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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Was ich geschaut - Novellen - -Author: Irma von Troll-Borostyání - -Release Date: January 26, 2021 [eBook #64388] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This file made from scans of public - domain material at Austrian Literature Online.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS ICH GESCHAUT *** - - - - - - Was ich geschaut. - - - Novellen - - von - - Irma von Troll-Borostyání. - - - [Illustration] - - - Wien. Pest. Leipzig. - - A. Hartleben's Verlag. - - - - - Alle Rechte vorbehalten. - - K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien. - - - - -Inhaltsverzeichniß. - - - Seite - - Erlöst! 3 - - Justus 16 - - Fallendes Laub 30 - - Franzi's Weihnacht 44 - - Der Weg zum Herzen 55 - - Weder Glück noch Stern 65 - - Der Unwiderstehliche 75 - - Schwer geprüft 107 - - »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« 124 - - Der kleine Geiger 132 - - Die Harfenspielerin 140 - - Sein Bild 151 - - - - -Erlöst! - - -Mit dem Versprechen, am anderen Tage wiederzukommen, hatte sich der Arzt -verabschiedet und Gabriele blieb allein am Bette ihres kranken Kindes. Es -lag in heftigem Fieber; auf den lieblich gerundeten, vollen Wangen brannten -hochrothe Flecken und die sonst so fröhlichen, dunkelblauen Augen blickten -schmerzlich und wie hilfesuchend auf das kummervolle Antlitz der Mutter, -die sich zwang, es freundlich anzulächeln. - -Der kleine Erich war während der fünf Jahre seines Daseins niemals krank -gewesen. Vor wenigen Tagen zeigte er eines Morgens Mattigkeit und Unlust, -seinen gewohnten Spielen zu obliegen. Dann klagte er über Schmerzen im -Kopfe und in der rechten Seite der Brust beim Athemholen. Fiebersymptome -traten auf; er wurde zu Bett gebracht, und der herbeigerufene Arzt -konnte es den Eltern nicht verhehlen, daß der Fall -- eine hochgradige -Entzündung des rechten Lungenflügels -- ein sehr bedenklicher sei. - -Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben und streichelte hin -und wieder mit weicher Hand über seinen blonden Lockenkopf, den er -unruhig auf den Kissen hin und her wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit -beobachtete sie die kurzen, raschen Athemzüge, den fliegenden Puls -des Kindes und verfolgte zugleich den vorrückenden Zeiger an der -gegenüberhängenden Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu -versäumen, ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich die -Arznei zu verabreichen. - -Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen Lebens und -Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster des Krankenzimmers. Die -Vorhänge waren zugezogen, und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte -Lampe verbreitete eine milde Helle in dem weiten Gemache. - -Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung über -den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag, und ein rauher Nordost -wirbelte einen trockenen, hustenreizenden Staub auf. Die Damen, die sich -in leichten Frühlingstoiletten herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft, -ihre warmen, winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben. - -Ein elegant gekleideter, noch junger Mann schritt quer über die Straße -dem Hause zu, in welchem der kranke Knabe lag. Es war Otto von Brauneck, -der Vater des Kindes. Nachdem er an der Eingangsthür geschellt und der -Diener ihm geöffnet hatte, trat er durch das Vorzimmer in den Salon, um in -sein neben demselben gelegenes Arbeitszimmer zu gelangen. - -»Was ist das? -- Sind noch keine Vorbereitungen getroffen?« fragte er den -Diener, indem er an der Schwelle stehen blieb und einen überraschten Blick -durch den unerleuchteten Raum schickte. »In längstens einer Stunde werden -die Gäste eintreffen, und es ist nichts in Ordnung gebracht. Sollte meine -Frau keine Anordnungen getroffen haben?« - -»Die gnädige Frau meinte, der Empfang würde heute nicht stattfinden,« -erklärte der Diener. - -»Und warum nicht?« - -»Ich glaube -- des Kranken wegen.« - -»Ach, das Kind wird in seiner Ruhe nicht gestört werden. Schlagen Sie -den Spieltisch in meinem Zimmer auf, statt im Salon, und besorgen Sie rasch -alles nöthige. Kaltes Buffet -- einige Flaschen Bordeaux aus dem Keller -- -hier, nehmen Sie!« - -Mit diesen Worten reichte Brauneck dem Diener eine Banknote und schritt in -sein Zimmer. Nachdem der Diener die Kerzen angezündet und sich entfernt -hatte, schloß Brauneck seinen Schreibtisch auf, entnahm demselben ein -Spiel Karten, prüfte sie und steckte sie zu sich. Einige Minuten später -trat er in das Zimmer seines Sohnes. - -Gabriele hob den Kopf empor und warf einen traurigen Blick auf ihren -Gatten, der sich mit langsamen und auf dem schweren Teppich geräuschlosen -Schritten näherte. - -»Wie geht es dem Kleinen?« fragte er leise, indem er seine Frau mit -leichtem Kopfnicken begrüßte. - -»Um nichts besser,« erwiderte Gabriele noch leiser. »Das Fieber steigert -sich.« - -»War der Doctor hier?« - -Flüsternd wiederholte sie die Weisungen des Arztes. »Im Laufe der -Nacht,« so hatte er sich geäußert, »würde die Krisis eintreten. -Sollte das Fieber nach Mitternacht noch stärker werden, so möge man ihn -unbedingt nochmals holen lassen.« - -»Rege Dich nicht so auf,« sagte Brauneck, als er bemerkte, wie ihre Augen -sich mit Thränen füllten. »Erich ist ein kräftiger Junge; es liegt kein -Grund zu so großer Sorge vor.« - -Gabriele antwortete nicht. Der Knabe aber, der die flüsternden Stimmen -gehört, schlug die Augen auf. - -Ein Ausdruck von Freude glitt über sein Gesichtchen. - -»Ach, Papa, bist Du endlich gekommen,« sagte er. »Ich fürchtete schon, -Du kämest nicht mehr.« - -Der Vater beugte sich zu dem Kinde herab und drückte einen Kuß auf seine -brennende Stirn. - -»Warum hätte ich denn nicht kommen sollen?« erwiderte er lächelnd. -»Freilich bin ich gekommen und habe Dir auch etwas mitgebracht. Einen -wunderschönen Wald und allerlei Gethier darin. Bären, Wölfe, Füchse. -Wenn Du wieder gesund bist, dann gehen wir miteinander auf die Jagd.« - -»Ja, dann spielen wir Jagd miteinander,« bekräftigte der Kleine. »Mama, -Du und ich, alle Drei. Ich bin der Jäger, Du und Mama, Ihr müßt das Wild -vor mir zu verstecken suchen.« - -»Du wirst aber alle Thiere todtschießen, und am anderen Tage werden sie -trotzdem wieder lebendig sein, damit Du sie wieder erschießen kannst,« -ergänzte Brauneck. - -Erich lachte, aber ein heftiger Hustenanfall unterbrach seine Heiterkeit, -und die hübschen Züge seines Gesichtchens verzogen sich schmerzhaft. - -»Jetzt aber mußt Du still liegen, mein Kind, nicht sprechen,« fuhr -Brauneck fort, als der Anfall vorüber war. »Sonst wirst Du nicht gesund, -und wir können nicht zusammen Wild und Jäger spielen.« - -Der Knabe war erschöpft in die Kissen zurückgesunken und schloß die -Augen. Gabriele träufelte ihm einen Löffel voll Medicin zwischen die -trockenen, heißen Lippen; dann saßen die beiden Gatten eine Weile -schweigend an seinem Lager. Da schlug die Uhr acht, und Brauneck schnellte -von seinem Sitze empor. - -»Ich gehe, meine Gäste zu empfangen,« flüsterte er, zu Gabriele -geneigt. »Wir werden heute unser Spielchen in meinem Zimmer abhalten, und -ich will den Herren beim Kommen und Gehen die größtmögliche Behutsamkeit -anempfehlen, damit Erich nicht beunruhigt werde.« - -Gabriele schaute auf und der Ausdruck peinlichen Staunens malte sich in -ihren Gesichtszügen. - -»Wie?« sagte sie, »Du hast Deinen Herren nicht abgesagt? Du findest ein -Vergnügen daran, Dich dem Kartenspiele zu widmen, während Dein Kind hier -schwer krank liegt?« - -Brauneck zuckte die Achseln. - -»Liebe Gabriele, Du hast eine pessimistische Neigung, das Leben furchtbar -tragisch aufzufassen.« - -Ein halbunterdrückter Seufzer entrang sich Gabrielens Lippen. - -»Es wäre vielleicht viel besser gewesen, für heute eine Absage ergehen -zu lassen,« fuhr Brauneck fort. »Aber ich gestehe es, ich habe vergessen, -es rechtzeitig zu thun. Und jetzt Abends wäre es hierzu doch jedenfalls -zu spät gewesen. So bleibt mir nichts übrig, als die Herren zu empfangen. -Aber, wie gesagt, ich werde dafür Sorge tragen, daß der kleine Patient in -seinem Schlummer nicht gestört werde.« - -Gabriele erhob und entfernte sich einige Schritte vom Bette des Knaben. Sie -wollte nicht, daß er ihre Worte zu hören vermöchte. Brauneck folgte ihr. - -»Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie,« antwortete sie, »gäbe -Dir wohl einen hinreichenden Rechtfertigungsgrund, Deine Einladung noch in -letzter Stunde zurückzuziehen. Selbst jetzt noch müßten Deine Freunde -Deine Entschuldigung annehmen. Ich bitte Dich, Otto, thu' es doch, schicke -sie fort, bleibe bei Deinem Kinde. Wenn Du es mir zuliebe nicht thun -willst, so thu' es Erich zuliebe. Er schläft nicht; er frägt immer nach -Dir. Biete ihm die Erleichterung in seinem Leiden, daß er Dich bei sich -sieht, wenn er die Augen aufschlägt und nach Dir verlangt.« - -Brauneck machte eine Bewegung. - -»Aber liebe Gabriele,« sagte er mit schlecht verhehlter Ungeduld, »das -geht doch nicht an, daß ich die Gäste, die ich geladen, nun, da sie -kommen, wieder gehen heiße, weil mein kleiner Sohn krank liegt. Solche -Sentimentalität würde man allenfalls der Frau, der Mutter zugute halten, -aber einem Manne nicht.« - -Vom Bette her tönte ein leises Stöhnen. - -Gabriele faltete die Hände und streckte sie bittend dem Gatten entgegen. -Er aber schüttelte verneinend den Kopf. - -»Otto, bleibe bei uns, bleibe bei Deinem Kinde! Ich bitte Dich!« - -»Aber ich gehe ja nicht fort! Ich verlasse doch weder das Haus, noch -selbst die Wohnung.« - -»Bleibe hier, bei Erich!« - -»Das kann ich nicht.« - -»Und was soll ich dem Kinde sagen, wenn es nach seinem Vater frägt?« - -»Sag' ihm, was Du willst!« - -Gabriele zuckte zusammen; dann richtete sie sich hoch auf. - -»So geh' denn! Geh' zu Deinen Genossen, geh' dem entsetzlichen -- -Vergnügen nach, das Du nicht entbehren kannst! So mächtig hat der Dämon -des Spieles Deine Seele umstrickt, daß Du ihm Dein Vermögen zum Opfer -brachtest, das Du Deinem Sohne hättest erhalten sollen. Jetzt siehst -Du Deines Kindes Leben selbst bedroht -- doch auch das hält Dich nicht -zurück. Für Dein Weib und Dein Kind ist Dein Herz erkaltet; nur die -Flamme jener unseligen Leidenschaft verzehrt es.« - -Fast unhörbar leise hatte Gabriele diese Worte hervorgestoßen, aber Otto -war keines entgangen. Er erbleichte. Einen Augenblick lang begegneten -sich die Blicke der beiden Gatten. Dann senkte Otto den Kopf, wendete sich -langsam um und verließ geräuschlos das Zimmer. - -Einige Minuten blieb Gabriele regungslos stehen und starrte auf die Thür, -durch welche er sich entfernt hatte. Dann wandte auch sie sich um und -kehrte an Erich's Lager zurück. - -Nach einer Weile schlug der Knabe die Augen auf. Ein heißer Tropfen war -ihm auf die Stirn gefallen. - -»Mama,« sagte er und streichelte mit seinem Händchen über ihre Hand, -die auf seinem Bette ruhte. »Weine nicht, Mama, mir thut nichts mehr weh, -gewiß nicht. Weine nur nicht, Mama, liebe Mama!« - -Erich log. Er log, um seiner geliebten Mutter, die er traurig sah, zu -verheimlichen, daß er litt. Der Glückliche wußte noch nicht, daß es -einen Kummer giebt, heißer, bitterer, trostloser, als selbst der eines -Mutterherzens am Schmerzenslager des Kindes: Der Kummer um eine verlorene -Seele, die uns theuer ist -- - -Brauneck war in sein Zimmer gegangen, hatte aber noch keinen seiner Gäste -vorgefunden. Er athmete erleichtert auf, als er sich allein sah. Aber -was nützte es ihm? In wenigen Minuten mußten sie ja doch kommen, und er -mußte zu den Karten greifen. Zu den Karten, die -- er wußte es wohl -- -den Fluch seines Lebens bildeten, die er wahnwitzig liebte und die er in -diesem Augenblicke zu fürchten und zu hassen vermeinte. - -Er seufzte tief auf, warf sich in einen Fauteuil und die Arme auf die -Seitenlehnen gestützt, verbarg er den Kopf in seine Hände. - -Die Worte seiner Frau hatten ihn mächtig erschüttert. Sie hatten sein -im Grunde leicht bewegliches und weiches Gemüth im Tiefsten aufgewühlt. -Blitzartig zog das Bild seines eigenen Selbst vor seinem geistigen Auge -vorüber. Nackt und aller beschönigenden Entschuldigungsgründe bar, -schaute er seine Seele im Banne jener furchtbaren Leidenschaft, deren -Sklave er geworden. Ja, Gabriele hatte recht, all seinen Besitz hatte er -dem Dämon Spiel in den Rachen geworfen. Drei große Vermögen hatte er -sich von ihm rauben lassen: sein eigenes, das seiner Mutter, das ihm wenige -Jahre nach seiner Verheiratung zugefallen war, und jenes eines Oheims, den -er vor kurzem beerbt hatte. Die noch übrigen Reste betrugen kaum einige -Tausend Gulden. Er hatte seinen Sohn zum Bettler gespielt. Aber nicht das -allein: Er war noch weit tiefer gesunken, als Gabriele ahnte. Nicht nur das -Laster -- das Verbrechen hatte seine Hände besudelt. Als fast sein ganzes -Capital vergeudet war und er sich am Rande vollständigen Ruines sah, -da war eine entsetzliche Versuchung an ihn herangetreten. Schleichenden -Schrittes erst, in flüchtigen Umrissen, wie ein Phantom. Dann nahm sie -deutlichere Formen an und lockte ihn immer lauter und dringender. Ein -böser Zufall, der ihm einen Genossen zuführte, welcher unentdeckt -und erfolgreich die Bahn des Verbrechens schon betreten hatte, gab den -Ausschlag. Seine letzten schwindenden Skrupel waren besiegt -- und -- er -erlag. -- - -Das war es, was er, in sein Inneres schauend, gewahrte. Er wußte, daß es -keine Umkehr, keine Rettung für ihn gab. - -Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich Otto's gequälter Brust. Da -schellte die Klingel an der Eingangsthür; im Vorzimmer wurden Stimmen -laut, und er sprang empor. Seine Gäste trafen ein; jetzt war nicht die -Zeit dazu, sich düsteren Betrachtungen hinzugeben. Wozu auch? Vielleicht -würde endlich das Glück ihm hold, und -- wer weiß, vielleicht ließe -sich, wenn nicht alles, so doch ein Theil des Verlorenen zurückerobern. -Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht, gelangt zur Enthüllung. -Wie viele Schurken und Verbrecher, schlimmer als er, bleiben unentdeckt und -erfreuen sich ungestört der goldenen Früchte ihrer Gaunerstreiche. - -Otto trat den Ankömmlingen grüßend entgegen; bald folgten Andere, und -eine Viertelstunde später saß die Gesellschaft vollzählig beim Spiele. - -Drüben aber lehnte Gabriele am Bette des kleinen Erich und sandte aus -gläubiger Seele ein inbrünstiges Gebet zu Gott empor, daß er ihr Kind -vom Tode und ihren Gatten vom Untergange in Laster und Verkommenheit, dem -schlimmeren Tode, erretten möge. -- - -Die Stunden verrannen. Tiefe Stille herrschte im Zimmer des Kranken. -Otto hatte Wort gehalten; es drang kein Laut herüber von der lustigen -Spielgesellschaft, den Schlummer des Knaben zu stören. Aber Erich schlief -nicht. Wohl hatte der Husten nachgelassen, aber der Athem drang in kurzen, -hastigen Stößen aus der Lunge, und das Fieber steigerte sich stetig. -Einigemale hatte der Kleine nach dem Vater gefragt und Gabriele ihm -geantwortet, daß er zu Hause sei, in seinem Zimmer, ob sie ihn herbeirufen -solle? Erich schüttelte den Kopf. Er glaubte, daß der Vater schlafe und -wollte ihn nicht seinetwegen wecken lassen. Mama weilte bei ihm, er war ja -nicht allein. - -Und immer weiter rückten die Zeiger der Wanduhr vor, und Stunde um Stunde -floß in den Schoß der Unendlichkeit. Mit unermüdlicher Pünktlichkeit -reichte Gabriele dem Kinde die Arznei, träufelte einen kühlenden Trank -zwischen die heißen Lippen, lockerte seine Kissen. Von Zeit zu Zeit -durchmaß sie mit leichten, unhörbaren Schritten das Gemach. Eine -qualvolle Unruhe hatte sie erfaßt. Sie wußte und sie fühlte es, daß die -Stunde nahte der Entscheidung über Tod und Leben. - -Mitternacht war vorüber. Mit stockendem Herzschlage stand Gabriele über -Erich gebeugt und lauschte. Ihr hatte plötzlich geschienen, als ob die -stoßweisen Athemzüge des Kranken von einem leisen, röchelnden Geräusch -begleitet würden, und eine furchtbare Angst hatte sie an der Kehle -gepackt. - -Da machte Erich eine Bewegung und setzte sich im Bette auf. »Mama,« sagte -er mit ungewöhnlich lauter und deutlicher Stimme. »Mama, jetzt hatte ich -einen wunderschönen Traum. Den möchte ich Dir erzählen. Aber Papa soll -ihn auch hören. Bitte, liebe Mama, ruf' ihn ein wenig zu mir.« - -»Gleich, mein Kind, ich hole ihn gleich,« erwiderte Gabriele. »Aber wie -fühlst Du Dich? besser?« - -»Wie ich mich fühle?« wiederholte der Knabe. »Besser, viel besser. Nur -so sonderbar ist mir zu Muthe, und hier innen -- Erich deutete mit der Hand -auf seine Brust -- hier innen ist mir auf einmal so heiß. Aber das thut -nichts, Mama,« fuhr er fort. »Ich fühle gar keine Schmerzen mehr. Bitte, -gehe Papa zu holen, damit ich ihm auch meinen schönen Traum erzählen -kann.« - -Gabriele nickte und verließ das Zimmer. Als sie, die Reihe der Gemächer -durchschreitend, sich dem Zimmer ihres Gatten näherte, scholl ihr daraus -lautes Stimmengewirre entgegen. Ein heftiger Wortwechsel schien dort -stattzufinden. Einen Augenblick zögerte sie einzutreten. Doch nach kurzer -Ueberlegung ging sie weiter und wurde, als sie die schwere Portière -zurückschlug, welche jenes Gemach vom Salon trennte, Zeugin eines -Auftrittes, der, sie mit tödtlichem Entsetzen erfüllend, ihre Schritte -hemmte. Sie sah Folgendes: - -Mehrere der Herren waren von ihren Sitzen aufgesprungen und sprachen wild -und verworren durcheinander. Einer derselben hielt mehrere Karten in der -Hand, die er den anderen Spielern triumphirend vorwies. - -»Da seht!« rief er. »Da habt Ihr den Beweis. Die Karten sind markirt!« - -Und in der nächsten Secunde schleuderte er die Karten ihrem Gatten ins -Angesicht. »Elender Schurke!« - -Otto fuhr vom Stuhle auf. Aschfahle Blässe bedeckte seine Wangen. Seine -Lippen zuckten. - -Dumpfes Schweigen lagerte plötzlich über der Gesellschaft. - -»Die Pflichten der Höflichkeit als Hausherr verbieten mir, gegen Sie -so vorzugehen, wie ich an jedem anderen Orte vorgehen würde,« stammelte -Brauneck nach einigen Augenblicken. »Nichtsdestoweniger werden Sie« -- -gegen den Ankläger gewendet -- »mir für Ihre mir zugefügte Beschimpfung -Genugthuung zu geben haben. Ich werde Ihnen morgen meine Zeugen schicken.« - -Ein Hohngelächter beantwortete Brauneck's Worte. - -»Mit einem Falschspieler schlägt man sich nicht!« - -Und alle Anwesenden erhoben sich von ihren Plätzen. - -Gabriele stand noch immer an der Thürschwelle. Ein dunkler Schatten -legte sich ihr über die Augen. Aber sie schrie nicht auf; sie brach nicht -zusammen. Unbemerkt wandte sie sich zurück und ehe die Gäste sich zum -Weggehen gerüstet, erreichte sie das Zimmer ihres Kindes. - -Dort sank sie lautlos an Erich's Bettchen nieder. - -Der Knabe hatte sich wieder in die Kissen zurückgelegt. Er schien zu -schlummern. Die Fieberröthe war von seinen Wangen gewichen. Nur die -Athemzüge klangen noch immer so kurz und röchelnd. - -Jetzt regte er sich und schaute mit weitgeöffneten Augen im Zimmer umher. - -»Mama,« sagte er, und ein heiteres Lächeln flog über sein Gesichtchen. -»Mein wunderschöner Traum -- wir waren in einem wunderprächtigen Garten, -eine herrliche Musik tönte von fernher und eine Schaar hübscher Kinder -tanzte mit mir nach ihren Klängen. Du und Papa --« - -Erich vollendete den Satz nicht. Ein tiefer, rasselnder Athemzug hob seine -Brust. Dann ging ein plötzliches Zucken durch seine Glieder. Seine Lippen -bebten und bedeckten sich mit blutigem Schaum. - -Er war verschieden. Eine Lungenblutung hatte sein junges Leben -dahingerafft. - -Gabriele wischte den Schaum von seinem Munde und bedeckte seine Stirn und -Hände mit Küssen. Ein convulsivisches Schluchzen durchschütterte -sie. Aber unter den brennenden Thränen, welche unaufhaltsam ihr Gesicht -überströmten, flüsterte sie: - -»Du bist erlöst, mein Kind! Erlöst von der Schmach Deines entehrten -Namens, von dem furchtbaren Geschicke, der Sohn eines Vaters zu sein, den -Du geliebt und den Du verachten müßtest. Erlöst -- erlöst!« - - - - -Justus. - - -Seit meinem Austritte aus dem Institute hatte ich Justus nicht mehr -gesehen. Und als ein guter Freund und ehemaliger Schulcollege mir schrieb, -daß Justus seine Tante beerbt habe und sich in dem von ihr hinterlassenen -Landhause ganz nahe von dem Städtchen, in welchem ich damals wohnte, -niederlassen werde, mußte ich mich erst besinnen. Justus? -- Wer ist -doch Justus? Wo bin ich ihm je begegnet? Allmählich tauchte das Bild des -einstigen Lehrers in meiner Erinnerung auf. - -Da stand es wieder vor mir, das hagere Männchen mit dem großen Höcker -auf der linken Schulter. Da stand es an der großen schwarzen Tafel und -zeichnete mit Kreide Figuren und Zahlen, indem es mit unermüdlicher Geduld -selbst die begriffsstützigsten seiner Schüler in die Geheimnisse -der Geometrie und Algebra einzuführen bemüht war. Auf der winzigen, -mißgestalteten Figur saß tief in den Schultern ein mächtiger, prachtvoll -profilirter Kopf mit schwarzem Kraushaar und tiefen, seelenvollen Augen. -Ja, Justus hatte der sanfte Lehrer geheißen, der uns, weil allzu gütig, -nicht zu imponiren vermochte, und uns niemals die wohlverdiente Strafe, -sondern höchstens eine freundliche milde Mahnung zutheil werden ließ. - -Alles dies hatte uns an ihm lächerlich geschienen. Seine verwachsene -Gestalt, die wir vierzehnjährigen Jungen um einen halben Kopf überragten, -seine langsame, zögernde, beinahe stotternde Sprechweise, seine -unerschütterliche Sanftmuth, ja selbst sein Name: Justus, Justus -- der -Gerechte, welch komischer Name! Wie konnte man Justus heißen! - -Und doch hatte dieser Name für ihn gepaßt, wie selten einer sich für -seinen Träger eignet. Denn Gerechtigkeit war die Grundlage seines Wesens, -der vorherrschendste Zug seines Charakters. Und jede, auch die geringste -Ungerechtigkeit, deren Zeuge er war, konnte ihn aufs tiefste empören. -Noch weiß ich es, wie entrüstet er war, als er sah, wie mehrere kräftige -Knaben über einen weit schwächeren Kameraden herfielen, von dem sie sich -beleidigt glaubten. Nie vorher hatte ich ihn so gesehen. Sein Auge flammte, -die Muskeln seines Gesichtes zuckten vor Erbitterung, seine Fäuste ballten -sich und -- was nur in den Augenblicken mächtigster Erregung geschah -- er -stotterte nicht, als er mit laut dröhnender Stimme über die ungeberdigen -Jungen hindonnerte, in glühenden Zornesworten die Feigheit und -Ungerechtigkeit, sich an dem Schwächeren zu vergreifen, ihnen -entgegenschleudernd. Ja, selbst eine empfindliche Strafe dictirte er ihnen. - -Und nun sollte ich den einstigen Lehrer nach zwölf Jahren wiedersehen. - -Er hatte sich wenig verändert. Auch älter schien er nicht geworden in -dieser doch stattlichen Reihe von Jahren. Man hatte es ihm nie angesehen, -wie alt er eigentlich war. Uns, seinen Schülern, hatte er alt geschienen, -doch hatte man uns gesagt, daß er ein junger Mann sei, noch nicht -dreißigjährig. Und jetzt, als ich ihn in seiner neuen Behausung -aufsuchte, sah er gerade so aus wie damals, als ich ihm bei meinem -Austritte aus der Schule Lebewohl gesagt. Nur hatte sein dunkles, -schwärmerisch blickendes Auge den Ausdruck milder Traurigkeit und -Wehmuth angenommen. Die Ursache dieser Trauer zu errathen, ward mir bald -Gelegenheit geboten. - -Einige Jahre vorher hatte ein Freund seines Vaters in unglücklichen -Speculationen sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen verloren und -in der Verzweiflung über sein Mißgeschick sich das Leben genommen. Er -hatte nichts hinterlassen als sein vierzehnjähriges Kind, die kleine Dora, -blond und blauäugig und lieblich wie ein thaufrischer Frühlingsmorgen. - -Justus' Vater nahm die Waise ins Haus und nach seinem Tode übernahm Justus -selbst die Fürsorge für das junge Mädchen, für sie und für seinen -Bruder Alvyn, der -- um zwanzig Jahre jünger als er -- zur Zeit, als der -Vater starb, seine Universitätsstudien noch nicht vollendet hatte. - -Als ich nun bei einem meiner Besuche in dem mit wildem Wein und -Schlingrosen überwachsenen, anmuthigen Landhause mit Dora zusammentraf, -welche jetzt das Institut verließ, in dem sie ihre letzte Ausbildung -erhalten hatte, um -- vorläufig, wie Justus sagte -- in das Haus ihres -Pflegevaters zu ziehen, da ward es mir klar, warum Justus' Augen so traurig -blickten. Er liebte Dora -- aber er war zu verständig, um auf Gegenliebe -zu hoffen, und zu gerecht, um es nicht natürlich zu finden, daß das -schöne, blühende Mädchen für den verwachsenen, alternden Freund -keine anderen Gefühle in seinem Herzen nährte, als Freundschaft und -Dankbarkeit. Und als ich Justus' bildhübschen Bruder kennen lernte, da -konnte ich keinen Zweifel hegen, daß dieser Dora's Herz in Sturm erobern -würde. Hoch und schlank gewachsen, den schönen Kopf stolz auf dem edel -geformten Nacken tragend, frei und kühn in seinen Bewegungen und -voll ritterlicher Aufmerksamkeit gegen das kaum flügge gewordene -Pensionsfräulein, sah er neben dem unscheinbaren, mißgestalteten -Männchen aus wie ein junger Gott. Ich wurde ganz traurig gestimmt, als -ich die drei guten Menschen beisammen sah, denn ich konnte es mir nicht -verhehlen, welch tiefes Herzeleid dem armen Justus aus seiner wohl -begreiflichen, aber doch so hoffnungslosen Neigung für das liebreizende -junge Geschöpf erwachsen würde. - -Dennoch aber verbrachte ich manche glückliche Stunde in Justus' gastlichem -Heim. Tagsüber, wenn das Wetter günstig war, waren wir Alle im Garten -oder machten Ausflüge in der nahen Umgebung, wobei es sich, wie zufällig, -immer so traf, daß Alvyn mit Dora vorausmarschirte, während ich und -Justus die Nachhut bildeten. Des Abends aber versammelten wir uns im -traulichen Gartensalon, und nach dem Thee wurde Lectüre vorgenommen. Alvyn -oder ich lasen vor, während die Anderen zuhörten. - -Da gab es oft lebhaft erregte Discussionen. Denn Justus vertheidigte die -classische Richtung, während Alvyn und ich die Modernen in Schutz nahmen. -Dora kümmerte sich nicht viel um unsere literarisch-ästhetischen Dispute. -Nur hin und wieder warf sie ein Wort dazwischen. Abseits von uns saß sie -an einem kleinen Tischchen und zeichnete emsig. Ich wußte, was es war, -das sie beschäftigte, denn mich hatte sie ins Vertrauen gezogen und -beauftragt, Justus' Aufmerksamkeit bei diesen Leseabenden so in Anspruch -zu nehmen, daß er sie und ihre Zeichnung nicht beachtete. Denn dieselbe -sollte eine Ueberraschung für ihn werden. - -Und sie gelang glänzend. - -Am Vorabend von Justus' Geburtstag -- es war sein vierundvierzigster, -wie ich erfuhr -- nachdem das festliche Abendessen zu Ende und mancherlei -Toaste ausbracht waren, verschwand Dora plötzlich aus dem Zimmer, und -als sie nach einer kleinen Weile mit freudig geheimnißvoller Miene wieder -eintrat, ergriff sie Justus bei der Hand und zog ihn, während sie uns -winkte, ihnen zu folgen, in den Gartensalon hinüber. Derselbe war hell -erleuchtet, und mitten im Zimmer ruhte auf einer Staffelei das lebensgroße -und sehr wohlgetroffene Brustbild unseres Justus. Sprachlos vor tiefster -Ergriffenheit, blickte dieser auf sein Porträt. - -»Nun, ist es gut? Bist Du zufrieden mit dem, was ich gelernt?« frug -Dora schüchtern, als Justus noch immer keine Antwort über seine Lippen -brachte. - -Ein Blick auf sein Angesicht gab ihr Antwort. - -Eine überirdische Freude leuchtete aus seinem Auge, eine Thräne rollte -langsam über seine Wange, und er öffnete den Mund, als ob er sprechen -wollte; aber das Wort versagte ihm. - -Da stürzte Dora ihm an den Hals, küßte und herzte ihn und rief ein- um -das andermal: - -»Freut es Dich? Bist Du zufrieden? Justus, freut es Dich?« - -Dieser aber verfärbte sich plötzlich. Und je mehr Küsse es von den -holden Lippen auf seinen Mund und seine Wangen regnete, um so bleicher -wurde er und ein leichtes Zittern ging durch seine Glieder. Ich verstand, -was in seinem Inneren vorging, und ein Gefühl peinlichen Mitleides -beschlich mich. - -Warum war Dora auch so toll und thöricht, den Armen so abzuküssen, als ob -sie ihn liebte. Bedachte sie denn gar nicht, daß auch in der Brust dieses -unglücklichen, mißgestalteten Freundes ein warm fühlendes, der Liebe -nicht verschlossenes Herz wohnen könne? - -Einige Wochen später rüstete sich Alvyn zur Abreise. In einer unfernen -größeren Stadt wollte er sich als Arzt niederlassen. Schon war der Tag -seiner Abreise festgesetzt, als er von einem Jagdausfluge verwundet nach -Hause gebracht wurde. Die Kugel eines der Schützen hatte -- statt des -Rehbockes, dem sie bestimmt gewesen -- Alvyn's linke Schulter getroffen. -Die Verletzung war keine gefährliche, dennoch aber wurde das ganze Haus -in die größte Bestürzung versetzt. Justus bestand darauf, die Pflege -des Bruders selbst zu übernehmen. Dora wollte ihn ablösen, damit er Zeit -fände, sich auszuruhen. Aber er gestattete es nicht, indem er meinte, daß -ein Krankenbett kein geeigneter Platz für sie sei, und so mußte sie -sich damit begnügen, in sorgsamer Ueberwachung der Hauswirthschaft dem -Bruderpaare ihre Dienste zu erweisen. Sie war keine gewandte Hausfrau -- wo -hätte sie bis dahin auch Gelegenheit gefunden, sich in dieser Richtung zu -bethätigen? -- Und da war es zugleich heiter und rührend, zu sehen, -wie sie sich abmühte, ihren ungewohnten Pflichten gerecht zu werden. -Glücklicherweise war Agathe da, die alte, langerprobte Köchin. Sie versah -ihren Dienst so fest und sicher, daß alles ganz gut von Statten ging; -auch war sie viel zu gutmüthig, um dem jungen Mädchen seine grüne -Unerfahrenheit allzu fühlbar werden zu lassen. Mit der ernstesten Miene -von der Welt ließ sie sich täglich von Dora den Speisezettel vorschreiben -und sich einschärfen, wie die Gerichte bereitet werden müßten, daß -sie sich für den Kranken eigneten, und daß sie kräftig genug seien -und leicht verdaulich, um Justus für seine anstrengende Krankenpflege -genügend zu stärken. - -Langsam und traurig zog die Zeit dahin. Eines Tages aber, als ich wieder -in dem Häuschen vorsprach, um mich nach dem Befinden des Patienten zu -erkundigen, wurde ich von Dora mit heiterer Miene empfangen. Und sonderbar! -Erst jetzt, als sie wieder lächelte, bemerkte ich, wie schmal und blaß -ihr liebliches Gesichtchen geworden war. Freudig theilte sie mir mit, daß -der Arzt heute Alvyn gestattet hatte, für einige Stunden sein Bett zu -verlassen. Wenn ich ein wenig warten wollte, könnte ich ihn sehen. - -Wie erschrak ich, als eine Viertelstunde später Alvyn, auf den Arm seines -Bruders gestützt, in das Zimmer trat! Nicht er war es, der mir Schrecken -einflößte. Seine Wangen waren wohl etwas bleicher als vordem, aber man -erkannte sogleich, daß der Doctor nicht zu viel versprochen, indem er -seine baldige Genesung in Aussicht gestellt. Justus' Aussehen dagegen -erweckte meine Sorge. Seine Gesichtsfarbe war wachsgelb geworden, die -Backenknochen traten scharf hervor, und die schönen, strahlenden Augen -lagen tief eingesunken in ihren bläulich umränderten Höhlen und hatten -allen Glanz verloren. Sollten die Anstrengungen der Pflege, die Nachtwachen -und die Angst um den Bruder ihn so arg mitgenommen haben? Ich konnte es -nicht recht glauben. Das aber wußte ich, daß er selbst einer -Erholung bedürftiger war, als der an seiner Seite blühend aussehende -Reconvalescent. Auch hielt ich es für meine Pflicht, aus meiner -Meinung kein Hehl zu machen, und nachdem wir ein Weilchen über allerlei -alltägliche Dinge geplaudert, erklärte ich Justus, ohne Umschweife, daß -es an der Zeit sei, sich Ruhe zu gönnen, zu seiner Erholung etwa eine -kleine Vergnügungsreise anzutreten. Alvyn und Dora, die mittlerweile auch -eingetreten war, stimmten mir lebhaft bei. Justus aber betheuerte, daß er -sich ganz wohl fühle, und wollte von einer Reise nichts wissen. Die kleine -Ermüdung, die er ja nicht leugnen wolle, werde nun, da er jetzt nichts -mehr zu thun und zu sorgen habe, bald von selber weichen. Ich glaubte ihm -nicht, da aber alles weitere Drängen sich als nutzlos erwies, beschloß -ich, mich hinter den Hausarzt zu stecken und diesen zu einem Machtwort in -Betreff Justus' zu veranlassen. Als ich mich aber zu diesem Zwecke zwei -Tage später bei meinen Freunden einstellte, empfing mich Justus und bat -mich, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten, dessen Thür er zu meiner -nicht geringen Verwunderung hinter uns absperrte. - -»Ich will nicht, daß wir gestört werden,« sagte er, indem er vor seinem -Secretär Platz nahm und einen großen, von seiner Hand geschriebenen Bogen -Papier entfaltete. - -»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,« fuhr er -fort. »Als ich da vergangene Nacht wieder nicht schlafen konnte -- am -Krankenbette Alvyn's habe ich mir das Schlafen fast ganz abgewöhnt -- da -fiel mir ein, daß es angezeigt sei, ein wenig Ordnung zu machen und mein -Testament niederzuschreiben. Man kann ja nie wissen, was geschieht. Und da -möchte ich Sie nun ersuchen, dasselbe durchzusehen, ob es in seiner Form -richtig abgefaßt ist.« - -Ich nahm das Testament und las. Alvyn und Dora waren darin zu gleichen -Theilen als Erben von Justus' nicht unbedeutendem Vermögen eingesetzt. Als -ich ihm das Schriftstück mit der Beruhigung zurückgab, daß dasselbe -ganz rechtsgiltig verfaßt sei, konnte ich nicht umhin, die Bemerkung -beizufügen, daß es wohl viel vernünftiger wäre, irgend etwas zur -Kräftigung seiner Gesundheit zu unternehmen, als sich mit Todesgedanken zu -tragen. - -Justus lächelte. - -»Nun, nun,« sagte er, »deshalb, weil ich mein Testament gemacht habe, -glaube ich ja nicht, schon morgen oder übermorgen sterben zu sollen. Ich -will ja nur alles in Ordnung gebracht haben -- für alle Fälle. Was Sie -aber da von meiner Gesundheit sagen -- ich bin ja nicht krank, wirklich -nicht. Wenn es aber dennoch bald mit mir zu Ende ginge, was läge weiter -daran? Ich habe doch eigentlich genug gelebt, da ich niemandem mehr zu -etwas nützlich bin. Im Gegentheile. Ich stehe dem Glücke der Anderen nur -im Wege. Haben Sie es denn nicht bemerkt? Dora und Alvyn lieben sich ja. -Dora wird sich aber nicht leicht dazu entschließen, mich zu verlassen und -Alvyn's Frau zu werden, so lange ich lebe. Das gute Geschöpf würde es -schwer übers Herz bringen, mich einer traurigen Einsamkeit anheimzugeben. -Die Dankbarkeit, die sie glaubt, mir schuldig zu sein, würde ihr dies -nicht erlauben.« - -Ich unterdrückte einen Seufzer. - -»Glauben Sie wirklich?« stotterte ich nicht ohne Verlegenheit. - -»Glauben! Was glauben!« wiederholte Justus. »Ich weiß es! Und wenn ich -es auch nicht schon früher bemerkt hätte, so müßte ich es doch -jetzt wissen. Hab' ich es doch gesehen, wie sie sich in Angst und Sorge -verzehrte, als Alvyn krank darniederlag. Nachts, wenn ich aus seinem Zimmer -trat, fand ich sie oftmals in Thränen, statt daß sie schlief. Ich gab ihr -wohl keine Veranlassung dazu.« - -»Und wenn nicht Alvyn, sondern die Sorge um Dich, um Deine Gesundheit und -Dein Leben die Ursache ihrer Thränen gewesen wäre?« -- schoß es mir -plötzlich durch den Kopf. Doch gleich darauf kam mir dieser Gedanke so -komisch vor, daß ich mich wohl hütete, ihn laut werden zu lassen. - -»Ja, wenn es aber auch wirklich der Fall sein sollte, daß Dora Alvyn -liebt,« sagte ich, »sind Sie dessen auch gewiß, daß ihre Liebe erwidert -ist?« - -Jetzt fuhr Justus auf. - -»Wie? Nicht erwidert? Dora's Neigung sollte nicht erwidert sein? Aber -Alvyn müßte ja blind und blöde, ja geradezu blöde sein, wenn er dieses -liebe Geschöpf nicht liebte. Ich bitte Sie, wie können Sie so etwas -denken!« - -Dann warf er das Testament in die Lade seines Schreibtisches und fing -an, im Zimmer auf und ab zu laufen. Mich beachtete er gar nicht mehr, so -mächtig war die Erregung seines Gemüthes. Wieder waren mehrere Wochen -vorübergegangen. Alvyn war völlig hergestellt und der letzte Abend vor -seiner Abreise sollte uns Alle zum Abschiedsfeste vereinigen. Mir bangte -davor, denn ich war überzeugt, daß es auch zum Verlobungsfeste werden -sollte, und wenn ich es auch einsah, daß es für Justus besser sei, wenn -die von ihm selbst vorausgesehene Entscheidung bald fiele, so wußte ich -doch, daß dieselbe einen schweren Streich gegen sein Herz führen würde. - -Als ich das Haus betrat, begegnete mir Dora im Flur. Sie kam aus der -im Erdgeschosse gelegenen Küche und hielt auf einem Glasteller einen -mächtigen Kuchen in der Hand. Ihre Wangen waren vom Herdfeuer geröthet -und freudige Heiterkeit blitzte aus ihren blauen Augen. - -»Welch lucullische Genüsse bereiten Sie da für uns?« frug ich, auf den -Kuchen weisend. - -Sie legte den Finger an den Mund. - -»Bst, nicht so laut,« flüsterte sie. »Es soll eine Ueberraschung für -Justus werden. Sein Lieblingsgericht, das ich selbst gebacken. Er wird -Augen machen, wenn er erfährt, daß Agathe mir dabei gar nicht geholfen -hat.« - -Schweigend stieg ich hinter Dora die Treppe hinan. Ich war ärgerlich -gestimmt, Dora's Aufmerksamkeiten für Justus verdrossen mich, da ich -wußte, daß sie ihn mehr quälen als erfreuen müßten. Ich folgte ihr in -das Speisezimmer, wo sie den Kuchen auf den Credenztisch stellte und über -und über mit Zucker bestreute. - -»Das ist der Zucker, mit dem sie die bittere Pille versüßen will, die -sie ihm zu schlucken giebt,« dachte ich zornig. - -Sie aber lächelte vergnügt vor sich hin. - -»Glauben Sie, daß es ihn freuen wird?« frug sie. - -Ich gab keine Antwort, so böse war ich auf sie. Plötzlich aber fuhr ich -los: - -»Warum quälen Sie den armen Justus unaufhörlich? Warum überhäufen Sie -ihn mit Zuvorkommenheiten, die ihn nur peinigen können?« - -Ich hielt inne; meine eigenen Worte erschreckten mich. Dora aber blickte -mich mit großen Augen staunend an. - -»Quälen?« wiederholte sie. »Ich quäle Justus?« - -»Wie denn nicht? Das müssen Sie doch selbst einsehen, daß Ihre -Aufmerksamkeiten ihm Qualen bereiten müssen. Es kann Ihnen doch kein -Geheimniß geblieben sein, daß er -- Ah, bah! Sie wissen ganz gut, was ich -meine. Aber besser wäre es, Sie machten dem grausamen Spiele ein Ende -und erklärten sich. Heute bei Alvyn's Abschiedsfest wäre der richtige -Augenblick hiefür.« - -Dora wechselte die Farbe. Ein leichtes Zittern bewegte ihre Hand, die immer -noch die Streubüchse festhielt, und ein dichter Zuckerstaub fiel neben dem -Kuchen auf die Tischplatte nieder. - -»Sie glauben, daß Justus --,« lispelte sie kaum hörbar. - -»Sie liebt!« fiel ich ein. »Ja, das glaube ich nicht nur, ich weiß es. -Und daß Sie mit Ihren koketten Künsten ihn nutzlos peinigen.« - -Ich war so erbost gegen sie, daß es mir ordentlich wohl that, sie zu -kränken. - -Sie schwieg. Nur ein leiser Seufzer drang zwischen ihre Lippen. Ihr Gesicht -konnte ich nicht sehen, denn sie hatte mir den Rücken zugewendet. Jetzt -klappte sie den Deckel des Schrankes zu und schlüpfte hastig aus dem -Zimmer. - -Mit gemischten Gefühlen blickte ich ihr nach. Ich schämte mich meiner -plumpen Derbheit, und doch war ich wieder froh, das unhaltbare Verhältniß -einer Krisis entgegengedrängt zu haben. Noch mehr aber freute ich mich -dessen, als ich, in Justus' Zimmer tretend, die bleichen Wangen, die -nervöse Unruhe meines wackeren Freundes sah. Es war wirklich hoch an der -Zeit, daß diese unerquickliche Lage der Dinge ein Ende nahm. - -Trotz der anfänglich etwas befangenen und erregten Stimmung der Mehrzahl -der Theilnehmer verlief das Festmahl in ungestörter Heiterkeit. Alvyn's -übersprudelnde Lustigkeit wirkte ansteckend auf die Anderen, und frohes -Lachen, muntere Scherzworte flogen von Lippe zu Lippe. - -Wir waren beim Dessert angelangt, und der mir bereits bekannte Kuchen wurde -aufgetragen. Mit etwas scheuer Miene -- denn mein auf Dora gerichteter -Blick verwirrte sie sichtlich -- und stockendem Tone murmelte Dora, wie -geistesabwesend, ein paar Worte vor sich hin: daß sie den Kuchen selbst -bereitet habe, um zu beweisen, daß sie in den Künsten der Küche nicht -so ungeschickt sei, wie Justus stets behauptete. Weiter kam sie nicht; das -spöttische Lächeln, das sie auf meinem Munde bemerkte, schnitt ihr das -Wort ab. - -Jetzt aber erhob sich Alvyn von seinem Sitze und sein mit edlem Wein -gefülltes Glas hochhebend, rief er: - -»Hurrah, hoch! die Hausfrau möge leben! Ich leere meinen Becher auf -Dora's Wohl und auf das Wohl -- desjenigen, der das Glück haben wird, sie -als Hausfrau heimzuführen!« - -Tiefes Schweigen folgte Alvyn's Worten. Doch nach wenigen Augenblicken -erhob auch Justus sich, das Glas mit bebender Hand ergreifend. Er war sehr -blaß geworden. Ein seltsames Leuchten verklärte den dunklen Glanz seines -Auges. - -»Dora!« sagte er laut und langsam. »Ich schließe mich Alvyn's Wunsche -an. Ich trinke auf das Wohl desjenigen, den Du liebst. Willst Du mir -Bescheid thun?« - -Dora zögerte. Eine Secunde lang blickte sie unschlüssig vor sich ins -Weite. Eine jähe Röthe überfluthete ihre Wangen und ihre Brust hob und -senkte sich in heftigen Athemzügen. Doch jetzt erhob auch sie sich und -griff nach ihrem Becher. Hell klangen die Gläser aneinander und Justus und -Dora's Blicke begegneten sich, als wollte jeder tief sich in des Anderen -Seele senken. - -»Gern thu' ich Dir Bescheid,« sagte Dora. »Es lebe der, den ich liebe! -Er lebe hoch! -- Justus lebe hoch!« - -Justus' Glas fiel zu Boden, das köstliche Naß über den Teppich -ergießend. Er selbst stand wie versteinert. Da flog Dora ihm an den Hals -und küßte ihn wieder lebendig. - -Wir aber tranken auf das Wohl des Brautpaares. Ein Toast folgte dem anderen -und die Nacht war weit vorgerückt, als ich in heiterster Stimmung mich auf -den Heimweg machte. - -Wenige Wochen später fand Justus' Vermählung mit Dora statt. Dann -traten sie eine Reise an, und als sie wieder in ihr trauliches Heim -zurückkehrten, fand ich Justus völlig verändert. Kraft und Gesundheit -lag über seiner Erscheinung. Sein Schicksal hatte ihm das beste Heilmittel -gereicht -- das Glück. - - - - -Fallendes Laub. - - -Friede lag über dem Thale. Die ermüdete Herbstsonne badete das purpurne -und gelbe Laub der Wälder in ihrem milden, sanften Glanz. Um die Kuppen -der Berge ringelten sich weiße, flockige Nebelstreifen, lagerten sich -schläfrig in die Schluchten und Risse, um dann an den zackigen, grauen -Felswänden langsam emporzukriechen und, höher und höher steigend, -im durchsichtigen, blassen Blau des Himmelsgewölbes sich allmählich -aufzulösen. - -Das ganze Land, so weit das Auge sah, lag in zitterndem, goldigem Licht. -Das letzte warme Lächeln des fliehenden Sommers glitt über das Antlitz -der Natur, bevor sich ihr Auge zum winterlichen Schlafe schloß. Und um -die Mittagszeit schien die Sonne noch so warm, daß man glauben konnte, -der Herbst mit seinem Reif und Frost, der Winter mit seinem Schnee und Eis -seien noch in weiter, weiter Ferne. - -Aber die klugen Schwalben ließen sich von dem gleißnerischen Lächeln -nicht täuschen. Fast alle hatten schon den großen Zug nach dem Süden -angetreten und jetzt rüsteten sich auch die letzten zum Aufbruch. -Fröhlich zwitscherten sie ihren Abschiedsgruß in die linde, laue Luft. -Geschäftig hin und her fliegend, ordneten sie sich in Gruppen und prüften -sorgsam die Flugkraft ihrer jüngsten Kinder, um derentwillen sie ihre -Abreise hatten verzögern müssen. - -Gleichgiltig sahen die Sperlinge den Reisevorbereitungen zu. Was kümmert -es sie, ob und wann es Herbst wird. Sorglos hüpfen sie von Zweig zu Zweig, -trippeln auf dem kurzen, grünen Rasen umher, gierig nach kleinen Würmchen -ausschauend, oder baden sich behaglich im Staub der trockenen Erde. Wie -graue, schlechtgewickelte Wollknäuel sitzen sie da und blasen sich auf, -daß alle Federn emporstehen. - -Plötzlich fahren zwei dieser struppigen Wollknäuel laut pipsend in die -Höhe. Ein seltsamer Schrei hat sie erschreckt. Und doch sollten sie an -denselben schon gewöhnt sein. Es ist ja ein guter Bekannter, der -ihn ausgestoßen hat. Tante Cölestinens Papagei, der, während seine -Besitzerin in dem Lusthause mit einer Handarbeit beschäftigt sitzt, neben -ihr auf einem in die Sonne gerückten Gestelle auf und nieder flattert. -Bei trübem Wetter verhält er sich meist still und manierlich, wie es -sich ziemt für den wohlgesitteten Genossen eines ruheliebenden, alten -Fräuleins. - -Er schaukelt sich auf dem an seinem Gestelle befestigten Ringe, lacht und -plaudert, und wenn es ihm gestattet wird, auf der Schulter seiner Herrin zu -ruhen, drückt er schmeichelnd sein Köpfchen an ihre Wange und läßt sich -aus ihrem Munde mit kleingekauten Milchbrötchen füttern. - -Wenn aber die Sonne so recht warm auf ihn herabscheint, dann erinnert der -Vogel sich seiner fernen sonnigen Heimat und Sehnsucht erfaßt das kleine -Herz. Er reckt und dehnt sich, schlägt mit den verschnittenen Flügeln, -flattert empor -- und fällt mit einem lauten kreischenden Schrei zu Boden. - -Tante Cölestine begreift es nicht, daß der kleine Fremdling in seiner -vieljährigen Verbannung seine Heimat in den Urwäldern Südamerikas nicht -schon verschmerzt und vergessen hat. Es ging ihm doch so gut. An nichts -fehlte es ihm. Reichliche, gesunde Nahrung, Schutz vor den Unbilden der -Witterung und der Verfolgung raubgierigen Gethiers, freundliche, liebevolle -Behandlung -- was konnte er noch mehr verlangen, wie konnte er sich nach -Freiheit sehnen, wo er den schweren Kampf ums Dasein aufnehmen mußte -und von vielfältigen Gefahren bedroht wurde? Mehr Verständniß brachte -Cölestinens siebzehnjährige Nichte der Freiheitssehnsucht des kleinen -Gefangenen entgegen. War ihr Schicksal dem seinen doch nicht unähnlich. - -Nach dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern, eines reichbegabten -Künstlerpaares, von der Schwester ihres Vaters an Kindesstatt angenommen, -fühlte auch sie sich in eine ihr fremde, sie beengenden Welt versetzt. -Trotz der innigen Liebe und Dankbarkeit, mit der sie an der Tante hing, -deren Güte alle Sorgen und Lasten des Lebens von ihr fernhielt, war es -ihr doch manchmal zu Muthe, als müsse sie die Flügel spannen und in die -weite, schöne Welt hinausfliegen, von welcher sie in der verklärenden -Erinnerung jener Zeit, da sie an der Seite ihrer Eltern ein reiches, -glückliches Leben gelebt, ein so verlockendes Bild in ihrem Inneren trug. -Aber auch ihr waren ja die Flügel geschnitten, und die gute Tante meinte, -daß die Freiheit nur ein illusorisches Glück und das wahre Glück viel -eher in dem stillen Frieden ihrer einsamen Zurückgezogenheit, denn in -dem wüsten Sturm und Drang der Welt zu finden sei. Und nicht ohne Sorge -gedachte sie der Zukunft, wenn ihre Augen sich für immer schließen -würden und das junge Mädchen ohne Schutz und Stütze den vielfachen -Gefahren und Versuchungen des Lebens preisgegeben sein werde. Doch -vielleicht war jener Augenblick, da Gott sie abberufen würde, noch -ferne. Noch fühlte sie sich gesund und rüstig und sie wußte, daß die -Grundsätze, welche sie in die jugendliche Seele zu pflanzen bemüht war, -eine feste Rüstung seien, um sie in der Stunde des Kampfes siegreich -bestehen zu lassen. - -Mit unerschütterlicher Geduld hatte Cölestine sich abermals von ihrem -Sitze erhoben, um den Papagei, der zum so und so vieltenmale mit schrillem -Aufschrei von seinem Metallringe herabgeflattert war, und nun verzagt und -enttäuscht um sich blickend, auf dem Boden des Lusthäuschens hockte, -wieder auf sein Gestell emporzuheben. Mit liebkosender Hand glättete -sie sein gesträubtes, grünes Gefieder, küßte ihn, und mit dem Finger -drohend, redete sie ihm freundlich zu, Ruhe zu halten. - -»Sieh' nur, Betti, wie thöricht unsere Lora heute wieder ist,« sagte -sie, sich lächelnd zu ihrer mit raschen Schritten sich nähernden Nichte -wendend. »Durchaus fort will das Närrchen. Es ahnt nicht, welche Gefahren -in der weiten Welt seiner harren würden und daß es in der ersehnten -Freiheit umkommen müßte.« - -Aber Betti schenkte den Worten der Tante keine Aufmerksamkeit. Ein -Zeitungsblatt hastig hin und her schwenkend, stand sie mit hochgerötheten -Wangen und blitzenden Augen vor der sie verwundert anblickenden alten Dame. - -»Ach, Tantchen,« rief sie und ihre Stimme zitterte vor innerer Bewegung. -»Welch ein Unglück, daß wir gerade diesmal die Zeitung nicht früher -durchgesehen haben. Hier ist das Programm mitgetheilt von dem gestern Abend -in der Stadt gegebenen Concerte. Und denke nur, ein junger Sänger, einer -von den Schülern meines Vaters, hat darin mehrere von Papas Liedern -gesungen. Und nun waren wir nicht dabei!« - -Tante Cölestine nahm das Blatt, las und nickte langsam mit ihrem -weißhaarigen, mit einem kleinen Spitzenhäubchen bedeckten Haupte. - -»Hm -- hm, das ist freilich recht schade,« meinte sie. »Es wäre ja -schön gewesen, die hübschen Lieder singen zu hören.« In ihrem Inneren -aber erwog sie, ob dieser Zufall, daß sie von der Sache nicht rechtzeitig -erfahren hatte, nicht eine Fügung Gottes gewesen sei. Sie würde Betti's -Drängen, das Concert zu besuchen, jedenfalls nachgegeben haben und sie -wußte aus Erfahrung, daß jede Berührung mit der Außenwelt, jedes -Concert und jede Theatervorstellung einen Sturm in des jungen Mädchens -Seele hervorrief, dessen leidenschaftliche Sehnsucht nach der großen -Welt heftig entfachend. Und langer Zeit bedurfte es immer, bis die Wirkung -solcher Ereignisse beseitigt wurde und das jugendlich stürmische Herz -wieder zur Ruhe kam. - -Dann legte sie das Blatt fort und griff wieder nach ihrer Handarbeit. - -»Grüß Di' Gott', grüß Di' Gott!« rief der Papagei und reckte sich, so -weit er konnte, Betti entgegen, die sein Liebling war. - -Betti faßte ihn und setzte ihn auf ihre Achsel. - -»Hast Du Deinen englischen Aufsatz für Miß Evans schon geschrieben?« -unterbrach die Tante nach einer Weile das eingetretene Schweigen. »Morgen -früh hast Du ja wieder Stunde.« - -Betti nickte stumm. Dann schwiegen sie wieder beide. Nur der Papagei -plauderte und drehte sich und tanzte auf Betti's Schulter, als ob er ihre -Verstimmung fühlte und sie erheitern wollte. - -Plötzlich wandte Betti sich wieder an ihre Tante. - -»Glaubst Du, daß Herr Reichel schon abgereist sei?« - -Die Befragte blickte erstaunt auf. - -»Herr Reichel -- wer ist das?« - -»Nun, der Sänger. In der Zeitung steht ja sein Name.« - -»Ach so! Ich habe es wirklich nicht beachtet, wie er heißt. Aber wie soll -ich wissen, ob er schon abgereist ist, und warum interessirt Dich das?« - -»Na, ich dachte nur so. Wenn er etwa noch in der Stadt weilte, so -könntest Du vielleicht, als die Schwester seines ehemaligen Meisters, ihn -für heute Abend oder morgen zu Tische laden. Und da könnte er uns einige -Lieder vorsingen.« - -Der Ausdruck des Mißfallens breitete sich über das Angesicht des alten -Fräuleins. - -»Wie Du nur auf solch abenteuerliche Ideen verfallen kannst, Betti!« -sagte sie vorwurfsvoll. »Was geht dieser fremde Mensch uns Beide an? Dein -Papa hatte gar viele Schüler. Wenn wir die alle zu uns rufen wollten!« - -Betti blickte beschämt zu Boden. - -»Ja, Du hast recht, Tante,« sagte sie bescheiden. »Sei nicht böse. Es -war ein gar alberner Gedanke von mir.« - -»Ich bin ja nicht böse, liebes Kind,« antwortete die Tante rasch -besänftigend. »Jung, wie Du bist, fehlt Dir eben noch das reife Urtheil -für das, was sich schickt und ziemt.« - -Durch Betti's Brausekopf schoß der Gedanke, daß ihre Eltern an ihrem -Vorschlage nichts Unpassendes gefunden haben würden. Die Frage drängte -sich ihr auf, ob jene mit ihren freieren Anschauungen, oder die Tante mit -ihrer peinlichen Vorsicht, ja nichts Ungewöhnliches zu thun, ja nicht -einmal zu denken, mehr recht hätte? Aber sie wußte sich keine Antwort -auf diese Frage zu geben. Und wieder, wie so oft legte sich das Gefühl -drückender Beengung auf ihr Gemüth. - -Die Tante ließ ihr aber nicht lange Zeit, über solche nutzlose Dinge -nachzugrübeln. Sie hatte allerlei Aufträge für sie. Die frisch -gebügelte Wäsche mußte revidirt und in den Schränken eingeordnet -werden; der Gärtner war gekommen, um Rechnung zu legen über einige Körbe -Obst aus ihrem Garten, das er in der Stadt verkauft hatte, und mit dem -Dachdecker mußte man Rücksprache nehmen, daß er eine schadhaft gewordene -Ecke des Hausdaches ausbessere, bevor die schlechte Jahreszeit mit ihren -langen und ausgiebigen Herbstregen eintritt. Rasch und willig unterzog sich -Betti der gewohnten Erfüllung derartiger Pflichten. Nachdem sie aber alles -zur vollen Zufriedenheit ihrer Tante besorgt hatte und diese sich, der -einbrechenden Abendkühle wegen, in ihr Zimmer zurückzog, da schlüpfte -Betti in den Gartensalon, in welchem ein prächtiger Steinwayflügel stand, -ein Vermächtniß ihres Vaters, ein gar lieber Genosse ihrer Einsamkeit und -eine reiche Quelle glücklicher Augenblicke. - -Bald hatte sie auf dem nebenan gerückten Notenschränkchen das Gesuchte --- das von ihrem Vater componirte Liederheft -- gefunden und wenige -Augenblicke später klang ihre frische, klare Stimme in lieblichen -Tonwellen hinaus in den stillen Frieden des von den goldenen Strahlen der -sinkenden Sonne durchglühten Alpenthales. - -Es war Lenau's »Wunsch«, den sie gewählt hatte, eines jener Lieder, -die, wie dem Programme entnommen, der fremde Sänger in dem am verflossenen -Abend in der eine Wegstunde entfernten Stadt gegebenen Concerte zum -Vortrage gebracht, und welche zu hören, ein unglücklicher Zufall sie -verhindert hatte. Sie sang: - - »Fort möcht ich reisen weit, weit in die See, - O meine Geliebte mit Dir allein! - Die Dränger und Lauscher und kalten Störer, - Sie hielt uns ferne der wallende Abgrund, - Das drohende Meer, - Wir wären so sicher und selig allein! - Und käme der Sturm, - Ich würde Dich halten an meiner Brust. - Wenn donnernde Wogen zum Himmel schlügen, - Doch höher schlüge mein trunkenes Herz; - Und meine Liebe, die ewige, starke, - Sie würde frohlockend Dich halten im Sturm. - Du würdest zitternd mir blicken ins Auge - Und würdest erblicken, was nimmer scheitert in allen Stürmen - Und würdest lächeln und nicht mehr zittern. - - Sieh', nun ermüdet der tobende Aufruhr, - In Schlummer sinken die Wellen und Winde, - Und über den Wassern ist tiefe Stille. - Da ruhst Du sinnend an meiner Brust. - So tiefe Stille: mein lauschendes Herz - Hört Antwort pochen Dein lauschendes Herz. - - Wir sind allein, doch flüsterst Du leise, - Um nicht zu stören das sinnende Meer, - Nur sanft erzittern die Lippen Dir, - Die schwellenden Blätter der süßen Rose; - Ich sauge Dein Wort, - Den klingenden Duft der süßen Rose. - - Im Osten hebt sich der klare Mond. - Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen, - Und ich bedecke, selig wie er, - Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel, - Mit feurigen Küssen.« - -Ein jäher Schrecken ließ sie aber verstummen, als bei dem Verse: »Dein -liebes Antlitz, den schöneren Himmel --« eine klangvolle Baritonstimme in -die Melodie einfiel und das Lied zu Ende sang, schöner, herrlicher als sie -es je gehört. - -Und aufblickend sah sie hinter der vom Salon auf die mit dem Garten durch -eine Freitreppe verbundene Terrasse führenden und jetzt offen stehenden -Glasthür die Gestalt eines schlanken jungen Mannes auftauchen, der den -Hut ziehend, vom Thürstock wie vom Rahmen eines Bildes umfaßt, auf der -Schwelle stehen blieb. - -Erst nachdem er das Lied vollendet und sich noch einige Secunden an -der grenzenlosen Verblüffung Betti's, die, gleichsam erstarrt, auf ihn -schaute, mit lächelnder Miene geweidet hatte, verbeugte er sich tief vor -dem jungen Mädchen. Und ohne näher zu treten, sprach er: - -»Verzeihen Sie dem Eindringling, mein Name ist Oswald Reichel. Zufällig -erfuhr ich, daß die Schwester und die Tochter meines verehrten Meisters -hier wohnen, und da wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, -sie aufzusuchen.« - -Betti hatte unterdessen Zeit gefunden, sich zu fassen. Sie erhob sich und -trat dem Fremden grüßend entgegen. - -»Fräulein Betti? -- ich irre wohl nicht?« frug dieser zögernd. »Sie -erinnern sich meiner wohl kaum mehr? Zu viele Schüler Ihres Vaters gingen -in Ihrem Hause ein und aus. Und Sie waren ein so kleines Mädchen, als ich -Sie zuletzt gesehen.« Dabei machte er mit der Hand ein Zeichen, welches -bedeutete, daß sie ihm damals etwa bis zum Ellbogen reichte. - -Betti lachte. Als der Künstler aber ihr seine Hand zum Gruße reichte und, -als sie in dieselbe einschlug, als er die ihrige an seine Lippen führte, -erröthete sie tief. An derartige Huldigungen war sie noch nicht gewöhnt. - -Sie stotterte etwas von ihrer Tante, und daß sie dieselbe von seinem -Besuche benachrichtigen müsse, und im nächsten Augenblicke war sie zur -Thür hinausgehuscht. - -»Ein allerliebstes Backfischchen!« murmelte der junge Mann lächelnd. -»Noch etwas grün, aber doch ganz reizend.« - -Dann blickte er sich im Zimmer um, hielt von der Terrasse aus rasche -Umschau über den Garten und, noch immer allein, setzte er sich an den -Flügel und begann zu präludiren. - -Betti war mittlerweile zu ihrer Tante hinaufgeeilt, diese kam ihr schon -entgegen. - -»Wer hat unten gesungen?« rief sie ihr von weitem zu. - -»Denke nur, Tantchen, er ist gekommen!« rief Betti athemlos. - -»Ja, wer denn?« - -»Er, Oswald Reichel!« - -Die Tante warf den Kopf zurück: »Welche Aufdringlichkeit!« murmelte sie -ärgerlich. »Und so spät am Abend bei Fremden einen Besuch abstatten. -Nun, hoffentlich bleibt er nicht lange.« Dann aber fügte sie nachdenklich -hinzu: »Da er aber nun schon da ist -- und weil er ein Schüler meines -seligen Bruders, so werden wir ihn wohl zum Abendessen bitten müssen. -Sieh' einmal rasch in der Küche nach. Anna soll etwas Schinken -aufschneiden. Mit dem Uebrigen wird es reichen. Ich will einstweilen in den -Salon gehen, den Herrn zu begrüßen.« - -Betti that, wie ihr geheißen, und als sie zehn Minuten später in das -Gartenzimmer trat, fand sie die Tante mit dem fremden jungen Mann bereits -in ein ganz heiteres Gespräch vertieft. Vor seinem jovialen, unbefangen -herzlichen Tone vermochte ihre anfänglich etwas steife Zurückhaltung -nicht Stand zu halten. Er wußte tausend schnurrige Anekdoten aus -Künstlerkreisen zu erzählen, welche die alte Dame bis zu Thränen -lachen machten, und sprach mit einer das Herz der Schwester aufs tiefste -rührenden Verehrung von ihrem Bruder, seinem Meister, dem er all sein -Können und -- so ihm solche beschieden seien -- alle weiteren Erfolge zu -danken haben würde. Ihre völlige Sympathie aber gewann er sich, als -er eine begeisterte Lobeshymne über die stille Zurückgezogenheit ihres -Landlebens anstimmte und erklärte, daß er sich nichts besseres wünsche, -als nach einer Reihe von Jahren seine Laufbahn in einem selbsterbauten, -traulichen Nestchen fern von dem lauten Treiben der Welt, beschließen zu -dürfen. - -Betti fühlte sich durch die sprudelnde Unterhaltung des jungen Mannes in -die glückliche, frohe Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt. Ihr war es, -als hörte sie den Wellenschlag eines mächtigen Stromes neben sich -aufrauschen, in den es sie sehnsuchtsvoll zog sich hineinzustürzen, -um, mit kraftvollem Arm seine Wogen durchschneidend, einem fernen, -glückverheißenden Ziele entgegenzuschwimmen. Aber in stille Seligkeit -versank sie, als der Künstler, ohne erst eine an ihn gestellte Bitte -abzuwarten, sich nach dem Abendessen vom Tische erhob, und an dem noch -geöffneten Piano Platz nehmend, die ihr theueren Lieder ihres Vaters -vortrug. Eine Empfindung süßester Weltentrücktheit überkam sie. Unter -dem gewaltigen Eindrucke, den die Musik auf begeisterungsfähige Gemüther -zu üben so geeignet ist, fühlte sie ihre Seele gleichsam hinschmelzen -in einem Meere wonnevollen, schönheitstrunkenen Entzückens. Und fast -schmerzhaft berührte es sie, als der Sänger, dem als Priester höchster -Kunstoffenbarung solch zaubermächtige Gewalt über ihr ganzes Wesen -gegeben war, sich plötzlich von seinem Sitze am Clavier erhob und, in -seinem gewöhnlichen, fast etwas burschikosen Tone die Bemerkung machte, -daß er seinen Besuch wohl über Gebühr ausgedehnt habe und die Damen nun -nicht länger belästigen dürfe. - -Tante Cölestine hielt ihn nicht zurück, von beiden Seiten wurde ein -herzlicher Abschied genommen, und nachdem Reichel die wiederholten -lebhaften Dankesversicherungen für den bereiteten Kunstgenuß, wie er sich -lachend ausdrückte, »dankend quittirt« hatte, empfahl er sich nochmals -und verließ das Haus. - -»Es ist in der That spät geworden,« sagte die Tante, nach seinem -Weggehen auf die Uhr blickend. »Es ist Schlafenszeit.« Und dann zu Betti: -»Ich will einstweilen vorausgehen, kommst Du bald nach?« - -»Ja, Tante, ich komme gleich,« sagte Betti träumerisch, während sie -sich mit der Ordnung der zerstreut umherliegenden Notenhefte zu thun -machte. Dann aber, als Cölestine weggegangen war, trat sie über die -Terrasse ins Freie. Es war ihr jetzt unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Alles -wogte, gährte, fieberte in ihrer Seele. Im Frieden der Natur wollte sie -erst Frieden suchen für ihr eigenes stürmendes Herz. - -Eine wunderbare Nacht lag über der schlummernden Erde. Die Sterne -flimmerten und glänzten, als lächelten sie verständnißvoll zu ihr -hernieder. Leises Rauschen ging durch das welkende Laub der Bäume; -einzelne Blätter lösten sich und fielen knisternd zu Boden. Ueber einer -der bewaldeten Bergeskuppen lag heller Schein. Und jetzt, plötzlich, mit -einem Rucke, hob sich der Stand des Mondes über der Kante des Berges und -übergoß, höher und höher steigend, die ganze Landschaft mit seinem -milchweißen Lichte. - -Ein leiser Schrei entfuhr Betti's Lippen. Denn als sie, um eine Baumgruppe -biegend, den Weg zur Ausgangsthür des Gartens weiter schritt, sah sie -plötzlich Reichel vor sich stehen. Sie wollte nach dem Hause zurück. Doch -schon hatte er sie bemerkt. - -»Welch eine herrliche Nacht! Welch wunderbares Bild!« rief er. Und dann -dicht an sie herantretend, klang es im süßesten, sanftesten =sotto voce= -von seinen Lippen: - - »Im Osten hebt sich der klare Mond, - Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen. - Und ich bedecke, selig wie er, - Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel, - Mit feurigen Küssen!« - -Und nun breitete er seine Arme aus, umfaßte sie und bedeckte ihr Antlitz -mit Küssen, ihre Augen, ihre Stirn, ihren Mund. - -Sie sträubte sich nicht. Sie schloß die Augen und athmete schwer. Ein -Sturm zog durch ihre Seele, halb Schmerz, halb Seligkeit, und ihr war es, -als müsse sie vergehen unter seinen Küssen. - -Plötzlich klirrte ein Fenster. - -»Betti, so komme doch, es ist schon spät!« ließ sich der Tante Ruf -vernehmen. - -Da riß sie sich los und floh ins Haus. - -Der Mond lächelte in ihr Zimmer und sah, daß sie die ganze Nacht ihr -Auge nicht im Schlummer schloß. Er sah, wie sie ihr Angesicht zwischen den -Händen verhüllte und weinte -- bitterlich. Stirn, Augen, Mund, die -der fremde, junge Mann geküßt, brannten ihr vor Scham. Einen schweren -Fehltritt glaubte sie begangen zu haben, der sich nie, niemals wieder -tilgen ließ, der sie für immer aus der Reihe der guten und reinen -Menschen schied. - -Gegen Morgen erhob sich ein heftiger Nordweststurm, massige schwarzgraue -Wolken vor sich herschiebend. In dichter Menge schüttelte er die Blätter -von den Bäumen, hier in wirren Knäueln sie durcheinander wirbelnd, dort -zu kleinen Hügeln zusammenfegend. - -Betti verließ früh ihr schlummerloses Lager. Sie ging in den Garten und -ließ es willig geschehen, daß der Wind ihr Haar zerzauste und einzelne -schwere Regentropfen in ihr Antlitz warf. Der lange, todte Winter, -der seine Vorboten in Sturm und Regen vorausschickte, paßte für ihre -Stimmung. In ihrem Inneren sah es auch so aus. Sie fühlte sich müde, und -ihr war es, als sei etwas erstorben in ihrem Herzen. - -Freilich wußte sie, daß der Frühling wiederkommen und alles zu neuem -Leben und zu neuer Blüthe erwecken werde, was jetzt in Scheintodt erstarb. -Noch aber ahnte sie es nicht, daß der Frühling ihrer Seele nicht geknickt -war, daß auch ihre Jugend wieder erwachen würde -- froh und kraftvoll. - - - - -Franzi's Weihnacht. - - -Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde, braune Felder, -auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der vergangenen Nächte geknickte -Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe hinstreckt, kahle Bäume, die, um -ihr grünes Laubgewand klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken, -der sich grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf die -Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge sich stützend, die -in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt, von ihren schroffen Höhen -bleich und ernst herabblicken. - -Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten Strahlen das -schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen, nur ein etwas heller -Fleck zeigt den Punkt an, wo sie verborgen steckt. - -Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu dem südlich von -der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde entfernt liegenden 1957 -Meter hohen Untersberg führt, schreitet wacker ausgreifend eine kleine -Gesellschaft fürbaß: zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder. - -»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht wird es -noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine der Männer, einen -besorgten Blick nach dem Westen werfend, dorthin, wo die bayerische -Ebene an das österreichische Gebiet grenzt und für die Salzburger alle, -schlechtes Wetter oder Sturm bringende Wolken heraufziehen. - -Der Andere zuckt die Achseln. - -»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf müssen wir. -Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf dem Berge, und gestern, -wie ich herunter bin, hab' in den Weg frei gemacht, so gut ich können -hab'. Wenn es aber noch einmal schneit, dann bringen wir die da nimmer -hinauf.« - -Die, von welchen der Mann spricht, das sind sein Weib und seine Kinder. - -Keine leichte Arbeit ist es fürwahr, die den guten Leuten zu vollbringen -obliegt. Tüchtige Kräfte brauchen unter günstigen Verhältnissen fünf -Stunden zum Aufstieg vom Fuße des Berges bis zu dem nahe am »Geiereck« -gelegenen Schutzhause. Der Weg ist steil und beschwerlich und jetzt mit -frischem, weichem Schnee bedeckt, die Kinder sind noch klein. Franzi, der -Bube, ist noch nicht acht und das Mädchen gar erst drei Jahre alt, und die -Mutter eine kränkliche Frau und des Bergsteigens ungewohnt. Aber der Vater -hat recht, auf den Berg hinauf müssen sie; damit wird dem Elende ein Ende -gemacht, aus dem sie jahrelang vergeblich herauszukommen ringen und das -nun schon so groß geworden, daß sie die rückständigen drei Gulden -Monatsmiethzins für ihr armseliges Dachzimmer im Dorfe Max-Glan nicht -aufzubringen vermochten und von dem Jammer bedroht waren, bei der -nächstfälligen Rate obdachlos zu werden. Denn Vincenz Reitmeier ist -ein armer Taglöhner und nun schon geraume Zeit, trotz seiner eifrigsten -Bemühungen, Arbeit zu finden, ohne Erwerb. Das bißchen Ersparte und der -geringe Erlös für ein paar verkaufte Kleider und Möbelstücke war bald -aufgezehrt, um Brot und Kartoffel zu kaufen, und Karl, der Bruder der Frau, -ein armer Tagwerker wie sein Schwager, konnte auch nicht Rath und Hilfe -schaffen. - -Da traf es sich, daß der österreichische Alpenverein im Spätherbst einen -Hüter des von ihm kürzlich erbauten Untersberger Schutzhauses suchte, -welcher für die Obliegenheit, den Winter über das Häuschen zu bewohnen -und gewisse meteorologische Beobachtungen anzustellen, über welche er -in bestimmten Zeiträumen im Comptoir der Salzburger Section des Vereines -Bericht zu erstatten hat, zweihundert Gulden Bezahlung erhält. Vincenz -hörte davon und dachte, wenn er diese Stelle annähme, so wäre ihm -geholfen. Mit den zweihundert Gulden läßt sich während des ganzen -Winters sein und seiner Familie Lebensunterhalt bestreiten, und im -Frühjahr findet sich wohl leichter wieder Arbeit. - -Mancher seiner Freunde redete ihm zwar davon ab, sich um den Posten zu -bewerben; zu schlimme Dinge hatte der Mann, der im verflossenen Winter -mit Weib und Kind da oben gehaust, von seinem Aufenthalte erzählt, und um -keinen Preis würde er eine Wiederholung desselben auf sich nehmen. Hungern -und frieren mußten sie, daß es eine Art hatte. Selbst im Anfange, als sie -noch Holz zur Feuerung hatten, brachten sie die Temperatur ihrer Stube -oft nicht höher als auf drei Grad Reaumur Wärme. Und dann, als das Holz -ausgegangen war und die dichte tiefe Schneedecke nur mit Mühe und Noth ein -bißchen Reisig zusammenzubringen ermöglichte, da ward es natürlich noch -ärger. Um nichts besser ging es mit der Beschaffung von Lebensmitteln. -Freilich hatte er sich vor Eintritt starken Schneefalles mit Proviant -versorgt, den er auf dem Rücken eines Esels auf die Höhe des Berges -beförderte. Aber die Vorräthe an Lebensmitteln gingen schneller als -gedacht zur Neige, und als so tiefer, lockerer Schnee auf dem Berge lag, -daß es unmöglich war, den Abstieg zu unternehmen, konnten sie, wochenlang -auf die geringen Reste des vorhandenen Vorrathes angewiesen, sich keinen -Tag satt essen. - -Als aber Vorstellungen härtester Beschwerlichkeiten nichts nützten, weil -Vincenz meinte, man könne denselben durch eine praktische Vorsorge wohl -vorbeugen, da hielt man ihm auch die von anderer Seite her drohenden -Gefahren vor Augen. Man erinnerte ihn, daß das Untersberger Schutzhaus -den vielen Wilderern und Schmugglern -- denn die bayerisch-österreichische -Grenze zieht sich über diesen Berg -- ein Dorn im Auge und von denselben -in früherer Zeit schon wiederholt durch Feuer vernichtet worden sei. Auch -wäre er da oben wohl seines Lebens nicht sicher, sei es doch erst vor -wenigen Jahren geschehen, daß der Wächter des Unterstandshauses auf dem -Mallnitzer Tauern ermordet worden. - -Aber auch diese Bedenken verfingen nicht. - -Auf dem Tauern, meinte Vincenz, könne so etwas wohl vorkommen; diesen -Gebirgssattel passirten allerlei herumziehende Vagabunden, die im -Unterstandshause Nachtquartier nehmen. Den Untersberg werde aber keiner -solcher Strolche eigens zu dem Zwecke besteigen, um an einem armen Teufel, -wie er es sei, der selbst kaum genug zum Leben habe, einen Raubmord zu -verüben. Und kurz und gut: er fürchte sich nicht und sein Weib auch -nicht. So ward es von ihnen beschlossen, daß Vincenz sich bei der -Salzburger Alpenvereinssection zur Uebernahme des vacanten Wächterpostens -melden sollte. Er that es und bekam die Stelle. Da fiel es ihm nun aber -ein, daß es wohl gut wäre, wenn er dieselbe nicht wie sein Vorgänger -im verflossenen Winter, bei beginnendem Frühling einem Anderen abtreten -müsse, sondern sie auch den Sommer über behalten dürfe, wo die -Verpflegung der den Berg besteigenden Touristen und Jagdfreunde einen -kleinen Verdienst einbrächte. Auch wäre es für den Winter allein wohl -kaum der Mühe werth, die mühevolle und beschwerliche Uebersiedlung mit -Weib und Kind zu unternehmen. Er suchte daher um Verlängerung seines -Engagements bis zum Herbste nach. Da für den Sommer aber ein Anderer, -derselbe, der die Stelle in der letzten Saison innegehabt und mit dem man -keine Ursache hatte, unzufrieden zu sein, in Aussicht genommen war, so zog -sich die Unterhandlung mit Vincenz in die Länge, und als die Entscheidung -endlich zu seinen Gunsten getroffen wurde, war unterdessen der Winter -eingebrochen und der erste Schnee gefallen. - -Doch wohlgemuth begab Vincenz sich an die mühselige Arbeit, in -wiederholten anstrengenden Märschen den nöthigen Proviant auf seinen -Schultern auf den Berg zu schaffen, und zuversichtlichen und freudigen -Herzens machte die Familie sich auf den Weg nach der von stolzer Höhe -herabblickenden neuen Behausung, die ihnen eine, wenn auch wahrlich nicht -minder beschwerliche, so doch dem bittersten Elend enthobene Existenz -versprach. - -Das kleinste der Kinder, das nur wenige Monate zählte, war in Pflege -gegeben worden, die beiden größeren wurden mitgenommen. - -Es war ein unfreundlicher, trüber Tag um die Mitte December, und als sie -bei dem am Fuße des Berges liegenden Gasthause »zur Rositte« anlangten, -wo der Fußsteig in den herrlichen Nadelwald einbiegt, fing es bereits zu -schneien an, und das kleine Mädchen weinte vor Müdigkeit und Kälte. -Man mußte sich entschließen, es den Wirthsleuten in Obhut zu geben; am -folgenden Tage wollte der Vater es abholen. Die Anderen setzten ihren Weg -fort. Langsam, aber gleichmäßig ausschreitend, ging es den steilen, -von Baumwurzeln durchzogenen, mit gelbem Laub und dürren Kiefer- und -Fichtennadeln bedeckten, schmalen Fußpfad empor. - -»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen aufblickend, »das -sind ja lauter Lichterbäume -- aber ohne Lichter.« - -Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die am Wohlthun ihre -Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen worden. Und mehr noch als die -Geschenke, mit welchen er dabei überrascht wurde, hatte der hohe, vom -Boden bis zur Zimmerdecke ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und -zahllosen Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz -einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder Tannen- und -Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm jene unvergeßlich schöne -Erinnerung wach. Und heute, als sie sich auf die Wanderung begaben, -hatte der Vater ihm versprochen, daß er am Christabend einen ebensolchen -»Lichterbaum« bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege auf den -Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch Weinen ängstige. Und -diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung flößte ihm Muth und Kraft -ein und tapfer trabte er mit seinen kleinen Beinen an der Hand seines -Vaters den steilen Weg hinan. - -So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die gedrängt stehenden Bäume -den stets dichter herabwirbelnden Schnee zum Theile abhielten, auch -der Boden noch ziemlich schneefrei war, ging der Aufstieg noch -verhältnißmäßig gut von Statten. - -Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die lang sich hinstreckende -Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes, dunkelgrünes Weidegras üppig -emporsprießt, jetzt aber frischer lockerer Schnee lag, in welchem die -Wanderer bis zum Knie und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken, -da steigerte sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl -packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter zu dringen -vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern und Vincenz half seinem -Weibe vorwärts, welches schwer athmend und schweißüberströmt alle -Energie aufbot, um gegen die überwältigende Macht des feindlichen -Elementes anzukämpfen und das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der -Weg durch die stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die -ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden, -undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß es der peinlichsten -Vorsicht und der durch die in den letzten Wochen häufig wiederholten -Besteigungen des Berges erworbenen sichersten Ortskenntniß der beiden -Männer bedurfte, um sie die Richtung nicht verlieren, und auf einen der -gefährlichen Ab- und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange -entgegen gehen zu lassen. - -Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden Kräften zu neuem -Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt blickte Vincenz auf -seine Frau, als er sah, wie sie stehen bleibend, ihre Hand auf ihr zum -Zerspringen klopfendes Herz preßte und keuchend nach Athem rang. - -»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du dermachst es -nicht,«*) sagte er ängstlich. - - *) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht zuwege.« - -Doch der Anfall ging vorüber. - -»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete die Frau. »Was -wär' denn unten mit uns g'worden? Nix mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu -Grund' gangen wär'n wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung -und a bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn auf'n Berg -steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da oben wird's schon besser -werd'n. Nit nur für uns selber hab'n mir's thun müssen, daß mir aufi -g'stieg'n san, sondern auch für unsere Kinder.« - -Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn sie nur erst oben -wären! Ihm ward so bange. - -Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie zur »steinernen -Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo zwischen dem gähnenden -Abgrund an der einen und der schroff und glatt ansteigenden Felsenwand von -der anderen Seite zur Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein -gehauen sind. - -Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten und versuchten es, mit -ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen so weit von Schnee zu befreien, -daß die Gefahr nicht allzu nahe lag, durch einen Fehltritt in die -nachgiebig poröse Schneemasse rettungslos in die schreckliche Tiefe zu -stürzen. - -Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe zu Stufe, mit -dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der Fuß hintreten darf, um -sicher zu stehen. Kein Wort wurde gewechselt; man vernimmt nur das Scharren -der Eisenspitzen der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge -der mit äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen -Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt unsicher -macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken um unsere -Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen in die Augen, blendend und -den Blick trübend. - -Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle und langten -wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem, etwa eine halbe Stunde -entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein, so nahe sie auch dem ersehnten und -mit Aufwand aller physischen und moralischen Energie erstrebten Ziele -sind, so vermag die arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals -auszurasten. - -Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser ebenso gefährlichen -wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt kann sie nimmer weiter; sie -muß ruhen. Ihre Pulse hämmern so fürchterlich, das Herz klopft so -beängstigend heftig, die Athemnoth ist so qualvoll -- o, sie muß ruhen, -sonst muß sie ersticken. - -Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte zitternden Knaben -nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich erschöpft auf den -Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend auszuruhen, sie würde -zusammenbrechen. In stummer Sorge steht ihr Mann neben ihr. - -Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich. - -»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen sind, -schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie schön es hier oben ist, welch -frische Luft. Ja, jetzt wird alles gut werden. -- Lieber Gott, ich danke -Dir.« - -Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in den Schnee. - -Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht befallen hat. -Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn und Schläfe mit Schnee, dann -wieder die Pulse an den Armen mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch -während er unermüdlich immer und immer wieder neue Belebungsversuche -vornimmt, fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich -erkalten und erstarren -- und er erkennt, daß sie todt ist. - -Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde die Entschlafene in -das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine dünne Bretterwand von ihr -getrennt, ihr Kind ahnungslos schlummert. - -Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen, wurde -die Todte in dem am Fuße des Untersberges gelegenen Dörfchen Grödig -bestattet. Die ärztliche Obduction ergab, daß in Folge der ihre Kräfte -übersteigenden enormen Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war. - -Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt -- wenn auch in ungeahnter Deutung. Auf -der Höhe des Berges, der sie zustrebte, ward sie der Noth des Elendes, -der Bürde ihres schweren Daseins enthoben, war für sie »alles gut« -geworden. - -»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender »Lichterbaum« -erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist und einsam blicktest Du von -stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler herab, traurig Deines kranken -Vaters und Deiner todten Mutter gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir -bewähren, daß es Dir gut werde dort oben!« - - - - -Der Weg zum Herzen. - - -Mein Freund Christian hatte es sich fest in den Kopf gesetzt, ein durch -hervorragende Hausfrauentugenden ausgezeichnetes Mädchen zu heiraten. -Dabei sollte sie aber ein gar liebliches Gesichtchen, eine schöne Gestalt, -Jugend und feine Bildung besitzen. Er selbst war, was man so einen guten -Jungen nennt, dabei leidlich hübsch und sehr wohlhabend. Seit fünf Jahren -sah er sich in seinen ausgedehnten Bekanntenkreisen nach einer passenden -Lebensgefährtin um. Denn als er, dreiundzwanzig Jahre alt, das Landgut -seines plötzlich gestorbenen Vaters übernahm, hatte er mit der Suche -begonnen, und zur Zeit, da das hochbedeutsame Ereigniß, welches zu -berichten ich im Begriffe stehe, sich zutrug, zählte er achtundzwanzig -Jahre -- und noch hatte er nicht gefunden, was er wollte. Die Eine hatte -röthliches Haar, was er nicht leiden mochte; eine Andere mischte zu viele -Fremdwörter ins Gespräch, wodurch er sich in seiner teutschen Gesinnung --- er schrieb und sprach niemals: deutsch, sondern teutsch, und seine -Freunde nannten ihn mit Vorliebe den Teutonen -- verletzt fühlte; die -Dritte war ihm zu sentimental; die Vierte viel zu kokett; die Mehrzahl aber -ermangelte des Haupterfordernisses, das er an seine Zukünftige stellte: -häuslichen und wirthschaftlichen Sinnes. - -»Sehen Sie,« so klagte er mir einmal, »was hätte ich von einer Frau, -wenn sie auch wie Venus so schön, klug wie Minerva, tugendhaft wie, wie -- -mir fällt ein geeigneter Vergleich nicht ein -- kurzum, wenn sie auch alle -Tugenden der Welt in sich vereinigt, sie könnte aber nicht kochen! Ich bin -Landwirth, den Tag über nimmt die Bewirthschaftung von Wald und Feld meine -Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn ich müde und hungrig nach Hause -komme, will ich etwas Ordentliches zu essen vorfinden. Ich habe so meine -Lieblingsspeisen, die ich in einer bestimmten Weise gekocht haben will. -Anders mag ich sie nicht. Mit den bezahlten Köchinnen geht es nicht; die -nehmen sich nicht die Mühe dazu, meine Eigenschaften zu studiren, und -wenn sie es ja auch einmal gelernt haben, dann gehen sie sicherlich aus dem -Dienste, um sich zu verheiraten, und die Plage fängt mit einer Anderen von -neuem an. Meine gute Mutter hat mich in dieser Beziehung sehr verwöhnt. -Sie war eine vortreffliche Hausfrau und kochte ganz vorzüglich. Wenn ich -nicht in der Ehe unglücklich werden soll, muß ich in meiner Frau eine -ebenso gute Hausfrau finden.« - -Ich bemerkte dagegen, daß das Glück der Ehe wohl durch noch andere -Eigenschaften als allein durch Wirthschaftlichkeit und Verständniß der -edlen Kochkunst -- so schätzenswerthe Qualitäten dies ja auch seien --- bedingt würde; daß persönliche Sympathie zum Beispiel eine doch -mindestens ebenso wichtige Bedingung bilde. Christian schwieg eine -Weile nachdenklich. Dann strich er sich mit seiner kräftig geformten, -sonnengebräunten Hand den blonden Schnurrbart und meinte lächelnd: - -»Sie haben im Allgemeinen ganz recht in dem, was Sie da sagen. Aber es -bestätigt mir die Erkenntniß einer fehlerhaften socialen Institution. -Es klingt ja recht barbarisch, so etwas auszusprechen, aber richtig ist -es doch: Die Monogamie taugt nichts. Jeder rechtschaffene Mann, dessen -materielle Lage es ihm gestattet, sollte zwei Frauen haben dürfen: die -eine fürs Herz, die andere fürs Haus, für seine Wirthschaft.« - -Ich lachte laut auf. - -»Sie sollten unter die Mormonen gehen,« rief ich belustigt. »Sie haben -entschieden Talent dazu!« - -Er aber schüttelte den Kopf. - -Ungeachtet seines unerschütterlichen Entschlusses, ein vorzüglich -häusliches Mädchen zu seiner Gattin zu erwählen, versagte er es sich -jedoch nicht, sich mit seiner bildhübschen, siebzehnjährigen Cousine -Ottilie, die er mit einer gemeinsamen Tante, bei welcher sie seit dem -Tode ihrer frühverstorbenen Eltern lebte, für einige Monate auf seinen -Landsitz eingeladen hatte, ganz ausgezeichnet zu unterhalten, und trotzdem -Ottilie nicht die geringste Lust und nicht das leiseste Talent bewies, die -von ihm so hochgeschätzten häuslichen Qualitäten zu erwerben, sah man es -ihm doch deutlich an, daß das von lebensfroher Jugendfrische strotzende, -allerliebste Geschöpf seinem Herzen sehr theuer war. Er stellte dies auch -nicht in Abrede, als ich einmal neckend auf den Strauch klopfte, nur fügte -er gleich die Bemerkung bei, daß nichts vollkommen sei unter der Sonne. -Ottilie besitze zwar alle Eigenschaften, um sein Leben zu verschönen, -allein tüchtig in der Wirthschaft sei sie leider nicht. - -Das hinderte ihn jedoch keineswegs, alle Zeit, die seine ökonomische -Thätigkeit ihm freiließ -- und manchmal auch etwas mehr -- ihr zu -widmen und, was zu sehen mir besonders Spaß machte, sie mit sichtlichem -Vergnügen in ihren antihäuslichen Liebhabereien noch zu bestärken. Er -unterrichtete sie im Reiten, Kutschiren, Rudern, sie übten sich zusammen -im Pistolenschießen nach der Scheibe, und wenn sie das Centrum öfter traf -als er, wenn sie, ein Bild von mit Kraft gepaarter Anmuth, sich im Sattel -wiegend, an seiner Seite über die bräunlichen Stoppelfelder -- denn -mittlerweile war es Herbst geworden -- dahinsprengte, war er ganz außer -sich vor Entzücken. - -»Da, da schauen Sie,« rief er mir einmal voll Ekstase zu, indem er mir -eine durchschossene Papierscheibe vor Augen hielt. »Zwanzig Schüsse ins -Centrum! Zwanzig Schüsse nacheinander auf dreißig Schritt Distanz, -und keinen daneben, um keine Linie! Phänomenal! Das lob' ich mir, einen -solchen Kameraden zu haben!« - -»Gewiß, gewiß, ein ganz famoser Kamerad!« lachte ich. »Aber Sie -wollen sich ja eine Frau suchen, nicht einen flotten Kameraden für Ihre -Sportvergnügungen.« - -Christian machte eine abwehrende Handbewegung. - -»Ah, bah!« brummte er etwas verstimmt. »Das hat Zeit. Warum soll ich mir -mein angenehmes Leben mit der Erwägung verbittern, daß ich nicht finde, -was ich suche!« - -Bei Tische aber widerfuhr seinem angenehmen Leben des Oefteren eine -unliebsame Dämpfung. Er hatte eine brave ältliche Person im Dienste, -die unter seiner Oberaufsicht die häusliche Wirthschaft leitete und ganz -befriedigend gut kochte. Aber seine Lieblingsspeisen genau nach seinem -Geschmacke zu bereiten, das verstand sie nicht. Und er wußte es ihr nicht -zu erklären, woran es fehlte. So geschah es denn öfters, daß seine -heitere Stimmung bei den Mahlzeiten, wenn auch nur vorübergehend, getrübt -wurde. - -Einmal wagte er in meinem Beisein anläßlich einer Wildpastete -- auch -eines seiner Lieblingsgerichte -- die nicht nach seinem Geschmacke war, -eine Bemerkung zu Ottilie, daß es doch gar zu hübsch wäre, wenn sie -nebst ihren virtuosen Amazonenkünsten auch ein bißchen von den Künsten -der Küche verstände. Sie aber erwiderte lachend, daß ihr Ehrgeiz weit -mehr durch das Ziel angestachelt werde, seinen feurigen Rothfuchs zu -bändigen, was ihr bisher noch nicht gelungen, als eine wohlschmeckende -Pastete zu bereiten. - -Die Tante schüttelte wehmüthig das graue Haupt, denn ihrer Neigung hätte -es weit mehr entsprochen, Ottilie hätte sich zu einer wackeren Hausfrau -ausgebildet, als zu einer glänzenden Sportsdame, zu der sie sich zu -entwickeln drohte. Christian aber hatte bei Erwähnung seines Rothfuchses -sogleich sein Bedauern über die mißlungene Pastete vergessen, und lustig -rief er Ottilie zu: - -»Du willst meinen Bucephalus reiten? Nein, meine Liebe, Du bist zwar unter -meiner Leitung eine sehr gewandte und kühne Reiterin geworden, aber mein -Bucephalus ist nichts für Dich. Sein Rücken wird Dich nie tragen. Ich -warne Dich vor einem erneuten Versuch.« - -»Ich werde sehen!« murmelte Ottilie leise. Und nach Tische erschien sie -in dem Stalle, um dem Rothfuchs eigenhändig ein wenig Brot und Zucker zu -reichen. - -Tags darauf hatte Christian den ganzen Vormittag über in seiner -Wirthschaft zu thun und zu schaffen. Müde und ärgerlich, denn sein -Verwalter hatte ihn erzürnt, kehrte er zu verspäteter Stunde heim. Wir -hatten mit dem Mittagessen auf ihn gewartet, und ich befürchtete, daß ein -in der Länge der Zeit sicherlich zu gar gebratenes Rostbeef, das er nach -englischer Art halbroh liebte, seine Laune nicht verbessern würde. - -Als die Suppe schon aufgetragen war, trat Ottilie mit hochgerötheten -Wangen in das Speisezimmer. - -»Du siehst ja aus, als ob Du am Herde gestanden hättest, so erhitzt bist -Du,« sagte Christian, sie begrüßend. »Aber freilich, so etwas kommt bei -Dir nicht vor.« - -Ottilie lächelte und gab keine Antwort. - -Als das Rostbeef an die Reihe kam, bemerkte ich zu meiner Befriedigung, -daß dasselbe, meiner Befürchtung entgegen, noch ganz »englisch« war und -daß sich Christian's Stimmung sichtlich erheiterte. Die Mehlspeise aber -that das Uebrige. Es waren gewisse kleine, mit gehacktem Wild gefüllte -Klößchen, auch ein Lieblingsgericht Christian's und -- o Wunder! ganz -nach seinem Geschmacke zubereitet. - -Christian strahlte. - -»Ei, das schmeckt ja vorzüglich,« sagte er, indem er zum zweitenmal -zulangte. »Meine Mathilde macht sich. Sie hat ihre Scharte von gestern -glänzend ausgewetzt.« - -Und bei diesem einenmale blieb es nicht. Ueber Mathilde schien plötzlich -eine Erleuchtung gekommen zu sein. Jedesmal, wenn Christian Vormittag -abwesend war -- und da er jetzt viel zu thun hatte, traf sich dies öfters --- fand er irgend eine seiner Lieblingsspeisen in vorzüglicher, ganz -seinem Geschmacke entsprechender Bereitung bei Tische vor. Und jedesmal -bemerkte ich bei Ottilie ebensolche geheimnißvolle Miene und erhitzte -Wangen wie das erstemal, so daß ich nicht umhin konnte, auf eine -Vermuthung zu verfallen, welche beide Thatsachen in einen gewissen, -unschwer zu errathenden Zusammenhang brachte. - -Dieselbe Vermuthung schien übrigens auch in Christian's Kopf -platzzugreifen, denn zuweilen machte er eine flüchtig in das Gespräch -gestreute Bemerkung, welch ein herrliches Kleinod eine Frau sei, die -mit all ihren sonstigen Vorzügen auch den der häuslichen Kenntnisse, -namentlich der Kochkunst, vereinige und mit den Schwächen und Eigenheiten -ihres Mannes freundliche Nachsicht übe. - -Ottilie bemühte sich hartnäckig, derartige Bemerkungen Christian's zu -überhören, und die Tante blickte verlegen lächelnd auf ihren Teller und -brachte die Unterhaltung auf ein anderes Thema. - -Mittlerweile ging mein im gastlichen Heim meines Freundes verbrachter -Urlaub zu Ende, und ich kehrte nach der Stadt zurück, um, Christian's -Einladung entsprechend, einige Wochen später zum Weihnachtsfeste -wiederzukommen. - -Es überraschte mich nicht, Ottilie mit ihrer Tante noch vorzufinden. -Christian hatte sie, so oft sie auch heimkehren wollten, zurückgehalten. -Und ebenso wenig überraschte mich die sich mir bald aufdrängende -Wahrnehmung, daß sein Herz für seine Cousine in hellen Flammen stand, -und daß Christian's Herzensflammen mit jenen Ottiliens lodernd -zusammenschlugen. Einigermaßen verwundert war ich nur darüber, daß die -Tante über diese Lage der Dinge nicht sonderlich erbaut, ja von einer -seltsamen nervösen Unruhe beherrscht schien, als erfüllte sie irgend eine -geheime Sorge. - -So kam der Weihnachtsabend heran. Im großen Saale des Erdgeschosses -brannte ein mächtiger Christbaum, dessen zahllose Lichtlein in den -einander gegenüber hängenden Spiegeln sich hundertfach vervielfältigend -wiederstrahlten. Eine Menge schöner Geschenke, auf weißüberdeckten -Tischen zierlich geordnet, lagen da, nicht nur für den Herrn des Hauses -und dessen Gäste, auch für seine Beamten und Diener und deren Kinder, die -in stillem, freudigem Entzücken ob des in prächtigem Schmucke und hellem -Glanze flimmernden Tannenbaumes und der großmüthigen Bescherung durch -ihren gütigen Herrn schier verblüfft umherstanden und kaum Worte des -Dankes fanden. - -Ein heiteres Festmahl folgte darauf, dann ein Tombolaspiel, und gegen -die Mitternachtsstunde kam, zur Beendigung der Festfeier, eine dampfende -Punschbowle auf den Tisch. - -Die Gläser klangen. Es wurde toastirt und poculirt. - -Doch inmitten der heitersten Unterhaltung wurde unser liebenswürdiger -Gastgeber plötzlich von wehmüthiger Stimmung überflogen. Er gedachte -seiner Mutter, die er innig geliebt, und die der Tod erst vor wenigen -Jahren von seiner Seite gerissen. Und indem er von ihr und von dem stillen, -glücklichen Leben, das sie miteinander geführt, erzählte, meinte er, wie -schön es wäre, wenn sie hier in der Mitte des kleinen Kreises weilte. - -»Ganz so wie heute,« schloß er, zu mir gewendet, seine Rede, »feierten -wir unser Weihnachtsfest. Nur eines fehlt. Mütterchen bescherte mir -immer einen riesigen Baumkuchen. Sie wußte, daß ich ihn besonders liebe. -Mathilden wollte ich dessen Herstellung aber nicht anvertrauen.« - -In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein mächtiger -Baumkuchen wurde aufgetragen. - -»Was ist das?« rief Christian freudig betroffen. »Ist da Zauberei im -Spiele?« - -Das Stubenmädchen entfernte sich schweigend. Die Tante aber erklärte -lächelnd: - -»Keine Zauberei, lieber Christian. Du vergißt, daß Du uns von diesem -Weihnachtskuchen schon öfters gesprochen. Nun, und da dachte ich, damit -nichts fehlen sollte --« - -Christian blickte auf Ottilie, die, als ob sie nichts hörte, sich mit -frischer Füllung der Punschgläser beschäftigte. - -»Ah, ich verstehe,« murmelte er leise, und eine flüchtige Röthe -überzog seine gebräunten Wangen. - -Der Kuchen wurde angeschnitten und erwies sich als vortrefflich, ganz so, -wie er unter den geschickten Händen von Christian's Mutter gediehen war. - -Einige Minuten lang hatte Christian still und nachdenklich dagesessen. -Plötzlich erhob er sich, und zur Tante hintretend, sagte er mit etwas -schwankender Stimme: - -»Ich weiß keinen geeigneteren Augenblick, liebes Tantchen, als das -heutige Freudenfest, um Dir ein freudiges Geheimniß zu bekennen, das für -Dich sicherlich schon lange kein Geheimniß mehr ist: Ottilie und ich, wir -lieben uns. Willst Du sie mir zur Frau geben?« - -Die Tante umarmte Christian, Christian umarmte Ottilie, und die Tante -segnete Beide. Ich aber brachte ein Hoch aus auf das Wohl des Brautpaares. -Und wieder erklangen die Gläser. - -Dann aber, als die fröhlich laute Stimmung etwas ruhiger geworden war, -sagte Ottilie zu Christian: - -»Da heute schon der Tag der Ueberraschungen ist -- auch ich habe Dir etwas -mitzutheilen, was Dich überraschen wird.« - -Christian lächelte freudig verschmitzt. - -»Kann es mir schon denken, Tilly. Der Weihnachtskuchen, nicht wahr? Und -die Hachéklößchen damals und alle meine anderen Lieblingsspeisen.« - -Ottilie sah ihn groß an. - -»Was ist es mit all dem?« fragte sie verwundert. »Ah, Du meinst, daß -nicht Mathilde es war, die diese guten Sachen gekocht hat? Ja, das hast -Du errathen. Unser liebes Tantchen war es, die Dir eine Freude bereiten -wollte, was ihr ja auch vortrefflich gelungen ist. Doch nicht das ist -es, was ich Dir sagen wollte. Meine Ueberraschung ist anderer Art. Dein -Rothfuchs -- täglich, wenn Du nicht zu Hause warst, hab' ich versucht, -ihn zu reiten. Darum kam ich immer so erhitzt zu Tische. Du wolltest die -Ursache wissen, aber ich sagte sie nicht. Nun, jetzt, mein Schatz, ist Dein -wilder Bucephalus völlig in meiner Gewalt.« - -Jetzt war an Christian die Reihe, die Augen aufzusperren. - -»Ach, das ist es!« sagte er kleinlaut »und ich glaubte --« Und dabei -sah er beinahe traurig aus. Doch rasch war seine Verstimmung verflogen. -»Bah, was macht es?« rief er, wieder fröhlich. »Die gute Tante bleibt -bei uns und leitet das Haus. Vielleicht lernst Du es auch mit der Zeit. -Vorläufig bist Du mein lieber, flotter Kamerad. Wir reiten und schießen -miteinander.« - -»Ja, wir schießen um die Wette.« - -»Und unser Ziel --« - -»-- ist unsere Liebe und unser Glück!« - -Sie verfehlten es nicht, dieses Ziel. - - - - -Weder Glück noch Stern. - - -Er hieß Michael Müller und war am 1. April 18.. geboren. Seine Mutter -starb am Tage nach seiner Geburt und sein Vater liebte ihn nicht, weil eben -sein Eintritt in die Welt seiner Mutter das Leben kostete und somit die -Last der Sorge für seine Pflege und Erziehung dem Vater allein zu tragen -aufbürdete, dann aber auch, weil er bei seinem Heranwachsen weder ein -schönes noch ein kluges Kind zu werden versprach. Das einzig Hübsche -seines Gesichtes waren die großen, stahlgrauen, schwärmerisch -blickenden Augen, welche mit der ausdruckslosen Stumpfnase und dem weiten, -dicklippigen Munde sonderbar contrastirten, und der einzige Witz, der -ihm in seinem ganzen Leben gelang, war der, daß er, auf das Datum seines -Geburtstages anspielend, mit gutmüthig traurigem Lächeln sagte, das -Schicksal habe ihn, indem es ihn geboren werden ließ, in den April -geschickt. - -Und in der That gestaltete sich sein Lebenslauf zu einer Bestätigung -seiner harmlosen Selbstironie. Michael oder Michel, wie er allgemein -gerufen wurde, gehörte zu jenen Pechvögeln, welchen alles, was sie -unternehmen, mißlingt und welche, ohne dümmer, oder ungeschickter, oder -träger zu sein als Andere, doch von Allen überholt und übervortheilt -werden. - -Gab es unter den Schulknaben irgend eine Balgerei, so war es sicherlich -Michel, der dabei am übelsten wegkam, dessen Rücken die meisten Püffe, -dessen Kleider die meisten Risse erhielten und dem obendrein noch oft -Strafe zutheil ward, indem ihn die Genossen, so unschuldig er zumeist auch -war, als Rädelsführer und Urheber der Schlägerei verklagten. - -In der Schule lernte er nicht schlechter als die Mehrzahl seiner -Gefährten, dennoch widerfuhr ihm wiederholt das Unglück, bei der Prüfung -durchzufallen, einzig aus dem Grunde, weil ihm zufällig solche Fragen -gestellt wurden, die er nicht zu beantworten wußte, während er auf -alle seinen Collegen vorgelegten Fragen ganz richtige Antworten zu geben -vermocht hätte. Von seinen Lehrern wurde er bemitleidet, von seinen -Genossen verspottet. Trotz seiner Gutmüthigkeit, mit welcher er sich gern -jedem gefällig erwies, was sich Alle ganz wohl gefallen ließen, wenn sie -eines Dienstes bedurften, bildete er doch die Zielscheibe ihrer Neckereien. -Und schlecht gelang es ihm, sich derselben zu erwehren, denn eine treffende -Replik auf irgend eine spöttische Bemerkung fiel ihm regelmäßig erst -dann ein, wenn die passende Gelegenheit, sie auszusprechen, längst -vorüber war. - -Einmal ereignete es sich, daß seiner Classe als Hausaufgabe ein -Aufsatzthema gegeben wurde, dessen Ausarbeitung unserem Michel besonderes -Interesse und Vergnügen gewährte. Mit Ernst und Eifer machte er sich -an die Arbeit. Aber unmittelbar vor dem Ablieferungstermin hatte er das -Unglück, das Schreibheft, welches den Entwurf seines zu seiner eigenen -großen Zufriedenheit vollendeten Aufsatzes enthielt, und das er -unvorsichtigerweise bei sich trug, auf dem Wege von der Schule heimwärts, -aus seiner Rocktasche zu verlieren. Natürlich blieb ihm nichts anderes -übrig, als die Aufgabe in Hast und Eile -- denn die Zeit drängte -- vom -neuem auszuarbeiten. Wer beschreibt nun seine schmerzliche Entrüstung, als -seine Arbeit als »ungenügend« zurückgewiesen, jene eines Schulkameraden -hingegen prämiirt und zur Auszeichnung laut verlesen wurde, in welcher er -seinen eigenen ersten, verlorenen Aufsatz erkannte! - -Er hatte gut, denselben als sein Werk reclamiren und die Geschichte seines -in Verlust gerathenen Heftchens erzählen! Niemand glaubte ihm; trug doch -die belobte Arbeit Namen und Handschrift des Schülers, der sie dem Lehrer -präsentirt hatte; welche Belege für das gute Recht seiner Ansprüche -vermochte er dagegen aufzuweisen? Einige seiner Schulgenossen lachten ihn -aus, andere empörten sich über ihn und erzählten daheim ihren Eltern -dieses Beispiel unerhörter lügnerischer Verwegenheit. Der Lehrer aber -verwies ihm mit scharfem Tadel seinen kecken Betrugsversuch und bedeutete -dem schmerz- und zornverwirrten Knaben, daß er ihm nur dies einemal solch -schweres Vergehen straflos hingehen ließe, er möge sich für die Zukunft -hüten, denn ein zweitesmal würde er sich eine empfindliche Züchtigung -zuziehen. Und als der Junge das Ereigniß weinend seinem Vater klagte, da -ward ihm ein gleichgiltiges Achselzucken zutheil und eine Wiederholung des -stereotypen Urtheiles: »Geschieht Dir recht, Michel, Du bist ein Tölpel, -das weiß ich längst.« - -Solche und ähnliche Erfahrungen, die Kränkungen und ungerechten -Zurücksetzungen, die ihm allenthalben begegneten, führten dazu, Michel's -Gemüth zwar nicht zu verbittern -- hierzu war es zu gut -- aber es immer -mehr von der Außenwelt abzuziehen und, sich selbst genügend, sich -eine stille, träumerische Welt zu bilden. Langsam von Classe zu Classe -aufsteigend, beschäftigte er sich eifrig mit seinen Studien und trat, -nach Vollendung derselben, in ein kleines Amt. Außer den dienstlichen -Beziehungen verkehrte er wenig mit seinen Collegen, welche ihm, wie -früher seine Schulgefährten, wenig Sympathie entgegenbrachten. Gesellige -Vergnügungen suchte er noch weniger. In größerer Gesellschaft, an -welcher Frauen theilnahmen, war er schüchtern und beklommen, da er sich -mit Recht oder Unrecht immer einbildete, eine ungeschickte, lächerliche -Figur zu spielen, und für Damen, die für die Komik linkischer -Unbeholfenheit meist einen noch schärferen Beobachtungssinn besitzen als -die Männer, ein Object, wenn nicht offener, so doch sicherlich heimlicher -Belustigung darzustellen. Da ihm dieser Gedanke peinlich war, zog er es -vor, Damen-, sowie überhaupt jede größere Gesellschaft zu meiden. - -So lebte Michel freund- und freudlos für sich hin. - -Freund- und freudlos? Nein, nicht doch! denn einen Freund nannte er sein, -dessen Besitz ihm Freude gewährte. - -Wenn dieser Freund vor ihm saß und mit seinen glänzenden dunkelbraunen -Augen treu und ehrlich in sein Auge blickte, dann ward ihm so innig warm -und wohl ums Herz, wie nie bisher in seinem Leben, denn noch nie in seinem -Leben war er einem Wesen begegnet, das ihn liebte -- das wußte er. Und -wenn dieser Gedanke durch seine arme Seele zog, da regte sich Dankbarkeit -und Liebe in seinem Herzen zu diesem Geschöpfe, dem ersten, das ihm treue, -aufrichtige Liebe entgegenbrachte, und mit einem Gefühle von Rührung zog -er dessen Kopf an seine Brust und drückte einen Kuß auf seinen glatten -Scheitel. - -Ja wahrhaftig, einen Kuß, obgleich dieser einzige Freund nicht mehr und -nicht weniger war als -- sein Hund. - -Dieser Hund war durchaus nicht von besonders edler oder auch nur reiner -Race. Sein Lux -- so hieß er -- war eine Kreuzung von Dachs- und -Hühnerhund. Von letzerem hatte er den schönen, intelligenten Kopf, von -ersterem die etwas verkürzten Beine und die Zeichnung: schwarz, gelb und -weiß. Trotzdem war es ein hübsches Thier, wenigstens für unseren Michel -gab es kein schöneres auf Erden. Und wie anhänglich war er seinem Herrn! -Seitdem dieser ihm das Leben gerettet, indem er ihn aus dem Wasser zog, -in welches sein früherer Besitzer, um sich seiner zu entledigen, -ihn geworfen, wich er ihm nicht von der Seite. Herr und Hund waren -unzertrennlich. Sie schliefen in demselben Zimmer, aßen in demselben -Wirthshause, machten zusammen große Spaziergänge. Und da von den Beiden -der Hund der auffallendere, jedenfalls hübschere und lebhaftere war -und der Herr sich augenscheinlich oft den Wünschen seines vierfüßigen -Gefährten unterordnete, so kam es, daß die in Betreff unseres Michels -stets zum Spotte geneigten Leute, wenn sie Beide einherspazieren sahen, -nicht etwa sich anständigerweise derart ausdrückten: »Da geht Herr -Müller mit seinem Hund,« sondern aller naturgeschichtlichen Rangordnung -zum Trotz kühnlich sagten: »Da kommt der Lux mit dem Michel.« Letzterer -hörte zuweilen diese Aeußerung, doch war er darob weder gekränkt noch -beleidigt; er lächelte fröhlich vor sich hin. - -Die Stunden, welche die Amtsthätigkeit und die weiten Spaziergänge frei -ließen, verbrachte Michel bei seinen in der einsamen Zurückgezogenheit -seines Lebens ihm lieb gewordenen Büchern. Er las und lernte eifrig. Was -ihm an rascher Auffassungsgabe mangelte, ersetzte er durch Gründlichkeit -und Fleiß. Sein Lieblingsstudium war Geschichte. - -Da traf es sich, daß er in einer Zeitschrift eine von der Akademie der -Wissenschaften ausgehende Preisausschreibung für ein großes historisches -Essay über den Einfluß einer gewissen literarischen Bewegung auf die -Entwickelung des Schriftthums las. Die Aufgabe flößte ihm lebhaftes -Interesse ein, und da sich bei einer glücklichen Lösung derselben sowohl -Auszeichnung wie eine sehr bedeutende Summe als Preis erringen ließ, so -beschloß er, sich an der Concurrenz zu betheiligen. Ohne Aufschub machte -er sich an die Arbeit. In Archiven und Bibliotheken sammelte er mit -Emsigkeit reiches Material und zu Hause sichtete und ordnete er dasselbe. - -Eines Tages wurde er in seiner neuen Thätigkeit durch den überraschenden -Besuch eines Amtscollegen unterbrochen. So wenig vertraulich die -Beziehungen der jungen Männer zu einander auch waren, empfing Michel -seinen Gast doch mit zuvorkommender Freundlichkeit. Hierdurch ermuthigt, -rückte dieser bald mit seinem den Besuch veranlassenden Anliegen hervor. -Er befinde sich in momentaner Geldverlegenheit; um sich aus derselben -zu ziehen, sei er genöthigt, die erforderliche Summe gegen Wechsel -aufzunehmen. Der Geldgeber beanspruche natürlich außer seiner -Signatur auch die zweier guter Giranten. Einer seiner Freunde habe seine -Unterschrift bereits gegeben; nun bäte er ihn -- Müller -- um die -Gefälligkeit, das zweite Giro zu leisten. Die Sache sei von keiner -Bedeutung, die Summe nicht beträchtlich, der Wechsel werde von ihm -jedenfalls vor Ablauf der Fälligkeitsfrist eingelöst und so weiter. - -Nach kurzem Zögern willfahrte Michel der Bitte seines Collegen und mit den -wärmsten Dankesversicherungen entfernte sich derselbe. - -Michel war die Angelegenheit unangenehm. Er haßte leichtsinniges und -unordentliches Gebaren mit dem Gelde, denn er war ein guter Wirth und -mochte Schulden nicht leiden. Und jetzt hatte er selbst indirect eine -Schuld contrahirt. Ja, aber die Sache war nicht zu umgehen. Er hätte es -nicht über sich gebracht, seinen Amtsgenossen abzuweisen. - -Doch zu seinen Pandecten zurückkehrend, hatte Michel die ganze Geschichte -über seiner Arbeit bald vergessen. - -Wochen und Monate flossen dahin in stiller, ernster Thätigkeit. Die -Concurrenzarbeit wurde vollendet und eingereicht. - -Aber nicht nur sein historisches Essay allein hatte Michel während -dieser Zeit beschäftigt. Auf der anderen Seite der Treppe, seiner Wohnung -gegenüber, liegt das Zimmer eines hübschen jungen Mädchens, einer Waise, -welche sich und ihren kleinen achtjährigen Bruder mit ihrer Hände Arbeit --- sie ist Blumenmacherin -- ernährt. Dieses Mädchen hat Michel kennen -und lieben gelernt. Er will sie zu seiner Frau machen und die Verbindung -nur noch so lange aufschieben, bis sein demnächst zu erwartendes -Avancement erfolgt oder -- aber die Hoffnung auf dieses Glück wagt er -nicht laut auszusprechen, kaum zu denken -- nun, oder bis er mit seiner -Concurrenzschrift den Preis gewinnt. - -Es ist am frühen Morgen. Der Tag ist angebrochen, an welchem die -Zeitungen das Urtheil der Jury über die Zuerkennung des von der Akademie -ausgeschriebenen Preises publiciren werden. Bleich und müde nach -schlafloser Nacht erhebt sich Michel von seinem Lager. Eines nicht -unbedeutenden Unwohlseins halber mußte er schon mehrere Tage Zimmer und -Bett hüten. - -Auch jetzt fühlt er sich matt und zerschlagen, aber eine unüberwindliche -innere Unruhe treibt ihn aus dem Bette. Auf dem Divan hingestreckt, -streichelt er mit fieberheißer Hand das weiche Fell seines treuen Hundes. -Er erinnert sich, daß die Stunde des Briefboten nahe sein muß und in der -That klingelt dieser bald an seiner Thür und übergiebt ihm mehrere Briefe -und das Morgenblatt seiner Zeitung. - -Hastig und mit vor Aufregung zuckenden Fingern löst er die Adreßschleife -und entfaltet das Blatt. - -Es enthält die Publication des Preisrichterspruches. Aber der Autorname -der preisgekrönten Arbeit ist nicht der seine -- - -Ein herbes Lächeln irrt über seine Lippen und mit feuchtem Auge blickt er -auf die seine stolze Hoffnung vernichtende Mittheilung. - -Wie konnte auch er, der Pechvogel, sich so großen Glückes vermessen! -Solche Freuden begegnen den Sonntagskindern, nicht ihm, dem »Aprilnarr« -des Schicksales! - -Er warf die Zeitung fort und griff nach den Briefen. - -Der eine derselben ist ein Schreiben seines Bureauchefs, in welchem -derselbe ihm in schonendster Weise mittheilt, daß sein Amtscollege * * * -bedeutender Schulden wegen aus seinem Dienste entlassen sei. Unter seinen -protestirten Wechseln finde sich einer mit Müller's Giro. Sollte er nicht -in der Lage sein, den Wechsel einzulösen, so sei es, um einer fataleren -Eventualität vorzubeugen, das beste für ihn, um Enthebung seiner Stelle -selbst einzukommen. - -Der zweite Brief ist von der Hand seiner Braut, welche ihn darin -beschwört, sie zu vergessen und ihr zu verzeihen, daß sie nie die Seine -werden könne. Aus Mitleid mit seiner traurigen Herzenseinsamkeit habe sie -ihm mehr Liebe gezeigt, als sie thatsächlich für ihn fühlte. In Wahrheit -habe sie stets einen anderen Mann geliebt, und im Begriffe, ihre Verbindung -mit demselben einzugehen, sehe sie sich genöthigt, die Täuschung, in der -er sich in Betreff ihrer befinde, aufzuklären. - -Mit einem heiseren Wuthschrei sprang Michel von seinem Sitze empor -und eilte in die Wohnung des Mädchens. Er fand die Eingangsthür -unverschlossen und trat in das kleine Vorzimmerchen. - -Doch als er schon die Hand nach der Klinke ihres Wohnzimmers ausstreckte, -erfaßte ihn plötzlich ein Gefühl drückender Beklommenheit und Angst. Er -wagte es nicht, derjenigen ins Auge zu schauen, die er liebte und die ihn -so furchtbar hintergangen hatte. Da hörte er laute Stimmen. Es war eine -kräftige Männerstimme im Gespräche mit seiner Geliebten. Er lauschte -nicht. Aber plötzlich vernahm er deutlich seinen Namen und darauf -schallendes, fröhliches Gelächter. - -Da wandte er sich zum Gehen. In seine Wohnung zurückgekehrt, sank er auf -einen Stuhl und barg schluchzend den Kopf in seine Hände. - -Seine Liebe war betrogen, seine Existenz vernichtet, die Hoffnung, eine -neue Laufbahn betreten zu können, zerstört. Was lag noch an seinem Leben? - - * * * * * - -Wenige Stunden später stieg Herr Müller =senior=, um seinen kranken -Sohn zu besuchen, die Treppe zu dessen Wohnung empor. Als er in Michel's -Schlafzimmer trat, fand er ihn, eine tiefe Schußwunde in der Stirn, -entseelt in einer Ecke des Divans lehnen. Die verhängnißvollen Druck- -und Schriftstücke lagen auf der Diele des Bodens; die eine Hand des -Unglücklichen hielt noch die selbstmörderische Waffe umspannt, die andere -hing schlaff über der Divanlehne herab. - -Leise winselnd saß der Hund vor seinem todten Herrn und Freund und -beleckte dessen erstarrte Hand, als wollte er mit seiner warmen Zunge ihr -neues Leben einflößen. - -Lasse ihn schlummern, treues, gutes Thier! Ihm ist wohl, daß er ruhen -darf, und daß der Vorhang fiel über sein schmerzliches Dasein, das für -ihn Tragödie war und für die Anderen -- Posse! - - - - -Der Unwiderstehliche. - - -»Treue --?! Glaubst Du wirklich noch immer, daß es diesen Artikel echt -und unverfälscht giebt? Hat Dich das Leben nicht darüber belehrt, daß -dies ein Begriff ist ohne realen Hintergrund, eine Vorstellung, die sich -mit den Thatsachen nicht deckt, ein leeres Wort, das die Menschen nur zu -dem Zwecke erfunden haben, um sich selbst etwas vorzulügen, um sich vor -sich selbst besser zu machen, als sie wirklich sind?« -- so fragte das -Gespräch fortsetzend, mein Freund Theodor mit lauter Stimme, um den -polternden Lärm des Eisenbahnzuges zu übertönen, der uns aus der -Residenz nach dem lieblichen Landsitze eines gemeinsamen Freundes führte, -von dem wir zur Feier des Namensfestes seiner Frau zu Gast geladen waren. - -»Echte, unverfälschte Treue,« fing ich sein Wort auf. »Was meinst -Du damit? Was Du da sagst, ist ein Pleonasmus. Treue muß echt sein. -Verfälschte Treue ist ja nicht mehr Treue, sondern ihr Gegentheil.« - -»Keine Spur!« rief Theodor, den Rest seiner Cigarre zum Waggonfenster -hinauswerfend. »Es giebt eine echte Treue und eine unechte. Das werde ich -Dir gleich an einem Beispiele erläutern.« - -Dann steckte er sich eine andere Havana in Brand und fuhr fort: - -»Solche Treue, die das nothwendige Ergebniß der Empfindungen ist, ist -echt; solche, die aber nur die Folge zufälliger äußerer Verhältnisse -und Umstände ist, kann unmöglich für echt gelten. Die Treue einer Frau, -die zufällig keinem Manne begegnete, der ihr besser gefiel als ihr Gatte, -ist eine unechte Treue.« - -»Das sind Sophismen,« warf ich ein. »Da könnte man ja bei dem -erhabensten Beispiele weiblicher Treue die Behauptung aufstellen, dieselbe -sei nur durch zufällige Umstände bedingt.« - -»So ist es auch,« sagte der Andere ruhig lächelnd, indem er sich in die -Wagenkissen behaglich zurücklehnte. »Kein Mensch, weder weiblichen noch -männlichen Geschlechtes, kann bedingungslos für seine Treue bürgen. -Immer handelt es sich darum, ob das Schicksal dem Betreffenden den Rechten -oder die Rechte entgegenführt, denen die Macht gegeben ist, ihre Treue zu -erschüttern. Eben darum behaupte ich, daß es auf unserem Planeten keine -echte Treue gebe.« - -»Du hast vielleicht eine solche noch nicht kennen gelernt,« erwiderte -ich gereizt, denn seine überlegene Art, mit seiner Lebens- und -Erfahrungsweisheit groß zu thun, ärgerte mich immer. »Aus Deinen -persönlichen Erfahrungen gleich auf die Allgemeinheit zu schließen, ist -aber doch etwas voreilig.« - -»Pah, es handelt sich immer nur darum, ob der Rechte kommt,« wiederholte -Theodor heiter lächelnd, und zwirbelte mit seinen weißen Fingern den -blonden, wohlgepflegten Schnurrbart. - -Jetzt mußte auch ich lächeln. Mir ging plötzlich ein Licht auf. Er, -Theodor, war ja dieser »Rechte«, dem gegenüber, sowie er kam und siegen -wollte, keine Frauentreue standzuhalten, kein Mädchenherz unverwundet -zu bleiben vermochte. Hieß er denn nicht seit der Tanzschule her »der -Unwiderstehliche«? Und hatte er sich während der seit jenen Tanzstunden -verflossenen Reihe von nahezu fünfzehn Jahren diesen Namen nicht bewahrt -und stetig mehr verdient! - -Halb »Löwe«, halb Dandy, bald heldenhaft kühn, bald lyrisch -schmachtend, hatte er -- so ging die Sage -- seit seiner frühesten Jugend -fabelhaftes Glück bei den Frauen gehabt und -- auch dies erzählte die -Fama -- das Glück gepackt, wo und so oft es sich haschen ließ. - -Alles dies fiel mir jetzt wieder ein, als ich bei seinen letzten Worten -meinen Blick über ihn hingleiten ließ, während er den aus seiner Cigarre -aufsteigenden blauen Ringelwölkchen sinnend nachschaute. - -Theodor war ein auffallend schöner Mann. Schlank und zierlich gebaut, -das fein geschnittene, blasse Gesicht von seidenweichen blonden Locken und -einem üppigen Vollbart umrahmt, der die Lippen so weit frei ließ, um das -verführerische, zuweilen etwas frivole Lächeln, das den Frauen so -leicht gefährlich wird, zur vollen Geltung kommen zu lassen, mit großen, -dunklen, bald träumerisch, bald verwegen blickenden Augen -- war seine -äußere Erscheinung so recht angethan, um seinen beliebten Wahlspruch: -=Veni, vidi, vici= nicht Lügen zu strafen. Vorzüglicher Reiter und -Tänzer, amusanter Causeur, der eine Menge pikante Geschichtchen und -schnurrige Anekdoten zu erzählen wußte, stets elegant und mit feinstem -Chic gekleidet, konnte es wahrlich nicht wundernehmen, daß alle Damen für -ihn schwärmten, daß es keine Gesellschaft gab, zu der er nicht geladen -wurde, und keinen Ball, dessen Cotillon nicht er führen mußte. Dabei -hatte er eine so ganz besondere Art, mit den Damen zu verkehren. -Voll ritterlicher Galanterie und doch nie ohne einen gewissen Anflug -selbstbewußter Ueberlegenheit und leichter Blasirtheit. - -»Nun, giebst Du mir recht?« fragte er, die entstandene Pause plötzlich -unterbrechend. »Oder bleibst Du trotz aller Vernunftgründe immer der -alte, unverbesserliche Idealist, der Du warst?« - -»Im Durchschnitte magst Du ja recht haben,« erwiderte ich. »Du wirst -aber doch nicht behaupten wollen, daß es nicht auch Ausnahmen --« - -»Giebt es nicht,« fiel er ein. - -»Doch!« bemerkte ich beinahe eingeschüchtert. »Glaubst Du nicht, daß -Margarethe zum Beispiel --« - -Margarethe war die Frau jenes Freundes, zu dem wir uns auf dem Wege -befanden. - -»Ach, Margarethe!« wiederholte er mit einem leichten Seufzer. »Ja, ich -hätte es denken können, daß Du sie als Beleg Deiner unhaltbaren Theorie -werdest heranziehen wollen.« - -»Nun --?!« - -»Wer sagt Dir, daß sie eine solche Ausnahme ist! Daß nicht auch ihre bis -jetzt allerdings geradezu phänomenale Verliebtheit in den guten Jungen, -der seit vier vollen Jahren das Glück hat, ihr Gatte zu sein, doch nichts -anderes ist als das Werk des Zufalles? Des Zufalles nämlich, daß sie bis -jetzt noch keinen Mann kennen lernte, der --« - -»Eben der Rechte wäre. Ich weiß schon, Du hast es ja gerade gesagt,« -unterbrach ich ihn ungeduldig. - -»Ja, allerdings, das meine ich. Oder auch, daß dieser Rechte -sich vielleicht noch nicht die Mühe gegeben, die Dichtigkeit ihres -Herzenspanzers zu erproben.« - -»Ich aber meine, daß es eine Vermessenheit ist, von einer Frau, wie -Margarethe, deren Charakter den leisesten Schatten eines Mißtrauens zu -bannen geeignet ist, so geringschätzig zu denken.« - -Ich war bitterböse auf Theodor. Sein Gleichmuth aber blieb -unerschütterlich. - -»Einen allgemein giltigen Maßstab an den Einzelnen anlegen,« erwiderte -er, »heißt nicht geringschätzig denken über ihn. Ich besitze nur eben -genug Menschenkenntniß, um die Handlungen der Menschen auf ihre innere -Quelle zurückführen zu können. Warum sollte Frau Margarethe anders sein -als die anderen Frauen? Sie ist eben ein Weib. Und denselben Naturgesetzen, -die den Charakter des Weibes im Allgemeinen beherrschen, ist -- wie alle -Anderen -- auch sie unterworfen. Daran läßt sich nichts ändern.« - -Ich schwieg. Einsehend, daß Theodor's Ansichten zu fest wurzelten, um -sich durch Worte widerlegen zu lassen, hielt ich eine Fortsetzung unseres -Disputes für ebenso zwecklos wie ermüdend. Meine Gedanken flogen voraus, -den Freunden entgegen. Und indem ich an sie dachte, mußte ich in mich -hinein über Theodor lachen, dessen mit solch apodiktischer Sicherheit -verkündeten Anschauungen eben durch sie eine so schlagende Widerlegung -fanden. Arthur's und Margarethens Ehe war die glücklichste, die ich je -gesehen. Der verstockteste Pessimist mußte durch ihren Anblick -bekehrt werden. Allerdings waren Beide noch sehr jung, Arthur zählte -sechsundzwanzig, Margarethe zwanzig Jahre. Und wer die Beiden sah, hätte -sie eher für übermüthige Geschwister, denn für Ehegatten halten -können. Manchmal, wenn ich zu ihnen gekommen, fand ich sie im Garten -herumtollen, als ob sie noch Kinder wären. Noch hatte kein Schatten die -frohe Laune ihres Jugendmuthes getrübt. Das Leben konnte wohl sie ernster -machen, sie konnten mitsammen reifen und -- altern. Aber trennend, ihre -zu einem wohlklingenden Accord zusammengestimmten Seelen trennend, konnte -nichts zwischen sie treten. Diese beiden herzlieben Geschöpfe paßten -füreinander, als ob sie eigens füreinander geschaffen wären. Sie -lebten vollkommen für- und ineinander. Und jedes war glücklich durch die -Existenz des Anderen. Theodor kannte sie nicht so gut wie ich; wenn er sie -näher kennen lernte, würde er bald einsehen, daß wenigstens dies eine -Beispiel seine Ueberzeugungen Lügen strafte. - -Den Faden des behandelten Themas weiter spinnend, fragte ich Theodor nach -einer kleinen Weile: - -»Deine Anschauung über den weiblichen Charakter im Allgemeinen und über -weibliche Treue im Besonderen ist wohl auch die Ursache Deines Widerwillens -gegen das Ehejoch?« - -Theodor nickte lächelnd. - -»Ich bewundere Deine Combinationsgabe! Allerdings ist dies die Ursache. -Ich schätze meine Ruhe über alles. Was hätte ich nöthig, mich -zu verheiraten und diese Ruhe und meine Freiheit aufzuopfern? Die -Annehmlichkeiten des Ehestandes stehen ja dem Junggesellen, der -verheiratete Freunde hat, beinahe in ebenso reichlichem Maße zur -Verfügung wie den Ehemännern. Ihre Frauen sind unsere Freundinnen, an -ihrem Tische, an ihrem Kamin ist stets ein Plätzchen für uns bereit. So -oft wir eintreten, sind wir willkommen. Wir erheitern ihre Einsamkeit, -die vielleicht gerade in dem Augenblicke als wir kamen, anfing, sie ein -bißchen zu langweilen. Auf diese Weise wahren wir unsere Unabhängigkeit -und genießen doch alle Vortheile des Ehestandes, ohne dessen Mühen, -Lasten und beunruhigenden Sorgen zu haben. Ja, wäre doch jeder ein Thor, -der die Lasten und Sorgen auf sich nähme, damit ein Anderer sich des -Glückes ohne diesen bitteren Beigeschmack erfreue, ein Thor, der die Hefe -des Bechers leerte, von dem ein Anderer den süßen Schaum fortgenippt.« - -Ich fand keine Zeit mehr zu antworten. Der Pfiff der Locomotive -verkündete uns, daß wir uns dem Ziele näherten. Wir griffen nach unseren -Handkofferchen und Ueberziehern, stiegen aus und warfen uns in einen -Wagen, der uns in einer halben Stunde nach Arthur's allerliebsten Landsitz -brachte. - -Der Empfang, der uns, namentlich aber Theodor zutheil wurde, brachte -mich auf den Gedanken, daß er in der That nicht unrecht habe, seinen -Junggesellenstand als einen glücklichen zu preisen. Alles, was er -über sein beneidenswerthes Los gesagt, schien sich zu bestätigen. -Die sichtliche Freude, die seine Gegenwart hervorrief, das herzliche -Entgegenkommen, das der Hausherr ihm entgegenbrachte, das reizende -Lächeln, das Margarethe ihm spendete, das Bemühen, den Aufenthalt im Heim -des Freundes ihm wohl und behaglich zu gestalten, alles vereinte sich, um -die Wahrheit seiner Schilderung zu bezeugen. - -Bald fand sich eine zahlreiche Gesellschaft ein, in der Theodor die -Hauptrolle spielte. Seine vorzügliche Unterhaltungsgabe bewährte -sich wieder aufs glänzendste und sämmtliche Damen, Margarethe nicht -ausgenommen, schienen im Banne seines Zaubers zu liegen. - -Groll erfaßte mich, denn ich bemerkte bald, daß sie es war, die er sich -als Opfer eines neuen Eroberungszuges ausersehen, vielleicht, um mir den -Beweis für die Richtigkeit seiner mir so abscheulich dünkenden Theorien -zu liefern. - -Einen Augenblick dachte ich daran, seine Absichten zu durchkreuzen, etwa -Margarethens Stolz Theodor gegenüber durch Mittheilung seiner Auffassung -des weiblichen Charakters, namentlich aber des seinen gegen sie gerichteten -Feldzugsplänen zweifelsohne zugrunde liegenden Motives herauszufordern, -oder die Vorsicht ihres, wie mir schien, von allzu argloser -Vertrauensseligkeit erfüllten Gatten durch eine bei passender Gelegenheit -angebrachte Warnung wachzurufen. Doch bald ließ ich den Gedanken wieder -fallen. Was hatte ich mich in Anderer Angelegenheiten zu mischen? Waren -Theodor's Anschauungen die richtigen; war mein Glaube an Frauentugend und -Treue wirklich nur eine auf Unkenntniß der Weibesseele beruhende kindische -Schwärmerei, dann verlohnte es sich wahrlich nicht, dem Siegeslaufe -des Unwiderstehlichen durch Verrath seiner Pläne Einhalt zu thun. Mein -Alarmruf konnte wohl in diesem einen Falle seinen Sieg vereiteln; der -Widerstand, der ihm aus diesem Anlasse entgegengesetzt würde, wäre jedoch -fürwahr nicht geeignet, mein Vertrauen zu rechtfertigen, sondern er würde -im Gegentheile Theodor's Ansicht bestätigen, daß alle Treue nur ein Werk -des Zufalles sei. - -Diese Ueberlegung bestimmte mich, die weitere Entwickelung der Dinge ohne -Einmischung meinerseits ruhig abzuwarten. Mit Argusaugen überwachte ich -Margarethens Benehmen gegen Theodor. Aber meine anfänglich siegessichere -Zuversicht, daß das Ergebniß der Bemühungen Theodor's meinen von ihm -so grausam verspotteten Ueberzeugungen recht geben möchten, schwand -immer mehr, je lebhafter das Feuer ihrer seinen Blicken begegnenden Augen -sprühte, je reicher und von einer seltsamen Unruhe durchbebt der Tonfall -ihrer Stimme wurde, je heller ihr Lachen an mein Ohr schlug, mit dem sie -seine witzigen Einfälle lohnte. - -Nicht sie allein war es, die an seinem Triumphwagen zog. Auch alle anderen -anwesenden Damen schienen völlig berauscht von der hinreißenden Macht -seiner Persönlichkeit. Sie verfolgten ihn mit brennenden Blicken, während -er, wie ein schillernder Schmetterling von Blume zu Blume flattert, von -der einen zur anderen unermüdlich und unermüdend die ewige Lüge seines -verlockenden Lächelns, seines verstohlenen und doch so vielsagenden -Augenspieles, seiner leise geflüsterten Huldigungen trug. - -Als es Abend wurde und die Wärme des heiteren Frühlingstages der -nächtlichen Kühle wich, wurde ein Tänzchen arrangirt, wobei Theodor -natürlich wieder neue Gelegenheit fand, als der anerkannt beste und -eleganteste Tänzer alle übrigen Herren in den Hintergrund zu drängen, -gleichwie das Licht der Sterne vor dem siegreichen Glanz der Sonne -erbleichen muß. - -Mit einer anderen Dame plaudernd, stand ich neben Margarethe, als Theodor -an sie herantrat, um sie um die letzte Quadrille zu bitten. - -»Bedauere, ich bin schon engagirt,« sagte sie freundlich, indem sie mit -dem Fächer auf mich wies. - -»O, wie schade!« säuselte Theodor. Dann fügte er, sein schönes Haupt -gegen sie gebeugt, ein paar leise Worte hinzu, die ich nicht verstand -und die von Margarethe ebenso leise beantwortet wurden, während eine -flüchtige Röthe über ihre zarten Wangen glitt. - -Gleich darauf wurde eine Schnellpolka gespielt und Margarethe flog an -Theodor's Arm durch den Saal dahin. - -Nachdem auch ich einige Touren getanzt, schlängelte ich mich wieder in -Margarethens Nähe, die soeben mit blitzenden Augen und hochwogendem Busen -sich auf ein kleines Ecksofa niedergleiten ließ, während Theodor vor -ihr stehend, ihr mit dem Fächer Kühlung zuwehte. Ich war mir dessen -vollbewußt, eigentlich eine lächerliche Rolle zu spielen, wenn ich mich -stets, wenn auch für Andere so unauffällig wie möglich, in Margarethens -Nähe drängte. Aber der Groll über des Unwiderstehlichen -- des -Unausstehlichen, wie ich ihn meinem Inneren nannte -- neue Triumphe packte -mich so mächtig, daß ich dem Drange, den Aufpasser zu machen, selbst auf -die Gefahr hin, abgeschmackt zu scheinen, nicht zu widerstehen vermochte. - -Diesmal aber schien es sich nicht zu lohnen, den Lauscherposten zu -beziehen, denn Beide plauderten ganz harmlos über einen Pavillon, den -Arthur in dem bis an den Garten sich hinziehenden Walde hatte bauen lassen. - -»Es ist mein Lieblingsplätzchen,« erzählte Margarethe, »wo ich -mit einer Arbeit, oder einem Buche manche Stunde verbringe. Der dichte -Nadelwald, die kleine Anhöhe, von welcher aus sich ein weiter Blick über -das Thal öffnet, bieten einen reizenden Aufenthalt. Um mir denselben -bequemer zu machen, überraschte mich Arthur mit dem Lusthäuschen.« - -»Wie tollkühn, so allein viele Stunden im Walde zuzubringen,« fiel -Theodor ein. - -»Durchaus nicht allein,« erwiderte Margarethe. »Mein Pluto begleitet -mich stets auf meinen Wegen. Und er ist ein gar wackerer und treuer -Beschützer.« - -»Und trauen Sie Ihrem Pluto eine so famose Witterung zu,« mischte jetzt -ich mich in das Gespräch, »daß er vermöge seiner feinen Nase jede -Gefahr erkennt, die Ihnen von unvermutheter Seite droht?« - -Theodor warf mir einen erzürnten Blick zu, der mich einschüchtern und mir -Schweigen gebieten zu wollen schien. Margarethe aber erwiderte mit feinem -Lächeln: - -»Pluto und ich wir ergänzen einander vortrefflich. Wo sein -Witterungsvermögen aufhört, da beginnt das meine.« - -»Wäre es aber nicht klüger, das Schicksal nicht durch allzu große -Kühnheit herauszufordern?« fragte ich, meine verblümten Warnungen mit -ungeschickter Hartnäckigkeit fortsetzend. - -Da lachte Margarethe, und Calderon citirend erwiderte sie: - -»Wer Gefahren ängstlich flieht, der stürzt sich in Gefahr.« - -Theodor aber gab mir den Rath, um Pluto's feine Spürnase zu erproben, -mich als Vagabund verkleidet bei seiner Herrin in der Waldeinsamkeit -anzuschleichen. »Da würdest Du erfahren, ob er Freund und Feind zu -unterscheiden vermag,« schloß er spöttisch. »Und Pluto's Zähne würden -Deine Wißbegierde befriedigen.« - -Nun wurde ich wieder böse und mit scharfem Tone entgegnete ich, daß -börsengierige Strolche nicht die schlimmsten Feinde seien. Die scheinbare -Freundschaft mancher Leute sei weit gefährlicher als offenkundige -Feindschaft, gegen die man sich wappnen könne. - -»Natürlich! Der berüchtigte Wolf im Schafspelz ist ein gar böses -Thier!« rief Theodor lachend. »Eine höchst interessante Entdeckung, nur -nicht ganz neu.« - -Ich hatte mich abgewendet und im Weggehen hörte ich noch Beide lachen. -Ich fühlte mich gekränkt, nicht nur von Theodor, auch von Margarethe, die -sich an seinen Witzen über mich belustigte. Am liebsten hätte ich mein -Engagement mit ihr zur Quadrille Theodor abgetreten. Da dies aber doch -nicht anging, fand ich mich, als das Zeichen zur Quadrille gegeben wurde, -pflichtschuldigst bei Margarethe ein. - -Als ich mich ihr näherte, stand ihr Gatte neben ihr. Sie sprachen eifrig -und lächelnd miteinander und ganz deutlich schien es mir, Theodor's Namen -aus Margarethens Munde zu hören. Welche Arglist! Sie spottete wohl mit -Arthur über ihn, um diesen in Sicherheit zu wiegen und desto bequemer und -unbeargwohnt ihre süßen Tändeleien mit ihrem Courmacher fortsetzen zu -können. Mir ward ganz übel zu Muthe, Margarethe von solcher Seite -kennen zu lernen, mit so schnöder Hand das ideale Bild, das ich von der -Lauterkeit ihres Charakters in meiner Seele trug, verwüstet zu sehen. - -Doch jetzt wurde die Introduction zur Quadrille intonirt, die Paare -traten in die Reihe und ich hatte keine Zeit, mich meinen trübseligen -Betrachtungen hinzugeben. Schweigend verbeugte ich mich vor Margarethe und -bot ihr meinen Arm. - -»Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie bei meinem Begräbnisse wären, -nicht aber bei einem zur Feier meines Namensfestes veranstalteten -Tanzkränzchen,« sagte sie, mir treuherzig in die Augen blickend. - -Auf diesen Vorwurf nicht vorbereitet, stotterte ich ein paar Worte der -Erwiderung, deren ich mich nicht mehr erinnere, die aber sicherlich recht -albern waren, denn Margarethe lachte. Sie verbarg zwar ihre spöttisch -zuckenden Lippen in dem Blumenstrauße, den sie an ihr Gesicht drückte. -Ich fühlte es jedoch, daß sie lachte, mich auslachte. Aber ich zürnte -ihr nicht. Sie war so berückend schön in diesem Augenblicke, die dunklen -Augen, die über die Blumen hinweg schelmisch auf mich hinüber blitzten, -das zarte Adlernäschen, dessen feingeschwungene Flügel sich leise hoben -und senkten, indem sie den Duft der Blumen begierig einsogen, der volle -und doch schlanke weiße Nacken, der durch das schwarze Spitzengewebe -der Corsage wie beseelter Marmor schimmerte -- es war ein so entzückend -liebliches Bild, das sich meinem Auge darbot, daß ich nicht an mich selbst -zu denken vermochte, sondern nur an sie, die in der ganzen Glorie ihrer -jugendfrischen Schönheit, auf meinen Arm gestützt, leichtfüßig -dahinglitt. Ja, nur an sie dachte ich und an den, dem es gelingen sollte, -vielleicht schon gelungen war, bloß um seiner nimmersatten Eitelkeit zu -fröhnen, das Herz dieses reizenden Wesens mit den Fallstricken seiner -auswendig gelernten feurigen Blicke, seiner allerorten wiederholten -lügenhaften Liebesbetheuerungen zu umgarnen. - -»Nun, wollen Sie mir nicht verrathen, was Sie so traurig stimmt?« fragte -sie, als ich nach dem »Herren-=Eté=« an ihre Seite zurücktrat. - -»Warum nicht,« erwiderte ich. »Es ist der Neid, grimmer Neid, der mir -die Laune verdirbt.« - -»O, wie häßlich! Und solches Laster gestehen Sie so ruhig ein?« - -»Sie wissen ja, wovon das Herz voll ist --« - -Die nächste Figur trennte uns. Dann, beim »=Balancer=«, fragte sie: - -»Und darf man wissen, wer der glückliche Unglückliche ist -- denn daß -es ein Er, steht wohl außer Zweifel -- dessen Los Ihnen so beneidenswerth -dünkt?« - -»Sagt es Ihnen Ihr Herz nicht?« - -»Mein Herz schweigt.« - -»Nun, so will ich es denn gestehen. Ihr Pluto ist es, den ich beneide. -Ich beneide ihn um den Vorzug, Sie gegen alle Ihnen drohenden Gefahren -beschützen zu dürfen.« - -»Ach ja, gegen den Wolf im Schafsfell,« lachte Margarethe und warf -einen raschen Blick auf Theodor, der uns gegenüber tanzte, und, ohne uns -Beachtung zu schenken, mit seiner Dame eifrig plauderte. - -Ich fing den Blick auf und ärgerte mich schon wieder. - -»Sehen Sie nur, was die kleine Baronesse Mischi für selige Augen macht, -der Auszeichnungen des Unwiderstehlichen gewürdigt zu werden,« sagte ich -boshaft. - -Eine neue Figur hinderte Margarethe, mir zu antworten. Dann aber beim -»=Tour de main=« fragte sie: - -»Wie sagten Sie vorhin? -- Der Unwiderstehliche?« - -»Allerdings. Wissen Sie nicht, daß Theodor, ob der Legion weiblicher -Herzen, die ihm nur so entgegenfliegen, unter seinen Intimen der -Unwiderstehliche genannt wird?« - -»Wie komisch!« lächelte sie. »Und doch, wie zutreffend -- der -Unwiderstehliche! -- Da wir aber gerade von Theodor sprechen -- ich habe -einen Auftrag meines Mannes an Sie und ihn: Sie Beide zu bitten, unsere -Landeinsamkeit für einige Tage zu theilen. Sie bleiben doch?« - -Ich verbeugte mich, die Einladung annehmend. - -Das also war es, was sie vorhin mit ihrem Manne gesprochen, wobei ich -Theodor's Namen gehört. Sie wollte das Glück des Zusammenseins mit dem -Geliebten -- denn daß sie ihn liebte, darüber gab ich nun schon gar -keinem Zweifel mehr Raum -- verlängern, und ich wurde dabei als das -mindest störende Element -- als Elephant, wie ich grollend mich selbst -benamste, ins Schlepptau genommen. Aber sie hatten die Rechnung ohne den -Wirth gemacht, und ich beschloß, durch dieselbe einen dicken Strich zu -machen. »Pluto, Pluto!« rief es in meinem Inneren, »ich werde Dein -Verbündeter, wir werden sie beschützen!« Alle meine löblichen -Erwägungen, daß mich die Sache doch gar nichts angehe, daß ich kein -Recht hätte, mich in Anderer Herzensangelegenheiten zu mengen, waren -verflogen wie Spreu im Sturm meiner Entrüstung. »Ja, Margarethe, gegen -Deinen eigenen Willen werde ich Dich schützen mit diesen Armen, in -denen Du jetzt ruhst!« sprach ich im Geiste zu ihr, während ich im -Walzerschritt mit ihr durch den Salon hinraste. - -Doch dabei verwickelte ich mich mit einem Fuße in das Kleid einer anderen -Tänzerin, strauchelte und würde Margarethe um ein Haar mit mir zu Boden -gerissen haben, hätte nicht Theodor, der, weiß Gott wie, in diesem -Augenblicke neben uns auftauchte, sie aufgefangen, wobei er mir einen Blick -zuwarf -- einen Blick so voll lächelnder, fröhlicher Geringschätzung, -daß ich mich völlig vernichtet fühlte. - -Mit einer Empfindung, als wollte ich unter den Boden versinken, stotterte -ich vor Margarethe meine Entschuldigung. Sie tröstete mich gütig, indem -sie meinte, solch ein Malheur passire allzu leicht. Ich aber fühlte mich -vor Margarethe und Theodor schmählich blamirt und dachte im Stillen, ob -dies etwa eine Vorbedeutung wäre, daß ich mich vor den Beiden auch in -meinem Rettungswerke blamiren sollte? - -Unbemerkt drückte ich mich aus dem Salon, denn ich schämte mich meiner -Niederlage viel zu sehr, um eine der Damen, die sie ja alle gesehen, noch -zum Tanze aufzufordern. Ich zog es vor, im Speisezimmer, wo das Buffet -aufgestellt war, eine Cigarre zu rauchen und das schmerzliche Gefühl -meiner Demüthigung mit ein paar Gläsern Rheinwein hinabzuspülen. - -Zwischen dem Speisezimmer und dem Salon, in dem getanzt wurde, lag ein -zweiter, etwas kleinerer Salon mit einem Altan nach dem Garten. Die -Verbindungsthür dieses Gemaches mit dem Tanzsaale war entfernt worden, -und manches der tanzenden Paare benützte diesen Raum, um seine Touren zu -verlängern. - -Die Nacht war milde; ich trat auf den Balcon, dessen Glasthür offen stand, -und labte mich an der freien, frischen, vom balsamischen Duft zahlloser -Rosen und blühender Nachtschatten gewürzten Luft. In stillem, erhabenem -Frieden lag die schlummernde Natur vor mir ausgebreitet; die Sterne -glänzten über meinem Haupte, ein leises Wehen flüsterte durch das Laub -der Bäume, und mir ward zu Muthe, als ob eine weiche, schmeichelnde Hand -allen Groll, alle Verstimmung, alle Kränkung meiner tiefsten Gefühle, -welche die Eindrücke des heutigen Tages in meinem Inneren hervorgerufen, -hinwegstreichelte, und wohlige Ruhe zog in meine Seele. Die Musik, die aus -dem Saale zu mir herübertönte, das gedämpfte Geräusch der Tanzenden, -das Schleifen der Schritte, das Murmeln der entfernten Stimmen störte mich -nicht, es erhöhte noch die Empfindung des stillen, wonnigen Friedens, der -sich wie ein süßer Traum über mein innerstes Wesen breitete. - -Der Laut eines munteren Lachens weckte mich plötzlich aus meinen -Träumereien. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um zu wissen, wer es sei, -der wenige Schritte vor mir an der offenen Thür stand. Ich kannte dieses -silberhelle, perlende Lachen. Nur Margarethe lachte so. - -Und jetzt ließ sich auch Theodor's schmelzender Bariton vernehmen: - -»Nein, noch gebe ich Sie nicht frei! Warum wollen Sie grausam mir die -köstlichen Minuten kürzen, da ich Sie in meinen Armen halten, Ihr Herz -an dem meinen pochen fühlen darf! Solchen Augenblick, zu dem ich wie Faust -spreche: Verweile doch, Du bist so schön!« - -»Wunderbar gesprochen!« scherzte Margarethe. »Doch sagen Sie mir -ehrlich, ist es zählbar, auf wie viel Bällen, wie vielen Damen Sie diese -Tirade schon wiederholt haben?« - -»Es scheint Ihnen Vergnügen zu gewähren, mich zu quälen,« flötete -Theodor. »Sie müssen doch erkennen, daß es nur widerwillig geschieht, -wenn ich meine Huldigungen scheinbar Anderen zuwende, daß ich dieses Opfer -nur zu dem Zwecke bringe, um meine wahren Empfindungen zu verbergen.« - -Weiter hörte ich nichts mehr. Die unfreiwillig Belauschten hatten wieder -in den Saal zurück getanzt. - -Bald darauf ging die Gesellschaft auseinander. Einige der Gäste -kehrten nach ihren benachbarten Landsitzen heim, andere fuhren nach der -Bahnstation, um nach der Hauptstadt zurückzukehren. Theodor und ich -begaben uns auf unsere Zimmer. - -»Nun, hast Du Dich von Deiner Niederlage schon erholt? Keine Beulen -davongetragen? Du trägst ja eine Jammermiene zur Schau, als ob Du große -Schmerzen fühltest?« spottete Theodor, nachdem der uns führende Diener -sich entfernt hatte. - -»Immer noch besser, eine Jammermiene, als die Rolle eines Polichinells,« -versetzte ich gereizt. - -»Ah -- wen meinst Du mit dem Polichinell?« frug Theodor sanft, während -er sich seiner Handschuhe und Halsbinde entledigte. - -»Niemand Anderen als Dich,« antwortete ich, an der offenen Thür meines -Zimmers stehend. - -»Ei wirklich, und warum denn das?« - -»Darum, weil ich es für einen Mann lächerlich finde, wie ein kokettes -Salondämchen keinen anderen Ehrgeiz zu kennen, als den, Eroberungen zu -machen.« - -»So, so! Nun, wenn es Dich lächert, zu sehen, daß die Damen sich mit mir -lebhafter unterhalten und lieber tanzen als mit Anderen, so will ich Dir -das Vergnügen nicht wehren, Dich über diesen Anblick zu belustigen. -Uebrigens kenne ich ein altes Sprichwort: Wer zuletzt lacht und so -weiter.« - -»Wer zuletzt lacht,« wiederholte ich. »Wer dies sein wird, muß sich -erst zeigen.« - -Ich war in mein Zimmer gegangen. Einige Minuten später -- Theodor kroch -gerade unter die Decke -- trat ich wieder unter die Thür. - -»Ich habe mich vorhin schlecht ausgedrückt,« begann ich neuerdings. -»Nicht nur lächerlich, unrecht finde ich es, seine persönlichen Vorzüge -dazu auszunützen, zur Befriedigung seiner Eitelkeit den Frieden und das -Glück der Menschen zu zerstören.« - -Theodor erhob sich ein wenig. Den Ellbogen auf das Kopfkissen, das Kinn in -die hohle Hand gestützt, sah er mich lächelnd an. - -»Lieber Freund,« sagte er nach einer kleinen Weile, »Du hast entschieden -Deinen Beruf verfehlt. Du hättest Mönch werden sollen, um von der Kanzel -herab gegen die Verderbtheit der Welt zu donnern. Wer sagt Dir denn, daß -ich dem Frieden und dem Glücke der Menschen Eintrag thue? Man unterhält -sich, man -- nun, man liebäugelt ein wenig und man trennt sich wieder, -ohne Gram und Kummer. Und bedenke auch, daß Du selbst es bist, der mich -dazu herausgefordert hat, in Betreff dieser Frau, um deren Herzensruhe Du -jetzt so besorgt zu sein scheinst, die Stichhältigkeit Deiner Theorien -meinen Ueberzeugungen gegenüber auf die Probe zu stellen. Entweder -- -oder. Ein drittes giebt es nicht. Entweder Deine Anschauungen sind die -richtigen, dann ist ja doch für sie keine Gefahr vorhanden; ihre Treu -erweist sich als echt, meine Ansichten finden Widerlegung. Oder die -letzteren bestätigen sich: dann ist das Unglück auch nicht gar so groß. -Denn die Wahrung einer Treue, die nur ein Werk des Zufalles -- ist wahrlich -von keinem großen Werthe. Uebrigens verspreche ich Dir, daß ich, wenn es -mir nicht gelingt, binnen der drei Tage meiner Anwesenheit hier -- denn in -drei Tagen muß ich wieder zu Hause eintreffen -- von Margarethens holden -Lippen das Geständniß ihrer Liebe zu hören, die Feuerprobe nicht länger -fortsetze und mich vor Dir feierlich als besiegt erkläre. Bist Du nun -zufrieden?« - -Ich zögerte nicht, mich einverstanden zu erklären. Theodor's Hoffnungen -für eitle Vermessenheit haltend, glaubte ich, davon überzeugt sein zu -dürfen, daß es dem selbstgefälligen Gecken niemals, zum mindesten aber -nicht binnen einer so kurzen Frist, gelingen werde, Margarethens Herz in -Banden zu schlagen und ihr ein Liebesgeständniß zu entreißen. Ja, ich -freute mich im voraus der heilsamen Lection, welche Theodor's Eitelkeit -zutheil werden, des Widerstandes, der dem »Unwiderstehlichen« doch -endlich entgegengesetzt werden sollte. - -Völlig beruhigt schlief ich ein -- um am anderen Tage, als ich die Beiden -wieder beisammen sah, dennoch wieder von neuen Zweifeln gequält zu werden. -Es schien mir, als sähe ich aus den zwischen ihnen verstohlen getauschten -Blicken zarte Fäden sich hin und wieder spinnen, die sich zu einem dichten -Netze verschlangen. Kein Wort wurde, wenigstens in meinem Beisein -- und -ich verließ sie selten -- von ihnen gewechselt, das nicht auch zu jedem -Anderen gesprochen werden könnte, und dennoch glaubte ich aus dem -Klange der Stimme, womit alles gesagt wurde, einen ganz besonderen Ton -herauszuhören, einen Ton, der beileibe nicht derselbe war, als wenn sie -ihre Rede an Andere richteten, und der meine peinvolle Sorge von Stunde -zu Stunde steigerte. Ich versuchte es wohl, mich mit dem Gedanken zu -beruhigen, es sei unmöglich, daß Margarethen an der Seite eines von ihr -geliebten Gatten, der -- in meinen Augen wenigstens -- weit liebenswerthere -Herzens- und Geisteseigenschaften besaß als Theodor, dessen -Verführungskünste sollten gefährlich werden. Dann aber fiel mir wieder -ein, welch große Macht dem Reiz des Wechsels gegeben sei. Es gehört -zu den schmerzlichsten Geheimnissen der Liebe, wie es manchen Menschen -möglich ist, in der Vereinigung mit den ausgezeichnetsten Wesen, welchen -sich ihr Herz in tiefster Neigung erschlossen hatte -- bloß durch den Reiz -der Abwechslung verlockt -- sich wieder einem Anderen zuzuwenden. -Sonst wäre es nicht möglich, daß, wie so viele Beispiele zeigen, die -liebenswürdigsten, edelsten Männer und Frauen oftmals um der schalsten -Persönlichkeiten willen, die den Vergleich mit jenen in keiner Weise -auszuhalten vermögen, betrogen werden. - -So von den widersprechendsten Gefühlen hin und her bewegt, bald von -heiterer Zuversicht gehoben, bald gedrückt von quälender Sorge, -verbrachte ich die nächsten beiden Tage in denkbar unbehaglichster -Gemüthsstimmung. Unsere Gastfreunde boten alles auf, um uns Vergnügungen -zu bereiten. Ausflüge zu Fuß und zu Wagen, Kahnfahrten auf dem nahen -Flusse, Pistolenschießen, Musik oder ein Spielchen des Abends, dazu bei -den von heiterster Laune der Theilnehmer gewürzten Mahlzeiten das Beste, -was Küche und Keller zu bieten vermögen -- ein solches Leben hätte das -Gemüth des düstersten Griesgrams aufheitern müssen. Ich aber konnte -nicht froh werden. Auf jedes Wort, jeden Blick, auf jede Miene und Bewegung -Margarethens und Theodor's lauernd, war mir alle Freude verdorben. Am -meisten mußte ich mich über Arthur ärgern. War er denn mit Blindheit -geschlagen, daß er es nicht wahrnahm, mit welch verwegener Unverfrorenheit -Theodor seiner Frau den Hof machte und mit welcher Befriedigung sie es -sich gefallen ließ? So gut wie ich mußte doch auch er es bemerken, -wie Theodor's Hand jene Margarethens drückte, wenn er ihr beim -Scheibenschießen die für sie geladene Pistole reichte; wie sein Arm -ihre Schultern streifte, wenn er die Fröstelnde in den wärmenden Shawl -einhüllte; wie sein Knie das ihrige berührte, wenn er ihr gegenüber -im Wagen saß, und welche Blicke sie tauschten, wenn sie sich unbeachtet -wähnten. - -Aber Arthur schien von allem nichts zu sehen. Ja, manchmal däuchte es mir -geradezu, als ob seine stets frohgemuthe Laune um so fröhlicher würde, je -kühner Theodor's seiner Frau dargebrachten Huldigungen sich äußerten. - -In völlige Verblüffung versetzte es mich, als unser Wirth am Abend des -zweiten Tages uns mittheilte, daß er eines Brandes wegen, durch den -eine zu seiner Besitzung gehörende Sägemühle zerstört worden, behufs -Besichtigung des Schadens und zu treffender Anordnungen hinsichtlich des -Neubaues, sich am folgenden Morgen an Ort und Stelle begeben und nicht vor -Abend zurückkehren werde. - -Das fehlte gerade noch, die Beiden einen ganzen Tag allein zu lassen -- -denn meiner unbequemen Nähe würden sie sich, wenn es ihnen so genehm, -wohl zu entziehen wissen. - -Ich versuchte es, Arthur zu einem Aufschub seiner geschäftlichen Excursion -zu bestimmen. Ich bat ihn, dieselbe am zweitnächsten Tage anzutreten, an -welchem Theodor und ich nach der Hauptstadt zurückkehren würden. Arthur -meinte aber, daß dies gerade der Grund sei, warum er die Ordnung dieser -Angelegenheit nicht verzögern wolle, denn so lange wir hier seien, wisse -er, daß seine Margarethe sich nicht langweilen würde, und trotz meiner -verschiedensten Einwendungen blieb er bei seinem Entschlusse. - -Theodor strahlte und auch in Margarethens Augen blitzte ein -Freudenschimmer, der mich fast rasend machte vor Grimm, und ich -beschloß, meine letzte Karte auszuspielen, um Arthur von seinem Vorhaben -zurückzuhalten. - -Nach dem Thee, während Margarethe uns einige Lieder sang, zu welchen -sie Theodor, wie gewöhnlich auf dem Clavier begleitete, brach ich die -Gelegenheit vom Zaune, um meinem Freunde, mit Ausnahme des auf Margarethe -bezüglichen Details, mein ganzes mit Theodor während der Bahnfahrt -geführtes Gespräch zu erzählen. Mit wahrer Wonne verbreitete ich mich -über die eines Don Juan's würdigen Anschauungen des »Unwiderstehlichen« -über Liebe und Treue und entblödete mich nicht, auch seines, wie -er behauptete, aus seinen intimen Erfahrungen geschöpften Wahl- und -Wahrspruches: =Veni, vidi, vici!= Erwähnung zu thun. Wer beschreibt -jedoch meine Fassungslosigkeit, als ich sah, daß auch dieses Mittel nicht -verfing! - -Mit ruhigem Lächeln hörte Arthur mir zu, und als ich schwieg, sagte er -ganz unbefangen: - -»Ja, ja, ich kenne das. Solche Ansichten sind bei den Männern gang und -gäbe, namentlich bei den Junggesellen.« - -Ich war wie vor den Kopf geschlagen und starrte ihn an, als hätte er -plötzlich angefangen, chaldäisch zu sprechen. Auch muß ich in meinem -grenzenlosen Staunen ein etwas dummes Gesicht gemacht haben, denn er lachte -geradezu, als er mich ansah. Ich wurde so erbittert über ihn, daß ich ihm -sicherlich etwas Grobes gesagt hätte, wenn nicht in diesem Augenblicke -ein von Margarethe vorgetragenes Gounod'sches Lied beendigt und sie zu uns -herangetreten wäre, wodurch unser Gespräch abgeschnitten war. - -So zwang ich mich denn, gegen Margarethe gewendet, zu ein paar artigen -Floskeln über ihren Gesang -- von dem ich diesmal freilich wenig gehört -hatte -- während ich innerlich Arthur mit Molière apostrophirte: =Tu -l'as voulu, George Dandin!= Am anderen Morgen, als Arthur, seinem Vorhaben -gemäß, fort fuhr, stand Margarethe, so zeitlich früh es auch war, am -Wagen, um ihm Adieu zu sagen. Am offenen Fenster stehend, sah ich, wie sie -sich zärtlich umarmten und küßten und hörte Margarethe sagen: - -»Also pünktlich, Arthur, keine Verspätung!« - -»Pünktlich, wie eine Sonnenuhr!« rief er zurück, während er lachend in -den Wagen sprang. - -Ich aber dachte: »Sei Du nur pünktlich, mein Lieber, so pünktlich -kannst Du doch nicht sein, um Deinem Unheil zuvorzukommen, dem Du kopfüber -entgegen rennst!« - -Der Vormittag verging wie die anderen, ohne daß etwas Besonderes vorfiel. -Nur glaubte ich an Theodor sowohl wie an Margarethe eine gewisse nervöse -Unruhe zu bemerken, als ob sie irgend etwas mit Spannung erwarteten. - -Bei Tische -- das Dessert war eben aufgetragen worden -- griff Theodor nach -seinem mit edlem Wein gefüllten Glase und es emporhaltend, sprach er zu -Margarethe gewendet: - -»Es verstößt zwar gegen die gute Lebensart, sich selbst zum -Hauptgegenstande des Gespräches zu machen. Dennoch kann ich es mir nicht -versagen, zu bemerken, daß ich heute mein Geburtsfest feiere. Gestatten -Sie mir, gnädige Frau, mein Glas auf Ihr Wohl zu leeren, indem ich Ihrer -Güte und Ihrer liebenswürdigen Einladung, in Ihrem Hause zu weilen, es -danke, daß der heutige sich zu dem schönsten und reizvollsten Geburtstag -meines Lebens gestaltet.« - -Margarethe schlug sich in die Hände. - -»Ihr Geburtstag ist heute!« rief sie heiter. »Das trifft sich ja -köstlich! Schade, daß Sie es nicht früher gesagt, dann hätten wir -ein kleines Fest veranstaltet. Never mind, noch ist es ja nicht zu spät -dazu.« - -Ein schelmisches Lächeln flog über ihr Gesicht. Sie erhob ihr Glas und -die Becher klangen aneinander. - -Mich aber faßte es wie ein Taumel. Indem ich mit dem Rande meines Glases -dasjenige Margarethens berührte, rief ich lustig: - -»Evviva, Theodor! Ein Hoch dem Unwiderstehlichen und seiner Siegesbahn!« - -Theodor blickte mich betroffen an. Margarethe lachte. - -»Das gilt nicht,« rief sie. »Darauf stoße ich nicht an.« - -»Mein Freund hat sich falsch ausgedrückt,« fiel Theodor ein. »Manche -Spötter geben mir allerdings diesen Namen. Dies beruht jedoch auf einer -Verwechslung der Begriffe. Kein einzelner Mensch ist unwiderstehlich, nur -die siegreiche Allmacht der Liebe ist es. Wollen Sie auf die Macht der -Liebe trinken, gnädige Frau?« - -Während Theodor sprach, hatte Margarethe den Blick gesenkt. Jetzt sah sie -wieder auf. - -»Es lebe die Liebe!« sagte sie. - -Nochmals erklangen die Gläser und Theodor's und Margarethens Blicke -begegneten sich in stummer und doch beredter Sprache. - -Nach Tische zog Margarethe sich für kurze Zeit zurück, um, wie sie -mir zuflüsterte, für Theodor's Geburtstag eine kleine Ueberraschung -vorzubereiten. - -»Du wolltest mir mit Deinem Toast eine kleine Grube graben,« sagte -Theodor, als Margarethe uns verlassen hatte. »Ich fürchte jedoch, daß -sich wieder einmal das Sprichwort von solchem Gebaren bewähren werde. -Nicht ich werde es sein, der hineinstürzt. Deine Theorien werden mit einem -großen Plumps hineinfallen.« - -»Morgen geht die Frist zu Ende,« versetzte ich. - -»Allerdings. Aber zweifelst Du wirklich noch daran, daß meine -Anschauungen Recht erhalten werden?« - -Ich zuckte mit den Achseln und gab keine Antwort. - -Eine halbe Stunde später vereinigten wir uns im kühlen Billardzimmer zu -einer kleinen Partie, denn noch war es zu heiß, um ins Freie zu gehen. -Später sollte eine Kahnfahrt und nach derselben ein Spaziergang in -den Wald unternommen werden. Margarethe wollte uns zu dem an ihrem -Lieblingsplätzchen erbauten Pavillon führen, den sie uns noch nicht -gezeigt hatte. - -Alles verlief ganz programmgemäß. Aber während ich ruderte, bemerkte ich -wiederholt, wie Theodor, der am Steuer saß, mit Margarethen leise -Worte tauschte. Auch schien es mir, daß sich die von mir schon früher -wahrgenommene erregte Spannung ihres Wesens sichtlich steigerte. - -Schon neigte sich die Sonne ihrem Untergange zu, ihre schräg auffallenden -Strahlen glitzerten und glänzten auf den Wellen wie flüssiges Gold. Die -Abendkühle senkte sich erfrischend hernieder. - -An einer buchtähnlichen Biegung des Flusses, an dessen Ufer eine Bank -stand, landeten wir, um von dort aus den Weg durch den Forst nach -dem Pavillon einzuschlagen. Wir hatten jedoch erst einige Schritte -zurückgelegt, als Margarethe erklärte, vorher noch nach Hause gehen zu -wollen, um sich einen Shawl zu holen. Der Abend sei plötzlich so kühl -geworden. - -Theodor meinte jedoch, wir sollten vorangehen, er würde nach Hause eilen, -um das Gewünschte zu bringen. - -Er setzte sich in Schnellschritt -- doch nur, um nach zwei Minuten einen -kleinen Schrei auszustoßen und, indem er hinkend zu uns zurückkehrte, die -Erklärung abzugeben, er sei gestrauchelt, habe sich den Fuß verletzt und -bäte daher mich, die Mission zu übernehmen, da er unmöglich so rasch -zu gehen vermöchte. Sie Beide würden hier auf der Bank meine Rückkehr -abwarten. - -Ich verstand -- und vermochte es nicht, ein spöttisches Lächeln zu -unterdrücken. Fragend blickte ich auf Margarethe, doch als sie mit -freundlicher Bitte sich Theodor's Anordnung anschloß, sah ich, daß es ihr -Wunsch sei, daß ich sie verlasse, und begab mich auf den Weg. - -»Das also haben sie mitsammen abgekartet, als ich sie flüstern sah,« -dachte ich, während ich beinahe laufend dem Hause zustürmte. Dort ließ -ich mir von einem Diener irgend einen Shawl Margarethens geben und kehrte -wieder zurück. Etwa zwanzig Minuten mochten verflossen sein, so war ich -wieder zur Stelle. Doch die Bank war leer. Weder von Margarethe noch von -Theodor eine Spur. - -Ich rief, aber keine Antwort tönte zurück. - -Da lachte ich laut auf -- doch that mir dieses Lachen so wehe, als ob ich -weinte. - -Dann überlegte ich, was ich thun sollte. Hier warten? -- Wozu! Hierher -kamen sie gewiß nicht mehr. Nach Hause zurückkehren, allein? -- Damit -riskirte ich, Margarethe zu compromittiren, deren Escapade mit Theodor -dadurch bekannt wurde. Den Beiden auf dem Wege nach dem Pavillon folgen? -- -Das war unmöglich, denn ich kannte den Weg nicht, der eine Steinwurfweite -von der Bank entfernt sich in drei verschiedenen Richtungen nach dem Walde -hin trennte. Also was thun --? - -Plötzlich schoß mit ein Gedanke durch den Kopf. Spornstreichs eilte ich -wieder zur Villa zurück und rief Pluto heran, Margarethens prächtige -dänische Dogge, deren specielle Freundschaft ich mir bereits erworben -hatte und die mir ohne Widerstreben folgte. Zum viertenmale legte ich, -jetzt von Pluto begleitet, den Weg zur Bank am Flußufer zurück. Dort -angelangt, rief ich dem Hunde zu: - -»Such' die Frau, such' Deine Herrin, Pluto! Such', such'!« und ich hielt -ihm Margarethens Tuch an die Nase, auf daß er besser verstehe, wen er -suchen sollte. Und das kluge, schöne Thier verstand mich vortrefflich. - -Erst hob es den Kopf empor und schnupperte in die Lüfte, dann den Weg -entlang. Und ein leises, kurzes Gebell anschlagend, sprang es in weiten -Sätzen auf einem der sich kreuzenden Fußpfade dem Walde zu. - -»Langsam, Pluto, langsam!« rief ich ihm zu, da ich ihm kaum zu folgen -vermochte. - -Der Hund mäßigte seinen Lauf und nun ging es, von ihm geleitet, in den -Wald hinein. - -Es dämmerte bereits und im Forste lag schon tiefes Dunkel. Mit den Füßen -über Wurzeln stolpernd, mit dem Kopfe an Bäume stoßend, das Gesicht -gepeitscht von den niederhängenden Zweigen, folgte ich im Laufschritte -meinem wackeren Führer. - -Plötzlich sah ich eine Lichtung vor mir und in demselben Augenblicke -hörte ich Pluto, der mir in den letzten Minuten vorangeeilt war, laut und -freudig aufbellen. Dann ließ sich Margarethens Stimme vernehmen: - -»Pluto, Du hier! Wie kommst Du hierher, mein Braver?« - -Und darauf Theodor: - -»Er wird aus dem Garten entkommen und Ihrer Spur gefolgt sein.« - -Da waren sie also! -- Tief aufathmend blieb ich stehen. In diesem Zustande, -athemlos, keines Wortes mächtig, mit zerzaustem Haar, die Kleider in -Unordnung vom wilden Lauf, konnte ich unmöglich vor die Beiden hintreten. -Was würden sie von mir denken! Auch mußte ich mich erst besinnen, was ich -ihnen zur Erklärung meiner seltsamen Parforcejagd sagen wollte. - -Behutsam, um meine Nähe durch kein Geräusch zu verrathen, drang ich bis -an den Saum des Waldes vor. Nur der dämmernde Lichtschein, der von dort in -das Dickicht fiel, leitete mich jetzt. Denn die Stimmen der Gesuchten waren -verstummt. Am Rande der Lichtung, vom tiefen Schatten der Bäume gedeckt, -hielt ich nochmals inne. Und jetzt erblickte ich die Beiden. - -Inmitten der kleinen Waldwiese, nahe dem im Stile eines -Miniaturschweizerhäuschens gebauten Pavillon, stand Margarethe, das Haupt -zu Theodor herabgeneigt, der vor ihr auf den Knien lag -- - -Und mit bebender Stimme sprach er: - -»Zürne mir nicht, Margarethe, daß ich es wage, Dir das Geheimniß meines -Herzens zu entdecken. Ich liebe Dich, liebe Dich unsäglich!« - -Margarethe trat einen Schritt zurück. - -»Wie unvorsichtig!« flüsterte sie hastig. »Wissen Sie denn nicht, daß -nicht nur Wände, zuweilen auch die Bäume Ohren haben? -- So stehen Sie -doch auf!« - -Theodor erhob sich. Und die Hand nach dem Pavillon ausstreckend, bat er: - -»Margarethe --?!« - -Die Thür öffnete sich und Beide verschwanden im Inneren des Häuschens. - -In einer Secunde stürmte blitzartig eine Fluth von Gedanken und Gefühlen -durch mein Inneres. - -Ein Schmerz durchzuckte mich, wie er heftiger nicht hätte sein können, -wäre ich Margarethens Gatte oder Bruder gewesen. Einen Augenblick fühlte -ich mich versucht, ihnen nachzustürzen und Theodor zu Boden zu schlagen. -Aber hatte ich etwa ein Recht dazu? Wahrlich nicht! Dann ergriff mich -Scham, als ob ich es wäre, der einen Frevel begangen, und eine wilde -Qual, meinen Glauben an Tugend, an die Unwandelbarkeit treuer Liebe so -schmählich und auf so lächerliche Weise zerstört zu sehen. Und -alle diese Gedanken und Empfindungen waren in wenigen Augenblicken -zusammengedrängt, denn als ich mich wieder zusammenraffte, fiel hinter den -Beiden erst die Thür ins Schloß. - -Doch was war dies? -- In dem Häuschen blitzte plötzlich ein Lichtschein -auf und ein schwacher Schrei ertönte. - -Ich schritt vorwärts, und durch ein Fenster in den Pavillon spähend, bot -sich mir der überraschendste Anblick. - -In der mir gegenüber liegenden Fensteröffnung las ich die durch ein -glänzendes Transparent gebildeten Worte: - -»=Veni, vidi -- non vici.=« - -Und nun wurde es hell im Pavillon. Unter Margarethens Händen flammte eine -Lampe auf. Und ich sah auf einem Tischchen allerlei kostbare Gegenstände -zierlich geordnet: einen eleganten Briefbeschwerer, eine prachtvolle -türkische Pfeife, ein Cigarrenetui und noch manches andere, dessen ich -mich nicht mehr entsinne. - -Neben dem Tischchen aber stand Margarethe -- an Arthur's Schulter gelehnt -und Beide blickten lächelnd auf Theodor, der starr wie eine Bildsäule an -der Thür stand. - -Jetzt trat Margarethe auf ihn zu. - -»Hab' ich mein Wort gehalten?« fragte sie. »Ich sagte doch, Ihr -Geburtstag treffe sich köstlich. Schade, daß unser Freund, den wir -so schmählich im Stiche gelassen, nicht anwesend ist, sich auch an der -Ueberraschung zu laben.« - -»Ihr Wunsch ist erfüllt, gnädige Frau,« fiel ich ein, lachend durch -die Thür tretend. »Freund Pluto hat mich hierher geführt.« Und gegen -Theodor gewendet, flüsterte ich: »Wer zuletzt lacht --« - -Theodor hatte endlich seine Fassung wieder gewonnen und mit der Gewandtheit -des Weltmannes gute Miene zum bösen Spiele machend, dankte er mit -erzwungener Heiterkeit für die allerliebsten Geburtstagsgeschenke und -- -leise zu Margarethe -- für die heilsame Lehre. - -Ob diese Radicalcur ihn von dem Wahne seiner Unwiderstehlichkeit und von -jenem, daß es keine echte Treue gebe, gründlich geheilt hat? -- Ich -weiß es nicht. Mir gegenüber vermeidet er es ängstlich, auf dieses Thema -zurückzukommen. - - - - -Schwer geprüft. - - -Der Wanderer, der von dem in den südwestlichen Ausläufern der Allgäuer -Alpen, inmitten eines üppigen Tannen- und Eichenwaldes malerisch gelegenen -und durch seine heilkräftigen Mineralquellen auch als Curort bekannten -Weiler Adelholzen gegen das etwa eine halbe deutsche Meile davon entfernte, -knapp an die östlichen Ufer des freundlichen Chiemsees geschmiegte -Dörfchen Uebersee hinabsteigt, kommt, wo der Weg aus dem Walde hervortritt -und sich tiefer gegen die Thalebene senkt, an einem massiven Eisengitter -vorüber, das einen schattigen Garten gegen die daran vorbeiführende -Bergstraße abschließt. Wer in der Schwüle eines heißen Sommertages -hier vorüberschreitet, mag wohl einen Augenblick stillstehen, um durch die -Eisenstäbe des Gitters einen begehrlichen Blick auf dieses reizende Heim -zu werfen, welches das zwischen dem dunklen Grün der Bäume und über -den bunten Flor eines mächtigen, den ganzen Vorplatz des Gebäudes -einnehmenden Rosenrondeaus hell und heiter hervorblickende Landhaus seinen -Bewohnern bieten mag. - -Auch heute sandte die Augustsonne ihre gluttragenden Strahlen versengend -heiß von dem wolkenlosen, durchsichtig klaren Himmel in das Thal -hernieder. Aber hier, in dem an breitästigen dichtbelaubten Bäumen -reichen Garten, in welchem aus dem unmittelbar angrenzenden Nadelholzwalde -die Luft frisch und würzig herabstrich, war die unten im Thalkessel -drückende Hitze wohlthuend gemildert. - -Die Besitzer des anmuthigen Landhauses, Doctor Richard Wilnau -- den man, -seit eine Krankheit ihn des Augenlichtes beraubt, in der ganzen Umgegend -nicht anders als schlechtweg den »blinden Doctor« nannte -- und seine -junge, hübsche Gattin, in der Oeffentlichkeit durch ihre vortrefflichen -Gemälde, im Kreise der Näherstehenden aber auch durch ihre hohe -Geistesbildung und persönliche Liebenswürdigkeit bekannt, befanden sich -plaudernd auf der kühlen Veranda. - -Die junge Frau hatte soeben die Lectüre der Tagesblätter beendet, die -sie nach eingenommenem Mittagsmahle dem Doctor täglich vorzulesen pflegte. -Aber im Begriffe, zu ihrer Arbeit wiederkehrend, in ihr Atelier sich zu -begeben, war sie, schon auf der Schwelle, von ihrem Gatten zurückgerufen -worden. - -»Unverbesserlich, ganz unverbesserlich,« sagte der Blinde, indem -er, heiter lächelnd, sein Haupt an die Rücklehne des Schaukelstuhles -drückte, in dem er sich behaglich auf und nieder wiegte. »Was wirst Du -mir für eine Strafe dictiren, Malwinchen, wenn ich bekenne -- und beinahe -hätte ich gar nicht mehr daran gedacht -- daß ich Dein strictes Gebot, -zum Mittags- oder Abendtische niemand einzuladen, ohne Dich vorher hiervon -zu verständigen, abermals freventlich übertreten habe?« - -»Unerhört!« rief Malwine lachend. »Gestern erst gelobst Du reuig -Besserung -- heute sündigst Du aufs neue. -- Und wer ist es denn, dessen -anziehende Gesellschaft Dich zu so schnödem Wortbruche verführt?« - -»Rathe nur!« - -»Natürlich, der dicke Major, der sein tausend und erstes Jagdabenteuer -noch nicht oft genug zum Besten gegeben.« - -»Fehlgeschossen!« - -»Dann ist es der Badearzt, von dem Du Berichte interessanter -Krankheitsfälle erwartest.« - -»Keineswegs!« - -»Also vielleicht Baronin X., von der Du kürzlich sagtest, daß niemand -Dich zur Violine so gut auf dem Klavier zu accompagniren verstände als -sie?« - -»Ebenfalls nicht. Doch ich sehe schon, Du erräthst es ja nicht. Wie -solltest Du auch?« - -»Nun denn?« - -»Universitätsprofessor -- ja, mein Gott, wie hieß er denn nur gleich? -Professor --« - -»Du weißt den Namen desjenigen nicht, den Du eingeladen?« lachte -Malwine. - -»Doch, doch, er wird mir gleich in den Sinn kommen. Heute Vormittag, -während Deiner Abwesenheit, wurde ich durch den Besuch dieses Herrn -überrascht, der allerdings nicht so sehr mir, als vielmehr Dir galt. Er -erzählte, er sei ein Jugendfreund Deiner Familie und Schulcollege Deines -verstorbenen Bruders gewesen, aber seit vielen Jahren -- Du warst damals -noch nahezu ein Kind -- habe er Dich nicht gesehen. Jetzt befindet er sich -auf seiner Ferienreise, und da er zufällig von Deinem Aufenthalte -hier gehört, wollte er die Gelegenheit nicht ungenützt lassen, Dich -aufzusuchen. Ja, nun fällt mir auch schon sein Name ein. Halt -- Hellwig -nannte er sich!« - -»Hellwig!« wiederholte Malwine, während ihr erbleichendes Antlitz -Schrecken, Freude und Schmerz in raschem Wechsel wiederspiegelte. - -Der Doctor plauderte weiter, berichtete, was der Gast von seiner Reise in -diesem schönen Alpengebiete, das er jetzt zum erstenmal betrete, erzählt, -und schilderte, mit welch freudiger Bewunderung er von Malwinens Bildern -gesprochen, die er in mehreren Kunstausstellungen gesehen. - -Aber seine Frau hörte von all dem nichts. Der eben vernommene Name -schwirrte ihr im Ohre, so laut, daß er die Stimme ihres blinden Gatten -weit übertönte. - -Wenige Stunden später sprang Malwine ungeduldig von ihrem Sitze vor der -Staffelei empor, Pinsel und Palette mißmuthig in eine Ecke schleudernd. -Sie grollte mit sich selbst, denn trotz aller Anstrengung vermochte sie -nicht zu arbeiten. Ihre Hand zitterte, unklar sah ihr Auge und unablässig -irrten ihre Gedanken von dem seiner Vollendung harrenden Gemälde fort, -weit fort nach ihrer Kindheit trautem Heim. Sie sah sich selbst als -glückliches Kind, als aufblühendes Mädchen, dessen übersprudelnder -Frohsinn selbst von des stets kränkelnden Vaters Stirn die trüben -Schatten hinwegzuscherzen wußte. Sie schaute an ihrer Seite die stille, -ernste, unvergeßlich theuere Frau, deren sanfte Hand und wachsames Auge -mit jener treuen Fürsorge, die nur Mutterliebe zu üben im Stande ist, -ihre Erziehung leitete. Sie erinnerte sich ihrer Professoren, besonders -des grämlichen Zeichnenlehrers, der für seine Schüler selten ein -freundliches Wort hatte, für sie aber die sonst stereotype unwirsche Miene -zumeist ablegte, und die eine oder andere ihrer Zeichnungen ihren -Eltern vorweisend, mit geheimnißvollem Lächeln und bedeutungsvollem -Kopfschütteln bemerkte: »In dem Kinde steckt etwas.« - -Sie gedachte ihres frühverstorbenen Bruders, und neben ihm tauchte die -Gestalt eines anderen frischen munteren Knaben immer deutlicher in ihrer -Erinnerung auf, des Jugendfreundes, der als Dritter im Bunde alle kleinen -Leiden und Freuden der Geschwister getheilt. Sie hatte ihn einst geliebt. -Mit ahnungsloser, schwesterlicher Neigung zuerst und dann mit der ganzen -Glut des erwachenden Mädchenherzens. Als sie es aber wahrnahm, oder doch -wahrzunehmen glaubte, daß sie seine Gegenliebe nicht besaß, daß er in -ihr nichts sah als die Gefährtin aus der Kindheit, da hatte sie stolz und -trotzig ihre thörichte, hoffungslose Liebe bezwungen, dem rebellischen -Wünschen und Sehnen Schweigen geboten. - -So waren Jahre hinüber gegangen. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört und -kaum mehr seiner gedacht. Da lernte Doctor Wilnau sie kennen und warb um -ihre Hand. Wohl war es nicht jene tiefe, heiße Leidenschaft, die ihr Herz -zu seinem Herzen zwang, von welcher die Dichter singen und sagen, daß sie -nur einmal entflamme die Menschenseele und dann nie, niemals wieder, aber -sie war dem trefflichen Manne in inniger Freundschaft geneigt, der süße -Zauber des Bewußtseins, geliebt zu sein, that das Uebrige, und so ward -sie seine Frau. Sie hatte es nie bereut. Jetzt aber beschlich sie leise ein -seltsames Gefühl -- sie wußte es selbst nicht gleich zu deuten -- wie ein -heimliches Bedauern, nicht frei zu sein. Sie strich sich mit der Hand über -die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen, die da drinnen gegen -ihren Willen sich regten. - -Plötzlich aber trat sie an einen Schrank, in dem sie einen Theil ihrer -Arbeiten aufzubewahren pflegte. Sie wählte lange in der Menge der hier -aufgestapelten Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen, bis -sie das Gesuchte fand. Ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht, als -sie das Gemälde vor sich auf die Staffelei stellte. Es war ein reizendes -Bild. Kenner, die es gesehen, hatten es einstimmig für eine von Malwinens -besten Arbeiten erklärt. Aber trotz der bedeutenden Summen, die ihr dafür -geboten worden, hatte sie sich nie zu entschließen vermocht, sich von ihm -zu trennen. Es war ja nicht nur ihr bestes, sondern auch ihr liebstes Bild. -Zwei Kinder stellte es vor, einen Knaben und ein Mädchen, die auf weichem -Waldesrasen von ihrer Beschäftigung ausruhend, auf welche das bis an -den Rand mit rothglänzenden Erdbeeren gefüllte Körbchen hinwies, das -zwischen ihnen und der zu ihren Füßen Wache haltenden prächtigen Dogge -stand, eingeschlummert waren. Des Mädchens blondumlockter Kopf war an die -Schulter des kräftigen Jungen gelehnt, während dieser zum Schutze seinen -Arm um dessen Nacken geschlungen hielt. - -Lange weilte Malwinens Auge auf dem Bilde. Aber allmählich verdüsterte -sich ihr Blick. Nicht mehr mit träumerischer Wehmuth, sondern mit -feindseligem Trotze starrte sie jetzt auf das Abbild desjenigen, der ihre -Gedanken abermals mit unwiderstehlicher Gewalt gefangen genommen. Sie -zürnte ihm. Warum kam er, den schwer errungenen Frieden ihres Herzens zu -stören? Hatte sie nicht genug durch und um ihn schon gelitten? Wer gab -ihm das Recht, sich bei ihr einzudrängen und übermüthig die heißen, -qualvollen Kämpfe ihrer Seele zu erneuern? Nein, das wollte sie nicht -dulden! Sie wollte ihn nicht wiedersehen! - -Rasch entschlossen, trat sie an den Glockenzug, um durch die herbeigerufene -Dienerin ihren Gatten bitten zu lassen, den heute zu erwartenden Gast -allein zu unterhalten, da sie in Folge plötzlichen Unwohlseins gezwungen, -sich zur Ruhe zu begeben, an der Gesellschaft nicht theilnehmen könne. - -Aber als sie die Hand ausstreckte, um die Klingelschnur zu ziehen, ward an -die Thür geklopft, und im nächsten Augenblicke stand Hellwig vor Malwinen --- nicht als der frohsinnsprühende, kecke Junge, der Gefährte ihrer -Kindheit, nicht als großaufgeschossener, schlanker Jüngling, das Herz -voll Jugendlust, den Kopf voll hochfliegender Pläne, das Ideal ihrer -ersten Liebe, sondern in der Vollkraft reifer, aber frischer, ungebrochener -Männlichkeit. Wohl hatte die Zeit in die breite, gewölbte Stirn zwei -tiefe Furchen eingeschnitten, die von schwerer Gedankenarbeit oder auch von -erlittenem Gram erzählten, und der mächtige, dichte Vollbart kam Malwinen -ungemein fremd vor; aber als das seelenvolle, tiefblaue Auge mit seinem -warmen Strahl ihr Auge traf, da erkannte sie ihn wieder, den wohlbekannten -Blick des Freundes. Und so sonderbar ist das Menschengemüth! Während sie -vor wenig Augenblicken noch fest entschlossen war Alfred nicht zu sehen, -freute sie sich jetzt von ganzem Herzen seines Wiedersehens. Auch die bange -Beklommenheit, die sie bei seinem unerwarteten Eintreten ergriffen hatte, -wich allmählich vor dem kameradschaftlich treuherzigen Tone, den der -einstige Spielgenosse in altgewohnter Weise anschlug. - -Er wußte so anmuthig zu plaudern. Zuerst berichtete er von den Reisen, die -er nach Vollendung seiner Universitätsstudien unternommen, in lebhafter, -fesselnder Darstellung die Eindrücke schildernd, die das Gesehene und -Erlebte auf ihn geübt. Dann erzählte er, von welch hoher Freude er -erfüllt ward, als er von den Erfolgen hörte, die Malwine auf ihrer -künstlerischen Laufbahn erntete. Und schließlich kehrte er zu ihrer -Kinderzeit zurück, der Jugendfreundin tausend kleine, gemeinschaftlich -durchgemachte Erlebnisse ins Gedächtniß rufend, die ihnen damals als -große, wichtige Abenteuer erschienen waren. - -Ob sie sich noch erinnere, fragte er sie, wie sie einst im Walde, von einem -heftigen Gewitter überrascht, in einer auf der an den Wald grenzenden -Wiese zur Aufbewahrung des Heues errichteten Bretterhütte Schutz gesucht, -und in Folge der überstandenen Angst und der Ermüdung des raschen Laufes -und wohl auch vom starken Duft des frischen Heues betäubt, in so -tiefen Schlaf gesunken waren, daß sie den Abend und die ganze Nacht -ununterbrochen schliefen, bis sie am anderen Morgen ein sich mächtig -regender Appetit erweckte, worauf sie sich etwas kleinlaut und bange -vor dem Schelten der beunruhigten Eltern, die sie mit Angst und Sorge -vergeblich gesucht, nach Hause schlichen? - -Und ob Malwine daran noch denke, wie sie einmal auf einer ihrer häufigen -Excursionen nach der auf einem nahen Hügel gelegenen Burgruine, mit -einer Laterne versehen, in den unterirdischen Gängen und Gewölben des -Ritterschlosses herumstöberten, fest überzeugt, daß sie entweder einen -verborgenen Schatz, oder aber das Knochengerippe irgend eines in dem -Verließe verschmachteten Gefangenen entdecken müßten? - -»Ah,« rief Alfred lachend, »ich that damals gar muthig und verwegen, -ich versichere Dich aber, als uns das Licht in der Laterne plötzlich -verlöschte und wir rathlos in dem finsteren, von dumpfem Modergeruch -erfüllten Kellerraum standen, da war mir ganz abscheulich grausig zu -Muthe, und hätte nicht der Gedanke, daß Furcht für einen Mann eine -Schande sei, mir Kraft gegeben, so hätte ich sicherlich vor Angst -geweint.« - -Und so plauderte er weiter, an dieses und jenes Begebniß aus ihrer -Jugendzeit erinnernd, nach dem einen oder anderen Bekannten jener Epoche -sich erkundigend, und dazwischen verflocht er die Erzählung späterer -Ereignisse. - -Malwine hörte ihm schweigend zu. Selten unterbrach sie seine Rede durch -eine Frage oder durch eine eingestreute Bemerkung. Ihr war es, als sei die -sie umgebende Wirklichkeit, alles, was sie sah und hörte, nicht Wahrheit, -sondern ein Traumgebilde. Und im Traume sah sie sich ins Elternhaus -zurückversetzt -- als Mädchen -- und Alfred, den zu lieben sie nie -aufgehört, sei heimgekehrt, um -- sie dachte den Gedanken nicht zu Ende. - -Allmählich veränderte Alfred sein Gesprächsthema. Von seinen eigenen -Erlebnissen ging er auf jene Malwinens über, sprach von ihren Gemälden, -dann von ihren Eltern, von ihrem Gatten und von dem schweren Unglücke, -das durch dessen Erblindung ihn und sie getroffen, augenscheinlich bemüht, -Malwine zu Mittheilungen über sie selbst und ihr Leben zu veranlassen. -Aber ihre Antworten waren kurz und ausweichend, und so war er genöthigt, -die Unterhaltung selbst weiterzuführen. - -Plötzlich unterbrach er sich. Sein über das scheinbare Chaos von -Gemälden, Sculpturwerken, Alterthümern, Decorationsstücken und den -sonstigen unzählbaren im Atelier zerstreuten verschiedenen Gegenständen -schweifender Blick war auf das Bild mit den beiden Kindern gefallen, und -mit einem Ausrufe lebhafter Ueberraschung war er aufgesprungen, um es -näher zu betrachten. - -»So hattest Du des wilden Jungen doch nicht gänzlich vergessen,« sagte -er dann. »Dieses Bild giebt Zeugniß, daß Du manchmal seiner gedacht.« - -Ein feines Incarnat überzog Malwinens Wangen. - -»Wer würde seiner Kindheit vergessen,« entgegnete sie, »zumal wenn -dieselbe eine glückliche war?« - -Alfred antwortete nicht. Er war an das offene Fenster getreten, von welchem -aus sich ein herrlicher Fernblick darbot über das weite Thal, den stillen -See mit seinem stolzen Königsschlosse und den himmelanstrebenden Bergen -im Hintergrunde. Die sinkende Sonne sendete ihren letzten Strahlengruß und -die pittoresken Formen der blaugrünen Gebirge zeichneten sich scharfkantig -auf dem in leuchtenden Farbentönen von dunklem Violett bis hellem -Rosa erglühenden Firmamente ab. Munter und behende glitt ein kleines -Dampfschiff über den See, und die sich hinter demselben hinziehende -Wasserfurche glitzerte und glänzte wie flüssiges Gold. Ein sanfter -Lufthauch strich durch die Blätter der Bäume, wiegte die Spitzen der -schlanken, grünen Grashalme und die Kelche der Blumen und tändelte -mit dem Strahle des Springbrunnens im Garten. Aus dem Zimmer des Blinden -klangen leise, wie aus ferner Welt, weiche, innige Geigentöne. - -»Malwine,« unterbrach Alfred plötzlich das eingetretene Schweigen, indem -er mit fast brüsker Raschheit sich vom Fenster weg zu ihr wendete, »Du -weißt die eigentliche Ursache meines Hierherkommens noch nicht.« - -Erstaunt und fragend blickte Malwine in das heftig erregte Antlitz des -Freundes. - -»Die eigentliche Ursache Deines Kommens --?« - -»Ja, die weißt Du noch nicht,« wiederholte Alfred. »Ich bin gekommen, -Dich zu fragen, ob Du glücklich bist? Ob Deine Ehe eine glückliche ist, -ob Dein Gatte nicht nur Deine Hand, sondern auch Dein Herz besitzt?« - -»Und ich,« erwiderte Malwine kalt, »muß Deine Frage mit einer -Gegenfrage beantworten, wer Dir das Recht giebt, derartige Erklärungen von -mir zu fordern?« - -»Wer mir das Recht giebt?« stieß Alfred mit gepreßter Stimme hervor. -»Meine Liebe giebt mir das Recht hierzu. Ja, Malwine, ich liebe Dich, -ich habe Dich immer geliebt. Aber als kindischer Junge an Deiner Seite -hinlebend, da wußte ich es selbst nicht, daß meine Liebe eine tiefere, -mächtigere sei als die brüderliche Zuneigung zur Jugendfreundin. Als -ich fern von Dir weilte in weitem, fremdem Lande, da wurde es mir freilich -klar, daß ich Dich liebte mit der ganzen Kraft meines Herzens, aber -brieflich um Dich werben, Dir brieflich das Geständniß ablegen, das -wollte ich nicht. Du solltest frei sein, die Jahre unserer Trennung, so -dachte ich, würden auch Dich die Klarheit über Dich selbst gewinnen -lassen, ob Du in mir nur den Kameraden sahst, oder ob Du mich so liebtest, -wie mir manchmal die sinnbethörende Hoffnung meines Herzens vorspiegelte. --- Heimgekehrt, erfuhr ich, Du seiest verlobt. -- Ich habe in diesen Jahren -redlich mit mir gerungen, Malwine, ich hab' es versucht, meine Neigung zu -bekämpfen, Dich zu vergessen. Ich kann es nicht. Ein Dämon des -Zweifels flüstert mir unablässig zu, daß Du vielleicht mir doch nicht -unwiederbringlich verloren seiest, daß Du diese Ehe vielleicht ohne -Liebe eingegangen, daß nicht Doctor Wilnau es ist, der Dein Herz besitzt, -sondern --« - -»Halt ein!« rief Malwine, deren Wangen Todesblässe überdeckte. - -Aber Alfred gehorchte nicht. - -»Nein, erst soll mir Gewißheit werden,« fuhr er fort, indem er ihre -beiden Hände erfaßte und gegen sich hinzog. »Sprich nur das eine Wort, -sprich es aus, Malwine, ob Du ihn liebst! Wenn es so ist, wenn es ihm -gelungen, Dein Herz zu gewinnen und Dich zu beglücken, ich schwöre es -Dir, dann will ich schweigend dieses Haus verlassen und Du sollst niemals -wieder von mir hören. Wenn aber Deine Ehe ein Irrthum war, wenn sie Dir -das Glück nicht bietet, das Du von ihr erhofft, wenn Du mich liebst --- dann, o dann wird keine Macht der Erde Dich in diesen Fesseln -zurückhalten, ich werde sie zu sprengen wissen und vor Gott und der Welt -wirst Du mein Weib werden!« - -Malwine schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Athem drang schwer -und zitternd aus ihrer hochwogenden Brust. - -Tief und tiefer beugte sich Alfred's Angesicht auf ihr Haupt hernieder. -Seine Lippen berührten die ihrigen, und ihm ward die Gewißheit, nach der -er sich gesehnt -- - -Ein heller Glockenton weckte die Beiden aus der seligen Trunkenheit des -ersten Kusses der Liebe. Es war das Zeichen zum Abendtisch. - -Auf der Veranda fanden sie Gesellschaft. Einige Herren aus der Umgebung -waren zum Besuche des Doctors eingetroffen und der gastfreundliche Hausherr -hatte sie zum Abendbrot gebeten. Malwine war froh, nicht mit Richard und -Alfred allein zu sein. Die Rolle, die sie jetzt zwischen beiden Männern -hätte spielen müssen, wäre ihr als Lüge erschienen, und ihrer geraden, -offenen Natur war Lüge unerträglich. Die Gegenwart der Fremden enthob -sie des trügerischen Spieles, indem sie allen Anwesenden die gleiche -freundliche Aufmerksamkeit schenkte. Aber während sie über des einen mehr -oder weniger geistreichem Wortspiele höflich lächelte, von einem Anderen -sich den Unterschied zwischen der englischen und russischen Art der -Bereitung des Thees erklären ließ, oder mit einem dritten über die -realistische Richtung in der dichtenden und bildenden Kunst discutirte, war -ihr Gedanke doch nur bei dem, der ihr gegenüber saß, aus dessen Auge ihr -unermeßliche Liebe und unermeßliche Freude entgegenleuchtete, und bei -ihrer nächsten Zukunft, die ihr ein neues, bis jetzt noch nicht gekanntes -Glück bringen sollte. - -Die Abendstunden gingen vorüber und die Gäste kehrten heim. Mit einem -flüchtigen »Schlafe wohl!« und einem raschen Händedruck verabschiedete -Malwine sich von ihrem Gatten, um sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen. -Sie bedurfte der Einsamkeit, um über das Geschehene und noch zu -Geschehende nachzudenken, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn alles war -ja so plötzlich, so unvorbereitet über sie hereingebrochen. - -»Morgen komme ich wieder, um mit Dir alles Nöthige zu besprechen,« hatte -Alfred ihr beim Weggehen zugeflüstert. - -Ja morgen, morgen! - -Verwundert schaute Malwine um sich, als sie die Thür zu ihrem neben dem -Schlafzimmer gelegenen Boudoir öffnete. Ein starker, süß betäubender -Wohlgeruch drang ihr entgegen. Und nun erblickte sie einen mächtigen -Heliotropenstrauß -- ihre Lieblingsblumen -- und vor demselben ein -kleines Etui aus dunklem Leder. Es enthielt einen goldenen Armreif, dessen -Innenseite das Datum zweier Tage trug, des morgigen und desselben Tages vor -fünf Jahren. - -Was sollte all dies bedeuten? - -Ach, jetzt fiel es ihr ein. Morgen war der fünfte Jahrestag ihrer -Vermählung. Und diese Geschenke kamen von Richard, der ihr damit ein -Zeichen geben wollte, daß er dieses Tages mit Freude gedenke. - -»Richard, Richard!« stammelte sie, und einer mächtigen Sturmfluth gleich -überwältigte sie die Erinnerung an den, dessen Frau sie war, der sie -liebte und dessen sie, im heißen Drange ihrer eigenen wieder erwachten und -jetzt erwiderten Liebe, nimmer gedachte. - -Mit einem halb unterdrückten Wehruf sank Malwine auf die Kissen des Divans -und preßte die Hände vor ihr zuckendes Gesicht. Ihr Denken drehte sich -wirr im Kreise und ein wilder, brennender Schmerz umschnürte wie mit -eisernen Klammern ihre Brust. - -Doch allmählich glätteten sich die Wogen ihrer vom Grunde aufgewühlten -Seele und ihr Geist gewann die Klarheit wieder, welche die aufgewiegelte -Leidenschaft auf Augenblicke zu trüben vermocht. Sie überdachte die fünf -Jahre ihrer Ehe, fünf Jahre der treuesten, innigsten Liebe ihres Mannes. -Sie gedachte jenes entsetzlichen Tages, als seine dauernde, unheilbare -Erblindung zur unzweifelhaften Gewißheit geworden. Sie selbst war die, -wenn auch schuldlose Ursache dieses Unglückes. Als sie an schwerer und -ansteckender Krankheit daniedergelegen, war Richard, als ihr Arzt -und Pfleger, nicht von ihrem Lager gewichen. So hatte er das Gift der -mörderischen Krankheit eingesogen. Malwine genas -- er erblindete. Und -als er ihr Schluchzen hörte, das sie, von heißem Mitleid ergriffen, nicht -zurückzudrängen vermochte, da versuchte er es, sie zu trösten. - -»Weine nicht!« sprach er, »denn ich bin nicht bedauernswerth. Ich fühle -mich unvergleichlich glücklicher -- wenn auch blind -- an Deiner Seite, -als mit gesunden, sehenden Augen ohne Dich.« - -Und von diesem Manne, dessen einziges Glück in der düsteren Nacht seines -Lebens sie war, sollte sie sich abwenden? Dieses Herz sollte sie von sich -stoßen, das warm und liebend nur für sie schlug? O, sie wußte es wohl, -wenn sie es ihm sagte, daß ein Anderer ihre Liebe besitze, er würde der -Trennung ihrer Ehe und ihrer Verbindung mit dem, den sie liebte, nicht -entgegen treten. Er war zu groß und edel, um ein Wesen mit Gewalt an sich -gekettet zu halten, das nicht in freier Wahl und Neigung sein eigen war. -Aber konnte sie es denn? Vermochte sie es, auf den Trümmern des durch ihre -Hand vernichteten Lebensglückes der großmüthigsten Seele ihr eigenes -selbstsüchtiges Glück zu erbauen? - -Schwer und mühsam erhob Malwine sich von ihrem Sitze. Sie trat auf die -Terrasse. »Er schläft,« dachte sie. »Kein Traumgott flüstert es ihm -zu, daß ich hier stehe, eines Anderen gedenkend; daß ich, seine Frau, -die Hand erhoben, um sein Lebensglück zu zerstören. Schlummere ruhig, Du -Guter, Edler, möge auch mein eigenes Herz darüber brechen, Deine Liebe -werde ich nicht verrathen --!« - -Da tönten leise, wie eine Antwort auf ihrer Seele Ruf, süße Klänge -durch die stille Nacht. Richard stand am offenen Fenster und spielte. Er -spielte für sie, spielte ihr liebstes Lied. - -Plötzlich legte sich ein weicher Arm um seinen Nacken und ein treues Haupt -an seine Brust. Er ließ die Geige sinken und drückte einen Kuß auf das -lockige Haar. Ein heißer Tropfen fiel auf seine Hand. - -»Du weinst, Geliebte?« - -»O lasse mich weinen, Richard! Sollte ich ungerührt bleiben ob Deiner -unendlichen Güte, Deiner unendlichen Liebe?« - -Lächelnd zog Richard seine Frau fester an sich. - -»Du weinst, weil ich Dich liebe! Ich aber weine nicht, ich bin so -glücklich, und doch liebst ja Du auch mich?« - -»Ich liebe Dich!« - -»Und wirst mich ewig lieben?« - -»Ewig!« - - * * * * * - -Am anderen Tage um die Mittagsstunde trat Alfred durch das Gitterthor des -Gartens auf die Straße. Malwine hatte ihm für immer Lebewohl gesagt. - -Als Pfand ihrer Freundschaft nahm er das Bild der beiden Kinder auf dem -Waldesrasen mit sich. Es hing fortan über seinem Arbeitstische. Und -in schweren Stunden des Kampfes zwischen Pflicht und Neigung, wenn der -ungestüme, leidenschaftliche Drang der Natur recht zu behalten drohte -gegen die leise mahnende Stimme höherer Geisteserkenntniß, da blickte er -zu dem Bilde auf, und im Gedanken an sie, die ihn geliebt und ihre Liebe -der Pflicht geopfert, fand er, gleich ihr, die Kraft zum schwersten Siege, -zum Siege über das eigene Herz! - - - - -»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --« - - -Irgendwo las ich einmal vor langer, langer Zeit ein Volkslied. Ich vergaß -es wieder, nur eine Verszeile daraus ist in meiner Erinnerung haften -geblieben: - - »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --« - -Und diese Zeile summt mir im Kopfe, wenn ich meines jungen Freundes Erwin -gedenke -- - -Kaum dreijährig hatte er seine Mutter verloren. Und da er auch keine -Geschwister besaß, hängte er sich mit der ganzen Liebesfähigkeit -seines kleinen Kinderherzens an seinen Vater, der ihm der Inbegriff alles -Herrlichen, Guten und Edlen, kurz sein Abgott war. Und mit Recht. -Denn außer diesem Manne gab es wohl kaum einen zweiten, der mit solch -opfervoller Liebe für sein Kind sorgte. Mutter und Geschwister, Erzieher -und Kameraden wußte er ihm zu ersetzen. Außer den Stunden, die den -Knaben in der Schule, den Vater im Amte festhielten, sah man die Beiden -unzertrennlich beisammen. Der Vater repetirte mit dem Jungen dessen -Schulaufgaben, las ihm vor, theilte seine Spiele, nahm ihn auf den -Spaziergängen mit. So schmiegte sich die junge Seele immer inniger an den -väterlichen Freund und Berather an, und nichts spielte sich in des Sohnes -Leben ab, was er dem Vater nicht in kindlicher Hingebung vertraut hätte. - -Nur einmal ereignete sich etwas, was er ihm verschwieg. - -Eines Tages, als die Schule zu Ende war und das Jungvolk sich lachend und -plaudernd auf den Heimweg begab, trat einer der Knaben plötzlich an Erwin -heran und gab ihm einen Schlag ins Gesicht. - -Erwin war über diesen unerwarteten Angriff so überrascht, daß er erst -gar nicht daran dachte, sich zu vertheidigen. - -Der Andere aber lachte höhnisch auf und rief: »Das hast Du für Deinen -Vater bekommen, gieb es weiter an ihn, er verdient es!« - -Da stürzte sich Erwin, außer sich vor Zorn, Schmerz und Entrüstung auf -den Burschen und bläute ihn so durch, daß dieser, obgleich größer und -stärker als Erwin, sich dessen Schläge, die ihm auf Schulter, Rücken und -Gesicht nur so niederhagelten, nicht erwehren konnte. - -»Nimm es zurück, was Du gesagt hast, nimm es zurück. Sonst -- sonst --« -rief er, stammelnd vor Wuth, während seine kleinen Fäuste den Beleidiger -bearbeiteten. - -Der Andere versuchte Kopf und Gesicht mit seinen Armen zu decken, aber die -Raserei der Empörung seiner Gefühle verlieh Erwin solche Kraft, daß -sein Gegner, die Nutzlosigkeit jeder Vertheidigung bald einsehend, heulend -schrie: »Hör' auf! Ich will es nicht wieder sagen, gewiß nicht! Hör' -auf, hör' auf!« - -Da hielt Erwin in der Züchtigung des Buben inne. Er hob seine Schultasche, -die er, um die Arme frei zu bekommen, von sich geworfen, vom Boden auf, und -ohne sich um den Gemaßregelten, noch auch um die anderen Schulkameraden, -die dem wilden Auftritte theils erschreckt, theils lachend zugeschaut -hatten, weiter zu kümmern, verließ er raschen Schrittes, noch schwer -athmend und mit von der Erregung und Anstrengung gerötheten Wangen und -blitzenden Augen den Kampfplatz. - -Er ging nicht gleich nach Hause. Es war ihm beklommen zu Muthe. Er mochte -dem Vater das Erlebte nicht mittheilen, ihm die abscheulichen Worte nicht -wiedererzählen, die der freche Bursche ihm zugeschrien. Nein, das mochte -er nicht. Er hätte, sie nicht über die Lippen gebracht, so sehr schämte -er sich, sie gehört zu haben. Darum mußte er sich erst Zeit gönnen, um -sich zu beruhigen und dem Vater unbefangen gegenüber treten zu können. - -Er machte einen weiten Umweg und als er, nothgedrungen, endlich doch seinem -Heim zuschritt, fühlte er es als eine willkommene Erleichterung, von der -ihm die Wohnungsthür aufschließenden alten Dienerin zu hören, daß sein -Vater eben einen Boten mit der Nachricht geschickt habe, Erwin möge -mit dem gewohnten abendlichen Spaziergang nicht auf ihn warten, da er -dienstlich verhindert sei, zur üblichen Stunde nach Hause zu kommen. -Sonst war Erwin solches ihm aufgedrungenes Alleinsein ein unerfreulicher -Zwischenfall, heute empfand er es als eine Wohlthat. - -Er setzte sich an seinen Arbeitstisch, und so schwer es ihm anfänglich -auch fiel, seine Gedanken bei seinen Schulaufgaben festzuhalten, gelang es -seinem angestrengten Willen doch, die flüchtigen zu bannen. Allmählich -übte die Arbeit ihre segensreiche Wirkung, sein erregtes Gemüth Ruhe -finden zu lassen, und als der Vater, ihn begrüßend, Abends in sein -Zimmer trat, lag kein Schatten von Verstimmung mehr im klaren Blicke seines -Sohnes. - -Die Tage rollten wieder dahin im altgewohnten Geleise. Wohl tauchte hin -und wieder die Erinnerung an den ängstlich verschwiegenen Vorfall mit -peinlicher Lebendigkeit in Erwin's Seele auf, und zuweilen schien es -ihm, als könnte er den Stachel, den er in seinem Herzen zurückgelassen, -ausreißen, wenn er ihn seinem Vater erzählte. Aber so oft der Gedanke an -Mittheilung des Geschehenen näher an ihn herantrat, fühlte er zugleich -das innerliche Unvermögen hierzu -- und so schwieg er und vergaß es -allmählich selbst. - -Eine Reihe von Jahren war verflossen, der Knabe zum Jüngling gereift. -- -An dem innigen Verhältniß zwischen Vater und Sohn hatte die Zeit aber -nichts geändert, die Beiden schienen unter einem Himmel friedlichen, -wolkenlosen Glückes zu wandeln. - -Doch als der Vater einmal von einer mehrwöchentlichen Dienstreise -heimkehrte, fand er Erwin, den linken Arm in der Schlinge tragend. - -»Eine Bagatelle -- ein leichter Säbelhieb, in einer Studentenpaukerei -davongetragen -- weiter nichts« -- so beruhigte Erwin den besorgten Vater. -Und auf sein näheres Befragen erzählte er ihm, wie sich aus einem -ganz unbedeutenden Vorfall ein Wortwechsel zwischen ihm und einem seiner -Collegen entwickelt und ein Duell zur Folge gehabt habe. - -Es war eine Lüge, was Erwin berichtete -- die erste Lüge seines Lebens. -Die Ursache des Zweikampfes war eine ganz andere als jene, die er dem Vater -erzählte. - -Eines Abends, als Erwin im Kaffeehause einer Billardpartie seiner Collegen -zuschaute, hörte er im Laufe eines von zwei in seiner Nähe an einem -Tischchen sitzenden Herren mit leiser Stimme geführten Gespräches den -Namen seines Vaters fallen. Erwin trat unauffällig näher an sie heran und -horchte auf. Der ältere der beiden Herren erzählte dem jüngeren, daß -er um Verleihung der Stelle als Bahnarzt bei der St.'schen -Eisenbahngesellschaft eingekommen sei, nachdem dieselbe durch den Tod eines -gewissen Doctor Berger, der sie zuletzt bekleidet, frei geworden. Er warte -nur auf Herrn K...'s -- dies der Name von Erwin's Vater -- Rückkehr, -dessen Stimme, wie er wisse, bei der Besetzung der Stelle maßgebend -sei, um sich persönlich vorzustellen und ihn um Berücksichtigung -seines Gesuches zu bitten. Seine langjährige und, wie er glaube, nicht -verdienstlose Praxis berechtigte ihn wohl, auf Erlangung der betreffenden -Stelle zu hoffen. - -Da lachte der Jüngere, und indem er Erwin mit herausforderndem Blicke -maß, wobei dieser in ihm den ehemaligen Schulkameraden erkannte, -dessen beleidigenden Ueberfall er mit seinen wackeren, kleinen Fäusten -gezüchtigt, sagte er: - -»Ihre Verdienste werden Ihnen wenig nützen. Darauf dürfen Sie nicht -hoffen. Auch das Gesuch meines Vaters wurde eben um jenes Doctor Berger -willen, eines ganz unfähigen Arztes, abgewiesen. Wenn Sie reussiren -wollen, geben Sie Herrn K... einige hundert Franken, und Sie werden die -Stelle erhalten.« - -Diese Worte waren die Ursache von Erwin's Zweikampf mit dem, der sie -gesprochen, gewesen. Zum zweitenmale hatte er seinen Arm erhoben zur Abwehr -einer Beschimpfung seines Vaters. Doch wie einst als Knabe, schwieg er auch -jetzt als Mann. Wie damals hätte er auch heute die schmachvollen Worte -nicht zu wiederholen vermocht, die der freche Verleumder auszusprechen -gewagt. Wozu auch? Wußte er doch, daß an der Ehrenhaftigkeit seines -Vaters kein Flecken haftete, und lag es doch klar am Tage, daß nur der -Grimm ob der sicherlich berechtigten Zurücksetzung zu Gunsten eines -verdienstvolleren Mannes es war, was den verwegenen Buben gegen ihn und -seinen Vater zu Haß und Verleumdung aufstachelte. - -Mit lächelnder Ergebung nahm Erwin die väterlichen Ermahnungen vor einer -Wiederholung ähnlicher, thörichter Schlägereien entgegen und freute -sich im Stillen, daß ihm die Täuschung seines Vaters, die seinem -wahrheitsliebenden Herzen gar nicht leicht fiel, so gut gelungen war. - -Die Wunde heilte rasch, und wieder glitt das Leben der Beiden in seiner -altgewohnten, friedlichen Weise dahin. Doch da kam ein Tag, da Erwin am -Krankenlager seines Vaters stand, und ein anderer, da er schluchzend an -seinem frischen Grabe kniete. Und dann kam eine Stunde -- - -Monate waren seit seines Vaters Hinscheiden verflossen, als Erwin es -endlich über sich gewann, ordnende Hand an dessen hinterlassene Papiere -zu legen. Das heiße Weh seines unersetzlichen Verlustes packte ihn -mit erneuter Gewalt, als er mit zitternden Fingern unter den vergilbten -Blättern wühlte -- sterbende Spuren des erstorbenen Lebens. Briefe, -Zeichnungen, amtliche und Geschäftspapiere glitten durch seine Hand. -Wichtiges wurde zur Seite gelegt, anderes dem Feuer übergeben. Ganze -Stöße lohten bereits leise flüsternd und knisternd im Kamin. Erwin -trennte sich schwer von diesen Blättern. Allein, er hielt es für gut so. -Wußte er denn, wenn auch für ihn der Augenblick kommen würde, der in der -Vernichtung waltenden Naturkraft seinen Tribut zu zahlen? Und kein fremdes -Auge sollte mit kalter Neugier das ihm theuerste Vermächtniß entweihen. -Immer neue und neue Schriftenbündel wanderten in den Kamin, der vom -Papierfeuer rasch erhitzt, milde Wärmeströme in das Gemach ausstrahlte, -in welches vom Garten her durch das halbgeöffnete Fenster kalte Nachtluft -drang. - -Es war im Frühling. Das lockende Lächeln sonniger Tage hatte das -schlummernde Leben der Natur wachgeküßt -- um ihr Vertrauen grausam zu -enttäuschen. Ein heftiges Gewitter hatte neuen Schnee auf die nahen Berge -gebracht, und jetzt, als der nächtliche Himmel klar und sternhell über -der blühenden Erde sich wölbte, lauerte der Frost, um den segenspendenden -Thau in lebenmordendes Eis zu verwandeln. - -Hier in der stillen Kammer flatterte Blatt um Blatt, von der geliebten, -liebenden Hand beschrieben, in die züngelnden Flammen, um auf dem Hügel -des grauen Aschengrabes den vorangegangenen Brüdern sich zuzugesellen. -Da, Briefe der Mutter, die er nie gekannt, dort von Freunden des Vaters, -dazwischen Rechnungen, Quittungen, geschäftliche Aufzeichnungen. Und hier -ein Notizbuch, ganz von der Hand des Vaters ausgefüllt. Erwin schlägt es -auf und blättert darin. Sein Auge feuchtet sich. Es sind nur Zahlen, die -das Büchlein enthält. Und doch, wie rütteln diese nüchternen, trockenen -Zahlen an seiner Seele, den unermeßlichen Verlust, den sie erlitten, neu -verschärfend! Es enthält die Einnahmen und Auslagen seines Vaters durch -eine lange Reihe von Jahren mit pünktlichster Genauigkeit verzeichnet. Auf -der einen Seite die Einnahmen, sie bleiben sich stetig gleich: die Rente -des winzigen Vermögens und das langsam aufsteigende Gehalt des Vaters. -Auf der gegenüberstehenden Seite die Auslagen: Wohnung, Kost, Kleider -- -außer der Bestreitung der gemeinschaftlichen Bedürfnisse größtentheils -Auslagen für ihn, Erwin, sein Schulgeld, Bücher und so weiter. Der -gute Vater, wie wenig hatte er sich gegönnt, um dem Sohne Genügendes zu -bieten! - -Schon ist Erwin im Begriffe, das Büchlein zur Seite zu legen. Mit -lässigem Finger schlägt er noch ein Blatt zurück. - -Da verfärben sich plötzlich seine Wangen, weit öffnet sich sein Auge, -sein erstarrender Blick heftet sich auf ein kleines Wörtchen. Auf der -Seite der Einnahmen, dicht unter dem Monatsgehalt, steht geschrieben: - -»Von Doctor Berger tausend Franken.« - - * * * * * - -Welk und todt senkten die vom nächtlichen Frost gemordeten Blüthen und -Blumen ihre Häupter, als Erwin am nächsten Morgen auf dem Wege nach dem -Amte sein Gärtchen durchschritt. Ohne ihrer zu achten, ging er an ihnen -vorüber. - -Die Freunde und Bekannten aber, die ihm begegneten, blickten ihm betroffen -nach. Kaum erkannten sie ihn wieder, so verändert schien er. Er war nicht -krank gewesen -- und doch sah er um viele Jahre gealtert aus -- - - »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --« - - - - -Der kleine Geiger. - - -In einer mächtigen deutschen Stadt weiß ich ein schönes Haus, in dem ich -manch glückliche Stunde meines Lebens verbracht. Nicht mitten im Gewühle -des Häusermeeres ist es gelegen, sondern außerhalb des Stadtthores, dort, -wo vor etwa dreißig Jahren noch tiefer Wald gestanden. »Garten« wird -dieses von ausgedehnten Plätzen und breiten Straßen durchschnittene -Gebiet nunmehr genannt. Aber nicht in zierlicher Cultur und Kunst blickt es -dem Besucher überall entgegen; an manchen Stellen weist es noch die alte -Pracht und stolze Würde des einstigen Waldes auf. - -Jenes, mit der kleinen Geschichte, die ich hier erzählen will, verwebte -Stück des Gartens kann keinen Anspruch darauf erheben, ob seiner -großartigen, landschaftlichen Reize gerühmt zu werden, immerhin aber ist -es von lieblichem, dem Auge wohlthuenden Grün geschmückt, von frischer, -erquickender Luft durchweht und von weniger Menschen heimgesucht als andere -Partien des ausgedehnten Gartens. - -An der dieses Terrain durchschlängelnden schmalen Chaussee liegt das Haus, -zu welchem meine Erinnerung mich heute zurückführt. In griechischem Stile -mit feinem Geschmacke erbaut, die Vorderfront dem grünen, luftigen -Haine zugekehrt, durch Umzäunung und schattige Parkanlagen von -den Nachbarhäusern getrennt, erhebt es sich in schmuckloser, edler -Einfachheit. - -Im Frühling, wenn die linden Lüfte durch den großen Garten wehen und die -Rosenbäume und Hecken um die Villa ihren entzückenden Duft verbreiten, -dann klingen von allen Ecken des Hauses Gesang und Saitenspiel durch die -weitgeöffneten Fenster. Die schönsten und süßesten Klänge aber tönen, -nicht allen Vorübergehenden vernehmbar, von der Rückseite her, die frei -an einen öden, sandigen Bauplatz stößt. - -Wenige dachten daran, ihre Schritte dorthin zu lenken. Nur ein kleiner -Kinderwagen wurde, am weiten Tummelplatze fröhlich spielender Knaben und -Mädchen vorüber, täglich dahingerollt. Das halbwüchsige Mädchen, -das den Wagen leitete, trabte stets wieder von dannen, nachdem es für -denselben ein Plätzchen im Schatten des Hauses gefunden und allerlei -Steinchen, Gräser und Blätter auf das Bettchen im Inneren des Wagens -gelegt hatte. - -Das erregte gar sehr meine Neugierde und einmal, als ich wieder um -die Mittagszeit heimwärts schlenderte, ging ich flugs auf das winzige -Wagengebäude los, um einen kecken Blick auf dessen stillen Insassen zu -werfen, der hier täglich für lange Stunden der Einsamkeit anvertraut -wurde. Leise schlich ich mich um die Ecke und schob das grüne Tuch, das -vom Wagendache herabhing, behutsam zur Seite. - -Da sah ich auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen Kissen einen -blonden Knabenkopf liegen, so weiß und bleich, als läge eine Gipsmaske -über dem Gesichtchen. Die Augen waren geschlossen und leiser Athem bewegte -kaum bemerkbar die Wangen und Nasenflügel des kleinen Träumers. Kein -Strahl des warmen, goldigen Sonnenglanzes, in dem die frühlingsfrische -Erde gebadet lag, fiel in die von dem kahlen Sandplatze umgebene Mauerecke, -wo der blasse Knabe in seinem dürftigen Strohwägelchen schlummerte. - -Armes Kind! Gern hätte ich Dich wachgeküßt. Aber ach, der Thränenstrom -aus mitleidsvollem Herzen hätte Dir nichts gefruchtet. Du brauchtest -kräftigere Arznei für Deine fahlen Wangen, für Deine so mühsam athmende -Brust -- Du brauchst das Glück. - -Ich wollte mich abwenden, um heimzugehen, aber da zog aus offenem Fenster -des Hauses ein sanfter Ton auf weicher Saite in die zitternde, webende -Mittagsluft, schwellte, wuchs und breitete sich und öffnete die müden -Lider des Schläfers. Der Knabe bewegte und bog sich aus dem engen -Wagenraum; beseligtes Staunen malte sich in den feinen Zügen und -aus großen, vertrauenden Kinderaugen blickte er hinaus in das blaue, -sonnendurchleuchtete Aethergewölbe über sich und hinauf zu dem Fenster, -aus dem die süßen Töne quollen. Immer voller und gewaltiger wurde der -Gesang der Saiten, immer strahlender das Auge und bleicher die Wange des -entzückten Lauschers, bis alles verklungen war. Dann sank er ermattet in -die Polster zurück und die farblosen Lippen flüsterten: »So wollt' ich's -können! -- Ach, wenn ich eine Geige hätte!« -- und ich ergrimmte ob -solch hilflosen Wehes der Sehnsucht. - -Der Künstler aber -- die Welt nannte ihn damals und nennt ihn noch heute -den »Geigenkönig« -- hörte mir lächelnd zu, als ich ihm von dem Knaben -erzählte, und machte ihm eine kleine Geige zum Geschenk. - -Als der Sommer kam, wurde für den Wagen des Kleinen eine andere Ruhestelle -gesucht, abseits vom Hause auf grünem Rasenplatz, im kühlen Schatten -dichtbelaubter Bäume. Aber auch hier schlich ich mich oftmals leise an und -belauschte ihn, wie er seine von ihm unzertrennliche Geige in den zarten -Händen hielt und darauf Töne zu bilden suchte, süße, liebliche Laute, -und ich freute mich, als ich sah, daß die Zufriedenheit des erfüllten -Herzenswunsches und der reichliche Aufenthalt im Freien die früher so -blassen Wangen des Kindes mit rosenfarbenem Anhauch überkleideten. - -Doch der Sommer enteilte. Die Rasenteppiche bleichten dem Winter entgegen; -die grünen Wälder färbten sich in gelbe und braune Tinten. Ein -langandauernder Regen fiel, und als sich der Himmel wieder aufheiterte, -brachte die nächste Nacht Reif und Frost. Auf Büschen und Bäumen waren -die vergilbten Blätter von der Nässe zusammengeklebt, und als die -müde Herbstsonne sie allmählich wieder getrocknet hatte, fielen -sie schaarenweise zur Erde, so oft ein Windstoß über sie hinfuhr. -Frostschauernd, ächzend und knarrend schüttelten sich die ihres -Laubgewandes entkleideten Bäume in den rauhen Stürmen. - -Und mit dem grünen Laub erbleichten auch wieder die Wangen des armen, -kranken Knaben. Sehnsüchtig blickte er aus der dunklen, feuchten -Portiersstube seiner Eltern ins Freie und gedachte der vielen guten -Stunden, die er draußen, von der warmen Sommerluft umweht, vom dichten -Blätterdach der mächtigen Buchen beschattet, verträumt hatte. Selten, -nur an ganz milden Tagen, wurde er in sein Wägelchen, und später, als der -Winter kam und mit seinem Schnee und Eis den großen Garten überzog, in -den Schlitten gesteckt und unter den buntgeblümten Kissen tief begraben, -für ein halbes Stündchen durch die Straße geführt. - -Fast täglich kam der freundliche Arzt zu dem kleinen Patienten, fühlte -ihm den Puls, strich mit sanfter Hand über sein blondes Haargelock und -verordnete dies und jenes als stärkende Nahrung. Und manchmal drückte er -eine Banknote in die zitternde Hand der verkümmerten Mutter, damit es ihr -leichter würde, seine Verordnungen auszuführen. - -Des Knaben einzige Freude war sein Geigenspielzeug. Fleißig übte er -Triller und Läufe; immer gewandter leiteten die schlanken Fingerchen den -kleinen Bogen über die Saiten und ein seliges Lächeln glitt über sein -Gesichtchen, wenn es ihm gelang, eine ihm besonders schwierig dünkende -Passage zu seiner Zufriedenheit zu bewältigen. - -Sein Lehrmeister aber war kein geringerer als der Geigenkönig selbst, der, -gerührt von der glühenden Sehnsucht nach Musik, die der Funke des Genies -in der Brust des siechen Knaben entzündet hatte, gar manchesmal -verstohlen in die enge, dumpfe Stube trat und dem vor freudigem Entzücken -verstummenden Kinde liebliche Weisen auf seiner Violine vorspielte. - -Jeder Tag, an dem solches geschah, war ein Festtag für den Kleinen, der -seine Geige, welcher der Meister so wunderbar herrliche Töne zu entlocken -wußte, wie ein Heiligthum betrachtete und die erlauschten Melodien -schüchtern nachzuspielen versuchte. - -Allein weder die Wissenschaft des Arztes, noch die stille Seligkeit des -Kindes, welche ihm die Beschäftigung mit seiner geliebten Musik gewährte, -vermochten es, dem Zerstörungswerke der finsteren Naturgewalten, die an -der Vernichtung dieses jungen Lebens arbeiteten, einen Damm zu setzen. -Immer fahler und eingefallener wurden des Knaben Wangen, breiter die -dunklen Ringe um seine Augen, fleischloser die zarten Glieder, und immer -matter und müder fühlte er sich. Bald wurde ihm selbst das Geigenspiel -zu einer Anstrengung, der seine schwindenden Kräfte nicht mehr gewachsen -waren, und traurig haftete der Blick seiner großen, glanzlosen Augen -auf dem Instrumente, das stumm und verstaubt auf dem Tische neben seinem -Bettchen ruhte. - -Da kam die Weihnachtszeit, und voll Glanz und Pracht und froher Lust wurde -das schöne Fest in der Künstlerfamilie gefeiert. Freunde, Bekannte und -Kunstgenossen waren von Nah und Fern herbeigeströmt, um im gastlichen -Hause des Geigenkönigs an der heiteren Festfeier theilzunehmen. Kaum -vermochte der geräumige Salon, in dem der fast bis an die Decke reichende -Christbaum in glänzend strahlendem Schmucke prangte, die reiche Zahl der -Gäste zu fassen. - -Das war ein Jauchzen und Jubiliren, ein Händeklatschen und Gläserklingen, -daß selbst die Ernstgesinnten vom Wirbel der Freude erfaßt wurden, daß -auch die Alten in die Lust der frohlockenden Kinderherzen mit einstimmten. - -Mir aber fiel mitten in den Lichtglanz der dunkle Schatten meines kranken -Schützlings, und der Gedanke beschlich traurig meine Seele, daß in dem -heiteren Kreise wohl Keiner des Armen sich erinnert. Unbemerkt schlich ich -mich aus den hellen Räumen ins Treppenhaus nach unten, um zu erfahren, wie -es dem Kleinen gehe. - -Auch in der Portierswohnung war Licht zu sehen, und ich trat ein. Mit -geschlossenen Augen, still und blaß, lag der Kranke in seinem Bettchen; -der Vater kauerte stumm in einem Winkel der Stube und begrüßte mich kaum; -die Mutter aber schlich weinend umher und machte sich tausenderlei, auch -ganz Ueberflüssiges, zu schaffen, nur um etwas zu thun zu haben. - -Sie wußten, daß es mit ihrem Kinde zu Ende ging. Der Doctor hatte es -ihnen gesagt, und der Zustand des abgezehrten, zu Tode erschöpften Knaben -bannte jede Hoffnung. - -Ich fand kein Wort des Trostes für die armen Alten. Beklommenen Herzens -setzte ich mich an die kleine Lagerstätte und hatte Mühe, meine eigenen -Thränen zurückzuhalten, angesichts des großen, mächtigen Schmerzes, der -den kummergebeugten Eltern bevorstand. - -Nicht lange hatte ich so, meinen traurigen Gedanken mich hingebend, -dagesessen, als der Kleine die Augen aufschlug und, als er mich bemerkte, -mühsam auf seine Geige hindeutete und, mich mit sanft flehendem Blicke -anschauend, seine winzigen, abgemagerten Händchen bittend ineinanderlegte. - -Ich verstand ihn. Rasch erhob ich mich von meinem Sitze und eilte zurück -in die lichtstrahlenden Räume zu den frohen Festgenossen. - -»Meister,« flüsterte ich, indem ich mich sachte an den Hausherrn -herandrängte, »unser kleiner Schützling da unten liegt im Sterben. Ihm -verlangt nach Euch und nach Musik. Wollt Ihr seines Lebens letzten Wunsch -erfüllen?« - -Da begegnete ein warmer, milder Strahl aus dem Auge des Künstlers dem -meinen. Leise drückte er mir die Hand und verließ mit mir den Saal. Er -holte seine Geige, und wenige Minuten später standen wir im Zimmer des -sterbenden Kindes. - -Und wieder rieselten die wundervollen Klänge gleich perlenden Toncascaden -von den bebenden Saiten, schwellend, wogend, säuselnd wie mildes -Frühlingswehen, innig wie liebenden Herzens Pochen, erhaben wie frommer -Gottgedanke. Und wie ein Gruß aus Engels Munde umschmeichelten die -lieblichen Melodien die entfliehende Kindesseele und umgaukelten sie mit -tönenden Zauberbildern. - -Und wieder schlug der Knabe in entzücktem Lauschen sein Auge auf, und -seine schmalen, bleichen Lippen lispelten fast unhörbar: - -»Er hat es gesagt, er selber, auch ich werde Geigenkönig wie er!« - -Ein sanftes, seliges Lächeln verklärte seine Züge, ein zitternder -Seufzer hob die eingefallene Brust, und eingelullt von stolzem -Hoffnungstraum und süßer Harmonien Sang entschlief er. - -Oben ward das Weihnachtsfest bis zum hellen Morgen gefeiert. Und als ich -Abschied nahm vom Meister, da wollte mein Mund niedersinken auf des edlen -Menschen Hand, der ruhm- und glückumgeben, der Elenden nicht vergißt und -ihnen Trost und Liebe spendet. - - - - -Die Harfenspielerin. - - -Aergerlich warf Julian die Feder fort, daß die Tinte aufspritzte. - -Da sollte der Henker diese mühsamen Rechnungen revidiren, während -vom Hofe herauf unausstehliches Harfengeklimper und eine müde, dünne -Mädchenstimme tönte, die sinnige Volkslieder und rohe Gassenhauer in -wüstem Durcheinander herableierte. - -Julian hatte der Sängerin schon eine Geldmünze zugeworfen, auf daß sie -den Platz räume und ihre musikalischen Productionen irgend anderswohin -verlege, wo sie ihn nicht in seiner Arbeit störten. Daran war aber -vorläufig nicht zu denken, denn die ganze Kinderwelt des großen Hauses -stand in einem Kreise um sie herum, ihren schrecklichen Vorträgen freudig -lauschend. Sie wollte sie noch nicht ziehen lassen, und die Harfenistin -blieb gern, auf eine Entlohnung von den Müttern der Kinder hoffend, die -theils an deren Seite stehend, theils von den offenen Fenstern aus dem -Jubel ihrer Kleinen zulächelten. - -Nochmals versuchte Julian, in seinen Rechnungen fortzufahren, doch ebenso -erfolglos wie früher. Die Ziffern und Zahlen tanzten ihm wie kleine, -neckende Kobolde vor den Augen. Bald wußte er nicht mehr, wie viel Rest -bleibe von achtundzwanzig Mark sieben Pfennige, nach Abzug von siebzehn -Mark zweiunddreißig Pfennige. - -»In der Weidlingau ist der Himmel blau --« klang es ihm in die Ohren. - -»Sechs Mark achtundzwanzig Pfennige. -- Nein, gefehlt!« - -»Ach, es wär' so schön gewesen --« - -»Sieben Mark fünfzehn Pfennige. -- Wieder falsch!« - -»Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n --« - -»Zum Teufel auch, wenn diese verdammte Schwalbe nur heimwärts zöge! --- Fünf Mark sechzehn Pfennige. -- Abermals gefehlt! -- Nein, so geht es -nicht, absolut nicht! Da könnte man verrückt werden.« - - »Wann's Mailüfterl weht, - Zergeht draußd' im Wald der Schnee --« - -Julian sprang von seinem Sitze auf. Er wollte lieber abwarten, daß Ruhe -würde, als sein Gehirn foltern mit solch vergeblicher Anstrengung. Was er -unter diesen Umständen herausrechnete, würde doch nur ein Unsinn sein. - -Jetzt stimmte das Mädchen das von Mendelssohn in Musik gesetzte alte -Volkslied an: - - »Es ist bestimmt in Gottes Rath, - Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden.« - -Julian liebte dies Lied ungemein. Er hatte es als Knabe oft gesungen. -Allerlei sanfte Erinnerungen erwachten in ihm: an das Elternhaus, an die -Gefährten, an seine frohe, glückliche Kindheit. Und jetzt ertappte -er sich dabei, wie er, gleich den Kindern im Hofe, der dünnen, etwas -umflorten Stimme der von ihm soeben noch so zornig verwünschten Sängerin -lauschte. Und jetzt trat er gar an das Fenster, öffnete es und blickte -hinab in den Hofraum, wo der Gegenstand seines Aergers mitten unter der -Schaar der entzückten Kleinen stand, spielte und sang. Ihre schwächliche, -hagere Gestalt beugte sich nach vorn über die Harfe, das Gesicht sah er -nicht, denn ein hoher, unmoderner Strohhut mit großen, gelben, schmutzigen -Seidenbändern und zerknüllten Kunstblumen von derselben Farbe geziert, -entzog es seinen Blicken. Ein verwaschenes Kattunröckchen und ein blaues, -mit weißen Schnüren benähtes Sammetjäckchen vervollständigten ihren -Anzug. Man sah es deutlich, diese Kleider waren, unbrauchbar geworden, -von ihren früheren Eigenthümern statt weggeworfen zu werden, der -armen Harfenistin geschenkt worden. Sie sah komisch genug aus in dieser -verwitterten, theatralischen Gewandung. Man hätte darob lächeln mögen, -hätte ihre Armseligkeit nicht so traurig gestimmt. Und noch verschärft -wurde dieser Eindruck durch das Lied, das sie eben sang, dies Volkslied, -das in seiner schlichten Wehmuth so ergreifend wirkt: - - »Es ist bestimmt in Gottes Rath, - Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden --« - -klang es wieder in schrillem, von der Uebermüdung schon heiserem Tone von -den Lippen der jungen Bänkelsängerin; ihre Finger griffen mechanisch die -Accorde in der alten Harfe und die großen gelben Bänder und Blumen auf dem -lächerlichen Hute nickten und flatterten im Winde. - -Julian's Unmuth war gänzlich verflogen, Mitleid stahl sich in sein Herz. -Er holte noch eine zweite kleine Geldmünze aus seinem Täschchen, wickelte -sie in Papier und warf sie der fahrenden Sängerin vor die Füße. Diese -hatte eben das Lied beendet, sie hob die Münze vom Boden auf, und als sie -den Kopf neigend nach dem Fenster hinauf dankte, in dem Julian lehnte, -sah er in ein blasses Gesichtchen, aus dem ihm dunkle, traurige Augen -entgegenblickten. Er nickte ihr freundlich zu und schaute ihr nach, -als sie, die schwere Harfe auf den Rücken ladend, deren Bürde ihr -schwächlicher Körper schier nicht tragen zu können schien, langsam dem -Hofthor zuschritt. Dann machte er sich an seine unterbrochene Arbeit und -in einer Viertelstunde hatte er die Musikantin in der blauen Sammtjacke und -mit den gelben Blumen auf dem Hute völlig vergessen. Doch wie unbewußt -pfiff er leise die Melodie des Liedchens vor sich hin: »Es ist bestimmt in -Gottes Rath --« - -Wie allabendlich schlenderte er auch heute nach Schluß seiner Amtsstunden, -»der Straßen quetschenden Enge« entfliehend, aus der Stadt ins Freie. Er -nahm seinen Weg in die Auwaldungen, die sich den launischen Windungen des -weiter unten die Stadt durchschneidenden Flusses folgend, zwischen dessen -Ufer und einer nach einem fürstlichen Lustschlosse führenden Lindenallee -hinziehen. - -Die schon tiefstehende herbstliche Abendsonne stahl sich durch die theils -schon entlaubten, theils in die glühendsten Bronze- und Purpurfarben -getauchten Baumkronen der Buchen und Erlen und durch das niedrige Buschwerk -der Weiden, zitternde Streiflichter über den fahlen Rasenboden und die -herabgefallenen gelben Blätter hinstreuend. Plötzlich aber erloschen die -Lichter und Farben, der Himmel, die Bäume, der Wasserspiegel des -Flusses erkalteten -- die Sonne war gesunken. Und mit einemmale kroch -ein bleifarbener Nebel aus dem Strombette empor, Au und Wald mit seinem -unabsehbaren Mantel umspannend. - -Julian trat den Rückweg an. Wenn die Nacht hereinbrach bei solch -dichtem Nebel, konnte er den schmalen Fußweg durch den Wald allzu leicht -verfehlen. So eilte er beschleunigten Schrittes heimwärts, das Tempo erst -mäßigend, als ihm der aus der Ferne auftauchende Laternenschimmer -der Stadt, trotz der rasch hereingebrochenen Dunkelheit, über die -einzuschlagende Richtung Sicherheit gab. - -Plötzlich blieb er stehen. Ihm war, als hätte er leises Weinen eines -Kindes vernommen. Scharf aufhorchend, spähte er in das graue, wogende -Nebelmeer, aus dem die näher stehenden Bäume wie Gespenster mit -ausgestreckten Armen emporragten. - -Einige Augenblicke blieb alles still, dann hörte er sie wieder, die -klagende Kinderstimme. - -»Holla! Was giebt es? Wer ist da?« rief er nun mit voller Kraft in den -dunklen schweigenden Wald hinein. - -Er hatte sich nicht getäuscht. Ein ängstlicher Ruf aus kindlicher Kehle -antwortete ihm, und der Richtung desselben nachgehend, stand er in -wenigen Minuten an der Seite eines neben einem Bündel Reisig an dem Boden -kauernden und bitterlich weinenden, etwa zehnjährigen Knaben. - -Jetzt freilich versiegten seine Thränen rasch und, das Bündel dürrer -Baumzweige auf den Schultern, neben Julian einhertrabend erzählte er -diesem, wie er, um Holz zu suchen, in die »Au« geschickt worden, von der -Nacht und dem plötzlich einfallenden Nebel überrascht, aber den Heimweg -nicht mehr habe finden können. - -Nach rascher Wanderung hatten sie den nach der Stadt zu gelegenen Ausgang -des Waldes bald erreicht. Noch hatten sie einen am Damm des Flusses sich -hinziehenden schmalen Wiesengrund zu überschreiten, um in bewohntes Gebiet -zu gelangen. Schon tauchten die ersten Häuser mit ihren erleuchteten -Fenstern freundlich winkend aus dem Nebel auf, als der Knabe stehen blieb -und, das Holzbündel von der Schulter werfend, seinem Führer für die ihm -geleistete Hilfe dankte. - -»Ich bin gleich zu Hause,« sagte er. »Hier wohnen wir.« - -Julian blickte um sich. Kein Haus, keine Hütte war zu sehen. - -»Da!« sagte der Kleine und streckte die Hand aus. Und jetzt bemerkte -Julian einen dicht an dem einen großen Platz umschließenden Lattenzaun -stehenden, unförmlichen Gegenstand, in welchem er bei näherer -Besichtigung einen jener sonderbaren Wagen erkannte, wie ihn wandernde -Zigeuner oder Seiltänzer minderer Sorte und derartiges fahrendes Volk -als ihre bewegliche Wohnung mit sich zu führen pflegen: einen auf Rädern -stehenden großen grünen Kasten mit zwei winzigen, Schiffsluken ähnlichen -Fensterchen, hinter welchen ein Lichtlein brannte. - -»O --!« entschlüpfte es Julian's Lippen, während er einen Seufzer -unterdrückte. - -In demselben Augenblicke aber stürzte von der Rückseite des Wagens eine -weibliche Gestalt auf den Knaben zu. »Endlich, endlich!« rief sie. »Wir -glaubten schon, es sei Dir ein Unglück geschehen.« Und sie umarmte und -küßte ihn. - -Ihre blonden Zöpfe hingen frei in den Nacken. Der groteske Hut mit den -großen, gelben Blumen saß ihr jetzt nicht auf dem Kopfe, ihr Gesicht zu -verunstalten. Aber das blaue Sammtjäckchen mit den weißen Borten ließ -Julian sogleich die Straßensängerin vom Morgen in ihr erkennen, deren -musikalische Vorträge ihn fast zur Verzweiflung gebracht. - -Jetzt lief sie zu dem Wagen zurück. »Er ist da, Mutter!« schrie sie -in das offene Fensterchen hinein. »Er ist zurück, es ist ihm nichts -geschehen!« Des fremden Begleiters ihres Bruders wurde sie in der Hast -und Freude des Wiedersehens gar nicht gewahr. Und Julian machte sich nicht -bemerkbar. Er drückte ein paar kleine Münzen in die Hand des Knaben und -verschwand im Nebel. - -Am anderen Abend aber saß Julian auf seinem über dem kühlen Grasboden -gebreiteten Ueberzieher vor dem grünen Karren der Spielleute und ließ -sich erzählen von ihrem Leben und Schicksal. Es war ein trauriges Lied, -aber kein selten gehörtes. Der Vater -- der Ernährer -- todt, die Mutter -erkrankt vor Noth und Mühsal, die Familie dem Elend preisgegeben, hätte -Elvira -- dies war der Name der kleinen Harfenistin, und Roland hieß ihr -Bruder -- sich nicht entschlossen, das von ihrem Vater -- der Dirigent -einer von einem Circus engagirten Musikkapelle war -- ererbte und so gut -es ging, entwickelte Talent zum Broterwerb für sich und die Ihrigen zu -verwerthen. So zogen sie von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Bei Tage -sang und spielte Elvira vor den Fenstern der Häuser, Abends in Kneipen -und Kaffeeschänken. Schon nahte die Stunde, da sie sich wieder auf den Weg -machen mußte nach dem Wirthshause, für welches sie heute bestellt war. -Meist begleitete sie ihr Brüderchen auf diesen Gängen. Die Mutter wollte -es so, da sie zu krank war, sie selbst zu begleiten. Lieber blieb sie -die langen, öden Stunden des späten Abends allein in ihren engen vier -Holzwänden, als daß sie das Mädchen allein hätte ziehen lassen. Auch -half Roland ja selbst zum Erwerb, denn schon führte er den Bogen, und -manche Hand, die sich dem Mädchen verschloß, öffnete sich mildthätig -für das blasse Kind, das auf seiner auch vom Vater ererbten Geige mit dem -Ernste eines großen Künstlers Tänze und Märsche herabfiedelte. - -Acht Tage noch wollte die Musikantenfamilie in der Stadt verweilen. -Dann war die Zeit zu Ende, für welche sie von der Behörde -Aufenthaltsbewilligung erhalten hatte. Jeden Abend kam Julian, um ein -Stündchen in ihrer Mitte zu verweilen und irgend eine kleine Gabe, wie sie -seine bescheidenen Verhältnisse ihm eben gestatteten, mitzubringen, etwas -Geld oder Eßwaaren, die er gekauft oder von seinem Mittagsmahle erübrigt -hatte, oder ein altes, noch brauchbares Kleidungsstück, dessen er -glaubte, sich entledigen zu können oder das seine Hausfrau ihm für seine -Schützlinge geschenkt. Immer wurde er mit Jubel empfangen, nicht nur wegen -seiner kleinen Unterstützungen, sondern mehr noch um der freundlichen -Theilnahme willen, die sie bei ihm fanden. - -Eines Abends jedoch -- es war der letzte ihres Aufenthaltes -- kam Roland -nicht, wie er es sonst immer gethan, ihm freudig entgegengelaufen. Weder -der Knabe noch seine Schwester ließen sich auf dem Platze vor dem Wagen -blicken. Näher schreitend war Julian schon im Begriffe, seine Anwesenheit -durch Rufen kundzugeben, als er, etwa zehn Schritte von sich entfernt, -in einem Winkel des Lattenzaunes, zwei dunkle, eng aneinander geschmiegte -Gestalten bemerkte. Es war Elvira. Ihr zur Seite stand ein Julian -unbekannter Mann, seine Arme um ihren Hals geschlungen, während ihr Kopf -auf seiner Schulter lehnte. - -Julian fühlte sein Herz sich zusammen schnüren. Die alte Geschichte -- -wie hätte es denn auch anders sein können unter solchen Verhältnissen! -Und doch, ach -- wie leid that es ihm um das junge Mädchen. - -Er überlegte. Sollte er sich unbemerkt von dannen schleichen -- oder die -Mutter aufsuchen, die sicherlich im Wagen saß? -- Wenn er jetzt gleich -wieder fort ging, wie sollte er den Leuten die Flasche Wein und den kalten -Braten zukommen lassen, die er ihnen zur Wegzehrung auf ihrer morgigen -Wanderschaft mitgebracht. - -Da lösten sich die beiden Gestalten aus ihrer Umarmung, der Mann eilte -raschen Schrittes der Stadt zu, Elvira aber, die Arme auf einen Pfosten des -Zaunes, den Kopf in die Hände gestützt, brach in bitterliches Schluchzen -aus. - -In zwei Sätzen stand Julian neben ihr. - -»Was ist geschehen? Warum weinen Sie?« drang er in das Mädchen, ihr den -Kopf streichelnd, wie man einem weinenden Kinde thut. - -Sie antwortete nicht sogleich, die Thränen erstickten ihre Stimme. Endlich -aber faßte sie sich. Und nun erfuhr Julian, um was es sich handelte. - -Der junge Mann, der eben von ihr gegangen, liebte sie. In einem kleinen -Gasthause, wo sie zuweilen sang und er sein Abendbrot zu nehmen pflegte, -hatte sie ihn kennen gelernt. Heute nun, da er wußte, daß sie am -nächsten Tage fortwandern sollten, war er gekommen, ihr zu sagen, daß -es ihm Ernst sei, daß er sie heiraten und mit der Mutter gleich alles -Nöthige besprechen und festsetzen wolle. - -»Nun --?« fragte Julian, als das Mädchen stockte. - -»Ich werde ihn wohl nie im Leben wiedersehen,« fuhr sie mit zitternder -Stimme leise fort. »Ich hab' ihn abgewiesen und ihm Lebewohl gesagt.« - -»Sie lieben ihn also nicht?« - -Da schluchzte sie laut auf. - -»O -- wie ich ihn liebe!« Und dann, nach kurzem, stillem Hinweinen: -»Sehen Sie, ich kann ihn nicht heiraten, ich darf nicht, weder ihn noch -einen Anderen. Wenn ich seine Frau würde, müßte ich meinen Erwerb -aufgeben. Er würde es nicht dulden, daß ich als Harfenistin durch -Straßen und Schenken ziehe. Er ist Buchbindergeselle und erwirbt genug -für uns Beide. Wovon sollten aber die Mutter und Roland leben, wenn ich -aufhörte, zu singen? Er hat nicht genug, um auch sie zu ernähren, und -selbst, wenn er es könnte, so möchte ich doch nicht, daß sie das bittere -Brot der Gnade äßen.« - -Sie schwieg. Und Julian fand kein tröstendes Wort. Es war ihm weh zu -Muthe. - -Da wurden nahende Schritte hörbar. Es war Roland, der in der Stadt einige -kleine Einkäufe besorgt hatte. - -Elvira raffte sich auf. »Kommen Sie, gehen wir zu den Anderen!« -flüsterte sie. Und dann, ganz leise: »Sagen Sie der Mutter nicht, daß -ich geweint habe. Sie weiß, daß ich ihn abgewiesen habe, aber sie soll es -nicht erfahren, daß ich ihn lieb habe. Es würde sie zu traurig machen.« - -Am anderen Tage auf dem Heimwege von seinem abendlichen Spaziergange lenkte -Julian wieder, ohne selbst recht zu wissen, warum, seine Schritte nach -dem Wiesenplatze vor dem Auwald. Leer, öde und still lag er heute da. -Das kurze Gras um die Stelle, wo der Wagen gestanden, war zertreten und -zerstampft, und daneben, wo sie den kleinen eisernen Herd hingestellt -hatten, auf dem Elvira die Suppe und Kartoffeln für das Abendessen kochte, -lagen Stückchen halbverkohlten Holzes auf der Erde. - -Wo sie wohl jetzt weilen mochten? -- Was die Zukunft ihnen bringen würde? --- Immer nur Mühe, Entbehrung, Lasten und Sorge? -- Oder auch Glück und -Freude? -- dachte Julian. Und während er am Ufer des leise rauschenden -Flusses langsam weiter schritt, auf dessen sanft dahingleitenden Wellen die -Gasflammen und elektrischen Bogenlichter der Straßen- und Brückenlaternen -sich spiegelnd aufblitzten wie herabgefallene, auf dem Wasser schwimmende -Sterne, klang ihm wieder das Lied im Ohre: - - »Es ist bestimmt in Gottes Rath, - Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden --« - -Arme Elvira! Als sie es vor seinem Fenster gesungen, ahnte sie wohl nicht, -wie bald es sich an ihr erfüllen sollte! - - - - -Sein Bild. - - -Es giebt bekanntlich Menschen, die sich nie, selbst in den glücklichsten -Lebenstagen nicht glücklich fühlen, und Andere dagegen, die sehr wenig -bedürfen, um froh und zufrieden zu sein. Die Ersteren -- sie sind leider -in der Mehrzahl -- haben die unglückliche Gewohnheit, ihre eigenen -Verhältnisse immer mit solchen der besser situirten Leute zu vergleichen -und an diesen abzumessen, wobei sie selbstverständlich zu dem Resultate -kommen, ihre Lage als eine bedauernswerthe zu betrachten. Statt ihr -Augenmerk darauf zu richten, was das Geschick ihnen Gutes beschert hat, -ziehen sie nur in Erwägung, was es ihnen versagt. Wohnen sie in einer -kleinen Stadt, so beklagen sie es, die Vortheile eines Aufenthaltes in -einer Großstadt entbehren zu müssen, werden sie nach einer solchen -versetzt, so bemitleiden sie sich dafür, nicht den Sommer auf dem -Lande zubringen zu können; wird auch dies ihnen ermöglicht, so ist -es sicherlich nicht der ihren Wünschen entsprechende Punkt, wohin die -Umstände sie geführt haben. - -Martin Jost gehörte nicht zu dieser Kategorie von Menschen. Er gehörte zu -der kleinen Zahl jener Anderen, die sich mit dem bescheidensten Lose -- -so es nur erträglich -- zufrieden geben; die sich des flüchtigsten -Lichtblickes in ihrem Dasein freuen und selbst dann, wenn ihr -Schicksalshimmel, mit trüben Wolken verhängt, düster auf sie -herniederblickt, unbewußt die tiefe Lebensweisheit üben, daß sie -geduldig auf eine Besserung warten. Seit fünfzehn Jahren bei einem -Rechtsanwalte als Schreiber bedienstet, bezog Martin einen Monatssold, der -gerade ausreichte, daß er nicht hungern und nicht frieren mußte und -nicht in schmutzigen oder zerrissenen Kleidern einherzugehen brauchte. -Er bewohnte eine kleine, schlicht möblirte Stube bei einer ältlichen -Beamtenswitwe, bereitete sich eigenhändig seinen Morgenkaffee, aß seit -vielen Jahren in demselben bescheidenen Gasthause, in demselben Zimmer, an -demselben Tische zu Mittag und trug unverändert denselben grauen Rock und -denselben schwarzen Filzhut. Allerdings wurden Hut und Rock, wenn sie -sich als vom Zahne der Zeit allzu scharf mitgenommen erwiesen, durch -neue ersetzt. Da der Nachkömmling jedoch immer genau so aussah wie sein -Vorgänger, so machte es den Eindruck, als ob Martin mit seinen Kleidern -verwachsen wäre. Nur wenn er -- dies war der einzige Luxus, den er sich -gönnte -- das Theater besuchte, vertauschte er den grauen mit einem -schwarzen Rocke, mit demselben schwarzen Rocke, den er vor fünfzehn Jahren -gelegentlich der behufs Erlangung seiner Dienststelle bei dem Advocaten -unternommenen Präsentationsvisite getragen hatte. - -Es war ihm nicht an der Wiege gesungen worden, daß er es nicht weiter -bringen sollte als bis zum Schreiber. Ein munterer, aufgeweckter Knabe, -hatten seine Lehrer ihn als einen fleißigen und begabten Schüler sehr -lieb gehabt. Doch als sein Vater plötzlich starb, Frau und Sohn in den -dürftigsten Verhältnissen zurücklassend, da unterbrach der Jüngling -seine zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Studien und trat, da -sich eine bessere Stelle ihm nicht bot, als Diätist in den Dienst des -Rechtsanwaltes, sich und die Mutter von seinem kleinen Gehalte ernährend. -Jetzt war auch die Mutter seit Jahren todt, und da er nun für niemand mehr -als für sich selbst zu sorgen brauchte, brachte er es, so gering seine -Bezahlung auch war, doch fertig, nicht nur ein kleines Sümmchen für -unvorhergesehene Fälle von Krankheit oder Noth jährlich zurückzulegen, -sondern auch sich das Vergnügen eines zeitweiligen Theaterbesuches, des -einzigen und ausschließlichen Vergnügens, das er kannte, zu gestatten. -Niemand ahnte es, welche Begeisterung in dem Inneren dieses stillen, -unscheinbaren Männchens loderte, welches mächtige Echo das Wort des -Dichters in dem Herzen dieses scheinbar trockenen Actenabschreibers fand. -Ein Copist! Wie sollte die Seele eines Menschen, der seit einer Reihe von -Jahren von acht Uhr Morgens bis Mittags, von zwei Uhr Nachmittags bis -sechs Uhr Abends nichts anderes that, als seine Feder in trostloser -Einförmigkeit über das Papier hingleiten zu lassen, anderer Empfindungen -und Gedanken als solcher der nüchternsten Alltäglichkeit fähig sein! Ja, -besaß solch eine Schreibmaschine überhaupt etwas wie eine Seele? - -Und doch! Ein Wesen gab es, das in den sinnend vor sich hinblickenden -grauen Augen des von niemanden beachteten, schüchternen und schweigsamen -Mannes zu lesen verstand, ein Wesen, welches wußte, welch eine reiche Welt -zarter und reiner Gefühle, freier und edler Ideen hinter dem durch den -Schein alltäglicher Unbedeutendheit täuschenden Aeußeren verborgen lag. -Dieses eine Wesen war die Blumenmacherin Elise H., die er erst vor wenigen -Jahren kennen gelernt hatte, mit der ihn aber jetzt herzliche Freundschaft -verband. - -Im Theater war es gewesen. Sie hatte neben ihm gesessen; durch sein -bescheidenes freundliches Anerbieten, sein Opernglas zu benützen, war ein -Gespräch herbeigeführt worden und im Laufe desselben hatte er die ihm -wundersam scheinende Entdeckung gemacht, daß seine Sitznachbarin von -demselben Enthusiasmus über die sie entzückende Bühnendichtung erfüllt -war, wie er selbst. Da sie allein war und da sie den Weg nach Hause -allein hätte zurücklegen müssen, bot er ihr, seine Schüchternheit -überwindend, seine Begleitung an, welche angenommen wurde. Und nicht nur -das -- sie gestattete ihm auch, sie zu besuchen. Immer reger wurde der -Verkehr zwischen ihnen, immer mehr Freude und Erquickung fanden die beiden -Einsamen in den trauten Stunden ihres Zusammenseins und bald wurde es -ihnen zur Gewohnheit, an bestimmten Tagen der Woche die Abende in Elisens -traulichem Stübchen zu verbringen. - -Sie verkehrten wie Geschwister miteinander. Nachdem der Thee getrunken war, -griff Elise wieder zu ihrer Arbeit, Martin aber nach einem Buche, aus dem -er ihr vorlas und über welches sie dann ihre Gedanken austauschten. Sie -empfanden es Beide als ein großes Glück, einander begegnet, Einer in dem -Anderen eine Menschenseele gefunden zu haben, die sie von der trostlosen -Vereinsamung, die jeden bedrückte, erlöste und ihnen Gelegenheit bot, -alles, was in ihnen lebte und webte, ihre durch das stete Schweigen -gleichsam verschleiert gebliebenen Empfindungen, die Ideen, welche -theilweise noch unreif und verworren, nach Klärung rangen, auszusprechen -und sie durch das Urtheil des Anderen frische Nahrung, Erweiterung und -Berichtigung finden zu lassen. - -Denn wie Martin war auch Elise solcher Eltern Kind, die für sie ein -besseres Los als das einer Handarbeiterin im Auge gehabt und ihr eine gute -Erziehung hatten angedeihen lassen. Sie hatte viel gelesen und manches -gelernt; doch wies der ihr zutheil gewordene Unterricht zu viele Mängel -und Lücken auf, um sie durch Verwerthung desselben zur Gewinnung der -Mittel ihres Lebensunterhaltes zu befähigen. Und so kam es, daß, als -das Unglück über sie hereinbrach, in rascher Folge ihre beiden Eltern zu -verlieren und, ohne Vermögen, auf eigenen Broterwerb angewiesen zu sein, -ihr bis dahin nur zu ihrem Vergnügen gepflegtes Talent der Erzeugung -zierlicher Kunstblumen zur Quelle der Erwerbung der Subsistenzmittel wurde -für sie selbst und für ihren von schwerem Siechthum befallenen kleinen -Bruder. - -Doch während sie so saß und Stunde um Stunde die weißen -Battistblättchen zu Blumen- und Blüthengebilden zusammenfügte, um dann -die zarte Form mit Farbe zu überkleiden, da flatterten ihre Gedanken weit -hinaus aus dem engen Raum, und die reichen, vielgestaltigen Bilder, die -ihre Phantasie erbaute, belebten die gleichförmige Einsamkeit ihres -wirklichen Lebens. Jetzt war dies anders geworden; in Martin hatte Elise -einen Genossen gefunden, der allem von ihr Gedachten und Empfundenen -williges Gehör und Verständniß entgegenbrachte. - -Auf diese Weise waren einige Jahre verflossen, als die Verschlimmerung des -Zustandes des kleinen Patienten und schließlich sein Tod im Verkehre -der beiden Freunde eine schmerzliche Unterbrechung herbeiführte. Und als -Martin -- nachdem Elise den von seinen Leiden erlösten Knaben zur Ruhe -bestattet hatte, ihr nun noch vereinsamteres Leben wieder in alter Weise -aufnahm -- auch zur Gewohnheit seiner regelmäßigen Besuche zurückkehren -wollte, da sah er sich plötzlich vor die Alternative gestellt, entweder -auf seinen ihm so lieb gewordenen Verkehr mit der Freundin zu verzichten -oder ihren guten Ruf zu gefährden. Denn jetzt fingen Elisens Nachbarsleute -an, die Köpfe zusammenzustecken, zu zischeln und zu flüstern und Martin's -häufige Besuche bei Elise, die nun nicht einmal mehr den Bruder an -der Seite hatte, dessen stete Anwesenheit die Sache anständiger hatte -erscheinen lassen, als einen die Moral verletzenden Scandal zu bezeichnen. - -Martin fühlte sich tief unglücklich und wußte keinen Ausweg. Die -Freundin dem Gerede verleumderischer Lästerungen preisgeben wollte er -nicht, auf sie Verzicht zu leisten, dies glaubte er aber nicht über sich -bringen zu können, denn -- jetzt erst ward er sich darüber klar -- nicht -freundschaftliche Gefühle allein waren es, die ihn an sie fesselten. Nein, -die Freundschaft hatte sich in seinem Herzen in Liebe umgewandelt. Aber so -sorgsam hatte er das Geheimniß gehütet, daß er bis zu diesem Augenblicke -selbst nicht wußte, was in seinem Inneren lebte. - -Ein Anderer würde an seiner Stelle nicht gezögert haben, Elisen seine -Liebe zu gestehen und sie zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle. Er -aber fand hierzu den Muth nicht. Seine Schüchternheit und die aus diesem -Gefühle geborene Ueberzeugung der Unmöglichkeit, daß er im Stande sein -sollte, die Neigung eines weiblichen Wesens, am allerwenigsten aber die -Elisens, die er in seinem Urtheile unerreichbar hoch über sich stellte, -zu erwerben, banden ihm die Zunge. Und so kam es, daß er, statt einen -entscheidenden Schritt zu thun, mit eigenen Händen den Weg verrammelte, -der ihn an das gewünschte Ziel hätte bringen können; er ließ seine -Besuche bei Elisen immer seltener werden und blieb, allerlei Vorwände -suchend, schließlich ganz aus. - -Indem er glaubte, daß Elise nichts ahnte von dem, was in ihm vorging und -was die Ursache war seines plötzlichen Abbrechens ihres Verkehres, -hatte er sich jedoch sehr getäuscht. Nicht nur war der Klatschbasen -mißbilligendes und verleumderisches Geflüster über ihre vertraulichen -Beziehungen zu Martin auch ihr, ebenso wie ihm, ja noch früher zu Ohren -gekommen, sie hatte auch das in seinem Herzen glühende Feuer gar lange -schon wahrgenommen. Ja, sie hatte es bereits erkannt, daß sie von ihm -geliebt sei, bevor er sich selbst dessen bewußt geworden. - -Einige Wochen waren vorübergegangen, ohne daß Martin die Schwelle des -trauten Zimmers mit dem mit geblumten Kattun überzogenen Sopha, in dessen -Ecke er so oft gelehnt, mit dem Lederfauteuil, auf welchem er Elise so oft -sitzen gesehen, das blasse, nicht schöne und doch so anziehende Gesicht -mit den freundlich und klar blickenden Blauaugen nach vorne über den -großen Arbeitstisch geneigt, ohne daß er die Schwelle dieses Zimmers, -nach dem es ihn so mächtig zurückzog, überschritten hatte. Anfänglich -war es ihm schwer, ach, furchtbar schwer gefallen, seinen Entschluß -durchzuführen. Oft hatte er das Haus, das ihn unwiderstehlich lockte, -umschritten, war an dessen Thor stehen geblieben, hatte bebenden Herzens -nach den zwei Fenstern hinaufgeblickt, durch deren zugezogene Vorhänge -der gedämpfte Lichtschein der Lampe fiel. Aber betreten hatte er das -Haus nicht. Denn er wußte, daß wenn er erst im Flur stünde, er der -Versuchung, seinen Vorsatz zu brechen, nicht widerstehen würde. Er -glaubte, daß es seine Pflicht sei, diesen Vorsatz auszuführen. Und das -Bewußtsein erfüllter Pflicht war ihm mehr werth als sein Glück. - -Da erhielt er eines Tages ein Briefchen von Elise, worin sie ihn bat, sie -Abends zu altgewohnter Stunde zu besuchen; sie habe ihm eine Mittheilung zu -machen, seinen Freundesrath in wichtiger Angelegenheit zu erbitten. - -Er kam. Und als er das liebe Gesichtchen wieder sah, noch blasser als sonst --- oder ließen nur das Trauerkleid und die schwarze Halskrause es so -blaß aussehen? -- und um die Augenbrauen ein seltsam nervöses Zucken, -als wohnte hinter dieser Stirn ein neuer Kummer, ein Kummer, dessen Ursache -vielleicht er war, da ward ihm zu Muthe, als müßte er vor sie hintreten, -ihre Hand fassen und ihr alles sagen, wie es ihm ums Herz sei. - -Doch er bezwang sich und schwieg. - -»Sie wollen mir etwas mittheilen, meinen Rath hören,« sagte er mit -erzwungener Ruhe. - -»Ja, freilich! Doch davon später, nach dem Thee,« antwortete sie. »Denn -heute will ich zu Ehren Ihres Besuches mir Feierabend gönnen.« - -Und nun ging sie daran, den Tisch zu decken. Für kalten Aufschnitt, -Sardellenbutter, geröstete Brotschnitten, auch Backwerk daneben, hatte sie -bereits gesorgt, und nun ordnete sie alles in ihrer stillen, geräuschlosen -Art. Dabei knisterte und flackerte das Feuer im Ofen, denn es war Winter, -und das Wasser im Theekessel summte ein trauliches Liedchen. - -Martin wurde es immer wohler und zugleich immer weher in seiner Seele. Und -er glaubte vergehen zu müssen bei dem Gedanken, wie glücklich er werden -könnte, wenn -- ja wenn -- - -Dann fing sie zu plaudern an von allen möglichen Dingen -- ganz wie -früher, als sie noch gewohnt waren, einander alle kleinen Begebenheiten, -alle Freuden und Leiden ihres einfachen Lebens mitzutheilen. Auch von dem -todten Brüderchen sprach sie, und wie sie jetzt, seitdem es ihr genommen, -sich noch viel einsamer fühle als früher, so lange sie für ihn zu sorgen -und zu schaffen hatte. - -Und dann -- ganz plötzlich -- rückte sie mit dem heraus, was sie -eigentlich vorhatte, ihm mitzutheilen. Sie hege die Absicht, sich zu -verheiraten, sagte sie ihm. Der Mann ihrer Wahl sei ein guter, braver -Mensch, arm wie sie selbst. Aber sie Beide stellen ja keine großen -Ansprüche an das Leben und sie seien gewohnt, zu arbeiten. Und -- was die -Hauptsache -- sie liebe ihn. Da sie aber zu einem so wichtigen Schritt sich -nicht entschließen wolle, ohne seinen Rath zu hören, so bäte sie ihn um -sein Urtheil. Er werde gleich Gelegenheit haben, den Erwählten kennen zu -lernen, denn sie habe diesen gebeten, heute Abend auch zu ihr zu kommen. -Martin schnellte von seinem Sitze empor. Kreidebleich stand er vor ihr. -Sein Herz hämmerte in so wuchtigen Schlägen, daß er kaum zu sprechen -vermochte. - -»Wie?« stammelte er. »Er kommt hierher? Jetzt, hier soll ich ihm -begegnen? Nein, Elise, das fordern Sie nicht von mir! Das nicht! Lassen Sie -mich gehen, bevor er kommt.« - -»Sie wollen mir Ihren Freundesrath vorenthalten?« fragte Elise. »Mir ist -an Ihrem Urtheile viel gelegen.« - -»Ach, welchen Nutzen haben Sie davon? Nein, ich will nicht hier bleiben, -ich will nicht!« rief Martin fast verzweifelt und rannte im Zimmer umher, -um Hut und Ueberrock zu suchen, die er nicht fand, obgleich beides -vor seinen Augen an einem Haken an der Thür hing. Elise aber blieb -unerbittlich. - -»Warum wollen Sie ihm nicht begegnen?« fragte sie. »Sagen Sie mir, warum -Sie es nicht wollen.« - -Da trat Martin dicht an sie heran, und indem er die Hände wie bittend -ineinander legte, sagte er: »Warum? -- Weil -- weil -- Ach, Elise, Sie -quälen mich nutzlos. Sie ahnen nicht --« - -Er vollendete den Satz nicht und wandte sich ab. Hut und Rock vom Nagel -reißend, wollte er aus dem Zimmer stürzen. - -Elise hielt ihn zurück. - -»Wenn Sie meine Bitte durchaus nicht erfüllen wollen, wohlan, gehen Sie, -ich halte Sie nicht auf. Doch sein Bild sehen Sie sich an. Hier ist es, so -sieht er aus. Und nun sagen Sie mir, ob er Ihnen gefällt, ob Sie glauben, -daß meine Wahl eine gute, ob ich sie nicht zu bereuen haben werde.« - -Und sie hielt dem Widerstrebenden eine Photographie vor die Augen. Es war -seine eigene -- - -Martin stieß einen leisen Schrei aus und im nächsten Augenblicke lag -Elise in seinen Armen. Er glaubte nicht, daß ihre Wahl keine gute sei -- -und sie hatte sie nie zu bereuen. - - - - -Collection Hartleben. - -Eine Auswahl - -der hervorragendsten Romane aller Nationen. - -Preis des Bandes eleg. geb. 40 Kr. = 75 Pf. = 1 Fr. - -Pränumeration für ein Jahr (26 Bände) 10 fl. = 19 M. = 25 Fr. - - -Inhalt des ersten Jahrganges. - - I.-IV. Carlén, Emilie. Der Vormund. - - V.-VI. Dumas, Alexander. So sei es. - - VII.-VIII. Sue, Eugen. Miß Mary. - - IX. Jokai, Mor. Hallil Patrona. (Die weiße Rose.) - - X. Sand, Georg. Die kleine Fadette. (Die Grille.) - - XI.-XII. Mügge, Theod. Verloren und gefunden. - - XIII.-XIV. Thackeray, William. Die Geschichte Heinrich Esmond's. - - XV. Turgénjew, Iwan. Frühlingsfluthen. - - XVI. Maquet, Aug. Liebe und Verrath. - - XVII.-XIX. Dumas, Alex. Sohn. Roman aus dem Leben einer Frau. - - XX. Léval, Paul. Der schwarze Bettler. - - XXI.-XXII. Sandeau, Jul. Valcreuse. - - XXIII.-XXIV. Berthet, Elie. Der Wolfmensch. - - XXV.-XXVI. Ainsworth, Harisson. Der Verschwender. - - -Inhalt des zweiten Jahrganges. - - I.-III. Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken (Gräfin - Cosel). - - IV. Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber. - - V.-VI. Delpit, Albert. Theresine. - - VII. Rosegger, P. K. Streit und Sieg. - - VIII. Dumas, Alex. Sohn. Diana de Lys. - - IX.-XI. Herloßsohn, K. Wallenstein's erste Liebe. - - XII. Besozzi, Max. Späte Einsicht. - - XIII.-XIV. Sue, Eugen. Kinder der Liebe. - - XV. Degré, Al. Blaues Blut. - - XVI.-XVII. Sand, George. Erkenntnisse eines jungen Mädchens. - - XVIII.-XX. Bell, Currer. Die Waise aus Lowood. - - XXI.-XXII. Flaubert, G. Mad. Bovary. - - XXIII. Gaskel, Mrs. Eine böse Nacht. - - XXIV.-XXVI. Dumas, Alex. Chevalier von Maison rouge. - - -Inhalt des dritten Jahrganges. - - I.-III. Collins, Wilkie. Die neue Magdalena. - - IV.-V. Boisgobey, Fortuné. Die Stimme des Blutes. - - VI. Julius von der Traun. Goldschmiedkinder. - - VII.-VIII. Reyd, Cap. Mayne. Die Scalpjäger. - - IX. Vogel vom Spielberg. Irrende Seelen. - - X.-XI. Schlögl, Friedr. Wiener Blut. - - XII.-XIV. Enault, Louis. Die Geschichte einer Frau. - - XV. Lermontoff, Michael. Der Held unserer Zeit. - - XVI. Feuillet, Octave. Der Roman eines armen jungen Mannes. - - XVII.-XVIII. Schlögl, Friedr. Wiener Luft. - - XIX.-XXI. Smith, Hamlyn. Ein Londoner Geheimniß. - - XXII.-XXIV. Foudras, Marquis. Die Nacht der Rächer. - - XXV.-XXVI. Schlögl, Friedr. Wienerisches. - - -Inhalt des vierten Jahrganges. - - I.-IV. Mary, Jules. Schuldig, oder nicht? - - V.-VI. Karasin, N. N. Der Brahmane. - - VII.-VIII. Delpit, Albert. Die schöne Frau. - - IX. Jokai, Mor. Clarinus und andere Novellen. - - X.-XII. Kraszewski, J. I. Die Sphinx. - - XIII.-XIV. Sand, George. Der Marquis von Villemer. - - XV. Caballero, Fernan. Spanische Novellen. - - XVI.-XVIII. Beecher-Stowe, H. Wir und unsere Nachbarn. - - XIX. Dumas Alex. Gabriel Lambert. - - XX. Turgénjew, Iwan. Der König Lear der Steppe und andere - Novellen. - - XXI.-XXII. Reyd, Cap. Mayne. Die Scharfschützen. - - XXIII.-XXIV. Foudras, Marquis. Ein großer Komödiant. - - XXV.-XXVI. Perrin, Maxim. Der Sultan eines Pariser Stadtviertels. - - -Inhalt des fünften Jahrganges. - - I.-II. Boisgobey, Fortuné. Im Banne der Schuld. - - III. Karasin, N. Das Drama im Grenzfort. - - IV.-VI. Wilson, Aug. Evans. Infelice. - - VII. Vogel vom Spielberg, A. Frau Lear. - - VIII. Delpit, Eduard. Kath. Levallier. - - IX. Beniczky-Bajza, Helene v. Gräfin Ruth. - - X. Mairet, Jeanne. Meeresblume. - - XI.-XII. Ssalis, E. A. Schicksalswege. - - XIII.-XV. Dash, Gräfin. Die schöne Aurora. - - XVI. Lytton, Lord. Der Ring der Amasis. - - XVII.-XIX. A. v. L. Am Hofe von Neapel. - - XX.-XXI. Longfellow, H. W. Hyperion. - - XXII.-XXIV. Dumas, Alexander. Isabella von Bayern. - - XXV. Eliot, George. Der gelüftete Schleier. - - XXVI. Sue, Eugen. Die Marquise von Alfi. - - -Inhalt des sechsten Jahrganges. - - I.-III. Werthen, S. Opfer der Liebe. - - IV.-V. Beniczky-Bajza, Helene v. Die Würde der Schönheit. - - VI. Mairet, Jeanne. Marca. - - VII.-VIII. Wasserburger, Lina. Die Aloeblüthe. - - IX.-X. Pont-Yest, René de. Claudia. - - XI.-XII. Sienkieviz, Heinrich. Quo vadis? - - XIII. Serao, Mathilde. Fahr' wohl, mein Lieb! - - XIV.-XVI. Boborykin, P. Die Fürstin. - - XVII. Groner, Auguste. Der alte Herr und andere Novellen. - - XVIII.-XIX. Flemming, M. A. Bruderliebe. - - XX. Kreuth, W. Nach dem Schiffbruch. Südamerikanischer Roman. - - XXI. Delpit, Albert. Die Witwe Sorbier. - - XXII. Troll-Borostyáni, Irma v. Novellen. - - XXIII. Brun-Barnow, I. v. Das Verhängniß. - - XXIV.-XXVI. Ohnet, Georges. Der König von Paris. - - -Inhalt des siebenten Jahrganges. - - I.-III. Black, William. Sabina Bembra. - - IV.-V. Guidi, Orlanda. Isabella Fianelli. - - VI. Brociner, Marco. Das Blumenkind und andere Novellen. - - VII.-VIII. Lesueur, Daniel. Hassende Liebe. - - IX. Josika, Koloman Freiherr von. Comtesse Tini. - - X.-XI. Lancken, B. von der. Der Günstling. - - XII.-XIII. Lowet, Cameron. Ein schwaches Weib. - - XIV. Guglia, Eugen. Das Begräbniß des Schauspielers und - andere Novellen. - - XV. Cantacuzène, Olga, Prinzessin. Carmela. - - XVI.-XVII. Casetti, Alexander. Das Vermächtniß. Original-Roman aus - der Gesellschaft. - - XVIII. Roest, Rust. Firma Löwe, Kurt u. Comp. Eine Erzählung. - - XIX.-XX. E. Braddon. Im Verdacht. - - XXI.-XXII. Delpin, Albert. Alle Beide. - - XXIII.-XXIV. Waldow, Ernst von. Die rothe Locke. - - XXV.-XXVI. Mairet, Jeanne. Auf der Höhe. - - -A. Hartleben's Verlag in Wien, Pest und Leipzig. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Darstellung abweichender -Schriftarten (ausgenommen römische Zahlen): =Antiqua= . - -Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Textanfang verschoben. -Wiederholungen von Kopf- und Fußzeilen in der Verlagswerbung wurden -entfernt. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 11: - "unrecht" geändert in "Unrecht" - (Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht) - - Seite 23: - "«," geändert in ",«" - (»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,«) - - Seite 75: - "Theoder" geändert in "Theodor" - (mein Freund Theodor mit lauter Stimme) - - Seite 92: - "sie" geändert in "Sie" - (wie vielen Damen Sie diese Tirade schon wiederholt) - - Seite 103: - "." eingefügt - (im Forste lag schon tiefes Dunkel.) - - Seite 112: - "Studienbätter" geändert in "Studienblätter" - (Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen) - - Seite 125: - "»" entfernt vor "Hör'" - (gewiß nicht! Hör' auf, hör' auf!) - - Seite 132: - "Häusesmeeres" geändert in "Häusermeeres" - (im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen) - - Seite 161: - "Kraszwski" geändert in "Kraszewski" - (Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken) - - Seite 161: - "Girolamo" geändert in "Gerolamo" - (Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber.) ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS ICH GESCHAUT *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> - -<table style='padding:0; margin-left:0; border-collapse:collapse'> - <tr><td>Title:</td><td>Was ich geschaut</td></tr> - <tr><td></td><td>Novellen</td></tr> -</table> - -<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Irma von Troll-Borostyání</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: January 26, 2021 [eBook #64388]</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> - -<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made from scans of public domain material at Austrian Literature Online.)</div> - -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS ICH GESCHAUT ***</div> - - -<h1><a class="pagenum" id="page_001"> </a> -Was ich geschaut.</h1> - - -<p class="ce lh2"><span class="fsl ge">Novellen</span><br /> -von<br /> -<span class="fsxl">Irma von Troll-Borostyání.</span></p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/emblem.png" alt="" /></p> - -<p class="ce"><span class="fsl">Wien. Pest. Leipzig.</span><br /> - -<span class="ge">A. Hartleben's Verlag.</span></p> - - -<p class="ce mt2"><a class="pagenum" id="page_002"> </a> -<span class="fss ge">Alle Rechte vorbehalten.</span><br /> -—<br /> -<span class="fsxs">K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.</span></p> - - - - -<h2>Inhaltsverzeichniß.</h2> - - -<table summary="" border="0" cellpadding="3"> - <tr> - <td> </td> - <td class="tdr fss">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Erlöst!</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_003">3</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Justus</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_016">16</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Fallendes Laub</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_030">30</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Franzi's Weihnacht</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_044">44</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Der Weg zum Herzen</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_055">55</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Weder Glück noch Stern</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_065">65</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Der Unwiderstehliche</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_075">75</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Schwer geprüft</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_107">107</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« </td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_124">124</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Der kleine Geiger</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_132">132</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Die Harfenspielerin</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_140">140</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Sein Bild</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_151">151</a></td> - </tr> -</table> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -Erlöst!</h2> - - -<p>Mit dem Versprechen, am anderen Tage wiederzukommen, -hatte sich der Arzt verabschiedet und Gabriele blieb allein am -Bette ihres kranken Kindes. Es lag in heftigem Fieber; auf -den lieblich gerundeten, vollen Wangen brannten hochrothe -Flecken und die sonst so fröhlichen, dunkelblauen Augen blickten -schmerzlich und wie hilfesuchend auf das kummervolle Antlitz -der Mutter, die sich zwang, es freundlich anzulächeln.</p> - -<p>Der kleine Erich war während der fünf Jahre seines -Daseins niemals krank gewesen. Vor wenigen Tagen zeigte er -eines Morgens Mattigkeit und Unlust, seinen gewohnten Spielen -zu obliegen. Dann klagte er über Schmerzen im Kopfe und in -der rechten Seite der Brust beim Athemholen. Fiebersymptome -traten auf; er wurde zu Bett gebracht, und der herbeigerufene -Arzt konnte es den Eltern nicht verhehlen, daß der Fall – eine -hochgradige Entzündung des rechten Lungenflügels – ein sehr -bedenklicher sei.</p> - -<p>Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben -und streichelte hin und wieder mit weicher Hand über seinen -blonden Lockenkopf, den er unruhig auf den Kissen hin und her -wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtete sie die kurzen, -raschen Athemzüge, den fliegenden Puls des Kindes und verfolgte -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -zugleich den vorrückenden Zeiger an der gegenüberhängenden -Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu versäumen, -ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich -die Arznei zu verabreichen.</p> - -<p>Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen -Lebens und Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster -des Krankenzimmers. Die Vorhänge waren zugezogen, -und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte Lampe verbreitete -eine milde Helle in dem weiten Gemache.</p> - -<p>Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung -über den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag, -und ein rauher Nordost wirbelte einen trockenen, hustenreizenden -Staub auf. Die Damen, die sich in leichten Frühlingstoiletten -herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft, ihre warmen, -winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben.</p> - -<p>Ein elegant gekleideter, noch junger Mann schritt quer -über die Straße dem Hause zu, in welchem der kranke Knabe -lag. Es war Otto von Brauneck, der Vater des Kindes. Nachdem -er an der Eingangsthür geschellt und der Diener ihm geöffnet -hatte, trat er durch das Vorzimmer in den Salon, um -in sein neben demselben gelegenes Arbeitszimmer zu gelangen.</p> - -<p>»Was ist das? – Sind noch keine Vorbereitungen getroffen?« -fragte er den Diener, indem er an der Schwelle -stehen blieb und einen überraschten Blick durch den unerleuchteten -Raum schickte. »In längstens einer Stunde werden die Gäste -eintreffen, und es ist nichts in Ordnung gebracht. Sollte meine -Frau keine Anordnungen getroffen haben?«</p> - -<p>»Die gnädige Frau meinte, der Empfang würde heute -nicht stattfinden,« erklärte der Diener.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -»Und warum nicht?«</p> - -<p>»Ich glaube – des Kranken wegen.«</p> - -<p>»Ach, das Kind wird in seiner Ruhe nicht gestört werden. -Schlagen Sie den Spieltisch in meinem Zimmer auf, statt im -Salon, und besorgen Sie rasch alles nöthige. Kaltes Buffet – -einige Flaschen Bordeaux aus dem Keller – hier, nehmen Sie!«</p> - -<p>Mit diesen Worten reichte Brauneck dem Diener eine Banknote -und schritt in sein Zimmer. Nachdem der Diener die -Kerzen angezündet und sich entfernt hatte, schloß Brauneck seinen -Schreibtisch auf, entnahm demselben ein Spiel Karten, prüfte -sie und steckte sie zu sich. Einige Minuten später trat er in das -Zimmer seines Sohnes.</p> - -<p>Gabriele hob den Kopf empor und warf einen traurigen -Blick auf ihren Gatten, der sich mit langsamen und auf dem -schweren Teppich geräuschlosen Schritten näherte.</p> - -<p>»Wie geht es dem Kleinen?« fragte er leise, indem er -seine Frau mit leichtem Kopfnicken begrüßte.</p> - -<p>»Um nichts besser,« erwiderte Gabriele noch leiser. »Das -Fieber steigert sich.«</p> - -<p>»War der Doctor hier?«</p> - -<p>Flüsternd wiederholte sie die Weisungen des Arztes. »Im -Laufe der Nacht,« so hatte er sich geäußert, »würde die Krisis -eintreten. Sollte das Fieber nach Mitternacht noch stärker werden, -so möge man ihn unbedingt nochmals holen lassen.«</p> - -<p>»Rege Dich nicht so auf,« sagte Brauneck, als er bemerkte, -wie ihre Augen sich mit Thränen füllten. »Erich ist ein kräftiger -Junge; es liegt kein Grund zu so großer Sorge vor.«</p> - -<p>Gabriele antwortete nicht. Der Knabe aber, der die -flüsternden Stimmen gehört, schlug die Augen auf.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -Ein Ausdruck von Freude glitt über sein Gesichtchen.</p> - -<p>»Ach, Papa, bist Du endlich gekommen,« sagte er. »Ich -fürchtete schon, Du kämest nicht mehr.«</p> - -<p>Der Vater beugte sich zu dem Kinde herab und drückte -einen Kuß auf seine brennende Stirn.</p> - -<p>»Warum hätte ich denn nicht kommen sollen?« erwiderte -er lächelnd. »Freilich bin ich gekommen und habe Dir auch -etwas mitgebracht. Einen wunderschönen Wald und allerlei Gethier -darin. Bären, Wölfe, Füchse. Wenn Du wieder gesund -bist, dann gehen wir miteinander auf die Jagd.«</p> - -<p>»Ja, dann spielen wir Jagd miteinander,« bekräftigte der -Kleine. »Mama, Du und ich, alle Drei. Ich bin der Jäger, -Du und Mama, Ihr müßt das Wild vor mir zu verstecken -suchen.«</p> - -<p>»Du wirst aber alle Thiere todtschießen, und am anderen -Tage werden sie trotzdem wieder lebendig sein, damit Du sie -wieder erschießen kannst,« ergänzte Brauneck.</p> - -<p>Erich lachte, aber ein heftiger Hustenanfall unterbrach seine -Heiterkeit, und die hübschen Züge seines Gesichtchens verzogen -sich schmerzhaft.</p> - -<p>»Jetzt aber mußt Du still liegen, mein Kind, nicht sprechen,« -fuhr Brauneck fort, als der Anfall vorüber war. »Sonst wirst -Du nicht gesund, und wir können nicht zusammen Wild und -Jäger spielen.«</p> - -<p>Der Knabe war erschöpft in die Kissen zurückgesunken und -schloß die Augen. Gabriele träufelte ihm einen Löffel voll -Medicin zwischen die trockenen, heißen Lippen; dann saßen die -beiden Gatten eine Weile schweigend an seinem Lager. Da schlug -die Uhr acht, und Brauneck schnellte von seinem Sitze empor.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -»Ich gehe, meine Gäste zu empfangen,« flüsterte er, zu -Gabriele geneigt. »Wir werden heute unser Spielchen in meinem -Zimmer abhalten, und ich will den Herren beim Kommen und -Gehen die größtmögliche Behutsamkeit anempfehlen, damit Erich -nicht beunruhigt werde.«</p> - -<p>Gabriele schaute auf und der Ausdruck peinlichen Staunens -malte sich in ihren Gesichtszügen.</p> - -<p>»Wie?« sagte sie, »Du hast Deinen Herren nicht abgesagt? -Du findest ein Vergnügen daran, Dich dem Kartenspiele -zu widmen, während Dein Kind hier schwer krank liegt?«</p> - -<p>Brauneck zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Liebe Gabriele, Du hast eine pessimistische Neigung, das -Leben furchtbar tragisch aufzufassen.«</p> - -<p>Ein halbunterdrückter Seufzer entrang sich Gabrielens -Lippen.</p> - -<p>»Es wäre vielleicht viel besser gewesen, für heute eine -Absage ergehen zu lassen,« fuhr Brauneck fort. »Aber ich gestehe -es, ich habe vergessen, es rechtzeitig zu thun. Und jetzt -Abends wäre es hierzu doch jedenfalls zu spät gewesen. So -bleibt mir nichts übrig, als die Herren zu empfangen. Aber, -wie gesagt, ich werde dafür Sorge tragen, daß der kleine Patient -in seinem Schlummer nicht gestört werde.«</p> - -<p>Gabriele erhob und entfernte sich einige Schritte vom -Bette des Knaben. Sie wollte nicht, daß er ihre Worte zu -hören vermöchte. Brauneck folgte ihr.</p> - -<p>»Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie,« antwortete -sie, »gäbe Dir wohl einen hinreichenden Rechtfertigungsgrund, -Deine Einladung noch in letzter Stunde zurückzuziehen. Selbst -jetzt noch müßten Deine Freunde Deine Entschuldigung annehmen. -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -Ich bitte Dich, Otto, thu' es doch, schicke sie fort, -bleibe bei Deinem Kinde. Wenn Du es mir zuliebe nicht thun -willst, so thu' es Erich zuliebe. Er schläft nicht; er frägt immer -nach Dir. Biete ihm die Erleichterung in seinem Leiden, daß -er Dich bei sich sieht, wenn er die Augen aufschlägt und nach -Dir verlangt.«</p> - -<p>Brauneck machte eine Bewegung.</p> - -<p>»Aber liebe Gabriele,« sagte er mit schlecht verhehlter -Ungeduld, »das geht doch nicht an, daß ich die Gäste, die ich -geladen, nun, da sie kommen, wieder gehen heiße, weil mein -kleiner Sohn krank liegt. Solche Sentimentalität würde man -allenfalls der Frau, der Mutter zugute halten, aber einem -Manne nicht.«</p> - -<p>Vom Bette her tönte ein leises Stöhnen.</p> - -<p>Gabriele faltete die Hände und streckte sie bittend dem -Gatten entgegen. Er aber schüttelte verneinend den Kopf.</p> - -<p>»Otto, bleibe bei uns, bleibe bei Deinem Kinde! Ich -bitte Dich!«</p> - -<p>»Aber ich gehe ja nicht fort! Ich verlasse doch weder das -Haus, noch selbst die Wohnung.«</p> - -<p>»Bleibe hier, bei Erich!«</p> - -<p>»Das kann ich nicht.«</p> - -<p>»Und was soll ich dem Kinde sagen, wenn es nach seinem -Vater frägt?«</p> - -<p>»Sag' ihm, was Du willst!«</p> - -<p>Gabriele zuckte zusammen; dann richtete sie sich hoch auf.</p> - -<p>»So geh' denn! Geh' zu Deinen Genossen, geh' dem entsetzlichen -– Vergnügen nach, das Du nicht entbehren kannst! -So mächtig hat der Dämon des Spieles Deine Seele umstrickt, -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -daß Du ihm Dein Vermögen zum Opfer brachtest, das Du -Deinem Sohne hättest erhalten sollen. Jetzt siehst Du Deines -Kindes Leben selbst bedroht – doch auch das hält Dich nicht -zurück. Für Dein Weib und Dein Kind ist Dein Herz erkaltet; -nur die Flamme jener unseligen Leidenschaft verzehrt es.«</p> - -<p>Fast unhörbar leise hatte Gabriele diese Worte hervorgestoßen, -aber Otto war keines entgangen. Er erbleichte. Einen -Augenblick lang begegneten sich die Blicke der beiden Gatten. -Dann senkte Otto den Kopf, wendete sich langsam um und -verließ geräuschlos das Zimmer.</p> - -<p>Einige Minuten blieb Gabriele regungslos stehen und -starrte auf die Thür, durch welche er sich entfernt hatte. Dann -wandte auch sie sich um und kehrte an Erich's Lager zurück.</p> - -<p>Nach einer Weile schlug der Knabe die Augen auf. Ein -heißer Tropfen war ihm auf die Stirn gefallen.</p> - -<p>»Mama,« sagte er und streichelte mit seinem Händchen -über ihre Hand, die auf seinem Bette ruhte. »Weine nicht, -Mama, mir thut nichts mehr weh, gewiß nicht. Weine nur -nicht, Mama, liebe Mama!«</p> - -<p>Erich log. Er log, um seiner geliebten Mutter, die er -traurig sah, zu verheimlichen, daß er litt. Der Glückliche wußte -noch nicht, daß es einen Kummer giebt, heißer, bitterer, trostloser, -als selbst der eines Mutterherzens am Schmerzenslager -des Kindes: Der Kummer um eine verlorene Seele, die uns -theuer ist –</p> - -<p>Brauneck war in sein Zimmer gegangen, hatte aber noch -keinen seiner Gäste vorgefunden. Er athmete erleichtert auf, -als er sich allein sah. Aber was nützte es ihm? In wenigen -Minuten mußten sie ja doch kommen, und er mußte zu den -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -Karten greifen. Zu den Karten, die – er wußte es wohl – -den Fluch seines Lebens bildeten, die er wahnwitzig liebte und -die er in diesem Augenblicke zu fürchten und zu hassen vermeinte.</p> - -<p>Er seufzte tief auf, warf sich in einen Fauteuil und die -Arme auf die Seitenlehnen gestützt, verbarg er den Kopf in -seine Hände.</p> - -<p>Die Worte seiner Frau hatten ihn mächtig erschüttert. Sie -hatten sein im Grunde leicht bewegliches und weiches Gemüth -im Tiefsten aufgewühlt. Blitzartig zog das Bild seines eigenen -Selbst vor seinem geistigen Auge vorüber. Nackt und aller beschönigenden -Entschuldigungsgründe bar, schaute er seine Seele -im Banne jener furchtbaren Leidenschaft, deren Sklave er geworden. -Ja, Gabriele hatte recht, all seinen Besitz hatte er -dem Dämon Spiel in den Rachen geworfen. Drei große Vermögen -hatte er sich von ihm rauben lassen: sein eigenes, das -seiner Mutter, das ihm wenige Jahre nach seiner Verheiratung -zugefallen war, und jenes eines Oheims, den er vor kurzem -beerbt hatte. Die noch übrigen Reste betrugen kaum einige -Tausend Gulden. Er hatte seinen Sohn zum Bettler gespielt. -Aber nicht das allein: Er war noch weit tiefer gesunken, als -Gabriele ahnte. Nicht nur das Laster – das Verbrechen hatte -seine Hände besudelt. Als fast sein ganzes Capital vergeudet -war und er sich am Rande vollständigen Ruines sah, da war -eine entsetzliche Versuchung an ihn herangetreten. Schleichenden -Schrittes erst, in flüchtigen Umrissen, wie ein Phantom. Dann -nahm sie deutlichere Formen an und lockte ihn immer lauter -und dringender. Ein böser Zufall, der ihm einen Genossen zuführte, -welcher unentdeckt und erfolgreich die Bahn des Verbrechens -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -schon betreten hatte, gab den Ausschlag. Seine letzten -schwindenden Skrupel waren besiegt – und – er erlag. –</p> - -<p>Das war es, was er, in sein Inneres schauend, gewahrte. -Er wußte, daß es keine Umkehr, keine Rettung für ihn gab.</p> - -<p>Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich Otto's gequälter -Brust. Da schellte die Klingel an der Eingangsthür; im Vorzimmer -wurden Stimmen laut, und er sprang empor. Seine -Gäste trafen ein; jetzt war nicht die Zeit dazu, sich düsteren -Betrachtungen hinzugeben. Wozu auch? Vielleicht würde endlich -das Glück ihm hold, und – wer weiß, vielleicht ließe sich, -wenn nicht alles, so doch ein Theil des Verlorenen zurückerobern. -Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht, gelangt -zur Enthüllung. Wie viele Schurken und Verbrecher, schlimmer -als er, bleiben unentdeckt und erfreuen sich ungestört der goldenen -Früchte ihrer Gaunerstreiche.</p> - -<p>Otto trat den Ankömmlingen grüßend entgegen; bald folgten -Andere, und eine Viertelstunde später saß die Gesellschaft vollzählig -beim Spiele.</p> - -<p>Drüben aber lehnte Gabriele am Bette des kleinen Erich -und sandte aus gläubiger Seele ein inbrünstiges Gebet zu Gott -empor, daß er ihr Kind vom Tode und ihren Gatten vom -Untergange in Laster und Verkommenheit, dem schlimmeren Tode, -erretten möge. –</p> - -<p>Die Stunden verrannen. Tiefe Stille herrschte im Zimmer -des Kranken. Otto hatte Wort gehalten; es drang kein Laut -herüber von der lustigen Spielgesellschaft, den Schlummer des -Knaben zu stören. Aber Erich schlief nicht. Wohl hatte der -Husten nachgelassen, aber der Athem drang in kurzen, hastigen -Stößen aus der Lunge, und das Fieber steigerte sich stetig. -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -Einigemale hatte der Kleine nach dem Vater gefragt und Gabriele -ihm geantwortet, daß er zu Hause sei, in seinem Zimmer, ob -sie ihn herbeirufen solle? Erich schüttelte den Kopf. Er glaubte, -daß der Vater schlafe und wollte ihn nicht seinetwegen wecken -lassen. Mama weilte bei ihm, er war ja nicht allein.</p> - -<p>Und immer weiter rückten die Zeiger der Wanduhr vor, -und Stunde um Stunde floß in den Schoß der Unendlichkeit. -Mit unermüdlicher Pünktlichkeit reichte Gabriele dem Kinde -die Arznei, träufelte einen kühlenden Trank zwischen die heißen -Lippen, lockerte seine Kissen. Von Zeit zu Zeit durchmaß sie -mit leichten, unhörbaren Schritten das Gemach. Eine qualvolle -Unruhe hatte sie erfaßt. Sie wußte und sie fühlte es, daß die -Stunde nahte der Entscheidung über Tod und Leben.</p> - -<p>Mitternacht war vorüber. Mit stockendem Herzschlage stand -Gabriele über Erich gebeugt und lauschte. Ihr hatte plötzlich -geschienen, als ob die stoßweisen Athemzüge des Kranken von -einem leisen, röchelnden Geräusch begleitet würden, und eine -furchtbare Angst hatte sie an der Kehle gepackt.</p> - -<p>Da machte Erich eine Bewegung und setzte sich im Bette auf. -»Mama,« sagte er mit ungewöhnlich lauter und deutlicher -Stimme. »Mama, jetzt hatte ich einen wunderschönen Traum. -Den möchte ich Dir erzählen. Aber Papa soll ihn auch hören. -Bitte, liebe Mama, ruf' ihn ein wenig zu mir.«</p> - -<p>»Gleich, mein Kind, ich hole ihn gleich,« erwiderte Gabriele. -»Aber wie fühlst Du Dich? besser?«</p> - -<p>»Wie ich mich fühle?« wiederholte der Knabe. »Besser, -viel besser. Nur so sonderbar ist mir zu Muthe, und hier -innen – Erich deutete mit der Hand auf seine Brust – hier innen -ist mir auf einmal so heiß. Aber das thut nichts, Mama,« -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -fuhr er fort. »Ich fühle gar keine Schmerzen mehr. Bitte, -gehe Papa zu holen, damit ich ihm auch meinen schönen Traum -erzählen kann.«</p> - -<p>Gabriele nickte und verließ das Zimmer. Als sie, die -Reihe der Gemächer durchschreitend, sich dem Zimmer ihres -Gatten näherte, scholl ihr daraus lautes Stimmengewirre -entgegen. Ein heftiger Wortwechsel schien dort stattzufinden. -Einen Augenblick zögerte sie einzutreten. Doch nach kurzer -Ueberlegung ging sie weiter und wurde, als sie die schwere -Portière zurückschlug, welche jenes Gemach vom Salon trennte, -Zeugin eines Auftrittes, der, sie mit tödtlichem Entsetzen erfüllend, -ihre Schritte hemmte. Sie sah Folgendes:</p> - -<p>Mehrere der Herren waren von ihren Sitzen aufgesprungen -und sprachen wild und verworren durcheinander. Einer derselben -hielt mehrere Karten in der Hand, die er den anderen -Spielern triumphirend vorwies.</p> - -<p>»Da seht!« rief er. »Da habt Ihr den Beweis. Die -Karten sind markirt!«</p> - -<p>Und in der nächsten Secunde schleuderte er die Karten -ihrem Gatten ins Angesicht. »Elender Schurke!«</p> - -<p>Otto fuhr vom Stuhle auf. Aschfahle Blässe bedeckte seine -Wangen. Seine Lippen zuckten.</p> - -<p>Dumpfes Schweigen lagerte plötzlich über der Gesellschaft.</p> - -<p>»Die Pflichten der Höflichkeit als Hausherr verbieten mir, -gegen Sie so vorzugehen, wie ich an jedem anderen Orte vorgehen -würde,« stammelte Brauneck nach einigen Augenblicken. -»Nichtsdestoweniger werden Sie« – gegen den Ankläger gewendet -– »mir für Ihre mir zugefügte Beschimpfung Genugthuung -zu geben haben. Ich werde Ihnen morgen meine Zeugen schicken.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -Ein Hohngelächter beantwortete Brauneck's Worte.</p> - -<p>»Mit einem Falschspieler schlägt man sich nicht!«</p> - -<p>Und alle Anwesenden erhoben sich von ihren Plätzen.</p> - -<p>Gabriele stand noch immer an der Thürschwelle. Ein -dunkler Schatten legte sich ihr über die Augen. Aber sie schrie -nicht auf; sie brach nicht zusammen. Unbemerkt wandte sie sich -zurück und ehe die Gäste sich zum Weggehen gerüstet, erreichte -sie das Zimmer ihres Kindes.</p> - -<p>Dort sank sie lautlos an Erich's Bettchen nieder.</p> - -<p>Der Knabe hatte sich wieder in die Kissen zurückgelegt. -Er schien zu schlummern. Die Fieberröthe war von seinen -Wangen gewichen. Nur die Athemzüge klangen noch immer -so kurz und röchelnd.</p> - -<p>Jetzt regte er sich und schaute mit weitgeöffneten Augen -im Zimmer umher.</p> - -<p>»Mama,« sagte er, und ein heiteres Lächeln flog über -sein Gesichtchen. »Mein wunderschöner Traum – wir waren -in einem wunderprächtigen Garten, eine herrliche Musik tönte -von fernher und eine Schaar hübscher Kinder tanzte mit mir -nach ihren Klängen. Du und Papa –«</p> - -<p>Erich vollendete den Satz nicht. Ein tiefer, rasselnder -Athemzug hob seine Brust. Dann ging ein plötzliches Zucken -durch seine Glieder. Seine Lippen bebten und bedeckten sich mit -blutigem Schaum.</p> - -<p>Er war verschieden. Eine Lungenblutung hatte sein junges -Leben dahingerafft.</p> - -<p>Gabriele wischte den Schaum von seinem Munde und -bedeckte seine Stirn und Hände mit Küssen. Ein convulsivisches -Schluchzen durchschütterte sie. Aber unter den brennenden -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -Thränen, welche unaufhaltsam ihr Gesicht überströmten, -flüsterte sie:</p> - -<p>»Du bist erlöst, mein Kind! Erlöst von der Schmach -Deines entehrten Namens, von dem furchtbaren Geschicke, der -Sohn eines Vaters zu sein, den Du geliebt und den Du verachten -müßtest. Erlöst – erlöst!«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Justus.</h2> - - -<p>Seit meinem Austritte aus dem Institute hatte ich Justus -nicht mehr gesehen. Und als ein guter Freund und ehemaliger -Schulcollege mir schrieb, daß Justus seine Tante beerbt habe -und sich in dem von ihr hinterlassenen Landhause ganz nahe -von dem Städtchen, in welchem ich damals wohnte, niederlassen -werde, mußte ich mich erst besinnen. Justus? – Wer ist doch -Justus? Wo bin ich ihm je begegnet? Allmählich tauchte das -Bild des einstigen Lehrers in meiner Erinnerung auf.</p> - -<p>Da stand es wieder vor mir, das hagere Männchen mit -dem großen Höcker auf der linken Schulter. Da stand es an -der großen schwarzen Tafel und zeichnete mit Kreide Figuren -und Zahlen, indem es mit unermüdlicher Geduld selbst die begriffsstützigsten -seiner Schüler in die Geheimnisse der Geometrie -und Algebra einzuführen bemüht war. Auf der winzigen, mißgestalteten -Figur saß tief in den Schultern ein mächtiger, prachtvoll -profilirter Kopf mit schwarzem Kraushaar und tiefen, -seelenvollen Augen. Ja, Justus hatte der sanfte Lehrer geheißen, -der uns, weil allzu gütig, nicht zu imponiren vermochte, und -uns niemals die wohlverdiente Strafe, sondern höchstens eine -freundliche milde Mahnung zutheil werden ließ.</p> - -<p>Alles dies hatte uns an ihm lächerlich geschienen. Seine -verwachsene Gestalt, die wir vierzehnjährigen Jungen um einen -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -halben Kopf überragten, seine langsame, zögernde, beinahe stotternde -Sprechweise, seine unerschütterliche Sanftmuth, ja selbst -sein Name: Justus, Justus – der Gerechte, welch komischer -Name! Wie konnte man Justus heißen!</p> - -<p>Und doch hatte dieser Name für ihn gepaßt, wie selten -einer sich für seinen Träger eignet. Denn Gerechtigkeit war die -Grundlage seines Wesens, der vorherrschendste Zug seines -Charakters. Und jede, auch die geringste Ungerechtigkeit, deren -Zeuge er war, konnte ihn aufs tiefste empören. Noch weiß ich -es, wie entrüstet er war, als er sah, wie mehrere kräftige Knaben -über einen weit schwächeren Kameraden herfielen, von dem sie -sich beleidigt glaubten. Nie vorher hatte ich ihn so gesehen. Sein -Auge flammte, die Muskeln seines Gesichtes zuckten vor Erbitterung, -seine Fäuste ballten sich und – was nur in den -Augenblicken mächtigster Erregung geschah – er stotterte nicht, -als er mit laut dröhnender Stimme über die ungeberdigen -Jungen hindonnerte, in glühenden Zornesworten die Feigheit -und Ungerechtigkeit, sich an dem Schwächeren zu vergreifen, -ihnen entgegenschleudernd. Ja, selbst eine empfindliche Strafe -dictirte er ihnen.</p> - -<p>Und nun sollte ich den einstigen Lehrer nach zwölf Jahren -wiedersehen.</p> - -<p>Er hatte sich wenig verändert. Auch älter schien er nicht -geworden in dieser doch stattlichen Reihe von Jahren. Man hatte -es ihm nie angesehen, wie alt er eigentlich war. Uns, seinen -Schülern, hatte er alt geschienen, doch hatte man uns gesagt, -daß er ein junger Mann sei, noch nicht dreißigjährig. Und -jetzt, als ich ihn in seiner neuen Behausung aufsuchte, sah er -gerade so aus wie damals, als ich ihm bei meinem Austritte -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -aus der Schule Lebewohl gesagt. Nur hatte sein dunkles, -schwärmerisch blickendes Auge den Ausdruck milder Traurigkeit -und Wehmuth angenommen. Die Ursache dieser Trauer zu errathen, -ward mir bald Gelegenheit geboten.</p> - -<p>Einige Jahre vorher hatte ein Freund seines Vaters in -unglücklichen Speculationen sein ganzes, nicht unbeträchtliches -Vermögen verloren und in der Verzweiflung über sein Mißgeschick -sich das Leben genommen. Er hatte nichts hinterlassen -als sein vierzehnjähriges Kind, die kleine Dora, blond und blauäugig -und lieblich wie ein thaufrischer Frühlingsmorgen.</p> - -<p>Justus' Vater nahm die Waise ins Haus und nach seinem -Tode übernahm Justus selbst die Fürsorge für das junge Mädchen, -für sie und für seinen Bruder Alvyn, der – um zwanzig Jahre -jünger als er – zur Zeit, als der Vater starb, seine Universitätsstudien -noch nicht vollendet hatte.</p> - -<p>Als ich nun bei einem meiner Besuche in dem mit wildem -Wein und Schlingrosen überwachsenen, anmuthigen Landhause -mit Dora zusammentraf, welche jetzt das Institut verließ, in dem -sie ihre letzte Ausbildung erhalten hatte, um – vorläufig, wie -Justus sagte – in das Haus ihres Pflegevaters zu ziehen, da -ward es mir klar, warum Justus' Augen so traurig blickten. -Er liebte Dora – aber er war zu verständig, um auf Gegenliebe -zu hoffen, und zu gerecht, um es nicht natürlich zu finden, -daß das schöne, blühende Mädchen für den verwachsenen, alternden -Freund keine anderen Gefühle in seinem Herzen nährte, als -Freundschaft und Dankbarkeit. Und als ich Justus' bildhübschen -Bruder kennen lernte, da konnte ich keinen Zweifel hegen, daß -dieser Dora's Herz in Sturm erobern würde. Hoch und schlank -gewachsen, den schönen Kopf stolz auf dem edel geformten Nacken -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -tragend, frei und kühn in seinen Bewegungen und voll ritterlicher -Aufmerksamkeit gegen das kaum flügge gewordene Pensionsfräulein, -sah er neben dem unscheinbaren, mißgestalteten Männchen -aus wie ein junger Gott. Ich wurde ganz traurig gestimmt, -als ich die drei guten Menschen beisammen sah, denn ich konnte -es mir nicht verhehlen, welch tiefes Herzeleid dem armen Justus -aus seiner wohl begreiflichen, aber doch so hoffnungslosen Neigung -für das liebreizende junge Geschöpf erwachsen würde.</p> - -<p>Dennoch aber verbrachte ich manche glückliche Stunde in -Justus' gastlichem Heim. Tagsüber, wenn das Wetter günstig -war, waren wir Alle im Garten oder machten Ausflüge in der -nahen Umgebung, wobei es sich, wie zufällig, immer so traf, -daß Alvyn mit Dora vorausmarschirte, während ich und Justus -die Nachhut bildeten. Des Abends aber versammelten wir uns -im traulichen Gartensalon, und nach dem Thee wurde Lectüre -vorgenommen. Alvyn oder ich lasen vor, während die Anderen -zuhörten.</p> - -<p>Da gab es oft lebhaft erregte Discussionen. Denn -Justus vertheidigte die classische Richtung, während Alvyn und -ich die Modernen in Schutz nahmen. Dora kümmerte sich nicht -viel um unsere literarisch-ästhetischen Dispute. Nur hin und -wieder warf sie ein Wort dazwischen. Abseits von uns saß sie -an einem kleinen Tischchen und zeichnete emsig. Ich wußte, was -es war, das sie beschäftigte, denn mich hatte sie ins Vertrauen -gezogen und beauftragt, Justus' Aufmerksamkeit bei diesen Leseabenden -so in Anspruch zu nehmen, daß er sie und ihre Zeichnung -nicht beachtete. Denn dieselbe sollte eine Ueberraschung für -ihn werden.</p> - -<p>Und sie gelang glänzend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Am Vorabend von Justus' Geburtstag – es war sein -vierundvierzigster, wie ich erfuhr – nachdem das festliche Abendessen -zu Ende und mancherlei Toaste ausbracht waren, verschwand -Dora plötzlich aus dem Zimmer, und als sie nach einer -kleinen Weile mit freudig geheimnißvoller Miene wieder eintrat, -ergriff sie Justus bei der Hand und zog ihn, während sie uns -winkte, ihnen zu folgen, in den Gartensalon hinüber. Derselbe -war hell erleuchtet, und mitten im Zimmer ruhte auf einer -Staffelei das lebensgroße und sehr wohlgetroffene Brustbild -unseres Justus. Sprachlos vor tiefster Ergriffenheit, blickte dieser -auf sein Porträt.</p> - -<p>»Nun, ist es gut? Bist Du zufrieden mit dem, was ich -gelernt?« frug Dora schüchtern, als Justus noch immer keine -Antwort über seine Lippen brachte.</p> - -<p>Ein Blick auf sein Angesicht gab ihr Antwort.</p> - -<p>Eine überirdische Freude leuchtete aus seinem Auge, eine -Thräne rollte langsam über seine Wange, und er öffnete den -Mund, als ob er sprechen wollte; aber das Wort versagte ihm.</p> - -<p>Da stürzte Dora ihm an den Hals, küßte und herzte ihn -und rief ein- um das andermal:</p> - -<p>»Freut es Dich? Bist Du zufrieden? Justus, freut es -Dich?«</p> - -<p>Dieser aber verfärbte sich plötzlich. Und je mehr Küsse es -von den holden Lippen auf seinen Mund und seine Wangen -regnete, um so bleicher wurde er und ein leichtes Zittern ging -durch seine Glieder. Ich verstand, was in seinem Inneren vorging, -und ein Gefühl peinlichen Mitleides beschlich mich.</p> - -<p>Warum war Dora auch so toll und thöricht, den Armen -so abzuküssen, als ob sie ihn liebte. Bedachte sie denn gar -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -nicht, daß auch in der Brust dieses unglücklichen, mißgestalteten -Freundes ein warm fühlendes, der Liebe nicht verschlossenes Herz -wohnen könne?</p> - -<p>Einige Wochen später rüstete sich Alvyn zur Abreise. In -einer unfernen größeren Stadt wollte er sich als Arzt -niederlassen. Schon war der Tag seiner Abreise festgesetzt, als -er von einem Jagdausfluge verwundet nach Hause gebracht -wurde. Die Kugel eines der Schützen hatte – statt des Rehbockes, -dem sie bestimmt gewesen – Alvyn's linke Schulter getroffen. -Die Verletzung war keine gefährliche, dennoch aber wurde -das ganze Haus in die größte Bestürzung versetzt. Justus bestand -darauf, die Pflege des Bruders selbst zu übernehmen. Dora -wollte ihn ablösen, damit er Zeit fände, sich auszuruhen. Aber -er gestattete es nicht, indem er meinte, daß ein Krankenbett kein -geeigneter Platz für sie sei, und so mußte sie sich damit begnügen, -in sorgsamer Ueberwachung der Hauswirthschaft dem -Bruderpaare ihre Dienste zu erweisen. Sie war keine gewandte -Hausfrau – wo hätte sie bis dahin auch Gelegenheit gefunden, -sich in dieser Richtung zu bethätigen? – Und da war es zugleich -heiter und rührend, zu sehen, wie sie sich abmühte, ihren -ungewohnten Pflichten gerecht zu werden. Glücklicherweise war -Agathe da, die alte, langerprobte Köchin. Sie versah ihren -Dienst so fest und sicher, daß alles ganz gut von Statten ging; -auch war sie viel zu gutmüthig, um dem jungen Mädchen seine -grüne Unerfahrenheit allzu fühlbar werden zu lassen. Mit der -ernstesten Miene von der Welt ließ sie sich täglich von Dora -den Speisezettel vorschreiben und sich einschärfen, wie die Gerichte -bereitet werden müßten, daß sie sich für den Kranken -eigneten, und daß sie kräftig genug seien und leicht verdaulich, -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -um Justus für seine anstrengende Krankenpflege genügend zu -stärken.</p> - -<p>Langsam und traurig zog die Zeit dahin. Eines Tages -aber, als ich wieder in dem Häuschen vorsprach, um mich nach -dem Befinden des Patienten zu erkundigen, wurde ich von Dora -mit heiterer Miene empfangen. Und sonderbar! Erst jetzt, als -sie wieder lächelte, bemerkte ich, wie schmal und blaß ihr liebliches -Gesichtchen geworden war. Freudig theilte sie mir mit, -daß der Arzt heute Alvyn gestattet hatte, für einige Stunden -sein Bett zu verlassen. Wenn ich ein wenig warten wollte, -könnte ich ihn sehen.</p> - -<p>Wie erschrak ich, als eine Viertelstunde später Alvyn, auf -den Arm seines Bruders gestützt, in das Zimmer trat! Nicht -er war es, der mir Schrecken einflößte. Seine Wangen waren -wohl etwas bleicher als vordem, aber man erkannte sogleich, -daß der Doctor nicht zu viel versprochen, indem er seine baldige -Genesung in Aussicht gestellt. Justus' Aussehen dagegen erweckte -meine Sorge. Seine Gesichtsfarbe war wachsgelb geworden, die -Backenknochen traten scharf hervor, und die schönen, strahlenden -Augen lagen tief eingesunken in ihren bläulich umränderten -Höhlen und hatten allen Glanz verloren. Sollten die Anstrengungen -der Pflege, die Nachtwachen und die Angst um den -Bruder ihn so arg mitgenommen haben? Ich konnte es nicht -recht glauben. Das aber wußte ich, daß er selbst einer Erholung -bedürftiger war, als der an seiner Seite blühend aussehende -Reconvalescent. Auch hielt ich es für meine Pflicht, aus meiner -Meinung kein Hehl zu machen, und nachdem wir ein Weilchen -über allerlei alltägliche Dinge geplaudert, erklärte ich Justus, -ohne Umschweife, daß es an der Zeit sei, sich Ruhe zu gönnen, -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -zu seiner Erholung etwa eine kleine Vergnügungsreise anzutreten. -Alvyn und Dora, die mittlerweile auch eingetreten war, -stimmten mir lebhaft bei. Justus aber betheuerte, daß er sich -ganz wohl fühle, und wollte von einer Reise nichts wissen. -Die kleine Ermüdung, die er ja nicht leugnen wolle, werde -nun, da er jetzt nichts mehr zu thun und zu sorgen habe, bald -von selber weichen. Ich glaubte ihm nicht, da aber alles weitere -Drängen sich als nutzlos erwies, beschloß ich, mich hinter den -Hausarzt zu stecken und diesen zu einem Machtwort in Betreff -Justus' zu veranlassen. Als ich mich aber zu diesem Zwecke zwei -Tage später bei meinen Freunden einstellte, empfing mich Justus -und bat mich, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten, dessen -Thür er zu meiner nicht geringen Verwunderung hinter uns -absperrte.</p> - -<p>»Ich will nicht, daß wir gestört werden,« sagte er, indem -er vor seinem Secretär Platz nahm und einen großen, von -seiner Hand geschriebenen Bogen Papier entfaltete.</p> - -<p>»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,« -fuhr er fort. »Als ich da vergangene Nacht wieder -nicht schlafen konnte – am Krankenbette Alvyn's habe ich mir -das Schlafen fast ganz abgewöhnt – da fiel mir ein, daß es -angezeigt sei, ein wenig Ordnung zu machen und mein Testament -niederzuschreiben. Man kann ja nie wissen, was geschieht. -Und da möchte ich Sie nun ersuchen, dasselbe durchzusehen, ob -es in seiner Form richtig abgefaßt ist.«</p> - -<p>Ich nahm das Testament und las. Alvyn und Dora -waren darin zu gleichen Theilen als Erben von Justus' nicht -unbedeutendem Vermögen eingesetzt. Als ich ihm das Schriftstück -mit der Beruhigung zurückgab, daß dasselbe ganz rechtsgiltig -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -verfaßt sei, konnte ich nicht umhin, die Bemerkung beizufügen, -daß es wohl viel vernünftiger wäre, irgend etwas zur -Kräftigung seiner Gesundheit zu unternehmen, als sich mit -Todesgedanken zu tragen.</p> - -<p>Justus lächelte.</p> - -<p>»Nun, nun,« sagte er, »deshalb, weil ich mein Testament -gemacht habe, glaube ich ja nicht, schon morgen oder übermorgen -sterben zu sollen. Ich will ja nur alles in Ordnung -gebracht haben – für alle Fälle. Was Sie aber da von meiner -Gesundheit sagen – ich bin ja nicht krank, wirklich nicht. Wenn -es aber dennoch bald mit mir zu Ende ginge, was läge weiter -daran? Ich habe doch eigentlich genug gelebt, da ich niemandem -mehr zu etwas nützlich bin. Im Gegentheile. Ich stehe dem -Glücke der Anderen nur im Wege. Haben Sie es denn nicht -bemerkt? Dora und Alvyn lieben sich ja. Dora wird sich aber -nicht leicht dazu entschließen, mich zu verlassen und Alvyn's -Frau zu werden, so lange ich lebe. Das gute Geschöpf würde es -schwer übers Herz bringen, mich einer traurigen Einsamkeit anheimzugeben. -Die Dankbarkeit, die sie glaubt, mir schuldig zu -sein, würde ihr dies nicht erlauben.«</p> - -<p>Ich unterdrückte einen Seufzer.</p> - -<p>»Glauben Sie wirklich?« stotterte ich nicht ohne Verlegenheit.</p> - -<p>»Glauben! Was glauben!« wiederholte Justus. »Ich weiß -es! Und wenn ich es auch nicht schon früher bemerkt hätte, so -müßte ich es doch jetzt wissen. Hab' ich es doch gesehen, wie sie -sich in Angst und Sorge verzehrte, als Alvyn krank darniederlag. -Nachts, wenn ich aus seinem Zimmer trat, fand ich sie -oftmals in Thränen, statt daß sie schlief. Ich gab ihr wohl -keine Veranlassung dazu.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -»Und wenn nicht Alvyn, sondern die Sorge um Dich, um -Deine Gesundheit und Dein Leben die Ursache ihrer Thränen -gewesen wäre?« – schoß es mir plötzlich durch den Kopf. Doch -gleich darauf kam mir dieser Gedanke so komisch vor, daß ich -mich wohl hütete, ihn laut werden zu lassen.</p> - -<p>»Ja, wenn es aber auch wirklich der Fall sein sollte, daß -Dora Alvyn liebt,« sagte ich, »sind Sie dessen auch gewiß, -daß ihre Liebe erwidert ist?«</p> - -<p>Jetzt fuhr Justus auf.</p> - -<p>»Wie? Nicht erwidert? Dora's Neigung sollte nicht erwidert -sein? Aber Alvyn müßte ja blind und blöde, ja geradezu -blöde sein, wenn er dieses liebe Geschöpf nicht liebte. Ich bitte -Sie, wie können Sie so etwas denken!«</p> - -<p>Dann warf er das Testament in die Lade seines Schreibtisches -und fing an, im Zimmer auf und ab zu laufen. Mich -beachtete er gar nicht mehr, so mächtig war die Erregung seines -Gemüthes. Wieder waren mehrere Wochen vorübergegangen. Alvyn -war völlig hergestellt und der letzte Abend vor seiner Abreise -sollte uns Alle zum Abschiedsfeste vereinigen. Mir bangte davor, -denn ich war überzeugt, daß es auch zum Verlobungsfeste werden -sollte, und wenn ich es auch einsah, daß es für Justus besser -sei, wenn die von ihm selbst vorausgesehene Entscheidung bald -fiele, so wußte ich doch, daß dieselbe einen schweren Streich -gegen sein Herz führen würde.</p> - -<p>Als ich das Haus betrat, begegnete mir Dora im Flur. -Sie kam aus der im Erdgeschosse gelegenen Küche und hielt -auf einem Glasteller einen mächtigen Kuchen in der Hand. -Ihre Wangen waren vom Herdfeuer geröthet und freudige -Heiterkeit blitzte aus ihren blauen Augen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -»Welch lucullische Genüsse bereiten Sie da für uns?« -frug ich, auf den Kuchen weisend.</p> - -<p>Sie legte den Finger an den Mund.</p> - -<p>»Bst, nicht so laut,« flüsterte sie. »Es soll eine Ueberraschung -für Justus werden. Sein Lieblingsgericht, das ich selbst -gebacken. Er wird Augen machen, wenn er erfährt, daß Agathe -mir dabei gar nicht geholfen hat.«</p> - -<p>Schweigend stieg ich hinter Dora die Treppe hinan. Ich -war ärgerlich gestimmt, Dora's Aufmerksamkeiten für Justus -verdrossen mich, da ich wußte, daß sie ihn mehr quälen als -erfreuen müßten. Ich folgte ihr in das Speisezimmer, wo sie -den Kuchen auf den Credenztisch stellte und über und über mit -Zucker bestreute.</p> - -<p>»Das ist der Zucker, mit dem sie die bittere Pille versüßen -will, die sie ihm zu schlucken giebt,« dachte ich zornig.</p> - -<p>Sie aber lächelte vergnügt vor sich hin.</p> - -<p>»Glauben Sie, daß es ihn freuen wird?« frug sie.</p> - -<p>Ich gab keine Antwort, so böse war ich auf sie. Plötzlich -aber fuhr ich los:</p> - -<p>»Warum quälen Sie den armen Justus unaufhörlich? -Warum überhäufen Sie ihn mit Zuvorkommenheiten, die ihn -nur peinigen können?«</p> - -<p>Ich hielt inne; meine eigenen Worte erschreckten mich. -Dora aber blickte mich mit großen Augen staunend an.</p> - -<p>»Quälen?« wiederholte sie. »Ich quäle Justus?«</p> - -<p>»Wie denn nicht? Das müssen Sie doch selbst einsehen, -daß Ihre Aufmerksamkeiten ihm Qualen bereiten müssen. Es -kann Ihnen doch kein Geheimniß geblieben sein, daß er – -Ah, bah! Sie wissen ganz gut, was ich meine. Aber besser -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -wäre es, Sie machten dem grausamen Spiele ein Ende und -erklärten sich. Heute bei Alvyn's Abschiedsfest wäre der richtige -Augenblick hiefür.«</p> - -<p>Dora wechselte die Farbe. Ein leichtes Zittern bewegte -ihre Hand, die immer noch die Streubüchse festhielt, und ein -dichter Zuckerstaub fiel neben dem Kuchen auf die Tischplatte -nieder.</p> - -<p>»Sie glauben, daß Justus –,« lispelte sie kaum hörbar.</p> - -<p>»Sie liebt!« fiel ich ein. »Ja, das glaube ich nicht nur, -ich weiß es. Und daß Sie mit Ihren koketten Künsten ihn -nutzlos peinigen.«</p> - -<p>Ich war so erbost gegen sie, daß es mir ordentlich wohl -that, sie zu kränken.</p> - -<p>Sie schwieg. Nur ein leiser Seufzer drang zwischen ihre -Lippen. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, denn sie hatte mir -den Rücken zugewendet. Jetzt klappte sie den Deckel des Schrankes -zu und schlüpfte hastig aus dem Zimmer.</p> - -<p>Mit gemischten Gefühlen blickte ich ihr nach. Ich schämte -mich meiner plumpen Derbheit, und doch war ich wieder froh, -das unhaltbare Verhältniß einer Krisis entgegengedrängt zu -haben. Noch mehr aber freute ich mich dessen, als ich, in Justus' -Zimmer tretend, die bleichen Wangen, die nervöse Unruhe meines -wackeren Freundes sah. Es war wirklich hoch an der Zeit, daß -diese unerquickliche Lage der Dinge ein Ende nahm.</p> - -<p>Trotz der anfänglich etwas befangenen und erregten Stimmung -der Mehrzahl der Theilnehmer verlief das Festmahl in -ungestörter Heiterkeit. Alvyn's übersprudelnde Lustigkeit wirkte -ansteckend auf die Anderen, und frohes Lachen, muntere Scherzworte -flogen von Lippe zu Lippe.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -Wir waren beim Dessert angelangt, und der mir bereits -bekannte Kuchen wurde aufgetragen. Mit etwas scheuer Miene -– denn mein auf Dora gerichteter Blick verwirrte sie sichtlich -– und stockendem Tone murmelte Dora, wie geistesabwesend, -ein paar Worte vor sich hin: daß sie den Kuchen -selbst bereitet habe, um zu beweisen, daß sie in den Künsten -der Küche nicht so ungeschickt sei, wie Justus stets behauptete. -Weiter kam sie nicht; das spöttische Lächeln, das sie auf meinem -Munde bemerkte, schnitt ihr das Wort ab.</p> - -<p>Jetzt aber erhob sich Alvyn von seinem Sitze und sein -mit edlem Wein gefülltes Glas hochhebend, rief er:</p> - -<p>»Hurrah, hoch! die Hausfrau möge leben! Ich leere meinen -Becher auf Dora's Wohl und auf das Wohl – desjenigen, -der das Glück haben wird, sie als Hausfrau heimzuführen!«</p> - -<p>Tiefes Schweigen folgte Alvyn's Worten. Doch nach -wenigen Augenblicken erhob auch Justus sich, das Glas mit -bebender Hand ergreifend. Er war sehr blaß geworden. Ein -seltsames Leuchten verklärte den dunklen Glanz seines Auges.</p> - -<p>»Dora!« sagte er laut und langsam. »Ich schließe mich -Alvyn's Wunsche an. Ich trinke auf das Wohl desjenigen, den -Du liebst. Willst Du mir Bescheid thun?«</p> - -<p>Dora zögerte. Eine Secunde lang blickte sie unschlüssig -vor sich ins Weite. Eine jähe Röthe überfluthete ihre Wangen -und ihre Brust hob und senkte sich in heftigen Athemzügen. Doch -jetzt erhob auch sie sich und griff nach ihrem Becher. Hell klangen -die Gläser aneinander und Justus und Dora's Blicke begegneten -sich, als wollte jeder tief sich in des Anderen Seele senken.</p> - -<p>»Gern thu' ich Dir Bescheid,« sagte Dora. »Es lebe der, -den ich liebe! Er lebe hoch! – Justus lebe hoch!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -Justus' Glas fiel zu Boden, das köstliche Naß über den -Teppich ergießend. Er selbst stand wie versteinert. Da flog -Dora ihm an den Hals und küßte ihn wieder lebendig.</p> - -<p>Wir aber tranken auf das Wohl des Brautpaares. Ein -Toast folgte dem anderen und die Nacht war weit vorgerückt, -als ich in heiterster Stimmung mich auf den Heimweg machte.</p> - -<p>Wenige Wochen später fand Justus' Vermählung mit Dora -statt. Dann traten sie eine Reise an, und als sie wieder in -ihr trauliches Heim zurückkehrten, fand ich Justus völlig verändert. -Kraft und Gesundheit lag über seiner Erscheinung. Sein -Schicksal hatte ihm das beste Heilmittel gereicht – das Glück.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -Fallendes Laub.</h2> - - -<p>Friede lag über dem Thale. Die ermüdete Herbstsonne -badete das purpurne und gelbe Laub der Wälder in ihrem -milden, sanften Glanz. Um die Kuppen der Berge ringelten sich -weiße, flockige Nebelstreifen, lagerten sich schläfrig in die Schluchten -und Risse, um dann an den zackigen, grauen Felswänden langsam -emporzukriechen und, höher und höher steigend, im durchsichtigen, -blassen Blau des Himmelsgewölbes sich allmählich aufzulösen.</p> - -<p>Das ganze Land, so weit das Auge sah, lag in zitterndem, -goldigem Licht. Das letzte warme Lächeln des fliehenden Sommers -glitt über das Antlitz der Natur, bevor sich ihr Auge zum winterlichen -Schlafe schloß. Und um die Mittagszeit schien die Sonne -noch so warm, daß man glauben konnte, der Herbst mit seinem -Reif und Frost, der Winter mit seinem Schnee und Eis seien -noch in weiter, weiter Ferne.</p> - -<p>Aber die klugen Schwalben ließen sich von dem gleißnerischen -Lächeln nicht täuschen. Fast alle hatten schon den großen -Zug nach dem Süden angetreten und jetzt rüsteten sich auch die -letzten zum Aufbruch. Fröhlich zwitscherten sie ihren Abschiedsgruß -in die linde, laue Luft. Geschäftig hin und her fliegend, -ordneten sie sich in Gruppen und prüften sorgsam die Flugkraft -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -ihrer jüngsten Kinder, um derentwillen sie ihre Abreise hatten -verzögern müssen.</p> - -<p>Gleichgiltig sahen die Sperlinge den Reisevorbereitungen -zu. Was kümmert es sie, ob und wann es Herbst wird. Sorglos -hüpfen sie von Zweig zu Zweig, trippeln auf dem kurzen, -grünen Rasen umher, gierig nach kleinen Würmchen ausschauend, -oder baden sich behaglich im Staub der trockenen Erde. Wie -graue, schlechtgewickelte Wollknäuel sitzen sie da und blasen sich -auf, daß alle Federn emporstehen.</p> - -<p>Plötzlich fahren zwei dieser struppigen Wollknäuel laut -pipsend in die Höhe. Ein seltsamer Schrei hat sie erschreckt. -Und doch sollten sie an denselben schon gewöhnt sein. Es ist ja -ein guter Bekannter, der ihn ausgestoßen hat. Tante Cölestinens -Papagei, der, während seine Besitzerin in dem Lusthause mit -einer Handarbeit beschäftigt sitzt, neben ihr auf einem in die -Sonne gerückten Gestelle auf und nieder flattert. Bei trübem -Wetter verhält er sich meist still und manierlich, wie es sich -ziemt für den wohlgesitteten Genossen eines ruheliebenden, alten -Fräuleins.</p> - -<p>Er schaukelt sich auf dem an seinem Gestelle befestigten -Ringe, lacht und plaudert, und wenn es ihm gestattet -wird, auf der Schulter seiner Herrin zu ruhen, drückt er -schmeichelnd sein Köpfchen an ihre Wange und läßt sich aus -ihrem Munde mit kleingekauten Milchbrötchen füttern.</p> - -<p>Wenn aber die Sonne so recht warm auf ihn herabscheint, -dann erinnert der Vogel sich seiner fernen sonnigen Heimat und -Sehnsucht erfaßt das kleine Herz. Er reckt und dehnt sich, schlägt -mit den verschnittenen Flügeln, flattert empor – und fällt mit -einem lauten kreischenden Schrei zu Boden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Tante Cölestine begreift es nicht, daß der kleine Fremdling -in seiner vieljährigen Verbannung seine Heimat in den Urwäldern -Südamerikas nicht schon verschmerzt und vergessen hat. -Es ging ihm doch so gut. An nichts fehlte es ihm. Reichliche, -gesunde Nahrung, Schutz vor den Unbilden der Witterung und -der Verfolgung raubgierigen Gethiers, freundliche, liebevolle -Behandlung – was konnte er noch mehr verlangen, wie konnte -er sich nach Freiheit sehnen, wo er den schweren Kampf ums -Dasein aufnehmen mußte und von vielfältigen Gefahren bedroht -wurde? Mehr Verständniß brachte Cölestinens siebzehnjährige -Nichte der Freiheitssehnsucht des kleinen Gefangenen entgegen. -War ihr Schicksal dem seinen doch nicht unähnlich.</p> - -<p>Nach dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern, eines reichbegabten -Künstlerpaares, von der Schwester ihres Vaters an -Kindesstatt angenommen, fühlte auch sie sich in eine ihr fremde, -sie beengenden Welt versetzt. Trotz der innigen Liebe und Dankbarkeit, -mit der sie an der Tante hing, deren Güte alle Sorgen -und Lasten des Lebens von ihr fernhielt, war es ihr doch -manchmal zu Muthe, als müsse sie die Flügel spannen und in -die weite, schöne Welt hinausfliegen, von welcher sie in der verklärenden -Erinnerung jener Zeit, da sie an der Seite ihrer -Eltern ein reiches, glückliches Leben gelebt, ein so verlockendes -Bild in ihrem Inneren trug. Aber auch ihr waren ja die Flügel -geschnitten, und die gute Tante meinte, daß die Freiheit nur -ein illusorisches Glück und das wahre Glück viel eher in dem -stillen Frieden ihrer einsamen Zurückgezogenheit, denn in dem -wüsten Sturm und Drang der Welt zu finden sei. Und nicht -ohne Sorge gedachte sie der Zukunft, wenn ihre Augen sich -für immer schließen würden und das junge Mädchen ohne Schutz -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -und Stütze den vielfachen Gefahren und Versuchungen des Lebens -preisgegeben sein werde. Doch vielleicht war jener Augenblick, -da Gott sie abberufen würde, noch ferne. Noch fühlte sie sich -gesund und rüstig und sie wußte, daß die Grundsätze, welche -sie in die jugendliche Seele zu pflanzen bemüht war, eine feste -Rüstung seien, um sie in der Stunde des Kampfes siegreich -bestehen zu lassen.</p> - -<p>Mit unerschütterlicher Geduld hatte Cölestine sich abermals -von ihrem Sitze erhoben, um den Papagei, der zum so und so -vieltenmale mit schrillem Aufschrei von seinem Metallringe herabgeflattert -war, und nun verzagt und enttäuscht um sich blickend, -auf dem Boden des Lusthäuschens hockte, wieder auf sein Gestell -emporzuheben. Mit liebkosender Hand glättete sie sein gesträubtes, -grünes Gefieder, küßte ihn, und mit dem Finger drohend, redete -sie ihm freundlich zu, Ruhe zu halten.</p> - -<p>»Sieh' nur, Betti, wie thöricht unsere Lora heute wieder -ist,« sagte sie, sich lächelnd zu ihrer mit raschen Schritten sich -nähernden Nichte wendend. »Durchaus fort will das Närrchen. -Es ahnt nicht, welche Gefahren in der weiten Welt seiner -harren würden und daß es in der ersehnten Freiheit umkommen -müßte.«</p> - -<p>Aber Betti schenkte den Worten der Tante keine Aufmerksamkeit. -Ein Zeitungsblatt hastig hin und her schwenkend, stand -sie mit hochgerötheten Wangen und blitzenden Augen vor der -sie verwundert anblickenden alten Dame.</p> - -<p>»Ach, Tantchen,« rief sie und ihre Stimme zitterte vor -innerer Bewegung. »Welch ein Unglück, daß wir gerade diesmal -die Zeitung nicht früher durchgesehen haben. Hier ist das -Programm mitgetheilt von dem gestern Abend in der Stadt -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -gegebenen Concerte. Und denke nur, ein junger Sänger, einer -von den Schülern meines Vaters, hat darin mehrere von Papas -Liedern gesungen. Und nun waren wir nicht dabei!«</p> - -<p>Tante Cölestine nahm das Blatt, las und nickte langsam -mit ihrem weißhaarigen, mit einem kleinen Spitzenhäubchen bedeckten -Haupte.</p> - -<p>»Hm – hm, das ist freilich recht schade,« meinte sie. »Es -wäre ja schön gewesen, die hübschen Lieder singen zu hören.« -In ihrem Inneren aber erwog sie, ob dieser Zufall, daß sie von -der Sache nicht rechtzeitig erfahren hatte, nicht eine Fügung -Gottes gewesen sei. Sie würde Betti's Drängen, das Concert -zu besuchen, jedenfalls nachgegeben haben und sie wußte aus -Erfahrung, daß jede Berührung mit der Außenwelt, jedes Concert -und jede Theatervorstellung einen Sturm in des jungen -Mädchens Seele hervorrief, dessen leidenschaftliche Sehnsucht nach -der großen Welt heftig entfachend. Und langer Zeit bedurfte es -immer, bis die Wirkung solcher Ereignisse beseitigt wurde und -das jugendlich stürmische Herz wieder zur Ruhe kam.</p> - -<p>Dann legte sie das Blatt fort und griff wieder nach ihrer -Handarbeit.</p> - -<p>»Grüß Di' Gott', grüß Di' Gott!« rief der Papagei -und reckte sich, so weit er konnte, Betti entgegen, die sein Liebling -war.</p> - -<p>Betti faßte ihn und setzte ihn auf ihre Achsel.</p> - -<p>»Hast Du Deinen englischen Aufsatz für Miß Evans schon -geschrieben?« unterbrach die Tante nach einer Weile das eingetretene -Schweigen. »Morgen früh hast Du ja wieder Stunde.«</p> - -<p>Betti nickte stumm. Dann schwiegen sie wieder beide. Nur -der Papagei plauderte und drehte sich und tanzte auf Betti's -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Schulter, als ob er ihre Verstimmung fühlte und sie erheitern -wollte.</p> - -<p>Plötzlich wandte Betti sich wieder an ihre Tante.</p> - -<p>»Glaubst Du, daß Herr Reichel schon abgereist sei?«</p> - -<p>Die Befragte blickte erstaunt auf.</p> - -<p>»Herr Reichel – wer ist das?«</p> - -<p>»Nun, der Sänger. In der Zeitung steht ja sein Name.«</p> - -<p>»Ach so! Ich habe es wirklich nicht beachtet, wie er heißt. -Aber wie soll ich wissen, ob er schon abgereist ist, und warum -interessirt Dich das?«</p> - -<p>»Na, ich dachte nur so. Wenn er etwa noch in der Stadt -weilte, so könntest Du vielleicht, als die Schwester seines ehemaligen -Meisters, ihn für heute Abend oder morgen zu Tische -laden. Und da könnte er uns einige Lieder vorsingen.«</p> - -<p>Der Ausdruck des Mißfallens breitete sich über das Angesicht -des alten Fräuleins.</p> - -<p>»Wie Du nur auf solch abenteuerliche Ideen verfallen -kannst, Betti!« sagte sie vorwurfsvoll. »Was geht dieser fremde -Mensch uns Beide an? Dein Papa hatte gar viele Schüler. -Wenn wir die alle zu uns rufen wollten!«</p> - -<p>Betti blickte beschämt zu Boden.</p> - -<p>»Ja, Du hast recht, Tante,« sagte sie bescheiden. »Sei nicht -böse. Es war ein gar alberner Gedanke von mir.«</p> - -<p>»Ich bin ja nicht böse, liebes Kind,« antwortete die Tante -rasch besänftigend. »Jung, wie Du bist, fehlt Dir eben noch -das reife Urtheil für das, was sich schickt und ziemt.«</p> - -<p>Durch Betti's Brausekopf schoß der Gedanke, daß ihre -Eltern an ihrem Vorschlage nichts Unpassendes gefunden haben -würden. Die Frage drängte sich ihr auf, ob jene mit ihren -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -freieren Anschauungen, oder die Tante mit ihrer peinlichen Vorsicht, -ja nichts Ungewöhnliches zu thun, ja nicht einmal zu -denken, mehr recht hätte? Aber sie wußte sich keine Antwort -auf diese Frage zu geben. Und wieder, wie so oft legte sich das -Gefühl drückender Beengung auf ihr Gemüth.</p> - -<p>Die Tante ließ ihr aber nicht lange Zeit, über solche nutzlose -Dinge nachzugrübeln. Sie hatte allerlei Aufträge für sie. -Die frisch gebügelte Wäsche mußte revidirt und in den Schränken -eingeordnet werden; der Gärtner war gekommen, um Rechnung -zu legen über einige Körbe Obst aus ihrem Garten, das er in -der Stadt verkauft hatte, und mit dem Dachdecker mußte man -Rücksprache nehmen, daß er eine schadhaft gewordene Ecke des -Hausdaches ausbessere, bevor die schlechte Jahreszeit mit ihren -langen und ausgiebigen Herbstregen eintritt. Rasch und willig -unterzog sich Betti der gewohnten Erfüllung derartiger Pflichten. -Nachdem sie aber alles zur vollen Zufriedenheit ihrer Tante -besorgt hatte und diese sich, der einbrechenden Abendkühle wegen, -in ihr Zimmer zurückzog, da schlüpfte Betti in den Gartensalon, -in welchem ein prächtiger Steinwayflügel stand, ein Vermächtniß -ihres Vaters, ein gar lieber Genosse ihrer Einsamkeit -und eine reiche Quelle glücklicher Augenblicke.</p> - -<p>Bald hatte sie auf dem nebenan gerückten Notenschränkchen -das Gesuchte – das von ihrem Vater componirte Liederheft – -gefunden und wenige Augenblicke später klang ihre frische, klare -Stimme in lieblichen Tonwellen hinaus in den stillen Frieden des -von den goldenen Strahlen der sinkenden Sonne durchglühten -Alpenthales.</p> - -<p>Es war Lenau's »Wunsch«, den sie gewählt hatte, eines -jener Lieder, die, wie dem Programme entnommen, der fremde -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -Sänger in dem am verflossenen Abend in der eine Wegstunde -entfernten Stadt gegebenen Concerte zum Vortrage gebracht, -und welche zu hören, ein unglücklicher Zufall sie verhindert -hatte. Sie sang:</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Fort möcht ich reisen weit, weit in die See,</td></tr> - <tr><td class="tdl">O meine Geliebte mit Dir allein!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Dränger und Lauscher und kalten Störer,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sie hielt uns ferne der wallende Abgrund,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das drohende Meer,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wir wären so sicher und selig allein!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und käme der Sturm,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich würde Dich halten an meiner Brust.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn donnernde Wogen zum Himmel schlügen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Doch höher schlüge mein trunkenes Herz;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und meine Liebe, die ewige, starke,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sie würde frohlockend Dich halten im Sturm.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Du würdest zitternd mir blicken ins Auge</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und würdest erblicken, was nimmer scheitert in allen Stürmen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und würdest lächeln und nicht mehr zittern.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Sieh', nun ermüdet der tobende Aufruhr,</td></tr> - <tr><td class="tdl">In Schlummer sinken die Wellen und Winde,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und über den Wassern ist tiefe Stille.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Da ruhst Du sinnend an meiner Brust.</td></tr> - <tr><td class="tdl">So tiefe Stille: mein lauschendes Herz</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hört Antwort pochen Dein lauschendes Herz.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Wir sind allein, doch flüsterst Du leise,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Um nicht zu stören das sinnende Meer,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Nur sanft erzittern die Lippen Dir,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die schwellenden Blätter der süßen Rose;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich sauge Dein Wort,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Den klingenden Duft der süßen Rose.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Im Osten hebt sich der klare Mond. - <a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und ich bedecke, selig wie er,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mit feurigen Küssen.«</td></tr> -</table> - -<p>Ein jäher Schrecken ließ sie aber verstummen, als bei dem -Verse: »Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel –« eine -klangvolle Baritonstimme in die Melodie einfiel und das Lied -zu Ende sang, schöner, herrlicher als sie es je gehört.</p> - -<p>Und aufblickend sah sie hinter der vom Salon auf die mit -dem Garten durch eine Freitreppe verbundene Terrasse führenden -und jetzt offen stehenden Glasthür die Gestalt eines schlanken -jungen Mannes auftauchen, der den Hut ziehend, vom Thürstock -wie vom Rahmen eines Bildes umfaßt, auf der Schwelle -stehen blieb.</p> - -<p>Erst nachdem er das Lied vollendet und sich noch einige -Secunden an der grenzenlosen Verblüffung Betti's, die, gleichsam -erstarrt, auf ihn schaute, mit lächelnder Miene geweidet -hatte, verbeugte er sich tief vor dem jungen Mädchen. Und -ohne näher zu treten, sprach er:</p> - -<p>»Verzeihen Sie dem Eindringling, mein Name ist Oswald -Reichel. Zufällig erfuhr ich, daß die Schwester und die Tochter -meines verehrten Meisters hier wohnen, und da wollte ich mir -die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie aufzusuchen.«</p> - -<p>Betti hatte unterdessen Zeit gefunden, sich zu fassen. Sie -erhob sich und trat dem Fremden grüßend entgegen.</p> - -<p>»Fräulein Betti? – ich irre wohl nicht?« frug dieser -zögernd. »Sie erinnern sich meiner wohl kaum mehr? Zu viele -Schüler Ihres Vaters gingen in Ihrem Hause ein und aus. -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -Und Sie waren ein so kleines Mädchen, als ich Sie zuletzt -gesehen.« Dabei machte er mit der Hand ein Zeichen, welches -bedeutete, daß sie ihm damals etwa bis zum Ellbogen reichte.</p> - -<p>Betti lachte. Als der Künstler aber ihr seine Hand zum -Gruße reichte und, als sie in dieselbe einschlug, als er die -ihrige an seine Lippen führte, erröthete sie tief. An derartige -Huldigungen war sie noch nicht gewöhnt.</p> - -<p>Sie stotterte etwas von ihrer Tante, und daß sie dieselbe -von seinem Besuche benachrichtigen müsse, und im nächsten Augenblicke -war sie zur Thür hinausgehuscht.</p> - -<p>»Ein allerliebstes Backfischchen!« murmelte der junge Mann -lächelnd. »Noch etwas grün, aber doch ganz reizend.«</p> - -<p>Dann blickte er sich im Zimmer um, hielt von der Terrasse -aus rasche Umschau über den Garten und, noch immer allein, -setzte er sich an den Flügel und begann zu präludiren.</p> - -<p>Betti war mittlerweile zu ihrer Tante hinaufgeeilt, diese -kam ihr schon entgegen.</p> - -<p>»Wer hat unten gesungen?« rief sie ihr von weitem zu.</p> - -<p>»Denke nur, Tantchen, er ist gekommen!« rief Betti -athemlos.</p> - -<p>»Ja, wer denn?«</p> - -<p>»Er, Oswald Reichel!«</p> - -<p>Die Tante warf den Kopf zurück: »Welche Aufdringlichkeit!« -murmelte sie ärgerlich. »Und so spät am Abend bei Fremden -einen Besuch abstatten. Nun, hoffentlich bleibt er nicht lange.« -Dann aber fügte sie nachdenklich hinzu: »Da er aber nun schon -da ist – und weil er ein Schüler meines seligen Bruders, so -werden wir ihn wohl zum Abendessen bitten müssen. Sieh' einmal -rasch in der Küche nach. Anna soll etwas Schinken aufschneiden. -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -Mit dem Uebrigen wird es reichen. Ich will einstweilen -in den Salon gehen, den Herrn zu begrüßen.«</p> - -<p>Betti that, wie ihr geheißen, und als sie zehn Minuten -später in das Gartenzimmer trat, fand sie die Tante mit dem -fremden jungen Mann bereits in ein ganz heiteres Gespräch -vertieft. Vor seinem jovialen, unbefangen herzlichen Tone vermochte -ihre anfänglich etwas steife Zurückhaltung nicht Stand -zu halten. Er wußte tausend schnurrige Anekdoten aus Künstlerkreisen -zu erzählen, welche die alte Dame bis zu Thränen lachen -machten, und sprach mit einer das Herz der Schwester aufs -tiefste rührenden Verehrung von ihrem Bruder, seinem Meister, -dem er all sein Können und – so ihm solche beschieden seien – -alle weiteren Erfolge zu danken haben würde. Ihre völlige Sympathie -aber gewann er sich, als er eine begeisterte Lobeshymne -über die stille Zurückgezogenheit ihres Landlebens anstimmte und -erklärte, daß er sich nichts besseres wünsche, als nach einer Reihe -von Jahren seine Laufbahn in einem selbsterbauten, traulichen -Nestchen fern von dem lauten Treiben der Welt, beschließen -zu dürfen.</p> - -<p>Betti fühlte sich durch die sprudelnde Unterhaltung des -jungen Mannes in die glückliche, frohe Zeit ihrer Kindheit -zurückversetzt. Ihr war es, als hörte sie den Wellenschlag eines -mächtigen Stromes neben sich aufrauschen, in den es sie sehnsuchtsvoll -zog sich hineinzustürzen, um, mit kraftvollem Arm -seine Wogen durchschneidend, einem fernen, glückverheißenden -Ziele entgegenzuschwimmen. Aber in stille Seligkeit versank sie, -als der Künstler, ohne erst eine an ihn gestellte Bitte abzuwarten, -sich nach dem Abendessen vom Tische erhob, und an dem noch -geöffneten Piano Platz nehmend, die ihr theueren Lieder ihres -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -Vaters vortrug. Eine Empfindung süßester Weltentrücktheit überkam -sie. Unter dem gewaltigen Eindrucke, den die Musik auf -begeisterungsfähige Gemüther zu üben so geeignet ist, fühlte sie -ihre Seele gleichsam hinschmelzen in einem Meere wonnevollen, -schönheitstrunkenen Entzückens. Und fast schmerzhaft berührte es -sie, als der Sänger, dem als Priester höchster Kunstoffenbarung -solch zaubermächtige Gewalt über ihr ganzes Wesen gegeben -war, sich plötzlich von seinem Sitze am Clavier erhob und, in -seinem gewöhnlichen, fast etwas burschikosen Tone die Bemerkung -machte, daß er seinen Besuch wohl über Gebühr ausgedehnt -habe und die Damen nun nicht länger belästigen dürfe.</p> - -<p>Tante Cölestine hielt ihn nicht zurück, von beiden Seiten -wurde ein herzlicher Abschied genommen, und nachdem Reichel -die wiederholten lebhaften Dankesversicherungen für den bereiteten -Kunstgenuß, wie er sich lachend ausdrückte, »dankend quittirt« -hatte, empfahl er sich nochmals und verließ das Haus.</p> - -<p>»Es ist in der That spät geworden,« sagte die Tante, -nach seinem Weggehen auf die Uhr blickend. »Es ist Schlafenszeit.« -Und dann zu Betti: »Ich will einstweilen vorausgehen, -kommst Du bald nach?«</p> - -<p>»Ja, Tante, ich komme gleich,« sagte Betti träumerisch, -während sie sich mit der Ordnung der zerstreut umherliegenden -Notenhefte zu thun machte. Dann aber, als Cölestine weggegangen -war, trat sie über die Terrasse ins Freie. Es war -ihr jetzt unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Alles wogte, gährte, -fieberte in ihrer Seele. Im Frieden der Natur wollte sie erst -Frieden suchen für ihr eigenes stürmendes Herz.</p> - -<p>Eine wunderbare Nacht lag über der schlummernden Erde. -Die Sterne flimmerten und glänzten, als lächelten sie verständnißvoll -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -zu ihr hernieder. Leises Rauschen ging durch das -welkende Laub der Bäume; einzelne Blätter lösten sich und -fielen knisternd zu Boden. Ueber einer der bewaldeten Bergeskuppen -lag heller Schein. Und jetzt, plötzlich, mit einem Rucke, -hob sich der Stand des Mondes über der Kante des Berges -und übergoß, höher und höher steigend, die ganze Landschaft -mit seinem milchweißen Lichte.</p> - -<p>Ein leiser Schrei entfuhr Betti's Lippen. Denn als sie, -um eine Baumgruppe biegend, den Weg zur Ausgangsthür des -Gartens weiter schritt, sah sie plötzlich Reichel vor sich stehen. -Sie wollte nach dem Hause zurück. Doch schon hatte er sie -bemerkt.</p> - -<p>»Welch eine herrliche Nacht! Welch wunderbares Bild!« -rief er. Und dann dicht an sie herantretend, klang es im süßesten, -sanftesten <i>sotto voce</i> von seinen Lippen:</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Im Osten hebt sich der klare Mond,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und ich bedecke, selig wie er,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mit feurigen Küssen!«</td></tr> -</table> - -<p>Und nun breitete er seine Arme aus, umfaßte sie und -bedeckte ihr Antlitz mit Küssen, ihre Augen, ihre Stirn, ihren -Mund.</p> - -<p>Sie sträubte sich nicht. Sie schloß die Augen und athmete -schwer. Ein Sturm zog durch ihre Seele, halb Schmerz, halb -Seligkeit, und ihr war es, als müsse sie vergehen unter seinen -Küssen.</p> - -<p>Plötzlich klirrte ein Fenster.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -»Betti, so komme doch, es ist schon spät!« ließ sich der -Tante Ruf vernehmen.</p> - -<p>Da riß sie sich los und floh ins Haus.</p> - -<p>Der Mond lächelte in ihr Zimmer und sah, daß sie die -ganze Nacht ihr Auge nicht im Schlummer schloß. Er sah, wie -sie ihr Angesicht zwischen den Händen verhüllte und weinte – -bitterlich. Stirn, Augen, Mund, die der fremde, junge Mann -geküßt, brannten ihr vor Scham. Einen schweren Fehltritt -glaubte sie begangen zu haben, der sich nie, niemals wieder -tilgen ließ, der sie für immer aus der Reihe der guten und -reinen Menschen schied.</p> - -<p>Gegen Morgen erhob sich ein heftiger Nordweststurm, -massige schwarzgraue Wolken vor sich herschiebend. In dichter -Menge schüttelte er die Blätter von den Bäumen, hier in wirren -Knäueln sie durcheinander wirbelnd, dort zu kleinen Hügeln -zusammenfegend.</p> - -<p>Betti verließ früh ihr schlummerloses Lager. Sie ging in -den Garten und ließ es willig geschehen, daß der Wind ihr -Haar zerzauste und einzelne schwere Regentropfen in ihr Antlitz -warf. Der lange, todte Winter, der seine Vorboten in Sturm -und Regen vorausschickte, paßte für ihre Stimmung. In ihrem -Inneren sah es auch so aus. Sie fühlte sich müde, und ihr -war es, als sei etwas erstorben in ihrem Herzen.</p> - -<p>Freilich wußte sie, daß der Frühling wiederkommen und -alles zu neuem Leben und zu neuer Blüthe erwecken werde, -was jetzt in Scheintodt erstarb. Noch aber ahnte sie es nicht, -daß der Frühling ihrer Seele nicht geknickt war, daß auch ihre -Jugend wieder erwachen würde – froh und kraftvoll.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -Franzi's Weihnacht.</h2> - - -<p>Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde, -braune Felder, auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der -vergangenen Nächte geknickte Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe -hinstreckt, kahle Bäume, die, um ihr grünes Laubgewand -klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken, der sich -grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf -die Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge -sich stützend, die in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt, -von ihren schroffen Höhen bleich und ernst herabblicken.</p> - -<p>Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten -Strahlen das schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen, -nur ein etwas heller Fleck zeigt den Punkt an, wo sie -verborgen steckt.</p> - -<p>Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu -dem südlich von der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde -entfernt liegenden 1957 Meter hohen Untersberg führt, schreitet -wacker ausgreifend eine kleine Gesellschaft fürbaß: zwei Männer, -eine Frau und zwei Kinder.</p> - -<p>»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht -wird es noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine -der Männer, einen besorgten Blick nach dem Westen werfend, -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -dorthin, wo die bayerische Ebene an das österreichische Gebiet -grenzt und für die Salzburger alle, schlechtes Wetter oder Sturm -bringende Wolken heraufziehen.</p> - -<p>Der Andere zuckt die Achseln.</p> - -<p>»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf -müssen wir. Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf -dem Berge, und gestern, wie ich herunter bin, hab' in den Weg -frei gemacht, so gut ich können hab'. Wenn es aber noch einmal -schneit, dann bringen wir die da nimmer hinauf.«</p> - -<p>Die, von welchen der Mann spricht, das sind sein Weib -und seine Kinder.</p> - -<p>Keine leichte Arbeit ist es fürwahr, die den guten Leuten -zu vollbringen obliegt. Tüchtige Kräfte brauchen unter günstigen -Verhältnissen fünf Stunden zum Aufstieg vom Fuße des Berges -bis zu dem nahe am »Geiereck« gelegenen Schutzhause. Der -Weg ist steil und beschwerlich und jetzt mit frischem, weichem -Schnee bedeckt, die Kinder sind noch klein. Franzi, der Bube, -ist noch nicht acht und das Mädchen gar erst drei Jahre alt, -und die Mutter eine kränkliche Frau und des Bergsteigens ungewohnt. -Aber der Vater hat recht, auf den Berg hinauf -müssen sie; damit wird dem Elende ein Ende gemacht, aus dem -sie jahrelang vergeblich herauszukommen ringen und das nun -schon so groß geworden, daß sie die rückständigen drei Gulden -Monatsmiethzins für ihr armseliges Dachzimmer im Dorfe Max-Glan -nicht aufzubringen vermochten und von dem Jammer bedroht -waren, bei der nächstfälligen Rate obdachlos zu werden. -Denn Vincenz Reitmeier ist ein armer Taglöhner und nun -schon geraume Zeit, trotz seiner eifrigsten Bemühungen, Arbeit -zu finden, ohne Erwerb. Das bißchen Ersparte und der geringe -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Erlös für ein paar verkaufte Kleider und Möbelstücke war bald -aufgezehrt, um Brot und Kartoffel zu kaufen, und Karl, der -Bruder der Frau, ein armer Tagwerker wie sein Schwager, -konnte auch nicht Rath und Hilfe schaffen.</p> - -<p>Da traf es sich, daß der österreichische Alpenverein im -Spätherbst einen Hüter des von ihm kürzlich erbauten Untersberger -Schutzhauses suchte, welcher für die Obliegenheit, den -Winter über das Häuschen zu bewohnen und gewisse meteorologische -Beobachtungen anzustellen, über welche er in bestimmten -Zeiträumen im Comptoir der Salzburger Section des Vereines -Bericht zu erstatten hat, zweihundert Gulden Bezahlung erhält. -Vincenz hörte davon und dachte, wenn er diese Stelle annähme, -so wäre ihm geholfen. Mit den zweihundert Gulden läßt sich -während des ganzen Winters sein und seiner Familie Lebensunterhalt -bestreiten, und im Frühjahr findet sich wohl leichter -wieder Arbeit.</p> - -<p>Mancher seiner Freunde redete ihm zwar davon ab, sich -um den Posten zu bewerben; zu schlimme Dinge hatte der -Mann, der im verflossenen Winter mit Weib und Kind da -oben gehaust, von seinem Aufenthalte erzählt, und um keinen -Preis würde er eine Wiederholung desselben auf sich nehmen. -Hungern und frieren mußten sie, daß es eine Art hatte. Selbst -im Anfange, als sie noch Holz zur Feuerung hatten, brachten -sie die Temperatur ihrer Stube oft nicht höher als auf drei -Grad Reaumur Wärme. Und dann, als das Holz ausgegangen -war und die dichte tiefe Schneedecke nur mit Mühe und Noth -ein bißchen Reisig zusammenzubringen ermöglichte, da ward es -natürlich noch ärger. Um nichts besser ging es mit der Beschaffung -von Lebensmitteln. Freilich hatte er sich vor Eintritt -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -starken Schneefalles mit Proviant versorgt, den er auf dem -Rücken eines Esels auf die Höhe des Berges beförderte. Aber -die Vorräthe an Lebensmitteln gingen schneller als gedacht zur -Neige, und als so tiefer, lockerer Schnee auf dem Berge lag, -daß es unmöglich war, den Abstieg zu unternehmen, konnten -sie, wochenlang auf die geringen Reste des vorhandenen Vorrathes -angewiesen, sich keinen Tag satt essen.</p> - -<p>Als aber Vorstellungen härtester Beschwerlichkeiten nichts -nützten, weil Vincenz meinte, man könne denselben durch eine -praktische Vorsorge wohl vorbeugen, da hielt man ihm auch -die von anderer Seite her drohenden Gefahren vor Augen. -Man erinnerte ihn, daß das Untersberger Schutzhaus den vielen -Wilderern und Schmugglern – denn die bayerisch-österreichische -Grenze zieht sich über diesen Berg – ein Dorn im Auge und -von denselben in früherer Zeit schon wiederholt durch Feuer -vernichtet worden sei. Auch wäre er da oben wohl seines Lebens -nicht sicher, sei es doch erst vor wenigen Jahren geschehen, daß -der Wächter des Unterstandshauses auf dem Mallnitzer Tauern -ermordet worden.</p> - -<p>Aber auch diese Bedenken verfingen nicht.</p> - -<p>Auf dem Tauern, meinte Vincenz, könne so etwas wohl -vorkommen; diesen Gebirgssattel passirten allerlei herumziehende -Vagabunden, die im Unterstandshause Nachtquartier nehmen. -Den Untersberg werde aber keiner solcher Strolche eigens zu -dem Zwecke besteigen, um an einem armen Teufel, wie er es sei, -der selbst kaum genug zum Leben habe, einen Raubmord zu verüben. -Und kurz und gut: er fürchte sich nicht und sein Weib auch -nicht. So ward es von ihnen beschlossen, daß Vincenz sich bei -der Salzburger Alpenvereinssection zur Uebernahme des vacanten -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -Wächterpostens melden sollte. Er that es und bekam die Stelle. -Da fiel es ihm nun aber ein, daß es wohl gut wäre, wenn -er dieselbe nicht wie sein Vorgänger im verflossenen Winter, -bei beginnendem Frühling einem Anderen abtreten müsse, sondern -sie auch den Sommer über behalten dürfe, wo die Verpflegung -der den Berg besteigenden Touristen und Jagdfreunde einen -kleinen Verdienst einbrächte. Auch wäre es für den Winter -allein wohl kaum der Mühe werth, die mühevolle und beschwerliche -Uebersiedlung mit Weib und Kind zu unternehmen. Er -suchte daher um Verlängerung seines Engagements bis zum -Herbste nach. Da für den Sommer aber ein Anderer, derselbe, -der die Stelle in der letzten Saison innegehabt und mit dem -man keine Ursache hatte, unzufrieden zu sein, in Aussicht genommen -war, so zog sich die Unterhandlung mit Vincenz in -die Länge, und als die Entscheidung endlich zu seinen Gunsten -getroffen wurde, war unterdessen der Winter eingebrochen und -der erste Schnee gefallen.</p> - -<p>Doch wohlgemuth begab Vincenz sich an die mühselige -Arbeit, in wiederholten anstrengenden Märschen den nöthigen -Proviant auf seinen Schultern auf den Berg zu schaffen, und -zuversichtlichen und freudigen Herzens machte die Familie sich -auf den Weg nach der von stolzer Höhe herabblickenden neuen -Behausung, die ihnen eine, wenn auch wahrlich nicht minder beschwerliche, -so doch dem bittersten Elend enthobene Existenz versprach.</p> - -<p>Das kleinste der Kinder, das nur wenige Monate zählte, -war in Pflege gegeben worden, die beiden größeren wurden -mitgenommen.</p> - -<p>Es war ein unfreundlicher, trüber Tag um die Mitte -December, und als sie bei dem am Fuße des Berges liegenden -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Gasthause »zur Rositte« anlangten, wo der Fußsteig in den -herrlichen Nadelwald einbiegt, fing es bereits zu schneien an, -und das kleine Mädchen weinte vor Müdigkeit und Kälte. Man -mußte sich entschließen, es den Wirthsleuten in Obhut zu geben; -am folgenden Tage wollte der Vater es abholen. Die Anderen -setzten ihren Weg fort. Langsam, aber gleichmäßig ausschreitend, -ging es den steilen, von Baumwurzeln durchzogenen, mit gelbem -Laub und dürren Kiefer- und Fichtennadeln bedeckten, schmalen -Fußpfad empor.</p> - -<p>»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen -aufblickend, »das sind ja lauter Lichterbäume – aber ohne -Lichter.«</p> - -<p>Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die -am Wohlthun ihre Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen -worden. Und mehr noch als die Geschenke, mit welchen er dabei -überrascht wurde, hatte der hohe, vom Boden bis zur Zimmerdecke -ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und zahllosen -Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz -einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder -Tannen- und Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm -jene unvergeßlich schöne Erinnerung wach. Und heute, als sie -sich auf die Wanderung begaben, hatte der Vater ihm versprochen, -daß er am Christabend einen ebensolchen »Lichterbaum« -bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege -auf den Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch -Weinen ängstige. Und diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung -flößte ihm Muth und Kraft ein und tapfer trabte er mit -seinen kleinen Beinen an der Hand seines Vaters den steilen -Weg hinan.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die -gedrängt stehenden Bäume den stets dichter herabwirbelnden -Schnee zum Theile abhielten, auch der Boden noch ziemlich -schneefrei war, ging der Aufstieg noch verhältnißmäßig gut von -Statten.</p> - -<p>Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die -lang sich hinstreckende Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes, -dunkelgrünes Weidegras üppig emporsprießt, jetzt aber frischer -lockerer Schnee lag, in welchem die Wanderer bis zum Knie -und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken, da steigerte -sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl -packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter -zu dringen vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern -und Vincenz half seinem Weibe vorwärts, welches schwer athmend -und schweißüberströmt alle Energie aufbot, um gegen die überwältigende -Macht des feindlichen Elementes anzukämpfen und -das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der Weg durch die -stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die -ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden, -undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß -es der peinlichsten Vorsicht und der durch die in den letzten -Wochen häufig wiederholten Besteigungen des Berges erworbenen -sichersten Ortskenntniß der beiden Männer bedurfte, um sie die -Richtung nicht verlieren, und auf einen der gefährlichen Ab- -und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange entgegen -gehen zu lassen.</p> - -<p>Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden -Kräften zu neuem Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt -blickte Vincenz auf seine Frau, als er sah, wie sie stehen -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -bleibend, ihre Hand auf ihr zum Zerspringen klopfendes Herz -preßte und keuchend nach Athem rang.</p> - -<p>»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du -dermachst es nicht,«*) sagte er ängstlich.</p> - -<p class="ci fss">*) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht -zuwege.«</p> - -<p>Doch der Anfall ging vorüber.</p> - -<p>»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete -die Frau. »Was wär' denn unten mit uns g'worden? Nix -mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu Grund' gangen wär'n -wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung und a -bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn -auf'n Berg steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da -oben wird's schon besser werd'n. Nit nur für uns selber hab'n -mir's thun müssen, daß mir aufi g'stieg'n san, sondern auch -für unsere Kinder.«</p> - -<p>Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn -sie nur erst oben wären! Ihm ward so bange.</p> - -<p>Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie -zur »steinernen Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo -zwischen dem gähnenden Abgrund an der einen und der schroff -und glatt ansteigenden Felsenwand von der anderen Seite zur -Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein gehauen sind.</p> - -<p>Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten -und versuchten es, mit ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen -so weit von Schnee zu befreien, daß die Gefahr nicht allzu -nahe lag, durch einen Fehltritt in die nachgiebig poröse Schneemasse -rettungslos in die schreckliche Tiefe zu stürzen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe -zu Stufe, mit dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der -Fuß hintreten darf, um sicher zu stehen. Kein Wort wurde -gewechselt; man vernimmt nur das Scharren der Eisenspitzen -der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge der mit -äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen -Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt -unsicher macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken -um unsere Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen -in die Augen, blendend und den Blick trübend.</p> - -<p>Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle -und langten wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem, -etwa eine halbe Stunde entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein, -so nahe sie auch dem ersehnten und mit Aufwand aller physischen -und moralischen Energie erstrebten Ziele sind, so vermag die -arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals auszurasten.</p> - -<p>Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser -ebenso gefährlichen wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt -kann sie nimmer weiter; sie muß ruhen. Ihre Pulse hämmern -so fürchterlich, das Herz klopft so beängstigend heftig, die Athemnoth -ist so qualvoll – o, sie muß ruhen, sonst muß sie ersticken.</p> - -<p>Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte -zitternden Knaben nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich -erschöpft auf den Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend -auszuruhen, sie würde zusammenbrechen. In stummer Sorge -steht ihr Mann neben ihr.</p> - -<p>Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen -sind, schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie -schön es hier oben ist, welch frische Luft. Ja, jetzt wird alles -gut werden. – Lieber Gott, ich danke Dir.«</p> - -<p>Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in -den Schnee.</p> - -<p>Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht -befallen hat. Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn -und Schläfe mit Schnee, dann wieder die Pulse an den Armen -mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch während er unermüdlich -immer und immer wieder neue Belebungsversuche vornimmt, -fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich -erkalten und erstarren – und er erkennt, daß sie -todt ist.</p> - -<p>Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde -die Entschlafene in das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine -dünne Bretterwand von ihr getrennt, ihr Kind ahnungslos -schlummert.</p> - -<p>Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen, -wurde die Todte in dem am Fuße des Untersberges -gelegenen Dörfchen Grödig bestattet. Die ärztliche Obduction -ergab, daß in Folge der ihre Kräfte übersteigenden enormen -Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war.</p> - -<p>Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt – wenn auch in ungeahnter -Deutung. Auf der Höhe des Berges, der sie zustrebte, -ward sie der Noth des Elendes, der Bürde ihres schweren Daseins -enthoben, war für sie »alles gut« geworden.</p> - -<p>»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender -»Lichterbaum« erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist und -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -einsam blicktest Du von stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler -herab, traurig Deines kranken Vaters und Deiner todten Mutter -gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir bewähren, daß es Dir -gut werde dort oben!«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -Der Weg zum Herzen.</h2> - - -<p>Mein Freund Christian hatte es sich fest in den Kopf -gesetzt, ein durch hervorragende Hausfrauentugenden ausgezeichnetes -Mädchen zu heiraten. Dabei sollte sie aber ein gar liebliches -Gesichtchen, eine schöne Gestalt, Jugend und feine Bildung -besitzen. Er selbst war, was man so einen guten Jungen -nennt, dabei leidlich hübsch und sehr wohlhabend. Seit fünf -Jahren sah er sich in seinen ausgedehnten Bekanntenkreisen nach -einer passenden Lebensgefährtin um. Denn als er, dreiundzwanzig -Jahre alt, das Landgut seines plötzlich gestorbenen Vaters übernahm, -hatte er mit der Suche begonnen, und zur Zeit, da das -hochbedeutsame Ereigniß, welches zu berichten ich im Begriffe -stehe, sich zutrug, zählte er achtundzwanzig Jahre – und noch -hatte er nicht gefunden, was er wollte. Die Eine hatte röthliches -Haar, was er nicht leiden mochte; eine Andere mischte zu -viele Fremdwörter ins Gespräch, wodurch er sich in seiner -teutschen Gesinnung – er schrieb und sprach niemals: deutsch, -sondern teutsch, und seine Freunde nannten ihn mit Vorliebe -den Teutonen – verletzt fühlte; die Dritte war ihm zu sentimental; -die Vierte viel zu kokett; die Mehrzahl aber ermangelte -des Haupterfordernisses, das er an seine Zukünftige stellte: häuslichen -und wirthschaftlichen Sinnes.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -»Sehen Sie,« so klagte er mir einmal, »was hätte ich -von einer Frau, wenn sie auch wie Venus so schön, klug wie -Minerva, tugendhaft wie, wie – mir fällt ein geeigneter Vergleich -nicht ein – kurzum, wenn sie auch alle Tugenden der -Welt in sich vereinigt, sie könnte aber nicht kochen! Ich bin -Landwirth, den Tag über nimmt die Bewirthschaftung von Wald -und Feld meine Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn ich müde -und hungrig nach Hause komme, will ich etwas Ordentliches zu -essen vorfinden. Ich habe so meine Lieblingsspeisen, die ich in -einer bestimmten Weise gekocht haben will. Anders mag ich sie -nicht. Mit den bezahlten Köchinnen geht es nicht; die nehmen -sich nicht die Mühe dazu, meine Eigenschaften zu studiren, und -wenn sie es ja auch einmal gelernt haben, dann gehen sie -sicherlich aus dem Dienste, um sich zu verheiraten, und die Plage -fängt mit einer Anderen von neuem an. Meine gute Mutter -hat mich in dieser Beziehung sehr verwöhnt. Sie war eine vortreffliche -Hausfrau und kochte ganz vorzüglich. Wenn ich nicht -in der Ehe unglücklich werden soll, muß ich in meiner Frau eine -ebenso gute Hausfrau finden.«</p> - -<p>Ich bemerkte dagegen, daß das Glück der Ehe wohl durch -noch andere Eigenschaften als allein durch Wirthschaftlichkeit und -Verständniß der edlen Kochkunst – so schätzenswerthe Qualitäten -dies ja auch seien – bedingt würde; daß persönliche -Sympathie zum Beispiel eine doch mindestens ebenso wichtige -Bedingung bilde. Christian schwieg eine Weile nachdenklich. Dann -strich er sich mit seiner kräftig geformten, sonnengebräunten Hand -den blonden Schnurrbart und meinte lächelnd:</p> - -<p>»Sie haben im Allgemeinen ganz recht in dem, was Sie -da sagen. Aber es bestätigt mir die Erkenntniß einer fehlerhaften -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -socialen Institution. Es klingt ja recht barbarisch, so -etwas auszusprechen, aber richtig ist es doch: Die Monogamie -taugt nichts. Jeder rechtschaffene Mann, dessen materielle Lage -es ihm gestattet, sollte zwei Frauen haben dürfen: die eine fürs -Herz, die andere fürs Haus, für seine Wirthschaft.«</p> - -<p>Ich lachte laut auf.</p> - -<p>»Sie sollten unter die Mormonen gehen,« rief ich belustigt. -»Sie haben entschieden Talent dazu!«</p> - -<p>Er aber schüttelte den Kopf.</p> - -<p>Ungeachtet seines unerschütterlichen Entschlusses, ein vorzüglich -häusliches Mädchen zu seiner Gattin zu erwählen, versagte -er es sich jedoch nicht, sich mit seiner bildhübschen, siebzehnjährigen -Cousine Ottilie, die er mit einer gemeinsamen -Tante, bei welcher sie seit dem Tode ihrer frühverstorbenen -Eltern lebte, für einige Monate auf seinen Landsitz eingeladen -hatte, ganz ausgezeichnet zu unterhalten, und trotzdem Ottilie -nicht die geringste Lust und nicht das leiseste Talent bewies, die -von ihm so hochgeschätzten häuslichen Qualitäten zu erwerben, -sah man es ihm doch deutlich an, daß das von lebensfroher -Jugendfrische strotzende, allerliebste Geschöpf seinem Herzen sehr -theuer war. Er stellte dies auch nicht in Abrede, als ich einmal -neckend auf den Strauch klopfte, nur fügte er gleich die Bemerkung -bei, daß nichts vollkommen sei unter der Sonne. Ottilie -besitze zwar alle Eigenschaften, um sein Leben zu verschönen, -allein tüchtig in der Wirthschaft sei sie leider nicht.</p> - -<p>Das hinderte ihn jedoch keineswegs, alle Zeit, die seine -ökonomische Thätigkeit ihm freiließ – und manchmal auch etwas -mehr – ihr zu widmen und, was zu sehen mir besonders Spaß -machte, sie mit sichtlichem Vergnügen in ihren antihäuslichen -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -Liebhabereien noch zu bestärken. Er unterrichtete sie im Reiten, -Kutschiren, Rudern, sie übten sich zusammen im Pistolenschießen -nach der Scheibe, und wenn sie das Centrum öfter traf als er, -wenn sie, ein Bild von mit Kraft gepaarter Anmuth, sich im -Sattel wiegend, an seiner Seite über die bräunlichen Stoppelfelder -– denn mittlerweile war es Herbst geworden – dahinsprengte, -war er ganz außer sich vor Entzücken.</p> - -<p>»Da, da schauen Sie,« rief er mir einmal voll Ekstase zu, -indem er mir eine durchschossene Papierscheibe vor Augen hielt. -»Zwanzig Schüsse ins Centrum! Zwanzig Schüsse nacheinander -auf dreißig Schritt Distanz, und keinen daneben, um keine Linie! -Phänomenal! Das lob' ich mir, einen solchen Kameraden zu -haben!«</p> - -<p>»Gewiß, gewiß, ein ganz famoser Kamerad!« lachte ich. -»Aber Sie wollen sich ja eine Frau suchen, nicht einen flotten -Kameraden für Ihre Sportvergnügungen.«</p> - -<p>Christian machte eine abwehrende Handbewegung.</p> - -<p>»Ah, bah!« brummte er etwas verstimmt. »Das hat Zeit. -Warum soll ich mir mein angenehmes Leben mit der Erwägung -verbittern, daß ich nicht finde, was ich suche!«</p> - -<p>Bei Tische aber widerfuhr seinem angenehmen Leben des -Oefteren eine unliebsame Dämpfung. Er hatte eine brave ältliche -Person im Dienste, die unter seiner Oberaufsicht die häusliche -Wirthschaft leitete und ganz befriedigend gut kochte. Aber -seine Lieblingsspeisen genau nach seinem Geschmacke zu bereiten, -das verstand sie nicht. Und er wußte es ihr nicht zu erklären, -woran es fehlte. So geschah es denn öfters, daß seine heitere -Stimmung bei den Mahlzeiten, wenn auch nur vorübergehend, -getrübt wurde.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -Einmal wagte er in meinem Beisein anläßlich einer Wildpastete -– auch eines seiner Lieblingsgerichte – die nicht nach -seinem Geschmacke war, eine Bemerkung zu Ottilie, daß es doch -gar zu hübsch wäre, wenn sie nebst ihren virtuosen Amazonenkünsten -auch ein bißchen von den Künsten der Küche verstände. -Sie aber erwiderte lachend, daß ihr Ehrgeiz weit mehr -durch das Ziel angestachelt werde, seinen feurigen Rothfuchs zu -bändigen, was ihr bisher noch nicht gelungen, als eine wohlschmeckende -Pastete zu bereiten.</p> - -<p>Die Tante schüttelte wehmüthig das graue Haupt, denn -ihrer Neigung hätte es weit mehr entsprochen, Ottilie hätte sich -zu einer wackeren Hausfrau ausgebildet, als zu einer glänzenden -Sportsdame, zu der sie sich zu entwickeln drohte. Christian aber -hatte bei Erwähnung seines Rothfuchses sogleich sein Bedauern -über die mißlungene Pastete vergessen, und lustig rief er -Ottilie zu:</p> - -<p>»Du willst meinen Bucephalus reiten? Nein, meine Liebe, -Du bist zwar unter meiner Leitung eine sehr gewandte und -kühne Reiterin geworden, aber mein Bucephalus ist nichts für -Dich. Sein Rücken wird Dich nie tragen. Ich warne Dich vor -einem erneuten Versuch.«</p> - -<p>»Ich werde sehen!« murmelte Ottilie leise. Und nach Tische -erschien sie in dem Stalle, um dem Rothfuchs eigenhändig ein -wenig Brot und Zucker zu reichen.</p> - -<p>Tags darauf hatte Christian den ganzen Vormittag über -in seiner Wirthschaft zu thun und zu schaffen. Müde und -ärgerlich, denn sein Verwalter hatte ihn erzürnt, kehrte er zu -verspäteter Stunde heim. Wir hatten mit dem Mittagessen auf -ihn gewartet, und ich befürchtete, daß ein in der Länge der Zeit -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -sicherlich zu gar gebratenes Rostbeef, das er nach englischer Art -halbroh liebte, seine Laune nicht verbessern würde.</p> - -<p>Als die Suppe schon aufgetragen war, trat Ottilie mit -hochgerötheten Wangen in das Speisezimmer.</p> - -<p>»Du siehst ja aus, als ob Du am Herde gestanden hättest, -so erhitzt bist Du,« sagte Christian, sie begrüßend. »Aber freilich, -so etwas kommt bei Dir nicht vor.«</p> - -<p>Ottilie lächelte und gab keine Antwort.</p> - -<p>Als das Rostbeef an die Reihe kam, bemerkte ich zu meiner -Befriedigung, daß dasselbe, meiner Befürchtung entgegen, noch -ganz »englisch« war und daß sich Christian's Stimmung sichtlich -erheiterte. Die Mehlspeise aber that das Uebrige. Es waren -gewisse kleine, mit gehacktem Wild gefüllte Klößchen, auch ein -Lieblingsgericht Christian's und – o Wunder! ganz nach seinem -Geschmacke zubereitet.</p> - -<p>Christian strahlte.</p> - -<p>»Ei, das schmeckt ja vorzüglich,« sagte er, indem er zum -zweitenmal zulangte. »Meine Mathilde macht sich. Sie hat ihre -Scharte von gestern glänzend ausgewetzt.«</p> - -<p>Und bei diesem einenmale blieb es nicht. Ueber Mathilde -schien plötzlich eine Erleuchtung gekommen zu sein. Jedesmal, -wenn Christian Vormittag abwesend war – und da er jetzt -viel zu thun hatte, traf sich dies öfters – fand er irgend eine -seiner Lieblingsspeisen in vorzüglicher, ganz seinem Geschmacke -entsprechender Bereitung bei Tische vor. Und jedesmal bemerkte ich -bei Ottilie ebensolche geheimnißvolle Miene und erhitzte Wangen -wie das erstemal, so daß ich nicht umhin konnte, auf eine Vermuthung -zu verfallen, welche beide Thatsachen in einen gewissen, -unschwer zu errathenden Zusammenhang brachte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -Dieselbe Vermuthung schien übrigens auch in Christian's -Kopf platzzugreifen, denn zuweilen machte er eine flüchtig in -das Gespräch gestreute Bemerkung, welch ein herrliches Kleinod -eine Frau sei, die mit all ihren sonstigen Vorzügen auch den -der häuslichen Kenntnisse, namentlich der Kochkunst, vereinige -und mit den Schwächen und Eigenheiten ihres Mannes freundliche -Nachsicht übe.</p> - -<p>Ottilie bemühte sich hartnäckig, derartige Bemerkungen -Christian's zu überhören, und die Tante blickte verlegen lächelnd -auf ihren Teller und brachte die Unterhaltung auf ein anderes -Thema.</p> - -<p>Mittlerweile ging mein im gastlichen Heim meines Freundes -verbrachter Urlaub zu Ende, und ich kehrte nach der Stadt -zurück, um, Christian's Einladung entsprechend, einige Wochen -später zum Weihnachtsfeste wiederzukommen.</p> - -<p>Es überraschte mich nicht, Ottilie mit ihrer Tante noch -vorzufinden. Christian hatte sie, so oft sie auch heimkehren -wollten, zurückgehalten. Und ebenso wenig überraschte mich die -sich mir bald aufdrängende Wahrnehmung, daß sein Herz für -seine Cousine in hellen Flammen stand, und daß Christian's -Herzensflammen mit jenen Ottiliens lodernd zusammenschlugen. -Einigermaßen verwundert war ich nur darüber, daß die Tante -über diese Lage der Dinge nicht sonderlich erbaut, ja von einer -seltsamen nervösen Unruhe beherrscht schien, als erfüllte sie irgend -eine geheime Sorge.</p> - -<p>So kam der Weihnachtsabend heran. Im großen Saale des -Erdgeschosses brannte ein mächtiger Christbaum, dessen zahllose -Lichtlein in den einander gegenüber hängenden Spiegeln sich -hundertfach vervielfältigend wiederstrahlten. Eine Menge schöner -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -Geschenke, auf weißüberdeckten Tischen zierlich geordnet, lagen -da, nicht nur für den Herrn des Hauses und dessen Gäste, auch für -seine Beamten und Diener und deren Kinder, die in stillem, -freudigem Entzücken ob des in prächtigem Schmucke und hellem -Glanze flimmernden Tannenbaumes und der großmüthigen Bescherung -durch ihren gütigen Herrn schier verblüfft umherstanden -und kaum Worte des Dankes fanden.</p> - -<p>Ein heiteres Festmahl folgte darauf, dann ein Tombolaspiel, -und gegen die Mitternachtsstunde kam, zur Beendigung der Festfeier, -eine dampfende Punschbowle auf den Tisch.</p> - -<p>Die Gläser klangen. Es wurde toastirt und poculirt.</p> - -<p>Doch inmitten der heitersten Unterhaltung wurde unser -liebenswürdiger Gastgeber plötzlich von wehmüthiger Stimmung -überflogen. Er gedachte seiner Mutter, die er innig geliebt, und -die der Tod erst vor wenigen Jahren von seiner Seite gerissen. -Und indem er von ihr und von dem stillen, glücklichen Leben, -das sie miteinander geführt, erzählte, meinte er, wie schön es -wäre, wenn sie hier in der Mitte des kleinen Kreises weilte.</p> - -<p>»Ganz so wie heute,« schloß er, zu mir gewendet, seine -Rede, »feierten wir unser Weihnachtsfest. Nur eines fehlt. -Mütterchen bescherte mir immer einen riesigen Baumkuchen. Sie -wußte, daß ich ihn besonders liebe. Mathilden wollte ich dessen -Herstellung aber nicht anvertrauen.«</p> - -<p>In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein mächtiger -Baumkuchen wurde aufgetragen.</p> - -<p>»Was ist das?« rief Christian freudig betroffen. »Ist da -Zauberei im Spiele?«</p> - -<p>Das Stubenmädchen entfernte sich schweigend. Die Tante -aber erklärte lächelnd:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -»Keine Zauberei, lieber Christian. Du vergißt, daß Du -uns von diesem Weihnachtskuchen schon öfters gesprochen. Nun, -und da dachte ich, damit nichts fehlen sollte –«</p> - -<p>Christian blickte auf Ottilie, die, als ob sie nichts hörte, -sich mit frischer Füllung der Punschgläser beschäftigte.</p> - -<p>»Ah, ich verstehe,« murmelte er leise, und eine flüchtige -Röthe überzog seine gebräunten Wangen.</p> - -<p>Der Kuchen wurde angeschnitten und erwies sich als vortrefflich, -ganz so, wie er unter den geschickten Händen von -Christian's Mutter gediehen war.</p> - -<p>Einige Minuten lang hatte Christian still und nachdenklich -dagesessen. Plötzlich erhob er sich, und zur Tante hintretend, -sagte er mit etwas schwankender Stimme:</p> - -<p>»Ich weiß keinen geeigneteren Augenblick, liebes Tantchen, -als das heutige Freudenfest, um Dir ein freudiges Geheimniß -zu bekennen, das für Dich sicherlich schon lange kein Geheimniß -mehr ist: Ottilie und ich, wir lieben uns. Willst Du sie mir -zur Frau geben?«</p> - -<p>Die Tante umarmte Christian, Christian umarmte Ottilie, -und die Tante segnete Beide. Ich aber brachte ein Hoch aus -auf das Wohl des Brautpaares. Und wieder erklangen die Gläser.</p> - -<p>Dann aber, als die fröhlich laute Stimmung etwas ruhiger -geworden war, sagte Ottilie zu Christian:</p> - -<p>»Da heute schon der Tag der Ueberraschungen ist – auch -ich habe Dir etwas mitzutheilen, was Dich überraschen wird.«</p> - -<p>Christian lächelte freudig verschmitzt.</p> - -<p>»Kann es mir schon denken, Tilly. Der Weihnachtskuchen, -nicht wahr? Und die Hachéklößchen damals und alle meine -anderen Lieblingsspeisen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -Ottilie sah ihn groß an.</p> - -<p>»Was ist es mit all dem?« fragte sie verwundert. »Ah, -Du meinst, daß nicht Mathilde es war, die diese guten Sachen -gekocht hat? Ja, das hast Du errathen. Unser liebes Tantchen -war es, die Dir eine Freude bereiten wollte, was ihr ja auch -vortrefflich gelungen ist. Doch nicht das ist es, was ich Dir -sagen wollte. Meine Ueberraschung ist anderer Art. Dein Rothfuchs -– täglich, wenn Du nicht zu Hause warst, hab' ich versucht, -ihn zu reiten. Darum kam ich immer so erhitzt zu Tische. -Du wolltest die Ursache wissen, aber ich sagte sie nicht. Nun, -jetzt, mein Schatz, ist Dein wilder Bucephalus völlig in meiner -Gewalt.«</p> - -<p>Jetzt war an Christian die Reihe, die Augen aufzusperren.</p> - -<p>»Ach, das ist es!« sagte er kleinlaut »und ich glaubte –« -Und dabei sah er beinahe traurig aus. Doch rasch war seine -Verstimmung verflogen. »Bah, was macht es?« rief er, wieder -fröhlich. »Die gute Tante bleibt bei uns und leitet das Haus. -Vielleicht lernst Du es auch mit der Zeit. Vorläufig bist Du -mein lieber, flotter Kamerad. Wir reiten und schießen miteinander.«</p> - -<p>»Ja, wir schießen um die Wette.«</p> - -<p>»Und unser Ziel –«</p> - -<p>»– ist unsere Liebe und unser Glück!«</p> - -<p>Sie verfehlten es nicht, dieses Ziel.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Weder Glück noch Stern.</h2> - - -<p>Er hieß Michael Müller und war am 1. April 18.. -geboren. Seine Mutter starb am Tage nach seiner Geburt -und sein Vater liebte ihn nicht, weil eben sein Eintritt in die -Welt seiner Mutter das Leben kostete und somit die Last der -Sorge für seine Pflege und Erziehung dem Vater allein zu -tragen aufbürdete, dann aber auch, weil er bei seinem Heranwachsen -weder ein schönes noch ein kluges Kind zu werden versprach. -Das einzig Hübsche seines Gesichtes waren die großen, -stahlgrauen, schwärmerisch blickenden Augen, welche mit der ausdruckslosen -Stumpfnase und dem weiten, dicklippigen Munde -sonderbar contrastirten, und der einzige Witz, der ihm in seinem -ganzen Leben gelang, war der, daß er, auf das Datum seines -Geburtstages anspielend, mit gutmüthig traurigem Lächeln sagte, -das Schicksal habe ihn, indem es ihn geboren werden ließ, in -den April geschickt.</p> - -<p>Und in der That gestaltete sich sein Lebenslauf zu einer -Bestätigung seiner harmlosen Selbstironie. Michael oder Michel, -wie er allgemein gerufen wurde, gehörte zu jenen Pechvögeln, -welchen alles, was sie unternehmen, mißlingt und welche, ohne -dümmer, oder ungeschickter, oder träger zu sein als Andere, doch -von Allen überholt und übervortheilt werden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -Gab es unter den Schulknaben irgend eine Balgerei, so -war es sicherlich Michel, der dabei am übelsten wegkam, dessen -Rücken die meisten Püffe, dessen Kleider die meisten Risse erhielten -und dem obendrein noch oft Strafe zutheil ward, indem -ihn die Genossen, so unschuldig er zumeist auch war, als Rädelsführer -und Urheber der Schlägerei verklagten.</p> - -<p>In der Schule lernte er nicht schlechter als die Mehrzahl -seiner Gefährten, dennoch widerfuhr ihm wiederholt das Unglück, -bei der Prüfung durchzufallen, einzig aus dem Grunde, -weil ihm zufällig solche Fragen gestellt wurden, die er nicht zu -beantworten wußte, während er auf alle seinen Collegen vorgelegten -Fragen ganz richtige Antworten zu geben vermocht -hätte. Von seinen Lehrern wurde er bemitleidet, von seinen -Genossen verspottet. Trotz seiner Gutmüthigkeit, mit welcher er -sich gern jedem gefällig erwies, was sich Alle ganz wohl gefallen -ließen, wenn sie eines Dienstes bedurften, bildete er doch die -Zielscheibe ihrer Neckereien. Und schlecht gelang es ihm, sich -derselben zu erwehren, denn eine treffende Replik auf irgend -eine spöttische Bemerkung fiel ihm regelmäßig erst dann ein, -wenn die passende Gelegenheit, sie auszusprechen, längst vorüber -war.</p> - -<p>Einmal ereignete es sich, daß seiner Classe als Hausaufgabe -ein Aufsatzthema gegeben wurde, dessen Ausarbeitung -unserem Michel besonderes Interesse und Vergnügen gewährte. -Mit Ernst und Eifer machte er sich an die Arbeit. Aber unmittelbar -vor dem Ablieferungstermin hatte er das Unglück, das -Schreibheft, welches den Entwurf seines zu seiner eigenen großen -Zufriedenheit vollendeten Aufsatzes enthielt, und das er unvorsichtigerweise -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -bei sich trug, auf dem Wege von der Schule -heimwärts, aus seiner Rocktasche zu verlieren. Natürlich blieb -ihm nichts anderes übrig, als die Aufgabe in Hast und Eile -– denn die Zeit drängte – vom neuem auszuarbeiten. Wer -beschreibt nun seine schmerzliche Entrüstung, als seine Arbeit -als »ungenügend« zurückgewiesen, jene eines Schulkameraden -hingegen prämiirt und zur Auszeichnung laut verlesen wurde, -in welcher er seinen eigenen ersten, verlorenen Aufsatz erkannte!</p> - -<p>Er hatte gut, denselben als sein Werk reclamiren und die -Geschichte seines in Verlust gerathenen Heftchens erzählen! Niemand -glaubte ihm; trug doch die belobte Arbeit Namen und -Handschrift des Schülers, der sie dem Lehrer präsentirt hatte; -welche Belege für das gute Recht seiner Ansprüche vermochte er -dagegen aufzuweisen? Einige seiner Schulgenossen lachten ihn aus, -andere empörten sich über ihn und erzählten daheim ihren -Eltern dieses Beispiel unerhörter lügnerischer Verwegenheit. -Der Lehrer aber verwies ihm mit scharfem Tadel seinen kecken -Betrugsversuch und bedeutete dem schmerz- und zornverwirrten -Knaben, daß er ihm nur dies einemal solch schweres Vergehen -straflos hingehen ließe, er möge sich für die Zukunft hüten, -denn ein zweitesmal würde er sich eine empfindliche Züchtigung -zuziehen. Und als der Junge das Ereigniß weinend seinem -Vater klagte, da ward ihm ein gleichgiltiges Achselzucken zutheil -und eine Wiederholung des stereotypen Urtheiles: »Geschieht -Dir recht, Michel, Du bist ein Tölpel, das weiß ich -längst.«</p> - -<p>Solche und ähnliche Erfahrungen, die Kränkungen und -ungerechten Zurücksetzungen, die ihm allenthalben begegneten, -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -führten dazu, Michel's Gemüth zwar nicht zu verbittern – hierzu -war es zu gut – aber es immer mehr von der Außenwelt -abzuziehen und, sich selbst genügend, sich eine stille, träumerische -Welt zu bilden. Langsam von Classe zu Classe aufsteigend, -beschäftigte er sich eifrig mit seinen Studien und trat, nach -Vollendung derselben, in ein kleines Amt. Außer den dienstlichen -Beziehungen verkehrte er wenig mit seinen Collegen, -welche ihm, wie früher seine Schulgefährten, wenig Sympathie -entgegenbrachten. Gesellige Vergnügungen suchte er noch weniger. -In größerer Gesellschaft, an welcher Frauen theilnahmen, war -er schüchtern und beklommen, da er sich mit Recht oder Unrecht -immer einbildete, eine ungeschickte, lächerliche Figur zu spielen, -und für Damen, die für die Komik linkischer Unbeholfenheit -meist einen noch schärferen Beobachtungssinn besitzen als die -Männer, ein Object, wenn nicht offener, so doch sicherlich heimlicher -Belustigung darzustellen. Da ihm dieser Gedanke peinlich -war, zog er es vor, Damen-, sowie überhaupt jede größere -Gesellschaft zu meiden.</p> - -<p>So lebte Michel freund- und freudlos für sich hin.</p> - -<p>Freund- und freudlos? Nein, nicht doch! denn einen Freund -nannte er sein, dessen Besitz ihm Freude gewährte.</p> - -<p>Wenn dieser Freund vor ihm saß und mit seinen glänzenden -dunkelbraunen Augen treu und ehrlich in sein Auge -blickte, dann ward ihm so innig warm und wohl ums Herz, -wie nie bisher in seinem Leben, denn noch nie in seinem Leben -war er einem Wesen begegnet, das ihn liebte – das wußte -er. Und wenn dieser Gedanke durch seine arme Seele zog, da -regte sich Dankbarkeit und Liebe in seinem Herzen zu diesem -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -Geschöpfe, dem ersten, das ihm treue, aufrichtige Liebe entgegenbrachte, -und mit einem Gefühle von Rührung zog er dessen -Kopf an seine Brust und drückte einen Kuß auf seinen glatten -Scheitel.</p> - -<p>Ja wahrhaftig, einen Kuß, obgleich dieser einzige Freund -nicht mehr und nicht weniger war als – sein Hund.</p> - -<p>Dieser Hund war durchaus nicht von besonders edler oder -auch nur reiner Race. Sein Lux – so hieß er – war eine -Kreuzung von Dachs- und Hühnerhund. Von letzerem hatte -er den schönen, intelligenten Kopf, von ersterem die etwas verkürzten -Beine und die Zeichnung: schwarz, gelb und weiß. -Trotzdem war es ein hübsches Thier, wenigstens für unseren -Michel gab es kein schöneres auf Erden. Und wie anhänglich -war er seinem Herrn! Seitdem dieser ihm das Leben gerettet, -indem er ihn aus dem Wasser zog, in welches sein früherer -Besitzer, um sich seiner zu entledigen, ihn geworfen, wich er -ihm nicht von der Seite. Herr und Hund waren unzertrennlich. -Sie schliefen in demselben Zimmer, aßen in demselben Wirthshause, -machten zusammen große Spaziergänge. Und da von -den Beiden der Hund der auffallendere, jedenfalls hübschere -und lebhaftere war und der Herr sich augenscheinlich oft den -Wünschen seines vierfüßigen Gefährten unterordnete, so kam es, -daß die in Betreff unseres Michels stets zum Spotte geneigten -Leute, wenn sie Beide einherspazieren sahen, nicht etwa sich -anständigerweise derart ausdrückten: »Da geht Herr Müller mit -seinem Hund,« sondern aller naturgeschichtlichen Rangordnung -zum Trotz kühnlich sagten: »Da kommt der Lux mit dem -Michel.« Letzterer hörte zuweilen diese Aeußerung, doch war -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -er darob weder gekränkt noch beleidigt; er lächelte fröhlich vor -sich hin.</p> - -<p>Die Stunden, welche die Amtsthätigkeit und die weiten -Spaziergänge frei ließen, verbrachte Michel bei seinen in der -einsamen Zurückgezogenheit seines Lebens ihm lieb gewordenen -Büchern. Er las und lernte eifrig. Was ihm an rascher Auffassungsgabe -mangelte, ersetzte er durch Gründlichkeit und Fleiß. -Sein Lieblingsstudium war Geschichte.</p> - -<p>Da traf es sich, daß er in einer Zeitschrift eine von der -Akademie der Wissenschaften ausgehende Preisausschreibung für -ein großes historisches Essay über den Einfluß einer gewissen -literarischen Bewegung auf die Entwickelung des Schriftthums -las. Die Aufgabe flößte ihm lebhaftes Interesse ein, und da -sich bei einer glücklichen Lösung derselben sowohl Auszeichnung -wie eine sehr bedeutende Summe als Preis erringen ließ, so -beschloß er, sich an der Concurrenz zu betheiligen. Ohne Aufschub -machte er sich an die Arbeit. In Archiven und Bibliotheken -sammelte er mit Emsigkeit reiches Material und zu Hause -sichtete und ordnete er dasselbe.</p> - -<p>Eines Tages wurde er in seiner neuen Thätigkeit durch -den überraschenden Besuch eines Amtscollegen unterbrochen. So -wenig vertraulich die Beziehungen der jungen Männer zu -einander auch waren, empfing Michel seinen Gast doch mit -zuvorkommender Freundlichkeit. Hierdurch ermuthigt, rückte dieser -bald mit seinem den Besuch veranlassenden Anliegen hervor. -Er befinde sich in momentaner Geldverlegenheit; um sich aus -derselben zu ziehen, sei er genöthigt, die erforderliche Summe -gegen Wechsel aufzunehmen. Der Geldgeber beanspruche natürlich -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -außer seiner Signatur auch die zweier guter Giranten. -Einer seiner Freunde habe seine Unterschrift bereits gegeben; -nun bäte er ihn – Müller – um die Gefälligkeit, das zweite -Giro zu leisten. Die Sache sei von keiner Bedeutung, die -Summe nicht beträchtlich, der Wechsel werde von ihm jedenfalls -vor Ablauf der Fälligkeitsfrist eingelöst und so weiter.</p> - -<p>Nach kurzem Zögern willfahrte Michel der Bitte seines -Collegen und mit den wärmsten Dankesversicherungen entfernte -sich derselbe.</p> - -<p>Michel war die Angelegenheit unangenehm. Er haßte leichtsinniges -und unordentliches Gebaren mit dem Gelde, denn er -war ein guter Wirth und mochte Schulden nicht leiden. Und -jetzt hatte er selbst indirect eine Schuld contrahirt. Ja, aber -die Sache war nicht zu umgehen. Er hätte es nicht über sich -gebracht, seinen Amtsgenossen abzuweisen.</p> - -<p>Doch zu seinen Pandecten zurückkehrend, hatte Michel die -ganze Geschichte über seiner Arbeit bald vergessen.</p> - -<p>Wochen und Monate flossen dahin in stiller, ernster Thätigkeit. -Die Concurrenzarbeit wurde vollendet und eingereicht.</p> - -<p>Aber nicht nur sein historisches Essay allein hatte Michel -während dieser Zeit beschäftigt. Auf der anderen Seite der -Treppe, seiner Wohnung gegenüber, liegt das Zimmer eines -hübschen jungen Mädchens, einer Waise, welche sich und ihren -kleinen achtjährigen Bruder mit ihrer Hände Arbeit – sie ist -Blumenmacherin – ernährt. Dieses Mädchen hat Michel kennen -und lieben gelernt. Er will sie zu seiner Frau machen und die -Verbindung nur noch so lange aufschieben, bis sein demnächst -zu erwartendes Avancement erfolgt oder – aber die Hoffnung -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -auf dieses Glück wagt er nicht laut auszusprechen, kaum zu -denken – nun, oder bis er mit seiner Concurrenzschrift den -Preis gewinnt.</p> - -<p>Es ist am frühen Morgen. Der Tag ist angebrochen, an -welchem die Zeitungen das Urtheil der Jury über die Zuerkennung -des von der Akademie ausgeschriebenen Preises publiciren -werden. Bleich und müde nach schlafloser Nacht erhebt -sich Michel von seinem Lager. Eines nicht unbedeutenden Unwohlseins -halber mußte er schon mehrere Tage Zimmer und Bett -hüten.</p> - -<p>Auch jetzt fühlt er sich matt und zerschlagen, aber eine -unüberwindliche innere Unruhe treibt ihn aus dem Bette. Auf -dem Divan hingestreckt, streichelt er mit fieberheißer Hand das -weiche Fell seines treuen Hundes. Er erinnert sich, daß die -Stunde des Briefboten nahe sein muß und in der That klingelt -dieser bald an seiner Thür und übergiebt ihm mehrere Briefe -und das Morgenblatt seiner Zeitung.</p> - -<p>Hastig und mit vor Aufregung zuckenden Fingern löst er -die Adreßschleife und entfaltet das Blatt.</p> - -<p>Es enthält die Publication des Preisrichterspruches. Aber -der Autorname der preisgekrönten Arbeit ist nicht der seine –</p> - -<p>Ein herbes Lächeln irrt über seine Lippen und mit feuchtem -Auge blickt er auf die seine stolze Hoffnung vernichtende Mittheilung.</p> - -<p>Wie konnte auch er, der Pechvogel, sich so großen Glückes -vermessen! Solche Freuden begegnen den Sonntagskindern, nicht -ihm, dem »Aprilnarr« des Schicksales!</p> - -<p>Er warf die Zeitung fort und griff nach den Briefen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -Der eine derselben ist ein Schreiben seines Bureauchefs, -in welchem derselbe ihm in schonendster Weise mittheilt, daß -sein Amtscollege * * * bedeutender Schulden wegen aus seinem -Dienste entlassen sei. Unter seinen protestirten Wechseln finde -sich einer mit Müller's Giro. Sollte er nicht in der Lage sein, -den Wechsel einzulösen, so sei es, um einer fataleren Eventualität -vorzubeugen, das beste für ihn, um Enthebung seiner Stelle -selbst einzukommen.</p> - -<p>Der zweite Brief ist von der Hand seiner Braut, welche -ihn darin beschwört, sie zu vergessen und ihr zu verzeihen, daß -sie nie die Seine werden könne. Aus Mitleid mit seiner traurigen -Herzenseinsamkeit habe sie ihm mehr Liebe gezeigt, als sie thatsächlich -für ihn fühlte. In Wahrheit habe sie stets einen anderen -Mann geliebt, und im Begriffe, ihre Verbindung mit demselben -einzugehen, sehe sie sich genöthigt, die Täuschung, in der er sich -in Betreff ihrer befinde, aufzuklären.</p> - -<p>Mit einem heiseren Wuthschrei sprang Michel von seinem -Sitze empor und eilte in die Wohnung des Mädchens. Er -fand die Eingangsthür unverschlossen und trat in das kleine -Vorzimmerchen.</p> - -<p>Doch als er schon die Hand nach der Klinke ihres Wohnzimmers -ausstreckte, erfaßte ihn plötzlich ein Gefühl drückender -Beklommenheit und Angst. Er wagte es nicht, derjenigen ins Auge -zu schauen, die er liebte und die ihn so furchtbar hintergangen -hatte. Da hörte er laute Stimmen. Es war eine kräftige Männerstimme -im Gespräche mit seiner Geliebten. Er lauschte nicht. -Aber plötzlich vernahm er deutlich seinen Namen und darauf -schallendes, fröhliches Gelächter.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -Da wandte er sich zum Gehen. In seine Wohnung zurückgekehrt, -sank er auf einen Stuhl und barg schluchzend den Kopf -in seine Hände.</p> - -<p>Seine Liebe war betrogen, seine Existenz vernichtet, die -Hoffnung, eine neue Laufbahn betreten zu können, zerstört. Was -lag noch an seinem Leben?</p> - -<hr /> - -<p>Wenige Stunden später stieg Herr Müller <i>senior</i>, um -seinen kranken Sohn zu besuchen, die Treppe zu dessen Wohnung -empor. Als er in Michel's Schlafzimmer trat, fand er ihn, -eine tiefe Schußwunde in der Stirn, entseelt in einer Ecke des -Divans lehnen. Die verhängnißvollen Druck- und Schriftstücke -lagen auf der Diele des Bodens; die eine Hand des Unglücklichen -hielt noch die selbstmörderische Waffe umspannt, die andere -hing schlaff über der Divanlehne herab.</p> - -<p>Leise winselnd saß der Hund vor seinem todten Herrn und -Freund und beleckte dessen erstarrte Hand, als wollte er mit -seiner warmen Zunge ihr neues Leben einflößen.</p> - -<p>Lasse ihn schlummern, treues, gutes Thier! Ihm ist wohl, -daß er ruhen darf, und daß der Vorhang fiel über sein schmerzliches -Dasein, das für ihn Tragödie war und für die Anderen -– Posse!</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -Der Unwiderstehliche.</h2> - - -<p>»Treue –?! Glaubst Du wirklich noch immer, daß es -diesen Artikel echt und unverfälscht giebt? Hat Dich das Leben -nicht darüber belehrt, daß dies ein Begriff ist ohne realen -Hintergrund, eine Vorstellung, die sich mit den Thatsachen nicht -deckt, ein leeres Wort, das die Menschen nur zu dem Zwecke -erfunden haben, um sich selbst etwas vorzulügen, um sich vor -sich selbst besser zu machen, als sie wirklich sind?« – so fragte -das Gespräch fortsetzend, mein Freund Theodor mit lauter -Stimme, um den polternden Lärm des Eisenbahnzuges zu übertönen, -der uns aus der Residenz nach dem lieblichen Landsitze -eines gemeinsamen Freundes führte, von dem wir zur Feier -des Namensfestes seiner Frau zu Gast geladen waren.</p> - -<p>»Echte, unverfälschte Treue,« fing ich sein Wort auf. -»Was meinst Du damit? Was Du da sagst, ist ein Pleonasmus. -Treue muß echt sein. Verfälschte Treue ist ja nicht mehr -Treue, sondern ihr Gegentheil.«</p> - -<p>»Keine Spur!« rief Theodor, den Rest seiner Cigarre -zum Waggonfenster hinauswerfend. »Es giebt eine echte Treue -und eine unechte. Das werde ich Dir gleich an einem Beispiele -erläutern.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Dann steckte er sich eine andere Havana in Brand und fuhr fort:</p> - -<p>»Solche Treue, die das nothwendige Ergebniß der Empfindungen -ist, ist echt; solche, die aber nur die Folge zufälliger -äußerer Verhältnisse und Umstände ist, kann unmöglich für echt -gelten. Die Treue einer Frau, die zufällig keinem Manne begegnete, -der ihr besser gefiel als ihr Gatte, ist eine unechte -Treue.«</p> - -<p>»Das sind Sophismen,« warf ich ein. »Da könnte man -ja bei dem erhabensten Beispiele weiblicher Treue die Behauptung -aufstellen, dieselbe sei nur durch zufällige Umstände -bedingt.«</p> - -<p>»So ist es auch,« sagte der Andere ruhig lächelnd, indem -er sich in die Wagenkissen behaglich zurücklehnte. »Kein Mensch, -weder weiblichen noch männlichen Geschlechtes, kann bedingungslos -für seine Treue bürgen. Immer handelt es sich darum, ob -das Schicksal dem Betreffenden den Rechten oder die Rechte entgegenführt, -denen die Macht gegeben ist, ihre Treue zu erschüttern. -Eben darum behaupte ich, daß es auf unserem Planeten keine -echte Treue gebe.«</p> - -<p>»Du hast vielleicht eine solche noch nicht kennen gelernt,« -erwiderte ich gereizt, denn seine überlegene Art, mit seiner -Lebens- und Erfahrungsweisheit groß zu thun, ärgerte mich -immer. »Aus Deinen persönlichen Erfahrungen gleich auf die -Allgemeinheit zu schließen, ist aber doch etwas voreilig.«</p> - -<p>»Pah, es handelt sich immer nur darum, ob der Rechte -kommt,« wiederholte Theodor heiter lächelnd, und zwirbelte mit -seinen weißen Fingern den blonden, wohlgepflegten Schnurrbart.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Jetzt mußte auch ich lächeln. Mir ging plötzlich ein Licht -auf. Er, Theodor, war ja dieser »Rechte«, dem gegenüber, sowie -er kam und siegen wollte, keine Frauentreue standzuhalten, -kein Mädchenherz unverwundet zu bleiben vermochte. Hieß er -denn nicht seit der Tanzschule her »der Unwiderstehliche«? Und -hatte er sich während der seit jenen Tanzstunden verflossenen -Reihe von nahezu fünfzehn Jahren diesen Namen nicht bewahrt -und stetig mehr verdient!</p> - -<p>Halb »Löwe«, halb Dandy, bald heldenhaft kühn, bald -lyrisch schmachtend, hatte er – so ging die Sage – seit seiner -frühesten Jugend fabelhaftes Glück bei den Frauen gehabt und -– auch dies erzählte die Fama – das Glück gepackt, wo und -so oft es sich haschen ließ.</p> - -<p>Alles dies fiel mir jetzt wieder ein, als ich bei seinen -letzten Worten meinen Blick über ihn hingleiten ließ, während -er den aus seiner Cigarre aufsteigenden blauen Ringelwölkchen -sinnend nachschaute.</p> - -<p>Theodor war ein auffallend schöner Mann. Schlank und -zierlich gebaut, das fein geschnittene, blasse Gesicht von seidenweichen -blonden Locken und einem üppigen Vollbart umrahmt, -der die Lippen so weit frei ließ, um das verführerische, zuweilen -etwas frivole Lächeln, das den Frauen so leicht gefährlich -wird, zur vollen Geltung kommen zu lassen, mit großen, -dunklen, bald träumerisch, bald verwegen blickenden Augen – -war seine äußere Erscheinung so recht angethan, um seinen beliebten -Wahlspruch: <i>Veni, vidi, vici</i> nicht Lügen zu strafen. -Vorzüglicher Reiter und Tänzer, amusanter Causeur, der eine -Menge pikante Geschichtchen und schnurrige Anekdoten zu erzählen -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -wußte, stets elegant und mit feinstem Chic gekleidet, -konnte es wahrlich nicht wundernehmen, daß alle Damen für -ihn schwärmten, daß es keine Gesellschaft gab, zu der er nicht -geladen wurde, und keinen Ball, dessen Cotillon nicht er führen -mußte. Dabei hatte er eine so ganz besondere Art, mit den -Damen zu verkehren. Voll ritterlicher Galanterie und doch nie -ohne einen gewissen Anflug selbstbewußter Ueberlegenheit und -leichter Blasirtheit.</p> - -<p>»Nun, giebst Du mir recht?« fragte er, die entstandene -Pause plötzlich unterbrechend. »Oder bleibst Du trotz aller Vernunftgründe -immer der alte, unverbesserliche Idealist, der Du -warst?«</p> - -<p>»Im Durchschnitte magst Du ja recht haben,« erwiderte -ich. »Du wirst aber doch nicht behaupten wollen, daß es nicht -auch Ausnahmen –«</p> - -<p>»Giebt es nicht,« fiel er ein.</p> - -<p>»Doch!« bemerkte ich beinahe eingeschüchtert. »Glaubst Du -nicht, daß Margarethe zum Beispiel –«</p> - -<p>Margarethe war die Frau jenes Freundes, zu dem wir -uns auf dem Wege befanden.</p> - -<p>»Ach, Margarethe!« wiederholte er mit einem leichten -Seufzer. »Ja, ich hätte es denken können, daß Du sie als -Beleg Deiner unhaltbaren Theorie werdest heranziehen wollen.«</p> - -<p>»Nun –?!«</p> - -<p>»Wer sagt Dir, daß sie eine solche Ausnahme ist! Daß -nicht auch ihre bis jetzt allerdings geradezu phänomenale Verliebtheit -in den guten Jungen, der seit vier vollen Jahren das -Glück hat, ihr Gatte zu sein, doch nichts anderes ist als das -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Werk des Zufalles? Des Zufalles nämlich, daß sie bis jetzt -noch keinen Mann kennen lernte, der –«</p> - -<p>»Eben der Rechte wäre. Ich weiß schon, Du hast es ja -gerade gesagt,« unterbrach ich ihn ungeduldig.</p> - -<p>»Ja, allerdings, das meine ich. Oder auch, daß dieser -Rechte sich vielleicht noch nicht die Mühe gegeben, die Dichtigkeit -ihres Herzenspanzers zu erproben.«</p> - -<p>»Ich aber meine, daß es eine Vermessenheit ist, von einer -Frau, wie Margarethe, deren Charakter den leisesten Schatten -eines Mißtrauens zu bannen geeignet ist, so geringschätzig zu -denken.«</p> - -<p>Ich war bitterböse auf Theodor. Sein Gleichmuth aber -blieb unerschütterlich.</p> - -<p>»Einen allgemein giltigen Maßstab an den Einzelnen anlegen,« -erwiderte er, »heißt nicht geringschätzig denken über ihn. -Ich besitze nur eben genug Menschenkenntniß, um die Handlungen -der Menschen auf ihre innere Quelle zurückführen zu -können. Warum sollte Frau Margarethe anders sein als die -anderen Frauen? Sie ist eben ein Weib. Und denselben Naturgesetzen, -die den Charakter des Weibes im Allgemeinen beherrschen, -ist – wie alle Anderen – auch sie unterworfen. Daran -läßt sich nichts ändern.«</p> - -<p>Ich schwieg. Einsehend, daß Theodor's Ansichten zu fest -wurzelten, um sich durch Worte widerlegen zu lassen, hielt ich -eine Fortsetzung unseres Disputes für ebenso zwecklos wie ermüdend. -Meine Gedanken flogen voraus, den Freunden entgegen. -Und indem ich an sie dachte, mußte ich in mich hinein -über Theodor lachen, dessen mit solch apodiktischer Sicherheit -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -verkündeten Anschauungen eben durch sie eine so schlagende Widerlegung -fanden. Arthur's und Margarethens Ehe war die glücklichste, -die ich je gesehen. Der verstockteste Pessimist mußte durch -ihren Anblick bekehrt werden. Allerdings waren Beide noch sehr -jung, Arthur zählte sechsundzwanzig, Margarethe zwanzig Jahre. -Und wer die Beiden sah, hätte sie eher für übermüthige Geschwister, -denn für Ehegatten halten können. Manchmal, wenn -ich zu ihnen gekommen, fand ich sie im Garten herumtollen, -als ob sie noch Kinder wären. Noch hatte kein Schatten die -frohe Laune ihres Jugendmuthes getrübt. Das Leben konnte -wohl sie ernster machen, sie konnten mitsammen reifen und – -altern. Aber trennend, ihre zu einem wohlklingenden Accord -zusammengestimmten Seelen trennend, konnte nichts zwischen sie -treten. Diese beiden herzlieben Geschöpfe paßten füreinander, -als ob sie eigens füreinander geschaffen wären. Sie lebten vollkommen -für- und ineinander. Und jedes war glücklich durch die -Existenz des Anderen. Theodor kannte sie nicht so gut wie ich; -wenn er sie näher kennen lernte, würde er bald einsehen, daß -wenigstens dies eine Beispiel seine Ueberzeugungen Lügen strafte.</p> - -<p>Den Faden des behandelten Themas weiter spinnend, fragte -ich Theodor nach einer kleinen Weile:</p> - -<p>»Deine Anschauung über den weiblichen Charakter im -Allgemeinen und über weibliche Treue im Besonderen ist wohl -auch die Ursache Deines Widerwillens gegen das Ehejoch?«</p> - -<p>Theodor nickte lächelnd.</p> - -<p>»Ich bewundere Deine Combinationsgabe! Allerdings ist -dies die Ursache. Ich schätze meine Ruhe über alles. Was hätte -ich nöthig, mich zu verheiraten und diese Ruhe und meine Freiheit -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -aufzuopfern? Die Annehmlichkeiten des Ehestandes stehen -ja dem Junggesellen, der verheiratete Freunde hat, beinahe in -ebenso reichlichem Maße zur Verfügung wie den Ehemännern. -Ihre Frauen sind unsere Freundinnen, an ihrem Tische, an -ihrem Kamin ist stets ein Plätzchen für uns bereit. So oft -wir eintreten, sind wir willkommen. Wir erheitern ihre Einsamkeit, -die vielleicht gerade in dem Augenblicke als wir kamen, -anfing, sie ein bißchen zu langweilen. Auf diese Weise wahren -wir unsere Unabhängigkeit und genießen doch alle Vortheile des -Ehestandes, ohne dessen Mühen, Lasten und beunruhigenden -Sorgen zu haben. Ja, wäre doch jeder ein Thor, der die Lasten -und Sorgen auf sich nähme, damit ein Anderer sich des Glückes -ohne diesen bitteren Beigeschmack erfreue, ein Thor, der die Hefe -des Bechers leerte, von dem ein Anderer den süßen Schaum -fortgenippt.«</p> - -<p>Ich fand keine Zeit mehr zu antworten. Der Pfiff der -Locomotive verkündete uns, daß wir uns dem Ziele näherten. -Wir griffen nach unseren Handkofferchen und Ueberziehern, -stiegen aus und warfen uns in einen Wagen, der uns in einer -halben Stunde nach Arthur's allerliebsten Landsitz brachte.</p> - -<p>Der Empfang, der uns, namentlich aber Theodor zutheil -wurde, brachte mich auf den Gedanken, daß er in der That -nicht unrecht habe, seinen Junggesellenstand als einen glücklichen -zu preisen. Alles, was er über sein beneidenswerthes Los -gesagt, schien sich zu bestätigen. Die sichtliche Freude, die seine -Gegenwart hervorrief, das herzliche Entgegenkommen, das der -Hausherr ihm entgegenbrachte, das reizende Lächeln, das Margarethe -ihm spendete, das Bemühen, den Aufenthalt im Heim -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -des Freundes ihm wohl und behaglich zu gestalten, alles vereinte -sich, um die Wahrheit seiner Schilderung zu bezeugen.</p> - -<p>Bald fand sich eine zahlreiche Gesellschaft ein, in der -Theodor die Hauptrolle spielte. Seine vorzügliche Unterhaltungsgabe -bewährte sich wieder aufs glänzendste und sämmtliche Damen, -Margarethe nicht ausgenommen, schienen im Banne seines Zaubers -zu liegen.</p> - -<p>Groll erfaßte mich, denn ich bemerkte bald, daß sie es -war, die er sich als Opfer eines neuen Eroberungszuges ausersehen, -vielleicht, um mir den Beweis für die Richtigkeit seiner -mir so abscheulich dünkenden Theorien zu liefern.</p> - -<p>Einen Augenblick dachte ich daran, seine Absichten zu durchkreuzen, -etwa Margarethens Stolz Theodor gegenüber durch -Mittheilung seiner Auffassung des weiblichen Charakters, namentlich -aber des seinen gegen sie gerichteten Feldzugsplänen zweifelsohne -zugrunde liegenden Motives herauszufordern, oder die Vorsicht -ihres, wie mir schien, von allzu argloser Vertrauensseligkeit -erfüllten Gatten durch eine bei passender Gelegenheit angebrachte -Warnung wachzurufen. Doch bald ließ ich den Gedanken -wieder fallen. Was hatte ich mich in Anderer Angelegenheiten -zu mischen? Waren Theodor's Anschauungen die richtigen; war -mein Glaube an Frauentugend und Treue wirklich nur eine -auf Unkenntniß der Weibesseele beruhende kindische Schwärmerei, -dann verlohnte es sich wahrlich nicht, dem Siegeslaufe des -Unwiderstehlichen durch Verrath seiner Pläne Einhalt zu thun. -Mein Alarmruf konnte wohl in diesem einen Falle seinen Sieg -vereiteln; der Widerstand, der ihm aus diesem Anlasse entgegengesetzt -würde, wäre jedoch fürwahr nicht geeignet, mein Vertrauen -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -zu rechtfertigen, sondern er würde im Gegentheile -Theodor's Ansicht bestätigen, daß alle Treue nur ein Werk -des Zufalles sei.</p> - -<p>Diese Ueberlegung bestimmte mich, die weitere Entwickelung -der Dinge ohne Einmischung meinerseits ruhig abzuwarten. Mit -Argusaugen überwachte ich Margarethens Benehmen gegen -Theodor. Aber meine anfänglich siegessichere Zuversicht, daß -das Ergebniß der Bemühungen Theodor's meinen von ihm -so grausam verspotteten Ueberzeugungen recht geben möchten, -schwand immer mehr, je lebhafter das Feuer ihrer seinen Blicken -begegnenden Augen sprühte, je reicher und von einer seltsamen -Unruhe durchbebt der Tonfall ihrer Stimme wurde, je heller -ihr Lachen an mein Ohr schlug, mit dem sie seine witzigen -Einfälle lohnte.</p> - -<p>Nicht sie allein war es, die an seinem Triumphwagen zog. -Auch alle anderen anwesenden Damen schienen völlig berauscht -von der hinreißenden Macht seiner Persönlichkeit. Sie verfolgten -ihn mit brennenden Blicken, während er, wie ein schillernder -Schmetterling von Blume zu Blume flattert, von der einen -zur anderen unermüdlich und unermüdend die ewige Lüge seines -verlockenden Lächelns, seines verstohlenen und doch so vielsagenden -Augenspieles, seiner leise geflüsterten Huldigungen trug.</p> - -<p>Als es Abend wurde und die Wärme des heiteren Frühlingstages -der nächtlichen Kühle wich, wurde ein Tänzchen arrangirt, -wobei Theodor natürlich wieder neue Gelegenheit fand, als der -anerkannt beste und eleganteste Tänzer alle übrigen Herren in -den Hintergrund zu drängen, gleichwie das Licht der Sterne -vor dem siegreichen Glanz der Sonne erbleichen muß.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Mit einer anderen Dame plaudernd, stand ich neben Margarethe, -als Theodor an sie herantrat, um sie um die letzte -Quadrille zu bitten.</p> - -<p>»Bedauere, ich bin schon engagirt,« sagte sie freundlich, -indem sie mit dem Fächer auf mich wies.</p> - -<p>»O, wie schade!« säuselte Theodor. Dann fügte er, sein -schönes Haupt gegen sie gebeugt, ein paar leise Worte hinzu, -die ich nicht verstand und die von Margarethe ebenso leise beantwortet -wurden, während eine flüchtige Röthe über ihre zarten -Wangen glitt.</p> - -<p>Gleich darauf wurde eine Schnellpolka gespielt und Margarethe -flog an Theodor's Arm durch den Saal dahin.</p> - -<p>Nachdem auch ich einige Touren getanzt, schlängelte ich -mich wieder in Margarethens Nähe, die soeben mit blitzenden -Augen und hochwogendem Busen sich auf ein kleines Ecksofa -niedergleiten ließ, während Theodor vor ihr stehend, ihr mit -dem Fächer Kühlung zuwehte. Ich war mir dessen vollbewußt, -eigentlich eine lächerliche Rolle zu spielen, wenn ich mich stets, -wenn auch für Andere so unauffällig wie möglich, in Margarethens -Nähe drängte. Aber der Groll über des Unwiderstehlichen -– des Unausstehlichen, wie ich ihn meinem Inneren -nannte – neue Triumphe packte mich so mächtig, daß ich dem -Drange, den Aufpasser zu machen, selbst auf die Gefahr hin, -abgeschmackt zu scheinen, nicht zu widerstehen vermochte.</p> - -<p>Diesmal aber schien es sich nicht zu lohnen, den Lauscherposten -zu beziehen, denn Beide plauderten ganz harmlos über -einen Pavillon, den Arthur in dem bis an den Garten sich -hinziehenden Walde hatte bauen lassen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -»Es ist mein Lieblingsplätzchen,« erzählte Margarethe, »wo -ich mit einer Arbeit, oder einem Buche manche Stunde verbringe. -Der dichte Nadelwald, die kleine Anhöhe, von welcher -aus sich ein weiter Blick über das Thal öffnet, bieten einen -reizenden Aufenthalt. Um mir denselben bequemer zu machen, -überraschte mich Arthur mit dem Lusthäuschen.«</p> - -<p>»Wie tollkühn, so allein viele Stunden im Walde zuzubringen,« -fiel Theodor ein.</p> - -<p>»Durchaus nicht allein,« erwiderte Margarethe. »Mein -Pluto begleitet mich stets auf meinen Wegen. Und er ist ein -gar wackerer und treuer Beschützer.«</p> - -<p>»Und trauen Sie Ihrem Pluto eine so famose Witterung -zu,« mischte jetzt ich mich in das Gespräch, »daß er vermöge -seiner feinen Nase jede Gefahr erkennt, die Ihnen von unvermutheter -Seite droht?«</p> - -<p>Theodor warf mir einen erzürnten Blick zu, der mich -einschüchtern und mir Schweigen gebieten zu wollen schien. -Margarethe aber erwiderte mit feinem Lächeln:</p> - -<p>»Pluto und ich wir ergänzen einander vortrefflich. Wo sein -Witterungsvermögen aufhört, da beginnt das meine.«</p> - -<p>»Wäre es aber nicht klüger, das Schicksal nicht durch -allzu große Kühnheit herauszufordern?« fragte ich, meine verblümten -Warnungen mit ungeschickter Hartnäckigkeit fortsetzend.</p> - -<p>Da lachte Margarethe, und Calderon citirend erwiderte sie:</p> - -<p>»Wer Gefahren ängstlich flieht, der stürzt sich in Gefahr.«</p> - -<p>Theodor aber gab mir den Rath, um Pluto's feine Spürnase -zu erproben, mich als Vagabund verkleidet bei seiner Herrin -in der Waldeinsamkeit anzuschleichen. »Da würdest Du erfahren, -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -ob er Freund und Feind zu unterscheiden vermag,« schloß er -spöttisch. »Und Pluto's Zähne würden Deine Wißbegierde -befriedigen.«</p> - -<p>Nun wurde ich wieder böse und mit scharfem Tone entgegnete -ich, daß börsengierige Strolche nicht die schlimmsten -Feinde seien. Die scheinbare Freundschaft mancher Leute sei weit -gefährlicher als offenkundige Feindschaft, gegen die man sich -wappnen könne.</p> - -<p>»Natürlich! Der berüchtigte Wolf im Schafspelz ist ein -gar böses Thier!« rief Theodor lachend. »Eine höchst interessante -Entdeckung, nur nicht ganz neu.«</p> - -<p>Ich hatte mich abgewendet und im Weggehen hörte ich -noch Beide lachen. Ich fühlte mich gekränkt, nicht nur von -Theodor, auch von Margarethe, die sich an seinen Witzen über -mich belustigte. Am liebsten hätte ich mein Engagement mit ihr -zur Quadrille Theodor abgetreten. Da dies aber doch nicht -anging, fand ich mich, als das Zeichen zur Quadrille gegeben -wurde, pflichtschuldigst bei Margarethe ein.</p> - -<p>Als ich mich ihr näherte, stand ihr Gatte neben ihr. Sie -sprachen eifrig und lächelnd miteinander und ganz deutlich -schien es mir, Theodor's Namen aus Margarethens Munde -zu hören. Welche Arglist! Sie spottete wohl mit Arthur über -ihn, um diesen in Sicherheit zu wiegen und desto bequemer und -unbeargwohnt ihre süßen Tändeleien mit ihrem Courmacher fortsetzen -zu können. Mir ward ganz übel zu Muthe, Margarethe -von solcher Seite kennen zu lernen, mit so schnöder Hand das -ideale Bild, das ich von der Lauterkeit ihres Charakters in -meiner Seele trug, verwüstet zu sehen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Doch jetzt wurde die Introduction zur Quadrille intonirt, -die Paare traten in die Reihe und ich hatte keine Zeit, mich -meinen trübseligen Betrachtungen hinzugeben. Schweigend verbeugte -ich mich vor Margarethe und bot ihr meinen Arm.</p> - -<p>»Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie bei meinem Begräbnisse -wären, nicht aber bei einem zur Feier meines Namensfestes -veranstalteten Tanzkränzchen,« sagte sie, mir treuherzig in -die Augen blickend.</p> - -<p>Auf diesen Vorwurf nicht vorbereitet, stotterte ich ein paar -Worte der Erwiderung, deren ich mich nicht mehr erinnere, die -aber sicherlich recht albern waren, denn Margarethe lachte. Sie -verbarg zwar ihre spöttisch zuckenden Lippen in dem Blumenstrauße, -den sie an ihr Gesicht drückte. Ich fühlte es jedoch, daß -sie lachte, mich auslachte. Aber ich zürnte ihr nicht. Sie war -so berückend schön in diesem Augenblicke, die dunklen Augen, die -über die Blumen hinweg schelmisch auf mich hinüber blitzten, -das zarte Adlernäschen, dessen feingeschwungene Flügel sich leise -hoben und senkten, indem sie den Duft der Blumen begierig -einsogen, der volle und doch schlanke weiße Nacken, der durch -das schwarze Spitzengewebe der Corsage wie beseelter Marmor -schimmerte – es war ein so entzückend liebliches Bild, das sich -meinem Auge darbot, daß ich nicht an mich selbst zu denken -vermochte, sondern nur an sie, die in der ganzen Glorie ihrer -jugendfrischen Schönheit, auf meinen Arm gestützt, leichtfüßig -dahinglitt. Ja, nur an sie dachte ich und an den, dem es gelingen -sollte, vielleicht schon gelungen war, bloß um seiner -nimmersatten Eitelkeit zu fröhnen, das Herz dieses reizenden -Wesens mit den Fallstricken seiner auswendig gelernten feurigen -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -Blicke, seiner allerorten wiederholten lügenhaften Liebesbetheuerungen -zu umgarnen.</p> - -<p>»Nun, wollen Sie mir nicht verrathen, was Sie so traurig -stimmt?« fragte sie, als ich nach dem »Herren-<i>Eté</i>« an ihre -Seite zurücktrat.</p> - -<p>»Warum nicht,« erwiderte ich. »Es ist der Neid, grimmer -Neid, der mir die Laune verdirbt.«</p> - -<p>»O, wie häßlich! Und solches Laster gestehen Sie so -ruhig ein?«</p> - -<p>»Sie wissen ja, wovon das Herz voll ist –«</p> - -<p>Die nächste Figur trennte uns. Dann, beim »<i>Balancer</i>«, -fragte sie:</p> - -<p>»Und darf man wissen, wer der glückliche Unglückliche ist -– denn daß es ein Er, steht wohl außer Zweifel – dessen -Los Ihnen so beneidenswerth dünkt?«</p> - -<p>»Sagt es Ihnen Ihr Herz nicht?«</p> - -<p>»Mein Herz schweigt.«</p> - -<p>»Nun, so will ich es denn gestehen. Ihr Pluto ist es, den -ich beneide. Ich beneide ihn um den Vorzug, Sie gegen alle -Ihnen drohenden Gefahren beschützen zu dürfen.«</p> - -<p>»Ach ja, gegen den Wolf im Schafsfell,« lachte Margarethe -und warf einen raschen Blick auf Theodor, der uns gegenüber -tanzte, und, ohne uns Beachtung zu schenken, mit seiner -Dame eifrig plauderte.</p> - -<p>Ich fing den Blick auf und ärgerte mich schon wieder.</p> - -<p>»Sehen Sie nur, was die kleine Baronesse Mischi für -selige Augen macht, der Auszeichnungen des Unwiderstehlichen -gewürdigt zu werden,« sagte ich boshaft.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -Eine neue Figur hinderte Margarethe, mir zu antworten. -Dann aber beim »<i>Tour de main</i>« fragte sie:</p> - -<p>»Wie sagten Sie vorhin? – Der Unwiderstehliche?«</p> - -<p>»Allerdings. Wissen Sie nicht, daß Theodor, ob der Legion -weiblicher Herzen, die ihm nur so entgegenfliegen, unter -seinen Intimen der Unwiderstehliche genannt wird?«</p> - -<p>»Wie komisch!« lächelte sie. »Und doch, wie zutreffend – -der Unwiderstehliche! – Da wir aber gerade von Theodor -sprechen – ich habe einen Auftrag meines Mannes an Sie -und ihn: Sie Beide zu bitten, unsere Landeinsamkeit für einige -Tage zu theilen. Sie bleiben doch?«</p> - -<p>Ich verbeugte mich, die Einladung annehmend.</p> - -<p>Das also war es, was sie vorhin mit ihrem Manne gesprochen, -wobei ich Theodor's Namen gehört. Sie wollte das -Glück des Zusammenseins mit dem Geliebten – denn daß sie -ihn liebte, darüber gab ich nun schon gar keinem Zweifel mehr -Raum – verlängern, und ich wurde dabei als das mindest -störende Element – als Elephant, wie ich grollend mich selbst -benamste, ins Schlepptau genommen. Aber sie hatten die Rechnung -ohne den Wirth gemacht, und ich beschloß, durch dieselbe -einen dicken Strich zu machen. »Pluto, Pluto!« rief es in -meinem Inneren, »ich werde Dein Verbündeter, wir werden -sie beschützen!« Alle meine löblichen Erwägungen, daß mich die -Sache doch gar nichts angehe, daß ich kein Recht hätte, mich -in Anderer Herzensangelegenheiten zu mengen, waren verflogen -wie Spreu im Sturm meiner Entrüstung. »Ja, Margarethe, -gegen Deinen eigenen Willen werde ich Dich schützen mit diesen -Armen, in denen Du jetzt ruhst!« sprach ich im Geiste zu ihr, -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -während ich im Walzerschritt mit ihr durch den Salon -hinraste.</p> - -<p>Doch dabei verwickelte ich mich mit einem Fuße in das -Kleid einer anderen Tänzerin, strauchelte und würde Margarethe -um ein Haar mit mir zu Boden gerissen haben, hätte nicht -Theodor, der, weiß Gott wie, in diesem Augenblicke neben uns -auftauchte, sie aufgefangen, wobei er mir einen Blick zuwarf – -einen Blick so voll lächelnder, fröhlicher Geringschätzung, daß -ich mich völlig vernichtet fühlte.</p> - -<p>Mit einer Empfindung, als wollte ich unter den Boden -versinken, stotterte ich vor Margarethe meine Entschuldigung. -Sie tröstete mich gütig, indem sie meinte, solch ein Malheur -passire allzu leicht. Ich aber fühlte mich vor Margarethe und -Theodor schmählich blamirt und dachte im Stillen, ob dies etwa -eine Vorbedeutung wäre, daß ich mich vor den Beiden auch in -meinem Rettungswerke blamiren sollte?</p> - -<p>Unbemerkt drückte ich mich aus dem Salon, denn ich schämte -mich meiner Niederlage viel zu sehr, um eine der Damen, die -sie ja alle gesehen, noch zum Tanze aufzufordern. Ich zog es -vor, im Speisezimmer, wo das Buffet aufgestellt war, eine -Cigarre zu rauchen und das schmerzliche Gefühl meiner Demüthigung -mit ein paar Gläsern Rheinwein hinabzuspülen.</p> - -<p>Zwischen dem Speisezimmer und dem Salon, in dem -getanzt wurde, lag ein zweiter, etwas kleinerer Salon mit einem -Altan nach dem Garten. Die Verbindungsthür dieses Gemaches -mit dem Tanzsaale war entfernt worden, und manches der -tanzenden Paare benützte diesen Raum, um seine Touren zu -verlängern.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -Die Nacht war milde; ich trat auf den Balcon, dessen -Glasthür offen stand, und labte mich an der freien, frischen, -vom balsamischen Duft zahlloser Rosen und blühender Nachtschatten -gewürzten Luft. In stillem, erhabenem Frieden lag die -schlummernde Natur vor mir ausgebreitet; die Sterne glänzten -über meinem Haupte, ein leises Wehen flüsterte durch das Laub -der Bäume, und mir ward zu Muthe, als ob eine weiche, -schmeichelnde Hand allen Groll, alle Verstimmung, alle Kränkung -meiner tiefsten Gefühle, welche die Eindrücke des heutigen Tages -in meinem Inneren hervorgerufen, hinwegstreichelte, und wohlige -Ruhe zog in meine Seele. Die Musik, die aus dem Saale zu -mir herübertönte, das gedämpfte Geräusch der Tanzenden, das -Schleifen der Schritte, das Murmeln der entfernten Stimmen -störte mich nicht, es erhöhte noch die Empfindung des stillen, -wonnigen Friedens, der sich wie ein süßer Traum über mein -innerstes Wesen breitete.</p> - -<p>Der Laut eines munteren Lachens weckte mich plötzlich aus -meinen Träumereien. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um -zu wissen, wer es sei, der wenige Schritte vor mir an der -offenen Thür stand. Ich kannte dieses silberhelle, perlende Lachen. -Nur Margarethe lachte so.</p> - -<p>Und jetzt ließ sich auch Theodor's schmelzender Bariton -vernehmen:</p> - -<p>»Nein, noch gebe ich Sie nicht frei! Warum wollen Sie -grausam mir die köstlichen Minuten kürzen, da ich Sie in -meinen Armen halten, Ihr Herz an dem meinen pochen fühlen -darf! Solchen Augenblick, zu dem ich wie Faust spreche: Verweile -doch, Du bist so schön!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -»Wunderbar gesprochen!« scherzte Margarethe. »Doch sagen -Sie mir ehrlich, ist es zählbar, auf wie viel Bällen, wie vielen -Damen Sie diese Tirade schon wiederholt haben?«</p> - -<p>»Es scheint Ihnen Vergnügen zu gewähren, mich zu -quälen,« flötete Theodor. »Sie müssen doch erkennen, daß es -nur widerwillig geschieht, wenn ich meine Huldigungen scheinbar -Anderen zuwende, daß ich dieses Opfer nur zu dem Zwecke -bringe, um meine wahren Empfindungen zu verbergen.«</p> - -<p>Weiter hörte ich nichts mehr. Die unfreiwillig Belauschten -hatten wieder in den Saal zurück getanzt.</p> - -<p>Bald darauf ging die Gesellschaft auseinander. Einige der -Gäste kehrten nach ihren benachbarten Landsitzen heim, andere -fuhren nach der Bahnstation, um nach der Hauptstadt zurückzukehren. -Theodor und ich begaben uns auf unsere Zimmer.</p> - -<p>»Nun, hast Du Dich von Deiner Niederlage schon erholt? -Keine Beulen davongetragen? Du trägst ja eine Jammermiene -zur Schau, als ob Du große Schmerzen fühltest?« spottete -Theodor, nachdem der uns führende Diener sich entfernt hatte.</p> - -<p>»Immer noch besser, eine Jammermiene, als die Rolle -eines Polichinells,« versetzte ich gereizt.</p> - -<p>»Ah – wen meinst Du mit dem Polichinell?« frug Theodor -sanft, während er sich seiner Handschuhe und Halsbinde entledigte.</p> - -<p>»Niemand Anderen als Dich,« antwortete ich, an der offenen -Thür meines Zimmers stehend.</p> - -<p>»Ei wirklich, und warum denn das?«</p> - -<p>»Darum, weil ich es für einen Mann lächerlich finde, wie -ein kokettes Salondämchen keinen anderen Ehrgeiz zu kennen, -als den, Eroberungen zu machen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -»So, so! Nun, wenn es Dich lächert, zu sehen, daß die -Damen sich mit mir lebhafter unterhalten und lieber tanzen als -mit Anderen, so will ich Dir das Vergnügen nicht wehren, Dich -über diesen Anblick zu belustigen. Uebrigens kenne ich ein altes -Sprichwort: Wer zuletzt lacht und so weiter.«</p> - -<p>»Wer zuletzt lacht,« wiederholte ich. »Wer dies sein wird, -muß sich erst zeigen.«</p> - -<p>Ich war in mein Zimmer gegangen. Einige Minuten später -– Theodor kroch gerade unter die Decke – trat ich wieder -unter die Thür.</p> - -<p>»Ich habe mich vorhin schlecht ausgedrückt,« begann ich -neuerdings. »Nicht nur lächerlich, unrecht finde ich es, seine -persönlichen Vorzüge dazu auszunützen, zur Befriedigung seiner -Eitelkeit den Frieden und das Glück der Menschen zu zerstören.«</p> - -<p>Theodor erhob sich ein wenig. Den Ellbogen auf das -Kopfkissen, das Kinn in die hohle Hand gestützt, sah er mich -lächelnd an.</p> - -<p>»Lieber Freund,« sagte er nach einer kleinen Weile, »Du -hast entschieden Deinen Beruf verfehlt. Du hättest Mönch werden -sollen, um von der Kanzel herab gegen die Verderbtheit der -Welt zu donnern. Wer sagt Dir denn, daß ich dem Frieden -und dem Glücke der Menschen Eintrag thue? Man unterhält -sich, man – nun, man liebäugelt ein wenig und man trennt -sich wieder, ohne Gram und Kummer. Und bedenke auch, daß -Du selbst es bist, der mich dazu herausgefordert hat, in Betreff -dieser Frau, um deren Herzensruhe Du jetzt so besorgt zu sein -scheinst, die Stichhältigkeit Deiner Theorien meinen Ueberzeugungen -gegenüber auf die Probe zu stellen. Entweder – oder. Ein -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -drittes giebt es nicht. Entweder Deine Anschauungen sind die -richtigen, dann ist ja doch für sie keine Gefahr vorhanden; ihre -Treu erweist sich als echt, meine Ansichten finden Widerlegung. -Oder die letzteren bestätigen sich: dann ist das Unglück auch -nicht gar so groß. Denn die Wahrung einer Treue, die nur ein -Werk des Zufalles – ist wahrlich von keinem großen Werthe. -Uebrigens verspreche ich Dir, daß ich, wenn es mir nicht gelingt, -binnen der drei Tage meiner Anwesenheit hier – denn -in drei Tagen muß ich wieder zu Hause eintreffen – von -Margarethens holden Lippen das Geständniß ihrer Liebe zu -hören, die Feuerprobe nicht länger fortsetze und mich vor Dir -feierlich als besiegt erkläre. Bist Du nun zufrieden?«</p> - -<p>Ich zögerte nicht, mich einverstanden zu erklären. Theodor's -Hoffnungen für eitle Vermessenheit haltend, glaubte ich, davon -überzeugt sein zu dürfen, daß es dem selbstgefälligen Gecken -niemals, zum mindesten aber nicht binnen einer so kurzen Frist, -gelingen werde, Margarethens Herz in Banden zu schlagen und -ihr ein Liebesgeständniß zu entreißen. Ja, ich freute mich im -voraus der heilsamen Lection, welche Theodor's Eitelkeit zutheil -werden, des Widerstandes, der dem »Unwiderstehlichen« doch -endlich entgegengesetzt werden sollte.</p> - -<p>Völlig beruhigt schlief ich ein – um am anderen Tage, -als ich die Beiden wieder beisammen sah, dennoch wieder von -neuen Zweifeln gequält zu werden. Es schien mir, als sähe ich -aus den zwischen ihnen verstohlen getauschten Blicken zarte Fäden -sich hin und wieder spinnen, die sich zu einem dichten Netze -verschlangen. Kein Wort wurde, wenigstens in meinem Beisein -– und ich verließ sie selten – von ihnen gewechselt, das nicht -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -auch zu jedem Anderen gesprochen werden könnte, und dennoch -glaubte ich aus dem Klange der Stimme, womit alles gesagt -wurde, einen ganz besonderen Ton herauszuhören, einen Ton, -der beileibe nicht derselbe war, als wenn sie ihre Rede an Andere -richteten, und der meine peinvolle Sorge von Stunde zu Stunde -steigerte. Ich versuchte es wohl, mich mit dem Gedanken zu -beruhigen, es sei unmöglich, daß Margarethen an der Seite -eines von ihr geliebten Gatten, der – in meinen Augen -wenigstens – weit liebenswerthere Herzens- und Geisteseigenschaften -besaß als Theodor, dessen Verführungskünste sollten gefährlich -werden. Dann aber fiel mir wieder ein, welch große -Macht dem Reiz des Wechsels gegeben sei. Es gehört zu den -schmerzlichsten Geheimnissen der Liebe, wie es manchen Menschen -möglich ist, in der Vereinigung mit den ausgezeichnetsten Wesen, -welchen sich ihr Herz in tiefster Neigung erschlossen hatte – bloß -durch den Reiz der Abwechslung verlockt – sich wieder einem -Anderen zuzuwenden. Sonst wäre es nicht möglich, daß, wie -so viele Beispiele zeigen, die liebenswürdigsten, edelsten Männer -und Frauen oftmals um der schalsten Persönlichkeiten willen, -die den Vergleich mit jenen in keiner Weise auszuhalten vermögen, -betrogen werden.</p> - -<p>So von den widersprechendsten Gefühlen hin und her bewegt, -bald von heiterer Zuversicht gehoben, bald gedrückt von -quälender Sorge, verbrachte ich die nächsten beiden Tage in -denkbar unbehaglichster Gemüthsstimmung. Unsere Gastfreunde -boten alles auf, um uns Vergnügungen zu bereiten. Ausflüge -zu Fuß und zu Wagen, Kahnfahrten auf dem nahen Flusse, -Pistolenschießen, Musik oder ein Spielchen des Abends, dazu -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -bei den von heiterster Laune der Theilnehmer gewürzten Mahlzeiten -das Beste, was Küche und Keller zu bieten vermögen – -ein solches Leben hätte das Gemüth des düstersten Griesgrams -aufheitern müssen. Ich aber konnte nicht froh werden. Auf jedes -Wort, jeden Blick, auf jede Miene und Bewegung Margarethens -und Theodor's lauernd, war mir alle Freude verdorben. Am -meisten mußte ich mich über Arthur ärgern. War er denn mit -Blindheit geschlagen, daß er es nicht wahrnahm, mit welch verwegener -Unverfrorenheit Theodor seiner Frau den Hof machte -und mit welcher Befriedigung sie es sich gefallen ließ? So gut -wie ich mußte doch auch er es bemerken, wie Theodor's Hand -jene Margarethens drückte, wenn er ihr beim Scheibenschießen -die für sie geladene Pistole reichte; wie sein Arm ihre Schultern -streifte, wenn er die Fröstelnde in den wärmenden Shawl einhüllte; -wie sein Knie das ihrige berührte, wenn er ihr gegenüber -im Wagen saß, und welche Blicke sie tauschten, wenn sie -sich unbeachtet wähnten.</p> - -<p>Aber Arthur schien von allem nichts zu sehen. Ja, manchmal -däuchte es mir geradezu, als ob seine stets frohgemuthe -Laune um so fröhlicher würde, je kühner Theodor's seiner Frau -dargebrachten Huldigungen sich äußerten.</p> - -<p>In völlige Verblüffung versetzte es mich, als unser Wirth -am Abend des zweiten Tages uns mittheilte, daß er eines -Brandes wegen, durch den eine zu seiner Besitzung gehörende -Sägemühle zerstört worden, behufs Besichtigung des Schadens -und zu treffender Anordnungen hinsichtlich des Neubaues, sich -am folgenden Morgen an Ort und Stelle begeben und nicht -vor Abend zurückkehren werde.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -Das fehlte gerade noch, die Beiden einen ganzen Tag -allein zu lassen – denn meiner unbequemen Nähe würden sie -sich, wenn es ihnen so genehm, wohl zu entziehen wissen.</p> - -<p>Ich versuchte es, Arthur zu einem Aufschub seiner geschäftlichen -Excursion zu bestimmen. Ich bat ihn, dieselbe am zweitnächsten -Tage anzutreten, an welchem Theodor und ich nach -der Hauptstadt zurückkehren würden. Arthur meinte aber, daß -dies gerade der Grund sei, warum er die Ordnung dieser Angelegenheit -nicht verzögern wolle, denn so lange wir hier seien, -wisse er, daß seine Margarethe sich nicht langweilen würde, -und trotz meiner verschiedensten Einwendungen blieb er bei -seinem Entschlusse.</p> - -<p>Theodor strahlte und auch in Margarethens Augen blitzte -ein Freudenschimmer, der mich fast rasend machte vor Grimm, -und ich beschloß, meine letzte Karte auszuspielen, um Arthur -von seinem Vorhaben zurückzuhalten.</p> - -<p>Nach dem Thee, während Margarethe uns einige Lieder -sang, zu welchen sie Theodor, wie gewöhnlich auf dem Clavier -begleitete, brach ich die Gelegenheit vom Zaune, um meinem -Freunde, mit Ausnahme des auf Margarethe bezüglichen Details, -mein ganzes mit Theodor während der Bahnfahrt geführtes -Gespräch zu erzählen. Mit wahrer Wonne verbreitete ich mich -über die eines Don Juan's würdigen Anschauungen des »Unwiderstehlichen« -über Liebe und Treue und entblödete mich nicht, -auch seines, wie er behauptete, aus seinen intimen Erfahrungen -geschöpften Wahl- und Wahrspruches: <i>Veni, vidi, vici!</i> Erwähnung -zu thun. Wer beschreibt jedoch meine Fassungslosigkeit, -als ich sah, daß auch dieses Mittel nicht verfing!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -Mit ruhigem Lächeln hörte Arthur mir zu, und als ich -schwieg, sagte er ganz unbefangen:</p> - -<p>»Ja, ja, ich kenne das. Solche Ansichten sind bei den -Männern gang und gäbe, namentlich bei den Junggesellen.«</p> - -<p>Ich war wie vor den Kopf geschlagen und starrte ihn an, -als hätte er plötzlich angefangen, chaldäisch zu sprechen. Auch -muß ich in meinem grenzenlosen Staunen ein etwas dummes -Gesicht gemacht haben, denn er lachte geradezu, als er mich -ansah. Ich wurde so erbittert über ihn, daß ich ihm sicherlich -etwas Grobes gesagt hätte, wenn nicht in diesem Augenblicke -ein von Margarethe vorgetragenes Gounod'sches Lied beendigt -und sie zu uns herangetreten wäre, wodurch unser Gespräch -abgeschnitten war.</p> - -<p>So zwang ich mich denn, gegen Margarethe gewendet, zu -ein paar artigen Floskeln über ihren Gesang – von dem ich -diesmal freilich wenig gehört hatte – während ich innerlich -Arthur mit Molière apostrophirte: <i>Tu l'as voulu, George -Dandin!</i> Am anderen Morgen, als Arthur, seinem Vorhaben gemäß, -fort fuhr, stand Margarethe, so zeitlich früh es auch war, -am Wagen, um ihm Adieu zu sagen. Am offenen Fenster stehend, -sah ich, wie sie sich zärtlich umarmten und küßten und hörte -Margarethe sagen:</p> - -<p>»Also pünktlich, Arthur, keine Verspätung!«</p> - -<p>»Pünktlich, wie eine Sonnenuhr!« rief er zurück, während -er lachend in den Wagen sprang.</p> - -<p>Ich aber dachte: »Sei Du nur pünktlich, mein Lieber, so -pünktlich kannst Du doch nicht sein, um Deinem Unheil zuvorzukommen, -dem Du kopfüber entgegen rennst!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -Der Vormittag verging wie die anderen, ohne daß etwas -Besonderes vorfiel. Nur glaubte ich an Theodor sowohl wie -an Margarethe eine gewisse nervöse Unruhe zu bemerken, als -ob sie irgend etwas mit Spannung erwarteten.</p> - -<p>Bei Tische – das Dessert war eben aufgetragen worden – -griff Theodor nach seinem mit edlem Wein gefüllten Glase und -es emporhaltend, sprach er zu Margarethe gewendet:</p> - -<p>»Es verstößt zwar gegen die gute Lebensart, sich selbst -zum Hauptgegenstande des Gespräches zu machen. Dennoch kann -ich es mir nicht versagen, zu bemerken, daß ich heute mein -Geburtsfest feiere. Gestatten Sie mir, gnädige Frau, mein Glas -auf Ihr Wohl zu leeren, indem ich Ihrer Güte und Ihrer -liebenswürdigen Einladung, in Ihrem Hause zu weilen, es danke, -daß der heutige sich zu dem schönsten und reizvollsten Geburtstag -meines Lebens gestaltet.«</p> - -<p>Margarethe schlug sich in die Hände.</p> - -<p>»Ihr Geburtstag ist heute!« rief sie heiter. »Das trifft -sich ja köstlich! Schade, daß Sie es nicht früher gesagt, dann -hätten wir ein kleines Fest veranstaltet. Never mind, noch ist -es ja nicht zu spät dazu.«</p> - -<p>Ein schelmisches Lächeln flog über ihr Gesicht. Sie erhob -ihr Glas und die Becher klangen aneinander.</p> - -<p>Mich aber faßte es wie ein Taumel. Indem ich mit dem -Rande meines Glases dasjenige Margarethens berührte, rief -ich lustig:</p> - -<p>»Evviva, Theodor! Ein Hoch dem Unwiderstehlichen und -seiner Siegesbahn!«</p> - -<p>Theodor blickte mich betroffen an. Margarethe lachte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -»Das gilt nicht,« rief sie. »Darauf stoße ich nicht an.«</p> - -<p>»Mein Freund hat sich falsch ausgedrückt,« fiel Theodor -ein. »Manche Spötter geben mir allerdings diesen Namen. -Dies beruht jedoch auf einer Verwechslung der Begriffe. Kein -einzelner Mensch ist unwiderstehlich, nur die siegreiche Allmacht -der Liebe ist es. Wollen Sie auf die Macht der Liebe trinken, -gnädige Frau?«</p> - -<p>Während Theodor sprach, hatte Margarethe den Blick gesenkt. -Jetzt sah sie wieder auf.</p> - -<p>»Es lebe die Liebe!« sagte sie.</p> - -<p>Nochmals erklangen die Gläser und Theodor's und Margarethens -Blicke begegneten sich in stummer und doch beredter -Sprache.</p> - -<p>Nach Tische zog Margarethe sich für kurze Zeit zurück, -um, wie sie mir zuflüsterte, für Theodor's Geburtstag eine kleine -Ueberraschung vorzubereiten.</p> - -<p>»Du wolltest mir mit Deinem Toast eine kleine Grube -graben,« sagte Theodor, als Margarethe uns verlassen hatte. -»Ich fürchte jedoch, daß sich wieder einmal das Sprichwort -von solchem Gebaren bewähren werde. Nicht ich werde es sein, -der hineinstürzt. Deine Theorien werden mit einem großen -Plumps hineinfallen.«</p> - -<p>»Morgen geht die Frist zu Ende,« versetzte ich.</p> - -<p>»Allerdings. Aber zweifelst Du wirklich noch daran, daß -meine Anschauungen Recht erhalten werden?«</p> - -<p>Ich zuckte mit den Achseln und gab keine Antwort.</p> - -<p>Eine halbe Stunde später vereinigten wir uns im kühlen -Billardzimmer zu einer kleinen Partie, denn noch war es zu -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -heiß, um ins Freie zu gehen. Später sollte eine Kahnfahrt -und nach derselben ein Spaziergang in den Wald unternommen -werden. Margarethe wollte uns zu dem an ihrem Lieblingsplätzchen -erbauten Pavillon führen, den sie uns noch nicht gezeigt -hatte.</p> - -<p>Alles verlief ganz programmgemäß. Aber während ich -ruderte, bemerkte ich wiederholt, wie Theodor, der am Steuer -saß, mit Margarethen leise Worte tauschte. Auch schien es mir, -daß sich die von mir schon früher wahrgenommene erregte -Spannung ihres Wesens sichtlich steigerte.</p> - -<p>Schon neigte sich die Sonne ihrem Untergange zu, ihre -schräg auffallenden Strahlen glitzerten und glänzten auf den -Wellen wie flüssiges Gold. Die Abendkühle senkte sich erfrischend -hernieder.</p> - -<p>An einer buchtähnlichen Biegung des Flusses, an dessen -Ufer eine Bank stand, landeten wir, um von dort aus den -Weg durch den Forst nach dem Pavillon einzuschlagen. Wir -hatten jedoch erst einige Schritte zurückgelegt, als Margarethe -erklärte, vorher noch nach Hause gehen zu wollen, um sich einen -Shawl zu holen. Der Abend sei plötzlich so kühl geworden.</p> - -<p>Theodor meinte jedoch, wir sollten vorangehen, er würde -nach Hause eilen, um das Gewünschte zu bringen.</p> - -<p>Er setzte sich in Schnellschritt – doch nur, um nach zwei -Minuten einen kleinen Schrei auszustoßen und, indem er hinkend -zu uns zurückkehrte, die Erklärung abzugeben, er sei gestrauchelt, -habe sich den Fuß verletzt und bäte daher mich, die Mission zu -übernehmen, da er unmöglich so rasch zu gehen vermöchte. Sie -Beide würden hier auf der Bank meine Rückkehr abwarten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Ich verstand – und vermochte es nicht, ein spöttisches -Lächeln zu unterdrücken. Fragend blickte ich auf Margarethe, -doch als sie mit freundlicher Bitte sich Theodor's Anordnung -anschloß, sah ich, daß es ihr Wunsch sei, daß ich sie verlasse, -und begab mich auf den Weg.</p> - -<p>»Das also haben sie mitsammen abgekartet, als ich sie -flüstern sah,« dachte ich, während ich beinahe laufend dem Hause -zustürmte. Dort ließ ich mir von einem Diener irgend einen -Shawl Margarethens geben und kehrte wieder zurück. Etwa -zwanzig Minuten mochten verflossen sein, so war ich wieder zur -Stelle. Doch die Bank war leer. Weder von Margarethe noch -von Theodor eine Spur.</p> - -<p>Ich rief, aber keine Antwort tönte zurück.</p> - -<p>Da lachte ich laut auf – doch that mir dieses Lachen so -wehe, als ob ich weinte.</p> - -<p>Dann überlegte ich, was ich thun sollte. Hier warten? – -Wozu! Hierher kamen sie gewiß nicht mehr. Nach Hause zurückkehren, -allein? – Damit riskirte ich, Margarethe zu compromittiren, -deren Escapade mit Theodor dadurch bekannt wurde. -Den Beiden auf dem Wege nach dem Pavillon folgen? – -Das war unmöglich, denn ich kannte den Weg nicht, der eine -Steinwurfweite von der Bank entfernt sich in drei verschiedenen -Richtungen nach dem Walde hin trennte. Also was thun –?</p> - -<p>Plötzlich schoß mit ein Gedanke durch den Kopf. Spornstreichs -eilte ich wieder zur Villa zurück und rief Pluto heran, -Margarethens prächtige dänische Dogge, deren specielle Freundschaft -ich mir bereits erworben hatte und die mir ohne Widerstreben -folgte. Zum viertenmale legte ich, jetzt von Pluto begleitet, -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -den Weg zur Bank am Flußufer zurück. Dort angelangt, -rief ich dem Hunde zu:</p> - -<p>»Such' die Frau, such' Deine Herrin, Pluto! Such', such'!« -und ich hielt ihm Margarethens Tuch an die Nase, auf daß er -besser verstehe, wen er suchen sollte. Und das kluge, schöne Thier -verstand mich vortrefflich.</p> - -<p>Erst hob es den Kopf empor und schnupperte in die Lüfte, -dann den Weg entlang. Und ein leises, kurzes Gebell anschlagend, -sprang es in weiten Sätzen auf einem der sich kreuzenden Fußpfade -dem Walde zu.</p> - -<p>»Langsam, Pluto, langsam!« rief ich ihm zu, da ich ihm -kaum zu folgen vermochte.</p> - -<p>Der Hund mäßigte seinen Lauf und nun ging es, von -ihm geleitet, in den Wald hinein.</p> - -<p>Es dämmerte bereits und im Forste lag schon tiefes Dunkel. -Mit den Füßen über Wurzeln stolpernd, mit dem Kopfe an -Bäume stoßend, das Gesicht gepeitscht von den niederhängenden -Zweigen, folgte ich im Laufschritte meinem wackeren Führer.</p> - -<p>Plötzlich sah ich eine Lichtung vor mir und in demselben -Augenblicke hörte ich Pluto, der mir in den letzten Minuten -vorangeeilt war, laut und freudig aufbellen. Dann ließ sich -Margarethens Stimme vernehmen:</p> - -<p>»Pluto, Du hier! Wie kommst Du hierher, mein Braver?«</p> - -<p>Und darauf Theodor:</p> - -<p>»Er wird aus dem Garten entkommen und Ihrer Spur -gefolgt sein.«</p> - -<p>Da waren sie also! – Tief aufathmend blieb ich stehen. -In diesem Zustande, athemlos, keines Wortes mächtig, mit zerzaustem -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -Haar, die Kleider in Unordnung vom wilden Lauf, -konnte ich unmöglich vor die Beiden hintreten. Was würden -sie von mir denken! Auch mußte ich mich erst besinnen, was ich -ihnen zur Erklärung meiner seltsamen Parforcejagd sagen -wollte.</p> - -<p>Behutsam, um meine Nähe durch kein Geräusch zu verrathen, -drang ich bis an den Saum des Waldes vor. Nur der -dämmernde Lichtschein, der von dort in das Dickicht fiel, leitete -mich jetzt. Denn die Stimmen der Gesuchten waren verstummt. -Am Rande der Lichtung, vom tiefen Schatten der Bäume gedeckt, -hielt ich nochmals inne. Und jetzt erblickte ich die Beiden.</p> - -<p>Inmitten der kleinen Waldwiese, nahe dem im Stile eines -Miniaturschweizerhäuschens gebauten Pavillon, stand Margarethe, -das Haupt zu Theodor herabgeneigt, der vor ihr auf den Knien -lag –</p> - -<p>Und mit bebender Stimme sprach er:</p> - -<p>»Zürne mir nicht, Margarethe, daß ich es wage, Dir das -Geheimniß meines Herzens zu entdecken. Ich liebe Dich, liebe -Dich unsäglich!«</p> - -<p>Margarethe trat einen Schritt zurück.</p> - -<p>»Wie unvorsichtig!« flüsterte sie hastig. »Wissen Sie denn -nicht, daß nicht nur Wände, zuweilen auch die Bäume Ohren -haben? – So stehen Sie doch auf!«</p> - -<p>Theodor erhob sich. Und die Hand nach dem Pavillon -ausstreckend, bat er:</p> - -<p>»Margarethe –?!«</p> - -<p>Die Thür öffnete sich und Beide verschwanden im Inneren -des Häuschens.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -In einer Secunde stürmte blitzartig eine Fluth von Gedanken -und Gefühlen durch mein Inneres.</p> - -<p>Ein Schmerz durchzuckte mich, wie er heftiger nicht hätte -sein können, wäre ich Margarethens Gatte oder Bruder gewesen. -Einen Augenblick fühlte ich mich versucht, ihnen nachzustürzen -und Theodor zu Boden zu schlagen. Aber hatte ich -etwa ein Recht dazu? Wahrlich nicht! Dann ergriff mich Scham, -als ob ich es wäre, der einen Frevel begangen, und eine wilde -Qual, meinen Glauben an Tugend, an die Unwandelbarkeit -treuer Liebe so schmählich und auf so lächerliche Weise zerstört -zu sehen. Und alle diese Gedanken und Empfindungen waren in -wenigen Augenblicken zusammengedrängt, denn als ich mich wieder -zusammenraffte, fiel hinter den Beiden erst die Thür ins Schloß.</p> - -<p>Doch was war dies? – In dem Häuschen blitzte plötzlich -ein Lichtschein auf und ein schwacher Schrei ertönte.</p> - -<p>Ich schritt vorwärts, und durch ein Fenster in den Pavillon -spähend, bot sich mir der überraschendste Anblick.</p> - -<p>In der mir gegenüber liegenden Fensteröffnung las ich die -durch ein glänzendes Transparent gebildeten Worte:</p> - -<p>»<i>Veni, vidi – non vici.</i>«</p> - -<p>Und nun wurde es hell im Pavillon. Unter Margarethens -Händen flammte eine Lampe auf. Und ich sah auf einem Tischchen -allerlei kostbare Gegenstände zierlich geordnet: einen eleganten -Briefbeschwerer, eine prachtvolle türkische Pfeife, ein Cigarrenetui -und noch manches andere, dessen ich mich nicht mehr entsinne.</p> - -<p>Neben dem Tischchen aber stand Margarethe – an Arthur's -Schulter gelehnt und Beide blickten lächelnd auf Theodor, der -starr wie eine Bildsäule an der Thür stand.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Jetzt trat Margarethe auf ihn zu.</p> - -<p>»Hab' ich mein Wort gehalten?« fragte sie. »Ich sagte -doch, Ihr Geburtstag treffe sich köstlich. Schade, daß unser -Freund, den wir so schmählich im Stiche gelassen, nicht anwesend -ist, sich auch an der Ueberraschung zu laben.«</p> - -<p>»Ihr Wunsch ist erfüllt, gnädige Frau,« fiel ich ein, -lachend durch die Thür tretend. »Freund Pluto hat mich hierher -geführt.« Und gegen Theodor gewendet, flüsterte ich: »Wer -zuletzt lacht –«</p> - -<p>Theodor hatte endlich seine Fassung wieder gewonnen und -mit der Gewandtheit des Weltmannes gute Miene zum bösen -Spiele machend, dankte er mit erzwungener Heiterkeit für die -allerliebsten Geburtstagsgeschenke und – leise zu Margarethe – -für die heilsame Lehre.</p> - -<p>Ob diese Radicalcur ihn von dem Wahne seiner Unwiderstehlichkeit -und von jenem, daß es keine echte Treue gebe, gründlich -geheilt hat? – Ich weiß es nicht. Mir gegenüber vermeidet -er es ängstlich, auf dieses Thema zurückzukommen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -Schwer geprüft.</h2> - - -<p>Der Wanderer, der von dem in den südwestlichen Ausläufern -der Allgäuer Alpen, inmitten eines üppigen Tannen- -und Eichenwaldes malerisch gelegenen und durch seine heilkräftigen -Mineralquellen auch als Curort bekannten Weiler Adelholzen -gegen das etwa eine halbe deutsche Meile davon entfernte, -knapp an die östlichen Ufer des freundlichen Chiemsees -geschmiegte Dörfchen Uebersee hinabsteigt, kommt, wo der Weg -aus dem Walde hervortritt und sich tiefer gegen die Thalebene -senkt, an einem massiven Eisengitter vorüber, das einen schattigen -Garten gegen die daran vorbeiführende Bergstraße abschließt. -Wer in der Schwüle eines heißen Sommertages hier vorüberschreitet, -mag wohl einen Augenblick stillstehen, um durch die -Eisenstäbe des Gitters einen begehrlichen Blick auf dieses reizende -Heim zu werfen, welches das zwischen dem dunklen Grün der -Bäume und über den bunten Flor eines mächtigen, den ganzen -Vorplatz des Gebäudes einnehmenden Rosenrondeaus hell und -heiter hervorblickende Landhaus seinen Bewohnern bieten mag.</p> - -<p>Auch heute sandte die Augustsonne ihre gluttragenden -Strahlen versengend heiß von dem wolkenlosen, durchsichtig -klaren Himmel in das Thal hernieder. Aber hier, in dem an -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -breitästigen dichtbelaubten Bäumen reichen Garten, in welchem -aus dem unmittelbar angrenzenden Nadelholzwalde die Luft frisch -und würzig herabstrich, war die unten im Thalkessel drückende -Hitze wohlthuend gemildert.</p> - -<p>Die Besitzer des anmuthigen Landhauses, Doctor Richard -Wilnau – den man, seit eine Krankheit ihn des Augenlichtes -beraubt, in der ganzen Umgegend nicht anders als schlechtweg -den »blinden Doctor« nannte – und seine junge, hübsche -Gattin, in der Oeffentlichkeit durch ihre vortrefflichen Gemälde, -im Kreise der Näherstehenden aber auch durch ihre hohe Geistesbildung -und persönliche Liebenswürdigkeit bekannt, befanden sich -plaudernd auf der kühlen Veranda.</p> - -<p>Die junge Frau hatte soeben die Lectüre der Tagesblätter -beendet, die sie nach eingenommenem Mittagsmahle dem Doctor -täglich vorzulesen pflegte. Aber im Begriffe, zu ihrer Arbeit -wiederkehrend, in ihr Atelier sich zu begeben, war sie, schon auf -der Schwelle, von ihrem Gatten zurückgerufen worden.</p> - -<p>»Unverbesserlich, ganz unverbesserlich,« sagte der Blinde, -indem er, heiter lächelnd, sein Haupt an die Rücklehne des -Schaukelstuhles drückte, in dem er sich behaglich auf und nieder -wiegte. »Was wirst Du mir für eine Strafe dictiren, Malwinchen, -wenn ich bekenne – und beinahe hätte ich gar nicht -mehr daran gedacht – daß ich Dein strictes Gebot, zum -Mittags- oder Abendtische niemand einzuladen, ohne Dich -vorher hiervon zu verständigen, abermals freventlich übertreten -habe?«</p> - -<p>»Unerhört!« rief Malwine lachend. »Gestern erst gelobst -Du reuig Besserung – heute sündigst Du aufs neue. – Und -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -wer ist es denn, dessen anziehende Gesellschaft Dich zu so schnödem -Wortbruche verführt?«</p> - -<p>»Rathe nur!«</p> - -<p>»Natürlich, der dicke Major, der sein tausend und erstes -Jagdabenteuer noch nicht oft genug zum Besten gegeben.«</p> - -<p>»Fehlgeschossen!«</p> - -<p>»Dann ist es der Badearzt, von dem Du Berichte interessanter -Krankheitsfälle erwartest.«</p> - -<p>»Keineswegs!«</p> - -<p>»Also vielleicht Baronin X., von der Du kürzlich sagtest, -daß niemand Dich zur Violine so gut auf dem Klavier zu -accompagniren verstände als sie?«</p> - -<p>»Ebenfalls nicht. Doch ich sehe schon, Du erräthst es ja -nicht. Wie solltest Du auch?«</p> - -<p>»Nun denn?«</p> - -<p>»Universitätsprofessor – ja, mein Gott, wie hieß er denn -nur gleich? Professor –«</p> - -<p>»Du weißt den Namen desjenigen nicht, den Du eingeladen?« -lachte Malwine.</p> - -<p>»Doch, doch, er wird mir gleich in den Sinn kommen. -Heute Vormittag, während Deiner Abwesenheit, wurde ich durch -den Besuch dieses Herrn überrascht, der allerdings nicht so sehr -mir, als vielmehr Dir galt. Er erzählte, er sei ein Jugendfreund -Deiner Familie und Schulcollege Deines verstorbenen -Bruders gewesen, aber seit vielen Jahren – Du warst damals -noch nahezu ein Kind – habe er Dich nicht gesehen. Jetzt befindet -er sich auf seiner Ferienreise, und da er zufällig von -Deinem Aufenthalte hier gehört, wollte er die Gelegenheit nicht -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -ungenützt lassen, Dich aufzusuchen. Ja, nun fällt mir auch schon -sein Name ein. Halt – Hellwig nannte er sich!«</p> - -<p>»Hellwig!« wiederholte Malwine, während ihr erbleichendes -Antlitz Schrecken, Freude und Schmerz in raschem Wechsel -wiederspiegelte.</p> - -<p>Der Doctor plauderte weiter, berichtete, was der Gast von -seiner Reise in diesem schönen Alpengebiete, das er jetzt zum -erstenmal betrete, erzählt, und schilderte, mit welch freudiger -Bewunderung er von Malwinens Bildern gesprochen, die er in -mehreren Kunstausstellungen gesehen.</p> - -<p>Aber seine Frau hörte von all dem nichts. Der eben vernommene -Name schwirrte ihr im Ohre, so laut, daß er die -Stimme ihres blinden Gatten weit übertönte.</p> - -<p>Wenige Stunden später sprang Malwine ungeduldig von -ihrem Sitze vor der Staffelei empor, Pinsel und Palette mißmuthig -in eine Ecke schleudernd. Sie grollte mit sich selbst, denn -trotz aller Anstrengung vermochte sie nicht zu arbeiten. Ihre -Hand zitterte, unklar sah ihr Auge und unablässig irrten ihre -Gedanken von dem seiner Vollendung harrenden Gemälde fort, -weit fort nach ihrer Kindheit trautem Heim. Sie sah sich selbst -als glückliches Kind, als aufblühendes Mädchen, dessen übersprudelnder -Frohsinn selbst von des stets kränkelnden Vaters -Stirn die trüben Schatten hinwegzuscherzen wußte. Sie schaute -an ihrer Seite die stille, ernste, unvergeßlich theuere Frau, deren -sanfte Hand und wachsames Auge mit jener treuen Fürsorge, -die nur Mutterliebe zu üben im Stande ist, ihre Erziehung -leitete. Sie erinnerte sich ihrer Professoren, besonders des grämlichen -Zeichnenlehrers, der für seine Schüler selten ein freundliches -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -Wort hatte, für sie aber die sonst stereotype unwirsche -Miene zumeist ablegte, und die eine oder andere ihrer Zeichnungen -ihren Eltern vorweisend, mit geheimnißvollem Lächeln -und bedeutungsvollem Kopfschütteln bemerkte: »In dem Kinde -steckt etwas.«</p> - -<p>Sie gedachte ihres frühverstorbenen Bruders, und neben -ihm tauchte die Gestalt eines anderen frischen munteren Knaben -immer deutlicher in ihrer Erinnerung auf, des Jugendfreundes, -der als Dritter im Bunde alle kleinen Leiden und Freuden der -Geschwister getheilt. Sie hatte ihn einst geliebt. Mit ahnungsloser, -schwesterlicher Neigung zuerst und dann mit der ganzen -Glut des erwachenden Mädchenherzens. Als sie es aber wahrnahm, -oder doch wahrzunehmen glaubte, daß sie seine Gegenliebe -nicht besaß, daß er in ihr nichts sah als die Gefährtin -aus der Kindheit, da hatte sie stolz und trotzig ihre thörichte, -hoffungslose Liebe bezwungen, dem rebellischen Wünschen und -Sehnen Schweigen geboten.</p> - -<p>So waren Jahre hinüber gegangen. Sie hatte nichts mehr -von ihm gehört und kaum mehr seiner gedacht. Da lernte Doctor -Wilnau sie kennen und warb um ihre Hand. Wohl war es -nicht jene tiefe, heiße Leidenschaft, die ihr Herz zu seinem Herzen -zwang, von welcher die Dichter singen und sagen, daß sie nur -einmal entflamme die Menschenseele und dann nie, niemals -wieder, aber sie war dem trefflichen Manne in inniger Freundschaft -geneigt, der süße Zauber des Bewußtseins, geliebt zu -sein, that das Uebrige, und so ward sie seine Frau. Sie hatte -es nie bereut. Jetzt aber beschlich sie leise ein seltsames Gefühl -– sie wußte es selbst nicht gleich zu deuten – wie ein heimliches -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -Bedauern, nicht frei zu sein. Sie strich sich mit der Hand -über die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen, die da -drinnen gegen ihren Willen sich regten.</p> - -<p>Plötzlich aber trat sie an einen Schrank, in dem sie einen -Theil ihrer Arbeiten aufzubewahren pflegte. Sie wählte lange -in der Menge der hier aufgestapelten Skizzen, Studienblätter, -Kreide- und Federzeichnungen, bis sie das Gesuchte fand. Ein -freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie das Gemälde -vor sich auf die Staffelei stellte. Es war ein reizendes -Bild. Kenner, die es gesehen, hatten es einstimmig für eine von -Malwinens besten Arbeiten erklärt. Aber trotz der bedeutenden -Summen, die ihr dafür geboten worden, hatte sie sich nie zu -entschließen vermocht, sich von ihm zu trennen. Es war ja nicht -nur ihr bestes, sondern auch ihr liebstes Bild. Zwei Kinder -stellte es vor, einen Knaben und ein Mädchen, die auf weichem -Waldesrasen von ihrer Beschäftigung ausruhend, auf welche das -bis an den Rand mit rothglänzenden Erdbeeren gefüllte Körbchen -hinwies, das zwischen ihnen und der zu ihren Füßen Wache -haltenden prächtigen Dogge stand, eingeschlummert waren. Des -Mädchens blondumlockter Kopf war an die Schulter des kräftigen -Jungen gelehnt, während dieser zum Schutze seinen Arm -um dessen Nacken geschlungen hielt.</p> - -<p>Lange weilte Malwinens Auge auf dem Bilde. Aber allmählich -verdüsterte sich ihr Blick. Nicht mehr mit träumerischer -Wehmuth, sondern mit feindseligem Trotze starrte sie jetzt auf -das Abbild desjenigen, der ihre Gedanken abermals mit unwiderstehlicher -Gewalt gefangen genommen. Sie zürnte ihm. Warum -kam er, den schwer errungenen Frieden ihres Herzens zu stören? -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -Hatte sie nicht genug durch und um ihn schon gelitten? -Wer gab ihm das Recht, sich bei ihr einzudrängen und übermüthig -die heißen, qualvollen Kämpfe ihrer Seele zu erneuern? -Nein, das wollte sie nicht dulden! Sie wollte ihn nicht wiedersehen!</p> - -<p>Rasch entschlossen, trat sie an den Glockenzug, um durch -die herbeigerufene Dienerin ihren Gatten bitten zu lassen, den -heute zu erwartenden Gast allein zu unterhalten, da sie in Folge -plötzlichen Unwohlseins gezwungen, sich zur Ruhe zu begeben, -an der Gesellschaft nicht theilnehmen könne.</p> - -<p>Aber als sie die Hand ausstreckte, um die Klingelschnur zu -ziehen, ward an die Thür geklopft, und im nächsten Augenblicke -stand Hellwig vor Malwinen – nicht als der frohsinnsprühende, -kecke Junge, der Gefährte ihrer Kindheit, nicht als großaufgeschossener, -schlanker Jüngling, das Herz voll Jugendlust, -den Kopf voll hochfliegender Pläne, das Ideal ihrer ersten -Liebe, sondern in der Vollkraft reifer, aber frischer, ungebrochener -Männlichkeit. Wohl hatte die Zeit in die breite, gewölbte Stirn -zwei tiefe Furchen eingeschnitten, die von schwerer Gedankenarbeit -oder auch von erlittenem Gram erzählten, und der mächtige, -dichte Vollbart kam Malwinen ungemein fremd vor; aber -als das seelenvolle, tiefblaue Auge mit seinem warmen Strahl -ihr Auge traf, da erkannte sie ihn wieder, den wohlbekannten -Blick des Freundes. Und so sonderbar ist das Menschengemüth! -Während sie vor wenig Augenblicken noch fest entschlossen war -Alfred nicht zu sehen, freute sie sich jetzt von ganzem Herzen -seines Wiedersehens. Auch die bange Beklommenheit, die sie bei -seinem unerwarteten Eintreten ergriffen hatte, wich allmählich -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -vor dem kameradschaftlich treuherzigen Tone, den der einstige -Spielgenosse in altgewohnter Weise anschlug.</p> - -<p>Er wußte so anmuthig zu plaudern. Zuerst berichtete er -von den Reisen, die er nach Vollendung seiner Universitätsstudien -unternommen, in lebhafter, fesselnder Darstellung die -Eindrücke schildernd, die das Gesehene und Erlebte auf ihn geübt. -Dann erzählte er, von welch hoher Freude er erfüllt ward, als -er von den Erfolgen hörte, die Malwine auf ihrer künstlerischen -Laufbahn erntete. Und schließlich kehrte er zu ihrer Kinderzeit -zurück, der Jugendfreundin tausend kleine, gemeinschaftlich durchgemachte -Erlebnisse ins Gedächtniß rufend, die ihnen damals -als große, wichtige Abenteuer erschienen waren.</p> - -<p>Ob sie sich noch erinnere, fragte er sie, wie sie einst im -Walde, von einem heftigen Gewitter überrascht, in einer auf -der an den Wald grenzenden Wiese zur Aufbewahrung des Heues -errichteten Bretterhütte Schutz gesucht, und in Folge der überstandenen -Angst und der Ermüdung des raschen Laufes und -wohl auch vom starken Duft des frischen Heues betäubt, in so -tiefen Schlaf gesunken waren, daß sie den Abend und die ganze -Nacht ununterbrochen schliefen, bis sie am anderen Morgen ein -sich mächtig regender Appetit erweckte, worauf sie sich etwas -kleinlaut und bange vor dem Schelten der beunruhigten Eltern, -die sie mit Angst und Sorge vergeblich gesucht, nach Hause -schlichen?</p> - -<p>Und ob Malwine daran noch denke, wie sie einmal auf -einer ihrer häufigen Excursionen nach der auf einem nahen -Hügel gelegenen Burgruine, mit einer Laterne versehen, in den -unterirdischen Gängen und Gewölben des Ritterschlosses herumstöberten, -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -fest überzeugt, daß sie entweder einen verborgenen -Schatz, oder aber das Knochengerippe irgend eines in dem Verließe -verschmachteten Gefangenen entdecken müßten?</p> - -<p>»Ah,« rief Alfred lachend, »ich that damals gar muthig -und verwegen, ich versichere Dich aber, als uns das Licht in -der Laterne plötzlich verlöschte und wir rathlos in dem finsteren, -von dumpfem Modergeruch erfüllten Kellerraum standen, da war -mir ganz abscheulich grausig zu Muthe, und hätte nicht der -Gedanke, daß Furcht für einen Mann eine Schande sei, mir -Kraft gegeben, so hätte ich sicherlich vor Angst geweint.«</p> - -<p>Und so plauderte er weiter, an dieses und jenes Begebniß -aus ihrer Jugendzeit erinnernd, nach dem einen oder anderen -Bekannten jener Epoche sich erkundigend, und dazwischen verflocht -er die Erzählung späterer Ereignisse.</p> - -<p>Malwine hörte ihm schweigend zu. Selten unterbrach sie -seine Rede durch eine Frage oder durch eine eingestreute Bemerkung. -Ihr war es, als sei die sie umgebende Wirklichkeit, -alles, was sie sah und hörte, nicht Wahrheit, sondern ein -Traumgebilde. Und im Traume sah sie sich ins Elternhaus -zurückversetzt – als Mädchen – und Alfred, den zu lieben sie -nie aufgehört, sei heimgekehrt, um – sie dachte den Gedanken -nicht zu Ende.</p> - -<p>Allmählich veränderte Alfred sein Gesprächsthema. Von -seinen eigenen Erlebnissen ging er auf jene Malwinens über, -sprach von ihren Gemälden, dann von ihren Eltern, von ihrem -Gatten und von dem schweren Unglücke, das durch dessen Erblindung -ihn und sie getroffen, augenscheinlich bemüht, Malwine -zu Mittheilungen über sie selbst und ihr Leben zu veranlassen. -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -Aber ihre Antworten waren kurz und ausweichend, und so war -er genöthigt, die Unterhaltung selbst weiterzuführen.</p> - -<p>Plötzlich unterbrach er sich. Sein über das scheinbare Chaos -von Gemälden, Sculpturwerken, Alterthümern, Decorationsstücken -und den sonstigen unzählbaren im Atelier zerstreuten verschiedenen -Gegenständen schweifender Blick war auf das Bild -mit den beiden Kindern gefallen, und mit einem Ausrufe lebhafter -Ueberraschung war er aufgesprungen, um es näher zu -betrachten.</p> - -<p>»So hattest Du des wilden Jungen doch nicht gänzlich -vergessen,« sagte er dann. »Dieses Bild giebt Zeugniß, daß Du -manchmal seiner gedacht.«</p> - -<p>Ein feines Incarnat überzog Malwinens Wangen.</p> - -<p>»Wer würde seiner Kindheit vergessen,« entgegnete sie, -»zumal wenn dieselbe eine glückliche war?«</p> - -<p>Alfred antwortete nicht. Er war an das offene Fenster -getreten, von welchem aus sich ein herrlicher Fernblick darbot -über das weite Thal, den stillen See mit seinem stolzen Königsschlosse -und den himmelanstrebenden Bergen im Hintergrunde. -Die sinkende Sonne sendete ihren letzten Strahlengruß und die -pittoresken Formen der blaugrünen Gebirge zeichneten sich scharfkantig -auf dem in leuchtenden Farbentönen von dunklem Violett -bis hellem Rosa erglühenden Firmamente ab. Munter und behende -glitt ein kleines Dampfschiff über den See, und die sich -hinter demselben hinziehende Wasserfurche glitzerte und glänzte -wie flüssiges Gold. Ein sanfter Lufthauch strich durch die Blätter -der Bäume, wiegte die Spitzen der schlanken, grünen Grashalme -und die Kelche der Blumen und tändelte mit dem Strahle des -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -Springbrunnens im Garten. Aus dem Zimmer des Blinden -klangen leise, wie aus ferner Welt, weiche, innige Geigentöne.</p> - -<p>»Malwine,« unterbrach Alfred plötzlich das eingetretene -Schweigen, indem er mit fast brüsker Raschheit sich vom Fenster -weg zu ihr wendete, »Du weißt die eigentliche Ursache meines -Hierherkommens noch nicht.«</p> - -<p>Erstaunt und fragend blickte Malwine in das heftig erregte -Antlitz des Freundes.</p> - -<p>»Die eigentliche Ursache Deines Kommens –?«</p> - -<p>»Ja, die weißt Du noch nicht,« wiederholte Alfred. »Ich -bin gekommen, Dich zu fragen, ob Du glücklich bist? Ob Deine -Ehe eine glückliche ist, ob Dein Gatte nicht nur Deine Hand, -sondern auch Dein Herz besitzt?«</p> - -<p>»Und ich,« erwiderte Malwine kalt, »muß Deine Frage -mit einer Gegenfrage beantworten, wer Dir das Recht giebt, -derartige Erklärungen von mir zu fordern?«</p> - -<p>»Wer mir das Recht giebt?« stieß Alfred mit gepreßter -Stimme hervor. »Meine Liebe giebt mir das Recht hierzu. -Ja, Malwine, ich liebe Dich, ich habe Dich immer geliebt. -Aber als kindischer Junge an Deiner Seite hinlebend, da wußte -ich es selbst nicht, daß meine Liebe eine tiefere, mächtigere sei -als die brüderliche Zuneigung zur Jugendfreundin. Als ich fern -von Dir weilte in weitem, fremdem Lande, da wurde es mir freilich -klar, daß ich Dich liebte mit der ganzen Kraft meines -Herzens, aber brieflich um Dich werben, Dir brieflich das Geständniß -ablegen, das wollte ich nicht. Du solltest frei sein, die -Jahre unserer Trennung, so dachte ich, würden auch Dich die -Klarheit über Dich selbst gewinnen lassen, ob Du in mir nur -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -den Kameraden sahst, oder ob Du mich so liebtest, wie mir -manchmal die sinnbethörende Hoffnung meines Herzens vorspiegelte. -– Heimgekehrt, erfuhr ich, Du seiest verlobt. – Ich -habe in diesen Jahren redlich mit mir gerungen, Malwine, ich -hab' es versucht, meine Neigung zu bekämpfen, Dich zu vergessen. -Ich kann es nicht. Ein Dämon des Zweifels flüstert mir -unablässig zu, daß Du vielleicht mir doch nicht unwiederbringlich -verloren seiest, daß Du diese Ehe vielleicht ohne Liebe eingegangen, -daß nicht Doctor Wilnau es ist, der Dein Herz besitzt, -sondern –«</p> - -<p>»Halt ein!« rief Malwine, deren Wangen Todesblässe -überdeckte.</p> - -<p>Aber Alfred gehorchte nicht.</p> - -<p>»Nein, erst soll mir Gewißheit werden,« fuhr er fort, -indem er ihre beiden Hände erfaßte und gegen sich hinzog. -»Sprich nur das eine Wort, sprich es aus, Malwine, ob Du -ihn liebst! Wenn es so ist, wenn es ihm gelungen, Dein Herz -zu gewinnen und Dich zu beglücken, ich schwöre es Dir, dann -will ich schweigend dieses Haus verlassen und Du sollst niemals -wieder von mir hören. Wenn aber Deine Ehe ein Irrthum -war, wenn sie Dir das Glück nicht bietet, das Du von ihr -erhofft, wenn Du mich liebst – dann, o dann wird keine -Macht der Erde Dich in diesen Fesseln zurückhalten, ich werde -sie zu sprengen wissen und vor Gott und der Welt wirst Du -mein Weib werden!«</p> - -<p>Malwine schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen und -ihr Athem drang schwer und zitternd aus ihrer hochwogenden -Brust.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -Tief und tiefer beugte sich Alfred's Angesicht auf ihr Haupt -hernieder. Seine Lippen berührten die ihrigen, und ihm ward -die Gewißheit, nach der er sich gesehnt –</p> - -<p>Ein heller Glockenton weckte die Beiden aus der seligen -Trunkenheit des ersten Kusses der Liebe. Es war das Zeichen -zum Abendtisch.</p> - -<p>Auf der Veranda fanden sie Gesellschaft. Einige Herren -aus der Umgebung waren zum Besuche des Doctors eingetroffen -und der gastfreundliche Hausherr hatte sie zum Abendbrot gebeten. -Malwine war froh, nicht mit Richard und Alfred allein -zu sein. Die Rolle, die sie jetzt zwischen beiden Männern hätte -spielen müssen, wäre ihr als Lüge erschienen, und ihrer geraden, -offenen Natur war Lüge unerträglich. Die Gegenwart der -Fremden enthob sie des trügerischen Spieles, indem sie allen -Anwesenden die gleiche freundliche Aufmerksamkeit schenkte. Aber -während sie über des einen mehr oder weniger geistreichem -Wortspiele höflich lächelte, von einem Anderen sich den Unterschied -zwischen der englischen und russischen Art der Bereitung -des Thees erklären ließ, oder mit einem dritten über die -realistische Richtung in der dichtenden und bildenden Kunst -discutirte, war ihr Gedanke doch nur bei dem, der ihr gegenüber -saß, aus dessen Auge ihr unermeßliche Liebe und unermeßliche -Freude entgegenleuchtete, und bei ihrer nächsten Zukunft, -die ihr ein neues, bis jetzt noch nicht gekanntes Glück -bringen sollte.</p> - -<p>Die Abendstunden gingen vorüber und die Gäste kehrten -heim. Mit einem flüchtigen »Schlafe wohl!« und einem raschen -Händedruck verabschiedete Malwine sich von ihrem Gatten, um -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen. Sie bedurfte der Einsamkeit, -um über das Geschehene und noch zu Geschehende nachzudenken, -sich auf sich selbst zu besinnen. Denn alles war ja -so plötzlich, so unvorbereitet über sie hereingebrochen.</p> - -<p>»Morgen komme ich wieder, um mit Dir alles Nöthige -zu besprechen,« hatte Alfred ihr beim Weggehen zugeflüstert.</p> - -<p>Ja morgen, morgen!</p> - -<p>Verwundert schaute Malwine um sich, als sie die Thür -zu ihrem neben dem Schlafzimmer gelegenen Boudoir öffnete. -Ein starker, süß betäubender Wohlgeruch drang ihr entgegen. -Und nun erblickte sie einen mächtigen Heliotropenstrauß – ihre -Lieblingsblumen – und vor demselben ein kleines Etui aus -dunklem Leder. Es enthielt einen goldenen Armreif, dessen -Innenseite das Datum zweier Tage trug, des morgigen und -desselben Tages vor fünf Jahren.</p> - -<p>Was sollte all dies bedeuten?</p> - -<p>Ach, jetzt fiel es ihr ein. Morgen war der fünfte Jahrestag -ihrer Vermählung. Und diese Geschenke kamen von Richard, -der ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß er dieses Tages -mit Freude gedenke.</p> - -<p>»Richard, Richard!« stammelte sie, und einer mächtigen -Sturmfluth gleich überwältigte sie die Erinnerung an den, dessen -Frau sie war, der sie liebte und dessen sie, im heißen Drange -ihrer eigenen wieder erwachten und jetzt erwiderten Liebe, nimmer -gedachte.</p> - -<p>Mit einem halb unterdrückten Wehruf sank Malwine auf -die Kissen des Divans und preßte die Hände vor ihr zuckendes -Gesicht. Ihr Denken drehte sich wirr im Kreise und ein wilder, -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -brennender Schmerz umschnürte wie mit eisernen Klammern -ihre Brust.</p> - -<p>Doch allmählich glätteten sich die Wogen ihrer vom Grunde -aufgewühlten Seele und ihr Geist gewann die Klarheit wieder, -welche die aufgewiegelte Leidenschaft auf Augenblicke zu trüben -vermocht. Sie überdachte die fünf Jahre ihrer Ehe, fünf Jahre -der treuesten, innigsten Liebe ihres Mannes. Sie gedachte jenes -entsetzlichen Tages, als seine dauernde, unheilbare Erblindung -zur unzweifelhaften Gewißheit geworden. Sie selbst war die, -wenn auch schuldlose Ursache dieses Unglückes. Als sie an schwerer -und ansteckender Krankheit daniedergelegen, war Richard, als -ihr Arzt und Pfleger, nicht von ihrem Lager gewichen. So -hatte er das Gift der mörderischen Krankheit eingesogen. Malwine -genas – er erblindete. Und als er ihr Schluchzen hörte, -das sie, von heißem Mitleid ergriffen, nicht zurückzudrängen -vermochte, da versuchte er es, sie zu trösten.</p> - -<p>»Weine nicht!« sprach er, »denn ich bin nicht bedauernswerth. -Ich fühle mich unvergleichlich glücklicher – wenn auch -blind – an Deiner Seite, als mit gesunden, sehenden Augen -ohne Dich.«</p> - -<p>Und von diesem Manne, dessen einziges Glück in der -düsteren Nacht seines Lebens sie war, sollte sie sich abwenden? -Dieses Herz sollte sie von sich stoßen, das warm und liebend -nur für sie schlug? O, sie wußte es wohl, wenn sie es ihm -sagte, daß ein Anderer ihre Liebe besitze, er würde der Trennung -ihrer Ehe und ihrer Verbindung mit dem, den sie liebte, nicht -entgegen treten. Er war zu groß und edel, um ein Wesen mit -Gewalt an sich gekettet zu halten, das nicht in freier Wahl -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -und Neigung sein eigen war. Aber konnte sie es denn? Vermochte -sie es, auf den Trümmern des durch ihre Hand vernichteten -Lebensglückes der großmüthigsten Seele ihr eigenes -selbstsüchtiges Glück zu erbauen?</p> - -<p>Schwer und mühsam erhob Malwine sich von ihrem Sitze. -Sie trat auf die Terrasse. »Er schläft,« dachte sie. »Kein Traumgott -flüstert es ihm zu, daß ich hier stehe, eines Anderen gedenkend; -daß ich, seine Frau, die Hand erhoben, um sein Lebensglück -zu zerstören. Schlummere ruhig, Du Guter, Edler, möge -auch mein eigenes Herz darüber brechen, Deine Liebe werde ich -nicht verrathen –!«</p> - -<p>Da tönten leise, wie eine Antwort auf ihrer Seele Ruf, -süße Klänge durch die stille Nacht. Richard stand am offenen -Fenster und spielte. Er spielte für sie, spielte ihr liebstes Lied.</p> - -<p>Plötzlich legte sich ein weicher Arm um seinen Nacken und -ein treues Haupt an seine Brust. Er ließ die Geige sinken und -drückte einen Kuß auf das lockige Haar. Ein heißer Tropfen -fiel auf seine Hand.</p> - -<p>»Du weinst, Geliebte?«</p> - -<p>»O lasse mich weinen, Richard! Sollte ich ungerührt -bleiben ob Deiner unendlichen Güte, Deiner unendlichen Liebe?«</p> - -<p>Lächelnd zog Richard seine Frau fester an sich.</p> - -<p>»Du weinst, weil ich Dich liebe! Ich aber weine nicht, -ich bin so glücklich, und doch liebst ja Du auch mich?«</p> - -<p>»Ich liebe Dich!«</p> - -<p>»Und wirst mich ewig lieben?«</p> - -<p>»Ewig!«</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Am anderen Tage um die Mittagsstunde trat Alfred durch -das Gitterthor des Gartens auf die Straße. Malwine hatte -ihm für immer Lebewohl gesagt.</p> - -<p>Als Pfand ihrer Freundschaft nahm er das Bild der beiden -Kinder auf dem Waldesrasen mit sich. Es hing fortan über -seinem Arbeitstische. Und in schweren Stunden des Kampfes -zwischen Pflicht und Neigung, wenn der ungestüme, leidenschaftliche -Drang der Natur recht zu behalten drohte gegen die leise -mahnende Stimme höherer Geisteserkenntniß, da blickte er zu -dem Bilde auf, und im Gedanken an sie, die ihn geliebt und -ihre Liebe der Pflicht geopfert, fand er, gleich ihr, die Kraft -zum schwersten Siege, zum Siege über das eigene Herz!</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht –«</h2> - - -<p>Irgendwo las ich einmal vor langer, langer Zeit ein -Volkslied. Ich vergaß es wieder, nur eine Verszeile daraus ist -in meiner Erinnerung haften geblieben:</p> - -<p class="ce fss">»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht –«</p> - -<p>Und diese Zeile summt mir im Kopfe, wenn ich meines -jungen Freundes Erwin gedenke –</p> - -<p>Kaum dreijährig hatte er seine Mutter verloren. Und da -er auch keine Geschwister besaß, hängte er sich mit der ganzen -Liebesfähigkeit seines kleinen Kinderherzens an seinen Vater, der -ihm der Inbegriff alles Herrlichen, Guten und Edlen, kurz -sein Abgott war. Und mit Recht. Denn außer diesem Manne -gab es wohl kaum einen zweiten, der mit solch opfervoller Liebe -für sein Kind sorgte. Mutter und Geschwister, Erzieher und -Kameraden wußte er ihm zu ersetzen. Außer den Stunden, die -den Knaben in der Schule, den Vater im Amte festhielten, sah -man die Beiden unzertrennlich beisammen. Der Vater repetirte -mit dem Jungen dessen Schulaufgaben, las ihm vor, theilte -seine Spiele, nahm ihn auf den Spaziergängen mit. So schmiegte -sich die junge Seele immer inniger an den väterlichen Freund -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -und Berather an, und nichts spielte sich in des Sohnes Leben ab, -was er dem Vater nicht in kindlicher Hingebung vertraut hätte.</p> - -<p>Nur einmal ereignete sich etwas, was er ihm verschwieg.</p> - -<p>Eines Tages, als die Schule zu Ende war und das Jungvolk -sich lachend und plaudernd auf den Heimweg begab, trat -einer der Knaben plötzlich an Erwin heran und gab ihm einen -Schlag ins Gesicht.</p> - -<p>Erwin war über diesen unerwarteten Angriff so überrascht, -daß er erst gar nicht daran dachte, sich zu vertheidigen.</p> - -<p>Der Andere aber lachte höhnisch auf und rief: »Das hast -Du für Deinen Vater bekommen, gieb es weiter an ihn, er -verdient es!«</p> - -<p>Da stürzte sich Erwin, außer sich vor Zorn, Schmerz und -Entrüstung auf den Burschen und bläute ihn so durch, daß -dieser, obgleich größer und stärker als Erwin, sich dessen Schläge, -die ihm auf Schulter, Rücken und Gesicht nur so niederhagelten, -nicht erwehren konnte.</p> - -<p>»Nimm es zurück, was Du gesagt hast, nimm es zurück. -Sonst – sonst –« rief er, stammelnd vor Wuth, während -seine kleinen Fäuste den Beleidiger bearbeiteten.</p> - -<p>Der Andere versuchte Kopf und Gesicht mit seinen Armen -zu decken, aber die Raserei der Empörung seiner Gefühle verlieh -Erwin solche Kraft, daß sein Gegner, die Nutzlosigkeit jeder -Vertheidigung bald einsehend, heulend schrie: »Hör' auf! Ich -will es nicht wieder sagen, gewiß nicht! Hör' auf, hör' auf!«</p> - -<p>Da hielt Erwin in der Züchtigung des Buben inne. Er -hob seine Schultasche, die er, um die Arme frei zu bekommen, -von sich geworfen, vom Boden auf, und ohne sich um den -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Gemaßregelten, noch auch um die anderen Schulkameraden, die -dem wilden Auftritte theils erschreckt, theils lachend zugeschaut -hatten, weiter zu kümmern, verließ er raschen Schrittes, noch -schwer athmend und mit von der Erregung und Anstrengung -gerötheten Wangen und blitzenden Augen den Kampfplatz.</p> - -<p>Er ging nicht gleich nach Hause. Es war ihm beklommen -zu Muthe. Er mochte dem Vater das Erlebte nicht mittheilen, -ihm die abscheulichen Worte nicht wiedererzählen, die der freche -Bursche ihm zugeschrien. Nein, das mochte er nicht. Er hätte, -sie nicht über die Lippen gebracht, so sehr schämte er sich, sie -gehört zu haben. Darum mußte er sich erst Zeit gönnen, um -sich zu beruhigen und dem Vater unbefangen gegenüber treten -zu können.</p> - -<p>Er machte einen weiten Umweg und als er, nothgedrungen, -endlich doch seinem Heim zuschritt, fühlte er es als eine willkommene -Erleichterung, von der ihm die Wohnungsthür aufschließenden -alten Dienerin zu hören, daß sein Vater eben einen -Boten mit der Nachricht geschickt habe, Erwin möge mit dem -gewohnten abendlichen Spaziergang nicht auf ihn warten, da -er dienstlich verhindert sei, zur üblichen Stunde nach Hause zu -kommen. Sonst war Erwin solches ihm aufgedrungenes Alleinsein -ein unerfreulicher Zwischenfall, heute empfand er es als -eine Wohlthat.</p> - -<p>Er setzte sich an seinen Arbeitstisch, und so schwer es ihm -anfänglich auch fiel, seine Gedanken bei seinen Schulaufgaben -festzuhalten, gelang es seinem angestrengten Willen doch, die -flüchtigen zu bannen. Allmählich übte die Arbeit ihre segensreiche -Wirkung, sein erregtes Gemüth Ruhe finden zu lassen, -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -und als der Vater, ihn begrüßend, Abends in sein Zimmer -trat, lag kein Schatten von Verstimmung mehr im klaren Blicke -seines Sohnes.</p> - -<p>Die Tage rollten wieder dahin im altgewohnten Geleise. -Wohl tauchte hin und wieder die Erinnerung an den ängstlich -verschwiegenen Vorfall mit peinlicher Lebendigkeit in Erwin's -Seele auf, und zuweilen schien es ihm, als könnte er den -Stachel, den er in seinem Herzen zurückgelassen, ausreißen, wenn -er ihn seinem Vater erzählte. Aber so oft der Gedanke an Mittheilung -des Geschehenen näher an ihn herantrat, fühlte er zugleich -das innerliche Unvermögen hierzu – und so schwieg er -und vergaß es allmählich selbst.</p> - -<p>Eine Reihe von Jahren war verflossen, der Knabe zum -Jüngling gereift. – An dem innigen Verhältniß zwischen Vater -und Sohn hatte die Zeit aber nichts geändert, die Beiden schienen -unter einem Himmel friedlichen, wolkenlosen Glückes zu wandeln.</p> - -<p>Doch als der Vater einmal von einer mehrwöchentlichen -Dienstreise heimkehrte, fand er Erwin, den linken Arm in der -Schlinge tragend.</p> - -<p>»Eine Bagatelle – ein leichter Säbelhieb, in einer -Studentenpaukerei davongetragen – weiter nichts« – so beruhigte -Erwin den besorgten Vater. Und auf sein näheres Befragen -erzählte er ihm, wie sich aus einem ganz unbedeutenden -Vorfall ein Wortwechsel zwischen ihm und einem seiner Collegen -entwickelt und ein Duell zur Folge gehabt habe.</p> - -<p>Es war eine Lüge, was Erwin berichtete – die erste Lüge -seines Lebens. Die Ursache des Zweikampfes war eine ganz -andere als jene, die er dem Vater erzählte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -Eines Abends, als Erwin im Kaffeehause einer Billardpartie -seiner Collegen zuschaute, hörte er im Laufe eines von -zwei in seiner Nähe an einem Tischchen sitzenden Herren mit -leiser Stimme geführten Gespräches den Namen seines Vaters -fallen. Erwin trat unauffällig näher an sie heran und horchte -auf. Der ältere der beiden Herren erzählte dem jüngeren, daß -er um Verleihung der Stelle als Bahnarzt bei der St.'schen -Eisenbahngesellschaft eingekommen sei, nachdem dieselbe durch -den Tod eines gewissen Doctor Berger, der sie zuletzt bekleidet, -frei geworden. Er warte nur auf Herrn K...'s – dies der -Name von Erwin's Vater – Rückkehr, dessen Stimme, wie er -wisse, bei der Besetzung der Stelle maßgebend sei, um sich -persönlich vorzustellen und ihn um Berücksichtigung seines Gesuches -zu bitten. Seine langjährige und, wie er glaube, nicht -verdienstlose Praxis berechtigte ihn wohl, auf Erlangung der -betreffenden Stelle zu hoffen.</p> - -<p>Da lachte der Jüngere, und indem er Erwin mit herausforderndem -Blicke maß, wobei dieser in ihm den ehemaligen -Schulkameraden erkannte, dessen beleidigenden Ueberfall er mit -seinen wackeren, kleinen Fäusten gezüchtigt, sagte er:</p> - -<p>»Ihre Verdienste werden Ihnen wenig nützen. Darauf -dürfen Sie nicht hoffen. Auch das Gesuch meines Vaters wurde -eben um jenes Doctor Berger willen, eines ganz unfähigen -Arztes, abgewiesen. Wenn Sie reussiren wollen, geben Sie -Herrn K... einige hundert Franken, und Sie werden die -Stelle erhalten.«</p> - -<p>Diese Worte waren die Ursache von Erwin's Zweikampf -mit dem, der sie gesprochen, gewesen. Zum zweitenmale hatte -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -er seinen Arm erhoben zur Abwehr einer Beschimpfung seines -Vaters. Doch wie einst als Knabe, schwieg er auch jetzt als -Mann. Wie damals hätte er auch heute die schmachvollen Worte -nicht zu wiederholen vermocht, die der freche Verleumder auszusprechen -gewagt. Wozu auch? Wußte er doch, daß an der -Ehrenhaftigkeit seines Vaters kein Flecken haftete, und lag es -doch klar am Tage, daß nur der Grimm ob der sicherlich -berechtigten Zurücksetzung zu Gunsten eines verdienstvolleren -Mannes es war, was den verwegenen Buben gegen ihn und -seinen Vater zu Haß und Verleumdung aufstachelte.</p> - -<p>Mit lächelnder Ergebung nahm Erwin die väterlichen -Ermahnungen vor einer Wiederholung ähnlicher, thörichter -Schlägereien entgegen und freute sich im Stillen, daß ihm die -Täuschung seines Vaters, die seinem wahrheitsliebenden Herzen -gar nicht leicht fiel, so gut gelungen war.</p> - -<p>Die Wunde heilte rasch, und wieder glitt das Leben der -Beiden in seiner altgewohnten, friedlichen Weise dahin. Doch -da kam ein Tag, da Erwin am Krankenlager seines Vaters -stand, und ein anderer, da er schluchzend an seinem frischen -Grabe kniete. Und dann kam eine Stunde –</p> - -<p>Monate waren seit seines Vaters Hinscheiden verflossen, -als Erwin es endlich über sich gewann, ordnende Hand an -dessen hinterlassene Papiere zu legen. Das heiße Weh seines -unersetzlichen Verlustes packte ihn mit erneuter Gewalt, als er -mit zitternden Fingern unter den vergilbten Blättern wühlte – -sterbende Spuren des erstorbenen Lebens. Briefe, Zeichnungen, -amtliche und Geschäftspapiere glitten durch seine Hand. Wichtiges -wurde zur Seite gelegt, anderes dem Feuer übergeben. -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Ganze Stöße lohten bereits leise flüsternd und knisternd im -Kamin. Erwin trennte sich schwer von diesen Blättern. Allein, er -hielt es für gut so. Wußte er denn, wenn auch für ihn der -Augenblick kommen würde, der in der Vernichtung waltenden -Naturkraft seinen Tribut zu zahlen? Und kein fremdes Auge -sollte mit kalter Neugier das ihm theuerste Vermächtniß entweihen. -Immer neue und neue Schriftenbündel wanderten in den -Kamin, der vom Papierfeuer rasch erhitzt, milde Wärmeströme -in das Gemach ausstrahlte, in welches vom Garten her durch -das halbgeöffnete Fenster kalte Nachtluft drang.</p> - -<p>Es war im Frühling. Das lockende Lächeln sonniger Tage -hatte das schlummernde Leben der Natur wachgeküßt – um -ihr Vertrauen grausam zu enttäuschen. Ein heftiges Gewitter -hatte neuen Schnee auf die nahen Berge gebracht, und jetzt, -als der nächtliche Himmel klar und sternhell über der blühenden -Erde sich wölbte, lauerte der Frost, um den segenspendenden -Thau in lebenmordendes Eis zu verwandeln.</p> - -<p>Hier in der stillen Kammer flatterte Blatt um Blatt, von -der geliebten, liebenden Hand beschrieben, in die züngelnden -Flammen, um auf dem Hügel des grauen Aschengrabes den -vorangegangenen Brüdern sich zuzugesellen. Da, Briefe der -Mutter, die er nie gekannt, dort von Freunden des Vaters, -dazwischen Rechnungen, Quittungen, geschäftliche Aufzeichnungen. -Und hier ein Notizbuch, ganz von der Hand des Vaters ausgefüllt. -Erwin schlägt es auf und blättert darin. Sein Auge -feuchtet sich. Es sind nur Zahlen, die das Büchlein enthält. -Und doch, wie rütteln diese nüchternen, trockenen Zahlen an -seiner Seele, den unermeßlichen Verlust, den sie erlitten, neu -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -verschärfend! Es enthält die Einnahmen und Auslagen seines -Vaters durch eine lange Reihe von Jahren mit pünktlichster -Genauigkeit verzeichnet. Auf der einen Seite die Einnahmen, -sie bleiben sich stetig gleich: die Rente des winzigen Vermögens -und das langsam aufsteigende Gehalt des Vaters. Auf der -gegenüberstehenden Seite die Auslagen: Wohnung, Kost, Kleider -– außer der Bestreitung der gemeinschaftlichen Bedürfnisse -größtentheils Auslagen für ihn, Erwin, sein Schulgeld, Bücher -und so weiter. Der gute Vater, wie wenig hatte er sich gegönnt, -um dem Sohne Genügendes zu bieten!</p> - -<p>Schon ist Erwin im Begriffe, das Büchlein zur Seite zu -legen. Mit lässigem Finger schlägt er noch ein Blatt zurück.</p> - -<p>Da verfärben sich plötzlich seine Wangen, weit öffnet sich -sein Auge, sein erstarrender Blick heftet sich auf ein kleines -Wörtchen. Auf der Seite der Einnahmen, dicht unter dem Monatsgehalt, -steht geschrieben:</p> - -<p>»Von Doctor Berger tausend Franken.«</p> - -<hr /> - -<p>Welk und todt senkten die vom nächtlichen Frost gemordeten -Blüthen und Blumen ihre Häupter, als Erwin am nächsten -Morgen auf dem Wege nach dem Amte sein Gärtchen durchschritt. -Ohne ihrer zu achten, ging er an ihnen vorüber.</p> - -<p>Die Freunde und Bekannten aber, die ihm begegneten, -blickten ihm betroffen nach. Kaum erkannten sie ihn wieder, so -verändert schien er. Er war nicht krank gewesen – und doch -sah er um viele Jahre gealtert aus –</p> - -<p class="ce fss">»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht –«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -Der kleine Geiger.</h2> - - -<p>In einer mächtigen deutschen Stadt weiß ich ein schönes -Haus, in dem ich manch glückliche Stunde meines Lebens verbracht. -Nicht mitten im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen, -sondern außerhalb des Stadtthores, dort, wo vor etwa -dreißig Jahren noch tiefer Wald gestanden. »Garten« wird -dieses von ausgedehnten Plätzen und breiten Straßen durchschnittene -Gebiet nunmehr genannt. Aber nicht in zierlicher Cultur -und Kunst blickt es dem Besucher überall entgegen; an manchen -Stellen weist es noch die alte Pracht und stolze Würde des -einstigen Waldes auf.</p> - -<p>Jenes, mit der kleinen Geschichte, die ich hier erzählen will, -verwebte Stück des Gartens kann keinen Anspruch darauf erheben, -ob seiner großartigen, landschaftlichen Reize gerühmt zu -werden, immerhin aber ist es von lieblichem, dem Auge wohlthuenden -Grün geschmückt, von frischer, erquickender Luft durchweht -und von weniger Menschen heimgesucht als andere Partien -des ausgedehnten Gartens.</p> - -<p>An der dieses Terrain durchschlängelnden schmalen Chaussee -liegt das Haus, zu welchem meine Erinnerung mich heute zurückführt. -In griechischem Stile mit feinem Geschmacke erbaut, die -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -Vorderfront dem grünen, luftigen Haine zugekehrt, durch Umzäunung -und schattige Parkanlagen von den Nachbarhäusern -getrennt, erhebt es sich in schmuckloser, edler Einfachheit.</p> - -<p>Im Frühling, wenn die linden Lüfte durch den großen -Garten wehen und die Rosenbäume und Hecken um die Villa -ihren entzückenden Duft verbreiten, dann klingen von allen Ecken -des Hauses Gesang und Saitenspiel durch die weitgeöffneten -Fenster. Die schönsten und süßesten Klänge aber tönen, nicht -allen Vorübergehenden vernehmbar, von der Rückseite her, die -frei an einen öden, sandigen Bauplatz stößt.</p> - -<p>Wenige dachten daran, ihre Schritte dorthin zu lenken. -Nur ein kleiner Kinderwagen wurde, am weiten Tummelplatze -fröhlich spielender Knaben und Mädchen vorüber, täglich dahingerollt. -Das halbwüchsige Mädchen, das den Wagen leitete, -trabte stets wieder von dannen, nachdem es für denselben ein -Plätzchen im Schatten des Hauses gefunden und allerlei Steinchen, -Gräser und Blätter auf das Bettchen im Inneren des Wagens -gelegt hatte.</p> - -<p>Das erregte gar sehr meine Neugierde und einmal, als -ich wieder um die Mittagszeit heimwärts schlenderte, ging ich -flugs auf das winzige Wagengebäude los, um einen kecken Blick -auf dessen stillen Insassen zu werfen, der hier täglich für lange -Stunden der Einsamkeit anvertraut wurde. Leise schlich ich mich -um die Ecke und schob das grüne Tuch, das vom Wagendache -herabhing, behutsam zur Seite.</p> - -<p>Da sah ich auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen -Kissen einen blonden Knabenkopf liegen, so weiß und -bleich, als läge eine Gipsmaske über dem Gesichtchen. Die -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -Augen waren geschlossen und leiser Athem bewegte kaum bemerkbar -die Wangen und Nasenflügel des kleinen Träumers. -Kein Strahl des warmen, goldigen Sonnenglanzes, in dem die -frühlingsfrische Erde gebadet lag, fiel in die von dem kahlen -Sandplatze umgebene Mauerecke, wo der blasse Knabe in seinem -dürftigen Strohwägelchen schlummerte.</p> - -<p>Armes Kind! Gern hätte ich Dich wachgeküßt. Aber ach, -der Thränenstrom aus mitleidsvollem Herzen hätte Dir nichts -gefruchtet. Du brauchtest kräftigere Arznei für Deine fahlen -Wangen, für Deine so mühsam athmende Brust – Du brauchst -das Glück.</p> - -<p>Ich wollte mich abwenden, um heimzugehen, aber da zog -aus offenem Fenster des Hauses ein sanfter Ton auf weicher -Saite in die zitternde, webende Mittagsluft, schwellte, wuchs -und breitete sich und öffnete die müden Lider des Schläfers. -Der Knabe bewegte und bog sich aus dem engen Wagenraum; -beseligtes Staunen malte sich in den feinen Zügen und aus -großen, vertrauenden Kinderaugen blickte er hinaus in das blaue, -sonnendurchleuchtete Aethergewölbe über sich und hinauf zu dem -Fenster, aus dem die süßen Töne quollen. Immer voller und -gewaltiger wurde der Gesang der Saiten, immer strahlender das -Auge und bleicher die Wange des entzückten Lauschers, bis alles -verklungen war. Dann sank er ermattet in die Polster zurück -und die farblosen Lippen flüsterten: »So wollt' ich's können! -– Ach, wenn ich eine Geige hätte!« – und ich ergrimmte ob -solch hilflosen Wehes der Sehnsucht.</p> - -<p>Der Künstler aber – die Welt nannte ihn damals und -nennt ihn noch heute den »Geigenkönig« – hörte mir lächelnd -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -zu, als ich ihm von dem Knaben erzählte, und machte ihm eine -kleine Geige zum Geschenk.</p> - -<p>Als der Sommer kam, wurde für den Wagen des Kleinen -eine andere Ruhestelle gesucht, abseits vom Hause auf grünem -Rasenplatz, im kühlen Schatten dichtbelaubter Bäume. Aber auch -hier schlich ich mich oftmals leise an und belauschte ihn, wie er -seine von ihm unzertrennliche Geige in den zarten Händen hielt -und darauf Töne zu bilden suchte, süße, liebliche Laute, und ich -freute mich, als ich sah, daß die Zufriedenheit des erfüllten -Herzenswunsches und der reichliche Aufenthalt im Freien die -früher so blassen Wangen des Kindes mit rosenfarbenem Anhauch -überkleideten.</p> - -<p>Doch der Sommer enteilte. Die Rasenteppiche bleichten dem -Winter entgegen; die grünen Wälder färbten sich in gelbe und -braune Tinten. Ein langandauernder Regen fiel, und als sich -der Himmel wieder aufheiterte, brachte die nächste Nacht Reif -und Frost. Auf Büschen und Bäumen waren die vergilbten -Blätter von der Nässe zusammengeklebt, und als die müde Herbstsonne -sie allmählich wieder getrocknet hatte, fielen sie schaarenweise -zur Erde, so oft ein Windstoß über sie hinfuhr. Frostschauernd, -ächzend und knarrend schüttelten sich die ihres Laubgewandes -entkleideten Bäume in den rauhen Stürmen.</p> - -<p>Und mit dem grünen Laub erbleichten auch wieder die -Wangen des armen, kranken Knaben. Sehnsüchtig blickte er aus -der dunklen, feuchten Portiersstube seiner Eltern ins Freie und -gedachte der vielen guten Stunden, die er draußen, von der -warmen Sommerluft umweht, vom dichten Blätterdach der mächtigen -Buchen beschattet, verträumt hatte. Selten, nur an ganz -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -milden Tagen, wurde er in sein Wägelchen, und später, als der -Winter kam und mit seinem Schnee und Eis den großen Garten -überzog, in den Schlitten gesteckt und unter den buntgeblümten -Kissen tief begraben, für ein halbes Stündchen durch die Straße -geführt.</p> - -<p>Fast täglich kam der freundliche Arzt zu dem kleinen Patienten, -fühlte ihm den Puls, strich mit sanfter Hand über sein -blondes Haargelock und verordnete dies und jenes als stärkende -Nahrung. Und manchmal drückte er eine Banknote in die zitternde -Hand der verkümmerten Mutter, damit es ihr leichter -würde, seine Verordnungen auszuführen.</p> - -<p>Des Knaben einzige Freude war sein Geigenspielzeug. -Fleißig übte er Triller und Läufe; immer gewandter leiteten die -schlanken Fingerchen den kleinen Bogen über die Saiten und -ein seliges Lächeln glitt über sein Gesichtchen, wenn es ihm -gelang, eine ihm besonders schwierig dünkende Passage zu seiner -Zufriedenheit zu bewältigen.</p> - -<p>Sein Lehrmeister aber war kein geringerer als der Geigenkönig -selbst, der, gerührt von der glühenden Sehnsucht nach -Musik, die der Funke des Genies in der Brust des siechen -Knaben entzündet hatte, gar manchesmal verstohlen in die enge, -dumpfe Stube trat und dem vor freudigem Entzücken verstummenden -Kinde liebliche Weisen auf seiner Violine vorspielte.</p> - -<p>Jeder Tag, an dem solches geschah, war ein Festtag für -den Kleinen, der seine Geige, welcher der Meister so wunderbar -herrliche Töne zu entlocken wußte, wie ein Heiligthum betrachtete -und die erlauschten Melodien schüchtern nachzuspielen versuchte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -Allein weder die Wissenschaft des Arztes, noch die stille -Seligkeit des Kindes, welche ihm die Beschäftigung mit seiner -geliebten Musik gewährte, vermochten es, dem Zerstörungswerke -der finsteren Naturgewalten, die an der Vernichtung dieses jungen -Lebens arbeiteten, einen Damm zu setzen. Immer fahler und -eingefallener wurden des Knaben Wangen, breiter die dunklen -Ringe um seine Augen, fleischloser die zarten Glieder, und -immer matter und müder fühlte er sich. Bald wurde ihm selbst das -Geigenspiel zu einer Anstrengung, der seine schwindenden Kräfte -nicht mehr gewachsen waren, und traurig haftete der Blick seiner -großen, glanzlosen Augen auf dem Instrumente, das stumm -und verstaubt auf dem Tische neben seinem Bettchen ruhte.</p> - -<p>Da kam die Weihnachtszeit, und voll Glanz und Pracht -und froher Lust wurde das schöne Fest in der Künstlerfamilie -gefeiert. Freunde, Bekannte und Kunstgenossen waren von Nah -und Fern herbeigeströmt, um im gastlichen Hause des Geigenkönigs -an der heiteren Festfeier theilzunehmen. Kaum vermochte -der geräumige Salon, in dem der fast bis an die Decke reichende -Christbaum in glänzend strahlendem Schmucke prangte, die reiche -Zahl der Gäste zu fassen.</p> - -<p>Das war ein Jauchzen und Jubiliren, ein Händeklatschen -und Gläserklingen, daß selbst die Ernstgesinnten vom Wirbel der -Freude erfaßt wurden, daß auch die Alten in die Lust der frohlockenden -Kinderherzen mit einstimmten.</p> - -<p>Mir aber fiel mitten in den Lichtglanz der dunkle Schatten -meines kranken Schützlings, und der Gedanke beschlich traurig -meine Seele, daß in dem heiteren Kreise wohl Keiner des Armen -sich erinnert. Unbemerkt schlich ich mich aus den hellen Räumen -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -ins Treppenhaus nach unten, um zu erfahren, wie es dem -Kleinen gehe.</p> - -<p>Auch in der Portierswohnung war Licht zu sehen, und ich -trat ein. Mit geschlossenen Augen, still und blaß, lag der Kranke -in seinem Bettchen; der Vater kauerte stumm in einem Winkel -der Stube und begrüßte mich kaum; die Mutter aber schlich -weinend umher und machte sich tausenderlei, auch ganz Ueberflüssiges, -zu schaffen, nur um etwas zu thun zu haben.</p> - -<p>Sie wußten, daß es mit ihrem Kinde zu Ende ging. Der -Doctor hatte es ihnen gesagt, und der Zustand des abgezehrten, -zu Tode erschöpften Knaben bannte jede Hoffnung.</p> - -<p>Ich fand kein Wort des Trostes für die armen Alten. -Beklommenen Herzens setzte ich mich an die kleine Lagerstätte -und hatte Mühe, meine eigenen Thränen zurückzuhalten, angesichts -des großen, mächtigen Schmerzes, der den kummergebeugten -Eltern bevorstand.</p> - -<p>Nicht lange hatte ich so, meinen traurigen Gedanken mich -hingebend, dagesessen, als der Kleine die Augen aufschlug und, -als er mich bemerkte, mühsam auf seine Geige hindeutete und, -mich mit sanft flehendem Blicke anschauend, seine winzigen, abgemagerten -Händchen bittend ineinanderlegte.</p> - -<p>Ich verstand ihn. Rasch erhob ich mich von meinem Sitze -und eilte zurück in die lichtstrahlenden Räume zu den frohen -Festgenossen.</p> - -<p>»Meister,« flüsterte ich, indem ich mich sachte an den -Hausherrn herandrängte, »unser kleiner Schützling da unten -liegt im Sterben. Ihm verlangt nach Euch und nach Musik. -Wollt Ihr seines Lebens letzten Wunsch erfüllen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Da begegnete ein warmer, milder Strahl aus dem Auge -des Künstlers dem meinen. Leise drückte er mir die Hand und -verließ mit mir den Saal. Er holte seine Geige, und wenige -Minuten später standen wir im Zimmer des sterbenden Kindes.</p> - -<p>Und wieder rieselten die wundervollen Klänge gleich perlenden -Toncascaden von den bebenden Saiten, schwellend, wogend, -säuselnd wie mildes Frühlingswehen, innig wie liebenden Herzens -Pochen, erhaben wie frommer Gottgedanke. Und wie ein Gruß -aus Engels Munde umschmeichelten die lieblichen Melodien die -entfliehende Kindesseele und umgaukelten sie mit tönenden Zauberbildern.</p> - -<p>Und wieder schlug der Knabe in entzücktem Lauschen sein -Auge auf, und seine schmalen, bleichen Lippen lispelten fast -unhörbar:</p> - -<p>»Er hat es gesagt, er selber, auch ich werde Geigenkönig -wie er!«</p> - -<p>Ein sanftes, seliges Lächeln verklärte seine Züge, ein zitternder -Seufzer hob die eingefallene Brust, und eingelullt von -stolzem Hoffnungstraum und süßer Harmonien Sang entschlief -er.</p> - -<p>Oben ward das Weihnachtsfest bis zum hellen Morgen -gefeiert. Und als ich Abschied nahm vom Meister, da wollte -mein Mund niedersinken auf des edlen Menschen Hand, der -ruhm- und glückumgeben, der Elenden nicht vergißt und ihnen -Trost und Liebe spendet.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -Die Harfenspielerin.</h2> - - -<p>Aergerlich warf Julian die Feder fort, daß die Tinte -aufspritzte.</p> - -<p>Da sollte der Henker diese mühsamen Rechnungen revidiren, -während vom Hofe herauf unausstehliches Harfengeklimper -und eine müde, dünne Mädchenstimme tönte, die sinnige Volkslieder -und rohe Gassenhauer in wüstem Durcheinander herableierte.</p> - -<p>Julian hatte der Sängerin schon eine Geldmünze zugeworfen, -auf daß sie den Platz räume und ihre musikalischen -Productionen irgend anderswohin verlege, wo sie ihn nicht in -seiner Arbeit störten. Daran war aber vorläufig nicht zu denken, -denn die ganze Kinderwelt des großen Hauses stand in einem -Kreise um sie herum, ihren schrecklichen Vorträgen freudig -lauschend. Sie wollte sie noch nicht ziehen lassen, und die -Harfenistin blieb gern, auf eine Entlohnung von den Müttern -der Kinder hoffend, die theils an deren Seite stehend, theils -von den offenen Fenstern aus dem Jubel ihrer Kleinen zulächelten.</p> - -<p>Nochmals versuchte Julian, in seinen Rechnungen fortzufahren, -doch ebenso erfolglos wie früher. Die Ziffern und -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -Zahlen tanzten ihm wie kleine, neckende Kobolde vor den Augen. -Bald wußte er nicht mehr, wie viel Rest bleibe von achtundzwanzig -Mark sieben Pfennige, nach Abzug von siebzehn Mark -zweiunddreißig Pfennige.</p> - -<p>»In der Weidlingau ist der Himmel blau –« klang es -ihm in die Ohren.</p> - -<p>»Sechs Mark achtundzwanzig Pfennige. – Nein, gefehlt!«</p> - -<p>»Ach, es wär' so schön gewesen –«</p> - -<p>»Sieben Mark fünfzehn Pfennige. – Wieder falsch!«</p> - -<p>»Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n –«</p> - -<p>»Zum Teufel auch, wenn diese verdammte Schwalbe nur -heimwärts zöge! – Fünf Mark sechzehn Pfennige. – Abermals -gefehlt! – Nein, so geht es nicht, absolut nicht! Da -könnte man verrückt werden.«</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Wann's Mailüfterl weht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Zergeht draußd' im Wald der Schnee –«</td></tr> -</table> - -<p>Julian sprang von seinem Sitze auf. Er wollte lieber -abwarten, daß Ruhe würde, als sein Gehirn foltern mit solch -vergeblicher Anstrengung. Was er unter diesen Umständen herausrechnete, -würde doch nur ein Unsinn sein.</p> - -<p>Jetzt stimmte das Mädchen das von Mendelssohn in Musik -gesetzte alte Volkslied an:</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Es ist bestimmt in Gottes Rath,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß man vom Liebsten, das man hat – muß scheiden.«</td></tr> -</table> - -<p>Julian liebte dies Lied ungemein. Er hatte es als Knabe -oft gesungen. Allerlei sanfte Erinnerungen erwachten in ihm: an -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -das Elternhaus, an die Gefährten, an seine frohe, glückliche -Kindheit. Und jetzt ertappte er sich dabei, wie er, gleich den -Kindern im Hofe, der dünnen, etwas umflorten Stimme der -von ihm soeben noch so zornig verwünschten Sängerin lauschte. -Und jetzt trat er gar an das Fenster, öffnete es und blickte -hinab in den Hofraum, wo der Gegenstand seines Aergers -mitten unter der Schaar der entzückten Kleinen stand, spielte -und sang. Ihre schwächliche, hagere Gestalt beugte sich nach -vorn über die Harfe, das Gesicht sah er nicht, denn ein hoher, -unmoderner Strohhut mit großen, gelben, schmutzigen Seidenbändern -und zerknüllten Kunstblumen von derselben Farbe geziert, -entzog es seinen Blicken. Ein verwaschenes Kattunröckchen -und ein blaues, mit weißen Schnüren benähtes Sammetjäckchen -vervollständigten ihren Anzug. Man sah es deutlich, diese Kleider -waren, unbrauchbar geworden, von ihren früheren Eigenthümern -statt weggeworfen zu werden, der armen Harfenistin geschenkt -worden. Sie sah komisch genug aus in dieser verwitterten, -theatralischen Gewandung. Man hätte darob lächeln mögen, -hätte ihre Armseligkeit nicht so traurig gestimmt. Und noch verschärft -wurde dieser Eindruck durch das Lied, das sie eben sang, -dies Volkslied, das in seiner schlichten Wehmuth so ergreifend -wirkt:</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Es ist bestimmt in Gottes Rath,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß man vom Liebsten, das man hat – muß scheiden –«</td></tr> -</table> - -<p class="in0">klang es wieder in schrillem, von der Uebermüdung schon heiserem -Tone von den Lippen der jungen Bänkelsängerin; ihre Finger -griffen mechanisch die Accorde in der alten Harfe und die großen -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -gelben Bänder und Blumen auf dem lächerlichen Hute nickten -und flatterten im Winde.</p> - -<p>Julian's Unmuth war gänzlich verflogen, Mitleid stahl sich -in sein Herz. Er holte noch eine zweite kleine Geldmünze aus -seinem Täschchen, wickelte sie in Papier und warf sie der fahrenden -Sängerin vor die Füße. Diese hatte eben das Lied beendet, sie -hob die Münze vom Boden auf, und als sie den Kopf neigend -nach dem Fenster hinauf dankte, in dem Julian lehnte, sah er -in ein blasses Gesichtchen, aus dem ihm dunkle, traurige Augen -entgegenblickten. Er nickte ihr freundlich zu und schaute ihr nach, -als sie, die schwere Harfe auf den Rücken ladend, deren Bürde -ihr schwächlicher Körper schier nicht tragen zu können schien, -langsam dem Hofthor zuschritt. Dann machte er sich an seine -unterbrochene Arbeit und in einer Viertelstunde hatte er die -Musikantin in der blauen Sammtjacke und mit den gelben -Blumen auf dem Hute völlig vergessen. Doch wie unbewußt -pfiff er leise die Melodie des Liedchens vor sich hin: »Es ist -bestimmt in Gottes Rath –«</p> - -<p>Wie allabendlich schlenderte er auch heute nach Schluß -seiner Amtsstunden, »der Straßen quetschenden Enge« entfliehend, -aus der Stadt ins Freie. Er nahm seinen Weg in die Auwaldungen, -die sich den launischen Windungen des weiter unten -die Stadt durchschneidenden Flusses folgend, zwischen dessen Ufer -und einer nach einem fürstlichen Lustschlosse führenden Lindenallee -hinziehen.</p> - -<p>Die schon tiefstehende herbstliche Abendsonne stahl sich durch -die theils schon entlaubten, theils in die glühendsten Bronze- -und Purpurfarben getauchten Baumkronen der Buchen und Erlen -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -und durch das niedrige Buschwerk der Weiden, zitternde Streiflichter -über den fahlen Rasenboden und die herabgefallenen gelben -Blätter hinstreuend. Plötzlich aber erloschen die Lichter und -Farben, der Himmel, die Bäume, der Wasserspiegel des Flusses -erkalteten – die Sonne war gesunken. Und mit einemmale kroch -ein bleifarbener Nebel aus dem Strombette empor, Au und -Wald mit seinem unabsehbaren Mantel umspannend.</p> - -<p>Julian trat den Rückweg an. Wenn die Nacht hereinbrach -bei solch dichtem Nebel, konnte er den schmalen Fußweg durch -den Wald allzu leicht verfehlen. So eilte er beschleunigten -Schrittes heimwärts, das Tempo erst mäßigend, als ihm der -aus der Ferne auftauchende Laternenschimmer der Stadt, trotz -der rasch hereingebrochenen Dunkelheit, über die einzuschlagende -Richtung Sicherheit gab.</p> - -<p>Plötzlich blieb er stehen. Ihm war, als hätte er leises -Weinen eines Kindes vernommen. Scharf aufhorchend, spähte -er in das graue, wogende Nebelmeer, aus dem die näher -stehenden Bäume wie Gespenster mit ausgestreckten Armen -emporragten.</p> - -<p>Einige Augenblicke blieb alles still, dann hörte er sie -wieder, die klagende Kinderstimme.</p> - -<p>»Holla! Was giebt es? Wer ist da?« rief er nun mit -voller Kraft in den dunklen schweigenden Wald hinein.</p> - -<p>Er hatte sich nicht getäuscht. Ein ängstlicher Ruf aus -kindlicher Kehle antwortete ihm, und der Richtung desselben -nachgehend, stand er in wenigen Minuten an der Seite eines -neben einem Bündel Reisig an dem Boden kauernden und -bitterlich weinenden, etwa zehnjährigen Knaben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -Jetzt freilich versiegten seine Thränen rasch und, das Bündel -dürrer Baumzweige auf den Schultern, neben Julian einhertrabend -erzählte er diesem, wie er, um Holz zu suchen, in die »Au« geschickt -worden, von der Nacht und dem plötzlich einfallenden Nebel -überrascht, aber den Heimweg nicht mehr habe finden können.</p> - -<p>Nach rascher Wanderung hatten sie den nach der Stadt -zu gelegenen Ausgang des Waldes bald erreicht. Noch hatten -sie einen am Damm des Flusses sich hinziehenden schmalen -Wiesengrund zu überschreiten, um in bewohntes Gebiet zu -gelangen. Schon tauchten die ersten Häuser mit ihren erleuchteten -Fenstern freundlich winkend aus dem Nebel auf, als -der Knabe stehen blieb und, das Holzbündel von der Schulter -werfend, seinem Führer für die ihm geleistete Hilfe dankte.</p> - -<p>»Ich bin gleich zu Hause,« sagte er. »Hier wohnen wir.«</p> - -<p>Julian blickte um sich. Kein Haus, keine Hütte war zu sehen.</p> - -<p>»Da!« sagte der Kleine und streckte die Hand aus. Und -jetzt bemerkte Julian einen dicht an dem einen großen Platz -umschließenden Lattenzaun stehenden, unförmlichen Gegenstand, -in welchem er bei näherer Besichtigung einen jener sonderbaren -Wagen erkannte, wie ihn wandernde Zigeuner oder Seiltänzer -minderer Sorte und derartiges fahrendes Volk als ihre bewegliche -Wohnung mit sich zu führen pflegen: einen auf Rädern -stehenden großen grünen Kasten mit zwei winzigen, Schiffsluken -ähnlichen Fensterchen, hinter welchen ein Lichtlein brannte.</p> - -<p>»O –!« entschlüpfte es Julian's Lippen, während er -einen Seufzer unterdrückte.</p> - -<p>In demselben Augenblicke aber stürzte von der Rückseite -des Wagens eine weibliche Gestalt auf den Knaben zu. »Endlich, -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -endlich!« rief sie. »Wir glaubten schon, es sei Dir ein Unglück -geschehen.« Und sie umarmte und küßte ihn.</p> - -<p>Ihre blonden Zöpfe hingen frei in den Nacken. Der groteske -Hut mit den großen, gelben Blumen saß ihr jetzt nicht auf -dem Kopfe, ihr Gesicht zu verunstalten. Aber das blaue Sammtjäckchen -mit den weißen Borten ließ Julian sogleich die Straßensängerin -vom Morgen in ihr erkennen, deren musikalische Vorträge -ihn fast zur Verzweiflung gebracht.</p> - -<p>Jetzt lief sie zu dem Wagen zurück. »Er ist da, Mutter!« -schrie sie in das offene Fensterchen hinein. »Er ist zurück, es ist -ihm nichts geschehen!« Des fremden Begleiters ihres Bruders -wurde sie in der Hast und Freude des Wiedersehens gar nicht -gewahr. Und Julian machte sich nicht bemerkbar. Er drückte -ein paar kleine Münzen in die Hand des Knaben und verschwand -im Nebel.</p> - -<p>Am anderen Abend aber saß Julian auf seinem über -dem kühlen Grasboden gebreiteten Ueberzieher vor dem grünen -Karren der Spielleute und ließ sich erzählen von ihrem Leben -und Schicksal. Es war ein trauriges Lied, aber kein selten gehörtes. -Der Vater – der Ernährer – todt, die Mutter erkrankt -vor Noth und Mühsal, die Familie dem Elend preisgegeben, -hätte Elvira – dies war der Name der kleinen -Harfenistin, und Roland hieß ihr Bruder – sich nicht entschlossen, -das von ihrem Vater – der Dirigent einer von einem -Circus engagirten Musikkapelle war – ererbte und so gut es -ging, entwickelte Talent zum Broterwerb für sich und die Ihrigen -zu verwerthen. So zogen sie von Stadt zu Stadt, von Land -zu Land. Bei Tage sang und spielte Elvira vor den Fenstern -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -der Häuser, Abends in Kneipen und Kaffeeschänken. Schon nahte -die Stunde, da sie sich wieder auf den Weg machen mußte -nach dem Wirthshause, für welches sie heute bestellt war. Meist -begleitete sie ihr Brüderchen auf diesen Gängen. Die Mutter -wollte es so, da sie zu krank war, sie selbst zu begleiten. Lieber -blieb sie die langen, öden Stunden des späten Abends allein -in ihren engen vier Holzwänden, als daß sie das Mädchen -allein hätte ziehen lassen. Auch half Roland ja selbst zum Erwerb, -denn schon führte er den Bogen, und manche Hand, die -sich dem Mädchen verschloß, öffnete sich mildthätig für das blasse -Kind, das auf seiner auch vom Vater ererbten Geige mit dem -Ernste eines großen Künstlers Tänze und Märsche herabfiedelte.</p> - -<p>Acht Tage noch wollte die Musikantenfamilie in der Stadt -verweilen. Dann war die Zeit zu Ende, für welche sie von der -Behörde Aufenthaltsbewilligung erhalten hatte. Jeden Abend -kam Julian, um ein Stündchen in ihrer Mitte zu verweilen -und irgend eine kleine Gabe, wie sie seine bescheidenen Verhältnisse -ihm eben gestatteten, mitzubringen, etwas Geld oder -Eßwaaren, die er gekauft oder von seinem Mittagsmahle erübrigt -hatte, oder ein altes, noch brauchbares Kleidungsstück, -dessen er glaubte, sich entledigen zu können oder das seine Hausfrau -ihm für seine Schützlinge geschenkt. Immer wurde er mit -Jubel empfangen, nicht nur wegen seiner kleinen Unterstützungen, -sondern mehr noch um der freundlichen Theilnahme willen, die -sie bei ihm fanden.</p> - -<p>Eines Abends jedoch – es war der letzte ihres Aufenthaltes -– kam Roland nicht, wie er es sonst immer gethan, -ihm freudig entgegengelaufen. Weder der Knabe noch seine -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -Schwester ließen sich auf dem Platze vor dem Wagen blicken. -Näher schreitend war Julian schon im Begriffe, seine Anwesenheit -durch Rufen kundzugeben, als er, etwa zehn Schritte von -sich entfernt, in einem Winkel des Lattenzaunes, zwei dunkle, -eng aneinander geschmiegte Gestalten bemerkte. Es war Elvira. -Ihr zur Seite stand ein Julian unbekannter Mann, seine Arme -um ihren Hals geschlungen, während ihr Kopf auf seiner -Schulter lehnte.</p> - -<p>Julian fühlte sein Herz sich zusammen schnüren. Die alte -Geschichte – wie hätte es denn auch anders sein können unter -solchen Verhältnissen! Und doch, ach – wie leid that es ihm -um das junge Mädchen.</p> - -<p>Er überlegte. Sollte er sich unbemerkt von dannen schleichen -– oder die Mutter aufsuchen, die sicherlich im Wagen saß? – -Wenn er jetzt gleich wieder fort ging, wie sollte er den Leuten -die Flasche Wein und den kalten Braten zukommen lassen, die er -ihnen zur Wegzehrung auf ihrer morgigen Wanderschaft mitgebracht.</p> - -<p>Da lösten sich die beiden Gestalten aus ihrer Umarmung, -der Mann eilte raschen Schrittes der Stadt zu, Elvira aber, -die Arme auf einen Pfosten des Zaunes, den Kopf in die Hände -gestützt, brach in bitterliches Schluchzen aus.</p> - -<p>In zwei Sätzen stand Julian neben ihr.</p> - -<p>»Was ist geschehen? Warum weinen Sie?« drang er in -das Mädchen, ihr den Kopf streichelnd, wie man einem weinenden -Kinde thut.</p> - -<p>Sie antwortete nicht sogleich, die Thränen erstickten ihre -Stimme. Endlich aber faßte sie sich. Und nun erfuhr Julian, -um was es sich handelte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -Der junge Mann, der eben von ihr gegangen, liebte sie. In -einem kleinen Gasthause, wo sie zuweilen sang und er sein Abendbrot -zu nehmen pflegte, hatte sie ihn kennen gelernt. Heute nun, da -er wußte, daß sie am nächsten Tage fortwandern sollten, war er gekommen, -ihr zu sagen, daß es ihm Ernst sei, daß er sie heiraten und -mit der Mutter gleich alles Nöthige besprechen und festsetzen wolle.</p> - -<p>»Nun –?« fragte Julian, als das Mädchen stockte.</p> - -<p>»Ich werde ihn wohl nie im Leben wiedersehen,« fuhr sie -mit zitternder Stimme leise fort. »Ich hab' ihn abgewiesen und -ihm Lebewohl gesagt.«</p> - -<p>»Sie lieben ihn also nicht?«</p> - -<p>Da schluchzte sie laut auf.</p> - -<p>»O – wie ich ihn liebe!« Und dann, nach kurzem, stillem -Hinweinen: »Sehen Sie, ich kann ihn nicht heiraten, ich darf -nicht, weder ihn noch einen Anderen. Wenn ich seine Frau -würde, müßte ich meinen Erwerb aufgeben. Er würde es nicht -dulden, daß ich als Harfenistin durch Straßen und Schenken -ziehe. Er ist Buchbindergeselle und erwirbt genug für uns Beide. -Wovon sollten aber die Mutter und Roland leben, wenn ich -aufhörte, zu singen? Er hat nicht genug, um auch sie zu ernähren, -und selbst, wenn er es könnte, so möchte ich doch nicht, -daß sie das bittere Brot der Gnade äßen.«</p> - -<p>Sie schwieg. Und Julian fand kein tröstendes Wort. Es -war ihm weh zu Muthe.</p> - -<p>Da wurden nahende Schritte hörbar. Es war Roland, -der in der Stadt einige kleine Einkäufe besorgt hatte.</p> - -<p>Elvira raffte sich auf. »Kommen Sie, gehen wir zu den -Anderen!« flüsterte sie. Und dann, ganz leise: »Sagen Sie der -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -Mutter nicht, daß ich geweint habe. Sie weiß, daß ich ihn -abgewiesen habe, aber sie soll es nicht erfahren, daß ich ihn -lieb habe. Es würde sie zu traurig machen.«</p> - -<p>Am anderen Tage auf dem Heimwege von seinem abendlichen -Spaziergange lenkte Julian wieder, ohne selbst recht zu -wissen, warum, seine Schritte nach dem Wiesenplatze vor dem -Auwald. Leer, öde und still lag er heute da. Das kurze Gras -um die Stelle, wo der Wagen gestanden, war zertreten und -zerstampft, und daneben, wo sie den kleinen eisernen Herd hingestellt -hatten, auf dem Elvira die Suppe und Kartoffeln für -das Abendessen kochte, lagen Stückchen halbverkohlten Holzes -auf der Erde.</p> - -<p>Wo sie wohl jetzt weilen mochten? – Was die Zukunft -ihnen bringen würde? – Immer nur Mühe, Entbehrung, -Lasten und Sorge? – Oder auch Glück und Freude? – dachte -Julian. Und während er am Ufer des leise rauschenden Flusses -langsam weiter schritt, auf dessen sanft dahingleitenden Wellen -die Gasflammen und elektrischen Bogenlichter der Straßen- und -Brückenlaternen sich spiegelnd aufblitzten wie herabgefallene, auf -dem Wasser schwimmende Sterne, klang ihm wieder das Lied -im Ohre:</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Es ist bestimmt in Gottes Rath,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß man vom Liebsten, das man hat – muß scheiden –«</td></tr> -</table> - -<p>Arme Elvira! Als sie es vor seinem Fenster gesungen, -ahnte sie wohl nicht, wie bald es sich an ihr erfüllen sollte!</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -Sein Bild.</h2> - - -<p>Es giebt bekanntlich Menschen, die sich nie, selbst in den -glücklichsten Lebenstagen nicht glücklich fühlen, und Andere dagegen, -die sehr wenig bedürfen, um froh und zufrieden zu sein. -Die Ersteren – sie sind leider in der Mehrzahl – haben die -unglückliche Gewohnheit, ihre eigenen Verhältnisse immer mit -solchen der besser situirten Leute zu vergleichen und an diesen -abzumessen, wobei sie selbstverständlich zu dem Resultate kommen, -ihre Lage als eine bedauernswerthe zu betrachten. Statt ihr -Augenmerk darauf zu richten, was das Geschick ihnen Gutes -beschert hat, ziehen sie nur in Erwägung, was es ihnen versagt. -Wohnen sie in einer kleinen Stadt, so beklagen sie es, die -Vortheile eines Aufenthaltes in einer Großstadt entbehren zu -müssen, werden sie nach einer solchen versetzt, so bemitleiden sie -sich dafür, nicht den Sommer auf dem Lande zubringen zu -können; wird auch dies ihnen ermöglicht, so ist es sicherlich nicht -der ihren Wünschen entsprechende Punkt, wohin die Umstände -sie geführt haben.</p> - -<p>Martin Jost gehörte nicht zu dieser Kategorie von Menschen. -Er gehörte zu der kleinen Zahl jener Anderen, die sich mit dem -bescheidensten Lose – so es nur erträglich – zufrieden geben; -die sich des flüchtigsten Lichtblickes in ihrem Dasein freuen und -selbst dann, wenn ihr Schicksalshimmel, mit trüben Wolken verhängt, -düster auf sie herniederblickt, unbewußt die tiefe Lebensweisheit -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -üben, daß sie geduldig auf eine Besserung warten. Seit -fünfzehn Jahren bei einem Rechtsanwalte als Schreiber bedienstet, -bezog Martin einen Monatssold, der gerade ausreichte, daß er -nicht hungern und nicht frieren mußte und nicht in schmutzigen -oder zerrissenen Kleidern einherzugehen brauchte. Er bewohnte -eine kleine, schlicht möblirte Stube bei einer ältlichen Beamtenswitwe, -bereitete sich eigenhändig seinen Morgenkaffee, aß seit -vielen Jahren in demselben bescheidenen Gasthause, in demselben -Zimmer, an demselben Tische zu Mittag und trug unverändert -denselben grauen Rock und denselben schwarzen Filzhut. Allerdings -wurden Hut und Rock, wenn sie sich als vom Zahne der -Zeit allzu scharf mitgenommen erwiesen, durch neue ersetzt. Da -der Nachkömmling jedoch immer genau so aussah wie sein Vorgänger, -so machte es den Eindruck, als ob Martin mit seinen -Kleidern verwachsen wäre. Nur wenn er – dies war der einzige -Luxus, den er sich gönnte – das Theater besuchte, vertauschte -er den grauen mit einem schwarzen Rocke, mit demselben -schwarzen Rocke, den er vor fünfzehn Jahren gelegentlich der -behufs Erlangung seiner Dienststelle bei dem Advocaten unternommenen -Präsentationsvisite getragen hatte.</p> - -<p>Es war ihm nicht an der Wiege gesungen worden, daß -er es nicht weiter bringen sollte als bis zum Schreiber. Ein -munterer, aufgeweckter Knabe, hatten seine Lehrer ihn als einen -fleißigen und begabten Schüler sehr lieb gehabt. Doch als sein -Vater plötzlich starb, Frau und Sohn in den dürftigsten Verhältnissen -zurücklassend, da unterbrach der Jüngling seine zu den -schönsten Hoffnungen berechtigenden Studien und trat, da sich -eine bessere Stelle ihm nicht bot, als Diätist in den Dienst des -Rechtsanwaltes, sich und die Mutter von seinem kleinen Gehalte -ernährend. Jetzt war auch die Mutter seit Jahren todt, -und da er nun für niemand mehr als für sich selbst zu sorgen -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -brauchte, brachte er es, so gering seine Bezahlung auch war, -doch fertig, nicht nur ein kleines Sümmchen für unvorhergesehene -Fälle von Krankheit oder Noth jährlich zurückzulegen, sondern -auch sich das Vergnügen eines zeitweiligen Theaterbesuches, des -einzigen und ausschließlichen Vergnügens, das er kannte, zu gestatten. -Niemand ahnte es, welche Begeisterung in dem Inneren -dieses stillen, unscheinbaren Männchens loderte, welches mächtige -Echo das Wort des Dichters in dem Herzen dieses scheinbar -trockenen Actenabschreibers fand. Ein Copist! Wie sollte die -Seele eines Menschen, der seit einer Reihe von Jahren von -acht Uhr Morgens bis Mittags, von zwei Uhr Nachmittags bis -sechs Uhr Abends nichts anderes that, als seine Feder in trostloser -Einförmigkeit über das Papier hingleiten zu lassen, anderer -Empfindungen und Gedanken als solcher der nüchternsten Alltäglichkeit -fähig sein! Ja, besaß solch eine Schreibmaschine überhaupt -etwas wie eine Seele?</p> - -<p>Und doch! Ein Wesen gab es, das in den sinnend vor -sich hinblickenden grauen Augen des von niemanden beachteten, -schüchternen und schweigsamen Mannes zu lesen verstand, ein -Wesen, welches wußte, welch eine reiche Welt zarter und reiner -Gefühle, freier und edler Ideen hinter dem durch den Schein -alltäglicher Unbedeutendheit täuschenden Aeußeren verborgen lag. -Dieses eine Wesen war die Blumenmacherin Elise H., die er -erst vor wenigen Jahren kennen gelernt hatte, mit der ihn aber -jetzt herzliche Freundschaft verband.</p> - -<p>Im Theater war es gewesen. Sie hatte neben ihm gesessen; -durch sein bescheidenes freundliches Anerbieten, sein Opernglas -zu benützen, war ein Gespräch herbeigeführt worden und -im Laufe desselben hatte er die ihm wundersam scheinende Entdeckung -gemacht, daß seine Sitznachbarin von demselben Enthusiasmus -über die sie entzückende Bühnendichtung erfüllt war, -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -wie er selbst. Da sie allein war und da sie den Weg nach Hause -allein hätte zurücklegen müssen, bot er ihr, seine Schüchternheit -überwindend, seine Begleitung an, welche angenommen wurde. -Und nicht nur das – sie gestattete ihm auch, sie zu besuchen. -Immer reger wurde der Verkehr zwischen ihnen, immer mehr -Freude und Erquickung fanden die beiden Einsamen in den -trauten Stunden ihres Zusammenseins und bald wurde es ihnen -zur Gewohnheit, an bestimmten Tagen der Woche die Abende -in Elisens traulichem Stübchen zu verbringen.</p> - -<p>Sie verkehrten wie Geschwister miteinander. Nachdem der -Thee getrunken war, griff Elise wieder zu ihrer Arbeit, Martin -aber nach einem Buche, aus dem er ihr vorlas und über welches -sie dann ihre Gedanken austauschten. Sie empfanden es Beide -als ein großes Glück, einander begegnet, Einer in dem Anderen -eine Menschenseele gefunden zu haben, die sie von der trostlosen -Vereinsamung, die jeden bedrückte, erlöste und ihnen Gelegenheit -bot, alles, was in ihnen lebte und webte, ihre durch das stete -Schweigen gleichsam verschleiert gebliebenen Empfindungen, die -Ideen, welche theilweise noch unreif und verworren, nach Klärung -rangen, auszusprechen und sie durch das Urtheil des Anderen -frische Nahrung, Erweiterung und Berichtigung finden zu lassen.</p> - -<p>Denn wie Martin war auch Elise solcher Eltern Kind, -die für sie ein besseres Los als das einer Handarbeiterin im -Auge gehabt und ihr eine gute Erziehung hatten angedeihen -lassen. Sie hatte viel gelesen und manches gelernt; doch wies -der ihr zutheil gewordene Unterricht zu viele Mängel und Lücken -auf, um sie durch Verwerthung desselben zur Gewinnung der -Mittel ihres Lebensunterhaltes zu befähigen. Und so kam es, -daß, als das Unglück über sie hereinbrach, in rascher Folge ihre -beiden Eltern zu verlieren und, ohne Vermögen, auf eigenen -Broterwerb angewiesen zu sein, ihr bis dahin nur zu ihrem -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -Vergnügen gepflegtes Talent der Erzeugung zierlicher Kunstblumen -zur Quelle der Erwerbung der Subsistenzmittel wurde -für sie selbst und für ihren von schwerem Siechthum befallenen -kleinen Bruder.</p> - -<p>Doch während sie so saß und Stunde um Stunde die -weißen Battistblättchen zu Blumen- und Blüthengebilden zusammenfügte, -um dann die zarte Form mit Farbe zu überkleiden, -da flatterten ihre Gedanken weit hinaus aus dem engen Raum, -und die reichen, vielgestaltigen Bilder, die ihre Phantasie erbaute, -belebten die gleichförmige Einsamkeit ihres wirklichen -Lebens. Jetzt war dies anders geworden; in Martin hatte Elise -einen Genossen gefunden, der allem von ihr Gedachten und -Empfundenen williges Gehör und Verständniß entgegenbrachte.</p> - -<p>Auf diese Weise waren einige Jahre verflossen, als die -Verschlimmerung des Zustandes des kleinen Patienten und -schließlich sein Tod im Verkehre der beiden Freunde eine schmerzliche -Unterbrechung herbeiführte. Und als Martin – nachdem -Elise den von seinen Leiden erlösten Knaben zur Ruhe bestattet -hatte, ihr nun noch vereinsamteres Leben wieder in alter Weise -aufnahm – auch zur Gewohnheit seiner regelmäßigen Besuche -zurückkehren wollte, da sah er sich plötzlich vor die Alternative -gestellt, entweder auf seinen ihm so lieb gewordenen Verkehr -mit der Freundin zu verzichten oder ihren guten Ruf zu gefährden. -Denn jetzt fingen Elisens Nachbarsleute an, die Köpfe -zusammenzustecken, zu zischeln und zu flüstern und Martin's -häufige Besuche bei Elise, die nun nicht einmal mehr den Bruder -an der Seite hatte, dessen stete Anwesenheit die Sache anständiger -hatte erscheinen lassen, als einen die Moral verletzenden -Scandal zu bezeichnen.</p> - -<p>Martin fühlte sich tief unglücklich und wußte keinen Ausweg. -Die Freundin dem Gerede verleumderischer Lästerungen -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -preisgeben wollte er nicht, auf sie Verzicht zu leisten, dies -glaubte er aber nicht über sich bringen zu können, denn – jetzt -erst ward er sich darüber klar – nicht freundschaftliche Gefühle -allein waren es, die ihn an sie fesselten. Nein, die Freundschaft -hatte sich in seinem Herzen in Liebe umgewandelt. Aber so -sorgsam hatte er das Geheimniß gehütet, daß er bis zu diesem -Augenblicke selbst nicht wußte, was in seinem Inneren lebte.</p> - -<p>Ein Anderer würde an seiner Stelle nicht gezögert haben, -Elisen seine Liebe zu gestehen und sie zu fragen, ob sie seine -Frau werden wolle. Er aber fand hierzu den Muth nicht. Seine -Schüchternheit und die aus diesem Gefühle geborene Ueberzeugung -der Unmöglichkeit, daß er im Stande sein sollte, die Neigung eines -weiblichen Wesens, am allerwenigsten aber die Elisens, die er -in seinem Urtheile unerreichbar hoch über sich stellte, zu erwerben, -banden ihm die Zunge. Und so kam es, daß er, statt -einen entscheidenden Schritt zu thun, mit eigenen Händen den -Weg verrammelte, der ihn an das gewünschte Ziel hätte bringen -können; er ließ seine Besuche bei Elisen immer seltener werden -und blieb, allerlei Vorwände suchend, schließlich ganz aus.</p> - -<p>Indem er glaubte, daß Elise nichts ahnte von dem, was -in ihm vorging und was die Ursache war seines plötzlichen -Abbrechens ihres Verkehres, hatte er sich jedoch sehr getäuscht. -Nicht nur war der Klatschbasen mißbilligendes und verleumderisches -Geflüster über ihre vertraulichen Beziehungen zu Martin -auch ihr, ebenso wie ihm, ja noch früher zu Ohren gekommen, -sie hatte auch das in seinem Herzen glühende Feuer gar lange -schon wahrgenommen. Ja, sie hatte es bereits erkannt, daß sie -von ihm geliebt sei, bevor er sich selbst dessen bewußt geworden.</p> - -<p>Einige Wochen waren vorübergegangen, ohne daß Martin -die Schwelle des trauten Zimmers mit dem mit geblumten -Kattun überzogenen Sopha, in dessen Ecke er so oft gelehnt, -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -mit dem Lederfauteuil, auf welchem er Elise so oft sitzen gesehen, -das blasse, nicht schöne und doch so anziehende Gesicht mit den -freundlich und klar blickenden Blauaugen nach vorne über den -großen Arbeitstisch geneigt, ohne daß er die Schwelle dieses -Zimmers, nach dem es ihn so mächtig zurückzog, überschritten -hatte. Anfänglich war es ihm schwer, ach, furchtbar schwer gefallen, -seinen Entschluß durchzuführen. Oft hatte er das Haus, -das ihn unwiderstehlich lockte, umschritten, war an dessen Thor -stehen geblieben, hatte bebenden Herzens nach den zwei Fenstern -hinaufgeblickt, durch deren zugezogene Vorhänge der gedämpfte -Lichtschein der Lampe fiel. Aber betreten hatte er das Haus -nicht. Denn er wußte, daß wenn er erst im Flur stünde, er der -Versuchung, seinen Vorsatz zu brechen, nicht widerstehen würde. Er -glaubte, daß es seine Pflicht sei, diesen Vorsatz auszuführen. Und -das Bewußtsein erfüllter Pflicht war ihm mehr werth als -sein Glück.</p> - -<p>Da erhielt er eines Tages ein Briefchen von Elise, worin -sie ihn bat, sie Abends zu altgewohnter Stunde zu besuchen; -sie habe ihm eine Mittheilung zu machen, seinen Freundesrath -in wichtiger Angelegenheit zu erbitten.</p> - -<p>Er kam. Und als er das liebe Gesichtchen wieder sah, noch -blasser als sonst – oder ließen nur das Trauerkleid und die -schwarze Halskrause es so blaß aussehen? – und um die Augenbrauen -ein seltsam nervöses Zucken, als wohnte hinter dieser -Stirn ein neuer Kummer, ein Kummer, dessen Ursache vielleicht -er war, da ward ihm zu Muthe, als müßte er vor sie hintreten, -ihre Hand fassen und ihr alles sagen, wie es ihm ums -Herz sei.</p> - -<p>Doch er bezwang sich und schwieg.</p> - -<p>»Sie wollen mir etwas mittheilen, meinen Rath hören,« -sagte er mit erzwungener Ruhe.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -»Ja, freilich! Doch davon später, nach dem Thee,« antwortete -sie. »Denn heute will ich zu Ehren Ihres Besuches mir -Feierabend gönnen.«</p> - -<p>Und nun ging sie daran, den Tisch zu decken. Für kalten -Aufschnitt, Sardellenbutter, geröstete Brotschnitten, auch Backwerk -daneben, hatte sie bereits gesorgt, und nun ordnete sie -alles in ihrer stillen, geräuschlosen Art. Dabei knisterte und -flackerte das Feuer im Ofen, denn es war Winter, und das -Wasser im Theekessel summte ein trauliches Liedchen.</p> - -<p>Martin wurde es immer wohler und zugleich immer weher -in seiner Seele. Und er glaubte vergehen zu müssen bei dem -Gedanken, wie glücklich er werden könnte, wenn – ja wenn –</p> - -<p>Dann fing sie zu plaudern an von allen möglichen Dingen -– ganz wie früher, als sie noch gewohnt waren, einander alle -kleinen Begebenheiten, alle Freuden und Leiden ihres einfachen -Lebens mitzutheilen. Auch von dem todten Brüderchen sprach sie, und -wie sie jetzt, seitdem es ihr genommen, sich noch viel einsamer fühle -als früher, so lange sie für ihn zu sorgen und zu schaffen hatte.</p> - -<p>Und dann – ganz plötzlich – rückte sie mit dem heraus, -was sie eigentlich vorhatte, ihm mitzutheilen. Sie hege die Absicht, -sich zu verheiraten, sagte sie ihm. Der Mann ihrer Wahl -sei ein guter, braver Mensch, arm wie sie selbst. Aber sie Beide -stellen ja keine großen Ansprüche an das Leben und sie seien -gewohnt, zu arbeiten. Und – was die Hauptsache – sie liebe -ihn. Da sie aber zu einem so wichtigen Schritt sich nicht entschließen -wolle, ohne seinen Rath zu hören, so bäte sie ihn um -sein Urtheil. Er werde gleich Gelegenheit haben, den Erwählten -kennen zu lernen, denn sie habe diesen gebeten, heute Abend -auch zu ihr zu kommen. Martin schnellte von seinem Sitze empor. -Kreidebleich stand er vor ihr. Sein Herz hämmerte in so wuchtigen -Schlägen, daß er kaum zu sprechen vermochte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -»Wie?« stammelte er. »Er kommt hierher? Jetzt, hier -soll ich ihm begegnen? Nein, Elise, das fordern Sie nicht von -mir! Das nicht! Lassen Sie mich gehen, bevor er kommt.«</p> - -<p>»Sie wollen mir Ihren Freundesrath vorenthalten?« fragte -Elise. »Mir ist an Ihrem Urtheile viel gelegen.«</p> - -<p>»Ach, welchen Nutzen haben Sie davon? Nein, ich will -nicht hier bleiben, ich will nicht!« rief Martin fast verzweifelt -und rannte im Zimmer umher, um Hut und Ueberrock zu suchen, -die er nicht fand, obgleich beides vor seinen Augen an einem -Haken an der Thür hing. Elise aber blieb unerbittlich.</p> - -<p>»Warum wollen Sie ihm nicht begegnen?« fragte sie. -»Sagen Sie mir, warum Sie es nicht wollen.«</p> - -<p>Da trat Martin dicht an sie heran, und indem er die -Hände wie bittend ineinander legte, sagte er: »Warum? – -Weil – weil – Ach, Elise, Sie quälen mich nutzlos. Sie -ahnen nicht –«</p> - -<p>Er vollendete den Satz nicht und wandte sich ab. Hut und -Rock vom Nagel reißend, wollte er aus dem Zimmer stürzen.</p> - -<p>Elise hielt ihn zurück.</p> - -<p>»Wenn Sie meine Bitte durchaus nicht erfüllen wollen, -wohlan, gehen Sie, ich halte Sie nicht auf. Doch sein Bild -sehen Sie sich an. Hier ist es, so sieht er aus. Und nun sagen -Sie mir, ob er Ihnen gefällt, ob Sie glauben, daß meine -Wahl eine gute, ob ich sie nicht zu bereuen haben werde.«</p> - -<p>Und sie hielt dem Widerstrebenden eine Photographie vor -die Augen. Es war seine eigene –</p> - -<p>Martin stieß einen leisen Schrei aus und im nächsten -Augenblicke lag Elise in seinen Armen. Er glaubte nicht, daß -ihre Wahl keine gute sei – und sie hatte sie nie zu bereuen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -<b>Collection Hartleben.</b></h2> - -<p class="ce fsl">Eine Auswahl<br/> -der hervorragendsten Romane aller Nationen.</p> - -<p class="ce">Preis des Bandes eleg. geb. 40 Kr. = 75 Pf. = 1 Fr.<br /> -Pränumeration für ein Jahr (26 Bände) 10 fl. = 19 M. = 25 Fr.</p> - -<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr> - <td> </td> - <td class="tdlad"><b>Inhalt des ersten Jahrganges.</b></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">I.-IV.</td> - <td class="tdlad">Carlén, Emilie. Der Vormund.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">V.-VI.</td> - <td class="tdlad">Dumas, Alexander. So sei es.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VII.-VIII.</td> - <td class="tdlad">Sue, Eugen. Miß Mary.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IX.</td> - <td class="tdlad">Jokai, Mor. Hallil Patrona. (Die weiße Rose.)</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">X.</td> - <td class="tdlad">Sand, Georg. Die kleine Fadette. (Die Grille.)</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XI.-XII.</td> - <td class="tdlad">Mügge, Theod. Verloren und gefunden.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XIII.-XIV.</td> - <td class="tdlad">Thackeray, William. Die Geschichte Heinrich Esmond's.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XV.</td> - <td class="tdlad">Turgénjew, Iwan. Frühlingsfluthen.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVI.</td> - <td class="tdlad">Maquet, Aug. Liebe und Verrath.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVII.-XIX.</td> - <td class="tdlad">Dumas, Alex. Sohn. Roman aus dem Leben einer Frau.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XX.</td> - <td class="tdlad">Léval, Paul. Der schwarze Bettler.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXI.-XXII.</td> - <td class="tdlad">Sandeau, Jul. Valcreuse.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXIII.-XXIV.</td> - <td class="tdlad">Berthet, Elie. Der Wolfmensch.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXV.-XXVI.</td> - <td class="tdlad">Ainsworth, Harisson. Der Verschwender.</td> - </tr> - - <tr><td> </td></tr> - <tr> - <td> </td> - <td class="tdlad"><b>Inhalt des zweiten Jahrganges.</b></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">I.-III.</td> - <td class="tdlad">Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken (Gräfin Cosel).</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IV.</td> - <td class="tdlad">Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">V.-VI.</td> - <td class="tdlad">Delpit, Albert. Theresine.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VII.</td> - <td class="tdlad">Rosegger, P. K. Streit und Sieg.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VIII.</td> - <td class="tdlad">Dumas, Alex. Sohn. Diana de Lys.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IX.-XI.</td> - <td class="tdlad">Herloßsohn, K. Wallenstein's erste Liebe.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XII.</td> - <td class="tdlad">Besozzi, Max. Späte Einsicht.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XIII.-XIV.</td> - <td class="tdlad">Sue, Eugen. Kinder der Liebe.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XV.</td> - <td class="tdlad">Degré, Al. Blaues Blut.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVI.-XVII.</td> - <td class="tdlad">Sand, George. Erkenntnisse eines jungen Mädchens.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVIII.-XX.</td> - <td class="tdlad">Bell, Currer. Die Waise aus Lowood.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXI.-XXII.</td> - <td class="tdlad">Flaubert, G. Mad. Bovary.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXIII.</td> - <td class="tdlad">Gaskel, Mrs. Eine böse Nacht.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXIV.-XXVI.</td> - <td class="tdlad">Dumas, Alex. Chevalier von Maison rouge.</td> - </tr> - - <tr><td> </td></tr> - <tr> - <td> </td> - <td class="tdlad"><b>Inhalt des dritten Jahrganges.</b> - <a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">I.-III.</td> - <td class="tdlad">Collins, Wilkie. Die neue Magdalena.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IV.-V.</td> - <td class="tdlad">Boisgobey, Fortuné. Die Stimme des Blutes.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VI.</td> - <td class="tdlad">Julius von der Traun. Goldschmiedkinder.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VII.-VIII.</td> - <td class="tdlad">Reyd, Cap. Mayne. Die Scalpjäger.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IX.</td> - <td class="tdlad">Vogel vom Spielberg. Irrende Seelen.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">X.-XI.</td> - <td class="tdlad">Schlögl, Friedr. Wiener Blut.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XII.-XIV.</td> - <td class="tdlad">Enault, Louis. Die Geschichte einer Frau.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XV.</td> - <td class="tdlad">Lermontoff, Michael. Der Held unserer Zeit.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVI.</td> - <td class="tdlad">Feuillet, Octave. Der Roman eines armen jungen Mannes.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVII.-XVIII.</td> - <td class="tdlad">Schlögl, Friedr. Wiener Luft.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XIX.-XXI.</td> - <td class="tdlad">Smith, Hamlyn. Ein Londoner Geheimniß.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXII.-XXIV.</td> - <td class="tdlad">Foudras, Marquis. Die Nacht der Rächer.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXV.-XXVI.</td> - <td class="tdlad">Schlögl, Friedr. Wienerisches.</td> - </tr> - - <tr><td> </td></tr> - <tr> - <td> </td> - <td class="tdlad"><b>Inhalt des vierten Jahrganges.</b></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">I.-IV.</td> - <td class="tdlad">Mary, Jules. Schuldig, oder nicht?</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">V.-VI.</td> - <td class="tdlad">Karasin, N. N. Der Brahmane.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VII.-VIII.</td> - <td class="tdlad">Delpit, Albert. Die schöne Frau.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IX.</td> - <td class="tdlad">Jokai, Mor. Clarinus und andere Novellen.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">X.-XII.</td> - <td class="tdlad">Kraszewski, J. I. Die Sphinx.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XIII.-XIV.</td> - <td class="tdlad">Sand, George. Der Marquis von Villemer.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XV.</td> - <td class="tdlad">Caballero, Fernan. Spanische Novellen.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVI.-XVIII.</td> - <td class="tdlad">Beecher-Stowe, H. Wir und unsere Nachbarn.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XIX.</td> - <td class="tdlad">Dumas Alex. Gabriel Lambert.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XX.</td> - <td class="tdlad">Turgénjew, Iwan. Der König Lear der Steppe und andere Novellen.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXI.-XXII.</td> - <td class="tdlad">Reyd, Cap. Mayne. Die Scharfschützen.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXIII.-XXIV.</td> - <td class="tdlad">Foudras, Marquis. Ein großer Komödiant.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXV.-XXVI.</td> - <td class="tdlad">Perrin, Maxim. Der Sultan eines Pariser Stadtviertels.</td> - </tr> - - <tr><td> </td></tr> - <tr> - <td> </td> - <td class="tdlad"><b>Inhalt des fünften Jahrganges.</b></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">I.-II.</td> - <td class="tdlad">Boisgobey, Fortuné. Im Banne der Schuld.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">III.</td> - <td class="tdlad">Karasin, N. Das Drama im Grenzfort.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IV.-VI.</td> - <td class="tdlad">Wilson, Aug. Evans. Infelice.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VII.</td> - <td class="tdlad">Vogel vom Spielberg, A. Frau Lear.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VIII.</td> - <td class="tdlad">Delpit, Eduard. Kath. Levallier.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IX.</td> - <td class="tdlad">Beniczky-Bajza, Helene v. Gräfin Ruth.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">X.</td> - <td class="tdlad">Mairet, Jeanne. Meeresblume.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XI.-XII.</td> - <td class="tdlad">Ssalis, E. A. Schicksalswege.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XIII.-XV.</td> - <td class="tdlad">Dash, Gräfin. Die schöne Aurora.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVI.</td> - <td class="tdlad">Lytton, Lord. Der Ring der Amasis.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVII.-XIX.</td> - <td class="tdlad">A. v. L. Am Hofe von Neapel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XX.-XXI.</td> - <td class="tdlad">Longfellow, H. W. Hyperion.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXII.-XXIV.</td> - <td class="tdlad">Dumas, Alexander. Isabella von Bayern.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXV.</td> - <td class="tdlad">Eliot, George. Der gelüftete Schleier.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXVI.</td> - <td class="tdlad">Sue, Eugen. Die Marquise von Alfi.</td> - </tr> - - <tr><td> </td></tr> - <tr> - <td> </td> - <td class="tdlad"><b>Inhalt des sechsten Jahrganges.</b> - <a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">I.-III.</td> - <td class="tdlad">Werthen, S. Opfer der Liebe.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IV.-V.</td> - <td class="tdlad">Beniczky-Bajza, Helene v. Die Würde der Schönheit.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VI.</td> - <td class="tdlad">Mairet, Jeanne. Marca.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VII.-VIII.</td> - <td class="tdlad">Wasserburger, Lina. Die Aloeblüthe.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IX.-X.</td> - <td class="tdlad">Pont-Yest, René de. Claudia.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XI.-XII.</td> - <td class="tdlad">Sienkieviz, Heinrich. Quo vadis?</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XIII.</td> - <td class="tdlad">Serao, Mathilde. Fahr' wohl, mein Lieb!</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XIV.-XVI.</td> - <td class="tdlad">Boborykin, P. Die Fürstin.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVII.</td> - <td class="tdlad">Groner, Auguste. Der alte Herr und andere Novellen.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVIII.-XIX.</td> - <td class="tdlad">Flemming, M. A. Bruderliebe.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XX.</td> - <td class="tdlad">Kreuth, W. Nach dem Schiffbruch. Südamerikanischer Roman.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXI.</td> - <td class="tdlad">Delpit, Albert. Die Witwe Sorbier.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXII.</td> - <td class="tdlad">Troll-Borostyáni, Irma v. Novellen.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXIII.</td> - <td class="tdlad">Brun-Barnow, I. v. Das Verhängniß.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXIV.-XXVI.</td> - <td class="tdlad">Ohnet, Georges. Der König von Paris.</td> - </tr> - - <tr><td> </td></tr> - <tr> - <td> </td> - <td class="tdlad"><b>Inhalt des siebenten Jahrganges.</b></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">I.-III.</td> - <td class="tdlad">Black, William. Sabina Bembra.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IV.-V.</td> - <td class="tdlad">Guidi, Orlanda. Isabella Fianelli.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VI.</td> - <td class="tdlad">Brociner, Marco. Das Blumenkind und andere Novellen.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">VII.-VIII.</td> - <td class="tdlad">Lesueur, Daniel. Hassende Liebe.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">IX.</td> - <td class="tdlad">Josika, Koloman Freiherr von. Comtesse Tini.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">X.-XI.</td> - <td class="tdlad">Lancken, B. von der. Der Günstling.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XII.-XIII.</td> - <td class="tdlad">Lowet, Cameron. Ein schwaches Weib.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XIV.</td> - <td class="tdlad">Guglia, Eugen. Das Begräbniß des Schauspielers und andere Novellen.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XV.</td> - <td class="tdlad">Cantacuzène, Olga, Prinzessin. Carmela.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVI.-XVII.</td> - <td class="tdlad">Casetti, Alexander. Das Vermächtniß. Original-Roman aus der Gesellschaft.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XVIII.</td> - <td class="tdlad">Roest, Rust. Firma Löwe, Kurt u. Comp. Eine Erzählung.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XIX.-XX.</td> - <td class="tdlad">E. Braddon. Im Verdacht.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXI.-XXII.</td> - <td class="tdlad">Delpin, Albert. Alle Beide.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXIII.-XXIV.</td> - <td class="tdlad">Waldow, Ernst von. Die rothe Locke.</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdrad">XXV.-XXVI.</td> - <td class="tdlad">Mairet, Jeanne. Auf der Höhe.</td> - </tr> -</table> - -<p class="ce"><b>A. Hartleben's Verlag in Wien, Pest und Leipzig.</b></p> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. -Darstellung abweichender Schriftarten (ausgenommen römische Zahlen): <i>Antiqua</i>.</p> - -<p class="in0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Textanfang verschoben. -Wiederholungen von Kopf- und Fußzeilen in der Verlagswerbung wurden entfernt.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_011">11</a>:<br /> -"unrecht" geändert in "Unrecht"<br /> -(Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_023">23</a>:<br /> -"«," geändert in ",«"<br /> -(»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_075">75</a>:<br /> -"Theoder" geändert in "Theodor"<br /> -(mein Freund Theodor mit lauter Stimme)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_092">92</a>:<br /> -"sie" geändert in "Sie"<br /> -(wie vielen Damen Sie diese Tirade schon wiederholt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_103">103</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(im Forste lag schon tiefes Dunkel.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_112">112</a>:<br /> -"Studienbätter" geändert in "Studienblätter"<br /> -(Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_125">125</a>:<br /> -"»" entfernt vor "Hör'"<br /> -(gewiß nicht! Hör' auf, hör' auf!)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_132">132</a>:<br /> -"Häusesmeeres" geändert in "Häusermeeres"<br /> -(im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_161">161</a>:<br /> -"Kraszwski" geändert in "Kraszewski"<br /> -(Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_161">161</a>:<br /> -"Girolamo" geändert in "Gerolamo"<br /> -(Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber.)</p> - -<hr /> - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS ICH GESCHAUT ***</div> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. 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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/64388-h/images/cover.jpg b/old/64388-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 6e5b952..0000000 --- a/old/64388-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64388-h/images/emblem.png b/old/64388-h/images/emblem.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 43bfda9..0000000 --- a/old/64388-h/images/emblem.png +++ /dev/null |
