diff options
92 files changed, 17 insertions, 22209 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..e63b824 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #64417 (https://www.gutenberg.org/ebooks/64417) diff --git a/old/64417-0.txt b/old/64417-0.txt deleted file mode 100644 index d3740bb..0000000 --- a/old/64417-0.txt +++ /dev/null @@ -1,10076 +0,0 @@ -The Project Gutenberg eBook of Tom Sawyers Abenteuer und Streiche, by Mark -Twain - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Tom Sawyers Abenteuer und Streiche - -Author: Mark Twain - -Illustrator: H. Schrödter - -Release Date: January 29, 2021 [eBook #64417] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOM SAWYERS ABENTEUER UND -STREICHE *** - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Mark Twains - - ausgewählte - - humoristische Schriften - - Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter= - - Erster Band: - - Tom Sawyers Abenteuer und Streiche - - [Illustration] - - Stuttgart - - Verlag von Robert Lutz - 1908 - - - - - Tom Sawyers - - Abenteuer und Streiche - - Von - - Mark Twain - - Illustriert von =H. Schrödter= - - [Illustration] - - Stuttgart - - Verlag von Robert Lutz - 1908 - - - - -Alle Rechte vorbehalten. - - -Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart. - -[Illustration: Mark Twain] - - - - -Mark Twain. - - -Der amerikanische Humor ist eine eigenartige Pflanze, von der viele -glauben, daß sie nicht in fremden Boden versetzt werden kann. -Dennoch giebt es unter den Humoristen des Westens _einen_ Namen, der -weltbekannt ist: _Mark Twain_. Mark Twain ist durch die im Jahre 1892 -in meinem Verlag erschienene Gesamtausgabe seiner besten humoristischen -Schriften auch in Deutschland in weitesten Kreisen bekannt geworden. -Es ist nur ein Zeichen seiner zunehmenden Volkstümlichkeit bei uns, -daß zur Herausgabe der vorliegenden illustrierten Ausgabe geschritten -werden konnte. - -Daß es sich bei einer deutschen Ausgabe von Mark Twains humoristischen -Werken nur um eine, mit möglichster Sorgfalt getroffene Auswahl -handeln kann, versteht sich von selbst. Was sich ausschließlich auf -lokale Verhältnisse bezieht oder vergangene Zustände behandelt, -die für den Leser auch kein genügendes historisches Interesse mehr -haben, mußte ausgeschlossen werden. Dies ist auch der Grund, warum -gerade das umfangreiche Werk, durch welches Mark Twain zuerst seinen -Ruf begründete, »~Innocents Abroad~« (»Die Harmlosen auf Reisen«), -worin der Verfasser seine erste Reise nach Europa und in's Morgenland -schildert, nur durch die Wiedergabe einiger, besonders gelungener, -heiterer Scenen und Skizzen in unserer Sammlung[1] vertreten ist. - - [1] Band 6 derselben. - -Der Humor des berühmten Amerikaners hat seitdem vieles von bleibenderem -Werte gezeugt. Er hat Typen geschaffen, die so ganz aus dem Leben -gegriffen sind, daß wir meinen, sie verkörpert vor uns zu sehen. Es -liegt etwas unwiderstehlich Packendes und Naturwahres in der harmlosen -Art, mit der er den Ernst des Lebens zu parodieren weiß und uns zwingt, -über die menschlichen Schwächen und Erbärmlichkeiten, die er uns -vorführt, zu lachen. Wir thun dies um so lieber, da wir Mark Twain, bei -allem Scherz, stets auf der Seite der Wahrheit und des Rechtes sehen, -wo es gilt, für echte Menschenwürde und Menschenliebe einzutreten und -jeden trügerischen und falschen Schimmer zu verachten. Dennoch werden -seine Schriften nie lehrhaft. Wenn sie auch häufig stark auftragen -und sich in Uebertreibungen gefallen, so ist doch jede Unnatur darin -vermieden, und es ist gerade das Ungesuchte in der Ausdrucksweise, was -ihnen die erquickende Frische und Ursprünglichkeit verleiht. - -Mark Twains Lebenslauf spiegelt sich am besten in seinen Büchern -wieder, die zum großen Teil Selbstbiographie sind. Er hat sich, lange -bevor er Schriftsteller wurde, als praktisch brauchbares Glied der -Gesellschaft bewährt, und verschiedene Berufsarten, die er von Grund -aus kennen lernte, haben ihn in die engste Beziehung zum Volksleben -gebracht. Aber mitten in harter Arbeit, in Armut und Entbehrung -betrachtet Mark Twain schon von frühe auf die Menschen und Dinge mit -dem Auge des Dichters und Humoristen und bleibt dabei seiner Kernnatur -stets treu, selbst unter den wechselndsten Schicksalen. - -Der Leser findet am Schluß des letzten (6.) Bandes eine eingehende -Lebensbeschreibung Mark Twains; an dieser einleitenden Stelle mag es -genügen, unseren Meister durch eine kleine Skizze einzuführen. - -Samuel L. Clemens -- der sich als Schriftsteller Mark Twain nennt, -- -wurde am 30. November 1835 in dem Städtchen Florida im gleichnamigen -Staate der Union geboren. Bald darauf zog sein Vater, ein strenger, -äußerst rechtschaffener Geschäftsmann, nach Hannibal am Mississippi, -wo der junge Clemens seine Knabenjahre verlebte. Er war kaum zwölf -Jahre alt, als der Vater starb; die Familie blieb in drückenden -Verhältnissen zurück, und der Knabe sah sich darauf angewiesen, für -sein eigenes Fortkommen zu sorgen. Trotz mangelhafter Schulbildung war -in ihm schon frühzeitig ein litterarischer Hang erwacht, den er, wie -so mancher seiner Landsleute, der später berühmt geworden ist, dadurch -zu befriedigen suchte, daß er als Lehrling in eine Druckerei eintrat. -Hierauf folgten nun mehrere Wanderjahre als Setzer und Buchdrucker, die -ihn bis nach New York und Philadelphia führten. - -Siebzehn Jahre alt kehrte Clemens nach Hannibal zurück und begann nach -kurzer Frist ein Reisen auf andere Art. Das Leben auf dem Mississippi -zog ihn mächtig an, er ging zu Schiffe und erlernte den Lotsendienst -auf einem Dampfer zwischen St. Louis und New Orleans. Als jedoch durch -den zunehmenden Eisenbahnverkehr und den Ausbruch des Bürgerkrieges -die Stromfahrten in's Stocken gerieten, mußte sich der junge Mann nach -einem andern Beruf umsehen. Im 4. Bande dieser Sammlung findet sich -eine anschauliche Schilderung seiner Erlebnisse während jener Zeit. - -Mehr durch die Umstände gezwungen als aus innerem Antrieb, schloß sich -Clemens nun den Rebellionstruppen an, doch nur auf wenige Wochen, denn -die unorganisierte Schar, zu welcher er gehörte, löste sich wieder auf. - -Kurze Zeit nachher begleitete er seinen Bruder, der zum Vizegouverneur -von Nevada ernannt worden war, als dessen Privatsekretär nach -diesem Territorium; doch legte er dies Amt bald nieder und ging als -Goldgräber in die Bergwerke. Mark Twain hat uns die Wanderung nach -dem Felsengebirge und sein Leben unter den Bergleuten mit Meisterhand -beschrieben. Schätze fand er dort aber nicht. Er mußte endlich -einsehen, daß das Glück ihm abhold sei und war froh, eine Stelle als -Zeitungsredakteur in Virginia City zu erhalten. Seine Artikel im -»Enterprise« unterzeichnete er zum erstenmal mit »Mark Twain«, dem -Schriftstellernamen, welchen er sich gewählt hatte. Auf dem Mississippi -pflegen nämlich die Matrosen beim Handhaben des Senkbleis in ihrer -Seemannssprache »~Mark twain~« zu rufen, anstatt »~Mark two~«, und das -lag ihm noch von seiner Lotsenzeit her in der Erinnerung. - -Im Jahre 1864 ging Clemens, gleichfalls als Redakteur, nach -San Francisco. Hier erschienen seine humoristischen Skizzen in -verschiedenen Blättern; bald ward sein Name an der Küste des Stillen -Ozeans allgemein bekannt, und zwei Jahre später schickte man ihn als -Zeitungskorrespondenten nach den Sandwichinseln. Von seinen Erlebnissen -im fernen Westen giebt uns das Buch »~Roughing It~«[2] eine ergötzliche -Beschreibung. - - [2] Band 4 und 5 der vorliegenden Ausgabe. - -Nach San Francisco zurückgekehrt, trat Mark Twain als öffentlicher -Vorleser in Kalifornien und Nevada auf, wo dergleichen damals noch -etwas Neues war. In das Jahr 1867 fällt seine erste Reise nach Europa -und dem Orient, welche die »~Innocents Abroad~« schildern. Bald nach -seiner Heimkehr trat er in die Ehe und ließ sich nun zuerst in Buffalo -und darauf in Hartford nieder, welches seitdem der dauernde Wohnsitz -der Familie geblieben ist. - -Sein Stillleben unterbricht Mark Twain zuweilen durch Vorlesungen -oder Reisen. Er ist in den letzten Jahrzehnten wiederholt in Europa -gewesen und hat jedesmal mit Vorliebe deutsche Lande zu einem längeren -Aufenthalt gewählt. Während er 1892 in Berlin weilte, wo er u. a. mit -dem deutschen Kaiser eine Begegnung hatte, ließ er sich im Herbst 1897 -in Wien nieder, um da ein Jahr zu verbringen. Der Leser wird im letzten -Band dieser Sammlung eine Anzahl ergötzliche Skizzen finden, in welchen -sich die Reiseeindrücke wiederspiegeln, die Mark Twain auf seinen -verschiedenen Reisen in Deutschland, der Schweiz und sonst in Europa -empfangen hat. - - =Stuttgart=, Januar 1898. - - =Die Verlagshandlung Robert Lutz.= - - - - -Tom Sawyers - -Abenteuer und Streiche. - -[Illustration] - - - - - Die meisten der im Tom Sawyer erzählten Abenteuer sind wirklich - vorgekommen. Eines oder zwei habe ich selbst erlebt, die - anderen meine Schulkameraden. Huck Finn ist nach dem Leben - gezeichnet, Tom Sawyer ebenfalls, jedoch mit dem Unterschied, - daß in ihm die Charaktereigenschaften mehrerer Knaben vereinigt - sind. - - _Hartford_, 1876. - - =Der Verfasser.= - - - - -Erstes Kapitel. - - -»Tom!« - -Keine Antwort. - -»Tom!« - -Tiefes Schweigen. - -»Wo der Junge nun wieder steckt, möcht' ich wissen. Du -- Tom!« - -Die alte Dame zog ihre Brille gegen die Nasenspitze herunter und -starrte drüber weg im Zimmer herum, dann schob sie sie rasch wieder -empor und spähte drunter her nach allen Seiten aus. Nun und nimmer -würde sie dieselbe so entweiht haben, daß sie durch die geheiligten -Gläser hindurch nach solchem geringfügigen Gegenstand geschaut hätte, -wie ein kleiner Junge einer ist. War es doch ihre Staatsbrille, der -Stolz ihres Herzens, welche sie sich nur der Zierde und Würde halber -zugelegt, keineswegs zur Benutzung, -- ebenso gut hätte sie durch -ein paar Kochherdringe sehen können. Einen Moment lang schien sie -verblüfft, da sie nichts entdecken konnte, dann ertönte wiederum -ihre Stimme, nicht gerade ärgerlich, aber doch laut genug, um von der -Umgebung, dem Zimmergerät nämlich, gehört zu werden: »Wart', wenn ich -dich kriege, ich -- --« - -Sie beendete den Satz nicht, denn sie war inzwischen ans Bett -herangetreten, unter welchem sie energisch mit dem Besen herumstöberte, -was ihre ganze Kraft, all ihren Atem in Anspruch nahm. Trotz der -Anstrengung förderte sie jedoch nichts zu Tage, als die alte Katze, die -ob der Störung sehr entrüstet schien. - -»So was wie den Jungen giebt's nicht wieder!« - -Sie trat unter die offene Hausthüre und ließ den Blick über die Tomaten -und Kartoffeln schweifen, welche den Garten vorstellten. Kein Tom zu -sehen! Jetzt erhob sich ihre Stimme zu einem Schall, der für eine -ziemlich beträchtliche Entfernung berechnet war: - -»Holla -- du -- To--om!« - -Ein schwaches Geräusch hinter ihr veranlaßte sie, sich umzudrehen und -zwar eben noch zu rechter Zeit, um einen kleinen, schmächtigen Jungen -mit raschem Griff am Zipfel seiner Jacke zu erwischen und eine offenbar -geplante Flucht zu verhindern. - -»Na, natürlich! An die Speisekammer hätte ich denken müssen! Was hast -du drinnen wieder angestellt?« - -»Nichts.« - -»Nichts? Na, seh' mal einer! Betracht' mal deine Hände, he, und was -klebt denn da um deinen Mund?« - -»Das weiß _ich_ doch nicht, Tante!« - -»So, aber _ich_ weiß es. Marmelade ist's, du Schlingel, und gar nichts -anderes. Hab' ich dir nicht schon hundertmal gesagt, wenn du mir _die_ -nicht in Ruhe ließest, wollt' ich dich ordentlich gerben? Was? Hast -du's vergessen? Reich' mir mal das Stöckchen da!« - -Schon schwebte die Gerte in der Luft, die Gefahr war dringend. - -»Himmel, sieh doch mal hinter dich, Tante!« - -Die alte Dame fuhr herum, wie von der Tarantel gestochen, und packte -instinktiv ihre Röcke, um sie in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig -war der Junge mit einem Satz aus ihrem Bereich, kletterte wie ein -Eichkätzchen über den hohen Bretterzaun und war im nächsten Moment -verschwunden. Tante Polly sah ihm einen Augenblick verdutzt, wortlos -nach, dann brach sie in leises Lachen aus. - -[Illustration] - -»Hol' den Jungen der und jener! Kann ich denn nie gescheit werden? Hat -er mir nicht schon Streiche genug gespielt, daß ich mich endlich einmal -vor ihm in acht nehmen könnte! Aber, wahr ist's, alte Narren sind -die schlimmsten, die's giebt, und ein alter Pudel lernt keine neuen -Kunststückchen mehr, heißt's schon im Sprichwort. Wie soll man aber -auch wissen, was der Junge im Schild führt, wenn's jeden Tag was andres -ist! Weiß der Bengel doch genau, wie weit er bei mir gehen kann, bis -ich wild werde, und ebenso gut weiß er, daß, wenn er mich durch irgend -einen Kniff dazu bringen kann, eine Minute zu zögern, ehe ich zuhaue, -oder wenn ich gar lachen muß, es aus und vorbei ist mit den Prügeln. -Weiß Gott, ich thu' meine Pflicht nicht an dem Jungen. ›Wer sein Kind -lieb hat, der züchtiget es‹, heißt's in der Bibel. Ich aber, ich -- -Sünde und Schande wird über uns kommen, über meinen Tom und mich, ich -seh's voraus, Herr, du mein Gott, ich seh's kommen! Er steckt voller -Satanspossen, aber, lieber Gott, er ist meiner toten Schwester einziger -Junge, und ich hab' nicht das Herz ihn zu hauen. Jedesmal, wenn ich ihn -durchlasse, zwickt mich mein Gewissen ganz grimmig, und hab' ich ihn -einmal tüchtig vorgenommen, dann -- ja dann will mir das alte, dumme -Herz beinahe brechen. Ja, ja, der vom Weibe geborene Mensch ist arm -und schwach, kurz nur währen seine Tage und sind voll Müh und Trübsal, -so sagt die hl. Schrift und wahrhaftig, es ist so! Heut' wird sich der -Bengel nun wohl nicht mehr blicken lassen, wird die Schule schwänzen, -denk' ich, und ich werd' ihm wohl für morgen irgend eine Strafarbeit -geben müssen. Ihn am Sonnabend,[3] wenn alle Jungen frei haben, -arbeiten zu lassen, ist fürchterlich hart, namentlich für Tom, der die -Arbeit mehr scheut, als irgend was sonst, aber ich muß meine Pflicht -thun an dem Jungen, wenigstens einigermaßen, ich _muß_, sonst bin ich -sein Verderben!« - - [3] In Amerika, sowie in England, ist stets der Sonnabend ein - schulfreier Tag. - -Tom, der, wie Tante Polly sehr richtig geraten, die Schule schwänzte, -ließ sich am Nachmittag nicht mehr blicken, sondern trieb sich draußen -herum und vergnügte sich königlich dabei. Gegen Abend erschien er dann -wieder, kaum zur rechten Zeit vor dem Abendessen, um Jim, dem kleinen -Niggerjungen, helfen zu können, das nötige Holz für den nächsten Tag -klein zu machen. Dabei blieb ihm aber Zeit genug, Jim sein Abenteuer zu -erzählen, während dieser neun Zehntel der Arbeit that. Toms jüngerer -Bruder, oder besser Halbbruder, Sid,[4] hatte seinen Teil am Werke, -das Zusammenlesen der Holzspäne, schon besorgt. Er war ein fleißiger, -ruhiger Junge, nicht so unbändig und abenteuerlustig wie Tom. Während -dieser sich das Abendessen schmecken ließ und dazwischen bei günstiger -Gelegenheit Zuckerstückchen stibitzte, stellte Tante Polly ein, wie sie -glaubte äußerst schlaues und scharfes Kreuzverhör mit ihm an, um ihn zu -verderbenbringenden Geständnissen zu verlocken. Wie so manche andere -arglos-schlichte Seele glaubte sie an ihr Talent für die schwarze, -geheimnisvolle Kunst der Diplomatie. Es war der stolzeste Traum ihres -kindlichen Herzens, und die allerdurchsichtigsten kleinen Kniffe, deren -sie sich bediente, schienen ihr wahre Wunder an Schlauheit und List. So -fragte sie jetzt: - - [4] Abkürzung von Sidney. - -»Tom, es war wohl ziemlich warm in der Schule?« - -»Ja, Tante.« - -»Sehr warm, nicht?« - -»Ja, Tante.« - -»Hast du nicht Lust gehabt schwimmen zu gehen?« - -Wie ein warnender Blitz durchzuckte es Tom, -- hatte sie Verdacht? Er -suchte in ihrem Gesichte zu lesen, das verriet nichts. So sagte er: - -»N--nein, Tante -- das heißt nicht viel.« - -Die alte Dame streckte die Hand nach Toms Hemdkragen aus, befühlte den -und meinte: - -»Jetzt ist dir's doch nicht mehr zu warm, oder?« - -Und dabei bildete sie sich ein, bildete sich wirklich und wahrhaftig -ein, sie habe den trockenen Zustand besagten Hemdes entdeckt, ohne daß -eine menschliche Seele ahne, worauf sie ziele. Tom aber wußte genau, -woher der Wind wehte, so kam er der mutmaßlich nächsten Wendung zuvor. - -»Ein paar von uns haben die Köpfe unter die Pumpe gehalten -- meiner -ist noch naß, sieh!« - -Tante Polly empfand es sehr unangenehm, daß sie diesen belastenden -Beweis übersehen und sich so im voraus aus dem Felde hatte schlagen -lassen. Ihr kam eine neue Eingebung. - -»Tom, du hast doch wohl nicht deinen Hemdkragen abnehmen müssen, den -ich dir angenäht habe, um dir auf den Kopf pumpen zu lassen, oder? -Knöpf doch mal deine Jacke auf!« - -Aus Toms Antlitz war jede Spur von Sorge verschwunden. Er öffnete die -Jacke, der Kragen war fest und sicher angenäht. - -»Daß dich --! Na, mach' dich fort. Ich hätte Gift drauf genommen, daß -du heut' mittag schwimmen gegangen bist. Wollen's gut sein lassen. -Dir geht's diesmal wie der verbrühten Katze, du bist besser, als du -aussiehst -- aber nur diesmal, Tom, nur diesmal!« - -Halb war's ihr leid, daß alle ihre angewandte Schlauheit so ganz -umsonst gewesen, und halb freute sie sich, daß Tom doch einmal -wenigstens, gleichsam unversehens, in den Gehorsam hinein gestolpert -war. - -Da sagte Sidney: - -»Ja aber, Tante, hast du denn den Kragen mit schwarzem Zwirn aufgenäht?« - -»Schwarz? Nein, er war weiß, so viel ich mich erinnere, Tom!« - -Tom aber wartete das Ende der Unterredung nicht ab. Wie der Wind war er -an der Thüre, rief beim Abgehen Sid noch ein freundschaftliches ›wart', -das sollst du mir büßen‹ zu und war verschwunden. - -An sicherem Orte untersuchte er darauf zwei eingefädelte Nähnadeln, die -er in das Futter seiner Jacke gesteckt trug, die eine mit weißem, die -andere mit schwarzem Zwirn, und brummte vor sich hin: - -»Sie hätt's nie gemerkt, wenn's der dumme Kerl, der Sid, nicht verraten -hätte. Zum Kuckuck! Einmal nimmt sie weißen und einmal schwarzen Zwirn, -wer kann das behalten. Aber Sid soll seine Keile schon kriegen; der -soll mir nur kommen!« - -Tom war mit nichten der Musterjunge seines Heimatortes, -- es gab aber -einen solchen, und Tom kannte und verabscheute ihn rechtschaffen. - -Zwei Minuten später, oder in noch kürzerer Zeit, hatte er alle seine -Sorgen vergessen. Nicht, daß sie weniger schwer waren oder weniger -auf ihm lasteten, wie eines Mannes Sorgen auf eines Mannes Schultern, -nein durchaus nicht, aber ein neues mächtiges Interesse zog seine -Gedanken ab, gerade wie ein Mann die alte Last und Not in der Erregung -eines neuen Unternehmens vergessen kann. Dieses starke und mächtige -Interesse war eine eben errungene, neue Methode im Pfeifen, die ihm -ein befreundeter Nigger kürzlich beigebracht hatte, und die er nun -ungestört üben wollte. Die Kunst bestand darin, daß man einen hellen, -schmetternden Vogeltriller hervorzubringen sucht, indem man in kurzen -Zwischenpausen während des Pfeifens mit der Zunge den Gaumen berührt. -Wer von den Lesern jemals ein Junge gewesen ist, wird genau wissen, -was ich meine. Tom hatte sich mit Fleiß und Aufmerksamkeit das Ding -baldigst zu eigen gemacht und schritt nun die Hauptstraße hinunter, -den Mund voll tönenden Wohllauts, die Seele voll stolzer Genugthuung. -Ihm war ungefähr zu Mute, wie einem Astronomen, der einen neuen Stern -entdeckt hat, doch glaube ich kaum, daß die Freude des glücklichen -Entdeckers der seinen an Größe, Tiefe und ungetrübter Reinheit gleich -kommt. - -Die Sommerabende waren lang. Noch war's nicht dunkel geworden. Toms -Pfeifen verstummte plötzlich. Ein Fremder stand vor ihm, ein Junge, -nur vielleicht einen Zoll größer als er selbst. Die Erscheinung eines -Fremden irgend welchen Alters oder Geschlechtes war ein Ereignis in -dem armen, kleinen Städtchen St. Petersburg. Und dieser Junge war -noch dazu sauber gekleidet, -- sauber gekleidet an einem Wochentage! -Das war einfach geradezu unfaßlich, überwältigend! Seine Mütze war -ein niedliches, zierliches Ding, seine dunkelblaue, dicht zugeknöpfte -Tuchjacke nett und tadellos: auch die Hosen waren ohne Flecken. Schuhe -hatte er an, Schuhe, und es war doch heute erst Freitag, noch zwei -ganze Tage bis zum Sonntag! Um den Hals trug er ein seidenes Tuch -geschlungen. Er hatte so etwas Zivilisiertes, so etwas Städtisches -an sich, das Tom in die innerste Seele schnitt. Je mehr er dieses -Wunder von Eleganz anstarrte, je mehr er die Nase rümpfte über den -›erbärmlichen Schwindel‹, wie er sich innerlich ausdrückte, desto -schäbiger und ruppiger dünkte ihm seine eigene Ausstattung. Keiner -der Jungen sprach. Wenn der eine sich bewegte, bewegte sich auch der -andere, aber immer nur seitwärts im Kreise herum. So standen sie -einander gegenüber, Angesicht zu Angesicht, Auge in Auge. Schließlich -sagte Tom: - -»Ich kann dich unter kriegen!« - -»Probier's einmal!« - -»N -- ja, ich kann.« - -»Nein, du kannst nicht.« - -»Und doch!« - -»Und doch nicht!« - -»Ich kann's.« - -»Du kannst's nicht.« - -»Kann's.« - -»Kannst's nicht.« - -Ungemütliche Pause. Dann fängt Tom wieder an: - -»Wie heißt du?« - -»Geht dich nichts an.« - -»Will dir schon zeigen, daß mich's angeht.« - -»Nun, so zeig's doch.« - -»Wenn du noch viel sagst, thu' ich's.« - -»Viel -- viel -- _viel_! Da! Nun komm 'ran!« - -»Ach, du hältst dich wohl für furchtbar gescheit, gelt du! Du Putzaff'! -Ich könnt' dich ja unterkriegen, mit einer Hand auf den Rücken -gebunden, -- wenn ich nur wollt'!« - -»Na, warum _thust_ du's denn nicht? Du _sagst's_ doch immer nur!« - -»Wart', ich thu's, wenn du dich mausig machst!« - -»Ja, ja, sagen kann das jeder, aber thun -- thun ist was andres.« - -»Aff' du! Gelt du meinst, du seist was Rechtes? -- Puh, was für ein -Hut!« - -»Guck' wo anders hin, wenn er dir nicht gefällt. Schlag' ihn doch -runter! Der aber, der's thut, wird den Himmel für 'ne Baßgeig' ansehen!« - -»Lügner, Prahlhans!« - -»Selber!« - -»Maulheld! Gelt, du willst dir die Hände schonen?« - -»O -- geh' heim!« - -»Wart', wenn du noch mehr von deinem Blödsinn verzapfst, so nehm' ich -einen Stein und schmeiß' ihn dir an deinem Kopf entzwei.« - -»Ei, natürlich, -- schmeiß' nur!« - -»Ja, ich thu's!« - -»Na, warum denn nicht gleich? Warum wartst du denn noch? Warum _thust_ -du's nicht? Ätsch, du hast Angst!« - -»Ich hab' keine Angst.« - -»Doch, doch!« - -»Nein, ich hab' keine.« - -»Du hast welche!« - -Erneute Pause, verstärktes Anstarren und langsames Umkreisen. Plötzlich -stehen sie Schulter an Schulter. Tom sagt: - -»Mach' dich weg von hier!« - -»Mach' dich selber weg!« - -»Ich nicht!« - -»_Ich_ gewiß nicht!« - -So stehen sie nun fest gegeneinander gepreßt, jeder als Stütze ein -Bein im Winkel vor sich gegen den Boden stemmend, und schieben, -stoßen und drängen sich gegenseitig mit aller Gewalt, einander mit -wutschnaubenden, haßerfüllten Augen anstarrend. Keiner aber vermag dem -andern einen Vorteil abzugewinnen. Nachdem sie so schweigend gerungen, -bis beide ganz heiß und glühendrot geworden, lassen sie wie auf -Verabredung langsam und vorsichtig nach und Tom sagt: - -»Du bist ein Feigling und ein Aff' dazu. Ich sag's meinem großen -Bruder, der haut dich mit seinem kleinen Finger krumm und lahm, wart' -nur!« - -»Was liegt mir an deinem großen Bruder! Meiner ist noch viel größer, -wenn der ihn nur anbläst, fliegt er über den Zaun, ohne daß er weiß -wie!« (Beide Brüder existierten nur in der Einbildung.) - -»Das ist gelogen!« - -»Was weißt denn du?« - -Tom zieht nun mit seiner großen Zehe eine Linie in den Staub und sagt: - -»Da spring' 'rüber und ich hau' dich, daß du deinen Vater nicht von -einem Kirchturm unterscheiden kannst!« - -Der neue Junge springt sofort, ohne sich zu besinnen, hinüber und ruft: - -»Jetzt komm endlich 'ran und thu's und hau', aber prahl' nicht länger!« - -»Reiz' mich nicht, nimm dich in acht!« - -»Na, nun mach' aber, jetzt bin ich's müde! Warum kommst du nicht!« - -»Weiß Gott, jetzt thu' ich's für zwei Pfennig!« - -Flink zieht der fremde Junge zwei Pfennige aus der Tasche und hält sie -Tom herausfordernd unter die Nase. - -Tom schlägt sie zu Boden. - -Im nächsten Moment wälzen sich die Jungen fest umschlungen im Staube, -krallen einander wie Katzen, reißen und zerren sich an den Haaren -und Kleidern, bläuen und zerkratzen sich die Gesichter und Nasen und -bedecken sich mit Schmutz und Ruhm. Nach ein paar Minuten etwa nimmt -der sich wälzende Klumpen Gestalt an, und in dem Staub des Kampfes wird -Tom sichtbar, der rittlings auf dem neuen Jungen sitzt und denselben -mit den Fäusten bearbeitet. - -[Illustration] - -»Schrei ›genug‹,« mahnt er. - -Der Junge ringt nur stumm, sich zu befreien, er weint vor Zorn und Wut. - -»Schrei ›genug‹,« mahnt Tom noch einmal und drischt lustig weiter. - -Endlich stößt der Fremde ein halb ersticktes »genug« hervor, Tom läßt -ihn alsbald los und sagt: »Jetzt hast du's, das nächste Mal paß' auf, -mit wem du anbindst!« - -Der fremde Junge rannte heulend davon, sich den Staub von den Kleidern -klopfend. Gelegentlich sah er sich um, ballte wütend die Faust und -drohte, was er Tom alles thun wolle, »wenn er ihn wieder erwische.« Tom -antwortete darauf nur mit Hohngelächter und machte sich, wonnetrunken -ob der vollbrachten Heldenthat, in entgegengesetzter Richtung auf. -Sobald er aber den Rücken gewandt hatte, hob der besiegte Junge -einen Stein, schleuderte ihn Tom nach und traf ihn gerade zwischen -den Schultern, dann gab er schleunigst Fersengeld und lief davon wie -ein Hase. Tom wandte sich und setzte hinter dem Verräter her, bis zu -dessen Hause, wodurch er herausfand, wo dieser wohnte. Er pflanzte -sich vor das Gitter hin und forderte den Feind auf, heraus zu kommen -und den Streit aufzunehmen, der aber weigerte sich und schnitt ihm nur -Grimassen durch das Fenster. Endlich kam die Mutter des Feindes zum -Vorschein, schalt Tom einen bösen, ungezogenen, gemeinen Buben und hieß -ihn sich fort machen. Tom trollte sich also, brummte aber, er wollte es -dem Affen schon noch zeigen. - -Erst sehr spät kam er nach Hause, und als er vorsichtig zum Fenster -hineinklettern wollte, stieß er auf einen Hinterhalt in Gestalt der -Tante. Als diese dann den Zustand seiner Kleider gewahrte, gedieh ihr -Entschluß, seinen freien Sonnabend in einen Sträflingstag bei harter -Arbeit zu verwandeln, zu eiserner Festigkeit. - -[Illustration] - - - - -Zweites Kapitel. - - -Der Sonnabend-Morgen tagte, die ganze sommerliche Welt draußen war -sonnig und klar, sprudelnd von Leben und Bewegung. In jedem Herzen -schien's zu klingen und zu singen, und wenn das Herz jung war, trat der -Klang unversehens auf die Lippen. Freude und Lust malte sich in jedem -Antlitz, jeder Schritt war beflügelt. Die Akazien blühten und erfüllten -mit ihrem köstlichen Duft rings alle Lüfte. - -Tom erschien auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Tünche und einem -langstieligen Pinsel. Er stand vor dem Zaun, besah sich das zukünftige -Feld seiner Thätigkeit, und es war ihm, als schwände mit einem Schlag -alle Freude aus der Natur. Eine tiefe Schwermut bemächtigte sich seines -ahnungsvollen Geistes. Dreißig Meter lang und neun Fuß hoch war der -unglückliche Zaun! Das Leben schien ihm öde, das Dasein eine Last. -Seufzend tauchte er den Pinsel ein und fuhr damit über die oberste -Planke, wiederholte das Manöver einmal und noch einmal. Dann verglich -er die unbedeutende, übertünchte Strecke mit der Riesenausdehnung -des noch ungetünchten Zaunes und ließ sich entmutigt auf ein paar -knorrigen Baumwurzeln nieder. Jim, der kleine Nigger, trat singend -und springend aus dem Hofthor mit einem Holzeimer in der Hand. Wasser -an der Dorfpumpe holen zu müssen, war Tom bis jetzt immer gründlich -verhaßt gewesen, in diesem Augenblick dünkte es ihm die höchste Wonne. -Er erinnerte sich, daß man dort immer Gesellschaft traf; Weiße, -Mulatten und Nigger-Jungen und -Mädchen waren da stets zu finden, die -warteten, bis die Reihe an sie kam und sich inzwischen ausruhten, mit -allerlei handelten oder tauschten, sich zankten, rauften, prügelten -und dergleichen Kurzweil trieben. Auch durfte man Jim mit seinem Eimer -Wasser nie vor Ablauf einer Stunde zurückerwarten, obgleich die Pumpe -kaum einige hundert Schritte vom Hause entfernt war und selbst dann -mußte gewöhnlich noch nach ihm geschickt werden. Ruft also Tom: - -»Hör', Jim, ich will das Wasser holen, streich' du hier ein bißchen an.« - -Jim schüttelte den Dickkopf und sagte: - -»Nix das können, junge Herr Tom. Alte Tante sagen, Jim sollen nix thun -andres als Wasser holen, sollen ja nix anstreichen. Sie sagen, junge -Herr Tom wohl werden fragen Jim, ob er wollen anstreichen, aber er nix -sollen es thun -- ja nix sollen es thun.« - -»Ach was, Jim, laß dir nichts weis machen, so redet sie immer. Her mit -dem Eimer, ich bin gleich wieder da. Sie merkt's doch gar nicht.« - -»Jim sein so bange, er's nix wollen thun. Alte Tante sagen, sie ihm -reißen Kopf ab, wenn er's thun.« - -»Sie! O Herr Jemine, die kann ja gar niemand ordentlich durchhauen, --- die fährt einem ja nur mit der Hand über den Kopf, als ob sie -streicheln wollte, und ich möcht' wissen, wer sich daraus was macht. -Ja, schwatzen thut sie von durchhauen und allem, aber schwatzen thut -nicht weh, -- das heißt, so lang sie nicht weint dazu. Jim, da, ich -schenk' dir auch 'ne große Murmel, -- da und noch 'nen Gummi dazu!« - -Jim schwankte. - -»'nen Gummi, Jim, und was für ein Stück, sieh mal her!« - -»O, du mein alles! Sein das prachtvoll Stück Gummi. Aber, junge Herr -Tom, Jim sein so ganz furchtbar bange vor alte Tante!« - -Jim aber war auch nur ein schwacher Mensch, -- diese Versuchung erwies -sich als zu stark für ihn. Er stellte seinen Eimer hin und streckte -die Hand nach dem verlockenden Gummi aus. Im nächsten Moment flog er -jedoch, laut aufheulend, samt seinem Eimer die Straße hinunter, Tom -tünchte mit Todesverachtung drauf los, und Tante Polly zog sich stolz -vom Schlachtfeld zurück, Pantoffel in der Hand, Triumph im Auge. - -[Illustration] - -Toms Eifer hielt nicht lange an. Ihm fiel all das Schöne ein, das -er für diesen Tag geplant, und sein Kummer wuchs immer mehr. Bald -würden sie vorüber schwärmen, die glücklichen Jungen, die heute frei -waren, auf die Berge, in den Wald, zum Fluß, überall hin, wo's schön -und herrlich war. Und wie würden sie ihn höhnen und auslachen und -verspotten, daß er dableiben und arbeiten mußte, -- schon der Gedanke -allein brannte ihn wie Feuer. Er leerte seine Taschen und musterte -seine weltlichen Güter, -- alte Federn, Glas- und Steinkugeln, Marken -und sonst allerlei Kram. Da war wohl genug, um sich dafür einen -Arbeitstausch zu verschaffen, aber keineswegs genug, um sich auch -nur eine knappe halbe Stunde voller Freiheit zu erkaufen. Seufzend -wanderten die beschränkten Mittel wieder in die Tasche zurück, und Tom -mußte wohl oder übel die Idee fahren lassen, einen oder den andern der -Jungen zur Beihilfe zu bestechen. In diesem dunkeln, hoffnungslosen -Moment kam ihm eine Eingebung! Eine große, eine herrliche Eingebung! -Er nahm seinen Pinsel wieder auf und machte sich still und emsig an -die Arbeit. Da tauchte Ben Rogers in der Entfernung auf, Ben Rogers, -dessen Spott er gerade am meisten gefürchtet hatte. Ben's Gang, als -er so daher kam, war ein springender, hüpfender, kurzer Trab, Beweis -genug, daß sein Herz leicht und seine Erwartungen hoch gespannt waren. -Er biß lustig in einen Apfel und ließ dazu in kurzen Zwischenpausen ein -langes, melodisches Geheul ertönen, dem allemal ein tiefes gezogenes -ding--dong--dang, ding--dong--dang folgte. Er stellte nämlich einen -Dampfer vor. Als er sich Tom näherte, gab er Halbdampf, hielt sich -in der Mitte der Straße, wandte sich stark nach Steuerbord und glitt -drauf in stolzem Bogen dem Ufer zu, mit allem Aufwand von Pomp und -Umständlichkeit, denn er stellte nichts Geringeres vor als den ›Großen -Missouri‹ mit neun Fuß Tiefgang. Er war Schiff, Kapitän, Mannschaft, -Dampfmaschine, Glocke, alles in allem, stand also auf seiner eigenen -Schiffsbrücke, erteilte Befehle und führte sie aus. - -»Halt, stoppen! Klinge--linge--ling.« Der Hauptweg war zu Ende, -und der Dampfer wandte sich langsam dem Seitenweg zu. »Wenden! -Klingelingeling!« Steif ließ er die Arme an den Seiten niederfallen. -»Wenden Steuerbord! Klingelingeling! Tschu! tsch--tschu--u--tschu!« - -Nun beschrieb der rechte Arm große Kreise, denn er stellte ein -vierzig Fuß großes Rad vor. »Zurück, Backbord! Klingelingeling! -Tschu--tsch--tschu--u--sch!« Der linke Arm begann nun Kreise zu -beschreiben. - -»Steuerbord stoppen! Lustig, Jungens! Anker auf -- nieder! -Klingeling! Tsch--tschuu--tschtu! Los! Maschine stoppen! He, Sie da! -Scht--sch--tscht!« (Ausströmen des Dampfes.) - -Tom tünchte währenddessen und ließ den Dampfer Dampfer sein. Ben -starrte ihn einen Augenblick an und grinste dann: - -»Hi--hi! Festgenagelt -- äh?« - -Keine Antwort. Tom schien seinen letzten Strich mit dem Auge eines -Künstlers zu prüfen, dann fuhr er zart mit dem Pinsel noch einmal -drüber und übersah das Resultat in derselben kritischen Weise wie -zuvor. Ben marschierte nun neben ihm auf. Toms Mund wässerte nach dem -Apfel, er hielt sich aber tapfer an die Arbeit. Sagt Ben: - -»Hallo, alter Junge, Strafarbeit, ja?« - -»Ach, du bist's, Ben, ich hab' gar nicht aufgepaßt!« - -»Hör' du, ich geh' schwimmen, willst du vielleicht mit? Aber gelt, du -arbeitst lieber, natürlich, du bleibst viel lieber da, gelt?« - -Tom maß ihn erstaunt von oben bis unten. - -»Was nennst du eigentlich arbeiten?« - -»W--was? Ist das keine Arbeit?« - -Tom tauchte seinen Pinsel wieder ein und bemerkte gleichgültig: - -»Vielleicht -- vielleicht auch nicht! Ich weiß nur soviel, daß das dem -Tom Sawyer paßt.« - -»Na, du willst mir doch nicht weis machen, daß du's zum Vergnügen -thust?« - -Der Pinsel strich und strich. - -»Zum Vergnügen? Na, seh' nicht ein, warum nicht. Kann unser einer denn -alle Tag 'nen Zaun anstreichen?« - -Das warf nun ein neues Licht auf die Sache. Ben überlegte und -knupperte an seinem Apfel. Tom fuhr sachte mit seinem Pinsel hin und -her, trat dann zurück, um die Wirkung zu prüfen, besserte hie und da -noch etwas nach, prüfte wieder, alles ohne sich im geringsten um Ben -zu kümmern. Dieser verfolgte jede Bewegung, eifriger und eifriger mit -steigendem Interesse. Sagt er plötzlich: - -»Du, Tom, laß mich ein bißchen streichen!« - -Tom überlegte, schien nachgeben zu wollen, gab aber diese Absicht -wieder auf: »Nein, nein, das würde nicht gehen, Ben, wahrhaftig nicht. -Weißt du, Tante Polly nimmt's besonders genau mit diesem Zaun, so dicht -bei der Straße, siehst du. Ja, wenns irgendwo dahinten wär', da läg -nichts dran, -- mir nicht und ihr nicht -- so aber! Ja, sie nimmt's -ganz ungeheuer genau mit diesem Zaun, der muß ganz besonders vorsichtig -gestrichen werden, -- einer von hundert Jungen vielleicht, oder noch -weniger, kann's so machen, wie's gemacht werden muß.« - -»Nein, wirklich? Na, komm, Tom, laß mich's probieren, nur ein ganz -klein bißchen. Ich ließ dich auch dran, Tom, wenn ich's zu thun hätte!« - -»Ben, wahrhaftig, ich thät's ja gern, aber Tante Polly -- Jim hat's -thun wollen und Sid, aber die haben's beide nicht gedurft. Siehst du -nicht, wie ich in der Klemme stecke? Wenn du nun anstreichst, und 's -passiert was, und der Zaun ist verdorben, dann --« - -»Ach, Unsinn, ich will's schon recht machen. Na, gieb her, -- wart', du -kriegst auch den Rest von meinem Apfel; 's ist freilich nur noch der -Butzen, aber etwas Fleisch sitzt doch noch drum.« - -»Na, denn los! Nein, Ben, doch nicht, ich hab' Angst, du --« - -»Da hast du noch 'nen ganzen Apfel dazu!« - -Tom gab nun den Pinsel ab, Widerstreben im Antlitz, Freude im Herzen. -Und während der frühere Dampfer ›Großer Missouri‹ im Schweiße seines -Angesichts drauf los strich, saß der zurückgetretene Künstler auf einem -Fäßchen im Schatten dicht dabei, baumelte mit den Beinen, verschlang -seinen Apfel und brütete über dem Gedanken, wie er noch mehr Opfer -in sein Netz zöge. An Material dazu war kein Mangel. Jungen kamen in -Menge vorüber. Sie kamen um zu spotten und blieben um zu tünchen! Als -Ben müde war, hatte Tom schon Kontrakt gemacht mit Billy Fischer, der -ihm einen fast neuen, nur wenig geflickten Drachen bot. Dann trat -Johnny Miller gegen eine tote Ratte ein, die an einer Schnur zum Hin- -und Herschwingen befestigt war. So gings weiter und weiter, Stunde um -Stunde. Und als der Nachmittag zur Hälfte verstrichen, war aus Tom, dem -mit Armut geschlagenen Jungen mit leeren Taschen und leeren Händen, -ein im Reichtum förmlich schwelgender Glücklicher geworden. Er besaß -außer den Dingen, die ich oben angeführt, noch zwölf Steinkugeln, eine -freilich schon etwas stark beschädigte Mundharmonika, ein Stück blaues -Glas, um die Welt dadurch zu betrachten, ein halbes Blasrohr, einen -alten Schlüssel, um nichts damit aufzuschließen, ein Stück Kreide, -einen halb zerbrochenen Glasstöpsel von einer Wasserflasche, einen -Bleisoldaten, ein Stück Seil, sechs Zündhütchen, ein junges Kätzchen -mit nur einem Auge, einen alten messingnen Thürgriff, ein Hundehalsband -ohne Hund, eine Messerklinge, vier Orangenschalen und ein altes, -wackeliges Stück Fensterrahmen. Dazu war er lustig und guter Dinge, -brauchte sich gar nicht weiter anzustrengen die ganze Zeit über und -hatte mehr Gesellschaft beinahe, als ihm lieb war. Der Zaun wurde nicht -weniger als dreimal vollständig überpinselt, und wenn die Tünche im -Eimer nicht ausgegangen wäre, hätte er zum Schluß noch jeden einzelnen -Jungen des Dorfes bankerott gemacht. - -Unserm Tom kam die Welt gar nicht mehr so traurig und öde vor. Ohne -es zu wissen, hatte er ein tief in der menschlichen Natur wurzelndes -Gesetz entdeckt, die Triebfeder zu vielen, vielen Handlungen. Um das -Begehren eines Menschen, sei er nun erwachsen oder nicht, -- das -Alter macht in dem Fall keinen Unterschied -- also, um eines Menschen -Begehren nach irgend etwas zu erwecken, braucht man ihm nur das -Erlangen dieses ›etwas‹ schwierig erscheinen zu lassen. Wäre Tom ein -gewiegter, ein großer Philosoph gewesen, wie zum Beispiel der Schreiber -dieses Buches, er hätte daraus gelernt, wie der Begriff von _Arbeit_ -einfach darin besteht, daß man etwas thun _muß_, daß dagegen Vergnügen -das ist, was man freiwillig thut. Er würde verstanden haben, warum -künstliche Blumen machen oder in einer Tretmühle gehen ›Arbeit‹ heißt, -während Kegel schieben im Schweiße des Angesichts oder den Mont-Blanc -erklettern lediglich als Vergnügen gilt. Ja, ja, wer erklärt diese -Widersprüche in der menschlichen Natur! -- - -[Illustration] - - - - -Drittes Kapitel. - - -Tom erschien vor Tante Polly, die am offnen Fenster eines -Hinterzimmers saß, das Schlaf-, Wohn-, Eßzimmer, Bibliothek, alles -in sich vereinigte. Die balsamische Sommerluft, die friedliche Ruhe, -der Blumenduft, das einschläfernde Summen der Bienen, alles hatte -seine Wirkung auf sie ausgeübt, -- sie war über ihrem Strickstrumpf -eingenickt in Gesellschaft der Katze, die auf ihrem Schoße friedlich -schlummerte. Die Brille war zur Sicherheit ganz auf den alten, grauen -Kopf geschoben. Sie war fest überzeugt gewesen, daß Tom längst -durchgebrannt sei und wunderte sich nun nicht wenig, als er sich jetzt -so furchtlos ihrer Macht überlieferte. - -»Darf ich jetzt gehen und spielen, Tante?« fragte er. - -»Was -- schon? Ei, wie weit bist du denn?« - -»Fertig, Tante.« - -»Tom, schwindle nicht, du weißt, das kann ich nicht vertragen.« - -»Gewiß und wahrhaftig, Tante, ich bin fertig.« - -Tante Polly schien nur wenig Zutrauen zu der Angabe zu hegen, denn sie -erhob sich, um selbst nachzusehen; sie wäre froh und dankbar gewesen, -hätte sie nur zwanzig Prozent von Toms Aussage bestätigt gefunden. Als -sie aber nun den ganzen Zaun getüncht fand und nicht nur so einmal -leicht überstrichen, sondern sorgsam mit einer festen, tadellosen Lage -Tünche versehen, da kannte ihr Erstaunen, ihre freudige Ver- und -Bewunderung keine Grenzen. - -»Na, so was!« stieß sie fast atemlos hervor. »Arbeiten _kannst_ du, -wenn du willst, Tom, das muß dir dein Feind lassen. Selten genug -freilich willst du einmal,« schwächte sie ihr Kompliment ab. »Aber nun -geh' und spiel', mach' dich flink fort. Daß du mir aber vor Ablauf -einer Woche wieder kommst, hörst du, sonst gerb' ich dir das Fell doch -noch durch!« - -Sie war aber so gerührt von seiner Heldenthat, daß sie ihn zuerst noch -mit in die Speisekammer nahm und einen herrlichen, dicken, rotbackigen -Apfel auslas, den sie ihm einhändigte, daran den salbungsvollen -Hinweis knüpfend, wie Verdienst und ehrliche Anstrengung den Genuß -einer Gabe erhöhe, die man als Lohn der Tugend erworben, nicht durch -sündige Tücke. Und während sie die Predigt mit einer ebenso passend -als glücklich gewählten Schriftstelle schloß, hatte Tom hinterrücks -ein Stückchen Kuchen stibitzt, um sich den Lohn der Tugend wie die -Errungenschaft sündiger Tücke ganz gleich gut schmecken zu lassen. - -Dann schlüpfte er hinaus und sah gerade, wie Sid die Außentreppe, -die zu dem Hinterzimmer des zweiten Stocks führte, hinauf huschte. -Erdklumpen waren zur Hand und im Moment war die Luft voll davon. Sie -flogen um Sid wie ein Hagelwetter, und ehe noch Tante Polly ihre -überraschten Lebensgeister sammelte oder zu Hilfe kommen konnte, hatten -sechs oder sieben ihr Ziel getroffen, Sid brüllte, und Tom war über -den Zaun gesetzt und verschwunden. Es gab freilich auch ein Thor, aber -für gewöhnlich konnte es Tom aus Mangel an Zeit nicht benutzen. Nun -hatte seine Seele Ruhe, jetzt hatte er abgerechnet mit Sid und ihm die -Verräterei mit dem schwarzen Zwirn heimgezahlt. Der würde ihn nicht so -bald wieder in Ungelegenheiten zu bringen wagen! - -Tom schlich auf Umwegen hinter dem Stalle, um Haus und Hof herum, -bis er außer dem Bereich der Gefangennahme und Abstrafung war, dann -setzte er sich eiligst nach dem Hauptplatz des Dorfes in Trab, wo der -Verabredung gemäß zwei feindliche Heere sich eine Schlacht liefern -sollten. Tom war General der einen Armee, Joe Harper, sein Busenfreund, -General der zweiten. Die beiden ruhmgekrönten, großen Anführer ließen -sich aber nicht zum Fechten in Person herbei; bewahre, ganz nach -berühmten Mustern sahen sie nur von ferne zu, von irgend einer Erhöhung -herab, und leiteten die Bewegungen der kämpfenden Heere durch Befehle, -welche Adjutanten überbringen mußten. Nach langem, heißem Kampfe trug -Toms Schar den Sieg davon. Nun wurden die Toten gezählt, Gefangene -ausgetauscht, die Bedingungen zum nächsten Streit vereinbart und der -Tag für die daraus notwendig sich ergebende Schlacht festgesetzt, die -Armeen lösten sich auf, und Tom marschierte allein heimwärts. - -Als er am Hause des Bürgermeisters vorüber kam, sah er ein fremdes, -kleines Mädchen im Garten, ein liebliches, zartes, blauäugiges Geschöpf -mit langen gelben, in zwei dicke Schwänze geflochtenen Haaren, weißem -Sommerkleid und gestickten Höschen. Der ruhmgekrönte Held fiel ohne -Schuß und Streich. Eine gewisse Anny Lorenz verschwand aus seinem -Herzen, ohne auch nur einen Schatten ihrer selbst zurück zu lassen. Tom -hatte seine Liebe zu besagter Anny für verzehrende Feuersglut gehalten, -und nun war es nur noch ein leise flackerndes, verlöschendes Flämmchen. -Monatelang hatte er um sie geworben, vor einer Woche erst hatte sie -ihm ihre Gegenliebe gestanden, sieben Tage lang war er der stolzeste, -glücklichste Junge des Städtchens gewesen und jetzt -- im Umdrehen -hatte sie sich empfohlen aus seinem Herzen, wie irgend ein fremder -Besuch, dessen Zeit um ist. - -[Illustration] - -Mit verstohlenen Blicken verfolgte Tom den neu auftauchenden Engel, bis -er bemerkte, daß sie ihn entdeckt hatte. Jetzt that er, als ob er sie -gar nicht sähe und begann nach echter Jungenart ›sich zu zeigen‹, in -der Absicht, ihre Bewunderung zu erringen. Eine Zeitlang trieb er es -so fort, aber mitten in irgend einer halsbrecherischen, gymnastischen -Leistung schielte er seitwärts und bemerkte, daß die Holde sich dem -Hause zuwandte. Er brach ab und sprang auf den Zaun zu, voller Bedauern -und in der Hoffnung, daß sie doch noch ein wenig länger verweilen -werde. Einen Moment blieb sie auf den Stufen stehen, näherte sich dann -aber schnell der Thüre. Tom stieß einen schweren, schallenden Seufzer -aus, als ihr Fuß die Schwelle berührte, im selben Moment aber erhellte -sich sein melancholisches Antlitz, -- sie hatte ein Stiefmütterchen -über den Zaun geworfen im Augenblick, da sie verschwand. Der Junge -rannte drauf los, blieb aber einen oder zwei Fuß von der Blume entfernt -stehen, beschattete die Augen mit der Hand und that, als habe er, weit -da unten in der Straße, etwas von großem Interesse entdeckt. Gleich -danach raffte er einen Strohhalm vom Boden auf, um ihn auf der Nase zu -balancieren, indem er den Kopf weit zurück warf, und als er sich dabei -hin und her bewegte, rückte er der Blume immer näher. Schließlich -berührte er sie mit seinem nackten Fuße, seine geschmeidigen Zehen -umschlossen dieselbe, auf einem Bein hüpfte er fort mit dem eroberten -Schatze und verschwand um die nächste Ecke. Aber nur für eine Minute, --- nur bis er die Blume an seinem Herzen geborgen hatte oder auch -an seinem Magen vielleicht, -- Tom war nicht sehr bewandert in der -Anatomie und jedenfalls nicht allzu kritisch. - -Jetzt kehrte er zu seinem früheren Standorte zurück und trieb sich am -Zaun herum, bis die Nacht hereinbrach, immer von Zeit zu Zeit seine -Kunststücke loslassend. Die blonde Schöne aber zeigte sich nicht -wieder, und Tom tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie sicher hinter -irgend einem der Fenster gestanden habe, und seine Aufmerksamkeiten -also nicht auf dürren Boden gefallen seien. Endlich bequemte er sich -widerstrebend zum Abzug, Kopf und Sinn voll wunderbarer Visionen. - -Während des ganzen Abendessens war er in solch gehobener Stimmung, -daß seine Tante nicht klug draus wurde, ›was zum Kuckuck in den -Jungen gefahren sei!‹ Den Ausputzer, den er für Sids Beschießung mit -Erdklumpen erhielt, nahm er mit Lammesgeduld entgegen und schüttelte -ihn ebenso schnell wieder ab. Er probierte, der Tante vor der Nase -weg Zucker zu stibitzen, und kriegte dafür ordentlich auf die Pfoten. -Vorwurfsvoll meinte er: - -»Tante, du klopfst doch den Sid nicht, wenn er Zucker nascht.« - -»Der quält mich auch nicht so wie du. Was, ei wenn ich dir nicht -aufpaßte, du stecktest den ganzen Tag in der Zuckerdose!« - -Gleich danach wollte sie in der Küche etwas holen und ging hinaus. -Sid, im Gefühl seiner Unstrafbarkeit, langte nach der Zuckerdose mit -einer Überhebung, die Tom unerträglich dünkte. Aber weh! -- Sids Hand -zitterte, die Dose entglitt den haltenden Fingern, fiel zu Boden und -zerbrach. Tom triumphierte, -- triumphierte _so_, daß er sich bezwang, -seine Zunge im Zaum hielt und atemlos, erwartungsvoll schwieg. Er -gelobte sich innerlich, kein Wort zu sagen, selbst wenn die Tante -wieder herein käme, sondern sich ganz stille zu verhalten, bis sie -frage, wer das Unheil angestellt, dann würde er berichten und welche -Wonne, wenn der geliebte ›Musterjunge‹ auch einmal was Ordentliches -abkriegte. Er platzte beinahe vor Ungeduld und konnte sich kaum auf dem -Stuhl halten, als nun die alte Dame hereintrat und sprachlos, Wutblitze -unter ihrer Brille hervor schleudernd, vor den Trümmern stand. »Jetzt -kommt's, jetzt geht's los,« frohlockte er. Im nächsten Moment fühlte er -sich gepackt, zu Boden geworfen, und schon hob sich die strafende Faust -zum zweiten- und drittenmal über seinem südlichen Rückenende, ehe er, -sprachlos vor Ueberraschung und Entrüstung, Worte fand: - -»Laß los, Tante, was haust du _mich_ denn? Sid hat's ja gethan!« - -Tante Pollys erhobene Faust sank noch einmal mechanisch mit -klatschendem Schlag, dann hielt sie ein, erstaunt, verwirrt, während -Tom, eines Ausbruchs tröstenden, selbstanklagenden Mitleids gewärtig, -vorwurfsvoll zu ihr emporstarrte. Aber alles, was sie sagte, als sie zu -Atem kam, war: - -»Na, Gott weiß, an dir ist kein Schlag verloren, das ist mein Trost. -Nimm's einstweilen als Abschlagszahlung, hörst du!« - -Danach aber empfand sie doch Gewissensbisse, und ihr gutes, weiches -Herz sehnte sich, dem armen, unschuldig Gezüchtigten ein liebevolles -Wort zu sagen. Aus Rücksichten der Disziplin aber enthielt sie sich -jeder Zusprache, die ihr doch nur als ein Eingeständnis des Unrechts -ausgelegt worden wäre. So schwieg sie denn und ging bekümmerten Herzens -ihrer Arbeit nach. Tom schmollte in einem Winkel und steigerte seine -Leiden ins Unendliche. Er wußte, daß die Tante innerlich vor ihm auf -den Knieen lag, und dies Bewußtsein that ihm wohl bis in die kleine -Zehe. Er wollte sich um niemanden, niemanden mehr kümmern. Er fühlte, -wie ihn von Zeit zu Zeit ein sehnsüchtiger, thränenverschleierter Blick -traf, er aber that, als merke er nichts und brütete nur stumm vor sich -hin. Er sah sich krank, sterbend auf seinem Bette hingestreckt. Die -Tante beugte sich über ihn und flehte händeringend um ein einziges, -kleines, armes Wort der Vergebung. Er aber wandte das Gesicht ab, -stumm, thränenlos und starb, -- starb, und das Wort der Vergebung -blieb ungesagt. Was würde sie dann thun? -- Oder er sah sich, wie man -ihn vom Fluß zurück brachte, tot, mit triefenden Haaren, blassem, -stillem Antlitz, endlich Ruhe und Frieden im armen, gequälten Herzen --- für immer. Wie würde sie sich über ihn werfen, wie würden ihre -Thränen stromweise fließen und sie Gott anrufen, ihren armen Jungen -wieder lebendig zu machen, den sie auch nie, nie wieder mißhandeln -wolle. Er aber läge da, kalt und still, ein armer Märtyrer, dessen -Leiden zu Ende. -- So arbeitete er sich dermaßen in Jammer und -Elend hinein, daß er beinahe in Schluchzen ausgebrochen wäre und am -Zurückdrängen desselben fast erstickte. Thränen standen in seinen -Augen, und alles erschien ihm in einem wässerigen Nebel. Wenn er mit -den Augen zwinkerte, kamen die Tropfen langsam die Nase herab und -träufelten von der Spitze hernieder. Dabei fühlte er sich so wohl in -seinem Schmerz, daß er denselben ängstlich vor der profanen Lust, dem -lärmenden Getriebe der Welt da draußen behütete. Als sein Bäschen Mary, -die acht Tage auf dem Lande zu Besuch gewesen war, glückselig nach der -›langen Abwesenheit‹ zur einen Thür herein tanzte, wie lauter Licht -und Sonnenschein, entschlüpfte Tom in Nebel und Wolken gehüllt durch -die andere. Weit in die Einsamkeit wanderte er hinweg. Ein Floß lockte -ihn; er setzte sich darauf und starrte in die Wellen des Stromes. Wenn -er nur auf einmal tot und ertrunken sein könnte, ohne etwas davon zu -wissen, ohne erst all das viele Wasser zu schlucken! Dann dachte er -an seine Blume, entnahm sie seinem Busen, verwelkt, zerknittert, und -ihr Anblick erhöhte noch sein wonniges Schmerzgefühl. Ob _sie_ ihn wohl -bemitleiden würde, wenn sie es wüßte? Oder würde auch sie sich abwenden -wie die übrige schnöde Welt? Wieder verlor er sich in einem Labyrinth -von Träumen und erhob sich zuletzt seufzend, um in die Dunkelheit -hinein zu wandern. Um zehn, halb elf schlich er die stille Straße -hinunter, in der die vergötterte Unbekannte wohnte. An ihrer Thüre -hielt er an. Kein Laut traf sein lauschendes Ohr, nur aus einem Fenster -des zweiten Stockes kam der trübe Schein eines einsamen Talglichts. -War dort der geheiligte Raum, der sie umschloß? Er kletterte über den -Zaun und stahl sich lautlos bis unter jenes Fenster. Voll Rührung -schaute er hinan, dann streckte er sich der Länge lang auf den Boden -aus, die Hände, welche die verwelkte Blume umschlossen, auf der Brust -faltend. So wollte er sterben, -- draußen in der kalten Welt, kein -Dach über seinem heimatlosen Haupte, keine Freundeshand, die ihm den -Todesschweiß von der Stirne wischte, kein liebendes Antlitz, das sich -mitleidsvoll über ihn beugte, wenn der letzte, große Kampf nahte. So -sollte _sie_ ihn sehen, wenn sie das Fenster öffnete, um dem jungen -Morgen zuzulächeln und ach -- würde sie wohl dem Toten eine Thräne -weihen, einen Seufzer hauchen über den leblosen stillen Rest, der alles -war, was von dem frohen, jugendfrischen, vor der Zeit in der Wurzel -geknickten, jungen Leben geblieben? - -[Illustration] - -Das Fenster öffnete sich. Die schrille Stimme einer Magd entweihte -die geheiligte Stille, und eine Sündflut von Wasser durchtränkte die -Gebeine des dahingestreckten Märtyrers. - -Prustend und keuchend sprang unser Held auf und schüttelte sich -heftig. Ein Wurfgeschoß durchschwirrte die Luft, untermischt mit einem -halblauten Fluche, worauf ein klirrendes Splittern von Glas folgte. -Eine kleine, undeutliche Gestalt kletterte eiligst über den Zaun und -schoß in die Dunkelheit hinein. - -Nicht lange danach, als Tom beim Schein eines Lichtstümpchens seine -durchnäßten Kleider besichtigte, erwachte Sid. Wenn der nun vorher die -Absicht gehabt hatte, allerlei unliebsame Anspielungen zu machen, so -besann er sich jetzt wohlweislich eines besseren und hielt Frieden, -- -es blitzte Gefahr in Toms Auge. Dieser aber kroch ins Bett ohne weitere -unangenehme Förmlichkeiten wie Waschen oder Beten, wovon sich Sid im -Geiste getreulich Notiz machte, und die Stille der Nacht umfing das -Brüderpaar. - -[Illustration] - - - - -Viertes Kapitel. - - -Die Sonne ging auf über der sonntäglich ruhigen Welt und strahlte -nieder auf das friedliche Städtchen, wie ein Segen von oben. Als das -Frühstück vorüber war, hielt Tante Polly Familienandacht. Sie begann -mit einem Gebete, das sich ganz und gar aus festen Schichten biblischer -Kraftstellen aufbaute, die nur durch einen dünnen, spärlichen Mörtel -eigener Gedanken zusammen gehalten wurden. Auf den Zinnen dieses -stolzen Baues angelangt, krönte sie das Ganze mit einem dräuenden -Kapitel des Mosaischen Gesetzes, als stünde sie auf dem Berge Sinai -selber. - -Danach gürtete Tom seine Lenden sozusagen und ging ans Werk, sich die -Bibelsprüche ›einzupauken‹. Sid, der Musterknabe, hatte seine Lektion -schon vor mehreren Tagen gelernt. Tom warf sich mit ganzer Energie auf -die Erlernung von fünf Versen und wählte dieselben aus der Bergpredigt, -da er keine kürzeren finden konnte. - -Nach Verlauf einer halben Stunde hatte er denn auch glücklich einen -schwachen, allgemeinen Begriff von seiner Lektion, aber nichts weiter, -denn seine Gedanken reisten dabei mit Blitzesschnelle durch die ganze -weite, unbegrenzte Welt, die im engen Hirne schlummert, und seine -Finger waren rastlos thätig in allerhand angenehmen, ablenkenden -Zerstreuungen. Endlich erbarmte sich Bäschen Mary seiner und nahm -das Buch, um ihn zu überhören, während er sich durch den die Sprüche -verhüllenden Nebel mühsam seinen Weg zu bahnen suchte. - -»Selig sind die -- ä -- ä --« - -»Da geistig --« - -»Richtig -- die da geistig ä -- ä --« - -»Arm --« - -»Arm sind. Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie sollen -- -sollen --« - -»Denn ihrer --« - -»Ja so! Selig sind, die da geistig arm sind, denn ihrer ist das -Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie -- sie --« - -»S --« - -»Denn sie -- ä --« - -»S -- o --« - -»Denn sie s -- s --, weiß der Kuckuck, wie das heißt!« - -»Sollen!« - -»Ach so -- sollen! Denn sie sollen -- denn sie sollen -- ä -- ä -- -sollen Leid tragen. Selig sind, die da sollen -- die da sollen -- ä -- -Leid tragen, denn sie sollen -- ä -- sollen was? Warum hilfst du mir -denn nicht, Mary, schäm' dich, so schlecht zu sein und am Sonntag noch -dazu!« - -[Illustration] - -»O, Tom, armer, dummer, dickköpfiger Kerl, ich will dich ja nicht -necken, Gott behüte. Ich mein's nur gut mit dir. Geh' und lern's -noch einmal und verlier' den Mut nicht, du wirst's schon in den Kopf -kriegen, und dann, Tom, dann schenk' ich dir auch was Schönes! Geh' und -sei ein guter Junge!« - -»Schon recht. Aber was ist's, Mary, sag' mir erst, was es ist.« - -»Das brauchst du nicht vorher zu wissen, Tom, du weißt, wenn ich sag', -es ist schön, so ist's wirklich was Schönes.« - -»Ja, das weiß ich. Also vorwärts, gieb das Buch wieder her, Mary, -wollen's schon kriegen.« - -Und er ›kriegte‹ es wirklich und zwar mit Glanz unter dem Doppeldruck -von Neugierde und voraussichtlichem Gewinn. - -Mary gab ihm nach bestandener Probe ein funkelnagelneues Taschenmesser, -das mindestens eine Mark wert war unter Brüdern. Eine feine -Damaszenerklinge hatte es ja wohl nicht, auch keinen schön verzierten -eingelegten Griff von Elfenbein, aber um den Tisch anzuschnitzen -war's gerade recht, was Tom sofort probierte, und als er sich darauf -seelenvergnügt eben an den Schrank machen wollte, wurde er abgerufen, -um sich zur Sonntagsschule in den Staat zu werfen. - -Mary reichte ihm eine Blechschüssel mit Wasser und ein Stück Seife, -womit er sich in den Hof begab. Hier stellte er die Schüssel auf eine -Bank, tauchte die Seife ins Wasser, legte solche dann zur Seite, goß -das Wasser aus, stülpte die Aermel auf und kam wieder zur Küche herein, -um sich eiligst sein trockenes Gesicht am Handtuch hinter der Thür -abzuwischen. Mary aber riß ihm das Tuch weg und sagte: - -»Schämst du dich nicht, Tom? Das heiß' ich betrügen! Wasser wird dir -nichts schaden!« - -Tom war ein wenig aus der Fassung gebracht. Die Schüssel wurde wieder -gefüllt und diesmal stand er eine kleine Weile davor, um sich Mut -zu machen, schöpfte dann tief Atem und begann das große Werk der -wöchentlichen Reinigung. Wie er nun zum zweitenmal die Küche betrat, -sich mit krampfhaft geschlossenen Augen und ausgestreckten Händen -nach dem Tuche hin tastend, bewiesen Seifenschaum und Wasser, die von -seinem Antlitz niederströmten, seine Ehrlichkeit glänzend. Als er dann -aber hinter dem Tuche hervor tauchte, war die schwere Prozedur noch -nicht zur Zufriedenheit ausgefallen. Das reine Gebiet erstreckte sich -nur bis zum Rande der Kinnlade, wo es ein Ende hatte, gleich einer -Maske. Außerhalb dieser Linie zeigte sich die ganze Partie um Hals -und Ohren in unberührt schwärzlichem Zustand. Nun legte Mary Hand an, -und als sie fertig war, bot Tom das Bild eines reinlichen, ehrlichen -Christenmenschen, ohne Unterschied der Farbe. Sein feuchtes Haar war -schön gebürstet, und die sonst so widerspenstigen Locken kräuselten -sich in ordentlich rührender Ergebung. Diese Locken waren Toms Qual, er -hielt sie für weibisch, schämte sich ihrer und that sein Möglichstes, -sie mit Hilfe von Fett und Wasser fest am Kopf anzukleben. Daß ihm -dies nur teilweise und unbefriedigend gelang, erfüllte sein Herz mit -Bitternis. Jetzt holte Mary seinen Sonntagsanzug, den er während zweier -Jahre nur an diesem geheiligten Tage getragen. Man sprach davon einfach -nur als von ›den andern Kleidern‹, und daraus läßt sich leicht auf den -Umfang von Toms Garderobe schließen. Als er sich dann hinein gestreckt -in diese ›anderen Kleider‹, legte Mary die letzte, verbessernde -Hand an, knöpfte die Jacke zu, zog ihm den riesigen, weißen Kragen -an, bürstete ihn aus und krönte das Ganze mit einem braunen, gelb -gefleckten Strohhut. Tom sah nun ungemein ehrbar und unbehaglich aus -und fühlte sich auch nicht minder unbehaglich, als er aussah. Für ihn -lag ein fast unerträglicher Zwang in ganzen und sauberen Kleidern, ein -Zwang, der ihn fortwährend reizte. Er hoffte, Mary würde wenigstens -seine Schuhe vergessen, aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch; -ehe er sich's versah, standen die Marterwerkzeuge, ordentlich mit Talg -eingeschmiert, wie es so Sitte war, lieblich lockend vor ihm. Jetzt -verlor er völlig die Geduld und schalt und brummte, er solle immer -alles thun, was er absolut nicht möge. Mary aber bat und schmeichelte: - -»Bitte, Tom, sei so gut, bitte!« - -So fuhr er denn brummend hinein in die schwarzen Plagegeister, blieb -aber bei sehr gereizter, übler Laune. Mary war auch bald fertig und die -drei Kinder machten sich zusammen auf nach der Sonntagsschule, einem -Ort, den Tom ebensosehr haßte, wie ihn Sid und Mary liebten. - -Die Sonntagsschule dauerte von neun bis halb elf, danach kam noch der -Gottesdienst. Bei diesem blieben immer zwei unsrer kleinen Freunde -freiwillig zugegen, der dritte auch, aber ihn lockte etwas anderes, als -die Predigt. Die Kirche selbst war klein und schmucklos, sie mochte -in ihren geraden, hochlehnigen Bänken vielleicht dreihundert Menschen -fassen. An der Thüre zögerte Tom und ließ die andern vorgehen, während -er einen sonntäglich herausgeputzten Kameraden anredete: - -»Sag' mal, Bill, hast du 'nen gelben Zettel?« - -»Ja!« - -»Was willst du dafür haben?« - -»Was giebst du mir?« - -»Ein Stück Süßholz und einen Angelhaken.« - -»Zeig' mal her.« - -Tom zeigte her, Bill prüfte und fand das Gebotene des Zettels wert, -so tauschten sie das Eigentum. Danach handelte Tom noch drei rote und -zwei blaue Zettel gegen einige ähnliche, kostbare Artikel ein. Zehn, -fünfzehn Minuten lang fuhr er in dieser Beschäftigung fort, jagte -allen möglichen Jungen Zettel in allen möglichen Farben ab und hatte -nach Verlauf dieser Zeit eine recht stattliche Anzahl zusammen, die er -schmunzelnd in die Tasche schob. Nun endlich betrat er inmitten eines -Schwarms sonntäglich gesäuberter, aber etwas geräuschvoller Jungen und -Mädchen die Kirche, setzte sich auf seinen Platz und begann sofort mit -dem ersten besten Streit. Der Lehrer, ein ernster, gutmütig aussehender -Herr, trat dazwischen, wandte dann aber für einen Moment den Rücken, -was Tom sofort dazu benutzte, einem Jungen auf der vorderen Bank in -die Haare zu fahren und einen anderen mit einer Nadel in den Arm zu -stechen. Der Getroffene fuhr drauf mit einem zornigen ›autsch‹ herum, -was ihm, da Tom mit Unschuldsmiene in sein Buch starrte, einen strengen -Verweis des Lehrers zuzog. Toms ganze Klasse schien nach seinem Muster -zugeschnitten -- unruhig, unaufmerksam, voller Tollheiten. Als sie -an's Aufsagen kamen, wußte nicht einer seine Verse vollständig, doch -stolperten sie durch mit Hängen und Würgen, so gut es eben ging. Die -Belohnung für zwei fehlerlos aufgesagte Verse bestand in einem kleinen, -blauen Zettel, auf den ein Bibelvers gedruckt war. Zehn blaue Zettel -konnten für einen roten eingetauscht werden, zehn rote wiederum für -einen gelben. Für zehn gelbe erhielt man dann vom Herrn Vikar eine -kleine, sehr einfach gebundene Bibel, die unter Brüdern vielleicht -vierzig Cents wert war. Wer unter meinen Lesern besäße wohl den Fleiß -und die Ausdauer, zweitausend Bibelverse auswendig zu lernen, und wenn -man ihm eine Prachtbibel von Doré böte? Und doch hatte sich Mary zwei -solcher Bibeln erobert, es war die geduldige, mühsame Arbeit zweier -Jahre. Nur die älteren, vernünftigen und ernsten Schüler brachten es -fertig, ihre Zettel zu sammeln und dieses langwierige und langweilige -Werk so lange durchzuführen, bis sie eine Bibel erhalten konnten. Eben -durch dies mühsame Erringen aber wurde die Auslieferung des hohen -Preises jedesmal zu einer feierlichen, denkwürdigen Begebenheit. Der -also Gefeierte erschien so groß und erhaben an einem solchen Ehrentage, -daß sich beim Anblick seiner Größe in der Brust jeglichen Zuschauers -ein heiliger Eifer und Ehrgeiz entzündete, der oftmals sogar viele -Wochen anhielt. Auch Toms glühendster Wunsch war es, einmal auf diese -Weise ausgezeichnet zu werden; nicht der Bibel halber, bewahre, ihm -ging's um die Ehre und den Ruhm, den Glanz, der die ganze Zeremonie -umstrahlte. - -Nun trat der Herr Vikar, der die Sonntagsschule leitete, vor, ein -kleines Testament zugeklappt in der Hand haltend, zwischen dessen -Blättern sich der eine Zeigefinger barg, und bat um Aufmerksamkeit. -Wenn ein Sonntagsschul-Vikar seine herkömmliche kleine Ansprache -hält, so ist ihm ein Testament in der Hand so notwendig, wie das -unvermeidliche Notenblatt dem Sänger, der das Podium betritt, um das -Konzertpublikum mit einem Solo zu beglücken, -- das Warum bleibt -freilich ein Rätsel, denn weder Testament, noch Notenblatt wird von -dem betreffenden Dulder je eines Blickes gewürdigt werden. Dieser Herr -Vikar nun war eine etwas schmächtige, überschlanke Figur von etwa -fünfundzwanzig Jahren, mit sandgelbem Bocksbart und sandgelben Haaren. -Seine Miene war ernst, und feierlich war auch der Ton seiner Stimme, -als er nach dem Muster der gewöhnlichen Sonntagsschulredner begann: - -»Jetzt, Kinder, paßt auf; setzt euch alle so gerade und ruhig, wie -ihr könnt und hört mir einmal ein paar Minuten lang recht aufmerksam -zu. So, jetzt ist's recht! So müssen 's gute, kleine Knaben und -Mädchen machen! Da sehe ich noch ein kleines Mädchen, das zum Fenster -hinausguckt. Kleine, du denkst wohl, ich säße dort auf dem Baum und -wolle den kleinen Vögelein da draußen etwas von unserm lieben Heiland -erzählen, was? (Unterdrücktes Kichern.) Zuerst also möchte ich euch -sagen, wie wohl es mir thut, so viele saubre, frohe, kleine Gesichter -an einem Ort, wie diesem, versammelt zu sehen, an dem sie lernen -sollen, gut und brav zu sein und das Rechte zu thun. --« - -Und so weiter und so fort. Den Rest der Rede zu verzeichnen ist nicht -nötig, sie hielt sich ganz an bekannte Muster, die jeder von uns schon -tausendfältig gehört hat. - -Das letzte Drittel der rednerischen Leistung wurde etwas gestört durch -Wiederaufnahme der Püffe und Stöße und anderen Zeitvertreibs unter -den schwarzen Schafen der kleinen Gemeinde. Ein Raunen und Flüstern -begann, das sich mehr und mehr ausbreitete, ja selbst die Grundfesten -solch unerschütterlicher Felsen wie Sid und Mary zu umspülen versuchte. -Mit dem schlußandeutenden Sinken des Tons in des Redners Stimme ließ -auch das Summen nach und der Schluß selbst wurde mit dem Ausbruch -allgemeinsten, dankbaren Schweigens begrüßt. - -Ein großer Teil der Unruhe war durch einen ebenso erstaunlichen als -seltenen Zwischenfall verursacht worden -- es waren Fremde gekommen! -Der Bürgermeister erschien, begleitet von zwei Herren, einem alten, -schwächlich aussehenden und einem jüngeren, stattlichen mit schon -stark ergrauten Haaren. Voran ging eine Dame, offenbar die Frau des -letzteren, die ein Mädchen an der Hand führte. Tom war bis dahin -rastlos und unruhig gewesen, er hatte Gewissensbisse und konnte Anny -Lorenz nicht ansehen, deren Auge mit liebendem Blick das seine suchte. -Als er nun aber die Kleine erscheinen sah, fühlte er sich wie trunken -vor Wonne. Im nächsten Augenblick begann er mit Macht ›sich zu zeigen‹, --- puffte seine Nachbarn, riß sie an den Haaren, schnitt Gesichter, -kurz bediente sich aller jener Künste, die imstande sind, ein kleines -Schulmädchenherz zu bezaubern und ihm Beifall abzugewinnen. Seiner -Wonne wurde nur ein Dämpfer aufgesetzt durch den Gedanken an die -Demütigung, welche er in jenes Engels Garten hatte erdulden müssen, -aber die Erinnerung hieran war doch nur in den Sand verzeichnet, -den schon jetzt die hochgehenden Wogen des Glücks, die seine Seele -überfluteten, wegzuschwemmen begannen. Den Fremden wurde der beste -Ehrenplatz angewiesen, und als des Vikars Rede zu Ende war, stellte -sich heraus, wer sie seien. Der stattliche, ergraute Herr in mittleren -Jahren entpuppte sich als eine große Persönlichkeit. Er war nichts -mehr und nichts weniger, als der oberste Richter des Kreises, das -erhabenste Produkt der Schöpfung, das die Kinder je geschaut, und sie -sannen drüber nach, aus welchem Stoff der wohl gemacht sein möge; halb -sehnten sie sich danach, seine Donnerstimme zu vernehmen, und halb -fürchteten sie sich davor. Er war aus Konstantinopel, zwölf Meilen -flußabwärts, also ein weitgereister Mann, der die Welt kannte. Was der -wohl alles schon gesehen hatte? Am Ende gar Washington und das ›Weiße -Haus‹, das sich die Kinder wie eine blendende, leuchtende, flimmernde -Masse von Eis und Schnee vorstellten, so weiß und so glänzend. Die -durch solche Gedanken erweckte ehrfurchtsvolle Scheu prägte sich in dem -atemlosen Schweigen, in den großen, runden, erstaunt drein starrenden -Augen aus. Das also war der große, gewaltige Kreisrichter Thatcher, der -Bruder ihres eignen Bürgermeisters, der Onkel von Willy Thatcher, der -da eben vortrat aus ihren Reihen und dem großen Mann die Hand bot, als -sei das nichts. Hätte Willy gewußt, was das Flüstern bedeutete, das -sich erhob, es hätte ihm wie Sphärenmusik in den Ohren geklungen! - -»Sieh doch, Jim, Tom sieh doch! Er geht ja wahrhaftig hin und giebt ihm -die Hand! Und der schüttelt sie. Weiß Gott, ich gäb' drei Steinkugeln -drum, wenn ich der Willy wäre!« - -Der Vikar begann sich nun ›zu zeigen‹, rannte hier hin, dort hin, -erteilte Befehle, Lob, Tadel, wie's gerade kam, und wo er nur -irgend was anbringen konnte. Der Bücherausteiler ›zeigte‹ sich in -übermäßigem Wichtigthun und Amtseifer, indem er mit den Armen voll -Bücher hin und her rannte. Die jungen Damen, welche die verschiedenen -Klassen unterrichteten, wollten gleichfalls nicht zurückbleiben, süß -lächelnd neigten sie sich über kleine Schülerinnen, die sie kurz -zuvor gescholten, hoben lieblich drohende Fingerlein gegen schlimme, -kleine Jungen und streichelten andre zärtlich und milde. Die jungen -Herren, welche als Lehrer wirkten, ›zeigten‹ sich in kleinen, ernsten -Strafreden, die sie ihren betreffenden Klassen hielten, und andern -ähnlichen Beweisen ihrer Autorität. Dabei hatten fast alle jugendlichen -Lehrer beiderlei Geschlechts ganz erstaunlich viel mit Bücherwechseln -zu thun in der Nähe der Kanzel, irrten sich erstaunlich oft in dem, was -sie holten, mußten wieder und wieder gehen, zwei-, dreimal und schienen -sich gewaltig darüber zu ärgern. Auch die kleinen Mädchen ›zeigten -sich‹ auf die verschiedenste Weise und die kleinen Jungen ›zeigten -sich‹ in ihrer Art, indem sie sich heimlich schubsten und die Luft -mit emporgeschleuderten Papierpfropfen erfüllten. Und über dem allem -thronte majestätisch der große Mann, ließ die Sonne seines Lächelns -erstrahlen und wärmte sich an seiner eigenen Größe, denn er selbst, --- er ›zeigte‹ sich erst recht. Eines nur fehlte, um des Herrn Vikars -Glück vollständig zu machen in dieser erhabenen Stunde, und das war die -Möglichkeit der Erteilung eines Bibelpreises. Einige Schüler konnten -ein paar gelbe Zettel aufweisen, keiner aber hatte die genügende Zahl, -wie er sich bei einem Umfragen unter den ersten ›Gestirnen‹ leider -überzeugen mußte. - -Da, im letzten Moment, als er schon jede Hoffnung fahren ließ, trat -Tom Sawyer vor mit neun gelben, neun roten und zehn blauen Zetteln, -- -trat vor und verlangte eine Bibel! Das war ein Blitzschlag aus heiterem -Himmel! Der Herr Vikar hatte auf ein solches Ansinnen aus dieser -Himmelsrichtung jede Hoffnung aufgegeben gehabt, für die nächsten -zwanzig Jahre mindestens. Aber die unglaubliche Thatsache ließ sich -nicht wegleugnen, -- hier stand Tom und da waren die Zettel und sie -stimmten auf's Haar. Tom wurde also nach dem Ehrenplatze geleitet zu -dem Kreisrichter und den andern Auserlesenen, und die erstaunliche -Thatsache allen kund und zu wissen gethan. Das wirkte nun förmlich -versteinernd, war die außerordentlichste Begebenheit des Jahrzehnts, -und so nachhaltig und tief war der Eindruck derselben, daß er den -neuen Helden noch beinahe über den alten erhob und die Schule nun zwei -Wunder statt des einen zu bestaunen hatte. Die Jungen verzehrten sich -in Neid, zumeist aber diejenigen, die sich nun zu spät klar machten, -daß sie selbst zu diesem verhaßten Ruhme beigetragen, indem sie ihre -Zettel an Tom verhandelten für die Reichtümer, die er durch zeitweilige -Ablassung seiner Tünchungsprivilegien aufgerafft. Sie verachteten und -verdammten sich selbst als überlistete Opfer eines schwarzen Betrügers, -einer kriechenden, verräterischen Schlange. - -Inzwischen wurde der Preis an Tom ausgeliefert mit so viel Pomp, -als der Vikar nur irgend bei der Gelegenheit anbringen konnte. -Der volle, richtige Schwung aber schien doch dabei zu fehlen; ihm -sagte der Instinkt, daß hier ein Geheimnis verborgen liege, welches -das Licht nicht vertrage, ja es scheuen müsse. Es war einfach ein -Ding der Unmöglichkeit, daß _dieser_ Junge zweitausend Körner der -Schriftweisheit in die Scheunen seines Geistes eingeheimst haben -sollte, dieser Junge, dessen Fähigkeiten nicht hinreichend schienen, -sich auch nur ein Dutzend solch köstlicher Früchte zu eigen zu machen. -Anny Lorenz war stolz und glücklich und bemühte sich, es Tom in ihren -Augen lesen zu lassen, der aber wollte nicht hersehen. Sie verwunderte -und grämte sich darüber; dann faßte sie Verdacht und paßte auf; ein -verstohlener Blick, den sie auffing, sagte ihr Welten und brach ihr -armes Herz. Sie war eifersüchtig, zornig, Thränen kamen, sie haßte alle -Welt, Tom aber zu allermeist, in ihrem Herzen. - -Tom wurde dem Kreisrichter vorgestellt, aber die Zunge schien ihm wie -gelähmt, sein Atem stockte, sein Herz klopfte zum Zerspringen, teils -wegen der furchterregenden Größe des gewaltigen Mannes, hauptsächlich -aber, weil er _ihr_ Vater war. Er wäre gerne vor ihm niedergesunken, -wenn's nur dunkel gewesen wäre. Der große Mann legte die Hand auf Toms -Haupt, nannte ihn einen tüchtigen, kleinen Burschen und fragte ihn wie -er heiße. Der Junge stammelte, stotterte und stieß endlich hervor: - -»Tom.« - -»Nun, doch nicht nur Tom, sondern --« - -»Thomas.« - -»So ist's recht, ich dachte mir wohl, es gehöre noch etwas dazu. Du -hast aber doch wohl noch einen andern Namen, denke ich, und den wirst -du mir doch auch sagen, nicht?« - -»Nenne dem Herrn deinen vollen Namen, Thomas,« mahnte der Vikar, »und -sage auch ›mein Herr‹, oder ›Herr Kreisrichter‹, du mußt doch wissen, -was sich schickt!« - -[Illustration] - -»Thomas Sawyer, -- Herr Kreisrichter!« - -»So, so ist's recht, das nenn' ich einen guten Jungen. Prächtiger -Bursche! Wirklich prächtiger Kerl! Zweitausend Verse ist viel, -- -sehr viel! Aber, mein Kleiner, du wirst es gewiß nie bereuen, daß du -dir so viel Mühe drum gegeben. Wissen ist mehr wert, als alles in der -Welt, lernen und etwas wissen macht die großen und die guten Männer im -Leben. Auch du wirst wohl einmal ein guter, vielleicht ein großer Mann, -Thomas, und dann wirst du auf die Tage deiner Kindheit zurück sehen -und sagen: das alles verdanke ich den unbezahlbaren Wohlthaten, die ich -durch die Sonntagsschule genossen, verdanke es meinen guten Lehrern, -die mich zum Lernen anhielten, dem Herrn Vikar, der mich anfeuerte, -mich leitete, mir die schöne Bibel schenkte, eine wundervolle, fein -gebundene Bibel, die ich behalten durfte und ganz für mich allein -besitzen, -- alles, alles verdanke ich meiner guten, ausgezeichneten -Erziehung. So wirst du sprechen, Thomas, und du ließest dir dann für -kein Geld der Welt diese zweitausend Verse abkaufen, -- für kein Geld -der Welt, niemals! Und jetzt wirst du gewiß dieser Dame und mir etwas -mitteilen, was du weißt, was du gelernt hast, nicht wahr? Denn sieh, -wir sind stolz auf kleine Jungen, die etwas wissen. Ohne Zweifel -kannst du uns doch die Namen der Jünger des Herrn sagen? Du kennst sie -gewiß alle zwölf. Sag' uns einmal, wer waren die zwei ersten, die ihm -nachfolgten?« - -Tom hatte während dessen immerzu an einem Knopf seiner Jacke herum -gedreht und möglichst dumm und einfältig dazu ausgesehen. Jetzt wurde -er glühend rot und bohrte die Augen beinahe in den Boden. Dem Vikar -sank das Herz in die Stiefel. Er wußte, daß der Junge unmöglich die -allereinfachste Frage beantworten konnte, warum auch mußte der Herr -Kreisrichter ihn fragen! Trotzdem fühlte er sich gedrungen, gleichsam -ermunternd zu sagen: - -»Antworte dem Herrn, Thomas, -- fürchte dich doch nicht!« - -Tom that nichts als rot und röter werden. - -»Mir wirst du's doch sagen,« begann nun auch die Dame, »also die Namen -der beiden ersten Jünger waren --« - -»_David_ und _Goliath_!« - -Laßt uns den Schleier christlicher Barmherzigkeit über den Rest der -Scene breiten. Auch was Tante Polly später zu der Bibel sagte und wie -sie sich drüber freute, erwähnen wir besser nicht. - - - - -Fünftes Kapitel. - - -Der Montagmorgen fand Tom sehr niedergeschlagen. Das war eigentlich an -jedem Montagmorgen der Fall, denn damit begann ja eine neue Woche der -Plage und des Leidens in der Schule. Gewöhnlich begrüßte er diesen Tag -mit dem Wunsche, daß es lieber gar keine Feiertage geben möchte, denn -das machte die nun wieder aufzunehmenden Ketten der Sklaverei nur um so -drückender und fühlbarer. - -Tom lag da und dachte nach. Plötzlich kam ihm die leuchtende Idee: -wenn er nun krank wäre, dann brauchte er doch nicht zur Schule. Das -war die einzige Möglichkeit. Er untersuchte und prüfte sein ganzes -Körpersystem. Nirgends fand sich auch nur das geringste Schadhafte. Von -neuem prüfte er. Diesmal meinte er leise Anzeichen von kolikartigen -Schmerzen zu verspüren, die er mit rasch aufkeimender Hoffnung liebend -zu beobachten begann. Trotzdem verringerten sich dieselben aber bei -näherer Betrachtung mehr und mehr und waren bald gänzlich verschwunden. -Wieder überlegte Tom. Plötzlich entdeckte er etwas. Einer seiner -oberen Zähne wackelte bedenklich. Er frohlockte. Schon begann er sich -zu einem tiefen Stöhnen vorzubereiten, das er als Einleitung voraus -schicken wollte, als ihm noch zur richtigen Zeit der Gedanke kam, daß, -wenn er diesen Beweis von Krankheit ins Feld führe, die Tante ihm -einfach den Zahn ausreißen würde, und das that weh. Damit wollte er -also nur im Notfall herausrücken und jetzt erst noch ein bischen weiter -herum denken. Eine Weile war alles Sinnen umsonst, dann erinnerte er -sich, wie der Doktor einmal von einem Manne erzählt hatte, dem irgend -etwas, Tom wußte nicht mehr genau was, etwas wie kalter Brand oder -dergleichen, bei einem schlimmen Finger hinzugetreten sei, daß derselbe -zwei bis drei Wochen damit zu thun gehabt und schließlich beinahe -den Finger verloren habe. Zum Glück war Tom imstande, eine schlimme -Zehe aufzuweisen, die er sich vor ein paar Tagen einmal irgendwo -verletzt hatte. Die zog er nun eiligst unter der Decke vor, um sie -aufs eingehendste zu prüfen. Damit ließ sich was machen! Leider kannte -er die nötigen Symptome nicht, über die er sich beklagen mußte, aber -probieren wollte er's doch auf jeden Fall und so begann er denn laut -und tief aufzustöhnen. - -Sid aber schlief ruhig und sorglos weiter. - -Tom stöhnte lauter und meinte auf einmal wirklich Schmerz in der Zehe -zu spüren. - -Sid gab kein Zeichen. - -Tom keuchte schon förmlich vor Anstrengung. Einen Moment sammelte -er neue Kraft, hielt den Atem an und stieß dann eine ordentlich -fortlaufende Tonleiter von wunderbar echtem Stöhnen aus. - -Sid schnarchte weiter. - -Nun wurde Tom ärgerlich. Er begann den hartnäckigen Schläfer zu rütteln -und ›Sid, Sid‹ zu rufen. Das wirkte besser und nun begann das Stöhnen -von neuem. Sid gähnte, streckte sich, stützte sich dann mit einem -letzten Schnarcher auf seinen Ellbogen und starrte nach Tom hin. Tom -stöhnte weiter. Endlich ruft Sid: - -»Tom, so hör' doch, Tom!« - -Keine Antwort. - -»Du, Tom, Tom, was ist los?« und er rüttelte ihn und starrte ihm voll -Angst ins Gesicht. - -Tom stöhnte: - -»Ach, Sid, laß los, du thust mir weh!« - -»Herr Gott, was giebts, Tom? Ich muß die Tante rufen.« - -»Nein, laß sein. Es wird schon vorüber gehen. Ruf' niemand.« - -»Doch, natürlich, das muß ich. Stöhn' doch nicht so, Tom, das ist ja -schrecklich. Wie lang thut dir's denn schon weh?« - -»Ach, Stunden lang. Autsch, autsch! Sei doch still, Sid, und laß mich -in Ruhe.« - -»Warum hast du mich denn nicht früher geweckt? Herr Gott, Tom, hör' -auf, es macht einen ja elend, dich so stöhnen zu hören. Wo thut dir's -denn weh?« - -»Ich verzeih' dir alles, Sid, was du mir je gethan hast. (Stöhnen.) -Alles, alles, Sid! Wenn ich tot bin --« - -»O, Tom, du wirst doch nicht sterben? Sag' nein, Tom, komm, sag' nein. -Vielleicht --« - -»Ich vergebe allen Menschen, Sid. (Tiefes Stöhnen.) Sag's allen. -Und, Sid, gieb du die schöne gelbe Thürklinke, die ich habe, und die -einäugige Katze dem Mädchen, das neulich erst gekommen ist und sag' -ihr --« - -Aber Sid hatte schon seine Kleider aufgerafft und war verschwunden. Tom -litt nun in Wahrheit, so lebhaft arbeitete seine Einbildungskraft und -sein Stöhnen fing an erschreckend natürlich zu klingen. - -Sid flog die Treppe hinunter und rief atemlos: - -»Tante Polly, Tante Polly, komm schnell, Tom stirbt!« - -»Stirbt?« - -»Ja, ja, eil' dich doch, frag' nicht lang.« - -»Dummheiten! Ich glaub's nicht.« - -Trotzdem aber stürzte sie die Treppe hinauf, so schnell sie ihre alten -Beine tragen wollten, und Mary hinter ihr her. Blaß war auch sie -geworden und ihre Lippen zitterten. Am Bett angelangt, keuchte sie nur -so: - -»Tom, Tom, was giebt's, was ist los?« - -»Ach, Tante, ich --« - -»Was giebt's -- was ist's, Kind, was fehlt dir?« - -»Ach, Tante, ich -- ich hab' furchtbare Schmerzen da an meiner Zehe, -- -ich hab' -- ja ich hab', glaub' ich -- den kalten Brand!« - -Erleichtert aufseufzend sank jetzt die arme Tante auf einen Stuhl, -lachte ein wenig, weinte ein wenig, that dann beides zusammen, was sie -wieder so weit herstellte, daß sie Worte fand: - -»Tom, Bengel, wie hast du mich erschreckt! Jetzt hör' aber auf mit -dem Unsinn und mach', daß du aus dem Bett kommst. Es ist Zeit zum -Aufstehen! Vorwärts -- oder ich geb' dir was, um deinen kalten Brand zu -wärmen!« - -Das Stöhnen hörte auf und der Schmerz verschwand aus der Zehe. -Kleinlaut und niedergedrückt ob des verunglückten Experiments meinte -der Junge: - -»Tante, wahrhaftig, ich glaubte, es müsse der kalte Brand sein, es that -so furchtbar weh, daß ich gar nicht mehr an meinen Zahn dachte.« - -»An deinen Zahn? Was ist denn mit dem Zahn los?« - -»Ach, der wackelt und thut gar schrecklich weh.« - -»Na, na, nur nicht wieder stöhnen, ist ganz unnötig! Mund auf! Ja, der -wackelt richtig, daran stirbst du aber noch lange nicht! Mary, gieb -mir einen Seidenfaden und hol' ein Stück glühende Kohle aus der Küche!« - -Eiligst rief Tom, der plötzlich ganz munter wurde: - -»Bitte, bitte, Tantchen, zieh' ihn mir nicht aus, er thut schon -gar nicht mehr weh. Ei, ich will des Todes sein, wenn ich noch das -geringste spüre! Bitte, bitte, nicht, Tantchen, ich will ja doch -wahrhaftig nicht zu Hause und von der Schule wegbleiben.« - -»So, du willst nicht zu Hause bleiben, mein Junge, willst durchaus -nicht, was? Also deshalb all der Lärm! Wärst wohl gern aus der Schule -weggeblieben und dafür fischen gegangen, gelt? Na, ich kenn' dich, Tom, -durch und durch, mir machst du keine Flausen vor, du Bengel! Tom, Tom, -und ich hab' dich doch so lieb und du, -- du denkst nur dran, wie du -deiner alten Tante das Herz brechen kannst. Geh, schäm' dich in deine -schwarze Seele hinein!« - -Mittlerweile waren die zahnärztlichen Instrumente zur Stelle geschafft -worden. Ein Ende des Seidenfadens befestigte die Tante mit einer -Schlinge an Toms Zahn, während sie das andere um den Bettpfosten -schlang, so daß der Faden straff angespannt war. Dann ergriff sie -mit einer Zange die glühende Kohle und fuhr damit geschwind auf Toms -Gesicht los. Ein Ruck -- und der Zahn hing baumelnd am Bettpfosten. - -Wie aber jede überstandene Prüfung ihren Lohn in sich trägt, so auch -diese. Als sich Tom später mit der neuerworbenen Zahnlücke auf der -Straße zeigte, war er ein Gegenstand des Neides für alle Kameraden, -denn keiner von ihnen war imstande, auf solch' neue, noch nie -dagewesene Weise auszuspucken, wie es nun Tom, durch die Lücke in der -Zahnreihe, that. Er zog ein ganzes Gefolge von Bewunderern hinter sich -her, die sich für die Schaustellung interessierten, und ein anderer -Junge, der bis dahin wegen eines verletzten Fingers der Mittelpunkt -der Verehrung und Bewunderung gewesen, sah sich plötzlich all seines -Ruhmes beraubt, er mußte ohne Erbarmen dem neu aufstrahlenden Gestirne -weichen und zurücktreten in den Schatten des Nichts. Sein Herz war ihm -drob schwer, und eine Verachtung heuchelnd, die ihm fern lag, meinte -er: das sei auch was Rechtes, so auszuspucken, wie Tom Sawyer. Da -schallte ihm ein höhnendes: saure Trauben, saure Trauben! entgegen und -beschämt schlich er zur Seite, ein entthronter Held. - -Auf dem Weg zur Schule traf Tom den jugendlichen Paria des Ortes, -Huckleberry Finn, den Sohn des bekanntesten Stadt-Trunkenboldes. -Huckleberry war der Gegenstand des Abscheus und Hasses aller -Mütter der Stadt, die ihn fürchteten wie die Pest, weil er faul -und zuchtlos, roh und böse war, wie sie dachten, und weil -- ihre -eigenen Jungen ihn anstaunten und vergötterten, sich förmlich um -seine verbotene Gesellschaft rissen und alles drum gegeben haben -würden, wenn sie hätten sein dürfen, wie er. Tom, wie alle die andern, -›ordentlichen, anständigen Jungen‹, beneidete Huckleberry um seine -verlockende Existenz, und es war ihm streng untersagt worden, je mit -dem ›schlechten Kerl‹ zu spielen. Gerade darum that er es denn auch -gewissenhaft, wenn sich nur irgend Gelegenheit dazu fand -- und that -es mit Wonne. Huckleberry steckte immer in alten, abgelegten Kleidern -von Erwachsenen, deren Fetzen und Lumpen nur so um ihn herum hingen. -Sein Hut war nur die Ruine einer vormaligen Kopfbedeckung, deren Rand -zerfetzt auf die Schultern niederbaumelte. Sein Rock, wenn er überhaupt -einen trug, hing ihm bis auf die Füße und zeigte die hinteren Knöpfe -etwa in der Gegend der Kniekehlen. Nur _ein_ Träger hielt seine Hosen -an Ort und Stelle, Hosen, deren geräumige Sitzpartie zu leer war und -sich nur zuweilen im Winde blähte, während die ausgefransten Enden im -Schmutz nachschleiften, wenn sie nicht zufällig aufgekrempelt waren. -Huckleberry kam und ging, wie es ihm beliebte. Bei schönem Wetter -schlief er auf Treppenstufen oder sonst wo, bei schlechtem in leeren -Fässern, alten Kisten, oder wo er eben unterkriechen konnte, wählerisch -war er keineswegs. Er brauchte nicht zur Schule, nicht zur Kirche, -brauchte niemanden als Herrn anzuerkennen, brauchte keiner lebenden -Seele zu gehorchen. Er konnte schwimmen und fischen gehen, wann und -wo er wollte, konnte bleiben, so lang es ihm behagte. Niemand verbot -ihm, sich mit andern zu prügeln, und abends konnte er aufbleiben bis -Mitternacht und länger, ihn zankte keiner. Er war der erste, der -barfuß lief im Frühling und der letzte, der im Herbste wieder in das -lästige Leder kroch. Zu waschen brauchte er sich nie, zu kämmen auch -nicht, noch frische Wäsche anzuziehen, und fluchen konnte er wie ein -Alter, wundervoll. Mit einem Wort alles, alles, was das Leben schön -und angenehm macht, besaß dieser beneidete Huckleberry im reichsten -Maße. So dachte und fühlte jeder einzelne der armen, geplagten, -›anständigen‹ Jungen in St. Petersburg. Tom rief natürlich diesen für -ihn romantischsten aller Helden sofort an: - -[Illustration] - -»Holla, Huckleberry!« - -»Holla, du selber!« - -»Was hast du da?« - -»Tote Katze.« - -»Zeig' her, Huck. Herrgott, wie steif! Woher hast du's?« - -»Gekauft von 'nem Jungen.« - -»Was hast du dafür gegeben?« - -»'ne Schweinsblase und 'nen blauen Zettel.« - -»Woher war denn der blaue Zettel?« - -»Von Ben Rogers, dem hab' ich vor vierzehn Tagen 'ne prachtvolle Gerte -dafür gegeben.« - -»Zu was kann man denn tote Katzen brauchen, Huck?« - -»Zu was? Ei, um Warzen zu vertreiben.« - -»Nein! Wahrhaftig? Ich weiß noch was Besseres.« - -»Du? Wird was recht's sein! Was denn?« - -»Wasser aus faulem Holz!« - -»Wasser aus faulem Holz! Ist den Kuckuck nix wert.« - -»Nichts wert? Hast du's probiert?« - -»Ich nicht, aber Bob Tanner.« - -»Wer hat dir's gesagt?« - -»Wer? Ei er hat's dem Willy Thatcher gesagt und der dem Johnny Baker -und der dem Jim Hollis und der dem Ben und der Ben 'nem alten Nigger -und der mir. Da, nun weißt du's!« - -»Na und was weiter? 's ist ja doch nur gelogen! Die lügen alle -miteinander, bis auf den Nigger, den kenn' ich nicht. Aber ich kenn' -auch keinen Nigger, der nicht lügt, oder du? Jetzt aber erzähl', wie's -der Bob Tanner gemacht hat mit den Warzen, Huck!« - -»Na, der hat seine Hand in 'nen alten Baumstumpf gesteckt, in dem -Regenwasser war.« - -»Am Tag?« - -»Natürlich.« - -»Mit dem Gesicht nach dem Baum zu?« - -»Gewiß, ich glaub' wenigstens.« - -»Hat er was dazu gesagt?« - -»Was weiß ich? -- wahrscheinlich nicht!« - -»Aha! Da haben wir's! Und dann will der Kerl Warzen mit faulem Wasser -kurieren und stellt sich so an! Da kann's natürlich nichts nützen. Ich -will dir sagen, wie man's macht. Erst geht man ganz mutterseelenallein -mitten in den Wald, wo man einen alten Baumstumpf mit Wasser weiß und -dann, wenn's Mitternacht ist, stellt man sich mit dem Rücken nach dem -Stumpf zu, tunkt die Hand ins Wasser und sagt: - - Schreit die Eule, quakt der Frosch, scheint der Mond darauf, - Faules Wasser, Zauberwasser zehr' die Warzen auf! - -»Danach tritt man rasch mit geschlossenen Augen elf Schritt vor, dreht -sich dreimal um sich selbst und geht heim, ohne mit jemand ein Wort zu -reden. Denn wenn man das thut, ist der Zauber gebrochen!« - -»Na, das läßt sich hören, so aber hat's der Bob nicht gemacht, das weiß -ich gewiß!« - -»Ja, da hast du wahrlich recht, denn der ist jetzt noch der warzigste -Jung' in der Schule und wenn er sich mit dem faulen Wasser nicht dumm -angestellt hätte, so brauchte er keine einzige mehr zu haben. Ich bin -so schon über tausend Warzen los geworden, Huck. Ich greif' so viele -Frösche an, daß ich immer ein paar Dutzend Warzen an den Händen habe. -Manchmal nehm' ich auch eine Bohne.« - -»Ja, Bohnen sind gut. Das hab' ich schon selbst probiert.« - -»Wirklich? Wie machst du's?« - -»Ei, ich nehm' die Bohne und schneid' sie in zwei Stücke, ritz' dann -die Warze blutig und tröpfle das Blut auf das eine Stück der Bohne und -vergrab' das um Mitternacht beim Vollmond am Kreuzweg. Das andre Stück -wird verbrannt. Jetzt zieht und zieht das blutige Stück und will das -andre nachziehn, und das Blut zieht mit und zieht, bis die Warze fort -ist. So mach' ich's.« - -»Und das ist auch ganz richtig, Huck, nur hilft's noch mehr, wenn du -beim Vergraben sagst: ›Fort die Bohne, Warze fort, komm' nicht mehr zum -alten Ort.‹ Das ist ausgezeichnet, sag' ich dir. So macht's Joe Harper -und der war schon beinahe in Cronville und fast überall. Aber das mit -der toten Katze, das weiß ich nicht.« - -»Na, das ist einfach. Du nimmst die tote Katze und gehst auf den -Kirchhof, so um Mitternacht herum, auf das Grab von irgend einem -schlechten Kerl. Schlag zwölf kommt dann der Teufel, vielleicht auch -zwei oder drei, man sieht sie nur nicht und hören thut man nur so was -wie Wind. Und wenn sie dann den Kerl mit sich fort nehmen, schmeißt man -ihnen die Katze nach und ruft: - - Will der Deubel sich versehn, - Muß die Katze noch drein gehn, - Warze fliegt auch hinterdrein, - Werd' alle drei los dann sein! - -»Das vertreibt dir jede Warze noch vor der Geburt.« - -»Klingt nicht übel. Hast du's mal probiert, Huck?« - -»Nee, aber die alte Mutter Josephine hat's mir gesagt.« - -»Na, die muß es wissen, das soll ja 'ne Hexe sein.« - -»Soll sein! Ist's, Tom, ist's, das weiß ich genau. Die hat meinen Alten -behext, das sagt der immer. Wie der einmal an ihr vorbeigegangen ist, -hat er grad' gesehen, wie sie ihn behext hat und da hat er einen Stein -genommen und den nach ihr geschmissen; wenn die sich nicht gebückt -hätt', wär' sie längst keine Hex' mehr. Na und in derselbigen Nacht -ist mein Alter von einer Mauer gefallen, auf der er gelegen hat und -geschlafen, weil er betrunken war und hat den Arm gebrochen.« - -»Puh, das ist ja gräßlich! Woran hat er denn gemerkt, daß sie ihn -behext?« - -»Woran? Ei, das weiß mein Alter ganz genau. Er sagt, wenn sie einen -immerzu anstarren und was dazu brummen, dann behexen sie einen, -besonders, wenn sie brummen und was vor sich hin murmeln. Dann sagen -sie das Vaterunser rückwärts.« - -»Sag' mal, Huck, wann willst du denn das mit der Katze probieren?« - -»Heut' nacht. Ich denk', da werden sie den alten Williams holen kommen.« - -»Der ist aber schon am Sonnabend begraben worden, Huck, warum haben sie -ihn da nicht schon in der Nacht geholt?« - -»Na, du redst auch, wie du's verstehst! Sonnabend mitternacht ist doch -schon Sonntag und da hat kein Teufel mehr was zu suchen hier oben. Der -wird sich schwer hüten, sich am Sonntag blicken zu lassen.« - -»Daran hab' ich freilich nicht gedacht. Wahrhaftig, so ist's. Darf ich -mitgehen?« - -»Meinethalben, wenn du dich nicht fürchtest.« - -»Fürchten? Na, auch noch! Wirst du miauen vor unsrem Haus, wenn's Zeit -ist?« - -»Ja, wenn du mich nicht warten läßt. Das letzte Mal hab' ich so lang -miauen müssen, bis euer alter Nachbar mit Steinen nach mir warf und -auf den Kater fluchte, der ihm keine leibliche Ruhe lasse. Zum Dank -hab' ich ihm 'nen Backstein durchs Fenster geschmissen, der wird an den -Kater denken! Aber verrat' du mich nicht.« - -»Wo werd' ich! Damals hab' ich nicht kommen können, weil mir die Tante -immer auf den Hacken saß. Heut' aber komm' ich und wenn's Feuer und -Pech regnet. -- Was ist denn das, Huck?« - -»Ach, nur 'ne Baumwanze.« - -»Woher denn?« - -»Aus dem Wald.« - -»Was willst du dafür?« - -»Ich -- ich weiß nicht, ich geb's gar nicht her.« - -»Gut. 's ist auch nur 'ne ganz lumpig kleine Wanze.« - -»Na, das kann jeder sagen, der keine hat. Mir ist sie groß genug, mir -ist sie lang gut.« - -»Pah, ist auch was Rares! Ich könnt' tausend haben, wenn ich nur -wollte.« - -»Na, warum willst du nicht? Gelt, du weißt warum, Alterchen! Die -Baumwanze hier ist was Seltenes, denn 's ist noch früh für Baumwanzen. -Wenigstens ist's die erste, die ich dies Jahr sehe!« - -»Hör' du, Huck, ich geb' dir meinen schönen Zahn dafür.« - -»Zeig' her.« - -Tom zog ein Stückchen Papier hervor, das er sorgfältig aufrollte. Huck -sah prüfend hinein. Die Versuchung war groß. Zuletzt fragte er: - -»Ist der auch echt?« - -Ohne jede weitere Beteuerung öffnete Tom den Mund, um die Lücke zu -zeigen. - -»Na, gut,« meinte Huck, »also abgemacht, schlag' ein!« - -Tom barg die Wanze vorsichtig in einer kleinen Schachtel, die ähnlichem -Gewürm schon öfter zum Gefängnis gedient und immer für vorkommende -Fälle in Toms Tasche bereit war. Huck sackte den Zahn ein und beide -Jungen trennten sich, jeder in dem erhebenden Bewußtsein, einen sehr -guten Tausch gemacht zu haben. - -Als Tom das kleine, einzeln gelegene Schulhaus erreichte, öffnete -er hastig die Thüre und eilte auf seinen Platz, als käme er eben -mit größtmöglicher Geschwindigkeit direkt von zu Hause angestürzt. -Geschäftig hing er seinen Hut an den Nagel, warf die Bücher auf den -Tisch, sich selbst auf die Bank und machte Miene, sich Hals über Kopf -in die Arbeit zu stürzen. Der Lehrer, der hoch oben hinter dem Katheder -auf einem hochlehnigen Rohrsessel thronte, und der bei der Stille, -die das eifrige Summen der lernenden Kinder nur noch einschläfernder -machte, ein klein wenig eingenickt war, erwachte von der Unterbrechung: - -»Thomas Sawyer!« - -Als Tom diesen seinen Namen in unverkürzter Schönheit an sein Ohr -schlagen hörte, wußte er, daß es nichts Gutes bedeute. - -»Herr Lehrer!« - -»Komm einmal hierher zu mir. Warum bist du wie gewöhnlich wieder zu -spät dran?« - -Eben wollte Tom irgend eine kleine Notlüge zu Hilfe nehmen, als er zwei -lange, blonde Schwänze gewahrte, die an einem Rücken niederbaumelten, -den er sofort mit dem elektrischen Instinkt der Liebe erkannte. Und -neben jenem Rücken war der _einzig leere Platz_, bei den Mädchen -drüben. Schnell gefaßt sagte er daher: - -»_Ich mußte noch etwas mit Huckleberry Finn verabreden!_« - -Dem Lehrer stand der Atem still; hilflos, ungewiß, starrte er den -kecken Sünder an. Das Summen der Lernenden verstummte, die Kinder -trauten ihren Ohren nicht ob dieser offenen Sprache, dachten, Tom müsse -verrückt geworden sein. Endlich, nach atemloser Pause, fand der Lehrer -Worte: - -»Was -- was hast du gesagt?« - -»Mußte noch etwas mit Huckleberry Finn verabreden,« wiederholte Tom -sorglos. - -Ein Mißverständnis war hier nicht möglich. - -»Thomas Sawyer, auf dieses ganz außerordentlich erstaunliche Bekenntnis -kann nur die Rute antworten. Jacke herunter!« - -Und nun tanzte des Lehrers Rute auf Toms Rücken, bis Hand und Arm fast -lahm waren und die Rute sich in Wohlgefallen auflöste. Dann folgte der -Befehl: - -»Jetzt gehst du und setzest dich zur Strafe zu den Mädchen! Und laß dir -das als Warnung dienen! Marsch!« - -Das Kichern, welches nun das Zimmer durchlief, schien den Jungen -sehr verlegen zu machen, in Wahrheit war es aber nur das Bewußtsein, -erreicht zu haben, wonach er gestrebt, nämlich sich seiner Gottheit -nahen zu dürfen. Standhaft wie ein Märtyrer, hatte er die Prügel -ertragen, die gleichsam die dunkle Pforte bildeten, durch die er nun -zu seinem Paradiese eingehen sollte. Vorsichtig ließ er sich ganz am -äußersten Ende der Bank nieder. Mit einem verächtlichen Zurückwerfen -des Kopfes rückte das Mädchen so weit als möglich von ihm weg. Das -Flüstern, Köpfezusammenstecken, Kichern und das bedeutungsvolle -Anstarren des armen Sünders dauerte noch eine Weile fort, Tom aber -schien keine Notiz davon zu nehmen. Still saß er da, hatte die -Arme über den Tisch gelegt und sah mit großer Aufmerksamkeit in -sein geöffnetes Buch. Allmählich hörte er auf, der Gegenstand der -allgemeinen Beachtung und Heiterkeit zu sein, und wieder füllte das -gewöhnliche Summen der Schule die sommerlich stille Luft. Jetzt begann -Tom verstohlene Blicke nach seiner Göttin zu werfen. Sie bemerkte -es, rümpfte das Näschen und wandte eine volle Minute lang den Kopf -ab. Als sie verstohlen wieder nach ihrem Banknachbar hinblinzelte, -lag ein Pfirsich vor ihr. Sie stieß ihn weg, Tom legte ihn sorgsam -wieder vor sie; wieder stieß sie ihn fort, aber schon mit weniger -Heftigkeit. Geduldig schob Tom ihn zurück, da ließ sie ihn liegen. -Jetzt kritzelte Tom auf seine Tafel: »Bitte, behalt' ihn -- ich habe -noch mehr.« Sie las die Worte, gab aber kein Zeichen von sich, weder -zustimmend, noch verneinend. Jetzt begann der Junge etwas auf seine -Tafel zu zeichnen, das er mit der linken Hand vor ihren Blicken barg. -Eine Weile lang schien sie sich gar nicht darum zu kümmern, bald aber -begann sich menschliche Neugier in ihr zu regen, die sich in allerlei, -kaum bemerkbaren Zeichen kund gab. Tom zeichnete weiter, anscheinend -ganz in sein Werk versunken. Das Mädchen suchte auf unverfängliche -Art sich einen Blick auf die Zeichnung zu verschaffen, der Junge aber -verriet mit keiner Miene, daß er dies bemerkte. Endlich gab sie nach -und flüsterte zögernd: - -»Du, laß mich doch mal sehen!« - -Tom enthüllte nun das traurige Zerrbild eines Hauses mit zwei -windschiefen Giebeln, aus dessen Schornstein ein korkzieherartiges -Rauchwölkchen aufschwebte. Jetzt war des Mädchens ganzes Interesse -wach, und alles darüber vergessend, folgte sie mit Eifer der Vollendung -des Meisterwerks. Als es fertig war, bestaunte sie es einen Moment und -flüsterte dann: - -»Wundervoll -- jetzt noch 'nen Mann!« - -Der Künstler stellte einen Mann in den Vordergrund, lang wie ein -Mastbaum; mit einem Schritt hätte er über das Haus wegsteigen können. -Die Zuschauerin aber war nicht kritisch, ihr gefiel das Ungetüm und sie -wisperte: - -»Der Mann ist prächtig -- nun mach' mich, wie ich daherkomme!« - -Tom malte eine Art Achter mit einem kreisrunden Vollmond oben und vier -dünnen Streifen als Arme und Beine. Die sich weit spreizenden Finger -bedachte er mit einem ungeheuren Fächer. Das Original des Gemäldes -fühlte sich geschmeichelt und meinte: - -»Nein, wie nett -- wenn ich doch zeichnen könnte!« - -»Das ist leicht,« flüsterte Tom, »ich will dich's lehren!« - -»O willst du? Wann?« - -»Am Mittag. Gehst du zum Essen heim?« - -»Wenn du bleibst, bleib' ich auch.« - -»Gut, das ist also abgemacht. Wie heißt du?« - -»Becky Thatcher. Und du? Ach, ich weiß, Thomas Sawyer.« - -»So heiß ich nur, wenn ich Schelte oder Prügel krieg', sonst heiß' ich -Tom. Du rufst mich Tom, gelt?« - -»Ja.« - -Jetzt kritzelt Tom was auf die Tafel, mit der linken Hand das -Geschriebene zuhaltend. Diesmal wollte sie's gleich sehen. Tom sagte: - -»O, 's ist nichts.« - -»Doch, doch.« - -»Nein, 's ist nichts, es liegt dir gar nichts dran, ob du's siehst.« - -[Illustration] - -»Doch, nein wirklich, bitte, laß mich sehen.« - -»Du wirst's weitersagen.« - -»Nein, nein und dreimal nein, gewiß und wahrhaftig nicht.« - -»Wirst du's aber auch keinem Menschen sagen, so lang du lebst?« - -»Nie im Leben, niemand! Nun zeig' aber auch.« - -»Ach, dir liegt doch nichts dran!« - -»Jetzt, wenn du so bist, Tom, da muß ich's sehen --« und sie legte ihre -kleine Hand auf die seine, worauf sich ein kleiner Kampf entspann. Tom -schien im Ernst widerstreben zu wollen, zog aber seine Hand allmählich -doch so weit zurück, daß die Worte sichtbar wurden: »_Ich liebe dich._« - -»O, du Abscheulicher!« Und sie gab ihm einen tüchtigen Klapps auf die -Hand, wurde aber rot und schien gar nicht ungehalten. - -Im selben Moment fühlte der Junge einen schicksalsschweren Griff an -seinem Ohr, dazu einen unwiderstehlich nach oben ziehenden Drang, -und ehe er wußte wie, befand er sich an seinem eigenen Platz unter -dem Feuer gewaltiger Lachsalven der ganzen Schule. Unerbittlich, wie -das Schicksal, starrte der Lehrer noch während einiger schrecklicher -Momente auf ihn nieder, begab sich aber dann schließlich feierlich -zurück nach seinem Thron, ohne ein Wort zu sagen. Und obgleich Toms Ohr -brannte, triumphierte sein Herz. - -Als der Sturm in der Schule sich wieder gelegt hatte, machte Tom den -ernsten Versuch, zu lernen, aber der Sturm in seinem Innern war zu -gewaltig. Jetzt sollte er lesen, die Reihe war an ihm, er brachte -aber vor Stammeln und Stottern keinen Satz zusammen; dann kam die -Geographiestunde. Bei Tom wurden Seen zu Bergen, Berge zu Flüssen und -Flüsse zu Inseln, bis das Chaos wieder über die Welt hereingebrochen -zu sein schien. Beim Diktatschreiben, in dem er sonst einer der -Besten war, stolperte er über die kinderleichtesten Wörter, hatte in -einem Diktat von zehn Linien fünfzig Fehler und mußte die bleierne -Verdienstmedaille, die er bis dahin für diese seine erste und einzige -Kunst mit so viel Stolz getragen, ohne alle Gnade einer würdigeren -Brust überliefern. - -[Illustration] - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Je eifriger Tom sich bemühte, seine Gedanken fest auf das Buch zu -heften, um so rastloser schweiften sie rings in der Weite herum. So -gab er es denn zuletzt mit einem Seufzer und Gähnen auf. Ihm schien -die erlösende Mittagsstunde heute niemals schlagen zu wollen. Die -Luft draußen war vollständig regungslos, nicht der kleinste Hauch -belebte die Stille. Es war der schläfrigste aller schläfrigen Tage. -Das eintönige Gemurmel der fünfundzwanzig eifrig studierenden Schüler -umspann die Seele mit demselben einschläfernden Zauber, der in dem -Gesumm der Bienen liegt. Hoch oben am blauen Sommerhimmel schwebten -zwei Vögel auf trägen Schwingen, sonst war draußen kein lebendes Wesen -zu erblicken, außer einigen Kühen, welche schliefen. - -Toms Herz sehnte sich nach Freiheit, oder doch wenigstens darnach, -irgend etwas von Interesse zu haben, das ihm die schreckliche -Langeweile vertreiben helfe. Mechanisch wanderte seine Hand zur Tasche -und, siehe da, sein Antlitz erhellte ein Strahl dankbarer Rührung. -Verstohlen kam die kleine Schachtel zum Vorschein, die Baumwanze -wurde befreit und auf den langen schmalen Schultisch gesetzt. Die -unvernünftige Kreatur erglühte in diesem Augenblick wohl gleichfalls in -tiefster Dankbarkeit, doch diese Wonne kam verfrüht, denn kaum hatte -sie sich jubelnden Herzens marschfertig gemacht, als das grausame -Schicksal, in Gestalt einer Stecknadel in Toms Hand, ihrem Laufe eine -andere Richtung gab. - -Toms Busenfreund saß neben ihm, leidend, wie dieser soeben noch -gelitten, und zeigte sich augenblicklich von tiefstem, dankbarstem -Interesse erfüllt für die neue Unterhaltung. Dieser Busenfreund war Joe -Harper. Die ganze Woche hindurch waren die beiden Jungen geschworene -Freunde, der Sonnabend nur sah sie regelmäßig als Gegner auf dem -Schlachtfelde. Joe zog sofort eine Stecknadel aus seinem Jackenfutter -und begann sich mit Lust und Liebe am Einexerzieren der gefangenen -Wanze zu beteiligen. Von Minute zu Minute nahm die Sache an Interesse -zu. Bald meinte Tom, daß sie sich gegenseitig nur hinderten und somit -keiner den vollen Genuß an der Wanze haben könne. So nahm er denn Joes -Tafel vor sich hin auf den Tisch und zog von oben bis unten eine Linie -genau durch die Mitte derselben. - -»Jetzt,« sagte er, »paß auf! So lang die Wanze auf deiner Seite ist, -darfst du sie treiben mit der Nadel und ich laß' sie in Ruhe. Brennt -sie dir aber durch und kommt zu mir herüber, dann siehst du zu, so -lang, bis sie mir wieder durchgeht. Hast du verstanden?« - -»Schon gut, nur vorwärts,« trieb der ungeduldige Joe, -- »kitzle sie -mal ein bißchen!« - -Die Wanze entwischte Tom schleunigst und passierte die Linie, nun war -die Reihe des ›Kitzelns‹ an Joe, gleich danach hatte sie wiederum den -Aequator gekreuzt. Dieser Wechsel wiederholte sich des öfteren. Während -nun der eine Junge die unglückselige Baumwanze mit der Nadel anspornte, -in nimmer erlahmendem Eifer, schaute der andere in atemloser Spannung -zu, die beiden Köpfe waren tief über die Tafel gebeugt, die beiden -Seelen schienen der ganzen übrigen Welt wie abgestorben. Endlich wollte -sich das launenhafte Glück für Joe entscheiden, an seine Fersen heften. -Die Wanze versuchte auf allen möglichen Wegen zu entwischen und wurde -bei der Jagd so lebhaft und erregt, wie die Jungen selber. Aber wieder -und wieder, gerade als sie den Sieg schon, so zu sagen, in Händen -hielt und Toms Finger juckten und zappelten vor Begier, in die Aktion -eingreifen zu können, gerade im entscheidenden Moment lenkte Joes Nadel -geschickt den Flüchtling nach seiner Seite zurück und wahrte sich den -Besitz dieses köstlichen Guts. Endlich konnte es Tom nicht länger mehr -aushalten, die Versuchung war zu groß. So streckte er denn die Hand aus -und begann mit seiner Nadel nachzuhelfen. Da aber wurde Joe zornig und -rief drohend: - -»Tom, laß das bleiben!« - -»Ich will dir ja nur ein klein bißchen helfen, Joe.« - -»Ach was, helfen! Brauch' dich nicht, laß bleiben, sag' ich.« - -»Kuckuck, noch einmal. Ich werd' doch auch ein bißchen helfen dürfen!« - -»Laß bleiben, sag' ich dir!« - -»Ich will aber nicht.« - -»Du mußt -- die Wanze ist auf meiner Seite.« - -»Hör' mal zu, Joe Harper. Wem gehört die Wanze denn eigentlich, dir -oder mir?« - -»Das ist mir ganz einerlei. Eben ist sie auf meiner Seite der Linie und -du sollst sie nicht anrühren, oder --« - -»Na, wettst du, daß ich's thu'? Die Wanze ist mein und ich kann mit ihr -machen, was ich will -- hol' mich der und jener! Her damit, sag' ich!« - -Ein saftiger Hieb sauste hernieder auf Toms Schultern, ein -Zwillingsbruder desselben traf Joes Rücken; zwei Minuten lang waren die -Jungen in eine Staubwolke gehüllt, die aus ihren Jacken aufwirbelte, -zum ungeheuren Gaudium der ganzen Schule. Die beiden Sünder waren -zu versunken gewesen in ihre Beschäftigung, um das verhängnisvolle -Schweigen zu bemerken, das eingetreten war, als der Lehrer auf den -Fußspitzen nach ihnen hinschlich und dann hinter ihnen stehen blieb. -Er hatte eine hübsche Weile der seltenen Beschäftigung zugeschaut, ehe -er sich erlaubte, seinen Teil zur Mehrung des Vergnügens beizutragen. - -Als die Schule dann um Mittag aus war, flog Tom auf Becky Thatcher zu -und wisperte ihr ins Ohr: - -»Setz' deinen Hut auf und thu' als ob du heim wolltest. Wenn du an der -Ecke bist, laß die andern laufen und komm durch's Heckengäßchen zurück. -Ich mach's grad' auch so.« - -So ging also jedes der beiden mit einem andern Haufen Kinder ab, am -Ende des Heckenpfads trafen sie einander und als sie dann zusammen -die Schule erreichten, hatten sie dieselbe ganz für sich allein. Sie -setzten sich neben einander, nahmen eine Tafel vor und Tom führte -Beckys mit dem Griffel bewaffnete Hand sorgsam mit der seinen und schuf -ein neues erstaunliches Wunder von Haus. Als das Interesse an der Kunst -etwas zu erlahmen begann, machten sich die zwei ans Plaudern. Tom -schwamm in einem Meer von Wonne. Jetzt fragte er: - -»Magst du Ratten?« - -»Puh nein, ich kann sie nicht ausstehen.« - -»Ich auch nicht -- lebendige wenigstens. Aber tote, mein' ich, die man -an eine Schnur bindet und um seinen Kopf schwingt.« - -»Nee, ich mach' mir überhaupt nicht viel aus Ratten, so oder so. Was -ich gern mag, ist Süßholz!« - -»Das glaub' ich. Wollt', ich hätt' ein Stück!« - -»Wirklich? Ich hab' eins. Da, du kannst ein bißchen dran kauen, mußt -mir's aber dann wiedergeben, gelt?« - -Das war nun eine wundervolle Beschäftigung. So kauten sie denn -abwechselnd und baumelten dazu mit den Beinen gegen die Bank im -Uebermaß wonnigsten Behagens. - -»Warst du schon einmal im Zirkus?« fragte Tom. - -»Ja, und ich darf wieder hin, hat Papa versprochen, wenn ich sehr brav -bin.« - -»Ich war schon drei- oder viermal -- nee noch viel, viel öfter dort. -Die Kirche ist gar nichts dagegen! Im Zirkus ist immer was los. Wenn -ich mal groß bin, werd' ich Hanswurst!« - -»Wahrhaftig? Das wird reizend! Die sind immer so wunderhübsch gefleckt, -Hosen und Jacke und alles.« - -»Das ist wahr. Und sie verdienen Haufen von Geld -- beinahe 'nen Dollar -im Tag, meint Ben Rogers. Sag' mal, Becky, warst du schon mal verlobt?« - -»Was ist denn das?« - -»Na, verlobt -- wenn man sich heiraten will.« - -»Nein, nie.« - -»Möchtest du's gern?« - -»Vielleicht, ich weiß nicht. Wie ist's denn ungefähr?« - -»Wie's ist? Ja, wie gar nichts eigentlich. Du brauchst nur 'nem Jungen -zu sagen, du wolltst keinen andern haben als ihn, nie, nie und nimmer, -dann giebst du ihm 'nen Kuß und die Geschichte ist fertig. Das kann -doch ein kleines Kind -- nicht?« - -»'nen Kuß? Warum denn den?« - -»Ja, das muß man, weil, -- kurz, sie thun's eben alle, das gehört dazu.« - -»Alle thun's?« - -»Ja, alle die in einander verliebt sind. Weißt du noch, was ich dir auf -die Tafel geschrieben habe?« - -»J--ja.« - -»Was denn?« - -»_Ich_ sag's nicht.« - -»Soll _ich's_ sagen?« - -»J--ja -- aber ein andermal.« - -»Nein, jetzt.« - -»Nein, nicht jetzt -- morgen.« - -»Ach nein, jetzt, bitte, bitte, Becky. Ich will's auch nur ganz, ganz -leise sagen. Soll ich?« - -Da Becky zögerte, nahm Tom ihr Schweigen für Zustimmung, schlang den -Arm um sie, legte den Mund dicht an ihr Ohr und flüsterte ihr leise, -leise die uralte Zauberformel zu. Dann fuhr er ermunternd fort: - -»Jetzt bist du dran. Nun mußt du's sagen -- ganz dasselbe.« - -Eine Weile widerstand sie, und bat dann: - -»Du mußt dein Gesicht dorthin drehen, daß du mich nicht sehen kannst, -dann sag' ich's. Du darfst's aber keinem, keinem Menschen wieder sagen, -gelt Tom, das versprichst du, gelt?« - -»Nie im Leben, Becky, gewiß und wahrhaftig. Na -- denn los!« - -Er wandte den Kopf ab, sie beugte sich schüchtern zu ihm, bis ihr Atem -seine Wange streifte und seine Locken bewegte, und flüsterte: »Ich -- -liebe -- dich.« - -Dann sprang sie auf, rannte um Bänke und Tische, Tom immer hinterdrein, -nahm zuletzt Zuflucht in einer Ecke des Zimmers und drückte ihr -Gesichtchen fest in die weiße kleine Schürze. Tom schlang die Arme um -ihren Hals und bat: - -»Jetzt, Becky, ist's ja beinahe vorbei -- nur noch der Kuß. Du brauchst -dich doch davor nicht zu fürchten, das ist ja gar nichts. Bitte, Becky.« - -Und er versuchte Schürze und Hände vom kleinen Gesicht zu lösen. - -Allmählich gab sie nach und ließ die Hände sinken. Das Gesichtchen, -ganz rot und erhitzt von der Anstrengung, kam zum Vorschein und -unterwarf sich der Prozedur. Tom küßte die roten Lippen und sagte: - -»So, jetzt ist's geschehen, Becky. Und von jetzt an, weißt du, darfst -du nur mich lieben und heiraten und gar, gar keinen andern, nie, -niemals, in alle Ewigkeit nicht. Willst du?« - -»Nein, ich will nie 'nen andern lieben, Tom, und nie 'nen andern -heiraten als dich, aber du darfst's auch nicht thun, Tom, darfst auch -nie 'ne andere heiraten wollen.« - -»Gewiß! Natürlich, das gehört auch dazu. Und immer auf dem Weg zur -Schule oder nach Hause mußt du mit mir gehen, wenn's niemand sieht, und -bei Gesellschaften wähl' ich dich und du mich zum Spiel, denn so macht -man's, wenn man verlobt ist.« - -[Illustration] - -»Nein, wie hübsch! Davon hab' ich noch gar nichts gewußt.« - -»Ja, 's ist schrecklich lustig. Ei, ich und Anny Lorenz --« - -Beckys große, erschreckte Augen verrieten Tom sofort seinen Mißgriff. -Verwirrt hielt er ein. - -»O, Tom. Ich bin also nicht die erste, mit der du verlobt bist?« - -Ihre Thränen flossen. Tom tröstete: - -»Wein' nicht, Becky. Ich mach' mir gar nichts mehr aus der.« - -»Doch, Tom, doch -- du weißt selbst, daß du dir noch was aus ihr -machst ...« - -Tom versuchte den Arm um ihren Hals zu legen, sie aber stieß ihn fort, -wandte das Gesicht der Wand zu und schluchzte herzbrechend weiter. Tom -versuchte es noch einmal mit sanft zuredenden Worten und wurde wieder -zurückgewiesen. Nun regte sich sein Stolz, stumm schritt er der Thüre -zu und ging hinaus. Draußen drückte er sich eine Weile herum, rastlos -und unbehaglich, von Zeit zu Zeit nach der Thüre schielend, in der -Hoffnung, sie würde bereuen und kommen, ihn zurück zu holen. Sie aber -kam nicht. Nun wurde ihm schlecht zu Mute und er begann zu fürchten, -daß er selber im Unrecht sei. Es kostete ihn einen harten Kampf, noch -einmal Annäherungsversuche zu machen, doch wappnete er sich schließlich -mit Mannesmut und ging hinein. Dort stand Becky noch in ihrem Winkel -und weinte, das Gesicht gegen die Wand gepreßt. Toms Herz krampfte sich -zusammen bei dem Anblick. Er trat zu ihr, im Moment ratlos, wie er die -Verhandlungen einleiten sollte. Endlich stieß er zögernd hervor: - -»Becky, ich -- ich mag keine andre mehr sehen, als dich.« - -(Keine Antwort -- nur erneutes Schluchzen.) - -»Becky,« -- (bittend.) - -»Becky, willst du mir gar nichts sagen?« - -(Heftiges Schluchzen.) - -Tom grub in seinen Taschen und brachte endlich das Kleinod seines -Herzens, den Messingknopf irgend eines alten Deckels, zum Vorschein, -hielt ihr denselben vor, so daß sie ihn sehen konnte und sagte in -einladendem Tone: - -»Bitte, Becky, nimm doch das da, sieh mal her!« - -Sie aber schlug's unbesehen zu Boden. Nun wandte sich Tom wortlos, -schritt aus dem Hause und suchte das Weite, um für diesen Tag nicht zur -Schule zurück zu kehren. Bald ward es Becky klar, was sie verscherzt -hatte. Sie rannte nach der Thüre, auf den Hof, flog um die Ecke des -Hauses -- er war nicht mehr zu sehen. Nun erhob sie die Stimme: - -»Tom, Tom, komm zurück, Tom!« - -Atemlos lauschte sie, keine Antwort. Ihre einzigen Gefährten waren -Schweigen und Einsamkeit. Wieder setzte sie sich, um zu weinen, und als -dann die Schüler zu den Nachmittagsstunden herbei zu strömen begannen, -mußte sie ihre Trauer bergen, ihr gebrochenes Herz zur Ruhe bringen -und das Kreuz eines langen, trübseligen, schmerzvollen Nachmittags auf -sich nehmen, ohne unter diesen Fremden auch nur eine fühlende Brust zu -haben, die ihren Schmerz hätte teilen können. -- - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Tom schlich sich fort auf Seitenpfaden bald zur Rechten und bald -zur Linken, um dem Späherauge der zur Schule zurück pilgernden -Kinder zu entgehen. Er setzte einigemale über einen kleinen Bach, da -kreuzweises Ueberschreiten von Wasser ein gutes Mittel sein sollte, -sich geplanter Verfolgung sicher zu entziehen. Eine halbe Stunde später -sah man ihn oben hinter dem letzten hochgelegenen Haus des Städtchens -verschwinden, die Schule lag wie im Nebel weit hinter ihm. Nun kam er -in einen dichten Wald, bahnte sich mühsam einen Weg recht ins Dickicht -hinein und warf sich ins weiche Moos unter einer breitästigen Eiche -nieder. Nicht ein Lüftchen regte sich, die brütende Mittagsglut hatte -selbst den Sang der Vöglein verstummen machen. Die ganze Natur lag -regungslos, wie in Verzückung, nur das gelegentliche, wie aus weiter -Ferne ertönende Hämmern eines Spechtes unterbrach die lautlose Stille -und schien die ringsum herrschende Einsamkeit nur noch lastender -und fühlbarer zu machen. Des Knaben Seele badete sich gleichsam in -Schwermut, seine Gefühle befanden sich im glücklichsten Einklang mit -der Umgebung. Lange saß er so, die Ellbogen auf die Kniee, das Gesicht -in die Hände gestützt und dachte nach. Ihm schien das Leben im besten -Falle nur eine Last zu sein und er beneidete beinahe den Jimmy Hodges, -der kürzlich von dieser Last erlöst worden war. So friedlich und schön -dachte er's sich, da unten zu liegen, zu schlummern und zu träumen -für immer und immer, während der Wind in den Bäumen spielte und mit -den Blumen und Gräsern koste, die auf dem Grabe standen. Da gab es -dann nichts mehr, über das man sich zu quälen und zu grämen brauchte. -Wenn nur sein Sonntagsschul-Gewissen rein wäre, wie gerne würde er der -ganzen Welt Valet sagen. Und was jenes Mädchen betraf -- was hatte -er eigentlich gethan? Nichts. Er hatte es so gut gemeint, wie nur -einer in der Welt und war behandelt worden, wie ein Hund, -- wie ein -elender Hund. Sie würde es bereuen eines Tages -- wenn es zu spät wäre -vielleicht. Ach, wenn er nur sterben könnte, nur für _einige Zeit_! - -Das elastische Herz der Jugend aber läßt sich nicht lange in ein und -dieselbe Form zusammenpressen. Tom glitt alsbald wieder ganz unmerklich -in die Interessen dieses Lebens zurück. Wie, wenn er allem den Rücken -kehrte und geheimnisvoll verschwände? Oder wenn er davon wanderte, -weit, weit, ewig weit fort, in ferne fremde Länder jenseits der See -und niemals wieder käme? Wie würde Becky zu Mute sein? Der Gedanke, -ein Hanswurst zu werden, stieg auch wieder in ihm auf, aber er wies -ihn mit Ekel von sich. Tollheit und Witze nebst gesprenkelten Trikots -waren jetzt förmlich eine Beleidigung für seinen Geist, der sich in das -nebelhafte, hehre Gebiet der Romantik aufgeschwungen hatte. Nein, ein -Soldat wollte er werden und nach langen, langen Jahren wiederkehren, -kriegsmüde, ruhmbedeckt. Oder, noch besser! Er wollte zu den Indianern -gehen, Büffel jagen, den Kriegspfad beschreiten in den wilden Bergen -und unermeßlich weiten Ebenen des ›Fernen Westens‹, und dann einmal -in grauer Zukunft zurückkehren als großer Häuptling, starrend von -Federn, scheußlich bemalt, und an einem schläfrigen Sommermorgen mit -gellendem Kriegsgeheul, welches das Blut gerinnen machte, in die -Sonntagsschule einbrechen, wo die Herzen und Augen seiner Kameraden -ihn förmlich verzehren würden vor sengendem Neid. Halt, es gab noch -etwas Größeres als selbst dieses! Ein Seeräuber wollte er werden! Das -war's. Jetzt lag seine Zukunft klar vor ihm, strahlend in unsagbar -blendendem Glanze. Wie würde sein Name die Welt erfüllen und alle -Menschen schaudern und erbeben machen! Wie glorreich würde er auf -seinem langen, niedrigen, kohlschwarzen Schnellsegler ›Sturmesfittich‹ -die wogenden Wellen der See durchfurchen, während die düstere Flagge -vom Vordermast wehte, ein gefürchtetes Zeichen auf allen Meeren. Und, -auf dem Gipfel seines Ruhmes angelangt, wie wollte er plötzlich im -alten Städtchen erscheinen, in die Kirche treten, braun und verwettert, -in seinem schwarzen Sammtwams und der faltigen Pluderhose, seinen -hohen Stulpstiefeln, der roten Schärpe und dem mit wallenden Federn -besteckten Schlapphut, den Gürtel starrend von Reiterpistolen, das in -blutigen Metzeleien eingerostete Schwert an der Seite; sodann wollte er -die schwarze Flagge mit dem Totenschädel und den gekreuzten Gebeinen -darauf entfalten und mit einem das Herz zum Zerbersten schwellenden -Entzücken das Raunen und Flüstern hören: »Seht, das ist Tom Sawyer, der -Pirat! Der schwarze Würger der spanischen Meere!« - -Ja, nun war's entschieden, seine Laufbahn festgestellt. Er wollte von -Hause weglaufen und dieselbe sofort antreten. Gleich am nächsten Morgen -wollte er's thun! Drum mußte er aber auch sofort an die Vorbereitungen -gehen. Es galt zunächst, all seine Reichtümer zusammen zu tragen. So -ging er denn zu einem verfaulten Baumstamm in der Nähe und begann an -einem Ende desselben mit seinem Messer den Boden aufzuwühlen. Bald -kam er auf Holz, das hohl klang. Er legte die Hand darauf und sprach -andächtig die Beschwörungsformel: - - »_Erscheine_, was nicht hier, - Und was schon hier war, _bleibe_!« - -Danach kratzte er die Erde vollends weg und legte eine fichtene -Schindel bloß. Diese hob er empor und nun zeigte sich eine schmucke, -kleine Schatzkammer, deren Boden und Wände ebenfalls aus Schindeln -bestanden. Eine _einzige_ Glaskugel lag darinnen. Toms Erstaunen war -grenzenlos. Verblüfft kratzte er sich am Kopfe und sagte: - -»Na, das übersteigt denn doch alles!« - -Drauf schleuderte er die Kugel zornig von sich und überlegte die Sache, -tief in Brüten versunken. Einer seiner festesten Glaubenssätze, die bis -jetzt ihm und seinen Kameraden für unfehlbar gegolten, war soeben ins -Wanken geraten. Wenn man eine solche Kugel vergrub, so hieß es, und die -nötigen Formalitäten dabei streng befolgte, dann nach vierzehn Tagen -an dem Platz wieder nachsah mit eben der Formel, die Tom gesprochen, -so würde man alle Kugeln, die man jemals im Leben verloren, um die -eingegrabene versammelt finden, einerlei, wie weit zerstreut sie -gewesen. So lautete der Satz. Und nun war das Ding fehlgeschlagen, -fraglos, zweifellos fehlgeschlagen. Toms ganzes Glaubensgebäude wankte -in seinen Grundfesten. Immer nur hatte er von dem Erfolg, niemals von -dem Mißglücken dieses Verfahrens gehört. Er selbst hatte es schon -einigemale probiert, und nur keinen Erfolg gehabt, weil er nie das -Versteck wieder auffinden konnte. Ratlos brütete er eine Zeitlang über -der Sache und kam schließlich zu der Einsicht, daß irgend eine Hexe die -Hand im Spiel gehabt und den Zauber gebrochen haben müsse. Davon wollte -er sich nun überzeugen. So suchte er denn herum, bis er einen kleinen -sandigen Fleck entdeckte, mit einer trichterförmigen Vertiefung in der -Mitte. Er legte sich flach auf den Boden, hielt den Mund dicht an diese -kleine Höhlung und rief: - - »Faulpelzkäfer, Faulpelz du, - Sag' mir, was du weißt, im Nu!« - -Da begann es im Sande zu arbeiten, und gleich danach erschien auf einen -Augenblick ein kleiner, schwarzer Käfer an der Oberfläche, der sich -aber alsbald erschreckt wieder zurückzog. - -»Haha! Der wagt's nicht, was zu sagen. 's war also richtig eine Hexe! -Hab' mir's doch gedacht!« - -Da er die Fruchtlosigkeit eines Versuchs, es mit Hexen und Dämonen -irgend welcher Art aufnehmen zu wollen, kannte, so gab er dies sofort -entmutigt auf. Dann fiel ihm ein, daß er doch wenigstens die Kugel -nehmen sollte, die er weggeworfen im ersten Zorn, und er begab sich -geduldig an's Suchen, konnte sie aber nicht finden. Nun ging er zur -Schatzkammer zurück, stellte sich sorgfältig wieder gerade so hin, wie -er zuvor gestanden, als er die Kugel weggeschleudert, nahm eine zweite -Kugel aus der Tasche, warf diese nach derselben Richtung und sagte: - -»Bruder, such' den Bruder flink!« - -Genau paßte er auf, wo sie hinflog, ging dann hin und sah nach. -Entweder war sie zu kurz oder zu weit geflogen, noch zweimal mußte -er dasselbe Experiment wiederholen. Das letztemal war es von Erfolg -begleitet. Die beiden Kugeln lagen nur einen Fuß weit von einander -entfernt. - -Gerade im selben Moment ertönte von fern der schwache Klang einer -Blechtrompete durch die grünen Bogengänge des Waldes. Im Nu hatte -sich Tom seiner Jacke und Hosen entledigt, einen Hosenträger in einen -Gürtel verwandelt, einen Haufen Gestrüpp hinter dem faulenden Holzstamm -beiseite geschoben, sich eines Bogens samt Pfeilen, eines hölzernen -Schwertes und einer Blechtrompete bemächtigt und stürzte nun davon, -barfuß, in flatterndem Hemde. Bald darauf machte er Halt unter einer -großen Ulme, stieß antwortend seinerseits ins Horn, begann dann sich zu -recken und kriegerisch nach allen Seiten auszuspähen. Vorsichtig mahnte -er eine, nur im Geist vorhandene Schar von Getreuen: - -»Haltet euch still, meine Tapferen! Versteckt euch, bis ich blase!« - -[Illustration] - -Jetzt erschien Joe Harper auf der Bildfläche, ebenso luftig gekleidet -und ebenso furchtbar gewappnet wie Tom. Da rief dieser: - -»Halt! Wer wagt es den Sherwood-Forst zu betreten ohne meine -Erlaubnis?« - -»Guy von Guisborne bedarf keines Sterblichen Erlaubnis. Wer bist du, -der du -- der du --« - -»Es wagst eine solche Sprache zu führen,« fiel Tom schnell ein, denn -sie sprachen ›nach dem Buche‹ aus dem Gedächtnisse. - -»Wer bist du, der du es wagst eine solche Sprache zu führen?« - -»Ich, fragst du, wer ich sei? Ich bin Robin Hood, was dein klapperndes -Gebein alsbald erfahren soll.« - -»Du wärest in der That jener berühmte Geächtete? Mit Freuden will ich -mit dir um das Recht der Herrschaft in diesem fröhlichen Forst ringen. -Sieh dich vor!« - -Beide zogen ihre Lattenschwerter und ließen die andern Waffen zu Boden -fallen, nahmen Fechterstellung ein, Fuß an Fuß, und begannen einen -ernsten, regelrechten Kampf: »zwei Hiebe oben, zwei unten.« Alsbald -rief Tom: - -»So, wenn du's los hast, laß' uns mal schneller 'rin gehen!« - -Und sie gingen ›schneller 'rin‹ bis sie keuchten und schwitzten vor -Anstrengung. Nun brüllt Tom: - -»Fall' doch, fall', warum fällst du nicht?« - -»Ich? Fall' du selber. Du kriegst die dicksten Hiebe.« - -»Darauf kommt's gar nicht an. _Ich_ kann nicht fallen. So steht's nicht -im Buch. Dort heißt's: ›Und mit einem gewaltigen Streiche von rückwärts -fällte er den armen Guy von Guisborne!‹ Du mußt dich also umdrehen und -ich hau' dich von hinten nieder.« - -Um diese Autorität war nun nicht herum zu kommen, Joe drehte sich, -erhielt seinen Streich und fiel. - -»Jetzt aber,« rief Joe, der ebenso flink wieder empor schnellte, »ist -die Reihe an mir, dich tot zu hauen. Los also, dreh' dich um -- was dem -einen recht ist, ist dem anderen billig. Nun, wird's bald?« - -»Ja, aber, Joe, das kann ich doch nicht, so steht's ja gar nicht im -Buch.« - -»Na, das ist dann einfach eine Gemeinheit, weiter sag' ich gar nichts.« - -»Du, hör' mal, Joe, du könntest ja der Bruder Tuck sein oder Much, der -Müllerssohn, und mich mit einem Prügel für Zeit meines Lebens lahm -hauen. Oder, wart', ich weiß noch was Besseres. Du bist Robin Hood für -ein Weilchen und ich der Sheriff von Nottingham und du haust mich tot.« - -Damit war nun Joe zufrieden, und so wurden denn beide Abenteuer mit -der nötigen Feierlichkeit in Scene gesetzt. Dann verwandelte sich Tom -wieder in Robin Hood und Joe, der die verräterische Nonne vorstellte, -ließ ihn sich an seiner Wunde zu Tode bluten. Zuletzt schleifte ihn der -vielseitige Joe, der nun eine ganze Bande trauernder Räuber darstellte, -nach vorn, legte Bogen und Pfeil in die zitternden Hände des Sterbenden -und dieser hauchte: »Wo dieser Pfeil niedersinken wird, da verscharret -die Reste des armen Robin Hood unter den Bäumen des Waldes.« Der Pfeil -entschwirrte der Sehne, Tom fiel zurück und würde gestorben sein, wenn -er nicht zufällig in einen Nesselbusch gesunken und für eine Leiche -etwas allzu lebhaft emporgesprungen wäre. - -Drauf steckten sich die Jungen wieder in ihre Kleider, verbargen ihre -Waffenausrüstung und zogen von dannen, in Trauer versunken darüber, daß -das Zeitalter der Geächteten und Räuber entschwunden war. Vergeblich -fragten sie sich, welche Errungenschaft moderner Gesittung wohl diesen -Verlust aufzuwiegen vermöchte. Ihrem eigenen Gefühl nach wären die -beiden weit lieber ein einziges kurzes Jahr lang Räuber, vervehmte, -geächtete Räuber im Sherwood-Forste gewesen, als Präsident der -Vereinigten Staaten auf Lebenszeit. - -[Illustration] - - - - -Achtes Kapitel. - - -Um halb zehn Uhr an jenem Abend wurden Tom und Sid wie gewöhnlich zu -Bette geschickt. Sie sprachen ihr Gebet und Sid war bald eingeschlafen. -Tom lag wach und wartete in rastloser Ungeduld. Als er schon meinte, -es müsse beinahe Morgen sein, schlug die Uhr zehn -- es war rein zum -Verzweifeln. Er würde sich im Bette herum geworfen haben, unaufhörlich -von einer Seite zur andern, wie es seine Nerven gebieterisch -verlangten, hätte er nicht gefürchtet, Sid dadurch zu wecken. So -lag er denn krampfhaft ruhig und starrte hinein in die Finsternis. -Allmählich begannen sich in der beinahe greifbaren Stille kleine, kaum -zu unterscheidende Geräusche bemerkbar zu machen. Erst drängte sich ihm -der Laut der tickenden Uhr auf. Alte Balken krachten geheimnisvoll. -Die Treppe knisterte leise. Augenscheinlich waren die Geister munter. -Ein taktmäßiges, gedämpftes Schnarchen klang aus Tante Pollys Zimmer. -Und jetzt begann auch noch einer Grille ermüdendes Zirpen, das mit -Genauigkeit zu lokalisieren kein menschlicher Scharfsinn je imstande -ist. Dann machte das unheimliche Ticken einer Totenuhr in der Wand, -am Kopfende des Bettes, Tom zusammenschaudern, -- bedeutete es doch, -daß jemands Tage gezählt seien. Nun erhob sich das klagende Geheul -eines Hundes in die Nachtluft, dem leiseres Gewinsel aus der Ferne -antwortete. Tom lag in reiner Todesangst da. Er war fest überzeugt, -daß die Zeit aufgehört, die Ewigkeit begonnen habe. Trotz allem -Bemühen, sich wach zu halten, begann er leise einzudämmern. Die Uhr -schlug elf, er aber hörte es nicht mehr. Auf einmal tönte mitten in -seine noch gestaltlosen Träume hinein das langgezogene, schwermütige -Miauen eines Katers. Das Oeffnen eines benachbarten Fensters, der Ruf: -›Verfluchtes Katzenpack!‹ und das Zersplittern einer gegen die Mauer -geschleuderten leeren Flasche ließ ihn entsetzt und urplötzlich wach -in die Höhe fahren. Eine Sekunde später war er angezogen, zum Fenster -hinaus und kroch auf allen Vieren auf dem Dache des Vorbaues entlang. -Dabei miaute er ein- oder zweimal mit großer Vorsicht, sprang dann auf -das Dach des Holzschuppens und von dort zu Boden. Huckleberry Finn -mit seiner toten Katze erwartete ihn. Die Jungen entfernten sich und -verschwanden im Dunkel. Eine halbe Stunde später wateten sie durch das -hohe Gras des Friedhofs. - -Es war ein Friedhof nach der altmodischen Art des Westens und lag -auf einem Hügel, etwa eine halbe Stunde vom Städtchen entfernt. Ihn -umgrenzte ein wackeliger Bretterzaun, der sich abwechselnd bald nach -innen, bald nach außen lehnte, nirgends aber gerade stand. Gras und -Unkraut wucherten üppig über den ganzen Begräbnisplatz hin. Die alten -Gräber waren sämtlich eingesunken. Kein Grabstein war zu erblicken. -Wurmstichige Bretter schwankten statt dessen lose und schief auf den -verfallenen Hügeln, schienen nach einer Stütze zu suchen und keine -zu finden. ›Zum Gedächtnis an -- so -- und so‹ war einst auf ihnen -zu lesen gewesen, jetzt aber war's nicht mehr zu entziffern, auf den -meisten wenigstens nicht, selbst im hellsten Tageslicht. - -Ein schwacher Windzug ächzte in den Bäumen; Tom war's, als müßte es das -Seufzen der Toten sein, die sich über die Störung beklagten. Die Jungen -sprachen nur wenig und nur im Flüsterton, denn Zeit und Ort, sowie -das feierliche, tiefe Schweigen versetzte sie in gedrückte Stimmung. -Bald fanden sie den frisch aufgeworfenen Haufen, den sie suchten, und -verschanzten sich in dem Schutze von drei großen Ulmen, die in einer -dichten Gruppe, wenige Fuß vom Grabe entfernt, wuchsen. - -Dort warteten sie schweigend eine Zeitlang, die ihnen eine Ewigkeit -schien. Das Geschrei einer fernen Eule war alles, was die Totenstille -unterbrach. Toms Gedanken wurden niederdrückend, er mußte ein Gespräch -erzwingen um jeden Preis. So flüsterte er denn: - -»Huckchen, meinst du, daß die toten Leute da drunten etwas dagegen -haben, daß wir hier sind?« - -Worauf Huckleberry zurück flüsterte: - -»Möcht's selber wissen. Aber gelt, 's ist furchtbar feierlich, nicht?« - -»Weiß Gott, das ist's -- uff!« - -Lange Pause, während die Jungen noch einmal innerlich der Sache -nachgrübelten. Wieder wisperte Tom: - -»Du, Huckchen, glaubst du, daß der alte Williams uns hören kann?« - -»Natürlich kann er, wenigstens sein Geist.« - -Tom, nach einer Pause: - -»Hätt' ich doch _Herr_ Williams gesagt! Ich hab's aber nicht bös -gemeint. Jedermann nennt ihn doch den alten Williams.« - -»Ja, man kann nicht vorsichtig genug sein in dem, was man über die -Leute da drunten sagt, Tom.« - -Dies war ein warnender Dämpfer und das Gespräch erstarb von neuem. -Plötzlich ergriff Tom den Arm seines Kameraden: - -»Scht!« - -»Was giebt's, Tom?« Und die zwei umklammerten sich gegenseitig, -atemlos, wild pochenden Herzens. - -»Scht! Da ist's wieder. Hast du denn nichts gehört?« - -»Ich --« - -»Da, noch einmal! Jetzt mußt du's doch hören!« - -»Herr Gott, Tom, da kommen sie! Gewiß und wahrhaftig, da kommen die -Teufel! Was sollen wir anfangen?« - -»Ich weiß nicht. Ob sie uns sehen?« - -»O, Tom, Tom, die sehen im Dunkeln, grad' wie die Katzen. Ach, wär' ich -doch nicht hierher gegangen.« - -»Na, alter Waschlappen, fürcht' dich doch nicht so! Ich glaub' nicht, -daß die sich viel um uns kümmern. Wir thun ja niemand nichts Böses. -Wenn wir uns ganz mucks-mäuschenstill verhalten, merken sie vielleicht -gar nicht, daß wir da sind.« - -»Ich will mich ja nicht fürchten, Tom, aber ich -- ich -- ach Gott, ich -klapper' nur so in meiner Haut.« - -»Horch doch!« - -Die Jungen steckten die Köpfe zusammen und atmeten kaum. Ein -unterdrücktes Geräusch wie von Stimmen ertönte vom andern Ende des -Friedhofs. - -»Sieh, sieh dort!« hauchte Tom. »Was ist das?« - -»'s ist Hexenfeuer. Ach Tom, das ist grausig.« - -Einige undeutlich nebelhafte Gestalten näherten sich in dem Dunkel. Sie -schwangen eine altmodische Blechlaterne, die den Boden mit unzähligen -kleinen Lichtfleckchen besäete. Alsbald flüstert Huck schaudernd: - -»Da, das sind die Teufel, gewiß und wahrhaftig! Und gleich drei auf -einmal! Herr Gott, Tom, wir sind hin! Kannst du beten?« - -»Ich will's mal probieren. Aber fürcht' du dich doch nicht so, die thun -uns sicher nichts. Wart', ich bet'! ›Müde bin ich, geh zur Ruh, schließ -die beiden Augen zu, Vater laß --‹« - -»Scht!« - -»Was giebt's, Huck?« - -»'s sind Menschen! Einer davon mal gewiß! Die eine Stimme kenn' ich, -die gehört dem alten Muff Potter.« - -»Nee, wahrhaftig?« - -»Na, ich wett' mein' Seel'. Rühr' du dich aber nicht, der merkt nichts -von uns. Ist natürlich wieder voll, wie gewöhnlich -- verflixter alter -Saufaus!« - -»Schon gut, ich muckse mich nicht. Da, sie bleiben stehen, können's -nicht finden. Jetzt geht's wieder vorwärts, -- es wird heiß[5] -- kalt --- ganz kalt -- jetzt lau -- da warm -- puh, nun wird's aber heiß -- -heißer, glühend! Scht -- da sind sie! Huck, ich kenn' noch einen, 's -ist der Indianer-Joe.« - - [5] Dem Leser ist wohl das Spiel ›kalt oder warm‹ bekannt. - - Der Uebers. - -»Der mörderische Lump! Teufel wären mir fast lieber! Auf was die wohl -aus sind?« - -Letztere Worte waren bloß noch gehaucht, denn die drei Männer hatten -nun das Grab erreicht und standen kaum ein paar Fuß von dem Versteck -der Jungen entfernt. - -»Hier ist's!« sagte die dritte Stimme; der, welcher gesprochen hatte, -hielt die Laterne in die Höhe und zeigte im Strahl des Lichtes das -Antlitz des jungen Doktors Robinson. - -Potter und der Indianer-Joe schleppten eine Trage mit einem Seil und -ein paar Schaufeln drauf. Sie setzten ihre Last nieder und begannen das -Grab zu öffnen. Der Doktor stellte die Laterne zu Häupten desselben, -ging und setzte sich, mit dem Rücken gegen einen der Ulmenbäume -gelehnt. Er war so dicht bei den Jungen, daß diese ihn hätten berühren -können. - -»Eilt euch, Leute!« sagte er mit leiser Stimme. »Der Mond kann jeden -Augenblick heraus kommen.« - -Die brummten eine Antwort und fuhren fort zu graben. Eine Zeit lang -hörte man kein anderes Geräusch, als das Knirschen der sich ihrer -Last von Erde und Sand entladenden Schaufeln. Es klang unsäglich -eintönig. Endlich stieß ein Spaten mit dumpfem, hohlem Laut auf den -Sarg und in der nächsten Minute hatten die Männer diesen empor an die -Oberfläche gehoben. Sie brachen den Deckel mit ihren Schaufeln auf, -rissen den Leichnam heraus und warfen ihn roh zur Erde. Eben trat der -Mond hinter den Wolken vor und beleuchtete das starre, weiße Antlitz. -Die Trage wurde herbeigebracht, die Leiche darauf gelegt, mit einer -Decke verhüllt und mit dem Seile festgebunden. Potter holte ein großes -Klappmesser aus der Tasche, schnitt das niederhängende Ende des Seiles -ab und sagte: - -»Jetzt ist das verfluchte Ding abgethan, Knochensäger, jetzt rückst du -mit noch 'nem Fünfer heraus, oder die Bescherung bleibt hier.« - -»Recht gesprochen, beim Schinder!« bekräftigte der Indianer-Joe mit -einem Fluche. - -»Hört mal, Leute, was soll das heißen?« sagte der Doktor. »Ihr habt -Vorausbezahlung verlangt und sie auch gekriegt und damit basta!« - -»Jawohl, basta,« zischte der Indianer-Joe und sprang auf den Doktor zu, -der nun aufrecht stand. »Wir zwei sind noch lang' nicht fertig, daß -du's nur weißt. Vor fünf Jahren jagtest du mich wie einen Hund von der -Thüre deines Vaters weg, als ich um etwas zu essen bat; ›der Kerl ist -wegen ganz was andrem da‹, hieß es. Als ich dann sagte, das solltest -du mir ausfressen, und wenn's erst nach hundert Jahren wäre, da ließ -mich der Herr Vater als Strolch einsperren. Meinst du, das hätt' ich -vergessen? Ich hab' nicht umsonst Indianerblut in mir. Jetzt hab' ich -dich und jetzt kommt die Abrechnung, merk' dir's!« - -Er fuchtelte dem Doktor dabei mit der geballten Faust unter der Nase -herum. Dieser schlug plötzlich aus und streckte den Schurken zu Boden. -Da ließ Potter sein Messer fallen und rief: - -[Illustration] - -»Was da! Ich laß meinen Kameraden nicht hauen.« Im nächsten Moment -hatte er den Doktor umklammert und die beiden rangen mit Macht und -Gewalt, Gras und Boden dabei wild zerstampfend. Der Indianer-Joe -sprang auf die Füße, seine Augen glühten und flammten vor Wut, er hob -Potters Messer vom Boden auf und umkreiste unheimlich, katzenartig -die Ringenden, nach einer Gelegenheit spähend. Plötzlich gelang es -dem Doktor, seinen Gegner abzuschütteln. Mit einem Griff riß er das -schwere, breite Brett, das auf Williams' Grabe gestanden, an sich und -schlug Potter damit zu Boden. Im selben Moment aber hatte auch der -Indianer-Joe die günstige Gelegenheit ersehen; bis zum Heft stieß er -das Messer in des jungen Mannes Brust. Der wankte und fiel teilweise -auf Potter, den er mit seinem Blute überströmte, -- da verkroch sich -der Mond hinter Wolken und entzog das gräßliche Schauspiel den Augen -der entsetzten Knaben, die in dem Dunkel sich eiligst davon machten. - -Als der Mond wieder hervor trat, stand der Indianer-Joe vor den beiden -hingestreckten Gestalten und betrachtete sie. Der Doktor murmelte etwas -Unverständliches, holte ein- oder zweimal tief Atem und -- war still. -Der Mörder brummte: - -»Jetzt ist's abgerechnet -- fahr' zur Hölle!« - -Dann beraubte er die Leiche, wonach er das verhängnisvolle Messer -in Potters geöffnete rechte Hand steckte, sich selbst aber auf den -zertrümmerten Sarg setzte. Drei -- vier -- fünf Minuten verflossen, da -begann Potter zu stöhnen und sich zu bewegen. Seine Hand umschloß das -Messer, er hob's empor, warf einen Blick drauf und ließ es mit einem -Schauder fallen. Dann richtete er sich auf, schob den toten Körper -zurück, starrte drauf nieder und dann verwirrt in die Runde. Seine -Augen begegneten denen Joes. - -»Herrgott, wie kam's denn, Joe?« fragte er. - -»Ja, das ist 'ne faule Sache, Potter,« versetzte dieser, ohne sich zu -rühren. »Daß du aber auch gleich so drauf losgehen mußt!« - -»Ich? Ich hab's doch nicht gethan!« - -»Hör' mal, du, das Geschwätz wäscht dich noch lang' nicht weiß.« - -Potter zitterte und wurde leichenblaß. - -»Hab' ich doch gemeint, ich wär' nüchtern gewesen, was hab' ich auch -am Abend so trinken müssen, ich alter Esel. Ich hab's noch im Kopf, -das spür' ich -- schlimmer als im Anfang, wie wir kamen. Ich bin rein -wie im Dusel -- kann mich auf nichts besinnen. Sag' doch, Joe -- aber -ehrlich, alter Kerl, -- hab' ich's wirklich gethan, Joe? Ich hab's ja -gewiß und wahrhaftig nicht gewollt, auf Ehr' und Seligkeit, ich hab's -nicht thun wollen, Joe. Wie ist's denn eigentlich gewesen, Joe? Ach, 's -ist gräßlich -- und er so jung und hoch begabt!« - -»Na, ihr beiden balgtet euch und er hieb dir eins mit dem Brett dort -über und du fielst um wie ein Sack. Dann rappeltest du dich wieder auf, -ganz taumelig und wackelig, griffst nach dem Messer und bohrtest es ihm -in die Rippen, gerade als er dir einen zweiten gewaltigen Klapps mit -dem Dings da versetzte. Seitdem lagst du da wie ein Klotz und hast dich -nicht gerührt.« - -»O, ich hab' nicht gewußt, was ich thue. Will auf der Stelle tot -hinfallen, wenn ich's gewußt hab'. Daran ist nur der verdammte -Branntwein und die Aufregung schuld. Nie im Leben hab' ich's Messer -gezogen, Joe. Gerauft hab' ich, aber nie gestochen. Das kannst du von -jedem hören. Joe, verrat' mich nicht! Sag's, daß du mich nicht verraten -willst, Joe, bist auch 'n guter Kerl. Ich hab' dich immer gern gehabt, -Joe, und hab' dir's Wort geredet. Weißt du's nicht mehr? Gelt, du sagst -nichts, Joe?« Und der arme, geängstigte Kerl warf sich auf die Kniee -vor dem vertierten Mörder und faltete flehend die Hände. - -»'s ist wahr, du hast immer zu mir gehalten, Muff Potter, und das will -ich dir jetzt gedenken. -- Das nenn' ich doch wie 'n ehrlicher Kerl -gesprochen, was?« - -»O, Joe, du bist ein Engel. Ich will dich segnen, so lange ich lebe.« -Und Potter begann zu weinen. - -»Na, komm, laß gut sein. Jetzt ist keine Zeit zum heulen und greinen. -Mach' dich fort, dort hinaus, ich geh' den Weg. Flink, los -- und daß -du mir keine Spuren zurücklässest!« - -Potter schlug einen gelinden Trab an, der bald in ein Rennen ausartete. -Sein Geselle sah ihm nach und murmelte: - -»Wenn er so benebelt ist vom Schnaps und vom Hieb, wie er aussieht, so -wird er nicht mehr an das Messer denken, bis er so weit weg ist, daß er -sich fürchtet allein hierher zurück zu kommen -- der Hasenfuß!« - -Zwei oder drei Minuten später sah nur noch der Mond nieder auf den -Gemordeten, auf die verhüllte Leiche, den deckellosen Sarg und das -offene Grab. Lautlose Stille herrschte aufs neue. - -[Illustration] - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Die beiden Jungen flohen keuchend, sprachlos vor Entsetzen, dem -Städtchen zu. Von Zeit zu Zeit warfen sie angstvolle Blicke über die -Schultern zurück, als ob sie fürchteten, man könne sie verfolgen. Jeder -Baumstumpf, der sich am Wege erhob, schien ein Mensch und ein Feind, -dessen Anblick ihnen beinahe den Atem raubte. Als sie an einigen frei -gelegenen Häusern vorüber jagten, schien das Bellen der aufgestörten -Hofhunde ihren Sohlen Flügel zu verleihen. - -»Wenn wir nur die alte Gerberei erreichen, ehe wir zusammenbrechen,« -keuchte Tom stoßweise zwischen das mühsame Atemholen hinein. »Ich kann -kaum mehr länger!« - -Hucks Keuchen war seine einzige Antwort; die Jungen hefteten die Augen -fest auf das ersehnte Ziel ihrer Wünsche und strebten mit aller Macht, -es zu erreichen. Es rückte näher und näher und endlich stürzten sie, -Schulter an Schulter, durch die offene Thür und fielen atemlos in die -schirmenden Schatten des Raumes. Nach und nach mäßigten die jagenden -Pulse ihr Tempo und Tom flüsterte: - -»Huckleberry, was denkst du, was draus werden wird?« - -»Wenn der Doktor stirbt, wird einer baumeln.« - -»Glaubst du?« - -»Glauben? Das ist sicher!« - -Tom dachte eine Weile nach, dann sagte er: - -»Wer soll's denn sagen? -- Wir?« - -»Unsinn! Wenn was dazwischen kommt und der Indianer-Joe doch nicht -baumeln muß, der würd' uns schön an den Kragen gehen, so gewiß ich hier -lieg'.« - -[Illustration] - -»Das hab' ich eben auch gedacht, Huck.« - -»Wenn's einer sagen muß, so kann's ja der Muff Potter thun, dumm genug -ist er dazu. Beduselt ist er auch meistens.« - -Tom sagte nichts, -- dachte weiter. Bald drauf flüsterte er: - -»Huck, Muff Potter weiß ja von nichts. Wie kann der's sagen?« - -»Warum weiß er von nichts?« - -»Der hatte ja gerade den Hieb abgekriegt, als der andre zustach. -Glaubst du, daß der noch etwas gesehen haben kann, daß er noch was -weiß?« - -»Allerdings mein' ich das, Tom!« - -»Hör' du, der Hieb hat ihm am End' auch noch den Rest gegeben!« - -»Das glaub' ich nicht, Tom. Der hatt' Branntwein im Kopf, ich hab's -gesehen. Wenn mein Alter voll ist, dürft' man ihm ohne Schaden mit 'nem -Kirchturm über den Kopf hauen, er würd's nicht spüren. Das sagt er -selber. Grad' so ist's mit Muff Potter natürlich. Wenn einer nüchtern -wäre, könnte er freilich am End' mit so 'nem Klapps genug haben.« - -Nach einer anderen gedankenvollen Pause fragte Tom: - -»Huckchen, bist du sicher, daß du reinen Mund halten kannst?« - -»'s bleibt uns einfach gar nichts andres übrig, Tom. Das siehst du doch -selbst. Der Teufel von Indianerbrut schmisse uns ins Wasser, wie ein -paar Katzen, wenn wir nur davon mucksen wollten und er nicht richtig -drauf gehenkt würde. Hör' mal zu, Tom, wir müssen's uns gegenseitig -zuschwören, das müssen wir thun, schwören, daß wir nichts ausplappern!« - -»Ist mir recht, Huck. 's wird wohl das beste sein. Heb' die Hand auf -und schwör' --« - -»Nee, Tom, so leicht geht das nicht! Das ist freilich gut genug -für kleine, lumpige Sachen, -- besonders, wenn man was mit Mädchen -hat, die dummen Dinger verklatschen einen doch immer, wenn sie mal -in der Patsche sitzen, -- bei so was Großem aber, wie das, muß was -Schriftliches dabei sein -- und Blut!« - -Tom war mit Leib und Seele bei dieser Idee. Sie war tief, düster, -unheimlich, -- mit der Zeit, dem Ort, den Umständen im Einklang. Er -hob eine reine Holzschindel auf, die dort im Mondlicht lag, nahm ein -Endchen Rotstift aus der Tasche, setzte sich so, daß der Mond die -Schindel beleuchtete und kritzelte darauf folgende Zeilen, jeden -Grundstrich mit einem krampfhaften Druck der Zunge gegen die Zähne -betonend, der bei den Haarstrichen mechanisch nachließ: - -»_Huck Finn und Tom Sawyer, die schwören, daß sie hierüber den Mund -halden wollen und wollen auf der stelle tot umfallen, wann sie's -jehmals ausblautern._« - -Huckleberry war voll Staunen und Bewunderung ob Toms Gewandtheit -im Schreiben und der Erhabenheit seines Stils. Flink zog er eine -Stecknadel aus seinem Jackenfutter und wollte sich eben sein Fleisch -ritzen, als Tom rief: - -»Wart', thu's nicht. So 'ne Nadel ist von Messing und da könnt' -Grünspan dran sein.« - -»Grünspan? Was ist das für 'n Span?« - -»Gift ist's, -- weiter nichts. Schluck's nur mal runter, wirst schon -sehen!« - -Tom langte dann eine von seinen Nähnadeln vor, wickelte den Faden -ab und jeder der Jungen stach sich damit in den Ballen der Hand und -quetschte einen Tropfen Blut hervor. - -Mit Geduld, nach oftmaligem Quetschen, brachte denn auch Tom seine -Initialen zustande, wozu er die Spitze des kleinen Fingers als Feder -gebrauchte. Dann zeigte er Huckleberry, wie dieser ein ~H~ und ein -~F~ zu machen habe und der Eidschwur war gültig. Sie vergruben die -Schindel dicht an der Mauer, unter Anwendung von allerlei unheimlichen -Zeremonien und Zauberformeln, und die Fesseln, die ihre Zungen banden, -wurden als fest geschlossen, der Schlüssel dazu als weggeworfen -betrachtet. - -Eine Gestalt schob sich in dem Moment verstohlen durch eine Lücke am -andern Ende des verfallenen Gebäudes, die Jungen aber bemerkten sie -nicht. - -»Tom,« flüsterte Huckleberry, »werden wir nun niemals nichts von der -Geschichte sagen können, niemals?« - -»Natürlich nicht. Was auch kommen mag, wir müssen den Mund halten. -Sonst fielen wir ja gleich tot um, hast du das schon vergessen?« - -»Nee, -- aber -- ja, du hast recht.« - -Eine Zeit lang flüsterten sie noch leise zusammen. Plötzlich schlug -ein Hund ein langgezogenes, unheimliches Geheul an, dicht vor ihrem -Schlupfwinkel, vielleicht zehn Schritte von ihnen entfernt. Die Jungen -umklammerten einander in Todesangst. Ihr Aberglaube hatte wieder die -Oberhand. - -»Wen von uns meint er wohl?« ächzte Huckleberry. - -»Weiß ich's? -- guck' durch den Ritz, schnell!« - -»Guck' du, Tom!« - -»Ich kann nicht -- kann's nicht, Huck!« - -»Bitte, Tom, bitte! Da -- da ist's wieder!« - -»Ach, Gottchen, wie dank' ich dir,« flüsterte Tom. »Ich kenn' die -Stimme, 's ist Harbisons Tyras seine.« - -»Das ist 'n Glück, Tom, ich sag' dir, ich war halb tot vor Schreck; -dacht' schon, 's sei ein fremder Hund.« - -Wieder heulte der Hund. Den Jungen sank das Herz abermals bis in die -unterste Zehenspitze. - -»Ach, du mein alles,« stöhnte Huck, »das ist nicht Harbisons Tyras. -Guck' doch mal, Tom.« - -Tom gab nach, obgleich er mit den Zähnen klapperte vor Furcht, und -legte sein Auge an die Ritze. Sein Flüstern war kaum verständlich, als -er zurück fuhr mit einem: - -»Huck, 's ist _ein fremder Hund_!« - -»Schnell, schnell, Tom, wen meint er von uns?« - -»Er muß uns beide meinen, -- wir stehen dicht zusammen.« - -»Tom, dann sind wir hin, ich sag' dir's. Wo ich hinkommen werde, für -mein Teil, weiß ich nur zu gut. Ich bin so oft gottlos gewesen.« - -»Ach Huck, das kommt davon, wenn man die Schule schwänzt und immer -thut, was verboten ist. Ich hätt' grad' so gut und brav sein können -wie Sid, -- aber natürlich, das paßt mir nicht. Wenn ich noch mal mit -heiler Haut davon komme, so schwör' ich, daß ich mein Lebenlang in die -Sonntagsschule gehen will, -- ich Elender!« - -Und Tom begann ein wenig zu schluchzen und sich die Augen zu reiben. - -»Du, schlecht?« Auch Huckleberry schluchzte nun. »Ach was, Tom Sawyer, -du bist Gold, reines Gold, sag' ich dir, gegen mich. Ach, Gottchen, -Gottchen, Gottchen, -- ja, wenn ich nur halb die Gelegenheit gehabt -hätt', gut zu sein, wie du, Tom, ich --« - -Tom brach plötzlich im Schluchzen ab und flüsterte freudig: - -»Sieh' doch, Huck, sieh'! Er kehrt uns ja den _Rücken zu_!« - -Nun schielte auch Huck durch die Ritze, Wonne im Herzen. - -»Weiß Gott, so ist's! Hat er denn vorher das auch schon gethan?« - -»Ei, freilich; ich Esel hab' aber gar nicht drauf acht gegeben. Na, das -ist herrlich! Jetzt aber, wen kann er meinen?« - -Das Geheul verstummte. Tom spitzte die Ohren. - -»Scht, -- was ist das?« flüsterte er. - -»'s klingt wie -- na, wie Schweinegrunzen. Doch nein, -- da schnarcht -einer, Tom!« - -»Wahrhaftig, so ist's! Woher kommt's wohl, Huck?« - -»Ich glaub' von dort, vom anderen Ende. 's klingt wenigstens so. -Mein Alter hat dort manchmal geschlafen, aber, Herrgott, wenn _der_ -schnarcht, fallen die Mauern ein. Ich glaub' auch nicht, daß der je -wieder hierher kommt.« - -Noch einmal regte sich der Unternehmungsgeist in der Seele der Knaben. - -»Huckchen, getraust du dir mitzukommen, wenn ich voran gehe?« - -»Viel Lust hab' ich nicht, Tom. Wenn's nun der Indianer-Joe wäre?« - -Tom fuhr zusammen und zögerte. Bald aber erhob sich die Versuchung -wieder mit aller Macht und die Jungen kamen überein, die Sache zu -untersuchen, aber Fersengeld zu geben, sowie das Schnarchen aufhöre. So -stahlen sie sich denn auf den Zehenspitzen, einer hinter dem andern, -dem Orte zu, von wo der Laut kam. Fünf Schritte etwa vom Schnarcher -entfernt, trat Tom auf einen Stock, der mit scharfem Knack zerbrach. -Der Mann stöhnte und wandte sich ein wenig, so daß sein Gesicht sich -dem Mondschein zukehrte. Es war Muff Potter. Den Jungen hatte das -Herz still gestanden, als der Mann sich regte, nun aber schwand ihre -Angst. Auf den Zehen schlichen sie hinaus durch die geborstene Mauer -und blieben in geringer Entfernung stehen, um ein Abschiedswort zu -tauschen. Wieder erhob sich jenes langgezogene, klägliche Geheul in die -Nachtluft hinein. Sie wandten sich und sahen den fremden Hund, nur ein -paar Schritte entfernt von dem Ort, an dem Potter lag, diesem den Kopf -zuwendend, mit der Schnauze gen Himmel deuten. - -»Herr Jemine, den meint er!« riefen die beiden in einem Atem. - -»Sag' mal, Tom, 's hat mir einer erzählt, daß um dem Johnny Miller sein -Haus 'n fremder Hund herumgeheult hätt' vor 'n paar Wochen und daß 'ne -Eule sich auf dem Dach gezeigt hat, und doch ist noch keiner tot dort.« - -»Weiß ich. Das beweist aber gar nichts! Ist nicht am selben Sonnabend -die Grace Miller auf den Herd gefallen und hat sich schrecklich -verbrannt?« - -»Wohl, aber tot ist sie doch nicht -- im Gegenteil viel besser.« - -»Na, paß du nur auf, die muß sterben, so gewiß, wie der Muff Potter -dort sterben muß. So sagen die Nigger und die wissen Bescheid in den -Geschichten, Huck!« - -Die Jungen trennten sich, in tiefes Nachdenken versunken. - -Als Tom durch sein Schlafzimmerfenster zurückkroch, war die Nacht -beinahe vorüber. Er entkleidete sich mit der äußersten Vorsicht und -fiel in Schlaf, indem er sich selbst von Herzen Glück dazu wünschte, -daß niemand von seinem nächtlichen Ausflug etwas gemerkt habe. Armer, -blinder Tom! Er selbst hatte nichts gemerkt; er wußte nicht, daß der -sanft schnarchende Sid wachte, wach gewesen war seit einer Stunde. - -Als Tom am andern Morgen die Augen aufschlug, war Sid angekleidet und -fort. Das Tageslicht draußen hatte ordentlich einen späten Schein, es -lag was Spätes in der ganzen Atmosphäre. Tom erschrak. Warum hat man -ihn nicht gerufen, -- ihn nicht geplagt wie gewöhnlich, bis er auf war? - -Dieser Gedanke erfüllte ihn mit schlimmen Ahnungen. Innerhalb fünf -Minuten war er in den Kleidern und die Treppe hinunter, noch ganz -schwindelig und müde. Ihm war nicht wohl zu Mute. Die Familie saß noch -um den Tisch, das Frühstück war beendet. Keine Stimme des Vorwurfs -erhob sich, aber die abgewandten Augen aller, die Stille und so eine -Art Feierlichkeit, die das ganze Zimmer zu erfüllen schien, ließen des -armen Sünders Herz in ahnender Sorge erbeben. Er setzte sich nieder, -versuchte munter und unbefangen zu erscheinen, das aber war verlorne -Liebesmüh'. Kein Lächeln, keine Antwort kam; auch er verfiel in -Schweigen und sein Herz sank in die tiefsten Tiefen der Verzweiflung -und Bekümmernis. - -Nach dem Frühstück nahm ihn die Tante beiseite und Tom lebte sichtlich -auf in der Erwartung, daß nun die wohlverdiente Züchtigung vom Stapel -laufen würde. Dem aber war nicht so. Tante Polly fing an zu weinen, -fragte, wie er es über sich gewänne, sie so zu betrüben, ihr altes Herz -beinahe zu brechen, und schloß damit, daß sie ihm sagte, er möge nur -hingehen, sich zu Grunde richten und ihre grauen Haare mit Schande in -die Grube bringen, sie könne ihn nicht mehr aufhalten, wolle es auch -gar nicht mehr probieren, es sei doch alles nutzlos und vergebens. -Das war schlimmer als die schlimmsten Prügel und Toms Herz war nun -noch matter und elender als sein Körper. Er weinte, bat um Verzeihung, -gelobte Besserung wieder und wieder und wurde schließlich entlassen mit -dem beschämenden Gefühl, doch nur halb und halb Vergebung und Vertrauen -in seine Gelöbnisse gefunden zu haben. - -Er schlich aus dem Zimmer, zu elend selbst, um Rachegelüste gegen Sid, -den Verräter, zu spüren, und so war des letzteren hastige Flucht durch -die Hinterthüre unnötig. Trübselig und traurig machte er sich nach der -Schule auf und nahm mit Joe Harper zusammen seine Tracht Prügel für das -Schulschwänzen entgegen, mit der Miene eines Menschen, dessen Seele -schlimmeres Leid kennt und tot ist für die kleinen Kümmernisse dieser -Welt. Dann verfügte er sich nach seinem Platz, stützte die Ellenbogen -auf den Tisch, das Kinn auf die Hände, bohrte den Blick in die Wand -und saß da, ein Bild starrer Verzweiflung, die ihre Grenzen erreicht -hat und nicht weiter zu gehen vermag. Sein Ellenbogen ruhte auf irgend -etwas Hartem. Nach einer geraumen Zeit änderte er langsam und traurig -seine Stellung und nahm dies Etwas mit einem Seufzer zur Hand. Es -war in Papier eingeschlagen. Er entfaltete es. Ein langgezogener, -ungeheurer Seufzer folgte ... Es war jener Messingknopf, den er Becky -gestern geboten. Dieser letzte bittere Tropfen brachte den Becher -seiner Trübsal zum Ueberfließen. - -[Illustration] - - - - -Zehntes Kapitel. - - -Kurz vor der Mittagsstunde durchzuckte das ganze Städtchen plötzlich -wie ein elektrischer Schlag die grausige Kunde. Es bedurfte nicht des -Telegraphen, von dem man sich damals überhaupt noch nichts träumen -ließ; die Nachricht flog von Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe, von -Haus zu Haus, mit kaum geringerer Schnelle, als der elektrische Funke. -Natürlich gab der Lehrer für den Nachmittag frei, man würde ihm das -Gegenteil sehr verdacht haben. Ein blutiges Messer war dicht bei dem -Gemordeten gefunden worden und jemand hatte es als dem Muff Potter -gehörig erkannt, so lautete die Erzählung. Auch sollte ein Bürger, -der sich verspätet hatte, auf Potter gestoßen sein, wie er sich im -Bache wusch, gegen ein oder zwei Uhr morgens, und als er sich bemerkt -sah, eiligst davon schlich, -- lauter verdächtige Momente, namentlich -das Waschen, was für gewöhnlich sehr gegen Potters Art war. Die ganze -Stadt, so sagte man, sei schon abgesucht worden nach dem ›Mörder‹ (das -Publikum ist schnell bei der Hand mit Beweis und Urteilsspruch), er sei -aber nirgends zu finden. Reiter waren nach jeder Richtung abgesandt -und der Sheriff war überzeugt, daß man ihn noch vor Einbruch der Nacht -einfangen werde. - -Die ganze Stadt wallfahrtete nach dem Friedhof. Toms Herzensnot -schwand; er schloß sich dem Zuge an, nicht, daß er nicht tausendmal -lieber wo anders gewesen wäre -- aber eine unheimliche, unerklärliche -Zauberkraft lockte und zog ihn dorthin. Am Schreckensorte angekommen, -schob und zwängte er seine kleine Person durch die dichte Menge -und stand bald vor dem gräßlichen Schauspiel. Es schien ihm ein -Menschenalter her, seit sein Blick zuletzt darauf geruht. Jemand -zwickte ihn am Arm. Er wandte sich und seine Augen trafen die -Huckleberrys. Wie auf Kommando sahen dann beide nach entgegengesetzter -Richtung, voll Angst, jemand könne den Blick bemerkt haben, den sie -sich zugeworfen. Jedermann aber schwatzte in unterdrücktem Flüsterton -und hatte genug zu thun mit dem furchtbar-schauerlichen Ereignis, -dessen Schauplatz man umstand. - -[Illustration] - -»Armer Bursche!« »Armer, junger Mensch!« »Dies sollten alle -Leichenräuber sich zur Lehre dienen lassen!« »Muff Potter muß baumeln -dafür, wenn sie ihn erwischen!« So etwa lauteten die Bemerkungen, die -fielen. Der Geistliche aber sagte: »Das war ein Gottesgericht, -- hier -sehen wir die Hand des Herrn.« - -Tom zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, denn sein Blick war auf das -stumpfsinnige Gesicht des Indianer-Joe gefallen. Im selben Moment -begann die Menge zu schwanken und zu drängen und einzelne Stimmen -riefen: »Da ist er, da ist er, dort kommt er selber!« - -»Wer? Wer?« fragten zwanzig andere dagegen. - -»Muff Potter!« - -»Da, jetzt halten sie ihn an! Er dreht sich um -- haltet, haltet fest, -laßt ihn nicht durchbrennen!« - -Leute, die in den Aesten der Bäume saßen, über Toms Kopf, meinten, Muff -versuche gar nicht zu entrinnen, -- er sähe nur ganz dumm und verblüfft -aus. - -»Verdammte Frechheit das!« sagte einer, »wollte sich wohl noch mal in -Ruhe sein Werk beschauen; dachte nicht, Gesellschaft zu finden!« - -Die Menge teilte sich nun und der Sheriff schritt mit großartiger -Wichtigkeit in Blick und Miene hindurch, Muff Potter am Arme haltend. -Des armen Burschen Gesicht sah ordentlich eingefallen aus und aus -den Augen starrte das Entsetzen, das ihn gebannt hielt. Als er vor -dem Gemordeten stand, schüttelte es ihn, wie ein Krampf, er barg das -Gesicht in den Händen und brach in Thränen aus. - -»Ich hab's wahrhaftig nicht gethan, Freunde,« schluchzte er, »auf mein -Ehrenwort, ich hab's nicht gethan.« - -»Wer hat dich denn beschuldigt?« schrie eine Stimme. - -Der Schuß traf. Potter erhob die Augen und ließ sie in die Runde gehen, -qualvollste Hoffnungslosigkeit im Blick. Da sah er den Indianer-Joe und -rief: - -»Ach, Joe, und du hast doch versprochen, daß du nie --« - -»Ist dies hier Euer Messer?« Damit schob ihm der Sheriff das -Mordwerkzeug unter die Nase. - -Potter wäre gefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen und sachte zu -Boden hätte gleiten lassen. Dann stöhnte er: - -»Hab's mir doch gedacht, wenn ich nicht käme und das -- Messer --« Ein -Schauder überlief ihn, dann winkte er mit der kraftlosen Hand dem -Indianer-Joe und flüsterte tonlos: - -»Sag's ihnen, Joe, sag's ihnen, alles -- 's ist ja doch umsonst.« - -Huckleberry und Tom hörten nun stumm und starr, wie der hartherzige -Mörder in heiterster Ruhe Zeugnis ablegte. Mit jedem Moment erwarteten -sie, daß der klare Himmel sich öffnen und der gerechte Gott seine -Zornesblitze auf das Haupt des ruchlosen Lügners schleudern müsse; -jeder weitere Moment der Verzögerung des Gerichtes erregte ihr größtes -Staunen. Und als er geendet hatte und noch lebend und unversehrt vor -ihnen stand, schwand der leise in ihrer Seele flackernde Trieb wieder, -den geschworenen Eid zu brechen und des armen Gefangenen Leben zu -retten. Solch ein Missethäter, wie Joe, mußte sich ja, das war ihnen -jetzt gänzlich klar, dem Teufel verschrieben haben. Sich mit dieser -Macht aber in einen Kampf um deren berechtigtes Eigentum einzulassen, -konnte allzu verhängnisvoll werden. - -»Warum machtest du dich nicht davon? Weshalb kamst du hierher zurück?« -fragte einer den mutmaßlichen Mörder. - -»Ich konnt' nicht anders, konnt' nicht anders,« stöhnte dieser. »Ich -hab' ja durchgehen wollen, aber 's hat mich immer wieder hierher -getrieben.« Und wieder schluchzte er herzbrechend. - -Nochmals wiederholte der Indianer-Joe seine Aussage ebenso ruhig -und bekräftigte dieselbe endlich ein paar Minuten später bei der -Totenschau. Da immer noch keine Blitze herniederfuhren, sahen die -Jungen ihren Glauben bestätigt, daß Joe sich dem leibhaftigen -Gottseibeiuns verkauft habe. Er wurde ihnen nun zum Gegenstand des -schauerlichsten, unheimlichsten Interesses, wie sie es bis dahin -noch niemals empfunden, und ihre Blicke hingen wie gebannt an seinem -Antlitz. Sie beschlossen innerlich, ihm nachzuspüren, des Nachts -namentlich, wenn sich ihnen Gelegenheit dazu böte, in der stillen -Hoffnung, einen verstohlenen Blick auf seinen schauerlichen Herrn und -Meister thun zu können. - -Der Indianer-Joe half die Leiche des Gemordeten auf einen Wagen heben, -der dieselbe wegbringen sollte, und es ging ein Flüstern durch die -Menge, daß die Wunde dabei leicht zu bluten begonnen. Huck und Tom -hofften schon, dieser glückliche Umstand möchte den Verdacht auf die -richtige Fährte lenken und fühlten sich daher sehr enttäuscht, als -einer der Zuschauer bemerkte: - -»Kein Wunder! Drei Schritt davon war ja der Potter, da hat's freilich -bluten müssen!« -- - -Toms schreckliches Geheimnis und sein nagendes Gewissen störten ihm den -Schlaf für länger als eine Woche nach diesem Vorfall. Eines Morgens -beim Frühstück sagte Sid: - -»Tom, du wirfst dich immer so herum und schwatzest so laut im Traum, -daß ich die halbe Nacht nicht schlafen kann.« - -Tom erbleichte und senkte die Augen. - -»Das ist ein schlimmes Zeichen,« meinte Tante Polly ernst. »Was hast du -auf dem Herzen, Tom?« - -»Nichts, Tante, ich weiß von nichts.« Aber des Jungen Hand zitterte so, -daß er den Kaffee verschüttete. - -»Und so dummes Zeug redst du,« fuhr Sid fort. »Heute nacht hast du -gesagt: ›Blut ist's, Blut und gar nichts andres!‹ Und das hast du immer -und immer wieder gesagt. Und dann hast du auch gesagt: ›Quäl' mich doch -nicht so -- ich will's ja gestehen.‹ Was gestehen? Was willst du denn -gestehen?« - -Vor Toms Augen schwamm alles. Es läßt sich kaum ausdenken, was nun -hätte geschehen können, wäre nicht plötzlich der forschende Blick aus -Tante Pollys Auge geschwunden und sie Tom, ohne es zu wissen, zu Hilfe -gekommen, indem sie ausrief: - -»Na, natürlich! 's ist der grausige Mord, der ihm zu schaffen macht. -Mir geht's grad' auch so. Ich träume jede Nacht davon. Ich hab' schon -geträumt, ich wär's selber gewesen!« - -Mary sagte, ihr ginge es gerade auch so und Sid schien damit zufrieden -gestellt. Tom entzog sich den Blicken der Seinen, sobald er irgend -konnte, beklagte sich danach über Zahnweh eine Woche lang und band -sich ein dickes Tuch um Mund und Kinnlade jede Nacht. Er wußte -nicht, daß Sid ihn allnächtlich belauerte, zuweilen selbst die Binde -lockerte, sich auf die Ellenbogen stützte, über ihn beugte und lange, -lange lauschte, worauf er vorsichtig das Tuch an die alte Stelle -zurück schob. Toms Furcht und Angst verlor sich allmählich, der -ewige Zahnschmerz wurde langweilig und daher fallen gelassen. Wenn -es Sid wirklich gelungen war, aus Toms unzusammenhängendem Gemurmel -sich einen Vers zu machen, so behielt er alles für sich. -- Es war -Tom, als ob seine Schulkameraden es niemals satt bekommen könnten, -gerichtliche Totenschau zu halten über tote Katzen und dergleichen. Sid -fiel es dabei auf, daß Tom niemals die Rolle des Leichenbeschauers zu -übernehmen trachtete, obgleich er sonst gewohnt war, Anführer bei jeder -neuen Unternehmung zu sein. Er bemerkte auch, daß Tom auffallenderweise -niemals als Zeuge auftrat, ja sogar eine entschiedene Abneigung gegen -diese Art von Zeitvertreib an den Tag legte und sie mied, wo er nur -irgend konnte. Sid wunderte sich, wie gesagt, darüber, erwähnte aber -nichts. Endlich kamen denn auch die Totenschauen aus der Mode und -hörten auf, Toms Gewissen zu beunruhigen. - -Jeden Tag, oder einen Tag um den andern, während dieser Zeit der -Trübsal, nahm Tom die Gelegenheit wahr, sich an das kleine, vergitterte -Kerkerfenster zu schleichen und dem ›Mörder‹ allerlei kleine -Trostgegenstände, deren er habhaft werden konnte, zuzuschmuggeln. -Das Gefängnis war ein winzig kleiner Backsteinbau, der am Ende des -Städtchens mitten in einem Sumpf stand. Wächter gab's keine, Gefangene -waren selten. Diese Opfergaben trugen sehr dazu bei, Toms Gewissen zu -erleichtern. - -Die Einwohner des Städtchens hatten große Lust, auch dem Indianer-Joe -zu Leibe zu gehen wegen des Leichenraubes. So furchtbar war aber -sein Ruf, daß sich keiner fand, der sich dazu verstehen wollte, die -Leitung der Sache zu übernehmen, und so ließ man es denn bleiben. -Vorsichtigerweise hatte er in seinen beiden Aussagen gleich bei -der Rauferei begonnen, ohne erst den beabsichtigten Leichenraub -einzugestehen, der dieser voran gegangen war, und so hielt man es für -das Klügste, die Sache, einstweilen wenigstens, nicht vor Gericht zu -bringen. - -[Illustration] - - - - -Elftes Kapitel. - - -Eine der Ursachen, weshalb Toms innerer Mensch begann, sich von seinen -geheimen Sorgen und Leiden abzuwenden, lag darin, daß ein neues und -wichtiges Interesse alle seine Gedanken in Beschlag nahm. Becky -Thatcher war aus der Schule fortgeblieben. Tom rang mit seinem Stolze -ein paar Tage lang, versuchte, sich die Gedanken an _sie_ aus dem -Kopf zu schlagen; aber umsonst. Zu seinem eigenen Erstaunen betraf -er sich selbst auf nächtlichen Streifereien um ihres Vaters Haus -herum, wobei ihm ganz elend zu Mute war. _Sie_ war krank. Wenn sie nun -sterben müßte? Verzweiflung, Wahnsinn lag in dem Gedanken. Ihn lockte -nichts mehr hienieden, kein Krieg, kein Seeräubertum. Die Sonne des -Lebens war entschwunden, nur die qualvollste Finsternis geblieben. Er -stellte seinen Reifen zur Seite zusamt dem Stock, an keinem Spielzeug -konnte er mehr Freude haben. Tante Polly begann sich zu grämen, zu -beunruhigen ob dieser Zeichen und setzte ihm mit allerhand Arzneien zu. -Sie war eine von denen, die auf Patent-Medizinen jeder Art schwören, -die jegliche neue Methode, unfehlbare Gesundheit zu verleihen, oder -die schadhaft gewordene auszuflicken, mit Enthusiasmus und nimmer -wankendem Vertrauen begrüßen. Alles neu Auftauchende dieser Art -mußte sofort probiert werden, es ließ ihr keine Ruhe, bis sie irgend -jemanden entdeckt hatte, an dem das Experiment gemacht werden konnte, -denn ihr selbst fehlte zu ihrem größten Leidwesen niemals etwas, das -solchen Eingriff erfordert hätte. Sie war auf alle Zeitschriften -für Gesundheitspflege abonniert und ihre harmlose Seele ergab sich -gläubig dem krassesten Unsinn, der schwarz auf weiß, mit dem nötigen -feierlichen Ernst vorgetragen, darin stand. All der theoretische -Schnickschnack, den sie enthielten darüber, wie man zu Bett gehen -müsse, wie aufstehen, was essen, was trinken, wie oft lüften, wie viel -und welcher Art sich Bewegung schaffen, welcher Gemütsverfassung sich -befleißigen, in was für Kleidung den äußeren Menschen stecken, all -dieser Schwindel war ihr Evangelium und niemals fiel es ihr auf, daß -die neuesten Nummern in der Regel das Gegenteil von dem empfahlen, was -die früheren angepriesen hatten. Sie war so arglos und leichtgläubig -wie ein Kind und ging ohne Zögern auf jeden Leim. So mit ihren -Quacksalberschriften und Mittelchen bewaffnet, saß sie, -- um ein -bekanntes Bild zu gebrauchen -- mit dem Sensenmann im Sattel auf dem -fahlen Rosse, während dicht hinter ihr die Hölle einhertrabte. In ihrer -schlichten Einfalt kam es ihr jedoch niemals in den Sinn, sie könne der -leidenden Menschheit etwas anderes sein als ein heilender Engel des -Trostes, der Balsam des Herrn in Person. - -Kaltwasserkuren waren neu dazumal, und Toms leidender Zustand war -Wasser auf ihre Mühle. Morgens mit Tagesgrauen holte sie ihn aus seinem -Bett, schleppte ihn nach dem Holzschuppen und ertränkte ihn hier fast -in einer Sintflut kalten Wassers, das sie über ihn ergoß. Dann raspelte -sie ihn mit einem rauhen Tuche wie mit einer Feile ab, wobei er wieder -zu sich selbst kam, rollte ihn in ein nasses Betttuch und stopfte ihn -unter einen Berg von wollenen Decken, bis er sich die Seele fast aus -dem Leibe geschwitzt hatte, so daß »deren gelbe Flecken zu den Poren -heraus kamen,« wie Tom sagte. - -Aber all dieser gründlichen Behandlung zum Trotz wurde der Junge -täglich schwermütiger, blasser, niedergeschlagener. Tante Polly fügte -nun heiße Bäder bei, Sitzbäder, Douchen und Sturzbäder. Der Junge -aber verharrte in seiner trübseligen Stimmung. Sie verstärkte nun die -Wasserkur durch strenge Diät und Zugpflaster und füllte ihn, als ob er -ein Krug gewesen wäre, alltäglich mit Wundertränken jeglicher Art bis -zum Rande. - -Tom ließ alles mit sich beginnen, er war gleichgültig geworden -gegen jede Quälerei. Diese Phase seines Leidens erfüllte die Seele -der alten Dame mit Bestürzung. Die beängstigende Gleichgültigkeit -mußte gebrochen werden um jeden Preis. In dieser Krise hörte sie zum -erstenmal von einem Universal-Wundermittel, ›Schmerzenstöter‹ genannt. -Sie bestellte sofort einige Dutzend Flaschen, kostete und war von -Dankbarkeit durchglüht, es schien einfach Feuer in flüssiger Form. -Die Wasserbehandlung wurde nun eingestellt, zusamt allem andern und -›Schmerzenstöter‹ war hinfort die Losung. Tom bekam den ersten Löffel -voll, und seine Tante erwartete in tiefster Seelenangst das Resultat. -Ihrer Sorgen war sie augenblicklich ledig, Frieden zog in ihre Seele -ein, der Bann der ›Gleichgültigkeit‹ war gebrochen. Hätte sie ein Feuer -unter ihm angezündet, der Junge hätte kein tolleres, kein urkräftigeres -Interesse zeigen können. - -Tom sah, daß die Zeit gekommen sei, sich aufzuraffen. Diese Art -von Leben mochte ja ganz romantisch sein, war auf die Dauer aber -nicht auszuhalten. Bei allem Ueberfluß an Abwechslung wurde es am -Ende doch monoton. Er sann daher auf Aenderung seiner Lage und -verfiel schließlich darauf, eine leidenschaftliche Neigung für den -›Schmerzenstöter‹ vorzugeben. Er verlangte so oft nach dem Wundertrank, -daß er damit förmlich zur Plage wurde und seine Tante ihn schließlich -anfuhr, er möge sich selber bedienen und sie in Ruhe lassen. Wäre -es nun Sid gewesen, so hätte kein Schatten ihr Entzücken ob solch -ungeahnten Erfolges getrübt, da es aber Tom war, beobachtete sie -verstohlen die Flasche. Die Flüssigkeit verminderte sich in der That, -ihr aber kam es niemals in den Sinn, daß der Junge die Gesundheit einer -Spalte des Fußbodens im Eßzimmer damit kuriere. - -Eines Tages war Tom eben wieder damit beschäftigt, der Spalte die -gewohnte Dosis zu verabfolgen, als seiner Tante gelbe Katze daher -kam, einen Buckel machte, schnurrte, und, gierigen Blicks den Löffel -beäugelnd, um ein Pröbchen bettelte. Tom warnte: - -»Bitt' nicht drum, Peter, wenn du's nicht brauchst.« - -Peter deutete an, daß er's brauche. - -»Ueberleg's nochmal, Peter.« - -Peter hatte überlegt und war seiner Sache gewiß. - -»Also, Peter, du willst's und du sollst's auch haben, denn _so_ bin ich -nicht. Wenn's dir aber nachher nicht schmeckt, so mach' niemand 'nen -Vorwurf, außer dir selber.« - -Peter war einverstanden und so sperrte ihm Tom das Maul auf und goß den -›Schmerzenstöter‹ hinunter. Peter sprang ein paar Meter hoch in die -Luft, stieß dann ein gellendes Kriegsgeheul aus, setzte wie toll im -Zimmer herum, stieß gegen Möbelkanten, schmiß Blumentöpfe u. dergl. um -und richtete eine allgemeine Verwüstung an. Zunächst erhob er sich auf -die Hinterfüße, begann in wahnwitziger Verzücktheit zu tanzen, wobei -er den Kopf über die Schultern zurückwarf und der Welt in schallenden -Tönen seine Glückseligkeit kund und zu wissen that. Dann fing der tolle -Kreislauf von vorne an, Chaos und Verwüstung folgte seinen Spuren. -Tante Polly trat eben noch zur Zeit durch die Thüre, um zu sehen, -wie Peter ein paar doppelte Purzelbäume schlug und, ein gewaltiges -Schluß-Hurrah ausstoßend, durch das offne Fenster segelte, wobei er -den Rest der Blumentöpfe mit sich riß. Starr vor Staunen, stand die -alte Dame und sah ihm über ihre Brillengläser weg nach, Tom aber lag am -Boden und wollte sich ausschütten vor Lachen. - -[Illustration] - -»Tom, was zum Kuckuck fehlt der Katze?« - -»Weiß ich doch nicht, Tante,« stieß der Junge, nach Luft schnappend, -hervor. - -»So was hab' ich ja im Leben noch nicht gesehen. Was ist denn der Katze -in den Leib gefahren?« - -»Weiß ich wahrhaftig nicht, Tante. Die Katzen machen's immer so, wenn's -ihnen wohl in der Haut ist.« - -»So? Machen sie's immer so?« Es war etwas in ihrem Ton, das Tom mit -bangem Ahnen erfüllte. - -»Ja, Tante, das heißt, ich -- ich glaub' wenigstens, daß sie's so -machen.« - -»Du glaubst?« - -»Ja--a -- Tante.« - -Die alte Dame bückte sich nieder, Tom beobachtete sie mit von Furcht -geschärftem Interesse. Zu spät erriet er, wo sie hinaus wollte. Der -Stiel des verräterischen Löffels war eben noch sichtbar unter den -Fransen der Tischdecke. Tante Polly griff darnach und hielt ihn empor. -Tom schien verlegen und senkte die Augen. Tante Polly hob ihn ohne -Umstände an dem gewöhnlichen Henkel, -- seinem Ohr, -- zu sich herauf -und gab ihm mit der freien Hand einen gesunden Klapps. - -»Jetzt, Junge, gesteh', warum hast du der armen, unvernünftigen Kreatur -so mitgespielt?« - -»Ich -- ich hab's nur aus Mitleid gethan, -- Peter hat ja keine Tante.« - -»Hat keine Tante! -- du Dummkopf. Was hat denn das damit zu schaffen?« - -»Alles. Denn wenn Peter 'ne Tante hätte, so hätt' ihn die gewiß -ausgebrannt, hätt' ihm die Eingeweide geröstet bei lebendigem Leib, -ohne sich mehr dabei zu denken, als wenn er ein Mensch gewesen wäre.« - -Tante Polly fühlte plötzliche Gewissensbisse. Das zeigte die Sache in -einem neuen Lichte. Was Grausamkeit gegen eine Katze war, konnte doch -vielleicht auch Grausamkeit gegen einen Jungen sein. Sie begann weich -zu werden, es that ihr leid. Die Augen wurden ihr feucht, sie legte die -Hand auf Toms Kopf und sagte sanft: - -»Tom, ich hab's nur gut gemeint und -- es hat dir auch gut gethan, Tom.« - -Dieser sah ihr treuherzig ins Gesicht und nur ganz leise blitzte der -Schelm ihm aus den Augen, als er im höchsten Ernste erwiderte: - -»Ich weiß, daß du's nur gut gemeint hast, Tantchen, ich hab's aber -_auch_ mit dem Peter nur gut gemeint und dem hat's auch gut gethan, im -Leben ist er noch nicht so hübsch herumgefahren --« - -»Ach, heb' dich fort, Tom, eh' du mich wieder bös' machst. Und -probier's doch mal, ob du nicht einmal ein braver Junge sein kannst; -und -- Medizin brauchst du keine mehr zu nehmen.« - - * * * * * - -Tom kam vor der Zeit zur Schule. Man wollte beobachtet haben, daß dies -Außergewöhnliche in der letzten Zeit ganz regelmäßig stattgefunden. -Auch heute wieder, wie gewöhnlich seit kurzem, trieb er sich am Thore -des Schulhofes herum, anstatt wie sonst mit seinen Kameraden zu -spielen. Er sei krank, sagte er und sah auch so aus. Er versuchte den -Anschein zu erwecken, als schaue er überall anders hin, als gerade da, -wohin er wirklich schaute, -- den Schulweg hinunter. Jetzt tauchte Jeff -Thatcher am Horizonte auf, und Toms Antlitz erhellte sich. Einen Moment -starrte er hin, um sich dann voll Trauer abzuwenden. Als Jeff herankam, -redete ihn Tom an, suchte listig das Gespräch auf Becky zu lenken, Jeff -aber, der einfältige Kerl, wollte niemals den Köder sehen und anbeißen. - -Tom schaute und schaute, -- voller Hoffnung, wenn wieder ein wehender -Mädchenrock auftauchte und voll Grimm, wenn dann die Eigentümerin -desselben die Erwartete nicht war. Zuletzt kamen keine Röcke mehr und -hoffnungslos sank er in sein dumpfes Brüten zurück. Er betrat allein, -vor den andern, das leere Schulhaus und setzte sich nieder, um weiter -zu dulden. Da trat noch ein verspäteter Rock durchs Thor, hoch auf -schlug Toms Herz in Wonne und Entzücken. Im nächsten Moment war er -draußen und geberdete sich wie ein Indianer, johlte, lachte, jagte -die Jungen vor sich her, setzte über den Zaun mit Gefahr für Leib und -Leben, schlug ein Rad, stellte sich auf den Kopf, kurz, er verrichtete -unzählige Heldenthaten und hielt dabei immer sein wachsames Auge auf -Becky geheftet, um zu sehen, ob sie Notiz davon nähme. Sie aber schien -sich seiner Gegenwart völlig unbewußt, sah gar nicht nach ihm hin. -Konnte es möglich sein, daß sie gar nicht wisse, er sei in der Nähe? -Nun begann er seine Heldenthaten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft -auszuführen. Er umkreiste sie mit wildem Geheul, riß einem Jungen die -Mütze vom Kopf und schleuderte diese auf das Dach des Schulhauses, -brach dann gewaltsam durch einen Haufen Jungen hindurch, die nach -allen Richtungen umpurzelten, fiel dabei selber zappelnd dicht vor die -Nase Beckys hin, diese beinahe mit sich zu Boden reißend. Sie aber -wandte sich, hob das Näschen in die Luft und er hörte sie sagen: - -»Ph -- ph! 's giebt Jungens, die sich für furchtbar interessant halten, --- immer müssen sie sich zeigen!« - -Toms Wangen brannten. Er rappelte sich auf und schlich davon, -gedemütigt, vernichtet. - -[Illustration] - - - - -Zwölftes Kapitel. - - -Tom war nun fest entschlossen. Er war finsterer, verzweifelter Gedanken -voll. Er kam sich als verlassener, freundloser Knabe vor, den niemand -liebte. Wenn sie erst merkten, zu was ihre Lieblosigkeit ihn getrieben, -würde es ihnen vielleicht leid sein. Er hatte versucht, das Rechte zu -thun, gut zu sein, sie ließen's ja nicht zu. Da sie ihn denn durchaus -los sein wollten, so sollten sie ihren Willen haben; natürlich würden -sie ihn allein für die Folgen verantwortlich machen, -- aber so -ist's immer! Hat ein Freudloser und Verstoßener das Recht zu klagen? -Jetzt, da sie ihn zum Aeußersten getrieben, wollte er das Leben eines -Verbrechers führen. Ihm blieb keine Wahl. Unter solchen Betrachtungen -war er weit über die Wiesen geschritten und die Schulglocke, welche -die Säumigen mahnte, klang ihm nur noch schwach ins Ohr. Er schluchzte -jetzt bei'm Gedanken, daß er nie, nie wieder diesen altvertrauten -Ton vernehmen solle, -- es war hart, so furchtbar hart, aber -- sie -zwangen ihn ja dazu. Da sie ihn vertrieben hatten, hinausgestoßen in -die kalte, unbarmherzige Welt, so mußte er sich drein ergeben, -- aber -er verzieh ihnen, verzieh ihnen allen. Das Schluchzen wurde stärker, -erschütternder. - -In diesem Moment stieß er auf seines Herzens innigsten Freund -- Joe -Harper, der finster blickend daher trottete, augenscheinlich einen -schrecklichen, schwerwiegenden Entschluß in seiner Seele herumwälzend. -Hier waren offenbar ›zwei Seelen und ein Gedanke!‹ Tom, der sich die -Augen mit seinem Aermel wischte, fing an, etwas Unzusammenhängendes -hervor zu stottern, von einem Entschluß, sich den Mißhandlungen und dem -Mangel an Verständnis daheim durch seine Flucht in die weite Welt zu -entziehen, nie, niemals wiederzukehren, und schloß damit, daß er Joe -bat, ihm ein treues Gedenken zu bewahren. - -Da zeigte sich aber, daß Joe just eben um ganz dasselbe hatte bitten -wollen und gerade zu dem Zweck gekommen war, Tom aufzuspüren. Seine -Mutter hatte ihn geprügelt, weil er Rahm getrunken haben sollte, von -dem er doch rein gar nichts wußte. Es sei klar, sie wolle nichts -mehr von ihm wissen und ihn los sein. Solchen Empfindungen gegenüber --- was bleibe ihm da anders übrig, als sich darein zu ergeben? Möge -es ihr wohl ergehen und sie niemals bereuen, ihren armen Jungen -hinausgetrieben zu haben in die kalte, gefühllose Welt, um da zu leiden -und schließlich zu sterben. - -Wie nun die zwei trauernden Jünglinge so dahin wandelten, schlossen -sie einen Pakt, fest zusammenzustehen wie Brüder, nicht voneinander zu -lassen, bis der Tod sie einst scheide und sie erlöse von ihrem Jammer. -Dann begannen sie Pläne zu schmieden. Joe war dafür, ein Eremit zu -werden, von harten Brotkrusten und Wasser in einer finstern Höhle zu -leben und eines Tages aus Not, Kälte und Kummer zu sterben. Nachdem er -aber Toms Plan gehört, gab er zu, daß das Leben eines Verbrechers doch -einige hervorragende Vorteile böte und willigte ein, als Seeräuber sein -Heil zu probieren. - -Drei Meilen unterhalb St. Petersburg, an einer Stelle, wo der -Mississippi etwas mehr als eine Meile breit war, lag eine lange, -schmale, bewaldete Insel mit einer seichten Sandbank an der Spitze. -Diese Insel war nicht bewohnt, lag weit drüben gegen das andere Ufer -zu, das mit einem ausgedehnten, menschenleeren, fast undurchdringlichen -Walde bestanden war. Das schien ein Ort wie gemacht für das -Unternehmen, und so wurde denn die Jackson-Insel gewählt. Welches die -Opfer sein sollten für ihr Seeräubertum, das kam den Jungen nicht in -den Sinn. Vor allem trieben sie nun Huckleberry Finn irgendwo auf, -der sich ihnen sofort anschloß. Jegliche Laufbahn war ihm recht, er -war nicht wählerisch. Nachdem sie alles verabredet hatten, trennten -sie sich, um sich an einer einsamen Stelle des Flußufers, zwei Meilen -oberhalb des Städtchens, wieder zu treffen, um Mitternacht, zu ihrer -Lieblingsstunde. Dort wußten sie von einem kleinen Holzfloß, das -sie sich anzueignen gedachten. Jeder von den dreien wollte eine -Angelrute und Haken mitbringen, dazu solche Eßvorräte, deren er sich -auf möglichst versteckte und geheimnisvolle Weise bemächtigen konnte, -wie es Ausgestoßenen und Geächteten ihrer Art zukam. Bevor noch der -Nachmittag verflossen, war es ihnen gelungen, heimlicher Wonne voll, -im ganzen Städtchen das Gerücht zu verbreiten, es werde sich in Bälde -etwas sehr Merkwürdiges ereignen. Alle, die diesen Wink erhielten, -bekamen zugleich die Mahnung, zu schweigen und abzuwarten. - -Um Mitternacht erschien Tom mit einem gekochten Schinken und noch -sonstigen Kleinigkeiten in dem dichten Untergehölz des steilen -Uferabhangs, das zum Sammelplatz bestimmt worden. Es war sternklar und -totenstill. Der mächtige Strom lag, ozeangleich, in friedlicher Ruhe -da. Tom lauschte einen Moment, kein Laut unterbrach die feierliche -Stille. Er ließ ein leises, langgezogenes Pfeifen ertönen, das von -unten erwidert wurde; zweimal noch pfiff Tom, beidemale wurde das -Signal in derselben Weise beantwortet. Nun fragte eine leise Stimme: - -»Wer naht sich dort?« - -»Tom Sawyer, der Schwarze, Rächer der spanischen Meere. Nennt Eure -Namen!« - -»Huck Finn, die ›blutige Hand‹ und Joe Harper, der ›Schrecken der -See‹.« Tom hatte diese Titel aus seiner Lieblings-Litteratur geschöpft. - -»Gebt das Feldgeschrei!« - -In dumpfem, grauenvoll durchdringendem Flüsterton erklang von zwei -Stimmen zugleich dasselbe schreckliche Wort in die brütende Nacht -hinein: - -»_Blut!_« - -Nun kollerte Tom seinen Schinken über den Abhang und ließ sich selber -nachgleiten, wobei er Haut und Kleider empfindlich verletzte. Wohl -gab's einen leichten, bequemen Pfad, den Abhang hinunter und am -Ufer entlang, dem aber fehlten jene unerläßlichen Eigenschaften von -Schwierigkeit und Gefahr, die ein Seeräuber vor allen andern schätzt. - -Der ›Schrecken der See‹ hatte eine riesige Speckseite geliefert und -sich halb krumm und lahm geschleppt, um sie herbeizubringen. Finn, der -›Blut-Händige‹, hatte einen Kochkessel gestohlen, dazu eine Portion -halbgetrocknete Tabaksblätter und einige Maiskolben, um Pfeifen draus -zu machen. Keiner der Piraten freilich rauchte oder kaute Tabak, als -nur er selber. Der ›Schwarze Rächer der spanischen Meere‹ meinte, man -könnte nimmermehr das Unternehmen ins Werk setzen, ohne Feuer an Bord -zu haben. Der Gedanke war weise, auch schritt man sofort zur That. -In der Entfernung glimmte ein Feuer auf einem großen Floße, dahin -schlichen sie nun und verschafften sich einen Holzbrand. Aus dieser -Expedition machten sie sich mit Wonne und umständlicher Wichtigkeit ein -gefährliches Abenteuer zurecht. Unterwegs hielten sie fast jede Minute -an, sagten ›Pst‹ und legten den Finger auf die Lippen. Ihre Hände -umfaßten eingebildete Schwertergriffe, leise Befehle wurden geflüstert, -daß, wenn der ›Feind‹ sich rege, er ›kalt gemacht‹ werden müsse, denn -›tote Menschen plaudern nichts mehr aus!‹ Die Jungen wußten freilich -mit Bestimmtheit, daß die Flößer unten in der Stadt waren, entweder -um Vorräte einzukaufen, oder um zu zechen, das war aber für sie kein -Grund, sich weniger piratenmäßig bei der Sache zu benehmen. - -Glücklich zurückgekehrt von dem gefahrvollen Feuer-Raubzug, stießen -sie alsbald vom Lande. Tom hatte den Oberbefehl, Huck saß am hinteren -Ruder, Joe vorn. Tom stand mitten auf dem Floße. Finster blickend, mit -über der Brust gekreuzten Armen, erteilte er seine Befehle in leisem, -strengem Flüsterton. - -»Luven! Vor den Wind!« - -»Geluvt ist, Kap'tän.« - -»Stet, Jungens, ste--e--et!« - -»Stet ist's, Kap'tän.« - -»Einen Strich rechts abgehen!« - -»Ein Strich ist's!« - -Während die Jungen das Floß unverweilt gegen die Mitte des Stromes -zutreiben ließen, verstand es sich von selbst, daß alle diese Befehle -nur der Form halber erteilt wurden und weiter gar nichts zu bedeuten -hatten. - -»Welche Segel führt das Boot?« - -»Hauptsegel, Topsegel und fliegenden Klüver, Kap'tän.« - -»Oberbramsegel auf! Ihr dort flink, 'n halb' Dutzend an die -Fockmarsleesegel! Lustig, Jungens, rührt euch!« - -»Eh, eh, Kap'tän!« - -»Marssegel vom Hauptmast! Schoten und Brassen! Vorwärts, Jungens.« - -»Eh, Kap'tän!« - -»Ruder nach Lee -- hart an Backbord. Backbord -- Backbord! Nun Leute, -frisch drauf los. Stet -- ste--e--et!« - -»Stet ist's, Kap'tän!« - -Das Floß begann die Mitte des Stromes zu kreuzen und auf das andere -Ufer zuzuhalten. Die Jungen gaben der Spitze desselben die rechte -Richtung und zogen dann die Ruder ein. Kaum ein Wort wurde gewechselt -während der nächsten halben Stunde. Jetzt trieb das Floß am fernen -Städtchen vorüber. Zwei oder drei schimmernde Lichter zeigten, wo -dasselbe lag, in süßem, friedlichem Schlummer, jenseits dieser -endlosen, ungeheuren, sternbeschienenen Wasserflut, ohne Ahnung von -dem tief eingreifenden Ereignis, das soeben im Begriff war sich -abzuspielen. Der ›Schwarze Rächer‹ stand da mit gekreuzten Armen, -einen letzten Blick werfend auf den Schauplatz seiner früheren Freuden -und späteren Leiden, und wünschte sehnlichst, ›Sie‹ könnte ihn jetzt -sehen, da draußen auf der wilden See, der Gefahr und dem Tode ins -Antlitz schauend, unverzagten Herzens, mit einem grimmigen Lächeln auf -den Lippen seinem Untergang entgegengehend. Seiner Einbildungskraft -war es ein Geringes, die Jackson-Insel aus der Gesichtsweite des -Städtchens weg zu versetzen, und so sandte er demselben denn seinen -›letzten Blick‹, zufriedenen, wenngleich gebrochenen Herzens. Die -andern Piraten sandten desgleichen ihre letzten Blicke und blickten so -anhaltend und so lange, daß die Strömung sie beinahe aus dem Bereich -der Insel fortgetrieben hätte. Diese Gefahr aber wurde noch beizeiten -entdeckt und derselben mit Erfolg Einhalt gethan. Etwa um zwei Uhr -morgens trieb das Floß an der Sandbank auf, ungefähr hundert Meter -oberhalb der Spitze der Insel, und die Jungen wateten nun durch das -Wasser hin und zurück, bis sie ihre Ladung glücklich gelandet und in -Sicherheit gebracht hatten. Zu dem kleinen Floß gehörte auch ein altes -Segel, welches sie an einem heimlichen Plätzchen im Gebüsch als Zelt -ausspannten, um die Vorräte darunter zu bergen. Sie selbst aber wollten -unter freiem Himmel schlafen, in Wind und Wetter, wie es solchen -Ausgestoßenen der Menschheit zukam. - -[Illustration] - -Sie schichteten Holz zu einem Feuer auf neben einem dicken, alten, -abgestorbenen Baumstamm, der etwa zwanzig bis dreißig Schritte weit in -der düstern Tiefe des Waldes stand, brieten sich Speck zum Abendessen -und ließen sich's köstlich munden. Herrlich, unbeschreiblich schön -war das wilde, freie Leben im jungfräulichen Walde einer unbekannten, -unbewohnten Insel, weitab vom Getriebe der Menschen, und sie schwuren -sich, nimmermehr zurückzukehren in die Fesseln der Zivilisation. Das -aufglimmende Feuer beleuchtete ihre Gesichter und warf seinen roten -Schein auf die säulenartigen Baumstämme dieses grünen Waldtempels, auf -das schimmernde Laub und die alles umrankenden, wilden Reben. Als die -letzte knusperige Speckschnitte verschwunden, die letzte Brotkrume -aufgezehrt war, streckten sich die Jungen auf dem Moose aus, erfüllt -von köstlichstem Behagen. Wohl hätten sie ein kühleres Plätzchen finden -können, aber sie mochten sich das romantische Gefühl nicht versagen, am -leise flackernden Lager-Feuer zu rösten. - -»Ist das nun nicht lustig?« fragte Joe. - -»Famos,« bestätigte Tom. - -»Was würden die Jungen sagen, wenn sie uns so sehen könnten!« - -»Sagen? Ei, die ließen sich tot schlagen, wenn sie nur hier sein -könnten, -- he, Huckchen?« - -»Das will ich meinen!« brummte Huckleberry, »mir wenigstens gefällt's -und ich wünsch' mir nichts anderes. Für gewöhnlich krieg' ich nicht -satt -- hier kann mich auch keiner herumstoßen und seine Stiefel an mir -abputzen, danke!« - -»Das ist just ein Leben für mich,« jubelte Tom, »morgens braucht man -nicht aufzustehen, braucht nicht in die Schule, sich nicht zu waschen -und all den andern dummen Firlefanz. Siehst du nun, Joe, ein Pirat hat -gar nichts zu thun, so lang er am Lande ist, ein Eremit aber, der muß -beten, beten, beten bis er schwarz wird, und hat nie ein Vergnügen, -immer so allein für sich.« - -»Das ist auch wahr,« meinte Joe, »ich hab' eben nicht weiter drüber -nachgedacht. Jetzt will ich selber viel lieber Seeräuber sein, seit -ich's probiert hab'.« - -»Außerdem,« belehrte Tom, »giebt man heutzutage nicht mehr so viel -auf Eremiten, wie früher in alten Zeiten, während ein Pirat überall -geachtet ist. Ein Eremit muß auch immer auf dem allerhärtesten Platz -schlafen, den er finden kann, muß Asche auf sein Haupt streuen und --« - -»Asche? Zu was denn die Asche auf den Kopf?« fragte Huck. - -»Das weiß ich selber nicht. Aber das müssen sie -- alle Eremiten -thun's. Du hättst's auch zu thun, wenn du einer wärst.« - -»Die sollten mir kommen,« versetzte Huck. - -»Na, was thät'st du denn?« - -»Das weiß ich noch nicht. Aber Asche auf den Kopf sicher nicht.« - -»Aber Huck, das müßtest du einfach. Wie wolltest du da drum herum -kommen?« - -»Ei, ich würd's eben nicht leiden. Ich risse aus!« - -»Ausreißen! Na, du wärst ein nettes altes Gestell von einem Eremiten, -weiß Gott, ein wahrer Schandfleck für die andern!« - -Der ›Blut-Händige‹ gab keine Antwort, da er Besseres zu thun hatte. Er -war soeben damit fertig geworden, einen Maiskolben auszuhöhlen; nun -befestigte er einen Binsenhalm dran, stopfte den Kolben mit Tabak, -legte eine glühende Kohle darauf und hüllte sich in eine Wolke lieblich -duftenden Dampfes. Man sah ihm ordentlich an, wie er sich im höchsten -Stadium wollüstigen Behagens befand. Die andern Piraten neideten -ihm den Besitz solch imponierend lasterhafter Kunst und beschlossen -heimlich, dieselbe in kürzester Frist sich anzueignen. Nach einer Weile -fragte Huck: - -»Was haben denn Seeräuber eigentlich zu thun?« - -Worauf Tom erwiderte: - -»O, die haben Zeitvertreib genug. Die kapern Schiffe und verbrennen -sie, nehmen alles Geld weg und vergraben's an ganz schrecklich -gruseligen Plätzen auf ihrer Insel, wo's Geister und solche Wesen -giebt, die den Schatz bewachen. Dann töten sie jedermann auf den -Schiffen -- lassen alle über die Planken springen --« - -»Und die Frauen schleppen sie ans Land,« vervollständigte Joe, »die -töten sie nicht.« - -»Nein,« stimmte Tom bei, »Frauen töten sie nicht, dazu sind sie zu -edel. Die Frauen sind auch immer sehr schön.« - -»Und was für Kleider sie tragen! 's ist 'ne wahre Pracht; alles voll -Gold und Silber und Diamanten,« fiel Joe ganz begeistert ein. - -»Wer?« fragte Huck. - -»Nun die Piraten doch!« - -Huck sah nachdenklich an seiner Gewandung hinunter. - -»Na, meine Kleider sind dann schwerlich für einen Piraten geschaffen,« -bemerkte er mit einer gewissen erhabenen Trauer in der Stimme, »ich -habe aber keine anderen nicht!« - -Seine beiden Kameraden trösteten ihn, die schönen Kleider würden -schnell genug kommen, wenn man nur erst auf Abenteuer auszöge. Sie -gaben ihm zu verstehen, daß seine ärmlichen Lumpen für den Anfang -genügen sollten, obgleich gut gestellte Seeräuber für gewöhnlich in -passender Garderobe auszögen. - -Allmählich erstarb das Geplauder, Müdigkeit begann die Lider der -kleinen Strolche schwer zu machen. Die Pfeife entglitt den Fingern -des ›Blut-Händigen‹ und er schlief den tiefen Schlaf des Gerechten -und -- Müden. Der ›Schrecken der See,‹ ebenso auch der ›Schwarze -Rächer der Spanischen Meere‹ hatten größere Schwierigkeit im Erlangen -des Schlafes. Sie sagten ihre Gebete nur innerlich her, da keine -Autorität zugegen war, die sie zum Knieen und lauten Aufsagen -angehalten hätte. Zuerst hatten sie vorgehabt, gar nicht zu beten, -vor solchem Wagnis aber schreckten sie schließlich doch zurück, aus -Furcht, es könne ein ganz besonderer Donnerkeil vom Himmel auf ihre -schuldigen Häupter niedersausen. Als sie endlich, endlich, ganz nahe -am Rande des tiefen Abgrunds, Schlaf genannt, lagen und schon darein -zu versinken dachten, da nahte wiederum ein Etwas, ein Störenfried, -der sich nicht abweisen lassen wollte. Es war das Gewissen! Es überkam -sie eine unbestimmte Ahnung des Unrechts, das sie begangen mit ihrem -Davonlaufen, dann tauchte das gestohlene Fleisch auf und die Tortur -begann. Sie versuchten dem Gewissen vorzuhalten, wie sie oft und oft -Anlehen an die Speisekammer der Ihren gemacht in Aepfeln und andern -Süßigkeiten, das Gewissen aber gab sich mit solch durchsichtigen -Ausflüchten nicht zufrieden. Es bewies ihnen klar und unbestreitbar, -wie sich die Thatsache nicht umgehen lasse, daß das Einstecken von -Aepfeln, Süßigkeiten etc. nur ›krippsen‹ heiße, während das Wegnehmen -von Speckseiten, Schinken und ähnlichen wertvolleren Gegenständen, -einfacher, gewöhnlicher Diebstahl genannt werden müsse, -- wogegen -es ein dräuendes Gebot in der Bibel gab. Demzufolge beschlossen sie -innerlich, daß, solange sie das Piratengeschäft betrieben, ihre -Raubzüge nicht wieder mit dem Verbrechen des Diebstahls besudelt werden -dürften. Das Gewissen gab sich denn auch damit zufrieden, schloß einen -Waffenstillstand und unsre merkwürdig inkonsequenten ›Seeräuber‹ -versanken in einen friedlichen, ungestörten Schlummer. - -[Illustration] - - - - -Dreizehntes Kapitel. - - -Als Tom am Morgen erwachte, konnte er sich kaum besinnen, wo er -eigentlich sei. Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und blickte um -sich, dann überkam ihn die Erinnerung. Der Tag begann eben zu grauen, -kühl und wonnig. Es lag ein köstliches Gefühl der Ruhe und des Friedens -in der tiefen, alles umfangenden Stille, dem Schweigen des Waldes. Kein -Blatt rührte sich, kein Ton unterbrach das sinnende Nachdenken der -großen Natur. Tautropfen perlten auf Blättern und Gräsern. Eine Schicht -weißer Asche bedeckte das Feuer, von dem sich ein dünnes, bläuliches -Rauchwölkchen in die stille Luft emporkräuselte. Joe und Huck schliefen -noch. Jetzt erklang, weit drüben im Walde, der Ruf eines Vogels, -ein andrer antwortete, dann hörte man das Hämmern eines Spechtes. -Allmählich lüftete sich das kühle, fahle Grau der Morgendämmerung, -ebenso allmählich vermehrten sich die Töne, das neu erwachte Leben -begann sich allenthalben kund zu thun. Das große Wunder, wie die Natur -den Schlaf abschüttelt und ihr Tagewerk aufnimmt, entfaltete sich vor -den Augen des staunenden Knaben. Eine kleine, grüne Raupe kam über ein -taufrisches Blatt daher gekrochen, von Zeit zu Zeit dreiviertel ihres -Körperchens in die Luft hebend und herum schnüffelnd, dann wieder -vorwärts strebend. »Aha, die kommt zum Anmessen,« dachte Tom und als -das Tierchen aus freien Stücken sich ihm näherte, saß er stockstill, -hoffend und bangend, je nachdem das Geschöpf die Richtung auf ihn zu -nehmen oder sich anderswo hinzuwenden schien. Als es aber zuletzt, nach -einem bangen Moment des Zweifels, während dessen es den gekrümmten -Körper in der Luft hin und her bewegte, sich ganz entschieden auf Toms -Bein gleiten ließ und die Reise längs desselben begann, da füllte -Freude Toms Herz, denn das bedeutete, daß er einen neuen Anzug bekommen -würde, -- ohne Zweifel eine glänzende Piratenuniform. Jetzt erschien -ein Zug von Ameisen, man wußte nicht woher, sie gingen auf Arbeit aus. -Eine derselben schleppte sich mutig mit einer toten Spinne, fünfmal -so groß als sie selber, und lootste dieselbe direkt einen Baumstamm -hinauf. Ein schwarzgeflecktes Johanniskäferchen erklomm die steile Höhe -eines Grashalms, Tom beugte sich dicht zu demselben nieder und sang: - - »Johanniskäferchen flieg', - Der Vater ist im Krieg; - Flieg, flieg, dein Häuschen brennt, - 's sitzen sieben Kinderchen drin!« - -Und Johanniskäferchen entfaltete die kleinen Schwingen und flog davon, -um zu Hause nachzusehen, was den Jungen keineswegs verwunderte, wußte -er doch aus Erfahrung, wie leichtgläubig das dumme Ding sei, namentlich -in Betreff der Feuersbrünste, und er hatte der kleinen Einfalt schon -oftmals denselben Streich gespielt. Die Vögel lärmten nun förmlich im -Gezweige der Bäume. Ein Rotkehlchen saß in einem Aste über Toms Kopf -und schmetterte seine Triller aus voller Brust hinaus in den lichten -Morgen. Ein blauschwarzer Häher schoß nieder, gleich dem Strahl einer -blauen Flamme, setzte sich auf einen Busch, ganz dicht im Bereich -des Knaben, legte den Kopf auf die Seite und beäugelte die Fremden -mit lebhafter Neugierde. Ein graues Eichhörnchen und ein stämmiger -Bursch aus der Fuchs-Familie kamen angerannt, setzten sich auf die -Hinterbeine und betrachteten furchtlos die Eindringlinge. Die harmlosen -Geschöpfe hatten wohl noch niemals ein menschliches Wesen gesehen und -wußten offenbar nicht, ob man sich fürchten müsse oder freuen. Die -ganze Natur war jetzt völlig wach und in Bewegung. Gleich blitzenden -Lanzen drangen die goldenen Strahlen des Sonnenlichtes durch das dichte -Laubwerk nah und fern, auch kleine buntfarbige Schmetterlinge kamen -herbeigeflogen. - -Tom ermunterte nun die beiden andern Piraten und eine Minute später -trabten sie mit einem Freudengeheul dem Ufer zu, warfen die Kleider ab -und jagten und überpurzelten sich in dem seichten, lauen Wasser bei der -Sandbank. Keine Spur von Sehnsucht empfanden sie nach dem Städtchen da -drüben, das jenseits der endlosen, majestätischen Wasserfläche noch im -Schlafe lag. Eine verirrte Welle, oder auch eine leichte Schwellung des -Stroms, hatte ihr Floß entführt, dies aber diente den Jungen nur zur -Befriedigung, denn durch sein Verschwinden waren gleichsam die Brücken -zwischen ihnen und der Zivilisation abgebrochen. - -Wunderbar erfrischt kehrten sie in ihr Lager zurück, sorglos, -glückstrahlend und mit einem Wolfshunger. Bald flackerte das Feuer auf -in hellen Flammen; Huck entdeckte eine Quelle frischen, kalten Wassers -dicht beim Lager. Die Jungen machten sich Becher aus großen Eichen- -und Ahornblättern und fanden, daß Wasser, durch solch eigenartigen, -wilden Waldeszauber versüßt, der beste Ersatz für Kaffee sei. Während -Joe sich eben anschickte, Speckschnitten zum Frühstück abzuschneiden, -riefen ihm Huck und Tom zu, er möge eine Minute warten, griffen zur -Angel, liefen zum Flusse, warfen die Leine aus und ehe noch Joe Zeit -hatte, ungeduldig zu werden, waren sie schon zurück mit einem Vorrat -an Fischen, der für eine ganze Familie ausgereicht haben würde. Sie -brieten nun Fische zusamt dem Speck und noch nie hatte ihnen ein Fisch -so köstlich geschmeckt. Sie wußten ja nicht, daß ein Süßwasserfisch um -so besser ist, je schneller er in die Pfanne kommt, auch dachten sie -nicht daran, welche treffliche Würze Schlaf und Bewegung im Freien, das -Bad und ein gehöriger Hunger abgaben. - -Nach dem Frühstück lagen sie im Schatten herum, während Huck sein -Pfeifchen schmauchte, und dann rüsteten sie sich, eine Entdeckungsreise -auf der Insel vorzunehmen. Lustig trabten sie dahin, über modernde -Baumstämme, durch wirres Unterholz, zu Füßen der erhabenen Fürsten der -Wälder, die von den Kronen bis zur Wurzel, als Zeichen ihrer Würde, -mit dem Wundergerank der Reben gleich einem duftenden Krönungsmantel -behangen waren. Hie und da trafen sie auf saftiggrüne, lauschige -Plätzchen, die mit weichem Grase und Blumen wie ausgepolstert waren. - -Massenhaft fanden sie Dinge, die sie entzückten, nichts, das ihnen -seltsam vorkam. Sie entdeckten, daß die Insel vielleicht drei Meilen -lang und eine Viertelstunde breit sei und daß das Ufer, dem sie -zunächst lag, nur durch einen schmalen Kanal von etwa hundert Meter -Breite von derselben geschieden war. Jede Stunde einmal erfrischten -sie sich durch eine kleine Schwimmexkursion und so war der Nachmittag -schon weit vorgerückt, als sie zum Lager zurückkehrten. Sie waren zu -hungrig, um noch erst lange zu fischen, erquickten sich dagegen aufs -beste am kalten Schinken und warfen sich dann in den Schatten auf das -Moos, um zu plaudern. Das Gespräch erlahmte bald und hörte dann ganz -auf. Die Stille, die Feierlichkeit, die über dem Walde lag, begann, -zusamt dem Gefühl der Einsamkeit, die Gemüter der Knaben zu bedrücken. -Sie verfielen in Nachdenken. Eine Art unbestimmter Sehnsucht beschlich -sie, die alsbald leise Gestalt annahm, -- es war aufkeimendes Heimweh. -Selbst Finn, der ›Blut-Händige‹, träumte von seinen heimatlichen -Treppenstufen und leeren Schweineställen. Alle drei aber schämten sie -sich ihrer Schwäche und keiner hatte das Herz, seinen Gedanken Worte zu -geben. - -Schon seit ein paar Minuten waren die Jungen sich undeutlich bewußt, -daß ein eigentümlicher Ton aus der Ferne zu ihnen herüberklang, gerade -wie man das Ticken einer Uhr hört, ohne sich davon Rechenschaft zu -geben. Jetzt aber gewann der geheimnisvolle Ton an Kraft und drängte -sich förmlich der Wahrnehmung auf. Die Jungen fuhren zusammen, sahen -sich an und richteten sich in lauschender Stellung empor. Ein langes -Schweigen folgte, tief und ununterbrochen, dann ertönte ein dumpfes, -dröhnendes ›Bum‹ aus der Entfernung über das Wasser herüber. - -»Was ist das?« rief Joe mit unterdrückter Stimme. - -»Möcht's selber wissen,« flüsterte Tom. - -»Donner ist's keiner,« meinte Huck in ängstlichem Ton, »denn Donner --« - -»Still,« gebot Tom, »schwätz' nicht; horch lieber!« - -Wieder warteten sie eine Zeit lang, die eine Ewigkeit schien, dann -unterbrach dasselbe dumpfe ›Bum‹ die feierliche Stille. - -»Laßt uns doch sehen, ob wir was entdecken können.« - -Damit sprangen sie auf die Füße und rannten dem der Stadt gegenüber -liegenden Ufer zu. Vorsichtig teilten sie die Büsche und lugten hinter -denselben hervor auf das Wasser hinaus. Die kleine Dampffähre trieb, -vielleicht eine Meile unterhalb der Stadt, mit der Strömung daher. -Das breite Deck wimmelte von Menschen. Eine Menge Boote ruderten um -dieselbe herum oder ließen sich von den Wellen der Fähre treiben, die -Jungen aber konnten nicht sehen, was die Männer in den Booten thaten. -Alsbald brach eine dicke Wolke weißen Rauchs aus der einen Seite der -Fähre hervor und als sie sich zu erheben und zerstreuen begann, erklang -derselbe dumpfe Ton in den Ohren der lauschenden Knaben. - -»Jetzt weiß ich's,« rief Tom, »da ist einer ertrunken.« - -[Illustration] - -»Das ist's, weiß Gott,« stimmte Huck bei, »so haben sie's vorigen -Sommer grad' auch gemacht, als der Bill Turner ertrunken war. Da haben -sie 'ne Kanone losgefeuert und da kommt dann der Tote herauf auf's -Wasser. Ja, und sie nehmen auch große Brote und stecken Quecksilber -hinein und lassen die schwimmen, und die schwimmen dann grad' drauf -los, wo ein Ertrunkener liegt und halten da an, damit man ihn findet.« - -»Ja, davon hab' ich auch gehört,« bestätigte Joe, »woher das Brot das -wohl thut?« - -»Na, das Brot selber thut's weniger, als das, was sie vorher drüber -sprechen, den Zauber, mein' ich,« sagte Tom. - -»Aber sie sprechen gar nichts drüber,« versicherte Huck, »ich war ja -ganz nah' dabei und hab' alles gesehen.« - -»Das wär' sonderbar,« meinte Tom, »vielleicht sagen sie's nur -leise. Natürlich ist's so, das könnt' ein Kind wissen,« fügte er -geringschätzend bei. - -Die andern beiden gaben denn auch zu, daß Tom recht haben könne. -Von einem unvernünftigen Brot, das, unbelehrt durch irgend einen -Zauberspruch, mit solch ernster, wichtiger Sendung betraut werde, könne -man doch unmöglich viel Verstand erwarten. - -»Weiß Gott, ich wollt', ich wär' drüben dabei,« rief Joe. - -»Ich auch,« bekräftigte Huck, »ich gäb' alles drum, wenn ich wüßt', wer -da gesucht wird.« - -Wieder lauschten die Jungen und beobachteten. Plötzlich tauchte ein -erleuchtender Gedanke blitzartig in Toms Hirn auf und er rief: - -»Jungens, ich weiß, wer dort ertrunken ist -- wir sind's!« - -Und sie fühlten sich als Helden im nächsten Augenblick. Das war -ein glorreicher Triumph! Sie wurden vermißt, betrauert, Herzen -brachen ihretwegen, Thränen flossen. Anklagende Erinnerungen an -Unfreundlichkeiten gegen diese armen, nun verlorenen Knaben tauchten -auf, Bedauern und Reue beschlich die betreffenden Herzen, und was noch -das Beste von allem war, die Verschwundenen bildeten das Gespräch der -ganzen Stadt. Alle andern Jungen mußten sie glühend beneiden um diese -glänzende, öffentliche Berühmtheit. Das war herrlich! Dafür lohnte es -sich wahrhaftig, Pirat zu sein! - -Die Dämmerung begann, die Dampffähre kehrte zu ihrer gewöhnlichen -Beschäftigung zurück, die Boote verschwanden und die Piraten begaben -sich nach ihrem Lager. Sie strahlten förmlich vor Wonne und Eitelkeit -über ihre neue Größe und die glorreiche Unruhe, die sie verursachten. -Sie fingen Fische, bereiteten ihr Abendessen, verzehrten es und -vertrieben sich dann die Zeit damit, sich vorzustellen, was man zu -Hause wohl über sie sagte und dachte. Sich die Bilder der allgemeinen -Kümmernis, die ihretwegen herrschte, auszumalen und von ihrem -Standpunkt zu betrachten, gewährte ihnen die höchste Befriedigung. -Als aber die Schatten der Nacht sie zu umhüllen begannen, verstummte -allmählich das Gespräch. Sie saßen und starrten ins Feuer, während -ihre Gedanken offenbar ganz wo anders herumstreiften. Die Erregung -war verflogen und Tom und Joe konnten sich der leise mahnenden -Ueberzeugung nicht erwehren, daß gewisse Leute zu Hause weit weniger -Vergnügen haben würden an dem lustigen Abenteuer, als sie selber. Böse -Ahnungen tauchten auf, sie fühlten sich unruhig und unglücklich, ein -Seufzer nach dem andern entschlüpfte ihnen, ohne daß sie selber es -merkten. Dann streckte Joe schüchtern einen tastenden ›Fühler‹ vor, wie -wohl die andern dächten über eine Rückkehr zur Zivilisation, -- nicht -jetzt natürlich, aber -- - -Tom schmetterte ihn mit Verachtung nieder! Huck, der bis jetzt noch -keine Anwandlung von Schwäche empfand, stimmte Tom bei und der -Schwankende suchte sich alsbald heraus zu reden, um sich mit einem -möglichst geringen Makel mattherzigen Heimwehs aus der Sache zu ziehen. -Die Meuterei war für den Augenblick mit Erfolg unterdrückt. - -Als die Nacht vollends hereinbrach, begann Huck einzunicken und -schnarchte sofort, dann kam die Reihe an Joe. Regungslos lag Tom, -auf seine Ellenbogen gestützt, und beobachtete die zwei aufmerksam. -Dann erhob er sich vorsichtig auf die Kniee und kroch im Gras umher, -beim schwach flackernden Schein des Feuers nach etwas suchend. Er las -ein Stück weißer, cylinderförmiger Sykomorenrinde nach dem andern -auf, untersuchte sie und wählte schließlich zwei derselben, die ihm -die besten schienen. Dann kniete er am Feuer nieder, kritzelte voll -Anstrengung etwas mit seinem Rotstift auf jedes der Stücke, rollte -eines zusammen, steckte es in seine Tasche und schob das andre in Joes -Hut, den er etwas entfernt von dem Eigentümer hinlegte. Demselben -Hut vertraute er dann noch einige Schuljungen-Kostbarkeiten von fast -unschätzbarem Werte an, als da sind ein Klumpen Kreide, ein Gummiball, -drei Fischhaken und eine kleine Glaskugel, die überall für ›echtes -Kristall‹ ging. Dann schlich er sich auf den Zehenspitzen unter den -Bäumen hin, bis er außer Hörweite war, worauf er sich geradeswegs nach -der Sandbank in Trab setzte. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - - -Ein paar Minuten später befand sich Tom im seichten Wasser der Sandbank -und watete dem Illinois-Ufer zu. Noch reichte ihm das Wasser kaum bis -zur Brust, als er schon die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatte. Jetzt -aber erlaubte die Strömung kein weiteres Vordringen und kühn begab -er sich dran, die übrigen hundert Meter schwimmend zurückzulegen. Er -ließ sich von der Strömung treiben, die ihn rascher beförderte, als er -selber dachte. Doch gelang es ihm endlich, das Ufer zu erreichen und an -einer niederen Stelle desselben zu landen. Er fühlte in seiner Tasche -nach dem Rindenstück, fand es sicher an seinem Platz und schritt nun -mit triefenden Kleidern waldeinwärts am Ufer entlang. Kurz vor zehn -Uhr kam er an einen freien Platz, gerade dem heimatlichen Städtchen -gegenüber, und sah die Fähre im Schatten der Bäume am hohen Ufer -angekettet. Alles war still unter den funkelnden Sternen. Er kroch am -Ufer hinab, mit vorsichtigen Blicken ausspähend, glitt ins Wasser und -schwamm mit drei oder vier Stößen nach dem Boot, das an der Seite der -Fähre befestigt war. Dort streckte er sich unter die Ruderbank und -wartete atemlos. Alsbald ertönte eine heisere Glocke und eine Stimme -gab den Befehl zum Abstoßen. Eine bis zwei Minuten später wurde das -Boot von der Fähre scharf angezogen und die Fahrt hatte begonnen. -Tom beglückwünschte sich selber zu seinem Erfolg, er wußte, es war -die letzte Fahrt diesen Abend. Nach Verlauf von endlosen zwölf oder -fünfzehn Minuten standen die Räder still, Tom schlüpfte über Bord -und schwamm ans Ufer in der Dunkelheit, etwa fünfzig Meter unterhalb -des Städtchens landend, aus Furcht, noch späten Herumschwärmern zu -begegnen. Er flog durch einsame Gäßchen und befand sich nach kurzem am -hintern Zaun von seiner Tante Hof. Der Zaun war schnell überstiegen, er -näherte sich dem Hause und blickte durch das Fenster des Wohnzimmers, -in dem noch Licht brannte. Dort saßen Tante Polly, Sid, Mary und Joe -Harpers Mutter dicht zusammen und redeten. Sie saßen vor dem Bett und -das Bett befand sich zwischen ihnen und der Thüre, welche direkt auf -den Hof führte. Tom trat auf den Zehen heran und begann leise auf die -Klinke zu drücken. Die Thüre gab nach und öffnete sich ein klein wenig -mit sanftem Knarren. Vorsichtig erweiterte Tom den Spalt, bis er ihn -für groß genug hielt, um sich auf den Knieen durchzuschieben. Dann -steckte er den Kopf durch und begann mutig vorwärts zu kriechen. - -»Warum das Licht nur so flackert?« sagte Tante Polly. -- Tom beeilte -sich mit dem Hereinkriechen. »Herrgott, die Thür ist ja offen, so viel -ich seh'! Freilich ist sie's. Nehmen die Schrecknisse gar kein Ende! -Geh', Sid, mach' die Thür zu!« - -Gerade zur rechten Zeit verschwand Tom unter dem Bett. Da lag er -mäuschenstill, um nur erst zu Atem zu kommen, dann kroch er weiter vor, -bis dahin, wo er fast seiner Tante Füße berühren konnte. - -»Ja, wie ich gesagt hab',« fuhr diese fort, »schlecht war er nicht, was -man so schlecht heißt, -- nur immer voller Tollheiten, voller Unsinn -und immer oben hinaus, wißt ihr. Ihm konnte man's aber so wenig übel -nehmen wie einem Füllen; er dachte sich weiter nichts dabei, war weiß -Gott der gutherzigste Junge der lebte und --« sie begann zu weinen. - -[Illustration] - -»Grad' so war mein Joe, -- immer voller Teufeleien und zu jedem tollen -Streich aufgelegt, aber so selbstlos und gut dabei, wie nur möglich. -Und, der Himmel verzeih' mir's, ich, ich, seine eigene Mutter, geh' hin -und hau' ihn durch, weil ich mein', er hat den alten Rahm genommen, -denk' nicht dran, daß ich den doch selber fortgeschüttet hab', weil er -sauer geworden war. Und jetzt soll ich ihn nie wieder sehen in dieser -Welt, den armen, mißhandelten Jungen, nie, niemals wieder!« Und Frau -Harper schluchzte, als wolle ihr das Herz brechen. - -»Ich hoffe, Tom ist besser dran, wo er ist,« begann Sid, »wenn er aber -hier in manchem besser --« - -»_Sid!_« -- Tom fühlte ordentlich den strengen Mahnblick, das drohende -Funkeln in den Augen der alten Dame, obgleich er's nicht sehen konnte. - -»Kein Wort weiter gegen meinen armen Tom, der nun von uns gegangen ist. -Der allmächtige Gott wird sich seiner schon annehmen, da brauchst du -dich nichts drum zu kümmern. O, Frau Nachbarin, ich weiß nicht, wie -ich's überleben soll, weiß nicht, wie ich's überleben soll! Er war mein -ganzer Trost, obgleich er mir mein altes Herz fast aus dem Leib heraus -quälte!« - -»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn -sei gelobt! Aber hart ist's, so arg hart! Erst vorigen Sonntag ließ mir -mein Joe einen Schwärmer grad' unter der Nase platzen, worauf ich ihm -eins versetzte, daß er umfiel. Da dacht' ich nicht, daß er so bald -- -ach, Herr du meines Lebens, wenn ich wieder in derselben Lage wäre, ich -würde ihn an mein Herz drücken und küssen.« - -»Ja, ja, ja, Nachbarin, ich weiß, wie Ihnen zu Mut sein muß, weiß es -ganz genau. Gestern nachmittag erst hat mein Tom dem unvernünftigen -Vieh, dem Peter, ›Schmerzenstöter‹ eingegossen, den er selber hat -nehmen sollen. Na, ich denk' die Katze reißt's Haus ein, so tobt die -herum. Und ich, Gott verzeih mir, geb' dem Jungen einen Klapps auf den -Kopf mit meinem Fingerhut; armer Junge, armer, armer, toter Junge! Er -hat's überstanden jetzt. Und die letzten Worte, die ich von ihm gehört -hab', waren, daß er mir vorwarf --« - -Diese Erinnerung aber war zu viel für die alte Dame, sie brach -vollständig darunter zusammen. Tom schluchzte jetzt selber, mehr aus -Mitleid mit sich, als aus irgend einem andern Grund. Er hörte, daß Mary -weinte und von Zeit zu Zeit ein freundliches Wort über ihn dazwischen -warf. Seine eigene Meinung von sich stieg um ein Beträchtliches. Der -Kummer seiner Tante rührte ihn aber doch sehr und kaum konnte er -der Versuchung widerstehen, hervorzubrechen aus seinem Hinterhalt -und ihren Jammer in Freude zu verwandeln. Der theatralische Effekt, -den solche Scene notwendig hervorrufen mußte, reizte ihn gewaltig, -doch er erwehrte sich dessen tapfer und blieb still. Er fuhr fort -zu lauschen und merkte aus allerlei Bruchstücken der Reden, die er -zusammensetzte, daß man zuerst geglaubt hatte, er und die Kameraden -seien beim Schwimmen verunglückt. Dann wurde das kleine Floß vermißt. -Verschiedene Jungen gaben nun an, daß die Vermißten gesagt hätten, die -ganze Stadt solle bald was Neues erfahren. Die ›weisen Häupter‹ der -Gemeinde reimten sich nun verschiedenes zusammen und waren schließlich -darin einig, daß die Jungen auf dem Floß davon gegangen und baldigst in -der nächsten Stadt flußabwärts auftauchen dürften. Gegen Mittag aber -war das leere Floß aufgefunden worden, das etwa vier Meilen unterhalb -des Städtchens ans Ufer getrieben war, und da schwand jede Hoffnung. -Sie mußten ertrunken sein, sonst hätte sie der Hunger vor Nacht nach -Hause gejagt, wenn nicht noch früher. Man glaubte, die Suche nach -den Leichen sei hauptsächlich deshalb erfolglos geblieben, weil die -Ertrunkenen wohl mitten im tiefsten Wasser umgekommen sein mußten, denn -die Jungen waren flotte Schwimmer und hätten sich sonst sicherlich ans -Ufer gerettet. Das war am Mittwochabend. Wenn es nun nicht gelang, bis -Sonntag die Leichen aufzufinden, so mußte man jeder Hoffnung entsagen, -und es sollte an dem Tage ein Trauergottesdienst in der Kirche -abgehalten werden. Tom schauderte. - -Frau Harper schluchzte ein ›Gutenacht‹ und erhob sich zum Gehen. Von -einem gemeinsamen Antrieb ergriffen, flogen die beiden verwaisten -Frauen einander in die Arme, weinten sich ein paar Minuten aus und -nahmen darauf Abschied. Tante Polly sagte Sid und Mary mit besonderer -Zärtlichkeit ›Gutenacht‹, Sid schluchzte ein bißchen, Mary aber weinte -aus Herzensgrund. - -Jetzt kniete Tante Polly nieder und betete für Tom, so rührend, so -eindringlich, mit solch maßloser Liebe in jedem Wort, jedem Ton ihrer -alten, zitternden Stimme, daß der Missethäter unter dem Bett wieder -förmlich zerfloß in Thränen, lange ehe sie geendet hatte. - -Er mußte sich sehr ruhig verhalten, eine ganze Zeit, nachdem sie zu -Bett gegangen war, denn wieder und wieder warf sie sich ruhelos von -einer Seite zur andern und stöhnte und jammerte vor sich hin. Endlich -aber wurde sie still, nur noch zuweilen schluchzte sie leise im -Schlafe auf. Jetzt stahl sich Tom unter dem Bett vor, richtete sich -ganz allmählich in die Höhe, beschattete das Licht mit seiner Hand -und betrachtete sie. Sein Herz floß über vor Mitleid. Er nahm die -Sykomorenrinde aus der Tasche und legte sie neben dem Lichte nieder. Da -schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf und er zögerte überlegend. Sein -Gesicht verklärte sich förmlich im Widerschein der erleuchteten Idee, -die ihm gekommen. Hastig nahm er die Rinde wieder an sich, beugte sich -über das alte Antlitz, hauchte einen Kuß auf ihre Lippen und stahl -sich, leise wie er gekommen, durch die Thüre, die er hinter sich schloß. - -Er schlich den gleichen Weg zurück nach der Fähre, fand dort niemanden -und betrat kühn das Deck. Wußte er doch, daß sich um diese Zeit -nur ein Wächter dort befand und der zog sich für gewöhnlich in die -Kajüte zurück und schlief wie ein Sack. Er löste den Nachen von der -Seite, schlüpfte hinein und glitt bald darnach, vorsichtig rudernd, -stromaufwärts dahin. Als er eine Meile oberhalb der Stadt war, schlug -er die Richtung quer über den Fluß ein und legte sich tüchtig ins -Zeug. Er traf genau auf die Landungsstelle an der andern Seite. Diese -Leistung war für ihn nicht neu. Nun überlegte Tom, ob er nicht den -Nachen mitnehmen sollte, der doch sozusagen ganz legitime Beute für -einen Seeräuber wäre. Doch wußte er, daß man genaue Nachforschungen -nach dem Verbleib anstellen würde und die hätten am Ende zu unliebsamen -Entdeckungen führen können. So sprang er denn ans Ufer und begab sich -sofort in den Wald. Dort setzte er sich hin, ruhte lange, lange aus und -quälte sich dabei namenlos ab, um sich wach zu erhalten. Dann machte er -sich müde, matt und schläfrig auf den Heimweg. Die Nacht war schon weit -vorgerückt. Es wurde heller Tag, ehe er sich wieder am Ufer gegenüber -der Sandbank befand. Er ruhte sich nochmals aus, bis die Sonne ganz -aufgegangen war und den Strom mit ihrem Glanze übergoldete, dann warf -er sich ins Wasser und bald darauf stand er triefend am Eingang des -Lagers und hörte Joe sagen: - -»Nein, Tom ist treu wie Gold, Huck, der kommt wieder, der kneift nicht -aus! Er weiß, daß das eine Ehrlosigkeit für einen Piraten wäre, und Tom -ist viel zu stolz, um so was zu thun. Er führt irgend etwas im Schilde, -das ist sicher, möcht' nur wissen was!« - -»Na, aber die Sachen dort im Hut sind doch unser, nicht?« - -»Beinahe, Huck, noch nicht ganz. Hier die Schrift auf der Rinde sagt: -›Die Sachen gehören euch, sollte ich nicht bis zum Frühstück zurück -sein --‹« - -»Was hiemit der Fall ist,« rief Tom und betrat mit großartigem, -dramatischem Effekt die Scene. - -Ein üppiges Frühstück, aus Speck und Fisch zusammengesetzt, war bald -zur Stelle. Die Jungen machten sich drüber her, Tom erzählte dabei -seine Abenteuer mit entsprechender Ausschmückung. Sein Ruhm warf einen -strahlenden Abglanz auf die andern. Die Erzählung verwandelte sie -alsbald in eine eitle, prahlerische, lärmende Heldenschar. Dann suchte -sich Tom ein stilles, verborgenes Winkelchen zum Schlafen, während die -andern Piraten sich fertig machten, um zu fischen und auf Entdeckungen -auszugehen. - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - - -Nach dem Mittagessen begab sich die ganze Bande zur Sandbank auf die -Suche nach Schildkröten-Eiern. Mit Stöcken durchwühlten sie den Sand -und wo sie eine hohle Stelle fanden, gruben sie mit den Händen nach und -entdeckten oft fünfzig bis sechzig Eier in einem Loch, runde, weiße, -nußgroße Dinger. Am Abend bereiteten sie sich aus den gebackenen Eiern -ein köstliches Mahl, ebenso ein leckeres Frühstück am nächsten Morgen, -einem Freitag. Danach gingen sie zur Sandbank, schwammen und tollten -im Wasser herum und wälzten sich zur Abwechslung im heißen Sande, in -dem sie sich förmlich eingruben. Plötzlich kam ihnen der Gedanke, daß -der kleiderlose Zustand, in welchem sie sich befanden, die größte -Aehnlichkeit habe mit den Trikots der Zirkushelden. Augenblicklich -wurde ein Kreis in den Sand gezogen, der einen Zirkus vorstellen mußte, -einen Zirkus mit drei Clowns in demselben, denn keiner der Jungen -konnte sich entschließen, diesen stolzesten, begehrtesten aller Posten -einem andern zu überlassen. - -Als dies Vergnügen bis zur Neige ausgekostet war, sprangen Huck und Joe -nochmals ins Wasser. Tom getraute sich nicht hinein, da er entdeckte, -daß er beim Ausziehen der Hosen seine Klapperschlangen-Klappern -verloren habe. Nur durch ein Wunder konnte er bis jetzt der Gefahr -eines Krampfes beim Schwimmen entgangen sein ohne den geheimnisvoll -wirkenden Schutz dieses Zaubermittels. Eifrig suchte er danach und als -er sie schließlich fand, die Zauber-Klappern, waren die andern des -Schwimmens müde und ruhebedürftig. Sie schlenderten nun am Ufer hin, -wurden schweigsam, verfielen in Brüten, blieben einer hinter dem andern -zurück und jeder ertappte sich darauf, daß er sehnsüchtig in die Weite -starrte, dorthin, wo das heimatliche Nest schläfrig im Sonnenbrande -dalag. Tom wurde sich mit einem Male bewußt, daß er mit der großen Zehe -›Becky‹ in den Sand schrieb. Aergerlich über seine unmännliche Schwäche -wischte er's aus, zog aber im nächsten Moment nichtsdestoweniger -dieselben magischen Linien auf's neue, fast gegen seinen Willen; er -konnte nicht anders. Wieder löschte er dieselben und entzog sich -dann der Versuchung, indem er den beiden Kameraden nachjagte und sie -zusammentrieb. - -Joes Lebensgeister aber waren mittlerweile so gesunken, daß ein -Aufraffen derselben fast unmöglich schien. Er hatte solches Heimweh, -daß er es vor Elend kaum mehr aushalten konnte. Verräterische Thränen -waren dicht am Ueberfließen. Auch Huck war melancholisch geworden. -Tom war gleichfalls sehr niedergeschlagen, bemühte sich aber redlich, -es nicht zu zeigen. Seine Brust barg ein Geheimnis, das ihm aber zur -Mitteilung noch nicht reif schien. Sollte sich jedoch diese rebellische -Niedergeschlagenheit nicht bannen lassen, so mußte er am Ende doch -damit herausrücken. Mit erkünstelter Heiterkeit rief er plötzlich: - -»Ich wett', Jungens, auf der Insel hier waren schon vor uns Piraten. -Laßt uns noch mal genau alles durchforschen. Vielleicht haben sie -irgendwo 'nen Schatz versteckt. Das wär' doch ein Hauptspaß, wenn wir -plötzlich auf eine verfaulte Kiste voll Gold und Silber stießen, was?« - -Diese Aussicht vermochte indessen nur eine schwache Begeisterung zu -erregen, die alsbald erstarb, ohne ein Echo erweckt zu haben. Tom -versuchte es mit zwei oder drei anderen lockenden Vorschlägen, -- es -war verlorne Liebesmüh. Joe saß und bohrte mit einem Stock im Sand -herum und sah sehr brummig aus. Schließlich rief er ungestüm: - -»Jungens, wir wollen's sein lassen. Ich will heim, hier ist's so -einsam.« - -»Ach, Joe, wart' doch,« beruhigte Tom, »bald denkst du ganz anders -drüber. Denk' doch nur allein ans Fischen!« - -»Was liegt mir am Fischen. Ich will heim!« - -»Aber, Joe, wo findest du wieder einen Platz zum Schwimmen wie hier?« - -»Schwimmen ist mir ganz egal. Ich mach' mir gar nichts mehr draus, seit -keiner da ist um's zu verbieten. Ich will heim.« - -»Ach Papperlapapp! Wickelkind! Will seine Mama sehen, was?« - -»Ja, das will ich auch! Ich will meine Mutter sehen, und wenn du eine -hättest, wolltest du's auch. Ich bin kein größeres Wickelkind als du!« -Und Joe schluchzte ein bißchen vor sich hin. - -»Schön, schön! Laß das Kindchen zu seiner Mama gehen, gelt Huck? Armes, -kleines Wickelkind will die Mama sehen. Soll's haben, armes, kleines -Ding. Dir gefällt's hier, Huck, gelt? Wir zwei bleiben, nicht?« - -Huck ließ ein sehr zweifelhaftes, gedehntes ›Ja--a--a‹ hören. - -»So lang ich leb', red' ich mit dir nie wieder,« damit erhob sich Joe -und begann sich anzukleiden. - -»Als ob mir daran was läge!« versetzte Tom geringschätzig, »wir -brauchen dich nicht. Geh heim und laß dich auslachen. Du bist ein -schöner Pirat, du! Huck und ich, wir sind keine Schreikinder, wir -bleiben hier, gelt Huck? Der mag laufen wohin er will, wollen schon -fertig werden ohne ihn!« - -Tom war es aber doch nicht recht geheuer bei der Sache und -unruhig sah er zu, wie Joe wortlos und halsstarrig fortfuhr sich -anzukleiden. Es ängstigte ihn auch zu sehen, daß Huck aufmerksam den -Vorbereitungen Joes folgte, während er ein gefahrdrohendes Schweigen -beobachtete. Alsbald, ohne ein Wort des Abschiedes, begann Joe nach -dem Illinois-Ufer zuzuwaten. Tom sank das Herz bis in die äußerste -Zehenspitze. Er warf einen forschenden Blick auf Huck. Dieser vermochte -den Blick nicht auszuhalten und schlug die Augen nieder. Dann sagte er: - -»Ich will auch fort, Tom! 's war vorher schon einsam und jetzt wird's -noch schlimmer. Komm, wir gehen mit!« - -»Ich geh' nicht. Ihr könnt alle weg, wenn ihr wollt. Ich will bleiben.« - -»Ich, ich denk', ich geh'!« - -»Immerzu, wer hält dich denn?« - -Huck begann seine Kleider aufzuraffen. Dabei sagte er: - -»Tom, ich wollt', du gingst mit. Denk' mal drüber nach. Drüben am Ufer -wollen wir 'ne Zeit lang auf dich warten.« - -»Na, da könnt ihr warten bis ihr schwarz werdet, das kann ich dir -sagen!« - -Kummervoll wandte sich Huck ab und Tom stand und sah ihm nach, während -ihm das glühendste Verlangen, den beiden zu folgen, fast das Herz -abdrückte. Sein Stolz wollte das aber nicht zulassen. Von Augenblick -zu Augenblick hoffte Tom, die Jungen würden stehen bleiben, die -aber wateten entschlossen vorwärts, ohne sich umzusehen. Plötzlich -überfiel ihn das Bewußtsein, wie still und einsam es um ihn geworden, -mit niederschmetternder Gewalt. Einen letzten Strauß bestand er mit -seinem Stolze, dann stürzte er hinter den Kameraden her, denselben -nachbrüllend: - -»Wartet, so wartet doch, ich muß euch etwas sagen!« - -Die standen still und wandten sich. Als er sie erreichte, teilte er -ihnen sein Geheimnis mit. Sie hörten mürrisch zu; als ihnen aber klar -wurde, worauf er loszielte, stießen sie ein gellendes Kriegsgeheul aus -und erklärten den Plan für einen Kapitalspaß. Wenn er das gleich gesagt -hätte, wären sie niemals weggelaufen, versicherten sie. Tom redete sich -heraus, so gut er konnte. In Wahrheit aber hatte er gefürchtet, selbst -die Enthüllung dieses geheimnisvollen Plans vermöchte nicht, sie für -die Länge der Zeit auf der Insel festzuhalten, und darum hatte er sich -dies als letztes Lockmittel für den äußersten Notfall aufsparen wollen. - -Lustig wanderten nun die Jungen zurück und warfen sich mit erneuter -Energie auf's Spiel, die ganze Zeit über Toms großartigen Plan -besprechend und dessen Genialität bewundernd. Nach einem leckeren -Mittagsmahl, aus Fisch und Eiern bestehend, erklärte Tom, daß er -nun rauchen lernen wolle. Joe gefiel der Gedanke, er wollte es auch -probieren. Huck machte also zwei Pfeifen zurecht und stopfte dieselben. -Die beiden neuesten Jünger in der Kunst des Rauchens hatten bis jetzt -ihr Talent nur an Schokolade-Zigarren erprobt, und das war keineswegs -ein Beweis von gereifter Männlichkeit. - -Nun streckten sie sich ins Moos und begannen, freilich etwas zögernd, -drauf los zu dampfen, mit offenbar nicht allzu großer Zuversicht in -ihre Fähigkeiten, ganz gegen ihre sonstige Art und Weise. Der Rauch -hatte aber auch einen gar zu unangenehmen Geschmack, sie mußten sich -immerzu räuspern, doch Tom meinte: - -»Ach, das ist ja ganz leicht; wenn ich das früher gewußt hätte, ei, ich -hätt's längst gelernt.« - -»Ich auch,« bekräftigte Joe, »das ist ja rein gar nichts.« - -»Na, wie oft hab' ich einem zugesehen, der geraucht hat, und mir -gewünscht, wenn du's doch nur auch könntest, hab' aber nie gedacht, daß -das möglich wär',« sagte Tom. »Aber so bin ich. Nicht Huck? Trau' mir -nichts zu! Hundertmal ist mir's schon so gegangen, gelt, Huck?« - -»Weiß Gott, hab's auch schon gedacht,« bestätigte dieser. - -»Grad' wie bei mir,« rief Joe, »tausendmal ist mir das schon passiert. -Erinnerst du dich, Huck, damals beim Schlachthaus, die andern waren -alle dabei, der Bob und der Johnny und der Jeff auch, da --« - -»Ja, so ist's,« fiel Huck ein, ohne weiteres abzuwarten, »'s war just -an dem Tag, an dem ich meine schöne weiße Steinkugel verloren hatt' -- -oder auch am Tag vorher.« - -»Siehst du wohl,« rief Joe, »der Huck erinnert sich. -- Ich glaub', die -Pfeife hier könnt' ich den ganzen Tag lang rauchen, es ist mir kein -bißchen übel.« - -»O, mir auch nicht,« fiel Tom ein, »ich könnt' auch den ganzen Tag -weiter rauchen. Der Jeff Thatcher aber, da wollt' ich alles wetten, der -könnt's nicht.« - -»Jeff Thatcher! Herrgott, der wär' nach zwei Zügen geliefert. Der -sollt's nur mal probieren, der würd' was Schönes zu sehen kriegen!« - -»Das glaub' ich auch -- und der Johnny Miller, -- na, den möcht' ich -mal dabei sehen.« - -»Na und ich!« lachte Joe, »ei der, der könnt' das nicht besser, als -alles andre was er kann -- und er kann nichts! Der braucht's nur zu -riechen, dann wär' er schon hin!« - -»Weiß Gott, so ist's. Ich wollt' nur eins, Joe, ich wollt', die Jungens -könnten uns so sehen!« - -»Und ich erst!« - -»Sagt mal, Jungens, wir reden gar nichts drüber und wenn wir dann mal -alle zusammen sind, geh' ich auf dich zu, Joe, und frag': ›Hast du 'ne -Pfeife da, Joe? Ich möcht' gern mal rauchen.‹ Und du sagst dann, so -ganz nachlässig, als ob's gar nichts wär: ›Ja, die alte hab' ich und -auch meine neue, aber mein Tabak ist nicht sehr gut.‹ -- ›Ach, macht -nichts‹, sag' ich dann, ›wenn er nur stark genug ist‹. Dann du heraus -mit den Pfeifen und angesteckt, -- Herrgott, die werden Augen machen!« - -»Das wird wundervoll, Tom, wär's nur schon so weit.« - -»Ja und dann sagen wir, das haben wir alles gelernt, wie wir als -Piraten ausgezogen sind und dann platzen sie erst recht vor Neid.« - -»Na und ob! 's wird prächtig, Tom!« - -[Illustration] - -So plauderten sie und bramarbasierten, aber allmählich wurden sie -stiller und warfen nur noch gelegentlich eine Bemerkung hin. Die -Pausen wurden häufiger, im selben Maße, wie ein sonderbares Ausspucken -zunahm. Jede Pore innerhalb ihres Mundes schien zum rieselnden Brunnen -geworden. Sie waren kaum imstande, die Höhlungen unter der Zunge -schnell genug zu leeren, um eine Ueberschwemmung zu verhüten. Kleine -Ergüsse den Hals hinunter kamen trotz aller Eile vor, denen jedesmal -ein leichter Würganfall folgte. Beide Helden sahen nun recht blaß und -elend aus. Joes kraftlosen Fingern entsank die Pfeife, Toms Pfeife -folgte. Die Wasserwerke und Pumpen arbeiteten mit Macht. Endlich sagte -Joe mit schwacher Stimme: - -»Hab' da irgendwo mein Messer verloren. Will lieber mal gehen und -suchen.« - -Mit zitternden Lippen keuchte Tom: - -»Ich helf' dir. Geh' du dorthin, ich mach' mich nach der Quelle. Nein, -Huck, bleib', du brauchst nicht zu kommen, wir werden's schon finden!« - -Huck setzte sich also nieder und wartete ungefähr eine Stunde. Dann -fand er's langweilig und ging die Kameraden suchen. - -Er fand sie auch, weit voneinander entfernt, mitten im Walde, beide -sehr blaß, beide schlafend. Etwas aber in ihrer Umgebung bewies ihm, -daß, falls sie Unannehmlichkeiten gehabt, sie sich derselben endgültig -entledigt hatten. - -Beim Abendessen waren sie nicht allzu redselig, hatten eine etwas -niedergeschlagene Miene und als Huck zum Nachtisch seine Pfeife -hervorzog und sich bereit zeigte, auch die ihren zu stopfen, da dankten -sie, sagten, sie fühlten sich nicht ganz wohl, beim Mittagessen müsse -ihnen etwas nicht gut bekommen sein. - -[Illustration] - - - - -Sechzehntes Kapitel. - - -Um Mitternacht ungefähr erwachte Joe und weckte die andern. Es lag -eine drückende Schwüle in der Luft, die nichts Gutes zu bedeuten -schien. Die Jungen schmiegten sich eng aneinander und suchten die -freundliche Nähe des Feuers, obgleich die brütende, lastende Hitze der -bewegungslosen Atmosphäre nahezu erstickend war. Stille saßen sie da, -atemlos wartend. Außerhalb des Lichtkreises, den das Feuer warf, schien -alles wie in schwarzer Nacht begraben. Alsbald erglomm ein zitternder -Schein, der für einen Moment das Laub der Bäume sichtbar hervortreten -ließ, um ebenso plötzlich zu erlöschen. Dann tauchte ein zweiter, schon -stärkerer Strahl auf. Ein dritter folgte. Wie leises Stöhnen zog's nun -durch das Geäste der Waldbäume, ein schwacher Lufthauch streifte die -Wangen der Knaben und diese erschauerten in dem Gedanken, der Geist -der Nacht habe sie mit seinem Fittiche berührt. Wieder folgte eine -Pause. Jetzt verwandelte ein unheimlicher Blitz die Nacht zum Tage -und ließ jeden kleinen Grashalm zu ihren Füßen deutlich hervortreten. -Zugleich enthüllte der Strahl aber auch drei weiße, bange, erschrockene -Gesichter. Ein dumpfer Donner stürzte rollend und krachend vom Himmel -nieder, um sich in leisem Grollen in der Ferne zu verlieren. Ein kühler -Luftstoß folgte, raschelte in den Blättern und jagte die Aschenflocken -des Feuers auf. Ein andrer zuckender, flammender Strahl fuhr nieder, -unmittelbar gefolgt von einem schmetternden Krach, der die Kronen der -Bäume zu Häupten der Knaben zerreißen zu wollen schien. In sprachlosem -Schreck umklammerten sich die Kinder in der trostlosen Finsternis, die -der Lichtflut folgte. Schwere, große Regentropfen fielen klatschend auf -die Blätter. - -[Illustration] - -»Schnell, Jungens, nach dem Zelt,« schrie Tom. - -Sie sprangen in der Richtung desselben davon, stolperten über Wurzeln, -verfingen sich in den Rebenranken und waren in der Finsternis nicht -imstande, zusammen zu bleiben. Ein wütender Sturm raste in den Wipfeln -und verschlang jeden andern Laut. Die Blitze jagten einander, Schlag -auf Schlag folgte ohrenbetäubender Donner. Stromweise stürzte der -Regen nieder, vom Sturm flutartig am Boden hingefegt. Die Jungen -schrieen einander zu, aber der heulende Sturm und der dröhnende -Donner übertönten die schwachen Kinderstimmen vollständig. Doch -gelang es den Knaben allmählich, sich einer nach dem andern zum Zelte -durchzuschlagen, wo sie durchnäßt und zu Tode geängstigt Obdach zu -finden hofften. Daß ihr Leid ein geteiltes war, machte es leichter zu -tragen. Reden konnten sie nicht, das alte Segel klatschte wie rasend -im Sturm und erstickte jeden Laut. Stärker und stärker brauste der -Orkan, das Segel riß sich los und flog dahin auf Sturmesfittichen. Die -Jungen ergriffen sich bei den Händen und flohen, oftmals stolpernd und -sich wund fallend, dem Ufer zu, wo eine große, alte Eiche ihnen Schutz -bieten konnte. Der Kampf der Elemente hatte jetzt seinen Höhepunkt -erreicht. Am Himmel bildeten die unaufhörlich zuckenden Blitze ein -einziges großes Lichtmeer, so daß alles ringsum, grell beleuchtet, -in klaren, scharfen Umrissen hervortrat, die sturmgebeugten Bäume, -der aufgewühlte Strom mit den weißen Schaumköpfen, der treibende -Sprühregen. Die verschwommenen Zackenlinien der hohen Klippen am -jenseitigen Ufer lugten ab und zu aus dem Wolken-Vorhang, aus dem -zerstiebenden und sich wieder verdichtenden Regenschleier. Von Zeit zu -Zeit unterlag einer der alten Riesen des Waldes in dem gewaltigen Kampf -und stürzte krachend in das Unterholz zu seinen Füßen. Die furchtbaren -Donnerschläge folgten jetzt ununterbrochen mit ohrzerreißendem -Geknatter. Das Gewitter steigerte sich zu solcher Wucht, daß es schien, -als wolle es die Insel in Stücke reißen, sie verzehren in Feuersglut, -sie versenken in den Wellen des Stromes bis zu den Kronen der Bäume, -sie vom Erdboden weg fegen und jede lebende Kreatur auf derselben -vernichten in einem Augenblick. Entsetzlich, trostlos war die Nacht für -die jungen Herzen, die sich obdachlos der Wut der Elemente preisgegeben -sahen. - -Endlich aber ließ der Kampf nach, die Schlacht war geschlagen, die -feindlichen Mächte zogen sich zurück, schwächer und schwächer wurde das -Drohen, das Grollen, Friede zog ein in die erregte Natur. Die Jungen -schlichen zum Lager zurück, noch ordentlich scheu und zitternd, und -fanden dort, daß sie alle Ursache hatten dem Himmel dankbar zu sein. -Die große Sykomore, die ihr Lager beschattete, lag vom Blitze gefällt, --- sie wären verloren gewesen, hätten sie zur Zeit der Katastrophe -darunter geweilt. - -Alles im Lager war durchnäßt, der Feuerherd mit einbegriffen. -Leichtsinnig wie ihr ganzes Geschlecht hatten die Jungen keinerlei -Vorsichtsmaßregeln gegen den Regen getroffen. Der Verlust des Feuers -war ein höchst beklagenswerter Umstand, denn unsere armen Seehelden -waren kalt und naß durch und durch. Wortreich beklagten sie ihre -mißliche Lage. Bald aber entdeckten sie, daß das Feuer sich an dem -alten Baumstamm, gegen den sie es geschichtet, aufwärts gefressen -hatte, daß ein Streifen desselben, ungefähr eine Hand breit, der -allgemeinen Ueberschwemmung entgangen war und, wenn auch schwach, -weiter glimmte. Mit Geduld und Ausdauer gelang es ihnen denn auch, -vermittelst kleiner Rindenstückchen und dürrer Zweige allmählich -ein lustig prasselndes Feuerlein zu entflammen, das Licht und Wärme -ausstrahlte und ihre Geister zu neuem Leben erweckte. Sie trockneten -sich und ihren gekochten Schinken, stärkten sich mit demselben -und saßen dann um's Feuer bis zum lichten Morgen, unter lebhafter -Erörterung ihrer nächtlichen Abenteuer, da es ringsum kein trockenes -Plätzchen gab, das ein Ausstrecken zum Schlafen erlaubt hätte. - -Als die Sonne sich dann zeigte, wurden die Jungen von unwiderstehlicher -Müdigkeit befallen. Sie gingen nach der Sandbank, gruben sich dort tief -in den Sand und schliefen, bis die höher steigende Sonne sie allmählich -gelinde zu rösten begann. Müde und verschlafen rafften sie sich auf, um -nach dem Frühstück zu sehen und saßen dann verdrossen, wortkarg und mit -steifen Gliedern bei der Mahlzeit. Vorboten wiederkehrenden Heimwehs -begannen sich zu melden. Tom sah diese verhängnisvollen Zeichen und gab -sich alle Mühe, die Piraten aufzumuntern. Diese aber kümmerten sich -weder um Steinkugeln, noch um Zirkus oder Schwimmen, nichts vermochte -ihnen Interesse abzugewinnen. Da erinnerte er sie an den verlockenden, -geheimnisvollen Plan und es gelang ihm, einen Strahl der Freude auf -den vergrämten Gesichtern hervorzurufen. Den günstigen Moment benutzte -er schleunigst, um sie für ein neues Spiel zu begeistern, das er -ausgedacht. Sie wollten das Piratentum einmal beiseite werfen und zur -Abwechslung Indianer sein. Die neue Idee leuchtete ihnen ein und nach -kurzer Zeit hatten sie sich ihrer zivilisierten Kleidung entledigt und -in Indianer-Kostüm geworfen, das heißt, sich den ganzen Körper, vom -Scheitel bis zur Sohle, zebraartig mit dunkeln Schmutzstreifen bemalt. -Jeder der Jungen stellte natürlich einen Häuptling vor und so stürmten -sie in das Dickicht des Waldes zum Angriff auf irgend eine eingebildete -englische Niederlassung. - -Dann trennten sie sich in drei verschiedene feindliche Stämme, gingen -aus ihrem Hinterhalt unter gellendem Kriegsgeheul aufeinander los und -töteten und skalpierten sich gegenseitig dem Tausend nach. Es war ein -blutiger Tag, mithin befriedigend für die Gemüter der Helden. - -Als sie sich darnach mit tüchtigem Appetit und frohem Mut im Lager -sammelten, entstand eine neue und unvorhergesehene Schwierigkeit. -Feindliche Indianer konnten unmöglich das Brot der Gastfreundschaft -zusammen brechen, ohne zuvor Frieden zu schließen, und dies war -hinwiederum unmöglich ohne die unerläßliche Friedenspfeife. Wer hatte -je gehört, daß es ohne diese gegangen wäre? Zwei der Wilden wünschten -jetzt, sie wären Seeräuber geblieben. Es gab aber keinen andern Ausweg -aus der Klemme; so riefen sie denn mit möglichst heiterer Miene nach -der Pfeife und jeder that einen vollen Zug, als die Reihe an ihn kam. - -Und siehe da, sie verdankten ihren Indianerspielen die Offenbarung -eines neuen Talentes: sie fanden, daß sie nun rauchen konnten, -wenigstens für kurze Zeit, ohne gezwungen zu sein, -- nach einem -verlorenen Messer oder dergl. zu suchen. Dies machte sie unsagbar stolz -und glücklich, und um die neuerworbene Kunst aus Mangel an Uebung -nicht zu verlernen, machten sie sich nach dem Abendessen sofort wieder -vorsichtig dahinter und beschlossen damit frohlockend den Abend. Sie -strahlten vor Glück und Stolz im Bewußtsein der großen Errungenschaft. -Diese ihre neueste Heldenthat dünkte ihnen glorreicher, als wenn sie so -und so viele Indianerstämme unterworfen und skalpiert hätten. Lassen -wir sie also nur ruhig rauchen und schwatzen und prahlen, da wir im -Augenblick keine weitere Verwendung für sie haben. - -[Illustration] - - - - -Siebzehntes Kapitel. - - -In der kleinen Stadt herrschte inzwischen an jenem ruhigen -Sonnabend-Nachmittag durchaus keine Fröhlichkeit. Die Familie Harper -und Tante Polly samt den Ihren steckten sich in Trauerkleider unter -vielen Thränen. Eine ungewöhnliche Stille lag über dem Städtchen, in -welchem man sich im allgemeinen schon nicht über allzuviel Lärm und -Getriebe beklagen konnte. Mit zerstreuter Miene gingen die Leute ihren -Geschäften nach, redeten wenig dabei und seufzten oftmals. Selbst den -Kindern schien dieser Sonnabend der Schulfreiheit nicht die gewohnte -Freude zu gewähren. Es lag kein Zug in ihren Spielen und bald gaben sie -dieselben ganz auf. - -Am Nachmittag schlich Becky Thatcher um das verlassene Schulhaus herum, -ihr war ganz melancholisch zu Mute. Doch auch dort fand sie keinen -Trost. Leise sprach sie vor sich hin: - -»Könnt' ich doch nur seinen Messingknopf wieder finden! Jetzt hab' ich -gar kein Erinnerungszeichen mehr an ihn,« und sie unterdrückte ein -leises Schluchzen. - -Dann blieb sie stehen und meinte sinnend: - -»Grad' hier war's. O, wenn's noch einmal wäre, das würde ich nie mehr -sagen -- nie mehr, nicht für alle Welt. Jetzt aber ist er fort und ich -werde ihn nie, nie, niemals wieder sehen!« - -Dieser Gedanke raubte ihr die letzte Fassung und unter strömenden -Thränen schlich sie davon. Nun erschien eine ganze Gruppe von Jungen -und Mädchen, Spielkameraden von Tom und Joe, auf dem Schulhof; sie -sprachen in leisem, bedrücktem Ton von den beiden Verlorenen, was Tom -gethan und gesagt das letzte Mal, als sie ihn gesehen, und wie Joe -gelächelt und was er gesagt; jede geringste Kleinigkeit erschien nun -von ahnungsschwerer Vorbedeutung. Dabei bezeichnete jeder Sprecher -den genauen Platz, an dem die Vermißten damals gestanden und dann -folgte jedesmal: »und ich stand da, grad' wie eben und der da, wo du -stehst, grad' so nah' und er lächelte -- so -- und mir lief's ganz kalt -über den Rücken -- ordentlich schauerlich -- warum, wußt' ich damals -freilich nicht, aber jetzt ist mir's klar.« - -Nun entspann sich ein Streit darüber, wer die beiden zuletzt gesehen -im Leben, und viele rissen sich um diese traurige Auszeichnung, für -die sie Beweise vorbrachten, welche die Zeugen mehr oder weniger -glaubwürdig fanden. Schließlich, nach langer Debatte, war's endgültig -entschieden, wer die letzten Worte mit den Verschwundenen gewechselt -hatte, und die glücklichen Sieger erhielten dadurch eine Würde und -Wichtigkeit, welche die Bewunderung und den Neid der andern erregte. -Ein armer, kleiner Bursche, der sonst keine Auszeichnung irgend welcher -Art aufweisen konnte, sagte mit sichtlichem Stolze bei der bloßen -Erinnerung: - -»Mich, mich hat der Tom Sawyer einmal tüchtig durchgeprügelt.« - -Dieser Versuch aber, zu Ruhm zu gelangen, erwies sich als gänzlich -erfolglos. Die meisten Jungen konnten sich dessen rühmen, und dadurch -sank die Auszeichnung doch allzu sehr im Werte. Die Gruppe trollte von -dannen, halblauten Tones immer neue Erinnerungen an die verlorenen -Helden austauschend. - -Am nächsten Morgen, als die Sonntagsschulstunde vorüber war, begann -die Glocke mit hohlem, dumpfem Klang anzuschlagen, anstatt wie sonst -feierlich zu läuten. Es war ein ungewöhnlich stiller Sabbat und der -klagende Ton stimmte zu der nachdenklichen, feierlichen Ruhe, die über -der ganzen Natur lag. Die Einwohner des Städtchens gingen zur Kirche -und verweilten einen Augenblick in der Vorhalle, um sich flüsternd -über das traurige Ereignis zu unterhalten. In der Kirche selbst aber -war's totenstill, nur das Rauschen der Frauengewänder unterbrach das -Schweigen. Keiner konnte sich erinnern, die kleine Kirche jemals so -voll gesehen zu haben. Eine tiefe, erwartungsvolle Pause entstand -und dann trat Tante Polly ein, gefolgt von Sid und Mary und der -Familie Harper, alle in tiefstem Schwarz. Die ganze Gemeinde zusamt -dem Geistlichen erhob sich achtungsvoll von ihren Plätzen, bis die -Trauernden durch ihre Reihen geschritten waren und in der vordersten -Bank Platz genommen hatten. Wiederum folgte tiefe Stille, nur hie und -da durch ersticktes Schluchzen unterbrochen, dann erhob der Geistliche -seine Stimme und betete. Ein ergreifendes Lied wurde gesungen, dann -folgte die Predigt. - -In seiner Predigt entwarf der Geistliche ein solch glänzendes Bild von -den Tugenden, der Liebenswürdigkeit und den vielversprechenden Talenten -der Verlorenen, daß jeder der Zuhörer in der ehrlichen Meinung, dies -getreue Abbild wieder zu erkennen, einen Stich im Herzen fühlte, bei -dem Gedanken, wie beharrlich blind er selber gegen alle diese Vorzüge -gewesen und wie er ebenso beharrlich nur Fehler und Mängel in den armen -Jungen zu entdecken vermocht. Nun folgte manch rührender, hochherziger -Zug aus dem Leben der Dahingeschiedenen, der das Vorhergesagte -bekräftigen und beweisen sollte, und jedermann gingen nun erst die -Augen und das Verständnis auf dafür, wie groß und erhaben eigentlich -jene kleinen Vorkommnisse gewesen waren, die ihnen zur Zeit als die -ärgsten Schelmenstreiche und Teufeleien einer tüchtigen Tracht Prügel -wert erschienen. Die Versammlung wurde immer bewegter, je weiter der -Geistliche in seiner pathetischen Rede vorrückte, bis schließlich die -ganze Gesellschaft jegliche Fassung und Haltung verlor und sich in -vollem Chor dem Schluchzen und Seufzen der trauernden Hinterbliebenen -anschloß. Ja, den Geistlichen selbst übermannten seine Gefühle, er -verstummte und weinte auf offener Kanzel. - -Ein Rascheln ertönte von der Emporkirche, auf das niemand achtete. -Einen Moment später knarrte eine Thüre, der Geistliche erhob seine -strömenden Augen über das verhüllende Taschentuch und -- stand und -starrte wie versteinert! Erst folgte ein Paar Augen der Richtung der -seinen, dann ein zweites, und plötzlich erhob sich, wie von einem -gemeinsamen Antrieb beseelt, die ganze Gemeinde und starrte auf -die drei ›toten‹ Jungen, welche gemächlich den Mittelgang herauf -marschierten, Tom voran, Joe hinter ihm, zuletzt Huck, eine wandelnde -Ruine in Lumpen. Die drei waren in jener unbenutzten Emporgalerie -verborgen gewesen und hatten ihre eigene Grabrede mit angehört! - -Tante Polly, Mary und die Harpers stürzten sich auf die -wiedergeschenkten Ihrigen und erstickten dieselben fast mit Küssen und -Umarmungen. Der arme Huck aber stand daneben, blöde und verschüchtert, -wußte nicht, was er thun oder wo er sich bergen sollte vor so viel -starrenden Augen, von denen nicht eines ihm einen Willkommgruß bot. Er -wandte sich halb und versuchte fortzuschleichen, Tom aber faßte ihn und -rief: - -»Tante Polly, das ist nicht recht und nicht schön. Es muß sich auch -jemand freuen, daß Huck wieder da ist.« - -»Das müssen wir, Tom, mein Junge, und wollen's auch, armes, elternloses -Kind!« Wenn aber etwas das Gefühl des Mißbehagens bei Huck noch -vermehren konnte, so waren es die Zärtlichkeiten, mit denen Tante Polly -ihn überhäufte. - -[Illustration] - -Plötzlich rief der Geistliche mit aller Kraft seiner Lunge in den Lärm -hinein: - -»Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren! -- Nun singt! -- Aber -herzhaft!« - -Und sie sangen. Triumphierend, mit gewaltigem Klang erscholl das alte, -hehre Lob- und Danklied, die Töne stiegen und schwollen und schienen -die Grundfesten des Gebäudes zu erschüttern. Tom Sawyer, der Pirat, -blickte um sich, sah aller Augen auf sich gerichtet und fühlte, daß -dies der stolzeste Moment seines Lebens sei. - -Als die Gemeinde die Kirche verließ, meinten alle, von Herzen gerne -würden sie sich noch einmal zum besten haben lassen, nur um ›Lobet den -Herren‹ wieder so erhebend singen zu hören. - - * * * * * - -Das also war Toms großes Geheimnis gewesen: der Plan, mit seinen -Spießgesellen heimzukehren und ihrem eigenen Trauergottesdienst -beizuwohnen. -- Auf einem alten Baumstamm waren sie abends nach dem -Missouri-Ufer geschwommen, fünf oder sechs Meilen unterhalb des -Städtchens gelandet, hatten in dem Walde, der die Stadt begrenzte, -beinahe bis Tagesanbruch geschlafen, dann sich durch einige -Seitengäßchen zur Kirche geschlichen, wo sie in der Empore ihren Schlaf -vollendeten, inmitten eines Chaos von wackligen alten Kirchen-Bänken. - - * * * * * - -Beim Frühstück am Montagmorgen waren Tante Polly und Mary besonders -zärtlich gegen Tom und voll Aufmerksamkeit gegen seine Wünsche. Man -sprach ungewöhnlich viel. Im Laufe der Unterhaltung äußerte Tante Polly: - -»Na, Tom, ich will nicht sagen, daß es für euch Jungens nicht ein -Kapitalspaß gewesen sein muß, uns hier alle in Sorge und Kummer zu -wissen, während ihr's euch da draußen wohl sein ließet. Daß du aber -so hartherzig sein konntest, Tom, und mich so zappeln und mich grämen -lassen, das, Tom, das hätt' ich doch nicht von dir gedacht! Wenn du -hast herüber kommen können, um deine eigne Leichenrede zu hören, so -hättest du mir vorher wohl auch 'nen kleinen Wink geben dürfen, daß du -nicht tot seiest, sondern nur davongelaufen.« - -»Ja, Tom, das ist wahr, das hättest du thun müssen,« stimmte Mary -bei, »und du würdest es wohl auch gethan haben, wenn du dran gedacht -hättest, -- gelt?« - -»Ja, Tom?« fragte nun Tante Polly, deren Antlitz sich bei Marys Worten -bedeutend aufgeklärt, »sag' mal, hättest du's wirklich gethan, wenn du -dran gedacht hättest?« - -»Ich -- ja, ich weiß nicht, ich -- ei, das hätt' ja alles verdorben.« - -»Tom, ich dachte immer, so lieb würdest du mich doch wenigstens haben,« -sagte Tante Polly ganz vorwurfsvollen, betrübten Tones, wobei es dem -Jungen gar nicht wohl war. »'s wär schon was gewesen, wenn du nur dran -_gedacht_ hättest, auch ohne es zu thun.« - -»Na, Tantchen,« beruhigte Mary, »das ist nun mal so Toms flüchtige Art --- der ist immer so in der Hast und im Eifer, daß er nie an irgend -etwas denkt.« - -»Um so schlimmer. Sid hätt' dran gedacht und Sid wär' auch gekommen und -hätt's gethan. Tom, du wirst nochmal dran zurückdenken, wenn's zu spät -ist, und wünschen, daß du besser gegen deine alte Tante gewesen wärst, -wo doch so wenig dazu gehört, mich --« - -»Komm, Tantchen, du weißt, daß ich dich lieb hab', du mußt's ja wissen, -gelt?« schmeichelte Tom. - -»Würd's besser wissen, wenn du's besser zeigtest.« - -»Ich wollt', ich hätt' dran gedacht,« meinte Tom sinnend und mit -reuigem Ton, »jedenfalls aber hab' ich von dir geträumt. Das ist doch -schon etwas, nicht? Ei, in der Nacht vom Mittwoch träumte mir, ihr -säßet alle dort beim Bett, Sid saß auf dem Holzkasten und Mary dicht -daneben.« - -»Ja und so war's auch, -- wie gewöhnlich. Ich bin froh, daß du dir in -deinem Traum wenigstens die Mühe gabst, an uns zu denken.« - -»Ja und Joe Harpers Mutter war auch da, träumte ich.« - -»Das war sie wirklich, Herr du mein, -- na und was weiter, Tom, was -weiter?« - -»Viel noch, aber jetzt ist alles so verworren.« - -»Na, besinn dich doch, probier's mal, kannst du nicht?« - -»Wart' mal, ich mein' der Wind -- der Wind hätt' was ausgeblasen --« - -»Ausgeblasen, nee Tom, besinn dich besser, der Wind --« - -»Richtig, wart', jetzt hab' ich's. Der Wind hat das Licht flackern -machen und --« - -»Herr, erbarm' dich! -- Weiter Tom, weiter!« - -»Na und ich glaub' du sagtest: ›Was, seht doch mal die Thür' die --‹« - -»Weiter Tom!« - -»Wart' 'nen Moment, nur 'nen Moment! O ja, jetzt hab' ich's -- du -sagtest, sie sollten nach der Thüre sehen, die sei offen --« - -»So wahr ich hier sitze, so sagt' ich, gelt Mary? Weiter!« - -»Dann -- dann -- ja gewiß weiß ich's nicht mehr, aber ich meine, du -hätt'st Sid geheißen, sie zuzumachen und -- und --« - -»So was lebt nicht mehr! Herr du mein Gott. Komm' mir nur keiner mehr -damit, daß Träume Schäume seien. Das soll die Harpern hören, eh' ich -'ne Stunde älter bin! Möcht' wissen, wie sie sich da 'raus reden wird -mit ihrem Unsinn von Aberglauben, über den sie so wohlweise schwatzt. -Weiter, Tom!« - -»Na, jetzt ist mir alles klar wie Sonnenschein! Dann hast du gesagt, -ich wär' nicht schlecht, nur toll und voll Teufeleien und Unsinn, wüßt' -nicht mehr was ich thät' als wie ein -- ein -- ein Füllen, mein' ich, -war's, oder so etwas.« - -»Richtig, richtig. Großer, allmächtiger Gott! Weiter, Tom!« - -»Dann hast du geweint --« - -»Weiß Gott, weiß Gott und nicht zum erstenmal. Dann --« - -»Dann fing Joes Mutter auch an zu weinen und sagte, mit ihrem Joe sei's -grad' so und sie wollt' nur, sie hätt' ihn nicht durchgewichst um den -alten Rahm, den sie doch selber weggeschüttet --« - -»Tom, Tom! Der Geist war über dir! Das ist ja die reine Eingebung, gar -nichts anderes! Gott sei mir gnädig! -- Weiter, Tom!« - -»Dann kam Sid, der sagte --« - -»Ich glaub', daß ich gar nichts gesagt hab',« warf Sid rasch ein. - -»Doch, Sid, doch,« berichtigte Mary. - -»Schweigt still und laßt Tom reden! Was hat Sid gesagt, Tom?« - -»Der sagte -- na, ja, er hoffe, mir gehe es besser wo ich sei, wenn ich -aber manchmal besser --« - -»Na, was sagt ihr nun?« triumphierte Tante Polly. »Seine eignen Worte!« - -»Und du, Tantchen, du bist ihm eklich über den Mund gefahren, du --« - -»Das bin ich, weiß Gott, das bin ich! Ein Engel muß uns belauscht -haben: Ein heiliger Himmelsengel muß irgendwo verborgen gewesen sein!« - -»Und dann erzählte Frau Harper, wie Joe ihr einen Schwärmer -unter der Nase losgebrannt, und du erzähltest von Peter und dem -›Schmerzenstöter‹.« - -»So wahr ich lebe!« - -»Und dann redetet ihr alle durcheinander, wie man den Fluß abgesucht -nach uns und daß am Sonntag der Trauergottesdienst sein solle, und dann -habt ihr euch umarmt, die Frau Harper und du, und geweint und dann ging -sie weg.« - -»Grad' so war's, grad' so! So wahr ich hier auf meinem Stuhl sitze! -Tom, du hättest es nicht besser erzählen können, wenn du dabei gewesen -wärest. Und dann was? Weiter, Tom!« - -»Und dann hast du für mich gebetet, ich hab' dich gesehen und jedes -Wort gehört. Dann hast du dich ins Bett gelegt und ich war so betrübt, -daß ich ein Stück Rinde nahm und drauf schrieb: ›Wir sind nicht tot, -wir sind nur davon gegangen, um Seeräuber zu werden.‹ Das hab' ich auf -den Tisch zum Licht hingelegt, und du hast so gut ausgesehen und so -betrübt, wie du da gelegen hast und geschlafen, daß ich mich über dich -beugen mußte und dich küssen.« - -»Hast du das gethan, Tom, wirklich und wahrhaftig? -- _Darum_ will ich -dir alles, alles verzeihen!« Und sie riß den Jungen in einer ihn fast -erstickenden Umarmung an sich und Tom hatte dabei das Bewußtsein eines -elenden, erbärmlichen Schurken. - -»Freundlich und lieb war's ja,« murmelte Sid, den andern hörbar, vor -sich hin, »aber -- doch nur im Traum!« - -»Halt den Mund, Sid, man thut im Traum immer doch nur das, was man auch -wachend thun würde. Hier hast du einen schönen Goldreinetten-Apfel, -Tom, den hab' ich dir aufgehoben, falls du je wieder gefunden werden -solltest, -- jetzt macht euch fort in die Schule! Wie dankbar bin ich -unserm Gott und Vater, daß ich dich wieder hab'. Er ist barmherzig und -gnädig mit denen, die an ihn glauben und seine Gebote halten, obgleich -ich, weiß Gott, ein unwürdiges Gefäß seiner Güte bin. Wenn er aber nur -denen, die's verdienen, seinen Segen geben wollte und ihnen helfen in -der Not und der Trübsal, so würde man hier unten keinen frohen Ton mehr -hören, und wenige würden zu seiner Ruhe eingehen, wenn die lange Nacht -einst kommt. So, und nun hebt euch fort, Sid, Mary, Tom -- ihr habt -mich lang genug aufgehalten.« - -Die Kinder trollten zur Schule und die alte Dame machte sich fertig, um -Frau Harper aufzusuchen und ihren Unglauben mit Toms wunderbarem Traum -zu besiegen. Sid war zu klug, um den Gedanken laut werden zu lassen, -der ihn beseelte, als er das Haus verließ. Dieser Gedanke war: - -»Ziemlich durchsichtig -- ein so ellenlanger Traum und ohne den -winzigsten, kleinsten Irrtum! Wenn das nicht --« - -[Illustration] - -Welch ein Held war Tom geworden! Er hüpfte und galoppierte jetzt nicht -mehr, wenn er auf der Straße ging, sondern mit würdevoller Haltung, -wie sie einem gewesenen Piraten geziemte, stolzierte er einher in dem -Bewußtsein, daß das Auge der Oeffentlichkeit auf ihm ruhe. Das war in -der That der Fall. Wohl versuchte er sich zu stellen, als sähe er die -Blicke nicht, als höre er die Bemerkungen nicht, während er so dahin -schritt, und doch waren sie Nektar und Ambrosia für ihn. Kleinere -Jungen folgten truppweise seinen Spuren, stolz darauf, mit ihm gesehen, -von ihm geduldet zu werden, der an ihrer Spitze einher marschierte wie -der Tambourmajor an der Spitze seiner Kompagnie. Jungen seines Alters -thaten als wüßten sie gar nichts davon, daß er überhaupt weg gewesen, -verzehrten sich aber trotzdem beinahe vor Neid. Sie würden alles drum -gegeben haben, seine gebräunte, sonnverbrannte Haut, seine glänzende, -weltkundige Berühmtheit zu besitzen, Tom aber hätte keinen dieser -beiden Faktoren hergegeben, nicht für alles -- nicht für einen Zirkus! - -In der Schule machte man so viel Aufhebens von ihm und Joe, -solches Staunen, solche Bewunderung strahlte den Beiden aus aller -Augen entgegen, daß die zwei Helden gar bald eine unerträgliche -Aufgeblasenheit zeigten. Sie begannen den eifrig lauschenden Hörern -ihre Abenteuer zu schildern, -- ohne aber je über den Anfang -hinauszukommen, denn eine solche Erzählung konnte kein Ende haben, wenn -eine Einbildungskraft wie die ihre stets unerschöpfliches Material -lieferte. Als sie dann schließlich ihre Pfeifen hervorzogen und mit -größter Unbefangenheit zu schmauchen begannen, da war der Gipfel des -Ruhms erklommen. - -Tom beschloß, sich unabhängig zu machen von Becky Thatcher. Ruhm war -ihm genügend, nach Liebe fragte er nichts mehr. Er wollte sein Leben -dem Ruhme weihen. Jetzt, da er ein berühmter Held geworden, werde sie -wohl versuchen, Frieden zu schließen, dachte er. Aber sie sollte sehen, -daß er mindestens so gleichgültig sein könne wie andre Leute. Dort kam -sie eben. Tom that, als bemerke er sie nicht. Er wandte sich ab und -einer Gruppe von Jungen und Mädchen zu, mit denen er eifrig zu plaudern -begann. Bald sah er, daß sie mit glühenden Wangen und glänzenden Augen -umhertrippelte, ihre Gefährtinnen neckte, sie herumjagte und vor Lachen -aufkreischte, wenn es ihr gelang, eine zu erhaschen. Auch bemerkte -er, daß dies meistens in seiner unmittelbaren Nachbarschaft der Fall -war und daß ihn dann jedesmal ihr Blick streifte. Das schmeichelte -seiner sündlichen Eitelkeit und anstatt sich dadurch versöhnen zu -lassen, stellte er sich nur noch mehr, als ob er von ihrer Existenz -überhaupt nichts wisse. Alsbald gab sie das Herumtollen auf, drückte -sich unentschlossen von einer Gruppe zur andern, seufzte ein-, zweimal -und sah verstohlen und bedeutungsvoll nach Tom hin. Jetzt bemerkte -sie, daß dieser sich angelegentlich mit Anny Lorenz zu thun machte. Ein -jäher Schmerz durchzuckte sie, ihr ahnte nichts Gutes. Sie versuchte -sich fortzustehlen, ihre Füße aber wurden zu Verrätern und trugen sie -statt dessen gerade zu der Gruppe hin. Einem Mädchen, das dicht neben -Tom stand, rief sie mit übertriebener Lebhaftigkeit zu: - -»Ei, Mary Austin, du böses Mädchen, warum warst du gestern nicht in der -Sonntagsschule?« - -»Ich war ja dort -- hast du mich nicht gesehen?« - -»Nein! Warst du wirklich dort? Wo hast du denn gesessen?« - -»In der Klasse von Fräulein Peters, wo ich immer sitze. Ich hab' dich -gesehen.« - -»Wirklich? Nein, wie komisch, daß ich dich nicht gesehen habe, ich -wollte dir von dem Picknick erzählen.« - -»O, das ist lustig! Wer will eins geben?« - -»Meine Mama will mir erlauben eins zu halten.« - -»Das ist ja prächtig, -- hoffentlich darf ich auch kommen?« - -»Natürlich. Es ist ja _mein_ Picknick. Es darf jeder kommen, den ich -haben will, und dich will ich.« - -»Nein wie reizend! Wann soll's denn sein?« - -»Bald. Vielleicht noch vor den Ferien.« - -»Wird das lustig werden! Wirst du alle einladen?« - -»Gewiß, alle die meine Freunde sind -- oder sein wollen,« ein -verstohlener Blick traf Tom; der aber schwatzte mit Anny Lorenz vom -Sturm auf der Insel und wie der Blitz die große Sykomore gefällt und in -Splitter gerissen hatte, ›keine drei Schritte von ihm entfernt‹. - -»Darf ich auch kommen?« fragte Grace Miller. - -»Ja.« - -»Und ich?« fragte Sally Rogers. - -»Gewiß!« - -»Ich auch?« fiel Susanne Harper ein, »und mein Joe auch?« - -»Natürlich.« - -Und mit Jubel und Händeklatschen hatte jedes in der Gruppe um Erlaubnis -gefragt, bis auf Tom und Anny. Immer weiter plaudernd wandte er sich -kühl ab und nahm Anny mit sich. Beckys Lippen zitterten, Thränen -traten in ihre Augen. Mühsam barg sie diese Zeichen des Herzeleids -unter erzwungener Lebhaftigkeit, fuhr fort zu plappern und zu lachen, -aber das Picknick hatte jetzt jeden Reiz für sie verloren und alles -übrige dazu. Sobald sie konnte, schlich sie davon, versteckte sich -und weinte sich einmal ordentlich aus. Dann saß sie mürrisch und -tiefgekränkt da, bis die Schulglocke läutete. Das rüttelte sie auf und -mit rachedurstigem Blick sprang sie empor, schüttelte die langen Zöpfe -zurecht und war jetzt mit sich darüber im reinen, was sie zu thun habe. - -[Illustration] - -In der Pause setzte Tom sein Scharmuzieren mit Anny fort, voll -jubelnder Selbstzufriedenheit. Er versuchte sich dabei stets in Beckys -Nähe zu halten, um sie mit dem Anblick zu foltern. Erst fand er sie -nicht; endlich erspähte er sie und siehe da -- sein Thermometer sank, -sank bis ins Bodenlose hinein. Da saß sie ganz behaglich auf einem -Bänkchen hinter dem Schulhause, saß und schaute mit Alfred Tempel -zusammen in ein Bilderbuch. Und so versunken waren die beiden und -so dicht hatten sie die Köpfe über dem Buch zusammengesteckt, daß -sie nichts zu bemerken schienen von dem, was um sie her vorging in -der weiten Welt. Eifersucht rieselte glühend heiß durch Toms Adern. -Er haßte sich selber, daß er die Gelegenheit verpaßt, die Becky ihm -geboten, um wieder gut Freund zu werden. Er nannte sich einen Narren, -einen Dummkopf und was dergleichen liebenswürdige Titel mehr sind. -Beinahe hätte er geweint vor Aerger. Anny schnatterte inzwischen lustig -weiter, denn ihr Herz frohlockte und jubilierte, während Toms Zunge ihm -beinahe den Dienst versagte. Kaum hörte er, was Anny plauderte, und -jedesmal, wenn sie, seine Antwort erwartend, innehielt, brachte er nur -ein zerstreutes ›ja‹ oder ›nein‹ heraus und zwar meist am verkehrten -Platze. Immer wieder lenkte er seine Schritte nach der Hinterseite -des Schulhauses, als würden seine Augen von dem verhaßten Schauspiel -angezogen. Gegen seinen Willen zog es ihn hin, und es machte ihn -beinahe toll, daß Becky Thatcher anscheinend nicht im entferntesten -dran dachte, daß er auch noch unter den Lebenden weile. Sie aber sah -ihn recht wohl, wußte, daß sie Siegerin blieb im Kampfe, freute sich, -daß er litt und zwar schlimmer, als sie zuvor hatte leiden müssen. -Annys ahnungsloses, fröhliches Geplauder wurde unerträglich. Tom -deutete an, daß er etwas zu thun habe und fort müsse, daß die Zeit -verrinne -- umsonst, das Mädel schwatzte weiter. Tom dachte: ›Hol' sie -der Kuckuck; soll ich sie denn heut' gar nicht wieder los werden?‹ -Zuletzt, als es ihn nicht länger hielt, gab ihm die arglose Seele das -Versprechen, nach der Schule auf ihn zu warten. Er eilte ganz wütend -davon. - -»Jeder andere Junge,« dachte Tom zähneknirschend, »jeder andere Junge -in der ganzen Stadt, nur nicht _der_. So 'n geschniegelter Aff', der -sich für Gott weiß was hält, und meint, er sei viel besser als unser -einer. Na, gut! Hab' ich dich am ersten Tag durchgedroschen, als du -kaum in die Stadt hereingerochen hattest, du Tugendspiegel, werd' -ich's auch jetzt noch fertig bringen. Wart', wenn ich dich mal allein -erwisch', dann setzt's was!« - -Im Eifer hieb er um sich, als ob er den Feind jetzt schon unter den -Fäusten hätte, -- fuchtelte in der Luft umher und schlug mit Händen und -Füßen aus. - -»Na, bist du nun zufrieden, Kerl, he? Schrei ›genug, genug‹ sag' ich -dir! Da lauf' und das nächste Mal hüt' dich!« - -Damit endete die eingebildete Züchtigung sehr zur Zufriedenheit Toms. - -In der Mittagspause flüchtete sich Tom nach Hause. Er konnte Annys -Glückseligkeit nicht mehr mit ansehen und die Qualen der Eifersucht -nicht länger ertragen. Becky hatte sich von neuem an das Bilderbesehen -mit Alfred gemacht, als aber Minute auf Minute verrann und kein Tom -sich zeigte, um sich ärgern zu lassen, da verringerte sich ihr Triumph -und es lag ihr nichts mehr an der Sache. Erst wurde sie ernst und -zerstreut, dann tief niedergeschlagen. Zwei- oder dreimal spitzte -sie die Ohren, als sich ein Schritt näherte, jedesmal aber war's -vergebliches Hoffen. Zuletzt wurde ihr ganz erbärmlich zu Mute und sie -wünschte innigst, es nicht so weit getrieben zu haben. Der arme Alfred, -welcher sah, daß sie sich ihm unmerklich entzog, munterte sie fort und -fort auf: »Sieh' mal, hier ist 'was Schönes, sieh' doch nur her,« bis -ihr zuletzt die Geduld ausging und sie mit dem unwilligen Rufe: »Was -liegt mir dran, laß mich in Ruhe,« in Thränen ausbrach und davonrannte. - -Alfred hielt sich ritterlich an ihrer Seite und versuchte sie zu -trösten. Sie aber schleuderte ihm entgegen: - -»Laß mich in Frieden; ich kann dich nicht ausstehen!« - -So blieb denn der Junge zurück und sann hin und her, was er ihr wohl -gethan haben könne, denn vorher hatte sie ihm doch versprochen, -während der ganzen Mittagspause Bilder mit ihm anzusehen. Sie aber -rannte weiter, immerzu weinend. Alfred schlich sich nachdenklich in -das einsame Schulzimmer zurück; er war sehr gedemütigt und ärgerlich, -denn jetzt ging ihm ein Licht auf, daß das Mädel ihn nur benutzt habe, -um ihren Aerger an Tom Sawyer auszulassen. Diese Ueberzeugung trug -nicht dazu bei, ihm Tom lieber zu machen. Er sehnte sich nach einer -Gelegenheit, diesem etwas einzubrocken, natürlich ohne sich selber -bloßzustellen. Da fiel ihm Toms Lesebuch ins Auge und ein Gedanke schoß -ihm plötzlich durch den Kopf. Er schlug das Buch an der Stelle auf, die -sie am Nachmittag brauchen würden, und goß Tinte drüber. Becky, die im -selben Moment hinter ihm zum Fenster hereinlugte, sah alles mit an, -verriet sich aber nicht. Sie wandte sich heimwärts in der Absicht, Tom -aufzusuchen und ihm alles zu erzählen, dann würden sie schnell wieder -gut Freund sein. Ehe sie aber halbwegs zu Hause war, hatte sie sich -anders besonnen. Der Gedanke daran, wie Tom sie behandelt, als sie von -ihrem Picknick gesprochen, überfiel sie plötzlich wieder mit glühender -Beschämung. Sie beschloß, ihm seine Prügel für das verschmierte Buch zu -gönnen und ihn obendrein von Herzen zu hassen und zu verabscheuen für -immer und ewig. - -[Illustration] - - - - -Achtzehntes Kapitel. - - -Tom kam sehr verdrießlich zu Hause an, und die ersten Worte, mit denen -ihn seine Tante begrüßte, zeigten ihm, daß hier nicht viel Trost für -seinen Kummer zu holen sein werde. - -»Tom, ich möchte dir wahrhaftig das Fell über die Ohren ziehen.« - -»Ei, Tante, was hab' ich denn gethan?« - -»Meiner Treu! Fragt der Bursch' auch noch! Geh' ich da hin zu der -Harpern, der alten Einfaltspinselin, will ihr von deinem Traum erzählen -und ihr beweisen, daß Träume gar kein Unsinn sind, und seh' mir einer, -lacht sie mir grad' ins Gesicht und sagt, sie hab's aus dem Joe -herausgekriegt, daß du hier gewesen seist und alles selber gehört und -gesehen habest an dem Abend. Ich denk' mich rührt der Schlag! Tom, was -soll denn aus 'nem Jungen werden, der so was thun kann? Ich könnt' mir -meine letzten paar grauen Haare ausreißen, wenn ich dran denk', daß du -mich hast hingehen lassen zu der Harpern, um mich lächerlich zu machen, -ohne auch nur ein Wort zu verlieren.« - -Das zeigte Tom die Sache allerdings in einem anderen Lichte. Seine -Pfiffigkeit vom Morgen war ihm wie ein guter Scherz erschienen, wie -ein Geniestreich sogar. Jetzt kam ihm sein Verhalten erbärmlich und -gemein vor. Er hing den Kopf, kein Wort der Entschuldigung wollte ihm -einfallen. Endlich stammelte er: - -»Tantchen, ich wollt', ich hätt's nicht gethan -- ich hab' aber -wirklich nicht so dran gedacht.« - -»Ach, Kind, du denkst ja nie. Denkst nie an die andern, immer nur an -dich und dein Vergnügen. Daran hast du wohl gedacht, den ganzen Weg von -der Jackson-Insel hierher zu machen, nur um über uns und unsern Jammer -zu lachen. Und daran hast du auch gedacht, deine alte Tante mit dem -verlogenen Traum zum Narren zu machen, _daran_ aber denkst du nicht, -wie du uns Spott und Schande und Kummer ersparen kannst.« - -»Tantchen, jetzt weiß ich, wie erbärmlich es von mir war, aber so hab' -ich's nicht gemeint, weiß Gott, wahrhaftig nicht! Und dann bin ich auch -nicht herüber geschwommen, um mich über euch lustig zu machen.« - -»Warum sonst?« - -»Nur um dir zu sagen, daß du dich nicht um uns sorgen solltest, da wir -nicht ertrunken seien.« - -»Tom, Tom, ich wäre die dankbarste alte Seele in der weiten Welt, wenn -ich wirklich glauben könnte, du hättest _den_ guten Gedanken gehabt. -Aber so war's gewiß nicht, Tom, so war's nicht, und das weißt du auch -selber, Tom.« - -»Weiß Gott, Tante, so war's, weiß Gott! Ei, ich will gleich tot -umfallen, wenn's anders war.« - -»O, Tom, lüg' nicht, -- thu's nicht, Kind. Es macht ja nur alles -tausendmal schlimmer.« - -»Es ist nicht gelogen, Tante, es ist die reine Wahrheit. Ich wollte nur -nicht, daß du dich so grämen solltest, einzig und allein deshalb kam -ich.« - -»Ich gäb' die ganze Welt drum, wenn ich das glauben könnte, -- es -würde fast alle deine Dummheiten aufwiegen, Tom. Ei, ich wollte gar -nichts davon sagen, daß du so schlecht gewesen und davongelaufen bist, -wenn ich _das_ nur glauben könnte. Aber, Kind, Kind, es kann ja nicht -sein, 's geht gegen alle Vernunft; warum hättest du's mir dann damals -doch nicht gesagt und wärst so davongeschlichen?« - -»Warum? Ja, siehst du, Tantchen, als ihr vom Trauergottesdienst und all -dem spracht, da schoß mir der Gedanke durch den Kopf, zu kommen und -uns unterdessen in der Kirche zu verstecken und ich war so voll davon, -daß ich mir's nicht verderben wollte. 's war doch auch kapital, gelt? -So drückte ich mich denn heimlich davon und steckte meine Rinde wieder -ein.« - -»Welche Rinde?« - -»Ei, die Rinde, auf die ich geschrieben hab', daß wir als Piraten -davongelaufen seien. Ich wollt' jetzt, du wärst wach geworden, wie ich -dich geküßt hab', wahrhaftig ich wollt's!« - -Der strenge Ausdruck im Gesicht der Tante ließ etwas nach, plötzliche -Zärtlichkeit strahlte warm aus den treuen Augen. - -»_Hast_ du mich geküßt, Tom?« - -»Natürlich.« - -»Hast du's wirklich gethan, Tom?« - -»Gewiß, Tante, gewiß und wahrhaftig!« - -»Warum hast du mich geküßt, Tom?« - -»Weil ich dich lieb hab' und weil du da gelegen hast und geseufzt und -gestöhnt, und das hat mir leid gethan.« - -Die Worte klangen wahr. Die alte Dame konnte ein Zittern in ihrer -Stimme nicht ganz unterdrücken als sie sagte: - -»Küß mich noch einmal, Tom -- und mach', daß du weg kommst, 's ist Zeit -zur Schule, du hast mich genug geärgert.« - -Im Moment, da er weg war, stürzte sie zum Schrank und riß die traurigen -Ueberreste der Jacke hervor, in der er Seeräuber gewesen. Dann stand -sie still, drückte die Lumpen an ihre Brust und flüsterte: - -»Nein, ich wag's nicht. Armer Kerl, ich glaub' er hat gelogen, aber --- es war so gut und lieb gelogen, ordentlich tröstlich für mein -altes Herz. Ich hoffe, der Herr, -- nein, ich _weiß_, der Herr wird -ihm verzeihen, denn weiß Gott, diesmal hat mein Tom aus Gutherzigkeit -geflunkert. Ich will auch gar nicht wissen, daß es geflunkert war, -lieber seh' ich gar nicht nach.« - -So legte sie die Jacke weg und stand noch eine Minute sinnend davor. -Zweimal streckte sie die Hand nach dem Kleidungsstück aus und zweimal -zog sie dieselbe wieder zurück. Noch einmal wagte sie sich vor und -sprach sich selber Mut zu mit dem Gedanken: Die Lüge war ja gut -gemeint, von Herzen gut gemeint, es soll mich weiter nicht kümmern. -Damit hatte sie die Hand in die Jackentasche versenkt. Einen Moment -später las sie unter strömenden Thränen, was Tom auf jenes bewußte -Rindenstück gekritzelt hatte und stammelte schluchzend: - -»Jetzt könnt' ich dem Jungen verzeihen, und wenn er eine Million Sünden -auf dem Gewissen hätte.« - -[Illustration] - - - - -Neunzehntes Kapitel. - - -In der Art und Weise, wie ihn Tante Polly küßte, lag etwas, das Tom -wunderbar wohlthat. Seine Niedergeschlagenheit war wie weggeblasen und -er fühlte sich urplötzlich wieder leichtherzig und froh. Er stürmte der -Schule zu und hatte das Glück unterwegs auf Becky zu stoßen. Da er sich -immer von seiner augenblicklichen Stimmung leiten ließ, so rannte er -ohne einen Moment der Ueberlegung auf sie zu und rief treuherzig: - -»Becky, ich war heute morgen ganz abscheulich gegen dich, ich will nie, -nie wieder so sein, so lang ich lebe, nur sei wieder gut, willst du?« - -Das Mädchen blieb stehen und sah ihm verächtlich in's Gesicht: - -»Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Thomas Sawyer, wenn Sie mich -in Zukunft mit Ihrer Gesellschaft verschonen wollten, ich werde nie -wieder mit Ihnen reden.« - -Sprach's, warf den Kopf zurück und schritt stolz von dannen. -›Herr‹ Thomas Sawyer war starr vor Staunen, daß er nicht einmal -Geistesgegenwart genug hatte zu einem ›Wie Sie wünschen, Jungfer -Patzig‹, und erst dran dachte, als es zu spät war. So sagte er denn -kein Wort, war aber nichtsdestoweniger in heller Wut. Er schlich nach -dem Schulhof und wünschte nur, sie wäre ein Junge und er könnte sie -durchbläuen für diese unerhörte Beleidigung. Als er gerade in ihre -Nähe kam, schleuderte er ihr eine beißende Bemerkung ins Gesicht. Sie -entgegnete im selben Ton und der Bruch war vollständig. Becky konnte in -ihrem Racheeifer kaum den Beginn des Unterrichts erwarten, so brannte -sie darauf, Tom seine Prügel für das verschmierte Buch erhalten zu -sehen. Wenn sie je noch den Schatten eines Zweifels in sich verspürt -hatte, ob sie Alfred Tempel nicht doch angeben wolle, so war derselbe -durch Toms letzte Liebenswürdigkeit auf Nimmerwiederkehr verscheucht. - -Das arme Ding -- sie ahnte nicht, welch' drohendes Unheil über ihrem -eignen Haupte schwebte. Der Lehrer, Herr Dobson, ein Mann in mittleren -Jahren, hegte einen übertriebenen, unerfüllbaren Ehrgeiz in der Brust. -Der Traum seines Lebens war gewesen, ein Arzt zu werden, seine Armut -aber hatte es gefügt, daß nur ein Volksschullehrer aus ihm wurde. Jeden -Tag griff er, wenn die verschiedenen Klassen beschäftigt waren, zu -einem geheimnisvollen Buche, in das er sich eifrig vertiefte. Dasselbe -hielt er strenge unter Schloß und Riegel. Jedes seiner Schulkinder -brannte vor Neugierde, einmal einen Blick hineinwerfen zu können, nie -aber wollte sich die Gelegenheit hiezu bieten. Jedes der Kinder, Knaben -und Mädchen, hatte seine eigene Ansicht über das Buch, aber niemals war -es gelungen, Näheres zu erfahren. Als eben Becky an der offenen Thür -des Zimmers vorüberhuschte, bemerkte sie, daß der Schlüssel des Pultes -steckte. Das war ein köstlicher Moment, der ausgenutzt werden mußte. -Sie blickte sich rasch um und sah sich ganz unbeobachtet; im nächsten -Augenblick hielt sie das Buch in Händen. Das Titelblatt: ›Anatomie von -Professor Soundso‹, diente nicht dazu, sie über den Inhalt aufzuklären, -so begann sie denn hastig die Blätter umzuwenden. Gleich zu Anfang kam -sie auf ein wundervoll koloriertes Bild, -- eine menschliche Figur. -- -Im selben Moment fiel ein Schatten auf das Buch, Tom Sawyer trat zur -Thüre herein und erhaschte noch einen Blick auf das Bild. Hastig wollte -Becky das Buch schließen, hatte aber in ihrer Aufregung das Unglück, -das Bild von oben bis beinahe zur Mitte durchzureißen. Das Buch flog -ins Pult, sie drehte den Schlüssel um und brach in bittres Schluchzen -aus vor Scham und Aerger. - -»Tom Sawyer,« rief sie, »du bist doch so gemein wie du nur sein kannst. -Einen so zu überfallen und auszuspionieren, was man thut!« - -»Wie konnt' ich denn wissen, was du dir zu schaffen machst?« - -»Du solltest dich vor dir selber schämen, Tom Sawyer; jetzt wirst du -hingehen und mich verklatschen beim Lehrer und -- Herr du mein Gott, -was fang' ich an? Ich bin noch niemals geschlagen worden in der Schule -und heut' -- heut' haut mich der Lehrer sicherlich durch.« - -Dann, als Tom nichts antwortete, stampfte sie mit dem kleinen Fuße auf -und rief: - -»Na, dann sei so gemein und verrat' mich, wenn dir's Spaß macht. Aber -wart', dir blüht auch nichts Gutes, denk' nur an mich -- niederträchtig --- niederträchtig!« Und mit einem erneuten Strom von Thränen stürzte -sie davon. - -Tom stand ordentlich betäubt ob solch vulkanischen Ausbruchs. Dann -sagte er zu sich selber: - -»Was so'n Mädel für eine Närrin ist! Noch niemals Prügel gekriegt! -Herrgott, was liegt mir an einer Tracht mehr oder weniger? So sind aber -die Mädels, so dünnfellig und hasenfüßig. Es fällt mir gar nicht ein, -sie zu verklatschen, aber 's kommt doch heraus. Der alte Dobson wird -natürlich fragen, wer's war, und wenn keiner antwortet, fragt er einen -nach dem andern, dann merkt er's schon am Gesicht. So'n Mädel verrät -sich immer selber, da ist keine Schneid drin. Die Sache ist kritisch -für das arme Ding, die Becky, kriegen thut sie's, da ist kein Zweifel. -Na, mir kann's recht sein, die säh' mich auch von Herzen gern in -derselben Klemme. Mag sie zusehen, wie sie's ausbadet!« - -Tom gesellte sich dem Haufen der lärmenden Kameraden draußen wieder zu; -bald drauf erschien der Lehrer und der Unterricht begann. Die Studien -zogen Tom nicht sehr an. Jedesmal, wenn er zu den Mädchen hinüber sah, -beunruhigte ihn Beckys Gesichtchen. Genau genommen hatte er gar keine -Ursache, sie zu bemitleiden, und doch, mochte er thun was er wollte, -er konnte sich des Mitleids nicht erwehren. Jetzt entdeckte der Lehrer -das besudelte Lesebuch, wodurch Toms ganze Aufmerksamkeit für seine -eigenen Angelegenheiten in Anspruch genommen wurde. Das rüttelte auch -Becky aus ihrer Gramversunkenheit auf und sie folgte den Vorgängen mit -großer Aufmerksamkeit. Sie glaubte nicht, daß Tom imstande sein werde, -sich herauszulügen, und sie hatte recht. Sein Leugnen schien die Dinge -für ihn nur zu verschlimmern. Als dann die Verhandlung den Höhepunkt -erreichte, trieb es sie förmlich, aufzuspringen und Alfred Tempel -anzugeben, doch zwang sie sich zur Ruhe, denn sie sagte sich: »Tom -klatscht doch, daß ich das Bild zerrissen hab'. Ich sag' kein Wort, und -wenn's ihm an's Leben geht.« - -Tom steckte seine Prügel ein und schritt auf seinen Platz zurück, -durchaus nicht niedergeschlagen. Er dachte selber, es sei möglich, daß -er die Tinte über's Buch geschüttet, ohne es zu wissen, dergleichen -konnte ja passieren. Geleugnet hatte er's überhaupt nur der Form halber -und weil's so Sitte war; dann hatte er aus Prinzip dabei beharrt. - -Eine ganze Stunde verstrich; nickend saß der Lehrer auf seinem Throne, -das Summen der vor sich hin murmelnden, lernenden Kinder wirkte -einschläfernd. Allmählich rappelte sich Herr Dobson in die Höhe, -gähnte, schloß sein Pult auf, griff nach seinem Buch und fingerte dran -herum, unentschieden, ob er es nehmen solle oder nicht. Schläfrig sahen -die Schüler nach ihm hin, zwei derselben verfolgten sein Thun mit -gespannten Blicken. Noch immer schien Herr Dobson nicht entschieden; -endlich nahm er das Buch zur Hand und lehnte sich in seinen Stuhl -zurück, um zu lesen. - -Tom warf einen raschen Blick auf Becky. Diese starrte um sich wie ein -gehetztes Reh, das den todbringenden Lauf auf sich gerichtet sieht, so -hilflos, so verzweifelt. Im Moment war aller Groll dahin. Etwas mußte -geschehen, aber sofort, mit Blitzesschnelle, sonst war's zu spät. -Doch die dringende Nähe der Gefahr schien seine Erfindungsgabe völlig -zu lähmen. Wenn er nun hinstürzte, dem Lehrer das Buch entriß, damit -die Flucht ergriff? Eine einzige Sekunde überlegte er und -- hin war -die Gelegenheit, der Lehrer öffnete das Buch. Wäre nur der verlorene -Moment noch einmal zu erhaschen, Tom fühlte sich jetzt zu allem fähig. -Zu spät! Becky war nicht mehr zu helfen. Im nächsten Moment traf des -Lehrers Auge die aufschauenden Schüler, die Augen senkten sich vor -seinem Blick, es lag ein Etwas drin, das selbst den Unschuldigsten -unter ihnen mit Scheu und Furcht erfüllte. Eine Pause entstand, während -welcher man wohl bis zehn zählen konnte. Der Lehrer schien Kraft -sammeln zu müssen. Dann kam's: - -»Wer hat dieses Buch zerrissen?« - -Kein Laut. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Die -beängstigende Stille dauerte an. Auf einem Gesicht nach dem andern -suchte der Lehrer die Zeichen der Schuld. - -»Benjamin Rogers, hast du das Buch zerrissen?« - -Verneinung. Eine weitere Pause. - -»Joe Harper, du?« - -Erneute Verneinung. Toms Unbehagen stieg und stieg unter der langsamen -Qual dieses Verfahrens. Der Lehrer ließ den Blick über die Reihen der -Knaben schweifen, überlegte eine Weile und wandte sich dann den Mädchen -zu: - -»Anny Lorenz?« - -Ein Schütteln des Kopfes. - -»Grace Miller?« - -Dasselbe Zeichen. - -»Susanne Harper?« - -Erneute Verneinung. Das nächste Mädchen war Becky. Tom zitterte -vom Kopf bis zu den Füßen vor Aufregung; er empfand die ganze -Hoffnungslosigkeit der Lage. - -»Rebekka Thatcher« -- (Tom sah, daß ihr Gesicht vor Entsetzen blaß war -wie der Tod) -- »hast du -- nein, sieh' mich an -- (sie hob die Hände -in stummem Flehen) hast du dies Buch zerrissen?« - -Ein Gedanke schoß wie ein Blitz durch Toms Gehirn. Er sprang auf und -rief laut in die herrschende Stille hinein: - -»_Ich hab's gethan._« - -Sprachlos ob solcher unerhörten, unglaublichen Tollheit starrten ihn -aller Augen an. Tom stand einen Moment regungslos da, um seine etwas -aus der Fassung geratenen Lebensgeister zu sammeln, und als er dann -nach dem Katheder schritt, seine Strafe in Empfang zu nehmen, strahlten -ihm aus Beckys Augen Ueberraschung, Dankbarkeit, Anbetung in solch' -reichem Maße entgegen, daß sie ihn für hundert vollwichtiger Trachten -Prügel hätten entschädigen können. Begeistert durch den Edelmut seiner -eignen That entschlüpfte ihm auch nicht der leiseste Schrei bei der nun -folgenden Züchtigung, der unbarmherzigsten, die Herr Dobson in seinem -Leben austeilte. Ja, als der Lehrer die Strafe noch durch zwei Stunden -Nachsitzen verschärfte, nahm Tom auch dies mit dem äußersten Gleichmut -hin, wußte er doch, wer außerhalb der Schulmauern auf ihn warten und -jede Minute bis zu seiner Befreiung aus der Gefangenschaft zählen würde. - -Am Abend desselben Tages ging Tom zu Bett, von finsteren Racheplänen -gegen Alfred Tempel erfüllt. Becky hatte ihm voller Reue und Scham -alles eingestanden, ja selbst ihre eigne Verräterei nicht verschwiegen. -Der Durst nach Rache aber wich bald milderen Gefühlen, lieblicheren -Bildern, und Tom fiel in Schlaf, während ihm Beckys letzte Worte noch -träumerisch süß im Ohre nachklangen: - -»Tom, wie _konntest_ du so edel sein?« - -[Illustration] - - - - -Zwanzigstes Kapitel. - - -[Illustration] - -Die großen Ferien rückten immer näher. Der Lehrer, ernst von Natur, -wurde strenger und anspruchsvoller von Tag zu Tag, sollte doch seine -Schule Ehre einlegen am verhängnisvollen, großen Tag der Prüfung. Seine -Rute und sein Lineal kamen gar nicht mehr zur Ruhe, zum wenigsten bei -den kleineren Schülern. Nur die großen Knaben und die jungen Damen -von der Sonntagsschule entgingen einer Züchtigung. Und Herrn Dobsons -Prügel waren was wert unter Brüdern, denn obgleich er unter seiner -Perücke einen vollständig kahlen und glänzenden Schädel barg, so -stand er doch noch im kräftigsten Mannesalter und die Stärke seiner -Muskeln ließ nichts zu wünschen übrig. Als der große Tag näher und -näher rückte, kam alle die Tyrannei, die in ihm schlummerte, an's -Tageslicht. Mit grausamer Lust ahndete er die geringsten Versäumnisse -und Fehler. Die Folge davon war, daß die Kinder ihre Tage in Schreck -und Qual, ihre Nächte mit Schmieden finstrer Rachepläne verbrachten. -Sie ließen sich keine Gelegenheit entgehen, dem Lehrer einen Streich -zu spielen, der aber blieb immer Meister. Die Strafe, die jedem -solchen kleinen Racheakt auf dem Fuße folgte, war so großartig, so -niederschmetternd, daß die Jungen den Kampfplatz jedesmal vollständig -›geschlagen‹ verließen. Zuletzt entstand eine Verschwörung und ein Plan -wurde ausgeheckt, der den glänzendsten Sieg versprach. Die Verschwörer -zogen den Sohn des Anstreichers in's Vertrauen, welcher Lehrling bei -seinem Vater war, setzten ihm den Plan auseinander und baten um seine -Hilfe. Der hatte nun wieder seine eignen Gründe, sich dem Racheplan -anzuschließen, denn der Lehrer wohnte im Hause des Anstreichers und -hatte dem Jungen genügend Ursache zum gründlichsten Hasse gegeben. Die -Frau des Lehrers wollte in den nächsten Tagen zu einem Besuche auf's -Land gehen und so stand der Ausführung des Planes nichts im Wege. Der -Lehrer pflegte sich zur würdigen Vorbereitung bei großen Gelegenheiten -aus der Flasche nachhaltig Mut zuzusprechen, und der Anstreicherjunge -versprach, am Prüfungsabend, wenn der Lehrer das nötige Stadium des -›Mutes‹ erreicht habe und in seinem Stuhle ein Stärkungsschläfchen -halte, ›die Sache schon besorgen zu wollen.‹ Knapp zur rechten Zeit -wolle er ihn dann schleunigst wecken und in aller Eile zur Schule -spedieren. - -Als die Zeit erfüllet war, trat dann das große Ereignis ein. Um acht -Uhr abends erstrahlte das Schulhaus im Glanz der Kerzen und im Schmuck -der Gewinde aus Laub und Blumen. Majestätisch thronte der Lehrer auf -seinem Katheder, die schwarze Tafel hinter sich. Auf Bänken zu beiden -Seiten saßen die Eltern der Kinder und die Würdenträger der Stadt, vor -dem Katheder dehnten sich die Reihen der Schüler, hier die Knaben, -die dermaßen gewaschen und herausgeputzt waren, daß man ihnen das -Unbehagen ansah, dort die Mädchen, in schneeweißem Musselin, sichtbar -durchdrungen von dem erhebenden Bewußtsein, in bloßen Armen, blau -und roten Bändern und mit Blumen im Haar zu glänzen. Den Hintergrund -bildete ›das Volk‹. - -Die Prüfung begann. Ein winzig kleiner Junge erhob sich und rezitierte -mit einem Schafsgesicht: - - »Kaum glaubt ihr, daß solch' kleiner Wicht, - Wie ich, es wagt und zu euch spricht,« etc. - -wobei er seinen Vortrag mit den peinlich genauen, stoßweisen Bewegungen -einer Maschine begleitete, noch dazu einer Maschine, die etwas aus der -Ordnung geraten zu sein schien. Doch stolperte er sicher, wenn auch -zu Tode geängstigt, bis zum Schluß hindurch, klappte den Oberkörper -verbeugend nach unten, bekam einen wahren Beifallssturm von dem -dankbaren Publikum und zog sich aufatmend zurück. - -Ein kleines, verschüchtertes Mädchen lispelte ihr: - - »Ein kleines Lämmchen, weiß wie Schnee, - Ging einstens auf die Weide,« - -machte einen mitleiderregenden Knix, erhielt ihren Anteil an Applaus -und setzte sich glühend rot und glückselig wieder hin. - -Tom Sawyer trat nun vor, voll stolzer aber trügerischer Zuversicht, -und begann mit donnerndem Pathos und verzückten Gebärden die berühmte -Ode an die ›Freiheit‹ zu deklamieren. Aber wehe! In der Mitte etwa -angelangt, -- verließ ihn just das Gedächtnis, das ›Lampenfieber‹ -ergriff ihn, seine Kniee zitterten, er drohte zusammenzusinken oder zu -ersticken. Wohl hatte er des Hauses Mitleid für sich, aber auch des -Hauses Schweigen. Finster blickte der Lehrer, drohend zog er die Stirne -in Falten; dies machte das Unheil vollständig. Tom stammelte, stotterte -noch eine Weile, gab's dann auf und zog sich zurück, jeder Zoll ein -geschlagener Held! Ein schwacher Beifallsversuch, der sich erheben -wollte, wurde im Keime erstickt. - -Jetzt folgten: - - »Auf brennendem Deck der Knabe stand.« - -Dann: - - »Hernieder kam einst Assurs Macht« - -und andre dergleichen deklamatorische Kleinodien. Nun kamen Leseübungen -und ein regelrechtes Kreuzfeuer in der Kunst des Buchstabierens. Die -magere Lateinklasse bestand ihre Sache mit Ehren. Dann nahte der -Hauptakt des ganzen Abends, -- der Vortrag von selbstgefertigten -Aufsätzen und Gedichten der ›jungen Damen‹. Der Reihe nach trat jede an -den Rand der Estrade, räusperte sich, erhob ihr von einem zierlichen -Band umschlungenes Manuskript, und begann zu lesen mit dem nötigen -Aufwand von Ausdruck und Gefühl. Die Themata waren dieselben, wie -sie ihre Mütter, Großmütter und zweifellos alle weiblichen Vorfahren -der Familie bis zurück zu den Kreuzzügen schon bearbeitet hatten: -›Freundschaft‹ -- ›Erinnerungen früherer Tage‹ -- ›Die Religion in der -Geschichte‹ -- ›Das Land der Träume‹ -- ›Die Vorteile der Kultur‹ -- -›Vergleiche und Verschiedenheiten der politischen Regierungsformen‹ -- -›Melancholie‹ -- ›Kindliche Liebe‹ -- ›Herzenswünsche‹ -- u. s. w., u. -s. w. - -Die meisten dieser Ergüsse zeichneten sich durch eine starke Vorliebe -für das Gefühlvolle aus. Die großartigste Verschwendung erhabener -Ausdrücke und Redewendungen war ebenfalls ein gemeinsamer Zug, ebenso -das gewaltsame Herbeiziehen allgemein bekannter und beliebter Phrasen -und Zitate. Den Schluß bildete hier wie dort unweigerlich eine -möglichst stark aufgetragene moralische Nutzanwendung. Einerlei, was -der behandelte Gegenstand gewesen, mit kühnem Sprung lief das Ende ohne -Unterschied in eine äußerst erbauliche Betrachtung aus, die sich nicht -ohne Rührung anhören ließ und einen schmeichelhaften Rückschluß auf die -Tugenden der schönen Mahnerin gestattete. - -Der erste Aufsatz, der vorgetragen wurde, betitelte sich: »_Dies also -ist das Leben?_« Vielleicht hat der Leser Geduld genug, einen Auszug -hieraus nachzulesen: - - »Trunkenen Auges, mit wonnebebendem Herzen schaut der - jugendliche Geist den zu erwartenden Freuden des Lebens - entgegen. Geschäftig malt ihm die Einbildungskraft - rosenfarbene Bilder der Wonne vor. Im Geiste sieht sich - die jugendliche Schöne als ›Dame von Welt‹, inmitten des - wogenden, festlichen Getriebes, scherzend, lachend, umkost, - umworben, gefeiert, ›schauend und geschaut‹! Ihre anmutige - Gestalt gleitet in wehenden, weißen Gewändern auf den - Wellen des wirbelnden Tanzes dahin, ihr Auge strahlt am - hellsten, ihr Schritt ist der elastischste in der ganzen - heiteren Gesellschaft. Unter solch' gaukelnden, lockenden - Phantasiegebilden schwindet schnell die Zeit und die ersehnte - Stunde erscheint, die Stunde, welche Einlaß bringen soll - in jene elysische Welt, die solche Wonneträume zu wecken - vermag. Wie zauberisch erscheint dem geblendeten Auge Alles - und Jedes! Jede neue Scene ist reizender, lockender als die - vorhergegangene. Doch kurze Zeit nur währt der Rausch! Bald - zeigt es sich, daß unter der glänzenden Außenseite Hohlheit - sich birgt. Die Schmeichelei, die einst die Seele fesselte, - verletzt nun das Ohr mit schrillem Klang, der Ballsaal verliert - seine Reize. Mit zerrütteter Gesundheit, verbitterten Herzens - wendet sich das ›Kind der Welt‹ ab, die Ueberzeugung tief - im Busen bergend, daß irdische Freuden das Verlangen der - unsterblichen Seele nicht zu befriedigen imstande sind!« - - Und so weiter. - -Ein beifälliges Gemurmel unterbrach von Zeit zu Zeit den Vortrag. -Ein: ›wie schön‹! ›gut gesagt‹! oder ›wie wahr‹! ließ sich deutlich -unterscheiden, und nachdem das Ding mit einer besonders erhebenden -Schlußbetrachtung geendet, wurde der Beifall ordentlich enthusiastisch. - -Dann erhob sich ein schlankes, melancholisch aussehendes Mädchen, -dessen Gesicht jene interessante Blässe zeigte, die von Pillen und -schlechter Verdauung herrührt, und las ein ›Gedicht‹ vor. Folgende -Verse desselben mögen genügen: - - -Lebewohl einer Missouri-Maid an Alabama. - - »Leb' wohl, Alabama, dich liebe ich, - Und doch muß lassen, muß meiden ich dich. - Es naget die Trauer am Herzen mein, - In heißer Sehnsucht gedenk' ich dein. - Wie hab' ich die blum'gen Wälder durchstreift, - Längs den Ufern deiner Gewässer geschweift, - Dem Murmeln der Wellen träumend gelauscht, - In Aurorens Strahl mich wonnig berauscht. - Nicht scheu verberg' ich mein übervoll Herz, - Erröt' nicht, zu zeigen den brennenden Schmerz. - Er gilt ja nicht Fremden im fernen Land, - Den Freunden, den Lieben nur, die ich gekannt. - Sie waren mein Trost mir, mein ganzes Glück; - Alabamas Thäler ersehn' ich zurück. - Ach, nun ich's verloren, erkenn' ich's zu spät: - Dort wurzelt mein Leben, mein Herz, -- zu spät!« - -Zunächst erschien eine schwarzäugige und schwarzhaarige junge Dame auf -dem Podium, machte eine wirkungsvolle Kunstpause, nahm eine tragische -Haltung an und begann gemessenen, ausdrucksvollen Tones vorzulesen: - - -Eine Vision. - - »Dunkel und stürmisch war die Nacht. Am Himmelszelte oben - flimmerte nicht ein einziger Stern, nur das dumpfe Dröhnen - des Donners vibrierte beständig im geängstigt lauschenden - Ohre, während grelle Blitze in entfesselter Wildheit die - wolkigen Himmelskammern durchrasten und der Macht zu spotten - schienen, die der große Franklin sich über sie angemaßt. - Selbst die stürmischen Winde kamen einmütig hervor aus ihrer - geheimnisvollen Höhle und schnaubten und tosten einher, als - wollten sie durch ihre Gegenwart die tolle Scene noch toller - machen. Zu eben solcher Stunde, gleich dunkel, gleich trostlos - und entsetzungsvoll, schrie einst mein ganzes Sein nach dem - Balsam menschlichen Mitgefühls. Umsonst! Da plötzlich: - - ›Erschien sie, die mein Trost, mein Führer und mein Rat, - Mein Glück im Gram, mein All' an meine Seite trat.‹ - - Sie schwebte daher, wie eines jener glänzenden, - anmutbeschwingten Wesen, mit denen Jugend und Romantik sich - die sonnigen Fluren ihres Eden bevölkern, eine Königin der - Schönheit, nur mit ihrer eignen, unvergleichlichen Lieblichkeit - angethan und geschmückt. So leise war ihr Schritt, keinen Laut - rief er hervor und nur der magische Wonneschauer, der mein - ganzes Sein bei ihrer sanften Berührung durchrieselte, verriet - mir ihre Gegenwart, sonst wäre sie entschwebt gleich andern - sich dem Auge nicht selbstbewußt aufdrängenden Schönheiten, - unbemerkt und ungesucht. Gleich eisigen Thränen auf dem - Gewande des Dezembers lag eine eigentümliche Traurigkeit - auf den geliebten Zügen, als sie, ernst auf die draußen - kämpfenden Elemente hinweisend, mich die beiden durch dieselben - dargestellten Wesen betrachten hieß.« -- - -Dieser nächtliche Gespensterspuk füllte zehn Seiten des Manuskripts -und endete in einer Predigt von solch niederschmetternder, -hoffnungraubender Wirkung auf alle Nichtgläubigen, daß der Aufsatz -den ersten Preis gewann und einstimmig für die beste Leistung des -Abends erklärt wurde. Der Bürgermeister des Städtchens überreichte der -glückstrahlenden Verfasserin in feierlicher Ansprache den Preis, indem -er sagte, es sei bei weitem ›das Beredteste, Pathetischste‹, was er je -gehört, ja daß der große Daniel Webster selber hätte stolz drauf sein -dürfen. - -Beiläufig mag noch bemerkt werden, daß die Zahl der Aufsätze, in denen -das Wort ›wunderbar‹ mit Vorliebe angewendet und der menschlichen -Erfahrung als ›einer Seite im Buche des Lebens‹ erwähnt wurde, den -üblichen Durchschnitt erreichte. - -[Illustration] - -Nun erhob sich der Lehrer, der durch den Erfolg des Abends so -sanftmütig und weich geworden war, daß sein Wesen beinahe an -Liebenswürdigkeit streifte, schob seinen Stuhl zurück, wandte dem -Publikum den Rücken und begann auf der schwarzen Tafel eine Karte -von Amerika zu entwerfen, um die Geographie-Uebungen daran vornehmen -zu können. Seine unstäte Hand aber wollte ihm nicht parieren bei der -Sache, ein unterdrücktes Gekicher lief durch das Haus. Er wußte, -was es bedeutete und nahm alle Kraft zusammen, um sich mit Ehren -herauszuziehen. Er fuhr mit dem Schwamm über die mißlungenen Linien -und machte sich geduldig auf's neue dran, nur um sie mehr und mehr -zu verrenken, und das Gekicher wurde immer deutlicher. Mit Macht und -ganzer Aufmerksamkeit warf er sich nun auf sein Werk, entschlossen, -sich durch die augenscheinliche Heiterkeit nicht aus der Fassung -bringen zu lassen. Er fühlte, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren; -er glaubte nun endlich im richtigen Fahrwasser zu sein und doch dauerte -das Gekicher fort, ja es nahm sogar noch zu. Und Grund genug dazu -war vorhanden. Im oberen Stock befand sich eine Dachkammer, in deren -Fußboden eine Klappe angebracht war, unter der just eben der Lehrer -stand. Durch diese Klappe nun erschien eine Katze, die an einem um -die Hinterbeine geschlungenen Seile hing und der man um Kopf und Maul -einen dicken Lappen gewickelt hatte, um sie am Schreien zu hindern. Als -sie so langsam niedersank, krümmte sie sich nach oben und versuchte -sich mit den Pfoten am Seil festzuklammern, umsonst! Sie griff mit den -Pfoten nur in die unfaßbare, haltlose Luft. Das Gekicher schwoll und -schwoll. Die Katze war jetzt nur noch sechs Zoll von dem Haupte des -ahnungslosen Lehrers entfernt. Sie sank tiefer und tiefer; noch eine -Spanne und nun schlug sie die verzweifelten Krallen in die Perücke des -schulmeisterlichen Hauptes, klammerte sich fest an dem willkommenen -Halte und wurde im selben Moment zurückgezogen zur Klappe, die -Siegestrophäe fest in den räuberischen Klauen! Des Schulmeisters kahler -Schädel aber erstrahlte in ungeahnter, zauberischer Pracht, -- der Sohn -des Anstreichers hatte denselben _vergoldet_! - -Dies bereitete der Festlichkeit ein jähes Ende. Die Jungen waren -gerächt, -- die Ferien da! - - _Anmerkung._ Die oben angeführten sog. ›Aufsätze‹ sind ohne - Veränderung einem Buche entnommen, das den Titel führt: »Prosa - und Poesie von einer Dame des Westens.« Als genaue Studien nach - dem bekannten ›Schulmädchen-Muster‹ sind sie infolgedessen weit - glücklichere Beispiele, als bloße Nachbildungen hätten sein - können. - -[Illustration] - - - - -Einundzwanzigstes Kapitel. - - -Tom fand, daß die ersehnten Ferien schon acht Tage nach dem Beginn sich -in endloser, öder Weise vor ihm zu dehnen begannen. Er wußte kaum, -was er mit sich anfangen sollte in dieser langen, langen Zeit. Becky -Thatcher war mit ihren Eltern auf ihr Landgut gereist, um die Wochen -der Freiheit dort zu verbringen, und hatte den letzten Lichtstrahl -in dieser endlosen Nacht der Langeweile mit sich genommen. Ein paar -Kindergesellschaften dienten nur dazu, die klaffende Lücke von Beckys -Abwesenheit um so fühlbarer zu machen. Eine mitleidige Masernepidemie -erbarmte sich der gelangweilten Jugend, bot aber in ihrem milden -Charakter nicht einmal die Aussicht, daß man zur Abwechslung hie und da -um das gefährdete Leben irgend eines Kameraden zittern konnte. Auch sie -verlief langweilig und eintönig wie alles andre. - -Endlich kam Leben in die schläfrige Atmosphäre. Der Mordprozeß kam -vor Gericht und wurde sofort zum Thema jeglichen Stadtgespräches. Er -benahm Tom alle Ruhe. Jede neue Erwähnung der Mordthat sandte ihm -einen Schauder zum Herzen. Sein böses Gewissen und seine Angst ließen -ihn in jeder darauf bezüglichen Bemerkung einen ›Fühler‹ wittern, den -man ausgestreckt, um ihn zu sondieren. Freilich erschien es ihm bei -näherer Ueberlegung gar nicht möglich, daß man in ihm einen Mitwisser -der That vermuten könne, gleichwohl war ihm nicht wohl bei der Sache; -fortwährend überlief es ihn, bald heiß, bald kalt. An einsamem Ort -nahm er Huck beiseite, um sich mit diesem zu besprechen. Welche -Erleichterung mußte es gewähren, das Siegel auf den Lippen nur für eine -kleine Weile zu lösen, die Hälfte der Bürde auf die Schultern eines -Mitfühlenden, eines Leidensgefährten zu wälzen. Außerdem lag Tom daran, -sich Gewißheit über Hucks unverbrüchliches Schweigen zu verschaffen. - -»Huck, hast du jemals irgend einem Menschen davon erzählt?« - -»Von was?« - -»Du weißt schon selber.« - -»Ach so! Na, natürlich nicht.« - -»Kein Wort?« - -»Nicht ein einziges Wörtchen, nee, weiß Gott! Was fragst du?« - -»Na ich -- ich hatte Angst.« - -»Weißt's ja doch selber, Tom Sawyer, wir zwei wären kalt nach drei -Tagen, wenn das heraus käme!« - -Tom fühlte sich etwas beruhigter. Nach einer Pause: - -»Huck, gelt, 's kann dich keiner zwingen, was zu sagen, oder?« - -»Mich zwingen! Na, wenn ich Lust hätte, daß mich der Indianer-Hund -ersäufte, ja, dann wär's möglich, daß ich's sage -- sonst nicht!« - -»Na, dann ist's gut! Ich denk', wir sind sicher, so lang wir reinen -Mund halten. Laß uns aber noch mal schwören. Ich mein', 's ist -sicherer!« - -»Meinethalben.« - -Und wieder schwuren die Jungen einen grausig feierlichen Eid. - -»Worüber schwatzen sie gerade hauptsächlich in der Stadt, Huck? Ich -hab' alles durcheinander gehört!« - -»Schwatzen? Ei, Muff Potter, Muff Potter und nichts als Muff Potter, -immer und ewig. Mir treibt's den kalten Schweiß aus, wenn ich nur den -Namen höre. Am liebsten steckt' ich mir Baumwolle in die Löffel!« - -»Gerad' so geht's bei mir, grad' so! Ich glaub' der ist verloren. -Dauert er dich nicht auch manchmal?« - -»Ei immer, beinahe immerzu. Viel wert ist er ja nicht, aber er hat doch -keinem 'was zuleid' gethan. Stibitzt wohl mal 'nen Fisch, um Geld für -Schnaps zu kriegen und sich zu besaufen, und bummelt den ganzen Tag -herum, aber -- Herrgott, -- das thut ja jeder -- wenigstens beinah' -jeder. Aber er ist doch ein guter Kerl. Einmal hat er mir 'nen halben -Fisch gegeben und sich selber an der andren Hälfte hungrig gegessen, -und oft und oft hat er mir geholfen, wenn ich irgendwo in der Patsche -saß.« - -»Und mir hat er Drachen geflickt, Huck, und Angelhaken an der Leine -festgemacht. Weiß Gott, ich wollt', wir könnten ihn freimachen! Ich -gäb' was drum!« - -»Du lieber Himmel, das würde doch nicht viel helfen, Tom, den hätten -sie gleich wieder fest!« - -»Das ist ja wahr, aber ich kann's gar nicht mit anhören, wenn sie so -über ihn losziehen, als wär' er der leibhaftige Gottseibeiuns, und er's -doch gar nicht gethan hat.« - -»So geht's mir grad', Tom. Herrgott, da schwatzen sie daher, als sei er -der blutdürstigste Hund im Land und nur aus Versehen nicht schon längst -irgendwo aufgeknüpft.« - -»Ja, weiß Gott, ich hab' sogar gehört, wie einer sagte, wenn sie den -freiließen, dann sollte er sofort gelyncht werden. O, du meine Güte!« - -»Und das thäten sie auch, so wahr ich hier steh'!« - -Lange noch schwatzten die Jungen so zusammen, aber Trost brachte -es ihnen nicht. Mittlerweile brach die Dämmerung herein und sie -befanden sich plötzlich vor dem kleinen, einsamen Gefängnis, in der -uneingestandenen Hoffnung, ein gütiges Geschick könne irgend eine -Wendung zum Besseren herbeiführen, wodurch sie von ihrer Qual befreit -würden. Es geschah aber nichts. Die Engel und alle guten Geister -schienen ihre Hände von dem unglücklichen Gefangenen abgezogen zu haben. - -[Illustration] - -Wie oftmals zuvor schon traten die Jungen zu dem kleinen Gitter heran -und reichten Potter Tabak und Feuerzeug hindurch. Der lag am Boden und -Wächter waren keine da. - -Seine rührende Dankbarkeit hatte ihnen zuvor schon tief in's Herz -geschnitten und that's diesmal mehr als je. Als feige, elende Verräter -der schlimmsten Art aber fühlten sie sich, wie Potter sagte: - -»Ihr seid ungeheuer gut gewesen gegen mich, Jungens, -- besser als -irgend wer in der Stadt. Und ich gedenk's euch, weiß Gott, ich thu's. -Oft sag' ich zu mir selber: ›hast doch all deiner Lebtag den Jungen -nur Guts gethan, hast den Schlingeln die Drachen geflickt und die -besten Fischplätze gewiesen, aber nee, Dankbarkeit giebt's nicht, alle -haben den alten Muff vergessen, der jetzt so tief in der Tinte sitzt, -alle -- nur der Tom nicht und der Huck nicht, die haben ihn nicht -vergessen,‹ sag' ich, ›und der alte Muff, der vergißt sie auch nicht.‹ -Seht, Jungens, ich hab' ja was Furchtbares gethan, so betrunken und -verrückt wie ich war, nur so kann ich's mir erklären, jetzt soll ich -baumeln dafür und geschieht mir schon recht. Es geschieht mir recht, -sag' ich, und 's wird wohl auch das Beste für mich sein, glaub' ich. -Na, wollen's gut sein lassen, nicht weiter davon schwatzen. Möcht' -nicht, daß euch schwer um's Herz wird, weil ihr so gut gegen mich -gewesen seid. Was ich nur sagen wollt', Jungens, betrinkt euch nie, -wenn ihr groß seid, dann müßt ihr auch niemals hier sitzen, in dem -schrecklichen Loch. Wie, stellt euch doch mal 'n bißchen so her, 's ist -ein Gottestrost, freundliche Gesichter zu sehen, wenn man so in der -Patsche sitzt, und ich seh' weiter keine, als eure. Gute, freundliche -Gesichter -- gute, liebe Gesichter! Stellt euch doch mal so, steig' -mal einer auf den andern, daß ich euch auch berühren kann, -- so! So -ist's recht! Nun gebt mir die Hände, so, eure kleinen Pfoten können ja -durch's Gitter durch, meine Tatzen sind zu breit dazu. Kleine Hände, --- kleine, schwache Hände, haben dem alten Muff Potter 'ne Masse Gutes -gethan und würden's noch mehr thun, wenn sie könnten, gelt Jungens? So, -und nun trollt euch, sonst wird der alte Muff weich wie ein Waschlappen -und das taugt nichts.« - -Tom schlich sich elend und zerschlagen nach Hause und seine nächtlichen -Träume waren aller Schrecken voll. Am folgenden Tag und den Tag -darnach trieb er sich um den Gerichtssaal herum. Es zog ihn fast -unwiderstehlich hinein, und er mußte sich mit aller Macht bezwingen, -draußen zu bleiben. Huck ging es gerade so. Sie mieden einander nun -geflissentlich. Sie liefen von Zeit zu Zeit hinweg, um sich alsbald -von derselben unheimlichen Anziehungskraft zurückgetrieben zu sehen. -Tom spitzte die Ohren, sobald eine Gruppe Neugieriger den Saal -verließ, hörte aber nur Schlimmes und Schlimmeres, die Kette der -Beweise schloß sich von Minute zu Minute eherner und unerbittlicher -um den armen Potter. Am Schluß der zweiten Tagessitzung hieß es, daß -des Indianer-Joe Aussage fest und unerschütterlich gleich einer Mauer -stünde, und darüber, wie das Verdikt der Geschworenen ausfiele, könne -kaum noch ein Zweifel bestehen. - -An diesem Abend trieb sich Tom noch sehr spät draußen herum, kam -durch's Fenster heim und befand sich in einem Zustand furchtbarster -Aufregung. Stundenlang wälzte er sich auf seinem Lager, ehe er -einschlafen konnte. - -[Illustration] - -Des andern Morgens strömte die ganze Stadt dem Gerichtssaal zu, denn -heute war ja der große Tag, an dem die Entscheidung fallen sollte. -Beide Geschlechter waren zahlreich vertreten unter der dicht gedrängten -Zuhörerschaft. Nach langer Pause des Wartens traten die Geschworenen -in den Saal und nahmen ihre Plätze ein. Kurz danach brachte man Potter -herein, bleich, hohlwangig, in Ketten. Verschüchtert und hoffnungslos -saß er da, während all die neugierigen Augen ihn erbarmungslos -anstarrten. Ebenso fiel der Indianer-Joe auf, der stumpfsinnig -dreinstierte, wie gewöhnlich. Eine neue Pause folgte, dann erschien -der Richter, und der Sheriff verkündete den Beginn der Verhandlung. -Das übliche Köpfe-Zusammenstecken und Geflüster der Advokaten und -das Rascheln und Zurechtkramen der Papiere folgte. Alles dies, in -Verbindung mit den daraus entstehenden Verzögerungen, bildete eine -ebenso eindrucksvolle als unheimliche Einleitung zu dem folgenden -Drama. - -Nunmehr wurde ein Zeuge aufgerufen, welcher aussagte, daß er Muff -Potter in frühester Morgenstunde des Tages, der die Entdeckung der -Mordthat brachte, gesehen habe, wie sich derselbe am Bach wusch und -sich sofort heimlich davon schlich, als er sich beobachtet sah. Nach -einigen weiteren Fragen überwies der Staatsanwalt den Zeugen der -beklagten Partei: »Der Herr Verteidiger hat das Wort.« - -Für einen Moment erhob der Angeklagte die Augen, senkte sie aber sofort -nieder, als sein Verteidiger sagte: - -»Ich verzichte darauf.« - -Der nächste Zeuge beschwor, daß man das Messer in der Nähe der Leiche -gefunden. Wieder wies der Staatsanwalt den Zeugen dem Verteidiger zu, -und abermals verzichtete dieser auf jede Frage. - -Ein dritter Zeuge gab an, das Messer in dem Besitz Potters gesehen zu -haben. Der Staatsanwalt überweist denselben zum dritten Mal an den -Verteidiger: - -»Der Herr Verteidiger hat das Wort.« - -Und zum dritten Mal erwiderte dieser ruhig und kalt: - -»Ich verzichte!« - -Eine leise Unruhe begann sich im Publikum bemerkbar zu machen. Wollte -dieser Verteidiger denn das Leben seines Klienten ohne jeglichen -Versuch zur Rettung preisgeben? - -Mehrere Zeugen sagten aus, wie sich Potter unverkennbar schuldbewußt -benommen, da man ihn zum Schauplatz der That gebracht. Auch sie konnten -den Zeugenstand ohne weiteres Kreuzverhör verlassen. - -Jede Einzelheit der äußerst gravierenden Vorfälle, die an jenem -denkwürdigen Morgen auf dem Friedhofe stattgefunden und deren sich -jeder Anwesende erinnerte, wurde von glaubwürdigen Zeugen erhärtet, -nicht einen dieser Zeugen aber unterwarf Potters Verteidiger auch -nur dem kleinsten Verhör. Die Verblüffung und Unzufriedenheit des -Publikums hierüber gab sich in lautem Murren kund, was von Seiten des -Vorsitzenden einen Tadel und einen Verweis zur Folge hatte. Jetzt nahm -der Staatsanwalt das Wort: - -»Durch den Eid ehrenwerter Männer erhärtet, deren einfaches Wort über -jeden Verdacht erhaben ist, sehen wir uns gezwungen, das Verbrechen, -um das es sich hier handelt, dem unglücklichen Beklagten zur Last zu -legen. Wir halten den Fall hiemit für erwiesen.« - -Ein Stöhnen entrang sich des armen Potters gequälter Brust, er schlug -die Hände vor's Gesicht und wiegte den Oberkörper hin und her, im -Uebermaß des Schmerzes. Tiefes, lautloses, peinliches Schweigen -herrschte im Hause. Manch hartes Mannesherz war bewegt, und der Frauen -Mitleid bezeugte sich in Strömen von Thränen. Endlich ergriff der -Verteidiger das Wort: - -»Meine Herren Richter und Geschworenen. -- Bei Beginn dieser -Verhandlungen gaben wir unsre Absicht kund, zu Gunsten unseres Klienten -geltend zu machen, daß er die furchtbare That in dem Zustand eines -durch Uebermaß geistiger Getränke herbeigeführten sinnlosen Deliriums -beging, ein Zustand, der an sich schon jede Verantwortung ausschließen -sollte. Wir haben diese Absicht aufgegeben, wir werden uns hierauf -nicht weiter berufen.« - -Sich zum Gerichtsdiener wendend rief er dann: - -»Man führe Thomas Sawyer vor!« - -Verwundertes Staunen zeigte sich auf jedem Antlitz, dasjenige Potters -nicht ausgenommen. Jedes Auge haftete in steigendem Interesse an Tom, -als dieser sich nun erhob und dem Zeugenstand zuschritt. Verwirrt genug -sah der Knabe aus und war dabei augenscheinlich in höchster Angst. Das -Verhör begann: - -»Thomas Sawyer, wo befanden Sie sich am siebzehnten Juni um die -Mitternachtsstunde?« - -Tom streifte flüchtig mit seinem Blick die eiserne Stirn des -Indianer-Joe, und die Zunge versagte ihm den Dienst. Atemlos lauschte -die Menge, die Worte wollten nicht kommen. Nach ein paar Augenblicken -jedoch raffte sich der Junge zusammen, es gelang ihm, Gewalt über seine -Stimme zu bekommen, soweit wenigstens, daß er einem Teil des Hauses -verständlich wurde: - -»Auf dem Friedhofe.« - -»Ein wenig lauter, bitte. Nur keine Angst! Sie waren also --« - -»Auf dem Friedhofe.« - -Ein verächtliches Lächeln zuckte über das Gesicht des Indianer-Joe. - -»Befanden Sie sich irgendwo in der Nähe vom Grabe des alten William?« - -»Ja, Herr Anwalt.« - -»Könnten Sie nicht ein klein wenig lauter reden? Wie nahe ungefähr -waren Sie wohl?« - -»So nahe, wie ich hier bei Ihnen stehe.« - -»Hielten Sie sich versteckt oder nicht?« - -»Ich war versteckt.« - -»Wo?« - -»Hinter den Ulmen, die dort dicht beim Grabe stehen.« - -Der Indianer-Joe fuhr fast unmerklich zusammen. - -»War noch sonst jemand mit Ihnen?« - -»Ja, ich war dorthin gegangen mit --« - -»Halt, einen Augenblick. Wir wollen den Namen noch nicht hören, darauf -kommen wir später zurück. Hatten Sie etwas mitgebracht?« - -Tom zögerte und sah verwirrt vor sich nieder. - -»Heraus damit, mein Junge, nur nicht ängstlich. Die Wahrheit zu reden -ist immer ehrenhaft. Also, was hattest du bei dir?« - -Unbewußt war der Frager von dem förmlichen Ton eines öffentlichen -Inquirenten in den aufmunternden, väterlichen verfallen, der unsrem -Helden gegenüber weit mehr am Platze war. Dadurch ermutigt stammelte -dieser zögernd: - -»Nur -- nur -- nur 'ne tote Katze!« - -Ein leises Gekicher ließ sich vernehmen, dem sofort Einhalt geboten -wurde. - -»Wir werden uns späterhin erlauben, das betreffende Gerippe den Herrn -Geschworenen als Beweis vorzulegen. Und jetzt, mein Sohn, erzähl' du -mir alles, was du gesehen hast, erzähl's ganz schön auf deine Art, -verbirg uns nichts, vergiß nichts und vor allem fürcht' dich nicht.« - -Tom begann -- stotternd, zögernd im Anfang, da er sich aber mit seinem -Thema erwärmte, flossen ihm die Worte leichter und leichter. Nach ein -paar Momenten erstarb jedes andere Geräusch im ganzen, weiten Saale, -nur der Laut der klaren, hellen Knabenstimme war hörbar. Jedes Auge -war auf den Jungen gerichtet, offnen Mundes, mit verhaltenem Atem -folgte man seinen Worten, Richter, Geschworene, Publikum schienen der -Welt entrückt, so gefesselt waren sie von der drastischen Schilderung -der grausigen That. Die atemlose Erregung der Versammlung hatte ihren -Höhepunkt erreicht, als der Junge sagte: »Und wie der Doktor mit -dem Brett auf den Muff Potter einhieb und der umfiel, da sprang der -Indianer-Joe mit dem Messer auf und --« - -Krach! Rasch wie der Blitz war der Indianer-Joe mit einem Sprung -emporgeschnellt, dem Fenster zugestürzt, die ihm im Weg Stehenden -zur Seite schleudernd, und ehe man zur Besinnung kam, hatte er sich -hindurchgeschwungen und -- war verschwunden! - - - - -Zweiundzwanzigstes Kapitel. - - -Wiederum war Tom zum strahlenden Helden der Stadt geworden, -- ein -Liebling der Alten, der Neid der Jugend. Sein Name wurde sogar durch -den Druck unsterblich gemacht, das Blättchen der Stadt erging sich in -vielen Lobpreisungen seiner Heldenthat. Einige seiner Mitbürger dachten -allen Ernstes dran, daß er Aussicht haben könne, einstmals Präsident zu -werden -- d. h., wenn er nicht zuvor gehenkt würde. - -Wie gewöhnlich schloß die unbeständige, gedankenlose Welt Muff Potter -jetzt an ihr Herz, schmeichelte ihm und hätschelte ihn so ausgiebig, -wie sie ihn zuvor beschimpft hatte. Da ihr dies Verfahren im Grund aber -zur Ehre gereicht, wollen wir's nicht weiter tadeln. - -Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Entzückens, seine Nächte -dagegen Zeiten des Grauens. Der Indianer-Joe spukte in all seinen -Träumen, Tod und Vernichtung standen ihm im Gesichte geschrieben. Keine -Versuchung, noch so groß, gab es nun, die den Jungen hätte bewegen -können, nach Einbruch der Nacht sich hinaus zu wagen. Der arme Huck -befand sich ganz im selben Zustand des Schreckens und Entsetzens, denn -Tom hatte am Abend vor der letzten Gerichtsverhandlung dem Verteidiger -von Muff Potter die ganze Sache haarklein gebeichtet und Huck -zitterte davor, daß sein Anteil an der Geschichte doch noch ruchbar -werden könnte, trotzdem ihm des Indianer-Joe Flucht die Qual eines -öffentlichen Erscheinens vor Gericht erspart hatte. Der arme Bursche -hatte freilich den Herrn Verteidiger beschworen, reinen Mund zu halten, -und dieser hatte es ihm auch versprochen; aber welche Sicherheit bot -ihm das? Seit die Gewissensqual Tom dazu getrieben, dem Verteidiger -bei Nacht und Nebel jenes grause Geheimnis zu enthüllen, das ihm mit -schauerlichen, unheimlichen Eiden für ewig auf die Lippen gesiegelt -schien, war Hucks Vertrauen in das menschliche Geschlecht erschüttert, -ja vernichtet. Alltäglich erfüllten Muff Potters rührende Dankesbeweise -Tom mit Freude und Stolz, daß er geredet, und allnächtlich wünschte -er inständig, das Geheimnis bewahrt zu haben. Einmal fürchtete Tom, -man möchte den Indianer-Joe niemals erwischen, dann wieder entsetzte -ihn der Gedanke, daß man ihn doch später finden könne. Er fühlte mit -Bestimmtheit, daß er keinen ruhigen Atemzug mehr thun könne, ehe dieser -Mensch nicht tot sei und er seine Leiche gesehen habe. - -Belohnungen waren ausgesetzt, die ganze Gegend durchsucht worden, aber -kein Indianer-Joe wurde gefunden. Man hatte eines jener allwissenden, -scheue Ehrfurcht einflößenden Wunderwesen, einen Detektiv aus St. -Louis, verschrieben. Der schnüffelte umher, schüttelte sein weises -Haupt, sah geheimnisvoll aus, und hatte denselben erstaunlichen Erfolg, -den die meisten Angehörigen seines Berufes erringen, das heißt, er -entdeckte, wie er sagte, ›den Schlüssel zum Rätsel‹. Da man aber -besagten Schlüssel nicht des Mordes verklagen und henken konnte, fühlte -sich Tom, nachdem der weise Mann gegangen, ebenso unsicher als zuvor. - -Die Tage schleppten sich langsam dahin, zum Glück aber nahm ein jeder -neue Tag ein klein wenig von der Seelenangst mit sich hinweg, die auf -dem armen Knaben lastete. - - - - -Dreiundzwanzigstes Kapitel. - - -[Illustration] - -Es naht einmal eine Zeit in dem Leben eines jeden Jungen von echtem -Schrot und Korn, wo er ein rasendes Verlangen empfindet, nach -verborgenen Schätzen zu graben. Dies Verlangen nun überfiel eines Tages -unsern Tom mit Allgewalt. Er wollte sich gleich mit Joe Harper in -Verbindung setzen; dieser war jedoch nicht zu finden. Dann schaute er -sich nach Ben Rogers um, und der war fischen gegangen. Zufällig stieß -er auf Huck Finn, den ›Rot-Händigen‹, und in Ermangelung der andern war -ihm dieser auch recht. Tom zog ihn beiseite an einen geheimen Ort und -teilte ihm im Vertrauen den Plan mit. Huck war einverstanden. Huck war -immer bereit, die Hand zu irgend einem Unternehmen zu bieten, welches -Vergnügen versprach und kein Kapital erforderte, denn er hatte einen -Ueberfluß von der Zeit, die _kein_ Geld ist. - -»Wo sollen wir graben?« fragte Huck. - -»Na, so 'n bißchen überall.« - -»Was? giebt's denn überall 'nen Schatz?« - -»Wie du nur so fragen magst! Die sind immer nur an ganz besonderen -Plätzen. Mal auf 'ner Insel, dann in 'ner alten, verfaulten Kiste, die -unter einem alten, vermoderten Baumstamm verscharrt ist, grad' da, wo -der Schatten um Mitternacht hinfällt; gewöhnlich aber steckt der Schatz -unter'm Boden eines Hauses, in dem's spukt.« - -»Wer steckt 'n denn da hin?« - -»Wer? Ei, Räuber natürlich, wer denn sonst? Etwa 'n Vikar, der die -Sonntagsschule hält, was?« - -»Was weiß ich? Das weiß ich aber gewiß, ich würd' den Schatz nicht -irgendwo vergraben, wenn er mein wär', sondern nehmen und ausgeben und -lustig damit leben.« - -»Ich auch. Räuber aber machen's anders, die vergraben ihn immer und -lassen ihn liegen.« - -»Und gucken gar nie mal danach?« - -»Nee. Sie wollen wohl, aber dann haben sie die Zeichen vergessen, oder -sterben gewöhnlich. Na, auf jeden Fall liegt der Schatz da 'ne Ewigkeit -und wird rostig. Und dann nach einiger Zeit entdeckt mal einer ein -altes, gelbes Papier, auf dem steht, wie man die Zeichen finden kann, -ein Papier, an dem man 'ne Woche lang und länger 'rum buchstabieren und -entziffern muß, denn 's steht nichts weiter drauf, als geheimnisvolle -Krakelfüße und Hieroglyphen.« - -»Hiero -- was?« - -»Hieroglyphen -- Bilder und Gekritzel und solches Zeug, von dem man -meint, es habe keinen Sinn.« - -»Hast _du_ denn so 'n Papier, Tom?« - -»Nee.« - -»Na, und wo willst du denn da die Zeichen finden?« - -»Zeichen? Ich brauch' keine Zeichen. Ich weiß ja genau, daß der Schatz -immer unter 'nem Spukhaus, oder auf 'ner Insel, oder unter 'nem alten, -abgestorbenen Baum liegt, der noch einen Ast in die Höhe streckt. Na, -wir haben ja die Jackson-Insel schon mal 'n bißchen abgesucht, dort -können wir's noch mal probieren. Dann haben wir ja das alte, verfallene -Spuknest, droben am Stillhausbach, und Haufen von alten, abgestorbenen -Bäumen überall, -- Haufen, sag' ich dir!« - -»Na, und unter allen liegt einer vergraben?« - -»Unsinn! Du fragst wie du's verstehst. Natürlich nicht.« - -»Wie willst du dann aber wissen, welches der rechte ist?« - -»Ei, wir probieren's eben überall.« - -»Herrgott, Tom, da geht ja der ganze Sommer drauf.« - -»Das wohl! Gelt, wenn du dann aber 'nen alten Topf mit hundert -blitzeblanken Dollars drin kriegst, oder 'ne Kiste voll Diamanten, dann -wärst du nicht böse?« - -Hucks Augen glühten. - -»Das -- das wär' 'n Fressen für mich; das Geld genügte mir, die -Diamanten ließ ich dir!« - -»Schon recht. Ich werf' sie nicht weg, sag' ich dir, Dummkopf! Ei, -einer davon ist oft mehr wert, als zwanzig Dollars, 's giebt keinen, -der nicht zum wenigsten sechzig, siebzig Cents oder 'nen Dollar gilt.« - -»Nee! Wahrhaftig?« - -»Na, das kann dir 'n Wickelkind sagen! Hast du denn nie mal einen -gesehen, Huck?« - -»Nee. Nicht daß ich wüßte!« - -»O, Könige haben ganze Haufen davon.« - -»Na, ich kenn' aber keine Könige, Tom.« - -»Glaub's wohl! Nee, wenn du mal nach Europa gingst, könnt'st du sie in -Scharen 'rumhopsen sehen.« - -»Hopsen die denn?« - -»Hopsen? -- Bist wohl verrückt? Nein, hopsen thun sie nicht.« - -»Na, was sagst du's denn?« - -»Däsbartel! Ich wollt' ja nur sagen, dann könnt'st du sie _sehen_, -- -nicht hopsen, natürlich, -- weshalb sollten sie denn hopsen? Ich meinte -nur, so im allgemeinen würdest du 'ne Menge davon sehen, überall 'rum. -Zum Beispiel den alten, buckeligen Richard.« - -»Richard -- wie heißt er weiter?« - -»Ei, Richard bloß, hat keinen anderen Namen. Könige haben nur einen -Rufnamen.« - -»Wahrhaftig?« - -»Weiß Gott, sie haben nur einen.« - -»Na, wenn's ihnen recht ist, Tom, mir kann's eins sein. Ich möcht' aber -kein König sein und nur so einen lumpigen Namen haben, grad' wie 'n -elender Nigger. Aber sag' mal, wo wollen wir denn zuerst graben?« - -»Weiß selber nicht. Wie wär's, wenn wir uns mal zuerst an den alten -Baum machten, da drüben auf dem Hügel über'm Stillhausbach?« - -»Mir recht!« - -So verschafften sie sich denn eine alte, ausgediente Hacke und Schaufel -und machten sich auf ihren Marsch von drei Meilen. Heiß und außer -Atem kamen sie an und warfen sich zum Ausruhen in den Schatten einer -benachbarten Ulme, holten ihre Pfeifen hervor und dampften wacker drauf -los. - -»So mag ich's,« sagte Tom. - -»Ich auch.« - -»Sag' mal, Huck, wenn wir hier 'nen Schatz finden, was willst du dann -mit deinem Teil anfangen?« - -»Ich? Ei, ich eß' jeden Tag Kuchen und Pasteten, und trink' Wein und -Sodawasser dazu. Und dann geh' ich in jeden Zirkus, der kommt und -- -na, ich will mir schon ein vergnügtes Leben machen!« - -»Und sparen willst du dir gar nichts?« - -»Sparen? Zu was?« - -»Ei, um später was zum Leben zu haben.« - -»Würd' mir nichts helfen, Tom. Mein Alter kommt gewiß mal wieder zum -Vorschein, und wenn ich's nicht vorher thät', hätt' der bald genug mit -allem aufgeräumt, darauf wett' ich. Was willst du denn mit deinem Teil -anfangen, Tom?« - -»Ich? ich kauf' mir erst mal eine neue Trommel und ein richtiges -Schwert und eine rote Krawatte und 'ne junge Bulldogge und dann -- dann -verheirat' ich mich.« - -»Verheirat'st dich?« - -»Jawohl.« - -»Tom, du -- bist wohl übergeschnappt?« - -»Wart' nur -- dann sollst du's erleben.« - -»Na, Tom, das ist einfach das Dümmste, was du thun kannst. Nimm nur -mal meinen Alten und meine Mutter an. Nichts als Keilerei! Die haben -immerzu aufeinander losgedroschen, das weiß ich noch ganz gut.« - -»Das will gar nichts sagen. Das Mädchen, das ich heirat', prügelt sich -nicht herum.« - -»Tom, glaub's nicht, die sind alle gleich. Das Zuhauen versteht 'ne -jede. Ueberleg' dir's noch ein Weilchen, sag' ich dir -- überleg' -dir's. Wie heißt denn das Mädel?« - -»'s ist kein Mädel -- es ist ein Mädchen.« - -»Na, das kommt auf eins heraus. Mädel oder Mädchen, 's ist ganz -dasselbe, gehupft wie gesprungen. Na also, wie heißt sie, Tom?« - -»Will dir's vielleicht später mal sagen. Jetzt nicht.« - -»Mir auch recht. Nur werd' ich, wenn du dich verheirat'st, noch viel -alleiner sein als je.« - -»Nein, das sollst du nicht. Du kommst und wohnst bei mir. Na, jetzt laß -uns aber vorwärts machen und an die Arbeit gehen.« - -Eine halbe Stunde lang gruben und schwitzten sie. Kein Erfolg. Noch -eine halbe Stunde der Mühe und des Schweißes. Derselbe Erfolg. Jetzt -sagte Huck: - -»Liegt so 'n Schatz immer so tief drunten?« - -»Manchmal, -- nicht immer. Gewöhnlich nicht. Wir haben eben vermutlich -nicht den richt'gen Platz getroffen.« - -[Illustration] - -Sie wählten eine andere Stelle und fingen von neuem an. Etwas weniger -rasch als im Anfang ging die Arbeit von statten, doch machten -sie Fortschritte. Stillschweigend mühten sie sich eine Weile ab. -Schließlich stützte sich Huck auf seine Schaufel, wischte sich mit -seinem Aermel die Schweißtropfen von der Stirn und fragte: - -»Wo gehen wir nachher hin, wenn wir hier fertig sind?« - -»Ei, an den alten Baum, denk' ich, der dort auf dem Cardiff-Hügel -hinter dem Haus der Witwe Douglas steht.« - -»Einverstanden! Wird uns aber die Witwe den Schatz nicht wegnehmen? Der -Baum steht doch auf ihrem Boden.« - -»_Die_ uns wegnehmen? Sollt's mal probieren! Wer so 'nen Schatz findet, -dem gehört er auch. 's kommt gar nicht drauf an, wo er gefunden wird.« - -Das lautete beruhigend. Die Arbeit schritt voran. Endlich sagte Huck: - -»Hol's der Geier! 's muß wieder der falsche Platz sein. Was meinst du?« - -»Sonderbar ist's, Huck, ich versteh's nicht recht. Manchmal steckt -Hexerei dahinter. Vielleicht ist's jetzt auch hier so.« - -»Dummes Zeug! Hexen haben am Tag keine Macht.« - -»Wahr ist's, daran hab' ich nicht gedacht. Ach, jetzt weiß ich, was -schuld ist! Was wir für einfältige Narren sind! Man muß ja doch erst -wissen, wo der Schatten des Baumes um Mitternacht hinfällt, und da -liegt der Schatz.« - -»Na, dann hol's der Teufel! Dann ist ja die ganze Graberei umsonst -gewesen. Hol's der Henker, alles mit'nander, müssen also in der Nacht -den scheußlich weiten Weg noch einmal machen! Kannst du los kommen?« - -»Freilich kann ich. Heut' nacht muß es jedenfalls sein, denn wenn einer -kommt, und sieht die Wühlerei und die Löcher, dann weiß er gleich, -was los ist, macht sich selber dahinter und schnappt uns am Ende die -Bescherung vor der Nase weg.« - -»Gut also. Ich werd' diese Nacht kommen und miauen.« - -»Schön. Komm her, wir verstecken unsre Hacke und Schaufel im -Gebüsch.« -- - -Zur festgesetzten Zeit waren denn auch die Jungen in der Nacht an -Ort und Stelle. Wartend saßen sie im Schatten. Es war ein einsamer -Ort und eine von Alters her feierliche Stunde. Geister flüsterten im -raschelnden Laube, Gespenster lauerten in dunkeln Ecken und Winkeln, -das dumpfe, tiefe Gebell eines Hundes erscholl aus der Ferne, dem -eine Eule mit hohler Grabesstimme antwortete. Diese ahnungsvolle -Feierlichkeit der Stunde lastete auf den beiden Jungen, sie sprachen -wenig. Nach einer Weile, als sie dachten, nun müsse Mitternacht da -sein, machten sie einen Strich, wo der Mondschein den Schatten des -Baumes hinwarf, und begannen zu graben. Ihre Hoffnungen stiegen. -Das Interesse wuchs, und der Fleiß hielt ehrlich Schritt. Das Loch -wurde tiefer und tiefer, aber jedesmal, wenn sie die Hacke auf etwas -Festes aufklingen hörten und ihnen das Herz voll freudiger Erwartung -laut klopfte, war's nichts als erneute Enttäuschung. Ein Stein war's -gewesen, oder ein alter Holzknüppel! Endlich sagte Tom: - -»Es nutzt nichts, Huck, 's ist wieder der falsche Platz.« - -»'s kann nicht sein, Tom, wir haben ja den Schatten auf's Haar -abgezirkelt.« - -»Weiß ich. Aber da ist noch was anderes.« - -»Was denn?« - -»Ja sieh'. Wir haben doch die Zeit nur so ungefähr erraten. Am Ende -war's zu spät oder zu früh.« - -Huck ließ die Schaufel sinken. - -»Das ist's, weiß Gott!« sagte er. »Da liegt der Hund begraben! Ich -meine, wir lassen die Sache bleiben. Wie sollen wir je die richtige -Zeit herausfinden, und außerdem -- 's ist so gruselig hier um die Zeit -in der Nacht mit all den Geistern und Gespenstern, die nur so in der -Luft herum flattern. Ich mein' immerzu, 's stünd' einer hinter mir, -aber ich fürcht' mich herumzuschauen, weil ja auch einer vor mir sein -könnt', der nur auf die Gelegenheit wartet, bis ich den Kopf dreh'. -Seit ich hier bin, läuft's mir fortwährend eiskalt über den Rücken!« - -»Mir geht's beinah' ebenso, Huck. Weißt du, meistens liegt auch bei so -'nem Schatz irgend ein toter Mensch vergraben, der Wache halten soll.« - -»Herr, du mein Gott!« - -»Ja, so ist's, das hab' ich oft gehört.« - -»Tom, ich befaß' mich nicht gern mit den Toten. Die machen einem immer -nur Ungelegenheiten.« - -»Ich hab' auch keine Lust, sie aufzuwecken. Denk' mal, wenn der hier -plötzlich seinen Schädel 'raus streckte und was sagen wollte.« - -»Tom, Tom, hör' auf. 's ist schauerlich!« - -»Das ist's, Huck. Mir ist auch kein bißchen wohl dabei, sag' ich dir.« - -»Komm, Tom, wir stecken's auf und graben mal wo anders.« - -»Gut, 's ist am End' besser.« - -Tom dachte ein Weilchen nach und sagte dann: - -»Im Gespensterhaus. Das ist der richt'ge Ort!« - -»Hol's der Geier. Ich mag keine Häuser, in denen's spukt, Tom. Weiß -Gott, Gespenster sind fast noch schlimmer als tote Menschen. Die mögen -meinethalben mal plötzlich, ohne daß man dran denkt, den Mund aufthun -und einen erschrecken, aber die kriechen doch nicht herum in ihren -Leichentüchern wie die Gespenster, und sehen einem plötzlich über die -Schulter, wenn man gar nicht an sie denkt, und klappern mit den Zähnen -und Beinern. Das könnt' ich nicht aushalten, Tom, -- kein Mensch könnt' -so was.« - -»Ja, aber, Huck, Gespenster spuken doch nur in der Nacht. Am Tag werden -sie uns dort am Graben nicht hindern.« - -»Das ist wohl wahr. Aber du weißt selber, daß keiner hier gern dem -Gespensterhaus nah' geht, bei Tag nicht und nicht bei Nacht!« - -»Na, das ist doch auch nur, weil mal einer da ermordet worden ist. -Aber gesehen hat man nie was Unheimliches in der Nacht um das Haus -herum, höchstens mal 'n blaues Licht am Fenster vorbeihuschen, -- keine -richtigen Gespenster.« - -»Na, wo du aber so 'n blaues Flämmchen siehst, Tom, kannst du Gift -drauf nehmen, daß 'n Geist dicht dahinter ist. Das ist doch so klar wie -was! Denn wer anders als Geister braucht so'n Licht?« - -»Das kann sein. Aber auf keinen Fall kommen sie bei Tag heraus. Also -brauchen wir uns gar nicht zu fürchten.« - -»Gut, mir soll's recht sein. Wir wollen das Gespensterhaus vornehmen. -Aber -- aber ich glaub' riskiert ist's doch!« - -Unter diesem Geplauder waren sie am Fuß des Hügels angelangt. Dort, -inmitten des mondbeglänzten Thales, stand das ›Gespensterhaus‹, -gänzlich vereinsamt, mit längst verfallener Umzäunung. Ueppig rankendes -Unkraut überzog Treppenstufen und Thürschwelle, der Schornstein war -in Trümmer zerfallen; leer starrten die Fensterhöhlen, ein Teil des -Daches war eingesunken. Eine Weile blickten die Jungen unverwandt -auf den gespenstischen Ort, immer halb in Erwartung, die blauen -Flämmchen hinter den Fenstern vorbeihuschen zu sehen. Sie sprachen im -Flüstertone, wie es zu Zeit und Umständen paßte. Dann rissen sie sich -los von der unheimlichen Stätte, die sie in weitem Bogen umkreisten, -und schlugen sich heimwärts durch die Wälder, welche die Rückseite des -Cardiff-Hügels mit ihrem Grün schmückten. - -[Illustration] - - - - -Vierundzwanzigstes Kapitel. - - -Um die Mittagsstunde des nächsten Tages fanden sich die Jungen wiederum -am Schauplatz ihrer nächtlichen Thaten ein, um ihr Werkzeug zu holen. -Tom war sehr ungeduldig und konnte gar nicht schnell genug nach dem -›Gespensterhaus‹ kommen. Huck, etwas gemäßigter in seinem Eifer, sagte -plötzlich: - -»Sag' mal, Tom, weißt du, was heut' für 'n Tag ist?« - -Tom ließ im Geiste die Wochentage an sich vorüber ziehen und hob dann -den Kopf erschreckten Blickes: - -»Ei, der Tausend, daran hab' ich gar nicht gedacht, Huck.« - -»Na, ich zuerst auch nicht. Mit einem Male aber fiel's mir siedend heiß -ein, daß heut' Freitag sei.« - -»Potz Blitz! man kann doch nie vorsichtig genug sein, Huck. Wir hätten -schön in die Patsche geraten können, wenn wir mit so was am Freitag -angefangen hätten.« - -»Hätten geraten können? Ich sag' _wären_ geraten! 's giebt Glückstage, -aber der Freitag ist keiner!« - -»Das weiß jeder Narr. Du denkst doch nicht, daß du der erste bist, der -das herausgefunden, Huck?« - -»Hab' ich das vielleicht gesagt? Und der Freitag allein ist noch nicht -alles, -- hab' 'nen scheußlich schlechten Traum gehabt, heut' nacht -- -hab' von Ratten geträumt.« - -»Ist's möglich? Na, 'n sichres Zeichen von Pech. Bissen sie sich -herum?« - -»Nein.« - -»Na, dann ist's gut, Huck. Wenn sie sich nicht herumbeißen, soll's nur -bedeuten, daß irgendwo Unheil lauert, weißt du. Da brauchen wir einfach -nur die Augen gut aufzumachen und dem Pech aus dem Weg zu gehen. Auf -jeden Fall aber wollen wir's heut' sein lassen und lieber spielen. -Kennst du Robin Hood, Huck?« - -»Nee, wer ist's?« - -»O, der war einer der größten Männer, die je in England lebten, und der -Beste dazu. Er war ein Räuber.« - -»Patent! Wollt' ich wär's. Wen hat er denn beraubt?« - -»Ei, nur Sheriffs und Bischöfe und reiche Leute und Könige und -dergleichen. Die Armen aber ließ er ganz in Ruhe, die hatte er lieb. -Mit denen hat er immer alles ganz brüderlich geteilt.« - -»Das muß ja 'n Staatskerl gewesen sein.« - -»Das war er, weiß Gott, Huck. Das war einfach der beste Mensch, der je -gelebt hat. So giebt's jetzt gar keine Menschen mehr, sag' ich dir. Der -konnte jeden Mann in England zwingen mit _einer_ Hand, man durfte ihm -die andere festbinden. Und dann nahm er seinen Eiben-Bogen und traf -jedes Zehn-Centstück auf anderthalb Meilen Entfernung.« - -»Was ist denn ein Eiben-Bogen?« - -»Was weiß ich? Eben irgend ein Bogen natürlich. Und wenn er dann das -Geldstück nur am Rande traf, statt in der Mitte, da setzte er sich hin -und weinte -- und fluchte. Komm', laß uns Robin Hood spielen, 's ist -fein, sag' ich dir. Ich zeig's dir, wie.« - -»Mir recht.« - -So spielten sie denn Robin Hood den ganzen Nachmittag, hie und da einen -sehnsüchtigen Blick nach dem alten ›Gespensterhaus‹ da unten werfend -und sich über die Aussichten und Möglichkeiten des folgenden Tages -unterhaltend. Als die Sonne bedenklich gen Westen sich neigte, schlugen -sie den Heimweg ein, quer durch die langen Schatten, welche die Bäume -nun warfen, und waren bald in den Wäldern des Cardiff-Hügels dem Auge -entschwunden. -- - -Am Sonnabend, kurz nach der Mittagsstunde, stellten sich die Jungen -wieder an jenem bewußten alten Baume ein. Erst rauchten und schwatzten -sie ein Weilchen im Schatten desselben, dann wühlten sie noch ein wenig -in ihrem letzten Loch herum, nicht sehr hoffnungsvoll allerdings, -sondern nur, weil Tom meinte, es sei schon so oft vorgekommen, daß -man beim Schatzgraben dem gesuchten Schatz auf sechs Zoll Entfernung -nahe gekommen und das Ding darnach mutlos aufgegeben habe, nur damit -ein anderer dann mit einem einzigen Spatenstich die ganze Herrlichkeit -entdecke. Die Sache schlug indes wieder fehl, und so schulterten die -Jungen ihr Werkzeug und gingen davon, in dem erhebenden Bewußtsein, -mit dem Glück nicht gespielt zu haben, sondern im Gegenteil jedes -Erfordernis getreulich erfüllt zu haben, das zu dem Geschäft des -Schatzgrabens gehört. - -Als sie das Gespensterhaus erreichten, lag etwas so Schauerliches -und Unheimliches in der Totenstille, die dort unter der sengenden -Sonnenglut herrschte, etwas so Bedrückendes in der Einsamkeit und -Verlassenheit des Ortes, daß die Jungen einen Moment lang sich nicht -getrauten hinein zu gehen. Dann schlichen sie nach der Thür und -hielten zitternd Umschau. Sie sahen eine mit Unkraut überwucherte -Stube vor sich, den Boden ohne Dielen, die Wände ohne Bewurf, mit -einem eingesunkenen Kamin, mit leeren Fensterhöhlen und einer halb -verfallenen Treppe. Allenthalben hingen Fetzen von verstäubten, -verlassenen Spinngeweben herum. Vorsichtig, zögernd traten die Jungen -ein, beschleunigten Pulses, im Flüsterton redend, gespitzten Ohres, -bereit, den geringsten Laut aufzufangen, die Muskeln gespannt, um -jeden Moment zum Rückzug bereit zu sein. - -[Illustration] - -Bei näherer Bekanntschaft mit dem Ort verringerte sich allmählich -ihre Furcht, und unsere beiden Helden unterwarfen die Lokalität einer -genauen und eingehenden Prüfung, nicht ohne dabei im stillen ihre -eigene Kühnheit zu bewundern und zugleich darob zu erstaunen. Unten -fertig, wollten sie sich nun auch oben umsehen. Das hieß so viel, als -sich den Rückzug abschneiden, aber sie waren nun einmal im Zuge, sich -gegenseitig im Herausfordern der Gefahr zu überbieten, und so warfen -sie denn ihr Werkzeug in einen Winkel und stiegen hinauf. Oben fanden -sie dieselben Zeichen des Verfalls. In einem Winkel entdeckten sie -einen Wandschrank, der irgend ein Geheimnis zu bergen versprach, -- -dies Versprechen war aber Täuschung und Betrug: der Schrank war leer. -Der Mut schien ihnen nun voll und ganz wiedergekehrt, und eben waren -sie im Begriff, hinunter und an die Arbeit zu gehen, als -- - -»Sscht!« sagte Tom. - -»Was giebt's?« flüsterte Huck, vor Schreck erbleichend. - -»Sscht! Da! Hörst du?« - -»Ja! O, du meine Güte! Laß uns rennen!« - -»Still, halt dich ruhig und muckse dich nicht. Sie kommen grad' auf die -Thür los.« - -Die Jungen streckten sich auf dem Boden aus, spähten mit den Augen -durch die Astlöcher in den Dielen und warteten zitternd vor verhaltener -Furcht und Erregung. - -»Sie bleiben stehen -- nein -- sie kommen -- da -- da sind sie. Kein -Wort mehr, Huck. Herrgott, wären wir doch mit heiler Haut aus der -Patsche!« - -Zwei Männer traten ein. Jeder der Jungen sagte zu sich selber: - -»Der eine ist der alte, taubstumme Spanier, den man in der letzten Zeit -ein- oder zweimal in der Stadt gesehen hat, -- den andern kenn' ich -nicht.« - -›Der andere‹ war ein zerlumpter, ungekämmter Kerl, dessen Gesicht nicht -eben einnehmend war. Der Spanier war in seine ›Serape‹ gehüllt, er -hatte einen buschigen, weißen Schnauzbart; langes, weißes, wehendes -Haar stahl sich unter seinem breiträndigen Hute vor, dazu trug er grüne -Augengläser. Als sie herein kamen, redete eben ›der andere‹ mit leiser -Stimme auf ihn ein. Sie ließen sich auf dem Boden nieder, das Gesicht -der Thüre zugewandt und mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt. Der -Sprechende fuhr in seinen Bemerkungen fort. Je länger er sprach, desto -mehr verlor sich sein vorsichtiges Wesen und desto lauter wurden seine -Worte. - -»Nein,« sagte er, »ich hab's mir überlegt, aber ich mag nicht. 's ist -mir viel zu gefährlich.« - -»Gefährlich,« brummte der ›taubstumme‹ Spanier, zum größten Erstaunen -der lauschenden Jungen, »Hasenfuß!« - -Diese Stimme ließ die Jungen voll Entsetzen erbeben und nach Atem -ringen. Es war die Stimme des Indianer-Joe. - -Ein Schweigen folgte, dann sagte dieser: - -»Was giebt's wohl Gefährlicheres, als das letzte Stückchen, das ich -dort drüben geliefert, -- damit wies er mit dem Finger nach der -Richtung der Stadt, -- und ist da vielleicht was 'raus gekommen dabei?« - -»Das ist was anderes! Soweit flußaufwärts und kein anderes Haus in der -Nähe! Wie soll überhaupt etwas 'raus kommen, wenn wir keinen Erfolg -gehabt haben.« - -»Na, und was ist gefährlicher, als bei Tag hierher kommen? Ei jedem, -der uns sähe, müßten wir doch verdächtig scheinen.« - -»Das weiß ich. Aber nach dem dummen Stückchen von neulich war kein -Platz so gelegen. Ich muß weg aus der Bude hier! Hab's gestern schon -gewollt, nur nutzte es nichts, da die verteufelten Jungens da oben beim -alten Baum vor unserer Nase ihr Spiel trieben.« - -Die ›verteufelten Jungens‹ erbebten bei dieser Bemerkung und -beglückwünschten sich innerlich, daß sie sich des Freitags erinnert und -beschlossen hatten, einen Tag zu warten. Wie wünschten sie jetzt, statt -eines Tages ein Jahr gewartet zu haben! Die zwei Männer kramten nun -Nahrungsmittel aus und machten sich eine Mahlzeit zurecht. Nach einer -langen, gedankenvollen Pause sagte der Indianer-Joe: - -»Will dir mal was sagen, Kamerad. Du machst dich wieder flußaufwärts, -wo du hingehörst, und bleibst dort, bis du von mir Nachricht hast. -Ich schleich' mich noch mal in die Stadt, geh's wie's will, und halt' -Umschau. An das ›gefährliche Stückchen‹ gehen wir dann erst, wenn ich -die Zeit dazu für gekommen halte. Dann auf und davon nach Texas!« - -Dieser Plan ließ sich hören und fand keinen Widerspruch. Die Männer -begannen zu gähnen und Joe sagte: - -»Ich bin todmüde! An dir ist die Reihe zu wachen!« - -Er kauerte sich zusammen und begann alsbald zu schnarchen. Sein -Kamerad stieß ihn ein paarmal an, worauf er stille ward. Alsbald -begann der Wächter zu nicken, sein Kopf sank tiefer und tiefer, nun -schnarchten beide Männer. - -Die Jungen holten tief und dankerfüllt Atem. Tom wisperte: - -»Jetzt gilt's, komm!« - -Huck erwiderte: - -»Ich kann nicht. Ich fiel' geradeswegs tot hin, wenn sie aufwachen.« - -Tom trieb, Huck zögerte. Schließlich erhob sich Tom vorsichtig und -leise und schickte sich an, allein sein Heil zu probieren. Beim ersten -Schritt aber, den er vorwärts that, krachte die alte, morsche Diele so -laut und drohend, daß er plötzlich halbtot vor Schreck wieder umsank. -Einen zweiten Versuch wagte er nicht. So lagen denn die Jungen und -zählten die träge sich dahinschleppenden Sekunden, bis sie meinten, -alle Zeit müsse aufgehört haben, ja die Ewigkeit schon grau geworden -sein, und sie waren heißen Dankes voll, als sie bemerkten, daß die -Sonne sich zu neigen begann. - -Einer der Schlafenden hörte jetzt auf zu schnarchen. Der Indianer-Joe -richtete sich empor, starrte um sich, lächelte grimmig über seinen -Kameraden, dessen Kopf auf die Kniee gesunken war, stieß ihn mit dem -Fuße an und sagte: - -»Na, du bist ein Wächter, das muß ich sagen! Uebrigens einerlei, 's ist -ja nichts passiert.« - -»Meiner Treu, -- ich hab' doch nicht -- hab' ich wirklich geschlafen?« - -»So 'n bißchen, sollt' ich denken. Na, Zeit zum Abzug für uns, Kamerad! -Was thun wir mit dem bißchen Baren, das wir noch haben?« - -»Weiß ich's? Hier lassen, wie wir's immer gemacht haben, das wird wohl -am besten sein. Können's doch nicht herumschleppen, bis wir nach dem -Süden gehen. Sechshundertundfünfzig Dollars ist 'ne ordentliche Last!« - -»Na gut, -- schon recht! Liegt ja auch nichts dran, wenn wir noch mal -hierher müssen.« - -»Nee, aber dann möcht' ich doch raten in der Nacht zu kommen, wie -früher, 's ist doch besser für alle Fälle!« - -»Ganz gut, aber hör' mal zu. Es kann 'ne gute Weile dauern, eh' sich -die rechte Gelegenheit findet zu dem Stückchen, das wir vorhaben. 's -könnt' uns was zustoßen. 's ist an gar keinem so sehr guten Orte hier. -Wir wollen's ordentlich vergraben, -- tief vergraben.« - -»Das ist 'ne gute Idee,« meinte der Kamerad, ging quer durch den Raum -auf's Kamin zu, kniete nieder, hob einen von den hinteren Steinen -desselben in die Höhe und nahm einen Beutel heraus, worin es bei der -Berührung vielversprechend klang. Dem entnahm er zwanzig oder dreißig -Dollars für sich selber, ebensoviel für den Indianer-Joe, und reichte -dann den Beutel dem Letzteren, der in einer Ecke auf den Knieen lag und -mit seinem langen und breiten Messer den Grund aufwühlte. - -Die Jungen vergaßen ihre ganze Angst und all ihr Elend in einem -Augenblick. Mit glänzenden, gierigen Blicken folgten sie jeder -Bewegung. Solches Glück! Der Strahlenglanz desselben überstieg jede -Einbildungskraft! Sechshundert Dollars waren ja Geld genug, um ein -halbes Dutzend Jungen reich zu machen. Das nannte man Schatzgraben -unter den glücklichsten Umständen, da gab's keine hindernde -Ungewißheit, wo man eigentlich nachzugraben habe. Sie stießen einander -beständig an, mit beredten, leicht verständlichen Rippenstößen, die -einfach bedeuten sollten: »Herrgott, bist du nun nicht froh, daß wir -hier sind?« - -Joes Messer stieß auf etwas Hartes. - -»Holla,« sagte er. - -»Was giebt's?« fragte der andre. - -»Eine verfaulte Diele, -- nee 's ist 'ne Kiste, glaub' ich. Schnell, -pack' an und wir wollen bald dahinter kommen, was die hier soll. Laß -gut sein, ich hab' 'n Loch hinein gebrochen.« - -Er griff in die Kiste und zog die Hand sofort wieder heraus. - -[Illustration] - -»Mensch, 's ist Geld!« - -Die beiden Männer untersuchten nun die Handvoll Münzen. Es war Gold. -Die Jungen oben waren ebenso entzückt, wie die zwei Strolche unten. - -Joes Kamerad sagte: - -»Damit wollen wir kurzen Prozeß machen. Dort liegt 'ne alte, rostige -Hacke in der Ecke, drüben auf der andern Seite des Kamins. Ich hab's -eben gesehen.« - -Er sprang hin und brachte die Hacke und Schaufel der Jungen herbei. -Der Indianer-Joe nahm die Hacke, besah sie kritisch, schüttelte den -Kopf, murmelte etwas in sich hinein und machte sich dann an die Arbeit. - -Die Kiste war bald bloßgelegt. Sie war nicht sehr groß, mit eisernen -Bändern beschlagen und schien sehr stark gewesen zu sein, ehe der -Zahn der Zeit sie benagt hatte. Die Männer starrten in glückseligem -Schweigen nieder auf den gleißenden Schatz. - -Endlich flüsterte Joe: - -»Kamerad, das sind Tausende von Dollars.« - -»Man hat immer gemunkelt, daß Murrells Bande sich mal 'nen Sommer hier -herumgetrieben hätte,« bemerkte der Fremde. - -»Weiß wohl,« bestätigte Joe, »und dies hier sieht, meiner Treu, ganz -danach aus.« - -»Jetzt können wir auch das andre Stückchen aufgeben, was!« - -Der Halbindianer runzelte finster die Stirn. Dann sagte er: - -»Du verstehst mich nicht, wenigstens die Sache nicht, um die sich's -handelt. 's ist mir diesmal nicht um's Stehlen, -- 's ist Rache, die -ich haben will.« Dabei flammten seine Augen in grellem Feuer auf. »Dazu -brauch' ich dich und deine Hilfe. Wenn wir das hinter uns haben -- dann -auf nach Texas! Und jetzt mach' dich heim zu deiner Hanne und deinen -Bälgern und wart' bis ich dich rufe.« - -»Soll mir recht sein! Was aber fangen wir mit dem da an -- vergraben's -wieder?« - -»Ja. (Ueberwältigendes Entzücken oben.) Nein! Beim Henker, nein! -(Tiefste Niedergeschlagenheit eine Treppe hoch.) Beinah' hätt' ich's -vergessen. An der Hacke war ja frische Erde! (Den Jungen wurde wind -und weh vor Schreck und Angst.) Was hat 'ne Hacke und Schaufel hier zu -thun? Gar mit frischer Erde dran? Wer hat sie hergebracht -- und wo -sind die Kerls hin? Hast du was gehört -- jemand gesehen? Was! Wieder -vergraben, damit die Kerls nachher kommen und sehen, daß der Grund -frisch aufgewühlt ist? Nee, so dumm sind wir nicht. Wir schleppen's in -meine Höhle!« - -»Na, natürlich. Hätt' früher daran denken können. Meinst du Nummer -Eins?« - -»Nein, Nummer Zwei, unter dem Kreuz. Der andre Platz ist nichts wert, --- zu gewöhnlich.« - -»Mir auch recht! Bald wird's dunkel genug sein, um abziehen zu können.« - -Der Indianer-Joe erhob sich und ging von Fenster zu Fenster, immer -vorsichtig hindurchspähend. Bald darauf sagte er: - -»Wer kann wohl das Werkzeug hergeschleppt haben? Am End' sind sie oben!« - -Den Jungen versagte der Atem. Der Indianer-Joe legte die Hand an das -dolchartige Messer, das in seinem Gürtel steckte, hielt einen Moment -überlegend inne, und wandte sich dann der Treppe zu. Die Jungen dachten -an den Wandschrank, aber ihre Kraft hatte sie vollständig verlassen. -Schon krachten die Tritte auf der Treppe, -- die fast unerträgliche Not -ihrer Lage weckte die erlahmte Entschlossenheit der Jungen, -- eben -wollten sie dem rettenden Schranke zufliehen, als sich ein Splittern -und Krachen der morschen Balken vernehmen ließ und der Indianer-Joe -inmitten der Treppentrümmer schleunigst wieder unten landete. Fluchend -raffte er sich auf, und sein Kamerad sagte: - -»Zu was all den Umstand. Wenn's wirklich jemand ist und sich einige da -droben versteckt halten, gut, laß ihnen ihr Vergnügen, was liegt dran? -Wenn sie 'runter springen wollen und mit uns anbinden, so mögen sie nur -kommen. In fünfzehn Minuten ist's dunkel, laß sie uns folgen, wenn sie -wollen, mir sollt's recht sein. Meiner Meinung nach haben die Kerls, -welche die Sachen hier ablegten, wer's nun immer gewesen sein mag, uns -erblickt, uns für Geister, Teufel oder sonst was gehalten und sind -davon gerannt. Die rennen noch, ich möcht' fast wetten.« - -Joe brummte noch eine Weile vor sich hin, dann stimmte er seinem -Gefährten bei, daß sie das noch übrig bleibende Tageslicht benutzen -müßten, um zur Flucht alles in Bereitschaft zu setzen. Kurz danach -schlüpften sie im tiefsten Dämmerlicht aus dem Hause und schlugen mit -ihrer kostbaren Last die Richtung nach dem Flusse ein. - -Tom und Huck erhoben sich, noch ganz zitternd, aber wie erlöst, und -starrten den Männern durch die Spalten nach, die sich in den Wänden -des Hauses befanden. Ihnen folgen? Das fiel ihnen nicht ein. Sie -waren zufrieden, ohne gebrochenen Hals den sicheren Boden wieder zu -erreichen, und wandten sich ohne Zögern dem über den Hügel nach der -Stadt führenden Pfade zu. Sie redeten nicht viel zusammen, waren zu -beschäftigt damit, sich selber gründlich Vorwürfe zu machen über die -bodenlose Dummheit, Hacke und Spaten mit dorthin zu nehmen und liegen -zu lassen. Ohne das hätte der Indianer-Joe niemals Verdacht gefaßt. -Er hätte gewiß das Silber bei dem Golde verscharrt, bis er seine -›Rachepläne‹ ausgeführt gehabt, und dann wäre ihm die überraschende -Entdeckung geworden, daß beides verschwunden: Silber wie Gold! -Schweres, bittres Verhängnis, daß sie die Werkzeuge mit dahin schleppen -mußten! Sie beschlossen, diesem Spanier gut aufzupassen, wenn er sich, -um eine Gelegenheit für seinen Racheakt auszukundschaften, wieder in -der Stadt sehen ließe, und ihm dann nach ›Nummer Zwei‹ zu folgen, wo es -auch sein möge. Plötzlich überkam Tom ein entsetzensvoller Gedanke: - -»Rache? Wenn er uns damit meint, Huck!« - -»Red' nicht so!« bat dieser, der bei der bloßen Idee vor Schreck -beinahe umfiel. - -Dann besprachen sie den Gedanken hin und her, und als sie daheim -anlangten, waren sie übereingekommen, daß er vielleicht sonst irgend -jemand im Auge haben, oder wenigstens doch nur Tom meinen könne, da ja -Tom allein gegen ihn gezeugt hatte. - -Ein schwacher, sehr schwacher Trost war es für Tom, allein in Gefahr -zu sein. Einen Kameraden auch hierin zu besitzen, würde die Sache -wesentlich erleichtert haben, so dachte er bei sich in seiner Unschuld; -Huck aber schien andrer Meinung zu sein. - -[Illustration] - - - - -Fünfundzwanzigstes Kapitel. - - -Am nächsten Morgen beim Erwachen erschienen Tom die Erlebnisse des -verflossenen Tages wie ein böser, schwerer Traum. Er grübelte und sann, -und je mehr er nachdachte und überlegte, desto mehr kam es ihm vor, daß -er geträumt habe. So viel Geld auf einmal beisammen zu sehen konnte ja -gar nicht Wirklichkeit sein. In seinem bisherigen Leben hatte er nie -mehr als fünfzig Dollars auf einem Brett vor sich gesehen. Tausende von -Dollars aber auf einem Haufen, das überstieg seine ausschweifendsten -Vorstellungen, selbst von verborgenen Schätzen. - -Noch ganz benommen von seinen Hirngespinsten kleidete er sich an, -schlang wie geistesabwesend sein Frühstück hinunter und machte sich -alsbald auf, Huck zu suchen und sich von ihm die Bestätigung zu holen, -daß alles nur Traum und Schaum gewesen. Er fand diesen am Ufer des -Flusses in einem Nachen, mit den Beinen über den Bootrand baumelnd und -mürrisch vor sich hin starrend. - -»Morr'n, Huck.« - -»Morr'n, Tom. Verdammtes Pech, das, mit der Hacke und Schaufel!« - -Also war's doch kein Traum, sondern greifbare, wirkliche Wirklichkeit! -Tom erzählte Huck von seinen Gedanken diesen Morgen. - -»Schöner Traum!« brummte der als Antwort, »hätt' was Niedliches werden -können, wenn die Stiege nicht zusammengekracht wär'. Mir hat's auch -die ganze Nacht geträumt, aber nur von dem Teufel von Spanier und von -seiner ›Nummer Zwei‹.« - -In Bezug auf diese rätselhafte Nummer ergingen sich die Jungen in -allerhand Vermutungen. Schließlich kamen sie überein, es solle wohl die -Nummer des Zimmers in irgend einer Herberge bedeuten, und Tom machte -sich auf den Weg, es auszukundschaften. - -Nach einer halben Stunde kam er zu Huck zurück und erzählte diesem, -daß von den beiden Wirtshäusern der Stadt wohl nur eins in Frage -kommen könne, denn in Nummer Zwei des einen wohne schon seit lange ein -allgemein bekannter und geachteter junger Mann. Nummer Zwei des andren -Wirtshauses dagegen sei selbst dem Sohn des Hauses ein Geheimnis. Der -sage, es werde immer geschlossen gehalten und nur bei Nacht höre er -zuweilen Geräusch und sehe Licht darin. Er habe immer gedacht, es müsse -dort spuken. - -»Das hab' ich entdeckt, Huck,« schloß Tom ganz erregt seinen Bericht. -»Das ist so gewiß die Nummer Zwei, die wir suchen, so gewiß, wie ich -hier vor dir steh'!« - -»Wird wohl so sein, Tom. Was sollen wir aber thun?« - -»Laß mich 'n bissel nachdenken.« - -Und Tom dachte eine lange Weile nach, dann sagte er: - -»Paß mal auf. Siehst du, die Hinterthür von der Nummer Zwei führt in -den kleinen, engen Gang zwischen dem Wirtshaus und der alten Mausefalle -von Ziegelbrennerei. Du kaperst nun alle Thürschlüssel, die du irgend -erwischen kannst, und ich nehm' meiner Tante ihre, und in der ersten -dunklen Nacht schleichen wir hin und probieren ob einer paßt. Daß du -dich fein nach dem Spanier umsiehst! Der sagt ja, er wolle kommen -und herumschnüffeln wegen seiner Rache. Und wenn du ihn entdeckst, -dann folgst du ihm und siehst, ob er nach meiner Nummer Zwei geht, -wenn nicht, ist's natürlich Essig! Also, heut' abend! Bring' nur brav -Schlüssel mit!« - -Am Abend waren Huck und Tom bereit zu ihrem Abenteuer. Sie trieben sich -in der Nachbarschaft der Herberge herum, konnten aber nirgends etwas -Verdächtiges erspähen. Um ungesehen das Experiment mit den Schlüsseln -vornehmen zu können, war die Nacht viel zu hell, und so zog sich denn -Tom bald nach zehn Uhr zurück, heimwärts, dem warmen Neste zu, während -Huck, der etwas länger aushielt, gegen zwölf in einem leeren Zuckerfaß -für die Nacht unterkroch. - -Dienstag nacht verfolgte die Jungen derselbe Unstern, ebenso Mittwoch. -Donnerstag endlich standen dicke Wolken am Himmel und versprachen eine -schöne, dunkle Nacht. Beizeiten stellte sich Tom ein, bewaffnet mit der -alten Blechlaterne seiner Tante und einem großen Handtuch, um dieselbe -zu verhüllen. Er barg die Laterne in Hucks Zuckerfaß, und die Wacht -begann. Eine Stunde vor Mitternacht wurde die Herberge geschlossen -und ihre Lichter, die einzigen in der Nachbarschaft, ausgelöscht. -Kein Spanier war gesehen worden. Niemand hatte den schmalen Gang auf -der Rückseite des Hauses betreten oder verlassen. Alles schien dem -Unternehmen günstig. Die schwärzeste Finsternis herrschte, und die -Totenstille ringsum wurde nur hie und da durch fernes Donnerrollen -unterbrochen. - -Tom lief nach seiner Laterne, zündete sie an, hüllte sie fest in das -Handtuch und die beiden Abenteurer tasteten sich durch die Finsternis -nach dem Wirtshaus hin. Huck stand Schildwache und Tom schlich sich in -den dunklen Gang hinein. Nun kam eine Pause unerträglich heimlichen, -angstvollen Wartens, die auf Hucks Gemüt lastete, gleich einem -erdrückenden Berge. Er begann sich heiß nach einem wieder auftauchenden -Strahl der Laterne zu sehnen, der ihm zeigte, daß Tom noch am Leben -sei. - -Stunden schienen verflossen, seit Tom verschwunden war. Gewiß hatte -er irgendwo das Bewußtsein verloren, war am Ende gar tot, vielleicht -war ihm das Herz gebrochen vor Schreck und Aufregung. In seiner Angst -rückte Huck dem Gäßchen näher und näher, den Kopf voll schrecklicher -Befürchtungen und jeden Augenblick auf eine Katastrophe gefaßt, die -ihm den Atem vollends benehmen würde. Viel Atem zum Wegnehmen blieb -nicht übrig; er war kaum noch imstande, denselben fingerhutvollweise -einzuziehen, und sein Herz mußte bei dem Tempo, in dem es schlug, -baldigst ganz den Dienst versagen. Plötzlich blitzte ein Lichtstrahl -auf, und Tom schoß keuchend an ihm vorüber. - -»Fort,« schrie er, »fort, wenn dir dein Leben lieb ist.« - -Ein Wiederholen der Warnung war unnötig, einmal genügte. Huck -rannte mit Riesenschritten davon, als ob es hinter ihm brenne, Tom -hinterdrein. So stürzten die Jungen unaufhaltsam davon, bis sie den -Schuppen eines alten, unbenutzten Schlachthauses erreichten, am unteren -Ende des Ortes. Gerade als sie unter dies Obdach geschlüpft waren, -brach das Gewitter los und der Regen strömte nieder. Nachdem Tom zu -Atem gekommen war, stöhnte er: - -»Ach, Huck, 's war gräßlich. Ich probierte erst zwei von den -Schlüsseln, so leise ich konnte, die machten aber 'n solchen Lärm, daß -mir übel und weh wurde vor Angst. Ich konnte sie auch gar nicht im -Schloß umdrehen. Dann, ohne selber zu wissen, was ich thu', faß' ich -nach der Klinke, drücke und -- auf springt die Thür. Sie war gar nicht -verschlossen gewesen! Ich hinein, werf' das Tuch von der Laterne und -- -Heiliger Gott!« - -»Was -- was war's, Tom?« - -»Huck! Ich trat fast auf 'ne Hand, und wie ich näher hin seh', ist's -dem Indianer-Joe seine.« - -»Puh!« stöhnte Huck wortlos. - -»Weiß Gott! Da lag er am Boden und schlief ganz fest, mit dem alten -Pflaster über dem einen Aug' und weit ausgestreckten Armen.« - -»Um alles in der Welt, sprich, -- was hast du denn da gemacht? Ist er -aufgewacht?« - -»Nee, der rührt sich nicht. Er muß betrunken gewesen sein. Ich greif' -nur flink nach meinem Tuch und stürz' davon.« - -[Illustration] - -»Ich hätt' nicht mehr an das Tuch gedacht, das wett' ich.« - -»Na, aber ich! Tante Polly hätt' mir 'nen feinen Tanz aufgespielt, wenn -ich's verloren hätt'!« - -»Hör' du, Tom, hast du die Kiste gesehen?« - -»Huck, nach der hab' ich mich gar nicht umgeschaut. Hab' keine Kiste -und hab' auch kein Kreuz gesehen. Nichts hab' ich gesehen, als 'ne -Flasche und 'nen Zinnbecher am Boden neben dem Indianer-Joe! Ja, zwei -Fäßchen und viele Flaschen hab' ich noch außerdem im Zimmer gesehen. -Weißt du jetzt, was in dem Zimmer spukt?« - -»Wieso?« - -»Dickkopf! Schnaps spukt drin, Schnaps! Und der Wirt dort gehört zum -Mäßigkeitsverein! Ob wohl alle die Mäßigkeitsvereinler so 'n Spukzimmer -haben? he, Huck?« - -»Wird wohl so sein! Wer hätt' aber so was gedacht? Sag' mal, du, -Tom, wär' denn das nicht jetzt grad' die richt'ge Zeit, um die Kiste -auszuführen? Wenn der Indianer-Joe doch betrunken ist.« - -»Ei, so versuch's doch!« - -Huck schauderte. - -»Nee, lieber nicht!« - -»Ich auch lieber nicht, Huck. Nur _eine_ Flasche leer neben dem Kerl, -das ist nicht genug. Ja, wenn's drei gewesen wären, dann ließe sich -weiter drüber reden!« - -Eine lange Pause des Nachdenkens folgte. Dann sagte Tom: - -»Paß mal auf, Huck. Ich mein', wir sollten das Ding gar nicht mehr -probieren, bis wir sicher wissen, daß der Joe nicht drin ist. 's ist zu -gruselig! Wir passen jede Nacht auf, und einmal muß er doch 'raus aus -seinem Loch, dann wollen wir die Kiste schon kriegen, schneller als der -Blitz.« - -»Mir recht. Ich will jede Nacht wachen, die ganze Nacht durch, wenn du -nur den Rest besorgen willst.« - -»Gut, wollen's so machen. Du brauchst dann nur zu kommen und vor unsrem -Haus zu miauen, und wenn ich schlaf', wirfst du mir 'ne Hand voll Kies -ans Fenster, das wird mich schon wach kriegen!« - -»Topp, 's gilt!« - -»Jetzt ist's da draußen auch besser geworden, Huck, der Sturm hat -aufgehört und ich muß heim. 's muß schon bald Morgen sein. Du gehst -noch mal hin und wachst, willst du?« - -»Ich hab's gesagt, Tom, daß ich's thu', und ich thu's auch! Und wenns -'n Jahr lang dauert, ich spuk' jede Nacht in dem Gäßchen dort herum. -Bei Tag schlaf' ich und bei Nacht wach' ich.« - -»Schön. Aber wo wirst du schlafen?« - -»Auf Ben Rogers Heuboden. Der hat nichts dagegen und Onkel Jakob, -- -weißt du, der alte Nigger, der im Hause ist -- auch nicht. Dem hab' ich -schon oft 's Wasser geschleppt, und er giebt mir manchmal was zu essen, -wenn er selber was hat. 's ist 'n guter Nigger, Tom. Der hat mich gern, -weil ich nie thu', als ob ich was Besseres wär'. Manchmal hab' ich -mich, weiß Gott, schon hingesetzt und mit ihm gegessen. Das brauchst du -aber niemand zu sagen, Tom. Wenn einer so gräßlich hungrig ist, thut er -manches, was er sonst für gewöhnlich nicht thät'!«[6] - - [6] Unsere Geschichte spielt in der Zeit vor Aufhebung der - Sklaverei. - -»Na, also Huck, wenn ich dich bei Tag nicht brauch', laß ich dich -schlafen und stör' dich nicht weiter. Und wenn in der Nacht was los -ist, springst du zu mir 'rüber und miaust.« - -[Illustration] - - - - -Sechsundzwanzigstes Kapitel. - - -Das erste, was Tom am Freitagmorgen hörte, war eine sehr angenehme -Neuigkeit, -- Becky Thatcher war mit den Ihren am Abend vorher -zurückgekehrt. Vor diesem Ereignis mußte der Indianer-Joe zusamt seinem -Schatze in den Hintergrund treten, und Becky, die einzige Becky, nahm -das ganze Interesse des Knaben ein. Er sah sie wieder, und die beiden -verbrachten einen köstlichen Tag in Gesellschaft der Schulkameraden bei -›Blindekuh‹ und ›Verstecken‹. Um das Glück des Tages voll zu machen -hatte Becky von ihrer Mutter die Erlaubnis erwirkt, am folgenden Tage -das längst geplante und immer wieder verschobene Picknick halten -zu dürfen, was ungeheuren Enthusiasmus und Jubel erregte. Becky -insbesondere war außer sich vor Entzücken, und Tom nicht minder. Vor -Sonnenuntergang noch wurden die Einladungen herumgeschickt, und die -sämtliche jugendliche Bevölkerung des Städtchens war in einem Fieber -der Erwartung und der emsigen Vorbereitung. Toms Erregung hielt ihn bis -zu später Stunde wach, wobei er immer auf Hucks Miau-Signal wartete. -Wie herrlich wäre es gewesen, die Gesellschaft folgenden Tages mit dem -aufgefundenen Schatze zu verblüffen! Diese Hoffnung aber trog, -- kein -Signal störte die Ruhe der Nacht. - -Endlich tagte der Morgen, und um zehn oder elf Uhr sammelte sich -eine lärmende, wonnetrunkene Gesellschaft vor dem Hause der Familie -Thatcher. Alles war zum Aufbruch bereit. Aeltere Leute pflegten die -Picknicks niemals durch ihre Gegenwart zu stören, die Kinder hielt man -unter den Fittigen einiger junger Damen von achtzehn und einiger junger -Herren von ungefähr vierundzwanzig Jahren für genügend beschützt. Man -hatte für diese Gelegenheit die alte Dampffähre gemietet, und alsbald -setzte sich die heitre, bunte Menge, beladen mit vielversprechenden -Vorratskörben, die Hauptstraße hinunter in Bewegung. Sid war unwohl -und mußte dem Vergnügen entsagen; Mary war ihm zum Trost und zur -Gesellschaft zurückgeblieben. Das letzte, was Frau Thatcher zu Becky -sagte, war: - -»Ihr werdet wohl spät zurückkommen, Kind, am Ende thust du besser, für -diese Nacht bei einer deiner Freundinnen zu bleiben, die nahe beim -Landungsplatz der Fähre wohnen.« - -»Dann bleib' ich bei Suschen Harper, Mama.« - -»Meinetwegen; und hörst du, daß du dich hübsch ordentlich beträgst und -niemand zur Last fällst.« - -Als sie dann zusammen die Straße hinunter trabten, sagte Tom zu Becky: - -»Du -- paß' mal auf, was wir thun wollen. Anstatt daß wir mit Joe -Harper heimgehen, steigen wir den Berg hinauf und bleiben die Nacht bei -der Witwe Douglas. Die hat gewiß Gefrorenes, -- sie hat immer welches, -ganze Haufen davon, und wird sich schrecklich freuen, wenn wir zu ihr -kommen.« - -»O, das wird aber köstlich!« - -Danach überlegte sich's Becky aber doch einen Moment und meinte: - -»Was wird aber meine Mama dazu sagen?« - -»Ei, wie soll denn die's erfahren?« - -Wieder sann Becky ein Weilchen nach und sagte dann zögernd: - -»Recht ist's ja nicht -- aber --« - -»Aber, -- Unsinn! Deine Mutter erfährt's nicht, und was ist denn -weiter Schlimmes dabei! Alles, was sie will, ist, daß du für die Nacht -gut aufgehoben bist, und ich wette, sie hätt' dich ebensogut dorthin -geschickt, wenn sie nur dran gedacht hätte. Das weiß ich ganz gewiß!« -- - -Frau Douglas, die das größte und schönste Haus des Städtchens besaß -und deren glänzende Gastfreundschaft die Wonne aller bildete, die sie -je genießen durften, bewies sich als allzu verlockender Köder. Dieser -und Toms Beredsamkeit trugen denn auch den Sieg davon und es wurde -beschlossen, gegen niemanden etwas über das Programm für die Nacht -verlauten zu lassen. - -Auf einmal fiel es Tom ein, daß Huck am Ende gerade in derselben -Nacht kommen könne, um ihm das verabredete Zeichen zu geben. Dieser -Gedanke trübte seine freudigen Erwartungen um ein Beträchtliches, aber -er konnte sich doch nicht entschließen, den Plan mit Frau Douglas -aufzugeben. Warum sollte er auch? Er dachte bei sich, in der Nacht -zuvor sei ja auch alles ruhig geblieben, warum sollte das Signal gerade -diese Nacht ertönen? Das sichere Vergnügen, das er sich vom Abend -versprach, überwog bei weitem die unsichere Aussicht auf den Schatz, -und recht wie ein Junge beschloß er, der stärkeren Neigung nachzugeben -und sich für den Rest des Tages jeden Gedanken an die Geldkiste aus dem -Kopf zu schlagen. - -Drei Meilen unterhalb der Stadt landete die Fähre in einer rings mit -Wald umstandenen Bucht. Die fröhliche Gesellschaft schwärmte aus dem -Boote, und bald tönten die Wälder und felsigen Höhen von Geschrei und -Gelächter wieder. Alle die verschiedenen Methoden, sich heiß und müde -zu machen, wurden der Reihe nach durchgegangen, bis allmählich einer -nach dem andern von den Herumschwärmenden sich im Lager einstellte, -ausgerüstet mit dem nötigen Appetit, und nun die Vertilgung der -mitgebrachten leckeren Sachen beginnen konnte. Nach der Mahlzeit -folgte ein erquickendes Ruhe- und Plauderstündchen im Schatten der -breitästigen Eichen, bis dann jemand rief: - -»Wer kommt mit zur Höhle?« - -Alle waren sofort bereit, ganze Bündel von Kerzen wurden ausgekramt -und es folgte ein allgemeines Erklettern des Hügels. Hoch oben lag -die Mündung der Höhle, eine schwarze, gähnende Oeffnung, geformt wie -der lateinische Buchstabe ~A~. Die massive, eichene Thür stand weit -offen. Im Innern sah man zunächst eine schmale, kleine Kammer, kalt -wie ein Eiskeller, von der Natur mit festen Kalkmauern umgeben, die -viel Feuchtigkeit ausschwitzten. Etwas romantisch Geheimnisvolles lag -darin, von diesem finstren, kalten Orte aus hineinzuschauen in das -sonnbeglänzte, grüne Land. Der Zauber aber, der die Geister zuerst -gefangen hielt, verlor bald seinen Reiz und das Herumtollen begann -von neuem. Sobald irgend jemand versuchte, eine Kerze anzuzünden, -stürzte sich alles darauf los und es entspann sich ein Kampf gegen den -tapferen Verteidiger. Das Licht wurde ihm schließlich entrissen, zu -Boden geworfen und ausgelöscht, worauf eine neue Hetzjagd mit demselben -Ausgang folgte. Da aber jedes Ding sein Ende hat, so ordnete sich -allmählich der Zug und bewegte sich vorsichtig den steilen Abstieg -des Hauptgangs der Höhle hinunter. Mit düsterem, unruhigem Schein -bestrahlte die flackernde Reihe der Lichter die mächtigen Felswände -zu beiden Seiten, fast bis hinauf zu dem Punkte, wo sie in einer Höhe -von etwa sechzig Fuß zusammenstießen. Dieser Hauptgang war nicht -mehr als acht oder zehn Fuß breit. Alle paar Schritte zweigten andre -hochgewölbte und noch engere Felsspalten nach beiden Seiten ab, denn -die Mc. Douglas-Höhle war eigentlich nur ein ungeheures Labyrinth -gewundener Gänge, die ineinander und wieder auseinander liefen und -nirgends ein Ziel oder Ende hatten. Es hieß, daß man Tage und Nächte -lang durch dies krause, verschlungene Gewirr von Spalten und Klüften -wandern könne, ohne jemals ein Ende der Höhle zu finden; daß man -hinunter und hinunter, tiefer und immer tiefer bis in's Innerste der -Erde steigen könne und doch immer dasselbe finden würde -- Labyrinth -unter Labyrinth in endloser Folge. Keiner kannte die Höhle ganz, das -war ein Ding der Unmöglichkeit. Die meisten der jungen Leute kannten -einen Teil derselben, und für gewöhnlich wagte sich niemand über diesen -allgemein begangenen Teil hinaus. Tom Sawyer kannte von der Höhle nicht -mehr als die andern. - -[Illustration] - -Der ganze Zug bewegte sich noch immer geschlossen den Haupteingang -entlang, allmählich aber begannen sich Gruppen und Paare zu lösen und -in den Seitengängen zu verschwinden. Hier flogen sie lautlos dahin -durch die unheimlichen Gänge, uneingestandenen Grausens voll, und -überraschten und erschreckten andere an Punkten, wo die einzelnen Gänge -sich kreuzten oder auch zusammenliefen. Halbe Stunden lang konnte man -sich so meiden oder finden, ohne sich jemals aus dem bekannten Teil der -Höhle zu entfernen. - -Allmählich fand sich ein Teil der Gesellschaft nach dem andern wieder -an der Mündung der Höhle ein, atemlos, fröhlich, glückselig, vom -Kopf bis zu den Füßen mit Talg betröpfelt, mit Lehm beschmiert, aber -entzückt, berauscht von dem genossenen Vergnügen des Tages. Man war -erstaunt, daß es da draußen mittlerweile schon beinahe Nacht geworden -war. Die Glocke der Fähre mahnte seit beinahe einer halben Stunde -schrill zur Heimkehr. Dieser Schluß der Abenteuer des Tages war aber -ganz nach dem Sinn der jugendlichen Gesellschaft, die gewohnt war, -jeden Freudenkelch bis zur Neige zu schlürfen. Als die Fähre mit ihrer -tollen Fracht in den Strom hinaus stieß, bedauerte nur einer an Bord -die verschwendete Zeit der letzten Stunde, und das war der Kapitän. - -Huck war bereits auf seinem allnächtlichen Lauscherposten, als die -Lichter der Fähre am Ufer vorüber glitten. Er hörte kein Geräusch -an Bord, denn die jungen Leute waren zahm und still geworden, so -zahm und still, wie man zu werden pflegt, wenn man sich in Lust und -Uebermut totmüde getobt hat. Huck sann nach, was für ein Boot dies -sein könne, und warum es nicht am gewöhnlichen Halteplatze anlege; -dann wanderten seine Gedanken weiter, um sich voll und ganz auf sein -Vorhaben zu richten. Die Nacht war wolkig und dunkel. Zehn Uhr kam, das -Geräusch der Wagen erstarb, einzelne Lichter begannen zu erlöschen, -der Fußgänger wurden weniger und weniger, das Städtchen bereitete -sich zum nächtlichen Schlummer vor und überließ den kleinen Lauscher -sich selber, dem rings herrschenden Schweigen und den Geistern der -Finsternis. Elf Uhr nahte, auch die Lichter der Herberge erloschen, -Dunkel überall. Huck harrte und lauschte, eine lange, bange Zeit, wie -ihm schien. Nichts erfolgte. Sein Vertrauen begann zu wanken. Hatte -dies geduldige Ausharren wohl irgend einen Wert? Würde es irgend einen -Nutzen haben? Ob er's nicht viel besser ganz sein ließe und sich gar -nicht weiter um die Sache kümmerte? - -Da schlug ein Geräusch an sein Ohr. Im Moment war er ganz atemlose -Aufmerksamkeit. Eine Thüre schloß sich leise und sacht. Er sprang an -die Ecke der kleinen Gasse, und fast gleichzeitig huschten zwei dunkle -Gestalten an ihm vorüber, deren eine irgend etwas Gewichtiges unter dem -Arme zu tragen schien. Das mußte die Geldkiste sein! Der Schatz wurde -also fortgeschleppt! Sollte er nach Tom rufen? Das wäre hirnverbrannt -gewesen, denn einstweilen konnten die Kerle mit der Beute Gott weiß -wohin verschwinden -- auf Nimmerwiedersehen. Behüte, er wollte sich an -ihre Sohlen heften und im sicheren Schutz der Dunkelheit ihrer Spur -folgen. Während er so mit sich selber in's reine kam, war er behende -hinter den Männern her geglitten, katzenartig, barfuß, denselben gerade -genügend Vorsprung lassend, um sie noch im Auge behalten zu können. - -Eine Strecke weit gingen sie der Flußstraße entlang und bogen dann -zur Linken in ein Seitengäßchen ein. Diese verfolgten sie bis dahin, -wo ein Fußpfad nach dem Cardiff-Berge abzweigte, welchen sie nun -einschlugen, dann ging's an des Wallisers Haus vorbei, höher und immer -höher den Berg hinan. Schön, dachte Huck, die gehen zum Steinbruch und -verscharren dort ihren Schatz. Nein weiter, immer weiter ging's, vorbei -am Steinbruch, ohne Aufenthalt. Nun war die Höhe des Berges erreicht. -Jetzt drangen sie auf schmalem Pfad in das dichte Sumachgehölz ein und -waren auf einmal in der Dunkelheit verschwunden. Huck folgte rasch -nach und verkürzte seinen Abstand, denn hier war eine Entdeckung -ganz unmöglich. So trabte er eine Weile dahin, um dann doch wieder -langsamere Schritte zu machen, aus Furcht, zu rasch vorwärts zu kommen. -Noch ein paar Schritte, dann hielt er an, lauschte, -- kein Ton, -keiner, außer dem Klopfen seines eignen Herzens! Der Schrei einer Eule -klang aus dem Thal empor, -- unheilvoller Laut! Aber kein Fußtritt, -kein noch so leises Knistern der Zweige! Großer Gott, war denn alles -verloren? Eben wollte er sich in beschleunigtem Tempo vorwärts stürzen, -als sich jemand, keine vier Fuß von ihm entfernt, räusperte. Sein Herz -schien ihm in die Kehle zu fahren, doch entschlossen schluckte er's -wieder hinab. Da stand er, zitternd wie Espenlaub, als ob ihn ein -Dutzend kalter Fieber auf einmal gepackt hätte und schüttelte, bis ihm -Hören und Sehen verging und er dachte, zu Boden sinken zu müssen vor -Angst und Schwäche. Er wußte nun, wo er war. In der Entfernung von -wenigen Schritten mußte sich der Zaun befinden, der das Eigentum der -Witwe Douglas umzog. ›Um so besser,‹ überlegte er, ›wenn sie's hier -verscharren, wird's 'ne kleine Mühe sein, es wieder aufzufinden.‹ - -Jetzt hörte er eine leise Stimme, eine sehr leise Stimme, die er -trotzdem erkannte, es war die des Indianer-Joe. - -»Hol' sie der Henker, hat sicher wieder Leute bei sich -- seh' noch -Lichter, so spät's auch ist!« - -»Ich seh' gar nichts.« - -Es war jenes Fremden Stimme, -- des Fremden aus dem Geisterhause. -Eiseskälte durchzuckte Hucks Herz. Das also war jener geplante -›Racheakt‹. Sein erster Gedanke war Flucht. Dann dachte er daran, -wie gütig die Witwe Douglas, die freundliche, schöne Dame, mehr als -einmal gegen ihn, den armen Strolch, gewesen, und daß diese Schurken -vielleicht im Sinn hätten, sie zu morden. Ach, wenn er nur den Mut -hätte, sie zu warnen; aber das getraute er sich doch nicht, -- konnten -die Kerle doch kommen und ihn abfangen. All dies und mehr noch schoß -ihm durch's Hirn in dem einen Moment, welcher zwischen der Bemerkung -des Fremden und der darauf folgenden Antwort des Indianer-Joe verfloß. - -»Na, der Busch steht dir im Weg, da schau mal hier hinaus, -- so -- -gelt, jetzt siehst du's?« - -»Jawohl, werden wohl Leute dort sein -- geben's besser auf, denk' ich.« - -»Aufgeben, eben, wo ich dem verdammten Land für immer den Rücken kehren -will, aufgeben, um vielleicht nie wieder Gelegenheit zur Rache zu -haben? Ich sag' dir's noch mal, wie ich's schon gesagt hab', keinen -Pfifferling frag' ich nach ihrem Geld -- das kannst du haben. Aber ihr -Mann war hart gegen mich, nicht einmal, nein, oft und oft, und vor -allem war er der Hund von einem Richter, der mich wegen Landstreicherei -immer wieder in's Loch steckte. Und das ist noch lang' nicht alles! -Millionenmal nicht alles! _Durchpeitschen_ hat er mich lassen, -durchpeitschen vor dem Gefängnis, wie einen Hund oder einen Nigger! Die -ganze Stadt konnt's sehen! Durchpeitschen -- begreifst du das! Er kam -meiner Rache zuvor und starb, -- sie aber soll's büßen!« - -»Du wirst sie doch nicht umbringen wollen? Das wirst du doch nicht -thun, so'n hübsches, stattliches Frauenzimmer, und 'n gutes Herz hat -sie auch für die Armen!« - -»Umbringen? Wer denkt daran? Ihn würd' ich abschlachten, wenn er da -wär' -- sie nicht! Ein Frauenzimmer bringt man nicht um, wenn man sich -rächen will -- Unsinn! Der geht's an die geliebte Fratze, man schlitzt -ihr die Nasenflügel und stutzt ihr die Ohren!« - -»Herrgott, das ist --« - -»Behalt' deine Meinung für dich, bis du gefragt wirst, rat' dir's im -Guten, 's wird wohl das beste für dich sein. Ich bind' sie auf ihr Bett -fest; wenn sie sich hinterher verblutet, ist's meine Schuld nicht. Ich -wein' ihr nicht nach! Du, Kamerad, wirst mir dabei helfen -- mir zulieb --- deshalb hab' ich dich mitgenommen, denn allein brächt' ich's am Ende -nicht fertig. Probierst du auszukneifen, so hau' ich dich nieder, das -merk' dir! Und wenn ich dir den Rest geben muß, so kriegt sie auch -eins, daß sie das Aufstehen vergißt, und dann soll mir einer dahinter -kommen, wer das Geschäft besorgt hat.« - -»Na, wenn's denn sein muß, so muß es eben sein, dann los und dran! Je -schneller, desto besser -- mir läuft's jetzt schon kalt über den Leib!« - -»Jetzt dran? -- wo die Leute auf sind? Du, paß mal auf, sonst trau' ich -dir nicht mehr. Nichts da! -- gewartet wird, bis die Lichter aus sind, -'s hat ohnehin keine Eile!« - -Huck wußte, daß nun ein Schweigen folgen müsse, -- ein Schweigen, -schauerlicher und gefährlicher als die mörderischsten Reden. So hielt -er denn seinen Atem an und trat behutsam und verstohlen einen Schritt -zurück, den Fuß vorsichtig und fest niedersetzend, nachdem er zuvor auf -einem Bein balancierte, sodaß er beinahe das Gleichgewicht verloren -hätte. Noch einen Schritt rückwärts mit derselben Umständlichkeit, -denselben Gefahren, einen und noch einen! Jetzt krachte ein Aestchen -unter seinem Fuße. Der Atem blieb ihm beinahe aus, er lauschte. Kein -Laut -- tiefstes Schweigen! Grenzenlos war seine Dankbarkeit. Jetzt -drehte er sich lautlos und mit der äußersten Vorsicht um und verfolgte -seinen früheren Pfad zwischen den hohen Sumachbüschen zurück. Schnell -und behutsam glitt er dahin. Als er dann am Steinbruch aus dem Gehölz -hervortrat, fühlte er sich geborgen. Nun lieh er seinen Sohlen -Schwingen und flog den Berg hinunter, weiter, immer weiter bergab, bis -er das Haus des alten Wallisers erreichte. Er trommelte an die Thüre -und alsbald erschienen der Alte und seine beiden handfesten Söhne am -Fenster. - -»Was zum Teufel ist denn los? Wer drischt dort an der Thüre? He, was -wollt ihr?« - -»Schnell, macht auf -- ich sag' euch dann ja alles!« - -»Wer ist der Ich?« - -»Ei ich, der Huckleberry Finn. Schnell -- um Gottes willen macht auf!« - -»Sieh' mal einer, der Huckleberry Finn! Ist 'n Name, dem sich -eigentlich nicht viele Thüren öffnen. Laßt ihn aber nur immer 'rein, -Jungens, wollen mal hören, was er zu sagen hat.« - -»Sagt's um Gottes willen keinem Menschen, daß ich's euch gesagt hab',« -waren Hucks erste Worte, als er ins Haus trat, »bitte, bitte, verratet -mich nicht, sie würden mich ja umbringen, so gewiß ich hier steh', -- -aber die Witwe da oben ist schon oft und oft gut gegen mich gewesen, -und ich will's sagen, wenn ihr versprecht, nicht zu verraten, daß ich's -gewesen bin!« - -»Bei Gott, da muß was passiert sein, oder der Junge stellte sich nicht -so an,« rief der alte Mann, »heraus damit, mein Sohn, und niemand soll -je ein Sterbenswörtchen davon zu hören kriegen.« - - * * * * * - -Drei Minuten später stiegen der Alte und seine Söhne wohlbewaffnet -den Berg hinan und drangen auf den Zehenspitzen vorsichtig in das -Gehölz ein, die Flinten in der Hand. Huck begleitete sie nicht weiter. -Er barg sich hinter einem großen Felsblock und lauschte. Zuerst ein -drückendes, angstvolles Schweigen, das dann urplötzlich durch mehrere -Schüsse und einen gellenden Aufschrei unterbrochen wurde. Näheres zu -erfahren drängte es Huck nicht. Auf sprang er und fort und flog den -Berg hinunter, so schnell ihn seine Füße zu tragen vermochten. - -[Illustration] - - - - -Siebenundzwanzigstes Kapitel. - - -[Illustration] - -Als am Morgen des folgenden Tages, eines Sonntags, die ersten leisen -Spuren der Dämmerung erschienen, tastete sich Huck durch das Halbdunkel -den Berg hinauf und klopfte mit schüchterner Hand leise an die Thür des -alten Wallisers. Die Hausbewohner schliefen noch, aber ihr Schlaf war -infolge der aufregenden nächtlichen Abenteuer ein äußerst leiser und so -ertönte alsbald eine Stimme vom Fenster: - -»Wer ist da?« - -Hucks ängstliche Stimme antwortete leise: - -»Laßt mich, bitte, ein -- ich bin's nur, Huck Finn!« - -»Ist 'n Name, dem sich diese Thür bei Nacht und bei Tag öffnet. Mein -Junge, sei willkommen!« - -Das waren seltsam klingende Worte in den Ohren des kleinen Vagabunden, -die angenehmsten, die er je gehört. Er konnte sich nicht erinnern, daß -das Schlußwort des alten Mannes je zuvor in Bezug auf ihn angewandt -worden wäre. - -Schnell wurde nun die Thüre geöffnet und er trat ein. Man bot Huck -einen Stuhl und der Alte mit seinen Riesensöhnen kleideten sich in Eile -an. - -»Und jetzt, mein Junge, hoff' ich, daß du einen ordentlichen Hunger -mitgebracht hast, denn das Frühstück soll noch vor der Sonne auf dem -Tisch stehen, und zwar ein gehöriges, das laß meine Sorge sein. Haben -immer gedacht, ich und meine Jungens, du zeigtest dich gestern abend -nochmal, hättest die Nacht bei uns bleiben müssen.« - -»Ich kriegte solche Angst,« sagte Huck, »daß ich den Berg hinunter -stürzte. Ich fing an zu rennen, als die Schüsse krachten und rannte -drei Meilen so weiter. Jetzt bin ich nur gekommen, weil ich gern was -drüber gehört hätte, und vor Tag komm' ich, weil ich nicht gern den -Teufeln in den Weg laufen möchte, -- selbst wenn sie tot wären.« - -»Armer Kerl, man sieht dir's weiß Gott an, was das für 'ne Nacht für -dich war, aber wart' nur, du sollst 'n Bett haben, wenn du gefrühstückt -hast. Nee, tot sind die Halunken leider nicht, mein Junge, und leid -genug thut's uns. Deiner Beschreibung nach wußten wir den Ort ziemlich -genau, an dem sie zu finden waren, wir schleichen also auf den -Zehenspitzen 'ran, bis vielleicht auf fünfzehn Fuß Entfernung, und -dunkel wie 'n Loch war's in den Büschen drin, da, auf einmal merk' ich, -daß mich das Niesen ankommt. Ob das nicht Pech war! Will's natürlich -zurückhalten, aber nee, keine Möglichkeit, 's wollt' kommen und 's kam -auch mit Macht. So pust' ich denn los mit aller Gewalt. Ich war der -Vorderste von uns, mit meiner Pistole in der Hand, und als nun das -Niesen losging, entstand ein Rascheln vor uns im Gebüsch. Ich schrei: -›Feuer, Jungens‹, und wir drei feuern denn auch nach der Richtung hin. -Ja, prost die Mahlzeit! Die Kerle waren flinker als der Wind, wir aber -hinterher wie die wilde Jagd, in die Wälder hinein. Gekriegt aber haben -wir sie nicht. Ehe sie auskniffen, hat jeder von ihnen noch mal seine -blaue Bohne abgeknallt, aber die sausten an uns vorbei und thaten -keinen Schaden. Als sich das Geräusch ihrer Schritte verlor, gaben wir -die Jagd auf und gingen hinunter in's Städtchen, um die Konstabler -zu wecken. Die machten sich denn auch gleich auf und wollten am Ufer -rekognoszieren, und sobald es Tag ist, sollen die Wälder abgesucht -werden. Meine Jungens werden auch dabei sein. Wollt', einer könnt' uns -die Kerle beschreiben, 's wär dann viel leichter für uns. Du wirst wohl -nicht viel von den Schuften gesehen haben, dort oben in der Dunkelheit, -was?« - -»Nee, aber unten in der Stadt hab' ich sie schon gesehen und bin ihnen -von dort nachgegangen.« - -»Kapital! Na, dann los, mein Junge, wie sehen sie aus? Beschreib' sie -mal so'n bißchen genau!« - -»Ei, einer davon ist der taubstumme Spanier, der seit 'n paar Tagen -hier herum streicht, und der andre ist 'n gemein aussehender, -zerlumpter --« - -»Schon genug, Junge, kenn' die Kerle! Hab' sie neulich mal da oben -im Wald hinter der Witwe Douglas ihrem Haus gesehen, schoben ab, als -ich in Sicht kam. Nun aber schnell fort mit euch, Jungens, sagt's -fein dem Sheriff, was ihr da vom Huck gehört habt, könnt' morgen früh -frühstücken!« - -Beide Söhne machten sich ohne Widerrede alsbald marschfertig. Als sie -eben das Zimmer verlassen wollten, sprang Huck auf und rief flehend: - -»O, bitte, bitte, sagt's aber niemand, daß ich die Kerle angegeben, -bitte, bitte!« - -»Gut, wenn du's nicht willst, Huck, aber eigentlich solltest du die -Ehre haben von dem, was du gethan hast.« - -»O nein, nein. Bitte, verratet mich nicht!« - -Als die jungen Leute weg waren, sagte der Alte: - -»Sie verraten's nicht und ich thu's auch nicht. Aber sag' mal, warum -willst du denn nicht, daß man's weiß?« - -Huck ließ sich auf keine weitere Erklärung ein, sondern sagte nur, er -wisse schon mehr als zuviel von dem einen der Kerle und wolle um keinen -Preis, daß der dahinter komme, sonst sei er, Huck, keinen Moment seines -Lebens sicher. - -Noch einmal gelobte der alte Mann Verschwiegenheit und fragte dann: - -»Wie kamst du drauf, den Kerlen nachzuschleichen, Junge? Sahen sie dir -verdächtig aus?« - -Einen Moment war Huck still und überlegte sich die Antwort, dann sagte -er: - -»Ja, seht ihr, ich bin so 'ne Art Landstreicher, wenigstens sagen die -Leute so, und da muß es wohl wahr sein. Na, da simulier' ich denn -manchmal drüber nach in der Nacht und das läßt mich nicht schlafen, und -ich denk' und denk', wie ich wohl anders werden könnt'. So war's wieder -mal gestern nacht. Schlafen konnt' ich nicht und so bummel' ich denn in -den Straßen herum, und als ich da in der Nähe von der Herberge an den -alten Schuppen komm', lehn' ich mich mit dem Rücken dran, um nochmal -besser nachzudenken. Na, da streichen dann plötzlich die zwei Kerls -an mir vorbei, tragen etwas unterm Arm. Halt, denk' ich, die haben -gestohlen. Einer rauchte und der andre wollte Feuer haben, so blieben -sie nicht weit von mir stehen, und die Cigarren warfen einen Strahl auf -die Gesichter und ich sah, daß der eine der taubstumme Spanier ist und -der andre ein ruppiger, zerlumpter --« - -»Was, die Lumpen hast du auch gesehen beim Schein der Cigarren?« - -Das machte Huck für einen Moment unsicher, dann aber sagte er: - -»Nun ich weiß nicht -- aber es kommt mir vor, als ob ich sie gesehen -hätte.« -- - -»Dann liefen sie also weiter und du --« - -»Ich hinterher, ja, so macht' ich's. Wollt' mal sehen, was los sei, -sie schlichen so verdächtig an den Häusern hin. Oben bei der Witwe -Garten standen sie dann still, ich auch, und da hört' ich denn, wie der -eine für die Frau bat und der andre, der Spanier, schwor, er wollte -ihr schon die Fratze verderben, grad' wie ich's euch und euren Söhnen -gestern abend --« - -»Was, der Taubstumme hat das gesagt?« - -Da! Nun saß Huck von neuem in der Patsche! Er hatte sein Bestes thun -wollen, um den alten Mann abzulenken von der Spur, wer eigentlich der -Taubstumme sei, und trotz aller Mühe und Vorsicht schien seine Zunge -entschlossen, ihn wieder und wieder in Verlegenheit zu bringen. Umsonst -versuchte er, sich aus der Klemme zu ziehen. Des Alten Auge ruhte so -durchdringend auf ihm, daß er Versehen über Versehen machte. Da nahm -der Alte das Wort: - -»Mein Junge,« sagte er, »vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten, -mit meinem Willen soll dir keiner was zu leide thun; ich will dir schon -helfen, kannst dich darauf verlassen! Der Spanier ist nicht taubstumm, -soviel hast du nun schon verraten, ohne es zu wollen, das kannst du -nicht mehr zurücknehmen. Du weißt aber noch mehr über den Kerl, was du -nicht sagen willst. Komm mal her, Junge, vertrau mir, sag's, hab' keine -Angst, du kannst mir trauen, ich verrat' dich keinem.« - -Huck starrte einen Moment in die ehrlichen Augen des alten Mannes, dann -beugte er sich über den Tisch und flüsterte ihm ins Ohr: - -»'s ist ja gar kein Spanier, -- 's ist der Indianer-Joe!« - -Der Walliser sprang fast von seinem Stuhl auf vor Erstaunen, dann sagte -er: - -»Jetzt ist mir alles klar. Als du gestern abend von Nasenschlitzen und -Ohrenabschneiden sprachst, dacht' ich, 's sei 'ne Erfindung von dir, -ein Weißer rächt sich nicht auf solche Art. Ein Indianer aber! Das -ändert die ganze Sache!« - -Während des Frühstücks wurde die Unterhaltung fortgesetzt und im -Verlauf derselben erzählte der alte Mann, er und seine Söhne hätten, -ehe sie zu Bett gingen, eine Laterne angezündet und die Stelle dort -oben am Zaun gründlich nach Blutspuren untersucht. Die hätten sie zwar -nicht gefunden, aber dafür ein dickes Bündel -- - -»_Ein Bündel?_« - -Wenn diese Worte Blitze gewesen wären, sie hätten nicht mit größerer -Plötzlichkeit Hucks erblaßten Lippen entfahren können. Seine Augen -starrten weit geöffnet, sein Atem kam stoßweise, während er mit Zittern -der weiteren Rede des alten Mannes harrte. Dieser stockte, starrte -hinwiederum Huck an, drei, fünf, zehn Sekunden lang und sagte dann: - -»Ja, ein Bündel Einbrecherwerkzeuge! Na, nu sag' aber mal, was mit dir -los ist, Junge!« - -Huck war in seinen Stuhl zurückgesunken, erleichtert und dankbar -aufatmend. Der Walliser sah ihn lange aufmerksam an, dann bestätigte er -nochmals: - -»Ja, Diebswerkzeuge. Dir scheint ein Stein dabei vom Herzen zu fallen. -Was hat dich aber denn so in Aufregung gebracht? Was hätten wir denn -sonst finden sollen?« - -Wieder saß Huck in der Klemme! Das forschende Auge ruhte auf ihm, -- er -hätte irgend etwas um eine annehmbare Ausrede gegeben. Nichts wollte -ihm einfallen; der forschende Blick drang tiefer und tiefer, -- eine -sinnlose Antwort stieg in ihm auf und da keine Zeit zum Ueberlegen war, -so stieß er denn schwach hervor: - -»Sonntagsschulbücher, -- vielleicht.« - -Der arme Huck war zu befangen, um auch nur lächeln zu können, der alte -Mann aber lachte, lachte aus vollem Halse, laut und herzlich, so daß -alles an ihm vom Kopf bis zu den Füßen wackelte, und als er wieder -zu Atem kam, meinte er, solch' ein Lachen sei wie bares Geld in der -Tasche, denn es erspare einem lange Doktorsrechnungen. Dann fügte er -bei: - -»Armer, kleiner Kerl, siehst ganz blaß und angegriffen aus, 's scheint -dir gar nicht wohl zu sein. Kein Wunder, daß du ein wenig faselig -geworden und aus dem Gleichgewicht geraten bist. Wird schon wieder -besser werden. Ruhe und Schlaf sollen dich schon auskurieren, denk' -ich.« - -Huck ärgerte sich schwer bei dem Gedanken, solch verräterische -Erregung gezeigt zu haben, denn es waren ihm schon damals, als er die -Schurken bei dem Zaun der Witwe belauschte, Zweifel gekommen, ob das -mitgebrachte Paket der Schatz sei. Doch war dies immerhin nur Vermutung -gewesen, die jetzt erst zur Gewißheit wurde. Die Kiste war also noch -an ihrem alten Platz, und nun war's eine Kleinigkeit für Tom, wenn die -beiden Halunken unter tags eingefangen wurden, am Abend nach jener -bewußten Nummer zwei zu gehen und sich des Schatzes zu versichern. -Alles schien herrlich im Zuge! - -Gerade als das Frühstück beendet war, klopfte es an die Thüre. Huck -versteckte sich geschwind, denn es lag ihm gar nichts daran, mit dem -letzten Ereignis in Zusammenhang gebracht zu werden. Der Walliser -öffnete und ließ mehrere Herren und Damen herein, unter denen sich auch -die Witwe Douglas befand. Dabei bemerkte er, daß noch andre Einwohner -des Ortes truppweise den Hügel erstiegen, um sich den Schauplatz der -nächtlichen Ereignisse zu besehen. Die Kunde von dem Vorgefallenen -hatte sich also schon verbreitet. - -Nun mußte der Alte den Besuchern die Geschichte der Nacht bis in's -kleinste berichten. Die Dankbarkeit der Witwe Douglas für ihre Rettung -machte sich in warmen Worten Luft. - -»Verlieren Sie kein Wort weiter, Madam,« wehrte der Alte ab, »'s giebt -einen, dem Sie zu viel größerem Danke verpflichtet sind, als mir und -meinen Jungens, der will aber seinen Namen nicht genannt haben. Ohne -den, sag' ich Ihnen, wären wir niemals dazu gekommen, die Halunken zu -verjagen.« - -Dies erregte natürlich die allgemeine Neugierde in so hohem Grade, daß -man darüber beinahe die Hauptsache vergaß. Der Walliser aber ließ sich -durch die brennende Neugierde seiner Zuhörer, die sich durch deren -Vermittlung nach und nach dem ganzen Städtchen mitteilte, nicht irre -machen, sondern behielt sein Geheimnis wohlverwahrt bei sich. Als die -Leute alles übrige in Erfahrung gebracht hatten, sagte die Witwe: - -»Gestern abend las ich noch im Bett und schlief ein, so fest, daß ich -von dem ganzen Spektakel gar nichts hörte. Warum haben Sie mich denn -nicht aufgeweckt?« - -»Na, das hielten wir für unnötig. Die Kerls kamen schwerlich wieder, -das war so gut wie gewiß. Weshalb also Lärm schlagen und Sie -unnötigerweise zu Tod erschrecken? Außerdem hab' ich meine drei Nigger -für den Rest der Nacht als Wächter um Ihr Haus gestellt, Madam, die -sind eben zurückgekommen.« - -Immermehr Leute kamen, und die Geschichte mußte nochmals erzählt und -wieder erzählt werden, und immer so weiter, einige Stunden lang. - -Wie gewöhnlich an ereignisvollen Tagen war die Kirche -- es war gerade -Sonntag -- frühzeitig und stark besucht. Das aufregende Ereignis wurde -gehörig besprochen. Man erzählte sich, daß bis jetzt noch nicht die -geringste Spur der Schurken aufgefunden worden sei. - -Nach dem Gottesdienst ging Frau Kreisrichter Thatcher auf Frau Harper -zu, als diese mit der Menge den Hauptgang der Kirche hinabschritt, und -fragte: - -»Meine Becky will heute wohl den ganzen Tag durch schlafen? Habe mir's -doch gedacht, daß sie todmüde sein würde!« - -»Ihre Becky?« - -»Nun ja,« bestätigte die Frau Kreisrichter mit erschrockenem Blick. -»Die ist doch diese Nacht bei Ihnen geblieben?« - -»Bewahre -- nein.« - -[Illustration] - -Frau Thatcher wurde blaß und sank in den nächststehenden Stuhl, gerade -als eben Tante Polly, mit einer Freundin sich lebhaft unterhaltend, -daher schritt. - -»Guten Morgen Frau Kreisrichter, Morgen Sally Harper, hab' da wieder -mal 'nen Schlingel, der nicht heimgekommen ist. Denk' mir, er wird über -Nacht bei Ihnen geblieben sein, bei der einen oder der andern. Fürchtet -sich drum wohl in die Kirche zu kommen, hat ohnedies noch was bei mir -im Salz liegen -- ha, ha!« - -Frau Thatcher, blässer als je, konnte nur leise verneinend den Kopf -bewegen. - -»Bei uns ist er nicht,« sagte Frau Harper zögernd, sie fing auch an -ängstlich zu werden. Eine plötzliche Furcht malte sich in Tante Pollys -Antlitz. - -»Joe Harper, hast du meinen Tom heute morgen schon gesehen?« - -»Nein.« - -»Wann hast du ihn zuletzt gesehen?« - -Joe versuchte sich zu besinnen, konnte aber nicht ganz klar darüber -werden. - -Man war allmählich auf die bestürzte Gruppe aufmerksam geworden. Die -Leute blieben stehen, ein Flüstern ging durch die Menge, Unruhe und -Sorge zeigte sich in jedem Gesichte. Kinder und junge Leute wurden -ängstlich ausgefragt. Alle stimmten darin überein, daß niemand acht -gegeben hätte, ob Tom und Becky bei der Heimfahrt dabei gewesen. Es sei -dunkel geworden und man habe nicht nachgesehen, ob irgend jemand fehle. -Ein junger Mann platzte endlich mit der Vermutung heraus, sie seien am -Ende noch in der Höhle. - -Die Frau Kreisrichter wurde daraufhin ohnmächtig, Tante Polly weinte -und rang die Hände. - -Die Schreckenskunde flog von Lippe zu Lippe, von Gruppe zu Gruppe, von -Straße zu Straße, und innerhalb fünf Minuten tönte wildes Glockenläuten -vom Turme und die ganze Stadt war in Bewegung. Die nächtlichen -Ereignisse verloren jegliches Interesse, Räuber und Mörder waren -vergessen, Pferde wurden gesattelt, Boote bemannt, die Fähre flott -gemacht, und ehe die Schreckensmäre eine halbe Stunde alt war, befanden -sich zweihundert Mann zu Wasser und zu Lande auf dem Wege nach der -Höhle. - -Den ganzen langen Nachmittag hindurch schien das Städtchen wie -ausgestorben. Viele Frauen besuchten Frau Thatcher und Tante Polly, um -sie zu trösten oder mit ihnen zu weinen, was besser war als alle Worte. - -Die ganze lange Nacht hindurch wartete man im Städtchen auf -Nachrichten, und als endlich der Morgen tagte, war nur zu hören: -Schickt mehr Kerzen und schickt Lebensmittel! - -Frau Thatcher war fast von Sinnen, Tante Polly desgleichen. Der -Kreisrichter sandte von Zeit zu Zeit ein Wort der Hoffnung und -Ermutigung aus der Höhle, Trost aber brachte das nicht. - -Der alte Walliser kam gegen Morgen heim, mit Kerzentalg bespritzt, -mit Lehm beschmiert, zu Tode erschöpft. Er fand Huck noch immer auf -dem Lager, das er ihm angewiesen; dessen Geist erging sich in wilden -Fieberphantasieen. Da die Aerzte mit in der Höhle waren, so wußte er -keinen besseren Rat, als die Witwe Douglas zu holen, die denn auch -sofort kam und sich des Patienten liebreich annahm. - -Im Laufe des Vormittags begannen sich allmählich truppweise die -erschöpften Männer im Städtchen wieder einzufinden, während die -Stärkeren draußen blieben, um weiter zu suchen. Alles was man erfahren -konnte war, daß die entlegensten Strecken der Höhle, die bis jetzt -noch kein menschlicher Fuß betreten, abgesucht worden waren, daß jeder -Winkel, jeder Spalt durchforscht werde, daß man überall, wohin der -Fuß sich auch wende, im Gewirr der Gänge, Lichter hin und her huschen -sehe, und daß fortwährend Rufe und Pistolenschüsse in dumpfem Widerhall -gegen die düsteren Felsenwände anschlügen. An einer Stelle, weit von -dem gewöhnlich begangenen Teil der Höhle entfernt, hatte man die Namen -›Becky‹ und ›Tom‹ mit Kerzenrauch auf der Felswand eingeschwärzt -gefunden und dicht dabei ein mit Talg beschmutztes Stückchen Band. -Frau Thatcher erkannte das letztere als ihrem Kinde gehörig und weinte -heiße Thränen darauf. Sie sagte, es sei dies das letzte Zeichen, das -sie jemals von ihrem Kinde erhalten werde, daß kein Andenken ihr so -kostbar und teuer sein könne, als dies kleine Stückchen Band, denn dies -sei das letzte, was sich von dem geliebten, lebendigen Körper gelöst, -ehe der grausame Tod gekommen. Man erzählte, wie einzelne hie und da in -der Höhle ein fernes Lichtfünkchen entdeckten, um mit Jubel und Hallo -und voller Hoffnungsfreudigkeit drauf los zu stürzen, aber stets folgte -bittere Enttäuschung: es waren nicht die vermißten Kinder, sondern nur -das Licht irgend eines andren Mitsuchenden. - -Drei schreckliche Tage und Nächte schleppten ihre endlosen Stunden -über das Städtchen hin, und dieses versank in hoffnungslose, starre -Betäubung. Niemand hatte Lust zu irgend etwas. Die eben erfolgte -zufällige Entdeckung, daß der Besitzer der Mäßigkeitsvereins-Herberge -Spirituosen hielt, machte kaum Eindruck, so furchtbar diese Thatsache -auch sein mochte. In einem lichten Moment suchte Huck die Rede auf -Gasthöfe im allgemeinen und diese Mäßigkeitsvereins-Herberge im -besonderen zu lenken, und fragte zuletzt zaghaft, das Schlimmste -befürchtend, ob irgend etwas dort entdeckt worden sei, während er krank -gewesen. - -»Ja,« bestätigte die Witwe. - -Mit wild starrenden Augen fuhr Huck im Bett in die Höhe: - -»Was -- was denn?« - -»Branntwein! -- man hat die Herberge geschlossen. Leg' dich doch, Kind, --- wie hast du mich erschreckt!« - -»Sagen Sie mir nur noch eines, -- nur noch eins, bitte, hat's Tom -Sawyer gefunden?« - -Die Witwe brach in Thränen aus. - -»Still, still, Kind, still. Ich habe dir's doch schon gesagt, du darfst -nicht reden. Du bist sehr, sehr krank.« -- - -Also nur Branntwein war gefunden worden; hätte man das Gold entdeckt, -wäre ein andres Hallo entstanden. Der Schatz war also verloren, -- -verloren für immer. Warum aber weinte die Frau? Sonderbar, was hatte -sie zu weinen? - -Dunkel bahnten sich solche Gedanken ihren Weg durch Hucks mattes Gehirn -und machten ihn so müde, daß er drüber in Schlaf sank. Die treue -Pflegerin beobachtete ihn und flüsterte leise: - -»Da -- nun schläft er wieder, armer, kleiner Kerl. Ob Tom Sawyer den -Branntwein gefunden hat! Großer Gott, wenn doch nur einer den Tom -Sawyer selber finden wollte! Viele giebt's nicht mehr, die noch Kraft -genug oder auch Hoffnung genug haben, um weiter zu suchen.« - -[Illustration] - - - - -Achtundzwanzigstes Kapitel. - - -Kehren wir jetzt zu Toms und Beckys Anteil am Picknick zurück. -Sie wanderten mit der übrigen Gesellschaft durch die düsteren -Gänge, um die bekannten Wunder der Höhle zu besuchen, -- Wunder -mit vielversprechenden, prunkenden Namen, wie der ›große Saal‹, -›die Kathedrale‹, ›Aladdins Palast‹, und so weiter. Dann kam das -Versteckspiel an die Reihe und Tom und Becky beteiligten sich mit -Eifer daran, bis das Vergnügen anfing, etwas ermüdend zu wirken. Dann -schlenderten sie durch die verzweigten Gänge, hielten die Kerzen hoch -und lasen das Gewirr von Namen, Daten, Adressen und Reimen, welche -mit Kerzenrauch gemalt, die Felswände gleich Fresken bedeckten. -Immer weiter schreitend und plaudernd merkten sie kaum, daß sie sich -nun in einem Teil der Höhle befanden, wo die Wände noch unbefleckt -waren. Sie schwärzten ihre eigenen Namen an einer geeigneten Stelle -ein und schritten dann weiter. Nun kamen sie an einen Ort, wo ein -kleines Wässerchen, das von einer Wand niederträufelte und einen -Bodensatz von Kalk mit sich führte, im Laufe endloser Zeiträume einen -ganzen Wasserfall aus Spitzen und Schnörkelwerk in schimmerndem, -unvergänglichem Gestein gebildet hatte. Tom zwängte seinen schmächtigen -Körper dahinter, um den spitzenartigen Ueberhang zu Beckys Vergnügen -zu beleuchten und entdeckte, daß derselbe eine steile, von der -Natur geschaffene Treppe verbarg, die zwischen engen Wänden abwärts -führte. Jetzt kam der Ehrgeiz des Entdeckers über ihn. Becky folgte -seinem Ruf, sie machten sich mit Rauch ein Zeichen an die Wand, um -sich später wieder zurecht zu finden und traten dann wohlgemut die -Entdeckungsreise an. Sie schlugen bald diesen, bald jenen Weg ein und -gelangten nach und nach in die geheimsten Tiefen der Höhle; sie machten -sich dann ein zweites Zeichen und zweigten ab, um nach neuen Wundern -zu suchen, von denen sie der staunenden Oberwelt mit Stolz berichten -könnten. Sie kamen zu einem hallenartigen Raume, von dessen Decke -Massen von riesigen, schimmernden Tropfsteingebilden niederhingen. -Staunend durchwanderten sie die Halle nach allen Seiten und verließen -dieselbe dann, immer kühner werdend, durch einen der zahlreichen, hier -einmündenden Seitengänge. Dieser brachte sie nach kurzer Frist zu -einer entzückenden, kleinen Quelle, deren Becken mit einer wunderbar -glitzernden Kruste phantastisch geformter Kristalle überzogen war. -Dieser Zauberborn befand sich inmitten eines neuen Gewölbes, dessen -Decke durch eine Menge schlank aufstrebender Pfeiler gestützt wurde, -welche durch das allmähliche Zusammenwachsen großer Tropfsteingebilde -im Laufe vieler Jahrhunderte entstanden waren. Unter der Wölbung -hatten sich riesige Klumpen von Fledermäusen zusammengeballt, Tausende -auf einem Knäuel. Das Licht störte die nächtlichen Wesen auf, so daß -sie zu Hunderten hernieder flatterten und mit tollem Gequieke gegen -die Lichter schossen. Mit dem Wesen dieser Tiere vertraut, erkannte -Tom sofort das Gebahren und die Gefahr, die für sie beide darin lag. -Er ergriff Beckys Hand und stürzte mit ihr in den ersten besten -Seitengang, der sich ihnen zeigte; keinen Augenblick zu frühe, denn -eben huschte eine Fledermaus mit ihrem Flügel so dicht an Beckys Kerze -vorüber, daß die kleine Flamme erlosch. Tom gelang es, die seine mit -Erfolg zu hüten, obgleich die aufgescheuchten Tiere die Kinder noch -weit durch die verschiedensten Gänge verfolgten, welche diese in -blinder Hast durcheilten, nur darauf bedacht, der Gefahr möglichst -rasch zu entgehen. Kurz darauf fand Tom einen unterirdischen See, -dessen nächtliche Fluten sich weit in die schwarzen Schatten hinein -verloren. Ihn gelüstete, das Ufer ringsum zu erforschen, doch zuvor -beschlossen die Kinder, sich ein Weilchen zu setzen, auszuruhen und -frische Kräfte zu sammeln. Jetzt, zum erstenmal, legte sich die -schauerlich tiefe Stille der Umgebung wie eine feuchtkalte Hand auf die -mutig und fröhlich pochenden Herzen der Kinder. Becky meinte: - -»Ich hab' gar nicht acht gegeben, aber mir kommt's wie eine Ewigkeit -vor, seit wir die andern nicht mehr gehört haben.« - -»Denk' doch 'mal 'n bißchen nach, Becky, wir sind ja tief unter ihnen -und weiß Gott wie viel weiter nördlich oder südlich oder östlich oder -was es ist. 's ist ja einfach unmöglich, 'was zu hören.« - -Becky wurde ängstlich. - -»Möcht' wissen, wie lang wir schon hier unten sind, Tom. Laß uns lieber -umkehren.« - -»Ja, 's wird wohl besser sein, denk' ich, s' wird besser sein.« - -»Weißt du den Weg, Tom? Mir ist's das reine Wirrsal.« - -»Finden könnt' ich ihn am End', aber denk' doch mal, die Fledermäuse! -Wenn die uns beide Lichter ausmachen, kann's 'ne böse Geschichte für -uns werden. Müssen eben probieren, 'nen andern Weg zu finden, der nicht -dort durchführt.« - -»Gut, aber hoffentlich verirren wir uns nicht. Das wäre zu gräßlich!« -Und das Kind schauderte bei dem Gedanken an die bloße Möglichkeit. - -Sie wandten sich nun durch einen langen Gang zurück und durchschritten -denselben schweigend eine lange, lange Zeit, starrten dabei in jeden -Seitengang, um irgend ein bekanntes Zeichen zu entdecken, aber alles, -alles war neu und fremd. Jedesmal, wenn Tom prüfte und untersuchte, -beobachtete Becky ängstlich sein Gesicht, um eine Spur der Entmutigung -zu finden, und er sagte regelmäßig ganz heiter: - -»Oho, ganz recht. Hier ist's noch nicht, wird wohl gleich kommen!« -Aber mit jedem Fehlschlagen fühlte er weniger und weniger Hoffnung im -Herzen und begann allmählich auf's Geratewohl die abzweigenden Gänge -zu durchwandern, sich in der Verzweiflung damit tröstend, er werde -am Ende durch Zufall den richtigen Weg finden. Wohl sagte er immer -noch: ›Schon recht!‹ aber allmählich hatte sich die Angst wie ein -Bleigewicht auf seine Seele gelegt, die Worte hatten den Klang der -Ueberzeugung verloren und lauteten, als ob sie bedeuten sollten: ›Alles -ist verloren‹. Becky drängte sich in lautlosem Entsetzen dicht an seine -Seite und preßte mit Gewalt die Thränen zurück. Endlich sagte sie: - -»O, Tom, was liegt an den Fledermäusen, laß uns doch den alten Weg -gehen. Hier scheint's, als ob wir weiter und weiter abkämen.« - -Tom blieb stehen. - -»Horch!« sagte er. - -Tiefes Schweigen, ein Schweigen so tief, daß die Kinder in der -Stille ihre eigenen Atemzüge hören konnten. Tom rief laut hinaus in -das Dunkel. Der Ruf tönte widerhallend die einsamen Gänge entlang -und erstarb in der Ferne in einem schwachen Laute, der fast wie -Hohngelächter klang. - -»O, thu's nicht wieder, Tom, thu's nicht wieder. Es ist gräßlich,« -flehte Becky. - -»Gräßlich ist's, aber 's ist doch besser, wenn ich's thue, Becky, sie -_könnten_ uns doch am Ende hören,« und er schrie noch einmal. - -Dieses ›könnten‹ war beinahe noch gräßlicher, als jenes geisterhafte -Lachen, es lag eine solch' verzweifelte Hoffnungslosigkeit drin! -Wieder lauschten die Kinder mit aller Anstrengung, aber kein Ton -ließ sich hören. Tom wandte sich sofort zurück und beeilte seine -Schritte. Es dauerte nur eine kleine Weile, bis eine gewisse Unruhe und -Unschlüssigkeit in seinem Benehmen Becky die furchtbare Thatsache ahnen -ließ, daß er den Rückweg nicht zu finden vermochte! - -»Tom, o Tom, du hast dir ja gar keine Zeichen mehr gemacht!« - -»Ja, Becky, ich war ein Narr, ein elender, blinder, dummer Narr! Ich -hab' gar nicht dran gedacht, daß wir wieder zurück müssen! Nein, ich -kann den Weg nicht finden, 's läuft ja hier alles kreuz und quer.« - -»Tom, Tom, wir sind verloren! Wir können nie, nie wieder aus dieser -gräßlichen Höhle heraus. O, warum sind wir von den andern fortgegangen!« - -Sie sank zu Boden und brach in so krampfhaftes Weinen aus, daß Tom -angst und bange wurde, sie möchte sterben oder den Verstand verlieren. -Er beugte sich zu ihr und schlang seine Arme um sie, sie barg ihr -Gesichtchen an seiner Brust, schmiegte sich fest an ihn und strömte -ihr Entsetzen und ihre Reue in Wehklagen aus, das in dem fernen Echo -wie spöttisches Gelächter verklang. Vergebens flehte Tom sie an, Mut -zu fassen. Nun begann er sich selber Vorwürfe zu machen und sich -anzuklagen, daß er sie in so gräßliche Lage gebracht. Das hatte bessere -Wirkung. Sie wollte mit bestem Willen versuchen, wieder zu hoffen, und -erklärte sich bereit, ihm zu folgen, wohin er sie führe, nur dürfe er -nicht wieder so reden, denn er sei nicht mehr zu tadeln als sie selber. - -So schritten sie also wieder dahin, ziellos, planlos, auf gutes Glück. -Das einzige, was sie thun konnten, war vorwärts zu gehen, sich in -Bewegung zu erhalten. Ein kleines Weilchen schien die Hoffnung wieder -aufleben zu wollen; nicht daß ein besonderer Grund dazu vorhanden -gewesen wäre; allein es ist eben einmal die Natur der Hoffnung, sich -leicht wieder zu beleben, wo ihr die Schwungkraft noch nicht durch -Alter und stetes Mißlingen geraubt worden ist. - -Bald darauf nahm Tom Beckys Licht und blies es aus. Dieser Akt der -Sparsamkeit war vielsagend. Da bedurfte es keiner Worte. Becky verstand -seine Bedeutung, und die Hoffnung erstarb ihr wieder. Sie wußte, daß -Tom eine ganze Kerze und noch drei oder vier Stümpfchen dazu in seiner -Tasche trug, -- und doch sparte er! - -Allmählich machte die Müdigkeit ihre Rechte geltend, allein die Kinder -wollten nicht darauf achten; sie konnten unmöglich an Niedersitzen -und Rast denken, wo die Zeit so kostbar war. Sich vorwärts bewegen -in irgend einer Richtung bedeutete doch einen Fortschritt und konnte -möglicherweise ein Gelingen zur Folge haben; sich niedersetzen hieß den -Tod herbeirufen und sein Kommen beschleunigen. - -Zuletzt versagten Beckys zarte Glieder jeden weiteren Dienst, sie mußte -sich setzen. Tom ließ sich neben ihr nieder und sie sprachen von zu -Hause, von ihren Angehörigen, von ihren behaglichen Betten und vor -allem vom lieben, goldnen Tageslicht! Becky weinte leise vor sich hin -und Tom zerbrach sich den Kopf, wie er sie trösten könne; aber jedes -Trostwort war schon längst verbraucht und klang beinahe wie Hohn und -Spott. Bleierne Müdigkeit lastete auf Becky und drückte ihr zuletzt die -Augen zu. Wie froh war Tom. Er saß und starrte in ihr gramverzogenes -Gesichtchen, das nach und nach unter dem Einfluß heiterer Träume hell -und heller wurde, bis sich allmählich ein verklärendes Lächeln darüber -ergoß. Die friedvollen Züge warfen einen Strahl von Frieden und Ruhe in -seine eigene Seele und seine Gedanken wanderten zurück zu vergangenen -Tagen, träumerischer Erinnerung voll. Während er noch tief in -Nachsinnen versunken war, erwachte Becky mit einem kurzen, fröhlichen -Lachen, das ihr jedoch alsbald auf den Lippen erstarb und einem Stöhnen -Platz machte. - -»O, wie konnte ich nur schlafen! Wär' ich doch nie, nie mehr -aufgewacht! Aber Tom, was hast du? -- Ich will's ja nie wieder sagen, -nur sieh' mich nicht so an!« - -»Ich bin froh, daß du geschlafen hast, Becky, nun bist du wieder munter -und wir finden sicher den Weg hinaus.« - -»Wir wollen's versuchen! Ach, ich hab' im Traum so 'n schönes, -herrliches Land gesehen, -- ich glaub', wir kommen dorthin!« - -»Noch nicht, Becky, vielleicht noch nicht. Mutig vorwärts, laß uns -weiter suchen!« - -Sie erhoben sich und wanderten weiter, Hand in Hand, hoffnungslos. Sie -versuchten zu schätzen, wie lange sie schon in der Höhle herumirrten, -es kam ihnen vor, als seien es Tage und Wochen, aber es konnte -unmöglich sein, denn noch waren ihre Kerzen nicht ausgegangen. - -Lange Zeit hernach, wie lange wußten sie nicht, sagte Tom, sie müßten -nun leise gehen und lauschen, ob sie nicht das Rieseln von Wasser -hörten, -- sie müßten eine Quelle finden. Bald darauf fanden sie -wirklich eine, und Tom hielt es an der Zeit, wieder auszuruhen. Beide -waren furchtbar müde, aber Becky meinte trotzdem, sie könne noch ein -wenig weiter gehen. Zu ihrer Ueberraschung war Tom anderer Meinung; sie -konnte nicht verstehen warum. So setzten sie sich denn nieder und Tom -befestigte die Kerze mit etwas Lehm an der gegenüber liegenden Wand. -Gedanken kamen und gingen, gesprochen wurde lange Zeit nichts. Endlich -brach Becky das Schweigen: - -»Tom, ich bin so hungrig.« - -Tom zog etwas aus seiner Tasche. - -»Kennst du das?« - -Becky lächelte beinahe. Es war ein Stückchen Kuchen, das er ihr aus -Scherz während des Picknicks abgejagt hatte, worüber sie damals sehr -ungehalten schien. Nun war es zum letzten Hoffnungsanker in der Not -geworden. - -»Wollt' es wär' hundertmal so groß,« brummte Tom, »könnten's jetzt -brauchen!« - -»O, Tom, wo hätt' ich gedacht, daß dies unser letztes --« - -Sie vollendete den Satz jedoch nicht. Tom brach das Stück entzwei und -Becky aß ihr Teil mit gutem Appetit, während er an dem seinen nur so -herum knapperte. Frisches, klares Wasser hatten sie im Ueberfluß, um -ihr Mahl zu vollenden. Nach einiger Zeit schlug Becky vor, weiter zu -gehen. Tom schwieg einen Moment, dann sagte er: - -»Becky, kannst du's ertragen, wenn ich dir etwas sage?« - -Becky erbleichte, bat ihn aber, tapfer zu reden. - -»Nun denn, Becky, wir müssen hier bleiben, wo wir Wasser zum Trinken -haben. Dies kleine Stümpfchen ist unser letzter Rest von Kerze.« - -Becky brach in Weinen und Jammern aus. Tom that was er konnte, um sie -zu trösten, aber mit wenig Erfolg. Zuletzt sagte sie: - -»Tom!« - -»Ja, Becky?« - -»Man wird uns doch zu Hause vermissen und sie werden nach uns suchen!« - -»Natürlich, natürlich thun sie das!« - -»Vielleicht sucht man uns jetzt schon, Tom!« - -»Na, vielleicht, -- hoffentlich.« - -»Wann können sie uns wohl vermißt haben, Tom?« - -»Vermutlich als sie im Boot waren.« - -»Da war's vielleicht schon dunkel, -- 's wird wohl keiner bemerkt -haben, daß wir fehlen.« - -»Na, aber dann wird dich doch deine Mutter jedenfalls vermissen, wenn -die anderen heimkommen.« - -[Illustration] - -Ein erschrockener Blick in Beckys Augen belehrte Tom über seinen -Irrtum. Becky hatte ja am Abend gar nicht nach Hause kommen sollen. -Die Kinder wurden still und nachdenklich. Einen Moment später sah Tom -aus einem erneuten Schmerzensausbruch Beckys, daß sie derselbe Gedanke -bewege wie ihn, -- nämlich, daß noch der halbe Sonntagmorgen vergehen -könne, bevor Beckys Mutter erfuhr, daß diese nicht bei Harpers über -Nacht gewesen. Die Kinder hefteten ihre Augen wortlos auf das kleine -Stückchen Kerze und beobachteten angsterfüllt, wie es langsam und -unerbittlich dahinschmolz, sahen den halben Zoll Docht zuletzt noch -allein dastehen, sahen das schwache Flämmchen steigen und fallen, -fallen und steigen, jetzt die dünne Rauchsäule erklettern, einen Moment -auf deren Spitze verweilen und dann -- herrschten die Schrecken -schwärzester Finsternis. - -Wie lange danach Becky zu dem dämmernden Bewußtsein kam, daß sie -weinend in Toms Armen lag, hätte keines von beiden zu sagen vermocht. -Sie wußten nur soviel, daß sie nach einer endlosen Zeit aus einer -schlummerartigen Betäubung, zu dem erneuten, niederdrückenden Gefühl -ihres Elends erwachten. Tom meinte, es könne Sonntag, vielleicht schon -Montag sein. Er versuchte, Becky zum Reden zu bewegen, aber der Jammer -lastete zu gewaltig auf ihr, alle Hoffnung war dahin. Tom behauptete, -nun müsse man sie daheim längst vermißt haben und das Nachsuchen -sei jedenfalls schon in vollem Gange. Er wolle schreien, sagte er, -vielleicht höre man ihn doch und folge der Spur. Er versuchte es -denn auch, aber in der tiefen Finsternis klangen die fernen Echos so -schauerlich, daß er es bald entsetzt sein ließ. - -Die Stunden schwanden dahin und der Hunger kam, um die armen kleinen -Verlorenen auf's neue zu quälen. Ein Teil von Toms Hälfte des Kuchens -war noch übrig, sie teilten den Rest und aßen. Danach schienen sie -hungriger als zuvor. Dies arme bißchen Nahrung erweckte nur den Wunsch -nach mehr. - -Plötzlich rief Tom: - -»Scht! Hörst du nicht was?« - -Beide hielten den Atem an und lauschten. Ein Laut drang an ihr Ohr, -der wie ein schwacher Ruf aus weitester Ferne klang. Augenblicklich -antwortete Tom, und Becky an der Hand führend tastete er sich den Gang -entlang, der Richtung des Tones nach. Dann lauschte er wieder atemlos. -Wieder erklang der Ruf und diesmal zweifellos ein wenig näher. - -»Sie sind's!« jubelte Tom, »sie kommen! Vorwärts, Becky -- nun ist -alles gut!« - -Die Freude, das Entzücken der Kinder war beinahe überwältigend. Sie -kamen indes nur langsam voran, denn die Höhle war reich an Spalten -im Boden, und diese mußten sie nun in der Dunkelheit doppelt meiden. -Alsbald standen sie vor einer solchen und konnten nicht weiter. Die -Spalte mochte nur drei Fuß, konnte aber auch hundert tief sein, wer -konnte das wissen? -- jedenfalls war an kein Hinüberkommen zu denken. -Tom legte sich nieder und versuchte so weit als möglich hinunter zu -reichen, -- kein Grund zu fühlen. Sie mußten also bleiben und warten, -bis die Retter erschienen. Sie lauschten -- die fernen Rufe klangen -augenscheinlich ferner und ferner. Einen Moment oder zwei noch, und sie -erstarben gänzlich. O, diese herzbrechende Verzweiflung! Tom schrie, -tobte, brüllte, bis er vollständig heiser war, ohne jeden Erfolg. -Hoffnungsvoll redete er Becky zu, aber eine Ewigkeit ängstlichen -Harrens schwand dahin, kein Ton war zu vernehmen. - -Die Kinder tasteten sich nach der Quelle zurück; lange, schwere Stunden -schleppten sich dahin; die Verirrten schliefen ein und erwachten halb -verhungert und voll Herzeleid. Tom meinte, nun müsse es wohl Dienstag -sein. - -Jetzt kam ihm ein Gedanke. Ganz in der Nähe befanden sich ein paar -Seitengänge. Es war immerhin noch besser, diese zu untersuchen, als -das lastende Gewicht der Zeit müßig zu tragen. Er nahm eine Leine aus -der Tasche, an der er einstmals seinen Drachen hatte steigen lassen, -befestigte dieselbe an einem Felsvorsprung und schritt dann, indem -er die Leine abwickelte, vorwärts. Becky folgte ihm. Nach ungefähr -zwanzig Schritten fiel der Gang plötzlich steil ab. Tom ließ sich auf -die Kniee nieder, fühlte nach unten und dann so weit um die Ecke, als -er bequem mit den Händen reichen konnte. Eben war er im Begriff, mit -größter Anstrengung noch einmal weiter nach rechts zu tasten, als im -selben Augenblick, keine zwanzig Meter entfernt, hinter einem Felsen -hervor eine menschliche Hand erschien, die ein Licht hielt. Tom stieß -einen laut hallenden Jubelschrei aus und alsbald folgte der Hand auch -der Körper, zu dem sie gehörte, -- der Körper des Indianer-Joe. Tom -war wie gelähmt, er konnte kein Glied rühren. Wie erlöst von einem -Banne atmete er auf, als er sah, daß der ›Spanier‹ augenblicklich sich -umwandte und schleunigst Fersengeld gab. Er konnte es kaum begreifen, -daß Joe seine Stimme nicht erkannte und ihm für seine Aussage vor -Gericht nicht den Garaus machte. Das Echo mußte sicherlich die Stimme -unkenntlich gemacht haben, anders konnte er sich's nicht erklären. Die -Furcht lähmte jede Muskel in Toms Körper. Er nahm sich bestimmt vor, -zur Quelle zurückzukehren, wenn er noch Kraft genug dazu besitze, und -dort zu bleiben; nichts in der Welt könne ihn bewegen, sich noch einmal -der Gefahr auszusetzen, dem Indianer-Joe in die Hände zu laufen. So -kroch er denn zurück und hütete sich wohl, Becky etwas von dem merken -zu lassen, was er gesehen hatte. Den Schrei vorhin -- sagte er ihr -- -habe er nur noch einmal auf's Geratewohl ausgestoßen. - -Hunger und Elend aber trugen auf die Länge der Zeit den Sieg davon. -Eine erneute, schreckliche Zeit des Harrens und Bangens, ein -nochmaliger langer Schlaf änderten Toms Entschluß. Die Kinder erwachten -von rasendem Hunger gepeinigt. Tom meinte, es müsse nun schon Mittwoch -oder Donnerstag, vielleicht gar Freitag oder Samstag sein und die -Suche nach ihnen sei wohl schon längst aufgegeben. Er schlug vor, -einen andern Gang zu durchforschen. Er war nun entschlossen, es mit -dem Indianer-Joe und allen sonstigen Schrecken aufzunehmen. Becky aber -fühlte sich sehr schwach. Sie war in eine traurige Teilnahmlosigkeit -versunken, aus der nichts sie aufrütteln konnte. Sie für ihr Teil wolle -bleiben wo sie sei, hauchte sie matt, wolle hier sterben, es daure nun -doch nicht mehr lange. Tom solle nur gehen und mit der Drachenleine -weiter suchen: nur bat sie ihn flehentlich, doch ja von Zeit zu -Zeit zurückzukommen und mit ihr zu reden. Sie ließ ihn feierlich -versprechen, daß, wenn die letzte bange Stunde käme, er bei ihr bleiben -und ihre Hand halten wolle, bis alles vorüber sei. Tom küßte sie mit -einem erstickenden Gefühl in der Kehle und that, als sei er fest davon -überzeugt, entweder die Suchenden oder einen Ausweg aus der Höhle zu -finden. Dann nahm er seine Drachenleine zur Hand und kroch auf Händen -und Knieen einen der Gänge hinunter, von Hunger gequält, von den -trübsten Ahnungen des nahenden Schicksals gepeinigt. - -[Illustration] - - - - -Neunundzwanzigstes Kapitel. - - -Der Dienstag-Nachmittag kam und schwand, die Dämmerung setzte ein. Das -Städtchen St. Petersburg trauerte noch tief. Die verlorenen Kinder -waren immer noch nicht aufgefunden. In der Kirche war öffentlich für -sie gebetet worden, und wieviele Gebete mochten im stillen Kämmerlein -zum Himmel aufgestiegen sein! aber noch immer kam keine bessere -Kunde aus der Höhle. Die Mehrzahl der Suchenden hatte die weitere -Nachforschung aufgegeben und war zu ihren täglichen Beschäftigungen -zurückgekehrt; sie meinten, die Kinder würden doch niemals wieder -gefunden werden. Frau Thatcher war ernstlich erkrankt und lag meist in -Fieberphantasieen. Die Leute sagten, es sei herzbrechend anzuhören, wie -sie nach ihrem Kinde riefe, den Kopf hebe, um wohl eine Minute lang -zu lauschen, und ihn dann ermattet und seufzend wieder niedersinken -zu lassen. Tante Polly war in tiefste Schwermut verfallen, ihr graues -Haar war beinahe schneeweiß geworden. Am Dienstag abend ging alles im -Städtchen traurig und hoffnungslos zur Ruhe. - -Etwa gegen Mitternacht brachen die Glocken in ein wildes Geläute aus -und im nächsten Augenblick waren die Straßen voll von Gruppen halb -angekleideter Gestalten, welche wie wahnsinnig: ›heraus, heraus, sie -kommen, sie kommen!‹ in die Nacht hinein schrieen. Blechpfannen und -Hörner halfen das Getöse noch vermehren. Die Bevölkerung drängte sich -in Massen dem Flusse zu, den wiedergefundenen Kindern entgegen, welche -in einem offenen Wagen daher kamen, der von jubelnden, jauchzenden -Männern gezogen wurde. Im Nu war der Wagen dicht umringt und mit Jubel -und Hurrahruf bewegte sich der Triumphzug die Hauptstraße hinauf. - -Alle Häuser waren festlich beleuchtet, niemand fiel es ein, nochmals -zu Bette zu gehen, es war der größte Moment, den das Städtchen je -erlebt hatte. Während der ersten halben Stunde bewegte sich die -Einwohnerschaft in langem Zug durch Richter Thatchers Haus. Die -geretteten Kinder wurden mit Fragen und Küssen überschüttet, der armen -Mutter Hand vor Mitgefühl fast ausgerenkt und dabei das ganze Haus mit -Thränen förmlich überschwemmt. - -Tante Pollys Seligkeit war vollkommen, und bei Frau Thatcher fehlte -nicht viel dazu. Ihr Glück konnte jedoch erst vollständig sein, wenn -der Bote, den man alsbald mit der großen Neuigkeit nach der Höhle -gesandt, dem armen, trostlos weiter suchenden Vater die Freudenkunde -überbracht haben würde. - -Tom lag auf dem Sofa. Einer atemlos lauschenden Zuhörerschaft, die -um ihn herum stand, erzählte er die Geschichte seiner wunderbaren -Abenteuer, wobei er nicht verfehlte, aus freier Erfindung manch -wirkungsvollen Zug zur weiteren Ausschmückung anzubringen. Zum Schlusse -gab er eine besonders anschauliche Beschreibung davon, wie er Becky -verlassen, um eine erneute Entdeckungsreise anzutreten, wie er mit der -Drachenleine in der Hand durch zwei Gänge gekrochen, wie er eben im -Begriff gewesen, dem dritten, den er der ganzen Länge der Schnur nach -durchmessen, hoffnungslos und verzweifelnd den Rücken zu kehren, als -er plötzlich in weitester Entfernung einen hellen Fleck gewahrte, der -wie Tageslicht aussah. Da habe er die Leine fahren lassen, sei auf den -Knieen dem verheißenden Fleck zugekrochen, habe Kopf und Schultern -durch ein enges Loch gezwängt, habe frische, freie Gottesluft geatmet -und den Mississippi seine breiten Wogen an sich vorüber wälzen sehen. -Wäre es zufällig Nacht gewesen, so daß kein heller Fleck zu sehen war, -dann würde er den Gang nicht weiter untersucht haben! Er erzählte, wie -er dann zu Becky zurückkroch, um ihr die Freudenkunde zu bringen, wie -sie ihn bat, sie mit solchem Unsinn zu verschonen, sie sei müde, wisse, -daß sie sterben müsse und wolle sterben. Er beschrieb, welche Mühe -es ihn gekostet, sie zu überzeugen und wie sie dann beinahe wirklich -gestorben sei vor Glück, als sie sich nun mühsam dahingeschleppt, wo -sie das Fleckchen wirkliches und wahrhaftiges Tageslicht sehen konnte. -Wie er zuerst durch das Loch gekrochen und ihr sodann herausgeholfen, -worauf sie beide sich niedergesetzt und vor Freude und Glück geweint -hätten. Dann, sagte er, seien ein paar Männer in einem Boot den Fluß -daher gekommen, er habe sie angerufen und von seiner und Beckys Lage -und von ihrem halb verhungerten Zustande erzählt. Wie ihm die Leute -zuerst nicht hatten glauben wollen, weil es ihnen wie ein tolles -Märchen geklungen, »denn«, sagten sie, »ihr seid ja fünf Meilen -unterhalb der Bucht, in der die Höhle ist,« sich aber dann doch eines -anderen besonnen und sie an Bord genommen hätten. Dann seien sie nach -einem Hause gerudert, hätten ihnen ein Abendessen gegeben, sie ein paar -Stunden lang ausruhen lassen und sie dann endlich nach Hause gebracht. - -Vor Tagesgrauen wurden denn auch der Kreisrichter und die Handvoll -Leute, die ihm noch immer treulich suchen halfen, vermittels des -Leitfadens, den sie hinter sich herlaufen ließen, aufgesucht und ihnen -die freudige Botschaft überbracht. Alles war eitel Glück und Freude! - -Drei Tage und drei Nächte der Trübsal und des Hungers lassen sich -jedoch nicht mit einem Male abschütteln, das sollten auch Tom und -Becky erfahren. Mittwoch und Donnerstag mußten sie das Bett hüten -und schienen nur immer elender und müder zu werden. Tom freilich -fing schon am Donnerstag an, ein wenig herum zu kriechen, zeigte sich -Freitag auf der Straße und war Sonnabend fast wieder er selber. Becky -aber konnte vor Sonntag das Zimmer nicht verlassen und dann sah sie -aus, als ob sie eine lange, zehrende Krankheit durchgemacht hätte. - -Tom hörte von Hucks Kranksein und ging am Freitag ihn zu besuchen, -wurde aber nicht zu ihm gelassen, ebensowenig an den beiden folgenden -Tagen. Nachher durfte er ihn täglich sehen, mußte aber versprechen, -über sein Abenteuer in der Höhle zu schweigen und auch sonst nichts -Aufregendes zu berühren. Frau Douglas, die treue Pflegerin, war immer -zugegen und paßte auf. Zu Hause hörte Tom von dem nächtlichen Abenteuer -hinter dem Douglasschen Besitztum, auch, daß man den Körper des einen -Halunken im Fluß, nahe an dem Landungsplatze der Dampffähre gefunden -habe; er war sicherlich bei dem Fluchtversuch ertrunken. - -Etwa vierzehn Tage nach Toms Befreiung aus der Höhle machte dieser -wieder einmal einen Besuch bei Huck, welcher mittlerweile genügend -zu Kräften gekommen war, um ein aufregendes Gespräch ertragen zu -können. An Stoff dazu fehlte es Tom nicht. Sein Weg führte ihn an des -Kreisrichters Haus vorüber und er trat ein, um nach Becky zu sehen. -Deren Vater und ein paar Freunde fingen ein Gespräch mit ihm an und man -fragte ihn scherzweise, ob es ihn gelüste, noch einmal in die Höhle zu -gehen. Tom meinte, warum nicht -- das würde ihm nichts ausmachen. - -Da sagte der Kreisrichter: - -»Tollköpfe wie du einer bist, giebt's noch mehr, Tom, daran zweifle ich -keinen Augenblick. Aber wir haben der Sache ein Ende gemacht. In der -Höhle soll von nun an keiner mehr verloren gehen.« - -»Wieso?« - -»Weil ich die große Eichenthüre mit Eisen habe beschlagen und dreifach -verschließen lassen, und weil ich die Schlüssel dazu selber verwahre.« - -Tom wurde weiß wie ein Leintuch. - -»Herrgott, was giebt's, Junge? Schnell, bring' mal einer ein Glas -Wasser!« - -Das Wasser wurde gebracht und Tom damit bespritzt. »So, mein Junge, ist -dir nun besser? Sag' doch nur mal um Himmels willen, was mit dir los -ist, Tom?« - -»Ach, Herr Kreisrichter, in -- _der Höhle war ja der -- der -Indianer-Joe_!« - -[Illustration] - - - - -Dreißigstes Kapitel. - - -Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Neuigkeit im Städtchen -verbreitet und bald war ein Dutzend Boote voll Menschen unterwegs nach -der Höhle, denen kurz nachher die vollgedrängte Dampffähre folgte. Tom -Sawyer befand sich mit dem Kreisrichter in einem Boote. Als man die -schwere Thüre der Höhle öffnete, bot sich in der düstern Dämmerung -des Ortes ein trauriger Anblick dar. Da lag der Indianer-Joe zur Erde -hingestreckt, tot, mit dem Antlitz dicht am Spalt der Thüre, als ob -seine Augen bis zum letzten Moment sehnsüchtig auf das Licht und die -Lust der schönen Gotteswelt da draußen geheftet gewesen wären. Tom war -tief ergriffen, wußte er doch aus eigener Erfahrung, was der Schurke -hatte leiden müssen. Aber obgleich sein Mitleid rege war, empfand -er doch zugleich ein überquellendes Gefühl der Begeisterung und -Erleichterung, welches ihm nun erst offenbarte, bis zu welchem Grade -Furcht und Angst auf ihm lasteten und ihn bedrückten, seit jenem Tage, -an welchem er vor Gericht seine Stimme gegen den blutgierigen Mörder -erhoben hatte. - -[Illustration] - -Das Dolchmesser des Indianer-Joe lag dicht bei ihm; die Klinge war -entzwei gebrochen. Der große Grundbalken der Thüre war mit unsäglicher -Mühe von dem Messer bearbeitet und schließlich durchschnitten worden; -aber es war vergebliche Arbeit, denn der Felsen bildete von außen -eine natürliche Schwelle, an der das schwache Messer zerschellen -mußte. Selbst ohne dies steinerne Hindernis würde die Arbeit umsonst -gewesen sein, denn er hätte seinen Körper doch nimmermehr unter der -Thüre durchzwängen können, und das wußte der Indianer-Joe wohl. -Trotzdem hatte er weiter geschnitzt und gebohrt, nur um etwas zu -thun, nur um die gräßlich langsam hinschleichende Zeit hinzubringen, -um seine gemarterten Lebensgeister zu irgend einer Thätigkeit zu -zwingen. Gewöhnlich konnte man eine Anzahl Lichtstümpfchen, welche von -den jeweiligen Besuchern zurückgelassen worden waren, in den Rissen -und Spalten dieser Vorhalle stecken sehen. Heute war nichts davon -zu erblicken. Der Eingesperrte hatte sie wohl alle zusammengesucht -und gegessen. Einiger Fledermäuse mußte er sich zu demselben Zwecke -bemächtigt haben, wie aus den herumliegenden Flügeln ersichtlich -war. Der Unglückliche war buchstäblich Hungers gestorben. Nicht -weit von ihm war im Lauf der Jahrhunderte ein Tropfsteingebilde vom -Boden aufgewachsen, genährt von dem fallenden Tropfen eines oben -niederhängenden Stalaktiten. Der Indianer-Joe hatte den Tropfstein -abgebrochen und auf den Stumpf einen Stein gelegt, in den er eine -kleine Vertiefung gehöhlt, um den kostbaren Tropfen aufzufangen, der -einmal in zwanzig Minuten mit der Regelmäßigkeit eines Uhrpendels -herabfiel -- im ganzen ein Theelöffel voll in vierundzwanzig Stunden. -Jener Tropfen fiel schon, da die Pyramiden neu waren, er fiel, als -Troja sank, als Rom gegründet wurde, als man Christum kreuzigte, -als Wilhelm der Eroberer das britische Reich schuf, als Columbus -segelte, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach. Jener Tropfen fällt -noch jetzt und er wird weiter fallen, wenn alle diese Dinge durch das -Tageslicht der Geschichte in die Dämmerung der Sage, in die tiefe -Nacht der Vergessenheit gesunken sein werden. Ob alles hienieden -seinen Zweck, seine Bestimmung hat? Mußte jener Tropfen so geduldig -fallen, fünftausend Jahre hindurch, um zur betreffenden Stunde für -das Bedürfnis jener vergänglichen, menschlichen Eintagsfliege bereit -zu sein? Wird er in zehntausend Jahren irgend eine andere Mission zu -erfüllen haben? Wer das wissen könnte! Doch, was liegt daran? -- Viele, -viele Jahre sind verflossen, seit jener Unglückliche den Stein höhlte, -um den kostbaren Tropfen aufzufangen, doch bis zum heutigen Tage -betrachtet jeder Besucher der Höhle am längsten diesen Stein und den -niederfallenden Tropfen. Der ›Becher des Indianer-Joe‹ nimmt unter den -Wundern der Höhle die erste Stelle ein; selbst ›Aladdins Palast‹ kann -nicht damit konkurrieren. - -Dicht beim Ausgang der Höhle wurde der Indianer-Joe beerdigt. Zu dem -Begräbnis strömten die Leute aus allen Himmelsgegenden, auf sieben -Meilen in die Runde, zu Boot und zu Wagen herbei. Sie hatten ihre -Kinder und allerlei Lebensmittel mitgenommen, und gingen schließlich so -befriedigt von dannen, als ob Joe gehängt worden wäre. - -Am darauffolgenden Morgen nahm Tom seinen Freund Huck an einen -heimlichen Ort, um etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen. Huck hatte -inzwischen Toms Abenteuer erfahren, dieser meinte aber, es sei noch -etwas dabei, was er sicher nicht gehört hätte und darüber eben wolle -er reden. Hucks Gesicht nahm eine betrübte Miene an; er sagte: »Weiß -schon, was du willst, Tom! Bist in Nummer Zwei gewesen und hast nur -Schnaps gefunden, gelt? Es hat mir's niemand gesagt, aber wie ich von -der Schnapsgeschichte hörte, wußte ich gleich, daß du es gewesen bist. -Geld hast du keins gefunden, das weiß ich, hättst's mich sonst wissen -lassen. Na, Tom, ich hatte immer so eine Ahnung, daß wir am Ende mit -leeren Händen ausgehen.« - -»Aber, Huck, ich hab' kein Wort über den Gastwirt gesagt! In seiner -Schenke war ja noch alles in Ordnung, als ich am Samstag zum Picknick -ging. Weißt du's nicht mehr? Du hast ja die Nacht dort wachen sollen!« - -»Weiß Gott, ja. Mir kommt's wie 'ne Ewigkeit vor. 's war in derselben -Nacht, als ich dem Indianer-Joe da hinauf hinter den Gartenzaun der -Frau Douglas nachgeschlichen bin.« - -»Du bist ihm nachgeschlichen?« - -»Ja, aber du hältst reinen Mund drüber, hörst du? Der Kerl könnte gute -Freunde hinterlassen haben, und die möcht' ich nicht auf mich hetzen. -Wenn ich nicht gewesen wär', wär' der Schuft jetzt in Texas oder Gott -weiß wo.« - -Huck teilte nun Tom im Vertrauen sein ganzes Abenteuer mit, von dem -dieser nur ein Bruchstück durch den alten Walliser gehört hatte. - -»Na,« schloß dann Huck, zur Hauptfrage zurückkommend, »und wer den -Schnaps in Nummer Zwei ausgehoben hat, der hat auch das Geld, soviel -ist sicher! Wir können uns den Mund wischen!« - -»Huck, das Geld war gar nie in Nummer Zwei.« - -»_Was?_« Huck starrte Tom in's Gesicht, »Tom, bist du am End' gar dem -Schatz nochmals auf der Spur?« - -»Huck, -- er ist in der Höhle!« - -Hucks Augen glänzten. - -»Sag's noch einmal, Tom.« - -»Das Geld ist in der Höhle!« - -»Tom, -- Herrgott im Himmel noch einmal, -- ist's Scherz oder Ernst?« - -»Ernst, Huck, so ernst, wie nur was sein kann im Leben. Willst du -mitkommen und 's heraus holen?« - -»Na und ob! Das heißt -- wenn's wo liegt, wo wir's holen können und den -Weg wieder heraus finden.« - -»Dafür steh' ich dir!« - -»Woher glaubst du aber, daß das Geld --« - -»Wart' nur bis du dort bist. Finden wir es nicht, dann schenk' ich dir -meine Trommel und alles, was ich sonst noch hab', so gewiß wie --« - -»Ist 'n Wort. Wann also?« - -»Gleich jetzt, wenn du willst. Bist du stark genug?« - -»Ist's weit drin in der Höhle? Bin jetzt erst drei Tage wieder ein -wenig auf meinen Spazierhölzern; ich glaub', weiter als 'ne Meile thun -sie's noch nicht, Tom.« - -»Auf dem gewöhnlichen Weg sind's freilich ungefähr fünf Meilen, aber -man kann gewaltig abschneiden, auf einem Weg, den ich allein weiß. Ich -bringe dich im Boot an die Stelle und du sollst keinen Finger dabei -rühren.« - -»Na, dann gleich los, Tom.« - -»Schon recht, wir brauchen aber erst Brot und Fleisch und unsre -Pfeifen, ein paar kleine Säcke und einen Knäuel Schnur, dann 'n paar -von den neumodischen Dingern, die sie Zündhölzer nennen. Ich sag' dir, -ich wäre gottfroh gewesen, wenn ich neulich einige gehabt hätte, als -ich so in der Klemme saß.« - -Kurz nach Mittag ›liehen‹ sich die Jungen ein kleines Boot von einem -Manne, der gerade nicht daheim war, und machten sich alsbald auf den -Weg. Als sie ein paar Meilen unterhalb der ›Höhlen-Bucht‹ waren, sagte -Tom: - -»Siehst du, Huck, die ganze steile Uferstrecke von der ›Höhlenbucht‹ an -bis hierher, ist überall gleich -- kein Haus, kein Wald, nur Gestrüppe; -aber sieh, dort oben der helle Fleck, wo ein Erdrutsch gewesen sein -muß, das ist mein Merkzeichen. Jetzt landen wir.« - -Und sie landeten. - -»Wo wir jetzt stehen, Huck, könntest du mit 'ner Angelrute das Loch -berühren, durch das wir herausgekrochen sind. Such' mal, ob du's finden -kannst.« - -Huck suchte überall herum, fand aber nichts. Stolz schritt Tom auf ein -dichtes Gesträuch von Sumachbüschen zu und sagte: - -»Hier ist's! Sieh' dir's an, Huck, 's ist das nettste Loch im ganzen -Lande. Daß du aber den Mund hältst drüber. Lang schon hab' ich mal 'n -Räuber sein wollen, hab' aber dazu so was gebraucht wie das Loch hier, -nur wollt' sich's eben nicht finden lassen. Jetzt hab' ich's und wir -sind fein still davon, sagen's nur dem Joe Harper und dem Ben Rogers, -denn wir müssen doch 'ne ganze Bande haben, sonst hat das Ding keinen -Schick. Tom Sawyers Bande, 's lautet famos, gelt Huck?« - -»Das thut's, Tom, das thut's weiß Gott! Und wer wird beraubt?« - -»Na, jeder. Wir lauern eben den Leuten auf, so macht man's.« - -»Und töten sie?« - -»Nee -- immer nicht! Sperren sie in die Höhle, bis sie sich -ranzionieren.« - -»Ranzion -- was? Was heißt denn das?« - -»Na, Geld geben! Ihre Freunde müssen alles zusammenkratzen, was sie -können, und wenn die Summe, die man verlangt, nach Jahresfrist nicht -beisammen ist, dann bringt man die Gefangenen um. So wird's gewöhnlich -gemacht. Nur die Weiber läßt man leben. Die sperrt man ein, aber -man tötet sie nicht. Die sind immer schön und reich und entsetzlich -furchtsam. Man nimmt ihnen die Uhren und ihre andern Sachen, zieht -aber immer den Hut vor ihnen und ist höflich. Niemand ist so höflich, -wie die Räuber, das kannst du in jedem Buch lesen. Na die Weiber, die -lieben einen dann, und wenn sie erst mal zwei, drei Wochen in der Höhle -gewesen sind, hören sie auf zu weinen und man kann sie schließlich -nicht wieder los werden. Wenn man sie hinaustreiben wollte, würden sie -flugs Kehrt machen und zurückkommen. So steht's in allen Büchern.« - -»Na, das laß ich mir gefallen. 's ist noch besser als Seeräuber sein.« - -»In einer Art ist's freilich besser, 's ist nicht so weit von Hause und -näher beim Zirkus und all den Sachen.« - -Jetzt war alles bereit und die Jungen schlüpften in das Loch, Tom -voran. Sie krochen mühsam bis zum andern Ende des kleinen Stollens, -befestigten dann ihre Leine und drangen weiter vor. Wenige Schritte -brachten sie zu der Quelle, und Tom fühlte sich von einem kalten -Schauder überrieselt. Er zeigte Huck das übriggebliebene Dochtrestchen, -das mit einem Klümpchen Lehm an der Felswand befestigt war, und -beschrieb, wie er und Becky verzweifelnd dem letzten Aufflackern und -Erlöschen der Flamme zugesehen. - -Die Jungen sprachen jetzt nur noch im Flüsterton, denn die Stille und -Trostlosigkeit des Orts bedrückte ihre Stimmung. Sie schritten weiter -und kamen an jenen andern Gang, der an dem vermeintlichen ›Abgrund‹ -endete. Beim Kerzenschein stellte sich indessen heraus, daß hier kein -unergründlicher Abgrund, sondern nur eine steile Lehmwand von zwanzig -bis dreißig Fuß Tiefe war. Tom flüsterte: - -»Jetzt will ich dir was zeigen, Huck.« - -Er hob die Kerze hoch und sagte: - -»Sieh' mal so weit um jene Ecke als du kannst. Siehst du was? Dort, an -dem großen Felsblock drüben, -- mit Kerzenrauch geschwärzt?« - -»Tom, 's ist ein _Kreuz_!« - -»Nun, und wo ist die Nummer Zwei? _Unter dem Kreuz_, he? Grad' dort -hab' ich den Indianer-Joe gesehen, wie er seine Kerze in die Höhe hob, -Huck!« - -Huck starrte eine Weile auf das geheimnisvolle Zeichen und hauchte dann -mit zitternder Stimme: - -»Tom, laß uns machen, daß wir fort kommen!« - -»Was, und den Schatz im Stich lassen?« - -»Ja, lieber. Dem Indianer-Joe sein Geist treibt sich gewiß hier herum.« - -»Bewahre, Huck, hier nicht! Der spukt an der Stelle, wo der Kerl -gestorben ist, am Ausgang drüben -- fünf Meilen von hier!« - -»Nee, Tom, das glaub' ich nicht. Der spukt bei seinem Geld herum. Ich -weiß, wie's Geister machen, und du weißt's auch!« - -Tom begann zu überlegen, daß Huck am Ende recht haben könne. Böse -Ahnungen stiegen in ihm auf. Plötzlich kam ihm ein erlösender Gedanke. - -»Denk' doch nach, Huck, wir sind alle beide Narren! Wie kann denn ein -Geist da herumspuken, wo ein Kreuz ist!« - -Das war ins Schwarze getroffen. - -»Tom, daran hab' ich gar nicht gedacht. Aber so ist's. Das Kreuz ist -'n Glück für uns. Wir wollen mal da hinab klettern und nach der Kiste -schauen.« - -Tom ging voraus, indem er während des Hinabsteigens rohe Stufen in -die Lehmwand schnitt. Huck folgte. Vier Gänge führten aus der kleinen -Höhle, in welcher der Felsblock stand. Drei davon untersuchten die -Jungen ohne jeden Erfolg. Sie fanden einen kleinen Schlupfwinkel, in -dem ein Bündel wollener Decken lag, dazu ein alter Hosenträger, ein -Stück Schinkenschwarte und die rein abgenagten Knochen von zwei oder -drei Hühnern. Die Goldkiste aber war nirgends zu erblicken. Die Jungen -durchsuchten alles und durchsuchten 's noch einmal, umsonst! -- Tom -sagte: - -»Es hieß _unter_ dem Kreuz. Hier stehen wir am nächsten darunter. 's -kann doch nicht unter dem Felsen selber sein, der sitzt fest auf dem -Grunde auf, was nun?« - -Wieder suchten sie überall herum und setzten sich dann entmutigt -nieder. Huck wußte nichts weiter vorzuschlagen. Nach einer Weile sagte -Tom: - -»Sieh' mal her, Huck, da sind Fußspuren und Talgtropfen im Lehm auf -dieser Seite des Felsens und zwar nur hier. Das hat was zu bedeuten, am -Ende liegt das Geld doch _unter_ dem Felsen. Ich grab' mal hier im Lehm -nach.« - -»'s ist kein dummer Gedanke, Tom,« erwiderte Huck lebhaft. - -Toms Messer war im Augenblick zur Hand und er hatte kaum vier Zoll tief -gegraben, als er auf Holz stieß. - -»Na, Huck! Hörst du das?« - -Huck begann jetzt ebenfalls zu wühlen und zu kratzen. Bald waren ein -paar Bretter bloßgelegt und weggenommen. Diese hatten eine natürliche -Spalte verborgen, die unter den Felsen führte. Tom kroch hinein und -hielt seine Kerze so weit hinunter, als er konnte, vermochte aber -das Ende des Spaltes nicht zu sehen. Er schlug daher vor, weiter zu -forschen, bückte sich und kroch vorwärts; der schmale Spalt führte -allmählich nach unten. Tom folgte dem sich windenden Lauf erst nach -rechts und dann nach links, Huck auf seinen Fersen. Als Tom wieder um -eine scharfe Wendung bog, rief er plötzlich: - -»Herr, du meine Güte, Huck sieh hier!« - -Es war die Goldkiste, die da stand, gewiß und wahrhaftig, in einer -schmucken, kleinen Höhle, zusamt einem leeren Pulverbeutel, ein paar -Gewehren in Lederhülsen und einem alten Gürtel, alles durchnäßt von -niedersickernden Wassertropfen. - -»Gefunden, endlich gefunden!« jubelte Huck, indem er mit den Händen in -den funkelnden Münzen wühlte. »Jetzt sind wir aber reich, Tom!« - -»Ich hab' sicher drauf gezählt, Huck, und doch ist's fast zu schön, um -wahr zu sein. Aber haben thun wir den Schatz, soviel ist sicher. Laß -uns weiter keine Zeit verlieren jetzt, sondern die Geschichte flink in -Sicherheit bringen. Zeig' mal her, ob ich die Kiste heben kann.« - -Diese wog vielleicht fünfzig Pfund. Tom konnte sie nur mit Mühe heben, -an ein Fortschaffen war nicht zu denken. - -»Dacht' mir's wohl,« sagte er, »damals im Gespensterhaus trugen die -Kerle ziemlich schwer dran, -- hab's gleich bemerkt. Gut, daß ich die -kleinen Säcke mitgenommen habe.« - -Das Geld war bald in die Säckchen verteilt und die Jungen trugen es -hinauf nach dem Felsblock mit dem Kreuze. - -»Jetzt wollen wir die Gewehre und das andre Zeug noch holen,« schlug -Huck vor. - -[Illustration] - -»Bewahre, die lassen wir schön dort. Das können wir alles wundervoll -brauchen, wenn wir erst Räuber sind. In der Höhle feiern wir dann unsre -Orgien, 's ist dort grad' wie gemacht für Orgien!« - -»Was ist denn das -- Orgien?« - -»Was weiß ich? Aber Räuber halten immer Orgien und das müssen wir -natürlich auch thun. Vorwärts, Huck, wir müssen schnell machen, sind -schon zu lange hier gewesen. 's wird wohl schon spät sein, hungrig bin -ich auch; aber wir wollen doch erst essen und rauchen, wenn wir im -Boot sind.« - -Kurz danach traten sie aus den Sumachbüschen hervor, schauten -vorsichtig nach allen Seiten aus, sahen, daß die Luft rein war und -saßen bald kauend und rauchend im Boote. Als eben die Sonne im -Begriff stand unterzugehen, stießen sie ab. Tom ruderte in der stetig -zunehmenden Dämmerung längs des Ufers hin, und lustig plaudernd -landeten sie kurz nach Einbruch der Nacht. - -»Jetzt, Huck,« rief Tom, »verstecken wir das Geld im Holzschuppen der -Witwe Douglas, und morgen früh komm' ich dann und wir zählen und teilen -den Kram und suchen dann im Wald nach einem Platz, wo wir ihn sicher -vergraben können. Du bleibst jetzt hier ruhig liegen und bewachst die -Herrlichkeit, ich hol' indessen geschwind Meister Taylors Handkarren. -Bin gleich wieder da!« - -Er verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Karren zurück, in -welchen er die beiden Geldsäcke legte, ein paar alte Lumpen drauf warf -und sich dann mit seiner Last auf den Weg machte. Am Haus des alten -Wallisers blieben die Jungen stehen, um einmal auszuruhen. Als sie eben -weiter wollten, trat der Alte heraus und rief: - -»Holla, wer ist da?« - -»Huck und Tom Sawyer.« - -»Schön, und nun schnell vorwärts, Jungens, alles wartet auf euch. Na, -los, flink, lauft zu, ich will den Karren schon ziehen, her damit. -Meiner Treu, der ist nicht so leicht, als er sein könnte. Backsteine -drauf oder altes Eisen?« - -»Altes Metall,« sagte Tom lakonisch. - -»Dacht' mir's doch, dacht' mir's doch. Die hiesigen Jungens machen -sich viel Arbeit und vertrödeln viel Zeit, um so altes Eisenzeug -aufzutreiben, für das sie doch nur ein paar Pfennige bekommen in -der Gießerei, viel mehr Zeit und Mühe, als sie brauchen würden, um -ebensoviel mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. Na, liegt mal so in der -menschlichen Natur, läßt sich nicht ändern. Na nur flink, vorwärts, -vorwärts!« - -Die Jungen wollten wissen, weshalb solche Eile nötig sei. - -»Fragt jetzt nicht lang, -- nur zu, werdet's schon sehen, wenn wir zur -Witwe kommen.« - -Huck fühlte böse Ahnungen in sich aufsteigen. Er war gewohnt, daß man -ihn fälschlicherweise dummer Streiche bezichtigte. - -»Herr Jones, ganz gewiß, wir haben nichts gethan,« beteuerte er zaghaft. - -Der Alte lachte herzlich. - -»Wer weiß, Huck, mein Junge, wer weiß? Bist du denn nicht gut Freund -mit der Witwe?« - -»O ja, jedenfalls ist sie freundlich mit mir gewesen!« - -»Na -- also! Weshalb hast du dann Angst?« - -Huck war sich über die Frage noch nicht ganz klar geworden, als er sich -schon mit Tom in den Salon der Frau Douglas hineingeschoben fühlte. -Jones ließ den Karren an der Thüre stehen und folgte ihnen. - -Das Haus war strahlend hell erleuchtet, und jeder, der im Städtchen -irgend etwas zu bedeuten hatte, war zugegen. Thatchers waren da und -Harpers, Rogers, Tante Polly, Sid, Mary, der Pfarrer, der Redakteur und -noch viele andere, und alle in festlichem Gewande. Frau Douglas empfing -die Jungen so herzlich, wie man zwei _so_ aussehende Menschenkinder -empfangen konnte. Sie waren mit Lehm und Talgtropfen förmlich -überzogen. Tante Polly wurde feuerrot vor Verlegenheit, legte die Stirn -in drohende Falten und schüttelte vorwurfsvoll und mißbilligend ihr -graues Haupt gegen Tom. Niemand aber konnte verlegener, beschämter -sein, als die Jungen selber. Herr Jones sagte: - -»Tom war noch nicht zu Hause; ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, -ihn herbei zu bringen, aber just vor meiner Hausthüre stolpere ich dann -über die beiden, und da hab' ich sie eben mitgebracht, wie sie gingen -und standen.« - -»Und das war sehr recht,« bekräftigte die Witwe. »Kommt mit mir, -Jungens!« - -Sie nahm sie mit sich in ein Schlafzimmer und sagte: - -»Jetzt wascht euch und zieht euch an. Hier sind zwei neue Anzüge, -Hemden, Socken, alles vollständig. Die gehören dir, Huck, -- nein, -keinen Dank weiter, -- Herr Jones hat den einen gekauft und ich den -andern. Leihst Tom den einen heut' abend, werden ja wohl beiden passen. -Flink also hinein. Wir warten so lange. Kommt schnell herunter, wenn -ihr euch genug gestriegelt habt.« - -Und sie ging. - -[Illustration] - - - - -Einunddreißigstes Kapitel. - - -Kaum war sie weg, so stürzte Huck zum Fenster, riß es auf und flüsterte -drängend: - -»Tom, wir können zum Fenster hinaus, wenn wir einen Strick finden, es -geht nicht hoch hinunter.« - -»Dummes Zeug! Weshalb sollten wir zum Fenster hinaus?« - -»Ich -- ich kann so 'nen Haufen Menschen nicht vertragen, bin nicht -dran gewöhnt. Ich geh' nicht wieder hinunter, Tom.« - -»Dummheit! Ist auch 'was Rechtes. Mir ist's ganz einerlei. Wart', ich -geb' acht auf dich und helf' dir!« - -Sid erschien. - -»Tom«, sagte er, »die Tante hat den ganzen Nachmittag auf dich -gewartet. Mary hat deine Sonntagskleider zurecht gelegt und jeder hat -sich deinethalben abgeängstigt. Sag' mal, ist das nicht Lehm und Talg -auf deinen Kleidern?« - -»Na, junger Mann, ich rat' dir, kümmre dich nur um deine Sachen. -Weshalb ist denn der ganze Lärm?« - -»Ei, 's ist 'ne Gesellschaft, wie sie die Witwe oft hat, und diesmal zu -Ehren vom alten Jones und seinen Söhnen, weil sie ihr neulich nachts so -aus der Patsche geholfen haben. Na und hör' mal, ich weiß noch 'was, -wenn du's wissen willst.« - -»Na und was?« - -»Ei, der alte Jones will die Gesellschaft noch mit etwas überraschen, -hab's gehört, wie er's heut' mittag der Tante erzählte, als 'n -Geheimnis natürlich, ist aber kein großes Geheimnis mehr. Jeder weiß -es, -- die Witwe auch, obgleich die sich stellt, als wisse sie nichts. -Herrgott, hat sich der alte Jones abgesorgt, ob auch der Huck gewiß da -sei, heut' abend, -- ohne den wär' ja sein großes Geheimnis keine Bohne -wert gewesen, weißt du!« - -»Geheimnis -- wieso, Sid?« - -»Ei einfach, daß Huck damals hinter den Kerlen hergeschlichen ist bis -zum Zaun hier, weiter gar nichts. Der Alte wollt' 'nen großen Hopphei -draus machen heut' abend, 's wird aber wohl 'en bißchen schwach -ausfallen.« - -Und Sid lachte hämisch und selbstzufrieden in sich hinein. - -»Sid, hast du's verraten?« - -»Was liegt dran, wer's verraten hat? -- einer hat's gethan, soviel ist -sicher.« - -»Sid, ich weiß nur einen solchen Kerl im Städtchen, der elend genug -ist, so was zu thun, und der bist du! Wenn du Huck gewesen wärst, du -hättst dich heim in's warme Nest geschlichen und die Räuber Räuber -sein lassen. Du kannst immer nur was Gemeines thun, und kannst's nicht -hören, wenn andre gelobt werden, weil sie was Schönes und was Gutes -gethan haben. So, da hast du was -- ›keinen Dank‹, wie Frau Douglas -unten sagt.« - -Dabei schlug Tom Sid eins hinter die Ohren und beförderte ihn mit -einigen Fußtritten zur Thüre hinaus. »Lauf' doch hin und sag's der -Tante, wenn du's Herz dazu hast, will dir's dann morgen gedenken.« - -Einige Minuten später waren die Gäste um den Eßtisch der Witwe -versammelt. Zur gegebenen Zeit hielt dann Herr Jones seine Rede, in -welcher er der gütigen Wirtin dankte für die Ehre, die sie ihm und -seinen Söhnen erwiesen, daß aber ein andrer, der auch anwesend sei, -weit mehr Dank -- - -Und so weiter und so fort. Nun brachte er das große Geheimnis über -Hucks Anteil an der Sache ans Licht und that's in der dramatischesten -Weise, die ihm zu Gebote stand. Die Ueberraschung aber, die das -Mitgeteilte hervorrief, war etwas künstlicher Natur und lange nicht -so lebhaft und herzlich, wie sie unter glücklicheren Umständen hätte -sein können. Die Witwe selber freilich verstand es sehr gut, das -größte Erstaunen zur Schau zu tragen, und überhäufte Huck mit einem -solchen Uebermaß von Dank und Lobsprüchen, daß dieser das _nahezu_ -unerträgliche Mißbehagen, welches ihm die neuen Kleider bereiteten, -über dem _völlig_ unerträglichen Mißbehagen, die Zielscheibe von -jedermanns Blicken und jedermanns Beifallsbezeugungen zu sein, ganz -vergaß. - -Witwe Douglas erbot sich, Huck ein Heim in ihrem Hause zu bieten, ihn -erziehen zu lassen und ihn später, soviel in ihren Kräften stehe, zu -unterstützen. Jetzt blühte Toms Weizen, und er löste seine Zunge: - -»Huck braucht das gar nicht, Huck ist reich genug!« - -Nur der Zwang, den die gute Lebensart der Gesellschaft auferlegte, -war im stande, einen Ausbruch des Gelächters über diesen vermeintlich -guten Witz zurückzuhalten; das herrschende Schweigen war aber etwas -unbehaglich. Tom brach es alsbald. - -»Huck ist reich, sag' ich, er hat Geld. Ihr glaubt's vielleicht nicht, -aber er hat Haufen von Geld. Braucht gar nicht zu lachen, werd's euch -gleich beweisen. Wartet nur 'ne Minute!« - -Er rannte zur Thür hinaus. Die Anwesenden blickten zuerst einander voll -ungläubigen Staunens an und dann fragend auf Huck, der wortlos dasaß. - -»Sid, was hat wohl der Tom?« fragte Tante Polly ängstlich -- »er -- na -da werd' mal einer klug aus dem Bengel. Ich --« - -Da trat Tom wieder ein, gebeugt unter der Last seiner Geldsäcke, und -Tante Polly mußte den Satz unbeendet lassen. Tom leerte den Haufen -blinkenden Goldes auf den Tisch und rief triumphierend: - -»Da -- was hab' ich euch gesagt? Die Hälfte davon gehört Huck und die -andere Hälfte mir!« - -[Illustration] - -Der Anblick des Geldes benahm allen den Atem. Alles starrte auf die -glänzenden Goldstücke und niemand fand Worte im ersten Augenblick. -Dann erhob sich ein allgemeiner Ruf nach Aufklärung. Tom sagte, die -könne er geben, und er that's. Die Geschichte war lang, aber unsagbar -interessant, nur ab und zu kärglich eingestreute Bemerkungen der -atemlos lauschenden Zuhörer unterbrachen den fesselnden Reiz derselben. -Als Tom zu Ende war, meinte der alte Jones: - -»Hab' _ich_ da vorhin der Gesellschaft 'ne kleine Ueberraschung -bereiten wollen, -- 's ist aber rein nichts gegen das da. Tom, der -Teufelskerl, hat mich schön übertrumpft, das muß ich sagen! Geb's aber -gern zu, weiß Gott, geb's gern zu!« - -Das Geld wurde nun gezählt. Die Summe belief sich auf etwas über -zwölftausend Dollars. Es war mehr, als irgend einer der Anwesenden -jemals beisammen gesehen, obgleich sich einige darunter befanden, die -weit mehr als das an Grundbesitz ihr eigen nannten. - -[Illustration] - - - - -Zweiunddreißigstes Kapitel. - - -Wie man sich denken kann, machte dieser Fund der beiden Knaben in dem -armen, kleinen Städtchen St. Petersburg das ungeheuerste Aufsehen. -Solch' eine Riesensumme in barer Münze erschien den guten Leuten -beinahe unglaublich. Man redete von nichts anderem, schielte gierig -nach dem Schatze, pries die Finder glücklich, und die Vernunft manchen -Bürgers drohte bei der ungesunden Erregung ins Wanken zu geraten. Jedes -Haus, in dem es nur irgend spuken sollte, im Städtchen wie in der -Umgegend, wurde sozusagen anatomisch zerlegt: Stein für Stein, Balken -für Balken, die Grundmauern unterwühlt und nach verborgenen Schätzen -durchforscht, und zwar nicht von Knaben, sondern von Männern, ernsten, -verständigen, im gewöhnlichen Leben blutwenig romantisch angelegten -Männern. Wo sich Tom und Huck nur blicken ließen, wurden sie gefeiert, -bewundert und begafft. Die Jungen konnten sich nicht erinnern, daß -ihre Worte je zuvor solches Gewicht besaßen, jetzt wurde der kleinste -Ausspruch ihrerseits wie ein Ausfluß höchster Weisheit bewahrt und -ehrfurchtsvoll wiederholt. Alles, was sie thaten, was sie redeten, -erschien bemerkens- und bewundernswert, sie hatten augenscheinlich -die Fähigkeit verloren, irgend etwas Alltägliches, Unbedeutendes zu -sagen oder zu thun. Außerdem wurde ihre Vergangenheit durchforscht und -man fand darin die unleugbaren Spuren hervorragendster Begabung. Die -Zeitung des Städtchens brachte biographische Notizen über die beiden. - -Die Witwe Douglas legte das Geld zu sechs Prozent an und der Herr -Kreisrichter that auf Tante Pollys Bitte dasselbe mit Toms Anteil. -Jeder der Jungen hatte nun ein geradezu ungeheures Einkommen -- einen -Dollar für jeden Tag des Jahres! Das war ja gerade soviel, wie der -Pastor bekam, das heißt, wie er bekommen sollte, denn meistens kam -nicht so viel zusammen. Ein und ein viertel Dollar die Woche war -genügend für Kost, Wohnung und Schulgeld eines Jungen in jener alten, -einfachen, anspruchslosen Zeit, und man konnte ihn dafür noch kleiden -und waschen obendrein. - -Der Herr Kreisrichter hatte eine sehr hohe Meinung von Tom gefaßt. Er -sagte, ein gewöhnlicher Junge würde nie imstande gewesen sein, seine -Tochter aus der Höhle zu befreien. Als Becky ihrem Vater einmal im -strengsten Vertrauen mitteilte, wie Tom ihre Prügel in der Schule -damals auf sich genommen, war dieser sichtlich gerührt. Und als sie die -Lüge zu entschuldigen suchte, vermittelst welcher es dem edlen Freunde -gelungen war, die Züchtigung auf seine Schultern zu wälzen, meinte -der Vater enthusiastisch, das sei eine edle, eine großmütige, eine -hochherzige Lüge gewesen, eine Lüge, die wert sei, in der Geschichte -dicht neben Washingtons vielgerühmter Wahrheitsliebe zu glänzen. Becky -kam es vor, als habe sie ihren Vater noch nie so hoch aufgerichtet und -so stolz gesehen, wie bei diesen Worten. Sie lief davon und berichtete -Tom haarklein was vorgefallen. - -Herr Thatcher hoffte, Tom einmal als berühmten Rechtsgelehrten oder -auch als großen Kriegsmann zu sehen. Er wolle Sorge tragen, sagte er, -daß Tom Einlaß fände in die große National-Militär-Akademie und danach -in der besten Juristen-Schule des Landes ausgebildet werde, so daß er -vollständig befähigt sei für die eine oder die andere Laufbahn, oder -auch für beide. - -Huck Finn sah sich durch diesen Reichtum und die Thatsache, daß er -unter dem Schutze der hochangesehenen Witwe Douglas stand, plötzlich -in die gute Gesellschaft eingeführt, nein -- hineingeschleppt oder -vielmehr geschleudert -- seine Leiden steigerten sich dadurch fast -ins Unerträgliche. Die Dienstboten der Witwe hielten ihn sauber und -rein, wuschen, kämmten, bürsteten ihn alltäglich und betteten ihn -allnächtlich mitleidslos zwischen reine Tücher, die nicht einen -einzigen, kleinen Flecken oder Makel hatten, den er hätte an sein Herz -drücken und als alten, teuren Bekannten begrüßen können. Er mußte mit -Messer und Gabel essen, mußte Serviette, Tasse und Teller benutzen, -mußte seine Aufgabe lernen, zur Kirche gehen, dabei so gewählt und -anständig reden, daß ihm die Sprache ordentlich saft- und kraftlos in -seinem Munde vorkam; kurz, wohin er sich wandte, engten ihn überall die -Schranken und Fesseln der Zivilisation von allen Seiten ein und banden -ihm Hände und Füße. - -Drei Wochen hindurch trug er sein Elend wie ein tapfrer Held, dann -war er plötzlich verschwunden. Achtundvierzig Stunden lang ließ -die Witwe in Herzensangst überall nach ihm suchen. Jedermann nahm -innigsten Anteil; man suchte hier und dort, in Höhen und Tiefen, -man durchforschte den Strom nach seiner Leiche. Frühe am dritten -Morgen schlich sich Tom Sawyer in aller Stille zu einem Haufen alter, -leerer Fässer, die hinter dem jetzt unbenutzten, halb verfallenen -Schlachthause lagen. In einem derselben entdeckte er richtig den -Flüchtling. Huck hatte die Nacht dort zugebracht, hatte eben sein -Frühstück, aus allerlei zusammengekripsten Kleinigkeiten bestehend, -verzehrt und lag nun da und rauchte in glücklicher Behaglichkeit seine -Pfeife. Er war ungewaschen, ungekämmt und in dieselben alten, malerisch -an ihm hängenden Lumpen gehüllt, wie in jenen Tagen, da er noch frei -und glücklich war. Sobald Tom ihn aufgestöbert hatte, warf er ihm -vor, in welche Angst er alle Leute versetzt habe, und forderte ihn -auf, nach Hause zurückzukommen. Hucks Antlitz verlor urplötzlich den -Ausdruck wohligen Behagens und legte sich in melancholische Falten. -Aengstlich bat er: - -»Sprich mir davon nicht, Tom, hab's ja probiert, aber 's thut kein -gut, Tom, 's thut kein gut. 's taugt nichts für mich, ich bin an so -was nicht gewöhnt. Die Witwe selber ist gut und freundlich, aber dies -Leben halt' der Kuckuck aus. Soll ich da jeden Morgen zur selben Zeit -'raus aus dem Nest, dann waschen und scheuern sie mich, daß die Fetzen -fliegen, und kämmen mich zu Schanden. Im Holzschuppen darf ich nicht -schlafen, muß die verflixten Kleider tragen, in denen ich immer nach -Luft schnappen muß, Tom, 's ist als ginge gar keine Luft durch, und -dabei sind sie so verteufelt fein und vornehm, daß ich da drin nicht -sitzen, nicht liegen, viel weniger mich wälzen kann. Weiß nicht, wie -lang' ich auf keiner Kellerthür mehr hinuntergerutscht bin, aber 's -kommt mir wie viele Jahre vor. Ich muß in die Kirche gehen und dort -steif und gerade sitzen, -- und erst die langweiligen Predigten! Nicht -einmal eine Fliege darf man drin fangen, und den ganzen Sonntag muß -man die Schuhe anhaben. -- Herrgott! Wenn die Witwe ißt, dann bimmelt -eine Glocke, geht sie schlafen, bimmelt's wieder, und ebenso, wenn sie -aufsteht -- 's geht alles so gräßlich nach der Schnur, das halt' der -Kuckuck aus!« - -[Illustration] - -»Huck, so macht's aber doch jeder anständige Mensch!« - -»Ist mir ganz egal, Tom, ich bin kein anständiger Mensch und ich -halt's nicht aus. 's ist gräßlich, wenn man so festgenagelt ist. 's -Futter wächst einem auch nur so in den Mund, -- macht einem gar keine -Freude so. Soll fragen, wenn ich fischen gehen will, fragen, wenn -ich baden möcht' -- hol's der Henker, wenn man um jeden Dreck fragen -soll. Und sprechen hab' ich müssen wie 'n feiner Herr, bin beinah dran -erstickt. Ei, wenn ich nicht jeden Tag 'nauf auf den Boden wär' und -hätt' meinem Herzen dort Luft gemacht, so wie _ich's_ versteh', mit 'n -paar herzhaften Redensarten, nur um mal wieder den Geschmack davon in -den Mund zu kriegen, ich wär' gestorben, Tom, rein gestorben. Rauchen -wollten sie mich auch nicht lassen, nicht mal ordentlich brüllen, -nicht gähnen, nicht räkeln, nicht am Kopf kratzen, wenn jemand dabei -war. Und« -- fuhr er mit einem verdoppelten Ausbruch des Widerwillens -und der Gereiztheit fort -- »den ganzen Tag hat sie gebetet. So 'ne -Frau ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen! Ich _mußt'_ mich -drücken, Tom, es war nicht zum Aushalten. Dann wär' auch bald die -Schule angegangen und ich hätte hin gemußt, was mir das Leben vollends -entleidet hätte. Weißt was, Tom, 's Reichsein ist nicht halb so viel -wert, als man meint. Man hat eine Plage und Schinderei davon, daß -man lieber tot sein möchte. In diesen Kleidern hier und in dieser -Sonne aber ist's mir wohl und ich will mich begraben lassen, wenn ich -da je wieder 'rauskrieche. Tom, ich wär' nie in diese unselige Lage -hineingeraten, wenn das verflixte Geld nicht gewesen wär'! Weißt was? -Geh hin und nimm du auch meinen Teil und schenk' mir hie und da mal -zehn Cents, aber nicht oft, denn mir liegt blutwenig an dem Geld, so -schwer es auch zu kriegen war, und dann -- geh' hin und bitt' mich von -der Witwe los, Tom, thu's doch, hörst du!« - -»O, Huck, das kann ich ja nicht, dein Geld nehmen, das wär' gar nicht -recht, und paß auf, wenn du's erst mal länger probierst bei der Witwe, -wird's dir schon behagen.« - -»Behagen? Ja, so ungefähr wie einem ein heißer Ofen behagt, wenn man -drauf sitzen soll. Nee, Tom, ich will nicht reich sein und ich will -nicht in den verfluchten stickigen Häusern leben. Ich brauch' den Wald -und den Fluß und 'n leeres Faß und dabei will ich bleiben. Hol' der -Henker alles! Grad' wie wir Flinten und 'ne Höhle hatten und alles -schön fertig war, um Räuber zu werden, da -- da muß die verflixte, -dumme Schatzgeschichte kommen und alles verderben!« - -Tom ersah seine Gelegenheit: - -»Paß mal auf, Huck, das Reichsein hält uns noch lange nicht ab, Räuber -zu werden.« - -»Herrgott! Ist das wirklich dein voller Ernst, Tom?« - -»So gewiß als ich hier sitze. Aber Huck, du kannst nicht in die Bande -aufgenommen werden, wenn du kein anständiger Mensch bist, siehst du.« - -Hucks aufwallende Freude bekam einen Dämpfer. - -»Kann nicht aufgenommen werden, Tom? War ich denn nicht Seeräuber?« - -»Ja, aber das ist ganz was andres. Ein Räuber ist für gewöhnlich viel -vornehmer als so'n Pirat. In manchen Ländern sind sie vom höchsten Adel --- Herzöge oder so.« - -»Tom, du bist doch immer gut mit mir gewesen! Wirst mich doch nicht -ausschließen, Tom? Wirst mir doch so was nicht anthun, oder?« - -»Huck, ich thät's ja nicht und ich thu's auch nicht gern, aber was -würden die Leute sagen? Ei, die werden die Nase rümpfen und ›Pf!‹ -- -würden sie sagen, -- Tom Sawyers Bande! Schöne Kerle da drin! Und damit -wärst du gemeint, Huck. Das wär' dir doch nicht recht und mir auch -nicht.« - -Für eine Weile war Huck still, sichtlich kämpfte er innerlich einen -schweren Kampf. Schließlich sagte er: - -»Na, für 'nen Monat oder so könnt' ich ja am Ende zur Witwe zurückgehen -und sehen, wie ich mich durchschlage und ob ich's aushalten kann. Ja, -das könnt' ich, -- wenn ich bei der Bande eintreten darf, Tom.« - -»Gut also, Huck, das ist 'n Wort! Und nun vorwärts, alter Kerl, will -mal mit der Witwe reden, daß sie dich 'n bißchen mehr in Ruhe läßt.« - -»Willst du, Tom, willst du? Das ist schön von dir. Wenn die 'n bißchen -weniger streng sein will, dann will ich dafür nur noch heimlich rauchen -und fluchen und mich wohl oder übel durchdrücken oder platzen. Aber bis -wann willst du denn die Bande aufthun und Räuber werden?« - -»Ei gleich! Wollen nur erst die Jungens zusammen trommeln, dann kann -die Einschwörung gleich heut' nacht vor sich gehen.« - -»Die -- was?« - -»Die Einschwörung.« - -»Was ist denn das?« - -»Ei, da schwört man, daß man zusammen stehen und fallen wolle und -niemals die Geheimnisse der Bande verraten, und sollte man auch in -Stücke zerrissen werden: daß man jeden umbringen wolle samt seiner -ganzen Familie, der irgend einem der Bande was zu leide thut.« - -»Das ist lustig, Tom, arg lustig, sag' ich dir.« - -»Ja, das ist's. Und der ganze Schwur muß um Mitternacht geschehen, am -einsamsten, schauerlichsten Ort, den man finden kann, -- in einem Haus, -wo's spukt, wär's am besten, aber die sind jetzt alle abgebrochen.« - -»Um Mitternacht ist gut, Tom, -- irgendwo.« - -»Ja, das ist wahr. Und man muß über einem Sarge schwören und alles mit -Blut unterzeichnen.« - -»Das klingt doch nach etwas! Weiß Gott, das ist millionenmal besser, -als Seeräuber sein. Ich will mich an die Witwe kleben, bis ich schwarz -werd', Tom, und wenn ich mal so 'n richtiger Hauptkerl von 'nem -vornehmen Räuber bin, Tom, und alle Welt von mir redet, dann wird sie -wohl, denk' ich, sich auch freuen und stolz sein, daß sie mich aus dem -Sumpf gezogen hat!« - - * * * * * - -So endet denn diese Chronik. Da es nur die Geschichte eines Knaben -ist, so _muß_ sie hier enden; ließe sie sich doch nicht viel weiter -fortspinnen, ohne zur Geschichte eines Mannes zu werden. Wer einen -Roman über erwachsene Leute schreibt, weiß ganz genau, wo er aufzuhören -hat, nämlich -- bei der Heirat. Wer aber von Kindern und sehr -jugendlichen Helden erzählt, der muß eben aufhören, wo es sich am -besten fügt.[7] - - [7] Der Verfasser hat in seinem ›_Huckleberry Finn_‹ -- siehe - den nächsten Band der ausgewählten Schriften -- eine - prächtige Fortsetzung der Knabenstreiche Tom Sawyers - geschrieben, wobei ›Huck‹ der Held ist. - -[Illustration] - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - Korrekturen: - - S. 96: daß → was - was denkst du, {was} draus werden wird - - S. 297: Ausdruck → Ausbruch - war im stande, einen {Ausbruch} des Gelächters - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOM SAWYERS ABENTEUER UND -STREICHE *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country other than the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you will have to check the laws of the country where - you are located before using this eBook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that: - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's website -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/64417-0.zip b/old/64417-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index a24898b..0000000 --- a/old/64417-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h.zip b/old/64417-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index a79c093..0000000 --- a/old/64417-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/64417-h.htm b/old/64417-h/64417-h.htm deleted file mode 100644 index bcf39e3..0000000 --- a/old/64417-h/64417-h.htm +++ /dev/null @@ -1,12133 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - Tom Sawyers Abenteuer und Streiche, by Mark Twain—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - - h1,h2,h3 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; - text-indent: 1em; -} - -p.noind { - text-indent: 0; -} - -p.h2 { - font-size: x-large; - font-weight: bold; - text-indent: 0; - text-align: center; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} - -div.chapter {page-break-before: always;} -h2.nobreak {page-break-before: avoid;} - -.pagenum { - position: absolute; - right: 2%; - font-size: smaller; - text-align: right; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-variant: normal; -} /* page numbers */ - -.blockquot { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; - font-size: 90%; -} - -.center {text-align: center;} - -.right {text-align: right;} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -em.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; -} - -/* Images */ - -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; - page-break-inside: avoid; - max-width: 100%; -} - -.figleft { - float: left; - clear: left; - margin-left: 0; - margin-bottom: 1em; - margin-top: 1em; - margin-right: 1em; - padding: 0; - text-align: center; - page-break-inside: avoid; - max-width: 100%; -} - -.figright { - float: right; - clear: right; - margin-left: 1em; - margin-bottom: 1em; - margin-top: 1em; - margin-right: 0; - padding: 0; - text-align: center; - page-break-inside: avoid; - max-width: 100%; -} - -/* Footnotes */ -.footnotes {border: 1px dashed;} - -.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} - -.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right; vertical-align: top; - font-size: 0.7em;} - -.fnanchor { - vertical-align: top; - font-size: .7em; - text-decoration: - none; -} - -/* Poetry */ -.poetry-container {text-align: center;} -.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%; font-size: 90%} -.poetry100 {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} -.poetry .stanza {margin: 1em auto;} -.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} -/* Poetry indents */ -.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} - -/* large inline blocks don't split well on paged devices */ -@media handheld, print { .poetry, .poetry100 {display: block;} } - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; - font-family: serif; } - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - -img.drop { - float: left; - margin: 0 0.5em 0 0; -} - -p.drop, p.drop-i { - text-indent: 0; -} - -p.drop:first-letter { - color: transparent; - visibility: hidden; - margin-left: -0.9em; -} - -p.drop-i:first-letter { - color: transparent; - visibility: hidden; - margin-left: -0.5em; -} - -div.ulshapepic{ text-align:center; text-indent:0; - page-break-inside:avoid; margin:0; padding:0px; } -div.urshapepic{ text-align:right; text-indent:0; - page-break-inside:avoid; margin-right:0; padding:0px; } - -/* left upside-down L-shape floating picture with caption */ -.boxu { margin:0; padding:0; } -.boxcl { clear:left; float:left; page-break-inside:avoid; } -.boxcr { clear:right; float:right; page-break-inside:avoid; } - -/* specific uL shape boxes */ -.box012u { width:300px; height:280px; } -.box012l { width:260px; height:140px; } -.box014u { width:470px; height:280px; } -.box014l { width:260px; height:130px; } -.box024u { width:330px; height:40px; } -.box024l { width:340px; height:360px; } -.box035u { width:100%; height:250px; } -.box035r { width:200px; height:170px; } -.box039u { width:100%; height:160px; } -.box039r { width:320px; height:250px; } -.box054u { width:380px; height:80px; } -.box054l { width:390px; height:330px; } -.box079u { width:380px; height:100px; } -.box079l { width:330px; height:300px; } -.box084u { width:400px; height:320px; } -.box084l { width:240px; height:140px; } -.box107u { width:100%; height:120px; } -.box107r { width:400px; height:270px; } -.box113u { width:300px; height:80px; } -.box113l { width:310px; height:200px; } -.box121u { width:300px; height:160px; } -.box121l { width:290px; height:200px; } -.box137u { width:500px; height:250px; } -.box137l { width:330px; height:220px; } -.box142u { width:100%; height:320px; } -.box142r { width:260px; height:100px; } -.box156u { width:100%; height:220px; } -.box156r { width:420px; height:200px; } -.box175u { width:100%; height:340px; } -.box175r { width:330px; height:110px; } -.box189u { width:350px; height:60px; } -.box189l { width:370px; height:300px; } -.box196u { width:100%; height:450px; } -.box196r { width:220px; height:150px; } -.box210u { width:320px; height:60px; } -.box210l { width:330px; height:350px; } -.box223u { width:540px; height:290px; } -.box223l { width:290px; height:120px; } -.box251u { width:110px; height:90px; } -.box251l { width:120px; height:320px; } - -@media handheld { - img.drop { - display: none; - } - - p.drop:first-letter { - color: inherit; - visibility: visible; - margin-left: 0; - } - p.drop-i:first-letter { - color: inherit; - visibility: visible; - margin-left: 0; - } - .boxcl { clear:none; float:none; } - .boxcr { clear:none; float:none; } - .boxu { width:auto; height:auto; } -} - - </style> - </head> -<body> - -<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Tom Sawyers Abenteuer und Streiche, by Mark Twain</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Tom Sawyers Abenteuer und Streiche</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Mark Twain</div> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Illustrator: H. Schrödter</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: January 29, 2021 [eBook #64417]</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> - -<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div> - -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOM SAWYERS ABENTEUER UND STREICHE ***</div> -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Mark Twains</p> - -<p class="center">ausgewählte</p> - -<p class="h2">humoristische Schriften</p> - -<p class="center">Illustriert von <b>H. Schrödter</b> und <b>Albert Richter</b></p> - -<p class="center">Erster Band:</p> - -<p class="center"><b>Tom Sawyers Abenteuer und Streiche</b></p> - -<div class="figcenter" id="signet"> - <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center p2"><b>Stuttgart</b></p> - -<p class="center">Verlag von Robert Lutz<br /> -1908 -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Tom Sawyers<br /> -Abenteuer und Streiche</h1> - -<p class="center">Von</p> - -<p class="h2">Mark Twain</p> - -<p class="center">Illustriert von <b>H. Schrödter</b></p> - -<div class="figcenter" id="signet1"> - <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center p2"><b>Stuttgart</b></p> - -<p class="center">Verlag von Robert Lutz<br /> -1908 -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -<p class="center p2">Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<div class="figcenter" id="illu-005"> - <img src="images/illu-005.jpg" alt="Mark Twain" /> -</div> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Mark_Twain">Mark Twain.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Der amerikanische Humor ist eine eigenartige Pflanze, von -der viele glauben, daß sie nicht in fremden Boden versetzt -werden kann. Dennoch giebt es unter den Humoristen des -Westens <em class="gesperrt">einen</em> Namen, der weltbekannt ist: <em class="gesperrt">Mark Twain</em>. -Mark Twain ist durch die im Jahre 1892 in meinem Verlag -erschienene Gesamtausgabe seiner besten humoristischen Schriften -auch in Deutschland in weitesten Kreisen bekannt geworden. Es -ist nur ein Zeichen seiner zunehmenden Volkstümlichkeit bei uns, -daß zur Herausgabe der vorliegenden illustrierten Ausgabe geschritten -werden konnte.</p> - -<p>Daß es sich bei einer deutschen Ausgabe von Mark Twains -humoristischen Werken nur um eine, mit möglichster Sorgfalt getroffene -Auswahl handeln kann, versteht sich von selbst. Was -sich ausschließlich auf lokale Verhältnisse bezieht oder vergangene -Zustände behandelt, die für den Leser auch kein genügendes -historisches Interesse mehr haben, mußte ausgeschlossen werden. -Dies ist auch der Grund, warum gerade das umfangreiche -Werk, durch welches Mark Twain zuerst seinen Ruf begründete, -»<em class="antiqua">Innocents Abroad</em>« (»Die Harmlosen auf Reisen«), worin der -Verfasser seine erste Reise nach Europa und in's Morgenland -schildert, nur durch die Wiedergabe einiger, besonders gelungener, -heiterer Scenen und Skizzen in unserer Sammlung<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> vertreten ist.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Band 6 derselben.</p> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[6]</span></p> -</div> -</div> - -<p>Der Humor des berühmten Amerikaners hat seitdem vieles -von bleibenderem Werte gezeugt. Er hat Typen geschaffen, die -so ganz aus dem Leben gegriffen sind, daß wir meinen, sie -verkörpert vor uns zu sehen. Es liegt etwas unwiderstehlich -Packendes und Naturwahres in der harmlosen Art, mit der er -den Ernst des Lebens zu parodieren weiß und uns zwingt, über -die menschlichen Schwächen und Erbärmlichkeiten, die er uns -vorführt, zu lachen. Wir thun dies um so lieber, da wir Mark -Twain, bei allem Scherz, stets auf der Seite der Wahrheit und -des Rechtes sehen, wo es gilt, für echte Menschenwürde und -Menschenliebe einzutreten und jeden trügerischen und falschen -Schimmer zu verachten. Dennoch werden seine Schriften nie -lehrhaft. Wenn sie auch häufig stark auftragen und sich in -Uebertreibungen gefallen, so ist doch jede Unnatur darin vermieden, -und es ist gerade das Ungesuchte in der Ausdrucksweise, -was ihnen die erquickende Frische und Ursprünglichkeit verleiht.</p> - -<p>Mark Twains Lebenslauf spiegelt sich am besten in seinen -Büchern wieder, die zum großen Teil Selbstbiographie sind. Er -hat sich, lange bevor er Schriftsteller wurde, als praktisch brauchbares -Glied der Gesellschaft bewährt, und verschiedene Berufsarten, -die er von Grund aus kennen lernte, haben ihn in die -engste Beziehung zum Volksleben gebracht. Aber mitten in harter -Arbeit, in Armut und Entbehrung betrachtet Mark Twain schon -von frühe auf die Menschen und Dinge mit dem Auge des -Dichters und Humoristen und bleibt dabei seiner Kernnatur stets -treu, selbst unter den wechselndsten Schicksalen.</p> - -<p>Der Leser findet am Schluß des letzten (6.) Bandes eine -eingehende Lebensbeschreibung Mark Twains; an dieser einleitenden -Stelle mag es genügen, unseren Meister durch eine kleine -Skizze einzuführen.</p> - -<p>Samuel L. Clemens – der sich als Schriftsteller Mark -Twain nennt, – wurde am 30. November 1835 in dem Städtchen -Florida im gleichnamigen Staate der Union geboren. Bald -darauf zog sein Vater, ein strenger, äußerst rechtschaffener Geschäftsmann,<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span> -nach Hannibal am Mississippi, wo der junge -Clemens seine Knabenjahre verlebte. Er war kaum zwölf Jahre -alt, als der Vater starb; die Familie blieb in drückenden Verhältnissen -zurück, und der Knabe sah sich darauf angewiesen, für -sein eigenes Fortkommen zu sorgen. Trotz mangelhafter Schulbildung -war in ihm schon frühzeitig ein litterarischer Hang erwacht, -den er, wie so mancher seiner Landsleute, der später berühmt -geworden ist, dadurch zu befriedigen suchte, daß er als -Lehrling in eine Druckerei eintrat. Hierauf folgten nun mehrere -Wanderjahre als Setzer und Buchdrucker, die ihn bis nach -New York und Philadelphia führten.</p> - -<p>Siebzehn Jahre alt kehrte Clemens nach Hannibal zurück -und begann nach kurzer Frist ein Reisen auf andere Art. Das -Leben auf dem Mississippi zog ihn mächtig an, er ging zu Schiffe -und erlernte den Lotsendienst auf einem Dampfer zwischen -St. Louis und New Orleans. Als jedoch durch den zunehmenden -Eisenbahnverkehr und den Ausbruch des Bürgerkrieges die Stromfahrten -in's Stocken gerieten, mußte sich der junge Mann nach einem -andern Beruf umsehen. Im 4. Bande dieser Sammlung findet sich -eine anschauliche Schilderung seiner Erlebnisse während jener Zeit.</p> - -<p>Mehr durch die Umstände gezwungen als aus innerem Antrieb, -schloß sich Clemens nun den Rebellionstruppen an, doch -nur auf wenige Wochen, denn die unorganisierte Schar, zu -welcher er gehörte, löste sich wieder auf.</p> - -<p>Kurze Zeit nachher begleitete er seinen Bruder, der zum -Vizegouverneur von Nevada ernannt worden war, als dessen -Privatsekretär nach diesem Territorium; doch legte er dies Amt -bald nieder und ging als Goldgräber in die Bergwerke. Mark -Twain hat uns die Wanderung nach dem Felsengebirge und -sein Leben unter den Bergleuten mit Meisterhand beschrieben. -Schätze fand er dort aber nicht. Er mußte endlich einsehen, -daß das Glück ihm abhold sei und war froh, eine Stelle als -Zeitungsredakteur in Virginia City zu erhalten. Seine Artikel -im »Enterprise« unterzeichnete er zum erstenmal mit »Mark<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span> -Twain«, dem Schriftstellernamen, welchen er sich gewählt hatte. -Auf dem Mississippi pflegen nämlich die Matrosen beim Handhaben -des Senkbleis in ihrer Seemannssprache »<em class="antiqua">Mark twain</em>« -zu rufen, anstatt »<em class="antiqua">Mark two</em>«, und das lag ihm noch von seiner -Lotsenzeit her in der Erinnerung.</p> - -<p>Im Jahre 1864 ging Clemens, gleichfalls als Redakteur, -nach San Francisco. Hier erschienen seine humoristischen Skizzen -in verschiedenen Blättern; bald ward sein Name an der Küste -des Stillen Ozeans allgemein bekannt, und zwei Jahre später -schickte man ihn als Zeitungskorrespondenten nach den Sandwichinseln. -Von seinen Erlebnissen im fernen Westen giebt uns das -Buch »<em class="antiqua">Roughing It</em>«<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> eine ergötzliche Beschreibung.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Band 4 und 5 der vorliegenden Ausgabe.</p> -</div> -</div> - -<p>Nach San Francisco zurückgekehrt, trat Mark Twain als -öffentlicher Vorleser in Kalifornien und Nevada auf, wo dergleichen -damals noch etwas Neues war. In das Jahr 1867 -fällt seine erste Reise nach Europa und dem Orient, welche die -»<em class="antiqua">Innocents Abroad</em>« schildern. Bald nach seiner Heimkehr -trat er in die Ehe und ließ sich nun zuerst in Buffalo und darauf -in Hartford nieder, welches seitdem der dauernde Wohnsitz der -Familie geblieben ist.</p> - -<p>Sein Stillleben unterbricht Mark Twain zuweilen durch -Vorlesungen oder Reisen. Er ist in den letzten Jahrzehnten -wiederholt in Europa gewesen und hat jedesmal mit Vorliebe -deutsche Lande zu einem längeren Aufenthalt gewählt. Während -er 1892 in Berlin weilte, wo er u. a. mit dem deutschen Kaiser -eine Begegnung hatte, ließ er sich im Herbst 1897 in Wien -nieder, um da ein Jahr zu verbringen. Der Leser wird im -letzten Band dieser Sammlung eine Anzahl ergötzliche Skizzen -finden, in welchen sich die Reiseeindrücke wiederspiegeln, die -Mark Twain auf seinen verschiedenen Reisen in Deutschland, -der Schweiz und sonst in Europa empfangen hat.</p> - -<p> -<b>Stuttgart</b>, Januar 1898. -</p> -<p class="right"> -<b>Die Verlagshandlung Robert Lutz.</b> -</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span></p> - -<p class="h2 nobreak" id="Tom_Sawyers">Tom Sawyers</p> - -<p class="center gesperrt">Abenteuer und Streiche.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-010"> - <img src="images/illu-010.png" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> -</div> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span></p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Die meisten der im Tom Sawyer erzählten -Abenteuer sind wirklich vorgekommen. -Eines oder zwei habe ich selbst erlebt, die -anderen meine Schulkameraden. Huck Finn -ist nach dem Leben gezeichnet, Tom Sawyer -ebenfalls, jedoch mit dem Unterschied, daß -in ihm die Charaktereigenschaften mehrerer -Knaben vereinigt sind.</p> - -<p> -<em class="gesperrt">Hartford</em>, 1876. -</p> -<p class="right"> -<b>Der Verfasser.</b> -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span></p></div> - -<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.</h2> - -<div class="ulshapepic" id="img-012"> -<div class="boxu box012u"> -<img src="images/illu-012.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box012l" /> -</div> -</div> -<p class="drop">»Tom!«</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>»Tom!«</p> - -<p>Tiefes Schweigen.</p> - -<p>»Wo der Junge nun wieder steckt, möcht' ich wissen. -Du – Tom!«</p> - -<p>Die alte Dame zog ihre Brille gegen die Nasenspitze herunter -und starrte drüber weg im Zimmer herum, dann schob sie sie -rasch wieder empor und spähte drunter her nach allen Seiten -aus. Nun und nimmer würde sie dieselbe so entweiht haben, -daß sie durch die geheiligten Gläser hindurch nach solchem geringfügigen -Gegenstand geschaut hätte, wie ein kleiner Junge einer -ist. War es doch ihre Staatsbrille, der Stolz ihres Herzens, -welche sie sich nur der Zierde und Würde halber zugelegt, keineswegs -zur Benutzung, – ebenso gut hätte sie durch ein paar -Kochherdringe sehen können. Einen Moment lang schien sie verblüfft,<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span> -da sie nichts entdecken konnte, dann ertönte wiederum ihre -Stimme, nicht gerade ärgerlich, aber doch laut genug, um von -der Umgebung, dem Zimmergerät nämlich, gehört zu werden: -»Wart', wenn ich dich kriege, ich – –«</p> - -<p>Sie beendete den Satz nicht, denn sie war inzwischen ans -Bett herangetreten, unter welchem sie energisch mit dem Besen -herumstöberte, was ihre ganze Kraft, all ihren Atem in Anspruch -nahm. Trotz der Anstrengung förderte sie jedoch nichts zu Tage, -als die alte Katze, die ob der Störung sehr entrüstet schien.</p> - -<p>»So was wie den Jungen giebt's nicht wieder!«</p> - -<p>Sie trat unter die offene Hausthüre und ließ den Blick -über die Tomaten und Kartoffeln schweifen, welche den Garten -vorstellten. Kein Tom zu sehen! Jetzt erhob sich ihre Stimme -zu einem Schall, der für eine ziemlich beträchtliche Entfernung -berechnet war:</p> - -<p>»Holla – du – To–om!«</p> - -<p>Ein schwaches Geräusch hinter ihr veranlaßte sie, sich umzudrehen -und zwar eben noch zu rechter Zeit, um einen kleinen, -schmächtigen Jungen mit raschem Griff am Zipfel seiner Jacke -zu erwischen und eine offenbar geplante Flucht zu verhindern.</p> - -<p>»Na, natürlich! An die Speisekammer hätte ich denken -müssen! Was hast du drinnen wieder angestellt?«</p> - -<p>»Nichts.«</p> - -<p>»Nichts? Na, seh' mal einer! Betracht' mal deine Hände, -he, und was klebt denn da um deinen Mund?«</p> - -<p>»Das weiß <em class="gesperrt">ich</em> doch nicht, Tante!«</p> - -<p>»So, aber <em class="gesperrt">ich</em> weiß es. Marmelade ist's, du Schlingel, -und gar nichts anderes. Hab' ich dir nicht schon hundertmal -gesagt, wenn du mir <em class="gesperrt">die</em> nicht in Ruhe ließest, wollt' ich dich -ordentlich gerben? Was? Hast du's vergessen? Reich' mir mal -das Stöckchen da!«</p> - -<p>Schon schwebte die Gerte in der Luft, die Gefahr war dringend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span></p> - -<p>»Himmel, sieh doch mal hinter dich, Tante!«</p> - -<p>Die alte Dame fuhr herum, wie von der Tarantel gestochen, -und packte instinktiv ihre Röcke, um sie in Sicherheit zu -bringen. Gleichzeitig war der Junge mit einem Satz aus ihrem -Bereich, kletterte wie ein Eichkätzchen über den hohen Bretterzaun -und war im nächsten Moment verschwunden. Tante Polly -sah ihm einen Augenblick -verdutzt, wortlos nach, dann -brach sie in leises Lachen aus.</p> - -<div class="ulshapepic" id="img-014"> -<div class="boxu box014u"> -<img src="images/illu-014.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box014l" /> -</div> -<p>»Hol' den Jungen der -und jener! Kann ich denn -nie gescheit werden? Hat er -mir nicht schon Streiche genug -gespielt, daß ich mich endlich einmal vor ihm in acht nehmen -könnte! Aber, wahr ist's, alte Narren sind die schlimmsten, die's -giebt, und ein alter Pudel lernt keine neuen Kunststückchen mehr, -heißt's schon im Sprichwort. Wie soll man aber auch wissen, -was der Junge im Schild führt, wenn's jeden Tag was andres -ist! Weiß der Bengel doch genau, wie weit er bei mir gehen -kann, bis ich wild werde, und ebenso gut weiß er, daß, wenn -er mich durch irgend einen Kniff dazu bringen kann, eine Minute<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span> -zu zögern, ehe ich zuhaue, oder wenn ich gar lachen muß, es -aus und vorbei ist mit den Prügeln. Weiß Gott, ich thu' meine -Pflicht nicht an dem Jungen. ›Wer sein Kind lieb hat, der -züchtiget es‹, heißt's in der Bibel. Ich aber, ich – Sünde -und Schande wird über uns kommen, über meinen Tom und -mich, ich seh's voraus, Herr, du mein Gott, ich seh's kommen! -Er steckt voller Satanspossen, aber, lieber Gott, er ist meiner -toten Schwester einziger Junge, und ich hab' nicht das Herz ihn -zu hauen. Jedesmal, wenn ich ihn durchlasse, zwickt mich mein -Gewissen ganz grimmig, und hab' ich ihn einmal tüchtig vorgenommen, -dann – ja dann will mir das alte, dumme Herz -beinahe brechen. Ja, ja, der vom Weibe geborene Mensch ist -arm und schwach, kurz nur währen seine Tage und sind voll -Müh und Trübsal, so sagt die hl. Schrift und wahrhaftig, es -ist so! Heut' wird sich der Bengel nun wohl nicht mehr blicken -lassen, wird die Schule schwänzen, denk' ich, und ich werd' ihm -wohl für morgen irgend eine Strafarbeit geben müssen. Ihn -am Sonnabend,<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> wenn alle Jungen frei haben, arbeiten zu -lassen, ist fürchterlich hart, namentlich für Tom, der die Arbeit -mehr scheut, als irgend was sonst, aber ich muß meine Pflicht -thun an dem Jungen, wenigstens einigermaßen, ich <em class="gesperrt">muß</em>, sonst -bin ich sein Verderben!«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> In Amerika, sowie in England, ist stets der Sonnabend ein -schulfreier Tag.</p> -</div> -</div> - -<p>Tom, der, wie Tante Polly sehr richtig geraten, die Schule -schwänzte, ließ sich am Nachmittag nicht mehr blicken, sondern -trieb sich draußen herum und vergnügte sich königlich dabei. -Gegen Abend erschien er dann wieder, kaum zur rechten Zeit -vor dem Abendessen, um Jim, dem kleinen Niggerjungen, helfen -zu können, das nötige Holz für den nächsten Tag klein zu machen. -Dabei blieb ihm aber Zeit genug, Jim sein Abenteuer zu erzählen, -während dieser neun Zehntel der Arbeit that. Toms<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span> -jüngerer Bruder, oder besser Halbbruder, Sid,<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> hatte seinen -Teil am Werke, das Zusammenlesen der Holzspäne, schon besorgt. -Er war ein fleißiger, ruhiger Junge, nicht so unbändig -und abenteuerlustig wie Tom. Während dieser sich das Abendessen -schmecken ließ und dazwischen bei günstiger Gelegenheit -Zuckerstückchen stibitzte, stellte Tante Polly ein, wie sie glaubte -äußerst schlaues und scharfes Kreuzverhör mit ihm an, um ihn -zu verderbenbringenden Geständnissen zu verlocken. Wie so manche -andere arglos-schlichte Seele glaubte sie an ihr Talent für die -schwarze, geheimnisvolle Kunst der Diplomatie. Es war der -stolzeste Traum ihres kindlichen Herzens, und die allerdurchsichtigsten -kleinen Kniffe, deren sie sich bediente, schienen ihr -wahre Wunder an Schlauheit und List. So fragte sie jetzt:</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Abkürzung von Sidney.</p> -</div> -</div> - -<p>»Tom, es war wohl ziemlich warm in der Schule?«</p> - -<p>»Ja, Tante.«</p> - -<p>»Sehr warm, nicht?«</p> - -<p>»Ja, Tante.«</p> - -<p>»Hast du nicht Lust gehabt schwimmen zu gehen?«</p> - -<p>Wie ein warnender Blitz durchzuckte es Tom, – hatte sie -Verdacht? Er suchte in ihrem Gesichte zu lesen, das verriet -nichts. So sagte er:</p> - -<p>»N–nein, Tante – das heißt nicht viel.«</p> - -<p>Die alte Dame streckte die Hand nach Toms Hemdkragen -aus, befühlte den und meinte:</p> - -<p>»Jetzt ist dir's doch nicht mehr zu warm, oder?«</p> - -<p>Und dabei bildete sie sich ein, bildete sich wirklich und -wahrhaftig ein, sie habe den trockenen Zustand besagten Hemdes -entdeckt, ohne daß eine menschliche Seele ahne, worauf sie ziele. -Tom aber wußte genau, woher der Wind wehte, so kam er der -mutmaßlich nächsten Wendung zuvor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span></p> - -<p>»Ein paar von uns haben die Köpfe unter die Pumpe gehalten -– meiner ist noch naß, sieh!«</p> - -<p>Tante Polly empfand es sehr unangenehm, daß sie diesen -belastenden Beweis übersehen und sich so im voraus aus dem -Felde hatte schlagen lassen. Ihr kam eine neue Eingebung.</p> - -<p>»Tom, du hast doch wohl nicht deinen Hemdkragen abnehmen -müssen, den ich dir angenäht habe, um dir auf den -Kopf pumpen zu lassen, oder? Knöpf doch mal deine Jacke auf!«</p> - -<p>Aus Toms Antlitz war jede Spur von Sorge verschwunden. -Er öffnete die Jacke, der Kragen war fest und sicher angenäht.</p> - -<p>»Daß dich –! Na, mach' dich fort. Ich hätte Gift drauf -genommen, daß du heut' mittag schwimmen gegangen bist. -Wollen's gut sein lassen. Dir geht's diesmal wie der verbrühten -Katze, du bist besser, als du aussiehst – aber nur diesmal, -Tom, nur diesmal!«</p> - -<p>Halb war's ihr leid, daß alle ihre angewandte Schlauheit -so ganz umsonst gewesen, und halb freute sie sich, daß Tom -doch einmal wenigstens, gleichsam unversehens, in den Gehorsam -hinein gestolpert war.</p> - -<p>Da sagte Sidney:</p> - -<p>»Ja aber, Tante, hast du denn den Kragen mit schwarzem -Zwirn aufgenäht?«</p> - -<p>»Schwarz? Nein, er war weiß, so viel ich mich erinnere, -Tom!«</p> - -<p>Tom aber wartete das Ende der Unterredung nicht ab. -Wie der Wind war er an der Thüre, rief beim Abgehen Sid -noch ein freundschaftliches ›wart', das sollst du mir büßen‹ zu -und war verschwunden.</p> - -<p>An sicherem Orte untersuchte er darauf zwei eingefädelte -Nähnadeln, die er in das Futter seiner Jacke gesteckt trug, die -eine mit weißem, die andere mit schwarzem Zwirn, und brummte -vor sich hin:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span></p> - -<p>»Sie hätt's nie gemerkt, wenn's der dumme Kerl, der Sid, -nicht verraten hätte. Zum Kuckuck! Einmal nimmt sie weißen -und einmal schwarzen Zwirn, wer kann das behalten. Aber Sid -soll seine Keile schon kriegen; der soll mir nur kommen!«</p> - -<p>Tom war mit nichten der Musterjunge seines Heimatortes, -– es gab aber einen solchen, und Tom kannte und verabscheute -ihn rechtschaffen.</p> - -<p>Zwei Minuten später, oder in noch kürzerer Zeit, hatte er -alle seine Sorgen vergessen. Nicht, daß sie weniger schwer waren -oder weniger auf ihm lasteten, wie eines Mannes Sorgen auf -eines Mannes Schultern, nein durchaus nicht, aber ein neues -mächtiges Interesse zog seine Gedanken ab, gerade wie ein Mann -die alte Last und Not in der Erregung eines neuen Unternehmens -vergessen kann. Dieses starke und mächtige Interesse war eine -eben errungene, neue Methode im Pfeifen, die ihm ein befreundeter -Nigger kürzlich beigebracht hatte, und die er nun ungestört -üben wollte. Die Kunst bestand darin, daß man einen -hellen, schmetternden Vogeltriller hervorzubringen sucht, indem -man in kurzen Zwischenpausen während des Pfeifens mit der -Zunge den Gaumen berührt. Wer von den Lesern jemals ein -Junge gewesen ist, wird genau wissen, was ich meine. Tom -hatte sich mit Fleiß und Aufmerksamkeit das Ding baldigst zu -eigen gemacht und schritt nun die Hauptstraße hinunter, den -Mund voll tönenden Wohllauts, die Seele voll stolzer Genugthuung. -Ihm war ungefähr zu Mute, wie einem Astronomen, -der einen neuen Stern entdeckt hat, doch glaube ich kaum, daß -die Freude des glücklichen Entdeckers der seinen an Größe, Tiefe -und ungetrübter Reinheit gleich kommt.</p> - -<p>Die Sommerabende waren lang. Noch war's nicht dunkel -geworden. Toms Pfeifen verstummte plötzlich. Ein Fremder -stand vor ihm, ein Junge, nur vielleicht einen Zoll größer als -er selbst. Die Erscheinung eines Fremden irgend welchen Alters<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span> -oder Geschlechtes war ein Ereignis in dem armen, kleinen -Städtchen St. Petersburg. Und dieser Junge war noch dazu -sauber gekleidet, – sauber gekleidet an einem Wochentage! Das -war einfach geradezu unfaßlich, überwältigend! Seine Mütze -war ein niedliches, zierliches Ding, seine dunkelblaue, dicht zugeknöpfte -Tuchjacke nett und tadellos: auch die Hosen waren -ohne Flecken. Schuhe hatte er an, Schuhe, und es war doch -heute erst Freitag, noch zwei ganze Tage bis zum Sonntag! -Um den Hals trug er ein seidenes Tuch geschlungen. Er hatte -so etwas Zivilisiertes, so etwas Städtisches an sich, das Tom in -die innerste Seele schnitt. Je mehr er dieses Wunder von Eleganz -anstarrte, je mehr er die Nase rümpfte über den ›erbärmlichen -Schwindel‹, wie er sich innerlich ausdrückte, desto schäbiger -und ruppiger dünkte ihm seine eigene Ausstattung. Keiner der -Jungen sprach. Wenn der eine sich bewegte, bewegte sich auch -der andere, aber immer nur seitwärts im Kreise herum. So -standen sie einander gegenüber, Angesicht zu Angesicht, Auge in -Auge. Schließlich sagte Tom:</p> - -<p>»Ich kann dich unter kriegen!«</p> - -<p>»Probier's einmal!«</p> - -<p>»N – ja, ich kann.«</p> - -<p>»Nein, du kannst nicht.«</p> - -<p>»Und doch!«</p> - -<p>»Und doch nicht!«</p> - -<p>»Ich kann's.«</p> - -<p>»Du kannst's nicht.«</p> - -<p>»Kann's.«</p> - -<p>»Kannst's nicht.«</p> - -<p>Ungemütliche Pause. Dann fängt Tom wieder an:</p> - -<p>»Wie heißt du?«</p> - -<p>»Geht dich nichts an.«</p> - -<p>»Will dir schon zeigen, daß mich's angeht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span></p> - -<p>»Nun, so zeig's doch.«</p> - -<p>»Wenn du noch viel sagst, thu' ich's.«</p> - -<p>»Viel – viel – <em class="gesperrt">viel</em>! Da! Nun komm 'ran!«</p> - -<p>»Ach, du hältst dich wohl für furchtbar gescheit, gelt du! -Du Putzaff'! Ich könnt' dich ja unterkriegen, mit einer Hand -auf den Rücken gebunden, – wenn ich nur wollt'!«</p> - -<p>»Na, warum <em class="gesperrt">thust</em> du's denn nicht? Du <em class="gesperrt">sagst's</em> doch -immer nur!«</p> - -<p>»Wart', ich thu's, wenn du dich mausig machst!«</p> - -<p>»Ja, ja, sagen kann das jeder, aber thun – thun ist -was andres.«</p> - -<p>»Aff' du! Gelt du meinst, du seist was Rechtes? – Puh, -was für ein Hut!«</p> - -<p>»Guck' wo anders hin, wenn er dir nicht gefällt. Schlag' -ihn doch runter! Der aber, der's thut, wird den Himmel für -'ne Baßgeig' ansehen!«</p> - -<p>»Lügner, Prahlhans!«</p> - -<p>»Selber!«</p> - -<p>»Maulheld! Gelt, du willst dir die Hände schonen?«</p> - -<p>»O – geh' heim!«</p> - -<p>»Wart', wenn du noch mehr von deinem Blödsinn verzapfst, so -nehm' ich einen Stein und schmeiß' ihn dir an deinem Kopf entzwei.«</p> - -<p>»Ei, natürlich, – schmeiß' nur!«</p> - -<p>»Ja, ich thu's!«</p> - -<p>»Na, warum denn nicht gleich? Warum wartst du denn -noch? Warum <em class="gesperrt">thust</em> du's nicht? Ätsch, du hast Angst!«</p> - -<p>»Ich hab' keine Angst.«</p> - -<p>»Doch, doch!«</p> - -<p>»Nein, ich hab' keine.«</p> - -<p>»Du hast welche!«</p> - -<p>Erneute Pause, verstärktes Anstarren und langsames Umkreisen. -Plötzlich stehen sie Schulter an Schulter. Tom sagt:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span></p> - -<p>»Mach' dich weg von hier!«</p> - -<p>»Mach' dich selber weg!«</p> - -<p>»Ich nicht!«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> gewiß nicht!«</p> - -<p>So stehen sie nun fest gegeneinander gepreßt, jeder als -Stütze ein Bein im Winkel vor sich gegen den Boden stemmend, -und schieben, stoßen und drängen sich gegenseitig mit aller Gewalt, -einander mit wutschnaubenden, haßerfüllten Augen anstarrend. -Keiner aber vermag dem andern einen Vorteil abzugewinnen. -Nachdem sie so schweigend gerungen, bis beide -ganz heiß und glühendrot geworden, lassen sie wie auf Verabredung -langsam und vorsichtig nach und Tom sagt:</p> - -<p>»Du bist ein Feigling und ein Aff' dazu. Ich sag's meinem -großen Bruder, der haut dich mit seinem kleinen Finger krumm -und lahm, wart' nur!«</p> - -<p>»Was liegt mir an deinem großen Bruder! Meiner ist noch viel -größer, wenn der ihn nur anbläst, fliegt er über den Zaun, ohne -daß er weiß wie!« (Beide Brüder existierten nur in der Einbildung.)</p> - -<p>»Das ist gelogen!«</p> - -<p>»Was weißt denn du?«</p> - -<p>Tom zieht nun mit seiner großen Zehe eine Linie in den -Staub und sagt:</p> - -<p>»Da spring' 'rüber und ich hau' dich, daß du deinen Vater -nicht von einem Kirchturm unterscheiden kannst!«</p> - -<p>Der neue Junge springt sofort, ohne sich zu besinnen, -hinüber und ruft:</p> - -<p>»Jetzt komm endlich 'ran und thu's und hau', aber prahl' -nicht länger!«</p> - -<p>»Reiz' mich nicht, nimm dich in acht!«</p> - -<p>»Na, nun mach' aber, jetzt bin ich's müde! Warum kommst -du nicht!«</p> - -<p>»Weiß Gott, jetzt thu' ich's für zwei Pfennig!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span></p> - -<p>Flink zieht der fremde Junge zwei Pfennige aus der Tasche -und hält sie Tom herausfordernd unter die Nase.</p> - -<p>Tom schlägt sie zu Boden.</p> - -<p>Im nächsten Moment wälzen sich die Jungen fest umschlungen -im Staube, krallen einander wie Katzen, reißen und -zerren sich an den -Haaren und Kleidern, -bläuen und zerkratzen -sich die Gesichter und -Nasen und bedecken -sich mit Schmutz und -Ruhm. Nach ein paar -Minuten etwa nimmt -der sich wälzende Klumpen -Gestalt an, und in -dem Staub des Kampfes -wird Tom sichtbar, -der rittlings auf -dem neuen Jungen sitzt -und denselben mit den -Fäusten bearbeitet.</p> - -<div class="figright" id="illu-022"> - <img src="images/illu-022.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Schrei ›genug‹,« -mahnt er.</p> - -<p>Der Junge ringt nur stumm, sich zu befreien, er weint -vor Zorn und Wut.</p> - -<p>»Schrei ›genug‹,« mahnt Tom noch einmal und drischt -lustig weiter.</p> - -<p>Endlich stößt der Fremde ein halb ersticktes »genug« hervor, -Tom läßt ihn alsbald los und sagt: »Jetzt hast du's, das -nächste Mal paß' auf, mit wem du anbindst!«</p> - -<p>Der fremde Junge rannte heulend davon, sich den Staub -von den Kleidern klopfend. Gelegentlich sah er sich um, ballte<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span> -wütend die Faust und drohte, was er Tom alles thun wolle, -»wenn er ihn wieder erwische.« Tom antwortete darauf nur -mit Hohngelächter und machte sich, wonnetrunken ob der vollbrachten -Heldenthat, in entgegengesetzter Richtung auf. Sobald -er aber den Rücken gewandt hatte, hob der besiegte Junge einen -Stein, schleuderte ihn Tom nach und traf ihn gerade zwischen -den Schultern, dann gab er schleunigst Fersengeld und lief davon -wie ein Hase. Tom wandte sich und setzte hinter dem Verräter -her, bis zu dessen Hause, wodurch er herausfand, wo dieser wohnte. -Er pflanzte sich vor das Gitter hin und forderte den Feind auf, heraus -zu kommen und den Streit aufzunehmen, der aber weigerte sich und -schnitt ihm nur Grimassen durch das Fenster. Endlich kam die Mutter -des Feindes zum Vorschein, schalt Tom einen bösen, ungezogenen, -gemeinen Buben und hieß ihn sich fort machen. Tom trollte sich -also, brummte aber, er wollte es dem Affen schon noch zeigen.</p> - -<p>Erst sehr spät kam er nach Hause, und als er vorsichtig zum -Fenster hineinklettern wollte, stieß er auf einen Hinterhalt in Gestalt -der Tante. Als diese dann den Zustand seiner Kleider gewahrte, -gedieh ihr Entschluß, seinen freien Sonnabend in einen -Sträflingstag bei harter Arbeit zu verwandeln, zu eiserner Festigkeit.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-023"> - <img src="images/illu-023.png" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.</h2> -</div> -<div class="ulshapepic" id="img-024"> -<div class="boxu box024u"> -<img src="images/illu-024.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box024l" /> -</div> - -<p class="drop">Der Sonnabend-Morgen -tagte, die ganze sommerliche -Welt draußen war -sonnig und klar, sprudelnd -von Leben und Bewegung. -In jedem Herzen schien's zu klingen -und zu singen, und wenn das Herz jung -war, trat der Klang unversehens auf die -Lippen. Freude und Lust malte sich in -jedem Antlitz, jeder Schritt war beflügelt. -Die Akazien blühten und erfüllten mit -ihrem köstlichen Duft rings alle Lüfte.</p> - -<p>Tom erschien auf der Bildfläche mit -einem Eimer voll Tünche und einem langstieligen -Pinsel. Er stand vor dem Zaun, -besah sich das zukünftige Feld seiner Thätigkeit, und es war ihm, -als schwände mit einem Schlag alle Freude aus der Natur. Eine -tiefe Schwermut bemächtigte sich seines ahnungsvollen Geistes. -Dreißig Meter lang und neun Fuß hoch war der unglückliche -Zaun! Das Leben schien ihm öde, das Dasein eine Last. -Seufzend tauchte er den Pinsel ein und fuhr damit über die -oberste Planke, wiederholte das Manöver einmal und noch einmal. -Dann verglich er die unbedeutende, übertünchte Strecke -mit der Riesenausdehnung des noch ungetünchten Zaunes und<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span> -ließ sich entmutigt auf ein paar knorrigen Baumwurzeln nieder. -Jim, der kleine Nigger, trat singend und springend aus dem -Hofthor mit einem Holzeimer in der Hand. Wasser an der -Dorfpumpe holen zu müssen, war Tom bis jetzt immer gründlich -verhaßt gewesen, in diesem Augenblick dünkte es ihm die -höchste Wonne. Er erinnerte sich, daß man dort immer Gesellschaft -traf; Weiße, Mulatten und Nigger-Jungen und -Mädchen -waren da stets zu finden, die warteten, bis die Reihe an sie -kam und sich inzwischen ausruhten, mit allerlei handelten oder -tauschten, sich zankten, rauften, prügelten und dergleichen Kurzweil -trieben. Auch durfte man Jim mit seinem Eimer Wasser nie -vor Ablauf einer Stunde zurückerwarten, obgleich die Pumpe kaum -einige hundert Schritte vom Hause entfernt war und selbst dann -mußte gewöhnlich noch nach ihm geschickt werden. Ruft also Tom:</p> - -<p>»Hör', Jim, ich will das Wasser holen, streich' du hier ein -bißchen an.«</p> - -<p>Jim schüttelte den Dickkopf und sagte:</p> - -<p>»Nix das können, junge Herr Tom. Alte Tante sagen, -Jim sollen nix thun andres als Wasser holen, sollen ja nix anstreichen. -Sie sagen, junge Herr Tom wohl werden fragen Jim, -ob er wollen anstreichen, aber er nix sollen es thun – ja nix -sollen es thun.«</p> - -<p>»Ach was, Jim, laß dir nichts weis machen, so redet sie -immer. Her mit dem Eimer, ich bin gleich wieder da. Sie -merkt's doch gar nicht.«</p> - -<p>»Jim sein so bange, er's nix wollen thun. Alte Tante -sagen, sie ihm reißen Kopf ab, wenn er's thun.«</p> - -<p>»Sie! O Herr Jemine, die kann ja gar niemand ordentlich -durchhauen, – die fährt einem ja nur mit der Hand über -den Kopf, als ob sie streicheln wollte, und ich möcht' wissen, -wer sich daraus was macht. Ja, schwatzen thut sie von durchhauen -und allem, aber schwatzen thut nicht weh, – das heißt,<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span> -so lang sie nicht weint dazu. Jim, da, ich schenk' dir auch 'ne -große Murmel, – da und noch 'nen Gummi dazu!«</p> - -<p>Jim schwankte.</p> - -<p>»'nen Gummi, Jim, und was für ein Stück, sieh mal her!«</p> - -<p>»O, du mein alles! Sein das prachtvoll Stück Gummi. -Aber, junge Herr Tom, Jim sein so ganz -furchtbar bange vor alte Tante!«</p> - -<p>Jim aber war auch nur ein schwacher Mensch, -– diese Versuchung erwies sich als zu stark für -ihn. Er stellte seinen Eimer hin und streckte die -Hand nach dem verlockenden Gummi aus. Im -nächsten Moment flog er jedoch, laut -aufheulend, samt seinem Eimer die -Straße hinunter, Tom tünchte -mit Todesverachtung drauf los, -und Tante Polly zog sich stolz -vom Schlachtfeld zurück, Pantoffel -in der Hand, Triumph -im Auge.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-026"> - <img src="images/illu-026.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Toms Eifer hielt nicht -lange an. Ihm fiel -all das Schöne ein, -das er für diesen -Tag geplant, und -sein Kummer -wuchs immer mehr. Bald würden sie vorüber schwärmen, die -glücklichen Jungen, die heute frei waren, auf die Berge, in den -Wald, zum Fluß, überall hin, wo's schön und herrlich war. Und -wie würden sie ihn höhnen und auslachen und verspotten, daß er -dableiben und arbeiten mußte, – schon der Gedanke allein -brannte ihn wie Feuer. Er leerte seine Taschen und musterte -seine weltlichen Güter, – alte Federn, Glas- und Steinkugeln,<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span> -Marken und sonst allerlei Kram. Da war wohl genug, um -sich dafür einen Arbeitstausch zu verschaffen, aber keineswegs -genug, um sich auch nur eine knappe halbe Stunde voller Freiheit -zu erkaufen. Seufzend wanderten die beschränkten Mittel -wieder in die Tasche zurück, und Tom mußte wohl oder übel -die Idee fahren lassen, einen oder den andern der Jungen zur -Beihilfe zu bestechen. In diesem dunkeln, hoffnungslosen Moment -kam ihm eine Eingebung! Eine große, eine herrliche Eingebung! -Er nahm seinen Pinsel wieder auf und machte sich still und -emsig an die Arbeit. Da tauchte Ben Rogers in der Entfernung -auf, Ben Rogers, dessen Spott er gerade am meisten -gefürchtet hatte. Ben's Gang, als er so daher kam, war -ein springender, hüpfender, kurzer Trab, Beweis genug, daß -sein Herz leicht und seine Erwartungen hoch gespannt waren. -Er biß lustig in einen Apfel und ließ dazu in kurzen Zwischenpausen -ein langes, melodisches Geheul ertönen, dem allemal ein -tiefes gezogenes ding–dong–dang, ding–dong–dang folgte. -Er stellte nämlich einen Dampfer vor. Als er sich Tom näherte, -gab er Halbdampf, hielt sich in der Mitte der Straße, wandte -sich stark nach Steuerbord und glitt drauf in stolzem Bogen -dem Ufer zu, mit allem Aufwand von Pomp und Umständlichkeit, -denn er stellte nichts Geringeres vor als den ›Großen -Missouri‹ mit neun Fuß Tiefgang. Er war Schiff, Kapitän, -Mannschaft, Dampfmaschine, Glocke, alles in allem, stand also -auf seiner eigenen Schiffsbrücke, erteilte Befehle und führte sie aus.</p> - -<p>»Halt, stoppen! Klinge–linge–ling.« Der Hauptweg -war zu Ende, und der Dampfer wandte sich langsam dem Seitenweg -zu. »Wenden! Klingelingeling!« Steif ließ er die Arme -an den Seiten niederfallen. »Wenden Steuerbord! Klingelingeling! -Tschu! tsch–tschu–u–tschu!«</p> - -<p>Nun beschrieb der rechte Arm große Kreise, denn er stellte -ein vierzig Fuß großes Rad vor. »Zurück, Backbord! Klingelingeling!<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span> -Tschu–tsch–tschu–u–sch!« Der linke Arm begann -nun Kreise zu beschreiben.</p> - -<p>»Steuerbord stoppen! Lustig, Jungens! Anker auf – -nieder! Klingeling! Tsch–tschuu–tschtu! Los! Maschine -stoppen! He, Sie da! Scht–sch–tscht!« (Ausströmen des -Dampfes.)</p> - -<p>Tom tünchte währenddessen und ließ den Dampfer Dampfer -sein. Ben starrte ihn einen Augenblick an und grinste dann:</p> - -<p>»Hi–hi! Festgenagelt – äh?«</p> - -<p>Keine Antwort. Tom schien seinen letzten Strich mit dem -Auge eines Künstlers zu prüfen, dann fuhr er zart mit dem -Pinsel noch einmal drüber und übersah das Resultat in derselben -kritischen Weise wie zuvor. Ben marschierte nun neben -ihm auf. Toms Mund wässerte nach dem Apfel, er hielt sich -aber tapfer an die Arbeit. Sagt Ben:</p> - -<p>»Hallo, alter Junge, Strafarbeit, ja?«</p> - -<p>»Ach, du bist's, Ben, ich hab' gar nicht aufgepaßt!«</p> - -<p>»Hör' du, ich geh' schwimmen, willst du vielleicht mit? -Aber gelt, du arbeitst lieber, natürlich, du bleibst viel lieber -da, gelt?«</p> - -<p>Tom maß ihn erstaunt von oben bis unten.</p> - -<p>»Was nennst du eigentlich arbeiten?«</p> - -<p>»W–was? Ist das keine Arbeit?«</p> - -<p>Tom tauchte seinen Pinsel wieder ein und bemerkte gleichgültig:</p> - -<p>»Vielleicht – vielleicht auch nicht! Ich weiß nur soviel, -daß das dem Tom Sawyer paßt.«</p> - -<p>»Na, du willst mir doch nicht weis machen, daß du's zum -Vergnügen thust?«</p> - -<p>Der Pinsel strich und strich.</p> - -<p>»Zum Vergnügen? Na, seh' nicht ein, warum nicht. -Kann unser einer denn alle Tag 'nen Zaun anstreichen?«</p> - -<p>Das warf nun ein neues Licht auf die Sache. Ben überlegte<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span> -und knupperte an seinem Apfel. Tom fuhr sachte mit -seinem Pinsel hin und her, trat dann zurück, um die Wirkung -zu prüfen, besserte hie und da noch etwas nach, prüfte wieder, -alles ohne sich im geringsten um Ben zu kümmern. Dieser verfolgte -jede Bewegung, eifriger und eifriger mit steigendem Interesse. -Sagt er plötzlich:</p> - -<p>»Du, Tom, laß mich ein bißchen streichen!«</p> - -<p>Tom überlegte, schien nachgeben zu wollen, gab aber diese -Absicht wieder auf: »Nein, nein, das würde nicht gehen, Ben, -wahrhaftig nicht. Weißt du, Tante Polly nimmt's besonders -genau mit diesem Zaun, so dicht bei der Straße, siehst du. Ja, -wenns irgendwo dahinten wär', da läg nichts dran, – mir -nicht und ihr nicht – so aber! Ja, sie nimmt's ganz ungeheuer -genau mit diesem Zaun, der muß ganz besonders vorsichtig -gestrichen werden, – einer von hundert Jungen vielleicht, -oder noch weniger, kann's so machen, wie's gemacht werden muß.«</p> - -<p>»Nein, wirklich? Na, komm, Tom, laß mich's probieren, -nur ein ganz klein bißchen. Ich ließ dich auch dran, Tom, -wenn ich's zu thun hätte!«</p> - -<p>»Ben, wahrhaftig, ich thät's ja gern, aber Tante Polly – -Jim hat's thun wollen und Sid, aber die haben's beide nicht -gedurft. Siehst du nicht, wie ich in der Klemme stecke? Wenn -du nun anstreichst, und 's passiert was, und der Zaun ist verdorben, -dann –«</p> - -<p>»Ach, Unsinn, ich will's schon recht machen. Na, gieb -her, – wart', du kriegst auch den Rest von meinem Apfel; -'s ist freilich nur noch der Butzen, aber etwas Fleisch sitzt doch -noch drum.«</p> - -<p>»Na, denn los! Nein, Ben, doch nicht, ich hab' Angst, du –«</p> - -<p>»Da hast du noch 'nen ganzen Apfel dazu!«</p> - -<p>Tom gab nun den Pinsel ab, Widerstreben im Antlitz, -Freude im Herzen. Und während der frühere Dampfer ›Großer<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[29]</span> -Missouri‹ im Schweiße seines Angesichts drauf los strich, saß -der zurückgetretene Künstler auf einem Fäßchen im Schatten dicht -dabei, baumelte mit den Beinen, verschlang seinen Apfel und -brütete über dem Gedanken, wie er noch mehr Opfer in sein -Netz zöge. An Material dazu war kein Mangel. Jungen kamen -in Menge vorüber. Sie kamen um zu spotten und blieben um -zu tünchen! Als Ben müde war, hatte Tom schon Kontrakt -gemacht mit Billy Fischer, der ihm einen fast neuen, nur wenig -geflickten Drachen bot. Dann trat Johnny Miller gegen eine -tote Ratte ein, die an einer Schnur zum Hin- und Herschwingen -befestigt war. So gings weiter und weiter, Stunde um Stunde. -Und als der Nachmittag zur Hälfte verstrichen, war aus Tom, -dem mit Armut geschlagenen Jungen mit leeren Taschen und -leeren Händen, ein im Reichtum förmlich schwelgender Glücklicher -geworden. Er besaß außer den Dingen, die ich oben angeführt, -noch zwölf Steinkugeln, eine freilich schon etwas stark beschädigte -Mundharmonika, ein Stück blaues Glas, um die Welt dadurch -zu betrachten, ein halbes Blasrohr, einen alten Schlüssel, um -nichts damit aufzuschließen, ein Stück Kreide, einen halb zerbrochenen -Glasstöpsel von einer Wasserflasche, einen Bleisoldaten, -ein Stück Seil, sechs Zündhütchen, ein junges Kätzchen mit nur -einem Auge, einen alten messingnen Thürgriff, ein Hundehalsband -ohne Hund, eine Messerklinge, vier Orangenschalen und -ein altes, wackeliges Stück Fensterrahmen. Dazu war er lustig -und guter Dinge, brauchte sich gar nicht weiter anzustrengen die -ganze Zeit über und hatte mehr Gesellschaft beinahe, als ihm -lieb war. Der Zaun wurde nicht weniger als dreimal vollständig -überpinselt, und wenn die Tünche im Eimer nicht ausgegangen -wäre, hätte er zum Schluß noch jeden einzelnen Jungen -des Dorfes bankerott gemacht.</p> - -<p>Unserm Tom kam die Welt gar nicht mehr so traurig und -öde vor. Ohne es zu wissen, hatte er ein tief in der menschlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[30]</span> -Natur wurzelndes Gesetz entdeckt, die Triebfeder zu vielen, -vielen Handlungen. Um das Begehren eines Menschen, sei er -nun erwachsen oder nicht, – das Alter macht in dem Fall -keinen Unterschied – also, um eines Menschen Begehren nach -irgend etwas zu erwecken, braucht man ihm nur das Erlangen -dieses ›etwas‹ schwierig erscheinen zu lassen. Wäre Tom ein -gewiegter, ein großer Philosoph gewesen, wie zum Beispiel der -Schreiber dieses Buches, er hätte daraus gelernt, wie der Begriff -von <em class="gesperrt">Arbeit</em> einfach darin besteht, daß man etwas thun -<em class="gesperrt">muß</em>, daß dagegen Vergnügen das ist, was man freiwillig thut. -Er würde verstanden haben, warum künstliche Blumen machen -oder in einer Tretmühle gehen ›Arbeit‹ heißt, während Kegel -schieben im Schweiße des Angesichts oder den Mont-Blanc erklettern -lediglich als Vergnügen gilt. Ja, ja, wer erklärt diese -Widersprüche in der menschlichen Natur! –</p> - -<div class="figcenter" id="illu-031"> - <img src="images/illu-031.png" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[31]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-t.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Tom erschien vor Tante Polly, die am offnen Fenster eines -Hinterzimmers saß, das Schlaf-, Wohn-, Eßzimmer, -Bibliothek, alles in sich vereinigte. Die balsamische Sommerluft, -die friedliche Ruhe, der Blumenduft, das einschläfernde -Summen der Bienen, alles hatte seine Wirkung auf sie ausgeübt, -– sie war über ihrem Strickstrumpf eingenickt in Gesellschaft -der Katze, die auf ihrem Schoße friedlich schlummerte. -Die Brille war zur Sicherheit ganz auf den alten, grauen Kopf -geschoben. Sie war fest überzeugt gewesen, daß Tom längst -durchgebrannt sei und wunderte sich nun nicht wenig, als er sich -jetzt so furchtlos ihrer Macht überlieferte.</p> - -<p>»Darf ich jetzt gehen und spielen, Tante?« fragte er.</p> - -<p>»Was – schon? Ei, wie weit bist du denn?«</p> - -<p>»Fertig, Tante.«</p> - -<p>»Tom, schwindle nicht, du weißt, das kann ich nicht vertragen.«</p> - -<p>»Gewiß und wahrhaftig, Tante, ich bin fertig.«</p> - -<p>Tante Polly schien nur wenig Zutrauen zu der Angabe zu -hegen, denn sie erhob sich, um selbst nachzusehen; sie wäre froh -und dankbar gewesen, hätte sie nur zwanzig Prozent von Toms -Aussage bestätigt gefunden. Als sie aber nun den ganzen Zaun -getüncht fand und nicht nur so einmal leicht überstrichen, sondern -sorgsam mit einer festen, tadellosen Lage Tünche versehen, da<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[32]</span> -kannte ihr Erstaunen, ihre freudige Ver- und Bewunderung -keine Grenzen.</p> - -<p>»Na, so was!« stieß sie fast atemlos hervor. »Arbeiten -<em class="gesperrt">kannst</em> du, wenn du willst, Tom, das muß dir dein Feind -lassen. Selten genug freilich willst du einmal,« schwächte sie -ihr Kompliment ab. »Aber nun geh' und spiel', mach' dich -flink fort. Daß du mir aber vor Ablauf einer Woche wieder -kommst, hörst du, sonst gerb' ich dir das Fell doch noch durch!«</p> - -<p>Sie war aber so gerührt von seiner Heldenthat, daß sie -ihn zuerst noch mit in die Speisekammer nahm und einen herrlichen, -dicken, rotbackigen Apfel auslas, den sie ihm einhändigte, -daran den salbungsvollen Hinweis knüpfend, wie Verdienst und -ehrliche Anstrengung den Genuß einer Gabe erhöhe, die man -als Lohn der Tugend erworben, nicht durch sündige Tücke. Und -während sie die Predigt mit einer ebenso passend als glücklich -gewählten Schriftstelle schloß, hatte Tom hinterrücks ein Stückchen -Kuchen stibitzt, um sich den Lohn der Tugend wie die Errungenschaft -sündiger Tücke ganz gleich gut schmecken zu lassen.</p> - -<p>Dann schlüpfte er hinaus und sah gerade, wie Sid die -Außentreppe, die zu dem Hinterzimmer des zweiten Stocks führte, -hinauf huschte. Erdklumpen waren zur Hand und im Moment -war die Luft voll davon. Sie flogen um Sid wie ein Hagelwetter, -und ehe noch Tante Polly ihre überraschten Lebensgeister -sammelte oder zu Hilfe kommen konnte, hatten sechs oder sieben -ihr Ziel getroffen, Sid brüllte, und Tom war über den Zaun -gesetzt und verschwunden. Es gab freilich auch ein Thor, aber -für gewöhnlich konnte es Tom aus Mangel an Zeit nicht benutzen. -Nun hatte seine Seele Ruhe, jetzt hatte er abgerechnet -mit Sid und ihm die Verräterei mit dem schwarzen Zwirn -heimgezahlt. Der würde ihn nicht so bald wieder in Ungelegenheiten -zu bringen wagen!</p> - -<p>Tom schlich auf Umwegen hinter dem Stalle, um Haus<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[33]</span> -und Hof herum, bis er außer dem Bereich der Gefangennahme -und Abstrafung war, dann setzte er sich eiligst nach dem Hauptplatz -des Dorfes in Trab, wo der Verabredung gemäß zwei -feindliche Heere sich eine Schlacht liefern sollten. Tom war -General der einen Armee, Joe Harper, sein Busenfreund, General -der zweiten. Die beiden ruhmgekrönten, großen Anführer ließen -sich aber nicht zum Fechten in Person herbei; bewahre, ganz -nach berühmten Mustern sahen sie nur von ferne zu, von irgend -einer Erhöhung herab, und leiteten die Bewegungen der kämpfenden -Heere durch Befehle, welche Adjutanten überbringen mußten. Nach -langem, heißem Kampfe trug Toms Schar den Sieg davon. -Nun wurden die Toten gezählt, Gefangene ausgetauscht, die Bedingungen -zum nächsten Streit vereinbart und der Tag für die -daraus notwendig sich ergebende Schlacht festgesetzt, die Armeen -lösten sich auf, und Tom marschierte allein heimwärts.</p> - -<p>Als er am Hause des Bürgermeisters vorüber kam, sah er -ein fremdes, kleines Mädchen im Garten, ein liebliches, zartes, -blauäugiges Geschöpf mit langen gelben, in zwei dicke Schwänze -geflochtenen Haaren, weißem Sommerkleid und gestickten Höschen. -Der ruhmgekrönte Held fiel ohne Schuß und Streich. Eine gewisse -Anny Lorenz verschwand aus seinem Herzen, ohne auch -nur einen Schatten ihrer selbst zurück zu lassen. Tom hatte -seine Liebe zu besagter Anny für verzehrende Feuersglut gehalten, -und nun war es nur noch ein leise flackerndes, verlöschendes -Flämmchen. Monatelang hatte er um sie geworben, vor einer -Woche erst hatte sie ihm ihre Gegenliebe gestanden, sieben Tage -lang war er der stolzeste, glücklichste Junge des Städtchens gewesen -und jetzt – im Umdrehen hatte sie sich empfohlen aus -seinem Herzen, wie irgend ein fremder Besuch, dessen Zeit um ist.</p> - -<div class="urshapepic" id="img-035"> -<div class="boxu box035u"> -<img src="images/illu-035.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box035r" /> -</div> - -<p>Mit verstohlenen Blicken verfolgte Tom den neu auftauchenden -Engel, bis er bemerkte, daß sie ihn entdeckt hatte. Jetzt that -er, als ob er sie gar nicht sähe und begann nach echter Jungenart<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[34]</span> -›sich zu zeigen‹, in der Absicht, ihre Bewunderung zu -erringen. Eine Zeitlang trieb er es so fort, aber mitten in -irgend einer halsbrecherischen, gymnastischen Leistung schielte er -seitwärts und bemerkte, daß die Holde sich dem Hause zuwandte. -Er brach ab und sprang auf den Zaun zu, voller Bedauern und -in der Hoffnung, daß sie doch noch ein wenig länger verweilen -werde. Einen Moment blieb -sie auf den Stufen stehen, näherte sich -dann aber schnell der Thüre. Tom -stieß einen schweren, schallenden Seufzer -aus, als ihr Fuß die Schwelle berührte, -im selben Moment aber erhellte sich sein -melancholisches Antlitz, – sie hatte ein Stiefmütterchen über -den Zaun geworfen im Augenblick, da sie verschwand. Der -Junge rannte drauf los, blieb aber einen oder zwei Fuß von -der Blume entfernt stehen, beschattete die Augen mit der Hand -und that, als habe er, weit da unten in der Straße, etwas von -großem Interesse entdeckt. Gleich danach raffte er einen Strohhalm -vom Boden auf, um ihn auf der Nase zu balancieren, -indem er den Kopf weit zurück warf, und als er sich dabei hin<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[35]</span> -und her bewegte, rückte er der Blume immer näher. Schließlich -berührte er sie mit seinem nackten Fuße, seine geschmeidigen -Zehen umschlossen dieselbe, auf einem Bein hüpfte er fort mit -dem eroberten Schatze und verschwand um die nächste Ecke. Aber -nur für eine Minute, – nur bis er die Blume an seinem -Herzen geborgen hatte oder auch an seinem Magen vielleicht, – -Tom war nicht sehr bewandert in der Anatomie und jedenfalls -nicht allzu kritisch.</p> - -<p>Jetzt kehrte er zu seinem früheren Standorte zurück und -trieb sich am Zaun herum, bis die Nacht hereinbrach, immer -von Zeit zu Zeit seine Kunststücke loslassend. Die blonde Schöne -aber zeigte sich nicht wieder, und Tom tröstete sich mit dem Gedanken, -daß sie sicher hinter irgend einem der Fenster gestanden -habe, und seine Aufmerksamkeiten also nicht auf dürren Boden -gefallen seien. Endlich bequemte er sich widerstrebend zum Abzug, -Kopf und Sinn voll wunderbarer Visionen.</p> - -<p>Während des ganzen Abendessens war er in solch gehobener -Stimmung, daß seine Tante nicht klug draus wurde, ›was zum -Kuckuck in den Jungen gefahren sei!‹ Den Ausputzer, den er -für Sids Beschießung mit Erdklumpen erhielt, nahm er mit -Lammesgeduld entgegen und schüttelte ihn ebenso schnell wieder -ab. Er probierte, der Tante vor der Nase weg Zucker zu -stibitzen, und kriegte dafür ordentlich auf die Pfoten. Vorwurfsvoll -meinte er:</p> - -<p>»Tante, du klopfst doch den Sid nicht, wenn er Zucker nascht.«</p> - -<p>»Der quält mich auch nicht so wie du. Was, ei wenn -ich dir nicht aufpaßte, du stecktest den ganzen Tag in der -Zuckerdose!«</p> - -<p>Gleich danach wollte sie in der Küche etwas holen und ging -hinaus. Sid, im Gefühl seiner Unstrafbarkeit, langte nach der -Zuckerdose mit einer Überhebung, die Tom unerträglich dünkte. -Aber weh! – Sids Hand zitterte, die Dose entglitt den haltenden<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[36]</span> -Fingern, fiel zu Boden und zerbrach. Tom triumphierte, – -triumphierte <em class="gesperrt">so</em>, daß er sich bezwang, seine Zunge im Zaum -hielt und atemlos, erwartungsvoll schwieg. Er gelobte sich -innerlich, kein Wort zu sagen, selbst wenn die Tante wieder -herein käme, sondern sich ganz stille zu verhalten, bis sie frage, -wer das Unheil angestellt, dann würde er berichten und welche -Wonne, wenn der geliebte ›Musterjunge‹ auch einmal was -Ordentliches abkriegte. Er platzte beinahe vor Ungeduld und -konnte sich kaum auf dem Stuhl halten, als nun die alte Dame -hereintrat und sprachlos, Wutblitze unter ihrer Brille hervor -schleudernd, vor den Trümmern stand. »Jetzt kommt's, jetzt -geht's los,« frohlockte er. Im nächsten Moment fühlte er sich -gepackt, zu Boden geworfen, und schon hob sich die strafende Faust -zum zweiten- und drittenmal über seinem südlichen Rückenende, -ehe er, sprachlos vor Ueberraschung und Entrüstung, Worte fand:</p> - -<p>»Laß los, Tante, was haust du <em class="gesperrt">mich</em> denn? Sid hat's -ja gethan!«</p> - -<p>Tante Pollys erhobene Faust sank noch einmal mechanisch -mit klatschendem Schlag, dann hielt sie ein, erstaunt, verwirrt, -während Tom, eines Ausbruchs tröstenden, selbstanklagenden -Mitleids gewärtig, vorwurfsvoll zu ihr emporstarrte. Aber -alles, was sie sagte, als sie zu Atem kam, war:</p> - -<p>»Na, Gott weiß, an dir ist kein Schlag verloren, das ist -mein Trost. Nimm's einstweilen als Abschlagszahlung, hörst du!«</p> - -<p>Danach aber empfand sie doch Gewissensbisse, und ihr gutes, -weiches Herz sehnte sich, dem armen, unschuldig Gezüchtigten ein -liebevolles Wort zu sagen. Aus Rücksichten der Disziplin aber -enthielt sie sich jeder Zusprache, die ihr doch nur als ein Eingeständnis -des Unrechts ausgelegt worden wäre. So schwieg -sie denn und ging bekümmerten Herzens ihrer Arbeit nach. Tom -schmollte in einem Winkel und steigerte seine Leiden ins Unendliche. -Er wußte, daß die Tante innerlich vor ihm auf den<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[37]</span> -Knieen lag, und dies Bewußtsein that ihm wohl bis in die kleine -Zehe. Er wollte sich um niemanden, niemanden mehr kümmern. -Er fühlte, wie ihn von Zeit zu Zeit ein sehnsüchtiger, thränenverschleierter -Blick traf, er aber that, als merke er nichts und -brütete nur stumm vor sich hin. Er sah sich krank, sterbend auf -seinem Bette hingestreckt. Die Tante beugte sich über ihn und -flehte händeringend um ein einziges, kleines, armes Wort der -Vergebung. Er aber wandte das Gesicht ab, stumm, thränenlos -und starb, – starb, und das Wort der Vergebung blieb ungesagt. -Was würde sie dann thun? – Oder er sah sich, wie -man ihn vom Fluß zurück brachte, tot, mit triefenden Haaren, -blassem, stillem Antlitz, endlich Ruhe und Frieden im armen, -gequälten Herzen – für immer. Wie würde sie sich über ihn -werfen, wie würden ihre Thränen stromweise fließen und sie -Gott anrufen, ihren armen Jungen wieder lebendig zu machen, -den sie auch nie, nie wieder mißhandeln wolle. Er aber läge -da, kalt und still, ein armer Märtyrer, dessen Leiden zu Ende. – -So arbeitete er sich dermaßen in Jammer und Elend hinein, -daß er beinahe in Schluchzen ausgebrochen wäre und am Zurückdrängen -desselben fast erstickte. Thränen standen in seinen Augen, -und alles erschien ihm in einem wässerigen Nebel. Wenn er -mit den Augen zwinkerte, kamen die Tropfen langsam die Nase -herab und träufelten von der Spitze hernieder. Dabei fühlte -er sich so wohl in seinem Schmerz, daß er denselben ängstlich -vor der profanen Lust, dem lärmenden Getriebe der Welt da -draußen behütete. Als sein Bäschen Mary, die acht Tage auf -dem Lande zu Besuch gewesen war, glückselig nach der ›langen -Abwesenheit‹ zur einen Thür herein tanzte, wie lauter Licht und -Sonnenschein, entschlüpfte Tom in Nebel und Wolken gehüllt -durch die andere. Weit in die Einsamkeit wanderte er hinweg. -Ein Floß lockte ihn; er setzte sich darauf und starrte in die -Wellen des Stromes. Wenn er nur auf einmal tot und ertrunken<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[38]</span> -sein könnte, ohne etwas -davon zu wissen, -ohne erst all das viele -Wasser zu schlucken! -Dann dachte er an -seine Blume, entnahm -sie seinem Busen, -verwelkt, zerknittert, -und ihr Anblick -erhöhte noch sein -wonniges Schmerzgefühl. Ob <em class="gesperrt">sie</em> ihn wohl bemitleiden würde, -wenn sie es wüßte? Oder würde auch sie sich abwenden wie -die übrige schnöde Welt? Wieder verlor er sich in einem Labyrinth -von Träumen und erhob sich zuletzt seufzend, um in die -Dunkelheit hinein zu wandern. Um zehn, halb elf schlich er -die stille Straße hinunter, in der die vergötterte Unbekannte -wohnte. An ihrer Thüre hielt er an. Kein Laut traf sein -lauschendes Ohr, nur aus einem Fenster des zweiten Stockes -kam der trübe Schein eines einsamen Talglichts. War dort -der geheiligte Raum, der sie umschloß? Er kletterte über den -Zaun und stahl sich lautlos bis unter jenes Fenster. Voll -Rührung schaute er hinan, dann streckte er sich der Länge lang -auf den Boden aus, die Hände, welche die verwelkte Blume -umschlossen, auf der Brust faltend. So wollte er sterben, –<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[39]</span> -draußen in der kalten Welt, kein Dach über seinem heimatlosen -Haupte, keine Freundeshand, die ihm den Todesschweiß von der -Stirne wischte, kein liebendes Antlitz, das sich mitleidsvoll über -ihn beugte, wenn der letzte, große Kampf nahte. So sollte <em class="gesperrt">sie</em> -ihn sehen, wenn sie das Fenster öffnete, um dem jungen Morgen -zuzulächeln und ach – würde sie wohl dem Toten eine Thräne -weihen, einen Seufzer hauchen über den leblosen stillen Rest, der -alles war, was von dem frohen, jugendfrischen, vor der Zeit -in der Wurzel geknickten, jungen Leben geblieben?</p> - -<div class="urshapepic" id="img-039"> -<div class="boxu box039u"> -<img src="images/illu-039.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box039r" /> -</div> - -<p>Das Fenster öffnete sich. Die schrille Stimme einer Magd -entweihte die geheiligte Stille, und eine Sündflut von Wasser -durchtränkte die Gebeine des dahingestreckten Märtyrers.</p> - -<p>Prustend und keuchend sprang unser Held auf und schüttelte -sich heftig. Ein Wurfgeschoß durchschwirrte die Luft, untermischt -mit einem halblauten Fluche, worauf ein klirrendes Splittern -von Glas folgte. Eine kleine, undeutliche Gestalt kletterte eiligst -über den Zaun und schoß in die Dunkelheit hinein.</p> - -<p>Nicht lange danach, als Tom beim Schein eines Lichtstümpchens -seine durchnäßten Kleider besichtigte, erwachte Sid. -Wenn der nun vorher die Absicht gehabt hatte, allerlei unliebsame -Anspielungen zu machen, so besann er sich jetzt wohlweislich -eines besseren und hielt Frieden, – es blitzte Gefahr -in Toms Auge. Dieser aber kroch ins Bett ohne weitere unangenehme -Förmlichkeiten wie Waschen oder Beten, wovon sich -Sid im Geiste getreulich Notiz machte, und die Stille der Nacht -umfing das Brüderpaar.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-040"> - <img src="images/illu-040.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[40]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Die Sonne ging auf über der sonntäglich ruhigen Welt -und strahlte nieder auf das friedliche Städtchen, wie ein -Segen von oben. Als das Frühstück vorüber war, hielt Tante -Polly Familienandacht. Sie begann mit einem Gebete, das -sich ganz und gar aus festen Schichten biblischer Kraftstellen -aufbaute, die nur durch einen dünnen, spärlichen Mörtel -eigener Gedanken zusammen gehalten wurden. Auf den Zinnen -dieses stolzen Baues angelangt, krönte sie das Ganze mit einem -dräuenden Kapitel des Mosaischen Gesetzes, als stünde sie auf -dem Berge Sinai selber.</p> - -<p>Danach gürtete Tom seine Lenden sozusagen und ging ans -Werk, sich die Bibelsprüche ›einzupauken‹. Sid, der Musterknabe, -hatte seine Lektion schon vor mehreren Tagen gelernt. Tom -warf sich mit ganzer Energie auf die Erlernung von fünf -Versen und wählte dieselben aus der Bergpredigt, da er keine -kürzeren finden konnte.</p> - -<p>Nach Verlauf einer halben Stunde hatte er denn auch -glücklich einen schwachen, allgemeinen Begriff von seiner Lektion, -aber nichts weiter, denn seine Gedanken reisten dabei mit Blitzesschnelle -durch die ganze weite, unbegrenzte Welt, die im engen -Hirne schlummert, und seine Finger waren rastlos thätig in -allerhand angenehmen, ablenkenden Zerstreuungen. Endlich erbarmte<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[41]</span> -sich Bäschen Mary seiner und nahm das Buch, um ihn -zu überhören, während er sich durch den die Sprüche verhüllenden -Nebel mühsam seinen Weg zu bahnen suchte.</p> - -<p>»Selig sind die – ä – ä –«</p> - -<p>»Da geistig –«</p> - -<p>»Richtig – die da geistig ä – ä –«</p> - -<p>»Arm –«</p> - -<p>»Arm sind. Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie -sollen – sollen –«</p> - -<p>»Denn ihrer –«</p> - -<p>»Ja so! Selig sind, die -da geistig arm sind, denn ihrer -ist das Himmelreich. Selig -sind, die da Leid tragen, denn -sie – sie –«</p> - -<p>»S –«</p> - -<p>»Denn sie – ä –«</p> - -<p>»S – o –«</p> - -<p>»Denn sie s – s –, weiß der Kuckuck, wie das heißt!«</p> - -<p>»Sollen!«</p> - -<p>»Ach so – sollen! Denn sie sollen – denn sie sollen -– ä – ä – sollen Leid tragen. Selig sind, die da sollen -– die da sollen – ä – Leid tragen, denn sie sollen – ä – -sollen was? Warum hilfst du mir denn nicht, Mary, schäm' -dich, so schlecht zu sein und am Sonntag noch dazu!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-042"> - <img src="images/illu-042.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»O, Tom, armer, dummer, dickköpfiger Kerl, ich will dich -ja nicht necken, Gott behüte. Ich mein's nur gut mit dir. Geh' -und lern's noch einmal und verlier' den Mut nicht, du wirst's -schon in den Kopf kriegen, und dann, Tom, dann schenk' ich dir -auch was Schönes! Geh' und sei ein guter Junge!«</p> - -<p>»Schon recht. Aber was ist's, Mary, sag' mir erst, was -es ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[42]</span></p> - -<p>»Das brauchst du nicht vorher zu wissen, Tom, du weißt, -wenn ich sag', es ist schön, so ist's wirklich was Schönes.«</p> - -<p>»Ja, das weiß ich. Also vorwärts, gieb das Buch wieder -her, Mary, wollen's schon kriegen.«</p> - -<p>Und er ›kriegte‹ es wirklich und zwar mit Glanz unter dem -Doppeldruck von Neugierde und voraussichtlichem Gewinn.</p> - -<p>Mary gab ihm nach bestandener Probe ein funkelnagelneues -Taschenmesser, das mindestens eine Mark wert war unter Brüdern. -Eine feine Damaszenerklinge hatte es ja wohl nicht, auch keinen -schön verzierten eingelegten Griff von Elfenbein, aber um den -Tisch anzuschnitzen war's gerade recht, was Tom sofort probierte, -und als er sich darauf seelenvergnügt eben an den -Schrank machen wollte, wurde er abgerufen, um sich zur Sonntagsschule -in den Staat zu werfen.</p> - -<p>Mary reichte ihm eine Blechschüssel mit Wasser und ein -Stück Seife, womit er sich in den Hof begab. Hier stellte er -die Schüssel auf eine Bank, tauchte die Seife ins Wasser, legte -solche dann zur Seite, goß das Wasser aus, stülpte die Aermel -auf und kam wieder zur Küche herein, um sich eiligst sein -trockenes Gesicht am Handtuch hinter der Thür abzuwischen. -Mary aber riß ihm das Tuch weg und sagte:</p> - -<p>»Schämst du dich nicht, Tom? Das heiß' ich betrügen! -Wasser wird dir nichts schaden!«</p> - -<p>Tom war ein wenig aus der Fassung gebracht. Die -Schüssel wurde wieder gefüllt und diesmal stand er eine kleine -Weile davor, um sich Mut zu machen, schöpfte dann tief Atem -und begann das große Werk der wöchentlichen Reinigung. Wie -er nun zum zweitenmal die Küche betrat, sich mit krampfhaft -geschlossenen Augen und ausgestreckten Händen nach dem Tuche -hin tastend, bewiesen Seifenschaum und Wasser, die von seinem -Antlitz niederströmten, seine Ehrlichkeit glänzend. Als er dann -aber hinter dem Tuche hervor tauchte, war die schwere Prozedur<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[43]</span> -noch nicht zur Zufriedenheit ausgefallen. Das reine Gebiet erstreckte -sich nur bis zum Rande der Kinnlade, wo es ein Ende -hatte, gleich einer Maske. Außerhalb dieser Linie zeigte sich die -ganze Partie um Hals und Ohren in unberührt schwärzlichem -Zustand. Nun legte Mary Hand an, und als sie fertig war, -bot Tom das Bild eines reinlichen, ehrlichen Christenmenschen, -ohne Unterschied der Farbe. Sein feuchtes Haar war schön gebürstet, -und die sonst so widerspenstigen Locken kräuselten sich in -ordentlich rührender Ergebung. Diese Locken waren Toms Qual, -er hielt sie für weibisch, schämte sich ihrer und that sein Möglichstes, -sie mit Hilfe von Fett und Wasser fest am Kopf anzukleben. -Daß ihm dies nur teilweise und unbefriedigend gelang, -erfüllte sein Herz mit Bitternis. Jetzt holte Mary seinen -Sonntagsanzug, den er während zweier Jahre nur an diesem -geheiligten Tage getragen. Man sprach davon einfach nur als -von ›den andern Kleidern‹, und daraus läßt sich leicht auf den -Umfang von Toms Garderobe schließen. Als er sich dann -hinein gestreckt in diese ›anderen Kleider‹, legte Mary die letzte, -verbessernde Hand an, knöpfte die Jacke zu, zog ihm den riesigen, -weißen Kragen an, bürstete ihn aus und krönte das Ganze mit -einem braunen, gelb gefleckten Strohhut. Tom sah nun ungemein -ehrbar und unbehaglich aus und fühlte sich auch nicht -minder unbehaglich, als er aussah. Für ihn lag ein fast unerträglicher -Zwang in ganzen und sauberen Kleidern, ein Zwang, -der ihn fortwährend reizte. Er hoffte, Mary würde wenigstens -seine Schuhe vergessen, aber diese Hoffnung erwies sich als -trügerisch; ehe er sich's versah, standen die Marterwerkzeuge, -ordentlich mit Talg eingeschmiert, wie es so Sitte war, lieblich -lockend vor ihm. Jetzt verlor er völlig die Geduld und schalt -und brummte, er solle immer alles thun, was er absolut nicht -möge. Mary aber bat und schmeichelte:</p> - -<p>»Bitte, Tom, sei so gut, bitte!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[44]</span></p> - -<p>So fuhr er denn brummend hinein in die schwarzen Plagegeister, -blieb aber bei sehr gereizter, übler Laune. Mary war -auch bald fertig und die drei Kinder machten sich zusammen auf -nach der Sonntagsschule, einem Ort, den Tom ebensosehr haßte, -wie ihn Sid und Mary liebten.</p> - -<p>Die Sonntagsschule dauerte von neun bis halb elf, danach -kam noch der Gottesdienst. Bei diesem blieben immer zwei -unsrer kleinen Freunde freiwillig zugegen, der dritte auch, aber -ihn lockte etwas anderes, als die Predigt. Die Kirche selbst -war klein und schmucklos, sie mochte in ihren geraden, hochlehnigen -Bänken vielleicht dreihundert Menschen fassen. An der -Thüre zögerte Tom und ließ die andern vorgehen, während er -einen sonntäglich herausgeputzten Kameraden anredete:</p> - -<p>»Sag' mal, Bill, hast du 'nen gelben Zettel?«</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>»Was willst du dafür haben?«</p> - -<p>»Was giebst du mir?«</p> - -<p>»Ein Stück Süßholz und einen Angelhaken.«</p> - -<p>»Zeig' mal her.«</p> - -<p>Tom zeigte her, Bill prüfte und fand das Gebotene des -Zettels wert, so tauschten sie das Eigentum. Danach handelte -Tom noch drei rote und zwei blaue Zettel gegen einige ähnliche, -kostbare Artikel ein. Zehn, fünfzehn Minuten lang fuhr er in -dieser Beschäftigung fort, jagte allen möglichen Jungen Zettel -in allen möglichen Farben ab und hatte nach Verlauf dieser -Zeit eine recht stattliche Anzahl zusammen, die er schmunzelnd -in die Tasche schob. Nun endlich betrat er inmitten eines -Schwarms sonntäglich gesäuberter, aber etwas geräuschvoller -Jungen und Mädchen die Kirche, setzte sich auf seinen Platz und -begann sofort mit dem ersten besten Streit. Der Lehrer, ein -ernster, gutmütig aussehender Herr, trat dazwischen, wandte dann -aber für einen Moment den Rücken, was Tom sofort dazu benutzte,<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[45]</span> -einem Jungen auf der vorderen Bank in die Haare zu -fahren und einen anderen mit einer Nadel in den Arm zu -stechen. Der Getroffene fuhr drauf mit einem zornigen ›autsch‹ -herum, was ihm, da Tom mit Unschuldsmiene in sein Buch -starrte, einen strengen Verweis des Lehrers zuzog. Toms ganze -Klasse schien nach seinem Muster zugeschnitten – unruhig, unaufmerksam, -voller Tollheiten. Als sie an's Aufsagen kamen, -wußte nicht einer seine Verse vollständig, doch stolperten sie durch -mit Hängen und Würgen, so gut es eben ging. Die Belohnung -für zwei fehlerlos aufgesagte Verse bestand in einem kleinen, -blauen Zettel, auf den ein Bibelvers gedruckt war. Zehn blaue -Zettel konnten für einen roten eingetauscht werden, zehn rote -wiederum für einen gelben. Für zehn gelbe erhielt man dann -vom Herrn Vikar eine kleine, sehr einfach gebundene Bibel, die -unter Brüdern vielleicht vierzig Cents wert war. Wer unter -meinen Lesern besäße wohl den Fleiß und die Ausdauer, zweitausend -Bibelverse auswendig zu lernen, und wenn man ihm -eine Prachtbibel von Doré böte? Und doch hatte sich Mary -zwei solcher Bibeln erobert, es war die geduldige, mühsame -Arbeit zweier Jahre. Nur die älteren, vernünftigen und ernsten -Schüler brachten es fertig, ihre Zettel zu sammeln und dieses -langwierige und langweilige Werk so lange durchzuführen, bis -sie eine Bibel erhalten konnten. Eben durch dies mühsame Erringen -aber wurde die Auslieferung des hohen Preises jedesmal -zu einer feierlichen, denkwürdigen Begebenheit. Der also Gefeierte -erschien so groß und erhaben an einem solchen Ehrentage, -daß sich beim Anblick seiner Größe in der Brust jeglichen Zuschauers -ein heiliger Eifer und Ehrgeiz entzündete, der oftmals -sogar viele Wochen anhielt. Auch Toms glühendster Wunsch war -es, einmal auf diese Weise ausgezeichnet zu werden; nicht der Bibel -halber, bewahre, ihm ging's um die Ehre und den Ruhm, den -Glanz, der die ganze Zeremonie umstrahlte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[46]</span></p> - -<p>Nun trat der Herr Vikar, der die Sonntagsschule leitete, -vor, ein kleines Testament zugeklappt in der Hand haltend, -zwischen dessen Blättern sich der eine Zeigefinger barg, und bat -um Aufmerksamkeit. Wenn ein Sonntagsschul-Vikar seine herkömmliche -kleine Ansprache hält, so ist ihm ein Testament in der -Hand so notwendig, wie das unvermeidliche Notenblatt dem -Sänger, der das Podium betritt, um das Konzertpublikum mit -einem Solo zu beglücken, – das Warum bleibt freilich ein -Rätsel, denn weder Testament, noch Notenblatt wird von dem -betreffenden Dulder je eines Blickes gewürdigt werden. Dieser -Herr Vikar nun war eine etwas schmächtige, überschlanke Figur -von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit sandgelbem Bocksbart und -sandgelben Haaren. Seine Miene war ernst, und feierlich war -auch der Ton seiner Stimme, als er nach dem Muster der gewöhnlichen -Sonntagsschulredner begann:</p> - -<p>»Jetzt, Kinder, paßt auf; setzt euch alle so gerade und ruhig, -wie ihr könnt und hört mir einmal ein paar Minuten lang -recht aufmerksam zu. So, jetzt ist's recht! So müssen 's gute, -kleine Knaben und Mädchen machen! Da sehe ich noch ein -kleines Mädchen, das zum Fenster hinausguckt. Kleine, du denkst -wohl, ich säße dort auf dem Baum und wolle den kleinen Vögelein -da draußen etwas von unserm lieben Heiland erzählen, was? -(Unterdrücktes Kichern.) Zuerst also möchte ich euch sagen, wie -wohl es mir thut, so viele saubre, frohe, kleine Gesichter an -einem Ort, wie diesem, versammelt zu sehen, an dem sie lernen -sollen, gut und brav zu sein und das Rechte zu thun. –«</p> - -<p>Und so weiter und so fort. Den Rest der Rede zu verzeichnen -ist nicht nötig, sie hielt sich ganz an bekannte Muster, -die jeder von uns schon tausendfältig gehört hat.</p> - -<p>Das letzte Drittel der rednerischen Leistung wurde etwas -gestört durch Wiederaufnahme der Püffe und Stöße und anderen -Zeitvertreibs unter den schwarzen Schafen der kleinen Gemeinde.<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[47]</span> -Ein Raunen und Flüstern begann, das sich mehr und mehr ausbreitete, -ja selbst die Grundfesten solch unerschütterlicher Felsen -wie Sid und Mary zu umspülen versuchte. Mit dem schlußandeutenden -Sinken des Tons in des Redners Stimme ließ -auch das Summen nach und der Schluß selbst wurde mit dem -Ausbruch allgemeinsten, dankbaren Schweigens begrüßt.</p> - -<p>Ein großer Teil der Unruhe war durch einen ebenso erstaunlichen -als seltenen Zwischenfall verursacht worden – es -waren Fremde gekommen! Der Bürgermeister erschien, begleitet -von zwei Herren, einem alten, schwächlich aussehenden und einem -jüngeren, stattlichen mit schon stark ergrauten Haaren. Voran -ging eine Dame, offenbar die Frau des letzteren, die ein Mädchen -an der Hand führte. Tom war bis dahin rastlos und unruhig -gewesen, er hatte Gewissensbisse und konnte Anny Lorenz nicht -ansehen, deren Auge mit liebendem Blick das seine suchte. Als -er nun aber die Kleine erscheinen sah, fühlte er sich wie trunken -vor Wonne. Im nächsten Augenblick begann er mit Macht ›sich -zu zeigen‹, – puffte seine Nachbarn, riß sie an den Haaren, -schnitt Gesichter, kurz bediente sich aller jener Künste, die imstande -sind, ein kleines Schulmädchenherz zu bezaubern und ihm -Beifall abzugewinnen. Seiner Wonne wurde nur ein Dämpfer -aufgesetzt durch den Gedanken an die Demütigung, welche er in -jenes Engels Garten hatte erdulden müssen, aber die Erinnerung -hieran war doch nur in den Sand verzeichnet, den schon jetzt -die hochgehenden Wogen des Glücks, die seine Seele überfluteten, -wegzuschwemmen begannen. Den Fremden wurde der beste -Ehrenplatz angewiesen, und als des Vikars Rede zu Ende war, -stellte sich heraus, wer sie seien. Der stattliche, ergraute Herr -in mittleren Jahren entpuppte sich als eine große Persönlichkeit. -Er war nichts mehr und nichts weniger, als der oberste Richter -des Kreises, das erhabenste Produkt der Schöpfung, das die -Kinder je geschaut, und sie sannen drüber nach, aus welchem<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[48]</span> -Stoff der wohl gemacht sein möge; halb sehnten sie sich danach, -seine Donnerstimme zu vernehmen, und halb fürchteten sie sich -davor. Er war aus Konstantinopel, zwölf Meilen flußabwärts, -also ein weitgereister Mann, der die Welt kannte. Was der -wohl alles schon gesehen hatte? Am Ende gar Washington und -das ›Weiße Haus‹, das sich die Kinder wie eine blendende, leuchtende, -flimmernde Masse von Eis und Schnee vorstellten, so -weiß und so glänzend. Die durch solche Gedanken erweckte ehrfurchtsvolle -Scheu prägte sich in dem atemlosen Schweigen, in -den großen, runden, erstaunt drein starrenden Augen aus. Das -also war der große, gewaltige Kreisrichter Thatcher, der Bruder -ihres eignen Bürgermeisters, der Onkel von Willy Thatcher, der -da eben vortrat aus ihren Reihen und dem großen Mann die -Hand bot, als sei das nichts. Hätte Willy gewußt, was das -Flüstern bedeutete, das sich erhob, es hätte ihm wie Sphärenmusik -in den Ohren geklungen!</p> - -<p>»Sieh doch, Jim, Tom sieh doch! Er geht ja wahrhaftig -hin und giebt ihm die Hand! Und der schüttelt sie. Weiß Gott, -ich gäb' drei Steinkugeln drum, wenn ich der Willy wäre!«</p> - -<p>Der Vikar begann sich nun ›zu zeigen‹, rannte hier hin, -dort hin, erteilte Befehle, Lob, Tadel, wie's gerade kam, und -wo er nur irgend was anbringen konnte. Der Bücherausteiler -›zeigte‹ sich in übermäßigem Wichtigthun und Amtseifer, indem -er mit den Armen voll Bücher hin und her rannte. Die jungen -Damen, welche die verschiedenen Klassen unterrichteten, wollten -gleichfalls nicht zurückbleiben, süß lächelnd neigten sie sich über -kleine Schülerinnen, die sie kurz zuvor gescholten, hoben lieblich -drohende Fingerlein gegen schlimme, kleine Jungen und streichelten -andre zärtlich und milde. Die jungen Herren, welche als Lehrer -wirkten, ›zeigten‹ sich in kleinen, ernsten Strafreden, die sie ihren -betreffenden Klassen hielten, und andern ähnlichen Beweisen ihrer -Autorität. Dabei hatten fast alle jugendlichen Lehrer beiderlei<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[49]</span> -Geschlechts ganz erstaunlich viel mit Bücherwechseln zu thun in -der Nähe der Kanzel, irrten sich erstaunlich oft in dem, was sie -holten, mußten wieder und wieder gehen, zwei-, dreimal und -schienen sich gewaltig darüber zu ärgern. Auch die kleinen -Mädchen ›zeigten sich‹ auf die verschiedenste Weise und die kleinen -Jungen ›zeigten sich‹ in ihrer Art, indem sie sich heimlich schubsten -und die Luft mit emporgeschleuderten Papierpfropfen erfüllten. -Und über dem allem thronte majestätisch der große Mann, ließ -die Sonne seines Lächelns erstrahlen und wärmte sich an seiner -eigenen Größe, denn er selbst, – er ›zeigte‹ sich erst recht. Eines -nur fehlte, um des Herrn Vikars Glück vollständig zu machen -in dieser erhabenen Stunde, und das war die Möglichkeit der -Erteilung eines Bibelpreises. Einige Schüler konnten ein paar -gelbe Zettel aufweisen, keiner aber hatte die genügende Zahl, -wie er sich bei einem Umfragen unter den ersten ›Gestirnen‹ -leider überzeugen mußte.</p> - -<p>Da, im letzten Moment, als er schon jede Hoffnung fahren -ließ, trat Tom Sawyer vor mit neun gelben, neun roten und -zehn blauen Zetteln, – trat vor und verlangte eine Bibel! Das -war ein Blitzschlag aus heiterem Himmel! Der Herr Vikar -hatte auf ein solches Ansinnen aus dieser Himmelsrichtung jede -Hoffnung aufgegeben gehabt, für die nächsten zwanzig Jahre -mindestens. Aber die unglaubliche Thatsache ließ sich nicht wegleugnen, -– hier stand Tom und da waren die Zettel und sie -stimmten auf's Haar. Tom wurde also nach dem Ehrenplatze -geleitet zu dem Kreisrichter und den andern Auserlesenen, und -die erstaunliche Thatsache allen kund und zu wissen gethan. Das -wirkte nun förmlich versteinernd, war die außerordentlichste Begebenheit -des Jahrzehnts, und so nachhaltig und tief war der -Eindruck derselben, daß er den neuen Helden noch beinahe über -den alten erhob und die Schule nun zwei Wunder statt des -einen zu bestaunen hatte. Die Jungen verzehrten sich in Neid,<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[50]</span> -zumeist aber diejenigen, die sich nun zu spät klar machten, daß -sie selbst zu diesem verhaßten Ruhme beigetragen, indem sie ihre -Zettel an Tom verhandelten für die Reichtümer, die er durch -zeitweilige Ablassung seiner Tünchungsprivilegien aufgerafft. Sie -verachteten und verdammten sich selbst als überlistete Opfer eines -schwarzen Betrügers, einer kriechenden, verräterischen Schlange.</p> - -<p>Inzwischen wurde der Preis an Tom ausgeliefert mit so -viel Pomp, als der Vikar nur irgend bei der Gelegenheit anbringen -konnte. Der volle, richtige Schwung aber schien doch -dabei zu fehlen; ihm sagte der Instinkt, daß hier ein Geheimnis -verborgen liege, welches das Licht nicht vertrage, ja es scheuen -müsse. Es war einfach ein Ding der Unmöglichkeit, daß <em class="gesperrt">dieser</em> -Junge zweitausend Körner der Schriftweisheit in die Scheunen -seines Geistes eingeheimst haben sollte, dieser Junge, dessen -Fähigkeiten nicht hinreichend schienen, sich auch nur ein Dutzend -solch köstlicher Früchte zu eigen zu machen. Anny Lorenz war -stolz und glücklich und bemühte sich, es Tom in ihren Augen -lesen zu lassen, der aber wollte nicht hersehen. Sie verwunderte -und grämte sich darüber; dann faßte sie Verdacht und paßte -auf; ein verstohlener Blick, den sie auffing, sagte ihr Welten -und brach ihr armes Herz. Sie war eifersüchtig, zornig, -Thränen kamen, sie haßte alle Welt, Tom aber zu allermeist, -in ihrem Herzen.</p> - -<p>Tom wurde dem Kreisrichter vorgestellt, aber die Zunge -schien ihm wie gelähmt, sein Atem stockte, sein Herz klopfte zum -Zerspringen, teils wegen der furchterregenden Größe des gewaltigen -Mannes, hauptsächlich aber, weil er <em class="gesperrt">ihr</em> Vater war. -Er wäre gerne vor ihm niedergesunken, wenn's nur dunkel gewesen -wäre. Der große Mann legte die Hand auf Toms -Haupt, nannte ihn einen tüchtigen, kleinen Burschen und fragte -ihn wie er heiße. Der Junge stammelte, stotterte und stieß -endlich hervor:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[51]</span></p> - -<p>»Tom.«</p> - -<p>»Nun, doch nicht nur Tom, sondern –«</p> - -<p>»Thomas.«</p> - -<p>»So ist's recht, ich dachte mir wohl, es gehöre noch etwas -dazu. Du hast aber doch wohl noch einen andern Namen, denke -ich, und den wirst -du mir doch auch -sagen, nicht?«</p> - -<p>»Nenne dem -Herrn deinen vollen -Namen, Thomas,« -mahnte der -Vikar, »und sage -auch ›mein Herr‹, -oder ›Herr Kreisrichter‹, -du mußt -doch wissen, was -sich schickt!«</p> - -<div class="figright" id="illu-052"> - <img src="images/illu-052.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Thomas -Sawyer, – Herr -Kreisrichter!«</p> - -<p>»So, so ist's -recht, das nenn' -ich einen guten -Jungen. Prächtiger -Bursche! Wirklich prächtiger Kerl! Zweitausend Verse ist -viel, – sehr viel! Aber, mein Kleiner, du wirst es gewiß nie -bereuen, daß du dir so viel Mühe drum gegeben. Wissen ist -mehr wert, als alles in der Welt, lernen und etwas wissen -macht die großen und die guten Männer im Leben. Auch du -wirst wohl einmal ein guter, vielleicht ein großer Mann, Thomas, -und dann wirst du auf die Tage deiner Kindheit zurück sehen<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[52]</span> -und sagen: das alles verdanke ich den unbezahlbaren Wohlthaten, -die ich durch die Sonntagsschule genossen, verdanke es meinen -guten Lehrern, die mich zum Lernen anhielten, dem Herrn Vikar, -der mich anfeuerte, mich leitete, mir die schöne Bibel schenkte, -eine wundervolle, fein gebundene Bibel, die ich behalten durfte -und ganz für mich allein besitzen, – alles, alles verdanke ich -meiner guten, ausgezeichneten Erziehung. So wirst du sprechen, -Thomas, und du ließest dir dann für kein Geld der Welt diese -zweitausend Verse abkaufen, – für kein Geld der Welt, niemals! -Und jetzt wirst du gewiß dieser Dame und mir etwas -mitteilen, was du weißt, was du gelernt hast, nicht wahr? -Denn sieh, wir sind stolz auf kleine Jungen, die etwas wissen. -Ohne Zweifel kannst du uns doch die Namen der Jünger des -Herrn sagen? Du kennst sie gewiß alle zwölf. Sag' uns einmal, -wer waren die zwei ersten, die ihm nachfolgten?«</p> - -<p>Tom hatte während dessen immerzu an einem Knopf seiner -Jacke herum gedreht und möglichst dumm und einfältig dazu -ausgesehen. Jetzt wurde er glühend rot und bohrte die Augen -beinahe in den Boden. Dem Vikar sank das Herz in die Stiefel. -Er wußte, daß der Junge unmöglich die allereinfachste Frage -beantworten konnte, warum auch mußte der Herr Kreisrichter -ihn fragen! Trotzdem fühlte er sich gedrungen, gleichsam ermunternd -zu sagen:</p> - -<p>»Antworte dem Herrn, Thomas, – fürchte dich doch nicht!«</p> - -<p>Tom that nichts als rot und röter werden.</p> - -<p>»Mir wirst du's doch sagen,« begann nun auch die Dame, -»also die Namen der beiden ersten Jünger waren –«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">David</em> und <em class="gesperrt">Goliath</em>!«</p> - -<p>Laßt uns den Schleier christlicher Barmherzigkeit über den Rest -der Scene breiten. Auch was Tante Polly später zu der Bibel -sagte und wie sie sich drüber freute, erwähnen wir besser nicht.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[53]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.</h2> - -<div class="ulshapepic" id="img-054"> -<div class="boxu box054u"> -<img src="images/illu-054.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box054l" /> -</div> -</div> - -<p class="drop">Der Montagmorgen fand Tom -sehr niedergeschlagen. Das war -eigentlich an jedem Montagmorgen -der Fall, denn damit begann -ja eine neue Woche der -Plage und des Leidens in der -Schule. Gewöhnlich begrüßte er -diesen Tag mit dem Wunsche, -daß es lieber gar keine Feiertage -geben möchte, denn das machte -die nun wieder aufzunehmenden Ketten -der Sklaverei nur um so drückender und fühlbarer.</p> - -<p>Tom lag da und dachte nach. Plötzlich kam ihm die leuchtende -Idee: wenn er nun krank wäre, dann brauchte er doch -nicht zur Schule. Das war die einzige Möglichkeit. Er untersuchte -und prüfte sein ganzes Körpersystem. Nirgends fand sich -auch nur das geringste Schadhafte. Von neuem prüfte er. -Diesmal meinte er leise Anzeichen von kolikartigen Schmerzen -zu verspüren, die er mit rasch aufkeimender Hoffnung liebend -zu beobachten begann. Trotzdem verringerten sich dieselben aber -bei näherer Betrachtung mehr und mehr und waren bald gänzlich -verschwunden. Wieder überlegte Tom. Plötzlich entdeckte er<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[54]</span> -etwas. Einer seiner oberen Zähne wackelte bedenklich. Er frohlockte. -Schon begann er sich zu einem tiefen Stöhnen vorzubereiten, -das er als Einleitung voraus schicken wollte, als ihm -noch zur richtigen Zeit der Gedanke kam, daß, wenn er diesen -Beweis von Krankheit ins Feld führe, die Tante ihm einfach -den Zahn ausreißen würde, und das that weh. Damit wollte -er also nur im Notfall herausrücken und jetzt erst noch ein -bischen weiter herum denken. Eine Weile war alles Sinnen -umsonst, dann erinnerte er sich, wie der Doktor einmal von -einem Manne erzählt hatte, dem irgend etwas, Tom wußte nicht -mehr genau was, etwas wie kalter Brand oder dergleichen, bei -einem schlimmen Finger hinzugetreten sei, daß derselbe zwei bis -drei Wochen damit zu thun gehabt und schließlich beinahe den -Finger verloren habe. Zum Glück war Tom imstande, eine -schlimme Zehe aufzuweisen, die er sich vor ein paar Tagen einmal -irgendwo verletzt hatte. Die zog er nun eiligst unter der -Decke vor, um sie aufs eingehendste zu prüfen. Damit ließ sich -was machen! Leider kannte er die nötigen Symptome nicht, -über die er sich beklagen mußte, aber probieren wollte er's -doch auf jeden Fall und so begann er denn laut und tief aufzustöhnen.</p> - -<p>Sid aber schlief ruhig und sorglos weiter.</p> - -<p>Tom stöhnte lauter und meinte auf einmal wirklich Schmerz -in der Zehe zu spüren.</p> - -<p>Sid gab kein Zeichen.</p> - -<p>Tom keuchte schon förmlich vor Anstrengung. Einen Moment -sammelte er neue Kraft, hielt den Atem an und stieß dann -eine ordentlich fortlaufende Tonleiter von wunderbar echtem -Stöhnen aus.</p> - -<p>Sid schnarchte weiter.</p> - -<p>Nun wurde Tom ärgerlich. Er begann den hartnäckigen -Schläfer zu rütteln und ›Sid, Sid‹ zu rufen. Das wirkte<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[55]</span> -besser und nun begann das Stöhnen von neuem. Sid gähnte, -streckte sich, stützte sich dann mit einem letzten Schnarcher auf -seinen Ellbogen und starrte nach Tom hin. Tom stöhnte weiter. -Endlich ruft Sid:</p> - -<p>»Tom, so hör' doch, Tom!«</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>»Du, Tom, Tom, was ist los?« und er rüttelte ihn und -starrte ihm voll Angst ins Gesicht.</p> - -<p>Tom stöhnte:</p> - -<p>»Ach, Sid, laß los, du thust mir weh!«</p> - -<p>»Herr Gott, was giebts, Tom? Ich muß die Tante rufen.«</p> - -<p>»Nein, laß sein. Es wird schon vorüber gehen. Ruf' -niemand.«</p> - -<p>»Doch, natürlich, das muß ich. Stöhn' doch nicht so, Tom, -das ist ja schrecklich. Wie lang thut dir's denn schon weh?«</p> - -<p>»Ach, Stunden lang. Autsch, autsch! Sei doch still, Sid, -und laß mich in Ruhe.«</p> - -<p>»Warum hast du mich denn nicht früher geweckt? Herr -Gott, Tom, hör' auf, es macht einen ja elend, dich so stöhnen -zu hören. Wo thut dir's denn weh?«</p> - -<p>»Ich verzeih' dir alles, Sid, was du mir je gethan hast. -(Stöhnen.) Alles, alles, Sid! Wenn ich tot bin –«</p> - -<p>»O, Tom, du wirst doch nicht sterben? Sag' nein, Tom, -komm, sag' nein. Vielleicht –«</p> - -<p>»Ich vergebe allen Menschen, Sid. (Tiefes Stöhnen.) -Sag's allen. Und, Sid, gieb du die schöne gelbe Thürklinke, -die ich habe, und die einäugige Katze dem Mädchen, das neulich -erst gekommen ist und sag' ihr –«</p> - -<p>Aber Sid hatte schon seine Kleider aufgerafft und war -verschwunden. Tom litt nun in Wahrheit, so lebhaft arbeitete -seine Einbildungskraft und sein Stöhnen fing an erschreckend -natürlich zu klingen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[56]</span></p> - -<p>Sid flog die Treppe hinunter und rief atemlos:</p> - -<p>»Tante Polly, Tante Polly, komm schnell, Tom stirbt!«</p> - -<p>»Stirbt?«</p> - -<p>»Ja, ja, eil' dich doch, frag' nicht lang.«</p> - -<p>»Dummheiten! Ich glaub's nicht.«</p> - -<p>Trotzdem aber stürzte sie die Treppe hinauf, so schnell sie -ihre alten Beine tragen wollten, und Mary hinter ihr her. Blaß -war auch sie geworden und ihre Lippen zitterten. Am Bett -angelangt, keuchte sie nur so:</p> - -<p>»Tom, Tom, was giebt's, was ist los?«</p> - -<p>»Ach, Tante, ich –«</p> - -<p>»Was giebt's – was ist's, Kind, was fehlt dir?«</p> - -<p>»Ach, Tante, ich – ich hab' furchtbare Schmerzen da an -meiner Zehe, – ich hab' – ja ich hab', glaub' ich – den -kalten Brand!«</p> - -<p>Erleichtert aufseufzend sank jetzt die arme Tante auf einen -Stuhl, lachte ein wenig, weinte ein wenig, that dann beides zusammen, -was sie wieder so weit herstellte, daß sie Worte fand:</p> - -<p>»Tom, Bengel, wie hast du mich erschreckt! Jetzt hör' aber -auf mit dem Unsinn und mach', daß du aus dem Bett kommst. -Es ist Zeit zum Aufstehen! Vorwärts – oder ich geb' dir -was, um deinen kalten Brand zu wärmen!«</p> - -<p>Das Stöhnen hörte auf und der Schmerz verschwand aus -der Zehe. Kleinlaut und niedergedrückt ob des verunglückten -Experiments meinte der Junge:</p> - -<p>»Tante, wahrhaftig, ich glaubte, es müsse der kalte Brand -sein, es that so furchtbar weh, daß ich gar nicht mehr an meinen -Zahn dachte.«</p> - -<p>»An deinen Zahn? Was ist denn mit dem Zahn los?«</p> - -<p>»Ach, der wackelt und thut gar schrecklich weh.«</p> - -<p>»Na, na, nur nicht wieder stöhnen, ist ganz unnötig! Mund -auf! Ja, der wackelt richtig, daran stirbst du aber noch lange<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[57]</span> -nicht! Mary, gieb mir einen Seidenfaden und hol' ein Stück -glühende Kohle aus der Küche!«</p> - -<p>Eiligst rief Tom, der plötzlich ganz munter wurde:</p> - -<p>»Bitte, bitte, Tantchen, zieh' ihn mir nicht aus, er thut -schon gar nicht mehr weh. Ei, ich will des Todes sein, wenn -ich noch das geringste spüre! Bitte, bitte, nicht, Tantchen, ich -will ja doch wahrhaftig nicht zu Hause und von der Schule -wegbleiben.«</p> - -<p>»So, du willst nicht zu Hause bleiben, mein Junge, willst -durchaus nicht, was? Also deshalb all der Lärm! Wärst wohl -gern aus der Schule weggeblieben und dafür fischen gegangen, -gelt? Na, ich kenn' dich, Tom, durch und durch, mir machst -du keine Flausen vor, du Bengel! Tom, Tom, und ich hab' -dich doch so lieb und du, – du denkst nur dran, wie du deiner -alten Tante das Herz brechen kannst. Geh, schäm' dich in deine -schwarze Seele hinein!«</p> - -<p>Mittlerweile waren die zahnärztlichen Instrumente zur Stelle -geschafft worden. Ein Ende des Seidenfadens befestigte die -Tante mit einer Schlinge an Toms Zahn, während sie das -andere um den Bettpfosten schlang, so daß der Faden straff angespannt -war. Dann ergriff sie mit einer Zange die glühende -Kohle und fuhr damit geschwind auf Toms Gesicht los. Ein -Ruck – und der Zahn hing baumelnd am Bettpfosten.</p> - -<p>Wie aber jede überstandene Prüfung ihren Lohn in sich -trägt, so auch diese. Als sich Tom später mit der neuerworbenen -Zahnlücke auf der Straße zeigte, war er ein Gegenstand des -Neides für alle Kameraden, denn keiner von ihnen war imstande, -auf solch' neue, noch nie dagewesene Weise auszuspucken, wie es -nun Tom, durch die Lücke in der Zahnreihe, that. Er zog ein -ganzes Gefolge von Bewunderern hinter sich her, die sich für -die Schaustellung interessierten, und ein anderer Junge, der bis -dahin wegen eines verletzten Fingers der Mittelpunkt der Verehrung<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[58]</span> -und Bewunderung gewesen, sah sich plötzlich all seines -Ruhmes beraubt, er mußte ohne Erbarmen dem neu aufstrahlenden -Gestirne weichen und zurücktreten in den Schatten des -Nichts. Sein Herz war ihm drob schwer, und eine Verachtung -heuchelnd, die ihm fern lag, meinte er: das sei auch was Rechtes, -so auszuspucken, wie Tom Sawyer. Da schallte ihm ein höhnendes: -saure Trauben, saure Trauben! entgegen und beschämt -schlich er zur Seite, ein entthronter Held.</p> - -<p>Auf dem Weg zur Schule traf Tom den jugendlichen Paria -des Ortes, Huckleberry Finn, den Sohn des bekanntesten Stadt-Trunkenboldes. -Huckleberry war der Gegenstand des Abscheus -und Hasses aller Mütter der Stadt, die ihn fürchteten wie die -Pest, weil er faul und zuchtlos, roh und böse war, wie sie -dachten, und weil – ihre eigenen Jungen ihn anstaunten und -vergötterten, sich förmlich um seine verbotene Gesellschaft rissen -und alles drum gegeben haben würden, wenn sie hätten sein -dürfen, wie er. Tom, wie alle die andern, ›ordentlichen, anständigen -Jungen‹, beneidete Huckleberry um seine verlockende -Existenz, und es war ihm streng untersagt worden, je mit dem -›schlechten Kerl‹ zu spielen. Gerade darum that er es denn -auch gewissenhaft, wenn sich nur irgend Gelegenheit dazu fand – -und that es mit Wonne. Huckleberry steckte immer in alten, -abgelegten Kleidern von Erwachsenen, deren Fetzen und Lumpen -nur so um ihn herum hingen. Sein Hut war nur die Ruine -einer vormaligen Kopfbedeckung, deren Rand zerfetzt auf die -Schultern niederbaumelte. Sein Rock, wenn er überhaupt einen -trug, hing ihm bis auf die Füße und zeigte die hinteren Knöpfe -etwa in der Gegend der Kniekehlen. Nur <em class="gesperrt">ein</em> Träger hielt -seine Hosen an Ort und Stelle, Hosen, deren geräumige Sitzpartie -zu leer war und sich nur zuweilen im Winde blähte, -während die ausgefransten Enden im Schmutz nachschleiften, -wenn sie nicht zufällig aufgekrempelt waren. Huckleberry kam<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[59]</span> -und ging, wie es ihm beliebte. Bei schönem Wetter schlief er -auf Treppenstufen oder sonst wo, bei schlechtem in leeren Fässern, -alten Kisten, oder wo er eben unterkriechen konnte, wählerisch -war er keineswegs. Er brauchte nicht zur Schule, nicht zur -Kirche, brauchte -niemanden als -Herrn anzuerkennen, -brauchte -keiner lebenden -Seele zu -gehorchen. Er -konnte schwimmen -und fischen -gehen, wann -und wo er -wollte, konnte -bleiben, so -lang es ihm behagte. -Niemand -verbot -ihm, sich mit -andern zu prügeln, -und -abends konnte -er aufbleiben -bis Mitternacht -und länger, ihn -zankte keiner. -Er war der -erste, der barfuß -lief im -Frühling und -der letzte, der -im Herbste wieder -in das lästige -Leder kroch. -Zu waschen -brauchte er sich -nie, zu kämmen -auch nicht, noch -frische Wäsche -anzuziehen, und -fluchen konnte -er wie ein Alter, -wundervoll. -Mit einem -Wort alles, alles, was das Leben schön und angenehm macht, -besaß dieser beneidete Huckleberry im reichsten Maße. So dachte -und fühlte jeder einzelne der armen, geplagten, ›anständigen‹ -Jungen in St. Petersburg. Tom rief natürlich diesen für ihn -romantischsten aller Helden sofort an:</p> - -<div class="figright" id="illu-060"> - <img src="images/illu-060.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Holla, Huckleberry!«</p> - -<p>»Holla, du selber!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[60]</span></p> - -<p>»Was hast du da?«</p> - -<p>»Tote Katze.«</p> - -<p>»Zeig' her, Huck. Herrgott, wie steif! Woher hast du's?«</p> - -<p>»Gekauft von 'nem Jungen.«</p> - -<p>»Was hast du dafür gegeben?«</p> - -<p>»'ne Schweinsblase und 'nen blauen Zettel.«</p> - -<p>»Woher war denn der blaue Zettel?«</p> - -<p>»Von Ben Rogers, dem hab' ich vor vierzehn Tagen 'ne -prachtvolle Gerte dafür gegeben.«</p> - -<p>»Zu was kann man denn tote Katzen brauchen, Huck?«</p> - -<p>»Zu was? Ei, um Warzen zu vertreiben.«</p> - -<p>»Nein! Wahrhaftig? Ich weiß noch was Besseres.«</p> - -<p>»Du? Wird was recht's sein! Was denn?«</p> - -<p>»Wasser aus faulem Holz!«</p> - -<p>»Wasser aus faulem Holz! Ist den Kuckuck nix wert.«</p> - -<p>»Nichts wert? Hast du's probiert?«</p> - -<p>»Ich nicht, aber Bob Tanner.«</p> - -<p>»Wer hat dir's gesagt?«</p> - -<p>»Wer? Ei er hat's dem Willy Thatcher gesagt und der dem -Johnny Baker und der dem Jim Hollis und der dem Ben und -der Ben 'nem alten Nigger und der mir. Da, nun weißt du's!«</p> - -<p>»Na und was weiter? 's ist ja doch nur gelogen! Die lügen -alle miteinander, bis auf den Nigger, den kenn' ich nicht. Aber ich -kenn' auch keinen Nigger, der nicht lügt, oder du? Jetzt aber erzähl', -wie's der Bob Tanner gemacht hat mit den Warzen, Huck!«</p> - -<p>»Na, der hat seine Hand in 'nen alten Baumstumpf gesteckt, -in dem Regenwasser war.«</p> - -<p>»Am Tag?«</p> - -<p>»Natürlich.«</p> - -<p>»Mit dem Gesicht nach dem Baum zu?«</p> - -<p>»Gewiß, ich glaub' wenigstens.«</p> - -<p>»Hat er was dazu gesagt?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[61]</span></p> - -<p>»Was weiß ich? – wahrscheinlich nicht!«</p> - -<p>»Aha! Da haben wir's! Und dann will der Kerl Warzen -mit faulem Wasser kurieren und stellt sich so an! Da kann's -natürlich nichts nützen. Ich will dir sagen, wie man's macht. -Erst geht man ganz mutterseelenallein mitten in den Wald, wo -man einen alten Baumstumpf mit Wasser weiß und dann, wenn's -Mitternacht ist, stellt man sich mit dem Rücken nach dem Stumpf -zu, tunkt die Hand ins Wasser und sagt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Schreit die Eule, quakt der Frosch, scheint der Mond darauf,</div> - <div class="verse indent0">Faules Wasser, Zauberwasser zehr' die Warzen auf!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>»Danach tritt man rasch mit geschlossenen Augen elf Schritt -vor, dreht sich dreimal um sich selbst und geht heim, ohne mit -jemand ein Wort zu reden. Denn wenn man das thut, ist der -Zauber gebrochen!«</p> - -<p>»Na, das läßt sich hören, so aber hat's der Bob nicht gemacht, -das weiß ich gewiß!«</p> - -<p>»Ja, da hast du wahrlich recht, denn der ist jetzt noch der -warzigste Jung' in der Schule und wenn er sich mit dem faulen -Wasser nicht dumm angestellt hätte, so brauchte er keine einzige -mehr zu haben. Ich bin so schon über tausend Warzen los -geworden, Huck. Ich greif' so viele Frösche an, daß ich immer -ein paar Dutzend Warzen an den Händen habe. Manchmal -nehm' ich auch eine Bohne.«</p> - -<p>»Ja, Bohnen sind gut. Das hab' ich schon selbst probiert.«</p> - -<p>»Wirklich? Wie machst du's?«</p> - -<p>»Ei, ich nehm' die Bohne und schneid' sie in zwei Stücke, -ritz' dann die Warze blutig und tröpfle das Blut auf das eine -Stück der Bohne und vergrab' das um Mitternacht beim Vollmond -am Kreuzweg. Das andre Stück wird verbrannt. Jetzt -zieht und zieht das blutige Stück und will das andre nachziehn, -und das Blut zieht mit und zieht, bis die Warze fort ist. So -mach' ich's.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[62]</span></p> - -<p>»Und das ist auch ganz richtig, Huck, nur hilft's noch mehr, -wenn du beim Vergraben sagst: ›Fort die Bohne, Warze fort, -komm' nicht mehr zum alten Ort.‹ Das ist ausgezeichnet, sag' -ich dir. So macht's Joe Harper und der war schon beinahe -in Cronville und fast überall. Aber das mit der toten Katze, -das weiß ich nicht.«</p> - -<p>»Na, das ist einfach. Du nimmst die tote Katze und gehst -auf den Kirchhof, so um Mitternacht herum, auf das Grab von -irgend einem schlechten Kerl. Schlag zwölf kommt dann der -Teufel, vielleicht auch zwei oder drei, man sieht sie nur nicht -und hören thut man nur so was wie Wind. Und wenn sie -dann den Kerl mit sich fort nehmen, schmeißt man ihnen die -Katze nach und ruft:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Will der Deubel sich versehn,</div> - <div class="verse indent0">Muß die Katze noch drein gehn,</div> - <div class="verse indent0">Warze fliegt auch hinterdrein,</div> - <div class="verse indent0">Werd' alle drei los dann sein!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>»Das vertreibt dir jede Warze noch vor der Geburt.«</p> - -<p>»Klingt nicht übel. Hast du's mal probiert, Huck?«</p> - -<p>»Nee, aber die alte Mutter Josephine hat's mir gesagt.«</p> - -<p>»Na, die muß es wissen, das soll ja 'ne Hexe sein.«</p> - -<p>»Soll sein! Ist's, Tom, ist's, das weiß ich genau. Die -hat meinen Alten behext, das sagt der immer. Wie der einmal -an ihr vorbeigegangen ist, hat er grad' gesehen, wie sie ihn behext -hat und da hat er einen Stein genommen und den nach -ihr geschmissen; wenn die sich nicht gebückt hätt', wär' sie längst -keine Hex' mehr. Na und in derselbigen Nacht ist mein Alter -von einer Mauer gefallen, auf der er gelegen hat und geschlafen, -weil er betrunken war und hat den Arm gebrochen.«</p> - -<p>»Puh, das ist ja gräßlich! Woran hat er denn gemerkt, -daß sie ihn behext?«</p> - -<p>»Woran? Ei, das weiß mein Alter ganz genau. Er sagt,<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[63]</span> -wenn sie einen immerzu anstarren und was dazu brummen, dann -behexen sie einen, besonders, wenn sie brummen und was vor -sich hin murmeln. Dann sagen sie das Vaterunser rückwärts.«</p> - -<p>»Sag' mal, Huck, wann willst du denn das mit der Katze -probieren?«</p> - -<p>»Heut' nacht. Ich denk', da werden sie den alten Williams -holen kommen.«</p> - -<p>»Der ist aber schon am Sonnabend begraben worden, Huck, -warum haben sie ihn da nicht schon in der Nacht geholt?«</p> - -<p>»Na, du redst auch, wie du's verstehst! Sonnabend mitternacht -ist doch schon Sonntag und da hat kein Teufel mehr was -zu suchen hier oben. Der wird sich schwer hüten, sich am Sonntag -blicken zu lassen.«</p> - -<p>»Daran hab' ich freilich nicht gedacht. Wahrhaftig, so ist's. -Darf ich mitgehen?«</p> - -<p>»Meinethalben, wenn du dich nicht fürchtest.«</p> - -<p>»Fürchten? Na, auch noch! Wirst du miauen vor unsrem -Haus, wenn's Zeit ist?«</p> - -<p>»Ja, wenn du mich nicht warten läßt. Das letzte Mal hab' -ich so lang miauen müssen, bis euer alter Nachbar mit Steinen -nach mir warf und auf den Kater fluchte, der ihm keine leibliche -Ruhe lasse. Zum Dank hab' ich ihm 'nen Backstein durchs -Fenster geschmissen, der wird an den Kater denken! Aber verrat' -du mich nicht.«</p> - -<p>»Wo werd' ich! Damals hab' ich nicht kommen können, -weil mir die Tante immer auf den Hacken saß. Heut' aber -komm' ich und wenn's Feuer und Pech regnet. – Was ist -denn das, Huck?«</p> - -<p>»Ach, nur 'ne Baumwanze.«</p> - -<p>»Woher denn?«</p> - -<p>»Aus dem Wald.«</p> - -<p>»Was willst du dafür?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[64]</span></p> - -<p>»Ich – ich weiß nicht, ich geb's gar nicht her.«</p> - -<p>»Gut. 's ist auch nur 'ne ganz lumpig kleine Wanze.«</p> - -<p>»Na, das kann jeder sagen, der keine hat. Mir ist sie -groß genug, mir ist sie lang gut.«</p> - -<p>»Pah, ist auch was Rares! Ich könnt' tausend haben, -wenn ich nur wollte.«</p> - -<p>»Na, warum willst du nicht? Gelt, du weißt warum, -Alterchen! Die Baumwanze hier ist was Seltenes, denn 's ist -noch früh für Baumwanzen. Wenigstens ist's die erste, die ich -dies Jahr sehe!«</p> - -<p>»Hör' du, Huck, ich geb' dir meinen schönen Zahn dafür.«</p> - -<p>»Zeig' her.«</p> - -<p>Tom zog ein Stückchen Papier hervor, das er sorgfältig -aufrollte. Huck sah prüfend hinein. Die Versuchung war groß. -Zuletzt fragte er:</p> - -<p>»Ist der auch echt?«</p> - -<p>Ohne jede weitere Beteuerung öffnete Tom den Mund, -um die Lücke zu zeigen.</p> - -<p>»Na, gut,« meinte Huck, »also abgemacht, schlag' ein!«</p> - -<p>Tom barg die Wanze vorsichtig in einer kleinen Schachtel, -die ähnlichem Gewürm schon öfter zum Gefängnis gedient und -immer für vorkommende Fälle in Toms Tasche bereit war. -Huck sackte den Zahn ein und beide Jungen trennten sich, jeder -in dem erhebenden Bewußtsein, einen sehr guten Tausch gemacht -zu haben.</p> - -<p>Als Tom das kleine, einzeln gelegene Schulhaus erreichte, -öffnete er hastig die Thüre und eilte auf seinen Platz, als käme -er eben mit größtmöglicher Geschwindigkeit direkt von zu Hause -angestürzt. Geschäftig hing er seinen Hut an den Nagel, warf -die Bücher auf den Tisch, sich selbst auf die Bank und machte -Miene, sich Hals über Kopf in die Arbeit zu stürzen. Der Lehrer, -der hoch oben hinter dem Katheder auf einem hochlehnigen Rohrsessel<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[65]</span> -thronte, und der bei der Stille, die das eifrige Summen -der lernenden Kinder nur noch einschläfernder machte, ein klein -wenig eingenickt war, erwachte von der Unterbrechung:</p> - -<p>»Thomas Sawyer!«</p> - -<p>Als Tom diesen seinen Namen in unverkürzter Schönheit -an sein Ohr schlagen hörte, wußte er, daß es nichts Gutes -bedeute.</p> - -<p>»Herr Lehrer!«</p> - -<p>»Komm einmal hierher zu mir. Warum bist du wie gewöhnlich -wieder zu spät dran?«</p> - -<p>Eben wollte Tom irgend eine kleine Notlüge zu Hilfe nehmen, -als er zwei lange, blonde Schwänze gewahrte, die an einem -Rücken niederbaumelten, den er sofort mit dem elektrischen Instinkt -der Liebe erkannte. Und neben jenem Rücken war der -<em class="gesperrt">einzig leere Platz</em>, bei den Mädchen drüben. Schnell gefaßt -sagte er daher:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ich mußte noch etwas mit Huckleberry Finn verabreden!</em>«</p> - -<p>Dem Lehrer stand der Atem still; hilflos, ungewiß, starrte -er den kecken Sünder an. Das Summen der Lernenden verstummte, -die Kinder trauten ihren Ohren nicht ob dieser offenen -Sprache, dachten, Tom müsse verrückt geworden sein. Endlich, -nach atemloser Pause, fand der Lehrer Worte:</p> - -<p>»Was – was hast du gesagt?«</p> - -<p>»Mußte noch etwas mit Huckleberry Finn verabreden,« -wiederholte Tom sorglos.</p> - -<p>Ein Mißverständnis war hier nicht möglich.</p> - -<p>»Thomas Sawyer, auf dieses ganz außerordentlich erstaunliche -Bekenntnis kann nur die Rute antworten. Jacke herunter!«</p> - -<p>Und nun tanzte des Lehrers Rute auf Toms Rücken, bis -Hand und Arm fast lahm waren und die Rute sich in Wohlgefallen -auflöste. Dann folgte der Befehl:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[66]</span></p> - -<p>»Jetzt gehst du und setzest dich zur Strafe zu den Mädchen! -Und laß dir das als Warnung dienen! Marsch!«</p> - -<p>Das Kichern, welches nun das Zimmer durchlief, schien -den Jungen sehr verlegen zu machen, in Wahrheit war es aber -nur das Bewußtsein, erreicht zu haben, wonach er gestrebt, nämlich -sich seiner Gottheit nahen zu dürfen. Standhaft wie ein -Märtyrer, hatte er die Prügel ertragen, die gleichsam die dunkle -Pforte bildeten, durch die er nun zu seinem Paradiese eingehen -sollte. Vorsichtig ließ er sich ganz am äußersten Ende der Bank -nieder. Mit einem verächtlichen Zurückwerfen des Kopfes rückte -das Mädchen so weit als möglich von ihm weg. Das Flüstern, -Köpfezusammenstecken, Kichern und das bedeutungsvolle Anstarren -des armen Sünders dauerte noch eine Weile fort, Tom aber -schien keine Notiz davon zu nehmen. Still saß er da, hatte die -Arme über den Tisch gelegt und sah mit großer Aufmerksamkeit -in sein geöffnetes Buch. Allmählich hörte er auf, der Gegenstand -der allgemeinen Beachtung und Heiterkeit zu sein, und wieder -füllte das gewöhnliche Summen der Schule die sommerlich stille -Luft. Jetzt begann Tom verstohlene Blicke nach seiner Göttin -zu werfen. Sie bemerkte es, rümpfte das Näschen und wandte -eine volle Minute lang den Kopf ab. Als sie verstohlen wieder -nach ihrem Banknachbar hinblinzelte, lag ein Pfirsich vor ihr. -Sie stieß ihn weg, Tom legte ihn sorgsam wieder vor sie; wieder -stieß sie ihn fort, aber schon mit weniger Heftigkeit. Geduldig -schob Tom ihn zurück, da ließ sie ihn liegen. Jetzt kritzelte Tom -auf seine Tafel: »Bitte, behalt' ihn – ich habe noch mehr.« -Sie las die Worte, gab aber kein Zeichen von sich, weder zustimmend, -noch verneinend. Jetzt begann der Junge etwas auf -seine Tafel zu zeichnen, das er mit der linken Hand vor ihren -Blicken barg. Eine Weile lang schien sie sich gar nicht darum -zu kümmern, bald aber begann sich menschliche Neugier in ihr -zu regen, die sich in allerlei, kaum bemerkbaren Zeichen kund gab.<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[67]</span> -Tom zeichnete weiter, anscheinend ganz in sein Werk versunken. -Das Mädchen suchte auf unverfängliche Art sich einen Blick auf -die Zeichnung zu verschaffen, der Junge aber verriet mit keiner -Miene, daß er dies bemerkte. Endlich gab sie nach und flüsterte -zögernd:</p> - -<p>»Du, laß mich doch mal sehen!«</p> - -<p>Tom enthüllte nun das traurige Zerrbild eines Hauses mit -zwei windschiefen Giebeln, aus dessen Schornstein ein korkzieherartiges -Rauchwölkchen aufschwebte. Jetzt war des Mädchens -ganzes Interesse wach, und alles darüber vergessend, folgte sie -mit Eifer der Vollendung des Meisterwerks. Als es fertig war, -bestaunte sie es einen Moment und flüsterte dann:</p> - -<p>»Wundervoll – jetzt noch 'nen Mann!«</p> - -<p>Der Künstler stellte einen Mann in den Vordergrund, lang -wie ein Mastbaum; mit einem Schritt hätte er über das Haus -wegsteigen können. Die Zuschauerin aber war nicht kritisch, ihr -gefiel das Ungetüm und sie wisperte:</p> - -<p>»Der Mann ist prächtig – nun mach' mich, wie ich daherkomme!«</p> - -<p>Tom malte eine Art Achter mit einem kreisrunden Vollmond -oben und vier dünnen Streifen als Arme und Beine. -Die sich weit spreizenden Finger bedachte er mit einem ungeheuren -Fächer. Das Original des Gemäldes fühlte sich geschmeichelt -und meinte:</p> - -<p>»Nein, wie nett – wenn ich doch zeichnen könnte!«</p> - -<p>»Das ist leicht,« flüsterte Tom, »ich will dich's lehren!«</p> - -<p>»O willst du? Wann?«</p> - -<p>»Am Mittag. Gehst du zum Essen heim?«</p> - -<p>»Wenn du bleibst, bleib' ich auch.«</p> - -<p>»Gut, das ist also abgemacht. Wie heißt du?«</p> - -<p>»Becky Thatcher. Und du? Ach, ich weiß, Thomas Sawyer.«</p> - -<p>»So heiß ich nur, wenn ich Schelte oder Prügel krieg', -sonst heiß' ich Tom. Du rufst mich Tom, gelt?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[68]</span></p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>Jetzt kritzelt Tom was auf die Tafel, mit der linken Hand -das Geschriebene zuhaltend. Diesmal wollte sie's gleich sehen. -Tom sagte:</p> - -<p>»O, 's ist nichts.«</p> - -<p>»Doch, doch.«</p> - -<p>»Nein, 's ist nichts, es liegt dir -gar nichts dran, ob du's siehst.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-069"> - <img src="images/illu-069.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Doch, nein -wirklich, bitte, -laß mich -sehen.«</p> - -<p>»Du wirst's -weitersagen.«</p> - -<p>»Nein, nein -und dreimal -nein, gewiß -und wahrhaftig -nicht.«</p> - -<p>»Wirst du's -aber auch keinem Menschen sagen, so lang du lebst?«</p> - -<p>»Nie im Leben, niemand! Nun zeig' aber auch.«</p> - -<p>»Ach, dir liegt doch nichts dran!«</p> - -<p>»Jetzt, wenn du so bist, Tom, da muß ich's sehen –« und -sie legte ihre kleine Hand auf die seine, worauf sich ein kleiner -Kampf entspann. Tom schien im Ernst widerstreben zu wollen, -zog aber seine Hand allmählich doch so weit zurück, daß die -Worte sichtbar wurden: »<em class="gesperrt">Ich liebe dich.</em>«</p> - -<p>»O, du Abscheulicher!« Und sie gab ihm einen tüchtigen -Klapps auf die Hand, wurde aber rot und schien gar nicht ungehalten.</p> - -<p>Im selben Moment fühlte der Junge einen schicksalsschweren<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[69]</span> -Griff an seinem Ohr, dazu einen unwiderstehlich nach oben ziehenden -Drang, und ehe er wußte wie, befand er sich an seinem -eigenen Platz unter dem Feuer gewaltiger Lachsalven der ganzen -Schule. Unerbittlich, wie das Schicksal, starrte der Lehrer noch -während einiger schrecklicher Momente auf ihn nieder, begab sich -aber dann schließlich feierlich zurück nach seinem Thron, ohne -ein Wort zu sagen. Und obgleich Toms Ohr brannte, triumphierte -sein Herz.</p> - -<p>Als der Sturm in der Schule sich wieder gelegt hatte, -machte Tom den ernsten Versuch, zu lernen, aber der Sturm in -seinem Innern war zu gewaltig. Jetzt sollte er lesen, die Reihe -war an ihm, er brachte aber vor Stammeln und Stottern keinen -Satz zusammen; dann kam die Geographiestunde. Bei Tom -wurden Seen zu Bergen, Berge zu Flüssen und Flüsse zu Inseln, -bis das Chaos wieder über die Welt hereingebrochen zu sein -schien. Beim Diktatschreiben, in dem er sonst einer der Besten -war, stolperte er über die kinderleichtesten Wörter, hatte in einem -Diktat von zehn Linien fünfzig Fehler und mußte die bleierne -Verdienstmedaille, die er bis dahin für diese seine erste und einzige -Kunst mit so viel Stolz getragen, ohne alle Gnade einer würdigeren -Brust überliefern.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-070"> - <img src="images/illu-070.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[70]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Je eifriger Tom sich bemühte, seine Gedanken fest auf das -Buch zu heften, um so rastloser schweiften sie rings in -der Weite herum. So gab er es denn zuletzt mit einem Seufzer -und Gähnen auf. Ihm schien die erlösende Mittagsstunde heute -niemals schlagen zu wollen. Die Luft draußen war vollständig -regungslos, nicht der kleinste Hauch belebte die Stille. Es war -der schläfrigste aller schläfrigen Tage. Das eintönige Gemurmel -der fünfundzwanzig eifrig studierenden Schüler umspann die Seele -mit demselben einschläfernden Zauber, der in dem Gesumm der -Bienen liegt. Hoch oben am blauen Sommerhimmel schwebten -zwei Vögel auf trägen Schwingen, sonst war draußen kein lebendes -Wesen zu erblicken, außer einigen Kühen, welche schliefen.</p> - -<p>Toms Herz sehnte sich nach Freiheit, oder doch wenigstens -darnach, irgend etwas von Interesse zu haben, das ihm die -schreckliche Langeweile vertreiben helfe. Mechanisch wanderte seine -Hand zur Tasche und, siehe da, sein Antlitz erhellte ein Strahl -dankbarer Rührung. Verstohlen kam die kleine Schachtel zum -Vorschein, die Baumwanze wurde befreit und auf den langen -schmalen Schultisch gesetzt. Die unvernünftige Kreatur erglühte -in diesem Augenblick wohl gleichfalls in tiefster Dankbarkeit, -doch diese Wonne kam verfrüht, denn kaum hatte sie sich jubelnden -Herzens marschfertig gemacht, als das grausame Schicksal,<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[71]</span> -in Gestalt einer Stecknadel in Toms Hand, ihrem Laufe eine -andere Richtung gab.</p> - -<p>Toms Busenfreund saß neben ihm, leidend, wie dieser -soeben noch gelitten, und zeigte sich augenblicklich von tiefstem, -dankbarstem Interesse erfüllt für die neue Unterhaltung. Dieser -Busenfreund war Joe Harper. Die ganze Woche hindurch waren -die beiden Jungen geschworene Freunde, der Sonnabend nur sah -sie regelmäßig als Gegner auf dem Schlachtfelde. Joe zog sofort -eine Stecknadel aus seinem Jackenfutter und begann sich mit -Lust und Liebe am Einexerzieren der gefangenen Wanze zu beteiligen. -Von Minute zu Minute nahm die Sache an Interesse -zu. Bald meinte Tom, daß sie sich gegenseitig nur hinderten -und somit keiner den vollen Genuß an der Wanze haben könne. -So nahm er denn Joes Tafel vor sich hin auf den Tisch und -zog von oben bis unten eine Linie genau durch die Mitte derselben.</p> - -<p>»Jetzt,« sagte er, »paß auf! So lang die Wanze auf deiner -Seite ist, darfst du sie treiben mit der Nadel und ich laß' sie -in Ruhe. Brennt sie dir aber durch und kommt zu mir herüber, -dann siehst du zu, so lang, bis sie mir wieder durchgeht. Hast -du verstanden?«</p> - -<p>»Schon gut, nur vorwärts,« trieb der ungeduldige Joe, – -»kitzle sie mal ein bißchen!«</p> - -<p>Die Wanze entwischte Tom schleunigst und passierte die -Linie, nun war die Reihe des ›Kitzelns‹ an Joe, gleich danach -hatte sie wiederum den Aequator gekreuzt. Dieser Wechsel wiederholte -sich des öfteren. Während nun der eine Junge die unglückselige -Baumwanze mit der Nadel anspornte, in nimmer erlahmendem -Eifer, schaute der andere in atemloser Spannung zu, -die beiden Köpfe waren tief über die Tafel gebeugt, die beiden -Seelen schienen der ganzen übrigen Welt wie abgestorben. Endlich -wollte sich das launenhafte Glück für Joe entscheiden, an -seine Fersen heften. Die Wanze versuchte auf allen möglichen<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[72]</span> -Wegen zu entwischen und wurde bei der Jagd so lebhaft und -erregt, wie die Jungen selber. Aber wieder und wieder, gerade -als sie den Sieg schon, so zu sagen, in Händen hielt und Toms -Finger juckten und zappelten vor Begier, in die Aktion eingreifen -zu können, gerade im entscheidenden Moment lenkte Joes -Nadel geschickt den Flüchtling nach seiner Seite zurück und wahrte -sich den Besitz dieses köstlichen Guts. Endlich konnte es Tom -nicht länger mehr aushalten, die Versuchung war zu groß. So -streckte er denn die Hand aus und begann mit seiner Nadel -nachzuhelfen. Da aber wurde Joe zornig und rief drohend:</p> - -<p>»Tom, laß das bleiben!«</p> - -<p>»Ich will dir ja nur ein klein bißchen helfen, Joe.«</p> - -<p>»Ach was, helfen! Brauch' dich nicht, laß bleiben, sag' ich.«</p> - -<p>»Kuckuck, noch einmal. Ich werd' doch auch ein bißchen -helfen dürfen!«</p> - -<p>»Laß bleiben, sag' ich dir!«</p> - -<p>»Ich will aber nicht.«</p> - -<p>»Du mußt – die Wanze ist auf meiner Seite.«</p> - -<p>»Hör' mal zu, Joe Harper. Wem gehört die Wanze denn -eigentlich, dir oder mir?«</p> - -<p>»Das ist mir ganz einerlei. Eben ist sie auf meiner Seite -der Linie und du sollst sie nicht anrühren, oder –«</p> - -<p>»Na, wettst du, daß ich's thu'? Die Wanze ist mein und -ich kann mit ihr machen, was ich will – hol' mich der und -jener! Her damit, sag' ich!«</p> - -<p>Ein saftiger Hieb sauste hernieder auf Toms Schultern, ein -Zwillingsbruder desselben traf Joes Rücken; zwei Minuten lang -waren die Jungen in eine Staubwolke gehüllt, die aus ihren -Jacken aufwirbelte, zum ungeheuren Gaudium der ganzen Schule. -Die beiden Sünder waren zu versunken gewesen in ihre Beschäftigung, -um das verhängnisvolle Schweigen zu bemerken, -das eingetreten war, als der Lehrer auf den Fußspitzen nach<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[73]</span> -ihnen hinschlich und dann hinter ihnen stehen blieb. Er hatte eine -hübsche Weile der seltenen Beschäftigung zugeschaut, ehe er sich -erlaubte, seinen Teil zur Mehrung des Vergnügens beizutragen.</p> - -<p>Als die Schule dann um Mittag aus war, flog Tom auf -Becky Thatcher zu und wisperte ihr ins Ohr:</p> - -<p>»Setz' deinen Hut auf und thu' als ob du heim wolltest. -Wenn du an der Ecke bist, laß die andern laufen und komm -durch's Heckengäßchen zurück. Ich mach's grad' auch so.«</p> - -<p>So ging also jedes der beiden mit einem andern Haufen -Kinder ab, am Ende des Heckenpfads trafen sie einander und -als sie dann zusammen die Schule erreichten, hatten sie dieselbe -ganz für sich allein. Sie setzten sich neben einander, nahmen -eine Tafel vor und Tom führte Beckys mit dem Griffel bewaffnete -Hand sorgsam mit der seinen und schuf ein neues erstaunliches -Wunder von Haus. Als das Interesse an der Kunst -etwas zu erlahmen begann, machten sich die zwei ans Plaudern. -Tom schwamm in einem Meer von Wonne. Jetzt fragte er:</p> - -<p>»Magst du Ratten?«</p> - -<p>»Puh nein, ich kann sie nicht ausstehen.«</p> - -<p>»Ich auch nicht – lebendige wenigstens. Aber tote, mein' -ich, die man an eine Schnur bindet und um seinen Kopf schwingt.«</p> - -<p>»Nee, ich mach' mir überhaupt nicht viel aus Ratten, so -oder so. Was ich gern mag, ist Süßholz!«</p> - -<p>»Das glaub' ich. Wollt', ich hätt' ein Stück!«</p> - -<p>»Wirklich? Ich hab' eins. Da, du kannst ein bißchen -dran kauen, mußt mir's aber dann wiedergeben, gelt?«</p> - -<p>Das war nun eine wundervolle Beschäftigung. So kauten -sie denn abwechselnd und baumelten dazu mit den Beinen gegen -die Bank im Uebermaß wonnigsten Behagens.</p> - -<p>»Warst du schon einmal im Zirkus?« fragte Tom.</p> - -<p>»Ja, und ich darf wieder hin, hat Papa versprochen, wenn -ich sehr brav bin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[74]</span></p> - -<p>»Ich war schon drei- oder viermal – nee noch viel, viel -öfter dort. Die Kirche ist gar nichts dagegen! Im Zirkus ist -immer was los. Wenn ich mal groß bin, werd' ich Hanswurst!«</p> - -<p>»Wahrhaftig? Das wird reizend! Die sind immer so -wunderhübsch gefleckt, Hosen und Jacke und alles.«</p> - -<p>»Das ist wahr. Und sie verdienen Haufen von Geld – -beinahe 'nen Dollar im Tag, meint Ben Rogers. Sag' mal, -Becky, warst du schon mal verlobt?«</p> - -<p>»Was ist denn das?«</p> - -<p>»Na, verlobt – wenn man sich heiraten will.«</p> - -<p>»Nein, nie.«</p> - -<p>»Möchtest du's gern?«</p> - -<p>»Vielleicht, ich weiß nicht. Wie ist's denn ungefähr?«</p> - -<p>»Wie's ist? Ja, wie gar nichts eigentlich. Du brauchst -nur 'nem Jungen zu sagen, du wolltst keinen andern haben als -ihn, nie, nie und nimmer, dann giebst du ihm 'nen Kuß und die -Geschichte ist fertig. Das kann doch ein kleines Kind – nicht?«</p> - -<p>»'nen Kuß? Warum denn den?«</p> - -<p>»Ja, das muß man, weil, – kurz, sie thun's eben alle, -das gehört dazu.«</p> - -<p>»Alle thun's?«</p> - -<p>»Ja, alle die in einander verliebt sind. Weißt du noch, -was ich dir auf die Tafel geschrieben habe?«</p> - -<p>»J–ja.«</p> - -<p>»Was denn?«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> sag's nicht.«</p> - -<p>»Soll <em class="gesperrt">ich's</em> sagen?«</p> - -<p>»J–ja – aber ein andermal.«</p> - -<p>»Nein, jetzt.«</p> - -<p>»Nein, nicht jetzt – morgen.«</p> - -<p>»Ach nein, jetzt, bitte, bitte, Becky. Ich will's auch nur -ganz, ganz leise sagen. Soll ich?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[75]</span></p> - -<p>Da Becky zögerte, nahm Tom ihr Schweigen für Zustimmung, -schlang den Arm um sie, legte den Mund dicht an -ihr Ohr und flüsterte ihr leise, leise die uralte Zauberformel zu. -Dann fuhr er ermunternd fort:</p> - -<p>»Jetzt bist du dran. Nun mußt du's sagen – ganz dasselbe.«</p> - -<p>Eine Weile widerstand sie, und bat dann:</p> - -<p>»Du mußt dein Gesicht dorthin drehen, daß du mich nicht -sehen kannst, dann sag' ich's. Du darfst's aber keinem, keinem -Menschen wieder sagen, gelt Tom, das versprichst du, gelt?«</p> - -<p>»Nie im Leben, Becky, gewiß und wahrhaftig. Na – -denn los!«</p> - -<p>Er wandte den Kopf ab, sie beugte sich schüchtern zu ihm, -bis ihr Atem seine Wange streifte und seine Locken bewegte, und -flüsterte: »Ich – liebe – dich.«</p> - -<p>Dann sprang sie auf, rannte um Bänke und Tische, Tom -immer hinterdrein, nahm zuletzt Zuflucht in einer Ecke des Zimmers -und drückte ihr Gesichtchen fest in die weiße kleine Schürze. Tom -schlang die Arme um ihren Hals und bat:</p> - -<p>»Jetzt, Becky, ist's ja beinahe vorbei – nur noch der Kuß. -Du brauchst dich doch davor nicht zu fürchten, das ist ja gar -nichts. Bitte, Becky.«</p> - -<p>Und er versuchte Schürze und Hände vom kleinen Gesicht zu lösen.</p> - -<p>Allmählich gab sie nach und ließ die Hände sinken. Das -Gesichtchen, ganz rot und erhitzt von der Anstrengung, kam zum -Vorschein und unterwarf sich der Prozedur. Tom küßte die -roten Lippen und sagte:</p> - -<p>»So, jetzt ist's geschehen, Becky. Und von jetzt an, weißt -du, darfst du nur mich lieben und heiraten und gar, gar keinen -andern, nie, niemals, in alle Ewigkeit nicht. Willst du?«</p> - -<p>»Nein, ich will nie 'nen andern lieben, Tom, und nie 'nen -andern heiraten als dich, aber du darfst's auch nicht thun, -Tom, darfst auch nie 'ne andere heiraten wollen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[76]</span></p> - -<p>»Gewiß! Natürlich, das gehört auch dazu. Und immer -auf dem Weg zur Schule oder nach Hause mußt du mit mir -gehen, wenn's niemand sieht, und bei Gesellschaften wähl' ich -dich und du mich zum Spiel, denn so macht man's, wenn man -verlobt ist.«</p> - -<div class="figleft" id="illu-077"> - <img src="images/illu-077.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Nein, wie hübsch! Davon hab' ich noch gar nichts gewußt.«</p> - -<p>»Ja, 's ist schrecklich lustig. Ei, -ich und Anny Lorenz –«</p> - -<p>Beckys große, erschreckte Augen -verrieten Tom sofort seinen Mißgriff. -Verwirrt hielt er ein.</p> - -<p>»O, Tom. Ich bin also nicht -die erste, mit der du verlobt bist?«</p> - -<p>Ihre Thränen flossen. Tom -tröstete:</p> - -<p>»Wein' nicht, Becky. Ich mach' -mir gar nichts mehr aus der.«</p> - -<p>»Doch, Tom, doch – du weißt -selbst, daß du dir noch was aus -ihr machst …«</p> - -<p>Tom versuchte den Arm um -ihren Hals zu legen, sie aber stieß -ihn fort, wandte das Gesicht der -Wand zu und schluchzte herzbrechend -weiter. Tom versuchte es noch einmal mit sanft zuredenden -Worten und wurde wieder zurückgewiesen. Nun regte sich sein -Stolz, stumm schritt er der Thüre zu und ging hinaus. Draußen -drückte er sich eine Weile herum, rastlos und unbehaglich, von -Zeit zu Zeit nach der Thüre schielend, in der Hoffnung, sie -würde bereuen und kommen, ihn zurück zu holen. Sie aber -kam nicht. Nun wurde ihm schlecht zu Mute und er begann zu -fürchten, daß er selber im Unrecht sei. Es kostete ihn einen<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[77]</span> -harten Kampf, noch einmal Annäherungsversuche zu machen, doch -wappnete er sich schließlich mit Mannesmut und ging hinein. -Dort stand Becky noch in ihrem Winkel und weinte, das Gesicht -gegen die Wand gepreßt. Toms Herz krampfte sich zusammen -bei dem Anblick. Er trat zu ihr, im Moment ratlos, wie er -die Verhandlungen einleiten sollte. Endlich stieß er zögernd hervor:</p> - -<p>»Becky, ich – ich mag keine andre mehr sehen, als dich.«</p> - -<p>(Keine Antwort – nur erneutes Schluchzen.)</p> - -<p>»Becky,« – (bittend.)</p> - -<p>»Becky, willst du mir gar nichts sagen?«</p> - -<p>(Heftiges Schluchzen.)</p> - -<p>Tom grub in seinen Taschen und brachte endlich das Kleinod -seines Herzens, den Messingknopf irgend eines alten Deckels, -zum Vorschein, hielt ihr denselben vor, so daß sie ihn sehen -konnte und sagte in einladendem Tone:</p> - -<p>»Bitte, Becky, nimm doch das da, sieh mal her!«</p> - -<p>Sie aber schlug's unbesehen zu Boden. Nun wandte sich -Tom wortlos, schritt aus dem Hause und suchte das Weite, um -für diesen Tag nicht zur Schule zurück zu kehren. Bald ward -es Becky klar, was sie verscherzt hatte. Sie rannte nach der -Thüre, auf den Hof, flog um die Ecke des Hauses – er war -nicht mehr zu sehen. Nun erhob sie die Stimme:</p> - -<p>»Tom, Tom, komm zurück, Tom!«</p> - -<p>Atemlos lauschte sie, keine Antwort. Ihre einzigen Gefährten -waren Schweigen und Einsamkeit. Wieder setzte sie -sich, um zu weinen, und als dann die Schüler zu den Nachmittagsstunden -herbei zu strömen begannen, mußte sie ihre Trauer bergen, -ihr gebrochenes Herz zur Ruhe bringen und das Kreuz eines -langen, trübseligen, schmerzvollen Nachmittags auf sich nehmen, -ohne unter diesen Fremden auch nur eine fühlende Brust zu -haben, die ihren Schmerz hätte teilen können. –</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[78]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.</h2> -<div class="ulshapepic" id="img-079"> -<div class="boxu box079u"> -<img src="images/illu-079.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box079l" /> -</div> -</div> - -<p class="drop">Tom schlich sich fort auf Seitenpfaden -bald zur Rechten und -bald zur Linken, um dem Späherauge -der zur Schule zurück pilgernden -Kinder zu entgehen. -Er setzte einigemale über einen -kleinen Bach, da kreuzweises -Ueberschreiten von Wasser ein -gutes Mittel sein sollte, sich -geplanter Verfolgung sicher zu -entziehen. Eine halbe Stunde später sah man ihn oben hinter -dem letzten hochgelegenen Haus des Städtchens verschwinden, die -Schule lag wie im Nebel weit hinter ihm. Nun kam er in -einen dichten Wald, bahnte sich mühsam einen Weg recht ins -Dickicht hinein und warf sich ins weiche Moos unter einer breitästigen -Eiche nieder. Nicht ein Lüftchen regte sich, die brütende -Mittagsglut hatte selbst den Sang der Vöglein verstummen -machen. Die ganze Natur lag regungslos, wie in Verzückung, -nur das gelegentliche, wie aus weiter Ferne ertönende Hämmern -eines Spechtes unterbrach die lautlose Stille und schien die ringsum -herrschende Einsamkeit nur noch lastender und fühlbarer zu -machen. Des Knaben Seele badete sich gleichsam in Schwermut,<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[79]</span> -seine Gefühle befanden sich im glücklichsten Einklang mit -der Umgebung. Lange saß er so, die Ellbogen auf die Kniee, -das Gesicht in die Hände gestützt und dachte nach. Ihm schien -das Leben im besten Falle nur eine Last zu sein und er beneidete -beinahe den Jimmy Hodges, der kürzlich von dieser Last erlöst -worden war. So friedlich und schön dachte er's sich, da unten -zu liegen, zu schlummern und zu träumen für immer und immer, -während der Wind in den Bäumen spielte und mit den Blumen -und Gräsern koste, die auf dem Grabe standen. Da gab es -dann nichts mehr, über das man sich zu quälen und zu grämen -brauchte. Wenn nur sein Sonntagsschul-Gewissen rein wäre, -wie gerne würde er der ganzen Welt Valet sagen. Und was -jenes Mädchen betraf – was hatte er eigentlich gethan? Nichts. -Er hatte es so gut gemeint, wie nur einer in der Welt und -war behandelt worden, wie ein Hund, – wie ein elender Hund. -Sie würde es bereuen eines Tages – wenn es zu spät wäre -vielleicht. Ach, wenn er nur sterben könnte, nur für <em class="gesperrt">einige Zeit</em>!</p> - -<p>Das elastische Herz der Jugend aber läßt sich nicht lange -in ein und dieselbe Form zusammenpressen. Tom glitt alsbald -wieder ganz unmerklich in die Interessen dieses Lebens zurück. -Wie, wenn er allem den Rücken kehrte und geheimnisvoll verschwände? -Oder wenn er davon wanderte, weit, weit, ewig -weit fort, in ferne fremde Länder jenseits der See und niemals -wieder käme? Wie würde Becky zu Mute sein? Der Gedanke, -ein Hanswurst zu werden, stieg auch wieder in ihm auf, aber -er wies ihn mit Ekel von sich. Tollheit und Witze nebst gesprenkelten -Trikots waren jetzt förmlich eine Beleidigung für -seinen Geist, der sich in das nebelhafte, hehre Gebiet der Romantik -aufgeschwungen hatte. Nein, ein Soldat wollte er werden und -nach langen, langen Jahren wiederkehren, kriegsmüde, ruhmbedeckt. -Oder, noch besser! Er wollte zu den Indianern gehen, -Büffel jagen, den Kriegspfad beschreiten in den wilden Bergen<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[80]</span> -und unermeßlich weiten Ebenen des ›Fernen Westens‹, und dann -einmal in grauer Zukunft zurückkehren als großer Häuptling, -starrend von Federn, scheußlich bemalt, und an einem schläfrigen -Sommermorgen mit gellendem Kriegsgeheul, welches das Blut -gerinnen machte, in die Sonntagsschule einbrechen, wo die Herzen -und Augen seiner Kameraden ihn förmlich verzehren würden -vor sengendem Neid. Halt, es gab noch etwas Größeres als -selbst dieses! Ein Seeräuber wollte er werden! Das war's. -Jetzt lag seine Zukunft klar vor ihm, strahlend in unsagbar -blendendem Glanze. Wie würde sein Name die Welt erfüllen -und alle Menschen schaudern und erbeben machen! Wie glorreich -würde er auf seinem langen, niedrigen, kohlschwarzen -Schnellsegler ›Sturmesfittich‹ die wogenden Wellen der See -durchfurchen, während die düstere Flagge vom Vordermast wehte, -ein gefürchtetes Zeichen auf allen Meeren. Und, auf dem -Gipfel seines Ruhmes angelangt, wie wollte er plötzlich im alten -Städtchen erscheinen, in die Kirche treten, braun und verwettert, -in seinem schwarzen Sammtwams und der faltigen Pluderhose, -seinen hohen Stulpstiefeln, der roten Schärpe und dem mit -wallenden Federn besteckten Schlapphut, den Gürtel starrend von -Reiterpistolen, das in blutigen Metzeleien eingerostete Schwert -an der Seite; sodann wollte er die schwarze Flagge mit dem -Totenschädel und den gekreuzten Gebeinen darauf entfalten und -mit einem das Herz zum Zerbersten schwellenden Entzücken das -Raunen und Flüstern hören: »Seht, das ist Tom Sawyer, der -Pirat! Der schwarze Würger der spanischen Meere!«</p> - -<p>Ja, nun war's entschieden, seine Laufbahn festgestellt. Er -wollte von Hause weglaufen und dieselbe sofort antreten. Gleich -am nächsten Morgen wollte er's thun! Drum mußte er aber -auch sofort an die Vorbereitungen gehen. Es galt zunächst, all -seine Reichtümer zusammen zu tragen. So ging er denn zu -einem verfaulten Baumstamm in der Nähe und begann an einem<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[81]</span> -Ende desselben mit seinem Messer den Boden aufzuwühlen. Bald -kam er auf Holz, das hohl klang. Er legte die Hand darauf -und sprach andächtig die Beschwörungsformel:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»<em class="gesperrt">Erscheine</em>, was nicht hier,</div> - <div class="verse indent0">Und was schon hier war, <em class="gesperrt">bleibe</em>!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Danach kratzte er die Erde vollends weg und legte eine -fichtene Schindel bloß. Diese hob er empor und nun zeigte sich -eine schmucke, kleine Schatzkammer, deren Boden und Wände -ebenfalls aus Schindeln bestanden. Eine <em class="gesperrt">einzige</em> Glaskugel -lag darinnen. Toms Erstaunen war grenzenlos. Verblüfft -kratzte er sich am Kopfe und sagte:</p> - -<p>»Na, das übersteigt denn doch alles!«</p> - -<p>Drauf schleuderte er die Kugel zornig von sich und überlegte -die Sache, tief in Brüten versunken. Einer seiner festesten -Glaubenssätze, die bis jetzt ihm und seinen Kameraden für unfehlbar -gegolten, war soeben ins Wanken geraten. Wenn man -eine solche Kugel vergrub, so hieß es, und die nötigen Formalitäten -dabei streng befolgte, dann nach vierzehn Tagen an dem -Platz wieder nachsah mit eben der Formel, die Tom gesprochen, -so würde man alle Kugeln, die man jemals im Leben verloren, -um die eingegrabene versammelt finden, einerlei, wie weit zerstreut -sie gewesen. So lautete der Satz. Und nun war das -Ding fehlgeschlagen, fraglos, zweifellos fehlgeschlagen. Toms -ganzes Glaubensgebäude wankte in seinen Grundfesten. Immer -nur hatte er von dem Erfolg, niemals von dem Mißglücken dieses -Verfahrens gehört. Er selbst hatte es schon einigemale probiert, -und nur keinen Erfolg gehabt, weil er nie das Versteck wieder -auffinden konnte. Ratlos brütete er eine Zeitlang über der Sache -und kam schließlich zu der Einsicht, daß irgend eine Hexe die -Hand im Spiel gehabt und den Zauber gebrochen haben müsse. -Davon wollte er sich nun überzeugen. So suchte er denn herum, -bis er einen kleinen sandigen Fleck entdeckte, mit einer trichterförmigen<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[82]</span> -Vertiefung in der Mitte. Er legte sich flach auf den -Boden, hielt den Mund dicht an diese kleine Höhlung und rief:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Faulpelzkäfer, Faulpelz du,</div> - <div class="verse indent0">Sag' mir, was du weißt, im Nu!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Da begann es im Sande zu arbeiten, und gleich danach -erschien auf einen Augenblick ein kleiner, schwarzer Käfer an der -Oberfläche, der sich aber alsbald erschreckt wieder zurückzog.</p> - -<p>»Haha! Der wagt's nicht, was zu sagen. 's war also -richtig eine Hexe! Hab' mir's doch gedacht!«</p> - -<p>Da er die Fruchtlosigkeit eines Versuchs, es mit Hexen -und Dämonen irgend welcher Art aufnehmen zu wollen, kannte, -so gab er dies sofort entmutigt auf. Dann fiel ihm ein, daß -er doch wenigstens die Kugel nehmen sollte, die er weggeworfen -im ersten Zorn, und er begab sich geduldig an's Suchen, konnte -sie aber nicht finden. Nun ging er zur Schatzkammer zurück, -stellte sich sorgfältig wieder gerade so hin, wie er zuvor gestanden, -als er die Kugel weggeschleudert, nahm eine zweite -Kugel aus der Tasche, warf diese nach derselben Richtung -und sagte:</p> - -<p>»Bruder, such' den Bruder flink!«</p> - -<p>Genau paßte er auf, wo sie hinflog, ging dann hin und -sah nach. Entweder war sie zu kurz oder zu weit geflogen, -noch zweimal mußte er dasselbe Experiment wiederholen. Das -letztemal war es von Erfolg begleitet. Die beiden Kugeln lagen -nur einen Fuß weit von einander entfernt.</p> - -<p>Gerade im selben Moment ertönte von fern der schwache -Klang einer Blechtrompete durch die grünen Bogengänge des -Waldes. Im Nu hatte sich Tom seiner Jacke und Hosen entledigt, -einen Hosenträger in einen Gürtel verwandelt, einen -Haufen Gestrüpp hinter dem faulenden Holzstamm beiseite geschoben, -sich eines Bogens samt Pfeilen, eines hölzernen Schwertes -und einer Blechtrompete bemächtigt und stürzte nun davon, barfuß,<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[83]</span> -in flatterndem Hemde. -Bald darauf machte er -Halt unter einer großen -Ulme, stieß antwortend -seinerseits ins Horn, begann -dann sich zu recken -und kriegerisch nach allen -Seiten auszuspähen. Vorsichtig mahnte er eine, nur im Geist -vorhandene Schar von Getreuen:</p> - -<p>»Haltet euch still, meine Tapferen! Versteckt euch, bis -ich blase!«</p> - -<div class="ulshapepic" id="img-084"> -<div class="boxu box084u"> -<img src="images/illu-084.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box084l" /> -</div> - -<p>Jetzt erschien Joe Harper auf der Bildfläche, ebenso luftig -gekleidet und ebenso furchtbar gewappnet wie Tom. Da rief dieser:</p> - -<p>»Halt! Wer wagt es den Sherwood-Forst zu betreten ohne -meine Erlaubnis?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[84]</span></p> - -<p>»Guy von Guisborne bedarf keines Sterblichen Erlaubnis. -Wer bist du, der du – der du –«</p> - -<p>»Es wagst eine solche Sprache zu führen,« fiel Tom schnell -ein, denn sie sprachen ›nach dem Buche‹ aus dem Gedächtnisse.</p> - -<p>»Wer bist du, der du es wagst eine solche Sprache zu führen?«</p> - -<p>»Ich, fragst du, wer ich sei? Ich bin Robin Hood, was -dein klapperndes Gebein alsbald erfahren soll.«</p> - -<p>»Du wärest in der That jener berühmte Geächtete? Mit -Freuden will ich mit dir um das Recht der Herrschaft in diesem -fröhlichen Forst ringen. Sieh dich vor!«</p> - -<p>Beide zogen ihre Lattenschwerter und ließen die andern -Waffen zu Boden fallen, nahmen Fechterstellung ein, Fuß an -Fuß, und begannen einen ernsten, regelrechten Kampf: »zwei -Hiebe oben, zwei unten.« Alsbald rief Tom:</p> - -<p>»So, wenn du's los hast, laß' uns mal schneller 'rin gehen!«</p> - -<p>Und sie gingen ›schneller 'rin‹ bis sie keuchten und schwitzten -vor Anstrengung. Nun brüllt Tom:</p> - -<p>»Fall' doch, fall', warum fällst du nicht?«</p> - -<p>»Ich? Fall' du selber. Du kriegst die dicksten Hiebe.«</p> - -<p>»Darauf kommt's gar nicht an. <em class="gesperrt">Ich</em> kann nicht fallen. -So steht's nicht im Buch. Dort heißt's: ›Und mit einem gewaltigen -Streiche von rückwärts fällte er den armen Guy von -Guisborne!‹ Du mußt dich also umdrehen und ich hau' dich -von hinten nieder.«</p> - -<p>Um diese Autorität war nun nicht herum zu kommen, Joe -drehte sich, erhielt seinen Streich und fiel.</p> - -<p>»Jetzt aber,« rief Joe, der ebenso flink wieder empor -schnellte, »ist die Reihe an mir, dich tot zu hauen. Los also, -dreh' dich um – was dem einen recht ist, ist dem anderen -billig. Nun, wird's bald?«</p> - -<p>»Ja, aber, Joe, das kann ich doch nicht, so steht's ja gar -nicht im Buch.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[85]</span></p> - -<p>»Na, das ist dann einfach eine Gemeinheit, weiter sag' ich -gar nichts.«</p> - -<p>»Du, hör' mal, Joe, du könntest ja der Bruder Tuck sein -oder Much, der Müllerssohn, und mich mit einem Prügel für -Zeit meines Lebens lahm hauen. Oder, wart', ich weiß noch -was Besseres. Du bist Robin Hood für ein Weilchen und ich -der Sheriff von Nottingham und du haust mich tot.«</p> - -<p>Damit war nun Joe zufrieden, und so wurden denn beide -Abenteuer mit der nötigen Feierlichkeit in Scene gesetzt. Dann -verwandelte sich Tom wieder in Robin Hood und Joe, der die -verräterische Nonne vorstellte, ließ ihn sich an seiner Wunde zu -Tode bluten. Zuletzt schleifte ihn der vielseitige Joe, der nun -eine ganze Bande trauernder Räuber darstellte, nach vorn, legte -Bogen und Pfeil in die zitternden Hände des Sterbenden und -dieser hauchte: »Wo dieser Pfeil niedersinken wird, da verscharret -die Reste des armen Robin Hood unter den Bäumen des Waldes.« -Der Pfeil entschwirrte der Sehne, Tom fiel zurück und würde -gestorben sein, wenn er nicht zufällig in einen Nesselbusch gesunken -und für eine Leiche etwas allzu lebhaft emporgesprungen wäre.</p> - -<p>Drauf steckten sich die Jungen wieder in ihre Kleider, verbargen -ihre Waffenausrüstung und zogen von dannen, in Trauer -versunken darüber, daß das Zeitalter der Geächteten und Räuber -entschwunden war. Vergeblich fragten sie sich, welche Errungenschaft -moderner Gesittung wohl diesen Verlust aufzuwiegen vermöchte. -Ihrem eigenen Gefühl nach wären die beiden weit -lieber ein einziges kurzes Jahr lang Räuber, vervehmte, geächtete -Räuber im Sherwood-Forste gewesen, als Präsident der -Vereinigten Staaten auf Lebenszeit.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-086"> - <img src="images/illu-086.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[86]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-u.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Um halb zehn Uhr an jenem Abend wurden Tom und Sid -wie gewöhnlich zu Bette geschickt. Sie sprachen ihr -Gebet und Sid war bald eingeschlafen. Tom lag wach und -wartete in rastloser Ungeduld. Als er schon meinte, es müsse -beinahe Morgen sein, schlug die Uhr zehn – es war rein zum -Verzweifeln. Er würde sich im Bette herum geworfen haben, -unaufhörlich von einer Seite zur andern, wie es seine Nerven -gebieterisch verlangten, hätte er nicht gefürchtet, Sid dadurch zu -wecken. So lag er denn krampfhaft ruhig und starrte hinein -in die Finsternis. Allmählich begannen sich in der beinahe -greifbaren Stille kleine, kaum zu unterscheidende Geräusche bemerkbar -zu machen. Erst drängte sich ihm der Laut der tickenden -Uhr auf. Alte Balken krachten geheimnisvoll. Die Treppe -knisterte leise. Augenscheinlich waren die Geister munter. Ein -taktmäßiges, gedämpftes Schnarchen klang aus Tante Pollys -Zimmer. Und jetzt begann auch noch einer Grille ermüdendes -Zirpen, das mit Genauigkeit zu lokalisieren kein menschlicher -Scharfsinn je imstande ist. Dann machte das unheimliche Ticken -einer Totenuhr in der Wand, am Kopfende des Bettes, Tom -zusammenschaudern, – bedeutete es doch, daß jemands Tage -gezählt seien. Nun erhob sich das klagende Geheul eines Hundes -in die Nachtluft, dem leiseres Gewinsel aus der Ferne antwortete.<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[87]</span> -Tom lag in reiner Todesangst da. Er war fest überzeugt, -daß die Zeit aufgehört, die Ewigkeit begonnen habe. -Trotz allem Bemühen, sich wach zu halten, begann er leise einzudämmern. -Die Uhr schlug elf, er aber hörte es nicht mehr. -Auf einmal tönte mitten in seine noch gestaltlosen Träume hinein -das langgezogene, schwermütige Miauen eines Katers. Das -Oeffnen eines benachbarten Fensters, der Ruf: ›Verfluchtes -Katzenpack!‹ und das Zersplittern einer gegen die Mauer geschleuderten -leeren Flasche ließ ihn entsetzt und urplötzlich wach -in die Höhe fahren. Eine Sekunde später war er angezogen, -zum Fenster hinaus und kroch auf allen Vieren auf dem Dache -des Vorbaues entlang. Dabei miaute er ein- oder zweimal mit -großer Vorsicht, sprang dann auf das Dach des Holzschuppens -und von dort zu Boden. Huckleberry Finn mit seiner toten -Katze erwartete ihn. Die Jungen entfernten sich und verschwanden -im Dunkel. Eine halbe Stunde später wateten sie durch das -hohe Gras des Friedhofs.</p> - -<p>Es war ein Friedhof nach der altmodischen Art des Westens -und lag auf einem Hügel, etwa eine halbe Stunde vom Städtchen -entfernt. Ihn umgrenzte ein wackeliger Bretterzaun, der sich abwechselnd -bald nach innen, bald nach außen lehnte, nirgends -aber gerade stand. Gras und Unkraut wucherten üppig über -den ganzen Begräbnisplatz hin. Die alten Gräber waren sämtlich -eingesunken. Kein Grabstein war zu erblicken. Wurmstichige -Bretter schwankten statt dessen lose und schief auf den verfallenen -Hügeln, schienen nach einer Stütze zu suchen und keine zu finden. -›Zum Gedächtnis an – so – und so‹ war einst auf ihnen -zu lesen gewesen, jetzt aber war's nicht mehr zu entziffern, auf -den meisten wenigstens nicht, selbst im hellsten Tageslicht.</p> - -<p>Ein schwacher Windzug ächzte in den Bäumen; Tom war's, -als müßte es das Seufzen der Toten sein, die sich über die -Störung beklagten. Die Jungen sprachen nur wenig und nur<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[88]</span> -im Flüsterton, denn Zeit und Ort, sowie das feierliche, tiefe -Schweigen versetzte sie in gedrückte Stimmung. Bald fanden -sie den frisch aufgeworfenen Haufen, den sie suchten, und verschanzten -sich in dem Schutze von drei großen Ulmen, die in -einer dichten Gruppe, wenige Fuß vom Grabe entfernt, wuchsen.</p> - -<p>Dort warteten sie schweigend eine Zeitlang, die ihnen eine -Ewigkeit schien. Das Geschrei einer fernen Eule war alles, -was die Totenstille unterbrach. Toms Gedanken wurden niederdrückend, -er mußte ein Gespräch erzwingen um jeden Preis. -So flüsterte er denn:</p> - -<p>»Huckchen, meinst du, daß die toten Leute da drunten etwas -dagegen haben, daß wir hier sind?«</p> - -<p>Worauf Huckleberry zurück flüsterte:</p> - -<p>»Möcht's selber wissen. Aber gelt, 's ist furchtbar feierlich, -nicht?«</p> - -<p>»Weiß Gott, das ist's – uff!«</p> - -<p>Lange Pause, während die Jungen noch einmal innerlich -der Sache nachgrübelten. Wieder wisperte Tom:</p> - -<p>»Du, Huckchen, glaubst du, daß der alte Williams uns -hören kann?«</p> - -<p>»Natürlich kann er, wenigstens sein Geist.«</p> - -<p>Tom, nach einer Pause:</p> - -<p>»Hätt' ich doch <em class="gesperrt">Herr</em> Williams gesagt! Ich hab's aber nicht -bös gemeint. Jedermann nennt ihn doch den alten Williams.«</p> - -<p>»Ja, man kann nicht vorsichtig genug sein in dem, was -man über die Leute da drunten sagt, Tom.«</p> - -<p>Dies war ein warnender Dämpfer und das Gespräch erstarb -von neuem. Plötzlich ergriff Tom den Arm seines Kameraden:</p> - -<p>»Scht!«</p> - -<p>»Was giebt's, Tom?« Und die zwei umklammerten sich -gegenseitig, atemlos, wild pochenden Herzens.</p> - -<p>»Scht! Da ist's wieder. Hast du denn nichts gehört?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[89]</span></p> - -<p>»Ich –«</p> - -<p>»Da, noch einmal! Jetzt mußt du's doch hören!«</p> - -<p>»Herr Gott, Tom, da kommen sie! Gewiß und wahrhaftig, -da kommen die Teufel! Was sollen wir anfangen?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht. Ob sie uns sehen?«</p> - -<p>»O, Tom, Tom, die sehen im Dunkeln, grad' wie die -Katzen. Ach, wär' ich doch nicht hierher gegangen.«</p> - -<p>»Na, alter Waschlappen, fürcht' dich doch nicht so! Ich -glaub' nicht, daß die sich viel um uns kümmern. Wir thun ja -niemand nichts Böses. Wenn wir uns ganz mucks-mäuschenstill -verhalten, merken sie vielleicht gar nicht, daß wir da sind.«</p> - -<p>»Ich will mich ja nicht fürchten, Tom, aber ich – ich – -ach Gott, ich klapper' nur so in meiner Haut.«</p> - -<p>»Horch doch!«</p> - -<p>Die Jungen steckten die Köpfe zusammen und atmeten kaum. -Ein unterdrücktes Geräusch wie von Stimmen ertönte vom andern -Ende des Friedhofs.</p> - -<p>»Sieh, sieh dort!« hauchte Tom. »Was ist das?«</p> - -<p>»'s ist Hexenfeuer. Ach Tom, das ist grausig.«</p> - -<p>Einige undeutlich nebelhafte Gestalten näherten sich in dem -Dunkel. Sie schwangen eine altmodische Blechlaterne, die den -Boden mit unzähligen kleinen Lichtfleckchen besäete. Alsbald -flüstert Huck schaudernd:</p> - -<p>»Da, das sind die Teufel, gewiß und wahrhaftig! Und -gleich drei auf einmal! Herr Gott, Tom, wir sind hin! Kannst -du beten?«</p> - -<p>»Ich will's mal probieren. Aber fürcht' du dich doch -nicht so, die thun uns sicher nichts. Wart', ich bet'! ›Müde -bin ich, geh zur Ruh, schließ die beiden Augen zu, Vater -laß –‹«</p> - -<p>»Scht!«</p> - -<p>»Was giebt's, Huck?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[90]</span></p> - -<p>»'s sind Menschen! Einer davon mal gewiß! Die eine -Stimme kenn' ich, die gehört dem alten Muff Potter.«</p> - -<p>»Nee, wahrhaftig?«</p> - -<p>»Na, ich wett' mein' Seel'. Rühr' du dich aber nicht, -der merkt nichts von uns. Ist natürlich wieder voll, wie gewöhnlich -– verflixter alter Saufaus!«</p> - -<p>»Schon gut, ich muckse mich nicht. Da, sie bleiben stehen, -können's nicht finden. Jetzt geht's wieder vorwärts, – es wird -heiß<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> – kalt – ganz kalt – jetzt lau – da warm – puh, -nun wird's aber heiß – heißer, glühend! Scht – da sind -sie! Huck, ich kenn' noch einen, 's ist der Indianer-Joe.«</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Dem Leser ist wohl das Spiel ›kalt oder warm‹ bekannt.</p> - -<p class="right"> -Der Uebers. -</p> -</div> -</div> - -<p>»Der mörderische Lump! Teufel wären mir fast lieber! -Auf was die wohl aus sind?«</p> - -<p>Letztere Worte waren bloß noch gehaucht, denn die drei -Männer hatten nun das Grab erreicht und standen kaum ein -paar Fuß von dem Versteck der Jungen entfernt.</p> - -<p>»Hier ist's!« sagte die dritte Stimme; der, welcher gesprochen -hatte, hielt die Laterne in die Höhe und zeigte im Strahl des -Lichtes das Antlitz des jungen Doktors Robinson.</p> - -<p>Potter und der Indianer-Joe schleppten eine Trage mit -einem Seil und ein paar Schaufeln drauf. Sie setzten ihre -Last nieder und begannen das Grab zu öffnen. Der Doktor -stellte die Laterne zu Häupten desselben, ging und setzte sich, -mit dem Rücken gegen einen der Ulmenbäume gelehnt. Er war -so dicht bei den Jungen, daß diese ihn hätten berühren können.</p> - -<p>»Eilt euch, Leute!« sagte er mit leiser Stimme. »Der Mond -kann jeden Augenblick heraus kommen.«</p> - -<p>Die brummten eine Antwort und fuhren fort zu graben. -Eine Zeit lang hörte man kein anderes Geräusch, als das Knirschen<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[91]</span> -der sich ihrer Last von Erde und Sand entladenden Schaufeln. -Es klang unsäglich eintönig. Endlich stieß ein Spaten mit -dumpfem, hohlem Laut auf den Sarg und in der nächsten Minute -hatten die Männer diesen empor an die Oberfläche gehoben. -Sie brachen den Deckel mit ihren Schaufeln auf, rissen den -Leichnam heraus und warfen ihn roh zur Erde. Eben trat der -Mond hinter den Wolken vor und beleuchtete das starre, weiße -Antlitz. Die Trage wurde herbeigebracht, die Leiche darauf gelegt, -mit einer Decke verhüllt und mit dem Seile festgebunden. -Potter holte ein großes Klappmesser aus der Tasche, schnitt das -niederhängende Ende des Seiles ab und sagte:</p> - -<p>»Jetzt ist das verfluchte Ding abgethan, Knochensäger, jetzt -rückst du mit noch 'nem Fünfer heraus, oder die Bescherung -bleibt hier.«</p> - -<p>»Recht gesprochen, beim Schinder!« bekräftigte der Indianer-Joe -mit einem Fluche.</p> - -<p>»Hört mal, Leute, was soll das heißen?« sagte der Doktor. -»Ihr habt Vorausbezahlung verlangt und sie auch gekriegt und -damit basta!«</p> - -<p>»Jawohl, basta,« zischte der Indianer-Joe und sprang auf -den Doktor zu, der nun aufrecht stand. »Wir zwei sind noch -lang' nicht fertig, daß du's nur weißt. Vor fünf Jahren jagtest -du mich wie einen Hund von der Thüre deines Vaters weg, als -ich um etwas zu essen bat; ›der Kerl ist wegen ganz was andrem -da‹, hieß es. Als ich dann sagte, das solltest du mir ausfressen, -und wenn's erst nach hundert Jahren wäre, da ließ mich der -Herr Vater als Strolch einsperren. Meinst du, das hätt' ich -vergessen? Ich hab' nicht umsonst Indianerblut in mir. Jetzt -hab' ich dich und jetzt kommt die Abrechnung, merk' dir's!«</p> - -<p>Er fuchtelte dem Doktor dabei mit der geballten Faust -unter der Nase herum. Dieser schlug plötzlich aus und streckte den -Schurken zu Boden. Da ließ Potter sein Messer fallen und rief:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[92]</span></p> - -<div class="figcenter" id="illu-093"> - <img src="images/illu-093.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Was da! Ich laß meinen Kameraden nicht hauen.« Im -nächsten Moment hatte er den Doktor umklammert und die -beiden rangen mit Macht und Gewalt, Gras und Boden dabei -wild zerstampfend. Der Indianer-Joe sprang auf die Füße, -seine Augen glühten und flammten vor Wut, er hob Potters -Messer vom Boden auf und umkreiste unheimlich, katzenartig die -Ringenden, nach einer Gelegenheit spähend. Plötzlich gelang es<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[93]</span> -dem Doktor, seinen Gegner abzuschütteln. Mit einem Griff riß -er das schwere, breite Brett, das auf Williams' Grabe gestanden, -an sich und schlug Potter damit zu Boden. Im selben Moment -aber hatte auch der Indianer-Joe die günstige Gelegenheit ersehen; -bis zum Heft stieß er das Messer in des jungen Mannes -Brust. Der wankte und fiel teilweise auf Potter, den er mit -seinem Blute überströmte, – da verkroch sich der Mond hinter -Wolken und entzog das gräßliche Schauspiel den Augen der entsetzten -Knaben, die in dem Dunkel sich eiligst davon machten.</p> - -<p>Als der Mond wieder hervor trat, stand der Indianer-Joe -vor den beiden hingestreckten Gestalten und betrachtete sie. Der -Doktor murmelte etwas Unverständliches, holte ein- oder zweimal -tief Atem und – war still. Der Mörder brummte:</p> - -<p>»Jetzt ist's abgerechnet – fahr' zur Hölle!«</p> - -<p>Dann beraubte er die Leiche, wonach er das verhängnisvolle -Messer in Potters geöffnete rechte Hand steckte, sich selbst -aber auf den zertrümmerten Sarg setzte. Drei – vier – fünf -Minuten verflossen, da begann Potter zu stöhnen und sich zu -bewegen. Seine Hand umschloß das Messer, er hob's empor, -warf einen Blick drauf und ließ es mit einem Schauder fallen. -Dann richtete er sich auf, schob den toten Körper zurück, starrte -drauf nieder und dann verwirrt in die Runde. Seine Augen -begegneten denen Joes.</p> - -<p>»Herrgott, wie kam's denn, Joe?« fragte er.</p> - -<p>»Ja, das ist 'ne faule Sache, Potter,« versetzte dieser, -ohne sich zu rühren. »Daß du aber auch gleich so drauf losgehen -mußt!«</p> - -<p>»Ich? Ich hab's doch nicht gethan!«</p> - -<p>»Hör' mal, du, das Geschwätz wäscht dich noch lang' -nicht weiß.«</p> - -<p>Potter zitterte und wurde leichenblaß.</p> - -<p>»Hab' ich doch gemeint, ich wär' nüchtern gewesen, was<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[94]</span> -hab' ich auch am Abend so trinken müssen, ich alter Esel. Ich -hab's noch im Kopf, das spür' ich – schlimmer als im Anfang, -wie wir kamen. Ich bin rein wie im Dusel – kann mich auf -nichts besinnen. Sag' doch, Joe – aber ehrlich, alter Kerl, – -hab' ich's wirklich gethan, Joe? Ich hab's ja gewiß und wahrhaftig -nicht gewollt, auf Ehr' und Seligkeit, ich hab's nicht thun -wollen, Joe. Wie ist's denn eigentlich gewesen, Joe? Ach, -'s ist gräßlich – und er so jung und hoch begabt!«</p> - -<p>»Na, ihr beiden balgtet euch und er hieb dir eins mit dem -Brett dort über und du fielst um wie ein Sack. Dann rappeltest -du dich wieder auf, ganz taumelig und wackelig, griffst nach dem -Messer und bohrtest es ihm in die Rippen, gerade als er dir -einen zweiten gewaltigen Klapps mit dem Dings da versetzte. -Seitdem lagst du da wie ein Klotz und hast dich nicht gerührt.«</p> - -<p>»O, ich hab' nicht gewußt, was ich thue. Will auf der -Stelle tot hinfallen, wenn ich's gewußt hab'. Daran ist nur -der verdammte Branntwein und die Aufregung schuld. Nie im -Leben hab' ich's Messer gezogen, Joe. Gerauft hab' ich, aber -nie gestochen. Das kannst du von jedem hören. Joe, verrat' -mich nicht! Sag's, daß du mich nicht verraten willst, Joe, bist -auch 'n guter Kerl. Ich hab' dich immer gern gehabt, Joe, -und hab' dir's Wort geredet. Weißt du's nicht mehr? Gelt, -du sagst nichts, Joe?« Und der arme, geängstigte Kerl warf -sich auf die Kniee vor dem vertierten Mörder und faltete flehend -die Hände.</p> - -<p>»'s ist wahr, du hast immer zu mir gehalten, Muff Potter, -und das will ich dir jetzt gedenken. – Das nenn' ich doch -wie 'n ehrlicher Kerl gesprochen, was?«</p> - -<p>»O, Joe, du bist ein Engel. Ich will dich segnen, so -lange ich lebe.« Und Potter begann zu weinen.</p> - -<p>»Na, komm, laß gut sein. Jetzt ist keine Zeit zum -heulen und greinen. Mach' dich fort, dort hinaus, ich geh'<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[95]</span> -den Weg. Flink, los – und daß du mir keine Spuren zurücklässest!«</p> - -<p>Potter schlug einen gelinden Trab an, der bald in ein -Rennen ausartete. Sein Geselle sah ihm nach und murmelte:</p> - -<p>»Wenn er so benebelt ist vom Schnaps und vom Hieb, -wie er aussieht, so wird er nicht mehr an das Messer denken, -bis er so weit weg ist, daß er sich fürchtet allein hierher zurück -zu kommen – der Hasenfuß!«</p> - -<p>Zwei oder drei Minuten später sah nur noch der Mond -nieder auf den Gemordeten, auf die verhüllte Leiche, den deckellosen -Sarg und das offene Grab. Lautlose Stille herrschte -aufs neue.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-096"> - <img src="images/illu-096.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[96]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Die beiden Jungen flohen keuchend, sprachlos vor Entsetzen, -dem Städtchen zu. Von Zeit zu Zeit warfen sie angstvolle -Blicke über die Schultern zurück, als ob sie fürchteten, man -könne sie verfolgen. Jeder Baumstumpf, der sich am Wege erhob, -schien ein Mensch und ein Feind, dessen Anblick ihnen beinahe -den Atem raubte. Als sie an einigen frei gelegenen Häusern -vorüber jagten, schien das Bellen der aufgestörten Hofhunde ihren -Sohlen Flügel zu verleihen.</p> - -<p>»Wenn wir nur die alte Gerberei erreichen, ehe wir zusammenbrechen,« -keuchte Tom stoßweise zwischen das mühsame -Atemholen hinein. »Ich kann kaum mehr länger!«</p> - -<p>Hucks Keuchen war seine einzige Antwort; die Jungen -hefteten die Augen fest auf das ersehnte Ziel ihrer Wünsche -und strebten mit aller Macht, es zu erreichen. Es rückte näher -und näher und endlich stürzten sie, Schulter an Schulter, durch -die offene Thür und fielen atemlos in die schirmenden Schatten -des Raumes. Nach und nach mäßigten die jagenden Pulse ihr -Tempo und Tom flüsterte:</p> - -<p>»Huckleberry, was denkst du, <span id="corr096">was</span> draus werden wird?«</p> - -<p>»Wenn der Doktor stirbt, wird einer baumeln.«</p> - -<p>»Glaubst du?«</p> - -<p>»Glauben? Das ist sicher!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[97]</span></p> - -<p>Tom dachte eine Weile nach, dann sagte er:</p> - -<p>»Wer soll's denn sagen? – Wir?«</p> - -<p>»Unsinn! Wenn was dazwischen kommt und der Indianer-Joe -doch nicht baumeln muß, der würd' uns schön an den -Kragen gehen, so gewiß ich hier lieg'.«</p> - -<div class="figright" id="illu-098"> - <img src="images/illu-098.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Das hab' ich eben auch gedacht, Huck.«</p> - -<p>»Wenn's einer sagen muß, so kann's ja der Muff Potter -thun, dumm genug ist er dazu. Beduselt ist er auch meistens.«</p> - -<p>Tom sagte -nichts, – dachte weiter. -Bald drauf -flüsterte er:</p> - -<p>»Huck, Muff -Potter weiß ja von -nichts. Wie kann -der's sagen?«</p> - -<p>»Warum weiß -er von nichts?«</p> - -<p>»Der hatte ja -gerade den Hieb abgekriegt, -als der andre -zustach. Glaubst du, daß der noch etwas gesehen haben kann, -daß er noch was weiß?«</p> - -<p>»Allerdings mein' ich das, Tom!«</p> - -<p>»Hör' du, der Hieb hat ihm am End' auch noch den Rest -gegeben!«</p> - -<p>»Das glaub' ich nicht, Tom. Der hatt' Branntwein im -Kopf, ich hab's gesehen. Wenn mein Alter voll ist, dürft' man -ihm ohne Schaden mit 'nem Kirchturm über den Kopf hauen, -er würd's nicht spüren. Das sagt er selber. Grad' so ist's -mit Muff Potter natürlich. Wenn einer nüchtern wäre, könnte -er freilich am End' mit so 'nem Klapps genug haben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[98]</span></p> - -<p>Nach einer anderen gedankenvollen Pause fragte Tom:</p> - -<p>»Huckchen, bist du sicher, daß du reinen Mund halten -kannst?«</p> - -<p>»'s bleibt uns einfach gar nichts andres übrig, Tom. Das -siehst du doch selbst. Der Teufel von Indianerbrut schmisse uns -ins Wasser, wie ein paar Katzen, wenn wir nur davon mucksen -wollten und er nicht richtig drauf gehenkt würde. Hör' mal zu, -Tom, wir müssen's uns gegenseitig zuschwören, das müssen wir -thun, schwören, daß wir nichts ausplappern!«</p> - -<p>»Ist mir recht, Huck. 's wird wohl das beste sein. Heb' -die Hand auf und schwör' –«</p> - -<p>»Nee, Tom, so leicht geht das nicht! Das ist freilich gut -genug für kleine, lumpige Sachen, – besonders, wenn man -was mit Mädchen hat, die dummen Dinger verklatschen einen -doch immer, wenn sie mal in der Patsche sitzen, – bei so was -Großem aber, wie das, muß was Schriftliches dabei sein – -und Blut!«</p> - -<p>Tom war mit Leib und Seele bei dieser Idee. Sie war -tief, düster, unheimlich, – mit der Zeit, dem Ort, den Umständen -im Einklang. Er hob eine reine Holzschindel auf, die -dort im Mondlicht lag, nahm ein Endchen Rotstift aus der -Tasche, setzte sich so, daß der Mond die Schindel beleuchtete -und kritzelte darauf folgende Zeilen, jeden Grundstrich mit einem -krampfhaften Druck der Zunge gegen die Zähne betonend, der -bei den Haarstrichen mechanisch nachließ:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Huck Finn und Tom Sawyer, die schwören, daß sie -hierüber den Mund halden wollen und wollen auf der -stelle tot umfallen, wann sie's jehmals ausblautern.</em>«</p> - -<p>Huckleberry war voll Staunen und Bewunderung ob Toms -Gewandtheit im Schreiben und der Erhabenheit seines Stils. -Flink zog er eine Stecknadel aus seinem Jackenfutter und wollte -sich eben sein Fleisch ritzen, als Tom rief:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[99]</span></p> - -<p>»Wart', thu's nicht. So 'ne Nadel ist von Messing und -da könnt' Grünspan dran sein.«</p> - -<p>»Grünspan? Was ist das für 'n Span?«</p> - -<p>»Gift ist's, – weiter nichts. Schluck's nur mal runter, -wirst schon sehen!«</p> - -<p>Tom langte dann eine von seinen Nähnadeln vor, wickelte -den Faden ab und jeder der Jungen stach sich damit in den -Ballen der Hand und quetschte einen Tropfen Blut hervor.</p> - -<p>Mit Geduld, nach oftmaligem Quetschen, brachte denn auch -Tom seine Initialen zustande, wozu er die Spitze des kleinen -Fingers als Feder gebrauchte. Dann zeigte er Huckleberry, wie -dieser ein <em class="antiqua">H</em> und ein <em class="antiqua">F</em> zu machen habe und der Eidschwur -war gültig. Sie vergruben die Schindel dicht an der Mauer, -unter Anwendung von allerlei unheimlichen Zeremonien und -Zauberformeln, und die Fesseln, die ihre Zungen banden, wurden -als fest geschlossen, der Schlüssel dazu als weggeworfen betrachtet.</p> - -<p>Eine Gestalt schob sich in dem Moment verstohlen durch -eine Lücke am andern Ende des verfallenen Gebäudes, die Jungen -aber bemerkten sie nicht.</p> - -<p>»Tom,« flüsterte Huckleberry, »werden wir nun niemals -nichts von der Geschichte sagen können, niemals?«</p> - -<p>»Natürlich nicht. Was auch kommen mag, wir müssen -den Mund halten. Sonst fielen wir ja gleich tot um, hast du -das schon vergessen?«</p> - -<p>»Nee, – aber – ja, du hast recht.«</p> - -<p>Eine Zeit lang flüsterten sie noch leise zusammen. Plötzlich -schlug ein Hund ein langgezogenes, unheimliches Geheul an, -dicht vor ihrem Schlupfwinkel, vielleicht zehn Schritte von ihnen -entfernt. Die Jungen umklammerten einander in Todesangst. -Ihr Aberglaube hatte wieder die Oberhand.</p> - -<p>»Wen von uns meint er wohl?« ächzte Huckleberry.</p> - -<p>»Weiß ich's? – guck' durch den Ritz, schnell!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[100]</span></p> - -<p>»Guck' du, Tom!«</p> - -<p>»Ich kann nicht – kann's nicht, Huck!«</p> - -<p>»Bitte, Tom, bitte! Da – da ist's wieder!«</p> - -<p>»Ach, Gottchen, wie dank' ich dir,« flüsterte Tom. »Ich -kenn' die Stimme, 's ist Harbisons Tyras seine.«</p> - -<p>»Das ist 'n Glück, Tom, ich sag' dir, ich war halb tot -vor Schreck; dacht' schon, 's sei ein fremder Hund.«</p> - -<p>Wieder heulte der Hund. Den Jungen sank das Herz -abermals bis in die unterste Zehenspitze.</p> - -<p>»Ach, du mein alles,« stöhnte Huck, »das ist nicht Harbisons -Tyras. Guck' doch mal, Tom.«</p> - -<p>Tom gab nach, obgleich er mit den Zähnen klapperte vor -Furcht, und legte sein Auge an die Ritze. Sein Flüstern war -kaum verständlich, als er zurück fuhr mit einem:</p> - -<p>»Huck, 's ist <em class="gesperrt">ein fremder Hund</em>!«</p> - -<p>»Schnell, schnell, Tom, wen meint er von uns?«</p> - -<p>»Er muß uns beide meinen, – wir stehen dicht zusammen.«</p> - -<p>»Tom, dann sind wir hin, ich sag' dir's. Wo ich hinkommen -werde, für mein Teil, weiß ich nur zu gut. Ich bin -so oft gottlos gewesen.«</p> - -<p>»Ach Huck, das kommt davon, wenn man die Schule -schwänzt und immer thut, was verboten ist. Ich hätt' grad' so -gut und brav sein können wie Sid, – aber natürlich, das -paßt mir nicht. Wenn ich noch mal mit heiler Haut davon -komme, so schwör' ich, daß ich mein Lebenlang in die Sonntagsschule -gehen will, – ich Elender!«</p> - -<p>Und Tom begann ein wenig zu schluchzen und sich die -Augen zu reiben.</p> - -<p>»Du, schlecht?« Auch Huckleberry schluchzte nun. »Ach was, -Tom Sawyer, du bist Gold, reines Gold, sag' ich dir, gegen mich. -Ach, Gottchen, Gottchen, Gottchen, – ja, wenn ich nur halb die -Gelegenheit gehabt hätt', gut zu sein, wie du, Tom, ich –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[101]</span></p> - -<p>Tom brach plötzlich im Schluchzen ab und flüsterte freudig:</p> - -<p>»Sieh' doch, Huck, sieh'! Er kehrt uns ja den <em class="gesperrt">Rücken zu</em>!«</p> - -<p>Nun schielte auch Huck durch die Ritze, Wonne im Herzen.</p> - -<p>»Weiß Gott, so ist's! Hat er denn vorher das auch schon -gethan?«</p> - -<p>»Ei, freilich; ich Esel hab' aber gar nicht drauf acht gegeben. -Na, das ist herrlich! Jetzt aber, wen kann er meinen?«</p> - -<p>Das Geheul verstummte. Tom spitzte die Ohren.</p> - -<p>»Scht, – was ist das?« flüsterte er.</p> - -<p>»'s klingt wie – na, wie Schweinegrunzen. Doch nein, -– da schnarcht einer, Tom!«</p> - -<p>»Wahrhaftig, so ist's! Woher kommt's wohl, Huck?«</p> - -<p>»Ich glaub' von dort, vom anderen Ende. 's klingt -wenigstens so. Mein Alter hat dort manchmal geschlafen, aber, -Herrgott, wenn <em class="gesperrt">der</em> schnarcht, fallen die Mauern ein. Ich -glaub' auch nicht, daß der je wieder hierher kommt.«</p> - -<p>Noch einmal regte sich der Unternehmungsgeist in der Seele -der Knaben.</p> - -<p>»Huckchen, getraust du dir mitzukommen, wenn ich voran -gehe?«</p> - -<p>»Viel Lust hab' ich nicht, Tom. Wenn's nun der Indianer-Joe -wäre?«</p> - -<p>Tom fuhr zusammen und zögerte. Bald aber erhob sich -die Versuchung wieder mit aller Macht und die Jungen kamen -überein, die Sache zu untersuchen, aber Fersengeld zu geben, -sowie das Schnarchen aufhöre. So stahlen sie sich denn auf -den Zehenspitzen, einer hinter dem andern, dem Orte zu, von -wo der Laut kam. Fünf Schritte etwa vom Schnarcher entfernt, -trat Tom auf einen Stock, der mit scharfem Knack zerbrach. -Der Mann stöhnte und wandte sich ein wenig, so daß -sein Gesicht sich dem Mondschein zukehrte. Es war Muff Potter. -Den Jungen hatte das Herz still gestanden, als der Mann sich<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[102]</span> -regte, nun aber schwand ihre Angst. Auf den Zehen schlichen -sie hinaus durch die geborstene Mauer und blieben in geringer -Entfernung stehen, um ein Abschiedswort zu tauschen. Wieder -erhob sich jenes langgezogene, klägliche Geheul in die Nachtluft -hinein. Sie wandten sich und sahen den fremden Hund, nur -ein paar Schritte entfernt von dem Ort, an dem Potter lag, -diesem den Kopf zuwendend, mit der Schnauze gen Himmel -deuten.</p> - -<p>»Herr Jemine, den meint er!« riefen die beiden in einem Atem.</p> - -<p>»Sag' mal, Tom, 's hat mir einer erzählt, daß um dem -Johnny Miller sein Haus 'n fremder Hund herumgeheult hätt' -vor 'n paar Wochen und daß 'ne Eule sich auf dem Dach gezeigt -hat, und doch ist noch keiner tot dort.«</p> - -<p>»Weiß ich. Das beweist aber gar nichts! Ist nicht am -selben Sonnabend die Grace Miller auf den Herd gefallen und -hat sich schrecklich verbrannt?«</p> - -<p>»Wohl, aber tot ist sie doch nicht – im Gegenteil viel -besser.«</p> - -<p>»Na, paß du nur auf, die muß sterben, so gewiß, wie der -Muff Potter dort sterben muß. So sagen die Nigger und die -wissen Bescheid in den Geschichten, Huck!«</p> - -<p>Die Jungen trennten sich, in tiefes Nachdenken versunken.</p> - -<p>Als Tom durch sein Schlafzimmerfenster zurückkroch, war -die Nacht beinahe vorüber. Er entkleidete sich mit der äußersten -Vorsicht und fiel in Schlaf, indem er sich selbst von Herzen -Glück dazu wünschte, daß niemand von seinem nächtlichen Ausflug -etwas gemerkt habe. Armer, blinder Tom! Er selbst hatte -nichts gemerkt; er wußte nicht, daß der sanft schnarchende Sid -wachte, wach gewesen war seit einer Stunde.</p> - -<p>Als Tom am andern Morgen die Augen aufschlug, war -Sid angekleidet und fort. Das Tageslicht draußen hatte ordentlich -einen späten Schein, es lag was Spätes in der ganzen<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[103]</span> -Atmosphäre. Tom erschrak. Warum hat man ihn nicht gerufen, -– ihn nicht geplagt wie gewöhnlich, bis er auf war?</p> - -<p>Dieser Gedanke erfüllte ihn mit schlimmen Ahnungen. Innerhalb -fünf Minuten war er in den Kleidern und die Treppe -hinunter, noch ganz schwindelig und müde. Ihm war nicht -wohl zu Mute. Die Familie saß noch um den Tisch, das -Frühstück war beendet. Keine Stimme des Vorwurfs erhob -sich, aber die abgewandten Augen aller, die Stille und so eine -Art Feierlichkeit, die das ganze Zimmer zu erfüllen schien, ließen -des armen Sünders Herz in ahnender Sorge erbeben. Er setzte -sich nieder, versuchte munter und unbefangen zu erscheinen, das -aber war verlorne Liebesmüh'. Kein Lächeln, keine Antwort -kam; auch er verfiel in Schweigen und sein Herz sank in die -tiefsten Tiefen der Verzweiflung und Bekümmernis.</p> - -<p>Nach dem Frühstück nahm ihn die Tante beiseite und Tom -lebte sichtlich auf in der Erwartung, daß nun die wohlverdiente -Züchtigung vom Stapel laufen würde. Dem aber war nicht -so. Tante Polly fing an zu weinen, fragte, wie er es über -sich gewänne, sie so zu betrüben, ihr altes Herz beinahe zu -brechen, und schloß damit, daß sie ihm sagte, er möge nur hingehen, -sich zu Grunde richten und ihre grauen Haare mit Schande -in die Grube bringen, sie könne ihn nicht mehr aufhalten, wolle -es auch gar nicht mehr probieren, es sei doch alles nutzlos und -vergebens. Das war schlimmer als die schlimmsten Prügel und -Toms Herz war nun noch matter und elender als sein Körper. -Er weinte, bat um Verzeihung, gelobte Besserung wieder und -wieder und wurde schließlich entlassen mit dem beschämenden Gefühl, -doch nur halb und halb Vergebung und Vertrauen in -seine Gelöbnisse gefunden zu haben.</p> - -<p>Er schlich aus dem Zimmer, zu elend selbst, um Rachegelüste -gegen Sid, den Verräter, zu spüren, und so war des letzteren -hastige Flucht durch die Hinterthüre unnötig. Trübselig und<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[104]</span> -traurig machte er sich nach der Schule auf und nahm mit Joe -Harper zusammen seine Tracht Prügel für das Schulschwänzen -entgegen, mit der Miene eines Menschen, dessen Seele schlimmeres -Leid kennt und tot ist für die kleinen Kümmernisse dieser Welt. -Dann verfügte er sich nach seinem Platz, stützte die Ellenbogen -auf den Tisch, das Kinn auf die Hände, bohrte den Blick in -die Wand und saß da, ein Bild starrer Verzweiflung, die ihre -Grenzen erreicht hat und nicht weiter zu gehen vermag. Sein -Ellenbogen ruhte auf irgend etwas Hartem. Nach einer geraumen -Zeit änderte er langsam und traurig seine Stellung -und nahm dies Etwas mit einem Seufzer zur Hand. Es war -in Papier eingeschlagen. Er entfaltete es. Ein langgezogener, -ungeheurer Seufzer folgte … Es war jener Messingknopf, den -er Becky gestern geboten. Dieser letzte bittere Tropfen brachte -den Becher seiner Trübsal zum Ueberfließen.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-105"> - <img src="images/illu-105.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[105]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-k.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Kurz vor der Mittagsstunde durchzuckte das ganze Städtchen -plötzlich wie ein elektrischer Schlag die grausige Kunde. -Es bedurfte nicht des Telegraphen, von dem man sich damals -überhaupt noch nichts träumen ließ; die Nachricht flog von -Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe, von Haus zu Haus, -mit kaum geringerer Schnelle, als der elektrische Funke. Natürlich -gab der Lehrer für den Nachmittag frei, man würde ihm -das Gegenteil sehr verdacht haben. Ein blutiges Messer war -dicht bei dem Gemordeten gefunden worden und jemand hatte -es als dem Muff Potter gehörig erkannt, so lautete die Erzählung. -Auch sollte ein Bürger, der sich verspätet hatte, auf -Potter gestoßen sein, wie er sich im Bache wusch, gegen ein -oder zwei Uhr morgens, und als er sich bemerkt sah, eiligst -davon schlich, – lauter verdächtige Momente, namentlich das -Waschen, was für gewöhnlich sehr gegen Potters Art war. -Die ganze Stadt, so sagte man, sei schon abgesucht worden nach -dem ›Mörder‹ (das Publikum ist schnell bei der Hand mit Beweis -und Urteilsspruch), er sei aber nirgends zu finden. Reiter -waren nach jeder Richtung abgesandt und der Sheriff war überzeugt, -daß man ihn noch vor Einbruch der Nacht einfangen werde.</p> - -<p>Die ganze Stadt wallfahrtete nach dem Friedhof. Toms -Herzensnot schwand; er schloß sich dem Zuge an, nicht, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[106]</span> -nicht tausendmal -lieber wo anders -gewesen wäre – -aber eine unheimliche, -unerklärliche -Zauberkraft lockte -und zog ihn dorthin. -Am Schreckensorte -angekommen, schob -und zwängte er seine -kleine Person durch die dichte Menge und stand bald vor dem -gräßlichen Schauspiel. Es schien ihm ein Menschenalter her, -seit sein Blick zuletzt darauf geruht. Jemand zwickte ihn am -Arm. Er wandte sich und seine Augen trafen die Huckleberrys. -Wie auf Kommando sahen dann beide nach entgegengesetzter -Richtung, voll Angst, jemand könne den Blick bemerkt haben, -den sie sich zugeworfen. Jedermann aber schwatzte in unterdrücktem -Flüsterton und hatte genug zu thun mit dem furchtbar-schauerlichen -Ereignis, dessen Schauplatz man umstand.</p> - -<div class="urshapepic" id="illu-107"> -<div class="boxu box107u"> -<img src="images/illu-107.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box107r" /> -</div> - -<p>»Armer Bursche!« »Armer, junger Mensch!« »Dies sollten -alle Leichenräuber sich zur Lehre dienen lassen!« »Muff Potter -muß baumeln dafür, wenn sie ihn erwischen!« So etwa lauteten -die Bemerkungen, die fielen. Der Geistliche aber sagte: »Das -war ein Gottesgericht, – hier sehen wir die Hand des Herrn.«</p> - -<p>Tom zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, denn sein Blick -war auf das stumpfsinnige Gesicht des Indianer-Joe gefallen. -Im selben Moment begann die Menge zu schwanken und zu<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[107]</span> -drängen und einzelne Stimmen riefen: »Da ist er, da ist er, -dort kommt er selber!«</p> - -<p>»Wer? Wer?« fragten zwanzig andere dagegen.</p> - -<p>»Muff Potter!«</p> - -<p>»Da, jetzt halten sie ihn an! Er dreht sich um – haltet, -haltet fest, laßt ihn nicht durchbrennen!«</p> - -<p>Leute, die in den Aesten der Bäume saßen, über Toms -Kopf, meinten, Muff versuche gar nicht zu entrinnen, – er sähe -nur ganz dumm und verblüfft aus.</p> - -<p>»Verdammte Frechheit das!« sagte einer, »wollte sich wohl -noch mal in Ruhe sein Werk beschauen; dachte nicht, Gesellschaft -zu finden!«</p> - -<p>Die Menge teilte sich nun und der Sheriff schritt mit großartiger -Wichtigkeit in Blick und Miene hindurch, Muff Potter -am Arme haltend. Des armen Burschen Gesicht sah ordentlich -eingefallen aus und aus den Augen starrte das Entsetzen, das -ihn gebannt hielt. Als er vor dem Gemordeten stand, schüttelte -es ihn, wie ein Krampf, er barg das Gesicht in den Händen -und brach in Thränen aus.</p> - -<p>»Ich hab's wahrhaftig nicht gethan, Freunde,« schluchzte -er, »auf mein Ehrenwort, ich hab's nicht gethan.«</p> - -<p>»Wer hat dich denn beschuldigt?« schrie eine Stimme.</p> - -<p>Der Schuß traf. Potter erhob die Augen und ließ sie in -die Runde gehen, qualvollste Hoffnungslosigkeit im Blick. Da -sah er den Indianer-Joe und rief:</p> - -<p>»Ach, Joe, und du hast doch versprochen, daß du nie –«</p> - -<p>»Ist dies hier Euer Messer?« Damit schob ihm der Sheriff -das Mordwerkzeug unter die Nase.</p> - -<p>Potter wäre gefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen und -sachte zu Boden hätte gleiten lassen. Dann stöhnte er:</p> - -<p>»Hab's mir doch gedacht, wenn ich nicht käme und das -– Messer –« Ein Schauder überlief ihn, dann winkte<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[108]</span> -er mit der kraftlosen Hand dem Indianer-Joe und flüsterte -tonlos:</p> - -<p>»Sag's ihnen, Joe, sag's ihnen, alles – 's ist ja doch -umsonst.«</p> - -<p>Huckleberry und Tom hörten nun stumm und starr, wie -der hartherzige Mörder in heiterster Ruhe Zeugnis ablegte. Mit -jedem Moment erwarteten sie, daß der klare Himmel sich öffnen -und der gerechte Gott seine Zornesblitze auf das Haupt des -ruchlosen Lügners schleudern müsse; jeder weitere Moment der -Verzögerung des Gerichtes erregte ihr größtes Staunen. Und -als er geendet hatte und noch lebend und unversehrt vor ihnen -stand, schwand der leise in ihrer Seele flackernde Trieb wieder, -den geschworenen Eid zu brechen und des armen Gefangenen -Leben zu retten. Solch ein Missethäter, wie Joe, mußte sich -ja, das war ihnen jetzt gänzlich klar, dem Teufel verschrieben -haben. Sich mit dieser Macht aber in einen Kampf um deren -berechtigtes Eigentum einzulassen, konnte allzu verhängnisvoll -werden.</p> - -<p>»Warum machtest du dich nicht davon? Weshalb kamst -du hierher zurück?« fragte einer den mutmaßlichen Mörder.</p> - -<p>»Ich konnt' nicht anders, konnt' nicht anders,« stöhnte dieser. -»Ich hab' ja durchgehen wollen, aber 's hat mich immer wieder -hierher getrieben.« Und wieder schluchzte er herzbrechend.</p> - -<p>Nochmals wiederholte der Indianer-Joe seine Aussage ebenso -ruhig und bekräftigte dieselbe endlich ein paar Minuten später -bei der Totenschau. Da immer noch keine Blitze herniederfuhren, -sahen die Jungen ihren Glauben bestätigt, daß Joe sich -dem leibhaftigen Gottseibeiuns verkauft habe. Er wurde ihnen -nun zum Gegenstand des schauerlichsten, unheimlichsten Interesses, -wie sie es bis dahin noch niemals empfunden, und ihre -Blicke hingen wie gebannt an seinem Antlitz. Sie beschlossen -innerlich, ihm nachzuspüren, des Nachts namentlich, wenn sich<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[109]</span> -ihnen Gelegenheit dazu böte, in der stillen Hoffnung, einen verstohlenen -Blick auf seinen schauerlichen Herrn und Meister thun -zu können.</p> - -<p>Der Indianer-Joe half die Leiche des Gemordeten auf einen -Wagen heben, der dieselbe wegbringen sollte, und es ging ein -Flüstern durch die Menge, daß die Wunde dabei leicht zu bluten -begonnen. Huck und Tom hofften schon, dieser glückliche Umstand -möchte den Verdacht auf die richtige Fährte lenken und -fühlten sich daher sehr enttäuscht, als einer der Zuschauer -bemerkte:</p> - -<p>»Kein Wunder! Drei Schritt davon war ja der Potter, -da hat's freilich bluten müssen!« –</p> - -<p>Toms schreckliches Geheimnis und sein nagendes Gewissen -störten ihm den Schlaf für länger als eine Woche nach diesem -Vorfall. Eines Morgens beim Frühstück sagte Sid:</p> - -<p>»Tom, du wirfst dich immer so herum und schwatzest so -laut im Traum, daß ich die halbe Nacht nicht schlafen kann.«</p> - -<p>Tom erbleichte und senkte die Augen.</p> - -<p>»Das ist ein schlimmes Zeichen,« meinte Tante Polly ernst. -»Was hast du auf dem Herzen, Tom?«</p> - -<p>»Nichts, Tante, ich weiß von nichts.« Aber des Jungen -Hand zitterte so, daß er den Kaffee verschüttete.</p> - -<p>»Und so dummes Zeug redst du,« fuhr Sid fort. »Heute -nacht hast du gesagt: ›Blut ist's, Blut und gar nichts andres!‹ -Und das hast du immer und immer wieder gesagt. Und dann -hast du auch gesagt: ›Quäl' mich doch nicht so – ich will's ja -gestehen.‹ Was gestehen? Was willst du denn gestehen?«</p> - -<p>Vor Toms Augen schwamm alles. Es läßt sich kaum ausdenken, -was nun hätte geschehen können, wäre nicht plötzlich der -forschende Blick aus Tante Pollys Auge geschwunden und sie -Tom, ohne es zu wissen, zu Hilfe gekommen, indem sie ausrief:</p> - -<p>»Na, natürlich! 's ist der grausige Mord, der ihm zu schaffen<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[110]</span> -macht. Mir geht's grad' auch so. Ich träume jede Nacht davon. -Ich hab' schon geträumt, ich wär's selber gewesen!«</p> - -<p>Mary sagte, ihr ginge es gerade auch so und Sid schien -damit zufrieden gestellt. Tom entzog sich den Blicken der Seinen, -sobald er irgend konnte, beklagte sich danach über Zahnweh eine -Woche lang und band sich ein dickes Tuch um Mund und Kinnlade -jede Nacht. Er wußte nicht, daß Sid ihn allnächtlich belauerte, -zuweilen selbst die Binde lockerte, sich auf die Ellenbogen -stützte, über ihn beugte und lange, lange lauschte, worauf er -vorsichtig das Tuch an die alte Stelle zurück schob. Toms -Furcht und Angst verlor sich allmählich, der ewige Zahnschmerz -wurde langweilig und daher fallen gelassen. Wenn es Sid -wirklich gelungen war, aus Toms unzusammenhängendem Gemurmel -sich einen Vers zu machen, so behielt er alles für sich. -– Es war Tom, als ob seine Schulkameraden es niemals satt -bekommen könnten, gerichtliche Totenschau zu halten über tote -Katzen und dergleichen. Sid fiel es dabei auf, daß Tom niemals -die Rolle des Leichenbeschauers zu übernehmen trachtete, -obgleich er sonst gewohnt war, Anführer bei jeder neuen Unternehmung -zu sein. Er bemerkte auch, daß Tom auffallenderweise -niemals als Zeuge auftrat, ja sogar eine entschiedene Abneigung -gegen diese Art von Zeitvertreib an den Tag legte und sie mied, -wo er nur irgend konnte. Sid wunderte sich, wie gesagt, darüber, -erwähnte aber nichts. Endlich kamen denn auch die Totenschauen -aus der Mode und hörten auf, Toms Gewissen zu beunruhigen.</p> - -<p>Jeden Tag, oder einen Tag um den andern, während -dieser Zeit der Trübsal, nahm Tom die Gelegenheit wahr, sich -an das kleine, vergitterte Kerkerfenster zu schleichen und dem -›Mörder‹ allerlei kleine Trostgegenstände, deren er habhaft -werden konnte, zuzuschmuggeln. Das Gefängnis war ein winzig -kleiner Backsteinbau, der am Ende des Städtchens mitten in -einem Sumpf stand. Wächter gab's keine, Gefangene waren<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[111]</span> -selten. Diese Opfergaben trugen sehr dazu bei, Toms Gewissen -zu erleichtern.</p> - -<p>Die Einwohner des Städtchens hatten große Lust, auch dem -Indianer-Joe zu Leibe zu gehen wegen des Leichenraubes. So -furchtbar war aber sein Ruf, daß sich keiner fand, der sich dazu -verstehen wollte, die Leitung der Sache zu übernehmen, und so -ließ man es denn bleiben. Vorsichtigerweise hatte er in seinen -beiden Aussagen gleich bei der Rauferei begonnen, ohne erst den -beabsichtigten Leichenraub einzugestehen, der dieser voran gegangen -war, und so hielt man es für das Klügste, die Sache, einstweilen -wenigstens, nicht vor Gericht zu bringen.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-112"> - <img src="images/illu-112.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[112]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.</h2> -</div> - -<div class="ulshapepic" id="img-113"> -<div class="boxu box113u"> -<img src="images/illu-113.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box113l" /> -</div> - -<p class="drop">Eine der Ursachen, weshalb Toms innerer -Mensch begann, sich von seinen geheimen -Sorgen und Leiden abzuwenden, lag -darin, daß ein neues und wichtiges -Interesse alle seine Gedanken in Beschlag -nahm. Becky Thatcher war -aus der Schule fortgeblieben. Tom -rang mit seinem Stolze ein paar Tage lang, versuchte, sich die -Gedanken an <em class="gesperrt">sie</em> aus dem Kopf zu schlagen; aber umsonst. Zu -seinem eigenen Erstaunen betraf er sich selbst auf nächtlichen -Streifereien um ihres Vaters Haus herum, wobei ihm ganz -elend zu Mute war. <em class="gesperrt">Sie</em> war krank. Wenn sie nun sterben -müßte? Verzweiflung, Wahnsinn lag in dem Gedanken. Ihn -lockte nichts mehr hienieden, kein Krieg, kein Seeräubertum. Die -Sonne des Lebens war entschwunden, nur die qualvollste Finsternis -geblieben. Er stellte seinen Reifen zur Seite zusamt dem Stock, -an keinem Spielzeug konnte er mehr Freude haben. Tante Polly -begann sich zu grämen, zu beunruhigen ob dieser Zeichen und -setzte ihm mit allerhand Arzneien zu. Sie war eine von denen, -die auf Patent-Medizinen jeder Art schwören, die jegliche neue -Methode, unfehlbare Gesundheit zu verleihen, oder die schadhaft -gewordene auszuflicken, mit Enthusiasmus und nimmer wankendem<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[113]</span> -Vertrauen begrüßen. Alles neu Auftauchende dieser Art mußte -sofort probiert werden, es ließ ihr keine Ruhe, bis sie irgend -jemanden entdeckt hatte, an dem das Experiment gemacht werden -konnte, denn ihr selbst fehlte zu ihrem größten Leidwesen niemals -etwas, das solchen Eingriff erfordert hätte. Sie war auf -alle Zeitschriften für Gesundheitspflege abonniert und ihre harmlose -Seele ergab sich gläubig dem krassesten Unsinn, der schwarz -auf weiß, mit dem nötigen feierlichen Ernst vorgetragen, darin -stand. All der theoretische Schnickschnack, den sie enthielten -darüber, wie man zu Bett gehen müsse, wie aufstehen, was essen, -was trinken, wie oft lüften, wie viel und welcher Art sich Bewegung -schaffen, welcher Gemütsverfassung sich befleißigen, in -was für Kleidung den äußeren Menschen stecken, all dieser -Schwindel war ihr Evangelium und niemals fiel es ihr auf, -daß die neuesten Nummern in der Regel das Gegenteil von dem -empfahlen, was die früheren angepriesen hatten. Sie war so -arglos und leichtgläubig wie ein Kind und ging ohne Zögern -auf jeden Leim. So mit ihren Quacksalberschriften und Mittelchen -bewaffnet, saß sie, – um ein bekanntes Bild zu gebrauchen – -mit dem Sensenmann im Sattel auf dem fahlen Rosse, während -dicht hinter ihr die Hölle einhertrabte. In ihrer schlichten Einfalt -kam es ihr jedoch niemals in den Sinn, sie könne der -leidenden Menschheit etwas anderes sein als ein heilender Engel -des Trostes, der Balsam des Herrn in Person.</p> - -<p>Kaltwasserkuren waren neu dazumal, und Toms leidender -Zustand war Wasser auf ihre Mühle. Morgens mit Tagesgrauen -holte sie ihn aus seinem Bett, schleppte ihn nach dem -Holzschuppen und ertränkte ihn hier fast in einer Sintflut kalten -Wassers, das sie über ihn ergoß. Dann raspelte sie ihn mit -einem rauhen Tuche wie mit einer Feile ab, wobei er wieder -zu sich selbst kam, rollte ihn in ein nasses Betttuch und stopfte -ihn unter einen Berg von wollenen Decken, bis er sich die Seele<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[114]</span> -fast aus dem Leibe geschwitzt hatte, so daß »deren gelbe Flecken -zu den Poren heraus kamen,« wie Tom sagte.</p> - -<p>Aber all dieser gründlichen Behandlung zum Trotz wurde -der Junge täglich schwermütiger, blasser, niedergeschlagener. Tante -Polly fügte nun heiße Bäder bei, Sitzbäder, Douchen und Sturzbäder. -Der Junge aber verharrte in seiner trübseligen Stimmung. -Sie verstärkte nun die Wasserkur durch strenge Diät und -Zugpflaster und füllte ihn, als ob er ein Krug gewesen wäre, -alltäglich mit Wundertränken jeglicher Art bis zum Rande.</p> - -<p>Tom ließ alles mit sich beginnen, er war gleichgültig geworden -gegen jede Quälerei. Diese Phase seines Leidens erfüllte -die Seele der alten Dame mit Bestürzung. Die beängstigende -Gleichgültigkeit mußte gebrochen werden um jeden -Preis. In dieser Krise hörte sie zum erstenmal von einem Universal-Wundermittel, -›Schmerzenstöter‹ genannt. Sie bestellte -sofort einige Dutzend Flaschen, kostete und war von Dankbarkeit -durchglüht, es schien einfach Feuer in flüssiger Form. Die -Wasserbehandlung wurde nun eingestellt, zusamt allem andern -und ›Schmerzenstöter‹ war hinfort die Losung. Tom bekam -den ersten Löffel voll, und seine Tante erwartete in tiefster -Seelenangst das Resultat. Ihrer Sorgen war sie augenblicklich -ledig, Frieden zog in ihre Seele ein, der Bann der ›Gleichgültigkeit‹ -war gebrochen. Hätte sie ein Feuer unter ihm angezündet, -der Junge hätte kein tolleres, kein urkräftigeres Interesse -zeigen können.</p> - -<p>Tom sah, daß die Zeit gekommen sei, sich aufzuraffen. -Diese Art von Leben mochte ja ganz romantisch sein, war auf -die Dauer aber nicht auszuhalten. Bei allem Ueberfluß an Abwechslung -wurde es am Ende doch monoton. Er sann daher -auf Aenderung seiner Lage und verfiel schließlich darauf, eine -leidenschaftliche Neigung für den ›Schmerzenstöter‹ vorzugeben. -Er verlangte so oft nach dem Wundertrank, daß er damit förmlich<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[115]</span> -zur Plage wurde und seine Tante ihn schließlich anfuhr, er -möge sich selber bedienen und sie in Ruhe lassen. Wäre es -nun Sid gewesen, so hätte kein Schatten ihr Entzücken ob solch -ungeahnten Erfolges getrübt, da es aber Tom war, beobachtete -sie verstohlen die Flasche. Die Flüssigkeit verminderte sich in -der That, ihr aber kam es niemals in den Sinn, daß der -Junge die Gesundheit einer Spalte des Fußbodens im Eßzimmer -damit kuriere.</p> - -<p>Eines Tages war Tom eben wieder damit beschäftigt, der -Spalte die gewohnte Dosis zu verabfolgen, als seiner Tante -gelbe Katze daher kam, einen Buckel machte, schnurrte, und, -gierigen Blicks den Löffel beäugelnd, um ein Pröbchen bettelte. -Tom warnte:</p> - -<p>»Bitt' nicht drum, Peter, wenn du's nicht brauchst.«</p> - -<p>Peter deutete an, daß er's brauche.</p> - -<p>»Ueberleg's nochmal, Peter.«</p> - -<p>Peter hatte überlegt und war seiner Sache gewiß.</p> - -<p>»Also, Peter, du willst's und du sollst's auch haben, denn -<em class="gesperrt">so</em> bin ich nicht. Wenn's dir aber nachher nicht schmeckt, so -mach' niemand 'nen Vorwurf, außer dir selber.«</p> - -<p>Peter war einverstanden und so sperrte ihm Tom das Maul -auf und goß den ›Schmerzenstöter‹ hinunter. Peter sprang ein -paar Meter hoch in die Luft, stieß dann ein gellendes Kriegsgeheul -aus, setzte wie toll im Zimmer herum, stieß gegen Möbelkanten, -schmiß Blumentöpfe u. dergl. um und richtete eine allgemeine -Verwüstung an. Zunächst erhob er sich auf die Hinterfüße, -begann in wahnwitziger Verzücktheit zu tanzen, wobei er -den Kopf über die Schultern zurückwarf und der Welt in -schallenden Tönen seine Glückseligkeit kund und zu wissen that. -Dann fing der tolle Kreislauf von vorne an, Chaos und Verwüstung -folgte seinen Spuren. Tante Polly trat eben noch zur -Zeit durch die Thüre, um zu sehen, wie Peter ein paar doppelte<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[116]</span> -Purzelbäume schlug und, ein gewaltiges Schluß-Hurrah ausstoßend, -durch das offne Fenster segelte, wobei er den Rest der -Blumentöpfe mit sich riß. Starr vor Staunen, stand die alte -Dame und sah ihm über ihre Brillengläser weg nach, Tom aber -lag am Boden und wollte sich ausschütten vor Lachen.</p> - -<div class="figleft" id="illu-117"> - <img src="images/illu-117.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Tom, was zum Kuckuck fehlt der Katze?«</p> - -<p>»Weiß ich doch nicht, -Tante,« stieß der Junge, nach -Luft schnappend, hervor.</p> - -<p>»So was hab' ich ja im -Leben noch nicht gesehen. Was -ist denn der Katze in den Leib -gefahren?«</p> - -<p>»Weiß ich wahrhaftig -nicht, Tante. Die Katzen -machen's immer so, wenn's -ihnen wohl in der Haut ist.«</p> - -<p>»So? Machen sie's immer -so?« Es war etwas in -ihrem Ton, das Tom mit -bangem Ahnen erfüllte.</p> - -<p>»Ja, Tante, das heißt, -ich – ich glaub' wenigstens, daß sie's so machen.«</p> - -<p>»Du glaubst?«</p> - -<p>»Ja–a – Tante.«</p> - -<p>Die alte Dame bückte sich nieder, Tom beobachtete sie -mit von Furcht geschärftem Interesse. Zu spät erriet er, wo -sie hinaus wollte. Der Stiel des verräterischen Löffels war -eben noch sichtbar unter den Fransen der Tischdecke. Tante -Polly griff darnach und hielt ihn empor. Tom schien verlegen -und senkte die Augen. Tante Polly hob ihn ohne Umstände -an dem gewöhnlichen Henkel, – seinem Ohr, – zu<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[117]</span> -sich herauf und gab ihm mit der freien Hand einen gesunden -Klapps.</p> - -<p>»Jetzt, Junge, gesteh', warum hast du der armen, unvernünftigen -Kreatur so mitgespielt?«</p> - -<p>»Ich – ich hab's nur aus Mitleid gethan, – Peter hat -ja keine Tante.«</p> - -<p>»Hat keine Tante! – du Dummkopf. Was hat denn das -damit zu schaffen?«</p> - -<p>»Alles. Denn wenn Peter 'ne Tante hätte, so hätt' ihn -die gewiß ausgebrannt, hätt' ihm die Eingeweide geröstet bei -lebendigem Leib, ohne sich mehr dabei zu denken, als wenn er -ein Mensch gewesen wäre.«</p> - -<p>Tante Polly fühlte plötzliche Gewissensbisse. Das zeigte -die Sache in einem neuen Lichte. Was Grausamkeit gegen eine -Katze war, konnte doch vielleicht auch Grausamkeit gegen einen -Jungen sein. Sie begann weich zu werden, es that ihr leid. -Die Augen wurden ihr feucht, sie legte die Hand auf Toms -Kopf und sagte sanft:</p> - -<p>»Tom, ich hab's nur gut gemeint und – es hat dir auch -gut gethan, Tom.«</p> - -<p>Dieser sah ihr treuherzig ins Gesicht und nur ganz leise -blitzte der Schelm ihm aus den Augen, als er im höchsten Ernste -erwiderte:</p> - -<p>»Ich weiß, daß du's nur gut gemeint hast, Tantchen, ich -hab's aber <em class="gesperrt">auch</em> mit dem Peter nur gut gemeint und dem hat's -auch gut gethan, im Leben ist er noch nicht so hübsch herumgefahren –«</p> - -<p>»Ach, heb' dich fort, Tom, eh' du mich wieder bös' machst. -Und probier's doch mal, ob du nicht einmal ein braver Junge -sein kannst; und – Medizin brauchst du keine mehr zu nehmen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Tom kam vor der Zeit zur Schule. Man wollte beobachtet<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[118]</span> -haben, daß dies Außergewöhnliche in der letzten Zeit ganz regelmäßig -stattgefunden. Auch heute wieder, wie gewöhnlich seit -kurzem, trieb er sich am Thore des Schulhofes herum, anstatt -wie sonst mit seinen Kameraden zu spielen. Er sei krank, sagte -er und sah auch so aus. Er versuchte den Anschein zu erwecken, -als schaue er überall anders hin, als gerade da, wohin er wirklich -schaute, – den Schulweg hinunter. Jetzt tauchte Jeff -Thatcher am Horizonte auf, und Toms Antlitz erhellte sich. -Einen Moment starrte er hin, um sich dann voll Trauer abzuwenden. -Als Jeff herankam, redete ihn Tom an, suchte listig -das Gespräch auf Becky zu lenken, Jeff aber, der einfältige Kerl, -wollte niemals den Köder sehen und anbeißen.</p> - -<p>Tom schaute und schaute, – voller Hoffnung, wenn wieder -ein wehender Mädchenrock auftauchte und voll Grimm, wenn -dann die Eigentümerin desselben die Erwartete nicht war. Zuletzt -kamen keine Röcke mehr und hoffnungslos sank er in sein -dumpfes Brüten zurück. Er betrat allein, vor den andern, das -leere Schulhaus und setzte sich nieder, um weiter zu dulden. -Da trat noch ein verspäteter Rock durchs Thor, hoch auf schlug -Toms Herz in Wonne und Entzücken. Im nächsten Moment -war er draußen und geberdete sich wie ein Indianer, johlte, -lachte, jagte die Jungen vor sich her, setzte über den Zaun mit -Gefahr für Leib und Leben, schlug ein Rad, stellte sich auf den -Kopf, kurz, er verrichtete unzählige Heldenthaten und hielt dabei -immer sein wachsames Auge auf Becky geheftet, um zu sehen, -ob sie Notiz davon nähme. Sie aber schien sich seiner Gegenwart -völlig unbewußt, sah gar nicht nach ihm hin. Konnte es -möglich sein, daß sie gar nicht wisse, er sei in der Nähe? Nun -begann er seine Heldenthaten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft -auszuführen. Er umkreiste sie mit wildem Geheul, riß -einem Jungen die Mütze vom Kopf und schleuderte diese auf -das Dach des Schulhauses, brach dann gewaltsam durch einen<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[119]</span> -Haufen Jungen hindurch, die nach allen Richtungen umpurzelten, -fiel dabei selber zappelnd dicht vor die Nase Beckys hin, diese -beinahe mit sich zu Boden reißend. Sie aber wandte sich, hob -das Näschen in die Luft und er hörte sie sagen:</p> - -<p>»Ph – ph! 's giebt Jungens, die sich für furchtbar interessant -halten, – immer müssen sie sich zeigen!«</p> - -<p>Toms Wangen brannten. Er rappelte sich auf und schlich -davon, gedemütigt, vernichtet.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-120"> - <img src="images/illu-120.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[120]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.</h2> -</div> - -<div class="ulshapepic" id="illu-121"> -<div class="boxu box121u"> -<img src="images/illu-121.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box121l" /> -</div> - -<p class="drop">Tom war nun fest entschlossen. Er war finsterer, -verzweifelter Gedanken voll. Er kam sich als -verlassener, freundloser Knabe vor, den niemand -liebte. Wenn sie erst merkten, zu was -ihre Lieblosigkeit ihn getrieben, würde es -ihnen vielleicht leid sein. Er hatte versucht, -das Rechte zu thun, gut zu sein, sie ließen's -ja nicht zu. Da sie ihn denn -durchaus los sein wollten, so -sollten sie ihren Willen haben; -natürlich würden sie ihn allein für die Folgen verantwortlich -machen, – aber so ist's immer! Hat ein Freudloser und Verstoßener -das Recht zu klagen? Jetzt, da sie ihn zum Aeußersten -getrieben, wollte er das Leben eines Verbrechers führen. Ihm -blieb keine Wahl. Unter solchen Betrachtungen war er weit -über die Wiesen geschritten und die Schulglocke, welche die -Säumigen mahnte, klang ihm nur noch schwach ins Ohr. Er -schluchzte jetzt bei'm Gedanken, daß er nie, nie wieder diesen altvertrauten -Ton vernehmen solle, – es war hart, so furchtbar -hart, aber – sie zwangen ihn ja dazu. Da sie ihn vertrieben -hatten, hinausgestoßen in die kalte, unbarmherzige Welt, so<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[121]</span> -mußte er sich drein ergeben, – aber er verzieh ihnen, verzieh -ihnen allen. Das Schluchzen wurde stärker, erschütternder.</p> - -<p>In diesem Moment stieß er auf seines Herzens innigsten -Freund – Joe Harper, der finster blickend daher trottete, augenscheinlich -einen schrecklichen, schwerwiegenden Entschluß in seiner -Seele herumwälzend. Hier waren offenbar ›zwei Seelen und -ein Gedanke!‹ Tom, der sich die Augen mit seinem Aermel -wischte, fing an, etwas Unzusammenhängendes hervor zu stottern, -von einem Entschluß, sich den Mißhandlungen und dem Mangel -an Verständnis daheim durch seine Flucht in die weite Welt zu -entziehen, nie, niemals wiederzukehren, und schloß damit, daß er -Joe bat, ihm ein treues Gedenken zu bewahren.</p> - -<p>Da zeigte sich aber, daß Joe just eben um ganz dasselbe -hatte bitten wollen und gerade zu dem Zweck gekommen war, -Tom aufzuspüren. Seine Mutter hatte ihn geprügelt, weil er -Rahm getrunken haben sollte, von dem er doch rein gar nichts -wußte. Es sei klar, sie wolle nichts mehr von ihm wissen und -ihn los sein. Solchen Empfindungen gegenüber – was bleibe -ihm da anders übrig, als sich darein zu ergeben? Möge es -ihr wohl ergehen und sie niemals bereuen, ihren armen Jungen -hinausgetrieben zu haben in die kalte, gefühllose Welt, um da zu -leiden und schließlich zu sterben.</p> - -<p>Wie nun die zwei trauernden Jünglinge so dahin wandelten, -schlossen sie einen Pakt, fest zusammenzustehen wie Brüder, nicht -voneinander zu lassen, bis der Tod sie einst scheide und sie erlöse -von ihrem Jammer. Dann begannen sie Pläne zu schmieden. -Joe war dafür, ein Eremit zu werden, von harten Brotkrusten -und Wasser in einer finstern Höhle zu leben und eines Tages -aus Not, Kälte und Kummer zu sterben. Nachdem er aber -Toms Plan gehört, gab er zu, daß das Leben eines Verbrechers -doch einige hervorragende Vorteile böte und willigte ein, als -Seeräuber sein Heil zu probieren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[122]</span></p> - -<p>Drei Meilen unterhalb St. Petersburg, an einer Stelle, -wo der Mississippi etwas mehr als eine Meile breit war, lag -eine lange, schmale, bewaldete Insel mit einer seichten Sandbank -an der Spitze. Diese Insel war nicht bewohnt, lag weit -drüben gegen das andere Ufer zu, das mit einem ausgedehnten, -menschenleeren, fast undurchdringlichen Walde bestanden war. -Das schien ein Ort wie gemacht für das Unternehmen, und so -wurde denn die Jackson-Insel gewählt. Welches die Opfer sein -sollten für ihr Seeräubertum, das kam den Jungen nicht in den -Sinn. Vor allem trieben sie nun Huckleberry Finn irgendwo -auf, der sich ihnen sofort anschloß. Jegliche Laufbahn war ihm -recht, er war nicht wählerisch. Nachdem sie alles verabredet -hatten, trennten sie sich, um sich an einer einsamen Stelle des -Flußufers, zwei Meilen oberhalb des Städtchens, wieder zu -treffen, um Mitternacht, zu ihrer Lieblingsstunde. Dort wußten -sie von einem kleinen Holzfloß, das sie sich anzueignen gedachten. -Jeder von den dreien wollte eine Angelrute und Haken mitbringen, -dazu solche Eßvorräte, deren er sich auf möglichst versteckte -und geheimnisvolle Weise bemächtigen konnte, wie es -Ausgestoßenen und Geächteten ihrer Art zukam. Bevor noch -der Nachmittag verflossen, war es ihnen gelungen, heimlicher -Wonne voll, im ganzen Städtchen das Gerücht zu verbreiten, -es werde sich in Bälde etwas sehr Merkwürdiges ereignen. Alle, -die diesen Wink erhielten, bekamen zugleich die Mahnung, zu -schweigen und abzuwarten.</p> - -<p>Um Mitternacht erschien Tom mit einem gekochten Schinken -und noch sonstigen Kleinigkeiten in dem dichten Untergehölz des -steilen Uferabhangs, das zum Sammelplatz bestimmt worden. -Es war sternklar und totenstill. Der mächtige Strom lag, ozeangleich, -in friedlicher Ruhe da. Tom lauschte einen Moment, -kein Laut unterbrach die feierliche Stille. Er ließ ein leises, -langgezogenes Pfeifen ertönen, das von unten erwidert wurde;<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[123]</span> -zweimal noch pfiff Tom, beidemale wurde das Signal in derselben -Weise beantwortet. Nun fragte eine leise Stimme:</p> - -<p>»Wer naht sich dort?«</p> - -<p>»Tom Sawyer, der Schwarze, Rächer der spanischen Meere. -Nennt Eure Namen!«</p> - -<p>»Huck Finn, die ›blutige Hand‹ und Joe Harper, der ›Schrecken -der See‹.« Tom hatte diese Titel aus seiner Lieblings-Litteratur -geschöpft.</p> - -<p>»Gebt das Feldgeschrei!«</p> - -<p>In dumpfem, grauenvoll durchdringendem Flüsterton erklang -von zwei Stimmen zugleich dasselbe schreckliche Wort in die -brütende Nacht hinein:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Blut!</em>«</p> - -<p>Nun kollerte Tom seinen Schinken über den Abhang und -ließ sich selber nachgleiten, wobei er Haut und Kleider empfindlich -verletzte. Wohl gab's einen leichten, bequemen Pfad, den -Abhang hinunter und am Ufer entlang, dem aber fehlten jene -unerläßlichen Eigenschaften von Schwierigkeit und Gefahr, die -ein Seeräuber vor allen andern schätzt.</p> - -<p>Der ›Schrecken der See‹ hatte eine riesige Speckseite geliefert -und sich halb krumm und lahm geschleppt, um sie herbeizubringen. -Finn, der ›Blut-Händige‹, hatte einen Kochkessel -gestohlen, dazu eine Portion halbgetrocknete Tabaksblätter und -einige Maiskolben, um Pfeifen draus zu machen. Keiner der -Piraten freilich rauchte oder kaute Tabak, als nur er selber. -Der ›Schwarze Rächer der spanischen Meere‹ meinte, man -könnte nimmermehr das Unternehmen ins Werk setzen, ohne -Feuer an Bord zu haben. Der Gedanke war weise, auch schritt -man sofort zur That. In der Entfernung glimmte ein Feuer -auf einem großen Floße, dahin schlichen sie nun und verschafften -sich einen Holzbrand. Aus dieser Expedition machten sie sich -mit Wonne und umständlicher Wichtigkeit ein gefährliches Abenteuer<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[124]</span> -zurecht. Unterwegs hielten sie fast jede Minute an, sagten -›Pst‹ und legten den Finger auf die Lippen. Ihre Hände umfaßten -eingebildete Schwertergriffe, leise Befehle wurden geflüstert, -daß, wenn der ›Feind‹ sich rege, er ›kalt gemacht‹ -werden müsse, denn ›tote Menschen plaudern nichts mehr aus!‹ -Die Jungen wußten freilich mit Bestimmtheit, daß die Flößer -unten in der Stadt waren, entweder um Vorräte einzukaufen, -oder um zu zechen, das war aber für sie kein Grund, sich weniger -piratenmäßig bei der Sache zu benehmen.</p> - -<p>Glücklich zurückgekehrt von dem gefahrvollen Feuer-Raubzug, -stießen sie alsbald vom Lande. Tom hatte den Oberbefehl, -Huck saß am hinteren Ruder, Joe vorn. Tom stand mitten auf -dem Floße. Finster blickend, mit über der Brust gekreuzten -Armen, erteilte er seine Befehle in leisem, strengem Flüsterton.</p> - -<p>»Luven! Vor den Wind!«</p> - -<p>»Geluvt ist, Kap'tän.«</p> - -<p>»Stet, Jungens, ste–e–et!«</p> - -<p>»Stet ist's, Kap'tän.«</p> - -<p>»Einen Strich rechts abgehen!«</p> - -<p>»Ein Strich ist's!«</p> - -<p>Während die Jungen das Floß unverweilt gegen die Mitte -des Stromes zutreiben ließen, verstand es sich von selbst, daß -alle diese Befehle nur der Form halber erteilt wurden und -weiter gar nichts zu bedeuten hatten.</p> - -<p>»Welche Segel führt das Boot?«</p> - -<p>»Hauptsegel, Topsegel und fliegenden Klüver, Kap'tän.«</p> - -<p>»Oberbramsegel auf! Ihr dort flink, 'n halb' Dutzend an -die Fockmarsleesegel! Lustig, Jungens, rührt euch!«</p> - -<p>»Eh, eh, Kap'tän!«</p> - -<p>»Marssegel vom Hauptmast! Schoten und Brassen! Vorwärts, -Jungens.«</p> - -<p>»Eh, Kap'tän!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[125]</span></p> - -<p>»Ruder nach Lee – hart an Backbord. Backbord – Backbord! -Nun Leute, frisch drauf los. Stet – ste–e–et!«</p> - -<p>»Stet ist's, Kap'tän!«</p> - -<p>Das Floß begann die Mitte des Stromes zu kreuzen und -auf das andere Ufer zuzuhalten. Die Jungen gaben der Spitze -desselben die rechte Richtung und zogen dann die Ruder ein. -Kaum ein Wort wurde gewechselt während der nächsten halben -Stunde. Jetzt trieb das Floß am fernen Städtchen vorüber. -Zwei oder drei schimmernde Lichter zeigten, wo dasselbe lag, in -süßem, friedlichem Schlummer, jenseits dieser endlosen, ungeheuren, -sternbeschienenen Wasserflut, ohne Ahnung von dem tief eingreifenden -Ereignis, das soeben im Begriff war sich abzuspielen. -Der ›Schwarze Rächer‹ stand da mit gekreuzten Armen, einen -letzten Blick werfend auf den Schauplatz seiner früheren Freuden -und späteren Leiden, und wünschte sehnlichst, ›Sie‹ könnte ihn -jetzt sehen, da draußen auf der wilden See, der Gefahr und -dem Tode ins Antlitz schauend, unverzagten Herzens, mit einem -grimmigen Lächeln auf den Lippen seinem Untergang entgegengehend. -Seiner Einbildungskraft war es ein Geringes, die -Jackson-Insel aus der Gesichtsweite des Städtchens weg zu versetzen, -und so sandte er demselben denn seinen ›letzten Blick‹, -zufriedenen, wenngleich gebrochenen Herzens. Die andern Piraten -sandten desgleichen ihre letzten Blicke und blickten so anhaltend -und so lange, daß die Strömung sie beinahe aus dem Bereich -der Insel fortgetrieben hätte. Diese Gefahr aber wurde noch -beizeiten entdeckt und derselben mit Erfolg Einhalt gethan. -Etwa um zwei Uhr morgens trieb das Floß an der Sandbank -auf, ungefähr hundert Meter oberhalb der Spitze der Insel, und -die Jungen wateten nun durch das Wasser hin und zurück, bis -sie ihre Ladung glücklich gelandet und in Sicherheit gebracht -hatten. Zu dem kleinen Floß gehörte auch ein altes Segel, -welches sie an einem heimlichen Plätzchen im Gebüsch als Zelt<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[126]</span> -ausspannten, um die Vorräte darunter zu bergen. Sie selbst -aber wollten unter freiem Himmel schlafen, in Wind und Wetter, -wie es solchen Ausgestoßenen der Menschheit zukam.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-127" > - <img src="images/illu-127.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Sie schichteten Holz zu einem Feuer auf neben einem dicken, -alten, abgestorbenen Baumstamm, der etwa zwanzig bis dreißig -Schritte weit in der düstern Tiefe des Waldes stand, brieten -sich Speck zum Abendessen und ließen sich's köstlich munden. -Herrlich, unbeschreiblich schön war das wilde, freie Leben im -jungfräulichen Walde einer unbekannten, unbewohnten Insel, -weitab vom Getriebe der Menschen, und sie schwuren sich, nimmermehr -zurückzukehren in die Fesseln der Zivilisation. Das aufglimmende -Feuer beleuchtete ihre Gesichter und warf seinen roten -Schein auf die säulenartigen Baumstämme dieses grünen Waldtempels, -auf das schimmernde Laub und die alles umrankenden, -wilden Reben. Als die letzte knusperige Speckschnitte verschwunden,<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[127]</span> -die letzte Brotkrume aufgezehrt war, streckten sich die Jungen auf -dem Moose aus, erfüllt von köstlichstem Behagen. Wohl hätten -sie ein kühleres Plätzchen finden können, aber sie mochten sich -das romantische Gefühl nicht versagen, am leise flackernden Lager-Feuer -zu rösten.</p> - -<p>»Ist das nun nicht lustig?« fragte Joe.</p> - -<p>»Famos,« bestätigte Tom.</p> - -<p>»Was würden die Jungen sagen, wenn sie uns so sehen -könnten!«</p> - -<p>»Sagen? Ei, die ließen sich tot schlagen, wenn sie nur -hier sein könnten, – he, Huckchen?«</p> - -<p>»Das will ich meinen!« brummte Huckleberry, »mir wenigstens -gefällt's und ich wünsch' mir nichts anderes. Für gewöhnlich -krieg' ich nicht satt – hier kann mich auch keiner herumstoßen -und seine Stiefel an mir abputzen, danke!«</p> - -<p>»Das ist just ein Leben für mich,« jubelte Tom, »morgens -braucht man nicht aufzustehen, braucht nicht in die Schule, sich -nicht zu waschen und all den andern dummen Firlefanz. Siehst -du nun, Joe, ein Pirat hat gar nichts zu thun, so lang er am -Lande ist, ein Eremit aber, der muß beten, beten, beten bis -er schwarz wird, und hat nie ein Vergnügen, immer so allein -für sich.«</p> - -<p>»Das ist auch wahr,« meinte Joe, »ich hab' eben nicht -weiter drüber nachgedacht. Jetzt will ich selber viel lieber Seeräuber -sein, seit ich's probiert hab'.«</p> - -<p>»Außerdem,« belehrte Tom, »giebt man heutzutage nicht -mehr so viel auf Eremiten, wie früher in alten Zeiten, während -ein Pirat überall geachtet ist. Ein Eremit muß auch immer -auf dem allerhärtesten Platz schlafen, den er finden kann, muß -Asche auf sein Haupt streuen und –«</p> - -<p>»Asche? Zu was denn die Asche auf den Kopf?« fragte Huck.</p> - -<p>»Das weiß ich selber nicht. Aber das müssen sie – alle<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[128]</span> -Eremiten thun's. Du hättst's auch zu thun, wenn du einer -wärst.«</p> - -<p>»Die sollten mir kommen,« versetzte Huck.</p> - -<p>»Na, was thät'st du denn?«</p> - -<p>»Das weiß ich noch nicht. Aber Asche auf den Kopf -sicher nicht.«</p> - -<p>»Aber Huck, das müßtest du einfach. Wie wolltest du da -drum herum kommen?«</p> - -<p>»Ei, ich würd's eben nicht leiden. Ich risse aus!«</p> - -<p>»Ausreißen! Na, du wärst ein nettes altes Gestell von -einem Eremiten, weiß Gott, ein wahrer Schandfleck für die -andern!«</p> - -<p>Der ›Blut-Händige‹ gab keine Antwort, da er Besseres zu -thun hatte. Er war soeben damit fertig geworden, einen Maiskolben -auszuhöhlen; nun befestigte er einen Binsenhalm dran, -stopfte den Kolben mit Tabak, legte eine glühende Kohle darauf -und hüllte sich in eine Wolke lieblich duftenden Dampfes. Man -sah ihm ordentlich an, wie er sich im höchsten Stadium wollüstigen -Behagens befand. Die andern Piraten neideten ihm -den Besitz solch imponierend lasterhafter Kunst und beschlossen -heimlich, dieselbe in kürzester Frist sich anzueignen. Nach einer -Weile fragte Huck:</p> - -<p>»Was haben denn Seeräuber eigentlich zu thun?«</p> - -<p>Worauf Tom erwiderte:</p> - -<p>»O, die haben Zeitvertreib genug. Die kapern Schiffe -und verbrennen sie, nehmen alles Geld weg und vergraben's -an ganz schrecklich gruseligen Plätzen auf ihrer Insel, wo's -Geister und solche Wesen giebt, die den Schatz bewachen. Dann -töten sie jedermann auf den Schiffen – lassen alle über die -Planken springen –«</p> - -<p>»Und die Frauen schleppen sie ans Land,« vervollständigte -Joe, »die töten sie nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[129]</span></p> - -<p>»Nein,« stimmte Tom bei, »Frauen töten sie nicht, dazu -sind sie zu edel. Die Frauen sind auch immer sehr schön.«</p> - -<p>»Und was für Kleider sie tragen! 's ist 'ne wahre Pracht; -alles voll Gold und Silber und Diamanten,« fiel Joe ganz -begeistert ein.</p> - -<p>»Wer?« fragte Huck.</p> - -<p>»Nun die Piraten doch!«</p> - -<p>Huck sah nachdenklich an seiner Gewandung hinunter.</p> - -<p>»Na, meine Kleider sind dann schwerlich für einen Piraten -geschaffen,« bemerkte er mit einer gewissen erhabenen Trauer in -der Stimme, »ich habe aber keine anderen nicht!«</p> - -<p>Seine beiden Kameraden trösteten ihn, die schönen Kleider -würden schnell genug kommen, wenn man nur erst auf Abenteuer -auszöge. Sie gaben ihm zu verstehen, daß seine ärmlichen -Lumpen für den Anfang genügen sollten, obgleich gut gestellte -Seeräuber für gewöhnlich in passender Garderobe auszögen.</p> - -<p>Allmählich erstarb das Geplauder, Müdigkeit begann die -Lider der kleinen Strolche schwer zu machen. Die Pfeife entglitt -den Fingern des ›Blut-Händigen‹ und er schlief den tiefen -Schlaf des Gerechten und – Müden. Der ›Schrecken der See,‹ -ebenso auch der ›Schwarze Rächer der Spanischen Meere‹ -hatten größere Schwierigkeit im Erlangen des Schlafes. Sie -sagten ihre Gebete nur innerlich her, da keine Autorität zugegen -war, die sie zum Knieen und lauten Aufsagen angehalten hätte. -Zuerst hatten sie vorgehabt, gar nicht zu beten, vor solchem -Wagnis aber schreckten sie schließlich doch zurück, aus Furcht, es -könne ein ganz besonderer Donnerkeil vom Himmel auf ihre -schuldigen Häupter niedersausen. Als sie endlich, endlich, ganz -nahe am Rande des tiefen Abgrunds, Schlaf genannt, lagen -und schon darein zu versinken dachten, da nahte wiederum ein -Etwas, ein Störenfried, der sich nicht abweisen lassen wollte. -Es war das Gewissen! Es überkam sie eine unbestimmte Ahnung<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[130]</span> -des Unrechts, das sie begangen mit ihrem Davonlaufen, dann -tauchte das gestohlene Fleisch auf und die Tortur begann. Sie -versuchten dem Gewissen vorzuhalten, wie sie oft und oft Anlehen -an die Speisekammer der Ihren gemacht in Aepfeln und -andern Süßigkeiten, das Gewissen aber gab sich mit solch durchsichtigen -Ausflüchten nicht zufrieden. Es bewies ihnen klar und -unbestreitbar, wie sich die Thatsache nicht umgehen lasse, daß -das Einstecken von Aepfeln, Süßigkeiten etc. nur ›krippsen‹ heiße, -während das Wegnehmen von Speckseiten, Schinken und ähnlichen -wertvolleren Gegenständen, einfacher, gewöhnlicher Diebstahl -genannt werden müsse, – wogegen es ein dräuendes Gebot -in der Bibel gab. Demzufolge beschlossen sie innerlich, daß, -solange sie das Piratengeschäft betrieben, ihre Raubzüge nicht -wieder mit dem Verbrechen des Diebstahls besudelt werden -dürften. Das Gewissen gab sich denn auch damit zufrieden, -schloß einen Waffenstillstand und unsre merkwürdig inkonsequenten -›Seeräuber‹ versanken in einen friedlichen, ungestörten Schlummer.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-131"> - <img src="images/illu-131.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[131]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Als Tom am Morgen erwachte, konnte er sich kaum besinnen, -wo er eigentlich sei. Er setzte sich auf, rieb sich -die Augen und blickte um sich, dann überkam ihn die Erinnerung. -Der Tag begann eben zu grauen, kühl und wonnig. Es lag -ein köstliches Gefühl der Ruhe und des Friedens in der tiefen, -alles umfangenden Stille, dem Schweigen des Waldes. Kein -Blatt rührte sich, kein Ton unterbrach das sinnende Nachdenken -der großen Natur. Tautropfen perlten auf Blättern und Gräsern. -Eine Schicht weißer Asche bedeckte das Feuer, von dem sich ein -dünnes, bläuliches Rauchwölkchen in die stille Luft emporkräuselte. -Joe und Huck schliefen noch. Jetzt erklang, weit drüben im -Walde, der Ruf eines Vogels, ein andrer antwortete, dann -hörte man das Hämmern eines Spechtes. Allmählich lüftete sich -das kühle, fahle Grau der Morgendämmerung, ebenso allmählich -vermehrten sich die Töne, das neu erwachte Leben begann sich -allenthalben kund zu thun. Das große Wunder, wie die Natur -den Schlaf abschüttelt und ihr Tagewerk aufnimmt, entfaltete -sich vor den Augen des staunenden Knaben. Eine kleine, grüne -Raupe kam über ein taufrisches Blatt daher gekrochen, von Zeit -zu Zeit dreiviertel ihres Körperchens in die Luft hebend und -herum schnüffelnd, dann wieder vorwärts strebend. »Aha, die -kommt zum Anmessen,« dachte Tom und als das Tierchen aus<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[132]</span> -freien Stücken sich ihm näherte, saß er stockstill, hoffend und -bangend, je nachdem das Geschöpf die Richtung auf ihn zu -nehmen oder sich anderswo hinzuwenden schien. Als es aber -zuletzt, nach einem bangen Moment des Zweifels, während dessen -es den gekrümmten Körper in der Luft hin und her bewegte, -sich ganz entschieden auf Toms Bein gleiten ließ und die Reise -längs desselben begann, da füllte Freude Toms Herz, denn das -bedeutete, daß er einen neuen Anzug bekommen würde, – ohne -Zweifel eine glänzende Piratenuniform. Jetzt erschien ein Zug -von Ameisen, man wußte nicht woher, sie gingen auf Arbeit -aus. Eine derselben schleppte sich mutig mit einer toten Spinne, -fünfmal so groß als sie selber, und lootste dieselbe direkt einen -Baumstamm hinauf. Ein schwarzgeflecktes Johanniskäferchen erklomm -die steile Höhe eines Grashalms, Tom beugte sich dicht -zu demselben nieder und sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Johanniskäferchen flieg',</div> - <div class="verse indent0">Der Vater ist im Krieg;</div> - <div class="verse indent0">Flieg, flieg, dein Häuschen brennt,</div> - <div class="verse indent0">'s sitzen sieben Kinderchen drin!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und Johanniskäferchen entfaltete die kleinen Schwingen und -flog davon, um zu Hause nachzusehen, was den Jungen keineswegs -verwunderte, wußte er doch aus Erfahrung, wie leichtgläubig -das dumme Ding sei, namentlich in Betreff der Feuersbrünste, -und er hatte der kleinen Einfalt schon oftmals denselben -Streich gespielt. Die Vögel lärmten nun förmlich im Gezweige -der Bäume. Ein Rotkehlchen saß in einem Aste über Toms -Kopf und schmetterte seine Triller aus voller Brust hinaus in -den lichten Morgen. Ein blauschwarzer Häher schoß nieder, -gleich dem Strahl einer blauen Flamme, setzte sich auf einen -Busch, ganz dicht im Bereich des Knaben, legte den Kopf auf -die Seite und beäugelte die Fremden mit lebhafter Neugierde. -Ein graues Eichhörnchen und ein stämmiger Bursch aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[133]</span> -Fuchs-Familie kamen angerannt, setzten sich auf die Hinterbeine -und betrachteten furchtlos die Eindringlinge. Die harmlosen -Geschöpfe hatten wohl noch niemals ein menschliches Wesen -gesehen und wußten offenbar nicht, ob man sich fürchten müsse -oder freuen. Die ganze Natur war jetzt völlig wach und in -Bewegung. Gleich blitzenden Lanzen drangen die goldenen -Strahlen des Sonnenlichtes durch das dichte Laubwerk nah und -fern, auch kleine buntfarbige Schmetterlinge kamen herbeigeflogen.</p> - -<p>Tom ermunterte nun die beiden andern Piraten und eine -Minute später trabten sie mit einem Freudengeheul dem Ufer -zu, warfen die Kleider ab und jagten und überpurzelten sich in -dem seichten, lauen Wasser bei der Sandbank. Keine Spur -von Sehnsucht empfanden sie nach dem Städtchen da drüben, -das jenseits der endlosen, majestätischen Wasserfläche noch im -Schlafe lag. Eine verirrte Welle, oder auch eine leichte Schwellung -des Stroms, hatte ihr Floß entführt, dies aber diente den Jungen -nur zur Befriedigung, denn durch sein Verschwinden waren gleichsam -die Brücken zwischen ihnen und der Zivilisation abgebrochen.</p> - -<p>Wunderbar erfrischt kehrten sie in ihr Lager zurück, sorglos, -glückstrahlend und mit einem Wolfshunger. Bald flackerte -das Feuer auf in hellen Flammen; Huck entdeckte eine Quelle -frischen, kalten Wassers dicht beim Lager. Die Jungen machten -sich Becher aus großen Eichen- und Ahornblättern und fanden, -daß Wasser, durch solch eigenartigen, wilden Waldeszauber versüßt, -der beste Ersatz für Kaffee sei. Während Joe sich eben -anschickte, Speckschnitten zum Frühstück abzuschneiden, riefen ihm -Huck und Tom zu, er möge eine Minute warten, griffen zur -Angel, liefen zum Flusse, warfen die Leine aus und ehe noch -Joe Zeit hatte, ungeduldig zu werden, waren sie schon zurück -mit einem Vorrat an Fischen, der für eine ganze Familie ausgereicht -haben würde. Sie brieten nun Fische zusamt dem Speck -und noch nie hatte ihnen ein Fisch so köstlich geschmeckt. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[134]</span> -wußten ja nicht, daß ein Süßwasserfisch um so besser ist, je -schneller er in die Pfanne kommt, auch dachten sie nicht daran, -welche treffliche Würze Schlaf und Bewegung im Freien, das -Bad und ein gehöriger Hunger abgaben.</p> - -<p>Nach dem Frühstück lagen sie im Schatten herum, während -Huck sein Pfeifchen schmauchte, und dann rüsteten sie sich, eine -Entdeckungsreise auf der Insel vorzunehmen. Lustig trabten sie -dahin, über modernde Baumstämme, durch wirres Unterholz, zu -Füßen der erhabenen Fürsten der Wälder, die von den Kronen -bis zur Wurzel, als Zeichen ihrer Würde, mit dem Wundergerank -der Reben gleich einem duftenden Krönungsmantel behangen -waren. Hie und da trafen sie auf saftiggrüne, lauschige Plätzchen, -die mit weichem Grase und Blumen wie ausgepolstert -waren.</p> - -<p>Massenhaft fanden sie Dinge, die sie entzückten, nichts, das -ihnen seltsam vorkam. Sie entdeckten, daß die Insel vielleicht -drei Meilen lang und eine Viertelstunde breit sei und daß das -Ufer, dem sie zunächst lag, nur durch einen schmalen Kanal von -etwa hundert Meter Breite von derselben geschieden war. Jede -Stunde einmal erfrischten sie sich durch eine kleine Schwimmexkursion -und so war der Nachmittag schon weit vorgerückt, als -sie zum Lager zurückkehrten. Sie waren zu hungrig, um noch -erst lange zu fischen, erquickten sich dagegen aufs beste am kalten -Schinken und warfen sich dann in den Schatten auf das Moos, -um zu plaudern. Das Gespräch erlahmte bald und hörte dann -ganz auf. Die Stille, die Feierlichkeit, die über dem Walde -lag, begann, zusamt dem Gefühl der Einsamkeit, die Gemüter -der Knaben zu bedrücken. Sie verfielen in Nachdenken. Eine -Art unbestimmter Sehnsucht beschlich sie, die alsbald leise Gestalt -annahm, – es war aufkeimendes Heimweh. Selbst Finn, -der ›Blut-Händige‹, träumte von seinen heimatlichen Treppenstufen -und leeren Schweineställen. Alle drei aber schämten sie<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[135]</span> -sich ihrer Schwäche und keiner hatte das Herz, seinen Gedanken -Worte zu geben.</p> - -<p>Schon seit ein paar Minuten waren die Jungen sich undeutlich -bewußt, daß ein eigentümlicher Ton aus der Ferne zu -ihnen herüberklang, gerade wie man das Ticken einer Uhr hört, -ohne sich davon Rechenschaft zu geben. Jetzt aber gewann der -geheimnisvolle Ton an Kraft und drängte sich förmlich der -Wahrnehmung auf. Die Jungen fuhren zusammen, sahen sich -an und richteten sich in lauschender Stellung empor. Ein langes -Schweigen folgte, tief und ununterbrochen, dann ertönte ein -dumpfes, dröhnendes ›Bum‹ aus der Entfernung über das -Wasser herüber.</p> - -<p>»Was ist das?« rief Joe mit unterdrückter Stimme.</p> - -<p>»Möcht's selber wissen,« flüsterte Tom.</p> - -<p>»Donner ist's keiner,« meinte Huck in ängstlichem Ton, -»denn Donner –«</p> - -<p>»Still,« gebot Tom, »schwätz' nicht; horch lieber!«</p> - -<p>Wieder warteten sie eine Zeit lang, die eine Ewigkeit schien, -dann unterbrach dasselbe dumpfe ›Bum‹ die feierliche Stille.</p> - -<p>»Laßt uns doch sehen, ob wir was entdecken können.«</p> - -<p>Damit sprangen sie auf die Füße und rannten dem der -Stadt gegenüber liegenden Ufer zu. Vorsichtig teilten sie die -Büsche und lugten hinter denselben hervor auf das Wasser hinaus. -Die kleine Dampffähre trieb, vielleicht eine Meile unterhalb der -Stadt, mit der Strömung daher. Das breite Deck wimmelte -von Menschen. Eine Menge Boote ruderten um dieselbe herum -oder ließen sich von den Wellen der Fähre treiben, die Jungen -aber konnten nicht sehen, was die Männer in den Booten thaten. -Alsbald brach eine dicke Wolke weißen Rauchs aus der einen -Seite der Fähre hervor und als sie sich zu erheben und zerstreuen -begann, erklang derselbe dumpfe Ton in den Ohren der lauschenden -Knaben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[136]</span></p> - -<p>»Jetzt -weiß ich's,« -rief Tom, »da ist -einer ertrunken.«</p> - -<div class="ulshapepic" id="img-137"> -<div class="boxu box137u"> -<img src="images/illu-137.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box137l" /> -</div> - -<p>»Das ist's, -weiß Gott,« stimmte Huck -bei, »so haben sie's vorigen -Sommer grad' auch gemacht, -als der Bill Turner ertrunken -war. Da haben sie 'ne Kanone losgefeuert -und da kommt dann der Tote herauf -auf's Wasser. Ja, und sie nehmen auch große -Brote und stecken Quecksilber hinein und lassen die schwimmen, -und die schwimmen dann grad' drauf los, wo ein Ertrunkener -liegt und halten da an, damit man ihn findet.«</p> - -<p>»Ja, davon hab' ich auch gehört,« bestätigte Joe, »woher -das Brot das wohl thut?«</p> - -<p>»Na, das Brot selber thut's weniger, als das, was sie -vorher drüber sprechen, den Zauber, mein' ich,« sagte Tom.</p> - -<p>»Aber sie sprechen gar nichts drüber,« versicherte Huck, »ich -war ja ganz nah' dabei und hab' alles gesehen.«</p> - -<p>»Das wär' sonderbar,« meinte Tom, »vielleicht sagen sie's -nur leise. Natürlich ist's so, das könnt' ein Kind wissen,« fügte -er geringschätzend bei.</p> - -<p>Die andern beiden gaben denn auch zu, daß Tom recht haben -könne. Von einem unvernünftigen Brot, das, unbelehrt durch<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[137]</span> -irgend einen Zauberspruch, mit solch ernster, wichtiger Sendung -betraut werde, könne man doch unmöglich viel Verstand erwarten.</p> - -<p>»Weiß Gott, ich wollt', ich wär' drüben dabei,« rief Joe.</p> - -<p>»Ich auch,« bekräftigte Huck, »ich gäb' alles drum, wenn -ich wüßt', wer da gesucht wird.«</p> - -<p>Wieder lauschten die Jungen und beobachteten. Plötzlich tauchte -ein erleuchtender Gedanke blitzartig in Toms Hirn auf und er rief:</p> - -<p>»Jungens, ich weiß, wer dort ertrunken ist – wir sind's!«</p> - -<p>Und sie fühlten sich als Helden im nächsten Augenblick. -Das war ein glorreicher Triumph! Sie wurden vermißt, betrauert, -Herzen brachen ihretwegen, Thränen flossen. Anklagende -Erinnerungen an Unfreundlichkeiten gegen diese armen, nun verlorenen -Knaben tauchten auf, Bedauern und Reue beschlich die -betreffenden Herzen, und was noch das Beste von allem war, -die Verschwundenen bildeten das Gespräch der ganzen Stadt. -Alle andern Jungen mußten sie glühend beneiden um diese -glänzende, öffentliche Berühmtheit. Das war herrlich! Dafür -lohnte es sich wahrhaftig, Pirat zu sein!</p> - -<p>Die Dämmerung begann, die Dampffähre kehrte zu ihrer -gewöhnlichen Beschäftigung zurück, die Boote verschwanden und -die Piraten begaben sich nach ihrem Lager. Sie strahlten -förmlich vor Wonne und Eitelkeit über ihre neue Größe und -die glorreiche Unruhe, die sie verursachten. Sie fingen Fische, -bereiteten ihr Abendessen, verzehrten es und vertrieben sich -dann die Zeit damit, sich vorzustellen, was man zu Hause -wohl über sie sagte und dachte. Sich die Bilder der allgemeinen -Kümmernis, die ihretwegen herrschte, auszumalen und von ihrem -Standpunkt zu betrachten, gewährte ihnen die höchste Befriedigung. -Als aber die Schatten der Nacht sie zu umhüllen begannen, verstummte -allmählich das Gespräch. Sie saßen und starrten ins -Feuer, während ihre Gedanken offenbar ganz wo anders herumstreiften. -Die Erregung war verflogen und Tom und Joe<span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[138]</span> -konnten sich der leise mahnenden Ueberzeugung nicht erwehren, -daß gewisse Leute zu Hause weit weniger Vergnügen haben -würden an dem lustigen Abenteuer, als sie selber. Böse Ahnungen -tauchten auf, sie fühlten sich unruhig und unglücklich, ein Seufzer -nach dem andern entschlüpfte ihnen, ohne daß sie selber es -merkten. Dann streckte Joe schüchtern einen tastenden ›Fühler‹ -vor, wie wohl die andern dächten über eine Rückkehr zur Zivilisation, -– nicht jetzt natürlich, aber –</p> - -<p>Tom schmetterte ihn mit Verachtung nieder! Huck, der bis -jetzt noch keine Anwandlung von Schwäche empfand, stimmte -Tom bei und der Schwankende suchte sich alsbald heraus zu -reden, um sich mit einem möglichst geringen Makel mattherzigen -Heimwehs aus der Sache zu ziehen. Die Meuterei war für -den Augenblick mit Erfolg unterdrückt.</p> - -<p>Als die Nacht vollends hereinbrach, begann Huck einzunicken -und schnarchte sofort, dann kam die Reihe an Joe. Regungslos -lag Tom, auf seine Ellenbogen gestützt, und beobachtete die zwei -aufmerksam. Dann erhob er sich vorsichtig auf die Kniee und -kroch im Gras umher, beim schwach flackernden Schein des Feuers -nach etwas suchend. Er las ein Stück weißer, cylinderförmiger -Sykomorenrinde nach dem andern auf, untersuchte sie und wählte -schließlich zwei derselben, die ihm die besten schienen. Dann kniete -er am Feuer nieder, kritzelte voll Anstrengung etwas mit seinem -Rotstift auf jedes der Stücke, rollte eines zusammen, steckte es in -seine Tasche und schob das andre in Joes Hut, den er etwas entfernt -von dem Eigentümer hinlegte. Demselben Hut vertraute er -dann noch einige Schuljungen-Kostbarkeiten von fast unschätzbarem -Werte an, als da sind ein Klumpen Kreide, ein Gummiball, drei -Fischhaken und eine kleine Glaskugel, die überall für ›echtes Kristall‹ -ging. Dann schlich er sich auf den Zehenspitzen unter den Bäumen -hin, bis er außer Hörweite war, worauf er sich geradeswegs nach -der Sandbank in Trab setzte.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[139]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Ein paar Minuten später befand sich Tom im seichten Wasser -der Sandbank und watete dem Illinois-Ufer zu. Noch -reichte ihm das Wasser kaum bis zur Brust, als er schon die -Hälfte des Wegs zurückgelegt hatte. Jetzt aber erlaubte die -Strömung kein weiteres Vordringen und kühn begab er sich -dran, die übrigen hundert Meter schwimmend zurückzulegen. Er -ließ sich von der Strömung treiben, die ihn rascher beförderte, -als er selber dachte. Doch gelang es ihm endlich, das Ufer zu -erreichen und an einer niederen Stelle desselben zu landen. Er -fühlte in seiner Tasche nach dem Rindenstück, fand es sicher an -seinem Platz und schritt nun mit triefenden Kleidern waldeinwärts -am Ufer entlang. Kurz vor zehn Uhr kam er an einen freien -Platz, gerade dem heimatlichen Städtchen gegenüber, und sah -die Fähre im Schatten der Bäume am hohen Ufer angekettet. -Alles war still unter den funkelnden Sternen. Er kroch am -Ufer hinab, mit vorsichtigen Blicken ausspähend, glitt ins Wasser -und schwamm mit drei oder vier Stößen nach dem Boot, das -an der Seite der Fähre befestigt war. Dort streckte er sich -unter die Ruderbank und wartete atemlos. Alsbald ertönte eine -heisere Glocke und eine Stimme gab den Befehl zum Abstoßen. -Eine bis zwei Minuten später wurde das Boot von der Fähre -scharf angezogen und die Fahrt hatte begonnen. Tom beglückwünschte<span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[140]</span> -sich selber zu seinem Erfolg, er wußte, es war die -letzte Fahrt diesen Abend. Nach Verlauf von endlosen zwölf -oder fünfzehn Minuten standen die Räder still, Tom schlüpfte -über Bord und schwamm ans Ufer in der Dunkelheit, etwa -fünfzig Meter unterhalb des Städtchens landend, aus Furcht, -noch späten Herumschwärmern zu begegnen. Er flog durch einsame -Gäßchen und befand sich nach kurzem am hintern Zaun -von seiner Tante Hof. Der Zaun war schnell überstiegen, er -näherte sich dem Hause und blickte durch das Fenster des Wohnzimmers, -in dem noch Licht brannte. Dort saßen Tante Polly, -Sid, Mary und Joe Harpers Mutter dicht zusammen und -redeten. Sie saßen vor dem Bett und das Bett befand sich -zwischen ihnen und der Thüre, welche direkt auf den Hof führte. -Tom trat auf den Zehen heran und begann leise auf die Klinke -zu drücken. Die Thüre gab nach und öffnete sich ein klein -wenig mit sanftem Knarren. Vorsichtig erweiterte Tom den -Spalt, bis er ihn für groß genug hielt, um sich auf den Knieen -durchzuschieben. Dann steckte er den Kopf durch und begann -mutig vorwärts zu kriechen.</p> - -<p>»Warum das Licht nur so flackert?« sagte Tante Polly. -– Tom beeilte sich mit dem Hereinkriechen. »Herrgott, die -Thür ist ja offen, so viel ich seh'! Freilich ist sie's. Nehmen die -Schrecknisse gar kein Ende! Geh', Sid, mach' die Thür zu!«</p> - -<p>Gerade zur rechten Zeit verschwand Tom unter dem Bett. -Da lag er mäuschenstill, um nur erst zu Atem zu kommen, dann -kroch er weiter vor, bis dahin, wo er fast seiner Tante Füße -berühren konnte.</p> - -<p>»Ja, wie ich gesagt hab',« fuhr diese fort, »schlecht war -er nicht, was man so schlecht heißt, – nur immer voller -Tollheiten, voller Unsinn und immer oben hinaus, wißt ihr. -Ihm konnte man's aber so wenig übel nehmen wie einem -Füllen; er dachte sich weiter nichts dabei, war weiß Gott<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[141]</span> -der gutherzigste Junge der lebte und –« sie begann zu -weinen.</p> - -<div class="urshapepic" id="img-142"> -<div class="boxu box142u"> -<img src="images/illu-142.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box142r" /> -</div> - -<p>»Grad' so war mein Joe, – immer voller Teufeleien -und zu jedem tollen Streich aufgelegt, aber so selbstlos und gut -dabei, wie nur möglich. Und, der Himmel verzeih' mir's, ich, -ich, seine eigene Mutter, geh' hin und hau' ihn durch, weil ich -mein', er hat den alten Rahm -genommen, denk' nicht dran, -daß ich den doch selber fortgeschüttet -hab', weil er sauer -geworden war. Und jetzt soll ich ihn nie wieder sehen in -dieser Welt, den armen, mißhandelten Jungen, nie, niemals -wieder!« Und Frau Harper schluchzte, als wolle ihr das Herz -brechen.</p> - -<p>»Ich hoffe, Tom ist besser dran, wo er ist,« begann Sid, -»wenn er aber hier in manchem besser –«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Sid!</em>« – Tom fühlte ordentlich den strengen Mahnblick,<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[142]</span> -das drohende Funkeln in den Augen der alten Dame, obgleich -er's nicht sehen konnte.</p> - -<p>»Kein Wort weiter gegen meinen armen Tom, der nun -von uns gegangen ist. Der allmächtige Gott wird sich seiner -schon annehmen, da brauchst du dich nichts drum zu kümmern. -O, Frau Nachbarin, ich weiß nicht, wie ich's überleben soll, -weiß nicht, wie ich's überleben soll! Er war mein ganzer Trost, -obgleich er mir mein altes Herz fast aus dem Leib heraus -quälte!«</p> - -<p>»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der -Name des Herrn sei gelobt! Aber hart ist's, so arg hart! Erst -vorigen Sonntag ließ mir mein Joe einen Schwärmer grad' -unter der Nase platzen, worauf ich ihm eins versetzte, daß er -umfiel. Da dacht' ich nicht, daß er so bald – ach, Herr du -meines Lebens, wenn ich wieder in derselben Lage wäre, ich -würde ihn an mein Herz drücken und küssen.«</p> - -<p>»Ja, ja, ja, Nachbarin, ich weiß, wie Ihnen zu Mut sein -muß, weiß es ganz genau. Gestern nachmittag erst hat mein -Tom dem unvernünftigen Vieh, dem Peter, ›Schmerzenstöter‹ -eingegossen, den er selber hat nehmen sollen. Na, ich denk' die -Katze reißt's Haus ein, so tobt die herum. Und ich, Gott verzeih -mir, geb' dem Jungen einen Klapps auf den Kopf mit -meinem Fingerhut; armer Junge, armer, armer, toter Junge! -Er hat's überstanden jetzt. Und die letzten Worte, die ich von -ihm gehört hab', waren, daß er mir vorwarf –«</p> - -<p>Diese Erinnerung aber war zu viel für die alte Dame, -sie brach vollständig darunter zusammen. Tom schluchzte jetzt -selber, mehr aus Mitleid mit sich, als aus irgend einem andern -Grund. Er hörte, daß Mary weinte und von Zeit zu Zeit ein -freundliches Wort über ihn dazwischen warf. Seine eigene -Meinung von sich stieg um ein Beträchtliches. Der Kummer -seiner Tante rührte ihn aber doch sehr und kaum konnte er der<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[143]</span> -Versuchung widerstehen, hervorzubrechen aus seinem Hinterhalt -und ihren Jammer in Freude zu verwandeln. Der theatralische -Effekt, den solche Scene notwendig hervorrufen mußte, reizte ihn -gewaltig, doch er erwehrte sich dessen tapfer und blieb still. Er -fuhr fort zu lauschen und merkte aus allerlei Bruchstücken der -Reden, die er zusammensetzte, daß man zuerst geglaubt hatte, -er und die Kameraden seien beim Schwimmen verunglückt. Dann -wurde das kleine Floß vermißt. Verschiedene Jungen gaben -nun an, daß die Vermißten gesagt hätten, die ganze Stadt solle -bald was Neues erfahren. Die ›weisen Häupter‹ der Gemeinde -reimten sich nun verschiedenes zusammen und waren schließlich -darin einig, daß die Jungen auf dem Floß davon gegangen und -baldigst in der nächsten Stadt flußabwärts auftauchen dürften. -Gegen Mittag aber war das leere Floß aufgefunden worden, -das etwa vier Meilen unterhalb des Städtchens ans Ufer getrieben -war, und da schwand jede Hoffnung. Sie mußten ertrunken -sein, sonst hätte sie der Hunger vor Nacht nach Hause -gejagt, wenn nicht noch früher. Man glaubte, die Suche nach -den Leichen sei hauptsächlich deshalb erfolglos geblieben, weil -die Ertrunkenen wohl mitten im tiefsten Wasser umgekommen -sein mußten, denn die Jungen waren flotte Schwimmer und -hätten sich sonst sicherlich ans Ufer gerettet. Das war am -Mittwochabend. Wenn es nun nicht gelang, bis Sonntag die -Leichen aufzufinden, so mußte man jeder Hoffnung entsagen, und -es sollte an dem Tage ein Trauergottesdienst in der Kirche abgehalten -werden. Tom schauderte.</p> - -<p>Frau Harper schluchzte ein ›Gutenacht‹ und erhob sich -zum Gehen. Von einem gemeinsamen Antrieb ergriffen, flogen -die beiden verwaisten Frauen einander in die Arme, weinten -sich ein paar Minuten aus und nahmen darauf Abschied. Tante -Polly sagte Sid und Mary mit besonderer Zärtlichkeit ›Gutenacht‹, -Sid schluchzte ein bißchen, Mary aber weinte aus Herzensgrund.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[144]</span></p> - -<p>Jetzt kniete Tante Polly nieder und betete für Tom, so -rührend, so eindringlich, mit solch maßloser Liebe in jedem Wort, -jedem Ton ihrer alten, zitternden Stimme, daß der Missethäter -unter dem Bett wieder förmlich zerfloß in Thränen, lange ehe -sie geendet hatte.</p> - -<p>Er mußte sich sehr ruhig verhalten, eine ganze Zeit, nachdem -sie zu Bett gegangen war, denn wieder und wieder warf -sie sich ruhelos von einer Seite zur andern und stöhnte und -jammerte vor sich hin. Endlich aber wurde sie still, nur noch -zuweilen schluchzte sie leise im Schlafe auf. Jetzt stahl sich Tom -unter dem Bett vor, richtete sich ganz allmählich in die Höhe, -beschattete das Licht mit seiner Hand und betrachtete sie. Sein -Herz floß über vor Mitleid. Er nahm die Sykomorenrinde aus -der Tasche und legte sie neben dem Lichte nieder. Da schoß -ihm ein Gedanke durch den Kopf und er zögerte überlegend. -Sein Gesicht verklärte sich förmlich im Widerschein der erleuchteten -Idee, die ihm gekommen. Hastig nahm er die Rinde wieder -an sich, beugte sich über das alte Antlitz, hauchte einen Kuß auf -ihre Lippen und stahl sich, leise wie er gekommen, durch die -Thüre, die er hinter sich schloß.</p> - -<p>Er schlich den gleichen Weg zurück nach der Fähre, fand -dort niemanden und betrat kühn das Deck. Wußte er doch, daß -sich um diese Zeit nur ein Wächter dort befand und der zog sich -für gewöhnlich in die Kajüte zurück und schlief wie ein Sack. -Er löste den Nachen von der Seite, schlüpfte hinein und glitt -bald darnach, vorsichtig rudernd, stromaufwärts dahin. Als er -eine Meile oberhalb der Stadt war, schlug er die Richtung quer -über den Fluß ein und legte sich tüchtig ins Zeug. Er traf genau -auf die Landungsstelle an der andern Seite. Diese Leistung war -für ihn nicht neu. Nun überlegte Tom, ob er nicht den Nachen -mitnehmen sollte, der doch sozusagen ganz legitime Beute für -einen Seeräuber wäre. Doch wußte er, daß man genaue Nachforschungen<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[145]</span> -nach dem Verbleib anstellen würde und die hätten am -Ende zu unliebsamen Entdeckungen führen können. So sprang er -denn ans Ufer und begab sich sofort in den Wald. Dort setzte -er sich hin, ruhte lange, lange aus und quälte sich dabei namenlos -ab, um sich wach zu erhalten. Dann machte er sich müde, matt und -schläfrig auf den Heimweg. Die Nacht war schon weit vorgerückt. -Es wurde heller Tag, ehe er sich wieder am Ufer gegenüber der -Sandbank befand. Er ruhte sich nochmals aus, bis die Sonne -ganz aufgegangen war und den Strom mit ihrem Glanze übergoldete, -dann warf er sich ins Wasser und bald darauf stand -er triefend am Eingang des Lagers und hörte Joe sagen:</p> - -<p>»Nein, Tom ist treu wie Gold, Huck, der kommt wieder, -der kneift nicht aus! Er weiß, daß das eine Ehrlosigkeit für -einen Piraten wäre, und Tom ist viel zu stolz, um so was zu -thun. Er führt irgend etwas im Schilde, das ist sicher, möcht' -nur wissen was!«</p> - -<p>»Na, aber die Sachen dort im Hut sind doch unser, nicht?«</p> - -<p>»Beinahe, Huck, noch nicht ganz. Hier die Schrift auf der -Rinde sagt: ›Die Sachen gehören euch, sollte ich nicht bis zum -Frühstück zurück sein –‹«</p> - -<p>»Was hiemit der Fall ist,« rief Tom und betrat mit großartigem, -dramatischem Effekt die Scene.</p> - -<p>Ein üppiges Frühstück, aus Speck und Fisch zusammengesetzt, -war bald zur Stelle. Die Jungen machten sich drüber her, Tom -erzählte dabei seine Abenteuer mit entsprechender Ausschmückung. -Sein Ruhm warf einen strahlenden Abglanz auf die andern. -Die Erzählung verwandelte sie alsbald in eine eitle, prahlerische, -lärmende Heldenschar. Dann suchte sich Tom ein stilles, verborgenes -Winkelchen zum Schlafen, während die andern Piraten -sich fertig machten, um zu fischen und auf Entdeckungen auszugehen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[146]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-n.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Nach dem Mittagessen begab sich die ganze Bande zur Sandbank -auf die Suche nach Schildkröten-Eiern. Mit Stöcken -durchwühlten sie den Sand und wo sie eine hohle Stelle fanden, -gruben sie mit den Händen nach und entdeckten oft fünfzig bis -sechzig Eier in einem Loch, runde, weiße, nußgroße Dinger. Am -Abend bereiteten sie sich aus den gebackenen Eiern ein köstliches -Mahl, ebenso ein leckeres Frühstück am nächsten Morgen, einem -Freitag. Danach gingen sie zur Sandbank, schwammen und -tollten im Wasser herum und wälzten sich zur Abwechslung im -heißen Sande, in dem sie sich förmlich eingruben. Plötzlich kam -ihnen der Gedanke, daß der kleiderlose Zustand, in welchem sie -sich befanden, die größte Aehnlichkeit habe mit den Trikots der -Zirkushelden. Augenblicklich wurde ein Kreis in den Sand gezogen, -der einen Zirkus vorstellen mußte, einen Zirkus mit drei -Clowns in demselben, denn keiner der Jungen konnte sich entschließen, -diesen stolzesten, begehrtesten aller Posten einem andern -zu überlassen.</p> - -<p>Als dies Vergnügen bis zur Neige ausgekostet war, sprangen -Huck und Joe nochmals ins Wasser. Tom getraute sich nicht -hinein, da er entdeckte, daß er beim Ausziehen der Hosen seine -Klapperschlangen-Klappern verloren habe. Nur durch ein Wunder -konnte er bis jetzt der Gefahr eines Krampfes beim Schwimmen<span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[147]</span> -entgangen sein ohne den geheimnisvoll wirkenden Schutz dieses -Zaubermittels. Eifrig suchte er danach und als er sie schließlich -fand, die Zauber-Klappern, waren die andern des Schwimmens -müde und ruhebedürftig. Sie schlenderten nun am Ufer hin, -wurden schweigsam, verfielen in Brüten, blieben einer hinter -dem andern zurück und jeder ertappte sich darauf, daß er sehnsüchtig -in die Weite starrte, dorthin, wo das heimatliche Nest -schläfrig im Sonnenbrande dalag. Tom wurde sich mit einem -Male bewußt, daß er mit der großen Zehe ›Becky‹ in den Sand -schrieb. Aergerlich über seine unmännliche Schwäche wischte er's -aus, zog aber im nächsten Moment nichtsdestoweniger dieselben -magischen Linien auf's neue, fast gegen seinen Willen; er konnte -nicht anders. Wieder löschte er dieselben und entzog sich dann -der Versuchung, indem er den beiden Kameraden nachjagte und -sie zusammentrieb.</p> - -<p>Joes Lebensgeister aber waren mittlerweile so gesunken, daß -ein Aufraffen derselben fast unmöglich schien. Er hatte solches -Heimweh, daß er es vor Elend kaum mehr aushalten konnte. -Verräterische Thränen waren dicht am Ueberfließen. Auch Huck -war melancholisch geworden. Tom war gleichfalls sehr niedergeschlagen, -bemühte sich aber redlich, es nicht zu zeigen. Seine -Brust barg ein Geheimnis, das ihm aber zur Mitteilung noch -nicht reif schien. Sollte sich jedoch diese rebellische Niedergeschlagenheit -nicht bannen lassen, so mußte er am Ende doch -damit herausrücken. Mit erkünstelter Heiterkeit rief er plötzlich:</p> - -<p>»Ich wett', Jungens, auf der Insel hier waren schon vor -uns Piraten. Laßt uns noch mal genau alles durchforschen. -Vielleicht haben sie irgendwo 'nen Schatz versteckt. Das wär' -doch ein Hauptspaß, wenn wir plötzlich auf eine verfaulte Kiste -voll Gold und Silber stießen, was?«</p> - -<p>Diese Aussicht vermochte indessen nur eine schwache Begeisterung -zu erregen, die alsbald erstarb, ohne ein Echo erweckt<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[148]</span> -zu haben. Tom versuchte es mit zwei oder drei anderen lockenden -Vorschlägen, – es war verlorne Liebesmüh. Joe saß und -bohrte mit einem Stock im Sand herum und sah sehr brummig -aus. Schließlich rief er ungestüm:</p> - -<p>»Jungens, wir wollen's sein lassen. Ich will heim, hier -ist's so einsam.«</p> - -<p>»Ach, Joe, wart' doch,« beruhigte Tom, »bald denkst du -ganz anders drüber. Denk' doch nur allein ans Fischen!«</p> - -<p>»Was liegt mir am Fischen. Ich will heim!«</p> - -<p>»Aber, Joe, wo findest du wieder einen Platz zum Schwimmen -wie hier?«</p> - -<p>»Schwimmen ist mir ganz egal. Ich mach' mir gar nichts -mehr draus, seit keiner da ist um's zu verbieten. Ich will heim.«</p> - -<p>»Ach Papperlapapp! Wickelkind! Will seine Mama sehen, -was?«</p> - -<p>»Ja, das will ich auch! Ich will meine Mutter sehen, und -wenn du eine hättest, wolltest du's auch. Ich bin kein größeres -Wickelkind als du!« Und Joe schluchzte ein bißchen vor sich hin.</p> - -<p>»Schön, schön! Laß das Kindchen zu seiner Mama gehen, -gelt Huck? Armes, kleines Wickelkind will die Mama sehen. -Soll's haben, armes, kleines Ding. Dir gefällt's hier, Huck, -gelt? Wir zwei bleiben, nicht?«</p> - -<p>Huck ließ ein sehr zweifelhaftes, gedehntes ›Ja–a–a‹ -hören.</p> - -<p>»So lang ich leb', red' ich mit dir nie wieder,« damit erhob -sich Joe und begann sich anzukleiden.</p> - -<p>»Als ob mir daran was läge!« versetzte Tom geringschätzig, -»wir brauchen dich nicht. Geh heim und laß dich auslachen. -Du bist ein schöner Pirat, du! Huck und ich, wir sind -keine Schreikinder, wir bleiben hier, gelt Huck? Der mag laufen -wohin er will, wollen schon fertig werden ohne ihn!«</p> - -<p>Tom war es aber doch nicht recht geheuer bei der Sache<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[149]</span> -und unruhig sah er zu, wie Joe wortlos und halsstarrig fortfuhr -sich anzukleiden. Es ängstigte ihn auch zu sehen, daß Huck -aufmerksam den Vorbereitungen Joes folgte, während er ein -gefahrdrohendes Schweigen beobachtete. Alsbald, ohne ein Wort -des Abschiedes, begann Joe nach dem Illinois-Ufer zuzuwaten. -Tom sank das Herz bis in die äußerste Zehenspitze. Er warf -einen forschenden Blick auf Huck. Dieser vermochte den Blick -nicht auszuhalten und schlug die Augen nieder. Dann sagte er:</p> - -<p>»Ich will auch fort, Tom! 's war vorher schon einsam -und jetzt wird's noch schlimmer. Komm, wir gehen mit!«</p> - -<p>»Ich geh' nicht. Ihr könnt alle weg, wenn ihr wollt. Ich -will bleiben.«</p> - -<p>»Ich, ich denk', ich geh'!«</p> - -<p>»Immerzu, wer hält dich denn?«</p> - -<p>Huck begann seine Kleider aufzuraffen. Dabei sagte er:</p> - -<p>»Tom, ich wollt', du gingst mit. Denk' mal drüber nach. -Drüben am Ufer wollen wir 'ne Zeit lang auf dich warten.«</p> - -<p>»Na, da könnt ihr warten bis ihr schwarz werdet, das kann -ich dir sagen!«</p> - -<p>Kummervoll wandte sich Huck ab und Tom stand und sah -ihm nach, während ihm das glühendste Verlangen, den beiden -zu folgen, fast das Herz abdrückte. Sein Stolz wollte das aber -nicht zulassen. Von Augenblick zu Augenblick hoffte Tom, die -Jungen würden stehen bleiben, die aber wateten entschlossen -vorwärts, ohne sich umzusehen. Plötzlich überfiel ihn das Bewußtsein, -wie still und einsam es um ihn geworden, mit niederschmetternder -Gewalt. Einen letzten Strauß bestand er mit -seinem Stolze, dann stürzte er hinter den Kameraden her, denselben -nachbrüllend:</p> - -<p>»Wartet, so wartet doch, ich muß euch etwas sagen!«</p> - -<p>Die standen still und wandten sich. Als er sie erreichte, -teilte er ihnen sein Geheimnis mit. Sie hörten mürrisch zu;<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[150]</span> -als ihnen aber klar wurde, worauf er loszielte, stießen sie ein -gellendes Kriegsgeheul aus und erklärten den Plan für einen -Kapitalspaß. Wenn er das gleich gesagt hätte, wären sie niemals -weggelaufen, versicherten sie. Tom redete sich heraus, so -gut er konnte. In Wahrheit aber hatte er gefürchtet, selbst die -Enthüllung dieses geheimnisvollen Plans vermöchte nicht, sie -für die Länge der Zeit auf der Insel festzuhalten, und darum -hatte er sich dies als letztes Lockmittel für den äußersten Notfall -aufsparen wollen.</p> - -<p>Lustig wanderten nun die Jungen zurück und warfen sich -mit erneuter Energie auf's Spiel, die ganze Zeit über Toms -großartigen Plan besprechend und dessen Genialität bewundernd. -Nach einem leckeren Mittagsmahl, aus Fisch und Eiern bestehend, -erklärte Tom, daß er nun rauchen lernen wolle. Joe gefiel der -Gedanke, er wollte es auch probieren. Huck machte also zwei -Pfeifen zurecht und stopfte dieselben. Die beiden neuesten Jünger -in der Kunst des Rauchens hatten bis jetzt ihr Talent nur an -Schokolade-Zigarren erprobt, und das war keineswegs ein Beweis -von gereifter Männlichkeit.</p> - -<p>Nun streckten sie sich ins Moos und begannen, freilich etwas -zögernd, drauf los zu dampfen, mit offenbar nicht allzu großer -Zuversicht in ihre Fähigkeiten, ganz gegen ihre sonstige Art und -Weise. Der Rauch hatte aber auch einen gar zu unangenehmen -Geschmack, sie mußten sich immerzu räuspern, doch Tom meinte:</p> - -<p>»Ach, das ist ja ganz leicht; wenn ich das früher gewußt -hätte, ei, ich hätt's längst gelernt.«</p> - -<p>»Ich auch,« bekräftigte Joe, »das ist ja rein gar nichts.«</p> - -<p>»Na, wie oft hab' ich einem zugesehen, der geraucht hat, -und mir gewünscht, wenn du's doch nur auch könntest, hab' aber -nie gedacht, daß das möglich wär',« sagte Tom. »Aber so bin -ich. Nicht Huck? Trau' mir nichts zu! Hundertmal ist mir's -schon so gegangen, gelt, Huck?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[151]</span></p> - -<p>»Weiß Gott, hab's auch schon gedacht,« bestätigte dieser.</p> - -<p>»Grad' wie bei mir,« rief Joe, »tausendmal ist mir das -schon passiert. Erinnerst du dich, Huck, damals beim Schlachthaus, -die andern waren alle dabei, der Bob und der Johnny -und der Jeff auch, da –«</p> - -<p>»Ja, so ist's,« fiel Huck ein, ohne weiteres abzuwarten, -»'s war just an dem Tag, an dem ich meine schöne weiße Steinkugel -verloren hatt' – oder auch am Tag vorher.«</p> - -<p>»Siehst du wohl,« rief Joe, »der Huck erinnert sich. – -Ich glaub', die Pfeife hier könnt' ich den ganzen Tag lang -rauchen, es ist mir kein bißchen übel.«</p> - -<p>»O, mir auch nicht,« fiel Tom ein, »ich könnt' auch den -ganzen Tag weiter rauchen. Der Jeff Thatcher aber, da wollt' -ich alles wetten, der könnt's nicht.«</p> - -<p>»Jeff Thatcher! Herrgott, der wär' nach zwei Zügen geliefert. -Der sollt's nur mal probieren, der würd' was Schönes -zu sehen kriegen!«</p> - -<p>»Das glaub' ich auch – und der Johnny Miller, – na, -den möcht' ich mal dabei sehen.«</p> - -<p>»Na und ich!« lachte Joe, »ei der, der könnt' das nicht -besser, als alles andre was er kann – und er kann nichts! -Der braucht's nur zu riechen, dann wär' er schon hin!«</p> - -<p>»Weiß Gott, so ist's. Ich wollt' nur eins, Joe, ich wollt', -die Jungens könnten uns so sehen!«</p> - -<p>»Und ich erst!«</p> - -<p>»Sagt mal, Jungens, wir reden gar nichts drüber und -wenn wir dann mal alle zusammen sind, geh' ich auf dich zu, -Joe, und frag': ›Hast du 'ne Pfeife da, Joe? Ich möcht' gern -mal rauchen.‹ Und du sagst dann, so ganz nachlässig, als ob's -gar nichts wär: ›Ja, die alte hab' ich und auch meine neue, -aber mein Tabak ist nicht sehr gut.‹ – ›Ach, macht nichts‹, sag' -ich dann, ›wenn er nur stark genug ist‹. Dann du heraus mit<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[152]</span> -den Pfeifen und angesteckt, – Herrgott, die werden Augen -machen!«</p> - -<p>»Das wird wundervoll, Tom, wär's nur schon so weit.«</p> - -<p>»Ja und dann sagen wir, das haben wir alles gelernt, -wie wir als Piraten ausgezogen sind und dann platzen sie erst -recht vor Neid.«</p> - -<p>»Na und ob! 's wird prächtig, Tom!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-153"> - <img src="images/illu-153.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>So plauderten sie und bramarbasierten, aber allmählich -wurden sie stiller und warfen nur noch gelegentlich eine Bemerkung -hin. Die Pausen wurden häufiger, im selben Maße, -wie ein sonderbares Ausspucken zunahm. Jede Pore innerhalb -ihres Mundes schien zum rieselnden Brunnen geworden. Sie -waren kaum imstande, die Höhlungen unter der Zunge schnell -genug zu leeren, um eine Ueberschwemmung zu verhüten. Kleine -Ergüsse den Hals hinunter kamen trotz aller Eile vor, denen -jedesmal ein leichter Würganfall folgte. Beide Helden sahen -nun recht blaß und elend aus. Joes kraftlosen Fingern entsank -die Pfeife, Toms Pfeife folgte. Die Wasserwerke und Pumpen -arbeiteten mit Macht. Endlich sagte Joe mit schwacher Stimme:</p> - -<p>»Hab' da irgendwo mein Messer verloren. Will lieber mal -gehen und suchen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[153]</span></p> - -<p>Mit zitternden Lippen keuchte Tom:</p> - -<p>»Ich helf' dir. Geh' du dorthin, ich mach' mich nach der -Quelle. Nein, Huck, bleib', du brauchst nicht zu kommen, wir -werden's schon finden!«</p> - -<p>Huck setzte sich also nieder und wartete ungefähr eine Stunde. -Dann fand er's langweilig und ging die Kameraden suchen.</p> - -<p>Er fand sie auch, weit voneinander entfernt, mitten im -Walde, beide sehr blaß, beide schlafend. Etwas aber in ihrer -Umgebung bewies ihm, daß, falls sie Unannehmlichkeiten gehabt, -sie sich derselben endgültig entledigt hatten.</p> - -<p>Beim Abendessen waren sie nicht allzu redselig, hatten eine -etwas niedergeschlagene Miene und als Huck zum Nachtisch seine -Pfeife hervorzog und sich bereit zeigte, auch die ihren zu stopfen, -da dankten sie, sagten, sie fühlten sich nicht ganz wohl, beim -Mittagessen müsse ihnen etwas nicht gut bekommen sein.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-154"> - <img src="images/illu-154.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[154]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Sechzehntes_Kapitel">Sechzehntes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-u.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Um Mitternacht ungefähr erwachte Joe und weckte die -andern. Es lag eine drückende Schwüle in der Luft, -die nichts Gutes zu bedeuten schien. Die Jungen schmiegten -sich eng aneinander und suchten die freundliche Nähe des Feuers, -obgleich die brütende, lastende Hitze der bewegungslosen Atmosphäre -nahezu erstickend war. Stille saßen sie da, atemlos wartend. -Außerhalb des Lichtkreises, den das Feuer warf, schien alles -wie in schwarzer Nacht begraben. Alsbald erglomm ein zitternder -Schein, der für einen Moment das Laub der Bäume sichtbar -hervortreten ließ, um ebenso plötzlich zu erlöschen. Dann tauchte -ein zweiter, schon stärkerer Strahl auf. Ein dritter folgte. Wie -leises Stöhnen zog's nun durch das Geäste der Waldbäume, ein -schwacher Lufthauch streifte die Wangen der Knaben und diese -erschauerten in dem Gedanken, der Geist der Nacht habe sie mit -seinem Fittiche berührt. Wieder folgte eine Pause. Jetzt verwandelte -ein unheimlicher Blitz die Nacht zum Tage und ließ -jeden kleinen Grashalm zu ihren Füßen deutlich hervortreten. -Zugleich enthüllte der Strahl aber auch drei weiße, bange, erschrockene -Gesichter. Ein dumpfer Donner stürzte rollend und -krachend vom Himmel nieder, um sich in leisem Grollen in der -Ferne zu verlieren. Ein kühler Luftstoß folgte, raschelte in den -Blättern und jagte die Aschenflocken des Feuers auf. Ein andrer<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[155]</span> -zuckender, -flammender -Strahl fuhr -nieder, unmittelbar -gefolgt von einem -schmetternden -Krach, der die -Kronen der Bäume zu Häupten der Knaben zerreißen zu wollen -schien. In sprachlosem Schreck umklammerten sich die Kinder in -der trostlosen Finsternis, die der Lichtflut folgte. Schwere, -große Regentropfen fielen klatschend auf die Blätter.</p> - -<div class="urshapepic" id="illu-156"> -<div class="boxu box156u"> -<img src="images/illu-156.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box156r" /> -</div> - -<p>»Schnell, Jungens, nach dem Zelt,« schrie Tom.</p> - -<p>Sie sprangen in der Richtung desselben davon, stolperten -über Wurzeln, verfingen sich in den Rebenranken und waren -in der Finsternis nicht imstande, zusammen zu bleiben. Ein -wütender Sturm raste in den Wipfeln und verschlang jeden -andern Laut. Die Blitze jagten einander, Schlag auf Schlag -folgte ohrenbetäubender Donner. Stromweise stürzte der Regen -nieder, vom Sturm flutartig am Boden hingefegt. Die Jungen -schrieen einander zu, aber der heulende Sturm und der dröhnende -Donner übertönten die schwachen Kinderstimmen vollständig. Doch -gelang es den Knaben allmählich, sich einer nach dem andern -zum Zelte durchzuschlagen, wo sie durchnäßt und zu Tode geängstigt<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[156]</span> -Obdach zu finden hofften. Daß ihr Leid ein geteiltes -war, machte es leichter zu tragen. Reden konnten sie nicht, das -alte Segel klatschte wie rasend im Sturm und erstickte jeden -Laut. Stärker und stärker brauste der Orkan, das Segel riß -sich los und flog dahin auf Sturmesfittichen. Die Jungen ergriffen -sich bei den Händen und flohen, oftmals stolpernd und -sich wund fallend, dem Ufer zu, wo eine große, alte Eiche ihnen -Schutz bieten konnte. Der Kampf der Elemente hatte jetzt seinen -Höhepunkt erreicht. Am Himmel bildeten die unaufhörlich zuckenden -Blitze ein einziges großes Lichtmeer, so daß alles ringsum, grell -beleuchtet, in klaren, scharfen Umrissen hervortrat, die sturmgebeugten -Bäume, der aufgewühlte Strom mit den weißen Schaumköpfen, -der treibende Sprühregen. Die verschwommenen Zackenlinien -der hohen Klippen am jenseitigen Ufer lugten ab und zu -aus dem Wolken-Vorhang, aus dem zerstiebenden und sich wieder -verdichtenden Regenschleier. Von Zeit zu Zeit unterlag einer -der alten Riesen des Waldes in dem gewaltigen Kampf und -stürzte krachend in das Unterholz zu seinen Füßen. Die furchtbaren -Donnerschläge folgten jetzt ununterbrochen mit ohrzerreißendem -Geknatter. Das Gewitter steigerte sich zu solcher Wucht, daß -es schien, als wolle es die Insel in Stücke reißen, sie verzehren -in Feuersglut, sie versenken in den Wellen des Stromes bis zu -den Kronen der Bäume, sie vom Erdboden weg fegen und jede -lebende Kreatur auf derselben vernichten in einem Augenblick. -Entsetzlich, trostlos war die Nacht für die jungen Herzen, die -sich obdachlos der Wut der Elemente preisgegeben sahen.</p> - -<p>Endlich aber ließ der Kampf nach, die Schlacht war geschlagen, -die feindlichen Mächte zogen sich zurück, schwächer und -schwächer wurde das Drohen, das Grollen, Friede zog ein in -die erregte Natur. Die Jungen schlichen zum Lager zurück, -noch ordentlich scheu und zitternd, und fanden dort, daß sie alle -Ursache hatten dem Himmel dankbar zu sein. Die große Sykomore,<span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[157]</span> -die ihr Lager beschattete, lag vom Blitze gefällt, – sie -wären verloren gewesen, hätten sie zur Zeit der Katastrophe -darunter geweilt.</p> - -<p>Alles im Lager war durchnäßt, der Feuerherd mit einbegriffen. -Leichtsinnig wie ihr ganzes Geschlecht hatten die -Jungen keinerlei Vorsichtsmaßregeln gegen den Regen getroffen. -Der Verlust des Feuers war ein höchst beklagenswerter Umstand, -denn unsere armen Seehelden waren kalt und naß durch und -durch. Wortreich beklagten sie ihre mißliche Lage. Bald aber -entdeckten sie, daß das Feuer sich an dem alten Baumstamm, -gegen den sie es geschichtet, aufwärts gefressen hatte, daß ein -Streifen desselben, ungefähr eine Hand breit, der allgemeinen -Ueberschwemmung entgangen war und, wenn auch schwach, weiter -glimmte. Mit Geduld und Ausdauer gelang es ihnen denn auch, -vermittelst kleiner Rindenstückchen und dürrer Zweige allmählich -ein lustig prasselndes Feuerlein zu entflammen, das Licht und -Wärme ausstrahlte und ihre Geister zu neuem Leben erweckte. -Sie trockneten sich und ihren gekochten Schinken, stärkten sich -mit demselben und saßen dann um's Feuer bis zum lichten -Morgen, unter lebhafter Erörterung ihrer nächtlichen Abenteuer, -da es ringsum kein trockenes Plätzchen gab, das ein Ausstrecken -zum Schlafen erlaubt hätte.</p> - -<p>Als die Sonne sich dann zeigte, wurden die Jungen von -unwiderstehlicher Müdigkeit befallen. Sie gingen nach der Sandbank, -gruben sich dort tief in den Sand und schliefen, bis die -höher steigende Sonne sie allmählich gelinde zu rösten begann. -Müde und verschlafen rafften sie sich auf, um nach dem Frühstück -zu sehen und saßen dann verdrossen, wortkarg und mit -steifen Gliedern bei der Mahlzeit. Vorboten wiederkehrenden -Heimwehs begannen sich zu melden. Tom sah diese verhängnisvollen -Zeichen und gab sich alle Mühe, die Piraten aufzumuntern. -Diese aber kümmerten sich weder um Steinkugeln, noch um<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[158]</span> -Zirkus oder Schwimmen, nichts vermochte ihnen Interesse abzugewinnen. -Da erinnerte er sie an den verlockenden, geheimnisvollen -Plan und es gelang ihm, einen Strahl der Freude auf -den vergrämten Gesichtern hervorzurufen. Den günstigen Moment -benutzte er schleunigst, um sie für ein neues Spiel zu begeistern, -das er ausgedacht. Sie wollten das Piratentum einmal beiseite -werfen und zur Abwechslung Indianer sein. Die neue Idee -leuchtete ihnen ein und nach kurzer Zeit hatten sie sich ihrer -zivilisierten Kleidung entledigt und in Indianer-Kostüm geworfen, -das heißt, sich den ganzen Körper, vom Scheitel bis zur Sohle, -zebraartig mit dunkeln Schmutzstreifen bemalt. Jeder der Jungen -stellte natürlich einen Häuptling vor und so stürmten sie in das -Dickicht des Waldes zum Angriff auf irgend eine eingebildete -englische Niederlassung.</p> - -<p>Dann trennten sie sich in drei verschiedene feindliche Stämme, -gingen aus ihrem Hinterhalt unter gellendem Kriegsgeheul aufeinander -los und töteten und skalpierten sich gegenseitig dem -Tausend nach. Es war ein blutiger Tag, mithin befriedigend -für die Gemüter der Helden.</p> - -<p>Als sie sich darnach mit tüchtigem Appetit und frohem Mut -im Lager sammelten, entstand eine neue und unvorhergesehene -Schwierigkeit. Feindliche Indianer konnten unmöglich das Brot -der Gastfreundschaft zusammen brechen, ohne zuvor Frieden zu -schließen, und dies war hinwiederum unmöglich ohne die unerläßliche -Friedenspfeife. Wer hatte je gehört, daß es ohne -diese gegangen wäre? Zwei der Wilden wünschten jetzt, sie -wären Seeräuber geblieben. Es gab aber keinen andern Ausweg -aus der Klemme; so riefen sie denn mit möglichst heiterer -Miene nach der Pfeife und jeder that einen vollen Zug, als die -Reihe an ihn kam.</p> - -<p>Und siehe da, sie verdankten ihren Indianerspielen die -Offenbarung eines neuen Talentes: sie fanden, daß sie nun<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[159]</span> -rauchen konnten, wenigstens für kurze Zeit, ohne gezwungen zu -sein, – nach einem verlorenen Messer oder dergl. zu suchen. -Dies machte sie unsagbar stolz und glücklich, und um die neuerworbene -Kunst aus Mangel an Uebung nicht zu verlernen, -machten sie sich nach dem Abendessen sofort wieder vorsichtig -dahinter und beschlossen damit frohlockend den Abend. Sie -strahlten vor Glück und Stolz im Bewußtsein der großen Errungenschaft. -Diese ihre neueste Heldenthat dünkte ihnen glorreicher, -als wenn sie so und so viele Indianerstämme unterworfen -und skalpiert hätten. Lassen wir sie also nur ruhig -rauchen und schwatzen und prahlen, da wir im Augenblick keine -weitere Verwendung für sie haben.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-160"> - <img src="images/illu-160.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[160]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Siebzehntes_Kapitel">Siebzehntes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">In der kleinen Stadt herrschte inzwischen an jenem ruhigen -Sonnabend-Nachmittag durchaus keine Fröhlichkeit. Die -Familie Harper und Tante Polly samt den Ihren steckten sich -in Trauerkleider unter vielen Thränen. Eine ungewöhnliche -Stille lag über dem Städtchen, in welchem man sich im allgemeinen -schon nicht über allzuviel Lärm und Getriebe beklagen -konnte. Mit zerstreuter Miene gingen die Leute ihren Geschäften -nach, redeten wenig dabei und seufzten oftmals. Selbst den -Kindern schien dieser Sonnabend der Schulfreiheit nicht die gewohnte -Freude zu gewähren. Es lag kein Zug in ihren Spielen -und bald gaben sie dieselben ganz auf.</p> - -<p>Am Nachmittag schlich Becky Thatcher um das verlassene -Schulhaus herum, ihr war ganz melancholisch zu Mute. Doch -auch dort fand sie keinen Trost. Leise sprach sie vor sich hin:</p> - -<p>»Könnt' ich doch nur seinen Messingknopf wieder finden! -Jetzt hab' ich gar kein Erinnerungszeichen mehr an ihn,« und -sie unterdrückte ein leises Schluchzen.</p> - -<p>Dann blieb sie stehen und meinte sinnend:</p> - -<p>»Grad' hier war's. O, wenn's noch einmal wäre, das -würde ich nie mehr sagen – nie mehr, nicht für alle Welt. -Jetzt aber ist er fort und ich werde ihn nie, nie, niemals wieder -sehen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[161]</span></p> - -<p>Dieser Gedanke raubte ihr die letzte Fassung und unter -strömenden Thränen schlich sie davon. Nun erschien eine ganze -Gruppe von Jungen und Mädchen, Spielkameraden von Tom -und Joe, auf dem Schulhof; sie sprachen in leisem, bedrücktem -Ton von den beiden Verlorenen, was Tom gethan und gesagt -das letzte Mal, als sie ihn gesehen, und wie Joe gelächelt und -was er gesagt; jede geringste Kleinigkeit erschien nun von ahnungsschwerer -Vorbedeutung. Dabei bezeichnete jeder Sprecher den -genauen Platz, an dem die Vermißten damals gestanden und -dann folgte jedesmal: »und ich stand da, grad' wie eben und -der da, wo du stehst, grad' so nah' und er lächelte – so – -und mir lief's ganz kalt über den Rücken – ordentlich schauerlich -– warum, wußt' ich damals freilich nicht, aber jetzt ist -mir's klar.«</p> - -<p>Nun entspann sich ein Streit darüber, wer die beiden zuletzt -gesehen im Leben, und viele rissen sich um diese traurige -Auszeichnung, für die sie Beweise vorbrachten, welche die Zeugen -mehr oder weniger glaubwürdig fanden. Schließlich, nach langer -Debatte, war's endgültig entschieden, wer die letzten Worte mit -den Verschwundenen gewechselt hatte, und die glücklichen Sieger -erhielten dadurch eine Würde und Wichtigkeit, welche die Bewunderung -und den Neid der andern erregte. Ein armer, -kleiner Bursche, der sonst keine Auszeichnung irgend welcher Art -aufweisen konnte, sagte mit sichtlichem Stolze bei der bloßen -Erinnerung:</p> - -<p>»Mich, mich hat der Tom Sawyer einmal tüchtig durchgeprügelt.«</p> - -<p>Dieser Versuch aber, zu Ruhm zu gelangen, erwies sich als -gänzlich erfolglos. Die meisten Jungen konnten sich dessen rühmen, -und dadurch sank die Auszeichnung doch allzu sehr im Werte. -Die Gruppe trollte von dannen, halblauten Tones immer neue -Erinnerungen an die verlorenen Helden austauschend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[162]</span></p> - -<p>Am nächsten Morgen, als die Sonntagsschulstunde vorüber -war, begann die Glocke mit hohlem, dumpfem Klang anzuschlagen, -anstatt wie sonst feierlich zu läuten. Es war ein ungewöhnlich -stiller Sabbat und der klagende Ton stimmte zu der nachdenklichen, -feierlichen Ruhe, die über der ganzen Natur lag. Die -Einwohner des Städtchens gingen zur Kirche und verweilten -einen Augenblick in der Vorhalle, um sich flüsternd über das -traurige Ereignis zu unterhalten. In der Kirche selbst aber -war's totenstill, nur das Rauschen der Frauengewänder unterbrach -das Schweigen. Keiner konnte sich erinnern, die kleine -Kirche jemals so voll gesehen zu haben. Eine tiefe, erwartungsvolle -Pause entstand und dann trat Tante Polly ein, gefolgt -von Sid und Mary und der Familie Harper, alle in tiefstem -Schwarz. Die ganze Gemeinde zusamt dem Geistlichen erhob -sich achtungsvoll von ihren Plätzen, bis die Trauernden durch -ihre Reihen geschritten waren und in der vordersten Bank Platz -genommen hatten. Wiederum folgte tiefe Stille, nur hie und -da durch ersticktes Schluchzen unterbrochen, dann erhob der Geistliche -seine Stimme und betete. Ein ergreifendes Lied wurde gesungen, -dann folgte die Predigt.</p> - -<p>In seiner Predigt entwarf der Geistliche ein solch glänzendes -Bild von den Tugenden, der Liebenswürdigkeit und den vielversprechenden -Talenten der Verlorenen, daß jeder der Zuhörer -in der ehrlichen Meinung, dies getreue Abbild wieder zu erkennen, -einen Stich im Herzen fühlte, bei dem Gedanken, wie -beharrlich blind er selber gegen alle diese Vorzüge gewesen und -wie er ebenso beharrlich nur Fehler und Mängel in den armen -Jungen zu entdecken vermocht. Nun folgte manch rührender, -hochherziger Zug aus dem Leben der Dahingeschiedenen, der -das Vorhergesagte bekräftigen und beweisen sollte, und jedermann -gingen nun erst die Augen und das Verständnis auf dafür, -wie groß und erhaben eigentlich jene kleinen Vorkommnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[163]</span> -gewesen waren, die ihnen zur Zeit als die ärgsten Schelmenstreiche -und Teufeleien einer tüchtigen Tracht Prügel wert erschienen. -Die Versammlung wurde immer bewegter, je weiter -der Geistliche in seiner pathetischen Rede vorrückte, bis schließlich -die ganze Gesellschaft jegliche Fassung und Haltung verlor und -sich in vollem Chor dem Schluchzen und Seufzen der trauernden -Hinterbliebenen anschloß. Ja, den Geistlichen selbst übermannten -seine Gefühle, er verstummte und weinte auf offener Kanzel.</p> - -<p>Ein Rascheln ertönte von der Emporkirche, auf das niemand -achtete. Einen Moment später knarrte eine Thüre, der -Geistliche erhob seine strömenden Augen über das verhüllende -Taschentuch und – stand und starrte wie versteinert! Erst folgte -ein Paar Augen der Richtung der seinen, dann ein zweites, und -plötzlich erhob sich, wie von einem gemeinsamen Antrieb beseelt, -die ganze Gemeinde und starrte auf die drei ›toten‹ Jungen, -welche gemächlich den Mittelgang herauf marschierten, Tom voran, -Joe hinter ihm, zuletzt Huck, eine wandelnde Ruine in Lumpen. -Die drei waren in jener unbenutzten Emporgalerie verborgen -gewesen und hatten ihre eigene Grabrede mit angehört!</p> - -<p>Tante Polly, Mary und die Harpers stürzten sich auf die -wiedergeschenkten Ihrigen und erstickten dieselben fast mit Küssen -und Umarmungen. Der arme Huck aber stand daneben, blöde -und verschüchtert, wußte nicht, was er thun oder wo er sich -bergen sollte vor so viel starrenden Augen, von denen nicht eines -ihm einen Willkommgruß bot. Er wandte sich halb und versuchte -fortzuschleichen, Tom aber faßte ihn und rief:</p> - -<p>»Tante Polly, das ist nicht recht und nicht schön. Es muß -sich auch jemand freuen, daß Huck wieder da ist.«</p> - -<p>»Das müssen wir, Tom, mein Junge, und wollen's auch, -armes, elternloses Kind!« Wenn aber etwas das Gefühl des -Mißbehagens bei Huck noch vermehren konnte, so waren es die -Zärtlichkeiten, mit denen Tante Polly ihn überhäufte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[164]</span></p> - -<div class="figleft" id="illu-165"> - <img src="images/illu-165.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Plötzlich rief der Geistliche mit aller -Kraft seiner Lunge in den Lärm hinein:</p> - -<p>»Lobet den Herren, den mächtigen -König der Ehren! – Nun singt! – Aber -herzhaft!«</p> - -<p>Und sie sangen. Triumphierend, mit -gewaltigem Klang erscholl das alte, hehre -Lob- und Danklied, die Töne stiegen und -schwollen und schienen die Grundfesten des -Gebäudes zu erschüttern. Tom Sawyer, -der Pirat, blickte um sich, sah aller Augen -auf sich gerichtet und fühlte, daß dies der -stolzeste Moment seines Lebens sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[165]</span></p> - -<p>Als die Gemeinde die Kirche verließ, meinten alle, von -Herzen gerne würden sie sich noch einmal zum besten haben -lassen, nur um ›Lobet den Herren‹ wieder so erhebend singen -zu hören.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das also war Toms großes Geheimnis gewesen: der Plan, -mit seinen Spießgesellen heimzukehren und ihrem eigenen Trauergottesdienst -beizuwohnen. – Auf einem alten Baumstamm waren -sie abends nach dem Missouri-Ufer geschwommen, fünf oder sechs -Meilen unterhalb des Städtchens gelandet, hatten in dem Walde, -der die Stadt begrenzte, beinahe bis Tagesanbruch geschlafen, -dann sich durch einige Seitengäßchen zur Kirche geschlichen, wo -sie in der Empore ihren Schlaf vollendeten, inmitten eines Chaos -von wackligen alten Kirchen-Bänken.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Beim Frühstück am Montagmorgen waren Tante Polly -und Mary besonders zärtlich gegen Tom und voll Aufmerksamkeit -gegen seine Wünsche. Man sprach ungewöhnlich viel. Im Laufe -der Unterhaltung äußerte Tante Polly:</p> - -<p>»Na, Tom, ich will nicht sagen, daß es für euch Jungens -nicht ein Kapitalspaß gewesen sein muß, uns hier alle in Sorge -und Kummer zu wissen, während ihr's euch da draußen wohl -sein ließet. Daß du aber so hartherzig sein konntest, Tom, und -mich so zappeln und mich grämen lassen, das, Tom, das hätt' -ich doch nicht von dir gedacht! Wenn du hast herüber kommen -können, um deine eigne Leichenrede zu hören, so hättest du mir -vorher wohl auch 'nen kleinen Wink geben dürfen, daß du nicht -tot seiest, sondern nur davongelaufen.«</p> - -<p>»Ja, Tom, das ist wahr, das hättest du thun müssen,« -stimmte Mary bei, »und du würdest es wohl auch gethan haben, -wenn du dran gedacht hättest, – gelt?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[166]</span></p> - -<p>»Ja, Tom?« fragte nun Tante Polly, deren Antlitz sich -bei Marys Worten bedeutend aufgeklärt, »sag' mal, hättest du's -wirklich gethan, wenn du dran gedacht hättest?«</p> - -<p>»Ich – ja, ich weiß nicht, ich – ei, das hätt' ja alles -verdorben.«</p> - -<p>»Tom, ich dachte immer, so lieb würdest du mich doch -wenigstens haben,« sagte Tante Polly ganz vorwurfsvollen, betrübten -Tones, wobei es dem Jungen gar nicht wohl war. -»'s wär schon was gewesen, wenn du nur dran <em class="gesperrt">gedacht</em> hättest, -auch ohne es zu thun.«</p> - -<p>»Na, Tantchen,« beruhigte Mary, »das ist nun mal so -Toms flüchtige Art – der ist immer so in der Hast und im -Eifer, daß er nie an irgend etwas denkt.«</p> - -<p>»Um so schlimmer. Sid hätt' dran gedacht und Sid wär' -auch gekommen und hätt's gethan. Tom, du wirst nochmal dran -zurückdenken, wenn's zu spät ist, und wünschen, daß du besser -gegen deine alte Tante gewesen wärst, wo doch so wenig dazu -gehört, mich –«</p> - -<p>»Komm, Tantchen, du weißt, daß ich dich lieb hab', du -mußt's ja wissen, gelt?« schmeichelte Tom.</p> - -<p>»Würd's besser wissen, wenn du's besser zeigtest.«</p> - -<p>»Ich wollt', ich hätt' dran gedacht,« meinte Tom sinnend -und mit reuigem Ton, »jedenfalls aber hab' ich von dir geträumt. -Das ist doch schon etwas, nicht? Ei, in der Nacht vom Mittwoch -träumte mir, ihr säßet alle dort beim Bett, Sid saß auf -dem Holzkasten und Mary dicht daneben.«</p> - -<p>»Ja und so war's auch, – wie gewöhnlich. Ich bin froh, -daß du dir in deinem Traum wenigstens die Mühe gabst, an -uns zu denken.«</p> - -<p>»Ja und Joe Harpers Mutter war auch da, träumte ich.«</p> - -<p>»Das war sie wirklich, Herr du mein, – na und was -weiter, Tom, was weiter?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[167]</span></p> - -<p>»Viel noch, aber jetzt ist alles so verworren.«</p> - -<p>»Na, besinn dich doch, probier's mal, kannst du nicht?«</p> - -<p>»Wart' mal, ich mein' der Wind – der Wind hätt' was -ausgeblasen –«</p> - -<p>»Ausgeblasen, nee Tom, besinn dich besser, der Wind –«</p> - -<p>»Richtig, wart', jetzt hab' ich's. Der Wind hat das Licht -flackern machen und –«</p> - -<p>»Herr, erbarm' dich! – Weiter Tom, weiter!«</p> - -<p>»Na und ich glaub' du sagtest: ›Was, seht doch mal die -Thür' die –‹«</p> - -<p>»Weiter Tom!«</p> - -<p>»Wart' 'nen Moment, nur 'nen Moment! O ja, jetzt hab' -ich's – du sagtest, sie sollten nach der Thüre sehen, die sei -offen –«</p> - -<p>»So wahr ich hier sitze, so sagt' ich, gelt Mary? Weiter!«</p> - -<p>»Dann – dann – ja gewiß weiß ich's nicht mehr, aber -ich meine, du hätt'st Sid geheißen, sie zuzumachen und – und –«</p> - -<p>»So was lebt nicht mehr! Herr du mein Gott. Komm' -mir nur keiner mehr damit, daß Träume Schäume seien. Das -soll die Harpern hören, eh' ich 'ne Stunde älter bin! Möcht' -wissen, wie sie sich da 'raus reden wird mit ihrem Unsinn von -Aberglauben, über den sie so wohlweise schwatzt. Weiter, Tom!«</p> - -<p>»Na, jetzt ist mir alles klar wie Sonnenschein! Dann hast -du gesagt, ich wär' nicht schlecht, nur toll und voll Teufeleien -und Unsinn, wüßt' nicht mehr was ich thät' als wie ein – -ein – ein Füllen, mein' ich, war's, oder so etwas.«</p> - -<p>»Richtig, richtig. Großer, allmächtiger Gott! Weiter, -Tom!«</p> - -<p>»Dann hast du geweint –«</p> - -<p>»Weiß Gott, weiß Gott und nicht zum erstenmal. Dann –«</p> - -<p>»Dann fing Joes Mutter auch an zu weinen und sagte, -mit ihrem Joe sei's grad' so und sie wollt' nur, sie hätt' ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[168]</span> -nicht durchgewichst um den alten Rahm, den sie doch selber weggeschüttet –«</p> - -<p>»Tom, Tom! Der Geist war über dir! Das ist ja die -reine Eingebung, gar nichts anderes! Gott sei mir gnädig! – -Weiter, Tom!«</p> - -<p>»Dann kam Sid, der sagte –«</p> - -<p>»Ich glaub', daß ich gar nichts gesagt hab',« warf Sid -rasch ein.</p> - -<p>»Doch, Sid, doch,« berichtigte Mary.</p> - -<p>»Schweigt still und laßt Tom reden! Was hat Sid gesagt, -Tom?«</p> - -<p>»Der sagte – na, ja, er hoffe, mir gehe es besser wo ich -sei, wenn ich aber manchmal besser –«</p> - -<p>»Na, was sagt ihr nun?« triumphierte Tante Polly. »Seine -eignen Worte!«</p> - -<p>»Und du, Tantchen, du bist ihm eklich über den Mund gefahren, -du –«</p> - -<p>»Das bin ich, weiß Gott, das bin ich! Ein Engel muß -uns belauscht haben: Ein heiliger Himmelsengel muß irgendwo -verborgen gewesen sein!«</p> - -<p>»Und dann erzählte Frau Harper, wie Joe ihr einen -Schwärmer unter der Nase losgebrannt, und du erzähltest von -Peter und dem ›Schmerzenstöter‹.«</p> - -<p>»So wahr ich lebe!«</p> - -<p>»Und dann redetet ihr alle durcheinander, wie man den -Fluß abgesucht nach uns und daß am Sonntag der Trauergottesdienst -sein solle, und dann habt ihr euch umarmt, die Frau -Harper und du, und geweint und dann ging sie weg.«</p> - -<p>»Grad' so war's, grad' so! So wahr ich hier auf meinem -Stuhl sitze! Tom, du hättest es nicht besser erzählen können, -wenn du dabei gewesen wärest. Und dann was? Weiter, Tom!«</p> - -<p>»Und dann hast du für mich gebetet, ich hab' dich gesehen<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[169]</span> -und jedes Wort gehört. Dann hast du dich ins Bett gelegt und -ich war so betrübt, daß ich ein Stück Rinde nahm und drauf -schrieb: ›Wir sind nicht tot, wir sind nur davon gegangen, um -Seeräuber zu werden.‹ Das hab' ich auf den Tisch zum Licht -hingelegt, und du hast so gut ausgesehen und so betrübt, wie -du da gelegen hast und geschlafen, daß ich mich über dich beugen -mußte und dich küssen.«</p> - -<p>»Hast du das gethan, Tom, wirklich und wahrhaftig? – -<em class="gesperrt">Darum</em> will ich dir alles, alles verzeihen!« Und sie riß den -Jungen in einer ihn fast erstickenden Umarmung an sich und Tom -hatte dabei das Bewußtsein eines elenden, erbärmlichen Schurken.</p> - -<p>»Freundlich und lieb war's ja,« murmelte Sid, den andern -hörbar, vor sich hin, »aber – doch nur im Traum!«</p> - -<p>»Halt den Mund, Sid, man thut im Traum immer doch -nur das, was man auch wachend thun würde. Hier hast du -einen schönen Goldreinetten-Apfel, Tom, den hab' ich dir aufgehoben, -falls du je wieder gefunden werden solltest, – jetzt -macht euch fort in die Schule! Wie dankbar bin ich unserm -Gott und Vater, daß ich dich wieder hab'. Er ist barmherzig -und gnädig mit denen, die an ihn glauben und seine Gebote -halten, obgleich ich, weiß Gott, ein unwürdiges Gefäß seiner -Güte bin. Wenn er aber nur denen, die's verdienen, seinen -Segen geben wollte und ihnen helfen in der Not und der Trübsal, -so würde man hier unten keinen frohen Ton mehr hören, und -wenige würden zu seiner Ruhe eingehen, wenn die lange Nacht -einst kommt. So, und nun hebt euch fort, Sid, Mary, Tom – -ihr habt mich lang genug aufgehalten.«</p> - -<p>Die Kinder trollten zur Schule und die alte Dame machte -sich fertig, um Frau Harper aufzusuchen und ihren Unglauben -mit Toms wunderbarem Traum zu besiegen. Sid war zu klug, -um den Gedanken laut werden zu lassen, der ihn beseelte, als -er das Haus verließ. Dieser Gedanke war:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[170]</span></p> - -<p>»Ziemlich durchsichtig – ein so ellenlanger Traum und -ohne den winzigsten, kleinsten Irrtum! Wenn das nicht –«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-171"> - <img src="images/illu-171.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Welch ein Held war Tom geworden! Er hüpfte und galoppierte -jetzt nicht mehr, wenn er auf der Straße ging, sondern -mit würdevoller Haltung, wie sie einem gewesenen Piraten geziemte, -stolzierte er einher in dem Bewußtsein, daß das Auge -der Oeffentlichkeit auf ihm ruhe. Das war in der That der -Fall. Wohl versuchte er sich zu stellen, als sähe er die Blicke -nicht, als höre er die Bemerkungen nicht, während er so dahin -schritt, und doch waren sie Nektar und Ambrosia für ihn. Kleinere -Jungen folgten truppweise seinen Spuren, stolz darauf, mit ihm -gesehen, von ihm geduldet zu werden, der an ihrer Spitze einher -marschierte wie der Tambourmajor an der Spitze seiner -Kompagnie. Jungen seines Alters thaten als wüßten sie gar -nichts davon, daß er überhaupt weg gewesen, verzehrten sich -aber trotzdem beinahe vor Neid. Sie würden alles drum gegeben -haben, seine gebräunte, sonnverbrannte Haut, seine glänzende,<span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[171]</span> -weltkundige Berühmtheit zu besitzen, Tom aber hätte keinen -dieser beiden Faktoren hergegeben, nicht für alles – nicht für -einen Zirkus!</p> - -<p>In der Schule machte man so viel Aufhebens von ihm und -Joe, solches Staunen, solche Bewunderung strahlte den Beiden -aus aller Augen entgegen, daß die zwei Helden gar bald eine -unerträgliche Aufgeblasenheit zeigten. Sie begannen den eifrig -lauschenden Hörern ihre Abenteuer zu schildern, – ohne aber -je über den Anfang hinauszukommen, denn eine solche Erzählung -konnte kein Ende haben, wenn eine Einbildungskraft wie die -ihre stets unerschöpfliches Material lieferte. Als sie dann schließlich -ihre Pfeifen hervorzogen und mit größter Unbefangenheit zu -schmauchen begannen, da war der Gipfel des Ruhms erklommen.</p> - -<p>Tom beschloß, sich unabhängig zu machen von Becky Thatcher. -Ruhm war ihm genügend, nach Liebe fragte er nichts mehr. -Er wollte sein Leben dem Ruhme weihen. Jetzt, da er ein berühmter -Held geworden, werde sie wohl versuchen, Frieden zu -schließen, dachte er. Aber sie sollte sehen, daß er mindestens so -gleichgültig sein könne wie andre Leute. Dort kam sie eben. -Tom that, als bemerke er sie nicht. Er wandte sich ab und -einer Gruppe von Jungen und Mädchen zu, mit denen er eifrig -zu plaudern begann. Bald sah er, daß sie mit glühenden Wangen -und glänzenden Augen umhertrippelte, ihre Gefährtinnen neckte, -sie herumjagte und vor Lachen aufkreischte, wenn es ihr gelang, -eine zu erhaschen. Auch bemerkte er, daß dies meistens in seiner -unmittelbaren Nachbarschaft der Fall war und daß ihn dann -jedesmal ihr Blick streifte. Das schmeichelte seiner sündlichen -Eitelkeit und anstatt sich dadurch versöhnen zu lassen, stellte er -sich nur noch mehr, als ob er von ihrer Existenz überhaupt nichts -wisse. Alsbald gab sie das Herumtollen auf, drückte sich unentschlossen -von einer Gruppe zur andern, seufzte ein-, zweimal -und sah verstohlen und bedeutungsvoll nach Tom hin. Jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[172]</span> -bemerkte sie, daß dieser sich angelegentlich mit Anny Lorenz zu -thun machte. Ein jäher Schmerz durchzuckte sie, ihr ahnte nichts -Gutes. Sie versuchte sich fortzustehlen, ihre Füße aber wurden -zu Verrätern und trugen sie statt dessen gerade zu der Gruppe -hin. Einem Mädchen, das dicht neben Tom stand, rief sie mit -übertriebener Lebhaftigkeit zu:</p> - -<p>»Ei, Mary Austin, du böses Mädchen, warum warst du -gestern nicht in der Sonntagsschule?«</p> - -<p>»Ich war ja dort – hast du mich nicht gesehen?«</p> - -<p>»Nein! Warst du wirklich dort? Wo hast du denn gesessen?«</p> - -<p>»In der Klasse von Fräulein Peters, wo ich immer sitze. -Ich hab' dich gesehen.«</p> - -<p>»Wirklich? Nein, wie komisch, daß ich dich nicht gesehen -habe, ich wollte dir von dem Picknick erzählen.«</p> - -<p>»O, das ist lustig! Wer will eins geben?«</p> - -<p>»Meine Mama will mir erlauben eins zu halten.«</p> - -<p>»Das ist ja prächtig, – hoffentlich darf ich auch kommen?«</p> - -<p>»Natürlich. Es ist ja <em class="gesperrt">mein</em> Picknick. Es darf jeder kommen, -den ich haben will, und dich will ich.«</p> - -<p>»Nein wie reizend! Wann soll's denn sein?«</p> - -<p>»Bald. Vielleicht noch vor den Ferien.«</p> - -<p>»Wird das lustig werden! Wirst du alle einladen?«</p> - -<p>»Gewiß, alle die meine Freunde sind – oder sein wollen,« -ein verstohlener Blick traf Tom; der aber schwatzte mit Anny -Lorenz vom Sturm auf der Insel und wie der Blitz die große -Sykomore gefällt und in Splitter gerissen hatte, ›keine drei -Schritte von ihm entfernt‹.</p> - -<p>»Darf ich auch kommen?« fragte Grace Miller.</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und ich?« fragte Sally Rogers.</p> - -<p>»Gewiß!«</p> - -<p>»Ich auch?« fiel Susanne Harper ein, »und mein Joe auch?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[173]</span></p> - -<p>»Natürlich.«</p> - -<p>Und mit Jubel und Händeklatschen hatte jedes in der Gruppe -um Erlaubnis gefragt, bis auf Tom und Anny. Immer weiter -plaudernd wandte er sich kühl ab und nahm Anny mit sich. -Beckys Lippen zitterten, Thränen traten in ihre Augen. Mühsam -barg sie diese Zeichen des Herzeleids unter erzwungener -Lebhaftigkeit, fuhr fort zu plappern und zu lachen, aber das -Picknick hatte jetzt jeden Reiz für sie verloren und alles übrige -dazu. Sobald sie konnte, schlich sie davon, versteckte sich und -weinte sich einmal ordentlich aus. Dann saß sie mürrisch und -tiefgekränkt da, bis die Schulglocke läutete. Das rüttelte sie -auf und mit rachedurstigem Blick sprang sie empor, schüttelte -die langen Zöpfe zurecht und war jetzt mit sich darüber im -reinen, was sie zu thun habe.</p> - -<div class="urshapepic" id="illu-175"> -<div class="boxu box175u"> -<img src="images/illu-175.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box175r" /> -</div> - -<p>In der Pause setzte Tom sein Scharmuzieren mit Anny -fort, voll jubelnder Selbstzufriedenheit. Er versuchte sich dabei -stets in Beckys Nähe zu halten, um sie mit dem Anblick zu -foltern. Erst fand er sie nicht; endlich erspähte er sie und siehe -da – sein Thermometer sank, sank bis ins Bodenlose hinein. -Da saß sie ganz behaglich auf einem Bänkchen hinter dem Schulhause, -saß und schaute mit Alfred Tempel zusammen in ein -Bilderbuch. Und so versunken waren die beiden und so dicht -hatten sie die Köpfe über dem Buch zusammengesteckt, daß sie -nichts zu bemerken schienen von dem, was um sie her vorging -in der weiten Welt. Eifersucht rieselte glühend heiß durch Toms -Adern. Er haßte sich selber, daß er die Gelegenheit verpaßt, -die Becky ihm geboten, um wieder gut Freund zu werden. Er -nannte sich einen Narren, einen Dummkopf und was dergleichen -liebenswürdige Titel mehr sind. Beinahe hätte er geweint vor -Aerger. Anny schnatterte inzwischen lustig weiter, denn ihr Herz -frohlockte und jubilierte, während Toms Zunge ihm beinahe den -Dienst versagte. Kaum hörte er, was Anny plauderte, und<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[174]</span> -jedesmal, wenn sie, -seine Antwort erwartend, -innehielt, brachte -er nur ein zerstreutes -›ja‹ oder ›nein‹ heraus und zwar meist am verkehrten Platze. -Immer wieder lenkte er seine Schritte nach der Hinterseite des -Schulhauses, als würden seine Augen von dem verhaßten Schauspiel -angezogen. Gegen seinen Willen zog es ihn hin, und es -machte ihn beinahe toll, daß Becky Thatcher anscheinend nicht -im entferntesten dran dachte, daß er auch noch unter den Lebenden -weile. Sie aber sah ihn recht wohl, wußte, daß sie Siegerin -blieb im Kampfe, freute sich, daß er litt und zwar schlimmer, -als sie zuvor hatte leiden müssen. Annys ahnungsloses, fröhliches -Geplauder wurde unerträglich. Tom deutete an, daß er -etwas zu thun habe und fort müsse, daß die Zeit verrinne – -umsonst, das Mädel schwatzte weiter. Tom dachte: ›Hol' sie -der Kuckuck; soll ich sie denn heut' gar nicht wieder los werden?‹ -Zuletzt, als es ihn nicht länger hielt, gab ihm die arglose Seele<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[175]</span> -das Versprechen, nach der Schule auf ihn zu warten. Er eilte -ganz wütend davon.</p> - -<p>»Jeder andere Junge,« dachte Tom zähneknirschend, »jeder -andere Junge in der ganzen Stadt, nur nicht <em class="gesperrt">der</em>. So 'n geschniegelter -Aff', der sich für Gott weiß was hält, und meint, -er sei viel besser als unser einer. Na, gut! Hab' ich dich am -ersten Tag durchgedroschen, als du kaum in die Stadt hereingerochen -hattest, du Tugendspiegel, werd' ich's auch jetzt noch -fertig bringen. Wart', wenn ich dich mal allein erwisch', dann -setzt's was!«</p> - -<p>Im Eifer hieb er um sich, als ob er den Feind jetzt schon -unter den Fäusten hätte, – fuchtelte in der Luft umher und -schlug mit Händen und Füßen aus.</p> - -<p>»Na, bist du nun zufrieden, Kerl, he? Schrei ›genug, -genug‹ sag' ich dir! Da lauf' und das nächste Mal hüt' dich!«</p> - -<p>Damit endete die eingebildete Züchtigung sehr zur Zufriedenheit -Toms.</p> - -<p>In der Mittagspause flüchtete sich Tom nach Hause. Er -konnte Annys Glückseligkeit nicht mehr mit ansehen und die -Qualen der Eifersucht nicht länger ertragen. Becky hatte sich -von neuem an das Bilderbesehen mit Alfred gemacht, als aber -Minute auf Minute verrann und kein Tom sich zeigte, um sich -ärgern zu lassen, da verringerte sich ihr Triumph und es lag -ihr nichts mehr an der Sache. Erst wurde sie ernst und zerstreut, -dann tief niedergeschlagen. Zwei- oder dreimal spitzte -sie die Ohren, als sich ein Schritt näherte, jedesmal aber war's -vergebliches Hoffen. Zuletzt wurde ihr ganz erbärmlich zu Mute -und sie wünschte innigst, es nicht so weit getrieben zu haben. -Der arme Alfred, welcher sah, daß sie sich ihm unmerklich entzog, -munterte sie fort und fort auf: »Sieh' mal, hier ist 'was -Schönes, sieh' doch nur her,« bis ihr zuletzt die Geduld ausging -und sie mit dem unwilligen Rufe: »Was liegt mir<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[176]</span> -dran, laß mich in Ruhe,« in Thränen ausbrach und davonrannte.</p> - -<p>Alfred hielt sich ritterlich an ihrer Seite und versuchte sie -zu trösten. Sie aber schleuderte ihm entgegen:</p> - -<p>»Laß mich in Frieden; ich kann dich nicht ausstehen!«</p> - -<p>So blieb denn der Junge zurück und sann hin und her, -was er ihr wohl gethan haben könne, denn vorher hatte sie ihm -doch versprochen, während der ganzen Mittagspause Bilder mit -ihm anzusehen. Sie aber rannte weiter, immerzu weinend. -Alfred schlich sich nachdenklich in das einsame Schulzimmer zurück; -er war sehr gedemütigt und ärgerlich, denn jetzt ging ihm ein -Licht auf, daß das Mädel ihn nur benutzt habe, um ihren Aerger -an Tom Sawyer auszulassen. Diese Ueberzeugung trug nicht -dazu bei, ihm Tom lieber zu machen. Er sehnte sich nach einer -Gelegenheit, diesem etwas einzubrocken, natürlich ohne sich selber -bloßzustellen. Da fiel ihm Toms Lesebuch ins Auge und ein -Gedanke schoß ihm plötzlich durch den Kopf. Er schlug das -Buch an der Stelle auf, die sie am Nachmittag brauchen würden, -und goß Tinte drüber. Becky, die im selben Moment hinter -ihm zum Fenster hereinlugte, sah alles mit an, verriet sich aber -nicht. Sie wandte sich heimwärts in der Absicht, Tom aufzusuchen -und ihm alles zu erzählen, dann würden sie schnell -wieder gut Freund sein. Ehe sie aber halbwegs zu Hause war, -hatte sie sich anders besonnen. Der Gedanke daran, wie Tom -sie behandelt, als sie von ihrem Picknick gesprochen, überfiel sie -plötzlich wieder mit glühender Beschämung. Sie beschloß, ihm -seine Prügel für das verschmierte Buch zu gönnen und ihn -obendrein von Herzen zu hassen und zu verabscheuen für immer -und ewig.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-177"> - <img src="images/illu-177.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[177]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-t.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Tom kam sehr verdrießlich zu Hause an, und die ersten -Worte, mit denen ihn seine Tante begrüßte, zeigten -ihm, daß hier nicht viel Trost für seinen Kummer zu holen -sein werde.</p> - -<p>»Tom, ich möchte dir wahrhaftig das Fell über die Ohren -ziehen.«</p> - -<p>»Ei, Tante, was hab' ich denn gethan?«</p> - -<p>»Meiner Treu! Fragt der Bursch' auch noch! Geh' ich -da hin zu der Harpern, der alten Einfaltspinselin, will ihr von -deinem Traum erzählen und ihr beweisen, daß Träume gar kein -Unsinn sind, und seh' mir einer, lacht sie mir grad' ins Gesicht -und sagt, sie hab's aus dem Joe herausgekriegt, daß du hier -gewesen seist und alles selber gehört und gesehen habest an dem -Abend. Ich denk' mich rührt der Schlag! Tom, was soll denn -aus 'nem Jungen werden, der so was thun kann? Ich könnt' -mir meine letzten paar grauen Haare ausreißen, wenn ich dran -denk', daß du mich hast hingehen lassen zu der Harpern, um -mich lächerlich zu machen, ohne auch nur ein Wort zu verlieren.«</p> - -<p>Das zeigte Tom die Sache allerdings in einem anderen -Lichte. Seine Pfiffigkeit vom Morgen war ihm wie ein guter -Scherz erschienen, wie ein Geniestreich sogar. Jetzt kam ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[178]</span> -sein Verhalten erbärmlich und gemein vor. Er hing den Kopf, -kein Wort der Entschuldigung wollte ihm einfallen. Endlich -stammelte er:</p> - -<p>»Tantchen, ich wollt', ich hätt's nicht gethan – ich hab' -aber wirklich nicht so dran gedacht.«</p> - -<p>»Ach, Kind, du denkst ja nie. Denkst nie an die andern, -immer nur an dich und dein Vergnügen. Daran hast du wohl -gedacht, den ganzen Weg von der Jackson-Insel hierher zu -machen, nur um über uns und unsern Jammer zu lachen. Und -daran hast du auch gedacht, deine alte Tante mit dem verlogenen -Traum zum Narren zu machen, <em class="gesperrt">daran</em> aber denkst du -nicht, wie du uns Spott und Schande und Kummer ersparen -kannst.«</p> - -<p>»Tantchen, jetzt weiß ich, wie erbärmlich es von mir war, -aber so hab' ich's nicht gemeint, weiß Gott, wahrhaftig nicht! -Und dann bin ich auch nicht herüber geschwommen, um mich -über euch lustig zu machen.«</p> - -<p>»Warum sonst?«</p> - -<p>»Nur um dir zu sagen, daß du dich nicht um uns sorgen -solltest, da wir nicht ertrunken seien.«</p> - -<p>»Tom, Tom, ich wäre die dankbarste alte Seele in der -weiten Welt, wenn ich wirklich glauben könnte, du hättest <em class="gesperrt">den</em> -guten Gedanken gehabt. Aber so war's gewiß nicht, Tom, so -war's nicht, und das weißt du auch selber, Tom.«</p> - -<p>»Weiß Gott, Tante, so war's, weiß Gott! Ei, ich will -gleich tot umfallen, wenn's anders war.«</p> - -<p>»O, Tom, lüg' nicht, – thu's nicht, Kind. Es macht ja -nur alles tausendmal schlimmer.«</p> - -<p>»Es ist nicht gelogen, Tante, es ist die reine Wahrheit. -Ich wollte nur nicht, daß du dich so grämen solltest, einzig und -allein deshalb kam ich.«</p> - -<p>»Ich gäb' die ganze Welt drum, wenn ich das glauben<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[179]</span> -könnte, – es würde fast alle deine Dummheiten aufwiegen, -Tom. Ei, ich wollte gar nichts davon sagen, daß du so schlecht -gewesen und davongelaufen bist, wenn ich <em class="gesperrt">das</em> nur glauben -könnte. Aber, Kind, Kind, es kann ja nicht sein, 's geht gegen -alle Vernunft; warum hättest du's mir dann damals doch nicht -gesagt und wärst so davongeschlichen?«</p> - -<p>»Warum? Ja, siehst du, Tantchen, als ihr vom Trauergottesdienst -und all dem spracht, da schoß mir der Gedanke -durch den Kopf, zu kommen und uns unterdessen in der Kirche -zu verstecken und ich war so voll davon, daß ich mir's nicht -verderben wollte. 's war doch auch kapital, gelt? So drückte -ich mich denn heimlich davon und steckte meine Rinde wieder ein.«</p> - -<p>»Welche Rinde?«</p> - -<p>»Ei, die Rinde, auf die ich geschrieben hab', daß wir als -Piraten davongelaufen seien. Ich wollt' jetzt, du wärst wach -geworden, wie ich dich geküßt hab', wahrhaftig ich wollt's!«</p> - -<p>Der strenge Ausdruck im Gesicht der Tante ließ etwas nach, -plötzliche Zärtlichkeit strahlte warm aus den treuen Augen.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Hast</em> du mich geküßt, Tom?«</p> - -<p>»Natürlich.«</p> - -<p>»Hast du's wirklich gethan, Tom?«</p> - -<p>»Gewiß, Tante, gewiß und wahrhaftig!«</p> - -<p>»Warum hast du mich geküßt, Tom?«</p> - -<p>»Weil ich dich lieb hab' und weil du da gelegen hast und -geseufzt und gestöhnt, und das hat mir leid gethan.«</p> - -<p>Die Worte klangen wahr. Die alte Dame konnte ein -Zittern in ihrer Stimme nicht ganz unterdrücken als sie sagte:</p> - -<p>»Küß mich noch einmal, Tom – und mach', daß du -weg kommst, 's ist Zeit zur Schule, du hast mich genug geärgert.«</p> - -<p>Im Moment, da er weg war, stürzte sie zum Schrank und -riß die traurigen Ueberreste der Jacke hervor, in der er Seeräuber<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[180]</span> -gewesen. Dann stand sie still, drückte die Lumpen an -ihre Brust und flüsterte:</p> - -<p>»Nein, ich wag's nicht. Armer Kerl, ich glaub' er hat -gelogen, aber – es war so gut und lieb gelogen, ordentlich -tröstlich für mein altes Herz. Ich hoffe, der Herr, – nein, ich -<em class="gesperrt">weiß</em>, der Herr wird ihm verzeihen, denn weiß Gott, diesmal -hat mein Tom aus Gutherzigkeit geflunkert. Ich will auch gar -nicht wissen, daß es geflunkert war, lieber seh' ich gar nicht nach.«</p> - -<p>So legte sie die Jacke weg und stand noch eine Minute -sinnend davor. Zweimal streckte sie die Hand nach dem Kleidungsstück -aus und zweimal zog sie dieselbe wieder zurück. Noch einmal -wagte sie sich vor und sprach sich selber Mut zu mit dem -Gedanken: Die Lüge war ja gut gemeint, von Herzen gut gemeint, -es soll mich weiter nicht kümmern. Damit hatte sie die -Hand in die Jackentasche versenkt. Einen Moment später las -sie unter strömenden Thränen, was Tom auf jenes bewußte -Rindenstück gekritzelt hatte und stammelte schluchzend:</p> - -<p>»Jetzt könnt' ich dem Jungen verzeihen, und wenn er eine -Million Sünden auf dem Gewissen hätte.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-181"> - <img src="images/illu-181.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[181]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">In der Art und Weise, wie ihn Tante Polly küßte, lag -etwas, das Tom wunderbar wohlthat. Seine Niedergeschlagenheit -war wie weggeblasen und er fühlte sich urplötzlich -wieder leichtherzig und froh. Er stürmte der Schule zu und -hatte das Glück unterwegs auf Becky zu stoßen. Da er sich -immer von seiner augenblicklichen Stimmung leiten ließ, so -rannte er ohne einen Moment der Ueberlegung auf sie zu und -rief treuherzig:</p> - -<p>»Becky, ich war heute morgen ganz abscheulich gegen dich, -ich will nie, nie wieder so sein, so lang ich lebe, nur sei wieder -gut, willst du?«</p> - -<p>Das Mädchen blieb stehen und sah ihm verächtlich in's -Gesicht:</p> - -<p>»Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Thomas Sawyer, -wenn Sie mich in Zukunft mit Ihrer Gesellschaft verschonen -wollten, ich werde nie wieder mit Ihnen reden.«</p> - -<p>Sprach's, warf den Kopf zurück und schritt stolz von -dannen. ›Herr‹ Thomas Sawyer war starr vor Staunen, daß -er nicht einmal Geistesgegenwart genug hatte zu einem ›Wie Sie -wünschen, Jungfer Patzig‹, und erst dran dachte, als es zu spät -war. So sagte er denn kein Wort, war aber nichtsdestoweniger -in heller Wut. Er schlich nach dem Schulhof und wünschte nur,<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[182]</span> -sie wäre ein Junge und er könnte sie durchbläuen für diese unerhörte -Beleidigung. Als er gerade in ihre Nähe kam, schleuderte -er ihr eine beißende Bemerkung ins Gesicht. Sie entgegnete im -selben Ton und der Bruch war vollständig. Becky konnte in -ihrem Racheeifer kaum den Beginn des Unterrichts erwarten, -so brannte sie darauf, Tom seine Prügel für das verschmierte -Buch erhalten zu sehen. Wenn sie je noch den Schatten eines -Zweifels in sich verspürt hatte, ob sie Alfred Tempel nicht doch -angeben wolle, so war derselbe durch Toms letzte Liebenswürdigkeit -auf Nimmerwiederkehr verscheucht.</p> - -<p>Das arme Ding – sie ahnte nicht, welch' drohendes Unheil -über ihrem eignen Haupte schwebte. Der Lehrer, Herr -Dobson, ein Mann in mittleren Jahren, hegte einen übertriebenen, -unerfüllbaren Ehrgeiz in der Brust. Der Traum -seines Lebens war gewesen, ein Arzt zu werden, seine Armut -aber hatte es gefügt, daß nur ein Volksschullehrer aus ihm -wurde. Jeden Tag griff er, wenn die verschiedenen Klassen -beschäftigt waren, zu einem geheimnisvollen Buche, in das er -sich eifrig vertiefte. Dasselbe hielt er strenge unter Schloß und -Riegel. Jedes seiner Schulkinder brannte vor Neugierde, einmal -einen Blick hineinwerfen zu können, nie aber wollte sich die -Gelegenheit hiezu bieten. Jedes der Kinder, Knaben und Mädchen, -hatte seine eigene Ansicht über das Buch, aber niemals war es -gelungen, Näheres zu erfahren. Als eben Becky an der offenen -Thür des Zimmers vorüberhuschte, bemerkte sie, daß der Schlüssel -des Pultes steckte. Das war ein köstlicher Moment, der ausgenutzt -werden mußte. Sie blickte sich rasch um und sah sich -ganz unbeobachtet; im nächsten Augenblick hielt sie das Buch in -Händen. Das Titelblatt: ›Anatomie von Professor Soundso‹, -diente nicht dazu, sie über den Inhalt aufzuklären, so begann -sie denn hastig die Blätter umzuwenden. Gleich zu Anfang kam -sie auf ein wundervoll koloriertes Bild, – eine menschliche<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[183]</span> -Figur. – Im selben Moment fiel ein Schatten auf das Buch, -Tom Sawyer trat zur Thüre herein und erhaschte noch einen -Blick auf das Bild. Hastig wollte Becky das Buch schließen, -hatte aber in ihrer Aufregung das Unglück, das Bild von oben -bis beinahe zur Mitte durchzureißen. Das Buch flog ins Pult, -sie drehte den Schlüssel um und brach in bittres Schluchzen aus -vor Scham und Aerger.</p> - -<p>»Tom Sawyer,« rief sie, »du bist doch so gemein wie du -nur sein kannst. Einen so zu überfallen und auszuspionieren, -was man thut!«</p> - -<p>»Wie konnt' ich denn wissen, was du dir zu schaffen -machst?«</p> - -<p>»Du solltest dich vor dir selber schämen, Tom Sawyer; -jetzt wirst du hingehen und mich verklatschen beim Lehrer und -– Herr du mein Gott, was fang' ich an? Ich bin noch niemals -geschlagen worden in der Schule und heut' – heut' haut -mich der Lehrer sicherlich durch.«</p> - -<p>Dann, als Tom nichts antwortete, stampfte sie mit dem -kleinen Fuße auf und rief:</p> - -<p>»Na, dann sei so gemein und verrat' mich, wenn dir's -Spaß macht. Aber wart', dir blüht auch nichts Gutes, denk' -nur an mich – niederträchtig – niederträchtig!« Und mit -einem erneuten Strom von Thränen stürzte sie davon.</p> - -<p>Tom stand ordentlich betäubt ob solch vulkanischen Ausbruchs. -Dann sagte er zu sich selber:</p> - -<p>»Was so'n Mädel für eine Närrin ist! Noch niemals -Prügel gekriegt! Herrgott, was liegt mir an einer Tracht mehr -oder weniger? So sind aber die Mädels, so dünnfellig und -hasenfüßig. Es fällt mir gar nicht ein, sie zu verklatschen, -aber 's kommt doch heraus. Der alte Dobson wird natürlich -fragen, wer's war, und wenn keiner antwortet, fragt er einen -nach dem andern, dann merkt er's schon am Gesicht. So'n<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[184]</span> -Mädel verrät sich immer selber, da ist keine Schneid drin. Die -Sache ist kritisch für das arme Ding, die Becky, kriegen thut -sie's, da ist kein Zweifel. Na, mir kann's recht sein, die säh' -mich auch von Herzen gern in derselben Klemme. Mag sie zusehen, -wie sie's ausbadet!«</p> - -<p>Tom gesellte sich dem Haufen der lärmenden Kameraden -draußen wieder zu; bald drauf erschien der Lehrer und der -Unterricht begann. Die Studien zogen Tom nicht sehr an. -Jedesmal, wenn er zu den Mädchen hinüber sah, beunruhigte -ihn Beckys Gesichtchen. Genau genommen hatte er gar keine -Ursache, sie zu bemitleiden, und doch, mochte er thun was er -wollte, er konnte sich des Mitleids nicht erwehren. Jetzt entdeckte -der Lehrer das besudelte Lesebuch, wodurch Toms ganze -Aufmerksamkeit für seine eigenen Angelegenheiten in Anspruch -genommen wurde. Das rüttelte auch Becky aus ihrer Gramversunkenheit -auf und sie folgte den Vorgängen mit großer Aufmerksamkeit. -Sie glaubte nicht, daß Tom imstande sein werde, -sich herauszulügen, und sie hatte recht. Sein Leugnen schien -die Dinge für ihn nur zu verschlimmern. Als dann die Verhandlung -den Höhepunkt erreichte, trieb es sie förmlich, aufzuspringen -und Alfred Tempel anzugeben, doch zwang sie sich -zur Ruhe, denn sie sagte sich: »Tom klatscht doch, daß ich das -Bild zerrissen hab'. Ich sag' kein Wort, und wenn's ihm an's -Leben geht.«</p> - -<p>Tom steckte seine Prügel ein und schritt auf seinen Platz -zurück, durchaus nicht niedergeschlagen. Er dachte selber, es sei -möglich, daß er die Tinte über's Buch geschüttet, ohne es zu -wissen, dergleichen konnte ja passieren. Geleugnet hatte er's -überhaupt nur der Form halber und weil's so Sitte war; dann -hatte er aus Prinzip dabei beharrt.</p> - -<p>Eine ganze Stunde verstrich; nickend saß der Lehrer auf -seinem Throne, das Summen der vor sich hin murmelnden,<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[185]</span> -lernenden Kinder wirkte einschläfernd. Allmählich rappelte sich -Herr Dobson in die Höhe, gähnte, schloß sein Pult auf, griff -nach seinem Buch und fingerte dran herum, unentschieden, ob -er es nehmen solle oder nicht. Schläfrig sahen die Schüler -nach ihm hin, zwei derselben verfolgten sein Thun mit gespannten -Blicken. Noch immer schien Herr Dobson nicht entschieden; endlich -nahm er das Buch zur Hand und lehnte sich in seinen Stuhl -zurück, um zu lesen.</p> - -<p>Tom warf einen raschen Blick auf Becky. Diese starrte -um sich wie ein gehetztes Reh, das den todbringenden Lauf auf -sich gerichtet sieht, so hilflos, so verzweifelt. Im Moment war -aller Groll dahin. Etwas mußte geschehen, aber sofort, mit -Blitzesschnelle, sonst war's zu spät. Doch die dringende Nähe -der Gefahr schien seine Erfindungsgabe völlig zu lähmen. Wenn -er nun hinstürzte, dem Lehrer das Buch entriß, damit die Flucht -ergriff? Eine einzige Sekunde überlegte er und – hin war -die Gelegenheit, der Lehrer öffnete das Buch. Wäre nur der -verlorene Moment noch einmal zu erhaschen, Tom fühlte sich -jetzt zu allem fähig. Zu spät! Becky war nicht mehr zu helfen. -Im nächsten Moment traf des Lehrers Auge die aufschauenden -Schüler, die Augen senkten sich vor seinem Blick, es lag ein -Etwas drin, das selbst den Unschuldigsten unter ihnen mit Scheu -und Furcht erfüllte. Eine Pause entstand, während welcher man -wohl bis zehn zählen konnte. Der Lehrer schien Kraft sammeln -zu müssen. Dann kam's:</p> - -<p>»Wer hat dieses Buch zerrissen?«</p> - -<p>Kein Laut. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen -hören können. Die beängstigende Stille dauerte an. Auf einem -Gesicht nach dem andern suchte der Lehrer die Zeichen der Schuld.</p> - -<p>»Benjamin Rogers, hast du das Buch zerrissen?«</p> - -<p>Verneinung. Eine weitere Pause.</p> - -<p>»Joe Harper, du?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[186]</span></p> - -<p>Erneute Verneinung. Toms Unbehagen stieg und stieg -unter der langsamen Qual dieses Verfahrens. Der Lehrer ließ -den Blick über die Reihen der Knaben schweifen, überlegte eine -Weile und wandte sich dann den Mädchen zu:</p> - -<p>»Anny Lorenz?«</p> - -<p>Ein Schütteln des Kopfes.</p> - -<p>»Grace Miller?«</p> - -<p>Dasselbe Zeichen.</p> - -<p>»Susanne Harper?«</p> - -<p>Erneute Verneinung. Das nächste Mädchen war Becky. -Tom zitterte vom Kopf bis zu den Füßen vor Aufregung; er -empfand die ganze Hoffnungslosigkeit der Lage.</p> - -<p>»Rebekka Thatcher« – (Tom sah, daß ihr Gesicht vor Entsetzen -blaß war wie der Tod) – »hast du – nein, sieh' mich -an – (sie hob die Hände in stummem Flehen) hast du dies -Buch zerrissen?«</p> - -<p>Ein Gedanke schoß wie ein Blitz durch Toms Gehirn. Er -sprang auf und rief laut in die herrschende Stille hinein:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ich hab's gethan.</em>«</p> - -<p>Sprachlos ob solcher unerhörten, unglaublichen Tollheit -starrten ihn aller Augen an. Tom stand einen Moment regungslos -da, um seine etwas aus der Fassung geratenen Lebensgeister -zu sammeln, und als er dann nach dem Katheder schritt, seine -Strafe in Empfang zu nehmen, strahlten ihm aus Beckys Augen -Ueberraschung, Dankbarkeit, Anbetung in solch' reichem Maße -entgegen, daß sie ihn für hundert vollwichtiger Trachten Prügel -hätten entschädigen können. Begeistert durch den Edelmut seiner -eignen That entschlüpfte ihm auch nicht der leiseste Schrei bei -der nun folgenden Züchtigung, der unbarmherzigsten, die Herr -Dobson in seinem Leben austeilte. Ja, als der Lehrer die -Strafe noch durch zwei Stunden Nachsitzen verschärfte, nahm -Tom auch dies mit dem äußersten Gleichmut hin, wußte er doch,<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[187]</span> -wer außerhalb der Schulmauern auf ihn warten und jede Minute -bis zu seiner Befreiung aus der Gefangenschaft zählen würde.</p> - -<p>Am Abend desselben Tages ging Tom zu Bett, von finsteren -Racheplänen gegen Alfred Tempel erfüllt. Becky hatte ihm -voller Reue und Scham alles eingestanden, ja selbst ihre eigne -Verräterei nicht verschwiegen. Der Durst nach Rache aber wich -bald milderen Gefühlen, lieblicheren Bildern, und Tom fiel in -Schlaf, während ihm Beckys letzte Worte noch träumerisch süß -im Ohre nachklangen:</p> - -<p>»Tom, wie <em class="gesperrt">konntest</em> du so edel sein?«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-188"> - <img src="images/illu-188.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[188]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zwanzigstes_Kapitel">Zwanzigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div class="ulshapepic" id="illu-189"> -<div class="boxu box189u"> -<img src="images/illu-189.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box189l" /> -</div> - -<p class="drop">Die großen Ferien rückten immer -näher. Der Lehrer, ernst von -Natur, wurde strenger und anspruchsvoller -von Tag zu Tag, -sollte doch seine Schule Ehre einlegen am -verhängnisvollen, großen Tag der Prüfung. -Seine Rute und sein Lineal kamen gar nicht -mehr zur Ruhe, zum wenigsten bei den -kleineren Schülern. Nur die großen Knaben -und die jungen Damen von der Sonntagsschule -entgingen einer Züchtigung. Und Herrn Dobsons Prügel -waren was wert unter Brüdern, denn obgleich er unter seiner -Perücke einen vollständig kahlen und glänzenden Schädel barg, -so stand er doch noch im kräftigsten Mannesalter und die Stärke -seiner Muskeln ließ nichts zu wünschen übrig. Als der große -Tag näher und näher rückte, kam alle die Tyrannei, die in ihm -schlummerte, an's Tageslicht. Mit grausamer Lust ahndete er -die geringsten Versäumnisse und Fehler. Die Folge davon war, -daß die Kinder ihre Tage in Schreck und Qual, ihre Nächte -mit Schmieden finstrer Rachepläne verbrachten. Sie ließen sich -keine Gelegenheit entgehen, dem Lehrer einen Streich zu spielen, -der aber blieb immer Meister. Die Strafe, die jedem solchen<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[189]</span> -kleinen Racheakt auf dem Fuße folgte, war so großartig, so -niederschmetternd, daß die Jungen den Kampfplatz jedesmal vollständig -›geschlagen‹ verließen. Zuletzt entstand eine Verschwörung -und ein Plan wurde ausgeheckt, der den glänzendsten Sieg versprach. -Die Verschwörer zogen den Sohn des Anstreichers in's -Vertrauen, welcher Lehrling bei seinem Vater war, setzten ihm -den Plan auseinander und baten um seine Hilfe. Der hatte -nun wieder seine eignen Gründe, sich dem Racheplan anzuschließen, -denn der Lehrer wohnte im Hause des Anstreichers und hatte -dem Jungen genügend Ursache zum gründlichsten Hasse gegeben. -Die Frau des Lehrers wollte in den nächsten Tagen zu einem -Besuche auf's Land gehen und so stand der Ausführung des -Planes nichts im Wege. Der Lehrer pflegte sich zur würdigen -Vorbereitung bei großen Gelegenheiten aus der Flasche nachhaltig -Mut zuzusprechen, und der Anstreicherjunge versprach, am -Prüfungsabend, wenn der Lehrer das nötige Stadium des -›Mutes‹ erreicht habe und in seinem Stuhle ein Stärkungsschläfchen -halte, ›die Sache schon besorgen zu wollen.‹ Knapp -zur rechten Zeit wolle er ihn dann schleunigst wecken und in -aller Eile zur Schule spedieren.</p> - -<p>Als die Zeit erfüllet war, trat dann das große Ereignis -ein. Um acht Uhr abends erstrahlte das Schulhaus im Glanz -der Kerzen und im Schmuck der Gewinde aus Laub und Blumen. -Majestätisch thronte der Lehrer auf seinem Katheder, die schwarze -Tafel hinter sich. Auf Bänken zu beiden Seiten saßen die Eltern -der Kinder und die Würdenträger der Stadt, vor dem Katheder -dehnten sich die Reihen der Schüler, hier die Knaben, die dermaßen -gewaschen und herausgeputzt waren, daß man ihnen das -Unbehagen ansah, dort die Mädchen, in schneeweißem Musselin, -sichtbar durchdrungen von dem erhebenden Bewußtsein, in bloßen -Armen, blau und roten Bändern und mit Blumen im Haar zu -glänzen. Den Hintergrund bildete ›das Volk‹.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[190]</span></p> - -<p>Die Prüfung begann. Ein winzig kleiner Junge erhob sich -und rezitierte mit einem Schafsgesicht:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Kaum glaubt ihr, daß solch' kleiner Wicht,</div> - <div class="verse indent0">Wie ich, es wagt und zu euch spricht,« etc.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">wobei er seinen Vortrag mit den peinlich genauen, stoßweisen -Bewegungen einer Maschine begleitete, noch dazu einer Maschine, -die etwas aus der Ordnung geraten zu sein schien. Doch stolperte -er sicher, wenn auch zu Tode geängstigt, bis zum Schluß hindurch, -klappte den Oberkörper verbeugend nach unten, bekam -einen wahren Beifallssturm von dem dankbaren Publikum und -zog sich aufatmend zurück.</p> - -<p>Ein kleines, verschüchtertes Mädchen lispelte ihr:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ein kleines Lämmchen, weiß wie Schnee,</div> - <div class="verse indent0">Ging einstens auf die Weide,«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">machte einen mitleiderregenden Knix, erhielt ihren Anteil an -Applaus und setzte sich glühend rot und glückselig wieder hin.</p> - -<p>Tom Sawyer trat nun vor, voll stolzer aber trügerischer -Zuversicht, und begann mit donnerndem Pathos und verzückten -Gebärden die berühmte Ode an die ›Freiheit‹ zu deklamieren. -Aber wehe! In der Mitte etwa angelangt, – verließ ihn just -das Gedächtnis, das ›Lampenfieber‹ ergriff ihn, seine Kniee -zitterten, er drohte zusammenzusinken oder zu ersticken. Wohl -hatte er des Hauses Mitleid für sich, aber auch des Hauses -Schweigen. Finster blickte der Lehrer, drohend zog er die Stirne -in Falten; dies machte das Unheil vollständig. Tom stammelte, -stotterte noch eine Weile, gab's dann auf und zog sich zurück, -jeder Zoll ein geschlagener Held! Ein schwacher Beifallsversuch, -der sich erheben wollte, wurde im Keime erstickt.</p> - -<p>Jetzt folgten:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Auf brennendem Deck der Knabe stand.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Dann:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Hernieder kam einst Assurs Macht«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[191]</span></p> -<p class="noind">und andre dergleichen deklamatorische Kleinodien. Nun kamen -Leseübungen und ein regelrechtes Kreuzfeuer in der Kunst des -Buchstabierens. Die magere Lateinklasse bestand ihre Sache mit -Ehren. Dann nahte der Hauptakt des ganzen Abends, – der -Vortrag von selbstgefertigten Aufsätzen und Gedichten der ›jungen -Damen‹. Der Reihe nach trat jede an den Rand der Estrade, -räusperte sich, erhob ihr von einem zierlichen Band umschlungenes -Manuskript, und begann zu lesen mit dem nötigen Aufwand von -Ausdruck und Gefühl. Die Themata waren dieselben, wie sie -ihre Mütter, Großmütter und zweifellos alle weiblichen Vorfahren -der Familie bis zurück zu den Kreuzzügen schon bearbeitet -hatten: ›Freundschaft‹ – ›Erinnerungen früherer Tage‹ -– ›Die Religion in der Geschichte‹ – ›Das Land der Träume‹ -– ›Die Vorteile der Kultur‹ – ›Vergleiche und Verschiedenheiten -der politischen Regierungsformen‹ – ›Melancholie‹ – -›Kindliche Liebe‹ – ›Herzenswünsche‹ – u. s. w., u. s. w.</p> - -<p>Die meisten dieser Ergüsse zeichneten sich durch eine starke -Vorliebe für das Gefühlvolle aus. Die großartigste Verschwendung -erhabener Ausdrücke und Redewendungen war ebenfalls -ein gemeinsamer Zug, ebenso das gewaltsame Herbeiziehen allgemein -bekannter und beliebter Phrasen und Zitate. Den Schluß -bildete hier wie dort unweigerlich eine möglichst stark aufgetragene -moralische Nutzanwendung. Einerlei, was der behandelte Gegenstand -gewesen, mit kühnem Sprung lief das Ende ohne Unterschied -in eine äußerst erbauliche Betrachtung aus, die sich nicht -ohne Rührung anhören ließ und einen schmeichelhaften Rückschluß -auf die Tugenden der schönen Mahnerin gestattete.</p> - -<p>Der erste Aufsatz, der vorgetragen wurde, betitelte sich: -»<em class="gesperrt">Dies also ist das Leben?</em>« Vielleicht hat der Leser Geduld -genug, einen Auszug hieraus nachzulesen:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Trunkenen Auges, mit wonnebebendem Herzen schaut der -jugendliche Geist den zu erwartenden Freuden des Lebens entgegen.<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[192]</span> -Geschäftig malt ihm die Einbildungskraft rosenfarbene -Bilder der Wonne vor. Im Geiste sieht sich die jugendliche Schöne -als ›Dame von Welt‹, inmitten des wogenden, festlichen Getriebes, -scherzend, lachend, umkost, umworben, gefeiert, ›schauend -und geschaut‹! Ihre anmutige Gestalt gleitet in wehenden, -weißen Gewändern auf den Wellen des wirbelnden Tanzes dahin, -ihr Auge strahlt am hellsten, ihr Schritt ist der elastischste in der -ganzen heiteren Gesellschaft. Unter solch' gaukelnden, lockenden -Phantasiegebilden schwindet schnell die Zeit und die ersehnte Stunde -erscheint, die Stunde, welche Einlaß bringen soll in jene elysische -Welt, die solche Wonneträume zu wecken vermag. Wie zauberisch -erscheint dem geblendeten Auge Alles und Jedes! Jede neue -Scene ist reizender, lockender als die vorhergegangene. Doch -kurze Zeit nur währt der Rausch! Bald zeigt es sich, daß unter -der glänzenden Außenseite Hohlheit sich birgt. Die Schmeichelei, -die einst die Seele fesselte, verletzt nun das Ohr mit schrillem -Klang, der Ballsaal verliert seine Reize. Mit zerrütteter Gesundheit, -verbitterten Herzens wendet sich das ›Kind der Welt‹ -ab, die Ueberzeugung tief im Busen bergend, daß irdische Freuden -das Verlangen der unsterblichen Seele nicht zu befriedigen imstande -sind!«</p> - -<p>Und so weiter.</p></div> - -<p>Ein beifälliges Gemurmel unterbrach von Zeit zu Zeit den -Vortrag. Ein: ›wie schön‹! ›gut gesagt‹! oder ›wie wahr‹! ließ -sich deutlich unterscheiden, und nachdem das Ding mit einer besonders -erhebenden Schlußbetrachtung geendet, wurde der Beifall -ordentlich enthusiastisch.</p> - -<p>Dann erhob sich ein schlankes, melancholisch aussehendes -Mädchen, dessen Gesicht jene interessante Blässe zeigte, die von -Pillen und schlechter Verdauung herrührt, und las ein ›Gedicht‹ -vor. Folgende Verse desselben mögen genügen:</p> - -<h3>Lebewohl einer Missouri-Maid an Alabama.</h3> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Leb' wohl, Alabama, dich liebe ich,</div> - <div class="verse indent0">Und doch muß lassen, muß meiden ich dich.</div><span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[193]</span> - <div class="verse indent0">Es naget die Trauer am Herzen mein,</div> - <div class="verse indent0">In heißer Sehnsucht gedenk' ich dein.</div> - <div class="verse indent0">Wie hab' ich die blum'gen Wälder durchstreift,</div> - <div class="verse indent0">Längs den Ufern deiner Gewässer geschweift,</div> - <div class="verse indent0">Dem Murmeln der Wellen träumend gelauscht,</div> - <div class="verse indent0">In Aurorens Strahl mich wonnig berauscht.</div> - <div class="verse indent0">Nicht scheu verberg' ich mein übervoll Herz,</div> - <div class="verse indent0">Erröt' nicht, zu zeigen den brennenden Schmerz.</div> - <div class="verse indent0">Er gilt ja nicht Fremden im fernen Land,</div> - <div class="verse indent0">Den Freunden, den Lieben nur, die ich gekannt.</div> - <div class="verse indent0">Sie waren mein Trost mir, mein ganzes Glück;</div> - <div class="verse indent0">Alabamas Thäler ersehn' ich zurück.</div> - <div class="verse indent0">Ach, nun ich's verloren, erkenn' ich's zu spät:</div> - <div class="verse indent0">Dort wurzelt mein Leben, mein Herz, – zu spät!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Zunächst erschien eine schwarzäugige und schwarzhaarige -junge Dame auf dem Podium, machte eine wirkungsvolle Kunstpause, -nahm eine tragische Haltung an und begann gemessenen, -ausdrucksvollen Tones vorzulesen:</p> - -<h3>Eine Vision.</h3> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Dunkel und stürmisch war die Nacht. Am Himmelszelte -oben flimmerte nicht ein einziger Stern, nur das dumpfe Dröhnen -des Donners vibrierte beständig im geängstigt lauschenden Ohre, -während grelle Blitze in entfesselter Wildheit die wolkigen Himmelskammern -durchrasten und der Macht zu spotten schienen, die der -große Franklin sich über sie angemaßt. Selbst die stürmischen -Winde kamen einmütig hervor aus ihrer geheimnisvollen Höhle -und schnaubten und tosten einher, als wollten sie durch ihre -Gegenwart die tolle Scene noch toller machen. Zu eben solcher -Stunde, gleich dunkel, gleich trostlos und entsetzungsvoll, schrie -einst mein ganzes Sein nach dem Balsam menschlichen Mitgefühls. -Umsonst! Da plötzlich:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry100"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">›Erschien sie, die mein Trost, mein Führer und mein Rat,</div> - <div class="verse indent0">Mein Glück im Gram, mein All' an meine Seite trat.‹</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Sie schwebte daher, wie eines jener glänzenden, anmutbeschwingten -Wesen, mit denen Jugend und Romantik sich die<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[194]</span> -sonnigen Fluren ihres Eden bevölkern, eine Königin der Schönheit, -nur mit ihrer eignen, unvergleichlichen Lieblichkeit angethan -und geschmückt. So leise war ihr Schritt, keinen Laut rief er -hervor und nur der magische Wonneschauer, der mein ganzes -Sein bei ihrer sanften Berührung durchrieselte, verriet mir ihre -Gegenwart, sonst wäre sie entschwebt gleich andern sich dem -Auge nicht selbstbewußt aufdrängenden Schönheiten, unbemerkt -und ungesucht. Gleich eisigen Thränen auf dem Gewande des -Dezembers lag eine eigentümliche Traurigkeit auf den geliebten -Zügen, als sie, ernst auf die draußen kämpfenden Elemente hinweisend, -mich die beiden durch dieselben dargestellten Wesen betrachten -hieß.« –</p></div> - -<p>Dieser nächtliche Gespensterspuk füllte zehn Seiten des Manuskripts -und endete in einer Predigt von solch niederschmetternder, -hoffnungraubender Wirkung auf alle Nichtgläubigen, daß der -Aufsatz den ersten Preis gewann und einstimmig für die beste -Leistung des Abends erklärt wurde. Der Bürgermeister des -Städtchens überreichte der glückstrahlenden Verfasserin in feierlicher -Ansprache den Preis, indem er sagte, es sei bei weitem -›das Beredteste, Pathetischste‹, was er je gehört, ja daß der -große Daniel Webster selber hätte stolz drauf sein dürfen.</p> - -<p>Beiläufig mag noch bemerkt werden, daß die Zahl der Aufsätze, -in denen das Wort ›wunderbar‹ mit Vorliebe angewendet -und der menschlichen Erfahrung als ›einer Seite im Buche des -Lebens‹ erwähnt wurde, den üblichen Durchschnitt erreichte.</p> - -<div class="urshapepic" id="illu-196"> -<div class="boxu box196u"> -<img src="images/illu-196.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcr box196r" /> -</div> - -<p>Nun erhob sich der Lehrer, der durch den Erfolg des Abends -so sanftmütig und weich geworden war, daß sein Wesen beinahe -an Liebenswürdigkeit streifte, schob seinen Stuhl zurück, wandte -dem Publikum den Rücken und begann auf der schwarzen Tafel -eine Karte von Amerika zu entwerfen, um die Geographie-Uebungen -daran vornehmen zu können. Seine unstäte Hand -aber wollte ihm nicht parieren bei der Sache, ein unterdrücktes -Gekicher lief durch das Haus. Er wußte, was es bedeutete und<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[195]</span> -nahm alle Kraft zusammen, um -sich mit Ehren herauszuziehen. -Er fuhr mit dem Schwamm -über die mißlungenen Linien -und machte sich geduldig auf's -neue dran, nur um sie mehr -und mehr zu verrenken, und -das Gekicher wurde immer deutlicher. Mit Macht und ganzer -Aufmerksamkeit warf er sich nun auf sein Werk, entschlossen, sich -durch die augenscheinliche Heiterkeit nicht aus der Fassung bringen<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[196]</span> -zu lassen. Er fühlte, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren; -er glaubte nun endlich im richtigen Fahrwasser zu sein und doch -dauerte das Gekicher fort, ja es nahm sogar noch zu. Und -Grund genug dazu war vorhanden. Im oberen Stock befand -sich eine Dachkammer, in deren Fußboden eine Klappe angebracht -war, unter der just eben der Lehrer stand. Durch diese -Klappe nun erschien eine Katze, die an einem um die Hinterbeine -geschlungenen Seile hing und der man um Kopf und Maul -einen dicken Lappen gewickelt hatte, um sie am Schreien zu -hindern. Als sie so langsam niedersank, krümmte sie sich nach -oben und versuchte sich mit den Pfoten am Seil festzuklammern, -umsonst! Sie griff mit den Pfoten nur in die unfaßbare, haltlose -Luft. Das Gekicher schwoll und schwoll. Die Katze war -jetzt nur noch sechs Zoll von dem Haupte des ahnungslosen -Lehrers entfernt. Sie sank tiefer und tiefer; noch eine Spanne -und nun schlug sie die verzweifelten Krallen in die Perücke des -schulmeisterlichen Hauptes, klammerte sich fest an dem willkommenen -Halte und wurde im selben Moment zurückgezogen -zur Klappe, die Siegestrophäe fest in den räuberischen Klauen! -Des Schulmeisters kahler Schädel aber erstrahlte in ungeahnter, -zauberischer Pracht, – der Sohn des Anstreichers hatte denselben -<em class="gesperrt">vergoldet</em>!</p> - -<p>Dies bereitete der Festlichkeit ein jähes Ende. Die Jungen -waren gerächt, – die Ferien da!</p> - -<div class="blockquot"> - -<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> Die oben angeführten sog. ›Aufsätze‹ sind ohne Veränderung -einem Buche entnommen, das den Titel führt: »Prosa und -Poesie von einer Dame des Westens.« Als genaue Studien nach dem -bekannten ›Schulmädchen-Muster‹ sind sie infolgedessen weit glücklichere -Beispiele, als bloße Nachbildungen hätten sein können.</p></div> - -<div class="figcenter" id="illu-197"> - <img src="images/illu-197.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[197]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Einundzwanzigstes_Kapitel">Einundzwanzigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-t.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Tom fand, daß die ersehnten Ferien schon acht Tage nach -dem Beginn sich in endloser, öder Weise vor ihm zu -dehnen begannen. Er wußte kaum, was er mit sich anfangen -sollte in dieser langen, langen Zeit. Becky Thatcher war mit -ihren Eltern auf ihr Landgut gereist, um die Wochen der Freiheit -dort zu verbringen, und hatte den letzten Lichtstrahl in dieser -endlosen Nacht der Langeweile mit sich genommen. Ein paar -Kindergesellschaften dienten nur dazu, die klaffende Lücke von -Beckys Abwesenheit um so fühlbarer zu machen. Eine mitleidige -Masernepidemie erbarmte sich der gelangweilten Jugend, -bot aber in ihrem milden Charakter nicht einmal die Aussicht, -daß man zur Abwechslung hie und da um das gefährdete Leben -irgend eines Kameraden zittern konnte. Auch sie verlief langweilig -und eintönig wie alles andre.</p> - -<p>Endlich kam Leben in die schläfrige Atmosphäre. Der -Mordprozeß kam vor Gericht und wurde sofort zum Thema jeglichen -Stadtgespräches. Er benahm Tom alle Ruhe. Jede neue -Erwähnung der Mordthat sandte ihm einen Schauder zum Herzen. -Sein böses Gewissen und seine Angst ließen ihn in jeder darauf -bezüglichen Bemerkung einen ›Fühler‹ wittern, den man ausgestreckt, -um ihn zu sondieren. Freilich erschien es ihm bei -näherer Ueberlegung gar nicht möglich, daß man in ihm einen<span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[198]</span> -Mitwisser der That vermuten könne, gleichwohl war ihm nicht -wohl bei der Sache; fortwährend überlief es ihn, bald heiß, -bald kalt. An einsamem Ort nahm er Huck beiseite, um sich -mit diesem zu besprechen. Welche Erleichterung mußte es gewähren, -das Siegel auf den Lippen nur für eine kleine Weile -zu lösen, die Hälfte der Bürde auf die Schultern eines Mitfühlenden, -eines Leidensgefährten zu wälzen. Außerdem lag -Tom daran, sich Gewißheit über Hucks unverbrüchliches Schweigen -zu verschaffen.</p> - -<p>»Huck, hast du jemals irgend einem Menschen davon erzählt?«</p> - -<p>»Von was?«</p> - -<p>»Du weißt schon selber.«</p> - -<p>»Ach so! Na, natürlich nicht.«</p> - -<p>»Kein Wort?«</p> - -<p>»Nicht ein einziges Wörtchen, nee, weiß Gott! Was fragst du?«</p> - -<p>»Na ich – ich hatte Angst.«</p> - -<p>»Weißt's ja doch selber, Tom Sawyer, wir zwei wären -kalt nach drei Tagen, wenn das heraus käme!«</p> - -<p>Tom fühlte sich etwas beruhigter. Nach einer Pause:</p> - -<p>»Huck, gelt, 's kann dich keiner zwingen, was zu sagen, -oder?«</p> - -<p>»Mich zwingen! Na, wenn ich Lust hätte, daß mich der -Indianer-Hund ersäufte, ja, dann wär's möglich, daß ich's sage -– sonst nicht!«</p> - -<p>»Na, dann ist's gut! Ich denk', wir sind sicher, so lang -wir reinen Mund halten. Laß uns aber noch mal schwören. -Ich mein', 's ist sicherer!«</p> - -<p>»Meinethalben.«</p> - -<p>Und wieder schwuren die Jungen einen grausig feierlichen -Eid.</p> - -<p>»Worüber schwatzen sie gerade hauptsächlich in der Stadt, -Huck? Ich hab' alles durcheinander gehört!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[199]</span></p> - -<p>»Schwatzen? Ei, Muff Potter, Muff Potter und nichts -als Muff Potter, immer und ewig. Mir treibt's den kalten -Schweiß aus, wenn ich nur den Namen höre. Am liebsten -steckt' ich mir Baumwolle in die Löffel!«</p> - -<p>»Gerad' so geht's bei mir, grad' so! Ich glaub' der ist -verloren. Dauert er dich nicht auch manchmal?«</p> - -<p>»Ei immer, beinahe immerzu. Viel wert ist er ja nicht, -aber er hat doch keinem 'was zuleid' gethan. Stibitzt wohl -mal 'nen Fisch, um Geld für Schnaps zu kriegen und sich zu -besaufen, und bummelt den ganzen Tag herum, aber – Herrgott, -– das thut ja jeder – wenigstens beinah' jeder. Aber -er ist doch ein guter Kerl. Einmal hat er mir 'nen halben -Fisch gegeben und sich selber an der andren Hälfte hungrig gegessen, -und oft und oft hat er mir geholfen, wenn ich irgendwo -in der Patsche saß.«</p> - -<p>»Und mir hat er Drachen geflickt, Huck, und Angelhaken -an der Leine festgemacht. Weiß Gott, ich wollt', wir könnten -ihn freimachen! Ich gäb' was drum!«</p> - -<p>»Du lieber Himmel, das würde doch nicht viel helfen, Tom, -den hätten sie gleich wieder fest!«</p> - -<p>»Das ist ja wahr, aber ich kann's gar nicht mit anhören, -wenn sie so über ihn losziehen, als wär' er der leibhaftige -Gottseibeiuns, und er's doch gar nicht gethan hat.«</p> - -<p>»So geht's mir grad', Tom. Herrgott, da schwatzen sie -daher, als sei er der blutdürstigste Hund im Land und nur aus -Versehen nicht schon längst irgendwo aufgeknüpft.«</p> - -<p>»Ja, weiß Gott, ich hab' sogar gehört, wie einer sagte, -wenn sie den freiließen, dann sollte er sofort gelyncht werden. -O, du meine Güte!«</p> - -<p>»Und das thäten sie auch, so wahr ich hier steh'!«</p> - -<p>Lange noch schwatzten die Jungen so zusammen, aber Trost -brachte es ihnen nicht. Mittlerweile brach die Dämmerung herein<span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[200]</span> -und sie befanden sich plötzlich vor dem kleinen, einsamen Gefängnis, -in der uneingestandenen Hoffnung, ein gütiges Geschick -könne irgend eine Wendung zum Besseren herbeiführen, wodurch -sie von ihrer Qual befreit würden. Es geschah aber nichts. -Die Engel und alle -guten Geister schienen -ihre Hände von dem -unglücklichen Gefangenen -abgezogen zu haben.</p> - -<div class="figleft" id="illu-201"> - <img src="images/illu-201.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Wie oftmals zuvor -schon traten die -Jungen zu dem kleinen -Gitter heran und reichten -Potter Tabak und -Feuerzeug hindurch. Der -lag am Boden und Wächter -waren keine da.</p> - -<p>Seine rührende -Dankbarkeit hatte ihnen -zuvor schon tief in's Herz -geschnitten und that's -diesmal mehr als je. Als -feige, elende Verräter der -schlimmsten Art aber -fühlten sie sich, wie -Potter sagte:</p> - -<p>»Ihr seid ungeheuer gut gewesen gegen mich, Jungens, – -besser als irgend wer in der Stadt. Und ich gedenk's euch, -weiß Gott, ich thu's. Oft sag' ich zu mir selber: ›hast doch all -deiner Lebtag den Jungen nur Guts gethan, hast den Schlingeln -die Drachen geflickt und die besten Fischplätze gewiesen, aber -nee, Dankbarkeit giebt's nicht, alle haben den alten Muff vergessen,<span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[201]</span> -der jetzt so tief in der Tinte sitzt, alle – nur der Tom -nicht und der Huck nicht, die haben ihn nicht vergessen,‹ sag' -ich, ›und der alte Muff, der vergißt sie auch nicht.‹ Seht, -Jungens, ich hab' ja was Furchtbares gethan, so betrunken und -verrückt wie ich war, nur so kann ich's mir erklären, jetzt soll -ich baumeln dafür und geschieht mir schon recht. Es geschieht -mir recht, sag' ich, und 's wird wohl auch das Beste für mich -sein, glaub' ich. Na, wollen's gut sein lassen, nicht weiter davon -schwatzen. Möcht' nicht, daß euch schwer um's Herz wird, -weil ihr so gut gegen mich gewesen seid. Was ich nur sagen -wollt', Jungens, betrinkt euch nie, wenn ihr groß seid, dann -müßt ihr auch niemals hier sitzen, in dem schrecklichen Loch. Wie, -stellt euch doch mal 'n bißchen so her, 's ist ein Gottestrost, -freundliche Gesichter zu sehen, wenn man so in der Patsche sitzt, -und ich seh' weiter keine, als eure. Gute, freundliche Gesichter -– gute, liebe Gesichter! Stellt euch doch mal so, steig' mal -einer auf den andern, daß ich euch auch berühren kann, – so! -So ist's recht! Nun gebt mir die Hände, so, eure kleinen -Pfoten können ja durch's Gitter durch, meine Tatzen sind zu -breit dazu. Kleine Hände, – kleine, schwache Hände, haben -dem alten Muff Potter 'ne Masse Gutes gethan und würden's -noch mehr thun, wenn sie könnten, gelt Jungens? So, und -nun trollt euch, sonst wird der alte Muff weich wie ein Waschlappen -und das taugt nichts.«</p> - -<p>Tom schlich sich elend und zerschlagen nach Hause und seine -nächtlichen Träume waren aller Schrecken voll. Am folgenden -Tag und den Tag darnach trieb er sich um den Gerichtssaal -herum. Es zog ihn fast unwiderstehlich hinein, und er mußte -sich mit aller Macht bezwingen, draußen zu bleiben. Huck ging -es gerade so. Sie mieden einander nun geflissentlich. Sie liefen -von Zeit zu Zeit hinweg, um sich alsbald von derselben unheimlichen -Anziehungskraft zurückgetrieben zu sehen. Tom spitzte<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[202]</span> -die Ohren, sobald eine Gruppe Neugieriger den Saal verließ, -hörte aber nur Schlimmes und Schlimmeres, die Kette der Beweise -schloß sich von Minute zu Minute eherner und unerbittlicher -um den armen Potter. Am Schluß der zweiten Tagessitzung -hieß es, daß des Indianer-Joe Aussage fest und unerschütterlich -gleich einer Mauer stünde, und darüber, wie das Verdikt der -Geschworenen ausfiele, könne kaum noch ein Zweifel bestehen.</p> - -<p>An diesem Abend trieb sich Tom noch sehr spät draußen -herum, kam durch's Fenster heim und -befand sich in einem Zustand furchtbarster -Aufregung. Stundenlang wälzte -er sich auf seinem Lager, ehe er einschlafen -konnte.</p> - -<div class="figleft" id="illu-203"> - <img src="images/illu-203.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Des andern Morgens strömte die -ganze Stadt dem Gerichtssaal zu, denn -heute war ja der große Tag, an dem -die Entscheidung fallen sollte. Beide -Geschlechter waren zahlreich vertreten -unter der dicht gedrängten Zuhörerschaft. -Nach langer Pause des Wartens -traten die Geschworenen in den Saal -und nahmen ihre Plätze ein. Kurz -danach brachte man Potter herein, bleich, hohlwangig, in Ketten. -Verschüchtert und hoffnungslos saß er da, während all die neugierigen -Augen ihn erbarmungslos anstarrten. Ebenso fiel der -Indianer-Joe auf, der stumpfsinnig dreinstierte, wie gewöhnlich. -Eine neue Pause folgte, dann erschien der Richter, und der Sheriff -verkündete den Beginn der Verhandlung. Das übliche Köpfe-Zusammenstecken -und Geflüster der Advokaten und das Rascheln -und Zurechtkramen der Papiere folgte. Alles dies, in Verbindung -mit den daraus entstehenden Verzögerungen, bildete eine ebenso -eindrucksvolle als unheimliche Einleitung zu dem folgenden Drama.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[203]</span></p> - -<p>Nunmehr wurde ein Zeuge aufgerufen, welcher aussagte, -daß er Muff Potter in frühester Morgenstunde des Tages, der -die Entdeckung der Mordthat brachte, gesehen habe, wie sich derselbe -am Bach wusch und sich sofort heimlich davon schlich, als -er sich beobachtet sah. Nach einigen weiteren Fragen überwies -der Staatsanwalt den Zeugen der beklagten Partei: »Der Herr -Verteidiger hat das Wort.«</p> - -<p>Für einen Moment erhob der Angeklagte die Augen, senkte -sie aber sofort nieder, als sein Verteidiger sagte:</p> - -<p>»Ich verzichte darauf.«</p> - -<p>Der nächste Zeuge beschwor, daß man das Messer in der -Nähe der Leiche gefunden. Wieder wies der Staatsanwalt den -Zeugen dem Verteidiger zu, und abermals verzichtete dieser auf -jede Frage.</p> - -<p>Ein dritter Zeuge gab an, das Messer in dem Besitz Potters -gesehen zu haben. Der Staatsanwalt überweist denselben zum -dritten Mal an den Verteidiger:</p> - -<p>»Der Herr Verteidiger hat das Wort.«</p> - -<p>Und zum dritten Mal erwiderte dieser ruhig und kalt:</p> - -<p>»Ich verzichte!«</p> - -<p>Eine leise Unruhe begann sich im Publikum bemerkbar zu -machen. Wollte dieser Verteidiger denn das Leben seines Klienten -ohne jeglichen Versuch zur Rettung preisgeben?</p> - -<p>Mehrere Zeugen sagten aus, wie sich Potter unverkennbar -schuldbewußt benommen, da man ihn zum Schauplatz der That -gebracht. Auch sie konnten den Zeugenstand ohne weiteres Kreuzverhör -verlassen.</p> - -<p>Jede Einzelheit der äußerst gravierenden Vorfälle, die an -jenem denkwürdigen Morgen auf dem Friedhofe stattgefunden -und deren sich jeder Anwesende erinnerte, wurde von glaubwürdigen -Zeugen erhärtet, nicht einen dieser Zeugen aber unterwarf -Potters Verteidiger auch nur dem kleinsten Verhör. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[204]</span> -Verblüffung und Unzufriedenheit des Publikums hierüber gab -sich in lautem Murren kund, was von Seiten des Vorsitzenden -einen Tadel und einen Verweis zur Folge hatte. Jetzt nahm -der Staatsanwalt das Wort:</p> - -<p>»Durch den Eid ehrenwerter Männer erhärtet, deren einfaches -Wort über jeden Verdacht erhaben ist, sehen wir uns -gezwungen, das Verbrechen, um das es sich hier handelt, dem -unglücklichen Beklagten zur Last zu legen. Wir halten den Fall -hiemit für erwiesen.«</p> - -<p>Ein Stöhnen entrang sich des armen Potters gequälter -Brust, er schlug die Hände vor's Gesicht und wiegte den Oberkörper -hin und her, im Uebermaß des Schmerzes. Tiefes, lautloses, -peinliches Schweigen herrschte im Hause. Manch hartes -Mannesherz war bewegt, und der Frauen Mitleid bezeugte sich -in Strömen von Thränen. Endlich ergriff der Verteidiger -das Wort:</p> - -<p>»Meine Herren Richter und Geschworenen. – Bei Beginn -dieser Verhandlungen gaben wir unsre Absicht kund, zu Gunsten -unseres Klienten geltend zu machen, daß er die furchtbare That -in dem Zustand eines durch Uebermaß geistiger Getränke herbeigeführten -sinnlosen Deliriums beging, ein Zustand, der an sich -schon jede Verantwortung ausschließen sollte. Wir haben diese -Absicht aufgegeben, wir werden uns hierauf nicht weiter berufen.«</p> - -<p>Sich zum Gerichtsdiener wendend rief er dann:</p> - -<p>»Man führe Thomas Sawyer vor!«</p> - -<p>Verwundertes Staunen zeigte sich auf jedem Antlitz, dasjenige -Potters nicht ausgenommen. Jedes Auge haftete in -steigendem Interesse an Tom, als dieser sich nun erhob und dem -Zeugenstand zuschritt. Verwirrt genug sah der Knabe aus und -war dabei augenscheinlich in höchster Angst. Das Verhör begann:</p> - -<p>»Thomas Sawyer, wo befanden Sie sich am siebzehnten -Juni um die Mitternachtsstunde?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[205]</span></p> - -<p>Tom streifte flüchtig mit seinem Blick die eiserne Stirn des -Indianer-Joe, und die Zunge versagte ihm den Dienst. Atemlos -lauschte die Menge, die Worte wollten nicht kommen. Nach ein -paar Augenblicken jedoch raffte sich der Junge zusammen, es gelang -ihm, Gewalt über seine Stimme zu bekommen, soweit -wenigstens, daß er einem Teil des Hauses verständlich wurde:</p> - -<p>»Auf dem Friedhofe.«</p> - -<p>»Ein wenig lauter, bitte. Nur keine Angst! Sie waren -also –«</p> - -<p>»Auf dem Friedhofe.«</p> - -<p>Ein verächtliches Lächeln zuckte über das Gesicht des Indianer-Joe.</p> - -<p>»Befanden Sie sich irgendwo in der Nähe vom Grabe des -alten William?«</p> - -<p>»Ja, Herr Anwalt.«</p> - -<p>»Könnten Sie nicht ein klein wenig lauter reden? Wie -nahe ungefähr waren Sie wohl?«</p> - -<p>»So nahe, wie ich hier bei Ihnen stehe.«</p> - -<p>»Hielten Sie sich versteckt oder nicht?«</p> - -<p>»Ich war versteckt.«</p> - -<p>»Wo?«</p> - -<p>»Hinter den Ulmen, die dort dicht beim Grabe stehen.«</p> - -<p>Der Indianer-Joe fuhr fast unmerklich zusammen.</p> - -<p>»War noch sonst jemand mit Ihnen?«</p> - -<p>»Ja, ich war dorthin gegangen mit –«</p> - -<p>»Halt, einen Augenblick. Wir wollen den Namen noch -nicht hören, darauf kommen wir später zurück. Hatten Sie -etwas mitgebracht?«</p> - -<p>Tom zögerte und sah verwirrt vor sich nieder.</p> - -<p>»Heraus damit, mein Junge, nur nicht ängstlich. Die -Wahrheit zu reden ist immer ehrenhaft. Also, was hattest du -bei dir?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[206]</span></p> - -<p>Unbewußt war der Frager von dem förmlichen Ton eines -öffentlichen Inquirenten in den aufmunternden, väterlichen verfallen, -der unsrem Helden gegenüber weit mehr am Platze war. -Dadurch ermutigt stammelte dieser zögernd:</p> - -<p>»Nur – nur – nur 'ne tote Katze!«</p> - -<p>Ein leises Gekicher ließ sich vernehmen, dem sofort Einhalt -geboten wurde.</p> - -<p>»Wir werden uns späterhin erlauben, das betreffende Gerippe -den Herrn Geschworenen als Beweis vorzulegen. Und -jetzt, mein Sohn, erzähl' du mir alles, was du gesehen hast, -erzähl's ganz schön auf deine Art, verbirg uns nichts, vergiß -nichts und vor allem fürcht' dich nicht.«</p> - -<p>Tom begann – stotternd, zögernd im Anfang, da er sich -aber mit seinem Thema erwärmte, flossen ihm die Worte leichter -und leichter. Nach ein paar Momenten erstarb jedes andere -Geräusch im ganzen, weiten Saale, nur der Laut der klaren, -hellen Knabenstimme war hörbar. Jedes Auge war auf den -Jungen gerichtet, offnen Mundes, mit verhaltenem Atem folgte -man seinen Worten, Richter, Geschworene, Publikum schienen -der Welt entrückt, so gefesselt waren sie von der drastischen -Schilderung der grausigen That. Die atemlose Erregung der -Versammlung hatte ihren Höhepunkt erreicht, als der Junge -sagte: »Und wie der Doktor mit dem Brett auf den Muff -Potter einhieb und der umfiel, da sprang der Indianer-Joe mit -dem Messer auf und –«</p> - -<p>Krach! Rasch wie der Blitz war der Indianer-Joe mit -einem Sprung emporgeschnellt, dem Fenster zugestürzt, die ihm -im Weg Stehenden zur Seite schleudernd, und ehe man zur -Besinnung kam, hatte er sich hindurchgeschwungen und – war -verschwunden!</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[207]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel">Zweiundzwanzigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Wiederum war Tom zum strahlenden Helden der Stadt -geworden, – ein Liebling der Alten, der Neid der -Jugend. Sein Name wurde sogar durch den Druck unsterblich -gemacht, das Blättchen der Stadt erging sich in vielen Lobpreisungen -seiner Heldenthat. Einige seiner Mitbürger dachten -allen Ernstes dran, daß er Aussicht haben könne, einstmals Präsident -zu werden – d. h., wenn er nicht zuvor gehenkt würde.</p> - -<p>Wie gewöhnlich schloß die unbeständige, gedankenlose Welt -Muff Potter jetzt an ihr Herz, schmeichelte ihm und hätschelte -ihn so ausgiebig, wie sie ihn zuvor beschimpft hatte. Da ihr -dies Verfahren im Grund aber zur Ehre gereicht, wollen wir's -nicht weiter tadeln.</p> - -<p>Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Entzückens, -seine Nächte dagegen Zeiten des Grauens. Der Indianer-Joe -spukte in all seinen Träumen, Tod und Vernichtung standen -ihm im Gesichte geschrieben. Keine Versuchung, noch so groß, -gab es nun, die den Jungen hätte bewegen können, nach Einbruch -der Nacht sich hinaus zu wagen. Der arme Huck befand -sich ganz im selben Zustand des Schreckens und Entsetzens, denn -Tom hatte am Abend vor der letzten Gerichtsverhandlung dem -Verteidiger von Muff Potter die ganze Sache haarklein gebeichtet -und Huck zitterte davor, daß sein Anteil an der Geschichte<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[208]</span> -doch noch ruchbar werden könnte, trotzdem ihm des Indianer-Joe -Flucht die Qual eines öffentlichen Erscheinens vor Gericht erspart -hatte. Der arme Bursche hatte freilich den Herrn Verteidiger -beschworen, reinen Mund zu halten, und dieser hatte es ihm -auch versprochen; aber welche Sicherheit bot ihm das? Seit -die Gewissensqual Tom dazu getrieben, dem Verteidiger bei Nacht -und Nebel jenes grause Geheimnis zu enthüllen, das ihm mit -schauerlichen, unheimlichen Eiden für ewig auf die Lippen gesiegelt -schien, war Hucks Vertrauen in das menschliche Geschlecht -erschüttert, ja vernichtet. Alltäglich erfüllten Muff Potters rührende -Dankesbeweise Tom mit Freude und Stolz, daß er geredet, und -allnächtlich wünschte er inständig, das Geheimnis bewahrt zu -haben. Einmal fürchtete Tom, man möchte den Indianer-Joe -niemals erwischen, dann wieder entsetzte ihn der Gedanke, daß -man ihn doch später finden könne. Er fühlte mit Bestimmtheit, -daß er keinen ruhigen Atemzug mehr thun könne, ehe dieser -Mensch nicht tot sei und er seine Leiche gesehen habe.</p> - -<p>Belohnungen waren ausgesetzt, die ganze Gegend durchsucht -worden, aber kein Indianer-Joe wurde gefunden. Man hatte -eines jener allwissenden, scheue Ehrfurcht einflößenden Wunderwesen, -einen Detektiv aus St. Louis, verschrieben. Der schnüffelte -umher, schüttelte sein weises Haupt, sah geheimnisvoll aus, und -hatte denselben erstaunlichen Erfolg, den die meisten Angehörigen -seines Berufes erringen, das heißt, er entdeckte, wie er sagte, -›den Schlüssel zum Rätsel‹. Da man aber besagten Schlüssel -nicht des Mordes verklagen und henken konnte, fühlte sich Tom, -nachdem der weise Mann gegangen, ebenso unsicher als zuvor.</p> - -<p>Die Tage schleppten sich langsam dahin, zum Glück aber -nahm ein jeder neue Tag ein klein wenig von der Seelenangst -mit sich hinweg, die auf dem armen Knaben lastete.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[209]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel">Dreiundzwanzigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div class="ulshapepic" id="illu-210"> -<div class="boxu box210u"> -<img src="images/illu-210.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box210l" /> -</div> - -<p class="drop">Es naht einmal eine Zeit in -dem Leben eines jeden Jungen -von echtem Schrot und Korn, -wo er ein rasendes Verlangen -empfindet, nach verborgenen Schätzen -zu graben. Dies Verlangen nun -überfiel eines Tages unsern Tom mit -Allgewalt. Er wollte sich gleich mit -Joe Harper in Verbindung setzen; -dieser war jedoch nicht zu finden. -Dann schaute er sich nach Ben Rogers -um, und der war fischen gegangen. -Zufällig stieß er auf Huck Finn, den -›Rot-Händigen‹, und in Ermangelung -der andern war ihm dieser auch recht. Tom zog ihn beiseite -an einen geheimen Ort und teilte ihm im Vertrauen den Plan -mit. Huck war einverstanden. Huck war immer bereit, die Hand -zu irgend einem Unternehmen zu bieten, welches Vergnügen versprach -und kein Kapital erforderte, denn er hatte einen Ueberfluß -von der Zeit, die <em class="gesperrt">kein</em> Geld ist.</p> - -<p>»Wo sollen wir graben?« fragte Huck.</p> - -<p>»Na, so 'n bißchen überall.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[210]</span></p> - -<p>»Was? giebt's denn überall 'nen Schatz?«</p> - -<p>»Wie du nur so fragen magst! Die sind immer nur an -ganz besonderen Plätzen. Mal auf 'ner Insel, dann in 'ner -alten, verfaulten Kiste, die unter einem alten, vermoderten Baumstamm -verscharrt ist, grad' da, wo der Schatten um Mitternacht -hinfällt; gewöhnlich aber steckt der Schatz unter'm Boden eines -Hauses, in dem's spukt.«</p> - -<p>»Wer steckt 'n denn da hin?«</p> - -<p>»Wer? Ei, Räuber natürlich, wer denn sonst? Etwa 'n -Vikar, der die Sonntagsschule hält, was?«</p> - -<p>»Was weiß ich? Das weiß ich aber gewiß, ich würd' den -Schatz nicht irgendwo vergraben, wenn er mein wär', sondern -nehmen und ausgeben und lustig damit leben.«</p> - -<p>»Ich auch. Räuber aber machen's anders, die vergraben -ihn immer und lassen ihn liegen.«</p> - -<p>»Und gucken gar nie mal danach?«</p> - -<p>»Nee. Sie wollen wohl, aber dann haben sie die Zeichen -vergessen, oder sterben gewöhnlich. Na, auf jeden Fall liegt der -Schatz da 'ne Ewigkeit und wird rostig. Und dann nach einiger -Zeit entdeckt mal einer ein altes, gelbes Papier, auf dem steht, -wie man die Zeichen finden kann, ein Papier, an dem man 'ne -Woche lang und länger 'rum buchstabieren und entziffern muß, -denn 's steht nichts weiter drauf, als geheimnisvolle Krakelfüße -und Hieroglyphen.«</p> - -<p>»Hiero – was?«</p> - -<p>»Hieroglyphen – Bilder und Gekritzel und solches Zeug, -von dem man meint, es habe keinen Sinn.«</p> - -<p>»Hast <em class="gesperrt">du</em> denn so 'n Papier, Tom?«</p> - -<p>»Nee.«</p> - -<p>»Na, und wo willst du denn da die Zeichen finden?«</p> - -<p>»Zeichen? Ich brauch' keine Zeichen. Ich weiß ja genau, -daß der Schatz immer unter 'nem Spukhaus, oder auf 'ner<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[211]</span> -Insel, oder unter 'nem alten, abgestorbenen Baum liegt, der -noch einen Ast in die Höhe streckt. Na, wir haben ja die -Jackson-Insel schon mal 'n bißchen abgesucht, dort können wir's -noch mal probieren. Dann haben wir ja das alte, verfallene -Spuknest, droben am Stillhausbach, und Haufen von alten, abgestorbenen -Bäumen überall, – Haufen, sag' ich dir!«</p> - -<p>»Na, und unter allen liegt einer vergraben?«</p> - -<p>»Unsinn! Du fragst wie du's verstehst. Natürlich nicht.«</p> - -<p>»Wie willst du dann aber wissen, welches der rechte ist?«</p> - -<p>»Ei, wir probieren's eben überall.«</p> - -<p>»Herrgott, Tom, da geht ja der ganze Sommer drauf.«</p> - -<p>»Das wohl! Gelt, wenn du dann aber 'nen alten Topf -mit hundert blitzeblanken Dollars drin kriegst, oder 'ne Kiste voll -Diamanten, dann wärst du nicht böse?«</p> - -<p>Hucks Augen glühten.</p> - -<p>»Das – das wär' 'n Fressen für mich; das Geld genügte -mir, die Diamanten ließ ich dir!«</p> - -<p>»Schon recht. Ich werf' sie nicht weg, sag' ich dir, Dummkopf! -Ei, einer davon ist oft mehr wert, als zwanzig Dollars, -'s giebt keinen, der nicht zum wenigsten sechzig, siebzig Cents -oder 'nen Dollar gilt.«</p> - -<p>»Nee! Wahrhaftig?«</p> - -<p>»Na, das kann dir 'n Wickelkind sagen! Hast du denn -nie mal einen gesehen, Huck?«</p> - -<p>»Nee. Nicht daß ich wüßte!«</p> - -<p>»O, Könige haben ganze Haufen davon.«</p> - -<p>»Na, ich kenn' aber keine Könige, Tom.«</p> - -<p>»Glaub's wohl! Nee, wenn du mal nach Europa gingst, -könnt'st du sie in Scharen 'rumhopsen sehen.«</p> - -<p>»Hopsen die denn?«</p> - -<p>»Hopsen? – Bist wohl verrückt? Nein, hopsen thun sie -nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[212]</span></p> - -<p>»Na, was sagst du's denn?«</p> - -<p>»Däsbartel! Ich wollt' ja nur sagen, dann könnt'st du -sie <em class="gesperrt">sehen</em>, – nicht hopsen, natürlich, – weshalb sollten sie -denn hopsen? Ich meinte nur, so im allgemeinen würdest du -'ne Menge davon sehen, überall 'rum. Zum Beispiel den alten, -buckeligen Richard.«</p> - -<p>»Richard – wie heißt er weiter?«</p> - -<p>»Ei, Richard bloß, hat keinen anderen Namen. Könige -haben nur einen Rufnamen.«</p> - -<p>»Wahrhaftig?«</p> - -<p>»Weiß Gott, sie haben nur einen.«</p> - -<p>»Na, wenn's ihnen recht ist, Tom, mir kann's eins sein. -Ich möcht' aber kein König sein und nur so einen lumpigen -Namen haben, grad' wie 'n elender Nigger. Aber sag' mal, -wo wollen wir denn zuerst graben?«</p> - -<p>»Weiß selber nicht. Wie wär's, wenn wir uns mal zuerst -an den alten Baum machten, da drüben auf dem Hügel -über'm Stillhausbach?«</p> - -<p>»Mir recht!«</p> - -<p>So verschafften sie sich denn eine alte, ausgediente Hacke -und Schaufel und machten sich auf ihren Marsch von drei Meilen. -Heiß und außer Atem kamen sie an und warfen sich zum Ausruhen -in den Schatten einer benachbarten Ulme, holten ihre -Pfeifen hervor und dampften wacker drauf los.</p> - -<p>»So mag ich's,« sagte Tom.</p> - -<p>»Ich auch.«</p> - -<p>»Sag' mal, Huck, wenn wir hier 'nen Schatz finden, was -willst du dann mit deinem Teil anfangen?«</p> - -<p>»Ich? Ei, ich eß' jeden Tag Kuchen und Pasteten, und -trink' Wein und Sodawasser dazu. Und dann geh' ich in jeden -Zirkus, der kommt und – na, ich will mir schon ein vergnügtes -Leben machen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[213]</span></p> - -<p>»Und sparen willst du dir gar nichts?«</p> - -<p>»Sparen? Zu was?«</p> - -<p>»Ei, um später was zum Leben zu haben.«</p> - -<p>»Würd' mir nichts helfen, Tom. Mein Alter kommt gewiß -mal wieder zum Vorschein, und wenn ich's nicht vorher -thät', hätt' der bald genug mit allem aufgeräumt, darauf wett' -ich. Was willst du denn mit deinem Teil anfangen, Tom?«</p> - -<p>»Ich? ich kauf' mir erst mal eine neue Trommel und ein -richtiges Schwert und eine rote Krawatte und 'ne junge Bulldogge -und dann – dann verheirat' ich mich.«</p> - -<p>»Verheirat'st dich?«</p> - -<p>»Jawohl.«</p> - -<p>»Tom, du – bist wohl übergeschnappt?«</p> - -<p>»Wart' nur – dann sollst du's erleben.«</p> - -<p>»Na, Tom, das ist einfach das Dümmste, was du thun -kannst. Nimm nur mal meinen Alten und meine Mutter an. -Nichts als Keilerei! Die haben immerzu aufeinander losgedroschen, -das weiß ich noch ganz gut.«</p> - -<p>»Das will gar nichts sagen. Das Mädchen, das ich heirat', -prügelt sich nicht herum.«</p> - -<p>»Tom, glaub's nicht, die sind alle gleich. Das Zuhauen -versteht 'ne jede. Ueberleg' dir's noch ein Weilchen, sag' ich -dir – überleg' dir's. Wie heißt denn das Mädel?«</p> - -<p>»'s ist kein Mädel – es ist ein Mädchen.«</p> - -<p>»Na, das kommt auf eins heraus. Mädel oder Mädchen, -'s ist ganz dasselbe, gehupft wie gesprungen. Na also, wie -heißt sie, Tom?«</p> - -<p>»Will dir's vielleicht später mal sagen. Jetzt nicht.«</p> - -<p>»Mir auch recht. Nur werd' ich, wenn du dich verheirat'st, -noch viel alleiner sein als je.«</p> - -<p>»Nein, das sollst du nicht. Du kommst und wohnst bei mir. -Na, jetzt laß uns aber vorwärts machen und an die Arbeit gehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[214]</span></p> - -<p>Eine halbe Stunde lang gruben und schwitzten sie. Kein -Erfolg. Noch eine halbe Stunde der Mühe und des Schweißes. -Derselbe Erfolg. Jetzt sagte Huck:</p> - -<p>»Liegt so 'n Schatz immer so tief drunten?«</p> - -<p>»Manchmal, – nicht immer. Gewöhnlich nicht. Wir haben -eben vermutlich nicht den richt'gen Platz getroffen.«</p> - -<div class="figleft" id="illu-215"> - <img src="images/illu-215.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Sie wählten eine andere Stelle und fingen von neuem an. -Etwas weniger rasch als im Anfang ging die Arbeit von statten, -doch machten sie Fortschritte. -Stillschweigend -mühten sie sich eine -Weile ab. Schließlich -stützte sich Huck auf seine -Schaufel, wischte sich -mit seinem Aermel die -Schweißtropfen von der -Stirn und fragte:</p> - -<p>»Wo gehen wir -nachher hin, wenn wir -hier fertig sind?«</p> - -<p>»Ei, an den alten -Baum, denk' ich, der dort -auf dem Cardiff-Hügel hinter dem Haus der Witwe Douglas steht.«</p> - -<p>»Einverstanden! Wird uns aber die Witwe den Schatz -nicht wegnehmen? Der Baum steht doch auf ihrem Boden.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Die</em> uns wegnehmen? Sollt's mal probieren! Wer so -'nen Schatz findet, dem gehört er auch. 's kommt gar nicht drauf -an, wo er gefunden wird.«</p> - -<p>Das lautete beruhigend. Die Arbeit schritt voran. Endlich -sagte Huck:</p> - -<p>»Hol's der Geier! 's muß wieder der falsche Platz sein. -Was meinst du?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[215]</span></p> - -<p>»Sonderbar ist's, Huck, ich versteh's nicht recht. Manchmal -steckt Hexerei dahinter. Vielleicht ist's jetzt auch hier so.«</p> - -<p>»Dummes Zeug! Hexen haben am Tag keine Macht.«</p> - -<p>»Wahr ist's, daran hab' ich nicht gedacht. Ach, jetzt weiß -ich, was schuld ist! Was wir für einfältige Narren sind! Man -muß ja doch erst wissen, wo der Schatten des Baumes um -Mitternacht hinfällt, und da liegt der Schatz.«</p> - -<p>»Na, dann hol's der Teufel! Dann ist ja die ganze -Graberei umsonst gewesen. Hol's der Henker, alles mit'nander, -müssen also in der Nacht den scheußlich weiten Weg noch einmal -machen! Kannst du los kommen?«</p> - -<p>»Freilich kann ich. Heut' nacht muß es jedenfalls sein, -denn wenn einer kommt, und sieht die Wühlerei und die Löcher, -dann weiß er gleich, was los ist, macht sich selber dahinter und -schnappt uns am Ende die Bescherung vor der Nase weg.«</p> - -<p>»Gut also. Ich werd' diese Nacht kommen und miauen.«</p> - -<p>»Schön. Komm her, wir verstecken unsre Hacke und Schaufel -im Gebüsch.« –</p> - -<p>Zur festgesetzten Zeit waren denn auch die Jungen in der -Nacht an Ort und Stelle. Wartend saßen sie im Schatten. -Es war ein einsamer Ort und eine von Alters her feierliche -Stunde. Geister flüsterten im raschelnden Laube, Gespenster -lauerten in dunkeln Ecken und Winkeln, das dumpfe, tiefe Gebell -eines Hundes erscholl aus der Ferne, dem eine Eule mit -hohler Grabesstimme antwortete. Diese ahnungsvolle Feierlichkeit -der Stunde lastete auf den beiden Jungen, sie sprachen -wenig. Nach einer Weile, als sie dachten, nun müsse Mitternacht -da sein, machten sie einen Strich, wo der Mondschein den -Schatten des Baumes hinwarf, und begannen zu graben. Ihre -Hoffnungen stiegen. Das Interesse wuchs, und der Fleiß hielt -ehrlich Schritt. Das Loch wurde tiefer und tiefer, aber jedesmal, -wenn sie die Hacke auf etwas Festes aufklingen hörten und<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[216]</span> -ihnen das Herz voll freudiger Erwartung laut klopfte, war's -nichts als erneute Enttäuschung. Ein Stein war's gewesen, -oder ein alter Holzknüppel! Endlich sagte Tom:</p> - -<p>»Es nutzt nichts, Huck, 's ist wieder der falsche Platz.«</p> - -<p>»'s kann nicht sein, Tom, wir haben ja den Schatten auf's -Haar abgezirkelt.«</p> - -<p>»Weiß ich. Aber da ist noch was anderes.«</p> - -<p>»Was denn?«</p> - -<p>»Ja sieh'. Wir haben doch die Zeit nur so ungefähr erraten. -Am Ende war's zu spät oder zu früh.«</p> - -<p>Huck ließ die Schaufel sinken.</p> - -<p>»Das ist's, weiß Gott!« sagte er. »Da liegt der Hund -begraben! Ich meine, wir lassen die Sache bleiben. Wie sollen -wir je die richtige Zeit herausfinden, und außerdem – 's ist -so gruselig hier um die Zeit in der Nacht mit all den Geistern -und Gespenstern, die nur so in der Luft herum flattern. Ich -mein' immerzu, 's stünd' einer hinter mir, aber ich fürcht' mich -herumzuschauen, weil ja auch einer vor mir sein könnt', der -nur auf die Gelegenheit wartet, bis ich den Kopf dreh'. Seit -ich hier bin, läuft's mir fortwährend eiskalt über den Rücken!«</p> - -<p>»Mir geht's beinah' ebenso, Huck. Weißt du, meistens -liegt auch bei so 'nem Schatz irgend ein toter Mensch vergraben, -der Wache halten soll.«</p> - -<p>»Herr, du mein Gott!«</p> - -<p>»Ja, so ist's, das hab' ich oft gehört.«</p> - -<p>»Tom, ich befaß' mich nicht gern mit den Toten. Die -machen einem immer nur Ungelegenheiten.«</p> - -<p>»Ich hab' auch keine Lust, sie aufzuwecken. Denk' mal, wenn -der hier plötzlich seinen Schädel 'raus streckte und was sagen wollte.«</p> - -<p>»Tom, Tom, hör' auf. 's ist schauerlich!«</p> - -<p>»Das ist's, Huck. Mir ist auch kein bißchen wohl dabei, -sag' ich dir.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[217]</span></p> - -<p>»Komm, Tom, wir stecken's auf und graben mal wo anders.«</p> - -<p>»Gut, 's ist am End' besser.«</p> - -<p>Tom dachte ein Weilchen nach und sagte dann:</p> - -<p>»Im Gespensterhaus. Das ist der richt'ge Ort!«</p> - -<p>»Hol's der Geier. Ich mag keine Häuser, in denen's spukt, -Tom. Weiß Gott, Gespenster sind fast noch schlimmer als tote -Menschen. Die mögen meinethalben mal plötzlich, ohne daß -man dran denkt, den Mund aufthun und einen erschrecken, aber -die kriechen doch nicht herum in ihren Leichentüchern wie die -Gespenster, und sehen einem plötzlich über die Schulter, wenn -man gar nicht an sie denkt, und klappern mit den Zähnen und -Beinern. Das könnt' ich nicht aushalten, Tom, – kein Mensch -könnt' so was.«</p> - -<p>»Ja, aber, Huck, Gespenster spuken doch nur in der Nacht. -Am Tag werden sie uns dort am Graben nicht hindern.«</p> - -<p>»Das ist wohl wahr. Aber du weißt selber, daß keiner -hier gern dem Gespensterhaus nah' geht, bei Tag nicht und -nicht bei Nacht!«</p> - -<p>»Na, das ist doch auch nur, weil mal einer da ermordet -worden ist. Aber gesehen hat man nie was Unheimliches in -der Nacht um das Haus herum, höchstens mal 'n blaues Licht -am Fenster vorbeihuschen, – keine richtigen Gespenster.«</p> - -<p>»Na, wo du aber so 'n blaues Flämmchen siehst, Tom, -kannst du Gift drauf nehmen, daß 'n Geist dicht dahinter ist. -Das ist doch so klar wie was! Denn wer anders als Geister -braucht so'n Licht?«</p> - -<p>»Das kann sein. Aber auf keinen Fall kommen sie bei -Tag heraus. Also brauchen wir uns gar nicht zu fürchten.«</p> - -<p>»Gut, mir soll's recht sein. Wir wollen das Gespensterhaus -vornehmen. Aber – aber ich glaub' riskiert ist's doch!«</p> - -<p>Unter diesem Geplauder waren sie am Fuß des Hügels -angelangt. Dort, inmitten des mondbeglänzten Thales, stand<span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[218]</span> -das ›Gespensterhaus‹, gänzlich vereinsamt, mit längst verfallener -Umzäunung. Ueppig rankendes Unkraut überzog Treppenstufen -und Thürschwelle, der Schornstein war in Trümmer zerfallen; -leer starrten die Fensterhöhlen, ein Teil des Daches war eingesunken. -Eine Weile blickten die Jungen unverwandt auf den -gespenstischen Ort, immer halb in Erwartung, die blauen Flämmchen -hinter den Fenstern vorbeihuschen zu sehen. Sie sprachen -im Flüstertone, wie es zu Zeit und Umständen paßte. Dann -rissen sie sich los von der unheimlichen Stätte, die sie in weitem -Bogen umkreisten, und schlugen sich heimwärts durch die Wälder, -welche die Rückseite des Cardiff-Hügels mit ihrem Grün schmückten.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-219"> - <img src="images/illu-219.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[219]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vierundzwanzigstes_Kapitel">Vierundzwanzigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-u.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Um die Mittagsstunde des nächsten Tages fanden sich die -Jungen wiederum am Schauplatz ihrer nächtlichen Thaten -ein, um ihr Werkzeug zu holen. Tom war sehr ungeduldig -und konnte gar nicht schnell genug nach dem ›Gespensterhaus‹ -kommen. Huck, etwas gemäßigter in seinem Eifer, sagte plötzlich:</p> - -<p>»Sag' mal, Tom, weißt du, was heut' für 'n Tag ist?«</p> - -<p>Tom ließ im Geiste die Wochentage an sich vorüber ziehen -und hob dann den Kopf erschreckten Blickes:</p> - -<p>»Ei, der Tausend, daran hab' ich gar nicht gedacht, Huck.«</p> - -<p>»Na, ich zuerst auch nicht. Mit einem Male aber fiel's -mir siedend heiß ein, daß heut' Freitag sei.«</p> - -<p>»Potz Blitz! man kann doch nie vorsichtig genug sein, Huck. -Wir hätten schön in die Patsche geraten können, wenn wir mit -so was am Freitag angefangen hätten.«</p> - -<p>»Hätten geraten können? Ich sag' <em class="gesperrt">wären</em> geraten! 's -giebt Glückstage, aber der Freitag ist keiner!«</p> - -<p>»Das weiß jeder Narr. Du denkst doch nicht, daß du der -erste bist, der das herausgefunden, Huck?«</p> - -<p>»Hab' ich das vielleicht gesagt? Und der Freitag allein -ist noch nicht alles, – hab' 'nen scheußlich schlechten Traum -gehabt, heut' nacht – hab' von Ratten geträumt.«</p> - -<p>»Ist's möglich? Na, 'n sichres Zeichen von Pech. Bissen -sie sich herum?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[220]</span></p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Na, dann ist's gut, Huck. Wenn sie sich nicht herumbeißen, -soll's nur bedeuten, daß irgendwo Unheil lauert, weißt -du. Da brauchen wir einfach nur die Augen gut aufzumachen -und dem Pech aus dem Weg zu gehen. Auf jeden Fall aber -wollen wir's heut' sein lassen und lieber spielen. Kennst du -Robin Hood, Huck?«</p> - -<p>»Nee, wer ist's?«</p> - -<p>»O, der war einer der größten Männer, die je in England -lebten, und der Beste dazu. Er war ein Räuber.«</p> - -<p>»Patent! Wollt' ich wär's. Wen hat er denn beraubt?«</p> - -<p>»Ei, nur Sheriffs und Bischöfe und reiche Leute und Könige -und dergleichen. Die Armen aber ließ er ganz in Ruhe, die -hatte er lieb. Mit denen hat er immer alles ganz brüderlich -geteilt.«</p> - -<p>»Das muß ja 'n Staatskerl gewesen sein.«</p> - -<p>»Das war er, weiß Gott, Huck. Das war einfach der -beste Mensch, der je gelebt hat. So giebt's jetzt gar keine -Menschen mehr, sag' ich dir. Der konnte jeden Mann in England -zwingen mit <em class="gesperrt">einer</em> Hand, man durfte ihm die andere festbinden. -Und dann nahm er seinen Eiben-Bogen und traf jedes -Zehn-Centstück auf anderthalb Meilen Entfernung.«</p> - -<p>»Was ist denn ein Eiben-Bogen?«</p> - -<p>»Was weiß ich? Eben irgend ein Bogen natürlich. Und -wenn er dann das Geldstück nur am Rande traf, statt in der -Mitte, da setzte er sich hin und weinte – und fluchte. Komm', -laß uns Robin Hood spielen, 's ist fein, sag' ich dir. Ich zeig's -dir, wie.«</p> - -<p>»Mir recht.«</p> - -<p>So spielten sie denn Robin Hood den ganzen Nachmittag, -hie und da einen sehnsüchtigen Blick nach dem alten ›Gespensterhaus‹ -da unten werfend und sich über die Aussichten und Möglichkeiten<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[221]</span> -des folgenden Tages unterhaltend. Als die Sonne -bedenklich gen Westen sich neigte, schlugen sie den Heimweg ein, -quer durch die langen Schatten, welche die Bäume nun warfen, -und waren bald in den Wäldern des Cardiff-Hügels dem Auge -entschwunden. –</p> - -<p>Am Sonnabend, kurz nach der Mittagsstunde, stellten sich -die Jungen wieder an jenem bewußten alten Baume ein. Erst -rauchten und schwatzten sie ein Weilchen im Schatten desselben, -dann wühlten sie noch ein wenig in ihrem letzten Loch herum, -nicht sehr hoffnungsvoll allerdings, sondern nur, weil Tom -meinte, es sei schon so oft vorgekommen, daß man beim Schatzgraben -dem gesuchten Schatz auf sechs Zoll Entfernung nahe -gekommen und das Ding darnach mutlos aufgegeben habe, nur -damit ein anderer dann mit einem einzigen Spatenstich die -ganze Herrlichkeit entdecke. Die Sache schlug indes wieder fehl, -und so schulterten die Jungen ihr Werkzeug und gingen davon, -in dem erhebenden Bewußtsein, mit dem Glück nicht gespielt zu -haben, sondern im Gegenteil jedes Erfordernis getreulich erfüllt -zu haben, das zu dem Geschäft des Schatzgrabens gehört.</p> - -<p>Als sie das Gespensterhaus erreichten, lag etwas so Schauerliches -und Unheimliches in der Totenstille, die dort unter der -sengenden Sonnenglut herrschte, etwas so Bedrückendes in der -Einsamkeit und Verlassenheit des Ortes, daß die Jungen einen -Moment lang sich nicht getrauten hinein zu gehen. Dann schlichen -sie nach der Thür und hielten zitternd Umschau. Sie sahen -eine mit Unkraut überwucherte Stube vor sich, den Boden ohne -Dielen, die Wände ohne Bewurf, mit einem eingesunkenen Kamin, -mit leeren Fensterhöhlen und einer halb verfallenen Treppe. -Allenthalben hingen Fetzen von verstäubten, verlassenen Spinngeweben -herum. Vorsichtig, zögernd traten die Jungen ein, -beschleunigten Pulses, im Flüsterton redend, gespitzten Ohres, -bereit, den geringsten Laut aufzufangen, die Muskeln gespannt,<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[222]</span> -um jeden Moment zum Rückzug -bereit zu sein.</p> - -<div class="ulshapepic" id="illu-223"> -<div class="boxu box223u"> -<img src="images/illu-223.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box223l" /> -</div> - -<p>Bei näherer Bekanntschaft -mit dem Ort verringerte sich allmählich -ihre Furcht, und unsere -beiden Helden unterwarfen die Lokalität einer genauen und eingehenden -Prüfung, nicht ohne dabei im stillen ihre eigene Kühnheit -zu bewundern und zugleich darob zu erstaunen. Unten fertig, -wollten sie sich nun auch oben umsehen. Das hieß so viel, als -sich den Rückzug abschneiden, aber sie waren nun einmal im -Zuge, sich gegenseitig im Herausfordern der Gefahr zu überbieten, -und so warfen sie denn ihr Werkzeug in einen Winkel -und stiegen hinauf. Oben fanden sie dieselben Zeichen des Verfalls. -In einem Winkel entdeckten sie einen Wandschrank, der -irgend ein Geheimnis zu bergen versprach, – dies Versprechen -war aber Täuschung und Betrug: der Schrank war leer. Der -Mut schien ihnen nun voll und ganz wiedergekehrt, und eben -waren sie im Begriff, hinunter und an die Arbeit zu gehen, als –</p> - -<p>»Sscht!« sagte Tom.</p> - -<p>»Was giebt's?« flüsterte Huck, vor Schreck erbleichend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[223]</span></p> - -<p>»Sscht! Da! Hörst du?«</p> - -<p>»Ja! O, du meine Güte! Laß uns rennen!«</p> - -<p>»Still, halt dich ruhig und muckse dich nicht. Sie kommen -grad' auf die Thür los.«</p> - -<p>Die Jungen streckten sich auf dem Boden aus, spähten mit -den Augen durch die Astlöcher in den Dielen und warteten -zitternd vor verhaltener Furcht und Erregung.</p> - -<p>»Sie bleiben stehen – nein – sie kommen – da – da -sind sie. Kein Wort mehr, Huck. Herrgott, wären wir doch -mit heiler Haut aus der Patsche!«</p> - -<p>Zwei Männer traten ein. Jeder der Jungen sagte zu -sich selber:</p> - -<p>»Der eine ist der alte, taubstumme Spanier, den man in -der letzten Zeit ein- oder zweimal in der Stadt gesehen hat, – -den andern kenn' ich nicht.«</p> - -<p>›Der andere‹ war ein zerlumpter, ungekämmter Kerl, dessen -Gesicht nicht eben einnehmend war. Der Spanier war in seine -›Serape‹ gehüllt, er hatte einen buschigen, weißen Schnauzbart; -langes, weißes, wehendes Haar stahl sich unter seinem breiträndigen -Hute vor, dazu trug er grüne Augengläser. Als sie -herein kamen, redete eben ›der andere‹ mit leiser Stimme auf -ihn ein. Sie ließen sich auf dem Boden nieder, das Gesicht -der Thüre zugewandt und mit dem Rücken gegen die Mauer -gelehnt. Der Sprechende fuhr in seinen Bemerkungen fort. Je -länger er sprach, desto mehr verlor sich sein vorsichtiges Wesen -und desto lauter wurden seine Worte.</p> - -<p>»Nein,« sagte er, »ich hab's mir überlegt, aber ich mag -nicht. 's ist mir viel zu gefährlich.«</p> - -<p>»Gefährlich,« brummte der ›taubstumme‹ Spanier, zum -größten Erstaunen der lauschenden Jungen, »Hasenfuß!«</p> - -<p>Diese Stimme ließ die Jungen voll Entsetzen erbeben und -nach Atem ringen. Es war die Stimme des Indianer-Joe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[224]</span></p> - -<p>Ein Schweigen folgte, dann sagte dieser:</p> - -<p>»Was giebt's wohl Gefährlicheres, als das letzte Stückchen, -das ich dort drüben geliefert, – damit wies er mit dem Finger -nach der Richtung der Stadt, – und ist da vielleicht was 'raus -gekommen dabei?«</p> - -<p>»Das ist was anderes! Soweit flußaufwärts und kein -anderes Haus in der Nähe! Wie soll überhaupt etwas 'raus -kommen, wenn wir keinen Erfolg gehabt haben.«</p> - -<p>»Na, und was ist gefährlicher, als bei Tag hierher kommen? -Ei jedem, der uns sähe, müßten wir doch verdächtig scheinen.«</p> - -<p>»Das weiß ich. Aber nach dem dummen Stückchen von -neulich war kein Platz so gelegen. Ich muß weg aus der Bude -hier! Hab's gestern schon gewollt, nur nutzte es nichts, da die -verteufelten Jungens da oben beim alten Baum vor unserer -Nase ihr Spiel trieben.«</p> - -<p>Die ›verteufelten Jungens‹ erbebten bei dieser Bemerkung -und beglückwünschten sich innerlich, daß sie sich des Freitags -erinnert und beschlossen hatten, einen Tag zu warten. Wie -wünschten sie jetzt, statt eines Tages ein Jahr gewartet zu haben! -Die zwei Männer kramten nun Nahrungsmittel aus und machten -sich eine Mahlzeit zurecht. Nach einer langen, gedankenvollen -Pause sagte der Indianer-Joe:</p> - -<p>»Will dir mal was sagen, Kamerad. Du machst dich wieder -flußaufwärts, wo du hingehörst, und bleibst dort, bis du von -mir Nachricht hast. Ich schleich' mich noch mal in die Stadt, -geh's wie's will, und halt' Umschau. An das ›gefährliche -Stückchen‹ gehen wir dann erst, wenn ich die Zeit dazu für gekommen -halte. Dann auf und davon nach Texas!«</p> - -<p>Dieser Plan ließ sich hören und fand keinen Widerspruch. -Die Männer begannen zu gähnen und Joe sagte:</p> - -<p>»Ich bin todmüde! An dir ist die Reihe zu wachen!«</p> - -<p>Er kauerte sich zusammen und begann alsbald zu schnarchen.<span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[225]</span> -Sein Kamerad stieß ihn ein paarmal an, worauf er stille ward. -Alsbald begann der Wächter zu nicken, sein Kopf sank tiefer -und tiefer, nun schnarchten beide Männer.</p> - -<p>Die Jungen holten tief und dankerfüllt Atem. Tom -wisperte:</p> - -<p>»Jetzt gilt's, komm!«</p> - -<p>Huck erwiderte:</p> - -<p>»Ich kann nicht. Ich fiel' geradeswegs tot hin, wenn sie -aufwachen.«</p> - -<p>Tom trieb, Huck zögerte. Schließlich erhob sich Tom vorsichtig -und leise und schickte sich an, allein sein Heil zu probieren. -Beim ersten Schritt aber, den er vorwärts that, krachte die alte, -morsche Diele so laut und drohend, daß er plötzlich halbtot -vor Schreck wieder umsank. Einen zweiten Versuch wagte er -nicht. So lagen denn die Jungen und zählten die träge sich -dahinschleppenden Sekunden, bis sie meinten, alle Zeit müsse -aufgehört haben, ja die Ewigkeit schon grau geworden sein, und -sie waren heißen Dankes voll, als sie bemerkten, daß die Sonne -sich zu neigen begann.</p> - -<p>Einer der Schlafenden hörte jetzt auf zu schnarchen. Der -Indianer-Joe richtete sich empor, starrte um sich, lächelte grimmig -über seinen Kameraden, dessen Kopf auf die Kniee gesunken war, -stieß ihn mit dem Fuße an und sagte:</p> - -<p>»Na, du bist ein Wächter, das muß ich sagen! Uebrigens -einerlei, 's ist ja nichts passiert.«</p> - -<p>»Meiner Treu, – ich hab' doch nicht – hab' ich wirklich -geschlafen?«</p> - -<p>»So 'n bißchen, sollt' ich denken. Na, Zeit zum Abzug -für uns, Kamerad! Was thun wir mit dem bißchen Baren, -das wir noch haben?«</p> - -<p>»Weiß ich's? Hier lassen, wie wir's immer gemacht haben, -das wird wohl am besten sein. Können's doch nicht herumschleppen,<span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[226]</span> -bis wir nach dem Süden gehen. Sechshundertundfünfzig -Dollars ist 'ne ordentliche Last!«</p> - -<p>»Na gut, – schon recht! Liegt ja auch nichts dran, wenn -wir noch mal hierher müssen.«</p> - -<p>»Nee, aber dann möcht' ich doch raten in der Nacht zu -kommen, wie früher, 's ist doch besser für alle Fälle!«</p> - -<p>»Ganz gut, aber hör' mal zu. Es kann 'ne gute Weile -dauern, eh' sich die rechte Gelegenheit findet zu dem Stückchen, -das wir vorhaben. 's könnt' uns was zustoßen. 's ist an gar -keinem so sehr guten Orte hier. Wir wollen's ordentlich vergraben, -– tief vergraben.«</p> - -<p>»Das ist 'ne gute Idee,« meinte der Kamerad, ging quer -durch den Raum auf's Kamin zu, kniete nieder, hob einen von -den hinteren Steinen desselben in die Höhe und nahm einen -Beutel heraus, worin es bei der Berührung vielversprechend -klang. Dem entnahm er zwanzig oder dreißig Dollars für sich -selber, ebensoviel für den Indianer-Joe, und reichte dann den -Beutel dem Letzteren, der in einer Ecke auf den Knieen lag und -mit seinem langen und breiten Messer den Grund aufwühlte.</p> - -<p>Die Jungen vergaßen ihre ganze Angst und all ihr Elend -in einem Augenblick. Mit glänzenden, gierigen Blicken folgten -sie jeder Bewegung. Solches Glück! Der Strahlenglanz desselben -überstieg jede Einbildungskraft! Sechshundert Dollars -waren ja Geld genug, um ein halbes Dutzend Jungen reich zu -machen. Das nannte man Schatzgraben unter den glücklichsten -Umständen, da gab's keine hindernde Ungewißheit, wo man eigentlich -nachzugraben habe. Sie stießen einander beständig an, mit -beredten, leicht verständlichen Rippenstößen, die einfach bedeuten -sollten: »Herrgott, bist du nun nicht froh, daß wir hier sind?«</p> - -<p>Joes Messer stieß auf etwas Hartes.</p> - -<p>»Holla,« sagte er.</p> - -<p>»Was giebt's?« fragte der andre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[227]</span></p> - -<p>»Eine verfaulte Diele, – nee 's ist 'ne Kiste, glaub' ich. -Schnell, pack' an und wir wollen bald dahinter kommen, was -die hier soll. Laß gut sein, ich hab' 'n Loch hinein gebrochen.«</p> - -<p>Er griff in die Kiste und zog die Hand sofort wieder heraus.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-228"> - <img src="images/illu-228.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Mensch, 's ist Geld!«</p> - -<p>Die beiden Männer untersuchten nun die Handvoll Münzen. -Es war Gold. Die Jungen oben waren ebenso entzückt, wie -die zwei Strolche unten.</p> - -<p>Joes Kamerad sagte:</p> - -<p>»Damit wollen wir kurzen Prozeß machen. Dort liegt 'ne -alte, rostige Hacke in der Ecke, drüben auf der andern Seite -des Kamins. Ich hab's eben gesehen.«</p> - -<p>Er sprang hin und brachte die Hacke und Schaufel der<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[228]</span> -Jungen herbei. Der Indianer-Joe nahm die Hacke, besah sie -kritisch, schüttelte den Kopf, murmelte etwas in sich hinein und -machte sich dann an die Arbeit.</p> - -<p>Die Kiste war bald bloßgelegt. Sie war nicht sehr groß, -mit eisernen Bändern beschlagen und schien sehr stark gewesen -zu sein, ehe der Zahn der Zeit sie benagt hatte. Die Männer -starrten in glückseligem Schweigen nieder auf den gleißenden -Schatz.</p> - -<p>Endlich flüsterte Joe:</p> - -<p>»Kamerad, das sind Tausende von Dollars.«</p> - -<p>»Man hat immer gemunkelt, daß Murrells Bande sich -mal 'nen Sommer hier herumgetrieben hätte,« bemerkte der -Fremde.</p> - -<p>»Weiß wohl,« bestätigte Joe, »und dies hier sieht, meiner -Treu, ganz danach aus.«</p> - -<p>»Jetzt können wir auch das andre Stückchen aufgeben, -was!«</p> - -<p>Der Halbindianer runzelte finster die Stirn. Dann sagte er:</p> - -<p>»Du verstehst mich nicht, wenigstens die Sache nicht, um -die sich's handelt. 's ist mir diesmal nicht um's Stehlen, – -'s ist Rache, die ich haben will.« Dabei flammten seine Augen -in grellem Feuer auf. »Dazu brauch' ich dich und deine Hilfe. -Wenn wir das hinter uns haben – dann auf nach Texas! -Und jetzt mach' dich heim zu deiner Hanne und deinen Bälgern -und wart' bis ich dich rufe.«</p> - -<p>»Soll mir recht sein! Was aber fangen wir mit dem -da an – vergraben's wieder?«</p> - -<p>»Ja. (Ueberwältigendes Entzücken oben.) Nein! Beim -Henker, nein! (Tiefste Niedergeschlagenheit eine Treppe hoch.) -Beinah' hätt' ich's vergessen. An der Hacke war ja frische Erde! -(Den Jungen wurde wind und weh vor Schreck und Angst.) -Was hat 'ne Hacke und Schaufel hier zu thun? Gar mit<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[229]</span> -frischer Erde dran? Wer hat sie hergebracht – und wo sind -die Kerls hin? Hast du was gehört – jemand gesehen? -Was! Wieder vergraben, damit die Kerls nachher kommen und -sehen, daß der Grund frisch aufgewühlt ist? Nee, so dumm -sind wir nicht. Wir schleppen's in meine Höhle!«</p> - -<p>»Na, natürlich. Hätt' früher daran denken können. Meinst -du Nummer Eins?«</p> - -<p>»Nein, Nummer Zwei, unter dem Kreuz. Der andre Platz -ist nichts wert, – zu gewöhnlich.«</p> - -<p>»Mir auch recht! Bald wird's dunkel genug sein, um abziehen -zu können.«</p> - -<p>Der Indianer-Joe erhob sich und ging von Fenster zu -Fenster, immer vorsichtig hindurchspähend. Bald darauf sagte er:</p> - -<p>»Wer kann wohl das Werkzeug hergeschleppt haben? Am -End' sind sie oben!«</p> - -<p>Den Jungen versagte der Atem. Der Indianer-Joe legte -die Hand an das dolchartige Messer, das in seinem Gürtel -steckte, hielt einen Moment überlegend inne, und wandte sich -dann der Treppe zu. Die Jungen dachten an den Wandschrank, -aber ihre Kraft hatte sie vollständig verlassen. Schon -krachten die Tritte auf der Treppe, – die fast unerträgliche -Not ihrer Lage weckte die erlahmte Entschlossenheit der Jungen, -– eben wollten sie dem rettenden Schranke zufliehen, als sich -ein Splittern und Krachen der morschen Balken vernehmen ließ -und der Indianer-Joe inmitten der Treppentrümmer schleunigst -wieder unten landete. Fluchend raffte er sich auf, und sein -Kamerad sagte:</p> - -<p>»Zu was all den Umstand. Wenn's wirklich jemand ist -und sich einige da droben versteckt halten, gut, laß ihnen ihr -Vergnügen, was liegt dran? Wenn sie 'runter springen wollen -und mit uns anbinden, so mögen sie nur kommen. In fünfzehn -Minuten ist's dunkel, laß sie uns folgen, wenn sie wollen,<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[230]</span> -mir sollt's recht sein. Meiner Meinung nach haben die Kerls, -welche die Sachen hier ablegten, wer's nun immer gewesen -sein mag, uns erblickt, uns für Geister, Teufel oder sonst was -gehalten und sind davon gerannt. Die rennen noch, ich möcht' -fast wetten.«</p> - -<p>Joe brummte noch eine Weile vor sich hin, dann stimmte -er seinem Gefährten bei, daß sie das noch übrig bleibende Tageslicht -benutzen müßten, um zur Flucht alles in Bereitschaft zu -setzen. Kurz danach schlüpften sie im tiefsten Dämmerlicht aus -dem Hause und schlugen mit ihrer kostbaren Last die Richtung -nach dem Flusse ein.</p> - -<p>Tom und Huck erhoben sich, noch ganz zitternd, aber wie -erlöst, und starrten den Männern durch die Spalten nach, die -sich in den Wänden des Hauses befanden. Ihnen folgen? Das -fiel ihnen nicht ein. Sie waren zufrieden, ohne gebrochenen -Hals den sicheren Boden wieder zu erreichen, und wandten sich -ohne Zögern dem über den Hügel nach der Stadt führenden -Pfade zu. Sie redeten nicht viel zusammen, waren zu beschäftigt -damit, sich selber gründlich Vorwürfe zu machen über die bodenlose -Dummheit, Hacke und Spaten mit dorthin zu nehmen und -liegen zu lassen. Ohne das hätte der Indianer-Joe niemals -Verdacht gefaßt. Er hätte gewiß das Silber bei dem Golde -verscharrt, bis er seine ›Rachepläne‹ ausgeführt gehabt, und -dann wäre ihm die überraschende Entdeckung geworden, daß -beides verschwunden: Silber wie Gold! Schweres, bittres Verhängnis, -daß sie die Werkzeuge mit dahin schleppen mußten! -Sie beschlossen, diesem Spanier gut aufzupassen, wenn er sich, -um eine Gelegenheit für seinen Racheakt auszukundschaften, wieder -in der Stadt sehen ließe, und ihm dann nach ›Nummer Zwei‹ -zu folgen, wo es auch sein möge. Plötzlich überkam Tom ein -entsetzensvoller Gedanke:</p> - -<p>»Rache? Wenn er uns damit meint, Huck!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[231]</span></p> - -<p>»Red' nicht so!« bat dieser, der bei der bloßen Idee vor -Schreck beinahe umfiel.</p> - -<p>Dann besprachen sie den Gedanken hin und her, und als -sie daheim anlangten, waren sie übereingekommen, daß er vielleicht -sonst irgend jemand im Auge haben, oder wenigstens doch -nur Tom meinen könne, da ja Tom allein gegen ihn gezeugt hatte.</p> - -<p>Ein schwacher, sehr schwacher Trost war es für Tom, allein -in Gefahr zu sein. Einen Kameraden auch hierin zu besitzen, -würde die Sache wesentlich erleichtert haben, so dachte er bei sich -in seiner Unschuld; Huck aber schien andrer Meinung zu sein.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-232"> - <img src="images/illu-232.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[232]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenfundzwanzigstes_Kapitel">Fünfundzwanzigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Am nächsten Morgen beim Erwachen erschienen Tom die -Erlebnisse des verflossenen Tages wie ein böser, schwerer -Traum. Er grübelte und sann, und je mehr er nachdachte und -überlegte, desto mehr kam es ihm vor, daß er geträumt habe. -So viel Geld auf einmal beisammen zu sehen konnte ja gar -nicht Wirklichkeit sein. In seinem bisherigen Leben hatte er -nie mehr als fünfzig Dollars auf einem Brett vor sich gesehen. -Tausende von Dollars aber auf einem Haufen, das überstieg -seine ausschweifendsten Vorstellungen, selbst von verborgenen -Schätzen.</p> - -<p>Noch ganz benommen von seinen Hirngespinsten kleidete er -sich an, schlang wie geistesabwesend sein Frühstück hinunter und -machte sich alsbald auf, Huck zu suchen und sich von ihm die -Bestätigung zu holen, daß alles nur Traum und Schaum gewesen. -Er fand diesen am Ufer des Flusses in einem Nachen, -mit den Beinen über den Bootrand baumelnd und mürrisch vor -sich hin starrend.</p> - -<p>»Morr'n, Huck.«</p> - -<p>»Morr'n, Tom. Verdammtes Pech, das, mit der Hacke -und Schaufel!«</p> - -<p>Also war's doch kein Traum, sondern greifbare, wirkliche Wirklichkeit! -Tom erzählte Huck von seinen Gedanken diesen Morgen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[233]</span></p> - -<p>»Schöner Traum!« brummte der als Antwort, »hätt' was -Niedliches werden können, wenn die Stiege nicht zusammengekracht -wär'. Mir hat's auch die ganze Nacht geträumt, -aber nur von dem Teufel von Spanier und von seiner ›Nummer -Zwei‹.«</p> - -<p>In Bezug auf diese rätselhafte Nummer ergingen sich die -Jungen in allerhand Vermutungen. Schließlich kamen sie überein, -es solle wohl die Nummer des Zimmers in irgend einer -Herberge bedeuten, und Tom machte sich auf den Weg, es auszukundschaften.</p> - -<p>Nach einer halben Stunde kam er zu Huck zurück und erzählte -diesem, daß von den beiden Wirtshäusern der Stadt wohl -nur eins in Frage kommen könne, denn in Nummer Zwei des -einen wohne schon seit lange ein allgemein bekannter und geachteter -junger Mann. Nummer Zwei des andren Wirtshauses -dagegen sei selbst dem Sohn des Hauses ein Geheimnis. Der -sage, es werde immer geschlossen gehalten und nur bei Nacht -höre er zuweilen Geräusch und sehe Licht darin. Er habe immer -gedacht, es müsse dort spuken.</p> - -<p>»Das hab' ich entdeckt, Huck,« schloß Tom ganz erregt -seinen Bericht. »Das ist so gewiß die Nummer Zwei, die wir -suchen, so gewiß, wie ich hier vor dir steh'!«</p> - -<p>»Wird wohl so sein, Tom. Was sollen wir aber thun?«</p> - -<p>»Laß mich 'n bissel nachdenken.«</p> - -<p>Und Tom dachte eine lange Weile nach, dann sagte er:</p> - -<p>»Paß mal auf. Siehst du, die Hinterthür von der Nummer -Zwei führt in den kleinen, engen Gang zwischen dem Wirtshaus -und der alten Mausefalle von Ziegelbrennerei. Du kaperst nun -alle Thürschlüssel, die du irgend erwischen kannst, und ich nehm' -meiner Tante ihre, und in der ersten dunklen Nacht schleichen -wir hin und probieren ob einer paßt. Daß du dich fein nach -dem Spanier umsiehst! Der sagt ja, er wolle kommen und<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[234]</span> -herumschnüffeln wegen seiner Rache. Und wenn du ihn entdeckst, -dann folgst du ihm und siehst, ob er nach meiner Nummer -Zwei geht, wenn nicht, ist's natürlich Essig! Also, heut' abend! -Bring' nur brav Schlüssel mit!«</p> - -<p>Am Abend waren Huck und Tom bereit zu ihrem Abenteuer. -Sie trieben sich in der Nachbarschaft der Herberge herum, konnten -aber nirgends etwas Verdächtiges erspähen. Um ungesehen das -Experiment mit den Schlüsseln vornehmen zu können, war die -Nacht viel zu hell, und so zog sich denn Tom bald nach zehn -Uhr zurück, heimwärts, dem warmen Neste zu, während Huck, -der etwas länger aushielt, gegen zwölf in einem leeren Zuckerfaß -für die Nacht unterkroch.</p> - -<p>Dienstag nacht verfolgte die Jungen derselbe Unstern, -ebenso Mittwoch. Donnerstag endlich standen dicke Wolken am -Himmel und versprachen eine schöne, dunkle Nacht. Beizeiten -stellte sich Tom ein, bewaffnet mit der alten Blechlaterne seiner -Tante und einem großen Handtuch, um dieselbe zu verhüllen. -Er barg die Laterne in Hucks Zuckerfaß, und die Wacht begann. -Eine Stunde vor Mitternacht wurde die Herberge geschlossen -und ihre Lichter, die einzigen in der Nachbarschaft, ausgelöscht. -Kein Spanier war gesehen worden. Niemand hatte den schmalen -Gang auf der Rückseite des Hauses betreten oder verlassen. -Alles schien dem Unternehmen günstig. Die schwärzeste Finsternis -herrschte, und die Totenstille ringsum wurde nur hie und da -durch fernes Donnerrollen unterbrochen.</p> - -<p>Tom lief nach seiner Laterne, zündete sie an, hüllte sie fest -in das Handtuch und die beiden Abenteurer tasteten sich durch -die Finsternis nach dem Wirtshaus hin. Huck stand Schildwache -und Tom schlich sich in den dunklen Gang hinein. Nun -kam eine Pause unerträglich heimlichen, angstvollen Wartens, -die auf Hucks Gemüt lastete, gleich einem erdrückenden Berge. -Er begann sich heiß nach einem wieder auftauchenden Strahl<span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[235]</span> -der Laterne zu sehnen, der ihm zeigte, daß Tom noch am -Leben sei.</p> - -<p>Stunden schienen verflossen, seit Tom verschwunden war. -Gewiß hatte er irgendwo das Bewußtsein verloren, war am -Ende gar tot, vielleicht war ihm das Herz gebrochen vor Schreck -und Aufregung. In seiner Angst rückte Huck dem Gäßchen -näher und näher, den Kopf voll schrecklicher Befürchtungen -und jeden Augenblick auf eine Katastrophe gefaßt, die ihm den -Atem vollends benehmen würde. Viel Atem zum Wegnehmen -blieb nicht übrig; er war kaum noch imstande, denselben fingerhutvollweise -einzuziehen, und sein Herz mußte bei dem Tempo, -in dem es schlug, baldigst ganz den Dienst versagen. Plötzlich -blitzte ein Lichtstrahl auf, und Tom schoß keuchend an ihm -vorüber.</p> - -<p>»Fort,« schrie er, »fort, wenn dir dein Leben lieb ist.«</p> - -<p>Ein Wiederholen der Warnung war unnötig, einmal genügte. -Huck rannte mit Riesenschritten davon, als ob es hinter -ihm brenne, Tom hinterdrein. So stürzten die Jungen unaufhaltsam -davon, bis sie den Schuppen eines alten, unbenutzten -Schlachthauses erreichten, am unteren Ende des Ortes. Gerade -als sie unter dies Obdach geschlüpft waren, brach das Gewitter -los und der Regen strömte nieder. Nachdem Tom zu Atem -gekommen war, stöhnte er:</p> - -<p>»Ach, Huck, 's war gräßlich. Ich probierte erst zwei von -den Schlüsseln, so leise ich konnte, die machten aber 'n solchen -Lärm, daß mir übel und weh wurde vor Angst. Ich konnte -sie auch gar nicht im Schloß umdrehen. Dann, ohne selber zu -wissen, was ich thu', faß' ich nach der Klinke, drücke und – -auf springt die Thür. Sie war gar nicht verschlossen gewesen! -Ich hinein, werf' das Tuch von der Laterne und – Heiliger -Gott!«</p> - -<p>»Was – was war's, Tom?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[236]</span></p> - -<p>»Huck! Ich trat fast auf 'ne Hand, und wie ich näher -hin seh', ist's dem Indianer-Joe seine.«</p> - -<p>»Puh!« stöhnte Huck wortlos.</p> - -<p>»Weiß Gott! Da lag er am Boden und schlief ganz fest, -mit dem alten Pflaster über dem einen Aug' und weit ausgestreckten -Armen.«</p> - -<p>»Um alles in der Welt, sprich, – was hast du denn da -gemacht? Ist er aufgewacht?«</p> - -<p>»Nee, der rührt sich nicht. -Er muß betrunken gewesen sein. -Ich greif' nur flink nach meinem Tuch und stürz' davon.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-237"> - <img src="images/illu-237.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Ich hätt' nicht mehr an das Tuch gedacht, das wett' ich.«</p> - -<p>»Na, aber ich! Tante Polly hätt' mir 'nen feinen Tanz -aufgespielt, wenn ich's verloren hätt'!«</p> - -<p>»Hör' du, Tom, hast du die Kiste gesehen?«</p> - -<p>»Huck, nach der hab' ich mich gar nicht umgeschaut. Hab' -keine Kiste und hab' auch kein Kreuz gesehen. Nichts hab' ich -gesehen, als 'ne Flasche und 'nen Zinnbecher am Boden neben -dem Indianer-Joe! Ja, zwei Fäßchen und viele Flaschen hab' -ich noch außerdem im Zimmer gesehen. Weißt du jetzt, was -in dem Zimmer spukt?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[237]</span></p> - -<p>»Wieso?«</p> - -<p>»Dickkopf! Schnaps spukt drin, Schnaps! Und der Wirt -dort gehört zum Mäßigkeitsverein! Ob wohl alle die Mäßigkeitsvereinler -so 'n Spukzimmer haben? he, Huck?«</p> - -<p>»Wird wohl so sein! Wer hätt' aber so was gedacht? -Sag' mal, du, Tom, wär' denn das nicht jetzt grad' die richt'ge -Zeit, um die Kiste auszuführen? Wenn der Indianer-Joe doch -betrunken ist.«</p> - -<p>»Ei, so versuch's doch!«</p> - -<p>Huck schauderte.</p> - -<p>»Nee, lieber nicht!«</p> - -<p>»Ich auch lieber nicht, Huck. Nur <em class="gesperrt">eine</em> Flasche leer neben -dem Kerl, das ist nicht genug. Ja, wenn's drei gewesen wären, -dann ließe sich weiter drüber reden!«</p> - -<p>Eine lange Pause des Nachdenkens folgte. Dann sagte Tom:</p> - -<p>»Paß mal auf, Huck. Ich mein', wir sollten das Ding -gar nicht mehr probieren, bis wir sicher wissen, daß der Joe -nicht drin ist. 's ist zu gruselig! Wir passen jede Nacht auf, -und einmal muß er doch 'raus aus seinem Loch, dann wollen -wir die Kiste schon kriegen, schneller als der Blitz.«</p> - -<p>»Mir recht. Ich will jede Nacht wachen, die ganze Nacht -durch, wenn du nur den Rest besorgen willst.«</p> - -<p>»Gut, wollen's so machen. Du brauchst dann nur zu -kommen und vor unsrem Haus zu miauen, und wenn ich schlaf', -wirfst du mir 'ne Hand voll Kies ans Fenster, das wird mich -schon wach kriegen!«</p> - -<p>»Topp, 's gilt!«</p> - -<p>»Jetzt ist's da draußen auch besser geworden, Huck, der -Sturm hat aufgehört und ich muß heim. 's muß schon bald -Morgen sein. Du gehst noch mal hin und wachst, willst du?«</p> - -<p>»Ich hab's gesagt, Tom, daß ich's thu', und ich thu's -auch! Und wenns 'n Jahr lang dauert, ich spuk' jede Nacht<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[238]</span> -in dem Gäßchen dort herum. Bei Tag schlaf' ich und bei Nacht -wach' ich.«</p> - -<p>»Schön. Aber wo wirst du schlafen?«</p> - -<p>»Auf Ben Rogers Heuboden. Der hat nichts dagegen und -Onkel Jakob, – weißt du, der alte Nigger, der im Hause -ist – auch nicht. Dem hab' ich schon oft 's Wasser geschleppt, -und er giebt mir manchmal was zu essen, wenn er selber was -hat. 's ist 'n guter Nigger, Tom. Der hat mich gern, weil -ich nie thu', als ob ich was Besseres wär'. Manchmal hab' -ich mich, weiß Gott, schon hingesetzt und mit ihm gegessen. Das -brauchst du aber niemand zu sagen, Tom. Wenn einer so gräßlich -hungrig ist, thut er manches, was er sonst für gewöhnlich -nicht thät'!«<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Unsere Geschichte spielt in der Zeit vor Aufhebung der Sklaverei.</p> -</div> -</div> - -<p>»Na, also Huck, wenn ich dich bei Tag nicht brauch', laß -ich dich schlafen und stör' dich nicht weiter. Und wenn in der -Nacht was los ist, springst du zu mir 'rüber und miaust.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-239"> - <img src="images/illu-239.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[239]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Sechsundzwanzigstes_Kapitel">Sechsundzwanzigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Das erste, was Tom am Freitagmorgen hörte, war eine -sehr angenehme Neuigkeit, – Becky Thatcher war mit -den Ihren am Abend vorher zurückgekehrt. Vor diesem Ereignis -mußte der Indianer-Joe zusamt seinem Schatze in den Hintergrund -treten, und Becky, die einzige Becky, nahm das ganze -Interesse des Knaben ein. Er sah sie wieder, und die beiden -verbrachten einen köstlichen Tag in Gesellschaft der Schulkameraden -bei ›Blindekuh‹ und ›Verstecken‹. Um das Glück des Tages voll -zu machen hatte Becky von ihrer Mutter die Erlaubnis erwirkt, -am folgenden Tage das längst geplante und immer wieder verschobene -Picknick halten zu dürfen, was ungeheuren Enthusiasmus -und Jubel erregte. Becky insbesondere war außer sich vor Entzücken, -und Tom nicht minder. Vor Sonnenuntergang noch -wurden die Einladungen herumgeschickt, und die sämtliche jugendliche -Bevölkerung des Städtchens war in einem Fieber der Erwartung -und der emsigen Vorbereitung. Toms Erregung hielt -ihn bis zu später Stunde wach, wobei er immer auf Hucks -Miau-Signal wartete. Wie herrlich wäre es gewesen, die Gesellschaft -folgenden Tages mit dem aufgefundenen Schatze zu -verblüffen! Diese Hoffnung aber trog, – kein Signal störte -die Ruhe der Nacht.</p> - -<p>Endlich tagte der Morgen, und um zehn oder elf Uhr<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[240]</span> -sammelte sich eine lärmende, wonnetrunkene Gesellschaft vor dem -Hause der Familie Thatcher. Alles war zum Aufbruch bereit. -Aeltere Leute pflegten die Picknicks niemals durch ihre Gegenwart -zu stören, die Kinder hielt man unter den Fittigen einiger -junger Damen von achtzehn und einiger junger Herren von -ungefähr vierundzwanzig Jahren für genügend beschützt. Man -hatte für diese Gelegenheit die alte Dampffähre gemietet, und -alsbald setzte sich die heitre, bunte Menge, beladen mit vielversprechenden -Vorratskörben, die Hauptstraße hinunter in Bewegung. -Sid war unwohl und mußte dem Vergnügen entsagen; -Mary war ihm zum Trost und zur Gesellschaft zurückgeblieben. -Das letzte, was Frau Thatcher zu Becky sagte, war:</p> - -<p>»Ihr werdet wohl spät zurückkommen, Kind, am Ende thust -du besser, für diese Nacht bei einer deiner Freundinnen zu bleiben, -die nahe beim Landungsplatz der Fähre wohnen.«</p> - -<p>»Dann bleib' ich bei Suschen Harper, Mama.«</p> - -<p>»Meinetwegen; und hörst du, daß du dich hübsch ordentlich -beträgst und niemand zur Last fällst.«</p> - -<p>Als sie dann zusammen die Straße hinunter trabten, sagte -Tom zu Becky:</p> - -<p>»Du – paß' mal auf, was wir thun wollen. Anstatt -daß wir mit Joe Harper heimgehen, steigen wir den Berg hinauf -und bleiben die Nacht bei der Witwe Douglas. Die hat gewiß -Gefrorenes, – sie hat immer welches, ganze Haufen davon, und -wird sich schrecklich freuen, wenn wir zu ihr kommen.«</p> - -<p>»O, das wird aber köstlich!«</p> - -<p>Danach überlegte sich's Becky aber doch einen Moment -und meinte:</p> - -<p>»Was wird aber meine Mama dazu sagen?«</p> - -<p>»Ei, wie soll denn die's erfahren?«</p> - -<p>Wieder sann Becky ein Weilchen nach und sagte dann -zögernd:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[241]</span></p> - -<p>»Recht ist's ja nicht – aber –«</p> - -<p>»Aber, – Unsinn! Deine Mutter erfährt's nicht, und was -ist denn weiter Schlimmes dabei! Alles, was sie will, ist, daß -du für die Nacht gut aufgehoben bist, und ich wette, sie hätt' -dich ebensogut dorthin geschickt, wenn sie nur dran gedacht hätte. -Das weiß ich ganz gewiß!« –</p> - -<p>Frau Douglas, die das größte und schönste Haus des -Städtchens besaß und deren glänzende Gastfreundschaft die Wonne -aller bildete, die sie je genießen durften, bewies sich als allzu -verlockender Köder. Dieser und Toms Beredsamkeit trugen denn -auch den Sieg davon und es wurde beschlossen, gegen niemanden -etwas über das Programm für die Nacht verlauten zu lassen.</p> - -<p>Auf einmal fiel es Tom ein, daß Huck am Ende gerade -in derselben Nacht kommen könne, um ihm das verabredete -Zeichen zu geben. Dieser Gedanke trübte seine freudigen Erwartungen -um ein Beträchtliches, aber er konnte sich doch nicht -entschließen, den Plan mit Frau Douglas aufzugeben. Warum -sollte er auch? Er dachte bei sich, in der Nacht zuvor sei ja -auch alles ruhig geblieben, warum sollte das Signal gerade -diese Nacht ertönen? Das sichere Vergnügen, das er sich vom -Abend versprach, überwog bei weitem die unsichere Aussicht auf -den Schatz, und recht wie ein Junge beschloß er, der stärkeren -Neigung nachzugeben und sich für den Rest des Tages jeden -Gedanken an die Geldkiste aus dem Kopf zu schlagen.</p> - -<p>Drei Meilen unterhalb der Stadt landete die Fähre in -einer rings mit Wald umstandenen Bucht. Die fröhliche Gesellschaft -schwärmte aus dem Boote, und bald tönten die Wälder -und felsigen Höhen von Geschrei und Gelächter wieder. Alle -die verschiedenen Methoden, sich heiß und müde zu machen, -wurden der Reihe nach durchgegangen, bis allmählich einer nach -dem andern von den Herumschwärmenden sich im Lager einstellte, -ausgerüstet mit dem nötigen Appetit, und nun die Vertilgung<span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[242]</span> -der mitgebrachten leckeren Sachen beginnen konnte. Nach -der Mahlzeit folgte ein erquickendes Ruhe- und Plauderstündchen -im Schatten der breitästigen Eichen, bis dann jemand rief:</p> - -<p>»Wer kommt mit zur Höhle?«</p> - -<p>Alle waren sofort bereit, ganze Bündel von Kerzen wurden -ausgekramt und es folgte ein allgemeines Erklettern des Hügels. -Hoch oben lag die Mündung der Höhle, eine schwarze, gähnende -Oeffnung, geformt wie der lateinische Buchstabe <em class="antiqua">A</em>. Die massive, -eichene Thür stand weit offen. Im Innern sah man zunächst -eine schmale, kleine Kammer, kalt wie ein Eiskeller, von der -Natur mit festen Kalkmauern umgeben, die viel Feuchtigkeit ausschwitzten. -Etwas romantisch Geheimnisvolles lag darin, von -diesem finstren, kalten Orte aus hineinzuschauen in das sonnbeglänzte, -grüne Land. Der Zauber aber, der die Geister zuerst -gefangen hielt, verlor bald seinen Reiz und das Herumtollen -begann von neuem. Sobald irgend jemand versuchte, eine Kerze -anzuzünden, stürzte sich alles darauf los und es entspann sich -ein Kampf gegen den tapferen Verteidiger. Das Licht wurde -ihm schließlich entrissen, zu Boden geworfen und ausgelöscht, -worauf eine neue Hetzjagd mit demselben Ausgang folgte. Da -aber jedes Ding sein Ende hat, so ordnete sich allmählich der -Zug und bewegte sich vorsichtig den steilen Abstieg des Hauptgangs -der Höhle hinunter. Mit düsterem, unruhigem Schein -bestrahlte die flackernde Reihe der Lichter die mächtigen Felswände -zu beiden Seiten, fast bis hinauf zu dem Punkte, wo sie -in einer Höhe von etwa sechzig Fuß zusammenstießen. Dieser -Hauptgang war nicht mehr als acht oder zehn Fuß breit. Alle -paar Schritte zweigten andre hochgewölbte und noch engere Felsspalten -nach beiden Seiten ab, denn die Mc. Douglas-Höhle war -eigentlich nur ein ungeheures Labyrinth gewundener Gänge, die -ineinander und wieder auseinander liefen und nirgends ein Ziel -oder Ende hatten. Es hieß, daß man Tage und Nächte lang<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[243]</span> -durch dies krause, verschlungene Gewirr von Spalten und Klüften -wandern könne, ohne jemals ein Ende der Höhle zu finden; daß -man hinunter und hinunter, tiefer und immer tiefer bis in's -Innerste der Erde steigen könne und doch immer dasselbe finden -würde – Labyrinth -unter Labyrinth -in endloser -Folge. Keiner -kannte die -Höhle ganz, das -war ein Ding -der Unmöglichkeit. -Die meisten -der jungen Leute -kannten einen -Teil derselben, -und für gewöhnlich -wagte sich -niemand über -diesen allgemein -begangenen Teil -hinaus. Tom -Sawyer kannte -von der Höhle -nicht mehr als -die andern.</p> - -<div class="figright" id="illu-244"> - <img src="images/illu-244.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Der ganze Zug bewegte sich noch immer geschlossen den -Haupt­eingang entlang, allmählich aber begannen sich Gruppen -und Paare zu lösen und in den Seitengängen zu verschwinden. -Hier flogen sie lautlos dahin durch die unheimlichen Gänge, unein­gestandenen -Grausens voll, und überraschten und erschreckten -andere an Punkten, wo die einzelnen Gänge sich kreuzten oder<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[244]</span> -auch zusammenliefen. Halbe Stunden lang konnte man sich so -meiden oder finden, ohne sich jemals aus dem bekannten Teil -der Höhle zu entfernen.</p> - -<p>Allmählich fand sich ein Teil der Gesellschaft nach dem -andern wieder an der Mündung der Höhle ein, atemlos, fröhlich, -glückselig, vom Kopf bis zu den Füßen mit Talg betröpfelt, -mit Lehm beschmiert, aber entzückt, berauscht von dem genossenen -Vergnügen des Tages. Man war erstaunt, daß es da draußen -mittlerweile schon beinahe Nacht geworden war. Die Glocke der -Fähre mahnte seit beinahe einer halben Stunde schrill zur Heimkehr. -Dieser Schluß der Abenteuer des Tages war aber ganz nach -dem Sinn der jugendlichen Gesellschaft, die gewohnt war, jeden -Freudenkelch bis zur Neige zu schlürfen. Als die Fähre mit -ihrer tollen Fracht in den Strom hinaus stieß, bedauerte nur -einer an Bord die verschwendete Zeit der letzten Stunde, und -das war der Kapitän.</p> - -<p>Huck war bereits auf seinem allnächtlichen Lauscherposten, -als die Lichter der Fähre am Ufer vorüber glitten. Er hörte -kein Geräusch an Bord, denn die jungen Leute waren zahm und -still geworden, so zahm und still, wie man zu werden pflegt, -wenn man sich in Lust und Uebermut totmüde getobt hat. Huck -sann nach, was für ein Boot dies sein könne, und warum es -nicht am gewöhnlichen Halteplatze anlege; dann wanderten seine -Gedanken weiter, um sich voll und ganz auf sein Vorhaben zu -richten. Die Nacht war wolkig und dunkel. Zehn Uhr kam, -das Geräusch der Wagen erstarb, einzelne Lichter begannen zu -erlöschen, der Fußgänger wurden weniger und weniger, das -Städtchen bereitete sich zum nächtlichen Schlummer vor und -überließ den kleinen Lauscher sich selber, dem rings herrschenden -Schweigen und den Geistern der Finsternis. Elf Uhr nahte, -auch die Lichter der Herberge erloschen, Dunkel überall. Huck -harrte und lauschte, eine lange, bange Zeit, wie ihm schien.<span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[245]</span> -Nichts erfolgte. Sein Vertrauen begann zu wanken. Hatte -dies geduldige Ausharren wohl irgend einen Wert? Würde es -irgend einen Nutzen haben? Ob er's nicht viel besser ganz sein -ließe und sich gar nicht weiter um die Sache kümmerte?</p> - -<p>Da schlug ein Geräusch an sein Ohr. Im Moment war -er ganz atemlose Aufmerksamkeit. Eine Thüre schloß sich leise -und sacht. Er sprang an die Ecke der kleinen Gasse, und fast -gleichzeitig huschten zwei dunkle Gestalten an ihm vorüber, deren -eine irgend etwas Gewichtiges unter dem Arme zu tragen schien. -Das mußte die Geldkiste sein! Der Schatz wurde also fortgeschleppt! -Sollte er nach Tom rufen? Das wäre hirnverbrannt -gewesen, denn einstweilen konnten die Kerle mit der Beute -Gott weiß wohin verschwinden – auf Nimmerwiedersehen. Behüte, -er wollte sich an ihre Sohlen heften und im sicheren Schutz -der Dunkelheit ihrer Spur folgen. Während er so mit sich selber -in's reine kam, war er behende hinter den Männern her geglitten, -katzenartig, barfuß, denselben gerade genügend Vorsprung -lassend, um sie noch im Auge behalten zu können.</p> - -<p>Eine Strecke weit gingen sie der Flußstraße entlang und -bogen dann zur Linken in ein Seitengäßchen ein. Diese verfolgten -sie bis dahin, wo ein Fußpfad nach dem Cardiff-Berge -abzweigte, welchen sie nun einschlugen, dann ging's an des -Wallisers Haus vorbei, höher und immer höher den Berg hinan. -Schön, dachte Huck, die gehen zum Steinbruch und verscharren -dort ihren Schatz. Nein weiter, immer weiter ging's, vorbei -am Steinbruch, ohne Aufenthalt. Nun war die Höhe des Berges -erreicht. Jetzt drangen sie auf schmalem Pfad in das dichte -Sumachgehölz ein und waren auf einmal in der Dunkelheit verschwunden. -Huck folgte rasch nach und verkürzte seinen Abstand, -denn hier war eine Entdeckung ganz unmöglich. So trabte er -eine Weile dahin, um dann doch wieder langsamere Schritte zu -machen, aus Furcht, zu rasch vorwärts zu kommen. Noch ein<span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[246]</span> -paar Schritte, dann hielt er an, lauschte, – kein Ton, keiner, -außer dem Klopfen seines eignen Herzens! Der Schrei einer -Eule klang aus dem Thal empor, – unheilvoller Laut! Aber -kein Fußtritt, kein noch so leises Knistern der Zweige! Großer -Gott, war denn alles verloren? Eben wollte er sich in beschleunigtem -Tempo vorwärts stürzen, als sich jemand, keine -vier Fuß von ihm entfernt, räusperte. Sein Herz schien ihm -in die Kehle zu fahren, doch entschlossen schluckte er's wieder -hinab. Da stand er, zitternd wie Espenlaub, als ob ihn ein -Dutzend kalter Fieber auf einmal gepackt hätte und schüttelte, -bis ihm Hören und Sehen verging und er dachte, zu Boden -sinken zu müssen vor Angst und Schwäche. Er wußte nun, wo -er war. In der Entfernung von wenigen Schritten mußte sich -der Zaun befinden, der das Eigentum der Witwe Douglas umzog. -›Um so besser,‹ überlegte er, ›wenn sie's hier verscharren, -wird's 'ne kleine Mühe sein, es wieder aufzufinden.‹</p> - -<p>Jetzt hörte er eine leise Stimme, eine sehr leise Stimme, -die er trotzdem erkannte, es war die des Indianer-Joe.</p> - -<p>»Hol' sie der Henker, hat sicher wieder Leute bei sich – -seh' noch Lichter, so spät's auch ist!«</p> - -<p>»Ich seh' gar nichts.«</p> - -<p>Es war jenes Fremden Stimme, – des Fremden aus dem -Geisterhause. Eiseskälte durchzuckte Hucks Herz. Das also war jener -geplante ›Racheakt‹. Sein erster Gedanke war Flucht. Dann dachte -er daran, wie gütig die Witwe Douglas, die freundliche, schöne -Dame, mehr als einmal gegen ihn, den armen Strolch, gewesen, -und daß diese Schurken vielleicht im Sinn hätten, sie zu morden. -Ach, wenn er nur den Mut hätte, sie zu warnen; aber das getraute -er sich doch nicht, – konnten die Kerle doch kommen und ihn abfangen. -All dies und mehr noch schoß ihm durch's Hirn in dem -einen Moment, welcher zwischen der Bemerkung des Fremden -und der darauf folgenden Antwort des Indianer-Joe verfloß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[247]</span></p> - -<p>»Na, der Busch steht dir im Weg, da schau mal hier -hinaus, – so – gelt, jetzt siehst du's?«</p> - -<p>»Jawohl, werden wohl Leute dort sein – geben's besser -auf, denk' ich.«</p> - -<p>»Aufgeben, eben, wo ich dem verdammten Land für immer -den Rücken kehren will, aufgeben, um vielleicht nie wieder Gelegenheit -zur Rache zu haben? Ich sag' dir's noch mal, wie -ich's schon gesagt hab', keinen Pfifferling frag' ich nach ihrem -Geld – das kannst du haben. Aber ihr Mann war hart gegen -mich, nicht einmal, nein, oft und oft, und vor allem war er der -Hund von einem Richter, der mich wegen Landstreicherei immer -wieder in's Loch steckte. Und das ist noch lang' nicht alles! -Millionenmal nicht alles! <em class="gesperrt">Durchpeitschen</em> hat er mich lassen, -durchpeitschen vor dem Gefängnis, wie einen Hund oder einen -Nigger! Die ganze Stadt konnt's sehen! Durchpeitschen – -begreifst du das! Er kam meiner Rache zuvor und starb, – -sie aber soll's büßen!«</p> - -<p>»Du wirst sie doch nicht umbringen wollen? Das wirst -du doch nicht thun, so'n hübsches, stattliches Frauenzimmer, und -'n gutes Herz hat sie auch für die Armen!«</p> - -<p>»Umbringen? Wer denkt daran? Ihn würd' ich abschlachten, -wenn er da wär' – sie nicht! Ein Frauenzimmer bringt man -nicht um, wenn man sich rächen will – Unsinn! Der geht's -an die geliebte Fratze, man schlitzt ihr die Nasenflügel und stutzt -ihr die Ohren!«</p> - -<p>»Herrgott, das ist –«</p> - -<p>»Behalt' deine Meinung für dich, bis du gefragt wirst, rat' -dir's im Guten, 's wird wohl das beste für dich sein. Ich bind' -sie auf ihr Bett fest; wenn sie sich hinterher verblutet, ist's meine -Schuld nicht. Ich wein' ihr nicht nach! Du, Kamerad, wirst -mir dabei helfen – mir zulieb – deshalb hab' ich dich mitgenommen, -denn allein brächt' ich's am Ende nicht fertig. Probierst<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[248]</span> -du auszukneifen, so hau' ich dich nieder, das merk' dir! -Und wenn ich dir den Rest geben muß, so kriegt sie auch eins, -daß sie das Aufstehen vergißt, und dann soll mir einer dahinter -kommen, wer das Geschäft besorgt hat.«</p> - -<p>»Na, wenn's denn sein muß, so muß es eben sein, dann -los und dran! Je schneller, desto besser – mir läuft's jetzt -schon kalt über den Leib!«</p> - -<p>»Jetzt dran? – wo die Leute auf sind? Du, paß mal -auf, sonst trau' ich dir nicht mehr. Nichts da! – gewartet -wird, bis die Lichter aus sind, 's hat ohnehin keine Eile!«</p> - -<p>Huck wußte, daß nun ein Schweigen folgen müsse, – ein -Schweigen, schauerlicher und gefährlicher als die mörderischsten -Reden. So hielt er denn seinen Atem an und trat behutsam -und verstohlen einen Schritt zurück, den Fuß vorsichtig und fest -niedersetzend, nachdem er zuvor auf einem Bein balancierte, sodaß -er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Noch einen -Schritt rückwärts mit derselben Umständlichkeit, denselben Gefahren, -einen und noch einen! Jetzt krachte ein Aestchen unter -seinem Fuße. Der Atem blieb ihm beinahe aus, er lauschte. -Kein Laut – tiefstes Schweigen! Grenzenlos war seine Dankbarkeit. -Jetzt drehte er sich lautlos und mit der äußersten Vorsicht -um und verfolgte seinen früheren Pfad zwischen den hohen -Sumachbüschen zurück. Schnell und behutsam glitt er dahin. -Als er dann am Steinbruch aus dem Gehölz hervortrat, fühlte -er sich geborgen. Nun lieh er seinen Sohlen Schwingen und -flog den Berg hinunter, weiter, immer weiter bergab, bis er -das Haus des alten Wallisers erreichte. Er trommelte an die -Thüre und alsbald erschienen der Alte und seine beiden handfesten -Söhne am Fenster.</p> - -<p>»Was zum Teufel ist denn los? Wer drischt dort an der -Thüre? He, was wollt ihr?«</p> - -<p>»Schnell, macht auf – ich sag' euch dann ja alles!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[249]</span></p> - -<p>»Wer ist der Ich?«</p> - -<p>»Ei ich, der Huckleberry Finn. Schnell – um Gottes -willen macht auf!«</p> - -<p>»Sieh' mal einer, der Huckleberry Finn! Ist 'n Name, -dem sich eigentlich nicht viele Thüren öffnen. Laßt ihn aber -nur immer 'rein, Jungens, wollen mal hören, was er zu -sagen hat.«</p> - -<p>»Sagt's um Gottes willen keinem Menschen, daß ich's euch -gesagt hab',« waren Hucks erste Worte, als er ins Haus trat, -»bitte, bitte, verratet mich nicht, sie würden mich ja umbringen, -so gewiß ich hier steh', – aber die Witwe da oben ist schon -oft und oft gut gegen mich gewesen, und ich will's sagen, wenn -ihr versprecht, nicht zu verraten, daß ich's gewesen bin!«</p> - -<p>»Bei Gott, da muß was passiert sein, oder der Junge -stellte sich nicht so an,« rief der alte Mann, »heraus damit, -mein Sohn, und niemand soll je ein Sterbenswörtchen davon -zu hören kriegen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Drei Minuten später stiegen der Alte und seine Söhne -wohlbewaffnet den Berg hinan und drangen auf den Zehenspitzen -vorsichtig in das Gehölz ein, die Flinten in der Hand. Huck -begleitete sie nicht weiter. Er barg sich hinter einem großen -Felsblock und lauschte. Zuerst ein drückendes, angstvolles Schweigen, -das dann urplötzlich durch mehrere Schüsse und einen gellenden -Aufschrei unterbrochen wurde. Näheres zu erfahren drängte es -Huck nicht. Auf sprang er und fort und flog den Berg hinunter, -so schnell ihn seine Füße zu tragen vermochten.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-250"> - <img src="images/illu-250.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[250]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Siebenundzwanzigstes_Kapitel">Siebenundzwanzigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div class="ulshapepic" id="illu-251"> -<div class="boxu box251u"> -<img src="images/illu-251.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxcl box251l" /> -</div> - -<p class="drop">Als am Morgen des folgenden Tages, eines Sonntags, -die ersten leisen Spuren der Dämmerung -erschienen, tastete sich Huck durch das Halbdunkel -den Berg hinauf und klopfte mit schüchterner Hand -leise an die Thür des alten Wallisers. Die Hausbewohner -schliefen noch, aber ihr Schlaf war infolge -der aufregenden nächtlichen Abenteuer ein -äußerst leiser und so ertönte alsbald eine Stimme -vom Fenster:</p> - -<p>»Wer ist da?«</p> - -<p>Hucks ängstliche Stimme antwortete leise:</p> - -<p>»Laßt mich, bitte, ein – ich bin's nur, -Huck Finn!«</p> - -<p>»Ist 'n Name, dem sich diese Thür bei -Nacht und bei Tag öffnet. Mein Junge, sei -willkommen!«</p> - -<p>Das waren seltsam klingende Worte in den Ohren des -kleinen Vagabunden, die angenehmsten, die er je gehört. Er -konnte sich nicht erinnern, daß das Schlußwort des alten Mannes -je zuvor in Bezug auf ihn angewandt worden wäre.</p> - -<p>Schnell wurde nun die Thüre geöffnet und er trat ein.<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[251]</span> -Man bot Huck einen Stuhl und der Alte mit seinen Riesensöhnen -kleideten sich in Eile an.</p> - -<p>»Und jetzt, mein Junge, hoff' ich, daß du einen ordentlichen -Hunger mitgebracht hast, denn das Frühstück soll noch vor der -Sonne auf dem Tisch stehen, und zwar ein gehöriges, das laß -meine Sorge sein. Haben immer gedacht, ich und meine Jungens, -du zeigtest dich gestern abend nochmal, hättest die Nacht bei uns -bleiben müssen.«</p> - -<p>»Ich kriegte solche Angst,« sagte Huck, »daß ich den Berg -hinunter stürzte. Ich fing an zu rennen, als die Schüsse krachten -und rannte drei Meilen so weiter. Jetzt bin ich nur gekommen, -weil ich gern was drüber gehört hätte, und vor Tag komm' ich, -weil ich nicht gern den Teufeln in den Weg laufen möchte, – -selbst wenn sie tot wären.«</p> - -<p>»Armer Kerl, man sieht dir's weiß Gott an, was das für -'ne Nacht für dich war, aber wart' nur, du sollst 'n Bett haben, -wenn du gefrühstückt hast. Nee, tot sind die Halunken leider -nicht, mein Junge, und leid genug thut's uns. Deiner Beschreibung -nach wußten wir den Ort ziemlich genau, an dem sie -zu finden waren, wir schleichen also auf den Zehenspitzen 'ran, -bis vielleicht auf fünfzehn Fuß Entfernung, und dunkel wie 'n -Loch war's in den Büschen drin, da, auf einmal merk' ich, daß -mich das Niesen ankommt. Ob das nicht Pech war! Will's -natürlich zurückhalten, aber nee, keine Möglichkeit, 's wollt' -kommen und 's kam auch mit Macht. So pust' ich denn los -mit aller Gewalt. Ich war der Vorderste von uns, mit meiner -Pistole in der Hand, und als nun das Niesen losging, entstand -ein Rascheln vor uns im Gebüsch. Ich schrei: ›Feuer, Jungens‹, -und wir drei feuern denn auch nach der Richtung hin. Ja, -prost die Mahlzeit! Die Kerle waren flinker als der Wind, wir -aber hinterher wie die wilde Jagd, in die Wälder hinein. Gekriegt -aber haben wir sie nicht. Ehe sie auskniffen, hat jeder<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[252]</span> -von ihnen noch mal seine blaue Bohne abgeknallt, aber die sausten -an uns vorbei und thaten keinen Schaden. Als sich das Geräusch -ihrer Schritte verlor, gaben wir die Jagd auf und gingen -hinunter in's Städtchen, um die Konstabler zu wecken. Die -machten sich denn auch gleich auf und wollten am Ufer rekognoszieren, -und sobald es Tag ist, sollen die Wälder abgesucht -werden. Meine Jungens werden auch dabei sein. Wollt', einer -könnt' uns die Kerle beschreiben, 's wär dann viel leichter für -uns. Du wirst wohl nicht viel von den Schuften gesehen haben, -dort oben in der Dunkelheit, was?«</p> - -<p>»Nee, aber unten in der Stadt hab' ich sie schon gesehen -und bin ihnen von dort nachgegangen.«</p> - -<p>»Kapital! Na, dann los, mein Junge, wie sehen sie aus? -Beschreib' sie mal so'n bißchen genau!«</p> - -<p>»Ei, einer davon ist der taubstumme Spanier, der seit 'n -paar Tagen hier herum streicht, und der andre ist 'n gemein -aussehender, zerlumpter –«</p> - -<p>»Schon genug, Junge, kenn' die Kerle! Hab' sie neulich -mal da oben im Wald hinter der Witwe Douglas -ihrem Haus gesehen, schoben ab, als ich in Sicht kam. Nun -aber schnell fort mit euch, Jungens, sagt's fein dem Sheriff, -was ihr da vom Huck gehört habt, könnt' morgen früh frühstücken!«</p> - -<p>Beide Söhne machten sich ohne Widerrede alsbald marschfertig. -Als sie eben das Zimmer verlassen wollten, sprang Huck -auf und rief flehend:</p> - -<p>»O, bitte, bitte, sagt's aber niemand, daß ich die Kerle -angegeben, bitte, bitte!«</p> - -<p>»Gut, wenn du's nicht willst, Huck, aber eigentlich solltest -du die Ehre haben von dem, was du gethan hast.«</p> - -<p>»O nein, nein. Bitte, verratet mich nicht!«</p> - -<p>Als die jungen Leute weg waren, sagte der Alte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[253]</span></p> - -<p>»Sie verraten's nicht und ich thu's auch nicht. Aber sag' -mal, warum willst du denn nicht, daß man's weiß?«</p> - -<p>Huck ließ sich auf keine weitere Erklärung ein, sondern sagte -nur, er wisse schon mehr als zuviel von dem einen der Kerle -und wolle um keinen Preis, daß der dahinter komme, sonst sei -er, Huck, keinen Moment seines Lebens sicher.</p> - -<p>Noch einmal gelobte der alte Mann Verschwiegenheit und -fragte dann:</p> - -<p>»Wie kamst du drauf, den Kerlen nachzuschleichen, Junge? -Sahen sie dir verdächtig aus?«</p> - -<p>Einen Moment war Huck still und überlegte sich die Antwort, -dann sagte er:</p> - -<p>»Ja, seht ihr, ich bin so 'ne Art Landstreicher, wenigstens -sagen die Leute so, und da muß es wohl wahr sein. Na, da -simulier' ich denn manchmal drüber nach in der Nacht und das -läßt mich nicht schlafen, und ich denk' und denk', wie ich wohl -anders werden könnt'. So war's wieder mal gestern nacht. -Schlafen konnt' ich nicht und so bummel' ich denn in den Straßen -herum, und als ich da in der Nähe von der Herberge an den -alten Schuppen komm', lehn' ich mich mit dem Rücken dran, um -nochmal besser nachzudenken. Na, da streichen dann plötzlich die -zwei Kerls an mir vorbei, tragen etwas unterm Arm. Halt, -denk' ich, die haben gestohlen. Einer rauchte und der andre -wollte Feuer haben, so blieben sie nicht weit von mir stehen, -und die Cigarren warfen einen Strahl auf die Gesichter und -ich sah, daß der eine der taubstumme Spanier ist und der andre -ein ruppiger, zerlumpter –«</p> - -<p>»Was, die Lumpen hast du auch gesehen beim Schein der -Cigarren?«</p> - -<p>Das machte Huck für einen Moment unsicher, dann aber sagte er:</p> - -<p>»Nun ich weiß nicht – aber es kommt mir vor, als ob -ich sie gesehen hätte.« –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[254]</span></p> - -<p>»Dann liefen sie also weiter und du –«</p> - -<p>»Ich hinterher, ja, so macht' ich's. Wollt' mal sehen, was -los sei, sie schlichen so verdächtig an den Häusern hin. Oben -bei der Witwe Garten standen sie dann still, ich auch, und da -hört' ich denn, wie der eine für die Frau bat und der andre, -der Spanier, schwor, er wollte ihr schon die Fratze verderben, -grad' wie ich's euch und euren Söhnen gestern abend –«</p> - -<p>»Was, der Taubstumme hat das gesagt?«</p> - -<p>Da! Nun saß Huck von neuem in der Patsche! Er hatte -sein Bestes thun wollen, um den alten Mann abzulenken von -der Spur, wer eigentlich der Taubstumme sei, und trotz aller -Mühe und Vorsicht schien seine Zunge entschlossen, ihn wieder -und wieder in Verlegenheit zu bringen. Umsonst versuchte er, -sich aus der Klemme zu ziehen. Des Alten Auge ruhte so -durchdringend auf ihm, daß er Versehen über Versehen machte. -Da nahm der Alte das Wort:</p> - -<p>»Mein Junge,« sagte er, »vor mir brauchst du dich nicht -zu fürchten, mit meinem Willen soll dir keiner was zu leide -thun; ich will dir schon helfen, kannst dich darauf verlassen! -Der Spanier ist nicht taubstumm, soviel hast du nun schon verraten, -ohne es zu wollen, das kannst du nicht mehr zurücknehmen. -Du weißt aber noch mehr über den Kerl, was du nicht sagen -willst. Komm mal her, Junge, vertrau mir, sag's, hab' keine -Angst, du kannst mir trauen, ich verrat' dich keinem.«</p> - -<p>Huck starrte einen Moment in die ehrlichen Augen des alten -Mannes, dann beugte er sich über den Tisch und flüsterte ihm -ins Ohr:</p> - -<p>»'s ist ja gar kein Spanier, – 's ist der Indianer-Joe!«</p> - -<p>Der Walliser sprang fast von seinem Stuhl auf vor Erstaunen, -dann sagte er:</p> - -<p>»Jetzt ist mir alles klar. Als du gestern abend von Nasenschlitzen -und Ohrenabschneiden sprachst, dacht' ich, 's sei 'ne Erfindung<span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[255]</span> -von dir, ein Weißer rächt sich nicht auf solche Art. Ein -Indianer aber! Das ändert die ganze Sache!«</p> - -<p>Während des Frühstücks wurde die Unterhaltung fortgesetzt -und im Verlauf derselben erzählte der alte Mann, er und seine -Söhne hätten, ehe sie zu Bett gingen, eine Laterne angezündet -und die Stelle dort oben am Zaun gründlich nach Blutspuren -untersucht. Die hätten sie zwar nicht gefunden, aber dafür ein -dickes Bündel –</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ein Bündel?</em>«</p> - -<p>Wenn diese Worte Blitze gewesen wären, sie hätten nicht -mit größerer Plötzlichkeit Hucks erblaßten Lippen entfahren können. -Seine Augen starrten weit geöffnet, sein Atem kam stoßweise, -während er mit Zittern der weiteren Rede des alten Mannes -harrte. Dieser stockte, starrte hinwiederum Huck an, drei, fünf, -zehn Sekunden lang und sagte dann:</p> - -<p>»Ja, ein Bündel Einbrecherwerkzeuge! Na, nu sag' aber -mal, was mit dir los ist, Junge!«</p> - -<p>Huck war in seinen Stuhl zurückgesunken, erleichtert und -dankbar aufatmend. Der Walliser sah ihn lange aufmerksam -an, dann bestätigte er nochmals:</p> - -<p>»Ja, Diebswerkzeuge. Dir scheint ein Stein dabei vom -Herzen zu fallen. Was hat dich aber denn so in Aufregung -gebracht? Was hätten wir denn sonst finden sollen?«</p> - -<p>Wieder saß Huck in der Klemme! Das forschende Auge -ruhte auf ihm, – er hätte irgend etwas um eine annehmbare -Ausrede gegeben. Nichts wollte ihm einfallen; der forschende -Blick drang tiefer und tiefer, – eine sinnlose Antwort stieg -in ihm auf und da keine Zeit zum Ueberlegen war, so stieß er -denn schwach hervor:</p> - -<p>»Sonntagsschulbücher, – vielleicht.«</p> - -<p>Der arme Huck war zu befangen, um auch nur lächeln zu -können, der alte Mann aber lachte, lachte aus vollem Halse,<span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[256]</span> -laut und herzlich, so daß alles an ihm vom Kopf bis zu den -Füßen wackelte, und als er wieder zu Atem kam, meinte er, -solch' ein Lachen sei wie bares Geld in der Tasche, denn es -erspare einem lange Doktorsrechnungen. Dann fügte er bei:</p> - -<p>»Armer, kleiner Kerl, siehst ganz blaß und angegriffen -aus, 's scheint dir gar nicht wohl zu sein. Kein Wunder, daß -du ein wenig faselig geworden und aus dem Gleichgewicht geraten -bist. Wird schon wieder besser werden. Ruhe und Schlaf -sollen dich schon auskurieren, denk' ich.«</p> - -<p>Huck ärgerte sich schwer bei dem Gedanken, solch verräterische -Erregung gezeigt zu haben, denn es waren ihm schon -damals, als er die Schurken bei dem Zaun der Witwe belauschte, -Zweifel gekommen, ob das mitgebrachte Paket der Schatz sei. -Doch war dies immerhin nur Vermutung gewesen, die jetzt erst -zur Gewißheit wurde. Die Kiste war also noch an ihrem alten -Platz, und nun war's eine Kleinigkeit für Tom, wenn die beiden -Halunken unter tags eingefangen wurden, am Abend nach jener -bewußten Nummer zwei zu gehen und sich des Schatzes zu versichern. -Alles schien herrlich im Zuge!</p> - -<p>Gerade als das Frühstück beendet war, klopfte es an die -Thüre. Huck versteckte sich geschwind, denn es lag ihm gar nichts -daran, mit dem letzten Ereignis in Zusammenhang gebracht zu -werden. Der Walliser öffnete und ließ mehrere Herren und -Damen herein, unter denen sich auch die Witwe Douglas befand. -Dabei bemerkte er, daß noch andre Einwohner des Ortes truppweise -den Hügel erstiegen, um sich den Schauplatz der nächtlichen -Ereignisse zu besehen. Die Kunde von dem Vorgefallenen -hatte sich also schon verbreitet.</p> - -<p>Nun mußte der Alte den Besuchern die Geschichte der Nacht -bis in's kleinste berichten. Die Dankbarkeit der Witwe Douglas -für ihre Rettung machte sich in warmen Worten Luft.</p> - -<p>»Verlieren Sie kein Wort weiter, Madam,« wehrte der<span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[257]</span> -Alte ab, »'s giebt einen, dem Sie zu viel größerem Danke verpflichtet -sind, als mir und meinen Jungens, der will aber seinen -Namen nicht genannt haben. Ohne den, sag' ich Ihnen, wären -wir niemals dazu gekommen, die Halunken zu verjagen.«</p> - -<p>Dies erregte natürlich die allgemeine Neugierde in so hohem -Grade, daß man darüber beinahe die Hauptsache vergaß. Der -Walliser aber ließ sich durch die brennende Neugierde seiner Zuhörer, -die sich durch deren Vermittlung nach und nach dem ganzen -Städtchen mitteilte, nicht irre machen, sondern behielt sein Geheimnis -wohlverwahrt bei sich. Als die Leute alles übrige in -Erfahrung gebracht hatten, sagte die Witwe:</p> - -<p>»Gestern abend las ich noch im Bett und schlief ein, so -fest, daß ich von dem ganzen Spektakel gar nichts hörte. Warum -haben Sie mich denn nicht aufgeweckt?«</p> - -<p>»Na, das hielten wir für unnötig. Die Kerls kamen -schwerlich wieder, das war so gut wie gewiß. Weshalb also -Lärm schlagen und Sie unnötigerweise zu Tod erschrecken? -Außerdem hab' ich meine drei Nigger für den Rest der Nacht -als Wächter um Ihr Haus gestellt, Madam, die sind eben zurückgekommen.«</p> - -<p>Immermehr Leute kamen, und die Geschichte mußte nochmals -erzählt und wieder erzählt werden, und immer so weiter, -einige Stunden lang.</p> - -<p>Wie gewöhnlich an ereignisvollen Tagen war die Kirche – -es war gerade Sonntag – frühzeitig und stark besucht. Das -aufregende Ereignis wurde gehörig besprochen. Man erzählte -sich, daß bis jetzt noch nicht die geringste Spur der Schurken -aufgefunden worden sei.</p> - -<p>Nach dem Gottesdienst ging Frau Kreisrichter Thatcher -auf Frau Harper zu, als diese mit der Menge den Hauptgang -der Kirche hinabschritt, und fragte:</p> - -<p>»Meine Becky will heute wohl den ganzen Tag durch<span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[258]</span> -schlafen? Habe mir's doch gedacht, daß sie todmüde sein -würde!«</p> - -<p>»Ihre Becky?«</p> - -<p>»Nun ja,« bestätigte die Frau Kreisrichter mit erschrockenem -Blick. »Die ist doch diese Nacht bei Ihnen geblieben?«</p> - -<p>»Bewahre – nein.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-259"> - <img src="images/illu-259.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Frau Thatcher wurde blaß und sank in den nächststehenden -Stuhl, gerade als eben Tante Polly, mit einer Freundin sich -lebhaft unterhaltend, daher schritt.</p> - -<p>»Guten Morgen Frau Kreisrichter, Morgen Sally Harper, -hab' da wieder mal 'nen Schlingel, der nicht heimgekommen ist. -Denk' mir, er wird über Nacht bei Ihnen geblieben sein, bei der -einen oder der andern. Fürchtet sich drum wohl in die Kirche zu -kommen, hat ohnedies noch was bei mir im Salz liegen – ha, ha!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[259]</span></p> - -<p>Frau Thatcher, blässer als je, konnte nur leise verneinend -den Kopf bewegen.</p> - -<p>»Bei uns ist er nicht,« sagte Frau Harper zögernd, sie fing -auch an ängstlich zu werden. Eine plötzliche Furcht malte sich -in Tante Pollys Antlitz.</p> - -<p>»Joe Harper, hast du meinen Tom heute morgen schon -gesehen?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Wann hast du ihn zuletzt gesehen?«</p> - -<p>Joe versuchte sich zu besinnen, konnte aber nicht ganz klar -darüber werden.</p> - -<p>Man war allmählich auf die bestürzte Gruppe aufmerksam -geworden. Die Leute blieben stehen, ein Flüstern ging durch -die Menge, Unruhe und Sorge zeigte sich in jedem Gesichte. -Kinder und junge Leute wurden ängstlich ausgefragt. Alle -stimmten darin überein, daß niemand acht gegeben hätte, ob -Tom und Becky bei der Heimfahrt dabei gewesen. Es sei dunkel -geworden und man habe nicht nachgesehen, ob irgend jemand -fehle. Ein junger Mann platzte endlich mit der Vermutung -heraus, sie seien am Ende noch in der Höhle.</p> - -<p>Die Frau Kreisrichter wurde daraufhin ohnmächtig, Tante -Polly weinte und rang die Hände.</p> - -<p>Die Schreckenskunde flog von Lippe zu Lippe, von Gruppe -zu Gruppe, von Straße zu Straße, und innerhalb fünf Minuten -tönte wildes Glockenläuten vom Turme und die ganze Stadt -war in Bewegung. Die nächtlichen Ereignisse verloren jegliches -Interesse, Räuber und Mörder waren vergessen, Pferde wurden -gesattelt, Boote bemannt, die Fähre flott gemacht, und ehe die -Schreckensmäre eine halbe Stunde alt war, befanden sich zweihundert -Mann zu Wasser und zu Lande auf dem Wege nach -der Höhle.</p> - -<p>Den ganzen langen Nachmittag hindurch schien das Städtchen<span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[260]</span> -wie ausgestorben. Viele Frauen besuchten Frau Thatcher und -Tante Polly, um sie zu trösten oder mit ihnen zu weinen, was -besser war als alle Worte.</p> - -<p>Die ganze lange Nacht hindurch wartete man im Städtchen -auf Nachrichten, und als endlich der Morgen tagte, war nur zu -hören: Schickt mehr Kerzen und schickt Lebensmittel!</p> - -<p>Frau Thatcher war fast von Sinnen, Tante Polly desgleichen. -Der Kreisrichter sandte von Zeit zu Zeit ein Wort -der Hoffnung und Ermutigung aus der Höhle, Trost aber brachte -das nicht.</p> - -<p>Der alte Walliser kam gegen Morgen heim, mit Kerzentalg -bespritzt, mit Lehm beschmiert, zu Tode erschöpft. Er fand Huck -noch immer auf dem Lager, das er ihm angewiesen; dessen Geist -erging sich in wilden Fieberphantasieen. Da die Aerzte mit in -der Höhle waren, so wußte er keinen besseren Rat, als die Witwe -Douglas zu holen, die denn auch sofort kam und sich des Patienten -liebreich annahm.</p> - -<p>Im Laufe des Vormittags begannen sich allmählich truppweise -die erschöpften Männer im Städtchen wieder einzufinden, -während die Stärkeren draußen blieben, um weiter zu suchen. -Alles was man erfahren konnte war, daß die entlegensten Strecken -der Höhle, die bis jetzt noch kein menschlicher Fuß betreten, abgesucht -worden waren, daß jeder Winkel, jeder Spalt durchforscht -werde, daß man überall, wohin der Fuß sich auch wende, im -Gewirr der Gänge, Lichter hin und her huschen sehe, und daß -fortwährend Rufe und Pistolenschüsse in dumpfem Widerhall -gegen die düsteren Felsenwände anschlügen. An einer Stelle, -weit von dem gewöhnlich begangenen Teil der Höhle entfernt, -hatte man die Namen ›Becky‹ und ›Tom‹ mit Kerzenrauch auf -der Felswand eingeschwärzt gefunden und dicht dabei ein mit -Talg beschmutztes Stückchen Band. Frau Thatcher erkannte das -letztere als ihrem Kinde gehörig und weinte heiße Thränen<span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[261]</span> -darauf. Sie sagte, es sei dies das letzte Zeichen, das sie jemals -von ihrem Kinde erhalten werde, daß kein Andenken ihr so kostbar -und teuer sein könne, als dies kleine Stückchen Band, denn -dies sei das letzte, was sich von dem geliebten, lebendigen Körper -gelöst, ehe der grausame Tod gekommen. Man erzählte, wie -einzelne hie und da in der Höhle ein fernes Lichtfünkchen entdeckten, -um mit Jubel und Hallo und voller Hoffnungsfreudigkeit -drauf los zu stürzen, aber stets folgte bittere Enttäuschung: es -waren nicht die vermißten Kinder, sondern nur das Licht irgend -eines andren Mitsuchenden.</p> - -<p>Drei schreckliche Tage und Nächte schleppten ihre endlosen -Stunden über das Städtchen hin, und dieses versank in hoffnungslose, -starre Betäubung. Niemand hatte Lust zu irgend -etwas. Die eben erfolgte zufällige Entdeckung, daß der Besitzer -der Mäßigkeitsvereins-Herberge Spirituosen hielt, machte kaum -Eindruck, so furchtbar diese Thatsache auch sein mochte. In -einem lichten Moment suchte Huck die Rede auf Gasthöfe im -allgemeinen und diese Mäßigkeitsvereins-Herberge im besonderen -zu lenken, und fragte zuletzt zaghaft, das Schlimmste befürchtend, -ob irgend etwas dort entdeckt worden sei, während er krank -gewesen.</p> - -<p>»Ja,« bestätigte die Witwe.</p> - -<p>Mit wild starrenden Augen fuhr Huck im Bett in die Höhe:</p> - -<p>»Was – was denn?«</p> - -<p>»Branntwein! – man hat die Herberge geschlossen. Leg' -dich doch, Kind, – wie hast du mich erschreckt!«</p> - -<p>»Sagen Sie mir nur noch eines, – nur noch eins, bitte, -hat's Tom Sawyer gefunden?«</p> - -<p>Die Witwe brach in Thränen aus.</p> - -<p>»Still, still, Kind, still. Ich habe dir's doch schon gesagt, -du darfst nicht reden. Du bist sehr, sehr krank.« –</p> - -<p>Also nur Branntwein war gefunden worden; hätte man<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[262]</span> -das Gold entdeckt, wäre ein andres Hallo entstanden. Der -Schatz war also verloren, – verloren für immer. Warum aber -weinte die Frau? Sonderbar, was hatte sie zu weinen?</p> - -<p>Dunkel bahnten sich solche Gedanken ihren Weg durch Hucks -mattes Gehirn und machten ihn so müde, daß er drüber in -Schlaf sank. Die treue Pflegerin beobachtete ihn und flüsterte leise:</p> - -<p>»Da – nun schläft er wieder, armer, kleiner Kerl. Ob -Tom Sawyer den Branntwein gefunden hat! Großer Gott, -wenn doch nur einer den Tom Sawyer selber finden wollte! -Viele giebt's nicht mehr, die noch Kraft genug oder auch Hoffnung -genug haben, um weiter zu suchen.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-263"> - <img src="images/illu-263.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[263]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Achtundzwanzigstes_Kapitel">Achtundzwanzigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-k.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Kehren wir jetzt zu Toms und Beckys Anteil am Picknick -zurück. Sie wanderten mit der übrigen Gesellschaft -durch die düsteren Gänge, um die bekannten Wunder der Höhle -zu besuchen, – Wunder mit vielversprechenden, prunkenden -Namen, wie der ›große Saal‹, ›die Kathedrale‹, ›Aladdins Palast‹, -und so weiter. Dann kam das Versteckspiel an die Reihe und -Tom und Becky beteiligten sich mit Eifer daran, bis das Vergnügen -anfing, etwas ermüdend zu wirken. Dann schlenderten -sie durch die verzweigten Gänge, hielten die Kerzen hoch und -lasen das Gewirr von Namen, Daten, Adressen und Reimen, -welche mit Kerzenrauch gemalt, die Felswände gleich Fresken bedeckten. -Immer weiter schreitend und plaudernd merkten sie kaum, -daß sie sich nun in einem Teil der Höhle befanden, wo die Wände -noch unbefleckt waren. Sie schwärzten ihre eigenen Namen an -einer geeigneten Stelle ein und schritten dann weiter. Nun kamen -sie an einen Ort, wo ein kleines Wässerchen, das von einer Wand -niederträufelte und einen Bodensatz von Kalk mit sich führte, im -Laufe endloser Zeiträume einen ganzen Wasserfall aus Spitzen -und Schnörkelwerk in schimmerndem, unvergänglichem Gestein -gebildet hatte. Tom zwängte seinen schmächtigen Körper dahinter, -um den spitzenartigen Ueberhang zu Beckys Vergnügen zu beleuchten -und entdeckte, daß derselbe eine steile, von der Natur<span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[264]</span> -geschaffene Treppe verbarg, die zwischen engen Wänden abwärts -führte. Jetzt kam der Ehrgeiz des Entdeckers über ihn. Becky -folgte seinem Ruf, sie machten sich mit Rauch ein Zeichen an -die Wand, um sich später wieder zurecht zu finden und traten -dann wohlgemut die Entdeckungsreise an. Sie schlugen bald -diesen, bald jenen Weg ein und gelangten nach und nach in -die geheimsten Tiefen der Höhle; sie machten sich dann ein -zweites Zeichen und zweigten ab, um nach neuen Wundern zu -suchen, von denen sie der staunenden Oberwelt mit Stolz berichten -könnten. Sie kamen zu einem hallenartigen Raume, -von dessen Decke Massen von riesigen, schimmernden Tropfsteingebilden -niederhingen. Staunend durchwanderten sie die Halle -nach allen Seiten und verließen dieselbe dann, immer kühner -werdend, durch einen der zahlreichen, hier einmündenden Seitengänge. -Dieser brachte sie nach kurzer Frist zu einer entzückenden, -kleinen Quelle, deren Becken mit einer wunderbar glitzernden -Kruste phantastisch geformter Kristalle überzogen war. Dieser -Zauberborn befand sich inmitten eines neuen Gewölbes, dessen -Decke durch eine Menge schlank aufstrebender Pfeiler gestützt -wurde, welche durch das allmähliche Zusammenwachsen großer -Tropfsteingebilde im Laufe vieler Jahrhunderte entstanden waren. -Unter der Wölbung hatten sich riesige Klumpen von Fledermäusen -zusammengeballt, Tausende auf einem Knäuel. Das Licht -störte die nächtlichen Wesen auf, so daß sie zu Hunderten hernieder -flatterten und mit tollem Gequieke gegen die Lichter schossen. -Mit dem Wesen dieser Tiere vertraut, erkannte Tom sofort das -Gebahren und die Gefahr, die für sie beide darin lag. Er ergriff -Beckys Hand und stürzte mit ihr in den ersten besten Seitengang, -der sich ihnen zeigte; keinen Augenblick zu frühe, denn -eben huschte eine Fledermaus mit ihrem Flügel so dicht an -Beckys Kerze vorüber, daß die kleine Flamme erlosch. Tom -gelang es, die seine mit Erfolg zu hüten, obgleich die aufgescheuchten<span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[265]</span> -Tiere die Kinder noch weit durch die verschiedensten -Gänge verfolgten, welche diese in blinder Hast durcheilten, nur -darauf bedacht, der Gefahr möglichst rasch zu entgehen. Kurz -darauf fand Tom einen unterirdischen See, dessen nächtliche -Fluten sich weit in die schwarzen Schatten hinein verloren. Ihn -gelüstete, das Ufer ringsum zu erforschen, doch zuvor beschlossen -die Kinder, sich ein Weilchen zu setzen, auszuruhen und frische -Kräfte zu sammeln. Jetzt, zum erstenmal, legte sich die schauerlich -tiefe Stille der Umgebung wie eine feuchtkalte Hand auf die -mutig und fröhlich pochenden Herzen der Kinder. Becky meinte:</p> - -<p>»Ich hab' gar nicht acht gegeben, aber mir kommt's wie eine -Ewigkeit vor, seit wir die andern nicht mehr gehört haben.«</p> - -<p>»Denk' doch 'mal 'n bißchen nach, Becky, wir sind ja tief -unter ihnen und weiß Gott wie viel weiter nördlich oder südlich -oder östlich oder was es ist. 's ist ja einfach unmöglich, 'was -zu hören.«</p> - -<p>Becky wurde ängstlich.</p> - -<p>»Möcht' wissen, wie lang wir schon hier unten sind, Tom. -Laß uns lieber umkehren.«</p> - -<p>»Ja, 's wird wohl besser sein, denk' ich, s' wird besser sein.«</p> - -<p>»Weißt du den Weg, Tom? Mir ist's das reine Wirrsal.«</p> - -<p>»Finden könnt' ich ihn am End', aber denk' doch mal, die -Fledermäuse! Wenn die uns beide Lichter ausmachen, kann's -'ne böse Geschichte für uns werden. Müssen eben probieren, -'nen andern Weg zu finden, der nicht dort durchführt.«</p> - -<p>»Gut, aber hoffentlich verirren wir uns nicht. Das wäre -zu gräßlich!« Und das Kind schauderte bei dem Gedanken an -die bloße Möglichkeit.</p> - -<p>Sie wandten sich nun durch einen langen Gang zurück -und durchschritten denselben schweigend eine lange, lange Zeit, -starrten dabei in jeden Seitengang, um irgend ein bekanntes -Zeichen zu entdecken, aber alles, alles war neu und fremd. Jedesmal,<span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[266]</span> -wenn Tom prüfte und untersuchte, beobachtete Becky ängstlich -sein Gesicht, um eine Spur der Entmutigung zu finden, und er -sagte regelmäßig ganz heiter:</p> - -<p>»Oho, ganz recht. Hier ist's noch nicht, wird wohl gleich -kommen!« Aber mit jedem Fehlschlagen fühlte er weniger und -weniger Hoffnung im Herzen und begann allmählich auf's Geratewohl -die abzweigenden Gänge zu durchwandern, sich in der Verzweiflung -damit tröstend, er werde am Ende durch Zufall den -richtigen Weg finden. Wohl sagte er immer noch: ›Schon recht!‹ -aber allmählich hatte sich die Angst wie ein Bleigewicht auf seine -Seele gelegt, die Worte hatten den Klang der Ueberzeugung verloren -und lauteten, als ob sie bedeuten sollten: ›Alles ist verloren‹. -Becky drängte sich in lautlosem Entsetzen dicht an seine Seite und -preßte mit Gewalt die Thränen zurück. Endlich sagte sie:</p> - -<p>»O, Tom, was liegt an den Fledermäusen, laß uns doch -den alten Weg gehen. Hier scheint's, als ob wir weiter und -weiter abkämen.«</p> - -<p>Tom blieb stehen.</p> - -<p>»Horch!« sagte er.</p> - -<p>Tiefes Schweigen, ein Schweigen so tief, daß die Kinder -in der Stille ihre eigenen Atemzüge hören konnten. Tom rief -laut hinaus in das Dunkel. Der Ruf tönte widerhallend die -einsamen Gänge entlang und erstarb in der Ferne in einem -schwachen Laute, der fast wie Hohngelächter klang.</p> - -<p>»O, thu's nicht wieder, Tom, thu's nicht wieder. Es ist -gräßlich,« flehte Becky.</p> - -<p>»Gräßlich ist's, aber 's ist doch besser, wenn ich's thue, -Becky, sie <em class="gesperrt">könnten</em> uns doch am Ende hören,« und er schrie -noch einmal.</p> - -<p>Dieses ›könnten‹ war beinahe noch gräßlicher, als jenes -geisterhafte Lachen, es lag eine solch' verzweifelte Hoffnungslosigkeit -drin! Wieder lauschten die Kinder mit aller Anstrengung,<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[267]</span> -aber kein Ton ließ sich hören. Tom wandte sich sofort zurück -und beeilte seine Schritte. Es dauerte nur eine kleine Weile, -bis eine gewisse Unruhe und Unschlüssigkeit in seinem Benehmen -Becky die furchtbare Thatsache ahnen ließ, daß er den Rückweg -nicht zu finden vermochte!</p> - -<p>»Tom, o Tom, du hast dir ja gar keine Zeichen mehr -gemacht!«</p> - -<p>»Ja, Becky, ich war ein Narr, ein elender, blinder, dummer -Narr! Ich hab' gar nicht dran gedacht, daß wir wieder zurück -müssen! Nein, ich kann den Weg nicht finden, 's läuft ja hier -alles kreuz und quer.«</p> - -<p>»Tom, Tom, wir sind verloren! Wir können nie, nie -wieder aus dieser gräßlichen Höhle heraus. O, warum sind wir -von den andern fortgegangen!«</p> - -<p>Sie sank zu Boden und brach in so krampfhaftes Weinen -aus, daß Tom angst und bange wurde, sie möchte sterben oder -den Verstand verlieren. Er beugte sich zu ihr und schlang seine -Arme um sie, sie barg ihr Gesichtchen an seiner Brust, schmiegte -sich fest an ihn und strömte ihr Entsetzen und ihre Reue in -Wehklagen aus, das in dem fernen Echo wie spöttisches Gelächter -verklang. Vergebens flehte Tom sie an, Mut zu fassen. Nun -begann er sich selber Vorwürfe zu machen und sich anzuklagen, -daß er sie in so gräßliche Lage gebracht. Das hatte bessere -Wirkung. Sie wollte mit bestem Willen versuchen, wieder zu -hoffen, und erklärte sich bereit, ihm zu folgen, wohin er sie führe, -nur dürfe er nicht wieder so reden, denn er sei nicht mehr zu -tadeln als sie selber.</p> - -<p>So schritten sie also wieder dahin, ziellos, planlos, auf -gutes Glück. Das einzige, was sie thun konnten, war vorwärts -zu gehen, sich in Bewegung zu erhalten. Ein kleines -Weilchen schien die Hoffnung wieder aufleben zu wollen; nicht -daß ein besonderer Grund dazu vorhanden gewesen wäre; allein<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[268]</span> -es ist eben einmal die Natur der Hoffnung, sich leicht wieder -zu beleben, wo ihr die Schwungkraft noch nicht durch Alter und -stetes Mißlingen geraubt worden ist.</p> - -<p>Bald darauf nahm Tom Beckys Licht und blies es aus. -Dieser Akt der Sparsamkeit war vielsagend. Da bedurfte es -keiner Worte. Becky verstand seine Bedeutung, und die Hoffnung -erstarb ihr wieder. Sie wußte, daß Tom eine ganze -Kerze und noch drei oder vier Stümpfchen dazu in seiner Tasche -trug, – und doch sparte er!</p> - -<p>Allmählich machte die Müdigkeit ihre Rechte geltend, allein -die Kinder wollten nicht darauf achten; sie konnten unmöglich -an Niedersitzen und Rast denken, wo die Zeit so kostbar war. -Sich vorwärts bewegen in irgend einer Richtung bedeutete doch -einen Fortschritt und konnte möglicherweise ein Gelingen zur -Folge haben; sich niedersetzen hieß den Tod herbeirufen und sein -Kommen beschleunigen.</p> - -<p>Zuletzt versagten Beckys zarte Glieder jeden weiteren Dienst, -sie mußte sich setzen. Tom ließ sich neben ihr nieder und sie -sprachen von zu Hause, von ihren Angehörigen, von ihren behaglichen -Betten und vor allem vom lieben, goldnen Tageslicht! -Becky weinte leise vor sich hin und Tom zerbrach sich -den Kopf, wie er sie trösten könne; aber jedes Trostwort war -schon längst verbraucht und klang beinahe wie Hohn und Spott. -Bleierne Müdigkeit lastete auf Becky und drückte ihr zuletzt die -Augen zu. Wie froh war Tom. Er saß und starrte in ihr -gramverzogenes Gesichtchen, das nach und nach unter dem Einfluß -heiterer Träume hell und heller wurde, bis sich allmählich -ein verklärendes Lächeln darüber ergoß. Die friedvollen Züge -warfen einen Strahl von Frieden und Ruhe in seine eigene -Seele und seine Gedanken wanderten zurück zu vergangenen -Tagen, träumerischer Erinnerung voll. Während er noch tief -in Nachsinnen versunken war, erwachte Becky mit einem kurzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[269]</span> -fröhlichen Lachen, das ihr jedoch alsbald auf den Lippen erstarb -und einem Stöhnen Platz machte.</p> - -<p>»O, wie konnte ich nur schlafen! Wär' ich doch nie, nie -mehr aufgewacht! Aber Tom, was hast du? – Ich will's ja -nie wieder sagen, nur sieh' mich nicht so an!«</p> - -<p>»Ich bin froh, daß du geschlafen hast, Becky, nun bist du -wieder munter und wir finden sicher den Weg hinaus.«</p> - -<p>»Wir wollen's versuchen! Ach, ich hab' im Traum so 'n -schönes, herrliches Land gesehen, – ich glaub', wir kommen -dorthin!«</p> - -<p>»Noch nicht, Becky, vielleicht noch nicht. Mutig vorwärts, -laß uns weiter suchen!«</p> - -<p>Sie erhoben sich und wanderten weiter, Hand in Hand, -hoffnungslos. Sie versuchten zu schätzen, wie lange sie schon -in der Höhle herumirrten, es kam ihnen vor, als seien es -Tage und Wochen, aber es konnte unmöglich sein, denn noch -waren ihre Kerzen nicht ausgegangen.</p> - -<p>Lange Zeit hernach, wie lange wußten sie nicht, sagte Tom, -sie müßten nun leise gehen und lauschen, ob sie nicht das Rieseln -von Wasser hörten, – sie müßten eine Quelle finden. Bald -darauf fanden sie wirklich eine, und Tom hielt es an der Zeit, -wieder auszuruhen. Beide waren furchtbar müde, aber Becky -meinte trotzdem, sie könne noch ein wenig weiter gehen. Zu -ihrer Ueberraschung war Tom anderer Meinung; sie konnte nicht -verstehen warum. So setzten sie sich denn nieder und Tom befestigte -die Kerze mit etwas Lehm an der gegenüber liegenden -Wand. Gedanken kamen und gingen, gesprochen wurde lange -Zeit nichts. Endlich brach Becky das Schweigen:</p> - -<p>»Tom, ich bin so hungrig.«</p> - -<p>Tom zog etwas aus seiner Tasche.</p> - -<p>»Kennst du das?«</p> - -<p>Becky lächelte beinahe. Es war ein Stückchen Kuchen, das<span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[270]</span> -er ihr aus Scherz während des Picknicks abgejagt hatte, worüber -sie damals sehr ungehalten schien. Nun war es zum -letzten Hoffnungsanker in der Not geworden.</p> - -<p>»Wollt' es wär' hundertmal so groß,« brummte Tom, -»könnten's jetzt brauchen!«</p> - -<p>»O, Tom, wo hätt' ich gedacht, daß dies unser letztes –«</p> - -<p>Sie vollendete den Satz jedoch nicht. Tom brach das Stück -entzwei und Becky aß ihr Teil mit gutem Appetit, während er -an dem seinen nur so herum knapperte. Frisches, klares Wasser -hatten sie im Ueberfluß, um ihr Mahl zu vollenden. Nach -einiger Zeit schlug Becky vor, weiter zu gehen. Tom schwieg -einen Moment, dann sagte er:</p> - -<p>»Becky, kannst du's ertragen, wenn ich dir etwas sage?«</p> - -<p>Becky erbleichte, bat ihn aber, tapfer zu reden.</p> - -<p>»Nun denn, Becky, wir müssen hier bleiben, wo wir Wasser -zum Trinken haben. Dies kleine Stümpfchen ist unser letzter -Rest von Kerze.«</p> - -<p>Becky brach in Weinen und Jammern aus. Tom that was er -konnte, um sie zu trösten, aber mit wenig Erfolg. Zuletzt sagte sie:</p> - -<p>»Tom!«</p> - -<p>»Ja, Becky?«</p> - -<p>»Man wird uns doch zu Hause vermissen und sie werden -nach uns suchen!«</p> - -<p>»Natürlich, natürlich thun sie das!«</p> - -<p>»Vielleicht sucht man uns jetzt schon, Tom!«</p> - -<p>»Na, vielleicht, – hoffentlich.«</p> - -<p>»Wann können sie uns wohl vermißt haben, Tom?«</p> - -<p>»Vermutlich als sie im Boot waren.«</p> - -<p>»Da war's vielleicht schon dunkel, – 's wird wohl keiner -bemerkt haben, daß wir fehlen.«</p> - -<p>»Na, aber dann wird dich doch deine Mutter jedenfalls -vermissen, wenn die anderen heimkommen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[271]</span></p> - -<div class="figcenter" id="illu-272"> - <img src="images/illu-272.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Ein erschrockener Blick in Beckys Augen belehrte Tom über -seinen Irrtum. Becky hatte ja am Abend gar nicht nach Hause -kommen sollen. Die Kinder wurden still und nachdenklich. Einen -Moment später sah Tom aus einem erneuten Schmerzensausbruch -Beckys, daß sie derselbe Gedanke bewege wie ihn, – nämlich, -daß noch der halbe Sonntagmorgen vergehen könne, bevor Beckys -Mutter erfuhr, daß diese nicht bei Harpers über Nacht gewesen. -Die Kinder hefteten ihre Augen -wortlos auf das kleine Stückchen -Kerze und beobachteten angsterfüllt, -wie es langsam und unerbittlich dahinschmolz, -sahen den halben Zoll -Docht zuletzt noch allein dastehen, -sahen das schwache Flämmchen steigen -und fallen, fallen und steigen, jetzt -die dünne Rauchsäule erklettern, einen -Moment auf deren Spitze verweilen<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[272]</span> -und dann – herrschten die Schrecken schwärzester -Finsternis.</p> - -<p>Wie lange danach Becky zu dem dämmernden Bewußtsein -kam, daß sie weinend in Toms Armen lag, hätte keines von -beiden zu sagen vermocht. Sie wußten nur soviel, daß sie nach -einer endlosen Zeit aus einer schlummerartigen Betäubung, zu -dem erneuten, niederdrückenden Gefühl ihres Elends erwachten. -Tom meinte, es könne Sonntag, vielleicht schon Montag sein. -Er versuchte, Becky zum Reden zu bewegen, aber der Jammer -lastete zu gewaltig auf ihr, alle Hoffnung war dahin. Tom -behauptete, nun müsse man sie daheim längst vermißt haben -und das Nachsuchen sei jedenfalls schon in vollem Gange. Er -wolle schreien, sagte er, vielleicht höre man ihn doch und folge -der Spur. Er versuchte es denn auch, aber in der tiefen Finsternis -klangen die fernen Echos so schauerlich, daß er es bald entsetzt -sein ließ.</p> - -<p>Die Stunden schwanden dahin und der Hunger kam, um -die armen kleinen Verlorenen auf's neue zu quälen. Ein Teil -von Toms Hälfte des Kuchens war noch übrig, sie teilten den -Rest und aßen. Danach schienen sie hungriger als zuvor. Dies -arme bißchen Nahrung erweckte nur den Wunsch nach mehr.</p> - -<p>Plötzlich rief Tom:</p> - -<p>»Scht! Hörst du nicht was?«</p> - -<p>Beide hielten den Atem an und lauschten. Ein Laut drang -an ihr Ohr, der wie ein schwacher Ruf aus weitester Ferne klang. -Augenblicklich antwortete Tom, und Becky an der Hand führend -tastete er sich den Gang entlang, der Richtung des Tones nach. -Dann lauschte er wieder atemlos. Wieder erklang der Ruf und -diesmal zweifellos ein wenig näher.</p> - -<p>»Sie sind's!« jubelte Tom, »sie kommen! Vorwärts, Becky -– nun ist alles gut!«</p> - -<p>Die Freude, das Entzücken der Kinder war beinahe überwältigend.<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[273]</span> -Sie kamen indes nur langsam voran, denn die -Höhle war reich an Spalten im Boden, und diese mußten sie -nun in der Dunkelheit doppelt meiden. Alsbald standen sie -vor einer solchen und konnten nicht weiter. Die Spalte mochte -nur drei Fuß, konnte aber auch hundert tief sein, wer konnte -das wissen? – jedenfalls war an kein Hinüberkommen zu -denken. Tom legte sich nieder und versuchte so weit als möglich -hinunter zu reichen, – kein Grund zu fühlen. Sie mußten -also bleiben und warten, bis die Retter erschienen. Sie lauschten -– die fernen Rufe klangen augenscheinlich ferner und ferner. -Einen Moment oder zwei noch, und sie erstarben gänzlich. -O, diese herzbrechende Verzweiflung! Tom schrie, tobte, brüllte, -bis er vollständig heiser war, ohne jeden Erfolg. Hoffnungsvoll -redete er Becky zu, aber eine Ewigkeit ängstlichen Harrens -schwand dahin, kein Ton war zu vernehmen.</p> - -<p>Die Kinder tasteten sich nach der Quelle zurück; lange, -schwere Stunden schleppten sich dahin; die Verirrten schliefen -ein und erwachten halb verhungert und voll Herzeleid. Tom -meinte, nun müsse es wohl Dienstag sein.</p> - -<p>Jetzt kam ihm ein Gedanke. Ganz in der Nähe befanden -sich ein paar Seitengänge. Es war immerhin noch besser, diese -zu untersuchen, als das lastende Gewicht der Zeit müßig zu tragen. -Er nahm eine Leine aus der Tasche, an der er einstmals seinen -Drachen hatte steigen lassen, befestigte dieselbe an einem Felsvorsprung -und schritt dann, indem er die Leine abwickelte, vorwärts. -Becky folgte ihm. Nach ungefähr zwanzig Schritten -fiel der Gang plötzlich steil ab. Tom ließ sich auf die Kniee -nieder, fühlte nach unten und dann so weit um die Ecke, als er -bequem mit den Händen reichen konnte. Eben war er im Begriff, -mit größter Anstrengung noch einmal weiter nach rechts zu -tasten, als im selben Augenblick, keine zwanzig Meter entfernt, -hinter einem Felsen hervor eine menschliche Hand erschien, die<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[274]</span> -ein Licht hielt. Tom stieß einen laut hallenden Jubelschrei aus -und alsbald folgte der Hand auch der Körper, zu dem sie gehörte, -– der Körper des Indianer-Joe. Tom war wie gelähmt, er -konnte kein Glied rühren. Wie erlöst von einem Banne atmete -er auf, als er sah, daß der ›Spanier‹ augenblicklich sich umwandte -und schleunigst Fersengeld gab. Er konnte es kaum begreifen, -daß Joe seine Stimme nicht erkannte und ihm für seine Aussage -vor Gericht nicht den Garaus machte. Das Echo mußte sicherlich -die Stimme unkenntlich gemacht haben, anders konnte er sich's -nicht erklären. Die Furcht lähmte jede Muskel in Toms Körper. -Er nahm sich bestimmt vor, zur Quelle zurückzukehren, wenn er -noch Kraft genug dazu besitze, und dort zu bleiben; nichts in -der Welt könne ihn bewegen, sich noch einmal der Gefahr auszusetzen, -dem Indianer-Joe in die Hände zu laufen. So kroch -er denn zurück und hütete sich wohl, Becky etwas von dem merken -zu lassen, was er gesehen hatte. Den Schrei vorhin – sagte -er ihr – habe er nur noch einmal auf's Geratewohl ausgestoßen.</p> - -<p>Hunger und Elend aber trugen auf die Länge der Zeit den -Sieg davon. Eine erneute, schreckliche Zeit des Harrens und -Bangens, ein nochmaliger langer Schlaf änderten Toms Entschluß. -Die Kinder erwachten von rasendem Hunger gepeinigt. -Tom meinte, es müsse nun schon Mittwoch oder Donnerstag, -vielleicht gar Freitag oder Samstag sein und die Suche nach -ihnen sei wohl schon längst aufgegeben. Er schlug vor, einen -andern Gang zu durchforschen. Er war nun entschlossen, es mit -dem Indianer-Joe und allen sonstigen Schrecken aufzunehmen. -Becky aber fühlte sich sehr schwach. Sie war in eine traurige -Teilnahmlosigkeit versunken, aus der nichts sie aufrütteln konnte. -Sie für ihr Teil wolle bleiben wo sie sei, hauchte sie matt, wolle -hier sterben, es daure nun doch nicht mehr lange. Tom solle -nur gehen und mit der Drachenleine weiter suchen: nur bat sie -ihn flehentlich, doch ja von Zeit zu Zeit zurückzukommen und mit<span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[275]</span> -ihr zu reden. Sie ließ ihn feierlich versprechen, daß, wenn die -letzte bange Stunde käme, er bei ihr bleiben und ihre Hand -halten wolle, bis alles vorüber sei. Tom küßte sie mit einem -erstickenden Gefühl in der Kehle und that, als sei er fest davon -überzeugt, entweder die Suchenden oder einen Ausweg aus der -Höhle zu finden. Dann nahm er seine Drachenleine zur Hand -und kroch auf Händen und Knieen einen der Gänge hinunter, -von Hunger gequält, von den trübsten Ahnungen des nahenden -Schicksals gepeinigt.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-276"> - <img src="images/illu-276.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[276]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Neunundzwanzigstes_Kapitel">Neunundzwanzigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Der Dienstag-Nachmittag kam und schwand, die Dämmerung -setzte ein. Das Städtchen St. Petersburg trauerte noch -tief. Die verlorenen Kinder waren immer noch nicht aufgefunden. -In der Kirche war öffentlich für sie gebetet worden, und wieviele -Gebete mochten im stillen Kämmerlein zum Himmel aufgestiegen -sein! aber noch immer kam keine bessere Kunde aus -der Höhle. Die Mehrzahl der Suchenden hatte die weitere Nachforschung -aufgegeben und war zu ihren täglichen Beschäftigungen -zurückgekehrt; sie meinten, die Kinder würden doch niemals wieder -gefunden werden. Frau Thatcher war ernstlich erkrankt und lag -meist in Fieberphantasieen. Die Leute sagten, es sei herzbrechend -anzuhören, wie sie nach ihrem Kinde riefe, den Kopf hebe, um -wohl eine Minute lang zu lauschen, und ihn dann ermattet und -seufzend wieder niedersinken zu lassen. Tante Polly war in tiefste -Schwermut verfallen, ihr graues Haar war beinahe schneeweiß -geworden. Am Dienstag abend ging alles im Städtchen traurig -und hoffnungslos zur Ruhe.</p> - -<p>Etwa gegen Mitternacht brachen die Glocken in ein wildes -Geläute aus und im nächsten Augenblick waren die Straßen voll -von Gruppen halb angekleideter Gestalten, welche wie wahnsinnig: -›heraus, heraus, sie kommen, sie kommen!‹ in die Nacht hinein -schrieen. Blechpfannen und Hörner halfen das Getöse noch vermehren.<span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[277]</span> -Die Bevölkerung drängte sich in Massen dem Flusse zu, den -wiedergefundenen Kindern entgegen, welche in einem offenen Wagen -daher kamen, der von jubelnden, jauchzenden Männern gezogen -wurde. Im Nu war der Wagen dicht umringt und mit Jubel -und Hurrahruf bewegte sich der Triumphzug die Hauptstraße -hinauf.</p> - -<p>Alle Häuser waren festlich beleuchtet, niemand fiel es ein, -nochmals zu Bette zu gehen, es war der größte Moment, den -das Städtchen je erlebt hatte. Während der ersten halben Stunde -bewegte sich die Einwohnerschaft in langem Zug durch Richter Thatchers -Haus. Die geretteten Kinder wurden mit Fragen und Küssen -überschüttet, der armen Mutter Hand vor Mitgefühl fast ausgerenkt -und dabei das ganze Haus mit Thränen förmlich überschwemmt.</p> - -<p>Tante Pollys Seligkeit war vollkommen, und bei Frau -Thatcher fehlte nicht viel dazu. Ihr Glück konnte jedoch erst -vollständig sein, wenn der Bote, den man alsbald mit der großen -Neuigkeit nach der Höhle gesandt, dem armen, trostlos weiter -suchenden Vater die Freudenkunde überbracht haben würde.</p> - -<p>Tom lag auf dem Sofa. Einer atemlos lauschenden Zuhörerschaft, -die um ihn herum stand, erzählte er die Geschichte -seiner wunderbaren Abenteuer, wobei er nicht verfehlte, aus freier -Erfindung manch wirkungsvollen Zug zur weiteren Ausschmückung -anzubringen. Zum Schlusse gab er eine besonders anschauliche -Beschreibung davon, wie er Becky verlassen, um eine erneute -Entdeckungsreise anzutreten, wie er mit der Drachenleine in der -Hand durch zwei Gänge gekrochen, wie er eben im Begriff gewesen, -dem dritten, den er der ganzen Länge der Schnur nach -durchmessen, hoffnungslos und verzweifelnd den Rücken zu kehren, -als er plötzlich in weitester Entfernung einen hellen Fleck gewahrte, -der wie Tageslicht aussah. Da habe er die Leine fahren -lassen, sei auf den Knieen dem verheißenden Fleck zugekrochen, -habe Kopf und Schultern durch ein enges Loch gezwängt, habe<span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[278]</span> -frische, freie Gottesluft geatmet und den Mississippi seine breiten -Wogen an sich vorüber wälzen sehen. Wäre es zufällig Nacht -gewesen, so daß kein heller Fleck zu sehen war, dann würde er -den Gang nicht weiter untersucht haben! Er erzählte, wie er -dann zu Becky zurückkroch, um ihr die Freudenkunde zu bringen, -wie sie ihn bat, sie mit solchem Unsinn zu verschonen, sie sei -müde, wisse, daß sie sterben müsse und wolle sterben. Er beschrieb, -welche Mühe es ihn gekostet, sie zu überzeugen und wie -sie dann beinahe wirklich gestorben sei vor Glück, als sie sich -nun mühsam dahingeschleppt, wo sie das Fleckchen wirkliches und -wahrhaftiges Tageslicht sehen konnte. Wie er zuerst durch das -Loch gekrochen und ihr sodann herausgeholfen, worauf sie beide -sich niedergesetzt und vor Freude und Glück geweint hätten. Dann, -sagte er, seien ein paar Männer in einem Boot den Fluß daher -gekommen, er habe sie angerufen und von seiner und Beckys -Lage und von ihrem halb verhungerten Zustande erzählt. Wie -ihm die Leute zuerst nicht hatten glauben wollen, weil es ihnen -wie ein tolles Märchen geklungen, »denn«, sagten sie, »ihr seid -ja fünf Meilen unterhalb der Bucht, in der die Höhle ist,« sich -aber dann doch eines anderen besonnen und sie an Bord genommen -hätten. Dann seien sie nach einem Hause gerudert, -hätten ihnen ein Abendessen gegeben, sie ein paar Stunden lang -ausruhen lassen und sie dann endlich nach Hause gebracht.</p> - -<p>Vor Tagesgrauen wurden denn auch der Kreisrichter und -die Handvoll Leute, die ihm noch immer treulich suchen halfen, -vermittels des Leitfadens, den sie hinter sich herlaufen ließen, -aufgesucht und ihnen die freudige Botschaft überbracht. Alles -war eitel Glück und Freude!</p> - -<p>Drei Tage und drei Nächte der Trübsal und des Hungers -lassen sich jedoch nicht mit einem Male abschütteln, das sollten -auch Tom und Becky erfahren. Mittwoch und Donnerstag mußten -sie das Bett hüten und schienen nur immer elender und müder<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[279]</span> -zu werden. Tom freilich fing schon am Donnerstag an, ein wenig -herum zu kriechen, zeigte sich Freitag auf der Straße und war -Sonnabend fast wieder er selber. Becky aber konnte vor Sonntag -das Zimmer nicht verlassen und dann sah sie aus, als ob -sie eine lange, zehrende Krankheit durchgemacht hätte.</p> - -<p>Tom hörte von Hucks Kranksein und ging am Freitag ihn -zu besuchen, wurde aber nicht zu ihm gelassen, ebensowenig an -den beiden folgenden Tagen. Nachher durfte er ihn täglich sehen, -mußte aber versprechen, über sein Abenteuer in der Höhle zu -schweigen und auch sonst nichts Aufregendes zu berühren. Frau -Douglas, die treue Pflegerin, war immer zugegen und paßte -auf. Zu Hause hörte Tom von dem nächtlichen Abenteuer hinter -dem Douglasschen Besitztum, auch, daß man den Körper des -einen Halunken im Fluß, nahe an dem Landungsplatze der Dampffähre -gefunden habe; er war sicherlich bei dem Fluchtversuch ertrunken.</p> - -<p>Etwa vierzehn Tage nach Toms Befreiung aus der Höhle -machte dieser wieder einmal einen Besuch bei Huck, welcher mittlerweile -genügend zu Kräften gekommen war, um ein aufregendes -Gespräch ertragen zu können. An Stoff dazu fehlte es Tom -nicht. Sein Weg führte ihn an des Kreisrichters Haus vorüber -und er trat ein, um nach Becky zu sehen. Deren Vater und ein -paar Freunde fingen ein Gespräch mit ihm an und man fragte -ihn scherzweise, ob es ihn gelüste, noch einmal in die Höhle zu -gehen. Tom meinte, warum nicht – das würde ihm nichts -ausmachen.</p> - -<p>Da sagte der Kreisrichter:</p> - -<p>»Tollköpfe wie du einer bist, giebt's noch mehr, Tom, daran -zweifle ich keinen Augenblick. Aber wir haben der Sache ein -Ende gemacht. In der Höhle soll von nun an keiner mehr verloren -gehen.«</p> - -<p>»Wieso?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[280]</span></p> - -<p>»Weil ich die große Eichenthüre mit Eisen habe beschlagen -und dreifach verschließen lassen, und weil ich die Schlüssel dazu -selber verwahre.«</p> - -<p>Tom wurde weiß wie ein Leintuch.</p> - -<p>»Herrgott, was giebt's, Junge? Schnell, bring' mal einer -ein Glas Wasser!«</p> - -<p>Das Wasser wurde gebracht und Tom damit bespritzt. »So, -mein Junge, ist dir nun besser? Sag' doch nur mal um Himmels -willen, was mit dir los ist, Tom?«</p> - -<p>»Ach, Herr Kreisrichter, in – <em class="gesperrt">der Höhle war ja der -– der Indianer-Joe</em>!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[281]</span></p> - -<div class="figcenter" id="illu-281"> - <img src="images/illu-281.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Dreissigstes_Kapitel">Dreißigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Neuigkeit im -Städtchen verbreitet und bald war ein Dutzend Boote voll -Menschen unterwegs nach der Höhle, denen kurz nachher die -vollgedrängte Dampffähre folgte. Tom Sawyer befand sich mit -dem Kreisrichter in einem Boote. Als man die schwere Thüre -der Höhle öffnete, bot sich in der düstern Dämmerung des Ortes -ein trauriger Anblick dar. Da lag der Indianer-Joe zur Erde -hingestreckt, tot, mit dem Antlitz dicht am Spalt der Thüre, als -ob seine Augen bis zum letzten Moment sehnsüchtig auf das -Licht und die Lust der schönen Gotteswelt da draußen geheftet -gewesen wären. Tom war tief ergriffen, wußte er doch aus -eigener Erfahrung, was der Schurke hatte leiden müssen. Aber -obgleich sein Mitleid rege war, empfand er doch zugleich ein -überquellendes Gefühl der Begeisterung und Erleichterung, welches -ihm nun erst offenbarte, bis zu welchem Grade Furcht und Angst -auf ihm lasteten und ihn bedrückten, seit jenem Tage, an welchem -er vor Gericht seine Stimme gegen den blutgierigen Mörder erhoben -hatte.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-283"> - <img src="images/illu-283.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Das Dolchmesser des Indianer-Joe lag dicht bei ihm; die -Klinge war entzwei gebrochen. Der große Grundbalken der -Thüre war mit unsäglicher Mühe von dem Messer bearbeitet -und schließlich durchschnitten worden; aber es war vergebliche<span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[282]</span> -Arbeit, denn der Felsen bildete von außen eine natürliche Schwelle, -an der das schwache Messer zerschellen mußte. Selbst ohne dies -steinerne Hindernis würde die Arbeit umsonst gewesen sein, denn -er hätte seinen Körper doch nimmermehr unter der Thüre durchzwängen -können, und das wußte der Indianer-Joe wohl. Trotzdem -hatte er weiter geschnitzt und gebohrt, nur um etwas zu<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[283]</span> -thun, nur um die gräßlich langsam hinschleichende Zeit hinzubringen, -um seine gemarterten Lebensgeister zu irgend einer -Thätigkeit zu zwingen. Gewöhnlich konnte man eine Anzahl -Lichtstümpfchen, welche von den jeweiligen Besuchern zurückgelassen -worden waren, in den Rissen und Spalten dieser Vorhalle -stecken sehen. Heute war nichts davon zu erblicken. Der -Eingesperrte hatte sie wohl alle zusammengesucht und gegessen. -Einiger Fledermäuse mußte er sich zu demselben Zwecke bemächtigt -haben, wie aus den herumliegenden Flügeln ersichtlich -war. Der Unglückliche war buchstäblich Hungers gestorben. Nicht -weit von ihm war im Lauf der Jahrhunderte ein Tropfsteingebilde -vom Boden aufgewachsen, genährt von dem fallenden -Tropfen eines oben niederhängenden Stalaktiten. Der Indianer-Joe -hatte den Tropfstein abgebrochen und auf den Stumpf einen -Stein gelegt, in den er eine kleine Vertiefung gehöhlt, um den -kostbaren Tropfen aufzufangen, der einmal in zwanzig Minuten -mit der Regelmäßigkeit eines Uhrpendels herabfiel – im ganzen -ein Theelöffel voll in vierundzwanzig Stunden. Jener Tropfen -fiel schon, da die Pyramiden neu waren, er fiel, als Troja sank, -als Rom gegründet wurde, als man Christum kreuzigte, als -Wilhelm der Eroberer das britische Reich schuf, als Columbus -segelte, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach. Jener Tropfen -fällt noch jetzt und er wird weiter fallen, wenn alle diese Dinge -durch das Tageslicht der Geschichte in die Dämmerung der Sage, -in die tiefe Nacht der Vergessenheit gesunken sein werden. Ob -alles hienieden seinen Zweck, seine Bestimmung hat? Mußte -jener Tropfen so geduldig fallen, fünftausend Jahre hindurch, -um zur betreffenden Stunde für das Bedürfnis jener vergänglichen, -menschlichen Eintagsfliege bereit zu sein? Wird er in -zehntausend Jahren irgend eine andere Mission zu erfüllen haben? -Wer das wissen könnte! Doch, was liegt daran? – Viele, -viele Jahre sind verflossen, seit jener Unglückliche den Stein<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[284]</span> -höhlte, um den kostbaren Tropfen aufzufangen, doch bis zum -heutigen Tage betrachtet jeder Besucher der Höhle am längsten -diesen Stein und den niederfallenden Tropfen. Der ›Becher des -Indianer-Joe‹ nimmt unter den Wundern der Höhle die erste -Stelle ein; selbst ›Aladdins Palast‹ kann nicht damit konkurrieren.</p> - -<p>Dicht beim Ausgang der Höhle wurde der Indianer-Joe -beerdigt. Zu dem Begräbnis strömten die Leute aus allen -Himmelsgegenden, auf sieben Meilen in die Runde, zu Boot -und zu Wagen herbei. Sie hatten ihre Kinder und allerlei -Lebensmittel mitgenommen, und gingen schließlich so befriedigt -von dannen, als ob Joe gehängt worden wäre.</p> - -<p>Am darauffolgenden Morgen nahm Tom seinen Freund -Huck an einen heimlichen Ort, um etwas Wichtiges mit ihm zu -besprechen. Huck hatte inzwischen Toms Abenteuer erfahren, -dieser meinte aber, es sei noch etwas dabei, was er sicher nicht -gehört hätte und darüber eben wolle er reden. Hucks Gesicht -nahm eine betrübte Miene an; er sagte: »Weiß schon, was du -willst, Tom! Bist in Nummer Zwei gewesen und hast nur -Schnaps gefunden, gelt? Es hat mir's niemand gesagt, aber -wie ich von der Schnapsgeschichte hörte, wußte ich gleich, daß -du es gewesen bist. Geld hast du keins gefunden, das weiß ich, -hättst's mich sonst wissen lassen. Na, Tom, ich hatte immer so -eine Ahnung, daß wir am Ende mit leeren Händen ausgehen.«</p> - -<p>»Aber, Huck, ich hab' kein Wort über den Gastwirt gesagt! -In seiner Schenke war ja noch alles in Ordnung, als ich am -Samstag zum Picknick ging. Weißt du's nicht mehr? Du hast -ja die Nacht dort wachen sollen!«</p> - -<p>»Weiß Gott, ja. Mir kommt's wie 'ne Ewigkeit vor. -'s war in derselben Nacht, als ich dem Indianer-Joe da hinauf -hinter den Gartenzaun der Frau Douglas nachgeschlichen bin.«</p> - -<p>»Du bist ihm nachgeschlichen?«</p> - -<p>»Ja, aber du hältst reinen Mund drüber, hörst du? Der<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[285]</span> -Kerl könnte gute Freunde hinterlassen haben, und die möcht' ich -nicht auf mich hetzen. Wenn ich nicht gewesen wär', wär' der -Schuft jetzt in Texas oder Gott weiß wo.«</p> - -<p>Huck teilte nun Tom im Vertrauen sein ganzes Abenteuer -mit, von dem dieser nur ein Bruchstück durch den alten Walliser -gehört hatte.</p> - -<p>»Na,« schloß dann Huck, zur Hauptfrage zurückkommend, »und -wer den Schnaps in Nummer Zwei ausgehoben hat, der hat auch -das Geld, soviel ist sicher! Wir können uns den Mund wischen!«</p> - -<p>»Huck, das Geld war gar nie in Nummer Zwei.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Was?</em>« Huck starrte Tom in's Gesicht, »Tom, bist du am -End' gar dem Schatz nochmals auf der Spur?«</p> - -<p>»Huck, – er ist in der Höhle!«</p> - -<p>Hucks Augen glänzten.</p> - -<p>»Sag's noch einmal, Tom.«</p> - -<p>»Das Geld ist in der Höhle!«</p> - -<p>»Tom, – Herrgott im Himmel noch einmal, – ist's -Scherz oder Ernst?«</p> - -<p>»Ernst, Huck, so ernst, wie nur was sein kann im Leben. -Willst du mitkommen und 's heraus holen?«</p> - -<p>»Na und ob! Das heißt – wenn's wo liegt, wo wir's -holen können und den Weg wieder heraus finden.«</p> - -<p>»Dafür steh' ich dir!«</p> - -<p>»Woher glaubst du aber, daß das Geld –«</p> - -<p>»Wart' nur bis du dort bist. Finden wir es nicht, dann -schenk' ich dir meine Trommel und alles, was ich sonst noch -hab', so gewiß wie –«</p> - -<p>»Ist 'n Wort. Wann also?«</p> - -<p>»Gleich jetzt, wenn du willst. Bist du stark genug?«</p> - -<p>»Ist's weit drin in der Höhle? Bin jetzt erst drei Tage -wieder ein wenig auf meinen Spazierhölzern; ich glaub', weiter -als 'ne Meile thun sie's noch nicht, Tom.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[286]</span></p> - -<p>»Auf dem gewöhnlichen Weg sind's freilich ungefähr fünf -Meilen, aber man kann gewaltig abschneiden, auf einem Weg, -den ich allein weiß. Ich bringe dich im Boot an die Stelle -und du sollst keinen Finger dabei rühren.«</p> - -<p>»Na, dann gleich los, Tom.«</p> - -<p>»Schon recht, wir brauchen aber erst Brot und Fleisch und -unsre Pfeifen, ein paar kleine Säcke und einen Knäuel Schnur, -dann 'n paar von den neumodischen Dingern, die sie Zündhölzer -nennen. Ich sag' dir, ich wäre gottfroh gewesen, wenn ich neulich -einige gehabt hätte, als ich so in der Klemme saß.«</p> - -<p>Kurz nach Mittag ›liehen‹ sich die Jungen ein kleines Boot -von einem Manne, der gerade nicht daheim war, und machten -sich alsbald auf den Weg. Als sie ein paar Meilen unterhalb -der ›Höhlen-Bucht‹ waren, sagte Tom:</p> - -<p>»Siehst du, Huck, die ganze steile Uferstrecke von der ›Höhlenbucht‹ -an bis hierher, ist überall gleich – kein Haus, kein Wald, -nur Gestrüppe; aber sieh, dort oben der helle Fleck, wo ein Erdrutsch -gewesen sein muß, das ist mein Merkzeichen. Jetzt landen wir.«</p> - -<p>Und sie landeten.</p> - -<p>»Wo wir jetzt stehen, Huck, könntest du mit 'ner Angelrute -das Loch berühren, durch das wir herausgekrochen sind. Such' -mal, ob du's finden kannst.«</p> - -<p>Huck suchte überall herum, fand aber nichts. Stolz schritt -Tom auf ein dichtes Gesträuch von Sumachbüschen zu und sagte:</p> - -<p>»Hier ist's! Sieh' dir's an, Huck, 's ist das nettste Loch -im ganzen Lande. Daß du aber den Mund hältst drüber. Lang -schon hab' ich mal 'n Räuber sein wollen, hab' aber dazu so -was gebraucht wie das Loch hier, nur wollt' sich's eben nicht -finden lassen. Jetzt hab' ich's und wir sind fein still davon, -sagen's nur dem Joe Harper und dem Ben Rogers, denn wir -müssen doch 'ne ganze Bande haben, sonst hat das Ding keinen -Schick. Tom Sawyers Bande, 's lautet famos, gelt Huck?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[287]</span></p> - -<p>»Das thut's, Tom, das thut's weiß Gott! Und wer wird -beraubt?«</p> - -<p>»Na, jeder. Wir lauern eben den Leuten auf, so macht -man's.«</p> - -<p>»Und töten sie?«</p> - -<p>»Nee – immer nicht! Sperren sie in die Höhle, bis sie -sich ranzionieren.«</p> - -<p>»Ranzion – was? Was heißt denn das?«</p> - -<p>»Na, Geld geben! Ihre Freunde müssen alles zusammenkratzen, -was sie können, und wenn die Summe, die man verlangt, -nach Jahresfrist nicht beisammen ist, dann bringt man -die Gefangenen um. So wird's gewöhnlich gemacht. Nur die -Weiber läßt man leben. Die sperrt man ein, aber man tötet -sie nicht. Die sind immer schön und reich und entsetzlich furchtsam. -Man nimmt ihnen die Uhren und ihre andern Sachen, -zieht aber immer den Hut vor ihnen und ist höflich. Niemand -ist so höflich, wie die Räuber, das kannst du in jedem Buch -lesen. Na die Weiber, die lieben einen dann, und wenn sie erst -mal zwei, drei Wochen in der Höhle gewesen sind, hören sie -auf zu weinen und man kann sie schließlich nicht wieder los -werden. Wenn man sie hinaustreiben wollte, würden sie flugs -Kehrt machen und zurückkommen. So steht's in allen Büchern.«</p> - -<p>»Na, das laß ich mir gefallen. 's ist noch besser als Seeräuber -sein.«</p> - -<p>»In einer Art ist's freilich besser, 's ist nicht so weit von -Hause und näher beim Zirkus und all den Sachen.«</p> - -<p>Jetzt war alles bereit und die Jungen schlüpften in das -Loch, Tom voran. Sie krochen mühsam bis zum andern Ende -des kleinen Stollens, befestigten dann ihre Leine und drangen -weiter vor. Wenige Schritte brachten sie zu der Quelle, und -Tom fühlte sich von einem kalten Schauder überrieselt. Er -zeigte Huck das übriggebliebene Dochtrestchen, das mit einem<span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[288]</span> -Klümpchen Lehm an der Felswand befestigt war, und beschrieb, -wie er und Becky verzweifelnd dem letzten Aufflackern und Erlöschen -der Flamme zugesehen.</p> - -<p>Die Jungen sprachen jetzt nur noch im Flüsterton, denn -die Stille und Trostlosigkeit des Orts bedrückte ihre Stimmung. -Sie schritten weiter und kamen an jenen andern Gang, der an -dem vermeintlichen ›Abgrund‹ endete. Beim Kerzenschein stellte -sich indessen heraus, daß hier kein unergründlicher Abgrund, -sondern nur eine steile Lehmwand von zwanzig bis dreißig Fuß -Tiefe war. Tom flüsterte:</p> - -<p>»Jetzt will ich dir was zeigen, Huck.«</p> - -<p>Er hob die Kerze hoch und sagte:</p> - -<p>»Sieh' mal so weit um jene Ecke als du kannst. Siehst -du was? Dort, an dem großen Felsblock drüben, – mit -Kerzenrauch geschwärzt?«</p> - -<p>»Tom, 's ist ein <em class="gesperrt">Kreuz</em>!«</p> - -<p>»Nun, und wo ist die Nummer Zwei? <em class="gesperrt">Unter dem -Kreuz</em>, he? Grad' dort hab' ich den Indianer-Joe gesehen, -wie er seine Kerze in die Höhe hob, Huck!«</p> - -<p>Huck starrte eine Weile auf das geheimnisvolle Zeichen und -hauchte dann mit zitternder Stimme:</p> - -<p>»Tom, laß uns machen, daß wir fort kommen!«</p> - -<p>»Was, und den Schatz im Stich lassen?«</p> - -<p>»Ja, lieber. Dem Indianer-Joe sein Geist treibt sich -gewiß hier herum.«</p> - -<p>»Bewahre, Huck, hier nicht! Der spukt an der Stelle, -wo der Kerl gestorben ist, am Ausgang drüben – fünf Meilen -von hier!«</p> - -<p>»Nee, Tom, das glaub' ich nicht. Der spukt bei seinem -Geld herum. Ich weiß, wie's Geister machen, und du weißt's -auch!«</p> - -<p>Tom begann zu überlegen, daß Huck am Ende recht haben<span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[289]</span> -könne. Böse Ahnungen stiegen in ihm auf. Plötzlich kam ihm -ein erlösender Gedanke.</p> - -<p>»Denk' doch nach, Huck, wir sind alle beide Narren! Wie -kann denn ein Geist da herumspuken, wo ein Kreuz ist!«</p> - -<p>Das war ins Schwarze getroffen.</p> - -<p>»Tom, daran hab' ich gar nicht gedacht. Aber so ist's. -Das Kreuz ist 'n Glück für uns. Wir wollen mal da hinab -klettern und nach der Kiste schauen.«</p> - -<p>Tom ging voraus, indem er während des Hinabsteigens -rohe Stufen in die Lehmwand schnitt. Huck folgte. Vier Gänge -führten aus der kleinen Höhle, in welcher der Felsblock stand. -Drei davon untersuchten die Jungen ohne jeden Erfolg. Sie -fanden einen kleinen Schlupfwinkel, in dem ein Bündel wollener -Decken lag, dazu ein alter Hosenträger, ein Stück Schinkenschwarte -und die rein abgenagten Knochen von zwei oder drei -Hühnern. Die Goldkiste aber war nirgends zu erblicken. Die -Jungen durchsuchten alles und durchsuchten 's noch einmal, umsonst! -– Tom sagte:</p> - -<p>»Es hieß <em class="gesperrt">unter</em> dem Kreuz. Hier stehen wir am nächsten -darunter. 's kann doch nicht unter dem Felsen selber sein, der -sitzt fest auf dem Grunde auf, was nun?«</p> - -<p>Wieder suchten sie überall herum und setzten sich dann entmutigt -nieder. Huck wußte nichts weiter vorzuschlagen. Nach -einer Weile sagte Tom:</p> - -<p>»Sieh' mal her, Huck, da sind Fußspuren und Talgtropfen -im Lehm auf dieser Seite des Felsens und zwar nur hier. Das -hat was zu bedeuten, am Ende liegt das Geld doch <em class="gesperrt">unter</em> dem -Felsen. Ich grab' mal hier im Lehm nach.«</p> - -<p>»'s ist kein dummer Gedanke, Tom,« erwiderte Huck lebhaft.</p> - -<p>Toms Messer war im Augenblick zur Hand und er hatte -kaum vier Zoll tief gegraben, als er auf Holz stieß.</p> - -<p>»Na, Huck! Hörst du das?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[290]</span></p> - -<p>Huck begann jetzt ebenfalls zu wühlen und zu kratzen. Bald -waren ein paar Bretter bloßgelegt und weggenommen. Diese -hatten eine natürliche Spalte verborgen, die unter den Felsen -führte. Tom kroch hinein und hielt seine Kerze so weit hinunter, -als er konnte, vermochte aber das Ende des Spaltes nicht zu -sehen. Er schlug daher vor, weiter zu forschen, bückte sich und -kroch vorwärts; der schmale Spalt führte allmählich nach unten. -Tom folgte dem sich windenden Lauf erst nach rechts und dann -nach links, Huck auf seinen Fersen. Als Tom wieder um eine -scharfe Wendung bog, rief er plötzlich:</p> - -<p>»Herr, du meine Güte, Huck sieh hier!«</p> - -<p>Es war die Goldkiste, die da stand, gewiß und wahrhaftig, -in einer schmucken, kleinen Höhle, zusamt einem leeren Pulverbeutel, -ein paar Gewehren in Lederhülsen und einem alten Gürtel, -alles durchnäßt von niedersickernden Wassertropfen.</p> - -<p>»Gefunden, endlich gefunden!« jubelte Huck, indem er mit -den Händen in den funkelnden Münzen wühlte. »Jetzt sind wir -aber reich, Tom!«</p> - -<p>»Ich hab' sicher drauf gezählt, Huck, und doch ist's fast zu -schön, um wahr zu sein. Aber haben thun wir den Schatz, soviel -ist sicher. Laß uns weiter keine Zeit verlieren jetzt, sondern -die Geschichte flink in Sicherheit bringen. Zeig' mal her, ob -ich die Kiste heben kann.«</p> - -<p>Diese wog vielleicht fünfzig Pfund. Tom konnte sie nur -mit Mühe heben, an ein Fortschaffen war nicht zu denken.</p> - -<p>»Dacht' mir's wohl,« sagte er, »damals im Gespensterhaus -trugen die Kerle ziemlich schwer dran, – hab's gleich bemerkt. -Gut, daß ich die kleinen Säcke mitgenommen habe.«</p> - -<p>Das Geld war bald in die Säckchen verteilt und die Jungen -trugen es hinauf nach dem Felsblock mit dem Kreuze.</p> - -<p>»Jetzt wollen wir die Gewehre und das andre Zeug noch -holen,« schlug Huck vor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[291]</span></p> - -<div class="figcenter" id="illu-292"> - <img src="images/illu-292.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Bewahre, die -lassen wir schön dort. -Das können wir alles -wundervoll brauchen, -wenn wir erst Räuber -sind. In der -Höhle feiern wir dann -unsre Orgien, 's ist -dort grad' wie gemacht -für Orgien!«</p> - -<p>»Was ist denn -das – Orgien?«</p> - -<p>»Was weiß ich? -Aber Räuber halten -immer Orgien und -das müssen wir natürlich -auch thun. -Vorwärts, Huck, wir -müssen schnell machen, -sind schon zu lange -hier gewesen. 's wird -wohl schon spät sein, -hungrig bin ich auch;<span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[292]</span> -aber wir wollen doch erst essen und rauchen, wenn wir im -Boot sind.«</p> - -<p>Kurz danach traten sie aus den Sumachbüschen hervor, -schauten vorsichtig nach allen Seiten aus, sahen, daß die Luft -rein war und saßen bald kauend und rauchend im Boote. Als -eben die Sonne im Begriff stand unterzugehen, stießen sie ab. -Tom ruderte in der stetig zunehmenden Dämmerung längs des -Ufers hin, und lustig plaudernd landeten sie kurz nach Einbruch -der Nacht.</p> - -<p>»Jetzt, Huck,« rief Tom, »verstecken wir das Geld im Holzschuppen -der Witwe Douglas, und morgen früh komm' ich dann -und wir zählen und teilen den Kram und suchen dann im Wald -nach einem Platz, wo wir ihn sicher vergraben können. Du -bleibst jetzt hier ruhig liegen und bewachst die Herrlichkeit, ich -hol' indessen geschwind Meister Taylors Handkarren. Bin gleich -wieder da!«</p> - -<p>Er verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Karren -zurück, in welchen er die beiden Geldsäcke legte, ein paar alte -Lumpen drauf warf und sich dann mit seiner Last auf den Weg -machte. Am Haus des alten Wallisers blieben die Jungen -stehen, um einmal auszuruhen. Als sie eben weiter wollten, -trat der Alte heraus und rief:</p> - -<p>»Holla, wer ist da?«</p> - -<p>»Huck und Tom Sawyer.«</p> - -<p>»Schön, und nun schnell vorwärts, Jungens, alles wartet -auf euch. Na, los, flink, lauft zu, ich will den Karren schon -ziehen, her damit. Meiner Treu, der ist nicht so leicht, als er -sein könnte. Backsteine drauf oder altes Eisen?«</p> - -<p>»Altes Metall,« sagte Tom lakonisch.</p> - -<p>»Dacht' mir's doch, dacht' mir's doch. Die hiesigen Jungens -machen sich viel Arbeit und vertrödeln viel Zeit, um so altes -Eisenzeug aufzutreiben, für das sie doch nur ein paar Pfennige<span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[293]</span> -bekommen in der Gießerei, viel mehr Zeit und Mühe, als sie -brauchen würden, um ebensoviel mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. -Na, liegt mal so in der menschlichen Natur, läßt sich -nicht ändern. Na nur flink, vorwärts, vorwärts!«</p> - -<p>Die Jungen wollten wissen, weshalb solche Eile nötig sei.</p> - -<p>»Fragt jetzt nicht lang, – nur zu, werdet's schon sehen, -wenn wir zur Witwe kommen.«</p> - -<p>Huck fühlte böse Ahnungen in sich aufsteigen. Er war gewohnt, -daß man ihn fälschlicherweise dummer Streiche bezichtigte.</p> - -<p>»Herr Jones, ganz gewiß, wir haben nichts gethan,« beteuerte -er zaghaft.</p> - -<p>Der Alte lachte herzlich.</p> - -<p>»Wer weiß, Huck, mein Junge, wer weiß? Bist du denn -nicht gut Freund mit der Witwe?«</p> - -<p>»O ja, jedenfalls ist sie freundlich mit mir gewesen!«</p> - -<p>»Na – also! Weshalb hast du dann Angst?«</p> - -<p>Huck war sich über die Frage noch nicht ganz klar geworden, -als er sich schon mit Tom in den Salon der Frau Douglas -hineingeschoben fühlte. Jones ließ den Karren an der Thüre -stehen und folgte ihnen.</p> - -<p>Das Haus war strahlend hell erleuchtet, und jeder, der im -Städtchen irgend etwas zu bedeuten hatte, war zugegen. Thatchers -waren da und Harpers, Rogers, Tante Polly, Sid, Mary, der -Pfarrer, der Redakteur und noch viele andere, und alle in festlichem -Gewande. Frau Douglas empfing die Jungen so herzlich, -wie man zwei <em class="gesperrt">so</em> aussehende Menschenkinder empfangen -konnte. Sie waren mit Lehm und Talgtropfen förmlich überzogen. -Tante Polly wurde feuerrot vor Verlegenheit, legte die -Stirn in drohende Falten und schüttelte vorwurfsvoll und mißbilligend -ihr graues Haupt gegen Tom. Niemand aber konnte -verlegener, beschämter sein, als die Jungen selber. Herr -Jones sagte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[294]</span></p> - -<p>»Tom war noch nicht zu Hause; ich hatte schon alle Hoffnung -aufgegeben, ihn herbei zu bringen, aber just vor meiner -Hausthüre stolpere ich dann über die beiden, und da hab' ich -sie eben mitgebracht, wie sie gingen und standen.«</p> - -<p>»Und das war sehr recht,« bekräftigte die Witwe. »Kommt -mit mir, Jungens!«</p> - -<p>Sie nahm sie mit sich in ein Schlafzimmer und sagte:</p> - -<p>»Jetzt wascht euch und zieht euch an. Hier sind zwei neue -Anzüge, Hemden, Socken, alles vollständig. Die gehören dir, -Huck, – nein, keinen Dank weiter, – Herr Jones hat den -einen gekauft und ich den andern. Leihst Tom den einen heut' -abend, werden ja wohl beiden passen. Flink also hinein. Wir -warten so lange. Kommt schnell herunter, wenn ihr euch genug -gestriegelt habt.«</p> - -<p>Und sie ging.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-295"> - <img src="images/illu-295.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[295]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Einunddreissigstes_Kapitel">Einunddreißigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-k.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Kaum war sie weg, so stürzte Huck zum Fenster, riß es -auf und flüsterte drängend:</p> - -<p>»Tom, wir können zum Fenster hinaus, wenn wir einen -Strick finden, es geht nicht hoch hinunter.«</p> - -<p>»Dummes Zeug! Weshalb sollten wir zum Fenster hinaus?«</p> - -<p>»Ich – ich kann so 'nen Haufen Menschen nicht vertragen, -bin nicht dran gewöhnt. Ich geh' nicht wieder hinunter, Tom.«</p> - -<p>»Dummheit! Ist auch 'was Rechtes. Mir ist's ganz einerlei. -Wart', ich geb' acht auf dich und helf' dir!«</p> - -<p>Sid erschien.</p> - -<p>»Tom«, sagte er, »die Tante hat den ganzen Nachmittag -auf dich gewartet. Mary hat deine Sonntagskleider zurecht gelegt -und jeder hat sich deinethalben abgeängstigt. Sag' mal, ist das -nicht Lehm und Talg auf deinen Kleidern?«</p> - -<p>»Na, junger Mann, ich rat' dir, kümmre dich nur um deine -Sachen. Weshalb ist denn der ganze Lärm?«</p> - -<p>»Ei, 's ist 'ne Gesellschaft, wie sie die Witwe oft hat, und -diesmal zu Ehren vom alten Jones und seinen Söhnen, weil sie -ihr neulich nachts so aus der Patsche geholfen haben. Na und -hör' mal, ich weiß noch 'was, wenn du's wissen willst.«</p> - -<p>»Na und was?«</p> - -<p>»Ei, der alte Jones will die Gesellschaft noch mit etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[296]</span> -überraschen, hab's gehört, wie er's heut' mittag der Tante erzählte, -als 'n Geheimnis natürlich, ist aber kein großes Geheimnis -mehr. Jeder weiß es, – die Witwe auch, obgleich die -sich stellt, als wisse sie nichts. Herrgott, hat sich der alte Jones -abgesorgt, ob auch der Huck gewiß da sei, heut' abend, – ohne den -wär' ja sein großes Geheimnis keine Bohne wert gewesen, weißt du!«</p> - -<p>»Geheimnis – wieso, Sid?«</p> - -<p>»Ei einfach, daß Huck damals hinter den Kerlen hergeschlichen -ist bis zum Zaun hier, weiter gar nichts. Der Alte wollt' 'nen -großen Hopphei draus machen heut' abend, 's wird aber wohl -'en bißchen schwach ausfallen.«</p> - -<p>Und Sid lachte hämisch und selbstzufrieden in sich hinein.</p> - -<p>»Sid, hast du's verraten?«</p> - -<p>»Was liegt dran, wer's verraten hat? – einer hat's gethan, -soviel ist sicher.«</p> - -<p>»Sid, ich weiß nur einen solchen Kerl im Städtchen, der -elend genug ist, so was zu thun, und der bist du! Wenn du -Huck gewesen wärst, du hättst dich heim in's warme Nest geschlichen -und die Räuber Räuber sein lassen. Du kannst immer nur -was Gemeines thun, und kannst's nicht hören, wenn andre gelobt -werden, weil sie was Schönes und was Gutes gethan haben. -So, da hast du was – ›keinen Dank‹, wie Frau Douglas -unten sagt.«</p> - -<p>Dabei schlug Tom Sid eins hinter die Ohren und beförderte -ihn mit einigen Fußtritten zur Thüre hinaus. »Lauf' doch -hin und sag's der Tante, wenn du's Herz dazu hast, will dir's -dann morgen gedenken.«</p> - -<p>Einige Minuten später waren die Gäste um den Eßtisch -der Witwe versammelt. Zur gegebenen Zeit hielt dann Herr -Jones seine Rede, in welcher er der gütigen Wirtin dankte für -die Ehre, die sie ihm und seinen Söhnen erwiesen, daß aber ein -andrer, der auch anwesend sei, weit mehr Dank –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[297]</span></p> - -<p>Und so weiter und so fort. Nun brachte er das große Geheimnis -über Hucks Anteil an der Sache ans Licht und that's -in der dramatischesten Weise, die ihm zu Gebote stand. Die -Ueberraschung aber, die das Mitgeteilte hervorrief, war etwas -künstlicher Natur und lange nicht so lebhaft und herzlich, wie sie -unter glücklicheren Umständen hätte sein können. Die Witwe -selber freilich verstand es sehr gut, das größte Erstaunen zur -Schau zu tragen, und überhäufte Huck mit einem solchen Uebermaß -von Dank und Lobsprüchen, daß dieser das <em class="gesperrt">nahezu</em> unerträgliche -Mißbehagen, welches ihm die neuen Kleider bereiteten, über dem -<em class="gesperrt">völlig</em> unerträglichen Mißbehagen, die Zielscheibe von jedermanns -Blicken und jedermanns Beifallsbezeugungen zu sein, ganz vergaß.</p> - -<p>Witwe Douglas erbot sich, Huck ein Heim in ihrem Hause -zu bieten, ihn erziehen zu lassen und ihn später, soviel in ihren -Kräften stehe, zu unterstützen. Jetzt blühte Toms Weizen, und -er löste seine Zunge:</p> - -<p>»Huck braucht das gar nicht, Huck ist reich genug!«</p> - -<p>Nur der Zwang, den die gute Lebensart der Gesellschaft -auferlegte, war im stande, einen <span id="corr297">Ausbruch</span> des Gelächters -über diesen vermeintlich guten Witz zurückzuhalten; das -herrschende Schweigen war aber etwas unbehaglich. Tom brach -es alsbald.</p> - -<p>»Huck ist reich, sag' ich, er hat Geld. Ihr glaubt's vielleicht -nicht, aber er hat Haufen von Geld. Braucht gar -nicht zu lachen, werd's euch gleich beweisen. Wartet nur 'ne -Minute!«</p> - -<p>Er rannte zur Thür hinaus. Die Anwesenden blickten zuerst -einander voll ungläubigen Staunens an und dann fragend auf -Huck, der wortlos dasaß.</p> - -<p>»Sid, was hat wohl der Tom?« fragte Tante Polly ängstlich -– »er – na da werd' mal einer klug aus dem Bengel. -Ich –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[298]</span></p> - -<p>Da trat Tom wieder ein, gebeugt unter der Last seiner -Geldsäcke, und Tante Polly mußte den Satz unbeendet lassen. -Tom leerte den Haufen blinkenden Goldes auf den Tisch und -rief triumphierend:</p> - -<p>»Da – was hab' ich euch gesagt? Die Hälfte davon gehört -Huck und die andere Hälfte mir!«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-299"> - <img src="images/illu-299.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>Der Anblick des Geldes benahm allen den Atem. Alles -starrte auf die glänzenden Goldstücke und niemand fand Worte -im ersten Augenblick. Dann erhob sich ein allgemeiner Ruf nach -Aufklärung. Tom sagte, die könne er geben, und er that's. Die -Geschichte war lang, aber unsagbar interessant, nur ab und zu -kärglich eingestreute Bemerkungen der atemlos lauschenden Zuhörer -unterbrachen den fesselnden Reiz derselben. Als Tom zu -Ende war, meinte der alte Jones:</p> - -<p>»Hab' <em class="gesperrt">ich</em> da vorhin der Gesellschaft 'ne kleine Ueberraschung -bereiten wollen, – 's ist aber rein nichts gegen das da. Tom,<span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[299]</span> -der Teufelskerl, hat mich schön übertrumpft, das muß ich sagen! -Geb's aber gern zu, weiß Gott, geb's gern zu!«</p> - -<p>Das Geld wurde nun gezählt. Die Summe belief sich auf -etwas über zwölftausend Dollars. Es war mehr, als irgend -einer der Anwesenden jemals beisammen gesehen, obgleich sich -einige darunter befanden, die weit mehr als das an Grundbesitz -ihr eigen nannten.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-300"> - <img src="images/illu-300.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300"></a>[300]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweiunddreissigstes_Kapitel">Zweiunddreißigstes Kapitel.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Wie man sich denken kann, machte dieser Fund der beiden -Knaben in dem armen, kleinen Städtchen St. Petersburg -das ungeheuerste Aufsehen. Solch' eine Riesensumme in -barer Münze erschien den guten Leuten beinahe unglaublich. -Man redete von nichts anderem, schielte gierig nach dem Schatze, -pries die Finder glücklich, und die Vernunft manchen Bürgers -drohte bei der ungesunden Erregung ins Wanken zu geraten. -Jedes Haus, in dem es nur irgend spuken sollte, im Städtchen -wie in der Umgegend, wurde sozusagen anatomisch zerlegt: Stein -für Stein, Balken für Balken, die Grundmauern unterwühlt -und nach verborgenen Schätzen durchforscht, und zwar nicht von -Knaben, sondern von Männern, ernsten, verständigen, im gewöhnlichen -Leben blutwenig romantisch angelegten Männern. -Wo sich Tom und Huck nur blicken ließen, wurden sie gefeiert, -bewundert und begafft. Die Jungen konnten sich nicht erinnern, -daß ihre Worte je zuvor solches Gewicht besaßen, jetzt wurde -der kleinste Ausspruch ihrerseits wie ein Ausfluß höchster Weisheit -bewahrt und ehrfurchtsvoll wiederholt. Alles, was sie -thaten, was sie redeten, erschien bemerkens- und bewundernswert, -sie hatten augenscheinlich die Fähigkeit verloren, irgend -etwas Alltägliches, Unbedeutendes zu sagen oder zu thun. Außerdem -wurde ihre Vergangenheit durchforscht und man fand darin<span class="pagenum"><a id="Seite_301"></a>[301]</span> -die unleugbaren Spuren hervorragendster Begabung. Die Zeitung -des Städtchens brachte biographische Notizen über die beiden.</p> - -<p>Die Witwe Douglas legte das Geld zu sechs Prozent an -und der Herr Kreisrichter that auf Tante Pollys Bitte dasselbe -mit Toms Anteil. Jeder der Jungen hatte nun ein geradezu -ungeheures Einkommen – einen Dollar für jeden Tag des -Jahres! Das war ja gerade soviel, wie der Pastor bekam, das -heißt, wie er bekommen sollte, denn meistens kam nicht so viel -zusammen. Ein und ein viertel Dollar die Woche war genügend -für Kost, Wohnung und Schulgeld eines Jungen in jener -alten, einfachen, anspruchslosen Zeit, und man konnte ihn dafür -noch kleiden und waschen obendrein.</p> - -<p>Der Herr Kreisrichter hatte eine sehr hohe Meinung von -Tom gefaßt. Er sagte, ein gewöhnlicher Junge würde nie imstande -gewesen sein, seine Tochter aus der Höhle zu befreien. -Als Becky ihrem Vater einmal im strengsten Vertrauen mitteilte, -wie Tom ihre Prügel in der Schule damals auf sich genommen, -war dieser sichtlich gerührt. Und als sie die Lüge zu entschuldigen -suchte, vermittelst welcher es dem edlen Freunde gelungen -war, die Züchtigung auf seine Schultern zu wälzen, meinte der -Vater enthusiastisch, das sei eine edle, eine großmütige, eine hochherzige -Lüge gewesen, eine Lüge, die wert sei, in der Geschichte -dicht neben Washingtons vielgerühmter Wahrheitsliebe zu glänzen. -Becky kam es vor, als habe sie ihren Vater noch nie so hoch -aufgerichtet und so stolz gesehen, wie bei diesen Worten. Sie -lief davon und berichtete Tom haarklein was vorgefallen.</p> - -<p>Herr Thatcher hoffte, Tom einmal als berühmten Rechtsgelehrten -oder auch als großen Kriegsmann zu sehen. Er wolle -Sorge tragen, sagte er, daß Tom Einlaß fände in die große -National-Militär-Akademie und danach in der besten Juristen-Schule -des Landes ausgebildet werde, so daß er vollständig befähigt -sei für die eine oder die andere Laufbahn, oder auch für beide.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_302"></a>[302]</span></p> - -<p>Huck Finn sah sich durch diesen Reichtum und die Thatsache, -daß er unter dem Schutze der hochangesehenen Witwe -Douglas stand, plötzlich in die gute Gesellschaft eingeführt, nein -– hineingeschleppt oder vielmehr geschleudert – seine Leiden -steigerten sich dadurch fast ins Unerträgliche. Die Dienstboten -der Witwe hielten ihn sauber und rein, wuschen, kämmten, bürsteten -ihn alltäglich und betteten ihn allnächtlich mitleidslos -zwischen reine Tücher, die nicht einen einzigen, kleinen Flecken -oder Makel hatten, den er hätte an sein Herz drücken und als -alten, teuren Bekannten begrüßen können. Er mußte mit Messer -und Gabel essen, mußte Serviette, Tasse und Teller benutzen, -mußte seine Aufgabe lernen, zur Kirche gehen, dabei so gewählt -und anständig reden, daß ihm die Sprache ordentlich -saft- und kraftlos in seinem Munde vorkam; kurz, wohin er sich -wandte, engten ihn überall die Schranken und Fesseln der Zivilisation -von allen Seiten ein und banden ihm Hände und Füße.</p> - -<p>Drei Wochen hindurch trug er sein Elend wie ein tapfrer -Held, dann war er plötzlich verschwunden. Achtundvierzig Stunden -lang ließ die Witwe in Herzensangst überall nach ihm suchen. -Jedermann nahm innigsten Anteil; man suchte hier und dort, -in Höhen und Tiefen, man durchforschte den Strom nach seiner -Leiche. Frühe am dritten Morgen schlich sich Tom Sawyer in -aller Stille zu einem Haufen alter, leerer Fässer, die hinter dem -jetzt unbenutzten, halb verfallenen Schlachthause lagen. In einem -derselben entdeckte er richtig den Flüchtling. Huck hatte die -Nacht dort zugebracht, hatte eben sein Frühstück, aus allerlei -zusammengekripsten Kleinigkeiten bestehend, verzehrt und lag nun -da und rauchte in glücklicher Behaglichkeit seine Pfeife. Er war -ungewaschen, ungekämmt und in dieselben alten, malerisch an -ihm hängenden Lumpen gehüllt, wie in jenen Tagen, da er noch -frei und glücklich war. Sobald Tom ihn aufgestöbert hatte, -warf er ihm vor, in welche Angst er alle Leute versetzt habe,<span class="pagenum"><a id="Seite_303"></a>[303]</span> -und forderte ihn auf, nach Hause zurückzukommen. Hucks Antlitz -verlor urplötzlich den Ausdruck wohligen Behagens und legte -sich in melancholische Falten. Aengstlich bat er:</p> - -<p>»Sprich mir davon nicht, Tom, hab's ja probiert, aber -'s thut kein gut, Tom, 's thut kein gut. 's taugt nichts für -mich, ich bin an so was nicht gewöhnt. Die Witwe selber ist -gut und freundlich, aber dies Leben halt' der Kuckuck aus. Soll -ich da jeden Morgen zur selben Zeit 'raus aus dem Nest, dann -waschen und scheuern sie mich, daß die Fetzen fliegen, und kämmen -mich zu Schanden. Im Holzschuppen -darf ich nicht schlafen, -muß die verflixten Kleider tragen, -in denen ich immer nach Luft -schnappen muß, Tom, 's ist als -ginge gar keine Luft durch, und -dabei sind sie so verteufelt fein -und vornehm, daß ich da drin -nicht sitzen, nicht liegen, viel -weniger mich wälzen kann. Weiß -nicht, wie lang' ich auf keiner -Kellerthür mehr hinuntergerutscht -bin, aber 's kommt mir wie viele Jahre vor. Ich muß in die -Kirche gehen und dort steif und gerade sitzen, – und erst die -langweiligen Predigten! Nicht einmal eine Fliege darf man -drin fangen, und den ganzen Sonntag muß man die Schuhe -anhaben. – Herrgott! Wenn die Witwe ißt, dann bimmelt -eine Glocke, geht sie schlafen, bimmelt's wieder, und ebenso, -wenn sie aufsteht – 's geht alles so gräßlich nach der Schnur, -das halt' der Kuckuck aus!«</p> - -<div class="figright" id="illu-304"> - <img src="images/illu-304.jpg" alt="" /> -</div> - -<p>»Huck, so macht's aber doch jeder anständige Mensch!«</p> - -<p>»Ist mir ganz egal, Tom, ich bin kein anständiger Mensch -und ich halt's nicht aus. 's ist gräßlich, wenn man so festgenagelt<span class="pagenum"><a id="Seite_304"></a>[304]</span> -ist. 's Futter wächst einem auch nur so in den Mund, -– macht einem gar keine Freude so. Soll fragen, wenn ich -fischen gehen will, fragen, wenn ich baden möcht' – hol's der -Henker, wenn man um jeden Dreck fragen soll. Und sprechen -hab' ich müssen wie 'n feiner Herr, bin beinah dran erstickt. Ei, -wenn ich nicht jeden Tag 'nauf auf den Boden wär' und hätt' -meinem Herzen dort Luft gemacht, so wie <em class="gesperrt">ich's</em> versteh', mit 'n -paar herzhaften Redensarten, nur um mal wieder den Geschmack -davon in den Mund zu kriegen, ich wär' gestorben, Tom, rein -gestorben. Rauchen wollten sie mich auch nicht lassen, nicht mal -ordentlich brüllen, nicht gähnen, nicht räkeln, nicht am Kopf kratzen, -wenn jemand dabei war. Und« – fuhr er mit einem verdoppelten -Ausbruch des Widerwillens und der Gereiztheit fort – »den -ganzen Tag hat sie gebetet. So 'ne Frau ist mir in meinem -Leben noch nicht vorgekommen! Ich <em class="gesperrt">mußt'</em> mich drücken, Tom, -es war nicht zum Aushalten. Dann wär' auch bald die Schule -angegangen und ich hätte hin gemußt, was mir das Leben -vollends entleidet hätte. Weißt was, Tom, 's Reichsein ist nicht -halb so viel wert, als man meint. Man hat eine Plage und -Schinderei davon, daß man lieber tot sein möchte. In diesen -Kleidern hier und in dieser Sonne aber ist's mir wohl und ich -will mich begraben lassen, wenn ich da je wieder 'rauskrieche. -Tom, ich wär' nie in diese unselige Lage hineingeraten, wenn -das verflixte Geld nicht gewesen wär'! Weißt was? Geh hin -und nimm du auch meinen Teil und schenk' mir hie und da -mal zehn Cents, aber nicht oft, denn mir liegt blutwenig -an dem Geld, so schwer es auch zu kriegen war, und dann – -geh' hin und bitt' mich von der Witwe los, Tom, thu's doch, -hörst du!«</p> - -<p>»O, Huck, das kann ich ja nicht, dein Geld nehmen, das -wär' gar nicht recht, und paß auf, wenn du's erst mal länger -probierst bei der Witwe, wird's dir schon behagen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305"></a>[305]</span></p> - -<p>»Behagen? Ja, so ungefähr wie einem ein heißer Ofen -behagt, wenn man drauf sitzen soll. Nee, Tom, ich will nicht -reich sein und ich will nicht in den verfluchten stickigen Häusern -leben. Ich brauch' den Wald und den Fluß und 'n leeres Faß -und dabei will ich bleiben. Hol' der Henker alles! Grad' wie -wir Flinten und 'ne Höhle hatten und alles schön fertig war, -um Räuber zu werden, da – da muß die verflixte, dumme Schatzgeschichte -kommen und alles verderben!«</p> - -<p>Tom ersah seine Gelegenheit:</p> - -<p>»Paß mal auf, Huck, das Reichsein hält uns noch lange -nicht ab, Räuber zu werden.«</p> - -<p>»Herrgott! Ist das wirklich dein voller Ernst, Tom?«</p> - -<p>»So gewiß als ich hier sitze. Aber Huck, du kannst nicht -in die Bande aufgenommen werden, wenn du kein anständiger -Mensch bist, siehst du.«</p> - -<p>Hucks aufwallende Freude bekam einen Dämpfer.</p> - -<p>»Kann nicht aufgenommen werden, Tom? War ich denn -nicht Seeräuber?«</p> - -<p>»Ja, aber das ist ganz was andres. Ein Räuber ist für -gewöhnlich viel vornehmer als so'n Pirat. In manchen Ländern -sind sie vom höchsten Adel – Herzöge oder so.«</p> - -<p>»Tom, du bist doch immer gut mit mir gewesen! Wirst -mich doch nicht ausschließen, Tom? Wirst mir doch so was -nicht anthun, oder?«</p> - -<p>»Huck, ich thät's ja nicht und ich thu's auch nicht gern, -aber was würden die Leute sagen? Ei, die werden die -Nase rümpfen und ›Pf!‹ – würden sie sagen, – Tom -Sawyers Bande! Schöne Kerle da drin! Und damit wärst -du gemeint, Huck. Das wär' dir doch nicht recht und mir -auch nicht.«</p> - -<p>Für eine Weile war Huck still, sichtlich kämpfte er innerlich -einen schweren Kampf. Schließlich sagte er:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_306"></a>[306]</span></p> - -<p>»Na, für 'nen Monat oder so könnt' ich ja am Ende zur -Witwe zurückgehen und sehen, wie ich mich durchschlage und ob -ich's aushalten kann. Ja, das könnt' ich, – wenn ich bei der -Bande eintreten darf, Tom.«</p> - -<p>»Gut also, Huck, das ist 'n Wort! Und nun vorwärts, -alter Kerl, will mal mit der Witwe reden, daß sie dich 'n bißchen -mehr in Ruhe läßt.«</p> - -<p>»Willst du, Tom, willst du? Das ist schön von dir. Wenn -die 'n bißchen weniger streng sein will, dann will ich dafür nur -noch heimlich rauchen und fluchen und mich wohl oder übel durchdrücken -oder platzen. Aber bis wann willst du denn die Bande -aufthun und Räuber werden?«</p> - -<p>»Ei gleich! Wollen nur erst die Jungens zusammen trommeln, -dann kann die Einschwörung gleich heut' nacht vor sich -gehen.«</p> - -<p>»Die – was?«</p> - -<p>»Die Einschwörung.«</p> - -<p>»Was ist denn das?«</p> - -<p>»Ei, da schwört man, daß man zusammen stehen und fallen -wolle und niemals die Geheimnisse der Bande verraten, und -sollte man auch in Stücke zerrissen werden: daß man jeden umbringen -wolle samt seiner ganzen Familie, der irgend einem der -Bande was zu leide thut.«</p> - -<p>»Das ist lustig, Tom, arg lustig, sag' ich dir.«</p> - -<p>»Ja, das ist's. Und der ganze Schwur muß um Mitternacht -geschehen, am einsamsten, schauerlichsten Ort, den man -finden kann, – in einem Haus, wo's spukt, wär's am besten, -aber die sind jetzt alle abgebrochen.«</p> - -<p>»Um Mitternacht ist gut, Tom, – irgendwo.«</p> - -<p>»Ja, das ist wahr. Und man muß über einem Sarge -schwören und alles mit Blut unterzeichnen.«</p> - -<p>»Das klingt doch nach etwas! Weiß Gott, das ist millionenmal<span class="pagenum"><a id="Seite_307"></a>[307]</span> -besser, als Seeräuber sein. Ich will mich an die Witwe -kleben, bis ich schwarz werd', Tom, und wenn ich mal so 'n -richtiger Hauptkerl von 'nem vornehmen Räuber bin, Tom, -und alle Welt von mir redet, dann wird sie wohl, denk' ich, -sich auch freuen und stolz sein, daß sie mich aus dem Sumpf -gezogen hat!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So endet denn diese Chronik. Da es nur die Geschichte -eines Knaben ist, so <em class="gesperrt">muß</em> sie hier enden; ließe sie sich doch nicht -viel weiter fortspinnen, ohne zur Geschichte eines Mannes zu -werden. Wer einen Roman über erwachsene Leute schreibt, weiß -ganz genau, wo er aufzuhören hat, nämlich – bei der Heirat. -Wer aber von Kindern und sehr jugendlichen Helden erzählt, der -muß eben aufhören, wo es sich am besten fügt.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a></p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Der Verfasser hat in seinem ›<em class="gesperrt">Huckleberry Finn</em>‹ – siehe -den nächsten Band der ausgewählten Schriften – eine prächtige Fortsetzung -der Knabenstreiche Tom Sawyers geschrieben, wobei ›Huck‹ der -Held ist.</p> -</div> -</div> - -<div class="figcenter" id="illu-308"> - <img src="images/illu-308.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 96: daß → was<br /> -was denkst du, <a href="#corr096">was</a> draus werden wird</p> -<p> -S. 297: Ausdruck → Ausbruch<br /> -war im stande, einen <a href="#corr297">Ausbruch</a> des Gelächters</p> -</div> -</div> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TOM SAWYERS ABENTEUER UND STREICHE ***</div> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ -electronic works. See paragraph 1.E below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the -Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg™ mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg™ -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg™ name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg™ License when -you share it without charge with others. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg™ work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country other than the United States. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work -on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the -phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: -</div> - -<blockquote> - <div style='display:block; margin:1em 0'> - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most - other parts of the world at no cost and with almost no restrictions - whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms - of the Project Gutenberg License included with this eBook or online - at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you - are not located in the United States, you will have to check the laws - of the country where you are located before using this eBook. - </div> -</blockquote> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.2. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase “Project -Gutenberg” associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™ -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.3. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg™ License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg™. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg™ License. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format -other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg™ website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain -Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg™ License as specified in paragraph 1.E.1. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg™ electronic works -provided that: -</div> - -<div style='margin-left:0.7em;'> - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation.” - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™ - works. - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg™ works. - </div> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™ -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the “Right -of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg™ electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/64417-h/images/cover.jpg b/old/64417-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d559a8b..0000000 --- a/old/64417-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/drop-a.png b/old/64417-h/images/drop-a.png Binary files differdeleted file mode 100644 index e6723cc..0000000 --- a/old/64417-h/images/drop-a.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/drop-d.png b/old/64417-h/images/drop-d.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 7908120..0000000 --- a/old/64417-h/images/drop-d.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/drop-e.png b/old/64417-h/images/drop-e.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 32e77ff..0000000 --- a/old/64417-h/images/drop-e.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/drop-i.png b/old/64417-h/images/drop-i.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 7f58686..0000000 --- a/old/64417-h/images/drop-i.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/drop-k.png b/old/64417-h/images/drop-k.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 84f7c5f..0000000 --- a/old/64417-h/images/drop-k.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/drop-n.png b/old/64417-h/images/drop-n.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 1457255..0000000 --- a/old/64417-h/images/drop-n.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/drop-t.png b/old/64417-h/images/drop-t.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 71fa88d..0000000 --- a/old/64417-h/images/drop-t.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/drop-u.png b/old/64417-h/images/drop-u.png Binary files differdeleted file mode 100644 index e09d3c6..0000000 --- a/old/64417-h/images/drop-u.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/drop-w.png b/old/64417-h/images/drop-w.png Binary files differdeleted file mode 100644 index e7acafc..0000000 --- a/old/64417-h/images/drop-w.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-005.jpg b/old/64417-h/images/illu-005.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8159845..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-005.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-010.png b/old/64417-h/images/illu-010.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 7166306..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-010.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-012.jpg b/old/64417-h/images/illu-012.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 645ffe9..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-012.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-014.jpg b/old/64417-h/images/illu-014.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 78cbc5c..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-014.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-022.jpg b/old/64417-h/images/illu-022.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d155032..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-022.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-023.png b/old/64417-h/images/illu-023.png Binary files differdeleted file mode 100644 index c00e6fe..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-023.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-024.jpg b/old/64417-h/images/illu-024.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7b690c3..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-024.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-026.jpg b/old/64417-h/images/illu-026.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 86b81a7..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-026.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-031.png b/old/64417-h/images/illu-031.png Binary files differdeleted file mode 100644 index d508d76..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-031.png +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-035.jpg b/old/64417-h/images/illu-035.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4661e51..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-035.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-039.jpg b/old/64417-h/images/illu-039.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 992ab2f..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-039.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-040.jpg b/old/64417-h/images/illu-040.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e711c09..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-040.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-042.jpg b/old/64417-h/images/illu-042.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a05b493..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-042.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-052.jpg b/old/64417-h/images/illu-052.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 33b36cd..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-052.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-054.jpg b/old/64417-h/images/illu-054.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 401d9b0..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-054.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-060.jpg b/old/64417-h/images/illu-060.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ed7bb6d..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-060.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-069.jpg b/old/64417-h/images/illu-069.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 76ff24a..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-069.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-070.jpg b/old/64417-h/images/illu-070.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ebbd33f..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-070.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-077.jpg b/old/64417-h/images/illu-077.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index db6338c..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-077.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-079.jpg b/old/64417-h/images/illu-079.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d096336..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-079.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-084.jpg b/old/64417-h/images/illu-084.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 876cd4e..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-084.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-086.jpg b/old/64417-h/images/illu-086.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 30ff515..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-086.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-093.jpg b/old/64417-h/images/illu-093.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index aae2452..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-093.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-096.jpg b/old/64417-h/images/illu-096.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8735adf..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-096.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-098.jpg b/old/64417-h/images/illu-098.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 92c66fd..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-098.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-105.jpg b/old/64417-h/images/illu-105.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 0d34893..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-105.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-107.jpg b/old/64417-h/images/illu-107.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a7f26ea..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-107.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-112.jpg b/old/64417-h/images/illu-112.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index eae565b..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-112.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-113.jpg b/old/64417-h/images/illu-113.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 83a6c1b..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-113.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-117.jpg b/old/64417-h/images/illu-117.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e1c192e..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-117.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-120.jpg b/old/64417-h/images/illu-120.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7b3b27f..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-120.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-121.jpg b/old/64417-h/images/illu-121.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ceaf5dc..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-121.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-127.jpg b/old/64417-h/images/illu-127.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 176a8a0..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-127.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-131.jpg b/old/64417-h/images/illu-131.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ebe9738..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-131.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-137.jpg b/old/64417-h/images/illu-137.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 14dd1c8..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-137.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-142.jpg b/old/64417-h/images/illu-142.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 42e26bc..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-142.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-153.jpg b/old/64417-h/images/illu-153.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1819352..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-153.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-154.jpg b/old/64417-h/images/illu-154.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 803d842..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-154.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-156.jpg b/old/64417-h/images/illu-156.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d6d0ee5..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-156.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-160.jpg b/old/64417-h/images/illu-160.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1e15b0b..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-160.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-165.jpg b/old/64417-h/images/illu-165.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 80408ad..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-165.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-171.jpg b/old/64417-h/images/illu-171.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3fdeae2..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-171.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-175.jpg b/old/64417-h/images/illu-175.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d5ec89f..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-175.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-177.jpg b/old/64417-h/images/illu-177.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8b0af2f..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-177.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-181.jpg b/old/64417-h/images/illu-181.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 40f3bba..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-181.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-188.jpg b/old/64417-h/images/illu-188.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ab11e40..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-188.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-189.jpg b/old/64417-h/images/illu-189.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index eecbf1d..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-189.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-196.jpg b/old/64417-h/images/illu-196.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2687af2..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-196.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-197.jpg b/old/64417-h/images/illu-197.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index dd8e11d..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-197.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-201.jpg b/old/64417-h/images/illu-201.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index c26e370..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-201.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-203.jpg b/old/64417-h/images/illu-203.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3fe2ed0..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-203.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-210.jpg b/old/64417-h/images/illu-210.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d4da103..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-210.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-215.jpg b/old/64417-h/images/illu-215.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4e9772c..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-215.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-219.jpg b/old/64417-h/images/illu-219.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 67b7682..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-219.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-223.jpg b/old/64417-h/images/illu-223.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 804c07b..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-223.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-228.jpg b/old/64417-h/images/illu-228.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d5fb644..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-228.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-232.jpg b/old/64417-h/images/illu-232.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 383b5c4..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-232.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-237.jpg b/old/64417-h/images/illu-237.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ffa46af..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-237.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-239.jpg b/old/64417-h/images/illu-239.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 0e139f3..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-239.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-244.jpg b/old/64417-h/images/illu-244.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index fc1572d..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-244.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-250.jpg b/old/64417-h/images/illu-250.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d45b28e..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-250.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-251.jpg b/old/64417-h/images/illu-251.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 0098562..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-251.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-259.jpg b/old/64417-h/images/illu-259.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index cc92c36..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-259.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-263.jpg b/old/64417-h/images/illu-263.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1cfccdb..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-263.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-272.jpg b/old/64417-h/images/illu-272.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 24fb54c..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-272.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-276.jpg b/old/64417-h/images/illu-276.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index be46ac5..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-276.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-281.jpg b/old/64417-h/images/illu-281.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7cb2055..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-281.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-283.jpg b/old/64417-h/images/illu-283.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7f75656..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-283.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-292.jpg b/old/64417-h/images/illu-292.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 38b61c0..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-292.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-295.jpg b/old/64417-h/images/illu-295.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 6859f1f..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-295.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-299.jpg b/old/64417-h/images/illu-299.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index fed292c..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-299.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-300.jpg b/old/64417-h/images/illu-300.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8f032e4..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-300.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-304.jpg b/old/64417-h/images/illu-304.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index dfcc84d..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-304.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/illu-308.jpg b/old/64417-h/images/illu-308.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7d5d673..0000000 --- a/old/64417-h/images/illu-308.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64417-h/images/signet.jpg b/old/64417-h/images/signet.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ed0ff1a..0000000 --- a/old/64417-h/images/signet.jpg +++ /dev/null |
