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-The Project Gutenberg eBook of Was ich geschaut, by Irma von
-Troll-Borostyání
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Was ich geschaut
- Novellen
-
-Author: Irma von Troll-Borostyání
-
-Release Date: January 26, 2021 [eBook #64388]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This file made from scans of public
- domain material at Austrian Literature Online.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS ICH GESCHAUT ***
-
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- Was ich geschaut.
-
-
- Novellen
-
- von
-
- Irma von Troll-Borostyání.
-
-
- [Illustration]
-
-
- Wien. Pest. Leipzig.
-
- A. Hartleben's Verlag.
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
- K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
-
-
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-
-Inhaltsverzeichniß.
-
-
- Seite
-
- Erlöst! 3
-
- Justus 16
-
- Fallendes Laub 30
-
- Franzi's Weihnacht 44
-
- Der Weg zum Herzen 55
-
- Weder Glück noch Stern 65
-
- Der Unwiderstehliche 75
-
- Schwer geprüft 107
-
- »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« 124
-
- Der kleine Geiger 132
-
- Die Harfenspielerin 140
-
- Sein Bild 151
-
-
-
-
-Erlöst!
-
-
-Mit dem Versprechen, am anderen Tage wiederzukommen, hatte sich der Arzt
-verabschiedet und Gabriele blieb allein am Bette ihres kranken Kindes. Es
-lag in heftigem Fieber; auf den lieblich gerundeten, vollen Wangen brannten
-hochrothe Flecken und die sonst so fröhlichen, dunkelblauen Augen blickten
-schmerzlich und wie hilfesuchend auf das kummervolle Antlitz der Mutter,
-die sich zwang, es freundlich anzulächeln.
-
-Der kleine Erich war während der fünf Jahre seines Daseins niemals krank
-gewesen. Vor wenigen Tagen zeigte er eines Morgens Mattigkeit und Unlust,
-seinen gewohnten Spielen zu obliegen. Dann klagte er über Schmerzen im
-Kopfe und in der rechten Seite der Brust beim Athemholen. Fiebersymptome
-traten auf; er wurde zu Bett gebracht, und der herbeigerufene Arzt
-konnte es den Eltern nicht verhehlen, daß der Fall -- eine hochgradige
-Entzündung des rechten Lungenflügels -- ein sehr bedenklicher sei.
-
-Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben und streichelte hin
-und wieder mit weicher Hand über seinen blonden Lockenkopf, den er
-unruhig auf den Kissen hin und her wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit
-beobachtete sie die kurzen, raschen Athemzüge, den fliegenden Puls
-des Kindes und verfolgte zugleich den vorrückenden Zeiger an der
-gegenüberhängenden Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu
-versäumen, ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich die
-Arznei zu verabreichen.
-
-Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen Lebens und
-Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster des Krankenzimmers. Die
-Vorhänge waren zugezogen, und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte
-Lampe verbreitete eine milde Helle in dem weiten Gemache.
-
-Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung über
-den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag, und ein rauher Nordost
-wirbelte einen trockenen, hustenreizenden Staub auf. Die Damen, die sich
-in leichten Frühlingstoiletten herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft,
-ihre warmen, winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben.
-
-Ein elegant gekleideter, noch junger Mann schritt quer über die Straße
-dem Hause zu, in welchem der kranke Knabe lag. Es war Otto von Brauneck,
-der Vater des Kindes. Nachdem er an der Eingangsthür geschellt und der
-Diener ihm geöffnet hatte, trat er durch das Vorzimmer in den Salon, um in
-sein neben demselben gelegenes Arbeitszimmer zu gelangen.
-
-»Was ist das? -- Sind noch keine Vorbereitungen getroffen?« fragte er den
-Diener, indem er an der Schwelle stehen blieb und einen überraschten Blick
-durch den unerleuchteten Raum schickte. »In längstens einer Stunde werden
-die Gäste eintreffen, und es ist nichts in Ordnung gebracht. Sollte meine
-Frau keine Anordnungen getroffen haben?«
-
-»Die gnädige Frau meinte, der Empfang würde heute nicht stattfinden,«
-erklärte der Diener.
-
-»Und warum nicht?«
-
-»Ich glaube -- des Kranken wegen.«
-
-»Ach, das Kind wird in seiner Ruhe nicht gestört werden. Schlagen Sie
-den Spieltisch in meinem Zimmer auf, statt im Salon, und besorgen Sie rasch
-alles nöthige. Kaltes Buffet -- einige Flaschen Bordeaux aus dem Keller --
-hier, nehmen Sie!«
-
-Mit diesen Worten reichte Brauneck dem Diener eine Banknote und schritt in
-sein Zimmer. Nachdem der Diener die Kerzen angezündet und sich entfernt
-hatte, schloß Brauneck seinen Schreibtisch auf, entnahm demselben ein
-Spiel Karten, prüfte sie und steckte sie zu sich. Einige Minuten später
-trat er in das Zimmer seines Sohnes.
-
-Gabriele hob den Kopf empor und warf einen traurigen Blick auf ihren
-Gatten, der sich mit langsamen und auf dem schweren Teppich geräuschlosen
-Schritten näherte.
-
-»Wie geht es dem Kleinen?« fragte er leise, indem er seine Frau mit
-leichtem Kopfnicken begrüßte.
-
-»Um nichts besser,« erwiderte Gabriele noch leiser. »Das Fieber steigert
-sich.«
-
-»War der Doctor hier?«
-
-Flüsternd wiederholte sie die Weisungen des Arztes. »Im Laufe der
-Nacht,« so hatte er sich geäußert, »würde die Krisis eintreten.
-Sollte das Fieber nach Mitternacht noch stärker werden, so möge man ihn
-unbedingt nochmals holen lassen.«
-
-»Rege Dich nicht so auf,« sagte Brauneck, als er bemerkte, wie ihre Augen
-sich mit Thränen füllten. »Erich ist ein kräftiger Junge; es liegt kein
-Grund zu so großer Sorge vor.«
-
-Gabriele antwortete nicht. Der Knabe aber, der die flüsternden Stimmen
-gehört, schlug die Augen auf.
-
-Ein Ausdruck von Freude glitt über sein Gesichtchen.
-
-»Ach, Papa, bist Du endlich gekommen,« sagte er. »Ich fürchtete schon,
-Du kämest nicht mehr.«
-
-Der Vater beugte sich zu dem Kinde herab und drückte einen Kuß auf seine
-brennende Stirn.
-
-»Warum hätte ich denn nicht kommen sollen?« erwiderte er lächelnd.
-»Freilich bin ich gekommen und habe Dir auch etwas mitgebracht. Einen
-wunderschönen Wald und allerlei Gethier darin. Bären, Wölfe, Füchse.
-Wenn Du wieder gesund bist, dann gehen wir miteinander auf die Jagd.«
-
-»Ja, dann spielen wir Jagd miteinander,« bekräftigte der Kleine. »Mama,
-Du und ich, alle Drei. Ich bin der Jäger, Du und Mama, Ihr müßt das Wild
-vor mir zu verstecken suchen.«
-
-»Du wirst aber alle Thiere todtschießen, und am anderen Tage werden sie
-trotzdem wieder lebendig sein, damit Du sie wieder erschießen kannst,«
-ergänzte Brauneck.
-
-Erich lachte, aber ein heftiger Hustenanfall unterbrach seine Heiterkeit,
-und die hübschen Züge seines Gesichtchens verzogen sich schmerzhaft.
-
-»Jetzt aber mußt Du still liegen, mein Kind, nicht sprechen,« fuhr
-Brauneck fort, als der Anfall vorüber war. »Sonst wirst Du nicht gesund,
-und wir können nicht zusammen Wild und Jäger spielen.«
-
-Der Knabe war erschöpft in die Kissen zurückgesunken und schloß die
-Augen. Gabriele träufelte ihm einen Löffel voll Medicin zwischen die
-trockenen, heißen Lippen; dann saßen die beiden Gatten eine Weile
-schweigend an seinem Lager. Da schlug die Uhr acht, und Brauneck schnellte
-von seinem Sitze empor.
-
-»Ich gehe, meine Gäste zu empfangen,« flüsterte er, zu Gabriele
-geneigt. »Wir werden heute unser Spielchen in meinem Zimmer abhalten, und
-ich will den Herren beim Kommen und Gehen die größtmögliche Behutsamkeit
-anempfehlen, damit Erich nicht beunruhigt werde.«
-
-Gabriele schaute auf und der Ausdruck peinlichen Staunens malte sich in
-ihren Gesichtszügen.
-
-»Wie?« sagte sie, »Du hast Deinen Herren nicht abgesagt? Du findest ein
-Vergnügen daran, Dich dem Kartenspiele zu widmen, während Dein Kind hier
-schwer krank liegt?«
-
-Brauneck zuckte die Achseln.
-
-»Liebe Gabriele, Du hast eine pessimistische Neigung, das Leben furchtbar
-tragisch aufzufassen.«
-
-Ein halbunterdrückter Seufzer entrang sich Gabrielens Lippen.
-
-»Es wäre vielleicht viel besser gewesen, für heute eine Absage ergehen
-zu lassen,« fuhr Brauneck fort. »Aber ich gestehe es, ich habe vergessen,
-es rechtzeitig zu thun. Und jetzt Abends wäre es hierzu doch jedenfalls
-zu spät gewesen. So bleibt mir nichts übrig, als die Herren zu empfangen.
-Aber, wie gesagt, ich werde dafür Sorge tragen, daß der kleine Patient in
-seinem Schlummer nicht gestört werde.«
-
-Gabriele erhob und entfernte sich einige Schritte vom Bette des Knaben. Sie
-wollte nicht, daß er ihre Worte zu hören vermöchte. Brauneck folgte ihr.
-
-»Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie,« antwortete sie, »gäbe
-Dir wohl einen hinreichenden Rechtfertigungsgrund, Deine Einladung noch in
-letzter Stunde zurückzuziehen. Selbst jetzt noch müßten Deine Freunde
-Deine Entschuldigung annehmen. Ich bitte Dich, Otto, thu' es doch, schicke
-sie fort, bleibe bei Deinem Kinde. Wenn Du es mir zuliebe nicht thun
-willst, so thu' es Erich zuliebe. Er schläft nicht; er frägt immer nach
-Dir. Biete ihm die Erleichterung in seinem Leiden, daß er Dich bei sich
-sieht, wenn er die Augen aufschlägt und nach Dir verlangt.«
-
-Brauneck machte eine Bewegung.
-
-»Aber liebe Gabriele,« sagte er mit schlecht verhehlter Ungeduld, »das
-geht doch nicht an, daß ich die Gäste, die ich geladen, nun, da sie
-kommen, wieder gehen heiße, weil mein kleiner Sohn krank liegt. Solche
-Sentimentalität würde man allenfalls der Frau, der Mutter zugute halten,
-aber einem Manne nicht.«
-
-Vom Bette her tönte ein leises Stöhnen.
-
-Gabriele faltete die Hände und streckte sie bittend dem Gatten entgegen.
-Er aber schüttelte verneinend den Kopf.
-
-»Otto, bleibe bei uns, bleibe bei Deinem Kinde! Ich bitte Dich!«
-
-»Aber ich gehe ja nicht fort! Ich verlasse doch weder das Haus, noch
-selbst die Wohnung.«
-
-»Bleibe hier, bei Erich!«
-
-»Das kann ich nicht.«
-
-»Und was soll ich dem Kinde sagen, wenn es nach seinem Vater frägt?«
-
-»Sag' ihm, was Du willst!«
-
-Gabriele zuckte zusammen; dann richtete sie sich hoch auf.
-
-»So geh' denn! Geh' zu Deinen Genossen, geh' dem entsetzlichen --
-Vergnügen nach, das Du nicht entbehren kannst! So mächtig hat der Dämon
-des Spieles Deine Seele umstrickt, daß Du ihm Dein Vermögen zum Opfer
-brachtest, das Du Deinem Sohne hättest erhalten sollen. Jetzt siehst
-Du Deines Kindes Leben selbst bedroht -- doch auch das hält Dich nicht
-zurück. Für Dein Weib und Dein Kind ist Dein Herz erkaltet; nur die
-Flamme jener unseligen Leidenschaft verzehrt es.«
-
-Fast unhörbar leise hatte Gabriele diese Worte hervorgestoßen, aber Otto
-war keines entgangen. Er erbleichte. Einen Augenblick lang begegneten
-sich die Blicke der beiden Gatten. Dann senkte Otto den Kopf, wendete sich
-langsam um und verließ geräuschlos das Zimmer.
-
-Einige Minuten blieb Gabriele regungslos stehen und starrte auf die Thür,
-durch welche er sich entfernt hatte. Dann wandte auch sie sich um und
-kehrte an Erich's Lager zurück.
-
-Nach einer Weile schlug der Knabe die Augen auf. Ein heißer Tropfen war
-ihm auf die Stirn gefallen.
-
-»Mama,« sagte er und streichelte mit seinem Händchen über ihre Hand,
-die auf seinem Bette ruhte. »Weine nicht, Mama, mir thut nichts mehr weh,
-gewiß nicht. Weine nur nicht, Mama, liebe Mama!«
-
-Erich log. Er log, um seiner geliebten Mutter, die er traurig sah, zu
-verheimlichen, daß er litt. Der Glückliche wußte noch nicht, daß es
-einen Kummer giebt, heißer, bitterer, trostloser, als selbst der eines
-Mutterherzens am Schmerzenslager des Kindes: Der Kummer um eine verlorene
-Seele, die uns theuer ist --
-
-Brauneck war in sein Zimmer gegangen, hatte aber noch keinen seiner Gäste
-vorgefunden. Er athmete erleichtert auf, als er sich allein sah. Aber
-was nützte es ihm? In wenigen Minuten mußten sie ja doch kommen, und er
-mußte zu den Karten greifen. Zu den Karten, die -- er wußte es wohl --
-den Fluch seines Lebens bildeten, die er wahnwitzig liebte und die er in
-diesem Augenblicke zu fürchten und zu hassen vermeinte.
-
-Er seufzte tief auf, warf sich in einen Fauteuil und die Arme auf die
-Seitenlehnen gestützt, verbarg er den Kopf in seine Hände.
-
-Die Worte seiner Frau hatten ihn mächtig erschüttert. Sie hatten sein
-im Grunde leicht bewegliches und weiches Gemüth im Tiefsten aufgewühlt.
-Blitzartig zog das Bild seines eigenen Selbst vor seinem geistigen Auge
-vorüber. Nackt und aller beschönigenden Entschuldigungsgründe bar,
-schaute er seine Seele im Banne jener furchtbaren Leidenschaft, deren
-Sklave er geworden. Ja, Gabriele hatte recht, all seinen Besitz hatte er
-dem Dämon Spiel in den Rachen geworfen. Drei große Vermögen hatte er
-sich von ihm rauben lassen: sein eigenes, das seiner Mutter, das ihm wenige
-Jahre nach seiner Verheiratung zugefallen war, und jenes eines Oheims, den
-er vor kurzem beerbt hatte. Die noch übrigen Reste betrugen kaum einige
-Tausend Gulden. Er hatte seinen Sohn zum Bettler gespielt. Aber nicht das
-allein: Er war noch weit tiefer gesunken, als Gabriele ahnte. Nicht nur das
-Laster -- das Verbrechen hatte seine Hände besudelt. Als fast sein ganzes
-Capital vergeudet war und er sich am Rande vollständigen Ruines sah,
-da war eine entsetzliche Versuchung an ihn herangetreten. Schleichenden
-Schrittes erst, in flüchtigen Umrissen, wie ein Phantom. Dann nahm sie
-deutlichere Formen an und lockte ihn immer lauter und dringender. Ein
-böser Zufall, der ihm einen Genossen zuführte, welcher unentdeckt
-und erfolgreich die Bahn des Verbrechens schon betreten hatte, gab den
-Ausschlag. Seine letzten schwindenden Skrupel waren besiegt -- und -- er
-erlag. --
-
-Das war es, was er, in sein Inneres schauend, gewahrte. Er wußte, daß es
-keine Umkehr, keine Rettung für ihn gab.
-
-Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich Otto's gequälter Brust. Da
-schellte die Klingel an der Eingangsthür; im Vorzimmer wurden Stimmen
-laut, und er sprang empor. Seine Gäste trafen ein; jetzt war nicht die
-Zeit dazu, sich düsteren Betrachtungen hinzugeben. Wozu auch? Vielleicht
-würde endlich das Glück ihm hold, und -- wer weiß, vielleicht ließe
-sich, wenn nicht alles, so doch ein Theil des Verlorenen zurückerobern.
-Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht, gelangt zur Enthüllung.
-Wie viele Schurken und Verbrecher, schlimmer als er, bleiben unentdeckt und
-erfreuen sich ungestört der goldenen Früchte ihrer Gaunerstreiche.
-
-Otto trat den Ankömmlingen grüßend entgegen; bald folgten Andere, und
-eine Viertelstunde später saß die Gesellschaft vollzählig beim Spiele.
-
-Drüben aber lehnte Gabriele am Bette des kleinen Erich und sandte aus
-gläubiger Seele ein inbrünstiges Gebet zu Gott empor, daß er ihr Kind
-vom Tode und ihren Gatten vom Untergange in Laster und Verkommenheit, dem
-schlimmeren Tode, erretten möge. --
-
-Die Stunden verrannen. Tiefe Stille herrschte im Zimmer des Kranken.
-Otto hatte Wort gehalten; es drang kein Laut herüber von der lustigen
-Spielgesellschaft, den Schlummer des Knaben zu stören. Aber Erich schlief
-nicht. Wohl hatte der Husten nachgelassen, aber der Athem drang in kurzen,
-hastigen Stößen aus der Lunge, und das Fieber steigerte sich stetig.
-Einigemale hatte der Kleine nach dem Vater gefragt und Gabriele ihm
-geantwortet, daß er zu Hause sei, in seinem Zimmer, ob sie ihn herbeirufen
-solle? Erich schüttelte den Kopf. Er glaubte, daß der Vater schlafe und
-wollte ihn nicht seinetwegen wecken lassen. Mama weilte bei ihm, er war ja
-nicht allein.
-
-Und immer weiter rückten die Zeiger der Wanduhr vor, und Stunde um Stunde
-floß in den Schoß der Unendlichkeit. Mit unermüdlicher Pünktlichkeit
-reichte Gabriele dem Kinde die Arznei, träufelte einen kühlenden Trank
-zwischen die heißen Lippen, lockerte seine Kissen. Von Zeit zu Zeit
-durchmaß sie mit leichten, unhörbaren Schritten das Gemach. Eine
-qualvolle Unruhe hatte sie erfaßt. Sie wußte und sie fühlte es, daß die
-Stunde nahte der Entscheidung über Tod und Leben.
-
-Mitternacht war vorüber. Mit stockendem Herzschlage stand Gabriele über
-Erich gebeugt und lauschte. Ihr hatte plötzlich geschienen, als ob die
-stoßweisen Athemzüge des Kranken von einem leisen, röchelnden Geräusch
-begleitet würden, und eine furchtbare Angst hatte sie an der Kehle
-gepackt.
-
-Da machte Erich eine Bewegung und setzte sich im Bette auf. »Mama,« sagte
-er mit ungewöhnlich lauter und deutlicher Stimme. »Mama, jetzt hatte ich
-einen wunderschönen Traum. Den möchte ich Dir erzählen. Aber Papa soll
-ihn auch hören. Bitte, liebe Mama, ruf' ihn ein wenig zu mir.«
-
-»Gleich, mein Kind, ich hole ihn gleich,« erwiderte Gabriele. »Aber wie
-fühlst Du Dich? besser?«
-
-»Wie ich mich fühle?« wiederholte der Knabe. »Besser, viel besser. Nur
-so sonderbar ist mir zu Muthe, und hier innen -- Erich deutete mit der Hand
-auf seine Brust -- hier innen ist mir auf einmal so heiß. Aber das thut
-nichts, Mama,« fuhr er fort. »Ich fühle gar keine Schmerzen mehr. Bitte,
-gehe Papa zu holen, damit ich ihm auch meinen schönen Traum erzählen
-kann.«
-
-Gabriele nickte und verließ das Zimmer. Als sie, die Reihe der Gemächer
-durchschreitend, sich dem Zimmer ihres Gatten näherte, scholl ihr daraus
-lautes Stimmengewirre entgegen. Ein heftiger Wortwechsel schien dort
-stattzufinden. Einen Augenblick zögerte sie einzutreten. Doch nach kurzer
-Ueberlegung ging sie weiter und wurde, als sie die schwere Portière
-zurückschlug, welche jenes Gemach vom Salon trennte, Zeugin eines
-Auftrittes, der, sie mit tödtlichem Entsetzen erfüllend, ihre Schritte
-hemmte. Sie sah Folgendes:
-
-Mehrere der Herren waren von ihren Sitzen aufgesprungen und sprachen wild
-und verworren durcheinander. Einer derselben hielt mehrere Karten in der
-Hand, die er den anderen Spielern triumphirend vorwies.
-
-»Da seht!« rief er. »Da habt Ihr den Beweis. Die Karten sind markirt!«
-
-Und in der nächsten Secunde schleuderte er die Karten ihrem Gatten ins
-Angesicht. »Elender Schurke!«
-
-Otto fuhr vom Stuhle auf. Aschfahle Blässe bedeckte seine Wangen. Seine
-Lippen zuckten.
-
-Dumpfes Schweigen lagerte plötzlich über der Gesellschaft.
-
-»Die Pflichten der Höflichkeit als Hausherr verbieten mir, gegen Sie
-so vorzugehen, wie ich an jedem anderen Orte vorgehen würde,« stammelte
-Brauneck nach einigen Augenblicken. »Nichtsdestoweniger werden Sie« --
-gegen den Ankläger gewendet -- »mir für Ihre mir zugefügte Beschimpfung
-Genugthuung zu geben haben. Ich werde Ihnen morgen meine Zeugen schicken.«
-
-Ein Hohngelächter beantwortete Brauneck's Worte.
-
-»Mit einem Falschspieler schlägt man sich nicht!«
-
-Und alle Anwesenden erhoben sich von ihren Plätzen.
-
-Gabriele stand noch immer an der Thürschwelle. Ein dunkler Schatten
-legte sich ihr über die Augen. Aber sie schrie nicht auf; sie brach nicht
-zusammen. Unbemerkt wandte sie sich zurück und ehe die Gäste sich zum
-Weggehen gerüstet, erreichte sie das Zimmer ihres Kindes.
-
-Dort sank sie lautlos an Erich's Bettchen nieder.
-
-Der Knabe hatte sich wieder in die Kissen zurückgelegt. Er schien zu
-schlummern. Die Fieberröthe war von seinen Wangen gewichen. Nur die
-Athemzüge klangen noch immer so kurz und röchelnd.
-
-Jetzt regte er sich und schaute mit weitgeöffneten Augen im Zimmer umher.
-
-»Mama,« sagte er, und ein heiteres Lächeln flog über sein Gesichtchen.
-»Mein wunderschöner Traum -- wir waren in einem wunderprächtigen Garten,
-eine herrliche Musik tönte von fernher und eine Schaar hübscher Kinder
-tanzte mit mir nach ihren Klängen. Du und Papa --«
-
-Erich vollendete den Satz nicht. Ein tiefer, rasselnder Athemzug hob seine
-Brust. Dann ging ein plötzliches Zucken durch seine Glieder. Seine Lippen
-bebten und bedeckten sich mit blutigem Schaum.
-
-Er war verschieden. Eine Lungenblutung hatte sein junges Leben
-dahingerafft.
-
-Gabriele wischte den Schaum von seinem Munde und bedeckte seine Stirn und
-Hände mit Küssen. Ein convulsivisches Schluchzen durchschütterte
-sie. Aber unter den brennenden Thränen, welche unaufhaltsam ihr Gesicht
-überströmten, flüsterte sie:
-
-»Du bist erlöst, mein Kind! Erlöst von der Schmach Deines entehrten
-Namens, von dem furchtbaren Geschicke, der Sohn eines Vaters zu sein, den
-Du geliebt und den Du verachten müßtest. Erlöst -- erlöst!«
-
-
-
-
-Justus.
-
-
-Seit meinem Austritte aus dem Institute hatte ich Justus nicht mehr
-gesehen. Und als ein guter Freund und ehemaliger Schulcollege mir schrieb,
-daß Justus seine Tante beerbt habe und sich in dem von ihr hinterlassenen
-Landhause ganz nahe von dem Städtchen, in welchem ich damals wohnte,
-niederlassen werde, mußte ich mich erst besinnen. Justus? -- Wer ist
-doch Justus? Wo bin ich ihm je begegnet? Allmählich tauchte das Bild des
-einstigen Lehrers in meiner Erinnerung auf.
-
-Da stand es wieder vor mir, das hagere Männchen mit dem großen Höcker
-auf der linken Schulter. Da stand es an der großen schwarzen Tafel und
-zeichnete mit Kreide Figuren und Zahlen, indem es mit unermüdlicher Geduld
-selbst die begriffsstützigsten seiner Schüler in die Geheimnisse
-der Geometrie und Algebra einzuführen bemüht war. Auf der winzigen,
-mißgestalteten Figur saß tief in den Schultern ein mächtiger, prachtvoll
-profilirter Kopf mit schwarzem Kraushaar und tiefen, seelenvollen Augen.
-Ja, Justus hatte der sanfte Lehrer geheißen, der uns, weil allzu gütig,
-nicht zu imponiren vermochte, und uns niemals die wohlverdiente Strafe,
-sondern höchstens eine freundliche milde Mahnung zutheil werden ließ.
-
-Alles dies hatte uns an ihm lächerlich geschienen. Seine verwachsene
-Gestalt, die wir vierzehnjährigen Jungen um einen halben Kopf überragten,
-seine langsame, zögernde, beinahe stotternde Sprechweise, seine
-unerschütterliche Sanftmuth, ja selbst sein Name: Justus, Justus -- der
-Gerechte, welch komischer Name! Wie konnte man Justus heißen!
-
-Und doch hatte dieser Name für ihn gepaßt, wie selten einer sich für
-seinen Träger eignet. Denn Gerechtigkeit war die Grundlage seines Wesens,
-der vorherrschendste Zug seines Charakters. Und jede, auch die geringste
-Ungerechtigkeit, deren Zeuge er war, konnte ihn aufs tiefste empören.
-Noch weiß ich es, wie entrüstet er war, als er sah, wie mehrere kräftige
-Knaben über einen weit schwächeren Kameraden herfielen, von dem sie sich
-beleidigt glaubten. Nie vorher hatte ich ihn so gesehen. Sein Auge flammte,
-die Muskeln seines Gesichtes zuckten vor Erbitterung, seine Fäuste ballten
-sich und -- was nur in den Augenblicken mächtigster Erregung geschah -- er
-stotterte nicht, als er mit laut dröhnender Stimme über die ungeberdigen
-Jungen hindonnerte, in glühenden Zornesworten die Feigheit und
-Ungerechtigkeit, sich an dem Schwächeren zu vergreifen, ihnen
-entgegenschleudernd. Ja, selbst eine empfindliche Strafe dictirte er ihnen.
-
-Und nun sollte ich den einstigen Lehrer nach zwölf Jahren wiedersehen.
-
-Er hatte sich wenig verändert. Auch älter schien er nicht geworden in
-dieser doch stattlichen Reihe von Jahren. Man hatte es ihm nie angesehen,
-wie alt er eigentlich war. Uns, seinen Schülern, hatte er alt geschienen,
-doch hatte man uns gesagt, daß er ein junger Mann sei, noch nicht
-dreißigjährig. Und jetzt, als ich ihn in seiner neuen Behausung
-aufsuchte, sah er gerade so aus wie damals, als ich ihm bei meinem
-Austritte aus der Schule Lebewohl gesagt. Nur hatte sein dunkles,
-schwärmerisch blickendes Auge den Ausdruck milder Traurigkeit und
-Wehmuth angenommen. Die Ursache dieser Trauer zu errathen, ward mir bald
-Gelegenheit geboten.
-
-Einige Jahre vorher hatte ein Freund seines Vaters in unglücklichen
-Speculationen sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen verloren und
-in der Verzweiflung über sein Mißgeschick sich das Leben genommen. Er
-hatte nichts hinterlassen als sein vierzehnjähriges Kind, die kleine Dora,
-blond und blauäugig und lieblich wie ein thaufrischer Frühlingsmorgen.
-
-Justus' Vater nahm die Waise ins Haus und nach seinem Tode übernahm Justus
-selbst die Fürsorge für das junge Mädchen, für sie und für seinen
-Bruder Alvyn, der -- um zwanzig Jahre jünger als er -- zur Zeit, als der
-Vater starb, seine Universitätsstudien noch nicht vollendet hatte.
-
-Als ich nun bei einem meiner Besuche in dem mit wildem Wein und
-Schlingrosen überwachsenen, anmuthigen Landhause mit Dora zusammentraf,
-welche jetzt das Institut verließ, in dem sie ihre letzte Ausbildung
-erhalten hatte, um -- vorläufig, wie Justus sagte -- in das Haus ihres
-Pflegevaters zu ziehen, da ward es mir klar, warum Justus' Augen so traurig
-blickten. Er liebte Dora -- aber er war zu verständig, um auf Gegenliebe
-zu hoffen, und zu gerecht, um es nicht natürlich zu finden, daß das
-schöne, blühende Mädchen für den verwachsenen, alternden Freund
-keine anderen Gefühle in seinem Herzen nährte, als Freundschaft und
-Dankbarkeit. Und als ich Justus' bildhübschen Bruder kennen lernte, da
-konnte ich keinen Zweifel hegen, daß dieser Dora's Herz in Sturm erobern
-würde. Hoch und schlank gewachsen, den schönen Kopf stolz auf dem edel
-geformten Nacken tragend, frei und kühn in seinen Bewegungen und
-voll ritterlicher Aufmerksamkeit gegen das kaum flügge gewordene
-Pensionsfräulein, sah er neben dem unscheinbaren, mißgestalteten
-Männchen aus wie ein junger Gott. Ich wurde ganz traurig gestimmt, als
-ich die drei guten Menschen beisammen sah, denn ich konnte es mir nicht
-verhehlen, welch tiefes Herzeleid dem armen Justus aus seiner wohl
-begreiflichen, aber doch so hoffnungslosen Neigung für das liebreizende
-junge Geschöpf erwachsen würde.
-
-Dennoch aber verbrachte ich manche glückliche Stunde in Justus' gastlichem
-Heim. Tagsüber, wenn das Wetter günstig war, waren wir Alle im Garten
-oder machten Ausflüge in der nahen Umgebung, wobei es sich, wie zufällig,
-immer so traf, daß Alvyn mit Dora vorausmarschirte, während ich und
-Justus die Nachhut bildeten. Des Abends aber versammelten wir uns im
-traulichen Gartensalon, und nach dem Thee wurde Lectüre vorgenommen. Alvyn
-oder ich lasen vor, während die Anderen zuhörten.
-
-Da gab es oft lebhaft erregte Discussionen. Denn Justus vertheidigte die
-classische Richtung, während Alvyn und ich die Modernen in Schutz nahmen.
-Dora kümmerte sich nicht viel um unsere literarisch-ästhetischen Dispute.
-Nur hin und wieder warf sie ein Wort dazwischen. Abseits von uns saß sie
-an einem kleinen Tischchen und zeichnete emsig. Ich wußte, was es war,
-das sie beschäftigte, denn mich hatte sie ins Vertrauen gezogen und
-beauftragt, Justus' Aufmerksamkeit bei diesen Leseabenden so in Anspruch
-zu nehmen, daß er sie und ihre Zeichnung nicht beachtete. Denn dieselbe
-sollte eine Ueberraschung für ihn werden.
-
-Und sie gelang glänzend.
-
-Am Vorabend von Justus' Geburtstag -- es war sein vierundvierzigster,
-wie ich erfuhr -- nachdem das festliche Abendessen zu Ende und mancherlei
-Toaste ausbracht waren, verschwand Dora plötzlich aus dem Zimmer, und
-als sie nach einer kleinen Weile mit freudig geheimnißvoller Miene wieder
-eintrat, ergriff sie Justus bei der Hand und zog ihn, während sie uns
-winkte, ihnen zu folgen, in den Gartensalon hinüber. Derselbe war hell
-erleuchtet, und mitten im Zimmer ruhte auf einer Staffelei das lebensgroße
-und sehr wohlgetroffene Brustbild unseres Justus. Sprachlos vor tiefster
-Ergriffenheit, blickte dieser auf sein Porträt.
-
-»Nun, ist es gut? Bist Du zufrieden mit dem, was ich gelernt?« frug
-Dora schüchtern, als Justus noch immer keine Antwort über seine Lippen
-brachte.
-
-Ein Blick auf sein Angesicht gab ihr Antwort.
-
-Eine überirdische Freude leuchtete aus seinem Auge, eine Thräne rollte
-langsam über seine Wange, und er öffnete den Mund, als ob er sprechen
-wollte; aber das Wort versagte ihm.
-
-Da stürzte Dora ihm an den Hals, küßte und herzte ihn und rief ein- um
-das andermal:
-
-»Freut es Dich? Bist Du zufrieden? Justus, freut es Dich?«
-
-Dieser aber verfärbte sich plötzlich. Und je mehr Küsse es von den
-holden Lippen auf seinen Mund und seine Wangen regnete, um so bleicher
-wurde er und ein leichtes Zittern ging durch seine Glieder. Ich verstand,
-was in seinem Inneren vorging, und ein Gefühl peinlichen Mitleides
-beschlich mich.
-
-Warum war Dora auch so toll und thöricht, den Armen so abzuküssen, als ob
-sie ihn liebte. Bedachte sie denn gar nicht, daß auch in der Brust dieses
-unglücklichen, mißgestalteten Freundes ein warm fühlendes, der Liebe
-nicht verschlossenes Herz wohnen könne?
-
-Einige Wochen später rüstete sich Alvyn zur Abreise. In einer unfernen
-größeren Stadt wollte er sich als Arzt niederlassen. Schon war der Tag
-seiner Abreise festgesetzt, als er von einem Jagdausfluge verwundet nach
-Hause gebracht wurde. Die Kugel eines der Schützen hatte -- statt des
-Rehbockes, dem sie bestimmt gewesen -- Alvyn's linke Schulter getroffen.
-Die Verletzung war keine gefährliche, dennoch aber wurde das ganze Haus
-in die größte Bestürzung versetzt. Justus bestand darauf, die Pflege
-des Bruders selbst zu übernehmen. Dora wollte ihn ablösen, damit er Zeit
-fände, sich auszuruhen. Aber er gestattete es nicht, indem er meinte, daß
-ein Krankenbett kein geeigneter Platz für sie sei, und so mußte sie
-sich damit begnügen, in sorgsamer Ueberwachung der Hauswirthschaft dem
-Bruderpaare ihre Dienste zu erweisen. Sie war keine gewandte Hausfrau -- wo
-hätte sie bis dahin auch Gelegenheit gefunden, sich in dieser Richtung zu
-bethätigen? -- Und da war es zugleich heiter und rührend, zu sehen,
-wie sie sich abmühte, ihren ungewohnten Pflichten gerecht zu werden.
-Glücklicherweise war Agathe da, die alte, langerprobte Köchin. Sie versah
-ihren Dienst so fest und sicher, daß alles ganz gut von Statten ging;
-auch war sie viel zu gutmüthig, um dem jungen Mädchen seine grüne
-Unerfahrenheit allzu fühlbar werden zu lassen. Mit der ernstesten Miene
-von der Welt ließ sie sich täglich von Dora den Speisezettel vorschreiben
-und sich einschärfen, wie die Gerichte bereitet werden müßten, daß
-sie sich für den Kranken eigneten, und daß sie kräftig genug seien
-und leicht verdaulich, um Justus für seine anstrengende Krankenpflege
-genügend zu stärken.
-
-Langsam und traurig zog die Zeit dahin. Eines Tages aber, als ich wieder
-in dem Häuschen vorsprach, um mich nach dem Befinden des Patienten zu
-erkundigen, wurde ich von Dora mit heiterer Miene empfangen. Und sonderbar!
-Erst jetzt, als sie wieder lächelte, bemerkte ich, wie schmal und blaß
-ihr liebliches Gesichtchen geworden war. Freudig theilte sie mir mit, daß
-der Arzt heute Alvyn gestattet hatte, für einige Stunden sein Bett zu
-verlassen. Wenn ich ein wenig warten wollte, könnte ich ihn sehen.
-
-Wie erschrak ich, als eine Viertelstunde später Alvyn, auf den Arm seines
-Bruders gestützt, in das Zimmer trat! Nicht er war es, der mir Schrecken
-einflößte. Seine Wangen waren wohl etwas bleicher als vordem, aber man
-erkannte sogleich, daß der Doctor nicht zu viel versprochen, indem er
-seine baldige Genesung in Aussicht gestellt. Justus' Aussehen dagegen
-erweckte meine Sorge. Seine Gesichtsfarbe war wachsgelb geworden, die
-Backenknochen traten scharf hervor, und die schönen, strahlenden Augen
-lagen tief eingesunken in ihren bläulich umränderten Höhlen und hatten
-allen Glanz verloren. Sollten die Anstrengungen der Pflege, die Nachtwachen
-und die Angst um den Bruder ihn so arg mitgenommen haben? Ich konnte es
-nicht recht glauben. Das aber wußte ich, daß er selbst einer
-Erholung bedürftiger war, als der an seiner Seite blühend aussehende
-Reconvalescent. Auch hielt ich es für meine Pflicht, aus meiner
-Meinung kein Hehl zu machen, und nachdem wir ein Weilchen über allerlei
-alltägliche Dinge geplaudert, erklärte ich Justus, ohne Umschweife, daß
-es an der Zeit sei, sich Ruhe zu gönnen, zu seiner Erholung etwa eine
-kleine Vergnügungsreise anzutreten. Alvyn und Dora, die mittlerweile auch
-eingetreten war, stimmten mir lebhaft bei. Justus aber betheuerte, daß er
-sich ganz wohl fühle, und wollte von einer Reise nichts wissen. Die kleine
-Ermüdung, die er ja nicht leugnen wolle, werde nun, da er jetzt nichts
-mehr zu thun und zu sorgen habe, bald von selber weichen. Ich glaubte ihm
-nicht, da aber alles weitere Drängen sich als nutzlos erwies, beschloß
-ich, mich hinter den Hausarzt zu stecken und diesen zu einem Machtwort in
-Betreff Justus' zu veranlassen. Als ich mich aber zu diesem Zwecke zwei
-Tage später bei meinen Freunden einstellte, empfing mich Justus und bat
-mich, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten, dessen Thür er zu meiner
-nicht geringen Verwunderung hinter uns absperrte.
-
-»Ich will nicht, daß wir gestört werden,« sagte er, indem er vor seinem
-Secretär Platz nahm und einen großen, von seiner Hand geschriebenen Bogen
-Papier entfaltete.
-
-»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,« fuhr er
-fort. »Als ich da vergangene Nacht wieder nicht schlafen konnte -- am
-Krankenbette Alvyn's habe ich mir das Schlafen fast ganz abgewöhnt -- da
-fiel mir ein, daß es angezeigt sei, ein wenig Ordnung zu machen und mein
-Testament niederzuschreiben. Man kann ja nie wissen, was geschieht. Und da
-möchte ich Sie nun ersuchen, dasselbe durchzusehen, ob es in seiner Form
-richtig abgefaßt ist.«
-
-Ich nahm das Testament und las. Alvyn und Dora waren darin zu gleichen
-Theilen als Erben von Justus' nicht unbedeutendem Vermögen eingesetzt. Als
-ich ihm das Schriftstück mit der Beruhigung zurückgab, daß dasselbe
-ganz rechtsgiltig verfaßt sei, konnte ich nicht umhin, die Bemerkung
-beizufügen, daß es wohl viel vernünftiger wäre, irgend etwas zur
-Kräftigung seiner Gesundheit zu unternehmen, als sich mit Todesgedanken zu
-tragen.
-
-Justus lächelte.
-
-»Nun, nun,« sagte er, »deshalb, weil ich mein Testament gemacht habe,
-glaube ich ja nicht, schon morgen oder übermorgen sterben zu sollen. Ich
-will ja nur alles in Ordnung gebracht haben -- für alle Fälle. Was Sie
-aber da von meiner Gesundheit sagen -- ich bin ja nicht krank, wirklich
-nicht. Wenn es aber dennoch bald mit mir zu Ende ginge, was läge weiter
-daran? Ich habe doch eigentlich genug gelebt, da ich niemandem mehr zu
-etwas nützlich bin. Im Gegentheile. Ich stehe dem Glücke der Anderen nur
-im Wege. Haben Sie es denn nicht bemerkt? Dora und Alvyn lieben sich ja.
-Dora wird sich aber nicht leicht dazu entschließen, mich zu verlassen und
-Alvyn's Frau zu werden, so lange ich lebe. Das gute Geschöpf würde es
-schwer übers Herz bringen, mich einer traurigen Einsamkeit anheimzugeben.
-Die Dankbarkeit, die sie glaubt, mir schuldig zu sein, würde ihr dies
-nicht erlauben.«
-
-Ich unterdrückte einen Seufzer.
-
-»Glauben Sie wirklich?« stotterte ich nicht ohne Verlegenheit.
-
-»Glauben! Was glauben!« wiederholte Justus. »Ich weiß es! Und wenn ich
-es auch nicht schon früher bemerkt hätte, so müßte ich es doch
-jetzt wissen. Hab' ich es doch gesehen, wie sie sich in Angst und Sorge
-verzehrte, als Alvyn krank darniederlag. Nachts, wenn ich aus seinem Zimmer
-trat, fand ich sie oftmals in Thränen, statt daß sie schlief. Ich gab ihr
-wohl keine Veranlassung dazu.«
-
-»Und wenn nicht Alvyn, sondern die Sorge um Dich, um Deine Gesundheit und
-Dein Leben die Ursache ihrer Thränen gewesen wäre?« -- schoß es mir
-plötzlich durch den Kopf. Doch gleich darauf kam mir dieser Gedanke so
-komisch vor, daß ich mich wohl hütete, ihn laut werden zu lassen.
-
-»Ja, wenn es aber auch wirklich der Fall sein sollte, daß Dora Alvyn
-liebt,« sagte ich, »sind Sie dessen auch gewiß, daß ihre Liebe erwidert
-ist?«
-
-Jetzt fuhr Justus auf.
-
-»Wie? Nicht erwidert? Dora's Neigung sollte nicht erwidert sein? Aber
-Alvyn müßte ja blind und blöde, ja geradezu blöde sein, wenn er dieses
-liebe Geschöpf nicht liebte. Ich bitte Sie, wie können Sie so etwas
-denken!«
-
-Dann warf er das Testament in die Lade seines Schreibtisches und fing
-an, im Zimmer auf und ab zu laufen. Mich beachtete er gar nicht mehr, so
-mächtig war die Erregung seines Gemüthes. Wieder waren mehrere Wochen
-vorübergegangen. Alvyn war völlig hergestellt und der letzte Abend vor
-seiner Abreise sollte uns Alle zum Abschiedsfeste vereinigen. Mir bangte
-davor, denn ich war überzeugt, daß es auch zum Verlobungsfeste werden
-sollte, und wenn ich es auch einsah, daß es für Justus besser sei, wenn
-die von ihm selbst vorausgesehene Entscheidung bald fiele, so wußte ich
-doch, daß dieselbe einen schweren Streich gegen sein Herz führen würde.
-
-Als ich das Haus betrat, begegnete mir Dora im Flur. Sie kam aus der
-im Erdgeschosse gelegenen Küche und hielt auf einem Glasteller einen
-mächtigen Kuchen in der Hand. Ihre Wangen waren vom Herdfeuer geröthet
-und freudige Heiterkeit blitzte aus ihren blauen Augen.
-
-»Welch lucullische Genüsse bereiten Sie da für uns?« frug ich, auf den
-Kuchen weisend.
-
-Sie legte den Finger an den Mund.
-
-»Bst, nicht so laut,« flüsterte sie. »Es soll eine Ueberraschung für
-Justus werden. Sein Lieblingsgericht, das ich selbst gebacken. Er wird
-Augen machen, wenn er erfährt, daß Agathe mir dabei gar nicht geholfen
-hat.«
-
-Schweigend stieg ich hinter Dora die Treppe hinan. Ich war ärgerlich
-gestimmt, Dora's Aufmerksamkeiten für Justus verdrossen mich, da ich
-wußte, daß sie ihn mehr quälen als erfreuen müßten. Ich folgte ihr in
-das Speisezimmer, wo sie den Kuchen auf den Credenztisch stellte und über
-und über mit Zucker bestreute.
-
-»Das ist der Zucker, mit dem sie die bittere Pille versüßen will, die
-sie ihm zu schlucken giebt,« dachte ich zornig.
-
-Sie aber lächelte vergnügt vor sich hin.
-
-»Glauben Sie, daß es ihn freuen wird?« frug sie.
-
-Ich gab keine Antwort, so böse war ich auf sie. Plötzlich aber fuhr ich
-los:
-
-»Warum quälen Sie den armen Justus unaufhörlich? Warum überhäufen Sie
-ihn mit Zuvorkommenheiten, die ihn nur peinigen können?«
-
-Ich hielt inne; meine eigenen Worte erschreckten mich. Dora aber blickte
-mich mit großen Augen staunend an.
-
-»Quälen?« wiederholte sie. »Ich quäle Justus?«
-
-»Wie denn nicht? Das müssen Sie doch selbst einsehen, daß Ihre
-Aufmerksamkeiten ihm Qualen bereiten müssen. Es kann Ihnen doch kein
-Geheimniß geblieben sein, daß er -- Ah, bah! Sie wissen ganz gut, was ich
-meine. Aber besser wäre es, Sie machten dem grausamen Spiele ein Ende
-und erklärten sich. Heute bei Alvyn's Abschiedsfest wäre der richtige
-Augenblick hiefür.«
-
-Dora wechselte die Farbe. Ein leichtes Zittern bewegte ihre Hand, die immer
-noch die Streubüchse festhielt, und ein dichter Zuckerstaub fiel neben dem
-Kuchen auf die Tischplatte nieder.
-
-»Sie glauben, daß Justus --,« lispelte sie kaum hörbar.
-
-»Sie liebt!« fiel ich ein. »Ja, das glaube ich nicht nur, ich weiß es.
-Und daß Sie mit Ihren koketten Künsten ihn nutzlos peinigen.«
-
-Ich war so erbost gegen sie, daß es mir ordentlich wohl that, sie zu
-kränken.
-
-Sie schwieg. Nur ein leiser Seufzer drang zwischen ihre Lippen. Ihr Gesicht
-konnte ich nicht sehen, denn sie hatte mir den Rücken zugewendet. Jetzt
-klappte sie den Deckel des Schrankes zu und schlüpfte hastig aus dem
-Zimmer.
-
-Mit gemischten Gefühlen blickte ich ihr nach. Ich schämte mich meiner
-plumpen Derbheit, und doch war ich wieder froh, das unhaltbare Verhältniß
-einer Krisis entgegengedrängt zu haben. Noch mehr aber freute ich mich
-dessen, als ich, in Justus' Zimmer tretend, die bleichen Wangen, die
-nervöse Unruhe meines wackeren Freundes sah. Es war wirklich hoch an der
-Zeit, daß diese unerquickliche Lage der Dinge ein Ende nahm.
-
-Trotz der anfänglich etwas befangenen und erregten Stimmung der Mehrzahl
-der Theilnehmer verlief das Festmahl in ungestörter Heiterkeit. Alvyn's
-übersprudelnde Lustigkeit wirkte ansteckend auf die Anderen, und frohes
-Lachen, muntere Scherzworte flogen von Lippe zu Lippe.
-
-Wir waren beim Dessert angelangt, und der mir bereits bekannte Kuchen wurde
-aufgetragen. Mit etwas scheuer Miene -- denn mein auf Dora gerichteter
-Blick verwirrte sie sichtlich -- und stockendem Tone murmelte Dora, wie
-geistesabwesend, ein paar Worte vor sich hin: daß sie den Kuchen selbst
-bereitet habe, um zu beweisen, daß sie in den Künsten der Küche nicht
-so ungeschickt sei, wie Justus stets behauptete. Weiter kam sie nicht; das
-spöttische Lächeln, das sie auf meinem Munde bemerkte, schnitt ihr das
-Wort ab.
-
-Jetzt aber erhob sich Alvyn von seinem Sitze und sein mit edlem Wein
-gefülltes Glas hochhebend, rief er:
-
-»Hurrah, hoch! die Hausfrau möge leben! Ich leere meinen Becher auf
-Dora's Wohl und auf das Wohl -- desjenigen, der das Glück haben wird, sie
-als Hausfrau heimzuführen!«
-
-Tiefes Schweigen folgte Alvyn's Worten. Doch nach wenigen Augenblicken
-erhob auch Justus sich, das Glas mit bebender Hand ergreifend. Er war sehr
-blaß geworden. Ein seltsames Leuchten verklärte den dunklen Glanz seines
-Auges.
-
-»Dora!« sagte er laut und langsam. »Ich schließe mich Alvyn's Wunsche
-an. Ich trinke auf das Wohl desjenigen, den Du liebst. Willst Du mir
-Bescheid thun?«
-
-Dora zögerte. Eine Secunde lang blickte sie unschlüssig vor sich ins
-Weite. Eine jähe Röthe überfluthete ihre Wangen und ihre Brust hob und
-senkte sich in heftigen Athemzügen. Doch jetzt erhob auch sie sich und
-griff nach ihrem Becher. Hell klangen die Gläser aneinander und Justus und
-Dora's Blicke begegneten sich, als wollte jeder tief sich in des Anderen
-Seele senken.
-
-»Gern thu' ich Dir Bescheid,« sagte Dora. »Es lebe der, den ich liebe!
-Er lebe hoch! -- Justus lebe hoch!«
-
-Justus' Glas fiel zu Boden, das köstliche Naß über den Teppich
-ergießend. Er selbst stand wie versteinert. Da flog Dora ihm an den Hals
-und küßte ihn wieder lebendig.
-
-Wir aber tranken auf das Wohl des Brautpaares. Ein Toast folgte dem anderen
-und die Nacht war weit vorgerückt, als ich in heiterster Stimmung mich auf
-den Heimweg machte.
-
-Wenige Wochen später fand Justus' Vermählung mit Dora statt. Dann
-traten sie eine Reise an, und als sie wieder in ihr trauliches Heim
-zurückkehrten, fand ich Justus völlig verändert. Kraft und Gesundheit
-lag über seiner Erscheinung. Sein Schicksal hatte ihm das beste Heilmittel
-gereicht -- das Glück.
-
-
-
-
-Fallendes Laub.
-
-
-Friede lag über dem Thale. Die ermüdete Herbstsonne badete das purpurne
-und gelbe Laub der Wälder in ihrem milden, sanften Glanz. Um die Kuppen
-der Berge ringelten sich weiße, flockige Nebelstreifen, lagerten sich
-schläfrig in die Schluchten und Risse, um dann an den zackigen, grauen
-Felswänden langsam emporzukriechen und, höher und höher steigend,
-im durchsichtigen, blassen Blau des Himmelsgewölbes sich allmählich
-aufzulösen.
-
-Das ganze Land, so weit das Auge sah, lag in zitterndem, goldigem Licht.
-Das letzte warme Lächeln des fliehenden Sommers glitt über das Antlitz
-der Natur, bevor sich ihr Auge zum winterlichen Schlafe schloß. Und um
-die Mittagszeit schien die Sonne noch so warm, daß man glauben konnte,
-der Herbst mit seinem Reif und Frost, der Winter mit seinem Schnee und Eis
-seien noch in weiter, weiter Ferne.
-
-Aber die klugen Schwalben ließen sich von dem gleißnerischen Lächeln
-nicht täuschen. Fast alle hatten schon den großen Zug nach dem Süden
-angetreten und jetzt rüsteten sich auch die letzten zum Aufbruch.
-Fröhlich zwitscherten sie ihren Abschiedsgruß in die linde, laue Luft.
-Geschäftig hin und her fliegend, ordneten sie sich in Gruppen und prüften
-sorgsam die Flugkraft ihrer jüngsten Kinder, um derentwillen sie ihre
-Abreise hatten verzögern müssen.
-
-Gleichgiltig sahen die Sperlinge den Reisevorbereitungen zu. Was kümmert
-es sie, ob und wann es Herbst wird. Sorglos hüpfen sie von Zweig zu Zweig,
-trippeln auf dem kurzen, grünen Rasen umher, gierig nach kleinen Würmchen
-ausschauend, oder baden sich behaglich im Staub der trockenen Erde. Wie
-graue, schlechtgewickelte Wollknäuel sitzen sie da und blasen sich auf,
-daß alle Federn emporstehen.
-
-Plötzlich fahren zwei dieser struppigen Wollknäuel laut pipsend in die
-Höhe. Ein seltsamer Schrei hat sie erschreckt. Und doch sollten sie an
-denselben schon gewöhnt sein. Es ist ja ein guter Bekannter, der
-ihn ausgestoßen hat. Tante Cölestinens Papagei, der, während seine
-Besitzerin in dem Lusthause mit einer Handarbeit beschäftigt sitzt, neben
-ihr auf einem in die Sonne gerückten Gestelle auf und nieder flattert.
-Bei trübem Wetter verhält er sich meist still und manierlich, wie es
-sich ziemt für den wohlgesitteten Genossen eines ruheliebenden, alten
-Fräuleins.
-
-Er schaukelt sich auf dem an seinem Gestelle befestigten Ringe, lacht und
-plaudert, und wenn es ihm gestattet wird, auf der Schulter seiner Herrin zu
-ruhen, drückt er schmeichelnd sein Köpfchen an ihre Wange und läßt sich
-aus ihrem Munde mit kleingekauten Milchbrötchen füttern.
-
-Wenn aber die Sonne so recht warm auf ihn herabscheint, dann erinnert der
-Vogel sich seiner fernen sonnigen Heimat und Sehnsucht erfaßt das kleine
-Herz. Er reckt und dehnt sich, schlägt mit den verschnittenen Flügeln,
-flattert empor -- und fällt mit einem lauten kreischenden Schrei zu Boden.
-
-Tante Cölestine begreift es nicht, daß der kleine Fremdling in seiner
-vieljährigen Verbannung seine Heimat in den Urwäldern Südamerikas nicht
-schon verschmerzt und vergessen hat. Es ging ihm doch so gut. An nichts
-fehlte es ihm. Reichliche, gesunde Nahrung, Schutz vor den Unbilden der
-Witterung und der Verfolgung raubgierigen Gethiers, freundliche, liebevolle
-Behandlung -- was konnte er noch mehr verlangen, wie konnte er sich nach
-Freiheit sehnen, wo er den schweren Kampf ums Dasein aufnehmen mußte
-und von vielfältigen Gefahren bedroht wurde? Mehr Verständniß brachte
-Cölestinens siebzehnjährige Nichte der Freiheitssehnsucht des kleinen
-Gefangenen entgegen. War ihr Schicksal dem seinen doch nicht unähnlich.
-
-Nach dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern, eines reichbegabten
-Künstlerpaares, von der Schwester ihres Vaters an Kindesstatt angenommen,
-fühlte auch sie sich in eine ihr fremde, sie beengenden Welt versetzt.
-Trotz der innigen Liebe und Dankbarkeit, mit der sie an der Tante hing,
-deren Güte alle Sorgen und Lasten des Lebens von ihr fernhielt, war es
-ihr doch manchmal zu Muthe, als müsse sie die Flügel spannen und in die
-weite, schöne Welt hinausfliegen, von welcher sie in der verklärenden
-Erinnerung jener Zeit, da sie an der Seite ihrer Eltern ein reiches,
-glückliches Leben gelebt, ein so verlockendes Bild in ihrem Inneren trug.
-Aber auch ihr waren ja die Flügel geschnitten, und die gute Tante meinte,
-daß die Freiheit nur ein illusorisches Glück und das wahre Glück viel
-eher in dem stillen Frieden ihrer einsamen Zurückgezogenheit, denn in
-dem wüsten Sturm und Drang der Welt zu finden sei. Und nicht ohne Sorge
-gedachte sie der Zukunft, wenn ihre Augen sich für immer schließen
-würden und das junge Mädchen ohne Schutz und Stütze den vielfachen
-Gefahren und Versuchungen des Lebens preisgegeben sein werde. Doch
-vielleicht war jener Augenblick, da Gott sie abberufen würde, noch
-ferne. Noch fühlte sie sich gesund und rüstig und sie wußte, daß die
-Grundsätze, welche sie in die jugendliche Seele zu pflanzen bemüht war,
-eine feste Rüstung seien, um sie in der Stunde des Kampfes siegreich
-bestehen zu lassen.
-
-Mit unerschütterlicher Geduld hatte Cölestine sich abermals von ihrem
-Sitze erhoben, um den Papagei, der zum so und so vieltenmale mit schrillem
-Aufschrei von seinem Metallringe herabgeflattert war, und nun verzagt und
-enttäuscht um sich blickend, auf dem Boden des Lusthäuschens hockte,
-wieder auf sein Gestell emporzuheben. Mit liebkosender Hand glättete
-sie sein gesträubtes, grünes Gefieder, küßte ihn, und mit dem Finger
-drohend, redete sie ihm freundlich zu, Ruhe zu halten.
-
-»Sieh' nur, Betti, wie thöricht unsere Lora heute wieder ist,« sagte
-sie, sich lächelnd zu ihrer mit raschen Schritten sich nähernden Nichte
-wendend. »Durchaus fort will das Närrchen. Es ahnt nicht, welche Gefahren
-in der weiten Welt seiner harren würden und daß es in der ersehnten
-Freiheit umkommen müßte.«
-
-Aber Betti schenkte den Worten der Tante keine Aufmerksamkeit. Ein
-Zeitungsblatt hastig hin und her schwenkend, stand sie mit hochgerötheten
-Wangen und blitzenden Augen vor der sie verwundert anblickenden alten Dame.
-
-»Ach, Tantchen,« rief sie und ihre Stimme zitterte vor innerer Bewegung.
-»Welch ein Unglück, daß wir gerade diesmal die Zeitung nicht früher
-durchgesehen haben. Hier ist das Programm mitgetheilt von dem gestern Abend
-in der Stadt gegebenen Concerte. Und denke nur, ein junger Sänger, einer
-von den Schülern meines Vaters, hat darin mehrere von Papas Liedern
-gesungen. Und nun waren wir nicht dabei!«
-
-Tante Cölestine nahm das Blatt, las und nickte langsam mit ihrem
-weißhaarigen, mit einem kleinen Spitzenhäubchen bedeckten Haupte.
-
-»Hm -- hm, das ist freilich recht schade,« meinte sie. »Es wäre ja
-schön gewesen, die hübschen Lieder singen zu hören.« In ihrem Inneren
-aber erwog sie, ob dieser Zufall, daß sie von der Sache nicht rechtzeitig
-erfahren hatte, nicht eine Fügung Gottes gewesen sei. Sie würde Betti's
-Drängen, das Concert zu besuchen, jedenfalls nachgegeben haben und sie
-wußte aus Erfahrung, daß jede Berührung mit der Außenwelt, jedes
-Concert und jede Theatervorstellung einen Sturm in des jungen Mädchens
-Seele hervorrief, dessen leidenschaftliche Sehnsucht nach der großen
-Welt heftig entfachend. Und langer Zeit bedurfte es immer, bis die Wirkung
-solcher Ereignisse beseitigt wurde und das jugendlich stürmische Herz
-wieder zur Ruhe kam.
-
-Dann legte sie das Blatt fort und griff wieder nach ihrer Handarbeit.
-
-»Grüß Di' Gott', grüß Di' Gott!« rief der Papagei und reckte sich, so
-weit er konnte, Betti entgegen, die sein Liebling war.
-
-Betti faßte ihn und setzte ihn auf ihre Achsel.
-
-»Hast Du Deinen englischen Aufsatz für Miß Evans schon geschrieben?«
-unterbrach die Tante nach einer Weile das eingetretene Schweigen. »Morgen
-früh hast Du ja wieder Stunde.«
-
-Betti nickte stumm. Dann schwiegen sie wieder beide. Nur der Papagei
-plauderte und drehte sich und tanzte auf Betti's Schulter, als ob er ihre
-Verstimmung fühlte und sie erheitern wollte.
-
-Plötzlich wandte Betti sich wieder an ihre Tante.
-
-»Glaubst Du, daß Herr Reichel schon abgereist sei?«
-
-Die Befragte blickte erstaunt auf.
-
-»Herr Reichel -- wer ist das?«
-
-»Nun, der Sänger. In der Zeitung steht ja sein Name.«
-
-»Ach so! Ich habe es wirklich nicht beachtet, wie er heißt. Aber wie soll
-ich wissen, ob er schon abgereist ist, und warum interessirt Dich das?«
-
-»Na, ich dachte nur so. Wenn er etwa noch in der Stadt weilte, so
-könntest Du vielleicht, als die Schwester seines ehemaligen Meisters, ihn
-für heute Abend oder morgen zu Tische laden. Und da könnte er uns einige
-Lieder vorsingen.«
-
-Der Ausdruck des Mißfallens breitete sich über das Angesicht des alten
-Fräuleins.
-
-»Wie Du nur auf solch abenteuerliche Ideen verfallen kannst, Betti!«
-sagte sie vorwurfsvoll. »Was geht dieser fremde Mensch uns Beide an? Dein
-Papa hatte gar viele Schüler. Wenn wir die alle zu uns rufen wollten!«
-
-Betti blickte beschämt zu Boden.
-
-»Ja, Du hast recht, Tante,« sagte sie bescheiden. »Sei nicht böse. Es
-war ein gar alberner Gedanke von mir.«
-
-»Ich bin ja nicht böse, liebes Kind,« antwortete die Tante rasch
-besänftigend. »Jung, wie Du bist, fehlt Dir eben noch das reife Urtheil
-für das, was sich schickt und ziemt.«
-
-Durch Betti's Brausekopf schoß der Gedanke, daß ihre Eltern an ihrem
-Vorschlage nichts Unpassendes gefunden haben würden. Die Frage drängte
-sich ihr auf, ob jene mit ihren freieren Anschauungen, oder die Tante mit
-ihrer peinlichen Vorsicht, ja nichts Ungewöhnliches zu thun, ja nicht
-einmal zu denken, mehr recht hätte? Aber sie wußte sich keine Antwort
-auf diese Frage zu geben. Und wieder, wie so oft legte sich das Gefühl
-drückender Beengung auf ihr Gemüth.
-
-Die Tante ließ ihr aber nicht lange Zeit, über solche nutzlose Dinge
-nachzugrübeln. Sie hatte allerlei Aufträge für sie. Die frisch
-gebügelte Wäsche mußte revidirt und in den Schränken eingeordnet
-werden; der Gärtner war gekommen, um Rechnung zu legen über einige Körbe
-Obst aus ihrem Garten, das er in der Stadt verkauft hatte, und mit dem
-Dachdecker mußte man Rücksprache nehmen, daß er eine schadhaft gewordene
-Ecke des Hausdaches ausbessere, bevor die schlechte Jahreszeit mit ihren
-langen und ausgiebigen Herbstregen eintritt. Rasch und willig unterzog sich
-Betti der gewohnten Erfüllung derartiger Pflichten. Nachdem sie aber alles
-zur vollen Zufriedenheit ihrer Tante besorgt hatte und diese sich, der
-einbrechenden Abendkühle wegen, in ihr Zimmer zurückzog, da schlüpfte
-Betti in den Gartensalon, in welchem ein prächtiger Steinwayflügel stand,
-ein Vermächtniß ihres Vaters, ein gar lieber Genosse ihrer Einsamkeit und
-eine reiche Quelle glücklicher Augenblicke.
-
-Bald hatte sie auf dem nebenan gerückten Notenschränkchen das Gesuchte
--- das von ihrem Vater componirte Liederheft -- gefunden und wenige
-Augenblicke später klang ihre frische, klare Stimme in lieblichen
-Tonwellen hinaus in den stillen Frieden des von den goldenen Strahlen der
-sinkenden Sonne durchglühten Alpenthales.
-
-Es war Lenau's »Wunsch«, den sie gewählt hatte, eines jener Lieder,
-die, wie dem Programme entnommen, der fremde Sänger in dem am verflossenen
-Abend in der eine Wegstunde entfernten Stadt gegebenen Concerte zum
-Vortrage gebracht, und welche zu hören, ein unglücklicher Zufall sie
-verhindert hatte. Sie sang:
-
- »Fort möcht ich reisen weit, weit in die See,
- O meine Geliebte mit Dir allein!
- Die Dränger und Lauscher und kalten Störer,
- Sie hielt uns ferne der wallende Abgrund,
- Das drohende Meer,
- Wir wären so sicher und selig allein!
- Und käme der Sturm,
- Ich würde Dich halten an meiner Brust.
- Wenn donnernde Wogen zum Himmel schlügen,
- Doch höher schlüge mein trunkenes Herz;
- Und meine Liebe, die ewige, starke,
- Sie würde frohlockend Dich halten im Sturm.
- Du würdest zitternd mir blicken ins Auge
- Und würdest erblicken, was nimmer scheitert in allen Stürmen
- Und würdest lächeln und nicht mehr zittern.
-
- Sieh', nun ermüdet der tobende Aufruhr,
- In Schlummer sinken die Wellen und Winde,
- Und über den Wassern ist tiefe Stille.
- Da ruhst Du sinnend an meiner Brust.
- So tiefe Stille: mein lauschendes Herz
- Hört Antwort pochen Dein lauschendes Herz.
-
- Wir sind allein, doch flüsterst Du leise,
- Um nicht zu stören das sinnende Meer,
- Nur sanft erzittern die Lippen Dir,
- Die schwellenden Blätter der süßen Rose;
- Ich sauge Dein Wort,
- Den klingenden Duft der süßen Rose.
-
- Im Osten hebt sich der klare Mond.
- Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen,
- Und ich bedecke, selig wie er,
- Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,
- Mit feurigen Küssen.«
-
-Ein jäher Schrecken ließ sie aber verstummen, als bei dem Verse: »Dein
-liebes Antlitz, den schöneren Himmel --« eine klangvolle Baritonstimme in
-die Melodie einfiel und das Lied zu Ende sang, schöner, herrlicher als sie
-es je gehört.
-
-Und aufblickend sah sie hinter der vom Salon auf die mit dem Garten durch
-eine Freitreppe verbundene Terrasse führenden und jetzt offen stehenden
-Glasthür die Gestalt eines schlanken jungen Mannes auftauchen, der den
-Hut ziehend, vom Thürstock wie vom Rahmen eines Bildes umfaßt, auf der
-Schwelle stehen blieb.
-
-Erst nachdem er das Lied vollendet und sich noch einige Secunden an
-der grenzenlosen Verblüffung Betti's, die, gleichsam erstarrt, auf ihn
-schaute, mit lächelnder Miene geweidet hatte, verbeugte er sich tief vor
-dem jungen Mädchen. Und ohne näher zu treten, sprach er:
-
-»Verzeihen Sie dem Eindringling, mein Name ist Oswald Reichel. Zufällig
-erfuhr ich, daß die Schwester und die Tochter meines verehrten Meisters
-hier wohnen, und da wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen,
-sie aufzusuchen.«
-
-Betti hatte unterdessen Zeit gefunden, sich zu fassen. Sie erhob sich und
-trat dem Fremden grüßend entgegen.
-
-»Fräulein Betti? -- ich irre wohl nicht?« frug dieser zögernd. »Sie
-erinnern sich meiner wohl kaum mehr? Zu viele Schüler Ihres Vaters gingen
-in Ihrem Hause ein und aus. Und Sie waren ein so kleines Mädchen, als ich
-Sie zuletzt gesehen.« Dabei machte er mit der Hand ein Zeichen, welches
-bedeutete, daß sie ihm damals etwa bis zum Ellbogen reichte.
-
-Betti lachte. Als der Künstler aber ihr seine Hand zum Gruße reichte und,
-als sie in dieselbe einschlug, als er die ihrige an seine Lippen führte,
-erröthete sie tief. An derartige Huldigungen war sie noch nicht gewöhnt.
-
-Sie stotterte etwas von ihrer Tante, und daß sie dieselbe von seinem
-Besuche benachrichtigen müsse, und im nächsten Augenblicke war sie zur
-Thür hinausgehuscht.
-
-»Ein allerliebstes Backfischchen!« murmelte der junge Mann lächelnd.
-»Noch etwas grün, aber doch ganz reizend.«
-
-Dann blickte er sich im Zimmer um, hielt von der Terrasse aus rasche
-Umschau über den Garten und, noch immer allein, setzte er sich an den
-Flügel und begann zu präludiren.
-
-Betti war mittlerweile zu ihrer Tante hinaufgeeilt, diese kam ihr schon
-entgegen.
-
-»Wer hat unten gesungen?« rief sie ihr von weitem zu.
-
-»Denke nur, Tantchen, er ist gekommen!« rief Betti athemlos.
-
-»Ja, wer denn?«
-
-»Er, Oswald Reichel!«
-
-Die Tante warf den Kopf zurück: »Welche Aufdringlichkeit!« murmelte sie
-ärgerlich. »Und so spät am Abend bei Fremden einen Besuch abstatten.
-Nun, hoffentlich bleibt er nicht lange.« Dann aber fügte sie nachdenklich
-hinzu: »Da er aber nun schon da ist -- und weil er ein Schüler meines
-seligen Bruders, so werden wir ihn wohl zum Abendessen bitten müssen.
-Sieh' einmal rasch in der Küche nach. Anna soll etwas Schinken
-aufschneiden. Mit dem Uebrigen wird es reichen. Ich will einstweilen in den
-Salon gehen, den Herrn zu begrüßen.«
-
-Betti that, wie ihr geheißen, und als sie zehn Minuten später in das
-Gartenzimmer trat, fand sie die Tante mit dem fremden jungen Mann bereits
-in ein ganz heiteres Gespräch vertieft. Vor seinem jovialen, unbefangen
-herzlichen Tone vermochte ihre anfänglich etwas steife Zurückhaltung
-nicht Stand zu halten. Er wußte tausend schnurrige Anekdoten aus
-Künstlerkreisen zu erzählen, welche die alte Dame bis zu Thränen
-lachen machten, und sprach mit einer das Herz der Schwester aufs tiefste
-rührenden Verehrung von ihrem Bruder, seinem Meister, dem er all sein
-Können und -- so ihm solche beschieden seien -- alle weiteren Erfolge zu
-danken haben würde. Ihre völlige Sympathie aber gewann er sich, als
-er eine begeisterte Lobeshymne über die stille Zurückgezogenheit ihres
-Landlebens anstimmte und erklärte, daß er sich nichts besseres wünsche,
-als nach einer Reihe von Jahren seine Laufbahn in einem selbsterbauten,
-traulichen Nestchen fern von dem lauten Treiben der Welt, beschließen zu
-dürfen.
-
-Betti fühlte sich durch die sprudelnde Unterhaltung des jungen Mannes in
-die glückliche, frohe Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt. Ihr war es,
-als hörte sie den Wellenschlag eines mächtigen Stromes neben sich
-aufrauschen, in den es sie sehnsuchtsvoll zog sich hineinzustürzen,
-um, mit kraftvollem Arm seine Wogen durchschneidend, einem fernen,
-glückverheißenden Ziele entgegenzuschwimmen. Aber in stille Seligkeit
-versank sie, als der Künstler, ohne erst eine an ihn gestellte Bitte
-abzuwarten, sich nach dem Abendessen vom Tische erhob, und an dem noch
-geöffneten Piano Platz nehmend, die ihr theueren Lieder ihres Vaters
-vortrug. Eine Empfindung süßester Weltentrücktheit überkam sie. Unter
-dem gewaltigen Eindrucke, den die Musik auf begeisterungsfähige Gemüther
-zu üben so geeignet ist, fühlte sie ihre Seele gleichsam hinschmelzen
-in einem Meere wonnevollen, schönheitstrunkenen Entzückens. Und fast
-schmerzhaft berührte es sie, als der Sänger, dem als Priester höchster
-Kunstoffenbarung solch zaubermächtige Gewalt über ihr ganzes Wesen
-gegeben war, sich plötzlich von seinem Sitze am Clavier erhob und, in
-seinem gewöhnlichen, fast etwas burschikosen Tone die Bemerkung machte,
-daß er seinen Besuch wohl über Gebühr ausgedehnt habe und die Damen nun
-nicht länger belästigen dürfe.
-
-Tante Cölestine hielt ihn nicht zurück, von beiden Seiten wurde ein
-herzlicher Abschied genommen, und nachdem Reichel die wiederholten
-lebhaften Dankesversicherungen für den bereiteten Kunstgenuß, wie er sich
-lachend ausdrückte, »dankend quittirt« hatte, empfahl er sich nochmals
-und verließ das Haus.
-
-»Es ist in der That spät geworden,« sagte die Tante, nach seinem
-Weggehen auf die Uhr blickend. »Es ist Schlafenszeit.« Und dann zu Betti:
-»Ich will einstweilen vorausgehen, kommst Du bald nach?«
-
-»Ja, Tante, ich komme gleich,« sagte Betti träumerisch, während sie
-sich mit der Ordnung der zerstreut umherliegenden Notenhefte zu thun
-machte. Dann aber, als Cölestine weggegangen war, trat sie über die
-Terrasse ins Freie. Es war ihr jetzt unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Alles
-wogte, gährte, fieberte in ihrer Seele. Im Frieden der Natur wollte sie
-erst Frieden suchen für ihr eigenes stürmendes Herz.
-
-Eine wunderbare Nacht lag über der schlummernden Erde. Die Sterne
-flimmerten und glänzten, als lächelten sie verständnißvoll zu ihr
-hernieder. Leises Rauschen ging durch das welkende Laub der Bäume;
-einzelne Blätter lösten sich und fielen knisternd zu Boden. Ueber einer
-der bewaldeten Bergeskuppen lag heller Schein. Und jetzt, plötzlich, mit
-einem Rucke, hob sich der Stand des Mondes über der Kante des Berges und
-übergoß, höher und höher steigend, die ganze Landschaft mit seinem
-milchweißen Lichte.
-
-Ein leiser Schrei entfuhr Betti's Lippen. Denn als sie, um eine Baumgruppe
-biegend, den Weg zur Ausgangsthür des Gartens weiter schritt, sah sie
-plötzlich Reichel vor sich stehen. Sie wollte nach dem Hause zurück. Doch
-schon hatte er sie bemerkt.
-
-»Welch eine herrliche Nacht! Welch wunderbares Bild!« rief er. Und dann
-dicht an sie herantretend, klang es im süßesten, sanftesten =sotto voce=
-von seinen Lippen:
-
- »Im Osten hebt sich der klare Mond,
- Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen.
- Und ich bedecke, selig wie er,
- Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,
- Mit feurigen Küssen!«
-
-Und nun breitete er seine Arme aus, umfaßte sie und bedeckte ihr Antlitz
-mit Küssen, ihre Augen, ihre Stirn, ihren Mund.
-
-Sie sträubte sich nicht. Sie schloß die Augen und athmete schwer. Ein
-Sturm zog durch ihre Seele, halb Schmerz, halb Seligkeit, und ihr war es,
-als müsse sie vergehen unter seinen Küssen.
-
-Plötzlich klirrte ein Fenster.
-
-»Betti, so komme doch, es ist schon spät!« ließ sich der Tante Ruf
-vernehmen.
-
-Da riß sie sich los und floh ins Haus.
-
-Der Mond lächelte in ihr Zimmer und sah, daß sie die ganze Nacht ihr
-Auge nicht im Schlummer schloß. Er sah, wie sie ihr Angesicht zwischen den
-Händen verhüllte und weinte -- bitterlich. Stirn, Augen, Mund, die
-der fremde, junge Mann geküßt, brannten ihr vor Scham. Einen schweren
-Fehltritt glaubte sie begangen zu haben, der sich nie, niemals wieder
-tilgen ließ, der sie für immer aus der Reihe der guten und reinen
-Menschen schied.
-
-Gegen Morgen erhob sich ein heftiger Nordweststurm, massige schwarzgraue
-Wolken vor sich herschiebend. In dichter Menge schüttelte er die Blätter
-von den Bäumen, hier in wirren Knäueln sie durcheinander wirbelnd, dort
-zu kleinen Hügeln zusammenfegend.
-
-Betti verließ früh ihr schlummerloses Lager. Sie ging in den Garten und
-ließ es willig geschehen, daß der Wind ihr Haar zerzauste und einzelne
-schwere Regentropfen in ihr Antlitz warf. Der lange, todte Winter,
-der seine Vorboten in Sturm und Regen vorausschickte, paßte für ihre
-Stimmung. In ihrem Inneren sah es auch so aus. Sie fühlte sich müde, und
-ihr war es, als sei etwas erstorben in ihrem Herzen.
-
-Freilich wußte sie, daß der Frühling wiederkommen und alles zu neuem
-Leben und zu neuer Blüthe erwecken werde, was jetzt in Scheintodt erstarb.
-Noch aber ahnte sie es nicht, daß der Frühling ihrer Seele nicht geknickt
-war, daß auch ihre Jugend wieder erwachen würde -- froh und kraftvoll.
-
-
-
-
-Franzi's Weihnacht.
-
-
-Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde, braune Felder,
-auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der vergangenen Nächte geknickte
-Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe hinstreckt, kahle Bäume, die, um
-ihr grünes Laubgewand klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken,
-der sich grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf die
-Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge sich stützend, die
-in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt, von ihren schroffen Höhen
-bleich und ernst herabblicken.
-
-Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten Strahlen das
-schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen, nur ein etwas heller
-Fleck zeigt den Punkt an, wo sie verborgen steckt.
-
-Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu dem südlich von
-der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde entfernt liegenden 1957
-Meter hohen Untersberg führt, schreitet wacker ausgreifend eine kleine
-Gesellschaft fürbaß: zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder.
-
-»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht wird es
-noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine der Männer, einen
-besorgten Blick nach dem Westen werfend, dorthin, wo die bayerische
-Ebene an das österreichische Gebiet grenzt und für die Salzburger alle,
-schlechtes Wetter oder Sturm bringende Wolken heraufziehen.
-
-Der Andere zuckt die Achseln.
-
-»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf müssen wir.
-Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf dem Berge, und gestern,
-wie ich herunter bin, hab' in den Weg frei gemacht, so gut ich können
-hab'. Wenn es aber noch einmal schneit, dann bringen wir die da nimmer
-hinauf.«
-
-Die, von welchen der Mann spricht, das sind sein Weib und seine Kinder.
-
-Keine leichte Arbeit ist es fürwahr, die den guten Leuten zu vollbringen
-obliegt. Tüchtige Kräfte brauchen unter günstigen Verhältnissen fünf
-Stunden zum Aufstieg vom Fuße des Berges bis zu dem nahe am »Geiereck«
-gelegenen Schutzhause. Der Weg ist steil und beschwerlich und jetzt mit
-frischem, weichem Schnee bedeckt, die Kinder sind noch klein. Franzi, der
-Bube, ist noch nicht acht und das Mädchen gar erst drei Jahre alt, und die
-Mutter eine kränkliche Frau und des Bergsteigens ungewohnt. Aber der Vater
-hat recht, auf den Berg hinauf müssen sie; damit wird dem Elende ein Ende
-gemacht, aus dem sie jahrelang vergeblich herauszukommen ringen und das
-nun schon so groß geworden, daß sie die rückständigen drei Gulden
-Monatsmiethzins für ihr armseliges Dachzimmer im Dorfe Max-Glan nicht
-aufzubringen vermochten und von dem Jammer bedroht waren, bei der
-nächstfälligen Rate obdachlos zu werden. Denn Vincenz Reitmeier ist
-ein armer Taglöhner und nun schon geraume Zeit, trotz seiner eifrigsten
-Bemühungen, Arbeit zu finden, ohne Erwerb. Das bißchen Ersparte und der
-geringe Erlös für ein paar verkaufte Kleider und Möbelstücke war bald
-aufgezehrt, um Brot und Kartoffel zu kaufen, und Karl, der Bruder der Frau,
-ein armer Tagwerker wie sein Schwager, konnte auch nicht Rath und Hilfe
-schaffen.
-
-Da traf es sich, daß der österreichische Alpenverein im Spätherbst einen
-Hüter des von ihm kürzlich erbauten Untersberger Schutzhauses suchte,
-welcher für die Obliegenheit, den Winter über das Häuschen zu bewohnen
-und gewisse meteorologische Beobachtungen anzustellen, über welche er
-in bestimmten Zeiträumen im Comptoir der Salzburger Section des Vereines
-Bericht zu erstatten hat, zweihundert Gulden Bezahlung erhält. Vincenz
-hörte davon und dachte, wenn er diese Stelle annähme, so wäre ihm
-geholfen. Mit den zweihundert Gulden läßt sich während des ganzen
-Winters sein und seiner Familie Lebensunterhalt bestreiten, und im
-Frühjahr findet sich wohl leichter wieder Arbeit.
-
-Mancher seiner Freunde redete ihm zwar davon ab, sich um den Posten zu
-bewerben; zu schlimme Dinge hatte der Mann, der im verflossenen Winter
-mit Weib und Kind da oben gehaust, von seinem Aufenthalte erzählt, und um
-keinen Preis würde er eine Wiederholung desselben auf sich nehmen. Hungern
-und frieren mußten sie, daß es eine Art hatte. Selbst im Anfange, als sie
-noch Holz zur Feuerung hatten, brachten sie die Temperatur ihrer Stube
-oft nicht höher als auf drei Grad Reaumur Wärme. Und dann, als das Holz
-ausgegangen war und die dichte tiefe Schneedecke nur mit Mühe und Noth ein
-bißchen Reisig zusammenzubringen ermöglichte, da ward es natürlich noch
-ärger. Um nichts besser ging es mit der Beschaffung von Lebensmitteln.
-Freilich hatte er sich vor Eintritt starken Schneefalles mit Proviant
-versorgt, den er auf dem Rücken eines Esels auf die Höhe des Berges
-beförderte. Aber die Vorräthe an Lebensmitteln gingen schneller als
-gedacht zur Neige, und als so tiefer, lockerer Schnee auf dem Berge lag,
-daß es unmöglich war, den Abstieg zu unternehmen, konnten sie, wochenlang
-auf die geringen Reste des vorhandenen Vorrathes angewiesen, sich keinen
-Tag satt essen.
-
-Als aber Vorstellungen härtester Beschwerlichkeiten nichts nützten, weil
-Vincenz meinte, man könne denselben durch eine praktische Vorsorge wohl
-vorbeugen, da hielt man ihm auch die von anderer Seite her drohenden
-Gefahren vor Augen. Man erinnerte ihn, daß das Untersberger Schutzhaus
-den vielen Wilderern und Schmugglern -- denn die bayerisch-österreichische
-Grenze zieht sich über diesen Berg -- ein Dorn im Auge und von denselben
-in früherer Zeit schon wiederholt durch Feuer vernichtet worden sei. Auch
-wäre er da oben wohl seines Lebens nicht sicher, sei es doch erst vor
-wenigen Jahren geschehen, daß der Wächter des Unterstandshauses auf dem
-Mallnitzer Tauern ermordet worden.
-
-Aber auch diese Bedenken verfingen nicht.
-
-Auf dem Tauern, meinte Vincenz, könne so etwas wohl vorkommen; diesen
-Gebirgssattel passirten allerlei herumziehende Vagabunden, die im
-Unterstandshause Nachtquartier nehmen. Den Untersberg werde aber keiner
-solcher Strolche eigens zu dem Zwecke besteigen, um an einem armen Teufel,
-wie er es sei, der selbst kaum genug zum Leben habe, einen Raubmord zu
-verüben. Und kurz und gut: er fürchte sich nicht und sein Weib auch
-nicht. So ward es von ihnen beschlossen, daß Vincenz sich bei der
-Salzburger Alpenvereinssection zur Uebernahme des vacanten Wächterpostens
-melden sollte. Er that es und bekam die Stelle. Da fiel es ihm nun aber
-ein, daß es wohl gut wäre, wenn er dieselbe nicht wie sein Vorgänger
-im verflossenen Winter, bei beginnendem Frühling einem Anderen abtreten
-müsse, sondern sie auch den Sommer über behalten dürfe, wo die
-Verpflegung der den Berg besteigenden Touristen und Jagdfreunde einen
-kleinen Verdienst einbrächte. Auch wäre es für den Winter allein wohl
-kaum der Mühe werth, die mühevolle und beschwerliche Uebersiedlung mit
-Weib und Kind zu unternehmen. Er suchte daher um Verlängerung seines
-Engagements bis zum Herbste nach. Da für den Sommer aber ein Anderer,
-derselbe, der die Stelle in der letzten Saison innegehabt und mit dem man
-keine Ursache hatte, unzufrieden zu sein, in Aussicht genommen war, so zog
-sich die Unterhandlung mit Vincenz in die Länge, und als die Entscheidung
-endlich zu seinen Gunsten getroffen wurde, war unterdessen der Winter
-eingebrochen und der erste Schnee gefallen.
-
-Doch wohlgemuth begab Vincenz sich an die mühselige Arbeit, in
-wiederholten anstrengenden Märschen den nöthigen Proviant auf seinen
-Schultern auf den Berg zu schaffen, und zuversichtlichen und freudigen
-Herzens machte die Familie sich auf den Weg nach der von stolzer Höhe
-herabblickenden neuen Behausung, die ihnen eine, wenn auch wahrlich nicht
-minder beschwerliche, so doch dem bittersten Elend enthobene Existenz
-versprach.
-
-Das kleinste der Kinder, das nur wenige Monate zählte, war in Pflege
-gegeben worden, die beiden größeren wurden mitgenommen.
-
-Es war ein unfreundlicher, trüber Tag um die Mitte December, und als sie
-bei dem am Fuße des Berges liegenden Gasthause »zur Rositte« anlangten,
-wo der Fußsteig in den herrlichen Nadelwald einbiegt, fing es bereits zu
-schneien an, und das kleine Mädchen weinte vor Müdigkeit und Kälte.
-Man mußte sich entschließen, es den Wirthsleuten in Obhut zu geben; am
-folgenden Tage wollte der Vater es abholen. Die Anderen setzten ihren Weg
-fort. Langsam, aber gleichmäßig ausschreitend, ging es den steilen,
-von Baumwurzeln durchzogenen, mit gelbem Laub und dürren Kiefer- und
-Fichtennadeln bedeckten, schmalen Fußpfad empor.
-
-»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen aufblickend, »das
-sind ja lauter Lichterbäume -- aber ohne Lichter.«
-
-Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die am Wohlthun ihre
-Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen worden. Und mehr noch als die
-Geschenke, mit welchen er dabei überrascht wurde, hatte der hohe, vom
-Boden bis zur Zimmerdecke ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und
-zahllosen Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz
-einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder Tannen- und
-Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm jene unvergeßlich schöne
-Erinnerung wach. Und heute, als sie sich auf die Wanderung begaben,
-hatte der Vater ihm versprochen, daß er am Christabend einen ebensolchen
-»Lichterbaum« bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege auf den
-Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch Weinen ängstige. Und
-diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung flößte ihm Muth und Kraft
-ein und tapfer trabte er mit seinen kleinen Beinen an der Hand seines
-Vaters den steilen Weg hinan.
-
-So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die gedrängt stehenden Bäume
-den stets dichter herabwirbelnden Schnee zum Theile abhielten, auch
-der Boden noch ziemlich schneefrei war, ging der Aufstieg noch
-verhältnißmäßig gut von Statten.
-
-Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die lang sich hinstreckende
-Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes, dunkelgrünes Weidegras üppig
-emporsprießt, jetzt aber frischer lockerer Schnee lag, in welchem die
-Wanderer bis zum Knie und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken,
-da steigerte sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl
-packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter zu dringen
-vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern und Vincenz half seinem
-Weibe vorwärts, welches schwer athmend und schweißüberströmt alle
-Energie aufbot, um gegen die überwältigende Macht des feindlichen
-Elementes anzukämpfen und das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der
-Weg durch die stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die
-ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden,
-undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß es der peinlichsten
-Vorsicht und der durch die in den letzten Wochen häufig wiederholten
-Besteigungen des Berges erworbenen sichersten Ortskenntniß der beiden
-Männer bedurfte, um sie die Richtung nicht verlieren, und auf einen der
-gefährlichen Ab- und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange
-entgegen gehen zu lassen.
-
-Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden Kräften zu neuem
-Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt blickte Vincenz auf
-seine Frau, als er sah, wie sie stehen bleibend, ihre Hand auf ihr zum
-Zerspringen klopfendes Herz preßte und keuchend nach Athem rang.
-
-»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du dermachst es
-nicht,«*) sagte er ängstlich.
-
- *) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht zuwege.«
-
-Doch der Anfall ging vorüber.
-
-»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete die Frau. »Was
-wär' denn unten mit uns g'worden? Nix mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu
-Grund' gangen wär'n wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung
-und a bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn auf'n Berg
-steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da oben wird's schon besser
-werd'n. Nit nur für uns selber hab'n mir's thun müssen, daß mir aufi
-g'stieg'n san, sondern auch für unsere Kinder.«
-
-Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn sie nur erst oben
-wären! Ihm ward so bange.
-
-Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie zur »steinernen
-Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo zwischen dem gähnenden
-Abgrund an der einen und der schroff und glatt ansteigenden Felsenwand von
-der anderen Seite zur Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein
-gehauen sind.
-
-Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten und versuchten es, mit
-ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen so weit von Schnee zu befreien,
-daß die Gefahr nicht allzu nahe lag, durch einen Fehltritt in die
-nachgiebig poröse Schneemasse rettungslos in die schreckliche Tiefe zu
-stürzen.
-
-Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe zu Stufe, mit
-dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der Fuß hintreten darf, um
-sicher zu stehen. Kein Wort wurde gewechselt; man vernimmt nur das Scharren
-der Eisenspitzen der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge
-der mit äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen
-Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt unsicher
-macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken um unsere
-Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen in die Augen, blendend und
-den Blick trübend.
-
-Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle und langten
-wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem, etwa eine halbe Stunde
-entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein, so nahe sie auch dem ersehnten und
-mit Aufwand aller physischen und moralischen Energie erstrebten Ziele
-sind, so vermag die arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals
-auszurasten.
-
-Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser ebenso gefährlichen
-wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt kann sie nimmer weiter; sie
-muß ruhen. Ihre Pulse hämmern so fürchterlich, das Herz klopft so
-beängstigend heftig, die Athemnoth ist so qualvoll -- o, sie muß ruhen,
-sonst muß sie ersticken.
-
-Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte zitternden Knaben
-nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich erschöpft auf den
-Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend auszuruhen, sie würde
-zusammenbrechen. In stummer Sorge steht ihr Mann neben ihr.
-
-Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich.
-
-»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen sind,
-schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie schön es hier oben ist, welch
-frische Luft. Ja, jetzt wird alles gut werden. -- Lieber Gott, ich danke
-Dir.«
-
-Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in den Schnee.
-
-Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht befallen hat.
-Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn und Schläfe mit Schnee, dann
-wieder die Pulse an den Armen mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch
-während er unermüdlich immer und immer wieder neue Belebungsversuche
-vornimmt, fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich
-erkalten und erstarren -- und er erkennt, daß sie todt ist.
-
-Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde die Entschlafene in
-das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine dünne Bretterwand von ihr
-getrennt, ihr Kind ahnungslos schlummert.
-
-Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen, wurde
-die Todte in dem am Fuße des Untersberges gelegenen Dörfchen Grödig
-bestattet. Die ärztliche Obduction ergab, daß in Folge der ihre Kräfte
-übersteigenden enormen Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war.
-
-Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt -- wenn auch in ungeahnter Deutung. Auf
-der Höhe des Berges, der sie zustrebte, ward sie der Noth des Elendes,
-der Bürde ihres schweren Daseins enthoben, war für sie »alles gut«
-geworden.
-
-»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender »Lichterbaum«
-erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist und einsam blicktest Du von
-stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler herab, traurig Deines kranken
-Vaters und Deiner todten Mutter gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir
-bewähren, daß es Dir gut werde dort oben!«
-
-
-
-
-Der Weg zum Herzen.
-
-
-Mein Freund Christian hatte es sich fest in den Kopf gesetzt, ein durch
-hervorragende Hausfrauentugenden ausgezeichnetes Mädchen zu heiraten.
-Dabei sollte sie aber ein gar liebliches Gesichtchen, eine schöne Gestalt,
-Jugend und feine Bildung besitzen. Er selbst war, was man so einen guten
-Jungen nennt, dabei leidlich hübsch und sehr wohlhabend. Seit fünf Jahren
-sah er sich in seinen ausgedehnten Bekanntenkreisen nach einer passenden
-Lebensgefährtin um. Denn als er, dreiundzwanzig Jahre alt, das Landgut
-seines plötzlich gestorbenen Vaters übernahm, hatte er mit der Suche
-begonnen, und zur Zeit, da das hochbedeutsame Ereigniß, welches zu
-berichten ich im Begriffe stehe, sich zutrug, zählte er achtundzwanzig
-Jahre -- und noch hatte er nicht gefunden, was er wollte. Die Eine hatte
-röthliches Haar, was er nicht leiden mochte; eine Andere mischte zu viele
-Fremdwörter ins Gespräch, wodurch er sich in seiner teutschen Gesinnung
--- er schrieb und sprach niemals: deutsch, sondern teutsch, und seine
-Freunde nannten ihn mit Vorliebe den Teutonen -- verletzt fühlte; die
-Dritte war ihm zu sentimental; die Vierte viel zu kokett; die Mehrzahl aber
-ermangelte des Haupterfordernisses, das er an seine Zukünftige stellte:
-häuslichen und wirthschaftlichen Sinnes.
-
-»Sehen Sie,« so klagte er mir einmal, »was hätte ich von einer Frau,
-wenn sie auch wie Venus so schön, klug wie Minerva, tugendhaft wie, wie --
-mir fällt ein geeigneter Vergleich nicht ein -- kurzum, wenn sie auch alle
-Tugenden der Welt in sich vereinigt, sie könnte aber nicht kochen! Ich bin
-Landwirth, den Tag über nimmt die Bewirthschaftung von Wald und Feld meine
-Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn ich müde und hungrig nach Hause
-komme, will ich etwas Ordentliches zu essen vorfinden. Ich habe so meine
-Lieblingsspeisen, die ich in einer bestimmten Weise gekocht haben will.
-Anders mag ich sie nicht. Mit den bezahlten Köchinnen geht es nicht; die
-nehmen sich nicht die Mühe dazu, meine Eigenschaften zu studiren, und
-wenn sie es ja auch einmal gelernt haben, dann gehen sie sicherlich aus dem
-Dienste, um sich zu verheiraten, und die Plage fängt mit einer Anderen von
-neuem an. Meine gute Mutter hat mich in dieser Beziehung sehr verwöhnt.
-Sie war eine vortreffliche Hausfrau und kochte ganz vorzüglich. Wenn ich
-nicht in der Ehe unglücklich werden soll, muß ich in meiner Frau eine
-ebenso gute Hausfrau finden.«
-
-Ich bemerkte dagegen, daß das Glück der Ehe wohl durch noch andere
-Eigenschaften als allein durch Wirthschaftlichkeit und Verständniß der
-edlen Kochkunst -- so schätzenswerthe Qualitäten dies ja auch seien
--- bedingt würde; daß persönliche Sympathie zum Beispiel eine doch
-mindestens ebenso wichtige Bedingung bilde. Christian schwieg eine
-Weile nachdenklich. Dann strich er sich mit seiner kräftig geformten,
-sonnengebräunten Hand den blonden Schnurrbart und meinte lächelnd:
-
-»Sie haben im Allgemeinen ganz recht in dem, was Sie da sagen. Aber es
-bestätigt mir die Erkenntniß einer fehlerhaften socialen Institution.
-Es klingt ja recht barbarisch, so etwas auszusprechen, aber richtig ist
-es doch: Die Monogamie taugt nichts. Jeder rechtschaffene Mann, dessen
-materielle Lage es ihm gestattet, sollte zwei Frauen haben dürfen: die
-eine fürs Herz, die andere fürs Haus, für seine Wirthschaft.«
-
-Ich lachte laut auf.
-
-»Sie sollten unter die Mormonen gehen,« rief ich belustigt. »Sie haben
-entschieden Talent dazu!«
-
-Er aber schüttelte den Kopf.
-
-Ungeachtet seines unerschütterlichen Entschlusses, ein vorzüglich
-häusliches Mädchen zu seiner Gattin zu erwählen, versagte er es sich
-jedoch nicht, sich mit seiner bildhübschen, siebzehnjährigen Cousine
-Ottilie, die er mit einer gemeinsamen Tante, bei welcher sie seit dem
-Tode ihrer frühverstorbenen Eltern lebte, für einige Monate auf seinen
-Landsitz eingeladen hatte, ganz ausgezeichnet zu unterhalten, und trotzdem
-Ottilie nicht die geringste Lust und nicht das leiseste Talent bewies, die
-von ihm so hochgeschätzten häuslichen Qualitäten zu erwerben, sah man es
-ihm doch deutlich an, daß das von lebensfroher Jugendfrische strotzende,
-allerliebste Geschöpf seinem Herzen sehr theuer war. Er stellte dies auch
-nicht in Abrede, als ich einmal neckend auf den Strauch klopfte, nur fügte
-er gleich die Bemerkung bei, daß nichts vollkommen sei unter der Sonne.
-Ottilie besitze zwar alle Eigenschaften, um sein Leben zu verschönen,
-allein tüchtig in der Wirthschaft sei sie leider nicht.
-
-Das hinderte ihn jedoch keineswegs, alle Zeit, die seine ökonomische
-Thätigkeit ihm freiließ -- und manchmal auch etwas mehr -- ihr zu
-widmen und, was zu sehen mir besonders Spaß machte, sie mit sichtlichem
-Vergnügen in ihren antihäuslichen Liebhabereien noch zu bestärken. Er
-unterrichtete sie im Reiten, Kutschiren, Rudern, sie übten sich zusammen
-im Pistolenschießen nach der Scheibe, und wenn sie das Centrum öfter traf
-als er, wenn sie, ein Bild von mit Kraft gepaarter Anmuth, sich im Sattel
-wiegend, an seiner Seite über die bräunlichen Stoppelfelder -- denn
-mittlerweile war es Herbst geworden -- dahinsprengte, war er ganz außer
-sich vor Entzücken.
-
-»Da, da schauen Sie,« rief er mir einmal voll Ekstase zu, indem er mir
-eine durchschossene Papierscheibe vor Augen hielt. »Zwanzig Schüsse ins
-Centrum! Zwanzig Schüsse nacheinander auf dreißig Schritt Distanz,
-und keinen daneben, um keine Linie! Phänomenal! Das lob' ich mir, einen
-solchen Kameraden zu haben!«
-
-»Gewiß, gewiß, ein ganz famoser Kamerad!« lachte ich. »Aber Sie
-wollen sich ja eine Frau suchen, nicht einen flotten Kameraden für Ihre
-Sportvergnügungen.«
-
-Christian machte eine abwehrende Handbewegung.
-
-»Ah, bah!« brummte er etwas verstimmt. »Das hat Zeit. Warum soll ich mir
-mein angenehmes Leben mit der Erwägung verbittern, daß ich nicht finde,
-was ich suche!«
-
-Bei Tische aber widerfuhr seinem angenehmen Leben des Oefteren eine
-unliebsame Dämpfung. Er hatte eine brave ältliche Person im Dienste,
-die unter seiner Oberaufsicht die häusliche Wirthschaft leitete und ganz
-befriedigend gut kochte. Aber seine Lieblingsspeisen genau nach seinem
-Geschmacke zu bereiten, das verstand sie nicht. Und er wußte es ihr nicht
-zu erklären, woran es fehlte. So geschah es denn öfters, daß seine
-heitere Stimmung bei den Mahlzeiten, wenn auch nur vorübergehend, getrübt
-wurde.
-
-Einmal wagte er in meinem Beisein anläßlich einer Wildpastete -- auch
-eines seiner Lieblingsgerichte -- die nicht nach seinem Geschmacke war,
-eine Bemerkung zu Ottilie, daß es doch gar zu hübsch wäre, wenn sie
-nebst ihren virtuosen Amazonenkünsten auch ein bißchen von den Künsten
-der Küche verstände. Sie aber erwiderte lachend, daß ihr Ehrgeiz weit
-mehr durch das Ziel angestachelt werde, seinen feurigen Rothfuchs zu
-bändigen, was ihr bisher noch nicht gelungen, als eine wohlschmeckende
-Pastete zu bereiten.
-
-Die Tante schüttelte wehmüthig das graue Haupt, denn ihrer Neigung hätte
-es weit mehr entsprochen, Ottilie hätte sich zu einer wackeren Hausfrau
-ausgebildet, als zu einer glänzenden Sportsdame, zu der sie sich zu
-entwickeln drohte. Christian aber hatte bei Erwähnung seines Rothfuchses
-sogleich sein Bedauern über die mißlungene Pastete vergessen, und lustig
-rief er Ottilie zu:
-
-»Du willst meinen Bucephalus reiten? Nein, meine Liebe, Du bist zwar unter
-meiner Leitung eine sehr gewandte und kühne Reiterin geworden, aber mein
-Bucephalus ist nichts für Dich. Sein Rücken wird Dich nie tragen. Ich
-warne Dich vor einem erneuten Versuch.«
-
-»Ich werde sehen!« murmelte Ottilie leise. Und nach Tische erschien sie
-in dem Stalle, um dem Rothfuchs eigenhändig ein wenig Brot und Zucker zu
-reichen.
-
-Tags darauf hatte Christian den ganzen Vormittag über in seiner
-Wirthschaft zu thun und zu schaffen. Müde und ärgerlich, denn sein
-Verwalter hatte ihn erzürnt, kehrte er zu verspäteter Stunde heim. Wir
-hatten mit dem Mittagessen auf ihn gewartet, und ich befürchtete, daß ein
-in der Länge der Zeit sicherlich zu gar gebratenes Rostbeef, das er nach
-englischer Art halbroh liebte, seine Laune nicht verbessern würde.
-
-Als die Suppe schon aufgetragen war, trat Ottilie mit hochgerötheten
-Wangen in das Speisezimmer.
-
-»Du siehst ja aus, als ob Du am Herde gestanden hättest, so erhitzt bist
-Du,« sagte Christian, sie begrüßend. »Aber freilich, so etwas kommt bei
-Dir nicht vor.«
-
-Ottilie lächelte und gab keine Antwort.
-
-Als das Rostbeef an die Reihe kam, bemerkte ich zu meiner Befriedigung,
-daß dasselbe, meiner Befürchtung entgegen, noch ganz »englisch« war und
-daß sich Christian's Stimmung sichtlich erheiterte. Die Mehlspeise aber
-that das Uebrige. Es waren gewisse kleine, mit gehacktem Wild gefüllte
-Klößchen, auch ein Lieblingsgericht Christian's und -- o Wunder! ganz
-nach seinem Geschmacke zubereitet.
-
-Christian strahlte.
-
-»Ei, das schmeckt ja vorzüglich,« sagte er, indem er zum zweitenmal
-zulangte. »Meine Mathilde macht sich. Sie hat ihre Scharte von gestern
-glänzend ausgewetzt.«
-
-Und bei diesem einenmale blieb es nicht. Ueber Mathilde schien plötzlich
-eine Erleuchtung gekommen zu sein. Jedesmal, wenn Christian Vormittag
-abwesend war -- und da er jetzt viel zu thun hatte, traf sich dies öfters
--- fand er irgend eine seiner Lieblingsspeisen in vorzüglicher, ganz
-seinem Geschmacke entsprechender Bereitung bei Tische vor. Und jedesmal
-bemerkte ich bei Ottilie ebensolche geheimnißvolle Miene und erhitzte
-Wangen wie das erstemal, so daß ich nicht umhin konnte, auf eine
-Vermuthung zu verfallen, welche beide Thatsachen in einen gewissen,
-unschwer zu errathenden Zusammenhang brachte.
-
-Dieselbe Vermuthung schien übrigens auch in Christian's Kopf
-platzzugreifen, denn zuweilen machte er eine flüchtig in das Gespräch
-gestreute Bemerkung, welch ein herrliches Kleinod eine Frau sei, die
-mit all ihren sonstigen Vorzügen auch den der häuslichen Kenntnisse,
-namentlich der Kochkunst, vereinige und mit den Schwächen und Eigenheiten
-ihres Mannes freundliche Nachsicht übe.
-
-Ottilie bemühte sich hartnäckig, derartige Bemerkungen Christian's zu
-überhören, und die Tante blickte verlegen lächelnd auf ihren Teller und
-brachte die Unterhaltung auf ein anderes Thema.
-
-Mittlerweile ging mein im gastlichen Heim meines Freundes verbrachter
-Urlaub zu Ende, und ich kehrte nach der Stadt zurück, um, Christian's
-Einladung entsprechend, einige Wochen später zum Weihnachtsfeste
-wiederzukommen.
-
-Es überraschte mich nicht, Ottilie mit ihrer Tante noch vorzufinden.
-Christian hatte sie, so oft sie auch heimkehren wollten, zurückgehalten.
-Und ebenso wenig überraschte mich die sich mir bald aufdrängende
-Wahrnehmung, daß sein Herz für seine Cousine in hellen Flammen stand,
-und daß Christian's Herzensflammen mit jenen Ottiliens lodernd
-zusammenschlugen. Einigermaßen verwundert war ich nur darüber, daß die
-Tante über diese Lage der Dinge nicht sonderlich erbaut, ja von einer
-seltsamen nervösen Unruhe beherrscht schien, als erfüllte sie irgend eine
-geheime Sorge.
-
-So kam der Weihnachtsabend heran. Im großen Saale des Erdgeschosses
-brannte ein mächtiger Christbaum, dessen zahllose Lichtlein in den
-einander gegenüber hängenden Spiegeln sich hundertfach vervielfältigend
-wiederstrahlten. Eine Menge schöner Geschenke, auf weißüberdeckten
-Tischen zierlich geordnet, lagen da, nicht nur für den Herrn des Hauses
-und dessen Gäste, auch für seine Beamten und Diener und deren Kinder, die
-in stillem, freudigem Entzücken ob des in prächtigem Schmucke und hellem
-Glanze flimmernden Tannenbaumes und der großmüthigen Bescherung durch
-ihren gütigen Herrn schier verblüfft umherstanden und kaum Worte des
-Dankes fanden.
-
-Ein heiteres Festmahl folgte darauf, dann ein Tombolaspiel, und gegen
-die Mitternachtsstunde kam, zur Beendigung der Festfeier, eine dampfende
-Punschbowle auf den Tisch.
-
-Die Gläser klangen. Es wurde toastirt und poculirt.
-
-Doch inmitten der heitersten Unterhaltung wurde unser liebenswürdiger
-Gastgeber plötzlich von wehmüthiger Stimmung überflogen. Er gedachte
-seiner Mutter, die er innig geliebt, und die der Tod erst vor wenigen
-Jahren von seiner Seite gerissen. Und indem er von ihr und von dem stillen,
-glücklichen Leben, das sie miteinander geführt, erzählte, meinte er, wie
-schön es wäre, wenn sie hier in der Mitte des kleinen Kreises weilte.
-
-»Ganz so wie heute,« schloß er, zu mir gewendet, seine Rede, »feierten
-wir unser Weihnachtsfest. Nur eines fehlt. Mütterchen bescherte mir
-immer einen riesigen Baumkuchen. Sie wußte, daß ich ihn besonders liebe.
-Mathilden wollte ich dessen Herstellung aber nicht anvertrauen.«
-
-In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein mächtiger
-Baumkuchen wurde aufgetragen.
-
-»Was ist das?« rief Christian freudig betroffen. »Ist da Zauberei im
-Spiele?«
-
-Das Stubenmädchen entfernte sich schweigend. Die Tante aber erklärte
-lächelnd:
-
-»Keine Zauberei, lieber Christian. Du vergißt, daß Du uns von diesem
-Weihnachtskuchen schon öfters gesprochen. Nun, und da dachte ich, damit
-nichts fehlen sollte --«
-
-Christian blickte auf Ottilie, die, als ob sie nichts hörte, sich mit
-frischer Füllung der Punschgläser beschäftigte.
-
-»Ah, ich verstehe,« murmelte er leise, und eine flüchtige Röthe
-überzog seine gebräunten Wangen.
-
-Der Kuchen wurde angeschnitten und erwies sich als vortrefflich, ganz so,
-wie er unter den geschickten Händen von Christian's Mutter gediehen war.
-
-Einige Minuten lang hatte Christian still und nachdenklich dagesessen.
-Plötzlich erhob er sich, und zur Tante hintretend, sagte er mit etwas
-schwankender Stimme:
-
-»Ich weiß keinen geeigneteren Augenblick, liebes Tantchen, als das
-heutige Freudenfest, um Dir ein freudiges Geheimniß zu bekennen, das für
-Dich sicherlich schon lange kein Geheimniß mehr ist: Ottilie und ich, wir
-lieben uns. Willst Du sie mir zur Frau geben?«
-
-Die Tante umarmte Christian, Christian umarmte Ottilie, und die Tante
-segnete Beide. Ich aber brachte ein Hoch aus auf das Wohl des Brautpaares.
-Und wieder erklangen die Gläser.
-
-Dann aber, als die fröhlich laute Stimmung etwas ruhiger geworden war,
-sagte Ottilie zu Christian:
-
-»Da heute schon der Tag der Ueberraschungen ist -- auch ich habe Dir etwas
-mitzutheilen, was Dich überraschen wird.«
-
-Christian lächelte freudig verschmitzt.
-
-»Kann es mir schon denken, Tilly. Der Weihnachtskuchen, nicht wahr? Und
-die Hachéklößchen damals und alle meine anderen Lieblingsspeisen.«
-
-Ottilie sah ihn groß an.
-
-»Was ist es mit all dem?« fragte sie verwundert. »Ah, Du meinst, daß
-nicht Mathilde es war, die diese guten Sachen gekocht hat? Ja, das hast
-Du errathen. Unser liebes Tantchen war es, die Dir eine Freude bereiten
-wollte, was ihr ja auch vortrefflich gelungen ist. Doch nicht das ist
-es, was ich Dir sagen wollte. Meine Ueberraschung ist anderer Art. Dein
-Rothfuchs -- täglich, wenn Du nicht zu Hause warst, hab' ich versucht,
-ihn zu reiten. Darum kam ich immer so erhitzt zu Tische. Du wolltest die
-Ursache wissen, aber ich sagte sie nicht. Nun, jetzt, mein Schatz, ist Dein
-wilder Bucephalus völlig in meiner Gewalt.«
-
-Jetzt war an Christian die Reihe, die Augen aufzusperren.
-
-»Ach, das ist es!« sagte er kleinlaut »und ich glaubte --« Und dabei
-sah er beinahe traurig aus. Doch rasch war seine Verstimmung verflogen.
-»Bah, was macht es?« rief er, wieder fröhlich. »Die gute Tante bleibt
-bei uns und leitet das Haus. Vielleicht lernst Du es auch mit der Zeit.
-Vorläufig bist Du mein lieber, flotter Kamerad. Wir reiten und schießen
-miteinander.«
-
-»Ja, wir schießen um die Wette.«
-
-»Und unser Ziel --«
-
-»-- ist unsere Liebe und unser Glück!«
-
-Sie verfehlten es nicht, dieses Ziel.
-
-
-
-
-Weder Glück noch Stern.
-
-
-Er hieß Michael Müller und war am 1. April 18.. geboren. Seine Mutter
-starb am Tage nach seiner Geburt und sein Vater liebte ihn nicht, weil eben
-sein Eintritt in die Welt seiner Mutter das Leben kostete und somit die
-Last der Sorge für seine Pflege und Erziehung dem Vater allein zu tragen
-aufbürdete, dann aber auch, weil er bei seinem Heranwachsen weder ein
-schönes noch ein kluges Kind zu werden versprach. Das einzig Hübsche
-seines Gesichtes waren die großen, stahlgrauen, schwärmerisch
-blickenden Augen, welche mit der ausdruckslosen Stumpfnase und dem weiten,
-dicklippigen Munde sonderbar contrastirten, und der einzige Witz, der
-ihm in seinem ganzen Leben gelang, war der, daß er, auf das Datum seines
-Geburtstages anspielend, mit gutmüthig traurigem Lächeln sagte, das
-Schicksal habe ihn, indem es ihn geboren werden ließ, in den April
-geschickt.
-
-Und in der That gestaltete sich sein Lebenslauf zu einer Bestätigung
-seiner harmlosen Selbstironie. Michael oder Michel, wie er allgemein
-gerufen wurde, gehörte zu jenen Pechvögeln, welchen alles, was sie
-unternehmen, mißlingt und welche, ohne dümmer, oder ungeschickter, oder
-träger zu sein als Andere, doch von Allen überholt und übervortheilt
-werden.
-
-Gab es unter den Schulknaben irgend eine Balgerei, so war es sicherlich
-Michel, der dabei am übelsten wegkam, dessen Rücken die meisten Püffe,
-dessen Kleider die meisten Risse erhielten und dem obendrein noch oft
-Strafe zutheil ward, indem ihn die Genossen, so unschuldig er zumeist auch
-war, als Rädelsführer und Urheber der Schlägerei verklagten.
-
-In der Schule lernte er nicht schlechter als die Mehrzahl seiner
-Gefährten, dennoch widerfuhr ihm wiederholt das Unglück, bei der Prüfung
-durchzufallen, einzig aus dem Grunde, weil ihm zufällig solche Fragen
-gestellt wurden, die er nicht zu beantworten wußte, während er auf
-alle seinen Collegen vorgelegten Fragen ganz richtige Antworten zu geben
-vermocht hätte. Von seinen Lehrern wurde er bemitleidet, von seinen
-Genossen verspottet. Trotz seiner Gutmüthigkeit, mit welcher er sich gern
-jedem gefällig erwies, was sich Alle ganz wohl gefallen ließen, wenn sie
-eines Dienstes bedurften, bildete er doch die Zielscheibe ihrer Neckereien.
-Und schlecht gelang es ihm, sich derselben zu erwehren, denn eine treffende
-Replik auf irgend eine spöttische Bemerkung fiel ihm regelmäßig erst
-dann ein, wenn die passende Gelegenheit, sie auszusprechen, längst
-vorüber war.
-
-Einmal ereignete es sich, daß seiner Classe als Hausaufgabe ein
-Aufsatzthema gegeben wurde, dessen Ausarbeitung unserem Michel besonderes
-Interesse und Vergnügen gewährte. Mit Ernst und Eifer machte er sich
-an die Arbeit. Aber unmittelbar vor dem Ablieferungstermin hatte er das
-Unglück, das Schreibheft, welches den Entwurf seines zu seiner eigenen
-großen Zufriedenheit vollendeten Aufsatzes enthielt, und das er
-unvorsichtigerweise bei sich trug, auf dem Wege von der Schule heimwärts,
-aus seiner Rocktasche zu verlieren. Natürlich blieb ihm nichts anderes
-übrig, als die Aufgabe in Hast und Eile -- denn die Zeit drängte -- vom
-neuem auszuarbeiten. Wer beschreibt nun seine schmerzliche Entrüstung, als
-seine Arbeit als »ungenügend« zurückgewiesen, jene eines Schulkameraden
-hingegen prämiirt und zur Auszeichnung laut verlesen wurde, in welcher er
-seinen eigenen ersten, verlorenen Aufsatz erkannte!
-
-Er hatte gut, denselben als sein Werk reclamiren und die Geschichte seines
-in Verlust gerathenen Heftchens erzählen! Niemand glaubte ihm; trug doch
-die belobte Arbeit Namen und Handschrift des Schülers, der sie dem Lehrer
-präsentirt hatte; welche Belege für das gute Recht seiner Ansprüche
-vermochte er dagegen aufzuweisen? Einige seiner Schulgenossen lachten ihn
-aus, andere empörten sich über ihn und erzählten daheim ihren Eltern
-dieses Beispiel unerhörter lügnerischer Verwegenheit. Der Lehrer aber
-verwies ihm mit scharfem Tadel seinen kecken Betrugsversuch und bedeutete
-dem schmerz- und zornverwirrten Knaben, daß er ihm nur dies einemal solch
-schweres Vergehen straflos hingehen ließe, er möge sich für die Zukunft
-hüten, denn ein zweitesmal würde er sich eine empfindliche Züchtigung
-zuziehen. Und als der Junge das Ereigniß weinend seinem Vater klagte, da
-ward ihm ein gleichgiltiges Achselzucken zutheil und eine Wiederholung des
-stereotypen Urtheiles: »Geschieht Dir recht, Michel, Du bist ein Tölpel,
-das weiß ich längst.«
-
-Solche und ähnliche Erfahrungen, die Kränkungen und ungerechten
-Zurücksetzungen, die ihm allenthalben begegneten, führten dazu, Michel's
-Gemüth zwar nicht zu verbittern -- hierzu war es zu gut -- aber es immer
-mehr von der Außenwelt abzuziehen und, sich selbst genügend, sich
-eine stille, träumerische Welt zu bilden. Langsam von Classe zu Classe
-aufsteigend, beschäftigte er sich eifrig mit seinen Studien und trat,
-nach Vollendung derselben, in ein kleines Amt. Außer den dienstlichen
-Beziehungen verkehrte er wenig mit seinen Collegen, welche ihm, wie
-früher seine Schulgefährten, wenig Sympathie entgegenbrachten. Gesellige
-Vergnügungen suchte er noch weniger. In größerer Gesellschaft, an
-welcher Frauen theilnahmen, war er schüchtern und beklommen, da er sich
-mit Recht oder Unrecht immer einbildete, eine ungeschickte, lächerliche
-Figur zu spielen, und für Damen, die für die Komik linkischer
-Unbeholfenheit meist einen noch schärferen Beobachtungssinn besitzen als
-die Männer, ein Object, wenn nicht offener, so doch sicherlich heimlicher
-Belustigung darzustellen. Da ihm dieser Gedanke peinlich war, zog er es
-vor, Damen-, sowie überhaupt jede größere Gesellschaft zu meiden.
-
-So lebte Michel freund- und freudlos für sich hin.
-
-Freund- und freudlos? Nein, nicht doch! denn einen Freund nannte er sein,
-dessen Besitz ihm Freude gewährte.
-
-Wenn dieser Freund vor ihm saß und mit seinen glänzenden dunkelbraunen
-Augen treu und ehrlich in sein Auge blickte, dann ward ihm so innig warm
-und wohl ums Herz, wie nie bisher in seinem Leben, denn noch nie in seinem
-Leben war er einem Wesen begegnet, das ihn liebte -- das wußte er. Und
-wenn dieser Gedanke durch seine arme Seele zog, da regte sich Dankbarkeit
-und Liebe in seinem Herzen zu diesem Geschöpfe, dem ersten, das ihm treue,
-aufrichtige Liebe entgegenbrachte, und mit einem Gefühle von Rührung zog
-er dessen Kopf an seine Brust und drückte einen Kuß auf seinen glatten
-Scheitel.
-
-Ja wahrhaftig, einen Kuß, obgleich dieser einzige Freund nicht mehr und
-nicht weniger war als -- sein Hund.
-
-Dieser Hund war durchaus nicht von besonders edler oder auch nur reiner
-Race. Sein Lux -- so hieß er -- war eine Kreuzung von Dachs- und
-Hühnerhund. Von letzerem hatte er den schönen, intelligenten Kopf, von
-ersterem die etwas verkürzten Beine und die Zeichnung: schwarz, gelb und
-weiß. Trotzdem war es ein hübsches Thier, wenigstens für unseren Michel
-gab es kein schöneres auf Erden. Und wie anhänglich war er seinem Herrn!
-Seitdem dieser ihm das Leben gerettet, indem er ihn aus dem Wasser zog,
-in welches sein früherer Besitzer, um sich seiner zu entledigen,
-ihn geworfen, wich er ihm nicht von der Seite. Herr und Hund waren
-unzertrennlich. Sie schliefen in demselben Zimmer, aßen in demselben
-Wirthshause, machten zusammen große Spaziergänge. Und da von den Beiden
-der Hund der auffallendere, jedenfalls hübschere und lebhaftere war
-und der Herr sich augenscheinlich oft den Wünschen seines vierfüßigen
-Gefährten unterordnete, so kam es, daß die in Betreff unseres Michels
-stets zum Spotte geneigten Leute, wenn sie Beide einherspazieren sahen,
-nicht etwa sich anständigerweise derart ausdrückten: »Da geht Herr
-Müller mit seinem Hund,« sondern aller naturgeschichtlichen Rangordnung
-zum Trotz kühnlich sagten: »Da kommt der Lux mit dem Michel.« Letzterer
-hörte zuweilen diese Aeußerung, doch war er darob weder gekränkt noch
-beleidigt; er lächelte fröhlich vor sich hin.
-
-Die Stunden, welche die Amtsthätigkeit und die weiten Spaziergänge frei
-ließen, verbrachte Michel bei seinen in der einsamen Zurückgezogenheit
-seines Lebens ihm lieb gewordenen Büchern. Er las und lernte eifrig. Was
-ihm an rascher Auffassungsgabe mangelte, ersetzte er durch Gründlichkeit
-und Fleiß. Sein Lieblingsstudium war Geschichte.
-
-Da traf es sich, daß er in einer Zeitschrift eine von der Akademie der
-Wissenschaften ausgehende Preisausschreibung für ein großes historisches
-Essay über den Einfluß einer gewissen literarischen Bewegung auf die
-Entwickelung des Schriftthums las. Die Aufgabe flößte ihm lebhaftes
-Interesse ein, und da sich bei einer glücklichen Lösung derselben sowohl
-Auszeichnung wie eine sehr bedeutende Summe als Preis erringen ließ, so
-beschloß er, sich an der Concurrenz zu betheiligen. Ohne Aufschub machte
-er sich an die Arbeit. In Archiven und Bibliotheken sammelte er mit
-Emsigkeit reiches Material und zu Hause sichtete und ordnete er dasselbe.
-
-Eines Tages wurde er in seiner neuen Thätigkeit durch den überraschenden
-Besuch eines Amtscollegen unterbrochen. So wenig vertraulich die
-Beziehungen der jungen Männer zu einander auch waren, empfing Michel
-seinen Gast doch mit zuvorkommender Freundlichkeit. Hierdurch ermuthigt,
-rückte dieser bald mit seinem den Besuch veranlassenden Anliegen hervor.
-Er befinde sich in momentaner Geldverlegenheit; um sich aus derselben
-zu ziehen, sei er genöthigt, die erforderliche Summe gegen Wechsel
-aufzunehmen. Der Geldgeber beanspruche natürlich außer seiner
-Signatur auch die zweier guter Giranten. Einer seiner Freunde habe seine
-Unterschrift bereits gegeben; nun bäte er ihn -- Müller -- um die
-Gefälligkeit, das zweite Giro zu leisten. Die Sache sei von keiner
-Bedeutung, die Summe nicht beträchtlich, der Wechsel werde von ihm
-jedenfalls vor Ablauf der Fälligkeitsfrist eingelöst und so weiter.
-
-Nach kurzem Zögern willfahrte Michel der Bitte seines Collegen und mit den
-wärmsten Dankesversicherungen entfernte sich derselbe.
-
-Michel war die Angelegenheit unangenehm. Er haßte leichtsinniges und
-unordentliches Gebaren mit dem Gelde, denn er war ein guter Wirth und
-mochte Schulden nicht leiden. Und jetzt hatte er selbst indirect eine
-Schuld contrahirt. Ja, aber die Sache war nicht zu umgehen. Er hätte es
-nicht über sich gebracht, seinen Amtsgenossen abzuweisen.
-
-Doch zu seinen Pandecten zurückkehrend, hatte Michel die ganze Geschichte
-über seiner Arbeit bald vergessen.
-
-Wochen und Monate flossen dahin in stiller, ernster Thätigkeit. Die
-Concurrenzarbeit wurde vollendet und eingereicht.
-
-Aber nicht nur sein historisches Essay allein hatte Michel während
-dieser Zeit beschäftigt. Auf der anderen Seite der Treppe, seiner Wohnung
-gegenüber, liegt das Zimmer eines hübschen jungen Mädchens, einer Waise,
-welche sich und ihren kleinen achtjährigen Bruder mit ihrer Hände Arbeit
--- sie ist Blumenmacherin -- ernährt. Dieses Mädchen hat Michel kennen
-und lieben gelernt. Er will sie zu seiner Frau machen und die Verbindung
-nur noch so lange aufschieben, bis sein demnächst zu erwartendes
-Avancement erfolgt oder -- aber die Hoffnung auf dieses Glück wagt er
-nicht laut auszusprechen, kaum zu denken -- nun, oder bis er mit seiner
-Concurrenzschrift den Preis gewinnt.
-
-Es ist am frühen Morgen. Der Tag ist angebrochen, an welchem die
-Zeitungen das Urtheil der Jury über die Zuerkennung des von der Akademie
-ausgeschriebenen Preises publiciren werden. Bleich und müde nach
-schlafloser Nacht erhebt sich Michel von seinem Lager. Eines nicht
-unbedeutenden Unwohlseins halber mußte er schon mehrere Tage Zimmer und
-Bett hüten.
-
-Auch jetzt fühlt er sich matt und zerschlagen, aber eine unüberwindliche
-innere Unruhe treibt ihn aus dem Bette. Auf dem Divan hingestreckt,
-streichelt er mit fieberheißer Hand das weiche Fell seines treuen Hundes.
-Er erinnert sich, daß die Stunde des Briefboten nahe sein muß und in der
-That klingelt dieser bald an seiner Thür und übergiebt ihm mehrere Briefe
-und das Morgenblatt seiner Zeitung.
-
-Hastig und mit vor Aufregung zuckenden Fingern löst er die Adreßschleife
-und entfaltet das Blatt.
-
-Es enthält die Publication des Preisrichterspruches. Aber der Autorname
-der preisgekrönten Arbeit ist nicht der seine --
-
-Ein herbes Lächeln irrt über seine Lippen und mit feuchtem Auge blickt er
-auf die seine stolze Hoffnung vernichtende Mittheilung.
-
-Wie konnte auch er, der Pechvogel, sich so großen Glückes vermessen!
-Solche Freuden begegnen den Sonntagskindern, nicht ihm, dem »Aprilnarr«
-des Schicksales!
-
-Er warf die Zeitung fort und griff nach den Briefen.
-
-Der eine derselben ist ein Schreiben seines Bureauchefs, in welchem
-derselbe ihm in schonendster Weise mittheilt, daß sein Amtscollege * * *
-bedeutender Schulden wegen aus seinem Dienste entlassen sei. Unter seinen
-protestirten Wechseln finde sich einer mit Müller's Giro. Sollte er nicht
-in der Lage sein, den Wechsel einzulösen, so sei es, um einer fataleren
-Eventualität vorzubeugen, das beste für ihn, um Enthebung seiner Stelle
-selbst einzukommen.
-
-Der zweite Brief ist von der Hand seiner Braut, welche ihn darin
-beschwört, sie zu vergessen und ihr zu verzeihen, daß sie nie die Seine
-werden könne. Aus Mitleid mit seiner traurigen Herzenseinsamkeit habe sie
-ihm mehr Liebe gezeigt, als sie thatsächlich für ihn fühlte. In Wahrheit
-habe sie stets einen anderen Mann geliebt, und im Begriffe, ihre Verbindung
-mit demselben einzugehen, sehe sie sich genöthigt, die Täuschung, in der
-er sich in Betreff ihrer befinde, aufzuklären.
-
-Mit einem heiseren Wuthschrei sprang Michel von seinem Sitze empor
-und eilte in die Wohnung des Mädchens. Er fand die Eingangsthür
-unverschlossen und trat in das kleine Vorzimmerchen.
-
-Doch als er schon die Hand nach der Klinke ihres Wohnzimmers ausstreckte,
-erfaßte ihn plötzlich ein Gefühl drückender Beklommenheit und Angst. Er
-wagte es nicht, derjenigen ins Auge zu schauen, die er liebte und die ihn
-so furchtbar hintergangen hatte. Da hörte er laute Stimmen. Es war eine
-kräftige Männerstimme im Gespräche mit seiner Geliebten. Er lauschte
-nicht. Aber plötzlich vernahm er deutlich seinen Namen und darauf
-schallendes, fröhliches Gelächter.
-
-Da wandte er sich zum Gehen. In seine Wohnung zurückgekehrt, sank er auf
-einen Stuhl und barg schluchzend den Kopf in seine Hände.
-
-Seine Liebe war betrogen, seine Existenz vernichtet, die Hoffnung, eine
-neue Laufbahn betreten zu können, zerstört. Was lag noch an seinem Leben?
-
- * * * * *
-
-Wenige Stunden später stieg Herr Müller =senior=, um seinen kranken
-Sohn zu besuchen, die Treppe zu dessen Wohnung empor. Als er in Michel's
-Schlafzimmer trat, fand er ihn, eine tiefe Schußwunde in der Stirn,
-entseelt in einer Ecke des Divans lehnen. Die verhängnißvollen Druck-
-und Schriftstücke lagen auf der Diele des Bodens; die eine Hand des
-Unglücklichen hielt noch die selbstmörderische Waffe umspannt, die andere
-hing schlaff über der Divanlehne herab.
-
-Leise winselnd saß der Hund vor seinem todten Herrn und Freund und
-beleckte dessen erstarrte Hand, als wollte er mit seiner warmen Zunge ihr
-neues Leben einflößen.
-
-Lasse ihn schlummern, treues, gutes Thier! Ihm ist wohl, daß er ruhen
-darf, und daß der Vorhang fiel über sein schmerzliches Dasein, das für
-ihn Tragödie war und für die Anderen -- Posse!
-
-
-
-
-Der Unwiderstehliche.
-
-
-»Treue --?! Glaubst Du wirklich noch immer, daß es diesen Artikel echt
-und unverfälscht giebt? Hat Dich das Leben nicht darüber belehrt, daß
-dies ein Begriff ist ohne realen Hintergrund, eine Vorstellung, die sich
-mit den Thatsachen nicht deckt, ein leeres Wort, das die Menschen nur zu
-dem Zwecke erfunden haben, um sich selbst etwas vorzulügen, um sich vor
-sich selbst besser zu machen, als sie wirklich sind?« -- so fragte das
-Gespräch fortsetzend, mein Freund Theodor mit lauter Stimme, um den
-polternden Lärm des Eisenbahnzuges zu übertönen, der uns aus der
-Residenz nach dem lieblichen Landsitze eines gemeinsamen Freundes führte,
-von dem wir zur Feier des Namensfestes seiner Frau zu Gast geladen waren.
-
-»Echte, unverfälschte Treue,« fing ich sein Wort auf. »Was meinst
-Du damit? Was Du da sagst, ist ein Pleonasmus. Treue muß echt sein.
-Verfälschte Treue ist ja nicht mehr Treue, sondern ihr Gegentheil.«
-
-»Keine Spur!« rief Theodor, den Rest seiner Cigarre zum Waggonfenster
-hinauswerfend. »Es giebt eine echte Treue und eine unechte. Das werde ich
-Dir gleich an einem Beispiele erläutern.«
-
-Dann steckte er sich eine andere Havana in Brand und fuhr fort:
-
-»Solche Treue, die das nothwendige Ergebniß der Empfindungen ist, ist
-echt; solche, die aber nur die Folge zufälliger äußerer Verhältnisse
-und Umstände ist, kann unmöglich für echt gelten. Die Treue einer Frau,
-die zufällig keinem Manne begegnete, der ihr besser gefiel als ihr Gatte,
-ist eine unechte Treue.«
-
-»Das sind Sophismen,« warf ich ein. »Da könnte man ja bei dem
-erhabensten Beispiele weiblicher Treue die Behauptung aufstellen, dieselbe
-sei nur durch zufällige Umstände bedingt.«
-
-»So ist es auch,« sagte der Andere ruhig lächelnd, indem er sich in die
-Wagenkissen behaglich zurücklehnte. »Kein Mensch, weder weiblichen noch
-männlichen Geschlechtes, kann bedingungslos für seine Treue bürgen.
-Immer handelt es sich darum, ob das Schicksal dem Betreffenden den Rechten
-oder die Rechte entgegenführt, denen die Macht gegeben ist, ihre Treue zu
-erschüttern. Eben darum behaupte ich, daß es auf unserem Planeten keine
-echte Treue gebe.«
-
-»Du hast vielleicht eine solche noch nicht kennen gelernt,« erwiderte
-ich gereizt, denn seine überlegene Art, mit seiner Lebens- und
-Erfahrungsweisheit groß zu thun, ärgerte mich immer. »Aus Deinen
-persönlichen Erfahrungen gleich auf die Allgemeinheit zu schließen, ist
-aber doch etwas voreilig.«
-
-»Pah, es handelt sich immer nur darum, ob der Rechte kommt,« wiederholte
-Theodor heiter lächelnd, und zwirbelte mit seinen weißen Fingern den
-blonden, wohlgepflegten Schnurrbart.
-
-Jetzt mußte auch ich lächeln. Mir ging plötzlich ein Licht auf. Er,
-Theodor, war ja dieser »Rechte«, dem gegenüber, sowie er kam und siegen
-wollte, keine Frauentreue standzuhalten, kein Mädchenherz unverwundet
-zu bleiben vermochte. Hieß er denn nicht seit der Tanzschule her »der
-Unwiderstehliche«? Und hatte er sich während der seit jenen Tanzstunden
-verflossenen Reihe von nahezu fünfzehn Jahren diesen Namen nicht bewahrt
-und stetig mehr verdient!
-
-Halb »Löwe«, halb Dandy, bald heldenhaft kühn, bald lyrisch
-schmachtend, hatte er -- so ging die Sage -- seit seiner frühesten Jugend
-fabelhaftes Glück bei den Frauen gehabt und -- auch dies erzählte die
-Fama -- das Glück gepackt, wo und so oft es sich haschen ließ.
-
-Alles dies fiel mir jetzt wieder ein, als ich bei seinen letzten Worten
-meinen Blick über ihn hingleiten ließ, während er den aus seiner Cigarre
-aufsteigenden blauen Ringelwölkchen sinnend nachschaute.
-
-Theodor war ein auffallend schöner Mann. Schlank und zierlich gebaut,
-das fein geschnittene, blasse Gesicht von seidenweichen blonden Locken und
-einem üppigen Vollbart umrahmt, der die Lippen so weit frei ließ, um das
-verführerische, zuweilen etwas frivole Lächeln, das den Frauen so
-leicht gefährlich wird, zur vollen Geltung kommen zu lassen, mit großen,
-dunklen, bald träumerisch, bald verwegen blickenden Augen -- war seine
-äußere Erscheinung so recht angethan, um seinen beliebten Wahlspruch:
-=Veni, vidi, vici= nicht Lügen zu strafen. Vorzüglicher Reiter und
-Tänzer, amusanter Causeur, der eine Menge pikante Geschichtchen und
-schnurrige Anekdoten zu erzählen wußte, stets elegant und mit feinstem
-Chic gekleidet, konnte es wahrlich nicht wundernehmen, daß alle Damen für
-ihn schwärmten, daß es keine Gesellschaft gab, zu der er nicht geladen
-wurde, und keinen Ball, dessen Cotillon nicht er führen mußte. Dabei
-hatte er eine so ganz besondere Art, mit den Damen zu verkehren.
-Voll ritterlicher Galanterie und doch nie ohne einen gewissen Anflug
-selbstbewußter Ueberlegenheit und leichter Blasirtheit.
-
-»Nun, giebst Du mir recht?« fragte er, die entstandene Pause plötzlich
-unterbrechend. »Oder bleibst Du trotz aller Vernunftgründe immer der
-alte, unverbesserliche Idealist, der Du warst?«
-
-»Im Durchschnitte magst Du ja recht haben,« erwiderte ich. »Du wirst
-aber doch nicht behaupten wollen, daß es nicht auch Ausnahmen --«
-
-»Giebt es nicht,« fiel er ein.
-
-»Doch!« bemerkte ich beinahe eingeschüchtert. »Glaubst Du nicht, daß
-Margarethe zum Beispiel --«
-
-Margarethe war die Frau jenes Freundes, zu dem wir uns auf dem Wege
-befanden.
-
-»Ach, Margarethe!« wiederholte er mit einem leichten Seufzer. »Ja, ich
-hätte es denken können, daß Du sie als Beleg Deiner unhaltbaren Theorie
-werdest heranziehen wollen.«
-
-»Nun --?!«
-
-»Wer sagt Dir, daß sie eine solche Ausnahme ist! Daß nicht auch ihre bis
-jetzt allerdings geradezu phänomenale Verliebtheit in den guten Jungen,
-der seit vier vollen Jahren das Glück hat, ihr Gatte zu sein, doch nichts
-anderes ist als das Werk des Zufalles? Des Zufalles nämlich, daß sie bis
-jetzt noch keinen Mann kennen lernte, der --«
-
-»Eben der Rechte wäre. Ich weiß schon, Du hast es ja gerade gesagt,«
-unterbrach ich ihn ungeduldig.
-
-»Ja, allerdings, das meine ich. Oder auch, daß dieser Rechte
-sich vielleicht noch nicht die Mühe gegeben, die Dichtigkeit ihres
-Herzenspanzers zu erproben.«
-
-»Ich aber meine, daß es eine Vermessenheit ist, von einer Frau, wie
-Margarethe, deren Charakter den leisesten Schatten eines Mißtrauens zu
-bannen geeignet ist, so geringschätzig zu denken.«
-
-Ich war bitterböse auf Theodor. Sein Gleichmuth aber blieb
-unerschütterlich.
-
-»Einen allgemein giltigen Maßstab an den Einzelnen anlegen,« erwiderte
-er, »heißt nicht geringschätzig denken über ihn. Ich besitze nur eben
-genug Menschenkenntniß, um die Handlungen der Menschen auf ihre innere
-Quelle zurückführen zu können. Warum sollte Frau Margarethe anders sein
-als die anderen Frauen? Sie ist eben ein Weib. Und denselben Naturgesetzen,
-die den Charakter des Weibes im Allgemeinen beherrschen, ist -- wie alle
-Anderen -- auch sie unterworfen. Daran läßt sich nichts ändern.«
-
-Ich schwieg. Einsehend, daß Theodor's Ansichten zu fest wurzelten, um
-sich durch Worte widerlegen zu lassen, hielt ich eine Fortsetzung unseres
-Disputes für ebenso zwecklos wie ermüdend. Meine Gedanken flogen voraus,
-den Freunden entgegen. Und indem ich an sie dachte, mußte ich in mich
-hinein über Theodor lachen, dessen mit solch apodiktischer Sicherheit
-verkündeten Anschauungen eben durch sie eine so schlagende Widerlegung
-fanden. Arthur's und Margarethens Ehe war die glücklichste, die ich je
-gesehen. Der verstockteste Pessimist mußte durch ihren Anblick
-bekehrt werden. Allerdings waren Beide noch sehr jung, Arthur zählte
-sechsundzwanzig, Margarethe zwanzig Jahre. Und wer die Beiden sah, hätte
-sie eher für übermüthige Geschwister, denn für Ehegatten halten
-können. Manchmal, wenn ich zu ihnen gekommen, fand ich sie im Garten
-herumtollen, als ob sie noch Kinder wären. Noch hatte kein Schatten die
-frohe Laune ihres Jugendmuthes getrübt. Das Leben konnte wohl sie ernster
-machen, sie konnten mitsammen reifen und -- altern. Aber trennend, ihre
-zu einem wohlklingenden Accord zusammengestimmten Seelen trennend, konnte
-nichts zwischen sie treten. Diese beiden herzlieben Geschöpfe paßten
-füreinander, als ob sie eigens füreinander geschaffen wären. Sie
-lebten vollkommen für- und ineinander. Und jedes war glücklich durch die
-Existenz des Anderen. Theodor kannte sie nicht so gut wie ich; wenn er sie
-näher kennen lernte, würde er bald einsehen, daß wenigstens dies eine
-Beispiel seine Ueberzeugungen Lügen strafte.
-
-Den Faden des behandelten Themas weiter spinnend, fragte ich Theodor nach
-einer kleinen Weile:
-
-»Deine Anschauung über den weiblichen Charakter im Allgemeinen und über
-weibliche Treue im Besonderen ist wohl auch die Ursache Deines Widerwillens
-gegen das Ehejoch?«
-
-Theodor nickte lächelnd.
-
-»Ich bewundere Deine Combinationsgabe! Allerdings ist dies die Ursache.
-Ich schätze meine Ruhe über alles. Was hätte ich nöthig, mich
-zu verheiraten und diese Ruhe und meine Freiheit aufzuopfern? Die
-Annehmlichkeiten des Ehestandes stehen ja dem Junggesellen, der
-verheiratete Freunde hat, beinahe in ebenso reichlichem Maße zur
-Verfügung wie den Ehemännern. Ihre Frauen sind unsere Freundinnen, an
-ihrem Tische, an ihrem Kamin ist stets ein Plätzchen für uns bereit. So
-oft wir eintreten, sind wir willkommen. Wir erheitern ihre Einsamkeit,
-die vielleicht gerade in dem Augenblicke als wir kamen, anfing, sie ein
-bißchen zu langweilen. Auf diese Weise wahren wir unsere Unabhängigkeit
-und genießen doch alle Vortheile des Ehestandes, ohne dessen Mühen,
-Lasten und beunruhigenden Sorgen zu haben. Ja, wäre doch jeder ein Thor,
-der die Lasten und Sorgen auf sich nähme, damit ein Anderer sich des
-Glückes ohne diesen bitteren Beigeschmack erfreue, ein Thor, der die Hefe
-des Bechers leerte, von dem ein Anderer den süßen Schaum fortgenippt.«
-
-Ich fand keine Zeit mehr zu antworten. Der Pfiff der Locomotive
-verkündete uns, daß wir uns dem Ziele näherten. Wir griffen nach unseren
-Handkofferchen und Ueberziehern, stiegen aus und warfen uns in einen
-Wagen, der uns in einer halben Stunde nach Arthur's allerliebsten Landsitz
-brachte.
-
-Der Empfang, der uns, namentlich aber Theodor zutheil wurde, brachte
-mich auf den Gedanken, daß er in der That nicht unrecht habe, seinen
-Junggesellenstand als einen glücklichen zu preisen. Alles, was er
-über sein beneidenswerthes Los gesagt, schien sich zu bestätigen.
-Die sichtliche Freude, die seine Gegenwart hervorrief, das herzliche
-Entgegenkommen, das der Hausherr ihm entgegenbrachte, das reizende
-Lächeln, das Margarethe ihm spendete, das Bemühen, den Aufenthalt im Heim
-des Freundes ihm wohl und behaglich zu gestalten, alles vereinte sich, um
-die Wahrheit seiner Schilderung zu bezeugen.
-
-Bald fand sich eine zahlreiche Gesellschaft ein, in der Theodor die
-Hauptrolle spielte. Seine vorzügliche Unterhaltungsgabe bewährte
-sich wieder aufs glänzendste und sämmtliche Damen, Margarethe nicht
-ausgenommen, schienen im Banne seines Zaubers zu liegen.
-
-Groll erfaßte mich, denn ich bemerkte bald, daß sie es war, die er sich
-als Opfer eines neuen Eroberungszuges ausersehen, vielleicht, um mir den
-Beweis für die Richtigkeit seiner mir so abscheulich dünkenden Theorien
-zu liefern.
-
-Einen Augenblick dachte ich daran, seine Absichten zu durchkreuzen, etwa
-Margarethens Stolz Theodor gegenüber durch Mittheilung seiner Auffassung
-des weiblichen Charakters, namentlich aber des seinen gegen sie gerichteten
-Feldzugsplänen zweifelsohne zugrunde liegenden Motives herauszufordern,
-oder die Vorsicht ihres, wie mir schien, von allzu argloser
-Vertrauensseligkeit erfüllten Gatten durch eine bei passender Gelegenheit
-angebrachte Warnung wachzurufen. Doch bald ließ ich den Gedanken wieder
-fallen. Was hatte ich mich in Anderer Angelegenheiten zu mischen? Waren
-Theodor's Anschauungen die richtigen; war mein Glaube an Frauentugend und
-Treue wirklich nur eine auf Unkenntniß der Weibesseele beruhende kindische
-Schwärmerei, dann verlohnte es sich wahrlich nicht, dem Siegeslaufe
-des Unwiderstehlichen durch Verrath seiner Pläne Einhalt zu thun. Mein
-Alarmruf konnte wohl in diesem einen Falle seinen Sieg vereiteln; der
-Widerstand, der ihm aus diesem Anlasse entgegengesetzt würde, wäre jedoch
-fürwahr nicht geeignet, mein Vertrauen zu rechtfertigen, sondern er würde
-im Gegentheile Theodor's Ansicht bestätigen, daß alle Treue nur ein Werk
-des Zufalles sei.
-
-Diese Ueberlegung bestimmte mich, die weitere Entwickelung der Dinge ohne
-Einmischung meinerseits ruhig abzuwarten. Mit Argusaugen überwachte ich
-Margarethens Benehmen gegen Theodor. Aber meine anfänglich siegessichere
-Zuversicht, daß das Ergebniß der Bemühungen Theodor's meinen von ihm
-so grausam verspotteten Ueberzeugungen recht geben möchten, schwand
-immer mehr, je lebhafter das Feuer ihrer seinen Blicken begegnenden Augen
-sprühte, je reicher und von einer seltsamen Unruhe durchbebt der Tonfall
-ihrer Stimme wurde, je heller ihr Lachen an mein Ohr schlug, mit dem sie
-seine witzigen Einfälle lohnte.
-
-Nicht sie allein war es, die an seinem Triumphwagen zog. Auch alle anderen
-anwesenden Damen schienen völlig berauscht von der hinreißenden Macht
-seiner Persönlichkeit. Sie verfolgten ihn mit brennenden Blicken, während
-er, wie ein schillernder Schmetterling von Blume zu Blume flattert, von
-der einen zur anderen unermüdlich und unermüdend die ewige Lüge seines
-verlockenden Lächelns, seines verstohlenen und doch so vielsagenden
-Augenspieles, seiner leise geflüsterten Huldigungen trug.
-
-Als es Abend wurde und die Wärme des heiteren Frühlingstages der
-nächtlichen Kühle wich, wurde ein Tänzchen arrangirt, wobei Theodor
-natürlich wieder neue Gelegenheit fand, als der anerkannt beste und
-eleganteste Tänzer alle übrigen Herren in den Hintergrund zu drängen,
-gleichwie das Licht der Sterne vor dem siegreichen Glanz der Sonne
-erbleichen muß.
-
-Mit einer anderen Dame plaudernd, stand ich neben Margarethe, als Theodor
-an sie herantrat, um sie um die letzte Quadrille zu bitten.
-
-»Bedauere, ich bin schon engagirt,« sagte sie freundlich, indem sie mit
-dem Fächer auf mich wies.
-
-»O, wie schade!« säuselte Theodor. Dann fügte er, sein schönes Haupt
-gegen sie gebeugt, ein paar leise Worte hinzu, die ich nicht verstand
-und die von Margarethe ebenso leise beantwortet wurden, während eine
-flüchtige Röthe über ihre zarten Wangen glitt.
-
-Gleich darauf wurde eine Schnellpolka gespielt und Margarethe flog an
-Theodor's Arm durch den Saal dahin.
-
-Nachdem auch ich einige Touren getanzt, schlängelte ich mich wieder in
-Margarethens Nähe, die soeben mit blitzenden Augen und hochwogendem Busen
-sich auf ein kleines Ecksofa niedergleiten ließ, während Theodor vor
-ihr stehend, ihr mit dem Fächer Kühlung zuwehte. Ich war mir dessen
-vollbewußt, eigentlich eine lächerliche Rolle zu spielen, wenn ich mich
-stets, wenn auch für Andere so unauffällig wie möglich, in Margarethens
-Nähe drängte. Aber der Groll über des Unwiderstehlichen -- des
-Unausstehlichen, wie ich ihn meinem Inneren nannte -- neue Triumphe packte
-mich so mächtig, daß ich dem Drange, den Aufpasser zu machen, selbst auf
-die Gefahr hin, abgeschmackt zu scheinen, nicht zu widerstehen vermochte.
-
-Diesmal aber schien es sich nicht zu lohnen, den Lauscherposten zu
-beziehen, denn Beide plauderten ganz harmlos über einen Pavillon, den
-Arthur in dem bis an den Garten sich hinziehenden Walde hatte bauen lassen.
-
-»Es ist mein Lieblingsplätzchen,« erzählte Margarethe, »wo ich
-mit einer Arbeit, oder einem Buche manche Stunde verbringe. Der dichte
-Nadelwald, die kleine Anhöhe, von welcher aus sich ein weiter Blick über
-das Thal öffnet, bieten einen reizenden Aufenthalt. Um mir denselben
-bequemer zu machen, überraschte mich Arthur mit dem Lusthäuschen.«
-
-»Wie tollkühn, so allein viele Stunden im Walde zuzubringen,« fiel
-Theodor ein.
-
-»Durchaus nicht allein,« erwiderte Margarethe. »Mein Pluto begleitet
-mich stets auf meinen Wegen. Und er ist ein gar wackerer und treuer
-Beschützer.«
-
-»Und trauen Sie Ihrem Pluto eine so famose Witterung zu,« mischte jetzt
-ich mich in das Gespräch, »daß er vermöge seiner feinen Nase jede
-Gefahr erkennt, die Ihnen von unvermutheter Seite droht?«
-
-Theodor warf mir einen erzürnten Blick zu, der mich einschüchtern und mir
-Schweigen gebieten zu wollen schien. Margarethe aber erwiderte mit feinem
-Lächeln:
-
-»Pluto und ich wir ergänzen einander vortrefflich. Wo sein
-Witterungsvermögen aufhört, da beginnt das meine.«
-
-»Wäre es aber nicht klüger, das Schicksal nicht durch allzu große
-Kühnheit herauszufordern?« fragte ich, meine verblümten Warnungen mit
-ungeschickter Hartnäckigkeit fortsetzend.
-
-Da lachte Margarethe, und Calderon citirend erwiderte sie:
-
-»Wer Gefahren ängstlich flieht, der stürzt sich in Gefahr.«
-
-Theodor aber gab mir den Rath, um Pluto's feine Spürnase zu erproben,
-mich als Vagabund verkleidet bei seiner Herrin in der Waldeinsamkeit
-anzuschleichen. »Da würdest Du erfahren, ob er Freund und Feind zu
-unterscheiden vermag,« schloß er spöttisch. »Und Pluto's Zähne würden
-Deine Wißbegierde befriedigen.«
-
-Nun wurde ich wieder böse und mit scharfem Tone entgegnete ich, daß
-börsengierige Strolche nicht die schlimmsten Feinde seien. Die scheinbare
-Freundschaft mancher Leute sei weit gefährlicher als offenkundige
-Feindschaft, gegen die man sich wappnen könne.
-
-»Natürlich! Der berüchtigte Wolf im Schafspelz ist ein gar böses
-Thier!« rief Theodor lachend. »Eine höchst interessante Entdeckung, nur
-nicht ganz neu.«
-
-Ich hatte mich abgewendet und im Weggehen hörte ich noch Beide lachen.
-Ich fühlte mich gekränkt, nicht nur von Theodor, auch von Margarethe, die
-sich an seinen Witzen über mich belustigte. Am liebsten hätte ich mein
-Engagement mit ihr zur Quadrille Theodor abgetreten. Da dies aber doch
-nicht anging, fand ich mich, als das Zeichen zur Quadrille gegeben wurde,
-pflichtschuldigst bei Margarethe ein.
-
-Als ich mich ihr näherte, stand ihr Gatte neben ihr. Sie sprachen eifrig
-und lächelnd miteinander und ganz deutlich schien es mir, Theodor's Namen
-aus Margarethens Munde zu hören. Welche Arglist! Sie spottete wohl mit
-Arthur über ihn, um diesen in Sicherheit zu wiegen und desto bequemer und
-unbeargwohnt ihre süßen Tändeleien mit ihrem Courmacher fortsetzen zu
-können. Mir ward ganz übel zu Muthe, Margarethe von solcher Seite
-kennen zu lernen, mit so schnöder Hand das ideale Bild, das ich von der
-Lauterkeit ihres Charakters in meiner Seele trug, verwüstet zu sehen.
-
-Doch jetzt wurde die Introduction zur Quadrille intonirt, die Paare
-traten in die Reihe und ich hatte keine Zeit, mich meinen trübseligen
-Betrachtungen hinzugeben. Schweigend verbeugte ich mich vor Margarethe und
-bot ihr meinen Arm.
-
-»Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie bei meinem Begräbnisse wären,
-nicht aber bei einem zur Feier meines Namensfestes veranstalteten
-Tanzkränzchen,« sagte sie, mir treuherzig in die Augen blickend.
-
-Auf diesen Vorwurf nicht vorbereitet, stotterte ich ein paar Worte der
-Erwiderung, deren ich mich nicht mehr erinnere, die aber sicherlich recht
-albern waren, denn Margarethe lachte. Sie verbarg zwar ihre spöttisch
-zuckenden Lippen in dem Blumenstrauße, den sie an ihr Gesicht drückte.
-Ich fühlte es jedoch, daß sie lachte, mich auslachte. Aber ich zürnte
-ihr nicht. Sie war so berückend schön in diesem Augenblicke, die dunklen
-Augen, die über die Blumen hinweg schelmisch auf mich hinüber blitzten,
-das zarte Adlernäschen, dessen feingeschwungene Flügel sich leise hoben
-und senkten, indem sie den Duft der Blumen begierig einsogen, der volle
-und doch schlanke weiße Nacken, der durch das schwarze Spitzengewebe
-der Corsage wie beseelter Marmor schimmerte -- es war ein so entzückend
-liebliches Bild, das sich meinem Auge darbot, daß ich nicht an mich selbst
-zu denken vermochte, sondern nur an sie, die in der ganzen Glorie ihrer
-jugendfrischen Schönheit, auf meinen Arm gestützt, leichtfüßig
-dahinglitt. Ja, nur an sie dachte ich und an den, dem es gelingen sollte,
-vielleicht schon gelungen war, bloß um seiner nimmersatten Eitelkeit zu
-fröhnen, das Herz dieses reizenden Wesens mit den Fallstricken seiner
-auswendig gelernten feurigen Blicke, seiner allerorten wiederholten
-lügenhaften Liebesbetheuerungen zu umgarnen.
-
-»Nun, wollen Sie mir nicht verrathen, was Sie so traurig stimmt?« fragte
-sie, als ich nach dem »Herren-=Eté=« an ihre Seite zurücktrat.
-
-»Warum nicht,« erwiderte ich. »Es ist der Neid, grimmer Neid, der mir
-die Laune verdirbt.«
-
-»O, wie häßlich! Und solches Laster gestehen Sie so ruhig ein?«
-
-»Sie wissen ja, wovon das Herz voll ist --«
-
-Die nächste Figur trennte uns. Dann, beim »=Balancer=«, fragte sie:
-
-»Und darf man wissen, wer der glückliche Unglückliche ist -- denn daß
-es ein Er, steht wohl außer Zweifel -- dessen Los Ihnen so beneidenswerth
-dünkt?«
-
-»Sagt es Ihnen Ihr Herz nicht?«
-
-»Mein Herz schweigt.«
-
-»Nun, so will ich es denn gestehen. Ihr Pluto ist es, den ich beneide.
-Ich beneide ihn um den Vorzug, Sie gegen alle Ihnen drohenden Gefahren
-beschützen zu dürfen.«
-
-»Ach ja, gegen den Wolf im Schafsfell,« lachte Margarethe und warf
-einen raschen Blick auf Theodor, der uns gegenüber tanzte, und, ohne uns
-Beachtung zu schenken, mit seiner Dame eifrig plauderte.
-
-Ich fing den Blick auf und ärgerte mich schon wieder.
-
-»Sehen Sie nur, was die kleine Baronesse Mischi für selige Augen macht,
-der Auszeichnungen des Unwiderstehlichen gewürdigt zu werden,« sagte ich
-boshaft.
-
-Eine neue Figur hinderte Margarethe, mir zu antworten. Dann aber beim
-»=Tour de main=« fragte sie:
-
-»Wie sagten Sie vorhin? -- Der Unwiderstehliche?«
-
-»Allerdings. Wissen Sie nicht, daß Theodor, ob der Legion weiblicher
-Herzen, die ihm nur so entgegenfliegen, unter seinen Intimen der
-Unwiderstehliche genannt wird?«
-
-»Wie komisch!« lächelte sie. »Und doch, wie zutreffend -- der
-Unwiderstehliche! -- Da wir aber gerade von Theodor sprechen -- ich habe
-einen Auftrag meines Mannes an Sie und ihn: Sie Beide zu bitten, unsere
-Landeinsamkeit für einige Tage zu theilen. Sie bleiben doch?«
-
-Ich verbeugte mich, die Einladung annehmend.
-
-Das also war es, was sie vorhin mit ihrem Manne gesprochen, wobei ich
-Theodor's Namen gehört. Sie wollte das Glück des Zusammenseins mit dem
-Geliebten -- denn daß sie ihn liebte, darüber gab ich nun schon gar
-keinem Zweifel mehr Raum -- verlängern, und ich wurde dabei als das
-mindest störende Element -- als Elephant, wie ich grollend mich selbst
-benamste, ins Schlepptau genommen. Aber sie hatten die Rechnung ohne den
-Wirth gemacht, und ich beschloß, durch dieselbe einen dicken Strich zu
-machen. »Pluto, Pluto!« rief es in meinem Inneren, »ich werde Dein
-Verbündeter, wir werden sie beschützen!« Alle meine löblichen
-Erwägungen, daß mich die Sache doch gar nichts angehe, daß ich kein
-Recht hätte, mich in Anderer Herzensangelegenheiten zu mengen, waren
-verflogen wie Spreu im Sturm meiner Entrüstung. »Ja, Margarethe, gegen
-Deinen eigenen Willen werde ich Dich schützen mit diesen Armen, in
-denen Du jetzt ruhst!« sprach ich im Geiste zu ihr, während ich im
-Walzerschritt mit ihr durch den Salon hinraste.
-
-Doch dabei verwickelte ich mich mit einem Fuße in das Kleid einer anderen
-Tänzerin, strauchelte und würde Margarethe um ein Haar mit mir zu Boden
-gerissen haben, hätte nicht Theodor, der, weiß Gott wie, in diesem
-Augenblicke neben uns auftauchte, sie aufgefangen, wobei er mir einen Blick
-zuwarf -- einen Blick so voll lächelnder, fröhlicher Geringschätzung,
-daß ich mich völlig vernichtet fühlte.
-
-Mit einer Empfindung, als wollte ich unter den Boden versinken, stotterte
-ich vor Margarethe meine Entschuldigung. Sie tröstete mich gütig, indem
-sie meinte, solch ein Malheur passire allzu leicht. Ich aber fühlte mich
-vor Margarethe und Theodor schmählich blamirt und dachte im Stillen, ob
-dies etwa eine Vorbedeutung wäre, daß ich mich vor den Beiden auch in
-meinem Rettungswerke blamiren sollte?
-
-Unbemerkt drückte ich mich aus dem Salon, denn ich schämte mich meiner
-Niederlage viel zu sehr, um eine der Damen, die sie ja alle gesehen, noch
-zum Tanze aufzufordern. Ich zog es vor, im Speisezimmer, wo das Buffet
-aufgestellt war, eine Cigarre zu rauchen und das schmerzliche Gefühl
-meiner Demüthigung mit ein paar Gläsern Rheinwein hinabzuspülen.
-
-Zwischen dem Speisezimmer und dem Salon, in dem getanzt wurde, lag ein
-zweiter, etwas kleinerer Salon mit einem Altan nach dem Garten. Die
-Verbindungsthür dieses Gemaches mit dem Tanzsaale war entfernt worden,
-und manches der tanzenden Paare benützte diesen Raum, um seine Touren zu
-verlängern.
-
-Die Nacht war milde; ich trat auf den Balcon, dessen Glasthür offen stand,
-und labte mich an der freien, frischen, vom balsamischen Duft zahlloser
-Rosen und blühender Nachtschatten gewürzten Luft. In stillem, erhabenem
-Frieden lag die schlummernde Natur vor mir ausgebreitet; die Sterne
-glänzten über meinem Haupte, ein leises Wehen flüsterte durch das Laub
-der Bäume, und mir ward zu Muthe, als ob eine weiche, schmeichelnde Hand
-allen Groll, alle Verstimmung, alle Kränkung meiner tiefsten Gefühle,
-welche die Eindrücke des heutigen Tages in meinem Inneren hervorgerufen,
-hinwegstreichelte, und wohlige Ruhe zog in meine Seele. Die Musik, die aus
-dem Saale zu mir herübertönte, das gedämpfte Geräusch der Tanzenden,
-das Schleifen der Schritte, das Murmeln der entfernten Stimmen störte mich
-nicht, es erhöhte noch die Empfindung des stillen, wonnigen Friedens, der
-sich wie ein süßer Traum über mein innerstes Wesen breitete.
-
-Der Laut eines munteren Lachens weckte mich plötzlich aus meinen
-Träumereien. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um zu wissen, wer es sei,
-der wenige Schritte vor mir an der offenen Thür stand. Ich kannte dieses
-silberhelle, perlende Lachen. Nur Margarethe lachte so.
-
-Und jetzt ließ sich auch Theodor's schmelzender Bariton vernehmen:
-
-»Nein, noch gebe ich Sie nicht frei! Warum wollen Sie grausam mir die
-köstlichen Minuten kürzen, da ich Sie in meinen Armen halten, Ihr Herz
-an dem meinen pochen fühlen darf! Solchen Augenblick, zu dem ich wie Faust
-spreche: Verweile doch, Du bist so schön!«
-
-»Wunderbar gesprochen!« scherzte Margarethe. »Doch sagen Sie mir
-ehrlich, ist es zählbar, auf wie viel Bällen, wie vielen Damen Sie diese
-Tirade schon wiederholt haben?«
-
-»Es scheint Ihnen Vergnügen zu gewähren, mich zu quälen,« flötete
-Theodor. »Sie müssen doch erkennen, daß es nur widerwillig geschieht,
-wenn ich meine Huldigungen scheinbar Anderen zuwende, daß ich dieses Opfer
-nur zu dem Zwecke bringe, um meine wahren Empfindungen zu verbergen.«
-
-Weiter hörte ich nichts mehr. Die unfreiwillig Belauschten hatten wieder
-in den Saal zurück getanzt.
-
-Bald darauf ging die Gesellschaft auseinander. Einige der Gäste
-kehrten nach ihren benachbarten Landsitzen heim, andere fuhren nach der
-Bahnstation, um nach der Hauptstadt zurückzukehren. Theodor und ich
-begaben uns auf unsere Zimmer.
-
-»Nun, hast Du Dich von Deiner Niederlage schon erholt? Keine Beulen
-davongetragen? Du trägst ja eine Jammermiene zur Schau, als ob Du große
-Schmerzen fühltest?« spottete Theodor, nachdem der uns führende Diener
-sich entfernt hatte.
-
-»Immer noch besser, eine Jammermiene, als die Rolle eines Polichinells,«
-versetzte ich gereizt.
-
-»Ah -- wen meinst Du mit dem Polichinell?« frug Theodor sanft, während
-er sich seiner Handschuhe und Halsbinde entledigte.
-
-»Niemand Anderen als Dich,« antwortete ich, an der offenen Thür meines
-Zimmers stehend.
-
-»Ei wirklich, und warum denn das?«
-
-»Darum, weil ich es für einen Mann lächerlich finde, wie ein kokettes
-Salondämchen keinen anderen Ehrgeiz zu kennen, als den, Eroberungen zu
-machen.«
-
-»So, so! Nun, wenn es Dich lächert, zu sehen, daß die Damen sich mit mir
-lebhafter unterhalten und lieber tanzen als mit Anderen, so will ich Dir
-das Vergnügen nicht wehren, Dich über diesen Anblick zu belustigen.
-Uebrigens kenne ich ein altes Sprichwort: Wer zuletzt lacht und so
-weiter.«
-
-»Wer zuletzt lacht,« wiederholte ich. »Wer dies sein wird, muß sich
-erst zeigen.«
-
-Ich war in mein Zimmer gegangen. Einige Minuten später -- Theodor kroch
-gerade unter die Decke -- trat ich wieder unter die Thür.
-
-»Ich habe mich vorhin schlecht ausgedrückt,« begann ich neuerdings.
-»Nicht nur lächerlich, unrecht finde ich es, seine persönlichen Vorzüge
-dazu auszunützen, zur Befriedigung seiner Eitelkeit den Frieden und das
-Glück der Menschen zu zerstören.«
-
-Theodor erhob sich ein wenig. Den Ellbogen auf das Kopfkissen, das Kinn in
-die hohle Hand gestützt, sah er mich lächelnd an.
-
-»Lieber Freund,« sagte er nach einer kleinen Weile, »Du hast entschieden
-Deinen Beruf verfehlt. Du hättest Mönch werden sollen, um von der Kanzel
-herab gegen die Verderbtheit der Welt zu donnern. Wer sagt Dir denn, daß
-ich dem Frieden und dem Glücke der Menschen Eintrag thue? Man unterhält
-sich, man -- nun, man liebäugelt ein wenig und man trennt sich wieder,
-ohne Gram und Kummer. Und bedenke auch, daß Du selbst es bist, der mich
-dazu herausgefordert hat, in Betreff dieser Frau, um deren Herzensruhe Du
-jetzt so besorgt zu sein scheinst, die Stichhältigkeit Deiner Theorien
-meinen Ueberzeugungen gegenüber auf die Probe zu stellen. Entweder --
-oder. Ein drittes giebt es nicht. Entweder Deine Anschauungen sind die
-richtigen, dann ist ja doch für sie keine Gefahr vorhanden; ihre Treu
-erweist sich als echt, meine Ansichten finden Widerlegung. Oder die
-letzteren bestätigen sich: dann ist das Unglück auch nicht gar so groß.
-Denn die Wahrung einer Treue, die nur ein Werk des Zufalles -- ist wahrlich
-von keinem großen Werthe. Uebrigens verspreche ich Dir, daß ich, wenn es
-mir nicht gelingt, binnen der drei Tage meiner Anwesenheit hier -- denn in
-drei Tagen muß ich wieder zu Hause eintreffen -- von Margarethens holden
-Lippen das Geständniß ihrer Liebe zu hören, die Feuerprobe nicht länger
-fortsetze und mich vor Dir feierlich als besiegt erkläre. Bist Du nun
-zufrieden?«
-
-Ich zögerte nicht, mich einverstanden zu erklären. Theodor's Hoffnungen
-für eitle Vermessenheit haltend, glaubte ich, davon überzeugt sein zu
-dürfen, daß es dem selbstgefälligen Gecken niemals, zum mindesten aber
-nicht binnen einer so kurzen Frist, gelingen werde, Margarethens Herz in
-Banden zu schlagen und ihr ein Liebesgeständniß zu entreißen. Ja, ich
-freute mich im voraus der heilsamen Lection, welche Theodor's Eitelkeit
-zutheil werden, des Widerstandes, der dem »Unwiderstehlichen« doch
-endlich entgegengesetzt werden sollte.
-
-Völlig beruhigt schlief ich ein -- um am anderen Tage, als ich die Beiden
-wieder beisammen sah, dennoch wieder von neuen Zweifeln gequält zu werden.
-Es schien mir, als sähe ich aus den zwischen ihnen verstohlen getauschten
-Blicken zarte Fäden sich hin und wieder spinnen, die sich zu einem dichten
-Netze verschlangen. Kein Wort wurde, wenigstens in meinem Beisein -- und
-ich verließ sie selten -- von ihnen gewechselt, das nicht auch zu jedem
-Anderen gesprochen werden könnte, und dennoch glaubte ich aus dem
-Klange der Stimme, womit alles gesagt wurde, einen ganz besonderen Ton
-herauszuhören, einen Ton, der beileibe nicht derselbe war, als wenn sie
-ihre Rede an Andere richteten, und der meine peinvolle Sorge von Stunde
-zu Stunde steigerte. Ich versuchte es wohl, mich mit dem Gedanken zu
-beruhigen, es sei unmöglich, daß Margarethen an der Seite eines von ihr
-geliebten Gatten, der -- in meinen Augen wenigstens -- weit liebenswerthere
-Herzens- und Geisteseigenschaften besaß als Theodor, dessen
-Verführungskünste sollten gefährlich werden. Dann aber fiel mir wieder
-ein, welch große Macht dem Reiz des Wechsels gegeben sei. Es gehört
-zu den schmerzlichsten Geheimnissen der Liebe, wie es manchen Menschen
-möglich ist, in der Vereinigung mit den ausgezeichnetsten Wesen, welchen
-sich ihr Herz in tiefster Neigung erschlossen hatte -- bloß durch den Reiz
-der Abwechslung verlockt -- sich wieder einem Anderen zuzuwenden.
-Sonst wäre es nicht möglich, daß, wie so viele Beispiele zeigen, die
-liebenswürdigsten, edelsten Männer und Frauen oftmals um der schalsten
-Persönlichkeiten willen, die den Vergleich mit jenen in keiner Weise
-auszuhalten vermögen, betrogen werden.
-
-So von den widersprechendsten Gefühlen hin und her bewegt, bald von
-heiterer Zuversicht gehoben, bald gedrückt von quälender Sorge,
-verbrachte ich die nächsten beiden Tage in denkbar unbehaglichster
-Gemüthsstimmung. Unsere Gastfreunde boten alles auf, um uns Vergnügungen
-zu bereiten. Ausflüge zu Fuß und zu Wagen, Kahnfahrten auf dem nahen
-Flusse, Pistolenschießen, Musik oder ein Spielchen des Abends, dazu bei
-den von heiterster Laune der Theilnehmer gewürzten Mahlzeiten das Beste,
-was Küche und Keller zu bieten vermögen -- ein solches Leben hätte das
-Gemüth des düstersten Griesgrams aufheitern müssen. Ich aber konnte
-nicht froh werden. Auf jedes Wort, jeden Blick, auf jede Miene und Bewegung
-Margarethens und Theodor's lauernd, war mir alle Freude verdorben. Am
-meisten mußte ich mich über Arthur ärgern. War er denn mit Blindheit
-geschlagen, daß er es nicht wahrnahm, mit welch verwegener Unverfrorenheit
-Theodor seiner Frau den Hof machte und mit welcher Befriedigung sie es
-sich gefallen ließ? So gut wie ich mußte doch auch er es bemerken,
-wie Theodor's Hand jene Margarethens drückte, wenn er ihr beim
-Scheibenschießen die für sie geladene Pistole reichte; wie sein Arm
-ihre Schultern streifte, wenn er die Fröstelnde in den wärmenden Shawl
-einhüllte; wie sein Knie das ihrige berührte, wenn er ihr gegenüber
-im Wagen saß, und welche Blicke sie tauschten, wenn sie sich unbeachtet
-wähnten.
-
-Aber Arthur schien von allem nichts zu sehen. Ja, manchmal däuchte es mir
-geradezu, als ob seine stets frohgemuthe Laune um so fröhlicher würde, je
-kühner Theodor's seiner Frau dargebrachten Huldigungen sich äußerten.
-
-In völlige Verblüffung versetzte es mich, als unser Wirth am Abend des
-zweiten Tages uns mittheilte, daß er eines Brandes wegen, durch den
-eine zu seiner Besitzung gehörende Sägemühle zerstört worden, behufs
-Besichtigung des Schadens und zu treffender Anordnungen hinsichtlich des
-Neubaues, sich am folgenden Morgen an Ort und Stelle begeben und nicht vor
-Abend zurückkehren werde.
-
-Das fehlte gerade noch, die Beiden einen ganzen Tag allein zu lassen --
-denn meiner unbequemen Nähe würden sie sich, wenn es ihnen so genehm,
-wohl zu entziehen wissen.
-
-Ich versuchte es, Arthur zu einem Aufschub seiner geschäftlichen Excursion
-zu bestimmen. Ich bat ihn, dieselbe am zweitnächsten Tage anzutreten, an
-welchem Theodor und ich nach der Hauptstadt zurückkehren würden. Arthur
-meinte aber, daß dies gerade der Grund sei, warum er die Ordnung dieser
-Angelegenheit nicht verzögern wolle, denn so lange wir hier seien, wisse
-er, daß seine Margarethe sich nicht langweilen würde, und trotz meiner
-verschiedensten Einwendungen blieb er bei seinem Entschlusse.
-
-Theodor strahlte und auch in Margarethens Augen blitzte ein
-Freudenschimmer, der mich fast rasend machte vor Grimm, und ich
-beschloß, meine letzte Karte auszuspielen, um Arthur von seinem Vorhaben
-zurückzuhalten.
-
-Nach dem Thee, während Margarethe uns einige Lieder sang, zu welchen
-sie Theodor, wie gewöhnlich auf dem Clavier begleitete, brach ich die
-Gelegenheit vom Zaune, um meinem Freunde, mit Ausnahme des auf Margarethe
-bezüglichen Details, mein ganzes mit Theodor während der Bahnfahrt
-geführtes Gespräch zu erzählen. Mit wahrer Wonne verbreitete ich mich
-über die eines Don Juan's würdigen Anschauungen des »Unwiderstehlichen«
-über Liebe und Treue und entblödete mich nicht, auch seines, wie
-er behauptete, aus seinen intimen Erfahrungen geschöpften Wahl- und
-Wahrspruches: =Veni, vidi, vici!= Erwähnung zu thun. Wer beschreibt
-jedoch meine Fassungslosigkeit, als ich sah, daß auch dieses Mittel nicht
-verfing!
-
-Mit ruhigem Lächeln hörte Arthur mir zu, und als ich schwieg, sagte er
-ganz unbefangen:
-
-»Ja, ja, ich kenne das. Solche Ansichten sind bei den Männern gang und
-gäbe, namentlich bei den Junggesellen.«
-
-Ich war wie vor den Kopf geschlagen und starrte ihn an, als hätte er
-plötzlich angefangen, chaldäisch zu sprechen. Auch muß ich in meinem
-grenzenlosen Staunen ein etwas dummes Gesicht gemacht haben, denn er lachte
-geradezu, als er mich ansah. Ich wurde so erbittert über ihn, daß ich ihm
-sicherlich etwas Grobes gesagt hätte, wenn nicht in diesem Augenblicke
-ein von Margarethe vorgetragenes Gounod'sches Lied beendigt und sie zu uns
-herangetreten wäre, wodurch unser Gespräch abgeschnitten war.
-
-So zwang ich mich denn, gegen Margarethe gewendet, zu ein paar artigen
-Floskeln über ihren Gesang -- von dem ich diesmal freilich wenig gehört
-hatte -- während ich innerlich Arthur mit Molière apostrophirte: =Tu
-l'as voulu, George Dandin!= Am anderen Morgen, als Arthur, seinem Vorhaben
-gemäß, fort fuhr, stand Margarethe, so zeitlich früh es auch war, am
-Wagen, um ihm Adieu zu sagen. Am offenen Fenster stehend, sah ich, wie sie
-sich zärtlich umarmten und küßten und hörte Margarethe sagen:
-
-»Also pünktlich, Arthur, keine Verspätung!«
-
-»Pünktlich, wie eine Sonnenuhr!« rief er zurück, während er lachend in
-den Wagen sprang.
-
-Ich aber dachte: »Sei Du nur pünktlich, mein Lieber, so pünktlich
-kannst Du doch nicht sein, um Deinem Unheil zuvorzukommen, dem Du kopfüber
-entgegen rennst!«
-
-Der Vormittag verging wie die anderen, ohne daß etwas Besonderes vorfiel.
-Nur glaubte ich an Theodor sowohl wie an Margarethe eine gewisse nervöse
-Unruhe zu bemerken, als ob sie irgend etwas mit Spannung erwarteten.
-
-Bei Tische -- das Dessert war eben aufgetragen worden -- griff Theodor nach
-seinem mit edlem Wein gefüllten Glase und es emporhaltend, sprach er zu
-Margarethe gewendet:
-
-»Es verstößt zwar gegen die gute Lebensart, sich selbst zum
-Hauptgegenstande des Gespräches zu machen. Dennoch kann ich es mir nicht
-versagen, zu bemerken, daß ich heute mein Geburtsfest feiere. Gestatten
-Sie mir, gnädige Frau, mein Glas auf Ihr Wohl zu leeren, indem ich Ihrer
-Güte und Ihrer liebenswürdigen Einladung, in Ihrem Hause zu weilen, es
-danke, daß der heutige sich zu dem schönsten und reizvollsten Geburtstag
-meines Lebens gestaltet.«
-
-Margarethe schlug sich in die Hände.
-
-»Ihr Geburtstag ist heute!« rief sie heiter. »Das trifft sich ja
-köstlich! Schade, daß Sie es nicht früher gesagt, dann hätten wir
-ein kleines Fest veranstaltet. Never mind, noch ist es ja nicht zu spät
-dazu.«
-
-Ein schelmisches Lächeln flog über ihr Gesicht. Sie erhob ihr Glas und
-die Becher klangen aneinander.
-
-Mich aber faßte es wie ein Taumel. Indem ich mit dem Rande meines Glases
-dasjenige Margarethens berührte, rief ich lustig:
-
-»Evviva, Theodor! Ein Hoch dem Unwiderstehlichen und seiner Siegesbahn!«
-
-Theodor blickte mich betroffen an. Margarethe lachte.
-
-»Das gilt nicht,« rief sie. »Darauf stoße ich nicht an.«
-
-»Mein Freund hat sich falsch ausgedrückt,« fiel Theodor ein. »Manche
-Spötter geben mir allerdings diesen Namen. Dies beruht jedoch auf einer
-Verwechslung der Begriffe. Kein einzelner Mensch ist unwiderstehlich, nur
-die siegreiche Allmacht der Liebe ist es. Wollen Sie auf die Macht der
-Liebe trinken, gnädige Frau?«
-
-Während Theodor sprach, hatte Margarethe den Blick gesenkt. Jetzt sah sie
-wieder auf.
-
-»Es lebe die Liebe!« sagte sie.
-
-Nochmals erklangen die Gläser und Theodor's und Margarethens Blicke
-begegneten sich in stummer und doch beredter Sprache.
-
-Nach Tische zog Margarethe sich für kurze Zeit zurück, um, wie sie
-mir zuflüsterte, für Theodor's Geburtstag eine kleine Ueberraschung
-vorzubereiten.
-
-»Du wolltest mir mit Deinem Toast eine kleine Grube graben,« sagte
-Theodor, als Margarethe uns verlassen hatte. »Ich fürchte jedoch, daß
-sich wieder einmal das Sprichwort von solchem Gebaren bewähren werde.
-Nicht ich werde es sein, der hineinstürzt. Deine Theorien werden mit einem
-großen Plumps hineinfallen.«
-
-»Morgen geht die Frist zu Ende,« versetzte ich.
-
-»Allerdings. Aber zweifelst Du wirklich noch daran, daß meine
-Anschauungen Recht erhalten werden?«
-
-Ich zuckte mit den Achseln und gab keine Antwort.
-
-Eine halbe Stunde später vereinigten wir uns im kühlen Billardzimmer zu
-einer kleinen Partie, denn noch war es zu heiß, um ins Freie zu gehen.
-Später sollte eine Kahnfahrt und nach derselben ein Spaziergang in
-den Wald unternommen werden. Margarethe wollte uns zu dem an ihrem
-Lieblingsplätzchen erbauten Pavillon führen, den sie uns noch nicht
-gezeigt hatte.
-
-Alles verlief ganz programmgemäß. Aber während ich ruderte, bemerkte ich
-wiederholt, wie Theodor, der am Steuer saß, mit Margarethen leise
-Worte tauschte. Auch schien es mir, daß sich die von mir schon früher
-wahrgenommene erregte Spannung ihres Wesens sichtlich steigerte.
-
-Schon neigte sich die Sonne ihrem Untergange zu, ihre schräg auffallenden
-Strahlen glitzerten und glänzten auf den Wellen wie flüssiges Gold. Die
-Abendkühle senkte sich erfrischend hernieder.
-
-An einer buchtähnlichen Biegung des Flusses, an dessen Ufer eine Bank
-stand, landeten wir, um von dort aus den Weg durch den Forst nach
-dem Pavillon einzuschlagen. Wir hatten jedoch erst einige Schritte
-zurückgelegt, als Margarethe erklärte, vorher noch nach Hause gehen zu
-wollen, um sich einen Shawl zu holen. Der Abend sei plötzlich so kühl
-geworden.
-
-Theodor meinte jedoch, wir sollten vorangehen, er würde nach Hause eilen,
-um das Gewünschte zu bringen.
-
-Er setzte sich in Schnellschritt -- doch nur, um nach zwei Minuten einen
-kleinen Schrei auszustoßen und, indem er hinkend zu uns zurückkehrte, die
-Erklärung abzugeben, er sei gestrauchelt, habe sich den Fuß verletzt und
-bäte daher mich, die Mission zu übernehmen, da er unmöglich so rasch
-zu gehen vermöchte. Sie Beide würden hier auf der Bank meine Rückkehr
-abwarten.
-
-Ich verstand -- und vermochte es nicht, ein spöttisches Lächeln zu
-unterdrücken. Fragend blickte ich auf Margarethe, doch als sie mit
-freundlicher Bitte sich Theodor's Anordnung anschloß, sah ich, daß es ihr
-Wunsch sei, daß ich sie verlasse, und begab mich auf den Weg.
-
-»Das also haben sie mitsammen abgekartet, als ich sie flüstern sah,«
-dachte ich, während ich beinahe laufend dem Hause zustürmte. Dort ließ
-ich mir von einem Diener irgend einen Shawl Margarethens geben und kehrte
-wieder zurück. Etwa zwanzig Minuten mochten verflossen sein, so war ich
-wieder zur Stelle. Doch die Bank war leer. Weder von Margarethe noch von
-Theodor eine Spur.
-
-Ich rief, aber keine Antwort tönte zurück.
-
-Da lachte ich laut auf -- doch that mir dieses Lachen so wehe, als ob ich
-weinte.
-
-Dann überlegte ich, was ich thun sollte. Hier warten? -- Wozu! Hierher
-kamen sie gewiß nicht mehr. Nach Hause zurückkehren, allein? -- Damit
-riskirte ich, Margarethe zu compromittiren, deren Escapade mit Theodor
-dadurch bekannt wurde. Den Beiden auf dem Wege nach dem Pavillon folgen? --
-Das war unmöglich, denn ich kannte den Weg nicht, der eine Steinwurfweite
-von der Bank entfernt sich in drei verschiedenen Richtungen nach dem Walde
-hin trennte. Also was thun --?
-
-Plötzlich schoß mit ein Gedanke durch den Kopf. Spornstreichs eilte ich
-wieder zur Villa zurück und rief Pluto heran, Margarethens prächtige
-dänische Dogge, deren specielle Freundschaft ich mir bereits erworben
-hatte und die mir ohne Widerstreben folgte. Zum viertenmale legte ich,
-jetzt von Pluto begleitet, den Weg zur Bank am Flußufer zurück. Dort
-angelangt, rief ich dem Hunde zu:
-
-»Such' die Frau, such' Deine Herrin, Pluto! Such', such'!« und ich hielt
-ihm Margarethens Tuch an die Nase, auf daß er besser verstehe, wen er
-suchen sollte. Und das kluge, schöne Thier verstand mich vortrefflich.
-
-Erst hob es den Kopf empor und schnupperte in die Lüfte, dann den Weg
-entlang. Und ein leises, kurzes Gebell anschlagend, sprang es in weiten
-Sätzen auf einem der sich kreuzenden Fußpfade dem Walde zu.
-
-»Langsam, Pluto, langsam!« rief ich ihm zu, da ich ihm kaum zu folgen
-vermochte.
-
-Der Hund mäßigte seinen Lauf und nun ging es, von ihm geleitet, in den
-Wald hinein.
-
-Es dämmerte bereits und im Forste lag schon tiefes Dunkel. Mit den Füßen
-über Wurzeln stolpernd, mit dem Kopfe an Bäume stoßend, das Gesicht
-gepeitscht von den niederhängenden Zweigen, folgte ich im Laufschritte
-meinem wackeren Führer.
-
-Plötzlich sah ich eine Lichtung vor mir und in demselben Augenblicke
-hörte ich Pluto, der mir in den letzten Minuten vorangeeilt war, laut und
-freudig aufbellen. Dann ließ sich Margarethens Stimme vernehmen:
-
-»Pluto, Du hier! Wie kommst Du hierher, mein Braver?«
-
-Und darauf Theodor:
-
-»Er wird aus dem Garten entkommen und Ihrer Spur gefolgt sein.«
-
-Da waren sie also! -- Tief aufathmend blieb ich stehen. In diesem Zustande,
-athemlos, keines Wortes mächtig, mit zerzaustem Haar, die Kleider in
-Unordnung vom wilden Lauf, konnte ich unmöglich vor die Beiden hintreten.
-Was würden sie von mir denken! Auch mußte ich mich erst besinnen, was ich
-ihnen zur Erklärung meiner seltsamen Parforcejagd sagen wollte.
-
-Behutsam, um meine Nähe durch kein Geräusch zu verrathen, drang ich bis
-an den Saum des Waldes vor. Nur der dämmernde Lichtschein, der von dort in
-das Dickicht fiel, leitete mich jetzt. Denn die Stimmen der Gesuchten waren
-verstummt. Am Rande der Lichtung, vom tiefen Schatten der Bäume gedeckt,
-hielt ich nochmals inne. Und jetzt erblickte ich die Beiden.
-
-Inmitten der kleinen Waldwiese, nahe dem im Stile eines
-Miniaturschweizerhäuschens gebauten Pavillon, stand Margarethe, das Haupt
-zu Theodor herabgeneigt, der vor ihr auf den Knien lag --
-
-Und mit bebender Stimme sprach er:
-
-»Zürne mir nicht, Margarethe, daß ich es wage, Dir das Geheimniß meines
-Herzens zu entdecken. Ich liebe Dich, liebe Dich unsäglich!«
-
-Margarethe trat einen Schritt zurück.
-
-»Wie unvorsichtig!« flüsterte sie hastig. »Wissen Sie denn nicht, daß
-nicht nur Wände, zuweilen auch die Bäume Ohren haben? -- So stehen Sie
-doch auf!«
-
-Theodor erhob sich. Und die Hand nach dem Pavillon ausstreckend, bat er:
-
-»Margarethe --?!«
-
-Die Thür öffnete sich und Beide verschwanden im Inneren des Häuschens.
-
-In einer Secunde stürmte blitzartig eine Fluth von Gedanken und Gefühlen
-durch mein Inneres.
-
-Ein Schmerz durchzuckte mich, wie er heftiger nicht hätte sein können,
-wäre ich Margarethens Gatte oder Bruder gewesen. Einen Augenblick fühlte
-ich mich versucht, ihnen nachzustürzen und Theodor zu Boden zu schlagen.
-Aber hatte ich etwa ein Recht dazu? Wahrlich nicht! Dann ergriff mich
-Scham, als ob ich es wäre, der einen Frevel begangen, und eine wilde
-Qual, meinen Glauben an Tugend, an die Unwandelbarkeit treuer Liebe so
-schmählich und auf so lächerliche Weise zerstört zu sehen. Und
-alle diese Gedanken und Empfindungen waren in wenigen Augenblicken
-zusammengedrängt, denn als ich mich wieder zusammenraffte, fiel hinter den
-Beiden erst die Thür ins Schloß.
-
-Doch was war dies? -- In dem Häuschen blitzte plötzlich ein Lichtschein
-auf und ein schwacher Schrei ertönte.
-
-Ich schritt vorwärts, und durch ein Fenster in den Pavillon spähend, bot
-sich mir der überraschendste Anblick.
-
-In der mir gegenüber liegenden Fensteröffnung las ich die durch ein
-glänzendes Transparent gebildeten Worte:
-
-»=Veni, vidi -- non vici.=«
-
-Und nun wurde es hell im Pavillon. Unter Margarethens Händen flammte eine
-Lampe auf. Und ich sah auf einem Tischchen allerlei kostbare Gegenstände
-zierlich geordnet: einen eleganten Briefbeschwerer, eine prachtvolle
-türkische Pfeife, ein Cigarrenetui und noch manches andere, dessen ich
-mich nicht mehr entsinne.
-
-Neben dem Tischchen aber stand Margarethe -- an Arthur's Schulter gelehnt
-und Beide blickten lächelnd auf Theodor, der starr wie eine Bildsäule an
-der Thür stand.
-
-Jetzt trat Margarethe auf ihn zu.
-
-»Hab' ich mein Wort gehalten?« fragte sie. »Ich sagte doch, Ihr
-Geburtstag treffe sich köstlich. Schade, daß unser Freund, den wir
-so schmählich im Stiche gelassen, nicht anwesend ist, sich auch an der
-Ueberraschung zu laben.«
-
-»Ihr Wunsch ist erfüllt, gnädige Frau,« fiel ich ein, lachend durch
-die Thür tretend. »Freund Pluto hat mich hierher geführt.« Und gegen
-Theodor gewendet, flüsterte ich: »Wer zuletzt lacht --«
-
-Theodor hatte endlich seine Fassung wieder gewonnen und mit der Gewandtheit
-des Weltmannes gute Miene zum bösen Spiele machend, dankte er mit
-erzwungener Heiterkeit für die allerliebsten Geburtstagsgeschenke und --
-leise zu Margarethe -- für die heilsame Lehre.
-
-Ob diese Radicalcur ihn von dem Wahne seiner Unwiderstehlichkeit und von
-jenem, daß es keine echte Treue gebe, gründlich geheilt hat? -- Ich
-weiß es nicht. Mir gegenüber vermeidet er es ängstlich, auf dieses Thema
-zurückzukommen.
-
-
-
-
-Schwer geprüft.
-
-
-Der Wanderer, der von dem in den südwestlichen Ausläufern der Allgäuer
-Alpen, inmitten eines üppigen Tannen- und Eichenwaldes malerisch gelegenen
-und durch seine heilkräftigen Mineralquellen auch als Curort bekannten
-Weiler Adelholzen gegen das etwa eine halbe deutsche Meile davon entfernte,
-knapp an die östlichen Ufer des freundlichen Chiemsees geschmiegte
-Dörfchen Uebersee hinabsteigt, kommt, wo der Weg aus dem Walde hervortritt
-und sich tiefer gegen die Thalebene senkt, an einem massiven Eisengitter
-vorüber, das einen schattigen Garten gegen die daran vorbeiführende
-Bergstraße abschließt. Wer in der Schwüle eines heißen Sommertages
-hier vorüberschreitet, mag wohl einen Augenblick stillstehen, um durch die
-Eisenstäbe des Gitters einen begehrlichen Blick auf dieses reizende Heim
-zu werfen, welches das zwischen dem dunklen Grün der Bäume und über
-den bunten Flor eines mächtigen, den ganzen Vorplatz des Gebäudes
-einnehmenden Rosenrondeaus hell und heiter hervorblickende Landhaus seinen
-Bewohnern bieten mag.
-
-Auch heute sandte die Augustsonne ihre gluttragenden Strahlen versengend
-heiß von dem wolkenlosen, durchsichtig klaren Himmel in das Thal
-hernieder. Aber hier, in dem an breitästigen dichtbelaubten Bäumen
-reichen Garten, in welchem aus dem unmittelbar angrenzenden Nadelholzwalde
-die Luft frisch und würzig herabstrich, war die unten im Thalkessel
-drückende Hitze wohlthuend gemildert.
-
-Die Besitzer des anmuthigen Landhauses, Doctor Richard Wilnau -- den man,
-seit eine Krankheit ihn des Augenlichtes beraubt, in der ganzen Umgegend
-nicht anders als schlechtweg den »blinden Doctor« nannte -- und seine
-junge, hübsche Gattin, in der Oeffentlichkeit durch ihre vortrefflichen
-Gemälde, im Kreise der Näherstehenden aber auch durch ihre hohe
-Geistesbildung und persönliche Liebenswürdigkeit bekannt, befanden sich
-plaudernd auf der kühlen Veranda.
-
-Die junge Frau hatte soeben die Lectüre der Tagesblätter beendet, die
-sie nach eingenommenem Mittagsmahle dem Doctor täglich vorzulesen pflegte.
-Aber im Begriffe, zu ihrer Arbeit wiederkehrend, in ihr Atelier sich zu
-begeben, war sie, schon auf der Schwelle, von ihrem Gatten zurückgerufen
-worden.
-
-»Unverbesserlich, ganz unverbesserlich,« sagte der Blinde, indem
-er, heiter lächelnd, sein Haupt an die Rücklehne des Schaukelstuhles
-drückte, in dem er sich behaglich auf und nieder wiegte. »Was wirst Du
-mir für eine Strafe dictiren, Malwinchen, wenn ich bekenne -- und beinahe
-hätte ich gar nicht mehr daran gedacht -- daß ich Dein strictes Gebot,
-zum Mittags- oder Abendtische niemand einzuladen, ohne Dich vorher hiervon
-zu verständigen, abermals freventlich übertreten habe?«
-
-»Unerhört!« rief Malwine lachend. »Gestern erst gelobst Du reuig
-Besserung -- heute sündigst Du aufs neue. -- Und wer ist es denn, dessen
-anziehende Gesellschaft Dich zu so schnödem Wortbruche verführt?«
-
-»Rathe nur!«
-
-»Natürlich, der dicke Major, der sein tausend und erstes Jagdabenteuer
-noch nicht oft genug zum Besten gegeben.«
-
-»Fehlgeschossen!«
-
-»Dann ist es der Badearzt, von dem Du Berichte interessanter
-Krankheitsfälle erwartest.«
-
-»Keineswegs!«
-
-»Also vielleicht Baronin X., von der Du kürzlich sagtest, daß niemand
-Dich zur Violine so gut auf dem Klavier zu accompagniren verstände als
-sie?«
-
-»Ebenfalls nicht. Doch ich sehe schon, Du erräthst es ja nicht. Wie
-solltest Du auch?«
-
-»Nun denn?«
-
-»Universitätsprofessor -- ja, mein Gott, wie hieß er denn nur gleich?
-Professor --«
-
-»Du weißt den Namen desjenigen nicht, den Du eingeladen?« lachte
-Malwine.
-
-»Doch, doch, er wird mir gleich in den Sinn kommen. Heute Vormittag,
-während Deiner Abwesenheit, wurde ich durch den Besuch dieses Herrn
-überrascht, der allerdings nicht so sehr mir, als vielmehr Dir galt. Er
-erzählte, er sei ein Jugendfreund Deiner Familie und Schulcollege Deines
-verstorbenen Bruders gewesen, aber seit vielen Jahren -- Du warst damals
-noch nahezu ein Kind -- habe er Dich nicht gesehen. Jetzt befindet er sich
-auf seiner Ferienreise, und da er zufällig von Deinem Aufenthalte
-hier gehört, wollte er die Gelegenheit nicht ungenützt lassen, Dich
-aufzusuchen. Ja, nun fällt mir auch schon sein Name ein. Halt -- Hellwig
-nannte er sich!«
-
-»Hellwig!« wiederholte Malwine, während ihr erbleichendes Antlitz
-Schrecken, Freude und Schmerz in raschem Wechsel wiederspiegelte.
-
-Der Doctor plauderte weiter, berichtete, was der Gast von seiner Reise in
-diesem schönen Alpengebiete, das er jetzt zum erstenmal betrete, erzählt,
-und schilderte, mit welch freudiger Bewunderung er von Malwinens Bildern
-gesprochen, die er in mehreren Kunstausstellungen gesehen.
-
-Aber seine Frau hörte von all dem nichts. Der eben vernommene Name
-schwirrte ihr im Ohre, so laut, daß er die Stimme ihres blinden Gatten
-weit übertönte.
-
-Wenige Stunden später sprang Malwine ungeduldig von ihrem Sitze vor der
-Staffelei empor, Pinsel und Palette mißmuthig in eine Ecke schleudernd.
-Sie grollte mit sich selbst, denn trotz aller Anstrengung vermochte sie
-nicht zu arbeiten. Ihre Hand zitterte, unklar sah ihr Auge und unablässig
-irrten ihre Gedanken von dem seiner Vollendung harrenden Gemälde fort,
-weit fort nach ihrer Kindheit trautem Heim. Sie sah sich selbst als
-glückliches Kind, als aufblühendes Mädchen, dessen übersprudelnder
-Frohsinn selbst von des stets kränkelnden Vaters Stirn die trüben
-Schatten hinwegzuscherzen wußte. Sie schaute an ihrer Seite die stille,
-ernste, unvergeßlich theuere Frau, deren sanfte Hand und wachsames Auge
-mit jener treuen Fürsorge, die nur Mutterliebe zu üben im Stande ist,
-ihre Erziehung leitete. Sie erinnerte sich ihrer Professoren, besonders
-des grämlichen Zeichnenlehrers, der für seine Schüler selten ein
-freundliches Wort hatte, für sie aber die sonst stereotype unwirsche Miene
-zumeist ablegte, und die eine oder andere ihrer Zeichnungen ihren
-Eltern vorweisend, mit geheimnißvollem Lächeln und bedeutungsvollem
-Kopfschütteln bemerkte: »In dem Kinde steckt etwas.«
-
-Sie gedachte ihres frühverstorbenen Bruders, und neben ihm tauchte die
-Gestalt eines anderen frischen munteren Knaben immer deutlicher in ihrer
-Erinnerung auf, des Jugendfreundes, der als Dritter im Bunde alle kleinen
-Leiden und Freuden der Geschwister getheilt. Sie hatte ihn einst geliebt.
-Mit ahnungsloser, schwesterlicher Neigung zuerst und dann mit der ganzen
-Glut des erwachenden Mädchenherzens. Als sie es aber wahrnahm, oder doch
-wahrzunehmen glaubte, daß sie seine Gegenliebe nicht besaß, daß er in
-ihr nichts sah als die Gefährtin aus der Kindheit, da hatte sie stolz und
-trotzig ihre thörichte, hoffungslose Liebe bezwungen, dem rebellischen
-Wünschen und Sehnen Schweigen geboten.
-
-So waren Jahre hinüber gegangen. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört und
-kaum mehr seiner gedacht. Da lernte Doctor Wilnau sie kennen und warb um
-ihre Hand. Wohl war es nicht jene tiefe, heiße Leidenschaft, die ihr Herz
-zu seinem Herzen zwang, von welcher die Dichter singen und sagen, daß sie
-nur einmal entflamme die Menschenseele und dann nie, niemals wieder, aber
-sie war dem trefflichen Manne in inniger Freundschaft geneigt, der süße
-Zauber des Bewußtseins, geliebt zu sein, that das Uebrige, und so ward
-sie seine Frau. Sie hatte es nie bereut. Jetzt aber beschlich sie leise ein
-seltsames Gefühl -- sie wußte es selbst nicht gleich zu deuten -- wie ein
-heimliches Bedauern, nicht frei zu sein. Sie strich sich mit der Hand über
-die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen, die da drinnen gegen
-ihren Willen sich regten.
-
-Plötzlich aber trat sie an einen Schrank, in dem sie einen Theil ihrer
-Arbeiten aufzubewahren pflegte. Sie wählte lange in der Menge der hier
-aufgestapelten Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen, bis
-sie das Gesuchte fand. Ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht, als
-sie das Gemälde vor sich auf die Staffelei stellte. Es war ein reizendes
-Bild. Kenner, die es gesehen, hatten es einstimmig für eine von Malwinens
-besten Arbeiten erklärt. Aber trotz der bedeutenden Summen, die ihr dafür
-geboten worden, hatte sie sich nie zu entschließen vermocht, sich von ihm
-zu trennen. Es war ja nicht nur ihr bestes, sondern auch ihr liebstes Bild.
-Zwei Kinder stellte es vor, einen Knaben und ein Mädchen, die auf weichem
-Waldesrasen von ihrer Beschäftigung ausruhend, auf welche das bis an
-den Rand mit rothglänzenden Erdbeeren gefüllte Körbchen hinwies, das
-zwischen ihnen und der zu ihren Füßen Wache haltenden prächtigen Dogge
-stand, eingeschlummert waren. Des Mädchens blondumlockter Kopf war an die
-Schulter des kräftigen Jungen gelehnt, während dieser zum Schutze seinen
-Arm um dessen Nacken geschlungen hielt.
-
-Lange weilte Malwinens Auge auf dem Bilde. Aber allmählich verdüsterte
-sich ihr Blick. Nicht mehr mit träumerischer Wehmuth, sondern mit
-feindseligem Trotze starrte sie jetzt auf das Abbild desjenigen, der ihre
-Gedanken abermals mit unwiderstehlicher Gewalt gefangen genommen. Sie
-zürnte ihm. Warum kam er, den schwer errungenen Frieden ihres Herzens zu
-stören? Hatte sie nicht genug durch und um ihn schon gelitten? Wer gab
-ihm das Recht, sich bei ihr einzudrängen und übermüthig die heißen,
-qualvollen Kämpfe ihrer Seele zu erneuern? Nein, das wollte sie nicht
-dulden! Sie wollte ihn nicht wiedersehen!
-
-Rasch entschlossen, trat sie an den Glockenzug, um durch die herbeigerufene
-Dienerin ihren Gatten bitten zu lassen, den heute zu erwartenden Gast
-allein zu unterhalten, da sie in Folge plötzlichen Unwohlseins gezwungen,
-sich zur Ruhe zu begeben, an der Gesellschaft nicht theilnehmen könne.
-
-Aber als sie die Hand ausstreckte, um die Klingelschnur zu ziehen, ward an
-die Thür geklopft, und im nächsten Augenblicke stand Hellwig vor Malwinen
--- nicht als der frohsinnsprühende, kecke Junge, der Gefährte ihrer
-Kindheit, nicht als großaufgeschossener, schlanker Jüngling, das Herz
-voll Jugendlust, den Kopf voll hochfliegender Pläne, das Ideal ihrer
-ersten Liebe, sondern in der Vollkraft reifer, aber frischer, ungebrochener
-Männlichkeit. Wohl hatte die Zeit in die breite, gewölbte Stirn zwei
-tiefe Furchen eingeschnitten, die von schwerer Gedankenarbeit oder auch von
-erlittenem Gram erzählten, und der mächtige, dichte Vollbart kam Malwinen
-ungemein fremd vor; aber als das seelenvolle, tiefblaue Auge mit seinem
-warmen Strahl ihr Auge traf, da erkannte sie ihn wieder, den wohlbekannten
-Blick des Freundes. Und so sonderbar ist das Menschengemüth! Während sie
-vor wenig Augenblicken noch fest entschlossen war Alfred nicht zu sehen,
-freute sie sich jetzt von ganzem Herzen seines Wiedersehens. Auch die bange
-Beklommenheit, die sie bei seinem unerwarteten Eintreten ergriffen hatte,
-wich allmählich vor dem kameradschaftlich treuherzigen Tone, den der
-einstige Spielgenosse in altgewohnter Weise anschlug.
-
-Er wußte so anmuthig zu plaudern. Zuerst berichtete er von den Reisen, die
-er nach Vollendung seiner Universitätsstudien unternommen, in lebhafter,
-fesselnder Darstellung die Eindrücke schildernd, die das Gesehene und
-Erlebte auf ihn geübt. Dann erzählte er, von welch hoher Freude er
-erfüllt ward, als er von den Erfolgen hörte, die Malwine auf ihrer
-künstlerischen Laufbahn erntete. Und schließlich kehrte er zu ihrer
-Kinderzeit zurück, der Jugendfreundin tausend kleine, gemeinschaftlich
-durchgemachte Erlebnisse ins Gedächtniß rufend, die ihnen damals als
-große, wichtige Abenteuer erschienen waren.
-
-Ob sie sich noch erinnere, fragte er sie, wie sie einst im Walde, von einem
-heftigen Gewitter überrascht, in einer auf der an den Wald grenzenden
-Wiese zur Aufbewahrung des Heues errichteten Bretterhütte Schutz gesucht,
-und in Folge der überstandenen Angst und der Ermüdung des raschen Laufes
-und wohl auch vom starken Duft des frischen Heues betäubt, in so
-tiefen Schlaf gesunken waren, daß sie den Abend und die ganze Nacht
-ununterbrochen schliefen, bis sie am anderen Morgen ein sich mächtig
-regender Appetit erweckte, worauf sie sich etwas kleinlaut und bange
-vor dem Schelten der beunruhigten Eltern, die sie mit Angst und Sorge
-vergeblich gesucht, nach Hause schlichen?
-
-Und ob Malwine daran noch denke, wie sie einmal auf einer ihrer häufigen
-Excursionen nach der auf einem nahen Hügel gelegenen Burgruine, mit
-einer Laterne versehen, in den unterirdischen Gängen und Gewölben des
-Ritterschlosses herumstöberten, fest überzeugt, daß sie entweder einen
-verborgenen Schatz, oder aber das Knochengerippe irgend eines in dem
-Verließe verschmachteten Gefangenen entdecken müßten?
-
-»Ah,« rief Alfred lachend, »ich that damals gar muthig und verwegen,
-ich versichere Dich aber, als uns das Licht in der Laterne plötzlich
-verlöschte und wir rathlos in dem finsteren, von dumpfem Modergeruch
-erfüllten Kellerraum standen, da war mir ganz abscheulich grausig zu
-Muthe, und hätte nicht der Gedanke, daß Furcht für einen Mann eine
-Schande sei, mir Kraft gegeben, so hätte ich sicherlich vor Angst
-geweint.«
-
-Und so plauderte er weiter, an dieses und jenes Begebniß aus ihrer
-Jugendzeit erinnernd, nach dem einen oder anderen Bekannten jener Epoche
-sich erkundigend, und dazwischen verflocht er die Erzählung späterer
-Ereignisse.
-
-Malwine hörte ihm schweigend zu. Selten unterbrach sie seine Rede durch
-eine Frage oder durch eine eingestreute Bemerkung. Ihr war es, als sei die
-sie umgebende Wirklichkeit, alles, was sie sah und hörte, nicht Wahrheit,
-sondern ein Traumgebilde. Und im Traume sah sie sich ins Elternhaus
-zurückversetzt -- als Mädchen -- und Alfred, den zu lieben sie nie
-aufgehört, sei heimgekehrt, um -- sie dachte den Gedanken nicht zu Ende.
-
-Allmählich veränderte Alfred sein Gesprächsthema. Von seinen eigenen
-Erlebnissen ging er auf jene Malwinens über, sprach von ihren Gemälden,
-dann von ihren Eltern, von ihrem Gatten und von dem schweren Unglücke,
-das durch dessen Erblindung ihn und sie getroffen, augenscheinlich bemüht,
-Malwine zu Mittheilungen über sie selbst und ihr Leben zu veranlassen.
-Aber ihre Antworten waren kurz und ausweichend, und so war er genöthigt,
-die Unterhaltung selbst weiterzuführen.
-
-Plötzlich unterbrach er sich. Sein über das scheinbare Chaos von
-Gemälden, Sculpturwerken, Alterthümern, Decorationsstücken und den
-sonstigen unzählbaren im Atelier zerstreuten verschiedenen Gegenständen
-schweifender Blick war auf das Bild mit den beiden Kindern gefallen, und
-mit einem Ausrufe lebhafter Ueberraschung war er aufgesprungen, um es
-näher zu betrachten.
-
-»So hattest Du des wilden Jungen doch nicht gänzlich vergessen,« sagte
-er dann. »Dieses Bild giebt Zeugniß, daß Du manchmal seiner gedacht.«
-
-Ein feines Incarnat überzog Malwinens Wangen.
-
-»Wer würde seiner Kindheit vergessen,« entgegnete sie, »zumal wenn
-dieselbe eine glückliche war?«
-
-Alfred antwortete nicht. Er war an das offene Fenster getreten, von welchem
-aus sich ein herrlicher Fernblick darbot über das weite Thal, den stillen
-See mit seinem stolzen Königsschlosse und den himmelanstrebenden Bergen
-im Hintergrunde. Die sinkende Sonne sendete ihren letzten Strahlengruß und
-die pittoresken Formen der blaugrünen Gebirge zeichneten sich scharfkantig
-auf dem in leuchtenden Farbentönen von dunklem Violett bis hellem
-Rosa erglühenden Firmamente ab. Munter und behende glitt ein kleines
-Dampfschiff über den See, und die sich hinter demselben hinziehende
-Wasserfurche glitzerte und glänzte wie flüssiges Gold. Ein sanfter
-Lufthauch strich durch die Blätter der Bäume, wiegte die Spitzen der
-schlanken, grünen Grashalme und die Kelche der Blumen und tändelte
-mit dem Strahle des Springbrunnens im Garten. Aus dem Zimmer des Blinden
-klangen leise, wie aus ferner Welt, weiche, innige Geigentöne.
-
-»Malwine,« unterbrach Alfred plötzlich das eingetretene Schweigen, indem
-er mit fast brüsker Raschheit sich vom Fenster weg zu ihr wendete, »Du
-weißt die eigentliche Ursache meines Hierherkommens noch nicht.«
-
-Erstaunt und fragend blickte Malwine in das heftig erregte Antlitz des
-Freundes.
-
-»Die eigentliche Ursache Deines Kommens --?«
-
-»Ja, die weißt Du noch nicht,« wiederholte Alfred. »Ich bin gekommen,
-Dich zu fragen, ob Du glücklich bist? Ob Deine Ehe eine glückliche ist,
-ob Dein Gatte nicht nur Deine Hand, sondern auch Dein Herz besitzt?«
-
-»Und ich,« erwiderte Malwine kalt, »muß Deine Frage mit einer
-Gegenfrage beantworten, wer Dir das Recht giebt, derartige Erklärungen von
-mir zu fordern?«
-
-»Wer mir das Recht giebt?« stieß Alfred mit gepreßter Stimme hervor.
-»Meine Liebe giebt mir das Recht hierzu. Ja, Malwine, ich liebe Dich,
-ich habe Dich immer geliebt. Aber als kindischer Junge an Deiner Seite
-hinlebend, da wußte ich es selbst nicht, daß meine Liebe eine tiefere,
-mächtigere sei als die brüderliche Zuneigung zur Jugendfreundin. Als
-ich fern von Dir weilte in weitem, fremdem Lande, da wurde es mir freilich
-klar, daß ich Dich liebte mit der ganzen Kraft meines Herzens, aber
-brieflich um Dich werben, Dir brieflich das Geständniß ablegen, das
-wollte ich nicht. Du solltest frei sein, die Jahre unserer Trennung, so
-dachte ich, würden auch Dich die Klarheit über Dich selbst gewinnen
-lassen, ob Du in mir nur den Kameraden sahst, oder ob Du mich so liebtest,
-wie mir manchmal die sinnbethörende Hoffnung meines Herzens vorspiegelte.
--- Heimgekehrt, erfuhr ich, Du seiest verlobt. -- Ich habe in diesen Jahren
-redlich mit mir gerungen, Malwine, ich hab' es versucht, meine Neigung zu
-bekämpfen, Dich zu vergessen. Ich kann es nicht. Ein Dämon des
-Zweifels flüstert mir unablässig zu, daß Du vielleicht mir doch nicht
-unwiederbringlich verloren seiest, daß Du diese Ehe vielleicht ohne
-Liebe eingegangen, daß nicht Doctor Wilnau es ist, der Dein Herz besitzt,
-sondern --«
-
-»Halt ein!« rief Malwine, deren Wangen Todesblässe überdeckte.
-
-Aber Alfred gehorchte nicht.
-
-»Nein, erst soll mir Gewißheit werden,« fuhr er fort, indem er ihre
-beiden Hände erfaßte und gegen sich hinzog. »Sprich nur das eine Wort,
-sprich es aus, Malwine, ob Du ihn liebst! Wenn es so ist, wenn es ihm
-gelungen, Dein Herz zu gewinnen und Dich zu beglücken, ich schwöre es
-Dir, dann will ich schweigend dieses Haus verlassen und Du sollst niemals
-wieder von mir hören. Wenn aber Deine Ehe ein Irrthum war, wenn sie Dir
-das Glück nicht bietet, das Du von ihr erhofft, wenn Du mich liebst
--- dann, o dann wird keine Macht der Erde Dich in diesen Fesseln
-zurückhalten, ich werde sie zu sprengen wissen und vor Gott und der Welt
-wirst Du mein Weib werden!«
-
-Malwine schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Athem drang schwer
-und zitternd aus ihrer hochwogenden Brust.
-
-Tief und tiefer beugte sich Alfred's Angesicht auf ihr Haupt hernieder.
-Seine Lippen berührten die ihrigen, und ihm ward die Gewißheit, nach der
-er sich gesehnt --
-
-Ein heller Glockenton weckte die Beiden aus der seligen Trunkenheit des
-ersten Kusses der Liebe. Es war das Zeichen zum Abendtisch.
-
-Auf der Veranda fanden sie Gesellschaft. Einige Herren aus der Umgebung
-waren zum Besuche des Doctors eingetroffen und der gastfreundliche Hausherr
-hatte sie zum Abendbrot gebeten. Malwine war froh, nicht mit Richard und
-Alfred allein zu sein. Die Rolle, die sie jetzt zwischen beiden Männern
-hätte spielen müssen, wäre ihr als Lüge erschienen, und ihrer geraden,
-offenen Natur war Lüge unerträglich. Die Gegenwart der Fremden enthob
-sie des trügerischen Spieles, indem sie allen Anwesenden die gleiche
-freundliche Aufmerksamkeit schenkte. Aber während sie über des einen mehr
-oder weniger geistreichem Wortspiele höflich lächelte, von einem Anderen
-sich den Unterschied zwischen der englischen und russischen Art der
-Bereitung des Thees erklären ließ, oder mit einem dritten über die
-realistische Richtung in der dichtenden und bildenden Kunst discutirte, war
-ihr Gedanke doch nur bei dem, der ihr gegenüber saß, aus dessen Auge ihr
-unermeßliche Liebe und unermeßliche Freude entgegenleuchtete, und bei
-ihrer nächsten Zukunft, die ihr ein neues, bis jetzt noch nicht gekanntes
-Glück bringen sollte.
-
-Die Abendstunden gingen vorüber und die Gäste kehrten heim. Mit einem
-flüchtigen »Schlafe wohl!« und einem raschen Händedruck verabschiedete
-Malwine sich von ihrem Gatten, um sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen.
-Sie bedurfte der Einsamkeit, um über das Geschehene und noch zu
-Geschehende nachzudenken, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn alles war
-ja so plötzlich, so unvorbereitet über sie hereingebrochen.
-
-»Morgen komme ich wieder, um mit Dir alles Nöthige zu besprechen,« hatte
-Alfred ihr beim Weggehen zugeflüstert.
-
-Ja morgen, morgen!
-
-Verwundert schaute Malwine um sich, als sie die Thür zu ihrem neben dem
-Schlafzimmer gelegenen Boudoir öffnete. Ein starker, süß betäubender
-Wohlgeruch drang ihr entgegen. Und nun erblickte sie einen mächtigen
-Heliotropenstrauß -- ihre Lieblingsblumen -- und vor demselben ein
-kleines Etui aus dunklem Leder. Es enthielt einen goldenen Armreif, dessen
-Innenseite das Datum zweier Tage trug, des morgigen und desselben Tages vor
-fünf Jahren.
-
-Was sollte all dies bedeuten?
-
-Ach, jetzt fiel es ihr ein. Morgen war der fünfte Jahrestag ihrer
-Vermählung. Und diese Geschenke kamen von Richard, der ihr damit ein
-Zeichen geben wollte, daß er dieses Tages mit Freude gedenke.
-
-»Richard, Richard!« stammelte sie, und einer mächtigen Sturmfluth gleich
-überwältigte sie die Erinnerung an den, dessen Frau sie war, der sie
-liebte und dessen sie, im heißen Drange ihrer eigenen wieder erwachten und
-jetzt erwiderten Liebe, nimmer gedachte.
-
-Mit einem halb unterdrückten Wehruf sank Malwine auf die Kissen des Divans
-und preßte die Hände vor ihr zuckendes Gesicht. Ihr Denken drehte sich
-wirr im Kreise und ein wilder, brennender Schmerz umschnürte wie mit
-eisernen Klammern ihre Brust.
-
-Doch allmählich glätteten sich die Wogen ihrer vom Grunde aufgewühlten
-Seele und ihr Geist gewann die Klarheit wieder, welche die aufgewiegelte
-Leidenschaft auf Augenblicke zu trüben vermocht. Sie überdachte die fünf
-Jahre ihrer Ehe, fünf Jahre der treuesten, innigsten Liebe ihres Mannes.
-Sie gedachte jenes entsetzlichen Tages, als seine dauernde, unheilbare
-Erblindung zur unzweifelhaften Gewißheit geworden. Sie selbst war die,
-wenn auch schuldlose Ursache dieses Unglückes. Als sie an schwerer und
-ansteckender Krankheit daniedergelegen, war Richard, als ihr Arzt
-und Pfleger, nicht von ihrem Lager gewichen. So hatte er das Gift der
-mörderischen Krankheit eingesogen. Malwine genas -- er erblindete. Und
-als er ihr Schluchzen hörte, das sie, von heißem Mitleid ergriffen, nicht
-zurückzudrängen vermochte, da versuchte er es, sie zu trösten.
-
-»Weine nicht!« sprach er, »denn ich bin nicht bedauernswerth. Ich fühle
-mich unvergleichlich glücklicher -- wenn auch blind -- an Deiner Seite,
-als mit gesunden, sehenden Augen ohne Dich.«
-
-Und von diesem Manne, dessen einziges Glück in der düsteren Nacht seines
-Lebens sie war, sollte sie sich abwenden? Dieses Herz sollte sie von sich
-stoßen, das warm und liebend nur für sie schlug? O, sie wußte es wohl,
-wenn sie es ihm sagte, daß ein Anderer ihre Liebe besitze, er würde der
-Trennung ihrer Ehe und ihrer Verbindung mit dem, den sie liebte, nicht
-entgegen treten. Er war zu groß und edel, um ein Wesen mit Gewalt an sich
-gekettet zu halten, das nicht in freier Wahl und Neigung sein eigen war.
-Aber konnte sie es denn? Vermochte sie es, auf den Trümmern des durch ihre
-Hand vernichteten Lebensglückes der großmüthigsten Seele ihr eigenes
-selbstsüchtiges Glück zu erbauen?
-
-Schwer und mühsam erhob Malwine sich von ihrem Sitze. Sie trat auf die
-Terrasse. »Er schläft,« dachte sie. »Kein Traumgott flüstert es ihm
-zu, daß ich hier stehe, eines Anderen gedenkend; daß ich, seine Frau,
-die Hand erhoben, um sein Lebensglück zu zerstören. Schlummere ruhig, Du
-Guter, Edler, möge auch mein eigenes Herz darüber brechen, Deine Liebe
-werde ich nicht verrathen --!«
-
-Da tönten leise, wie eine Antwort auf ihrer Seele Ruf, süße Klänge
-durch die stille Nacht. Richard stand am offenen Fenster und spielte. Er
-spielte für sie, spielte ihr liebstes Lied.
-
-Plötzlich legte sich ein weicher Arm um seinen Nacken und ein treues Haupt
-an seine Brust. Er ließ die Geige sinken und drückte einen Kuß auf das
-lockige Haar. Ein heißer Tropfen fiel auf seine Hand.
-
-»Du weinst, Geliebte?«
-
-»O lasse mich weinen, Richard! Sollte ich ungerührt bleiben ob Deiner
-unendlichen Güte, Deiner unendlichen Liebe?«
-
-Lächelnd zog Richard seine Frau fester an sich.
-
-»Du weinst, weil ich Dich liebe! Ich aber weine nicht, ich bin so
-glücklich, und doch liebst ja Du auch mich?«
-
-»Ich liebe Dich!«
-
-»Und wirst mich ewig lieben?«
-
-»Ewig!«
-
- * * * * *
-
-Am anderen Tage um die Mittagsstunde trat Alfred durch das Gitterthor des
-Gartens auf die Straße. Malwine hatte ihm für immer Lebewohl gesagt.
-
-Als Pfand ihrer Freundschaft nahm er das Bild der beiden Kinder auf dem
-Waldesrasen mit sich. Es hing fortan über seinem Arbeitstische. Und
-in schweren Stunden des Kampfes zwischen Pflicht und Neigung, wenn der
-ungestüme, leidenschaftliche Drang der Natur recht zu behalten drohte
-gegen die leise mahnende Stimme höherer Geisteserkenntniß, da blickte er
-zu dem Bilde auf, und im Gedanken an sie, die ihn geliebt und ihre Liebe
-der Pflicht geopfert, fand er, gleich ihr, die Kraft zum schwersten Siege,
-zum Siege über das eigene Herz!
-
-
-
-
-»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --«
-
-
-Irgendwo las ich einmal vor langer, langer Zeit ein Volkslied. Ich vergaß
-es wieder, nur eine Verszeile daraus ist in meiner Erinnerung haften
-geblieben:
-
- »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --«
-
-Und diese Zeile summt mir im Kopfe, wenn ich meines jungen Freundes Erwin
-gedenke --
-
-Kaum dreijährig hatte er seine Mutter verloren. Und da er auch keine
-Geschwister besaß, hängte er sich mit der ganzen Liebesfähigkeit
-seines kleinen Kinderherzens an seinen Vater, der ihm der Inbegriff alles
-Herrlichen, Guten und Edlen, kurz sein Abgott war. Und mit Recht.
-Denn außer diesem Manne gab es wohl kaum einen zweiten, der mit solch
-opfervoller Liebe für sein Kind sorgte. Mutter und Geschwister, Erzieher
-und Kameraden wußte er ihm zu ersetzen. Außer den Stunden, die den
-Knaben in der Schule, den Vater im Amte festhielten, sah man die Beiden
-unzertrennlich beisammen. Der Vater repetirte mit dem Jungen dessen
-Schulaufgaben, las ihm vor, theilte seine Spiele, nahm ihn auf den
-Spaziergängen mit. So schmiegte sich die junge Seele immer inniger an den
-väterlichen Freund und Berather an, und nichts spielte sich in des Sohnes
-Leben ab, was er dem Vater nicht in kindlicher Hingebung vertraut hätte.
-
-Nur einmal ereignete sich etwas, was er ihm verschwieg.
-
-Eines Tages, als die Schule zu Ende war und das Jungvolk sich lachend und
-plaudernd auf den Heimweg begab, trat einer der Knaben plötzlich an Erwin
-heran und gab ihm einen Schlag ins Gesicht.
-
-Erwin war über diesen unerwarteten Angriff so überrascht, daß er erst
-gar nicht daran dachte, sich zu vertheidigen.
-
-Der Andere aber lachte höhnisch auf und rief: »Das hast Du für Deinen
-Vater bekommen, gieb es weiter an ihn, er verdient es!«
-
-Da stürzte sich Erwin, außer sich vor Zorn, Schmerz und Entrüstung auf
-den Burschen und bläute ihn so durch, daß dieser, obgleich größer und
-stärker als Erwin, sich dessen Schläge, die ihm auf Schulter, Rücken und
-Gesicht nur so niederhagelten, nicht erwehren konnte.
-
-»Nimm es zurück, was Du gesagt hast, nimm es zurück. Sonst -- sonst --«
-rief er, stammelnd vor Wuth, während seine kleinen Fäuste den Beleidiger
-bearbeiteten.
-
-Der Andere versuchte Kopf und Gesicht mit seinen Armen zu decken, aber die
-Raserei der Empörung seiner Gefühle verlieh Erwin solche Kraft, daß
-sein Gegner, die Nutzlosigkeit jeder Vertheidigung bald einsehend, heulend
-schrie: »Hör' auf! Ich will es nicht wieder sagen, gewiß nicht! Hör'
-auf, hör' auf!«
-
-Da hielt Erwin in der Züchtigung des Buben inne. Er hob seine Schultasche,
-die er, um die Arme frei zu bekommen, von sich geworfen, vom Boden auf, und
-ohne sich um den Gemaßregelten, noch auch um die anderen Schulkameraden,
-die dem wilden Auftritte theils erschreckt, theils lachend zugeschaut
-hatten, weiter zu kümmern, verließ er raschen Schrittes, noch schwer
-athmend und mit von der Erregung und Anstrengung gerötheten Wangen und
-blitzenden Augen den Kampfplatz.
-
-Er ging nicht gleich nach Hause. Es war ihm beklommen zu Muthe. Er mochte
-dem Vater das Erlebte nicht mittheilen, ihm die abscheulichen Worte nicht
-wiedererzählen, die der freche Bursche ihm zugeschrien. Nein, das mochte
-er nicht. Er hätte, sie nicht über die Lippen gebracht, so sehr schämte
-er sich, sie gehört zu haben. Darum mußte er sich erst Zeit gönnen, um
-sich zu beruhigen und dem Vater unbefangen gegenüber treten zu können.
-
-Er machte einen weiten Umweg und als er, nothgedrungen, endlich doch seinem
-Heim zuschritt, fühlte er es als eine willkommene Erleichterung, von der
-ihm die Wohnungsthür aufschließenden alten Dienerin zu hören, daß sein
-Vater eben einen Boten mit der Nachricht geschickt habe, Erwin möge
-mit dem gewohnten abendlichen Spaziergang nicht auf ihn warten, da er
-dienstlich verhindert sei, zur üblichen Stunde nach Hause zu kommen.
-Sonst war Erwin solches ihm aufgedrungenes Alleinsein ein unerfreulicher
-Zwischenfall, heute empfand er es als eine Wohlthat.
-
-Er setzte sich an seinen Arbeitstisch, und so schwer es ihm anfänglich
-auch fiel, seine Gedanken bei seinen Schulaufgaben festzuhalten, gelang es
-seinem angestrengten Willen doch, die flüchtigen zu bannen. Allmählich
-übte die Arbeit ihre segensreiche Wirkung, sein erregtes Gemüth Ruhe
-finden zu lassen, und als der Vater, ihn begrüßend, Abends in sein
-Zimmer trat, lag kein Schatten von Verstimmung mehr im klaren Blicke seines
-Sohnes.
-
-Die Tage rollten wieder dahin im altgewohnten Geleise. Wohl tauchte hin
-und wieder die Erinnerung an den ängstlich verschwiegenen Vorfall mit
-peinlicher Lebendigkeit in Erwin's Seele auf, und zuweilen schien es
-ihm, als könnte er den Stachel, den er in seinem Herzen zurückgelassen,
-ausreißen, wenn er ihn seinem Vater erzählte. Aber so oft der Gedanke an
-Mittheilung des Geschehenen näher an ihn herantrat, fühlte er zugleich
-das innerliche Unvermögen hierzu -- und so schwieg er und vergaß es
-allmählich selbst.
-
-Eine Reihe von Jahren war verflossen, der Knabe zum Jüngling gereift. --
-An dem innigen Verhältniß zwischen Vater und Sohn hatte die Zeit aber
-nichts geändert, die Beiden schienen unter einem Himmel friedlichen,
-wolkenlosen Glückes zu wandeln.
-
-Doch als der Vater einmal von einer mehrwöchentlichen Dienstreise
-heimkehrte, fand er Erwin, den linken Arm in der Schlinge tragend.
-
-»Eine Bagatelle -- ein leichter Säbelhieb, in einer Studentenpaukerei
-davongetragen -- weiter nichts« -- so beruhigte Erwin den besorgten Vater.
-Und auf sein näheres Befragen erzählte er ihm, wie sich aus einem
-ganz unbedeutenden Vorfall ein Wortwechsel zwischen ihm und einem seiner
-Collegen entwickelt und ein Duell zur Folge gehabt habe.
-
-Es war eine Lüge, was Erwin berichtete -- die erste Lüge seines Lebens.
-Die Ursache des Zweikampfes war eine ganz andere als jene, die er dem Vater
-erzählte.
-
-Eines Abends, als Erwin im Kaffeehause einer Billardpartie seiner Collegen
-zuschaute, hörte er im Laufe eines von zwei in seiner Nähe an einem
-Tischchen sitzenden Herren mit leiser Stimme geführten Gespräches den
-Namen seines Vaters fallen. Erwin trat unauffällig näher an sie heran und
-horchte auf. Der ältere der beiden Herren erzählte dem jüngeren, daß
-er um Verleihung der Stelle als Bahnarzt bei der St.'schen
-Eisenbahngesellschaft eingekommen sei, nachdem dieselbe durch den Tod eines
-gewissen Doctor Berger, der sie zuletzt bekleidet, frei geworden. Er warte
-nur auf Herrn K...'s -- dies der Name von Erwin's Vater -- Rückkehr,
-dessen Stimme, wie er wisse, bei der Besetzung der Stelle maßgebend
-sei, um sich persönlich vorzustellen und ihn um Berücksichtigung
-seines Gesuches zu bitten. Seine langjährige und, wie er glaube, nicht
-verdienstlose Praxis berechtigte ihn wohl, auf Erlangung der betreffenden
-Stelle zu hoffen.
-
-Da lachte der Jüngere, und indem er Erwin mit herausforderndem Blicke
-maß, wobei dieser in ihm den ehemaligen Schulkameraden erkannte,
-dessen beleidigenden Ueberfall er mit seinen wackeren, kleinen Fäusten
-gezüchtigt, sagte er:
-
-»Ihre Verdienste werden Ihnen wenig nützen. Darauf dürfen Sie nicht
-hoffen. Auch das Gesuch meines Vaters wurde eben um jenes Doctor Berger
-willen, eines ganz unfähigen Arztes, abgewiesen. Wenn Sie reussiren
-wollen, geben Sie Herrn K... einige hundert Franken, und Sie werden die
-Stelle erhalten.«
-
-Diese Worte waren die Ursache von Erwin's Zweikampf mit dem, der sie
-gesprochen, gewesen. Zum zweitenmale hatte er seinen Arm erhoben zur Abwehr
-einer Beschimpfung seines Vaters. Doch wie einst als Knabe, schwieg er auch
-jetzt als Mann. Wie damals hätte er auch heute die schmachvollen Worte
-nicht zu wiederholen vermocht, die der freche Verleumder auszusprechen
-gewagt. Wozu auch? Wußte er doch, daß an der Ehrenhaftigkeit seines
-Vaters kein Flecken haftete, und lag es doch klar am Tage, daß nur der
-Grimm ob der sicherlich berechtigten Zurücksetzung zu Gunsten eines
-verdienstvolleren Mannes es war, was den verwegenen Buben gegen ihn und
-seinen Vater zu Haß und Verleumdung aufstachelte.
-
-Mit lächelnder Ergebung nahm Erwin die väterlichen Ermahnungen vor einer
-Wiederholung ähnlicher, thörichter Schlägereien entgegen und freute
-sich im Stillen, daß ihm die Täuschung seines Vaters, die seinem
-wahrheitsliebenden Herzen gar nicht leicht fiel, so gut gelungen war.
-
-Die Wunde heilte rasch, und wieder glitt das Leben der Beiden in seiner
-altgewohnten, friedlichen Weise dahin. Doch da kam ein Tag, da Erwin am
-Krankenlager seines Vaters stand, und ein anderer, da er schluchzend an
-seinem frischen Grabe kniete. Und dann kam eine Stunde --
-
-Monate waren seit seines Vaters Hinscheiden verflossen, als Erwin es
-endlich über sich gewann, ordnende Hand an dessen hinterlassene Papiere
-zu legen. Das heiße Weh seines unersetzlichen Verlustes packte ihn
-mit erneuter Gewalt, als er mit zitternden Fingern unter den vergilbten
-Blättern wühlte -- sterbende Spuren des erstorbenen Lebens. Briefe,
-Zeichnungen, amtliche und Geschäftspapiere glitten durch seine Hand.
-Wichtiges wurde zur Seite gelegt, anderes dem Feuer übergeben. Ganze
-Stöße lohten bereits leise flüsternd und knisternd im Kamin. Erwin
-trennte sich schwer von diesen Blättern. Allein, er hielt es für gut so.
-Wußte er denn, wenn auch für ihn der Augenblick kommen würde, der in der
-Vernichtung waltenden Naturkraft seinen Tribut zu zahlen? Und kein fremdes
-Auge sollte mit kalter Neugier das ihm theuerste Vermächtniß entweihen.
-Immer neue und neue Schriftenbündel wanderten in den Kamin, der vom
-Papierfeuer rasch erhitzt, milde Wärmeströme in das Gemach ausstrahlte,
-in welches vom Garten her durch das halbgeöffnete Fenster kalte Nachtluft
-drang.
-
-Es war im Frühling. Das lockende Lächeln sonniger Tage hatte das
-schlummernde Leben der Natur wachgeküßt -- um ihr Vertrauen grausam zu
-enttäuschen. Ein heftiges Gewitter hatte neuen Schnee auf die nahen Berge
-gebracht, und jetzt, als der nächtliche Himmel klar und sternhell über
-der blühenden Erde sich wölbte, lauerte der Frost, um den segenspendenden
-Thau in lebenmordendes Eis zu verwandeln.
-
-Hier in der stillen Kammer flatterte Blatt um Blatt, von der geliebten,
-liebenden Hand beschrieben, in die züngelnden Flammen, um auf dem Hügel
-des grauen Aschengrabes den vorangegangenen Brüdern sich zuzugesellen.
-Da, Briefe der Mutter, die er nie gekannt, dort von Freunden des Vaters,
-dazwischen Rechnungen, Quittungen, geschäftliche Aufzeichnungen. Und hier
-ein Notizbuch, ganz von der Hand des Vaters ausgefüllt. Erwin schlägt es
-auf und blättert darin. Sein Auge feuchtet sich. Es sind nur Zahlen, die
-das Büchlein enthält. Und doch, wie rütteln diese nüchternen, trockenen
-Zahlen an seiner Seele, den unermeßlichen Verlust, den sie erlitten, neu
-verschärfend! Es enthält die Einnahmen und Auslagen seines Vaters durch
-eine lange Reihe von Jahren mit pünktlichster Genauigkeit verzeichnet. Auf
-der einen Seite die Einnahmen, sie bleiben sich stetig gleich: die Rente
-des winzigen Vermögens und das langsam aufsteigende Gehalt des Vaters.
-Auf der gegenüberstehenden Seite die Auslagen: Wohnung, Kost, Kleider --
-außer der Bestreitung der gemeinschaftlichen Bedürfnisse größtentheils
-Auslagen für ihn, Erwin, sein Schulgeld, Bücher und so weiter. Der
-gute Vater, wie wenig hatte er sich gegönnt, um dem Sohne Genügendes zu
-bieten!
-
-Schon ist Erwin im Begriffe, das Büchlein zur Seite zu legen. Mit
-lässigem Finger schlägt er noch ein Blatt zurück.
-
-Da verfärben sich plötzlich seine Wangen, weit öffnet sich sein Auge,
-sein erstarrender Blick heftet sich auf ein kleines Wörtchen. Auf der
-Seite der Einnahmen, dicht unter dem Monatsgehalt, steht geschrieben:
-
-»Von Doctor Berger tausend Franken.«
-
- * * * * *
-
-Welk und todt senkten die vom nächtlichen Frost gemordeten Blüthen und
-Blumen ihre Häupter, als Erwin am nächsten Morgen auf dem Wege nach dem
-Amte sein Gärtchen durchschritt. Ohne ihrer zu achten, ging er an ihnen
-vorüber.
-
-Die Freunde und Bekannten aber, die ihm begegneten, blickten ihm betroffen
-nach. Kaum erkannten sie ihn wieder, so verändert schien er. Er war nicht
-krank gewesen -- und doch sah er um viele Jahre gealtert aus --
-
- »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --«
-
-
-
-
-Der kleine Geiger.
-
-
-In einer mächtigen deutschen Stadt weiß ich ein schönes Haus, in dem ich
-manch glückliche Stunde meines Lebens verbracht. Nicht mitten im Gewühle
-des Häusermeeres ist es gelegen, sondern außerhalb des Stadtthores, dort,
-wo vor etwa dreißig Jahren noch tiefer Wald gestanden. »Garten« wird
-dieses von ausgedehnten Plätzen und breiten Straßen durchschnittene
-Gebiet nunmehr genannt. Aber nicht in zierlicher Cultur und Kunst blickt es
-dem Besucher überall entgegen; an manchen Stellen weist es noch die alte
-Pracht und stolze Würde des einstigen Waldes auf.
-
-Jenes, mit der kleinen Geschichte, die ich hier erzählen will, verwebte
-Stück des Gartens kann keinen Anspruch darauf erheben, ob seiner
-großartigen, landschaftlichen Reize gerühmt zu werden, immerhin aber ist
-es von lieblichem, dem Auge wohlthuenden Grün geschmückt, von frischer,
-erquickender Luft durchweht und von weniger Menschen heimgesucht als andere
-Partien des ausgedehnten Gartens.
-
-An der dieses Terrain durchschlängelnden schmalen Chaussee liegt das Haus,
-zu welchem meine Erinnerung mich heute zurückführt. In griechischem Stile
-mit feinem Geschmacke erbaut, die Vorderfront dem grünen, luftigen
-Haine zugekehrt, durch Umzäunung und schattige Parkanlagen von
-den Nachbarhäusern getrennt, erhebt es sich in schmuckloser, edler
-Einfachheit.
-
-Im Frühling, wenn die linden Lüfte durch den großen Garten wehen und die
-Rosenbäume und Hecken um die Villa ihren entzückenden Duft verbreiten,
-dann klingen von allen Ecken des Hauses Gesang und Saitenspiel durch die
-weitgeöffneten Fenster. Die schönsten und süßesten Klänge aber tönen,
-nicht allen Vorübergehenden vernehmbar, von der Rückseite her, die frei
-an einen öden, sandigen Bauplatz stößt.
-
-Wenige dachten daran, ihre Schritte dorthin zu lenken. Nur ein kleiner
-Kinderwagen wurde, am weiten Tummelplatze fröhlich spielender Knaben und
-Mädchen vorüber, täglich dahingerollt. Das halbwüchsige Mädchen,
-das den Wagen leitete, trabte stets wieder von dannen, nachdem es für
-denselben ein Plätzchen im Schatten des Hauses gefunden und allerlei
-Steinchen, Gräser und Blätter auf das Bettchen im Inneren des Wagens
-gelegt hatte.
-
-Das erregte gar sehr meine Neugierde und einmal, als ich wieder um
-die Mittagszeit heimwärts schlenderte, ging ich flugs auf das winzige
-Wagengebäude los, um einen kecken Blick auf dessen stillen Insassen zu
-werfen, der hier täglich für lange Stunden der Einsamkeit anvertraut
-wurde. Leise schlich ich mich um die Ecke und schob das grüne Tuch, das
-vom Wagendache herabhing, behutsam zur Seite.
-
-Da sah ich auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen Kissen einen
-blonden Knabenkopf liegen, so weiß und bleich, als läge eine Gipsmaske
-über dem Gesichtchen. Die Augen waren geschlossen und leiser Athem bewegte
-kaum bemerkbar die Wangen und Nasenflügel des kleinen Träumers. Kein
-Strahl des warmen, goldigen Sonnenglanzes, in dem die frühlingsfrische
-Erde gebadet lag, fiel in die von dem kahlen Sandplatze umgebene Mauerecke,
-wo der blasse Knabe in seinem dürftigen Strohwägelchen schlummerte.
-
-Armes Kind! Gern hätte ich Dich wachgeküßt. Aber ach, der Thränenstrom
-aus mitleidsvollem Herzen hätte Dir nichts gefruchtet. Du brauchtest
-kräftigere Arznei für Deine fahlen Wangen, für Deine so mühsam athmende
-Brust -- Du brauchst das Glück.
-
-Ich wollte mich abwenden, um heimzugehen, aber da zog aus offenem Fenster
-des Hauses ein sanfter Ton auf weicher Saite in die zitternde, webende
-Mittagsluft, schwellte, wuchs und breitete sich und öffnete die müden
-Lider des Schläfers. Der Knabe bewegte und bog sich aus dem engen
-Wagenraum; beseligtes Staunen malte sich in den feinen Zügen und
-aus großen, vertrauenden Kinderaugen blickte er hinaus in das blaue,
-sonnendurchleuchtete Aethergewölbe über sich und hinauf zu dem Fenster,
-aus dem die süßen Töne quollen. Immer voller und gewaltiger wurde der
-Gesang der Saiten, immer strahlender das Auge und bleicher die Wange des
-entzückten Lauschers, bis alles verklungen war. Dann sank er ermattet in
-die Polster zurück und die farblosen Lippen flüsterten: »So wollt' ich's
-können! -- Ach, wenn ich eine Geige hätte!« -- und ich ergrimmte ob
-solch hilflosen Wehes der Sehnsucht.
-
-Der Künstler aber -- die Welt nannte ihn damals und nennt ihn noch heute
-den »Geigenkönig« -- hörte mir lächelnd zu, als ich ihm von dem Knaben
-erzählte, und machte ihm eine kleine Geige zum Geschenk.
-
-Als der Sommer kam, wurde für den Wagen des Kleinen eine andere Ruhestelle
-gesucht, abseits vom Hause auf grünem Rasenplatz, im kühlen Schatten
-dichtbelaubter Bäume. Aber auch hier schlich ich mich oftmals leise an und
-belauschte ihn, wie er seine von ihm unzertrennliche Geige in den zarten
-Händen hielt und darauf Töne zu bilden suchte, süße, liebliche Laute,
-und ich freute mich, als ich sah, daß die Zufriedenheit des erfüllten
-Herzenswunsches und der reichliche Aufenthalt im Freien die früher so
-blassen Wangen des Kindes mit rosenfarbenem Anhauch überkleideten.
-
-Doch der Sommer enteilte. Die Rasenteppiche bleichten dem Winter entgegen;
-die grünen Wälder färbten sich in gelbe und braune Tinten. Ein
-langandauernder Regen fiel, und als sich der Himmel wieder aufheiterte,
-brachte die nächste Nacht Reif und Frost. Auf Büschen und Bäumen waren
-die vergilbten Blätter von der Nässe zusammengeklebt, und als die
-müde Herbstsonne sie allmählich wieder getrocknet hatte, fielen
-sie schaarenweise zur Erde, so oft ein Windstoß über sie hinfuhr.
-Frostschauernd, ächzend und knarrend schüttelten sich die ihres
-Laubgewandes entkleideten Bäume in den rauhen Stürmen.
-
-Und mit dem grünen Laub erbleichten auch wieder die Wangen des armen,
-kranken Knaben. Sehnsüchtig blickte er aus der dunklen, feuchten
-Portiersstube seiner Eltern ins Freie und gedachte der vielen guten
-Stunden, die er draußen, von der warmen Sommerluft umweht, vom dichten
-Blätterdach der mächtigen Buchen beschattet, verträumt hatte. Selten,
-nur an ganz milden Tagen, wurde er in sein Wägelchen, und später, als der
-Winter kam und mit seinem Schnee und Eis den großen Garten überzog, in
-den Schlitten gesteckt und unter den buntgeblümten Kissen tief begraben,
-für ein halbes Stündchen durch die Straße geführt.
-
-Fast täglich kam der freundliche Arzt zu dem kleinen Patienten, fühlte
-ihm den Puls, strich mit sanfter Hand über sein blondes Haargelock und
-verordnete dies und jenes als stärkende Nahrung. Und manchmal drückte er
-eine Banknote in die zitternde Hand der verkümmerten Mutter, damit es ihr
-leichter würde, seine Verordnungen auszuführen.
-
-Des Knaben einzige Freude war sein Geigenspielzeug. Fleißig übte er
-Triller und Läufe; immer gewandter leiteten die schlanken Fingerchen den
-kleinen Bogen über die Saiten und ein seliges Lächeln glitt über sein
-Gesichtchen, wenn es ihm gelang, eine ihm besonders schwierig dünkende
-Passage zu seiner Zufriedenheit zu bewältigen.
-
-Sein Lehrmeister aber war kein geringerer als der Geigenkönig selbst, der,
-gerührt von der glühenden Sehnsucht nach Musik, die der Funke des Genies
-in der Brust des siechen Knaben entzündet hatte, gar manchesmal
-verstohlen in die enge, dumpfe Stube trat und dem vor freudigem Entzücken
-verstummenden Kinde liebliche Weisen auf seiner Violine vorspielte.
-
-Jeder Tag, an dem solches geschah, war ein Festtag für den Kleinen, der
-seine Geige, welcher der Meister so wunderbar herrliche Töne zu entlocken
-wußte, wie ein Heiligthum betrachtete und die erlauschten Melodien
-schüchtern nachzuspielen versuchte.
-
-Allein weder die Wissenschaft des Arztes, noch die stille Seligkeit des
-Kindes, welche ihm die Beschäftigung mit seiner geliebten Musik gewährte,
-vermochten es, dem Zerstörungswerke der finsteren Naturgewalten, die an
-der Vernichtung dieses jungen Lebens arbeiteten, einen Damm zu setzen.
-Immer fahler und eingefallener wurden des Knaben Wangen, breiter die
-dunklen Ringe um seine Augen, fleischloser die zarten Glieder, und immer
-matter und müder fühlte er sich. Bald wurde ihm selbst das Geigenspiel
-zu einer Anstrengung, der seine schwindenden Kräfte nicht mehr gewachsen
-waren, und traurig haftete der Blick seiner großen, glanzlosen Augen
-auf dem Instrumente, das stumm und verstaubt auf dem Tische neben seinem
-Bettchen ruhte.
-
-Da kam die Weihnachtszeit, und voll Glanz und Pracht und froher Lust wurde
-das schöne Fest in der Künstlerfamilie gefeiert. Freunde, Bekannte und
-Kunstgenossen waren von Nah und Fern herbeigeströmt, um im gastlichen
-Hause des Geigenkönigs an der heiteren Festfeier theilzunehmen. Kaum
-vermochte der geräumige Salon, in dem der fast bis an die Decke reichende
-Christbaum in glänzend strahlendem Schmucke prangte, die reiche Zahl der
-Gäste zu fassen.
-
-Das war ein Jauchzen und Jubiliren, ein Händeklatschen und Gläserklingen,
-daß selbst die Ernstgesinnten vom Wirbel der Freude erfaßt wurden, daß
-auch die Alten in die Lust der frohlockenden Kinderherzen mit einstimmten.
-
-Mir aber fiel mitten in den Lichtglanz der dunkle Schatten meines kranken
-Schützlings, und der Gedanke beschlich traurig meine Seele, daß in dem
-heiteren Kreise wohl Keiner des Armen sich erinnert. Unbemerkt schlich ich
-mich aus den hellen Räumen ins Treppenhaus nach unten, um zu erfahren, wie
-es dem Kleinen gehe.
-
-Auch in der Portierswohnung war Licht zu sehen, und ich trat ein. Mit
-geschlossenen Augen, still und blaß, lag der Kranke in seinem Bettchen;
-der Vater kauerte stumm in einem Winkel der Stube und begrüßte mich kaum;
-die Mutter aber schlich weinend umher und machte sich tausenderlei, auch
-ganz Ueberflüssiges, zu schaffen, nur um etwas zu thun zu haben.
-
-Sie wußten, daß es mit ihrem Kinde zu Ende ging. Der Doctor hatte es
-ihnen gesagt, und der Zustand des abgezehrten, zu Tode erschöpften Knaben
-bannte jede Hoffnung.
-
-Ich fand kein Wort des Trostes für die armen Alten. Beklommenen Herzens
-setzte ich mich an die kleine Lagerstätte und hatte Mühe, meine eigenen
-Thränen zurückzuhalten, angesichts des großen, mächtigen Schmerzes, der
-den kummergebeugten Eltern bevorstand.
-
-Nicht lange hatte ich so, meinen traurigen Gedanken mich hingebend,
-dagesessen, als der Kleine die Augen aufschlug und, als er mich bemerkte,
-mühsam auf seine Geige hindeutete und, mich mit sanft flehendem Blicke
-anschauend, seine winzigen, abgemagerten Händchen bittend ineinanderlegte.
-
-Ich verstand ihn. Rasch erhob ich mich von meinem Sitze und eilte zurück
-in die lichtstrahlenden Räume zu den frohen Festgenossen.
-
-»Meister,« flüsterte ich, indem ich mich sachte an den Hausherrn
-herandrängte, »unser kleiner Schützling da unten liegt im Sterben. Ihm
-verlangt nach Euch und nach Musik. Wollt Ihr seines Lebens letzten Wunsch
-erfüllen?«
-
-Da begegnete ein warmer, milder Strahl aus dem Auge des Künstlers dem
-meinen. Leise drückte er mir die Hand und verließ mit mir den Saal. Er
-holte seine Geige, und wenige Minuten später standen wir im Zimmer des
-sterbenden Kindes.
-
-Und wieder rieselten die wundervollen Klänge gleich perlenden Toncascaden
-von den bebenden Saiten, schwellend, wogend, säuselnd wie mildes
-Frühlingswehen, innig wie liebenden Herzens Pochen, erhaben wie frommer
-Gottgedanke. Und wie ein Gruß aus Engels Munde umschmeichelten die
-lieblichen Melodien die entfliehende Kindesseele und umgaukelten sie mit
-tönenden Zauberbildern.
-
-Und wieder schlug der Knabe in entzücktem Lauschen sein Auge auf, und
-seine schmalen, bleichen Lippen lispelten fast unhörbar:
-
-»Er hat es gesagt, er selber, auch ich werde Geigenkönig wie er!«
-
-Ein sanftes, seliges Lächeln verklärte seine Züge, ein zitternder
-Seufzer hob die eingefallene Brust, und eingelullt von stolzem
-Hoffnungstraum und süßer Harmonien Sang entschlief er.
-
-Oben ward das Weihnachtsfest bis zum hellen Morgen gefeiert. Und als ich
-Abschied nahm vom Meister, da wollte mein Mund niedersinken auf des edlen
-Menschen Hand, der ruhm- und glückumgeben, der Elenden nicht vergißt und
-ihnen Trost und Liebe spendet.
-
-
-
-
-Die Harfenspielerin.
-
-
-Aergerlich warf Julian die Feder fort, daß die Tinte aufspritzte.
-
-Da sollte der Henker diese mühsamen Rechnungen revidiren, während
-vom Hofe herauf unausstehliches Harfengeklimper und eine müde, dünne
-Mädchenstimme tönte, die sinnige Volkslieder und rohe Gassenhauer in
-wüstem Durcheinander herableierte.
-
-Julian hatte der Sängerin schon eine Geldmünze zugeworfen, auf daß sie
-den Platz räume und ihre musikalischen Productionen irgend anderswohin
-verlege, wo sie ihn nicht in seiner Arbeit störten. Daran war aber
-vorläufig nicht zu denken, denn die ganze Kinderwelt des großen Hauses
-stand in einem Kreise um sie herum, ihren schrecklichen Vorträgen freudig
-lauschend. Sie wollte sie noch nicht ziehen lassen, und die Harfenistin
-blieb gern, auf eine Entlohnung von den Müttern der Kinder hoffend, die
-theils an deren Seite stehend, theils von den offenen Fenstern aus dem
-Jubel ihrer Kleinen zulächelten.
-
-Nochmals versuchte Julian, in seinen Rechnungen fortzufahren, doch ebenso
-erfolglos wie früher. Die Ziffern und Zahlen tanzten ihm wie kleine,
-neckende Kobolde vor den Augen. Bald wußte er nicht mehr, wie viel Rest
-bleibe von achtundzwanzig Mark sieben Pfennige, nach Abzug von siebzehn
-Mark zweiunddreißig Pfennige.
-
-»In der Weidlingau ist der Himmel blau --« klang es ihm in die Ohren.
-
-»Sechs Mark achtundzwanzig Pfennige. -- Nein, gefehlt!«
-
-»Ach, es wär' so schön gewesen --«
-
-»Sieben Mark fünfzehn Pfennige. -- Wieder falsch!«
-
-»Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n --«
-
-»Zum Teufel auch, wenn diese verdammte Schwalbe nur heimwärts zöge!
--- Fünf Mark sechzehn Pfennige. -- Abermals gefehlt! -- Nein, so geht es
-nicht, absolut nicht! Da könnte man verrückt werden.«
-
- »Wann's Mailüfterl weht,
- Zergeht draußd' im Wald der Schnee --«
-
-Julian sprang von seinem Sitze auf. Er wollte lieber abwarten, daß Ruhe
-würde, als sein Gehirn foltern mit solch vergeblicher Anstrengung. Was er
-unter diesen Umständen herausrechnete, würde doch nur ein Unsinn sein.
-
-Jetzt stimmte das Mädchen das von Mendelssohn in Musik gesetzte alte
-Volkslied an:
-
- »Es ist bestimmt in Gottes Rath,
- Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden.«
-
-Julian liebte dies Lied ungemein. Er hatte es als Knabe oft gesungen.
-Allerlei sanfte Erinnerungen erwachten in ihm: an das Elternhaus, an die
-Gefährten, an seine frohe, glückliche Kindheit. Und jetzt ertappte
-er sich dabei, wie er, gleich den Kindern im Hofe, der dünnen, etwas
-umflorten Stimme der von ihm soeben noch so zornig verwünschten Sängerin
-lauschte. Und jetzt trat er gar an das Fenster, öffnete es und blickte
-hinab in den Hofraum, wo der Gegenstand seines Aergers mitten unter der
-Schaar der entzückten Kleinen stand, spielte und sang. Ihre schwächliche,
-hagere Gestalt beugte sich nach vorn über die Harfe, das Gesicht sah er
-nicht, denn ein hoher, unmoderner Strohhut mit großen, gelben, schmutzigen
-Seidenbändern und zerknüllten Kunstblumen von derselben Farbe geziert,
-entzog es seinen Blicken. Ein verwaschenes Kattunröckchen und ein blaues,
-mit weißen Schnüren benähtes Sammetjäckchen vervollständigten ihren
-Anzug. Man sah es deutlich, diese Kleider waren, unbrauchbar geworden,
-von ihren früheren Eigenthümern statt weggeworfen zu werden, der
-armen Harfenistin geschenkt worden. Sie sah komisch genug aus in dieser
-verwitterten, theatralischen Gewandung. Man hätte darob lächeln mögen,
-hätte ihre Armseligkeit nicht so traurig gestimmt. Und noch verschärft
-wurde dieser Eindruck durch das Lied, das sie eben sang, dies Volkslied,
-das in seiner schlichten Wehmuth so ergreifend wirkt:
-
- »Es ist bestimmt in Gottes Rath,
- Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden --«
-
-klang es wieder in schrillem, von der Uebermüdung schon heiserem Tone von
-den Lippen der jungen Bänkelsängerin; ihre Finger griffen mechanisch die
-Accorde in der alten Harfe und die großen gelben Bänder und Blumen auf dem
-lächerlichen Hute nickten und flatterten im Winde.
-
-Julian's Unmuth war gänzlich verflogen, Mitleid stahl sich in sein Herz.
-Er holte noch eine zweite kleine Geldmünze aus seinem Täschchen, wickelte
-sie in Papier und warf sie der fahrenden Sängerin vor die Füße. Diese
-hatte eben das Lied beendet, sie hob die Münze vom Boden auf, und als sie
-den Kopf neigend nach dem Fenster hinauf dankte, in dem Julian lehnte,
-sah er in ein blasses Gesichtchen, aus dem ihm dunkle, traurige Augen
-entgegenblickten. Er nickte ihr freundlich zu und schaute ihr nach,
-als sie, die schwere Harfe auf den Rücken ladend, deren Bürde ihr
-schwächlicher Körper schier nicht tragen zu können schien, langsam dem
-Hofthor zuschritt. Dann machte er sich an seine unterbrochene Arbeit und
-in einer Viertelstunde hatte er die Musikantin in der blauen Sammtjacke und
-mit den gelben Blumen auf dem Hute völlig vergessen. Doch wie unbewußt
-pfiff er leise die Melodie des Liedchens vor sich hin: »Es ist bestimmt in
-Gottes Rath --«
-
-Wie allabendlich schlenderte er auch heute nach Schluß seiner Amtsstunden,
-»der Straßen quetschenden Enge« entfliehend, aus der Stadt ins Freie. Er
-nahm seinen Weg in die Auwaldungen, die sich den launischen Windungen des
-weiter unten die Stadt durchschneidenden Flusses folgend, zwischen dessen
-Ufer und einer nach einem fürstlichen Lustschlosse führenden Lindenallee
-hinziehen.
-
-Die schon tiefstehende herbstliche Abendsonne stahl sich durch die theils
-schon entlaubten, theils in die glühendsten Bronze- und Purpurfarben
-getauchten Baumkronen der Buchen und Erlen und durch das niedrige Buschwerk
-der Weiden, zitternde Streiflichter über den fahlen Rasenboden und die
-herabgefallenen gelben Blätter hinstreuend. Plötzlich aber erloschen die
-Lichter und Farben, der Himmel, die Bäume, der Wasserspiegel des
-Flusses erkalteten -- die Sonne war gesunken. Und mit einemmale kroch
-ein bleifarbener Nebel aus dem Strombette empor, Au und Wald mit seinem
-unabsehbaren Mantel umspannend.
-
-Julian trat den Rückweg an. Wenn die Nacht hereinbrach bei solch
-dichtem Nebel, konnte er den schmalen Fußweg durch den Wald allzu leicht
-verfehlen. So eilte er beschleunigten Schrittes heimwärts, das Tempo erst
-mäßigend, als ihm der aus der Ferne auftauchende Laternenschimmer
-der Stadt, trotz der rasch hereingebrochenen Dunkelheit, über die
-einzuschlagende Richtung Sicherheit gab.
-
-Plötzlich blieb er stehen. Ihm war, als hätte er leises Weinen eines
-Kindes vernommen. Scharf aufhorchend, spähte er in das graue, wogende
-Nebelmeer, aus dem die näher stehenden Bäume wie Gespenster mit
-ausgestreckten Armen emporragten.
-
-Einige Augenblicke blieb alles still, dann hörte er sie wieder, die
-klagende Kinderstimme.
-
-»Holla! Was giebt es? Wer ist da?« rief er nun mit voller Kraft in den
-dunklen schweigenden Wald hinein.
-
-Er hatte sich nicht getäuscht. Ein ängstlicher Ruf aus kindlicher Kehle
-antwortete ihm, und der Richtung desselben nachgehend, stand er in
-wenigen Minuten an der Seite eines neben einem Bündel Reisig an dem Boden
-kauernden und bitterlich weinenden, etwa zehnjährigen Knaben.
-
-Jetzt freilich versiegten seine Thränen rasch und, das Bündel dürrer
-Baumzweige auf den Schultern, neben Julian einhertrabend erzählte er
-diesem, wie er, um Holz zu suchen, in die »Au« geschickt worden, von der
-Nacht und dem plötzlich einfallenden Nebel überrascht, aber den Heimweg
-nicht mehr habe finden können.
-
-Nach rascher Wanderung hatten sie den nach der Stadt zu gelegenen Ausgang
-des Waldes bald erreicht. Noch hatten sie einen am Damm des Flusses sich
-hinziehenden schmalen Wiesengrund zu überschreiten, um in bewohntes Gebiet
-zu gelangen. Schon tauchten die ersten Häuser mit ihren erleuchteten
-Fenstern freundlich winkend aus dem Nebel auf, als der Knabe stehen blieb
-und, das Holzbündel von der Schulter werfend, seinem Führer für die ihm
-geleistete Hilfe dankte.
-
-»Ich bin gleich zu Hause,« sagte er. »Hier wohnen wir.«
-
-Julian blickte um sich. Kein Haus, keine Hütte war zu sehen.
-
-»Da!« sagte der Kleine und streckte die Hand aus. Und jetzt bemerkte
-Julian einen dicht an dem einen großen Platz umschließenden Lattenzaun
-stehenden, unförmlichen Gegenstand, in welchem er bei näherer
-Besichtigung einen jener sonderbaren Wagen erkannte, wie ihn wandernde
-Zigeuner oder Seiltänzer minderer Sorte und derartiges fahrendes Volk
-als ihre bewegliche Wohnung mit sich zu führen pflegen: einen auf Rädern
-stehenden großen grünen Kasten mit zwei winzigen, Schiffsluken ähnlichen
-Fensterchen, hinter welchen ein Lichtlein brannte.
-
-»O --!« entschlüpfte es Julian's Lippen, während er einen Seufzer
-unterdrückte.
-
-In demselben Augenblicke aber stürzte von der Rückseite des Wagens eine
-weibliche Gestalt auf den Knaben zu. »Endlich, endlich!« rief sie. »Wir
-glaubten schon, es sei Dir ein Unglück geschehen.« Und sie umarmte und
-küßte ihn.
-
-Ihre blonden Zöpfe hingen frei in den Nacken. Der groteske Hut mit den
-großen, gelben Blumen saß ihr jetzt nicht auf dem Kopfe, ihr Gesicht zu
-verunstalten. Aber das blaue Sammtjäckchen mit den weißen Borten ließ
-Julian sogleich die Straßensängerin vom Morgen in ihr erkennen, deren
-musikalische Vorträge ihn fast zur Verzweiflung gebracht.
-
-Jetzt lief sie zu dem Wagen zurück. »Er ist da, Mutter!« schrie sie
-in das offene Fensterchen hinein. »Er ist zurück, es ist ihm nichts
-geschehen!« Des fremden Begleiters ihres Bruders wurde sie in der Hast
-und Freude des Wiedersehens gar nicht gewahr. Und Julian machte sich nicht
-bemerkbar. Er drückte ein paar kleine Münzen in die Hand des Knaben und
-verschwand im Nebel.
-
-Am anderen Abend aber saß Julian auf seinem über dem kühlen Grasboden
-gebreiteten Ueberzieher vor dem grünen Karren der Spielleute und ließ
-sich erzählen von ihrem Leben und Schicksal. Es war ein trauriges Lied,
-aber kein selten gehörtes. Der Vater -- der Ernährer -- todt, die Mutter
-erkrankt vor Noth und Mühsal, die Familie dem Elend preisgegeben, hätte
-Elvira -- dies war der Name der kleinen Harfenistin, und Roland hieß ihr
-Bruder -- sich nicht entschlossen, das von ihrem Vater -- der Dirigent
-einer von einem Circus engagirten Musikkapelle war -- ererbte und so gut
-es ging, entwickelte Talent zum Broterwerb für sich und die Ihrigen zu
-verwerthen. So zogen sie von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Bei Tage
-sang und spielte Elvira vor den Fenstern der Häuser, Abends in Kneipen
-und Kaffeeschänken. Schon nahte die Stunde, da sie sich wieder auf den Weg
-machen mußte nach dem Wirthshause, für welches sie heute bestellt war.
-Meist begleitete sie ihr Brüderchen auf diesen Gängen. Die Mutter wollte
-es so, da sie zu krank war, sie selbst zu begleiten. Lieber blieb sie
-die langen, öden Stunden des späten Abends allein in ihren engen vier
-Holzwänden, als daß sie das Mädchen allein hätte ziehen lassen. Auch
-half Roland ja selbst zum Erwerb, denn schon führte er den Bogen, und
-manche Hand, die sich dem Mädchen verschloß, öffnete sich mildthätig
-für das blasse Kind, das auf seiner auch vom Vater ererbten Geige mit dem
-Ernste eines großen Künstlers Tänze und Märsche herabfiedelte.
-
-Acht Tage noch wollte die Musikantenfamilie in der Stadt verweilen.
-Dann war die Zeit zu Ende, für welche sie von der Behörde
-Aufenthaltsbewilligung erhalten hatte. Jeden Abend kam Julian, um ein
-Stündchen in ihrer Mitte zu verweilen und irgend eine kleine Gabe, wie sie
-seine bescheidenen Verhältnisse ihm eben gestatteten, mitzubringen, etwas
-Geld oder Eßwaaren, die er gekauft oder von seinem Mittagsmahle erübrigt
-hatte, oder ein altes, noch brauchbares Kleidungsstück, dessen er
-glaubte, sich entledigen zu können oder das seine Hausfrau ihm für seine
-Schützlinge geschenkt. Immer wurde er mit Jubel empfangen, nicht nur wegen
-seiner kleinen Unterstützungen, sondern mehr noch um der freundlichen
-Theilnahme willen, die sie bei ihm fanden.
-
-Eines Abends jedoch -- es war der letzte ihres Aufenthaltes -- kam Roland
-nicht, wie er es sonst immer gethan, ihm freudig entgegengelaufen. Weder
-der Knabe noch seine Schwester ließen sich auf dem Platze vor dem Wagen
-blicken. Näher schreitend war Julian schon im Begriffe, seine Anwesenheit
-durch Rufen kundzugeben, als er, etwa zehn Schritte von sich entfernt,
-in einem Winkel des Lattenzaunes, zwei dunkle, eng aneinander geschmiegte
-Gestalten bemerkte. Es war Elvira. Ihr zur Seite stand ein Julian
-unbekannter Mann, seine Arme um ihren Hals geschlungen, während ihr Kopf
-auf seiner Schulter lehnte.
-
-Julian fühlte sein Herz sich zusammen schnüren. Die alte Geschichte --
-wie hätte es denn auch anders sein können unter solchen Verhältnissen!
-Und doch, ach -- wie leid that es ihm um das junge Mädchen.
-
-Er überlegte. Sollte er sich unbemerkt von dannen schleichen -- oder die
-Mutter aufsuchen, die sicherlich im Wagen saß? -- Wenn er jetzt gleich
-wieder fort ging, wie sollte er den Leuten die Flasche Wein und den kalten
-Braten zukommen lassen, die er ihnen zur Wegzehrung auf ihrer morgigen
-Wanderschaft mitgebracht.
-
-Da lösten sich die beiden Gestalten aus ihrer Umarmung, der Mann eilte
-raschen Schrittes der Stadt zu, Elvira aber, die Arme auf einen Pfosten des
-Zaunes, den Kopf in die Hände gestützt, brach in bitterliches Schluchzen
-aus.
-
-In zwei Sätzen stand Julian neben ihr.
-
-»Was ist geschehen? Warum weinen Sie?« drang er in das Mädchen, ihr den
-Kopf streichelnd, wie man einem weinenden Kinde thut.
-
-Sie antwortete nicht sogleich, die Thränen erstickten ihre Stimme. Endlich
-aber faßte sie sich. Und nun erfuhr Julian, um was es sich handelte.
-
-Der junge Mann, der eben von ihr gegangen, liebte sie. In einem kleinen
-Gasthause, wo sie zuweilen sang und er sein Abendbrot zu nehmen pflegte,
-hatte sie ihn kennen gelernt. Heute nun, da er wußte, daß sie am
-nächsten Tage fortwandern sollten, war er gekommen, ihr zu sagen, daß
-es ihm Ernst sei, daß er sie heiraten und mit der Mutter gleich alles
-Nöthige besprechen und festsetzen wolle.
-
-»Nun --?« fragte Julian, als das Mädchen stockte.
-
-»Ich werde ihn wohl nie im Leben wiedersehen,« fuhr sie mit zitternder
-Stimme leise fort. »Ich hab' ihn abgewiesen und ihm Lebewohl gesagt.«
-
-»Sie lieben ihn also nicht?«
-
-Da schluchzte sie laut auf.
-
-»O -- wie ich ihn liebe!« Und dann, nach kurzem, stillem Hinweinen:
-»Sehen Sie, ich kann ihn nicht heiraten, ich darf nicht, weder ihn noch
-einen Anderen. Wenn ich seine Frau würde, müßte ich meinen Erwerb
-aufgeben. Er würde es nicht dulden, daß ich als Harfenistin durch
-Straßen und Schenken ziehe. Er ist Buchbindergeselle und erwirbt genug
-für uns Beide. Wovon sollten aber die Mutter und Roland leben, wenn ich
-aufhörte, zu singen? Er hat nicht genug, um auch sie zu ernähren, und
-selbst, wenn er es könnte, so möchte ich doch nicht, daß sie das bittere
-Brot der Gnade äßen.«
-
-Sie schwieg. Und Julian fand kein tröstendes Wort. Es war ihm weh zu
-Muthe.
-
-Da wurden nahende Schritte hörbar. Es war Roland, der in der Stadt einige
-kleine Einkäufe besorgt hatte.
-
-Elvira raffte sich auf. »Kommen Sie, gehen wir zu den Anderen!«
-flüsterte sie. Und dann, ganz leise: »Sagen Sie der Mutter nicht, daß
-ich geweint habe. Sie weiß, daß ich ihn abgewiesen habe, aber sie soll es
-nicht erfahren, daß ich ihn lieb habe. Es würde sie zu traurig machen.«
-
-Am anderen Tage auf dem Heimwege von seinem abendlichen Spaziergange lenkte
-Julian wieder, ohne selbst recht zu wissen, warum, seine Schritte nach
-dem Wiesenplatze vor dem Auwald. Leer, öde und still lag er heute da.
-Das kurze Gras um die Stelle, wo der Wagen gestanden, war zertreten und
-zerstampft, und daneben, wo sie den kleinen eisernen Herd hingestellt
-hatten, auf dem Elvira die Suppe und Kartoffeln für das Abendessen kochte,
-lagen Stückchen halbverkohlten Holzes auf der Erde.
-
-Wo sie wohl jetzt weilen mochten? -- Was die Zukunft ihnen bringen würde?
--- Immer nur Mühe, Entbehrung, Lasten und Sorge? -- Oder auch Glück und
-Freude? -- dachte Julian. Und während er am Ufer des leise rauschenden
-Flusses langsam weiter schritt, auf dessen sanft dahingleitenden Wellen die
-Gasflammen und elektrischen Bogenlichter der Straßen- und Brückenlaternen
-sich spiegelnd aufblitzten wie herabgefallene, auf dem Wasser schwimmende
-Sterne, klang ihm wieder das Lied im Ohre:
-
- »Es ist bestimmt in Gottes Rath,
- Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden --«
-
-Arme Elvira! Als sie es vor seinem Fenster gesungen, ahnte sie wohl nicht,
-wie bald es sich an ihr erfüllen sollte!
-
-
-
-
-Sein Bild.
-
-
-Es giebt bekanntlich Menschen, die sich nie, selbst in den glücklichsten
-Lebenstagen nicht glücklich fühlen, und Andere dagegen, die sehr wenig
-bedürfen, um froh und zufrieden zu sein. Die Ersteren -- sie sind leider
-in der Mehrzahl -- haben die unglückliche Gewohnheit, ihre eigenen
-Verhältnisse immer mit solchen der besser situirten Leute zu vergleichen
-und an diesen abzumessen, wobei sie selbstverständlich zu dem Resultate
-kommen, ihre Lage als eine bedauernswerthe zu betrachten. Statt ihr
-Augenmerk darauf zu richten, was das Geschick ihnen Gutes beschert hat,
-ziehen sie nur in Erwägung, was es ihnen versagt. Wohnen sie in einer
-kleinen Stadt, so beklagen sie es, die Vortheile eines Aufenthaltes in
-einer Großstadt entbehren zu müssen, werden sie nach einer solchen
-versetzt, so bemitleiden sie sich dafür, nicht den Sommer auf dem
-Lande zubringen zu können; wird auch dies ihnen ermöglicht, so ist
-es sicherlich nicht der ihren Wünschen entsprechende Punkt, wohin die
-Umstände sie geführt haben.
-
-Martin Jost gehörte nicht zu dieser Kategorie von Menschen. Er gehörte zu
-der kleinen Zahl jener Anderen, die sich mit dem bescheidensten Lose --
-so es nur erträglich -- zufrieden geben; die sich des flüchtigsten
-Lichtblickes in ihrem Dasein freuen und selbst dann, wenn ihr
-Schicksalshimmel, mit trüben Wolken verhängt, düster auf sie
-herniederblickt, unbewußt die tiefe Lebensweisheit üben, daß sie
-geduldig auf eine Besserung warten. Seit fünfzehn Jahren bei einem
-Rechtsanwalte als Schreiber bedienstet, bezog Martin einen Monatssold, der
-gerade ausreichte, daß er nicht hungern und nicht frieren mußte und
-nicht in schmutzigen oder zerrissenen Kleidern einherzugehen brauchte.
-Er bewohnte eine kleine, schlicht möblirte Stube bei einer ältlichen
-Beamtenswitwe, bereitete sich eigenhändig seinen Morgenkaffee, aß seit
-vielen Jahren in demselben bescheidenen Gasthause, in demselben Zimmer, an
-demselben Tische zu Mittag und trug unverändert denselben grauen Rock und
-denselben schwarzen Filzhut. Allerdings wurden Hut und Rock, wenn sie
-sich als vom Zahne der Zeit allzu scharf mitgenommen erwiesen, durch
-neue ersetzt. Da der Nachkömmling jedoch immer genau so aussah wie sein
-Vorgänger, so machte es den Eindruck, als ob Martin mit seinen Kleidern
-verwachsen wäre. Nur wenn er -- dies war der einzige Luxus, den er sich
-gönnte -- das Theater besuchte, vertauschte er den grauen mit einem
-schwarzen Rocke, mit demselben schwarzen Rocke, den er vor fünfzehn Jahren
-gelegentlich der behufs Erlangung seiner Dienststelle bei dem Advocaten
-unternommenen Präsentationsvisite getragen hatte.
-
-Es war ihm nicht an der Wiege gesungen worden, daß er es nicht weiter
-bringen sollte als bis zum Schreiber. Ein munterer, aufgeweckter Knabe,
-hatten seine Lehrer ihn als einen fleißigen und begabten Schüler sehr
-lieb gehabt. Doch als sein Vater plötzlich starb, Frau und Sohn in den
-dürftigsten Verhältnissen zurücklassend, da unterbrach der Jüngling
-seine zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Studien und trat, da
-sich eine bessere Stelle ihm nicht bot, als Diätist in den Dienst des
-Rechtsanwaltes, sich und die Mutter von seinem kleinen Gehalte ernährend.
-Jetzt war auch die Mutter seit Jahren todt, und da er nun für niemand mehr
-als für sich selbst zu sorgen brauchte, brachte er es, so gering seine
-Bezahlung auch war, doch fertig, nicht nur ein kleines Sümmchen für
-unvorhergesehene Fälle von Krankheit oder Noth jährlich zurückzulegen,
-sondern auch sich das Vergnügen eines zeitweiligen Theaterbesuches, des
-einzigen und ausschließlichen Vergnügens, das er kannte, zu gestatten.
-Niemand ahnte es, welche Begeisterung in dem Inneren dieses stillen,
-unscheinbaren Männchens loderte, welches mächtige Echo das Wort des
-Dichters in dem Herzen dieses scheinbar trockenen Actenabschreibers fand.
-Ein Copist! Wie sollte die Seele eines Menschen, der seit einer Reihe von
-Jahren von acht Uhr Morgens bis Mittags, von zwei Uhr Nachmittags bis
-sechs Uhr Abends nichts anderes that, als seine Feder in trostloser
-Einförmigkeit über das Papier hingleiten zu lassen, anderer Empfindungen
-und Gedanken als solcher der nüchternsten Alltäglichkeit fähig sein! Ja,
-besaß solch eine Schreibmaschine überhaupt etwas wie eine Seele?
-
-Und doch! Ein Wesen gab es, das in den sinnend vor sich hinblickenden
-grauen Augen des von niemanden beachteten, schüchternen und schweigsamen
-Mannes zu lesen verstand, ein Wesen, welches wußte, welch eine reiche Welt
-zarter und reiner Gefühle, freier und edler Ideen hinter dem durch den
-Schein alltäglicher Unbedeutendheit täuschenden Aeußeren verborgen lag.
-Dieses eine Wesen war die Blumenmacherin Elise H., die er erst vor wenigen
-Jahren kennen gelernt hatte, mit der ihn aber jetzt herzliche Freundschaft
-verband.
-
-Im Theater war es gewesen. Sie hatte neben ihm gesessen; durch sein
-bescheidenes freundliches Anerbieten, sein Opernglas zu benützen, war ein
-Gespräch herbeigeführt worden und im Laufe desselben hatte er die ihm
-wundersam scheinende Entdeckung gemacht, daß seine Sitznachbarin von
-demselben Enthusiasmus über die sie entzückende Bühnendichtung erfüllt
-war, wie er selbst. Da sie allein war und da sie den Weg nach Hause
-allein hätte zurücklegen müssen, bot er ihr, seine Schüchternheit
-überwindend, seine Begleitung an, welche angenommen wurde. Und nicht nur
-das -- sie gestattete ihm auch, sie zu besuchen. Immer reger wurde der
-Verkehr zwischen ihnen, immer mehr Freude und Erquickung fanden die beiden
-Einsamen in den trauten Stunden ihres Zusammenseins und bald wurde es
-ihnen zur Gewohnheit, an bestimmten Tagen der Woche die Abende in Elisens
-traulichem Stübchen zu verbringen.
-
-Sie verkehrten wie Geschwister miteinander. Nachdem der Thee getrunken war,
-griff Elise wieder zu ihrer Arbeit, Martin aber nach einem Buche, aus dem
-er ihr vorlas und über welches sie dann ihre Gedanken austauschten. Sie
-empfanden es Beide als ein großes Glück, einander begegnet, Einer in dem
-Anderen eine Menschenseele gefunden zu haben, die sie von der trostlosen
-Vereinsamung, die jeden bedrückte, erlöste und ihnen Gelegenheit bot,
-alles, was in ihnen lebte und webte, ihre durch das stete Schweigen
-gleichsam verschleiert gebliebenen Empfindungen, die Ideen, welche
-theilweise noch unreif und verworren, nach Klärung rangen, auszusprechen
-und sie durch das Urtheil des Anderen frische Nahrung, Erweiterung und
-Berichtigung finden zu lassen.
-
-Denn wie Martin war auch Elise solcher Eltern Kind, die für sie ein
-besseres Los als das einer Handarbeiterin im Auge gehabt und ihr eine gute
-Erziehung hatten angedeihen lassen. Sie hatte viel gelesen und manches
-gelernt; doch wies der ihr zutheil gewordene Unterricht zu viele Mängel
-und Lücken auf, um sie durch Verwerthung desselben zur Gewinnung der
-Mittel ihres Lebensunterhaltes zu befähigen. Und so kam es, daß, als
-das Unglück über sie hereinbrach, in rascher Folge ihre beiden Eltern zu
-verlieren und, ohne Vermögen, auf eigenen Broterwerb angewiesen zu sein,
-ihr bis dahin nur zu ihrem Vergnügen gepflegtes Talent der Erzeugung
-zierlicher Kunstblumen zur Quelle der Erwerbung der Subsistenzmittel wurde
-für sie selbst und für ihren von schwerem Siechthum befallenen kleinen
-Bruder.
-
-Doch während sie so saß und Stunde um Stunde die weißen
-Battistblättchen zu Blumen- und Blüthengebilden zusammenfügte, um dann
-die zarte Form mit Farbe zu überkleiden, da flatterten ihre Gedanken weit
-hinaus aus dem engen Raum, und die reichen, vielgestaltigen Bilder, die
-ihre Phantasie erbaute, belebten die gleichförmige Einsamkeit ihres
-wirklichen Lebens. Jetzt war dies anders geworden; in Martin hatte Elise
-einen Genossen gefunden, der allem von ihr Gedachten und Empfundenen
-williges Gehör und Verständniß entgegenbrachte.
-
-Auf diese Weise waren einige Jahre verflossen, als die Verschlimmerung des
-Zustandes des kleinen Patienten und schließlich sein Tod im Verkehre
-der beiden Freunde eine schmerzliche Unterbrechung herbeiführte. Und als
-Martin -- nachdem Elise den von seinen Leiden erlösten Knaben zur Ruhe
-bestattet hatte, ihr nun noch vereinsamteres Leben wieder in alter Weise
-aufnahm -- auch zur Gewohnheit seiner regelmäßigen Besuche zurückkehren
-wollte, da sah er sich plötzlich vor die Alternative gestellt, entweder
-auf seinen ihm so lieb gewordenen Verkehr mit der Freundin zu verzichten
-oder ihren guten Ruf zu gefährden. Denn jetzt fingen Elisens Nachbarsleute
-an, die Köpfe zusammenzustecken, zu zischeln und zu flüstern und Martin's
-häufige Besuche bei Elise, die nun nicht einmal mehr den Bruder an
-der Seite hatte, dessen stete Anwesenheit die Sache anständiger hatte
-erscheinen lassen, als einen die Moral verletzenden Scandal zu bezeichnen.
-
-Martin fühlte sich tief unglücklich und wußte keinen Ausweg. Die
-Freundin dem Gerede verleumderischer Lästerungen preisgeben wollte er
-nicht, auf sie Verzicht zu leisten, dies glaubte er aber nicht über sich
-bringen zu können, denn -- jetzt erst ward er sich darüber klar -- nicht
-freundschaftliche Gefühle allein waren es, die ihn an sie fesselten. Nein,
-die Freundschaft hatte sich in seinem Herzen in Liebe umgewandelt. Aber so
-sorgsam hatte er das Geheimniß gehütet, daß er bis zu diesem Augenblicke
-selbst nicht wußte, was in seinem Inneren lebte.
-
-Ein Anderer würde an seiner Stelle nicht gezögert haben, Elisen seine
-Liebe zu gestehen und sie zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle. Er
-aber fand hierzu den Muth nicht. Seine Schüchternheit und die aus diesem
-Gefühle geborene Ueberzeugung der Unmöglichkeit, daß er im Stande sein
-sollte, die Neigung eines weiblichen Wesens, am allerwenigsten aber die
-Elisens, die er in seinem Urtheile unerreichbar hoch über sich stellte,
-zu erwerben, banden ihm die Zunge. Und so kam es, daß er, statt einen
-entscheidenden Schritt zu thun, mit eigenen Händen den Weg verrammelte,
-der ihn an das gewünschte Ziel hätte bringen können; er ließ seine
-Besuche bei Elisen immer seltener werden und blieb, allerlei Vorwände
-suchend, schließlich ganz aus.
-
-Indem er glaubte, daß Elise nichts ahnte von dem, was in ihm vorging und
-was die Ursache war seines plötzlichen Abbrechens ihres Verkehres,
-hatte er sich jedoch sehr getäuscht. Nicht nur war der Klatschbasen
-mißbilligendes und verleumderisches Geflüster über ihre vertraulichen
-Beziehungen zu Martin auch ihr, ebenso wie ihm, ja noch früher zu Ohren
-gekommen, sie hatte auch das in seinem Herzen glühende Feuer gar lange
-schon wahrgenommen. Ja, sie hatte es bereits erkannt, daß sie von ihm
-geliebt sei, bevor er sich selbst dessen bewußt geworden.
-
-Einige Wochen waren vorübergegangen, ohne daß Martin die Schwelle des
-trauten Zimmers mit dem mit geblumten Kattun überzogenen Sopha, in dessen
-Ecke er so oft gelehnt, mit dem Lederfauteuil, auf welchem er Elise so oft
-sitzen gesehen, das blasse, nicht schöne und doch so anziehende Gesicht
-mit den freundlich und klar blickenden Blauaugen nach vorne über den
-großen Arbeitstisch geneigt, ohne daß er die Schwelle dieses Zimmers,
-nach dem es ihn so mächtig zurückzog, überschritten hatte. Anfänglich
-war es ihm schwer, ach, furchtbar schwer gefallen, seinen Entschluß
-durchzuführen. Oft hatte er das Haus, das ihn unwiderstehlich lockte,
-umschritten, war an dessen Thor stehen geblieben, hatte bebenden Herzens
-nach den zwei Fenstern hinaufgeblickt, durch deren zugezogene Vorhänge
-der gedämpfte Lichtschein der Lampe fiel. Aber betreten hatte er das
-Haus nicht. Denn er wußte, daß wenn er erst im Flur stünde, er der
-Versuchung, seinen Vorsatz zu brechen, nicht widerstehen würde. Er
-glaubte, daß es seine Pflicht sei, diesen Vorsatz auszuführen. Und das
-Bewußtsein erfüllter Pflicht war ihm mehr werth als sein Glück.
-
-Da erhielt er eines Tages ein Briefchen von Elise, worin sie ihn bat, sie
-Abends zu altgewohnter Stunde zu besuchen; sie habe ihm eine Mittheilung zu
-machen, seinen Freundesrath in wichtiger Angelegenheit zu erbitten.
-
-Er kam. Und als er das liebe Gesichtchen wieder sah, noch blasser als sonst
--- oder ließen nur das Trauerkleid und die schwarze Halskrause es so
-blaß aussehen? -- und um die Augenbrauen ein seltsam nervöses Zucken,
-als wohnte hinter dieser Stirn ein neuer Kummer, ein Kummer, dessen Ursache
-vielleicht er war, da ward ihm zu Muthe, als müßte er vor sie hintreten,
-ihre Hand fassen und ihr alles sagen, wie es ihm ums Herz sei.
-
-Doch er bezwang sich und schwieg.
-
-»Sie wollen mir etwas mittheilen, meinen Rath hören,« sagte er mit
-erzwungener Ruhe.
-
-»Ja, freilich! Doch davon später, nach dem Thee,« antwortete sie. »Denn
-heute will ich zu Ehren Ihres Besuches mir Feierabend gönnen.«
-
-Und nun ging sie daran, den Tisch zu decken. Für kalten Aufschnitt,
-Sardellenbutter, geröstete Brotschnitten, auch Backwerk daneben, hatte sie
-bereits gesorgt, und nun ordnete sie alles in ihrer stillen, geräuschlosen
-Art. Dabei knisterte und flackerte das Feuer im Ofen, denn es war Winter,
-und das Wasser im Theekessel summte ein trauliches Liedchen.
-
-Martin wurde es immer wohler und zugleich immer weher in seiner Seele. Und
-er glaubte vergehen zu müssen bei dem Gedanken, wie glücklich er werden
-könnte, wenn -- ja wenn --
-
-Dann fing sie zu plaudern an von allen möglichen Dingen -- ganz wie
-früher, als sie noch gewohnt waren, einander alle kleinen Begebenheiten,
-alle Freuden und Leiden ihres einfachen Lebens mitzutheilen. Auch von dem
-todten Brüderchen sprach sie, und wie sie jetzt, seitdem es ihr genommen,
-sich noch viel einsamer fühle als früher, so lange sie für ihn zu sorgen
-und zu schaffen hatte.
-
-Und dann -- ganz plötzlich -- rückte sie mit dem heraus, was sie
-eigentlich vorhatte, ihm mitzutheilen. Sie hege die Absicht, sich zu
-verheiraten, sagte sie ihm. Der Mann ihrer Wahl sei ein guter, braver
-Mensch, arm wie sie selbst. Aber sie Beide stellen ja keine großen
-Ansprüche an das Leben und sie seien gewohnt, zu arbeiten. Und -- was die
-Hauptsache -- sie liebe ihn. Da sie aber zu einem so wichtigen Schritt sich
-nicht entschließen wolle, ohne seinen Rath zu hören, so bäte sie ihn um
-sein Urtheil. Er werde gleich Gelegenheit haben, den Erwählten kennen zu
-lernen, denn sie habe diesen gebeten, heute Abend auch zu ihr zu kommen.
-Martin schnellte von seinem Sitze empor. Kreidebleich stand er vor ihr.
-Sein Herz hämmerte in so wuchtigen Schlägen, daß er kaum zu sprechen
-vermochte.
-
-»Wie?« stammelte er. »Er kommt hierher? Jetzt, hier soll ich ihm
-begegnen? Nein, Elise, das fordern Sie nicht von mir! Das nicht! Lassen Sie
-mich gehen, bevor er kommt.«
-
-»Sie wollen mir Ihren Freundesrath vorenthalten?« fragte Elise. »Mir ist
-an Ihrem Urtheile viel gelegen.«
-
-»Ach, welchen Nutzen haben Sie davon? Nein, ich will nicht hier bleiben,
-ich will nicht!« rief Martin fast verzweifelt und rannte im Zimmer umher,
-um Hut und Ueberrock zu suchen, die er nicht fand, obgleich beides
-vor seinen Augen an einem Haken an der Thür hing. Elise aber blieb
-unerbittlich.
-
-»Warum wollen Sie ihm nicht begegnen?« fragte sie. »Sagen Sie mir, warum
-Sie es nicht wollen.«
-
-Da trat Martin dicht an sie heran, und indem er die Hände wie bittend
-ineinander legte, sagte er: »Warum? -- Weil -- weil -- Ach, Elise, Sie
-quälen mich nutzlos. Sie ahnen nicht --«
-
-Er vollendete den Satz nicht und wandte sich ab. Hut und Rock vom Nagel
-reißend, wollte er aus dem Zimmer stürzen.
-
-Elise hielt ihn zurück.
-
-»Wenn Sie meine Bitte durchaus nicht erfüllen wollen, wohlan, gehen Sie,
-ich halte Sie nicht auf. Doch sein Bild sehen Sie sich an. Hier ist es, so
-sieht er aus. Und nun sagen Sie mir, ob er Ihnen gefällt, ob Sie glauben,
-daß meine Wahl eine gute, ob ich sie nicht zu bereuen haben werde.«
-
-Und sie hielt dem Widerstrebenden eine Photographie vor die Augen. Es war
-seine eigene --
-
-Martin stieß einen leisen Schrei aus und im nächsten Augenblicke lag
-Elise in seinen Armen. Er glaubte nicht, daß ihre Wahl keine gute sei --
-und sie hatte sie nie zu bereuen.
-
-
-
-
-Collection Hartleben.
-
-Eine Auswahl
-
-der hervorragendsten Romane aller Nationen.
-
-Preis des Bandes eleg. geb. 40 Kr. = 75 Pf. = 1 Fr.
-
-Pränumeration für ein Jahr (26 Bände) 10 fl. = 19 M. = 25 Fr.
-
-
-Inhalt des ersten Jahrganges.
-
- I.-IV. Carlén, Emilie. Der Vormund.
-
- V.-VI. Dumas, Alexander. So sei es.
-
- VII.-VIII. Sue, Eugen. Miß Mary.
-
- IX. Jokai, Mor. Hallil Patrona. (Die weiße Rose.)
-
- X. Sand, Georg. Die kleine Fadette. (Die Grille.)
-
- XI.-XII. Mügge, Theod. Verloren und gefunden.
-
- XIII.-XIV. Thackeray, William. Die Geschichte Heinrich Esmond's.
-
- XV. Turgénjew, Iwan. Frühlingsfluthen.
-
- XVI. Maquet, Aug. Liebe und Verrath.
-
- XVII.-XIX. Dumas, Alex. Sohn. Roman aus dem Leben einer Frau.
-
- XX. Léval, Paul. Der schwarze Bettler.
-
- XXI.-XXII. Sandeau, Jul. Valcreuse.
-
- XXIII.-XXIV. Berthet, Elie. Der Wolfmensch.
-
- XXV.-XXVI. Ainsworth, Harisson. Der Verschwender.
-
-
-Inhalt des zweiten Jahrganges.
-
- I.-III. Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken (Gräfin
- Cosel).
-
- IV. Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber.
-
- V.-VI. Delpit, Albert. Theresine.
-
- VII. Rosegger, P. K. Streit und Sieg.
-
- VIII. Dumas, Alex. Sohn. Diana de Lys.
-
- IX.-XI. Herloßsohn, K. Wallenstein's erste Liebe.
-
- XII. Besozzi, Max. Späte Einsicht.
-
- XIII.-XIV. Sue, Eugen. Kinder der Liebe.
-
- XV. Degré, Al. Blaues Blut.
-
- XVI.-XVII. Sand, George. Erkenntnisse eines jungen Mädchens.
-
- XVIII.-XX. Bell, Currer. Die Waise aus Lowood.
-
- XXI.-XXII. Flaubert, G. Mad. Bovary.
-
- XXIII. Gaskel, Mrs. Eine böse Nacht.
-
- XXIV.-XXVI. Dumas, Alex. Chevalier von Maison rouge.
-
-
-Inhalt des dritten Jahrganges.
-
- I.-III. Collins, Wilkie. Die neue Magdalena.
-
- IV.-V. Boisgobey, Fortuné. Die Stimme des Blutes.
-
- VI. Julius von der Traun. Goldschmiedkinder.
-
- VII.-VIII. Reyd, Cap. Mayne. Die Scalpjäger.
-
- IX. Vogel vom Spielberg. Irrende Seelen.
-
- X.-XI. Schlögl, Friedr. Wiener Blut.
-
- XII.-XIV. Enault, Louis. Die Geschichte einer Frau.
-
- XV. Lermontoff, Michael. Der Held unserer Zeit.
-
- XVI. Feuillet, Octave. Der Roman eines armen jungen Mannes.
-
- XVII.-XVIII. Schlögl, Friedr. Wiener Luft.
-
- XIX.-XXI. Smith, Hamlyn. Ein Londoner Geheimniß.
-
- XXII.-XXIV. Foudras, Marquis. Die Nacht der Rächer.
-
- XXV.-XXVI. Schlögl, Friedr. Wienerisches.
-
-
-Inhalt des vierten Jahrganges.
-
- I.-IV. Mary, Jules. Schuldig, oder nicht?
-
- V.-VI. Karasin, N. N. Der Brahmane.
-
- VII.-VIII. Delpit, Albert. Die schöne Frau.
-
- IX. Jokai, Mor. Clarinus und andere Novellen.
-
- X.-XII. Kraszewski, J. I. Die Sphinx.
-
- XIII.-XIV. Sand, George. Der Marquis von Villemer.
-
- XV. Caballero, Fernan. Spanische Novellen.
-
- XVI.-XVIII. Beecher-Stowe, H. Wir und unsere Nachbarn.
-
- XIX. Dumas Alex. Gabriel Lambert.
-
- XX. Turgénjew, Iwan. Der König Lear der Steppe und andere
- Novellen.
-
- XXI.-XXII. Reyd, Cap. Mayne. Die Scharfschützen.
-
- XXIII.-XXIV. Foudras, Marquis. Ein großer Komödiant.
-
- XXV.-XXVI. Perrin, Maxim. Der Sultan eines Pariser Stadtviertels.
-
-
-Inhalt des fünften Jahrganges.
-
- I.-II. Boisgobey, Fortuné. Im Banne der Schuld.
-
- III. Karasin, N. Das Drama im Grenzfort.
-
- IV.-VI. Wilson, Aug. Evans. Infelice.
-
- VII. Vogel vom Spielberg, A. Frau Lear.
-
- VIII. Delpit, Eduard. Kath. Levallier.
-
- IX. Beniczky-Bajza, Helene v. Gräfin Ruth.
-
- X. Mairet, Jeanne. Meeresblume.
-
- XI.-XII. Ssalis, E. A. Schicksalswege.
-
- XIII.-XV. Dash, Gräfin. Die schöne Aurora.
-
- XVI. Lytton, Lord. Der Ring der Amasis.
-
- XVII.-XIX. A. v. L. Am Hofe von Neapel.
-
- XX.-XXI. Longfellow, H. W. Hyperion.
-
- XXII.-XXIV. Dumas, Alexander. Isabella von Bayern.
-
- XXV. Eliot, George. Der gelüftete Schleier.
-
- XXVI. Sue, Eugen. Die Marquise von Alfi.
-
-
-Inhalt des sechsten Jahrganges.
-
- I.-III. Werthen, S. Opfer der Liebe.
-
- IV.-V. Beniczky-Bajza, Helene v. Die Würde der Schönheit.
-
- VI. Mairet, Jeanne. Marca.
-
- VII.-VIII. Wasserburger, Lina. Die Aloeblüthe.
-
- IX.-X. Pont-Yest, René de. Claudia.
-
- XI.-XII. Sienkieviz, Heinrich. Quo vadis?
-
- XIII. Serao, Mathilde. Fahr' wohl, mein Lieb!
-
- XIV.-XVI. Boborykin, P. Die Fürstin.
-
- XVII. Groner, Auguste. Der alte Herr und andere Novellen.
-
- XVIII.-XIX. Flemming, M. A. Bruderliebe.
-
- XX. Kreuth, W. Nach dem Schiffbruch. Südamerikanischer Roman.
-
- XXI. Delpit, Albert. Die Witwe Sorbier.
-
- XXII. Troll-Borostyáni, Irma v. Novellen.
-
- XXIII. Brun-Barnow, I. v. Das Verhängniß.
-
- XXIV.-XXVI. Ohnet, Georges. Der König von Paris.
-
-
-Inhalt des siebenten Jahrganges.
-
- I.-III. Black, William. Sabina Bembra.
-
- IV.-V. Guidi, Orlanda. Isabella Fianelli.
-
- VI. Brociner, Marco. Das Blumenkind und andere Novellen.
-
- VII.-VIII. Lesueur, Daniel. Hassende Liebe.
-
- IX. Josika, Koloman Freiherr von. Comtesse Tini.
-
- X.-XI. Lancken, B. von der. Der Günstling.
-
- XII.-XIII. Lowet, Cameron. Ein schwaches Weib.
-
- XIV. Guglia, Eugen. Das Begräbniß des Schauspielers und
- andere Novellen.
-
- XV. Cantacuzène, Olga, Prinzessin. Carmela.
-
- XVI.-XVII. Casetti, Alexander. Das Vermächtniß. Original-Roman aus
- der Gesellschaft.
-
- XVIII. Roest, Rust. Firma Löwe, Kurt u. Comp. Eine Erzählung.
-
- XIX.-XX. E. Braddon. Im Verdacht.
-
- XXI.-XXII. Delpin, Albert. Alle Beide.
-
- XXIII.-XXIV. Waldow, Ernst von. Die rothe Locke.
-
- XXV.-XXVI. Mairet, Jeanne. Auf der Höhe.
-
-
-A. Hartleben's Verlag in Wien, Pest und Leipzig.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Darstellung abweichender
-Schriftarten (ausgenommen römische Zahlen): =Antiqua= .
-
-Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Textanfang verschoben.
-Wiederholungen von Kopf- und Fußzeilen in der Verlagswerbung wurden
-entfernt.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 11:
- "unrecht" geändert in "Unrecht"
- (Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht)
-
- Seite 23:
- "«," geändert in ",«"
- (»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,«)
-
- Seite 75:
- "Theoder" geändert in "Theodor"
- (mein Freund Theodor mit lauter Stimme)
-
- Seite 92:
- "sie" geändert in "Sie"
- (wie vielen Damen Sie diese Tirade schon wiederholt)
-
- Seite 103:
- "." eingefügt
- (im Forste lag schon tiefes Dunkel.)
-
- Seite 112:
- "Studienbätter" geändert in "Studienblätter"
- (Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen)
-
- Seite 125:
- "»" entfernt vor "Hör'"
- (gewiß nicht! Hör' auf, hör' auf!)
-
- Seite 132:
- "Häusesmeeres" geändert in "Häusermeeres"
- (im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen)
-
- Seite 161:
- "Kraszwski" geändert in "Kraszewski"
- (Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken)
-
- Seite 161:
- "Girolamo" geändert in "Gerolamo"
- (Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber.) ]
-
-
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