gefallen. 's ist noch besser als Seeräuber sein.«
-
-»In einer Art ist's freilich besser, 's ist nicht so weit von Hause und
-näher beim Zirkus und all den Sachen.«
-
-Jetzt war alles bereit und die Jungen schlüpften in das Loch, Tom
-voran. Sie krochen mühsam bis zum andern Ende des kleinen Stollens,
-befestigten dann ihre Leine und drangen weiter vor. Wenige Schritte
-brachten sie zu der Quelle, und Tom fühlte sich von einem kalten
-Schauder überrieselt. Er zeigte Huck das übriggebliebene Dochtrestchen,
-das mit einem Klümpchen Lehm an der Felswand befestigt war, und
-beschrieb, wie er und Becky verzweifelnd dem letzten Aufflackern und
-Erlöschen der Flamme zugesehen.
-
-Die Jungen sprachen jetzt nur noch im Flüsterton, denn die Stille und
-Trostlosigkeit des Orts bedrückte ihre Stimmung. Sie schritten weiter
-und kamen an jenen andern Gang, der an dem vermeintlichen ›Abgrund‹
-endete. Beim Kerzenschein stellte sich indessen heraus, daß hier kein
-unergründlicher Abgrund, sondern nur eine steile Lehmwand von zwanzig
-bis dreißig Fuß Tiefe war. Tom flüsterte:
-
-»Jetzt will ich dir was zeigen, Huck.«
-
-Er hob die Kerze hoch und sagte:
-
-»Sieh' mal so weit um jene Ecke als du kannst. Siehst du was? Dort, an
-dem großen Felsblock drüben, -- mit Kerzenrauch geschwärzt?«
-
-»Tom, 's ist ein _Kreuz_!«
-
-»Nun, und wo ist die Nummer Zwei? _Unter dem Kreuz_, he? Grad' dort
-hab' ich den Indianer-Joe gesehen, wie er seine Kerze in die Höhe hob,
-Huck!«
-
-Huck starrte eine Weile auf das geheimnisvolle Zeichen und hauchte dann
-mit zitternder Stimme:
-
-»Tom, laß uns machen, daß wir fort kommen!«
-
-»Was, und den Schatz im Stich lassen?«
-
-»Ja, lieber. Dem Indianer-Joe sein Geist treibt sich gewiß hier herum.«
-
-»Bewahre, Huck, hier nicht! Der spukt an der Stelle, wo der Kerl
-gestorben ist, am Ausgang drüben -- fünf Meilen von hier!«
-
-»Nee, Tom, das glaub' ich nicht. Der spukt bei seinem Geld herum. Ich
-weiß, wie's Geister machen, und du weißt's auch!«
-
-Tom begann zu überlegen, daß Huck am Ende recht haben könne. Böse
-Ahnungen stiegen in ihm auf. Plötzlich kam ihm ein erlösender Gedanke.
-
-»Denk' doch nach, Huck, wir sind alle beide Narren! Wie kann denn ein
-Geist da herumspuken, wo ein Kreuz ist!«
-
-Das war ins Schwarze getroffen.
-
-»Tom, daran hab' ich gar nicht gedacht. Aber so ist's. Das Kreuz ist
-'n Glück für uns. Wir wollen mal da hinab klettern und nach der Kiste
-schauen.«
-
-Tom ging voraus, indem er während des Hinabsteigens rohe Stufen in
-die Lehmwand schnitt. Huck folgte. Vier Gänge führten aus der kleinen
-Höhle, in welcher der Felsblock stand. Drei davon untersuchten die
-Jungen ohne jeden Erfolg. Sie fanden einen kleinen Schlupfwinkel, in
-dem ein Bündel wollener Decken lag, dazu ein alter Hosenträger, ein
-Stück Schinkenschwarte und die rein abgenagten Knochen von zwei oder
-drei Hühnern. Die Goldkiste aber war nirgends zu erblicken. Die Jungen
-durchsuchten alles und durchsuchten 's noch einmal, umsonst! -- Tom
-sagte:
-
-»Es hieß _unter_ dem Kreuz. Hier stehen wir am nächsten darunter. 's
-kann doch nicht unter dem Felsen selber sein, der sitzt fest auf dem
-Grunde auf, was nun?«
-
-Wieder suchten sie überall herum und setzten sich dann entmutigt
-nieder. Huck wußte nichts weiter vorzuschlagen. Nach einer Weile sagte
-Tom:
-
-»Sieh' mal her, Huck, da sind Fußspuren und Talgtropfen im Lehm auf
-dieser Seite des Felsens und zwar nur hier. Das hat was zu bedeuten, am
-Ende liegt das Geld doch _unter_ dem Felsen. Ich grab' mal hier im Lehm
-nach.«
-
-»'s ist kein dummer Gedanke, Tom,« erwiderte Huck lebhaft.
-
-Toms Messer war im Augenblick zur Hand und er hatte kaum vier Zoll tief
-gegraben, als er auf Holz stieß.
-
-»Na, Huck! Hörst du das?«
-
-Huck begann jetzt ebenfalls zu wühlen und zu kratzen. Bald waren ein
-paar Bretter bloßgelegt und weggenommen. Diese hatten eine natürliche
-Spalte verborgen, die unter den Felsen führte. Tom kroch hinein und
-hielt seine Kerze so weit hinunter, als er konnte, vermochte aber
-das Ende des Spaltes nicht zu sehen. Er schlug daher vor, weiter zu
-forschen, bückte sich und kroch vorwärts; der schmale Spalt führte
-allmählich nach unten. Tom folgte dem sich windenden Lauf erst nach
-rechts und dann nach links, Huck auf seinen Fersen. Als Tom wieder um
-eine scharfe Wendung bog, rief er plötzlich:
-
-»Herr, du meine Güte, Huck sieh hier!«
-
-Es war die Goldkiste, die da stand, gewiß und wahrhaftig, in einer
-schmucken, kleinen Höhle, zusamt einem leeren Pulverbeutel, ein paar
-Gewehren in Lederhülsen und einem alten Gürtel, alles durchnäßt von
-niedersickernden Wassertropfen.
-
-»Gefunden, endlich gefunden!« jubelte Huck, indem er mit den Händen in
-den funkelnden Münzen wühlte. »Jetzt sind wir aber reich, Tom!«
-
-»Ich hab' sicher drauf gezählt, Huck, und doch ist's fast zu schön, um
-wahr zu sein. Aber haben thun wir den Schatz, soviel ist sicher. Laß
-uns weiter keine Zeit verlieren jetzt, sondern die Geschichte flink in
-Sicherheit bringen. Zeig' mal her, ob ich die Kiste heben kann.«
-
-Diese wog vielleicht fünfzig Pfund. Tom konnte sie nur mit Mühe heben,
-an ein Fortschaffen war nicht zu denken.
-
-»Dacht' mir's wohl,« sagte er, »damals im Gespensterhaus trugen die
-Kerle ziemlich schwer dran, -- hab's gleich bemerkt. Gut, daß ich die
-kleinen Säcke mitgenommen habe.«
-
-Das Geld war bald in die Säckchen verteilt und die Jungen trugen es
-hinauf nach dem Felsblock mit dem Kreuze.
-
-»Jetzt wollen wir die Gewehre und das andre Zeug noch holen,« schlug
-Huck vor.
-
-[Illustration]
-
-»Bewahre, die lassen wir schön dort. Das können wir alles wundervoll
-brauchen, wenn wir erst Räuber sind. In der Höhle feiern wir dann unsre
-Orgien, 's ist dort grad' wie gemacht für Orgien!«
-
-»Was ist denn das -- Orgien?«
-
-»Was weiß ich? Aber Räuber halten immer Orgien und das müssen wir
-natürlich auch thun. Vorwärts, Huck, wir müssen schnell machen, sind
-schon zu lange hier gewesen. 's wird wohl schon spät sein, hungrig bin
-ich auch; aber wir wollen doch erst essen und rauchen, wenn wir im
-Boot sind.«
-
-Kurz danach traten sie aus den Sumachbüschen hervor, schauten
-vorsichtig nach allen Seiten aus, sahen, daß die Luft rein war und
-saßen bald kauend und rauchend im Boote. Als eben die Sonne im
-Begriff stand unterzugehen, stießen sie ab. Tom ruderte in der stetig
-zunehmenden Dämmerung längs des Ufers hin, und lustig plaudernd
-landeten sie kurz nach Einbruch der Nacht.
-
-»Jetzt, Huck,« rief Tom, »verstecken wir das Geld im Holzschuppen der
-Witwe Douglas, und morgen früh komm' ich dann und wir zählen und teilen
-den Kram und suchen dann im Wald nach einem Platz, wo wir ihn sicher
-vergraben können. Du bleibst jetzt hier ruhig liegen und bewachst die
-Herrlichkeit, ich hol' indessen geschwind Meister Taylors Handkarren.
-Bin gleich wieder da!«
-
-Er verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Karren zurück, in
-welchen er die beiden Geldsäcke legte, ein paar alte Lumpen drauf warf
-und sich dann mit seiner Last auf den Weg machte. Am Haus des alten
-Wallisers blieben die Jungen stehen, um einmal auszuruhen. Als sie eben
-weiter wollten, trat der Alte heraus und rief:
-
-»Holla, wer ist da?«
-
-»Huck und Tom Sawyer.«
-
-»Schön, und nun schnell vorwärts, Jungens, alles wartet auf euch. Na,
-los, flink, lauft zu, ich will den Karren schon ziehen, her damit.
-Meiner Treu, der ist nicht so leicht, als er sein könnte. Backsteine
-drauf oder altes Eisen?«
-
-»Altes Metall,« sagte Tom lakonisch.
-
-»Dacht' mir's doch, dacht' mir's doch. Die hiesigen Jungens machen
-sich viel Arbeit und vertrödeln viel Zeit, um so altes Eisenzeug
-aufzutreiben, für das sie doch nur ein paar Pfennige bekommen in
-der Gießerei, viel mehr Zeit und Mühe, als sie brauchen würden, um
-ebensoviel mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. Na, liegt mal so in der
-menschlichen Natur, läßt sich nicht ändern. Na nur flink, vorwärts,
-vorwärts!«
-
-Die Jungen wollten wissen, weshalb solche Eile nötig sei.
-
-»Fragt jetzt nicht lang, -- nur zu, werdet's schon sehen, wenn wir zur
-Witwe kommen.«
-
-Huck fühlte böse Ahnungen in sich aufsteigen. Er war gewohnt, daß man
-ihn fälschlicherweise dummer Streiche bezichtigte.
-
-»Herr Jones, ganz gewiß, wir haben nichts gethan,« beteuerte er zaghaft.
-
-Der Alte lachte herzlich.
-
-»Wer weiß, Huck, mein Junge, wer weiß? Bist du denn nicht gut Freund
-mit der Witwe?«
-
-»O ja, jedenfalls ist sie freundlich mit mir gewesen!«
-
-»Na -- also! Weshalb hast du dann Angst?«
-
-Huck war sich über die Frage noch nicht ganz klar geworden, als er sich
-schon mit Tom in den Salon der Frau Douglas hineingeschoben fühlte.
-Jones ließ den Karren an der Thüre stehen und folgte ihnen.
-
-Das Haus war strahlend hell erleuchtet, und jeder, der im Städtchen
-irgend etwas zu bedeuten hatte, war zugegen. Thatchers waren da und
-Harpers, Rogers, Tante Polly, Sid, Mary, der Pfarrer, der Redakteur und
-noch viele andere, und alle in festlichem Gewande. Frau Douglas empfing
-die Jungen so herzlich, wie man zwei _so_ aussehende Menschenkinder
-empfangen konnte. Sie waren mit Lehm und Talgtropfen förmlich
-überzogen. Tante Polly wurde feuerrot vor Verlegenheit, legte die Stirn
-in drohende Falten und schüttelte vorwurfsvoll und mißbilligend ihr
-graues Haupt gegen Tom. Niemand aber konnte verlegener, beschämter
-sein, als die Jungen selber. Herr Jones sagte:
-
-»Tom war noch nicht zu Hause; ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben,
-ihn herbei zu bringen, aber just vor meiner Hausthüre stolpere ich dann
-über die beiden, und da hab' ich sie eben mitgebracht, wie sie gingen
-und standen.«
-
-»Und das war sehr recht,« bekräftigte die Witwe. »Kommt mit mir,
-Jungens!«
-
-Sie nahm sie mit sich in ein Schlafzimmer und sagte:
-
-»Jetzt wascht euch und zieht euch an. Hier sind zwei neue Anzüge,
-Hemden, Socken, alles vollständig. Die gehören dir, Huck, -- nein,
-keinen Dank weiter, -- Herr Jones hat den einen gekauft und ich den
-andern. Leihst Tom den einen heut' abend, werden ja wohl beiden passen.
-Flink also hinein. Wir warten so lange. Kommt schnell herunter, wenn
-ihr euch genug gestriegelt habt.«
-
-Und sie ging.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Einunddreißigstes Kapitel.
-
-
-Kaum war sie weg, so stürzte Huck zum Fenster, riß es auf und flüsterte
-drängend:
-
-»Tom, wir können zum Fenster hinaus, wenn wir einen Strick finden, es
-geht nicht hoch hinunter.«
-
-»Dummes Zeug! Weshalb sollten wir zum Fenster hinaus?«
-
-»Ich -- ich kann so 'nen Haufen Menschen nicht vertragen, bin nicht
-dran gewöhnt. Ich geh' nicht wieder hinunter, Tom.«
-
-»Dummheit! Ist auch 'was Rechtes. Mir ist's ganz einerlei. Wart', ich
-geb' acht auf dich und helf' dir!«
-
-Sid erschien.
-
-»Tom«, sagte er, »die Tante hat den ganzen Nachmittag auf dich
-gewartet. Mary hat deine Sonntagskleider zurecht gelegt und jeder hat
-sich deinethalben abgeängstigt. Sag' mal, ist das nicht Lehm und Talg
-auf deinen Kleidern?«
-
-»Na, junger Mann, ich rat' dir, kümmre dich nur um deine Sachen.
-Weshalb ist denn der ganze Lärm?«
-
-»Ei, 's ist 'ne Gesellschaft, wie sie die Witwe oft hat, und diesmal zu
-Ehren vom alten Jones und seinen Söhnen, weil sie ihr neulich nachts so
-aus der Patsche geholfen haben. Na und hör' mal, ich weiß noch 'was,
-wenn du's wissen willst.«
-
-»Na und was?«
-
-»Ei, der alte Jones will die Gesellschaft noch mit etwas überraschen,
-hab's gehört, wie er's heut' mittag der Tante erzählte, als 'n
-Geheimnis natürlich, ist aber kein großes Geheimnis mehr. Jeder weiß
-es, -- die Witwe auch, obgleich die sich stellt, als wisse sie nichts.
-Herrgott, hat sich der alte Jones abgesorgt, ob auch der Huck gewiß da
-sei, heut' abend, -- ohne den wär' ja sein großes Geheimnis keine Bohne
-wert gewesen, weißt du!«
-
-»Geheimnis -- wieso, Sid?«
-
-»Ei einfach, daß Huck damals hinter den Kerlen hergeschlichen ist bis
-zum Zaun hier, weiter gar nichts. Der Alte wollt' 'nen großen Hopphei
-draus machen heut' abend, 's wird aber wohl 'en bißchen schwach
-ausfallen.«
-
-Und Sid lachte hämisch und selbstzufrieden in sich hinein.
-
-»Sid, hast du's verraten?«
-
-»Was liegt dran, wer's verraten hat? -- einer hat's gethan, soviel ist
-sicher.«
-
-»Sid, ich weiß nur einen solchen Kerl im Städtchen, der elend genug
-ist, so was zu thun, und der bist du! Wenn du Huck gewesen wärst, du
-hättst dich heim in's warme Nest geschlichen und die Räuber Räuber
-sein lassen. Du kannst immer nur was Gemeines thun, und kannst's nicht
-hören, wenn andre gelobt werden, weil sie was Schönes und was Gutes
-gethan haben. So, da hast du was -- ›keinen Dank‹, wie Frau Douglas
-unten sagt.«
-
-Dabei schlug Tom Sid eins hinter die Ohren und beförderte ihn mit
-einigen Fußtritten zur Thüre hinaus. »Lauf' doch hin und sag's der
-Tante, wenn du's Herz dazu hast, will dir's dann morgen gedenken.«
-
-Einige Minuten später waren die Gäste um den Eßtisch der Witwe
-versammelt. Zur gegebenen Zeit hielt dann Herr Jones seine Rede, in
-welcher er der gütigen Wirtin dankte für die Ehre, die sie ihm und
-seinen Söhnen erwiesen, daß aber ein andrer, der auch anwesend sei,
-weit mehr Dank --
-
-Und so weiter und so fort. Nun brachte er das große Geheimnis über
-Hucks Anteil an der Sache ans Licht und that's in der dramatischesten
-Weise, die ihm zu Gebote stand. Die Ueberraschung aber, die das
-Mitgeteilte hervorrief, war etwas künstlicher Natur und lange nicht
-so lebhaft und herzlich, wie sie unter glücklicheren Umständen hätte
-sein können. Die Witwe selber freilich verstand es sehr gut, das
-größte Erstaunen zur Schau zu tragen, und überhäufte Huck mit einem
-solchen Uebermaß von Dank und Lobsprüchen, daß dieser das _nahezu_
-unerträgliche Mißbehagen, welches ihm die neuen Kleider bereiteten,
-über dem _völlig_ unerträglichen Mißbehagen, die Zielscheibe von
-jedermanns Blicken und jedermanns Beifallsbezeugungen zu sein, ganz
-vergaß.
-
-Witwe Douglas erbot sich, Huck ein Heim in ihrem Hause zu bieten, ihn
-erziehen zu lassen und ihn später, soviel in ihren Kräften stehe, zu
-unterstützen. Jetzt blühte Toms Weizen, und er löste seine Zunge:
-
-»Huck braucht das gar nicht, Huck ist reich genug!«
-
-Nur der Zwang, den die gute Lebensart der Gesellschaft auferlegte,
-war im stande, einen Ausbruch des Gelächters über diesen vermeintlich
-guten Witz zurückzuhalten; das herrschende Schweigen war aber etwas
-unbehaglich. Tom brach es alsbald.
-
-»Huck ist reich, sag' ich, er hat Geld. Ihr glaubt's vielleicht nicht,
-aber er hat Haufen von Geld. Braucht gar nicht zu lachen, werd's euch
-gleich beweisen. Wartet nur 'ne Minute!«
-
-Er rannte zur Thür hinaus. Die Anwesenden blickten zuerst einander voll
-ungläubigen Staunens an und dann fragend auf Huck, der wortlos dasaß.
-
-»Sid, was hat wohl der Tom?« fragte Tante Polly ängstlich -- »er -- na
-da werd' mal einer klug aus dem Bengel. Ich --«
-
-Da trat Tom wieder ein, gebeugt unter der Last seiner Geldsäcke, und
-Tante Polly mußte den Satz unbeendet lassen. Tom leerte den Haufen
-blinkenden Goldes auf den Tisch und rief triumphierend:
-
-»Da -- was hab' ich euch gesagt? Die Hälfte davon gehört Huck und die
-andere Hälfte mir!«
-
-[Illustration]
-
-Der Anblick des Geldes benahm allen den Atem. Alles starrte auf die
-glänzenden Goldstücke und niemand fand Worte im ersten Augenblick.
-Dann erhob sich ein allgemeiner Ruf nach Aufklärung. Tom sagte, die
-könne er geben, und er that's. Die Geschichte war lang, aber unsagbar
-interessant, nur ab und zu kärglich eingestreute Bemerkungen der
-atemlos lauschenden Zuhörer unterbrachen den fesselnden Reiz derselben.
-Als Tom zu Ende war, meinte der alte Jones:
-
-»Hab' _ich_ da vorhin der Gesellschaft 'ne kleine Ueberraschung
-bereiten wollen, -- 's ist aber rein nichts gegen das da. Tom, der
-Teufelskerl, hat mich schön übertrumpft, das muß ich sagen! Geb's aber
-gern zu, weiß Gott, geb's gern zu!«
-
-Das Geld wurde nun gezählt. Die Summe belief sich auf etwas über
-zwölftausend Dollars. Es war mehr, als irgend einer der Anwesenden
-jemals beisammen gesehen, obgleich sich einige darunter befanden, die
-weit mehr als das an Grundbesitz ihr eigen nannten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zweiunddreißigstes Kapitel.
-
-
-Wie man sich denken kann, machte dieser Fund der beiden Knaben in dem
-armen, kleinen Städtchen St. Petersburg das ungeheuerste Aufsehen.
-Solch' eine Riesensumme in barer Münze erschien den guten Leuten
-beinahe unglaublich. Man redete von nichts anderem, schielte gierig
-nach dem Schatze, pries die Finder glücklich, und die Vernunft manchen
-Bürgers drohte bei der ungesunden Erregung ins Wanken zu geraten. Jedes
-Haus, in dem es nur irgend spuken sollte, im Städtchen wie in der
-Umgegend, wurde sozusagen anatomisch zerlegt: Stein für Stein, Balken
-für Balken, die Grundmauern unterwühlt und nach verborgenen Schätzen
-durchforscht, und zwar nicht von Knaben, sondern von Männern, ernsten,
-verständigen, im gewöhnlichen Leben blutwenig romantisch angelegten
-Männern. Wo sich Tom und Huck nur blicken ließen, wurden sie gefeiert,
-bewundert und begafft. Die Jungen konnten sich nicht erinnern, daß
-ihre Worte je zuvor solches Gewicht besaßen, jetzt wurde der kleinste
-Ausspruch ihrerseits wie ein Ausfluß höchster Weisheit bewahrt und
-ehrfurchtsvoll wiederholt. Alles, was sie thaten, was sie redeten,
-erschien bemerkens- und bewundernswert, sie hatten augenscheinlich
-die Fähigkeit verloren, irgend etwas Alltägliches, Unbedeutendes zu
-sagen oder zu thun. Außerdem wurde ihre Vergangenheit durchforscht und
-man fand darin die unleugbaren Spuren hervorragendster Begabung. Die
-Zeitung des Städtchens brachte biographische Notizen über die beiden.
-
-Die Witwe Douglas legte das Geld zu sechs Prozent an und der Herr
-Kreisrichter that auf Tante Pollys Bitte dasselbe mit Toms Anteil.
-Jeder der Jungen hatte nun ein geradezu ungeheures Einkommen -- einen
-Dollar für jeden Tag des Jahres! Das war ja gerade soviel, wie der
-Pastor bekam, das heißt, wie er bekommen sollte, denn meistens kam
-nicht so viel zusammen. Ein und ein viertel Dollar die Woche war
-genügend für Kost, Wohnung und Schulgeld eines Jungen in jener alten,
-einfachen, anspruchslosen Zeit, und man konnte ihn dafür noch kleiden
-und waschen obendrein.
-
-Der Herr Kreisrichter hatte eine sehr hohe Meinung von Tom gefaßt. Er
-sagte, ein gewöhnlicher Junge würde nie imstande gewesen sein, seine
-Tochter aus der Höhle zu befreien. Als Becky ihrem Vater einmal im
-strengsten Vertrauen mitteilte, wie Tom ihre Prügel in der Schule
-damals auf sich genommen, war dieser sichtlich gerührt. Und als sie die
-Lüge zu entschuldigen suchte, vermittelst welcher es dem edlen Freunde
-gelungen war, die Züchtigung auf seine Schultern zu wälzen, meinte
-der Vater enthusiastisch, das sei eine edle, eine großmütige, eine
-hochherzige Lüge gewesen, eine Lüge, die wert sei, in der Geschichte
-dicht neben Washingtons vielgerühmter Wahrheitsliebe zu glänzen. Becky
-kam es vor, als habe sie ihren Vater noch nie so hoch aufgerichtet und
-so stolz gesehen, wie bei diesen Worten. Sie lief davon und berichtete
-Tom haarklein was vorgefallen.
-
-Herr Thatcher hoffte, Tom einmal als berühmten Rechtsgelehrten oder
-auch als großen Kriegsmann zu sehen. Er wolle Sorge tragen, sagte er,
-daß Tom Einlaß fände in die große National-Militär-Akademie und danach
-in der besten Juristen-Schule des Landes ausgebildet werde, so daß er
-vollständig befähigt sei für die eine oder die andere Laufbahn, oder
-auch für beide.
-
-Huck Finn sah sich durch diesen Reichtum und die Thatsache, daß er
-unter dem Schutze der hochangesehenen Witwe Douglas stand, plötzlich
-in die gute Gesellschaft eingeführt, nein -- hineingeschleppt oder
-vielmehr geschleudert -- seine Leiden steigerten sich dadurch fast
-ins Unerträgliche. Die Dienstboten der Witwe hielten ihn sauber und
-rein, wuschen, kämmten, bürsteten ihn alltäglich und betteten ihn
-allnächtlich mitleidslos zwischen reine Tücher, die nicht einen
-einzigen, kleinen Flecken oder Makel hatten, den er hätte an sein Herz
-drücken und als alten, teuren Bekannten begrüßen können. Er mußte mit
-Messer und Gabel essen, mußte Serviette, Tasse und Teller benutzen,
-mußte seine Aufgabe lernen, zur Kirche gehen, dabei so gewählt und
-anständig reden, daß ihm die Sprache ordentlich saft- und kraftlos in
-seinem Munde vorkam; kurz, wohin er sich wandte, engten ihn überall die
-Schranken und Fesseln der Zivilisation von allen Seiten ein und banden
-ihm Hände und Füße.
-
-Drei Wochen hindurch trug er sein Elend wie ein tapfrer Held, dann
-war er plötzlich verschwunden. Achtundvierzig Stunden lang ließ
-die Witwe in Herzensangst überall nach ihm suchen. Jedermann nahm
-innigsten Anteil; man suchte hier und dort, in Höhen und Tiefen,
-man durchforschte den Strom nach seiner Leiche. Frühe am dritten
-Morgen schlich sich Tom Sawyer in aller Stille zu einem Haufen alter,
-leerer Fässer, die hinter dem jetzt unbenutzten, halb verfallenen
-Schlachthause lagen. In einem derselben entdeckte er richtig den
-Flüchtling. Huck hatte die Nacht dort zugebracht, hatte eben sein
-Frühstück, aus allerlei zusammengekripsten Kleinigkeiten bestehend,
-verzehrt und lag nun da und rauchte in glücklicher Behaglichkeit seine
-Pfeife. Er war ungewaschen, ungekämmt und in dieselben alten, malerisch
-an ihm hängenden Lumpen gehüllt, wie in jenen Tagen, da er noch frei
-und glücklich war. Sobald Tom ihn aufgestöbert hatte, warf er ihm
-vor, in welche Angst er alle Leute versetzt habe, und forderte ihn
-auf, nach Hause zurückzukommen. Hucks Antlitz verlor urplötzlich den
-Ausdruck wohligen Behagens und legte sich in melancholische Falten.
-Aengstlich bat er:
-
-»Sprich mir davon nicht, Tom, hab's ja probiert, aber 's thut kein
-gut, Tom, 's thut kein gut. 's taugt nichts für mich, ich bin an so
-was nicht gewöhnt. Die Witwe selber ist gut und freundlich, aber dies
-Leben halt' der Kuckuck aus. Soll ich da jeden Morgen zur selben Zeit
-'raus aus dem Nest, dann waschen und scheuern sie mich, daß die Fetzen
-fliegen, und kämmen mich zu Schanden. Im Holzschuppen darf ich nicht
-schlafen, muß die verflixten Kleider tragen, in denen ich immer nach
-Luft schnappen muß, Tom, 's ist als ginge gar keine Luft durch, und
-dabei sind sie so verteufelt fein und vornehm, daß ich da drin nicht
-sitzen, nicht liegen, viel weniger mich wälzen kann. Weiß nicht, wie
-lang' ich auf keiner Kellerthür mehr hinuntergerutscht bin, aber 's
-kommt mir wie viele Jahre vor. Ich muß in die Kirche gehen und dort
-steif und gerade sitzen, -- und erst die langweiligen Predigten! Nicht
-einmal eine Fliege darf man drin fangen, und den ganzen Sonntag muß
-man die Schuhe anhaben. -- Herrgott! Wenn die Witwe ißt, dann bimmelt
-eine Glocke, geht sie schlafen, bimmelt's wieder, und ebenso, wenn sie
-aufsteht -- 's geht alles so gräßlich nach der Schnur, das halt' der
-Kuckuck aus!«
-
-[Illustration]
-
-»Huck, so macht's aber doch jeder anständige Mensch!«
-
-»Ist mir ganz egal, Tom, ich bin kein anständiger Mensch und ich
-halt's nicht aus. 's ist gräßlich, wenn man so festgenagelt ist. 's
-Futter wächst einem auch nur so in den Mund, -- macht einem gar keine
-Freude so. Soll fragen, wenn ich fischen gehen will, fragen, wenn
-ich baden möcht' -- hol's der Henker, wenn man um jeden Dreck fragen
-soll. Und sprechen hab' ich müssen wie 'n feiner Herr, bin beinah dran
-erstickt. Ei, wenn ich nicht jeden Tag 'nauf auf den Boden wär' und
-hätt' meinem Herzen dort Luft gemacht, so wie _ich's_ versteh', mit 'n
-paar herzhaften Redensarten, nur um mal wieder den Geschmack davon in
-den Mund zu kriegen, ich wär' gestorben, Tom, rein gestorben. Rauchen
-wollten sie mich auch nicht lassen, nicht mal ordentlich brüllen,
-nicht gähnen, nicht räkeln, nicht am Kopf kratzen, wenn jemand dabei
-war. Und« -- fuhr er mit einem verdoppelten Ausbruch des Widerwillens
-und der Gereiztheit fort -- »den ganzen Tag hat sie gebetet. So 'ne
-Frau ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen! Ich _mußt'_ mich
-drücken, Tom, es war nicht zum Aushalten. Dann wär' auch bald die
-Schule angegangen und ich hätte hin gemußt, was mir das Leben vollends
-entleidet hätte. Weißt was, Tom, 's Reichsein ist nicht halb so viel
-wert, als man meint. Man hat eine Plage und Schinderei davon, daß
-man lieber tot sein möchte. In diesen Kleidern hier und in dieser
-Sonne aber ist's mir wohl und ich will mich begraben lassen, wenn ich
-da je wieder 'rauskrieche. Tom, ich wär' nie in diese unselige Lage
-hineingeraten, wenn das verflixte Geld nicht gewesen wär'! Weißt was?
-Geh hin und nimm du auch meinen Teil und schenk' mir hie und da mal
-zehn Cents, aber nicht oft, denn mir liegt blutwenig an dem Geld, so
-schwer es auch zu kriegen war, und dann -- geh' hin und bitt' mich von
-der Witwe los, Tom, thu's doch, hörst du!«
-
-»O, Huck, das kann ich ja nicht, dein Geld nehmen, das wär' gar nicht
-recht, und paß auf, wenn du's erst mal länger probierst bei der Witwe,
-wird's dir schon behagen.«
-
-»Behagen? Ja, so ungefähr wie einem ein heißer Ofen behagt, wenn man
-drauf sitzen soll. Nee, Tom, ich will nicht reich sein und ich will
-nicht in den verfluchten stickigen Häusern leben. Ich brauch' den Wald
-und den Fluß und 'n leeres Faß und dabei will ich bleiben. Hol' der
-Henker alles! Grad' wie wir Flinten und 'ne Höhle hatten und alles
-schön fertig war, um Räuber zu werden, da -- da muß die verflixte,
-dumme Schatzgeschichte kommen und alles verderben!«
-
-Tom ersah seine Gelegenheit:
-
-»Paß mal auf, Huck, das Reichsein hält uns noch lange nicht ab, Räuber
-zu werden.«
-
-»Herrgott! Ist das wirklich dein voller Ernst, Tom?«
-
-»So gewiß als ich hier sitze. Aber Huck, du kannst nicht in die Bande
-aufgenommen werden, wenn du kein anständiger Mensch bist, siehst du.«
-
-Hucks aufwallende Freude bekam einen Dämpfer.
-
-»Kann nicht aufgenommen werden, Tom? War ich denn nicht Seeräuber?«
-
-»Ja, aber das ist ganz was andres. Ein Räuber ist für gewöhnlich viel
-vornehmer als so'n Pirat. In manchen Ländern sind sie vom höchsten Adel
--- Herzöge oder so.«
-
-»Tom, du bist doch immer gut mit mir gewesen! Wirst mich doch nicht
-ausschließen, Tom? Wirst mir doch so was nicht anthun, oder?«
-
-»Huck, ich thät's ja nicht und ich thu's auch nicht gern, aber was
-würden die Leute sagen? Ei, die werden die Nase rümpfen und ›Pf!‹ --
-würden sie sagen, -- Tom Sawyers Bande! Schöne Kerle da drin! Und damit
-wärst du gemeint, Huck. Das wär' dir doch nicht recht und mir auch
-nicht.«
-
-Für eine Weile war Huck still, sichtlich kämpfte er innerlich einen
-schweren Kampf. Schließlich sagte er:
-
-»Na, für 'nen Monat oder so könnt' ich ja am Ende zur Witwe zurückgehen
-und sehen, wie ich mich durchschlage und ob ich's aushalten kann. Ja,
-das könnt' ich, -- wenn ich bei der Bande eintreten darf, Tom.«
-
-»Gut also, Huck, das ist 'n Wort! Und nun vorwärts, alter Kerl, will
-mal mit der Witwe reden, daß sie dich 'n bißchen mehr in Ruhe läßt.«
-
-»Willst du, Tom, willst du? Das ist schön von dir. Wenn die 'n bißchen
-weniger streng sein will, dann will ich dafür nur noch heimlich rauchen
-und fluchen und mich wohl oder übel durchdrücken oder platzen. Aber bis
-wann willst du denn die Bande aufthun und Räuber werden?«
-
-»Ei gleich! Wollen nur erst die Jungens zusammen trommeln, dann kann
-die Einschwörung gleich heut' nacht vor sich gehen.«
-
-»Die -- was?«
-
-»Die Einschwörung.«
-
-»Was ist denn das?«
-
-»Ei, da schwört man, daß man zusammen stehen und fallen wolle und
-niemals die Geheimnisse der Bande verraten, und sollte man auch in
-Stücke zerrissen werden: daß man jeden umbringen wolle samt seiner
-ganzen Familie, der irgend einem der Bande was zu leide thut.«
-
-»Das ist lustig, Tom, arg lustig, sag' ich dir.«
-
-»Ja, das ist's. Und der ganze Schwur muß um Mitternacht geschehen, am
-einsamsten, schauerlichsten Ort, den man finden kann, -- in einem Haus,
-wo's spukt, wär's am besten, aber die sind jetzt alle abgebrochen.«
-
-»Um Mitternacht ist gut, Tom, -- irgendwo.«
-
-»Ja, das ist wahr. Und man muß über einem Sarge schwören und alles mit
-Blut unterzeichnen.«
-
-»Das klingt doch nach etwas! Weiß Gott, das ist millionenmal besser,
-als Seeräuber sein. Ich will mich an die Witwe kleben, bis ich schwarz
-werd', Tom, und wenn ich mal so 'n richtiger Hauptkerl von 'nem
-vornehmen Räuber bin, Tom, und alle Welt von mir redet, dann wird sie
-wohl, denk' ich, sich auch freuen und stolz sein, daß sie mich aus dem
-Sumpf gezogen hat!«
-
- * * * * *
-
-So endet denn diese Chronik. Da es nur die Geschichte eines Knaben
-ist, so _muß_ sie hier enden; ließe sie sich doch nicht viel weiter
-fortspinnen, ohne zur Geschichte eines Mannes zu werden. Wer einen
-Roman über erwachsene Leute schreibt, weiß ganz genau, wo er aufzuhören
-hat, nämlich -- bei der Heirat. Wer aber von Kindern und sehr
-jugendlichen Helden erzählt, der muß eben aufhören, wo es sich am
-besten fügt.[7]
-
- [7] Der Verfasser hat in seinem ›_Huckleberry Finn_‹ -- siehe
- den nächsten Band der ausgewählten Schriften -- eine
- prächtige Fortsetzung der Knabenstreiche Tom Sawyers
- geschrieben, wobei ›Huck‹ der Held ist.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Korrekturen:
-
- S. 96: daß → was
- was denkst du, {was} draus werden wird
-
- S. 297: Ausdruck → Ausbruch
- war im stande, einen {Ausbruch} des Gelächters
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOM SAWYERS ABENTEUER UND
-STREICHE ***
-
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-
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